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                    <text>Verzeichnis der Sonderausgaben
des Amerika Dienstes 1954
6/1
13/l

Praesident Eisenhower berichtet ueber die Lage der Nation

7/l

13/l

Kongressbotschaft praesident Eisenhowers ueber die Lage
der US-Landwirtschaft
Wortlaut der Kongressbotschaft Praesident Eisenhowers
ueber Aenderungsvorschlaege der Arbeitsgesetzgebung
Hintergrundmaterial zum neuen US-'armprogramm
Rueckblick auf ein Jahr als Hochkommissar (Ein Interview
mit Dr, James B.Conant)
Aus8enminister Dulles umreisst US-Aussenpolitik

20/l

Dulles-Erklaerung zur Revision der UN-Charta

1 9/1

20/l

Eisenhower legt neuen Haushalt vor

2l/l

13/l
13/l
13/1

3/lI
27/l
10/ll
17/ll
24/lI
17/lH
17/lH
17/lH
17/lH
31 'TU
31/lU
31/lU
7/lV

11/1
1l/l

12/l

Jahresbericht des Praesidenten der USA Dwight Eisenhower
ueber die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten
28/l
Der Randall-Bericht
Cläre Booth LuceiZur Bekraeftigung unseres Glaubens...
Die Geschichte der Republikanischen Partei der Vereinigten
Staaten
Die Atombotschaft Praesident Eisenhowers
17/ll
Robert D. Murphy:Einigkeit der freien *elt,beste
Hoffnung fuer die Zukunft
Robert D.Murphy Frankreich kaempft fuer die Freiheit
in Indochina
Dulles:Methoden des internationalen Kommunismus
DullesiStaerke der freien Voelker
Dulles umreisst US-Asienpolitik
Parteitage und Statut der SED
Eisenhower umreisst US-Aussenhandelspolitik
•Lewis L.Strauss: "H-Bombenexplosion war zu keiner Zeit
unserer Kontrolle entzogen"

10/lII
10/lII
8/lII
29/lU
30/lII
31/lU

7/lV

EisenhowerjVertrauensvoll in die Zukunft blicken

5/lV

7/lV

Dulles ueber die Ziele der amerikanischen Aussenpolitik

5/lV

21/lV
28/lV

Strauss zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie
Eisenhower ruft zum Kreuzzug fuer bessere internationale
Zusammenarbeit und Verstaendigung auf

19/lV
22/lV

28/lV

Dr.James B.Conant zur Lage in Deutschland

28/lV

28/lV

Dulles ueber die Entwicklung des Korea-Konflikts

28/lV

5/V

UN-Sonderausschuss:Arbeiter in Ketten im Arbeiterparadies

5/v

Strau88:Die Atomkraft,die amerikanische und die
Weltwirtschaft

28/lV

�-25/V

John I Jernegan: Der Nahe Osten und Suedasien-Das Problem
der Sicherheit

12/V

Alfred le Sesne Jenkins» Die Chinapolitik der Vereinigten
Staaten

12/y

Dulles berichtet dem amerikanischen Volk ueber
Asienkonferenz

2/lV
die Genfer
7/T

19/V

Stephan Dorseys ^ie wirtschaftliche Zusammenarbeit der USA
mit den Nahost-Staaten

19/V

Dulles: Kernprobleme der amerikanischen Aussenpolitik

15/V

19/V

Oberster US-Bundesgerichtshof erklaert Rassentrennung
in oeffentlichen Lehranstalten fuer Verfassungswidrig

17/V

Dr.Heinz Krekeler: Deutschland und die Vereinigten
Staaten von Amerika

19/V

Henry Cabot Lodge: USA auch weiterhin gegen die Aufnahme
Rotchinas in die UN

25/V

2/VI

Eisenhower zur Weltlage

31/V

9/VI

John Poster Dulles fordert Portfuehrung des US-Auslandshilfsprogramms

19/V

26/7

Geoffrey Lewis: Die Deutschlandpolitik der USA
23/vi
11/vill Strauss: Atomenergie muss Segen der Menschheit werden

4/VI
18/VI
5/VIII

25/7111 Dwight D. Eisenhower:Rede vor dem Kongress des
Weltkirchenrates in Evanston

19/VIII

25/VIII Stas8en:Revidierung der"Battle Act"-Liste

25/VIII

1/IX
1/IX

Eisenhower vor der "Amerika Legion"rUS-Politik muss
ueberparteilich sein

30/viII

Eisenhower in Des Moines:Die freie Welt ist trotzdem
ueberwaeltigend stark

30/VIII

1/IX

Dulles: unverzuegliche Einberufung des NATO-Rates und baldige
Beratungen mit Bundeskanzler Adenauer
1/IX

8/lX

Eisenhower in Shippingport: Bemuehungen zur Schaffung
eines internationalen Atompools werden fortgesetzt

6/lX

8/IX

John Foster Dulles zur Eroeffnung der Manila-Konferenz

6/lX

22/IX

Aussenminister Dulles berichtet ueber Manila-Konferenz

15/lX

29/IX

Dulles Rede vor der UN-VollVersammlung

23/lX

29/lX

Botschafter Dr.Conant zur Eroeffnung der amerikanischen
Atomenergie-Ausstellung in Berlin
Amerikanisch-Sowjetischer Notenwechsel ueber Schaffung
eines, internationalen Atompools
James Wadsworth:Die Frage der Internationalen Abruestung
vor der neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen

25/lX

Winthrop W.Aldrich: Fuer staerkere Liberalisierung des
amerikanischen Augganhandels
Dulles berichtet ueber die Pariser Konferenz

.
4A
2
3/X

29/IX
13/X
20/X
27/X

24/lX

12/x
1

�-5-

A.

V

10/XI
10/XI

Henry Cabot Lodge jr.legt amerikanischen Atomplan vor

5/XI

Botschafter Dr. James B.Conant zur Präge der europaeischen
Integration und Wiedervereinigung Deutschlands(ueber RIAS
Berlin)
9/XI

A.

1&gt;Ai

Eisenhower legt Manila-Pakt dem US-Senat zur Ratifizierung
vor
10/XI

A.

17/XI

Eisenhower legt pariser Vertraege dem US-Senat zur
Ratifizierung vor

15/XI

Lodge:USA stellen 100 K ilo spaltbares Material fuer
den internationalen Atompool

15/XI

DullesiDas Ziel der amerikanischen Aussenpolitik

29/XI

A.
A.
k.

17/XI
1/XII
1/XII

Dr.James B.Conant in Cleveland zur politischen
Situation in Deutschland
T.
n «
x in Chicago» Wir muessen auf die
Dr.James B.Conant
•
demokratischen Kraefte im deutschen Volk vertrauen

2/xiI

15/xiI Lodge1 Rotchina verletzt Waffenstillstand in Korea

8/xiI

4 /»TT
1/XII

i

1/XII

�A M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENRWUR BERICHTET ÜBER DIE LAGE DER NATION
WASHINGTON — (Amerika Dienst) —
In einer großangelegten Rede vor beiden Häusern des amerikanis cV&gt; en
Kongresses berichtete Präsident Eisenhower am 7. Januar 1954 in der traditionellen "State of the Union
Message" über die bisher von seiner Regierung geleistete Arbeit und legte sein Regierungsprogramm für
das kommende Jahr dar.

Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut;
"Herr Präsident, Herr Sprecher, Mitglieder des 83. Kongresses! Es ist mir eine große Ehre, dem Kongreß erneut meine Ansichten über die läge der Nation vorlegen zu dürfen und Maßnahmen
zur Steigerung der Sicherheit, der Prosperität und des Wohlergehens des amerikanischen Volkes zu empfehlen.
Alle Teile dieser Regierung - und ich darf sagen beide großen Parteien - können das allgemeine Ziel der heute von mir vorgelegten Empfehlungen unterstützen, denn deren Ziel ist der Aufbau eines stärkeren Amerikas. Wenn ich sage ein stärkeres Amerika, dann meine ich eine Nation, in der jeder zu kühnen Hoffnungen wohlberechtigt ist, wo die Mühe belohnt und der Wohlstand
von allen geteilt wird, wo die Freiheit wächst und der Frieden
gesichert ist.
Während des ersten Amtsjahres dieser Regierung hat sich die
Bewegung auf dieses Ziel hin mit wachsendem Schwung vollzogen.
Diesen Impuls gedenken wir aufrechtzuerhalten und zu verstärken.
Wir wollen eine bessere Zukunft für dieses Land aufbauen.
Vieles ist während des letzten Jahres geschehen, für das
wir dankbar sein können.
In erster Linie sind wir von Herz en dankbar, daß unsere
Söhne nicht länger fern der Heimat in den koreanischen Bergen
sterben müssen. Wenn sie auch immer no ch von Hause fort zu den
Waffen gerufen werden müssen, so werde n sie doch nicht mehr
länger auf das Schlachtfeld geschickt.
Für die amerikanische Nation ist das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr in ihrer Geschichte über haupt soeben zu Ende gegangen. Die schädigende Auswirkung inf lationistischer Tendenzen
auf Löhne, Pensionen, Gehälter und Ers parnisse aller amerikanis
sehen Bürger sind bereits unter Kontro lle gebracht worden. Die
_ 1 _

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Die Steuern haben zu sinken begonnen. Die Kosten unseres Regierungsapparates Wurden reduziert und die Arbeit der Regierung
wird mit rund 183 000 Angestellten weniger weitergeführt. Damit
ist in unserem Falle die Tendenz moderner Regierungen zu grenzenloser Ausweitung des Beamtenappara ,es in das Gegenteil umgekehrt worden. Die Kosten für die Bewaffnung werden weniger
drückend, je näher wir unseren Verteidigungszielen kommen, und
dennoch wächst unsere militärische Stärke mit jedem Tag. Das
im Verlauf des Jahres geschaffene neue Ministerium für Gesundheitswesen, Erziehung und öffentliche Wohlfahrt ist symbolisch
für die Anteilnahme und Sorge, mit der unsere Regierung die
menschlichen Probleme unserer Bürger behandelt.
Die Rassentrennung in den bewaffneten Streitkräften und
anderen Bundeseinrichtungen geht ihrem Ende entgegen. Wir haben
ferner Fortschritte mit ihrer Beseitigung im Distrikt of Columbia erzielt. Dies sind Schritte in unseren ständigen Bemühungen,
die zwischen den Rassen bestehenden Schwierigkeiten zu beseitige
Einige Entwicklungen jenseits unserer Küsten waren in gleicher Weise ermutigend. Die kommunistische Aggression, der in
Korea Einhalt geboten wurde, trifft in Indochina weiterhin auf
den energischen Widerstand Frankreichs und der assoziierten
Staaten, die durch rechtzeitige Hilfe von uns unterstützt werden. In Westdeutschland, in Persien und in anderen Gebieten der
Welt sind durch die Kräfte der Stabilität und der Freiheit ermutigende Siege errungen worden, langsam aber sicher gewinnt die
freie Welt an Stärke. Inzwischen liegen von jenseits des Eisernen Vorhangs Anzeichen vor, daß die Tyrannei in Schwierigkeiten
geraten ist, sowie Hinweise dafür, daß ihre innere Struktur so
brüchig ist, wie ihre Oberfläche hart.
Im vergangenen Jahr hat sich in der Welt tatsächlich ein
großer strategischer Wandel vollzogen. Die Initiative, dieser
kostbare, unwägbare Begriff, wird mehr und mehr unser. Unserer
Politik, die sich nicht auf die bloße Reaktion auf von anderen
hervorgerufene Krisen beschränkt, steht es nicht nur im Ausland sondern auch im eigenen Lande frei, sich nach den Richtlinien unserer Wahl zu entwickeln. Der Grundtenor der amerikanischen Politik im kommenden Jahr soll unsere gemeinsame Entschlossenheit sein, diese Initiative zu behalten und zu nützen.
Wir müssen diese Initiative zur Förderung von drei großen
Zielen benutzen: Erstens, die Freiheit unseres Volkes zu schützen; zweitens, eine starke, sich ausdehnende Wirtschaft zu erhalten und drittens, uns mit den menschlichen Problemen des einzelnen Bürgers zu befassen.
Nur ein aktives Bemühen um jedes dieser Ziele gibt uns die
Sicherheit, daß wir den Weg zu einem besseren und stärkeren
Amerika beschreiten. Alle meine heutigen Empfehlungen dienen
der Förderung dieser drei Ziele.
Erstens:

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar

195 4

Erstens: Außenpolitik.
Die Freiheit Amerikas ist so lange bedroht, wie die kommunistische Weltverschwörung in ihrem gegenwärtigen Umfang, ihrer gegenwärtigen Stärke und Feindseligkeit besteht. Stärker denn je
zuvor ist die Freiheit Amerikas mit der der übrigen Völker verknüpft. In der Einheit der freien Welt liegt unsere beste Chance
für eine Verringerung der kommunistischen Bedrohung ohne einen
Krieg. Bei der Aufgabe, diese Einheit zu erhalten und alle ihre
Partner zu stärken, fällt die größte Verantwortung naturgemäß
denen zu, die, wie wir, die größte Freiheit und Stärke besitzen.
Wir werden daher fortfahren, die Sache der Freiheit an den
Fronten im Ausland zu fördern.
Im Fernen Osten haben wir weiterhin ein wesentliches Interesse an Korea. Wir haben mit der Republik Korea über ein gemeinsames
Sicherheitsabkommen verhandelt, das unser Sicherheitssystem im
Pazifik erweitert und das ich umgehend dem Senat unterbreiten
werde, damit dieser der Ratifikation zustimmt. Wir sind darauf
vorbereitet, jedem Wiederaufleben einer bewaffneten Aggression
in Korea zu begegnen. Wir werden unseren Stützpunkt auf Okinawa
für unbegrenzte Zeit behalten. Ich werde den Kongreß um die Bewilligung weiterer materieller Hilfe ersuchen, um den erfolgreichen Abschluß des Kampfes in Indochina zu beschleunigen. Diese
Hilfe wird ferner den Tag näher bringen, an dem die assoziierten
Staaten sich der bereits von Frankreich zugesicherten Unabhängigkeit erfreuen können. Wir werden unsere Militär- und Wirtschaftshilfe für die nationalchinesische Regierung ebenfalls fortsetzen.
In Südasien findet in den freien Nationen, die ihre Fähigkeiten zum Fortschritt durch demokratische Methoden demonstrieren, ein tiefgreifender Wandel statt. Sie bieten einen ermutigenden Gegensatz zu den diktatorischen Methoden und dem Rückschritt
in Rotchina. Die freien Völker Südasiens dürfen in diesen nicht
nachlassenden Bemühungen der Unterstützung der Vereinigten Staaten sicher sein.
Im Mittleren Osten, wo Spannungen und ernste Probleme vorhanden sind, werden wir wohlwollende und unparteiische Freundschaft
zeigen.
In Westeuropa ruht unsere Politik fest auf dem Nordatlantikpakt. Soweit wir überhaupt sehen können, wird sie sich auf diesen
Pakt stützen. Innerhalb seiner Organisation ist die Schaffung
einer europäischen Gemeinschaft, einschließlich Frankreichs und
Deutschlands, von entscheidender Bedeutung für ein freies und auf
eigenen Füßen stehendes Europa. Dieses wird durch die europäische
Verteidigungsgemeinschaft gefördert werden, die eine Garantie für
die Sicherheit Europas bietet. Mit der kommenden Einheit Westeuropas
wird die Wirksamkeit der Unterstützung, die die amerikanische Nation
für die Sicherheit Europas und der freien Welt zu leisten imstande
ist, vervielfacht werden.
In der westlichen Hemisphäre werden wir fortfahren, mit unseren
Nachbarn eine harmonis che und allen Beteiligten zum Wohle gereichende Zusammenarbeit zu pflegen. Die feste Freundschaft mit allen unseren amerikanischen Nachbarn ist in der Tat der Eckpfeiler unserer
gesamten Politik.
_
7

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

In der Welt als Ganzes gesehen,bedeuten die Vereinten Nationen, die sich zugegebenermaßen immer noch in einem Stadium
der Entwicklung befinden, für die Vereinigten Staaten sehr viel.
Die Vereinten Nationen haben in vielen Fällen einmalig wertvolle
Dienste geleistet, wo die Gewalt sich drohend erhob. Sie sind
das einzige wirkliche Weltforum, das uns die Möglichkeit bietet,
unsere Sache auf internationaler Basis vorzutragen und zu vertreten. Sie sind ein Ort, wo die Völker der Welt, wenn sie wollen, kollektive Maßnahmen für Frieden und Sicherheit ergreifen
können. Sie sind ein Ort, wo die Schuld in aller Eindeutigkeit
denjenigen zugesehrieben werden kann, die es versäumen, die für
die Erhaltung des Friedens notwendigen Schritte zu unternehmen.
Die Vereinten Nationen verdienen weiterhin unsere nachdrückliche
Unterstützung.
Auslandshilfe und Außenhandel.
• Mit der praktischen Anwendung unserer Außenpolitik betreten
wir das Feld der Auslandshilfe und des Außenhandels.
Die Verteidigungshilfe muß fortgesetzt werden. Auch die
technische Hilfe müssen wir weiterhin durchführen. Die Wirtschaftshilfe kann reduziert werden. Unsere wirtschaftlichen
«iederaufbauprogramme in Korea und einigen anderen kritischen
Punkten der Welt sind jedoch von besonderer Bedeutung und ich
werde den Kongreß ersuchen, diese Programme im nächsten Haushaltsjahr weiterzuführen.
Die neue Haushaltsbotschaft wird die Aufrechterheltung
der Vollmachten des Präsidenten hinsichtlich der Transferierbarkeit aller Hilfsgelder vorschlagen und um die Vollmacht ersuchen, diese Mittel mit den regulären Verteidigungsmitteln zusammenzulegen. Sie wird ferner vorschlagen, daß dem Verteidigungsminister, im Sinklang mit den vom Außenminister herausgegebenen politischen Richtlinien, die Haupt Verantwortung für die
Verwaltung der militärischen Auslandshilfe zufällt.
Die Tatsache, daß wir nunmehr das Ausmaß unserer wirtschaftlichen Auslandshilfe in zahlreichen Gebieten verringern können,
ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß ihre Ziele erreicht worden sind. Bei Fortdauer der hohen über dem Vorkriegsstand
liegenden wirtschaftlichen Aktivität,- gewinnt West-Europa an
Selbständigkeit. Damit tritt unser Verhältnis zu diesen Länder
in eine neue Phase, die, sofern noch ein weiterer Schritt getan
wird, Ergebnisse zeitigen kann, die sowohl zum Nutzen der amerikanischen Steuerzahler wie auch unserer Verbündeten sein werden.
Bei

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Bei diesem Schritt handelt es sich um die Schaffung eines
gesünderen und freieren Handels- und Zahlungssystems innerhalb
der freien Welt - eines Systems innerhalb dessen unsere Verbündeten ihren eigenen Unterhalt zu verdienen imstande sind und
unsere eigene Wirtschaft weiter florieren kann. Die freie Welt
kann sich nicht mehr länger die willkürlichen Handelsbeschränkungen leisten, die seit Ende des Krieges dauernd üblich waren.
Zu diesem Problem werde ich dem Kongreß ins einzelne gehende
Empfehlungen vorlegen, nachdem unser gemeinsamer Ausschuß für
Außenhandelspolitik seinen Bericht ausgearbeitet hat.
Atomenergievorschlag
So wie wir unsere militärische Stärke im kommenden Jahr
aufrechterhalten und die Bande mit unseren Verbündeten enger
knüpfen werden, werden wir auch in einer günstigeren Lage sein,
mit der Sowjetunion wichtige Probleme zu erörtern. Wir sind
sogar glücklich, dies tui zu können, wo immer eine berechtigte
Aussicht auf kontruktive Ergebnisse besteht. In diesem Geiste
wurden kürzlich die Atomenergievorschläge der Vereinigten Staaten der Vollversammlung der Vereinten Nationen unterbreitet.
Eine wirklich konstruktive Reaktion der Sowjetunion wird einen
neuen Beginn für ein Zeitalter des Friedens und eine Abkehr von
dem tödlichen Weg zum Atomkrieg ermöglichen.
Verteidigung
Da unsere Hoffnung der Frieden ist, schulden wir uns und
der Welt eine aufrichtige Erklärung für die militärischen Maßnahmen, die wir zur Sicherung dieses Friedens unternehmen.
Während wir in das neue Jahr eintreten, wächst unsere militärische Stärke ständig. Diese Stärke dient unserer eigenen Verteidigung und soll vor einer Aggression abschrecken. Wir werden
nicht die Aggression sein, aber wir und unsere Verbündeten verfügen über sehr große Möglichkeiten, zurückzuschlagen, und werden uns diese weiter erhalten.
Lassen Sie mich einige Punkte unserer Verteidigungsplanung
darlegen:
Während wir erstens entschlossen sind, die Atomkraft für
friedliche Zwecke einzusetzen, tragen wir gleichzeitig der großen und wachsenden Zahl atomarer Waffen sowie der äußerst wirkungsvollen Möglichkeiten Rechnung, diese gegen einen Aggressor
einzusetzen, sofern dies zur Er altung der Freiheit notwendig
ist. Unsere Verteidigung wird noch stärker sein, wenn wir unter
geeigneten Sicherheitsvorkehrungen mit unseren Verbündeten gewisse Kenntnisse über den taktischen Einsatz atomarer Waffen teilen. Ich ersuche den Kongreß dringend, die hierzu erforderlichen
Vollmachten zu geben.
Zweitens: Die Anwendungsmöglichkeiten dieser neuen Waffen
schaffen neue Beziehungen zwischen Menschen und Material. Diese
neuen Beziehungen ermöglichen in dem Maße wie wir Streitkräfte
aufbauen, die unserer Situation in der heutigen Welt angepaßt
sind, eine Einsparung an Menschen. Wie aus der Haushaltsbotschaft
am 21.Januar ersehen werden kann, wird auf die Luftmacht unserer
Marine und unserer Luftstreitkräfte großer Nachdruck gelegt.

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Drittens: Unsere strategischen Reserven müssen zentral plaziert und jederzeit aufmarschbereit sein, um einer plötzlichen
Aggression gegen unser Land oder unsere Verbündeten begegnen zu
können.
Viertens: Unser Verteidigungssystem muß auf einem gut ausgebildeten Personal und seinem Einsatz nach wirtschaftlichsten
Grundsätzen bei größter Beweglichkeit aufgebaut sein. Der Berufssoldat ist das Herz jeder Armee. Er ist Lehrer und Führer derer,
die vorübergehend ihrer Verpflichtung zur Verteidigung der Republik nachkommen. Eine gute Bezahlung allein wird unseren Streitkräften nicht die nötige Zahl von Berufssoldaten sichern« Ich
empfehle daher nachdrücklich eine großzügigere Anwendung anderer
Vergünstigungen, die für die Moral der Streitkräfte wichtig sind.
Hierher gehören bessere Unterkünfte, Wohnungen für Familien und
Krankenbetreuung für Angehörige.
Die Kommission für Fragen der militärischen Ausbildung und
ein von dem Direktor des Amtes für Verteidigungsmobilisierung ernannter Ausschuß haben soeben Untersuchungen über das militärisch
verfügbare Menschenpotential abgeschlossen. Eine offensichtliche
Schwäche besteht in der Einsatzbereitschaft und der Organisation
der Reservestreitkräfte. Maßnahmen zur Behebung dieser Mängel
werdeh dem Kongreß zu einem späteren Zeitpunkt zugehen.
Fünftens, die Fähigkeit, von einer teilweisen zu einer gesamten Mobilisierung übergehen zu können, ist für unsere Sicherheit unumgänglich notwendig. Zum ersten Male haben Beamte von .
Mobilisierungsdienststellen den Bedarf für 1 000 Hauptausrüestungsgegenstände für militärische Zwecke festgestellt. Diese Zahlen,
die wir jetzt zum zivilen Bedarf und unserem Versorgungspotential
in Bezug setzen, werden uns die Lücken in unserer Mobilisierungsbasis aufzeigen. Dadurch werden wir einen realistischeren Überblick über die Ziele zur Erweiterung der Produktionsstätten und
der Vorratslager bekommen. Wir werden die Erreichung dieser Ziele beschleunigen. Die amerikanische Nation muß schließlich eine
den gegebenen Erfordernissen entsprechende Basis für die Mobilisierung haben - die Grundlage eines gesunden Verteidigungsprogramms,
Zu dieser Grundlage gehört selbstverständlich auch unser kontinentales Transportsystem. Ein Teil unseres entscheidend wichtigen schweren Materials kommt in zunehmendem Maße aus Kanada.
Unsere Beziehungen zu Kanada, die glücklicherweise immer eng waren,
stützen sich tatsächlich mehr und mehr auf die unzerreißbaren Bande der gegenseitigen strategischen Abhängigkeit. Beide Nationen
brauchen heute sowohl aus militärischen als auch aus wirtschaftue
chen Gründen den Seeweg über den St. Lorenzstrom. Ich ersuche den
Kongreß dringend, die amerikanische Beteiligung an seinem Ausbau
zu billigen.
Sechstens, die militärischen und nichtmilitärischen Maßnahmen
für die kontinentale Verteidigung müssen verstärkt werden und werden verstärkt. Im laufenden Haushaltsjahr weisen wir für diese
Zwecke einen steigenden Betrag unserer Gesamtausgaben an, und im
kommenden Haushaltsjahr werden wir fast eine Milliarde Dollar mehr
dafür ausgeben als 1953.
Unsere

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar

1954

Unsere Verteidigungsanstrengungen auf dem zivilen Sektor
sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer Sicherheitsvorkehrungen auf dem amerikanischen Kontinent. Hierin werden wir
nur dann erfolgreich sein, wenn uns die uneingeschränkte Mithilfe
der Gouverneure der Bundesstaaten, der Bürgermeister in den
Städten und der freiwilligen Bürgervereinigungen zuteil wird.
Unter ihrer Mitwirkung können wir ein auf Zusammenarbeit abgestelltes Programm in Angriff nehmen, durch das im Falle eines
Angriffes zahllose Menschenleben gespart und die Zerstörungen
verringert werden können.
Das im Budget für das Haushaltsjahr 1954/55 vorgeschlagene
Verteidigungsprogramm steht in Einklang mit allen vorstehend aufgeführten Erwägungen. Es stützt sich auf ein neues Militärprogramm,
das vom gemeinsamen Generalstab einstimmig empfohlen und von mir
im Anschluß an die Erörterung durch den nationalen Sicherheitsrat
gebilligt wurde. Dieses neue Programm wird die Vereinigten Staaten in diesem Zeitalter der Gefahr slark machen und stark erhalten.
Seine Durchführung darf durch nichts behindert werden.
Die von mir vorstehend umrissene Außenpolitik wird uns zusammen mit den Verteidigungsvorkehrungen in die Lage versetzen,
von einer Position der Stärke aus zu verhandeln und gleichzeitig
unseren entschlossenen Kurs zur Schaffung einer befriedeten Welt
beizubehalten-. Wenden wir uns nunmehr Prägen zu, die man gewöhnlich als Innenpolitik ansieht, wobei wir uns dessen bewußt bleiben wollen, daß unsere außenpolitischen Maßnahmen Rückwirkungen
auf jedes einzelne innenpolitische Problem haben müssen - angefangen von der Höhe der Steuern bis zum Denken jedes einzelnen.
Sicherheit im Inneren.
Auf Grund der neuen Sicherheitsbestimmungen für Bundesbedienstete wurden mehr als 2 200 Personen aus ihren Stellungen
entfernt. Unsere nationale Sicherheit erfordert es, daß die Überprüfung von Bewerbern und die Auswertung von zu Bedenken Anlaß
gebenden Informationen über derzeitig im Regierungsdienst stehende
Personen beschleunigt und so bald wie möglich abgeschlossen wird.
Ich werde dem Kongreß empfehlen, wo immer dies zur Beschleunigung
dieser wichtigen Maßnahmen erforderlich ist, zusätzlich Geldmittel
bereitzustellen.
Von der Frage der Anforderungen, die wir an die Bundesbediensteten stellen müssen, darf ich mich nunmehr dem Problem der
Staatsbürgerschaft zuwenden. Der umstürzlerische Charakter der
kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten ist auf vielfache
Weise, auch durch Gerichtsverfahren, demonstriert worden. Wir sollten
durch Gesetz eine Tatsache anerkennen, die allein einsichtigen
Bürgern schon lange klar ist, nämlich, daß wir es hier mit Handlungen zu tun haben, die wesensverwandt mit Hoch- und Landesverrat
sind, d.h. wenn ein Bürger wissentlich an der kommunistischen
Verschwörung teilnimmt, dann hört er auf, sich seinem Vaterland
verpflichtet zu fühlen.
_.

�"AJÜIERIKA

DIENST"

6. Januar 1954

Ich ersuche den Kongreß, die erforderlichen gesetzgeberischen Maßnahmen zu treffen, damit ein amerikanischer Bürger,
der in gerichtlichen Verfahren eines Eintretens für den Umsturz unserer Regierung durch Gewalt oder Waffengewalt für
schuldig befunden wurde, in Zukunft so behandelt werden kann,
als habe er seinem Vaterland die Treue aufgekündigt und damit
sein Recht auf Staatsbürgerschaft verwirkt.
Ferner wird der Justizminister in Kürze vor den Ausschüssen
beider Häuser erscheinen, um seine Empfehlungen über die nötigen
gesetzlichen Grundlagen zur Bekämpfung umstürzlerischer Elemente
in diesem Lande und zur Behandlung der Frage einer beanspruchten
Rechtsimmunität zu unterbreiten«
Zweitens: Eine stabile Wirtschaft
Ich darf mich jetzt dem zweiten großen Aufgabengebiet zuwenden: der Erhaltung einer stabilen, sich ausweitenden Wirtschaft bei gleichzeitigen Maßnahmen zum Schutze der Freiheit.
Die amerikanische Wirtschaft ist eines der großen Wunder
dieser Erde.. Sie ist das Fundament unserer internationalen Position, unserer militärischen Sicherheit und des Lebensstandards
jedes einzelnen Bürgers. Unsere Regierung ist entschlossen,
unser wirtschaftliches System stark zu halten und eine ständige
Ausweitung zu sichern.
Wir befinden uns in diesem Augenblick in einem Übergang
von einer Kriegs- zu einer Friedenswirtschaft. Ich bin zuversichtlich, daß wir diesen Übergang ohne ernsthafte Störungen
unseres wirtschaftlichen Wachstums durchführen können. Wir werden jedoch diese für uns lebenswichtige Angelegenheit nicht dem
Zufall überlassen. Wirtschaftliche Bereitschaft ist für das
Land genau so wichtig wie militärische Bereitschaft.
Die späteren besonderen Botschaften und der Wirtschaftsbericht am 28.Januar werden die weiteren Pläne der Regierung und
ihre Empfehlungen, über die der Kongreß zu entscheiden hat, darlegen. Diese schließen ein: flexible Kredit- und Schuldenpolitik; steuerliche Maßnahmen, um den Konsumenten und der Wirtschaft einen Anreiz zu höheren Ausgaben zu geben; geeignete
Maßnahmen auf dem Gebiet der Auslandshilfe; verstärkte Maßnahmen auf dem Gebiet der Altersversorgung und Arbeitslosenversicherung; verbesserte landwirtschaftliche Programme; auf lar
ge Sicht ausgearbeitete Pläne für die Vorhaben der öffentlichen
Hand; größere Möglichkeiten für den internationalen Handel und
für Investitionen im Ausland. Diese reine Aufzählung der einzelnen Gebiete zeigt das ungeheure Ausmaß der Studien, Koordinierungsmaßnahmen und Planungen auf, - nicht zu sprechen von der
gesetzgeberischen Arbeit, - die zusammen erst unsere wirtschaftliche Bereitschaft vollständig machen.
Falls neue Bedingungen zusätzliche administrative oder legislative Maßnahmen erfordern sollten, so wird die Regierung ebenfalls hierauf vorbereitet sein. Eine Regierung, die wie die unsrige immer zu zeitlich richtig abgestimmten und energischen Maßnahmen bereit ist, und eine Wirtschaft, die wie die unsrige immer
gewillt ist, kühn und zuversichtlich zu planen, können untereinander ein Klima schaffen, das eine stetige wirtschaftliche Expansion gewährleistet.
R

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Das Budget.
Ich werde dem Kongreß am 21. Januar das erste von dieser
Regierung ausgearbeitete Budget, für den Zeitraum vom 1. Juli 1954
bis Ende Juni 1955 unterbreiten.
Dieses Budget ist den laufenden Anforderungen der Regierung
angepaßt. Es beruht auf der Erkenntnis, daß der Bundeshaushalt
ein stabilisierender Paktor in der Wirtschaft sein soll. Seine
Steuer- und Ausgabenprogramme werden die Initiative des Einzelnen
und das wirtschaftliche Gedeihen fördern.
Da die Übermittlung meiner Haushaltsbotschaft noch bevorsteht,
werde ich hier nur einige wenige Punkte bezüglich unserer Haushaltslage erwähnen.
Erstens: Einer unserer ersten Schritte war es, in Zusamm narbeix mit dem Kongreß das Budget zu revidieren, das ausgearbeitet
worden war, bevor diese Regierung ihr Amt antrat. Die Anträge auf
neue Bewilligungen wurden stark beschnitten. Darüber hinaus wurde
der in diesem Budget für das laufende Haushaltsjahr vorgesehene
Ausgabenstand um etwa sieben Milliarden Dollar gedenkt. Im kommenden Haushaltsjahr rechnen wir mit einer weiteren Kürzung der Ausgaben um über fünf Milliarden Dollar. Damit wird der Stand der Ausgaben in beiden Haushaltsjahren zusammen um über 12 Milliarden Dollar niedriger werden. Ferner werden wir auch unsere Anträge auf
neue Bewilligungen einschränken.
Zweitens« Trotz des erheblichen Einnahmerückgangs im kommenden Haushaltsjahr, der auf die nunmehr in Kraft getretenen Steuerermäßigungen und die Steuerangleichungen zurückzuführen ist, die
ich noch vorzuschlagen beabsichtige, werden unsere reduzierten Au gaben den neuen Haushalt einem Ausgleich näher bringen.
Drittens: Indem wir die Anforderungen auf Bewilligung neuer
Mittel unter den geschätzten Einnahmen halten, werden wir das
ungeheure Ausmaß der ungedeckten Verpflichtungen weiter verringern,
die die Regierung auf Grund früherer Bewilligungen eingegangen
ist.
Viertens: Erst wenn die Anforderungen an die Einnahmen unserer Regierung weiter reduziert sind, kann dem Ansteigen der
Staatsverschuldung vollkommen Einhalt geboten werden. Aus diesem
Grande: weil die Rechnungen der Regierung jeden Monat bezahlt
werden müssen, und die Steuergelder im Laufe des Jahres sehr ungleichmäßig eingehen, - und weil eine größere Flexibilität erforderlich ist, um die riesige Schuldenlast abdecken zu können, erachte ich es für notwendig, meine Forderung nach Erhöhung der gesetzlich festgelegten Höchstgrenze für die Staatsverschuldung zu
erneuern.
Steuern

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�6. Januar 1954

"AMERIKA DIENST"

Steuern.
Das neue Budget sieht eine Besteuerung vor, die unter der
in den vorausgehenden Jahrer üblichen Höhe liegt. Vor sechs Tagen
wurden die Einkommensteuersätze herabgesetzt und die Übergewinnbesteuerung fallen gelassen. Diese Steuerermäßigungen sind nur auf
Grund der erheblichen Senkungen der Regierungsausgaben möglich,
die wir bereits vorgenommen haben oder zur Zeit vornehmen. In
demselben Maße, in dem weitere Kürzungen der Ausgaben allmählich
aber ständig in Sichtweite kommen, können und werden weitere
Steuersenkungen vorgenommen werden. Wenn Budgeteinsparungen und
eine gesunde Finanzpolitik der Regierung gewährleistet sind, dann
sollte auch die Steuerlast verringert werden, um so dem Steuerzahler die Möglichkeit zu bieten, sein eigenes Geld in der ihm
gemäß erscheinenden Vrt und Weise auszugeben.
Wenn wir eine geringere Besteuerung anstreben, so müssen wir
gleichzeitig unser gesamtes Steuersystem einer gründlichen Überprüfung unterziehen. Die Grundlagen für eine derartige Revision
wurden bereits durch den Bewilligungsausschuß des Repräsentantenhauses in enger Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium geschaffen. Wir sollten nunmehr die augenfälligsten steuerlichen Härten,
insbesondere gegenüber den niedrigen Einkommensgruppen beseitigen;
die die Kleinbetriebe behindernden Bestimmungen vermindern und
andere Änderungen vornehmen, die geeignet sind, die Initiative und
den Unternehmergeist anzuspornen und die Produktion zu steigern.
Meine Haushalts-Botschaft wird fünfundzwanzig daraufbezügliche
Empfehlungen enthalten.
Ohne hier den Versuch machen zu wollen, diese vielfachen
Reformen zusammenfassend darzustellen, darf ich doch die allgemeine Richtung, in die sie weisen, näher erläutern.
So schlagen wir beispielsweise eine großzügigere steuerliche
Veranlagung von arbeitenden Jugendlichen, die im Haushalt leben,
von Witwen und Witwern mit minderjährigen Kindern sowie eine umfassendere steuerliche Berücksichtigung von Ausgaben für medizinische Zwecke vor. Für Betriebe, die ihre Anlagen erweitern oder
modernisieren wollen, schlagen wir eine freizügige steuerliche
Veranlagung der Aufwendungen für Abschreibungen, Forschungs- und
Entwicklungszwecke sowie nicht ausgeschüttete Gewinne vor.
Aus Etatserwägungen treten wir für eine Beibehaltung der
Körperschaftssteuer mit dem gegenwärtigen Satz von 52 Prozent
für ein weiteres Jahr ein; und die Verbrauchs- und Verkehrssteuern,
auch auf alkoholische Getränke, Raiichwaren, Benzine und Autos,
die am 1. April dieses Jahres reduziert werden sollten, müssen in
der gegenwärtigen Höhe beibehalten werden.
Ferner

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Ferner ist die sofortige Verlängerung des Gesetzes über die
gemeinsame Beschaffung von Verteidigungsmaterial für alle Waffengattungen (Renegotiation Act) aus dem Jahre 1951 erforderlich,
um überhöhte Profite und unnötige Aufwendungen aus Mitteln der
öffentlichen Hand beim Kauf von Verteidigungsmaterial zu verhüten.
Landwirtschaft
Das allgemeine Wohl unseres Volkes von 160 Millionen Mensehen erfordert, daß unsere Landwirtschaft stabil ist und gedeiht« Umgekehrt aber weiß jeder amerikanische Farmer, daß es
ihm nicht gut gehen kann, wenn Amerika nicht blüht* Wenn wir
uns um eine Erhöhung unseres Lebensstandards bemühen, dann
müssen wir sicherstellen, daß auch der amerikanische Farmer an
dieser Erhöhung teilhat. Daraus ergibt sich, daß ein landwirtschaftliches Programm zur Förderung der Stabilität und des
Wohlstandes aller Zweige unserer Landwirtschaft dringend erforderlich ist.
Die gegenwärtig geltenden Agrargesetze haben den ihnen während des Krieges zugedachten Zweck, bei zahlreichen landwirtschaftlichen Produkten einen Anreiz zu einer Höchsterzeugung zu
bieten, erfüllt. Heute übersteigt eine derartig hohe Erzeugung
bei diesen Produkten bei weitem den gegenwärtigen Bedarf. Trotzdem sind die Gesetze, die zu einer solchen hohen Erzeugung ermutigen, immer noch in Kraft. Die Einlagerungsmöglichkeiten der
Warenkreditgesellschaft sind mit Überschußbeständen von Molkereierzeugnissen, Weizen, Baumwolle, Mais und bestimmten pflanzlichen ölen ausgenutzt, und die der Gesellschaft gegenwärtig zugestandene Kreditspanne von 6,750 Milliarden Dollar ist nahezu
ausgeschöpft. Bei einigen Erzeugnissen, die preislich auf dem
amerikanischen Markt, und anderen, die preislich auf den Weltmärkten nicht mehr abzusetzen sind, haben sich riesige Regierungsbestände angesammelt. In einer Welt, in der Millionen von Menschen hungern, wäre eine Vernichtung von Lebensmitteln selbstverständlich unverantwortlich. Und doch bedrohen die Überschußbestände auch weiterhin den Markt, und trotz der auf Grund der
gegenwärtigen Gesetzgebung genehmigten Anbaukontrollen nehmen
diese Bestände laufend weiter zu.
In diesem Zusammenhang stehen wir vor zwei Möglichkeiten.
Die erste besteht darin, eine noch weitergehende Beschränkung
der Anbaufläche bei einigen Feldfrüchten zu verfügen und eine
strenge staatliche Kontrolle über die Verwendung der davon betroffenen Felder durchzuführen. Dies führt zu einer Lenkung
der Erzeugung sämtlicher Grundnahrungsmittel. Damit wird die
Produktion aller entsprechenden Feldfrüchte unter die Verfügungsgewalt und die Kontrolle der Bundesregierung in Washington
gestellt..
Diese

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�•AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Diese Möglichkeitsteht im Widerspruch zu den fundamentalen
Interessen nicht nur der I*raA&gt;evölkerung sondern der gesamten
Nation«, Sie stellt darüber hinaus noch nicht einmal eine echte
Lösung für das uns gestellte Problem dar.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, dem Marktpreis für
diese landwirtschaftlichen Produkte allmählich einen größeren
Einfluß auf die Anbauplanung des einzelnen Farmers zu gestatten,
und gleichseitig die Hilfe der Regierung fortzuführen. Dies ist d
die einzig vernünftige Einstellung hierzu« Um den Erfolg sicherzustellen» müssen die beim Anlaufen dieses Programms vorhandenen
Überschüsse aus dem normalen Handel herausgenommen und für beson»
dere Verwendung verfügbar gemacht werden. Unter diese Sonderverwendung fallen das Schulspeisungsprogramm, die Katastrophenhilfe,
die Soforthilfe für befreundete Staaten und - als wichtigstes die Anlage von Reserven für einen eventuellen nationalen Notstand,
Ausgehend von den landwirtschaftlichen Gesetzen der Jahre
JE948 und 1949 sollten wir ein Preisstützungs-Programm ausarbeiten,
das anpassungsfähig genug ist, einen Anreiz für die ausreichende
Erzeugung wichtiger Bedarfsgüter zu bieten und den Verbrauch jener
ÖÜter zu fördern, mit denen gegenwärtig der amerikanische Markt
überschwemmt ist« Der Übergang zu einem neuen Paritätssystem der
Preise kann nur allmählich vollzogen werden«
Auf keinen Fall
darf es zu einem plötzlichen Absinken der Preisstützung, weder
der absoluten Dollaraufwendungen noch der prozentualen Preisparität, kommen«
Am kommenden Montag werde ich dem Kongreß in allen Einzelheiten meine Empfehlungen zur Lösung dieser Frage darlegen« Diese
wurden in Zusammenarbeit eine» großen, an Fragen der Landwirtschaft interessierten Personenkreises ausgearbeitet« Meine Sonderbotschaft am Montag wird in knapper Form auf die Untersuchungen und die Vorschläge eingehen, die seit zehn Monaten bezüglich
des ganzen Programms gemacht werden.
Ich habe dieses Landwirtsohaftsprogramm gewählt, weil es den
Aufbau der Märkte, die Nahrungsmittelversorgung der Verbraucher
sichert und die Gewähr dafür bietet, daß die Lebensmittel dem
Verbrauch, nicht aber den Lagerhäusern zugeführt werden. Es ist
ein Programm, das den Farmer von der Bedrohung durch diesen Produktionsüberhang befreien wird, ein Programm, das seinen Anreiz
für die Produktion knapper Ware sowie für den Verbrauch solcher
Güter bieten wird, die reichlich zur Verfügung stehen« Darüber
hinaus wird es die Freiheit, das Verantwortungsbewußtsein und die
Initiative, die den amerikanischen Landwirt auszeichnen, fördern,
und anregen. Und schließlich verspricht es unseren Farmern auf
Jahre hinaus einen höheren und gleichmäßigeren Ertrag als irgendein anderer Plan, indem es unserer Landwirtschaft volle Parität
auf dem Markt erreichen hilft«
Die

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Die Erhaltung unserer natürlichen Hilfsquellen
Die Natur- und Bodenschätze unseres Landes sind Teil des
kostbaren Erbes unserer Nation. Auf ihre Erhaltung und Erschließung hinzuarbeiten, ist die gemeinsame Aufgabe des Bundes, der
Bundesstaaten und der Gemeinden. Eine enge und harmonische Zusammenarbeit ist hierbei unerläßlich»
Gegenwärtig werden sämtliche Regierungsprogramme zur Erhaltung und Entwicklung unserer natürlichen Hilfsquellen überprüft.
Programme, die dieser Überprüfung standhalten, werden weitergeführt. Neue Projekte, an denen sich die Bundesregierung beteiligt,
müssen auf gesunden wirtschaftlichen Grundlagen beruhen, und eine
Kostenteilung mit örtlichen Stellen ist zu fordern, wo immer sie
tunlich und durchführbar erscheint. Im kommenden Finanzjahr werden 23 Projekte in Angriff genommen werden, die diesen Kriterien
entsprechen. Die Bundesregierung wird sich auch weiterhin an
der Errichtung und am Unterhalt wirtschaftlich gesunder Vorhaben auf dem Gebiet der Hochwasserkontrolle, der Energiewirtschaft,
der Bewässerung und der Trinkwasserversorgung beteiligen, sofern
diese Projekte die Möglichkeiten und die Initiative der öffentlichen Hand und privater Gruppen auf lokaler Ebene übersteigen
und im Einklang mit den Erfordernissen des ganzen Volkes stehen.
Unser Programm zur Erhaltung der natürlichen Hilfsquellen
stellt auch die wichtige Rolle in Rechnung, die den Farmern in
der Erhaltung der Ertragsfähigkeit unseres Bodens zukommt. Ich
empfehle die Schaffung entsprechender Gesetze, die geeignet
sind, die Bodenkonservierung und die Hochwasserkontrolle in
den Flußoberläufen voranzutreiben und einen Ausgleich durch
größere Hochwasserschutzbauten in den Unterläufen zu erzielen.
Von Zeit zu Zeit werden wir Empfehlungen unterbreiten in
bezug auf: eine einheitliche und kontinuierliche Gesetzgebung
auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft;
eine revidierte Politik hinsichtlich des Landbesitzes der
öffentlichen Hand; ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm
zum Schutz der Eigenproduktion knapper und strategisch wichtiger Metalle und Erze;
darüber hinaus werden wir auch weiterhin Maßnahmen zum
Schutze und zur Pflege unserer Staatsforsten, Naturschutzgebiete, Denkmäler und anderer historischer und landwirtschaftlicher Sehenswürdigkeiten wie auch des Wildes unserer Wälder
und der Fische unserer Flüsse treffen. Ich hoffe, daß die
gegenwärtig dem Kongreß vorliegenden Gesetzesentwürfe zur
Verbesserung der bestehenden Bestimmungen über die Konservierung und Verwaltung des in Staatsbesitz befindlichen
Grünlandes und der Staatsforste in Kürze gebilligt werden.
Bundesstraßen

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Bundesstraßen.
Die Bundesregierung wird zum Schutze der lebenswichtigen
Interessen jedes einzelnen Bürgers an einem sicheren und angemessenen Straßennetz auch in Zukunft eine führende Rolle auf diesem Gebiet übernehmen.
Um sicherzustellen, daß der größtmögliche Portschritt bei der Abstellung der gegenwärtigen Mängel
des Bundesverkehrs-Straßennetzes gemacht wird, müssen wir die
Bundessteuer auf Benzin von 2 Cent pro Gallone beibehalten. Das
heißt,die sonst am 1. April in Kraft tretende Steuersenkung um
einen halben Cent kann nicht durchgeführt werden, - die Steuern
müssen bleiben, damit wir ein vergrößertes Bundesstraßen-Programm
in die Sege leiten können. Sobald die Kommission zum Studium
der Frage der Beziehungen zwischen den Regierungen der Bundesstaaten ihr Gutachten über die Finanzierung des Baues von Bundesstraßen abgegeben hat, werde ich es dem Kongreß und den Gouverneuren der Staaten zur Überprüfung zuleiten.
Postwesen.
Es ist offensichtlich, daß die beträchtlichen Einsparungen,
die bereits vom Postministerium gemacht worden sind, und die
noch vorgenommen werden sollen, das Defizit bei der Postverwaltung nicht beseitigen können. Ich empfehle daher, daß der Kongreß das gegenwärtig dem Repräsentantenhaus vorliegende Gesetz
billigt, welches die Angleichung bestimmter Posttarife vorsieht.
Um den langfristigen Aspekten dieses Gesetzes zu entsprechen,
empfehle ich ferner, daß der Kongreß eine ständige Kommission einsetzt, die künftig von Zeit zu Zeit faire und angemessene Posttarife festsetzt.
Drittenss Menschliche Probleme.
Neben dem Schutz der Freiheit und der Erhaltung einer starken und wachsenden Wirtschaft sieht unsere Regierung eine dritte
große Aufgabe; Die Sorge um die menschlichen Probleme unserer
Bürger. In einer modernen industriellen Gemeinschaft sind die
Beseitigung der bittersten Not und die Milderung der Schläge,
die persönliches Unglück dem Einzelnen zufügen, Angelegenheiten,
die allen Zweigen des Regierungsapparates, einschließlich der
Bundesregierung, obliegen. Dies ist besonders dort der Fall, wo
Hilfs- und Vorbeugungsmaßnahmen die Möglichkeiten des Einzelnen
übersteigen.
Arbeit und Soziale Wohlfahrt.
Von den zahlreichen Problemen dieses Gebietes werde ich
zunächst diejenigen behandeln, die für die vielen tätigen Menschen in den USA von besonderer Wichtigkeit sind. Diese Menschen erzeugen mit ihrer Hände Arbeit, mit ihrem Geist und ihren
Herzen einen Großteil des Reichtums unseres Landes.
Der

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6. Januar

1954

Der Schutz gegen eine vorübergehende Arbeitslosigkeit muß
auf jene 6 1/2 Millionen Arbeiter, einschließlich der Bundesbediensteten, ausgedehnt werden, die jetzt .noch nicht in den
Genuß dieses Schutzes kommen. Darüber hinaus wird der Arbeitsminister den Bundesstaaten in Kürze ein Gutachten und Empfehlungen
über die wöchentlichen Unterstützungsgerder, die Laufzeit der
Unterstützung und über eine eventuelle Erweiterung des Kreises
der Unterstützungsberechtigten vorlegen. Die Wirtschafts-Botschaft
wird sich mit der damit eng zusammenhängenden Frage der Mindestlöhne und des davon zu erfassenden Personenkreises beschäftigen.
Das Gesetz über die Beziehung zwischen den Sozialpartnern
(Labor Management Relations Act) aus dem Jahre 1947 ist im Grunde
ein vernünftiges Gesetz. Jedoch haben sechs Jahre praktischer
Erfahrungen erwiesen, daß es in mancher Hinsicht verbessert werden
könnte. Ich werde dem Kongreß am 11. Januar Verbesserungsvorschläge
unterbreiten, die darauf abzielen, den Grundgedanken dieses Gesetzes schärfer herauszuarbeiten.
Unser grundlegendes Sozialversicherungsprogramm und das
Altersversicherungs- und Hinterbliebenenversorgungssystem, zu dem
der einzelne während der Jahre seiner Berufstätigkeit beiträgt
und aus dem er später Unterhaltsleistungen gemäß seiner früheren
Bezüge erhält, zielt darauf ab, diese Menschen vor Not zu bewahren.
Im vergangenen Jahr empfahl i^h die Ausweitung des Sozialversicherungssystems auf weitere zehn Millionen Personen. Ich ersuche
darum, diese Ausweitung umgehend zu verwirklichen. Diese und weitere wesentliche Verbesserungen des Versicherungssystems wer .en
zu einer erheblichen Erhöhung der Leistungen und einer Ausweitung
des versicherten Personenkreises führen und damit eine Verringerung
der Bundesbeihilfen für derartige Zwecke ermöglichen. Es wird
deshalb eine neue Aufschlüsselung vorgeschlagen, die eine progressive Verringerung dieser Beihilfen in dem Maße ermöglicht, wie
die Notwendigkeit ihrer Gewährung entfällt.
Die mit Bundesbeihilfen finanzierten Wohlfahrtsprogramme,
die bisher auf verschiedenen Gesichtspunkten aufgebaut waren,
sollten vereinfacht werden. Zu 14 dieser Programme werden den zuständigen Ausschüssen konkrete Vorschläge zugeleitet.
Ein besonders weitgehender Ausbau ist hinsichtlich des
Programms zur Wiedereingliederung körperbehinderter Personen in
den Arbeitsprozeß notwendig, durch besondere Berufsausbildung werden gegenwärtig jährlich 60 000 körperbehinderte Personen in die
Lage versetzt, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn dieses
Programm allmählich an Wirksamkeit gewinnt, dann wird es möglich
sein, noch weit mehr Körperbehinderte vor der Untätigkeit und der
Abhängigkeit von fremder Hilfe zu bewahren. Meine detaillierten
Empfehlungen zu diesem Punkt und zu anderen bereits hier erwähnten Fragen der sozialen Sicherheit werden dem Kongreß am 14. Januar zugeleitet werden.
Gesundheitswesen

�"AMERIKA DIENST»

6. Januar 1954-

Gesundheitswesen.
Ich lehne eine Sozialisierung des Gesundheitswesens entschieden ab. Die Aufgabe, Krankenhäuser und ärztliche Betreuung
in dem erforderlichen großen Ausmaß zur Verfügung zu stellen,
wird am besten durch private Krankenversicherungsprogramme gelöst.
Allerdings ist es leider richtig, daß die Kosten für ärztliche
Betreuung steigen und vielen Familien bereits große Härten auferlegen« Die Bundesregierung kann hier vielfach helfend einspringen und dennoch eine Sozialisierung des Gesundheitswesens umgehen.
Die Bundesregierung sollte die medizinische Forschung in
ihrem K^mpf gegen so furchtbare Geißeln wie Krebs und Herzkrankheiten fördern und auch weiterhin die Programme des Gesundheitswesens und zur Wiedereingliederung Körperbehinderter in den Einzelstaaten unterstützen. Das derzeitige Gesetz über eine Untersuchung des Hospitalwesens und den Bau neuer Krankenhäuser
(Hospital Survey and Construction Act) sollte erweitert werden,
um die zur Betreuung chronisch Kranker erforderlichen Anlagen
bereitstellen zu können und den Bau von Kliniken, Heilstätten
und Pflegeheimen zu ermöglichen. Im Kampf gegen Krankheit und
Seuchen ist außerdem eine bessere Zusammenarbeit zwischen Regierung und privaten Stellen erforderlich. Private und gemeinnützige Krankenversicherungen, die sich auf die Erfahrung und die
Initiative der Menschen in den betreffenden Gemeinden stützen, sind
bereits vorhanden.
Begrenzte Sicherheitsgarantien des Staates
an die privaten und gemeinnützigen Versicherungsgesellschaften würde es diesen ermöglichen, noch mehr Familien, die einer Krankenversicherung bedürfen und sie haben sollen, einen umfassenderen
Versicherungsschutz zu bieten. Am 18. Januar werde ich dem
Kongreß eine Sonderbotschaft zuleiten, in der ich ihm das von mir
im einzelnen ausgearbeitete Programm für das Gesundheitswesen
unterbreiten werde.
Erziehungswesen.
Wir haben unsere Jugend - die größte Kraftquelle einer
Nation - in einer ganz außerordentlich wichtigen Hinsicht vernachlässigt. Die Nation bildet nicht genügend Lehrer aus und baut
nicht genügend Schulen in dem Tempo, wie es das Anwachsen unserer
Bevölkerung erfordert.
Die Ausbildung von Lehrern - wie überhaupt die Überwachung
und Lenkung der öffentlichen Erziehung - ist Sache der Staaten
und Gemeinden. Jedoch sollte die Bundesregierung jederzeit zur
Unterstützung jener Staaten bereit sein, die erwiesenermaßen
nicht genügend Schulneubauten durchführen können. Um den wirklichen Bedarf feststellen zu können, würde ich es begrüßen, wenn
in diesem Jahr in allen Staaten eine Konferenz über Fragen des
Erziehungswesens abgehalten würde, die durch eine Bundeskonferenz
gekrönt werden müßten. Von diesen Konferenzen müßten die zuständigen Verwaltungen aller Ebenen - vom Bund bis hinunter zur Gemein*
de - die zur Lösung dieses dringlichen Problemes erforderlichen
Informationen erhalten.
Wohnraumbe Schaffung
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�AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954
V/ohnraumbe Schaffung

In einer Sonderbotschaft werden dem Kongreß am 25»Januar
Einzelheiten zu einem Programm unterbreitet werden, das weiten
LBevölkerungskreisen bessere Möglichkeiten zum Erwerb eines
zweckentsprechenden Eigenheimes bieten wird#
Dieses Programm umfaßt:
Verbesserung des Programms zur Gewährung von Bürgschaften
für Hypotheken zur Eigenheimfinanzierung durch die Bundesregierung;
Neugestaltung des gegenwärtigen Systems der Gewährung von
Krediten und Beihilfen an die Städte zur Beseitigung von Slums
und zur städtebaulichen Verbesserung;
Gewährung der Vergünstigungen, die für durch Bürgschaften
gesicherte Kredite bestehen, auch an private Geldgeber, welche
Mittel für städtebauliche Verbesserungsvorhaben zur Verfügung
stellen;
Gewährung von Bürgschaften für langfristige Hypotheken an
Familien mit geringem Einkommen nach Einzahlung eines geringen
Barbetrages; und
Fortführung der Wohnbauvorhaben der öffentlichen Hand gemäß dem Wohnungsbaugesetz aus dem Jahre 1949, wenn sich andersgeartete Programme nicht als besser erweisen sollten.
Wenn sich jeder .einzelne, die Gemeinden, die Regierungen
der Einzelstaaten und die Bundesregierung, mit gleicher Tatkraft
diesem Programm widmen, dann wird jede amerikanische Familie ihr
Eigenheim besitzen.
Betreuung ehemaliger Kriegsteilnehmer
Die interne Umorganisation in den Organen zur Betreuung von
Kriegsteilnehmern vollzieht sich mit meiner vollen Zustimmung.
Nach Abschluß dieser Umorganisation wird eine einzige Behörde
alle Aufgaben, einschließlich der ärztlichen Versorgung, wahrnehmen und sich um das Wohl der 20 000 000 ehemaligen Kriegsteilnehmer, denen unser Volk so viel verdankt, besser kümmern
können.
Wahlrecht
Die wenigen Empfehlungen, die ich hier noch vorbringen
möchte, beziehen sich alle auf ein Grundrecht unserer Bürger
- das Recht, an den Entscheidungen der Regierung mitzuwirken».
Ich hoffe, daß die Bundesstaaten mit dem Kongreß zusammenarbeiten werden, um einheitliche Wahlgesetze zu schaffen, die
es den in Übersee stationierten Angehörigen unserer Streitkräfte erlauben, ihr Wahlrecht als Staatsbürger auszuüben.
Es

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6. Januar 1954

Es ist höchste Zeit, der Bürgerschaft des District of
Columbia das Wahlrecht zuzugestehen, und das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung auch auf die Bundeshauptstadt anzuwenden.
Ich ersuche den Kongreß dringend, baldigst entsprechende Schritte
in dieser Hinsicht zu unternehmen und auch die fiskalischen Maßnahmen zu revidieren, um die erforderlichen Verbesserungsarbeiten
an Projekten der öffentlichen Hand durchführen zu können.
Hawaii muß nunmehr als Bundesstaat zugelassen werden.
Ich ersuche erneut darum, die notwendigen gesetzgeberischen Maßnahmen zu treffen, damit Hawaii seine Exekutive und seine Volksvertreter in Washington zusammen mit den anderen Bundesstaaten im Herbst
dieses Jahres wählen kann.
Seit langem werden die jungen Amerikaner zwischen 18 und 21
Jahren in Zeiten der Gefahr zur Verteidigung des Landes aufgerufen.
Sie sollten ein Recht auf Mitsprache in den politischen Vorgängen
haben, die zu einem so schicksalsschweren Befehl führen. Ich ersuche den Kongreß dringend, den Bundesstaaten einen Zusatz zur
Verfassung vorzuschlagen, damit die Bürger der Vereinigten Staaten
mit dem achtzehnten Lebensjahr das Wahlrecht erhalten.
Zusammenfassung.
Ich möchte ganz kurz auf den allgemeinen Zweck eingehen,
der mit diesen vielen Empfehlungen beabsichtigt ist.
Die Vollmachten unserer Regierung sind wohlweislich durch
die Verfassung begrenzt. Aber ganz abgesehen von diesen Einschränkungen gibt es gewisse Dinge, die eine Regierung niemals tun darf
oder versuchen sollte zu tun.
Eine Regierung muß sich, wie die unsere, mit allen Kräften
um die Erhaltung eines Wirtschaftssystems bemühen, das Raum läßt
für Unternehmergeist und Strebsamkeit - jene persönlichen Eigenschaften, auf denen ein wirtschaftlicher Aufstieg zu einem guten
Teile beruht. Aber Unternehmergeist und Strebsamkeit sind Dinge,
die eine Regierung nicht zu geben vermag. Wir preisen uns glücklich,
daß die amerikanische Regierung sich hierüber keine Sorge zu machen
braucht. Unser Volk hat von diesen Eigenschaften ein gerüttelt Maß.
Eine Regierung kann sich aufrichtig um die Erhaltung des
Friedens bemühen, wie wir das tun, und die Bevölkerung ihres Lanuds aufrufen, für die Erhaltung des Friedens Opfer zu bringen.
Aber keine Regierung kann den Herrschern fremder Lander das Samenkorn des Friedens ins Herz legen. Es ist somit eine Pflicht vor uns
selbst und gegenüber der Sache der Freiheit, geistig, wirtschaftlich und militärisch stark zu bleiben, damit wir uns ein Höchstmaß an Sicherheit gegen eine mögliche Aggression von Seiten anderer
erhalten.

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�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Keine Regierung kann ihr Volk gegen den tödlichen Materialismus, der unsere Epoche heimsucht, immun machen. Zum Glück
hat sich unser Volk, obgleich es wie kein anderes in der Geschichte mit materiellen Gütern gesegnet ist, stets in erster
Linie von geistigen Dingen leiten lassen, dem eigentlichen Quell
jener Freiheit, die wir höher als alle materiellen Güter schätzen.
Eine Regierung aber kann versuchen, so wie wir es tun, das
innerste Denken und Trachten des Volkes zu ergründen, und diesem Denken in der Innen- und Außenpolitik des Landes Ausdruck
zu verleihen. Sofern wir in unserem Wollen und Tun demütig und
aufrichtig im Angesicht des Allmächtigen das Gute erstreben,
sehe ich kein Hindernis für den weiteren Aufstieg Amerikas und
keine Grenze dessen, war wir zu geben vermögen..
*

* * * *

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�KONGRESSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER DIE
LAGE DER US-LANDWIRTSCHAFT
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die von Präsident Eisenhower dem amerikanischen Kongreß
am 11.Januar 1954 vorgelegte Botschaft über
die Entwicklung in der amerikanischen Landwirtschaft hat folgenden Wortlautj
"Zur wohlwollenden Beachtung unterbreitetich hiermit dem
Kongreß einige Empfehlungen, die die amerikanische Landwirtschaft
betreffen. Das landwirtschaftliche Problem ist heute ein genau
so schwerwiegendes und kompliziertes wie die vielen anderen,
mit denen Sie sich in der letzten Sitzungsperiode zu befassen
hatten. Schnelles Handeln ist erforderlich, um den wachsenden
Gefahren,die unser gegenwärtiges Landwirtschaftsprogramm bedrohen, zu begegnen und um zu verhindern, daß hieraus Schwierigkeiten in der Landwirtschaft resultieren.
Ich habe den amerikanischen Farmern die Versicherung gegeben,
daß die Unterstützung der gegenwärtigen Landwirtschaftsgesetze,
einschließlieh des Farmpreisstützungsprogramms während des Jahres 1954 zu 90 Prozent der Parität' ) eine moralische und gesetzliche Verpflichtung ist, die aufrechterhalten werden muß. Um
dieses Versprechen zu erfüllen, wurden in den vergangenen
12 Monaten alle Anstrengungen unternommen, damit den Farmern
ihr voller Anteil an dem Einkommen gesichert wird, das von
einem stabilen und wirtschaftlich blühenden Land geschaffen
wird. Damit diese Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind, ist
ein neues Farmprogramm erforderlich, das die gegenwärtige Lage in der amerikanischen Landwirtschaft berücksichtigt.
Durch diese Botschaft wird dem Kongreß das neue Programm
unterbreitet. Es ist mit dem Ziel ausgearbeitet worden, im
Laufe der Jahre eine Stabilität und ein Anwachsen des Einkommens
zu erreichen, auf das unsere Farmer Anspruch haben, und das die
Nation im Interesse der 160 Millionen unseres Volkes garantieren muß.
Problemstudien
Bei der Ausarbeitung dieses Programmes ist es der Regierung gelungen, das beste Gedankengut unserer Farmer und Landwirtschaftsexperten zu koordinieren. Über 60 verschiedene Studiengruppen und mehr als 500 der bedeutendsten Landwirtschafts*) Paritätspreis = Preisverhältnis der
Einzelprodukte zu dem Durchschnitt
Von 1910 - 1924.

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13- Januar 1954

landwirtschaftsführer des Landes waren an dieser Studie beteiligt.
Landwirtschaftliche Hochschulen und Forschungsinstitute stellten
dabei die Ergebnisse ihrer Arbeit und ihre Ideen zur Verfügung.
Zahlreiche Produzenten, Verarbeiter und Handelsgruppen sowie verschiedene nationale landwirtschaftliche Vereinigungen, steuerten
ihre Meinungen und Vorschläge bei. Tausende Briefe von einzelnen
Farmern, und die Ergebnisse von Meinungsforschungen unter der
Landbevölkerung sind analysiert und in Betracht gezogen worden.
Die aus den beiden Parteien gebildete, repräsentative nationale
landwirtschaftliche Beratungskommission hat während der letzten
12 Monate ständig an diesem Problem mitgearbeitet und ihre Ratschläge gegeben. Auch zahlreiche landwirtschaftliche Handelsorganisationen wurden zu Rate gezogen. Viele Mitglieder des Kongresses haben ihre reichen Erfahrungen für diese Sache zur Verfügung gestellt. So konnte, wie vor einem Jahr versprochen, die
gründlichste und umfangreichste Studie, die je über das Farmproblem und die Farmprogramme der Regierung gemacht wurden, entstehen.
Empfehlungen nach Einzelprodukten
Die Empfehlungen, die aus all diesen Untersuchungen heranreiften, sind das Ergebnis einer traditionellen guten Zusammenarbeit der beiden Parteien hinsichtlich der Landwirtschaftsgesetzgebung. Sie wissen, daß jede Farmernte ihre besonderen Probleme hat und daß diese Probleme einer besonderen Behandlung bedürfen. Demzufolge enthält auch der erste Teil dieser Botschaft
detaillierte Vorschläge über die Behandlung von 16 Produkten und
Produktengruppen. Ich selbst beschränke mich hierbei auf solche
Aspekte des Farmprogramms, an denen alle Farmer und alle Bürger
gleichmäßig stark interessiert sind.
Einige fundamentale Betrachtungen
Bei der Behandlung dieses Problems, hat sich die Regierung
auf folgende Grundsätze gestützt:
1. Für den Wohlstand der Vereinigten Staaten ist eine stabile,
blühende und freie Landwirtschaft erforderlich.
2. Ein Farmprogramm muß sowohl die Interessen der Erzeuger
als auch der Verbraucher in wirklich fairer Weise repräsentieren.
3. Wenn jedoch große Vorräte an Nahrungsmitteln vorhanden sein
sollten, so dürfen diese nicht vernichtet werden. Übermäßig große
Lager können aus dem Handel gezogen und konstruktiven Zwecken zugeführt werden, die entweder den Bewohnern der Vereinigten Staaten
oder aber ihren Freunden in der Welt zum Nutzen gereichen.
4. Auf Grund verschiedener Ursachen unterliegen die Farmerzeugnisse weit größeren Preisschwankungen als andere Güter. Der
einzelne Farmer oder Rancher hat jedoch weniger Einfluß auf die
Preisgestaltung, als der Hersteller in den meisten Industriezweigen. Eine Preisstützung der Regierung muß aus diesem Grunde gewährleistet sein, damit die notwendige Stabilität des landwirtschaftlichen Einkommens sowie der Produktion erreicht wird.
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�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

5. Vor allem sollte ein Farmprogramm der Landwirtschaft helfen, ihren angemessenen Anteil am Volkseinkommen sicherzustellen.
Es muß gleichermaßen auch auf eine Stabilität der Farmeinkommen
abzielen. Aus diesem Grunde sollten allzu große Schwankungen
in der Höhe der Stützungspreise von Jahr zu Jahr vermieden werden.
6. Kein einzelnes Programm kann auf die Landwirtschaft in
ihrer Gesamtheit bezogen werden. Einige Farmerzeugnisse sind
verderblich, andere nichtj einige Farmen verbrauchten die Erzeugnisse anderer Farmen, einige Nahrungsmittel und Naturfasern
können wir exportieren, einige müssen wir importieren. Ein allumfassendes Farmprogramm muß an diese und andere Unterschiede
angepaßt werden können, und darf dennoch für einzelne Farmgruppen
keine Härten und für andere keine Vorteile mit sich bringen.
7. Ein arbeitsfähiges Farmprogramm muß der Regierung genügend Spielraum lassen, damit zeitliche Änderungen hinsichtlich
Politik und Methoden, einschließlich der Höhe der Preisstützungen,
deren Grenzen gesetzlich festgelegt sind, durchgeführt werden
können. Dadurch kann die Regierung auftauchende Schwierigkeiten
in der Landwirtschaft rechtzeitig erkennen und in Rechnung stellen,
und braucht sie nicht erst nach Eintritt mit gesetzlichen Maßnahmen zu bekämpfen.
8. Die Umstellung auf ein neues Farmprogramm muß allmählich
und im Interesse der Farmbevölkerung und der Gesamtwirtschaft
vollzogen werden.
9. Forschung und Ausbildung, die fundamentalen Funktionen
des Landwirtschaftsministeriums seit seiner Gründung, sind immer
noch unerläßlich, wenn unsere Farmer die Produktivität ßteigern
und ihre Märkte vergrößern wollen.
10. Das natürliche Fundament unserer Nationalökonomie ist
ihr Boden-, Wasser- und Waldreichtum. Aus diesen Quellen kommt
unsere Nahrung, der größte Teil unserer Kleidung und unseres Obdachs. Wenn wir diese Hilfsquellen gut schützen und entwickeln,
werden sie einen direkten Einfluß auf den zukünftigen Lebensstandard der ganzen Nation haben.
Die augenblicklich geltenden Gesetze lassen einen erhöhten
Verbrauch an Weizen, Mais, Baumwolle und Pflanzenölen nicht ratsam erscheinen, sie fördern jedoch eine gesteigerte Produktion
dieser Erzeugnisse. Die ungeheuren und stetig wachsenden Überschüsse, die die Regierung besitzt, bilden jedoch eine ständige
Bedrohung der normalen Märkte für diese Produkte. So zeitigen
die zur Zeit geltenden Gesetze Ergebnisse, die sich für diejenigen
nachteilig auswirken, denen die Gesetze eigentlich helfen sollten.
Im Laufe der letzten drei Jahre ist das landwirtschaftliche Einkommen, zum Teil wegen dieser übermäßig hohen Bestände, stetig
gesunken.
Die

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Die Dringlichkeit dieser Lage wird durch einige grundlegende Tatsachen am besten veranschaulicht. Im Laufe des vergangenen
Jahres hat sich die Investitionssumme der Agrarkreditgesellschaft
(Commodity Credit Corporation) für landwirtschaftliche Erzeugnisse
mehr als verdoppelt, sie stieg um ungefähr 2,5 Milliarden Dollar.
Als Ergebnis davon sind die finanziellen Verpflichtungen der Gesellschaft hart an die 6,75 Milliarden Dollar-Kreditgewährungsgrenze gerückt. Um zu garantieren, daß die augenblicklichen Verpflichtungen in bezug auf Preisstützung für die Ernten von 1953
und 1954 eingehalten werden können, werde ich den Kongreß auffordern, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, damit die Kapitalverluste
der Agrarkreditgesellschaft bis zum 30. Juni 1954 wieder ausgeglichen werden können und die Kreditgewährungsgrenze ab 1. Juli
1954 auf 8,5 Milliarden Dollar erhöht werden kann.
Die Warenbestände der Regierung sind außerordentlich groß.
Allein für Weizen belaufen sich ihre Investitionen auf mehr als
2 Milliarden Dollar. In dieser Summe sind 440 Millionen Bushel
Weizen einbegriffen, die der Regierung gehören. Etwa 400 Millionen weitere Bushel sind von der Regierung beliehen worden;
wobei es wahrscheinlich ist, daß der größte Teil davon im Besitz
der Regierung kommt. Dieser Bestand reicht aus, um den Weizenbedarf der gesamten Nation für mehr als ein Jahr zu decken.
Der Bestand an Baumwolle wird sich auf ungefähr 9»6 Millionen
Ballen belaufen. Auch hier entspricht der Bestand etwa dem Jahresbedarf der ganzen Nation.
Der Bestand an Pflanzenölen beträgt annähernd 1,5 Milliarden
Pfund, das ist, grob geschätzt, mehr als die Hälfte des Bestandes,
der normalerweise beibehalten werden sollte.
Da bereits solche enorme Vorräte vorhanden sind, mußten
für Weizen und Baumwolle Anbaubeschränkunge und Marktquoten eingeführt werden. Es erscheint unvermeidlich, daß die Regierung eine
erhebliche Reduzierung der Anbaufläche für Mais in Erwägung ziehen
wird, Man erwartet, daß die Anbaufläche ür diese Produkte im Jahr
1954 wie folgt verringert wird: Weizen 16,5 Millionen Acres; Mais
5-6 Millionen Acres} Baumwolle 3,5 Millionen Acres. Ohne sorgfältige Handhabung könnte innerhalb eines einzigen Jahres eine Zweckentfremdung von 25 Millionen Acres produktiven Ackerlandes - etwa
8 Prozent der Gesamtfläche - einen überaus nachteiligen Einfluß
auf die gesamte Wirtschaft ausüben.
Selbst diese Reduktionen werden wahrscheinlich die Überschüsse
an Weizen und Baumwolle nicht wesentlich verringern, da die Wahrscheinlichkeit besteht, daß man versuchen wird, aus den verkleinerten Anbauflächen größere Ernteerträge zu gewinnen und da die
Märkte weiterhin als Folge der starren Preisstützen schwinden werden. Man schätzt, daß beispielsweise auf Landflächen, die dem
Maisanbau entzogen wurden, Hafer, Gerste und Sorghum angebaut
werden, um den Bestand an Futtergetreide auf der derzeitigen Höhe
zu halten, wodurch die mit der Verringerung der Anbauflächen für
Mais verbundene Absicht unwirksam wird.
_,

�"AFRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Es wird ebenfalls erwartet, daß auf etwa 3 Millionen zweckentfremdenden Acres Sojabohnen angebaut werden, wodurch die übermäßig hohen Bestände an Pflanzenölen noch vermehrt werden. Die
Produktion, die auch aus anderen abgezweigten Anbauflächen zu
erwarten ist, bedroht die Farmer, die Kartoffeln, Zuckerrüben,
Reis, Alfalfa, Flachs, Gemüse und viele andere Feldfrüchte anbauen. Aus diesem Grunde müssen wir darangehen, den fundamentalen Ursachen unserer augenblicklichen übermäßig hohen Bestände
an landwirtschaftlichen Erzeugnissen ohne Zögern auf den Grund
zu gehen.
Das landwirtschaftliche Problem der Nation ist nicht das
einer allgemeinen Überproduktion: Der Verbraucherbedarf verläuft weiterhin auf Rekordhöhen oder nähert sich diesen. Die
Durchschnittspreise landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die keine
direkten Preisstützen besitzen, waren in den vergangenen Jahren
genau so hoch, wie die der Produkte mit Preisstützung. Das Problem ist vielmehr in einer unausgewogenen landwirtschaftlichen Produktion zu erblicken, die spezielle, durch die gegenwärtigen starren Preisstützen unvermeidliche Überschüsse zur
Folge hat. Das Problem wird noch kompliziert durch den fortwährenden Verlust einiger Auslandsmärkte, von denen die Landwirtschaft der Vereinigten Staaten zum großen Teil ihren Wohlstand ableitete.
Hauptpunkte des Landwirtschaftsprogramms
Das neue Landwirtschaftsprogramm, das hier vorgeschlagen
wird, stimmt mit allen zuvor erwähnten Verhältnissen und grundlegenden Erwägungen überein. Es weist 5 Hauptmerkmale auf:
1.. Dem neuen Programm sollte zuerst eine Anlaufmöglichkeit
ohne die Belastungen der großen Überschüsse gegeben werden.
Dies kann dadurch erreicht werden, daß gewisse llengen überschüssiger Nahrungsmittel beiseite gestellt werden, indem man
sie von den Preisstützungsberechnungen ausschaltet.
2. Die Landwirtschaftsgesetze des Jahres 1948 und 1949 waren gründlich ausgearbeitet worden und erhielten die Unterstützung beider Parteien. Die Prinzipien»auf die sie sich
gründeten, sind besonders auf die landwirtschaftliche Industrie von heute anwendbar. Obgleich die vorgeschlagene Landwirtschaftsgesetzgebung des Jahres 1954 im allgemeinen auf diesen Grundsätzen beruht, enthält sie doch gewisse neue Merkmale, Verbesserungen und Modifikationen.
3.. Die Abänderung des Landwirtschaftsgesetzes von 1949,
die obligatorische starre Preisstützung vorsieht, den Kriegserfordernissen angepaßt und für Friedenszeiten vollkommen ungeeignet ist, wird hiermit aufgehoben. Nach Einbringung der
Ernte des Jahres 1954 wird das Niveau der Preisstützen für die
grundlegenden landwirtschaftlichen Güter allmählich der Nachfrage angepaßt, wodurch den Farmern eine größere Stabilität des
Einkommens gewährleistet wird.
4.

�"AFRIKA LIJ.NST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

4.. Im Gesetz ist vorgesehen, daß ab I.Januar 1956 für alle
landwirtschaftlichen Verbrauchsgüter eine zeitgemäße Parität in
Kraft treten soll. Es soll dafür Sorge getragen werden, daß
die Oberleitung von der alten auf die neue Parität schrittweise
und zwar um jeweils 5 Prozentpunkte der alten Parität pro Jahr
erfolgt, bis der Wechsel von der alten zur neuen Parität vollzogen ist.
5. Der Schlüssel des neuen Programms besteht in einer allmählichen Angleichung an die neuen Umstände und Verhältnisse.
Die Anwendung der neuen Parität und das Verhältnis der Grundprodukte zur Höhe des Angebots erfordern eine Übergangszeit,
um eine stabile Landwirtschaft zu gewährleisten. Dieser Übergang soll auf vorsichtige und sorgfältige Weise erreicht werden, um scharfe Angleichungen zu vermeiden, die unter Umständen den Erfolg des Programms in Frage stellen würden.
6. In Befolgung des Prinzips des allmählichen Übergangs
wird der Landwirtschaftsminister seine Vollmacht nach dem Landwirtschaftsgesetz von 1949 ausüben, um zu gewährleisten, daß
die von Jahr zu Jahr vorzunehmenden Veränderungen hinsichtlich : .
der Höhe des Stützpreises sich in Grenzen halten.
7.« Der Landwirtschaftsminister behält weiterhin die Vollmacht, Preisstützungen bei mehr als 90 Prozent der Parität anzuwenden, wenn das nationale Wohlergehen oder die nationale
Sicherheit es verlangen.
Parität und Preisstützungen
Nach den Bestimmungen der Landwirtschaftsgesetze der Jahre 1948 und 1949 wird die Regierung:
1) die Preise der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse derjenigen Farmer unterstützen,_die den AnbaubesChränkungen u.
Marktquoten unterliegen;
2) die Preisstützungshöhe für verschiedene Fruchtarten bekanntgeben, bevor diese angepflanzt werden, soweit es möglich
ist;
3) das Preisniveau bis zu 90 Prozent der Parität unterstützen. Für einige Erzeugnisse werden außerdem Mindestpreise
aufgestellt werden gemäß dem Landwirtschaftsgesetz des Jahres
1949» und zwar zwischen 75 und 90 Prozent der Parität nach dem
Verhältnis von Total- und Normalangebot;
4) die Preisstützungshöhe um einen Prozentpunkt verändern
für jeweils 2 Prozentpunkte der Abweichung im Gesamtangebot.
Ist das Angebot zu gering, so wird ein höherer Stützungspreis
zu größerem Anbau ermutigen. Besteht ein überreiches Angebot,
so wird ein niedrigerer Preis den Verbrauch fördern. Hierdurch
wird nicht nur erreicht, daß die Preise der Haupterzeugnisse
eine feste Grundlage erhalten, sondern auch die Schwankungen
in Preis und Angebot werden dahin tendieren, sich gegenseitig
auszugleichen und so das Einkommen des Farmers stabilisieren.
Modernisierte

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Modernisierte Parität
Die Paritätsberechnungen für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnissenbasieren gemäß der alten Formel auf Preisverhältnisse und Kaufgewohnheiten von vor vierzig Jahren. Da
sich die Methoden der landwirtschaftlichen Produktion erheblich geändert haben, hat der Kongreß klugerweise den Paritätsbegriff den heutigen Verhältnissen angepaßt. Die neue Parität
berücksichtigt die Preisverhältnisse der letzten zehn Jahre.
Sie gestattet Veränderungen in der landwirtschaftlichen Technologie und der Verbrauchernachfrage, um sich in der Höhe des
Stützpreises auszudrücken und stellt die wahren Beziehungen
zwischen den landwirtschaftlichen Erzeugnissen wieder her.
Für die Haupterzeugnisse sieht das Gesetz bis zum I.Januar
1956 vor, daß die alte oder die neue Parität Anwendung findet,
je nachdem welche höher ist. Für alle Güter mit Ausnahme von
Weizen, Mais, Baumwolle und Erdnüsse wird die neue Parität bereits angewandt.
Gleiche Behandlung der verschiedenen Güter erfordert, daß
ab I.Januar 1956 - wie im Gesetz verankert - die neue Parität
für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse angewandt wird.
Isolierung der landwirtschaftlichen Produktionsüberschüsse von den Märkten
Die Beseitigung drohender gewaltiger Überschüsse der landwirtschaftlichen Produktion von der laufenden Marktwirtschaft
bildet einen wesentlichen Teil des hier vorliegenden Programms.
Die Vernichtung dieser Überschüsse kann unter keinen Umständen geduldet werden. Sie können von den Märkten abgezweigt
und für konstruktive Zwecke verwendet werden. Man kann sie u.a.
Schulspeisungen zuweisen, bei Katastrophenfällen zur Verfügung
stellen, man kann der Bevölkerung anderer Länder damit helfen
oder auch in der Heimat Reserven bilden für Kriegsfälle oder
sonstige nationale Notstände.
Ich empfehle daher, die Bildung von Reserven im Werte von
2,,5 Milliarden Dollar aus denen, über die zur Zeit die Agrarkredit-Gesellschaft verfügt, zu genehmigen. Die Verwendung dieser "eingefrorenen" Reserven sollte unumschränkter Vollmacht
unterliegen. Diese Vollmacht sollte Hand in Hand gehen mit gesetzlichen Sicherheitsmaßnahmen, um au verhindern, daß diese
Reserven einheimischen oder ausländischen Märkten zugeführt
werden, was Störungen in der Abwicklung der normalen Handelsbeziehungen mit sich bringen würde. Dem Verderb unterliegende Reserven sollen natürlich umgesetzt, Vorratslager für Weizen,
Baumwolle, Pflanzenöle und vielleicht Molkereiprodukte nach dem
Inkrafttreten dieses Programms abgestoßen werden.

Die

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Die besonderen Gegebenheiten in bezug auf die Ernte und der
Zeitpunkt der Einführung des vorgeschlagenen neuen Programms
sollten maßgebend sein für die Schaffung einer jeden Waren-Reserve.
Dieses Reserve-Programm wird dann wirksam sein, wenn es sorgfältig mit dem neuen Programm als ein großes behandelt wird. Die
Isolierung unserer überschüssigen Reserven an Nahrungsmitteln
und Pasern bildet einen wesentlichen ersten Schritt zum Inkrafttreten dieses neuen Programms.
Erweiterung der Märkte im Ausland
Einen unserer wesentlichsten Kanäle für die Abzweigung des
gegenwärtigen Warenüberflusses bilden die uns befreundeten Länder.
Die Verwendung der beträchtlichen Warenmengen kann weiterhin
nachdrücklich vorangetrieben werden dadurch, daß Überschüsse an
Nahrungsmitteln und Pasern zur Unterstützung fremder Länder und
zur Linderung und Hilfe in Katastrophenfällen in größtmöglichem
Umfang zur Verfügung gestellt werden. Ich beantrage eine Portdauer der Erlaubnis, die landwirtschaftlichen Überschüsse diesem
Zweck zugänglich zu machen.
Die Anwendung dieser Maßnahmen genügt jedoch nicht, um die
Überschüsse dem Verbrauch zuzuführen. In keinem landwirtschaftlichen Programm sollten die ständige,wirtschaftliche Entwicklung
und Expansion übersehen werden. Durch den gewaltigen Anstieg
der landwirtschaftlichen Produktivität nach dem zweiten Weltkriege ermöglichten die amerikanischen Farmer es unserem Lande,
in immer größerem Umfang zum Nahrungsmittelbedarf der Welt beizusteuern. Der Aufbau von Märkten zum Absatz dieser erhöhten Produktion bildet einen Teil der größeren Aufgabe, ein freieres
Handels- und Zahlungssystem innerhalb der ganzen freien Welt zu
schaffen.
Da unsere Farmer in großem Umfang von den ausländischen
Märkten abhängig sind, wird ihren Interessen besonders gedient
werden,durch die Arbeit des Landwirtschaftsministeriums, das die
Aufgabe hat, in- und ausländische Märkte zu erschließen. In
meiner Budgetbotschaft werde ich den Einsatz ausreichender Mittel
für diesen Zweck empfehlen.
In der Zwischenzeit werden zahlreiche Handelsmissionen, die
mit unseren überseeischen Vertretungen zusammenarbeiten, aus den
Vereinigten Staaten nach Europa, Asien und Südamerika entsandt
werden, um in allen diesen Ländern die Möglichkeiten zur Erweiterung des internationalen Handels mit Nahrungsmitteln und Pasern zu untersuchen. Außerdem wird der Minister für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Außenminister für einen Meinungsaustausch mit ausländischen Landwirtschaftsministern Sorge
tragen. Es wird dabei alles erörtert werden, was die Verwendung
der landwirtschaftlichen Überschüsse und Vorratshaltungen betrifft.
Verwendung

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�"AMERIKA LILNST" - VtIRTSCHAlT UND ARBEIT

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Verwendung nicht bebauter landwirtschaftlicher Nutzflächen
Außer der Reduzierung von Überschüssen und der erforderlichen Märkteerschließung müssen besondere Maßnahmen ergriffen
werden hinsichtlich der Verwendung von Landflächen, die nicht
dem üblichen Anbausystem unterliegen. Um diese Schwierigkeiten
zu vermeiden, muß die landwirtschaftliche Nutzfläche, die für
die gewöhnliche Ernte entfiel, auf ein Minimum beschränkt werden. Las vorgesehene Programm will dies erreichen durch erhöhten
Warenverbrauch, was dann auch zu der Notwendigkeit führt, die
Einschränkung der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Fortfall
zu bringen.
Wenn Land von der Bebauung zurückgestellt werden muß, so
ist es erforderlich, daß dies im Hinblick auf die Grunderfordernisse der Bodenkonservierung geschieht - nämlich um das Land
zu schützen und zu verbessern. Wo immer diese Bodenausnutzung
auf besondere Schwierigkeiten stößt, werden die für das landwirtschaftliche Programm aufgewendeten Mittel eingesetzt werden,
um den Farmern eine
Erreichung dieser Ziele in der Form zu
ermöglichen, daß die Bodenpflege Förderung erfährt und langfristige Leistungen erzielt werden.
Kleine Farmen
Die hauptsächlichen Nutznießer unserer Preisunterstützungspolitik waren die 2 Millionen größeren, hochmechanisierten Farmen, die etwa 85 Prozent unserer landwirtschaftlichen Erzeugung
auf sich vereinigen. Die Erzeugung der 3,5 Millionen Einzelfarmen ist so jainimgl, daß ihre Bewirtschafter nur geringe Vorteile
aus der Preisunterstützungspolitik ziehen. Im Laufe dieses Jahres wird der Minister für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit
der "National Agricultural Advisory Commission" (Nationaler
landwirtschaftlicher Beratungs-Ausschuß) den Problemen der Besitzer kleinerer Farmen besondere Beachtung schenken.
Folgerung
Las in diesem Abschnitt und in dem folgenden zweiten Teil
vorgeschlagene landwirtschaftliche Programm will neue inländische und ausländische Märkte nicht nur für die gegenwärtig bestehende Produktion, sondern auch für die zukünftige erschließen. Las Programm will eine feste Basis schaffen, an der sich
unsere Farmer halten können, wenn sie langfristige Produktionsund Absatzpläne entwerfen. Jahrein und jahraus wird dieses
Programm die besten Aussichten für stabile und anwachsende
Farmeinnahmen bieten.
Es wird dem Farmer zum völlig gleichwertigen Partner auf
den Märkten verhelfen. Es wird die Schaffung belastender Über=
Produktion vermeiden. Es will die vorherrschende Notwendigkeit
der Produktionsplanung beschränken, das Problem der unbenutzten
Anbauflächen verkleinern und den Farmern größere Entscheidungsund Aktionsfreiheit verschaffen. Es will die landwirtschaftliche
Gütererzeugung mehr dem Verbraucherbedarf anpassen. Es will die
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�"AMERIKA DIENST" - YtlETSChAiT UND ARBEIT

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die landwirtschaftlichen Interessen im Zuge des allgemeinen
öffentlichen Interesses fördern. Es will jeder von Jahr zu Jahr
krasser auftretenden Veränderung der Preise und Einkommen entgegenwirken.
Das Programm will wieder Anregung geben für eine gute landwirtschaftliche Wirtschaftsführung. Es will willkürliche Kontrollen von Seiten der Regierung verhindern und dem einzelnen
Farmer die größtmögliche Freizügigkeit lassen. Es wird für zusätzliche Anreizmittel sorgen, um den besten Gebrauch von allen
unseren landwirtschaftlichen Hilfsquellen zu machen und verspricht dem landwirtschaftlichen Sektor des Landes verläßlichere
und stabilere Einkommensverhältnisse als jeder andere Plan.
Ich befürworte die baldige Genehmigung des Programms durch
den Kongreß.
II. Teil
In diesem Teil der Sonderbotschaft beziehen sich die bereits
im I.Teil entwickelten Grundsätze auf besondere Waren und Warengruppen.
Weizen
Weizen bildet ein Musterbeispiel für die Ergebnisse eines
UnterStützungsprogramms, das nicht in der Lage ist, den notwendigen Bedarf zu decken. Seit dem 16.Dezember 1953 wurden mehr
als 2 Milliarden Dollar aus den Mitteln der Agrarkredit-Gesellschaft in Weizen investiert.
Der Exportmarkt, der für unsere Farmer seit jeher sehr
wesentlich war, war selbst teilweise verantwortlich für die
ausgedehnte Erzeugung amerikanischen V/eizens während der Kriegsund Nachkriegs jähre,. Zur Deckung des Nahrungsmittelbedarfs der
zerstörten Länder behielten die Farmer ihren hohen Erzeugungsstandard auch nach dem Kriege bei und erwiesen so der Menschheit und der Sache des Friedens in der ganzen Welt einen großen Dienst.« Diese großen Absatzgebiete haben sich seitdem verkleinert. Dennoch blieb der Stützungspreis auf dem den Kriegsverhältnissen angepaßten Niveau. Daraus ergibt sich, daß die
Produktion auf dem Kriegsniveau verblieb und jährlich immer umfassendere Mengen dieser Produktion überschüssig wurden.
Auf den ausländischen Märkten bildete das starre Stützungsprogramm der Vereinigten Staaten einen Schirm für andere Konkurrenten. Dadurch wurde eine künstliche Konkurrenzlage geschaffen,
welche den amerikanischen Farmer einen wesentlichen Teil seines
Weizenmarktes auf der ganzen Welt kostete. Während der vergangenen zwei Jahre sank unsere Weizenausfuhr außerhalb des Internationalen Weizenabkommens von 220 Millionen BushelL auf 64
Millionen Busheis, während Kanadas freie Marktverkäufe von
105 auf 161 Millionen Bushel^ anstiegen. So schnürt unsere
Preispolitik gerade den Markt ein, der andererseits unsere
Überproduktion aufnehmen könnte.
Bei
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�"AFRIKA LIEBST" - V H R T S C H A J T UND ARBEIT

13. Januar 1954

Bei Fortdauer des gegenwärtigen Preisstützungsniveaus für
Y.'eizen würden wir uns vor zwei unerwünschte Alternativen gestellt sehen:
1) Herabsetzung der Anbaufläche, so daß nur der Eigenbedarf und geringe Mengen für den Export anfallen. Dadurch würde eine Reduzierung der Weizenanbaufläche um
etwa 40 Prozent, von 79 Millionen Acres, die 1953 bebaut wurden, auf 45 bis 50 Millionen Acres erforderlich.
2) Subventionierung des Weizenverbrauchs durch anwachsende schwere Belastung der Steuerzahler.
Die aufgezeigten Alternativen zeigen immer deutlicher, daß
wir von dem hohen, starren UnterStützungsniveau für Weizen abgehen müssen.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1. Ein wesentlicher Teil des gegenwärtigen Weizenüberschusses vom Markt abgezogen und als Notstandsreserve beiseitegestellt wird.
2. Nach Einbringung der Ernte des Jahres 1954 soll die
Hohe der Preisstützung für Weizen sich nach dem Angebot richten.
Da beträchtliche Überschüsse vorhanden sind, würde die Errechnung des Stützpreises gemäß der Bestimmungen des Landwirtschaftsgesetzes von 1949 eine allmähliche Änderung der Stützungshöhe
gewährleisten. Der Landwirtschaftsminister wird sich mit allen
ihm gemäß dem Landwirtschaftsgesetz von 1949 zu Gebote stehenden
Vollmachten dafür einsetzen, daß die Höhe der Preisstützung nur
geringfügig von Jahr zu Jahr schwankt.
3. Ab I.Januar 1956 soll die Angleichung von der alten auf
die neue Parität um jährlich 5 Prozent vorgenommen werden.
4.» Anbau- und Marktquoten sollen beibehalten werden, wobei
erwartet wird, daß das angeglichene Preisstützungsniveau zu
einer weitergehenden Verwendung von Weizenland für andere Zwecke
beiträgt.
Reis
Preisstützungen für Reis zu einer Parität von 90 Prozent
sind in Jüngster Zeit nicht gewährt worden. Die Marktpreise lagen auf gleicher Höhe wie die Preisstützung oder darüber; Produktionsbeschränkungen waren nicht erforderlich; die Vorräte
sind nicht angewachsen. Immerhin können die derzeitigen Preisstützungen für Reis eine etwa erforderliche Angleichung verhindern, wie es auch bei Weizen der Fall war, als eine Angleichung notwendig wurde.
Es wird daher empfohlen, daß die zwangsweisen Preisstützungen für Reis zu einer Parität von 90 Prozent nach Einbringung der
Ernte von 1954 aufhören.
Mais
Mais ist ein wesentlicher Faktor in der Futtergetreide« und
Viehwirtschaft. Diese Wirtschaft ist ein vielfach ineinandergrei- 14 -

�•AiüKhUCA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AfiBLIT

13*- Januar 1954

ineinandergreifender Prozeß der Erzeugung von Futtermitteln und
damit der Aufzucht von Vieh, das wiederum in Form von Fleisch,
Molkereiprodukten und Eiern in den Konsum wandert. Preise sind
ein wesentlicher Faktor, um diese Wirtschaft im Gleichgewicht
zu halten, da sie jeweils eine Verstärkung oder Verminderung
der Viehhaltung bewirken, die Futtermittel rationieren, wenn
Mangel daran herrscht, und umgekehrt ihren Konsum von Fleisch
erhöhen, wenn dieses reichlich vorhanden ist. Wenn der Mais
nutzbringend verwertet werden soll, so ist eine gewisse freie
Preisgestaltung unerläßlich.
Ein starres System hoher Preisstützungen für Futtergetreide birgt die Gefahr einer Minderung unseres Viehbestandes und
einer mengenmäßigen Begrenzung der Vieherzeugnisse für den Konsum. Wir haben in der Maiserzeugung große Fortschritte gemacht,
die zum Teil auch dem Konsumenten in Form von verbilligten
Fleisch- und Molkereiprodukten zugute kamen. Unser Preisstützungsprogramm für Mais soll diese Tendenz fördern.
Maisfelder und Mais haben für den Farmer etwa die gleiche
Bedeutung wie Weideland und Heu. Nur in Ausnahmefällen gelangen
mehr als 25 Prozent des angebauten Maises auf den Markt, wobei
noch der größte Teil hiervon von anderen Farmern als Futtermittel
verwendet wird. Die Farmer sind also die Hauptkonsumenten von
Mais. Daraus geht hervor, daß durch einen hohen Stützungspreis
für diejenigen Farmer, die Mais zum Verkauf anbauen, die Selbstkosten derjenigen Farmer, die Mais und anderes Futtergetreide
einkaufen müssen, erhöht werden.
Die im Landwirtschaftsgesetz von 1949 vorgesehenen variablen Preise und Einkommens-Ausgleichsmaßnahmen sind im ganzen zur
Lenkung des Preisstützungsprogramms für Mais sehr geeignet. Die
darin festgelegte Höhe des Stützungspreises zielt darauf ab,
Absatzmöglichkeiten für Mais zu schaffen. Dadurch können die
Viehzüchter laufend mit einem Angebot von Futtermais zu tragbaren Preisen rechnen.
Nach der bisherigen Paritätsberechnung liegt der Stützungspreis für Mais im Verhältnis zu den Preisen für Fleisch und
Molkereiprodukte zu hoch. Die neue Parität, die am I.Januar
1956 in Kraft treten soll, wird dazu beitragen, dieses außerordentlich wichtige Preisverhältnis auszubalancieren.
Daher wird empfohlen:
1) die neue Parität für Mais ab I.Januar 1956 in Kraft ztt
setzen mit der Maßgabe, daß die jährliche Übergangsrate auf
5 Prozent begrenzt bleibt;
2) mit Ausnahme der Maßnahmen unter 3) und 4) die im Landwirtschaftsgesetz von 1949 vorgesehenen Bestimmungen bereits
auf die Maisernte des Jahres 1955 und der folgenden Jahre anzuwenden;
3) das Gesetz von 1949 dahingehend zu ergänzen, daß bei
einer Parität zwischen 75 und 90 Prozent eine Veränderung des
Angebots um 1 Prozent der Stützpreise ebenfalls um 1 Prozent
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13. Januar 1954

1 Prozent variiert, wodurch die Stützpreise für Mais elastischer
werden und eine übermäßige Vorratsbildung auf staatlicher Seite
verhindert wird;
4) ein Gesetz zu erlassen, demzufolge der in das nächste
Erntejahr überzunehmende Gesamtlagerbestand an Mais sich von
1G auf 15 Prozent des Inlandsverbrauchs zuzüglich der Exporte
erhöht; das Gesetz soll für das Ernte jähr 1955 in Kraft treten.
Dies würde zu einer Stabilisierung des Angebots in Futtermitteln
beitragen und die Auswirkungen der derzeitigen Vorräte aus den
Übernahmequoten auf künftige Produktionskontrollen und die Höhe
der Stützungspreise vermindern;
5) bei Annahme obiger Empfehlungen das System der Absatzquoten abzuschaffen.
Futtergetreide, ausschließlich Mais
Das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahre 1949 sieht die
Preisstützung für solche landwirtschaftliche Produkte vor, die
nicht zu den sechs wichtigsten Bodenprodukten rechnen, wie für
Hafer, Gerste und Sorghum, in Höhe von maximal 90 Prozent des
Paritätspreises. Die Höhe der Preisstützung, die Form und die
Bedingungen sowie die zeitliche Dauer ihrer Gewährung werden
durch das landwirtschaftsministerium unter Berücksichtigung der
verschiedenen Auflagen des Gesetzes festgelegt.
Insoweit sich dieses Programm in der Durchführung bewährt
hat, empfehle ich seine Weiterführung.
Schlachtvieh
Die Tatsache, daß die obligatorischen Preisstützen im Falle von Schlachtvieh nicht im Einklang mit den Erfordernissen
stehen, ist dem Landwirtschaftsministerium seit Jahren schon
bekannt. Die neue Gesetzesvorlage sieht Bestimmungen vor, die
geeignet sind, eine Lösung der Probleme der Viehzüchter herbeizuführen.
Molkereiprodukte
Das Landwirtschaftsgesetz von 1949 fordert eine Preisstützung für Molkereiprodukte zu einer Parität zwischen 75 und
90 Prozent, sofern dies für eine ausreichende Belieferung des
Marktes notwendig ist. Es sind hier genügend Möglichkeiten
offengelassen worden, um das Programm zufriedenstellend durchführen zu können. Ich empfehle, diese gesetzlichen Bestimmungen
auch weiterhin beizubehalten,
Geflügel und Eier
Die Geflügelzüchter haben keinen generellen Wunsch nach
einer Preisstützung zu erkennen gegeben. Zu Zeiten und unter
besonderen Umständen kann sich eine Preisstützung jedoch als
eine große Hilfe erweisen.
Es
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�"AMERIKA DIENST" - YvIETSCHAJT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Es wird deshalb folgendes empfohlen:
1) die Bestimmungen des Gesetzes aus dem Jahre 1949 für Geflügel und Eier beizubehalten mit uneingeschränkter Vollmacht
des Landwirtschaftsministers die Preise bis zu, aber nicht über
90 Prozent der Parität zu stützen;
2) die uneingeschränkte Vollmacht, Geflügel aufzukaufen
für Schulspeisungen, gemeinnützige Institutionen und für gewisse andere Zwecke»
Baumwolle
Baumwolle ist ebenso wie Weizen ein exportorientierted Erzeugnis, dessen Stützpreis gegenwärtig über dem des Weltmarktniveaus liegt. Die Vofräte sind in den USA in den beiden letzten
Jahren schnell angewachsen. Diese Lager werden im August wahrscheinlich etwa 9,6 Millionen Ballen erreichen. Diese Menge entspricht in etwa einem vollen Jahresbedarf der USA.
Unser sehr straffes Preisstützungsprogramm fördert den Wettbewerb der ausländischen Erzeuger und vermindert unsere Exporte.
Während der zwanziger Jahre und zu Beginn der dreißiger übertrafen die Nettoexporte an Baumwolle im allgemeinen den Eigenverbrauch. Die gegenwärtigen Exporte belaufen sich auf kaum
ein Drittel des weit größeren Eigenbedarfes. .
Unsere Aufgabe ist es, ein Programm zu entwickeln, das den
Erzeugern hilft, sich allmählich den wandelnden Verhältnissen
anzupassen, einschließlich dem steigenden in- und ausländischen
Wettbewerb.
Das Landwirtschaftsgesetz des Jahres 1949 sieht Preisstützungen für Baumwolle auf der Höhe zwischen 75 Prozent und 90
Prozent der Parität vor, je nach Höhe des Angebots. Auf diese
Weise gleichen sich die Veränderungen in Angebot und Preis untereinander aus und sichern so ein verhältnismäßig stabiles Einkorns
men. Dieser Plan läßt begrenzte Preisschwankungen zu und gibt
so den Parmern einen vernünftigen, stabilen Markt und bietet zugleich einen Anreiz für einen erhöhten Baumwollverbrauch in
Jahren des Überflusses.
Durch Sondergesetze wurden die Preisangleichungsbestimmungen des Gesetzes des Jahres 1949 für Baumwolle außer Kraft gesetzt. Der Landwirtschaftsminister ist jetzt durch das Gesetz
ermächtigt, derartige Markt- und Ankaufquoten festzusetzen, damit das vorgesehene Preisstützungsniveau selten, wenn überhaupt,
unter 90 Prozent der Parität fallen kann. Anstatt sich teilweise auf die Gruüclpreisskalen, wie sie in dem Gesetz aus dem
Jahre 1949 vorgesehen sind, zu verlassen, erfordert das Gesetz
fast ausschließlich eine Ausrichtung auf die Produktionskontrollen.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) ein wesentlicher Teil der gegenwärtig zu erwartenden
großen Lagerbestände an Baumwolle, besonders gelagert wird als
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�"AMERIKA DIENST" - MRTSüHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

als Reserve für den Notfall und aus dem Markt genommen wird;
2) nach der Ernte 1954 die Höhe des Stützpreises für Baumwolle dem Verbrauch angepaßt wird. Auf Grund der beträchtlichen
Einlagerungsreserve gewährleisten die Berechnungen der.Stützungshöhen nach dem Landwirtschaftsgesetz von 1949» daß Veränderungen
der Stützungshöhen allmählich erfolgen. Der Landwirtschaftsminister wird die Vollmachten des Landwirtschaftsgesetzes Von
1949 benutzen, um zu gewährleisten, daß die jährlichen Schwankungen in der Preisstützungshöhe begrenzt bleiben»
3) die neue Parität für Baumwolle wie vorgesehen ab
I.Januar 1956 wirksam wird;
4) der Kongreß die gegenwärtig bestehenden Bestimmungen
aufhebt, wodurch die Maximalanwendung der Produktionsbeschränkungen erforderlich wird, ehe irgendeine Senkung des Preisstützungsniveaus möglich ist»
Tabak
Die Tabakpflanzer haben ihre Fähigkeit bewiesen, die Produktion auf den Bedarf abgestimmt und gleichzeitig auf der
Preisstützungshöhe gehalten zu haben, ohne daß für die Regierung Verluste entstanden. Die verhältnismäßig kleinen Anbauflächen für Tabak und die wenigen Gebiete, die für Tabakanbau
geeignet sind, haben die Anwendung der Produktionskontrolle
leichter gemacht als für andere Erzeugnisse.
Der Unterstützungssatz beträgt für die/Snbaukontrollen :
unterliegenden Erzeuger 90 Prozent des Paritätspreises in jedem
Jahr, in welchem Marktquoten in Kraft sind.
Es wird empfohlen, das Tabakprogramm in der gegenwärtigen
Form fortzusetzen.
Erdnüsse
Das Gesetz erfordert, daß die vorgeschriebene Preisstützung
von 90 Prozent für Erdnüsse bis Ende 1954 weitergeführt wird und
die alte Parität bis Ende des Jahres 1955 in Kraft bleibt.
Dieses Programm, bei dem sich bei der Angleichung von Angebot und Nachfrage auf den Stützungspreis einige Schwierigkeiten
ergaben, kann jedoch bei Vornahme gewisser Änderungen wirkungsvoll arbeiten.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahre 1949 für Erdnüsse am 1.Januar 1955 in Kraft tritt;
2) der Übergang zur neuen Parität für Erdnüsse entsprechend
den gesetzlichen Bestimmungen am I.Januar 1956 eingeleitet wird;
3) eine Übergangsregelung erfolgt, um die Änderung von der
alten auf die neue Parität nicht größer werden zu lassen als
5 Prozent.
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Aleunte18 -

�"AjaEhlKA LIEHST" - 'WIRTSCHAFT ÜML ARBEIT

13. Januar 1954

Aleurite-Samen und Honig
Aleurite-Samen und Honig sollten zu der gleichen Kategorie
wie andere Erzeugnisse gehören, für die Preisstützungen zwar
zulässig, aber nicht unbedingt erforderlich erscheinen. Es wird
deshalb empfohlen, daß die vorgeschriebene Preisstützung für
diese Produkte eingestellt wird.
Ölsaaten
Preissubventionen sind vorgesehen für Sojabohnen, Baumwollsamen und Flachs, wobei 90 Prozent der Parität nicht überschritten werden dürfen. Es wird empfohlen, daß die Bestimmungen des
Landwirtschaftsgesetzes von 1949 für diese Erzeugnisse weiterhin in Kraft bleiben.
Obst und Gemüse
Las gegenwärtige Gesetz erlaubt 30 Prozent der Zolleinnahmen zur Förderung des Exportes und Inlandsverbrauchs landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu verwenden. Im Fall einer
Marktstörung können diese Mittel benutzt werden, um einen
begrenzten Ankauf des Marktüberschusses solcher verderblicher Güter wie Obst und Gemüse zu ermöglichen. Ankäufe sollen
in solchen Fällen nicht geschehen, wenn Absatzmöglichkeiten
nicht vorhanden sind.
Es wird deshalb folgendes empfohlen:
1) die gegenwärtigen Bestimmungen über die Verwendung der
aus den Zolleinkünften stammenden Fonds beizubehalten;
2) die Vollmachten für die Anwendung von Marktabkommen
weiterzufahren und zu liberalisieren um
a) die Einbeziehung weiterer Produkte auf die Marktregelungen zu gewährleisten;
b) die Vollmachten der auf Grund der Marktordnung geschaffenen Stellen zu erweitern und zu klären, sich
innerhalb vernünftiger Grenzen in Marktforschungsarbeiten entsprechend den Marktaufträgen einzuschalten
oder diese zu finanzieren;
c) die störungsfreie Lurchführung der Marktabkommen
trotz kurzfristiger Preisschwankungen und erforderlichenfalls die reibungslose Verteilung während der
Marktsaison zu gewährleisten;
d) Erweiterung und Klarstellung der Vollmachten für
die Anwendung der Marktordnung, um die Wirksamkeit der
Märkte zu erhöhen; hierzu gehören auch die Bestimmungen über die Verpackung von Frischobst und Frischgemüse.
Kartoffeln
Es wird empfohlen, daß der Gesetzgeber ermächtigt wird,
de Kartoffelanbauern die gleichen Hilfsmaßnahmen zu gewähren
wie den Erzeugern von Obst und Gemüse.
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Zucker
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�"AFRIKA D I ^ S T " - Y.IBISCiiAlT UND ARBEIT

1 3 . J a n u a r 1954

Zucker
las Zuckerprogramm, das 1951 erweitert wurde, arbeitete allgemein zufriedenstellend. Es wird empfohlen, daß dieses Programm
in seiner bisherigen Form weitergeführt wird»
Wolle
Die Preisstützungen für Wolle in einer Höhe, die über dem
Marktpreis liegt, hatte zur Folge, daß sich bei der A_r rkreditGesellschaft sowie durch die Bevorzugung von Imporg-Wolle gegenübe der einheimischen riesige Vorräte angesammelt haben - heute
sind etwa 100 Millionen Pfund Wolle eingelagert. Zwei Drittel
der Wolle, die in den USA verarbeitet wird, ist importiert,
während sich die einheimische Wolle in den Lagerhäusern zu Bergen stapelt.
Hier '.st ein Programm erforderlich, das gleichbleibende
R ckvergütungen an den Schaf Züchter vorsieht, und der Erzeugung
und dem Markt genügende Anreize bietet. Die staatlichen Vorschriften für Erzeuger und Verarbeiter sollten auf einem Mindestmaß gehalten werden, so daß Steuerzahler und Verbraucher
nur geringstmögliche Lasten zu tragen haben, sie müssen dabei
mit der allgemeinen Agrarpolitik und der internationalen Handelspolitik vereinbar sein.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) sich der Preis für im Inland erzeugte Wolle bilden sollte, indem er mit dem anderer Fasern und der Importwolle in Wettbewerb tritt und so nur ein Wollpreis entsteht - nämlich der
Marktpreis *
2) die Direktzahlungen an den einheimischen Erzeuger in
ausreichender Höhe geleistet werden, wenn diese dem durchschnittlichen Marktpreis der Saison zugeschlagen sind, um den
Durchschnittserlös pro Pfund auf 90 Prozent der Parität zu
heben;
3) jeder Erzeuger die gleiche Vergütung für Jedes Pfund
Wolle erhält statt einer variablen Rate, die von äem erzielten
Marktpreis abhängt. Wenn jeder Erzeuger einen angemessenen
Gewinn aus dem Markt ziehen kann, werden ausreichende Produktion und wirksame Marktmethoden gefördert. Dies bietet den
weiteren Vorteil, daß seitens der Regierung nicht unbedingt
Subventionen geleistet, oder andere Vorschriften-Regulierungen
für die des Marktes erlassen werden müssen. Darüber hinaus
erhebt sich keine Notwendigkeit für zeitweilige Importkontrollen,
die das einheimische Preisstützungsprogramm schützen sollen^
4) Mittel für Stützungskäufe bei Wolle der Staatskasse entnommen werden, und zwar bis zur Höhe der nicht zweckgebundenen
Zolleinnahmen für Wolle;
5) ähnliche Methoden der Stützung angewendet werden sollen
für Wollzüge und für Mohais unter besonderer Berücksichtigung der
Preisbeziehungen zu ähnlichen Erzeugnissen.
Dwight D. Eisenhower
Weißes Haus, 11.Januar 1954
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�: A M E R I K A

D I E N S T

WORTLAUT DER KONGRESSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER
ÄNDERUNGSVORSCHLÄGE DER ARBEITSGESETZGEBUNG
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — In einer Botschaft unterbreitete Präsident Eisenhower dem
amerikanischen Kongreß verschiedene Vorschläge
zur Abänderung der amerikanischen Arbeitsgesetzgebung, insbesondere des Taft-Hartley-Streikgesetzes. Die Botschaft hat folgenden Wortlaut:
Hiermit unterbreite ich dem Kongreß zur Begutachtung eine
Reihe von Empfehlungen über eine Änderung der bestehenden arbeitsgesetzlichen Bestimmungen. Diese Empfehlungen berücksichtigen die Interessen sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber. In einem weiteren Sinne liegen diese Änderungsvorschläge im Interesse unseres gesamten Volkes, dessen Wohlergehen in so hohem Maße von der gegenseitigen Achtung und dem
guten Einvernehmen zwischen den Sozialpartnern abhängt.
Die Geschichte der Arbeitsgesetzgebung ist lang und reich
an Konflikten. Es hat lange gedauert, ehe sich gewisse Rechtsgrundsätze herauskristallisierten, die auf dem so verwickelten
Gebiet der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern von beiden
Teilen als Basis für eine Einigung anerkannt werden konnten.
Obgleich diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und
vielleicht nie zu einem Ende kommen kann, haben wir auf diesem
Gebiet inzwischen so viele praktische Erfahrungen gesammelt
und eine solche politische Reife erlangt, daß der Arbeitsfrieden
in jüngster Zeit verhältnismäßig wenig gestört war. Daher sind
im gegenwärtigen Zeitpunkt durchgreifende gesetzliche Neuerungen auf diesem Gebiet weder wünschenswert noch erforderlich.
Die Arbeitsgesetzgebung des Bundes kann bestenfalls den
Rahmen für freie Tarifverhandlungen bilden. Sie darf die Beziehungen zwischen den beiden Sozialpartnern, die sich in erster Linie durch Gutwilligkeit und Aufgeschlossenheit auszeichnen sollten, nicht durch willkürliche Beschränkungen oder einen
schwerfälligen Apparat belasten.
Das Bundesgesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten - der sogenannte Wagner-Act - angenommen im Jahre 1935
mit Unterstützung beider Parteien - wurde erlassen, um das

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das Recht der arbeitenden Männer und Frauen Amerikas auf Koalitionsfreiheit und Führung von Kollektivverhandlungen mit den Arbeitgebern durch selbstgewählte Vertreter gesetzlich zu fixieren.
Mit wachsender Stärke der Gewerkschaften erwies es sich als notwendig, die legitimen Rechte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
zu schützen und die Gesamtheit des Volkes vor den Folgen nicht beigelegten Arbeitsstreitigkeiten zu bewahren, die möglicherweise
eine Gefährdung des Wohls und der Sicherheit der Nation nach sich
ziehen. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 1947 das Gesetz über die
Beziehungen zwischen den Sozialpartnern, das als das sogenannte
Taft-Hartley-Gesetz bekannt ist, mit der Mehrheit beider Parteien
angenommen.
Alle Gesetze, die der Kongreß auf dem Gebiet des Arbeitsrechtes
erlassen hat, bauen sich auf den bereits bestehenden Gesetzen auf.
Es gab keinen Rückschritt, und das Gesetz über die Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern vom Jahre 1947 bildete keine Ausnahme.
Es bezieht sich auf das Gesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten und hat das Recht der arbeitenden Männer und Frauen auf
Koalitionsfreiheit und zur Führung von Kollektivverhandlungen mit
ihren Arbeitgebern nicht nur bestätigt, sondern untermauert. Dieses Recht wird nur gesetzlich geschützt und es sollte fortan Teil
der Politik unserer Regierung sein, diesen Schutz zu garantieren.
Das Gesetz über die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern
vom Jahre 1947 hat Hand und Fuß. Aus den Erfahrungen jedoch, die
wir in der Anwendung des Gesetzes machten, geht hervor, daß Änderungen angebracht wären, um den Grundgedanken schärfer herauszuarbeiten.
Der Erlaß einer einstweiligen Verfügung in arbeitsrechtlichen
Fragen ist stets ein strittiges Problem gewesen. Hingegen liegt
es auf der Hand, daß die mit einer einstweiligen Verfügung erreichte
Zurückhaltung der streitenden Parteien einfach im Interesse der Gerechtigkeit liegt, wenn ein nicht wieder gut zu machender Schaden
droht. Wo das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern jedoch auf
Kollektivverträgen aufgebaut ist, hat der Erlaß einer einstweiligen
Verfügung allerdings oft die Beilegung eines Streitfalls, auf Grund
dessen die Verfügung überhaupt erst erlassen wurde, noch erschwert.
Daher empfehle ich, daß bei Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf Grund des Gesetzes über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten in solchen Fällen, in denen das Verhältnis zwischen den
Sozialpartnern auf Kollektivverträgen basiert, die Schlichtungsorgane des Bundes einen örtlichen Ausschuß einsetzen, der gemeinsam
mit beiden Parteien zum Zwecke der Beilegung des Streitfalles verhandelt. Weiter empfehle ich, daß in Secondary-Boycott-Fällen *
Antragsstellung auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung Ermessenssache ist.
Die in diesem Gesetz gegen Sympathiestreiks enthaltenen Verbote dienen dem Zweck, unbeteiligte Dritte vor Nachteilen zu
schützen, die ihnen aus Arbeitsstreitigkeiten,in die sie nicht
* Ein Streik gegen einen Unternehmer, der Materialien eines bestreikten Betriebes verwendet oder verkauft} unterscheidet sich
von einem Sympathiestreik dadurch, daß eine Geschäftsverbindung
zwischen den Unternehmern des Hauptstreiks und des Secondary
Streik existiert.
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nicht verwickelt sind, erwachsen können. Der echte SecondaryBoykott kann nicht gebilligt und geduldet werden. Das Gesetz
soll jedoch berechtigte Kollektivmaßnahmen gegen andere als
unbeteiligte Dritte nicht verbieten. Ich empfehle daher, das
Gesetz genauer zu formulieren und klar festzulegen, daß 1.)
Kollektivmaßnahmen gegen einen Arbeitgeber, der im Auftrag eines
anderen Arbeitgebers, dessen Belegschaft sich im Streik befindet,
einen Subkontrakt ausführt, oder 2.) gegen einen Arbeitgeber,
der gemeinsam mit anderen Arbeitgebern im Rahmen eines gemeinsamen Bauvorhabens bei diesem Projekt den Auftrag ausführt,
nicht als Secondary-Boykott anzusehen sind.
Nach der jetzigen Fassung des Gesetzes ist es den wegen
Lohnforderungen streikenden Arbeitern untersagt, an Wahlen von
Vertretern zur Führung von Kollektivverhandlungen teilzunehmen.
Um es einem Arbeitgeber unmöglich zu machen, die Gewerkschaft
seiner Arbeitnehmer unter Benutzung dieser Bestimmung auszuschalten, empfehle ich, es möge dem Bundesschlichtungsausschuß im
Falle von Lohnstreiks untersagt sein, dem Antrag eines Arbeitgebers auf Aberkennung des Vertretungsrechtes der streikenden
Gewerkschaft stattzugeben. Ich empfehle ferner, den Schlichtungsausschuß dahingehend anzuweisen, daß er innerhalb von vier Monaten nach Streikbeginn keinem Antrag einer anderen Gewerkschaft,
die die Arbeitnehmer zu vertreten, vorgibt, stattgeben darf. Das
Verbot, dem Antrag eines Arbeitgebers stattzugeben, soll für die
Dauer des Streiks gelten, vorbehaltlich einer anderen Frist» die
ich auf ein Jahr zu beschränken vorschlage.
Das Gesetz ist dahingehend ausgelegt worden, daß selbst bei
Vorliegen eines Kollektivvertrages beide Parteien berechtigt sind,
auf einer Wiederaufnahme der Vertragsverhandlungen zwecks Erörterung von Fragen zu bestehen, die bei Vertragsabschluß nicht
Gegenstand der Verhandlungen gewesen sind. Auf diese Weise ist
es möglich, daß die Beziehungen zwischen den beiden Sozialpartnern nicht einmal für die Laufzeit des Vertrages stabilisiert
sind. Ich empfehle daher, das Gesetz möge so abgeändert werden,
daß beide Sozialpartner vor weiteren Verhandlungen, ehe der noch
gültige Vertrag abgelaufen ist, geschützt werden, es sei denn,
daß der Vertrag dies ausdrücklich vorsieht oder beide Vertragspartner sich damit einverstanden erklären.
Die für den Fall eines nationalen Notstandes vorgesehenen
Bestimmungen des Gesetzes sind im Interesse des Wohles unseres
Volkes und der nationalen Sicherheit von wesentlicher Bedeutung.
Gemäß der jetzigen Fassung des Gesetzes muß der Untersuchungsausschuß, der die Ursachen der den Notstand bedingenden Streitigkeiten festzustellen hat, dem Präsidenten Bericht erstatten, ohne
seine Empfehlungen beizufügen. Demgegenüber empfehle ich, den
Präsidenten zu ermächtigen, vom Ausschuß Empfehlungen einzuholen,
und zwar nachdem dieser seinen letzten Bericht unterbreitet und
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, und - falls
die
Streitigkeiten nicht bereits beigelegt sind - den Ausschuß wieder
einzuberufen und ihn um Abgabe von Empfehlungen zwecks Beilegung

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Beilegung der Streitigkeiten zu ersuchen. Obwohl die Empfehlungen des Ausschusses für die streitenden Parteien nicht bindend
sein können, messen wir doch den Empfehlungen sachkundiger und
unparteiischer Männer bei der Beilegung von Lohnstreitigkeiten,
die das Wohl des Volkes und die nationale Sicherheit bedrohen,
große Bedeutung zu»
Die Arbeiter der Vergnügungs-, Bau- und Schiffsbauindustrie
sehen eich einem besonders gearteten Problem gegenüber, da sie
in der Regel Gelegenheitsarbeit leisten und in keinem festen Arbeitsverhältnis stehen. Pur diese Berufe empfehle ich daher,
es möge dem Arbeitgeber gestattet werden, mit der jeweils in
Frage kommenden Gewerkschaft vor Anstellung einen Vertrag abzuschließen, auf Grund dessen die Gewerkschaft zunächst als der
Vertreter des Arbeitsnehmers bei Kollektivverhandlungen auftritt.
Weiter empfehle ich, es möge den Arbeitgebern und Gewerkschaften
dieser Industrien gestattet werden, einen Vertrag zwischen Betriebsführung und Gewerkschaft abzuschließen, gemäß dem die Angestellten innerhalb sieben Tagen nach Arbeitsaufnahme einer
Gewerkschaft beizutreten haben.
Nach der gegenwärtigen Passung des Gesetzes sind sowohl Gewerkschaften als auch Arbeitgeber für die Handlungen ihrer Bevollmächtigten verantwortlich. Um klarzustellen, daß eine Gewerkschaft nicht für die Handlungsweise eines einzelnen Mitgliedes nur wegen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gewerkschaft verantwortlich gemacht werden kann, empfehle ich eine Abänderung
des Gesetzes dahingehend, daß auch für solche Fälle die traditionellen Bestimmungen des Common Law über die Stellvertretung
angewendet werden können.
Das Gesetz sieht gegenwärtig vor, daß sich nur solche Gewerkschaften an den Bundes-Schlichtungsausschüfi wenden können,
deren Funktionäre eidesstattliche Versicherungen darüber abgegeben haben, daß sie nicht Mitglied kommunistischer Organisationen
sind. Auf Arbeitgeber treffen diese Bestimmungen gegenwärtig
nicht zu. Ich empfehle, sie auch auf Arbeitgeber auszudehnen.
Besondere Gesetzesentwürfe, die sich mit der kommunistischen Infiltration im allgemeinen befassen, werden zur Zeit geprüft.
Falls nun neu in Kraft tretende Gesetze die Bestimmung dieses Gesetzes über die eidesstattliche Versicherung, nicht einer kommunistischen Organisation anzugehören, überflüssig machen, werde
ich ihre völlige Aufhebung empfehlen.
Das Recht auf Redefreiheit gehört zu den Grundfreiheiten.
Der Kongreß sollte klar herausstellen, daß das Recht der Redefreiheit, so wie es jetzt im Gesetz definiert ist, auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen in all ihren Beziehungen
zutrifft.
Das Gesetz verbietet es,heute einem Arbeitgeber, einen Beitrag zur Unterstützung des Fürsorge-Fonds der Gewerkschaften
zu leisten, wenn der Fonds nicht gewissen Ansprüchen gerecht
wird. Die diesbezüglichen Vorschriften sind tkriZuretchehd für
den Srhnt£ tmJ'älc Brh£ltninfi aöle^Ji? P-riie, die treuhänderisch

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treuhänderisch zugunsten des einzelnen Gewerkschaftsmitgliedes
verwaltet werden. Ich möchte dem Kongreß empfehlen, eine eingehende Untersuchung der Unterstützungs- und Pensionsfonds, die
auf Grund von Tarifverträgen verwaltet werden, einzuleiten mit
dem Ziele, Gesetze zum Schutze und der Srhaltung dieser Fonds
im Interesse der Millionen berufstätiger Männer und Frauen, denen
sie zugute kommen, zu erlassen.
Das Gesetz soll klar definieren, daß die Bundesstaaten und
m
Territorien im Falle von Notständen, die die Gesundheit oder Sicherheit der Bürger gefährden, nicht infolge eines etwaigen tatsächlichen oder angenommenen Widerspruchs mit der Bundesgesetzgebung,des Rechts verlustig gegangen sind, bei derartigen Notständen einzugreifen. Die Notwendigkeit, die Frage der Zuständigkeit auf arbeitsrechtlichem Gebiet zwischen den Regierungsbehörden des Bundes, der Einzelstaaten und der Territorien zu klären, wurde erst kürzlich durch die jüngste Entscheidung des
Obersten Bundesgerichtes zu dieser Angelegenheit mit ihren weitreichenden Implikationen unterstrichen. Die Leiter der zuständigen
Behörden und Ministerien untersuchen gegenwärtig auf mein Ersuchen hin die verschiedenen Gebiete, auf denen Überschneidungen der
einzelnen Aufgabenbereiche zu verzeichnen sind*. Nach Abschluß
dieser Untersuchungen werde ich dem Kongreß meine Gesetzesvorschläge zur Bereinigung dieses Mangels unterbreiten.
Im Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer gibt es nichts,
was den einzelnen Arbeitnehmer.so trifft wie die Einbuße seines
Lohnes, wenn er zum Streik aufgefordert wird. Bei einem so wichtigen Beschluß sollte ihm Gelegenheit gegeben werden, sich in einer unter Segierungsaufsieht durchgeführten geheimen Abstimmung
frei zu entscheiden.
Außerdem empfehle ich zwei weitere Abänderungen dieses Gesetzes. Die Vollmacht des Arbeitnehmers zur Einbehaltung der
Gewerkschaftsbeiträge durch seinen Arbeitgeber sollte nicht vor
Ablauf des Kollektivvertrages erlöschen, in dem diese Bestimmung
enthalten ist, es sei denn, der Arbeitnehmer zieht diese Ermächtigung vorher zurück. Die gesetzlichen Bestimmungen, denen zufolge die Gewerkschaften über ihre Organisation und FinanzVerhältnisse berichten müssen, sollten vereinfacht werden, um Wiederholungen in der Berichterstattung zu vermeiden.
Ich darf wohl hoffen, daß der Kongreß die genannten Änderungen umgehend vornimmt, denn durch sie werden die Grundgedanken
des Gesetzes scharfer herausgearbeitet. Ich bin sicher, daß die
zuständigen Kongreßausschüsse den Wunsch haben, dieses Gesetz
ständig zu überprüfen und unter Berücksichtigung der damit gemachten Erfahrungen weitere Zusätze einzubringen, um seine Ziele
erreichen und seine praktische Durchführung ständig verbessern
zu können.
Die Regierung sollte stets darauf bedacht sein, vernünftige
und krisenfeste Maßnahmen zur Verbesserung des Loses der im Berufsleben stehenden Männer und Frauen zu finden, sich dabei aber bewußt bleiben, daß die Arbeitsbedingungen und -anforderungen ebenso

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ebenso Veränderungen unterworfen sind wie die produzierten
Güter, die Gewohnheiten und Bedürfnisse der arbeitenden Menschen.
Es ist eine der vordringlichsten Aufgaben der Regierung, die
Hoffnungen und Wünsche der arbeitenden Bevölkerung unseres Landes genau zu definieren,so daß allen die Möglichkeit gegeben
wird, einen angemessenen Anteil zu haben an den Erfolgen der
schöpferischen Leistungen unserer Zeit* die die Grundlage für
die materiellen Annehmlichkeiten der Gegenwart und für unsere
großen Hoffnungen auf die Zukunft sind.

* * * * #

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D I E N S T

Zum besseren Verständnis des von Präsident
Eisenhower in seiner Kongreß-Botschaft aufgezeigten neuen Farmprogramms, geben wir
nachstehend einige Erläuterungen über die
wichtigsten Begriffe in der US-AgrarGesetzgebung.
HINTERGRUNDMATERIAL ZUM NEUEN ÜS-PARMPROGRAMM
Washington — (Amerika Dienst) — Das Prinzip der Preisstützung für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse
wurde von Präsident Eisenhower in seiner dem US-Kongreß am
11. Januar zugeleiteten Sonderbotschaft über die Lage der
Landwirtschaft nicht in Zweifel gezogen. Damit ist dieses Prinzip nunmehr als Mittel zur Sicherung stabiler Verhältnisse in
der Landwirtschaft anerkannt.
Es ging gar nicht um ein ja oder nein zur Frage der Preisstützung, sondern um die Frage, ob die Preise auf einer Paritätsbasis von 90 Prozent zu stützen seien, oder aber nach einem
flexibleren Verfahren, das dem Landwirtschaftsminister die
Möglichkeit bieten würde, die Preisstützung auf einer Paritätsbasis zwischen 75 und 90 Prozent zu variieren.
Der Begriff der Parität, der in dieser Fragestellung eine
entscheidende Rolle spielt, ist durch Gesetz definiert. Demnach versteht man unter Parität den Preis, der dem Farmer angemessene Einkünfte unter Berücksichtigung seiner Aufwendungen
für Arbeitslöhne, den Kauf von Maschinen, Saatgut und Düngemitteln sichert. Nach der derzeit bestehenden gesetzlichen Regelung wird der "Paritätspreis" für die meisten landwirtschaftlichen Produkte auf Grund der Preisverhältnisse während der
Jahre 1910-1914 berechnet, da während dieser fünf Jahre ein gesundes Verhältnis zwischen den Ein- und Verkaufspreisen der
Landwirtschaft auch in Beziehung zur gesamten Volkswirtschaft
bestanden hat.
Gegenwärtig werden die Preise der sechs wichtigsten BodenProdukte - Weizen, Mais, Reis, Tabak, Erdnüsse und Baumwolle auf einer Paritätsbasis von 90 Prozent gestützt. Dies geschieht
auf Grund eines im Jahre 1952 vom Kongreß verabschiedeten Gesetzes, das bis Ablauf des Ernte Jahres 1954 in Kraft bleiben
wird. Nach diesem Gesetz ist das Landwirtschaftsministerium
verpflichtet, im Falle des Absinkens der Preise eines der

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der genannten sechs Erzeugnisse unter 90 Prozent Parität, die
Marktbestände aufzukaufen, bis der Preis die 90 Prozent Parität
wieder erreicht bzw. überschritten hat.
Dieses Preisstützungssystem führte dazu, daß sich in staatlichen Lagern ungeheure Überschüsse bestimmter landwirtschaftlicher Erzeugnisse angesammelt haben. Allein die Weizenvorräte
repräsentieren schon einen Wert von 2 Milliarden Dollar. Diese
Vorräte schließen 440 Millionen Bushel Weizen ein, die direktes
Regierungseigentum sind, und weitere 400 Millionen Bushel, die
auf Grund von Kreditleistungen an Farmer auf Lager gelegt wurden.
Diese Weizenmenge ist größer als der gesamte Jahresverbrauch an
Weizen in den Vereinigten Staaten.
Das Prinzip der Paritätspreise wird auch auf eine ganze Reihe
weiterer Landwirtschaftsprodukte angewandt. Der Landwirtschaftsminister ist nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge beispielsweise
ermächtigt, im Falle von Molkereiprodukten eine Preisstützung zwischen 75 und 90 Prozent Parität zu gewähren, bei Honig und Aleuritesöl zwischen 60 bis 90 Prozent und bei fast allen anderen Produkten,
mit Ausnahme von Kartoffeln, zwischen 0 und 90 Prozent.
Präsident Eisenhower erklärte in seiner Botschaft an den
Kongreß, daß die in den bestehenden Gesetzen vorgesehenen Stützpreise auch im Jahre 1954 beibehalten werden. Dies, so führte er
aus, sei "eine moralische und gesetzliche Verpflichtung, an der wir
festhalten müssen."
Was nach Ablauf des Ernte-Jahres 1954 geschehen wird, hängt davon
ab, welche Maßnahmen während der derzeitigen Sitzungsperiode des
Kongresses ergriffen werden.
Der Präsident schlägt dem Kongreß vor, ein flexibleres System
der Preisstützung auszuarbeiten, das auf einer "modernisierten Parität" beruhen müsse, wie Eisenhower es nannte.
Erstens sollen
als Erhebungszeitraum für die Parität nicht mehr die Jahre 1910
bis 1914 gelten, sondern jeweils die letzten 10 Jahre vor dem betreffenden Erntejahr. Zweitens schlägt der Präsident vor, daß die
landwirtschaftlichen Produkte vom 1. Januar 1956 an durch anpassungsfähige staatliche Subventionen zwischen 75 und 90 Prozent
der Parität gestützt werden.
Die Frage der Preisstützung für landwirtschaftliche Erzeugnisse
steht gegenwärtig im Mittelpunkt heftiger Debatten in allen Teilen
der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Landbevölkerung nimmt,
wie die stark unterschiedlichen Stellungnahmen der landwirtschaftlichen Organisationen zeigen, keinen einheitlichen Standpunkt in
der Frage ein, welche Maßnahmen die Regierung ergreifen solle.
Die größte dieser Organisationen, die American Farm Bureau
Federation, setzt sich für die Einführung der vom Präsidenten vorgeschlagenen flexiblen Preisstützung ein. Die zweitstärkste Farmervereinigung, National Grange, zog bisher eine starre Preisstützung
vor, nannte hierfür jedoch in jüngster Zeit nur bestimmte Landwirtschaftsprodukte. Sie fordert "die vorläufige Weiterführung der

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der gegenwärtigen Politik der Preisstützung unter Jeweiliger Berücksichtigung der gesammelten Erfahrungen." Die Farmers Union,
die unter den landwirtschaftlichen Vereinigungen an dritter Stelle
steht, erachtet es für notwendig, daß die gegenwärt'gen GarantieSätze für die Preisstützung erhöht, nicht aber gesenkt werden.
Für die erwähnten sechs wichtigsten Bodenprodukte verlangt sie
eine Erhöhung des derzeitigen Paritätssatzes von 90 auf 100 Prozent.
Das steigende Angebot an landwirtschaftlichen Produkten ist
in den Vereinigten Staaten die Folge einer allgemeinen Erhöhung
der Hektarerträge innerhalb der letzten 20 bis 30 Jahre. Pro Landarbeiter werden heute soviel Nahrungsmittel und Faserstoffe erzeugt, daß 16 Personen damit versorgt werden können. Dies ist
durch eine weitgehende Mechanisierung der Arbeit, Verwendung besserer Düngemittel, hervorragendes Saatgut, Bodenkonservierung
und durch die praktische Auswertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse möglich geworden.
Eines steht jedoch fest: es werden keinerlei Ernteüberschüsse
vernichtet werden; vielmehr sollen sie das Los der Menschheit verbessern helfen. Präsident Eisenhower erklärte wörtlich: "Die Vernichtung von Ernteerträgen darf unter keinen Umständen erwogen
werden. Man kann sie dem Markt fernhalten und vernünftig anderweitig verwenden, beispielsweise für Schulspeisungen, Notstandshilfe,
Unterstützung anderer Staaten und Vorratsbildung für den Fall eines
Krieges oder nationalen Notstandes."

*

*

*

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E N S T

In wenigen Tagen vollendet Dr. James B. Conant
das erste Jahr seiner Tätigkeit als amerikanischer Hochkommissar und Botschafter in Deutschland. Aus diesem Anlaß stellen wir Ihnen das
folgende Interview zur Verfügung.

RÜCKBLICK AUF EIN JAHR ALS HOCHKOMMISSAR
Ein Interview mit Dr. James B. Conant
Von John Andrews

BONN, Mitte Januar — "Bitte, machen Sie es so kurz wie
möglich," bat mich die Sekretärin zwischen Tür und Angel.
"Eine ganze Reihe von anderen Besuchern wartet schon - wie
gewöhnlich."
So aufgefordert sprang ich mitten ins Gespräch, sobald
ich dem amerikanischen Hochkommissar gegenübersaß. "Was betrachteten Sie als Ihre erste Aufgabe, als Sie vor einem Jahr
in Deutschland ankamen?", fragte ich.
"Zuerst wollte ich einmal selbst sehen und hören, wie
sich das heutige Deutschland entwickelt," antwortete Dr. Conant.
"Ich habe Deutschland von Schleswig-Holstein bis Bayern, vom
Schwarzwald bis nach Berlin durchreist. Ich habe Fabriken,
Siedlungen, Universitäten, Flüchtlingslager, Regierungsstellen,
öffentliche Versammlungen, Wohnbunker besucht und mich mit Menschen aus allen politischen, wirtschaftlichen und geistigen
Gruppen unterhalten."
Dr. Conant lehnte sich lächelnd zurück. Er wisse natürlich, daß es für einen Botschafter nicht immer leicht sei,
eine ganz offene Meinung zu hören zu bekommen. "Aber auf jeden
Fall ist der Gedankenaustausch mit meinen deutschen Gesprächspartnern inzwischen recht lebhaft geworden. Sehen Sie selbst mein Posteingang."
Er schob mir eine Mappe mit Briefen zu: Briefe von Studenten, von Flüchtlingen, von zurückgekehrten Kriegsgefangenen;
freundliche, kritische, lobende, mahnende Briefe} Einladungen,
Zeitungsausschnitte, gute Ratschläge, Kommentare zu einer kürzlichen Rede des Hochkommissars. "Ich glaube fast, daß ich die

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die deutschen Ansichten doch recht offen zu hören bekomme."
Ich mußte ihm recht geben. In den Briefen spiegelten sich
die Meinungen, Sorgen, Nöte und Hoffnungen unserer Zeit, manchmal sehr geschickt, manchmal sehr unbeholfen, aber vorwiegend
mit unverkennbarer Offenheit ausgedrückt. Selbstverständlich
auch ein paar närrische Briefe. Einer begann: "Als Wissenschaftler werden Sie den Wert meiner revolutionären Erfindung erkennen,
die bisher von allen anderen verlacht wurde. Schicken Sie mir
sofort zehntausend Mark."
Was aus der verwirrenden Vielfalt der neuen Eindrücke in
Deutschland ihm besonders bedeutsam erscheine, fragte ich den
Hochkommissar.
Natürlich sei er, so sagte Dr. Conant, wie jeder andere
von den gewaltigen Aufbauleistungen der letzten Jahre beeindruckt, nicht nur von dem Aufbau der Städte, sondern auch dem
Aufbau der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen in Deutschland. Noch bedeutsamer aber als der Aufbau sei
ihm die Tatsache, daß es sich dabei tatsächlich um einen schöpferischen Neubeginn handele. "Ich habe Deutschland im Jahre 1925
gesehen und hatte damals die größten Sorgen um die Zukunft der
demokratischen Staatsform in Deutschland. Heute dagegen - trotz
aller noch ungelösten Probleme, die ich nur zu gut kenne - bin
ich Optimist. Nicht etwa nur, weil die rabiaten Extremisten in
der Bundestagswahl geschlagen wurden, so erfreulich das auch war.
Daß sich Berlin trotz aller kommunistischen Einschüchterungsmanöver so eindeutig zur Demokratie bekennt und daß die Deutschen
in der Sowjetzone ihre Verachtung für die aufgezwungene Diktatur
so mutig zum Ausdruck brachten, das sind Tatsachen, die uns das
Recht zum Optimismus geben."
Auch der Wille der deutschen Jugend, die jahrhundertealten
Feindseligkeiten in Europa endlich zu begraben und am Aufbau
eines vereinten Europas mitzuarbeiten, sei ihm ein gutes Omen
für die Zukunft, fügte Dr. Oonant hinzu.
"Sind Sie auch Optimist in der Frage der deutschen Wiedervereinigung?", wollte ich wissen.
Ja, antwortete Dr. Conant, Optimismus bedeute keineswegs
Schönfärberei,sondern vertrage sich recht gut mit einer nüchternen und objektiven Betrachtung der Sachlage. Als nüchterner
Optimist sei er aber der Überzeugung, daß die Sowjets auf die
Dauer eine Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit nicht verhindern können. Das genaue Wie und Wann der Wiedervereinigung wage er nicht vorauszusagen, aber er hoffe sehnlichst, daß das neue Jahr die deutsche Wiedervereinigung zumindest bedeutend näherbringen werde. Die bevorstehende Viermächtekonferenz werde die Gelegenheit geben, die Möglichkeiten zu erforschen.
Die Sekretärin kam ins Zimmer und legte ein Buch auf einen
Nebentisch, auf dem schon ein Buch über die Sowjet-Union, ein
Essay über die Geschichte des Mittelalters, das neueste Werk
eines großen deutschen Physikers und ein Bändchen Kunstgeschichte
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�AMERIKA DIENST"

13 • Januar 1954.

Kunstgeschichte lagen. "Zur Erholung von den Amtsgeschäften,"
sagte Dr. Conant und seufzte. "Leider bleibt wenig Zeit dafür."
Aber er sei besonders dankbar, daß er gewissermaßen in die deutsche
Gelehrtenwelt aufgenommen worden sei. Deutsche Volkswirtschaftler
Politiker, Historiker, Geistliche, Naturwissenschaftler und
Schriftsteller hätten ihm im vergangenen Jahr ihre Veröffentlichungen zugeschickt. Damit er wenigstens einige davon genau
durchlesen könne, benütze er sie beim Deutschunterricht.
Neben den Büchern liegt eine Mappe mit Zeitungsausschnitten,
eine kunterbunte Sammlung von Artikeln und Kommentaren über den
Hochkommissar. "Ursprünglich wollte ich solche Zeitungsausschnitte als Andenken in ein Buch kleben - damals ahnte ich
noch nicht, wieviele es sein würden. Jetzt weiß ich, daß die
Kleberei meine ganze Freizeit beanspruchen würde. Die interessanteren hebe ich mir aber doch auf."
Interessant ist diese Sammlung allerdings, teilweise auch
amüsant. Da sind Artikel über die Staatsbesuche bei den Länderregierungen, über den Deutschunterricht des Hochkommissars, Auszüge aus Dr. Conants Reden vor deutschen Universitäten, ein
bitterböser Angriff aus einer ostdeutschen Zeitung, Kommentare
zu einer Rede vor dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Dr. Conants Nachruf auf Berlins großen Bürgermeister
Ernst Reuter und unzählige Zeitungsbilder, die den Hochkommissar
bei jeder nur erdenklichen Tätigkeit zeigen.
"Daß das Photographiertwerden gefährlich sein kann, habe
ich vor einem Jahr auch noch nicht gewußt," sagte der Hochkommissar. "Heute weiß ich es. Vor einigen Monaten, zum Beispiel,
wurde ich im Hofbräuhaus in München mit einem riesigen Maßkrug
photographiert. Wenige Tage später erhielt ich einen empörten
Brief von einem amerikanischen Antialkoholiker, der mich aufforderte, sofort meinen Maßkrug oder mein Amt niederzulegen. Später wurde ich in Rothenburg mit dem Meistertrunkhumpen photographiert. Diesmal beklagte sich ein deutscher Kritiker darüber,
daß es mir nicht gelungen sei, den Humpen in einem Zug auszutrinken."
Ich lachte noch, als die Sekretärin wieder ins Zimmer trat
und mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Ich verstand und
verabschiedete mich. Der nächste Besucher kam schon zur Tür,
als ich hinausging.
* * * # *

�A M E R I K A

D I E

AUSSENMINISTER DULIES UMREISST US-AUSSENPOLITIK
NEW YORK ~ (Amerika Dienst) — Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
gab am 12. Januar 1954 vor dem Rat für
außenpolitische Prägen in New York einen
umfassenden Überblick über die amerikanische Außenpolitik. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Die Außenpolitische Entwicklung
Es ist nun fast ein Jahr her, seit Präsident Eisenhower die
Regierung der USA übernahm, Während dieses Jahres habe ich
häufig das Wort ergriffen, um zu verschiedenen Aspekten unserer
Außenpolitik Stellung zu nehmen. Heute Abend i möchte ich Ihnen
einen umfassenden Überblick über die Politik geben, die für unsere nationale Sicherheit erforderlich ist.
Die guten Seiten an der Außenpolitik der Vorgänger
Zuallererst wollen wir klarstellen, daß viele außenpolitische Maßnahmen meiner Vorgänger im Amt gut gewesen sind. Die
Militärhilfe für Griechenland und die Türkei hat den kommunistischen Vormarsch zum Mittelmeer aufgehalten. Das europäische Äiederaufbauprogramm hat es den westeuropäischen Völkern
ermöglicht, sich aus dem Morast der Nachkriegsjähre herauszuarbeiten. Die Westmächte haben in Berlin erfolgreichen Widerstand geleistet und die Blockade durch die Luftbrücke zum
Scheitern gebracht. Als loyales Mitglied der Vereinten Nationen haben die Vereinigten Staaten kraftvoll reagiert, um die
kommunistische Aggression in Korea zurückzuschlagen. Als diese
Aktion unsere militärische Schwäche aufzeigte, haben wir unsere militärische Stärke in großer Schnelligkeit wiederaufgebaut.
Wir strebten auch einen schnellen Aufbau der bewaffneten Stärke Westeuropas an.
Dies waren die Maßnahmen einer Nation, die die Gefahren
des sowjetischen Kommunismus erkannt hatte; die sah, daß ihre
eigene Sicherheit mit der anderer Völker eng verflochten war.
Es waren die Maßnahmen eines Volkes, das kühn und schnell handelte, um Notständen zu begegnen. Dies sind große Werte, die
man anerkennen muß. Wir köennen in diesem Zusammenhang auch die
Außenpolitische Unterstützung durch beide P&amp;rteien des amerikanischen Kongresses lobend erwähnen, die die Interessen der Nation über die der Partei gestellt haben.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

DIg schlechten Selten der Politik der Amtsvorgänger
Aber wir dürfen nicht vergessen, daß alle unsere Maßnahmen
in erster Linie Notstandsmaßnahmen waren, die uns unsere Gegner diktierten. Darf ich Ihnen das nälper illustrieren:
1. Wir sandten unsere Truppen nicht nach Korea, weil wir
von vornherein überzeugt waren, daß es eine sichere militärische Strategie sei, unsere Armeen zur Führung eines Landkrieges nach Asien zu entsenden. Wir hatten uns für einen Rückzug aus Korea entschieden, und «s war eine von den Sowjets angezettelte Aktion, die uns nach Korea zurückbrachte.
2. Wir wußten nicht von vornherein, daß es sich als klug
erweisen würde, wenn wir jährlich Milliarden Dollar an wirtschaftlicher Hilfe ausschütten würden. Wir entschlossen uns
zu diesem politischen Kurs, als die Kommunisten den Versuch
unternahmen, die freien Wirtschaftssysteme der Länder Westeuropas zu sabotieren.
3. Wir bauten unsere Armeen nicht in einem solchen Tempo auf, das enorme Haushaltdefizite nach sich ziehen mußte,
zur Minderung der Kaufkraft des Dollars führte und ein ungesundes Klima in unserer .Wirtschaft schuf, wei 1 dies uns von vornherein als eine sehr gute Politik erschienen war. Ja, wir
entschieden uns erst anders, als die militärische Bedrohung
seitens der Sowjetunion klar erwiesen war.
Wir leben in einer Welt, in der Notstände stündlich auftreten können, und unser Portbestand kann leicht davon abhängen,
inwieweit wir in der Lage sind, diesen Notständen entgegenzutreten. Wir bitten aus tiefstem Herzen, daß unser Volk sich
diese Fähigkeit bewahren möge. Aber nachdem dies nun gesagt
ist, ist es doch notwendig, darauf hinzuweisen, daß Notstandsmaßnahmen, wie gut sie auch immer für den Augenblick sein mögen, nicht notwendigerweise eine gute Politik auf lange Sicht
sein müssen. Notstandsmaßnahmen sind kostspielig, oberflächlich und sind ein Eingeständnis, daß die Initiative beim Gegner liegt. Man darf nicht erwarten, daß sie den Interessen
der Vereinigten Staaten auf lange Sicht dienlich sind«.
Die Notwendigkeit einer Politik auf lange Sicht
Dieser Faktor der Planung "auf lange Sicht" ist von entscheidender Bedeutung. Die sowjetischen Kommunisten zielen in
ihrer Planung auf etwas ab, was sie als "ganzes geschichtliches Zeitalter" bezeichnen. Wir sollten das gleiche tun. Sie
versuchen durch vielerlei Manöver, die freien Nationen Schritt
für Schritt zu teilen und zu schärähhen, indem sie ihnen übermäßige Anstrengungen aufzwingen, die, wie es Lenin ausgedrückt
hat, "über ihre Stärke hinausgehen,so-daß sie zum praktischen
Bankrott kommen." Dann, so sagt Lenin, "ist unsef Sieg sicher".
Und dann, so sagte Stalin, wird der Augenblick für den entscheidenden Schlag gekommen sein.
Angesichts
-

2

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Angesichts dieser Strategie können Maßnahmen, die nur eine
unmittelbare Gefahr abwenden, nicht als ausreichend angesehen
werden. Solche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, aber es ist
ebenso notwendig, daß wir sie durchführen, ohne uns selbst zu
erschöpfen.
Als die Regierung Eisenhower diesen Kurs einschlug, waren
wir der Auffassung, daß einige Umwandlungen notwendig waren.
Es ist keine gesunder militärische Strategie, die amerikanischen Landstreitkräfte in Asien dauernd in einem Maße einzusetzen, das uns keine strategischen Reserven beläßt»
Es ist weder eine gesunde .Wirtschaftspolitik noch eine gute
Außenpolitik, ständig andere Länder zu unterstützen, denn dies
schafft auf die Dauer genau so viel schlechten Willen wie guten
Willen.
Es ist auch nicht gesund, dauernd zu so hohen militärischen Ausgaben verpflichtet zu werden, da3 sie "zum praktischen
Bankrott" führen.
Ein Wechsel war unumgänglich, um die physische Kraft für
eine dauernde Sicherheit zu gewährleisten. Aber es war in gleicher Weise unumgänglich, daß dieser Wandel von einem Verständnis
unserer wahren Ziele und Zwecke begleitet wurde. Ein plötzlicher und auffallender Wandel mußte vermieden werden.
Andernfalls hätte es vielleicht eine Panik unter unseren
Freunden und eine auf falschen Voraussetzungen beruhende Aggres&gt;
sion unserer Feinde geben können. Wir können, so glaube ich,
in dieser Hinsicht einen guten Bericht ablegen.
Kollektive Sicherheit
Wir brauchen Verbündete und eine kollektive Sicherheit. Unser Ziel ist es, diese Beziehungen v/irksamer und weniger kostspielig zu gestalten. Dies kann dadurch getan werden, daß man
mehr Gewicht auf die abschreckende Macht legt und sich weniger
auf die örtliche Verteidigungsstärke verläßt.
Dies ist eine allgemein anerkannte Praxis, was örtliche
Gemeinschaften angeht. Wir haben Schlösser an unseren Türen,
aber wir haben nicht vor jedem Haus einen Wachtposten. Wir
verlassen uns grundsätzlich auf das Sicherheitssystem der Gemeinde, das gut genug entwickelt ist, um jeden Bestrafen zu können,
der einbricht und stiehlt,so daß jeder mögliche Angreifer ganz
allgemein abgeschreckt wird. Das tst der heutige Weg, um einen
größtmöglichen Schutz bei tragbaren Kosten zu erreichen. Was die
Regierung Eisenhower anstrebt, ist ein ähnliches System der internationalen Sicherheit. Wir wünschen, für uns selbst und für
die anderen freien Nationen, eine größtmögliche Abschreckung
bei tragbaren Kosten.
Die örtliche Verteidigung wird immer wichtig sein. Aber es
gibt kein örtliches Verteidigungssystem, das für sich allein die
riesige Macht der kommunistischen Welt in Schach halten könnte.Die

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�"AMERIKA DIENST"

14. Januar 1954

Die örtlichen Verteidigungssysteme müssen dadurch verstärkt werden, iaß eine massive Verteidigungsmacht als Abschreckung wirkt.
Ein möglicher Aggressor muß wissen, daß er nicht immer die Kampfbedingungen vorschreiben kann, die ihm passen. Andernfalls könnte zum Beispiel ein potentieller Aggressor, der über ein ungeheures Menschenreservoir verfügt, versucht sein, im Vertrauen darauf,
daß der Widerstand nur auf dem Menschenpotential beruhe, anzureifen. Er könnte versucht sein, dort anzugreifen, wo seine
berlegenheit entscheidend wäre.
Für die Gemeinschaft der freien Nationen liegt der Weg, die
Aggression abzuschrecken, darin, willens und in der Lage zu sein,
mit Macht und Entschlossenheit an selbstgewählten Punkten und mit
selbstgewählten Mitteln zurückzuschlagen.
Solange unsere außenpolitischen Grundkonzeptionen nicht
klar umrissen waren, konnten unsere Militärs bei dem Aufbau unserer militärischen Stärke nicht wählerisch sein. Wenn ein Feind
in der Lage sein könnte, Zeit, Ort sowie Art und Äeise eines Angriffs nach Belieben festzusetzen, - und wenn unsere Politik
gemäß ihrer Tradition weiter daran festhalten soll, einer Aggression direkten örtlichen Widerstand entgegenzusetzen, dann mußten
wir bereit sein, in der Arktis und in den Tropen zu kämpfen, in
Asien; im Nahen Osten und in Europa, zur See, auf dem Lande und
in der Luft, mit alten und mit neuen Waffen,

§

Die Gesamtkosten unserer .Bemühungen zur Erhaltung unserer
nationalen Sicherheit in der Heimat und im Ausland beliefen sich
jährlich auf über 50 Millarden Dollar und hatten für 1953 ein
geplantes Haushaltsdefizit von 9 Milliarden Dollar und haben für
1954 voraussichtlich ein Defizit von 11 Milliarden Dollar zur
Folge. Dies ging im Vergleich noch über die Steuerlasten der
Kriegsjähre hinaus; und die Kaufkraft des Dollars wurde herabgemindert. Die Kräfte unserer Alliierten wurden in gleicher Weise
über Gebühr beansprucht. Diese Entwicklung konnte nicht von
langer Dauer sein, wenn nicht ernste finanzpolitische, wirtschaftliche und soziale Konsequenzen heraufbeschworen werden sollten.
Bevor jedoch die militärische Planung geändert werden konnte,
mußten der Präsident und seine Berater im nationalen Sicherheitsrat Entscheidungen von grundlegender politischer Bedeutung treffen. Dies ist geschehen. Der grundlegende Entschluß ging dahin,
sich in erster Linie auf die besten und geeignetsten Möglichkeiten
verlassen zu können, um sofort zurückzuschlagen - und zwar mit den
Mitteln und an den Orten, die unserer Wahl unterliegen. Nunmehr
sind das Verteidigung .inisterium und die Chefs unserer gemeinsamen Stäbe in der Lage, unsere militärische Organisation nach den
politischen Erfordernissen auszurichten. Sie brauchen nicht mehr
zu versuchen, eine passende Antwort auf die zahlreichen Möglichkeiten und Absichten des Feindes zu finden. Dies erlaubt eine Auswahl der militärischen Machtmittel statt einer Vervielfältigung
dieser Mittel. Dies hat nun zur Folge, daß es möglich ist, eine
größere nationale Sicherheit mit geringeren Kosten zu erreichen und
daran teilzuhaben.
Der
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�"AMERIKA DIENST»

13. Januar 1954
Der gerne Osten

Wir wollen nun prüfen, inwieweit diese Konzeption auf
unsere Außenpolitik angewandt wurde. Ich darf mich zuerst
dem Fernen Osten zuwenden.
In Korea gelang es unserer Regierung, eine grundlegende
Änderung herbeizuführen. Der Kampf wurde zu ehrenhaften Bedingungen beendet. Das wurde möglich, weil sich der Angreifer bereits bis zu seiner Ausgangsbasis und darüber hinaus zurückgeworfen - der Möglichkeit gegenübersah, daß sich die Kampfhandlungen zu seinem eigenen Nachteil in Kürze auch auf andere,
nicht von ihm gewählte Räume und Methoden ausdehnen könnte».
Der hohe Blutzoll, den die amerikanische Jugend entrichtet
hat, hat aufgehört, und die Aufwendungen von vielen Milliarden
Dollar für unproduktive Zwecke konnten eingestellt werden. Darüber' hinaus sind unsere Streitkräfte nicht mehr in erster Linie
an das asiatische Pestland gebunden. Wir können damit beginnen,
strategische Reserven anzulegen, was unsere Defensivstellung wesentlich verbessert.
Diese Wendung verleiht der Warnung der am Kampfe in Korea
beteiligten Mitgliedstaaten der UN noch mehr Nachdruck, daß
die Gegenmaßnahmen der Vereinten Nationen im Falle einer erneuten Aggression der Kommunisten in Korea nicht notwendigerweise
auf Korea beschränkt bleiben würden.
Ich habe in bezug auf Indochina gesagt, daß die Konsequenzen, die sich aus einer offenen fot-chinesisehen Aggression in
Indochina ergeben müßten, "schwerwiegend sein würden und nicht
nur auf Indochina beschränkt bleiben könnten.*
Während des Vergangenen Monats verwies ich auf die Absicht
der Vereinigten Staaten, ihre Position in Okinawa zu halten.
Das ist notwendig, um eine angemessene Kampfkraft zur Verwirklichung der Konzeption der kollektiven Sicherheit zu gewährleisten.
All dies hat Präsident Eisenhower in seiner bedeutsamen
Erklärung vom 26. Dezember zusammengefaßt. Der Präsident gab
die allmähliche Verringerung der amerikanischen Landstreitkräfte in Korea bekannt. Er verwies darauf, daß sich die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Fernen Osten nun in
erster Linie "aus schnellbeweglichen Marine-, Luft-und amphibischen Verbänden zusammensetzen werden." Und er stellte dabei
fest, daß die Vereinigten Staaten trotz der Reduzierung der
Landstreitkräfte in der Lage sein werden, eine Aggression "mit
noch größerer Wirkung als bisher zurückzuschlagen."
Der Abzug eines Teiles unserer Landstreitkräfte ist gleichzeitig ein beredtes Zeugnis dafür, *ie unsinnig die kommunistische Beschuldigung eines "Imperialismus" wirklich ist.
NATO

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954
NATO

Wenn wir uns Europa zuwenden, so sehen wir eine Neuausrichtung in den kollektiven Sicherheitsbemühungen der NATO.
Senator Vandenberg bezeichnete die Verpflichtungen des Nordatlantikpaktes einmal als die "realste Abschreckung und Verhinderung des Krieges, die der menschliche Geist bisher erdacht hat".
Aber er hat auch weiter erklärt: "Wenn es das Konzept und das
Ziel ist, ausreichende Einsatzbereite Streitkräfte aufzubauen,
um die Sowjets in ihren Grenzen zu halten ... so ergeben sich
daraus vernichtende Polgen sowohl in den USA wie in Übersee".
In den ersten Jahren des Bestehend der NordatlantikpaktOrganisation nach der Aggression in Korea führten ihre Mitglieder ein Notaufbauprogramm der militärischen Stärke durch. Ich
stelle das Urteilsvermögen jener Zeit nicht in Frage. Die damals aufgebaute Stärke Hat der Sache des Friedens gut gedient,
aber das ursprünglich festgesetzte Tempo des Aufbaues konnte
nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden.
Auf der Tagung des NATO-Rates im April legten die Vereinigten Staaten eine neue Konzeption dar, die heute als das Programm
der "Planung auf lange Sicht" bekannt ist. Diese Planung bedeutet eine stetigere Entwicklung der Verteidigungsstärke in einem Tempo, das die wirtschaftliche Stärke unserer Verbündeten
und der USA aufrechterhält und nicht erschöpft. Diese Entwicklung würde durch die Schlagkraft einer strategischen Luftmacht
gestärkt werden, die auf international festgelegten Stützpunkten stationiert ist.
Wir haben auf der NATO-Tagung im vergangenen Dezember gesehen, daß das Konzept der Planung auf lange Sicht allgemein anerkannt wurde, und haben die Erkenntnis vorgefunden, daß ea
den eventuellen Bedürfnissen besser entspricht, als das Bemühen,
eine volle Verteidigungsstärke zu Lande auf Kosten unserer
Wirtschaft zu schaffen.
Die

E V &amp;

Ein Zeichen dafür, wie sehr die Nordatlantikpakt-Organisation aus einem Notstand heraus geschaffen wurde, ist die Tatsache, daß man an ihren Aufbau ging, noch ehe eine feste Grundlage dafür vorhanden war.
So kann beispielsweise Westeuropa nicht mit Erfolg verteidigt werden, wenn man Westdeutschland nicht verteidigt, Westdeutschland aber kann nicht ohne die Mitwirkung der Deutschen
verteidigt werden. Der Beitrag Westdeutschlands wird durch die
noch immer in Kraft befindlichen Waffenstillstandsbedingungen
verhindert.
Die Bundesrepublik Deutschland muß von diesen Bestimmungen
befreit werden; es sollten neue politische Vereinbarungen getroffen werden, um sicherzustellen, daß ein Wiederbewaffnetes
Deutschland der gemeinsamen Sache und niemals wieder den Zielen
des deutschen Militarismus dient,
Frankreich
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�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Frankreich schlug einen Plan vor, um dieses Problem zu
lösen»- Ss sollte eine europäische Verteidigungsgemeinschaft
geschaffen werden, der Prankreich, Itelien, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Westdeutschland angehören sollen. Es würde dann eine Suropa-Armee bestehen, in der auch Deutsche dienten,
aber es gäbe keine National-Armeen in Westeuropa.
Der Vertrag über die Gründung dieser Verteidigungs-Gemeinschaft wurde im Mai 1952 unterzeichnet. Aber als die Regierung
Präsident Eisenhowers im Januar des vergangenen Jahres ihr Amt
übernahm, hatte noch keine Regierung ihr Parlament um Ratifizierung des Vertrages ersucht, und der ganze Plan war nahe daran,
vergessen zu werden und zu verstauben.
Präsident Eisenhower ist fest davon überzeugt, daß es für
Europa und damit auch für die westliche Welt, einschließlich
der USA - weder eine Garantie für Sicherheit auf lange Sicht
noch Stärke geben kann, wenn es nicht zu einer Einigung unter
Einschluß Prankreichs und Deutschlands kommt und der Zwist und
Hader begraben wird, der immer wieder zu Kriegen geführt hat in unserer Generation allein zu zwei Weltkriegen. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte der NATO.und in seinem jetzigen
Amt als Präsident der Vereinigten Staaten hat er immer wieder
klar gemacht, welche Bedeutung die USA der Verwirklichung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft beimessen, und,wie wir
hoffen möchten, der danach zu gründenden politischen Gemeinschaft.
Aber bis wir das Ziel der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erreicht haben, ist die Nordatlantikpaktorganisation und der zukünftige Friede in Gefahr. Das Mißtrauen zwifr
sehen Frankreich und Deutschland kann jederzeit zu neuen Auseinandersetzungen führen und schon sehen kommunistische Agenten
in diesem Mißtrauen das Mittel, um einen neuen Weltbrand zu
entfachen.
Es gibt natürlich enorme Schwierigkeiten auf dem Weg zur
Einigung zwischen Frankreich und Deutschland zu überwinden.
Aber wir erwarten, daß der Friede bald auf der festen Grundlage der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft aufgebaut werden kann.Wirtschaftshilfe
Die neuen Konzeptionen auf dem Gebiet der kollektiven
Sicherheit bewirken eine Reduzierung der unproduktiven militärischen Ausgaben unserer Alliierten bis zu einem Punkt, wo es
tunlich und praktisch ist, die Wirtschaftshilfe gleichfalls
zu verringern. Es bestand die Notwendigkeit* die Beziehungen
mit anderen Staaten auf die Basis einer größeren Selbstachtung
zu stellen, und das ist genau das, was unsere Alliierten woBien. Gesunde Handelsbeziehungen, größere Märkte und freie
Investierungsmöglichkeiten sind wirtschaftlich viel gesünder
als bilaterale Wirtschaftshilfen.
Es

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�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Präsident Eisenhower ließ die Welt mit seinem Vorschlag
aufhorchen, die Atomenergie von einem Mittel der Vernichtung
in eine Quelle des Lebens zu verwandeln, und der Menschheit
damit eine große Last der Furcht zu nehmen. Am gestrigen Tage
habe ich mit der sowjetischen Regierung die vorbereitenden
Besprechungen auf diesem Gebiet aufgenommen.
Wir haben zusammen mit unseren Verbündeten darauf bestanden,
die Wiedervereinigung Deutschlands und die Befreiung Österreichs anzustreben. Die sowjetischen Machthaber haben sich
jetzt bereit erklärt, diese Prägen zu erörtern. Wir erwarten,
in Kürze in Berlin mit ihnen zusammenzutreffen. Ich hoffe, daß
Sie mit denselben ernsthaften Absichten kommen werden wie wir.
Wir haben eine Konferenz angestrebt, um Korea wieder zu
vereinen und das Land von der Besetzung durch ausländische
Truppen zu befreien. Bisher ist unsere Beharrlichkeit nicht belohnt worden, aber wir haben nicht aufgegeben.
Dieses auf Verhandlungen gerichtete Bemühen entspricht
nur den normalen Gepflogenheiten einer Regierung, die vom Geist
der Freiheit durchdrungen ist. Sie haben nichts mit einem Plan
für eine Teilung der Weltmacht mit solchen Partnern zu tun,
die die Freiheit unterdrücken.
Wenn wir den von mir dargelegten Kurs weiter verfolgen,
dann werden wir die Diktatoren vor eine Aufgabe stellen, die
ihre Kräfte auf die Dauer übersteigt. Denn wenn sie ihre Methoden nicht ändern, dann werden sie jenes Streben des Menschen
unterdrücken müssen, das seine Erfüllung nur in der Freiheit
finder, wie an unserem Beispiel deutlich werden soll.
Wenn die Diktatoren auf ihrem gegenwärtigen Kurs beharren,
dann\ werden sie es sein, die sich mit oberflächlichen Erfolgen
begnügen müssen, während das Fundament ihres Reiches unter dem
Tritt ihrer Marschstiefel zusammenbricht.
Der Mensch strebt in deb meisten Fällen nach einfachen
Dingen. Er will Gott dienen, wie es ihm sein Gewissen befiehlt.
Aber das werden jede, die einen gottlosen Glauben vertreten,
nicht leicht zulassen.
Der Mensch will sich in seinem Denken von der Vernunft
leiten lassen. Aber das werden jene, die ein autoritäres Regime vertreten, nicht ohne weiteres billigen.
Der Mensch will seine Erfahrungen mit seinen Mitmenschen
austauschen. Die Menschen wollen sich gegenseitig überzeugen
und überzeugen lassen, wenn sie die Argumente mit ihrem Gewissen
vereinbaren können und sie ihnen vernünftig erscheinen. Aber
dieses Recht können jene nicht zugestehen, die an eine Absolut
einseitig ausgerichtete Gesellschaft glauben.
§ie wollen zu Haus ohne Furcht leben. Das kann keiner wünschen, der an ein polizeistaatliches Prinzip glaubt.
Sie wollen aufbauend und produktiv arbeiten und die Früchte

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�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Früchte ihrer Arbeit ernten. Aber keiner, der den Menschen nur
als ein Mittel zur Schaffung einer riesigen Maschine für die Beherrschung der Welt ansieht, kann dafür eintreten.
Wir können sicher sein, daß - selbst innerhalb der Sowjetunion - eine heimliche Kraftprobe zwischen der herrschenden
Schicht und den vielen unterdrückten Menschen entbrannt ist.
Jeder einzelne mag ohne Zweifel machtlos erscheinen, wenn er
seinen Kampf für sich allein kämpft. Aber die Bestrebungen
vieler Vereinigen sich zu einer unwiderstehlichen Kraft«
Es liegen Anzeichen vor, daß sich die kommunistischen
Herrscher einigen Wünschen ihrer Völker beugen. Man verspricht
mehr zu essen, mehr Haushaltswaren, eine größere wirtschaftliche
Freiheit.
Das heißt jedoch nicht, daß die Herren im Kreml ihre Ansicht geändert haben. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, daß
sie möglicherweise eine grundlegende Tatsache zu erkennen beginnen, das heißt, sie sehen, daß kein Herrscher den menschlichen
Geist auf unbegrenzte Zeit unterdrücken kann.
In diesem von Gott gewollten Umstand liegt unsere größte
Hoffnung. Sie ist unsere größte Kraftquelle. Auch wenn der
Pfad vor uns lang und steinig wäre, so braucht er flobh kein
Kriegspfad zu sein. Wir dürfen gewiß sein, daß dieser Weg
letzten Ende zu den Segnungen des Friedens führen wird."

* # * * *

- IC -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES-ERKLÄRUNG ZUR REVISION DER UN-CHARTA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Außenminister
John Poster Dulles gab am 19« Januar 1954 vor
dem Unterausschuß für die Revision der UN-Charta
des außenpolitischen Senatsausschusses eine längere Erklärung ; ab, in der er den amerikanischen
Standpunkt in dieser Frage darlegte. Die Erklärung des Außenministers hat folgenden V/ortlaut:

"Die Charta der Vereinten Nationen stellt das entschlossenste und erfolgversprechendste Bemühen der Welt dar, die Menschheit vor der Katastrophe des Krieges zu bewahren und ein gerechtes Verhältnis zwischen den Nationen herzustellen. Bei den Verhandlungen über die Bestimmungen der Charta waren die Vereinigten Staaten durch eine hochverdiente überparteiliche Delegation
vertreten, und die Charta wurde vom amerikanischen Senat beinahe
einstimmig ratifiziert.
Auf den so zustandegekommenen Vereinten Nationen ruhten die
glühenden Hoffnungen des amerikanischen Volkes, ja aller Völker
der Erde. Die verantwortlichen Staatsmänner der USA, ohne Ansehen der Partei, haben immer wieder erklärt, daß die UN-Charta
den Eckpfeiler der amerikanischen Außenpolitik darstellt.
Es muß mit aller Offenheit gesagt werden, daß sich die
hohen Erwartungen, die aus der San Franzisko-Konferenz des Jahres 1945 entsprangen, nicht voll verwirklicht haben. Das hat
zwei Hauptursachen.
Erstens: Viele der anfänglich gehegten Hoffnungen waren
übertrieben. Durch einen Federstrich wird weder der Krieg für
immer aus der Welt geschaffet, noch ein System der Gerechtigkeit errichtet. Wäre das so einfach, dann hätten wir seit langem einen Weltfrieden und eine internationale Gerechtigkeit.
Ein gerechter und dauerhafter Friede erfordert jedoch unablässige und klug gelenkte Anstrengungen, die von einer Hingabe getragen sein müssen, wie sie notwendig ist, um einen Krieg zu
gewinnen.
Das geschriebene Wort übt jedoch weiterhin eine seltsame
faszinierende Wirkung aus, und es besteht immer wieder die Tendenz, das als bereits getan anzusehen, was einem Vertrag zufolge
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�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

zufolge eigentlich erst getan werden müßte. Hoffnungen, die sich
allein auf diese Basis stützten, mußten notwendig in Enttäuschungen enden.
Zweitens beruhten zahlreiche Bestimmungen der Charta auf der
Zusammenarbeit zwischen den sogenannten "großen Mächten". Die Mitgliedstaaten des sowjetisch-kommunistischen Blocks haben tatsächlich jedoch eine Politik verfolgt, die vom Geiste und vom Buchstaben der Charta abwich.
Dessenungeachtet können die UN jedoch auf eine Reihe hervorragender Erfolge zurückblicken. Unter den hauptsächlichen politischen Ergebnissen, die auf Grund der Arbeitsweise der Vereinten
Nationen zustandekamen, sind die folgenden erwähnenswert:
Der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Persien,
die Unterstützung des von den Kommunisten angegriffenen
Griechenlands, der Abschluß eines dauernden Waffenstillstandes zwischen Israel und den arabischen Staaten, die Errichtung der Republik Korea, die Regelung der Frage der italienischen Kolonien in Afrika und die Errichtung des Staates Libyen,
die Errichtung der Republik von Indonesien, und die Organisation eines wirksamen Widerstandes gegen die bewaffnete Aggression in Korea.
Wenn auch die USA den Hauptteil der Last der Vereinten Nationen in Korea trugen, so sollte doch nicht vergessen werden, daß
weitere 15 Mitgliedstaaten Streitkräfte entsandten und 46 andere
Länder in irgendeiner anderen Form, sei es militärisch oder wirtschaftlich, Beiträge leisteten.
• Damit wurden die Vereinten Nationen zur ersten internationalen Organisation, die einen wirksamen kollektiven 7/iderstand gegen die bewaffnete Aggression organisiert hat.
Die Vereinten Nationen haben dazu beigetragen, den Kolonialismus in Selbstregierung zu verwandeln. Die Rolle der UN in dieser
Angelegenheit ist strittig gewesen und in mancher Beziehung berechtigter Kritik ausgesetzt. Die UN haben jedoch durch die Förderung
friedlicher anstelle gewaltsamer Entwicklungen hier einen nützlichen Einfluß ausgeübt.
Über die politischen Erfolge hinaus haben die UN Mittel und
Wege für wirtschaftliche und soziale Entwicklungen geschaffen, die
einem großen Teil der Menschheit zugute gekommen sind.
Zusätzlich zu den einzelnen Erfolgen hat die Vollversammlung
als ein Weltforum zur Darlegung verschiedener Standpunkte gedient.
Sie ist zu einem Ort geworden, wo die öffentliche Meinung der Welt
zum Ausdruck kommen und eine moralische Autorität ausüben kann,
die keine Nation, so mächtig und despotisch sie auch sein mag,
öffentlich beiseite schiebt oder völlig mißachtet.
Der schwächste Punkt der Vereinten Nationen - und dies wurde
bereits in San Franaisko vorausgesehen - ist die Unfähigkeit des
Sicherheitsrates, seiner "hauptsächlichen Verantwortung für die
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�20. Januar 1954

"AMERIKA DIENST"

die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit"
gerecht zu werden. (Artikel 24).
Es hat sich für den Sicherheitsrat als nichtdurchführbar
erwiesen, die Streitkräfte, die Unterstützung und die Einrichtungen zu organisieren, die vorgesehenermaßen dem Sicherheitsrat
zum Zwecke der Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit zur Verfügung gestellt werden sollten» (Artikel 43)«
Das Unvermögen des Sicherheitsrats, im Rahmen seiner geplanten Funktionen zu arbeiten, ist vor allem au:r den Mißbrauch zurückzuführen, den die Sowjetunion von dem sogenannten Vetorecht
gemacht hat.
Dieses Vetorecht wurde von der Sowjetunion schon mißbraucht,
um viele Länder von der Mitgliedschaft bei den UN auszuschließen,
Länder, die auf Grund der Bestimmungen des Artikels 4 für eine
Mitgliedschaft voll qualifiziert waren. Dieser Artikel sieht vor,
daß die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen allen friedliebenden Staaten offensteht, die die in der derzeitigen Charta
aufgeführten Verpflichtungen übernehmen und willens sind, diesen
Verpflichtungen nachzukommen.
Durch das sowjetische Veto wurden folgende Staaten ausgeschlossen: Österreich, Kambodscha, Ceylon, Pinrland, Irland, Italien, Japan, das Königreich Jordanien, die epublik Korea, Laos,
Libyen, Nepal, Portugal, Vietnam.
Wir nähern uns einem Zeitpunkt, in dem höchstwahrscheinlich
eine Überprüfung der Charta im Hinblick auf eine mögliche Abänderung erfolgen wird. Artikel 109, Abschnitt 3 der Charta sieht
vor, daß ein Vorschlag zur Einberufung einer derartigen Konferenz
in die Tagesordnung der 10. Jahres-Vollversammlung der UN, die
im Jahre 1955 stattfinden wird, aufgenommen werden soll, und
gegenwärtige Anzeichen sprechen dafür, daß eine Revisionskonferenz
abgehalten werden wird.
Die Vereinigten Staaten haben bereits angedeutet, daß sie
die Abhaltung einer Revisionskonferenz zu befürworten gedenken.
Die Regierung begrüßt die koordinierte Aktion des Senats
hinsichtlich der Untersuchung der Probleme, vor die sich eine
derartige Konferenz gestellt sehen wird.
Die Regierung geht dieser Konferenz mit dem klaren Bewußtsein entgegen, daß eine Vervollkommnung der Charta höchst wünschenswert wäre, aber auch mit der Entschlossenheit, das Gute,
was bereits vorhanden ist, nicht auf der Suche nach etwas Besserem zu verlieren.
Wir haben im Hinblick auf Änderungen der Charta noch keine
feste Position bezogen» Wir wollen das solange aufschieben, bis
wir in unseren Untersuchungen weiter vorangekommen sind und uns
ein klares Bild über die Ansicht der amerikanischen Bürgerschaft,
des Kongresses und anderer Nationen verschafft haben. In diesem
Zusammenhang dürfen wir auch nicht vergessen, daß Änderungen der

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�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

der Charta der Zustimmung des Senats bedürfen.
Unter diesen Umständen werde ich mich darauf beschränken,
einige der Hauptfragen zu berühren, mit denen sich die ChartaRevisionskonferenz möglicherweise befassen muß und über die die
öffentliche Meinung aufgeklärt sein sollte.
i

1. Universalität
Es ist nützlich, daß eine Organisation besteht, die, allgemein gesprochen, universal ist, und deren Arbeitsweise die ganze
Welt umfaßt. Im anderen Falle würde die Vereinigung den Charakter
eines Bündnisses annehmen. Universalität bedeutet natürlich, daß
Nationen zusammenkommen, deren Regierungen ganz verschiedener
Meinung sein können. Das hat seine Nachteile. Aber eine derartige
Organisation hält den Kontakt zwischen möglichen Gegnern aufrecht,
bietet die Möglichkeit, unnötige Mißverständnisse zu beseitigen
und stellt, wie Präsident Eisenhower in seiner "State of the
Union Message" vom 7. Januar 1954 erklärt hat, das einzige wirkliche Weltforum dar, wo wir die Möglichkeit haben, auf internationaler Basis unseren Standpunkt darzulegen und Angriffe zurückzuweisen. Diese Methode ist dazu geeignet, wenn auch langsam,
eine Übereinstimmung in bezug auf einen gemeinsamen Standard herbeizuführen.
Es ist natürlich unwahrscheinlich, daß es eine Universalität
im wahrsten Sinne des Wortes geben wird. Unglücklicherweise gibt
es Regierungen oder Machthaber, die die elementaren Regeln des AnStandes in den internationalen Beziehungen mißachten, so daß sie
nicht ordnungsgemäß in die organisierte Völkerfamilie aufgenommen
werden können. Dies wird deutlich bei dem Regime, das heute das
chinesische Festland regiert.
Selbst eine annähernde Universalität bringt natürlich gewisse
Nachteile mit sich. Es müssen zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten auftreten, die die Wirksamkeit der Aktion begrenzen.
Zweifellos werden bei der Revisionskonferenz diese Probleme
einer universellen oder begrenzten Mitgliedschaft in Betracht gezogen werden. Man wird wahrscheinlich erwägen, ob der Artikel 4»
auf den ich vorhin Bezug nahm, die für eine Mitgliedschaft wünschenswerten Normen zum Ausdruck bringt.
In diesem Zusammenhang sollte man daran denken, daß die Artikel
5 und 6 eine Suspendierung und Ausschließung erlauben, obwohl dies
eine Aktion des Sicherheitsrats erfordert, die wiederum einem Veto
ausgesetzt ist.
Es scheint, als seien gegenwärtig die meisten Mitglieder der
UN der Ansicht, daß es besser ist, Mitgliedstaaten in der Organisation der UN zu haben, die womöglich in ihren Meinungen auseinandergehen, als zu versuchen, die Mitgliedschaft nur auf diejenigen Staaten zu beschränken, die die gleichen Ansichten vertreten.
Und hier muß man sich auch überlegen, daß nur sehr wenige
Staaten über längere Zeit hinweg die gleichen Ansichten über alle
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�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

alle Dinge haben. Sind sie in bezug. auf das Problem der Sicherheit
eines Sinnes, oder besteht zwischen ihnen eine regionale Gemeinschaft, dann können sie sich auf Grund des Artikels 51» des Artikels über die kollektive Sicherheit, oder auf Grund der Bestimmungen der Artikel 52-54, der Artikel über die regionalen Gliederungen, untereinander organisieren.
2. Sicherheit
Durch die Charta (Artikel 24) ist der Sicherheitsrat verpflichtet, "hauptsächlich die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit" auszuüben. Kann
er durch Änderungen der Charta besser in die Lage versetzt werden, seinen Verpflichtungen nachzukommen? Oder muß diese "hauptsächliche Verantwortung" den Sicherheitsorganisationen überlassen
werden, deren Bildung durch Artikel 51 vorgesehen ist? Oder sollte
der Vollversammlung, bei der es kein Veto gibt, eine größere Verantwortlichkeit zugebilligt werden?
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Resolution "Frieden durch Einheit" aus dem Jahre 1950 erinnern, die die Vollversammlung in die Lage versetzt, im Hinblick auf Frieden und Sicherheit eine entscheidende Rolle zu spielen, falls der Sicherheitsrat durch ein Veto gelähmt ist.
3. Sicherheitsrat
Sind die gegenwärtigen Bestimmungen für Mitgliedschaft und
Abstimmung im Sicherheitsrat bis zu ihrer maximalen Wirksamkeit
durchführbar? Sollte das Vetorecht in bezug auf Fragen, die sich
um die friedliche Regelung von Meinungsverschiedenheiten drehen
(Kapitel VI) und in bezug auf die Aufnahme neuer Mitglieder aufgehoben werden, wie dies in der sogenannten Vandenberg—Resolution
empfohlen wurde? Die Vereinigten Staaten würden voraussichtlich
zögern, jetzt in der Aufgabe ihres Vetorechtes weit über diese
Vorschläge hinauszugehen.
4. Abstimmung in der Vollversammlung
In der Vollversammlung hat jede Nation eine Stimme - ist
dies die beste Lösung? Wenn die Vollversammlung eine größere Verantwortung übernehmen soll, sollte dann nicht eine Form der Stimmberechtigung nach Gewicht eingeführt werden, so daß Nationen,
die selbst nicht in der Lage sind, größere militärische oder finanzielle Verantwortung zu übernehmen, diese Verantwortung nicht
anderen Staaten aufbürden können? Sollte in manchen Fällen eine
kombinierte Stimmabgabe erfolgen, bei der eine positive Maßnahme
der Mehrheit aller Mitglieder sowohl auf der Basis der Gleichheit
als souveräne Staaten als auch der Mehrheit auf der Basis einer
Stimmabgabe nach Gewicht bedarf - einer Stimmabgabe, die Bevölkerungszahl, die natürlichen Hilfsmittel usw. in Rechnung stellt.
5.

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954
5. Das Problem der Rüstung

Seit der Annahme der Charta haben die Möglichkeiten der Massenvernichtung, vor allem was Atomenergie und kernreaktive Waffen
anbetrifft, in gewaltigem Maße zugenommen.
Ich habe an der San Franzisko-Konferenz im Frühjahr 1945
teilgenommen und kann mit Überzeugung sagen, daß die Delegierten
in San Pranzisko - hätten sie gewußt, daß wir im Begriff standen,
in das Zeitalter des Atomkrieges einzutreten, darauf gesehen haben würden, daß die Charta sich mit den dadurch entstehenden Problemen in einer realeren Form befaßte. Vielleicht sollte man nun
die Schaffung eines speziellen Organs der Vereinten Nationen in
Erwägung ziehen, das - vergleichbar dem Wirtschafts- und Sozialrat und dem Treuhänderrat der UN - sich ständig mit dem Problem
der Rüstung befaßt, durch das die in der Präambel der Charta zum
Ausdruck gebrachten Hoffnungen der Völker in so grauenhafter Weise
bedroht werden.
In diesem Zusammenhang verweise ich nachdrücklich auf den
epochemachenden Vorschlag Präsident Eisenhowers vom 8. Dezember
1953 vor den Vereinten Nationen, in dem der Präsident zur Schaffung einer internationalen Atomenergiebehörde aufforderte. Diese
Behörde soll gewöhnliches Uranium und spaltbares Material erhalten und die Aufgabe haben, Methoden auszuarbeiten, nach denen das
verfügbare Material verteilt wird, um der Menschheit für friedliche Zwecke zu dienen.
6. Völkerrecht
Sind die Bestimmungen der Charta (Artikel 13, Abschnitt 1)
im Hinblick auf die Bedeutung des Rechts als anerkanntem Standard
des internationalen Verhaltens ausreichend? Diese Bestimmungen
fordern die Vollversammlung auf, Untersuchungen anzustellen und
Empfehlungen vorzulegen, um den Fortschritt auf dem Gebiet des
Völkerrechte und seiner Kodifizierung zu ermutigen. Bisher wurden
jedoch nur wenige Fortschritte erzielt. Dies ist ein schwerer
Nachteil für die Ordnung in der Welt, denn es bedeutet, daß die
Entscheidungen und Empfehlungen der Vereinten Nationen zwangsläufig mehr von dem Gesichtspunkt der politischen Zweckmäßigkeit und
weniger von den anerkannten Regeln des Völkerrechts beherrscht werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Überzeugung des verstorbenen Senators Robert Taft erinnern, der erklarte, daß "auf
die Dauer der einzige Weg zum Frieden die Formulierung eines Gesetzes ist, dem jede Nation zustimmt, und das die Beziehungen
dieser Nationen miteinander bestimmt, und weiter die feierliche
Verpflichtung all dieser Nationen, sich an dieses Gesetz zu halten und ihre Entscheidungen nach ihm zu fällen." (A Foreign Policy
for Americans, 1951).
Ein gleichzeitiger Fortschritt in ,inem globalen Ausmaß wird
zur Zeit durch den Riß erschwert, der die Welt in bezug auf das
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

das Wesen des Gesetzes durchzieht. Die Regierungen der meisten
Völker der Erde sehen das "Gesetz" als die Bemühung des Menschen
an, moralische Prinzipien in den menschlichen Angelegenheiten und
Fragen zur Anwendung zu bringen. Damit ergibt sich eine objektive
Rechtsnorm, auf die man sich berufen kann. Ein Drittel der Bevölkerung der Welt jedoch wird von Männern beherrscht, die ein moralisches Gesetz nicht anerkennen und das menschliche "Gesetz"
lediglich als ein Mittel ansehen, das den Machthabern dazu dient,
ihre Ziele zu erreichen und ihre Feinde zu vernichten.
Die angeführten Punkte sind die wichtigsten Abänderungen
d^r Charta, die vor allem die Vereinigten Staaten angehen. Zweifel1 3 gibt es andere Aspekte, die für andere Staaten von großem Belan
Bind. Doch will ich zu diesem Zeitpunkt darüber keine weiteren
Ausführungen machen.
Es ist meiner Ansicht nach wichtig, daß die Vereinigten Staaten an das Problem einer Revision der Charta mit der klaren Erkenntnis herangehen, daß die Charta so wie sie jetzt ist, durchaus
als ein Mittel dienen kann, um der Sache des Weltfriedens und der
internationalen Gerechtigkeit zu dienen. Die Mängel der Charta
lassen sich zu einem beträchtlichen Teil durch Maßnahmen korrigieten, die nach den Bestimmungen der Charta zulässig sind. Es ist
bereits eine allgemein akzeptierte Gepflogenheit, daß die Stimmenthaltung eines ständigen Mitglieds des Sicherheitsrats kein Veto
darstellt, trotz der Tatsache, daß Artikel 27, Abschnitt 3,
"die
ausdrückliche Zustimmung von sieben Mitgliedern einschließlich der
einmütigen Zustimmung der ständigen Mitglieder" vorsieht.
Ich habe bereits auf die Resolution "Frieden durch Einheit"
verwiesen, die der Versammlung in Fragen der Sicherheit eine Vollmacht ohne Vetorecht gab.
Wir dürfen ferner nicht vergessen, daß viel im Rahmender
Charta erreicht werden kann, ohne eine eigentliche Abhängigkeit
von der Verfahrensweise der Vereinten Nationen selbst. Ich habe
auf den Artikel 51 Bezug genommen, der das Recht der kollektiven
Selbstverteidigung anerkennt. Dies wurde in weitgehendem Maße
genutzt. Viele Nationen, deren Sicherheitsinteressen die gleichen
sind, haben sich durch Sicherheitspakte verbunden. Es bestehen der
RIC-Pakt, der Nordatlantikpakt sowie ähnliche Sicherheitsabkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern im westlichen Pazifik. Die Sowjets haben ebenfalls durch eine Reihe von sogenannten Verträgen mit ihren Satelliten ihr eigenes Sicherheitssystem aufgebaut.
Derartige Abmachungen unterliegen nicht dem Veto des Sicherheitsrates, obwohl Maßnahmen zur Selbstverteidigung dem Rat berichtet werden müssen.
Ich habe hier einige Probleme aufgezeigt, die möglicherweise
auf einer Revisionskonferenz im Jahre 1956 zur Sprache kommen,
ohne den Versuch zu machen, eine endgültige Antwort zu geben. Dies
wäre meiner Ansicht nach noch zu früh. Ich möchte jedoch wiederholen, daß eine Revisionskonferenz zwar als eine Möglichkeit zur
Stärkung der Vereinten Nationen begrüßt werden sollte, daß jedoch
die Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wie die Charta zu
ändern ist, dann nicht bis zu einem Punkt gesteigert werden sollten

�"AFRIKA DIENST"

20. Januar 1954

sollten, an dem die Revisionskonferenz zu einer Unterminierung oder
Spaltung der Vereinten Nationen führen würde. Die Vereinten Nationen
sind so, wie sie sind, besser als gar keine Vereinten Nationen.
Man darf nicht vergessen, daß den Bestimmungen der derzeitigen
Charta zufolge jedes ständige Mitglied des Sicherheitsrates ein
Vetorecht in bezug auf die Abänderungen hat, die die Revisionskonferenz unter Umständen vorschlagen könnte. Das Bestehen dieses
Vetorechts bedeutet aber nicht, daß die Revisionskonferenz zur
Ergebnislosigkeit verurteilt ist. In San Franzisko hatte jede
Nation, die an der Ausarbeitung der •Dumbarton Oaks-Vorschläge'
teilnahm, ein Vetorecht über Abweichungen von diesen Vorschlägen.
Dennoch haben sie von diesem Veto keinen Gebrauch gemacht, sofern
es sich um Änderungen handelte, die vernünftig waren und von der
Weltmeinung gefordert wurden. Wir dürfen hoffen, daß die gleichen
Bedingungen bei der künftigen Revisionskonferenz vorherrschen werden. Wir können mit gutem Grund unsere Pläne auf die Arbeitshypothese
stellen, daß keine Nation tatsächlich in der Lage sein wird, willkürlich Veränderungen aufzuzwingen oder gegen Veränderungen ihr
Veto einzulegen.
Ich möchte mit der erneuten Versicherung schließen, daß ich
weiterhin an die Vereinten Nationen glaube. Ich teile voll und
ganz die von dem amerikanischen Senat in seiner Resolution vom
11. Juni 1948 zum Ausdruck gebrachte Meinung, daß es die Politik
der Vereinigten Staaten ist, den Weltfrieden und die Weltsicherheit durch die Vereinten Nationen zu erreichen. So hat auch Präsident Eisenhower dem Kongreß am 7. Januar 1954 erklärt, daß
"die Vereinten Nationen unsere weitere feste Unterstützung verdienen.
Ich bin überzeugt, daß es in unserer Macht liegt, die großen
Ziele der Vereinten Nationen zu fördern, wenn wir nur geduldig,
einfallsreich und entschlossen und von dem Glauben beseelt sind,
daß der Mensch die Fähigkeit hat, das Böse durch das Gute zu
überwinden.

# * * * *

- 8-

�Bitte Sperrfrist; 21. Januar 1954, 18 Uhr MEZ, beachten
EISENHOWER LEGT NEUEN HAUSHALT VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst^ — Präsident
Eisenhower unterbreitete am 21. Januar 1954
dem amerikanischen Kongreß den Haushaltsvorschlag für das Finanzjahr 1954/5*5, der Ausgaben in Höhe von 65,6 Milliarden Dollar und
Einnahmen in Höhe von 62,7 Milliarden Dollar
vorsieht. Das verbleibende Defizit wird auf
2,9 Milliarden Dollar veranschlagt und bleibt
damit noch um 400 Millionen Dollar hinter dem
für das laufende Haushaltsjahr erwarteten Defizit zurück.
In seiner Botschaft an den Kongreß, die in zwei Hauptteile
zerfällt - erstens eine allgemeine Übersicht über den Gesamthaushalt unter Berücksichtigung der wichtigsten Aspekte und
zweitens detaillierte Vorschläge zu den einzelnen Punkten führte der Präsident unter anderem aus:
"... Als diese Regierung am 20. Januar vergangenen Jahres
die Amtsgeschäfte übernahm, befaßte sie sich zuerst mit
dem von der vorangegangenen Regierung am 9« Januar dem Kongreß
unterbreiteten Haushaltsvoranschlag für das Finanzjahr 1954.
In Zusammenarbeit mit dem Kongreß wurde dieser Voranschlag umgehend überprüft und reduziert. Das neue Budget ist das erste,
das von dieser Regierung in seiner Gesamtheit allein ausgearbeitet worden ist.
Das Budget wird meiner Ansicht nach den Aufgaben der
nationalen Verteidigung und der internationalen Verantwortung
der USA in ausreichender Form gerecht - einer Verantwortung,
die wir als Führer der freien Welt auf uns nehmen mußten. Von
dem Erfolg dieser Führerschaft hängt unsere nationale Sicherheit
und unser Wohlstand ab. Das Budget trägt den gegenwärtigen
Bedürfnissen der Regierung Rechnung und läßt konstruktive Maßnahmen in bezug auf die vom amerikanischen Volke übernommene
Verantwortung sowie die inneramerikanischen Programme zu. ~

�»

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

20. Januar 1954

Das vorgeschlagene Budget ermöglicht eine weitere Stärkung
unserer Verteidigungsstellung, Portschritte in der Entwicklung
und Produktion von Atomwaffen, die Ausweitung unseres kontinentalen Verteidigungssystems, die Unterstützung bedreundeter Nationen beim Aufbau ihrer Verteidigungsstärke sowie die Durchführung von Programmen für eine schnelle Mobilisierung, sofern
ein derartiger Notstand eintreten sollte. Ferner wird die Bewilligung von Mitteln für neue und weitergehende Entwicklungsarbeiten zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie empfohlen
in der aufrichtigen Hoffnung, daß die gegenwärtigen internationalen Beziehungen verbessert und die Wunder der Atomkraft allmählich der Erschließung eines glücklicheren und schöneren Lebens
uns und der gesamtenMenschheit dienstbar gemacht werden können.
Das Budget enthält Vorkehrungen für gesetzliche Empfehlungen hinsichtlich der Ausdehnung des Versicherungsschutzes und
der Erhöhung der Sozialleistungen im Rahmen unseres Sozialversicherungssystems, der Schaffung besserer Wohnverhältnisse und
Förderung des Privathausbesitzes, der Verbesserung unseres Erziehungssystems, der Erhaltung unserer natürlichen Hilfsquellen,
der Verhinderung von Hochwasserschäden und Bodenerosion, der
Sicherstellung einer erweiterten ärztlichen und KrankenhausBetreuung für unsere Bevölkerung sowie für andere konstruktive
Zwecke innerhalb der USA, die alle darauf abgestellt sind, die
Fundamente einer stabilen und blühenden Wirtschaft zu stärken.
In diesem Budget werden die ständigen Bemühungen während
des vergangenen Jahres, sowohl die Anforderungen für neue Bewilligungen als auch die Regierungsausgaben zu senken, fortgesetzt. Die bisher schon vollzogenen Einsparungen zusammen
mit den noch vorgesehenen rechtfertigen die Steuersenkungen, die
am 1. Januar in Kraft getreten sind sowie weitere Steuersenkungen, die ich noch empfehlen werde. Diese neuen Steuersenkungen
werden einen neuen Anreiz .zu hohen Kapitalinvestitionen und Verbraucher-Ausgaben geben. Trotz des beträchtlichen Einnahmenausfalls, der diese Steuersenkungen zur Folge haben, sind wir
einem ausgeglichenen Budget näher gekommen.
Eines der ersten Probleme dieser Regierung bestand darin,
den Staatshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Dieses wurde
im wesentlichen durch die Revision des ursprünglichen Haushaltsplanes für das Finanzjahr 1954 erreicht. Nunmehr kommt ein etwa
gleich großer Betrag, wie er durch diese Revision eingespart
wurde, der Allgemeinheit in Form von Steuersenkungen und Änderungen fcvgute. Dieser Betrag übersteigt das geschätzte Budgetdefizit wesentlich.
Bei der Ausarbeitung dieses Haushaltsplanes hat die Regierung ihre Aufmerksamkeit den wesentlichen Tätigkeiten und Programmen gewidmet und nicht jenen, die von einigen vielleicht
zur Zeit als wünschenswert angesehen werden. Dieses Budget setzt
einigermaßen stabile Verhältnisse - sowohl in den USA wie auch
im Ausland - während der Periode, die es umfaßt, voraus. Es

- 2 -

�r

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Es versetzt uns in die Lage, weiterhin die schweren Lasten des
Verteidigungsprogramms zu tragen. Wenn wir jedoch auch in Zukunft
bestrebt sind, die weniger erwünschten und unnötigen Regierungsausgaben zu reduzieren und zu eliminieren, so wird es durchaus
möglich sein, sich anderen Aufgaben zuzuwenden, die auf Grund ihres
Nutzens für alle als wünschenswert erscheinen.
Meine Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, in der Erfüllung
der Erfordernisse für die nationale Sicherheit und der notwendigen
und wohlbegründeten Funktionen der Regierung mehr zu leisten und
größere Sparsamkeit walten zu lassen.
Die gegenwärtigen Voranschläge für das Budget für 1954 zeigen,
daß die Anträge auf Neubewilligungen um etwa 12,5 Milliarden Dollar,
auf neue Vorgriffsmittel um über 11 Milliarden Dollar vermindert
wurden und daß die Ausgaben um 7 Milliarden Dollar niedriger lagen
als im offiziellen Gesamtvoranae&amp;lag der vorherigen Regierung für
das Haushaltsjahr 1954 vorgesehen war.
Ähnliche Einsparungen werden auch im Haushaltsplan für 1955
eingebaut werden. Die empfohlene Summe für Vergriffsmittel liegt um
4,4 Milliarden Dollar niedriger als in dem gegenwärtigen Voranschlag für das Haushaltsjahr 1954, um 15»5 Milliarden Dollar
niedriger als in dem offiziellen Haushaltsplan für das Jahr 1954
und um 23,9 Milliarden Dollar niedriger als 1953. Die Voranschläge
für das Finanzjahr 1955 liegen um 5,3 Milliarden Dollar unter den
Schätzungen, die für das Finanzjahr 1954 vorliegen, um 12,3 Milliarden Dollar unter der für das Haushaltsjahr 1954 offiziell empfohlenen
Summe, und um 8,4 Milliarden Dollar unter dem Betrag von 1953.
So wurden seit der Amtsübernahme dieser Regierung die Beträge
für die Vorgriffsmittel um 15,5 Milliarden Dollar, für die Voranschläge um 12,3 Milliarden Dollar vermindert.
Diese Reduzierungen rechtfertigten eine Senkung der Steuern.
Ohne Steuersenkungen wäre im Finanzjahr 1955 mit einem Haushallgüberschuß zu rechnen gewesen.
Um sicherzustellen, daß der größte Teil der Einsparungen den
amerikanischen Steuerzahlern im allgemeinen und damit auch unserer
gesamten Wirtschaft zugute kommt, hielt ich einen Kurs für das
beste, der sowohl zu einem ausgeglichenen Budget als auch zu
Steuersenkungen führt.
Die Verminderung der Ausgaben im Haushaltsjahr 1954 sollte
einen Abbau des hohen Defizits bewirken, wie es in dem offiziellen
Haushaltsplan für 1954 veranschlagt worden war. Die voraussichtlichen Einsparungen im Haushalt des Jahres 1955 haben bereits in
dem am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretenen Steuersenkungen
ihren Niederschlag gefunden und werden auch in den von mir in der
vorliegenden Botschaft empfohlenen Steuerreformen berücksichtigt.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Diese Steuersenkungen werden insgesamt etwa 5 Milliarden
Dollar ausmachen.
Wir werden den gegenwärtigen Schätzungen zufolge auch
im Haushaltsjahr 1955 mit einem Defizit von etwas weniger als
3 Milliarden Dollar rechnen müssen. Aber wir werden uns weiterhin mit Entschlossenheit um Einsparungsmaßnahmen bemühen,
um dieses Defizit im Haushaltsjahr 1955 weiter zu verringern.
Überdies wird nunmehr trotz der Einbuße an Bargeldeingängen infolge der Steuersenkungen und -reformen der Gesamtbetrag
für Bargeldtransaktionen zwischen Regierung und Öffentlichkeit
im Finanzjahr 1955 etwas höher veranschlagt.
Gesamtzahlen der Haushaltsposten im Finanzjahr 1954
Das tatsächliche Haushaltsdefizit für das Finanzjahr 1953
betrug 9,4 Milliarden Dollar. Das Haushaltsdefizit für das
Finanzjahr 1954 wurde, wie aus dem offiziellen Haushaltsplan
für 1954 hervorgeht, mit 9»9 Milliarden Dollar veranschlagt.
Die gegenwärtigen Schätzungen über den Haushalt in diesem Jahr
ergeben ein Haushaltsdefizit von 3,3 Milliarden Dollar.
Der Gesamthaushalt für das Finanzjahr 1955
Das Defizit für das kommende Haushaltsjahr wird nach Schätzungen etwa 2,9 Milliarden Dollar betragen. Das vorliegende
geschätzte Defizit für das kommende Haushaltsjahr steht in
scharfem Gegensatz zu dem vom Budgetamt gemachten Defizitvoranschlag für das Finanzjahr 1954. Die Weiterführung der bereits bestehenden Programme, die in der Budget-Botschaft für
1954 aufgeführt worden waren, wiesen angesichts der damals
bestehenden Steuersätze für das Haushaltsjahr 1955 ein Defizit
auf, das ungefähr fünfmal größer war als das nun geschätzte
Defizit....
Das Budget erlaubt eine voraussichtliche Einnahmeminderung
von fast 5 Milliarden Dollar auf Grund der am I.Januar in Kraft
getretenen Steuersenkung und auf Grund der vorgeschlagenen
Steuerreformen, sofern diese das Haushaltsjahr 1955 betreffen.
Auf Jahresbasis gerechnet wird sich die Einnahmeverminderung
der sechs Milliardengrenze nähern
Die auf dem Wege zu einem ausgeglichenen Haushalt gemachten Fortschritte sind das Ergebnis eines entschlossenen und
ständigen Bemühens, die Finanzgebarung der Regierung unter
Kontrolle zu bekommen.
Neue Vorgriffsmittel
Meine Empfehlungen für neue Bewilligungen und andere neue
Vorgriffsmittel für das kommende Steuerjähr belaufen sich auf
56,3 Milliarden Dollar, stellen also eine weitere Verminderung
der während der letzten Jahre bewilligten Beträge dar.
._.
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�"AMERIKA DIENST" • WIRTSCHAFT UND ARbr&lt;±±

20. Januar 1954

•

... Die geringeren Aufwendungen der neuen Vorgriffsmittel
und der angesammelten noch nicht ausgegebenen Mittel für 1954
und 1955 werden in diesen und den kommenden Jahren zu geringeren Ausgaben führen. Bei der Revision des für 1954 und 1955 vorgesehenen Haushalts zeichnet sich deutlich ein Trend zu einem
ausgeglichenen Etat ab.
Die Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes 1954/55 werden
auf 65»6 Milliarden Dollar geschätzt. Die Vergleichszahlen für
die vorhergehenden Jahre waren wie folgt:
Haushaltsjahr 1952 65,4 Milliarden
1953 74,0 Milliarden
1954 Nach dem Voranschlag Trumans vom 9.
Januar 1953,77,9 Milliarden und 70,9
Milliarden nach der Revision durch die
Regierung Eisenhower.
1955 Geschätzter Wert 65,6 Milliarden ,
Die vorgeschlagenen Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes
für das Finanzjahr 1954/55 gliedern sich in drei große Kategorien:
1) Nationale Sicherheit,
2) Größere, mit den erlassenen und zu schaffenden Gesetzen kaum
genau zu kontrollierende Vorhaben und 3) alle anderen Regierurigsprogramme.
Die Aufwendungen für die hauptsächlichen Sicherheitsprogramme,
d.h. für die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums,
das Programm für gemeinsame Sicherheit, die Atomenergie und die
Anlegung von Vorräten strategisch wichtiger Rohstoffe, beherrschen
das Budget und werden für das Finanzjahr 1954/55 mit 44,9 Milliarden Dollar veranlagt. Dem steht als Vergleichszahl ein Schätzungswert für das Finanzjahr 1953/54 mit 48,7 Milliarden Dollar und
für das Finanzjahr 1952/53 mit 50,3 Milliarden Dollar gegenüber.
Der prozentuale Anteil der Aufwendungen für die militärische
Sicherheit am Gesamthaushalt ist in allen drei Jahren etwa gleich.
In enger Beziehung zu diesen großen Sicherheitsprogrammen
stehen andere, dem gleichen Zwecke dienende Vorhaben, die an
anderer Stelle des Haushaltsplanes aufgeführt werden. Die Ausland shitfeprogramme und das Informationsprogramm sind besonders
wichtig, um einen Aggressor abzuschrecken und die Kräfte des
Friedens dieser Welt zu stärken.
Der größte Anteil der vorgeschlagenen Kürzungen an einem
Einzelposten im Haushalt 1955 entfällt auf die Aufwendungen für
nationale Sicherheit. Ich möchte ausdrücklich darauf verweisen,
daß diese Einsparungen dadurch möglich wurden, daß die bestehenden Programme überprüft, der Schwerpunkt verlagert, die Beschaffung besser durchorganisiert und die Verwaltung verbessert wurden.
Unsere Sicherheit ist dabei größer - nicht geringer geworden.
Darüber

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�"AMERIKA LIEJÜST" - WIRTSCHAFT JAP ARBi.iT

Januar 1954

Darüber hinaus werden die Einsparungen bei gewissen Posten auf
andere Programme überschrieben werden.
Von allen Aufwendungen für die großen vier Sicherheitsprogramme sind die im Haushalt 1954/55 aufgeführten Posten für
die Atomenergie-Kommission und für das gemeinsame Verteidigungsprogramm höher als sie je zuvor seit ihrem Bestehen gewesen sind.
Im Rahmen der Aufwendungen für das Verteidigungsministerium
im Haushaltsjahr 1954/55 erhalten die Luftstreitkräfte den seit
dem zweiten Weltkrieg höchsten Anteil. Die für die kontinentalen
Verteidigungsprogramme vorgesehenen Mittel sind höher als in
irgend einem anderen Jahr ... •
Die Aufwendungen für die Vorratshaltung an strategisch
wichtigen Rohstoffen - der vierte Posten in der Kategorie der
großen Sicherheitsprogramme - liegen in diesem Haushalt unter
den Voranschlägen für das Haushaltsjahr 1953/54. Dies wurde
dadurch möglich, daß die Erfordernisse zur Anlegung von Vorräten in gewissen Fällen fast erfüllt wurden und daß die Weltmarktpreise für jene Rohstoffe, deren Bevorratung noch immer
notwendig ist, stark sanken»
Die im Haushalt aufgeführten Ausgaben für gewisse Regierungsaufgaben sind durch Gesetz relativ festgelegt und hängen
zu einem guten Teil von Faktoren ab, die sich nicht durch den
Haushaltsplan im voraus bestimmen lassen. Obwohl die Zahl der
hier zu nennenden Regierungsaufgaben klein ist, entfallen auf
sie hohe Summen, die jedes Jahr im Haushalt zu berücksichtigen
sind. Beispielsweise hängt nach Inkrafttreten der Gesetze die
Höhe der an die Bundesstaaten für eine Vielzahl von Zwecken zu
zahlenden Zuschüsse davon ab, inwieweit die einzelnen Staaten
die Darlehensprogramme der Bundesregierung in Anspruch nehmen;
die Höhe der Aufwendungen für Kriegsteilnehmer-Pensionen wird
durch die Zahl der berechtigten Antragsteller bedingt; die Höhe
der Aufwendungen für landwirtschaftliche Subventionen richtet
sich nach den Ernteerträgen und der Nachfrage nach subventionierten Erzeugnissen, und die Höhe der Zahlungen für die Verzinsung
der Staatsschuld wird durch die Höhe der Staatsschuld selbst und
den Zinssatz bestimmt.
Im Finanzjahr 1954/55 werden zur Durchführung dieser Programme schätzungsweise 14,1 Milliarden Dollar erforderlich.
Diese Summe ist etwa genau so hoch wie der zur Zeit für
1954 veranschlagte Betrag und liegt fast um 800 Millionen Dollar
unter ähnlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1953.
Die budgetmäßigen Ausgaben für andere Regierungsaufgaben,
die mehrere durch die Veranlagung lenkbare Sparten betreffen,
werden gegenüber dem Finanzjahr 1952/53 und 1953/54 um schätzungsweise 2,2 Milliarden Dollar niedriger sein. Dies ist eine
Einsparung für routinemäßige Regierungsaufgaben von etwa 25 Prozent gegenüber den obengenannten Jahren. Die Regierungsaufgaben
betreffen zahlenmäßig den größten Teil der im Budget angeführten
Posten, während sie, was die veranschlagten Summen angeht etwa
ein Zehntel des Gesamtbudgets ausmachen.
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WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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In dieser Kategorie ergeben sich auf Grund der Verringerung
des Defizite im Post- und Fernmeldewesen und gewisser Einsparungen in der Verwaltung sowie Einschränkungen der Tätigkeitsbereiche erhebliche Senkungen der Aufwendungen. Andererseits werden
die geschätzten Aufwendungen für die Tennessee-Talverwaltung (TVA),
für den Wohnungsbau und für städtebauliche Verbesserungen, für
Kredite für Studentenwohnheime, für die National Science Foundation
(Nationaler Forschungsrat), für die Wildhege und das Fischereiwesen, für das Schulspeiseprogramm und andere dem ganzen Volke zugutekommende Projekte höher sein, als je zuvor in der Geschichte
der Vereinigten Staaten.
Gesamtausgaben für die wichtigsten Vorhaben im Finanzjahr
1954/55 (in Millionen Dollar)
Nationale Sicherheit 44 860
Vorsorgungsleistinngen für ehemalige Kriegsteilnehmer 4 223
Internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen
1 885
Sozialleistungen, Fürsorge- und Gesundheitswesen 1 807
Wohnungs- und Städtebau 1 903
Forschungs- und Erziehungswesen 233
Landwirtschaft und landwirtschaftliche Hilfsquellen 6 752
Nutzung der natürlichen Hilfsquellen 1 337
Transport- und Verkehrswesen 4 277
Vorhaben des Arbeitsministeriums 282
Allgemeine Regierungsausgaben 1 164
Zinsendienst 6 875
Finanzwesen, Handel und Industrie 917
Rücklagen für unvorhergesehene Ausgaben 150
Insgesamt 76 655
Abzüglich der Einkünfte aus staatlichen Unternehmen 11 085
Gesamtausgaben 65 570
Staatseinnahmen und Steueraufkommen
Die Staatseinnahmen auf Grund der derzeitigen und der vorgeschlagenen Gesetze werden für das Finanzjahr 1954/55 auf 62,7
Milliarden Dollar geschätzt. Dies sind 4,9 Milliarden weniger,als
die Einnahmen im derzeitigen Finanzjahr 1953/54 nach den gegenwärtigen Schätzungen betragen werden. Das sind 1,9 Milliarden Dollar
weniger als 1953 und 1,3 Milliarden Dollar mehr als 1952.
Die

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1954

Die gesamten Regierungsausgaben und die Steuern sind augenblicklich so hoch, daß wir unseren Kurs sorgfältig planen müssen,
um unzureichende Einnahmen auf der einen und eine wirtschaftshemmende Besteuerung auf der anderen Seite zu vermeiden. Ich bin bemüht, die Steuern so rasch wie möglich zu senken, soweit dies ohne
Auflaufen inflationistischer Defizite möglich ist. Meine Regierung
ist fest entschlossen, weitere Steuersenkungen so bald vorzunehmen
wie sich dies auf Grund der zu erwartenden Staatseinnahmen und
der Senkung der Ausgaben rechtfertigen läßt. Es wird dabei unser
Ziel sein, dem Volk einen möglichst großen Anteil an dem Geld
zur Verwendung nach eigenem Wunsch zurückzugeben, das die Regierung bisher an seiner Statt ausgegeben hat...
Ich unterbreite und erläutere nun die hierzugehörigen Einzelheiten des Budgets. Die in dem Haushaltsvoranschlag aufgeführten
Zahlen sind auf Grund der gegenwärtigen und übersehbaren Verhältnisse sorgfältig geschätzt worden. Änderungen des Haushalts können
durch Maßnahmen des Kongresses herbeigeführt werden. Andere können
durch wirtschaftliche Faktoren bedingt sein, die die Preise von
solchen Gütern verändern, die die Regierung gekauft hat, oder
Einkommens- und Steuerhöhe schwanken lassen. Ebenso könnten neue
Entwicklungen auf dem außenpolitischen und innerpolitischen Sektor
eine Änderung des Haushaltsplanes von 1955 notwendig machen.
Die Vorgriffsvollmacht umfaßt den Gesamtbetrag aller Vorgriff smittel, die es Kraft gesetzlichen Beschlusses des Kongresses den Regierungsbehörden ermöglichen, finanzielle Verpflichtungen
einzugehen. Diese umfassen neben neuen Bewilligungen in erster Linie Vollmachten, bereits vor der Bereitstellung von Mitteln durch
den Kongreß vertragliche Verpflichtungen zu übernehmen, sowie Vollmachten, Aufwendungen aus Anleihen zu bestreiten.
Neue Vorgriffsvollmachten auf Grund des Hauptprogramms für
1955 (in Milliarden Dollar):
Nationale Sicherheit
54,9
Versorgungsleistungen für
ehemalige Kriegsteilnehmer
4,0
Internationale Aufgaben und
finanzielle Verpflichtungen
1,5
Sozialleistungen, Fürsorge- und
Gesundheitswesen
1,8
Wohnungs- und Städtebau
0,2
Forschungs- und Erziehungswesen
0,2
Landwirtschaft und landwirtschaftliche Hilfsquellen
2,8
Nutzung der natürlichen Hilfsquellen
1 ,0
Transport- und Verkehrswesen
1,5
Finanzwesen, Handel und Industrie weniger als 50 Millionen
Vorhaben des Arbeitsministeriums
0,3
Allgemeine Regierungsa.sgaben
1,0
Zinsendienst
6,9
Rücklagen für unvorhergesehene Ausgaben 0,2
Insgesamt
56,3
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20. Januar 1954

In früheren Jahren umfaßte die Vorgriffsvollmacht auch den
vom Kongreß bewilligten Übertrag nicht verbrauchter Mittel auf
das neue Haushaltsjahr. In Übereinstimmung mit der Verfahrensordnung des Kongresses sind in diesem Budget die Überträge bereits bewilligter, aber nicht verbrauchter Mittel für zwei große Programme, nämlich das Programm für gemeinsame Sicherheit
und das Bauprogramm der Atom-Energie-Kommission, nicht als Vorgriff svollmacht ausgewiesen. Diese Programme werden jährlich
bewilligt, laufen aber ständig weiter» Die daraus sich ergebende
Verminderung der Vorgriffsvollmachten wird durch eine entsprechende Erhöhung des Betrages unverbrauchter, bewilligter Gelder
ausgeglichen, die von einem Finanzjahr in das nächste übertragen
werden.
Der Voranschlag für die Gesamtsumme der Bewilligungen und
anderer Vollmachten für das Finanzjahr 1953/54 und ebenso die
von mir empfohlene Gesamtsumme der Vorgriffsvollmachten für das
Finanzjahr 1954/55 sind niedriger als die veranschlagten Haushaltsausgaben und auch niedriger als die veranschlagten Einnahmen für die betreffenden Jahre. Dies steht in direktem Gegensatz zu den erheblich höheren Beträgen der Bewilligungen gegenüber den Einnahmen in den letzten Jahren. Es bedeutet, daß wir
nunmehr den hohen Betrag noch offener, durch Einkünfte nicht
ausgeglichener Verpflichtungen, wie sie aus den Bewilligungen
der letzten Jahre aufgelaufen sind, abbauen und künftig das Ausgabenniveau nach Möglichkeit senken werden.
Die wichtigsten Programme für die nationale Sicherheit erfordern noch immer den Hauptanteil der Bewilligungen für den
neuen Haushalt. Vom Gesamtbetrag der Vorgriffsmittel, die für
das Finanzjahr 1954/55 zur Bewilligung empfohlen werden, entfallen allein 34,9 Milliarden Dollar oder etwa 62 Prozent auf
die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums, das
Atom-Energie-Programm, das militärische Programm für gemeinsame
Sicherheit mit unseren Verbündeten in der freien Welt, und die
Vorratsbildung strategisch wichtiger und knapper Güter«
Dem Budget liegt eine neue Konzeption hinsichtlich der
Planung und Finanzierung der Programme für die nationale Sicherheit zugrunde - eine Konzeption, auf der teilweise bereits unsere
Empfehlungen im vergangenen Frühjahr über eine Revision des Haushaltes 1954 fußten.
Unsere militärische Planung war bisher bestimmt von Schätzungswerten bezüglich des Eintretens einer höchsten Gefahr, wobei
man diese Werte von Zeit zu Zeit heu festlegte und die Pläne über
die Beschaffung und Festlegung der numerischen Stärke auf diese
jeweiligen Daten abstimmte. Dieses Budget zielt jedoch auf die
Erhaltung einer starken militärischen Position über einen längeren Zeitraum ab, in dem der Friede noch nicht voll gesichert
ist.
Mit diesem Haushaltsplan sollen moderne Luftstreitkräfte geschaffen, unterhalten und voll genutzt werden. Unsere militärischen Strategen und die für die militärische Planung der anderen
Nationen

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�"AMERIKA DIENST" -L WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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Nationen der freien Welt Verantwortlichen Stimmen darin überein,
daß die Luftstreitkräfte von größter Bedeutung sind. Aber die
Luftstreitkräfte müssen durch Amphibische und Landestreitkräfte,
eine Kriegsmarine und Einheiten zur Bekämpfung von U-Booten ergänzt
werden. Die besondere Betonung der Luftstreitkräfte macht unsere
.Pläne zur Verbesserung der kontinentalen Verteidigung gegen einen
möglichen feindlichen Angriff vollständig. Wir hoffen, die Kampfkraft unserer Streitkräfte durch eine Ausrüstung mit neuen Waffen und Ausbildung in neuen Verfahren der Kriegführung zu verbessern und letztlich eine weit größere Wendigkeit zu erreichen,
als
dies bisher der Fall war. Wir werden unsere strategischen Reserven immer dann aufrufen, wenn dies die Weltlage erforderlich macht , und die Streitkräfte'in einer steten Einsatzbereitschaft halten, damit sie mit möglichen Angriffshandlungen
jederzeit fertig werden können. Dieses Budget zielt darauf ab,
dieses komplexe Gebilde unserer militärischen Stärke auf einen
höchsten Stand an Wirksamkeit zu bringen. Es sieht größere Aufwendungen für die Luftstreitkräfte vor, als diese jemals seit
dem zweiten Weltkrieg erhalten haben. Die Neuausrichtung unserer
Verteidigungsstrategie macht dies bei geringeren Gesamtausgaben
für die nationale Sicherheit möglich.
Mit der Schwerpunktverlagerung auf die volle Ausnützung der
Luftmacht und der modernen Waffen sind wir in der Lage, mit einer
geringeren Inanspruchnahme unserer Hilfsquellen an Menschen, Material und Geldmitteln starke nationale Sicherheitsprogramme auf
unbestimmte Zeitdauer durchzuführen.
Wir haben heute einen Waffenstills tand in Korea. Nach drei
Jahre währenden Feindseligkeiten befinden wir uns heute im ersten
Jahr eines bewaffneten Friedens. Doch ist es noch ein weiter Weg
bis wir einen Frieden haben, wie wir ihn wünschen. Solange die
freie Welt vom Kommunismus bedroht wird, müssen wir in enger Zusammenarbeit mit den übrigen Nationen der freien Welt Vorsorge
treffen, um eine ausreichende militärische Stärke aufrechtzuerhalten.
Das grundsätzliche Ziel unserer Sicherheit besteht darin,
weitere Aggressionen zu verhindern. Durch die Aufrechterhaltung
einer starken militärischen Position sowohl in der Heimat wie
im Ausland müssen wir das notwendige Abschreckungsmittel gegenüber einem potentiellen Angreifer schaffen. Zur Durchführung dieser Aufgabe sind Entschlossenheit, ausreichende Hilfsquellen an
Menschen und Material sowie eine sorgfältige Planung erforderlich.
Der Abschnitt über die nationale Sicherheit im Haushaltsplan
führt daher nicht nur die Posten für die militärischen Aufgaben
des Verteidigungsministeriums auf, sondern auch die Mittel für
das gemeinsame Verteidigungsprogramm, die Entwicklung der Atomenergie und die Bevorratung strategischen Materials und knapper
Rohstoffe. Diese vier Hauptprogramme sind eng miteinander verbunden und dienen den wichtigsten Erfordernissen unserer Sicherheit.
Sie ergänzen sich gegenseitig und müssen mit den Planungen auf
weite Sicht abgestimmt sein, auf die sich das Regierungsprogramm
in fiskalischer und gesetzgeberischer Hinsicht stützt.
In

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20. Januar 1954

In der Vergangenheit waren unsere Verteidigungshaushalte
sogenannte
"2m. viel oder zu wenig"-Budgets und richteten
sich nach dem jeweiligen Stand der internationalen Lage. In
Friedenszeiten wurden die Bewilligungen gewöhnlich stark herabgesetzt. In Kriegszeiten dagegen blieben fiskalische Überlegungen großenteils unberücksichtigt. Unsere gegenwärtigen Haushaltspläne stellen eine Abkehr von dieser Gewohnheit dar. Sie sehen
die dauernde Unterhaltung starker militärischer Streitkräfte vor,
soweit es im Rahmen der finanziellen Leistungsfähigkeit einer
gesunden Wirtschaft möglich ist. Wir können es uns nicht leisten,
unsere militärische Stärke auf Kosten unserer Wirtschaft aufzubauen. Wir müssen in jeder Hinsicht stark sein.
Die Aufwendungen für das Verteidigungsministerium und für
die Vorratsbildung wurden im Finanzjahr 1953/54 bereits gekürzt,
und ich befürworte eine weitere Reduzierung für das Haushaltsjahr 1954/55. Die Verringerung der Gesamtausgaben des Verteidigungsministeriums wird ermöglicht werden, obwohl die Aufwendungen für die Luftstreitkräfte, den Schiffsbau, elektronengesteuerte Geräte, ferngelenkte Geschosse, Bauvorhaben, Forschungsund Entwicklungsarbeiten sowie zahlreiche andere verteidigungswichtige Aufgaben auch weiterhin für Friedenszeiten nahezu auf
Rekordhöhe liegen werden. Ich empfehle ferner für das Finanzjahr 1954/55 eine gewisse Erhöhung der Aufwendungen für das gemeinsame Verteidigungs-Programm und für die Atomforschung, die
damit eine Rekordhöhe erreichen werden. Dennoch werden die Gesamtausgaben für Aufgaben der nationalen Sicherheit vom Haushaltsjahr 1953/54 schätzungsweise um 1,6 Milliarden Dollar zurückgehen; vom Haushaltsjahr 1953/54 zum Haushaltsjahr 1954/55
wird mit einer weiteren Einsparung von 3,9 Milliarden Dollar
gerechnet.
Dieser Rückgang bei den Aufwendungen für die nationale
Sicherheit ist eine Auswirkung der vom Gemeinsamen Generalstab
vorgeschlagenen dynamischen und langfristigen Planung für unsere Streitkräfte; die Einsparungen sind das Ergebnis der von
meiner Regierung verwirklichten Sparsamen Finanzpolitik, der
Einstellung der Feindseligkeiten in Korea und der Einschränkung
in der Materialbeschaffung - insbesondere bei Kraftfahrzeugen,
Munition und den für die Versorgung der Truppe bestimmten Gütern,
die durch unsere verbesserte Versorgungs- und Rohstofflage ermöglicht wurde.
Die Ausgaben für die Armee und die Marine werden auf je rund
10 Milliarden Dollar geschätzt, das bedeutet eine Senkung um etwa 4 bezw. 1 Milliarde Dollar; die Ausgaben für die Luftstreitkräfte werden auf über 16 Milliarden Dollar geschätzt, das sind
600 Millionen mehr als im Haushaltsjahr 1954.
Die

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Die Höhe der für die nationale Sicherheit bewilligten Vorgriff smittel, soll gemäß Regierungsvorschlag 34,859 Milliarden
Dollar betragen, das sind 4,5 Milliarden Dollar weniger als der
für das Haushaltsjahr 1954 geschätzte Betrag. Für Marine und Luftstreitkräfte soll dieses Vorgriffsrecht der Regierung für etwa
den gleichen Betrag wie im Jahre 1954 gelten, während sich der für
die Armee erforderliche Betrag um etwa ein Drittel des für 1954
vorgesehenen Betrages senken würde. Die für das Haushaltsjahr 1955
vorgesehenen Aufwendungen zur Weiterentwicklung und Kontrolle
der Atomenergie werden auf 2 425 Millionen Dollar geschätzt, das
sind etwa 225 Millionen Dollar mehr als im Haushaltsjahr 1954. Die
neuen Vorgriffsmittel sollen gemäß Regierungsvorschlag 1 366
Millionen Dollar betragen, was einer Erhöhung um rund 300 Millionen
Dollar entspricht...
Vor einiger Zeit gab ich unseren Plan bekannt, zwei Divisionen
der US-Armee aus Korea äazuziehen und ihren Standort in die USA zu
verlegen. Dies stellt eine erste Maßnahme unseres Planes dar,
die amerikanischen Bodentruppen in Korea allmählich zu verringern.
Diese Verringerung ist durch die Einstellung der Feindseligkeiten
in Korea, durch die vermehrte Beweglichkeit und Schlagkraft unserer Luftstreitkräfte sowie anderer Kampfverbände und durch die
vermehrte Kampfkraft der Streitkräfte der Republik Korea ermöglicht worden. Diese Maßnahme gefährdet in keiner Weise unsere
Bereitschaft und Schlagkraft, wenn notwendig jeder neuen kommunistischen Offensive mit größerer Wirkung als bisher Widerstand zu
leisten. Die Streitkräfte der USA im Fernen Osten werden in einer
ausreichenden Stärke aufrechterhalten werden, wobei der größte
Nachdruck auf schnellbewegliche Marine- Luft- und amphibische
Streitkräfte gelegt wird. In dem Haushaltsvoranschlag werden dem
Verteidigungsministerium zur weiteren Unterstützung der Streitkräfte der Republik Korea und Erhaltung ihrer gegenwärtig hohen
Schlagkraft Mittel zur Verfügung gestellt.
Nach der vom Gemeinsamen Generalstab vorgelegten Planung auf
weite Sicht kann die Anzahl der jetzt bestehenden Heeres-Divisionen möglicherweise verringert werden, jedoch wird die größere
Beweglichkeit und die Ausrüstung an modernen Waffen jeder einzelnen Division eine immer stärkere Schlagkraft verleihen. Im Rahmen
des Programms für eine bessere Verteidigung des Festlandes, wird
die Anzahl der Flak-Bataillone mit ferngelenkten Geschossen erheblich vergrößert werden.
Im gegenwärtigen Zeitpunkt verfügen die Luftstreitkräfte und
Marine-Luftstreitkräfte insgesamt über annähernd 33 000 Flugzeuge,
davon etwa ein Drittel Düsenflugzeuge. Daß sich das Schwergewicht
auf die Luftstreitkräfte verlagert hat, geht daraus hervor, daß
während der nächsten drei Jahre der Bestand an Flugzeugen erster
Linie auf 40 000 Maschinen erhöht werden soll, wovon über die
Hälfte Düsenflugzeuge sein sollen. Nach Erreichung dieses Zieles
wird die Luftwaffe über 137 Geschwader verfügen - davon 126 Kampfgeschwader - die durch eine entsprechende Anzahl von Hilfsverbänden

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Hilfsverbänden ergänzt werden. Die Marine-Luftstreitkräfte werden
über 16 Plugzeugträger-Verbände und 15 U-Boot-Abwehr-Staffeln
verfügen, während die Marine-Infanterie drei Marine-Luftgeschwader unterhalten wird. All diese Einheiten werden durch die entsprechende Anzahl von Hilfseinheiten ergänzt.
Neben der Verstärkung ihrer einsatzfähigen Luftmacht wird
die Marine ihre Seestreitkräfte weiterhin modernisieren, wobei
das Schwergewicht auf den Kampfverbänden liegen soll. Die MarineInfanterie wird drei dinsatzbereite Divisionen unterhalten.
Der Plan für die im Haushaltsjahr 1955 zu unterhaltenden
Streitkräfte erlaubt eine Senkung der für Sold, Zulagen und andere
direkte personelle Kosten vorgesehenen Aufwendungen um annähernd
600 Millionen Dollar. Die Kosten für Betrieb und Unterhalt sollen
auf einem Minimum gehalten werden, so daß die Aufwendungen für
diesen Sektor gesenkt werden können.
Größere Aufwendungen für Anschaffungen werden im ganzen um
rund 15 Prozent niedriger gehalten werden als im Jahre 1954, doch
ist der Betrag von 14,5 Milliarden Dollar, die voraussichtlich
für diesen Zweck bereitgestellt werden sollen, fast immer noch
viermal so groß wie der im Haushaltsjahr 1951 - dem ersten Jahr
des Ausbaus unserer Verteidigung nach dem Angriff in Korea.
Das gemeinsame Verteidigungsprogramm
Da unsere eigene nationale Sicherheit von der beständigen
Stärke unserer Alliierten überall in der freien Welt in weitestem Maße abhängig ist, haben wir in den vergangenen Jahren Verpflichtungen übernommen, diese beim Aufbau ihrer Streitkräfte
zu unterstützen, die zur Abschreckung einer kommunistischen
Aggression von außen oder eines Umsturzversuches von innen notwendig sind. Seit Beginn des militärischen Hilfsprogramms im
Haushaltsjahr 1950 als sich die militärische Stärke der freien
Welt auf einem Tiefstand befand, wurden 18 Milliarden Dollar zur
Verfügung gestellt, um befreundete Nationen mit militärischer
Ausrüstung zu versorgen und ihre Streitkräfte auszubilden. Bei
Ablauf des Haushalte Jahres 1954 wird über die Hälfte dieser Summe
ausgegeben worden sein. Diese Unterstützung zusammen mit ihren
eigenen Hilfsquellen setzt unsere Freunde und Alliierten instand,
eine Streitmacht auszurüsten und auszubilden, die 175 Heeresdivisionen, etwa 220 Luftstaffeln, fast 1 500 Marineflugzeuge , über
440 Einheiten der Kriegsmarine und zugehöriger Kampf- und N".chschubverbände zur Unterstützung dieser Streitkräfte entspric" t.
Diese verbündeten Streitkräfte, die sich in strategischen
Schlüsselstellungen zur Verteidigung der freien Welt befinden,
werden großenteils von den betreffenden Ländern selbst unterhalten. Ferner werden starke Armee-Verbände von unseren Alliierten
ausschließlich selbst unterhalten. Ohne diese gesamten Streitkräfte
würden sich die Vereinigten Staaten potentiell so schweren finan-

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finanziellen Verteidigungslasten gegenüber sehen, daß diese
sehr wohl die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Nation
erschöpfen könnten. Diese (befreundeten) Streitkräfte stellen
einen wesentlichen Bestandteil der militärischen Stärke der
freien Welt dar.
Da das gemeinsame Verteidigungsprogramm so eng mit unseren
eigenen militärischen Plänen und Programmen zusammenhängt, wird
es in diesem Jahre, im Kapitel Verteidigung im Teil II des
Haushaltsplanes ausgewiesen und dort als Teil unseres nationalen Sicherheitsprogramms aufgeführt. Da das militärische Hilfsprogramm auch ein Teil unserer Außenpolitik ist, wird der Verteidigungsminister auch weiterhin in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen des Außenministers und gemäß der Bestimmungen der
vom Kongreß erlassenen Gesetze über die gegenseitige Sicherheit
das Programm für gemeinsame Verteidigung verwalten«
In diesem Budget sind die für das gemeinsame Verteidigungsprogramm bestimmten Summen in die neuen Vorgriffsmittel des Verteidigungsministeriums eingeschlossen. Jedoch wird dieses Verfahren zur Zeit überprüft, - ich werde meine diesbezüglichen
Empfehlungen zusammen mit Vorlagen zu den Bewilligungsgesetzen
dem Kongreß zuleiten, diese Bewilligungsgesetze sollten Abänderungen in bezug auf die Zusammenstellung unserer Hilfsprogramme gestatten, damit diese der Jeweiligen internationalen Entwicklung angepaßt werden können«. Es ist daher erforderlich» daß
der Kongreß die dem Präsidenten gegenwärtig zustehenden Überschreibungsbefugnisse für sämtliche Mittel der Auslandshilfe,
sei es für militärische, technische oder wirtschaftliche Unterstützung, auch weiterhin bewilligt«
Die Konferenz der Nordatlantikpaktorganisation in Paris
hat kürzlich für die 14 Mitgliedsstaaten erreichbare Ziele (für
die Streitkräfte festgesetzt, die eine wesentliche Steigerung
der Verteidigungskraft der NATO vorsehen. Der größte Teil der
Erstausrüstung sowie bestimmte Mobilmachungsreserven, die zur
Erreichung der neuen Ziele notwendig sind, werden im Rahmen
des gemeinsamen Verteidigungsprogrammes geliefert. Inzwischen
haben auch unsere Alliierten selbst schwere lasten übernommen.
Die Militär-Ausgaben in ihren Haushaltsplänen überschreiten
seit Anlaufen dieses Programms den Wert der von uns gelieferten
Ausrüstung um das Vielfache. Sie haben ihre Entschlossenheit
bekundet, ihre Anstrengungen mit aller Kraft fortzusetzen.
Trotz der Portschritte, die die Nordatlantikpaktorganisation gemacht hat, sehen wir uns dennoch der dringenden Notwendigkeit gegenüber, die für die Stärke und Sicherheit des
nordatlantischen Raumes erforderliche Einheit Europas herzustellen. Wie allgemein bekannt ist, ist der Vertrag über die
Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft noch nicht
in Kraft getreten. Ich brauche hier nicht länger die Gründe
darzulegen, warum die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
unerläßlich ist.
Jedoch

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Jedoch bin ich überzeugt, daß die Europäer, die ihre Entscheidung
über diesen wichtigen Schritt auf dem Wege zu einer Europäischen
Gemeinschaft zu fällen haben, sich wohl bewußt sind, was auf dem
Spiele steht, und daß sie diese Entscheidung in Kürze treffen
werden.
Strategie und Taktik der Nordatlantikpakt-Organisation werden gegenwärtig überprüft, um sie der in Kürze zu erwartenden
Bereitstellung von Atomwaffen anzupassen. Diese Überprüfung
macht es erforderlich, wenn sie überhaupt Sinn haben soll, daß
den Kommandeuren der Streitkräfte der NATO gewisse Informationen
über Atomwaffen zugänglich gemacht werden. Dies wird einen entscheidenden Einfluß auf die Planungsarbeit der NATO haben und
einen Beitrag dazu leisten, daß alle in größerer Sicherheit leben
können. Ich werde dem Kongreß eine Novelle zum Atomenergie-Gesetz
unterbreiten, damit wir unseren Alliierten Geheiminformationen
über den taktischen Einsatz von Atomwaffen geben können. Dies
würde natürlich unter strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen erfolgen. Es ist unbedingt notwendig, daß der Kongreß noch während
seiner gegenwärtigen Sitzungsperiode gesetzgeberische Schritte
in dieser Richtung unternimmt.
In Indochina, wo die Streitkräfte der französischen Union
und der assoziierten Staaten die Bemühungen der Kommunisten bekämpfen, in das freie Asien einzudringen, leisten die Vereinigten
Staaten einen wesentlichen Beitrag zu diesem Kampf, indem sie
militärische Ausrüstungsgegenstände bereitstellen und andere militärische Unterstützung leisten. Die Höhe dieser Unterstützung
wie auch der Zeitpunkt, zu dem sie gewährt wird, sind wesentliche
Paktoren zur Verbesserung der dortigen Lage. Weitere einheimische
Streitkräfte müssen ausgebildet und ausgerüstet werden, um die
Defensivstärke Indochinas zu erhalten. Diese Unterstützung ist
erforderlich, damit diese tapferen Soldaten eine Offensive mit
Aussicht auf einen Sieg weiterführen können.
Wir haben den nationalchinesischen Streitkräften bei dem
Ausbau der Verteidigung der Insel Formosa geholfen. Diese Unterstützung wird fortgeführt, wie auch die Hilfe für andere Länder
der freien Welt, etwa die Philippinen und Thailand sowie einige
der amerikanischen Republiken.
Das Gemeinsame Verteidigungsprogramm wie auch die Pläne,
für die Verteidigung unseres eigenen Landes sind so angelegt,
daß wir eine maximale Stärke auf lange Sicht und nicht im Hinblick auf ein festgesetztes Datum schaffen. In Übereinstimmung
damit konzentrieren wir unsere Unterstützung auf die Ausrüstung
von Streitkräften, die unsere Verbündeten von sich aus über einen
längeren Zeitraum hinweg bei kleinstmöglicher Abhängigkeit von
der Hilfe der Vereinigten Staaten unterhalten können.
Unser Programm für Gemeinsame Sicherheit erstreckt sich auf
zwei eng miteinander zusammenhängende Gebiete, wobei der für das
wirtschaftliche und technische Programm vorgesehene Betrag wesentlich niedriger ist als die für das Gemeinsame Verteidigungsprogramm
festgesetzte Summe, auf die nachstehend in dem Kapitel Auslandsvorhaben eingegangen wird. Dieses Kapitel bringt eine vergleichende
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�"MEfilKA DIENST" -ftIRTbüHAFTUNL ARBEIT

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vergleichende Zusammenfassung des gesamten Erogramms.
Entwicklung und Kontrolle der Atomenergie
In meiner Rede vor den Vereinten Nationen am 8.Dezember
1953 machte ich Vorschläge, wie die der ganzen Welt durch die
Atomwaffen drohende Gefahr gebannt werden könne. Meine in der
vorliegenden Botschaft enthaltenen Empfehlungen hinsichtlich
des Programms der Atomenergie-Kommission während des Haushaltsjahrs 1955 berücksichtigen sowohl neue Forschungen zur
Verwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke als auch die
zusätzliche Erzeugung spaltbarer Stoffe. Alle wohlmeinenden
Menschen hoffen, daß diese spaltbaren Stoffe, die ebenso für
friedliche Zwecke als auch für die militärische Verteidigung
verwendet werden können, letzten Endes einzig und allein dem
Frieden und dem Wohle der Menschheit dienen m. gen.
Nach den in dieser Botschaft enthaltenen Empfehlungen
werden die Aufwendungen für die Atomenergie-Kommission im
Haushaltsjahr 1955 ihren bisherigen Höchststand erreichen.
Die Betriebskosten werden beträchtlich ansteigen, wenn die
neugebauten Anlagen die Produktion aufnehmen. Der Stand der
Investitionen wird sehr hoch bleiben, da der Bau der in den
letzten Jahren genehmigten großen Anlagen weiter vorangetrieben wird. Auf Grund der Betriebsausweitung liegen äle für
1955 vorgesehenen Vorgriffsmittel über denen des Jahres 1954.
Die Zahl der geplanten Bauvorhaben liegt unt r der der letzten
Jahre, und die Neubauten werden sich im wesentlichen auf Anlagen beschränken, die unmittelbar mit dem Pro uktionsprogramm
sowie dringend benötigten Forschungsstätten in Zusammenhang
stehen. Die Kommission ist nach besten Kräften bestrebt, auf
allen Gebieten Einsparungen zu machen, und die Kosten der
einzelnen Anlagen werden gesenkt.
Die Erhöhung der Betriebskosten von 912 Millionen Dollar
im Haushaltsjahr 1954 auf 1 182 Millionen Dollar im Jahre 1955
ist in erster Linie auf die Ausweitung des Betriebes in den
Anlagen der Kommission in Oak R dge, Paducah, Portsmouth,
Hanford und Savannah River zurückzuführen, da diese Anlagen
fertiggestellt und voll in Betrieb genommen wurden. Um einen
noch größeren Bedarf an Rohstoffen für diese ausgeweitete Produktionskapazität decken zu können, werden größere Mengen an
Uranerzen und Konzentraten gekauft werden. Dank unserer energischen Bemühungen während der letzten Jahre, unsere Rohstoffquellen im eigenen Land und im Ausland zu vergrößern, werden
jetzt größere Mengen verfügbar, um den gestiegenen Bedarf
decken zu können.
Die Entwicklungsarbeiten an Atommeilern werden sich besonders auf die Gewinnung von Atomenergie für kommerzielle,
friedliche Zwecke konzentrieren. Die Kommission wird einen großen Atommeiler bauen, mit dessen Erstellung noch im Haushaltsjahr 1954 begonnen werden wird. Er stellt einen bedeutsamen
Fortschritt in der Technik der Verwendung von Atomenergie für
friedliche Zwecke dar,
Die
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Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, einschließlich des
Bauee von Versuchsanlagen, werden auch bei verschiedenen anderen
Arten von Atommeilern fortgeführt, von denen man annehmen darf,
daß sie eines Tages eine wirtschaftliche Energieerzeugung ermöglichen.
Der. bevorstehende Stapellauf der "Nautilus", des ersten AtomUnterseebootes , wird im Haushaltsjahr 1955 der Stapellauf des
"Seewolfs", eines zweiten Atom-U-Bootes anderer Bauart, folgen.
Die Erforschung der noch schwierigeren Probleme des Atomantriebs
für Plugzeuge wird weiter vorangetrieben.
Mit dem Eintritt verschiedener technischer Entwicklungen in
der Atomforschung und mit dem steigenden Angebot an Rohstoffen
und spaltbarem Material ist die Zeit für eine Abänderung der einschlägigen Gesetze auf diesem Gebiet gekommen, um die Privatindustrie und andere öffentliche oder private Gruppen unseres Landes
stärker für die Entwicklung dieser neuen, vielversprechenden
Energiequelle für friedliche Zwecke zu interessieren. Eine solche
Beteiligung auf breiter Basis würde sich als ein Stimulans und als
treibende Kraft auf diesem wichtigen Gebiet erweisen und würde
der besten Tradition der industriellen Entwicklung Amerikas entsprechen. Der Kongreßausschuß für Atomenergie hielt im vergangenen
Jahr öffentliche Beratungen ab» die höchst nützlich waren für
die Klärung und Darlegung der Probleme wie auch der Möglichkeiten,
die sich zu dem Zeitpunkt ergeben, da wir uns anschicken, das bestehende Monopol der Bundesregierung auf diesem Gebiet aufzugeben.
Dem Kongreß werden Gesetzesvorlagen über Maßnahmen zugeleitet
werden, die einen Anreiz für eine solche Beteiligung bieten, dabei aber eine Überwachung dieser furchteinflößenden Kräfte durch
die Bundesregierung gewährleisten.
Eine weitere Abänderung des Atomenergiegesetzes ist notwendig,
damit wir in die Lage versetzt werden, den Wert unserer Atomforschung für die Verteidigung der freien Welt voll zur Geltung zu
bringen. Ich werde Änderungen vorschlagen, die, bei angemessenen
Sicherungen, einen erweiterten Austausch geheimer Informationen
mit unseren Alliierten erlauben würden,.um deren militärische Verteidigung, wie bereits erwähnt, zu stärken und es ihnen zu ermöglichen, sich stärker als bisher an der Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke zu beteiligen. Ich werde ferner eine
Änderung vorschlagen, die die Übergabe spaltbaren Materials an
befreundete Nationen erlaubt, um sie bei den Atomforschungsarbeiten für friedliche Zwecke zu unterstützen; besonders jene
Nationen, die uns das Ausgangsmaterial, Uran, liefern. Dieser
Änderungsvorschlag wird wie auch die vorher erwähnten Abänderungsanträge, ausreichende Vorkehrungen für die Sicherheit der Vereinigten Staaten enthalten. Diese gesetzgeberischen Empfehlungen sind
unabhängig von meinem kürzlich gemachten Vorschlag für die Schaffung einer internationalen Behörde zur Förderung der friedlichen
Atomforschung, für die eine gesonderte Gesetzgebung notwendig sein
wird.
Internationale

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Internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen
Die in meiner Budget-Botschaft enthaltenen Empfehlungen
bezüglich der Auslandsvorhaben der Regierung werden die Voraussetzungen dafür schaffen, daß uns die eben erst gewonnene Initiative
in der Weltpolitik verbleibt und uns in die Lage versetzen, einem
dauerhaften Frieden näher zu kommen. Der Posten internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen schließt die Aufwendungen
für die Tätigkeit des Außenministeriums, für die Programme zur
wirtschaftlichen und technischen Unterstützung fremder Staaten und
für unsere Informations- und Austauschprogramme im Ausland ein.
Das Programm für die gemeinsame militärische Sicherheit, das
früher im Budget zusammen mit den genannten Programmen unter dem
Posten "Internationale Sicherheit und Auslandsbeziehungen" ausgewiesen wurde, ist in diesem Budget als Teil des nationalen Sicherheitsprogramms aufgeführt. Die militärische Hilfe steht in engem
Zusammenhang mit unserer Außenpolitik und muß im Sinne einer Förderung dieser Ziele verwaltet werden.
Der Umfang unserer Auslandshilfe sowohl im Rahmen des Gemeinsamen Verteidigungsprogramms wie auch des wirtschaftlichen und
technischen Hilfsprogramms ist aus einer nachstehend angeführten
Tabelle zu ersehen. Diese Tabelle enthält alle Einzelpunkte unseres gegenwärtigen Gemeinsamen Sicherheitsprogramms. Das gesamte
Programm dient dem Zweck, in überseeischen Gebieten Bedingungen
zu schaffen, die auf die eine oder andere Art geeignet sind, zu unserer eigenen Sicherheit und zu unserem Wohlergehen beizutragen.
(Aus einer beigeschlossenen Tabelle ist ersichtlich, daß die
geschätzten oder empfohlenen Ausgaben für das gesamte Gemeinsame
Sicherheitsprogramm während des Haushaltsjahres 1954/55 sich auf
5,4 Milliarden oder 100 Millionen weniger als die für das Jahr
1953/54 veranschlagte Summe belaufen.)
Der Präsident schätzt die für das Finanzjahr 1954/55 erforderlichen Aufwendungen für das Gemeinsame Verteidigungsprogramm
auf 4 275 Millionen Dollar; das sind 75 Millionen mehr als im
Finanzjahr 1953/54. Das gemeinsame wirtschaftliche und technische
Hilfsprogramm für das Finanzjahr 1954/55 wird auf 1 125 Millionen
Dollar veranschlagt} das sind 175 Millionen weniger als im Voranschlag für das Haushaltsjahr 1953/54.
An Vorgriffsmitteln wurden für das gesamte Programm 3 510
Millionen Dollar beantragt} das sind 1 216 Millionen weniger als
für das Haushaltsjahr 1953/54. Von den Empfehlungen für das Haushaltsjahr 1954/55 sind 2,5 Milliarden für militärische Vorhaben
und 1,01 Milliarden für das wirtschaftliche und technische Hilfsprogramm beantragt.
Unsere nationalen Sicherheitsprogramme und die internationalen
Vorhaben dienen dem Ziel, einen möglichen Aggressor, der die Vereinigten Staaten oder ein anderes Land der freien Welt' angreifen
will, abzuschrecken. Es soll ferner unsere Anstrengungen zur

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zur Erhaltung des Friedens auf jede nur geeignete Weise, einschließlich diplomatischer Verhandlungen mit den Sowjets, unterstützen. Von einer Position der Stärke aus wird die energische und erfolgreiche Führung unserer Außenpolitik durch das
Außenministerium zum Eckpfeiler unserer Bemühungen, den Frieden zu gewinnen. Noch niemals in der Geschichte hing die künftige Sicherheit und das Wohl unseres Landes mehr von einem
klugen und maßvollen Gebrauch der uns zugefallenen führenden
Stellung im Bereich der Weltpolitik ab. Meine Empfehlungen bezüglich der Bereitstellung von Mitteln für das Außenministerium
werden dieses in die Lage versetzen, den ihm gestellten Aufgaben gerecht zu werden.
Gewisse Staaten befinden sich noch immer in einer wirtschaftlichen Situation, die ihnen entweder einen Beitrag zu
den notwendigen militärischen Anstrengungen oder aber eine für
unsere gemeinsamen Ziele gleichermaßen wichtige Ausweitung
ihrer Wirtschaft gestattet. Es ist daher noch immer erforderlich, daß die Vereinigten Staaten zusätzlich Güter, Dienstleistungen und Fachleute zur Verfügung stellen, und es wird
darum ersucht, im Finanzjahr 1955 zur wirtschaftlichen und
technischen Entwicklung weitere Mittel zu bewilligen. Über
unser Informations- und Austauschprogramm versuchen wir, bei
den anderen Völkern Verständnis für unsere Ziele und unseren
Lebensstil zu wecken, und umgekehrt bei uns die Kenntnis der
Bestrebungen und der Kultur anderer Länder zu vertiefen. Ein
gegenseitiges Verstehen in diesem Sinne versetzt uns besser in
die Lage, in den gemeinsamen Anstrengungen der freien Völker
um die Verwirklichung ihrer gemeinsamen Ziele eine starke, verständnisvolle und auf Zusammenarbeit gegründete Führerrolle zu
übernehmen.
Während des vergangenen Jahres wurden Fortschritte im Hinblick auf die Erreichung der Ziele unserer internationalen Programme gemacht. Unsere Alliierten und Freunde sind nicht nur
militärisch erstarkt; eine fortgesetzt hohe Produktion und gestiegene Gold- und Dollarreserven haben es den europäischen
Ländern ermöglicht, nahezu auf eigenen Füßen zu stehen. Diese
Besserung der Lage gestattet es, die in diesem Budget enthaltenen Kostenvoranschläge für die wirtschaftlichen und technischen
Hilfsprogramme noch wesentlich niedriger zu halten als die bereits reduzierten Aufwendungen im Haushaltsjahr 1954- Faktoren,
die wesentlich zu diesem Fortschritt beigetragen haben, sind
unsere Hilfeleistungen in vergangenen Jahren sowie die positiven und konstruktiven fiskalischen und anderen wirtschaftlichen
Maßnahmen, die diese Länder von sich aus getroffen haben. Infolgedessen stellt das Haushaltsjahr 1955 gewissermaßen eine
Übergangszeit von weitgehender Abhängigkeit einer großen Anzahl
Länder von umfangreicher bilateraler Wirtschaftshilfe seitens
der Vereinigten Staaten auf eine Inanspruchnahme solcher Hilfe
in weit geringerem Maße dar. In einem solchen Übergang hängt der
Fortschritt im allgemeinen davon ab, in welchem Maße unsere eigene Politik und die unserer Freunde zu erhöhter privater Investitionstätigkeit, vermehrten Exporten nach den Vereinigten Staaten,
internen Finanz- und Wirtschaftsreformen in einigen Ländern und
zu multilateraler- Zusammenarbeit zur Erreichung starker, sich
selbst tragender Wirtschaftssysteme beitragen.
Das

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Die Bürde der enorm gestiegenen Verantwortung in der Führung unserer Außenpolitik lastet schwer auf dem Außenministerium,
da der Außenminister als dem Präsident unterstellt für den Ablauf
und die Überwachung der gesamten Außenpolitik sowie für die Herstellung von guten Beziehungen zu ausländischen Regierungen und
internationalen Institutionen verantwortlich ist. Um dieser großen Verantwortung gerecht werden zu können,. müssen unseren führenden Staatsmännern bei Verhandlungen auf höchster Ebene, wie in
Bermuda oder Berlin, gut informierte und sicher urteilende Diplomaten zur Seite stehen. Daher haben wir 273 diplomatische Missionen
und Konsulate im Ausland, die die USA vertreten. Wir müssen auch
in Zukunft die Vereinten Nationen und andere internationalen
Organisationen entschlossen unterstützen, und einen Anteil der
Kosten und Aufwendungen für ihre Programme übernehmen. Wenn unsere
Außenpolitik mit Erfolg geführt werden soll, dann muß das Außenministerium die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Ausland genau analysieren und darüber Bericht erstatten,
allen für die Durchführung unserer Programme in Übersee tätigen
Behörden die erforderlichen Direktiven zugehen lassen und auch
unsere im Ausland laufenden Programme gemäß unserer Außenpolitik
koordinieren. Schließlich müssen auch über die außenpolitischen
Auswirkungen innerpolitischer Programme Hinweise gegeben werden.
Die Netto-Aufwendungen für das Außenministerium sind für das
Haushaltsjahr 1955 mit 125 Millionen Dollar veranschlagt. Diese
Summe liegt um 4 Millionen Dollar unter den Aufwendungen für
das Haushaltsjahr 1954, was infolge von Personalkürzungen und
Einsparungen an anderen Ausgaben möglich wurde.
Die Netto-Aufwendungen für wirtschaftliche und technische
Entwicklungsprojekte während des Finanzjahres 1955 sind mit 1 028
Millionen Dollar veranschlagt, während für das Haushaltsjahr
1954 rund 1 555 Millionen Dollar vorgesehen waren.
Aus diesem Budget wird - wie bereits aus dem Haushalt des
Vorjahres - ersichtlich, daß Asien, Afrika und Süd-Amerika stärker
in den Vordergrund getreten sind. Es enthält nur ganz wenige neue
Posten für eine Unterstützung europäischer Staaten.
Im Fernen Osten ist es notwendig, einen Beitrag zur Linderung
der Not in Korea zu leisten, und nunmehr, da die Feindseligkeiten
eingestellt sind, ein Wiederaufbauprogramm für die im Krieg schwer
heimgesuchten Gebiete in Angriff zu nehmen. Wir empfehlen ferner,
die Bereitstellung von Mitteln, die zur Aufrechterhaltung der Stärke
und der Sicherheit Formosas und für die weitere Unterstützung der
Anstrengungen unserer Freunde verwendet werden sollen, die die
kommunistische Aggression in Indochina bekämpfen. Dieser Haushaltsplan sieht auch Zuwendungen für technische und wirtschaftliche
Entwicklungsprogramme in Indien, Pakistan, auf den Philippinen
und in anderen Staaten Asiens vor, um einen kontinuierlichen
Fortschritt der Bemühungen dieser Völker um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu gewährleisten.
w

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Was den Vorderen Orient anbetrifft, sieht das Budget finanzielle Hilfe zur Linderung der Not der arabischen Flüchtlinge vor,
die über die UN-Flüchtlingskcmmission zur Verteilung gelangen
soll, sowie technische Hilfe und andere Formen der Wirtschaftsförderung in den arabischen Staaten, Israel und Iran.
Das Budget befürwortet im weiteren die Fortführung des technischen Hilfsprogrammes für Südamerika. Das seit Jahren in Südamerika laufende Programm trägt dazu bei, die Zahl der wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu verringern - Probleme, die ein
Nährboden für den Kommunismus sind und die Entwicklung stabiler
und gesunder Wirtschaftssysteme hemmen.
Überschüssige Lagerbestände an landwirtschaftlichen
Produkten
Ich werde den Kongreß in Kürze um die Vollmacht ersuchen,
einen Teil unserer überschüssigen Lagerbestände an landwirtschaftlichen Produkten dazu zu verwenden, die Wirtschaftssysteme befreundeter Staaten zu stärken oder auf andere Weise als Mittel zur Förderung der Ziele unserer Außenpolitik zu verwenden. Ich werde um
die Vollmacht ersuchen, im Verlaufe der nächsten drei Jahre derartige Lagerbestände im Werte von einer Milliarde Dollar, die von
der Agrar-Kreditgesellschaft verwaltet werden, für diese Zwecke
einzusetzen. Dieses Budget enthält einen Antrag, für die zusätzliche Gewährung von 300 Millionen Dollar während des Finanzjahres
1955 zur Abgeltung von bereits von der Agrar-Kreditgesellschaft
gelieferten Waren.
Dieses Programm zur Verwendung von Lagerbeständen soll unser
allgemeines Programm für die wirtschaftliche und technische Entwicklung ergänzen und muß auf dieses abgestimmt werden. Das Programm
über die Verwendung überschüssiger Lagerbestände an Agrarprodukten
macht die Verwendung von Lagerbeständen aus dem Besitz der Agrarkreditgesellschaft erforderlich. Bei der Disposition dieser Güter
sind keine gesonderten Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes erforderlich.
In Zusammenarbeit mit diesem Programm muß darauf hingewiesen
werden, daß es lediglich von begrenzter Dauer sein soll und auf
der Voraussetzung beruht, daß das Agrarprogramm angenommen wird,
im Rahmen dessen keine weiteren großen Überschüsse aufgestapelt
werden sollen. Es wird besondere Sicherheitsmaßnahmen vorsehen,
nach denen verlangt wird, daß gelieferte Waren zusätzlich über
die Mengen hinausgehen müssen, die sonst eingeführt worden wären
und die normalen Marktauflieferungen aus den USA und befreundeten
Ländern nicht verdrängen dürfen.
Auslandsinformation und Austauschprogramme
Dieses Budget sieht Ausgaben in Höhe von 97 Millionen Dollar
für Auslandsinformationen und Austauschprogramme vor. Dabei sind
die Ausgaben für die Funktionen des neuen amerikanischen Informationsamtes (USIA) eingeschlossen. Dies bedeutet gegenüber den
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�"AMERIKA DIENST" - ».-IhTSChAFT UND ARBEIT

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den Ausgaben für Auslandsinformation und Austauschprogramme im
Haushaltsjahr 1954 eine Zunahme um zwei Millionen Dollar.
Auf Anregung des Nationalen Sicherheitsrates habe ich im
vergangenen Oktober das amerikanische Informationsamt angewiesen, Programme auszuarbeiten, die anderen Völkern zeigen, daß
die Zielsetzung und Politik der Vereinigten Staaten ihre berechtigten Wünsche und Hoffnungen auf Freiheit, Fortschritt und
Frieden unterstützen. Ich bin überzeugt, daß die Völker der
Welt, wenn sie unsere Ziele und unsere Politik kennen, sich
uns in den gemeinsamen Bemühungen anschließen werden, der Drohung des kommunistischen Imperialismus Widerstand zu leisten und
unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß dem amerikanischen Informationsamt die notwendigen Mittel und Einrichtungen zur Verfügung stehen, diese
Aufgaben durchzuführen.
Das amerikanische Informationsamt ist in der Lage durch
Eundfunk, Presse, Filme oder über Informationszentren 77 Länder der freien Welt zu erreichen und Rundfunksendungen in
10 Länder hinter dem Eisernen Vorhang auszustrahlen«
Die in meinen Budget vorgelegten Empfehlungen für Auslandsinformation und Austauschprogramme schließen 15 Millionen Dollar
an Vorgriffsmitteln für Austauschprogramme auf dem Gebiet des
Erziehungswesens ein. Diese Programme sollen durch den Austausch
von Studenten und Personen, die im Leben ihres Volkes eine Rolle
spielen oder spielen werden, ein aufgeschlossenes Klima der
öffentlichen Meinung im Ausland schaffen.
Soziale Sicherheit. Sozialleistun&amp;en und Gesundheitswesen
Ich bin überzeugt, daß wir gleichzeitig mit den notwendigen
Anstrengungen zum Schutze der Freiheit unseres Volkes und zur
Aufrechterha tung einer starken und expansiven Wirtschaft, größere und erfolgreichere Anstrengungen als bisher machen müssen,
um die soziale Sicherheit zu verstärken und die Gesundheit der
amerikanischen Bürger zu verbessern. Wenn wir dies tun, arbeiten
wir für die ukunft und zeigen der aufmerksam beobachtenden
Welt, daß eine freie Nation trotz der aller gegenwärtigen Spannungen die Mittel und Wege zum Fortschritt der Gesellschaft
finden kann und finden wird.
Der Eckpfeiler unseres heutigen sozialen Sicherheitsprogramms ist das System der Alters- und Hinterbliebenenversicherung, im Rahmen dessen fast 70 Millionen Menschen versichert
sind und zur Zeit rund sechs Millionen Menschen Renten beziehen.
Der wirtschaftliche Schutz, der durch diese Sozialversicherung
gewährleistet wird, ist heute als Grundlage für unsere Gesellschaftsordnung anerkannt. Aber dieses System weist noch erhebliche Mängel auf. In meiner vor kurzem vorgelegten Sonderbotschaft über die Sozialversicherung habe ich besondere Empfehlungen zur Behebung dieser Mängel vorgetragen.
Finanz.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Finanz, Handel und Industrie
Im Rahmen der durch die Erfordernisse der nationalen Verteidigung und'unserer Wirtschaft gezogenen Grenzen sind wir ständig
darum bemüht, die direkte Beteiligung der Regierung am Bankwesen
und an Industrie und Handel zu vermindern. Beispielsweise wird
die Wiederaufbaufinanzierungs-Gesellschaft liquidiert, und die
xegierungseigenen Betriebe für synthetischen Kautschuk werden zum
Verkauf angeboten. Zur gleichen Zeit werden die vom Handelsministerium ausgearbeiteten Programme zur Förderung des Handels und
der Industrie verstärkt. Die Verwaltung für Kleinbetriebe ist
geschaffen worden, um den besonderen Bedürfnissen der kleinen
Unternehmer Rechnung zu tragen. Wirtschaftliche Interessenverbände sind dabei, ihre Arbeitsweise zu vereinfachen und größeren
Nachdruck auf Zusammenarbeit als auf Zwangsmaßnahmen zu legen,
ohne dabei der Öffentlichkeit geringeren Schutz zu bieten.
Schätzungen zufolge werden die Brutto-Ausgaben für Programme
auf dem finanzpolitischen, handelspolitischen und industriellen
Sektor im kommenden Haushaltsjahr rund 917 Millionen Dollar ausmachen, das sind 234 Millionen Dollar weniger als im laufenden
Haushaltsjahr. Rund 60 Prozent dieser Ausgaben sollen der finanziellen Unterstützung dienen, wie sie im Defense Production Act
niedergelegt worden ist. Weitere 30 Prozent sollen für die Produktionsprogramme - in der Hauptsache für Kautschuk und Zinn verwendet werden, die von der Wiederaufbaufinanzierungsgesellschaft ausgearbeitet worden sind. Man nimmt an, daß sich die
Einnahmen dieser Unternehmen als Ganzes in dem gleichen Maße
verringern werden wie ihre Ausgaben. Entsprechend werden die
Netto-Ausgaben von 162 Millionen Dollar im kommenden Haushaltsjahr die etwa gleichen bleiben wie 1954.
Allgemeine Regierungsaufgaben
Die Nettoausgaben für die allgemeinen Regierungsaufgaben
werden für das Finanzjahr 1955 auf 1,16 Milliarden Dollar veranschlagt; verglichen mit 1,175 Milliarden Dollar im Finanzjahr
1954. Mit diesen Ausgaben sollen in erster Linie die traditionellen Aufgaben der Regierung, die an anderer Stelle nicht gesondert
aufgeführt sind - die Ausarbeitung der Gesetze und deren Durchführung, das Einziehen der Steuereinnahmen, die Verwaltung und
Bedienung der Staatsschuld, die Bewachung und Verwaltung der
öffentlichen Gebäude und Archive - durchgeführt werden...
Zinsendienst
Die Aufwendungen für den Zinsendienst belaufen sich gegenwärtig, in erster Linie infolge der großen Zunahmen der Staatsschuld während des zweiten Weltkrieges, auf nahezu 10 Prozent der
Gesamtausgaben der Bundesregierung. Ihre Höhe wird vor allem durch
den Umfang der Staatsverschuldung sowie die Höhe der hierfür zu
entrichtenden Zinsen bestimmt.
_.„

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Die Aufwendungen für den Zinsendienst werden für das Finanzjahr 1955 auf 6,8 Milliarden Dollar veranschlagt und liegen damit
um 275 Millionen Dollar über den geschätzten Aufwendungen des
laufenden Finanzjahres sowie um 297 Millionen Dollar höher als
die tatsächlichen Ausgaben im Finanzjahr 1953«
Der Haushalt der Vereinigten Staaten ist der finanzpolitische
Ausdruck des Regierungsprogramms für das kommende
Finanzjahr.
Jeder Bürger sollte sich auf das Äußerste bemühen, die Tragweite
und den Inhalt dieses Planes zu verstehen. Als ich vor- einem Jahr
die Regierungsgeschäfte übernahm, versprach ich dem Kongreß und
dem amerikanischen Volk, daß die neue Re ierung eine Finanz- und
Wirtschaftspolitik konzipieren wolle,- die die eingeplanten Defizite reduzieren und das Budget ausgleichen würde.
Ich sprach damals -'ie Warnung aus, da;5 dieses Ziel nicht einfach zu erreichen sein werde. Noch immer lasten die hohen Ausgaben
für die nationale Verteidigung schwer auf unserer Wirtschaft. Ein
wesentlicher Teil dieser Ausgaben wir 3 auf Grund der bestehenden
gesetzlichen Bestimmungen der Öffentlichkeit dargelegt.
Die weitreichenden Funktionen der amerikanischen Bundesregierung sind außerordentlich kompliziert. Trotz der damit gegebenen Schwierigkeiten haben wir große Fortschritte erzielen können.
Die Ausgaben der Bundesregierung sind wesentlich verringert worden, Steuersenkungen konnten gerechtfertigt und das Haushaltsdefizit konnte wesentlich reduziert werden. Darüber hinaus haben
wir ausreichende Mittel für unsere nationale Sicherheit
- und für unsere internationalen
Verpflichtungen bereitgestellt. Wir sind in der Lage gewesen,
gewisse Erhöhungen unserer Regierungsausgaben vorzuschlagen,
die dem Wohlstand und der Wirtschaft in unserem Lande zugutekommen sollen. Ich bin deshalb fest davon überzeugt, daß dieser
Haushaltsvorschlag ein Regierungsprogramm darstellt, das nicht
nur unsere Lebensform schützen, sondern auch unsere wirtschaftliche Grundlage stärken und das Wohlergehen aller unserer Bürger
steigern wird.
Dwight D. Eisenhower am 21. Januar 1954

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

JAHRESBERICHT DES PRÄSIDENTEN DER USA DWIGHT D.EISENHOWER
ÜBER DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER VEREINIGTEST STAATEN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident Eisenhower
übermittelte dem US-Kongreß am 28. Januar den Jahresbericht
über die wirtschaftliche Lage in den Vereinigten Staaten. Im
folgenden bringen wir den Begleitbrief zu diesem Bericht sowie größere Auszüge aus seinen beiden Teilen.
Begleitbrief (Wortlaut)
An den Kongreß der Vereinigten Staaten,
Ich lege hiermit meinen Wirtschaftsbericht gemäß Artikel
3 (A) des "Employment Act" von 1946 vor.
Bei der Zusammenstellung des Berichtes stand mir der Wirtschaftsrat unterstützend und beratend zur Seite. Auch die Leiter der Ministerien und der selbständigen Regierungsstellen trugen mit ihrem Rat zu diesem Bericht bei.
Ich fasse nachstehend, größtenteils mit den Worten des Berichtes, die Punkte zusammen, die mir die wichtigsten scheinen.
unsere Ziele
Dem amerikanis chen Volk bietet sich eine große Chance.
Der von uns eingeschlagene Weg, einet* Grad höchster militärischer Bereitschaft zu erreichen, ermöglicht e? uns, unsere
Aufmerksamkeit in Zukunft in größerem Maße auf eine kontinuierliche Hebung des Lebensstandards zu richten.
Ziel unserer Wirtschaftspolitik ist eine Steigerung des
Volkseinkommens bei gleichbleibender Kaufkraft des Dollars.
Diese Steigerung soll allen Bevölkerungsteilen,die zu ihr beitragen, in gerechter Weise zugutekommen.
Eine kontinuierliche Expansion der Wirtschaft ist für die
Wohlfahrt, ja für den Fortbestand der Vereinigten Staaten und
der freien Welt unerläßlich.
Obwohl der Lebensstandard des amerikanischen Volkes im
Durchschnitt genommen heute höher als je zuvor liegt, gibt es
doch gewisse Bevölkerungsteile, deren Kaufkraft weit unter dem
erstrebenswerten Stand bleibt. Wir können noch in dieser Generation entscheidende Schritte unternehmen, um auch diesen Gruppen einen angemessenen Lebensstandard zu sichern.
Ein'
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3- Februar 1954

Ein stetig steigendes Volkseinkommen bietet die beste Gewähr
•ü einen harmonischen Verlauf des sozialen und wirtschaftlichen
Um chichtungsprozesses. In einem Staat, in dem die miteinander im
Wettbewerb stehenden Kräfte und Interessengruppen ein konstantes
der schrumpfendes Bruttosozialprodukt untereinander aufzuteilen
uchen., ist der Friede im Inneren nicht gesichert.
Die Rolle der Regierung in der Wirtschaft
Die Forderungen des modernen Lebens und die Tatsache, daß
wir in einer unbefriedexen Welt leben, weisen der Regierung eine
wesentlich wichtigere Rolle zu als sie früher und in ruhigeren
Zeiten spielte.
In einer freien Gesellschaft ist es Aufgabe der Regierung,
ein Wirtschaftsklima zu schaffen, in dem der einzelne Unternehmer
in konstruktiver Arbeit zum wirtschaftlichen Fortschritt beitragen kann. Es ist ferner Aufgabe der Regierung, die allgemeine
Spartätigkeit zu fördern und die wirtschaftlichen Verbindungen
mit der übrigen Welt zu pflegen und zu erweitern.
Um den einzelnen davor zu bewahren, unverschuldet in Not zu
geraten, muß sich die Regierung um Fragen des Gesundheitswesens,
der sozialen Sicherheit und der Wohlfahrt kümmern.
Die Regierung muß ihr ständiges Augenmerk ferner auf die soziale Gefahr richten, die jeder Monopolbildung innewohnt, und die
strenge Einhaltung der Anti-Trust-Gesetze erzwingen.
Es ist Pflicht der Regierung, ihre gesamte Macht darauf zu
verwenden, den derzeitigen Beschäftigungsstand, die Kaufkraft und
die Stabilität der Preise aufrechtzuerhalten.
Die Regierung muß alle wirtschaftlichen Entwicklungen einschließlich ihrer tausendfältigen eigenen Tätigkeit genauestens
verfolgen und bereit sein, jederzeit entsprechend zu reagieren. Sie
muß fähig sein, gegebenenfalls vorbeugende oder ausgleichende Maßnahmen zu ergreifen und muß jeder neuen Lage gerecht werden. Es
kann nicht ihre Aufgabe sein,nur dann in die Wirtschaft einzugreifen, wenn besondere Umstände dies dringend erforderlich machen;
sie muß die wirtschaftliche Entwicklung ständig in die richtige
Bahn lenken-.
Der Regierung steht zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Stabilität ein reiches Arsenal an Mitteln zur Verfügung.
Hierzu gehören die durch das Federal-Reserve-Bankensystem ausgeübte Kreditlenkung, die Maßnahmen des Schatzamtes zur Regelung der
Staatsschuld, die Befugnis des Präsidenten, die Bedingungen für
die Gewährung staatlich garantierter Darlehen zu variieren; Flexibilität in der Verwaltung des Staatshaushaltes; Stützung der Landwirtschaft, Änderungen in der Steuerstruktur und Vergebung von
Aufträgen der öffentlichen Hand. Wir werden nicht zögern, gegebenenfalls die eine oder andere dieser Maßnahmen und, wenn notwendig, alle zusammen anzuwenden.
Die derzeitige Wirtschaftslage
Das Jahr 1953 darf angesichts der Rekordhöhe des Warenausstoßes, der Streuung des Volkseinkommens auf immer weitere
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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

weitere Bevölkerungskreise, der niedrigen Zahl der Arbeitslosen
und der im allgemeinen stabil gebliebenen Preise als ein erfolgreiches Jahr angesehen werden.
In der zweiten Hälfte des Vorjahres war ein geringer Geschäftsrückgang zu verzeichnen, der in einigen Gebieten zu Arbeitslosigkeit führte. Die Ursache hierfür ist in einer gewissen
Zurückhaltung auf seiten der Wirtschaft bezüglich der Aufwendungen für Kapitalgüterbeschaffung zu sehen. Auf anderen Sektoren, insbesondere im Einzelhandel, hat sich die Geschäftstätigkeit auf der bisherigen Höhe bewegt.
Die Expansion unserer Wirtschaft wird voraussichtlich in die
sem Jahr wieder einsetzen, insbesondere dann, wenn der Kongreß
durch Verwirklichung der weitreichenden Programme der Regierung
ein besseres Wirtschaftsklima schafft.
Begründetes Vertrauen auf die Zukunft
Die Aufhebung von Lohn-und Preiskontrollen, die Stabilisierung der Preise, die Entwicklung neuer Verbrauchsgüter und die
Besserung der wirtschaftlichen Lage der freien Welt stellen eine
ungewöhnlich günstige Konstellation für die Zukunft dar.
Während die Ausgaben des Bundes im vergangenen Jahr auf vielen Gebieten gekürzt wurden, stiegen bei einem Gesamtaufwand für
Forschungszwecke von rund vier Milliarden die Aufwendungen der
Regierung für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben auf 2,5
Milliarden Dollar. Zahlreiche neue Industrien und Produkte darunter die Atomenergie, radioaktive Isotopen, Elektronengeräte,
Hubschrauber, Düsentriebwerke, Titan und hitzebeständige Stoffe,
Plastikmassen, synthetische Fasern, Mittel zur Bodenaufbereitung
u.a. - leiten sich von solchen Forschungsarbeiten her. Die Aufwendungen für die Erweiterung unseres Wissens müssen auch in Zukunft getragen werden, da diese Ausgaben die sichere Gewähr für
eine ständige Ausweitung unserer Wirtschaft bieten.
Auf Grund der Einsparung von mehreren Milliarden an Regierungsausgaben im ersten Jahr der neuen Regierung, konnten zum
1 . Januar wesentliche Steuersenkungen vorgenommen werden. Das
amerikanische Volk wird über fünf Milliarden Dollar an Steuern
sparen können und dieser Betrag wird seine Kaufkraft entsprechend
stärken. Zusätzliche Steuersenkungen werden vorgenommen werden,
sobald eine weitere Verringerung der Regierungsausgaben in Aussicht steht.
Eine anfallende starke Nachfrage nach Verbrauchsgütern, die
ihrerseits wiederum von der Höhe des Einkommens der Gesamtbevölkerung abhängt, wird des weiteren durch die steigende Eigentumsbildung und Einkommensstreuung und durch die gewaltigen Anstrengungen des amerikanischen Volkes, den Lebensstandard zu
heben, gesichert.
Die Summen, die die amerikanische Industrie in Betriebsmittel zu investieren beabsichtigt, stellen einen wesentlichen
Beitrag zur amerikanischen Gesamtwirtschaft dar.
Trotz

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3. Februar 1954

Trotz der Rekordbautätigkeit in den letzten Jahren besteht
noch immer ein großer Bedarf an Wohnungen. Der Bedarf an Wohnraum in den Städten gewährleistet, mit geringen Ausnahmen, einen
richtigen Wettbewerbsmarkt.
Es ist mit einem stetigen Anstieg der Ausgaben der Bundesstaaten und Gemeinden zu rechnen. In zahlreichen Gebieten besteht
noch ein ausgesprochener Mangel an Schulen und Krankenhäusern;
das Straßennetz, die Kanalisation und die Wasserversorgung müssen ausgebaut und auch die sonstigen Versorgungseinrichtungen verbessert werden. Die Ausgaben des Bundes werden auch weiterhin ein
bestimmender und stützender Wirtschaftsfaktor bleiben.
Unsere Geldinstitute sind durchaus in der Lage, allen berechtigten Kreditwünschen zu entsprechen und können jeder Belastung standhalten.
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Um das Gleichgewicht der Wirtschaft aufrechtzuerhalten und
zu sichern,pollten wir kühne Maßnahmen ergreifen: Reform der
Arbeitslosenversicherung} Ausdehnung der Altersversorgung auf
einen größeren Personenkreis und Erhöhung der Versorgungsleistungen}
Gewährung der steuerlichen Aufrechnungsmöglichkeit von Verlusten
eines Geschäftsjahres gegen Gewinne aus den Vorjahren} Erteilung
weitgehender Ermessensbefugnisse an die Exekutive, um ihr unter
Berücksichtigung der jeweiligen Umstände eine begrenzte Änderung
der Bedingungen für die von der Regierung garantierten Kredite
und Hypotheken zu gestatten} Schaffung eines Marktes für Zweithypotheken im Wohnungsbau und Verbesserung der Planung von Arbeitsvorhaben der öffentlichen Hand.
Um die Expansionsfähigkeit der einzelnen Betriebe voll auszunutzen, sollten wir folgende Maßnahmen treffen: Revision der
Steuergesetzgebung um der Wirtschaft neue Impulse zu geben und
gewisse Beschränkungen der Industrie, insbesondere der Kleinund Mittelbetriebe, zu beseitigen, Verbesserung des Kreditsystems für den Erwerb von Eigenheimen, für Renovierungsarbeiten
und Aufgaben der Städteplanung, Ausbau des Straßennetzes, Umstellung der Landwirtschaft auf die Bedarfslage und den neuesten
Stand der Technik.
Schlußbemerkungen
Die Beschäftigungslage im Januar 1954 war etwas ungünstiger
als im Januar 1953. Es scheint ein gewisser Zusammenhang zwischen
der Verschlechterung der Beschäftigungslage und der Tatsache zu
bestehen, daß die Vereinigten Staaten im Januar 1953 noch in
Korea Krieg führen mußten, während heute dort Waffenruhe herrscht.
Wir können den Übergang auf einen geringeren Mobilmachungsstand
ohne ernsthafte Behinderung der Expansion unserer Wirtschaft
vollziehen. Die. Vereinigten Staaten und die freie Welt können
auch in Friedenszeiten eine prosperierende Wirtschaft aufrechterhalten.
Es gibt zahlreiche Faktoren, die unser Vertrauen in die Zukunft rechtfertigen. Die Regierung wird alles in ihren Kräften
Stehende tun, um durch ihr Programm zur Förderung einer expansiven und dynamischen Wirtschaft dazu beizutragen, damit diese Hoffnungen auch Wirklichkeit werden.
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�WIRTSCHAFTSBERICHT (AUSZÜGE):
Teil I
1. Kapitel
WIRTSCHAFTLICHER FORTSCHRITT UND REGIERUNG

Dem amerikanischen Volke bietet sich eine große Chance. Die
Vereinigten Staaten sind in der Lage, den Lebensstandard unverzüglich zu erhöhen und auf diesem neugewonnenen Niveau zu halten.
Während des zweiten Weltkrieges hatten natürlich die Forderungen
unserer Armee und der Beitrag, den die USA zu den militärischen
Anstrengungen ihrer Verbündeten leisteten, Vorrang vor '"allen
anderen Ansprüchen an unsere Wirtschaft. Die Jahre nach dem Kriege waren in erster Linie damit angefüllt, den durch den letzten
Krieg und die vorangegangene. Periode der Depression bedingten
Nachholbedarf zu decken. Infolge des Koreakonfliktes mußten wir
erneut, die Bedürfnisse unserer Armee allem anderen voranstellen. Wir glauben jedoch, daß diese Notwendigkeit gegenwärtig
und in der Zukunft nicht mehr von so großer Bedeutung sein wird.
Der von uns eingeschlagene Weg, einen Grad höchster militärischer Bereitschaft zu erreichen, macht es möglich, einen immer
größeren Teil der gesamten Produktion auf die Erzeugung ziviler
Güter umzustellen. Hierin liegt eine uns allen willkommene Chance
damit unser Volk sie aber auch wahrnehmen kann, muß die Bundesregierung weiterhin darum bemüht sein, jene akuten Probleme zu
beseitigen, die sich aus einer Umstellung der Wirtschaft von
Krieg und Inflation auf Frieden und stabile Währungsverhältnisse
ergeben.
Unser wirtschaftliches Ziel ist eine Erhöhung des Nationaleinkommens, an der alle, die einen Beitrag zu dieser Steigerung
leisten, in gleicher Weise teilhaben sollen} der sichtbare
Ausdruck hierfür soll ein Dollar mit stabiler Kaufkraft sein.
Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, dann müssen die dynamischen Kräfte unserer Wirtschaft voll zum Zuge kommen können.
Entsprechend müssen die Regierungspläne so angelegt sein, daß
sie der Aufrechterhaltung einer angemessenen wirtschaftlichen
Stabilität in Zeiten einer Wirtschaftsumstellung und einer auf
lange Sicht bemessenen Ausweitung der Wirtschaft förderlich sind.
Wir müssen die uns vom Kongreß in seinem Gesetz zur Sicherung
der arbeitenden Bevölkerung in Zeiten wirtschaftlicher Krisen
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Krisen (Employment Act) übertragene Aufgabe, "einen Höchststand
der Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft auf eine Weise zu erzielen, daß der freie Wettbewerb und der allgemeine Wohlstand gefördert werden," stets vor Augen haben. Dieser Bericht umreißt
all jene Maßnahmen, die die Bundesregierung im Hinblick auf diese
Ziele zu ergreifen gedenkt.
Wirtschaftlicher Fortschritt ist wichtig
Ein starkes und kontinuerliches Wachstum der Wirtschaft ist
für den Wohlstand, wenn nicht sogar für die weitere Existenz der
Vereinigten Staaten und der Länder der freien Welt notwendig. Die
USA bringen gegenwärtig - und diese Politik wird noch einige Zeit
weitergeführt werden müssen - ihre Sicherheitsstreitkräfte auf
einen Stand der ausreicht, einen eventuellen Angreifer abzuschrekken und es erlaubt,gegebenenfalls zurückzuschlagen. Diese Bemühungen um die Verbesserung unserer Sicherheit und die damit gleichlaufenden Anstrengungen, das Verteidigungspotential und den Lebensstandard unserer Verbündeten zu erhöhen, hängen ebenso sehr von
dem Produktionsstand unserer Industrie ab wie die Führung eines
Krieges selbst. Inwieweit wir bei diesen Bemühungen Erfolg haben
werden, ist zu einem guten Teil eine Frage der Steigerung unserer
Produktion.
Eine progressive Entwicklung unserer Wirtschaft bedeutet nicht
nur größere Sicherheit. Eine Erhöhung des Volkseinkommens bei gleichbleibender Kaufkraft des Dollars macht es uns möglich, Maßnahmen
zu ergreifen, um einen angemessenen Lebensstandard zu sichern. Der
Lebensstandard Amerikas ist heute im Durchschnitt höher und die
Eigentumsstreuung größer als je zuvor. Der Konsum bestimmter Gruppen liegt jedoch weit unter dem Durchschnitt. Die Sicherung eines
angemessenen Lebensstandards ist ein Ziel, das sich noch zu Lebenszeiten vieler von uns verwirklichen läßt, wenn die Wirtschaft
sich weiterhin stark ausdehnt.
Die Aussicht auf einen sich kontinuierlich erhöhenden Lebensstandard ist darüber hinaus die beste Garantie dafür, daß sich
wirtschaftliche und sozaa le Umschichtungsprozesse ohne Schwierigkeiten vollziehen. Es kann in einem Staat keine dauernde und echte Gemeinschaft geben, wenn die miteinander im Wettbewerb stehenden Kräfte und Interessengruppen ein konstantes oder schrumpfendes
Bruttosozialprodukt untereinander aufzuteilen suchen. Bei einer
allgemeinen Aufbesserung der Einkommen lassen sich Interessen, die
miteinander im Wettstreit liegen, eher in Einklang bringen und
jedermanns Bemühungen ungehindert in den Dienst für die Gesamtheit
stellen.
Aus allen diesen Gründen ergibt sich für die Bundesregierung
die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Förderung der Wirtschaft zu treffen. Um diese jedoch wirksam gestalten zu können, darf man nie die
Voraussetzungen für eine hohe Ausweitungsquote in unserem Lande
und zu unserer Zeit überhaupt aus dem Auge verlieren.
Es

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3. Februar 1954

Es gibt natürlich keine Formel, die eine günstige wirtschaftliche Entwicklung garantieren könnte. Fortschritt ist zu einem
guten Teil ein Produkt aus der Kultur - oder der Lebensart, wenn
man so will - eines Volkes, zu der auch solche schwer definierbaren und geistigen Werte wie religiöse Ideale, der Glaube an
die Würde des Menschen, die Überzeugung, der Mensch könne durch
eigenes Streben zu einer sittlich höheren Stufe gelangen, der
Wille zur Zusammenarbeit und die Bereitschaft gehören, sich veränderten Verhältnissen anzupassen. Eine durchdachte Politik der
öffentlichen Hand kann dem Fortschritt dienen, geradeso wie eine
kurzsichtige oder verantwortungslose Politik ihm hinderlich sein
kann. Allem voran aber sollte die Politik der öffentlichen Hand
anerkennen, daß das geistige Klima, in dem die Menschen ihrer
Tage Mühen nachgehen, ebenso wichtig für eine progressive Entwicklung ist, wie die körperlichen Kräfte, die sie dabei aufwenden.
Freiheit für den einzelnen
Unsere Geschichte beweist immer und immer wieder, daß eine
Welt, in der der Mensch innerhalb weit gezogener Grenzen seinen
Interessen nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen nachgehen kann, eine der fundamentalen Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Fortschritt ist. Die amerikanische Lebensform ist
Ausdruck wirtschaftlicher und politischer Freiheit sowie der
Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden. Seit eh und je waren
die Bemühungen unserer Bundesregierung darauf gerichtet, eine
Demokratie zu schaffen und zu erhalten, in der jeder die Freiheit
und besonders das Recht hat zu arbeiten, sein Geld nach eigenem
Gutdünken auszugeben, zu sparen und zu investieren, und die auch
den nötigen Anreiz dafür bietet, daß jeder im vollsten Sinne von
diesen Chancen Gebrauch macht.
Diese Auffassung von der Rolle, die die Bundesregisrung im
öffentlichen Leben spielen sollte, hat sich durch die Geschehnisse der letzten Jahrzehnte nicht geändert. Infolge Zweier
Weltkriege und einer weltweiten Depression sind der Bundesregierung immer mehr Aufgaben zugefallen^ aber diese Tatsache rechtfertigt nicht die vielverbreitete Ansicht, daß die Bundesregierung
künftighin noch mehr Aufgaben übernehmen müsse.
Es darf aber nicht vergessen werden, daß unser modernes Leben und die ungeklärte Weltsituation eine viel aktivere Beteiligung der Regierung und eine weit höhere Besteuerung erfordern,
als dies frühere Generationen für angebracht hielten. Gerade
deshalb muß die Regierung große Sorgfalt in der Formulierung ihrer Politik walten lassen, um die Initiative der Wirtschaftskräfte zu stärken, statt sie zu dämpfen oder gar zu unterbinden,
wie es schon so oft in der Weltgeschichte geschehen ist. Es müssen vernünftige Sicherheiten dafür geschaffen werden, daß Mühen
auch gebührend belohnt werden. Der Lohnempfänger muß wissen,
daß größere Anstrengungen, mehr fachliches Können und eine Erweiterung seiner beruflichen Fähigkeiten ihm auch mehr Lohn einbringen. Der Sparer muß sicher gehen, daß er aus dem Geld, das
er in den Wirtschaftsprozeß fließen läßt, auch einen angemessenen Gewinn ziehen kann. Ebenso muß der risikotragende Geldgeber
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3- Februar

1954

Geldgeber eine Gewißheit dafür haben, daß ein erfolgreiches Wagnis auch den entsprechenden Profit einbringt. In einer Gesellschaft, die diese Sicherheiten nicht zu geben vermag, werden Forderungen nach größeren Leistungen gegenstandslos, die Kapitalbildung geht nicht rasch genug voran und es besteht die Möglichkeit, daß die Wirtschaft stagniert.
Offene Märkte und wirksame Konkurrenz sind die Mittel, in
einem System des privaten Unternehmertums Anstrengungen um eine
Erhöhung der Produktivität so zu lenken, daß auch sozialen Zwecken
gedient wird. Die Märkte müssen von Beschränkungen frei bleiben,
die den Neuling gegen eingeführte Firmen oder Erzeugnisse nicht
aufkommen lassen. Offene Märkte bieten dem Neuling die Möglichkeit, sich emporzuarbeiten. Der Wettbewerb muß seine traditionellen Funktionen beibehalten, zu regulieren und neuen Auftrieb zu
geben, unsere wirtschaftlichen Hilfsquellen so zu lenken, daß
den Bedürfnissen oder dem Geschmack des Verbrauchers am besten
entsprochen wird. Diese Rolle der wettbewerbsfähigen Märkte ist
ebenso eine Voraussetzung für das Funktionieren unserer Wirtschaft,
wie auf politischem Gebiet die geheime Wahl für unsere Demokratie.
Die Regierung trägt hierbei eine äußerst wichtige Verantwortung,
die durch die gewaltigen Kapitalansammlungen von Großbetrieben
und großen Arbeiterorganisationen noch immens kompliziert wird.
Aber es ist auch klar, daß die Größe allein einen wirksamen
Wettbewerb nicht ausschließt. Die Fälle häufen sich immer mehr,
wo der Wettbewerb zwischen großen Firmen mit ähnlichen Erzeugnissen dazu führt, daß man sich ständig um eine Verbesserung der
Qualität der Produkte und um eine Senkung der Gestehungskosten
bemüht und damit den technischen Fortschritt beschleunigt und
nicht selten dem Verbraucher billigere Waren anbieten kann.
Dennoch muß die Regierung gegenüber den Gefahren der Monopolwirtschaft ständig wachsam bleiben und, über die Anti-Trust-Gesetze, jedem Überhandnehmen monopolistischer Kräfte Schach bieten.
Sie muß ständig darüber wachen, daß der Wettbewerb erhalten und
gefördert wird.
Eine weitere Voraussetzung für den wirtschaftlichen Fortschritt
innerhalb unserer Gesellschaft ist ein ausreichendes Vorhandensein von Spargeldern, denn davon hängt die Bildung echten Kapitals
ab. Es ist wesentlich, daß die Wirtschaftspolitik zum Sparen ermutigt. In einer dynamischen Wirtschaft ist kein Raum für die
Furcht um das Sparkapital. Zur Förderung der Spartätigkeit und
damit auch zur Kapitalbildung vermag die Regierung wohl keinen
größeren Beitrag zu leisten als Sicherheiten dafür zu bieten,
daß ein heute gesparter Dollar nicht morgen durch Inflation oder
Preiserhöhungen verloren ist.
Ebenso erforderlich ist die Verfügbarkeit von Kapital, das
der Ausweitung von Produktion und Handel Schritt hält. Diese
wachsende Kapitalbildung ist notwendig, um es nicht zu einem deflatorischen Druck kommen zu lassen, um Geld- und Warenwert innerhalb gesunder Beziehungen zu halten und die Stabilität der Kaufkraft
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3« Februar 1954

Kaufkraft des Dollar zu gewährleisten«
Vom Standpunkt unserer Gesellschaft aus gesehen, gehen Ersparnisse aber verloren, wenn sie nicht produktiv angelegt werden. Dies bedeutet, daß die Wirtschaft ein leistungsfähiges,
wettbewerbsförderndes Finanzsystem besitzen muß, das in der
läge ist, Gelder - sowohl Risiko-Kapital als auch Kredite - so
zu lenken, daß sie nach menschlichem Ermessen am produktivsten
arbeiten.
Eine Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt ist
die ständige Erweiterung der wissenschaftlichen und technischen
Erkenntnisse. Aus solchem Wissen ergeben sich neue Möglichkeiten
zur Investition und zum Aufbau neuer Industrien, die auf der Entwicklung neuer Materialien und Produkte, ergiebigeren Verfahren
und der Verbesserung älterer Warentypen basieren. Wissenschaftliche Forschung und Fortentwicklung haben zu einer schier endlosen Liste neuer Industrien und Produkte geführt, darunter Atomenergie, radioaktive Isotope, Elektronik, Hubschrauber, Düsenmotoren, Titan, Hitzebeständige Materialien, Plastikmassen Chemiefasern, Mittel zur Bodenaufbereitung, Hybridensaatgut und unzählige andere. Im Jahr 1953 betrugen die Aufwendungen der Industrie,
der Institute, der gemeinnützigen Stiftungen und der Regierung
für die wissenschaftliche Forschung und Weiterentwicklung insgesamt etwa 4 Milliarden Dollar. Eine auf Fortschritt bedachte
Politik erfordert, daß dieser Trend kräftig gefördert wird.
Eine Wirtschaft des freien Wettbewerbs, die dem einzelnen
die Initiative überläßt und die Entwicklung technischer Neuerungen
begünstigt, kann natürlich nicht absolut stabil bleiben. Es ist
unvermeidlich, daß der wirtschaftliche Fortschritt Schwankungen
unterworfen ist. Selbst wenn die Wirtschaft als Ganzes eine Aufwärtsentwicklung verzeichnet, kommen manche Industrien rascher
voran als andere, und einige müssen vielleicht sogar Rückschläge
hinnehmen. Diese Tatsache ist für die Wirtschaftspolitik des
Staates deshalb wichtig, weil sie die Notwendigkeit für Beweglichkeit und Elastizität in dem Wirtschaftssystem aufzeigt.
Die erstrebenswerte Stabilität des allgemeinen Preisniveaus
darf nicht so interpretiert werden, als ob die Preise für die
einzelnen Güter konstant bleiben müßten. Im Gegenteil, für den
wirtschaftlichen Fortschritt ist es sogar notwendig, daß die
Einzelpreise variieren, so daß die Rohstoffe und Wirtschaftsreserven aus jenen Sparten, in denen sie der Arbeiterschaft, den
Unternehmern und dem Kapital wenig einbringen, solchen zugeleitet
werden, wo der Ertrag entsprechend hoch ist. Industrien, die von
den Fortschritten der Technik oder durch Konsumverlagerungen profitieren, bieten neue Beschäftigungsmöglichkeiten, während andere,
für deren Produkte keine große Nachfrage mehr besteht, auch weniger
Arbeitsplätze zu besetzen haben. Die Aufgabe der Regierung besteht
nun nicht darin, eine Angleichung an veränderte Verhältnisse
zu verhindern, sondern vielmehr in der Forderung,darin eine allgemeine Lage zu schaffen, in der die Angleichung mit einem Minimum
an Härten oder Schwierigkeiten vor sich gehen kann.
Die

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3. Februar 1954

Die wichtigste Voraussetzung für eine tatsächliche wirtschaftliche Angleichung ist eine gewisse Stabilität des Beschäftigtenstandes und der Einkommenhöhe. Ein zeitweiliges Absinken der industriellen Produktion war für den gesamten wirtschaftlichen Fortschritt kein unüberwindliches Hindernis, solange eine große und kräftig sich entwickelnde Landwirtschaft die
Arbeitslosen vorübergehend aufnehmen könnte. Doch stellt die
Landwirtschaft heute nur einen verhältnismäßig kleinen Teil im
Wirtschaftsgefüge dar und ist auf Grund ihrer stärkeren "Industrialisierung" ebenfalls den Schwankungen im Wirtschaftsleben
unterworfen. Infolge der katastrophalen Krise der dreißiger
Jahre rufen heute bereits kleine wirtschaftliche Rückschläge,
die frühere Generationen überhaupt nicht beachtet hätten, Unruhe und Besorgnis im Einzelhandel und bei den Konsumenten hervor. Solange die Regierung nicht darauf vorbereitet und willens
ist, ihre großen Vollmachten zur Aufrechterhaltung des Beschäftigtenstandes und der Kaufkraft einzusetzen, kann selbst eine geringfügige Umschichtung innerhalb der Wirtschaft schon eine
Lohn- und Preisspirale auslösen. Daher haben auch beide Parteien im Kongreß in weiser Erkenntnis deje in unserem Zeitalter gegebenen Umstände, der Furcht vor Wirtschaftsschwankungen und
der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die dem
amerikanischen Volke aus einer Wirtschaftskrise erwachsen würden,
den "Employment Act 1946" gebilligt, durch den die Bundesregierung gehalten ist, kraft ihrer Vollmachten dazu beizutragen,
daß die Wirtschaft einen graden Kurs steuert.
Eine weitere Vorbedingung für den wirtschaftlichen Fortschritt in der heutigen Zeit ist die Gewährleistung der sozialen
Sicherheit und es ist Pflicht einer Regierung, dazu beizutragen,
diese Sicherheit zu schaffen. In einer dynamischen, hochentwickelten Volkswirtschaft ist der einzelne zahlreichen Wechselfällen ausgesetzt. Heute verfügen wir nicht mehr über freien
ungenutzten Boden im Westen der Staaten, wo alle, die eine neue
Existenz aufbauen wollen sich ansiedeln könnten. Die Zunahme
der privaten Alters- und Krankenversicherungen sowie der SozialversicherungspiDgramme in den letzten Jahren hat die wirtschaftlichen Wachstumskräfte gestärkt, da diese Einrichtungen den
einzelnen von den Sorgen bei Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und Alter befreien. Daher ist ein weiterer Ausbau der
Sozialversicherungsprogramme äußerst wünschenswert. Doch darf
man dabei nicht übersehen, daß auch der einzelne, soweit er
dazu in der Lage ist, für seine eigene Sicherheit verantwortlich ist, und daß die Regierung am meisten zum Wohle des einzelnen beizutragen vermag, wenn sie die allgemeine Produktivität steigert.
Schließlich muß man sich darüber klar sein, daß der wirtschaftliche Fortschritt in unserem Lande eng mit dem Fortschritt
der übrigen Welt verknüpft ist, denn die wechselseitige Abhängigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet ist nicht geringer als auf
politischen. Genau so wie Amerika nicht vor Angriffen sicher
ist, solange andere freie Nationen von einer Aggression bedroht
werden, kann es auch keine großen Fortschritte machen, wenn die
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3. Februar 1954

die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern stagniert
oder schrumpft. In jedem Programm zur Wirtschaftsförderung in
Amerika muß daher beachtet werden, daß die wirtschaftlichen
Bande, die Amerika mit der übrigen Welt verbinden, vermehrt und
gefestigt werden. Ein stärkerer Güter- und Kapitalaustausch
unter den Nationen würde die wirtschaftliche Entwicklung in der
ganzen Welt fördern.
Dies sind also die Vorbedingungen für einen wirtschaftlichen
Fortschritt in unserem Land und in unserer Zeit. Um die Entwicklung
im eigenen Lande so weit wie möglich voranzutreiben, muß die Regierung den wirtschaftlichen Wettbewerb fördern, den Wirtschaftskräften einen Anreiz geben und die wissenschaftliche und technische Forschung unterstützen. Sie muß ihre weitreichenden Vollmachten benutzen, um die Stabilität der Kaufkraft zu erhalten,
den Beschäftigtenstand hoch zu halten und dem einzelnen materielle Sicherheit zu bieten. Es genügt nicht, daß sie sich zur Lösung der Probleme auf dem Gebiet des internationalen Handels
und der Währungspolitik mit anderen Nationen verbindet, aie muß
auch gewappnet sein, dabei die Führung zu übernehmen.
Um systematisch an die Lösung dieser schwierigen Aufgaben
heranzugehen, wurden im vergangenen Jahre Vorkehrungen zu einer
Überprüfung der von der Bundesregierung für die Entwicklung und
Stabilisierung der Wirtschaft ergriffenen Maßnahmen getroffen.
Der Wirtschaftsrat des Präsidenten wurde umgebildet. Lie Regierung veranlaßte besondere Untersuchungen der Probleme in der
Landwirtschaft, im Wohnungsbau, in der Außenhandelspolitik sowie
der Beziehungen zwischen def Bundesregierung, den Regierungen
der Einzelstaaten und den Gemeindeverwaltungen. Darüber hinaus
wurden alle Ministerien und Dienststellen der Regierung angewiesen, beim Studium der in ihrem Bereich auftauchenden Fragen
stets das eigentliche Ziel einer kontinuierlichen Wirtschaftsentwicklung im Auge zu behalten. Einige der Vorschläge, die
dieser Entwicklung dienen sollen, sind im vorliegenden Bericht
niedergelegt. Aber ehe wir auf die Empfehlungen, welche Politik
einzuschlagen ist, eingehen, ist es angebracht, die wirtschaftliche Entwicklung im vergangenen Jahr zu überprüfen, sich die
Maßnahmen der Regierung in diesem Zusammenhang zu vergegenwärtigen und die derzeitige Lage unserer Volkswirtschaft und ihre
weiteren Aussichten einer Analyse zu unterziehen

Kapitel 5
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Im Eingangskapitel dieses Berichtes wurde die Notwendigkeit für eine Wirtschaftsausweitung betont und in großen Umrissen die Rolle aufgezeigt, die die Regierung bei der Schaffung
der Voraussetzungen für eine solche Entwicklung spielen kann.
Anschließend wurde ein Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung im Jahre 1953 einschließlich des Kurses der Wirtschaftspolitik gegeben, der von der Regierung eingeschlagen wurde, sp- 11

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3. Februar 1954

sowie eine Beurteilung der gegenwärtigen Wirtschaftslage. Daraus
ergibt sich die Folgerung, daß unsere Wirtschaft im Wesen gesund
ist, die gegenwärtige wirtschaftliche Umstellung vermutlich nur
von kurzer Lauer sein wird und mit einer automatischen Normalisierung gerechnet werden darf; es besteht jedoch kein Anlaß zur
Selbstzufriedenheit.
Gemessen an jedem historischen Standard steht unsere Wirtschaft heute in einer unwahrscheinlichen Blüte. Die Beschäftigungsziffer ist hoch, die Preise sind stabil und die Löhne und
Kapitalerträge im allgemeinen zufriedenstellend. Ler Verbrauch
ist weiterhin hoch. Investitionen für die Erstellung von
Wohnungen und Industrieanlagen sowie für Kapitalgüter halten
sich im allgemeinen auf dein bisher sehr hohen Stand. Las gleiche
gilt von den Ausgaben der öffentlichen Hand, wobei die Ausgaben
der Bundesstaaten und der Gemeinden zum Großteil die rückläufigen Bundesausgaben ausgeglichen haben. Und wenn auch seit Mitte
des vorigen Jahres die Gesamtproduktion sowie die Zahl der Beschäftigten etwas zurückgegangen ist, was in verschiedenen Gebieten zu Arbeitslosigkeit führte, hat die Wirtschaft als Ganzes den Übergang von eiöer durch die politischen Umstände bedingten Hochkonjunktur auf den normalen Stand einer Friedenswirtschaft vollzogen.
Es würde jedoch unklug sein, sich angesichts einer Wirtschaft,
die sich in Bewegung befindet, von Augenblickseindrücken bestimmen zu lassen. Lie amerikanische Regierung ist sich dessen
bewußt, daß es von lebenswichtiger Bedeutung ist, ob die GesamtArbeitslosenziffer von drei Prozent durch ein Ansteigen oder
Absinken erreicht wurde und ob der Prozentsatz des Steigens oder
Sinkens hoch oder niedrig ist. Zwar ist der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in den vergangenen sechs Monaten nur gering gewesen und beschränkte sich großenteils auf eine Verringerung
der Ausgaben der Wirtschaft zur Ergänzung der Warenlager, es
ist jedoch keine Garantie gegeben, daß die Abwärtsbewegung sich
nicht auf andere Ausgabengebiete ausdehnen wird* Wenn wir sicher
sein könnten, daß der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität,
wie er sich jetzt abzeichnet, nur auf eine Angleichung der Warenbestände zurückzuführen ist, brauchte die Regierung in dem
Bewußtsein, daß die bereits unternommenen Maßnahmen genügen,
nicht zu intervenieren. Es gibt in diesen Lingen jedoch keine
Gewißheit. Lie Vorsicht und der Wunsch, die Wirtschaft zu stärken,
verlangen, daß die Regierung sowohl eine sofortige Balebunfe als
äanja Bin*' Jangftistige Wirtschaftsexpansion ins Auge faßt»
Auf zweierlei Weise können wir in diesem Jahr den Aufbau
einer stärkeren Wirtschaft durchführen.
Wir sollten zum Schutz und zur Förderung der Stabilität unserer Wirtschaft folgende kühnen Maßnahmen ergreifen: Reform der
Arbeitslosenversicherung; Erweiterung des Personenkreises und d e r
Leistungen der Alters- und Hinterbliebenenfürsorge; Gewährung
der steuerlichen Aufrechnungsmöglichkeiten eines Geschäftsjahres
auf Gewinne der Vorjahre;
Gewährung

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3- Februar 1954

Gewährung umfassender Ermessens-Befugnisse an die Exekutive, um
dieser innerhalb gewisser Grenzen und im Einklang mit den jeweiligen Umständen die Möglichkeit zur Variierung der Bedingungen
für die Gewährung von durch die Regierung gedeckten Anleihen und
Hypotheken zu geben; Bereitstellung von Zweithypotheken; und bessere Planung der Programme für öffentliche Arbeiten.
Gleichzeitig sollten wir Schritte unternehmen, um die Expansionskraft der privaten Unternehmen auszunutzen - und zwar durch
eine Revision der Steuergesetze, um einen Anreiz zu bieten und
gewisse Hemmnisse für die Unternehmen,vor allem für die kleineren
Geschäftsleute zu beseitigen; durch bessere Kreditmöglichkeiten
für den Wohnungsbau und die Renovierung sowie Städteplanung; durch
Ausbau des Straßensystems und durch Angleichung der Landwirtschaft
an die gegenwärtigen Bedingungen des Marktes und der Technik.
Diese Maßnahmen zur Stärkung unserer Wirtschaft stellen zusammengenommen ein zur Durchführung geeignetes Sofortprogramm
dar. Es ist kein Programm von Notmaßnahmen der Legislative, da
die gegenwärtige Lage ein solches durchaus nicht verlangt. Stattdessen ist es ein Programm zur Förderung des wirtschaftlichen
Wachstums und der Ausschaltung jeder Gefährdung der Wirtschaft
in der Zukunft. Das Programm wird wesentlich dazu beitragen, die
Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Fortschritt zu leisten,
wie er am Anfang dieses Berichtes aufgezeigt wurde.
Die nachfolgenden Ausführungen behandeln mehr ins Detail gehende Punkte des Wirtschaftsprogramms der Regierung.
Kapitel 6
Reform des Steuersystems
... Es ist daher an der Zeit, das System der Bundessteuern
den Interessen einer dynamischen und expansiven Wirtschaft ohne
inflationistische Tendenzen anzupassen. Das Steuersystem des Bundes kann und sollte geändert werden, um die Lasten auf die Steuerzahler gleichmäßiger zu verteilen; der Wirtschaft neue Anreize
zur Expansion zu geben und das Steuersystem zu einem wirksameren
Stabilisierungs-Faktor zu machen. Die Gelegenheit zu einer Reform
des Steuersystems sollte unverzüglich ergriffen werden, auch dann,
wenn allgemeine Steuersenkungen verschoben werden müssen. Unter
den vordringlichsten Zielen der Steuerreform sind diejenigen zu
nennen, die in stärkerem Maße die Interessen der Verbraucher berücksichtigen und einen größeren Anreiz zur höheren Leistung bieten, die Investitionstätigkeit fördern, den Arbeitsmarkt beleben
und tüchtigen Betriebsführern stärkere Anreize bieten, und die
das Steuersystem in seiner Anwendung zu einem stärkeren Faktor
der Stabilisierung machen. Diese Ziele lassen sich nicht auf
schnellem Wege erreichen; der Trend einer solchen Reform zeichnet
sich jedoch in ihren großen Umrissen klar ab. ...
... Eine Reihe weiterer steuerlicher Maßnahmen sollte bereits
jetzt in Angriff genommen werden, um die Kräfte für eine Expansion
des Arbeitsmarktes und der Produktion zu stärken. Diese Maßnahmen,
die die Staatseinnahmen zwar zunächst verringern würden, schaffen
jedoch die Grundlagen für ein steigendes Steuereinkommen in der
Zukunft;dieser ist die automatische Folge der von ihnen angeregten
Wirtschaftsausweitung.
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Der Zeitraum, in dem die Einzelunternehmen und Kapitalgesellschaften ihre geschäftlichen Nettoverluste steuermäßig aufrechnen
dürfen, sollte von zwei auf drei Jahre ausgedehnt werden...
Die Beseitigung der Doppelbesteuerung von Dividenden sollte
in Angriff genommen werden, indem man den Besitzern von Aktien
gestattet, einen Teil der von den Gesellschaften bereits entrichteten Steuern bei ihrer eigenen Einkommensteuer geltend zu
machen...
Die Abschreibungen sollten großzügiger gehandhabt werden...
Klare Bestimmungen über die steuerliche Behandlung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sollten erlassen werden...
Die Kapitalbildung aus Geschäftsgewinnen, die für die Betriebsausweitung benötigt werden, sollte steuerlich nicht benachteiligt werden...
Wege zu einer künftigen Reform
... Mit den im vorliegenden Bericht empfohlenen Sondermaßnahmen sind die Möglichkeiten, wie unser nationales Steuersystem
einer kontinuierlichen Wirtschaftsentwicklung besser dienen könne,
noch nicht erschöpft. Sie stellen lediglich die ersten Schritte
auf dem Wege zu Reformen dar, die in den kommenden Jahren folgen
sollten. Die gesamte Struktur des nationalen Steuersystems bedarf
einer neuen, gründlichen Überprüfung unter dem Gesichtspunkt
seiner künftigen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Stabilität der ganzen Wirtschaft ...
... Ein gutes, auf dem Grundsatz des freien Wettbewerbs beruhendes Steuersystem, das eine Förderung der produktivsten Wirtschaftszweige ermöglicht, ist die erste Voraussetzung für einen
wirtschaftlichen Fortschritt. Die Ausweitung der Produktion, des
Beschäftigtenstandes und der Märkte in einer Geldwirtschaft hängt
in jeder Phase davon ab, daß Kredite und Kapital in dem erforderlichen Ausmaß zur Verfügung stehen. Diese Mittel müssen zu
wirtschaftlich tragbaren und vernünftigen Bedingungen und in einer
Art und Weise bereitgestellt werden, die den jeweiligen wirtschaftlichen Erfordernissen gerecht wird.
In einer freien Gesellschaft
ist es Aufgabe der Regierung, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
in dem private Finanzinstitute diese Funktionen zufriedenstellend
erfüllen können.
....
Kapitel 10; Planung öffentlicher Arbeiten
Voraussetzung für eine starke Wirtschaft ist, daß der Bodenkonservierung und einer sparsamen Wasserwirtschaft entsprechend
Beachtung geschenkt wird. Nicht weniger wichtig ist es, Schulen
und Wohlfahrtseinrichtungen, Autostraßen und Flughäfen, Binnenschiffahrtswege und Häfen, Parks, Sportplätze, Grünanlagen und
andere unentbehrliche öffentliche Institutionen in dem Maße auszubauen und zu verbessern, wie es steigende Einkommen verlangen.
Ja, wenn wir es unterlassen, das Gemeingut zu mehren, dann könnte
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könnte dies eines Tages das Anwachsen des privaten Wohlstandes
beeinträchtigen ähnlich der Entwicklung, die sich bei unserem unzulänglichen Straßennetz, das den Erfordernissen der 55 Millionen
Kraftfahrzeuge nicht mehr genügt, bereits abzuzeichnen beginnt.
Eine aufstrebende Wirtschaft macht die Durchführung immer
neuer Bauvorhaben und technischer Projekte erforderlich, die nicht
Sache der Privatwirtschaft sind. Diesen Bedürfnissen -.z.B. dem
Bedarf an Schulen - sollte jeweils sofort entsprochen werden.
Natürlich läßt sich eine gewisse Anzahl öffentlicher Vorhaben
mehr oder weniger lange hinausschieben.
Unsere öffentlichen Vorhaben sollten so geplant und durchgeführt werden, daß sie zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen,
indem sie in Zeiten schleppenden Geschäftsganges vorangetrieben,
in Zeiten der Konjunktur hingegen etwas gestoppt werden. In gewissen Grenzen lassen sich die Ausgaben für öffentliche Vorhaben
zeitlich so einteilen, daß sie zur Stabilisierung beitragen} dies
wird allerdings nur dann der Fall sein, wenn in gewissem Umfange
technische Unterlagen und Pläne zusammengetragen und fertig gestellt sind, lange bevor die Durchführung solcher Vorhaben akut
wird. Die Bundesregierung, die Regierungen der Einzelstaaten und
die Kommunalverwaltungen haben bereits Entwürfe und detaillierte
Voranschläge für eine große Anzahl öffentlicher Vorhaben fertiggestellt und bereiten zur Zeit weitere Projekte vor. Wenn nötig,
könnten die Anforderungen des Bundes für öffentliche Arbeiten
innerhalb eines Jahres um die Hälfte oder mehr erhöht werden. Die
Anforderungen der Einzelstaaten und der Gemeinden, die gegenwärtig ihren bisher höchsten Stand erreicht haben, ließen sich in
einem ähnlichen Ausmaß erhöhen, sofern auch die technischen Fragen der Finanzierung darauf abgestimmt werden...
Auf dem Wege zu einer freien Weltwirtschaft
... Dank der ihnen innewohnenden Kräfte haben die freien
Institutionen den Belastungen zweier Weltkriege und einer Weltwirtschaftskrise riesigen Ausmaßes standgehalten. Obwohl die
Wirtschaftskontrollen, die auf Grund der oben genannten Ereignisse notwendig geworden sind, ständig zunehmen, ist der Handel
zwischen den Ländern der freien Welt noch immer in überwiegendem
Maße Sache privater Geschäftsleute, aber nicht der Regierungen...
... In Amerika wie im Ausland hat man die Notwendigkeit einer
Liberalisierung des Handels und des Zahlungsverkehrs erkannt. Die
Regierungen haben die Aufgabe, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
in dem der Privathandel seine Transaktionen bei einem Minimum
an Devisenkontrollen oder Handelsrestriktionen ausführen kann.
Gesicherte Prosperität in einer Welt, wie der unseren, wo der
eine auf den anderen angewiesen ist - das ist die Aufgabe aller
freien Nationen, die zusammerarbeiten wollen.
Wir sollten uns nicht mit den bisher erreichten Erfolgen in
bezug auf eine Liberalisierung des Welthandels und des internationalen Zahlungsverkehrs zufrieden geben, sondern uns energisch

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energisch bemühen, auch die letzten Schranken niederzureißen,
die den freien Welthandel behindern. Dazu gehören u.a. die unvoraussehbaren Entwicklungen, die auf Grund der Sensibilität
fremder Wirtschaften gegenüber allen Schwankungen der amerikanischen Wirtschaft ausgelöst werden. Das in diesem Bericht umrissene Programm zur Aktivierung der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung und zur Festigung der Widerstandskraft gegen deflationistische Tendenzen im Verein mit der festen Entschlossenheit
der Bundesregierung, alle ihre Vollmachten zur Verhinderung künftiger Krisen einzusetzen, sollte nicht nur dem amerikanischen Volk,
sondern auch den anderen Völkern Vertrauen in die Zukunft geben.
Gemeinsam mit anderen Ländern sind die Vereinigten Staaten entschlossen, nach wie vor auf das eine, gemeinsame Ziel hinzuarbeiten - eine kontinuierlich expansive Weltwirtschaft.
Die Stabilität der amerikanischen Wirtschaft
Eine Politik zur Förderung der Expansion und Stabilität der
Wirtschaft darf sich nicht auf inneramerikanische Angelegenheiten
beschränken, sondern muß sich notwendigerweise auch auf unsere
Beziehungen zu anderen Nationen erstrecken. Eine der grundlegenden Lehren der Geschichte ist, daß zwischen der eigenen Prosperität und der anderer Länder ebenso wie zwischen einer Wirtschaftskrise im eigenen Lande und Wirtschaftskrisen im Auslande Wechselbeziehungen bestehen. Diese engen Bindungen könnten natürlich
durch eine gewisse Autarkie, d.h. durch Maßnahmen gelöst werden,
die geeignet sind, einzelne Nationen und Gebiete zu isolieren
und gegen Wirtschaftsschwankungen im Auslande immun zu machen.
Die Argumente gegen eine solche Politik wiegen jedoch weitaus
schwerer. Die Opfer, die dabei in bezug auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Lebensstandard gebracht werden- müssen,sind
seit langem hinlänglich bekannt und brauchen daher nicht noch
einmal erläutert zu werden. Die stren'gen Kontrollen, die notwendig wären, um eine solche ..Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten,
sind nicht zumutbar. Ebensowenig ist eine -wirtschaftliche Isolierung die Garantie für innere Stabilität. Die schwere Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren wurde noch verschärft durch engstirnig-nationalistische Maßnahmen, mit denen sie bekämpft werden sollte; man führte eine Politik auf Kosten des Nachbarn,die in
einem Land nach dem anderen den Verfall der Währungen, Zollerhöhungen, Einfuhrbeschränkungen und Devisenkontrollen zur Folge
hatte. Flexible Handels- und Kapitalbewegungen, ergänzt durch eine
Politik der Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Zentralbanken,
dürften mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, die Volkswirtschaften zu stabilisieren, ein Polster gegen die Einflüsse
interner Störungen zu bilden und zu verhindern, daß solche Störungen die ganze Welt erfassen.
Wir müssen also auf ein System hinarbeiten, das immer mehr
Möglichkeiten für allseits vorteilhafte Handelsbeziehungen zwischen
den freien Nationen bietet, und das funktionsfähig ist, ohne daß
eine Nation immer wieder Wirtschaftshilfe leisten muß. Weder die
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die Vereinigten Staaten, noch eine andere Nation könnendurch die
eine oder andere Maßnahme ein solches System schaffen. Dazu bedarf es vielmehr einer Vielzahl von Maßnahmen seitens aller N a tionen. Der wichtigste Beitrag, den die Vereinigten Staaten zu
einem alle Teile zufriedenstellenden Welthandel
und internationalen Zahlungsverkehr leisten können, besteht darin, sich eine
kraftvolle gesunde und expansive Wirtschaft zu erhalten.
Abbau der internationalen

Handelsschranken

Damit ist es jedoch nicht getan. Der Welthandel war in den
vergangenen Jahren ständig dadurch bedroht, daß alle wichtigen
Importländer neue Handelsschranken errichten konnten. Was die
Vereinigten Staaten betrifft, so sind bei anderen Nationen Zwei-,
fei über die Kontinuität unserer Außenhandelspolitik aufgekommen,
die seit Jahren heiß umstritten ist. Zwar haben wir in den vergangenen Jahren energische Maßnahmen zur Senkung der Zölle durchgeführt, wobei wir aber mit vielen Unbekannten rechnen mußten. U n sere Handelspolitik und Zollverwaltung sollten jedoch bei der
übrigen freien Welt das Gefühl der Kontinuität,der Stabilität und
der Weiterentwicklung erwecken.
Diese Politik der Vereinigten Staaten sollte von ähnlichen,
auf Verringerung der staatlichen Einmischung in den freien Güteraustausch und den Kapitalfluß gerichteten Maßnahmen anderer N a tionen begleitet sein und diese erleichtern. Im Rahmen eines solchen Programms sollte mit Priorität an die Abschaffung der bilateralen und diskriminierenden Handels- und Zahlungsmethoden herangegangen werden, die das eigentliche Hindernis für einen internationalen Wettbewerb und eine freie Konvertierbarkeit der Währungen
darstellen. Damit wäre die Basis für eine stetige Entwicklung in
Richtung auf einen generellen Abbau der Handelsschranken geschaffen, gemäß den bestehenden internationalen Abmachungen nicht nur
gemeinsames Ziel ist, sondern bereits in Angriff genommen wurde.
Gleichzeitig sollte auf jede Behinderung des
freien Flusses von
Privatkapital verzichtet werden, damit dieses eine größere Rolle
bei der Entwicklung neuer Rohstoffquellen, der Errichtung neuer
Produktionsanlagen und der Erhöhung des Lebensstandards in der
ganzen freien Welt spielen könnte.
Die Regierung ist gegenwärtig intensiv damit beschäftigt, die
Ergebnisse und Vorschläge des kürzlich fertiggestellten Berichtes
der Kommission für Außenhandelsfragen auszuwerten. Ein auf diesem
Bericht basierendes umfassendes Programm wird dem Kongreß zur B e handlung vorgelegt werden...
Maßnahmen, die im Notfall ergriffen werden müssen
Da Wirtschaftsschwierigkeiten verschiedene Ursachen haben
und häufig ein unterschiedliches Vorgehen für ihre Behebung erfordern, können von verantwortungsbewußten Menschen im voraus keine
spezifischen Verhaltungsmaßregeln für irgendwelche Eventualitäten
gegeben werden. Es gibt jedoch gewisse breitangelegte
Grundsätze, von denen sich die amerikanische Regierung angesichts
der möglicherweise drohenden Gefahr einer Depression leiten läßt.
Diese sollten ganz klar herausgestellt werden.
„ _ + _._,

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3. Februar 1954

Erster und wichtigster Grundsatz ist, Präventivmaßnahmen zu
ergreifen, wie es im vergangenen Jahr geschehen ist und in diesem Bericht auch für das künftige Verhalten empfohlen wird. Der
zweite Grundsatz ist, eine doktrinäre Haltung zu vermeiden,
den Hebel an mehreren Stellen gleichzeitig anzusetzen und zu
gewährleisten, daß die unternommenen Schritte miteinander harmonieren und sich ergänzen. Der dritte Grundsatz ist die Ergreifung von Maßnahmen, die die private Aktivität dadurch fördern,
daß sie den Verbraucher veranlassen, mehr auszugeben, und den
Geschäftsmann, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, so daß der Expansionsprozeß der Wirtschaft mit neuer Kraft weitergeführt
werden kann. Der vierte Grundsatz ist promptes und energisches
Handeln, falls die wirtschaftlichen Gegebenheiten dies erfordere
Die Regierung wird nicht zögern, die Währungspolitik, die
Behandlung der Staatsschuld und die Kreditpolitik stärker zu aktivieren, was auch eine liberalisierte Handhabung der Bundesbürgschaften für private Obligationen, eine Modifizierung des
Steuersystems, oder eine Steuersenkung, oder eine Ausweitung des
Bauprogramms der öffentlichen Hand, oder irgendwelche anderen
eventuell erforderlich werdenden Maßnahmen einschließen kann. Die
Regierung muß und wird bereit sein, mit allen sich etwa ergebenden Fragen fertig zu werden. Ein wesentlicher Faktor in diesem
Gewappnetsein unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist die Erhöhung der Grenze für die Staatsschuld, die schon für eine erfolgreiche Durchführung der gegenwärtigen Regierungsvorhaben erforderlich ist.
Die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit und Bereitschaft
seitens der Regierung rechtfertigt jedoch nicht ständige Einmischung oder unaufhörliche Aktivität. Geringe Schwankungen in der
wirtschaftlichen Aktivität treten nicht nur in einem freien Wirtschaftssystem, sondern in jeder Volkswirtschaft auf. Die Regierung wird sich nicht scheuen, auf das Arsenal der stabilisierenden Gegenmittel zurückzugreifen - jedoch nicht häufiger, als
dies zur Sicherung einer gesunden Stabilität erforderlich ist.
Wir werden uns dieser Maßnahmen, die die Fluktuationen der Wirtschaft auf ein Minimum beschränken sollen, nicht
mehr als unbedingt notwendig bedienen, damit wir die wünschenswerten fiskalischen
Ziele wie Senkung der Aufwendungen des Bundes, Senkung der Steuern
und Herbeiführung eines Haushaltausgleiches auch wirklich erreichen können.
Grundlage des Fortschritts
Die Regierung kann in hohem Maße zur Aufrechterhaltung des
V/ohlstandes beitragen. Man tut jedoch gut daran, sich auch der
in Generationen gesammelten Erfahrungen zu erinnern, die uns lehren, daß eine Regierung von sich aus nicht in der Lage ist, eine
echte und dauerhafte Prosperität zu schaffen. Eine blühende Wirtschaft ruht vornehmlich auf den Unternehmungen von Millionen von
Menschen, die für sich, ihre Familie und Gemeinde arbeiten. Das
amerikanische Volk verfügt über berufliches Können, Phantasie,
Unternehmungsgeist und Weitblick. Den besten Dienst, den die Regierung, außer einem Beitrag zur Erhaltung der Stabilität und Sicherung
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3. Februar 1954

Sicherung einer festen wirtschaftlichen Basis für die Bevölkerung,
daher der Wirtschaft leisten kann, ist die Schaffung von Verhältnissen, in denen bereitwillig neue Arbeitsplätze eingerichtet,
neue Produktionsmittel erworben und die alten verbessert oder
außer Dienst gestellt werden, in denen neue Produkte fabriziert
und neue Märkte erschlossen werden, die Leistung allgemein eine
Steigerung erfährt und die es auch erlauben und wünschenswert
machen, höhere löhne zu zahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Bundesregierung fördert jetzt und auch in Zukunft
die Entwicklung solcher Verhältnisse.
Wir haben heute eine stark prosperierende Wirtschaft, mit
einem starken, gesunden Fundament... Der in verhältnismäßig engen
Grenzen gehaltene Umschichtungsprozeß, der sich seit Mitte 1953
vollzieht, ist wahrscheinlich bald beendet, besonders wenn die
Empfehlungen der Regierung angenommen werden. Diesen Empfehlungen
liegt, ebenso wie die Analyse der gegenwärtigen Situation, auf der
sie basieren, die Überzeugung zu gründe, daß der amerikanische
Lebensstandard ebenso wie die Wirtschaft eine stetige Aufwärtsentwicklung erfährt. Die Zuversicht ist wohlbegründet, daß unser
System des freien Unternehmertums, das die Bewunderung aller verdient, auf unabsehbare Zeit die Quelle ständig steigenden und allgemein verbreiteten Wohlstandes sein wird.

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DER RANDALL-BERICHT
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — In einem rund
35 000 Wörter umfassenden Bericht hat am vergangenen Wochenende die vom amerikanischen Präsidenten im August letzten Jahres eingesetzte 17-köppfige Randall-Wirtschaftskommission ihre Ansichten und Empfehlungen hinsichtlich der Ausweitung
des Welthandels und der Stärkung der US-Wirtschaft veröffentlicht." Dieser Bericht, der rein
empfehlenden Charakter hat, soll dem amerikanischen Präsidenten als Richtlinie für die künftige nationale und internationale Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten dienen« Inwieweit
der Präsident die ihm unterbreiteten Empfehlungen für künftige Maßnahmen heranziehen wird,
bleibt abzuwarten, zumal der Bericht nicht die
übereinstimmende Ansicht sämtlicher Ausschußmitglieder widergibt und viele zu verschiedenen Punkten eine andere Stellung bezogen. So stimmten
u.a. die Senatoren Millikin, Hickenlooper, Byrd
und George sowie die Abgeordneten Reed und Simpson den Empfehlungen der Stabilisierung der
Rohstoffpreise nicht zu, während der Gewerkschaftler McDonald und der Bankier Whitney diese Vorschläge als nicht weitgehend genug bezeichneten. Reed und Simpson zeigten sich ferner im allgemeinen nicht mit den Zollempfehlungen einverstanden, wobei sie sowohl den Gehalt
dieser Empfehlungen als auch die Art ihrer Schlußfolgerungen kritisierten. Auch in der Frage des
Ost-West-Handels wichen einige Mitglieder von
der Meinung der Mehrheit ab,
I. Zusammenfassende Übersicht
Als die wichtigsten Voraussetzungen für die Ausweitung des Welthandels in "einem Geiste des gegenseitigen
Vertrauens" bezeichnet der Bericht den Abbau der den
internationalen Güteraustausch behindernden Handelsschranken. Er spricht sich dafür aus, daß die USA ihre
Außenhandelspolitik den anderen Ländern in eindeutiger
Form
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27. Januar 1954

Form darlegen sollen, um auf diese Weise zur Schaffung einer
"Atmosphäre des Vertrauens" beizutragen»
Im einzelnen tritt der Ausschuß $n seinem Bericht, der für
die amerikanische Regierung in keiner Weise bindend sondern lediglich als Richtlinie für die von Präsident Eisenhower geplante Neuausrichtung der amerikanischen Außenhandelspolitik gedacht
ist, dafür ein, daß die amerikanische Wirtschaftshilfe auf
Schenkungsbasis so schnell wie möglich eingestellt werden soll.
Nach Ansicht des Ausschusses sei eine weitere Hilfe nur gerechtfertigt, wenn diese zur Erhöhung der Sicherheit der Vereinigten
Staaten beitrage. Das von der Regierung durchgeführte Off shoreBeschaffungsprogramm müsse ausschließlich nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten sowie strategischen Erwägungen durchgeführt werden. Auf keinen Fall, so wird in dem Bericht betont, dürfe es
für Zwecke einer allgemeinen Wirtschaftshilfe mißbraucht werden.
In den Fällen, in denen mit den USA befreundete Nationen
um Unterstützung zur Aufrechterhaltung ihrer Verteidigungsstreitkräfte nachsuchen, so wird in dem Bericht betont, sollten - sofern dies für die Sicherheit der USA wichtig ist - Schenkungen
und keine Anleihen gegeben werden. Dagegen sollten, wenn sich im
Interesse der USA eine wesentliche Wirtschaftshilfe als notwendig erweise, für die kein privates Kapital zur Verfügung stehe,
Anleihen und keine Schenkungen gewährt werden.
Der Ausschuß spricht sich weiter für eine Fortsetzung des
technischen Hilfsprogramms (Punkt$4-Programm) aus. Dieses dürfe
kein Programm des "Großkapitals" werden und auch nicht Kapitalinvestitionen einschließen. Die Vereinigten Staaten sollten
darüber hinaus auch weiterhin das erweiterte technische Hilfsprogramm der Vereinten Nationen sowie das Programm der Organisationen der amerikanischen Staaten unterstützen. Keines der
an diesen Programmen beteiligten Länder dürfe jedoch aus eigenen Mitteln mehr als 60 Prozent zur Finanzierung dieser weltweiten, gemeinnützigen Bemühungen beitragen«
Der Bericht tritt dafür ein, daß die amerikanische Regierung alles in ihren Kräften stehende zur Förderung privater
Auslandsinvestitionen unternehmen soll. Die Förderung der
wirtschaftlichen Erschließung anderer Länder müsse in der
Hauptsache Aufgabe des Privatkapitals bleiben. In diesem
Zusammenhang empfahlt der Bericht, daß die amerikanischen
Körperschaftssteuern auf Gewinne aus Auslandsinvestitionen um
"wenigstens 14 Prozent" gesenkt werden. Privatpersonen solle
es erlaubt werden, die im Ausland für diese Gewinne abgeführten Steuern voll in den USA abzusetzen. Ferner solle dem Garantieprogramm des US-Amtes für $uslandshilfe (FOA) gegen Enteignungsversuche eine weitere Bewährungsfrist gegeben werden.
Der Ausschuß empfiehlt, daß die amerikanische Export-Import-Bank weiterhin Anleihen gewähren soll, die im besonderen
Interesse der Vereinigten Staaten liegen und die den Regeln
einer gesunden Kreditpolitik entsprechen. Zu dem im vergangenen Jahr abgeschlossenen internationalen Weizenabkommen wird
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�"Ai£hRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UMD ARBEIT

27. Januar 1954

wird erklärt, daß die Möglichkeiten dieses Abkommens während
seiner Laufzeit in vollem Umfange zur Lösung der drängenden .
Weizenprobleme ausgenutzt werden müssen.
Der Ausschuß setzt sich weiter für eine möglichst baldige
Beseitigung des starren Preisstützprogramms für die Landwirtschaft ein. Dieses Programm habe lediglich zu fixierten Preisen, zu Subsidien und zur Einführung von Importquoten sowie zu
übertrieben hohen Zöllen geführt. Der Bericht weist in diesem
Zusammenhang darauf hin, daß die schwankenden Rohstoffpreise
nicht durch Rohstoffabkommen stabilisiert werden können, jedoch
in erster Linie durch Beseitigung der Handelsbeschränkungen.
Die Volkswirtschaften der Länder, die gegenwärtig in zu starkem
Maße von der Erzeugung einiger Produkte lebten, müßten auf eine
breitere Basis gestellt werden.
Der Bericht fordert weiter eine Abänderung des "Buy American
Act" in der Form, daß der Präsident hinsichtlich der Berücksichtigung ausländischer Angebote gewisse Ausnahmen zulassen darf.
Ferner soll die Zollkommission umgehend eine Studie für eine
Vereinfachung der amerikanischen Zollbestimmungen sowie eine
etwaige Änderung der Zollsätze ausarbeiten. Die Vollmachten
des Präsidenten zum Abschluß von Handelsabkommen auf Grund des
Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen sollen mindestens
um weitere drei Jahre verlängert werden. Gleichzeitig soll der
Präsident ermächtigt werden, die bestehenden Zollsätze in jedem dieser drei Jahre um bis zu fünf Prozent zu senken.
Der Bericht tritt für ein Fortbestehen des Exportverbots
nach Rotchina und Nordkorea ein, solange die gegenwärtige Ge-r
fahr für die Sicherheit der freien Welt anhalte. Darüber hinaus
sollten sich die USA auch weiterhin darum bemühen, daß entsprechende Maßnahmen von den übrigen freien Nationen durchgeführt werden. Gleichzeitig sollten die USA ihre Bemühungen, die
Exporte von solchen Gütern nach den europäischen Sowjetblockstaaten zu unterbinden, die zur Stärkung des militärischen Potentials
dieser Länder beitragen könnten, solange fortsetzen, bis ein echter Friede gewährleistet ist. Dagegen sei gegen einen stärkeren
Handel mit "friedlichen" Gütern zwischen Westeuropa und dem
Sowjetblock nichts einzuwenden, soweit dies ohne Gefährdung
der militärischen Sicherheit der USA und unter Beachtung des
Embargos für den Handel mit Rotchina und Nordkorea möglich sei.
Der Ausschuß fordert weiter einen allmählichen und positiven Fortschritt auf dem Wege zur freien Konvertierbarkeit der
Währungen, betont jedoch, daß die Verantwortung für derartige
Maßnahmen bei den betreffenden Ländern selbst liegen müsse.
Die freie Konvertierbarkeit der Währungen sei eine "unerläßliche" Voraussetzung für einen weltweiten, multilateralen Handel wie auch für einen ausgeglichenen Handel auf einem relativ
freien Weltmarkt. In diesem Zusammenhang setzt sich der LBericht dafür ein, daß die 3,3 Milliarden Dollar Gold- und Währungsreserven des internationalen Währungsfonds in stärkerem
Maße für einen "allmählichen und kontrollierten" Versuch in

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�"AMERIKA DIENST" - WIBTSChAIX UME ARBEIT

• 27. Januar 1954

in Richtung auf eine etwaige volle Konvertierbarkeit der Währungen eingesetzt werden sollten.

II. Auszüge
Auslandshilfeprogramm
••••• Dieser Bericht will in erster Linie untersuchen,
welche Maßnahmen die Vereinigten Staaten treffen müssen, um
einen Beitrag zur Lösung des Dollarproblems der Welt zu leisten, - Maßnahmen, die aber auch mit den wirtschaftlichen,
politischen und militärischen Interessen der U.S.A. in Einklang stehen.
Die Kommission wird größte Vorsicht bei ihren
Empfehlungen hinsichtlich jener Programme oder Verpflichtungen walten lassen, die bereits angelaufen oder in die die
Vereinigten Staaten bereits eingetreten sind. Wir haben jedoch zur Kenntnis genommen, daß die im Augenblick verfügbaren 7,3 Milliarden Dollar für laufende Programme und Verpflichtungen im Verlauf mehrerer Jahre verausgabt werden sollen.
Die Kommission unterbreitet für die Planung künftiger Programme auf der Grundlage späterer Bewilligungen folgende
Anmerkungen und Empfehlungen*
Die Kommission empfiehlt, binnen kürzester Frist die
Wirtschaftshilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen
(Grants) einzustellen. Weitere Hilfe ist nur dann gerechtfertigt, wenn dadurch die Sicherheit de;. Vereinigten Staaten
erhöht wird. Die Sicherheit Amerikas eifordert es, daß wir
uns in unserem eigenen Lande und in allen Teilen der Welt gegen eine Aggression oder Unterwanderun durch die Kommunisten
schützen. Für Zwecke der militärischen "erteidigung werden
gegenwärtig die meisten Aufwendungen gemacht, aber wir müssen
in unserer Sicherheitspolitik viele politische und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen. Die Sicherheit der USA ist
eng mit der der freien Welt verknüpft
Die Vereinigten Staaten unterstützen gegenwärtig
mehrere Länder wirtschaftlich, deren Wirtschaftskapazität nicht
groß genug ist, um die vom Nordatlnntikrat und unserer Regierung zur Abschreckung eines möglichen Aggressors für notwendig
erachteten Anstrengungen durchzuhalten. An dieser Stelle sind
Griechenland, die Türkei, Spanien und Jugoslawien in Europa
und Indochina und Formosa im Fernen Osten zu nennen. Auch
Frankreich wird von den USA weitgehend unterstützt, um es in
die Lage zu versetzen, mit noch größeren Anstrengungen auf einen
erfolgreichen Abschluß der Feindseligkeiten in Indochina hinzuarbeiten. Ferner erhalten Großbritannien, Italien und Berlin
für besondere Zwecke kleinere Beträge. Diese Art der Unterstützung läuft unter der neuen Bezeichnung ,lVerteidigungshilfeM
oder w

A

&lt;=

�"AFRIKA.L1JS!MSTW - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

oder "Mittel für die gemeinsame Verteidigung". Der genaue
Unterschied zwischen dem, was wirtschaftliche und militärische Hilfe ist, wird durch derartige Termini bis zu einem
Grade verwischt, den die Kommission als unangebracht bezeichnen muß. Obwohl die "Verteidigungshilfe" in erster Linie
dazu dient, ein unerwünschtes Nachlassen in den Verteidigungsanstrengungen zu verhüten, wird sie auch zur Förderung jener
wirtschaftlichen Ziele eingesetzt, die in der Vergangenheit
zur Rechtfertigung einer Wirtschaftshilfe genannt wurden.
Die "Verteidigungshilfe" ist eine Form von wirtschaftlicher
Unterstützung und sollte demnach unter dieser Bezeichnung
laufen.
Ferner erhalten unsere Verbündeten, einschließlich Großbritanniens, eine allgemeine Unterstützung ihrer Wirtschaft
durch die sogenannten "Off shore-Käufe"•
Die Kommission
ist sich wohl bewußt, daß diese Off shore-Käufe vom wirtschaftlichen Standpunkt gewisse Vorteile gegenüber den verlorenen
Zuschüssen haben, die wir im Rahmen des Marshall-Planes verteilten. Wenn man bei cen Off .hore-Aafträgen so verfährt,
daß die Produktionskapazität auf der Grundlage eines gesunden
Wettbewerbes gesteigert wird, dann konnten sie vielleicht einen
Beitrag zur Lösung des Dollarproblems der europäischen Länder
leisten. Die Off shore-Käufe jedoch lenen rein militärischen
Zwecken. Um dieses Ziel auch wirklich erreichen zu können,
empfiehlt die Kommission Aufträge über die Erzeugung militärischer Ausrüstungsgegenctände im Auslande untei Berücksichtigung des Kostenfaktors, der Lie;erbarkeit und Qualität zu
vergeben, wie dies in Ausführung einer wi ksamen Beschaffungspolitik in den Vereinigten Staaten üblich isü, oder unter Berücksichtigung allgemeiner strategischer Erwägungen hinsichtlich der Art und des Standortes des Erzeugungsbetriebes für
militärische Güter, von dem der Erfolg der gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen abhängt. Das Off shore-Programm sollte nicht als eine Form allgemeiner Wirtschaftshilfe benutzt
werden. Die Kommission empfiehlt weiterhin die Gewährung von
nicht rückzahlbaren Zuwendungen anstelle von Anleihen an jene
Länder, die eine Unterstützung zur Unterhaltung der Streitkräfte oder zur Durchführung gewisser militärischer Operationen benötigen, die einen Einfluß auf unsere eigene Sicherheit
haben und über die wirtschaftlichen Kräfte eines Landes gehen.
In anderen Fällen, wo eine weitgehende wirtschaftliche
Unterstützung im Interesse der Vereinigten Staaten erforderlich ist, aber von privaten oder internationalen Organisationen nicht gewährt werden kann, sollten die U.S.A. Anleihen,
jedoch keine verlorenen Zuschüsse gewähren.
Der von der Kommission gebrauchte Begriff Wirtschaftshilfe
schließt die sogenannte "technische Unterstützung" nicht mit
ein
Die Kommission empfiehlt eine energische Fortführung des
Programms für technische Zusammenarbeit innerhalb der vom Kongreß durch seine Bewilligungen gesetzten Grenzen, sowie unter

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unter der Voraussetzung, daß nur erfolgversprechende Projekte
in Angriff genommen werden und tüchtige Techniker und Verwaltungsfachkräfte vorhanden sind. Es braucht - und sollte auch
nicht - ein "Programm der Riesensrummen" werden und darf keinesfalls Anlagekapitalinvestitionen einschließen.
Die Kommission empfiehlt ferner, die Vereinigten Staaten
mögen das erweiterte technische Hilfsprogramm der Vereinten
Nationen sowie das Programm der Organisation der Amerikanischen Staaten auch weiterhin unterstützen, da beide einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung des technischen Fachwissens
vieler Nationen leisten und eher den Weg zur Lösung regional
bedingter Probleme sowie der Probleme der abhängigen Territorien ebnen als dies bilaterale Programme tun können.
Die Kommission mißt der Unterstützung des technischen
Hilfsprogramms der Vereinten Rationen besondere Bedeutung zu.
Sie ist hingegen überzeugt, daß icein Land für sich allein über
60 Prozent der gesamten finanziellen Lasten dieses auf einer
weltweiten Zusammenarbeit beruhenden Programmes tragen sollte.
Die Kommission hält eine Ausweitung des Programmes für wünschenswert, jedoch sollte der auf die Vereinigten Staaten entfallende
prozentuale Anteil an der Finanzierung des Programmes reduziert
werden.
Amerikanische Auslandsinvestitionen
Die amerikanischen Investitionen im Ausland haben nicht in
dem Maße zugenommen, wie wir das nach dem zweiten Weltkrieg erwarteten. Es wurde nicht alles getan* um in den Genuß all jener
Vorteile zu gelangen, die ein ausgeweitetes Volumen klug placierter Auslandsinvestitionen hätte bieten :ö nen. ...
Die Bundesregierung kann und muß im Ausland mit diplomatischen Mitteln die Anerkennung und das Verständnis für jene
Prinzipien durchzusetzen versuchen, die allein geeignet sind,
ein Wirtschaftsklima zu schaffen, das einen Anreiz für die
Investition amerikanischen Kapitals bietet. Dies erfordert
eine bessere Zusammenarbeit und Koordinierung der Tätigkeit
der verschiedenen amerikanischen Behörden und Vertreter auf
dem Gebiete der Außenhandelspolitik, ganz besonders aber eine
klare Formulierung der Stellung der Bundesregierung hinsichtlich privater Kapitalanlagen im Ausland mit besonderer Betonung der Unterstützung des Systems der freien Wirtschaft sowie
der Interessen der amerikanischen Kapitalgeber.
Die Regierung der Vereinigten Staaten sollte auch
weiterhin versuchen, auf vertraglicher Grundlage die Bedingungen für eine faire Behandlung des amerikanischen Auslandskapitals zu sichern. Die Verhandlungen sollten zunächst mit Ländern gleicher Grundansichten aufgenommen und allmählich in dem
Grade auf die anderen Staaten ausgedehnt werden, in dem diese
zu der Überzeugung gelangen, daß eine wohlwollende Einstellung
gegenüber den freien Unternehmern für sie günstige Folgen
haben würde.
_.
Die
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Die Bundesregierung sollte ferner Unklarheiten in ihrer
Politik beseitigen, die sich in irgendeiner Weise auf die Auslandsinvestitionen auewirken
So ist es beispielsweise ungewiß, inwieweit die Bestimmungen
des amerikanischen Anti-Trust-Gesetzes Anwendung auf eine Tätigkeit im Ausland finden. Die Anti-Trust-Politik sollte dahingehend neu formuliert werden, daß das Recht jedes Staates, den
Handel innerhalb seiner eigenen Grenzen selbst zu regeln, ausdrücklich anerkannt wird. Gleichzeitig sollte es klar gemacht
werden, daß ausländische Gesetze oder etwa übliche Handelspraktiken, durch die Preis-, Produktions- oder Marktabsprachen
gefördert werden, die Bereitschaft der amerikanischen Wirtschaft
für Auslandsinvestitionen nicht erhöhen und die aus den Investitionen ausländischen Kapitals erwachsenden Vorteile auf ein
Minimum reduzieren werden.
Eine weitere Quelle von Unsicherheit, die die Bereitwilligkeit des Auslands zur Hereinnahme von Privatkapital beeinträchtigt, steht mit dem Finanzgebaren der amerikanischen Regierung
bei der Finanzierung öffentlicher Aufträge in Zusammenhang.
Die US-Regierung sollte klarstellen, daß für die Unterstützung
des Ausbaus der ausländischen Wirtschaft in erster Linie Privatkapital in Anspruch genommen werden muß. Sie sollte darauf
hinweisen, daß die Fonds des amerikanischen Staates zur Bereitstellung öffentlicher Kredite begrenzt und im Verhältnis zu
dem Gesamtbedarf an Investitionsgeldern unzureichend sind; und
daß die öffentliche Kreditvergebung und andere Wege der Finanzierung durch den Staat keinen Ersatz für Investierungen seitens
der privaten Wirtschaft darstellen
Die Kommission empfiehlt, die Körperschaftssteuer auf die
Einkünfte aus Auslands-Investitionen um mindestens 14 Prozent
zu senken .... Sie ersucht den Kongreß, ebenso Maßnahmen - etwa
durch eine Senkung der Sätze, Anrechnung der im Ausland entrichteten Steuerbeträge oder anderes - zur bevorzugten steuerlichen
Behandlung solcher Einzelpersonen zu ergreifen, die im Ausland
Kapital investieren; hierbei können die Maßnahmen als Richtschnur dienen, die für die Behandlung von Investierungen tätigenden Handelsgesellschaften empfohlen worden sind. Falls es überdies in den Vereinigten Staaten zu einer allgemeinen Senkung
der Einzelbesteuerung auf Aktiengewinne kommen sollte, dann
müßten die Steuersenkungen gleichermaßen auf Dividendeneinkünfte
aus dem Ausland angewandt werden. Diese Maßnahmen würden für
amerikanische Staatsangehörige und Kapitalgesellschaften einen
Anreiz bieten, Kapital in ausländischen Privatunternehmen zu
investieren, und sie würden dazu beitragen, den riesigen amerikanischen Effektenmarkt auch für die Möglichkeiten lohnender
Auslands-Investitionen zu interessieren
Die Kommission empfiehlt dem Kongreß die Aufhebung mehrerer
Restriktionen, die es gegenwärtig Personen mit ausländischen
Kapitalsanlagen unmöglich machen, die hierauf im Ausland zu entrichtenden Steuern voll gegen ihre Steuerverpflichtungen im In*-

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Inland aufzurechnen. Die Bereitschaft zur Kapitalinvestierung
im Ausland wird beeinträchtigt, da auf Grund dieser Restriktionen das Gesamteinkommen aus Auslandsinvestierungen höher besteuert wird als aus Inlandsinvestitionen.
Unter dem gegenwärtigen Gesetz kann eine amerikanische
Kapitalgesellschaft, die mindestens 10 Prozent der stimmberechtigten Aktien einer ausländischen Gesellschaft besitzt, auf die
daraus bezogenen Dividendeneinkünfte einen prozentualen Anteil
der Gewinn-Steuern aufrechnen, die das ausländische Unternehmen an den eigenen Staat entrichtet hat. Diese 10-ProzentKlausel sollte gesenkt oder überhaupt abgeschafft werden .....
Ein einzelner Kapitalgeber kann gegenwärtig Auslandssteuern,
die auf sein Einkommen im Ausland direkt erhoben werden, aufrechnen
Diese Gutschrift verfällt jedoch, wenn dieser
amerikanische. Staatsbürger seine Investierung über eiha Kapitalgesellschaft vornimmt; es sollte sichergestellt werden, daß
diese Kapitalgesellschaften nicht nur den Status des individuellen Kapitalgebers erhalten, sondern die Gutschrift auch
auf den einzelnen Aktionär übertragen werden kann
Nach Ansicht der Kommission dürfte die amerikanische Gesetzgebung die Kapitalgeber nicht dafür bestrafen, daß sie eine bestimmte Organisationsform akzeptieren, die ihnen durch die Gesetze oder Geschäftsbedingungen des fremden Landes diktiert
wirdx Um die Möglichkeiten für solche Benachteiligungen einzuschränken, empfiehlt die Kommission, es dem eigenen Ermessen
einer amerikanischen Handelsgesellschaft zu überlassen, bei
der Entrichtung der Steuer das ausländische Unternehmen, in
dem sie direkt Kapital investiert hat, entweder als Filialbetrieb oder als Tochtergesellschaft zu behandeln, ohne Rücksicht
darauf nehmen zu müssen, welche der beiden Organisationsformen
für den Auslandsbetrieb tatsächlich gewählt wurde. Die für
die Steuerberechnung einmal getroffene Wahl sollte jedoch bindend sein, bis das US-Schatzamt sich mit einer Änderung des
Status* einverstanden erklärt
Probleme der Landwirtschaft und der Rohstoffe
Nach Ansicht der Kommission ist es notwendig, unsere Agrarpolitik mit unserer Außenhandelspolitik in Einklang zu bringen,
ohne dabei die vernünftigen Ziele beider aufzugeben.
Der eigentliche Gegensatz besteht an sich nicht zwischen
der Außenhandels- und der Agrarpolitik, und den Methoden, die
bei der Durchführung einer wichtigen Phase unserer Agrarpolitik
angewandt werden. Um es gerade heraus zu sagen, starre Preisstützungsprogramme, welche die Preise auf dem Binnenmarkt über
den Weltmarktpreisen halten, laufen praktisch auf Preisfestsetzungen hinaus und führen zu einer Anhäufung von Überschüssen,
die sonst auf dem Binnen- oder Auslandsmarkt abgesetzt worden
wären. Um solche Programme der festen Preise auch weiter aufrecht zu erhalten, kann es für die Vereinigten Staaten zum
Schutze gegen ausländische Importe notwendig werden, Handelsbet»

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Handelsbeschränkungen der verschiedensten Art, einschließlich
von Einfuhrkontingent'eh-* einzuführen. Um die teuren preisgestützten Überschüsse exportieren zu können, könnte es sich als
notwendig erweisen, den Export zu subventionieren oder Maßnahmen des Dumpings anzuwenden, die im Falle ihrer Anwendung bei
Einfuhren in die Vereinigten Staaten die Anwendung unserer AntiDumping- und Ausgleichszollgesetze zur Folge haben würden. Preisfestsetzungen, besonders im Hinblick auf Waren, die dem internationalen Handelsaustausch unterliegen, sind ihrem Wesen nach unvereinbar mit den Prinzipien des privaten Handels, des freien
Unternehmertums und eines Welthandels-Systems, in dem keine
Nation benachteiligt sein soll
Wenn zu einem System festgesetzter Agrarpreise der zwangsläufig damit verbundene Apparat von Produktionskontingenten,
Einfuhrkontrollen und'Exportsubventionen hinzutritt, wird die
Landwirtschaft ihre Fähigkeit, bei der Ausweitung des internationalen Handels dauernd eine dynamische Rolle zu spielen,
großenteils verlieren. Das würde nicht nur für die Landwirtschaft selbst, sondern auch für unsere gesamte Wirtschaft und
für die Produktionskapazität der freien Welt ein schwerer Verlust sein. Darüber hinaus würden sich die Rückwirkungen auf
die Handelspolitik unserer Freunde und Verbündeten in der freien
Welt sehr nachteilig für alle Beteiligten auswirken
Die Kommission ist der Ansicht, daß eine dynamische Außenhandelspolitik, soweit sie die Landwirtschaft betrifft, nicht
aus einem verwirrenden Knäuel restriktiver Maßnahmen führen
wird, wie starren zu Festpreisen führenden Preisstützungsprogrammen, offenen oder verschleierten Exportsubventionen, Einfuhrkontingentierungen in den USA und im Auslande, Devisenbeschränkungen und Regiebetrieben. Wenn wie eine Außenhandelspolitik haben wollen, die ihren größten Beitrag zur Stärkung
unserer langfristigen'Vorhaben zur Erschließung von Auslandsmärkten unserer Landwirtschaft leisten soll, müssen wir so
schnell wie möglich unsere Politik auf eine Beseitigung derartiger Maßnahmen, als ein Teil oder als Ergänzung unserer eigenen Agrarpolitik,ausrichten
Instabilität der Rohstoffpreise
Die Kommission ist der Ansicht, daß die konstruktiven Beiträge, die die amerikanische Regierung zur Erreichung einer
größeren Stabilität der Weltmarktpreise leisten kann, in folgenden Schritten bestehen:
1) Maßnahmen ergreifen, die auf einen Abbau oder die Beseitigung der für den amerikanischen Außenhandel bestehenden
Hindernisse abzielen und andere Länder zu einer ähnlichen Politik anregen;
2) eine Politik einzuschlagen, durch die jenen Ländern,
die zu sehr von der Produktion einer nur geringen Anzahl von
Gütern abhängig sind, eine Auflockerung ihres Wirtschaftssystems
erleichtert wird; gleichzeitig sollen die Regierungen dieser
Länder zu einer Politik ermutigt werden, die eine Beteiligung aus-

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ausländischer Kapitalgeber an dieser wirtschaftlichen Auflockerung
wahrscheinlich macht;
3) Unterlassung von Maßnahmen, die mit unseren eigenen Programmen zur Produktionskontrolle und Bevorratung in ursächlichem
Zusammenhang stehen und sich unnötigerweise auf die Weltmarktpreise auswirken;
4) mit anderen Nationen einen ständigen Gedankenaustausch
zu pflegen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, um bessere Informationen über Angebot und Nachfrage bei Rohstoffen und Lebensmitteln zu erhalten und Mittel und Wege zu finden, Schwankungen nach Möglichkeit auszuschalten;
5) Maßnahmen zu ergreifen, um die Fluktuationen des amerikanischen Marktes, die die Weltmarktpreise stark beeinflussen,
abzufangen.
Nach Sneicht der Kommission sollten Zölle und andere Einfuhrbeschränkungen für Rohstoffe nur nach wirtschaftlichen Überlegungen festgesetzt werden
Zoll- und Handelspolitik
.... Alle mit den Zollsätzen, der Zollpolitik und der Zollverwaltung im Zusammenhang stehenden Fragen fanden weit mehr
das Interesse der Öffentlichkeit als die vielen anderen Probleme, mit denen sich die Kommission zu befassen hatte. Zu den
Zollfragen wurden mündlich und schriftlich weit zahlreichere
Vorschläge an uns herangetragen als zu allen anderen von der
Kommission zu untersuchenden Problemen. Auf keinem anderen Gebiet wurden so eindeutig einander widersprechende, subjektive
Darstellungen von Tatsachen, so unterschiedliche Meinungen und
so entgegengesetzte Empfehlungen zum Ausdruck gebracht*
Die Argumente zugunsten eines freien Außenhandels sind
uns wohlbekannt. Die Feststellung möge hier aber genügen,
daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen für die Vereinigten
Staaten nach Ansicht der Kommission ein völlig liberalisierter
Handel nicht möglich ist. Wenn wir auch eine größere Handelsfreiheit anstreben, so müssen wir doch alle Lenkungsmaßnahmen
in den Vereinigten Staaten selbst und in anderen Ländern berücksichtigen, die die Prämissen geradezu negieren, auf die
sich solche Argumente stützen. Wir müssen bedenken, daß nicht
nur die Vereinigten Staaten gewisse Handelsbeschränkungen in erster Linie in Form von Zöllen und in besonderen Fällen
durch Festsetzung von Einfuhrquoten - aufrechterhalten, sondern
daß dies auch andere Länder tun. Vielmehr bedienen sich andere
Staaten des Quotensystems in weit stärkerem Maße als die U.S.A.
und wenden es sowohl gegenüber anderen Staaten als auch gegenüber uns in weit größerem Umfange an; darüber hinaus gibt es
bei ihnen eine gewisanbewirtschaftung und andere, in den USA
nicht übliche Maßnahmen.
Wie die Erfahrung lehrt, wird die amerikanische Zollpolitik,
vom Psychologischen und vom Wirtschaftlichen her gesehen, von
der Öffentlichkeit sowohl in den Vereinigten Staaten als auch
in anderen Ländern als der entscheidende Faktor schlechthin ge- 10 -

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gewertet. Wir glauben» daß man ihr hier ei» zu starke Bedeutung zumißt» da nicht angenommen werden darf, daß irgendwelche
Maßnahmen seitens der Vereinigten Staaten in Bezug auf Zollverwaltung und Zollpolitik automatisch eine vollständige Lösung
des bereits vorstehend dargelegten Problems der Störung des
Gleichgewichts im Außenhandel bringen können. Jedes diesbezügliche Programm erfordert in den Vereinigten
Staaten wie auch in anderen Ländern entsprechende Maßnahmen auf
breiter Front, wobei diese die Konvertierbarkeit und Investitionstätigkeit einschließen, steh aber nicht auf sie beschränken brauchen« Ebenso wenig darf man annehmen, daß die amerikanischen Zölle sowie die Zollverfahren in erster Linie für
die zahlreichen Hindernisse verantwortlich sind, die dem internationalen Güteraustausch und dem vorteilhaftesten Einsatz von
Kapital und Arbeitskräften entgegenstehen. Es ist auf Grund
des von der Kommission begutachteten Materials klar, daß zwar
zahlreiche amerikanische Zölle hoch und viele unserer Zollverfahren langwierig und schwerfällig sind, daß aber auf der anderen Seite auch viele Zollsätze sehr niedrig liegen und die
Hälfte aller unserer Einfuhren völlig unverzollt nach den Vereinigten Staaten gelangen.
Wir sind uns der Gefahren der Verallgemeinerung bewußt.
Welche Maßstäbe man immer such anlegt, so steht jedenfalls
fest, daß die Vereinigten Staaten nicht mehr zu den Ländern
mit den höchsten Zollsätzen zählen. Im großen und ganzen sind
unsere Handelsrestriktionen nicht mehr und nicht weniger die
Ursache für unausgeglichene Handelsbilanzen als die Lenkungsmaßnahmen anderer Staaten. Andererseits sind die Beschränkungen von Import und Export wahrscheinlich nicht weniger wichtig
als die Kartellbeschränkungen, die nicht vorhandene Freizügigkeit der Arbeiter und der tiefverwurzelte Widerstand gegen
technische Neuerungen im Ausland, mit denen sie in ursächlichem Zusammenhang stehen. Das gleiche gilt für die Starrheit
im amerikanischen Wirtschaftssystem als Folge der Preisstützungsprogramme, der Gesetzgebung über Mindestlöhne, der Gesetze über die Preisbildung der zweiten Hand und dergleichen
mehr.
In Wirklichkeit ist es so, daß eine industrielle Spezialisierung in der Welt von heute überhaupt nicht mehr möglich ist.
Einige der oben genannten Lenkungsmaßnahmen werden beibehalten
werden müssen. Andere, die beispielsweise mit Rücksicht auf
die Verteidigung der freien Welt notwendig sind, können für
die Dauer einer drohenden kommunistischen Aggression nicht
fallengelassen werden. Das heißt, daß ein völlig freier Außenhandel nicht möglich ist.
Die Staaten der freien Welt wären jedoch viel stärker,
und der Zusammenhalt unter ihnen viel fester, wenn ein Teil der
Handelsschranken abgebaut, unnötige Unsicherheiten und Zeitverluste - die Folge derartiger Handelsschranken - beseitigt und
entsprechende internationale Abmachungen getroffen würden, die
es möglich machten, die allen gemeinsamen Eandelsprobleme zu er
örtern und eine Lösung für sie zu finden. Die nachstehend auf- 11 -

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aufgeführten Maßnahmen sollen zur Erreichung dieser weitgesteckten Ziele beitragen.
Das Gesetz über die Bevorzugung amerikanischer Lieferfirmen
bei öffentlichen Ausschreibungen (Buy American Act) sowie die Beetimmungen anderer auf dem gleichen Grundsatz beruhender Gesetze
sollten dahingehend ergänzt werden, den Präsidenten zu ermächtigen, Bewerber aus Ländern ,die die amerikanischen Firmen genau so
wie ihre eigenen Landsleute behandeln, von diesen gesetzlichen
Bestimmungen zu befreien. Bis zum Erlaß derartiger Zusatzbestimmungen sollte der Präsindet die Beschaffungsämter durch Regierungserlaß anweisen, im Interesse der Öffentlichkeit ausländische Angebote, die alle anderen Erfordernisse erfüllen, auf
gleicher Preisbasis wie Angebote inländischer Firmen zu behandeln
Der Kongreß sollte den Präsidenten ersuchen, die ZollKommission zu veranlassen, unverzüglich die Zollsätze zu überprüfen mit dem ausdrücklichen Ziel, Vorschläge zur Vereinfachung
der Warenbezeichnungen und Tarifstrukturen auszuarbeiten; diese
Überprüfung sollte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen sein, und der Mitarbeiterstab der Zoll-Kommission zu diesem
Zweck vergrößert werden. Der Kongreß sollte den Präsidenten ermächtigen, auf Grund dieser Vorschläge, die von ihm für angemessen erachteten Änderungen der Warenbezeichnungen und Tarife
zu verkünden, vorausgesetzt, daß der Gesamtbetrag der Zolleinnahmen gemäß den von derartigen Vereinfachungen betroffenen
Positionen, soweit sie sich auf Einfuhren in einem näher definierten Zeitraum beziehen, durch diese Modifikationen keine
wesentliche Änderung erfährt«
Die Nicht-Diskriminierung im Handel, wie sie in mnserer
von keinen Bedingungen abhängigen Politik der Meistbegünstigung
zum Ausdruck kommt, sollte nicht geändert werden.
Die Vereinigten Staaten sollten ihre traditionelle Politik
der Nicht-Diskriminierung in ihren Handelsbeziehungen mit anderen freien Völkern fortsetzen. Nur eine an keinerlei Bedingungen geknüpfte Meistbegünstigungs-Doktrin steht mit einer solchen Politik in Einklang. Führten die Vereinigten Staaten
Präferenzen gegenüber bestimmten Ländern ein, so würde diese
Maßnahme bereits eine Diskriminierung darstellen und wäre mit
der Position der Vereinigten Staaten in der freien Welt nicht zu
vereinbaren. Unsere gegenwärtige nicht-diskriminierende Handelspolitik ist seit 30 Jahren in Kraft. Widerriefen wir sie jetzt,
so würde das unseren Bemühungen, andere Länder zur Abschaffung
von gegen uns gerichteten Präferenz-Verträgen zu veranlassen,
sehr abträglich sein.
Über die organisatorischen Bestimmungen des GATT sollte neu
verhandelt werden mit dem Ziel, die Vertragspartner in ihren
Funktionen darauf zu beschränken, daß sie multilaterale Handelsvertragsverhandlungen fördern, den gesetzgebenden oder* awäearen
zuständigen Körperschaften der jacÜnzelmäxL^ Länder allgemeine
Empfehlungen zur Handelspolitik unterbreiten, und ein Forum für
Beratungen über internationale Handelsstreitigkeiten bilden. Die
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�"AMEBIKA PIEKST« - WIRTSCHAFT UNI; A&amp;BSIT

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Die gemäß diesem Vorschlag neu formulierten organisatorischen
Bestimmungen sollten dem Kongreß entweder in Form eines Vertrages oder eines gemeinsamen Beschlusses beider Häuser zur
Billiggng Torgelegt werden.
Die Vollmacht des Präsidenten gemäß dem Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen, Verträge auszuhandeln und in Kraft zu
setzen, sollte, unter Einhaltung bestimmter Sicherungen, für
einen Zeitraum von mindestens drei Jahren verlängert werden.
Eine solche Verlängerung sollte Zeit geben, sich über die Auswirkungen der in diesem Bericht enthaltenen Empfehlungen und
der im Ausland getroffenen Maßnahmen zur Wiederherstellung des
früheren multilateralen Handels- und Zahlungsverkehrs klar zu
werden und es dem Kongreß zu ermöglichen, die gemäß den obigen
Empfehlungen neugefaßten organisatorischen Bestimmungen des
GATT hinlänglich zu erörtern. Es sollte dann in Erwägung gezogen werden, das Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen
($eciprocal frade Agreement) für einen Zeitraum von mehr als
drei Jahren zu verlängern, wobei Einschränkungen gemacht werden könnten, soweit sie sich durch die Praxis als Sotwendig
erwiesen haben.
Der Präsident sollte auf Grund diese Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen weitgehende Vollmachten erhalten, multilaterale Verhandlungen über einen graduellen Abbau der Zölle
einzuleiten. Die Vollmacht des Präsidenten, Zolltarife heraufzusetzen, soll dadurch nicht beeinträchtigt werden. Der Präsident soll für die Dauer der drei auf die Erneuerung dieses
Gesetzes folgenden Jahre ermächtigt werden, Zolltarife im folgenden Rahmen zu senken«
a) im Verfolg multilateraler Handelsvertragsverhandlungen
sollte der Präsident ermächtigt werden, die bestehenden Zolltarife in jedem der drei ersten Jahre der Laufzeit des neuen
Gesetzes um nicht mehr als 5 Prozent der gegenwärtigen Sätze
zu senken;
b) der Präsident sollte ermächtigt werden, auf Grund von
Informationen der Zollkommission Zolltarife ohne Rücksicht
darauf, ob gegenseitige Konzessionen gemacht werden, um
höchstens die Hälfte der seit I.Januar 1945 in Kraft befindlichen Sätze bei Erzeugnissen zu senken, die nicht oder nur
in sehr geringem Umfang eingeführt werden. Jede Zollsenkung
sollte schrittweise im Verlauf von drei Jahren vorgenommen
werden«
c; der Präsident soll ermächtigt werden, alle über die
obengenannte Höchstgrenze hinausgehenden Zolltarife auf 50 Prozent ad valorem oder den entsprechenden Satz zu senken, jedoch
wiederum graduell innerhalb eines Zeitraumes von 3 Jahren!
d) die sich aus den vorgenannten Empfehlungen ergebenden
Tarifsenkungen dürfen nicht kumulativ auf einzelne Warengattungen angewandt werden«
e) in Ausübung dieser Vollmachten sollten die derzeitigen
Verfahrensweisen für Vorverhandlungen wie auch für die Vorladung
und das Erscheinen vor der Zollkommission und interministerielle
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interministerielle Ausschüsse eingehalten und entschieden werden,
wann eine Gefährdung der einheimischen Wirtschaft einsetzt. Außerdem sollen auf die gemäß diesen Vollmachten ausgesprochenen Zollsenkungen die Bestimmungen der Rücktrittsklausel (Escape Clause)
angewandt werden»..
... Die Rücktrittsklausel und die Bestimmungen über Gefährdungsgrenzen sollen beibehalten werden. Jedoch sollten die Statuten dahingehend abgeändert werden, daß dem Präsidenten ausdrücklich das Recht eingeräumt wird, sich über diesbezügliche
Untersuchungsergebnisse hinwegzusetzen» sofern er zu der Auffassung gelangt, daß die nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten es erfordern.
Arbeitsbedingungen und internationaler Wettbewerb
Amerikanische Arbeitskräfte dürfen nicht einem unlauteren
Wettbewerb als Teil eines Programmes ausgesetzt werden, das der
Ausweitung des amerikanischen Außenhandels dient. Der Begriff
"unlauterer Wettbewerb" muß jedoch völlig klar umrissen werden.
Wie sich gezeigt hat, kann' nicht allein die Höhe der Löhne als
Richtschnur dienen. Unsere Exportindustrien gehören zu jenen
amerikanischen Industriezweigen, die ohnehin die höchsten Löhne
zahlen, und konkurrieren dennoch erfolgreich auf den Weltmärkten
mit Ländern, die ein niedrigeres Lohnniveau besitzen und sich
zum Teil durch besondere Handelsschranken gegen unsere Exporte
schützen.
Die Arbeitskosten pro Einheit sind ebensowenig ein zuverlässiger Maßstab. Die Unterschiede in den Gestehungskosten sind
die Grundlage im Welt- und Binnenhandel überhaupt. Weder niedrige
Löhne noch niedrige Arbeitskosten pro Einheit sind "unlauterer
Wettbewerb" an sich.
Ein ganz klarer Fall unlauteren Wettbewerbs liegt vor, wenn
die Arbeiter in einer bestimmten Branche niedrigere Löhne erhalten, als sie den anerkannten Arbeitsbedingungen in dem betreffenden Exportland entsprechen. In solchen Fällen sollten unsere Verhandlungsdelegationen unmißverständlich darauf hinweisen, daß bei
Importgütern, die von unterbezahlten Arbeitern hergestellt wurden, keine Zollkonzessionen gemacht werden.
Es wäre für die Vereinigten Staaten nur von Vorteil, wenn
die Arbeitsbedingungen in der ganzen Welt verbessert würden.
Viele der Empfehlungen, die an anderer Stelle dieses Berichtes
gemacht wurden, gelten einer Erhöhung der Produktivität und des
Lebensstandards anderer Länder. Sofern es den Vereinigten Staaten
möglich ist, zu einer allgemeinen Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage anderer Länder beizutragen, ohne diesen
zwingende Vorschriften zu machen, sollten sie dies tun. Wahrscheinlich wäre es von Amerika nicht klug gehandelt, in Handelsbesprechungen auf einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen als
Gegenleistung für einen Abbau der Zollschranken zu bestehen. Die
Kommission empfiehlt jedoch, daß die Vereinigten Staaten versuchen, eine Hebung der Arbeitsbedingungen dadurch zu erwirken,
daß sie eine beratende Funktion ausüben und auf internationalen
Konferenzen, wie beispieslweise den von der ILO geförderten Tagungen mitarbeiten.
.. .
Randprobleme

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar

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Randprobleme zur Handelsangleichung^
Während eich eine wirksame Korrektur der Handels- und Zahlungsbilanz nur durch Auslandsinvestitionen, Konvertierbarkeit
der Währungen und Anpassung der Außenhandelspolitik, auf die
in einem anderen Teil dieses Berichtes eingegangen wird, finden
läßt, können wichtige Beiträge zur Lösung dieses Pro-blems auch
auf anderen Gebieten geleistet werden. Hierher gehören unter
anderem der Ost-West-Handel, die Schiffahrt und der Fremdenverkehr, die nachstehend erörtert werden.
Ost-West-Handel
Bezüglich der Frage, welche Haltung die Vereinigten Staaten
zu dem immer stärker werdenden Wunsche einiger unserer westeuropäischen Alliierten nach Handel mit den Ostblockstaaten einnehmen
sollen, scheinen zwei Punkte vollkommen klar.
Erstens, das gegenwärtige Embargo auf Exporten aus den Vereinigten Staaten nach Rotchina und Nordkorea wie auch unsere Bemühungen, andere Staaten zur Durchführung derartiger Maßnahmen
zu bewegen, müssen fortgeführt werden, bis die gegenwärtig- akute
Bedrohung unserer Sicherheit und der Sicherheit der anderen freien
Nationen dieses Gebietes nicht mehr besteht?
zweitens, unsere gegenwärtigen Bemühungen, solche Exporte an
die Länder des sowjetischen Blocks in Europa zu verhindern, durch
die ihre militärische Stärke noch gesteigert werden würde, müssen
fortgeführt werden, bis ein echter Friede hergestellt ist.
Aber neben diesen beiden Kategorien bestehen noch weitere
Möglichkeiten für einen Ost-West-Handel mit solchen Gütern, durch
die die Stärke der Streitkräfte für einen militärischen Angriff
nicht erhöht werden würde - einen Handel, der den Ländern des Westens wohl zum Vorteil gereichen könnte.
Und besonders auf diesem Gebiete stehen die Vereinigten Staaten vor einem gewissen Problem.
Seit vielen Generationen besitzt Mitteleuropa eine Handelsstruktur, die wesentlich zur Stützung der Wirtschaftsprobleme
jener Länder beitrug, die heute unsere Verbündeten sind. Diese
Staaten bezogen früher aus der Sowjetunion, Polen, Ost-Deutschland und den Balkanländern Lebens- und Futtermittel, Erd-Öl und
andere Rohstoffe. Sie verkauften dafür diesen Staaten Industrieprodukte.
Seitdem die Absichten der Sowjets gegen die Länder des westlichen Kulturbereiches klar erkannt wurden, haben wir uns zusammen
mit anderen freien Nationen um eine Einschränkung des Handels bemüht. Dadurch wurden die wirtschaftlichen Systeme unserer Verbündeten geschwächt? die Notwendigkeit einer Unterstützung durch die
Vereinigten Staaten wuchs.
Wenn diese Unterstützung einmal nicht mehr gewährt werden
wird, dann erhebt sich für uns die schwerwiegende Frage, ob wir

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wir diese verbündeten Staaten auch weiterhin davon abhalten
sollten, sich diese» normalen und traditionellen Hand*lsschemas
zu ihrem Vorteil zu bedienen.
Es ist darüber hinaus sehr wohl möglich, daß ein erweiterter Handel mit Gütern der Friedensproduktion dazu dienen könnte,
den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und uns dem Tage näherzubringen, da mit den Staaten Osteuropas wieder normale Beziehungen
aufgenommen werden können.
Die Kommission empfiehlt daher, die Vereinigten Staaten
mögen, soweit das ohne Gefährdung der militärischen Sicherheit
möglich ist und vorbehaltlich des Embargos gegen Rotchina und
Nordkorea, einen erweiterten Handel mit Gütern der Friedensproduktion zwischen Westeuropa und dem Sowjetblock zulassen....
Konvertierbarkeit der Währungen
Die Kommission ist sich klar darüber, daß zwischen der sofortigen Einführung einer allgemeinen Konvertierbarkeit der
Währungen und einer langsamen und vorsichtigen Entwicklung in
dieser Richtung ein wesentlicher Unterschied besteht. Und sie ist
sich weiter darüber klar, daß die allgemeine Wirtschaftslage
heute eher die Voraussetzungen zur Einführung einer allgemeinen
Konvertierbarkeit der Währungen bietet als je zuvor seit Kriegsende. Die Kommission ist der Ansicht, daß die Einführung einer
allgemeinen Konvertierbarkeit der Währungen Sache der in Frage
kommenden Länder selbst sei, und daß alle darauf bezüglichenEntscheidungen, Verfahren und die Festsetzung der einzelnen Phasen
des Übergangs ihnen überlassen bleiben müßten. Sie ist sich jedoch bewußt, daß eine Konvertierbarkeit der Währungen im Lichte
der von den anderen Ländern, insbesondere den USA, verfolgten
Wirtschaftspolitik erwogen werden mußj und sie ist überzeugt,
daß die in dem vorliegenden Bericht enthaltenen Empfehlungen
es den anderen Ländern erleichtern werden, Handels- und Zahlungsbeschränkungen aufzuheben, so schnell dies eine vorsichtige Wirtschaftspolitik gestattet.
Im Lichte dieser Erwägungen gestattet sich die Kommission
einige allgemeinen Bemerkungen über die Konvertierbarkeit der
Währungen zu machen. Die Kommission ist der Ansicht, daß die freie
Konvertierbarkeit der Währungen eine unerlässliche Voraussetzung
für die Schaffung eines weltweiten multilateralen und die Beibehaltung eines ausgeglichenen Handels in einem relativ freien
Markt ist. Und sie würde es bedauern, wenn lediglich eine rein
formale, nur durch Handelsbeschränkungen aufrechterhaltene Konvertierbarkeit der Währungen erreicht würde, ßie ist der Ansicht,
die Aufhebung von Zahlungs- und Handelsbeschränkungen sollte Hand
in Hand gehen, und befürwortet eine allmähliche, aber positive
Entwicklung in Richtung auf eine allgemeine Konvertierbarkeit.
Sie ist der Ansicht, daß die sogenannte "Konvertierbarkeit der
Verbrauchsgüter"("Commodity Convertibility"), durch die z.B.
ausländischen Inhabern von Kontokorrent-Sterling-Konten gestattet
wird, ihre Salden in immer stärkerem Umfang zum Ankauf von Dollargütern zu benutzen, we*in England seine großen Märkte für Verbrauchsgüter wieder öffnet - ein Prozeß, der bereits im Gange ist vom Standpunkt einer wirksamen Handelskontrolle wesentlich vor- 16 -

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vorteilhafter sein dürfte als die allgemeinere Konvertierbarkeit der Sterlingsalden.
Die Kommission tritt nicht für eine "übereilte" Umstellung
der Währungen auf allgemeine Konventierbarkeit oder für die
Methode der "unkontrollierten Währungsangleichung" ein, da
eine solche Verfahrensweise die Gefahr einer endlosen Inflationsschraube in sich birgt und größere Reserven erfordert,
als vorhanden sein dürften,um eine schrankenlose Währungsabwertung zu verhindern. Die Kommission steht jedoch der Auffassung vom "beweglichen Kurs" wohlwollend gegenüber, da
dieser die Möglichkeit einer Anpassung an die jeweiligen Erfordernisse des Handels und zum Abfangen spekulativer Preisund Währungsbewegungen bietet. Ob ein Staat im Inneren und
Äußeren stark genug ist, ein derartiges System wirksam zur
Durchführung zu bringen, kann mit einiger Sicherheit nur von
den jeweiligen Staaten selbst entschieden werden.
Die Kommission wünscht jedoch mit Nachdruck auf die von
ihr vertretene Ansicht zu verweisen, daß gesunde wirtschaftliche Verhältnisse im Innern, bei denen eine Kontrolle des
Geldumlaufes und des Haushaltes als Schutzmaßnahmen gegen
inflationistische Tendenzen sowie eine zur Nutzung aller vorhandenen Hilfsquellen notwendige Beweglichkeit gewährleistet
ist und die der Kapitalbilc'ung zur Produktivitätssteigerung
und einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt förderlich sind, eine Voraussetzung für die Konvertierbarkeit der Währungen darstellen. Die Kommission ist ferner
überzeugt, daß die Zeit, die ein Land braucht, um diese Voraussetzungen zu erfüllen, als Maßstab dafür dienen kann, wann es
sein WährungsSystem auf freie Konvertierbarkeit umstellen darf.
Eine andere, sehr wichtige Frage ist, welche Auswirkungen
eine Konvertierbarkeit des Sterling (und anderer europäischer
Währungen) auf die Europäische Zahlungsunion haben würde« Wie
die Dinge jetzt stehen, und nach über einjährigen Untersuchungen des Direktoriums der EZU, soll dieses auf Ersuchen
des Europäischen Wirtschaftsrates im März 1954 zur Frage der
Kon errtierbarkeit der Währungen (besonders des Ste ling) und
der weiteren Funktionen der EZU Stellung nehmen. Die Kommission ist überzeugt, daß die Europäische Zahlungsunion seit
jeher als eine temporäre Institution betrachtet wurde, und
nach ihrem eigenen Wirken auch als solche betrachtet werden
muß - d.h. als ein Organ zur Regelung des Waren- und Zahlungsverkehrs zwischen den europäischen Ländern (einschließlich
ihrer überseeischen Besitzungen). Aber die Zahlungsunion ist
weitgehend erfolgreich gewesen - besonders wurde durch ihr
Wirken deutlich, daß eine Liberalisierung des Handels mit der
des Zahlungsverkehrs Hand in Hand gehen muß. Die Kommission
glaubt, sie sollte sich hinter keine Maßnahmen stellen, an der
die Zahlungsunion scheitern könnte, bis sie durch eine bessere
Institution ersetzt wird. Dies ist ein Problem, das die
Mitgliedstaaten der OEEC (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa) untereinander aushandeln müssen, wobei
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�"AMERIKA DIEJüST" - WIRTSCHAFT JND ARBEIT

27. Januar 1954

wobei besonderes Augenmerk darauf zu richten ist, daß die von
ihnen gefundene Lösung nicht den Aufbau eines weltweiten, multilateralen Waren- und Zahlungsverkehrssystems erhindert.
Schließlich bleibt noch die wohl wichtigste Frage angemessener Reserven zu erörtern. Man sollte sich stets vergegenwärtigen, daß der Sterling eine Schlüsselwährung ist, d.h. eine
Währung, die zur Finanzierung des Ha.dels dritter Länder benutzt wird. Selbst heute noch werden etwa 40 Prozent des gesamten 7/elthandels in Sterling verrechnet* wenn man also die
freie Konvertierbarkeit des Sterling einführte, o wäre das
englische Pfund weit mehr HandelsSchwankungen und Spekulationen
ausgesetzt alr irgend eine andere europäische Wäh ung. Hierin
liegt in der Tat der Grund, warum wir unt._ angemessenen Verhältnissen für eine freie Konvertierbarkeit des S erling im
Interesse eines freien Waren- und Zahlungsverkehrs im Rahmen
eines weltweiten multilateralen System eintreten- In dem Maße,
in dem andere, stark am Welthandel beteiligten Länder ihre
Währungen zusammen mit dem St rling auf freie Konvertierbarkeit umstellen, würde natürlich die Belastung des englischen
Pfundes abnehmen. Die Kommission ist hingegen überzeugt, daß
die Reserven Großbritanniens rhöht werden müssen, um das
volle Vertrauen in den Sterling wiede herzustellen.
Nach eingehender Beratung und genauem Studium der Gutachten der vor der Kommission im Ausland und in den Vereinigten Staaten erschienenen kompetenten und zuständigen Sachverständigen ist sie zu der Ansicht gelangt, daß sich ausreichende Reserven zum Zwecke einer allmählichen Umstellung auf die
freie Konvertierbarkeit der Währungen . nich aber um Zwecke
der Kapitaltransferierungen oder zum Ausgleich aufgelaufener
Saldi) durch eine nunmehr we.t größere Inanspruchnahme der
Goldbestände des Internationalen Währungsfonds, d e sich jetzt
auf 3,3 Milliarden Dollar belaufen, bes haffen ließen. Die
Kommission heißt alle zu diesem Zwecke vom Internationalen
Währungsfonds erlassenen Modifikationen, wie e ne Abänderung
der zeitlichen Begrenzung bei der Inanspruchnahme on Quoten
und der Klausel, durch die der Kreis der Mitgliedstaaten genau
umgrenzt wird, gut.
Als eine zweite Möglichkeit zum Aufbau von Währungsreserven und zur Durchführung sekundärer Maßnahmen auf dem Gebiete des ausländischen Zahlungsverkehrs, die gleichfalls
einen Beitrag zur Schaffung eines Systems der freien Konventierbarkeit leisten können, schlagt die Kommission or, die Banken
des Federal Reserve System sollten mit den Zentralbanken anderer Länder Verhandlungen aufnehmen um die Möglichkeit der
Gewährung von Krediten auf Abruf und die An ichten bezüglich
der Kredithöchstgrenzen zu sondieren. Uns sind eine ganze
Reihe derartiger Abkommen aus den Jahren vor dem Kriege bekannt.
Die Kommission ist der Überzeugung, daß diese Methode jeder
anderen überlegen ist, die zur zusätzlichen Beschaffung von
Dollar vielleicht in Vorschlag gebracht we.den könnte, weil
sich damit einmal eine Erhöhung der Staatsschuld umgehen ließe
und sie zum anderen anpassungsfähiger und weniger formell, dadurch aber wirksamer wäre, als eine formelle Gewährung von Krediten durch das amerikanische- Finanzministerium.
# # * * #

�A M E R I K A

D I E N S T

ZUR BEKRÄFTIGUNG UNSERES GLAUBENS...

Über die Ziele und Ideale, die die Nationen der
freien Welt, insbesondere Westeuropa, und die
Vereinigten Staaten miteinander verbinden, sprach
kürzlich die amerikanische Botschafterin in Rom,
Mrs. Cläre Booth Luce, vor dem Centro di Studi per
la Riconciliazione Internationale. Im folgenden
geben wir die wesentlichsten Ausschnitte ihrer Rede
wider:
ROM — (Amerika Dienst) — Die Menschen der freien Welt,
vor allem diejenigen, die in Westeuropa und in den Vereinigten
Staaten leben, teilen die feste Überzeugung, daß ein sicherer
Weg zur Förderung der Sache des Friedens darin besteht, einer
gröJ3tmöglichen Anzahl der Menschen, die diesen Erdball bevölkern,
die größte Möglichkeit zur Zufriedenheit - und zum Glück - zu
bie ten.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli
1776 in Philadelphia angenommen wurde, ist eine Manifestation
des Glaubens, daß alle Menschen "von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen auch
Leb sn, Freiheit und das Anrecht auf Glück gehören". Dies bezieht sich nicht nur auf Amerikaner, sondern auf alle Menschen.
Die Amerikaner stehen heute zu dieser Erklärung und - wie alle,
die guten Willens sind, zugeben werden - sie haben in diesen
Naclikriegsjähren alles versucht, ihr Nachdruck und Sinn zu geben für die Menschen überall in dieser geplagten Welt.
Gleichheit vor Gott
Wir, die Angehörigen der freien Welt, sind uns auch einig
in 3er Ansicht, daß dem Menschen als Individuum unsere wichtigste soziale und politische Achtung gebührt. Wir glauben, daß
jed 3r Mensch das Recht auf Gleichheit besitzt - Gleichheit der
Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten und schließlich unter
menschenwürdigen Umständen begraben zu werden. Wir versuchen,
dem Menschen diese Gleichheit zu garantieren, die er vor dem
Thron Gottes besitzt. Wir behaupten daher, daß "unabhängig
davon, wie komplex unsere Gesellschaft sein oder werden mag, das
Ind Lviduum im Mittelpunkt aller öffentlichen und privaten Bemühungen stehen müsse... daß der Mensch jenen göttlichen Funken
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�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Funken besitzt, der allein den Fortschritt zu einer besseren Welt
verbürgt... daß eben in Anbetracht dieses göttlichen Funkens jedes Individuum jene Grundrechte besitzt, die zu verteidigen und
zu erweitern das Selbstinteresse der Gesellschaft verlangt - in
Übereinstimmung freilich mit den Rechten der Gruppe, der es angehört. "
Freimütig und offen geben wir die Berechtigung jenes aufrührerischen Ausrufes zu, in den im 19« Jahrhundert der philippinische
Rebell Rizal ausbrach: "Wir sind Menschen!" Wir alle stehen fest
zu dem in der Präambel der UN-Charta festgelegten Gelöbnis, in
dem wir "den Glauben an die Grundrechte des Menschen, an die Würde und den Wert der Person, an die Rechtsgleichheit von Mann und
Frau..." bekräftigen.
Wir sind uns alle darüber im klaren, daß die Menschen, ähnlich
wie Bäume, zur Erreichung des vollen Maßes ihrer menschlichen Ehre
und Würde "den richtigen Boden und genügende Freiheit von Unterdrückung" brauchen. Wir wissen, daß - wie der englische Philosoph
Bertrand Russell es ausdrückte - "der Boden und die Freiheit, die
für das Wachsen eines Menschen notwendig sind, unvergleichlich
schwieriger zu entdecken und erhalten sind als der Boden und die
Freiheit, die für das Wachsen eines Baumes notwendig sind." Aber
wir teilen miteinander die gemeinsame Entschlossenheit, alles,
was in unserer Macht liegt, zu tun in dem Versuch, den richtigen
Boden und die Freiheit von Unterdrückung zu schaffen.
Stärke durch Einheit
Die meisten von uns sind sich einig in dem Glauben, daß, wenn
unsere allmähliche Entwicklung zur Universalität, zur Realisierung
der Brüderlichkeit der Menschen nicht für ein Jahrhundert oder mehr
unterbrochen werden soll, der nächste Schritt die Vereinigung Westeuropas sein muß.
Dies ist ein alter Traum, dem schon italienische Träumer die wie viele große Träumer bewiesen haben, daß sie höchst praktische Männer waren - Gestalt gaben. Unsere höchste Verpflichtung
ist es heute, alles zu versuchen, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Angesichts dieses gemeinsamen Glaubens an die richtige Form der Gesellschaft und der Welt und an den gerechten Platz,
den der individuelle Mensch in dieser einnimmt, dürfen wir, die
wir der freien Welt angehören, nicht überrascht sein, daß unsere
wechselseitigen Bindungen immer stärker werden.
Kein

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Kein Mensch und keine Nation kann allein gehen
Y»ras den Bomben in Pearl Harbor zum Opfer fiel, war nicht
in erster Linie die tapfere Flotte, die im Hafen lag. Es war
die amerikanische Isolation. In jenem Augenblick empfing die
Idee, daß eine Nation sich physisch von der übrigen Welt isolieren könne, ihren Todesstoß. Ea mag so scheinen, als ob
diese Idee in den Vereinigten Staaten schon vor langer Zeit
im Sterben gelegen habe. Heute aber akzeptieren nahezu alle
denkenden Amerikaner im ganzen gesehen die Wahrheit dessen,
was der amerikanische Präsident Woodrow Wilson schon im Mai
1916 erkannte und formulierte:
"Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, an dem Leben der
Welt beteiligt. Die Interessen aller Nationen sind nun auch
unsere eigenen. Wir sind Partner der übrigen. Das, was die
Menschheit berührt, ist unausweichlich ebenso unsere Angelegenheit wie die Europas oder Asiens".
Die Menschen der freien Welt erkennen nun, daß dieser rapide zusammenschrumpfende Globus, den in Kürze düsenbetriebene
Flugzeuge umkreisen werden, schließlich - was bisher nur als
Theorie und Prophetie galt - wirklich eine Welt ist. Auf
dieser Erkenntnis basiert die größte Hoffnung aller Menschen,
daß es nie wieder ein Pearl Harbor geben wird.
Geduld und Verständnis sind notwendig
Die meisten von uns sind sich darüber im klaren, daß diese
"eine Welt" keineswegs eine Welt ist, auf der es sich leicht
leben läßt - auch wenn hirnverbrannte Sentimentalisten uns das
Gegenteil einzureden versuchen. Wir werden ein gehöriges Maß
an Geduld, Mitgefühl und Verständnis aufbringen müssen, wenn
wir alle glücklich unter einem Dach leben wollen. In Westeuropa und in den Vereinigten Staaten haben wir einen vielversprechenden Anfang zur Erreichung des für das Leben in
einer Welt notwendigen Verständnisses gemacht. Wir sind bereits fest miteinander verbunden, durch Bande, die niemand
zu zerreißen vermag. Das Ausmaß der politischen Bindung
zwischen der Alten und der Neuen Welt wird kein aufmerksamer
Beobachter übersehen - sie äußert sich deutlich in den sich
überstürzenden Ereignissen unserer Zeit. Nicht weniger augenfällig ist das Ausmaß unserer wirtschaftlichen und technologisbhen Abhängigkeit. Vor hundert Jahren sagte der englische
Historiker und Staatsmann Thomas Babington Macaulay: "Der
Hauptgrund für die mangelhafte Verschmelzung der verschiedenen
Elemente der Gesellschaft war die außerordentliche Schwierigkeit» mit der unsere Vorfahren sich von einem Ort zum andern
begeben konnten
"
Die

�"AFRIKA DUNST"

10. Februar 1954

Die Völkerfamilie des alten Rom wurde viele Jahrhunderte
lang durch die von Römern erbauten großen geraden Fernverkehrsstraßen zusammengehalten. Wer vermöchte das Ende unserer Zivilisation abzusehen, einer Zivilisation, die über Schnellschiffe,
Automobile, Blitzzüge und Überschallflugzeuge verfügt ?
Ein weiteres Zeugnis für die gegenseitige wirtschaftliche
.Abhängigkeit zwischen den Nationen ist die Anteilnahme, die
andere Dänder der Wirtschaft der beiden Amerikas zuwenden, mit
der, wie sie genau wissen, ihre eigene Wirtschaft untrennbar
verbunden ist, sowie die nicht weniger klare Einsicht der Amerikaner, daß sie sich niemals eines wahren Wohlstandes erfreuen
werden, wenn es anderen Völkern nicht auch gut geht.
Und weiterhin: der ständig anwachsende, von Präsident
Eisenhower mit allem Nachdruck geförderte Außenhandel verstärkt
die zwischen den freien Nationen bestehenden Bande immer mehr.
Und für das Ausmaß der militärischen Gemeinschaft, die aus den
Notwendigkeiten der Nachkriegswirren erwuchs, legt der Atlantikpakt ein beredtes Zeugnis ab.
Die geistigen Bande zwischen den Völkern
Das amerikanische Volk hat ferner ein ungeheures kulturelles
Erbe mit den Völkern Europas gemeinsam. Die Idee, aus der sich
die Amerikanische Revolution und schließlich die Vereinigten
Staaten selbst als eine unabhängige Nation entwickelten, ist
weitgehend europäischen Ursprungs.
Es wird oft gesagt, daß
die Gründerväter Amerikas den besten Ideen der Alten Welt
auf dem Gebiete der Politik größere Klarheit und Folgerichtigkeit verliehen hätten. Wenn dies auch wahr sein mag, so waren
doch die großen Männer wie Washington, Jefferson, Hamilton,
Franklin und Madison am Beginn der amerikanischen Geschichte
durchaus vertraut mit der Gesellschaftsphilosophie, den Regierungssystemen und den Gesetzen Griechenlands, Roms, Frankreichs
und Großbritanniens. Sie alle waren Schüler Piatos, Aristoteles'
und Cicercs. Sie bauten auf dem besten Gedankengut der
Alten Welt. Und sie waren ebenfalls dem Wahrheitsgehalt
unserer religiösen Glaubensbekenntnisse tief verpflichtet.

Auch

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Auch die Künste und Wissenschaften Amerikas wurden von Strömen
bewässert, deren Quellen in anderen Ländern liegen. Sie wurden genährt von Geistern wie Homer, Praxiteles, Archimedes und Botticelli. Heute beginnt Amerika seinerseits durch die Werke eines
Philosophen wie Henry James, eines Architekten wie Frank Lloyd
Wright, eines Dramatikers wie Eugene O'Neill sein geistiges Erbteil zurückzuerstatten. Amerikas Ballettgruppen und Symphonieorchester haben internationalen Ruf erlangt, und auch auf dem Gebiet der Theologie und Philosophie beginnt die Nation ihre eigenen Wege zu gehen. Was auch immer für neue Formen die amerikanische
Kultur unter dem Himmel der westlichen Hemisphäre entwickeln wird:
sie ist mit der Kultur Europas verwandt, inspiriert diese rückwirkend und wird wiederum von neuem inspiriert. Die Ähnlichkeiten
zwischen Europäern und Amerikanern sind sehr viel größer als die
Unterschiede.
Unterschiede zwischen den Nationen sind kein Hindernis
Die Menschen Europas und die Amerikaner haben gemeinsame Ahnen. Sie kommen aus derselben rassischen Wurzel. Sie haben dieselben Gesetze. Ihr geistiges Erbe ist ein und dasselbe. Die Fa-r
milie ist der Grundstein ihrer Gesellschaft, und sie haben den
gleichen tiefen unbeirrbaren Glauben an Gott. Aber sie haben
genau so auch ihre Unterschiede, innen wie außen, und sie haben
ihre spezifischen Fehler. Einige seichte Internationalisten behaupten,
daß es zwischen den Menschen der einen Nation und denen einer anderen keine wesentlichen Unterschiede gäbe. Das ist eine trübselige, mechanistische Ansicht vom Menschen und von der Nation. Völker haben durchaus ihre Charakteristika, die sich durch die Jahrhunderte hindurch erhalten. Was wir lernen müssen ist, daß diese
natürliche Verschiedenheit nicht unbedingt zu blutigen Konflikten
führen muß. Wir können lernen, die Verschiedenheiten zu pflegen.
Was die freien Menschen dieser Welt wollen, ist eine auf das gemeinsame Wohl gerichtete Zusammenarbeit von Nationen, die in ihrer sozialen Artung ebenso wie in ihren jeweiligen lokalen Interessen voneinander abweichen.
In vielen Ecken der Welt gibt es ernste Ursachen zu Vorurteil
und Mißtrauen gegen Amerika und seine Bevölkerung. Ein wichtiger
Unterschied zwischen Amerika und, um nur ein Beispiel zu nennen,
der Bevölkerung Europas manifestiert sich in den Worten "Alte Welt"
und "Neue Welt". Weil die Vereinigten Staaten eine "junge Nation"
seien, wirft man ihnen oft politische Unreife vor und glaubt, daß
sie für die große Rolle, die die Geschichte ihnen auferlegt hat,
noch nicht reif seien. Amerika ist absolut bereit, anzuerkennen,
daß es eine junge Nation ist. Das ist vielleicht einer der Gründe
dafür, daß es mit einigem Zögern an seine internationalen Aufgaben
herangeht, wie es eben junge Menschen in der Gegenwart ihrer Eltern befällt. Doch wenn die Umstände die Amerikaner zwingen, auszusprechen, was sie für richtig halten, so sind sie andererseits
auch bereit»zuzuhören. Sie sind bereit, Ratschläge anzunehmen.
Sie glauben nicht, daß sie die Weisheit gepachtet hätten. Der
amerikanische Außenminister John Foster Dulles legte dafür in erfrischender Weise Zeugnis ab, indem er sagte, daß "Amerika in einer
Welt des Einverständnisses leben" wolle.
Aber
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�"AMERIKA DIENST"

10« Februar 1954

Aber welche Nation, sei sie alt oder jung, ist heute hinreichend ausgerüstet, um die schweren Verantwortungen auf sich
zu nehmen, die ungeheuren Lasten und Entscheidungen, die das
Gewicht dieses historischen Augenblicks in sich birgt ?
Welcher Nation in der Welt könnte man attestieren, daß sie
die volle Reife und die perfekte Fähigkeit habe, um die Führung der Welt zu übernehmen ?
In der Jugend kann Stärke liegen
Es ist wahr, daß die Alte Welt auf eine längere Geschichte
als die Neue Welt zurückblicken kann. Aber es ist auch wahr,
daß das amerikanische Regierungssystem ein gut Teil länger auf
einer gesunden Basis arbeitet als manche andere Regierung, die
zur Zeit existiert«.
Im Jahre 1787, als die Amerikaner die Verfassung ausarbeiteten, die noch heute Gültigkeit hat, war zum Beispiel von
einer deutschen Reichsgründung durch Bismarck noch nicht die
Rede. Italien war politisch zerrissen und zum großen Teil
unter fremder Herrschaft. In Großbritannien sollte es noch
fünfzig Jahre dauern, ehe es etwas gab, das einer öffentlichen
Wahl gleichkam. Louis XVI. regierte Frankreich ohne daß seine
Gedanken von dem Schatten kommender blutiger Ereignisse getrübt
gewesen wären. Katharina die Große hatte die Regierungsgewalt in Rußland inne, und nichts ließ die Umwälzungen ahnen,
die Lenin, Trotzki und Stalin herbeiführen würden. China war
eine uralte Monarchie, die sich noch nichts von Sun Yat-Sen,
Chiang Kai-Schek und Mao Tse-Tung träumen ließ. Was die
Lauer ihrerfiegierungsformenund ihrer Gesellschaftsphilosophie
angeht, sind viele Nationen der Welt im Vergleich zu den
Vereinigten Staaten noch Kinder zu nennen.
Die dreizehn amerikanischen Kolonien, die sich erst vor
nicht einmal zweihundert Jahren mit dem gemeinsamen Ziel der
Unabhängigkeit die Hand reichten, waren an sich beinahe genau
so eifersüchtig auf ihre Souveränität und ihre ökonomischen
Sonderinteressen wie manche andere Nation heutzutage. Mehr als
einmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten bestand die
Gefahr, daß solche Eifersucht die Union zerbrach. So hatten
die Amerikaner sich bei der Abfassung ihrer Konstitution wie
später bei ihrer praktischen Ausführung stets bemüht, sich
dessen bewußt zu sein, daß der Preis der Einheit die beständige Balance zwischen den Rechten und den Pflichten des
einzelnen Bürgers ist, zwischen der lokalen Verwaltung und
der Regierung des Einzelstaates sowie der Bundesregierung
- daß die Beschränkungen der verschiedenen Souveränitäten
sorgfältig definiert und unnachsichtig kontrolliert werden
müssen.

Eine

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Eine freie Nation ist stets bereit, der Zukunft ins Auge zu sehen
Ein Pendant zu der Beschuldigung, daß es den Vereinigten Staaten an politischer Reife ermangele, ist die, bei unseren Feinden
so sehr beliebte Phrase, wir seien eine "Kriegshetzer-Nation."
Amerikaner werden mitunter aber auch "Friedenshetzer" geschimpft
und es wird ihnen zur Last gelegt, daß sie in ihrer Absicht, den
Krieg zu vermeiden, sich der Gefahr aussetzen»ihre Führerstellung
zu riskieren.
Jene, die die Geschehnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts genau studiert haben, werden die Widerlegung dieser beiden
Beschuldigungen nicht fordern. Die Amerikaner haben sich alle Mühe
gegeben, den Frieden zu erhalten. Der Krieg, der kam, war ihnen
von ihren Feinden stets aufgezwungen worden - sehr zum späteren
Verdruß eben dieser Feinde.
Viele Male haben die Vereinigten Staaten sich um die Beschränkung der Rüstung bemüht, stets nur um alle ihre Hoffnungen
durch imperialistische Obstruktionspolitik vereitelt zu sehen. Das
amerikanische Volk hat in loyaler und uneingeschränkter Weise die
Ziele der Vereinten Nationen unterstützt. Es war geduldig und
wird auch weiterhin geduldig sein. Es wird jederzeit versuchen,
der Beschuldigung zu entgehen, daß es in internationalen Angelegenheiten, die den Krieg bedeuten könnten, übereilt gehandelt
hätte. Die Amerikaner werden immer bereit sein, ihre Friedensziele
vor der großen Schranke der Weltmeinung der Beurteilung darzulegen. Und sie werden dies tun ohne Einbuße der Ehre oder ihrer
Integrität. Einige dieser Dinge sind ihnen unveräußerliches Gut,
und sie werden nicht müßig dabeistehen, während sie in den Staub
getreten und dort zertrampelt werden.
"Optimismus" ein Wort für freie Staaten
Amerikaner werden oft wegen ihres als exzessiv erachteten
Optimismus von vielen Leuten scheel angesehen. Es ist durchaus
wahr, daß auf Grund der günstigen Umstände, unter denen die Amerikaner ihr Experiment der Selbstregierung durchführen konnten, auf
Grund ihres Erfolges in der "Zähmung der Grenzen", sie sich gewohnheitsmäßig so verhalten als könnten sie allen Schwierigkeiten,
die uns das Dasein auf diesem Planeten auferlegt, ins Auge sehen
und sie meistern. Ein wohlbekanntes Sprichwort der Amerikaner ist:
"Was getan werden muß, kann auch getan werden." Es war der nationale Erfolg, der dem Volk der Vereinigten Staaten gab, was D.W. Brogan,
der scharfsichtige irische Kritiker als dessen "ungeheuren und unbezähmbaren Optimismus" bezeichnet hat, der dem Europäer, mit dem
langen Weg seiner Geschichte und seiner entmutigenderen Lebenserfahrung so fremd ist.
Heute gibt es bereits sichtbare Anzeichen dafür, daß dieser
"exzessive" amerikanische Optimismus eine Mäßigung erfährt. Die
harten Erfahrungen der Nachkriegs jähre haben in den meisten Amerikanern eine neue Nüchternheit geweckt, einen neuen Realismus, mit
dem sie an ihre Vorhaben herangehen, ein wachsendes Verständnis
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�"Aj.EhlKA LIEHST"

10. Februar 1954

Verständnis dafür, daß die Weltpolitik wie die nationale Politik "die Kunst des Möglichen" ist, - ein gutes Vorzeichen für
die Zukunft.
Pessimismus führt zu Verzweiflung und Niederlage
Im Grunde aber lebt der amerikanische Optimismus weiter.
Das ist gut so, denn es darf mit Recht angenommen werden, daß
ohne diesen optimistischen Drang Dinge unterbleiben würden,
die getan werden müssen, um eine Weltkatastrophe zu verhindern.
Blinder, gedankenloser Optimismus, der daran glaubt, menschlicher Portschritt sei unaufhaltsam, daß das Morgen sich von
selbst ergeben werde, ist schlecht, keinesfalls schlechter als
blinder gedankenloser Pessimismus, der die Schlacht noch vor
der Beteiligung am Kampf als verloren ansieht, der kampflos
aufgibt und sich der Verzweiflung überläßt.
Was wir in der freien Welt am meisten zu fürchten haben,
ist die Verzweiflung, Verzweiflung die zersetzt, Verzweiflung,
die jegliches Handeln hemmt, Verzweiflung, die lähmt. Verzweiflung und jenes Übel, das die Verzweiflung schürt und ausnützt - der Zynismus. Aber dort, wo westeuropäisches und
amerikanisches Denken konform gehen, sollten wir den Mittelweg des Vertrauens ohne Illusionen finden können, Glauben
ohne Fanatismus, nüchternen Realismus ohne Zynismus, Dinge, die
wir brauchen werden um mit den Problemen dieses, aus den Fugen
geratenen Zeitalters fertig zu werden.
Um gerecht zu sein, um die Waagschalen auszugleichen, ist
es nur fair, zu erwähnen, daß - berechtigter- oder unberechtigterweise - der Durchschnittsamerikaner das Gefühl hat, daß
er einen zu großen Teil der lasten der Verteidigung - wirtschaftlicher und militärischer Natur - unserer gesamten zivilisierten Welt, was letztlich doch eine allgemeine Bürde ist,
zu tragen habe. Der Amerikaner ist der Ansicht, daß die
Steuerlast für die gemeinsame Sicherheit, für die Wirtschaftshilfe, die Unterstützung der Vereinten Nationen und deren Sonderorganisationen, für die er mitarbeiten muß, zu schwer sei.
Deshalb schaut er mit Unwillen auf das, was ihm als wachsender
"Neutralismus" überall in der Welt erscheinen muß. Er sieht
sofort, was viele Menschen anderer Nationen nicht sehen: daß
Neutralismus nur ein neues Wort für "Isolationismus" ist,
genau das, was die Kritiker Amerikas so lange Zeit als das
schlimmste Zeichen amerikanischer Unreife bezeichnet haben.
Was von uns gefordert wird - den Völkern V/esteiropas und
dem Volk der Vereinigten Staaten - ist ein ehrliches Bemühen
um die gegenseitige Verständigung, ein Bemühen geboren aus der
Erkenntnis, daß alle vorhandenen Unterschiede unsere alles
andere überragende Einheit nicht stören dürfen.
Wir brauchen bessere Schriften und Berichte über die eine
und die andere Welt - mehr de Tocquevilles, Bryces, Barzinis,
die den Europäern von Amerika berichten, mehr Franklins, Jeffersons, Santayanas, die die Alte Welt für die Neue interpretieren.
Solange
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�"AFRIKA DIENST"

10. Februar 1954

Solange wir sie nicht haben, wird dem großen Vorhaben, den
internationalen Komitien, nicht gedient sein.
Alexis de Tocqueville war einer der beredsamsten und
freundlichsten Kritiker der USA. Er schrieb vielleicht das
größte Buch über das amerikanische Experiment, da er es verstand, was viele heute nicht tun, daß der amerikanische Traum
durchaus kein amerikanischer, sondern ein europäischer Traum
ist, der von Europäern geträumt und verwirklicht worden ist.
Amerika mit seinen vielen und großen Fehlern ist noch immer
das Land der Verheißung, als das die Europäer es sich ursprünglich vorgestellt haben.
Kann es sein, daß die europäische Seelenpein um Amerikas
Unzulänglichkeiten geboren ist aus dem Wunsch des Träumers,
der auf die Erfüllung seines Traumes hofft, darauf, daß er
vollkommen wahr werde - wahr bis zur Vollkommenheit ?
# * * * *

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�LIE GESCHICHTE LEE REPUBLIKANISCHEN PARTEI L Ü R
VEREINIGTEN STAATEN
Sonderbericht zum 100.Jahrestag ihrer Gründung
Am 28.Februar 1954 besteht die Republikanische
Partei Amerikas genau einhundert Jahre. Aus diesem
Grunde geben wir Ihnen nachstehend eine vollständige Geschichte der Grand Old Party - der GOP, wie
die Republikanische Partei oft kurz genannt wird mit dem Elefanten im Wappen. Verfasser ist Nicholas
Roosevelt, früher US-Gesandter in Ungarn, der sie
für die ENCYC10PAELIA AMERICANA verfaßt hat.
WASHINGTON - (Amerika Lienst) - Die Gründung der Republikanischen Partei im Jahre 1854 war eine Folge der wachsenden Sklavenfeindlichkeit der Nordstaaten und der Unzufriedenheit mit den
Whigs und anderen in Opposition zu den Demokraten des Südens
stehenden Parteigruppen. Ler Streit um die Ehre, wer der neuen
Partei ihren Namen gegeben habe, ist noch nicht,entschieden, und
auch über den genauen Geburtsort der Partei hat man sich bisher
nicht endgültig geeinigt. Anspruch darauf erheben die Staaten
Michigan, Wisconsin, New York, Massachusetts und Maine. Wichtiger als solche Einzelheiten ist die Tatsache, daß im Jahre 1854
in all diesen Staaten vorausblickende Männer eine politische Reform für nötig erachteten. Sie schlössen sich zusammen und
stellten für ihre neue "republikanische" Partei Kandidaten auf.
Bereits ein Jahr später waren von den damals 62 Mitgliedern des
Senats 15 und von den 236 Abgeordneten des Repräsentantenhauses
108 Mitglieder der Republikanischen Partei und in den darauffolgenden Jahren 1854, 55 und 56 wurden in mehreren Staaten bereits
republikanische Kandidaten zu Gouverneuren und Abgeordneten gewählt.
Lern ersten Landeskonvent der Republikanischen Partei in
Philadelphia (Pennsylvanien) am 17.Juni 1856 wohnten auch
Edwin L. Morgan, Owen Lovejoy, Thaddeus Stevens, Horace Greely,
James G. Blaine, Ebenezer R. Hoar und John Bigelow bei, die
später eine politische Rolle in den USA spielen sollten. Zu den
aussichtsreichsten Anwärtern auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur gehörte auch William H. Seward. Lie endgültige Entscheidung fiel aber zugunsten des von' Romantik umwitterten,
volkstümlichen "Pfadfinders", Offiziers und Pioniers John C.
Fremont aus, und als Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten
wurde William L. Layton aufgestellt, während Abraham Lincoln auf
diesem Parteitag merkwürdigerweise nur 110 Stimmen erhielt, die
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�"AFRIKA DIENST"

17. Februar 1954

die zu einer Nominierung nicht ausreichten.
Die Aufstellung Fremonts erwies sich nicht als besonders
glücklich und der siegreiche demokratische Kandidat James
Buchanan hatte nur wenig Einfluß auf das amerikanische Volk,
so daß die Republikaner bei den Kongreßwahlen im Jahre 1858
wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus erlangen konnten,
während ihnen im Senat von insgesamt 66 Sitzen 26 zufielen.
Bereits im Jahre 1860 besaßen sie die eindeutige Mehrheit in
beiden Häusern des Kongresses, und in fast allen Staaten des
Nordens wurden ihr Präsidentschaftskandidat Abraham Lincoln
und ihr Vizepräsidentschaftskandidat Hannibal Hamlin ins
Weiße Haus gewählt.
Besonders bemerkenswert ist es auch, daß Lincoln bei der
Wahl des Jahres 1860 nicht nur von den bei der 1856er Wahlkampagne führenden Republikanern unterstützt wurde, sondern
daß auch William M. Evarts, George William Curtis, Charles A.
Dana, Chauncey Depew und Carl Schurz für ihn eintreten. Mit
anderen Worten, der jungen Republikanischen Partei war es bereits in den ersten 6 Jahren ihres Bestehens gelungen, die
Unterstützung und Mitarbeit der fähigsten Männer der jüngeren
Generation für sich zu gewinnen und einen der größten Amerikaner zum Präsidenten zu wählen.
Noch niemals vorher war einem Präsidenten gleich unmittelbar nach seiner Amtsübernahme eine so große Last aufgebürdet
worden wie Lincoln. Ohne jegliche verwaltungstechnische Erfahrung, ohne irgendwelche strategische Ausbildung und ohne
eine genaue Kenntnis der politischen Gegebenheiten mußte er
bereits 6 Wochen nach der Einführung in sein neues Amt die
politische Führung und den militärischen Oberbefehl über eine
Nation übernehmen, die mit sich selbst uneins, in einen Krieg
verwickelt war, dessen Ende er nicht einmal um eine Woche
überlebte.
In diesem Zusammenhang verdienen drei Dinge am Rande des
politischen Geschehens noch besondere Beachtung: daß auf den
Stimmzetteln für die Präsidentschaftswahl im Jahre 1864 der
Name "Republikanische Partei" durch "Union-Partei" ersetzt
worden war; daß Präsident Lincoln ernsthafte Vorkehrungen traf,
um im Falle seiner Niederlage seinem Nachfolger mit allen
Kräften zu helfen, den Krieg zu gewinnen; daß Andrew Johnson,
der zum Vizepräsidenten gewählt worden war, nicht der für das
.Amt des Präsidenten geeignete Mann war.
Es war nur natürlich, daß die Führung auf den Parteikongressen der Republikaner schon von Anfang an in den Händen von
Männern aus den Nordstaaten lag. Darüber hinaus wurde die neue
Organisation, die als Opposition gegen eine bestehende Ordnung
entstanden war, schnell zu einem Sammelbecken für Geschäftsleute vom Mittelstand bis zur Großindustrie, zumal der Sezessions
krieg die Industrialisierung in den Nordstaaten beschleunigte
und die Republikanische Partei schon von Anfang an die Einführung von Schutzzöllen befürwortete. Sie wandte sich an die
Vertreter jenes traditionellen Konservativismus, der in der
persönlichen
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�"AMERIKA DIENST"

17. Februar 1954

persönlichen Initiative den einzigen Schlüssel zu materiellem
Erfolg erblickt, und der diesen Erfolg nur nach Dollars und Cents
zu messen pflegt.
32 Jahre nach dem Tode Abraham Lincolns wurde William
McKinley Präsident; in seine Amtszeit fällt die Grundlegung der
amerikanischen Großindustrie. Die Männer der Geschäftswelt galten damals als Schöpfer und Baumeister einer großen amerikanischen
Zukunft, und die Bankiers spielten in Klein- und Großstädten eine'
führende Rolle. In atemberaubendem Tempo vollzog sich die Entwicklung der Vereinigten Staaten, riesige Vermögen wurden in dieser
Ära der Prosperität erworben und wieder verloren. Im Norden und
Westen der Vereinigten Staaten verschmolzen die Begriffe Prosperität und Republikanische Partei so eng miteinander, daß die Wähler
in schlechten Zeiten dazu neigten, gegen die Republikaner zu stimmen. Wer nicht teilhatte an der wirtschaftlichen Blüte, welche
die rasche Industrialisierung des Nordens mit sich brachte, schloß
sich den Demokraten oder der Popularpartei an.
Die Republikanische Partei bekannte sich offen zum "big
business", sie war die Partei der großen Geschäftsleute und Industriellen und von diesen Kreisen finanziell abhängig. Ihre Parteiführer waren durchaus konservativ;
Chronologisch gesehen ergibt sich folgendes Bild der Geschichte der Republikanischen Partei.
Nachdem Johnson die zweite Amtszeit Lincolns zu Ende geführt
und sich dabei die heftige Gegnerschaft beider Parteien zugezogen
hatte, nominierten die Republikaner General Ulysses S. Grant,
der 1868 Präsident wurde. Er erhielt auch 1872 die Mehrheit der
Stimmen, obwohl eine republikanische Splittergruppe Horace Greely
als Gegenkandidaten aufgestellt hatte. Während seiner ersten Amtsperlode konnte sich Grant auf eine ansehnliche Mehrheit in beiden
Häusern des Kongresses stützen, doch die Unzufriedenheit über Art
und Weise seiner Wiederaufbaupolitik in den Südstaaten nach dem
Sezessionskrieg sowie die Entrüstung über den nicht ganz einwandfreien Lebenswandel einiger seiner engsten Freunde und Mitarbeiter fanden 1874 in einer demokratischen Mehrheit im Abgeordnetenhaus ihren Ausdruck. Es ist jedoch nicht mehr als recht und billig,
darauf hinzuweisen, daß diese Reaktion gegen die am Ruder befindlichen Republikaner ihren Grund zum Teil in der Finanzkrise des
Jahres 1873 und der weitverbreiteten Unzufriedenheit in den FarmDistrikten des Mittelwestens hatte. Schuyler Colfax amtierte im
ersten und Henry Wilson im zweiten Kabinett Grant als Vizepräsident. Grants persönliche Beliebtheit war noch so groß, daß ihn
eine beachtliche Anzahl von Parteiführern zum dritten Mal nominieren wollte. Doch der republikanische Konvent entschied sich für
Rutherford B. Hayes aus Ohio als Präsidentschafts- und William A.
Wheeler aus New York als Vizepräsidentschaftskandidaten. Die Demokraten dagegen nominierten Samuel J. Tilden aus New York und
Thomas A. Hendricks aus Indiana. Ihre Kandidaten erhielten die
meisten Wählerstimmen, doch die Wahlmännerstimmen der Staaten SüdKarolina, Florida, Louisiana und Oregon wurden angefochten und
von beiden Partein beansprucht. Diese Auseinandersetzung beschäftigte
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1954

beschäftigte lange Zeit einen besonderen Überprüfungsausschuß,
der schließlich entschied, daß er nicht die Stimmzettel untersuchen könne, auf.denen die Wahlmännerstimmen der einaelnen
Staaten beglaubigt worden waren. Daher wurden Hayes und Wheeler
185 Wahlmännerstimmen zugesprochen, während Tilden und Hendricks
nur 184 erhielten. Hayes ernannte John Sherman, den Bruder des
Generals William T. Sherman,zum Finanzminister. Dieser schuf
die Grundlagen für ein gesundes Finanzwesen des amerikanischen
Bundes. Unter Hayes wurden auch die Truppen aus den Südstaaten
zurückgezogen.
Präsident Hayes war nicht beliebt genug, um ein zweites
Mal nominiert zu werden. Im folgte im Jahre ,1880 James A. Garfield,.
Ein enttäuschter Bewerber verübte am 2. Juli 1881 ein Attentat
auf Präsident Garfield, der am 19. September des gleichen Jahres
starb. Sein Nachfolger wurde Vizepräsident ehester Arthur, der
aber den Anforderungen des hohen Amtes nicht gerecht wurde, so
daß die Demokraten nach den Kongreßwahlen des Jahres 1882 wieder
mit einer Mehrheit von 73 Stimmen das Abgeordnetenhaus beherrschten. Die Republikaner stellten 1884 James G. Blaine und John A.
logan als Kandidaten auf. Bei den Wahlen siegten aber die Demokraten mit Grover Cleveland und Thomas A. Hendricks, und in das
Abgeordnetenhaus zog wieder eine demokratische Mehrheit ein.
Dabei ist die Feststellung interessant, daß Cleveland seinen
Sieg nur einer Mehrheit von 1 149 Stimmen von den insgesamt
1 200 000 Stimmen des Staates New York verdankte.
1888 wählten die Republikaner Benjamin Harrison aus Indiana.
Durch ihn wurden die Schutzzölle durch das sogenannte McKinleyGesetz von 1890 erhöht und im gleichen Jahre das Sherman-Arftitrust-Gesetz angenommen. Das Kabinett Harrison verhandelte auch
über einen Vertrag, nach dessen Bestimmungen die Inselgruppe von
Hawaii an die Vereinigten Staaten angeschlossen werden sollte.
Das Abkommen wurde zunächst von den demokratischen Senatoren abgelehnt und erst angenommen, als die Republikaner nach der zweiten Amtsperiode Clevelands wieder ans Ruder kamen.
Trotz seiner Popularität wurde Harrison bei den Wahlen im
Jahre 1892 von Grover Cleveland geschlagen, und die Demokraten
gewannen die Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im
Senat. Die demokratische Partei wandte sich gegen hohe Zölle und
trat dafür ein, daß die Bundesregierung Zölle überhaupt nur zur
Steigerung der Staatseinnahmen erheben dürfe. Neben der Unsicherheit in der Schutzzollfrage mit ihren Rückwirkungen auf die
heimische Industrie bildete vor allem die Schrumpfung der nationalen Goldreserven von 190 Millionen Dollar im Jahre 1890
auf 95 Millionen im Jahre 1893 und das gleichzeitige Schwinden
des Überschusses des amerikanischen Finanzministeriums von 105
Millionen auf 2 Millionen die Hauptursache der Finanzpanik des
Jahres 1893, die zu einer der schwersten Wirtschaftskrisen in
der amerikanischen Geschichte gezählt werden muß.Wie so oft
schon, waren auch die Kongreßwahlen des auf die Finanzpolitik
folgenden Jahres durch eine Ablehnung der regierenden Partei

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17. Februar 1954

Partei gekennzeichnet, und so erlangte die Republikanische Partei
die Kontrolle über beide Häuser.
Im Jahre 1896 stellten die Republikaner William McKinley
als Präsidentschaftskandidaten und Garret A. Hobart für den
Posten des Vizepräsidenten auf und sprachen sich für ein Festhalten am Goldstandard und für die Erhebung von Schutzzöllen
aus. Der Kandidat der Demokratischen Partei, William J. Bryan,
der in seiner Wahlkampagne für eine freie und uneingeschränkte
Prägung von Silbergeld bei einem Verhältnis von 16 zu 1 eintrat,
erlebte eine eindeutige Niederlage. McKinley wurde gewählt und
unterzeichnete kurz nach seiner Amtsübernahme das sogenannte
Dingley-Zollgesetz. Zur selben Zeit verschlechterte sich die
Lage auf Kuba zusehends,,und der Ruf nach Intervention der USA
wurde immer lauter. Am 15« Februar 1898 wurde das amerikanische
Schlachtschiff Maine im Hafen von Habana in die Luft gesprengt.
Zwei Monate später befanden sich Amerika und Spanien im Kriegszustand, der mit Unterzeichnung des Pariser Friedensvertrages im
Dezember 1898 sein Ende fand. Puerto Rico, die Philippinen und
Guam wurden an die Vereinigten Staaten abgetreten und Kuba zeitweilig unter amerikanische Schutzherrschaft gestellt. Auf diese
Weise fand sich Amerika plötzlich in eine überseeische Expansionspolitik verwickelt, die von den Demokraten als "Imperialismus"
abgelehnt wurde. Präsident McKinley, eine volkstümliche Gestalt,
wurde 1900 abermals als Präsident gewählt. Doch bereits sechs Monate nach Beginn seiner zweiten Amtsperiode wurde er am 6. September 1901 von einem Anarchisten in Buffalo (New York) niedergeschossen und erlag eine Woche später, am 14« September, seinen Verletzungen.
Sein Nachfolger wurde der Vizepräsident Theodore Roosevelt,
der nach Beendigung seiner kurzen aber Aufsehen erregenden militärischen Laufbahn auf Kuba zunächst das Amt eines Gouverneurs
von New York übernommen hatte. Präsident Roosevelt verpflichtete
sich, die Politik McKinleys weiterzuführen und behielt das Kabinett seines Vorgängers bei, dem John Hay als Außenminister und
Elihu Root als Kriegsminister angehörten. Im zweiten Jahr seiner
Präsidentschaft brach in Amerika ein Bergarbeiterstreik aus, der
die Gefahr einer Kohlennot während des Winters 1902 heraufbeschwor. Roosevelt brachte eine Aussprache zwischen den Unternehmern
und den Arbeiterführern zustande und ernannte eine Kommission,
der es schließlich gelang, eine Einigung herbeizuführen. Auf außenpolitischem Gebiet nutzte er die Gelegenheit einer Revolution in
dem damals zu Kolumbien gehörenden Gebiet von Panama aus und anerkannte die Bildung eines neuen selbständigen Staates Panama, mit
dem er sogleich Verhandlungen aufnahm, um den Vereinigten Staaten das Recht zum Bau und zur späteren Verwaltung eines Kanals
durch den Isthmus von Panama zu sichern.
Roosevelt, der während des größten Teils der zweiten Amtsperiode McKinleys den Posten des Präsidenten bekleidet hatte,
wurde bei der Präsidentschaftswahl im Jahre 1904 zusammen mit
Charles W. Fairbanks als Vizepräsidenten nominiert. Er konnte
von den Stimmen der 476 Wahlmänner 336 für sich gewinnen. Da er
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17. Februar 1954

er mit so großer Majorität gewählt worden war, fühlte er sich berechtigt, eine neue Politik, deren endgültiges Ziel die Freimachung der Republikanischen Partei von der Beherrschung durch
die Interessen des Großkapitals war einzuleiten, er erwirkte die
Ermächtigung den Aufgabenbereich der Interstate Commerce Commission
(eines Bundesausschusses zur Kontrolle des Transportwesens) zu erweitern und die Eisenbahntarife festzusetzen. Auch erhob er Klage
gegen mehrere große Industrieunternehmen, die einer Verschwörung
zur Behinderung des Handels beschuldigt wurden. Der erste und
wichtigste unter diesen Prozessen war der sogenannte Nord-AktienFall. Sein Vorgehen wurde vom Großkapital schärfstens kritisiert
und zog den Verlust der Unterstützung zahlreicher konservativer
Führer der Republikaner nach sich. Die Beliebtheit des Präsidenten beim Volk erfuhr allerdings dadurch keinerlei Beeinträchtigung.
Auf außenpolitischem Gebiet half Theodore Roosevelt bei
der Vermittlung des Friedens nach dem Russisch-Japanischen Krieg
und bot während der Marokko-Krise seinen ganzen Einfluß auf, um
einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zu verhindern.
Von Dezember 1907 bis Februar 1909 sandte er die amerikanische
Flotte auf eine Weltreise und bekannte sich offen zu dem politischen Grundsatz, daß eine Nation nur dann geachtet wird, wenn
sie stark ist.
Präsident Theodore Roosevelt nahm entscheidenden Einfluß
auf die Nominierung seines Nachfolgers William Howard Taft auf
dem Parteikongreß der Republikaner im Jahre 1908. Taft war vorher bereits Kriegsminister und Generalgouverneur der Philippinen.
Seine Aufstellung durch den Parteikongreß wurde allgemein als ein
hervorragender Schachzug angesehen und er gewann zusammen mit
James S. Sherman als Vizepräsidenten die Stimmen von 321 der insgesamt 483 Wahlmänner.
Präsident Taft sympathisierte besonders mit konservativen
Elementen innerhalb der Republikanischen Partei, und so war eine
Spaltung zwischen den Anhängern Theodore Roosevelts und Tafts unvermeidbar. Diese Kluft griff vom Kabinett ausgehend auch auf
den Kongreß über, wo es zwischen den Republikanern aus dem Osten
und dem Westen zu Meinungsverschiedenheiten über die Zollfrage
kam. Die sogenannte Payne-Aldrich-Zollakte von 1909 befriedigte
nur wenige. Inzwischen setzte sich Taft eifrig für den Abschluß
eines wechselseitigen Vertrags mit Kanada ein, dessen Bestimmungen die Weiterentwicklung der Landwirtschaft und Industrie zahlreicher republikanisch gesinnter Staaten ernstlich gefährdeten.
Vor Ende der Sitzungsperiode des 61. Kongresses am 4. März 1911
blieb ihm die Annahme versagt, und als er dann die Billigung des
folgenden Kongresses fand, änderte Kanada seine Meinung und versagte dem Vertrag die Ratifizierung.
Als Theodore Roosevelt nach einer Jagdexpedition in Afrika
und einer Rundreise durch Europa im Jahre 1910 nach Amerika zurückkam, bemühten sich zahlreiche seiner Freunde, ihn für eine
Anti-Taft-Politik zu gewinnen. Zunächst lehnte er es aber ab,
die Innenpolitik Tafts zu kritisieren, um sich dann aber doch zu
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17. Februar

1954

zu Beginn der Wahlschlacht im Jahre 1912 als Gegenkandidat Tafts
für die Präsidentschaftswahl aufstellen zu lassen. Durch den
Bruch zwischen den beiden Männern wurde die Republikanische
Partei in zwei Gruppen aufgespalten. Roosevelt und Taft erschienen beide auf dem Parteikonvent der Republikaner in Chikago und
behaupteten, die Mehrheit der anwesenden Delegierten hinter sich
zu haben. Doch die Taftgruppe beherrschte den Parteitag. Darauf
kam es zu einer Spaltung der republikanischen Partei, und die
Anhänger Roosevelts gründeten die progressive party (Portschrittspartei) , gewöhnlich nach ihrem Emblem, dem Elchbullen, Bull
Moosepartei genannte. Im August veranstalteten sie einen Parteitag in Chikago und stellten Theodore Roosevelt als Präsidentschaftskandidaten und Hiram W. Johnson als Vizepräsidentschaftskandidaten auf. Bei den Wahlen im November trug wegen der Spaltung der Republikaner jedoch der demokratische Kandidat Woodrow
Wilson den Sieg davon, während Roosevelt 4 200 000 Stimmen und
Taft 3 400 000 Stimmen erhielt. 1916 wurde die Spaltung in der
Republikanischen Partei durch Theodore Roosevelts Aufforderung
an seine Anhänger, für den republikanischen Abgeordneten Charles
E. Hughes zu stimmen, nur teilweise überbrückt. Das Rennen zwischen Wilson und Hughes, der als Gouverneur des Staates New York
einige Reformen durchgeführt hatte und deswegen als liberal galt,
verlief so knapp, daß viele Zeitungen Hughes als den neugewählten Präsidenten vorstellten. Als jedoch die endgültigen Wahlergebnisse vorlagen, stellte es sich heraus, daß Hughes im Wahlkollegium nur 254 Stimmen bekommen hatte, während Wilson mit
277 Stimmen erneut zum Präsidenten gewählt worden war. In den
letzten Monaten des Jahres 1918 wuchs dann die allgemeine Unzufriedenheit mit der Kriegführung des Präsidenten Wilson, und als
er bei der Einberufung eines demokratischen Kongresses die Loyalität der demokratischen Partei in Frage stellte, antwortete das
amerikanische Volk mit einem Sieg der Republikaner bei den Kongreß-Neuwahlen. Es war also so gut wie sicher, daß der nächste
Präsident ein Republikaner sein würde.
Nach Wilsons Tod stellte die Demokratische Partei den wenig
bekannten Gouverneur von Ohio, James M. Knox, als Präsidentschaftskandidaten und den Gouverneur des Staates New York, Franklin D-.
Roosevelt, als Vizepräsidentschaftskandidaten auf.
Auf dem republikanischen Parteitag in Chikago im Jahre 1920
bewarben sich drei, auf ihrem Fachgebiet sehr angesehene Männer
um die Präsidentschaftskandidatur, der Gouverneur des Staates
Illinois, Frank Lowden, der Generalmajor Leonard Wood und der
Senator Hiram Johnson. Von ihnen war jedoch keiner besonders beliebt. Die Parteiführer warteten ab, bis die Verhandlungen auf
einem toten Punkt angekommen waren und beantragten dann die Ernennung des ihren Wünschen eher entsprechenden Senators von Ohio,
Warren H. Harding, zum Präsidentschaftskandidaten. Aus Propagandagründen wurde noch der volkstümliche Gouverneur von Massachusetts, Coolidge, als Vizepräsident auf die republikanische
Wahlliste gesetzt. Coolidge war während eines Streiks der Bostoner
Polizei durch seinen Ausspruch "niemand ist jemals oder unter
irgendwelchen Umständen berechtigt, gegen die öffentliche Sicherheit zu streiken" in ganz Amerika berühmt geworden.
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17. Februar 1954

Präsident Harding brachte zwar eine Anzahl tüchtiger Leute in
sein Kabinett, z.B. Herbert Hoover als Handelsminister und Charles
Evans Hughes als Außenminister, aber er selbst war nicht der geeignete Mann für das Amt eines Präsidenten. Wie die Geschichte des
Teapot Dome ölskandals beweist, versuchten dunkle Kräfte der
Republikanischen Partei, Harding für ihre Zwecke auszunützen,
Andererseits fand unter Hardings Regierung im November 1921 die
Flottenabrüstungskonferenz in Washington statt. Die auf der Konferenz entworfenen Verträge wurden im Jahre 1922 ratifiziert. Ein
Jahr darauf starb Präsident Harding, und Calvin Coolidge wurde
sein Nachfolger. Er beseitigte zunächst die unsauberen Elemente aus
der ehemaligen Umgebung Hardings und bemühte sich dann hauptsächlich um eine Tilgung der Staatsschuld und um die Herabsetzung der
Steuern.
1924 wurde Coolidge, ein einwandfreier Charakter und ein kluger Politiker, auf dem republikanischen Parteitag erneut als Präsidentschaftskandidat aufgestellt und mit ihm Charles G. Dawes als
Vizepräsidentschaftskandidat. Unter Coolidge erlebte Amerika, was
es sich ersehnt hatte, eine Zeit ruhiger Verwaltung ohne Sensationen.
1927 berief er die Genfer Flottenkonferenz ein, auf der das für
Schlachtschiffe geltende Kräfteverhältnis 5:3:3 der drei großen Seemächte (England, USA, Japan) auch auf Kreuzer ausgedehnt werden
sollte. Die Konferenz verlief jedoch ergebnislos. 1928 gab Coolidge
auf die Frage, ob er sich wieder als Präsidentschaftskandidat
aufstellen lassen wolle, die berühmte Antwort: "Ich ziehe es vor,
nicht zu kandidieren", und auf dem republikanischen Parteitag beteiligte sich Coolidge, treu seiner charakteristischen Zurückhaltung,
nicht an der Nominierung seines ehemaligen Handelsministers Hoover
zum Präsidentschaftskandidaten. Später unterstützte er allerdings
seinen früheren Minister rückhaltlos.
Hoover und sein Vizepräsidentschaftskandidat Charles Curtis
wurden mit einer Stimmenmehrheit gewählt, wie sie die amerikanische
Geschichte noch kaum erlebt hatte. Bei Hoover waren alle Voraussetzungen für einen großen Präsidenten gegeben, denn er hatte sich
in den Kabinetten der Präsidenten Harding und Coolidge einen guten
Namen gemacht und besaß weitgehende Erfahrungen auf dem Gebiete der
Außenpolitik; außerdem war er ein bekannter Ingenieur und Philanthrop. Es kam jedoch anders als man erwartet hatte, denn während
Hoovers Amtszeit ereignete sich die größte Wirtschaftskatastrophe
der neueren Geschichte, die Weltwirtschaftskrise von 1929• Der
Präsident sah sich Kräften gegenüber, denen er wie seine Ratgeber
hilflos gegenüberstand. Unter dem Eindruck der wachsenden Arbeitslosigkeit, wandten sich die Amerikaner nach kurzer Zeit gegen Hoover
und machten ihn für ihre Leiden verantwortlich. Bis 1932 war Hoover
in den Augen des amerikanischen Volkes soweit mit der Wirtschaftskrise identifiziert worden, daß seine Wiederwahl unmöglich war.
An Hoovers Stelle trat der demokratische Kandidat Franklin Delano
Roosevelt. 1936 stellten die Republikaner den tüchtigen Gouverneur
von Kansas, Alfred M. Landon, einen guten Beamten und typischen
Republikaner mit gesunden konservativen Wirtschaftsansichten als
Präsidentschaftskandidaten auf. Mit ihm kandidierte Franklin M.Knox
für das Amt des Vizepräsidenten. Landon war für eine Wahlkampagne
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17. Februar

1954

Wahlkampagne gänzlich ungeeignet und wurde von seinem volkstümlichen und brillanten Gegenspieler Roosevelt völlig in
den Schatten gestellt. Auf dem republikanischen Parteitag im
Jahre 1940 entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen einer
Gruppe von Parteiführern, die den Senator Robert Taft aus Ohio
als Präsidentschaftskandidaten vorschlug und einer anderen Gruppe,
die Thomas E. Dewey, den Gouverneur von New York, aufstellen
wollte. Der Konflikt wurde auf eine für die Republikanische
Partei ziemlich ungewöhnliche Weise bereinigt, denn weder Taft
noch Dewey, sondern Wendeil Willkie wurde vom Parteitag vorgeschlagen, und zum Vizepräsidentschaftskandidaten wurde McNary
nominiert. Willkie führte eine wirkungsvolle Wahlkampagne, aber
auch er konnte gegen Roosevelt nicht aufkommen. 1944 wurde
Dewey und sein Vizepräsidentschaftskandidat John D. Bricker aus
Ohio von Roosevelt geschlagen, obwohl hinter Dewey ein gut organisierter Apparat stand.
Im Kongreß beschränkten sich in dieser Zeit die Republikaner auf die Ablehnung fast aller von Roosevelt vorgeschlagenen
Maßnahmen. Nach Roosevelts Tod änderte sich die Lage jedoch zugunsten der Republikaner, und 1946 errangen sie sowohl im Repräsentantenhaus
(246 : 188) als auch im Senat (51 : 45) die
Mehrheit. Auf Grund dieses Sieges und angesichts des scheinbar
ständig schwindenden Prestiges des Präsidenten Truman prophezeiten viele politische Beobachter und Führer beider Parteien
für 1948 einen republikanischen Sieg. Doch als im November 1948
die endgültigen Wahlergebnisse vorlagen, stellten die Demokraten
nicht nur den Präsidenten, sondern gewannen sowohl im Senat
(54 :42) als auch im Repräsentantenhaus (263 : 171) die Mehrheit.
Nach ununterbrochener 20jähriger Herrschaft der Demokraten
in den USA brachte das Wahljahr 1952 wieder einen Republikaner
auf den Platz des obersten Beamten: den Feldherrn und Universitätspräsidenten Dwight D. Eisenhower. Das Ergebnis dieser denkwürdigen Wahl am 4. November 1952,das Ike mit 34 Millionen Stimmen
zum Präsidenten der USA machte - sechs Millionen Stimmen mehr
als je bei einer amerikanischen Wahl einem einzelnen Mann gegeben wurden - nannte die öffentliche Meinung einen politischen
"Erdrutsch".
* * * * #

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�A M E R I K A

D I E N S T

DIE ATOMBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Sonderbotschaft,
die Präsident Eisenhower am 17. Februar 1954 dem Amerikanischen Kongreß unterbreitete und in der er eine Abänderung des Atomenergiegesetzes von 1946 vorschlug,
hat folgenden Wortlaut:

"Ich ersuche den Kongreß, mit dem Ziele einer Stärkung
der Verteidigung und Wirtschaft der Vereinigten Staaten und
der freien Welt, eine Reihe von Novellen zum Atomenergiegesetz aus dem Jahre 1946 zu erlassen. Mit diesen GesetzesErgänzungen würde dieses Ziel bei entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen auf folgenden Wegen erreicht werden können:
1) Erweiterte Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in
gewissen, die Atomenergie betreffenden Fragen;
2) Verbesserung der Verfahren zur Überwachung und Freigabe von Informationen über die Atomenergie;
3) Förderung einer auf breiterer Basis betriebenen Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke in den
Vereinigten Staaten.
Fortschritte auf dem Gebiete der Atomforschung
Als das Atomenergiegeset z im Jahre 1946 formuliert wurde,
befand sich die Welt an der S chwelle zum Atomz eitalter. Im
Jahr zuvor hatten die Vereini gten Staaten eine neue und elementare Quelle gewaltiger Ene rgie erschlossen, Diese Kraft
friedlichen und produktiven Z wecken nutzbar zu machen, war
schon damals unser Wunsch und unser Ziel, aber die furchterregende Zerstörungskraft verd unkelte uns den S inn, um die
Möglichkeiten der Atomenergie zum Wohle der Me nschheit Recht
zu erkennen. Die meisten Mens chen setzten die Atomenergie mit
der Atombombe gleich, und die Bombe bedeutete die restlose
Zerstörung ganzer Städte und den Tod von Mllli onen Männern,
Frauen und Kindern.
Darüber hinaus war das Monopol, das unser Volk auf dem
Gebiet der Atomwaffen besaß, von entscheidender Bedeutung für
die internationalen Beziehungen. Im Interesse der gemeinsamen
Verteidigung und des Weltfriedens war es notwendig, dieses
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24. Februar 1954

dieses Monopol durch die strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen zu
schützen und zu erhalten.
Unter diesen Umständen wurde das Atomenergie-Gesetz erlassen. Vollauf den damaligen Bedingungen genügend, entspricht das
Gesetz auch heute noch im wesentlichen den Erfordernissen unseres Staates.
Seit 1946 haben wir jedoch große Portschritte in der Atomforschung und der praktischen Anwendung der Atomenergie gemacht.
Wissenschaftliche Entwicklungen, die sonst während Generationen
zur Reife gelangten, wurden in weniger als einem Jahrzehnt zur
Vollendung gebracht. Jahr auf Jahr haben wir auf dem Gebiete der
ik
ging und das Atomenergie-Gesetz verabschiedet wurde, sind bei
weitem in den Schatten gestellt worden.
Eine der damals allgemein grassierenden Annahmen - daß die
Vereinigten Staaten ihr Atomwaffen-Monopol für längere Zeit würden halten können - erwies sich bald als irrig. Dieses Monopol
besteht seit 1949 nicht mehr, d.h. es war schon drei Jahre nach
Erlaß des Atomenergie-Gesetzes nicht mehr vorhanden. Aber andererseits gibt es auch gewisse Dinge, die diesen Verlust so gut wie
wettmachen.
Viele der Atomwaffen, die man im Jahre 1946 für Konstruktionen einer weit entfernten Zukunft hielt, zählen heute in den
Ausrüstungen unserer Streitkräfte bereits zu den herkömmlichen
Waffen. Gemessen an den thermonuklearen Waffen von heute, die
es vor acht Jahren überhaupt noch nicht gab, ist die zerstörende
Kraft der Atomwaffen winzig. Die Durchführbarkeit des Baues eines mit
Atomenergie getriebenen U-Bootes schien im Jahre 1946 fraglich;
der Stapellauf der U.S.S. "Nautilus" vor drei Wochen hat es ganz
deutlich gemacht, daß die Verwendung von Atomenergie zum Antrieb
von Schiffen sich letzten Endes doch einmal allgemein durchsetzen
wird. Im Jahre 1946 wollte es scheinen, als sei die Zeit, da man
Industriestrom aus Atomenergie-Quellen erhalten könne, noch recht
entfernt -. heute stehen wir unmittelbar an der Schwelle dieser
Ära.. Die Verwirklichung dieses Zieles ist größtenteils nur noch
eine Sache weiterer Forschung und Entwicklung und hängt in gewissem Sinne davon ab, daß wir Bedingungen schaffen, in denen ein
Unternehmungsgeist blühen kann.
Es ist ganz offensichtlich, daß derartige Entwicklungen in
so kurzer Zeit einen tiefgreifenden Einfluß auf unsere Politik
auf dem Gebiete der Atomenergie hätten haben müssen. Aber in mancher Beziehung ist unser Atomenergie-Gesetz noch immer so, daß
es den Verhältnissen von 1946 entspricht.
Viele der gesetzlich geregelten Einschränkungen, die sich
auf solche im Jahre 1946 wirklich realen Tatsachen, wie das bestehende amerikanische Atomwaffen-Monopol und die begrenzte Verwendung der Atomenergie auf dem zivilen und militärischen Sektor,
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24- Februar 1954

Sektor, gründeten, stehen heute im Jahre 1954 nicht mehr im Einklang mit den wirklichen Gegebenheiten auf dem Gebiete der Atomforschung. Darüber hinaus stellten diese Einschränkungen ein Hindernis für die richtige Ausbeutung der Atomenergie zum Segen des
amerikanischen Volkes und unserer Freunde in allen Teilen der
Welt dar.
Eine objektive Beurteilung dieser verschiedenen Faktoren
führt eindeutig zu folgenden Schlußfolgerungen: Was unsere eigene
Verteidigungsplanung angeht, so werden wir unsere Schlagkraft auf
dem Gebiet der Atomkriegführung wesentlich erhöhen, wenn wir den
mit uns in der gemeinsamen Verteidigung verbundenen Nationen gewisse,
genau festgesetzte Informationen über den Einsatz von Atomwaffen
ohne größere Schwierigkeiten zugänglich machen können. Hinsichtlich der Verwendung von Atomenergie zu friedlichen Zwecken sei
darauf verwiesen, daß dies sich schneller erreichen läßt und die
Segnungen eher einem weiteren Kreis von Menschen zuteil werden
können, wenn wir unsere Zusammenarbeit mit verbündeten Nationen
erweitern und die amerikanische Industrie in einem größeren Maße
daran teilhaben lassen. Durch eine Steigerung der militärischen
Schlagkraft unterbauen wir unsere Bemühungen, einen Aggressor
abzuschrecken; durch eine Erweiterung der Möglichkeiten, die'Atomenergie auch für friedliche Zwecke zu verwenden, fördern wir den
Fortschritt unserer Nation und stärken wir die freie Welt.
Teil I
des Atomenergie-Gesetzes von 1946 hat in weiser
Voraussicht die Notwendigkeit zukünftiger Revisionen des Gesetzes
anerkannt. In seinem Geist und seiner Behandlung von Fragen, die
für die Verteidigung und das Wohlergehen der Nation von äußerster
Wichtigkeit sind, schlage ich vor, daß der Kongreß eine Reihe von
Ergänzungen zum Atomenergiegesetz beschließen möge.
Zusammenarbeit mit anderen Nationen
In diesem Atomzeitalter ist die Vertiefung der internationalen
Zusammenarbeit zur Verteidigung der freien Welt die erfreulichste
Entwicklung auf außenpolitischem Gebiet. Die Vereinigten Staaten
haben mit vielen Freunden gemeinsame Maßnahmen ergriffen, um einen
Aggressor abzuschrecken und, wenn dies notwendig werden sollte,
den Aggressor zu besiegen. Die unser Land und unsere Freunde
bindenden Abkommen auf dem Gebiet einer gemeinsamen Verteidigung
stellen für jeden möglichen Aggressor eine Warnung dar, daß er
einer schnellen Bestrafung und einer unvermeidlichen Niederlage
entgegengehen wird. Diese mächtigen, dem Frieden dienenden Bestrebungen müssen so stark und überzeugend wie möglich gemacht werden.
Die Mehrzahl der mit uns verbündeten Staaten haben bisher
kaum Gelegenheit gehabt, Informationen über den Einsatz von Atomwaffen einzuholen. Gemäß den gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen
dürfen wir ihnen keine taktischen Informationen zugänglich machen,
die für eine wirksame Beteiligung dieser Nationen zusammen mit
uns an gemeinsamen militärischen Operationen und Planungen sowie
für ihre eigene Verteidigung gegen einen mit Atomwaffen geführten
Angriff ganz unerläßlich sind.
Unsere eigene Sicherheit wird in dem Maße größer, in dem unsere
Alliierten Informationen über die Verwendung von Atomwaffen und
die Verteidigung gegen einen mit diesen Waffen geführten Angriff
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24. Februar 1954

Angriff erhalten. Einige unserer Verbündeten stellen ja in der
Tat spaltbares Material oder Waffen selbst her und fördern eine
wirksame Atomenergie-Forschung sowie Arbeiten über eine friedliche Verwendung der Atomkraft. Aber alle sollten besser über
die Probleme eines mit Atomwaffen geführten Krieges informiert
werden, d.h. besser gerüstet, den Erfordernissen einer solchen
Kriegführung zu entsprechen. Damit die freie Welt eine wirksame
Verteidigungseinheit werden kann, muß sie über alle Tatsachen
auf dem Gebiete der Atomforschung unterrichtet sein.
Ich schlage daher vor, daß der Austausch von taktischen Informationen mit solchen Ländern, die sich zusammen mit den Vereinigten Staaten an gemeinsamen Defensiv-Abkommen beteiligen,
gesetzlich gestattet wird. Bei diesem Informationsaustausch handelt es sich um solche Informationen, wie sie für die Entwicklung
der Verteidigungspläne und für die Ausbildung des für die atomare
Kriegführung vorgesehenen Personals notwendig sind. Die noch in
dieser Sonderbotschaft zu empfehlenden Zusätze zur Definition
"Geheiminformationen" werden gleichfalls dazu beitragen, eine
notwendige verwaltungsmäßige Elastizität bei dem atomaren Informationsaustausch mit solchen Nationen herbeizuführen.
Um einem im Jahre 1951 bestehenden spezifischen Erfordernis
unserer Landesverteidigung entgegenzukommen... nahm der Kongreß
ein sorgfältig begrenztes Verfahren beim Informationsaustausch
über die Verarbeitung atomarer Rohstoffe, über die Entwicklung
des Kernreaktors, über die Produktion von spaltbaren Materialien
und über die hiermit zusammenhängende Forschungsarbeit und Entwicklung an. Diese Einschränkungen sollten nun so modifiziert
werden, daß die den heutigen Verhältnissen besser angepaßte Genehmigung für einen Informationsaustausch im Interesse unseres
Landes wirksamer angewendet werden kann.
Was die Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiete der friedlichen
Verwendung von Atomenergie anbetrifft, so sind zusätzliche Ergänzungen erforderlich, damit die Vereinigten Staaten wirksam
mit den befreundeten Nationen zusammenarbeiten können. Eine derartige Kooperation macht den Austausch bestimmter "Geheiminformationen" über die industrielle Anwendung von Atomenergie sowie
die Freigabe von spaltbarem Material in solchen Mengen notwendig,
die für eine Verwendung in Industrie und Forschung ausreichen.
Ich empfehle daher eine Erweiterung des Atomenergie-Gesetzes, um
eine solche Zusammenarbeit gesetzlich zu sanktionieren. Diese
Novelle soll ausdrücklich die Bestimmung erhalten, daß jede Nation vor Abschluß eines Abkommens hinsichtlich der Überlassung
von spaltbarem Material die notwendigen Sicherheiten geben muß,
diese nicht für militärische Zwecke zu verwenden.
Wenn wir anderen Nationen derartige Informationen überlassen,
dann entsteht dabei natürlich ein Risiko, das in jedem einzelnen
Falle gegen den Vorteil, der sich daraus für die Vereinigten
Staaten ergibt, abgewogen werden muß. In jedem Falle müssen wir
uns folgende Fragen vorlegen; Wie müssen diese Angaben in bezug
auf Geheimhaltung eingestuft werden und wie wichtig sind sie,
welchem besonderen Zweck werden sie dienen, inwieweit ist der mit

�24. Februar 1954

"AMERIKA DIENST

mit uns zusammenarbeitende Staat gegen Spionage gefeit, welche
Rolle spielt er in der Verteidigung der freien Welt und welchen
Beitrag hat er geleistet und kann er zu den gemeinsamen Bestrebungen um die Sicherheit leisten? Derartige Erwägungen müssen sowohl beim Austausch oder der Freigabe von Informationen über die
allgemeine Verteidigungsplanung und den Einsatz von herkömmlichen
Waffen als auch hinsichtlich von solchen Informationen berücksichtigt werden, die gemäß diesen Empfehlungen ausgetauscht werden
sollen.
Diese Empfehlungen stehen in keinem Zusammenhang mit meinem
Vorschlag, eine neue Grundlage für eine internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Atomenergie zu suchen, den ich in meiner Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im
vergangenen Dezember unterbreitete. Ehe wir zusätzliche gesetzgeberische Maßnahmen in Erwägung ziehen, die für eine Verwirklichung
dieses Vorschlages notwendig werden könnten, sollten wir abwarten,
auf welchen Gebieten als Folge unserer Verhandlungen mit anderen
Nationen Übereinstimmungen erzielt werden konnte.
Auf ähnliche Weise stehen die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen auch einer direkten oder indirekten Erzeugung von
spaltbarem Material durch natürliche und juristische Personen
aus den Vereinigten Staaten im Auslande entgegen, es sei denn,
der Präsident entscheidet, daß die geplante Tätigkeit die gemeinsame Verteidigung und Sicherheit nicht beeinträchtigt. Bei
den Fragen, die unter diese Gesetzesbestimmungen fielen, handelte
es sich zumeist um ganz gewöhnliche kaufmännische oder kommerzielle
Vorhaben, die dennoch von diesen allgemeinen Bestimmungen erfaßt
werden, weil sie - in welchem geringen Grade auch immer - einen
Beitrag zu Atomenergie-Programmen anderer Nationen leisten könnten.
Der Präsident sollte die Möglichkeit erhalten, die AtomenergieKommission zu ermächtigen, diesbezügliche Entscheidungen in Zukunft selbst zu treffen. Dieser Zusatzantrag steht in engem Zusammenhang mit der Novelle den Austausch von Atominformationen
betreffend, da Abkommen über die Autorisierung eines Austausches
von Informationen mit verbündeten Nationen die Teilnahme von
amerikanischen Bürgern und Firmen, die im Ausland arbeiten, nach
sich ziehen könnten. Mit der von mir vorgeschlagenen Novelle
würde die Atomenergie-Kommission ermächtigt, eine solche Teilnahme
zu sanktionieren.
Aus den hier in Vorschlag gebrachten Zusatzanträgen sollte
ersichtlich geworden sein, daß die übertragene Befugnis nur in
Übereinstimmung mit den vom Präsidenten zum Schutze der gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit erlassenen Bestimmungen ausgeübt
werden darf.
Schutz der Informationen über Atomenergie
Die Kategorie der "Geheiminformationen" ist vom Gesetz so
definiert worden, daß sie praktisch alle für unsere Sicherheit
wesentlichen Informationen einschließt. Die "Geheiminformationen"
fallen in dem Gesetz unter besondere Spionageabwehr-Bestimmungen,
die sich auf die Kontrolle, die Verbreitung und die Freigabe derartiger Informationen sowie auf die Erfordernisse hinsichtlich der
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der Überprüfung des Personals auf Unbedenklichkeit beziehen.
Unbedenklichkeit des Personals
Die diesbezüglichen Bestimmungen des Gesetzes müssen in
verschiedener Hinsicht verbessert werden. Das Gesetz kennt keine
Unterschiede hinsichtlich der Wichtigkeit von 'Geheiminformationen'. Bei allen Arten von 'Geheiminformationen" gelten die
gleichen Erfordernisse hinsichtlich der Überprüfung, gleichgültig ob ungelernten Bauarbeitern der Zugang zu "Geheiminformationen" gewährt werden soll, die für die Sicherheit nur geringe
Bedeutung haben, oder ob ein Wissenschaftler Zugang zu den geheimsten Informationen der atomaren Waffenherstellung erhalten
soll. Unter dem gegenwärtigen Gesetz hat die Atomenergie-Kommission
nicht genügend Bewegungsfreiheit, um über das Ausmaß der für die
Gewährleistung einer ausreichenden Sicherheit erforderlichen Überprüfung des Personals zu entscheiden. Viele kostspieligen Untersuchungen über das Vorleben des Personals, wie sie von dem gegenwärtigen Gesetz gefordert werden, sind unnötig. Der AtomenergieKommission sollte die Erlaubnis gegeben werden, den Umfang der
gesetzlich erforderlichen Untersuchung davon abhängig zu machen,
inwieweit Zugang zu Geheiminformationen gewährt werden soll.
Dieser Zusatz eignet sich in besonderem Maße für die vorgeschlagene Ausweitung der Beteiligung privater Stellen an der
Entwicklung der Atomkraft. Obwohl derartige private Stellen Zugang zu "Geheiminformationen" über die Grundprinzipien des Baus
von Kernreaktoren fordern werden, ist eine umfassende Überprüfung aller ihrer Angestellten, die Zugang zu derartigen Informationen haben werden, nicht gerechtfertigt, da ein großer Teil
dieser Informationen, was die Sicherheit anbetrifft, nicht von
besonderer Bedeutung ist. Darüber hinaus würden derartige Überprüfungen die erwünschte Beteiligung behindern und nicht dazu
ermutigen sowie für beide Teile, Regierung und Industrie, mit
unnötigen Kosten verbunden sein. In den Fällen, in denen es sich
um wichtigere •Geheiminformationen* handelt, muß die Kommission
selbstverständlich umfassende Überprüfungen fordern.
Ein weiteres Problem hinsichtlich der Überprüfung der Unbedenklichkeit betrifft das Personal der Dienststellen des Verteidigungsministeriums sowie das Personal der Unternehmer, die mit
diesen Dienststellen zusammenarbeiten. Die Atomenergie-Kommission
(AEC) darf gegenwärtig 'Geheiminformationen' an diejenigen Angehörigen dieser Dienststellen und Unternehmen weitergeben, die vom
Verteidigungsministerium auf ihre Unbedenklichkeit hin überprüft
sind. Die auf diese Weise weitergegebenen 'Geheiminformationen'
sind damit entsprechend den Sicherheits-Bestimmungen des Verteidigungsministeriums geschützt. Und dennoch ist es den Unternehmern, die mit der Kommission zusammenarbeiten, durch Gesetz
untersagt, dem gleichen Personenkreis Zugang zu den gleichen
'Geheiminformationen' zu gewähren, solange diese nicht eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der AEC beitzen, die auf Grund von
Überprüfungen durch den Bundesfahndungsdienst oder die Kommission
für Zivilbedienstete ausgestellt ist.
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In dem Maße, in dem die bewaffneten Streitkräfte mit Atomwaffen ausgerüstet werden, erhöht sich die Notwendigkeit, daß
die im Auftrage der Atomenergie-Kommission arbeitenden Firmen
und die Teilnehmer ähnlicher Vorhaben des Verteidigungsministeriums
ihre "Geheiminformationen" untereinander austauschen. Der gegenwärtige Zustand, daß das von Militärbehörden mit einer Unbedenklichkeitserklärung ausgestattete Personal, das an Projekten für
die Streitkräfte arbeitet, keinen Zugang zu den "Geheiminformationen" bezüglich der Vorhaben der Atomenergie-Kommission erhalten darf, ist einer Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums
und der Atomenergie-Kommission auf Gebieten gemeinsamen Interesses
hinderlich und führt zu unnötiger Verschwendung von Zeit und Geld.
Ich empfehle daher, die Atomenergie-Kommission in die Lage zu
versetzen, ihre Kontraktoren und Lieferfirmen zu ermächtigen,
solchen Personen Zugang zu 'Geheiminf ormationen'' zu verschaffen,
die an Projekten des Verteidigungsministeriums arbeiten, derartige Informationen zu ihrer Arbeit benötigen und eine von den
Militärbehörden ausgestellte Unbedenklichkeitserklärung vorweisen können.
Die Definition der Geheiminformationen
1) Nach dem gegenwärtig gültigen Gesetz bezieht sich ein großer Teil der 'Geheiminformationen' in der Hauptsache auf den militärischen Einsatz der atomaren Kampfmittel. Mit der Verantwortung für die Kontrolle eines großen Teils dieser Informationen
über diese Waffen sollte logischerweise das Verteidigungsministerium und nicht die Atomenergie-Kommission betraut werden. Viele
Schwierigkeiten verwaltungsmäßiger Art, die von einem doppelten
Sicherheitssystem hervorgerufen werden, würden dadurch beseitigt,
daß man die Informationen über diese Waffen aus der Kategorie der
•Geheiminformationen' herauslöst und sie in der gleichen Weise
und unter denselben Sicherheitsbestimmungen wie andere militärische Geheimnisse der Obhut des Verteidigungsministeriums unterstellt.
Diese Art, einen Informationsaustausch über Waffen durchzuführen, ist unter dem gegenwärtigen Gesetz nicht möglich. Die
'Geheiminformationen' können aus der im Gesetz festgelegten Kategorie der 'Geheiminformationen» nur durch Freigabe auf Grund
eines Beschlusses der Atomenergie-Kommission herausgelöst werden,
wonach die Veröffentlichung solcher Informationen nicht die gemeinsame Verteidigung und Sicherheit in nachteiliger Weise beeinflussen würde. Offensichtlich ist die Freigabe nicht das Heilmittel. Dieses liegt darin, daß man hierbei den allgemeinen Sicherheitsbestimmungen des Benutzers, des Verteidigungsministeriums,
vertraut. Ich schlage deshalb vor, daß die im Gesetz erfolgte
Definition des Begriffes der 'Geheiminformationen' so abgeändert
werden soll, daß alle Informationen über den taktischen Einsatz
der atomaren Kampfmittel ausgenommen sind, nicht aber die Informationen über ihre theoretischen Grundlagen, ihr Muster und ihre
Fertigung.
2) Neben den Informationen, die voll und ganz unter den Begriff Einsatz fallen, gibt es Informationen, die sich zwar in
erster Linie mit dem Einsatz von Waffen befassen, die aber auch
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auch Angaben über deren Konstruktion und Herstellung enthalten.
Um Schwierigkeiten in diesem Grenzgebiet zu vermeiden, empfehle
ich eine gesetzliche Verfügung, die ebenfalls zur Herauslösung
derartiger Informationen aus der Kategorie der 'Geheiminformationen' ermächtigen würde. Dies würde lediglich dann geschehen,
wenn die Kommission und das Verteidigungsministerium gemeinsam
entscheiden, daß diese Informationen in erster Linie den militärischen Einsatz von Atomwaffen betreffen, und daß sie im Rahmen des Spionageabwehrgesetzes sowie anderer anwendbarer Gesetze
als unter die Geheimhaltungsbestimmungen fallende Verteidigungsinformationen in ausreichendem Maße geschützt werden können.
3) Im Einklang mit diesen Änderungen empfehle ich, daß das
Verteidigungsministerium zusammen mit der Atomenergie-Kommission
die •Geheiminformationen• freigibt, die in erster Linie den militärischen Einsatz atomarer Waffen betreffen und ohne Gefährdung
der Sicherheit der USA veröffentlicht werden können. Auf diese
Weise wird das Verteidigungsministerium eine entsprechende Stimme
beim Schutz und bei der Freigabe derartiger 'Geheiminformationen'
haben und die Verantwortung der Kommission im Hinblick auf alle
übrigen ,Geheiminformationen, wird geklärt.
Erschließung der Atomenergie in den USA
Was im Jahre 1946 nur eine Hoffnung und ein entferntes Ziel
war - eine Verwendung der Atomenergie zum Wohle der Menschheit kann bald eine Realität sein. Unseren Wissenschaftlern und Technikern
bieten sich ungeahnte Möglichkeiten, die Atomenergie friedlichen
Zwecken nutzbar zu machen. Die Bundesregierung kann hier bahnbrechende Arbeit leisten. Aber hierbei bedarf es des Unternehmungsgeistes, der Initiative und des Mutes des einzelnen und ganzer
Gruppen innerhalb unserer freien Wirtschaft, um die größtmögliche
Wirtschaftlichkeit und den größtmöglichen Fortschritt bei den geringsten Kosten für die Öffentlichkeit sicherzustellen.
Das Interesse der Industrie auf diesem Gebiet liegt bereits
klar auf der Hand. In Zusammenarbeit mit der Atomenergie-Kommission
führen eine Anzahl privater Firmen, meist auf eigene Kosten, Untersuchungen über die verschiedenen Typen von Kernreaktoren durch, die
sich eventuell für die Erzeugung von Industrie-Strom eignen. Es
gibt Anzeichen dafür, daß diese Firmen ihre Bemühungen erheblich
steigern würden, falls Privatkapital in solchen Anlagen investiert
werden könnte. Wenn wir das Gesetz abändern um derartige Investitionen möglich zu machen, muß Vorsorge getroffen werden, daß die
Entwicklung dieser neuen Industrie auf möglichst normalen Wegen
gefördert wird, wobei Probleme der nationalen Sicherheit sowie
Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung besonders berücksichtigt
werden müssen. Dieses Programm muß sich so entwickeln, daß diese
neue Industrie sich selbst erhalten und auf eigenen Füßen stehen
kann.
Die Schaffung von Möglichkeiten für eine Ausweitung der industriellen Beteiligung wird es der Regierung erlauben ihre Tätigkeit
auf dem Gebiet der Kernreaktionsforschung und Entwicklung einzuschränken, sobald die Privatindustrie ihre Tätigkeit auf diesem
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diesem Sektor voll aufgenommen hat. Zusätzlich zu ihren Bemühungen,
zur technischen Weiterentwicklung von Kernreaktionen beizutragen,
wird die Regierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiterhin die Portschritte auf dem Gebiet der hiermit zusammenhängenden technischen
Entwicklung von Antriebsreaktoren für militärische Zwecke intensivieren. Die sich gegenwärtig ergänzenden Maßnahmen der Industrie
und Regierung werden daher weitergehen, und der Industrie sollte
durch die Verabschiedung entsprechender Gesetze ein Anreiz gegeben
werden, auf diesem Gebiet eine wesentlich größere Rolle zu spielen.
Zu diesem Zweck schlage ich Zusätze zum Atomenergiegesetz vor,die
1) die im Gesetz, enthaltenen Verbote hinsichtlich des Besitzes
oder der Verpachtung spaltbarer Materialien und vorhandener Möglichkeiten zur Herstellung von spaltbarem Material lockern;
2) privaten Herstellern den Besitz und die Inbetriebnahme
von atomaren Kernreaktoren sowie die Ausübung hiermit zusammenhängender Tätigkeiten vorbehaltlich
notwendiger
Sicherheitsmaßnahmen sowie einer Genehmigung durch die AtomenergieKommission gestatten;
3) die Kommission ermächtigen, Mindestnormen über den Schutz
und die Sicherheit aufzustellen, die für alle Besitzer und Verarbeiter spaltbaren Materials bindend sein sollen;
4) die Kommission ermächtigen, im Anfangsstadium der neuen
Industrie Lizenzfirmen besonderes Material und Dienste zu einem
solchen Preis zu überlassen, durch den die Regierung angemessen
für den Wert des Materials und der Dienste und die Aufwendungen
für eine Überlassung entschädigt wird;
5) die Patentbestimmungen des Atomenergiegesetzes liberalisieren, in erster Linie durch eine Ausweitung der Gebiete, auf denen private Patente erworben werden können, einschließlich der Produktion und Verwendung spaltbaren Materials. Gleichzeitig soll für
einen begrenzten Zeitraum die Vollmacht bestehen bleiben, wonach
ein Patentinhaber anderen eine Lizenz zur Auswertung einer Erfindung
erteilen kann, die für die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie
notwendig ist.
Bis die Industrie an der Verwendung der Atomenergie auf einer
breiteren Basis beteiligt werden kann, machen es Erwägungen der
Gerechtigkeit erforderlich, gewisse Maßnahmen zu treffen, daß die
begrenzte Anzahl von Firmen, die gegenwärtig als Kontraktoren der
Regierung Zugang zu derartigen Projekten haben, nicht ein PatentMonopol aufbauen können, durch das andere Firmen, die sich ebenfalls auf diesem Gebiet betätigen wollen, ausgeschlossen würden.
Ich hoffe, daß das Interesse an der Entwicklung der Atomkraft sich
in den nächsten fünf Jahren so ausweitet, daß derartige Maßnahmen
nicht mehr erforderlich werden.
Um den größtmöglichen Fortschritt in der friedlichen Verwendung
der Atomenergie innerhalb Amerikas zu fördern, bedarf es einer gewissen Anpassungsfähigkeit bei der Erteilung von Lizenzen und im

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im Hinblick auf die vom Kongreß erlassenen Kontrollbestimmungen.
Bis wir mit dieser neuen Industrie unsere Erfahrungen gesammelt
haben, wäre es unklug, durch Gesetz all die vielen Probleme, die
sicher auftreten werden, von vornherein zu regulieren. Genau
so wie das erste Atomenergiegesetz auf Grund seiner Bestimmungen
anerkannte, daß es in vieler Hinsicht nur ein Versuch sei, so
werden auch diese Zusatzanträge Änderungen und weiteren Ausarbeitungen in Zukunft unterworfen sein.
Das Schicksal aller Nationen in diesem Jahrhundert wird
stark von der Richtung und dem Tempo der Entwicklung auf dem
Gebiete der Atomenergie in den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern abhängen. Die vorstehend unterbreitete Revision des
Atomenergiegesetzes will einen Beitrag dazu leisten, daß sowohl
die von öffentlicher als auch von privater Seite getragene Entwicklung auf dem Gebiete der Atomenergie in den USA eine große
und wirksame Rolle dabei spielen kann, die Menschheit in eine neue
Ära des Fortschritts und Friedens zu führen."

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EINIGKEIT DER FREIEN WEIT»BESTE HOFFNUNG FÜR DIE ZUKUNFT

LOS ANGELES — (Amerika Dienst) — Die Notwendigkeit der europäischen Integration angesichts der nach wie vor bestehenden Drohung
aus dem Osten unterstrich der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium
Robert D. Murphy in einer am 10. März 1954
im Stadthaus von Los Angeles gehaltenen Rede,
die wir im Auszug wiedergeben:

Es ist etwas über ein Jahr her, daß Joseph Stalin starb.
Es war um es genau zu sagen, am 5. März. Sein Tod erfüllte
die Welt mit Hoffnungsträumen. Selbst der größte Pessimist
hatte ein wenig von dieser Hoffnung. Warum auch nicht? Für
einen vernünftigen Menschen sind die sowjetischen Ideen der
Weltbeherrschung ja Unsinn. Moskau sollte einsehen, daß es
allen Grund hat, zu versuchen, mit der übrigen Welt auszukommen. Und Malenkow schien vernünftiger zu reden als sein
Vorgänger.
Die Situation ließ Hoffnungen keimen, nach denen viele
Menschen, besonders in Europa, gierig die Hände ausstreckten.
Die Russen taten natürlich nichts, aber man hätte immerhin
glauben können, daß sie nur auf den richtigen Augenblick für
eine versöhnliche Geste warteten.
Die Berliner Konferenz ließ diese bescheidenen Hoffnungen
zunichte werden. Sie gab der Welt ein genaues Bild der sowjetischen Ziele für die Zeit nach Stalins Tod. Die Katze läßt
das Mausen nicht. Herr Molotow hat es deutlich klargemacht.
Mag sie auch in den sanftesten Tönen flöten, sie hat einen
räuberischen Appetit. Wir haben jetzt Grund genug zu der Annahme, daß die Rückkehr zur Gruppenherrschaft anstelle des
Einmann-Regimes im Kreml die Grundlinie der (sowjetischen)
Politik nicht geändert hat und daß die UdSSR nicht daran denkt,
auch nur einen Fußbreit Boden freizugeben.
Mit bemerkenswerter Offenheit bemühte sich Molotow die
westliche Welt zu entzweien. Vom Anfang bis zum Ende der Konferenz war er auf der Suche nach schwachen Stellen unserer
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unserer Einigkeit. Beständig und hartnäckig war er bestrebt, aus
eventuellen Differenzen Kapital zu schlagen. Die USA waren natürlich sein Hauptangriffsziel. Es war ein ziemlich sarkastisches
Kompliment, daß er keinen Versuch unternahm, uns zu besänftigen.
Wir waren der Feind. Er versuchte, Frankreich und Großbritannien
in einen europäischen Block zu ziehen, der die USA ausschließen
würde. Dies mißlang ihm. Frankreich und Großbritannien standen
fest. Nach der Konferenz waren die Westmächte sogar noch fester
zusammengeschlossen. Wie Außenminister Dulles berichtete, war
die Einigkeit unter den Westmächten bei Beendigung der Konferenz
gefestigter als vor ihrem Beginn.
Das ist von besonderer Wichtigkeit. Die Geschlossenheit der
Atlantikmächte ist und bleibt ein Bollwerk der freien Welt in
ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Freiheit.
Warum?
Nun, betrachten Sie die Landkarte. Schauen Sie über den
Atlantik. Dort sind die Nationen und die Menschen, aus deren Mitte
die meisten von uns kommen. Die Bindungen, durch Blut und Kultur,
sind stark. Wir haben die gleichen Ansichten über die Freiheiten
des Menschen.
Vielleicht ist das der Grund, daß wir uns manchmal nicht vertragen. Wir streiten uns wie die Mitglieder einer Familie. Wir
betrachten einander kritischer als wir Fremde betrachten würden.
Wir erwarten mehr voneinander.
Wir können es uns leisten, verschiedener Meinung zu sein, weil
unsere lebensideale im Grunde die gleichen sind. Im Angesicht von
Gefahren, die uns in der Vergangenheit gemeinsam bedrohten, wurden
wir gewahr, daß diese Ideale stärker sind als unsere vorübergehenden Meinungsverschiedenheiten. So ist es heute wieder.
Das ist jedoch nicht einmal die eigentliche Streitfrage.
Darin liegt auch keine Erklärung dafür, daß die Sowjets auf die
lostrennung Europas von Amerika solchen Wert legen.
Es ist eine Frage der Macht, des technischen Geschicks, der
industriellen Kapazität und der materiellen Reserven.
Das zweitgrößte Reservoir an Arbeitskräften besitzt Europa.
Eine der großen Schwächen der Sowjets ist ihr Mangel an Facharbeitern. Sie werden Jahre brauchen, bis sie genügend Techniker
ausgebildet haben, um sich mit der Atlantikgemeinschaft in der
Industrie zahlenmäßig messen zu können. Darum wirkt, obwohl Lenin
sagte, der Weg nach Paris führe über Peking, die Zitadelle Ruhr
auf sie wie ein Magnet.Molotow drückte es so aus: Deutschlands
Weg ist der Weg Europas.
Die Produktion ist in den sowjetischen Gebieten gestiegen,
aber nicht schnell genug für die Ziele und Zwecke der Sowjets.
Der letzte Bericht des Amtes für Auslpndshilfe vom 30. Juni 1953
illustriert diesen Punkt mit Statistiken über Kohle und Stahl, die
Grundlagen der Industriewirtschaft.
Die

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Die Stahlproduktion der USA und ihrer europäischen Verbündeten ist mehr als dreimal größer als die des Sowjetblocks
einschließlich China, das nur sehr wenig produziert. In der Kohlenförderung ist das Verhältnis zwei zu eins.
Die Sowjets wenden sicherlich einen großen Teil ihrer Produktion für Rüstung auf. Aber auch das ist eine Schwäche. Es
ist eine Schwäche, die sogar von Malenkow erkannt wurde, als er
kürzlich eine Steigerung der Verbrauchsgütererzeugung in Aussicht
stellte. Ein Versprechen, das er einhalten muß, wenn er der wachsenden Unruhe Herr werden will. Wenn er es nicht tut - nun, so
wird er sich einem anderen Problem gegenübersehen. Selbst totalitäre Staaten müssen dem Volk gewisse Konzessionen machen. Der
Kommunismus hat den Arbeitern ein Paradies versprochen. Dieses
Paradies ist lange überfällig.
Die Sowjets erkennen das hohe Niveau der Arbeitskräfte und
der industriellen Einrichtungen Europas. Sie haben den festen
Willen, diese Qualifikation ihrer Stärke hinzuzufügen.
Die Rohstoffquellen Europas sind ein anderer Anziehungspunkt.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund für die westliche Zusammenarbeit, den ich berühren möchte. Wir Amerikaner haben die
Findigkeit und die Tüchtigkeit nicht gepachtet. In der Krisis,
in der wir uns befinden, brauchen wir die Hirne und Hände unserer
Brüder jenseits des Atlantik. Die USA haben die Atombombe nicht
aus eigener Kraft allein hergestellt. In Wahrheit ist sie das
Resultat der gemeinsamen Bemühung vieler Menschen aus vielen
Nationen. Einstein, dessen G-eist den Plan geschaffen hat, ist
nach Herkunft und Erziehung Deutscher, wem er auch amerikanischer
Staatsbürger wurde. Da war der Italiener Fermi, der Engländer
Chadwick, der Däne Bohr, der Ungar Szilard und viele andere.
Alexander Sachs, ein anderer naturalisierter Amerikaner, brachte
auf Anforderung von Einstein, Szilard und Wigner die Idee als
erster nach Washington.
Die USA ihrerseits steuerten ihre technischen Qualitäten
ebenso wie ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten bei, damit die
Idee in die Tat umgesetzt werde. Von Anfang bis zum Ende war es
ein kooperatives Wagnis. Natürlich bin ich stolz auf die Rolle,
die mein Land bei diesem Projekt gespielt hat, und wenn wir es
nicht allein gemacht haben, so bin ich deswegen nicht weniger
stolz.
Präsident Eisenhower hat vorgeschlagen, daß die Nationen
der Welt - und zwar alle miteinander - in gemeinsamer Bemühung dieses Wunder unseres Zeitalters zum Segen des Menschengeschlechtes
anwenden mögen. Es macht mich glücklich zu wissen, daß dieser Vorschlag von einem Amerikaner kam, und es beeinträchtigt mein Glück
nicht im geringsten, wenn die Menschen in anderen Ländern ebenfalls von diesen Möglichkeiten profitieren.
Wir müssen erkennen, daß die Einheit der Atlantischen Gemeinschaft mehr ist als eine Sache des Gefühls. Sie ist heute
eine Lebensfrage. In unserer Einheit liegt unsere Stärke. Und

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17. März 1954

Und in dieser Stärke liegt die beste Hoffnung der Menschheit
für die Zukunft.
Die in Berlin bewiesene Einmütigkeit der westlichen Mächte
war nicht das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung. Mr. Dulles hat
Ihnen erzählt, daß keine Absprache all die Finten hätte vorausberechnen können, mit denen so ein alter Fuchs wie Molotow aufzuwarten hatte. Die Einigkeit, die sich hier zeigte, war die natürliche und spontane Reaktion von Menschen, die dieselben Ideale
haben, die denselben Ideen von menschlicher Freiheit und nationaler Integrität ergeben sind.
Molotow rannte gegen eine Mauer an, als er versuchte, die
Franzosen und die Briten zur Kapitulation vor dem Totalitarismus
zu bewegen, die Regierungen beider ebenso wie die amerikanische
Regierung wiesen ohne Zögern die russischen "Friedensvorschläge"
zurück.
Die EVG ist nach Meinung der Vereinigten Staaten ein wesentlicher Schritt zur Sicherung des freien Europas, und damit zu unserer Sicherheit. Präsident Eisenhower ist zutiefst davon überzeugt, daß Leben und Sicherheit Europas und damit der ganzen freien
Welt einschließlich der USA auf längere Dauer nicht gewährleistet
werden können, solange in Europa nicht eine Einheit besteht, die
Frankreich und Deutschland einschließt. Mit den Worten unseres
Außenministers; "Ehe nicht das Ziel der EVG erreicht ist, ist die
NATO und damit auch der zukünftige Frieden in Gefahr".
Wir forderten und fordern noch die EVG von unseren europäischen
Freunden, doch sie sind freie Nationen, und wir können sie nicht
zwingen. Unsere Vorstellung von Einheit läßt Zwang nicht zu. Sie
sind keine Satelliten. Wir alle sind gleichberechtigte Glieder
einer freien Allianz. Wir entscheiden uns frei, ob wir nun richtig
handeln oder falsch.
Europa hat in den letzten zehn Jahren bemerkenswerte Fortschritte in Richtung auf diese Einheit zu verzeichnen. Da ist zum
Beispiel die ECA, der Europarat, die Europäische Zahlungsunion und,
natürlich, die Montanunion, sie alle arbeiten heute.
Die Berliner Konferenz hat wahrscheinlich der Verteidigungsgemeinschaft genützt, indem sie klarwerden ließ, daß die Russen
nicht in der Lage waren, zum Besten des Friedens und der europäischen Sicherheit irgend einen anderen Vorschlag zu machen. Die
Demonstration der westlichen Solidarität in Berlin war ein solider
Fortschritt. Die Berliner Konferenz zeigte deutlich, daß die von
Moskau drohende Gefahr noch nicht abgewandt ist. Das letzte Ziel
der Russen ist nach wie vor die Zerstörung und die Eroberung der
freien Welt. Dieses Ziel wird sicherlich so lange herrschen, bis
das russische Volk einmal seinem Willen freien Ausdruck verleihen
kann, bis der sowjetische Totalitarismus den Weg aller Diktaturen
gegangen sein wird und der Geschichte angehört.
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E N S T

FRANKREICH KÄMPFT FÜR DIE FREIHEIT IN INDOCHINA

LOS ANGELES — (Amerika Dienst) — Der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium Robert D. Murphy betonte am 10. März
1954 vor amerikanischen Geschäftsleuten, daß
die Anwesenheit Rotchinas auf der am 26. April
in Genf beginnenden politischen Koreakonferenz
in keiner Weise die Anerkennung des kommunistischen Regimes bedeute. In dieser Rede ging
Murphy auch auf die Möglichkeit ein, daß das
Indochina-Problem auf der Genfer Konferenz behandelt werde und gab der Hoffnung Ausdruck,
daß die Möglichkeit gegeben sei "den seit acht
Jahren andauernden blutigen und harten Krieg
zu beenden". Den Teil der Rede Murphys, der
sich mit der Lage in Indochina befaßt, geben
wir nachstehend in gekürzter Form wieder.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Indochina, ebenso wie
das übrige Asien, von einer Welle des Nationalismus überflutet. Dort, wie an anderer Stelle, zerbrach der Rahmen, den
die Kolonisation des 19. Jahrhunderts geschaffen hatte.
Guerilla-Streitkräfte traten unter dem Kommunistenführer
Ho Tschi-minh in den offenen Aufstand gegen das Kolonialregime. Es gelang ihnen, einen wichtigen Teil der nationalistischen Bewegung ebenfalls aufzuwiegeln und, bis zu einem gewissen Grade, sich selbst für viele Vietnamesen fälschlich
als die Kämpfer für die Unabhängigkeit hinzustellen.
In Anbetracht der höchst ungünstigen Lage des französischen Mutterlandes in der Nachkriegsperiode offenbarte die
Antwort der französischen Regierung auf die kommunistische
Herausforderung einen hohen Grad von Mut. Klarblickende französische Führer
anerkannten, daß es schließlich geboten sei,
den assoziierten Staaten die Unabhängigkeit zu gewähren.Schritt
für Schritt führte Frankreich die assoziierten Staaten Laos,
Vietnam und Kambodscha der Freiheit innerhalb der Französischen
Union entgegen. Laos besitzt jetzt einen Vertrag über seine

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"AMERIKA DIENST"

seine völlige Unabhängigkeit. Vietnam steht im Begriff, einen
solchen abzuschließen, und nun ist Kambodscha an der Reihe, in
naher Zukunft über einen Vertrag zu verhandeln.
In dem Krieg gegen die Kommunisten besitzen die Franzosen
die Unterstützung der kommunisten-feindlichen nationalistischen
Elemente und sind in der läge gewesen, in beträchtlichem Umfang
vietnamesische Truppen auszuheben und auszubilden. Für ein Frankreich, das bestrebt ist, seine wirtschaftliche Stärke zurückzugewinnen und seinen Anteil an den lasten zu übernehmen, welche
die europäische Sicherheit verlangt, ist es ein kostspieliger
und enttäuschender Kampf. Eine frühere Kolonie und Quelle des
Wohlstands zehrte und zehrt jetzt fühlbar an der Wirtschaftsund Menschenkraft Frankreichs. Und der Schaden ist gewaltig:
An Geld kommt er annähernd dem Betrag gleich, den Frankreich
als Marshallplan-Hilfe erhielt; die Verluste an Menschen sind
wesentlich höher als die amerikanischen in Korea. Besonders
schwer sind die Verluste beim Berufsoffizierkorps der französischen Armee, dessen zahlenmäßige Verluste sich jährlich auf
60 bis 70 Prozent des Bestandes der Abschlußklasse der Offiziersschule von St. Cyr. beliefen.
...Im übrigen setzen Frankreich und die Vietnamesen den Kampf
fort, und wir unterstützen den Navarre-Plan durch umfangreiche
Materiallieferungen. Der Plan, der nach seinem Schöpfer, dem französischen Befehlshaber in Indochina, benannt ist, verlangt zusätzliche Bataillone von Truppen aus dem Mutterland und umfangreiche Verstärkungen der Vietnam-Streitkräfte. Er stellt zugleich
eine kräftige Offensiv-Strategie in Aussicht, die auf die Vernichtung der Vietminh-Streitkräfte gerichtet ist.
Die militärische Lage der Streitkräfte der Französischen
Union ist, soweit es sich an diesem Punkte beurteilen läßt,
stark. Die von den Vietminh vor einigen Wochen erzielten Fortschritte waren zum größten Teil nur von geringer taktischer Bedeutung. Sie lieferten jedoch den kommunistischen Propagandamühlen Mahlgut, was ohne Zweifel ihr Zweck war.
Im Hintergrund der militärischen Auseinandersetzung in
Indochina werden zwei weitere Kämpfe ausgetragen, - ein politischer und ein psychologischer Kampf. Beiden kommt ebenso große
Bedeutung zu, wie dem heißen Krieg und auch in diesem Ringen
gehen die Wogen der Schlacht auf und nieder.
Daß die Unabhängigkeit der Nationalregierungen der Assoziierten Staaten immer mehr verwirklicht wird, hat erheblich dazu beigetragen, die von den kommunistischen Vietminh aufgestellte
Behauptung, sie träten für Freiheit und Unabhängigkeit ein, als
eine Lüge zur Tarnung ihrer wahren Absichten zu entlarven. Immer
mehr Vietnamesen sind zu der Einsicht gekommen, daß die nationalistischen Gruppen innerhalb der Streitkräfte der Französischen
Union für die Sache der Freiheit kämpfen. Infolgedessen konnten
wir beobachten, wie Entschlossenheit und Kampfwille, ohne die

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die kein Sieg zu erringen ist, an Stärke zunahmen. Mit psychologischen Mitteln kämpfen wir weiter gegen die Behauptung der
Kommunisten, die Franzosen und ihre amerikanischen Berater seien
Agenten des verhaßten Kolonialsystems und die anti-kommunistische
Regierung wäre nicht mehr als eine Marionette in der Hand der
Westmächte. Es gibt Gründe, die uns zu der Hoffnung berechtigen,
daß die Verträge über die Unabhängigkeit wesentlich dazu beitragen werden, den Schwindel der kommunistischen Beschuldigung
aufzudecken und außerdem das Prestige und die Stellung der
Nationalregierungen weiter zu stärken.
Die amerikanische Hilfe in diesem Kampf um die Freiheit
besteht in der Gewährung von materieller Unterstützung und der
Lieferung von leichten militärischen Ausrüstungsgegenständen,
beschränkt sich im übrigen aber auf beratende Funktionen, und
die Ermutigung der französischen und nationalen Kräfte Indochinas.

* * * * *

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D I E N S T

METHODEN DES INTERNATIONALEN KOMMUNISMUS

CARACAS — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen Auszüge aus einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vor dem politischen und juristischen
Ausschuß der zehnten pan-amerikanischen Konferenz in
Caracas (Venezuela) am 8. März 1954. In dieser Rede
forderte Dulles die amerikanischen Staaten zu gemeinsamem Handeln gegen kommunistische Infiltrationsversuche in der westlichen Hemisphäre auf.

Der internationale Kommunismus ist jene weitreichende
unterirdische politische Organisation, die von den Führern
der kommunistischen Partei der Sowjetunion gelenkt wird.
Seit 1939 hat er 15 einst unabhängige Nationen in den Zustand
tiefster Knechtschaft versetzt. Er verfügt in praktisch jedem
Land der Welt über einen Kader von Agenten. Im ganzen gesehen
stellt er weder eine Theorie noch eine Doktrin, sondern eine
aggressive, brutale politische Macht dar, hinter der große
Hilfsquellen stehen und die dem ruchlosesten Imperium der
modernen Geschichte dient.
Die meisten der Führer der sowjetischen kommunistischen
Partei treten vor den Augen der Welt als verantwortliche Beamte
der sowjetischen Regierung auf. In dieser Eigenschaft bahnen
sie über die traditionellen Institutionen der Diplomatie Beziehungen mit anderen Regierungen an. Gleichzeitig aber lenken
und kontrollieren sie die vorerwähnte unterirdische politische
Organisation.
Bis zum zweiten Weltkrieg wurde Moskaus Kontrolle über
diese Organisation ganz öffentlich durch das zentrale Hauptquartier der kommunistischen Internationale, die sogenannte
'Komintern* durchgeführt, der sämtliche kommunistische Parteien
angehörten und die ihren Sitz in Moskau hatte. Während des
Krieges wurde die Komintern offiziell aufgelöst. Seither wird
die Kontrolle über die kommunistischen Parteien im Ausland
geheim und informell durch die Führer Moskaus aufrechterhalten,
in den meisten Fällen nicht weniger wirksam als zuvor.
Als

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17. März 1954

Als Beweis dieser Tatsache bedarf es nicht der Erforschung
der genauen Kanäle, durch die diese Kontrolle erfolgt, obwohl
einige davon tatsächlich bekannt sind. Wenn man die sowjetische
Propaganda mit der politischen Haltung vergleicht, die von den
einzelnen kommunistischen Beamten und Agenten in aller Welt
eingenommen wird, und zwar nach den Gesichtspunkten von Substanz und Zeit, dann wird es jenseits allen Zweifels klar,
daß man es hier mit der streng disziplinierten Hierarchie einer
Organisation zu tun hat, die den widerspruchslosen Gehorsam ihrer Mitglieder fordert.
Die disziplinarischen Vorschriften schließen ein unerschütterliches Beharren auf dem Standpunkt ein, daß die Loyalität gegenüber der Bewegung - die in der Praxis gleichbedeutend ist mit
der Loyalität gegenüber den Führern der kommunistischen Partei
der Sowjetunion - über jede andere Verpflichtung, einschließlich der Liebe zum Vaterland, der Sorge um die Familie und der
persönlichen Ehre, zu setzen ist.
Diese Folgerungen sind keine Spekulationen; es sind feststehende Tatsachen, die allen gut bekannt sind, die sich ernsthaft mit dem Studium des kommunistischen Apparates befaßt haben.
Die Tatsache, daß diese Organisation besteht, bedeutet nicht,
daß alle Mitglieder aller kommunistischen Parteien in allen Ländern sich ihrer Existenz und ihrer eigenen Beziehung zu ihr bewußt sind. Nur ein kleiner Teil der kommunistischen Parteimitglieder hat Einblick in alle Einzelheiten über die wahre Natur dieser
Bewegung, der sie angehören sowie in die wirklichen Hintergründe
ihrer Macht. Die meisten nationalen kommunistischen Parteien geben sich nach .außen hin den Anschein normaler patriotischer politischer Parteien, indem sie vorgeben, die politischen Impulse
ihres Landes zu reflektieren und
sich von patriotischen
Elementen leiten zu lassen.
Tatsächlich jedoch stellt jede dieser Parteien eine Verschwörung innerhalb einer Verschwörung dar. Die kleinen Parteimitläufer werden, indem sie dem Zweck dienen, andere hinters Licht zu
führen, selbst im weitesten Maße hinters Licht geführt. Die führenden Männer weihen diese Mitläufer weder in die wahre Natur
ihrer eigenen Pflichten vollkommen ein, noch in die Hintergründe ihrer eigenen Macht und Geldmittel.
Das Ziel, für das diese Organisation aufrechterhalten und
gelenkt wird, ist es, als Instrument zur Förderung der weltweiten politischen Pläne der dominierenden Gruppe der Führer Moskaus
zu agieren.
... Wenn wir nun betrachten,was der internationale Kommunismus
dem einzelnen Menschen angetan hat, so müssen wir feststellen,
daß er ihm ebenfalls jedes Gefühl für Würde und Achtung geraubt
hat. Die professionellen Propagandisten des Kommunismus sprechen
mit glatter Zunge von erhabenen Zielen und hohen Idealen. Das ist
ein Teil der üblichen und betrügerischen Anreizversuche der kommunistischen Internationale und eines der bedeutendsten Mittel,mit
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mit denen die Unzufriedenen dazu gebracht werden, falschen Führern zu folgen. Aber von dem Augenblick an, wo der internationale
Kommunismus sein Ziel erreicht und die Menschen der sogenannten
"Diktatur des Proletariats" unterworfen hat, hört das Wohl des
Volkes auf, ein besonderes Anliegen zu sein.
Der Kommunismus war in seinen theoretischen Anfängen dazu
bestimmt,den Arbeitern zu dienen und ihnen zwar nicht geistigseelische Werte - der Kommunismus ist atheistisch - wenigstens
aber materiellen Wohlstand zu bringen. Es ist schon der Mühe wert,
sich vor Augen zu führen, was diesen begünstigten Gruppen in den
vom Kommunismus regierten Ländern widerfahren ist.
In diesen Ländern wurden die Arbeiter praktisch zu Sklaven
herabgewürdigt - und Millionen von ihnen sind es buchstäblich.
Aufschlußreiches Tatsachenmaterial darüber gibt der Bericht der
Vereinten Nationen über die Zwangsarbeit, der der letzten UNGeneral-Versammlung
in ihrer letzten Sitzung vorgelegt worden
war und dessen Verfasser drei hervorragende, voneinander unabhängige Persönlichkeiten aus Indien, Norwegen und Peru waren. Dem
Bericht ist zu entnehmen, daß die UdSSR und ihre Satelliten sich
in weitgehendem Maße der Zwangsarbeit bedienen. Dem gehen frühere
Beweise voraus, aus denen hervorgeht, daß gewöhnlich annähernd
15 Millionen Menschen die sowjetischen Zwangsarbeitslager füllen.
Der Bericht über die Zwangsarbeitslager nennt die sowjetische Methode der Ausbildung und des Einsatzes dieser Arbeitskräfte "ein System erzwungener oder obligatorischer Arbeit".
Der sowjetische Arbeiter ist der am stärksten unterbezahlte
und am meisten ausgebeutete Mensch aller modernen Industriestaaten. Er ist der am meisten herumdirigierte, am stärksten beaufsichtigte, bespitzelte und rechtloseste Arbeiter der heutigen Welt.
Er hat keinerlei Bewegungsfreiheit, denn es ist ihm nicht gestattet ,seinen Arbeitsplatz für einen anderen aufzugeben. Er ist
durch das Arbeitsbuch an seinen Posten gebunden. Mit Ausnahme
jener wenigen, durch Massenprivilegien, Begünstigten, gestattet
ihm sein Lohn nur eine erbärmliche Existenz. Heute, 37 Jahre nach
Ausbruch der Oktoberrevolution, haben in der UdSSR Unruhe und
Unzufriedenheit einen so hohen Stand erreicht, daß die Herrscher
im Kreml sie nicht mehr länger ignorieren können und Abhilfe versprechen müssen.
Die Lage in den sowjetischen Satellitenstaaten ist noch schlimmer als in Rußland selbst. Die unterworfenen Völker wurden in
ihrem Lebensstandard seit sie ihre Freiheit verloren haben scharf
beschnitten und noch größeres Ausbeutertum als in Rußland ist
dort vorherrschend. Der Aufstand der Arbeiter in der Ostzone
Deutschlands deckte mit einem Schlage auf, wie verzweifelt diese
Menschen sind, daß selbst Jugendliche es wagten, nur mit Steinen
bewaffnet gegen Sowjetpanzer anzugehen.
Als ich im letzten Monat im Ostsektor Berlins war, kam der sowjetische Außenminister auf diesen Aufstand zu sprechen und sagte,
daß Maßnahmen getroffen worden sind, derartiges in Zukunft zu verhindern. Sicher, es ist derartiges mehr geschehen. Ich sah solche
Maßnahmen. Sie bestanden in Tausenden und aber Tausenden von mit
Maschinengewehren und Tanks schwerbewaffneten Soldaten.
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�A M E R I K A

E N S T

STÄRKE DER FREIEN VÖLKER
Von John Poster Dulles

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir wesentliche Auszüge aus einem
im Original 5 500 Worte umfassenden Artikel
über die US-Außenpolitik, den der amerikanische Außenminister John Foster Dulles für die
Aprilnummer der bekannten politischen Monatsschrift "Foreign Affairs" geschrieben hat.

Die uns drohende Gefahr ist nicht solcher Art, daß man ihr
mit Notmaßnahmen allein wirksam begegnen könnte. Es ist eine
Gefahr, die lange Zeit bestehen bleiben kann. Wir müssen unser
Handeln danach richten.
Die sowjetische Bedrohung spiegelt nicht die ehrgeizigen
Pläne eines einzigen Herrschers wider und ihre Größe kann
nicht an dessen Lebenserwartung gemessen werden. Es gibt
keinen Beweis, daß die Politik der Sowjets seit dem Tode Stalins fundamentale Wandlungen erfahren hat, und in der Tat
stellte die Berliner Konferenz vom Februar einen positiven Beweis für das Gegenteil dar.
Die Aktiva,die hinter dieser Bedrohung stehen, sind gewaltig. Der Block der von Kommunisten beherrschten Länder - eine
neue Form imperialistischer Kolonialherrschaft - stellt eine
riesige, zusammenhängende Landfläche mit einer 800 Millionen
zählenden Bevölkerung dar. Ungefähr 10 Millionen Männer stehen
in den aktiven Truppenteilen unter Waffen und dazu kommen weiter viele Millionen ausgebildete Reservisten. Die strategisch zentrale Position dieser Landstreitkräfte ermöglicht
einen Angriff auf jedes von etwa 20 Ländern entlang einer
Linie von über 30 000 Kilometern. Ergänzt werden diese Bodentruppen durch immer stärker werdende Luftstreitkräfte, die
mit Atomwaffen ausgerüstet sind, und deren Aktionsradius, bis
über die nördlichen Gebiete der Arktis hinausgehend, unsere
Industrie-Zentren in die Gefahr eines plötzlichen Angriffs
bringt.

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Die Bedrohung ist nicht nur militärischer Art. Die sowjetischen Machthaber verfügen in der ganzen Welt über den ParteiApparat des internationalen Kommunismus. Er wird mit ausgebildeten Agitatoren und einer machtvollen Propaganda-Organisation
unterhalten. Er nützt jede Art der Unzufriedenheit aus, gleichgültig ob es sich um politische Unzufriedenheit über das "Kolonialsystem" oder um soziale Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Bedingungen handelt. Er versucht, die bestehende Ordnung
durcheinander zu bringen und den Weg für politische Coups zu
ebnen, durch die von Kommunisten geführten Gruppen zur Macht
verholfen werden soll.
Mit den verschiedensten Manövern und Drohungen, militärischer
und politischer Art, versuchen die sowjetischen Machthaber, die
freie Welt zu spalten und zu schwächen. Weiterhin versuchen sie,
die politischen Maßnahmen der freien Nationen als gescheitert
erscheinen zu lassen, indem sie diese zu starken Belastungen aussetzen, die - wie Lenin es ausdrückt - "über ihre Kraft" gehen.
"Dann", sagte Lenin, "ist unser Sieg gewiß". "Dann", sagte Stalin, "ist der Augenblick für den entscheidenden Schlag gekommen".
Es ist nicht leicht, politische Maßnahmen zu finden, mit denen dieser so starken und ungeheuren, so vielseitigen und anhaltenden Gefahr begegnet werden kann. Die Lösung liegt nicht darin,
daß man den Schein der Preiheitsfackel durch den Glanz des Stahls
ersetzt.
Gemeinsame Verteidigung
Der Eckpfeiler der Sicherheit für die freien Nationen muß
ein kollektives Verteidigungssystem sein. Es ist ganz klar, daß
sie einzeln keine Sicherheit erzielen können. Keine einzelne
Nation kann für sich selbst eine Verteidigungsmacht von ausreichendem Umfang und ausreichender Beweglichkeit aufbauen. Ein solcher Versuch würde - ohne die notwendige Sicherheit zu geben jede Nation zum Garnison-Staat werden lassen.
Dies trifft für die Vereinigten Staaten zu, ohne die Unterstützung der Alliierten würden wir sogar nicht in der Lage sein,
eine wirkungsvolle Vergeltung gegen die Rüstungsindustrie einer
angreifenden Nation durchzuführen. Dazu bedarf es der internationalen Zusammenarbeit. Ohne sie verliert unsere Luftstreitmacht viel
von ihrer Schlagkraft; mit ihr wird die strategische Luftmacht
das, was Sir Winston Churchill "das größte Abschreckmittel"
nennt. Ihm schrieb er die Sicherheit Europas während der letzten
Jahre zu. Solche Macht stellt zwar jetzt einen ausschlaggebenden
Faktor dar, aber es könnte sein, daß ihr die gleiche Bedeutung
nicht für alle Zeiten zukommt. Außerdem sind massiv geführte
Vergeltungsmaßnahmen mit Atom- und Wasserstoffbomben nicht Machtmittel solcher Art, die unter allen Umständen am wirkungsvollsten
angewandt werden können.
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Die Sicherheit der freien Welt hängt demnach eher von
dem weiteren Ausbau der gemeinsamen Sicherheit und der gemeinsamen Streitkräfte ab als von dem Kräftepdtential einzelner Nationen. Jede Nation, die an dieser Sicherheit teilhat, sollte
daher je nach ihren Kräften und Möglichkeiten das Ihre dazu beitragen. Der inter-amerikanische Beistandspakt (Riopakt) von
1947 war das erste Nachkriegsbeispiel eines Paktsystems, nach
dem jeder bewaffnete Angriff gegen eines der Mitglieder als
Angriff gegen alle angesehen wird. Der Nordatlantikpakt ist
auf denselben Grundsätzen aufgebaut. Die an diesem Vertrag Beteiligten sind sogar viel weiter gegangen, indem sie im Rahmen
eines integrierten Sicherheitssystems gemeinsame Streitkräfte
aufgestellt und allen zur Verfügung stehende Verteidigungsmöglichkeiten geschaffen haben. Die NATU erstellt bedeutende Luftund Marinestützpunkte, zu deren Ausbau alle Mitgliedstaaten jeder nach seinen Mitteln und Möglichkeiten, - Beiträge leisten
könne. Die Nordatlantik-Gemeinschaft liefert außerdem die Plugzeuge, Schiffe und Waffen, die von diesen Stützpunkten aus ein- '
gesetzt werden können. Sie schafft viele Positionen, von denen
aus ein Angreifer auf die verschiedenste Art und Weise bedrängt
werden kann, so daß er es aus Gründen der Klugheit kaum wagen
dürfte, seine Kräfte auf ein einzelnes Opfer seines Angriffs
zu konzentrieren.
Während in der Nordatlantikpakt-Gemeinschaft das Konzept
der kollektiven Sicherheit bereits verwirklicht ist, ist es in
anderen Gebieten erst im Stadium der Entwicklung begriffen, zur
Zeit noch in einer etwas rudimentären Form. Ein Beispiel dafür
ist der westliche Pazifik, wo die Vereinigten Staaten eine Reihe
von Verträgen zur kollektiven Sicherheit abgeschlossen haben,
die nunmehr Australien, Neuseeland, die Philippinen, Japan und
Korea einschließen. Eine andere Verteidigungsgemeinschaft gruppiert sich zur Zeit im Mittleren Osten um den Kern Türkei-Pakistan. Diese Entwicklungen zeigen, daß dieses Konzept der
kollektiven Sicherheit immer mehr Anhänger gewinnt.
Die Vereinten Nationen sind bestrebt, der kollektiven Sicherheit eine Basis zu geben, die mehr umfaßt als einzelne Gebiete. Schöpfer der Idee des gemeinsamen Handelns waren die
Vereinten Nationen, und mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder
haben sich diesem Prinzip angeschlossen, darunter die 16 Staaten,
die bewaffnete Streitkräfte nach Korea entsandten, um die Aggression abzuwehren. Die Resolution über die "Vereinigung für den
Frieden", die im November 1950 von der Generalversammlung akzeptiert wurde, war ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Diese Resolution ermöglicht es den Mitgliedern der Vereinten Nationen,
gegen zukünftige Aggressionen ähnliche gemeinsame Maßnahmen zu
treffen, ohne von dem Veto der Sowjetunion daran gehindert zu
werden.
Das von der freien Welt errichtete Stützpunkt-System gehört
zu den Maßnahmen für die kollektive Sicherheit. Herr Molotow hat
diese Stützpunkte während der Berliner Vier-Mächte-Konferenz wiederholt als Beweis für Aggressionsabsichten angegriffen. Tat-

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Tatsächlich verkörpern diese Stützpunkte auf Territorien anderer
souveräner Länder nichts anderes als einen Teil des kollektiven
Sicherheitssystems. Sie wurden nur auf Ansuchen dieser Länder
hin errichtet und von ihnen hängt es ah, wann und wie sie benützt werden dürfen. Die Zustimmung zur Benützung würde niemals
gegeben werden, solange dies nicht in Antwort auf eine offene
Aggression geschähe und durch die Art und Reichweite dieses
Angriffs zu rechtfertigen wäre. Dadurch wird die Punktion dieser
Basen als gemeinsame Aktionspunkte gewährleistet.
Die Strategie der Verhinderung eines Angriffs
Es bleibt die Frage: Wie soll die freie Welt ihre Verteidigung aufbauen, um mit minimalem Kosteneinsatz ein Maximum an
Sicherheit zu erzielen? Der Kern des Problems liegt jetzt darin,
den Angriff zu verhindern. Dazu ist es unserer Meinung nach nötig, daß wir einer angreifenden Macht keinen Zweifel darüber
lassen, daß die Verluste, die sie durch den Angriff erleiden
würde, eventuelle Gewinne überwiegen würden.
Wenn die freie Welt versuchen würde, den starken Verbänden
der kommunistischen Streitkräfte an jedem Punkt, an dem sie angreifen, Verbände von gleicher Truppen- und Materialstärke entgegenzusetzen, würde dies selbst mit Hilfe kollektiver Maßnahmen nicht gewährleistet sein. Dem sowjetisch-chinesischen Block
mangelt es nicht an Truppen und er verschwendet sein Menschenmaterial wie billige Ware. Wenn ein Angreifer sicher wäre, daß
er die Kampfbedingungen vorschreiben und uns in Kämpfe verwickeln könnte, bei denen es hauptsächlich auf die Truppenzahl
ankommt, könnte dies zu einer Aggression ermutigen. Er könnte
versucht sein, uns mit solchen Mitteln und an solchen Stellen
anzugreifen, wo seine überlegene Truppenstärke den Gang der
Kampfhandlung entscheiden und wo er uns mit geringen Kosten große
Lasten auferlegen könnte. Wenn sich die freie Welt diese Strategie aufdrängen ließe, führte sie sich selbst zum Bankrott
und würde lange Zeit keine Sicherheit erlangen können.
Die freie Welt muß zu ihrer Verteidigung eine bessere Taktik ausarbeiten, die sich auf die Mittel stützt, in denen sie
sich überlegen weiß. Die Stärke der freien Welt liegt hauptsächlich bei den Luft- und Seestreitkräften, bei den Atomwaffen, die
jetzt auf vielerlei Gebieten eingesetzt werden können,und nicht
mehr allein bei der Bombardierung strategisch wichtiger Punkte,
sondern auch in der Gefechtshandlung eine bedeutende Rolle spielen. Die freie Welt muß neue Einsatzmöglichkeiten für die abschreckenden Eigenschaften dieser Waffen finden und das Kräftepdential der kollektiven Sicherheit voll ausnützen. Richtig
eingesetzt könnte sie eine starke Verteidigung aufbauen, die
imstande ist, sofort und wirksam jede Aggression zu vergelten.
Im Hinblick auf die Verhinderung eines Angriffs ist es wichtig, daß man die Beweglichkeit und die strategischen Möglichkeiten besitzt, die verschiedene Abwehraktionen gewährleisten. In
vielen Fällen würde ein offener kommunistischer Angriff einen
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einen allgemeinen Krieg auslösen. Aber die freie Welt muß die
Mittel besitzen, um Ort und Zeit ihrer Gegenmaßnahmen selbst
zu bestimmen. Sie darf sich nicht in eine Lage drängen lassen,
in der es keine andere Antwort mehr gibt als den allgemeinen
Krieg. Wesent ich ist dabei, daß sich eine angreifende Macht im
vorhinein darüber im klaren ist, daß sie durch einen Angriff
mehr einbüßen würde als sie möglicherweise damit gewinnen könnte.
Das aber erfordert den Aufbau eines Verteidigungssystems, in dem
die örtliche Verteidigung jederzeit durch beweglichere, abschrekkende Einsatzkräfte verstärkt werden kann. Wie dieses System
im einzelnen auszusehen hat, hängt von der Beschaffenheit der
verschiedenen Gebete ab.
Manche Gebiete sind so lebenswichtig, daß ein besonderer
Schutzwall um sie herum gebildet werden sollte und gebildet werden
kann. Westeuropa ist ein solches Gebiet. Seine Industrieanlagen
sind von so großer Bedeutung für das wirtschaftliche Gleichgewicht in der Welt, daß ein Angreifer zu der Ansicht gelangen
könnte, es sei ein kluger Schachzug sich seiner zu bemächtigen sogar auf die Gefahr hin, sich selbst dabei erhebliche Verletzungen zuzuziehen. In dieser Hinsicht ist Westeuropa einzigartig.
Glücklicherweise haben die westeuropäischen Länder sowohl eine
militärische Trad tion als auch ein großes Militärpotential, so
daß sie durch eine europäische Verteidigungsgemeinschaft und mit
Unterstützung der Vereinigten Staaten und Großbritanniens eine
ausreichende Verteidigung des Kontinents schaffen können.
Die meisten Gebiete innerhalb der Reichweite eines Aggressors
bieten ihm weniger als der Verlust beträgt, den er durch wohldurchdachte Vergeltungsmaßnahmen erleiden würde. Jedoch selbst
in solchen Gebieten wird die lokale Verteidigung stets wichtig
sein. In jedem gefährdeten Gebiet sollten geeignete Abwehrkräfte
zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei Umsturzgefahr und zur Abwehr anderer Formen indirekter Aggression und unerheblicher
Aggression von selten der Sa ellitenstaaten vorhanden sein.
Diese Abwehrkräfte sind notwendig; sie bekunden den Willen zum
Widerstand und zwingen jeden Angreifer seine wahre Absicht durch
einen Kampf zu erkennen zu geben, der ihn vor der ganzen Welt
brar.c markt und sofortige kollektive Maßnahmen auslöst- Etwaige
Aggressoren haben wenig Respekt vor Volkern, die nicht gewillt
sind, für ihre eigene Sicherheit zu kämpfen oder die Opfer zu
bringen, die notwendig sind um diesem Kampf Bedeutung zu verleihen. Sie wissen ebQnso, daß solche Völker keine Verbündeten
finden, die für ihre Sache zu kämpfen bereit sind. Aus all diesen
Gründen ist die lokale Verteidigung w'chtig. In solchen Gebieten
muß jedoch das Schwergewicht auf der Macht der freien Gemeinschaft
liegen, die mit starker Kraft Vergeltung üben ka n und zwar mit
den Mitteln und auf den Schauplätzen, die sie bestimmt.
Ein

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Ein etwaiger Aggressor wird zögern»eine Aggression zu
starten, wenn er im voraus weiß, daß er hierbei nicht nur die
Kräfte aufs Spiel setzt, die er in seinem Angriff einsetzen
will, sondern auch seine übrigen Machtmittel ihres "geheiligten" Status' beraubt. Das bedeutet nicht, daß jeder lokale
Krieg einen Weltkrieg entfesselt. Es bedeutet auch nicht, daß
im Falle eines kommunistischen Angriffs auf irgendein Gebiet
in Asien notwendigerweise Atom- oder Wasserstoffbomben auf
die großen Industriezentren Chinas oder Rußlands geworfen
werden. Es bedeutet vielmehr, daß die freie Welt die kollektiven Mittel aufrechterhalten und gewillt sein muß, sie so
wirksam zur Anwendung zu bringen, daß eine Aggression hierdurch zu gewagt und kostspielig wird um verlockend zu erscheinen.
Es wird manchmal behauptet, daß dieses System unzulänglich
sei, da es einem besetzten Land lediglich garantiert, daß es
schließlich befreit und der Eindringling bestraft wird. Diese
Ansicht trifft nicht den Kernpunkt. Es ist vielmehr so, daß
ein etwaiger Angreifer höchstwahrscheinlich keinen Überfall
wagen wird, wenn er glaubt, daß der mögliche Verlust und der
zu erwartende Gewinn einander die Waage halten. Ein System,
das die etwaigen Aggressoren zwingt, sich diese Tatsache vor
Augen zu führen, bildet die unerläßliche Ergänzung eines
lokalen Verteidigungssystems.
Praktische Anwendungen
Die ersten Anzeichen der Nutzanwendung dieser Politik
lassen sich bereits beobachten.
In Korea waren die gegen die Aggression eingesetzten
Streitkräfte so stark eingeengt, daß es ihnen sogar verboten
war, feindliche Plugzeuge, die jenseits des Yalu-Plusses
stationiert waren, zu.verfolgen. Die Plugplätze, von denen
aus die Angriffe gestartet wurden, waren tabu, ebenso die
Nachschublinien uhd -lager. Die Kampfhandlungen wurden dort
schließlich im Juli vergangenen Jahres unter Bedingungen abgebrochen, die bereits viele Monate vorher vorgeschlagen worden waren. Dieses Ergebnis wurde, zumindest teilweise, erzielt,
da sich der Angreifer, dem territoriale Gewinne bereits verweigert worden waren, vor die Möglichkeit gestellt sah, daß
die Kämpfe, sehr zu seiner eigenen Gefahr, sich bald über die
von ihm festgelegten Grenzen und Methoden hinaus in Gebieten
und unter Bedingungen abspielen könnten, die wir selbst bestimmen würden. Mit anderen Worten, das Prinzip der Anwendung
von Methoden unserer eigenen Wahl stand nahe vor seiner Verwirklichung, und es half den Krieg zu beenden, den der Gegner
begonnen und, gestützt auf die Theorie, daß es ein abgegrenzter
Krieg auf Schauplätzen und unter Voraussetzungen seiner eigenen
Wahl sei, geführt hatte.
Die 16 Mitglieder der Vereinten Nationen, die in Korea

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Korea kämpften, haben das gleiche Prinzip verfolgt. Sie haben
öffentlich bekannt gegeben, daß in dem Falle einer Verletzung
des Waffenstillstandes und einer Erneuerung der Aggression
durch die Kommunisten die Erwiderung des Kommandos der Vereinten Nationen sich nicht unbedingt auf Korea beschränken
werde. Wenn daher die Aggression wieder fortgesetzt würde,
hätte das UN-Kommando heute keinerlei Bedenken, dem Angreifer schwerste Vernichtungen auch außerhalb des Gebietes zuzufügen, das er gerade für seinen Angriff wählt. Das braucht
nicht die Ausbreitung des Atomkrieges über ganz Asien zu bedeuten. Man sollte nicht vorher bereits die genauen Absichten der militärischen Handlungen im Falle einer neuen Aggression bekannt geben. Dies ist eine Angelegenheit, über die
man den Aggressor besser im Unklaren lassen sollte. Aber er
kann und soll wissen, daß im Lichte der gegenwärtigen Politik
in einem solchen Falle nicht er, sondern wir bestimmen werden.
Bezüglich Indochina haben die Vereinigten Staaten öffentlich
erklärt, daß eine offene Aggression der rotchinesischen Armee
in diesem Gebiet "schwerwiegende Konsequenzen, die sich möglicherweise nicht auf Indochina beschränken", nach sich ziehen
würde.
Am 26.Dezember 1953 gab Präsident Eisenhower eine wichtige
Erklärung ab, die klar unsere gegenwärtige Politik in bezug auf
Asien reflektierte. Er kündigte einen progressiven Abzug amerikanischer Landstreitkräfte in Korea an. In seinen weiteren Ausführungen betonte er jedoch, daß die Militärstreitkräfte der
Vereinigten Staaten im Fernen Osten nunmehr "hochbewegliche
Marine-, Luft- und Amphibien-Einheiten" besitzen werden; und
er fügte hinzu, daß die Vereinigten Staaten auf diese Weise
trotz des Abzuges einiger Landstreitkräfte über eine Kapazität
verfügen werden, die jeder Aggression "sogar wirkungsvoller als
bisher" begegnen kann. Im gleichen Monat bekräftigten die Vereinigten Staaten abermals ihre Absicht, von dem uns durch den
japanischen Friedensvertrag zugestandenen Recht Gebrauch zu
machen und in Okinawa zu bleiben. Dieser Stützpunkt ist notwendig zur Sicherung wirkungsvoller Einsätze im Sinne der
Erfüllung der Konzeption der kollektiven Sicherheit.
In Europa kommen unsere Ziele vor allem im Nordatlantikpakt zum Ausdruck. Im Anschluß an die Aggression in Korea
vom Juni 1950 schritten die Mitglieder des Paktes zu einer
aus der Situation notwendig gewordenen Verstärkung der militärischen Kräfte in Westeuropa. Diese in der Zeit zwischen
1950 und 1953 ausgebaute militärische Stärke hat sich zur Erhaltung des Friedens gut bewährt. 1953 schien es nicht mehr
notwendig, diesen ursprünglich eingeschlagenen Weg weiter zu
verfolgen.
Auf der Sitzung des Nordatlantikrates im April 1953 setzten
die Vereinigten Staaten eine neue Konzeption fest, die heute als
das "Programm auf lange Sicht" bekannt ist. Es bedeutet eine
ständige Weiterentwicklung der defensiven Kraft, und zwar in

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in einem Ausmaß, das der wirtschaftlichen Kraft unserer
Alliierten ebenso wie unserer eigenen angemessen ist und sie
nicht übersteigt. Diese Entwicklung würde unterstützt durch
das Vorhandensein neuer Waffen mit ungeheuer gesteigerter
Zerstörungskraft sowie durch den wirkungsvollen Einsatz von
Luftstreitkräften von Stützpunkten aus, über die man sich
auf internationaler Basis einigt. Präsident Eisenhower sucht
nun durch einen Zusatz zu dem bestehenden Gesetz einen Weg zu
einem freieren Austausch der Atominformationen mit unseren
NATO-Verbündeten zu finden. Als wir zu den Sitzungen des
Nordatlantikrates vom vergangenen Dezember zurückkehrten,
konnten wir eine allgemeine Zustimmung zu dem "Programm auf
lange Sicht" feststellen. Das Ergebnis ist, daß die meisten
unserer NATO-Verbündeten nunmehr in der Lage sind, eine
Budget- und Wirtschafts-Stabilität zu erreichen, ohne in
stärkerem Umfang von unserer Wirtschaftshilfe abhängig zu
sein.
Das erstarkende Verteidigungssystem der freien Welt, gestützt auf gemeinsame Bemühungen und gekoppelt mit entsprechenden Richtlinien für ihren Einsatz, spiegelt die bisher
höchste Annäherung der Welt an das Ziel, eine wirkungsvolle
Verteidigung mit einem Minimum an Kosten zu erreichen.
Das gegenwärtige Militärprogramm
Eine der grundlegenden Aufgaben der neuen Regierung ist es
gewesen, unser militärisches Programm im Lichte der früheren
Politik zu überprüfen.
In den Jahren 1945-53 waren unsere militärischen Programme
starken Schwankungen unterworfen, welche eine ordnungsgemäße
und wirksame Verwaltung behinderten. Während de» ersten Abschnittes dieses Zeitraumes ging die Politik dahin, die Streitkräfte drastisch zu verringern. Während des späteren Teils
dieses Zeitraums lief die Politik darauf hinaus, die militärische Stärke rasch zu erhöhen. Sowohl während der Demobilisierung als auch während der Verstärkung spiegelte das Militärbudget den Gedanken des sogenannten "Gleichgewichts der Heeresteile" wider. Einfacher ausgedrückt, bedeutete das die Aufteilung der zur Verfügung stehenden Mittel in drei einigermaßen gleiche Teile für die Armee, die Flotte und die Luftstreitkräfte.
Als die Regierung Eisenhower die Amtsgeschäfte übernahm,
waren für die Durchführung unserer nationalen SicherheitsProgramme im In- und Ausland jährlich über 50 Milliarden Dollar
erforderlich, und für das folgende Jahr waren dafür rund
55 Milliarden Dollar veranschlagt. Es ergaben sich Fehlbeträge im Budget in Höhe von 10 Milliarden Dollar, obgleich
die Steuern denen der Kriegszeit vergleichbar waren. Inflationserscheinungen verringerten die Kaufkraft des Dollars. Unsere
Verbündeten wurden in ähnlicher Weise belastet.
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Das amerikanische Volk hat wiederholt bewiesen, daß es bereit
ist, jegliche Opfer zu bringen, die notwendig sind, um unsere nationale Sicherheit zu gewährleisten. Es würde zweifellos Militärausgaben in der'Höhe auf sich nehmen, die ihm seine Regierung
als unerläßlich für die Aufrechterhaltung seiner Sicherheit bezeichnen würde, und zwar selbst um den Preis von Fehlbeträgen
im Budget, von daraus sich ergebendem inflationistischem Druck
und Steuereätzen,, die den wirtschaftlichen Ansporn beeinträchtigen würden. Aber der patriotische Opferwille ist nicht etwas,
das man ohne Not in Anspruch nehmen soll. Die Regierung hat die
hohe Verpflichtung, unter Zuhilfenahme aller Mittel und ihrer
ganzen Erfindungsgabe nach Wegen zu suchen, die Sicherheit,ohne
gleichzeitige das wirtschaftliche und soziale Wohl gefährdende
Opfer,gewähren. Die Sicherheitspolitik., die wir hier beschreiben,
ermöglicht die Aufstellung von Programmen, die hinsichtlich der
Zusammensetzung der Streitkräfte und der Materialbeschaffung
größere und wirksamere Möglichkeiten bieten.
Die neue Regierung hat sich bemüht, auf ordnungsmäßigem
Wege" das Programm für die militärischen Streitkräfte den Bedürfnissen wieder anzupassen. Bevor dies geschehen konnte, war es
erforderlich, Klarheit darüber zu schaffen, in welchem Umfange
wir uns auf die kollektive Sicherheit verlassen können; war es
ferner notwendig, unsere grundlegende Strategie sowohl in Europa
als auch in Pernost eindeutiger zu definieren; unsere Aktionsfreiheit in bezug auf die Zurückweisung künftiger Aggressionshandlungen zu behaupten; die Wirkungsmöglichkeiten neuer Arten
von Waffen abzuschätzen; und schließlich die Zusammensetzung und
uüd den Umfang unserer sofort und künftig verfügbaren Streitkräfte in ein richtiges Verhältnis zu allen diesen Paktoren zu
bringen.
Das alles hat Zeit in Anspruch genommen. Es war eine Reihe
schwieriger grundlegender Entscheidungen von seiten des Präsidenten erforderlich unter Berücksichtigung der Empfehlungen des
Nationalen Sicherheitsrates und befürwortender Entscheidungen
des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des
Finanzministeriums. Es war notwendig gewesen, in einen Gedankenaustausch mit Führern des Kongresses und mit unseren Hauptverbündeten einzutreten und die Weltmeinung so zu unterrichten, daß
weder unsere Freunde noch unsere Gegner im Ausland unser Handeln
falsch auslegen konnten. Jetzt aber ist der neue Kurs festgelegt
und bildet die Richtschnur für unsere militärische Planung. Nunmehr erst ist es möglich, mit geringeren Ausgaben ein größeres
Maß an fundamentaler Sicherheit zu haben und zu geben. Dies fand
seine Bestätigung in dem Haushaltsplan, den der Präsident für
das Rechnungsjahr 19-55 unterbreitet hat. In diesem Plan betragen
die Ausgaben für die nationale Sicherheit für das Rechnungsjahr
1955 45 Milliarden Dollar gegenüber 50 Milliarden Dollar für
1953 und 49 Milliarden Dollar für 1954.
Anfangs

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"AiäERIKA LIEHST"

Anfangs wurde diese Neugestaltung des militärischen Programms in verschiedener Hinsicht falsch ausgelegt. So meinten
einige, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigten, sich vollkommen auf den strategischen Bombenkrieg großen Ausmaßes als
einziges Mittel zur Verhinderung und Abwehr einer Aggression
zu verlassen. Diese irrige Ansicht sollte durch das, was
bereits gesagt wurde, eindeutig widerlegt sein. Die Kräfte
für einen massiven Einsatz werden immer in einem Zustand
sofortiger Bereitschaft gehalten werden, und unser Programm
läßt eine weite Skala von Möglichkeiten hinsichtlich der
Mittel und des Umfanges offen, um einer Aggression zu begegnen.
Andere interpretierten das Programm als eine Abkehr vom System
der kollektiven Sicherheit. Das genaue Gegenteil ist, wie
bereits aufgezeigt, der Fall. Unsere Politik basiert weitgehend auf einem System der kollektiven Sicherheit und der
Erfolg hängt von ihrer Fortführung eb. Wieder andere fürchteten,
daß wir im Interesse einer größeren Beweglichkeit beabsichtigen,
unsere Truppen aus Übersee abzuziehen. Jetzt, nach Beendigung
der Kampfhandlungen in Korea, werden unsere Streitkräfte im
Fernen Osten, so wie wir es schon früher ankündigten, zahlenmäßig reduziert werden. Diejenigen Truppenkontingente jedoch,
die auch weiterhin dort bleiben werden, verfügen über eine
große Kampfkraft. Dieses Programm hat außerdem nicht den
Abzug unserer Streitkräfte in Europa zum Ziel. Es ist natürlich wichtig, daß auch die Nationen des Kontinents ihrerseits
eine harmonische Streitmacht im Rahmen eines gemeinsamen Verteidigungssystems aufstellen, wenn sie dies tun, dann kann man
auch von den Vereinigten Staaten erwarten, daß sie ihrerseits
beträchtliche Kräfte in Europa behalten werden, und zwar sowohl
in Unterstützung einer Strategie der vorgeschobenen Verteidigung
als auch aus politischen Gründen.
Eine andere Auswirkung unserer neuen Politik ist, daß wir
jetzt in der Lage sind, die Wirtschaft&amp;MMe an unsere Verbündeten herabzusetzen. Das Programm für technische Hilfe wird
fortgesetzt, und auch die Wirtschaftshilfe selbst wird nicht
vollkommen eingestellt werden. Es gibt immer noch einige Gebiete nahe der sowjetischen Machtsphäre, wo die Regierungen der
betreffenden Länder ohne unsere Hilfe nicht in der Lage sind,
ausreichende Streitkräfte zu unterhalten. Das trifft besonders
für den Mittleren und Fernen Osten zu. Wir haben weitgehend
bereitwillig und, wie ich hoffe, auch konstruktiv dazu beigetragen, die Aggression in Indochina aufzuhalten und die Freiheit zu sichern. Der Einsatz, um den es dort geht, ist so
groß, daß man sich schuldig machen würde, wenn man die Streitkräfte, die gegen die kommunistische Versklavung kämpfen, nicht
unterstützen würde. Allgemein gesprochen jedoch, ist die bisherige Wirtschaftshilfe in Form nichtrückzahlbarer Darlehen im
Begriff, als Hauptbestandteil unserer Außenpolitik zu verschwinden. Dies ist in vielerlei Hinsicht wünschenswert, denn dadurch
ist es uns möglich,unser eigenes Budget besser zu handhaben und
eine internationale Zusammenarbeit des gegenseitigen Respekts
zu schaffen.
v&gt;aa

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Das ist es, was unsere Verbündeten wollen. Handel, größere
Märkte und ein Strom von Investitionskapital sind weitaus gesünder als Leihabkommen zwischen den Regierungen. Es ist natürlich wichtig, daß wir auch wirklich den für alle Teile vorteilhafteren Ersatz für die bisherige "Hilfe" schaffen. Dies zu
erreichen ist eines der Hauptziele der Regierung Eisenhower
und ein wesentlicher Bestandteil der bereits beschriebenen Gesamtpolitik.
Unser nationales Ziel
Wir erheben natürlich keinen Anspruch darauf,irgendeine
Zauberformel, die gegen alle Arten des Kommunismus erfolgreich
ist, gefunden zu haben. Der Despotismus hat seine Stellung ausgebaut wie nie zuvor. Er bleibt aggressiv, ganz besonders in
Asien. In Europa sind seine Ziele expansionistisch, wie dies aus
Mr. Molotows Plänen
für Deutschland, Österreich und das gesamte Europa auf der Berliner Konferenz hervorging. Aber sowohl
Zeit als auch die grundlegenden Umstände selbst werden für uns
arbeiten, so wir es nur zulassen.
Die Diktatoren stehen einer unlösbaren Aufgabe gegenüber,
wenn sie sich darauf einlassen, die Möglichkeiten, die aus dem
Strom der Freiheit kommen, über weite Strecken und auf lange
Zeit hinaus abzudrosseln. Wir können sicher sein, daß auch innerhalb des sowjetischen Einflußbereiches in aller Stille Machtkampfe
zwischen den Diktatoren und der großen Masse des Volkes im Gange
sind. Der Kampf des einzelnen freilich scheint ein hilfloses
Unterfangen; aber ihr vereintes Wollen bildet eine gewaltige
Macht. Es sind gewisse Anzeichen dafür vorhanden, daß die sowjetischen Herrscher in einigen nationalen Fragen sich den Wünschen
des Volkes werden beugen müssen. Da sind die Versprechen von
besserem und mehr Essen, mehr Haushaltwaren, mehr wirtschaftlicher Freiheit. Das bedeutet nicht etwa,die Diktatoren hatten
sich bekehren lassen, aber sie beginnen wohl zu ahnen, daß der
Macht ihrer fortgesetzten Knebelung des menschlichen Geistes
Grenzen gesetzt sind.
Diese Wahrheit sollten wir nicht aus den Augen verlieren,
wenn wir unsere eigenen politischen Entscheidungen treffen. Unser
nationales Ziel ist nicht allein zu überleben in einer Welt voller
unheilschwangerer Gefahren. Wir wollen dieser Ära der Angst ein
Ende setzen. Wir werden dies nicht allein durch die Schaffung
einer großen Militärmacht, die unentbehrlich ist für unsere Verteidigung und zur Verhinderung jeden Angriffs, erreichen. Aber
das Schwert des Damokles schwebt weiter über unseren Häuptern.
Der einzige Weg,diese Gefahr auf friedlichem Wege zu bannen,
ist zu zeigen, daß Freiheit nicht nur Schießgewehre produziert,
sondern allen seelischen, geistigen und materiellen Reichtum
in sich birgt, den die Menschen sich erwünschen.
Das sind die Grundsätze, die uns leiten mögen. Wir haben
die Zuversicht, daß, wenn unsere Nation sich beharrlich nach ihnen
richtet, die Freiheit in ihrem jahrhundertealten Kampf mit dem
Despotismus wieder die Oberhand gewinnen und damit die Gefahr des
Krieges mehr und mehr schwinden wird.
*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES UMREISST US-ASIENPOLITIK
NEW YORK - (Amerika Dienst) Außenminister John Foster Dulles
vor dem "Overseas Press Club" in
lagen der amerikanischen Politik
china und Rotchina dar. Die Rede
hat folgenden Wortlaut:

Der amerikanische
legte in einer Rede
New York die Grundin bezug auf Indodes Außenminister

"Die Zusammenkunft des Overseas Press Club bietet eine
passende Gelegenheit, die Grundgedanken der amerikanischen Regierung zu zwei zusammenhängenden Problemen, nämlich Indochina und dem kommunistischen China, darzulegen.
Indochina
Indochina ist aus vielen Gründen wichtig. An erster Stelle
- und immer an erster Stelle - stehen die menschlichen Werte.
Etwa 30 Millionen Menschen streben hier für sich selbst nach
der Würde der Selbstregierung. Bis vor wenigen Jahren stellten
sie lediglich ein von Frankreich abhängiges Gefüge dar. Heute
üben ihre drei politischen Einheiten - Vietnam, Laos und
Kambodscha - innerhalb der französischen Union eine weitgehende politische Unabhängigkeit aus. Jeder der drei Staaten
ist heute durch die USA und über 30 weitere Nationen anerkannt.
Diese drei Staaten haben mit uns den japanischen Friedensvertrag unterzeichnet. Ihre Unabhängigkeit ist noch nicht vollständig. Aber die französische Regierung hat im jha.l&amp; vergangenen Jahres ihre Absicht bekanntgegeben, diese Unabhängigkeit zu vervollständigen und die Verhandlungen zur Erfüllung
dieser Verpflichtung sind in vollem Gange.
Die Vereinigten Staaten beobachten diese Entwicklung mit
aller Aufmerksamkeit und großer Sympathie. Wir Amerikaner vergessen nicht, daß auch wir eine Kolonie gewesen sind, die
ihre Freiheit errang. Wir haben auf den Philippinen eine
sehr erfolgreiche Entwicklung einer politischen Unabhängigkeit gefördert und unterstützt. Wir fühlen uns irgendwie mit
all denen verwandt, die irgendwo auf der Welt nach Freiheit
dürsten.
Der kommunistische Imperialismus
Die Kommunisten versuchen die ordnungsgemäße Entwicklung
politischer Unabhängigkeit zu verhindern und die Sachlage in
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31. März 1954

in den Augen der Welt zu verwirken. Sie folgen hier einer bestimmten Linie, die Stalin im Jahre 1924 festlegte.
Sie verfahren dabei nach dem Schema, den Geist des Nationalismus bis zu leidenschaftlichen Gewaltakten aufzuputschen.
Das ist das Werk der berufsmäßigen Agitatoren. Diese Formen der
Gewaltherrschaft werden dann durch militärische und technische
kommunistische Anleitung und Führung und die Gewährung militärischer Unterstützung erweitert und verstärkt. Durch diese Methoden bekommt der internationale Kommunismus die Völker in seinen
Würgegriff und benutzt nun diese seine Macht, um sie in den
sowjetischen Herrschaftsbereich zu 'amalgamieren'.
"Amalgamierung" ist das Wort Lenins und Stalins, mit dem
sie ihre Verfahrensweise umschreiben.
Eine "Amalgamierung" wird gegenwärtig in Indochina unter
der vorgeblichen Führung Ho Tschi-Minhs betrieben. Er wurde in
Moskau ausgebildet. Er wurde Mitarbeiter den Russen Borodin,
als dieser die kommunistische Partei Chinas aufbaute, die dann
später dieses Land zu einem Satelliten Sowjetrußlands machte.
Danach entfaltete er seine Tätigkeit in Indochina.
Die Truppen, die unter der Flagge Ho Tschi-Minhs kämpfen,
wurden zum größten Teil im kommunistischen China ausgebildet
und mit rotchinesischen Waffen ausgerüstet. Sie werden durch
den rotchinesisch-kommunistischen Block mit Geschützen und
Munition versorgt. Ein guter Teil des von uns erbeuteten
Kriegsmaterials ist, wie sich zeigte, in den Skoda-Werken in
der Tschechoslowakei hergestellt und quer durch das europäische Rußland und Sibirien über China nach Vietnam geschickt
worden. Der militärische Nachschub für die kommunistischen
Truppen rollte in immer steigendem Tempo und Ausmaß nach
Vietnam.
Ungefähr 2 000 chinesische Kommunisten fungieren als
militärische und technische Berater. Sie nehmen innerhalb
der Ho Tschi-Minh-Streitkräfte wichtige Schlüsselpositionen
ein - im Stab des Oberkommandos, auf Divisionsebene und in
Sonderkommandos wie Nachrichten-, Pionier-, Artillerie- und
Transporteinheiten.
Im gegenwärtigen Stadium verwenden die Kommunisten in
Indochina nationalistische, anti-französische Schlagworte, um
die örtliche Unterstützung zu gewinnen. Sobald sie jedoch
einen militärischen oder politischen Erfolg errungen haben,
werden sie bestimmt die Bevölkerung einer grausamen kommunistischen Diktatur unterwerfen, die ihre Befehle von Peking
oder Moskau entgegennimmt.
Der Umfang der Gefahr
Die Tragödie würde hier nicht Halt machen. Sobald die
kommunistischen Streitkräfte die unbestrittene Kontrolle über

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über Indochina oder einen beträchtlichen Teil des Landes erlangt haben, würden sie bestimmt die gleichen aggressiven Gewohnheiten gegenüber den übrigen freien Völkern in diesem
Gebiet annehmen. Die Propagandisten Rotchinas und der Sowjetunion lassen es offensichtlich werden, daß das Ziel die Beherrschung ganz Südostasiens ist.
Südostasien ist die sogenannte 'Reisschüssel*, die die
Bevölkerung der sich von Indien bis nach Japan erstreckenden
dichtbesiedelten Gebiete ernähren hilft. Es ist reich an
vielen Rohstoffen wie Zinn, Erdöl, Kautschuk und Eisenerz.
Es bietet der Industrie Japans wichtige potentielle Märkte
und Rohstoffquellen.
Dieses Gebiet hat vom strategischen Standpunkt aus gesehen große Bedeutung. Südostasien liegt längs der bestausgebauten Schiffahrts- und Luftfahrtwege zwischen dem Pazifik
und Südasie.n. Hier liegen wichtige Luft- und Marinebasen.
Gewönnen die Kommunisten die Kontrolle über Südostasien, dann
bedeutete dies eine ernstliche Bedrohung der Philippinen,
Australiens und Neuseelands, mit denen wir gegenseitige Beistandsabkommen abgeschlossen haben. Der gesamte westliche
Pazifik, einschließlich der sogenannten "vorgelagerten Inselkette" würde strategisch bedroht.
Präsident Eisenhower umschrieb die gegenwärtige Situation,
als er sagte, dem Gebiet komme "überragende Bedeutung" zu.
Die Haltung der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten haben in vielfacher Weise ihre
Bewunderung für den heldenmütigen Kampf der Streitkräfte Frankreichs und der assoziierten Staaten in Indochina zum Ausdruck
gebracht. Der Kongreß hat die nötigen Maßnahmen getroffen, damit wir den anerkannten Regierungen und ihren Völkern materielle
Hilfe zukommen lassen können. Ferner zielte unsere Diplomatie
darauf ab, Rotchina von einer offenen Aggression in diesem Gebiet abzuschrecken.
Präsident Eisenhower erklärte in seiner großen Friedensrede vom 16.April des vergangenen Jahres, daß ein Waffenstillstand in Korea ein Betrug wäre, wenn man ihn lediglich dazu
benutze, um Aggressionsarmeen für einen Angriff an einem anderen Ort freizubekommen. Ich sagte im vergangenen September,
daßces schwere Folgen nach sich zöge, die nicht nur auf Indochina beschränkt bleiben würden, falls Rotchina seine Armeen
nach Indochina einmarschieren ließe.
Die in der unmittelbaren Vergangenheit abgegebenen Erklärungen waren dazu bestimmt, einem jeden möglichen Aggressor
in aller Deutlichkeit klarzumachen, daß eine Aggression zu Gegenmaßnahmen an Orten und mit Mitteln führen könnte, die die
freie Welt nach ihrem eigenen Ermessen wählt, so daß eine

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eine Aggression mehr kosten würde als sie einzubringen vermöchte.
Die Eotchinesen haben in der Tat auch den direkten Einsatz ihrer eigenen roten Armeen in offenen Aggressionshandlungen gegenüber Indochina vermieden. Sie haben jedoch die Unterstützung der Aggressoren in diesem Gebiet ganz erheblich verstärkt, ja, sie fördern die Aggression in Indochina mit allen
Mitteln außer der offenen Invasion.
Unter diesen Umständen scheint es wünschenswert und angebracht, die Position der USA noch weitgehender klarzustellen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen würde die Aufzwingung
des politischen Systems des kommunistischen Rußlands oder
seiner chinesischen Kommunisttachen Verbündeten in Südostasien, gleichgültig durch welche Mittel, eine ernste Gefahr
für die gesamte freie Welt darstellen. Die Vereinigten Staaten
sind der Ansicht, daß diese Möglichkeit nicht passiv hingenommen werden darf, sondern daß ihr durch gemeinsame Maßnahmen
begegnet werden sollte. Dies könnte mit ernsten Risiken verbunden sein. Aber diese Risiken sind viel geringer als diejenigen, denen wir uns in wenigen Jahren gegenübersehen,würden, wenn wir es nicht wagen, heute entschlossen zu sein.
Die freien Nationen wollen den Frieden. Frieden erhält
man jedoch nicht nur dadurch, daß man ihn will. Man muß für
den Frieden arbeiten und für ihn planen. Manchmal ist es notwendig, Risiken auf sich zu nehmen, um den Frieden zu gewinnen,
genau so wie es im Kriege notwendig ist, Risiken auf sich zu
nehmen, um den Sieg zu erringen. Die Aussichten für den Frieden werden gewöhnlich verbessert, wenn man einen etwaigen
Aggressor im voraus wissen läßt, wohin ihn seine Aggression
führen könnte.
Ich hoffe, daß die von mir hier heute Abend abgegebene
Erklärung der Sache des Friedens dienen wird.
Das kommunistische China
Gestatten Sie mir nun, auf unsere politischen Beziehungen
zu Rotchina und dabei in erster Linie auf die Frage seiner Anerkennung einzugehen.
Die Vereinigten Staaten erkennen das kommunistische Regime
in China nicht an. Dies ist allgemein bekannt. Die Gründe hierfür scheinen allerdings nicht genügend bekannt zu sein. Gewisse
Kreise glauben, daß es überhaupt keine derartigen Gründe gebe,
und daß wir uns in unserem Handeln nur von Ressentiments bestimmen lassen. Die amerikanische Regierung ist jedoch der Auffassung, daß ihre Haltung in dieser Frage nüchtern und von
klarer Vernunft bestimmt ist.
Die

�"Ai£EKIKA DIENST"

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Die Nichtanerkennung
Lassen Sie mich eingangs erst noch einmal an die Tatsache
erinnern, daß die diplomatische Anerkennung eines Staates ein
freiwilliger Schritt ist. Kein Land hat das Recht, die Anerkennung durch ein anderes Land zu fördern. Im allgemeinen ist
es zweckmäßig, wenn diejenigen, die die Regierungsgewalt de
facto ausüben, miteinander in diplomatischem Verkehr stehen
und es gilt als eine allgemein anerkannte Regel, daß die diplomatische Anerkennung noch keine moralische Anerkennung darstellt-,
Präsident Monroe brandmarkte in seiner berühmten Botschaft
an den amerikanischen Kongreß die Expansionisten und das despotische System des zaristischen Rußlands und seiner Alliierten.
Aber der Präsident sagte, daß es dennoch unsere Politik sein
würde, 'die de facto-Regierung als die für uns legitime Regierung anzuerkennen'. Das ist dann in der Tat die Grundpolitik
der Vereinigten Staaten gewesen und ich glaube, daß es eine
gesunde und vernünftige Politik ist. Wo diese Politik jedoch
unseren Interessen entgegenläuft, haben wir die Freiheit, von
ihr abzuweichen.
In bezug auf Rotchina sind wir gezwungen, das Faktum in
Rechenschaft zu stellen, daß das rotchinesische Regime gegenüber den Vereinigten Staaten eine ständige und bösartige Feindschaft an den Tag gelegt hat.
-Eine für die Kommunisten typische politische Broschüre
erklärt: 'Wir müssen die USA hassen, weil sie der unerbittliche
Feind des chinesischen Volkes sind. Wir müssen die Vereinigten
Staaten verachten, weil sie ein korruptes imperialistisches
Volk sind, das Weltzentrum der Reaktion und Dekadenz. Wir
müssen auf Amerika herabblicken, weil es ein hohler Koloß ist,
der durch und durch für die Niederlage reif ist.'
Derartige Themen sind von den kommunistischen Machthabern
durch Druckschriften, Rundfunk, Dramen, Bilder, mit all den
propagandistischen Künsten, die der Kommunismus ersonnen hat,
propagiert worden. Die Kommunisten machen ihrem Haß durch barbarische Taten Luft, wie zum Beispiel durch die Verhaftung und
Einkerkerung von Amerikanern.
Die Verantwortlichen für die Politik der Vereinigten Staaten müssen sich fragen und diese Frage beantworten: 'Wird es
unserem lande helfen, wenn wir, durch Anerkennung, einem Regime
verstärktes Prestige und größeren Einfluß geben, das aktiv unsere lebenswichtigen Interessen angreift?' Ich kann nur die eine
Antwort hierauf finden: 'Nein1.
Zulassung zu den Vereinten Nationen
Wenden wir uns nun der Frage der Aufnahme Rotchinas in die
Vereinten Nationen zu. Durch die UN-Charta soll die Mitgliedschaft auf 'friedliebende' Staaten beschränkt werden. Es ist
daher angebracht, sich daran zu erinnern, daß das chinesische

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�»AMERIKA DIENST

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chinesische kommunistische Regime Ende des Jahres 1950 zum
Aggressor wurde. Seine Armeen drangen in Korea ein und nahmen den Krieg gegen das Oberkommando der Vereinten Nationen
auf. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, daß im Verlauf
der Kampfhandlungen rund 500 000 Soldaten des UN-Oberkommandos, darunter über 100 000 Amerikaner, getötet, verwundet
oder vermißt wurden.
Die Vollversammlung der Vereinten Nationen entschied sich
am I.Februar 1951 mit 44 zu sieben Stimmen, die Volksrepublik
China der Aggression in Korea für schuldig zu befinden. Sie
appellierte an Rotchina, seine Truppen aus Korea zurückzuziehen.
Aber sie sind noch immer dort.
j

Es trifft zu, daß die Befehlshaber des rotchinesischen
Korps in Korea einen Waffenstillstand abschlössen. Aber das
war ein Erfolg des UN-Oberkommandos. Die Kommunisten unterzeichneten erst, nachdem verzweifelte und verlustvolle Versuche,
die Front der Alliierten zu durchbrechen, gescheitert waren,
und nachdem das Oberkommando der Vereinten Nationen es ganz
deutlich gemacht hatte, daß wichtige militärische Basen und
industrielle Zentren in der nahen Mandschurei gefährdet sein
würden, wenn der Kampf weiter fortgesetzt würde.
Der auch heute noch mangelnde gute Wille der chinesischen
Kommunisten, zu einem Frieden zu kommen, wird in Indochina eindringlich demonstriert.
Als Mitglied der Vereinten Nationen und als Vertreter einer
Regierung, die ihre Macht vom Volke herleitet, müssen wir uns
fragen 'wird es der Weltordnung dienlich sein, ein Regime in
den Kreis der Vereinten Nationen aufzunehmen, das der Aggression
für schuldig befunden worden ist, das nicht von sich aus dieser
Aggression entsagte und das auch weiterhin die Anwendung von
Gewalt in Verletzung der Grundsätze der Vereinten Nationen unterstützt*? Ich kann darauf nur mit einem 'Nein' antworten.
Das freie China auf Formosa
Die Chinafrage hat noch einen weiteren Aspekt. Wir dürfen
nicht vergessen, daß die chinesische Nationalregierung auf
Formosa noch weiterbesteht und daß Millionen freier Chinesen
dort unter ihrer Jurisdiktion stehen. Außer den Bewohnern
Formosas sind ihr noch zahllose Chinesen treu ergeben. Nationalchina war unser treuer Freund und Alliierter, als wir einander
während des zweiten Weltkrieges nötig hatten.
Sollten die freien Völker wirklich zu der blutigen Liquidierung dieser freiheitsliebenden Chinesen durch die chinesischen Kommunisten ermutigen und diese sogar noch fördern? Für
mich ist dies einfach undenkbar.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

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Die Erfahrung mit kommunistischen Versprechungen
Manche Kreise erklären, die USA sollten das kommunistische
Regime Chinas anerkennen und seine Aufnahme in die Vereinten
Nationen begrüßen, wenn das rotchinesische Regime bestimmte Zusicherungen und Versprechen in bezug auf Indochina und Korea
abgäbe.
Die USA müssen einen derartigen Vorschlag jedoch auf der
Basis der in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen bewerten.
Die Vereinigten Staaten erklärten sich im Jahre 1933 bereit, das Sowjetregime anzuerkennen, indem sie sich auf das in
dem sogenannten Litwinow-Abkommen gegebene Versprechen verließen,
daß die Sowjetunion jede gegen unsere politische oder soziale
Ordnung gerichtete Aktion vermeiden und verhindern würde. Aber
diese uns gegebenen Versprechungen waren leer.
In Jalta gaben Großbritannien und die USA im Februar 1945
ihre Sanktion zu dem Faktum eines beherrscherden sowjetischen
Einflusses in Zentraleuropa. Wir taten das auf der Basis eines
sowjetischen Abkommens, wonach die Völker des befreiten Europa
das Recht haben sollten, 'die Form der Regierung, unter der sie
zu leben wünschten, selbst zu wählen* und wonach 'in Polen
freie und ungehinderte Wahlen so bald als möglich stattfinden
sollten'.
Aber auch diese uns gegebenen Versprechungen waren leer.
Ein Teil des Abkommens von Jalta befaßte sich auch mit dem
Fernen Osten. Die Vereinigten Staaten willigten ein, der Sowjetunion die Kontrolle über Port Arthur, Dairen und die Mandschurischen Eisenbahnen zu sichern. Dafür verpflichtete sich die
Sowjetunion, die nationalchinesische Regierung zu unterstützen.
Dieses Übereinkommen wurde im August 1945 in Moskau bestätigt.
Danach erhielt die sowjetische Regierung die ihr zugesprochenen
Vermögenswerte in der Mandschurei. Sie gab ihrerseits ein auf
dreißig Jahre begrenztes Versprechen ab, China moralisch zu
unterstützen und ihm mit militärischen Gütern und anderen Hilfsmitteln zur Seite zu stehen, wobei diese Unterstützung und
Hilfe ausschließlich der zentralchinesischen Regierung zukommen
sollte.
Nachdem die sowjetische Regierung erhalten hatte, was sie
wollte, begann sie unverzüglich mit der aktiven Unterstützung
der chinesischen Kommunisten, bestrebt, die Nationalregierung
aus dem Sattel zu heben. Sie übergab den Kommunisten Riesenmengen militärischer Güter und anderer Hilfsmittel, die sie
sich verpflichtet hatte, ausschließlich der nationalchinesischen Regierung zukommen zu lassen.
Auch in dieser Angelegenheit hielten wir unser Wort. Aber
die entsprechenden Versprechungen der Kommunisten blieben eitler
Wahn.
Unsere

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�"AMERIKA DIENSff"

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Unsere Erfahrungen mit den Versprechungen der chinesischen
Kommunisten sind begrenzt, da wir mit ihnen nur ein Abkommen
haben, nämlich das Waffenstillstandsabkommen in Korea, Das
Oberkommando der Vereinten Nationen hat berichtet, daß die
Kommunisten es 40-mal verletzt haben. Das gibt jedoch nur
einen Teil des Problems, denn die fundamentale Verletzung ist,
daß den schwedischen und Schweizer Mitgliedern der Überwachungskommission eine ausreichende Gelegenheit verwehrt wurde,
den Norden,zu überwachen und die kommunistischen Verletzungen
aufzudecken.
Die Vereinigten Staaten erkennen an, daß wenige Nationen
eine Geschichte haben, die frei von Verletzungen von Abkommen
ist. Wir erkennen auch an, daß alles Menschliche wandelbar ist.
Sicherlich hat das amerikanische Volk nichts Rachsüchtiges oder.
Unversöhnliches an sich. Wenige Menschen sogar sind so schnell
bereit wie wir, zu vergeben und zu vergessen. Es wäre jedoch
leichtfertig für uns, die Ereignisse der letzten Jahre zu vergessen, die unsere Archive mit leeren Versprechungen gefüllt
haben. Wir wollen nicht noch mehr von ihnen haben.
Es ist jetzt die Politik der Vereinigten Staaten, ihre
Pflichterfüllung nicht mehr gegen kommunistische Versprechungen einzutauschen.
.'
Die Haltung der Vereinigten Staaten wurde auf der Berliner
Konferenz klargestellt. Dort konnte ich schließlich eben duch
diese feste Haltung Herrn Molotow die zögernde Einwilligung
abgewinnen, daß die Genfer Konferenz keine 'Konferenz der
Großen Fünf' sein werde und daß in der Einladung zur Genfer
Tagung ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß weder die
Einladung noch die Tagung selbst so ausgelegt werden dürfe,
daß sie in irgend einem Falle eine stillschweigende diplomatische Anerkennung darstelle, wo eine Anerkennung vorher nicht
ausgesprochen worden ist.
Die kommunistischen Machthaber Chinas wurden allein im
Hinblick auf die Erörterung der Situation in Korea und Indochina zugezogen, WQ Rotchina in der Tat eine Aggressormacht
darstellt, die wir nicht ignorieren können. Es erhält durch
die Tatsache, daß es zur Genfer Konferenz zugelassen wird,
nicht unsere diplomatische Anerkennung. Ich erklärte in
Berlin: 'Es sind zweierlei Dinge, ob man das Böse als eine
gegebene Tatsache anerkennt oder ob man es an. die Brust drückt
und für gut erklärt'. Letzteres werden wir nicht tun.
Die vor uns liegende Gefahr
Die amerikanische Delegation wird in dem Bemühen nach
Genf gehen, ein geeintes und unabhängiges Korea zu schaffen,
aus dem das kommunistische China seine Invasionsarmeen zurückziehen muß. Wir hoffen ferner, daß eine Diskussion über Indochina dazu dienen wird, die chinesischen Kommunisten die Gefahr
erkennen zu lassen, die in ihrer offensichtlichen Absicht der

�"AkERIKA DIENST"
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31. März 1954
i

. ,

der Eroberung Südostasiens liegt, so daß sie aufhören und
davon Abstand nehmen. Wir werden jedoch nicht geneigt sein,
dem kommunistischen China das zu geben, was es von uns wünscht,
nur um uns damit Versprechungen für ein künftiges gutes Verhalten zu erkaufen.
Vielleicht würden es manche anders machen. Wir dürfen
jedoch nicht vergessen, daß in der Zeit, da wir die kommunistischen Versprechungen zu ihrem Nennwert akzeptierten und ihre
friedlichen Absichten als Tatsachen hinnahmen, die Gefahr
ständig wuchs.
Ich glaube, wir können eine Lehre aus Dien Bien Puh
ziehen. Einige Tage schien es so, als ließe die Gefahr nach;
aber in Wirklichkeit ist sie ständig gewachsen« Der Gegner
hat mit seiner Wühl- und Unterminierarbeit niemals aufgehört.
Er hat sich bis an die Verteidigungsstellungen herangearbeitet,
so daß die innere Festung aus nächster Nähe von massierten
Kräften angegriffen werden kann.
Heute wiegt sich die freie Welt auch in einer Art Sicherheit. Die Gefahr eines Weltkrieges scheint nachgelassen zu
haben. Ich hoffe, es ist wirklich so. Wenn es zutrifft, dann
nur, weil die freien Nationen die Gefahr erkannten und gemeinsam Schritte unternahmen, um ihr mit Mut und Entschlossenheit zu begegnen.
Nichts deutet indessen darauf hin, daß die Gefahr endgültig aufgehört hat zu bestehen. Keine Anzeichen lassen darauf
schließen, daß die Herrscher der kommunistischen Welt den
Frieden als dauerhaft anerkennen, auch dann, wenn dies ihren
Zielen hinderlich sein sollte. Sie wühlen und unterminieren
fortgesetzt, um ihre Positionen gegen die Festung der Freiheit weiter auszubauen.
In Europa hält die Sowjetunion die Ostzone Deutschlands
und Österreich fest in ihrem Griff und ist unermüdlich im
Manövrieren, um eine Versöhnung und Verständigung zwischen
Frankreich und Deutschland zu "verhindern. In Asien wird das
ganze Gebiet von Japan und Korea bis in die südostasiatischen
Gebiete hinein durch die kommunistischen Infiltrations- und
Expansionsversuche in Unruhe gehalten.
Gegen ein derartiges Treiben gibt es nur eine einzige
Abwehr: Ständige Wachsamkeit, wohlüberlegte, vernünftige
politische Maßnahmen und hohen Mut.
Die Vereinigten Staaten sind ein Mitglied jener festgefügten Völkergemeinschaft, die in der Vergangenheit in der
von großen Gefahren bedrohten Geschichte zusammengestanden ist.
Wenn wir dieser Vergangenheit die Treue halten, dann können
wir der Zukunft mit Hoffnung und Vertrauen entgegensehen.
* * * * *

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�&gt;Ä M E R I K A

E N S T

PARTEITAGE UND STATUT DER SED
Von Alexander Black
Die kommunistische Partei sei als bewußter Vortrupp der
Arbeiterklasse die höchste Form der Organisation und berufen,
alle anderen Organisationen der Arbeiterklasse zu führen,
forderte Lenin als Kernpunkt seiner Organisationsprinzipien.
Die Ausführung einer solchen These machte die Schaffung einer
besonderen Struktur der bolschewistischen Parteien notwendig,
einer Struktur, die in nicirb mit der der bürgerlichen Parteien zu vergleichen ist. Unter dem Schlagwort von der "revolutionären Disziplin" hat sich in den bolschewistischen Parteien die Minderheit der Mehrheit bedingungslos - also ohne
Diskussion der Belange der Minderheit - zu fügen.
Die Konsequenz daraus ergibt die festgefügte Diktatur
durch einen riesigen bürokratischen Parteiapparat, dessen
Punktionen bis ins kleinste Detail festgelegt sind. Sämtliche Räder dieser überdimensionalen Maschine sind zu stetigem,
gleichförmigem laufen verdammt. Nur der Stoff, der von dieser
Maschine verarbeitet wird, wechselt zuweilen seine Form. In
einer Substanz allerdings bleibt er permanent. Die Substanz
heißt Marxismus. Die verschiedenen Formen des Marxismus
reichen von der sozialistisch-demokratischen Betrachtungsweise August Bebeis bis zur Auslegung des Kommunismus durch
Stalin. In jeder Form aber findet man wiederum verschiedene
Spielarten.
Hier interessiert nur die Auslegung des autoritären
Kommunismus, wie er in den Ländern seines Herrschaftsbereichs in Erscheinung tritt, zu dem auch die Sowjetzone
Deutschlands gehört. Seine Spielart fand bis vor kurzem
ihre gültige Interpretation allein durch Stalin. Stalin
interpretierte die Auslegungen Lenins, den Leninismus, in
der Weis«, die ihm angesichts der gerade vorhandenen weltpolitischen Strömungen am nützlichsten erschien. Auch seine
Nachfolger halten im Prinzip an dieser "Arbeitsweise" fest.
Man spricht dabei von der Festlegung der sogenannten Parteilinie, die jeweils von unzähligen Direktiven in allen Einzelheiten für den Gebrauch erläutert wird. Um die von den
obersten Gremien des Apparates ausgearbeiteten Direktiven
in Funktion umzusetzen, beginnt die Parteimaschine in eingespielter Weise zu arbeiten.
Allein
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�"AFRIKA LIEHST

31. März 1954

Allein mit der rein schematischen Arbeit ist es nicht getan. Um sie wirksam werden zu lassen, braucht man geschulte
Kräfte: das sind die sogenannten Funktionäre, die dem Apparat
durch straffe Disziplin verhaftet sind.
Nach Lenin besaß das Proletariat keine andere Waffe im
Kampf um die Macht als die Organisation, d.h. die kommunistische Partei. Für die Staaten, in denen diese Waffe dem Bolschewismus bereits zur Macht verholfen hat, ergänzte Stalin die
These Lenins mit folgenden Worten: "Ist eine richtige politische Linie gegeben worden, so entscheidet die Oragnisation
alles, auch das Schicksal der politischen Linie selbst - ihre
Durchführung oder ihr Scheitern." Dieser Satz besagt nicht
mehr und nicht weniger, als daß alle Macht bei der Organisation
selbst liegen müsse. Die Partei also hat immer recht. Der
Apparat mag zwar manchmal fehlerhaft arbeiten. Die Richtlinien
können falsche Wege weisen. Das alles ist korrigierbar. Nicht
korrigierbar dagegen ist das von der Partei gesetzte und im
Prinzip als richtig angenommene Ziel. Auf die Erreichung dieses Zieles aber muß der gesamte Apparat hinarbeiten. Wenn sich
daraus oft die kuriosesten politischen Sprünge ergeben, wenn
die theoretische Linie praktisch nicht zum Ziele führen kann,
so wird sie kurzerhand geändert, gleichgültig, wer oder was
dabei auf der Strecke bleibt: bestimmt nicht der Apparat selbst.
Seine Glieder hingegen sind auswechselbar wie die Ersatzteile
von Maschinen.
Diese Prinzipien wurden auch dem Aufbau der Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands zugrunde gelegt. Der riesige Organisationsapparat, die ungeheure Anzahl von Punktionären ermöglichen der SED die totale Beherrschung aller Lebensgebiete der
in ihrem Machtbereich lebenden Untertanen.
Bereits im Mai 1945 begann der Aufbau des kommunistischen
Parteiapparates, der 1946 durch die Zwangsvereinigung mit der
SPD erheblich vergrößert wurde. Er umfaßt vor der letzten
Säuberung etwa 1,5 Millionen Mitglieder, von denen fast eine
Viertelmillion Funktionäre sind. Der einheitliche, organisatorische Aufbau der SED wurde in dem auf dem Vereinigungsparteitag (Zwängsverschmelzung von SPD und KPD zur SED) am 20.April
1946 angenommenen Statut festgelegt.
In diesem Statut wurde die innerparteiliche Diktatur der
SED durch demokratisch klingende Paragraphen verbrämt, zumal ja
die in der neuen Partei aufgegangene Sozialdemokratie in der
Sowjetzone anfangs noch ein gewichtiges Vi/ort mitzusprechen
hatte, was sich vor allem in den unteren Gliederungen der Partei bemerkbar machte.
Das oberste Gremium einer jeden Partei, das Parlament der
Partei sozusagen, bildet im allgemeinen der Parteitag, der sich
aus den Delegierten der Mitgliederschaft zusammensetzt. So auch
bei der SED.
_.
.. .
Theoretisch

�"AFRIKA DIENST"

31. März 1954

Theoretisch nimmt der Parteitag der SED die Rechenschaftsberichte des Zentralkomitees, der Revisionskommission und ande*rer zentraler Parteiorgane entgegen und beschließt gegebenenfalls
über Parteiprogramm und -Statut. Er bestimmt angeblich die
Generallinie und die Taktik der SED. Außerdem sollen auf den
Parteitagen ein neues Zentralkomitee und die Mitglieder und
Kandidaten der Zentralen Revisionskommission sowie aus der
Zahl der Mitglieder des ZK die beiden Vorsitzenden gewählt
werden. Das Zentralkomitee wählt seinerseits aus seiner Mitte
den Generalsekretär. Nach dem Statut hat der Parteitag außerordentliche politische Bedeutung. Da die SED die Staatspartei
ist, müßten die Delegierten der Parteitage zugleich für die
gesamte Politik der Sowjetzone verantwortlich sein. Tatsächlich
werden die Parteitage jedoch von den wirklichen Trägern der
Macht innerhalb der SED lediglich .zu demonstrativen Zwecken
einberufen, um die für die nächste Zukunft gültige Generallinie •
und die Änderungen der Taktik bekanntzugeben. Durch die zuvor
organisierte "einstimmige" Annahme dieser neuen Richtlinien
soll der Anschein demokratischer Methoden erweckt werden. Die
meisten Delegierten wissen gar nicht früh genug, was sie beschließen sollen. Sie haben auf die Ausarbeitung der neuen
Direktiven keinerlei Einfluß. Erst auf dem Parteitag erfahren
sie, welche Funktionäre in das neue Zentralkomitee zu wählen
sind und hören deren Namen eft zum ersten Male. Es ist daher
ausgeschlossen, daß sie durch eigenes Nachdenken überhaupt zur
Anerkennung oder Ablehnung der Kandidaten kommen können. Außerdem erfordert die "revolutionäre Parteidisziplin" auf dem Parteitag die Anerkennung der durch das Politbüro festgelegten Linie
und die widerspruchslose Wahl der durch die Kaderabteilung des
Zentralkomitees bestimmten Kandidaten. Die Delegierten des
Parteitages bewahren sich durch ihre "einmütige Zustimmung" vor
Parteistrafen und Verhaftung.
Auf dem III.Parteitag der SED im Juni 1950 wurde mit der
üblichen "Einstimmigkeit" ein neues Statut angenommen, das die
vollkommene Bolschewisierung der SED nach dem Muster der
KPdSU (B) zum Inhalt hatte. Das im Wortlaut des I.Statutes
noch hier und da durchschimmernde Gedankengut sozialdemokratischer Strömungen war ausgemerzt worden. Obwohl danach der Parteitag noch immer das oberste SED-Organ war, das alle zwei Jahre einberufen werden wollte, hielt es die Führung der SED nicht
für notwendig, diese Periode beizubehalten. Stattdessen wurde
im Juli 1952 eine Parteikonferenz abgehalten, auf der Walter
Ulbricht den "Aufbau des Sozialismus in der DDR" bekanntgab und
diese Anweisung Moskaus pro forma von den Delegierten beschließen ließ. Die fälligen Neuwahlen der SED-Leitung fanden nicht
statt.
Als plötzlich im Jahre 1952 die sogenannte Verwaltungsreform im Staatsapparat der Sowjetzone durchgeführt wurde, in der
überraschend und vermutlich auf sowjetischen Befahl hin die
fünf Länder abgeschafft und durch 14 Bezirke ersetzt wurden,
hielten es weder das Politbüro noch das Sekretariat für nötig,
dem

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

dem Zentralkomitee Vorschläge zur Abänderung des durch die
Verwaltungsreform zum Teil überholten Parteistatute von 1950
zu unterbreiten. Ungeachtet dessen betonen die führenden
SED-Punktionäre bei jeder Gelegenheit, daß das Statut das
pberste Gesetz für den organisatorischen Aufbau der Partei
sei.
Erst auf der zweiten Organisationstagung der SED am
24.April 1953 wurde das Statut in mehreren Punkten ohne
Zustimmung gewählter Parteiorgane oder Delegierter abgeändert. Karl Schirdewan, der jetzt Mitglied des Politbüros
ist, erklärte, daß das auf dem dritten Parteitag beschlossene Statut eng verbunden mit den 12 Ratschlägen Stalins an
die KPD im Jahre 1925 sei, während die jetzige Etappe neue
Beschlüsse hinsichtlich der Formen und Methoden der Parteiarbeit, des Parteiaufbaus und des inneren Parteilebens erfordere.
Die eigentliche Bedeutung der 2.Organisationsberatung
der SED scheint, abgesehen von den unzulässigen Abänderungen
des Statuts durch ein Sekretariatsmitglied, vor allem darin
zu liegen, daß hier den hauptamtlichen Punktionären durch die
Führungsspitze als Ziel der organisatorischen Arbeit die verstärkte Einmischung der Partei in alle Bereiche des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens gesetzt wurde. Hierzu führte
Schirdewan aus: "Aufgabe der leitenden Parteiorgane ist es,
die Tätigkeit der Staats- und Wirtschaftsorgane, der Gewerkschaften und der anderen Massenorganisationen in Übereinstimmung zu bringen mit den Beschlüssen der Partei...."
Mit diesem Satz hat Schirdewan ohne alle Umschweife zu
verstehen gegeben, daß der Anspruch der Partei, alle Organe
des staatlichen, wirtschaftlichen und kommunalen Lebens den
Beschlüssen der Partei unterzuordnen, ein totaler und absolutistischer Herrschaftsanspruch ist. Der Zentralismus der Partei ist nicht "demokratisch", wie die Funktionäre immer wieder
glauben machen wollen, sondern in Wahrheit und offensichtlich
ein rein diktatorischer Zentralismus, d.h., daß die neun Mitglieder des Politbüros die Geschicke von 18 Millionen gleichgeschalteten Menschen bestimmen.
Wer sind diese neun Mitglieder des Politbüros, in deren
Händen die Geschicke der sowjetisch besetzten Zone Deutschland
liegen? Dem Namen nach kennt sie jeder. Doch nimmt man ihre
Tätigkeit genauer in Augenschein, so sieht man erst, wie in
ihren Personen Staatsführung und Parteiinteressen miteinander
verquickt sind. Das heißt: im Staat, den Behörden, der Verwaltung, den Ministerien, geschieht nichts, was nicht dem
Machtanspruch der Partei gerecht würde.
Das Politbüro bestimmt in enger Zusammenarbeit mit der
Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) und Moskau den politischen Kurs der Sowjetzone. Die zentrale Figur ist der gegenwärtig mächtigste Mann, Ulbricht. Seiner Meinung ordnen sich

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31. März 1954

sich nicht nur die "bürgerlichen" Parteiführer und Minister
unter, sondern oft auch seine Kollegen im Politbüro. Obwohl
das Politbüro eigentlich dem größeren Zentralkomitee (51 Mitglieder/30 Kanditaten) untersteht, dient es den neun Männern
des Politbüros doch nur als Instrument, auf dem sie nach ihrem
Willen spielen können. Über die Fachabteilungen des Zentralkomitees dirigieren sie alles. Selbst für höhere Funktionäre
ist es schwierig, Aufbau und Zusammensetzung dieser Abteilungen
zu übersehen, da sie geheimgehalten werden. Ständig werden
Umorganisationen vorgenommen. Die Abteilungen gliedern sioh
in Referate auf. In der Abteilung Propaganda zum Beispiel, die
für die gesamte Schulung innerhalb und inoffiziell auch außerhalb der SED verantwortlich ist, gibt es Referate für Bezirksund für Kreisparteischulen, für die Schulung in den Massenorganisationen, in den staatlichen Verwaltungen, usw. Jede Abteilung besitzt ihren Kaderreferenten. Dieser ist, gemeinsam
mit der Kaderabteilung des ZK und dem Abteilungsleiter für die
Personalpolitik der Abteilung der entsprechenden Fachministerien
und der anderen durch die Abteilung gelenkten staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen und Organisationen,
verantwortlich. Die Entscheidung über wesentliche personelle
Veränderungen in den Spitzen des Partei- und Staatsapparates,
der Wirtschaft und der Organisationen ist allein dem direkten
Entscheid des Politbüros vorbehalten. Dieses entscheidet auch
über die Berufung und Absetzung "bürgerlicher" Minister und
Staatssekretäre und steuert die Besetzung der maßgebenden
Funktionen innerhalb der "Blockparteien" (SED-LDP-CDU-NDP).
Unter den neun Mitgliedern des Politbüros befinden sich
der Staatspräsident, der Ministerpräsident, zwei seiner Stellvertreter und der Vizepräsident der Volkskammer. Diese fünf
Schlüsselfiguren des Staatsapparates lassen erkennen, daß die
wahre Macht des Staates die Partei und nur die Partei ist. Die
Spitzenpositionen sind Personalunionen. Die Personalpolitik
im Staatsapparat und in allen öffentlichen Einrichtungen wird
ausschließlich durch die geschulten Kader der SED kontrolliert.
Legislative sowohl als auch Exekutive liegen somit ausschließlich in Händen der SED; denn die im Zentralkomitee angenommenen Entschließungen werden der Volkskammer zur kritiklosen
Übernahme und Durchführung zugeleitet. Die Exekutive, die
Justiz also, ist nach der "Justizreform" von 1952 ausschließlich mit zuverlässigen Funktionären besetzt, deren zuverlässigster Exponent wiederum von Justizminister Hilde Benjamin, der
"Roten Hilde" oder dem "Freisler Ulbrichts", verkörpert wird.
Doch all das genügt den Machthabem in der Sowjetzone noch
nicht. Alles, was sie unternehmen, dient zur Festigung der
ParteihJerarchie, d.h. ihrer eigenen Schlüsselposition.
Und so werden wir in den nächsten Tagen wieder einmal ein
Schauspiel erleben, das eigentlich schon lange fällig war. Am
30.März begann der IV.Parteitag der SED in Berlin. Man darf

�"AÄRIJ£A

DUNST"

31. März 1954

darf darauf gefaßt sein, daß er im Zeichen einer grundlegenden
Umorganisation von Regierung und Partei steht. Die SED muß
ihre Position, die durch die Ereignisse des 17.Juni 1953 erschüttert wurde, unter allen Umständen wieder festigen. Dazu
bedient sich das Führungsgremium eines neuen Parteistatuts,
das bereits vor seiner offiziellen Verkündigung
in der
SED-Presse veröffentlicht wurde. Seine Bedeutung dürfte in
dem Satz gipfeln: "Beschlüsse der höheren Parteiorgane sind
für jede untere Organisation verbindlich."
Der IV.Parteitag wird vor allem abermals einer Festigung
der Stellung Ulbrichts dienen, der sein Amt als erster stellvertretenden Ministerpräsident niederlegen wird. Er soll sich
nur noch dem Amte des ersten Parteisekretärs widmen können.
Da es künftig keine gleichberechtigten Vorsitzenden der SED
mehr geben wird, kann man Ulbricht in seiner Stellung als
erster Sekretär nunmehr als alleinigen und wirklichen Parteiführer betrachten. Aus dem neuen Statut geht eindeutig hervor,
daß die Regierung jede Anweisung der Partei zu befolgen hat,
die Partei also als Machtfaktor über der Regierung steht.
Damit aber wird auch der erste Sekretär in seiner Bedeutung
über den Ministerpräsidenten gestellt. So geht die zentrale
Gewalt praktisch von den obersten Gremien der Partei und der
Regierung in die Hand des Parteisekretärs über. Das heißt,
daß der vielgerühmte und oft beschworene "demokratische Zen=
tralismus" nach dem IV.Parteitag auch pro forma als nicht
mehr existent zu betrachten sein dürfte.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ÜMREISST US-AUSSENHANDELSPOLITIK

WASHINGTON — (Amerika Dienst) ~ Präsident
Eisenhower unterbreitete dem amerikanischen
Kongreß in einer Sonderbotschaft die Richtlinien für die amerikanische Außenhandelspolitik. Die Botschaft des Präsidenten hat
folgenden Wortlaut:

"Ich unterbreite hiermit dem Kongreß zur Beratung Empfehlungen hinsichtlich der Außenhandelspolitik der Vereinigten
Staaten.
Auf Grund der Dringlichkeit und der Bedeutung unserer Probleme auf diesem Gebiet hatte ich bereits zuvor die Bildung
der Kommission zur Untersuchung der amerikanischen Außenhandelspolitik empfohlen, und der Kongreß hat dies auch gebilligt.
Die Mitglieder dieser Kommission - 17 gewählte Beamte und private Bürger - wurden aus allen Teilen des Landes berufen und
vertreten verschiedene Ansichten. Der Bericht der Kommission,
der gemäß der amerikanischen Tradition nach umfassenden Debatten und lebhaften Auseinandersetzungen ausgearbeitet wurde,
ist von den verschiedenen Ministerien der Regierung sorgfältig
überprüft worden und bildet die Grundlage für das Programm, das
ich Ihnen in dieser Botschaft unterbreite.
Bevor die Kommission ihre Beratungen aufnahm, erklärte
ich vor Ihren Mitgliedern: 'Ich möchte Ihnen eine Haltung
nahelegen, die sowohl realistisch wie auch kühn ist. Vor allem
fordere ich Sie auf, dem einen Leitprinzip zu folgen: Was dient
den nationalen Interessen am besten.'
Die nationalen Interessen auf dem Gebiet der Außenhandelspolitik liegen klar. Es gilt, auf eine Art, die im Einklang
mit unserer nationalen Sicherheit steht und für alle nutzbringend und gleich ist, das höchstmögliche Handelsvolumen und
den wirkungsvollsten Einsatz von Kapital und Hilfsquellen zu
erreichen. Daß dies ebenfalls zur Stärkung unserer militärischen
Verbündeten beitragen würde, erhöht die Dringlichkeit des Problems. Ihre Stärke ist von entscheidender Bedeutung für die
Sicherheit unseres Landes.
„ Q
Große

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Große beiderseitige Vorteile sowohl für den Käufer wie für
den Verkäufer, für den Produzenten wie für den Konsumenten, für
den Investanten wie auch für die Gemeinschaft, in der diese Investitionen gemacht werden, erwachsen aus einem hohen Volumen
an Handel und Investitionen. Sie erwachsen genau so aus dem Handel zwischen den einzelnen Völkern wie auch aus dem Handel von
Stadt zu Stadt innerhalb eines Landes. Die innere Stärke der
amerikanischen Wirtschaft ist aus einem derartigen System der
beiderseitigen Vorteile hervorgegangen.
Unter dem Druck anderer Probleme und in der Eile, Notständen zu begegnen, haben die Vereinigten Staaten - wie viele andere
Völker der freien Welt - zu oft diese im Mittelpunkt stehende
Tatsache aus den Augen verloren. Weltweite Depressionen und Kriege, Inflationen und die hieraus resultierenden wirtschaftlichen
Erschütterungen haben ein trauriges Erbe hinterlassen: Ein Flickwerk vorübergehender Notbehelfe und eine Vielzahl von Restriktionen, Härten, Einmischungen und Schranken, die die Ausweitung
des internationalen Handels ernsthaft hemmen. Dies sind die
Hindernisse, die den Kräften für eine Steigerung der Produktion,
der Beschäftigtenzahlen und der Einkommen im Wege stehen.
Die Aufgabe, die durch die Katastrophe des Krieges verursachten Schäden zu beseitigen, ist im wesentlichen gelöst worden.
Der Aufbau eines ausreichenden Verteidigungssystems für die freie
Welt ist gut vorangeschritten. Die meisten der Länder, die unter
den Kriegsverheerungen gelitten haben, konnten beachtliche Portschritte auf dem Wege zur finanziellen Stabilität und erhöhten
Produktion erzielen. Ihre eigenen Bemühungen sind wesentlich durch
unsere Hilfe unterstützt worden. Und trotz dieser Erholung sind
wir und andere freie Nationen in unserer Handlungsfreiheit sehr
durch das Portbestehen der unwirtschaftlichen, von Menschen
errichteten Schranken eingeengt, da sie den beiderseitigen Handel
und den Kapitalfluß behindern.
Wir und unsere Freunde im Ausland müssen gemeinsam an der
Aufgabe arbeiten, diese ungerechtfertigten Schranken abzubauen nicht alle auf einmal, sondern allmählich, unter voller Berücksichtigung unserer eigenen Interessen. Bei diesen Bemühungen müssen die Vereinigten Staaten die Initiative übernehmen und es dabei
der übrigen Welt eindeutig klar machen, daß wir von ihr erwarten,
daß sie unserer Führung folgen.
Viele Restriktionen im Ausland sind als Folge der sogenannten
"Dollar-Lücke' eingeführt worden. Dieses Wort ist zum Symbol für
das Versagen der freien Welt geworden, eine dauerhafte Lösung für
den unausgeglichenen internationalen Zahlungsverkehr zu finden.
Wir sollten nicht länger diese Dollar-Lücke durch größere Schenkungen füllen, um andere Länder hierdurch in die Lage zu versetzen,
sich das zu beschaffen, was sie brauchen und sich nicht kaufen
können. Unser Ziel darf nicht darin bestehen, die Dollarlücke zu
füllen, sondern wir müssen vielmehr dazu beitragen, sie zu schließen. Unsere eigensten Interessen erfordern, daß diese Dollar-Lücke
durch Hebung des Volumens von Handel und Investitionen geschlossen
wird.
Die

�31. März 1954

"AMERIKA DIENST"

Die Vereinigten Staaten sind bereit und auch in der Lage, mehr
Güter zu erzeugen und zu verkaufen als der Rest der Welt uns abnehmen kann. Daß verschiedene Länder nicht in der Lage sind, unsere
Waren in dem Maße abzunehmen, wie wir sie verkaufen möchten, hat
nichts damit zu tun, daß der Wunsch nach Abnahme solcher Güter in
diesen Ländern nicht vorhanden wäre. Das ist durchaus nicht der
Fall. Der Grund hierfür ist vielmehr darin zu sehen, daß diese
Länder einfach nicht die Dollar-Beträge zur Verfügung haben, um
die Warenmengen zu kaufen, die wir abzusetzen haben.
Nichtrückzahlbare Dollarzuwendungen sind keine Dauerlösung
zur Überwindung dieses Engpasses. Die Lösung ist vielmehr in
einem größeren, bilateralen Warenaustausch zu sehen. Auf diese
Weise können wir verkaufen und eine Bezahlung für unsere Exporte .
erhalten und damit auch ein größeres Investitionsvolumen im Ausland erreichen, um wirtschaftliche Erschließungsprojekte in Übersee zu unterstützen, die uns ihrerseits wieder Erträge einbringen.
Größere Handelsfreiheiten durch Abbau von Restriktionen und Kontrollen sowie eine aus der Marktausweitung resultierende höhere
Leistungsfähigkeit und ein freieres Spiel der Wirtschaftskräfte
sind notwendig, um dieses Ziel zu erreichen.
Ein Fehlschlagen dieser Absichten würde unsere einheimische
Wirtschaft direkt gefährden, und unsere Anstrengungen zunichte
machentWege und Mittel zu finden, damit die anderen Länder aus eigenen
Kräften unsere Waren kaufen können. Die einzige andere Alternative
ist, die Exporte einzuschränken. Unsere Farmen würden weniger Produkte absetzen können, da die Erzeugnisse von 40 Millionen Acre,
die 10 bis 12 Prozent unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche
ausmachen, auf Auslandsmärkten abgesetzt werden müssen. Wenn unsere
Exportmärkte jedoch eingeschränkt würden, müßten die amerikanischen
Fabriken, die heute ihre Waren überall in der Welt verkaufen, Entlassungen vornehmen. Es ist eine sehr wichtige Tatsache, daß durch
den internationalen Handel über 4 Millionen Amerikaner Arbeit
finden.
Abgesehen von den wirtschaftlichen Interessen aber würden
die Solidarität und die Fähigkeit der freien Welt, denen gegenüberzutreten, die sie vernichten wollen, durch die fortgesetzte
Unausgeglichenheit des Handels gefährdet - nämlich dadurch, daß
diese Länder nicht so viel verkaufen können wie sie zu kaufen
wünschen. Wenn wir mutig an die Aufgabe herangehen, die gegenwärtige Unausgeglichenheit zu beseitigen, werden wir unseren Export
an industriellen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen fördern
und weiter steigern. Gleichzeitig werden wir dazu beitragen, die
wirtschaftliche Stärke unserer Verbündeten und damit auch unsere
militärische Sicherheit zu erhöhen, indem wir unsere Freunde
stärken. Ferner werden wir hierdurch diejenigen Importquellen
sicherstellen, die unsere eigene Wirtschaft ergänzen und für
unsere Verteidigung von großer Wichtigkeit sind. Schließlich
können wir auf diese Art einen Anstieg unseres Lebensstandards
erreichen und dazu beitragen, eine bessere Welt für uns und unsere
Kinder aufzubauen.
Ich

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••AMERIKA DIENST"

Ich bin der Überzeugung, daß eine allmähliche und selektive
Revision unserer Zölle - durch die bewährte Methode von Verhandlungen mit den anderen Nationen - einen wesentlichen Bestandteil
des stetigen Wachstums unserer Wirtschaft bildet. Unsere bekundete
Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen dürfte den nötigen Anstoß
geben, die Handels- und Zahlungsschranken abzubauen, durch die
heute noch die Märkte für unsere Güter überall in der Welt eingeengt werden. Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen
Außenhandelspolitik hat eine Verlängerung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen unter Berücksichtigung folgender
Gesetzesänderungen empfohlen:
A. Senkung der Sätze für bestimmte Warengruppen - auf Grund
von Handelsvertragsverhandlungen - um nicht mehr als 5 Prozent
der gegenwärtigen Sätze in jedem der drei Jahre der Gültigkeit
des neuen Gesetzes.
B. Senkung solcher Zollsätze um nicht mehr als die Hälfte
innerhalb der Drei Jahresperiode, die am 1. Januar 1945 in Kraft
waren und sich auf Erzeugnisse beziehen, die nicht oder nur in
geringem Umfang importiert werden.
C. Senkung der Zollsätze - auf Grund von Handelsvertragsverhandlungen innerhalb der Drei Jahresperiode bis zu 50 Prozent
Ad Valorum oder des entsprechenden Gegenwertes für alle diejenigen Sätze, die 50 Prozent Ad Valorum oder den entsprechenden
Gegenwert übersteigen.
Ich habe diese Empfehlungen der Kommission gebilligt und
befürworte ihre Annahme durch den Kongreß. Ich darf ebenfalls
besondere Maßnahmen für Verhandlungen mit Japan, auf Grund der
besonderen Wirtschaftsprobleme dieses Landes, empfehlen.
Die obengenannten Ermächtigungen schließen keine generellen
Zollsenkungen ein. Die Bestimmungen über den Gefahrenpunkt und
die Ausweichklausel werden natürlich in Kraft bleiben, und die
drei erwähnten Zollsenkungsarten sind nicht kumulativ zu verstehen. Zollsenkungen werden selektiv für spezielle Waren vorgenommen werden und erst nach Ankündigung und nachdem öffentliche
Erörterungen, so wie es der bisherigen Praxis entsprach, stattgefunden haben. Dieses wäre unser Beitrag für ein allmähliches
und vorsichtiges Herantasten an das Problem eines verbesserten
Handels» den die Welt so dringend benötigt.
Damit wären keine plötzlichen, heftigen oder weitreichenden
Anpassungen verbunden.
Diese in unserer Zollgesetzgebung enthaltene Ausweichklausel
und die Bestimmungen über Gefahrenpunkte sollen etwaige Härten
mildern, die unseren einheimischen Produzenten durch Zollsenkungen
entstehen. In allen Fällen, in denen auf diese Bestimmungen zurück
gegriffen werden soll, werde ich die von der Zollkommission ermittelten Tatbestände und ihre Empfehlungen sorgfältig prüfen.
Meine Verantwortung für das Wohl der Nation erfordert es, daß
ich gelegentlich meine Entscheidungen auch weiterhin auf Grund
umfassenderer Erwägungen treffe als die Zollkommission dies zu
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�31. März 1954

"AMERIKA DIENST"

zu tun befugt ist. Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik vertritt die gleiche Auffassung,
Ich habe den Empfehlungen der Kommission zugestimmt, daß die
Vereinigten Staaten die Zollsätze für Erzeugnisse, die von Arbeitern hergestellt wurden, deren Löhne unter dem allgemeinen Lohnniveau des betreffenden Exportlandes liegen, nicht senken. Dieser
Grundsatz soll unverzüglich in die Tat umgesetzt werden. Außerdem
habe ich dem Vorschlag der Kommission zugestimmt, durch Beratung
und Teilnahme an internationalen Konferenzen, wie sie etwa von der
internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einberufen werden, zur
Besserung der Arbeitsbedingungen beizutragen.
Diese Empfehlungen zur Erneuerung und Ergänzung des Gesetzes
über gegenseitige Handelsabkommen beruhen auf der einfachen Wahrheit, daß wir im Ausland einkaufen müssen, wenn wir an das Ausland
verkaufen wollen.
Das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT)
Seit 1948 sind praktisch alle größeren Handelsnationen der
Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, Partner eines allgemeinen Abkommens über Zölle und Handel geworden. Dieses Abkommen
war die wichtigste Vereinbarung mit deren Hilfe wir in den Vereinigten Staaten die Bestimmungen und Ziele des Gesetzes über
gegenseitige Handelsabkommen zu erfüllen suchten.
Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik empfiehlt, die Vereinigten Staaten sollten auf
dem Verhandlungswege eine Änderung der organisatorischen Bestimmungen des Abkommens dahingehend erwirken, daß die Teilnehmerländer durch gemeinsamen Beschluß ihre Punktionen darauf beschränken, multilaterale Handelsabkommen zu fördern, den gesetzgebenden
Körperschaften oder anderen zuständigen Stellen in den einzelnen
Ländern eine liberale Handelspolitik zu empfehlen sowie überhaupt
ein Forum zu bilden, vor dem alle aus dem Außenhandel erwachsenden Rechtsstreitigkeiten ausgetragen werden.
Ich werde im Sinne dieser Empfehlungen verfahren. Gleichzeitig werde ich den anderen Vertragspartnern eine Revision der
wesentlichen Bestimmungen des Abkommens vorschlagen, um es zu
vereinfachen und zu einem noch wirksameren Instrument der Bestrebungen zu machen, ein wirklich funktionierendes Welthandelssystem
aufzubauen. Wenn die mit dem Abkommen zusammenhängenden organisatorischen Bestimmungen ausgehandelt sind, werden sie dem Kongreß
unterbreitet werden.
Zollverwaltung und Zollverfahren
Die Probleme der Zollklassifizierung, der richtigen Bewertung
der eingeführten Waren und der Zollerhebungsverfahren sind sehr
vielschichtig und verwirrend. Im Laufe der Jahre haben diese Probleme einen Punkt erreicht, an dem sie nunmehr ein nicht mehr tragbares und auch nicht beabsichtigtes Hindernis für den Außenhandel
bilden.
Die
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31. März

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Die Verhältnisse sind in den Vereinigten Staaten in dieser
Hinsicht wohl nicht schlechter als in vielen anderen Ländern.
Aber allein schon um eines anständigen Geschäftsgebarens Willen
ist es notwendig:
A. Die Warenkategorien, das Klassifizierungsverfahren und
die Zollsätze zu vereinfachen;
B. Die Methoden zur Wertfestsetzung von Importen zu verbessern; und
C. Ein wirksameres Zollverfahren einzuführen.
Zu diesem Zwecke werde ich gesetzgeberische Maßnahmen vorschlagen,
die eine Vereinfachung des Systems der Warenkategorien und der
Zollsätze in den Zollgesetzen bewirken; dies soll im Anschluß an
eine entsprechende Untersuchung durch die Zollkommission und im
Einklang mit den vom Kongreß hierfür aufzustellenden Richtlinien
geschehen. Diese Gesetze sollten - soweit dies zu diesem Zeitpunkt
tunlich erscheint - auch ein besseres Verfahren zur Klassifizierung
der nicht in den Zoll-Listen aufgeführten Waran sowie eine Verbesserung der die Zollerhebung regelnden Statuten bringen. In diesem
Zusammenhang erteile ich dem Finanzministerium den Auftrag, das
Zollverfahren einer laufenden Untersuchung zu unterziehen und dem
Kongreß jährlich über auftretende Schwierigkeiten und Verzögerungen
in der Verzollung von Waren zu berichten und entsprechende Maßnahmen zur Beseitigung derartiger Hindernisse zu empfehlen. Ich empfehle darüber hinaus, das anti-Dumping-Gesetz und das zu seiner Durchführung angewandte Verfahren dahingehend abzuändern, daß es eine
raschere und wirksamere Behandlung derartiger Fälle gestattet und
eine unzweckmäßige Behinderung des Handels durch eine laufende
Untersuchung eines mutmaßlichen Dumping-Geschäfts vermieden wird.
Um eine bessere Basis zur Wertfestsetzung bei der Verzollung
zu gewinnen, fordere ich die Annahme der vom Finanzministerium
gemachten Vorschläge hinsichtlich der Wertbestimmung. Sie sind
in der bereits vom Repräsentantenhaus gebilligten Entschließung
Nr. 6 584 enthalten.
Amerikanische Investitionen im Ausland
Eine verstärkte amerikanische Investitionstätigkeit im Ausland könnte einen wesentlichen Beitrag zu der nowendigen Expansion
des Welthandels leisten. Sie könnte ferner dazu beitragen, die
allgemeine Wirtschaftstätigkeit und die Beschäftigtenzahl in den
Vereinigten Staaten auf dem gegenwärtigen hohen Stand zu halten.
Darüber hinaus fördern derartige Investitionen die Erschließung
der Rohstoffquellen in anderen Ländern, die nowendig ist, um unseren
stets steigenden Bedarf decken zu können. Gleichzeitig stärken
sie auch die Wirtschaft der entsprechenden Länder. Im Hinblick auf
die große Bedeutung, die der privaten Investitionstätigkeit im
Verfolg unserer Außenpolitik zukommt, verweise ich nachdrücklich
auf die Notwendigkeit, das von meiner Regierung ausgearbeitete und
empfohlene Steuergesetz zu billigen, das Ihnen bereits zur Erörterung vorliegt.
Es sieht vor:

A.

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31. März 1954

A. Tochtergesellschaften oder selbständigen Zweigunternehmen im Ausland, die als Tochtergesellschaften fungieren oder als
solche besteuert werden wollen, einen 14-prozentigen Steuernachlaß auf die regulären Sätze der Körperschaftssteuer einzuräumen;
B. Den Kreis der im Ausland entrichteten Steuern, die gegenüber der in den Vereinigten Staaten zu zahlenden Einkommensteuer
aufrechenbar sind, dahingehend zu erweitern, daß auch die Steuern
einbezogen werden, die für die Besteuerung von Geschäftsunternehmen in den verschiedenen Ländern in erster Linie in Frage
kommen, mit Ausnahme von Umsatz-, Verkaufs- und Verbrauchssteuern
sowie der Sozialabgaben}
C. Die Höchstgrenze für die Anrechnung im Ausland entrichteter Steuern fallen zu lassen;
D. Den vorschriftsmäßig geführten •Investment Companies',
die sich auf Investitionen im Ausland konzentrieren, die Erlaubnis zu erteilen, die Anrechnungsmöglichkeit für im Ausland bezahlte Steuern, die für direkte Investitionen gewährt wird, auch
auf ihre Aktionäre zu übertragen.
Um die private Investitionstätigkeit im Ausland noch weiter
zu fördern, sollten wir auf diplomatischem Wege - durch entsprechende Maßnahmen im Innern und durch unsere Missionen und Vertreter im Ausland - alles in unseren Kräften stehende tun, um
andere Völker zum Verständnis und zur Anerkennung der Grundvoraussetzungen zu bewegen, die notwendig sind, um einen Anreiz für private Auslandsinvestitionen zu geben. Wir werden auch weiterhin
versuchen, in Verträgen allgemeine Richtlinien für eine faire
Behandlung von Ausiandsinvestitionen festzulegen.
Im Zusammenhang mit den zum gemeinsamen Sicherheitsprogramm
der USA erlassenen Gesetzen schlage ich vor, der Kongreß möge erwägen, inwieweit es wünschenswert erscheint, die bereits bestehenden Bestimmungen zum Schutz gegen Verluste bei Neuinvestitionen
im Ausland auch auf die Deckung etwaiger Verluste durch Krieg,
Revolution oder Aufstände auszudehnen.
Die Kommission hat darauf hingewiesen, daß die Ungewißheit
hinsichtlich der Anwendung der amerikanischen Antitrust-Gesetze
auf die Tätigkeit amerikanischer Firmen im Ausland ein Abschrekkungsmittel für Investitionen im Ausland bildet. Sie hat eine
Neufassung unserer Antitrust-Gesetze empfohlen, durch die eindeutig das Recht jedes Landes anerkannt wird, den Handel innerhalb
seiner Grenzen selbst zu regulieren. Gleichzeitig bestand die
Kommission nachdrücklich darauf, eindeutig klarzustellen, daß
Gesetze anderer Länder oder etwa übliche Handelspraktiken im
Sinne restriktiver Preis-, Produktions- oder Marktabsprachen der
Investitionsfreudigkeit der amerikanischen Geschäftswelt im Ausland Abbruch tun und die günstigen Auswirkungen derartiger Investitionen auf die Wirtschaft der Gastländer schmälern.
Ich habe das Justizministerium ersucht, diese Empfehlung im
Zusammenhang mit der bereits anhängigen Überprüfung der AntitrustGesetzgebung eingehend zu untersuchen.
Der

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Der 'Buy American Act'
Gegenwärtig sehen einige unserer Gesetze vor, daß bei näher
spezifizierten Einkäufen der Bundesregierung oder bei Einkäufen,
die die Bundesregierung finanziert, einheimische Lieferfirmen
vor ausländischen Bewerbern den Vorrang erhalten sollen. Ich
stimme mit der Kommission darin überein, daß es nicht zweckmäßig, nicht kaufmännisch gehandelt und dem Steuerzahler gegenüber
unfair ist, wenn die Regierung bei ihren Einkäufen ein Aufgeld
bezahlt, es sei denn, die Sicherheit des Landes, langanhaltende
und große Arbeitslosigkeit oder die Förderung der Klein- und
Mittelbetriebe macht dies notwendig.
Ich ersuche daher um die gesetzliche Ermächtigung, Bewerber
aus Ländern, die unsere Bewerber genau so wie ihre eigenen Landsleute behandeln, von diesen gesetzlichen Bestimmungen zu befreien.
Inzwischen wird die Exekutive Klarheit darüber schaffen, inwieweit
dieser Grundsatz der Bevorzugung auf Einkäufe der Regierung Anwendung finden soll. Sie wird den Preisunterschied zugunsten einheimischer Erzeuger gegenüber ausländischen Bewerbern je nach
den Umständen und ohne Rücksicht auf den in Frage kommenden Zolltarif auf einen vernünftigen Prozentsatz begrenzen. Allerdings
muß sie auch weiterhin die unumschränkte Vollmacht besitzen,
bei Regierungseinkäufen die Erfordernisse der nationalen Sicherheit, die Probleme der Mittel- und Kleinbetriebe und der Gebiete
mit dauernder großer Arbeitslosigkeit gebührend berücksichtigen
zu können.
Rohstoffe
Unser Land ist mit einer Fülle an Bodenschätzen gesegnet;
doch müssen wir aus ihnen soviel wie möglich herausholen, um den
ständig wachsenden Appetit einer expansiven Wirtschaft zu befriedigen und gleichzeitig unsere Verteidigung auf einem angemessenen
Stand zu halten. Wir müssen uns indessen darüber klar sein, daß
unser Land, wie jedes andere, nicht in der Lage ist, die von der
modernen Industrie benötigten Mengen an Metallen und Bodenschätzen
zu erzeugen. Denn diese Rohstoffe sind nicht gleichmäßig auf der
Welt verteilt. Wir sind also aufeinander angewiesen. Unsere Außenhandelspolitik muß daher einen Ansporn zu einem verhältnismäßig
reibungslosen Fluß dieser Rohstoffe im internationalen Handel geben.
Die Kommission empfiehlt zwei Wege, die meiner Ansicht nach
wesentlich dazu beitragen werden, eine gleichmäßige Ausweitung der
Förderung an Bodenschätzen in den USA wie im Ausland zu erreichen.
Erstens soll die Regierung der Vereinigten Staaten aktiv zu
einer größeren Stabilität der Weltmarktpreise für Rohstoffe beitragen, indem sie etwaige Behinderungen des Welthandels mildert
oder beseitigt, den Ausbau der Wirtschaft anderer Länder fördert,
bei ihren Einkäufen Praktiken vermeidet, die zu einer Störung des
Preisgefüges auf den Weltmärkten führen würden, mit anderen Nationen verhandelt und wirtschaftliche Schwankungen im eigenen
Lande ausgleicht.
^

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31. März 1954

Der zweite Weg sieht eine stärkere Förderung der Investitionen
durch amerikanische Bürger und Angehörige anderer Länder in ausländischen Produktionsbetrieben vor.
Ich stimme diesen Empfehlungen nachdrücklich bei.
Die Kommission empfahl weiter, die für militärische Zwecke
benötigte Förderung von Rohstoffen im Inland durch direkte Maßnahmen, nicht durch Zölle und Einfuhrquoten sicherzustellen.
Meiner Ansicht nach ist dies im allgemeinen ein gesunder Grundsatz.
Ich habe aber dennoch einen Sonderausschuß des Kabinetts ernannt, der gegenwärtig das ganze Gebiet unserer Rohstoffpolitik
untersucht, und habe seine Aufmerksamkeit auf diese Empfehlungen
der Kommission gelenkt.
Landwirtschaft
Vielleicht kein anderer Sektor unserer Wirtschaft hat ein
größeres Interesse am Außenhandel als die Landwirtschaft. In
den vergangenen Jahren wurden zum Beispiel ein Drittel unseres
Weizens, 40 Prozent unserer Baumwoll- und Reisernte und ein Viertel unseres Tabaks und unserer Sojabohnen exportiert. Es ist daher
von größter Bedeutung, daß die Auslandsmärkte für unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse erhalten bleiben.
Jedes Programm, das den Interessen der amerikanischen Landwirtschaft dienen soll, muß der Notwendigkeit Rechnung tragen, daß
diese auf den Export angewiesen ist. Um es mit den Worten der
Kommission auszudrücken: 'Es ist unbedingt notwendig, unsere Landwirtschafts- und unsere Außenhandelspolitik miteinander in Einklang zu bringen, ohne die berechtigten Interessen einer von beiden
zu opfern'. Ich bin überzeugt, daß ein derartiger Ausgleich möglich ist, und ich bin sicher, daß dieses Ziel leichter zu erreichen ist, wenn die Empfehlungen, die ich in meiner Landwirtschaftsbotschaft vom 11. Januar gemacht habe, angenommen werden.
Die Handelsmarine
Was unsere Hochseeschiffahrt anbelangt, so müssen wir unbedingt eine Handelsmarine haben, die unseren Verteidigungserfordernissen angemessen ist. Ich vertrete den Grundsatz, daß die für
diesen Zweck erforderliche Unterstützung unserer Handelsmarine,
soweit wie irgend möglich, auf direktem Wege beschafft werden
sollte. Eine derartige Politik erfordert allerdings eine eingehende Analyse der für eine direkte Unterstützung verfügbaren Mittel, der möglichen Auswirkungen auf den Frachtentransport durch
ausländische Schiffe sowie der Gesamtaufwendungen, ehe ein ins
einzelne gehendes Programm zu empfehlen wäre.
Das Handelsministerium hat dieses Problem bereits eingehend
studiert. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen werden innerhalb der
Exekutive weiter erörtert, um ins einzelne gehende Empfehlungen
zur Vorlage im Kongreß während der nächsten Sitzungsperiode auszuarbeiten, die eine Ergänzung der gegenwärtig dem Kongreß vorliegenden Vorschläge der Exekutive darstellen sollen.
Internationaler

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51. März 1954

Internationaler Reiseverkehr
Dem internationalen Reiseverkehr kommt sowohl aus kulturellen
wie auch aus sozialen Gründen erhebliche Bedeutung zu. Er hat darüber hinaus auch wirtschaftliche Bedeutung. Die Auslandsreisen amerikanischer Staatsbürger bringen vielen Ländern einen beachtlichen
Zustrom von Dollar und versetzen sie damit in die läge, ihre Einkäufe in den USA zu bezahlen.
Wenn auch die Förderung des Fremdenverkehrs in erster Linie
Aufgabe der Gastländer ist und vor allem von privaten Unternehmern
getragen werden muß, kann doch die Regierung in mancher Weise helfend eingreifen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Entschließung Nr. 8352 des Repräsentantenhauses, durch die die Wertgrenze für die Hereinnahme zollpflichtiger Waren durch Touristen
pro Halbjahr von 500 auf 1 000 Dollar erhöht-würfle. Ich persönlich
kann ihre Billigung nur empfehlen. Zu gegebener Zeit beabsichtige
ich weitere Empfehlungen für legislative Maßnahmen zur Förderung
des Reiseverkehrs zu unterbreiten.
In der Zwischenzeit werde ich die zuständigen Ministerien und
Stellen innerhalb der Exekutive anweisen, sowohl im Inland als
auch im Ausland alle Möglichkeiten zu studieren, um den internationalenReiseverkehr zu verstärken. Ich werde sie ersuchen, entsprechende Maßnahmen in die Wege zu leiten, um die von der Regierung ausgeübten Kontrollen auf dem Gebiet der Zölle, der Visaausstellung, des Paßwesens, der Devisen- und Währungsbeschränkungen
und andere Bestimmungen zu vereinfachen, die das Reisen erschweren.
Wirtschaftliche Hilfe und technische Unterstützung
Die Hilfe, die die Vereinigten Staaten in den vergangenen
Jahren den übrigen freien Völkern gewährten, spielte eine entscheidende Rolle in der Stärkung der nationalen Sicherheit, der Erschließung wichtiger Hilfsquellen und der Schaffung freier Entwicklungsmöglichkeiten für uns und die übrigen Völker.
Das Verdienst hierfür gebührt nicht zuletzt - und dies gilt
insbesondere für die technische Hilfe und die Maßnahmen zur Bekämpfung des Hungers - dem amerikanischen Volk, das den aufrichtigen Wunsch hatte, anderen Menschen zu helfen. Unsere wirtschaftliche Hilfe kann aber nicht unendlich lange fortgesetzt werden.
Wir müssen zwischen einem wirklichen Notstand und einer chronischen
Krankheit, zwischen einem besonderen Einzelfall und der allgemeinen
Regel, unterscheiden.
Ich bekenne mich deshalb zu dem Grundsatz, daß die Wirtschaftshilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen eingestellt werden
sollte, sobald dies im Einklang mit unseren nationalen Interessen
möglich ist. In Fällen, in denen ein anderes Land unsere Unterstützung braucht, um militärische Streitkräfte aufzustellen und
auszurüsten, die für die gemeinsame Verteidigung erforderlich
sind, und von sich aus die Mittel hierfür nicht aufbringen kann,
sollte unsere Hilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen gewährt

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31. März 1954

gewährt werden. Wie die Kommission anerkannte, gibt es einige
wenige Fälle, in denen kleinere derartige Zuwendungen an wirtschaftlich rückständige Gebiete im Interesse der Sicherheit notwendig sind. Ich stimme ferner der Auffassung bei, daß in anderen
Fällen, in denen es die Sicherheit des Landes geboten erscheinen
läßt, daß ein Land anderweitig nicht zu beschaffende Dollarbeträge zur Verfügung gestellt bekommt, eine derartige Unterstützung
im größtmöglichen Ausmaß in Form von Darlehen, nicht aber in Form
von Zuwendungen, gewährt werden.sollte.
Bei der Ausweitung derartiger Anleihen müssen wir sorgfältig verfahren, damit dies nicht zu einer Einmischung in die normale Anleihetätigkeit und die Kreditgewährungsbestimmungen der
Export-Import-Bank führt. Die Weltbank ist die wichtigste Einrichtung für die Finanzierung wirtschaftlicher Erschließungsprojekte durch die öffentliche Hand. Die Export-Import-Bank
wird für sich allein Anträge auf Finanzierung von Erschließungsprojekten prüfen, die nicht durch die Weltbank gemacht werden und
die im besonderen Interesse der Vereinigten Staaten liegen, wirtschaftlich gesund sind, die Fähigkeit des betreffenden Anleihenehmers, den Kredit zurückzuzahlen, nicht übersteigen und nach
vorsichtiger Prüfung im Rahmen der Kreditgewährungs-Kapazität
der Bank liegen.
Ich befürworte die Empfehlungen der Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik, daß die Beteiligung
der Vereinigten Staaten an den Programmen der technischen Zusammenarbeit mit Nachdruck betrieben wird. Derartige Programme sollten
sich darauf konzentrieren, in erster Linie Fachleute und technisches Wissen zur Verfügung zu stellen und nur in geringerem
Maße größere Geldmittel für die Verschiffung von Gütern, es sei
denn, es handelt sich um Ausrüstungen, die für Lehrzwecke benötigt
werden. Sie sollten jedoch keine Gelder für Investitionszwecke
zur Verfügung stellen. Vielmehr sollten die gewährten Mittel
so verwaltet werden, daß sie sich in die Erschließungsprogramme
der unterstützten Länder einpassen, und sie sollten in Zusammenhang mit privaten oder öffentlichen Investitionen stehen, die
voraussichtlich gemacht werden.
Die Überprüfung der für das gemeinsame Sicherheitsprogramm
erforderlichen Aufwendungen wurde unter Berücksichtigung dieser
Grundsätze durchgeführt, und meine Regierung hat die nicht rückzahlbaren Zuwendungen erheblich gekürzt. Diese Grundsätze haben
auch in den gesetzgeberischen Maßnahmen, die ich später für das
gemeinsame Sicherheitsprogramm vorschlagen werde, ihren Niederschlag gefunden.
Ost-West-Handel
Bei Betrachtung der Probleme anderer Nationen der freien Welt
drängt sich uns die Erkenntnis auf, daß die Wirtschaft einiger
dieser Länder durch die Zerschlagung des umfassenden, historisch
gewachsenen Handels zwischen Ost und West geschwächt worden ist.
Eine

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31. März 1954

Eine Kürzung unserer Hilfsprogramme wird den Druck zur Wiederaufnahme dieses Handels noch verstärken. Ein größerer Austausch
von zivilen Gütern zwischen Ost und West - das heißt solcher Güter, die nicht unter den 'Battle Act' fallen oder in anderer Hinsicht als strategisch wichtig gelten - sollte uns nicht unnötige
Sorgen verursachen, sofern er ohne Gefährdung der nationalen
Sicherheit und unter Einhaltung unseres über das kommunistische
China und Nordkorea verhängten Embargos durchgeführt werden kann.
Ich werde selbstverständlich die nötigen Vorkehrungen treffen, um
den vollen Schutz unserer Sicherheit zu gewährleisten.
Konvertierbarkeit der Währungen
Mit Recht erblickt die Kommission in der ungehind3rten Entwicklung zu einer freien Konvertierbarkeit der Währungen eine
unerläßliche Vorbedingung für einen freieren und gesünderen Welthandel. Daher verdienen alle Maßnahmen, die darauf abzielen, den
Devisenbesitzern den freien Umtausch ihrer Devisen in andere
Währungen zu ermöglichen, unsere Unterstützung.
Wie die Kommission sehr richtig bemerkte, muß der Anstoß
zur Einführung einer freien Konvertierbarkei t der Währungen von
den in Frage kommenden Ländern selbst ausgehen, die auch die
Verantwortung dafür zu tragen haben. Zu meiner Genugtuung kann
ich feststellen, daß einige Länder bereits die Initiative in dieser Präge ergriffen haben. Die Engländer und andere Angehörige
des britischen Weltreiches sind bereits zweimal, in London und
in Sydney, zusammengetroffen, um Pläne über die freie Konvertierbarkeit des englischen Pfundes zu beraten. Das Vereinigte
Königreich und andere größere europäische Länder unternehmen gegenwärtig konstruktive Maßnahmen hinsichtlich ihrer eigenen Währungen. Außerdem werden auch die derzeitigen Beratungen im Zusammenhang mit der Verlängerung der europäischen Zahlungsunion
weitgehend von ihrem Wunsch beeinflußt, den Weg zu einer freien
Konvertierbarkeit der Währungen zu ebnen«.
Ich habe die Empfehlungen der Kommission zur Stärkung der
Gold- und Dollarreserven jener Länder gebilligt, die sich auf
Grund einer stabilen Innen- und Außenpolitik die Voraussetzungen
für eine Währungskonvertierbarkeit geschaffen haben. Diese
Empfehlungen verlangen keine weiteren Schritte des Kongresses.
Die Gesetzesbestimmungen und die Ermächtigungen für diesen Zweck
bestehen bereits. Die Vereinigten Staaten werden die Verwendung
der Mittel des internationalen Währungsfonds als Währungsstütze
für diejenigen Länder befürworten, die ihre Währung konvertierbar machen wollen. In Ergänzung wird jetzt, wie von der Kommission
vorgeschlagen, ein Gutachten über die Möglichkeit von Beistandskrediten durch das Pederal Reserve System angefertigt.
Schlußfolgerungen
Was ich Ihnen soeben umrissen habe, ist ein Mindestprogramm,
welches als Ganzes beurteilt werden sollte. Seine verschiedenen
Teile stehen miteinander in enger Beziehung; das eine erfordert
das andere.
»-.„

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31. März 1954

Als Ganzes entwickelt, besteht es aus vier Hauptteilen:
Hilfe - die wir kürzen möchten
Investitionen - die wir fördern wollen
Währungskonvertierbarkeit - die wir erleichtern, und
Handel - den wir ausweiten wollen.
Ich erachte es als wesentlich, daß wir diese beiden Ziele
erreichen, die - was wir uns klar machen sollten - eng miteinander
verknüpft sind; wenn wir die Dollarhilfe kürzen, dann müssen wir
helfen, die Dollarlücke durch Ausweitung unserer Auslandsinvestitionen und unseres Außenhandels zu schließen. Diese Ausweitung wird durch die Rückkehr zu einer freien Konvertierbarkeit
der Währungen erleichtert werden. Unsere Freunde im Ausland
werden dadurch zur Rückkehr zur Konvertibilität ermuntert werden, wenn sie auf Grund unserer Handelspolitik eine Ausweitung
unserer Auslandsinvestitionen und unseres Außenhandels erwarten können.
Wenn wir nicht vorbereitet sind, die Politik anzunehmen, die
ich zur Ausweitung des Außenhandels und der Auslandsinvestitionstätigkeit empfohlen habe, dann könnten unsere Freunde in ihrem
Bestreben entmutigt werden, einen freien Markt für ihre Währungen wiederherzustellen. Wenn wir in unserer Handelspolitik versagen, so mögen wir vielleicht auch in allem versagen. Unser
Beschäftigtenstand und Lebensstandard, unsere Sicherheit und die
Solidarität der freien Welt - all dieses ist hier einbezogen.
Um des Wachstums unserer eigenen Wirtschaft willen müssen
wir sich ständig vergrößernde Weltmärkte haben; unsere Sicherheit verlangt, daß unsere Verbündeten wirtschaftlich stark werden. Ausweitung des Handels ist die einzige geeignete Lösung für
diese beiden drängenden Probleme, denen sich unser Land gegenübergestellt sieht."

*

•

* *

*

�LEWIS L.STRAUSS: "H-BOMBENEXPLOSION WAR ZU KEINER
ZEIT UNSERER KONTROLLE ENTZOGEN"
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Vorsitzende
der US-Atomenergiekommission (AEC), Lewis L. Strauss,
gab zu den amerikanischen H-Bombenversuchen im Pazifik auf der Pressekonferenz Präsident Eisenhowers
am 31• März in Washington folgende Erklärung ab:
"Der Präsident hat mich ermächtigt, jene Teile meines ihm
gestern vorgetragenen Berichts der Allgemeinheit zugänglich zu
machen, deren Veröffentlichung unsere nationale Sicherheit
nicht gefährden würde.
Ich bin soeben von dem Versuchsgebiet der AEC im Pazifik
zurückgekehrt, wo ich Zeuge des zweiten Teils einer Testserie
thermonuklearer Waffen war. Ich will meine dort gemachten Erfahrungen beschreiben, so gut ich es vermag; doch bevor ich
dazu übergehe, wird es vielleicht am besten sein, wenn ich
mit einer kurzen Zusammenfassung der geschichtlichen Hintergründe dieser Versuche beginne.
Im August 1949 erhielten wir Kunde von einem durch die
Sowjets ausgeführten Atomwaffenversuch oder einer Explosion,
bei der atomare Kräfte frei gesetzt wurden. Mit der Erkenntnis, daß damit unsere führende Rolle in Frage gestellt wurde
und daß wir nicht mehr allein im Besitz einer Waffe waren, die
bis dahin ein Hauptabschreckungsmittel gegen eine Aggression
gebildet hatte, wurde es klar, daß unsere Überlegenheit von
nun an nur eine relative sein konnte, die von dem quantitativen Vorsprung abhing, das heißt, von dem Besitz einer größeren
Zahl von Atomwaffen, solange dieser Vorsprung aufrechterhalten
werden konnte. Die Alternative einer 'qualitativen' Führung ergab sich, wenn es uns gelang, eine stärkere Waffe zu entwickeln,
stärker als die auf der Kernspaltung aufgebauten Waffen - um
eine Größenordnung stärker, wie sie zwischen den normalen Atombomben und den gewöhnlichen Bomben besteht. Eine Methode für
die Entwicklung solcher Waffen war unseren Wissenschaftlern
in der Theorie bekannt.
Im Januar 1950 gab der amerikanische Präsident der USAtomenergiekommission die Anweisung, die erforderlichen Schritte
zu unternehmen, um herauszufinden, ob diese Waffe - die Wasser- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Wasserstoffbombe, oder 'Kernverschmelzungsbombe' oder auch
thermonukleare Bombe genannt wird - tatsächlich hergestellt
werden könnte. Wie $le wissen,wurde die Möglichkeit einer Kernverschmelzungsreaktion dank der Genialität jener Wissenschaftler
und Konstrukteure, die alle ihre Kräfte in den Dienst dieses
Projektes stellten, erwiesen und ein erstes Modell dieser neuen
Waffe im November 1952 bei Eniwetok zur Explosion gebracht.
Dieser Versuch rief die größte von Menschen erzeugte Explosion hervor, die jemals bisher in der Geschichte stattgefunden hatte und von diesem Zeitpunkt an gingen wir daran, Konstruktionsverbesserungen und weitere Entwicklungsarbeiten durchzuführen. Im August des vergangenen Jahres führten die Sowjets
einen Versuch mit einer Waffe oder einer Anlage durch, bei der
ein Explosionsdruck entstand, der weit über den Eereich normaler
Atomwaffen hinausging und der seine Gewalt zu einem Teil aus
der Kernverschmelzung leichterer Elemente erhielt. Es besteht
guter Grund zu der Annahme, daß die Sowjets mit den Arbeiten
an dieser Waffe zu einem erheblich früheren Zeitpunkt als wir
begonnen hatten.
Die zur Zeit durchgeführte Testreihe ist seit langem geplant. Sie wird gemeinsam von der AEC und dem US-Verteidigungsministerium geleitet. Eine Einsatzgruppe, die sich aus Angehörigen der drei Waffengattungen und einem wissenschaftlichen
Stab der AEC zusammensetzt, wurde im vergangenen Jahr in Übereinstimmung mit den Maßnahmen aufgestellt, wie sie sich bei den
vorherigen außerhalb der US-Landesgrenzen durchgeführten Versuchen bewährt hatten. Die US-Marine, US-Luftstreitkräfte und
US-Armee haben abwechselnd das Kommando über diese Einsatzgruppe
gestellt.
Anfang Januar dieses Jahres begannen wir mit der Überführung
der Mannschaften und des Versuchsmateriales für diese Versuchsreihe nach dem Versuchsgelände im Pazifik. Die erste Explosion
fand an dem vorgesehenen Datum des 1. März statt, die zweite
am 26. März. Beide Versuche verliefen erfolgreich. Kein Versuch
wird durchgeführt, ohne daß ein sehr genau umrissener Zweck
damit verbunden ist und eine mit aller Sorgfalt getroffene
Entscheidung vorausgeht, daß er auf ein Endresultat abzielt,
das für unsere militärische Stärke und Schlagkraft von überragender Bedeutung ist. Die Ergebnisse, die die Wissenschaftler
in Los Alamos und Livermore aus den beiden Bombentests zu erhalten gehofft hatten, wurden voll und ganz erfüllt und durch die
gemachten Erfahrungen wurde unserer militärischen Stellung ein
mächtiges Potential hinzugefügt.
Es sollte aber außerdem bedacht werden, daß die Erprobung
solcher Waffen auch deshalb nötig ist, damit man über die denkbaren, zukünftigen Aggressionsmöglichkeiten eines Feindes genauestens unterrichtet ist; denn wir sind uns heute völlig
darüber im Klaren, daß wir kein Monopol mehr auf diesem schaudererregenden Gebiet besitzen.
w

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Nun zu der jüngsten Testreihe selbst. Die erste Explosion
ist als •verheerende Verwüstung', »außerhalb jeder Kontrolle*
und mit anderen übertriebenen und irrigen Bezeichnungen beschrieben worden. Ich will die Fakten keineswegs verkleinern. Es war
eine gewaltige, eine sehr gewaltige Explosion, aber sie war zu
keiner Zeit unserer Kontrolle entzogen. Die Mißverständnisse und
Irrtümer scheinen sich aus zwei Fakten herzuleiten. Erstens:
die Explosion war etwa doppelt so stark, als man angenommen
hatte - eine Fehlergrenze, die für eine neue Waffe durchaus
nichts Ungewöhnliches darstellt. Ich möchte dazu bemerken, daß
die vor der ersten A-Bomben-Explosion angestellten Schätzungen
einen relativ viel größeren Spielraum vorsahen. Zweitens: die
Folgen des 'radioaktiven Aschenregens'.
Bei jeder größeren Explosion auf einem Untergrund oder in
bestimmter Höhe über diesem Grund wird durch die Explosionsgewalt ein Teil der Erde, des Wassers oder woraus der Untergrund
sonst bestehen mag, in die Luft hochgerissen.Die schweren Partikelchen fallen rasch wieder herunter, aber die leichteren
werden durch die luft fortgetragen und mit der Windrichtung verweht, bevor sie schließlich auch niederfallen. Im Falle einer
kernreaktiven Explosion sind viele dieser Partikeln radioaktiv
und auch die zu Staub zermalmten Teile der Waffe selbst zeigen
eine Radioaktivität.
Aus diesem Grunde hat die AEG die Versuche mit ihren größeren
Waffen in großer Entfernung vom Festland durchgeführt, so daß
die niederfallenden Partikeln vom Meer aufgenommen werden, wo sie
rasch einerseits durch die Wassermassen fortgeschwemmt und andererseits durch den raschen Zerfall der meisten strahlenden
Teilchen unschädlich werden. Die Gründe warum die Marshallinseln
als Ort für die ersten großangelegten Versuche ausgewählt wurden,
werden Ihnen an Hand der Karte, die ich Ihnen sogleich zeigen
werde, einleuchten. Der verstorbene Admiral W.H.P. Blandy,unter
dessen Kommando zu dienen ich die Ehre hatte, wählte die Bikinigegend als Versuchsort aus.
In der Gruppe der'Marshallinseln herrschen während der Monate
Februar, März, April in der Regel Winde vor, deren Richtung von
den bewohnten Atollen hinweg aufs Meer führt. Das Bikini- und
Eniwetokatoll wurden als Basis für die Versuche ausgewählt. Die
beiden Atolle bilden eine lange Kette von K rallenriffen, die eine
Lagune von fünf- bis sechshundert Quadratkilometer umschließen.
An verschiedenen Stellen dieses Riffs treten - wie Perlen auf
einer Schnur - eine Vielzahl kleiner Inseln über den Meeresspiegel
heraus, einige davon ein paar tausend Quadratmeter groß, andere
kaum größer als eine Sandbank. Diese kleinen, unbewohnten und
baumlosen Sandhügel wurden für unsere Experimente benutzt. Tatsächlich hat die Einsatzgruppe in einem Falle erst aus Sand und
Korallen eine dieser sogenannten Inseln soweit aufgebaut, um sie
an dem Punkt, der für die erste Explosion am günstigsten erschien,
zur Verfügung zu haben. Der Eindruck, daß ein ganzes Atoll oder
sogar größere Inseln bei den letzten Versuchen zerstört worden

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

worden seien, ist durchaus irrig.
Bevor die Explosion zur Auslösung kommt, wird die Luft- und
Windströmung in allen Höhen bis zu mehreren tausend Metern sorgfältig registriert. Diese Wind- und Luftströmungs-Beobachtung wird
auf verschiedenen Inseln und von Schiffen unserer Flotte an weit
auseinandergezogenen Punkten durchgeführt.
Im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht ist die Windströmung zu
einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort nicht immer die
gleiche. In verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche findet man
Windströmungen, die oft in entgegengesetzter Richtung wehen und
sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben. Eine Atomwolke
wird daher, wenn sie durch diese verschiedenen Luftströmungen
hochtreibt, sozusagen in Schichten zerschnitten. Die Meteorologen
bemühen sich, die Windrichtung für die günstigste Bedingung vorauszusagen und der Kommandeur der Einsatzgruppe bestimmt auf Grund
der Wettervorhersagen, wann der Test stattfinden soll. Die Wettervorhersage muß auf eine relativ lange Sicht erfolgen, weil eine
bestimmte Warn- und Gefahrenzone auf Schiffe abgesucht werden muß.
Diese Aufgabe, die teils durch Radargeräte, teils durch P2V-Marineflugzeuge durchgeführt wird, erfordert eine Zeitspanne von mindestens ein bis zwei Tagen.
Das sogenannte "Warngebiet" ist eine um das Testzentrum liegende Zone, in der für Schiffe oder Flugzeuge ein Gefahrenmoment
besteht. Wir haben genau wie andere Regierungen eine Reihe solcher Zonen errichtet. Die Karte zeigt ein solches Gebiet vor
der Pazifikküste bei Point Magu und vor den Hawaiischen Inseln.
Eine weitere größere Warn- und Gefahrenzone für ferngelenkte Geschosse erstreckt sich von Florida zu den Bahamas. Eine andere
Gefahrenzone, die Großbritannien errichtet hat, liegt vor Australien. Einschließlich unserer kontinentalen Warnzonen haben wir
insgesamt 447 derartiger Warn- und Gefahrenzonen abgegrenzt. Dieses besondere Warngebiet (wo die letzten Versuche stattfanden)
wurde im Jahre 1947 abgegrenzt. Die Vereinten Nationen wurden davon unterrichtet und entsprechende Eintragungen wurden damals und
seither in den See- und Flugkarten vorgenommen.
Trotz dieser Warnungen und Bekanntmachungen gibt es viele
Beispiele, wo ein versehentliches Hineinkommen in die Gefahrenzone beinahe oder tatsächlich zu einem Unglück geführt hat. Allein
die Ausdehnung dieser Zonen macht es unmöglich, sie sozusagen
einzuzäumen oder polizeilich abzusperren. Für den Tag, an dem
die erste Explosion zur Auslösung kam, hatten die Meteorologen
Luft- und Windrichtungsverhältnisse vorausgesagt, die die Explosionspartikeln nach Norden an der Gruppe der kleinen Atolle vorbei treiben mußte, die östlich von Bikini liegen. Das Beobachtungsflugzeug suchte die Gefahrenzone sorgfältig ab und berichtete, daß kein Schiff zu sichten war. Die Explosion wurde ausgelöst. Der Wind hielt sich nicht an die Voraussagen der Meteorologen,
sondern drehte von dieser Linie nach Süden ab und nun lagen die
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7. April 1954

die kleinen Inseln Rongelap, Rongerik und Uterik auf dem Weg der
herabfallenden Partikeln.Ein japanischer Fischdampfer, der 'Glückbringende Drachen', scheint bei dem Absuchen des Warngebietes übersehen worden zu sein, muß sich jedoch der Aussage des Kapitäns
zufolge, wonach er sechs Minuten nach dem Explosionsblitz den
Explosionsdonner hörte, noch innerhalb der Gefahrenzone befunden
haben. Die 23 Mann starke Besatzung dieses Dampfers, die 28 Amerikaner, die die Wetterstationen auf den kleinen Inseln besetzt
hielten und die 236 Insulaner kamen damit in den Bereich des
'Aschenregens'. Die Annahme, daß die wirkliche Explosionswelle
der Bombe sich über eine solche riesige Zone erstreckte, ist
selbstverständlich völlig irrig.
Der Kommandeur der Einsatzgruppe evakuierte daraufhin sofort
die Bevölkerung der Inseln. Sie wurden nach Kwajalein gebracht,
wo wir eine Marinestation unterhalten und standen hier unter ständiger fachärztlicher Beobachtung. Ich habe sie dort in der vergangenen Woche besucht. Seitdem wurde erklärt, daß unsere Männer
von den Wetterstationen ihren Dienst wieder aufnehmen könnten, daß
sie aber vorerst noch auf Kwajalein verbleiben, um weiter unter
Beoachtung zu stehen. Keiner von den 28 Meteorologen hat Verbrennungen e rlitten. Die 236 Insulaner erschienen mir auch sämtlich
gesund und glücklich. Die Ausnahme bilden zwei Eingeborene, die
krank waren. Der eine, ein alter Mann in einem fortgeschrittenen
Stadium von Diabetes, die andere eine Greisin mit arthritischen
Verkrüppelungserscheinungen. Beide Krankheitsfälle stehen in keinerlei Zusammenhang mit der Bombenexplosion. Heute - ein Monat
nach dem Geschehnis - haben die Ärzte von Kwajalein uns berichtet,
daß keine weitere Erkrankung zu erwarten sei, ausgenommen natürlich Krankheiten, die auch sonst auftreten können. Inzwischen
wurde auf Kwajalein ein Kind geboren und weitere Geburten werden
erwartet.
Was die Situation der 23 japanischen Fischer anbetrifft, so
ist die Lage hier weniger klar, weil die japanischen Behörden es
uns bisher nicht gestatteten, die Betroffenen einer gründlichen
klinischen Untersuchung zu unterziehen. Es ist jedoch interessant
zu vernehmen, daß die Berichte, die in jüngster Zeit zu uns durchdrungen sind, darauf hindeuten, daß das Blutbild dieser Männer dem
Blutbild unserer Meteorologen gleicht. Man nimmt an, daß die
beobachteten Hautschädigungen eher auf die chemischen Wirkungen
des umgewandelten Materials der Korallenriffe zurückzuführen
sind, als auf radioaktive Strahlung. Dafür spricht besonders die
Tatsache, daß die Wunden bereits zu heilen beginnen. Die Fischer
stehen unter ständiger Beobachtung durch japanische Ärzte, wir
selbst sind in Japan durch Dr. Morton von der Atombombenunfallkommission und durch Mr. Eisenbud von der AEC vertreten.
Was die Berichte über eine weitausgedehnte 'Verseuchung' von
Thunfischen und anderen Fischen durch Radioaktivität anbetrifft,
so werden sie durch die Tatsachen nicht bestätigt. Bie einzigen
'verseuchten'Fische fand man bisher in dem unbedeckten Fischbehälter des 'glückbringenden Drachen'. Der Beauftragte der USBundesprüfstelle für Nahrungsmittel und chemische Präparate hat
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7. April 1954

hat uns folgende Mitteilung zugehen lassen: 'Unsere Inspektoren
fanden bei keiner Fischladung aus den pazifischen Gewässern auch
nur einen einzigen Fall von Radioaktivität. Die Inspektionen wurden
lediglich als Vorsichtsmaßnahme durchgeführt ... es besteht kein
Anlaß für die Befürchtung der Öffentlichkeit, daß es derartige
Verseuchungen geben könnte.1
Ich darf vielleicht hier noch bemerken, daß in den Gewässern
rund um Bikini und Eniwetok zu gewissen Zeiten des Jahres fast
alle Fische, die gefangen werden, giftig sind, weil sie sich von
bestimmten in diesen Zeiten auftretenden Mikroorganismen nähren,
und daher für den Genuß des Menschen während dieser Monate nicht
geeignet sind.
Zu der Frage der Entschädigung der japanischen Fischer hat unsere Regierung die Regierung Japans dahingehend informiert, daß sie
bereit ist,solche finanziellen Beihilfen zu ersetzen, wie sie von
der japanischen Regierung und unserer Botschaft in Tokio gemeinsam
als eine Zwischenmaßnahme für die Aufbringung der laufenden medizinischen Kosten und Familienbeihilfen, einschließlich der Löhne
der Betroffenen für notwendig befunden werden.
Was die Befürchtung anbetrifft, radioaktive Partikelchen könnten mit der Strömung auf Japan zugetrieben werden, so kann ich erklären, daß jedes radioaktive Teilchen, das in der Versuchszone
niederfällt, schon wenige Meilen, nachdem es von dieser sich sehr
langsam bewegenden Strömung (weniger als 1 Seemeile in der Stunde)
erfaßt wird, vollkommen ungefährlich ist und nach 500 Seemeilen bereits vollkommen unentdeckbar wäre.
Was nun die in der vergangenen Woche in einigen Kreisen kursierende Meinung anbetrifft, daß auch die Vereinigten Staaten durch
herabfallende radioaktive Partikelchen gefährdet seien, so sollte
dazu bemerkt werden, daß nach jedem Test, den wir oder die Russen
durchgeführt haben, ein leichter Anstieg der in der Natur vorkommenden GrundStrahlung, an einzelnen Stellen des amerikanischen Kontinents zu verzeichnen ist. Doch ist dieser Anstieg gegenwärtig
geringer, als der nach früheren auf dem Kontinent oder in überseeischen Gebieten durchgeführten Versuchen beobachtete und liegt
jedenfalls weit unter dem Grad, der für Menschen, Tiere oder Pflanzen in irgendeiner Weise gefährlich sein könnte. Er wird nach den
Versuchen sehr rasch absinken, bis der Grad der Strahlung ungefähr
auf den normalen Wert zurückgegangen ist.
Ein Kommentar, der mir kürzlich gezeigt wurde, deutet an, daß
der unglückliche Zufall, der zu dem Niedergang der radioaktiven
Teilchen auf bewohnte Gebiete führte, in Wahrheit bei der gesamten
Operation geplant war. Ich möchte hierauf gar nicht weiter eingehen,
sondern kann dieses Gare de nur als völlig falsch, unverantwortlich
und im tiefsten ungerecht gegenüber den Männern, die in diesem
Dienst für das Vaterland ihre Pflicht taten, bezeichnen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß das eine wichtige Resultat
dieser H-Bomben-Entwicklungsarbeiten in der Steigerung unseres militärischen Potentials bis zu einem Punkte besteht, wo wir sehr bald
freiere Hand haben dürften, um all unseren Nachdruck auf die friedliche Verwendung der Atomenergie zu legen - hier in den USA und in
den anderen Ländern der Welt. Es wird für die Männer, die an diesem
Programm mitwirkten, eine ungeheure Befriedigung bedeuten, daß ihre
Arbeit das Herannahen dieses Tages beschleunigt hat."
- 6 * * * * *

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EISENHOWER: VERTRAUENSVOLL IN DIE ZUKUNFT BLICKEN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident E isenhower umriß
am 5. April in einer großangelegten Rundfunk- und Fernsehanspräche die gegenwärtigen innen- und außenp olitischen Probleme der USA und forderte das amerikanische Volk auf, diesen
Problemen ohne Panik und Furcht entgegenzutre ten. Niemand
könne sagen, s o betonte der Präsident, daß es im gegenwärtigen Augenblick keine Gefahren gebe. Wenn die Vereinigten Staaten jedoch wac hsam seien, bestehe keir Anlaß zur Hysterie,
Die USA verfüg ten über die größte Stärke, "di e Gott jemals
einer Nation b eschert hat". Es sei daher ihre Aufgabe, die
Welt einer fri edlichen und sicheren Existenz entgegenzuführen, so sagte er, und "ich versichere Ihnen, daß wir dies
tun können".
Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Heute abend möchte ich über ein sehr wichtiges Thema sprechen. Ich möchte zu Ihnen über unser großes Land sprechen. Ich
möchte Sie auffordern, mit mir einen kurzen Blick auf seine
Stärke, seine Probleme, seine Sorgen und seine Zukunft zu werfen. Ich möchte im besonderen zu Ihnen über das sprechen, was
Sie und ich für unsere Zukunft tun können.
Werfen wir zuerst einen Blick auf die Stärke der USA. Sie
und ich wissen, daß es das produktivste Land der Welt ist, und
daß wir in jeder Hinsicht reicher als irgend ein anderes Land
der Welt sind. Wir wissen, daß wir über eine große militärische,
wirtschaftliche und intellektuelle Stärke verfügen. Ich möchte
jedoch Ihre besondere Aufmerksamkeit auf die geistige Stärke
lenken.
Ich erachte es gerade in dieser Jahreszeit, in der so zahlreiche religiöse Ereignisse im Vordergrund stehen, für angebracht,
Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß unser Land
seine Konzeption aus seinen geistigen Grundlagen geschöpft hat,
die von den Männern, die die Unabhängigkeitserklärung geschrieben haben, in dieser Form verkündet wurden. Erinnern Sie sich
daran, was diese sagten?
'Wir sind der Überzeugung, daß alle Menschen von ihrem Schöpfer mit gewissen unabdingbaren Rechten ausgestattet sind'.
Das ist eine im prägnantesten Sinne geistige Konzeption. Es
ist die Erklärung der Form unserer Regierung,für die sich die
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7. April 1954

die Väter unserer Verfassung entschieden hatten. Und heute sind
die Anforderungen, die an diese geistige Haltung und Stärke gestellt werden,genau so groß wie Je zuvor in unserer Geschichte.
Mit diesem Satz meine ich, daß. es von entscheidender Wichtigkeit ist, daß Sie und ich jene geistigen Werte, die die Väter
im Sinn hatten, als sie unsere Republik gründeten, hochhalten,
jene Werte, wie sie zum Beispiel in der 'Bill of Rights1 ihren
Ausdruck finden. Die •Bill of Rights' verkündet, daß jedem einzelnen in diesem Lande Gleichheit vor dem Gesetz zusteht, daß
er das Recht hat, seinen Gott in der Form zu verehren, die ihm
die richtige scheint, daß er denken und reden kann, wie es ihm
beliebt, sofern er damit nicht die Rechte des anderen schmälert
oder stört. Der andere Teil dieser geistigen Stärke aber, die
wir heute brauchen, ist jene Kraft, jener Mut und jene Tapferkeit, mit der unsere Vorväter diese Rechte zu verteidigen bereit
waren.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Teil der
amerikanischen Stärke lenken, weil ohne diese Stärke alles andere
verloren gehen würde. Wir müssen stark sein in unserer Bereitschaft und Ergebenheit, all unser Sein für Amerika einzusetzen.
Das ist das Grundelement all unserer übrigen Stärke. Als Ganzes
gesehen aber ist diese Gesamtstärke der Vereinigten Staaten eines
jener Dinge, die wir und die Welt 'unglaublich' nennen.
Warum sollten wir uns aber dann im Besitz dieser Kraft immer
wieder Sorgen machen um das, was die übrige Welt tut? Tatsächlich
sehen wir Bedrohungen aus allen Richtungen auf uns zukommen, im
Innern und von außen, und wir machen uns Gedanken darüber, was
die Zukunft uns - jedem einzelnen von uns und uns allen als Nation - bringen wird.
Vielleicht kann ich einige der Gründe für die uns bedrängende
Besorgnis deutlich machen. Morgen vor 37 Jahren trat unsere Nation in den ersten Weltkrieg ein. Damals war ich Leutnant in
einem amerikanischen Infanterieregiment in Texas. Mein Regiment
erhielt - genau wie alle anderen Regimenter der US-Armee - die
gleiche Ausrüstung - zumindest was den Typ, den Grundcharakter
und die Stärke anbelangt - wie seinerzeit die Regimenter, die
im spanisch-amerikanischen Krieg kämpften.
Heute aber ist knapp ein Jahr vergangen, daß im Pazifik die
erste Wasserstoffbombe zur Explosion kam. Im vergangenen Monat
wurde eine zweite derartige Testserie begonnen. Diese Verlagerung
der Kraft nun, diese Steigerung der Kraft von der bloßen Muskete
und der kleinen Kanone bis zur Wasserstoffbombe, die in der Spanne
eines Menschenlebens gesöhah, ist bezeichnend für die Ereignisse
und Geschehnisse, denen wir ausgesetzt waren. Sie zeigt in ziemlicher Deutlichkeit, wie weit die Wissenschaft unser soziales Bewußtsein überflügelt hat, um wieviel weiter wir uns wissenschaftlich entwickelt haben als wir mit unseren seelischen und geistigen
Kräften zu bewältigen in der Lage sind. Dies verdeutlicht den einen
Grund, warum wir uns so sorgenvolle Gedanken machen, Sorgen, die
in der Wasserstoffbombe nur ihren letzten dramatischen Ausdruck
finden. Auf keine der Fragen, die uns heute so bedrängen, gibt es
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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

es eine leichte Antwort und für viele haben wir überhaupt keine
Antwort, zumindest keine, die ihren umfassenden Sinn erschöpft.
Wir können nur unser Bestes zu tun versuchen und uns vergewissern,
daß wir im weiteren Verlauf alles tun, was Menschen vermögen, um
diesen Problemen gerecht zu werden.
Dies ist von dem, was auch die durchschnittliche amerikanische
Familie tut, gar nicht so sehr verschieden. Diese Familie steht vor
den Problemen, wie sie die Zinsen für die Hypothek ihres Hauses
bezahlen soll, wie sie das neu gekaufte Auto abzahlen, den Kindern
eine gute Erziehung sichern
und daneben noch eine Kleinigkeit
für den Fall unerwarteter Krankheiten zurücklegen kann. Die amerikanische Durchschnittsfamilie tritt diesen Problemen mutig gegenüber und läßt sich nicht in Panikstimmung versetzen. Sie löst diese Probleme mit - wie ich es nenne - Mut und Glauben, aber vor
allem durch enge Zusammenarbeit, indem sie sie mit den einzelnen
Familienangehörigen durchspricht und dann erklärt; dies können
wir tun, dies werden wir tun - und so zu einer befriedigenden Antwort gelangt.
Die Probleme der Vereinigten Staaten sind diese Probleme
ihrer Familien - nur ins Millionenfache potenziert. Darüber wollen
wir heute abend sprechen.
Ich werde nicht versuchen, über alle diese Probleme zu sprechen. Über Wasserwirtschaft und Bodenerosionen und die Behandlung
der öffentlichen Schuld und alle die Dinge, die uns in unserem
Leben tagtäglich beschäftigen, könnten wir auch sprechen, aber ich
werde mich heute abend auf die Diskussion der Dinge beschränken,
die uns unmittelbar gegenüberstehen.
So machen wir uns zum Beispiel Gedanken über die Männer im
Kreml, über das Atomzeitalter, über den Verlust unserer internationalen Freunde in bedrohten Gebieten der Welt - ihren Verlust
an die kommunistische Diktatur. Wir sind besorgt über die kommunistische Infiltration in unserem eigenen Land und wir machen uns
Sorgen über die Möglichkeit einer Depression, den Verlust des Lebens und den Verlust der Stellung bei uns zu Hause.
Aber je größer eine dieser Befürchtungen ist, umso größer ist
die Notwendigkeit, daß wir ihnen klar ins Auge sehen, ohne Furcht,
wie ehrliche, aufrechte Amerikaner, damit wir nicht in Unruhe oder
eine Art von Panik geraten, und damit wir nicht einem hysterischen
Denken zum Opfer fallen.
Manchmal mögen Sie beinahe das Gefühl haben, daß ein klein
wenig Hysterie entschuldbar wäre, da diese Gefahren aus so vielen
Richtungen kommen und so vielerlei Natur sind. Was wir auch tun,
sie scheinen immer weiter zu bestehen, aber hinter all diesen Gefahren steht die eine, die Bedrohung, die von außen kommt, die
große Bedrohung, die uns der aggressive Kommunismus gebracht hat.
Hier steht die atheistische Doktrin, die an den Fatalismus glaubt,
gegen unsere Konzeption von der Würde des Menschen in der Gleichheit
vor dem Gesetz.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Die Wasserstoffbombe
Wir wollen nun über die Wasserstoffbombe und das Atomzeitalter sprechen. Diese stellen an sich selbstverständlich keine
Bedrohung für uns dar. Die Wasserstoffbombe bildet für uns nur
eine Gefahr, wenn ein möglicher Aggressor, der ebenfalls das Geheimnis der H-Bombe besitzt, sich entschließt, sie gegen uns anzuwenden, und gegen diese Bedrohung müssen wir dann unsere Vorkehrungen treffen. Wir müssen sicherstellen, daß vernünftige Menschen
alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um uns gegen eine solche Bedrohung zu schützen. Da der Kommunismus versucht, einen
Keil zwischen uns zu treiben, Klasse gegen Klasse aufzuhetzen und
Zwietracht unter anständigen Menschen zu säen zu einem Zeitpunkt,
an dem diese zur Verteidigung der Freiheit und zur Abwehr des
Kommunismus zusammenstehen sollten, müssen wir uns zu gegenseitiger Beratung zusammenfinden, zusammenhalten und dafür Sorge tragen, daß nichts uns trenne.
Erlauben Sie mir also, diese Probleme eins ums andere hier
zu behandeln und diejenigen Faktoren aufzuzeigen, die wir gegen
diese Bedrohung in die Waagschale werfen können. Ich meine damit
zunächst den Kreml. Wenn wir dieses Wort aussprechen, dann meinen
wir damit das Politbüro mit all seinen Ränken, die es gegen uns
schmiedet, dann meinen wir die sowjetischen Diktatoren und ihre
Absichten, einen Aggressionskrieg zu entfesseln und die Welt zu
versklaven.
Von all diesen Momenten stellt der Krieg die größte Bedrohung
für uns dar, allein schon wegen seiner möglichen verheerenden
Folgen.
Lassen Sie mich nun den ersten jener Faktoren aufzeigen, den
ich als ein Gegengewicht ansehe. Allein die Tatsache, daß diese ..
Männer nur auf Grund ihres eigenen Willens im Kreml sitzen, bedeutet, daß sie die Macht lieben. Sie wollen gerade auf diesem Platz
sitzen. Sofern sie einen Krieg beginnen, nehmen sie das große Risiko auf sich, jene Macht einzubüßen. Deshalb studieren sie die
Geschichte ziemlich gründlich. Sie haben Mussolini und Hitler noch
nicht vergessen und haben sich auch mit Napoleon sehr gründlich
beschäftigt. Wenn sich Diktatoren übernehmen und die ganze Welt
in die Schranken fordern, dann werden sie aller Wahrscheinlichkeit
nach nicht dort enden, wo sie glauben - in einer Position noch
größerer diktatorischer Macht, sondern im Untergang; die Männer
im Politbüro wissen dies genau.
Darin liegt also der erste dieser als Gegengewicht wirkenden
Faktoren, der gegen die Möglichkeit einer Kriegserklärung ihrerseits spricht. Krieg bedeutet eben, eine Menge Risiken einzugehen.
Da haben die Russen beispielsweise ihr Satellitensystem - ein
System versklavter Staaten. Und so kennen sie auch ganz genau die
Risiken, die damit verbunden sind, einen Krieg zu beginnen, wenn
man unsichere Satelliten als Verbündete hat. Napoleon drang 1812
in Rußland mit einer Armee ein, die genau nach diesem Schema aufgebaut war. Frankreichs große Armee wurde durch Preußen und Menschen

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7. April 1954

Menschen aus anderen von Napoleon eroberten Gebieten aufgestellt,
die er in seine Armee gepreßt hatte. Sobald er in Rußland seine
erste Niederlage einstecken mußte, setzten Massendesertationen
ein.
Dies alles wissen die Russen sehr wohl. Gerade dieses Satellitensystem könnte im Falle eines Erschöpfungskrieges eine
sehr große Quelle der Schwäche sein. Sie haben im Vergleich zu
uns große wirtschaftliche Schwächen - gerade, eine starke Wirtschaft aber ist notwendig, wenn man in einem modernen Krieg den
Sieg erringen will.
Die Sowjetunion förderte im vergangenen Jahr etwas mehr
als 60 Millionen Tonnen Erdöl, wir rund 300 Millionen Tonnen.
Unsere Stahlproduktion war mehr als doppelt so groß wie die der
Sowjets. Dies sind starke Aktiva auf dem wirtschaftlichen Sektor,
sofern man dazu übergeht, einen Großteil der Produktion für die
Führung eines Krieges zu verwenden, besonders eines Erschöpfungskrieges.
All diese Überlegungen dürften geeignet sein, die Männer im
Kreml abzuschrecken. Dies sind Faktoren, die, wie wir wohl sagen
dürfen, einen Krieg weniger wahrscheinlich erscheinen lassen. So
lange sie wissen, daß wir in der Lage sind, sofort tatkräftig
zu handeln und zurückzuschlagen, dürfte die Entscheidung, einen
Krieg zu beginnen, nicht sehr leicht fallen. Dennoch gebe ich
zu - und wir müssen dies alle zugeben - daß noch immer die Möglichkeit weiterbesteht, daß sie in einem Anfall von Wahnsinn oder
auf Grund irgendwelcher Fehlkalkulationen dennoch zum Krieg
schreiten. Wir leben im Atomzeitalter, und die Wasserstoffbombe
ist selbstverständlich, wie ich bereits einmal erwähnt habe, gefährlich, gerade weil jene Menschen ihr Geheimnis kennen und selbst
eine derartige Bombe besitzen und - dies geschah vor einigen Monaten - zur Explosion gebracht haben. Wir wissen jedenfalls, daß
wir trotz des Besitzes dieser Bombe keinen Krieg anfangen. Auf
unsere Veranlassung hin wird sie nicht verwendet werden, und ich
habe eben versucht, Ihnen den ernüchternden Effekt auszumalen,
den die Risiken eines Krieges auf die Männer im Kreml ausüben.
Von all diesen ernüchternden Effekten ist keiner größer als die
Aussicht auf eine unmittelbare Vergeltung, die unausweichlich jene
treffen wird, die irgend eines der Völker der freien Welt oder
irgend einen Teil unserer lebenswichtigen Interessen in aggressiver
Form und um Eroberungen zu machen, angreifen.
Darüber hinaus kümmern wir uns um die zivile Verteidigung und
die Landesverteidigung, um sicherzustellen, daß wir jede nur mögliche Gewähr haben, eine etwaige derartige Katastrophe zu überleben und dem Gegner dann solche Verluste zuzufügen, daß ihm das
Kriegführen vergeht.
Da dieser Wahnsinn aber noch immer umgeht, möchte ich noch
einmal ganz deutlich sagen, daß noch immer ein Element der Bedrohung gegeben ist, das wir kalt und nüchtern mit einkalkulieren

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Eine weitere Gefahr - deren wir uns durchaus bewußt sind ist die Idee von der kommunistischen Durchdringung unseres Landes, unserer Regierung, unserer Schulen, unserer Gewerkschaften,
unserer Institutionen und unserer Industrie in allen Teilen des
Landes, wo immer sich die Kommunisten eine Chance ausrechnen,
daß sie uns damit Schaden zufügen können.
Es wäre völlig falsch, die Gefahr dieser Durchdringung zu
bagatellisieren. Sie ist wirklich gegeben. Wir wissen, daß die
Kommunisten hier ihre Mittelsmänner haben. Lassen Sie mich aber
auch in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß es einige Paktoren gibt, die ein Gegengewicht hierzu bilden. In erster Linie
sei gesagt, daß diese Furcht vor einer Durchdringung, insbesondere was die Zahlen angeht, stark übertrieben worden ist. Es
gibt in den Vereinigten Staaten heute schätzungsweise 25 000 unbelehrbare Kommunisten. Das Bundeskriminalamt (FBI) weiß sehr wohl,
wo sie sich aufhalten; in den Schlagzeilen der Zeitungen wird
oft der Eindruck erweckt, als sei jeder Mensch, dem man begegnet,
ein Kommunist. Dabei bedeuten 25 000 Kommunisten bei 160 Millionen
Einwohnern, daß einer von ihnen auf rund sechstausend kommt. Nichlsdestoweniger sind sie gefährlich.
Das Bundeskriminalamt weiß uns vor diesen Leuten zu schützen.
Es hat seit Jahren auf diesem Gebiet eine erfolgreiche Tätigkeit
entfaltet. Es ist unser Schutzwall gegen diese Art Bedrohung, und
jeder einzelne unter Ihnen kann sich an diese Stelle wenden, sofern er einen wirklich begründeten Verdacht hegt, und sicher
sein, daß etwas in der Angelegenheit unternommen wird. Das ist die
Aufgabe des FBI. Seine Leistungen sind so groß, daß ich hier noch
nicht einmal den Versuch zu machen brauche, sie kurz aufzuzählen.
Ich habe dafür den Justizminister gebeten, am kommenden Freitag
hier vor Ihnen zu sprechen und Ihnen eine umfassende Übersicht
über das zu geben, was der FBI in dieser Angelegenheit bisher
unternommen hat.
Die Furcht vor einer derartigen kommunistischen Durchdringung beschwört eine andere Furcht herauf, nämlich, daß wir uns
bei der Untersuchung derartiger Fälle allzu durchgreifender Methoden bedienen, insbesondere in den Kongreßausschüssen, die sich
mit der Bekämpfung dieser kommunistischen Infiltration befassen.
Diese Gefahr ist jedoch, wie ich bereits ausführte, sehr gering.
Die Mehrzahl der in den Regierungsbehörden Beschäftigten,
die Masse der Zivilisten, die unsere Armee ausmachen, die Lehrer
an unseren Schulen und alle Kreise, die ich mir nur denken kann,
sind genau wie Sie und ich ihrem Vaterland verbunden. Sie sind
genau so loyal wie wir. Dennoch gilt es, dieser kleinen Splittergruppe auf die Finger zu sehen, und Sie werden einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Bundeskriminalamtes erhalten.
Ich möchte nun näher auf den Untersuchungsausschuß des Kongresses eingehen, dem bei seiner Gründung zunächst einmal die Aufgabe gestellt worden war, das Volk vor unstatthaften Maßnahmen
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Maßnahmen einer übermächtigen Exekutive zu schützen. Seine Aufgabe war, für die Achtung der bürgerlichen Freiheiten zu sorgen
und sicherzustellen, daß sie nicht langsam durch die Entwicklung
Stück für Stück verloren gingen.
Meine Damen und Herren, ich gebe zu, daß ein Bürger in seinem Ansehen sehr geschädigt werden kann, wenn er unschuldig und
fälschlicherweise durch jemanden beschuldigt wird, der die Immunität eines Kongreßmitgliedes genießt. Er kann seine Stellung
verlieren, sein guter Ruf mag für alle Zeiten geschädigt werden - dennoch können Sie sicher sein: Amerika glaubt nach wie
vor an Pairness, Anstand und Gerechtigkeit und weiß diese auch
zu üben.
In diesem Land ist die öffentliche Meinung die stärkste
aller Kräfte, und sie wird in solchen Fällen, wann und wo immer
unsere Ideale gefährdet werden, dafür sorgen, daß alles wieder
ins Reine kommt.
Die nächste Furcht, die ich hier vor Ihnen erörtern möchte,
ist die, daß wir die Freundschaft anderer Völker verlieren können. Die Furcht, die uns anwandelt, oder die Sorge, die wir hegen,
wenn wir bedenken, daß gewisse gefährdete Gebiete der Welt, die
nicht so stark sind wie wir - materiell nicht so stark, nicht so
gesegnet an Reichtümern wie wir und militärisch nicht so gut
gerüstet - das Opfer von Umsturzversuchen, Verrat, Bestechung
und der von den Sowjets betriebenen Propaganda werden könnten.
Einige dieser Gebiete sind für uns von sehr, sehr großer
Bedeutung, nicht nur im Hinblick auf die Tatsache, daß wir von
ihnen wichtige Rohstoffe beziehen - Zinn, Wolfram, Kautschuk,
Manganerze und zahlreiche andere Stoffe, die wir zur Aufrechterhaltung unserer Wirtschaft benötigen - sondern auch deshalb, weil
diese Völker, von den kommunistischen Diktatoren im Kreml für
ihre Zwecke eingespannt, dessen Position immer weiter stärken
würden, während die freie Welt ausgeschlossen bliebe.
Auch hier kann ich Ihnen wieder einige Faktoren nennen, die
dieser Gefahr entgegenwirken. Haben Sie sich jemals die Mühe
gemacht, darüber nachzudenken, daß es in der ganzen freien Welt
nicht ein Volk gibt, das sich in freien Wahlen zum Kommunismus
bekannt hat? Ganz im Gegenteil. Wo immer die Kommunisten die
Macht übernommen haben - und dies gilt sogar für Rußland - geschah dies durch eine ganz kleine Minorität, die sich dabei der
Gewalt bediente, oder durch irgendwelche Machenschaften oder politische Manöver die Kontrolle über das entsprechende Land an
sich reißen konnte und durch Schaffung einer NKWD oder irgend
eines anderen Polizeiinstrumentes das Land beherrschte.
Darüber hinaus wächst in der Welt das Verständnis dafür, daß
die amerikanische Regierung sich in ihrer Opposition gegen die
Versklavung anderer Völker von ihrem Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit leiten läßt. Wir glauben nicht, daß irgendein Staat,
so groß er auch immer sein mag, das Recht hat, ein anderes Volk
zu beherrschen und es unter seine Gewalt zu zwingen. Wir glauben

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�"AMERIKA DIENST"

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glauben nicht, daß irgend ein Staat, so groß er auch immer sein
mag, das Recht hat, ein anderes Volk zu beherrschen und es unter
seine Gewalt zu zwingen. Wir glauben vielmehr, daß jedes Volk das
Recht hat, sein eigenes Leben zu führen.
Jede auch noch so kleine Hilfe, die wir gewähren und jede
kooperative Anstrengung, die wir unternehmen, basieren auf der
Theorie, daß es sich um Maßnahmen unter Gleichberechtigten handelt.
Dieser Tage hat eine amerikanische Zeitung aus einem seltsamen Mißverständnis heraus von Alliierten als Mittel zur Erreichung eines Zwecks statt als Verbündeten gesprochen. Wir dürfen
hier nie den einen Fehler begehen, uns von unseren Verbündeten
in der ganzen Welt die Vorstellung von Werkzeugen zu machen. Dies
sind sie auf keinen Fall. Sie sind unsere Freunde. Und wenn sie
nicht unsere Freunde sind, dann sind sie nutzlos für uns.
Die Vereinten Nationen sind aus der Idee entstanden, daß
kooperative Bemühungen unter großen und freien friedliebenden
Nationen den Frieden in der Welt herstellen könnten und daß sie
Koalitionen in allen Teilen der Welt erlauben, die im gleichen
Geiste den gleichen Zielen dienen. Wir vertrauen auf solche
Koalitionen. Wir glauben, daß die interessierten Nationen in
jedem Teil der Erde, ob zum Schutze des Südwestpazifik oder in
der NATO zum Schutze Europas oder wo immer es auch sein mag, sich
zusammenschließen und im Geiste der Zusammenarbeit die Freiheit
dieser Länder gegen jede Form der kommunistischen Aggression aufrechterhalten sollten.
Einige dieser Nationen sind immer noch schwach. Sie sind unentschlossen, und bei dem Versuch, ihnen bei ihrem Aufbau zu helfen, erleben wir Enttäuschungen. Und so treten hier erneute Befürchtungen auf, die wir einkalkulieren und auf die wir uns immer
wieder vorbereiten müssen.
Keine Angst vor der Depression
Ich möchte mich jetzt kurz mit der Angst vor einer Depression
und dem Verlust des Arbeitsplatzes befassen. Man spricht viel über
die Zahl der Arbeitslosen, die bei 3,7 Millionen liegt. Diese Zahl
stimmt, aber es ist eine Zahl, die aus unseren Bemühungen um eine
Umstellung von einer Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft resultiert.
Glücklicherweise sind alle Anzeichen vorhanden, daß hier eine Konsolidierung stattfindet. Die letzten Berichte liegen nur noch um
wenige Tausend höher als die früheren. Alle diejenigen, die die
Lage so düster sehen, reden niemals davon, daß über 60 Millionen
Menschen in den USA heute in Brot und Arbeit stehen, ganz abgesehen von den 3,5 Millionen, die in den bewaffneten Streitkräften
dienen.
Die Zahl der zivilen Arbeitsplätze und der Beschäftigten liegt
dicht an dem bisherigen Höchststand. Wir haben in den USA umfassende Pläne für eine Arbeitslosenversicherung. Wir haben Landwirtschaftsprogramme, um den Farmer vor dem Ruin zu bewahren. Wir
verfügen über die großen Ersparnisse unseres Volkes, die ebenfalls
beinahe einen Höchststand erreicht haben. Und dann besteht schließlich der riesige Bedarf eines 160 Millionen Volkes, das ein gutes
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gutes Einkommen hat. Dieser Bedarf gibt Arbeit und sichert die
Produktivität unserer Farmen und Fabriken.
Aber davon abgesehen, meine Freunde, haben wir auch eine
Regierung, die bereit ist zu handeln, wenn immer es sich als
notwendig erweist.
Eines der wichtigsten Dinge bei dieser Art von Problemen
ist die Haltung der von Ihnen gewählten Regierung. Ich habe
mehrfach versucht, unsere Regierung als eine Form der Staatsverwaltung zu definieren, die in ihrer Beziehung zum Volke gänzlich liberal ist, die sich aber mit all ihren Kräften bemüht, konservativ
zu sein, sofern sie es mit Ihrem Geld und Ihrer Wirtschaft zu tun
hat.
Wir haben in dieser Hinsicht bereits eine Reihe von Maßnahmen
getroffen, um den Übergang der Wirtschaft von Kriegsbedingungen auf
Friedenszeiten so reibungslos und anpassungsfähig wie möglich zu
gestalten. Wir haben die Kreditbedingungen erleichtert, wir haben
die Bautätigkeit gefördert, wir haben zu einem gewissen Maße die
Überschüsse unseres Agrarmarktes reduziert und reduzieren sie
weiter, wir haben versucht, unsere Absatzmärkte im Ausland zu erweitern, die Produktion unseres Landes zu beleben und zahlreiche
andere Maßnahmen dieser Art getroffen. Wir haben aber noch viele,
viele weitere Pläne in Reserve, die wir anwenden werden, wenn es
notwendig ist. Unter diesen Plänen befinden sich selbstverständlich solche für die öffentliche Bautätigkeit, für weitere Steuersenkungen und die Steigerung des Verbrauchereinkommens. All diese
Pläne werden in Aktion treten, wenn die Lage dies erfordert. Andererseits jedoch hat unsere Regierung nicht die Absicht, Hals
über Kopf ein Notstandsprogramm durchzuführen, wenn die Ereignisse das nicht mit Dringlichkeit gebieten.
Nun meine Freunde, darf ich wohl sagen, daß die eine große
Hoffnung und das eine große Zukunftsziel der Vereinigten Staaten
eine freie, friedliche und blühende Welt ist. Um eine solche freie,
friedliche und blühende Welt zu schaffen, müssen wir immer stärker werden. Wir müssen stärker werden nicht nur in den Dingen, die
ich erwähnt habe, sondern vor allem auch im geistigen Sinne, im
Glauben und Vertrauen, daß wir solche Dinge zu tun imstande sind.
Wir müssen jenen Glauben haben, der aus dem Wissen um unsere Geschichte und aus der Inspiration kommt, die uns unsere großen Vorfahren wie Washington und Lincoln und die Taten unserer Vorväter
geben können.
Wenn wir aber das gesamte Problem betrachten und die Befürchtungen, von denen ich gesprochen habe, zusammenfassen, finden
wir, daß jede dieser Befürchtungen einen gewissen kleinen Wahrheitskern enthält. Daher haben wir Pläne ausgearbeitet und diese
Regierung hat dem Kongreß einen Plan, ein Gesetzgebungsprogramm
vorgelegt. In diesem Programm sind großzügige Maßnahmen für die
Verteidigung - für die zivile und die Landesverteidigung - vorgesehen sowie für die Abschreckungswirkungen unserer Atomwaffenentwicklung. Wir haben die Steuern gesenkt, so daß sechs Milliarden Dollar und mehr der Öffentlichkeit für die Belebung und

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und Steigerung der Produktion wieder zur Verfügung gestellt wurden.
Wir haben landwirtschaftliche Programme, Steuer-, Handels-, Wohnungsbau-, Gesundheits-, und Sozialprogramme sowie ein Programm
für die gegenseitige Sicherheit.
Alle diese Dinge, meine Freunde, werden - wenn sie zur Ausführung gelangt sind, uns mit Sicherheit ein stärkeres Amerika
bringen, das uns durch seine Stärke einem friedlichen, blühenden
und gesicherten Amerika näher führt.
Aber ich betone nochmals, daß es der Glaube Amerikas an
Anständigkeit, Gerechtigkeit, Portschritt und den Wert der Freiheit des einzelnen auf Grund der ihm vom Schöpfer gegebenen Rechte
ist, der uns im Studium und der Planung all dieser Dinge die Kraft
und den Willen zum Durchhalten gibt.
Wir müssen nicht nur mit unserem Kopf,sondern auch mit unserem Herzen bei der Sache sein. Wenn wir das tun und die Probleme
in dieser Weise angehen, dann - das versichere ich - brauchen wir
keine Furcht zu haben. Ich will damit nicht sagen - niemand könnte
so etwas sagen - daß es keine Gefahren gibt. Natürlich gibt es Gefahren und Risiken, wenn wir nicht auf der Hut sind. Aber wir dürfen deshalb keiner hysterischen Furcht verfallen. Wir können wachsam und auf der Hut sein, wir können uns als Amerikaner erweisen.
Wir können aufrecht dastehen und unsere Köpfe hochhalten und sagen:
Die Vereinigten Staaten verfügen über die größte Stärke, die Gott
jemals einer Nation beschert hat. Als eine solche Macht, haben
wir die Aufgabe, diese Welt zu einer friedlichen und sicheren
Existenz zu führen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß wir
dazu imstande sind."

* # * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ZIELE DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK:
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles gab am 5.April vor dem
Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses einen
umfassenden Überblick über die Ziele der amerikanischen
Außenpolitik. Die Erklärung des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955
"Ich begrüße die Gelegenheit, um zugunsten des für
das kommende Haushaltsjahr 1955 vorgesehenen Voranschlages für das Programm der gemeinsamen Sicherheit auszusagen. Ich werde hierbei über die Beziehungen sprechen,
in denen dieses Programm zu unserer grundlegenden Außenpolitischen Konzeption steht. Die anderen Aspekte des
Programms werden von zuständiger Seite behandelt werden.
Dieses Programm ist entworfen worden, um die Sicherheit
und das Wohlergehen der Vereinigten Staaten zu fördern.
Es ist auf vier Grundtatsachen abgestellt:
1) Die Machthaber in der Sowjetunion und in Rotchina
setzen den Aufbau eines gewaltigen militärischen Machtapparates fort, der zur Erreichung ihres Zieles, der
Weltherrschaft, dienen soll.
2) Die USA können sich ihre Sicherheit nicht durch
eine Isolierung sondern nur durch ein System der kollektiven Sicherheit schaffen.
3) Gewisse Länder in der freien Welt können ohne unsere Hilfe nicht die im gemeinsamen und dem amerikanischen Interesse liegende erforderliche Verteidigung
aufbauen.
4) Die Bedrohung, der wir uns gegenübersehen, ist
weder eine solche von kurzer Dauer noch eine von ausschließlich militärischer Natur. Deshalb sollten wir
danach streben, die Sicherheitsverpflichtungen der
freien Welt auf einem Stand zu halten, der mit den
wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten der USA
und unserer Alliierten im Einklang steht.
,,.
Diese
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�"AiäE&amp;IKA DIENST"

7. April 1954

Diese Grundsätze leiten sich aus der Vergangenheit her
und sind auch für die Zukunft anwendbar. Natürlich machen
veränderte Bedingungen eine Änderung der Anwendung erforderlich. Ich werde mich in meinen heätigen Ausführungen in der
Hauptsache auf solche Aspekte des für das
kommende Haushaltsjahr vorgesehenen Programms beschränken, die einen Wandel widerspiegeln.
Die Strategie der Abschreckung
Während des vergangenen Jahres entwickelten wir unsere
Strategie im Hinblick darauf,daß größerer Nachdruck auf die
Macht der Abschreckung gelegt wird. Es ist nicht praktisch,
der ungeheuren Landmacht des Sowjetblocks mit gleichen
Mitteln entgegenzutreten, einer Macht, die von ihrer fcentraleurasischen landmasse aus in zahlreichen Richtungen gegen
jede der über zwanzig freien Nationen losschlagen könnte.
Wenn man den Versuch machte, einer derartigen Macht an jedem
lebenswichtigen Punkt, wo sie unter Umständen angreifen könnte, entsprechend entgegenzutreten, dann würde das den Bankrott
bedeuten und hieße, zahlreiche Länder der Eroberung von innen
her, durch kommunistische Infiltration, auszusetzen. Wenn auch
die Notwendigkeit einer örtlichen Landstärke keinesfalls übersehen wird, so mußte man doch intensiv nach wirksameren und
weniger kostspieligen Möglichkeiten suchen, um von einem Angriff abzuschrecken.
Wir sind der Ansicht, daß mögliche Aggressoren mit einem
Angriff zögern würden, wenn sie glauben, daß sie für ihre
Aggression mehr erleiden müßten, als sie durch einen solchen
Akt gewinnen könnten. Diese Erkenntnis des Gegners kann geschaffen werden, wenn die freie Welt über eine Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit an Vergeltungsstärke verfügt. Wir
dürfen uns nicht verpflichtet fühlen, den Aggressoren immer
die Wahl des Ortes und der Mittel zu überlassen, sondern
müssen unsere eigene Wahl treffen können. Diese Wahl würde
der Überlegung entspringen, wie man dem Aggressor größeren
Schaden zufügen könnte, als er möglicherweise gewinnen würde,
ohne daß gleichzeitig der Konflikt zu unserem Nachteil ausgeweitet wird.
Die freien Nationen können diese Stärke, die Wahl selbst
zu treffen und infolgedessen von einem Angriff abzuschrecken,
dadurch aufbauen, daß sie ein weitverzweigtes System der Ge*
meinsamkeit schaffen, in dessen Rahmen die Defensivstärke
durch eine bewegliche Macht vergrößert wird, die über zahlreiche Punkte als Ausgangsbasis verfügt. Dies ist nicht nur
wirksam sondern auch relativ wirtschaftlich, weil die Macht,
die einen äinzelnen schützt, auch schnell zum Schutze Vieler
verfügbar gemacht werden kann»
Die NATO

�7. April 1954

'AMERIKA DIENST"
Die NATO

Die Nordatlantikpaktorganisation, die gestern ihren
fünften Jahrestag feierte, bietet die Möglichkeiten, die zur
Vervollständigung der Politik der Abschreckung erforderlich
sind. Sie vernachlässigt dabei nicht dieflefensiveStärke.
Sie ergänzt diese jedoch wirkungsvoll durch ein ausgedehntes
Netz von Stützpunkten und Möglichkeiten, an dem alle Mitglieder teilhaben und das sich von Kanada über den Nordatlantik
bis nach Europa und nach Asien erstreckt. Der Ministerrat der
NATO, der normalerweise zweimal im Jahre zusammentritt, garantiert die unumgänglich notwendige Fühlungnahme auf maßgeblicher Ebene.
Das System der NATO wird als ein wesentliches Element der
amerikanischen Außenpolitik betrachtet. Die Summe der amerikanischen Zuwendungen und Zuteilungen, die für das Verteidigungssystem der NATO notwendig ist, wird
- wie ich hier mit Freuden
feststellen darf - wesentlich unter den bisherigen Beträgen liegen.
Dies ist darauf zurückzuführen, daß eine Revision der nach der
neuen strategischen Konzeption erforderlichen Mannschaftsstärke,
sowie der bei der Ausrüstung und Ausbildung der NATO-Streitkräfte erzielte wesentliche Fortschritt und die erreichte größere
Kampfkraft uns in die Lage versetzt hat, unseren eingegangenen
Verpflichtungen mit niedrigeren Kosten als ursprünglich angenommen nachzukommen.
Die europäische Verteidigungsgemeinschaft
Jede Betrachtung der NATO ist unvollkommen, wenn sie nich$
den gegenwärtigen Status der EVG berücksichtigt. Die NATO benötigt einen deutschen Beitrag und vor allem eine französischdeutsche Einheit, die für alle Zeiten das beseitigt, was der
Welt schlimmstes Pulverfaß gewesen ist. Die Franzosen haben vorgeschlagen, dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß sich sechs
kontinentale Nationen, einschließlich Frankreichs und Deutschlands, zusammenschließen, um eine neue Gemeinschaft zu bilden,
deren von allen Mitgliedstaaten gestellte Streitkräfte die
nationalen Eruppen in Europa ersetzen würden. Im nächsten Monat
werden es zwei Jahre her sein, seit der Vertrag zur Schaffung
der EVG unterzeichnet wurde. Bisher haben drei Nationen, Belgien,
Holland und die Bundesrepublik, die Ratifizierung beendet. Die
Ratifizierung durch ein viertes Land, Luxemburg, mag schon sehr
bald erfolgen. Was Frankreich und Italien angeht, so hat der
parlamentarische Ratifizierungsprozeß noch nicht begonnen, aber
ein früher Zeitpunkt dafür wird vielleicht bald festgelegt.
Diese Verzögerungen stellen vom Standpunkt der freien Welt
aus einen negativen Faktor dar. Sie zögern die Fähigkeit der
NATO hinaus, auf die Deutschen zurückzugreifen, um diejenige
Stärke aufzubauen, die zur Vervollständigung der auf die Zukunft
gerichteten Strategie der NATO notwendig ist. Darüber hinaus
wird Westdeutschland durch diese Verzögerungen daran gehindert,

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�"AiffiRIKA DUNST"

7. April 1954

gehindert, sich der Familie der souveränen und freien Nationen
anzuschließen, weil die Verträge, die der Bundesrepublik die
volle Souveränität wiedergeben wollen, auf Grund ihrer Bestimmungen von dem Inkrafttreten der EVG abhängig sind. Selbstverständlich ist die Bundesregierung rechtmäßig gewählt, sie
ist aber noch nicht souverän. Es ist ganz klar, daß der gegenwärtige Status nicht noch viel länger andauern kann.
Spanien
Während des vergangenen Jahres ist das NATO-Verteidigungssystem, was die Vereinigten Staaten anbetrifft, durch ein
Stützpunkt-Abkommen mit Spanien erweitert worden. Dieses Abkommen wird die Zahl der den amerikanischen Luft- und Marineverbänden im westlichen Mittelmeerraum zur Verfügung stehenden Einrichtungen bedeutend erhöhen. Dies ist bereits seit
langem angestrebt worden. Nunmehr sind die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen worden. Dies bedeutet eine Erhöhung
unserer Gesamtsicherheit. Es wird jedoch einen weiteren Punkt
in den Bewilligungen erfordern.
Wirtschaftshilfe
Eine weitere ermutigende Entwicklung während des laufenden Haushaltsjahres ist die Besserung des wirtschaftlichen
Wohlstandes unserer europäischen Verbündeten. Ihr Lebensstandard hat sich ganz allgemein erhöht, ihre Währungen sind
stärker geworden und die Bevölkerung hat größeres Vertrauen
in die Zukunft.
Ihre internationale Position hat sich, vom Standpunkt
der Zahlungsbilanzen gesehen, ebenfalls gebessert und die
Zahlungsbilanz ist nunmehr etwas günstiger für äie geworden.
Dieses Efcgebnis ist mit Hilfe unseres Off-Shore-Beschaffumgsprogramms erreicht worden, das Europa in die Lage versetzt,
durch Herstellung einiger der von ihm benötigten militärischen
Versorgungsgüter Dollar zu verdienen. -Wir haben ferner Prankreich Dollarbeträge zur Deckung seiner Ausgaben in Indochina
zur Verfügung gestellt.
Die Schaffung einer gesünderen Wirtschaft in Europa ist
in beachtlichem Maße auf die dieses Jahr erfolgte Annahme der
langfristigen Konzeption der NATO zurückzuführen. Es hat sich
erwiesen, daß das lühere Programm eines schnellen militärischen
Aufbaus nicht den wirtschaftlichen Fähigkeiten der Mitgliedsstaaten entspricht. Das neue Programm legt geringeren Wert
auf Quantität und dafür mehr Wert auf Qualität.
Durch Anwendung des Prinzips der besseren Auswahl und durch
erhöhtes Vertrauen auf die neue Strategie wird es möglich sein,
eine stetig wachsende Verteidigungskapazität ohne höhere Kosten
aufrechtzuerhalten, die unsere europäischen Verbündeten ohne
größere Wirtschaftshilfe von den Vereinigten Staaten nicht
tragen könnten.
mi r

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST

Wir glauben nicht, daß selbst die Vereinigten Staaten mit
Vernunft große wirtschaftliche Zuwendungen zu einem ständigen
Bestandteil ihrer Politik machen können.
Wir haben versucht, die Wirtschaftshilfe an Europa als
reine Stützung des Budgets dieser Staaten einzustellen. Ausnahmen werden gemacht, wo dies zur Aufrechterhaltung militärischer Einrichtungen notwendig ist, die von direktem Nutzen
für uns sind und die nicht ohne Hilfe seitens der Vereinigten
Staaten in dem Maße erhalten werden können, das unseren militärischen Beratern wünschenswert erscheint.
Die Türkei ist eine gute Illustration hierfür. Sie unterhält ungefähr 20 Divisionen von einer hohen Kampfmoral an einem
strategisch wichtigen Punkt. Die türkische Wirtschaft kann diese Verbände nicht ohne eine gewisse Unterstützung unterhalten,
und hier tritt das Auslandshilfeprogramm in Aktion. Wir sind
der Ansicht, daß das auf diese Weise ausgegebene Geld den USA
hinsichtlich ihrer Sicherheit größere Gewinne einbringen wird
als wenn es auf andere Weise oder überhaupt nicht ausgegeben
werden würde.
Es gibt in diesem Programm einige Punkte der Wirtschaftshilfe, die sich nicht auf direkte militärische Vorteile beziehen. Dies trifft besonders hinsichtlich Asiens und Lateinamerikas zu. Diese Beträge sind in den meisten Fällen recht
gering. Der kleinste Einzelposten wirtschaftlicher Natur, außerhalb dem für Korea vorgesehenen - von dem ich später sprechen
werde - beträgt 85 Millionen Dollar und ist für Indien bestimmt.
Die Außenpolitik Indiens unterscheidet sich von der unsrigen.
Aber die Freiheit nimmt auch abweichende Auffassungen in Kauf.
Die indische Regierung führt gegenwärtig einen bemerkenswerten
Versuch durch, eine freie demokratische Regierungsform in jenem
Teil der Welt aufzurichten. Dies steht in einem scharfen Gegensatz zu dem von dem benachbarten China durchgeführten Versuch,
ihrem Lande ein von der kommunistischen Staatspolizei beherrschtes politisches System aufzuzwingen. Wir sind der Meinung, es
ist wichtig für die USA, daß der wirtschaftliche Fünfjahresplan
der indischen Regierung Erfolg hat, und daß eine Weiterführung
der amerikanischen Hilfe für Indien mit Recht im wohlüberlegten
Selbstinteresse der USA liegt. Es kann jedoch in diesem Zusammenhang mitgeteilt werden, daß jetzt im allgemeinen sich selbst
tragende Maßnahmen die nicht rückzahlbaren Zuwendungen in
wirkungsvoller Weise ersetzen.
Der Nahe Osten
Ein weiteres neues Element der Ermutigung ist die Maßnahme
der Türkei und Pakistans, die in der vergangenen Woche einen
Vertrag der Freundschaft und Zusammenarbeit abgeschlossen haben.
Es ist erfreulich, daß die Konzeption der gemeinsamen Sicherheit
im wichtigen Nahen Osten Fuß gefaßt hat. Dies ist ein Gebiet
von großem menschlichen, wirtschaftlichen und strategischen
Wert, das durch Spaltungen geschwächt wurde. Die Tatsache, daß

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�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

daß nunmehr Pakistan und die Türkei - unser NATO-Alliierter planen, zur gemeinsamen Sicherheit zusammenzuarbeiten, gibt
diesen beiden Ländern eine neue Quelle der Stärke. Darüber
hinaus haben sie ein Beispiel gegeben, dem andere Länder vielleicht folgen werden.
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 wird die Bewilligung weiterer militärischer Hilfslieferungen an Pakistan
einschließen, die das Land in den Stand setzen sollen, seinen
Teil bei der regionalen Verteidigung zu übernehmen. Ich möchte
in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß Pakistan die
klare Versicherung abgegeben hat, die von den USA zur Verfügung
gestellte Militärhilfe nur zu Verteidigungszwecken einzusetzen,
Lateinamerika
Bevor wir den Fernen Osten erörtern, möchte ich ein Wort
über diese Hemisphäre sagen. Ich bin erst kürzlich von der
zehnten panamerikanischen Konferenz aus Caracas zurückgekehrt.
Liese Konferenz hat eine wichtige außenpolitische Deklaration
abgegeben. Sie hat bekräftigt, daß falls die internationale
kommunistische Bewegung die Herrschaft oder die Kontrolle über
die politischen Institutionen irgend eines der amerikanischen
Staaten gewinnen sollte, dies eine Bedrohung der Souveränität
und der politischen Unabhängigkeit aller amerikanischen Staaten
darstellen und den Frieden in Amerika gefährden würde . Die
einzige Stimme gegen diese Deklaration wurde von Guatemala abgegeben - aus Gründen, die offensichtlich sind.
Diese Aktion der panamerikanischen Konferenz stellt einen
wichtigen Schritt zum Zusammenschluß dieser Hemisphäre gegen
die Bedrohung durch den internationalen Kommunismus dar.
Weitere Schritte sind Jedoch notwendig. Der Lebensstandard in
dem größten Teil Lateinamerikas ist niedrig und zahlenmäßig
starke und einflußreiche Elemente suchen die Vereinigten Staaten hierfür zu tadeln.
Unser gemeinsames Sicherheitsprogramm wird der Bedeutung
des wirtschaftlichen Wachstums und eines höheren Lebensstandards
in Lateinamerika Rechnung tragen. Der größte Teil der Hilfe, die
die Vereinigten Staaten gewähren können, wird über die Privatwirtschaft erfolgen. Diese kann und sollte jedoch durch gewisse Regierungsmaßnahmen ergänzt werden. Hierzu gehören die
Programme über technische Zusammenarbeit. Das gemeinsame Sicherheit sprogramm für 1955 wird auch weiterhin einige Bestimmungen für diese Art der Hilfe an Lateinamerika und andere
Gebiete der Welt enthalten. Diese Programme zeitigen Resultate,
die weit größer sind, als daß sie noch an den bewilligten
Dollarbeträgen gemessen werden können, denn sie vermitteln
das Wissen, das anderen hilft, sich selbst zu helfen.
Korea

�7. April 1954

"AMERIKADIENST"
Korea

Nun möchte ich mich dem Fernen Osten zuwenden. Hier haben die Entwicklungen dieses Jahres unterschiedliche Resultate,
günstige und ungünstige, gezeitigt. In Korea sind die Kampfhandlungen durch ein im vergangenen Juli unterzeichnetes Waffenstillstandsabkommen beendet worden. Dort hat das Töten
von Menschen aufgehört. Dieses auf ehrenvolle Weise erreichte
Ergebnis hat unserer Auffassung nach das amerikanische Volk
mit tiefer Befriedigung erfüllt. Die Einstellung der Kampfhandlungen hat ihre Rückwirkungen auf das kommende Haushaltsjahr des Programms für gemeinsame Sicherheit.
Für das Verteidigungsministerium ist nun die Ausgabe von
Milliarden Dollar nicht mehr länger notwendig, die zur Führung
des eigentlichen Krieges in Korea verwendet wurden. An die
Stelle dieser destruktiven und unproduktiven Ausgaben ist nun
ein Programm für den Wiederaufbau und die Unterstützung der
Republik Korea angelaufen. Dieses Programm wird teilweise von
den Vereinten Nationen, zum größten Teil aber von den USA getragen.
Die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Wohlstands in
dem kriegszerstörten Korea ist eine gigantische Aufgabe. Die
Kosten stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Kosten
dar, die ein Krieg erfordern würde. Wir sind der Ansicht, daß
die Durchführung dieser friedlichen Aufgabe im Interesse der
USA und der ganzen freien Welt liegt, wenn sie - und wir wissen,
daß sie dies kann - die Fähigkeit freier Menschen beweist, sich
in den Künsten des Friedens auszuzeichnen.
Japan
Die japanische Regierung plant, nunmehr einen größeren
Teil an Verantwortung für die Verteidigung des eigenen Landes
zu übernehmen, womit ein Beitrag zur Aufrechterhaltung von
Frieden und Sicherheit im Fernen Osten geleistet wird. Die
Japaner haben verständlicherweise gezögert, die wirtschaftliche Last für den Wiederaufbau selbst begrenzter Sicherheitseinrichtungen auf sich zu laden. Durch die grausamen Folgen des
zweiten Weltkrieges war die Bevölkerung Japans auch so tief
beeindruckt, daß sie die Tendenz verfolgte, ihre Augen vor der
Gefahr einer neuen militärischen Bedrohung zu verschließen.
Am achten März 1954 wurde jedoch ein gegenseitiges Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Japan unterzeichnet. Es
sieht den Ausbau der japanischen Verteidigungsstreitkräfte
mit amerikanischer Unterstützung vor allem im Hinblick auf
amerikanische Militärausrüstung vor. Wenn dies auch für die
Vereinigten Staaten mit Kosten verbunden ist, so ist das doch
eine Ausgabe, die sich bezahlt machen wird,
Indochina
Die Situation in Indochina istiaach weiterhin überaus gefahrvoll, nicht nur für das direkt betroffene Gebiet sondern

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�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

sondern auch für die Sicherheit der USA und ihrer Alliierten
im pazifischen Raum. Sie werden sich erinnern, daß wir mit
Australien und Neuseeland und mit den Philippinen gegenseitige
Sicherheits- und Verteidigungsverträge abgeschlossen haben,
die zum Ausdruck bringen, daß das Gebiet für den Frieden und
die Sicherheit der USA von lebenswichtiger Bedeutung ist.
Rotchina hat die kommunistische Aggression in Französischindochina intensiviert« In Anwendung des klassischen kommunistischen Musters hat es versucht, aus den örtlichen Unabhängigkeitsbestrebungen Kapital zu schlagen und sie als Vorwand für einen
Aggressionskrieg größeren Ausmaßes zu benutzen. Die Herrscher
des kommunistischen China bilden und rüsten die Truppen ihrer
Marionette Ho Chi-Minh in China aus, Sie versorgen diese Truppen
mit großen Mengen an Geschützen und Munition. Sie geben den
Stäben Ho Chi-Minhs bis hinunter zur Divisionsebene und den
Spezialabteilungen wie dem Nachrichten- und dem Pionierkorps
sowie den Artillerie- und Transporteinheiten militärische und
technische Anweisungen.
Der Hauptzweck ist nicht nur die Machtergreifung in Indochina sondern die Beherrschung ganz Südostasiens. Dieser Kampf
stellt daher nicht nur eine schwere Bedrohung für Vietnam, Laos
und Kambodscha sondern auch für solche befreundete Nachbarländer
wie Malaya, Thailand, Indonesien, die Philippinen, Australien und
Neuseeland dar.
Die amerikanische Regierung ist sich dieser wachsenden Gefahr vollauf bewußt. Im vergangenen September kamen wir mit der
französischen Regierung überein, uns an der Durchführung des
Navarre-Plans zu beteiligen. Dies ist ein von General Navarre
ausgearbeiteter Plan, den organisierten Widerstand der kommunistischen Aggressoren durch die bis zum Beginn der Regenzeit
von 1955 möglichen Kampfhandlungen zu brechen und dadurch die
Kämpfe zu einem Guerillakrieg zu reduzieren, der 1956 zum
größten Teil von den nationalen Streitkräften der drei assoziierten Staaten geführt werden könnte.
Dieser Plan war auf folgende Grundideen abgestellt:
Volle Unabhängigkeit für Vietnam, Laos und Kambodscha im Rahmen
der französischen Union, so daß ihre Völker in diesem Kampfe
ein großes Ziel vor Augen haben;
Aufbau von nationalen Streitkräften in Vietnam, Laos und
Kambodscha; und
zu Anfang eine zusätzliche Verstärkung durch bewaffnete
Streitkräfte aus anderen Teilen der französischen Union.
Die Vereinigten Staaten haben ihrerseits zugestimmt, an
der Beschaffung der meisten der hierfür benötigten militärischen
Bedarfsgüter mitzuwirken und den größten Teil der Kosten zu bestreiten, besonders im Hinblick auf Ausbildung, Ausrüstung und
Aufrechterhaltung von weiteren örtlichen Streitkräften.
Dieses
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"AiioEKIKA DIENST"

Dieses übereinkommen führte zu einer bedeutenden Erhöhung
der Kosten, die in dem im Frühjahr 1955 unterbreiteten gemeinsamen Sicherheitsprogramm veranschlagt worden waren. Bereits
damals war ein hoher Betrag, 400 Millionen Dollar, angefordert
und bewilligt worden. Es wurde jedoch für wünschenswert erachtet, diesen Betrag auf 785 Millionen Dollar zu erhöhen.
Desgleichen wurde die Gesamtzahl der zu liefernden militärischen Ausrüstungsgüter wesentlich erhöht. Dies wurde im Rahmen
der bestehenden Gesetze unter Rückgriff auf die flexiblen
Transferbestimmungen getan, die mit Billigung der führenden
Männer im Kongreß angewendet wurden. Diese Lage in Indochina
und der Einsatz größerer Mittel in Persien auf Grund der
günstigen politischen Entwicklungen in diesem Land sind kennzeichnend für die geradezu lebenswichtige Bedeutung der Transferbestimmungen, die es dem Präsidenten ermöglichen, entsprechend den veränderten Notwendigkeiten, die nicht immer ein
Jahr oder noch länger im voraus abzusehen sind, Beträge einer
anderen Bestimmung zuzuführen.
Wir werden für 1955 um Mittel für Indochina in einer
Höhe nachsuchen, die etwa den für das laufende Haushaltsjahr
für notwendig erachteten Beträgen entspricht.
Dieser Punkt ist von großer Bedeutung, wie aus dem hervorragenden Bericht des Unterausschusses hervorgeht, dessen
Vorsitzender der Abgeordnete Judd ist.
Es besteht keine Veranlassung, die dem Navarre-Plan innewohnende logische Richtigkeit in Zweifel zu ziehen. Durch
ihre Deklaration vom 3.Juli 1953 sicherte die französische
Regierung Vietnam, Laos und Kambodscha die volle staatliche
Unabhängigkeit zu und diese wird praktisch verwirklicht. Die
nationalen Streitkräfte dieser drei Staaten werden jetzt in
immer größerer Zahl ausgebildet und ausgerüstet. Die Franzosen
haben wie versprochen ihre eigenen Streitkräfte in Indochina
verstärkt. Die französischen und nationalen Streitkräfte
haben in der Schlacht um Dien Bien Phu hervorragenden Kampfgeist entwickelt. Nichts ist geschehen, was den für das Jahr
1955 vorgesehenen Militärhaushalt ändern mußte, Die Kommunisten
sind im Gegenteil gegenwärtig dabei, ihre militärischen Trümpfe
in Indochina rücksichtslos auszuspielen.
Es scheint offensichtlich, daß sie jetzt in einer gewaltigen Anstrengung alles auf eine Karte gesetzt haben, um die
Kampfmoral der Franzosen und der assoziierten Staaten vor Beginn der Regenzeit im Mai und vor Beginn der Genfer Konferenz
zu brechen.
Dieser Plan muß durchkreuzt werden. Dies läßt sich angesichts der Tatsache, daß die Kommunisten ihr Menschenpotential
in massierten, selbstmörderischen Angriffen einsetzen mit dem
Ziel, den Einzelwillen zu brechen, dadurch erreichen, daß man
den Zusammenschluß vieler Einzelwillen zustandebringt, die zusammen unbesiegbar sind. Das Gebot der Stunde für die freie

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freie Welt und wohlgemerkt für alle jene Nationen, für die die
Bewahrung der Freiheit in jenem Teil der Erde von lebenswichtiger Bedeutung ist, heißt Solidarität. Die französische Regierung und die Regierungen der assoziierten Staaten sollten nicht
das Gefühl haben, daß sie in einer Stunde höchster Gefahr
allein stehen.
Dies ist die Überzeugung der amerikanischen Regierung und
ich hoffe, daß diese Ansicht auch von dem amerikanischen Kongreß und von den anderen betroffenen Nationen geteilt wird.
Auf diese "Weise können wir eine Lehre daraus ziehen, die uns alle
beschützen wird«. Es würde für viele eine ernsthafte Bedrohung
bedeuten, wenn man das politische System des kommunistischen
Rußland und seiner chinesischen kommunistischen Alliierten den
Ländern des südostasiatischen Raumes aufzwänge. Eine derartige
Entwicklung sollte nicht passiv hingenommen, sondern ihr sollte
durch eine Einheit des Wollens und, wenn notwendig, durch eine
Einheit des Handelns entgegengetreten werden.
Die gegenwärtige Weltlage erfordert ein großes Maß von
Einigkeit und Zusammenarbeit auf äeiten der nichtkommunistischen
Völker nicht nur im Hinblick auf Indochina sondern auch im
Hinblick auf zahlreiche andere Fragen. Keiner von uns könnte
alleine zuversichtlich dem Sowjetblock entgegentreten. Seine
Machthaber halten nunmehr 800 Millionen Menschen unter ihrer
scharfen Kontrolle und sie bauen mit diesen Menschen und den
ungeheuren Hilfsquellen ihrer Länder eine Maschine von großer
Stärke auf. Diese Maschine ist mit den modernsten Massenvernichtungswaffen ausgestattet, die von den Kommunisten ohne jegliche Hemmungen entwickelt werden. Glücklicherweise neutralisiert
die Kapazität der freien Welt für eine sofortige Vergeltung diese
Gefahr der Massenvernichtung. Andernfalls würde diese Vernichtungsstärke zusammen mit dem Fehlen jeglicher moralischer Zurückhaltung einen einschüchternden Einfluß von nie dagewesener
Größe darstellen.
Niemand sollte daran zweifeln, daß die sowjetischen Machthaber immer noch die Weltherrschaft anstreben. Die kürzliche
Vier-Mächtekonferenz in Berlin hat dazu gedient, in treffender
Form zu demonstrieren, daß die kommunistischen Führer sich nicht
der menschlichen Freiheit unterordnen können und der Ansicht
sind, daß sie, weil die Freiheit so ansteckend ist, versuchen
müssen, diese auszurotten. Diese grundlegende Unvereinbarkeit
zwischen Kommunismus und Freiheit spornt die Kommunisten
ständig an, ihren Machtbereich zu erweitern. Dies', ist nicht
lediglich auf das Streben nach Macht sondern auf eine echte
Furcht vor der Freiheit zurückzuführen.
Es stimmt, daß die sowjetischen Führer den Wunsch nach
einem friedlichen Nebeneinanderleben in Europa zum Ausdruck
bringen. Die sowjetischen Machthaber wollen jedoch, wie die
Berliner Konferenz gezeigt hat, keine auch noch so geringe
Maßnahme ergreifen, um den Griff um die von ihnen versklavten
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versklavten Völker zu lockern. Sie halten nicht nur die Teilung
Deutschlands aufrecht und Österreich weiterhin besetzt, sondern versuchen auch mit jedem nur erdenklichen Mittel, ihre
Macht auf Westeuropa auszudehnen. Die sowjetischen Herrscher
bemühen sich, Spaltungen zu verewigen, vor allem zwischen
Frankreich und Deutschland - Spaltungen, die wirklich keinem
nützlich sein können, der ehrlich nach Frieden strebt. Und
sie versuchen ferner, die Einheit und Stärke der NATO durch
Infiltration zu zerstören.
Nur unglaubliche Blindheit oder die glühendsten Wunschträume könnten uns glauben machen, daß die Gefahr vorüber ist
und daß nunmehr jede freie Nation sicher ihren eigenen Weg
gehen kann. Wir müssen auch weiterhin vereint bleiben.
Die Aufrechterhaltung der Einigkeit verlangt auf aeiten
aller Nationen in der freien Welt Verständnis, Nachsicht und
Zusammenarbeit. In jedem Land der freien Welt besteht eine
in der Natur der Sache liegende Ungeduld über die Bedingungen,
welche von uns auf lange Zeit hinaus ein gemeinsames Handeln
verlangen. In einigen Ländern gibt es Leute, die dagegen protestieren und behaupten, daß die Mitarbeit ihrer Regierungen
an der gemeinsamen Sache Unterwürfigkeit bedeute und daß diese
Länder ihre Unabhängigkeit durch einen verwirklichten Isolationismus beweisen sollten. In den USA gibt es einige, die
dafür eintreten, daß die Vereinigten Staaten besser daran täten,
sich von den militärischen und wirtschaftlichen Lasten und den
politischen Befürchtungen zu befreien, die uns nun aus jedem
Teil der Erde bedrängen.
Das Hauptziel der sowjetischen Strategie besteht darin,
die Einheit der freien Welt auseinanderzubrechen. Ihre ganze
Diplomatie, ihre Propaganda, ihre Druckmittel, ihre Lockungen
dienen diesem Ziel. Diese Bemühungen sind im großen und ganzen
nicht ohne Erfolg gewesen.
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm der USA ist eine der
Möglichkeiten, den Erfolg der sowjetischen Strategie zu verhindern. Es trägt unerläßlich dazu bei, die für unsere eigene
Sicherheit lebenswichtige Einheit aufrechtzuerhalten. Ohne diese Einheit würden die Vereinigten Staaten schnell dazu gezwungen,
zu einem Garnisonsstaat zu werden, und die Schlinge des Kommunismus würde sich immer enger um uns legen.
Ich fordere Sie daher auf, diesem Programm eine baldige und
au|geschlossene Behandlung zuteil werden zu lassen. Es ist eine
Maßnahme für die Sicherheit der USA und für die Aufrechterhaltung der Freiheit in der Welt."
* * # * #

�STEAUSS ZUE FEIEDLICHEN N U T Z B A E M A C H U N G DEE ATOMENEEGIE
Nachstehend geben wir Ihnen wesentliche Auszüge aus einer umfassenden Eede, die der Vorsitzende des US-Atomenergieausschusses, Lewis
L. Strauss, am 19»April 1954 vor dem "Eat für
Weltfragen" (Council of World Affairs) über die
Entwicklung der Atomwaffen und die Weltaspekte
im Zeitalter der Atomenergie gehalten hat und
in deren Verlauf er bekanntgab, daß Präsident
Eisenhower die Absicht habe, im Verlauf dieses
Jahres eine internationale Atomwissenschaftlerkonferenz - die erste ihrer Art in der Geschichte
der Menschheit - nach den USA einzuberufen. Sie
solle, nach den Worten des Präsidenten, dem Ziele
dienen "das Herannahen des Tages zu beschleunigen,
wo die Furcht vor dem Atom aus den Herzen der Menschen und der Eegierungen in Ost und West zu
schwinden beginnt".
I.
LOS ANGELES - (Amerika Dienst) - Es gibt eine Blitzlichtaufnahme von Präsident Eisenhower, die gemacht wurde, als er
kurz nach Beendigung seiner Eede über die friedvolle Nutzung
der Atomenergie seinen Platz im großen Sitzungssaal der achten
UN-Vollversammlung wieder eingenommen und anhaltender Applaus
eingesetzt hatte - ein Applaus nahezu unbekannt in diesem erhabenen Eaume - ein Applaus, der zum Vorboten der weltweiten
Zustimmung wurde, die dieser historischen Eede zuteil werden
sollte. Es ist ein ergreifendes Bild. Es zeigt das Gesicht
eines Mannes, dem es gelungen ist, seine innerste Überzeugung
seinen Zuhörern mitzuteilen, die ihrerseits spontan und offensichtlich bewegt darauf reagierten. Was wohl als ein großer
historischer Augenblick gelten darf, ist in diesem Bild eingefangen und dokumentiert.
Viel wurde bisher über die Eede vom 8.Dezember 1953 gesagt.
Sie war keine nur flüchtig präparierte Eede gewesen. Allerdings
ist wahr, daß der Präsident schon in Bermuda weilte,als an ihn
die Einladung erging, vor den Vereinten Nationen zu sprechen einem für diesen Zweck absolut angemessenen, Ja geradezu idealen Forum. Die Eede selbst aber war lange Zeit in Vorbereitung
gewesen und beschäftigte den Präsidenten noch bedeutend länger.
Er hatte daran gearbeitet, sie niedergeschrieben, sie wieder
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wieder umgeschrieben und er hätte sie, wenn er gewollt hätte,
ohne jedes Manuskript halten können
Ich möchte nun zunächst darüber sprechen, warum wir Atombomben gemacht haben, warum wir uns zur Herstellung von Wasserstoffbomben entschlossen haben und über das, was meinem bescheidenen Urteilsvermögen nach noch vor uns liegt.
II.
Wir in den Vereinigten Staaten begannen erstmalig mit der
Herstellung der Atombombe, weil wir guten Grund zu der Annahme
hatten, daß die Deutschen bereits an der Entwicklung dieser
Waffe arbeiteten. Es blieb uns zweifellos kein anderer Ausweg,
als dafür zu sorgen, daß wir in der Rüstung nicht überholt wurden, - besonders nicht von einer Nation, mit einer so verantwortungslosen und kriegerischen Führung wie der Hitler-Deutschlands. Nachdem wir diese Waffe hergestellt hatten, setzten wir
sie ein, um den Krieg mit Japan zu einem raschen Ende zu bringen,
und beließen es dann bei unseren militärischen und wissenschaftlichen Erfolgen.
Der nächste Schritt war unser Angebot, das Monopol mit der
Welt - trotz ihres Mangels an Erfolg • zu teilen. Das ist eine
der Seiten in der amerikanischen Geschichte, auf die wir mit
größter Befriedigung und größtem Stolz blicken können - mit Befriedigung, weil uns dazu ausnahmslos wohlgemeinte Motive veranlaßt haben. Die Schuld dafür, daß es uns nicht gelang, unsere
Generation von dieser Vernichtungsgefahr zu befreien, muß die
Geschichte allein dem Denken und Handeln der Männer zuschreiben,
denen sie zukommt - den Machthabern im Kreml. Zynisch aber
wirkungsvoll wandten sie jede diplomatische Strategie an, um die
Verwirklichung unseres Vorschlages zu verzögern, Unklarheiten
aufkommen zu lassen und schließlich den Plan zum Scheitern zu
bringen. Dies ist ihnen gelungen. Jetzt allerdings stellt sich
heraus, daß der Grund dafür sehr wohl in dem Vorhandensein
eigener Pläne zur Herstellung von Atomwaffen lag.
Mit dem Scheitern des Baruch-Plans blieb für die Vereinigten
Staaten kein anderer Weg offen, als die Entwicklung ihrer Atomwaffen voranzutreiben - was dann auch geschah.
Die Sowjets kamen früher in die Lage, Atomwaffen einsetzen
zu können, als die meisten erwartet hatten - viel früher. Durch
die Tätigkeit unserer Abwehr, die glücklicherweise zeitig genug
anlief, wußten wir ebenso schnell wie das russische Oberkommando
- und Monate bevor das russische Volk informiert wurde - daß
eine Versuchsexplosion stattgefunden hatte. Wir veröffentlichten
diese Nachricht am 23.September 1949.
Die Sowjets führten weitere Versuche im Herbst 1951 durch
und dann wieder im Laufe des letzten Sommers. Die letzte Versuchsreihe begann mit einer sehr starken Explosion, von der wir
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wir mit Bestimmtheit sagen können, daß es eine thermo-nukleare
Reaktion war - das heißt eine Verschmelzung der Kerne leichter
Elemente.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß dieser Versuch
möglicherweise verheerende Folgen für uns hätte haben können,
wenn wir nicht darauf vorbereitet gewesen wären. Glücklicherweise waren wir vorbereitet. Als die Tatsache, daß die Sowjets
im Besitz der Atom-Bombe sind, im Jahre 1949 erkannt wurde und
die Verhandlungen über eine internationale Kontrolle und
Inspektion durch das Verhalten der Russen zum Stillstand gekommen waren, traf Präsident Truman eine Entscheidung.
Er war sich bewußt, daß ein Vorsprung in der Zahl der vorhandenen Atomwaffen - eine mengenmäßige Überlegenheit, die wir
damals zu haben glaubten, wenn wir andererseits auch sicher
waren, daß wir sie nicht beibehalten konnten - relativ
immer weniger wichtig und schließlich völlig bedeutungslos
werden würde. Unsere einzige Hoffnung bestand darin, den
Status quo durch eine qualitative Überlegenheit beibehalten
zu können. Der Präsident gab der Kommission am 31.Januar 1950
die Anweisung, mit den Arbeiten zur Entwicklung der "SuperBombe", wie sie damals allgemein genannt wurde, zu beginnen;
das heißt, eine Waffe zu schaffen, der das Prinzip der Kernverschmelzung zugrunde liegt, nicht aber der Kernspaltung.
Der Erfolg der amerikanischen Wissenschaftler und Techniker bei der Lösung dieser Aufgabe ist heute weitgehend bekannt,
und unsere Ansicht, daß nur unsere ständige Überlegenheit durch
den Besitz der besseren Waffen die Welt vor einer weiteren
Aggression größten Ausmaßes und vor einem anderen Blutbad bewahrt hat, wird durch keine geringere Persönlichkeit als Sir
Winston Churchill bekräftigt.
Stellen Sie sich vor, in welcher Situation wir uns befänden, wenn wir nicht die Macht der Vergeltung besitzen würden,
die ein wirksames Gegengewicht zur riesigen Sowjet-Streitmacht
und ihren Atomwaffen darstellt. Besäßen sie diese Macht allein
oder könnten sie sie anwenden, so wäre es ihnen möglich, kleine
angrenzende Nationen zu unterwerfen und schließlich würde die
ganze Welt im Abgrund des Kommunismus und der Sklaverei ihr
Ende finden.
Der andere Ausweg aber - daß sich,nach der Metapher, die
der Präsident gebrauchte, "zwei Atom-Kolosse in einer zitternden Welt auf "unbestimmte ' Zeit unheilbringend gegenüberstehen"',
- bringt eine ebenso unannehmbare Lage mit sich, wenn auch inweit weniger starkem Maße unannehmbar als die Folgen, die entstehen, wenn wir uns dem Kommunismus unterwürfen. V/eil damit
die Unsicherheit der Auslösung eines ungeheuren VerwüstungsKrieges verbunden ist, hat sich Präsident Eisenhower mit diesen Problemen lange und eingehend befaßt.
Bei seinen Überlegungen kam er zu der Überzeugung, daß ein
neuer Faktor hervorgehoben, ein neuer Maßstab angelegt werden
-

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• *

,

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21. April 1954

werden müsse, ehe ' Irgendwelche Hoffnung gefaßt werden könne.
Die Lösung aller Schwierigkeiten liegt im Atom selbst, in der
Bindung seiner Kraft, die es nicht zum Herrn und Zerstörer sondern zum Diener der Menschheit werden läßt. Sie werden sich
erinnern, daß es der Kern seines Vorschlages war, daß die Regierungen, die es in erster Linie angeht, soweit es die Klugheit gestattet, jetzt schon damit beginnen sollten, von ihren
Vorräten an normalem Uran und spaltbarem Material Beiträge an
eine "Internationale Atomenergie-Behörde" zu leisten und dies
auch weiterhin fortzusetzen. Er sah vor, daß diese Behörde
unter der Igide der Vereinten Nationen stehen sollte. Einzelheiten wie die Höhe der einzelnen Abgaben, die Art der Durchführung usw. sollten nach seiner Ansicht im Rahmen von "privaten Aussprachen" zwischen den Beteiligten abgesprochen werden.
Private Aussprachen sind erfolgt. Ich habe das Gefühl, daß
- wahrscheinlich weil diese Aussprachen privaten Charakter
tragen - der Eindruck entstanden ist, daß nichts geschehe und
daß der Vorschlag ruhe. Das ist nicht der Fall. Die Idee des
Präsidenten ist zu einem konkreten Plan geformt und mit einigen
befreundeten Regierungen diskutiert worden. Gerade heute vor
einem Monat wurde er dem Sowjetischen Botschafter in Washington
zur Weiterleitung an seine Regierung überreicht. Dieser Schritt
war den privaten Aussprachen gefolgt, die im Januar begonnen
hatten und von Außenminister Dulles fortgesetzt worden waren,
als sich die Außenminister in Berlin trafen.
Warum haben die Mitglieder der sowjetischen Delegation im
Zuhörerraum der Vereinten Nationen, völlig überrumpelt, gemeinsam mit allen anderen anwesenden Delegierten applaudiert? Und
warum haben die Sowjets, nachdem sie ursprünglich mit Ablehnung
und Schmähungen reagiert hatten, schließlich doch geantwortet?
Die Beantwortung dieser Frage liegt wohl in der Gesamtheit
dessen begründet, was folgte.
Ich habe den Vorzug bekanntgeben zu dürfen, daß es die Absicht des Präsidenten ist, im Verlaufe dieses Jahres durch eine
amerikanische wissenschaftliche Organisation eine internationale
Konferenz der Wissenschaftler einberufen zu lassen. Diese Konferenz, von der man sich eine starke Beteiligung erhofft und
die die hervorragendsten Wissenschaftler aus allen Teilen der
Welt vereinigen wird, soll sich mit der Erforschung der segensreichen und friedlichen Verwendung der Atomenergie befassen.
Es wird das erste Mal sein, daß eine derartige Konferenz einberufen wird, die nach den Worten Präsident Eisenhowers dem
Ziel dienen soll, das Herannahen des Tages zu beschleunigen,
an dem die Furcht vor dem Atom aus den Herzen der Menschen und
Regierungen in Ost und West zu schwinden beginnt.
III.
Ich habe soeben auf die Tatsache verwiesen, daß der Vorschlag des Präsidenten als genau festgelegter Plan formuliert
wurde. Es erscheint mir durchaus angebracht, einmal ganz klar
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AMERIKA DIENST"

klar darzulegen, was der Vorschlag ist und was er nicht ist,
um so eine Basis für die Diskussion über die praktischen Möglichkeiten einer Welt-Atomenergie-Organisation zu schaffen.
Der Vorschlag der Vereinigten Staaten ist nicht nur ein
anderer Schachzug im Spiel der Kräfte der Weltpolitik; er ist
auch nicht etwa in erster Linie eine Formel für die Abrüstung.
Dieser Vorschlag gefährdet in keiner Weise die Geheimhaltung^
der Atomwaffen irgendeiner Nation, die jetzt im Besitze derartiger Geheimnisse ist oder in Zukunft solche besitzen wird.
Dieser Vorschlag fordert nicht, daß man heute dort plötzlich
vertraut, wo man gestern noch kein Vertrauen hatte. Bei der
praktischen Verwirklichung des Planes brauchte man sich nicht
auf irgendwelche unmöglichen Vollziehungsbestimmungen zu berufen, noch hinge man ganz von der Auslegung des Begriffes
"guten Glaubens" ab.
Dieser Plan enthält kein Rezept dafür, wie man Seuchen,
die noch weite Teile der Erde heimsuchen, mit technischen
Mitteln beseitigen könnte, und er stellt keine Formel dafür
dar, wie man den verzweifelten Kampf ums tägliche Brot dort,
wo er existiert, in einem Tage - oder einem Jahr - beenden
könnte. Mit diesem Plan wird es nicht etwa möglich, nach
einer festgelegten Zeit-Tabelle Wüste in fruchtbares Weideland zu verwandeln, auch wird er nicht die Energiemengen bereitstellen, die notwendig wären, um die geplagten Menschen
der unterentwickelten Gebiete von ihrer Mühsal zu befreien.
Was die von uns vorgeschlagene Organisation bewirken soll,
ist dies: Sie wird dafür Sorge tragen, daß in allen Teilen
der Erde die Atomenergie in beschleunigtem Maße für friedliche
Zwecke verwendet wird.
Sie wird spaltbares Material aus ihren Vorräten für solche
Zwecke bereitstellen, die der Menschheit zum Wohle gereichen,
und die Menge dieses spaltbaren Materials wird anwachsen, solange der Frieden aufrechterhalten wird.
Sie wird den Atomwissenschaftlern in allen Teilen der
Erde die nötigen Informationen zugänglich machen.
Sie wird die Erschließung neuer fundamentaler Erkenntnisse und Theorien fördern, ohne die kein Fortschritt möglich
ist.
Sie wird allen jenen Nationen, die selbst keine oder unzureichende Anlagen zur Atomforschung besitzen, die Möglichkeit
geben, entweder allein oder in Zusammenschluß mit anderen Staaten solche Anlagen zu erwerben, wie dies ihre Bedürfnisse erfordern.
Sie wird uns helfen, mehr Kenntnis von der Physiologie des
Menschen und der Pflanzen und Tiere, von denen er lebt, aber
auch der Insekten und tierischen Schmarotzer, die eine Gefahr
für ihn bedeuten, zu erlangen, so daß die Heilkunst neue Fortschritte machen wird und neue Wege zur Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung gefunden werden. Und so wird auch die produk- 5 -

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produktive Lebenszeit des Menschen ausgedehnt werden.
Sie wird junge und phantasiebegabte Menschen in vielen
Ländern der Erde ermutigen, sich in den neuen Disziplinen der
Wissenschaft und Technik nutzbringend zu betätigen, damit sie
einen Beitrag zur Ankurbelung der Wirtschaft und Hebung des
Lebensstandards ihres Heimatlandes leisten können.
Und, was vielleicht am wichtigsten ist, die erfolgreiche
Arbeit der Internationalen Atomenergiebehörde wird wesentlich
mit dazu beitragen, der Weltöffentlichkeit die Möglichkeiten
der Atomenergie zur Bereicherung unseres Daseins vor Augen zu
führen, und auf diese Weise einige der heute noch bestehenden
Zweifel und Ingste, man würde sie nur zu destruktiven Zwecken
einsetzen, zerstreuen.
Es wind erst wenige Tage her, daß im Kongreß Anträge zur
Ergänzung des Atomenergie-Gesetzes eingebracht wurden, die die
Verwirklichung des Planes von Präsident Eisenhower beschleunigen sollen.
Darüber hinaus sind wir gern bereit, in den etwa stattfindenden öffentlichen Informationssitzungen über das Ausmaß oder
eine eventuelle Freigabe von Angaben bezüglich der Nutzbarmachung
der Atomenergie für industrielle Zwecke, alle Prägen hinsichtlich
der Gefährdung der Sicherheit durch diese Informationen, ausgiebig zu beantworten. Ich stünde heute abend nicht hier, wenn
ich überzeugt wäre, daß die Beteiligung der Vereinigten Staaten
an der Internationalen Atomenergie-Organisation durch Preisgabe
der für unsere Verteidigung lebenswichtigen Geheimnisse eine
Gefährdung ihrer Sicherheit nach sich zöge.
IV.
Es ist noch keine 12 Jahre her, seit die Kraft des Atoms
in einem Kernreaktor erstmalig nutzbar gemacht werden konnte.'
In dieser kurzen Zeitspanne sind auf dem Gebiet der friedlichen
Anwendung dieser Energie bedeutende und verschiedenartige Leistungen vollbracht worden. Obwohl wir uns im Interasse unserer
Verteidigung und der Verteidigung der freien Welt weiterhin
auf die militärischen Anwendungsmöglichkeiten dieser Kraft
konzentrieren mußten, haben wir hier in den Vereinigten Staaten
in unseren Bemühungen um ihre friedliche Verwendung laufend neue
und zahlenmäßig anwachsende Erfolge erzielt.
Es ist hier überflüssig, die vielseitige Verwendung der
Atomenergie in der Medizin, der Biologie, Landwirtschaft und
Industrie im einzelnen anzuführen. Wir brauchen nur zu bemerken,
daß wir dessenungeachtet die Schwelle dieses Forschungsgebietes
kaum berührt haben. Fortschritte wurden auch in anderen Ländern
erzielt, wo die Intuition der Menschen durch die Probleme und
Möglichkeiten angefeuert wurde.
Ich möchte aber auch auf einen weniger bekannten Aspekt des
atomwissenschaftlichen Fortschrittes hinweisen, nämlich die Erweiterung unserer fundamentalen Erkenntnisse. Fast ein Dutzend
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21. April 1954

Dutzend neuer Elemente konnte isoliert, identifiziert
und in das periodische System der Elemente eingeordnet werden.
Bei der Entwicklung dieser noch jungen Wissenschaft wurden
wir Zeugen der Betätigung des Prinzips, auf das sich die Erzeugung von Atomtreibstoff aufbaut. Eine erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips wird den Verbrauch des gewöhnlichen
Urans, welches der Internationalen Atomenergie-Behörde zur
Verfügung gestellt würde, erheblich erweitern.
Eine derartige Erweiterung der fundamentalen wissenschaftlichen Erkenntnisse wird einer der Zwecke der neugewonnenen
Atomenergie sein. Es ist durchaus keine gewagte Extrapolation,
aus dem, was wir heute wissen, vorherzusagen, daß wir früher
oder später - es kann ein paar Jahre dauern, ein Jahrzehnt
oder eine Generation - neue Entdeckungen machen werden, die
genau so bedeutend sind, wie die bisherigen, und die unser
aller leben bereichern werden.
V.
Erstmalig seit der Nutzbarmachung des Feuers sind wir in
den Besitz einer Macht gelangt, mit der wir unser Leben noch
unvorstellbar bereichern oder, wenn wir die verkehrte Wahl
treffen, einen großen Teil dessen, was wir an angehäuften
Werfpen der Kunst, des Herzens und des Geistes von vergangenen
Generationen übernommen haben, zerstören können.
Ich habe diese derzeitigen Einschränkungen angeführt, um
einerseits den Optimismus zu zügeln, gleichzeitig aber das Ver»
trauen zu erhalten, das der Plan .des Präsidenten verdient.
Freilich kann auch dieser Plan die Übel der Welt nicht mit
einem Schlage beseitigen, noch gibt er vor, eine Sicherung
gegen künftige Kriege zu sein. Es wäre ein unseliges Unterfangen, wollte man ihn als etwas anderes darstellen als das,
was er tatsächlich ist - und das ist wirklich sehr viel nämlich ein leicht verständlicher, vernünftiger, durchführbarer, konstruktiver und hoffnungsvoller erster Schritt auf
dem Wege,die Atomenergie zum Diener der Menschheit zu machen.
# * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER RUFT ZUM KREUZZUG FÜR BESSERE INTERNATIONALE
ZUSAMMENARBEIT UND VERSTÄNDIGUNG AUF

NEW YORK — (Amerika Dienst) ~ Am 22. April 1954
rief Präsident Eisenhower die Welt zu einem Kreuzzug für eine bessere internationale Zusammenarbeit
und Verständigung auf. Die Rede des Präsidenten
vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband,
die von allen amerikanischen Rundfunk- und Fernsehsendern übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
"Ihre Einladung hier vor Ihnen zu sprechen ,ehrt mich sehr,
Die hohe Verantwortung der amerikanischen Presse und ihr Konstruktiver Einfluß geben dieser Gelegenheit in meinen Augen
eine besondere Bedeutung; ich nehme diese Gelegenheit dankbar wahr. Meine persönlichen, in Krieg und Frieden gemachten
Erfahrungen haben mich gelehrt, wie sehr Sie sich in ihrer
Arbeit für die Wahrheit und das Wohlergehen unseres Landes
einsetzen. Sie verdienen den Beifall der freien Menschen überall auf der Welt.
Vor acht Jahren - fast auf den Tag genau - hielt ich eine
Rede vor Ihrer Werbungsabteilung. Zu jener Zeit war der Schrekken des Krieges eine bittere Erinnerung der unmittelbaren Vergangenheit. Ein Stimmungsumschwung, der alles erfaßte, was
Krieg heißt oder an den Krieg erinnerte, hatte unser Volk ergriffen. Die gesamte Atmosphäre in den Vereinigten Staaten war
mit einer Stimmung geladen, die leicht unsere militärische
Stärke hätte zerstören können. Glücklicherweise erlaubten
uns damals unsere Zeitungen nicht - genauso wenig wie sie es
uns heute erlauben - die ständig vorhandene Realität einer
aggressiven Bedrohung zu vergessen.
Die Aggression ist immer noch eine furchtbare Realität,
obgleich die Menschheit auf allen Kontinenten und Inseln der
Welt, nach Frieden hungert. Dieser Hunger muß gestillt werden.
Entweder werden die einzelnen Nationen der Welt an einem
Frieden der Zusammenarbeit mitbauen, oder sie werden - eine
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�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

eine nach der anderen - gezwungen werden, einen diktierten Frieden anzunehmen, so wie er heute von den kommunistischen Mächten,
genau wie früher von Hitler, angestrebt wird.
Aber die Menschen der freien Welt sind im Besitz des größeren Teils der natürlichen Hilfsquellen dieser Erde und des
Kräftepotentials, das durch sie mobilisiert werden kann. Sie sind
an wissenschaftlichem Können, intellektuellen Fähigkeiten und
auch rein quantitativ den Kommunisten überlegen. Daher können die
freien Völker der Welt einen Frieden der Zusammenarbeit schaffen,
wenn sie sich gemeinsam dieser Aufgabe in Einheit»gegenseitigem
Verständnis und Kraft weihen und Furcht und Zweifel aus ihrem
Herzen und Denken fernhalten.
Es ist sehr wichtig, daß wir versuchen, uns hierüber Klarheit zu verschaffen. Lassen Sie uns mit unserer eigenen, gegenwärtigen Lage beginnen. Unser Land hat Wunder an produktivem
Schaffen vollbracht und ist sowohl in bezug auf seinen gesamten
Wohlstand wie auch auf das Einkommen der einzelnen Bürger reich;
es verfügt über eine einzigartige Verbindung von wissenschaftlicher, militärischer, wirtschaftlicher und moralischer Stärke.
Seit Generationen hat unser Land nicht mehr die Zerstörungen eines
Krieges auf eigenem Boden erlebt und es hat zuverlässige und befreundete Nachbarn. Uns gelüstet nicht nach dem was anderen Nationen gehört. Wir suchen nur die Freundschaft der anderen. Wir
sind bestrebt, für diese unschätzbare Gabe in gleicher Münze zurückzuzahlen.
Nachdem alle diese geschichtlichen Voraussetzungen gegeben
sind, sollten die Vereinigten Staaten eigentlich in einem echten
Frieden und in Ruhe leben. Unser Land hat jedoch im gegenwärtigen
Zeitpunkt keine wirkliche Ruhe. Wir, die Bevölkerung dieses Landes,
stehen einer ernsten Gefahr gegenüber, die zumindest ihrem Wesen
nach alle von uns verstehen. Diese Gefahr erfordert zwei auf lange
Sicht ausgearbeitete politische Konzeptionen oder Zielsetzungen,
hinter die sich alle Bürger unseres Landes geschlossen stellen
sollten.
Dies sind:
Erstens; All unsere Anstrengungen müssen darauf ausgerichtet
sein, die Hingabe der Vereinigten Staaten an die Freiheit, ihr
Wissen und Verständnis, ihren gut fundierten, von allen geteilten
Wohlstand und eine entsprechende militärische Position zu stärken.
Zweitens: Diese Stärke muß in den Dienst des Aufbaus eines
Friedens der Zusammenarbeit zwischen allen Menschen gestellt werden.
Dies sind für die Mehrheit unseres Volkes ganz fest umrissene Ziele. Aber in einer Welt der ideologischen Spaltung, der
Rivalitäten, der turbulenten Krisen an einer Stelle und der politischen Umstürze an einer anderen, sind zur Erreichung dieser
Ziele weitaus mehr als nur ein guter Wille oder begeisterte Worte
erforderlich.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Wenn wir die Stärke, die für die Bewältigung dieser Probleme
unseres Zeitalters erforderlich ist, aufbauen und beibehalten
wollen, dann müssen wir miteinander zusammenarbeiten - jeder Teil
mit allen anderen, jede Gruppe mit ihren Nachbarn. Das bedeutet»
Einigkeit im Innern des Landes, über die ich unablässig rede.
Einigkeit heißt nicht starre Konformität mit jeder Doktrin oder
Haltung einer bestimmten Persönlichkeit des politischen Lebens.
Einigkeit erfordert jedoch eine gemeinsame Hingabe an die Grundprinzipien unseres Systems einer freien Gemeinschaft, ein Wissen' und Verständnis für unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, an dem alle teilhaben,und eine gemeinsame Entschlossen- &gt;
heit, rückhaltlos in dem Streben nach den für uns wahrhaft bedeutenden Zielen zusammenzuarbeiten. Diese Art der Einigkeit
ist die wahre Quelle für unsere große Kraft und Inergie - für
unsere geistige, intellektuelle, materielle und schöpferische
Energie.
Darüber hinaus muß unser Volk - stark und einig - mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um bei der Schaffung eines
Friedens der Zusammenarbeit mitzuhelfen. Eine derartige Zusammenarbeit erfordert von den Amerikanern ein größeres Verständnis
für ihre Mitmenschen überall auf der Welt. In gleicher Weise müssen die Nationen außerhalb unserer Grenzen das amerikanische Volk
besser verstehen lernen, vor allem unsere Hoffnungen und unsere
Ziele. Auf Grund des relativ größeren Gewichts, das uns in der
Frage der Weltstabilität zukommt, und weil die Geschichte bestimmt hat, daß die Verantwortung, die eine führende Rolle mit
sich bringt, den USA auferlegt werden soll, müssen wir bei der
Entwicklung dieser echten internationalen Verständigung, auf der
ein Friede der Zusammenarbeit sich aufbauen muß, die Initiative
ergreifen.
In der Wahrheit dieser Erkenntnisse finde ich die Rechtfertigung, heute vor Ihnen zu erscheinen. Das Verständnis und
das Wissen zu vergrößern, ist eine Aufgabe, die nicht allein
von unseren Schulen oder unseren Kirchen oder von politischen
Foren her gelöst werden kann. Die bösartigen Keime des Mißverständnisses und der falschen Unterrichtung sind im Denken der
Menschheit jeden Tag ununterbrochen aktiv. Der Kampf gegen diese Keime erfordert von jedem einzelnen, der Einfluß auf die
öffentliche Meinung hat, Mitarbeit und intensiven Einsatz.
Jede Zeitung und jede Zeitschrift, jede Rundfunkanstalt und
jede Fernsehstation hat die Aufgabe, dem amerikanischen Volk und
allen Völkern der Welt, die erreicht werden können, die Tatsachen unserer heutigen Existenz näher zu bringen. Doch dies ist
nicht genug. Alle Medien der Nachrichtenverbreitung müssen auch
daran mithelfen, daß die Völker überall auf der Welt die Tatsachen im richtigen Licht sehen. Angenommen, die amerikanische Presse
würde genau die Einzelheiten jedes Verbrechens in unserem Lande
berichten, sich aber über die Festnahme und Bestrafung der Verbrecher ständig ausschweigen, entstünde dann nicht sehr bald
überall auf der Welt der Eindruck, daß bei uns Gesetzlosigkeit,
Unordnung und Anarchie herrschen? Die Tatsachen müssen in der

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der richtigen Perspektive zueinander berichtet werden. Nur in
einem derartigen Rahmen werden wir in dem ständigen Bemühen um
ein stärkeres Amerika und eine friedliche Welt klare Entscheidungen treffen können.
Die Einheit und Stärke im Innern wie auch die internationale
Verständigung beruhen daher zu einem großen Teil auf dem freien
Nachrichteneinfluß und der ausgewogenen Wiedergabe der Nachrichten.
Ich meine damit nicht, daß Sie der Sache der inneren Einheit durch irgendeinen Versuch dienen würden, Nachrichten zu
färben oder Ihre Nachrichten in Kommentare umzuwandeln. Der
daraus resultierende Verlust des Vertrauens und der Achtung der
Öffentlichkeit würde sehr bald den Einfluß der Presse zerstören.
Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, daß die Presse alle
die Dinge, die unser Volk einigen, mit dem gleichen Nachdruck
behandeln sollte wie das, was uns trennt.
Nachrichten über Ereignisse, die Meinungsverschiedenheiten
zum Ausdruck bringen, mögen sensationeller sein als Nachrichten
über Entwicklungen, die zur Einigkeit führen. Aber eine freie
Presse kann ihrer Verantwortung gegenüber einem freien Volk nur
gerecht werden, wenn sie alle Pakten in ausgewogenem Gleichgewicht zur Darstellung bringt. Pakten, die im rechten Licht gesehen werden, sind für ein gültiges und reifes Urteil der Bürger
von größter Bedeutung. Ein gesundes Urteil aber ist entscheidend
für die Erhaltung der Freiheit. Daher kann eine freie Presse
nur bestehen, wenn sie alle Pakten und Meinungen - die sensationellen wie die weniger in die Augen fallenden, die einigenden wie
die trennenden - verantwortungsbewußt berichtet.
Könnte die Urteilsbildung des Lesers nicht ein genau so
gewichtiges Kriterium für die Redaktionen der Zeitungen sein,
wie das sogenannte Leserinteresse?
Sind diese beiden Eigenschaften notwendigerweise miteinander unvereinbar? Ich glaube, nein. Die führenden Publizisten
unserer Tage müssen sich in der Berichterstattung und kritischen
Betrachtung von Gesetzesvorschlägen zwangsläufig mit konstruktiven Prägen auseinandersetzen wie:
•Kann das entsprechende Gesetz zur Aufrechterhaltung unsers
Wirtschaftsvolumens beitragen oder nicht? Dient es dem Aufbau
der erforderlichen militärischen Stärke? Trägt es dazu bei, daß
wir andere Völker, und diese uns, besser verstehen lernen?
Stärkt es unsere außenpolitische Position? Verspricht es, die
Preiheitsliebe und die geistige Selbständigkeit unter unserem
Volk wahren und verbreiten zu helfen? Wirkt es sich günstig
auf die Volksgesundheit und den Lebensstandard aus? Gewährleistet es unseren Kindern jene Staats- und Regierungsform, die
uns eigen war?!.
Wenn Gesetzesvorschläge und Richtlinien für die künftige
Politik nur das Schlachtfeld abgeben sollen, auf dem einzelne
oder die Parteien, die die Macht zu erreichen suchen, ihre Niederlagen erleiden oder Siege einheimsen, dann ist das amerikanische

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amerikanische System in der Tat für uns und für die Welt entstellt. Wenn das Einzelschicksal dessen, der für eine solche
Maßnahme eintritt oder sich gegen die wendet, in der Beurteilung
durch die Öffentlichkeit eine ebenso wichtige Stellung einnimmt
wie das mit der entsprechenden Maßnahme vertretene Prinzip und
die damit verfolgte Zielsetzung, dann sind unsere Bemühungen
um jene Stärke, die ein wirkliches Verstehen mit sich bringt,
als gescheitert anzusehen. Wenn der Tag heraufdämmert, an dem
persönliche Konflikte höher gestellt werden als die ehrliche
Auseinandersetzung um die große Politik, dann gerät die Flamme
der Freiheit in Gefahr, zu verlöschen.
Ich darf wohl annehmen, daß Sie meine heutigen Ausführungen
nicht als einen Versuch ansehen, Ihnen Vorschriften über die Gestaltung Ihrer Arbeit machen zu wollen. Ich weiß, daß ich mich
der Gefahr einer derartigen Mißinterpretation meiner Absichten
aussetze. James Madison schrieb einmal: 'eine Volksregierung, die
das Volk nicht eingehend informiert oder ihm nicht die Möglichkeit gibt, sich selbst eingehend zu informieren, ist nichts
anderes als der Prolog zu einer Farce oder zu einer Tragödie,
wenn nicht gar zu beiden.' Dies ist also eine Problemstellung,
die kein verantwortungsbewußter Regierungsbeamter übergehen kann,
und genau so wenig können Sie sich dieser Frage verschließen.
Wir sind weit davon entfernt, eine derartige Farce oder
Tragödie heraufzubeschwören. Mit Hilfe einer verantwortungsbewußten Presse ist unser Volk seit den Tagen Madisons seinen Aufgaben gerecht geworden und es wird Ihnen auch in Zukunft gerecht
werden. Das Wissen um die Tatsachen und ihre Zusammenhänge ist
mehr denn je für die Lösung der Probleme der Menschheit notwendig.
Ich weiß, daß die Darstellung tatsächlicher Sachverhalte in
der richtigen Perspektive eine schwierige Aufgabe darstellt.
Die Hast des täglichen Lebens läßt auf Seiten der Leser leicht
Ungeduld aufkommen. Sie läßt eine umfassende Erklärung des Sachverhalts als hoffnungsloses Unterfangen erscheinen und gibt fertigen Klichees und Schlagworten den Vorzug. Wir sind allzuleicht
geneigt, andere mit einem attraktiven Aushängeschild überzeugen
zu wollen oder eine Sache durch ein verächtlichmachendes Wort
zu verurteilen.
Schlagworte sind aber keine Informationen. Und zweifellos
kann das Volk aus ihnen kein gesundes Urteil ableiten.
Von einer stetigen und täglichen Verbreitung vollständiger
Informationen hängt aber die verständige Beteiligung des Volkes
an seiner Regierung ab. Dies ist für das Volk keine leicht zu
nehmende Angelegenheit. Die Entscheidungen,'die es zu treffen hat,
sind ihrem Wesen nach sehr schwerwiegend und von weltweiter Bedeutung. Alle Lebensnotwendigkeiten und das persönliche Wohl
hängen von ihnen ab - angefangen von der eigenen Geldbörse,
der ordentlichen Instandhaltung der Straßen und der Wohnraumversorgung bis zu der Frage, in welchem Zustand das Erbe unseres
Landes an Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden soll. Das
Volk braucht vollständige und genaue Informationen. Ihren Zeitungen kommt es zu, ihm diese zu geben. Seine Entscheidung wird
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wird immer dann vernünftig ausfallen, wenn es in der entsprechenden Frage eingehend informiert worden ist.
Wenn ein profundes Wissen und Verständnis die Voraussetzung
dafür sind, die Einigkeit des amerikanischen Volkes zu fördern,
so sind diese beiden Dinge ebenso notwendig, um eine Zusammenarbeit der Völker zuwege zu bringen. An diesem Kreuzweg der Weltgeschichte besteht die Möglichkeit, daß Unwissenheit über die
Fähigkeiten, die Hoffnungen, die Vorurteile, die Ideale und Absichten unseres Nachbarn eine wahre Zusammenarbeit zunichte macht
und den Keim für einen neuen Krieg legt.
In keinem Teil der Erde gibt es heute noch eine unverwundbare
Festung, einen Kontinent oder eine Insel, die so weit abgelegen
wären, daß sie die ganze Umwelt einfach nicht beachten brauchten.
Wenn wir nicht wollen, daß unser Jahrhundert zu einem Jahrhundert
der Hysterie und der Furcht von der Atomenergie wird, dann müssen wir es zu dem Jahrhundert der Völkerverständigung und des
Friedens der Zusammenarbeit machen. Selbst die überzeugtesten Anhänger des Marxismus, die rücksichtslosesten Anhänger der Gewalt,
geben dies in Augenblicken geistiger Klarheit zu. Eine wahre Völkerverständigung aber hängt zu einem großen Teil, wie ja auch
die Einigkeit des Volkes im jnnern, von einem umfassenden und
ungehinderten Fluß von Informationen und ihrer wohlabgewogenen
Wiedergabe ab.
Aus kürzlich veröffentlichten Berichten geht jedoch hervor,
daß rund 75 Prozent der gesamten Erdbevölkerung nur zensierte
Nachrichten erhalten. Zudem stellt das Analphabetentum in weiten
Teilen der Welt noch einen wichtigen Faktor dar. Und es bestehen
natürlich sprachliche und kulturelle Schranken. Unter diesen Umständen ist es selbstverständlich schwierig, ein wirkliches Verständnis schnell und leicht herzustellen. In dieses von Zensur
und Analphabetentum geschaffene Vakuum ergießt sich ein ständiger
Strom schöngefärbter und brunnenvergiftender sowjetischer Propaganda. Und das täglich 24 Stunden lang»
Die sowjetische Propagandamaschine erzählt der Welt zum
Beispiel unermüdlich, daß das amerikanische System des freien
Unternehmertums unweigerlich in Massenarbeitslosigkeit, einem
bitteren Konkurrenzkampf und finanziellem Bankrott enden muß.
Immer und Immer wieder haben die Kommunisten den Schwerpunkt
ihrer Propagandataktik verlagert, oder sich um einhundertachtzig
Grad gedreht. Aber dieser eine Punkt steht unverrückbar fest im
kommunistischen Dogma von Marx bis zu Malenkow.
Der Informationsdienst der amerikanischen Regierung sucht
in Zusammenarbeit mit ähnlichen Vorhaben befreundeter Nationen,
diese Propaganda-durch Wahrheit zu bekämpfen. Jeder Dollar, den
wir in dieses Programm hineinstecken, wird sich, wenn er klug
angelegt ist, tausendfach in Dividenden bezahlt machen, die den
Sieg der Wahrheit bedeuten und die Grundlage für ein echtes Verständnis legen. Aber unser amtlicher Informationsdienstt ist mit
gutem Recht in seinen Zielen und seinem Umfang beschränkt. _

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Der größte Teil der Informationen für uns und über uns muß
durch die herkömmlichen Mittel der Massenunterrichtung der einzelnen Nationen fließen. Von allen diesen Informationsmedien halten wt"
die unsrigen für die besten und wirkungsvollsten.
Und dennoch ergab, wie man mir sagte, eine Untersuchung, an
der viele von Ihnen teilgenommen haben, daß die amerikanischen
Tageszeitungen im Durchschnitt vier Spalten Auslandsnachrichten
abdrucken. Ich weiß nicht, ob das zu wenig oder zu viel oder gerade richtig ist. Aber ich weiß bestimmt, daß es schwer sein dürfte,
auf diesem Raum alles das zu drucken, was für eine ausreichende
Unterrichtung des amerikanischen Volkes über die Ereignisse in
den einzelnen Ländern erforderlich ist.
Die Berichterstattung über das Ausland befaßte sich nach dieser Untersuchung zu zwei Dritteln mit wichtigen offiziellen Feierlichkeiten und Ereignissen - mit innenpolitischen Krisen, Fragen
der auswärtigen Beziehungen, amtlichen Erklärungen und Verlautbarungen. Nur ein ganz geringer Prozentsatz war dem kleinen Mann auf
der Straße, dem sozialen, pädagogischen, kulturellen und religiösen
Leben oder Fragen der Gemeinde und der Geschichte gewidmet. Und
dennoch sind gerade diese Dinge für das Verständnis einer Nation
ganz unerläßlich.
Dieselben Sachverständigen, die diese Frage untersuchten, haben
auch viele europäische Zeitungen eingehend analysiert. Und auch
hier waren Meldungen über den Durchschnittsamerikaner nur spärlich
zu finden. Wer von Ihnen einige Jahre im Ausland gelebt hat, wird
ohne Zweifel erstaunt gewesen sein, wie häufig die Angehörigen anderer Nationen irrige oder schiefe Ansichten über den einzelnen
Amerikaner oder das Leben in Amerika äußern.
Man ist immer wieder fassungslos, wenn man hört, wie ausländische Freunde die amerikanische Kultur abfällig als eine bloße
Kollektion gleißender technischer Raffinessen bezeichnen.
Es ist geradezu alarmierend zu wissen, daß man uns in weltpolitischen Dingen für so unreif hält, daß wir leichtsinnig und unnötig einen Krieg vom Zaune brechen. Noch schlimmer aber ist es zu
erfahren, daß man uns oft als ebenso machthungrig wie die Männer
im Kreml einschätzt.
Auf Grund eines tragischen Unvermögens, uns und unsere Absichten zu verstehen, betrachtet der Westeuropäer häufig genug Amerika
und die UdSSR als zwei große Machtgebilde, die beide nur auf den
geeignetsten Augenblick warten, um den anderen durch Gewalt zu
vernichten. Bis dahin, so glaubt er weiter, sucht jeder von beiden
Verbündete unter den europäischen Nationen, einzig und allein zu
dem Zweck, sie im entscheidenden Augenblick als Faustpfand zu benutzen.
Wir aber wissen, daß wir nur einen Frieden durch Zusammenarbeit unter Gleichberechtigten suchen. Soll dieses große Ziel
erreicht werden, so müssen auch die anderen dies wissen.
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Der einzelne Amerikaner wird häufig als ein reicher Mann
hingestellt, der allen Werten außer dem Gelde gegenüber gleichgültig ist, die Rechte anderer nicht achtet und nichts davon weiß,
was andere zur Entwicklung der westlichen Kultur beigetragen
haben.
Diese falschen Vorstellungen sind zweifellos zu einem Teil
auf die kommunistische Propaganda zurückzuführen. Sie gedeihen
aber so üppig, weil eine umfassende, wahrheitsgemäße gegenseitige Unterrichtung fehlt.
Wir hier in Amerika bedürfen einer besseren und umfangreicheren Information über andere, wenn wir eine kluge Politik, die
auf echte Sicherheit abzielt, betreiben wollen. Viele von uns
gehen von derfiLschenVoraussetzung aus, daß alle anderen Völker
in einem Staatswesen leben möchten, das dem unseren gleicht
oder ähnlich ist. Manche Amerikaner glauben, daß alle Ausländer
faul oder dekadent seien - daß nur wenige von ihnen Steuern zahlen, daß sie uns hassen, nur weil es uns gut geht. Wir hören
oft genug Äußerungen wie : die Angehörigen dieser oder jener Nation seien feige, es fehle ihnen an Vaterlandsliebe oder Stolz
auf die Zugehörigkeit zu ihrer Nation. Allzuoft betrachten wir
sie als schwach, als intellektuell oberflächlich und geistig
abgewirtschaftet.
Selbstverständlich gibt es überall einzelne Personen, auf
die diese Beschreibung zutrifft - aber es ist für uns und für
den Frieden gefährlich, wenn wir leichtfertig in derartigen
Verallgemeinerungen als bezeichnend für eine ganze Nation
sprechen.
Die Welt von heute ist klein, und nur durch das gemeinsame
Bemühen der freien Völker in den Gebieten von entscheidender Bedeutung können wir Sicherheit und Frieden schaffen. Es geht dabei nicht darum, Presse, Rundfunk, Fernsehen und Wochenschauberichte zu verzuckerten Propagandamedien umzuwandeln, um Amerika
dem Franzosen, Frankreich dem Deutschen und England dem Amerikaner 'anzupreisen'.
Es geht um etwas ganz anderes. Ich wiederhole: um Verstehen
zu können, müssen wir die Tatsachen und die dazugehörigen Perspektiven kennen. Ich bin sicher, daß die freie Presse in allen
freien Ländern echte Fortschritte auf diesem Wege erzielt hat.
Dennoch glaube ich, daß hier noch viel mehr getan werden könnte
und unter allen Umständen getan werden sollte. Unser aller Zukunft hängt davon ab.
Wohl niemand kann, als Gruppe, hier mehr erreichen als Sie
vom Verband amerikanischer Zeitungsverleger. Hier liegt wirklich
eine Aufgabe, die Ihrer Gaben und Ihres Könnens wert ist.
Im Rahmen von Freundschaftsbündnissen sind wir mit Millionen
von Menschen der freien Völker durch bereits in Kraft befindliche
Abkommen verbunden, bei denen es in erster Linie um die militärische Sicherheit geht, die sich aber unweigerlich auf die Hoffnungen und Alltagssorgen jedes einzelnen auswirken. Wir leben in
der Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft leben wir in einem
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einem gewaltigen Raum, der von einem Pol zum andern reicht, praktisch die ganze Welt umspannt und von Angehörigen unabhängiger
Völker bewohnt ist. Diese Völker, die nur wenig voneinander wissen
und deren gegenseitiges Verstehen nicht allzu tief geht, sind durch
die kommunistische Bedrohung zu Zweckverbündeten geworden; aber
morgen schon könnten sie Partner im wahrsten Sinn* des Wortes
sein, auf immer vereint im gegenseitigen Verstehen, beflügelt von
gemeinsamen Bestrebungen. Zumindest unter den Nationen dieses gewaltigen Raumes kann der Krieg zu etwas völlig Undenkbarem werden - und zwar umgehend. Ein auf Zusammenarbeit basierender Friede
zwischen ihnen ist keineswegs das Wunschbild eines Träumers.
Mit den Vereinten Nationen haben wir ein Weltforum, wo wir uns
für die Sache des Friedens einsetzen können und wo uns sogar die
Männer des Kreml anhören müssen. Wohl können sie ihre Ohren vor
dem Geist unserer Worte verschließen. Sie können jedoch nicht auf
ewig die Tatsachen eines Zeitalters ignorieren, in dem wir und sie
- nur durch einige Flugstunden von einander getrennt - leben müssen.
Wir können nicht hoffen, durch ein paar Reden, ein paar Konferenzen,ein paar Abkommen das unter allen Zielen der Menschheit
am schwersten zu erlangende zu gewinnen - einen Frieden der Zusammenarbeit für die ganze Menschheit. Aber freie Menschen verlieren
nicht ihre Geduld, ihren Mut, ihren Glauben, weil die Hindernisse
groß sind und der Weg unbekannt ist. Bei gegenseitigem Verstehen
sind sie den Forderungen gewachsen.
Nie zuvor war es ein dringlicheres und lohnenderes Anliegen,
für die internationale Verständigung zu arbeiten und sich um einen
Frieden der Zusammenarbeit zu bemühen.
Ich bin zutiefst überzeugt, daß die Entscheidung des amerikanischen Volkes, unser Land in seiner moralischen Führungsrolle,
sowie in geistiger und militärischer Hinsicht zu stärken und bleibenden Wohlstand für möglichst viele zu schaffen, verwirklicht
werden wird. Diese Entscheidung erwächst aus einer gewaltigen
geistigen Energie, die, so glaube ich, jeder Prüfung standhält.
Ich glaube, daß sie von Tag zu Tag wächst in dem Maße, in dem unser Volk sich der tödlichen Gefahr des Weltringens mehr und mehr
bewußt wird.
Ich bin auch zutiefst überzeugt, daß Amerika alle Fähigkeiten
besitzt, um die Initiative bei der Schaffung eines Friedens der
Zusammenarbeit zu übernehmen.
Diese Fähigkeiten werden Frucht tragen, wenn jeder der hier
Anwesenden seine ganze intellektuelle Kraft, seine Energie und alle
ihm zur Verfügung stehenden Mittel, im Verein mit Menschen von
gleichem Einfluß, einsetzt, um das Verständnis, die Einsicht und
die Entschlossenheit zu schaffen, die wir brauchen. Rede- und
Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht - unter den heutigen

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heutigen Umständen ist die konstruktive Ausübung dieses Rechts
sogar eine ernste Pflicht. Haben wir, haben Sie als Verleger den
Mut, dieses Recht voll auszuüben und diese Pflicht zu erfüllen?
Neben Vaterlandsliebe sind es Verständnis, Einsicht, Entschlußkraft, die wir benötigen. Ohne sie können wir nicht die
Überlegenen sein. Mit Ihnen können wir nicht untergehen.

* * * # *

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�A M E R I K A

DR. JAMES B. CONANT ZUR LAGE IN DEUTSCHLAND
NEW YORK — (Amerika Dienst) — Der amerikanische Hochkommissar für Deutschland, Botschafter Dr. James B.
Conant, berichtete der amerikanischen Öffentlichkeit
am 28. April 1954 eingehend über die gegenwärtige Situation in Westdeutschland. Die Rede des Hochkommissars
vor der New Yorker Anwaltskammer hat folgenden Wortlaut:

"Ich schlage vor, daß ich zu Ihnen heute als Berichterstatter spreche, wenn auch vielleicht einige von Ihnen es vorziehen würden, daß ich die Rolle eines Propheten übernehme.
Denn ich habe in privaten Unterhaltungen während der vergangenen Tage festgestellt, daß viele Menschen mehr an dem interessiert sind, was in Europa während der kommenden Monate geschehen wird als an einer Analyse der gegenwärtigen Situation.
Dies trifft in besonderem Maße für die Pläne über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu, deren Schicksal von der
Abstimmung in der französischen Nationalversammlung abhängen
wird, wenn diese die Debatte über die Ratifizierung des EVGAbkommens im kommenden Monat abhält. Ich habe wiederholt gesagt, daß es meiner Meinung nach keine praktische Alternative
für die EVG gibt, und die Ansicht vertreten, daß der EVG-Vertrag von allen sechs Ländern ratifiziert werden würde. Ich
wiederhole diese Erklärung erneut; aber darüber hinaus werde
ich der Versuchung widerstehen, mich in Prophezeiungen einzulassen. Vor Jahren, als ich ein Chemieprofessor war, habe
ich in dieser Hinsicht eine Lehre erhalten. Wie viele andere
Professoren, benutzte ich als Lehrmittel Tischexperimente,
bei denen es häufig zu Explosionen kam, um meine Hörer wach
zu halten. Diese Experimente verliefen jedoch nicht immer erfolgreichj die vorhergesagten Explosionen fanden manchmal
nicht statt. Nach einem derartigen Fiasko trat ein älterer
Herr, der sich unter den Zuhörern befand, nach der Vorlesung
auf mich zu und gab mir folgenden Ratschlag: Junger Mann, es
ist immer besser, als Historiker zu sprechen, wenn ein Ereignis
eingetreten ist, denn als Prophet noch bevor das betreffende
Ereignis stattgefunden hat. Diesem vernünftigen Hinweis folgend, schlage ich vor, meine Bemerkungen über Deutschland
heute abend in einen historischen Rahmen zu kleiden.
T .
Ich
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Ich kann dies umso leichter tun, da ich zufällig als junger Chemiker sieben Jahre nach dem ersten Weltkrieg acht Monate
lang in Deutschland weilte. Als amerikanischer Hochkommissar
für Deutschland habe ich wiederum sieben Jahre nach dem Ende
eines anderen Weltkrieges dieses Land betreten. Daher haben
sich mir auch in den vergangenen zwölf Monaten ständig Vergleiche
aufgedrängt zwischen dem, was ich 1925 in Deutschland sah und
hörte, und dem, was ich während des verflossenen Jahres gesehen und gehört habe. Als junger Chemieprofessor bin ich
1925 viel umhergereist und habe die verschiedenen Universitäten
besucht, aber meine Unterhaltungen mit den Leuten, mit denen
ich zusammenkam, beschränkten sich keineswegs nur auf rein fachliche Themen. Denn in jenen Tagen gingen in der Weimarer Republik
die Wögen politischer Erregung ziemlich hoch. Der erste Präsident, Friedrich Ebert, war kurz zuvor verstorben, und der Wahlkampf, in dem sein Nachfolger gewählt werden sollte, war in vollem Gange. Ich erörterte mit meinen Bekannten recht offen das
vergangene, das gegenwärtige und das künftige Deutschland und
Europa. Durch diese zwanglosen Unterhaltungen in den gemütlichen Räumen einer Weinstube oder Bierhalle erhielt ich einen
ziemlich zutreffenden Eindruck von dem, was die Menschen in
Deutschland im Jahre 1925 dachten. Ich habe versucht, mir diese
Erfahrung wieder zunutze zu machen, indem ich als amerikanischer
Hochkommissar weite Reisen durch Deutschland unternahm und zahlreiche private Diskussionen mit kleinen Gruppen hatte. Darüber
hinaus gibt es noch andere Wege, um die öffentliche Meinung zu
erforschen, sozusagen auf indirektem Wege, und wir haben hierfür nicht nur in Bonn, sondern, über unsere Konsulate in ganz
Deutschland verteilt, einen ausgezeichneten Stab. Ich glaube
daher, daß die Vergleiche zwischen dem Deutschland von 1925 und
dem Deutschland von 1954, die ich ziehen werde, auf ziemlich
zuverlässigen Informationen beruhen.
Zuerst einmal bin ich geneigt, die Haltung der Bürger in
der deutschen Bundesrepublik gegenüber ihrer Regierung mit der
Einstellung der Bürger in der Weimarer Republik gegenüber den
demokratischen Institutionen jener Jahre zu vergleichen. Und
hier ist der Unterschied recht beträchtlich. 1925 war ein großer
Teil der Bevölkerung, mit der ich sprach, entweder desinteressiert
an den Grundsätzen, auf denen die Weimarer Republik beruhte, oder
ihnen feindlich gesonnen. Es ging damals nicht darum, einer
Oppositionspartei als Mitglied anzugehören, noch ging es um
parteipolitische Dinge, es war vielmehr eine Frage, ob man den
damals neu geschaffenen republikanischen Institutionen aus tiefster Überzeugung ergeben war. Es schien mir damals, daß die neue
Regierungsform Deutschlands nicht die loyale Unterstützung weiter einflußreicher Kreise der deutschen Bevölkerung gefunden
hatte. Der Grund hierfür war teilweise in dem Versagen der
westlichen Demokratien zu suchen, die es versäumten, jene von
den deutschen konservativen und reaktionären Kräften bekämpften
Elemente zu ermutigen und zu unterstützen. Diese Kreise hatten
die militärische Niederlage im ersten Weltkrieg niemals als
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als endgültig hingenommen und sie hatten sich demzufolge geweigert, mit der imperialistischen Vergangenheit zu brechen. So
fand sich praktisch, von Beginn der Weimarer Republik an, die
deutsche Reichsregierung in einem scharfen Konkurrenzkampf um
die Gunst des Volkes mit einer Opposition verstrickt, die ein
Schattensystem war und alle antidemokratischen Kreise in sich
vereinigte. Deren Ziel war einzig und allein auf eine nationalistische Restauration gerichtet, und in der Wahl der Mittel zur
Erreichung dieses Zieles gab es für sie keine Skrupel. Denjenigen, die die neue Verfassung geschaffen hatten, stand nur selten
die volle politische Kontrolle der Weimarer Republik zu Gebote,
und dies war ein Grund, weshalb sie das Volk nicht demokratisch
erziehen und vor allem die Jugend nicht zur Annahme und Unterstützung dieses Regierungssystems bringen konnten. Ich glaube, daß
ich nicht einfach in der Rückschau etwas in die Geschichte hineinprojiziere, wenn ich folgendes sage: Damals verließ ich Deutschland mit dem Gefühl mangelnden Vertrauens in die Fähigkeiten der
Weimarer Republik, mögliche zukünftige Stürme zu bestehen. Und
nach einer kurzen Bes^chsreise durch Deutschland im Jahre 1930,
als Hitlers Schatten bereits die Ereignisse verdunkelte, kehrte
ich in einem Gefühl der Niedergeschlagenheit und des Pessimismus
über die Zukunft Deutschlands nach Amerika zurück.
Heute ist die Situation ganz anders. Hierbei beziehe ich
mich auf etwas, was bedeutender und auch bezeichnender als das
bloße Faktum des Wahlsiegs von Bundeskanzler Adenauer ist? dieser
Sieg brachte seiner Partei und seiner Regierungskoalition eine
Zweidrittelmehrheit im deutschen Bundestag ein. Das Ergebnis dieser Septemberwahlen vom vorigen Jahr ist bei der Erörterung der
gegenwärtigen europäischen Lage ein Faktor von großer Bedeutung
und stellte eine Anerkennung für die wirksame Führung Bundeskanzler Adenauers und für die von seinem Kabinett in den ersten
vier Jahren des Bestehens der deutschen Bundesrepublik geleistete
Arbeit dar. Aber was hierbei viel bedeutungsvoller ist, das ist
die Treue, die das deutsche Volk ungeachtet seiner parteipolitischen Zugehörigkeit der auf demokratischen Prinzipien aufgebauten Regierungsform der Bundesrepublik entgegengebracht hat.
Ein Zeichen hierfür war die schwere Niederlage der rechtsradikalen Parteien und der kommunistischen Partei, denen es versagt
blieb, auch nur einem einzigen ihrer Kandidaten im Bundestag
Sitz und Stimme zu verschaffen. Das deutsche Volk scheint mit
seiner undemokratischen Vergangenheit gebrochen zu haben. Konservative und liberale Kreise haben gemeinsam eine demokratische
Verfassung geschaffen, und alle Parteien unterstützen loyal das
neue politische System. Die Opposition, welche heute besteht,
richtet sich nicht gegen die Prinzipien und die Form der neuen
Republik, sondern nur gegen bestimmte Aspekte der Regierungsgewalt,
Ein zweiter wichtiger Unterschied zwischen 1925 und 1954
liegt in der Haltung der Deutschen gegenüber der jüngsten Vergangenheit und in den Hoffnungen, die sie für die Zukunft hegen.
Sieben Jahre nach der Beendigung des ersten Weltkrieges konnte
man kaum irgendein politisches Problem in Deutschland diskutieren,
ohne dabei in eine endlose Debatte über die Ursachen des Weltkrie-

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Weltkrieges zu geraten, über die Präge, wer ihn wirklich gewonnen oder verloren hätte und über die Rolle, die die Gründer
der Weimarer Republik in den Wirren nach dem Waffenstillstand
vom November 1918 spielten. Die Legende vom Dolchstoß, mit dem
die Liberalen und die Sozialisten der Front in den Rücken gefallen
sein sollten, wurde einem immer wieder aufgetischt. In der Tat,
diese tiefe Anteilnahme an der jüngsten Vergangenheit führte
viele Deutsche dazu, der Weimarer Republik zu mißtrauen und die
demokratischen und sozialistischen Parteien zu hassen.
Heute hört man sehr selten irgendwelche Diskussionen über
die Ereignisse der Jahre von 1933 und 1945. Ich will nicht behaupten, daß es in Deutschland nicht hier und da noch Gruppen
von ehemaligen Nazis gibt, die mitTIfehmut und möglicherweise mit
Befriedigung an die Tage zurückdenken, als sie die Macht in
Händen hatten. Aber der Ausgang der letzten Wahl hat gezeigt, daß
die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes heute die Extremisten von rechts und lijiks ablehnt.
Tatsächlich sind die Führer der großen Parteien, der Koalition wie der sozialdemokratischen Opposition, Männer, die in
ihren öffentlichen Reden keine Sekunde zögern, das Nazi-Regime
und die Innen- und Außenpolitik Hitlers auf das Schärfste zu
verurteilen.
Im großen und ganzen aber sind die Blicke der Deutschen heute
nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft gerichtet}
und dieser Zukunft gegenüber haben sie eine ganz andere Haltung
als gegenüber allem bisher Erlebten. Wenn man einen fortschrittlich eingestellten Menschen als einen definiert, der eine neue
und bessere Zukunft erhofft, und einen Reaktionär als einen, der
der Vergangenheit sehnsüchtig nachtrauert, dann ist meiner Ansicht
nach die Behauptung fair, wenn man sagt, daß die vorherrschende
Einstellung in der deutschen Bundesrepublik heute fortschrittlich
ist. Sicherlich gibt es einige wenige Reaktionäre, die die Uhr
der Geschichte am liebsten zurückstellen möchten.
Als ich im Frühjahr 1953 nach Deutschland kam, war ich zuerst
erstaunt, festzustellen, wie eingehend die Pläne für eine europäische Integration hier diskutiert wurden und wie groß das Vertrauen und die Zuversicht der deutschen Politiker auf die Entwicklung eines neuen Europa war. Wohlgemerkt, die Sprecher der
oppositionellen sozialdemokratischen Partei lehnen die Bildung
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ab, aber da sie
demokratisch sind und sich dem Westen zugehörig fühlen, haben sie
sogar eigene Pläne für eine enge militärische und wirtschaftliche
Zusammenarbeit zwischen einer starken Gruppe der westeuropäischen
Nationen ausgearbeitet.
Im vergangenen Sommer führte die Stadt Passau eine festliche
Veranstaltung durch, in deren Mittelpunkt das Thema der Entwicklung einer europäischen Staatengemeinschaft stand. Jeder, der 1925
für die Tagesordnung einer Versammlung die Erörterung der europäischen Integration vorgeschlagen hätte, wäre zweifellos als
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als ein visionärer Fanatiker angesehen worden. Es mag sein, daß
die deutsche Begeisterung für das Ideal eines geeinten Europa
heute etwas geringer ist als vor 18 Monaten. Die Schwerfälligkeit, mit der die Ratifizierung des EVG-Vertrages vorangegangen
ist, hat den Enthusiasmus mancher, die Europaidee am leidenschaftlichsten vertretenden, deutschen Politiker etwas abgekühlt. Es
stimmt auch und ist angesichts des völlig Heuen an diesem Plan
nicht überraschend, daß sich nun Schwierigkeiten bei der Montanunion abzuzeichnen beginnen, Schwierigkeiten, die in der Öffentlichkeit viel Beachtung finden. Aber trotz dieser beiden negativen Faktoren hat es doch den Anschein, daß das Ideal einer
neuen europäischen Zukunft noch immer bei einer überraschend
großen Zahl von Menschen in der deutschen Bundesrepublik sehr
lebendig ist. Berichte, die mir von verschiedenen Seiten zugänglich gemacht worden sind, zeigen, daß die Jugend in Deutschland zumindest im gegenwärtigen Augenblick über das Fortschreiten
der Pläne für eine enge militärische, wirtschaftliche und politische Integration der sechs Nationen begeistert ist. Diese
sechs Nationen unterzeichneten den EVG-Vertrag und gehören jetzt
der Gemeinschaft für Kohle und Stahl an, einer Gemeinschaft,
welche, wie ich hoffe, die deutsdhen und westeuropäischen Interessen fest miteinander verbinden und sich als eine Spritze zur
rechten Zeit für ein Unternehmen erweisen wird, das noch immer
als der wichtigste Schritt auf dem Gebiet der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit Europas gilt. Das Jahr 1954 scheint eines jener
Jahre in der europäischen Geschichte zu sein, wo sich eine
Strömung abzeichnet, die wir Amerikaner nur als die richtige
bezeichnen können. Ob diese Strömung nun auch ausgenutzt wird,
solange sie im Fluß ist, muß zugestandenermaßen abgewartet werden.
Jeder von Ihnen hat.wahrscheinlich seine eigene Ansicht
über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre und ist auch bereit,
seine persönlichen Thesen hinsichtlich der Ursachen des ersten
Weltkrieges, des Scheiterns des Versailler Vertrages, des Auftauchens von Hitler und der daraus resultierenden Katastrophe
des zweiten Weltkriegs zu verteidigen. Meine eigene Auffassung
ist die, daß das Gebäude der Weimarer Republik auf Sand errichtet worden war. Die furchtbaren und schweren Ausschreitungen
in den Jahren nach 1919, die durch politische Morde, Straßenkämpfe und Putsche charakterisiert waren, spielten eine große
Rolle und bedingten die Stärkung der politischen Reaktion in
Deutschland. Viele richteten ihre Blicke auf die nationalistischen und militärischen Ideale der Epoche von 1870 bis 1914.
Als daher die Kräfte, diexinfolge der großen sozialen Katastrophe der Inflation und Arbeitslosigkeit sowie des Versagens
der Siegermächte des ersten Weltkrieges, eine kluge und weise
Politik zu befolgen, entstanden waren, eine Reihe revolutionärer
politischer Ereignisse auslösten, bekamen nationalistische und
militaristische Ideale - kurz gesagt die Reaktion - die Oberhand,
verkörpert in der Person Adolf Hitlers.
T h

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ch rufe diese Zeit nur deshalb in Ihre Erinnerung zurück,
um den Gegensatz aufzuzeigen. Wenn ich richtig orientiert bin, so
ist die Zahl der Deutschen sehr klein, die heute eine Zukunft ihres Landes im Sinne der vergangenen imperialistischen Herrlichkeit erwarten. Ich will heute abend hier nicht als Prophet sprechen. Wenn daher einige von Ihnen zu sagen geneigt sein mögen: ah,
aber die Stimmung der Deutschen kann umschlagen, so kann ich nur
wiederholen, daß der Unterschied in der Einstellung zwischen
1954 und 1925 nicht nur ein gradueller, sondern ein grundsätzlicher ist. Außerdem können wir Sterblichen die Zukunft nur in
den Ausdrucksformen der gegenwärtigen und vergangenen Pakten
voraussagen.
Selbstverständlich reflektiert sich in dem fundamentalen
Unterschied, der in Deutschland und der freien Welt zwischen der
gegenwärtigen harten Zeit und den verhältnismäßig ruhigen Zeiten
der zwanziger Jahre besteht, die Grundtatsache, daß wir in einer
geteilten Welt im Atomzeitalter leben. Den Menschen in Deutschland
ist die Existenz einer geteilten Welt seit 1945 stets gegenwärtig.
Seit der Berliner Blockade konnte kein Deutscher mehr die Tatsache
anzweifeln, daß der Eiserne Vorhang nach Westen an die Elbe vorverlegt worden ist. Diese Tatsache sowie die furchtbare Zerstörung
der meisten deutschen Städte und der völlige Zusammenbruch aller
deutschen Regierungsinstitutionen 1945 am Waffenstillstandstag bedeutete, daß die Deutschen seit Ende des zweiten Weltkrieges buchstäblich um ihre nackte Existenz kämpfen mußten. Die hier täglich
neu gestellte Aufgabe, sich am Leben zu erhalten, zu versuchen,
aus den Trümmern ihres Staates wieder irgendwie geordnete Verhältnisse zu schaffen, hat bis in die jüngste Zeit alle ihre Kräfte
beansprucht. Daher ist auch der große Unterschied in der Einstellung des Deutschlands von heute zu dem vor 30 Jahren eine, wie man
vielleicht sagen könnte, Polge der totalen Niederlage Deutschlands
im zweiten Weltkrieg und des Beschlusses der westlichen Alliierten,
die Sowjetisierung ganz Deutschlands durch die Russen im Verlauf
der Besetzung zu verhindern. Selbstverständlich haben die militärischen Ereignisse der Jahre 1944 und 1945 und das diplomatische
Ringen zwischen Ost und West, das von den Besatzungsmächten in
der Zeit von 1945 bis 1949 geführt wurde, das Bild des gegenwärtigen Deutschlands geprägt und werden es auch noch für die nächsten Jahre tun.
Wenn wir von Deutschland sprechen, so ist es gut, sich die
Tatsache vor Augen zu halten, daß es gegenwärtig drei Deutschlands
gibt: die Bundesrepublik Deutschland, die den Teil des ehemaligen
deutschen Reiches umfaßt, der auf die britische, die französische
und die amerikanische Besatzungszone entfällt und der rund 50
Millionen Einwohner zähltj die sowjetische Zone mit ihren 18
Millionen Deutschen im Osten, und die Stadt Berlin, deren westliche
Sektoren eine Insel der Freiheit tief im Herzen des sowjetisch besetzten Gebiets sind. Wenn ich von der Einstellung der Deutschen
spreche, so habe ich damit die Einstellung der Bürger der Bundesrepublik und Westberlins gemeint. Wie die Menschen in der sowjetischen Zone über die Vergangenheit und die Zukunft denken, läßt

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läßt sich aus dem herauslesen, was die Tausende von Flüchtlingen
berichten. Aher das tragische Schicksal dieser 18 Millionen
Deutschen ist eine der brutalen Tatsachen der Gesdhichte, die
den glücklichen Deutschen vor Augen steht, die in den westlichen
Zonen wohnen. Die dramatischen Ereignisse des 17. Juni vergangenen
Jahres zeigten die ganze Schwere der Situation, in der sich die
Ostzonenbevölkerung befindet. Sie zeigten ferner ihren Mut und
ihren Wunsch nach Freiheit.
In den knapp neun Jahren, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges verstrichen sind, ist es den fünfzig Millionen in der
deutschen Bundesrepublik gelungen, eine freie demokratische Regierungsform zu schaffen, die, wie ich hoffe und glaube, bald im
wesentlichen souverän sein wird. Dank der weisen Politik der Engländer, Franzosen und Amerikaner beginnt sich das kulturelle
leben Westdeutschlands in einer Atmosphäre der Freiheit und Demokratie erneut zu entfalten. Der Wiederaufbau in Westdeutschland
ist eine so eindrucksvolle und wohlbekannte Tatsache, daß sich
hier vor der Versammlung jedes weitere Wort erübrigt. Hauptsächlich dank der amerikanischen Hilfe, zuerst durch Sonderzuweisungen
und dann durch den Marshallplan, aber auch dank der energischen
und guten Verwendung dieser Bewilligungen durch die Deutschen
selber, hat sich die deutsche Industrie wieder erholt und die
Städte werden schnell wieder aufgebaut.
Jeder, der heute durch Westdeutschland reist, wird alle Anzeichen einer wohlhabenden, stabilen und industrialisierten Gesellschaft antreffen, und wenn unsere Wirtschaftsexperten die
Lage nicht völlig falsch beurteilen, dann sind die Aussichten für
eine Fortdauer dieser zufriedenstellenden Entwicklung von Industrie
und Handel in Westdeutschland in der Tat sehr gut. Die Währung
ist stabil und die Beziehungen zwischen den Banken und der Regierung sind so, daß eine stabile Finanzpolitik gewährleistet ist.
Die Einstellung der wirtschaftlichen Berater von Bundeskanzler
Adenauer deckt sich weitgehend mit den amerikanischen Konzeptionen
von Initiative und freiem Unternehmertum. Es sind noch mehr Anzeichen einer wachsenden Stabilität und weiteren Gesundung der
wirtschaftlichen und finanziellen Situation in Deutschland anzutreffen, die für die Amerikaner von besonderem Interesse sind.
Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten eine Möglichkeit
gesehen, die Einfuhrbeschränkungen für fast 3 000 verschiedene
Handelsartikel aus den Vereinigten Staaten aufzuheben. Ein großer Teil dieser Waren spielt für die amerikanische Landwirtschaft
eine bedeutende Rolle. Die deutsche Bundesregierung hat weiterhin die Restriktionen für die Transferierung von Gewinnen aus
Investitionen in Deutschland wesentlich verringert, die von in
Deutschland wohnenden Amerikanern vorgenommen wurden, und sie hat
die Beschränkungen für den Transfer der sogenannten 'SperrmarkKonten' reduziert.
Nun

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"AMERIKA DIENST"

Nun vergleichen Sie einmal all dies mit dem, was in solchen
Städten wie Leipzig, Dresden und dem Sowjetsektor von Berlin geschieht. Dort wurde durch einen Befehl der Sowjets 1949 eine
Marionettenregierung gebildet, der man später durch die Abhaltung von Scheinwahlen im Jahre 1950, bei denen die Kommunisten
begünstigt wurden, das Aussehen einer Verfassungsmäßigen Regierung gegeben hat. Wenn auch der eiserne Griff dieses Regimes
nicht zu allen gleich hart war, so sind doch die Charakteristika
eines totalitären Staates seit dem Tage der deutschen Kapitulation 1945 vorhanden. Ja, Sie dürfen hier nicht vergessen - und
das ist wichtig - daß eine große Anzahl der Deutschen in der
Ostzone sich überhaupt nicht an eine Zeit erinnern kann, wo sie
nicht unter einem totalitären System gelebt hat, sei dieses
nun unter den Nazis oder der Tyrannei der sowjetischen Besatzungsmacht gewesen. Die wirtschaftliche Situation ergibt sich aus den
Versuchen der Sowjets, ihr System weiter nach Westen bis zur
Elbe auszudehnen. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind kollektiviert, Kaufhäuser und Industrien^ weitgehend verstaatlicht
worden. Diejenigen, die die Städte in der Sowjetzone besucht
haben, berichten mir, der Gegensatz zwischen Ost und West sei
so offensichtlich wie erschreckend.
Selbstverständlich besteht, wie ich selbst so 'oft in Berlin
gesehen habe, ein großer Unterschied zwischen Westberlin - das
ist unsere Seite der Trennungslinie mit ihren an Vorräten reichen
Geschäften, gut gekleideten Einwohnern, Kraftfahrzeugen, neuen
oder wiederaufgebauten Büchereien, Kirchen und Theatern und
ihrer allgemeinen Atmosphäre der Freiheit - und Ostberlin, der
sowjetischen Seite. Betritt man den sowjetischen Sektor, so
umfängt einem eine triste, bedrückende Atmosphäre. Trotz der
vielgepriesenen Stalinallee, einem nach Moskauer Vorbild für die
Arbeiter errichteten Wohnbauprojekt, ist in Wirklichkeit nicht
sehr viel Wiederaufgebaut worden. Und in besonderem Maße steht
man unter dem Eindruck einer strengen Polizeiherrschaft und harten Lebensbedingungen.
Die Herrschaft in Ostberlin und der Ostzone ist in Wirklichkeit die Herrschaft Moskaus. Nach außen hin mag es einem naiven
Beobachter erscheinen, als sei das deutsche kommunistische Regime
Herr in seinem eigenen Hause. Diese Passade ist erst kürzlich durch
die Proklamation der Souveränität der Marionettenregierung neu
geschmückt worden. Dieses Manöver der Sowjets hat niemanden getäuscht und die freien Nationen der Welt werden dem Regime keinen legitimen Status zuerkennen.
Daß zwei Millionen Menschen in den letzten acht Jahren aus
der sowjetischen Zone nach der Bundesrepublik geflohen sind, wird
daher niemanden überraschen. Dieser Strom dauert gegenwärtig mit
durchschnittlich 80 000 Flüchtlingen pro Jahr an. Im vergangenen
Jahr haben die Sowjets einen verhältnismäßig unbehinderten Reiseverkehr zwischen ihrer Zone- und dem übrigen Deutschland zugelassen - ich betone das Wort verhältnismäßig, denn es gibt nur

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nur wenige Übergangsstellen, und der Verkehr wird scharf kontrolliert. Die Grenze zwischen der sowjetischen Zone und der
Bundesrepublik ist allgemein durch einen Stacheldrahtzaun, einen
umgepflügten Streifen Land und bewaffnete Wachposten gekennzeichnet. Daß der Reiseverkehr verhältnismäßig unbehindert ist,
bedeutet aber, daß im Augenblick genau so viele Flüchtlinge
über die Zonengrenze wie über Berlin kommen. Dieser ständige
Zustrom von mehreren hunderttausend Menschen pro Jahr zusätzlich zu den 10 Millionen Flüchtlingen, die bereits in der Bundesrepublik leben, stellt diese vor ein ernstes Problem.
In den letzten Monaten haben die Sowjets, wie Sie wohl
alle wissen, alles in ihren Kräften Stehende versucht, um das
Prestige ihrer Satellitenregierung, der sogenannten Deutschen
Demokratischen Republik oder, wie sie in Deutschland allgemein
bezeichnet wird, des Pankow-Regimes, zu stärken. Außenminister
Molotow hat auf der Berliner Konferenz gefordert, daß die Vertreter dieser Regierung an der Konferenz teilnehmen. Als er von
Außenminister Dulles über die Legitimität dieser Regierung befragt und ihm der in seiner Zone bei der Wahl der gesetzgebenden Versammlung angewendete Wahlterror vorgehalten wurde, verteidigte Molotow, ohne mit der Wimper zu zucken, die sowjetische
Konzeption von freien Wahlen. Sowohl in seinen Ausführungen wie
auch in den hierauf von der Ostberliner Presse veröffentlichten
Artikeln wird das Wahlsystem mit sowjetisch kontrollierten
Einheitslisten als die 'einzige freie und demokratische' Methode
zur Wahl von Volksvertretern bezeichnet. Die Ergebnisse derartiger Wahlen - unserer Ansicht nach eine Farce - wurden zu dem
in Gegensatz gestellt, was geschieht, wenn, wie die Sowjets
es nennen, Militaristen und Kapitalisten miteinander in Wettbewerb treten, wie das bei de~h Septemberwahlen der Fall gewesen
sei, aus denen Adenauer erneut als Kanzler der Bundesrepublik
hervorging.
Mehr als ein Beobachter der Berliner Konferenz hat aus
Herrn Molotows erstaunlich freimütiger Haltung den Schluß gezogen, daß ihm überhaupt nichts daran lag, irgendwelche Vorschläge zu erörtern, die die Abhaltung freier Wahlen in ganz
Deutschland betreffen - erstens deshalb, weil er nicht auf die
sowjetische Kontrolle der Sowjetzone verzichten wollte und zweitens weil er letztlich die Beherrschung ganz Deutschlands im
Auge hatte. Ich werde noch lange seine zynische Verachtung für
demokratische Methoden im Gedächtnis bewahren, als er an uns
die Mahnung richtete: 'Wir dürfen uns nicht von parlamentarischen
Formalitäten und den rein organisatorischen und technischen
.Aspekten dieser Sache fortreißen lassen'... Bei 'dieser Sache',
ging es um die von den USA, Großbritannien und Frankreich vorgeschlagenen und von allen Deutschen herbeigewünschten freien
und demokratischen Wahlen in ganz Deutschland.
Aber

. 9 .

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Aber Herr Molotow war der Auffassung, daß 'wir uns von
parlamentarischen Formalitäten fortreißen ließen'. Manche von
uns hatten den Eindruck, daß er aus verschiedenen Gründen bestrebt war, sein Marionettenregime in der Ostzone zu unterstützen. Einmal um des Prestiges der Deutschen Willen, die ihr
Schicksal mit dem der Sowjets verbunden haben; zweitens weil
er das Prestige der Satellitenregierungen in Polen, der Tschechoslowakei und den benachbarten Ländern stärken mußte und drittens
weil er den Boden für seine für später vorgesehene Ausweitung
seines Wahlsystems auf ganz Deutschland bereiten wollte. Er
schien hierbei eine Zukunft im Auge zu haben, die kommen sollte,
wenn der Keil, den er zwischen die westlichen Alliierten zu
treiben versuchte, endlich eine weiche Stelle gefunden und tiefe
Spalten aufgerissen haben würde.
Daß Herr Molotow und seine Kollegen im Kreml im gegenwärtigen Augenblick solche Träume träumen können, mag phantastisch erscheinen. Ob sie jedoch von uns aus gesehen als unmöglich erscheinen und ob kein Deutscher an sie glaubt, macht den Männern im
Kreml wenig aus.
Herr Molotow mag vielleicht annehmen, daß die amerikanische
Außenpolitik eines Tages weniger stark und bestimmt sein wird,
daß unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen muß, daß die amerikanische Strategie Europa nicht mehr weiterhin als eine Bastion in
ihrem Verteidigungssystem betrachten wird, daß die Franzosen und
Deutschen ihre alte Feindschaft wieder aufleben lassen und bereit
sind, einander in den Rücken zu fallen und daß die gesamte freie
Welt in eine große Depression mit einer sich daraus ergebenden
weitgehenden Arbeitslosigkeit in Westdeutschland hineinsteuert.
Unter solchen Bedingungen wären die Herren der Sowjetunion dann
in der Tat in einer Position, von der aus sie das deutsche Problem
in einem durchaus anderen Ton erörtern könnten als dem, den wir
im vergangenen Januar in Berlin zu hören bekamen.
Lassen Sie mich nochmals daran erinnern, daß ich versprochen
habe, heute nacht hier nicht den Propheten zu spielen. Meine letzten
Sätze bezogen sich lediglich auf eine Zukunftsvision, die in
den Augen der Herrscher im Kreml sehr wohl einen prophetischen
Charakter haben mag. Wenn ich in dieser Annahme richtig gehe,
dann besteht für uns in der freien Welt die Aufgabe darin, alles
in unserer Kraft Stehende zu tun, um zu verhindern, daß die Zukunft in irgendeiner Weise dem gleicht, was Herr Molotow und
seine Mitarbeiter vielleicht so hoffnungsvoll im Sinn haben,
und in dieser Hinsicht gehen die Vereinigten Staaten und die
Deutsche Bundesrepublik völlig konform. Denn - wie ich bereits
berichtete - die führenden Persönlichkeiten in Deutschland scheinen mit allen Kräften auf irgendeine Form der europäischen Integration hinzuarbeiten; und in der Jugend Deutschlands ist die
Idee einer neuen Form europäischer Gemeinschaft stark verwurzelt.
Man braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen, daß die Zukunft eines freien Europa von den künftigen Beziehungen zwischen
Deutschland und Frankreich abhängt; trotz der vielen entmutigenden Vorfälle in den letzten Jahren sind nach meiner Überzeugung
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Überzeugung die günstigen Anzeichen für einen stetigen Portschritt in der europäischen Zusammenarbeit noch immer in der
Überzahl.
Die Politik Bundeskanzler Adenauers ist eine Politik der
Einbeziehung Westdeutschlands in Westeuropa. Er betrachtet
eine solche Integration als notwendigen Schritt auf dem Wege
zur Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit.
Im Gegensatz zu den Behauptungen einiger seiner politischen
Gegner ist er der Meinung, daß die Wiedervereinigung mit der
europäischen Integration nicht im Widerspruch steht. Er und
seine Anhänger glauben vielmehr, daß die Sowjets in Berlin
deutlich erkennen ließen, ihre Bemühungen um eine weitere Vorverlegung des Eisernen Vorhanges nach Westen nicht aufgeben zu
wollen und auch einen Verzicht auf die von iinen in Deutschland
besetzte Zone nicht in Erwägung zu ziehen, solange sich der
Westen nicht als stark und einig erweist. Denkt man diesen Gedanken weiter, so kann man dem Tag entgegensehen, an dem ein
wiedervereinigtes Deutschland zu einer der standhaften Nationen
in einem neuen freien Europa wird, einem freien Europa, das der
totalitären Gefahr aus dem Osten furchtlos entgegensehen kann.
Die Vorstellung von der Zukunft, wie sie den führenden
Männern der Bundesrepublik heute vorschwebt, mag von manchen
von Ihnen als eine Illusion betrachtet werden. Ich weiß, daß
die Furcht vor einem neubelebten Deutschland existiert. Viele
Menschen in den USA machen sich ihre Gedanken darüber, was das
neue Deutschland tun wird. Sie haben von der geschlossenen Energie Westdeutschlands im Jahre 1954 etwas gesehen, gelesen oder
gehört. Sie fragen sich nur, wird diese neue machtvolle Nation
einen stabilisierenden Einfluß ausüben oder wird sie, wie schon
zweimal in der Zeit, an die sich die meisten von uns erinnern
können, uns in einen Weltbrand hineinziehen?
Ich habe gesagt, daß ich kein Prophet sein will, aber ich
stehe nicht davon ab, meine bisherige Diagnose zusammenzufassen:
Das heutige Deutschland ist ein anderes als das in den zwanziger
Jahren, den dreißiger Jahren oder das vor dem ersten Weltkrieg.
Es besitzt eine Reihe starker politischer Persönlichkeiten in
verschiedenen Parteien, die eine enge Zusammenarbeit mit dem
Westen anstreben,und Menschen, die fest an ein friedliches und
demokratisdhes Deutschland glauben. Diese Menschen brauchen die
Hilfe und das Verständnis der friedliebenden Menschen in den USA
und den europäischen Staaten. Die Fehler der Sieger in den zwanziger Jahren dürfen nicht wiederholt werden. Die kürzliche Garantieerklärung Großbritanniens und; der Vereinigten Staaten - selbstverständlich von der Verwirklichung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abhängend - zeigen eindeutig, daß das neue
Deutschland ein fest integriertes Mitglied der freien Welt sein
wird. Ich weiß für diejenigen, die Fragen über die ;Zukunft
Deutschlands stellen, wenn seine Souveränität wieder hergestellt
ist, keine bessere Antwort".
#•.*•#

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES KOREA-KONFLIKTS

GENF — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles gab am 28. April
1954 auf der dritten Vollsitzung der Genfer Konferenz einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Korea-Konfliktes. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Wir sind hier, um ein geeintes und unabhängiges Korea zu
schaffen. Es mag uns vielleicht gegeben sein, ein neues Blatt
einer bisher tragischen Geschichte zu schreiben. Die Einwohner
Koreas haben jahrhundertelang als ein Volk zusammengelebt, und
gemeinsam haben sie lange Zeit ausländische Herrschaft und
Aggression erduldet. Sie haben die Einheit in Freiheit und
Unabhängigkeit gesucht, ein Recht, das kein Volk und keine
Gruppe von Völkern ihnen verwehren kann.
Die Vereinigten Staaten sind gemeinsam mit der Republik
Korea und den übrigen Regierungen, deren Streitkräfte Korea
zu Hilfe kamen, in einem erneuten und entschlossenen Versuch
zusammengekommen, um dem koreanischen Volk bei der Verwirklichung Beinssvernünftigen und rechtmäßigen Strebens zu helfen.
Warum verbleibt Korea geteilt? Im Jahre 1943 versprach
die Deklaration von Kairo, daß ein Sieg über Japan dazu benutzt werden sollte, Korea frei und unabhängig zu machen. Aber
das ist nicht geschehen.
Die gegenwärtige Phase der Leidenszeit Koreas geht auf den
August 1945 zurück. Damals einigten sich die Vereinigten Staaten, die vier Jahre lang die Last des Krieges gegen Japan getragen hatten, mit der Sowjetunion dahin, daß diese in die
Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas einmarschieren sollte,
um die Übergabe der Japaner anzunehmen. Aber die Sowjets, die
zu einem bestimmten Zweck nach Nordkorea gekommen waren, blieben dort zu einem anderen Zweck. Ihr Ziel war es, direkt oder
durch eine Marionettenregierung Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen und ihre Herrschaft, wenn möglich, über ganz
Korea auszudehnen. Damit haben sie ständig 4bkommen mit ihren
früheren Verbündeten verletzt und ebenfalls gegen den durch
die Vereinten Nationen verkörperten kollektiven Willen verstoßen.
Es
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Es ist wichtig, daß wir uns beständig daran erinnern, daß
es hier nicht nur um Korea geht - so wichtig dies an sich ist sondern auch um die Autorität der Vereinten Nationen. Den Vereinten Nationen kommt die Hauptverantwortung zu, Korea zu einem
freien und unabhängigen Land zu machen. Sie haben bei der Errichtung der Republik Korea mitgeholfen und Korea auf die Beine gestellt. Als Aggressoren die Republik Korea zu vernichten drohten,
haben die Vereinten Nationen ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert,
Korea verteidigen zu helfen.
Korea ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß eine
kollektive Sicherheitsorganisation tatsächlich eingegriffen hat.
Wenn diese Konferenz sich gegenüber den Vereinten Nationen und
ihren Entscheidungen unloyal verhält, dann hat jeder von uns
einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung dessen zu tragen, was uns alle schützt.
Gestern haben die Delegierten der Republik Korea und Kolumbiens in gleicher Weise von der Mission gesprochen, die
die Vereinten Nationen gegenüber Korea auf sich genommen haben.
Diese Tatsachen sind es wert, wiederholt zu werden.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahre 1947 erstmals
mit dem Koreaproblem befaßt. Damals riefen sie eine zeitweilige
Kommission ins Leben, die bei der Bildung einer Regierung für
Korea mithelfen und die ersten Wahlen beobachten sollte. Die
Sowjetunion verweigerte der UN-Kommission den Zutritt nach
Nordkorea. In den übrigen Teilen Koreas arbeitete die Kommission,
wie das von den Vereinten Nationen vorgesehen war.
Im Dezember 1948 nahm die UN-Vollversammlung den Bericht
ihrer zeitweiligen Kommission entgegen, und billigte mit 48
gegen 6 Stimmen bei einer Enthaltung eine Entschließung,in der
festgestellt wird:
•Daß eine rechtmäßige Regierung (die Regierung der Republik
Korea) gebildet worden ist, die eine wirksame Kontrolle und
Rechtsprechung über den Teil Koreas ausübt, in dem die zeitweilige Kommission Beobachtungen anstellen und Konsultationen geben
konnte, und in dem die große Mehrheit der Bevölkerung ganz Koreas
wohnt; daß diese Regierung auf der Grundlage von Wahlen gebildet
wurde, die den freien Willen der Wählerschaft in diesem Teil
Koreas in gültiger Form zum Ausdruck brachten und die von der
zeitweiligen Kommission beobachtet wurden} und daß dies die einzige derartige Regierung in Korea ist.'
Die Vereinigten Staaten, die auf die moralische Autorität
der Vereinten Nationen sowie darauf vertrauten, daß sich ihre
Mitglieder entsprechend der UN-Charta verhalten würden, zogen
ihre eigenen Streitkräfte aus Südkorea zurück. Damit verblieben
in Südkorea nur einheimische Truppen, die lediglich in der Lage
waren, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz
hierzu förderte die Sowjetunion den schnellen Aufbau der Kriegsmaschinerie des von ihr in Nordkorea eingesetzten kommunistischen
Regimes. Am 25. Juni 1950 eröffneten diese Streitkräfte, unterstützt durch zahlreiche in der Sowjetunion gebaute Panzer und
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und Flugzeuge einen totalen Angriff.
Die zeitweilige Kommission der Vereinten Nationen, die
an Ort und Stelle zugegen war, und zu deren Mitgliedern auch
Indien gehörte, stellte sofort und einmütig fest, daß dies
eine bewaffnete Aggression war, und berichtete entsprechend an
den Weltsicherheitsrat. Dieser wiederum bestätigte mit neun
gegen null Stimmen bei einer Enthaltung und Abwesenheit eines
Landes die Tatsache einer Aggression und forderte die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, mit dazu beizutragen, daß
der Aggression Widerstand entgegengesetzt wird. 16 Länder antworteten hierauf durch Entsendung von Truppen und über 40 erklärten sich zur Gewährung militärischer oder materieller Hilfe
bereit.
Die wenigen und leicht bewaffneten Streitkräfte der Republik
Korea wurden zu Beginn des Krieges von dem Angreifer überwältigt.
Die kommunistischen Aggressoren besetzten mit Ausnahme eines
kleinen Brückenkopfes bei Pusan den größten Teil Koreas. Aber
die Streitkräfte Südkoreas gewannen schnell an Kampfstärke und
die Mitglieder der Vereinten Nationen gaben ihnen eine immer
größere Hilfe. Eine brillante militärische Operation, die aus
einer kühnen Landungsaktion bei Inchon bestand, brachte die
Angreifer aus dem Gleichgewicht und ermöglichte dem UN-Oberkommando den Ausbruch aus dem Pusanbrückenkopf. Die Aggressoren wurden
in die Flucht geschlagen und waren militärisch gesehen kein
nennenswerter Gegner mehr.
Es schien, als ob jetzt die Vereinten Nationen ihre früher
unternommene Aufgabe, Korea zu einigen, zu Ende führen könnten.
So setzte die UN-Vollversammlung am 7. Oktober 1950 ein neues
Gremium ein, das unter dem Namen Kommission der UN für die
Vereinigung und den Wiederaufbau Koreas (UNCURK) bekannt geworden ist,und stellte ihm die Aufgabe, die Arbeit der früheren
Kommissionen zu beenden. Die neue Kommission begab sich nach
Korea.
Aber die langerstrebte Wiedervereinigung und Freiheit für
Korea sollte noch nicht Wirklichkeit werden. Eine weitere
kommunistische Aggression verhinderte dies. Im November 1950
entsandte das kommunistische Regime von China Scharen seiner
Streitkräfte nach Nordkorea. Die UN-Vollversammlung brandmarkte
mit 44 gegen sieben Stimmen bei 9 Enthaltungen diese Intervention als Aggression.
Das UN-Oberkommando wurde erneut gezwungen, seine Streitkräfte nach Südkorea zurückzuziehen. Aber sie kämpften sich
wieder soweit vor, daß den Aggressoren weniger Land verblieb
als zu dem Zeitpunkt, da sie zu ihrer ursprünglichen Aggression
über den 38. Breitengrad hinaus antraten.
Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstillstand mit dem UNOberkommando abgeschlossen. Dies war kein freiwilliges Friedensgeschenk der Kommunisten. Es wurde lediglich gegeben, nachdem
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nachdem letzte fanatische Versuche, die Front des UN-Oberkommandos zu durchbrechen, mit ungeheuren Verlusten für den
Angreifer gescheitert waren. Und es wurde auch nur gegeben,
nachdem die Kommunisten erkannt hatten, daß das Kampfgebiet so
weit ausgeweitet werden würde, daß dies zu einer Gefährdung der
Basis der Aggression in der Mandschurei führen könnte, falls es
nicht zu einem schnellen Waffenstillstand kommen würde. Dann und
erst dann waren die kommunistischen Machthaber der Ansicht, daß
es zweckmäßig sei, den Waffenstillstand zu unterzeichnen.
Der Waffenstillstand sah vor, daß eine politische KoreaKonferenz innerhalb von drei Monaten stattfinden sollte. Die
Kommunisten fanden es jedoch unzweckmäßig, jener von allen
Beteiligten angenommenen Empfehlung zu entsprechen. Sie hatten
zuallererst nur den Wunsch, ihre Position in Nordkorea zu
festigen.
Erst jetzt ist die politische Korea-Konferenz nach einem
langen Feilschen über ihre Zusammensetzung und den Konferenzort zusammengetreten.
Die Zusammensetzung und der Konferenzort entsprechen genau
den Vorschlägen, welche die Vereinten Nationen vor sechs Monaten
machten.
Diese Tatsache: ermöglicht es einem, ein Urteil darüber zu
fällen, wer für diese Verzögerung verantwortlich ist.
Die Geschichte der sieben Jahre, die ich eben kurz dargestellt habe, ist die Geschichte eines ständigen Angriffs gegen
die Kräfte des Völkerrechts und der Ordnung, wie sie von den
Vereinten Nationen repräsentiert werden. Ob diese Aggression
die Oberhand behalten soll, kann von dieser Konferenz entschieden werden.
Während dieser siebenjährigen Periode von 1947 bis heute
haben sich die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und
den Vereinigten Staaten bemüht, mit der Sowjetunion zusammen
Deutschland wiederzuvereinigen und Österreich zu befreien. Über
diese Fragen sind hunderte von Konferenzen zwischen den Außenministern oder ihren Beauftragten abgehalten worden. Nichts ist
bisher erreicht worden. Aber etwas hat man dabei gelernt. Es ist
nützlich, wenn die jetzige Konferenz diesen Tatbestand im Auge
behält, wenn die hier vorgebrachten Vorschläge von uns geprüft
werden.
Das Verhalten der sowjetischen Kommunisten scheint hauptsächlich von ihrer Furcht vor der Freiheit beeinflußt zu sein.
Die herrschende Klasse der Kommunisten glaubt, daß eine Gesellschaft am friedfertigsten und produktivsten ist, wenn ihre Mitglieder die Züge tragen, die ihnen von ihren Machthabern vorgeschrieben werden. Einer solchen Auffassung liegt notwendigerweise
die Unterdrückung der Freiheit zugrunde, denn Freiheit impliziert Verschiedenheit und nicht Gleichförmigkeit.
Aber

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Aber es genügt nicht, wenn die Freiheit in dem Gebiet unterdrückt wird, das heute den sowjetischen Einflußbereich darstellt.
Die Freiheit ist ansteckend. Deshalb darf die Freiheit außerhalb dieses Gebietes nicht zur Ruhe kommen. Das Gebiet, in dem
die Unterdrückung herrscht, muß ständig vergrößert werden, damit
das bestehende Gebiet der Unterdrückung erhalten werden kann.
So scheinen die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion durch ihre eigene Doktrin und ihre eigene Furcht dazu angetrieben worden zu sein, ihre Kontrolle auf die eine oder die
andere Weise auszudehnen zu suchen, bis schließlich das von
Lenin als die »Einschmelzung der Massen in einen einzigen
Staatenblock', bezeichnete Ziel erreicht ist.
Es mag vielleicht gesagt werden, daß Lenin und Stalin tot
sind. Wenn das auch zutrifft, so ist ihre Lehre jedoch nicht
tot. Sie wird weiterhin von den Kommunisten in aller Welt gelehrt und die Kommunisten fahren fort, in allen Teilen der Welt
danach zu handeln.
Nachdem, was die Geschichte bisher gezeigt hat, haben die
kommunistischen Machthaber noch zu keiner Zeit und an keiner
Stelle freiwillig ihren Griff um etwas, das sie besitzen, gelockert. Und dies trifft auch im Falle Ostdeutschlands, Österreichs und Nordkoreas zu, wo sie versprochen hatten, daß ihre
Besitznahme nur vorübergehender Natur sei. Darüber hinaus
arbeiten in allen nichtkommunistischen Ländern der Welt Agenten
des internationalen Kommunismus, um die 'Einschmelzung1 dieser
Länder und ihrer Einwohner in das System der kommunistischen
Diktatur zu erreichen.
Das Problem, dem wir hier in Genf gegenüberstehen, ist das
gleiche, dem wir auch woanders gegenüberstehen. Es ist das
Problem, 'Frieden* und 'Demokratie' in der geschichtlichen
Bedeutung dieser Worte herzustellen. Dies sind eingängige
Worte, reich in ihrer traditionellen Bedeutung. Die kommunistische Propaganda hat sie als Köder benutzt, um die Unbedachtsamen zu fangen. Man muß sich daran erinnern, daß die Kommunisten, wenn sie von 'Frieden' sprechen, eine gleichgeschaltete
Gesellschaftsform unter einem einzigen Willen meinen. Wenn sie
von 'Demokratie' reden, so meinen sie eine 'Diktatur des
Proletariats'.
Das Fazit hieraus ist:
Wenn wir mit den sowjetischen Kommunisten und ihren Satelliten verhandeln, so stehen wir etwas weit Schlimmerem als
nur der Gier eines einzelnen oder eines ganzen Landes nach
Ruhm gegenüber. Wir stehen einem riesigen monolithischen System
gegenüber, das trotz seiner Stärke glaubt, es könnte nicht fortbestehen, es sei denn,es .gelänge ihm allmählich,die menschlichen
Freiheiten zu zerstören.
Ich gebe diese Analyse nicht aus pessimistischer, sondern
vielmehr aus einer sehr realistischen Stimmung heraus. Die
kommunistische Doktrin fordert Anpassung, wenn die Opposition
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Opposition sehr stark ist. Unsere Aufgabe hier besteht darin,
eine solche Stärke für einen ehrenvollen und nicht-aggressiven
Zweck zu zeigen, daß die Kommunisten es zweckmäßig finden,
Korea Einheit und Freiheit zu gewähren.
Gestern wurden für die Lösung des Korea-Problems drei
Vorschläge gemacht. Die Republik Korea und die Republik Kolumbien befürworteten eine Lösung, die den Resolutionen der Vereinten Nationen für die Errichtung eines geeinten und freien
Koreas neues Leben verleihen.
Der Vorschlag des kommunistischen Regimes in Nordkorea
lautete jedoch etwas anders.. Er erwähnte nicht die Vereinten
Nationen oder deren Resolutionen. Diese sollen scheinbar als
nicht vorhanden betrachtet werden.
Der kommunistische Vorschlag ist seinem Wesen nach der
gleiche, der im Juni 1950 als Vorspiel für den bewaffneten Angriff auf die Republik Korea unterbreitet wurde. In gleicher
Weise ähnelt er dem Schema ganz auffällig, das die Sowjetunion
im vergangenen Februar in Berlin für die Wiedervereinigung
Deutschlands vorgeschlagen hat. Sie sehen, Konformität ist bei
den Kommunisten die Regel.
Der gegenwärtige kommunistische Korea-Vorschlag sieht vor,
daß die frei gewählte Regierung der Republik Korea, die wenigstens Dreiviertel des koreanischen Volkes vertritt, zu einer
Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem
kommunistischen Regime gezwungen wird, das nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung im Norden beherrscht.
Von den Kommunisten werden allgemeine Wahlen unter einem
Gesetz vorgeschlagen, gegen dessen Bestimmungen von dem kommunistischen Regime ein Veto eingelegt werden kann. Der Vorschlag
setzt weiter fest, daß die Wahlordnung jegliche 'ausländische
Einmischung' ausschließen soll; vermutlich soll hierdurch eine
Überwachung durch die Vereinten Nationen ausgeschlossen werden.
Der Plan zielt auf die Zerstörung der bestehenden Regierung
und auf ihre Verdrängung durch eine kommunistische Marionettenregierung ab.
Der Vorschlag der nordkoreanischen Kommunisten verlangt
gleichfalls, daß alle ausländischen Streitkräfte aus dem
koreanischen Staatsgebiet innerhalb von sechs Monaten zurückgezogen werden. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen würden
hierbei einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die Streitkräfte
der chinesischen Kommunisten dagegen würden hierfür nur wenige
Kilometer benötigen. Sie könnten also schnell nach Korea zurückkehren.
Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß ihre Truppen auf
unbestimmte Zeit in Korea verbleiben sollen. Aber wir erinnern
uns, daß wir bereits schon einmal unsere in Korea stationierten
Truppen zurückgezogen haben und daß sich dies als voreilig herausgestellt hatte. I'Wir wollen nicht, daß sich die Geschichte wie-

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Dies ist also der nordkoreanische Vorschlag. Die USA
müssen ihn zurückweisen, weil er nicht den Erfordernissen eines
freien, vereinigten und unabhängigen Koreas entspricht, für
das so viel Blut geflossen und so viel Leid erduldet worden
ist.
Der Friede ist immer einfach zu erreichen: nämlich durch
Kapitulation. Die Einheit ist gleichfalls leicht zu schaffen:
durch Kapitulation. Die schwere Aufgabe, die Aufgabe, der wir
gegenübergestellt sind, besteht darin, den Frieden und die
Einheit mit der Freiheit zu verbinden.
Die Bevölkerung der Republik Korea kennt die Freiheit und
sie hat für die Bewahrung ihrer Freiheit gekämpft und; gelitten
wie nur wenige andere Völker. Ich habe selbst die Freiheit in
der Republik Korea kennengelernt. Ich habe die Universität
von Seoul besucht und habe gesehen, wie die jungen Männer und
Frauen Koreas an einer freien, liberalen Institution voll Eifer
ihr Wissen zu vertiefen suchten. Ich habe einigen Sitzungen
des koreanischen Parlaments beigewohnt und habe die reibungslose Arbeitsweise dieses Gremiums kennengelernt, eines Gremiums,
dessen Mitglieder in freien, von einer Kommission der UN beaufsichtigten Wahlen gewählt wurden.
Ich bin in einer großen Versammlung mit Tausenden von
Flüchtlingen christlichen Glaubens zusammengekommen, die kürzlich aus Nordkorea geflüchtet waren, um der religiösen Verfolgung in dem kommunistisch beherrschten Norden zu entgehen und
der Freiheit der Religionsausübung teilhaftig zu werden, die
in der Republik Korea herrscht.
Die Republik Korea, welche so tapfer für die Freiheit gekämpft hat, wird niemals einer Einheit zustimmen, die mit einer
schlecht verhüllten Annexion durch den sowjetisch-kommunistischen
Block erkauft werden soll. Die Vereinigten Staaten haben über
eine Million ihrer jungen Männer nach Korea geschickt, um dort
zu kämpfen und das land vor der gewaltsamen Annexion durch die
Aggressoren zu retten. Unsere Verluste betrugen hierbei über
140 000 Mann. Zweifellos sind wir nicht geneigt, hier am Konferenztisch irgendetwas wegzugeben, wofür unsere Söhne so tapfer
gekämpft haben.
Es ist eine Grundwahrheit,wenn man sagt, daß jedes Programm,
das hier für die Einigung Koreas angenommen wird,auch die Freiheit in Korea garantiert.
Ein durchführbares Programm für die Vereinigung Koreas
braucht nicht erst von uns ausgearbeitet zu werden. Es ist
bereits vorhanden. Es wurde in der Resolution der UN-Vollversammlung vom 7. Oktober 1950 unterbreitet. Es ist diejenige Resolution, auf welche ich mich bereits bezogen habe. Hierbei wurde eine Kommission zur Herbeiführung der Vereinigung Koreas gebildet. Diese Kommission sollte die Wahlen in jenem Teil Koreas
überwachen, wo eine solche Wahlüberwachung bisher noch nicht
stattgefunden hat.
_.

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Die Kommission der Vereinten Nationen (UNCURK) befindet sich
gegenwärtig in Korea und ist jederzeit bereit, ihren von deP UN
erteilten klaren und genauen Auftrag auszuführen.
Die Erledigung dieses Auftrags würde die Einigung und die
Freiheit Koreas zustandebringen. Zwei Dinge, die zuerst durch
die sowjetische Obstruktionspolitik 1948, durch die kommunistische
Aggression Nordkoreas im Juni 1950 und dann durch die Aggression
der Rotchinesen im November gleichen Jahres verhindert worden sind.
Da nun die Aggression zum Scheitern gebracht worden ist, sollte
die unterbrochene Arbeit der Kommission weitergeführt werden. Das
ist unser Vorschlag.
Hierfür wäre die Zurückziehung der chinesischen AggressionsStreitkräfte durch die rotchinesische Regierung und die Beendigung ihrer Besetzung Nordkoreas erforderlich, so daß die Vereinten
Nationen ihre Aufgabe in einer von aller Bedrohung freien Atmosphäre
erfüllen können.
Es ist wichtig, die Freiheit nicht nur als die Freiheit des
einzelnen, sondern auch als die Freiheit der Völker zu sehen.
Korea ist eine Halbinsel von so großem strategischem Wert, daß
es seit Jahren im Blickfeld der großen Politik stand. Rußland,
Japan und China haben erfolgreich versucht, Korea in den Dienst
ihrer eigenen Expansionspolitik zu stellen. Lange Zeit konnten
die Koreaner nicht über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Dies
sollte nunmehr aufhören.
Die Vereinigten Staaten suchen keine Vorteile in Korea. Wir
stehen im Begriff,ein gemeinsames Sicherheitsabkommen mit der
Republik Korea abzuschließen. Diesem Abkommen liegen jedoch keine
Aggressiven Absichten zugrunde und die Vereinigten Staaten versuchen auch nicht»sich hierdurch eine vorgeschobene Position zu sichern, die irgend jemanden bedrohen könnte.
Japan ist nicht mehr länger eine aggressive Macht und hat in
loyaler Form zugesagt, daß es von jeglicher Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit irgendeines anderen Landes Abstand nehmen wird.
Die Republik Korea selbst hat keine Ambitionen, die über
ihre natürlichen Grenzen hinausgehen.
Sind die Sowjetunion und Rotchina bereit, den Ambitionen zu
entsagen, denen die Kontrolle Koreas dient? Wenn ja, so wäre es
möglich, Korea die nationale Unabhängigkeit zu geben, die die
Vereinten Nationen für dieses Land erstreben und die die Koreaner
für sich selbst wünschen.
Ein derartiges Korea sollte natürlich Mitglied der Vereinten
Nationen werden und sich der zusätzlichen Würde und des erhöhten
Schutzes erfreuen, den diese Mitgliedschaft mit sich bringt. Man
sollte sich daran erinnern, daß die Republik Korea im Jahre 1949
um Aufnahme in die Vereinten Nationen nachsuchte. Ihre Aufnahme
wurde lediglich durch das Veto der Sowjetunion im Weltsicherheitsrat verhindert. Dies war ein weiteres Unrecht, das gutzumachen wir
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

wir uns hier einigen sollten.
Da ist die Gruppe derjenigen, die der Ansicht sind, daß
sowohl die Erfahrungen der Vergangenheit, als auch die kühle
Überlegung der Vernunft die Fruchtlosigkeit und Vergeblichkeit
der von uns unternommenen Aufgabe erweisen. Ich unterschätze
die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht. Aber ich bin immer
noch der Ansicht, daß wir den Mut nicht verlieren dürfen, und daß
es keine bloße Zeitvergeudung ist, wenn wir mit allen uns zur
Verfügung stehenden Mitteln unser uns angemessenes Ziel zu erreichen suchen.
Wir rufen uns die in der Vergangenheit begangenen Fehler
und Versager mit aller Genauigkeit ins Gedächtnis, damit wir
aus den Erfahrungen lernen können. Aber wir dürfen uns auch
dessen erinnern, daß die Zukunft niemals eine bloße Wiederholung
der Vergangenheit ist.
Wir brauchen unsere Hoffnungen nicht im eisigen Hauch
kalter Logik dahinschwinden lassen. Wir wissen, daß diejenigen,
die im Glauben leben, am Ende doch über diejenigen triumphieren
werden, die nur auf das nackte Kalkül vertrauen.
Es ist richtig, daß Korea vereinigt und eine freie und unabhängige Nation werden sollte, eine Nation, die imstande ist,
ihr Geschick in die Hand zu nehmen, das den friedlichen Aspirationen ihrer Bevölkerung entspricht.
Es ist richtig, daß die Vereinten Nationen als eine Autorität gestärkt werden, an die sich alle Völker für alle Zeiten
wenden können, um sich vor der Geißel des Krieges zu bewahren
und die Würde, Werte und gleichen Rechte der großen und kleinen
Nationen sicherzustellen.
Es ist unsere Pflicht, diese Ziele mit Hingabe und einer
Reinheit des Herzens zu verfolgen, die kein Machtstreben und
keine Selbstherrlichkeit zuläßt. Dann haben wir unseren Teil getan, um den Grundsätzen der moralischen Ordnung zu dienen, die
den Menschen und Nationen gesetzt sind.

* * * * *

- 9-

�DULLES ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES KOREA-KONFLIKTS

GENF — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles gab am 28. April
1954 auf der dritten Vollsitzung der Genfer Konferenz einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Korea-Konfliktes. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Wir sind hier, um ein geeintes und unabhängiges Korea zu
schaffen. Es mag uns vielleicht gegeben sein, ein neues Blatt
einer bisher tragischen Geschichte zu schreiben. Die Einwohner
Koreas haben jahrhundertelang als ein Volk zusammengelebt, und
gemeinsam haben sie lange Zeit ausländische Herrschaft und
Aggression erduldet. Sie haben die Einheit in Freiheit und
Unabhängigkeit gesucht, ein Recht, das kein Volk und keine
Gruppe von Völkern ihnen verwehren kann.
Die Vereinigten Staaten sind gemeinsam mit der Republik
Korea und den übrigen Regierungen, deren Streitkräfte Korea
zu Hilfe kamen, in einem erneuten und entschlossenen Versuch
zusammengekommen, um dem koreanischen Volk bei der Verwirklichung Beinssvernünftigen und rechtmäßigen Strebens zu helfen.
Warum verbleibt Korea geteilt? Im Jahre 1943 versprach
die Deklaration von Kairo, daß ein Sieg über Japan dazu benutzt werden sollte, Korea frei und unabhängig zu machen. Aber
das ist nicht geschehen.
Die gegenwärtige Phase der Leidenszeit Koreas geht auf den
August 1945 zurück. Damals einigten sich die Vereinigten Staaten, die vier Jahre lang die Last des Krieges gegen Japan getragen hatten, mit der Sowjetunion dahin, daß diese in die
Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas einmarschieren sollte,
um die Übergabe der Japaner anzunehmen. Aber die Sowjets, die
zu einem bestimmten Zweck nach Nordkorea gekommen waren, blieben dort zu einem anderen Zweck. Ihr Ziel war es, direkt oder
durch eine Marionettenregierung Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen und ihre Herrschaft, wenn möglich, über ganz
Korea auszudehnen. Damit haben sie ständig Abkommen mit ihren
früheren Verbündeten verletzt und ebenfalls gegen den durch
die Vereinten Nationen verkörperten kollektiven Willen verstoßen.
Es
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28. April 1954

Es ist wichtig, daß wir uns beständig daran erinnern, daß
es hier nicht nur um Korea geht - so wichtig dies an sich ist sondern auch um die Autorität der Vereinten Nationen. Den Vereinten Nationen kommt die Hauptverantwortung zu, Korea zu einem
freien und unabhängigen land zu machen. Sie haben bei der Errichtung der Republik Korea mitgeholfen und Korea auf die Beine gestellt. Als Aggressoren die Republik Korea zu vernichten drohten,
haben die Vereinten Nationen ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert,
Korea verteidigen zu helfen.
Korea ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß eine
kollektive Sicherheitsorganisation tatsächlich eingegriffen hat.
Wenn diese Konferenz sich gegenüber den Vereinten Nationen und
ihren Entscheidungen unloyal verhält, dann hat jeder von uns
einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung dessen zu tragen, was uns alle schützt.
Gestern haben die Delegierten der Republik Korea und Kolumbiens in gleicher Weise von der Mission gesprochen, die
die Vereinten Nationen gegenüber Korea auf sich genommen haben.
Diese Tatsachen sind es wert, wiederholt zu werden.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahre 1947 erstmals
mit dem Koreaproblem befaßt. Damals riefen sie eine zeitweilige
Kommission ins Leben, die bei der Bildung einer Regierung für
Korea mithelfen und die ersten Wahlen beobachten sollte. Die
Sowjetunion verweigerte der UN-Kommission den Zutritt nach
Nordkorea. In den übrigen Teilen Koreas arbeitete die Kommission,
wie das von den Vereinten Nationen vorgesehen war.
Im Dezember 1948 nahm die UN-Vollversammlung den Bericht
ihrer zeitweiligen Kommission entgegen, und billigte mit 48
gegen 6 Stimmen bei einer Enthaltung eine Entschließung,in der
festgestellt wird:
•Daß eine rechtmäßige Regierung (die Regierung der Republik
Korea) gebildet worden ist, die eine wirksame Kontrolle und
Rechtsprechung über den Teil Koreas ausübt, in dem die zeitweilige Kommission Beobachtungen anstellen und Konsultationen geben
konnte, und in dem die große Mehrheit der Bevölkerung ganz Koreas
wohnt; daß diese Regierung auf der Grundlage von Wahlen gebildet
wurde, die den freien Willen der Wählerschaft in diesem Teil
Koreas in gültiger Form zum Ausdruck brachten und die von der
zeitweiligen Kommission beobachtet wurden; und daß dies die einzige derartige Regierung in Korea ist.'
Die Vereinigten Staaten, die auf die moralische Autorität
der Vereinten Nationen sowie darauf vertrauten, daß sich ihre
Mitglieder entsprechend der UN-Cbarta verhalten würden, zogen
ihre eigenen Streitkräfte aus Südkorea zurück. Damit verblieben
in Südkorea nur einheimische Truppen, die lediglich in der läge
waren, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz
hierzu förderte die Sowjetunion den schnellen Aufbau der Kriegsmaschinerie des von ihr in Nordkorea eingesetzten kommunistischen
Regimes. Am 25. Juni 1950 eröffneten diese Streitkräfte, unterstützt durch zahlreiche in der Sowjetunion gebaute Panzer und
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�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

und Plugzeuge einen totalen Angriff.
Die zeitweilige Kommission der Vereinten Nationen, die
an Ort und Stelle zugegen war, und zu deren Mitgliedern auch
Indien gehörte, stellte sofort und einmütig fest, daß dies
eine bewaffnete Aggression war, und berichtete entsprechend an
den Weltsicherheitsrat. Dieser wiederum bestätigte mit neun
gegen null Stimmen bei einer Enthaltung und Abwesenheit eines
Landes die Tatsache äner Aggression und forderte die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, mit dazu beizutragen, daß
der Aggression Widerstand entgegengesetzt wird. 16 Länder antworteten hierauf durch Entsendung von Truppen und über 40 erklärten sich zur Gewährung militärischer oder materieller Hilfe
bereit.
Die wenigen und leicht bewaffneten Streitkräfte der Republik
Korea wurden zu Beginn des Krieges von dem Angreifer überwältigt.
Die kommunistischen Aggressoren besetzten mit Ausnahme eines
kleinen Brückenkopfes bei Pusan den größten Teil Koreas. Aber
die Streitkräfte Südkoreas gewannen schnell an Kampfstärke und
die Mitglieder der Vereinten Nationen gaben ihnen eine immer
größere Hilfe. Eine brillante? militärische Operation, die aus
einer kühnen Landungsaktion bei Inchon bestand, brachte die
Angreifer aus dem Gleichgewicht und ermöglichte dem UN-Oberkommando den Ausbruch aus dem Pusanbrückenkopf. Die Aggressoren wurden
in die Flucht geschlagen und waren militärisch gesehen kein
nennenswerter Gegner mehr.
Es schien, als ob jetzt die Vereinten Nationen ihre früher
unternommene Aufgabe, Korea zu einigen, zu Ende führen könnten.
So setzte die UN-Vollversammlung am 7. Oktober 1950 ein neues
Gremium ein, das unter dem Namen Kommission der UN für die
Vereinigung und den Wiederaufbau Koreas (UNCURK) bekannt geworden ist,und stellte ihm die Aufgabe, die Arbeit der früheren
Kommissionen zu beenden. Die neue Kommission begab sich nach
Korea.
Aber die langerstrebte Wiedervereinigung und Freiheit für
Korea sollte noch nicht Wirklichkeit werden. Eine weitere
kommunistische Aggression verhinderte dies. Im November 1950
entsandte das kommunistische Regime von China Scharen seiner
Streitkräfte nach Nordkorea. Die UN-Vollversammlung brandmarkte
mit 44 gegen sieben Stimmen bei 9 Enthaltungen diese Intervention als Aggression.
Das UN-Oberkommando wurde erneut gezwungen, seine Streitkräfte nach Südkorea zurückzuziehen. Aber sie kämpften sich
wieder soweit vor, daß den Aggressoren weniger Land verblieb
als zu dem Zeitpunkt, da sie zu ihrer ursprünglichen Aggression
über den 38. Breitengrad hinaus antraten.
Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstillstand mit dem UNOberkommando abgeschlossen. Dies war kein freiwilliges Friedensgeschenk der Kommunisten. Es wurde lediglich gegeben, nachdem
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28. April 1954

nachdem letzte fanatische Versuche, die Front des UN-Oberkommandos zu durchbrechen, mit ungeheuren Verlusten für den
Angreifer gescheitert waren. Und es wurde auch nur gegeben,
nachdem die Kommunisten erkannt hatten, daß das Kampfgebiet so
weit ausgeweitet werden würde, daß dies zu einer Gefährdung der
Basis der Aggression in der Mandschurei führen könnte, falls es
nicht zu einem schnellen Waffenstillstand kommen würde. Dann und
erst dann waren die kommunistischen Machthaber der Ansicht, daß
es zweckmäßig sei, den Waffenstillstand zu unterzeichnen.
Der Waffenstillstand sah vor, daß eine politische KoreaKonferenz innerhalb von drei Monaten stattfinden sollte. Die
Kommunisten fanden es jedoch unzweckmäßig, jener von allen
Beteiligten angenommenen Empfehlung zu entsprechen. Sie hatten
zuallererst nur den Wunsch, ihre Position in Nordkorea zu
festigen.
Erst jetzt ist die politische Korea-Konferenz nach einem
langen Feilschen über ihre Zusammensetzung und den Konferenzort zusammengetreten.
Die Zusammensetzung und der Konferenzort entsprechen genau
den Vorschlägen, welche die Vereinten Nationen vor sechs Monaten
machten.
Diese Tatsache: ermöglicht es einem, ein Urteil darüber zu
fällen, wer für diese Verzögerung verantwortlich ist.
Die Geschichte der sieben Jahre, die ich eben kurz dargestellt habe, ist die Geschichte eines ständigen Angriffs gegen
die Kräfte des Völkerrechts und der Ordnung, wie sie von den
Vereinten Nationen repräsentiert werden. Ob diese Aggression
die Oberhand behalten soll, kann von dieser Konferenz entschieden werden.
Während dieser siebenjährigen Periode von 1947 bis heute
haben sich die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und
den Vereinigten Staaten bemüht, mit der Sowjetunion zusammen
Deutschland wiederzuvereinigen und Österreich zu befreien. Über
diese Fragen sind hunderte von Konferenzen zwischen den Außenministern oder ihren Beauftragten abgehalten worden. Nichts ist
bisher erreicht worden. Aber etwas hat man dabei gelernt. Es ist
nützlich, wenn die jetzige Konferenz diesen Tatbestand im Auge
behält, wenn die hier vorgebrachten Vorschläge von uns geprüft
werden.
Das Verhalten der sowjetischen Kommunisten scheint hauptsächlich von ihrer Furcht vor der Freiheit beeinflußt zu sein.
Die herrschende Klasse der Kommunisten glaubt, daß eine Gesellschaft am friedfertigsten und produktivsten ist, wenn ihre Mitglieder die Züge tragen, die ihnen von ihren Machthabern vorgeschrieben werden. Einer solchen Auffassung liegt notwendigerweise
die Unterdrückung der Freiheit zugrunde, denn Freiheit impliziert Verschiedenheit und nicht Gleichförmigkeit.
Aber

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Aber es genügt nicht, wenn die Freiheit in dem Gebiet unterdrückt wird, das heute den sowjetischen Einflußbereich darstellt.
Die Freiheit ist ansteckend. Deshalb darf die Freiheit außerhalb dieses Gebietes nicht zur Ruhe kommen. Das Gebiet, in dem
die Unterdrückung herrscht, muß ständig vergrößert werden, damit
das bestehende Gebiet der Unterdrückung erhalten werden kann.
So scheinen die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion durch ihre eigene Doktrin und ihre eigene Furcht dazu angetrieben worden zu sein, ihre Kontrolle auf die eine oder die
andere Weise auszudehnen zu suchen, bis schließlich das von
lenin als die 'Einschmelzung der Massen in einen einzigen
Staatenblock', bezeichnete Ziel erreicht ist.
Es mag vielleicht gesagt werden, daß Lenin und Stalin tot
sind. Wenn das auch zutrifft, so ist ihre Lehre jedoch nicht
tot. Sie wird weiterhin von den Kommunisten in aller Welt gelehrt und die Kommunisten fahren fort, in allen Teilen der Welt
danach zu handeln.
Nachdem, was die Geschichte bisher gezeigt hat, haben die
kommunistischen Machthaber noch zu keiner Zeit und an keiner
Stelle freiwillig ihren Griff um etwas, das sie besitzen, gelockert. Und dies trifft auch im Falle Ostdeutschlands, Österreichs und Nordkoreas zu, wo sie versprochen hatten, daß ihre
Besitznahme nur vorübergehender Natur sei. Darüber hinaus
arbeiten in allen nichtkommunistischen Ländern der Welt Agenten
des internationalen Kommunismus, um die 'Einschmelzung» dieser
Länder und ihrer Einwohner in das System der kommunistischen
Diktatur zu erreichen.
Das Problem, dem wir hier in Genf gegenüberstehen, ist das
gleiche, dem wir auch woanders gegenüberstehen. Es ist das
Problem, 'Frieden' und 'Demokratie' in der geschichtlichen
Bedeutung dieser Worte herzustellen. Dies sind eingängige
Worte, reich in ihrer traditionellen Bedeutung. Die kommunistische Propaganda hat sie als Köder benutzt, um die Unbedachtsamen zu fangen. Man muß sich daran erinnern, daß die Kommunisten, wenn sie von 'Frieden' sprechen, eine gleichgeschaltete
Gesellschaftsform unter einem einzigen Willen meinen. Wenn sie
von 'Demokratie' reden, so meinen sie eine 'Diktatur des
Proletariats'.
Das Fazit hieraus ist:
Wenn wir mit den sowjetischen Kommunisten und ihren Satelliten verhandeln, so stehen wir etwas weit Schlimmerem als
nur der Gier eines einzelnen oder eines ganzen Landes nach
Ruhm gegenüber. Wir stehen einem riesigen monolithischen System
gegenüber, das trotz seiner Stärke glaubt, es könnte nicht fortbestehen, es sei denn,es .gelänge ihm allmählich,die menschlichen
Freiheiten zu zerstören.
Ich gebe diese Analyse nicht aus pessimistischer, sondern
vielmehr aus einer sehr realistischen Stimmung heraus. Die
kommunistische Doktrin fordert Anpassung, wenn die Opposition
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�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Opposition sehr stark ist. Unsere Aufgabe hier besteht darin,
eine solche Stärke für einen ehrenvollen und nicht-aggressiven
Zweck zu zeigen, daß die Kommunisten es zweckmäßig finden,
Korea Einheit und Freiheit zu gewähren.
Gestern wurden für die Lösung des Korea-Problems drei
Vorschläge gemacht. Die Republik Korea und die Republik Kolumbien befürworteten eine Lösung, die den Resolutionen der Vereinten Nationen für die Errichtung eines geeinten und freien
Koreas neues Leben verleihen.
Der Vorschlag des kommunistischen Regimes in Nordkorea
lautete jedoch etwas anders.. Er erwähnte nicht die Vereinten
Nationen oder deren Resolutionen. Diese sollen scheinbar als
nicht vorhanden betrachtet werden.
Der kommunistische Vorschlag ist seinem Wesen nach der
gleiche, der im Juni 1950 als Vorspiel für den bewaffneten Angriff auf die Republik Korea unterbreitet wurde. In gleicher
Weise ähnelt er dem Schema ganz auffällig, das die Sowjetunion
im vergangenen Februar in Berlin für die Wiedervereinigung
Deutschlands vorgeschlagen hat. Sie sehen, Konformität ist bei
den Kommunisten die Regel.
Der gegenwärtige kommunistische Korea-Vorschlag sieht vor,
daß die frei gewählte Regierung der Republik Korea, die wenigstens Dreiviertel des koreanischen Volkes vertritt, zu einer
Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem
kommunistischen Regime gezwungen wird, das nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung im Norden beherrscht.
Von den Kommunisten werden allgemeine Wahlen unter einem
Gesetz vorgeschlagen, gegen dessen Bestimmungen von dem kommunistischen Regime ein Veto eingelegt werden kann. Der Vorschlag .
setzt weiter fest, daß die Wahlordnung jegliche 'ausländische
Einmischung' ausschließen soll; vermutlich soll hierdurch eine
Überwachung durch die Vereinten Nationen ausgeschlossen werden.
Der Plan zielt auf die Zerstörung der bestehenden Regierung
und auf ihre Verdrängung durch eine kommunistische Marionettenregierung ab.
Der Vorschlag der nordkoreanischen Kommunisten verlangt
gleichfalls, daß alle ausländischen Streitkräfte aus dem
koreanischen Staatsgebiet innerhalb von sechs Monaten zurückgezogen werden. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen würden
hierbei einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die Streitkräfte
der chinesischen Kommunisten dagegen würden hierfür nur wenige
Kilometer benötigen. Sie könnten also schnell nach Korea zurückkehren.
Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß ihre Truppen auf
unbestimmte Zeit in Korea verbleiben sollen. Aber wir erinnern
uns, daß wir bereits schon einmal unsere in Korea stationierten
Truppen zurückgezogen haben und daß sich dies als voreilig herausgestellt hatte. I'Wir wollen nicht, daß sich die Geschichte wie-

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28. April 1954

Dies ist also der nordkoreanische Vorschlag. Die USA
müssen ihn zurückweisen, weil er nicht den Erfordernissen eines
freien, vereinigten und unabhängigen Koreas entspricht, für
das so viel Blut geflossen und so viel Leid erduldet worden
ist.
Der Friede ist immer einfach zu erreichen: nämlich durch
Kapitulation. Die Einheit ist gleichfalls leicht zu schaffen:
durch Kapitulation. Die schwere Aufgabe, die Aufgabe, der wir
gegenübergestellt sind, besteht darin, den Frieden und die
Einheit mit der Freiheit zu verbinden.
Die Bevölkerung der Republik Korea kennt die Freiheit und
sie hat für die Bewahrung ihrer Freiheit gekämpft und. gelitten
wie nur wenige andere Völker. Ich habe selbst die Freiheit in
der Republik Korea kennengelernt. Ich habe die Universität
von Seoul besucht und habe gesehen, wie die jungen Männer und
Frauen Koreas an einer freien, liberalen Institution voll Eifer
ihr Wissen zu vertiefen suchten. Ich habe einigen Sitzungen
des koreanischen Parlaments beigewohnt und habe die reibungslose Arbeitsweise dieses Gremiums kennengelernt, eines Gremiums,
dessen Mitglieder in freien, von einer Kommission der UN beaufsichtigten Wahlen gewählt wurden.
Ich bin in einer großen Versammlung mit Tausenden von
Flüchtlingen christlichen Glaubens zusammengekommen, die kürzlich aus Nordkorea geflüchtet waren, um der religiösen Verfolgung in dem kommunistisch beherrschten Norden zu entgehen und
der Freiheit der Religionsausübung teilhaftig zu werden, die
in der Republik Korea herrscht.
Die Republik Korea, welche so tapfer für die Freiheit gekämpft hat, wird niemals einer Einheit zustimmen, die mit einer
schlecht verhüllten Annexion durch den sowjetisch-kommunistischen
Block erkauft werden soll. Die Vereinigten Staaten haben über
eine Million ihrer jungen Männer nach Korea geschickt, um dort
zu kämpfen und das Land vor der gewaltsamen Annexion durch die
Aggressoren zu retten. Unsere Verluste betrugen hierbei über
140 000 Mann. Zweifellos sind wir nicht geneigt, hier am Konferenztisch irgendetwas wegzugeben, wofür unsere Söhne so tapfer
gekämpft haben.
Es ist eine Grundwahrheit,wenn man sagt, daß jedes Programm,
das hier für die Einigung Koreas angenommen wird,auch die Freiheit in Korea garantiert.
Ein durchführbares Programm für die Vereinigung Koreas
braucht .nicht erst von uns ausgearbeitet zu werden. Es ist
bereits vorhanden. Es wurde in der Resolution der UN-Vollversammlung vom 7. Oktober 1950 unterbreitet. Es ist diejenige Resolution, auf welche ich mich bereits bezogen habe. Hierbei wurde eine Kommission zur Herbeiführung der Vereinigung Koreas gebildet. Diese Kommission sollte die Wahlen in jenem Teil Koreas
überwachen, wo eine solche Wahlüberwachung bisher noch nicht
stattgefunden hat.
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28. April 1954

Die Kommission der Vereinten Nationen (UNGURK) befindet sich
gegenwärtig in Korea und ist jederzeit bereit, ihren von deP UN
erteilten klaren und genauen Auftrag auszuführen.
Die Erledigung dieses Auftrags würde die Einigung und die
Freiheit Koreas zustandebringen. Zwei Dinge, die zuerst durch
die sowjetische Obstruktionspolitik 1948, durch die kommunistische
Aggression Nordkoreas im Juni 1950 und dann durch die Aggression
der Rotchinesen im November gleichen Jahres verhindert worden sind.
Da nun die Aggression zum Scheitern gebracht worden ist, sollte
die unterbrochene Arbeit der Kommission weitergeführt werden. Das
ist unser Vorschlag.
Hierfür wäre die Zurückziehung der chinesischen AggressionsStreitkräfte durch die rotchinesische Regierung und die Beendigung ihrer Besetzung Nordkoreas erforderlich, so daß die Vereinten
Nationen ihre Aufgabe in einer von aller Bedrohung freien Atmosphäre
erfüllen können.
Es ist wichtig, die Freiheit nicht nur als die Freiheit des
einzelnen, sondern auch als die Freiheit der Völker zu sehen.
Korea ist eine Halbinsel von so großem strategischem Wert, daß
es seit Jahren im Blickfeld der großen Politik stand. Rußland,
Japan und China haben erfolgreich versucht, Korea in den Dienst
ihrer eigenen Expansionspolitik zu stellen. lange Zeit konnten
die Koreaner nicht über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Dies
sollte nunmehr aufhören.
Die Vereinigten Staaten suchen keine Vorteile in Korea. Wir
stehen im Begriff,ein gemeinsames Sicherheitsabkommen mit der
Republik Korea abzuschließen. Diesem Abkommen liegen jedoch keine
Aggressiven Absichten zugrunde und die Vereinigten Staaten versuchen auch nicht»sich hierdurch eine vorgeschobene Position zu sichern, die irgend jemanden bedrohen könnte.
Japan ist nicht mehr länger eine aggressive Macht und hat in
loyaler Form zugesagt, daß es von jeglicher Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit irgendeines anderen Landes Abstand nehmen wird.
Die Republik Korea selbst hat keine Ambitionen, die über
ihre natürlichen Grenzen hinausgehen.
Sind die Sowjetunion und Rotchina bereit, den Ambitionen zu
entsagen, denen die Kontrolle Koreas dient? Wenn ja, so wäre es
möglich, Korea die nationale Unabhängigkeit zu geben, die die
Vereinten Nationen für dieses Land erstreben und die die Koreaner
für sich selbst wünschen.
Ein derartiges Korea sollte natürlich Mitglied der Vereinten
Nationen werden und sich der zusätzlichen Würde und des erhöhten
Schutzes erfreuen, den diese Mitgliedschaft mit sich bringt. Man
sollte sich daran erinnern, daß die Republik Korea im Jahre 1949
um Aufnahme in die Vereinten Nationen nachsuchte. Ihre Aufnahme
wurde lediglich durch das Veto der Sowjetunion im Weltsicherheitsrat verhindert. Dies war ein weiteres Unrecht, das gutzumachen wir

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

wir uns hier einigen sollten.
Da ist die Gruppe derjenigen, die der Ansicht sind, daß
sowohl die Erfahrungen der Vergangenheit, als auch die kühle
Überlegung der Vernunft die Fruchtlosigkeit und Vergeblichkeit
der von uns unternommenen Aufgabe erweisen. Ich unterschätze
die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht. Aber ich bin immer
noch der Ansicht, daß wir den Mut nicht verlieren dürfen, und daß
es keine bloße Zeitvergeudung ist, wenn wir mit allen uns zur
Verfügung stehenden Mitteln unser uns angemessenes Ziel zu erreichen suchen.
Wir rufen uns die in der Vergangenheit begangenen Fehler
und Versager mit aller Genauigkeit ins Gedächtnis, damit wir
aus den Erfahrungen lernen können. Aber wir dürfen uns auch
dessen erinnern, daß die Zukunft niemals eine bloße Wiederholung
der Vergangenheit ist.
Wir brauchen unsere Hoffnungen nicht im eisigen Hauch
kalter logik dahinschwinden lassen. Wir wissen, daß diejenigen,
die im Glauben leben, am Ende doch über diejenigen triumphieren
werden, die nur auf das nackte Kalkül vertrauen.
Es ist richtig, daß Korea vereinigt und eine freie und unabhängige Nation werden sollte, eine Nation, die imstande ist,
ihr Geschick in die Hand zu nehmen, das den friedlichen Aspirationen ihrer Bevölkerung entspricht.
Es ist richtig, daß die Vereinten Nationen als eine Autorität gestärkt werden, an die sich alle Völker für alle Zeiten
wenden können, um sich vor der Geißel des Krieges zu bewahren
und die Würde, Werte und gleichen Rechte der großen und kleinen
Nationen sicherzustellen.
Es ist unsere Pflicht, diese Ziele mit Hingabe und einer
Reinheit des Herzens zu verfolgen, die kein Machtstreben und
keine Selbstherrlichkeit zuläßt. Dann haben wir unseren Teil getan, um den Grundsätzen der moralischen Ordnung zu dienen, die
den Menschen und Nationen gesetzt sind.

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�A M E R I K A

E N S T

ARBEITER IN KETTEN IM ARBEITERPARADIES
Trotz kommunistischer Auskunftsverweigerung wird die Arbeit
ctes UN-Untersuchungsausschusses für Zwangsarbeit fortgesetzt

UN, NEW YORK — (Amerika Dienst) — Sechs Nationen - die
Vereinigten Staaten, Großbritann ien, Frankreich, Norwegen,
die Türkei und Ekuador - beantra gten bei der UN, daß die
Internationale Arbeitsorganisati on (ILO) in ihren Bemühungen um die Abschaffung aller Sys teme der Zwangsarbeit in
der gesamten Welt nicht nachlass en solle.
In einer gemeinsamen Resoluti on, die dem Wirtschaftsund Sozialrat vorgelegt wurde, v erurteilten sie die Systeme der Zwangsarbeit als Mitte 1 zur Ausübung eines politischen Drucks und wirtschaftl icher Ausbeutung.
Die Resolution selbst basierte auf dem Bericht des im
Juni 1951 vom Generalsekretariat der UN und der Internationalen Arbeitsorganisation ins leben gerufenen Sonder(ad hoc)-Ausschusses zur Untersuchung der Zwangsarbeit.
Nach einer erschöpfenden und unparteiischen Untersuchung
der Beschwerden, die gegen insgesamt 24 Regierungen vorgebracht worden waren, gab der Ausschuß im vergangenen Juni
einen langen Bericht heraus. Dieser Bericht kam zu dem
Ergebnis, daß das System der Zwangsarbeit hinter dem
Eisernen Vorhang sowohl für politische als auch für wirtschaftliche Zwecke weitgehende Verwendung findet. Der
Ausschuß stellte fest, daß in der Sowjetunion das System
der Zwangsarbeit sowohl als Mittel zur zwangsweisen Herstellung einer politischen Einheitlichkeit wie auch zur
wirtschaftlichen Ausbeutung existiere. Aus den vor dem
Ausschuß abgegebenen Erklärungen ging hervor, daß das sowjetische System der Zwangsarbeit von größter Bedeutung
für die nationale Wirtschaft sei, da es billige Arbeitskräfte für die Arbeit in unterentwickelten und ungesunden
Gebieten zur Verfügung stelle. Es wurde festgestellt, daß
die Zahl derjenigen, die zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion verurteilt sind, in die Millionen gehe.
Die drei Mitglieder des Sonderausschusses stellten weiter fest, daß von den anderen Gebieten hinter dem Eisernen
Vorhang auch das tschechoslowakische Regime ein System der
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�5. Mai

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der Zwangsarbeit besitze, das sie für politische und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen verwende. In Bulgarien, so erklärte der Ausschuß weiter, biete die bestehende Gesetzgebung die geeignete Grundlage für die Anwendung der Zwangsarbeit als Mittel zur politischen "Korrektion" und Erfüllung der wirtschaftlichen Pläne des Landes. Darüber hinaus
besitzen nach Peststellung des Ausschusses Rumänien, Polen
und Ungarn Gesetze und Bestimmungen, die die Grundlage zur
Anwendung des Zwangsarbeits-Systems sowohl auf politischem
als auch auf wirtschaftlichem Gebiet bilden.
In seinem Bericht erklärte der Ausschuß, daß er nicht
imstande sei, Größe, Lage und Zahl der Lager anzugeben,
in denen hinter dem Eisernen Vorhang Zwangsarbeit ausgeführt werde.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Berichtes
im vergangenen Jahr hatte der amerikanische Chefdelegierte
bei den UN, Henry Cabot Lodge erklärt: Er "legt die Ketten
des Kommunismus selbst bloss, so daß alle sie sehen können".
Lodge verurteilte "diejenigen, die vorgeben, die Rechte
der Arbeiter zu verteidigen", in Wirklichkeit jedoch gerade diese Rechte verletzen "durch Methoden, die zu Verfolgung und Terror führen."
Der Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) beschäftigt sich
nunmehr als erste Körperschaft der UN mit einer eingehenden
Diskussion aller Einzelheiten des Berichtes. Die letzte
Generalversammlung verlangte, daß der Bericht in der laufenden Sitzungsperiode der ECOSOC bevorzugt behandelt werde. Sie wies auf die Wichtigkeit der Abschaffung aller
Arten von Zwangs- und "Korrektur"-Arbeit hin und bat abermals alle Regierungen, die es bis dahin noch nicht getan
hatten, die notwendigen Informationen dem ad hoc-Ausschuß
zuzuleiten. Die einzigen Antworten, die von den Regierungen
des Sowjetblocks kamen, waren Ablehnungen, die damit begründet wurden, daß der Ausschuß ungesetzlich sei.
# * *

Anschließend geben wir die wesentlichsten Teile der
Ansprache wieder, die der amerikanische Vertreter Preston
Hotchkiss vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der UN am
23. April 1954 hielt»
"Herr Präsident,
... Zwangsarbeit ist ein Anachronismus, aber sie existiert
trotzdem immer noch im 20. Jahrhundert. In ihrer ausgeprägtesten
Form bedeutet sie ein Leben, das schlimmer ist als der Tod und
zu dem diejenigen verurteilt sind, die es wagen, an einer totalitaristischen Regierung zu zweifeln; sie ist ein Rückfall in
die Sklaverei der dunklen Vorzeit, die von der kommunistischen
Diktatur zur Massenliquidation der Opposition angewandt wird.-

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Im Dezember 1953 verurteilte die Generalversammlung, empört
über das in dem Bericht des ad hoc-Ausschusses zur Untersuchung
der Zwangsarbeit zusammengefaßte Tatsachenmaterial, in strenger
Form die Zwangsarbeit als eine direkte Verletzung der feierlichen Verpflichtungen der Charta der Vereinten Nationen. Dieses Vorgehen der Generalversammlung geschah nahezu einstimmig,
denn nur fünf Stimmen wurden dagegen abgegeben - von denen, die
das von Lenin verheißene sogenannte "Arbeiterparadies" repräsentierten.
Dieser Bericht wird fast ausnahmslos als ein Markstein in
der Geschichte des Kampfes der Menschheit gegen Freiheit von
Unterdrückung angesehen.
Außerhalb der sowjetischen Welt wurden die erhobenen'Anklagen sorgfältig überprüft. Die Regierungen haben bei der Zusammenstellung aller Daten und Fakten tatkräftig mitgewirkt. Es
gab gewisse Anzeichen, daß die Regierungen im Verlaufe der Untersuchungen des Ausschusses ihre eigenen Praktiken einer Revision unterzogen haben. Das Tatsachenmaterial, das dem Ausschuß
bei seinen Untersuchungen als Unterlage diente, war für die
involvierten Regierungen von größter Bedeutung. Es appellierte
an ihr Gewissen und an ihre moralischen Verpflichtungen gegenüber
ihrem eigenen Volk und den Völkern der Welt.
Es ist von größter Bedeutung - dabei allerdings leicht verständlich - daß die schwärzesten Feststellungen des Ausschusses
gerade diejenigen Länder betrafen, die sich weigerten, mit dem
Aussdnß in irgendeiner Weise zusammenzuarbeiten.
Die höchste Mißachtung und Schmähung der Wertmaßstäbe der
menschlichen Ehre und Freiheit, die die Vereinten Nationen repräsentieren, drückt sich klar in den Antworten der Tschechoslowakei und der Sowjetunion auf die Anfragen des Ausschusses aus.
Darüber hinaus wird diese Mißachtung auch durch deren dauernde
Weigerung offenbar, an den Untersuchungen mitzuarbeiten, selbst
nachdem die Generalversammlung eine solche Mitarbeit in ihrer
Resolution vom 7. Dezember 1953 gefordert hatte. Etwa sechs
Wochen später, am 22. Januar 1954, setzte die Delegation der
UdSSR das Generalsekretariat davon in Kenntnis, daß sie sich
auch weiterhin weigerten, mitzuarbeiten, und charakterisierte
den Bericht wiederum als "verleumderisch" und "provokativ".
Die Delegationen der Polnischen Volksrepublik und der Tschechoslowakei folgten diesem Beispiel am 1. bzw. 10. März.
Diese letzten Antworten müssen als das ausgelegt werden,
was sie wirklich sind - ein unverfrorener Versuch, die Technik
der "großen Lüge" dafür zu verwenden, eine Reihe von nachgewiesenen Tatsachen zu bestreiten, die bereits in der ganzen zivilisierten Welt Anstoß erregt haben.
Die Mitglieder dieses Rates sind vertraut mit den Feststellungen des ad hoc-Ausschusses und dem unparteiischen Ton,
in dem sie gehalten sind. Die Zurückhaltung, die Untertreibungen
und die vorsichtige Art, mit der die drei bedeutendsten Mitglieder
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Mitglieder sich allmählich ihre Schlüsse bildeten, bezeugt sowohl
ihre eigene Kompetenz als auch die Solidität ihrer Feststellungen.
Diese drei Mitglieder hielten sich an den Grundsatz der
Rechtsprechung^, daß ein Angeklagter als unschuldig gilt, bis
seine Schuld erwiesen ist, selbst im Falle von Aussagen gegen
Länder, die ihren eigenen Bürgern dieses Recht nicht gewähren.
Sie waren dabei häufig behindert durch die Weigerung der länder
jenseits de*s Eisernen Vorhangs, (an der Klärung der Dinge) mitzuarbeiten. Die einzigen Kommentare dazu aus der Sowjet-Welt
erhielt das Komitee durch die Debatten während der Ratsversammlung.
Jedoch, obwohl es diese mit in Rechnung zog, sah sich das Komitee
zu dem Schluß gezwungen, daß der Zwangsarbeit in ihrer verwerflichsten Form in der Struktur der Sowjet-Union eine bedeutende
Rolle zukommt, und daß ihr die Satellitenstaaten in papageienhafter Nachahmung einen gleichwertigen Platz zugewiesen haben.
Das Komitee stellte fest, daß die Zwangsarbeit als politische
Waffe dazu gebraucht wird, alle Freiheit zu unterdrücken. Das
bedeutet, daß die Mehrzahl der Zwangsarbeiter nach den Rechtsnormen der freien Welt nicht als kriminelle, sondern als politische Gefangene zu gelten hätten. Dazu wurde eine weitere Form
der Zwangsarbeit festgestellt. Diese besteht in dem Zwang, für
den Staat zu arbeiten wie der Staat es befiehlt, wobei es keine
Freiheit der Berufswahl oder Wahl des Arbeitsplatzes gibt.
Die Zeugenaussagen der Opfer dieser Sklaverei, die von dem
Komitee als solche ermittelt wurden, sind nur im Anhang zu dem
Bericht zusammengefaßt. Man möchte fast wünschen, daß die vollen
Akten veröffentlicht und ihr Inhalt der Welt vor Augen geführt
werden könnte; dennoch kann man die Entscheidung des Komitees,
von einem solchen Schritt Abstand zu nehmen, verstehen. Die Verfahrensweise des Komitees wurde von dem Vertreter der Sowjetunion
im Dritten Komitee der Achten Generalversammlung als im Zeichen
des geheimen Charakters der "verleumderischen" und "provokatorischen" Angriffe auf die UdSSR stehend, kritisiert. Ich frage
mich, ob die UdSSR wirklich wünscht, daß die Protokolle von den
Zeugenaussagen, die vor dem Komitee gemacht wurden, in ihren erschreckenden Einzelheiten veröffentlicht werden. Aus diesen Akten werden nicht nur die Tatsachen der Zwangsarbeit ersichtlich,
sondern auch andere Verletzungen der Menschenrechte und der einfachsten Anstandsregeln wie die tragische Zerreißung von Familien, die Trennung von Eheleuten, von Müttern und Kindern, die
Brutalität des Vorgehens, die unvernünftigen und schweren Arbeiten, die Frauen und Kinder verrichten mußten, der grausame Übergang aus Träumen und Hoffnungen auf eine Zukunft zum Alpdruck
eines Lebens im Gefangenenlager - summa summarum, die Zertrümmerung
unzähliger Menschenleben. Ich möchte Ihnen hier nur einen Teil
jener Dinge aufzählen, die 118 ehemalige Insassen eines Zwangsarbeitslagers in der Sowjetunion, Landarbeiter, Hilfsarbeiter,
Buchhalter, Betriebsleiter, Ingenieure, Journalisten erlebten.

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In den meisten Fällen wurde das Opfer in tiefster Nacht aus
seinem Hause geholt, wobei der Betroffene nichts mitnehmen dürfte,
als die Kleider, die er anhatte. Er mußte sich langen und wiederholten Verhören unterziehen, die oft von seelischem Zwang und
körperlichen Mißhandlungen begleitet waren.
Nach dieser Inquisition wurden die Opfer gewöhnlich noch zu
einem Scheinverhör geholt, obwohl manche auch ohne Verhör in die
Arbeitslager geschickt wurden. Manchen wurde der Prozeß in
absentia gemacht. Es scheint überhaupt keine Regelung darüber zu
geben, ob ein Verfolgter ein Recht darauf hat, sich zu verteidigen oder einen Rechtsbeistand zu erhalten; manchmal wurde ein
Rechtsbeistand gewährt, manchmal nicht. Die Urteile wurden manöhmal nach nur viertelstündigen Verhören ausgesprochen. Nach der
Verhandlung wurden die Opfer in bewachten Güter- oder Viehwagen
in die Arbeitslager gebracht.
'Alle zwei Tage bekamen wir 400 g gesalzenen Fisch und täglich 300 g Brot,'sagte ein ehemaliger Lagerinsasse.'Manchmal
hatten wir zwei oder drei Tage kein Wasser. Gewöhnlich wurde
ein Eimer hingestellt, auf den sich 70 Menschen stürzten. Wer
schnell war, bekam was, viele gingen leer aus.'
Die Lager und Zellen bestanden gewöhnlich aus Baracken,
einer Krankenstube, Küche und Verwaltungsgebäuden, umschlossen
von Stacheldraht oder elektrisch geladenem Draht und Wachttürmen,
bewacht von patrouillierenden Hunden und bewaffneten Wächtern.
In vielen dieser Lager waren auch weibliche Gefangene, die im
wesentlichen auf die gleiche Weise behandelt wurden wie die Männer.
Die Quartiere der Frauen waren von denen der Männer gewöhnlich
getrennt, und für jeden Kontakt zwischen männlichen und weiblichen
Gefangenen gab es Strafen. Die Berichte der ehemaligen Lagerinsassen enthalten Beispiele von einem Sadismus und einer Verworfenheit, die an die Grenze des Fassbaren reichen.
In der Mehrzahl der Fälle wurde die Essensration im Lager
danach bemessen, ob der Gefangene seine Arbeitsnorm erfüllt hatte.
'Wer die Norm nicht erreichen konnte, erhielt 400 g Brot, wer.
mehr als das Soll leistete, bekam 800 g.'
Der Großteil der Personen, die über die Zustände in den
Zwangsarbeitslagern aussagten, berichteten, daß die ausgegebene
Kleidung sehr unzureichend war.
Einer hatte folgendes zu berichten:
'Theoretisch hätten wir volle Bekleidung erhalten sollen, aber
was wir bekamen war in einem ganz schlechten Zustand. Zerrissen
und schmutzig. Die Schuhe waren sehr schlecht.Eigentlich sollten
wir zwar nicht barfuß zur Arbeit gehen. Manchmal zerrissen die
Hunde die Kleider, aber in der Hauptsache gingen sie durch die
schwere Arbeit kaputt.'
Gewöhnlich

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Gewöhnlich gab es einen Lagerarzt, aber der war häufig selbst
ein Gefangener, und oft lag die ärztliche Betreuung nur in den
Händen von Krankenschwestern. Meistens gab es eine Krankenstube,
aber nicht immer, und wo es eine gab, waren Medikamente, Bandagen usw. nur sehr unzureichend vorhanden.
Die Zahl der Todesfälle pflegte unter diesen Umständen
recht hoch zu sein. Die Ursache war meistens Erschöpfung und
Unterernährung, Schutzlosigkeit gegenüber extremen Klimaverhältnissen sowie Arbeitsunfälle und gelegentliche Epidemien.
'Die meisten Gefangenen starben an der Ruhr, an völliger
Erschöpfung, an Erkältungskrankheiten und ihren Polgen,1 enthüllte einer der ehemaligen Gefangenen.
Manche Lagerinsassen durften Post verschicken und empfangen,
manche nicht. Wo Postverkehr erlaubt war, war dieser gewöhnlich
auf einen Brief im Monat beschränkt und alle ein- und ausgehende
Post ging durch die Zensur.
Die Verweigerung der Arbeit war mit schweren Strafen belegt.
Eines der Opfer berichtet:
'So zum Beispiel streikten 350 Gefangene mit dem Ziel, eine
ihrer Qualifikation angemessene Arbeit, einen achtstündigen Arbeitstag und Trennung von den Kriminellen durchzusetzen.- Sie
hungerten 15 bis 40 Tage lang. Alle wurden erschossen. In anderen Fällen wurden den Protestierenden Aufbesserungen versprochen, aber die Versprechungen wurden niemals eingehalten. Sie
wurden auf die Schreibstube geschickt und dann in andere Lager
gebracht. Oder sie kamen in Einzelhaft. Jeden Tag verweigerten
einige die Arbeit und wanderten in Einzelhaft. Wenn ein Einzelner sich auflehnte, wurde es als Verbrechen betrachtet,
schlimmer jedoch war es, wenn die Weigerung gruppenweise erfolgte. Dann bekam der Einzelne ein, zwei oder drei weitere
Jahre zu seiner Haftstrafe hinzu, ging für Monate in Einzelhaft
und erhielt Strafverpflegungssätze. Außerdem darf man sagen,
daß kaum irgend eine Beziehung zwischen den einzelnen 'Verbrechen' und den jeweiligen Strafen bestand* Fast jede Strafe kann
für jedes 'Verbrechen' verhängt werden.'
Die Strafverließe waren furchtbar. Es waren dunkle unterirdische Gewölbe ohne Heizung, Licht oder Decken. Als Betten
dienten bloße Pritschen. 'Zuweilen bekamen die Gefangenen
300 g Schwarzbrot am Tag, manchmal auch gar-nichts* berichtet
einer der Männer.
Eine der furchtbarsten Einrichtungen des Lagers waren die
•Blatnois', eine organisierte Gruppe von Gewohnheitsverbrechern.
Aus Berichten über ihre Tätigkeit geht hervor, daß sie die anderen Gefangenen quälen, bestehlen und sie durch Gewalt zwingen,
ihnen ihre Rationen zu überlassen. Sie schlagen sich auch unter
sich und manchmal kommt es vor, daß sie einen der ihren oder
einen nicht-kriminellen Gefangenen töten. Diese Tätigkeit der
Blatnois wird gar nicht oder selten bestraft.
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Es gab Gerüchte über einige durch die Tätigkeit des ad hocKomitees bedingte Verbesserungen in den Lagern. Und natürlich
gab es sogenannte Amnestien. Die UdSSR stellte vor einem Jahr
eine solche in Aussicht, und die 'souveränen' Staaten, die den
Ostblock ausmachen, ahmten den Sowjeterlaß nach und brachten
ihn mit kleinen Abänderungen heraus. Doch von diesen Amnestien
wurden politische Gefangene sorgfältig ausgenommen. Wenn wirklich Verbesserungen irgendwelcher Art im Vollzug der Zwangsarbeit durchgeführt wurden, dann hat die Welt ein Anrecht darauf,
von den angeklagten Ländern über die Situation unterrichtet zu
werden. Wenn die UdSSR und ihre Satelliten auch nur die geringste
Achtung vor den Grundsätzen haben, auf denen die Vereinten Nationen sich aufbauen, muß der Eiserne Vorhang fallen und eine
volle und vorbehaltlose Öffnung stattfinden.
Trotz intensiver Arbeit war das Komitee nicht in der Lage,
seine Aufgabe in vollem Umfange zu bewältigen. Insbesondere im
Falle Albaniens und Chinas war das Komitee außerstande, zu endgültigen Ergebnissen zu gelangen. Aber es muß vermerkt werden,
daß das Komitee die Beschuldigungen gegen Albanien und China
keineswegs entkräftete, wie es in einigen Fällen geschah, wo
es keine Bestätigungen vorfand.
Von der Regierung Enver Hodscha wurde strengste Zensur
verhängt, um die Außenwelt daran zu hindern, über Albaniens
innere Angelegenheiten einschließlich der Sklavenarbeit irgend
etwas zu erfahren. Reisenden, Korrespondenten und anderenPublizisten aus demokratischen Ländern ist die Einreise gesperrt.
Und die Albanier selbst sind in ihrer Bewegungsfreiheit behindert durch Gesetze und bewaffnete Grenzwachen. Gesetze, Erlasse
oder administrative Anordnungen, gerichtliche Verfahren, interne
politische Ereignisse, alle staatlichen Angelegenheiten werden
von den albanischen Zeitungen nur soweit veröffentlicht, wie
es der Regierung paßt. Ist es daher noch länger verwunderlich,
daß das ad hoc-Komitee nach seinen eigenen Worten über ''keine
Dokumentationen im Hinblick auf Albanien'' verfügt? Und doch
gibt es Mittel und Wege, fragmentarische Kenntnisse über das
zu erlangen, was in diesem abgeschirmten Staate vor sich geht.
Ich zitiere eine albanische Zeitung, um zu zeigen, daß das
Hodscha-Regime eine Politik der Sklavenarbeit verfolgt. Es handelt sich um einen Bericht, der in der albanischen Zeitung
'Bashkimi' am 23. Mai 1952 veröffentlicht wurde, und zwar die
Wiedergabe einer Rede, in der der Justizminister Billil Klosi
dem Parlament einen neuen Strafgesetzentwurf vorlegte. Hier
seine Worte; 'Was sind die Grundlinien dieses Gesetzentwurfes?
Die des sowjetischen Strafrechts. Bei Verbrechen gegen den Staat
hat Komplizentum eine weitreichendere Bedeutung. Hier ist die
bloße Teilnahme an einer gegen die Regierung gerichteten Gruppe
bereits als ausgeführtes Verbrechen zu betrachten.' Über den
Strafvollzug führte der Justizminister aus: 'Der Strafvollzug
hat nicht nur die Aufgabe, Delinquenten zu bestrafen, sondern
sie zu erziehen und unsichere Elemente niederzuhalten... Die
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Die Hauptarten des Strafvollzugs sind die Todesstrafe, Gefängnis,
Deportation in 'Korrekturlager, Zwangsarbeit und öffentliche Zensur.'
Das Zeugnis von 300 Albaniern, die der dunklen Tyrannei ihres Landes entkamen, berichtet von dem Schicksal der Menschen,
die unter diesem Regime gelitten haben. Der Bericht dieses
Schicksals steht für die unhörbare schmerzliche Klage all der
ungezählten Männer, Frauen und Kinder, die in die dem Tode geweihte Bruderschaft der kommunistischen 'Umerziehung' aufgenommen wurden. Es ist die Furcht einflößende Geschichte von dem
mitternächtlichen Schlag an das Hoftor, der Anklage, der unabwendbaren Verurteilung.
Unter diesen Berichten ist auch der des Reshad Age-i.j, eines
Stenographen derselben Zeitung (Bashkimi) während der ersten
Tage der Herrschaft des kommunistischen Regimes. Zwei lochen
vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1946 - fast vier Jahre ehe
der neue Strafkodex eingeführt wurde - wurde Agaig von der
albanischen politischen Polizei festgenommen. Man beschuldigte
ihn, Nachrichten der britischen Rundfunkgesellschaft weitergegeben zu haben, der Verbreitung regierungsschädlicher Propaganda und des Kontakts mit den Reaktionären. 'Dann kam der
mutwillig vom Zaun gebrochene Prozeß, die wirkungslosen Beteuerungen der Unschuld, die Gefangenschaft, die Überführung
in ein Arbeitslager im Bezirk Tirana, die weitere Verlegung
nach dem Lager Woldischti im Distrikt Korea, wo das Dasein nur
noch ein Alptraum war. In fensterlosen Baracken, in denen die
Türen im Sommer offen standen und die im Winter nicht geheizt
wurden, schliefen die Männer dicht aneinandergedrängt Schulter
an Schulter auf dem blanken Fußboden. Sanitäre Einrichtungen?
Für die 1400 Zwangsarbeiter im Lager gab es drei Latrinen - und
einen einzigen Ziehbrunnen für Trink- und Waschwasser. Nicht
einmal in 12 Monaten war das Lager desinfiziert worden. Für die
1400 Insassen des Lagers waren bei einer Massenansteckung drei
Ärzte verfügbar - ebenfalls Verurteilte. Ihr Arzneischränkchen
enthielt nichts außer Atebrin, das sie ohne Zustimmung der Lagerleitung nicht verabreichen durften. Der Arbeitstag begann
um 5 Uhr morgens, nach einem mageren Frühstück, das aus Brot
und 'synthetischem' Tee bestand, und endete um 6 Uhr abends. Jeder Zwangsarbeiter wurde dazu angetrieben, seine Norm im Grabenziehen zu erfüllen. Nichterfüllung bedeutete Kürzung der bereits
mageren Rationen und körperliche Züchtigung. 140 von uns vollendeten in weniger als einem Jahr ihre 'Erziehung' und wurden von
ihrem Schicksal befreit - durch den Tod'.-Wenden wir uns nun
China zu. Das Mutterland ist von den Kommunisten beherrscht. Die
vielleicht offenste Bestätigung der Existenz von Zwangsarbeit in
China kam von Lo Jui-Ch'ing, dem Minister für Öffentliche Sicherheit, im Rahmen eines Artikels, der unter der Überschrift 'Die
machtvolle Organisation zur Bekämpfung der Gegenrevolutionäre *
in der 'Peiping Jen Min Jih Pao' veröffentlicht wurde. Er
eröffnet in einem einzigen Absatz, daß Zwangsarbeit dazu benutzt wird, die Feinde des
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des Peking-Regimes zu 'reformieren' und zu 'liquidieren'} und daß
sie - nämlich die Zwangsarbeit - jp.aowohl von wirtschaftlicher
als auch von politischer Bedeutung sei.
Ich zitiere diesen Absatz wörtlich;
'Die Verurteilung von Gegenrevolutionären zu Zwangsarbeit
ist sattcüein unentbehrliches Mittel bei der Liquidation der
aufständischen Klasse, als auch ein elementares Verfahren für
eine gründliche Umwandlung der Verbrecher in neue menschliche
Wesen. Diese Art der Reform ist eine Kombination der Reform
auf dem Gebiet der Politik und des Arbeitsmarktes einserseits
und ferner eine Kombination von Strafe und Erziehung ... Es ist
Sache aller Abteilungen oder Volksregierung und der Organe der
öffentlichen Sicherheit ihr besonderes Augenmerk darauf zu richten, um diesen Arbeitsprozeß, dem größte wirtschaftliche und
politische Bedeutung zukommt, zu einem vollen Erfolg zu machen.1
Im gleichen Artikel sagte Lo weiter, daß - ich zitiere 'eine große Zahl zu Gefängnis verurteilt worden war und sich
einer zwangsweisen Reform durch Arbeit zu unterwerfen hat.'
Die Kommunisten in China traten seit den ersten Tagen ihres Regimes für Zwangsarbeit ein. Der Kommunist C. Aichan Tao Tse-Tung
hielt damals eine Rede in welcher er ausdrücklich betonte, daß
er beabsichtige - wie er sich ausdrückte - 'die reaktionären
Klassen durch Arbeit umzuerziehen.' Und er fügte hinzu:'Wenn sie
nicht arbeiten wollen, der Volksstaat wird sie dazu zwingen.'
Ich zitiere einen anderen chinesischen Kommunistenführer
Tschu En-Lai.Auf der dritten Sitzung der Nationalen Politischen
Beratenden Konferenz berichtete er:
'In Übereinstimmung mit den Direktiven des Vorsitzenden Mao
(Tse-tung)... haben wir beschlossen, daß jene konterrevolutionären
Elemente die "Blutschulden" haben Unct nationale] Interessen ernstlaft geschädigt haben', zum Tode zu verurteilen sind und hingerichtet werden. Jene, die die Todesstrafe verdienen, aber keine
'Blutschuld1 auf sich geladen haben und die nationalen Interessen
weniger ernsthaft geschädigt haben, werden zwar auch zum Tode
verurteilt werden, aber ihre Hinrichtung wird auf zwei Jahre
hinausgeschoben, in denen sie auf Bewährungsfrist Zwangsarbeit
zu leisten haben.*
Die Bedeutung dieser Erklärung ist klar. Es ist eine Ausnutzung der nackten Drohung mit dem Tode und bedeutet Zwangsarbeit bis zum Äußersten. Diese Zitate werden jeden Menschen mit
aufgeschlossenem Verstand davon überzeugen, daß das kommunistische
Regime in China unumwunden seine Absicht der Anwendung der Zwangsarbeit zugegeben hat - es hat darüber hinaus der Welt mitgeteilt,
warum und für wen sie in Präge kommt.
Durch den Zehn-Monatsbericht der Provinzialregierung von
Kwangtung wurde ebenfalls die Existenz von Zwangsarbeit bewiesen.
Ku Ta-Chuan, Vizepräsident der Kwaigtung-Provinz, erklärte» daß

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daß 1571 Fälle von nach seiner Meinung •gegenrevolutionären Versuchen1 aufgedeckt wurden, wobei nahezu 90 000 Personen verhaftet worden seien. Von diesen wurden 28 000 erschossen, der Rest
zur "Reform durch Zwangsarbeit'' verurteilt.
Es war in einem solchen Lager,in dem Li Po-Schen, der frühere
Sekretär von Dr. Sun Yat-Sen»verschwand. Zu krank um gekochten
Reis zu sich zu nehmen, in einem Lager,in dem es keinerlei ärztliche Hilfe gab, versuchte er wenigstens Reiswasser zu erhalten.
Dafür wurde er geschlagen bis er zusammenbrach und am gleichen
Abend starb, 'nicht mehr zu erziehen' mit seinen mehr als sechzig Jahren.
Ich möchte nun noch kurz auf einen anderen Arbeitsbericht
aus dem chinesischen Mutterlande eingehen, der von Brajkishore
Shastri, einem prominenten Mitglied der Praja-Sozialistischen
Partei Indiens, der das kommunistische China im April und Mai
vergangenen Jahres besucht hat, zusammengestellt worden ist.
Seine Eindrücke von diesem sechswöchigen Aufenthalts in China
•wurden, in Bombay, in der Praja-Sozialistischen Wochenzeitung
'Janata' veröffentlicht. Von seinem Besuch des Yangtse-Tal-Projekts erzählte er: 'An die 5 000 Arbeiter waren hier beschäftigt. Jede Arbeit, ob es sich um Steine brechen, Tunnel schlagen
oder Steine räumen handelt, wurde von den Männern mit der bloßen Hand ausgeführt. Die dürftigen Werkzeuge wurden von den Arbeitern wie Museumsstücke behandelt. Sobald wir aus dem Bus stiegen, gab man uns dunkle Brillen und dünne Schleier zum Schutze
gegen die Staubstürme. Die Arbeiter hatten nichts dergleichen.
Ich war entsetzt. Ein Mensch ist schließlich kein Tier. Selbst
zum Wiederaufbau eines Landes sollte er nicht als ein bequemes
Werkzeug benutzt werden.'
Und noch ein wenig mehr von Mr. Shastris Bericht:
'Die meisten dieser Arbeiter waren von weit entfernten Orten hierher gebracht worden und selbst wenn sie wollten, könnten
sie ihre Arbeit hier nicht aufgeben um anderswo eine neue zu
suchen. Die Kommunistische Partei in China und ihr Vorsitzender
Mao Tse-tung hatten den Befehl zur Arbeit für alle gegeben;
vielleicht war es Zwangsarbeit wie diese, die im Westen Schilderungen von 'Konzentrations-Arbeits-Lagern' und 'Zwangsarbeit'
hervorgerufen hat.'
Vielleicht wird die Kritik einzuwenden haben, daß sowohl
in dem kommunistischen China als auch in Albanien die angeführten Beispiele von Zwangsarbeit und di« Gesetze, die den Zwangsarbeitsprogrammen als Grundlage dienen, zwei oder mehr Jahre
zurückliegen. Vielleicht mögen einige von Ihnen versucht sein
zu sagen, bei dem allen handle es sich um alte Informationen.
Geben Sie dieser Versuchung nicht nach. Denn das ist etwas Neues es ist ein Ungeheuer, das in unserer Zeit geboren und seit dem
Endes des letzten Krieges zu den Ausmaßen eines Drachens großgezogen wurde. Es ist ein Ungeheuer»geschaffen nach dem Vorbild
des Kremls, das in jedem Lande, das versklavt wurde, aufs neue
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neue losgelassen wird. Gerade jetzt wartet es darauf, daß ihm erlaubt wird, in die Assoziierten Staaten von Indochina einzudringen.
Die Mittel, deren wir uns bedienen, um der Welt die Tatsachen der Zwangsarbeit vor Augen zu führen, müssfn in ihrer Anwendung besonders wirkungsvoll sein. Die Arbeit des ad hoc-Ausschusses hat eine feste Grundlage geschaffen für das, was noch
vor uns liegt. Es bestehen günstige Aussichten für den Vorschlag,
den Ausschuß weiterbestehen zu lassen. Die Vereinigten Staaten
sind bereit, einen Vorschlag dieser Art zu unterstützen. Wir
sind der Ansicht, daß wir ein sachkundiges Gremium brauchen, um
den vor den Vereinten Nationen erbrachten Nachweis über das Vorhandensein von Zwangsarbeit auszuwerten. Zu einem geeigneten
späteren Zeitpunkt wird die Regierung der Vereinigten Staaten
möglicherweise den Wunsch haben, derartige Vorschläge den
Vereinten Nationen zu unterbreiten.
Für den Augenblick indessen kann die Fortführung der Untersuchung, die auf der Grundlage der von dem Ausschuß aufgestellten
gesunden Prinzipien begonnen hat, sehr wohl dem Generalsekretär
der Vereinten Nationen und dem Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation zur gemeinschaftlichen Behandlung anvertraut werden.
Die gemeinsame Entschließung, die wir zusammen mit den Delegationen von Ekuador, Frankreich, Norwegen, der Türkei und
Großbritannien eingebracht haben, führt diesen Gedanken aus. Sie
sieht in Absatz 5 (B) die Vorlegung neuen Informationsmaterials
jeglicher Art über Zwangsarbeitssysteme vor, einerlei ob diese
de jure oder de facto bestehen. Sie gestattet die Unterbreitung
von Informationsmaterial seitens verantwortlicher Quellen - Regierungsmitgliedern, Spezialämtern und nichtbehördlichen Organisationen beratenden Charakters» Den beteiligten Regierungen wird
Gelegenheit gegeben, Erklärungen zu dem in dieser Weise übermittelten Informationsmaterial abzugeben. Die Entschließung sieht
weiter vor, daß dieses Informationsmaterial zusammen mit etwaigen
von den beteiligten Regierungen abgegebenen Erklärungen in einen
Bericht aufgenommen wird, welcher der 19« Ratstagung erstattet
werden soll.
Ich möchte die Natur dieses Berichtes, zu dem die dem Rat
vorliegende gemeinsame Entschließung die Ermächtigung geben würde,
vollkommen klar machen und ebenso auch feststellen, wozu sie keine
Ermächtigung verleiht.
Der Wortlaut der Entschließung ist sorgfältig gewählt. Sie
faßt einen Bericht ins Auge, der auf neuen Informationen beruht
und sich auf wirkliche Information und nicht auf unbewiesene
Behauptungen stützt. Das würde eine nochmalige Vorlegung des in
dem Bericht des ad hoc-Ausschusses enthaltenen Materials ausschließen,
-r.

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Es soll ferner ein Bericht sein, der sich mit den Systemen
der Zwangsarbeit in dem Sinne befaßt, in dem solche Systeme von
dem ad hoc-Ausschuß definiert und in ihrem Charakter herausgearbeitet worden sind. Die Entschließung sieht aber nicht einen
Bericht vor, der außerdem Informationen über zahlreiche andere
Prägen enthält. Um mich ganz präzise auszudrücken; Die Entschließung erlaubt nicht, daß - ich will mir eine Redewendung
ausborgen und sie benutzen, wo sie wirklich am Platze ist •verleumderische und provozierende' Belanglosigkeiten mit in
den Bericht eingeschlossen werden, ähnlich denen, die der ad
hoc-Ausschuß schon weggelassen hat.
Die Verantwortung für die Ausarbeitung eines sorgfältigen
Berichtes dieser Art ist schwer. Ich bin überzeugt, daß der
Generalsekretär der Vereinten Nationen und der Generaldirektor
der Internationalen Arbeitsorganisation
ihre Verantwortung
in einer Weise erfüllen werden, die ihren Bericht zu einer
hervorragenden Ergänzung des von dem ad hoc-Ausschuß in Angriff
genommenen Werkes machen wird.
Die Entschließung verlangt auch die Mitarbeit von Regierungen, die den ihnen vom Ausschuß übersandten Fragebogen nicht
beantwortet haben. Das bedeutet einen wichtigen Schritt zur
Gewinnung weiterer Informationen über. . Zwangsarbeit und trägt den
Wünschen der 8. Generalversammlung Rechnung. Derartiges Informationsmaterial würde dann auch in den Bericht des Generalsekretärs und des Generaldirektors der Internationalen Arbeitsorganisation aufgenommen werden.
Aber auch während wir fortfahren, die Tatsachen noch weiter zu erforschen, dürfen wir nicht nachlassen in der Verurteilung dieser unmenschlichen Verfahren, die mit solch überzeugender Kraft zu unserer Kenntnis gebracht worden sind. Die
dem Rat vorliegende Entschließung verdammt unzweideutig jegliche Zwangsarbät und richtet, in Befolgung der Empfehlungen
des ad hoc-Ausschusses, einen Appell an die Regierungen, die
Gesetze und Verfahren, die zu dieser Untersuchung Veranlassung
gegeben haben, einer erneuten Prüfung zu unterziehen.
Die Vereinten Nationen sind als das Gewissen der zivilisierten Welt bezeichnet worden. Ich empfehle nachdrücklich die
Annahme dieser Entschließung als ein Zeichen dafür, daß dieses
Gewissen wach ist."
* # * * *

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�A M E R I K A

E N S T

DIE ATOMKRAFT, DIE AMERIKANISCHE UNI DIE
WELTWIRTSCHAFT
NEW YORK - (Amerika Dienst) - Im folgenden übermitteln wir Ihnen Aaszüge aus einer
Rede, die der Vorsitzende der US-Atomkommission, Lewis L. Strauss, auf einem Festessen
der Gesellschaft für Warenzeichenschutz im
Waldorf-Astoria-Hotel in New York am
28.April 1954 gehalten hat:
"... Allein in dieser Stadt gibt es dreißig Firmen,
die in der einen oder anderen Form das Wort Atom in ihrem
Namen führen. Im Telephonbuch sind die Firmenbezeichnungen
von Herstellern und Verkaufsvertretungen so verschiedener
Artikel wie Atombücher und Atombürsten aufgeführt, und auch
Nahrungsmittel und Treibstoffe, Hüte und Handtaschen, Kleider und Sportartikel, ja selbst Unterkleidung werden mit dem
Atom in Zusammenhang gebracht. Ich frage mich vergeblich, was
das Atom wohl beispielsweise mit dem letztgenannten Artikel
zu tun hat.
Washington übertrifft New York sogar noch. Dort gibt
es eine Atomvernichtungsgesellschaft. Dieser schauerliche
Titel braucht uns aber nicht in Angst und Schrecken zu versetzen, da sich diese Firma nur mit der Ausrottung von Wanzen und anderem Ungeziefer beschäftigt. Die Firma hatte vor
einigen Jahren einen Regierungsauftrag bekommen und weist
mit Stolz auf die Tatsache hin, daß sie es war, die den Termiten in Washington nahezu vollständig den Garaus gemacht hat.
Es gibt aber auch noch andere Zeichen, die darauf hindeuten, daß das Atom in steigendem Maße Einfluß auf unser
Alltagsleben gewinnt. Es gehört bereits zum eisernen Bestand der Lustspielautoren und Verfasser von Zukunftsromanen
und ist aus den Kriminalschmökern und den Comic-Strips nicht
mehr wegzudenken.
Das Atom beeinflußt auch schon die Finanzwelt. Einige
Maklerfirmen haben bereits Angebote für Atomaktien gemacht.
In einigen dieser Werbeprospekte finden sich Vorkalkulationen kommender Gewinne in Industriezweigen, die direkt oder
indirekt mit den Programmen der Atomenergiekommission zu tun
haben.
Bei

�"AioLKIKA LIENST" - WIRTSCHAFT UNL ARBEIT

5. Mai 1954

Bei der Darstellung dieser neuen Entwicklung heißt es
in einem dieser Werbetexte, daß 'jedermann in Wall-Street,
jeder Wirtschaftsbeobachter und Wirtschaftswissenschaftler
sich in Zukunft mit Prägen der Atomenergie und Kernphysik
genau so eingehend befassen muß wie er sich heute über Frachtsätze, Stahlerzeugung, Einzelhandelspreise und die Elektrizitätsversorgung informieren muß.'Er kündigt weiter an, bald
werde die Zeit anbrechen, in der die Statistiker in ihren
Wochenübersichten auch die Erzeugung an Uranium, Thorium und
anderen mit der Atomphysik in Zusammenhang stehenden Materialien aufführen müssen.
Ohne auf die Richtigkeit dieser Voraussagen einzugehen,
kann man immerhin viele Tatsachen aufzählen, die das wachsende Verständnis für unser Atomzeitalter erkennen lassen.
Wir sind gegenwärtig dabei, Hunderte von jungen Menschen
für die Arbeit auf dem Gebiet der Atomforschung auszubilden.
In all unseren Colleges und Universitäten wird in Examens- und
Anfangssemestern in immer stärkerem Maße auf die Fragen der Kernforschung eingegangen. So hat beispielsweise das North Carolina
State College einen Lehrgang für Fragen der Atomforschung eingerichtet, der Versuche mit dem anstaltseigenen Kernreaktor einschließt. Die Staatsuniversität Pennsylvanien hat kürzlich
bekanntgegeben, sie beabsichtige, einen eigenen Kernreaktor
zu errichten, und die Atomenergiekommission hat sich bereit
erklärt, ihr die benötigten Mengen spaltbaren Materials zu
überlassen. Andere Lehranstalten tragen sich mit ähnlichen
Plänen.
Auch in den Mittel- und Grundschulen haben Fragen der
Kernphysik und -Chemie Eingang in den Lehrplan gefunden. In
den New Yorker höheren Schulen ist ein Praktikum eingerichtet
worden, in dem die Schüler in einer Versuchsreihe die verschiedenen Anwendungsbereiche der Atomenergie kennen lernen.
Nach dem derzeitigen Stand der Entwicklung zu urteilen,
werden noch bis Ende dieses Jahres etwa 10 Prozent der Gesamterzeugung an elektrischer Energie für Atomforschungsvorhaben verwendet werden. Heute bereits werden 7 Prozent der
gesamten Nickelerzeugung und 20 Prozent der Erzeugung an
Rohren aus rostfreiem Stahl für Zwecke der Atomforschung
verwendet. Lies sind nur einige wenige Beispiele. Die verschiedenen Atomforschungszentren beschäftigen heute rund
18 000 fachlich ausgebildete Arbeitskräfte,meist Wissenschaftler und Ingenieure.
Lie Atomforschungsstätten gehörten in der Vergangenheit
zu den Großverbrauchern an elektrischer Energie und an dieser
Tatsache wird sich auch in nächster Zukunft nichts Ändern.
Gleichzeitig haben die kommunalen Versorgungsbetriebe Mühe,
die stets steigende Nachfrage nach Elektrizität zu befriedigen. Lie Atomforschung verbraucht ferner große Mengen an
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�"A^KIKA DxENST" - WIRTSCHAFT CNL ARBEIT

5. Mai 1954

an knappen Rohstoffen, die für die zivile Produktion benötigt
werden. Sie absorbiert einen gewaltigen Prozentsatz unseres
technisch gebildeten Fachpersonals, das für die normale Expansion der Gütererzeugung und Dienstleistungen auf dem ein«?
schlägigen Sektor gebraucht würde. Das ist nur eine kurze
Zusammenfassung dessen, was die Atomforschungsvorhaben unserer
Wirtschaft entziehen.
Als Gegenstück hierzu sei aufgeführt, welchen Nutzen die
Wirtschaft aus der Atomforschung zieht. Hier ist an erster
Stelle ihr Beitrag zur Erhaltung des Weltfriedens zu nennen.
Wer könnte seinen wahren Wert abschätzen? Premierminister
Churchill und andere kluge und erfahrene Männer haben erklärt,
daß gerade unsere Überlegenheit in den Atomwaffen entscheidend
dazu beigetragen habe, eine großangelegte Aggression der
Kommunisten, insbesondere in Europa, seit 1946 zu verhindern.
Sie hat es vermocht, die Gefahr eines großen Krieges acht Jahre lang zu bannen.
Wir sind von der Hoffnung erfüllt, unsere Stärke auf dem
Gebiet der Atomforschung möge uns zu jenem Frieden verhelfen,
der unser höchstes Ziel ist: ein Friede, auf gute Taten und
gegenseitiges Vertrauen gegründet - sofern dies je zu erreichen
ist. In jüngster Zeit gab es einige schwache, aber dennoch
verheißungsvolle Anzeichen, daß selbst den Harthörigsten allmählich aufgeht, welche zerstörerischen Kräfte die Atombombe
für alle Beteiligten birgt. Wir hoffen, auch die Sowjets
erkennen allmählich, was wir schon lange wissen: daß die
Welt im Falle eines Atomkrieges einen furchtbaren Preis zu
entrichten hätte. Ohne Übertreibung darf man wohl sagen, daß
der Beitrag der Atomforschung zur Sicherheit der freien Welt
alle Opfer und auch die Belastung unserer Wirtschaft gelohnt
hat, die wir um ihretwillen auf uns genommen haben.
Das ist aber keineswegs der einzige Vorteil, den die
Atomforschung uns brachte. Die Liste der Aktiva ist lang, und
die mir hier zur Verfügung stehende Zeit ist zu kurz, um sie
ganz aufzuzählen. Ich beschränke mich deshalb auf einen Überblick. Das wenigst auffällige Ergebnis der Atomforschung ist
gerade dasjenige, das auf lange Sicht die bedeutendsten Auswirkungen für uns hat: die neu gewonnenen Erkenntnisse in
der Grundlagenforschung. Wir haben mächtige Apparate gebaut,
die uns immer tiefere Einblicke in das Wesen der Materie gestatten.
Lassen Sie mich als Beispiel die Tatsache anführen, daß
das Strahlenforschungsinstitut der Universität Kalifornien
nunmehr die leistungsfähigste Kernzertrümmerungsanlage der
Welt betreibt, das sog. Bevatron, in dem Protonen auf eine
Energie von mehreren Milliarden Elektrcnenvolt beschleunigt
werden. Man hofft, durch diese Anlage zu fundamentalen neuen
Erkenntnissen zu gelangen. Auf die Frage, welcher Art diese
Erkenntnisse seien, antwortete Dr. Ernest Lawrence, der Erbauer der Anlage: Wenn ich Ihnen das heute schon äagen könnte

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�"AFRIKA Lii^ST" - 'miETSChAJ-T ÜML ARBEIT

5. Mai 1954

könnte, hätten wir die Anlage gar nicht erst zu bauen brauchen.
In der Chemie, Metallurgie und Biologie sowie auf vielen
anderen wissenschaftlichen Gebieten wurden große Fortschritte
gemacht. Auf dem Gebiet der Eiologie ist man beispielsweise
dabei, das Rätsel der Assimilation der Pflanzen von den verschiedensten Ausgangspunkten aus anzugreifen, daß die Aussichten auf endgültige Klärung dieser für den Bestand der Menschheit so entscheidenden Frage noch nie so günstig waren wie
heute. Die medizinische Wissenschaft hat zahlreiche bedeutende
neue Entdeckungen zu verzeichnen. Als Beispiel habe ich ein
kleines Gerät mitgebracht, das zwar nicht gerade überragende
Eedeutung besitzt, aber doch sehr interessant ist. Ich meine
diesen tragbaren Röntgenapparat, der knappe 4 V2 kg wiegt.
Dieses kleine Gerät kann einen gut Teil jener Aufgaben erfüllen, für die man gegenwärtig noch sehr teure und stationäre
Röntgengeräte benötigt. Es bedarf keinerlei Energiezuführung
und kostet einschließlich des als Strahlüngsquelle dienenden
Thulium-Elements knappe 250 Dollar.
Ich habe stets die Auffassung vertreten, die Grundlagenforschung stelle den eigentlichen Schlüssel für einen dauernden Fortschritt dar. Eines der bemerkenswertesten Charakteristika der Grundlagenforschung ist, daß jede Entdeckung nicht etwa
einen Abschluß darstellt, sondern eine Vielfalt neuer Forschungsmöglichkeiten aufzeigt. Die Atomenergie-Kommission hat die
Grundlagenforschung immer bewußt nach Kräften gefördert, lienn
wir auch den Erfolg der jeweiligen Vorhaben nicht vorhersagen
können, haben wir doch die Gewißheit, daß die Förderung dieses
Zweiges der Wissenschaft die militärische und wirtschaftliche
Stärke der Vereinigten Staaten steigern - die Volksgesundheit
und den Lebensstandard heben und unser Verständnis für die Welt,
in der wir leben, vertiefen wird.
Die Aufwendungen für die Grundlagenforschung stellen nur
einen Bruchteil der Gesamtausgaben für Forschungszwecke dar.
Wir dürfen uns auf diesem Gebiet keineswegs zur Sparsamkeit
verleiten lassen, denn es wäre Sparsamkeit am falschen Platz.
In der Medizin und Biologie beginnen zehn Jahre Arbeit und
Planung auf dem Gebiet der Atomenergie ihre Früchte zu tragen.
Mehr als 1 800 Wissenschaftler dieser beiden Disziplinen sind
gegenwärtig mit einschlägigen Forschungsarbeiten beschäftigt.
Auf Grund der Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten hat man ganz
neue Wege zur Krebsbekämpfung entdeckt und viele Einsichten in
das Wesen dieser furchtbaren Krankheit gewonnen. Auch in der
Behandlung anderer Krankheiten ist die Verwendung von Radioisotopen heute selbstverständliche Praxis.
In der Erforschung der Krankheiten des Menschen, der Tiere
und Pflanzen durch die Biochemie hat eine neue Ära begonnen.
Die Anwendung der Ergebnisse der Atomforschung auf die Genetik
hat die Biologen in die Lage versetzt, gewisse Pflanzenkrankheiten erfolgreich zu bekämpfen und neue Arten zu züchten, die

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�"Ai^hiKA DILNST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

5. Mai 1954

die weit widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind. Diesen
Forschungsergebnissen kommt größte wirtschaftliche Bedeutung
zu. Die Auswertung der auf diesem Gebiet gesammelten Erkenntnisse zeigte auch neue Wege zum Studium der Erblehre und der
Vererbbarkeit gewisser Anlagen des Menschen auf.
Auch für die amerikanische Industrie gewinnt das Atom
ständig an Bedeutung. Über die Hälfte der Neuanforderungen von
Radioisotopen kommt aus der Industrie. So benutzt z.B. die
Petroleumindustrie Atomstrahlen zur Feststellung von Erdöllagern und zur Quellenbohrung; auch Erdölleitungen und der gesamte Raffinationsprozeß werden mit Hilfe radioaktiver Isotope
kontrolliert. Über 150 Fabriken benutzen Stahlenmeßl ehren, um
die Einheitlichkeit und Qualität ihrer Erzeugnisse zu erhöhen.
Durch die Verwendung der billigeren und leichter austauschbaren
radioaktiven Substanzen anstelle des teuren Radiums bei der Radio-Autographie konnten die Inspektionskosten stark herabgedrückt werden. Und durch die lizenzweise Überlassung von Regierungspatenten auf Erfindungen, die in den Laboratorien der
Atomenergiekommission gemacht wurden, konnten die bereits vorhandenen Erzeugnisse und die bisherigen Verfahren verbessert
sowie neue Produkte und Methoden entwickelt werden.
Diese Errungenschaften - von grundlegenden neuen Erkenntnissen bis zu Putz- Und Scheuermitteln - wurden zum großen Teil
durch das bisher bedeutsamste Erzeugnis des Atomzeitalters,
die Radioisotope, möglich gemacht. Radioisotope sind als die
sogen, "etikettierten" oder "Spür-Atome" bekannt. Ihr besonderer Wert und ihre vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten
liegen in der Tatsache begründet, daß sie Strahlen bestimmter
Art und Intensität aussenden, die bis auf gewisse Entfernung
zu ermitteln und genau zu messen sind, dabei aber genau die
gleichen chemischen Eigenschaften besitzen wie ihre festen,
nicht-radioaktiven Brüder, und in jeder Beziehung genau wie
diese reagieren.
Seit August 1946, als die ersten Radioisotope von Oak Ridge
im Staate Tennessee per Flugzeug in ein Krankenhaus in St. Louis
gebracht wurden, hat diese Versuchsstation über 45 000 Sendungen
radioaktiver Isotopen in alle Staaten der USA und in 39 Länder
der freien Welt geschickt. Die Zahl der Anforderungen steigt
an, je mehr neue Verwendungsmöglichkeiten entdeckt werden. Dies
ist ein weiterer Aktivposten, den unsere Wirtschaft dem Atom
verdankt, ein Plus, dessen Wert gar nicht abzuschätzen ist.
Denn wer kann den Wert geretteter Menschenleben - ja, eines
einzigen Lebens - ermessen?
Einen weiteren Aktivposten stellen die wirtschaftlichen
Vorteile dar, die das Atom gewissen Regionen gebracht hat. Als
Beispiel hierfür könnte man das Colorado-Plateau nennen, das
große Gebiete der Staaten Colorado und Utah und Teile von New
Mexiko und Arizona umfaßt: heute sind auf dem Plateau über
500 Uran-Minen in Betrieb, die etwa 5 000 Menschen beschäftigen.
Ich

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT ggD ARBEIT

5. Mai 1954

Ich bin überzeugt, schon diese unvollständige Aufzählung
des bisher auf dem Gebiete der Atomwirtschaft Erreichten läßt
erkennen, daß das Atomprogramm insgesamt einen positiven Beitrag zu unserer Wirtschaft darstellt.
Gestatten Sie mir nun einen vorsichtigen Blick in die
Zukunft. All diese von mir aufgezählten Aktivposten dürften
sich ständig erhöhen - und die Anwendung des Atoms in Forschung,
Medizin, Landwirtschaft und Industrie sollte weiter ausgebaut
werden. Hinzu kommen noch zwei ganz bestimmte Dinge, die der
Entwicklung bedürfen. Es sind dies die Entwicklung der Atomkraft
als Energiequelle und die Verwirklichung der internationalen
Zusammenarbeit. Präsident Eisenhower verwies auf die Absicht
der Vereinigten Staaten, die Entwicklung auf diesen Gebieten
so schnell wie möglich voranzutreiben, als er im Dezember vergangenen Jahres erklärte, das Atom gehöre in die Hände all
jener in der ganzen Welt, "die verstehen, es seines militärischen Gewandes zu entkleiden und es in den Dienst der friedlichen Wissenschaften zu stellen".
Bei der Verwendung der Atomkraft für Zwecke der Wirtschaft
gilt es noch, große Probleme zu lösen. Einige dieser Probleme
erfordern Änderungen des Gesetzes über die Atomenergie, und
die Kommission hat dem Kongreß vor einigen Wochen ihre Inderungsvorschläge vorgelegt. Die Forderungen der Kommission
zielten im wesentlichen darauf ab, das derzeitige Monopol der
Regierung auf spaltbares Material und die Besitzrechte an
Kernreaktoren und Patenten zu lockern und teilweise aufzuheben.
In der Entwicklung der Kernreaktoren wurden beträchtliche
technische Fortschritte erzielt. Diese Fortschritte in der
Schaffung von Kernreaktoren zur Erzeugung von Atomkraft für
zivile Zwecke sind zu einem großen Teil das Ergebnis der Bemühungen, die zum Bau des ersten mit Atomkraft angetriebenen
Schiffes, des Unterseeboots "Nautilus", führten. Seit 1951
hat die Privatindustrie in steigendem-Maße eigenes Kapital
in die Kernreaktorenforschung gesteckt.
Vor einem knappen Jahr glaubten wir noch, die Privatindustrie werde erst dann größere Investitionen in die Entwicklung der Atomkraft als Energiequelle stecken, wenn zwei Bedingungen erfüllt seien, nämlich bis das Gesetz über die
Atomenergie geändert und die Kommission mit Hilfe von Regierungsgeldern den Nachweis erbracht hat, daß die Atomkraft
als Energiequelle mit der Wasserkraft und den bekannten festen
und flüssigen Brennstoffen wirtschaftlich konkurrieren kann.
Hier hat sich in den letzten 12 Monaten ein großer Wandel
vollzogen.
Das Interesse der Privatwirtschaft an der Atomkraft geht
aus der Zahl und Bedeutung der Gesellschaf -^hervor, die Vorschläge für die erste, vollständige Anlage zur Erzeugung von
Atomenergie mit einer Mindestkapazität von 60 000 Kilowatt
einreichten. Der geeignetste Vorschlag stammte von d_er_ Duquesne
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�"AiahhlKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AKßi,IT

5. Mai 1954

Duquesne Light Company in Pittsburgh. Nach den Bestimmungen
des mit dieser Gesellschaft geplanten Vertrags könnten unserer
Ansicht nach die Kosten, die der Regierung für den Bau und
Betrieb dieses ersten vollständigen Atomkraftwerks entstehen,
um rund 30 Millionen Dollar gesenkt werden. Wir prüfen gegenwärtig auch noch die Vorschläge anderer Firmen.
Wenn wir ein Verfahren zur wirtschaftlichen Ausbeutung
der Atomenergie entwickeln wollen, so müssen wir die Naturgesetze • nöciii weit eingehender zu ergründen und sie unseren
Bedürfnissen noch mehr dienstbar zu machen suchen, und wir
werden auf diesem Wege auch Lösungen für viele komplizierte
Probleme der Metallurgie, der Wärmeumwandlung, der Chemie und
ähnliches mehr finden. Wir wissen, daß wir auf all diesen
Gebieten, wo wir es mit der unbelebten Natur zu tun haben,
noch große Portschritte machen können.
Ein anderes Problem, das das Atom aufwirft, ist leider
nicht so einfach zu lösen, da hier die Hindernisse, die zu
überwinden sind, in der menschlichen Natur begründet liegen.
Erfolg oder Mißerfolg unserer Bemühungen, auf dem Gebiet der
Atomenergie eine internationale Zusammenarbeit zu erreichen,
sind vielleicht gleichbedeutend mit Portschritt oder Rückgang der menschlichen Zivilisation. Im Bewußtsein dieser
Tatsache hat Präsident Eisenhower in seiner Rede vor den
Vereinten Nationen im Dezember vorigen Jahres der Welt seinen
hochsinnigen und wegweisenden Vorschlag unterbreitet, eine
internationale Behörde zu schaffen, an die alle hierbei in
Frage kommenden Nationen, einschließlich der Russen, regelmäßig bestimmte Mengen gewöhnlichen Uraniums und spaltbaren
Materials abzuliefern haben. Liese Behörde solle sicherstellen,
d-°ß die segensreichen Kräfte des Atoms in den Lienst der gesamten Menschheit gestellt und die aus Atomkräften gewonnenen
Energien den an Treibstoffen armen Gebieten zugänglich gemacht
werden. Eine Folge dieser Regelung, und eine recht bedeutsame, wäre die sich daraus ergebende immer stärkere Abnahme
des für zerstörerische Zwecke zur Verfügung stehenden spaltbaren Materials. Der Plan des Präsidenten ist einfach, leicht
verständlich und eindeutig. Diese Sache ist nicht eingeschlafen, wie manche Leute angenommen haben» Wie immer das Endresultat aussehen möge, der Plan ist noch nicht zu Grabe getragen,
und die im Januar begonnenen Besprechungen werden gegaawärtig
in Genf fortgesetzt.
Angesichts dessen, was das Atom zum Wohle des Menschen
vermag, ist es nur natürlich, daß die Forderungen der von Seuchen und Hungersnöten heimgesuchten Völker und der Länder, die
begierig nach Energiequellen zur Ankurbelung ihrer Wirtschaft
und zur Hebung ihres Lebensstandards suchen, immer dringender
werden. Dies gilt aut&amp;h für die Länder jenseits des Eisernen
Vorhangs. Gewährt man den Menschen nur einen kleinen Blick
in das segensreiche Wirken des Atoms, so würden sich ihnen
Ausblicke auf Zeiten des Friedens und Gedeihens eröffnen. Und

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�"A^hlKA LLfaiMST" - WIRTSCHAFT UML Ah.BX.IT

5. Mai 1954

Und haben sie das erst einmal gesehen, so wird es selbst einem
tyrannischen politischen System schwerfallen, ihnen diese Segnungen zu versagen.
Die Atomenergiekommission ist entschlossen, alles nur
Mögliche zur Verwirklichung des Vorschlags Präsident Eisenhowers
für eine internationale Zusammenarbeit zu tun, der bei allen
Nationen, den großen wie den kleinen, neue Hoffnungen erweckt
und die Menschen guten Willens in allen Ländern zu neuem
Gebet angeregt hat".

*

* * * *

I

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�DES NAHE OSTUN UND 3ÜLASIEN - LAS PROBLEM LEE SICHERHEIT
Von John L. Jernegan,
Stellvertretender Unterstaatssekretär für nahöstliche,
südasiatische und afrikanische Angelegenheiten
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Seit dem beginnenden Niedergang des Ottomanischen Reiches besaßen der
Mittlere Osten und das Südliche Asien.für die Lauer
von mindestens 2 Jahrhunderten so gut wie keine eigene
Verteidigungskraft. Lie Folge war, daß dieses Gebiet
zum Gegenstand heftiger Machtkämpfe wurde. Eines der
stärksten Elemente, die auf dieser Bildfläche erschienen, war der ständige Ansturm des russischen Kaiserreiches gegen den Süden und Osten. Liesem Ansturm
wurde vom Mittleren Osten selbst nur sehr geringer
Wideretand entgegengesetzt und er wurde nur durch das
Gegengewicht der anderen europäischen Mächte, vor
allem Großbritannien und Frankreich, unter Kontrolle
gehalten. Im laufe des 19»Jahrhunderts baute sich
Großbritannien in Indien und im Nahen Osten eine
starke Position aus. Las Ergebnis war, daß die Gebiete zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Pazifik eine Art Pax Britannica genossen.
Nach dem letzten Weltkrieg wurde die britische
Machtbasis im Mittleren Osten und im Südlichen Asien
stark reduziert. Ladurch wurden die Staaten in die
Lage versetzt, selbst frei über ihre-nationalen Belange nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, aber sie
verloren dadurch gleichzeitig auch weitgehend die Verteidigungskraft gegen eine räuberische Großmacht, und
unglückseligerweise endeten die Absichten der Russen
in dieser Richtung nicht mit dem Sturz des zaristischen
Regimes.
Es ist wichtig festzustellen, daß der von Deutschland und der UdSSR gemeinsam ausgearbeitete Entwurf des
Geheimabkommens vom 26.November 1940 den folgenden
Passus enthält: "Lie Sowjetunion erklärt, daß der
Schwerpunkt ihrer territorialen Aspirationen auf dem
Raum südlich des nationalen Territoriums der Sowjetunion allgemein in der Richtung auf den Indischen
Ozean liegt". Seit 1940 haben wir reichlich Beweise
dafür erhalten, daß sich diese Einstellung der Sowjets
nicht geändert hat. Ein besonders bezeichnendes Bei-

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Beispiel war ihr Versuch, die Kontrolle über das iranische
Aserbeidschan in den Jahren 1945 und 1946 zu gewinnen.
Wir haben keinen Beweis dafür, daß sich die Haltung
der Sowjets seit Stalins Tod geändert hat. Ich glaube nicht,
daß es auch nur ein einziges Land im Mittleren Osten gibt,
wo sich nicht die Hand des Kreml offenbart. In einigen, wie
beispielsweise der Türkei, macht eine starke Regierung diese Bemühungen allerdings äußerst schwierig. In anderen aber
tragen die Machinationen der Kommunisten des eigenen Landes
weitgehend zur Untergrabung der internen Stabilität bei.
Im Jahre 1951 wurde die Möglichkeit diskutiert, ein
Nahostkommando zu bilden, das unterstützt werden sollte
von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich,
Frankreich, der Türkei und bestimmten Britischen Dominien,
und das die arabischen Staaten einschließen sollte. Die
Nahost-Staaten waren jedoch zu sehr von ihren Auseinandersetzungen mit dem Westen und den Feindseligkeiten zwischen
den Arabern und Israel in Anspruch genommen, um sich an
einer allgemeinen Befensiv-Vereinbarung unter westlicher
Führung beteiligen zu wollen.
Im Jahre 1952 wurde die Bildung einer sogenannten NahostVerteidigungsorganisation in Erwägung gezogen, die im Gegensatz zu dem ursprünglichen gemeinsamen Verteidigungsplan
einen viel loseren Zusammenschluß der Beteiligten vorsah.
Aber auch dieser Plan fand bei den Staaten des Nahen Ostens,
deren Beteiligung für seinen Erfolg von ausschlaggebender
Bedeutung gewesen wäre, keine günstige Aufnahme.
Als Außenminister Dulles im vergangenen Jahr sein Amt
antrat, entschied er, das gesamte Problem des Nahen Ostens
und Südasiens, einschließlich der Situation der Sicherheit,
auf völlig neue Weise anzupacken. Im Frühjahr 1953 unternahm er eine ausgedehnte fieise durch dieses Gebiet. Er
legte Tausende von Kilometern zurück und führte lange Unterredungen mit führenden politischen Persönlichkeiten. Als er
zurückkehrte, hatte er zu dem Problem der Verteidigung folgendes zu sagen:
"Die Bildung einer Verteidigungsorganisation im Nahen
Osten ist eine Möglichkeit, die sich eher für die Zukunft als
für die unmittelbar vor uns liegende Zeit bietet. Viele Länder
der Arabischen Liga sind derart mit ihren Auseinandersetzungen
mit Israel oder Frankreich oder Großbritannien beschäftigt,
daß sie der Bedrohung des sowjetischen Kommunismus wenig Beachtung schenken. Allerdings ist dort die Sorge größer, wo
die Sowjetunion in der Nähe ist. Im allgemeinen zeigt sich
bei den im Norden gelegenen Staaten, daß diese sich der Gefahr
bewußt sind.
Es

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Es besteht der noch nicht klar umrissene Wunsch nach
einem kollektiven Sicherheitssystem. Aber kein derartiges
System kann von außen aufgezwungen werden. Dieses System
sollte von innen heraus entwickelt werden und aus einem Gefühl für das gemeinsame Schicksal und die gemeinsame Gefahr
erwachsen.
Während die Vereinigten Staaten auf die formelle Schaffung
einer Sicherheitsgemeinschaft warten, können sie in nützlicher
Weise an der Stärkung der stark voneinander abhängigen Verteidigungssysteme jener Länder mithelfen, die stark sein
wollen - nicht etwa, um gegeneinander oder gegen den Westen
gerüstet zu sein, sondern um der allen freien Nationen gemeinsamen Bedrohung zu widerstehen".
Ich glaube, der Schlüssel für eine künftige kollektive
Sicherheit im Nahen Osten liegt in jenem Gefühl, von dem
Außenminister Dulles erklärte, daß es von innen heraus entwickelt werden müsse - daß es einem Gebiet nicht von außen
her aufgezwungen werden könne. Sowohl der Plan des NahostKommandos wie auch der der Nahost-Verteidigungsorganisation
scheiterten daran, daß die Initiative dazu vom Westen ausging.
Hohe Beamte der Regierung von Pakistan hatten uns im Rahmen von informellen Gesprächen vor Monaten schon ihr Interesse
an einer Stärkung Pakistans angedeutet und erklärt, daß Pakistan
die Gefahren, denen sich die freie Welt gegenübersieht, erkannt habe. Wir für unseren Teil hatten das Potential, das
Pakistan in Zusammenhang mit dem Problem einer Stärkung der
Defensivkraft des Nahen Ostens darstellt, bereits in Erwägung
gezogen. Während diese Frage noch innerhalb der amerikanischen
Regierung näher untersucht wurde, begannen die Regierungen der
Türkei und Pakistans die Vorteile einer engeren Zusammenarbeit
auf politisch«, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet sowie
in bezug auf ihre Sicherheit in nähere Erwägung zu ziehen. Die
Regierung der Vereinigten Staaten war sich völlig im klaren
über diese Gedankengänge, die sie begrüßte und aus denen
schließlich jene gemeinsame Erklärung der Regierungen der Türkei
und Pakistans vom 19«Februar dieses Jahres resultierte, die das
Vorhaben zum Ausdruck brachte, "die Methoden zur Erreichung einer
engeren freundschaftlichen Zusammenarbeit auf politischem,
wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ebenso wie in bezug
auf die Stärkung des Friedens und der Sicherheit in ihrem eigenen Interesse wie auch in dem aller friedliebenden Nationen
zu untersuchen".
Pakistan hat der freien Welt konkrete Angebote zu machen.
Es verfügt über eine vorzügliche Armee, die in der Zeit vor
seiner Lostrennung eine beachtliche Zahl verdienter Regimenter
in der indischen Armee stellte - Regimenter, die sich in zwei
Weltkriegen durch ihre besondere Tapferkeit auszeichneten. Es
verfügt über ein erhebliches Menschenreservoir, mit dem es
diese Armee ausbauen kann. Seine militärische Tradition und
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�"A*£RIAA

DIENST"

5. Mai 1954

und Fähigkeit hat es bereits anter Beweis gestellt. Es nimmt
eine wichtige Schlüsselstellung ein, da es die Einfallstraßen
zum indischen Subkontinent beherrscht und dabei eine Straße,
die es ihm im Ernstfälle ermöglicht, die Verteidigung des
Nahen Ostens wirkungsvoll zu unterstützen.
Um jedoch all diese natürlichen Gegebenheiten günstig entwickeln zu können, bedarf Pakistan der Hilfe von außen. Es verfügt weder über die notwendigen Rohstoffe noch über eine genügende Produktionskapazität, um sich selbst so ausrüsten zu
können, daß es einer Aggression von außen her standhalten
könnte.
Auf der anderen Seite mußte die Regierung der Vereinigten
Staaten - und sie tat es auch - die Einstellung von Pakistans
großen Nachbarn, Indien, berücksichtigen. Wir fürchteten - und
in cer Fol£e wurde diese Furcht noch bestärkt - daß vielen
Indern die Aussicht auf eine militärische Unterstützung eines
benachbarten Landes, mit dem sie nicht in bestem Einvernehmen
stehen, nicht behagen würde.
Mr. Nehru gab auch der Befürchtung Ausdruck, daß die militärische Hilfe für ein asiatisches Land der Wiedereinführung des
westlichen Imperialismus die Wege ebnen würde.
Wir müssen Mr. Nehrus Meinung respektieren und tun es auch.
Er ist der große politische Führer einer großen Nation von
376 Millionen Menschen. Er ist nie von seinem Ziel abgewichen,
die Demokratie zu fördern und den Kommunismus in seinem eigenen
Lande zu bekämpfen. Zwischen den Vereinigten Staaten und Indien
besteht eine feste Tradition der freundschaftlichen Beziehungen,
die nicht zerstört werden dürfen und die, davon bin ich überzeugt, noch stärker werden.
Aber wir fühlen uns dazu berechtigt, in denjenigen politischen Angelegenheiten von Mr. Nehrus Ansichten abzuweichen, die
unsere Beziehungen zu anderen Ländern betreffen, ebenso wie es
berechtigt ist, darin von unseren Auffassungen abzuweichen.
Was in Osteuropa geschehen ist - in Polen, der Tschechoslowakei, den Baltischen Staaten, der deutschen Ostzone - was
in Korea und in Indochina geschehen ist, das alles deutet unmißverständlich auf die offenkundige Tatsache hin, daß die
freien Völker der Welt es mit einer Verschwörung zu tun haben,
deren Ziel die Versklavung von uns allen ist. Unsere Botschaft
ist einfach und klar: Wenn die Freiheit bestehen bleiben soll,
muß sie geschützt werden. Unsere Art dies zu tun - und sie hat
sich bewährt - liegt in der Konzeption der kollektiven Sicherheit. Wir können es nicht zulassen, daß die Völker, die in
Frieden und Sicherheit leben wollen, nacheinander abgeschossen
werden.
Wir glauben daher nicht, daß eine Stärkung der freiheitliebenden Nationen einen Angriff herausfordert. Im Gegenteil,
wir sind der Ansicht, daß die Erfahrung gezeigt hat, daß dies
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�"AMEKIKA LIENST"

5. Mai 1954

dies ein Abschreckungsmittel für jeden Angriff ist.
Ein wirklicher Schritt vorwärt? auf dem Weg zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens für den Nahen Osten und Südasien
wurde durch die Eigeninitiative der Nationen dieser Gebiete
zur gemeinsamen Zusammenarbeit erreicht, der die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten auf deren Wunsch hin ihre Unterstützung zuteil werden ließen. Wir sollten auf jeden Fall
durch diese von der Türkei und Pakistan ergriffene Initiative
ermutigt sein, Sie ist zwar nur ein Anfang, aber aus ihr können sich noch weitreichende Resultate entwickeln. Es ist von
größter Bedeutung, daß diese beiden Länder angedeutet haben,
daß sich an den im Zusammenhang mit dieser Vereinbarung vorgeschlagenen Verhandlungen auch andere gleichgesinnte Nationen
beteiligen können. Es bedarf keiner weiteren Betonung, daß
die Vereinigten Staaten es begrüßen würden, wenn andere Staaten
dieses Gebietes sich diesen kooperativen Beziehungen rechtzeitig anschließen würden, sobald und wenn sie erkannt haben,
daß es in ihrem eigenen Interesse geschieht.
Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir hoffen, daß das, was
wir heute hier miterleben, sich möglicherweise zu einer allgemeinen Stärkung des Nahen Ostens entwickeln könnte.
Uneinigkeit bedeutet Schwäche. Einheit trägt wesentlich
zur Stärke bei. Wenn die Nationen des Nahen Ostens sich von
sich aus dazu entschließen können, die Fragen des Friedens
und der Sicherheit gemeinsam voranzutreiben, dann werden sie
nach meiner Überzeugung durch ihre neue Einigkeit und Stärke
viele der grundsätzlichen Fragen von Instabilität und Zwietracht lösen können. Mit etwas Hilfe und Ermutigung von außen
her werden sie den großen Fortschritt auf dem Wege zu einer
lebensfähigen Wirtschaft erkennen können. Sie können auch
Fortschritte auf sozialem Gebiet erwarten, sie werden die Mittel haben, ihre individuelle Sicherheit wirkungsvoll zu
schützen. Vor allem aber werden sie einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der freien Welt leisten.
*

* * * *

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�A M E R I K A

DIE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT DER USA
MIT DEN NAHOST-STAATEN
Von Stephan Dorsey
Stellvertretender Direktor der Nahost-Abteilung im
US-Außenministerium
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Die Geschichte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen amerikanischen Privatfirmen und den Nahost-Staaten geht weit zurück. Schon in den
ersten Tagen der jungen amerikanischen Republik zogen amerikanische Kaufleute in die Levanteländer, und als den ersten
technischen Experten kann man den Missionar Eli Smith bezeichnen, der 1834 die erste Druckereipresse nach Syrien brachte.
Zur technischen Entwicklung dieses Gebietes trugen auch viele
Techniker aus den amerikanischen Südstaaten bei, die nach Beendigung des Bürgerkrieges in die Länder des Nahen Ostens gingen. Alle diese Menschen kamen in den vorderen Orient als
Privatleute und als Wegbereiter derjenigen Firmen, religiösen,
philanthropischen, Wohlfahrts- und Kultur-Organisationen, deren besondere Interessenheute gerade hier liegen.
Die amerikanische Regierung andererseits hat, noch bevor
sie den Freundschafts- und Handelsvertrag mit Muscat unterzeichnete, wohl solchen privaten Unternehmungen ihren diplomatischen Schutz ajbgedeihen lassen, aber bis zum Beginn des
letzten Krieges keinen aktiven Part in der Durchführung
finanzieller und technischer Projekte übernommen.
Die erste staatliche Unterstützung überhaupt war eine begrenzte "lend-lease"-Hilfe zu Beginn des letzten Krieges, die
nach seinem. Ende noch durch Anleihen der Import-Export-Bank
ergänzt wurde. 1947 erfolgte dann der Abschluß des türkischgriechischen Hilfsvertrages, der sich in bezug auf die Türkei
zuerst auf eine militärische Unterstützung und später, mit
der Eingliederung der Türkei in den Marshallplan, hauptsächlich auf wirtschaftliche Hilfe konzentrierte. Mit der Verkündung des "Punkt-4-Programmes" durch Präsident Truman anläßlich seiner Regierungsantritts-Rede erfolgte dann auch die
finanzielle Unterstützung des technischen Beistand^rogramms,
durch das schon rund '\1j2 Jahre später die ersten hundert Techniker in diese Länder kommen konnten.
In dieser Nachkriegsperiode bewilligte der US-Kongreß aber
auch noch Mittel für zahlreiche UN-Organisationen, die heute
in diesem Gebiet aktiv tätig sind, sowie für das Flüchtlings- 1 -

�"AMKKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Mai 1954

Flüchtlingshilüawerk in Palästina (153 Millionen Dollar), für
die Weltbank und eine Anzahl anderer UN-Organisationen, wie
die Weltgesundheitsorganisation, den UN-Kinderhilfsfonds usw.
Ursprünglich auf den "Türkisch-Amerikanischen Handelsschiff ahrts-Vertrag" (1929) und das Niederlassungsabkommen
(1931) gestützt, erweiterte sich die türkisch-amerikanische
Zusammenarbeit in den letzten 12 Jahren auf das "lend-lease"und Rohstoffbevorratungsprogramm, auf Kreditabkommen mit der
"Bundesverwaltung für die Schiffahrt", der "Import-ExportBank" und dem "Amt für Auslandshilfe".
Die Weltbank hat inzwischen neue Anleihen zur Vollendung
schon begonnener Projekte bereitgestellt, eine allgemeine
Wirtschaftsanalyse unter Berücksichtigung der Investitionsmöglichkeiten beendet und der "Bank für Industrielle Entwicklung" bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt. Insgesamt haben
die Vereinigten Staaten bisher 300 Millionen Dollar in Form von
"Zuwendungen" im Rahmen der Militärhilfe der Türkei gewährt.
In dieser Summe sind die Mittel für das technische Hilfsprogramm
einbegriffen. Die Höhe der gewährten Anleihen beträgt 90 Millionen Dollar,
Technischer Beistand
Bilaterale technische Hilfsprogramme werden gegenwärtig im
Iran, in Israel, Liberia,. Abessinien und anderen arabischen
Staaten mit Ausnahme von Syrien und dem Jemen durchgeführt. Die
vom UN-Kongreß für diesen Zweck bereitgestellten Mittel betrugen:
1951
1952
1953
1954
Also insgesamt:

:
5 Millionen Dollar;
: 45 Millionen Dollar;
: 51 Millionen Dollar;
: 34 Millionen Dollar.

135 Millionen Dollar.

Die größten Posten im Rahmen dieses Programms erhielt
Persien, das 1953 24 von den insgesamt 51 Millionen Dollar bekam
und auch die größte Zahl von technischen Beratern aufweist, die
in den Ländern des Nahen Osten arbeiten, nämlich 175 von insgesamt 600. Es folgt Ägypten mit 13 Millionen Dollar, von
denen 10 Millionen im Rahmen des landwirtschaftlichen Entwicklungsprogrammes zugeteilt wurder* zu dem die ägyptische Regierung ebenfalls Beiträge in Höhe von 16 Millionen Dollar leistet. Die Arbeiten konzentrieren sich dabei auf die beiden Provinzen Beheira
und Fayoum, in denen Kultivierungsarbeiten sowie Landwirtschafts-,
Gesundheits- und Erziehungsprogramme sowie andere Projekte durchgeführt werden.
Andere, allerdings unbedeutendere Zuteilungen (1953: 3 Mill.
Dollar) wurden für Israel (Heuschreckenbekämpfung) und andere
kleine Programme verwendet.
Folgende
- 2 -

�"AiviEKIKA CILEST" - »IRTSCHAitT UND AhB.fc.IT

19. Mai 1954

Folgende Projekte wurden bisher durchgeführt: Erstellung
einer Mütter- und Säuglingsklinik in Samawe (Irak), Malariabekämpfung in vielen Gebieten Persiens, sowie die Bewässerung im
Jordantal.
Im Sommer 1953 bewilligte der US-Kongreß 147 Millionen
Dollar für besondere wirtschaftliche Hilfe im Nahen Osten und
in Afrika. Zum ersten Mal konnte die US-Regierung den Ländern
des vorderen Orients mitteilen: "Wir verfügen jetzt über einen
Fonds, aus dem wir Eure Länder unterstützen, wenn Ihr uns geeignete Projekte vorlegt, die zum beiderseitigen Nutzen durchgeführt werden können".
Die erste Zuteilung aus diesem Fonds erhielt Persien in
Höhe von 23,4 Millionen Dollar. Die Summe wurde der persischen
Regierung nach der Rückkehr des Schahs und nach der Einsetzung
General Zahedis zur Verfügung gestellt, damit das Budget ausgeglichen und die neue Regierung, die im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin unter Mossadegh, mehr nach den USA und den westlichen
Ländern ausgerichtet ist, gestärkt werden konnte. Die zweite
Zuteilung aus dem besonderen Hilfsfonds erfolgte ebenfalls zur
Beseitigung eines Notstandes, und zwar 250 000 Dollar, um die
Transportkosten für amerikanischen Weizen zu bezahlen, der zur
Verhinderung einer Hungersnot im südlichen Jordanien dorthin geschickt wurde, nachdem Präsident Eisenhower seine Zustimmung
dazu gegeben hatte.
Auch die dritte Zuteilung in Höhe von 26 Millionen Dollar
an Israel betraf einen ähnlichen Fall: den Einkauf von Lebensund Futtermitteln, Saatgut, Kunstdünger, Brennstoff und Rohmaterial für die Herstellung von Bekleidung zur Abwendung eines
Notstandes.
Hilfe für Palästina-Flüchtlinge
Unsere Hilfsmaßnahmen, die darauf abgestellt waren, die
Not der 870 000 Flüchtlinge zu lindern, wurden von der UNRWA
durchgeführt. Diese Körperschaft besitzt ein Beratungskomitee,
das sich ursprünglich aus Delegierten der USA, Großbritanniens,
Frankreichs und der Türkei zusammensetzte und inzwischen, nachdem bereits einige Projekte durchgeführt worden sind, durch
Vertreter von Syrien, Jordanien, Ägypten, and dem Libanon ergänzt wurde.
Seit 1948 hat die amerikanische Regierung 153 Millionen
Dollar für diese Flüchtlinge bereitgestellt. Von dieser Summe,
die 65 Prozent aller bisherigen Zuwendungen ausmacht, wurden
43 Millionen Dollar für reine Hilfsmaßnahmen, der Rest für die
Ansiedlung der Flüchtlinge bereitgestellt bzw. verwendet.
Die größte Aufmerksamkeit hat zweifellos der Plan zur Entwicklung des Jordantales gefunden. Erst kürzlich wurde dieses
Programm auf Grund eines Übereinkommens zwischen UNRWA und Jor- 3 -

�"AiioEKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Mai 1954

Jordanien noch beträchtlich erweitert, wobei UNRWA die Zusicherung gab, 40 Millionen Dollar zum Nutzen der Flüchtlinge
bereitzustellen, damit weitere Flußregulierungsarbeiten durchgeführt und Kraftwerke erstellt werden können. Das 1952 ausgearbeitete Programm für die Ansiedlung von 6 000 Flüchtlingsfamilien vergrößert sich dadurch beträchtlich. Eine Anzahl
Projekte dieses umfangreichen Programms sind inzwischen schon
angelaufen bzw. durchgeführt worden. So u.a. ein Berufsschulungsprogramm, das rund 1 Million Dollar erfordert sowie die
Erteilung von Darlehen zur Schaffung von Existenzgrundlagen
für Flüchtlinge, die durch die jordanische Aufbaubank gegeben
wurden, deren Grundkapital die UNRWA zeichnete.
In Syrien hat UNRWA Übereinstimmung über die Durchführung
eines Programmes zur Vergrößerung der landwirtschaftlichen
Nutzflächen und der technischen Schulung erzielt, zu dem die
syrische Regierung 30 Millionen Dollar beisteuern wird.Hiermit
sollen rund 85 000 Flüchtling»neue Beschäftigun^möglichkeiten
gegeben werden. Eine landwirtschaftliche Siedlung für
200 Flüchtlingsfamilien steht bereits vor der Vollendung und
andere Bemühungen zielen u.a. darauf ab, neue Gebiete zu erforschen, in denen eine Landwirtschaft aufgebaut werden kann.
Zu diesem Zweck sind bereits zwei Untersuchungsexpeditionen in
die nördlichen und nordöstlichen Teile des Landes abgereist,
um geologische Untersuchungen durchzuführen.
Auch die ägyptische Regierung hat UNRWA hinsichtlich der
200 000 Flüchtlinge in Gaza ihre volle Unterstützung zugesagt.
Während des vergangenen Jahres wurden u.a. die Möglichkeiten
untersucht, Wasser aus einem Süßwasserkanal, der durch den
Nil gespeist wird, unter dem Suezkanal hindurch nach der
Sinai-Halbinsel zu leiten, um dort Land kultivieren zu können.
Eine genaue Analyse der Möglichkeiten zur Bewässerung dieses
Gebietes, das rund 60-70 000 Menschen eine neue Heimat geben
könnte, wird gegenwärtig gemeinsam von UNRWA und der ägyptischen Regierung durchgeführt. Die Ergebnisse dürften in einigen
Monaten vorliegen. 30 Millionen Dollar stehen für diesen Zweck
zur Verfügung.
Das letzte Mittel der Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung :und den Ländern des Nahen Ostens liegt in der
Unterstützung durch Anleihen und Kreditgewährungen. Seit Kriegsende wurden folgende Kredite bzw. Anleihen gewährt:
Export-Import-Bank in Washington bis Ende Finanzjahr 1953:
Land:

�"AÜÜERIKA

LIEHST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

bewilligt:

Land;
Afganistan
Türkei
Israel
Ägypten
Saudi-Arabien
Abessinien
)

19. Mai 1954
angeiwiesen:

Millionen Dollar

21
46
135

n

7,25
29,0
3,0

H

"
w

II

M

II

tl

II

II

*)

17,5
30,0
130,0
7,25
15,0
3,0

Mill.Dollar
n

H

n

M

•i

H

M

W

1»

H

davon 14 gestrichen

Die Gesamthöhe der von der Export-Import-Bank gewährten
Anleihen beläuft sich damit auf insgesamt 203 Millionen Dollar.
Das US-Büro für die Abwicklung ausländischer Kredite, das
auch die Guthaben verwaltet, die nach dem letzten Krieg aus den
Lieferungen überschüssigen Heeresmaterials an die Nahostländer
entstanden, beziffert diese Leistungen auf rund 50 Millionen
Dollar, die sich im einzelnen wie folgt auf die verschiedenen
Staaten verteilen (in Millionen Dollar):
Persien
Ägypten
Türkei
Saudi-Arabien..
Libanon
Abessinien ....

30;
10;
6;
2;
1,5;
0,5.

Eih Teil der an die Türkei im Rahmen der ECA/MSA/FOA
geleisteten Hilfe besteht in erster Linie aus Anleihen und
weniger aus nichtrückzahlbaren Zuwendungen. Die Gesamthöhe
amerikanischer Anleihen an die Türkei beläuft sich auf
140 Millionen Dollar. Desgleichen verwendete die Türkei
einen 3-Millionen-Dollar-Kredit der "US-Bundesverwaltung
für die Schiffahrt".
Die Gesamthöhe sämtlicher an die oben genannten Staaten
gewährten amerikanischen Kredite belaufen sich auf 396 Millionen Dollar. Darüber hinaus besitzen die Vereinigten Staaten
32 Prozent des Aktienkapitals der Weltbank, die Kredite in
Höhe von 59,6 Millionen Dollar an die Türkei, 12,8 Millionen
Dollar an den Irak und 8,5 Millionen Dollar an Abessinien
gewährte.
* * * * * *

- 5-

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE CHINAPOLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN
Wesentliche Auszüge aus einer Rede
von Alfred le Sesne Jenkins, dem derzeitigen Leiter der China-Abteilung im
US-Außenministerium, die er am 2.April
1954 vor der amerikanischen Akademie für
Staatswissenschaften (Academy of Political
and Social Science) in Philadelphia gehalten hat.
PHILADELPHIA - (Amerika Dienst) - ".... Wir glauben
nicht, daß die kommunistische Regierung Chinas den Willen
des von ihr beherrschten Volkes repräsentiert. Vielmehr
folgte sie bisher sklavisch der Führung der Sowjetunion
und versuchte, diese in jeder Hinsicht nachzuahmen. Mit
Hilfe von Tausenden von sowjetischen Ratgebern hat sie sich
das Ziel gesetzt, das gesamte Gefüge der traditionellen
chinesischen Kultur systematisch zu verändern und durch die
materialistischen und atheistischen Lehren des Kommunismus
zu ersetzen, nach denen der Staat das ein und alles ist und
das Individuum sein Unterpfand. Das Regime erfuhr zunächst
beträchtlichen Zulauf, namentlich durch seine Förderung des
Gedankens der Bodenreform. Nunmehr aber, nachdem die dazu
erforderlichen Organe des Polizeistaats geschaffen sind,
nimmt es das Land seinen Besitzern auf dieselbe Weise weg,
die in anderen kommunistischen Staaten üblich ist, um es
zu kollektivisieren.
Zusammenarbeit zwischen Mao und Moskau
Obwohl Vertreter der Sowjetbürokratie vor der Machtübernahme durch die chinesischen Kommunisten unter Protest
erklärten, daß sie nicht wüßten, was diese "unabhängigen
Agrarreformer" im Sinne hätten, bestand schon immer eine
enge Zusammenarbeit zwischen Mao und Moskau. Trotz des
Freundschafts- und Bündnisvertrages, der am 14»August 1945
zwischen der Chinesischen Republik und der Sowjetunion geschlossen worden war, und demzufolge die Sowjetunion "Unterstützung und Hilfe ausschließlich der nationalen Regierung
als der zentralen Regierung Chinas" zusicherte, übereignete
dieselbe Sowjetunion das in der Mandschurei beschlagnahmte
japanische Kriegsmaterial den chinesischen
Kommunisten. Schon zwei Tage nach deren Machtergreifung
nahm die Sowjetunion diplomatische Beziehungen # u ' Peking

�ffAiaERIKA DIENST*
j| f Mai 1954
eking auf, und fünf osteuropäische sowjet-Sftelliten folgten
innen einer Woche Das nordkowstäaiB Regime, der kommunistische
Satellitenstaat in Mitteldeutschland und die sogenannte Mongolische Volksrepublik nahmen ebenfalls innerhalb der ersten
Monate diplomatische Beziehungen aü China auf.

?

Nur vier Tage nach der Errichtung der sogenannten "Volksregierung" wurde bereits der Chinesisch-Sowjetische Freundschaftsbund gegründet, eine Massenorganisation, deren Ziel
nach den Worten der Kommunisten darin besteht, "brüderliche
Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen dem Qhinesischen und
dem Sowjetvolk zu begründen und zu festigen, und den Austausch
von Wissen und Erfahrung zwischen den beiden großen Nationen
zu entwickeln."
Seitdem hat das Mao-Eegime mit der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten verschiedene wirtschaftliche,
militärische und kulturelle Verträge geschlossen und Abkommen
getroffen. Starke ideologische Bande bestehen zwischen Moskau
und Peking, und ein großer Teil der chinesischen kommunistischen
Führer ist in Moskau ausgebildet. Die chinesischen Kommunisten
fühlen auch die Notwendigkeit, ihre militärische Stärke und
ihre Schlagkraft durch eine nahe Verbindung mit der Sowjetunion zu erhöhen. China kann seinerseits die Sowjetunion mit
notwendigen Rohstoffen und Nahrungsmitteln versorgen und die
Benutzung der eisfreien Häfen Dairen und Port Arthur anbieten.
Die Sowjetunion wünscht kein starkes, unabhängiges China an
seiner sibirischen Grenze. Sein natürliches Interesse an dem
Bestand und der Stärke des kommunistischen China (sofern dieses nicht allzu stark und allzu unabhängig wird natürlich)
sowie an dem Bündnis mit diesem China zielt darauf ab, eine
Machtposition zu gewinnen, wie sie andernfalls nicht denkbar
wäre.
Im Sinne dieser Anlehnung an den Sowjetblock überhäuft
China die freie Welt im allgemeinen und die Vereinigten Staaten im besonderen mit Schmähungen und allen Arten von Beleidigungen über den Rundfunk, in Zeitungen, am Konferenztisch
und in Zeitschriften aller Sprachen einschließlich Esperanto,
die über die Welt verbreitet werden. Ganz abgesehen von den
möglichen politischen Folgen erscheint ein solches Verhalten
besonders empörend, wenn man bedenkt, daß es von den Chinesen
kommt* Denn ein gutes Jahrhundert lang haben die Amerikaner
eine tiefe Beziehung und eine aufrichtige Freundschaft zum
chinesischen Volk unterhalten. Unser Anteil an der Unterstützung der territorialen Integrität Chinas und seiner politischen Unabhängigkeit ist nur allzu gut bekannt. Es erweckt
unsere Besorgnis und unser Bedauern, daß wir seit mehr als
vier Jahren von unserer gewohnten engen Freundschaft mit der
großen Mehrheit des chinesischen Volkes abgeschnitten sind.
Es gibt einige, die das Gefühl haben, daß diese unglückliche Situation zu beheben wäre, wenn wir das Pekingregime
anerkennten und ihm das Recht zubilligten, China bei den
Vereinten Nationen zu vertreten«. Indess, selbst wenn wir der

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

der Meinung wären, daß sich eine solche Handlungsweise moralisch
rechtfertigen ließe, bestünde doch nicht die Spur einer Aussicht,
auf irgendeine befriedigende Gegenseitigkeit im Sinne einer
Wiederherstellung unserer Beziehungen zu der Bevölkerung des
chinesischen Festlandes. Während der der Machtübernahme durch
die sogenannte Volksregierung vorausgehenden und der ihr folgenden Monate haben Funktionäre des kommunistischen China eine
Anzahl unserer offiziellen Vertreter eingekerkert und auf andere Weise mißhandelt, jedenfalls ihren offiziellen Status
keineswegs anerkannt. Als die Situation schließlich unerträglich wurde, zogen wir unsere sämtlichen diplomatischen Vertreter zurück und baten die Briten, unsere Interessen wahrzunehmen. Die Briten haben sich bemüht, dies nach besten Kräften zu
tun. Aber sie wurden an dieser Absicht gehindert. Denn während
sie das Regime anerkannten und diplomatische und konsularische
Vertretungen auf dem Festland unterhalten, zeigen sich die
Kommunisten ihrerseits keineswegs bereit, diplomatische Beziehungen mit den Briten aufzunehmen, und sie haben auch den
britischen Beamten die volle Akkreditierung verweigert. Die
Briten und auch andere, Vollakkreditierte haben vergeblich
versucht, in unserem Auftrage die Freilassung von einigen
Hundert Amerikanern zu erwirken, die gegen ihren Willen im
kommunistischen China zurückgehalten werden. 32 von ihnen
sitzen im Gefängnis, ohne Beziehung zur Außenwelt, ohne Prozeßverfahren, und sogar ohne zu wissen, welche Anklagen gegen sie
erhoben sind.
Wie sich das Pekingregime benimmt
Das Pekingregime hat sich bisher im Verkehr mit anderen
Nationen nicht an anerkannte Maßstäbe gehalten. Es hat mehrfach
die Abmachungen des Koreanischen Waffenstillstandsabkommens
verletzt. Es hat in der Behandlung der Kriegsgefangenen die
internationalen Regeln mißachtet. Um sich den für seine abenteuerlichen Aggressionen und die entsprechende Tätigkeit in
anderen Ländern erforderlichen Außenhandel zu sichern, hat es
einen Rauschgifthandel über die ganze Welt organisiert und
hat einen Erpressungsfeldzug gegen die Chinesen in Übersee
eingeleitet, deren Angehörige sich in seiner Gewalt befinden.
Zusätzlich zu seiner Aggression in Korea und seiner Herausforderung der Vereinten Nationen selbst, hat es die kommunistischen
Vietminh-Truppen mit Material und Beratern versorgt und VietminhTruppen auf chinesischem Boden ausgebildet. Es hat sich über
die traditionelle Autonomie Tibets hinweggesetzt und über ganz
Südostasien ein Programm der Einschüchterung und der Unterwerfung eingeleitet.
Innerpolitisch ist das Mao-Regime ein erbarmungsloser
Polizeistaat mit all dem was dazu gehört. Millionen von Chinesen wurden ermordet oder haben im Zusammenhang mit der niederträchtigen "Bodenreform" und den Maßnahmen gegen angebliche
Unregelmäßigkeiten privater Kaufleute Selbstmord begangen.
Eigentum von Chinesen wie von Ausländern wurde entschädigungslos enteignet. Persönliche Freiheit gibt es nicht mehr. Die

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Die Justiz der sogenannten Volksgerichtshöfe dient den politischen Zielen des Staates. Das Tun und Lassen des einzelnen
wird weitgehend kontrolliert. Sklavenarbeit besteht in großem
Maßstabe. Kinder werden dazu ausgebildet und angehalten, über
ihre Eltern und Freunde Bericht zu erstatten. Nicht einmal die
Freiheit, zu schweigen, gibt es, seitdem sich alle zur kommunistischen Politik laut bekennen müssen. "Gehirnwäsche" der
Massen ist ein Prozeß, der sich in täglichen Versammlungen und
in allen Kommunikationsmitteln laufend vollzieht. Die Familie
wurde ein besonderes Angriffsziel des kommunistischen Systems.
Die Kommunisten haben die Geschichte umgeschrieben und die
Religion zur Magd der Politik gemacht.
In Anbetracht all dieser Erwägungen dürfte es kaum überraschen, daß die unbeirrbare Politik der amerikanischen Regierung dem kommunistischen Regime Chinas einen entschiedenen
Widerstand entgegensetzt. Eine allmähliche Anerkennung des
Pekingregimes durch die Weltöffentlichkeit würde uns mit großer Sorge erfüllen.
Ferner sind wir der Meinung, daß die Anerkennung des
Peking-Regimes die anderen asiatischen Nationen in ihrem Willen,
der kommunistischen Expansion Widerstand entgegenzusetzen,
schwächen würde. Die Völker, die in der Nähe Chinas leben,
würden unter solchen Umständen leicht zu der Ansicht gelangen,
daß der Kommunismus unabwendbar sei und würden ihre politischen
und wirtschaftlichen Maßnahmen nach dieser Meinung ausrichten.
Wenn das kommunistische Regime für die 12 Millionen außerhalb des Mutterlandes lebenden Chinesen die einzige Repräsentantin Chinas wäre, so würden die Kommunisten über eine fix
und fertige Fünfte Kolonne von Bedeutung in ganz Südostasien
und in vielen anderen Ländern der Welt verfügen. Sie haben
die Unterstützung einiger dieser Chinesen, aber ihre Gefolgschaft ist merklich kleiner geworden seit jener Erpressungsepisode und seitdem die Ausschreitungen des Regimes immer mehr
offenbar wurden.
Diejenigen, die sich für eine Anerkennung des PekingRegimes einsetzen, melden sich zum Wort, um uns zu veranlassen, "die Realität anzuerkennen". Doch es entspricht nicht
unserer Tradition, die Wirklichkeit mit dem Unzumutbaren zu
verwechseln. Wir erkennen zum Beispiel mit Sorge, daß die
Zahl der Krebserkrankungen in den letzten Jahren gestiegen ist,
aber wir weigern uns, den Krebs als unvermeidlich zu betrachten.
So viel über unsere politische Haltung gegenüber dem
kommunistischen Regime Chinas. Militärisch sind die Vereinigten
Staaten der Meinung, daß der einzige Weg zur Vermeidung von
Angriffskriegen der Wille und die Bereitschaft zur entschiedenen
Abwehr ist. Und zwar an dem Ort und mit den Mitteln, die die
freie Gesellschaft für richtig hält.
^.

�"AMERIKA SIEHST"

12. Mai 1954

Die Politik des totalen Embargo
Auf wirtschaftlichem Gebiet vertreten wir die Politik des
totalen Embargos gegen das kommunistische China. Unseren Schiffen ist es untersagt, chinesische Häfen anzulaufen. Es ist wohl
klar, daß nicht jede Art von Ware geeignet ist, direkte Hilfe
auf dem Schlachtfeld zu leisten. Trotzdem glauben wir, daß gegen
einen Angreifer, der dabei ist, Truppen der Vereinigten Staaten
und anderer freier Länder zu bekämpfen und zu töten, der größtmögliche wirtschaftliche Druck ausgeübt werden müsse. Die Aggression in Korea wird, soweit sie das kommunistische China angeht,
erst dann endgültig beigelegt sein, wenn dessen Truppen sämtlich
zurückgezogen sind. Der Waffenstillstand ließ bisher nur das
Schießen aufhören - zweifellos, weil die Kommunisten den Kampf
profitlos fanden - aber wir haben bisher noch kein Anzeichen
dafür wahrnehmen können, daß das ICao-Regime seine aggressive
Politik aufgegeben hätte. Wenn die Zeit kommen sollte, da
eine Lockerung der wirtschaftlichen Kontrollen in Erwägung zu
ziehen wäre, sollten wir noch daran denken, welche Wirkung
eine solche Maßnahme hinsichtlich der Aufrüstungspläne Chinas
haben würde und seiner unverhohlenen Absicht, ganz Asien und
gegebenenfalls die Welt zu "befreien".
Genf
Natürlich wollen wir weder in Genf noch irgendwo anders
etwas unternehmen, was der Sache der Regierung der Republik
China schaden könnte. Unaere Politik geht darauf hinaus, die
moralische und materielle Unterstützung des freien Chinas zu
erweitern, und wir haben nicht die Absicht, es fallen zu lassen.
Seine Regierung war standhaft in ihrer Opposition gegen den
gesetzlosen Imperialismus. Wir vergessen nicht, daß die Regierung Chinas unter Präsident Tschiang Kai-Schek während der
langen Jahre, in denen sie auf einsamen Posten gegen die japanischen Eindringlinge stand, wiederholt Gelegenheit hatte, mit
der eindringenden Macht zu einem scheinbar vorteilhaften Vergleich zu kommen, es aber ablehnte, ihn zu schließen. Die
chinesische Regierung hat sehr bald schon die wahre Natur der
chinesischen Kommunisten erkannt und sich geweigert, mit ihnen
einen Kompromiß zu schließen. Ebenso, wie wir die unwandelbare
Freundschaft der chinesischen Regierung mit Dankbarkeit entgegennehmen, so verfolgen wir mit Genugtuung das Wachsen seiner
materiellen Stärke und politischen Anerkennung. Wir sind
durchaus bereit, diese Entwicklung weiterhin zu unterstützen,
aber wir können sie nicht selbst bestimmen. Dies ist natürlich
in erster Linie eine Angelegenheit der Chinesen. Der militärische und wirtschaftliche Fortschritt, der sich während der
letzten vier Jahre in Formosa vollzogen hat, war ermutigend.
Wir hoffen zuversichtlich, daß der Fortschritt, den das freie
China macht, sich in zunehmendem Maße in vorteilhaften Gegensatz zu den Organisierungen und Unterdrückungen durch das Regime
des Hauptlandes stellt.
w.

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Wir werden unsere militärische und wirtschaftliche Hilfe
für die Regierung des freien China fortsetzen. Wir werden
fortfahren, sie als die Regierung Chinas anzusehen, und wir
werden sie als Repräsentantin Chinas bei den Vereinten Nationen
unterstützen. Wir sind überzeugt, daß sie, obwohl sie von
ihrem Mutterlande abgeschnitten ist, den Willen des chinesischen Volkes weit mehr repräsentiert als das Peking-Regime.
Sie hat sich bei den Vereinten Nationen als fähig, verantwortungsbewußt und würdig erwiesen. Die freie Welt kann mit
dieser Regierung auf der Basis gegenseitigen Verständnisses
verhandeln.
Eine Lösung des "China-Problems" dürfte weder leicht noch
schnell zu erreichen sein. Die Zeit kann jedoch für uns arbeiten. Was die Kommunisten am meisten zu fürchten haben, ist
die Wahrheit. Diese Furcht war es auch, die sie den Eisernen
Vorhang und den Bambus-Vorhang errichten ließ. Es gibt nichts
Neues beim Kommunismus, und wir wissen, daß er auf keinen Fall
die "unentrinnbare Welle der Zukunft" ist. Er hatte eine
lange Bewährungszeit und hat sich als völlig unfähig erwiesen,
seine Versprechungen zu erfüllen. Wir sind entschlossen,
stark zu bleiben, damit wir genügend Zeit haben, durch die
Schranken der Vorhänge hindurch, die einfache Tatsache darzulegen, daß das von den freien Menschen aufgestellte System
unvergleichlich besser die Energien ausnützen und den Anforderungen der Völker gerecht werden kann als ein materialistisches und zynisches System, das sich auf Zwang und Organisierung aufbaut.
* * # * *

- 6 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET DEM AMERIKANISCHEN VOLK
WASHINGTON -(Amerika Dienst) - Außenminister
John Poster Dulles berichtete am 7»Mai 1954 dem
amerikanischen Volk über den bisherigen Verlauf
der Genfer Konferenz und nahm zu Prägen der
amerikanischen Außenpolitik Stellung« Die
Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Ich begrüße diese Gelegenheit, um zu Ihnen über die
gegenwärtig in Genf stattfindende Konferenz und damit zusammenhängende Aspekte unserer Außenpolitik zu sprechen.
Zuerst möchte ich mit
Verteidigern von Dien Bien
gegeben sein, einen echten
te zu leisten, für die sie

Ihnen zusammen den heldenmütigen
Phu Tribut zollen. Möge es uns
Beitrag zur Verteidigung der Werihr Leben gegeben haben.

Ich bin diese Woche von der Genfer Konferenz zurückgekehrt. Meine Rückkehr hatte keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen Entwicklungen der Konferenz selbst. Ich habe bereits im Februar, als die Konferenz anberaumt wurde, erklärt,
daß ich nur an den Eröffnungssitzungen teilnehmen und daß
mein Platz dann von dem stellvertretenden Außenminister General
Walter Bedell Smith eingenommen würde. Er ist in bester Weise
geeignet, unsere Delegation in Genf zu leiten.
Da die Konferenz einige Wochen dauern kann, sah ich mich
außerstande, die ganze Zeit in Genf zu bleiben. Ich bin in
den letzten sechs Monaten sehr oft von den Vereinigten Staaten
fern gewesen, um an den Konferenzen von Bermuda, Berlin,
Caracas und den beiden Sitzungen des Nordatlantikrates in
Paris teilzunehmen. Diese Zusammenkünfte stärken die Bande
mit unseren Alliierten und ermöglichen es uns, den amerikanischen Standpunkt anderen Regierungen darzulegen. Aber der
Außenminister muß auch in enger Fühlungnahme mit dem amerikanischen Volk und dem Kongreß stehen, und um unseren Einfluß
in außenpolitischen Dingen voll geltend zu machen, muß die
Regierung das Verständnis und die Unterstützung der afrikanischen Bevölkerung bei ihrer Politik haben.
Die Genfer Konferenz hat zwei Aufgaben. Die erste besteht
darin, einen Weg zur Vereinigung Koreas zu finden. Die zweite
ist darauf gerichtet, die Möglichkeit einer Wiederherstellung
des Friedens in Indochina zu erörtern.
Die
_ 1_

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Die sow4etische Delegation hat sich dagegen aber bemüht,
die Konferenz für andere Zwecke auszunutzen. Sie hat durch verschiedene Taktiken versucht, den falschen Eindruck zu erwecken,
als ob diese Konferenz Rotchina als eine der'fünf Großmächte'
akzeptiert oder ihm einen neuen internationalen Status gegeben
habe.
Diese beiden Fragen wurden in Verbindung mit der Einberufung der Konferenz geklärt, und die Sowjetunion hatte sich dann
dazu bereitgefunden, daß die Konferenz nicht eine Angelegenheit
der fünf Mächte sein noch daß sie irgendeine Anerkennung Rotchinas einschließen würde. Die USA und ihre Alliierten hielten
an dieser Auffassung unverbrüchlich fest, und die Sowjets konnten sie schließlich nur akzeptieren.
ÄIS ich aus Genf abreiste, waren die Verhandlungen über die
Korea-Phase der Konferenz organisiert worden und in vollem Gange.
Ich will zunächst davon sprechen und dann auf Indochina übergehen,
wo immer noch aktiv gekämpft wird und wo die Frage einer eventuellen amerikanischen Teilnahme zu erwägen wäre.
Korea ist jahrelang das Faustpfand großer Mächte gewesen.
Rußland, Japan und China haben Korea mißbraucht und ausgebeutet
und seine Bevölkerung versklavt gehalten. Die Koreaner wollen
jetzt nur vereint und frei sein und alleine gelassen werden. Tatsächlich ist Korea jedoch geteilt, und Nordkorea lebt unter
dem Joch Rotchinas. Es ist doch wohl nicht mehr als recht und
billig, daß die Kommunisten dem koreanischen Volk endlich gestatten sollten, sein leben selbst zu leben, und seine Freiheitsbestrebungen zufriedenzustellen.
Als die Genfer Konferenz organisiert war, kamen die Kommunisten mit ihrem Programm für die Einigung Koreas heraus. Leider war dies kein Programm, das die Wünsche des koreanischen
Volkes nach Einheit und Freiheit erfüllte. Das Programm war wie Präsident Eisenhower es nannte - eine 'chinesische Kopie'
des sowjetischen Schemas für die Wiedervereinigung Deutschlands.
Sie wollen die Wahlen so aufgezogen haben, daß die Kommunisten
das Ergebnis praktisch diktieren und damit ihre Herrschaft dem
ganzen Lande auferlegen können.
Im Falle Deutschlands kontrollieren die Kommunisten die
Ostzone, die nur etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung
Deutschlands umfaßt. Im Falle Koreas kontrollieren sie etwa
ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Die Kommunisten bestehen
jedoch in beiden Fällen darauf, daß dies ihnen das Recht auf
eine gleiche Beteiligung bei der Festlegung der Wahlbedingungen
gibt. Darüber hinaus wollen sie durchsetzen, daß es keine unparteiische Überwachung oder Beobachtung der Wahlen geben darf, womit wir sicherstellen wollen, daß diese fair und ohne Zwang
durchgeführt werden.
Die Kommunisten sind überzeugt, daß unter diesen Vorbedingungen ihre Kandidaten gewinnen könnten.
Dieses

�«AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Dieses Schema wurde, als es für Deutschland vorgeschlagen
wurde, von der Bundesrepublik Deutschland und den drei Westmächten in Berlin abgelehnt. Dieses Schema muß in gleicher
Weise auch für Korea zurückgewiesen werden. Ich kann Ihnen
versichern, daß die amerikanische Delegation alles in ihrer
Macht stehende tun wird, um auf friedlichem Wege die Unabhängigkeit, Freiheit und Einheit Koreas herbeizuführen.
über 140 000 dem UN-Oberkommando unterstellte Amerikaner
wurden getötet oder verwundet, als sie verhinderten, daß Korea
von einer bewaffneten Invasion überrannt wurde. Ich verspreche
Ihnen, daß wir am Konferenztisch in Genf die Freiheit nicht
opfern werden, für die so viele gekämpft haben und gefallen
sind.
Wir drängen die Kommunisten, ehrenhaften Wahlen zuzustimmen, die von zuverlässigen ausländischen Beobachtern
überwacht werden, die wiederum Wirklich freie Wahlen garantieren. Ob die Kommunisten dies annehmen werden, muß abgewartet werden. Wenn sie diese Bedingungen annehmen, dann, so bin
ich überzeugt, kann Korea wiedervereint werden.
Das Problem Südostasien
Ich möchte mich jetzt dem Problem Südostasien zuwenden.
Auf dieser großen Halbinsel und den im Süden vorgelagerten
Inseln leben annähernd 200 Millionen Menschen in sieben Staaten - Burma, den drei assoziierten Staaten von Indochina Laos, Kambodscha und Vietnam - Thailand, Malaya und Indonesien.
Eine kommunistische Eroberung dieses Gebietes würde die Stellung der freien Welt im westlichen Pazifik ernsthaft gefährden.
Sie würde u.a. die Philippinen, Australien und Neuseeland in
Gefahr bringen, Staaten, mit denen die USA gegenseitige Sicherheitsabkommen geschlossen haben. Sie würde weiter Japan wichtiger Außenhandelsmärkte sowie Rohstoff- und Nahrungsmittelquellen berauben.
In einem der drei indochinesischen Staaten,Vietnam, ist
der Krieg seit 1946 im Gange. Als er begann, war Indochina
eine französische Kolonie, die gerade von der japanischen
Besetzung befreit worden war. Es war ursprünglich ein Krieg,
der die nationale Unabhängigkeit anstrebte. Was als ein Bürgerkrieg begann, ist nun von dem internationalen Kommunismus
für seine eigenen Zwecke ausgenutzt worden. Der kommunistische
Führer Vietnams, Ho Chi Minh, wurde in Moäkau ausgebildet und
erwarb seine ersten Erfahrungen als Berufsrevolutionär in
China.
Im Namen des Nationalismus zielen die Kommunisten darauf
ab, die Bevölkerung von Vietnam ihrer Unabhängigkeit zu entkleiden, indem sie sie dem neuen Imperiali smust des Sowjetblocks unterwerfen» Was sich gegenwärtig in Indochina abspielt, ist ein perfektes Beispiel der kommunistischen Strategie, die Lenin und Stalin vor vielen Jahren ausgearbeitet
hatten und die die Kommunisten anwandten, um große Teile
Asiens zu unterwerfen.
Das

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Das Gebiet Indochinas war verwundbar. Die Regierungen
von Vietnam, Laos und Kambodscha hatten noch nicht ihre volle
nationale Unabhängigkeit erhalten. Ihre Völker waren nicht
ausreichend organisiert, um gegen die kommunistisch geführten
Rebellen zu kämpfen, und sie waren nicht der Auffassung, daß
bei diesem Kampf große Dinge auf dem Spiele stehen, die große
Opfer rechtfertigen.
Präsident Eisenhower wurde mit dem Problem vertraut, als
er Oberbefehlshaber der NATO in Europa war. Er hat gesehen,
wie der Krieg in Indochina Frankreich belastet und ausgesogen
hat. Er bemerkte die zunehmende Unzufriedenheit in Frankreich
über den langen Krieg, in dem Frankreich die Hauptlast des
Kampfes auf sich nahm und der zunehmende menschliche und materielle Anforderungen stellte.
Ich erinnere mich, daß wir uns im Dezember 1952, als
General Eisenhower als gewählter Präsident von seiner Koreareise zurückkehrte, auf dem Kreuzer Helena ernsthaft mit dem
Indochina-Problem befaßten. Wir kamen zu der Erkenntnis, daß
die Kommunisten in ganz Südostasien eindringen könnten, wenn
Vietnam in feindliche Hände fiele und wenn die Nachbarstaaten
dieses Lancfesschwach und uneinig blieben. Aus diesen Gründen
richtete die Regierung Eisenhower von Anfang an ihr besonderes
Augenmerk auf das Problem Südostasien.
Unsere Bemühungen bewegten sich auf zwei sich ergänzenden
Linien. Wir suchten den Widerstand gegen den Kommunismus in
Indochina zu stärken, und wir versuchten auch, in Südostasien
eine breitere Verteidigungsgemeinschaft aufzubauen.
Maßnahmen für Indochina
Für Indochina selbst scheinen uns die folgenden Maßnahmen
wichtig zu sein: Erstens die Franzosen sollten ihre Absicht,
den Staaten Vietnam, Laos und Kambodscha volle Selbständigkeit
zu gewähren, der Verwirklichung näherbringen. Das würde dem
falschen kommunistischen Anspruch, einen Kampf um die nationale Unabhängigkeit zu führen, den Boden entziehen.
Zweitens: Man sollte sich mehr auf die nationalemArmeen
stützen, die in ihrem eigenen Lande kämpfen würden. Dies könnte nach unserer Ansicht geschehen, wenn die Bevölkerung weiß,
daß sie einen guten Grund zum kämpfen hat, und wenn sie feststellt, daß bessere Möglichkeiten für die Ausbildung und Ausrüstung ihrer Streitkräfte vorhanden sind.
Drittens: Die freie Welt sollte eine größere Unterstützung gewähren. Frankreich hat einen Kampf geführt, der seine
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit überlastet.
Auf jedem der drei Gebiete sind viele Fortschritte gemacht
worden. Die französische Deklaration vom 3.Juli 1953 versprach
für Vietnam, Laos und Kambodscha die volle Unabhängigkeit. Be-

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12. Mai 1954

Bereits jetzt ist ein Unabhängigkeitsvertrag mit Laos abgeschlossen worden, und Staatschef Bao-Dai teilte mir vor zwei
Wochen in Paris mit, daß seiner Ansicht nach Vietnam die Zusicherung der Unabhängigkeit gegeben worden sei.
Auf der militärischen Seite wurde von General Navarre ein
Zwei-Jahresplan ausgearbeitet. Dieser Plan war darauf abgestellt,
die Ausbildung der einheimischen Streitkräfte zu beschleunigen.
Die Kosten dieses Planes sind beträchtlich. Die USA, die
bereits einen Teil der Kosten des Krieges bezahlten, erklärten
sich bereit, die Hauptlast der Gesamtkosten zu tragen. Wir
leisten gegenwärtig einen Beitrag von etwa 800 Millionen Dollar
im Jahr, zuzüglich sehr großer Lieferungen an militärischen
Gütern.
Trotz der Gewinne an diesen Fronten wuchs die Überzeugung
des französischen Volkes, daß Prankreich im Hinblick auf seine
Verantwortung in Asien, Afrika und Europa überbeansprucht werde.
Aus diesem Grunde stellte die französische Regierung, als ich im
Januar und Februar mit den Außenministern von Prankreich, Großbritannien und der Sowjetunion in Berlin zusammentraf, das Ersuchen, daß die vorgesehene Korea-Konferenz ausgeweitet würde,
um auch das Problem eines Friedens in Indochina zu erörtern.
Kurz nach Beendigung der Berliner Konferenz begannen die Kommunisten, wie es von ihnen zu erwarten war, ihre militärischen
Trümpfe im Hinblick auf Menschen und Material in einer verzweifelten Bemühung auszuspielen, um einen Sieg zu erringen, den
sie für politische Zwecke ausschlachten könnten. Sie konzentrierten sich auf einen Massenangriff gegen einen der französischen Außenposten - Dien Bien Phu. Dieser Angriff wurde mit
einer rücksichtslosen Mißachtung des menschlichen Lebens vorgetragen.
Jetzt ist Dien Bien Phu gefallen. Seine Verteidigung in
57 Tagen und Nächten wird als eine der heroischsten Taten aller
Zeiten in die Geschichte eingehen. Die aus französischen und
einheimischen Streitkräften zusammengesetzten Verteidiger fügten dem Gegner furchtbare Verluste zu. 'Die französischen Soldaten haben gezeigt, daß sie weder den Willen, noch das Können
verloren haben, selbst unter den ungünstigsten Bedingungen zu
kämpfen. Es hat sich gezeigt, daß Vietnam Soldaten hervorbringt,
die das Zeug haben, ihr Land zu verteidigen.
Ein heldenhafter Kampf ist zu Ende gegangen. Aber in der
Geschichte wurde schon häufig eine große Sache letztlich doch
trotz verlorener Schlachten zum Siege geführt.
Rotchina hat die Vietminh-Rfebellen mit Munition, Lastkraftwagen, Flak-Artillerie, Radargeräten, technischem Material
und technischem Personal unterstützt. Vor einer offenen Intervention sind die chinesischen Kommunisten jedoch zurückgeschreckt.
Es kann sein, daß die Warnungen der Vereinigten Staaten, jede
derartige Intervention werde folgenschwere Konsequenzen haben,
die unter Umständen nicht auf Indochina beschränkt bleiben würden,
Rotchina von diesem Schritt zurückgehalten hat.
- ,, ...
Kollektive
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12. Mai 1954

Kollektive Verteidigung
Während dieser Zeit haben die Vereinigten Staaten auch die
zweite Linie verfolgt, nämlich durch kollektive Maßnahmen in
Südostasien einen Block der Stärke zu schaffen»
Schon im Jahre 1951 habe ich mit den Philippinen, Australien und Neuseeland entsprechende Verträge ausgearbeitet. Die
Verträge brachten zum Ausdruck, daß das betreffende Gebiet für
die Vereinigten Staaten von lebenswichtiger Bedeutung ist und
daß die Verträge selbst nur einen ersten Schritt darstellten in
der Schaffung eines umfassenderen Systems der kollektiven Sicherheit für dieses Gebiet.

Um die Schaffung eines solchen Systems haben wir uns seitdem ständig bemüht, doch hat sich seine Verwirklichung als recht
schwierig erwiesen. Es gab hier Unterschiede der Rasse und der
Kultur und Unterschiede in der Entwicklung der verschiedenen
nationalen Selbstregierungen. Die Länder, die ihre Unabhängigkeit von dem westlichen Kolonialismus oder dem japanischen
Imperialismus gewonnen hatten oder im Begriff standen zu erlangen, waren in vielen Fällen von den Gefahren der Vergangenheit,
denen sie gerade entronnen waren, viel stärker beeindruckt als vor
der Bedrohung einer zukünftigen Gefahr. Die Erinnerung an die
Vergangenheit machte sie für die bestehenden Gefahren des kommunistischen Imperialismus blind. Sie waren darum nicht in der
Lage, jene Opfer zu bringen, die jedes kollektive Sicherheitssystem fordert.
Diese Lage begann sich jedoch zu verändern, und im Frühjahr
dieses Jahres hatte es den Anschein, daß ein Programm zur kollektiven Verteidigung in einem breiteren Rahmen aufgestellt werden
könnte.
Am 29.März 1954 stellte ich nach Beratungen mit führenden
Vertretern des amerikanischen Kongresses beider Parteien und
nach Rücksprache mit unseren wichtigsten Alliierten fest: 'Unter
den gegenwärtigen Bedingungen würde die Aufzwingung des politischen Systems des kommunistischen Rußland oder seiner chinesischen Kommunistischen Verbündeten in Südostasien, gleichgültig
durch welche Mittel, eine ernste Gefahr für die gesamte freie
Welt darstellen. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß
diese Möglichkeit nicht passiv hingenommen werden darf, sondern
daß ihr durch gemeinsame Maßnahmen begegnet werden sollte1.
Die Erklärung war nichts Äeues, obwohl die Umstände des
Augenblicks den Worten eine neue Bedeutung gaben.
In seiner am 16.April im vergangenen Jahr gehaltenen Rede
hatte Präsident Eisenhower davon gesprochen, daß 'die Aggression
in Korea und in Südostasien eine Bedrohung für die gesamte Gemeinschaft der freien Welt darstellt, der durch eine gemeinsame
Aktionfeegegnetwerden muß'.
Nachdem wir unsere Ziele dem amerikanischen Volk dargelegt
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dargelegt hatten, erörterten wir diese Frage unverzüglich mit
den Vertretern von neun freien Nationen, die ein unmittelbares
Interesse an diesem Gebiet haben, nämlich mit Vietnam, Laos,
Kambodscha, Thailand, den Philippinen, Australien, Neuseeland,
Frankreich und Großbritannien. Wir setzten andere Staaten,
deren Interessen hiervon berührt werden konnten, davon in
Kenntnis.
Die Regierungen von Großbritannien und Frankreich haben
mich gebeten, ihre Hauptstädte aufzusuchen, um unsere Konzeption
weiter zu entwickeln. Nach Konferenzen mit Sir Winston Churchill
und Außenminister Eden am 12. und 13.April in London, gaben
wir ein gemeinsames Amerikanisch-Britisches Kommunique heraus,
das nach einer Darlegung der sich aus der kommunistischen
Kriegführung in Indochina ergebenden Gefahr für das gesamte
Gebiet Südostasiens und des westlichen Pazifik zu folgendem
Schluß kam: 'Demgemäß sind wir bereit, zusammen mit anderen
hauptsächlich interessierten Staaten an einer Prüfung der Möglichkeiten der
Richtung einer kollektiven Verteidigung im
Rahmen der Charta der Vereinten Nationen teilzunehmen, um den
Frieden, die Sicherheit und die Freiheit Südostasiens und des
westlichen Pazifik anzustreben'.
In Paris kam es zu einer ähnlichen Abmachung mit Ministerpräsident Laniel und Außenminister Bidault.
Der damit erreichte Fortschritt war das, was die USA angestrebt hatten. Wir beabsichtigten niemals irgendeine plötzliche
aufsehenerregende Handlung, wie etwa ein Ultimatum an Rotchina».
Unser Ziel war es, eine grundsätzliche Einigkeit der konstruktiven Zielsetzung zu erreichen. Wir sind diesem Ziel nähergekommen. Ich bin überzeugt, daß sich die Einigkeit der Zielsetzung durchsetzt und daß ein solch tragisches Ereignis, wie
der Fall von Dien Bien Phia, unser Ziel, vereint zu bleiben,
stärken und nicht schwächen wird.
Die Vereinigten Staaten und andere unmittelbar betroffenen
Länder ziehen die Errichtung eines kollektiven Verteidigungssystems sorgfältig in Erwägung und führen Besprechungen in dieser Richtung. Wir müssen uns darüber einig werden, wer an der
gemeinsamen Verteidigungsanstrengung teilnehmen soll, und welches die Verpflichtungen der Beteiligten sein sollen.
Es muß in Rechnung gestellt werden, daß Schwierigkeiten aufgetaucht sind, aber dies war zu erwarten. Die Kompliziertheit
des Problems ist groß. Wie ich bereits betont habe, waren die
Komplikationen derart, daß es erst vor einigen Monaten möglich
war, damit zu beginnen. Angesichts aller gegebenen Umstände
glaube ich, daß gegenwärtig gute Fortschritte gemacht werden.
Meiner festen Überzeugung nach wird der Ausgang der Entwicklung
so sein, daß die kommunistische Aggression nicht imstande sein
wird, ihre Bestrebungen in Südostasien zu verwirklichen.
Dies mag schwerwiegende Verpflichtungen für uns alle bedeuten. Aber die freien Völker werden niemals frei bleiben, wenn

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12. Mai 1954

wenn sie nicht den Willen haben, für ihre lebenswichtigen
Interessen zu kämpfen. Darüber hinaus können die vitalen
Interessen nicht länger durch eine bloße lokale Verteidigung
geschützt werden. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Verteidigung und für die Abschreckung eines Angriffs ist der Zusammenschluß für eine gemeinsame Verteidigung. Das ist das,
was die USA in Südostasien anstreben.
Die Frage bleibt bestehen, was die USA hinsichtlich der
gegenwärtigen Feindseligkeiten in Vietnam tun sollten.
In Korea haben wir gezeigt, daß wir unter entsprechenden
Bedingungen zu einem militärischen Eingreifen bereit sind,
wenn dies notwendig ist, um unsere lebenswichtigen Interessen
und die Grundsätze zu wahren.auf denen ein dauerhafter Friede
beruhen muß.
In Korea haben wir uns zusammen mit anderen Nationen zur
Verteidigung einer unabhängigen Regierung zusammengetan, die
bereits einem bewaffneten Angriff Widerstand leistete. Wir
taten dies auf Ersuchen der Republik Korea und im Auftrage der
Vereinten Nationen. Das Koreanische Volk war von einem tiefen
patriotischen Gefühl durchdrungen und willens, eine eigene
Macht zu entwickeln. Die Fragen, um die es hier ging, wurden
vor dem Forum der Welt durch die Entschlüsse der Vereinten
Nationen klargestellt. Unter diesen Umständen kämpften wir
und unsere Alliierten, bis der Feind um einen Waffenstillstand
nachsuchte.
In Indochina ist die Lage weitaas verwickelter. Die gegenwärtigen Bedingungen bieten keine annehmbare Grundlage für die
Vereinigten Staaten, mit ihren bewaffneten Streitkräften einzugreifen.
Die Genfer Konferenz mag vielleicht eine Klärung der Lage
bringen. Die Franzosen haben ihren Wunsch für einen Waffenstillstand zu ehrenhaften Bedingungen und unter geeigneten
Sicherheiten geäußert. Wenn sie eine Regelung zu Bedingungen
erreichen können, die die Freiheit der Bevölkerung von Vietnam
nicht gefährden, dann wäre dies ein echter Beitrag zu der
Sache des Friedens in Südostasien. Wir wären jedoch zutiefst
besorgt, wenn in Genf ein Waffenstillstand oder eine Waffenruhe zustande käme, die den Weg für eine kommunistische Machtübernahme und weitere Aggressionen bereiten würden. Wenn dies
eintrifft, oder wenn die Feindseligkeiten weitergehen, dann
wird sich die noch dringendere Notwendigkeit zur Schaffung der
Bedingungen für eine gemeinsame Aktion zur Verteidigung des
Gebietes ergeben.
Wenn es darum geht, Verpflichtungen auf sich zu nehmen,
die den Einsatz bewaffneter Streitkräfte zur Folge haben könnten,
dann hat der Kongreß mitzusprechen. Nur der Kongreß kann den
Krieg erklären. Präsident Eisenhower hat wiederholt betont,
daß er keine militärische Maßnahme in Indochina ohne die Unterstützung des Kongresses anordnen würde. Darüber hinaus hat er
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er klargemacht, daß er eine solche Maßnahme nicht anstreben
würde, ohne daß nach seiner Ansicht eine ausreichende Kollektive Anstrengung unternommen wird, die auf dem Grundsatz einer
echten Gemeinsamkeit der Zielsetzung in der Verteidigung lebenswichtiger Interessen beruht.
Die kommunistische Propaganda hat sich mit allen Kräften
bemüht, es als etwas Grundböses hinzustellen, wenn Asien sich
mit den amerikanischen Staaten und Europa zusammenschließt,
um jenen Beistand zu erlangen, der den asiatischen Völkern
helfen würde, ihre Freiheit zu sichern. Die kommunistischen
Völker haben hier das Schlagwort 'Asien den Asiaten' geprägt.
Eines ähnlichen Schlagwortes bedienten sich schon einmal
die japanischen Kriegsherrn, als öie Asien unter ihr despotisches Regiment zu bringen versuchten. Das gleiche Thema schlug
auch Molotow in Berlin an, als er 'Europa für die Europäer'
forderte und vorschlug, die Europäer sollten ihre Sicherheit
durch Abkommen zu erreichen suchen, durch die die Amerikaner
nach den Vereinigten Staaten zurückgeschickt würden.
Große despotische Mächte haben stets gewußt, daß sie ihren
Willen durchsetzen und ihre Eroberungen ausnützen können, wenn
die freien Nationen abseits stehen und keiner dem anderen hilft.
Man sollte sich in diesem Zusammenhang daran erinnern,
daß sich die sowjetkommunistische Aggression in Europa nur gegen solche Länder richtete, die keinen kollektiven Sicherheitsabkommen angehörten. Seit der Schaffung der NATO hat es in
Europa keine erfolgreiche Aggression mehr gegeben.
Natürlich ist es von äußerster Wichtigkeit, daß die Teilnahme der USA an der Schaffung eines kollektiven Sicherheitssystems in Asien auf einer Grundlage beruhen muß, die die Aspirationen und kulturellen Bestrebungen der asiatischen Völker
vollständig in Rechnung stellt. Wir haben das materielle und
industrielle Potential zur Verfügung, das ihnen fehlt und
welches ein wesentliches Element der Sicherheit darstellt.
Diese Länder besitzen auch eigene kulturelle und geistige
Werte, die sie in moralischer Beziehung uns durchaus gleichgestellt sein lassen.
Als erste Kolonie in der neueren Geschichte, die sich
ihre Unabhängigkeit selbst erringen konnte, teilen die Vereinigten Staaten instinktiv die freiheitlichen Bestrebungen
aller abhängigen und kolonialen Völker. Wir wollen an der
Ausbreitung der Freiheit mithelfen und sie nicht behindern.
Wir trachten nicht danach, den westlichen Kolonialismus
zu verewigen und wir finden den neuen imperialistischen Kolonialismus deB Kommunismus sogar noch unerträglicher.
Das

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Das ist der Geist, der uns beseelt. Wenn wir diesem
Geist die Treue bewahren, dann können wir der Zukunft mit Vertrauen entgegenblicken, mit dem Vertrauen, daß wir im Einklang mit jenen moralischen Kräften stehen, die letzten Endes
die Oberhand behalten werden."
*

* * * *

i

/

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�A M E R I K A

D I E N S T

KERNPROBLEME DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Im folgenden übermitteln wir Ihnen den
vollen Wortlaut einer Rede des amerikanischen Außenministers John Poster Dulles,
gehalten am 15.Mai 1954 anläßlich des Jahrestages der Amerikanischen Unabhängigkeitsresolution von Virginia und der 'Virginia
Bill of Rights1.
'AILLIAkSBÜRG, Virginia - (Amerika Dienst) - "Es ist mir
eine Ehre, daß Sie mich um die Teilnahme an diesem jährlich gefeierten Gedenktage der Unabhängigkeitsentschließung von
Virginia und der 'Virginia Bill of Rights' gebeten haben.
Heute ist gleichzeitig der Tag der amerikanischen Streitkräfte. Zwischen den beiden Konzeptionen, nämlich der der
politischen Freiheit und der ihrer Verteidigung besteht eine
deutliche Verbindung. Unabhängigkeit und Menschenrechte behaupten sich nicht allein deshalb, weil sie proklamiert worden sind. Sie sind abhängig von dem Willen und der Fähigkeit
der Menschen,dafür zu kämpfen und, wenn es für ihre Erhaltung
nötig ist, auch dafür zu sterben. Das ist das besondere Pflichtgebot unserer Armee, und heute, da wir der historischen Taten
der Vergangenheit gedenken, ehren wir auch jene Männer, die
bereitstehen, das heutige Erbe der Freiheit zu verteidigen.
Historische Taten wie jene, die im Jahre 1776 hier vollbracht wurden, sollten stets ins Gedächtnis zurückgerufen
werden. Damit soll nicht nur eine Schuld der Gegenwart an die
Vergangenheit abgetragen werden. Wir sind es uns selbst schuldig, die tiefe Weisheit und die großen Glaubenstaten unser
Vorväter immer frisch in Erinnerung zu behalten. Denn wie in
der Virginia Bill of Rights verkündet wurde, können einem
Volke weder eine freie Regierung noch die Segnungen der Freiheit erhalten bleiben, denn durch häufiges Sich-Besinnen auf
die grundlegenden Prinzipien.
Es waren große Ereignisse, die sich in den ersten sechs
Monaten des Jahres 1776 hier in Williamsburg abspielten. Die
Unabhängigkeitsentschließung, die am 15.Mai 1776 von der
Virginia-Delegiertenversammlung gefaßt wurde, war der unmittelbare Auftakt zu der Unabhängigkeitserklärung des 4.Juli.
Die Virginia Bill of Rights, die am 12.Juni 1776 angenommen
wurde, führte direkt zu unserer konstitutionellen Bill of
Rights.
Der Kurs, den Virginia einschlug, war bestimmt von dem

�"AnuEKIKA LIEBST"
19. Mai 1954
dem Geist, der alle Kolonien durchdrang, und er führte zur
Schaffung einer politischen Union auf diesem Kontinent, inspiriert von den Grundsätzen der Religion, geweiht der Freiheit und Gerechtigkeit.
Das löste bald weltbewegende Folgen aus. Unsere Republik
zeitigte so reiche Früchte - in geistiger, intellektueller und
materieller Hinsicht -, daß sie weithin als 'das große amerikanische Experiment' bekannt wurde.
Und dies geschah zu einer Zeit, da die Flut des Despotismus einen Höchststand erreicht hatte. Zar Alexander und seine
Verbündeten suchten damals ihre koloniale Domäne und ihr politisches System über die ganze Welt zu verbreiten.
Zu jenem kritischen Zeitpunkt brachte das Beispiel unseres
Volkes den Menschen überall neue Anregungen und erweckte in
ihnen das Streben nach Freiheit. Dieser Druck wurde so stark,
daß die Despoten schließlich gezwungen waren, ihren Griff zu
lockern. Es folgte ein Jahrhundert, welches für viele Menschen
größere politische Freiheit und eine erhebliche Verbesserung
ihres wirtschaftlichen und sozialen Wohlergehens mit sich
brachte. Heute steht unser Volk vor Verhältnissen, die in
vieler Hinsicht den Verhältnissen während der ersten Jahre
unserer Republik ähnlich sind. Wieder droht eine Flut von
Despotismus die Welt zu verschlingen.
Das kam nicht zuletzt als Strafe für die Unfähigkeit der
Menschen, Kriege zu verhüten. Der erste Weltkrieg und die Niederlage Rußlands ermöglichte es einer kleinen Gruppe fanatischer Kommunisten, das große Volk unter ihre Gewalt zu bekommen.
Der zweite Weltkrieg machte es dieser Gruppe möglich, ihren
Machtbereich nach Osten und Westen auszudehnen, so daß sie heute
über 800 Millionen herrscht, das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Erde. Immer noch suchen diese Herrscher ihre
Herrschaft auszuweiten. Das wird besonders auffällig im Hinblick auf die 200 Millionen Menschen Südostasiens. Ihr Ziel,
zu dem sie sich bekannten, liegt darin, die gesamte Menschheit ihrem System zu unterwerfen.
Die Vereinigten Staaten sind heute ein großes und mächtiges Volk, wohl in der Lage, einen weit größeren materiellen
Einfluß auszuüben als die junge Republik von damals. Wir sind
heute ein gereiftes Volk, und wir sind reich an materiellen
Gütern. Das macht es für uns schwieriger, moralischen Einfluß
auszuüben so wie wir ihn damals gewannen als wir noch besitzarme Revolutionäre waren. Damals war unser drängender
Geist noch unbelastet und erschien anderen als eine Fackel,
die der Welt jene Werte sichtbar machte, die in der Freiehit
wurzeln.
Auch sind die Kräfte des Despotismus heute furchtbarer
als je zuvor. Früher war aggressiver Imperialismus meistens
die Widerspiegelung der Ambitionen einer einzelnen Nation oder
eines einzelnen Mannes. Er hatte nie zuvor diesen Status einer
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einer wohlausgeklügelten intellektuellen Glaubenslehre, die
auf der ganzen Welt verbreitet und von vielen Völkern fanatisch
verfochten wird.
Der kommunistische Despotismus nun, der die sogenannte
Diktatur des Proletariats proklamiert, ist eine Lehre von
starker Anziehungskraft auf Jene, die keinen festen Glauben
an die geistige Natur des Menschen haben. Sie gibt auf plausible Weise vor, das zu verkörpern, was sie als eine große
und unwiderstehliche Kraft der Natur und der Geschichte bezeichnet.
Wenn jemand nicht an eine geistige Ordnung glaubt, wenn
jemand die Tatsache des moralischen Gesetzes, das die Virginia
Bill of Rights "unsere Pflicht gegenüber dem Schöpfer" nennt,
mißachtet, dann freilich ist es schwierig, der These entgegenzutreten, daß die Menschen Sklaven des Staates zu sein hätten
und daß ein Staat die anderen Staaten zu beherrschen habe.
Wenn man es als Prämisse gelten läßt, daß der Mensch ledig
lieh eine Sache sei, dann ist es leicht, die Folgerung zu ziehen, wie es die Kommunisten tun, daß sich die größte Harmonie
und die größte Fruchtbarkeit in einer völlig einförmig organisierten Gesellschaft ergebe, in der jedes Anderssein als Sand
im Getriebe einer empfindlichen Maschine behandelt wird. Wenn
alle Leute in ihrem Handeln, in ihrem Denken, in ihrem Glauben
ausgerichtet sind, dann, so folgert man, werde es jene Kollisionen, jene Störungen nicht mehr geben, die soziale Unruhen
und Kriege hervorbringen. Dann, so sagt man, werde Frieden und
höchster Wohlstand sein, weil wir dann auf den Menschen dieselben Grundsätze angewendet haben, von denen wir erfahrungsgemäß wissen, daß sie bei den Haustieren Eintracht und Gedeihen fördern.
Es ist wahr, ein System politischer Freiheit und nationaler Souveränität ist nur dann gesund und erträglich, wenn die
Bürger Selbstzucht und Selbstbeherrschung im Sinne des Sittengesetzes üben und nach der Goldenen Regel handeln. Es ist unerläßlich für eine freie Gesellschaft, daß die Autorität des
Sittengesetzes geachtet wird. Andernfalls verfällt eine freie
Gesellschaft einem Zustand unerträglicher Willkür.
Sie werden sich erinnern, daß George Washington in seiner
Abschiedsrede ausführte, daß 'Sittlichkeit eine der unerläßlichen Voraussetzungen der Volksregierung1 sei. Und er sagte
weiter, daß Sittlichkeit ohne Religion unmöglich Bestand haben
könne. Im Grunde ist der gegenwärtige Konflikt zwischen Freiheit und Despotismus ein Konflikt zwischen einem geistigen und
einem materiellen Welt- und Menschenbild.
Ich glaube nicht, daß die Auseinandersetzung rasch oder
leicht beigelegt werden wird. Ganz sicherlich wird sie nicht
beigelegt werden durch irgendeine vereinbarte Trennung der
Menschheit in Freie und Unfreie. Es wäre nicht tragbar für

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�"AixiEixiKA DIENST"

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für uns, Hunderte von Millionen menschlicher Seelen einer despotischen Herrschaft zu überlassen. Auch vom Standpunkt der
Kommunisten her gesehen, böte eine solche Regelung keine Sicherheit. Die sowjetischen Machthaber erzählen uns gelegentlich, daß eine Koexistenz zwischen ihrer Gesellschaft und uns
möglich wäre. Wir müssen indessen vor solchen Kundgebungen auf
der Hut sein. Koexistenz ist mit dem sowjetischen Glaubensbekenntnis oder der sowjetischen Praxis nicht vereinbar, es sei
denn, daß man Nichtkommunisten allenfalls erlaubt, physisch
zu existieren. Es kann den Sowjets unmöglich genügen, daß die
Freiheit nur in den von ihnen gegenwärtig beherrschten Gebieten unterdrückt ist. Die Freiheit ist überall eine konstante
Gefahr für sie, denn der Freiheit wohnt eine ansteckende und
dynamische sittliche Kraft inne. Daher folgern die Kommunisten,
daß es eine notwendige Maßnahme der Verteidigung sei, die Freiheit in ihrem Machtbereich zu unterdrücken. Auf diese Weise
werden die Sowjetmachthaber nicht nur von ihrem Machttrieb,
sondern auch von ihrer Doktrin, von ihren Ängsten getrieben,
den Bereich ihrer Kontrolle immer mehr zu erweitern.
Wir haben in diesem Jahr bis jetzt in gutem Glauben mit den
Sowjetmachthabern verhandelt über den Gebrauch der Atomenergie,
über Deutschland, Österreich, Korea und nun über Indochina.
Überall begegnet man einem zusammenhängenden taktischen System.
Niemals wollen sie ihren Griff lockern, wenn sie erst etwas
gepackt haben. In jedem der von mir gemeinten Gebiete bestehen
sie auf ganz bestimmten Formeln, die nicht allein die Fortführung ihrer Herrschaft in den schon eroberten Gebieten gewährleisten, sondern es ihnen auch erlauben, durch Anwendung
ihrer rücksichtslosen Methoden die Macht in solchen Gebieten
zu erringen, die noch frei sind. Es könnte die Frage gestellt
werden, warum wir überhaupt verhandelt haben, wenn diese Ergebnisse vorauszusehen waren. Meine Antwort lautet, daß kein
Mensch das Recht hat sich einzubilden, er sehe die Zukunft klar
genug, um wirklich darüber urteilen zu können, ob der Krieg unvermeidlich und alles Entgegenkommen vergeblich sei.
Die Bemühungen um einen anständigen Frieden müssen auf
gesitteter Achtung vor dem Willen der Menschheit beruhen.
Auch klären sie die Ziele. Das sind die Gründe, warum wir mit
denen, die sich selbst unsere Feinde nennen, hochoffizielle
Gespräche führten, Gespräche, die seit fünf Jahren abgebrochen
waren. Wir haben diesen Gesprächen gewisse Sicherungen vorgebaut, um zu verhindern, daß falsche Hoffnungen entstehen oder
unsere Wachsamkeit im Wesentlichen nachläßt. Wir haben die
Freiheit dort, wo sie in der freien Welt herrscht nicht verraten, und wir haben mit denen, die die Freiheit verloren
und sie ersehnen, den Glauben bewahrt.
Das Ergebnis dieser Gespräche, die unter solchen Bedingungen geführt wurden, war schließlich eine Demonstration
der unversöhnlichen Ziele des sowjetkommunistischen Blocks.
Wir sehen uns in der Tat einer Sache gegenüber, die weit unge- 4 -

�"AFRIKA PIEKST"
19. Mai 1954
ungeheuerlicher ist als individuelle oder nationale Sucht nach
Ruhm und Macht. Wir sehen uns einem massiven System gegenüber,
das trotz seiner gegenwärtigen Macht glaubt, sich nicht halten zu können, wenn es ihm nicht gelingt, die menschliche
Freiheit fortschreitend zu vernichten. In diesem Handeln
ist sie durch keine moralischen oder humanen Erwägungen gebunden.
Ich spreche durchaus nicht aus einer pessimistischen Stimmung heraus. Wir werden hartnäckig in unseren Bemühungen fortfahren, über Deutschland, Österreich, Korea, Indochina und die
Frage der Atomenergie zu verhandeln. Wir wissen, daß die
sowjetkommunistische Doktrin lehrt, daß der Kommunismus zu
Konzessionen und Rückzügen bereit sein muß, wenn er auf einen
starken Gegner stößt. Darüber hinaus wissen wir, daß der Versuch der Sowjetunion, ihre absolute Macht 800 Millionen versklavter Menschen aufzuzwingen, sie in eine Aufgabe verwickelt,
die letztlich unlösbar ist. Unter der harten und furchteinflößenden Oberfläche, die ein despotisches System gewöhnlich
nach außen hin zeigt, macht sich bereits eine starke Unruhe
bemerkbar. Größtenteils wird das verheimlicht, aber gelegentlich kommt es zu Ausbrüchen, die die Wahrheit enthüllen. Die
Hinrichtung Berijas und der Juni-Aufstand der deutschen Sowjetzonenbevölkerung zeigen, daß die kommunistischen Herrscher sich
gegenseitig fürchten, hassen und bekämpfen und daß die versklavten Völker sich keineswegs mit ihrem Schicksal abgefunden haben.
Außerdem kann möglicherweise gerade die Tatsache selbst,
daß sich die Kraft der Verzweiflung jetzt erschreckend bemerkbar macht, sogar die Materialisten dazu bringen, aus selbstsüchtiger Berechnung Zurückhaltung zu üben.
Ich glaube nicht, daß die Welt von einer neuen Eiszeit
des Despotismus überzogen werden wird, sondern bin der Auffassung, daß die Freiheit immer noch mit einer Flamme brennt,
die nicht gelöscht werden kann. Es ist jedoch an der Zeit,
daß wir uns darüber klar werden, daß die Freiheit einer überaus großen Bedrohung gegenübersteht. Wir sollten auch erkennen,
daß das Weiterbestehen der Freiheit nicht nur von der Anzahl
der freien Menschen abhängt, sondern mehr noch von der Intensität ihres Glaubens.
Wir gebrauchen einfachheitshalber oft den Ausdruck 'Freie
Welt
und meinen damit die Teile der Welt, die jetzt nicht
vom Kommunismus beherrscht werden. In diesem Sinne sind etwa
zwei Drittel der Welt 'frei1, aber in den freien Ländern ist
nur ein Teil der dort lebenden Menschen von dem Glauben erfüllt, der allein stark genug ist, um den materialistischen
und zerstörenden Kräften des Despotismus standzuhalten.
1

Die Zukunft der Freiheit liegt in den Händen einer kleinen
Minderheit unter den Menschen und das erklärt den Grund, warum
es unerläßlich ist, daß alle in unserer Republik von sich aus
an dem Glauben ihren Väter festhalten. Ebenso wie der Wille
zur Freiheit von Generation zu Generation übertragen wird, so

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�"AMERIKA DIENST"

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so wird auch der Glauben von Generation zu Generation weitergegeben. Eines der besten Mittel, um unseren Glauben stark
zu halten, besteht darin, sich an den Glauben unserer Vorfahren
zu erinnern und die großen, an Wunder grenzenden Taten, die
sie durch ihren Glauben vollbrachten, fest im Gedächtnis zu
bewahren.
Die Geschichte unseres Landes ist reich an Berichten über
Männer, die durch ihren Glauben an die Bedeutung der Freiheit
Ungeheures leisteten. Einige der Größten unter ihnen - ich
nenne nur ein paar Namen wie George Washington, Thomas Jefferson,
George Mason und Patrick Henry - arbeiteten hier in Williamsburg
an dem, was unter dem Begriff 'Präludium zur Unabhängigkeit'
bekannt geworden ist. Es ist gut, daß wir durch solche Gedenkstunden, wie Sie sie hier heute begehen, wieder an den
Glauben und die Arbeit dieser Männer erinnert werden. Dadurch
wird auch unser Glauben stark gehalten und uns die Möglichkeit
gegeben, den uns zufallenden Aufgaben in der Zeit, in der wir
leben, gerecht zu werden."

* * * * #

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�OBERSTER US-BUNDESGERICHTSHOF ERKLÄRT RASSENTRENNUNG IN
ÖFFENTLICHEN LEHRANSTALTEN FÜR VERFASSUNGSWIDRIG

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Oberste Bundesgerichtshof der USA hat am 17. Mai 1954 einstimmig
eine Rassentrennung in den öffentlichen Lehranstalten
der Vereinigten Staaten für verfassungswidrig erklärt.
Nach Ansicht des Gerichts verstoße eine derartige Rassentrennung gegen den im 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundsatz des gleichen
Rechtsschutzes.
Der Oberste Amerikanische Bundesrichter Earl Warren
betonte in seiner Urteilsbegründung, daß die "Doktrin
des getrennt aber gleich' auf dem Gebiet der öffentlichen
Erziehung keinen Platz habe. Getrennte Erziehungseinrichtungen seien immer ungleich.
Die Entscheidung des Gerichts, die für das gesamte
Gebiet der Vereinigten Staaten Gültigkeit hat, wird sich
nur in einer kleinen Zahl von Einzelstaaten direkt auswirken, da die meisten der 48 amerikanischen Bundesstaaten keine Rassentrennung in ihren öffentlichen Lehranstalten kennen. Lediglich 17 Bundesstaaten und der Distrikt von Kolumbia haben Gesetze, die die Rassentrennung
in den öffentlichen Schulen fordern, und in vier weiteren
Staaten mit einer geringen farbigen Minderheit ist die
Rassentrennung gesetzlich zugelassen.
Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der Urteilsbegründung, die der Oberste Amerikanische Bundesrichter Earl Warren in den Fällen über die Rassentrennung in
den öffentlichen Lehranstalten der Staaten Kansas, South
Carolina, Virginia und Delaware gab:
Derartige Fälle werden uns aus den Staaten Kansas, South
Carolina, Virginia und Delaware gemeldet. Sie resultieren aus
verschiedenen Faktoren und verschiedenen lokalen Gegebenheiten,
aber ihre gemeinsame gesetzliche Verankerung rechtfertigt es, daß
sie in dieser Urteilsbegründung gemeinsam behandelt werden. In
jedem dieser Fälle haben Minderheiten der Negerrasse durch ihre
gesetzlichen Repräsentanten die Unterstützung des Gerichtes zur
Zulassung an die öffentlichen Lehranstalten ihrer Gemeinden auf
der Basis gemeinsamer Erziehung gefordert. In jeder Instanz war
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�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

war ihnen die Zulassung in Schulen, die,unter Gesetzen, die
die Rassentrennung fordern oder zulassen, von weißen Kindern besucht werden, verweigert worden. Diese Rassentrennung führte dazu, die Kläger ihres im 14» Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundrechtes des gleichen Rechtsschutzes zu
berauben. In jedem der Fälle, mit Ausnahme des Falles Delaware,
hat ein mit drei Richtern besetztes Bundes-Bezirksgericht die
Kläger mit Berufung auf die Doktrin des "getrennt aber gleich"
abgewiesen, die von diesem Gericht im Falle Plessy gegen Ferguson
(163 U.S. 537 )verkündet wurde. Unter dieser Doktrin ist die Gleichheit der Behandlung gewährt, wenn den Rassen im wesentlichen die
gleichen Mittel zur Verfügung stehen, auch wenn diese Mittel getrennt sind. Im Falle Delaware hielt der Oberste Gerichtshof
des Staates Delaware zwar ebenfalls an dieser Doktrin fest, ordnete jedoch an, daß die Kläger an den weißen Schulen zugelassen
werden, da diese besser waren als die Negerschulen.
Die Kläger behaupten, daß öffentliche Schulen, in denen die
Rassentrennung existiert, nicht "gleich" seien, und daß sie deshal
nicht den gleichen Rechtsschutz genießen. Wegen der unverkennbaren
Bedeutung dieser Frage hat das Gericht eine Entscheidung getroffen. Während der Sitzungsperiode von 1952 wurden die Einwände, und
im Verlaufe dieser Sitzungsperiode die Gegeneinwände zu gewissen,
dem Gericht vorgelegten Fragen gehört.
Die Gegeneinwände bezogen sich weitgehend auf die Umstände,
unter denen der 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung
im Jahre 1868 angenommen wurde. Sie behandelten erschöpfend die
Erwägungen des Kongresses zu diesem Zusatzartikel, seine Ratifizierung durch die einzelnen Staaten, des weiteren die bestehenden
Praktiken der Rassentrennung sowie die Ansichten der Antragsteller und Gegner des Zusatzartikels. Diese Diskussion und unsere
eigenen Untersuchungen haben uns überzeugt, daß diese Quellen - ob
wohl sie ein gewisses Licht auf die Sache werfen - nicht ausreichen, um das Problem, dem wir gegenüberstehen, zu lösen. Zumindest sind sie nicht überzeugend. Die heftigsten Verfechter der
Nachkriegs-Zusatzartikel verfolgten mit diesen zweifellos das Ziel
alle gesetzlichen Unterscheidungen zwischen allen in den Vereinigten Staaten geborenen oder naturalisierten Personen zu beseitigen.
Ihre Gegner lehnten mit der gleichen Bestimmtheit diese Zusatzartikel sowohl nach ihren Buchstaben wie auch nach ihrem geistigen
Inhalt ab und wollten ihre Auswirkungen auf ein Mindestmaß beschränkt sehen. Welche Ziele andere Vertreter des Kongresses und
der staatlichen Gesetzgebung verfolgten, kann mit einem gewissen
Grad der Sicherheit nicht bestimmt werden.
Ein weiterer Grund, weshalb die Geschichte der Zusatzartikel
im Hinblick auf die Rassentrennung in Schulen als nicht beweiskräftig angesehen werden kann, ist der Status der öffentlichen Lehranstalten zu jener Zeit. Im Süden hatte die Bewegung für ein freiei
öffentliches Schulwesen, unterhalten durch öffentliche Gelder, nocl
nicht festen Fuß gefaßt. Die Erziehung der weißen Kinder lag weitgehend in der Hand privater Gruppen. Eine Schulbildung für Neger
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�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Neger gab es so gut wie gar nicht, und nahezu alle Angehörigen
dieser Rasse waren Analphabeten. In einigen Staaten war jede
Schulerziehung für Neger sogar gesetzlich verboten. Heute jedoch
haben im Gegensatz dazu zahlreiche Neger hervorragende Erfolge
in Kunst und Wissenschaft ebenso wie im Geschäfts- und Wirtschaftsleben erzielt. Es ist richtig, daß die öffentliche Erziehung im
Norden bereits weitere Portschritte gemacht hatte, aber die Auswirkungen der Zusatzartikel auf die Nordstaaten wurden in den
Kongreß-Debatten allgemein ignoriert. Aber selbst im Norden waren
die Verhältnisse im öffentlichen Schulwesen nicht annähernd so wie
sie heute sind. Der Lehrplan war unzulänglich; in den ländlichen
Gebieten gaben die Schulen gewöhnlich keine Abschlußzeugnisse;
das Schuljahr war in vielen Staaten auf drei Monate beschränkt,
und der Begriff der Schulpflicht war praktisch unbekannt. Als
Folge davon ist es nicht überraschend, daß sich in der Geschichte
des 14« Zusatzartikels so wenig finden läßt, was sich auf seine
geplanten Auswirkungen auf das öffentliche Erziehungswesen bezieht.
In den ersten Fällen, die dieses Gericht unter Auslegung des
14. Zusatzartikels &amp; kurz nach dessen Annahme zu entscheiden hatte,
interpretierte ihn das Gericht als ein Verbot jeglicher vom Staat
ausgehender Diskriminierung der Negerrasse. Die Doktrin des "getrennt aber gleich" trat in diesem Gericht nicht in Erscheinung
bis zum Jahre 1896 im Falle Plessy gegen Ferguson, der darüber
hinaus nicht die Frage der Erziehung, sondern der Personenbeförderung betraf. Die amerikanischen Gerichte haben seither mehr als
ein halbes Jahrhundert lang mit dieser Doktrin laboriert. Vor
diesem Gericht wurden allein sechs Fälle behandelt, in denen die
Doktrin des "getrennt aber gleich" auf das Gebiet der öffentlichen
Erziehung übertragen wurde. In den Fällen Comming gegen Kreis-Schul
behörde(175 U.S. 528)und Gong Lum gegen Rice(275 U.S. 78)wurde die
Gültigkeit der Doktrin nicht angezweifelt. In verschiedenen neueren
Fällen, die sich alle mit dem Hochschulstudium befaßten, wurde
Ungleichheit insofern festgestellt, als weiße Studenten gewisse
Vorteile genossen, die den Negerstudenten mit gleichen Erziehungsvoraussetzungen nicht zugestanden wurden. In keinem dieser Fälle
war es notwendig gewesen, die Doktrin noch einmal zu überprüfen,
um den als Kläger auftretenden Negern Rechtsschutz zu bieten.
Und im Falle Sweatt gegen Painter, behielt sich das Gericht ausdrücklich die Entscheidung über die Frage vor, ob der Fall Plessy
gegen Ferguson auf das Gebiet der öffentlichen Erziehung übertragen werden kann oder nicht.
In den vorliegenden Fällen ist diese Frage direkt gestellt
worden. Im Gegensatz zum Falle Sweatt gegen Painter werden hier
die unten angeführten Feststellungen getroffen, daß die in Frage
stehenden Schulen der Neger und Weißen gleichgestellt worden sind
oder gleichgestellt werden in bezug auf Gebäude, Lehrpläne, Qualifikationen und Gehälter der Lehrer und anderer "greifbarer"Faktoren. Unsere Entscheidung kann sich deshalb in jedem der Fälle
nicht allein auf Vergleiche dieser "greifbaren" Faktoren in den
Schulen der Neger und der Weißen stützen; wir müssen vielmehr die
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�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

die direkten Auswirkungen der Rassentrennung auf die öffentliche
Erziehung im Auge haben.
Bei der Behandlung dieses Problems können wir uns nicht zum
Jahre 1868, da dieser Zusatzartikel angenommen wurde&gt;oder zum Jahre
1896,in dem der Fall Ferguson niedergeschrieben wurde, zurückversetzen. Wir müssen die heutige Rolle der öffentlichen Erziehung
und deren Platz innerhalb des nationalen Lebens der USA zugrunde
legen. Nur so können wir feststellen, ob die Rassentrennung in den
öffentlichen Lehranstalten die klagende Partei des ihr im Gesetz
garantierten gleichen Rechtes beraubt.
Heute ist die Erziehung vielleicht die bedeutendste Aufgabe
staatlicher und lokaler Regierungen. Bestehende Gesetze, die den
Schulbesuch obligatorisch machen sowie die Höhe der für das Erziehungswesen ausgeworfenen Summen zeugen beide von der Wichtigkeit der Erziehung in einer demokratischen Gesellschaftsordnung.
Sie ist Voraussetzung zur Ausübung der grundlegendsten öffentlichen
Verantwortlichkeiten selbst für den Dienst in den US-Streitkräften. Sie ist die Grundlage guten Staatsbürgertums, und heute das
hauptsächlichste Instrument, um während der Vorbereitung auf den
späteren Beruf den Sinn eines Kindes für die kulturellen Werte
zu wecken und ihm zu helfen,sich auf normale Weise seiner Umgebung
anzupassen. In unseren Tagen ist es zweifelhaft, daß man von einem
Kinde, dem die Gelegenheit einer guten Erziehung verweigert wird,
Erfolge im Leben erwarten kann. Eine solche Möglichkeit, die zu
stellen der Staat übernommen hat, ist ein Vorrecht, das allen unter
gleichen Voraussetzungen zugänglich gemacht werden muß.
Wir kommen dann zu der vorgelegten Frage, ob die Absonderung
von Kindern in den öffentlichen Schulen allein auf der Basis der
Rasse, selbst dann, wenn die Einrichtungen und andere "greifbare"
Faktoren gleichwertig sind, die Kinder der Minderheitengruppe
einer gleichen Erziehungsmöglichkeit berauben? Wir glauben, daß
dies so ist.
Im Falle Sweatt gegen Painter und bei der Entscheidung, daß
das Rechtsstudium an einer Negerschule diesen keine gleiche erzieherische Möglichkeit bietet, bezog sich dieses Gericht weitgehend auf "jene Werte, die sich zwar nicht in 'greifbaren' Dingen
ausdrücken lassen, die aber das Wesen einer guten juristischen
Bildung ausmachen." Auch im Fall McLaurin gegen den Staat Oklahoma,
in dem gefordert wird, daß ein zum Besuch einer "weißen Lehranstalt
zugelassener Neger wie alle anderen Studenten behandelt werden soll
ließ sich dieses Gericht erneut von 'nicht "greifbaren" Erwägungen leiten': ...'die Möglichkeit des Studiums, mit anderen
Studenten zu diskutieren, Ansichten auszutauschen und im allgemeinen seinen Beruf zu erlernen.''Solche Erwägungen gelten in verstärktem Maße für Kinder in Grund- und Oberschulen. Sie von anderen
gleichen Alters und gleicher Begabung allein auf Grund ihrer Rasse
zu trennen, schafft ein Minderwertigkeitsgefühl in bezug auf ihre
gesellschaftliche Stellung innerhalb der Gemeinschaft, die Herz
und Geist in einer nie wieder gutzumachenden Weise beeinflussen
können.
'
Diese

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Diese Auswirkung der Rassentrennung auf ihre erzieherischen
Möglichkeiten wurde von einem Gericht in Kansas, das trotzdem gegen den Kläger entschied, deutlich formuliert»
"Die Trennung von weißen und farbigen Kindern wirkt sich
schädlich auf die farbigen Kinder aus. Der Schaden ist größer,
wenn das Gesetz ihn sanktioniert; denn die Maßnahme der Trennung
der Rassen wird gewöhnlich als Zeichen der Minderwertigkeit der
Negergruppen interpretiert. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber
wirkt sich auf den Lerneifer eines Kindes aus. Vom Gesetz sanktionierte Rassentrennung hat deshalb die Tendenz, die pädagogische
und geistige Entwicklung der Negerkinder zu hemmen und beraubt
sie einer Reihe von Anregungen, die ihnen in einem rassisch integrierten Schulsystem zuteil werden würden.
Was auch immer das Ausmaß der psychologischen Erkenntnisse
zur Zeit des Falles von Plessy gegen Ferguson gewesen sein mag,
die damals gemachten Peststellungen finden bei den heutigen Behörden weitgehende Unterstützung und jedes Argument, das zu den
Entscheidungen im Fall Ferguson in Gegensatz steht, wird abgelehnt.
Wir stellen abschließend fest, daß die Doktrin des "separate
but equal" (getrennt aber gleich) nicht zulässig ist. Getrennte
Schulen sind seit jeher ungleich. Deshalb sind wir der Ansicht, daß
die Klagenden und alle anderen, die sich in ähnlicher Lage befinden und für die wir hier entscheiden,auf Grund der angeführten
Rassentrennung, nicht in den Genuß des gleichen Rechtsschutzes, den
der 14. Zusatzartikel garantiert, kommen. Diese Auslegung macht
jede Erörterung darüber, ob solche Trennung auch die Bestimmungen
des "due process clause" (des jedem Bürger der USA verfassungs*ä-.
Big zustehenden Minimums an Rechtssicherheit und Rechtsschutz)
verletze, überflüssig.
Da es sich bei dieser Rechtssache um das Anliegen einer ganzen
Klasse handelt und wegen der weiten Anwendung dieser Entscheidung
sowie wegen der großen Verschiedenheit lokaler Gegebenheiten,
ist die Formulierung der entsprechenden Erlasse sehr kompliziert.
Auf Gegeneinwand wurde die Erwägung angemessenenAbhilfe notwendigerweise der primären Frage - der Verfassungsmäßigkeit der Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten - untergeordnet. Wir
haben jetzt verkündet, daß solche Trennung ein Vorenthalten des
gleichen Rechtsschutzes ist. Um die volle Unterstützung der Parteien in der Formulierung solcher Erlasse zu erhalten, wird der
Fall zu den Akten genommen und die Parteien werden ersucht»weitere
Einwände zu den Fragen vier und fünf in dieser Sitzungsperiode
diesem Gericht vorzulegen. Der Justizminister der Vereinigten Staaten (Generalstaatsanwalt) ist erneut eingeladen,daran teilzunehmen.
Den Generalstaatsanwälten der Einzelstaaten, die die Rassentrennung
in öffentlichen Schulen fordern und zulassen, wird es auf ihr Ersuchen hin gestattet werden,als amici curiae am 15• September 1954
und bei der Vorlage der Beweisergebnisse am 1. Oktober 1954 vor
diesem Gericht zu erscheinen.
Nachstehend

�"AMERIKA DIENST"
19. Mai 1954
Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der am 17. Mai
1954 vom Obersten Amerikanischen Bundesgericht gefällten Entscheidung über die Rassentrennung in Schulen im District of
Columbia.
Die Urteilsbegründung wurde vom Obersten Amerikanischen Bundesrichter Earl Warren gegeben:
In diesem Fall wird die Zulässigkeit der Rassentrennung in
den öffentlichen Schulen des District of Columbia bestritten. Die
Kläger, Angehörige der Negerrasse, führen an, daß ihnen durch eine
derartige Rassentrennung die in dem 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung verbürgte angemessene Rechtssicherheit vorenthalten wird. Die Zulassung zu einer öffentlichen Schule, die von
weißen Kindern besucht wird, wurde ihnen allein wegen ihrer Rassenzugehörigkeit verweigert. Sie appellierten an das Bezirksgericht des District of Columbia, diese Zulassung für sie zu erwirken. Dieses Gericht wies jedoch ihre Klage ab. Wir zogen durch
höchstrichterlichen Beschluß das Verfahren wegen der Bedeutung der
damit zusammenhängenden verfassungsrechtlichen Fragen an uns, bevor ein Urteil am Berufungsgericht gefällt wurde. (344 U.S. 873.)
Wir haben heute entschieden, daß die Klausel des gleichen
Rechtsschutzes des 14. Zusatzartikels den Staaten die Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten verbietet. Das Problem der
gesetzlichen Verankerung liegt im District of Columbia allerdings
etwas anders, da der 5. Zusatzartikel, der für den District of
Columbia anzuwenden ist, nicht die Klausel des gleichen Rechtsschutzes enthält wie der 14. Zusatzartikel, der nur in den Einzelstaaten anwendbar ist. Die Klauseln des gleichen Rechtsschutzes und
der angemessenen Rechtssicherheit, die sich beide auf unseren
amerikanischen Idealen der Gerechtigkeit aufbauen, schließen
sich jedoch nicht gegenseitig aus. Die "Equal Protection of the
Iaws"-der "gleiche Rechtsschutz" - ist ein deutlicher definierter
Schutz gegen eine unzulässige Ungerechtigkeit als der "Due Process
of Law" - die "angemessene Rechtssicherheit" - und wir behaupten
deshalb nicht, daß diese beiden Begriffe stets willkürlich miteinander ausgewechselt werden können. Eine Diskriminierung kann
jedoch, wie dieses Gericht erkannt hat, so ungerechtfertigt sein,
daß sie auch die angemessene Rechtssicherheit verletzt.
Klassierungen, die lediglich auf der Rasse basieren, müssen
mit besonderer Sorgfalt untersucht werden, da sie im Gegensatz
zu unseren Traditionen stehen und deshalb im Sinne der Verfassung höchst zweifelhaft erscheinen. Seit 1896 vertritt dieses
Gericht die Auffassung, daß "die Verfassung der Vereinigten Staaten in ihrer gegenwärtigen Form, so weit es sich um zivile und
politische Rechte handelt, die Diskriminierung eines Bürgers auf
Grund seiner Rasse durch die Regierung oder durch die Staaten
verbietet". Und im Falle Buchanan gegen Walley,(245 U.S. 60, entschied das Gericht, daß ein Statut, das das Recht eines Eigentümers, sein Eigentum an eine Person anderer Rassenzugehörigkeit
abzutreten, beschneidet, als unbillige Diskriminierung, tfnd damit
als Vorenthalt der angemessenen Rechtssicherheit anzusehen sei.
Obwohl das Gericht sich nicht angemaßt hat, dem Begriff "Freiheit"
mit einer gewissen Präzision zu definieren, wird dieser Begriff
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�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Begriff nicht nur auf die Freiheiten von körperlichem Zwang angewendet. Freiheit im Sinne des Gesetzes erstreckt sich auf die
gesamte Lebensführung, über die der einzelne frei entscheiden
kann, und sie kann nicht eingeschränkt werden, es sei denn durch
eine notwendige, wohlbegründete Regierungsmaßnahme. Die Rassentrennung in öffentlichen Schulen kann mit einer notwendigen, wohlbegründeten Regierungsmaßnahme nicht einleuchtend begründet werden
und setzt so die Negerkinder des District of Columbia einem Druck
aus, der eine willkürliche Beraubung ihrer Freiheit durch Verletzung der Klausel der angemessenen Rechtssicherheit darstellt.
Angesichts unserer Entscheidung, daß die Verfassung den Staaten die Aufrechterhaltung def Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten verbietet, wäre es undenkbar, daß die gleiche Verfassung
der Bundesregierung eine geringere Verpflichtung auferlegt. Wir
sind der Ansicht, daß die Rassentrennung in den öffentlichen Lehranstalten des District of Columbia eine Nichtgewährleistung der
angemessenen Rechtssicherheit darstellt, die durch den 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung garantiert wird.
Hit der Begründung, die im Fall Brown gegen die Schulbehörde
angeführt ist, wird dieser Fall entsprechend einem früheren Vorschlag des Gerichts zur Wiederaufnahme in seinen Fragen 4 und 5
zurückverwiesen. (345 U.S. 972). So soll es geschehe-».

# * * # *

1

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�A M E R I K A

E N S T

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Vortrag von Botschafter Dr. Heinz Krekeler vor der SteubenSchurz-Gesellschaft, Prankfurt am Main.
PRANKPURT/Main — (Amerika Dienst) — Nachstehend
geben wir Ihnen die leicht gekürzte Passung
eines Vortrages des deutschen Geschäftsträgers
in den USA, Botschafter Dr. Heinz Krekeler, den
dieser am 19« Mai 1954 vor der Steuben-SchurzGesellschaft in Prankfurt am Main gehalten hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
... Ich muß Ihnen sehr freimütig gestehen, daß ich etwas überrascht, ja verwundert war, als ich vor mehreren Jahren zum
ersten Mal den Namen Ihrer Gesellschaft las, weil Sie darin
zwei so verschiedenartige geschichtliche Persönlichkeiten wie
Steuben und Schurz zusammengespannt haben. Ich habe mich gefragt, was denn das Gemeinsame sein könne, welches in der geschichtlichen Betrachtung diese beiden Männer verbindet, den
friderizianischen Offizier und den Revolutionär des Jahres
48. Ich glaube, es liegt in der Art des Beitrages, den sie zur
Entwicklung der Vereinigten Staaten geleistet haben, Steuben
als Organisator und Lehrmeister des Revolutionsheeres, Karl
Schurz als Innenminister. Dieser Wirkungskreis gab Schurz
Gelegenheit, einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des
amerikanischen Civil service, also des Berufsbeamtentums zu
leisten. Pflichterfüllung und selbstlose Hingabe im Dienst
für das eigene Volk waren in beiden Fällen die Grundlage, auf
der ein organisatorischer Beitrag für die Sicherung und Festigung des jungen Staatswesens gegeben wurde. Es ist kein Zufall, daß damit beide Männer einen Beitrag auf einem Gebiet
geleistet haben, das auch heute noch in den Vereinigten Staaten
als eines angesehen wird, auf dem die Deutschen Vorzügliches
leisten. Für uns ist aber das Wesentliche, in diesen beiden
Männern stellvertretend für viele Millionen Amerikaner deutscher Abkunft die Träger des Beitrages zu sehen, der von unserem
Volk zur Begründung und Weiterentwicklung einer Nation gegeben
wurde, die heute das mächtigste Land der Erde und das größte
Bollwerk der Freiheit ist...
„...,
.
Wahrend

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Während des ganzen Krieges hat man in den Vereinigten Staaten nicht aufgehört, deutsche Opern und Musikstücke zu spielen.
Deutsche Bücher wurden verkauft und gelesen und deutsche Malerei
hatte ihren Platz in den großen amerikanischen Museen. Viele,
die während beider Kriege in den Vereinigten Staaten gelebt
haben, bestätigen, daß es hier während des zweiten Weltkrieges
trotz der unvergleichlich bitteren Auseinandersetzung besser bestellt war als während des ersten. Wir dürfen dankbar empfinden,
daß Händel oder Wagner, Goethe oder Schopenhauer, Dürer oder
Holbein einer Sphäre angehören, die von nationalen Wertungen und
politischen Auseinandersetzungen kaum mehr berührt wird...
Die Bundesregierung ist sich der Bedeutung der kulturellen
Beziehungen bewußt. Im April v.J. wurde vom Bundeskanzler und
von Außenminister John Poster Dulles in Washington ein deutschamerikanisches Kulturabkommen unterzeichnet, dessen Aufgabe es
sein soll, den gegenseitigen Kulturaustausch zu fördern. Wir
in den deutschen Vertretungen in den Vereinigten Staaten sind
uns darüber im klaren, welcher Anteil uns an dieser Aufgabe zufällt. Dies gilt zum Beispiel für die kulturelle Repräsentanz
in unserer Vertretung in Washington selbst, die ich persönlich
als eine verpflichtende Aufgabe empfinde...
Sowohl den amtlichen Bestrebungen als auch der privaten
Initiative kommt nun der Umstand entgegen, daß z. Zt. in den
Vereinigten Staaten ein wachsendes Interesse an deutscher Kultur festzustellen ist. Nicht nur die mehr als zehnjährige Schweigefrist, sondern vor allem auch die neuen politischen Beziehungen
haben dazu geführt, daß man wieder wissen will, wie es in der
Kunst und in der Wissenschaft in Deutschland aussieht. Man ist
daran interessiert zu erfahren, wie die Erziehungs- und Bildungswege, welches die Methoden der Universitäten sind, die ja offenbar nicht ganz so eindeutig und verzerrt gelaufen sind, wie man
in der Neigung zur Verallgemeinerung während der ersten Nachkriegsjahre geglaubt hatte. Das Gästeaustauschprogramm, welches
zunächst kurz nach dem Kriege von amerikanischer Seite aufgenommen und in großzügiger Weise entwickelt worden ist, brachte u.a.
viele deutsche Professoren und Gelehrte nach den Vereinigten
Staaten, die hier ein neues Vorstellungsbild von Deutschland vermittelten und das Interesse an den deutschen Natur- und Geisteswissenschaften erweckten. Dies wird seit einiger Zeit ergänzt
durch ein eigenes Gästeprogramm der Bundesregierung, das/ trotzdem es zahlenmäßig einen sehr viel kleineren Kreis erfaßt als
das sehr großzügige amerikanische Programm, eine außerordentliche
Wirkung gehabt hat, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden
kann. Schließlich haben auch manche Persönlichkeiten der Besatzungsorgane selbst ihre Vorstellungen von einem neuen Deutschland und zugleich von den ewigen Qualitäten unseres Volkes über
den Ozean in ihre Heimat gebracht. Und dies gehört zu den versöhnlichen Nachwirkungen, die auch das Furchtbare eines Krieges
zuweilen zur Folge haben kann. Diese Aufgeschlossenheit gibt
uns die Möglichkeit, die kulturellen Beziehungen in der, ich
möchte fast sagen, einzig gemäßen Weise zu fördern: Unaufdringlich, natürlich und ohne die gebotene Zurückhaltung zu verletzen«!.

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

An dieser Stelle möchte ich auch dankbar der vielen Anregungen gedenken, welche auf kulturellem Gebiet seit dem Ende des
Krieges aus den Vereinigten Staaten zu uns gelangt sind. Die Werke
amerikanischer Schriftsteller und Dramatiker, die Schöpfungen
amerikanischer Komponisten, welche in den vergangenen Jahren bei
uns bekannt geworden sind, haben nicht nur unser Geistesleben
bereichert, sondern sie sind in einem Augenblick zu uns gekommen,
in dem wir infolge unserer Isolierung nicht nur an körperlicher,
sondern auch an geistiger Unterernährung litten. Jetzt haben wir
uns erholt, und wir können jetzt wieder geben. Zweimal hat damit
in dem vergangenen Jahrhundert die Richtung des Stromes der Kulturgüter gewechselt. In den letzten hundert Jahren floß er im wesentlichen über den Ozean zum neuen Kontinent - dann waren wir
die Empfangenden - und nun glaube ich, daß wir in eine Epoche
des Gebens und Nehmens, des lebendigen Austauschs unserer Kulturschöpfungen eintreten werden...
Man interessiert sich für neue deutsche Musik und diskutiert
gelegentlich über Orff und Egk, deren Opern jedoch in den Vereinigten Staaten noch nicht zu hören waren. Der berühmte Dirigent
Stokowski brachte vor kurzem mit dem Nationalen Symphonieorchester
in Washington eine Komposition des Berliner Komponisten Boris
Blacher zur Erstaufführung.
Mit dem Stuttgarter Kammerorchester ist das erste deutsche
Musikerensemble nach den Vereinigten Staaten gekommen. Sie haben
ihr erstes Konzert in Dumbarton Oaks gegeben, einer der HarvardUniversität gehörenden Stiftung in Washington, die für einen Kreis
von besonders verwöhnten Musikliebhabern Konzerte veranstaltet.
Danach hat das von vielen Schallplatten her in den Vereinigten
Staaten bekannte Orchester unter seinem Dirigenten Professor
Münchinger eine Gastspielreise angetreten.
Das am meisten besprochene kommende Ereignis ist das Konzert
der Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler unter dem
Patronat des Bundeskanzlers, welches dank der großherzigen Spende
eines amerikanischen Mäzens Anfang 1955 in den Vereinigten Staaten erwartet wird...
Anläßlich eines Konzertes, welches das Nationale Symphonieorchester in Washington zu Ehren der Bundesrepublik als Deutschen
Abend veranstaltete, war, wie dies bei solchen Anlässen üblich
ist, ein Tisch mit deutschen Büchern in dem großen Foyer der Konzerthalle aufgestellt worden. Gegen alles Erwarten drängten sich
die Besucher vor und nach dem Konzert, sowie in der Pause am
Büchertisch, nahmen Bücher und Zeitschriften in die Hand und
stellten Hunderte von Prägen, wobei deutlich wurde, daß nur ein
Teil von ihnen der deutschen Sprache ganz mächtig war. So ist
es kein Wunder, daß in einigen Städten Buchhandlungen entstanden
sind, die sich sehr stark auf deutsche Bücher konzentriert haben.
Verschiedentlich kommen Anregungen von Buchhändlern, eine große
Wanderbuchausstellung oder eine Kunstbuchausstellung zu veranstal-

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19. Mai 1954
Eine Deutsche Wanderausstellung

Eine Reihe amerikanischer Museen sind an uns herangetreten
mit dem Wunsch, auch einmal eine deutsche Ausstellung zeigen zu
können, und ich hoffe, daß sich dies im begrenzten Rahmen von
rund 100 Meisterwerken durch die Beteiligung der großen deutschen
Museen verwirklichen läßt...
Ein Deutsches Haus
Von Anfang an ist uns klar gewesen, daß es die kulturellen
Beziehungen sehr fördern würde, wenn man in einigen großen Städten
der Vereinigten Staaten Zentren einrichten könnte, die, ähnlich
wie die Amerikahäuser in Deutschland, ihrer Pflege dienten. Diese
lange gehegten Pläne sollen nun bald in einem ersten Schritt verwirklicht werden. In New York soll dank der Unterstützung amerikanischer Freunde ein Deutsches Haus begründet werden. Unser Beitrag
wird dabei u.a. in der Hergabe einer umfangreichen Bücherei und
deren ständiger Ergänzung bestehen. Diese von gemeinsamen Anstrengungen getragene Einrichtung soll ausschließlich der Förderung der
kulturellen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern dienen.
Wirtschaftliche Beziehungen
Auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Beziehungen war nach
dem Kriege ein völlig neues Beginnen notwendig. Es gereicht der
Initiative und der Tatkraft der deutschen Exporteure zur hohen
Ehre, daß sie es verstanden haben, aus den kleinsten Anfängen
auf dem anspruchsvollsten und dem Wettbewerb am meisten ausgesetzten Markt, dem der Vereinigten Staaten, wieder Fuß zu fassen.
Gelegentlich hat es Stimmen gegeben, die gemeint haben, daß diese Anstrengungen besser auf andere Märkte der Welt gerichtet worden wären. Ich teile diese Auffassung nicht. Ganz gewiß müssen
wir Welthandel betreiben, wo immer sich die Möglichkeit dazu ergibt. Bei allem bleiben aber doch die Handelsbeziehungen zu den
Vereinigten Staaten unser besonderes Anliegen. Ich denke dabei
nicht nur an die Notwendigkeit, Dollars zu verdienen, sondern
auch daran, auf diesem anspruchsvollsten Markte ständig die eigene Leistungsfähigkeit vor sich selbst und vor den Wettbewerbern
aus aller Welt wieder unter Beweis zu stellen. Aus dieser Anstrengung werden wir nicht als geringsten Lohn den ständig neuer Anregung
für die eigene Weiterentwicklung empfangen. Ich denke dabei aber
auch an die außerordentlichen Wirkungen, welche von der amerikanischen Wirtschaft auf die Weltwirtschaft ausstrahlen und an die
Konsequenzen, welche diese für die Wirtschaft eines jeden anderen
Landes, nicht zuletzt auch für unsere eigene,haben können. Die Besorgnis, welche in Europa in den letzten Monaten wegen der Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft zu verspüren war, hat ein
eindrucksvolles Zeugnis dafür abgelegt, wie sehr diese Wechselbeziehung in Europa empfunden wird. Es ist nicht zuletzt aus
diesem Grunde notwendig für uns, stets die Hand am Pulse der
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�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

der amerikanischen Wirtschaft zu haben. Gewiß liegt hier eine
wichtige Aufgabe der amtlichen Wirtschaftsberichterstattung und
Sie dürfen überzeugt sein, daß wir uns ihr mit allem Ernst und
dem Bewußtsein unserer Verantwortung unterziehen. Das allein
reicht aber nicht aus. Nur der lebendige Kontakt zwischen der
Wirtschaft beider Länder kann das Maß von Verbindung ergeben,
welches notwendig ist, um sich rechtzeitig auf Entwicklungen von
drüben einzustellen. Es kann als ein erfreuliches Ergebnis der
bereits erreichten Intensität der beiderseitigen wirtschaftlichen
Beziehungen angesehen werden, daß von Deutschland eigentlich nur
wenige Stimmen zu vernehmen waren, die der amerikanischen Wirtschaft in den letzten Monaten einen erheblichen Rückschlag voraussagten. Die meisten wußten es aus eigener Anschauung besser. Sie
sind so vertraut mit dem wirtschaftlichen Geschehen drüben, daß
sie um den Unterschied zwischen der gegenwärtigen Situation und
den Verhältnissen während der Krise in den 30er Jahren wissen.
Ich brauche hier nur anzudeuten, daß er in den mannigfachen regelnden Paktoren besteht, die inzwischen auch in den Vereinigten
Staaten in den Wirtschaftsablauf, vor allem im Bankwesen, eingebaut sind. Die Kenntnis dieser und anderer Umstände ist es,
die die Kenner der amerikanischen Wirtschaft nie in der Prognose
schwankend gemacht haben, daß es sich bei den Vorgängen, die wir
gegenwärtig dort beobachten, um Anpassungen an eine veränderte
Lage handelt, aber nicht um eine eigentliche Krise. Diese Anpassungen ergeben sich zwangsläufig daraus, daß die Periode vorüber
ist, in der der Nachholbedarf aus der Nachkriegszeit befriedigt
werden mußte, und daß zur gleichen Zeit die seit dem Ausbruch
der Koreakrise sehr forcierte Aufrüstung ebenfalls zu ihrem ersten
Abschluß gekommen ist und nun einer stetigeren Rüstungsanstrengung
der Vereinigten Staaten Platz gemacht hat...
Eine besondere Bedeutung haben die schon vor längerer Zeit
begonnenen Verhandlungen über das Wiederinkraftsetzen des deutschamerikanischen Preundschafts-, Konsular- und Handelsvertrages
von 1923• Sie wurden im letzten Sommer abgeschlossen. Die Vereinigten Staaten haben diesen Vertrag bereits ratifiziert. Dabei
wurde von beiden Seiten die Notwendigkeit erkannt, den Vertrag
so bald als möglich durch ein der gegenwärtigen Situation besser
entsprechendes Abkommen zu ersetzen. Zwar galt dieser Vertrag
viele Jahre hindurch als der modernste Vertrag seiner Art. Nun
ist aber die Zeit gekommen, neue Formulierungen zu finden, die
der gegenwärtigen Situation entsprechen. Die Verhandlungen darüber sind bereits im Gange.
Ein weiteres Vertragswerk, das sich in Vorbereitung befindet,
behandelt die Doppelbesteuerung. Auch hierüber sind die Verhandlungen im Gange. Als drittes Vertragswerk ist an dieser Stelle das
Londoner Schuldenabkommen zu nennen, obwohl es nicht auf die Vereinigten Staaten und Deutschland beschränkt ist. Im Zuge seiner
Durchführung ist eine Stelle zur Wertpapierbereinigung in den
Vereinigten Staaten geschaffen worden, die paritätisch von Deutschen und Amerikanern besetzt ist
Ich halte es für gewiß, daß wir mit einer zwar allmählichen,
aber doch steten Weiterentwicklung in Richtung einer liberaleren

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19. Mai 1954

liberaleren Handelsauffassung in den Vereinigten Staaten rechnen können. Diese Bestrebungen können dadurch sehr unterstützt
werden, daß die europäischen Länder weitere Portschritte in
Richtung auf die Konvertibilität ihrer Währungen machen
Selbstverständlich wird durch einen solchen Schritt außerdem noch eine weitere wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen werden, daß amerikanisches Kapital nach Deutschland fließt.
Ich stimme mit all denen überein, die erst noch in jüngster
Zeit die Möglichkeiten, welche in dieser Hinsicht bestehen,
mit betonter Zurückhaltung beurteilen. Zu mannigfach sind die
Voraussetzungen, welche zusätzlich noch geschaffen werden müssen, um amerikanisches Kapital für Investitionen bei uns einen
ausreichenden wirtschaftlichen Anreiz zu bieten. Auch die
Herstellung der Konvertibilität allein wird dazu nicht ausreichen. Sie wird aber gewiß die Vertrauensgrundlage soweit
stärken, daß es dann im wesentlichen noch eine Präge der Rentabilität ist, ob und in welchem Umfang amerikanische Finanzkreise bereit sein werden, Deutschland Kapital zur Verfügung
zu stellen.
Zuletzt möchte ich noch auf eines hinweisen: Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die Technik in den Vereinigten
Staaten in eine Periode neuer umwälzender 3ntwifeklungen eintritt. Abgesehen von der Erschließung neuer Energiequellen
aus Atomkraft, die ich für sicher halte, dürften diese Entwicklungen in der Richtung einer immer weiter gehenden Automatisierung aller Pabrikationsvorgänge liegen. Daneben werden wir
interessante Weiterentwicklungen auf dem Gebiete der Pernmelde- und Nachrichtentechnik zu erwarten haben. Wir schenken
diesen Entwicklungen sehr viel Aufmerksamkeit, und ich sehe zu
meiner Freude, daß die Wirtschaft und Technik unseres Landes
die Fortschritte auf diesen Gebieten mit wacher Aufmerksamkeit
beobachtet.
Presse, Rundfunk, Film

und Fernsehen

Wer den Vertretern der Organe der öffentlichen Meinung
in den Vereinigten Staaten mit einem Gefühl für ihre Bedürfnisse und mit Offenheit begegnet, wird auf eine freundliche
und vor allem auf eine sehr faire Behandlung rechnen können.
Nichts ist verkehrter als die Vorstellung, als ob die Verhältnisse, welche einen Wildwestfilm charakterisieren, für
diesen Bereich des amerikanischen öffentlichen Lebens maßgebend wären. Es gibt gewiß viel Leidenschaft, viel Gefühl für
Publizität und für das, was Schlagzeilen bringt, aber es gibt
daneben auch ein großes Verantwortungsbewußtsein, eine Berufsethik, die in den besten Vertretern dieser Sparten in den Vereinigten Staaten beispielhaft ist....
Politische Beziehungen
Ich komme nun zu dem wichtigsten Teil unserer Beziehungen,
dem politischen. Bevor ich darauf im einzelnen eingehe, darf ich
das Kommunique in Ihr Gedächtnis zurückrufen, welches Präsident
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�I

"AMERIKA DIENST" ,

19- Mai 1954

Präsident Eisenhower und der Bundeskanzler gemeinsam zum Abschluß
des Staatsbesuches im vergangenen Jahr herausgegeben haben.
In diesem heißt es, daß "die Bande der Freundschaft zwischen beiden Völkern glücklich wiederhergestellt seien. Von dieser Feststellung aus berufenstem Munde ist seither eine außerordentliche
Wirkung ausgegangen, die zu beobachten man in den Vereinigten
Staaten ständig Gelegenheit hat. Sie bringt, glaube ich, die
Verpflichtung mit, sich darüber klar zu werden, welche Grundlage und welchen Inhalt diese wiederhergestellte Freundschaft hat.
Eine Steigerung dieser Charakterisierung eines Verhältnisses zwischen zwei Völkern ist nicht denkbar, um so mehr ergibt sich
aus diesem Zustand die Verpflichtung, ihn ständig neu zu befestigen. Denn was mit dem Goethe-Wort für die Freiheit und das Leben
gilt, die nur der verdient, der täglich sie erobern muß, das
gilt mit ebenso - großem Recht auch von der Freundschaft.
Vielleicht überrascht es Sie, daß ich meine Ausführungen
über das so nüchterne Gebiet der politischen Beziehungen mit diesem Hinweis auf die wiedererstandene Freundschaft beginne. Ich
hoffe, Sie aber im weiteren Verlauf meiner Ausführungen zu überzeugen, daß ich damit die Grundlagen auch für dauerhafte politische
Beziehungen zwischen unsern beiden Ländern anspreche. Diese Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten werden
belastet von der schweren Hypothek der Erinnerung an zwei Weltkriege und alle damit verbundenen Ereignisse. So sehr wir auch
hoffen müssen und dürfen, daß die Erinnerung daran in den Vereinigten Staaten immer mehr und mehr zurücktritt gegenüber dem
Bild der lebendigen gegenwärtigen Beziehungen, so sollten wir
dies doch nie vergessen, denn das hieße, sich aus der Wirklichkeit
in den Bereich des Irrealen flüchten. Das Gewicht dieser Hypotheken klar zu erkennen ist um so wichtiger, als die Beziehungen
der Vereinigten Staaten zu anderen großen europäischen Nationen
hiervon frei sind.
Wer die Wirkung des gesprochenen und geschriebenen Wortes
in den Vereinigten Staaten kennt, vder wird es auch richtig einschätzen, was es für die Engländer bedeutet, daß sie die gleiche
Sprache wie die Amerikaner sprechen. Die Beziehungen zwischen
Frankreich und den Vereinigten Staaten sind dadurch charakterisiert, daß Frankreich sich mit Recht rühmen kann, der älteste Bundesgenosse der Vereinigten Staaten zu sein, mit dem es nie in
irgendeinem Konflikt gestanden hat. In dem Auf und Ab und bei
allen Belastungen, denen Beziehungen zwischen Nationen wie zwischen einzelnen Menschen nun einmal ausgesetzt sind, stecken in
diesen Tatsachen Vertrauensreserven, die gar nicht hoch genug
veranschlagt werden können. Wir tun gut daran, uns dessen immer
bewußt zu bleiben.
Zu unseren Gunsten wirken sich die vielfältigen lebendigen
Beziehungen aus, welche durch Bande der Familie oder der Verwandtschaft zwischen den vielen Millionen Angehörigen unserer beiden
Länder bestehen.
««_

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Für eine Bestandsaufnahme der politischen Beziehungen ist
ferner festzustellen, daß es keine irgendwie gearteten Gegensätzlichkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
gibt, die ein Gewicht haben könnten.
Das überragende gemeinsame Interesse aber, welches die
Vereinigten Staaten und Deutschland verbindet, ist das der Sicherheit. Nun ist jedem klar, welche Bedeutung die Vereinigten
Staaten für die Sicherheit Deutschlands haben. Wir sind dankbar, daß die Vereinigten Staaten sich der Rolle, die ihnen hier
von der Geschichte zugefallen ist, und der darin liegenden
Verpflichtung bewußt sind. Sie haben dies, als sie die Luftbrücke für Berlin aufrecht erhielten, überzeugend unter Beweis
gestellt. Wären aber die Beziehungen zwischen unseren beiden
Ländern auf dem Gebiet der Sicherheit oder, wie man vielleicht
im Atomzeitalter zu sagen berechtigt ist, des nationalen Überlebens so einseitig, sie würden eine schlechte Grundlage für
dauerhafte politische Beziehungen abgeben. Sie würden sogar
gewisse Gefahren in sich bergen, wie sie nun einmal jeder
societas leonis zu eigen sind. Beziehungen zwischen zwei Völkern,
die darauf beruhen, daß das eine vom anderen sich in einseitiger
Abhängigkeit befindet, können nicht von Dauer sein. Nur Beziehungen zwischen im Wesen gleichberechtigten und innerlich unabhängigen Partnern, mag auch ihre Kraft noch so verschieden sein,
können einen Beitrag für ein harmonisches Miteinanderleben der
Völker liefern. Ich möchte hier ausdrücklich feststellen, daß
mir in Gesprächen mit so vielen verantwortlichen Persönlichkeiten
in den Vereinigten Staaten niemals eine andere Auffassung begegnet ist.
Man darf sich aber meines Erachtens mit einer solchen Feststellung in Form eines Postulates nicht begnügen. Deshalb ist
es gerade bei einer nüchternen Betrachtung durchaus notwendig,
sich darüber klar zu werden, welche Bedeutung Deutschland für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten hat. Das Ziel einer solchen Betrachtung soll nicht sein, darauf irgendwelche Ansprüche
zu gründen, sondern lediglich völlige Klarheit über das Wesen der
beiderseitigen Beziehungen zu gewinnen. Sie ist aber auch notwendig, um die Verpflichtungen zu erkennen, die sich für uns daraus
als Partner ergeben. Die Bedeutung Deutschlands für die Sicherheit der Vereinigten Staaten ist nun eine zweifache. Im Negativen besteht sie darin, daß alles, was in und mit Deutschland
geschieht, sowohl wegen des Gewichtes unseres Landes, als auch
wegen seiner geographischen Lage, die Vereinigten Staaten unmittelbar angeht, wie zwei Weltkriege gezeigt haben. Es ist kein
Konflikt um Deutschland denkbar, an dem die Vereinigten Staaten
nicht zwangsläufig beteiligt wären.
Hierin erschöpft sich zum Glück unsere Bedeutung für die Vereinigten Staaten nicht. Bei aller gebotenen Zurückhaltung dürfen
wir doch feststellen, daß auch wir etwas in diese Partnerschaft
einzubringen haben. Wirtschaftlich ist Deutschland auch heute
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

heute schon wieder ein Faktor. Auf anderen Gebieten ist die Bedeutung von der Art eines Potentials. Für den, der nicht nur Tagespolitik betreibt, sondern seine Pläne auf lange Sicht abstellt, hat die Frage nach dem Potential einer Nation fast das
gleiche Gewicht, wie 'die nach der gegenwärtigen Kraft. Diese
Feststellung,ist deswegen so wichtig, weil die gegenwärtige läge
in Europa verständlicherweise für die Amerikaner mehr ein Gegenstand der Sorge als ein Anlaß zur Ermutigung ist. Deutschland
aber wird von drüben, wenn es. sich um sein politisches Gewicht
handelt, nicht' isoliert gesehen, sondern als ein Bestandteil,
und zwar ein besonders wesentlicher Bestandteil des freien Teiles von Europa. Wer wie ich mehrmals im Jahr zwischen Europa
und den Vereinigten Staaten hin und her reist, dem drängt sich
die Beobachtung auf, wie anders doch die Einstellung der Amerikaner zu den europäischen Fragen ist, als die vieler Europäer.
Hier in Europa treten die Schwierigkeiten, die einer Gesundung
der europäischen Verhältnisse im Wege stehen, viel drastischer
zu Tage. So weite Kreise sich auch mit Leidenschaft zur europäischen Integrierüng bekennen, so gibt es doch viele andere,
die sie nicht als eine geschichtliche Notwendigkeit empfinden,
sondern eher als ein Experiment, das diejenigen, welche sich ihm
verschrieben haben, gewissermaßen aus einem Fortschrittsgedanken
heraus anstellen möchten. Drüben ist dies nun ganz anders. Wer
sich ernsthaft mit dem Gedanken der europäischen Integration befaßt, der tut es eigentlich immer aus dem Gefühl heraus, daß hier
eine zwingende geschichtliche Notwendigkeit vorliegt, ohne, deren
Erfüllung nicht nur kein Fortschritt in Europa denkbar ist,
sondern sogar die Gefahr einer abschließenden Katastrophe droht.
Ich bin der Meinung, daß die Distanz unserer amerikanischen Freunde diese Zusammenhänge klarer sehen läßt, als die von hier zu
erkennen sind. Gewiß mögen sie unsere Schwierigkeiten oft
unterschätzen, aber sie sehen die europäischen Notwendigkeiten
doch aus ihrer eigenen Erfahrung heraus und aus dem Abstand,
den sie zu ihnen haben, in einer angemessenen Perspektive. Wenn
ich nun zu dem deutsch-amerikanischen Verhältnis zurückkehre,
so möchte ich sagen, daß das potentielle Gewicht Deutschlands
als eines Gliedes eines vereinten Europa, nicht zuletzt auch
wegen der immer wieder bewiesenen Bereitschaft, an der Vereinigung Europas mitzuwirken, hoch eingeschätzt wird. In den Vereinigten Staaten weiß man genau, welche Bedeutung unser Land
auch für die eigene Sicherheit hat. In diesen gemeinsamen Interessen an der Sicherung ihrer Existenz liegt die Substanz der politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern.
Es wäre aber falsch, die Beziehungen zwischen beiden Ländern
allein auf die Grundlage derartiger Nützlichkeitserwägungen
zu stellen, so gewichtig sie auch sein mögen. Das beste und gesundeste Fundament für Beziehungen zwischen zwei Ländern besteht
meines Erachtens in einem Freundschaftsverhältnis, das auch unabhängig von den Konstellationen des Augenblicks denkbar ist...
Um

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Um in dieser Beziehung Portschritte zu machen, muß man sich
darüber klar werden, welches denn eigentlich die wesentlichsten
Elemente dieser Freundschaft sind, soweit es uns angeht. Diese
Frage ist in der letzten Zeit wiederholt mit Besuchern in den
Vereinigten Staaten erörtert worden. Manche meinten, die Achtung
vor der Leistung, die das deutsche Volk durch seinen wirtschaftlichen Wiederaufbau bewiesen habe, habe sehr wesentlich zur
Wiederherstellung der Freundschaft beigetragen. Andere sahen
den Grund darin, daß Deutschland antikommunistisch sei. Dazu
wäre zu sagen, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau einmal abgeschlossen sein und daß auch diese Leistung, welche die Amerikaner
zweifellos stark beeindruckt hat, dann wieder aus ihrem Bewußtsein schwinden wird. Eine dauerhafte Grundlage für ein Freundschaftsverhältnis kann hier demnach gar nicht zu finden sein. Die
Tatsache, daß der Kommunismus bei uns eine so entscheidende politische Niederlage erlitten hat, hat gewiß ein großes Gewicht,
aber es gibt noch viele andere Länder, die die gleiche Immunität
gegen den Kommunismus aufweisen. Es läßt sich daraus also kein
spezifischer Grund für ein deutsch-amerikanisches Freundschaftsverhältnis ableiten. Vielmehr besteht die Grundlage für unsere
Freundschaft in zwei Umständen, die beide von den Tagesereignissen
unabhängig sind. Der eine liegt in der Tatsache, daß der Amerikaner nicht zuletzt auch wegen der so vielfältigen und engen menschlichen Beziehungen, die sich daraus ergeben, daß deutsche Auswanderer einen so gewichtigen Anteil an dem Werden des amerikanischen Volkes haben, eine freundschaftliche Verbindung zu
Deutschland als etwas Natürliches ansieht...
Zum anderen aber liegt die Grundlage für die Freundschaft
darin, daß Deutschland heute nicht nur als Freund schlechthin
gilt, sondern als ein zuverlässiger Freund. Hierzu muß ich etwas
ausholen. Das Bild des Amerikaners, wie es vielfach in Europa
verbreitet ist, stellt einen Menschen dar, der nur in Extremen
denkt und handelt. Gewiß ist Amerika ein Land von einer unendlichen Spannweite der Erscheinungen. Aber es gehört zu den verbreitesten Irrtümern anzunehmen, daß deswegen alles Extreme dort
geschätzt und geachtet wird. Ganz im Gegenteil gibt es drüben
zwei Begriffe, die mehr als vieles andere zum Maßstab einer
Persönlichkeit gemacht werden. Das eine ist der sense of Proportion, der Sinn für Proportion, und die balance of judgement,
das abgewogene Urteil. Wenn man in den Vereinigten Staaten zum
Ausdruck bringen will, daß jemand für wichtige Aufträge geeignet
ist, dann schreibt man ihm diese beiden Eigenschaften zu...
Nun ist, und ich möchte es fast sagen zur freudigen Überraschung
des Amerikaners, in den letzten Jahren auf einmal ein ganz neuer
Typ des Deutschen vor ihre Augen getreten... Gewiß gibt es auch
heute noch Stimmen, aus denen das alte Mißtrauen in unverminderter Schärfe herausklingt, daß die maßvollen Vertreter des neuen
Deutschland Einzelerscheinungen seien, welche eine Kontinuität
nicht zu garantieren vermöchten. Diese Stimmen können aber den,
der in den Vereinigten Staaten lebt, in der Gewißheit nicht irre
machen, daß die öffentliche Meinung im ganzen gesehen überzeugt
ist, daß das deutsche Volk nun eine neue Haltung gewonnen hat.

- 10 -

All

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Als ich schon aus den Vereinigten Staaten abgeflogen war,
las ich die Meldung, Präsident Eisenhower habe sich mit großer
Sorge darüber geäußert, daß man die Vereinigten Staaten in Europa so oft nicht verstehe. Diese Sorge ist sehr ernst zu nehmen.
Sie weist uns zugleich auf eine Verpflichtung hin, welche unser
Freundschaftsverhältnis zu den Vereinigten Staaten mit Bich
bringt. Nicht nur müssen wir ständig um Verständnis für unsere
Lage, insbesondere soweit sie sich aus der tragischen Spaltung
Deutschlands, der läge der Vertriebenen und der unserer Brüder und Schwestern aus der sowjetischen Zone ergibt, werben,
sondern wir müssen, gerade weil wir selbst so sehr auf Verständnis angewiesen sind, auch unsererseits eine stete Bereitschaft
zum Verstehen haben. Ich bin überzeugt, daß wir damit zugleich
einen bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden leisten können.. Man
kann unterstellen, daß die führenden Persönlichkeiten von Kongreß und Regierung, sowie die maßgebenden Kreise anderer Sparten des öffentlichen Lebens die gegenwärtige Weltlage sehr
realistisch beurteilen Die Beherrschung der Atomenergie durch
den Menschen, der Höhepunkt, den sie durch die Entwicklung der
Wasserstoffbombe erreicht hat, sind zweifellos der Beginn eines
neuen Zeitalters. Vorstellungen, die aus der Voratomzeit stammen-,
müssen korrigiert werden... Gewiß spielt der technische Portschritt in den Vereinigten Staaten eine große Rolle. Gewiß ist
der Wettbewerb im Erwerbsleben hart und fordernd für jeden einzelnen. Zugleich aber besteht eine tiefe Religiosität. Es besteht ein Bedürfnis, ja ein Hunger nach kulturellem Erleben,
und es besteht eine sehr herzliche Bereitschaft, die Verbindung
von Mensch zu Mensch auch gegenüber dem Besucher aufzunehmen. Und
es hat schließlich bei allem Erwerbssinn fast jeder Amerikaner
das Gefühl einer großen Verpflichtung gegenüber dem Menschen,
gegenüber der engeren Lebensgemeinschaft, der Community, und
gegenüber der Nation. Es ist so leicht, einzelne Steinchen aus
diesem ungeheueren Mcsaik, das die Vereinigten Staaten darstel-.'
len, herauszunehmen und sie zu einem ganz verzerrten Abbild
der Nation wieder zusammenzusetzen. Ein solches Bild kann dann
zwar tausendfältig belegt werden, aber es ist doch ganz falsch.
Ich'meine demgegenüber, daß nur der Amerika richtig sieht, der
dieses warmherzige und aufgeschlossene Volk von der menschlichen
Seite zu verstehen versucht. Ich sage dies nicht, um für Amerika
zu werben, ich sage es vielmehr, weil ich glaube, daß es in unserem besten Interesse ist, wenn wir Amerika und die Amerikaner
in der richtigen Perspektive sehen. Für uns ist ebenso wenig wie
für irgendein anderes V^lk eine Zukunft denkbar, wenn wir nicht
der freundschaftlichen Hilfe durch andere Völker gewiß sind.
Schon der Versuch eines Alleinganges wäre das sichere Verderben,
über den Wert, den in diesem Zusammenhang die Freundschaft des
amerikanischen Volkes für uns hat,., itt kein Wort zu verlieren.. ,
Diese Freundschaft wir" aber auch dann noch ein wertvolles Gut
sein, wenn die gegenwärtigen Weltspannungen einmal überwunden
sind. Sie zu pflegen dürfen wir immer als einen wesentlichen Beitrag zum Frieden und zu einem guten Zusammenleben der Völker
auffassen.
* * * * *

-11-.

�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY GABOT LODGE: USA AUCH WEITERHIN GEGEN DIE
AUFNÄHME ROTCHINAS IN DIE USA
Nachstehend bringen wir im Wortlaut die
13 Punkte einer Erklärung des US-Chefdelegierten bei der UN, Henry Cabot Lodge, mit
denen er am 25.Mai 1954 vor dem Verband der
amerikanischen Inlandspresse in Chikago die
Gründe der amerikanischen Weigerung in der
Präge der Aufnahme Rotchinas in die TO'dar-

CHICAGO - (Amerika Dienst) -"Einer der wichtigsten
Gründe, weshalb die Vereinten Nationen so maßgebend für
die Meinung der Welt sind, ist ihr moralisches Fundament.
Die Vereinten Nationen verkörpern im wahrsten Sinn des
Wortes das moralische Bewußtsein der Welt und sie reflektieren in allen vorliegenden Fragen das moralische Urteil
der Welt. Das können sie deshalb, weil sie auf eine moralische Sanktion gegründet sind, nämlich darauf, daß sie
sich aus "friedliebenden" Nationen zusammensetzen, die ihre
der Charta gemäßen Verpflichtungen, den Frieden zu bewahren,
einhalten.
Darum ist es so schwer, diejenigen zu verstehen, die
da sagen, es wäre gut für die Vereinten Nationen, wenn die
Chinesen darin vertreten wären. Die Vereinten Nationen sind
nicht eine bloße diplomatische Konferenz, wo der Tugendhafte
Seite an Seite mit dem Verbrecher sitzt. Laut Charta sollen
sie eine Organisation von "friedliebenden Staaten" sein,
und als solche haben wir sie ratifiziert. Wollte man daner
Leuten wie chinesischen Kommunisten - die so offensichtlich
den Krieg als Instrument ihrer nationalen Politik befürworten - hier einen Sitz geben, so würde das der moralischen
Basis der Vereinten Nationen Hohn sprechen. Ich möchte
jene, die uns - erst kürzlich - den Rat gaben, die chinesischen Kommunisten in die Vereinten Nationen aufzunehmen,
ersuchen, dieses Regime einmal unbefangen zu betrachten und
sich ein offenes Urteil darüber zu bilden, ob ihm ein Sitz
bei den Vereinten Nationen ansteht. Ich möchte sie bitten,
die folgenden 13 Tatsachenpunkte zu beachten, die nach meiner Ansicht den absolut schlüssigen Beweis dafür liefern,
daß das chinesische kommunistische Regime für eine Vertretung bei den Vereinten Nationen gänzlich ungeeignet istx
^

*

�•"AMERIKA DIENST"

26. Mai 1954

1) Das chinesische kommunistische Regime hat sich der
flagranten Aggression gegen drei Länder schuldig gemacht:
a) Es ist schuldig der direkten Aggression in Korea, wo
die chinesischen Kommunisten in einem vergeblichen Versuch,
die Koreanische Republik auszulöschen und die Streitkräfte der
Vereinten Nationen, die dieses Land verteidigten, zu vernichten, über eine Million Soldaten einsetzten.
b) Es ist schuldig der versteckten Aggression in Indochina. Es hat der Aggression Vorschub geleistet indem es die
kommunistischen Vietminh-Armeen mit Kriegsmaterial, Technikern
und Ratgebern versorgte und die Vietminh-Truppen auf chinesischem Boden ausbildete. Es besetzte das unbewehrte Tibet und
brachte dessen Regierung und Bodenreichtümer unter seine Kontrolle.
c) Es ist schuldig der heimlichen Aggression gegen das
chinesische Volk. Schätzungen ergaben, daß die Kommunisten
in China seit 1945 an die 15 Millionen Menschen ermordet haben
müssen, indem sie dem blutigen Beispiel der Kommunisten in anderen Ländern folgten. Weitere Millionen wurden zur Sklavenarbeit gepreßt, getreu dem von der Sowjetunion erstmalig angewandten ausgeklügelten System. Ferner haben die chinesischen
Kommunisten die Grundformen der chinesischen Lebensweise zerbrochen, indem sie die Kinder zwangen, Eltern und Bekannte anzuzeigen, indem sie die chinesische Kultur "verstaatlichten"
und China in einen totalen Polizeistaat verwandelten.
2) Chinas große nationalen Eigenschaften sowie seine Kultur wurden zum Angriffsziel der regierenden Kommunistenführer,
die Chinas Interessen denen des Kremls opferten: Die Verwaltung des Peking-Regimes ist mit der Sowjetunion eng verbunden.
Oberall findet man sowjetische Ratgeber und "Techniker".
Als Eschu En-lai auf der Genfer Konferenz das Schlagwort
"Asien den Asiaten" wieder aufgriff, lehnte er es ab, sich
darüber zu äußern,-ob das auch bedeute, daß die Sowjets beispielsweise Port Arthur dann nicht länger besetzt halten würden. Ein kanadischer Redakteur charakterisierte neulich die
Unterordnung der chinesischen Kommunisten unter die sowjetische
Führung als eine Sache der Doktrin, wobei er Tschu En-lai als
die "authentische Stimme Moscows" bezeichnete.
3) Die chinesischen Kommunisten verletzten die Selbstachtung des chinesischen Volkes und entsetzten die Weltöffentlichkeit durch ihre barbarische Behandlung der Ausländer. Hunderte von in China lebenden Ausländern wurden unter falschen
Anschuldigungen arretiert und ohne Verbindung mit der Außenwelt und ohne verhört zu werden oder einen Rechtsbeistand zu
erhalten, lange Zeit in Gefängnissen gehalten, und den Gewalttaten des offiziell organisierten Mobs ausgeliefert und des
Rechts beraubt, ihren Geschäften nachzugehen. Manche wurden
umgebracht oder starben durch die brutale Behandlung in den

�"AFRIKA DIENST"

26. Mai 1954

den Gefängnissen. Gegenwärtig befinden sich 32 Amerikaner in
Kerkerhaft. Sie waren während des größten Teils oder auch
während der Gesamtdauer ihrer Inhaftierung von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Sie kamen entweder überhaupt nicht oder ohne Rechtsbeistand zum Verhör, und von vielen wurde berichtet, daß sie unter Mißhandlungen und Vernachlässigung leiden.
4) Einer der erschreckenden Beweise dafür, daß das PekingRegime die üblichen Formen der internationalen Spielregeln verletzt hat, ist seine Förderung der internationalen Rauschgiftsucht. Zur Zeit scheinen die chinesischen Kommunisten diese
Waffe in einem verstärkten Maße anzuwenden in ihrem IlBemühen,
die anti-kommunistischen Völker durch einen Umsturz als Folge
von Ausschweifungen zu schwächen. Sie versuchten diese verabscheuungswürdige Praktik sogar an Kriegsgefangenen in Korea
bei dem Versuch, Gefangene für den Kommunismus zu gewinnen.
Die chinesischen Kommunisten haben sich ein bestimmtes Programm
zur Erweiterung dieses unerlaubten Handels im freien Asien und
anderen Ländern zugelegt, wobei die Profite zu kriegerischen
und umstürzlerischen Zwecken in die kommunistische Staatskasse
fließen. Harry J. Anslinger, der Rauschgift-Kommissar der
Vereinigten Staaten, erklärte kürzlich vor den Vereinigu i
Nationen, daß dieses ruchlose Geschäft "ein vielköpfiger
Drache" sei, der "ganze Volksteile zu verstümmeln und vernichten drohe."
5) Die chinesischen Kommunisten richteten besonders
brutale Angriffe gegen Mitglieder religiöser und missionärer
Organisationen, die man der Spionage, des Diebstahls, des
Waisenmordes und anderer lächerlicher Tätigkeiten beschuldigte.
Unter diesen Verfolgten befinden sich außer Amerikanern auch
Franzosen, Iren, Spanier, Polen, Belgier, Italiener, Kanadier,
Holländer, Deutsche, Briten, Portugiesen und Österreicher.
6) Ein weiterer Beweis dafür, daß das Peking-Regime nicht
die Regierung Chinas, sondern eine Agentur einer weltumspannenden kommunistischen Bewegung darstellt, wird offenkundig durch
die Aufhebung von Verträgen und Abmachungen, die die Verbindung zur freien Welt herstellen. Zur gleichen Zeit, da
die chinesischen Kommunisten die Verträge aufhoben, die von
der legitimen Regierung Chinas, auf deren Nachfolgeschaft sie
Anspruch erheben, abgeschlossen wurden, suchten sie alle internationalen Rechte dieser Regierung zu behaupten ohne bereit
zu sein, ihre Verpflichtungen zu übernehmen.
7) Das chinesisch kommunistische Regime hat willentlich
und wissentlich an der Ausarbeitung und Veröffentlichung einer
falschen Beweisführung mitgearbeitet zur Stützung der fälschlicherweise gegen die Vereinigten Staaten erhobenen Beschuldigung des Bakterienkrieges, als diese in Erfüllung des Auftrages
der Vereinten Nationen in Korea Truppen einsetzten,um die
- 3

�"AFRIKA DIBK3T*

26. Mai 1954

die Aggression zurückzuweisen. Es weigerte sich, eine unparteiische Untersuchung dieser Beschuldigungen, wie ich sie
während der letzten Generalversammlung vorschlug, zuzulassen.
8) Das chinesisch kommunistische Regime ist schuldig,
aus Nordkorea eine Kolonie gemacht zu haben} Hunderttausende
chinesischer Soldaten leben auf koreanischem Gebiet und Tausende von Chinesen sind herübergekommen,um wichtige Transportunternehmen und andere Betriebe zu übernehmen,
9) Die chinesischen Kommunisten setzten einen teuflischen,
widernatürlichen, nach wissenschaftlichen Methoden durchgeführten Plan ins Werk, um von den Kriegsgefangenen in Korea militärische Geheimnisse und erzwungene "Bekenntnisse" über angeblich
begangene Verbrechen zu erpressen.- Die Vereinigten Staaten erhoben vor den Vereinten Nationen Anklage gegen diese furchtbaren Grausamkeiten, die es daraufhin öffentlich verurteilten,
daß Kriegsgefangene einer derart grausamen und unmenschlichen
Behandlung unterworfen wurden.
10) Das Pekinger Regime hat Südostasien zum ersten Zielpunkt einer Kampagne des Terrors und der Einschüchterung gemacht. Die chinesischen Kommunisten haben die kommunistischen
Freischärler in Malaya ermutigt, dirigiert und für den Guerillakrieg mit dem Notwendigen versorgt. Das Pekinger Regime hat
auch die Kommunisten in Burma und Indonesien zum Handeln aufgestachelt und sein Netz von Agenten über das gesamte Gebiet ausgedehnt»
11) Das chinesische kommunistische Regime hat Erpressungsmanöver auf internationaler Ebene durchgeführt, mittels deren
es die in Übersee lebenden Verwandten von Chinesen des Mutterlandes ausplünderte. Millionen Dollars sind in die Staatskassen
Pekings von solchen Chinesen in Übersee hineingeworfen worden,
die versuchten, damit Sicherheit.und Schutz für ihre Verwandten
in der Heimat zu erkaufen. Die Erpressungsbriefe wurden in
vielen Fällen selbst dann noch verschickt, als die Geiseln
schon erbarmungslos hingerichtet worden waren.
12) Die chinesischen Kommunisten haben wiederholt unbegründete und feindselige Propagandavorstöße gegen die Vereinigten Staaten unternommen und haben unsere Regierung fälschlich
schwerer Verbrechen beschuldigt, in dem Bestreben,dem Ansehen
und den Interessen der Vereinigten Staaten im Ausland damit
einen vernichtenden Schlag zu versetzen«

121

- 4

�.»AMERIKA DIENST"

26. Mai 1954

13) Das Pekinger Regime hat, indem es die internationalen
Grundsätze hinsichtlich der Kriegsgefangenenfürsorge mißachtete,
sich eines Freibeutertums schuldig machte, es ablehnte, internationalen humanitären Organisationen Beistand zu leisten, und
wiederholt die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens für
Korea verletzte, keine der anerkannten Regeln im internationalen
Verkehr befolgt. Es stellt einen seltsamen Widerspruch dar, daß
die chinesischen Kommunisten unabläßig die Vereinten Nationen
angreifen, also gerade die Organisation, in der sie selbst
vertreten zu sein wuenschen. Sie haben mehrfach behauptet, daß
die Vereinten Nationen ein Werkzeug für die amerikanische
Aggression in Korea gewesen seien. Erst kürzlich hat in Genf
ITschtti En-lai, den sie ihren Außenminister nennen, die Beschuldigung erhoben, daß die Vereinigten Staaten
"ein Organ der Vereinten Nationen durch besondere Manöver
dazu veranlaßt haben, diesem Akt der Aggression der
Vereinigten Staaten in ungesetzlicher Weise eine rückwirkende Billigung zuteilwerden zu lassen. Auf diese
Weise wurden die Vereinten Nationen in die Rolle eines
Kriegführenden in Korea versetzt und verloren dadurch
die Fähigkeit, die koreanische Frage unparteiisch zu
behandeln.M
Indem die chinesischen Kommunisten sich einer solchen Art von
widersinniger Beweisführung bedienten, haben sie im Einklang
damit sich geweigert, die Resolutionen und Beschlüsse der
Vereinten Nationen, vornehmlich diejenigen, die sich mit
Korea beschäftigten, zu beachten. Tatsächlich scheinen sie
alle Aktionen der Vereinten Nationen, mit denen sie nicht
einverstanden sind - und das sind praktisch a l l e
Aktionen
der UN - herabwürdigen zu wollen.
Im Lichte einer derartigen Politik und Praxis - wie sie
gerade jetzt in Genf von ihnen weiterbetrieben wird - erscheint
es mir als eine äußerst seltsame Form moralischer Blindheit,
wenn man dafür plaidiert, daß die-chinesischen Kommunisten als
Repräsentanten eines "friedliebenden" Staates angesehen werden
sollten, der geeignet-sei, einen Platz unter den Vereinten Nationen einzunehmen. Ich kann Ihnen versprechen, daß die Vereinigten Staaten unentwegt allen Winkelzügen des chinesischen
kommunistischen Regimes und seiner Befürworter Widerstand
leisten werden, sich durch das bloße Versprechen künftigen
Wohlverhaltens einen Weg in die Vereinten Nationen zu erkaufen.
Ich komme zum Schlußa Ich habe Ihnen zu der Frage, welchen
Wert die Vereinten Nationen als ein Weltforum für uns im Kalten
Krieg besitzen, einige Illustrationen gegeben. Den Vereinten
Nationen kommen selbstverständlich noch viele andere Werte zu,
die sie zu einem bedeutsamen und einzigartigen Instrument machen»
so ihre Bedeutung für die friedliche Beilegung von Streitfällen,
wie in Indonesien, Palästina und Kaschmir, von denen jeder einzelne die freie Welt innerlich hätte auseinanderreissen können?
dann
- 5_

�«

"AMERIKA SIEHST»

26. Mai 1954

dann ihr Wert für die Herbeiführung wirtschaftlicher und sozialer Fortschritte bei Völkern, die in der Entwicklung noch zurück
sind und die andernfalls an sich selbst verzweifelnd, den kommunistischen Schmeicheltönen zum Opfer fallen könnten; und end^
lieh die Bedeutung, die den UN dadurch zukommt, daß sie einigen
Millionen Menschen in der freien Welt behilflich sind, ihr«
Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren.
Alle diese Tatsachen und viele andere sind ein sprechender
Beweis für die Schlußfolgerung, daß die Vereinten Nationen etwas
Gutes für Amerika darstellen« Denn einmal helfen sie uns im
Kalten Krieg. Dann aber befürchte ich, daß, wenn wir die
Vereinten Nationen nicht gehabt hätten, wahrscheinlich gerade
jetzt der dritte Weltkrieg um uns herum rasen würde. Mit den
Vereinten Nationen bim ich von dem tiefen Vertrauen erfüllt,
daß wir den Kalten Krieg gewinnen und eine Atomkatastrophe
vermeiden können. Lassen Sie uns also dafür arbeiten, daß
die Vereinten Nationen in ihren Bestrebungen erfolgreich
sind.

* • * *

*

�EISENHOWER ZUR WELTLAGE

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower nahm am 31. Mai 1954 auf einem
Essen im Wal dorf-Astoria-Hotel anläßlich
der Zweihundert-Jahrfeier der ColumbiaUniversität in einer großangelegten Rede
zu den gegenwärtigen Weltproblemen Stellung.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
"Dieser Anlaß ist für mich von besonderer Bedeutung, denn
ich stand eine Zeitlang in enger Verbindung mit denen, deren
Lebensaufgabe die Erziehung der amerikanischen Jugend ist. Ich
bin stolz, daß mein Name für eine kurze Zeit in der zweihundertjährigen Geschichte der Columbia-Universität eng mit dieser
großen Institution verknüpft war. Wenn ich diesen persönlichen
Stolz über die Verbindung zu einer Stätte des Lernens zum Ausdruck bringe, so habe ich dabei berühmte Vorgänger.
Thomas Jefferson zum Beispiel zog am Ende seines langen
Lebens vor, in der Erinnerung der Nachwelt nicht als der Träger eines hohen Amtes, sondern auf Grund seiner Verbindung mit
der Universität des Staates Virginia zu leben.
Er betrachtete den freien Fluß von Informationen als unerläßlich für die Erhaltung der Freiheit. Er schrieb, daß - wenn
er die Wahl zwischen einer Gemeinschaft ohne Zeitungen oder
Zeitungen ohne eine Regierung hätte - er dem letzteren den Vorzug geben würde. Und hinsichtlich der Verbreitung des Wissens
unter der Menschheit mit Hilfe der Schulen sagte er, 'keine
andere sichere Grundlage kann für die Erhaltung von Freiheit
und Glück ersonnen werden'.
Ein unbarmherziger Feind der Tyrannei in allen ihren Formen,
hielt Jefferson während seines ganzen Lebens standhaft an einem
der fundamentalen Grundsätze der westlichen Gesellschaft fest,
wie er 2 000 Jahre zuvor im Allerheiligsten des Tempels von
Jerusalem verkündet worden war, daß nämlich die Wahrheit den
Menschen freimachen wird.
Das Festhalten an der Wahrheit, ihre Erhaltung und weite
Verbreitung; die Verwirklichung der Freiheit, ihre Verteidigung
und Verbreitung; diese Ziele sind eng verknüpft mit der amerjka-

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

amerikanischen Konzeption von der Erziehung. Die amerikanische
Universität ist weder das Eigentum einer begünstigten Klasse
noch ein Elfenbeinturm, der Phantasten vor der Bewährungsprobe
in der Praxis beschützt, jede amerikanische Universität steht
mit ihren grundlegenden Zielen im Dienste des Themas der Zweihundertjahrfeier der Columbia-Universität - 'Das Ree'ht des Menschen auf Wissen und seine freie Anwendung'.
Diejenigen, die das Motto für die Zweihundert-Jahrfeier bestimmten, hätten kein amerikanischeres Thema auswählen können.
Indem ich dies feststelle, möchte ich mich zugleich bei den Gelehrten aus aller Welt entschuldigen, damit nicht etwa der Eindruck entsteht, daß ich ein universales Prinzip bewußt auf ein beschränktes Gebiet begrenze. Aber von den ersten Anfängen unserer
Republik an waren die Erziehung der Bevölkerung und die Freiheit
für die Bevölkerung zwei miteinander in engem Zusammenhang stehende Zielsetzungen, die den Mittelpunkt des amerikanischen Traumes
bildeten.
Weit davon entfernt, vor Ideen Angst zu haben, fürchteten die
Begründer der Republik lediglich fehlgeleitete Bemühungen zur Unterdrückung der Ideen. Nicht weniger groß war ihr Glaube an die
Fähigkeit der Menschheit, die Freiheit im Rahmen des Gesetzes zur
Sicherung des eigenen Wohlergehens und dem des Landes anzuwenden.
In der Freiheit des einzelnen sahen sie eine Kraftquelle, die
Berge versetzen, Flüsse bändigen, die Wildnis roden und einen Kontinent verändern konnte.
Aus dieser Überzeugung heraus proklamierten die Gründer unserer Republik für die gesamte Menschheit die revolutionäre Doktrin
von den gottgegebenen Rechten des Menschen. Diese Lehre wurde seither zum Fundament des amerikanischen Glaubens. Die völlige Ablehnung
dieses Glaubens ist das Hauptcharakteristikum des materialistischen
Despotismus unseres Jahrhunderts.
Folglich ist die Welt, die einst durch Ozeane und Gebirge getrennt wurde, heute durch zwei sich feindliche Konzeptionen des
menschlichen Charakters und der menschlichen Natur gespalten. Räumliche Grenzen und ihre Auswirkungen sind heute größtenteils überwunden. Aber die neuen Hindernisse scheinen unüberwindlicher zu
sein als die alten.
Die beiden Weltlager, die in wichtigen Gebieten gemeinsame
geographische Grenzen haben, liegen, was den Ausgangspunkt und
die Art ihres Handels angeht, weiter auseinander als die beiden
Pole. Während das eine Lager sich in den Dienst der Freiheit des
Einzelmenschen und des Rechtes aller auf ein Leben in Frieden
stellt, hat sich das andere der Marxistischen Philosophie vom
Materialismus und dem Bemühen verschrieben, diese Macht über den
ganzen Erdball zu verbreiten. Viele Hunderte Millionen von Menschen,
die sich in ihrer Zugehörigkeit noch nicht entschieden haben, beobach
ten diese beiden sich bekämpfenden Lager.
Heute gibt es kein Wissen, das zu Verstehen für uns wichtiger
ist, als die wesentlichen Charakteristika dieses Kampfes.
Eine
- 2

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

Eine Tatsache überragt völlig und eindeutig: Von allen
Bewohnern des Erdballs ist nur eine verhältnismäßig kleine Zahl selbst in der Sowjetunion nur eine Handvoll - von der Entschlossenheit besessen, die Welt durch Gewalt und Betrug zu beherrschen.
Mit Ausnahme dieser Gruppen in den verschiedenen Völkern dürstet
die Menschheit in der ganzen Welt, diejenigen, die in Freiheit
aufrecht einhergehen, diejenigen, die sich dem Kommunismus beugen
müssen, diejenigen, die im Neutralismus zögern, nach Freiheit,
Wohlstand und Frieden. Wie können einige wenige Männer dem Willen
von Hunderten Millionen von Menschen entgegenarbeiten?
Da sie keinem moralischen Prinzip verantwortlich und der
öffentlichen Meinung keine Rechenschaft schuldig sind, führen
sie einen rücksichtslosen und bis ins kleinste durchdachten weltweiten Kampf des Betrugs, der Subversion und des Terrors. Und
im Gegensatz zu ihnen gibt es kein einheitliches, weltweites
Bemühen, das Wissen und die Zusammenarbeit zu fördern.
Sie predigen ein materielles Dogma, das uns zuwider ist,
ein Dogma, das mit falschen Versprechungen ausgeschmückt ist.
Sie verkünden es jedoch pausenlos und unermüdlich und monoton,
während die freie Welt auf vielfältige Weise eine Botschaft verkündet, die von jedem einzelnen Verantwortung, Ausdauer und Opfer
fordert.
Unsere Gegner legen das gesamte Gewicht ihrer Regierungsarbeit
auf das einzelne Ziel, das sie sich für die nächste Zukunft gewählt haben. Die freie Welt erblickt im Staat ein Mittel zur Förderung der Glückseligkeit der Menschen - eine Front, die so breit
ist, daß sich die Fortschritte zuweilen kaum wahrnehmen lassen.
Um ihre Eugen zu verbreiten, bedienen sich die wenigen, die
nach einer Beherrschung der gesamten Welt trachten, eines weltweiten Apparates, der unaufhörlich die Befehle ihrer Herren ausführt.
Um der Welt die Wahrheit geben zu können, müssen sich die freien
Nationen in erster Linie auf die freiwilligen Bemühungen einzelner verlassen - Bemühungen, die oftmals unwirksam bleiben müssen,
weil sie nicht aufeinander abgestimmt und nicht kontinuierlich
fortgeführt werden.
Vielleicht stellen die Kommunisten in keiner besseren Weise
ihre Furcht vor einer unzerbrechlichen Einigung der freien Welt
bloß, als durch ihr ständiges Bemühen, uns zu spalten und uns dadurch zu schwächen. Sie beuten jede kleine, zwischen unabhängigen
Nationen auftretende Meinungsverschiedenheit aus, so daß eine in
Aufrichtigkeit geführte Diskussion nicht als ein von allen Mitgliedern der freien Völker Wert gehaltenes Charakteristikum erscheint, sondern fälschlicherweise als ein Zeichen gegenseitigen
Hasses. Diese Doktrin des rteile und herrsche' wenden sie nicht
nur auf die Völker an, sondern auch auf einzelne Gruppen und Menschen innerhalb ein und derselben Nation. Ohne Unterlaß bekämpfen sie unsere gesellschaftlichen, industriellen kulturellen»
und religiösen Institutionen und fördern jeden Bruderkampf, welcher Art er auch immer sein mag.
M
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2. Juni 1954

Man kann sehr leicht ungewollt und ohne es zu merken zum
Bundesgenossen oder zum Werkzeug der Kommunisten werden, wenn
man so etwas duldet. So gibt es beispielsweise keine Frage und
kein Ziel, über die sich die Amerikaner so einig sind, wie in
ihrer Opposition zum Kommunismus. Und dennoch gibt es im Augenblick eine andere Frage, die Anlaß zu so viel Zwiespalt unter
uns zu geben scheint, wie das Anliegen, unsere Freiheiten vor der
Vernichtung durch die kommunistische Subversion zu bewahren. Wir
müssen in dieser Frage mit größerem Wissen und mit mehr Geist
und mit weniger Vorurteil und weniger Ressentiment vorgehen.
Wir dürfen niemanden gestatten, Streitigkeiten heraufzubeschwören, die letzten Endes ehrsame Bürger gegen andere ehrsame Bürger
aufbringen, während doch alle Streitenden im Grund gemeinsam tatkräftig gegen den Kommunismus Stellung nehmen wollen.
Wir müssen natürlich von den für unsere innere und äußere
Sicherheit errichteten Regierungsinstitutionen das Äußerste an
Wachsamkeit, Energie und Loyalität verlangen. Wir müssen durch
eine dauernde Überprüfung sicherstellen, daß sie ihren Pflichten
in dieser Weise nachkommen. laßt uns jedes zusätzliche Gesetz
oder jede zusätzliche Handhabe schaffen, die geeignet und notwendig sind, Amerika zu schützen - wobei auch der Schutz jedes einzelnen Amerikaners in seinen amerikanischen Rechten eingeschlossen
ist. Aber laßt uns auch nicht den Glauben an unsere eigenen Regierungseinrichtungen verlieren - und an die grundsätzliche innere
Gesundheit der amerikanischen Bürgerschaft - wenn wir nicht innerhalb unserer eigenen Reihen uneinig - den Interessen derer
dienen und die Zwecke derer fördern wollen, die uns zu vernichten
suchen.
Die sowjetischen Kommunisten behaupten, daß ihre Sache nicht
an die Zeit gebunden ist und vielleicht ein ganzes Zeitalter
brauche, um die erwünschten Erfolge zu erzielen. Aber sie wissen,
daß die Wahrheit der Freiheit einen unveränderlichen Wert und eine
zusammenballende Kraft besitzt, die zunimmt, je mehr Millionen
Menschen von ihr erfahren. Daher versuchen die Diktatoren, der
Welt die Zeit und die Gelegenheit vorzuenthalten, die Wahrheit
über den Kommunismus und die Freiheit kennen zu lernen. Aus diesem Grunde sind die wenigen -äfechthungrigen immer aggressiv.
In dieser Situation stehen wir, das amerikanische Volk, vor
der Verpflichtung, zwei weitreichende politische Ziele anzustreben.
Als erstes und wichtigstes: Wir haben uns der Schaffung eines
Friedens verpflichtet, der sich auf Zusammenarbeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Anstand gründet.
Als zweites: Um dieses Ziel tatkräftig anzustreben, suchen
wir Amerika - und auch seine Freunde - in der Liebe zur Freiheit,
im Wissen und im Verständnis für andere zu stärken und, in einem
weiten Kreise zugutekommenden und dauerhaften,wirtschaftlichen
Wohlstand sowie in einer die Sicherheit gewährleistenden militärischen Macht zu festigen.
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�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

Diesen beiden Zielsetzungen wohnt nicht ein Jota Aggression
inne, nicht die geringste Absicht, andere auszubeuten oder ihnen
ihren Platz oder Raum in der Welt streitig zu machen. Diese Achtung vor anderen - dieses Bekenntnis zu einer aus friedliebenden
und sich selbst achtenden Völkern bestehenden Welt - findet einzig
Ablehnung auf seiten eines militanten Totalitarismus.
Wenn wir als geistige Menschen einen Beitrag zur Sache der
Freiheit leisten sollen, dann müssen wir diese Paktoren und ihre
Auswirkungen in unserer turbulenten Welt kennen und verstehen
lernen.
Selbst mit solchem Wissen ausgestattet, wird es für die Vertreter der freien Welt nicht einfach sein, erfolgreich mit jenen
zu verhandeln, die die Wahrheit nicht sehen oder die Existenz
offen zu Tage liegender Pakten nicht zugeben wollen oder können.
Aber sicher müssen selbst die Männer im Kreml erkennen, daß
nunmehr vor der gesamten Menschheit eine großartige Aussicht auf
ein besseres Leben für jeden einzelnen liegt. Die Verwirklichung
dieses Zieles bedingt lediglich, daß sich die Wissenschaftler
aller Völker auf die Mittel für ein Leben in Fülle und nicht auf
die Werkzeuge für einen plötzlichen Tod konzentrieren; daß die
Millionen gegenwärtig unter Waffen stehenden Soldaten für eine
produktive Arbeit freigegeben werden; daß die Kriegsindustrien auf
die Herstellung nützlicher Güter umgestellt werden. Wir haben uns
bemüht und werden uns weiter darum bemühen, diese Ziele zu verwirklichen.
Das Wissen um die von unserem eigenen Lande gemachten Bemühungen, die Welt in Richtung auf dieses Ziel zu führen, ist ein
weiterer Punkt, dessen Kenntnis für jeden einzelnen Bürger wichtig
ist.
Als die gegenwärtige Regierung vor 16 Monaten ihr Amt antrat,
war sie sich der rücksichtslosen Verhandlungsführung der Kommunisten
sowie der Unzuverlässigkeit der Verträge mit ihnen voll bewußt.
Aber wir glaubten, daß die Außenpolitik der USA dem unablässigen
Bemühen um die Erhaltung des Friedens im Rahmen des wohlausgewogenen Eigeninteresses und der fundamentalen Ziele der Vereinigten
Staaten geweiht sein muß. Wir glaubten, daß parteipolitische Ziele,
persönliche Ansichten, all die Strömungen von geringerem Interesse,
diesem überragenden Ziele untergeordnet werden mußten.
Wir waren uns bewußt, daß jede Verhandlung mit den Kommunisten
für uns fallen und Hinterhalte bringen würde; aber wir wußten auch,
daß eine aufbauende, entschiedene Kleinarbeit des Tages für die
freien Nationen gute Ergebnisse bringen würde. Wir wollten, daß
wieder ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Nationen der
ganzen Welt geschaffen würde - eine dauerhafte Basis für einen auf
Zusammenarbeit begründeten Frieden - und nicht nur eine kleine
Atempause, in der nicht jeden Augenblick eine neue Krise droht.
Jede Maßnahme, die wir ergriffen, war als ein Schritt zur
Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen den Nationen gedacht» Diese Vorschläge schlössen einen ehrenhaften Waffenstillstand in Korea, ein freies und wiedervereinigtes Deutsch

�2. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Deutschland, ein befreites Österreich, ein befriedetes Indochina
und Südost-Asien sowie die Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken unter internationaler Kontrolle mit ein.
Der erste Vorschlag konnte verwirklicht werden. Das Waffenstillstandsabkommen in Korea war darüber hinaus der erste Schritt
zur Statuierung eines neuen Prinzips der Freiheit - daß nämlich
Kriegsgefangene das Recht haben, die Seite, zu der sie sich
repatriieren lassen wollen, selbst wählen können. Dieses eine
Prinzip mag im Hinblick auf seine Wirkung auf den Portgang der Geschichte mehr wiegen, als jede Schlacht unserer Tage.
Die Verhandlungen zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands wurden durch die sowjetische Forderung, dieses Land müsse
in seiner Lebensform einem Satelliten gleichen, zunichte gemacht.
Was Österreich anbetrifft, so haben sich die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und Frankreich bereit erklärt, Bedingungen des
Staatsvertrages anzuerkennen, die der Sowjetunion bisher akzeptabel erschienen. Nachdem diese Bereitwilligkeit zum Ausdruck
gebracht wurde, erfand die Sowjetunion sofort neue Bedingungen,
durch die sie in die Lage versetzt worden wäre, ihre Besatzungsstreitkräfte auf unbestimmte Zeit in Österreich zu halten.
Wir konnten einem solchen Plar nicht zustimmen. Es ist nach
Auffassung unserer Regierung weit besser, daß wir eine Diskussion
über dieses immer noch ungelöste Problem beenden, als daß wir einen
Kompromiß schließen oder einem Abkommen zustimmen, dessen Preis in
späteren Jahren vielleicht mit Blut bezahlt werden müßte.
In unserem Bemühen, Mittel und Wege zu finden, mit denen die
wunderbare Erfindungsgabe des Menschen nicht seinem Tod, sondern
seinem Leben geweiht werden könnte, hat ein schriftlicher Meinungsaustausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stattgefunden. Außenminister Dulles hat sowohl in Berlin als
auch in Genf persönlich mit dem sowjetischen Außenminister Molotow
verhandelt. Diese Besprechungen haben nicht die von uns angestrebten produktiven Ergebnisse gezeitigt, aber wir setzen unsererseits
den Meinungsaustausch und die Beratungen mit den hauptsächlich
interessierten freien Nationen weiter fort.
Wir haben die feste Absicht, diese und alle ähnlichen Verhandlungen weiterzuführen im Vertrauen in die Verdienste unserer
Sache, realistisch in unserer Beurteilung der sowjetischen Absicht
und in der festen Überzeugung, daß unsere Ziele und Hoffnungen
auch die noch so festgefahrenen Konferenzen überdauern werden.
Um erfolgreich zu sein:, müssen unsere friedlichen Zielsetzungen und unsere Hoffnungen selbstverständlich mit der Wahrheit in Einklang stehen und der Welt immer wieder von neuem vor
Augen geführt werden. Unser Handeln muß vor jeder Prüfung - sei
es durch Freunde, Feinde oder Zweifelnde - bestehen können. Wir
müssen bei einer Erläuterung aufrichtig und geduldig sein. Wir
können um der Sache des Friedens willen keinen besseren Schlachtruf wählen, als das Thema der Zweihundert-Jahrfeier der ColumbiaUniversität« 'Das Recht des Menschen auf Wissen und auf seine
freie Anwendung.'
w.
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"AMERIKA DIENST"

Wir wollen aber die Wahrheit oder das Wissen um die Wahrheit
nicht nur mit den engen Begriffen bloßer Tatsachen, statistischen
Berechnungen oder mathematischer Gleichungen definieren. Weisheit
und menschliches Verständnis - echter Sinn für das rechte Maß sind wesentliche Voraussetzungen. Wissen vermochte uns die Kernspaltung zu bringen, aber Weisheit allein und Verständnis können ihre
Anwendung zur Besserung des Loses der Menschheit statt zu ihrer
Vernichtung gewährleisten.
In diesem Lichte gesehen, ist das Thema, das sich die ColumbiaUniversität gestellt hat, eine dynamische Idee, ein echter Nachfahre der revolutionären Doktrin, die unsere Vorväter dereinst
proklamierten. Wir sollten uns furchtlos zu ihr bekennen und nach
ihr leben.
In dieser hervorragenden Gesellschaft und in diesen angenehmen
äußeren Bedingungen, in denen wir uns heute abend hier finden,
könnten wir es nur zu leicht für alle Zeiten als gegeben und gesichert betrachten, daß die Freiheit des Wissens und ihre Anwendung
bewahrt werden. Die zweihundertjährige Geschichte der Columbia-Universität und die Tausende von anderen Lehranstalten in den USA scheinen einen Beweis dafür abzulegen. Aber können wir sicher sein, daß
der Besitz dieser Werte selbst bei uns so unzerstörbar wie unbezahlbar ist? Die traurige Geschichte eines Dutzend von Staaten
lehrt uns beständig ein anderes.
Die zuversichtlichste Prophezeiung aus den Tagen meiner Kindheit hieß, daß die Prinzipien unserer freien Gesellschaft in allen
Ländern der Erde innerhalb eines Menschenalters so schnell akzeptiert werden würden, wie die Menschen geistigen Besitz von ihnen
ergreifen und sie verwirklichen könnten.
Sicherlich sprach ein gewisses Maß an Logik und Vernunft dafür, auf eine derartige Voraussage zu vertrauen. Die Freiheit war
seit Beginn der Menschheit ein von Gott in die Herzen der Menschen
verpflanztes Verlangen. Zu allen Zeiten und überall haben die Menschen, selbst wenn sie sich dessen niemals bewußt waren - selbst
wenn sie die Werte der Freiheit nur instinktiv und nicht bewußt
empfanden - nach persönlicher Freiheit gestrebt, dafür gekämpft
und dafür ihr Leben hingegeben.
Trotzdem wurde während der letzten Jahrzehnte die ganze
Philosophie unserer Vorväter von über große Macht verfügenden
Männern, die weite Gebiete unseres Planeten kontrollieren,verworfen. Die revolutionären Lehren unserer freien Gemeinschaft
werden nicht in allen Teilen der zivilisierten Welt angewandt.
Vielmehr haben wir zu oft erlebt, daß Gegenangriffe des Faschismus
und des Kommunismus diese Lehren durch einen Polizeistaat zu ersetzen suchen, in dem jegliche Freiheit und freie Forschung unterdrückt werden. Wir haben zu oft erlebt, daß die Erziehung zu einem
Instrument für die Anwendung und Unterstützung der Diktatur gemacht
wurde.
Darüber hinaus wurden diese wenigen Jahrzehnte Zeuge, wie
die Wissenschaft dem Menschen technische Hilfsmittel in die Hand
gegeben hat, deren zerstörende Wirkung so kolossal ist, daß sie
zeitweise seinen Blick für die ihnen innewohnenden gewaltigen

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2. Juni 1954

gewaltigen Möglichkeiten zur Besserung des Loses aller trübten.
Die praktisch völlige Auslöschung des Raumes als Schutzschild
hat uns alle in den Frontbereich eines etwaigen künftigen großen
Krieges gebracht.
Inmitten solcher Alarmzeichen und so vieler unsicherer Faktoren, beginnen die Zweifler das Vertrauen in sich selbst, in ihr
land und in ihre Oberzeugung zu verlieren. Sie fangen an, die
Ideen anderer Völker - ja schließlich sogar jede neue Idee - zu
fürchten. Sie gehen dann dazu über, nach einer Zensur der Quellen
und der Verbreitung der Ideen zu rufen. Sie vergessen, daß die
Wahrheit das Bollwerk der Freiheit ist, während Unterdrückung der
Wahrheit die Waffe der Diktatur darstellt. Wir wissen, daß jede
Zensur, sofern sie über die Grenzen des Anstands oder über den
reinen Schutz der klaren Interessen des Staates hinausgeht, für
uns rasch zu einer tödlichen Gefahr würde. Sie bedeutet eine
durch Zwang geschaffene Konformität in der Erziehung, eine reglementierte statt eine freie Presse und den Verlust der Grundfreiheiten des Menschen.
Die ehrenhaften Männer und Frauen unter den 'Möchte-gern'Zensoren und Reglementierern mögen vergessen haben, daß der Preis
ihres Erfolges gerade die Zerstörung der Lebensform sein könnte,
die sie zu erhalten suchen. Aber die unehrenhaften und unloyalen
unter ihnen wissen genau, was sie zu erreichen suchen - die Perversion und Unterminierung einer freien Gesellschaft, der sie mit
falschen Schwüren Gefolgschaft versprechen.
Wo immer und aus was für Gründen auch immer Menschen den
Versuch machen, Ideen zu vernichten, ihre Überzeugungen zu verbergen, jeden Nachbarn als möglichen Feind zu betrachten oder
irgendeine Wünschelrute haben wollen, um die Konformität zu prüfen, ist eine freie Gesellschaft in Gefahr. Wo immer das Recht
des Menschen auf Wissen und seine Anwendung beschränkt wird, beginnt seine Freiheit im gleichen Maße zu schwinden. Wir hier in
Amerika stammen geistig und blutsmäßig von Revolutionären und Rebellen ab - von Männern und Frauen, die es wagten sich von den
überkommenen Doktrinen zu lösen. Als ihre Erben dürfen wir niemals eine aufrichtig vertretene andere Meinung mit unloyaler
Subversion verwecheln.
Ohne erschöpfende Diskussion - selbst einer hitzig geführten
Diskussion - der Ideen und Programme, müßte jede freie Regierung
empfindlich geschwächt werden und langsam zugrunde gehen. Aber wenn
wir uns zu dem Grundsatz bekennen, daß jeder Mensch - oder jede
Partei, die unsere eigenen Überzeugungen angreift - notwendigerweise böswillig oder verräterrisch ist, dann, ja dann wären wir
wirklich am Ende der Freiheit angelangt.
Ein wirksames Eintreten für eine Idee erfordert - wie die
Verteidigung einer Kampfstellung - Sicherheit, ruhiges Urteil,
Mut, Glauben und Kraft. Der Sache der Freiheit und Wahrheit im
eigenen Lande und jenseits unserer Grenzen verschrieben, können
wir Furcht, Drohungen, Hysterien und Einschüchterungsversuche
nicht gebrauchen - und dürfen sie auch nicht tolerieren.
Da
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"AMERIKA DIENST"
Da wir andere die Worte der Freiheit lehren wollen, sollten
wir Freiheit leben. Dann werden wir, gefestigt in unserer Integrität, den revolutionären Marsch der Gründer unserer Republik
fortsetzen.
So wie sie den Willen der Menschheit wachgerüttel haben,
sich aus den Fesseln der monarchistischen Herrschaft politisch
zu befreien, so können wir in der Menschheit den Wunsch wecken,
sich geistig aus der Lügenpropaganda und Zwangsverdummung der
kommunistischen Tyrannei zu lösen. Mit Wiesen und mit Einsicht
werden wir alle jene aus dem Tempel der Freiheit vertreiben, die
uns der Gedankenkontrolle unterwerfen wollen - ob sie nun Agenten
einer ausländischen Macht sind, oder Demagogen, die nach persönlicher Macht und öffentlicher Anerkennung hungern.
Wahrheit kann den Menschen frei machen. Und wo die Menschen
ihr Leben in Freiheit planen, wo sie sich in Freiheit selbst
regieren, die Wahrheit aneignen, und um das Verständnis ihrer
Mitmenschen ringen können, dort glauben wir, ist auch der wahre
Wille, in Frieden zu leben.
Darin sehen wir - trotz aller Atom- und Wasserstoffbomben,
trotz der furchtbaren Zerstörungen moderner Kriege,trotz des
Terrors, der Subversion, der Propaganda und Bestechung - den
Schlüssel zum Frieden. Der Schlüssel heißt Wissen und Einsicht
und die ständige Anwendung beider durch die Menschen.
Selbstverständlich müssen wir heute Infanterie haben - und
Flugzeuge und Schiffe und Artillerie. Nur so können wir sicher
sein, daß wir morgen noch bestehen und die Möglichkeit haben,
die Mobilisierung der moralischen und geistigen Kräfte fortzusetzen. Es gibt jedoch keine Zeit zu vergeuden, wenn die Wahrheit
den Kampf um die Herzen der Menschen gewinnen soll. Hier liegt
die nie endende Mission der Universität - praktisch aller Lehreinrichtungen der freien Welt - die Wahrheit zu finden und zu
verbreiten!
Wir entsenden Professoren, Gelehrte und Studenten an die
Schulen der freien Welt, die das Verständnis für die USA fördern
sollen, während sie selbst gleichzeitig ihr Wissen bereichern und
die anderen besser verstehen lernen. Diese Praxis muß beschleunigt
werden. Wir finden an unseren eigenen Schulen Platz für Zehntausende junger Männer und Frauen aus anderen Ländern, die innerhalb
der amerikanischen Gemeinschaft die Wahrheit über uns lernen und
uns ihr eigenes Volk besser verstehen lassen. Diese Anstrengungen
müssen verstärkt werden.
Die Zielsetzung der freien Welt darf nicht allzu begrenzt
sein! Es ist nicht unser Ziel, nur auf kommunistische Übergriffe,
Lügen und Angriffe zu antworten. Das wäre ein end- und nutzloses
Unterfangen. Der Taktik der Falschheit sind keine Grenzen gesetzt.
Wir müssen uns mit unseren Freunden zu einem Kreuzzug der Wahr- '
heit zusammenschließen. Wir müssen die Schaffung eines in Gerechtigkeit und Freiheit begründeten Friedens zu unserem Ziel machen.
Dies ist ein würdiges Ziel und es verheißt uns goldenen Lohn. Die
unermeßlichen Energien der freien Menschen setzen uns in die Lage,
es auch zu erreichen.
Besser

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2. Juni 1954

Besser als jede andere Institution, die sich mit den flüchtigen und wandelbaren Aspekten menschlicher Probleme auseinanderzusetzen hat, kann uns eine Universität die bleibenden Maßstäbe
an die Hand geben, die wir brauchen. Natürlich bleibt die Zeit
auch in Hörsälen, Laboratorien und Bibliotheken nicht stille
stehen. Dort werden aber die menschlichen Probleme gegen den
Hintergrund von Jahrhunderten geprüft. Professoren und Studenten
wissen gleichermaßen, daß eine Nation nicht wegen einer verlorenen
Schlacht oder eines abgelehnten Vorschlags, eines zeitweiligen
Stillstands von Verhandlungen und auch nicht wegen eines Jahrzehnts der Angst zugrunde geht. Sie wissen, daß Völker nur dann
sterben, wenn sie das Vertrauen in sich selbst und den Glauben
an ihre Grundsätze verlieren und daß die Völker zugrundegehen,
wenn sie von ihrer Überzeugung lassen und dem Defaitismus anheimfallen.
\
Wenn eine Universität die Wege findet, ihr Wetbild mit jedem
Amerikaner zu teilen, dann werden wir niemals das hysterische
Getue hören, daß alles schon verloren ist, wenn der Kampf erst begonnen hat. Wir werden dann in unserer vielfältigen Kraft stetig
voranschreiten, in dem Wissen, daß der Lauf der Geschichte trotz des Marxistischen Treibens - langsam ist und daß Rückschläge
und Siege in unseren Tagen erst von der nächsten Generation nach
der dann vorhandenen Lage der Welt ihre wahre Beurteilung erfahren
werden. Die Einheit eines entschlossenen und wohlinformierten
Volkes ist wichtiger als Tag und Stunde eines Ereignisses.
'Die Aussichten für uns hier in Amerika', so schrieb John
Adams im Jahre 1765, 'verlangen, daß die Aufmerksamkeit jedes
Gebildeten auf die Fragen von Macht und Recht gerichtet ist, damit
wir niemals blind in eine nicht wiedergutzumachende Zerstörung
hineingeführt oder hineingetrieben werden... Darum sollen alle
Schleusen des Wissens geöffnet und freigemacht werden'.
Ich finde es heute abend angebracht, diese Ausführungen von
John Adams zu wiederholen in der Überzeugung, daß wir, getrieben
von der Vernunft und gerüstet mit dem Glauben, den Portschritt
des Wissens und der Freiheit auf ihrem gemeinsamen Weg durch
die Zeiten vorantreiben werden."
* # * # *

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�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES FORDERT FORTFÜHRUNG DES
US-AUSLANDSHI1FSPROGRAMMS

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den vollen Wortlaut einer
Rede des amerikanischen Außenministers John
Foster Dulles vom 4. Juni 1954 vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats, in der er zu
dem Auslandshilfsprogramm der amerikanischen Regierung für das kommende Finanzjahr Stellung
nahm und dabei die Notwendigkeit der Fortführung des US-Auslandshilßprogramms und des Aufbaus der Verteidigung der freien Welt besonders
unterstrich:
"Ich begrüße es, daß ich heute hier vor Ihnen erscheinen
darf, um für das gemeinsame Sicherheitsprogramm für das Finanzjahr 1955 eintreten zu können. Dieses Programm ist ein wichtiges Instrument unserer amerikanischen Außenpolitik. Ich werde
mich zunächst mit den Beziehungen dieses Programms zu unserer
Gesamt-Außenpolitik befassen.
Das Programm entspricht den folgenden von uns klar erkannten Grundtatsachen. Erstens: Die sowjetischen und rotchinesischen Herrscher suchen weiterhin die Weltherrschaft zu erlangen.
Nichts, was bisher geschehen ist, deutet auf einen Weehsel in
der Verfolgung dieses Ziels. Als einen Teil ihres Expansionistischen Programms unterhalten sie weiterhin einen riesigen
militärischen Apparat, sowie gewaltige Propagandamaschinen und
kontrollieren starke Subversive Kräfte in den freien Nationen.
Zweitens: Die Gefahr für unsere nationale Sicherheit ist weder
auf eine bestimmte kürzere Zeitspanne begrenzt noch rein militärischer Art. Aus diesem Grunde müssen wir uns darum bemühen
unsere Sicherheitsabkommen so zu gestalten, daß sie mit unserer
wirtschaftlichen und sozialen Gesundheit verträglich sind. Dies
gilt in gleicher Weise für unsere Alliierten. Drittens: Durch
Isolation können die USA keine Sicherheit erlangen, sondern nur
durch ein kollektives Verteidigungssystem. Unser Weiterbestehen
hängt davon ab, daß die geistigen und materiellen Hilfsquellen
der anderen freien Nationen dem sowjetischen Zugriff entzogen
bleiben und daß die Beiträge, die andere freie Nationen im Kampf
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�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Kampf gegen den Kommunismus leisten können, so weit wie möglich
gesteigert werden. Viertens: Eine Anzahl freier Länder in der Welt
können ihre militärische Stärke und ihre wirtschaftliche Stabilität, die sie in ihrem eigenen Interesse haben müssen und die wir
in unserem Interesse ihnen wünschen, nicht aufrechterhalten,
wenn wir ihnen nicht helfen. Unsere Unterstützung muß ihren Bedürfnissen angepaßt - in einigen Ländern militärischer, in anderen wirtschaftlicher Natur - sein.
Das sind immer bleibende Grundsätze. Sie bestimmen das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm und auch unser Ersuchen um die
Ermächtigung, das Programm im kommenden Jahr fortzusetzen. Lassen
Sie mich jetzt einen kurzen Überblick über die hauptsächlichen
Entwicklungen des vergangenen Jahres in den wichtigsten Gebieten
der Welt geben und die Hauptfaktoren umreißen, die für das Programm in diesen Gebieten im kommenden Jahr eine Rolle spielen
werden.
Europa
Wie Sie wissen, ist eines unserer bedeutendsten und erfolgreichsten Wagnisse auf dem Gebiet der kollektiven Sicherheit der
Nordatlantikpakt, dem 14 Nationen angehören. Die NATO hat nicht
nur eine beträchtliche regionale Verteidigungsstärke geschaffen,
sondern stellt auch die für die Verwirklichung unserer umfassenden Abschreckungsmaßnahmen notwendigen Einrichtungen zur Verfügung. Im Rahmen des Nordatlantikpaktes haben wir und unsere
Alliierten ein ausgedehntes System von Stützpunkten und Einrichtungen geschaffen, das allen Partnern zugutekommt und das sich
von Kanada über den Nordatlantik bis nach Europa und die Grenzen
Asiens erstreckt. Darüber hinaus verfügen unsere Alliierten in
der NATO über Heeresverbände, die der Zahl nach den unsrigen überlegen sind. Den sechs Divisionen amerikanischer Truppen, die wir
der NATO zur Verfügung gestellt haben, stehen heute rund 90 aktive
und Reservedivisionen der alliierten Länder zur Seite. Wir schlagen vor, diese gegenwärtig von unseren Alliierten gebildeten Verbände weiter zu stärken, indem wir ihnen zusätzliche weitere militärische Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung stellen.
Wenn diese Kräfte auch von Bedeutung sind, so stellen sie
doch nur den Kern unserer kombinierten Verteidigungs- und Abschreckungsstärke dar. Sie müssen durch all die anderen Möglichkeiten ergänzt werden, die nötig sind, um von einem Angriff abzuschrecken. Als eines dieser Mittel schlagen wir in diesem Programm vor, daß die USA dadurch zur Erlangung dieses Zieles beitragen, daß sie Großbritannien bei der Entwicklung einer moderneren und mächtigeren Luftmacht unterstützen, die die begrenzten
Bodentruppen der NATO verstärken soll.
Das System der NATO ist ein wichtiges Element der amerikanischen Politik« Es stellt einmal die Grundlage der europäischen
Verteidigung dar und bildet zum anderen den politischen Rahmen
für die Koordinierung und Angleichung der alliierten Politik und
der alliierten Programme. Der Ministerrat der NATO, der regelmäßig zweimal im Jahr zusammentritt, bietet die Gewähr für eine
unerlässliche Beratung auf autoritativer Grundlage.
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�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Ich freue mich feststellen zu können, daß das Ausmaß der
neuen Vollmachten, welche für unseren Beitrag zur Stärkung der
NATO-Organisation notwendig sind, im kommenden Jahr viel geringer
sein wird als bisher. Eine Überprüfung der von der NATO gemachten
Portschritte macht eine Überprüfung des zur Zeit bestehenden Status der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erforderlich. Die
NATO braucht einen deutschen Beitrag, um eine vorausschauende
Strategie zu entwickeln. Sie braucht ferner eine französische
deutsche Einigung, die für alle Zeiten die Gefahr von Spannungen
und Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nationen beseitigen
wird. Die Franzosen schlugen zur Erreichung dieses Ziels den Zusammenschluß von sechs europäischen Nationen, Deutschland und
Prankreich mit einbegriffen, vor, um eine neue Gemeinschaft zu
bilden, deren bewaffnete Streitkräfte, die aus diesen Staaten
gebildet worden sind, in Europa die nationalen Streitkräfte
ersetzen sollen.
Es ist nun über zwei Jahre her, seit der Vertrag für die
Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft unterzeichnet worden ist. Seit meinem letzten Besuch in Europa, wo ich die
Wichtigkeit, die unsere Regierung der Verwirklichung der EVG
beimißt, noch einmal unterstrich, sind beträchtliche Portschritte
erzielt worden. Vier der sechs Unterzeichnerstaaten haben nun
den Vertrag ratifiziert. Heute haben lediglich Prankreich und
Italien noch keine parlamentarischen Maßnahmen zu seiner Ratifizierung getroffen.
Diese Verzögerungen stallen vom Standpunkt der freien Welt
aus einen negativen Paktor dar. Sie haben nicht nur einen deutschen militärischen Beitrag zur westlichen Verteidigung verzögert, sie haben die Bundesrepublik auch daran gehindert, in die
Familie der souveränen Völker zurückzukehren. Das erklärt sich
daraus, daß die Verträge, die die Souveränität der Bundesrepublik
wiederherstellen sollen, auf Grund ihrer Bestimmungen von der
Errichtung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abhängig
sind. Es gibt in Westdeutschland natürlich eine ordnungsgemäß
gewählte Regierung, sie ist jedoch keine souveräne Regierung.
Es ist offensichtlich, daß die Situation so nicht mehr
lange andauern kann. Es besteht eine Konstellation, die sicher
nicht auf unbestimmte Zeit gegeben sein wird und die es im Falle
eines Wandels vielleicht unmöglich machen könnte, das entscheidende Ziel eines Zusammenschlusses' jener europäischen Staaten
zu verwirklichen, deren Differenzen zu immer verheerenderen
Kriegen geführt haben. Wir haben es unseren europäischen Verbündeten klar gemacht, daß wir, falls die Europäische Verteidigungsgemeinschaft nicht gebilligt und verwirklicht wird, gezwungen
wären, die amerikanische Politik einer gründlichen Überprüfung
zu unterziehen. Es läßt sich im gegenwärtigen Augenblick nicht
sagen, welche Ergebnisse eine derartige Überprüfung zeitigen
würde. Es kann jedoch mit Sicherheit gesagt werden, daß sie einige
grundlegende Änderungen notwendig machen würde und daß wir unsererseits unsere Einstellung und Politik, die ein gewisser Teil

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�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Teil unserer Alliierten als eine Selbstverständlichkeit anzusehen
scheint, in gewissen Punkten revidieren müßten.
In diesem Zusammenhang bestimmte der Kongreß im vergangenen
Jahr einen beträchtlichen Anteil der Mittel für die gemeinsame
Sicherheit für die EVG. Soweit ich weiß, beabsichtigt der Kongreß, in diesem Jahr eventuell etwas ähnliches in Erwägung zu
ziehen. Da unsere gegenwärtige Politik auf der Voraussetzung
basiert, daß die EVG- realisiert wird, kann vernünftigerweise
gegen eine derartige Handlungsweise nichts eingewendet werden.
Das 'kürzliche Abstimmungsergebnis des sozialistischen Kongresses
in Prankreich ist sehr ermutigend und könnte uns in unserer Annahme,
daß die EVG sich durchsetzen wird, nur noch bestärken. Gleichzeitig empfehle ich dem Kongreß, die Gesetze über die gemeinsame Sicherheit in der Weise zu modifizieren, daß es den Ländern, die
dem EVG-Vertrag bereits zugestimmt haben, gestattet wird, den
Aufbau ihrer Verteidigung bis zu einer endgültigen Entscheidung
der anderen Signatarmächte fortzuführen.
Im vergangenen Jahr hat unser System der kollektiven Sicherheit durch ein Stützpunktabkommen mit Spanien eine Stärkung erfahren. Diese Vereinbarung wird für die im westlichen Mittelmeerraum
stationierten amerikanischen Luft- und Seestreitkräfte eine Erweiterung der ihnen zur Verfügung stehenden Anlagen bedeuten. Der
erfolgreiche Abschluß dieser Verhandlungen stellt eine bedeutsame
Erhöhung unserer allgemeinen Sicherheit dar.
Die Erhöhung des wirtschaftlichen Wohlstandes unserer
europäischen Verbündeten in diesem Jahr ist eine ermutigende Entwicklung. Allgemein gesprochen ist ihr Lebensstandard gestiegen,
ihre Währung stabiler geworden, und das Volk hat mehr Vertrauen
in die Zukunft. Das vorliegende Programm basiert zweifellos auf
unseren letzten wirtschaftlichen Hilfsprogrammen. Es resultiert
ferner in hohem Maße aus der Annahme der auf lange Sicht berechneten NATO-Konzeption in diesem Jahr®
Durch Auswahl der geeignetsten Methoden und immer stärkere
Identifizierung mit einer neuen Strategie wird es möglich sein,
die Verteidigungskapazität ohne zusätzliche Militärausgaben, die
unsere europäischen Alliierten ohne umfangreiche wirtschaftliche
Hilfe von den Vereinigten Staaten nicht tragen könnten, ständig
zu erweitern.
Wir haben die Ausschaltung der den europäischen Ländern als
reinen Budgetbeitrag gegebenen Wirtschaftshilfe erstrebt und beinahe schon restlos verwirklicht, Wir sind der Auffassung, daß es
für uns im eigenen Interesse nach wie vor wichtig ist, eine
derartige Hilfe in einigen außergewöhnlichen Fällen zu gewähren insbesondere dann, wenn es notwendig ist, in einem Gebiet militärische Einrichtungen zu unterhalten, deren Vorhandensein auch
uns unmittelbar zugutekommt und die andernfalls und ohne Unterstützung durch die Vereinigten Staaten nicht in einer von unseren
militärischen Beratern notwendig erachteten Stärke dort unterhalten werden könnten.
Dieser

�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Dieser Sachverhalt läßt sich am Beispiel der Türkei am besten
illustrieren. Die Türkei unterhält 20 schlagkräftige Divisionen
in einem strategisch wichtigen Raum. Die türkische Volkswirtschaft
kann die Ausgaben für diese Streitmacht nicht ohne eine gewisse
Unterstützung bestreiten; aus diesem Grund schließt das Programm
zur Gemeinsamen Sicherheit eine entsprechende Hilfe ein. Wir sind
der Auffassung, daß die Vereinigten Staaten aus den auf diese
Weise verausgabten Summen, was die militärische Sicherheit angeht,
mehr Nutzen ziehen, als wenn sie für andere Zwecke oder überhaupt
nicht ausgegeben würden.
Im Nahen Osten ist der Abschluß eines Vertrages der Freundschaft und der Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Pakistan
ein wichtiges Element der Ermutigung. Man muß es begrüßen, daß
die Konzeption der gegenseitigen Sicherheit in diesem wichtigen
Gebiet der Erde Wurzeln gefaßt hat. Dieses Gebiet ist von großem
menschlichem, wirtschaftlichem und strategischem Wert. Es würde
bisher durch Spaltungen geschwächt. Die Tatsache, daß Pakistan
und unser Alliierter in der NATO, die Türkei, nunmehr eine Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Sicherheit planen, verleiht beiden
Ländern eine neue Quelle der Kraft. Darüber hinaus haben sie ein
Beispiel gegeben, daß andere eventuell befolgen werden.
Unter den mit uns befreundeten Nationen im Nahen Osten und
Südasien befinden sich Länder, für die wir eine Wirtschaftshilfe
vorschlagen, die nicht im Zusammenhang mit einem direkten militärischen Nutzen stehen. Die Bevölkerung dieser Länder steht in einem
Ringen, in dem sie nicht in erster Linie Waffen für den Krieg, sondern Werkzeuge für den Frieden benötigen. Der größte Posten, für
den um eine Bewilligung in dieser Kategorie nachgesucht wurde,
ist für die Entwicklungshilfe an Indien bestimmt.
Hilfe für Indien
Die Außenpolitik Indiens ist in manchen Fragen von unserer
verschieden. Aber die Grundsätze Indiens - die Prinzipien der Demokratie - sind im Grunde die gleichen, die von uns Wert gehalten
werden. Das indische Volk und seine Politiker sind Anhänger einer
demokratischen Regierungsform. Die indische Verfassung hat teilweise unsere eigene Verfassung zum Vorbild, indem ihr Hauptgewicht
auf der Garantie der Bürgerrechte liegt. Indien bemüht sich mutig
und zäh um einen wirtschaftlichen Fortschritt, der für die unter
seiner neuen Selbständigkeit gewonnenen demokratischen Institutionen
unerläßlich ist.
Dieses Bemühen steht in krassem Gegensatz zu den Entwicklungen
in dem benachbarten Rotchina. Ich hege keine Zweifel darüber, daß
die Völker Asiens wesentlich von einem Vergleich zwischen dem wirtschaftlichen Fortschritt unter einem demokratischen Regime in Indien
und unter der Herrschaft einer roten Diktatur in China beeinflußt
werden. Wir sind der Auffassung, man sollte Indiens eigene Anstrengungen unterstützen, so daß sein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm auch Erfolg hat. Wir sollten niemals vergessen, daß freie

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�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

freie Nationen durchaus Meinungsverschiedenheiten vertragen können. Wir dürfen es nicht zulassen, daß unser Wunsch, Indien bei
der Entwicklung seines Staates zu helfen, durch irgendwelche vorübergehenden Differenzen, wie wichtig sie auch sein mögen, ins
Wanken gerät. Es ist wesentlich, unsere Unterstützung fortzuführen - selbst wenn dies lediglich aus keinem anderen Grunde geschieht, als unserem vernünftigen Eigeninteresse zu dienen. Es
wäre ein tragischer Tag für uns, wenn das indische Volk das in
seine demokratischen Institutionen gesetzte Vertrauen verlöre.
Latein-Amerika
Ich möchte hier noch ein Wort über die westliche Hemisphäre
sagen. Die auf der zehnten interamerikanischen Konferenz in
Caracas getroffenen Maßnahmen stellen einen wichtigen Fortschritt
in Richtung auf eine Vereinigung dieser Hemisphäre gegenüber der
Bedrohung durch den internationalen Kommunismus dar. In Caracas
wurde eine Solidaritätserklärung zur Erhaltung der politischen
Integrität der amerikanischen Staaten gegenüber einer internationalen kommunistischen Intervention angenommen. Es wurde beschlossen,nur Guatemala war anderer Ansicht -,daß die Beherrschung oder Kontrolle der politischen Institutionen durch den internationalen
Kommunismus in irgendeinem amerikanischen Staat eine Bedrohung der
Souveränität und der politischen Unabhängigkeit der amerikanischen
Staaten darstellen und so den Frieden Amerikas bedrohen würde.
Es genügt jedoch nicht, die kommunistische Bedrohung als die
Gefahr zu erkennen, die sie wirklich ist. Es ist auch notwendig,
Schritte zu ergreifen, um die Solidarität auch auf wirtschaftlichem Gebiete zu demonstrieren.
Der Lebensstandard in den meisten lateinamerikanischen Ländern ist niedrig und es gibt zahlenmäßig nicht unbedeutende Gruppen, die mit entsprechendem Lärm versuchen, die Schuld dafür den
Vereinigten Staaten zuzuschieben.
Unser Gemeinsames Sicherheitsprogramm stellt die Bedeutung
eines wirtschaftlichen Aufstieges und eines besseren Lebensstandards in Lateinamerika in klarer Erkenntnis in Rechnung. Der
Hauptbeitrag, den unsere Nation hier leisten kann, muß über das
private Unternehmertum erfolgen. Dennoch sind gewisse Maßnahmen der Regierung zur Unterstützung und Ergänzung notwendig.
Hierzu gehören die Programme zur technischen Zusammenarbeit. Das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 wird diese Form der Hilfeleistung in Lateinamerika und anderen Ländern in entsprechender
Weise ermöglichen. Es bringt Resultate hervor, die weitaus größer
sind als dies in den dafür bereitgestellten Dollar-Beträgen zum
Ausdruck kommt, denn durch sie werden Wissen und Kenntnisse vermittelt, die anderen helfen, sich selbst zu helfen.
Der Ferne Osten
Im Fernen Osten drückt sich das Ende der Kämpfe in Korea
auch in dem Gemeinsamen Sicherheitsprogramm für 1955 aus.
Das

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9. Juni 1954

Das Verteidigungsministerium braucht nicht mehr die Milliarden auszugeben, die für die aktive Kriegsführung nötig waren. An
die Stelle der destruktiven und ins Leere hinausgeworfenen Ausgaben tritt je-tzt ein Programm für die Unterstützung und den Wiederaufbau der Republik Korea. Dieses Programm wird zum Teil von den
Vereinten Nationen durchgeführt, die Hauptlast wird jedoch von
den USA getragen. Die Wiederherstellung des Wohlstandes in einem
durch den Krieg zerstörten Korea ist eine ungeheure Aufgabe. Die
Kosten dafür stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Ausgaben dar, die das Führen eines Krieges kosten würde. Wir sind der
Ansicht, daß die Durchführung dieser Aufgabe des Friedens sowohl
im Interesse der USA als auch der freien Welt liegt, wenn sie
die Fähigkeit freier Menschen zeigt, - und wir sind sicher, daß
das möglich ist - sich in ihren Friedenstaten gegenseitig zu überbieten.
Die japanische Regierung plant gegenwärtig, einen größeren
Teil an Verantwortlichkeit für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen. Am 1. Mai 1954 trat ein gegenseitiges Verteidigungs-Hilfsabkommen zwischen den USA und Japan in Kraft. In den letzten Tagen hat der japanische Reichstag eine Gesetzgebung in Kraft gesetzt, die eine neue nationale Verteidigungsbehörde schafft und
zu einer Vergrößerung der gegenwärtigen nationalen Sicherheitskräfte ermächtigt. Im Rahmen des gegenseitigen VerteidigungsHilfsabkommens planen die USA die Unterstützung der japanischen
Verteidigungsstreitkräfte mit militärischen Ausrüstungsgegenständen-. Natürlich schließt dies weitere Kosten für die USA ein, es
ist jedoch eine Ausgabe, die sich bezahlt machen wird.
Indochina
Die Lage in Indochina ist von Gefahren durchsetzt. Diese Gefahren bestehen nicht nur für das eigentliche indochinesische Gebiet, sondern auch für die Sicherheit der USA und ihrer Alliierten
im pazifischen Raum. Dieses Gebiet ist für den Frieden und die
Sicherheit der Vereinigten Staaten von lebenswichtiger Bedeutung.
RotChina hat den Vietminh-Verbänden fortlaufend und in immer
stärkerem Ausmaß Munition und militärische Bedarfsgüter zur Verfügung gestellt. Es liegen auch Beweise dafür vor, daß sowjetische
Waffen in immer größeren Mengen den kommunistischen Streitkräften
in Indochina geliefert worden sind.
In ihrer klassischen Methode haben es die Kommunisten darauf
angelegt, aus den regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen Kapital
zu schlagen und diese Aspirationen dazu benutzt, die Kontrolle
über eine Bewegung zu bekommen, die in ihren Anfängen zuerst nationalistisch eingestellt war. Die Machthaber Rotchinas haben
die Verbände ihrer Marionette Ho Tschi-minh ausgebildet und ausgerüstet. Sie beliefern diese Truppen mit großen Mengen an Artillerie und Munition, die in den Ländern des Sowjetblocks hergestellt worden sind. Sie stellen militärische und technische Berater zur Verfügung, die in den Divisionsstäben Ho Tschi-minhs und
solchen Spezialeinheiten wie Nachrichten- und Pionierverbänden,
Artillerie- und Transportregimentern Dienst tun.
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Der Plan zielt nicht nur darauf ab, Indochina zu schlucken,
sondern auch die Herrschaft über ganz Südostasien zu erlangen.
Der Kampf bringt damit nicht nur eine schwere Bedrohung Vietnams,
laos' und Kambodschas, sondern darüber hinaus auch der befreunde- ,
ten Nachbarländer wie Thailand, Malaya, Burma, Indonesien, den
Philippinen, Australien und Neuseeland.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist sich der wachsenden
Gefahr bewußt. Wir haben auf die Franzosen dahingehend eingewirkt,
daß sie Schritte unternehmen, um Vietnam, Laos und Kambodscha die
volle Unabhängigkeit zu gewähren. Wir haben einen großen Teil des
von den Streitkräften der französischen Union und den Nationalarmeen
von Laos, Kambodscha und Vietnam benötigten militärischen Materials
gestellt. Wir erklärten uns bereit, den Großteil der Ausgaben für
den Kampf um die Erhaltung der Freiheit der assoziierten Staaten
zu tragen. Vor allem aber haben wir uns bemüht, bei der Ausrüstung
und Unterhaltung einer wachsenden Zahl von nationalen Streitkräften
mitzuhelfen.
Das Semeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 enthält eine Bestimmung, die eine derartige Unterstützung auch weiterhin vorsieht.
Angesichts der vielen vor uns liegenden Unsicherheiten ist es wichtig, daß die Verwendung von bereits bewilligten Mitbein entsprechend elastisch gehandhabt wird, so daß die notwendigen Ausgaben
gemacht werden können, um in Südostasien und dem westlichen Pazifik die im Gemeinsamen Sicherheitsgesetz festgelegten politischen
Zielsetzungen zu erreichen.
Sie alle wissen, daß die Franzosen und ihre vietnamesischen
Verbündeten Rückschläge wie den Fall von Dien Bien Phu nach einer
großartigen Verteidigung erlitten haben. Die gegenwärtige Situation
ist ernst, aber auf keinen Fall hoffnungslos.
Auf der gegenwärtig in Genf stattfindenden Konferenz bemühen
sich die USA und andere freie Nationen, eine Formel zu finden, durch
die die Kämpfe beendet werden können und der Bevölkerung von Indochina die wahre Unabhängigkeit gesichert wird. Bisher war die
kommunistische Haltung nicht ermutigend. Es ist unmöglich, vorauszusagen, was die Zukunft bringen wird.
Die Ungewißheit hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung
im Fernen Osten sowie die schwierigen Probleme in anderen Teilen
der Welt weisen auf die Notwendigkeit hin, die für dieses Programm
bewilligten und bereitgestellten Mittel elastisch anzuwenden. Wenn
wir imstande sein wollen, aus unseren Mitteln das Beste und Wirkungsvollste herauszuholen, dann muß der Präsident in der Lage sein,
schnell und entschlossen zu handeln, was nach Lage der Dinge am
besten den Zielen dient, die dieses Gesetz erreichen soll. Aus
diesem Grunde sind wir der Ansicht, daß die in diesem Gesetz bisher enthaltene Elastizilät beibehalten werden müßte.
Ich möchte noch kurz zur Durchführung dieses Programms Stellung nehmen* Im vergangenen Jahr sagte ich, daß dies meiner Ansicht
nach am besten durch eine andere Behörde erfolgen könnte, die nicht

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9. Juni 1954

nicht dem US-Außenministerium angehört. Ich bin mir klar darüber,
daß die Präge einer gut arbeitenden Behörde im Kongreß wie auch
in der Regierung eingehend erörtert worden ist. Ich glaube, Ihnen
die Erklärung schuldig zu sein, wenn ich sage, daß ich über die
Art und Weise, in der die jetzigen Vereinbarungen ausgearbeitet
worden sind, tief befriedigt bin und daß ich ihre Weiterführung
für das kommende Finanzjahr empfehle.
Lassen Sie mich zum Abschluß noch kurz auf das gemeinsame
Sicherheitsprogramm in seiner größeren Bedeutung eingehen.
Die gegenwärtige internationale Lage erfordert vor allem
anderen die Aufrechterhaltung der Einheit und Zusammenarbeit
zwischen den nichtkommunistischen Nationen. Auf sich allein
gestellt., könnte niemand von uns mit Vertrauen einer groß angelegten Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Weltreich begegnen. Die kommunistischen Machthaber halten gegenwärtig 800
Millionen Menschen versklavt und sie haben diese Völker und die
großen materiellen Hilfsquellen ihrer Länder zu der dreifachen
Drohung des Krieges, der Subversion und der Propaganda zusammengeschlossen, der größten Drohung, der die freien Völker jemals
gegenüberstanden. Glücklicherweise trägt die Fähigkeit der freien
Welt, sofort zurückschlagen zu können, dazu bei, die sowjetische
Bedrohung der Massenvernichtung zu neutralisieren. Trotzdem tritt
die Notwendigkeit immer klarer hervor, daß die freien Völker sich
bei der Entwicklung zusätzlicher Abwehr - und Abschreckungskräfte
gegenüber der kommunistischen Expansion zusammenschließen müssen.
•

Einigkeit erfordert gegenseitige Achtung und Geduld auf
seiten aller freien Nationen. In allen freien Ländern herrscht
eine natürliche Ungeduld gegenüber den Hemmnissen und Beschränkungen kollektiven Handelns. In manchen Ländern gibt es Gruppen,
die Einwände erheben, daß die Mitarbeit ihrer Regierungen an dieser gemeinsamen Aufgabe eine Unterwerfung unter fremden Einfluß
bedeutet und $ie folgern, daß man die Unabhängigkeit durch Neutralität beweisen sollte. Manche Leute in Amerika glauben, daß
die USA besser verfahren würden, wenn sie versuchten, sich der
weltweiten militärischen und wirtschaftlichen Lasten zu entledigen wie auch der politischen Sorgen, die die Geschichte uns auferlegt hat.
Eine solche Politik würde aber den Sowjets nur zum Vorteil
eteichen. Die Zerstörung der Einheit der freien Welt ist das
idfotigste Ziel der sowjetischen Strategie. Ihre gesamte Diplomatie, ihre Propaganda, der von ihnen ausgeübte Druck und ihre
Verlockungen haben nur dieses Ziel.
Das Programm der USA für Gemeinsame Sicherheit ist eine Möglichkeit, den Erfolg der sowjetischen Strategie zu unterbinden.
Es trägt unweigerlich zur Erhaltung einer Einigkeit bei, die für
unsere eigene Sicherheit lebenswichtig ist. Ohne diese Einigkeit
würden die Vereinigten Staaten schnell gezwungen, ein Kasernenstaat
zu werden und die Schlinge des Kommunismus würde immer enger um
uns gezogen werden.
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überdies

S

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"AMERIKA DIENST"

Überdies erlaubt dieses Programm der freien Welt, eine umfassendere Stärke zu entwickeln als wir auf der anderen Seite
möglicherweise dadurch erreichen könnten, wenn wir denselben Betrag in den USA ausgeben würden. Lassen Sie uns niemals vergessen,
daß unsere Alliierten für jeden Dollar, den wir ihnen geben, drei
Dollar für Verteidigungszwecke ausgeben. Die Sicherheit unseres
Landes hängt nicht länger mehr ausschließlich von unseren eigenen
Streitkräften, so wichtig diese auch sind, sondern von der zusammengefaßten militärischen Stärke sowie von der politischen und
wirtschaftlichen Stabilität der freien Welt insgesamt ab. Aus diesem Grunde kann ich voller Zuversicht sagen, daß jeder Dollar im
Rahmen dieses Programms für Gemeinsame Sicherheit dem Schutz und
der Stärkung der Sicherheit sowie dem Wohlstand der USA selbst
dient. Daher trete ich dafür ein, daß dieses Programm ihre prompte
und verständnisvolle Berücksichtigung findet."
* * * * *

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�DIE DEUTSCHLANDPOLITIK DER USA

Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der
Rede des stellvertretenden Leiters der Deutschlandabteilung im US-Außenministerium, Geoffrey
Lewis, die dieser am 18. Juni 1954 vor dem Verband
der Reserve-Offiziere in Omaha gehalten hat:
OMAHA — (Amerika Dienst) — "Die amerikanische Deutschlandpolitik hat seit Kriegsende zwei Hauptziele verfolgt:
Erstens die Bildung einer demokratischen Regierungsstruktur in
Deutschland zu fördern, wirklich demokratischen Persönlichkeiten eine führende Rolle anzuvertrauen und das demokratische
Ideengut zu verbreiten! und zweitens den Weg für eine Rückkehr
Deutschlands in die Familie freier demokratischer Nationen innerhalb eines vereinten Europas vorzubereiten.
Während der ersten Jahre der Besatzung war es notwendig,
im Zusammenhang mit diesen positiven Zielen eine negative Politik einzuschlagen, um den Auswirkungen der jahrelangen Herrschaft der Nationalsozialisten und des Krieges entgegenzutreten. Diese negative Politik fand ihren Ausdruck in den alliierten Maßnahmen der Entnazifizierung und der Abrüstung. Dies war
angesichts der damals herrschenden Bedingungen verständlich.
Die USA bemühten sich jedoch, diese negative Phase ihrer Politik so schnell wie möglich abzuschließen und sie ist seit langem
beendet worden. Außenminister Dulles stellte in diesem Zusammenhang während der Berliner Konferenz treffend fest: 'Diejenigen,
die sich auf ehrliche Weise und durch kluge Politik um den Frieden bemühen, haben gelernt, daß keine große Nation dadurch ausgeschaltet wird, daß man sie irgendwelchen Diskriminierungen
aussetzt, so daß diese Nation innerhalb der Völkerfamilie keinen gleichberechtigten Platz einnehmen kann. Beschränkungen,
wie sie durch den Versailler Vertrag auferlegt wurden, bringen
ein tatkräftiges und mutiges Volk nur dazu, die ihm angelegten
Fesseln abzustreifen, um dadurch seine souveräne Gleichberechtigung zu demonstrieren!
Ein Meilenstein bei der Verwirklichung unseres ersten Zieles - die Schaffung einer festgegründeten und dauerhaften Demokratie in Deutschland - war die Bildung der deutschen Bundesregierung im Jahre 1949 mit ihrem Sitz in Bonn. Dies war die logische Entwicklung früherer Maßnahmen, den Deutschen die Rege- 1 -

�23. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten zurückzugeben. Dies geschah
zuerst auf lokaler, dann auf regionaler (Länder) Ebene und wurde
später mit der Zusammenlegung der britischen und amerikanischen
Besatzungszone fortgesetzt, wobei den Deutschen die Verantwortung
für weite Teile de» Regierungs- und Wirtschaftssektors übertragen
wurde.
Unsere Politik, ein starkes demokratisches Deutschland zu
schaffen, hat sich von der Tatsache leiten lassen, daß Demokratie
nicht von außen aufgezwungen werden, sondern nur von innen her
wachsen und gedeihen kann. Wir haben uns bemüht, die bestehenden
demokratischen Kräfte in der deutschen Bevölkerung zu stärken und
wir haben die Tatsache berücksichtigt, daß die Demokratie notwendigerweise von Grund auf, in der Familie, der Schule und den Gemeinden aufgebaut werden muß. Wenn wir rückblickend die bisher
gemachten Portschritte betrachten, gibt es vieles, was uns Mut
gibt. Beispielsweise gibt es eine freie Presse. In Deutschland
haben zweimal Bundestagswahlen stattgefunden, an denen sich ein
hoher Prozentsatz der Wahlberechtigten - bei der letzten Wahl
waren es über 86 Prozent - beteiligt hat, und Persönlichkeiten,
deren demokratische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist,
spielen eine führende Rolle. In diesem Zusammenhang ist es interessant, die gegenwärtige Lage in Deutschland mit der zu vergieß
chen, die zur Zeit der Weimarer Republik bestanden hat. Heute
gibt es in Deutschland eine starke Opposition, aber diese besteht
aus der SPD, einer Partei, die scharf antikommunistisch eingestellt ist und eine lange demokratische Tradition besitzt. Die
Weimarer Republik erlag einer aus Elementen bestehenden Opposition, die nicht nur gegen die am Ruder befindliche Regierung,
sondern auch gegen den demokratischen Charakter der Regierung
eingestellt waren.
Das zweite Ziel - die Rückkehr Deutschlands in die freie
Völkerfamilie eines geeinigten Europa zu unterstützen - gründet
sich auf dem Glauben, daß eine freie demokratische Gesellschaftsform in Deutschland die beste Chance zum Weiterbestehen hat, wenn
das Land in die demokratischen Nationen Westeuropas unlöslich
eingegliedert wird. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, daß
die Integration Deutschlands in Westeuropa die beste Garantie
für einen Portbestand der demokratischen Ordnung sein und die
beste Verwendung der deutschen Hilfsquellen zum gemeinsamen
Wohl sicherstellen würde. Zu diesem Zweck unterzeichneten wir
im Mai 1952 die sogenannten Bonner Verträge, die nach ihrer Raxxfizierung der Deutschen Bundesrepublik faktisch die Souveränität mit nur drei Vorbehalten zurückgeben werden. Diese betreffen
die Stationierung amerikanischer Streitkräfte, unsere Stellung
in Berlin und die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der
Sowjetunion und ihren Satelliten.
Es mag an dieser Stelle angebracht sein, kurz darauf einzugehen, was auf dem Gebiete der Europäischen Integration geleistet
worden ist. Nach der Bildung des Europäischen Wirtschaftsrates
(OEEC), der von den europäischen Nationen zur Verwendung der im
Rahmen des Marshallplanes gewährten Hilfe geschaffen wurde, entstanden andere Organisationen, die Europa in immer wachsendem
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�"AMERIKA DIENST"

23. Juni 1954

wachsendem Maße zusammenführen. In diesem. Zusammenhang sind der
Europarat, die Montanunion, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und die Europäische politische Gemeinschaft zu nennen. In
all diesen Organisationen haben die Deutschen eine wichtige Rolle
gespielt. Die Bundesrepublik hat sich vielleicht mehr als jedes
andere europäische Land für den Erfolg dieser Bemühungen eingesetzt. Der größte Portschritt ist auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet erzielt worden, weil die dringende Notwendigkeit
bestand, hier einer Krise entgegenzuarbeiten. Die Entwicklung auf
politischem Gebiet hat enttäuscht. Wenn auch der Nachdruck, den
man auf den militärischen Sektor legte, in mancher Hinsicht unglücklich gewesen ist, so war er doch auf Grund der sowjetischen
Aggressionsdrohung notwendig, Und es muß festgestellt werden, daß
die Europäische Verteidigungsgemeinschaft wirklich ein erster
großer Schritt in Richtung auf die europäische politische Integration ist.
Eine Lösung des militärischen Problems in Europa wurde in
der NATO gefunden. Diese stellte jedoch kein Mittel dar, Westdeutschland gegen eine kommunistische Aggression zu schützen.
Sie machte sich auch nicht das deutsche Industrie- und Menschenpotential zunutze, um die Verteidigung des Westens zu stärken.
Die Notwendigkeit, Mittel und Wege hierfür zu finden, trat besonders
deutlich durch die kommunistische Aggression in Südkorea hervor.
Dieses Ereignis beseitigte mehr als jedes andere die verständliche
Abneigung der anderen europäischen Nationen gegen jede Form einer
deutschen Wiederbewaffnung und ließ sie die Notwendigkeit einsehen,
Deutschland in die Lage zu versetzen, einen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung zu leisten. So stimmte der Rat der Außenminister
im September 1950 erstens darin überein, jeden Angriff auf die
deutsche Bundesrepublik oder Berlin als Angriff auf ihr eigenes
Land anzusehen; und zweitens bekräftigte der Rat seine Opposition
gegen die Bildung einer deutschen Nationalarmee. Er regte jedoch
an, daß eine Beteiligung der deutschen Bundesrepublik an den gemeinsamen Verteidigungsbemühungen ermöglicht werden sollte.
Wenige Tage später kündigte der NATO-Rat an, daß Deutschland
in die Lage versetzt werden sollte, einen Beitrag zum Aufbau der
Verteidigung Westeuropas zu leisten. Nach der Erörterung eines
Vorschlages, wonach Deutschland ein Kontingent für die NATO-Streitkräfte stellen würde, schlug Prankreich den Plan vor, aus dem sich
dann später die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entwickelte.
Die Vereinigten Staaten nahmen diesen Plan an, nachdem General
Eisenhower, der damals Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte war,
ihn wärmstens unterstützt hatte.
Eine Erörterung unserer Deutschlandpolitik würde nicht vollständig sein, wenn man nicht auf die Bedeutung einginge, die die
deutsche Bevölkerung einer schließlichen Wiedervereinigung ihres
Landes beimißt. Jeder Deutsche wartet auf den Tag, an dem dies
geschehen sein wird. Die im vergangenen Herbst erfolgte entscheidende Wahlniederlage der SPD, die die Politik einer Wiedervereinigung zum alles beherrschenden Ziel der deutschen Außenpolitik
macht, hat aber erkennen lassen, daß die meisten Deutschen sich
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�23. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

sich darüber im klaren sind, daß eine Wiedervereinigung zu annehmbaren Bedingungen erst später kommen kann. Diese Erkenntnis
wurde noch durch den Ausgang der Berliner Konferenz vertieft,
auf der die Sowjets so unmißverständlich zeigten, daß sie keinerlei Absicht haben, ihre Machtstellung in ihrer Zone aufzugeben. Die kürzliche Gewährung der 'Souveränität' an ihre Marionette, die sogenannte 'Deutsche Demokratische Republik', kann
die westdeutsche Bevölkerung nicht täuschen.
Ich habe vorher die letzten Wahlen zum deutschen Bundestag
erwähnt. Sie erbrachten einen unerwartet überwältigenden Sieg
für den Kanzler und seine Partei. Dies ist insofern bedeutsam,
als sie die starke Unterstützung dokumentierten, die der Kanzler bei der deutschen Bevölkerung hat. Diese Wahlen bekräftigten
seine westeuropäische Integrationspolitik und seine Ablehnung
des Neutralismus. Sie legten darüber hinaus ein beredtes Zeugnis von der Stärke der gemäßigten Kräfte in Deutschland ab.
Die Tatsache, daß sich über 86 Prozent der Wahlberechtigten an
der Wahl beteiligten, bewies zudem das starke Interesse, welches
die Deutschen ihrer eigenen Regierung entgegenbringen. Aber je
mehr die Zeit verstreicht und je länger die Ratifizierung des
EVG-Vertrages und der Bonner Verträge weiterhin hinausgezögert
wird, desto größer werden die Anzeichen von Ungeduld in Deutschland, selbst innerhalb der Koalitionsparteien. Von verschiedenen
Seiten wird offen die Souveränität gefordert, die die Alliierten
vor mehr als zwei Jahren Deutschland zusicherten, als sie die
Bonner Verträge unterzeichneten. Sollte es noch weitere Verzögerungen geben, werden wir in Erwägung ziehen müssen, welche
Schritte unternommen werden müssen, um eine ernsthafte Verschlechterung unserer Beziehungen mit der deutschen Bundesrepublik zu
vermeiden.
Wie wird also unsere zukünftige Politik Deutschland gegenüber aussehen? Wir werden uns um eine Ratifizierung der EVG bemühen. Gleichzeitig werden wir zum rechten Zeitpunkt und zu den
hierfür angemessenen Bedingungen auf eine Wiedervereinigung
Deutschlands drängen. Diese beiden Grundzüge unserer Politik
sind nicht miteinander unvereinbar, denn wenn sich die Stärke
des Westens erhöht, so wird damit auch die Möglichkeit größer,
die versklavten osteuropäischen Völker zu befreien. Schließlich
und endlich werden wir weiter daran arbeiten, die Besatzung zu
beenden und den Deutschen den größtmöglichen "Umfang ihrer Souveränität zurückzugeben, wie dies in den Bonner Verträgen vorgesehen ist."
* # # * »

_ 4 .

�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSSs ATOMENERGIE MUSS SEGEN DER MENSCHHEIT
WERBEN
PHILADELPHIA - (Amerika Dienst) - Im folgenden übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der U.S.-Atomenergiekommission, Lewis L. Strauss,
am 5»August vor der Jahresversammlung des Amerikanischen
Kriegsveteranenverbandes gehalten hat.
"Ich empfinde die Einladung als große Ehre, hier vor
den Mitgliedern dieses Kriegsteilnehmerverbandes zu sprechen,
die einzeln und in der Gemeinschaft ihrem Vaterland so hervorragende Dienste geleistet haben. Die U.S.-Regierung
setzt ihr besonderes Vertrauen in jene Amerikaner, die
ihrem Lande in Kriegszeiten gedient haben. Sie haben jedes
Recht, stolz auf ihre Leistungen als Verteidiger und Hüter
unseres freiheitlichen Erbes zu sein. Ich erachte es als
eine besondere Auszeichnung, Ihnen hier meinen Gruß entbieten zu dürfen.
Vermutlich haben Sie mich eingeladen, vor Ihnen zu
sprechen, weil Sie wünschen, daß ich zu der in der Öffentlichkeit jüngst stark beachteten Handhabung der Sicherheitsvorschriften der Atomenergiekommission und der langen Senatsdebatte über einige der geplanten Abänderungen des
Atomenergiegesetzes vom vergangenen Monat Stellung nehme.
Da diese Dinge aber im wesentlichen schon der Vergangenheit angehören und inzwischen andere Themen von größerer
Tragweite und stärkerem Tagesinteresse im Vordergrund
stehen, werde ich mich, mit Ihrem Einverständnis heute
Abend mit den letztgenannten Fragen befassen.
Wie Sie sicher wissen, sieht die gegenwärtig dem Vermittlungsausschuß unterbreitete Vorlage zum Atomenergiegesetz gewisse entscheidende Änderungen des ursprünglichen
Gesetzes von 1946 vor, auf Grund dessen die Atomenergiekommission eingesetzt wurde und das als Richtschnur für
deren Arbeit galt. Es kommt mit nicht zu» diese Änderungen
zu einem Zeitpunkt zu erörtern, an dem sie noch dem Kongreß
zur Beratung vorliegen. Glücklicherweise herrschen bezüglich der in der Änderungsvorlage enthaltenen 'Erklärung
über die einzuschlagende Politik* keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Der Gesetzentwurf beginnt zunächst einmal
mit einer Erklärung der künftigen Politik der Vereinigten
Staaten.
•n\
1 -

�."AxviERIKA DIENST"

'a)

b)

11. August 1954

Entwicklung, Verwendung und Kontrolle der Atomenergie sollen darauf gerichtet sein, den größtmöglichen
Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten, jederzeit
dem obersten Ziel untergeordnet, einen maximalen
Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit
zu leisten; und
Entwicklung, Verwendung und Kontrolle der Atomenergie sollen darauf gerichtet sein, den Weltfrieden zu fördern, der Allgemeinheit zu dienen,
den Lebensstandard zu heben und den freien Wettbewerb der privaten Wirtschaft zu stärken'.

Diese Erklärung ist eine Bekräftigung der vom Kongreß im
ursprünglichen Atomenergiegesetz ausgesprochenen politischen
Zielsetzung. Die Ziele unserer Politik bleiben demnach die
gleichen. In beiden Passungen des Gesetzes wird das erstgenannte Ziel - Gewährleistung der gemeinsamen Verteidigung
und Sicherheit - ausdrücklich als vordringlich bezeichnet.
Das zweite Ziel des Gesetzes in der neuen Passung aber ist
die Sicherung des Weltfriedens, die in der ursprünglichen
Fassung erst an letzter Stelle aufgeführt worden war. Wie
Sie sehen, besteht der Unterschied nur in einer Akzentverschiebung, nicht in einer Änderung der Grundgedanken.
Ich möchte Ihnen hier kurz schildern, was die Kommission
in den rund acht Jahren ihres Bestehens, und insbesondere im
vergangenen Jahr, geleistet hat. Ich werde versuchen, dieses
Referat auf die einzelnen Punkte der genannten Erklärung über
die politischen Grundgesetze abzustellen. Als Steuerzahler
wollen Sie selbstverständlich in erster Linie wissen, ob die
erzielten Erfolge in einem vernünftigen Verhältnis zu den dafür aufgewandten gewaltigen Summen stehen; ich werde deshalb
zunächst auf die finanzielle Seite dieser Angelegenheit eingehen, damit Sie eine Vorstellung von dem Umfang unserer
Atomforschungsprojekte gewinnen können.
Der Entwicklung von Atomwaffen wurde natürlich die höchste
Dringlichkeitsstufe eingeräumt, und für sie wurden die größten
Beträge aufgewandt. Erfindung, Entwicklung, Herstellung und
Verwendung von Waffen sind einem so raschen Wandel unterworfen,
daß die bestehenden Anlagen bereits vor dem kommunistischen
Überfall auf die Republik Korea im Jahre $950 dreimal erweitert werden mußten. Seitdem wurde unser Bauprogramm noch
wesentlich erweitert. Durch die Geldbewilligungen vom Jahre
1952 waren die größten Aufwendungen für die Errichtung neuer
Anlagen ermöglicht worden, und die Arbeiten gingen so rasch
voran, daß einige der großen neuen Werke bereits den Betrieb
aufnehmen konnten. Wir geben gegenwärtig monatlich rund 115
Millionen Dollar allein für Bauvorhaben aus, und die Betriebskosten übersteigen eirte Milliarde Dollar im Jahr.
Wenn unser gegenwärtiges Konstruktionsprogramm abge- 2

�"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

abgeschlossen ist, wird sich der vom amerikanischen Volk für
den Bau von Atomwerken aufgebrachte Betrag auf rund 8,5 Milliar
den Dollar belaufen. Wir verfügen über umfangreiche industrielle Anlagen, die, gemessen am heutigen Kaufwert des Geldes, wahrscheinlich schon mehr wert sind, als sie ursprünglich gekostet
haben. Die wichtigsten dort gewonnamen Produkte, d.h. also
das spaltbare Material für Atomwaffen, kann auch zur Energiezeugung benutzt werden. Und dies wird geschehen, wenn die
Lage - die weltpolitische Lage - dies erlaubt.
Das spaltbare Material ist praktisch unbegrenzt haltbar.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann man sagen, daß
mit den aufgewandten Milliarden für den Bau von Betriebsan«
lagen und zur Vorratsbildung an Uran, Plutonium und anderen
Materialien eine gewaltige Reserve angelegt wurde, die sich
letztlich irgendwann einmal durch die Erzeugung nutzbringender elektrischer Energie bezahlt, ja wahrscheinlich mehr als
bezahlt machen wird.
Gemeinsame Verteidigung und Sicherheit
Im Anschluß an die finanzielle Übersicht, die ich Ihnen
hier gegeben habe, möchte ich Ihnen einiges über unser Atomwaffenprogramm berichten. Gerade dieses Programm ist dazu
bestimmt, den genannten maximalen Beitrag zur gemeinsamen
Verteidigung und Sicherheit zu leisten, die "das oberste
Ziel" unseres Atomforschungsprogramms darstellt.
Seit dem ersten Atombombenversuch im Jahre 1945 in
Texas sind mehr als 40 weitere Atombombenteste unternommen
worden. Es gelang, eine ganze Reihe von Atomwaffen-Typen
herzustellen. Sie wurden den Erfordernissen aller Waffengattungen angepaßt und eignen sich für die Land-, See- und
Luftkrieg^ührung. Unsere Vorräte wachsen ständig. Die zerstörende Gewalt der neuesten Atombomben beträgt gegenüber
der ersten derartigen Bombe mehr als das Fünfundzwanzigfache. Doch selbst die modernste Atombombe ist geradezu
ein Zwerg gegenüber jener Waffe, die allgemein als thermonukleare "Super"- oder auch Wasserstoffbombe bekannt ist.
Können Sie sich die zerstörende Kraft der uns heute zur
Verfügung stehenden thermonuklearen Waffen vorstellen ? Ich
für meinen Teil habe dabei Schwierigkeiten. Um halbwegs eine
Vorstellung davon zu gewinnen, rufe ich mir immer ins Gedächtnis zurück, was sich im Jahre 1917 im Hafen von Halifax bei
der Explosion des Munitionsdampfers Mont Blanc ereignete.
Die Mont Blanc hatte 'nur* etwas mehr als 2 500 t Munition
für herkömmliche Waffen geladen - Sprengstoffe also aus
der Zeit des ersten Weltkrieges - und dennoch belief sich
die Zahl der Toten und Verletzten auf über 10 000, und
die Sachschäden in Halifax waren ungeheuer. Nun nehmen Sie
einmal zehn solcher Schiffe, die alle mit dem heute üblichen
Sprengstoff TNT beladen sind? das etwa ist die Größene

* 3-

�"AmEhlKA DIENST

11. August 1954

Größenordnung der Explosionsgewalt einer Atombombe aus den
ersteh Jahren ihrer Herstellung* Wenn Sie sich eine ganze
Hotte solcher mit TNT beladenen Schiffen vorstellens die»
in Kiellinie fahrend, über zwanzig Meilen lang ist, dann haben Sie eine ungefähre Ahnung von der zerstörenden Gewalt
einer Wasserstoffbombe von nur einer Megatonne, das ist das
Äquivalent von einer Million Tonnen TNT. Und eine Megatonne
ist natürlich nicht die oberste Grenze für die in unserem
Besitz befindlichen furchterregenden Waffen.
Präsident Eisenhower hat in seiner großen Rede vor den
Vereinten Nationen darauf verwiesen, daß
'die zerstörende Wirkung der Atomwaffen, über die die
Vereinigten Staaten heute bereits verfügen und deren
Zahl natürlich täglich zunimmt, um ein Vielfaches die
Wirkung aller Bomb#n und Granaten übertrifft, die auf
sämtlichen Kriegsschauplätzen des zweiten Weltkrieges
zusammen abgeworfen bezw* abgefeuert wurden.'
Einige der besten unserer Bürger haben ihren Unwillen
darüber geäußert, daß es gerade unser Land ist, welches sich
im Besitze von Waffen mit derartigen zerstörerischen Gewalten
befindet. Dieser Unwille ist ein Zeichen ihrer Anständigkeit
und kann nur in einem freiem Lande frei dargelegt werden.
Niemand, der die Möglichkeiten der Atomwaffen genau kennt,
wird sie ohne innere Vorbehalte betrachten. Wer jedoch solche
Bedenken hegt, sollte sich einmal die läge vor Augen führen,
in der wir wären, wenn diese Atomwaffen sich in den Arsenalen
der Sowjetunion und nicht der Vereinigten Staaten befänden.
Es war niemand geringeres als Premierminister Sir Winston
Churchill, der erklärte, daß die Überlegenheit der USA auf
dem Gebiete der Atomwaffen in den neun Jahren nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges zu den Paktoren gehört habe,
die den Ausbruch eines neuen Krieges verhindern halfen. Was
mich betrifft, so wünsche ich nichts sehnlicher, als daß wir
auch in Zukunft eine Überlegenheit auf dem Gebiete der Atomwaffen und ihrer Anwendung haben mc;gen, und daß diese so lange
ein aufschiebbarer Paktor bleibe, bis sich alle Nationen auf
eine Formel für eine praktisch durchführbare internationale
Kontrolle für Waffen aller Art geeinigt haben.
Dienst an der Allgemeinheit. Hebung des Lebensstandards
Die Regierung der Vereinigten Staaten verfolgt im Hinblick
auf die Atomenergie zwei Ziele: sie will der Allgemeinheit dienen und den allgemeinen Lebensstandard heben. Im allgemeinen gesehen, sind diese zwei Ziele einpnder ähnlich und können hier
als eines behandelt werden. Obwohl noch nicht einmal zwölf Jahre
vergangen sind, seitdem man sich zum ersten Male die Atomkraft
mit Hilfe von Reaktoren zunutze machen konnte, haben wir riesige
Portschritte in Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft,
Chemie, Metallurgie, Biologie, Mediain und auf anderen wissen- 4

�"AMERIKA LlhlNST"

11. August 1954

wissenschaftlichen und technisch-industriellen Gebieten gemacht.
Darüber hinaus sind wir Zeuge geworden, wie sich der Horizont
unseres Wissens um die grundlegenden Pakten enorm geweitet hat;
und ich bin zuversichtlich, daß uns noch neue Entdeckungen bevorstehen, die genau so großartig wie die bisherigen sind und
das Leben aller Menschen noch mehr bereichern werden. "Wir haben
den Zenit des Atomzeitalters noch nicht erreicht - wir stehen
erst im Morgengrauen einer neuen Epoche.
Die verfügbare Zeit gestattet es mir nur, mich mit den
wenigen vorstehend erwähnten Gebieten zu befassen. Der Verlockung,
wenigstens bei einigen auf nähere Details einzugehen, gilt es
zu widerstehen. Es gibt jedoch ein Programm, welches ich besonders gern darstellen möchte und das ich Ihnen gern eingehender
schildern möchte* Es handelt sich hier um ein Programm zur Bekämpfung der schlimmsten Geißel unserer Generation - des Krebses.
Die Atomenergie-Kommission hat in Ihrer Forschungstätigkeit auf
diesem Gebiet drei Wege eingeschlagen:
1) Wir verschicken radioaktive Isotope zum Selbstkostenpreis oder darunter an hunderte von Krankenhäuser, medizinische Fakultäten und Kliniken. So werden zum Beispiel in allen Kriegsversehrten-Krankenhäusern Radioisotope zur Lokalisierung von Hirntumoren und krebsartigen Geschwülsten vor Anwendung der Röntgentherapie
oder einem chirurgischem Eingriff verwandt.
2) Nach Maßgabe eines Gremiums hervorragender Ärzte vergeben wir Gelder zur Förderung von Krebs-Forschungsprojekten.
3) Wir haben vier eigene Krebsforschungs-Krankenhäuser aufgebaut, deren größtes das Argonne-Krankenhaus in Chikago
ist. Es wurde mit einem Kostenaufwand von 4 Millionen
Dollar erstellt, eine bisher zu diesem Zwecke noch nie
aufgebrachte Summe.
Um den wissenschaftlichen Fortschritt, den wir in der inneren Medizin und Chirurgie gefördert haben, eingehend demonstrieren zu können, habe ich ein vollständiges, transportables Röntgengerät mit hierhergebracht. Es ist etwa so groß wie ein Litermaß
und wiegt rund 18 Pfund. Es wurde in unserem Argonne-Laboratorium
entwickelt und kann anstelle eines 100 000 Volt-Röntgengerätes
zu diagnostischen Zwecken benutzt werden. Dieser Apparat leistet
die gleiche Arbeit wie jedes andere konventionelle Röntgengerät,
das um ein Vielfaches größer und schwerer ist. Man benötigt zu
seiner Benutzung keine fremde Energiequelle und es kann auf Verbandsplätzen, Erste-Hilfe-Stationen usw. verwandt werden.
Höchstwahrscheinlich ist es auch für die Industrie von großem
Nutzen.
In gleicher Weise unterstützen wir auch die Herzheilkunde
und Kreislaufforschung, um neue Mittel und Wege zur Bekämpfung
chronischer Krankheiten zu finden, die die Quelle vielen menschlichen Leidens sind. Es wäre unendlich segensreich, gelänge es
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�"AFRIKA LiENST"

11, August 1954

es uns, Herr über den Krebs oder eine der anderen erwähnten
Krankheiten zu werden; bestimmt ließe sich ein solcher Erfolg nicht nach Geldeswert bemessen. Wir sind aber auf dem
Wege zu diesen Zielen»
Die Verwertung der Atomenergie für friedliche Zwecke soll
aber nicht unter Ausschluß aller übrigen Anwendungsgebiete, wo
ihre Segnungen ebenso notwendig wie realisierbar sind, der Medizin und der Industrie allein vorbehalten bleiben. So unterstützen wir z.B. tatkräftig Forschungsarbeiten auf dem Gebiet
der Viehzucht sowie Versuchsprojekte zur Verbesserung von
Kunstdünger und Insektenvernichtungsmitteln, zur Erhaltung
der Fruchtbarkeit des Bodens und zur Steigerung der Ernteerträge.
Der Anwendungsbereich der Radioisotope in der Industrie
wächst in so raschem Tempot daß diese Entwicklung allein die
Ausgabe der Milliarden Dollar, die wir bereits in die Kernforschung gesteckt haben, letztlich rechtfertigen dürfte.
Beschießt man in normalem Zustand die stabilen Elemente wie
Natrium, Kobalt, Kupfer und Eisen in einem Kernreaktor mit
Neutronen, so sind sie danach mit unstabilen Atomen aufgeladen, die eine ganz bestimmte Strahlungsintensität besitzen.
Die von diesen Atomen ausgehende Energie kann ermittelt, verfolgt und gemessen werden* wo immer die in Erscheinung tritt«
Die Kommission hat die Industrie bisher mit 150 verschiedenen
Sorten dieser vielseitig verwendbaren Isotope beliefert, die
jetzt in etwa 860 privaten Forschungslaboratorien benutzt
werden»
Diese radioaktiven Indikatoren werden von der Industrie
in zunehmendem Maße zur Kontrolle von Fertigunggprozessen benutzt, so in der Petroleumindustrie zur Kontrolle des ölstroms
in den Rohrleitungen und zur Feststellung des Abnutzungsgrades
von Kolbenringen bei Motoren. In größerem Umfang benutzt man
sie als Strahlenquelle für Dickenmeßlehren, zum Aufspüren von
Fehlern in Gußteilen und für buchstäblich Dutzende anderer
Zwecke. Dadurch wurden in der amerikanischen Industrie bereits
beträchtliche Einsparungen möglich. So hat beispielsweise eine
der 700 von uns belieferten Firmen im vergangenen Jahr durch
diese neuen Verfahren annähernd 100 000 Dollar eingespart.
Eine andere Firma berichtete, daß sie heute für bestimmte
Testverfahren dank der Verwendung von Radioisotopen nur noch
35 000 Dollar ausgeben müsse, während die Kosten bei Anwendung
der bisher üblichen Methoden 1 Million Dollar betrugen. Die
Erprobung, die sich früher über Jahre erstreckte, ist heute
in wenigen Wochen zu bewältigen« Die Verwendung von Isotopen
nimmt Monat für Monat zu. Im vergangenen Jahr sind von Oak
Ridge über 12 000 Eineelsendungen an Isotopen verschickt
worden.
Unter den Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie für
friedliche Zwecke steht unmittelbar hinter dem militärischen
Programm die Entwicklung eines Verfahrens zur Gewinnung von
Energie aus dem Atom. Ich meinde damit die Verwendung der bei
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�"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

bei der Atomspaltung entstehenden großen Hitze zur Erzeugung
von Dampf, der seinerseits wiederum in Turbinengeneratoren zur
Erzeugung von Elektrizität benutzt wird. Unsere ersten Erfolge
auf diesem Gebiet hatten wir im Dezember 1951 zu verzeichnen,
als wir bewiesen,, daß die in einem Kernreaktor erzeugte Hitze
ohne große Gefahr abgeleitet und zur Erzeugung elektrischen
Stroms verwertet werden kann. Daraufhin wurde ein Kernreaktor
anderen Typs gebaut und im Februar 1953 in Betrieb genommen.
In diesen beiden Fällen war die erzeugte Energiemenge nicht
so groß» daß sie kommerziell auszuwerten gewesen wäre; aber
schon wenige Monate später, im Sommer vergangenen Jahres, wurde das erat« große Atomkraftwerk fertiggestellt und mit seiner
vollen Kapazität in Betrieb genommen. Dieser Reaktor diente
als Vorbild für den jetzt in das erste mit Atomenergie betriebene U-Boot? die 'Nautilus', eingebaute Kernreaktor.
Die Stärke des Atommotors der 'Nautilus' wird geheim gehalten. Es ist Ihnen jedoch sicher ohne weiteres klar, daß
jedes moderne Unterseeboot, das mit der Flotte auf hoher See
zusammen operieren soll, mit einer zuverlässigen und sehr
leistungsfähigen Maschine ausgestattet sein muß.
Unser nächster großer Schritt war die Unterzeichnung
eines Kontrakts mit der Duquesne Light Company, die zu den
Bewerbern um den Bau und Betrieb eines Kraftwerks mit einer
Kapazität von 60 000 KW gehörte. Dieses Kraftwerk soll in der
Nähe von Pittsburgh errichtet werden; in die Kosten werden
sich die Gesellschaft und die Atomenergie-Kommission in einer
für die Regierung äußerst günstigen Weise teilen.
Die Atomenergiekommission beginnt jetzt ein umfangreiches
FünfJahresprogramm zur Erzeugung von elektrischer Energie aus
dem Atom, dessen Kosten sich auf annähernd 200 Millionen Dollar
belaufen. Im Rahmen dieses Programms werden fünf verschiedene
Versuchs-Atomkraftwerke gebaut werden, jedes nach anderen technischen Prinzipien. Da diese Kraftwerke klein sein werden und
lediglich Versuchsstationen darstellen sollen, wird keines
elektrischen Strom auf kommerzieller Basis erzeugen. Selbst
die eifrigsten Verfechter einer Energieversorgung mit Hilfe
der Atomkraft glauben nicht, daß diese schon in unmittelbarer
Zukunft an die Stelle der bisher üblichen Kraftquellen treten
werde. Einige Ingenieure aus der Wirtschaft meinen, voraussagen zu können, daß bis zum Jahre 1960 - in sechs Jahren vielleicht 10 Prozent der neuen Kraftwerke, die heute erst
auf dem Zeichenbrett existieren, an Stelle der mit Kohle, öl
oder Gas geheizten Dampfkessel Spezialkernreaktoren verwenden
werden. Die gleichen Fachleute erklären, bis zum Jahre 1980
würde etwa die Hälfte der neuen Kraftwerke spaltbares Material
als Brennstoff benutzen» Ich persönlich glaube aber, daß diese
Prophezeiungen allzu vorsichtig gehalten sind.
Stärkung

-7-

�-"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

Stärkung dea freien Wettbewerbs in der Privatwirtschaft
Ein weiteres Ziel unserer Politik zur praktischen Nutzbarmachung der Atomenergie ist die 'Entwicklung, Verwendung und
Zontrolle der Atomenergie, um den freien Wettbewerb in der privaten Wirtschaft zu stärken'.
Dies ist eine völlig überparteiliche Feststellung, die erstmals im Jahre 1946 durch einen demokratischen Kongreß zum Gesetz
erhoben und in diesem Jahr von einem republikanischen Kongreß gebilligt wurde.
Natürlich ist bereits die Page erhoben worden, wer die Atomwerke besitzen und betreiben soll, die innerhalb der nächsten
zwei oder drei Jahrzehnte in immer größerer Zahl errichtet werden.
Gegenwärtig befindet sich die ganze mit der Gewinnung der Atomenergie zusammenhängende Industrie im Besitze des Staates. Dieses
Abgehen von dem in unserem lande für Industrieunternehmen üblichen
Status geschah nicht aus der Absicht heraus, unsere Institutionen
irgendwie zu ändern. Es wurde für notwendig erachtet, um damals,
im Jahre 1946, dem einmaligen und neuartigen Charakter der Atomenergie gerecht werden zu können. Ein weiterer Grund war, daß
ihre Produkte damals fast ausschließlich in unsere Rüstungsarsenale wanderten. Das Atomenergiegesetz vom Jahre 1946 sah ausdrücklich vor, daß das Gesetz durch Zusätze abgeändert werden
solle, sobald ausreichende Erfahrungen auf diesem Gebiete vorliegen. In dieser Zeit überwiegend friedlicher Anwendung der
Atomenergie diese Industrie völlig in staatlicher Regie zu belassen - was überdies einen grundlegenden Wandel im gegenseitigen
Grundverhältnis von Regierung und Staatsbürger mit sich bringen
würde -, könnte eine Änderung unserer Gesellschaftsstruktur bedeuten, radikaler als jede andere, die sich eventuell aus der
Existenz jener technischen Novität, der Atomkraft, ergeben könnte.
In Übereinstimmung mit der von uns offiziell verfolgten
Politik, 'den freien Wettbewerb in der privaten Wirtschaft zu
stärken', meine ich, daß die Kernenergie, sobald sie sich wirtschaftlich nutzen läßt, in die Energiewirtschaft unseres Volkes
eingeschaltet werden sollte. Auch sollten Erzeugung und Verteilung über die vorhandenen privaten und öffentlichen Kraftwerke
erfolgen, nicht über die Atomenergiekommission,
Die mit der Ausnutzung der Kernenergie verbundenen Möglichkeiten werfen auch Probleme.der Kontrolle auf, die eine ungewöhn
lieh weitgehende Einschaltung des Bundes verlangen. Dennoch bin
ich überzeugt, daß es gelingen wird, die unumgägglichen Beschränkungen und Sicherungen, die die Gesellschaft bei der Nutzbarmachung der Atomenergie fordern muß, mit der Freiheit zur Initiative seitens der Privatindustrie in Einklang zu bringen. Meiner
Auffassung nach können die besonderen Probleme der Atomenergie
ohne Risiko für die nationale oder persönliche Sicherheit, ohne
unbillige Bevorzugung irgendeiner Gruppe und in Übereinstimmung
mit den normalen Beziehungen zwischen Staat und Bürgerschaft gelöst werden.
loh

�"AFRIKA DIENST1

11. August 1954

Ich glaube, daß es durch gemeinsame Verhandlungen zwischen
der Atomenergiekommission und Privatfirmen möglich sein wird,
die Erteilung von Lizenzen in völlig fairer "Weise zu regeln und
Verträge abzuschließen, durch die die enorme Kostenlast für die
künftige Forschung, Entwicklung und den Bau neuer Anlagen zum
Teil von den Schultern des Steuerzahlers genommen wird. Ich
kann Ihnen versichern, daß die Atomenergiekommission,, so wie
sie heute besteht, und ihre Mitarbeiter in den Büros, Laboratorien und Werksanlagen in den ganzen Vereinigten Staaten bei
allen Verhandlungen und Vereinbarungen mit der Privatindustrie
das öffentliche Interesse in vollem Umfange wahren werden,
La ist ferner der gemeinsame Atomenergieausschuß des Kongresses
- er setzt sich aus Männern zusammen, die in unserer Arbeit wohlbewandert sind und laut Gesetz darüber laufend und uneingeschränkt informiert werden müssen. Sie sind jetzt - und zweifellos auch in Zukunft - wachsame Hüter des öffentlichen Interesses. Eigentlich erübrigt es sich, Ihnen zu sagen, daß
zu den Mitgliedern dieses Ausschusses auch Captain James E.
Van Zandt gehört, der dreimal Vorsitzender Ihrer Organisation
gewesen ist und heute als Abgeordneter von Pennsylvanien in
hohem Ansehen steht.
In meinen Bemerkungen zum Thema Atomenergie habe ich mich
auf die Aussichten zu ihrer weiteren Entwicklung in unserem
eigenen Lande beschränkt. In vielen anderen Ländern besteht
jedoch ein weit dringenderer Bedarf an zusätzlichen Energiequellen als in den USA.
Der immer größer werdende Energiehunger und der steigende
Brennstoffbedarf im Transportwesen und in der Industrie stellen
immer höhere Ansprüche an die Energiequellen vieler Staaten.
Zu den Nationen, die noch nicht einmal die Hälfte ihres Verbrauchs an Kohle und Öl aus eigenen Quellen decken können, gehören Italien, Portugal, Griechenland, Norwegen, Schweden,
Dänemark, Finnland, Argentinien, Algerien, FranzösischMarokko, Ceylon und Pakistan. Angesichts der potentiellen Bedeutung der Kernenergie als zusätzliche Quelle für die Energieversorgung der ganzen Welt kann der Fortschritt, der hinsichtlich der entsprechenden Entwicklungsarbeiten in den
Vereinigten Staaten erzielt worden ist, sowohl für andere
Nationen als auch für Amerika selbst sehr wichtig sein.
Förderung des Weltfriedens
Es war der Glaube, an die Realisierbarkeit eines Abrüstungsprogramms für Atomwaffen und an deren schließliche Abschaffung,
der Präsident Eisenhower im Dezember vergangenen Jahres veranlaßte, der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung
einer internationalen Atombank vorzuschlagen, bei der diejenigen
Nationen, die normales Uran und spaltbares Material herzustellen in der Lage sind - einschließlich der Sowjetunion -,
dieses deponieren sollen. Aufgabe der von ihm vorgeschlagenen
internationalen Atomenergiebehörde wäre es, diese Materialien
so zu verwenden, daß die segensreichen Kräfte des Atoms allen

�"AÄKIKA DIENST"

11. August 1954

allen Menschen dienstbar gemacht werden, und die Kernenergie
auch den in der Energieversorgung bisher benachteiligten Gebieten zugute kommt. Ich möchte an dieser Stelle Präsident
Eisenhower selbst zitieren, dann seine Worte verdienen, immer
und immer wieder ins Gedächtnis zurückgerufen zu werden;
'Die Vereinigten Staaten würden hierbei mehr als eine
bloße Verminderung oder Abschaffung des für militärische
Zwecke verfügbaren Atommaterials herbeizuführen suchen. Es
genügt nicht, daß man diese Wafferaus den Händen der Soldaten nimmt. Sie muß in die Hände derer gelegt werden, die
wissens wie man sie ihres militärischen Charakters entkleidet und sie in den Dienst des Friedens stellt. Die Vereinigten
Staaten wissen, daß die furchtbarste aller zerstörerischen
Kräfte, die Atomenergie, zu einer großen, dem Wohlergehen der
gesamten Menschheit dienenden Gabe werden kann, wenn es gelingt, die erschreckende Tendenz eines Atomwettrüstens ins
Gegenteil zu verkehren. Die Vereinigten Staaten wissen, daß
es kein Zukunftstraum mehr ist, aus der Atomenergie Kräfte
für friedliche Zwecke zu gewinnen. Die erwiesene Möglichkeit
dazu besteht jetzt - hier - heute. Wer könnte bezweifeln,
daß diese Möglichkeit einer universalen, wirksamen und wirtschaftlichen Form der Atomenergienutzung rasch verwirklicht
würde, wenn alle Wissenschaftler und Ingenieure der ganzen
Welt ausreichende Mengen spaltbaren Materials zur Verfügung
hätten, ujä damit ihre Ideen erproben und weiterentwickeln zu
können'.
Der Vorschlag des Präsidenten war einfach und klar. Die
von ihm konzipierte internationale Behörde 'kann der Welt zeigen, daß die Atomenergie dazu verwendet werden kann, den
Lebensstandard der Völker einschließlich dem des amerikanischen Volkes zu heben.
Seit Dezember vorigen Jahres hat unsere Regierung geheime
diplomatische Besprechungen mit anderen Nationen geführt. Die
Haltung der Sowjetunion ist nicht ermutigend; angesichts der
seit 1945 andauernden vergeblichen Bemühungen, mit dieser
Regierung zu einer Einigung zu gelangen, ist die3 nicht überraschend. Dennoch hat Präsident Eisanhower die Hoffnung auf die
schließliche Annahme seines Vorschlages nicht aufgegeben. Erst
gestern hat er auf seiner Pressekonferenz seinen Entschluß
wiederholt, mit oder ohne sowjetische Beteiligung auf eine
Lösung des Problems zu drängen.
Gegen den düsteren Hintergrund, den die derzeitige Weltlage abgibt, möchte ich diese Bemerkungen mit einem persönlichen Glaubensbekenntnis anschließen; Nach meiner festen
Überzeugung kann es nicht die Absicht des Schöpfers sein,
daß sich die Menschheit durch die Jahrtausende hindurch bis
zu diesem Zeitpunkt entwickelte, nur um etwas hervorzubringen,
was allein zur Zerstörung allen Lebens auf dieser Erde dienen
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�"AMERIKA DIENST"

11, August 1954

dienen kann. Im Gegenteil, ich habe den festen Glauben, daß
die Freimachung der im Atom enthaltenen Energie durch die
Anstrengungen und den Genius des Menschen nach dem Plan der
Vorsehung dazu verwendet werden soll, den Frieden auf Erden
und die Freundschaft unter den Menschen zu fördern. Wäre ich
nicht immer fest davon überzeugt gewesen, daß die friedliche
Anwendung der Atomenergie schließlich an Stelle ihrer Verwendung zu Zwecken der Zerstörung treten werde, dann hätte
ich es abgelehnt, einen Beitrag zu diesem großartigen Werk
zu leisten. Ich scheide von Ihnen in der Hoffnung, daß Sie
diesen Glauben an die Entfaltung unseres Schicksals teilen".
*

#

#

*

•

�DWIGHT D.EISENHOWER: DER GLAUBE IST DIE STÄRKSTE KRAFT, ER
ZWINGT DIE MENSCHEN ZUR GRÖSSE

EVANSTON,ILLINOIS — (Amerika Dienst) — Im folgenden
bringen wir Auszüge aus der Rede Präsident Eisenhowers,
die er am 19. August vor der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Evanston gehalten hat:

"Es gibt mancherlei Gründe, weshalb ich es als eine große
Ehre empfinde, vor dieser zweiten Vollversammlung des Weltkirchenrates kurz zu sprechen.
Zum ersten sind Sie eine Vereinigung internationaler
Kirchenführer. Wenn man auch gelegentlich der Ansicht ist,
wir hier in den Vereinigten Staaten würden nur zu gerne materiellen Dingen anhängen, so sind wir doch stolz, Gastgeber
einer Versammlung zu sein, die ihr Wirken so hohen Zielen geweiht hat. Ebenso freuen wir uns darüber, daß Ihre Konferenz,
auf der 48 Nationen und 161 kirchliche Vereinigungen vertreten sind, wahrlich die Welt mitten ins Herz des nordamerikanischen Kontinents bringt. Wie glühend auch die Bürger unseres Staates ihr Land lieben mögen, so sind wir uns doch
alle darüber im klaren, daß unsere gegenwärtigen Probleme
und Hoffnungen die Probleme und Hoffnungen der ganzen Welt
sind. Immer mehr lernen wir verstehen, welche prophetische
Weisheit aus den Worten John Wesleys spricht, wenn er sagt:
"Die Welt ist meine Gemeinde".
Zum zweiten nennen Sie sich selbst einen Rat. Dies läßt
darauf schließen, daß Sie die Forderung: "Kommt, laßt uns
miteinander beraten" akzeptieren. Beratungen wie die Ihren,
die sowohl akute Probleme als auch Ziele auf weite Sicht behandeln, vermögen uns Tiefe des Denkens und Abstand zu den
Dingen zu geben. Internationale politische Konferenzen haben
gewöhnlich Krisen zum Gegenstand, und die Ergebnisse sind
häufig wenig mehr als eine Reihe von Improvisationen. Es ist
sogar so, daß die Verantwortlichen häufig erst Gelegenheit
haben, sich mit einer Sache zu befassen, wenn diese zu einer
Krise geworden ist. Woodrow Wilson beklagte sich darüber mit
den Worten: "Wenn etwas zu mir gelangt, dann ist es schon zu

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�"AMERIKA DIENST"

25. August

1954

zu einem Problem geworden." Uns auf den verantwortlichen Regierungsposten geht es heute oft ebenso; in vieler Hinsicht beneiden wir Sie um die Möglichkeit, zur Aussprache und Planung für
die nächsten Jahre einen konstruktiven Ausgangspunkt zu haben.
Drittens sind Sie ein Konzil der Kirchen. Sie sind die Vertreter einer großen Zahl von Gläubigen - von Männern und Frauen,
die vom Wert des Glaubens und von seiner Macht überzeugt sind.
Sie sind Hüter des Glaubens und Vertrauens in einer Zeit der Unsicherheit und Verwirrung. Viele unter Ihnen haben, um mit den
Quäkern zu sprechen, ein wirkliches Anliegen. Ihr Wirken ist auf
ein bestimmtes Ziel gerichtet. Sie haben sich einer Aufgabe verschrieben, die persönliche Verantwortung zum Wohl der Allgemeinheit fordert.
Deshalb sind wir von aufrichtiger Freude erfüllt, daß die
Vereinigten Staaten zum Ort Ihrer Zusammenkunft ausersehen wurden. Und wir glauben auch, daß Sie damit eine gute Wahl getroffen haben. Wo immer Sie sich in unserem Lande hinwenden, werden
Sie Menschen und Institutionen finden, die, geprägt vom Zusammenwirken religiöser Kräfte, im Dienst an anderen ihre Aufgabe erblicken. Überdies sind wir ein großes Volk von Menschen verschiedenster nationaler Herkunft. Praktisch alle Volksstämme sind
irgendwie in unserem Staatsapparat vertreten. Angesichts dieser
Verschiedenartigkeit, wie sie sich dem Außenstehenden offenbart, dürfte unser Staat theoretisch eigentlich gar nicht lebensfähig sein. Dennoch hat er Bestand - und noch dazu in bemerkenswerter Harmonie. So haben wir der Mannigfaltigkeit dieser Versammlung die Mannigfaltigkeit unseres eigenen Volkes entgegenzusetzen und begegnen ihr deshalb mit der Gewißheit, daß wir Verständnis auch für Ihre Hoffnungen und Wünsche aufbringen werden.
So wie Sie Ihre Ziele aufgezeigt haben, so haben auch wir
als Volk unsere Ideale verkündet. Wir haben es für richtig erachtet, diese Ideale öffentlich darzulegen, damit die ganze Welt
sie zur Kenntnis nehmen kann. Am Anfang unserer nationalen Geschichte, vor nunmehr über 175 Jahren, ließen wir die Welt wissen, was wir aus diesem Land zu machen gedenken. Wir proklamierten damals die Grundsätze, auf die es gegründet wurde und die
wir stetig verfolgen. Es ist wahr, wir haben die gesteckten Ziele nicht restlos erreicht. Die Ideale aber, die wir auf unsere
Fahnen geschrieben und der Welt verkündet haben, haben noch immer Gültigkeit und sind uns ständige Verpflichtung. Somit werden
wir Ihren Bemühungen, ein immer höheres Ideal als Ziel des Menschen in seiner weiteren Entwicklung aufzurichten, tiefstes Verständnis entgegenbringen.
Noch aus einem anderen Grund werden wir Ihr Wirken hier mit
größtem Interesse verfolgen. Wir sind ein im Innersten religiöses
Volk. Nicht nur aus Tradition sind wir der Religion verbunden;
wir sind heute mehr denn je geneigt, die Religion als eine wirksame Kraft in allen Lebensbereichen anzusehen. Entgegen vielfach
geäußerter anderer Auffassungen ist der Anteil der einer Religionsgemeinschaft angehörenden Bevölkerung Amerikas ständig im Wachsen.
Er

�AMERIKA DIENST"

25. August

1954

Er hat sich in den letzten 100 Jahren verdreifacht.
Kürzlich gab eine große Bibelgemeinschaft bekannt, daß
sie seit 1948 die Auflagen der Heiligen Schrift in den Vereinigten Staaten verdoppeln konnte. Im vergangenen Jahr wurden in
den Vereinigten Staaten nahezu 10 Millionen Bibeln in 81 verschiedenen Sprachen verkauft.
Nun sind diese beiden Tatsachen allein natürlich noch kein
Beweis für die Frömmigkeit der Menschen oder für das Herannahen
des Reiches Christi. Sie sind aber ein Zeichen, ein Hinweis, daß
unser religiöses Interesse ernst und echt und nicht nur theoretischer Natur ist.
Viele Glaubensgemeinschaften, großgund kleine, sind im
Kongreß der Vereinigten Staaten vertreten. Es wird Sie interessieren, zu erfahren, daß viele Kongreßmitglieder außerhalb der
Parlamentssitzungen regelmäßig zusammentreffen, um in ernstem,
andachtsvollem Gespräch nach Wögen zu suchen, religiöse Grundsätze in unserer praktischen Regierungsarbeit verwirklichen zu
können. Mir scheint, Sie können sich daher hier wohlfühlen,
und wissen, daß Sie unter Menschen sind, die mit Ihren Zielen
voll übereinstimmen.
La wir uns über die Bedeutung der Religion klar sind, erwarten wir von Ihrer Konferenz hier sehr viel. 7/ir hoffen, daß
Sie uns neue Anregungen geben werden. Daß Sie uns immer wieder
an jenes Höhere gemahnen, ohne das der Mensch zugrunde geht.
Wir wollen Ihre Kritik im Lichte gesunder religiöser Ideale.
Entfacht in uns aufs neue das Streben nach sittlicher Größe
und zeigt uns, wo wir fehlen. Wir werden Euren Worten lauschen,
wenn Ihr zu uns sprecht, wie dies einst in alten Zeiten die
Propheten taten.
Und noch etwas erwarten wir von Ihnen: eine Manifestation
der christlichen Ethik, um uns immer aufs neue zu zeigen, wie
diese auf alle nur erdenklichen Probleme des menschlichen Lebens anzuwenden ist. Ich meine damit die Mobilisierung der
Kräfte des Glaubens.
Wir, das amerikanische Volk, haben uns stets bemüht, soweit
dies in unseren Kräften stand, in diesem Geiste Programme regionalen, ja sogar weltweiten Maßstabes durchzuführen: Hilfe für
die vom Krieg verwüsteten Gebiete, Care, Marshall-Plan, technische Unterstützung und darüber hinaus die mannigfachen Hilfsaktionen der kirchlichen Vereinigungen.
Zweifellos verkörperten diese Programme sowohl unser vernünftiges Eigeninteresse als auch humanitäre Ziele. Wir wissen,
daß keine Nation auf sich allein gestellt bestehen kann. Um
die uns so teuren persönlichen Freiheiten zu bewahren, müssen
wir nicht nur uns selbst als Nation schützen, wir müssen darüber
hinaus die Gewißheit schaffen, daß auch andere, die die Freiheit
ebenso lieben, weiter bestehen und gedeihen können. Wir wollten
eine Welt, in der wir in Frieden und Zuversicht leben können.
Und

�"AMERIKA DIENST"

25. August 1954

Und im Streben nach diesem Ziel haben wir erfahren, daß wir oft
dann am weitesten vorangekommen sind, wenn wir anderen Völkern
Beistand leisteten.
Aber all diesen praktischen Erwägungen lag stets der Glaube
an die Würde des Menschen und die ihm von seinem Schöpfer verliehenen Rechte zugrunde.
Und noch etwas hoffen wir aus unserem Beisammensein hier
zu lernen. Was ich meine, wird Ihnen aus dem folgenden Zitat
der Worte eines früheren College-Präsidenten klar werden - und
ich verstehe sehr wohl, warum er so sprach. "Für mich", so
sagte er, "gibt es zwei Arten von Problemen. Dringende und wichtige. Die dringenden sind nicht wichtig, und die wichtigen sind
niemals dringend". Hier, so scheint mir, haben wir das Dilemma,
des modernen Menschen. Ihr Hiersein vermag uns das Wichtige vor
Augen zu führen - und vielleicht sogar dem Wichtigen ein wenig
Dringlichkeit zu verleihen. Und Sie können uns in dem Glauben
bestärken, daß Menschen guten Willens, wenn sie zusammen."arbeiten, alle Schwierigkeiten überwinden können.
Der Glaube ist die stärkste Kraft, er zwingt die Menschen
zur Größe - im Denken, in Worten und in Taten.
Die Taten gläubiger Männer und Frauen zu allen Zeiten werden auch uns stets Ansporn sein. Denn der Glaube hat wahrlich
Berge versetzt.
Unsere Zeit braucht wieder das Wagnis großer Taten im Glauben. In aller Welt suchen Männer und Frauen angstvoll die Zukunft zu enträtseln, ob sie den Anbruch eines gerechten und
dauernden Friedens bringen wird. Den Frieden zu bringen, kann
nicht allein Sache der Diplomaten und Soldaten sein; die Geschichte ist reich an Beispielen für ihr Versagen, mögen sie
auch mit noch so viel Geschick und Eifer vorgegangen sein.
Dies Versagen aber hat nicht die Hoffnung vernichtet. Die
Menschheit kennt keine andere, so weltweite und unzerstörbare
Sehnsucht wie das Sehnen nach einem gerechten und dauerhaften
Weltfrieden. Und mag uns dieses Ziel im Augenblick auch unerreichbar erscheinen, so glaube ich doch, daß jeder von uns, du
und ich, viel dazu beitragen kann, dieses Ziel zu erreichen.
Darum lassen Sie mich jetzt einiges sagen, nicht als Regierungsoberhaupt, dessen Tage weitgehend den Bemühungen der
Regierung um den Frieden gewidmet sind, sondern als Privatmann,
als einfaches Mitglied einer Ihrer kirchlichen Gemeinden. Doch
kann ich nicht umhin, gleichzeitig als ein Mann zu sprechen, der
aus nächster Nähe erlebt hat, welche nahezu wunderbaren Taten
die Menschen auf dem Schlachtfeld vollbringen, vereint in der
Hingabe an eine gerechte Sache. Tausend Erlebnisse dieser Art
haben mich zu der über jeden Zweifel erhabenen Überzeugung gebracht, daß die gemeinsame, begeisterte Hingabe an eine edle
Sache unsere Kräfte wachsen läßt und uns in die Lage versetzt,
praktisch jedes Ziel im Bereich des Möglichen zu erreichen.
Heute

�"AMERIKA DIENST"

25- August

1954

Heute - jetzt - bedarf die Sache eines gerechten und dauerhaften
Friedens wie nie zuvor der erhebenden und gestaltenden Kraft,
die in Männern und Frauen in aller Welt lebendig ist, wenn sie
sich von ihren höchsten Idealen und ihren besten Motiven leiten
lassen.
Die Sache des Friedens bedarf der Hilfe Gottes.
Auf welche Weise können wir dazu beitragen, daß dieser
Funke der Bereitschaft in den Herzen der Menschen in allen Ländern der Erde zündet?
Ich glaube, daß Sie, die geistigen Führer einer weltweiten
Organisation, gemeinsam mit Ihren Brüdern aus anderen Konfessionen den Weg weisen können. Das Ziel sollte nichts geringeres
sein, als alle Menschen in jedem Land der Welt, die an die Macht
des Gebetes zu einem Höheren glauben, aufzurufen, sich gleichzeitig an einem gewaltigen und eindringlichen Glaubensakt zu beteiligen. Dieser von Hunderten von Millionen vollzogene Glaubensakt
könnte etwa das persönliche Gebet um die Hingabe, die Weisheit
und die Kraft sein, für einen gerechten und dauerhaften Frieden
unermüdlich zu wirken. Wenn diese gewaltige Bewegung, gestützt
durch das Gebet, zu einem ständigen Feldzug für den Frieden führte,
dann wird sie, dessen bin ich sicher, auch wunderbare Ergebnisse
zeitigen. Sie würde dazu beitragen, die Dinge zu ändern, weil sie
die Menschen ändern würde.
Zumindest würde ein solcher Akt jeden von uns daran erinnern,
daß die Verantwortung für Krieg oder Frieden bis zu einem gewissen Grad bei jedem von uns liegt. Jeder einzelne würde durch die
Gewißheit ermutigt und bestärkt werden, mit seinem Nächsten im
Glauben und im Ziel eng verbunden zu sein.
So würden große und ständig wachsende Kräfte wirksam, die
die Menschen im Frieden einigten, wie sie es angesichts der gemeinsamen Gefahr im Kriege tun.
Eine beständige Oberprüfung der wichtigen Faktoren in den
internationalen Problemen, die heute die friedliche Entwicklung
der Welt hemmen, würde in Angriff genommen werden. Überall in
der Welt würde ehrenhaften und selbstlosen Persönlichkeiten Unterstützung zuteil, und diese selbst wiederum würden dadurch ermutigt, in neue Tiefen der Erkenntnis und der Verständigung vorzudringen und nach neuen Wegen zu suchen, um die Menschen miteinander zu versöhnen. Neue Pläne würden ausgearbeitet und durchgeführt werden, um die Verzweiflung, das Leid und die Hoffnungslosigkeit zu überwinden, in denen heute Millionen von Menschen
leben. Und wenn die Verhältnisse, die die Seelen verkümmern
lassen und den Körper schwächen, erst einmal beseitigt sind, dann
werden neue Millionen den Kämpfern im Glauben zugeführt werden des Glaubens nämlich, daß die Kinder Gottes, wenn sie es nur selbst

�"AMERIKA DIENST"

25. August

1954

selbst wollen, in einer Umgebung und unter Bedingungen leben
können, die von Gerechtigkeit, Würde und Frieden bestimmt sind.
Ich hoffe, Sie werden mich nicht für anmaßend halten, wenn
ich zu Ihnen von meinem persönlichen Vertrauen auf Ihre Möglichkeiten und Ihre Fähigkeiten als Führende im Dienste des Allmächtigen spreche. Sollte es aber doch der Fall sein, dann möchte
ich zu meiner Entschuldigung auf die weltweite Überzeugung hinweisen, daß die Zeit gekommen ist, wo der Menschheit keine anderen Möglichkeiten mehr offenstehen, um zu einem gerechten und
dauerhaften Frieden zu gelangen. Entweder wir leben auch weiterhin in Unwissenheit, Selbstsucht, Habgier, Unglauben, Krieg und ernten Vernichtung. Oder aber unser Dasein ist erfüllt von
Mut, Kraft, Verständnis füreinander, Glaube und Frieden. Möge
ein jeder von uns aus seinem eigenen Glauben heraus die Kraft
finden, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen."
*

*

*

*

*

�A

M E R I K A

D I E N S T

STASSEN: REVIDIERUNG DER "BATTLE ACT"-LISTE

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Leiter
des US-Amte s für Auslandshilfe, Harold E.
Stassen, ga b am 25. August in Washington bekarmt, daß die amerikanische Embargoliste für
Ostexporte( "Eattle Act"-Liste) revidiert wurde,
In Anbetrac ht der großen handelspolitischen Bedeutung die ser Maßnahme bringen wir die Erklärung Stasse ns sowie die Veränderungen in der
Embargolist e nachstehend im Wortlaut:
"Ich bin überzeugt, daß diese Revision, die in Übereinstimmung mit dem Außen-, Finanz-, Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium erfolgte und vom Präsidenten genehmigt
wurde, einen Nettogewinn für die freie Welt in Form eines
erweiterten Handels mit Gütern des friedlichen Bedarfs und
einer wirkungsvolleren Kontrolle des Handels mit militärischen
Gütern erbringen wird. Dieser Schritt liegt im ureigendsten
Interesse der USA."
Der Battle Act oder das gemeinsame Verteidigungskontrollgesetz des Jahres 1951 enthält die Bestimmung, daß die EmbargoListe "laufend den gegebenen Bedingungen auf der Grundlage
von Überprüfungen und Beratunge'n angepaßt wird". Die neue
Embargo-Liste tritt am 25. August in Kraft. Durch die revidierte Liste werden die Kontrollen im Hinblick auf Lieferungen
an Rotchina nicht geändert. Militärische Güter oder Atomerzeugnisse sind von der Liste nicht gestrichen worden. Dasselbe
gilt für Maschinen und Güter, die der Herstellung von Kriegsmaterial dienen. Auf Grund der fortschreitenden technischen
Entwicklung wurden verschiedene Güter neu in die Liste aufgenommen.Das Ergebnis der Revisionen ist eine Verminderung der
unter Embargo stehenden Güter von 297 auf 217 Positionen.
Ein Großteil dieser 217 auf der Embargo-Liste verbleibenden
Gütersorten ist neu definiert worden, wodurch gewisse, nicht
so wichtige Größen und Typen dieser Güter abgetrennt wurden,
so daß das Embargo nur die wichtigeren Abmessungen und Typen
betrifft. In einer Anzahl von Fällen wurde die Reichweite der
Kategorie ausgedehnt.
Stassen erklärte in diesem Zusammenhang:
"Die amerikanische Regierung kam vor über einem Jahr zu
dem Schluß, daß das System der Sicherheits-Handelskontrollen
1

der

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25. August

1954

der freien Welt im Hinblick auf die veränderten internationalen
Bedingungen völlig überprüft werden müsse, und daß eine gründliche und mühsame Neubewertung der Warengruppen auf interministerieller Grundlage und innerhalb der 15 sich hieran beteiligenden Länder notwendig sei."
Die "Battle Act Embargo"-Liste wird bisweilen auch als die
"Titel I"-Liste bezeichnet. Viele der Materialien, die nicht
länger gesperrt sind, werden zur Zeit auf eine andere Battle
Act-Liste, die "Titel II"-Liste gesetzt. Diese enthält Güter von
geringerer Bedeutung.
Am 16. A U g U s t trat eine neue internationale Embargoliste in
Kraft, die in viermonatigen Verhandlungen zwischen den Regierungen
ausgehandelt worden war. Als ein aktives Mitglied der Gruppe ist
die amerikanische Regierung der Ansicht, daß den Sicherheitsinteressen der USA und der freien Welt durch die getroffenen Vereinbarungen genügend Rechnung getragen worden ist, die den kooperativen Charakter des Kontrollprogramms beibehalten haben und die
nicht nur Veränderungen in der Liste sondern auch Maßnahmen für
eine strengere Einhaltung der Embargo-Vorschriften vorsehen« Daher wird sich die neue "Battle Act "Embargo-Liste eng an die neue
internationale' Embargoliste anschließen, wenn sie auch nicht in
allen Punkten mit ihr völlig übereinstimmen wird.
In diesem Zusammenhang gab Stassen folgende Erklärung ab:
"Unsere Revision der"Battle Act"Embargo"-Liste stellt ein
notwendiges Teilstück unserer Bemühungen dar, die der Sicherheit
der freien Welt dienenden Handelsbeschränkungen auf eine dauerhaftere
und wirkungsvollere Grundlage zu stellen. Wie ich bereits früher erklärte, ist nach monatelangen Verhandlungen in
Paris bei den beteiligten Ländern völlige Einmütigkeit erzielt
worden, ihre allgemein akzeptierten Warenkontrollisten zu beschränken und die Einhaltung der Kontrollvorschriften der noch
nicht freigegebenen wichtigen Güter zu verschärfen.
Die Veränderungen der "Battle Act"-Liste sind einseitige
Beschlüsse der amerikanischen Regierung. Sie sind nach sorgfältigsten Beratungen der hierfür zuständigen Dienststellen, darunter dem Außen-, dem Verteidigungs- und Handelsministerium, getroffen worden. Wegen des multilateralen Charakters des Kontrollprogramms haben wir auch mit unseren Alliierten einen Meinungsaustausch geführt, wobei wir alle im Zusammenhang mit der internationalen Lage stehenden dazugehörigen Fragen in Rechnung
stellten»" Diese Punkte werden im Kapitel 5 des vierten Halbiahresberichts der "Battle Act" erörtert, der im Mai unter der
Überschrift "Ost-West Handel" veröffentlicht worden ist. Zu ihnen gehören:
die starke Notwendigkeit, die Einigkeit und Zusammenarbeit
zwischen den Völkern der freien Welt angesichts der sowjetischen
Bemühungen diese zu spalten, zu erhalten;
die Wahrscheinlichkeit einer langen Periode der Spannungen
hart an der Grenze eines allgemeinen Krieges;
,.
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25- August 1954

die Notwendigkeit, das Kontrollsystem mit Unterstützung
der westlichen Handelspartner auf eine langfristige Basis zu
stellen;
das Bedürfnis, jeden Pfad offen zu halten, der möglicherweise dahinführen könnte, die Welt allmählich auf eine gesündere Friedensbasis zu stellen;
die gewaltige Erhöhung der westlichen Stärke und industriellen Produktion schafft ein wachsendes Bedürfnis für neue Märkte;
die verminderte amerikanische Hilfe an die Nationen der
freien Welt;
die wirtschaftlichen Vorteile, die unsere Verbündeten aus
ihrem Handel mit nichtstrategischen Gütern mit dem Sowjetblock
erhalten;
die Tatsache, daß inzwischen einige Güter eine größere
oder geringere Bedeutung erlangt haben und daher von der Liste
genommen werden sollten;
die Tatsache, daß eine kürzere und einfachere Kontrolliste
leichter durchzuführen und in Kraft zu setzen ist.
Die "Battle Act"-Listen haben einen anderen Zweck als die
vom US-Handelsministerium aufgestellten Listen, die lediglich
die Aufgabe haben, die Exporte aus den USA zu kontrollieren. Das
US-Handelsministerium beabsichtigt, in Kürze eine Verlautbarung
über die amerikanischen Exportkontrollen herauszugeben.
Hinsichtlich der kürzlich getroffenen Übereinkünfte über
die Revidierung des internationalen Kontrollsystems wurden von
Harold E. Stassen auf einer Pressekonferenz am 22. Juli und von
Peter Thorneycroft, dem Präsidenten des britischen Board of Trade,
im Unterhaus am 26. Juli bekanntgegeben.
Sie betonten dabei, daß eine Übereinkunft über straffere
Kontrollmaßnahmen zusammen mit der neuen Liste erzielt worden
sei. Diejenigen Länder, die den Transit von Gütern gestatten,
werden in Zukunft besondere Schritte unternehmen, damit verhindert wird, daß Embargogüter in die Sowjetunion gelangen. Andere
Länder wiederum werden Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, daß
ihre Bürger in Transaktionen verwickelt werden, die den Export
von Embargogütern in den Ostblock zum Ziele haben, ganz gleich,
aus welchem Land diese Waren stammen.
Die allgemein als "internationale Embargoliste" bekannte
Verbotsliste, die sich hauptsächlich auf industrielle Güter bezieht, wurde von 260 auf 170 Güter gekürzt. Allerdings sind
hierin nicht die Materialien der Atomenergie und einige andere
Posten mit eingeschlossen, die nicht ausschließlich oder überwiegend Kriegs- und Atomenergiematerial umfassen, die aber ohne
weiteres für Kriegszwecke verwendet werden können oder eine Bedeutung für die Anwendung atomarer Energie haben. All diese sind
in der Länderliste gesondert aufgeführt und werden von allen unseren Verbündeten als wichtige Embargogüter behandelt. Jedoch
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25. August 1954

Jedoch schließt die jetzt von 297 auf 217 Posten reduzierte
"Battle Act"-Embargoliste nicht solche Materialien ein, die in
einer besonderen Kategorie, nämlich der "Kategorie A" zusammengefaßt sind. Alle anderen Posten rangieren in der Liste der
"Kategorie B".
Wenn ein Land das amerikanische wirtschaftliche, militärische oder finanzielle Hilfe erhält, Exporte von Gütern der
"Kategorie A" zuläßt, so müßte diese Hilfe eingestellt werden»
Wenn Waren der"Kategorie B" exportiert werden, so steht es im
Ermessen des Präsidenten, die Hilfeleistung fortzusetzen, falls
durch die Einstellung die Sicherheit der USA gefährdet werden
würde.
Die internationale Quantitätsliste wird von etwa 90 auf
20 Posten reduziert, und weitere 60 Güter werden auf eine sogenannte Beobachtungsliste gesetzt werden, so daß die einzelnen
Länder eine genaue Exportkontrolle haben. Diese Gegenstände
werden in der "Battle Aet"-Embargoliste in Rubrik "II" aufgeführt.
Obgleich die "Battle Act"-Embargoliste auf Exporte in alle
Teile des Ostblocks Anwendung findet, beziehen sich die neuen
Veränderungen nur auf den Handel mit der Sowjetunion und deren
europäische Satellitenj und zwar deshalb, weil das internationale
Embargo für den ^andel mit strategischen Gütern nach Rotchina
auf Grund der Resolution der Vereinten Nationen vom 18. Mai 1951
weitreichender als die "Battle Act"-Liste ist und bisher auch
noch nicht von den beteiligten Nationen eine Erleichterung dieser Embargobestimmungen beschlossen wurde.
I. Ergänzende Erklärungen zu den
Listenänderungen zum Battle Act
Las Battle Act Embargo - oder die Liste unter Titel I zerfällt in zwei Teile:
Kategorie A, umfaßt 23 Posten, und zwar 12 Posten - oder
richtiger 12 verschiedene Warenklassen - Waffen, Munition, Kriegsmaterial, und 11 Posten ausschließlich oder vorwiegend atomarer
Natur. In Kategorie A werden nur verhältnismäßig kleine Änderungen
vorgenommen. Die Neufassung der Kategorie A ist in Anhang Nr. 2
zu finden.
Kategorie B der Embargoliste enthält Artikel von höchster
strategischer Bedeutung, wenn auch nicht ausschließlich} in einigen
Fällen sogar vorwiegend für militärische Zwecke oder zur Nutzbarmachung der Atomenergie. Wie bereits erwähnt, wurde die Liste der
Kategorie B stark gekürzt.
Die Liste unter Titel Nr. II enthält Waren von geringerer
Bedeutung, bei denen nach Ansicht der USA eine mengenmäßige Kontrolle oder sorgfältige Überwachung genügt, die jedoch ein Embargo
nicht erfordern. Auf Grund der gründlichen Überprüfung der internationalen Listen durch die 15 Länder in Paris kamen den Vereinigten Staaten bei der Überprüfung der Battle Act-Listen sämtliche
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sämtliche Unterlagen technischer, handelstechnischer und anderer
Natur zugute, die die Vereinigten Staaten und die anderen Teilnehmerländer sich beschaffen konnten» Bei dieser Revision der
Battle Act-Listen wurden nicht nur die von unseren Verbündeten
ermittelten Informationen sondern auch ihre Ansicht bezüglich
der Bedeutung der Kontrolle bestimmter Güter berücksichtigt*
Die auf der Liste unter Titel I, Kategorie B oder unter
Titel II aufgeführten Artikel sind im allgemeinen solche, die
in erster Linie für die Waffenproduktion oder die Erzeugung
von Atomenergie bestimmt oder gebraucht werden, oder stellen
hochentwickelte technische Erzeugnisse dar, die dem Sowjetblock
nicht geliefert werden sollen, oder die für die Rüstungsproduktion des Sowjetblocks von wesentlicher Bedeutung, dort aber
äußerst knapp sind.
Die allgemeine Regel ist, daß Güter, die als äußerst wichtig für militärische Zwecke angesehen werden oder die hochentwickelte technische Erzeugnisse der Rüstungsindustrie darstellen,
auf die Embargo-Liste gesetzt werden. Andere Güter, die wegen
ihrer potentiellen Auswertung für militärische Zwecke als wichtig
betrachtet werden, werden auf die Embargo-Liste oder die Liste
unter '^itel II gesetzt, je nachdem ob eine schärfere oder geringere Kontrolle erforderlich ist.
Das Verfahren zur Feststellung, welche Güter auf die Battle
Act-Liste0gesetzt werden sollen, ist sehr kompliziert und erfordert die Zusammenstellung, Sortierung und Auswertung aller
einschlägigen Informationen auf dem Gebiet der Technik,
Abwehr, Wirtschaft u.a. Diese Registrierung ist ein ununterbrochener Prozeß, bei dem ständig neue Informationen und neue
Bewertungen sowohl in den USA als auch im Ausland in Betracht
zu ziehen sind. Die Battle Act-Listen werden natürlich, wie
das Gesetz dies vorschreibt, dauernd überprüft.
Die Registrierung der Güter, die unter das Battle Act
Embargo fallen, ist in vielen Fällen an sich schon eine recht
komplizierte Angelegenheit. Die Definition der Güter erfordert
genaueste Angaben über Größe, Typ und Zweck, die den Laien verwirren würden, dem Fachmann jedoch ein strategisches Urteil darüber darstellen, welche Güter unter das Embargo fallen und welche einer geringeren Kontrolle bedürfen oder gar freigegeben
werden können.
Bei der Registrierung der nach dem Battle Act unter das
Embargo fallenden Güter verursacht die Bestimmung der Spezialanfertigungen für militärische Zwecke die geringsten Schwierigkeiten.
Hinsichtlich der Güter, die hochwertige technische Erzeugnisse darstellen, ist eine Beurteilung dahingehend erforderlich,
ob der Sowjetblock über die zu ihrer Herstellung nötigen technischen Kenntnisse und Ausrüstungen verfügt und wie weit diese
Güter seine militärische Schlagkraft erhöhen würden.
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Die größten Schwierigkeiten ergeben sich bei der Beurteilung von Gütern, die sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken
dienen» Bei diesen Gütern geht es darum, festzustellen, ob ihre
militärische Verwendung innerhalb des Sowjetblocks große Bedeutung besitzt oder ob sie innerhalb des Sowjetblocks eine derartige Mangelware darstellen, daß bei Nichtlieferung in erster
Linie der militärische Sektor der Wirtschaft des Sowjetblocks,
nicht der zivile Sektor, betroffen wirdo
Was hier geschehen ist, geht aus den kurzen Kommentaren über
die verschiedenen Warenkategorien hervor.
Während in der Gruppe "Maschinen für Metallbearbeitung" bestimmte Typen von Rohr- und Drehautomaten unter das Embargo fallen, ist die Überwachung bei kleineren Typen dieser Maschinen
geringer und richtet sich nach dem Stand der technischen Entwicklung und Rüstungsproduktion im Sowjetblock. Bestimmte Typen
von Drehbänken wurden auf der Embargo-Liste belassen, während
andere, die keine hochentwickelte technische Präzisionsarbeit
darstellen und in großen Mengen innerhalb des Sowjetblocks
hergestellt werden, von der Liste gestrichen wurden» Die unter
das Embargo fallenden Werkzeugmaschinen sind die Grundlage für
die Massenproduktion von Plugzeugen, Geschützen und anderen
Waffen sowie für die Herstellung hochspezialisierter Geräte
für wichtige militärische Zwecke von Bedeutung,
In der Gruppe "Pabrikausrüstungen für die Chemische- und
Erdölindustrie" wurde das Embargo für die wichtigsten Materialien
und Bestandteile zur Herstellung von kriegswichtigen Chemikalien
und zur Erzeugung von Atomenergie beibehalten. Gleichzeitig wurden die in der ganzen Welt einschließlich des Sowjetblocks in
großen Mengen hergestellten gewöhnlichen Teile und Ausrüstungen
dieser Gruppe von der Kontrolle freigegeben. Auf Grund der technischen Portschritte wurden obiger Gruppe einige neue Posten
beigefügt, wie z J . Anlagen zur Erzeugung von Titan und gewisse
wichtige aus neuen Kunststoffen hergestellte Materialien»
Die Gruppe "Elektrische Kraftanlagen" in der revidierten
Embargo-Liste enthält starke Elektro-Anlagen, die für das sowjetische Kriegspotential von großer Bedeutung sind, jedoch
sind Güter wie Außenbordmotore, Condensor-Röhren und kleinere
Motoren, Generatoren und Diesel-Maschinen nicht in die Liste
aufgenommen.
In der Kategorie "Allgemeine Industrieausrüstungen" wurden
verschiedene Waren von der Liste abgesetzt. So wurde beispielsweise bei Zugmaschinen nur ein schwerer Typ auf der Embargo-Liste
belassen, da die Staaten des Sowjetblocks selbst über eine hohe
Produktion an Traktoren verfügen und sogar zahlreiche Typen
exportieren. Andererseits wurden bestimmte Ausrüstungen - Walzenstraßen beispielsweise -,die eine wichtige Voraussetzung für
die moderne industrialisierte Wirtschaft und damit auch für die
militärische Schlagkraft darstellen, weiterhin auf der Embargo-

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25. August 1954

Embargoliste belassen»
Auf dem Sektor "Verkehrsanlagen und Transportmittel" fallen
Warengruppen wie Pritschewagen, Tankwagen, Säure-Tankwagen und
Schienen nicht mehr direkt unter das Embargo sondern unterliegen
nur noch einer quantitativen Kontrolle oder Überwachung und werden nunmehr unter Titel II aufgeführt. Wenngleich diese Güter für
die Wirtschaft und die Rüstung eines jeden Landes von Bedeutung
sind, so führte eine Analyse der Versorgungslage der Sowjets zu
dem Schluß, daß im gegenwärtigen Augenblick ein Embargo auf diese
Dinge nicht erforderlich sei. Auf der neuen Embargoliste verblieben sind Turbo-Lokomotiven, während andere Typen unter Titel
II erfaßt sind. Seeschiffe und Tanker, die bereits früher unter
Embargo standen, bleiben auch weiterhin auf der Liste und einige
Typen von Fischerei-Fahrzeugen und Handelsschiffen wurden neu
auf die Liste gesetzt. Die Ausfuhr von Schiffen anderer Typen,
Bauart und Geschwindigkeit ist einer gewissen Kontrolle unterworfen, jedoch nicht verboten.
Die meisten Präzisionsinstrumente und Elektronengeräte,
die bisher schon auf der Verbotsliste standen, wurden im Hinblick
auf ihre strategische Bedeutung und die technische Entwicklung
auf der Liste belassen. Einige dieser Warengattungen wurden um
verschiedene Posten erweitert, andere Posten wie Absorptionsmesser, Mikro-Härteprüfer und Oszillographen wurden von der
Liste gestrichen.
In der Gruppe "Metalle und Mineralien" kam man bei einer
Reihe von Produkten zu dem Schluß, daß der Ostblock über ausreichende Vorräte verfügt, so daß sie von der Verbotsliste abgesetzt werden konnten. Platin wurde beispielsweise vom Embargo
befreit, da die Sowjetunion über die größte Produktion an diesem
Metall verfügt. Andere, von der Liste gestrichene Stoffe sind
Cadmium, Kalzium, Natrium, Stontium, Vanadin, Asbest und Glimmer.
Diejenigen Mineralien und Metalle, die für die Sowjets militärisch
wichtig sind - zum Beispiel Aluminium, Kupfer, Nickel, Molybdaen,
Kobalt, Magnesium, Wolfram und Titan (letzteres ein Material, das
für den Bau von Düsentriebwerken in jüngster Zeit erhöhte Bedeutung gewonnen hat) - bleiben auch weiterhin auf der Embargoliste
der Kategorie B. Andere strategisch wichtige Mineralien, die eine
erhebliche Bedeutung auf dem Atomkraft-Sektor besitzen, verbleiben
auf der Verbotsliste der Kategorie A.
In der Warengruppe "Chemische Produkte" wurden einige Artikel
wie Permanganate, Phosphorsäure, flüssige Gummiinhibitoren und
Petrolkoks nach Prüfung der Produktions- und Verbrauchslage im
Sowjetblock von der Embargoliste abgesetzt. Die auch weiterhin
unter das Verbot fallenden Chemikalien finden weitgehende Verwendung in der Herstellung von Explosiv- und Treibstoffen.
Veredelungsprodukte der Erdölraffination stehen nach wie vor
unter Embargo, während andere Erdölprodukte wie Rohöl und Dieselöl einer nicht ganz so strengen, aber doch noch immer sehr sorg-

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sorgfältigen Kontrolle unterliegen. Der Sowjetblock gehört selbst
zu den wichtigsten Erdölfördergebieten und hat der westlichen
Welt wiederholt Verkaufsangebote unterbreitet und auch Lieferungen getätigt»
Im Falle der Warengruppe "Gummi und Verschiedenes" wurde
das Ausfuhrverbot bei Reifen unter Berücksichtigung der eventuellen militärischen Verwendbarkeit verschiedener Typen und
Großen revidiert. Die nicht für Militärfahrzeuge brauchbaren
Reifentypen wurden von der Liste gestrichen, da die Reifenprodukt "on des Sowjetblocks bei den meisten Größen ausreicht, um
den Bedarf zu decken. Naturkautschuk bleibt auf der Liste unter
Ti'el II, um eine sorgfältige Kontrolle über die dem Ostblock
verfügbar gemachten Mengen zu behalten.
Nachstehend folgt eine allgemeine Übersicht über die in
der Liste unter der Kategorie B aufgeführten Waren (Die gesamte
Liste wird hier nicht im einzelnen angeführt; die folgende
Zusammenfassung gibt aber ein Bild von ihrem Ausmaß):
Maschinen für Metallbearbeitung
Maschinen und Geräte, die eigens für die Herstellung von
Waffen, Munition und Kriegsgerät konstruiert sind; Lehrenbohrmaschine; Formfräsmaschinen; Lehrenschleifmaschinen; LaeppRadialSchleifmaschinen; Gewindeschieifmaschinen;Holmfräsmaschinen; Plandrehbänke für Panzerplatten; für die Herstellung von
Waffen geeignete Bohrmaschinen.
Größere, verbesserte und für Spezialanfertigung geeignete
Typen der folgenden Maschinen: Karusseldrehbänke; Langlochbohrmaschinen und Bohrer; Zylinder-, Oberflächen- und Kugelschleifmaschinen; Hobelschleifmaschinen; Revolverdrehbänke; automatische,
drückende und kombinierte Zylinderbohr- und Drehbänke sowie
Leitspindeldrehbänkej Gewindefräsmaschinen, kombinierte Fräsund Hobelmaschinen; Schmiedehämmer; Pressen; Draht-, Röhrenund Bandfertigungsanlagen; ferner Maschinen für die Planbearbeitung, zum Metallschneiden und -hobeln, zur Getriebefabrikation, zum Honen und zum Läppen, Formschleifen und -fräsen sowie
Kopiermaschinen.
Fabrikausrüstungen für die chemische und Erdölindustrie
Fabrikausrüstungen für die Herstellung von militärischen
Sprengstoffen; gegenläufige Flüssigkeitszentrifugen; Anlagen
und Maschinen für die Produktion von metallischem Titan.
Die folgenden Anlagen und Stoffe, soweit es sich um große
und wichtige Typen oder Arten handelt: gesamte Ausrüstungen und
Ausrüstungsteile für die Produktion von Stickstofftetroxyd,
Antibiotika, Wasserstoff- und Deuteriumoxyd, flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff; Kompressoren, Pumpen, Spezialventilen
und Röhren verschiedenster Abmessungen; Ausrüstungen für Erdölbohrungen und -raffination, für die Herstellung von Schmiermitteln und die Verarbeitung von Naturgas.

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Elektrische

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Elektrische Anlagen und Maschinen für Kraftwerke
Hochleistungsturbinen und -generatoren zur Stromerzeugung;
SpezialdieseJ-• und elektrische Motoren®
Allgemeine Industrieausrüstungen
Metallwalzwerke; Industriediamanten; und gewisse Typen
schwerer Zug- und Räummaschinen, Bodenverdichter, Diamantwerkzeuge und koaxiale Kabelmaschinen»
Verkehrsanlagen und Transportmittel
Zentralisiert« Verkehrsüberwachungsanlagen; Turbolokomotiven
und Spe?ial-Motorfahrzeuge mit Allradantrieb; verschiedene Schiffstypen einschließlich Schwimmdocks, Tankschiffe, Walfangmutterschiffe, Kriegsschiffe, und bestimmterArten von Eisbrechern,
.-hereifahrzeugen und Passagier- ui..d Frachtschiffen; Kompasse
und Schiffsdampfkessel, die sich für die Verwendung in Kriegsschiffen eignen; Minenräumgeräte und wichtige Kabeltypen»
Elektronengeräte und Präzisionsinstrumente
Flugzeugfunkeinrichtungen; Radargeräte; Ultrakurzwellenfunkgeräte; Störsender; Geräte zur Überwachung von Flugzeugen und
ferngelenkten Geschossen; panoramische Hochfrequenz-Empfängero
Wichtige Telegraphenausrüatung, Verstärker, Kabel, Messinstrumente, Elektronenröhren für Rundfunk- und Fernsehsender,
magnetische Registriergeräte, Rechenmaschinen und photographische
Ausrüstung, Metalle, Mineralien und daraus hergestelle Erzeugnisse, Messing und Bronzeerzeugnisse für die Munitionsherstellung;
Eisen und Stahlschrott; Germanium, Titan, Molybdaen, Columbium,
Kobalt.
Ver -Merie legierte Stähle und Legierungen aus Nichteisenmetallen) w shtige Erzeugnisse aus Aluminium, Kupfer, Nickel,
Magnesium, Taiitalum, Wolfram, magnetische Rohstoffe und Wälzlager«
Chemische- und ErdjTIerzeugnisse
Flüssigkeiten für hydraulische Anlagen; Barium Nitrate;
Dinitrotoluol; Hydrazin, Pikrinsäure; flüssige Silikone.
Spezielle Arten von Spreng- und Zündmischungen, Stabilisierer
für Exploaivstuffe und Glykosen.
Benzin, Kerosin; Schmieröle; Zusätze für Flugbenzin; Tetraätylen.
Gummierzeugnisse
Aus synthetischem Gummi auf Butylbasis hergestellte Reifen
für Militärfahrzeuge} Lager aus Bunaverbindungen mit Wasserschmierung .
Verschiedenes

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Verschiedenes
Nylonstoffe für Fallschirme; bestimmte Arten von optischem
_ +0 „ Rohglas; Papier für elektrische Isolierungen.
r°
Waffen, Munition, Kriegsgeräte
101 Gewehre, Karabiner, Revolver, Pistolen, Maschinenpistolen und
Maschinengewehre, die besonders für militärische Zwecke konstruiert sind, sowie sämtliche für militärische Zwecke konstruierte
Einzel- und Ersatzteile«
102 Geschütze, Haubitzen, Kanonen, Mörser, Raketenkatapulte, militärische Flammenwerfer, Rauch-, Gas- und pyrotechnische Abschußapparate, rückstoßfreie Gewehre, die militärischen Zwecken dienen, sowie sämtliche für militärische Zwecke hergestellten Einzel- und Ersatzteile«.
103 Munition und sämtliche Einzel- und Ersatzteile für die unter
101 und 102 aufgeführten Waffen.
104 Bomben, Torpedos, Granaten, Raketen, Minen, Projektile und Tiefensprengladungen für militärische Zwecke, Geräte und Vorrichtungen, die insbesondere der Handhabung, Kontrolle, Inbetriebsetzung, Abfeuerung oder Auffindung derselben dienen, und sämtliche Einzel- und Ersatzteile derselben.
105 Artilleriefeuer-Beobachtungsgeräte; infra-rote und andere Vorrichtungen für die Beobachtung bei Nacht, Feuerleitgeräte; Suchgeräte und Zielvorrichtungen, Visiervorrichtungen für Bombenabwurfgeräte und Geschütze und Periskope für militärische Zwecke
und die in dieser Liste aufgeführten Kriegsgeräte; sowie sämtliche Einzel- und Ersatzteile derselben.
106 Panzerkraftwagen, bestückte oder gepanzerte Fahrzeuge für militärische Zwecke, Panzerzüge, Sattelschlepper für militärische
Zwecke, Panzerabschleppfahrzeuge, Panzerabwehrwaffen, Lafetten,
alle beweglichen Werkstätten, die der Instandsetzung militärischer Ausrüstung dienen und sämtliche für solche Fahrzeuge besonders konstruierte Einzel- und Ersatzteile.
107 Die nachstehenden Giftstoffe:
A) Für den militärischen Gebrauch bestimmte pflanzliche oder
chemische Giftstoffe;
B) Ausrüstungsgegenstände für die Versprühung und Feststellung
der unter A aufgeführten Substanzen und der Mittel zu ihrer Unschädlichkeit smachung.
108 Die nachstehend aufgeführten Raketentreib- und Explosivstoffe:
A) Raketentreibstoffe, die;speziell für den Antrieb der unter
103»104 und 107 aufgeführten und hergestellten Gegenstände bestimmt sind; Hochexplosivstoffe für militärische Zwecke.
109 Die nachstehenden Kriegsschiffe:
.

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A) Kriegsschiffe oder Schiffe, die für militärische Zwecke bestimmt sind;
B) Ausrüstungsgegenstände, die speziell für das Legen, Suchen
und die Auffindung von Minen bestimmt sind; und die sie zum Entzünden bringen.
C) Unterseebootnetze
(Anmerkung: Einzel- und Ersatzteile für die in dieser Liste
vorstehend aufgeführten Gegenstände umfassen: Geschütz türme;
Drehscheibenlafetten, die Zubehörteile und zusätzliche Einrichtungen umfassen, Akkumulatoren für Unterseeboote und Katapulte).
10 Kampfflugzeuge; sämtliche Arten von Flugzeugen, die militärischen
Zwecken dienen oder deren Einzel- und Ersatzteile, die nur militärischen Zwecken dienlich sind.
11 Hochleistungsradargeräte; elektronische Abwehrgeräte,die militärischen Zwecken dienen; Unterwasserhorchgeräte außer denen, die
bei der Tiefenlotung und bei der Ortung von Schiffahrts-Hindernissen verwendet werden und sämtliche dafür bestimmte Einzelund Ersatzteile.
12

Elektronische Rechenmaschinen für militärische Zwecke.
Nr. 200 - 299 kernreaktive Stoffe

01

02
03

04

05

Spaltbare Materialien einschließlich - jedoch nicht begrenzt auf a) Plutonium
b) mit den Isotopen 233 oder 235 angereichertes Uran
c) alle durch eines der vorgenannten künstlich angereicherten
Materialien
metallisches Uran, metallisches Thorium
Metalle, Legierungen und uran- oder thoriumhaltige Verbindungen,
ausschließlich der unter Titel I aufgeführten Legierungen, die
kein Uran, aber weniger als 1,5 Gewichtsprozent Thorium enthalten,
sowie der unter Titel II aufgeführten, für die Medizin gebräuchlichen Stoffe
Mineralien im rohen und verarbeiteten Zustand, einschließlich der
Rückstände, die mindestens 0,05 Gewichtsprozent Uran oder Thorium
oder deren Verbindungen enthalten. Dies schließt ein, ist aber
nicht beschränkt aufs
a) Monazitsand und andere thoriumhaltige Erze
b) Carnotit, Pechblende und andere uranhaltige Erze
Deuterium und seine Verbindungen, deuteriumhaltige Mischungen und
Lösungen, einschließlich schweren Wassers und schweren Paraffins,
in denen das Verhältnis von Deuterium- zu Wasserstoffatomen kleiner

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25. August 1954

kleiner ist als 1 : 1 5000
218 Apparate, die speziell für die Trennung von Uranisotopen bestimmt
sind
219 Zyklotrone, Van De Graaff-Generatoren, Synchrozyklotrone, Betatrone,
Synchrotrone, Linearbeschleuniger und andere elektronukleare Maschinen, die in der Lage sind, Energien von mehr als 1 Million
Elektronenvolt an ein Kernpartikel oder ein Ion zu vermitteln
sowie speziell für solche Apparate gebaute Magneten
220 Strahlenmeßgeräte und Geräteteile folgender Typen, die für die
Messung von Kernstrahlungen wie Alpha- und Beta-Partikel, Gammastrahlen, Neutronen und Protonen konstruiert sind, solche zu messen vermögen oder für diese Zwecke umgebaut werden können:
a) Proportionalitätszähler
b) Neutronenzähler, die Bor, Bortrifluorid oder Wasserstoff
enthalten
c) Meßgeräte irgendwelcher Art, die für die Strahlungsmessung
geeignet sind
d) Szintillationszähler mit Lichtverstärker
222 Ionenseparatoren, d.h. elektromagnetische Geräte einschließlich
Massenspektrographen und Massenspektrometer jeder Art
223 Beschleunigungs- und Pokussierungsröhren. wie sie in Massenspektrometern und Massenspektrographen verwendet werden
224 Material, das als Quelle für positiv geladene Ionen in Zyklotronen, Massenspektrometern und ähnlichen Apparaten verwendet
werden kann.
* * * * #

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER: US-POLITIK MUSS ÜBERPARTEILICH SEIN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir den vollen Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 30. August 1954 vor der "American
Legion", in der er betonte, daß keine Gruppe oder Partei
in den USA ein Monopol in der Politik der USA besitze, sondern daß diese Politik von allen getragen werde. Selbst
der Ausdruck "überparteilich", so führte der Präsident in
seiner Rede auf der Jahresversammlung des größten amerikanischen Kriegsteilnehmer-Verbandes in Washington aus, sei
noch zu eng gefaßt, um die Einstellung zu beschreiben, mit
der alle Amerikaner an die Außen- und Innenpolitik ihres
Landes herangehen sollten:
"Zum dritten Male seit Ende des zweiten Weltkrieges habe
ich die Ehre, der Jahresversammlung der American Legion beizuwohnen.
Ebenso wie Sie bin ich dankbar, daß wir endlich in einer
Zeit zusammenkommen können, da der Schlachtenlärm in der ganzen
Welt verstummt ist.
In einer Versammlung wie dieser, einer Versammlung von
Menschen also, die Amerika im Kriege gedient haben, scheint es
angebracht, daß wir die Aufmerksamkeit unserer Außenpolitik und
der Sicherheit unseres Landes zuwenden. Wenn ich dies sage,
meine ich damit nicht, daß irgendeine Gruppe oder eine Schicht
des amerikanischen Volkes allein das nötige Interesse oder die
nötige Klugheit besitzt, mit den verwickelten internationalen
Fragen fertig zu werden. Das Gegenteil ist vielmehr richtig.
Der Begriff einer überparteilichen,von beiden Parteien getragenen Politik ist zu eng gefaßt, um die Einstellung genau zu
kennzeichnen, die alle Amerikaner gegenüber diesem umfassenden
und so lebenswichtigen Gebiet einnehmen sollten. Wir sollten
lieber von universaler oder nationaler Teilnahme am Weltgeschehen sprechen, was wiederum ernsthaftes Studium, Analyse
und Debatte jedes auftauchenden Problems und Lösungsvorschlags
bedeutet.
Stabilität ist in unseren nationalen Zielsetzungen unbedingt erforderlich. Dies kann offensichtlich nicht erreicht
werden, wenn es jedesmal eine grundlegende Änderung geben sollte,
- oder wenn die Welt auch nur eine solche befürchten müßte sobald der parteipolitische Wind einmal umschlägt.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die einzige Antwort darauf ist, daß die gesamte amerikanische
Bevölkerung laufend unterrichtet werden muß und daß die jeweiligen Entscheidungen in aller Klarheit dargelegt werden müssen.
Es ist natürlich klar, daß ein Großteil der diplomatischen
Bemühungen und vor allem jene Anstrengungen, die vor dem Zustandekommen von Vereinbarungen als vorbereitende Gespräche
gekennzeichnet sind, nicht der Öffentlichkeit dargelegt werden
können.
Die politische Lage ist in den einzelnen Ländern der
freien Welt nicht dieselbe, und eine vorzeitige Bekanntgabe der
Standpunkte und Argumente könnte unter Umständen das Zustandekommen einer vernünftigen Lösung verhindern.
Aber über die allgemeinen Zielsetzungen und Zwecke sowie
über die annehmbaren Methoden zu ihrer Verwirklichung muß das
amerikanische Volk in allen Einzelheiten unterrichtet sein.
Daher werden die getroffenen Entscheidungen der Situation angepaßt,und die Welt weiß, daß sie in bezug auf die Zeit stabil
sindo

Diese umfassende Einstellung ist schwer zu erreichen und
Vollkommenheit wird es auf diesem Gebiet nie geben. Was unsere
komplizierte Welt von heute uns aber als erstes zu lehren hat,
ist, daß die Weltpolitik für uns alle viel zu wichtig ist, als
daß eine Partei oder eine Gruppe es riskieren könnte, die anderen Bürger unseres Landes davon auszuschließen, Lösungen zu
finden, die schließlich das Schicksal jedes einzelnen von uns
betreffen. Erfolg oder Mißerfolg in allem, was wir im Streben
nach einer friedlichen Welt zu erreichen hoffen, können sehr
wohl davon abhängen, wie weit es uns gelingt, Vorurteile und
Machenschaften aller Art bei den Bemühungen unseres Volkes,
dies Ziel zu erreichen, auszuschließen.
Grundvoraussetzung für eine Analyse der gegenwärtigen
internationalen Lage ist die klare Erkenntnis mehrerer wichtiger Wahrheiten. Ich nenne nur einige wenige dieser Realitäten, aber diese wenigen Punkte können wir nur um den Preis
unseres drohenden Untergangs außer acht lassen.
Die erste dieser Wahrheiten ist, daß die kommunistische
Diktatur - rücksichtslos, stark und unersättlich - entschlossen ist, ihre Herrschaft in der ganzen Welt zu errichten. Diese
Wahrheit bedarf keiner weiteren Erläuterungen. Alle Amerikaner
sind sich über diese Tatsache im klaren.
Die zweite dieser Wahrheiten ist, daß die kommunistische
Diktatur sehr geschickt in der Auswahl und im Gebrauch jeder
erdenklichen Waffe zur Erreichung ihrer Ziele ist. Sie bedient
sich der Gewalt und der Drohung mit Gewalt. Sie bedient sich
der Bestechung, des Umsturzes und der Sabotage. Sie benutzt
die Propaganda.
Diese letzte Waffe - die Propaganda - verlangt dringend,
daß wir neue und schlagkräftige Gegenmaßnahmen ergreifen. Es
besteht ein gefährliches Mißverhältnis zwischen den Bemühungen
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Bemühungen unseres Landes, die Wahrheit über die Freiheit und
unsere nationalen Ziele zu verbreiten einerseits und der Propaganda der Roten Diktatur andererseits. Jeden Künder der Freiheit,
den wir im Kampf um die Seelen und Herzen der Menschen einsetzen,
stellen die Kommunisten Dutzende entgegen; auf jeden Dollar, den
wir für Informationszwecke ausgeben, kommen bei ihnen fünfzig;
für jedes Wort, das wir der Sache der Freiheit und des Glaubens
reden, haben sie tausende, um ihr System anzupreisen und die
Werte der freien Menschen herabzuwürdigen und zu diffamieren.
Vor Ihnen, den ehemaligen Kriegsteilnehmern, möchte ich
betonen, daß wir die Stärke und den Wert der Freiheit predigen,
demonstrieren und der Welt unermüdlich nahe bringen müssen.
Nichts kann unserer Sache gefährlicher werden als zu erwarten,
daß die Botschaft Amerikas gehört werden wird, wenn wir selbst
nicht immer wieder sie verkünden«
Den unterdrückten Massen der Welt müssen wir immer wieder
die große Wahrheit bestätigen, daß Gott, der dem Menschen das
Leben gegeben hat, zur gleichen Zeit ihm auch das Recht auf Freiheit gab. Und in unserem eigenen Interesse müssen wir sowohl unsere geistige Kraft als auch die notwendigen materiellen Mittel
einsetzen, um anderen Völkern darin beizustehen, die Segnungen
der Freiheit und der Selbstregierung ihrerseits zu erkennen.
Eine zweite Waffe der Kommunisten, gegen die wir uns kraftvoll zur Wehr setzen müssen, ist der Umsturz. In diesem Stadium
des weltweiten Kampfes befinden wir uns ständig. Zum Glück sind
viele Völker gegenüber den Gefahren dieser Bedrohung hellhörig
geworden und unternehmen die nötigen Schritte dagegen.
Im vergangenen Jahr haben die Nationen der westlichen Hemisphäre in Caracas die gemeinsame Erklärung verkündet, daß der
Kommunismus in einem Lande eine Bedrohung für alle übrigen Völker darstelle. Gestärkt durch diese entschlossene Haltung, hat
sich das guatemaltekische Volk in seiner Mehrheit erhoben, um
den ersten eindeutigen Versuch des kommunistischen Imperialismus niederzuschlagen, in dieser Hemisphäre einen Stützpunkt zu
errichten.
Ich weiß, daß Sie, die American Legion, in dem Kampf gegen
den Umsturz in unserem Lande ein Vierteljahrhundert lang vorangingen. Unsere Nation hat alle Ursache, Ihnen für diese unbeugsame Haltung dankbar zu sein. Und ich weiß, daß Ihre entschlossene Führung auch weiterhin unserem Volke zugute kommen wird.
Die amerikanische Regierung wird auch weiterhin einen unermüdlichen Kampf gegen Umsturz und Infiltration führen. Und
wir werden das nicht mit schwächlichen halben Maßnahmen tun,
die gleichmütig alle unloyalen und nicht vertrauenswürdigen
Elemente dulden oder ignorieren, wir werden vielmehr Maßnahmen
ergreifen, die dem Wesen und dem Ausmaß der kommunistischen Verschwörung realistisch angepaßt sind.
Wir

�''AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Wir haben bisher in großem Ausmaß die bestehenden Gesetze
gegen alle umstürzlerische Tätigkeit angewandt. In den vergangenen 19 Monaten ist die Zahl der durch das Bundeskriminalamt
und das Justizministerium herbeigeführten Verurteilungen und
Ausweisungen erheblich gesteigert worden. Darüber hinaus haben
wir in gemeinsamer Arbeit mit dem Kongreß eine Anzahl neuer Gesetze verfaßt, die uns bei der Ausrottung der kommunistischen
Verschwörung helfen werden. Mögen auch einige dieser Gesetze
auf Grund unserer Erfahrungen noch gewisse Änderungen benötigen,
so werden sie doch alles in allem einen wesentlichen Gewinn für
uns bedeuten.
Und eines kann ich Ihnen versichern: wir werden in diesem
Kampf die verfassungsmäßigen Sicherungen, die unsere Rechte und
Freiheiten schützen, nicht verletzen. Unsere Nation ist zu stark,
um in hysterische Furcht zu verfallen, die unter dem Vorwand,
unsere verfassungsmäßigen Institutionen zu wahren, gerade jene
Grundsätze untergraben würde, auf denen diese Institutionen beruhen. Ich weiß, die American Legion vertritt voll und ganz diese
kluge Auffassung echt amerikanischen Geistes.
Ich habe hier zwei Wahrheiten dargelegt, deren Erkenntnis
für unsere Einschätzung der Weltlage von wesentlicher Bedeutung
ist - die Unerbittlichkeit der Kommunisten in ihrem Streben nach
Weltherrschaft, und die Bereitschaft der Kommunisten, zur Erreichung ihrer Ziele jede nur mögliche Waffe einzusetzen.
Eine dritte Wahrheit ist die: Die Sicherheit jeder einzelnen
Nation der freien Welt hängt unmittelbar von der grundsätzlichen
Einigkeit aller Nationen der freien Welt ab. Keine Nation diesseits des Eisernen Vorhanges kann sich eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschick irgendeiner anderen freiheitsliebenden Nation leisten.
Wenn jedes Land, ohne Rücksicht auf die anderen, nur seine
eigenen Ziele verfolgt, dann haben die Kommunisten unbegrenzte
Möglichkeiten, ihre ganze Kraft auf ein Opfer zu konzentrieren.
So würde ihnen ein Land nach dem anderen, zuerst das schwächste
und exponierteste zum Opfer fallen, bis schließlich das stärkste
- wir selbst - sich allein einer feindlichen Welt gegenübersähe.
An dieses Ende zu denken, ist furchtbar, und wir werden niemals
zulassen, daß es soweit kommt.
Die Länder der freien Welt verfügen über gewaltige Aktivposten - an Menschen, produktiven Hilfsquellen, an Durchhaltekraft
und der Anpassungsfähigkeit ihrer Institutionen. Der Grad der Wirk
samkeit und Einigkeit der Länder, diese HilSquellen einzusetzen,
kann sehr wohl den Ausgang des gegenwärtigen Streites bestimmen.
Aus diesem Grunde hat sich die Regierung der Vereinigten
Staaten unermüdlich darum bemüht, bestimmte Aspekte dieser Partnerschaft immer wieder klarzumachen. .
Zunächst

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Zunächst, und das ist das Wichtigste, können wir keine Partnerschaft mit einer Nation eingehen, die nicht selbst den Wunsch
nach Frieden hat und die sich nicht für den Weltfrieden einsetzt.
In unserem modernen Zeitalter ist der Krieg als Instrument einer
wohlüberlegten Politik für uns so undenkbar, daß wir unmöglich
in dauernder Harmonie mit einer Nation leben können, die unsere
friedlichen Überzeugungen nicht teilt.
Auf dieser Basis gingen wir Bündnisse mit anderen Staaten
ein, die guten Willens sind. Heute sind wir im Nordatlantikpakt
mit 13 Staaten, im Riopakt mit 19 amerikanischen Republiken und
im Pazifikpakt mit 6 Nationen verbündet. Was dürfen wir nun von
diesen Alliierten erwarten, und was dürfen sie umgekehrt von
uns erwarten?
Die Antwort lautet eindeutig: wir müssen nach dem Prinzip
der Freiheit in Einigkeit zusammenarbeiten. In unseren gemeinsamen Interessen und Werten, in unseren gemeinsamen Zielen und
Zwecken müssen wir fest zusammenstehen. Wenn wir dies nicht tun,
so beschwören wir damit eine ernste Gefahr herauf. Andererseits
sind wir und unsere Verbündeten in unserem Denken, in unseren
praktischen Entscheidungen und in unserer Politik als souveräne
Staaten frei, und wir müssen darin auch frei bleiben. Weil wir
gleichzeitig einig und frei sind, können wir auch stark sein.
Niemand sollte sich je über den Ursprung dieser Stärke einer
Täuschung hingeben.
Der genannte Grundsatz läßt das Maß unserer gegenseitigen
Verpflichtungen klar erkennen» Wenn wir diese mißachten, erwecken
wir auf beiden Seiten nicht realisierbare Erwartungen. Dann kann
jede kleine Abweichung im Handeln oder Reagieren den Eindruck
erwecken, daß ein Partner dem anderen gegenüber 'vertragsbrüchig'
geworden sei.
In der Praxis bedeutet dieser Grundsatz, daß wir nicht verpflichtet sind, irgendeinem unserer Vertragspartner ein Veto über
unser Handeln einzuräumen, genauso wie wir kein Vetorecht gegenüber den Handlungen anderer besitzen. Wir müssen uns deshalb
vor der gefährlichen Auffassung hüten, daß andere Völker als
unsere Verbündeten das tun müssen, was wir wünschen. Sie sind
niemals derartige Verpflichtungen eingegangen, und wir haben uns
umgekehrt nicht verpflichtet, das zu tun, was sie wollen.
Alle freien Völker haben jedoch die ständige Verpflichtung,
auf eine immer größere Achtung der gemeinsamen geistigen Werte
und Interessen hinzuarbeiten und im Glauben an die Segnungen der
Freiheit und der menschlichen Gerechtigkeit zu handeln. Diese
Ideale müssen die Herzen aller freien Menschen mit Licht und
Wärme erfüllen und ihr Handeln bestimmen. Diese Ideale sind Ausdruck inneren Reichtums und einer lebendigen Einheit. Freie
Menschen, die sich diese Ideale zu eigen gemacht haben, werden
sie nie für das alles erstickende Leichentuch der staatlichen
Reglementierung eintauschen , mit denen die kommunistische Despotie
ihre zum Schweigen verurteilten unterjochten Völker vor den
Blicken der Welt verbirgt.
Die

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1. September 1954

Die vierte Wahrheit, die in engstem Zusammenhang mit der
dritten steht, besteht darin: Aus den Hilfsquellen der freien
Welt gilt es, die geistige und materielle Stärke zu entwickeln,
die notwendig ist, um dem gewaltigen Druck der kommunistischen
Welt widerstehen zu können.
Wir und unsere Freunde müssen im Denken und im Seist stark
sein, damit weder Furcht noch Unwissenheit noch mangelnde Entschlossenheit uns ins Verderben leiten können.
Wir brauchen eine starke und freie Weltwirtschaft, damit die
freien Völker die militärische Stärke aufbringen können, derer
sie bedürfen, und damit sie Hunger, Not und Verzweiflung bannen
können, die die kommunistischen Machthaber so erfolgreich für
ihre Zwecke ausnutzen.
Die freie Welt muß auch materiell gewappnet sein, um eine
Aggression abschrecken und sie zurückschlagen zu können, falls
die Kommunisten so unklug sein sollten, zum Angriff überzugehen.
Diese Aufgabe, die freie Welt stark und gesund zu erhalten,
ist sehr vielschichtig, und man darf nie von ihr ablassen. Es
ist in der Tat schwierig, eine Welt des Friedens aufzubauen. Es
erfordert ständige Bemühungen seitens der freien Völker, es gilt,
geduldig bei der Lösung zahlreicher Probleme zusammenzuarbeiten,
die die Menschen in allen Teilen unserer Erde angehen. Diese
Bereitschaft ist durch zahlreiche Rückschläge und auch Erfolge
gekennzeichnet. In Europa beispielsweise, hat der Fortschritt
im Aufbau der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht unseren Erwartungen entsprochen. Andererseits sind inzwischen die
alten Gegensätze im Falle Ägyptens und Persiens bereinigt worden und in Südostasien nehmen die Maßnahmen zur gemeinsamen
Verteidigung Gestalt an. Weder Erfolge noch Rückschläge dürfen
uns dazu verleiten, in unseren Anstrengungen nachzulassen. Die
freie Welt muß auf ihren Erfolgen aufbauen und in den Rückschlägen einen Ansporn zu neuen Leistungen erblicken.
Die fünfte Wahrheit - der für uns als Nation die größte
Bedeutung zukommt - ist unser eigener Platz und unsere Rolle
in der großen gemeinsamen Anstrengung zur Erhaltung der Sicherheit und des Friedens.
Von allen freien Nationen ist unser Land in vieler Hinsicht
das reichste und stärkste. Daher haben wir auch einen großen Anteil an der Last dieser Sicherheit der freien Welt zu tragen.
Es ist ganz offensichtlich, daß wir den andern nicht helfen
können, wenn wir nicht selbst stark bleiben - stark im Geist, in
der produktiven Leistung und in der militärischen Macht.
Ich möchte nur ein paar statistische Tatsachen über unsere
militärische Stärke machen. Diese militärische Stärke basiert
auf der Leistung unserer Wissenschaftler, unserer arbeitenden
Männer und Frauen, unserer Industriellen, unserer führenden
Militärs, - kurz gesagt unseres ganzen Volkes.
Die
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1. September 1954

Die Vereinigten Staaten verfügen heute über die machtvollsten
und schlagkräftigsten Streitkräfte in ihrer ganzen Geschichte von der Kriegsstärke natürlich abgesehen. In gewisser Hinsicht
sind es sogar die schlagkräftigsten Streitkräfte, die jemals
aufgebaut wurden.
Wir besitzen Luftstreitkräfte, deren Schlagkraft ständig
zunimmt. Sie verfügen heute über 50 Prozent mehr Düsenflugzeuge
als im vergangenen Jahr.
Wir haben eine mächtige Kriegsmarine mit 13 000 einsatzbereiten Flugzeugen. Auf dem Gebiet des Atomantriebs ist sie in
der Welt führend.
Wir besitzen die stärkste Friedensarmee unserer ganzen Geschichte, ausgerüstet mit modernen Waffen, ausgebildet nach
modernen Methoden, die ihren Aufgaben in der heutigen Zeit durchaus gerecht werden kann.
Wir haben eine starke Marineinfanterie, die mit Recht auf
ihren altbekannten Geist und ihre traditionelle Bereitschaft
stolz sein kann.
Diese gewaltige Streitmacht wird noch unterstützt durch den
Ausbau von Abwehr- und Warnsystemen, um ihr immer größere Wirksamkeit und Reichweite zu verleihen.
Sie werden mir vielleicht erlauben, an dieser Stelle ein
Wort über die Zivilverteidigung einzuflechten. Was immer die
American Legion tun kann, um dieses Programm zu vervollständigen,
wird zur Stärkung unserer nationalen und individuellen Sicherheit beitragen. Ich möchte keinesfalls, daß diese Aufzählung
von Tatsachen über das Wesen unserer Streitkräfte als Aufschneiderei oder eine an irgend jemanden gerichtete Drohung ausgelegt
wird.
Wir wollen immer daran denken, daß unser Grundziel der Frieden ist. Aber in unserer Suche nach dem Frieden - die wirklich
nur seiner weiteren Festung dient - sind wir entschlossen, nicht
auf die Sicherheit zu verzichten.
Darf ich über unsere Streitkräfte noch etwas sagen: Eineinhalb Jahrhunderte lang war unsere Republik stolz darauf, kein
großes Berufsheer zu unterhalten. Wir haben uns statt dessen
auf den Bürger als den Verteidiger des Landes verlassen. Aber
wir haben es dabei an Fairness sowohl gegenüber dem Bürger als
an der Sicherheit der Nation fehlen lassen. Wir haben weitgehend
versagt, jene starke, einsatzbereite militärische Reserve aufrechtzuerhalten, die wir vor 150 Jahren für selbstverständlich
hielten.
Nun müssen wir endlich eine solche Reserve aufbauen, und
wir müssen sie erhalten. Fromme Wünsche und politische Trägheit dürfen nicht länger ein Programm behindern, das für unsere
Verteidigung so absolut lebenswichtig ist.
_.

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Ein Punkt muß dabei besonders unterstrichen werden: Diese
Reserve wird keine unbillige Härte für jene bedeuten, die ihrer
Dienstpflicht bereits genügt haben. Dafür wird die Regierung
sorgen.
Die Schaffung einer angemessenen Reserve - ein Ziel, für
das die American Legion und andere patriotische Verbände eine
ganze Generation lang vergeblich gekämpft haben - wird als
eines der dringlichsten Erfordernisse dem Kongreß im kommenden
Jahr unterbreitet werden.
Und ich wiederhole - wenn wir uns mit diesem machtvollen
militärischen System befassen, müssen wir stets daran denken,
daß wir es nur unterhalten, weil wir es müssen; wir dürfen nicht
vergessen, daß Waffen allein der Welt nicht eine Zukunft zu geben vermögen, die sicher, friedlich und verheißungsvoll für die
Menschheit ist.
Die Außenpolitik unseres Landes, meine Freunde, ist heute
einfach ein Programm, das den Frieden mit Methoden zu gewinnen
sucht, die mit diesen und anderen Wahrheiten, die heute nun einmal in der Welt Gültigkeit haben, übereinstimmen. Wichtig für
ihren Erfolg sind unsere loyalen und tüchtigen Männer im Auswärtigen Dienst, die unter der hervorragenden Führung von Außenminister Dulles ihre Aufgaben erfüllen. Mit Ausnahme von wenigen Fällen, die in der Öffentlichkeit stark diskutiert wurden,
können wir dankbar sein für den Eifer, das Können und die Aufopferung dieser Beamten, auf die wir uns bei den heiklen und
schwierigen Verhandlungen mit anderen Nationen und in der Versicherung unserer friedlichen Absichten gegenüber der Welt verlassen müssen.
Was dieses Streben nach Frieden angeht, so wird sich an dem
Verhalten Amerikas nichts ändern. Kein verantwortlich denkender
Mensch - keine politische Partei - will den Krieg oder will
Amerika Schaden zufügen. Die einzige verräterische Partei, die
wir haben und die uns schaden will, ist die kommunistische Verschwörung, die aber glücklicherweise zahlenmäßig sehr gering
ist. Mögen wir in anderen Dingen noch so verschiedener Meinung
sein, in dieser Hinsicht sind wir alle Amerikaner, sonst nichts.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß es bei der Anwendung einer
solchen Politik auf die zahlreichen mühevollen und schwierigen
Probleme, die die freie Welt zu losen hat, auch weiterhin Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten in bestimmten Fragen
geben wird.
Aber so schwierig unser Weg auch ist, so würden wir doch
gut daran tun, nicht zu vergessen, daß wir, sollen Klugheit und
Menschlichkeit walten, gar keinen anderen wählen können. Den
Weg der Isolierung zu gehen, würde bedeuten, den größten Teil
der freien Welt dem kommunistischen Despotismus auszuliefern
und schließlich unsere eigene Sicherheit aufzugeben. Bewußt den
Weg des Krieges zu wählen, würde plötzlich die Zivilisation in
Gefahr bringen, die zu bewahren wir entschlossen sind.
Wir
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1 954

Wir werden uns in keine dieser Sackgasse treiben lassen.
Wir werden auch weiterhin de» in unseren Nationen tief verwurzelten Wunsche Ausdruck geben, mit allen Völkern im Frieden zu
leben. In Verfolgung dieses Zieles haben wir die Vereinten
Nationen, die in den ersten neun Jahren ihres Bestehens für
die Sache des Friedens Großes geleistet haben, loyal unterstützt
und mit ihnen zusammengearbeitet. Gewiß ist es den Vereinten
Nationen oftmals nicht gelungen, unsere Hoffnungen zu erfüllen,
doch ist das kein Grund, um in unserer Unterstützung nachzulassen.
In unserem Kampf um den Frieden haben wir uns für die Lösung bestimmter internationaler Streitfälle eingesetzt. Im Juni
vorigen Jahres verhandelten wir über einen Waffenstillstand,
der dem Krieg in Korea ein Ende setzte, dem Lande die Freiheit
bewahrte und die Eroberungsabsichten der Kommunisten vereitelte.
Im Januar bemühten wir uns auf der Berliner Konferenz um die
Zustimmung der Kommunisten für die Errichtung eines freien und
wiedervereinigten Deutschlands und um einen Österreichischen
Staatsvertrag. Im April setzten wir uns in Genf für die friedliche Wiedervereinigung Koreas ein und versuchten, einen Beitrag zur Beendigung des Krieges in Indochina zu leisten.
Wir haben daneben auch andere Mittel und Wege zu einer Verringerung der Spannungen vorgeschlagen. Im April vorigen Jahres
haben die Vereinigten Staaten die allgemeinen Grundlagen für
eine allgemeine internationale Verständigung umrissen. Im vergangenen Dezember schlugen wir eine internationale Zusammenfassung der atomaren Hilfsquellen für friedliche Zwecke vor.
Bedauerlicherweise ist die Reaktion der Kommunisten auf diese
beiden Vorschläge entweder gleichgültig oder negativ gewesen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird aber trotzdem gemeinsam mit ihren Freunden auch weiterhin praktische Methoden
prüfen, um die Atomwissenschaft in den Dienst der Menschheit zu
stellen® Darüberhinaus werden wir fortfahren, den Friedenshoffnungen der freien Welt Ausdruck zu verleihen. Trotz der entmutigenden Ergebnisse auf bestimmte Vorschläge glaube ich, daß
die ständigen Bemühungen der Vereinigten Staaten, die Sowjets
zu einer Prüfung solcher Lösungen zu bewegen, die der Sache des
Friedens förderlich sind. Die Tür wird ihnen stets offen stehen,
wenn immer sie ihre ernsthafte Absicht zeigen, an diesem Projekt
teilzunehmen.
Wir zweifeln nicht an unserem letztlichen Erfolg. Kein
menschliches Problem ist unlösbar. Aus der tiefen Überzeugung
heraus, daß unsere grundsätzlichen Ziele im Einklang mit dem
Willen des höchsten aller Herren stehen, werden die Vereinigten
Staaten 3ie auch weiter verfolgen. Für diese höchste Aufgabe
unseres Jahrhunderts benötigen die Vereinigten Staaten die
Unterstützung aller ihrer Bürger. Sie brauchen ihr Verständnis,
ihre Entschlossenheit und Opferbereitschaft sowie die Kraft und
den Mut ihres Glaubens.
„.,».

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Hilfe zu leisten, daß Amerikas Stärke und seine Sicherheit
erhalten bleibt, mitzuhelfen, daß Amerika auf den wahren Weg des
Friedens geführt wird., dafür ist keine Gemeinschaft besser qualifiziert als die Ihre, die American Legion.
Insbesondere aus diesem Grunde wiederhole ich meine Worte,
in d enen ich meinem Gefühl des Stolzes und der Auszeichnung
Ausdruck gab, die mich bewegen während ich vor Ihnen spreche.
Mögen Mut, Weisheit und Entschlossenheit die Verhandlungen
dieser Jahresversammlung leiten und die American Legion zu einem
Instrument von ständig wachsender Bedeutung für ganz Amerika
und die freie Welt machen."
* * * * * *

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�A

EISENHOWER: DIE FREIE WELT IST TROTZDEM ÜBERWÄLTIGEND STARK

DES MOINES,IOWA — (Amerika Dienst) -- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Teil der Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, in dem e r am 30.
August 1954 bei einer Ansprache vor Besuchern der
landwirtschaftlichen Messe in Des Moine s, Iowa auf
die Ablehnung des EVG-Vertrages durch d ie französiehe Nationalversammlung Bezug nahm} e in Ereignis,
das der amerikanische Präsident als ein en Rückschlag
im Kampf gegen den internationalen Kommunismus bezeichnete. Auf die jüngsten Erfolge des Westens, wie
die Beilegung des persischen ölkonflikt s, die Regelung der Suezkanalfrage und die Beseiti gung der
kommunistischen Regierung in Guatemala hinweisend,
betonte der Präsident, die USA dürften es nie so
weit kommen lassen, daß ihr Land nur no ch eine Insei der Freiheit in der kommunistischen Flu(t darstelle, und führte im Zusammenhang mit der EVG wörtlieh aus:
"... Wir haben auch Rückschläge erlitten. Von einem der
schwersten Rückschläge ist heute in der Presse zu lesen: der
Ablehnung des französischen Vorschlages, in Europa die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu errichten, durch die
französische Nationalversammlung. Die EVG war ein Instrument,
mit dem die freie Welt die Sicherheit vor jeder Drohung von
außen erlangen könnte, ohne in die traditionellen inneren
Streitigkeiten in Westeuropa verwickelt zu werden. Dieser
Vorschlag wurde zu einem Bündnissystem ausgebaut, ohne daß
dadurch auch nur die geringste Gefahr bestand, daß es zum
Ausgangspunkt eines Krieges oder auch nur irgendeiner aggressiven Handlung hätte werden können.
Auf Grund dieser Eigenschaften des Planes, traten die USA,
Großbritannien und alle westlichen Nationen für ihn ein und
billigten diese große französische Idee. Heute läßt sich die
Tatsache nicht verheimlichen, daß wir einen schweren Rückschlag
erlitten haben. Aber ich möchte dazu eines sagen: Die freie Welt
ist im Verhältnis zu den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang
immer noch überwältigend stark. In ihrer Bevölkerung, dem Niveau
ihrer Intelligenz und dem beruflichen Können, in ihrer Landwirt- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Landwirtschaft und ihrer Industrie, in ihrem Pesthalten an
einer Sache und nicht in der befohlenen Unterwerfung unter eine
Regierung und schließlich in ihrer ungeheuren Produktivität
und alles zusammen genommen in ihrer militärischen Macht."
Der Präsident erinnerte in seiner Rede weiter daran, daß
die Stärke Amerikas auf dem Glauben an die Würde des Menschen
auf der Überzeugung der vollen Wirksamkeit einer freien Wirtschaft und der Einigkeit in den grundlegenden Prinzipien beruhe.
Eisenhower betonte erneut, daß niemand in den USA einen
Krieg wünsche und das amerikanische Volk glücklich sei, daß
nach vielen Jahren endlich der Schlachtenlärm überall in der
Welt verstummt sei. Die Freiheit, so führte Eisenhower weiter
aus, sei jedoch unteilbar. "Wenn wir selbst frei sein wollen",
so sagte der Präsident, "dann müssen wir bereit sein, die Freiheit derer zu verteidigen, die frei bleiben wollen." Amerika
werde nie in seinem Streben um die gute Sache nachlassen.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Atomenergie unterstrich Eisenhower, daß die USA alles unternehmen, um mit der
ganzen Welt die Geheimnisse zu teilen, die dazu dienen könnten,
die Atomenergie durch ihre friedliche Verwendung zu einem
wahren Segen für die Menschheit zu machen. Auch diese Bemühungen würden wie alle andern unermüdlich fortgesetzt. "Wir brauchen nicht zu verzweifeln", so schloß der Präsident, "und wir
dürfen es auch nicht."
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES: UNVERZÜGLICHE EINBERUFUNG DES NATO-RATES
UND BALDIGE BERATUNGEN MIT BUNDESKANZLER ADENAUER

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Das amerikanische
Außenministerium veröffentlichte am 3 1 • August 1954
eine Erklärung, in der Außenminister Dulles zur Ablehnung der EVG durch die französische Nationalversammlung Stellung nimmt. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

"Die französische Ablehnung der Europäischen Verteidungsgemeinschaft ist ein betrübliches Ereignis* Frankreich hat sich
dadurch von seinem eigenen historischen Vorschlag abgewandt,
den es vor fast vier Jahren machte. Dieser Vorschlag zielte
auf eine Vereinigung der militärischen Kräfte Kontinentaleuropas in einer einzigen europäischen Armee ab, um damit die
Periode der sich wiederholenden Kriege in Europa zu beenden,
nachdem die letzten beiden dieser Kriege zu Weltkriegen geworden waren.
Der französische Schritt ändert nichts an gewissen grundlegenden und feststehenden Tatsachen:
A) Die wirksame Verteidigung Kontinentaleuropas erfordert
einen wesentlichen Beitrag von seiten der Deutschen; alle,die
Deutschen eingeschlossen, möchten jedoch eine nationale Wiederbewaffnung in einer Form vermeiden, die durch einen wiedererstehenden Militarismus mißbraucht werden könnte.
B) Deutschland kann nicht auf unbestimmte Zeit einer Neutralität unterworfen oder hinsichtlich seiner Souveränität anderweitig benachteiligt werden, wozu auch das ihm zustehende
Recht der individuellen und kollektiven Selbstverteidigung
gehört. Beschränkungen der deutschen Souveränität, die auf
lange Sicht annehmbar sein sollen, müssen auch von anderen
als Teil einer internationalen kollektiven Ordnung geteilt
werden.
C) Die Verhinderung von Kriegen zwischen benachbarten Nationen, die auf eine lange Geschichte kriegerischer Ereignisse
zurückblicken, kann nicht lediglich durch nationale Versprechungen oder Drohungen sondern einzig und allein durch den
Zusammenschluß gewisser Funktionen ihrer Regierungen in übernationalen Institutionen erreicht werden«
-..
Diesen
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Diesen Tatsachen Rechnung zu tragen, war das große Ziel der
EVG. Vier der äechs vorgesehenen Mitgliedstaaten haben den Vertrag ratifiziert, nämlich Belgien, Deutschland, Luxemburg und
die Niederlande. Ein fünftes Land, Italien, stand kurz vor der
Ratifizierung. Großbritannien und die USA waren weitreichende
Verpflichtungen im Hinblick auf eine Assoziierung mit der EVG
eingegangen. Prankreich rückt also nicht nur von seinem eigenen
Vorschlag ab sondern trennt sich auch von seinen vorgesehenen
Partnern, die auf der kürzlichen Brüsseler Konferenz einen einheitlichen Standpunkt einnahmen.
Die amerikanische Nachkriegspolitik wurde seit 1946 auf der
Voraussetzung aufgebaut, daß Westeuropa schließlich eine Einheit
entwickeln würde, die es gegen Kriege untereinander immun und
gegen Aggressionen von außen verteidigungsfähig machen würde.
Die zwingende Notwendigkeit für diese Einheit wurde von den führenden Staatsmännern aller freien Nationen Europas anerkannt.
Die Vereinigten Staaten haben sich zusammen mit den westeuropäischen Ländern der Nordatlantikpaktorganisation angeschlossen. Sie haben diesen Ländern geholfen, sich von den Schäden des
zweiten Weltkrieges zu erholen. Sie haben ihnen sowohl auf wirtschaftlichem wie auf militärischem Gebiet umfangreiche Unterstützung zukommen lassen. Sie haben Streitkräfte in Europa stationiert, die der Gefechtsstärke von sechs Divisionen entsprechen. Sie haben darüber hinaus ihre führenden militärischen Fachleute der für die Verteidigung Westeuropas vorgesehenen militärischen Organisation zur Verfügung gestellt, um dort hohe Posten
zu übernehmen.
Die negative Handlung Prankreichs, die keine Alternativlösungen vorsieht, macht es für die USA verständlicherweise notwendig, ihre Außenpolitik zu überprüfen, insbesondere im Hinblick
auf EuropaDie Notwendigkeit einer derartigen Überprüfung kann kaum in
Präge gestellt werden, da der NATO-Ministerrat selbst zweimal
einstimmig erklärt hat, daß die EVG für die von ihm geplante
Verteidigung Europas von ausschlaggebender Bedeutung wäre. Darüber hinaus ist eine solche Überprüfung auf Grund der Bedingungen notwendig geworden, welche der Kongreß in diesem und im vorigen Jahr für Bewilligungen und Zuweisungen im Hinblick auf militärische Unterstützung für Europa aufgestellt hat.
Die westlichen Nationen sind es nun der deutschen Bundesrepublik schuldig, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um der
deutschen Bundesrepublik so schnell wie möglich die Souveränität
zurückzugeben und sie in die Lage zu versetzen, einen Beitrag
zum Weltfrieden und zur internationalen Sicherheit zu leisten.
Der bestehende Vertrag zur Wiederherstellung der deutschen
Souveränität ist auf Grund seiner Bestimmungen von der Verwirklichung des EVG-Vertrages abhängig« Es würde unverantwortlich
sein, wenn das Scheitern der Bemühungen, die EVG zu verwirklichen,
an dem Deutschland keine Schuld trägt, nur als ein Vorwand benutzt
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�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

benutzt werden sollte, um Deutschland zu bestrafen. Die deutsche
Bundesrepublik sollte ihren Platz als ein freies und gleichberechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft der Nationen einnehmen.
Das war der Sinn der vom amerikanischen Senat im Juli dieses
Jahres einstimmig angenommenen Resolution, und die Vereinigten
Staaten werden in diesem Sinne handeln.
Die USA sind weiterhin bereit, die vielen in Westeuropa
zu unterstützen, die trotz ihrer mannhaften Bemühungen nun in
ernster Sorge verbleiben. Wir brauchen nicht zu glauben, daß
der europäische Gedanke tot ist,nur weil in einem der sechs
Länder eine heute vorhandene Mehrheit gegen eine seiner Manifestationen eingestellt zu sein scheint. Es gibt noch immer vieles, auf dem man aufbauen kann( und diese Grundlagen sollten
nicht durch irgendeine abrupte oder unüberlegte Maßnahme unsererseits in Frage gestellt werden.
Es ist eine Tragödie, daß sich in einem Land der Nationalismus, unterstützt vom Kommunismus, so behauptet hat, daß er ganz
Europa gefährdet. Diese Tragödie würde noch größer werden, wenn
die USA daraus den Schluß zögen, daß sie sich einem Kurs des
engstirnigen Nationalismus zuwenden müßten. Es ist eine Sache
der elementarsten Klugheit, daß die USA ihre Dispositionen und
ihre Planung im Lichte der nunmehr geschaffenen neuen Situation
überprüfen. Wir sind glücklicherweise in der Lage, uns nicht mit
einer Politik identifizieren zu müssen, die uns als eine Politik
der Selbstaufgabe erscheint. Wir sind elastisch genug, um unsere
eigene Politik so anzupassen, daß sie den Entwicklungen anderswo
Rechnung trägt. Dabei werden wir von der Erkenntnis geleitet,
daß wir in der Isolierung keine Sicherheit für uns finden können.
Als der NATO-Ministerrat sich im vergangenen April vertagte,
um im kommenden Dezember wieder zusammenzutreten, wies ich darauf hin, daß - falls das Zustandekommen der EVG scheitern
sollte - damit eine Notlage geschaffen würde, die eine Sondersitzung des Rates erforderlich machen würde. Diese Situation
ist nun eingetreten, und die USA sind der Überzeugung, daß unverzüglich eine Sondersitzung des NATO-Ministerrates einberufen
und baldige Beratungen mit Bundeskanzler Adenauer aufgenommen
werden sollten."
* * * * *

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�EISENHOWER: BEMÜHUNGEN ZUR SCHAFFUNG EINES INTERNATIONALEN
ATOMPOOLS WERDEN FORTGESETZT

DENVER — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower verkündete am 6. September 1954
in Denver, Colorado, daß die USA zusammen
mit mehreren befreundeten Nationen der freien
Welt seinen Plan zur Gründung eines internationalen Atompools und zum Austausch von Informationen und Material zur Atomenergieentwicklung unverzüglich in Angriff nehmen werden. Der Präsident gab diesen Entschluß in
einer anläßlich der Grundsteinlegungszeremonie
zum ersten amerikanischen Atomkraftwerk in
Shippingport, Pennsylvania,von Rundfunk und
Fernsehen übertragenen Ansprache bekannt,
die folgenden Wortlaut hat:
"An dem diesjährigen 'Tag der Arbeit' halten wir Amerikaner in unserem Tagewerk inne, um mit besonderer Aufmerksamkeit der Würde und des Werts - und der unerhörten Leistung - des einzelnen Arbeiters in unserem Lande zu gedenken.
An diesem Tage blicken wir mit besonderem Stolz auf die beispielhafte Arbeitskraft und -leistung unserer arbeitenden
Männer und Frauen. Alle Amerikaner sind dankbar für diesen
Beweis, was freie Menschen zu erreichen und zu leisten vermögen.
Es ist daher ein besonderes Glück für uns, daß wir an
diesem Tag der Arbeit einen historischen Schritt voran tun
können, der für alle von uns neue Wege zu aufbauender Arbeit
und zu Wohlstand erschließt und die Bürde unserer Arbeit
erleichtert.
Heute nämlich beginnen wir in Shippingport im Staate
Pennsylvania mit dem Bau unseres ersten Atomkraftwerks, das
der Größe eines normalen Kraftwerks entspricht und für eine
Gemeinde von 100 000 Menschen Strom liefern soll. Mit diesem
Vorstoß zu einer wirtschaftlich rentablen Elektrizitätserzeugung durch Atomkraft kommt die Menschheit der Erfüllung
des alten Traums von einer neuen und besseren Welt näher.
Aber wir bleiben weder bei diesem Atomkraftwerk noch,
bei den Hoffnungen und Träumen unseres eigenen Landes stehen.
Unsere zahlreichen Vorschläge zur friedlichen Nutzung der
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�8. September 1954

"AMERIKA DIENST"

der Atomenergie wurden bislang auf den verschiedenen internationalen Konferenzen in zynischer Weise zum Scheitern gebracht,
dennoch werden wir weiter vorangehen. Wir werden nun dazu
übergehen - entsprechend den Sicherheitsbestimmungen, wie
sie in unserem Atomenergiegesetz niedergelegt sind - unsere
technischen Kenntnisse vom Atom mit anderen Staaten, die guten Willens sind, zu teilen.
Wir sind soeben mit einer Reihe anderer Nationen übereingekommen, Schritte zur Bildung einer internationalen Behörde zu unternehmen, durch die die Vermehrung und die Ausbreitung der neuen Atomtechnik für friedliche Zwecke gefördert
werden soll. Atommaterial für Projekte, die von dieser Behörde
unterstützt werden, wird zu diesem Zwecke bereitgestellt werden. Wir hoffen, daß auf die Dauer keine Nation sich von der
Arbeit dieser Behörde ausschließen wird.
Gleichzeitig mit der Durchführung dieser Pläne werden wir
in den USA eine 'Atomreaktor-Schule' aufbauen, um die Techniker der befreundeten Nationen in den Fertigkeiten und Techniken zu unterrichten, die sie zur Durchführung ihrer eigenen
Atomprogramme benötigen. In Kürze werden außerdem mit den
Ländern, die ihre eigenen Atomreaktoren für Forschungszwecke
bauen wollen, Besprechungen über eine zweckmäßige Zusammenarbeit aufgenommen werden.
Wir stehen außerdem vor Verhandlungen mit der belgischen
Regierung über den Bau einer Atomkraftanlage in Belgien. Am
kommenden Donnerstag beginnen wir mit unseren Freunden in Kanada Gespräche über Atomfragen. Verhandlungen mit anderen befreundeten Nationen werden in Kürze folgen.
Meine Freunde, alle diese Maßnahmen und das Wissen, das
wir durch die neue Anlage gewinnen, mit deren Bau wir heute
beginnen, werden - davon bin ich fest überzeugt - das Atom
zu einem mächtigen Diener und unerschöpflichen Wohltäter der
Menschheit machen und nicht zu ihrem Zerstörer.
Mit dieser tiefen Hoffnung und diesem unerschütterlichen
Vertrauen - und mit einem Gebet für die Zukunft der Menschheit setze ich nun hiermit die Bauarbeiten zum ersten amerikanischen Atomkraftwerk in Gang."
Bei den letzten Worten seiner Rede führte Präsident
Eisenhower einen radioaktiven Stab über ein Elektronen-RöhrenAggregat und setzte mit dem hierdurch erzeugten elektrischen
Impuls eine Erdräummaschine auf dem rund 1600 Kilometer entfernten Baugelände in Shippingport in Gang, die den ersten
"Spatenstich" zur Grundlegung des Atomkraftwerks ausführte.
Das Kraftwerk, das gemeinsam von der US-Atomenergiekommission
und der "Duquesne Light Company" errichtet wird, soll eine
Kapazität von 60 000 Kilowatt haben und arbeitet mit einem
mit angereichertem Uran betriebenen Reaktor. Als Kühlung und
Moderator des Atomreaktors wird Wasser unter Druck verwendet.
* * * * * *

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�JOHN POSTER DULLES ZUR ERÖFFNUNG DER MANILA-KONFERENZ
MANILA — (Amerika Dienst) — Die Achtmächtekonferenz über die Verteidigung Südostasiens,
an der Australien, Frankreich, Großbritannien,
Neuseeland, die Philippinen, Pakistan, Thailand
und die USA teilnehmen, ist am 6. September
1954 in der Kongreßhalle der philippinischen
Hauptstadt Manila eröffnet worden.
Die Eröffnungsansprache der dreitägigen Konferenz hielt der philippinische Staatspräsident
Ramon Magsaysay. Danach sprachen die Chefdelegierten der an der Konferenz teilnehmenden
Nationen kurze Begrüßungsworte, in denen sie
die Bedeutung der Zusammenkunft betonten. Die
Rede des US-Außenministers John Foster Dulles
hat folgenden Wortlaut;
"Wir sind hierher gekommen, um ein kollektives Sicherrheitsabkommen für Südostasien zu schaffen. Bei diesem Vorhaben
handeln wir im Rahmen und In Übereinstimmung mit den Grundsätzen der UN-Charta. Was wir hier tun, ist gegen keine Nation und gegen kein Volk gerichtet. Wir führen nur das durch,
was die Charta als das uns zustehende Recht der kollektiven
Selbstverteidigung bezeichnet.
Die USA selbst haben in Südostasien keine direkten territorialen Interessen. Dennoch verbindet uns das Gefühl eines
gemeinsamen Schicksals mit den Menschen, die in diesem Gebiet leben und schaffen. Wir sind durch eine gemeinsame Gefahr vereint, eine Gefahr, die aus dem internationalen Kommunismus und seinen unersättlichen Ambitionen herrührt. Wir wissen, daß, wo der internationale Kommunismus auch immer Gewinne
erzielt - wie in Indochina -, diese Gewinne nicht als endgültige Lösungen sondern als Ausgangspunkte für weitere Gewinne angesehen werden. Diese Tatsache erfordert von uns allen,
daß wir uns mit den Dingen befassen, die anderswo vor sich
gehen.
Die Gefahr offenbart sich in mannigfacher Form. Eine dieser Formen ist die offene, bewaffnete Aggression. Wir können
diese Gefahr entscheidend verringern, wenn wir deutlich erklären, daß ein Angriff auf den Geltungsbereich des Vertrages
eine so einheitliche, so starke und eine so gut placierte Gegenmaßnahme zur Folge hätte, daß der Angreifer mehr verlieren
würde, als er hoffen könnte zu gewinnen.
TT
1
Unsere

�8. September 1954

"AMERIKA DIENST"

Unsere Zusammenkunft sollte daher alle Beteiligten eng
zusammenführen und sowohl die individuelle als auch die kollektive Fähigkeit zur Abwehr eines bewaffneten Angriffs schaffen.
Die USA selbst streben dies an, und wir vermerken mit Genugtuung die Bemühungen, die in dieser Richtung von anderen hier
vertretenen Ländern wie den Philippinen, Pakistan und Thailand
unternommen werden. Wir begrüßen die historische Erklärung
des australischen Ministerpräsidenten, daß Australien selbst
in Friedenszeiten bereit ist, überseeische Militärverpflichtungen einzugehen.
Es wird notwendig sein sicherzustellen, daß die einzelnen
Bemühungen der verschiedenen Vertragspartner zum besten Vorteil
aller genutzt werden. Die hier vertretenen Nationen können sich
mit den riesigen Landarmeen, über die der internationale Kommunismus in Asien verfügt, nicht messen. Wenn die freien Nationen
versuchen würden, an jedem Gefahrenpunkt auf der Welt große Landarmeen zu unterhalten oder zu unterstützen, dann wäre das gleichbedeutend mit Selbstzerstörung.
Was die Vereinigten Staaten angeht, so sind unsere Verantwortlichkeiten so groß und so weit gespannt, daß wir glauben,
den besten Dienst dadurch zu leisten, daß wir als Abschreckung
eine bewegliche und schlagkräftige Macht in Verbindung mit
strategisch gut verteilten Reserven schaffen.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die vorgesehenen Vertragsmitglieder durch wohlabgewogene und gut koordinierte Bemühungen,
die im Rahmen unserer Kapazität liegen, eine Macht schaffen
können, die uns alle schützt.
Neben der Gefahr eines offenen bewaffneten Angriffs besteht
die Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression. Um
einer solchen Gefahr zu begegnen, gibt es keine einfache oder
alleinige Formel. Ihr entgegenzutreten, erfordert Hingabe, Stärke
und Elastizität, wie sie zum Beispiel Staatspräsident Magsaysay
gezeigt hat.
Die Möglichkeiten werden sich für den Kommunismus verringern, wenn Handelsbeziehungen den freien Nationen helfen, ihre
Wirtschaft zu stärken. Dies wird die Teilnahme von Ländern erfordern, die zu den Staaten hinzutreten, deren besonderes Anliegen die Sicherheit Südostasiens ist. Eine wirtschaftliche Planung, die ausreichend sein soll, muß den Handel nicht nur innerhalb des südostasiatischen Raumes fördern, sondern auch dem Handel zwischen diesem Raum und Südasien und dem westlichen Pazifik
Auftrieb geben. Eine solche Planung geht ganz offensichtlich
über den Bereich dieser Konferenz hinaus. Diese Konferenz würde
jedoch nicht ihre Pflicht gegenüber den vielen auf uns hoffenden
Menschen erfüllen, wenn wir nicht mit dem wohldurchdachten Entschluß aus Manila fortgingen, daß wir unsere Bemühungen mit denen anderer vereinigen, um die freien Länder dieses Gebietes
nicht nur in militärischer sondern auch in sozialer und wirt- 2 -

�t
"AMERIKA DIENST"

8. September 1954

wirtschaftlicher Hinsicht stärker und widerstandsfähiger zu
machen.
Einige Länder, die zu dem in Aussicht genommenen Bereich
des Vertrages enge Beziehungen haben, sind hier nicht vertreten.
Zu diesen Ländern gehören Kambodscha, Laos und Vietnam. Die Regierungen und die Völker dieser Länder können wissen, daß wir
sehr viel an sie denken, und ich hoffe, daß wir in der Lage
sein werden, irgendein Gewand des Schutzes um sie zu legen. Es
gibt andere Länder, die später vielleicht den Wunsch haben mögen, unserem Defensivsystem beizutreten. Um dies möglich zu
machen, wird der Vertrag, so hoffe ich, die Bestimmung für den
Beitritt neuer Mitglieder enthalten.
Es gibt einen Aspekt unseres Problems, den wir uns immer
vor Augen halten sollten. Das ist die Sehnsucht der asiatischen
Völker, frei vom 'Kolonialismus' zu sein. Der internationale
Kommunismus benutzt den 'Nationalismus' als ein Schlagwort
zur Erlangung der Macht und legt den Völkern dann seine eigene
brutale Form des Imperialismus auf, der die Negation des Nationalismus darstellt.
Zu Recht stellen wir uns mit allem Eifer gegen diese kommunistische Bedrohung. Die Westmächte sollten jedoch mit Sorgfalt
darauf achten, daß dieser Eifer sie nicht blind macht gegenüber den Gefühlen, jener, die den Kolonialismus immer noch mit
dem Westen in Verbindung bringen.
Es muß über jeden Zweifel klargestellt werden, daß wir
alle die Absicht haben, die Unabhängigkeit der neuen Nationen
zu stärken und den Prozeß zu fördern, durch den andere die
von ihnen gewünschte Unabhängigkeit gewinnen und erhalten
können« Nur dann können der Osten und der Westen in echter
Partnerschaft zusammenarbeiten.
Wir kommen hier zusammen und müssen'einige Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Das ist nichts Erschreckendes. Zu
einer freien Gesellschaft gehören auch Meinungsverschiedenheiten.
Ich zweifle nicht daran, daß wir aus unseren anfänglich verschiedenen Ansichten ein bedeutsames Übereinkommen erarbeiten
können. Das ist unsere große Pflicht, die wir gegenüber uns
selbst und gegenüber anderen haben.
Diese Pflicht wird uns zu einem Augenblick dramatisch
vor Augen geführt, wo in Nordvietnam Hunderttausende ihre angestammte Heimat aufgeben, um dort ein neues Leben zu beginnen,
wo sie glauben, frei zu sein. Wir werden Zeuge einer neuen
Massenflucht, wie schon vorher Millionen aus dem kommunistischen
Ostdeutschland und dem kommunistischen Nordkorea geflohen sind.
Diejenigen von uns, die frei und stark sind und noch nicht
in augenblicklicher Gefahr leben, haben die ehrenhafte Verpflichtung, zu beweisen, daß die Freiheit jene schützen kann, die unter großen Opfern der Freiheit die Treue halten. Lassen Sie das
die Verpflichtung unserer Konferenz sein."
* * * * *

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�AUSSENMINISTER DÜLLES BERICHTET ÜBER MANILA-KONFERENZ

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Außenminister Dulles berichtete dem amerikanischen
Volk am 15.9.1954 über die Manila-Konferenz,
auf der der südostasiatische Verteidigungspakt unterzeichnet wurde. Die Ansprache des
Außenministers, die vor seinem Abflug nach
Bonn und London auf Band aufgenommen worden
war, hat folgenden Wortlaut:
"Unsere Suche nach Frieden führte uns in der vergangenen
Woche nach Manila. Dort trafen sich acht Nationen, um in Südostasien und dem südwestlichen Pazifik Einigkeit für Sicherheit und Frieden zu schaffen.
Um diese Einigkeit hatten sich die USA schon seit langem
bemüht. Vor vier Jahren verhandelte ich mit Australien, Neuseeland und den Philippinen über Sicherheitsverträge. Wir alle
wußten jedoch, daß dies nicht genug war. Daher forderten diese
Verträge die 'Entwicklung eines umfassenderen Systems der regionalen Sicherheit im pazifischen Raum'. Am 16. April 1953 forderte Präsident Eisenhower in seiner Friedensrede ein 'gemeinsames Handeln', um der Aggressionsandrohung in Südostasien zu
begegnen. Im vergangenen März habe ich diesen Appell wiederholt.
Der Präsident und ich hatten gehofft, rechtzeitig eine
Einheit zur Stärkung der Verhandlungsposition der freien Nationen während der Indochina-Verhandlungen in Genf zustandezubringen. Jedoch erwies sich dies als nicht durchführbar.
Der Ausgang der Genfer Konferenz bestätigte aber die Notwendigkeit nach Einigkeit. So kamen Australien, Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Philippinen, Tailand, Großbritannien und
die Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche zusammen. Wir
verhandelten hierbei als völlig gleichberechtigte Partner und
unterzeichneten schließlich einen Verteidigungsvertrag, der gegen eine offene Aggression von außen wie gegen eine Subversion
von innen gerichtet ist.
Der Vertrag sieht vor, daß im Falle einer bewaffneten
Aggression jedes der Länder Maßnahmen treffen wird, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen. Es wurde ein Gremium geschaffen,
das über militärische und andere Planungen beraten soll.
«.
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22. September 1954

Der Vertrag trägt auch der Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression Rechnung. Er befaßt sich mit diesem schwierigen Problem ausdrückli her als irgendein anderer bisher abgeschlossener Sicherheitsvertrag. In dieser Hinsicht stellt der
Vertrag einen bedeutsamen Fortschritt dar, weil die Subversion
und die indirekte Aggression Hauptwerkzeuge des internationalen
Kommunismus gewesen sind.
Der Vertrag sieht vor, daß - falls irgendein Vertragspartner der Ansicht ist, die Integrität des Geltungsbereichs des Vertrages werde durch 'rgendeme andere Drohung als einen bewaffnete. Angriff gefäh et - alle Signatarstaaten unverzüglich zu Beratung n zusammenk mmen sollen, auf denen über Maßnahmen für
die gemeinsame Ver eidigung entsch eden werden soll. Dies« Maß:;ah*
men werden natürli h niemals eine Intervention in rein innere
Angelegenheiten eines anderen Staates einschließen.
Die USA befan en s ch in Manila m einer besonderen Lage,
weil s e der einzige Sig atarstaat waren, der keine territoriale:
Interessen n dem Vertragsraum besai:. Pur die anderen Mächte war
dieser Vertrag nich nur ein antikommunistischer Pakt sondern
auch ein Regionalpakt. Aus diesem Grunde befaßte er s u h mit allen
Aggressionsakten, di den Frieden dieses Gebietes stören könnten.
Für die USA setzten lr jedoch fest, daß der einzige bewaffnete
Angriff in diesem Gebiet den wir notwendigerweise als unseren
Frieden und unsere Sicherheit gefährdend ansehen würden, ein von
den Kommunisten geführter bewaffneter Angriff sein würde.
Jede bedeutende Ausweitung der kommunistischen Welt würde
in der Tat eine Gefahr für die USA darstellen, weil der internationale Kommunismus etzten Endes danach strebt, seine Machtstellung gegen die Verenigten Staaten einzusetzen. Aus diesem Grunde konnten wir ehrl herweise sagen, indem wir die von Präsident
Monroe bei der Pr
amati n seiner Doktrin gebrauchten Worte benutzten, daß eine b waffnete Aggression der Kommunisten in Süd
ostasien in der Ta
seren Frieden und unsere Sicherhe* gefährden und Gegenma nahmen unsererseits erforderlich machen
würde.
Der Vertrag erkennt die Bedeutung des wirtschaftlichen Wohlstands an. Er ver; 1 htet jedoch die USA nicht zu irgendwelchen
'Schenkungsprogramme *. Wir erklären uns damit einverstanden, bei
der Entwicklung wirts haftlicher Maßnahmen mitzuarbeiten, die das
wirtschaftliche un
ziale Wohl fördern. Der Kongreß hat in diesem Jahr mit Weitb Li k erkannt, daß es im südostasiatischen Raum
besondere Bedürf" lsse geben könnte. Durch das Gesetz für die gemeinsame Sicherheit hat der Kongreß bereits Mittel zur Verfügung
gestellt, die diesem Gebiet zugutekommen sollen. Ein Teil davon
wird zweifelsohne : ur Unterstützung der freien Regierungen Sudostasiens verwandt werden.
Der Vertrag richtet aber keine wirtschaftlichen Schranken
auf . Vom wirtschaftlichem Gesichtspunkt bleiben solche Länder
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�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Länder wie Japan, Indonesien, Burma, Ceylon und Indien wichtig.
Der Geltungsbereich des Vertrages wird als das Territorium der Mitgliedstaaten in Südostasien und im südwestlichen
Pazifik definiert. Das Protokoll dehnt darüber hinaus die
sich aus diesem Vertrag ergebenden Vorteile auf Kambodscha
und Laos sowie den nichtkommunistischen Teil von Vietnam
aus. Der indochinesische Waffenstillstand hat diese drei
Staaten daran gehindert, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
als tatsächliche Vertragspartner dem Vertrag anzuschließen.
Der Vertrag wird jedoch, soweit dies praktisch durchführbar
ist, diesen jungen Nationen Schutz gewähren.
Der Manila-Pakt ist eine stattliche Leistung. Ich wäre
froher gewesen, wenn er früher zustandegekommen wäre. Es ist
jedoch entschieden besser, daß der Vertrag jetzt abgeschlossen
wurde als niemals.
Verträge arbeiten jedoch nicht von selbst. Die Unterzeichnung eines Vatrages selbst hat noch keine wunderbaren
Auswirkungen. Verträge müssen ratifiziert werden» und dann
muß der ehrliche Wille vorhanden sein, ihre Zielsetzungen auch
zu verwirklichen. Ich bin der Überzeugung, daß der ManilaPakt tatsächlich ein wesentlicher Beitrag ist, um die freien
Regierungen in Südostasien zu erhalten und die Kommunisten an
einem Vorstoß in den pazifischen Raum zu hindern, der die
Verteidigung der USA ernsthaft gefährden würde.
Wir haben in Manila die Frage erörtert, wie der Vertrag
verwirklicht werden soll. Eine Möglichkeit hierzu bestand in
der Schaffung einer gemeinsamen militärischen Macht. Ich
wies jedoch darauf hin, daß die Verantwortlichkeiten der
USA so umfangreich und so weit gespannt sind, daß wir glaubten, wir könnten den besten Dienst dadurch leisten, daß wir
unsere Truppen nicht für bestimmte Gebiete des Fernen Ostens
festlegen, sondern als Abschreckung eine bewegliche und
schlagkräftige Macht in Verbindung mit strategisch gut verteilten Reserven schaffen.
Dieser Standpunkt wurde akzeptiert. So macht es dieser
Vertrag für uns nicht erforderlich, unsere militärischen Planungen wesentlich zu ändern. Diese Pläne sehen bereits die
Aufrechterhaltung mächtiger Marine- und Luftstreitkräfte im
westlichen Pazifik zu jeder Zeit vor, Streitkräfte die in der
Lage sind, gegen jeden Aggressor mit Mitteln und an Plätzen
der eigenen Wahl Schläge zu führen. Die gewaltige Abschreckungskraft, die wir so schaffen, kann genau so, wie sie einen
schützt, auch viele wirkungsvoll schützen.
Zusätzlich zu der erzielten Übereinstimmung und der Unterzeichnung des Manila-Paktes wurde noch eine Deklaration
entworfen und unterzeichnet, die als die 'Pazifik-Charta'
bekanntgeworden ist. Hier wurden in bezug auf das Recht der
Völker auf Selbstbestimmung, Selbstregierung und Unabhängigkeit gewisse Grundsätze aufgestellt.
^

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Der Gedanke dieser 'Pazifik-Charta' wurde vom Präsidenten
der philippinischen Republik Magsaysay vorgebracht. Er ist ein
bewährter Kämpfer für die Freiheit und gegen den Kommunismus,
und er hielt es für außerordentlich wichtig, auf der Konferenz
von Manila klar zum Ausdruck zu bringen, daß wir das Wohl der
asiatischen Bevölkerung anstreben und keinen 'Kolonialismus'
schaffen wollen.
In meiner Eröffnungsansprache auf der Konferenz unterstrich
ich nachdrücklich, daß eine der wirksamsten Waffen des Kommunismus die Behauptung ist, die westlichen Nationen trachteten
danach, den asiatischen Völkern den Kolonialismus aufzuzwingen.
Ich sagte, wir müßten es eindeutig klarstellen, daß wir nach
einer Stärkung der Unabhängigkeit streben. Nur so könne der
Westen und der Osten in echter Partnerschaft zusammenarbeiten.
Die Manila-Konferenz machte sich diesen Standpunkt zu
eigen. Sie war die erste Konferenz, auf der Vertreter von
asiatischen und westlichen Nationen zusammenkamen, um ein
Programm der gemeinsamen Sicherheit auszuarbeiten. Das Ergebnis war die Pazifik-Charta, die die Signatarstaaten in besonders eindrucksvoller Weise zur Stärkung der Prinzipien der
Selbstregierung und der Unabhängigkeit für alle Länder verpflichtet, deren Völker dies wünschen und die in der Lage
sind, ihrer Verantwortung nachzukommen.
Immer wenn in Asien eine Macht auftaucht, die andere
erobern will, dann wählt sie das Schlagwort 'Asien den Asiaten'. Als die Japaner von ihren Generälen regiert wurden, gebrauchten sie dieses Motto. Heute verwenden es die sowjetischen und chinesischen Kommunisten. Sie wollen die freien
Länder Asiens hindern, die Hilfe zu empfangen, die sie für die
Wahrung ihrer Unabhängigkeit benötigen.
Die Pazifik-Charta, bei der sich der Westen und der Osten
trafen, kann sioh se-fe-r wohl als das wichtigste Ergebnis der
Konferenz erweisen.
Die Haltung der Kommunisten war während der Konferenz
durch heftige Propagandaangriffe charakterisiert und trat noch
deutlicher durch eine neue militärische Aktivität hervor, die
sich gegen ein benachbartes Gebiet richtete. Offensichtlich
hatten sie gehofft, die Mitglieder unserer Konferenz zu beeinflussen und einige von ihnen von der Unterzeichnung des
Sicherheitspaktes abhalten zu können.
Diese Bemühungen, durch Gewaltmaßnahmen einzuschüchtern,
sind für die kommunistische Technik charakteristisch. Als
die koreanischen Waffenstillstandsverhandlungen ihren Höhepunkt erreicht hatten?. leiteten die chinesischen Kommunisten
ihren blutigen Angriff gegen die Stellungen der UN-Streitkräfte in Korea an. Als man schließlich übereingekommen war,
den Frieden in Indochina zu erörtern$ eröffneten die unter
Ho Tschi-minh stehenden und von Rotchina unterstützten kommunistischen Streitkräfte ihren mörderischen Angriff auf Dien
Bien Phu. Und als die Manila-Konferenz begann, richteten die
chinesischen Kommunisten ihre Geschütze auf Quemoy, eine Insel,

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22. September 1954

Insel, die seit Beendigung des zweiten Weltkrieges immer ein
Teil des freien China gewesen ist und die nur rund 640 Kilometer von den Philippinen entfernt liegt.
Dieser Versuch, die Konferenz von Manila einzuschüchtern,
war ein vollständiger Mißerfolg. Alle Teilnehmer unterzeichneten den Manila-Pakt und die Pazifik-Charta voller Vertrauen,
daß sie dadurch ihre eigene Sicherheit stärken konnten.
Das sowjetische Außenministerium hat soeben eine längere
Erklärung veröffentlicht, in der der Manila-Pakt angegriffen
wird. Es wendet sich vor allem gegen den Artikel vier, der
einen gemeinsamen Widerstand gegen bewaffnete Angriffe und
politische Subversion vorsieht» In der sowjetischen Erklärung heißt es, daß auch die chinesischen Kommunisten keine
Freunde dieses Paktes sind. Der Manila-Pakt richtet sich gegen keine Regierung, gegen kein Land und gegen kein Volk.
Er ist lediglich gegen die Aggression gerichtet. Die Tatsache,
daß die Kommunisten dies ablehnen, enthüllt in tragischer
Weise ihre Ambitionen.
Die USA haben in Manila in eindrucksvoller Weise eine
nationale Einigkeit demonstriert. Die drei bevollmächtigten
Delegierten auf der Konferenz waren der republikanische Senator aus New Jersey H. Alexander Smith, der demokratische
Senator aus Montana Michael J. Mansfield und ich. Beide
Senatoren gehören dem außenpolitischen Sinatsausschuß an und
sind mit fernöstlichen Angelegenheiten auf das beste vertraut.
Auf diese Weise nahmen sowohl die Exekutive als auch der Senat
und beide politischen Parteien an den Verhandlungen über den
Vertrag und an seinem Abschluß teil. Ich bin den beiden Senatoren für ihren Beitrag zu dem erfolgreichen Ende der Konferenz zu großem Dank verpflichtet.
Das Thema unserer Konferenz war, größere Sicherheit durch
größere Einigkeit zu schaffen. Wir brauchen diese Einigkeit
nicht nur unter den Nationen sondern auch innerhalb unserer
eigenen Nation. Es ist politisch gesund, zwei Parteien zu
haben, die darum ringen, wer die Geschicke der Nation leiten
soll. Es ist auch wichtig, daß dieser Wettstreit vor den
Landesgrenzen haltmacht, so daß wir anderen Ländern als eine
geeipigte Nation gegenübertreten. Dies hat sich bei uns zu
einer Tradition entwickelt, und die Manila-Konferenz hat dieser Tradition ein neues und würdiges Kapitel hinzugefügt."
* # * * #

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES REDE VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG

UN, NEW YORK — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister, John Poster Dulles, nahm vor der UNVollversammlung am 23. September 1954 in einer großen
umfassenden Rede zu außenpolitischen Problemen Stellung» Die Rede hat folgenden Wortlaut«

Partnerschaft für den Frieden
"Ich bin zu dieser Eröffnungssitzung der 9. Vollversammlung in vollem Bewußtsein der Bedeutung dieses Anlasses gekommen. Diese alljährlich stattfindende Tagung der Vertreter von
60 Nationen stellt den hoffnungsvollsten Versuch von Menschen
dar, den Frieden in Gerechtigkeit zu verwirklichen. Hier manifestieren sich die gegenseitige Abhängigkeit in unserer Welt
von heute und auch die gewaltigen Möglichkeiten für die Erreichung konstruktiver Ergebnisse, die aus den Bemühungen einer
aufrichtigen Partnerschaft erwachsen können.
Das Wesen des Friedens
Das amerikanische Volk glaubt aufrichtig an die Zielsetzungen und Grundsätze, die in der Charta der Vereinten Nationen
niedergelegt sind.
Dieses Dokument stellt einen Meilenstein in dem Verständnis der wahren Natur des Friedens dar. Darin wird anerkannt, daß
der Friede nicht eine zur Inaktivität verdammende Idee ist,
sondern Taten fordert. Es genügt nicht, den Krieg zu verabscheuen und ihn zu verdammen. Der Krieg wird seit Jahrhunderten
von den Menschen gehaßt. Und doch hat es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen gegeben. Ein Grund dafür liegt in
der Tatsache, daß die Menschen niemals mit den gleichen Mitteln den Frieden zu gewinnen suchten, mit denen sie für den
Sieg in einem Krieg arbeiten.
Die Menschheit wird sich niemals eines dauerhaften Friedens erfreuen können, so lange sie ihre ganzen Kräfte für
kriegeri-sche Aufgaben aufspart. Um den Frieden zu sichern, ohne
wesentliche Freiheiten zu opfern, bedarf es ständiger Bemühungen, unermüdlichen Mutes und zuweilen der Bereitschaft, schwere

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

schwere Risiken einzugehen. Das ist der wahre Geist des Friedens .
Während des vergangenen Jahres haben viele Nationen aktiv
für die Sache eines dauerhaften und gerechten Friedens zusammengearbeitet. Es hat Augenblicke gegeben, in denen es scheinen
wollte, daß zwischen einem Weltkrieg und dem Frieden nur noch
ein ganz kleiner Schritt lag. Diese gefährliche Situation besteht noch immer, aber wir sehen wenigstens die Gefahren und
sind bemüht, die Sache des Friedens zu stärken.
Die Bemühungen des vergangenen Jahres dürfen nicht nur
danach bewertet werden, ob sie auch tatsächlich zu konkreten
Ergebnissen geführt haben. Die Tatsache, daß intelligente, entschlossene und gemeinsame Bemühungen um gerechte Regelungen gemacht worden sind, hat allein schon zum Frieden beigetragen.
Die3 läßt einen dynamischen Geist und eine Wachsamkeit erkennen,
die jedem potentiellen Aggressor zur Warnung gereichen sollten.
In der Vergangenheit ist der Friede oft durch Versagen verloren worden. Lassen sie uns entschlossen dafür sorgen, daß so
etwas nicht wieder der Fall ist. Ich kann natürlich nicht auf
die mannigfachen Maßnahmen eingehen, die in der letzten Zeit
innerhalb und außerhalb der Weltorganisation unternommen worden
sind. Ich werde mich daher hauptsächlich auf die politischen
Bemühungen beschränken, an denen die USA als aktiver Partner
Anteil hatten.
Die Organisation der amerikanischen Staaten
Lassen Sie mich zuerst über die Organisation der amerikanischen Staaten sprechen. Das interamerikanische System basiert
auf einer langen Tradition der Zusammenarbeit für Freiheit und
Frieden in der westlichen Hemisphäre. Die Treue zu dieser Tradition und der Stolz darauf haben dazu geführt, dieser Hemisphäre
solche Kriege zu ersparen, die in tragischer Form Europa und
Asien im vorigen und in diesem Jahrhundert verwüstet haben. Im
vergangenen März beschloß und verkündete die Caracas-Konferenz
der amerikanischen Staaten, daß - falls der internationale Kommunismus die Kontrolle der politischen Institutionen irgendeines
der amerikanischen Staaten erlangen sollte - dies eine Gefahr
für den Frieden und die Sicherheit aller darstellen und kollektive Maßnahmen zur Abwendung dieser Bedrohung erfordern würde.
Wie aggressiv der Kommunismus anderswo auch beurteilt werden mag, wir in dieser Hemisphäre wissen ohne Ausnahme, daß das
Eindringen des Kommunismus hier ernste Konflikte heraufbeschwören würde, wie wir sie zuvor noch nicht kennen gelernt haben.
In Guatemala bahnte sich eine deutlich wahrnehmbare Bedrohung des Friedens und der Sicherheit dieser Hemisphäre an. Die
amerikanischen Staaten tauschten ihre Ansichten über diese Gefahr aus und waren gerade dabei, ihr gemeinsam entgegenzutreten,
als die Bevölkerung Guatemalas diese Bedrohung aus eigenen
Kräften zunichte machte,
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�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

In diesem Zusammenhang bestand für die Vereinten Nationen
Anlaß, die in unserer Charta verkörperten Prinzipien anzuwenden,
die unter Bestätigung der weltumspannenden Autorität dieser Organisation die Anwendung regionaler Abkommen vor einer Anrufung
des Sicherheitsrates vorsehen. (Artikel 33 und 52.) Diese Bestimmungen waren in San Franzisko in einer langen Debatte ausgehandelt worden, als unsere Charta angenommen wurde. Die amerikanischen Staaten traten damals dafür ein, daß ihre bereits in
der Praxis erprobten wechselseitigen Beziehungen in den Rahmen
der Vereinten Nationen gestellt und nicht durch sie ersetzt
werden sollten, da diese ihrer Ansicht nach infolge des Vetorechtes im Sicherheitsrat nicht immer verlässlich sein könnten.
Aus diesem Grunde traf man den Entschluß, die regionalen Abkommen zu einem wesentlichen Bestandteil des Priedenssystemes der
Vereinten Nationen zu machen.
In diesem Jahre bewies die Organisation der amerikanischen
Staaten erneut, daß ade bereit, fähig und willens ist, den
regionalen Frieden aufrechtzuerhalten. Dadurch wurden die Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen untermauert und
die Basis für einen Frieden in der westlichen Hemisphäre fest
ausgebaut.
Deutschland
Vergangenes__.Jahr- erklärte ich an dieser Stelle, daß die Teilung Deutschlands nicht ohne ernste Risiken aufrechterhalten
werden kann. In dem Bemühen, dieses Risiko auszuschalten, reiste
ich im Januar dieses Jahres nach Berlin, um mit den Außenministern der drei anderen Besatzungsmächte zu beraten. Wir brachten
dann zusammen mit Großbritannien und Frankreich einen Vorschlag
für die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen vor»
die von den Vereinten Nationen oder einer vergleichbaren anderen
unparteiischen Körperschaft überwacht werden sollten. Die Sowjetunion kam mit Gegenvorschlägen, die auf eine Erweiterung des sowjetischen Machtbereichs bis zum Rhein hinausliefen. Darin liegt
der.Grund, daß die gefährliche Teilung Deutschlands noch immer
fortbesteht. Ich darf aber hinzufügen, daß auch noch etwas anderes nach wie vor besteht» unsere Entschlossenheit, aus dem
Geiste des Friedens heraus dieser grausamen, Deutschland zugefügten Ungerechtigkeit ein Ende zu machen.
Österreich
Im vergangenen Jahr sprach ich auch davon, daß ein österreichischer Staatsvertrag längst überfällig ist. Ich betonte,
daß zwischen den Besatzungsmächten kein 'wesentlicher Punkt
der Unstimmigkeit' mehr bestand. Auf der Berliner Konferenz wurden von den drei Westmächten die letzten Unstimmigkeiten beseitet,
indem diese von allen Artikeln, bei denen noch Meinungsverschiedenheiten bestanden, die sowjetischen Versionen akzeptierten. Es
schien für kurze Zeit so, als ob der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet werden könnte. Aber dann stellte die Sowjetunion eine neue Bedingung. Sie erklärte, daß sie Österreich von
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�"AMERIKA DIENST"

29- September

1954

von der sowjetischen Besetzung nicht befreien werde, bevor nicht
ein deutscher Friedensvertrag abgeschlossen sei.
Es kann keinen Friedensvertrag mit Deutschland geben, solange Deutschland nicht wiedervereinigt ist. So ist auch Österreich weiterhin ein auf unbestimmte Zeit besetztes Land. Dennoch
akzeptieren wir es nicht als endgültig, daß dem unglücklichen
Österreich - dem ersten Opfer der Aggression Hitlers und dem
Lande, dem die in der Moskauer Deklaration von 1943 enthaltenen
Versprechen auf Freiheit und Unabhängigkeit galten - Gerechtigkeit versagt wurde. Die drei Westmächte, unbeirrbar in ihrem
Friedensstreben, haben die Sowjetunion erneut in den jüngsten
Tagen aufgefordert, den österreichischen Staatsvertrag zu unterzeichnen - eine Tat, die weit eher als ein phrasenreicher Wortschwall zeigen wird, ob andere Fragen nutzbringend erörtert werden können.
Die europäische Einheit
Die Frage der Schaffung des Friedens in Europa wurde durch
den kürzlichen Rückschlag bei der Vollendung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft noch mehr kompliziert. Diese Konzeption entsprang der Einsicht, daß die beste Garantie für einen
dauerhaften Frieden in Europa in einer organischen Einheit liege,
die Frankreich und Deutschland einschließen würde, ferner, daß
diese Einheit, die einen Zusammenschluß der militärischen Kräfte
dieser beiden Mächte und anderer europäischer Staaten brächte,
eine Garantie für ihren nichtaggressiven Charakter darstellen
werde. Solche Streitkräfte könnten überhaupt nicht zum Einsatz
kommen, es sei denn, daß die gesamte Gemeinschaft die Notwendigkeit einer Defensivaktion für gegeben erachtet.
Die Stimmen der kommunistischen Abgeordneten haben mehr bewirkt als nur die parlamentarische Mehrheit zustande zu bringent
die dazu führte, daß die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
in einem Lande aufgeschoben wurde. Sie brachten es zuwege, die
Teilung Europas, die wiederholt Kriege heraufbeschworen hat, aufrechtzuerhalten.
Die betroffenen freien Völker akzeptieren jedoch die Beibehaltung dessen, was sich historisch als der gefährlichste Brandherd der Welt erwiesen hat, keinesfalls mit Resignation. Sie
sind sich der Gefahr bewußt, und sie arbeiten aktiv darauf hin,
sie zu überwinden.
Korea
Als ich im vergangenen Jahr hier über Korea sprach, konnte
ich von einem Waffenstillstand berichten. Ich sagte, daß es zu
diesem Waffenstillstand nicht gekommen sei, weil die kommunistischen Aggressoren den Frieden liebten, sondern weil sie auf eine
wirkungsvolle militärische Schranke gestoßen waren. Ich sagte
weiter, 'die politische Korea-Konferenz wird, wenn die Kommunisten an ihr teilnehmen, einen besseren Prüfstein abgeben.'
Sieben Monate harter Verhandlungen waren nötig, um die politische
Konferenz zustande zu bringen. Als sie schließlich in Genf stattfand, wurde von seiten der Vereinten Nationen die Einigung Koreas
auf der Basis freier gesamtkoreanischer Wahlen vorgeschlagen, die
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die von der UN überwacht werden sollten. Dieser Vorschlag wurde
von der kommunistischen Seite verworfen. Die Kommunisten bestanden darauf, daß die Vereinten Nationen selbst als ein Instrument
der Aggression behandelt und von jeder weiteren Tätigkeit in
Korea ausgeschlossen werden müssen.
Dieser Gegenvorschlag, der eine Beleidigung der Vereinten
Nationen darstellte, wurde von denen verworfen, die stolz die
Maßnahmen der UN in Korea als das erste Beispiel in der Geschichte
feierten, daß eine internationale Organisation in der Praxis wirksam gegen eine bewaffnete Aggression eingeschritten ist.
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Ansicht, daß sich
die Einigung Koreas erst nach einem anderen Krieg vollziehen
lasse. Wir haben jeden uns zur Verfügung stehenden Einfluß geltend gemacht, um eine friedliche Lösung des Koreaproblems herbeizuführen, und wir haben nicht den Glauben verloren, daß eine
solche Lösung möglich ist.
Südostasien
Auf der Genfer Konferenz haben die kriegführenden Parteien
sich gleichfalls mit dem Problem der Schaffung des Friedens in
Indochina auseinandergesetzt. Ein acht Jahre währender Konflikt,
der immer mehr an Heftigkeit zunahm, wurde beigelegt. Wir können uns alle glücklich schätzen, daß das Töten zu einem Ende gebracht wurde. Auf der anderen Seite dürfen wir unsere Augen
nicht vor der Tatsache verschließen, daß mehrere Hunderttausend
Menschen aus Nordvietnam auf ihren eigenen Wunsch hin in die
nicht von den Kommunisten beherrschten Gebiete evakuiert wurden,
und daß darüber hinaus noch Millionen Menschen gegen ihren Willen einem fremden Despotismus ausgeliefert sind. In diesem Falle
wurde die Einstellung der Feindseligkeiten teuer erkauft, und
das endgültige Ergebnis läßt sich noch nicht absehen.
Eine Folge war jedoch, daß dem am südostasiatischen Raum
interessierten Nationen klar die Bedeutung einer kollektiven
Organisation zur Verteidigung gegen weitere Aggressionshandlungen
vor Augen geführt wurde. In Manila sind in diesem Monat acht Nationen zusammengekommen. Diese haben einen Vertrag ausgearbeitet
und unterzeichnet, der für eine kollektive Verteidigung gegen
eine Aggression eintritt.
Selbstbestimmung
Die Manila-Konferenz führte zu weit mehr als zu einer Ausweitung des Gebietes der kollektiven Sicherheit. Sie nahm eine Pazifik-Charta an. Darin proklamierten die acht Länder - asiatische
und nichtasiatische Staaten - die in Manila zusammenkamen, in
erhabenen Worten die Prinzipien der Selbstbestimmung, der Selbstregierung und der Unabhängigkeit. Diese Charta und der Geist der
Zusammenarbeit, der sie aus der Taufe hob, sollten ein und für
alle Male den Mythos beseitigen, daß zwischen Ost und West ein
unvereinbarer Gegensatz besteht. Die Völker Asiens, die bereits

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bereits die Freiheit haben oder die die Freiheit suchen, müssen nicht angesichts des neuen Imperialismus schwach, geteilt
und ohne Unterstützung bleiben, angesichts eines Imperialismus,
der bereits 800 Millionen Menschen, die einst in 15 wirklich unabhängigen Ländern lebten, unter die koloniale Knechtschaft gebracht hat.
Atomenergie
Das vergangene Jahr hebt sich besonders durch die eingehenden Bemühungen zur Regelung der Frage der Atomenergie hervor.
Die Vereinigten Staaten haben sich bereit erklärt, ihre führende
Position auf diesem Gebiete mit anderen Ländern auf solche Weise
zu teilen, daß sich viele Nationen an einem großen neuen Vorhaben zum Wohle der Menschheit beteiligen können. Wir hofften, die
Atomenergie, bislang ein Instrument des Todes, zu einer Quelle
des Segens für das menschliche Leben zu machen.
Ich erinnere mich noch auf das lebhafteste an den 8. Dezember 1953» als Präsident Eisenhower hier seinen Vorschlag unterbreitetes alle Nationen im Besitze spaltbaren Materials sollten
unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen an der Schaffung einer internationalen Atombank zusammenarbeiten. Dieser
Behörde sollten sie alle spaltbares Material zuweisen, daß dann
für produktive und nicht für destruktive Zwecke verwandt werden
sollte.
Ich war Zeuge dieses dramatischen Augenblicks und erlebte
den allgemeinen Beifall, mit dem dieser Vorschlag aufgenommen
wurde - ein Beifall, der in allen Teilen der Welt seinen Widerhall fand.
Da öffentlich geführte Verhandlungen mit der Sowjetunion
oftmals die Tendenz zu zeigen scheinen, in einem Propaganda-Wettstreit zu enden, schlug Präsident Eisenhower vor, diese neuen
Verhandlungen geheim zu führen. Die Regierung der Vereinigten
Staaten unterbreitete nach Beratungen mit anderen Nationen einen
konkreten und detaillierten Vorschlag, um Präsident Eisenhowers
große Konzeption in die Tat umzusetzen.
Ich selbst traf mehrere Male in Berlin und Genf mit dem
sowjetischen Außenminister zusammen, um diese Frage zu erörtern.
Wir sind durchaus bereit, einer Veröffentlichung alier im Rahmen
dieser Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion ausgetauschten Dokumente zuzustimmen.
Wir hofften und glaubten, daß - wenn die Sowjetunion sich
den Vereinigten Staaten, Großbritannien und den übrigen Nationen
anschließen würde, die über spaltbares Material und Kenntnisse
in der Atomtechnik verfügen - diese Tat der Zusammenarbeit einen
Rahmen schaffe, der sich auch auf weitere Gebiete ausdehnen würde.
Der von uns unterbreitete Plan konnte niemanden schaden. Er
wurde mit der Hoffnung motiviert, daß hierdurch die dunkelste
Wolke beseitigt würde, die über der Menschheit schwebt. Seine
anfänglichen Dimensionen waren nicht so weitgehend, daß sie die
militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion hätten beeinträchtigen
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beeinträchtigen können, und es gab keinen offensichtlichen Grund
für seine Ablehnung. Und vor allem war dieser Plan praktisch,
leicht durchführbar und nicht von einer ins einzelne gehenden
Überwachung abhängig.
Dennoch wurde der Vorschlag von der Sowjetunion im vergangenen April praktisch zurückgewiesen. Diese Zurückweisung erfolgte nicht wegen angeblicher Mängel des Planes selbst. Diese
hätte man sicherlich in Verhandlungen eliminieren können. Die
sowjetische Haltung lief praktisch auf folgenden Standpunkt
hinaus: Wir werden nicht an der friedlichen Entwicklung der Atomenergie mitarbeiten, wenn man nicht von vornherein übereinkommt,
zunächst einmal auf jene atomaren Mittel zu verzichten, die für
die freien Nationen die stärkste Verteidigungshandhabe gegen
jede Aggression darstellen.
Bis zum heutigen Tag hat die Sowjetregierung keine Bereitschaft erkennen lassen, sich an der Verwirklichung des Planes
von Präsident Eisenhower außer unter dieser völlig unannehmbaren
Bedingung zu beteiligen. Als es gestern bekannt wurde, daß ich
heute zu dieser Frage Stellung nehmen werde, brach die Sowjet«
union ihr fünfmonatiges Schweigen mit einer Note, in der sie ihrer Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen Ausdruck gab. Aber
diese Note enthielt noch immer keinerlei Hinweis darauf, daß die
Sowjetunion ihre Position aufgegeben habe.
Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin zu Verhandlungen
mit der Sowjetunion bereit. Aber wir werden nicht länger mehr
unsere Bemühungen um die Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde zurückstellen.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, Präsident Eisenhowers Vorschlag nicht solange hinhalten zu lassen, bis er tot
ist. Er wird ständig genährt und weiter entwickelt werden. Wir
werden auf seine Verwirklichung drängen und zwar in enger Partnerschaft mit den Ländern, die, durchdrungen von den Idealen der
UN-Charta.diese große neue Kraft zu einem Werkzeug des Menschenfreundes und Staatsmannes machen können und nicht lediglich zu
einer furchterregenden Erweiterung des Kriegsarsenals. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß ein neuer Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wird, der es uns ermöglicht, über unsere Bemühungen um die Erschließung und Entwicklung der ungeheuren Möglichkeiten für eine friedliche Verwendung der Atomenergie zu berichten. Diese Bemühungen waren und werden auch weiterhin auf
folgende Ziele ausgerichtet sein:
Erstens: Die Schaffung einer internationalen Behörde, zu
deren Mitgliedern schon vom Anfang an Staaten aus allen Teilen
der Erde gehören werden. Es steht zu hoffen, daß eine derartige
Behörde schon im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
Zweitens: Die Einberufung einer internationalen Wissenschaft
liehen Konferenz, um dieses umfangreiche Gebiet eingehend zu erörtern; sie soll bereits im Frühjahr 1955 unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen zusammentreten.
~ .,.
Drittens:

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Drittens: 3)ie Eröffnung einer Reaktor-Ausbildungsschule in
den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr, auf der Wissenschaftler aus anderen Ländern in den mit der Erschließung der Atomenergie zusammenhängenden Fragen unterwiesen werden, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Verwendung für friedliche Zwecke.
Viertens: Die Einladung einer großen Anzahl von Fachärzten
für innere Medizin und Chirurgie aus dem Auslande, die an den Arbeiten in unseren Krebsforschungskrankenhäusern teilnehmen sollen, - hier spielen Methoden unter Anwendung von Atomenergie eine
ganz besonders wichtige und hoffnungsvolle Rolle bei dem Bemühen,
neue Wege zur Kontrolle dieser Geißel der Menschheit zu erschließen.
Ich möchte es nachdrücklich klarmachen, daß bei unseren Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben
ausgeschlossen wird. In dem Maße, in dem unsere Vorschläge Gestalt annehmen, sind alle Nationen, die sich für eine solche Beteiligung interessieren und willens sind, die Verpflichtungen der
Mitgliedschaft zu übernehmen, herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam an der Planung und Ausführung dieses Programmes zu arbeiten.
Obschon uns viel durch die negative Haltung der Sowjetunion
vorenthalten wird, bleibt doch noch viel zu tun übrig. Wir müssen
auf jene große Entspannung verzichten, die möglich gewesen wäre,
hätte sich die Sowjetunion bereit erklärt, mit anderen Nationen
hinsichtlich jenes Gebiets zusammenzuarbeiten, das die Quelle für
so viel Furcht und für so große Hoffnungen ist. Dennoch läßt sich
viel im Hinblick auf wirtschaftliche und humanitäre Fortschritte
erreichen. Es kann kein Wunder über Nacht geschehen. Aber wir
können ein Programm zusammenstellen und ihm lebendigen Geist einhauchen, um sicherzustellen, daß wir den Lebensstandard von Millionen von Menschen mittels der Atomenergie heben können. Dies zu
erreichen, ist unser fester Vorsatz.
Begrenzung der Rüstungen
Eng mit dem Problem der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie ist die ganze große und schwierige Abrüstungsfrage verknüpft.
Im vergangenen Jahre haben die Vereinigten Staaten vor dieser Versammlung ihren glühenden Wunsch zur Reduzierung der Rüstungslasten bekräftigt. Ich erklärte hier, daß die Vereinigten Staaten
mit großem Nachdruck die technischen Studien über eine Kontrolle
und Begrenzung der Rüstungen fortführen würden, die für jede Lösung dieses Problems von entscheidender Wichtigkeit sind.
Im vergangenen Frühjahr nahmen die Vereinigten Staaten in
London an Gesprächen mit der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und Kanada teil, die in einem Unterausschuß unserer Abrüstungskommission stattfanden und feststellen sollten, ob ein neues
Aufgreifen dieses Problems zu einer für die Sowjetunion wie auch
für die freie Welt akzeptablen Lösung führen könnte. Die Protokolle
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Protokolle dieser Sitzungen sind nun veröffentlicht worden.
Es zeigte sich, daß die Vertreter Kanadas, Prankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten mit Geduld und Erfindungsgabe alle Möglichkeiten eines Übereinkommens mit der
Sowjetunion zu erforschen suchten, die mit der Sicherheit aller
Länder vereinbar sein würden. Wir machten es noch einmal klar,
wie wir es immer und immer wieder in der Vergangenheit getan haben, daß wir die Verwendung der Atomenergie für alle anderen als
friedlichen Zwecke auszuschalten suchen.
Auf diese Bemühungen antwortete die Sowjetunion mit der
glatten Ablehnung, unsere Vorschläge auch nur auf ihren sachlichen Gehalt hin zu erörtern. Der springende Punkt an der Haltung der Sowjetunion lag darin, daß sie noch vor Eintritt in
echte Abrüstungsverhandlungen auf einer papierenen Ächtung der
Anwendung von Atomwaffen seitens der Großmächte besteht. Erst
soll der große Schutzschild, das wichtigste Abschreckungsmittel,
aufgegeben werden, um dann die freien Völker dem ungeheuren
Menschenpotential der Kommunisten auszuliefern. Wenn dieses Mißverhältnis in der Stärke erst sichergestellt ist, dann wird die
Sowjetunion - vielleicht - aus ihrer Position der gesicherten
Überlegenheit heraus weiter verhandeln.
Ein solches Vorgehen würde die Sicherheit keines freien
Volkes erhöhen können.
Wir müssen, wenn auch zögernd, feststellen, daß die Sowjetunion gegenwärtig nicht den ernsthaften Wunsch hegt, über die
Abrüstung zu verhandeln. Wir werden aber auch weiterhin hoffen
und darauf hinarbeiten, daß die Sowjetunion sich schließlich
bereit findet, an einem Programm mitzuarbeiten, das der verschwenderischen Zweckentfremdung reicher wirtschaftlicher Hilfsquellen ein Ende bereiten und diese einer konstruktiven Verwendung im Dienste der Menschheit zuführen könnte.
Überprüfung der Charta
Sie werden ohne Zweifel festgestellt haben, daß viele der
von mir erwähnten Bemühungen um den Frieden außerhalb der Vereinten Nationen unternommen wurden. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Organe der Vereinten Nationen selbst ständig Arbeit leisten, die wesentlich, wenn auch nicht unmittelbar ins
Auge fallend, zur Schaffung der politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Bedingungen beitragen, die die Grundlage des
Friedens darstellen. Die Vereinigten Staaten möchten all denen,
die diese unerläßlichen Aufgaben durchführen, ihre höchste Anerkennung aussprechen.
Wenn sich viele wichtige politische Entwicklungen außerhalb
des direkten Rahmens der Vereinten Nationen abgespielt haben,
dann bestehen dafür zwei Gründe - ein guter und ein schlechter.
Die Charta der Vereinten Nationen enthält die Bestimmungen,
daß die Beteiligten an einem Streit, der eine Bedrohung für den

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den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit
darstellt, zunächst eine Beilegung dieses Streites auf dem Verhandlungsweg versuchen, regionale Körperschaften anrufen, oder
sich anderer friedlicher Mittel nach ihrem Gutdünken bedienen.
Nur wenn sich alle diese Wege als aussichtslos erweisen, sollen
die streikenden Parteien vor den Sicherheitsrat treten. Mit anderen Worten: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollte
niemals ein Gerichtshof erster Instanz sein, sondern war vielmehr als letztinstanzliches Entscheidungsgremium gedacht. In
diesem Sinne entsprechen die bis dahin noch nie dagewesenen
Bemühungen um den Frieden während des vergangenen Jahres ganz
den von der Charta gesetzten Normen.
Es besteht noch ein zweiter Grund und dieser ist beunruhigend. Es ist dies die Tatsache, daß die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen bei weitem nicht all die Länder umfaßt, die
friedliebend sowie in der Lage und gewillt sind, die Verpflichtungen der UN-Charta zu erfüllen, und die zwangsläufig an zahlreichen kritischen internationalen Problemen beteiligt sind.
14 Länder sind gegenwärtig nur durch die Anwendung - in Wirklichkeit durch den Mißbrauch - des sogenannten Veto-Rechts von der UNMitgliedschaft ausgeschlossen. Keines dieser Länder gehört der
gleichen Kategorie wie Rotchina an, das von den Vereinten Nationen der Aggression schuldig befunden worden ist. Alle 14 Länder
sind voll für die UN-Mitgliedschaft qualifiziert.
Sofern nicht Wege gefunden werden können, um diese friedliebenden Länder, die sich dem Recht beugen, in diese Organisation zu bringen, werden Macht und Einfluß dieser Organisation
zwangsläufig immer mehr schwinden.
Wir nähern uns dem zehnten Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen. Alle Regierungen und Völker der Mitgliedstaaten
dürfen mit gutem Recht dankbar sein für die großen Leistungen und
Erfolge der UN und für die einzigartigen Dienste dieser Organisation als Forum für internationale Gespräche. Aber der herannahende Jahrestag muß mehr werden als nur ein Tag der Selbstbeglückwünschung. Es ist an der Zeit, die Schwächen unserer Organisation aufzuzeigen und nach Mitteln und Wegen zu suchen, durch
die die UN in die Lage versetzt werden kann, besser als ein Bürge
des Friedens und der Gerechtigkeit und als Mittelpunkt für die
Harmonisierung des Handels der Nationen zu dienen. Dies war gerade
die Idee ihrer Gründer, die eine Konferenz zur Überprüfung der
Charta vorsahen, die auf der nächsten Jahressitzung unserer Versammlung einberufen werden soll.
Zusammenfassung
Die Bemühungen um die Herstellung des Friedens haben uns
große Hoffnungen aber auch tiefe Enttäuschungen gebracht. Aber
nach Tiefpunkten lebt immer neue Hoffnung auf. Namens der Regierung der Vereinigten Staaten möchte ich abschließend feststellen,
daß wir überzeugt sind« daß der internationale Friede ein erreichbares Ziel ist. Das ist die Voraussetzung, von der alle unsere
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unsere Planungen ausgehen. Wir geloben, niemals zu zaudern, uns
niemals entmutigen zu lassen, sondern zuversichtlich und unermüdlich so zu handeln, daß der Frieden für uns ein allzeit verbindlicher Grundsatz des Handels wird.
Wir wissen, daß wir dabei nicht allein stehen. Nicht nur
darum, weil wir aus Nützlichkeitserwägungen Bündnisse und Pakte
eingegangen sind, sondern weil der Geist des Friedens wie ein
Magnet viele Menschen und viele Nationen verbindet und sie zu
einer loyalen Partnerschaft für den Frieden zusammenschweist."

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. CONANT ZUR ERÖFFNUNG DER AMERIKANISCHEN
ATOMENERGIE-AUSSTELLUNG IN BERLIN

BERLIN — (Amerika Dienst) — Nachstehend der
Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische
Hochkommissar für Deutschland, Dr. James B.
Conant, am 24. September 1954 in der Technischen
Universität zum Thema "Kernphysik - eine Errungenschaft des menschlichen Geistes" gehalten hat.
Der Vortrag fand anläßlich der Eröffnung der
amerikanischen Atomausstellung im George C.
Marshall-Haus, die im Rahmen der Berliner Industrieausstellung 1954 veranstaltet wird, statt.

"Ein Botschafter hat oft unerwartete und eigenartige, dabei aber doch angenehme Aufgaben zu erfüllen, und meine Rede
heute ist eine solche Aufgabe. Als ich am 16. Juli 1945 in
Alamogordo im Staate Neumexiko im Sand lag und auf die erste
Atombombenexplosion in der Geschichte der Menschheit wartete,
hätte ich nie gedacht, daß ich eines Tages in Berlin eine
amerikanische Ausstellung eröffnen würde, die sich mit den
friedlichen und konstruktiven Möglichkeiten der Atomenergie
befaßt.
Wie heute allgemein bekannt ist, war es damals ungewiß, ob
es überhaupt möglich sein würde, eine Atomexplosion auszulösen«
Ich hatte'»während
ich im Morgengrauen dieses Julitages wartete, gerade mit einigen Kernphysikern die Frage diskutiert,
ob der Versuch erfolgreich verlaufen könnte. Dabei erwähnte
jemand, daß wir ja früher einmal gefürchtet hatten, eine unkontrollierte Kettenreaktion könne den Stickstoff der Luft
entzünden.
Genaue Berechnungen hatten aber schon lange zuvor erwiesen,
daß eine solche Befürchtung reine Torheit war: eine Stickstoffe
Kettenreaktion konnte unter keinen Umständen erfolgen. Trotzdem war wohl die eben geführte Diskussion über die Möglichkeit
einer Entzündung des Stickstoffes der Luft noch in meinem Unterbewußtsein. Denn angesichts des ungeheuer grellen Blitzes,
der bei der ersten Atombombenexplosion aufflammte, durchzuckte
mich für den Bruchteil einer Sekunde der irrationale Gedanke,
daß jetzt vielleicht die ganze Welt explodieren werde. So erschütternd, so im tiefsten aufwühlend war das Erlebnis dieser
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dieser ersten Atomexplosion in der menschlichen Geschichte.
Erst eine endlos scheinende Minute nach der Explosion erreichte
uns an unserem 20 km entfernten Standort die ungeheure Schallwelle, die durch sie ausgelöst worden war. Aber schon lange vorher hatte mich die Wirklichkeit über die momentane Furcht hinweggebracht, die die Bilder meiner Phantasie in mir ausgelöst
hatten. Die Wirklichkeit war schlimm genug.
Seit dieser ersten Explosion in Alamogordo steht nun die
Menschheit vor großen, schwierigen Problemen. Das muß man zugeben. Aber wir wissen jetzt, daß die Angst vor einer die Welt zerstörenden Kettenreaktion überflüssig ist, und daß auch die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung der Erde nicht besteht.
Heute abend will ich weder über die politischen Probleme
noch über die militärischen Prägen sprechen, die die Erschließung der Atomenergie aufgeworfen hat. Denn die Ausstellung, die
wir hier in Berlin vorbereitet haben, befaßt sich ja mit anderen Aspekten der Atomenergie. Heute abend möchte ich mich ausschließlich mit ihren friedlichen Verwendungsmöglichkeiten befassen. Es ist eine interessante Tatsache, daß wir in Amerika
schon bald nach Beginn der Entwicklungsarbeiten während des
Krieges wußten, daß eine gelenkte Kettenreaktion möglich war,
aber keineswegs sicher waren, ob sich auch eine nicht gelenkte
Kettenreaktion, nämlich in Form einer Explosion, herbeiführen
ließe. Nur die Gesetze der Kernphysik konnten Antwort auf diese
Präge geben, und sie waren damals noch nicht hinreichend bekannt.
Ich möchte hier die gelenkte Kettenreaktion behandeln. In
diesem Zusammenhang darf ich, wenn Sie es gestatten, noch einmal
ein persönliches Erlebnis einflechten. Einigen unter Ihnen ist
es vielleicht schon aus zwei Artikeln bekannt, die Frau Fermi,
die Gattin des großen italo-amerikanisehen Physikers, in der
Zeitschrift "New Yorker" veröffentlicht hat. Professor Permi hat
bekanntlich entscheidenden Anteil an der Erschließung der Atomenergie gehabt.
Er war es, der die erste gelenkte Kettenreaktion Ende 1942
unter der Tribüne des Fußballstadions der Universität Chikago
auslöste. Als das denkwürdige Experiment gelungen war, rief
mich Dr. Arthur Compton, der Gesamtleiter des dortigen Atomforschungsprojektes, in Washington an; "Der italienische Seefahrer
hat die neue Welt erreicht", sagte er mir, gemäß unserer vorher
vereinbarten Geheimsprache. "Und wie verhielten sich die Eingeborenen?" fragte ich ihn voller Spannung. "Außerordentlich
freundlich", antwortete Compton. So erfuhr ich, daß die erste
gelenkte Kettenreaktion der Geschichte gelungen war.
Sicher erhebt sich nun die Frage: Was ist denn eigentlich
eine gelenkte Kettenreaktion? Gerade das will unsere Ausstellung erklären, und darum haben wir dort einen Apparat aufgebaut,
der sich nicht viel von dem ersten Atommeiler unterscheidet, den
Permi im Dezember 1942 in der Universität Chikago in Betrieb
setzte.
Ich

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Ich will heute abend nicht versuchen, die physikalischen
Theorien zu erläutern, denen Sie ja in der Ausstellung immer
wieder begegnen werden. Das wäre von mir, einem organischen
C:.emiker, vielleicht auch eine Anmaßung. Sie müssen nämlich
wissen, daß zwischen Chemikern und Physikern eine gewisse,
und ich will hoffen, immer freundschaftliche Rivalität besteht.
Die Physiker haben es nicht gern, wenn ein Chemiker über ein
Gebiet spricht, das sie ihr eigen nennen.
Aber jetzt zurück zu meinem Thema. Wer mit der Theorie
schon vertraut ist, wird, so glaube ich, in erster Linie an den
in dieser Ausstellung gezeigten Modellen, Instrumenten und Anlagen interessiert sein. Pur die anderen hoffe ich, daß ihnen unsere Ausstellung eine sehr lehrreiche Einführung in die moderne
Wissenschaft der Kernphysik sein wird.
Gewisslich muß man die Intelligenz bewundern, mit der der
Mensch eine gelenkte Kettenreaktion herbeigeführt hat. Aber wozu
ist diese nützlich? Es sei hier noch einmal betont, daß ich
nicht über die explosive Kettenreaktion und auch nicht über die
politischen Probleme spreche, die sie mit sich gebracht hat.
Die gelenkte Kettenreaktion im Kernreaktor erzeugt einerseits
Energie in Form von Wärme und andererseits chemische Elemente
mit starker Radioaktivität. Diese sind entweder beim Prozeß
der Kernspaltung entstanden oder als Elemente radioaktiv gemacht worden, indem man sie den Strahlungen im Reaktor aussetzte.
Wie ich eben sagte, besteht also die Möglichkeit, mit Hilfe
eines Reaktors Energie zu gewinnen, mit der man wiederum Dampfmaschinen betreiben und elektrische Kraft erzeugen kann. Meiner
Meinung nach wurde in der Presse schon so viel über das Atom als
Energiequelle geschrieben, daß ich hier nicht viel darüber zu
sagen brauche, und ich möchte mich auch nicht mit den wirtschaftlichen Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie auseinandersetzen. Eins möchte ich aber betonen: die grundsätzlichen
technischen Probleme sind längst gelöst. Nur die wirtschaftliche
Nutzbarmachung der Atomenergie für die Industrie muß noch experimentell erarbeitet werden. Wie Sie sicher wissen, hat Präsident Eisenhower am 6. September das Zeichen für den Beginn
der Bauarbeiten an dem ersten amerikanischen Atom-Kraftwerk
gegeben. Es werden in kurzer Zeit noch vier andere Versuchsanlagen gebaut werden, und diese fünf Kraftwerke sollen hauptsächlich dem Zwecke dienen, Prägen der wirtschaftlichen Gewinnung
und Verwendung der Atomenergie zu erforschen.
Der Reaktor als industrielle Energiequelle gehört also
noch immer der Zukunft an. Aber heute schon sind die radioaktiven Produkte der Reaktoren zu wichtigen Hilfsmitteln der
Forschung geworden und stellen gegenwärtig das wichtigste Ergebnis des ganzen Reaktorprogrammes dar. In Amerika werden
radioaktive Stoffe seit mehreren Jahren in größeren Mengen produziert und nach über 50 Ländern versandt. Auch in England, besonders in Harwell, führt man ähnliche Programme durch. Pur
Stoffe, deren Radioaktivität nur von kurzer Dauer ist, bleibt

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bleibt England natürlich der Hauptlieferant Europas.
Um Ihnen einen Begriff von der Bedeutung der Produktion solcher radioaktiven Stoffe zu geben, möchte ich nur auf ein Experiment hinweisen, das in Brookhaven in der Nähe von New York durchgeführt wird. Es handelt sich um die Versuche mit dem sogenannten
Gammastrahlenfeld, bei denen die Wirkungen dieser Strahlen auf
Pflanzen studiert werden. Die dort benutzte Strahlungsquelle ein kleiner Block radioaktiven Kobalts - ist nur eine von vielen,
wie sie in zahlreichen Laboratorien und Forschungs-Instituten
in Amerika benutzt werden. Diese Quelle entspricht 1800 Curie,
für welche man also 1800 Gramm Radium brauchen würde. Dies mag
Sie zunächst nicht sehr beeindrucken, bestimmt aber, wenn ich Sie
darauf hinweise, daß heute in der ganzen Welt nur 1500 Gramm
Radium verfügbar sind.
Somit habe ich schon eine der Anwendungsmöglichkeiten für
radioaktive Stoffe erwähnt. Manche von ihnen sind infolge ihrer
besonderen Art der Radioaktivität ein äußerst praktischer Ersatz
für Röntgenapparate und zudem noch billiger als diese. Viele
haben eine höhere Strahlungsintensität als Radium. Diese ungeheure Strahlungskraft aber macht künstlich radioaktivierte Stoffe
für den Menschen äußerst gefährlich.
Man kann sagen, daß die in Amerika entwickelten Schutzeinrichtungen, durch die die Handhabung solcher Stoffe erst ermöglicht wurde, einen Triumph des menschlichen Erfindungsgeistes
darstellen. Wenn Sie morgen in die Ausstellung gehen, werden
Sie, mitten in der Haupthalle, die tatsächliche Apparatur vorfinden, mit deren Hilfe ein hinter einer Schutzwand stehender
Techniker die Experimente ausführen kann. Die ferngesteuerten
magischen Hände sind fast so geschickt wie die menschliche Hand.
Ich muß hier aber eine Warnung aussprechen - nicht etwa vor
irgendwelcher Strahlungs- oder Vergiftungsgefahr. Diese gibt
es nur bei der praktischen Arbeit mit dieser Apparatur. Wovor
ich Sie warnen möchte, ist nicht die Gefahr der Radioaktivität,
sondern vor genau dem Gegenteil, nämlich daß Sie nur harmlose
Modelle zu sehen bekommen. Wir haben hier so etwas die amerikanischen Reklamemethoden verwendet. Sie werden daher auch nicht
überrascht sein, wenn ich gestehe., daß in der Praxis die magischen Hände dieser komplizierten Apparatur nicht, wie bei dieser Ausstellung, Grußkarten für Besucher schreiben. Auch muß
ich zugeben, daß bei uns in Amerika selten so hübsche junge Mädchen die Geräte kontrollieren wie hier auf der Ausstellung.
Ich habe von der Anwendung einiger der radioaktiven Produkte
eines Atommeilers als Ersatz für Röntgenröhren gesprochen. Lassen Sie mich Sie, meine Zuhörer, an die Bedeutung der großen
Entdeckung Röntgens erinnern, die er gegen Ende des 19» Jahrhunderts als damaliger Professor in Würzburg machte.
Die Kunde von dieser großen Entdeckung lief in kurzer Zeit
um die ganze Welt, und schon bald erkannten die Ärzte, daß ihnen
damit ein ungemein wertvolles Werkzeug an die Hand gegeben war.
Es

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Es folgte die Entdeckung des Radiums, welches für spezielle
Zwecke, besonders in der Krebstherapie, Anwendung findet. Heute
aber steht uns, dank dem Reaktor, eine ganze Reihe von radioaktiven Elementen zur Verfügung, die auch in kleinster Menge mehr
als ein vollwertiger Ersatz für Röntgen- und Radiumstrahlen sind.
Wenn Sie durch unsere Ausstellung gehen, werden Sie interessante Hinweise auf die Anwendung von radioaktivem Jod bei der
Diagnose von Schilddrüsenkrebs und seiner Metastasen sowie bei
der Lokalisierung und Therapie von Gehirntumoren finden. Die
radioaktiven Stoffe eröffnen nicht nur dem Arzt, sondern auch dem
Naturforscher neue Möglichkeiten, die vielleicht nicht so eindrucksvoll | aber wohl ebenso wichtig sind.
Wie radioaktive Stoffe in der wissenschaftlichen Forschung
verwendet werden, läßt sich manchmal nur schwer in nichttechnischen Worten erklären. Man nennt einen Teil dieser Stoffe deshalb Spürelemente, weil sie es dem Wissenschaftler möglich machen, chemische Reaktionen genau zu verfolgen. In der Tat, man
kann diesen Vorgängen sogar mit dem Geigerzähler folgen, wie der
Hund der Spur des Hasen. Der Vergleich wird noch deutlicher, wenn
ich hier zwei spezifische Beispiele anführe. In beiden Fällen handelt es sich um Forschungsarbeiten, bei denen ein radioaktiver
Stoff - und zwar die radioaktive Form des Kohlenstoffes - geholfen hat, Geheimnisse der Natur zu lüften.
An der einen Arbeit habe ich ein gewisses persönliches Interesse: Eine der ersten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet im
Jahre 1941 trug neben anderen auch meinen Namen, obwohl mein Beitrag dazu nur ein bescheidener war. Damals konnte radioaktiver
Kohlenstoff nur in sehr kleinen Mengen mit großen Schwierigkeiten im Labor hergestellt werden. Heute gewinnt man ihn, wie auch
viele andere radioaktive Elemente, in ziemlich großen Mengen,
und auch die Herstellungskosten sind heute viel geringer. In
diesen Anfangsexperimenten wurde Kohlensäure verwendet, welche
radioaktiven Kohlenstoff enthielt und somit selbst radioaktiv war.
Beim Studium von Tierzellengeweben machte man eine sehr
überraschende Entdeckung: die Kohlensäure wird von diesen Zellen
aufgenommen und in zuckerähnliche Kohlehydrate umgewandelt. Viele
von Ihnen mögen denken, daß dies gar keine so revolutionäre Entdeckung sei. In der Tat war diese Feststellung aber so unerwartet, daß die Forscher zuerst glaubten, sie hätten irgendwo einen
Fehler gemacht; war es doch bisher eine der grundsätzlichsten
Hypothesen der Biochemie, daß Tierzellen Kohlensäure nicht aufnehmen, sondern nur produzieren, und zwar durch die Oxydierung
von Kohlehydraten. Es galt ferner als feststehende Tatsache,
daß die Assimilierung von Kohlensäure durch eine lebende Zelle
und ihre Umwandlung in Kohlehydrate nur in grünen Pflanzen unter
Einwirkung des Sonnenlichtes stattfindet.
Diese Hypothese war nun widerlegt. Viele tierische und
pflanzliche Zellen verwandeln Kohlensäure in Zucker, und jede
Etappe dieses Prozesses ließ sich nunmehr mit Hilfe der Spur des
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des radioaktiven Kohlenstoffs in allen Einzelheiten verfolgen.
Ich kann leider hier nicht auf nähere Details eingehen, obwohl
diese Entdeckung mit allen ihren Polgerungen eine für den Wissenschaftler höchst aufschlußreiche Entwicklung ist. Ich möchte
hier nur die Schlußfolgerung aus diesen Experimenten wiedergeben: bei Pflanzen geht die Erzeugung von Kohlehydraten aus
Kohlensäure unter Einwirkung von Lichtenergie vor sich; viele
Tierzellengewebe können den gleichen Umwandlungsprozeß vollziehen, wobei die erforderliche Energie aus der Oxydation anderer Kohlehydrate unter Heranziehung der Kohlensäure stammt.
Jetzt möchte ich mit Ihrer Erlaubnis einen Sprung von der
Biochemie zur Archäologie machen. Eines der schwierigsten Probleme, mit denen der Archäologe sich oft auseinanderzusetzen
hat, ist die Datierung prähistorischer und frühgeschichtlicher
Punde. Mein zweites Beispiel illustriert eine der interessantesten und neuesten Methoden in der Anwendung der Radioaktivität.
Es handelt sich hier nicht um künstlich erzeugtes radioaktives
Material, sondern um solches, das sich in der Natur findet.
Dieses Verfahren wurde durch einen amerikanischen Chemo-Physiker,
Willard P. Libby von der Universität Chikago, entwickelt.
In den höheren Schichten der Erdatmosphäre wird ständig
ein kleiner Prozentsatz Stickstoff durch die Einwirkung kosmischer Strahlen in radioaktiven Kohlenstoff umgewandelt. Der Prozentsatz dieses radioaktiven Kohlenstoffs in der Atmosphäre ist
unglaublich gering und konstant: auf tausend Milliarden Atome
gewöhnlichen Kohlenstoffs entfällt ein Atom radioaktiven Kohlenstoffs. Der Kohlenstoff wird in der Atmosphäre zu radioaktiver Kohlensäure oxydiert, welche durch die Pflanzen zusammen
mit gewöhnlicher, nichtradioaktiver Kohlensäure aufgenommen und
umgesetzt wird. Damit gelangt auch radioaktiver Kohlenstoff in
die Zellen aller Lebewesen und wird dort in dem gleichen Verhältnis, wie vorher genannt, aufgebraucht: auf je tausend Milliarden Atome gewöhnlichen Kohlenstoffs kommt ein Atom radioaktiver
KohT enstoff.
Wenn nun eine Pflanze oder ein Tier stirbt, ist die - nebenbei gesagt sehr schwache - Radioaktivität des Kohlenstoffs in
den Zellgeweben dieselbe wie die der Atmosphäre. Nach ungefähr
5 500 Jahren, der sogenannten Halbwertzeit des radioaktiven Kohlenstoffs, hat sich die Hälfte seiner Atome zersetzt, und die
Radioaktivität ist nur noch halb so stark. Nach ungefähr 11 000
Jahren ist sie nur noch ein Viertel so stark, usw. So kann man
in jeder kohlenstoffhaltigen Substanz durch Messung der Radioaktivität feststellen, vor wieviel Jahren der Kohlenstoff ursprünglich aus der Atmosphäre gewonnen wurde.
Ich muß hier erwähnen, daß es sich um eine sehr schwierige
Messung handelt, die nur mit äußerst empfindlichen Instrumenten
durchgeführt werden kann. Immerhin können heute archäologische
Punde datiert werden, die zwischen 1000 und 20 000 Jahre alt
sind, und zwar mit einer Genauigkeit von etwa 200 Jahren.
Die
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Die Exaktheit dieser Methode wurde kontrolliert, indem man
die Radioaktivität eines Holzstückes maß, das aus dem Innern
eines unserer Riesensequoiabäume in Kalifornien stammte; dessen
Alter war auf Grund der Zahl seiner Jahresringe genau bekannt.
Eine der interessantesten Feststellungen, zu denen man mit dieser Methode gelangte, war, daß die letzte Eiszeit ungefähr
11 000 Jahre zurückliegt, und daß die bemerkenswerten Wandmalereien in der Lascoux-Höhle bei Montignac in Frankreich ungefähr 15 000 Jahre alt sind. Die Papyrusrollen mit Texten aus
dem Buch des Propheten Jesaia, die unlängst in Israel entdeckt
wurden, sind nach den Meßergebnissen ungefähr 1900 Jahre alt.
Wenn Sie meinen Ausführungen gefolgt sind, werden Sie gemerkt haben, daß die beiden Beispiele, die ich gab* eigentlich
eng zusammenhängen. Beide basieren auf der Assimilation von Kohlenstoff durch die Zellen von Organismen. Als ehemaliger Professor habe ich eine Vorliebe für praktische Experimente» Wir haben
hier einen Geigerzähler, den wir dem deutschen Physiker dieses
Namens verdanken. Ich will den Apparat hier nicht weiter erklären, es genügt zu sagen, daß er das Vorhandensein von Gammastrahlen anzeigt. Wenn ich diese Rose in einer radioaktiven Atmosphäre
oder mit radioaktivem Dünger gezüchtet hätte» so würde sie selbst
strahlen. Mit dem Geigerzähler ließe sich das feststellen,
genau wie er jetzt anzeigt, daß dieses Phosphorpräparat radioaktiv ist. Leider würde es zu lange dauern, bis eine Pflanze
Kohlensäure absorbiert, um diese Transformation innerhalb des
Zeitraums einer einzelnen Vorlesung zu demonstrieren- Ich will
aber dennoch diese Rose in ein Glas Wasser stellen, das eine
radioaktive Phosphorverbindung enthält. Etwas später werde ich
dann vielleicht mal sehen, ob ich Sie davon überzeugen kann» daß
die Rose etwas von dem radioaktiven Material assimiliert hat.
Ich sage "vielleicht", weil ich vor vielen, vielen Jahren schon
schmerzliche Erfahrungen mit der Durchführung von Experimenten
vor einer Zuhörerschaft gemacht habe. In meinen Tagen als Chemieprofessor ist mir mehr als ein solches Experiment daneben gegangen; was ich vorausgesagt hatte, trat peinlicherweise manchmal ganz einfach nicht ein« Nach einem solchen Fehlschlag kam
einmal ein älterer Zuhörer meiner Vorlesungen zu mir und sagte:
"Junger Mann, Sie würden Ihre Vorlesungen wirksamer mit Versuchen illustrieren, wenn Sie nach dem Experiment als Historiker
und nicht vorher als Prophet sprechen." Ich muß angesichts gewisser Erfahrungen in den letzten Monaten gestehen, daß dieser
Ratschlag sich eigentlich auch in meiner neuen Karriere als
Diplomat recht nützlich hätte erweisen können. Aber keine Angst:
ich will heute abend nicht von politischen Dingen sprechen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten trägt zur alljährlichen Berliner Industrieausstellung diesmal eine Sonderausstellung über das "Atom" bei, weil die Vereinigten Staaten
seinerzeit der Sammelpunkt des wahrhaft internationalen Unterfangens auf diesem Gebiet waren.
Ich sehe in den Arbeiten, die bei uns in den letzten 15 Jahren geleistet worden sind, eine großartige Errungenschaft des

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des schöpferischen menschlichen Geistes. Als Amerikaner bin ich
stolz auf das, was unsere Wissenschaftler erarbeitet haben. Dnd
es ist mir eine besondere Genugtuung, daß sie ihre Erfolge gemeinsam mit jenen hervorragenden Wissenschaftlern erringen konnten, die in Amerika ein Asyl fanden, als die Diktatoren in il
rer europäischen Heimat sie zwangen, diese zu verlassen. Ich
nenne hier Szilard, Wigner, Teller, Weisskcpf und noch einmal
Permi.
Ich darf hier kurz die wichtigsten Errungenschafter der
Physik in diesem Jahrhundert rekapitulieren. Das Phänomen der
Radioaktivität wurde im Jahre 1896 von dem Franzosen Becquerel
entdeckt und dann eingehend von Pierre und Marie Curie untersucht,
die 2 Jahre später das Radium fanden und rein darstellten. 1919
gelang dem großen britischen Physiker Rutherford, dem Mann der
1911 den Kern des Atoms entdeckt hatte, zum ersten Male eine
KernUmwandlung. Durch Beschuß mit Alpha-Partikeln, das heißt mit
Heliumkernen, verwandelte er einige Atome Stickstoff in Sauerstoff. Der nächste entscheidende Portschritt war die Entdeckung
des Neutrons, jenes elektrisch neutralen Elementarteilchens,
ohne das die Erschließung der Atomenergie und die Möglichkeit
einer gelenkten Kettenreaktion überhaupt undenkbar ist. Unter
Zugrundelegung der Experimente, die Booth und Becker 1930 in
Deutschland und Irene Curie und Frederic Joliot 1932 in Prankreich durchführten, und auf Grund eigener Berechnungen sagte der
Engländer Chadwick die Existenz der Neutronen voraus, deren Vorhandensein er später experimentell bewies.
Die Entdeckung des Neutrons eröffnete ein neues Kapitel
der experimentellen Physik. Es ist schwer, die Bedeutung der
neuentwickelten Methoden auf jenem Gebiet zu überschätzen,
das schon seinen eigenen Namen, Neutrcnenphysik, trägt. Der Beschuß von Elementen durch Neutronen ermöglichte die Erzielung
von vielfachen Umwandlungen. Der Beschuß des Elements mit dem
größten Atomgewicht, also Uran, ergab seltsame Effekte, die zunächst falsch ausgelegt wurden. Im Dezember 1938 machte Professor Otto Hahn zusammen mit Pritz Strassmann die bedeutsame Entdeckung, daß im Zuge des Beschüsses von Uran mit Neutronen
Elemente auftauchten, die nur ungefähr- das halbe Atomgewicht
des ursprünglichen Urans hatten. Diese Entdeckung wurde hier
ih Berlin gemacht, und ich freue mich besonders, daß Professor
Otto Hahn heute abend hier anwesend ist.
Die Entdeckung Hahns und Strassmanns verbreitete sich wie
ein Lauffeuer über die ganze Welt und führte zu einer wahren
intellektuellen Kettenreaktion, mit der die Namen Frisch, Meitner, Bohr und Fermi besonders hervorragend verbunden sind. In
den Vereinigten Staaten wurde die Kunde von Mund zu Mund weitergetragen, daß man wahrscheinlich vor einer Atomspaltung stehe.
Dies wurde sehr bald durch Experimente in vielen Laboratorien
bestätigt. Innerhalb von einem Janr waren mehr als hundert Ergebnisse von solchen Experimenten veröffentlicht worden. Anfang
194Q war es bereits klar, daß die Atomspaltung eines Uranisotops
stattfand, wenn man es mit Neuxronen beschoß und daß dabei weitere Neutronen freigesetzt wurden» Damit tauchte die Möglichkeit
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Möglichkeit einer Kettenreaktion im großen Maßstab auf. Es
schien, daß dem Menschen in aller Kürze die praktische Durchführung dessen gelingen würde, was Einstein mehr als 35 Jahre vorher
vorausgesagt hatte, nämlich, daß Materie in Energie umgewandelt
werden könnte.
1940 befand sich Europa im Kriege. Amerikanische, englische
und kanadische Wissenschaftler aber arbeiteten - mit wesentlicher
Unterstützung der amerikanischen Industrie und vornehmlich in
amerikanischen Forschungsstätten - an der Lösung der Präge, wie
die Atomenergie in großem Maßstabe freigesetzt werden könne.
Was diese Wissenschaftler zuwege brachten, kann man gut und gern
als Wunder der Forschung bezeichnen. Ich beziehe mich hier abermals nicht auf die Atombombe, sondern ich meine die ungeheure
kollektive wissenschaftliche Leistung, die darin liegt, die
tausendfältigen Probleme der Freisetzung der Atomenergie gelöst
zu haben. Auf Grund von Experimenten mit Materie, die nur in so
kleinen Mengen vorhanden war, daß man sie nicht einmal mit dem
Mikroskop hätte sichtbar machen können, ließen sich mit Hilfe
der Extrapolation Berechnungen über den Aufbau eines Atommeilers
anstellen» der Vergrößerungsfaktor betrug dabei etwa 10 Milliarden.
Als organischer Chemiker, der sich mit den Reaktionen der
Moleküle befaßte, muß ich zugeben, daß sich die größte Skepsis
zeigte, als meine Freunde, die Kernphysiker, zum ersten Male
ihre Pläne darlegten. Sie erklärten mir, daß sie die Atomspaltung an einem Isotop des Urans versuchen wollten, das nur zu
ungefähr 1/2 Prozent im natürlichen Uran enthalten ist. Dieses
Isotop, das sogenannte U 235, sei am besten als Träger einer gelenkten Kernreaktion geeignet. Um nun die Wahrscheinlichkeit der
Spaltung zu erhöhen, mußte die Geschwindigkeit der Neutronen abgebremst werden.
Aus den Berechnungen der Physiker ergab sich, daß es möglich sein mußte, zu einer gelenkten Kettenreaktion zu gelangen,
wenn Uran und der Bremstoff für die schnellen Neutronen in
meflerähnlicher Schichtung zusammengebracht würden.
So entstand der Atommeiler. Man wußte, daß eine gewisse Mindestmenge von Uran, die kritische Masse, für die Auslösung einer
Kettenreaktion nötig war. Über die exakte Größe dieser kritischen
Masse aber bestand noch Ungewißheit.
Und als man 1941 die ersten Pläne für einen Atommeiler ausarbeitete, wußte man nicht, ob er so groß sein mußte, wie dieser
Tisch, oder etwa so groß wie ein Fußballstadion. Seitdem sind in
Amerika viele Atommeiler verschiedener Typen in Betrieb gesetzt
worden. In unserer Ausstellung finden Sie das Modell eines typischen sogenannten Graphit-Reaktors, der dem ersten Meiler, der
in Chikago gebaut worden war, nicht unähnlich ist.
Die Versuchung ist groß, noch weiter nicht nur über das Modell dieses Reaktors, sondern auch über die anderen Modelle, in

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in unserer Ausstellung zu sprechen. Aber, da Sie ja alle selber
Gelegenheit haben werden, sich diese Dinge persönlich anzusehen,
will ich nichts weiter über die Ausstellung sagen. Lassen Sie
mich vielmehr zum Abschluß auf das Thema zurückkommen, dem diese
Vorlesung gewidmet ist, nämlich 'Die Kernphysik als Errungenschaft des menschlichen Geistes.'
Dabei möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die rein wissenschaftlichen Aspekte des ganzen Unterfangens lenken. In dem Zusammenhang fällt mir die Geschichte von dem berühmten deutschen
theoretischen Physiker ein, der einmal gebeten wurde, eine Vorlesung über die Beziehungen zwischen der reinen und der angewandten Physik zu halten. Seine Rede war denkbar kurz. Er sagte
nämlich: 'Die Beziehung ist sehr einfach - die beiden Gebiete
haben nämlich gar nichts miteinander zu tun.' Daß er die Dinge
etwas sehr stark vereinfacht hat, brauche ich hier kaum besonders zu betonen. Dennoch ist etwas Wahres an dieser Argumentation gerade im Zusammenhang mit meinen Ausführungen, denn manche
von meinen Zuhörern mögen über der Masse von technischen Details,
die ich vor Ihnen ausgebreitet habe, den Blick für die wahrhaft
erregende Entwicklung der grundsätzlichen wissenschaftlichen Gedanken, um die es hier geht, verloren haben.
Ich habe mich heute abend mit einiger Ausführlichkeit mit
der Bedeutung der neuen Entdeckungen auf dem Gebiete der Kernphysik für das praktische Leben beschäftigt; morgen werden Sie
bei der Besichtigung der Ausstellung selbst feststellen, welch
großer Nutzen der Menschheit aus der wissenschaftlichen Entwicklung der vergangenen 20 Jahre erwachsen ist. Künstlich radioaktive Stoffe werden heute schon und in Zukunft noch viel mehr
in der Medizin, in der Landwirtschaft und auf zahllosen anderen
wissenschaftlichen Gebieten verwendet, von den ungeheuren Möglichkeiten der Kraft- und Wärmeerzeugung durch die gelenkte
Kettenreaktion ganz zu schweigen.
Aber lassen Sie mich jetzt zum Schluß nicht von dieser Anwendung der Atomenergie sprechen. Vielmehr möchte ich Sie bitten,
mit mir die Geschichte der Entwicklung der Kernphysik einmal so
zu betrachten, wie man eine Symphonie, eine Oper, eine der großen Schöpfungen der Architektur, ein Gemälde oder überhaupt jedes
Kunstwerk betrachtet.
Pur den Laien ist es vielleicht schwer vorstellbar, wie sehr
sich die ganze Geschichte der Atomenergie auf der Zusammenarbeit,
ja der Verschmelzung der geistigen Kraft von Menschen aus vielen
Ländern und vielen Zeitabschnitten aufbaut. Ich gehe bei dem Hinweis auf diese Zusammenarbeit einmal von der Tatsache aus, daß
zahllose Wissenschaftler Tag für Tag gemeinsam überlegt und experimentiert haben; zum anderen schließe ich aber auch darin jene
unbewußte Zusammenarbeit ein, die sich daraus ergibt, daß die
letzten in der Kette der Wissenschaftler, welche an der Atomspaltung maßgeblich beteiligt waren, auf der Denkarbeit und der
Begriffsentwicklung, auf den zahllosen mühseligen Experimenten
jener aufgebaut haben, die vor ihnen kamen.
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Der Naturwissenschaftler neigt oft zu der irrtümlichen Auffassung, daß so materielle Dinge wie etwa die Atomenergie lediglich das Ergebnis von Experimenten sind, daß ihre Schöpfer rein
empirisch diese oder jene Möglichkeit experimentell verfolgen,
bis sie am Ziele sind. Dies ist grundverkehrt. Wie die berühmte
Einsteinsche Formel von der Beziehung zwischen Energie und Materie zeigt, ist die theoretische Erarbeitung neuer Begriffe
oft wesentlich wichtiger als das Experiment und sein Resultat.
Vielmehr sind häufig wichtige experimentell erzielte Ergebnisse
die Früchte jener begrifflichen Entwicklung, von der ich eben
sprach. Die theoretischen Überlegungen sind die Wegweiser, die
dem Physiker und Chemiker sagen, was er versuchen und was er
bleiben lassen soll. In der außerordentlichen, ja völlig unerwarteten Entwicklung der Kernphysik hat zum Beispiel die Mathematik eine große Rolle gespielt.
Ich habe absichtlich das Wort 'unerwartet' benutzt, denn
einer der faszinierenden Aspekte der Geschichte der Atomenergie
ist der, daß noch vor 50 Jahren kein noch so brillanter Wissenschaftler die tatsächliche Entwicklung auch nur annähernd vorausahnen konnte. In unserer Ausstellung werden Sie an einer Wand
eine Definition des Atoms vorfinden, welche auf die alten Griechen zurückgeht und welche noch zu Beginn unseres Jahrhunderts
alle Wissenschaftler der Welt als gültig erachteten. Es handelt
sich um die Definition des Atoms als eines Partikels, das nicht
weiter gespalten werden kann. Heute hingegen akzeptieren wir
ohne weiteres den an sich unlogischen Satz, daß die Kernphysiker
sich mit der Spaltung des Atoms befassen, das laut Definition
nicht weiter gespalten werden kann.
Wir alle nehmen heute mit der größten Selbstverständlichkeit
zur Kenntnis: die Tatsache, daß bei einer Kettenreaktion Materie
in Energie umgewandelt wird, ist ein Beweis für den Einsteinschen
Satz: Energie ist gleich Maße mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Aus der häufigen Verwendung dieses Satzes - Energie ist
gleich Masse maldem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit, - etwa in
Zeitungsartikeln, gewinnt man den Eindruck, daß es sich hier um
etwas ganz Alltägliches handle. Vergleichen Sie dies aber mit
dem, was noch zu Lebzeiten der Älteren unter uns als Definition
der objektiven Wirklichkeit gelehrt wurde. Im Jahre 1876 erklärte
zum Beispiel der berühmte Professor Tait in einer Vorlesung über
die jüngsten Fortschritte in der Physik: 'Der Prüfstein dessen,
was wir als Materie bezeichnen, der Beweis, daß sie objektive
Existenz hat, ist ihre Unzerstörbarkeit und ihre Unschaffbarkeit
wenn es erlaubt ist, das Wort zu gebrauchen - durch einen menschlichen Akt.' Und indem er darstellte, wie der Chemiker stets
damit rechnen könne, am Ende einer Reihe von chemischen Umwandlungen genau dieselbe Menge an Materie zu haben wie am Anfang,
schloß Tait, 'dies also müssen wir als den Prüfstein der objektiven Wirklichkeit der Materie ansehen.'
Diese, wie mir scheint, seinerzeit fast volkstümliche Definition der Wirklichkeit hat nun in einer relativ doch sehr
kurzen Zeit eine grundlegende Wandlung erfahren. Es würde weit
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weit über den Rahmen dieses Vortrages hinausgehen, etwa auch
von der Auswirkung der Entwicklung der neuen Physik auf den philosophischen Bereich zu sprechen. Ich will nur darauf hinweisen,
welche revolutionären Wirkungen die rasante Entwicklung der Physik
auf die grundsätzlichen Voraussetzungen unserer gesamten Denkungsweise hat. Ich meine revolutionär nicht im Sinne einer Auflehnung gegen das Bestehende, sondern als Kennzeichen der ungeheuren Geschwindigkeit, mit welcher der menschliche Geist neue
Schöpfungen hervorgebracht hat. Es ist in diesem Gefühl der Ehrfurcht vor den Leistungen des menschlichen Geistes, daß ich Sie
bitte, sich unsere Ausstellung anzuschauen.
Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre ist eine Geschichte dessen, was durch die Verwirklichung von Ideen erreicht
wurde. Es ist die Geschichte der Blüte der schöpferischen Kraft
des menschlichen Geistes. In unserem unruhigen Zeitalter, im
Schatten von Atom- und Wasserstoffbomben, scheint es geboten,
diesen Aspekt der Neuzeit hervorzuheben. Es wird als eine der
größten Errungenschaften des Menschen in die Geschichte eingehen,
ein Gebäude neuer Begriffe und Begriffswelten entworfen zu haben,
die aus Experiment und Beobachtung entstanden sind und sich für
immer neue Experimente als außerordentlich fruchtbar erweisen.
Wie der Parthenon und die Dome des Mittelalters legen die wissenschaftlichen Ideen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts Zeugnis dafür ab, was der Geist des Menschen schaffen kann.
Da ich leider morgen an der Teilnahme der offiziellen Eröffnung verhindert bin, werde ich jetzt die amerikanische Sonderausstellung 'Atom1 eröffnen, indem ich die inzwischen hoffentlich etwas radioaktiv gewordene Rose nehme und vor den Geigerzähler halte. Dieser ist mit dem Zeichen über mir verbunden und
indem die Rose den Geigerzähler ausschlagen läßt, stellt sie den
Kontakt her, welcher das Zeichen aufleuchten läßt. Somit ist es
also die radioaktive Rose, welche hiermit die Ausstellung 'Atom"
eröffnet."
* * * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

AMERIKANISCH-SOWJETISCHER NOTENWECHSEL ÜBER SCHAFFUNG
EINES INTERNATIONALEN ATOMPOOLS VERÖFFENTLICHT

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Vereinigten Staaten
haben am 25« September 1954 den Wortlaut der Noten veröffentlicht, die mit der Sowjetunion im Laufe der Verhandlungen überPräsident Eisenhowers Vorschlag zur Schaffung einer internationalen Atombehörde für die Verwendung der Atomkraft für
friedliche Zwecke ausgetauscht wurden.
Diese Dokumente zeigen einerseits die ständigen Bemühungen
der USA, die von Präsident Eisenhower vor der UN-Vollversammlung im Dezember vergangenen Jahres umrissenen Ziele zu erreichen, nämlich die Sache des Friedens durch eine derartige Behörde zu fördern, sowie andererseits das hartnäckige Bestehen der
Sowjetunion darauf, daß der Plan des Präsidenten nur dann verwirklicht werden könne, wenn gleichzeitig ein Abkommen über die
Ächtung von Atomwaffen geschlossen werde.
In den Noten der amerikanischen Regierung wurde klargestellt, daß der Plan des Präsidenten nicht als eine Art Ersatz
für Abrüstungsmaßnahmen zu betrachten sei, sondern vielmehr einen
Weg darstelle, die Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie
für friedliche Zwecke bei gleicb^mf.ger Fortführung der Abrüstungsbestrebungen teilweise zu realisieren.
Am 11. Januar wurde dem sowjetischen Botschafter in
Washington folgende Note überreicht:
"1) Die Vereinigten Staaten schlagen vor, die Gespräche
über die Atomenergie zunächst auf diplomatischem Wege einzuleiten, wobei beiden Partnern das Recht vorbehalten bleiben soll,
die Verhandlungen vor das Forum der Vereinten Nationen zu bringen, und zwar gemäß deren Beschluß, nichtöffentliche Besprechungen gegebenenfalls im Rahmen der Abrüstungskommission zu
führen.
2) Es wird vorgeschlagen, daß die diplomatischen Gespräche
in Washington oder an anderer für die Gesprächspartner geeigneter Stelle stattfinden sollen. Voraussichtlich werden der sowjetische Außenminister Molotow und der amerikanische Außenminister
Dulles eine nichtöffentliche Erörterung darüber in Berlin führen.
3) Es wird vorgeschlagen, Besprechungen über Verfahrensfragen zunächst auf die UdSSR und die Vereinigten Staaten zu
beschränken und die anderen in erster Linie betroffenen Nationen nur hinzuzuziehen, sofern die zur Verhandlung stehenden
Fragen ihre Belange berühren.
4) Die Vereinigten Staaten sind bereit, jeden Vorschlag,
den die BOWjetunion hinsichtlich der Atom-, Wasserstoff-, oder

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oder anderer Waffen zur Massenvernichtung einbringt, einer Prüfung zu unterziehen.
5) Allerdings vertreten die Vereinigten Staaten die Überzeugung, als erstes müsse, wenn auch in bescheidenem Rahmen, eine
Grundlage geschaffen werden, aus der das für Planungen größeren
Stils erforderliche Zutrauen und gegenseitige Vertrauen erwachsen
könne» Aus diesem Grunde drängen die Vereinigten Staaten auf eine
baldige Diskussion des von Präsident Eisenhower am 8. Dezember
1953 gemachten Vorschlags. Die Vereinigten Staaten sind bereit,
über diesen Plan und seine mögliche Verwirklichung konkrete
Geheimbesprechungen zu führen.
6) Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß im gegenwärtigen Zeitpunkt Geheimbesprechungen am ehesten zu praktischen
Ergebnissen führen werden, und daß diese Gespräche von keiner
Seite für Propagandazwecke ausgeschlachtet werden sollten."
Am 19» Januar antwortete Botschafter Zarubin und erklärte
sich einverstanden, Eisenhowers Vorschlag zu prüfen und die von
den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Verhandlungen aufzunehmen.. Der Botschafter fügte hinzu, die UdSSR werde die Verhandlungen unter der Voraussetzung aufnehmen, daß gleichzeitig der
sowjetische Vorschlag auf bedingungsloses Verbot von Atom-, Wasserstoff- und allen anderen Waffen zur Massenvernichtung diskutiert werde.
Am 30. Januar überreichte Außenminister Molotow dem amerikanischen Außenminister Dulles auf der Berliner Konferenz eine Note,
in der der Verzicht auf derartige Waffen vorgeschlagen wurde.
Der Gedanke der Sowjetunion hierbei war, die Vereinigten Staaten,
Großbritannien, Frankreich, die UdSSR und das kommunistische
China sollten eine gemeinsame Erklärung in diesem Sinne abgeben
und die anderen Länder auffordern, ein Gleiches zu tun.
Am 13• Februar überreichte Molotow Dulles ein zweites
Aide Memoire, in dem der sowjetische Außenminister erklärte,
später auch andere Länder zur Teilnahme an den Verhandlungen
über das Problem der Atomenergie einzuladen. Das Aide Memoire
erhielt einige Feststellungen, auf die Außenminister Dulles wie
folgt antwortete:
"Ich nehme Bezug auf das mir von ., unen am 13. Februar 1954
überreichte Aide Memoire betreffs der Diskussion aber den Vorschlag zur Regelung der Atomfrage.
In Absatz 2 schreiben Sie, 'ich (Dulles) ... vertrat die
Ansicht, daß Großbritannien, Frankreich sowie Kanada und Belgien zur Teilnahme an den Verhandlungen über die Atomfrage aufgefordert werden sollte, und hätte erklar , Kanada und Belgien
sollten teilnehmen, da sie die Grunds o:fe zur Erzeugung von
Atomenergie besitzen'. Soweit ich mich erinnere, stimmt diese
Feststellung nicht ganz mit dem übere Lns was ich am 30. Januar
über diese Frage sagte. Ich möchte dah.r das offensichtlich
bestehende Mißverständnis klären. Bei e damaligen Besprechungen
sagte ich, daß Großbritannien, Kan*!a und Frankreich alle Fortschritte auf dem Gebiet der Atomenergie gemacht hätten. Des
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Des weiteren erwähnte ich Belgien und andere Länder, die wichtige Rohstoffquellen besitzen. In diesem Zusammenhang wies ich
darauf hin, daß im Falle einer Ausweitung unserer zweiseitigen Gespräche zu einer größeren Konferenz die Vereinigten Staaten dann die Frage aufwerfen würden, welche Länder nun teilnehmen sollten.
Im Zusammenhang mit der allgemeinen Frage einer eventuellen späteren Teilnahme anderer Länder möchte ich ihre Aufmerksamkeit nochmals auf eine allgemeine Erklärung lenken, die ich
wiederholt hier in Berlin gemacht habe. Und zwar handelt es
sich darum, daß die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, an
irgendeiner Konferenz teilzunehmen, an der sich auch das kommunistische China beteiligt auf Grund der These, daß es für die
Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit
eine besonders verantwortliche Stellung einnimmt.
Ich hoffe, es wird mir möglich sein, Botschafter Zarubin
kurz nach meiner Rückkehr nach Washington ein Memorandum über
den Inhalt des Vorschlags von Präsident Eisenhower zu überreichen."
Am 19»März überreichte Außenminister Dulles dem sowjetischen Botschafter in Washington ein Memorandum, in dem die
Ansichten der amerikanischen Regierung bezüglich des Aufbaues
der internationalen Atomenergie-Behörde und ihrer Funktionen
dargelegt wurden. Im Nachstehenden folgt der Wortlaut des
Memorandums 1
"Die Regierung der Vereinigten Staaten möchte hiermit
weitere Arbeitsvorschläge unterbreiten, welche als eine Erläuterung des vom Präsidenten der USA vor der UN-Vollversammlung am 8.Dezember 1953 dargelegten Programmes bezüglich der
Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde gedacht
sind:
I. Ziel der amerikanischen Vorschläge
Die Regierung der Vereinigten Staaten schlägt die Gründung einer internationalen Atomenergie-Behörde unter der
Schirmherrschaft der Vereinten Nationen vor, welche von den
im Besitze kernreaktiven Materials befindlichen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen solche Grundstoffe erhalten soll«
Diese sollen zu folgenden Zwecken verwendet werden:
A) Förderung der internationalen Forschung und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiete der Nutzbarmachung der
Atomenergie zu friedlichen Zwecken, indem einmal die
Gewähr geboten wird, daß Techniker und Wissenschaftler der ganzen Welt genügend derartige Grundstoffe erhalten, um solche Arbeiten ausführen zu können; und
indem zum anderen der Austausch von Informationen angeregt wird,
B) Bereitstellung von kernreaktivem Material, um den Bedarf der Landwirtschaft, der Medizin und anderer dem
Frieden dienender Betätigungsgebiete, einschl. der

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�"AFRIKA LIENST

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der Erzeugung von Energie, zu decken.
II. Die internationale Atomenergie-Behörde
A) Die Behörde soll durch einen Vertrag geschaffen und
ihre Befugnisse in diesem Vertrag festgelegt werden,
der zwischen den daran beteiligten ^Nationen geschlos»sen werden soll. So weit sich das praktisch ermöglichen
läßt, sollen in dem Vertrag sämtliche Verfahrensweisen
und Grundsätze definiert werden, die für die Behörde
bei der Durchführung ihrer Aufgaben bindend sind.
B) Mitgliedschaft - Alle Signatarmächte des Vertrages
wären Mitglied der Behörde.
C) Das vollziehende Organ - 1) Die höchste Exekutivbefugnis innerhalb der Behörde soll einem Generaldirektorium (Board of Governors) übertragen werden; das
Direktorium ist zahlenmäßig begrenzt, seine Mitglieder sind Vertreter ihrer Regierungen. Bei der Beschlußfassung bezüglich der Zusammensetzung des Generaldirektoriums könnte es sich als zweckmäßig erweisen, die Aufteilung nach geographischen Gesichtspunkten und die Mitgliedschaft künftiger Nutznießer in Betracht zu ziehen.
Es darf erwartet werden, daß die größten Liefermächte
im Generaldirektorium vertreten sind.
2) Es wird hiermit der Vorschlag unterbreitet, daß die
Entscheidungen des Generaldirektoriums im allgemeinen
durch eine Form der Mehrheitswahl getroffen werden. Es
ließen sich Verfahrensordnungen ausarbeiten, um den
größten Liefermächten bei besonderen Fragen, wie beispielsweise der Bereitstellung spaltbaren Materials,
Sonderrechte in der Abstimmung einzuräumen.
D) Mitarbeiterstab - Das Personal der Behörde wird von
einem Verwaltungschef oder Verwaltungsdirektor (General
Manager) geleitet, der vom Generaldirektorium auf eine
bestimmte Zeit ernannt wird und dessen Kontrolle untersteht, sowie natürlich von hochqualifizierten Technikern
und Wissenschaftlern. Der Verwaltungsdirektor ist unter
der allgemeinen Aufsicht des Direktorium für die Anstellung, Organisation und Arbeit des Personals verantwortlich.
E) Finanzierung - 1) Die für die zentralen und festen Anlagen der Behörde und ihre Forschungsprojekte erforderlichen Mittel sind von den daran beteiligten Regierungen gemäß einem in gegenseitigem Übereinkommen festgesetzten Plan durch Bewilligungen bereitzustellen. Es
wird hiermit der Vorschlag unterbreitet, die allgemeinen Prinzipien zur Anwendung gelangen zu lassen, die
für die Finanzbeiträge der einzelnen Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen verbindlich sind.
2) Mittel für etwaige von Mitgliedstaaten unterbreitete
Sonderprojekte bezüglich der Verwendung von behördeneigenem Material oder des Einsatzes der Dienste der
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�"A^Ki^A LIaNST"
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der Behörde sollen von den Empfängerländern auf dem
Wege über jeweilige Sonderabkommen bereitgestellt werden.
P) Zum Sitz der Verwaltung der Behörde kann ein in gegenseitigem Übereinkommen festgesetzter Ort bestimmt
werden.
G) Beziehung zu den Vereinten Nationen und anderen internationalen Körperschaften - Die Behörde soll dem Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung auf Aufforderung dieser Gremien Bericht erstatten» Die Behörde sollte ferner
mit anderen Körperschaften der Vereinten Nationen, deren
Tätigkeit in irgendeinem Zusammenhang mit der Arbeit der
Behörde stehen könnte, engen Kontakt halten und mit ihnen
zusammenarbeiten.
H) Die Anlagen der Behörde sollen umfassen:
1) Werkanlagen, Ausrüstungen und Gebäude zur Entgegennahme, Aufbewahrung und Weitergabe von kernreaktivem Material.
2) Sicherheitsvorkehrungen.
3) Prüflaboratorien zur Analyse und Untersuchung des eingehenden Materials sowie zur Inventurkcntrolle deß
kernreaktiven Materials4) Gebäude zur Unterbringung des Verwaltungsapparates und
anderer Zweige der Behörde, die nicht unter obenstehen™
de Kategorien fallen.
5) Einrichtungen, die sich im laufe der Zeit als notwendig erweisen körnten, z.B. für Ausbildung und Unterrichtung, Porschungs- und Entwicklungsarbeiten, Herstellung von Brennstoffen und chemische: Aufbereitung.
III. Punktionen der Behörde
A) Entgegennahme und Aufbewahrung spaltbaren Materials 1) Alle Mitgliedstaaten, die über Vorräte an gewöhnlichem und angereichertem Uran, metallischem Thorium,
U 233, U 235, U 238, Plutonium und ihrer Legierungen
verfügen, sollen der Behörde von diesem Material Zuweisungen machen.
2) Die Vereinigten Staaten sind bereit, der Behörde als
Geschenk eine ansehnliche erste Zuweisung kernreaktiven
Materials zur Deckung des Bedarfs der Behörde zu machen,.
Die UdSSR würde dann eine gleichwertige Zuwendung zu
demselben Zwecke machen.
3) Die Behörde soll die Bestimmungen über den Ort, die
Methode der Übergabe und, falls notwendig, die Form
und Zusammensetzung des von ihr entgegenzunehmenden
Materials erlassen. Die Behörde soll die Angaben über
die Menge des überstellten kernreaktiven Materials
prüfen und den Mitgliedstaaten darüber Bericht erstatten. Die Behörde soll für di3 Bevorratung und die
Sicherheit des Materials so verantwortlich sein, daß
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�"AFRIKA DIENST"

B)
1)

2)

3)

4)

C)
1)

2)

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daß die Wahrscheinlichkeit eines Überraschungsraubes
auf ein Mindestmaß beschränkt wird.
Weitergabe kernreaktiven Materials
Die Behörde soll alle von den Mitgliedstaaten unterbreiteten Vorschläge nach einheitlichen und auf Billigkeit beruhenden Maßstäben prüfen, in denen die Überstellung kernreaktiven Materials aus den Vorräten der
Behörde beantragt wird, und hierbei u.a. folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
a) 'Beabsichtigter Verwendungszweck des Materials,
einschließlich der wissenschaftlichen und technischen Durchführbarkeit;
b) Zulänglichkeit der Planungsarbeiten, der Mittel,
des technischen Personals usw., um eine wirksame Verwendung des Materials sicherzustellen;
c) Zulänglichkeit der vergesehenen Maßnahmen zum
Schutze der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit bei der Handhabung und Bevorratung des Materials
und den Verarbeitungsanlagen;
d) Gerechte Verteilung des verfügbaren Materials.
Das radioaktive Material bleibt zunächst Eigentum
der Behörde, die für die Verwendung des Materials
einen gerechten Preis festsetzen soll.
Um sicherzustellen, daß angemessene Vorkehrungen zum
Schutze der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit getroffen werden, und um zu garantieren, daß das
spaltbare Material für die ihm zugedachten Zwecke verwendet wird, soll die Behörde die zeitlich unbegrenzte
Berechtigung haben, gewisse Bestimmungen über Entwurfsund Arbeitsbedingungen sowie Vorschriften bezüglich
des Gesundheitsschutzes und der öffentlichen Sicherheit zu erlassen, Material- und Verarbeitungsberichte
anzufordern, die Verwendung der Neben- und Abfallprodukte des spaltbaren Materials genau festzusetzen und
es sich vorzubehalten, Inspektionen durchzuführen und
Arbeitsberichte zu verlangen. Die Behörde soll darüber
hinaus ermächtigt sein, die Inventurangaben über das
bereitgestellte Material und die Einhaltung der bei
der Jberstnllung gemachten Bedingungen zu überprüfen.
Die Informationen über die von der Behörde getätigten
überstellungen sollen allen Mitgliedstaaten zur Verfügung stehen.
Informations- und Dienstleistungen der Behörde
Alle Mitgliedstaaten, die über für die Tätigkeit der
Behörde wichtige Informationen verfügen, sollen der
Behörde diese Informationen zugehen lassen.
Neben den im Gefolge eigener Vorhaben gewonnenen Informationen soll die Behörde nachstehende Unterlagen
verfügbar machen:
&gt;.

�"AiiLKIiU DIENST"

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a) Die von den beteiligten Nationen bei der Anwendung
von Materialien, Informationen, Dienstleistungen und
anderen Unterstützungsmaßnahmen der Behörde gewonnenen
Erkenntnisse;
b) die in einigen der anderen Länder bereits öffentlich
zugänglich gewordenen Informationen;
c) Informationen, die von den wichtigsten oder anderen
Mitgliedstaaten gewonnen und bis dahin besessen und
der Behörde aus freien Stücken zugänglich gemacht wurden.
3) Die Behörde soll den Austausch wissenschaftlicher und
technischer Informationen unter den Völkern fördern
und ist für eine weite Verteilung der in ihrem Besitz
befindlichen Unterlagen verantwortlich.
4) Die Behörde ist vermittelndes Organ, welches garantiert,
daß ein beteiligtes Land seine Dienste dem anderen zur
Verfügung stellt. Zu den besonders hier zu nennenden
Aufgaben, denen sich die Behörde widmen könnte, gehören:
a) Ausbildung und Unterrichtung;
b) Dienste im Hinblick auf die Ausarbeitung verbindlicher Vorschriften zum Schutze der öffentlichen Gesundheit und öffentlichen Sicherheit in Zusammenhang mit
der Nutzbarmachung spalUsren Materials;
c) beratende technische Dienste in Zusammenhang mit
der Nutzbarmachung spaltbaren Materials;
d) Aufbereitung kernreaktiven Materials, d.h. chemische Trennung und Reindarstellung, Herstellung von
Brennstoffelementen usw.;
e) Bereitstellung wichtiger Materialien, wie schweres
Wasser,f) Konstruktion und Bereitstellung von Spezialgerät;
g) Forschungssonderaufgaben, wie die Durchführung von
Versuchen und Tests;
h) Hilfe bei finanziellen Vorkehrungen zur Unterstützung angemessener Projekte."
Die Regierung der UdSSR legte hierzu ihre Stellungnahme in
einem dem amerikanischen Außenminister am 27»April 1954 in Genf
überreichten Aide Memoire dar. Es heißt dort:
"Die Vorschläge der Regierung der Vereinigten Staaten von
Amerika, daß die entsprechenden Staaten einen kleinen Teil des
in ihrem Besitz befindlichen kernreaktiven Materials einer internationalen Behörde zur Weiterverwendung überstellen, um dann
für friedliche Zwecke verwendet zu werden, kann kein Beitrag
zur Verwirklichung der in der Rede des Präsidenten der Vereinigten Staaten... verkündeten Ziele sein."
Die sowjetische Stellungnahme ließ durchblicken, der Präsident habe gesagt, das Wettrüsten mit Atomwaffen könne durch
eine selche Behörde zu einem Ende gebracht werden. Die Regierung der UdSSR fuhr fort, daß der amerikanische Vorschlag,
einen gewissen Prozentsatz der kernreaktiven Materialien aus-

�"AFRIKA DIENST"

29. September 1954

ausschließlich zu friedlichen Zwecken zu verwenden, "nicht nur
nicht zu einer Beendigung des Wettrüstens mit Atomwaffen, sondern
sogar noch zu einer Beschleunigung führt".
Die Regierung der UdSSR bestand darauf, daß die Verhandlungen nicht die "notwendigen Ergebnisse" erzielen können, wenn nicht
zunächst Übereinstimmung über einen "Verzicht auf den Einsatz
von Atomwaffen" erreicht würde.
Außenminister Dulles beantwortete die sowjetische Note
am I.Mai wie folgt:
"1) Ich habe nunmehr das Aide Memoire der Sowjetunion
vom 27.April über den Vorschlag für "eine internationale Atomenergiebehörde", der dem sowjetischen Botschafter in Washington
am 19.März überreicht worden war, geprüft. In diesem Aide Memoire
wird der Vorschlag kritisiert, da durch ihn weder die vorhandenen Vorräte an Atommaterial wesentlich reduziert, noch eine
Überwachung der Verwendung von Atomwaffen ermöglicht, noch die
Gefahr eines Atomkrieges beseitigt werde.
2) Diese Kritik verkennt vollkommen die mit dem amerikanischen Vorschlag vom 19-März verfolgten Ansichten. Nach seinem
Wortlaut war dieser Vorschlag nicht als eine Maßnahme zur Kontrolle der Atomwaffen oder als Lösung der verschiedenen änderen
in der sowjetischen Note erwähnten Frobleme gedacht. Er diente
vielmehr dem etwas bescheideneren Ziele, eine internationale
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Atomenergie auf einer Basis
einzuleiten, auf der viele der Hindernisse, die bisher eine
Einigung blockierten, umgangen werden. Auf diese Weise könnte
der Vorschlag zu einer Verbesserung der Beziehungen der auf
diesem Gebiet zusammenarbeitenden Länder beitragen und dadurch
die Lösung des schwierigen Problems einer wirksamen Kontrolle
der Verwendung der Atemenergie für militärische Zwecke erleichtern.
3) Infolgedessen können die Vereinigten Staaten die Ansicht
der Sowjetunion, die Schaffung einer internationalen Behörde zur
Förderung der Verwendung von Atommaterial für friedliche Zwecke
allein nütze nichts, nicht teilen. Sie sind im Gegenteil der
Ansicht, eine derartige Behörde könne wertvolle Erfolge mit
sich bringen, sowohl was die Förderung einer engeren Zusammenarbeit der beteiligten Nationen als auch die Beschleunigung
einer stärkeren Verwendung der Atomenergie zum Segen der Menschheit anbelangt. Die Vereinigten Staaten bedauern daher, daß die
Sowjetunion nicht bereit ist, sich im gegenwärtigen Zeitpunkt
eingehender mit dieser Angelegenheit zu befassen.
4) In Anbetracht der Tatsache, daß die Sowjetunion zur Zeit
nicht an einer weiteren Verfolgung dieses Vorschlags interessiert
ist, fühlen sich die Vereinigten Staaten berechtigt, die Schaffung einer derartigen Behörde mit anderen eventuell interessierten Nationen zu beraten. Sollte die Sowjetunion zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, daß sie doch wünscht, an derartigen
Diskussionen teilzunehmen, so werden die Vereinigten Staaten
selbstverständlich ihre Teilnahme begrüßen.
,-\

- 8 -

�"AFRIKA DIKUST
29. September 1954
5) Der amerikanische Vorschlag vom 19«März war natürlich
nicht als Ersatz für ein wirksames System zur Kontrolle der
Verwendung der Atomenergie für militärische Zwecke gedacht.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin, wie bisher,
nach Mitteln und Wegen suchen, eine derartige Kontrolle, unter
zuverlässigen und geeigneten Sicherungsmaßnahmen zu erreichen.
Sie sind bereit, zu diesem Zweck auch weiterhin mit der Sowjetunion einen Meinungsaustausch zu pflegen und werden in Kürze
der Sowjetunion nähere Ausführungen zu dem in ihrem Aide
Memoire vom 27.April gemachten Vorschlag unterbreiten."
Am 9»Juli wurde dem sowjetischen Botschafter in Washington,
Zarubin, durch den Unterstaatssekretär im Außenministerium,
Merchant, folgendes Memorandum überreicht:
"Die Vereinigten Staaten haben die Erklärung vom 30.Januar und das Aide Memoire vom 27.April, die von der Sowjetunion
an die Vereinigten Staaten gerichtet worden waren, weiterhin
geprüft. Die Vereinigten Staaten möchten hieran folgende Bemerkungen knüpfen.
I.
1) Der Präsident verwies in seiner Rede vom 8.Dezember
1953 vor der UN-Vollversammlung auf die Befahren eines AtomWettrüstens und betonte den Wunsch der Vereinigten Staaten,
diese Gefahren durch ein wirksames Verfahren auszuschalten,
das ausreichende Sicherheiten gegen Vertragsverletzungen oder
-Umgehungen einschließen müsse. Die Vereinigten Staaten würden jedes Abrüstungssystem gutheißen, das dem Zweck diente,
die Völker der Erde vor der Bedrohung durch den Krieg zu
schützen und sie von der schweren Belastung durch die militärische Verteidigung zu befreien, sofern dies in einer in Einklang mit ihrer Sicherheit stehenden Weise geschieht.
2) Die Vereinigten Staaten sind sich ferner der Schwierigkeiten bewußt, auf die sie seit 1946 bei ihren Versuchen, über
einen Abrüstungsplan zu verhandeln, gestoßen sind. Von diesem
Zeitpunkt an bis in die Gegenwart haben die Vereinigten Staaten
beharrlich versucht, alleine und gemeinsam mit anderen Staaten,
Mittel und Wege zu finden, um die Rüstungslast zu erleichtern
und die Gefahr eines Krieges zu verringern. In der Atomenergiekommission der Vereinten Nationen von 1946 bis 1948, in der
Kommission für. herkömmliche Waffen von 1947 bis 1950, bei den
Sonderbesprechungen der sechs ständigen Mitgliedstaaten der
UN-Atomenergiekommission von 1949 bis 1950 und innerhalb der
Abrüstungskommission der Vereinten Nationen seit 1951 war die
überwältigende Mehrheit der Staaten zu einer Einigung bereit
- die Sowjetunion allein verhinderte ihr Zustandekommen.
3) Trotz dieser entmutigenden Vorgeschichte erklärte der
Präsident eingedenk der Resolution der UN-Vollversammlung vom
28.November 1953 am 8.Dezember in seiner Rede, die Vereinigten
Staaten seien bereit,* sich in geheimen Verhandlungen mit den
anderen hieran hauptsächlich interessierten Nationen zusammenzufinden, um mit ihnen eine annehmbare Lösung für das Atomwettrüsten zu finden, das nicht nur den Frieden, sondern die
gesamte Existenz der Welt überschattet.
II.

- 9-

�"AjüLRIia LI MST"

29. September 1954

II.
4) Ler Präsident erklärte in seiner Eede ferner, daß die
Vereinigten Staaten zu diesen Verhandlungen einen neuen Vorschlag bezüglich einer zu schaffenden internationalen Atombehörde unterbreiten, ,um die Verwendung der Atomenergie für
friedliche Zwecke baldmöglichst herbeizuführen. In ihrem Memorandum vom 19.MärZ' teilten die Vereinigten Staaten eingehendere Einzelheiten bezüglich ihrer Auffassung mit, wie sich diese Konzeption in die Praxis umsetzen lasse. Das Aide Memoire
der Sowjetregierung vom 27.April deutet diesen speziellen
Vorschlag offensichtlich völlig falsch.
5) Dieser Vorschlag wurde aus dem Wunsch heraus vorgebracht, einen Anfang damit zu machen, der Menschheit die
Segnungen einer friedlichen Verwendung der Atomenergie zu
erschließen. Dieses Angebot der Vereinigter! Staaten, gemeinsam mit anderen Ländern, die über Atomanlagen verfügen, spaltbares Material und das für die Ausnutzung der Atomenergie notwendige technische V/issen um des allgemeinen Wohles willen
zur Verfügung zu stellen, würde eine neue Gelegenheit für eine
internationale Zusammenarbeit bieten. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit in der Verwirklichung der Vorschläge des Präsidenten würde sicher zu einer Bereinigung der Atmosphäre führen,
die ihrerseits wiederum die Aussichten auf eine echte und auf
entsprechenden Sicherheitsgarantien beruhenden Merraticrrüe Abrüstung erheblich verbessern könnte. Ler Vorschlag selbst
war nicht als ein/Abrüstungsplan gedacht.
6) Las sowjetische Aide Memoire vom 27.April besagt in
praxi, daß die UdS^R nicht bereit ist, sich an Maßnahmen zu
beteiligen, die djie Segnungen der Atomkräfte der ganzen Welt
zugänglich macheri könnten, solange die Vereinigten Staaten
nicht einer Ächtung der Atomwaffen zustimmen. Ler wichtigste
für diese Einstellung angeführte Grund liegt darin, daß nach
dem Vorschlag, den der Präsident vor den Vereinten Nationen
entwickelte,, die Möglichkeit bestehe, daß die Vorräte an dem
für Waffen Verwendbaren Material auch nach Schaffung der internationalen Atombehcrde noch weiter vermehrt werden. Ler sowjetische Vorschlag bezüglich einer Ächtung der Verwendung derartiger Waffen würde jedoch andererseits in keiner Weise eine
derartige Vergrößerung der Vorräte unmöglich machen. Lemgemäß
können die Vereinigten Staaten nicht zustimmen, daß die sowjetische Einstellung einen stichhaltigen Einwand gegen eine
Portführung der derzeitigen Schritte darstellt, die friedliche Verwendung der Atomkräfte herbeizuführen.
7) Lie Sowjetunion nimmt ferner offensichtlich an, daß
jede Porm einer friedlichen Ausnutzung der Atomenergie zwangsläufig eine Erhöhung der Lagerbestände an auch für militärische
Zwecke verwendbarem Material mit sich bringen müsse. In Wirklichkeit lassen sich jedoch Maßnahmen treffen, die geeignet
sind, eine Abzweigung von Material aus den Reaktoren zu verhindern, die zur Energieerzeugung benutzt werden. Übrigens
gibt es auch Formen einer friedlichen Verwendung, bei denen
die Frage erst gar nicht auftaucht, ob das entsprechende Ma4- 10 -

�"AMERIKA DIENST*

29. September 1954

Material auch für Waffen brauchbar sei.
8) Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß diejenigen Länder, die in ihrem Wissen hinsichtlich der konstruktiven Verwendung von Atomenergie weiter fortgeschriti
nd
als andere, die Verpflichtung haben, dieses V/issen unt&lt; r hierfür geeigneten Bedingungen für die Verbesserung des Lo
aller Menschen zur Verfügung zu stellen. Im gegenwärtigen
Stadium der Entwicklung der Atomtechnik halten die Vereinigten
Staaten den Zeitpunkt für gekommen, einen Anfang in diesem
Sinne zu machen- Demgemäß fühlen sich die Vereinigten Staaten frei, die Verwirklichung ihres Vorschlages zusammen mit
anderen inter
ben Nationen in Angriff zu nehmen, auch
wenn die Sowjetunion im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht weiterzuverhandeln wünscht. Wenn die Sowjetunion zu einem späteren
Zeitpunkt sich entschließen sollte, an solchen Gesprächen
wieder teilzunehmen, so werden die Vereinigten Staaten eine
solche Teilnahme auch weiterhin willkommen heißen.
III.
9) Die Sowjetunion nimmt Bezug auf ihren Vorschlag vom
30.Januar über die Ausarbeitung eines internationalen Abkommens, das einen bedingungslosen Verzicht auf die Anwendung
von atomaren, thermonuklearen und anderen Waffen fordert, die
der Massenvernichtung dienen. Die Vereinigten Staaten haben
gemäß der von ihnen verfolgten Politik, alle vorgebrachten
Lösungen für das Abrüstungsproblem bereitwillig zu prüfen,
diesen Vorschlag eingehend und ernsthaft erörtert.
10) Nach Ansicht der Vereinigten Staaten muß ein wirksamer Abrüstungsplan zwei grundsätzliche Fragen zufriedenstellend beantwortens
a) Wird - erstens - der Plan tatsächlich eine Reduzierung
oder Abschaffung der Rüstung der einzelnen Staaten in
einer V/eise herbeiführen, die mit ihrer nationalen Sicherheit zu vereinbaren ist ? Ein Versprechen über den Verzicht der Anwendung von Waffen, das nur auf dem Papier
steht, wird es den Nationen nicht ermöglichen, ihre Rüstung
zu reduzieren, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben.
Schon aus dem bloßen Vorhandensein von Waffen irgendwelcher Art ergibt sich die Möglichkeit ihrer Anwendung, trotz
des gegenteiligen Versprechens, das ja ohnehin einfach
gebrochen werden kann.
b) Wird - zweitens - der Plan die Gefahr von Aggression
und Krieg wesentlich mindern oder ausschalten ? Falls
irgendein Plan die Gefahr, daß ein möglicher Aggressor
Zuflucht zum Kriege nimmt, sogar noch erhöht, so würde
durch ihn der Hauptzweck der Abrüstung nicht erreicht.
11) Der Vorschlag der Sowjetunion vom 30.Januar beantwortet weder diese Grundfragen zufriedenstellend, noch gibt er Anlaß zu irgendwelchen Hoffnungen auf eine dem Wohle aller dienenden Lösung der Abrüstungsprobleme j
v
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�"AMERIKA LIEHST"

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a) Er würde auf die vorhandene Rüstung und die Weiterführung der Rüstungsproduktion überhaupt keinen Einfluß haben»
Dies geht aus der Formulierung des sowjetischen Planes klar
hervor. Es käme nur zu gegenseitigen Versprechungen, Keine
Waffen anzuwenden, die heute noch in Reserve gehalten
werden. Es gäbe keine Sicherheit dafür, daß solche Beteuerungen auch eingehalten würden. Die Beibehaltung von
Waffenarsenalen und die laufende Waffenproduktion wären
fragwürdige Garantien gegen die Gefahr, daß die abgegebenen Versicherungen nicht eingehalten werden können.
b) Die Gefahr von Aggression und Krieg würde nicht gemindert, wenn man den sowjetischen Vorschlag in die Wirklichkeit umsetzte, sie würde sogar noch erhöht, da die
abschreckende Wirkung der vorhandenen Atomwaffen auf
einen möglichen Aggressor zweifellos gemindert würde,
wenn dessen eventuelle Opfer sich verpflichtet haben,
solche Waffen nicht anzuwenden. Ein solcher Aggressor
wäre leicht versucht, einen Angriff in der Hoffnung zu
starten, daß die Anwendung solcher Waffen für die Verteidigung seiner Opfer durch das Verbot verhindert oder
verzögert würde. Überdies könnte ein Aggressor, der im
Besitz nuklearer Waffen ist, seine gegebenen Versprechen
widerrufen und nukleare Waffen anwenden, wenn immer dies
in seinem Interesse läge. Enher würde ein solcher Plan
nur zur Aggression verführen und die Opfer des Aggressors
schwächen.
12) Der sowjetische Vorschlag wird den notwendigen Erfordernissen eines wirksamen Planes, der den Atomkrieg verhindert,
nicht nur nicht gerecht, sondern er würde sogar den Aussichten
auf die Annahme eines solchen Planes schaden. Denn sicherlich
würde der sowjetische Plan, wenn man ihn akzeptierte, leicht
die Täuschung erwecken, daß die Gefahr eines Atemkrieges bis
zu einem gewissen Grade gebannt sei, und er würde die Wachsamkeit der Bevölkerung gegenüber eines* Bedrohung vermindern, die
sich höchstens noch verstärken kann. Dieses Gefühl einer - in
Wirklichkeit nicht existierenden - Sicherheit, wäre ferner dazu
angetan, weitere Bemühungen um eine echte Abrüstung mit wirksamen Sicherheitsmaßnahmen zu beeinträchtigen, die tatsächlich Sicherheit für alle bedeuten, die Gefahr des Krieges vermindern und die schwere Bürde der Rüstung erleichtern würden.
IV.
13) Die Vereinigten Staaten versichern erneut, wie sie
dies schon in der von der UN-Vollversammlung am 17«November
1950 gebilligten Resolution zum Ausdruck brachten, daß die
Aggression an sich, ohne Rücksicht auf die jeaeils angewandte
Methode, die größte aller Gefahren darstellt. Nur im Falle
einer Aggression wird die Welt den Schrecken eines modernen
Krieges ausgesetzt sein.
14) Die Signatarstaaten der Charta der Vereinten Nationen
haben die feierliche Versicherung abgegeben, keine Aggression
zu begehen. Gemäß ihrer geschichtlichen Tradition werden die
- 12 -

�"AüiEKIJa LIEBST"

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die Vereinigten Staaten dieses Versprechen niemals brechen.
Wie jedoch bereits zum Ausdruck gebracht, sind die Vereinigten
Staaten überzeugt, daß einzig die Annahme eines mit entsprechenden Sicherungen ausgestatteten und ausgewogenen Abrüstungssystems die Gewähr biete, daß es zu keiner Aggression
mehr kommt, und daß Atomwaffen im Falle eines Krieges nicht
zum Einsatz gebracht werden. Ein derartiges System könnte
die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Aggression erheblich verringern und damit die Gefahr einer Aggression
überhaupt stark herabsetzen,
15) Die Vereinigten Staaten glauben auch weiterhin,
daß eine Lösung der Rüstungsfrage von entscheidender Bedeutung ist. Obwohl sie sich außerstande sehen, den sowjetischen Vorschlag anzunehmen, sind sie doch zu jeder Zeit
bereit, annehmbare Maßnahmen für eine wirksame Abrüstung bei
Vorhandensein entsprechender Sicherung zu erörtern. Sie sind
hierzu bereit, sei es durch eine Portführung des geheimen
Notenaustauschs oder im Rahmen der UN-Abrüstungskommission „
&amp;igesiehts der Dringlichkeit der Abrüstung werden die Vereinigten Staaten eine derartige Fortführung der Verhandlungen
gutheißen, sofern die Sowjetunion in ihnen ein wirksames
Instrument erblickt, um eine gemeinsame Basis in der Einstellung zu diesem Problem zu suchen.
16) Die Vereinigten Staaten hoffen ferner, daß die
Sowjetunion im lichte der obigen Darlegungen den Ymnsch
hegt, weitere Ausführungen zu dem von den Vereinigten Staaten am 19«März 1954 unterbreiteten konkreten Vorschlag
zu machen. Auf jeden Fall sind die Vereinigten Staaten bereit,
zu jedem Zeitpunkt die Besprechungen über den Vorschlag des
Präsidenten mit der Sowjetunion wieder aufzunehmen."
Am 22.September überreichte die sowjetische Regierung
dem amerikanischen Botschafter ein zweites langes Aide
Memoire, in dem sie bereits früher vorgebrachte Argumente
wiederholte und erklärte, man solle sich auch weiterhin bemühen, die Ansichten beider Regierungen einander näher zu
bringen. Auch regte die Sowjetunion an, den Notenwechsel
über diese Fragen zu veröffentlichen. Am nächsten Tage erklärten sich die Vereinigten Staaten damit einverstanden,
die Dokumente zu veröffentlichen.
Am gleichen Tage sprach Außenminister Dulles vor der
UN-Vollversammlung. Er sagte, die Vereinigten Staaten seien
zwar nach wie vor bereit, mit der UdSSR über diese Frage
zu verhandeln, erklärte jedoch, daß die USA ihre "Bemühungen, eine internationale Atorabehörde zu schaffen, nicht
länger auf die lange Bank schieben werden,"
* * * * *

- 13 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE FRAGE DER INTERNATIONALEN ABRÜSTUNG VOR DER
NEUNTEN VOLLVERSAMMLUNG DER VEREINTEN NATIONEN
NEW YORK - (Amerika Dienst) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des amerikanischen UNDelegierten James Wadsworth vom ^.Oktober 1954 vor dem ersten Komitee der Neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen,
in der er den Standpunkt der Vereinigten
Staaten in Fragen der Abrüstung, des Verbotes der Atomwaffen und der Einrichtung
eines internationalen Kontrollorgans
klarlegt.
Herr Vorsitzender,
Das Erste Komitee der Vollversammlung tritt nunmehr in
das neunte Jahr seiner Tätigkeit ein, das neunte Jahr harter
Arbeit an dem zähen Problem der Abrüstung. In all diesen Jahren der Diskussion war es nicht möglich, sich auch nur über
die Verschrottung eines einzigen Gewehres, eines einzigen
Tanks, einer einzigen Bombe oder die Entlassung eines einzigen Soldaten zu einigen.
Diese entmutigende Tatsache ist allen Menschen in der Welt
bekannt, auch denen, die wenig von Weltpolitik wissen. Doch es
ist der Ausdruck ihres Willens zum Frieden, wenn wir nicht ablassen, nach einer Lösung zu suchen. Unser bisheriger Mißerfolg ist hauptsächlich auf die unglückliche Tatsache zurückzuführen, daß wir es mit dem Problem der Abrüstung in einer
Zeit der Konflikte aufnehmen mußten. Die beiden in diesem
Konflikt befindlichen Parteien waren nicht in der Lage, einander Vertrauen entgegenzubringen.
Schließlich wäre es auch überaus unklug gewesen, denjenigen zu trauen, bei denen eine auf die Spitze getriebene Geheimniskrämerei zum Lebensstil gehört. Wie können wir gegenseitiges Vertrauen fassen, auf das die Abrüstung gegründet werden
könnte ?
Wir geben zu, daß es mit der Beteuerung "Wir versprechen,
glaubt uns !" nicht getan ist. Vertrauen ist eine überaus delikate Angelegenheit und kann nicht durch Worte herbeigezaubert
werden.
In einer Sache wie der Abrüstung wird es nur möglich
w
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�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

möglich, wenn beide Parteien sich auf einen fairen Plan einigen und dann jeden Punkt dieses Planes Schritt für Schritt
unter den Augen des anderen in die Tat umsetzen.
Das ist eine äußerst schwierige Aufgabe, aber es ist möglich. Wenn sie mit gutem Willen ausgeführt wird, wird sich als
eines der Hauptresultate auch jenes echte Vertrauen bilden,
dessen Fahlen unsere Bemühungen bis jetzt zum Scheitern verurteilt hat.
I« Der grundsätzliche Standpunkt der Vereinigten Staaten
Es gibt vier Grundgedanken, die die Vereinigten Staaten
von Anfang an bei den Abrüstungsdiskussionen vor den Vereinten
Nationen beseelt haben.
Erstens? Die Vereinigten Staaten wollen die Abrüstung»
Die Vereinigten Staaten gehören zu jenen Ländern, die Artikel
26 der Charta der Vereinten Nationen vorschlugen, in der zur
"Herbeiführung und Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit für eine möglichst geringe Inanspruchnahme der menschlichen und wirtschaftlichen
Hilfsquellen der ganzen Welt für Rüstungszwecke" plädiert wird»
Wir wollen die Entwaffnung, die wirklich entwaffnet. Wir wollen
mehr als Trinksprüche, bei denen die Staaten die Gläser klingen
lassen und auf die Abrüstung trinken. Wir wollen eine Abrüstung,
die wirklich funktioniert.
Zweitens3 Wir glauben, daß es für die Welt mehr als einen
Weg gibt9 der zur Abrüstung führt. Jahre hindurch haben wir
eine Anzahl von Wegen vorgezeichnet, von denen wir einige oder
alle mit dem Ziel der Abrüstung hätten beschreiten können?
Kontrolle der Atomenergie; Einschränkung der Streitkräfte der
Großmächte; ein System der Offenlegung aller Streitkräfte und
jetlicher Bewaffnung mit Prüfung der Wahrheit durch ein internationales Organ. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen,
daß dieses Problem unmöglich zu lösen ist, wenn nicht alle
Großmächte der Lösung zustimmen Wir haben so viele Möglichkeiten der Diskussion in der Hoffnung vorgeschlagen, daß wir,
auch wenn keine volle Übereinstimmung mit den Sowjets zu erreichen gewesen wäre, wenigstens die Differenzen verringert
hätten, die uns trennen. Das ist unser Ziel in der Vergangenheit gewesen, und es ist auch heute noch unser Ziel.
Drittens? Wir wollen, daß die Welt von Atomwaffen befreit
werde. Aber die Welt wird nicht durch lautes Geschrei nach
einem Verbot von den Atomwaffen befreit, während eine Nation
hinter dem Eisernen Vorhang weiterhin solche Waffen stapelt.
Die Vereinigten Staaten werden weder Atomwaffen noch andere
Waffen, deren Gebrauch die Charta der Vereinten Nationen verletzen würde, benutzen. Die Vereinigten Staaten werden weder
Atomwaffen noch andere Waffen gebrauchen, es sei denn in der
Verteidigung gegen eine Aggression,, Das ist unser Versprechen,
und es ist zugleich auch das Versprechen aller anderen Mitglieder der Vereinten Nationen einschließlich der UdSSR. Dieses
Versprechen gibt dennoch keinem Sicherheit, solange eine der

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

der Hauptnationen, die diese Zusicherung ebenfalls gegeben
hat, ihren Eisernen Vorhang besitzt, hinter welchem sie den
Bruch ihres Wortes ohne Angst vor Entdeckung vorbereiten kann.
Viertens: Wir wollen den Frieden der ganzen Welt. Wir wissen, daß ein neuer Krieg eine Katastrophe bedeuten würde. Wir
vergessen nicht, daß Wettrüsten in der Vergangenheit bewaffneten Angriffen durch aggressive Völker vorausgegangen ist.
Im Augenblick aber können wir trotzdem das Wettrüsten nicht
aufgeben, solange andere Teilnehmer nicht ebenfalls haltmachen. Und wir können nicht wissen, ob alle Teilnehmer dös
Wettrennen aufgegeben haben, wenn einer von ihnen auf einer
versteckten Rennstrecke läuft. Für die fr^ie Welt würde die
Beendigung der Rüstung - während die Sowjetunion weiterhin
damit beschäftigt ist, ihre bewaffnete Macht zu vergrößern eine Einladung zu jenem fürchterlichen Krieg und zur Ausrottung
der Freiheit bedeuten, die wir ja gerade verhindern wollen.
Die Erfahrung hat uns harte Lektionen erteilt. Wir denken immer daran, während wir in unserer Suche nach jener Abrüstung fortfahren, die Sicherheit für alle bietet. Immer an
diese Lektionen denkend, halten wir fest, daß sichere Entwaffnung in einer Welt, in der es kein Vertrauen mehr gibt,
zweierlei Dinge erfordert, die über alles gehen:
Erstens: Der Abrüstungsplan muß jegliche Bewaffnung umfassen - denn Bajonette und Sprengstoffe sind auch im Atomzeitalter noch immer tödlich.
Zweitens: Die Sicherheit muß gegeben sein, daß jede Seite
wirklich unter klarer Einsichtnahme der anderen abrüstet - mit
der festen Zusicherung, daß bei jedem Schritt auf dem Wege
dahin alle Versprechungen gehalten werden.
Wir glauben, daß alle Staaten diesen Grundsätzen zustimmen werden. Wie kommt es aber, daß wir/nicht zuwege
brachten, daraus ein durchführbares Programm zu erarbeiten ?
Die Akte der Abrüstungskommission und ihres Unterausschusses
gibt darüber weitgehend Aufschluß.
II. Das Protokoll der Abrüstungskommission von 1954
Wir sind einer Meinung mit der Sowjetunion, wenn sie
vorschlägt, das Vergangene so weit wie möglich zu vergessen
und wir werden daher der Vergangenheit viel weniger Zeit widmen als der sowjetische Delegierte.
Bemerkenswert an dem von der Achten Vollversammlung angenommenen Abrüstungsbeschluß war der Paragraph 6, der den Vorschlag enthält, daß die Abrüstungskommission untersuchen möge,
ob es wünschenswert sei, daß ein Unterausschuß aus Vertretern
der grundsätzlich betroffenen Mächte in privaten Verhandlungen eine annehmbare Lösung suche und der Abrüstungskommission
darüber Bericht erstatte.
In Übereinstimmung mit dieser Resolution stellte die Abrüstungskommission im letzten April einen solchen Unteraus-

�"AFRIKA SIEHST"
13. Oktober 1954
Unterausschuß auf, an dem die Sowjetunion, Großbritannien,
Frankreich, Kanada und die Vereinigten Staaten beteiligt waren.
Dieser Ausschuß traf auf privater Ebene und - wie wir hoffen frei von Unterschiebungen propagandistischer Tendenzen in
London zusammen. Darauf lieferte der Unterausschuß einen Bericht an die Abrüstungskommission ab. In einem Teil dieses
Berichtes gab der Unterausschuß die gesamte Akte der Londoner
Zusammenkünfte bekannt. Die Welt ist jetzt in der Lage, die
Fortschritte oder Nichtfortschritte dieser privaten Zusammenkünfte zu beurteilen und zu entscheiden, wer die Verantwortung
für ihre Erfolge oder Mißerfolge trägt.
Das einfache Motiv des Vorschlags der Achten Vollversammlung, daß wieder einige wenige Mächte auf privater Ebene
zusammenkommen sollten, war der Versuch, die Abrüstung von
einer neuen Seite aus anzugehen - von einer Seite, die wenigstens die kleine Hoffnung ließ, die Differenzen zu verringern,
die die Sowjetunion von der freien Welt trennten. Nun wollen
wir einmal die Protokolle des Fünf-Mächte-Unterausschusses untersuchen um zu sehen, wie weit sich diese Hoffnungen erfüllten.
Gleich bei dem ersten Zusammentreffen unterbreitete die
Sowjetunion einen Abrüstungsvorschlag, aber es war kein neuer»
Es war - Wort für Wort - der gleiche Vorschlag, den die Sowjetunion der Achten Vollversammlung vorgelegt und den diese
als unannehmbar befunden hatte. Das war gewiß ein entmutigender
Anfang, und nach diesem Muster verliefen die gesamten Diskussionen. Der Vertreter Neuseelands charakterisierte die sowjetische Haltung während der Diskussionen der Abrüstungskommission im Juli sehr treffend als "von einer steinernen Unbeweglichkeit".
Dagegen bemühten sich die anderen Mitglieder des Unterausschusses, zwei neue, in den Vereinten Nationen bisher noch
nicht gründlich untersuchte Wege zur Abrüstung aufzuzeigen.
Die Vereinigten Staaten brachten als Arbeitsgrundlage einen
Vorschlag auf Errichtung eines internationalen Zontrollorgans
ein, das mit den entsprechenden Rechten, Vollmachten und Funktionen auszustatten ist. Indem wir diesen Vorschlag als Arbeitsgrundlage einbrachten, betonten wir, daß wir keineswegs darauf
bestehen, daß die anderen Staaten unseren Vorschlag nur annehmen oder ablehnen sollten. Der Vertreter der Vereinigten Staaten
sagte: "Wir wollen diesen Vorschlag nur als einen Weg betrachten, auf dem wir an die eigentliche Substanz herankommen können.
Durch die Diskussion über die spezifischen Probleme hoffen wir,
die zwischen uns bestehenden Differenzen ausgleichen zu können.
Vielleicht kommen wir dann zu einem Standpunkt, dem alle von uns
zustimmen können." Außerdem wiesen wir darauf hin, daß das
Kontrollorgan, so wie wir es geplant haben, für ein auf den
sowjetischen Konzeptionen der letzten Jahre beruhendes Programm
ebenso anwendbar sein würde, wie es in das von den Vereinigten
Staaten vorgeschlagene Programm hinein paßte.
Trotz unserer Bemühungen verweigerte
treter jede ernsthafte Diskussion unseres
eine Tatsache, daß er nie über den ersten
kam, der sich auf die von der Sowjetunion
- 4 -

der sowjetische VerVorschlages. Es ist
Paragraphen hinausabgelehnte Resolution

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

Resolution der Generalversammlung vom 11.Januar 1953 bezog.
Der zweite neue Weg zu einer Annäherung in der Präge der
Abrüstung wird in dem britisch-französischen Memorandum vom
11.Juni aufgezeigt, über das in den letzten Wochen in der
Presse viel berichtet wurde. Dieses Memorandum befaßte sich
mit der Festlegung der zeitlichen Reihenfolge der wichtigsten
Punkte des Abrüstungsprogramms. Die Vertreter des Vereinigten
Königreichs und Frankreichs haben diese Vorschläge eingehend
erklärt, und ich brauche ihre Erklärungen nicht zu wiederholen*
Die Vereinigten Staaten haben diese Vorschläge unterstützt und
sie unterstützen sie noch.
In London hat sich die Sowjetunion geweigert, die britischfranzösischen Vorschläge zu diskutieren und kam - worauf die
Vereinigten Staaten hingewiesen haben - nie über den ersten
Paragraphen hinaus. Der sowjetische Vertreter gab dazu u.a.
folgenden Kommentar: "Es ist völlig klar, daß der von den
Vereinigten Staaten unterstützte Vorschlag des Vereinigten
Königreiches und Frankreichs kein Verbot der Atomwaffen vorsieht, sondern deren Gebrauch sogar rechtfertigen soll. Die
Annahme eines solchen Vorschlags würde in keiner Weise zu
einer Milderung der internationalen Spannungen oder zur Beseitigung der Gefahr eines Atomkrieges beitragen. Vielmehr
könnte sie die Wachsamkeit der Völker gegenüber dieser Gefahr
einschläfern."
Nach all dem hat jetzt auf dieser Vollversammlung der
sowjetische Vertreter eine Resolution eingebracht, die besagt,
daß diese Vorschläge Frankreichs und des Vereinigten Königreichs als Grundlage für ein internationales Abrüstungsabkommen verwendet werden können«
Wir freuen uns wirklich sehr darüber, daß die Sowjetunion
offenbar ihre Ansicht geändert hat und jetzt den wahren Wert
der britisch-französischen Vorschläge anerkennt und sie als
einen neuen Weg zur Lösung dieses großen Problems ansieht.
Aber diese Änderung des Standpunktes - und wir hoffen, daß es
eine wirkliche Änderung ist - hat sich erst am 30.September
gezeigt.
III. Der sowjetische Vorschlag
Der erste Hoffnungsstrahl, den wir im Verlauf vieler Jahre von der Sowjetunion empfangen haben, war der Vorschlag, den
der sowjetische Vertreter unserer Versammlung jetzt übermittelt hat. Dieser Strahl wurde beträchtlich getrübt, wenn nicht
gar wieder ausgelöscht, durch die Erklärung, die Herr Wyschinski
gestern abgegeben hat. Wir haben den Vorschlag sorgfältig, und,
wir glauben, objektiv geprüft. Was ich jetzt darüber sagen werde, spiegelt unsere ersten Eindrücke von einem Vorschlag wider,
der in verschiedenen grundlegenden Punkten hinsichtlich seines
Sinnes unklar war und es auch geblieben ist. Wir sind gern bereit, unsere Eindrücke zu berichtigen, wenn die Erörterungen
in diesem Ausschuß und später in der Abrüstungskommission
eine Grundlage dafür ergeben.
_
L T S jj 6 TIS

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�"AMZRIK^

DIENST"

13. Oktober 1954

Erstens erkennen wir an, daß in einer und nur in einer
wichtigen Frage die Sowjets einen klaren und unzweideutigen
Standpunkt eingenommen haben, der die Meinungsverschiedenheiten verringert, welche die Sowjetunion von der freien
Welt getrennt haben. Die Sowjetunion hat jetzt zugestanden,
daß 50 Prozent der bewilligten Verringerung bei den bewaffneten Streitkräften und den herkömmlichen Waffen vorgenommen
werden können, bevor irgendwelche Maßnahmen zum Verbot der
Atomwaffen getroffen sind. Das ist Paragraph I (2) (A) des
sowjetischen Vorschlags.
Zweitens verlangt die Sowjetunion in Paragraph I (1) (ß)
"eine Grundlage, die eine dauernde Überwachung in dem Umfang
möglich macht, der notwendig ist, um die Einhaltung der zuvor angeführten Konvention seitens aller Staaten sicherzustellen." Dies ist einer der unklaren Punkte, über den eine
weitere Diskussion erforderlich ist. Er könnte eine große
Verbesserung gegenüber der sowjetischen Formel von 1952 für
ein internationales Kontrollorgan bedeuten, welches "das
Recht haben soll, eine Überwachung auf dauernder Grundlage
durchzuführen, jedoch nicht berechtigt sein soll, sich in
die inneren Angelegenheiten der Staaten einzumischen".
Jedes Kontrollorgan mit Vollmachten "in dem notwendigen
Umfang, um die Einhaltung der Konvention sicherzustellen",
muß klar die volle Eingriffsfreiheit haben. Herr Wyschinski hat
darauf hingewiesen, daß während des Krieges Knopffabriken in
der Sowjetunion Munition herstellten. Die Internationale Kontrollkommission muß daher das Recht haben, auch Knopffabriken
zu inspizieren, um festzustellen, ob sie Munition herstellen
oder nicht. Das aber ist genau das, was der Sowjetdelegierte
uns während der londoner Besprechungen abgeschlagen hat; wir
hatten gehofft, daß diese Resolution hier einen Stellungswechsel
anzeige. Wenn wir jedoch die Erklärung von Herrn Wyschinski
vom gestrigen Tage richtig auslegen, dann kann jedes land die
Inspektoren einfach dadurch lahmlegen, indem es an einer
Munitionsfabrik ein Schild anbringt, das anzeigt; "Bleibt
draußen - diese Fabrik stellt Knöpfe her".
Drittens würde eine mit angemessenen Vollmachten ausgestattete Kommission zwangsläufig auch berechtigt sein gegen
jede Verletzung des Abkommens einzuschreiten. Dies soll nicht
heißen, daß die Kommission über eine eigene Armee verfügen
solle, die eingesetzt werden könnte, um den Schuldigen zu bestrafen. Sie würde jedoch über bestimmte Befugnisse verfügen,
von denen wir einige in unserem Konzept über das Internationale Kontrollorgan, das wir dem Unterausschuß der Abrüstungskommission in London vorlegten, genannt haben. Dazu gehört
das Recht der Sperrung der Zuteilung von spaltbarem Material
für die Vertragsbrüchige Nation, sowie die Schließung von
kernphysikalischem Material verarbeitenden Fabriken in diesem lande.
Der Vertreter der Sowjetunion hat kategorisch festgestellt,
daß die Kontrollkommission über die Weiterleitung des Vertragsbruchs an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in dem

�"AIÜERIKÜ

DIÜNST"

13. Oktober 1954

dem jedes permanente Mitglied in der läge ist, alle Aktionen
durch ein Veto zu blockieren, hinaus nichts tun könne. Wir
hofften, daß die neuen sowjetischen Vorschläge, die von der
die Durchführung sichernden Vollmachten reden, einen Wandel
in der sowjetischen Haltung darstellten. Herr Wyschinski
hat diese Hoffnung gestern sehr gründlich zerschlagen. Er
stellte klar, daß das Kontrollorgan, in dem es kein Vetorecht gibt, nichts unternehmen könne, um Vertragsbrüche zu
ahnden. Keine Verletzung der Bestimmungen des Abkommens kann
ohne die Zustimmung der mit ihrem Vetorecht bewaffneten Sowjetunion bestraft werden.
Viertens war es eine Frage, die in london vielleicht ausgedehntere Diskussionen verursachte als irgendeine andere,
nämlich diejenige
über die Zeitspanne, die zwischen dem
Verbot der Atomwaffen und dem Einsetzen der internationalen
Kontrolle liegen soll. Die Ansicht der Sowjetunion, die sie
traditionsgemäß auch in london vorbrachte, und die besagt,
daß das Verbot der Atomwaffen und die Einrichtung der Kontrolle gleichzeitig erfolgen solle, hört sich zwar gut an
- wir haben das vielfach zum Ausdruck gebracht -, ist aber
in diesem Zusammenhange buchstäblich bedeutungslos.
Das Atomwaffenverbot ist ein einziger Akt, während die
Ingangsetzung der internationalen Kontrolle einer langen Serie
von Beschlüssen bedarf. Der springende Punkt ist: Zu welchem
Zeitpunkt in der Entwicklung des Kontrollorgans würde das Verbot der Atomwaffen einsetzen ? Die Vereinigten Staaten, das
Vereinigte Königreich, Prankreich und Kanada haben sich in
London zu der im britisch-französischen Memorandum niedergelegten Auffassung bekannt, derzufolge das Verbot der Atomwaffen
so bald, aber nicht eher in Kraft treten soll, als bis das
Kontrollorgan in der läge sei, zu garantieren, daß das Verbot
auch tatsächlich verbietet. Die Sowjetunion andererseits,
stellte sich auf den Standpunkt, das Verbot solle bereits zum
Zeitpunkt der Erreichung eines Übereinkommens über die Errichtung eines Kontrollorgans ausgesprochen werden* Das ist als würde man sagen: MDa wir uns nnun einig sind ein Haus zu bauen,
laßt uns gleich einziehen. Ein Übereinkommen allein schützt
aber nicht vor dem Regen.
Herr Wyschinski gab dem Wort "gleichzeitig" in seiner Erklärung vom gestrigen Tage einen neuen Sinngehalt. Er brachte
zum Ausdruck, daß das Verbot von Kernwaffen und die Schaffung
internationaler Kontrollen in demselben Zeitabschnitt verwirklicht werden müßten. Mit anderen Worten, wir müssen das Haus
fertigstellen und gleichzeitig einziehen. Dies ist natürlich
schon ein Portschritt gegenüber dem Unterfangen, das Haus
schon zu beziehen, noch ehe es überhaupt gebaut ist. Es erheben sich dabei aber einige Prägen. Was soll werden, wenn
wir unsere Bereitschaft erklären, das Haus zu beziehen, und
es wird nie gebaut ? Was wird, wenn die für den Bau vorgesehene Zeit verstreicht, ohne daß das Haus fertiggestellt ist
- müssen wir dann trotzdem einziehen ? Kurz gesagt, inwieweit
die neue Situation einen Portschritt darstellt, hängt von dem
Zeitplan für den Bau und den Bezug des Hauses ab.
Herr

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

Herr Wyschinski hat für seine alte Formel, die sich als unbrauchbar erwiesen hatte, eine neue aufgestellt, cie noch sehr
vage gehalten ist und deshalb noch gründlich überprüft werden
muß.
Fünftens, liefert ein weiteres Eeispiel für eine Frage,
die erst noch eines eingehenden Studiums bedarf Absatz I (A),
in dem die Rede ist von gebilligten Stärken und der Abrüs &lt;ng
vom Stand des 31.Dezembers 1953. Wir haben diese Klausel m
der englischen und französischen Übersetzung sorgfältig geprüft. Offen gesagt, sie ist völlig sinnlos. Ich weiß ni h
recht, ob ich Herrn Wyschinskis Erläuterung dieses Abs tzes
richtig verstanden habe. Wie Herr Wyschinski beim Anbören der
Übersetzung bemerkte, sind die Bedingungen weit davon ent -r;,t,
ein Optimum darzustellen. Wenn ich recht begriffen haben &gt;ll*:e,
hat man ziemlich eindeutig zu verstehen gegeben, daß die Sowjetunion vorschlägt, man solle in der Abrüstung vom Stand des
31.Dezembers 1953 ausgehen und in zwei Phasen verfahren, wobei
die Gesamtabrüstung in jeder Phase zur Hälfte verwirklicht werden soll. Es ist uns noch immer nicht klar geworden, wo die es
Verfahren enden soll. Wie soll der Stand festgesetzt werden,,
auf den die bewaffreten Streitkräfte und die Rüstungen reduziert
werden sollen ? Wir wissen noch immer nicht, ob die Sowjetunion auch weiterhin und ausschließlich auf eine prozentuale
Abrüstung vom Stand des 31.Dezembers 1953 ausgehend besteht.
Herr Wyschinski erklärte, daß er im gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht auf eine prozentuale Abrüstung bestehe. Er ließ nicht
erkennen, ob er seine früheren Forderungen habe fallen lassen
oder ob er eine Alternativlösung anzunehmen bereit sei.
Wir hoffen noch immer, daß diese Sowjetvorschläge einen
wichtigen Schritt in Richtung auf eine Einigung auf ein Abrüstungsprogramm darstellen. Sie müssen jedoch noch k.argestellt und weiter ausgearbeitet werden. Weite Sektoren des
Abrüstungsprogramms werden in diesen Vorschlägen über aupt
nicht berührt. Darauf haben die Vertreter Großbritanniens u d
Frankreichs bereits mit klaren Worten verwiesen. Es gilt ei
gewaltiges Pensum schwerer Arbeit zu bewältigen, ehe wir ir
gendeinen der gegenwärtig der Vollversammlung oder der Abrüstungskommission vorliegenden Vorschläge in ein brauchbares
Abrüstungsprogramm umformen können.
Dies ist eine technische Frage. Nach unserer Auffassung
stellt die Vollversammlung kein geeignetes Forum für eine Erörterung der technischen Details dar. Allein schon die Tatsache, daß die Sowjetunion sich im Stande sah, diese neuen
Vorschläge zu unterbreiten, zeigt unserer Auffassung nach
wieviel Weisheit der von der Achten Vollversammlung ausgehenden Anregung zugrundegelegt war, daß die davon betroffenen Staaten in Geheimverhandlungen eintreten sollten. Wir würden die
Wiedereinsetzung des Unterausschusses befürworten, der sich mit
den sowjetischen Vorschlägen und den anderen der Abrüstungskommission zugegangenen Vorschlägen befassen soll. Kurz gesagt, wir
sind der Auffassung, daß man die sowjetischen Vorschläge in der
Hoffnung überprüfen sollte, daß eine ganze Reihe von ihnen in ir
gendeiner Form in einen Abrüstungsvertrag eingearbeitet werden
kann. Es sei hier ausdrücklich gesagt, daß wir sie nicht ablehnen.
- 8 IV!

�"juafchliCü LIENST"
13. Oktober 1954
IV»
Während der Beratungen des Unterausschusses in London und
den Erörterungen der Abrüstungskommission in New York haben wir
immer wieder darauf verwiesen, daß der sowjetische Abrüstungsvorschlag drei Haken enthalte, die nicht nur ein Uebereinkommen
unmöglich machen, sondern auch die Möglichkeit echter Verhandlungen zerstören. Wir wollen hier riöoh einmal auf diese drei
Charakteristika eingehen und prüfen, inwieweit sie auch in den
neuen sowjetischen Vorschlägen enthalten sind. Zunächst einmal
hat die Sowjetunion sich in der Vergangenheit immer mit Vorschlägen begnügt, die so vage gehalten waren, daß sie kaum noch
eine Bedeutung hatten. Botschafter Patterson verglich auf den Beratungen des Londoner Unterausschusses diese Vorschläge völlig
zu Recht mit einem Buch, das wohl ein Inhaltsverzeichnis und
sonst nur leere Seiten enthält. Wir bedauern es, daß diese Beschreibung unserer Meinung nach auch auf die neuen sowjetischen
Vorschläge passt. Viel Arbeit wird noch zu leisten sein, ehe sie
überhaupt eine wahre Bedeutung gewinnen.
Weiter enthielten die sowjetischen Vorschläge in der Vergangenheit stets lange Passagen ueber Versprechen, sie schwiegen
sich aber bemerkenswerterweise aus bezueglich der Sicherheitsgarantien, aus denen ersichtlich geworden wäre, daß die Sowjetunion
ihre Versprechen auch einhalten wolle. Die UdSSR hat sich jeder
Form internationalerKontrolle widersetzt, die bewirkt haben würde,
daß der Eiserne Vorhang hochgezogen werden müsste. Die nunmehr
unterbreiteten Vorschläge sind in solcher Weise abgefaßt, daß der
Anschein erweckt wird, als wolle die Sowjetunion gemäß ihrem eif
genen Vorschlag echten und wirksamen Sicherheitsgarantien zustimmen.
Ob sie in Wahrheit zu einem solchen Schritt bereit ist, läßt sich
wahrscheinlich erst nach Beginn der Erörterungen der Einzelheiten
sagen.
Ferner hätten die alten Vorschläge - selbst wenn wir die Erfüllung der von der Sowjetunion eingegangenen Versprechen voraussetzen - stets bewirkt, daß die freie Welt, nicht aber die Sowjetunion, hätte abrüsten müssen. So wären beispielsweise nach dem
alten sowjetischen Plan die wichtigsten Bausteine in dem Verteidigungsgebäude der freien Welt - die atomaren und thermonuklearen
Waffen und Stützpunkte - eliminiert worden. Andererseits wären die
wesentlichsten Faktoren, die die Stärke der Sowjetunion ausmachen die riesigen Heere und der enorme Vorrat an herkömmlichen Waffen um ein Drittel reduziert worden. Von diesem Standpunkt aus gesehen,
stellen die neuen Vorschläge gegenüber den alten Plänen einen wirklichen Fortschritt dar. Es ist sehr gut möglich, daß nähere Darlegungen erweisen werden, daß der neue Vorschlag durchaus mit der
Sicherheit anderer Nationen vereibar ist. Aber auch hier muss festgestellt werden, daß sich Abschließendes erst dann sagen läßt, wenn
wir wissen, was der Vorschlag genau bedeutet.
Wenn die Sowjetunion wirklich die Politik aufgegeben hat, die
eine Abrüstung der freien Welt, nicht aber des sowjetischen Blocks
bedeutete, dann stellte dies in der Tat eine Änderung des politischen Kurses dar. Ihre bisherige Politik stammte, wie wir bereits

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�"AMERIKA LIEHST"
13. Oktober 1954
bereits in den Debatten in der Abrüstungskommission aufgezeigt
haben, aus einer Zeit lange vor Schaffung der Abrüstungskommission
der Vereinten Nationen. Dies war die Politik der Kommunisten lange
bevor es die Sowjetunion überhaupt gab. Schon im Jahre 1916 findet
sich in den Schriften Lenins folgender Satz:
"Erst nachdem das Proletariat die Bourgeoisie entwaffnet hat,
wird es in der Lage sein, ohne dabei seine weltgeschichtliche
Mission zu gefährden, alle Waffen zum alten Eisen zu legen} das
Proletariat wird dies unzweifelhaft tun, aber erst nachdem diese
Bedingung erfüllt ist, keinesfalls vorher".
Bis die Sowjetunion das Sicherheitsbedürfnis anderer Staaten
zu berücksichtigen beginnt, bis die Sowjetunion die Abrüstung als
ein Mittel zu Verhinderung eines Krieges und zur Hebung des Lebensstandards der ganzen Menschheit und nicht als ein Sprungbrett dafür
betrachtet, strategische Vorteile für sich herauszuschlagen, so
lange wird es im Hinblick auf die Abrüstung keine Fortschritte
geben können. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen Woche
sind die Vereinigten Staaten willens und aufrichtig bestrebt, in
neue Verhandlungen und Gespräche einzutreten, die neue Fortschritte
im Hinblick auf die Herstellung des Weltfriedens zu bringen versprechen. Wir hoffen, daß die Welt zu allen weiteren Verhandlungen
und Diskussionen eine realistische Haltung einnimmt und sich nicht
vorzeitig ein allzu schönes Bild von einem Fortschritt ausmalt,
der sich dann als Fata Morgana erweist.
V. Schlußfolgerungen
Lassen Sie mich abschließend unseren Wunsch bekräftigen, alle
erfolgversprechenden Möglichkeiten für eine Abrüstung zu erschöpfen,
wenn sie nur eine richtige Abrüstung ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten bekannte sich in seiner feierlichen Ansprache anläßlich seiner Amtseinführung zu jenen Grundsätzen, von denen sich
die Vereinigten Staaten in der Verfolgung ihrer gerechten Sache vor
den Schranken der Weltgeschichte und in ihrem Ringen um den Weltfrieden leiten lassen, -c-iner dieser Grundsätze lautet: "Wir sind
bereit, uns mit jedermann und allen in dem gemeinsamen Bemühen
zusammenzufinden, um die Ursachen der gegenseitigen Furcht und
des Mißtrauens unter den Nationen zu beseitigen und auf diese Art
eine drastische Reduzierung der Rüstungen zu ermöglichen. Die
einzigen Voraussetzungen für Bemühungen dieser Art sind, daß sie
in ihrer Zielsetzung folgerichtig und ehrlich auf einen sicheren
Frieden für alle gerichtet sind, und daß durch diese Bemühungen
Methoden entwickelt werden, durch die jede beteiligte Nation ihren
guten Willen zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen beweisen kann."
Die neuen sowjetischen Vorschläge scheinen wirklich neue
Chancen für weitere Diskussionen zu eröffnen. Wir müssen jedoch .
nachdrücklich darauf verweisen, daß diese Vorschläge - wie alle
Vorschläge überhaupt - lediglich einen Anfang darstellen. Es gibt
viele wichtigen Teile eines Abrüstungsprogrammes, auf die in
diesen Vorschlägen ueberhaupt nicht eingegangen worden ist, und
selbst wo sich in den sowjetischen Vorschlägen eine Lösung anzu-

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�JIENST"
13. Oktober 1954
anzubieten scheint, ist diese in den meisten Fällen zu wenig
genau und zu zweideutig formuliert, als dä3 die Welt rs!L»h nach
ihrem rechten Wert beurteilen kann. Wir sind der Hoffnung, daß
die Sowjetunion ihren Standpunkt wirklich geändert hat, so daß
greifbare Portschritte hinsichtlich jenes Zieles erreicht werden
können, dem jedermann zustreben muß: einem wahren und dauerhaften
Frieden.
"ÜMEKIKA

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER ALDRIC1I FÜR STÄRKERE LIBERALISIERUNG DES
AMERIKANISCHEN AUSSENHANDELS
Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Ansprache, die der amerikanische Botschafter in Großbritannien, Winthrop W. Aldrich, am
14» Oktober anläßlich der Zuerkennung der goldenen Ehrenplakette für seine Verdienste um die
Wahrung des amerikanischen Erbes vor dem
New York Board of Trade gehalten hat„
NEW YORK ~ (Amerika Dienst) — Das Gefühl der Dankbarkeit,
das mich angesichts der so ehrenvollen Zuerkennung dieser Auszeichnung erfüllt, wird noch erheblich vertieft durch das Wissen,
daß Mr. Byrnes dieselbe Ehrung erfährt. Seine politische Klugheit hat uns durch einige der spannungsreichsten Momente unserer
Geschichte geleitet. Ich erinnere mich noch sehr genau an ein
Zusammentreffen mit ihm in Paris, zu der Zeit, als er das Amt
des Außenministers bekleidete. Es war in den Tagen des zweiten
Außenministerrates im Frühjahr 1946. Er sprach damals von den
ernsten Sorgen, die ihm die ständig zunehmende Behinderung des
Welthandels bereiteten und betonte, daß es seiner Auffassung
nach an der Zeit sei, in den Vereinigten Staaten ein Gremium von
führenden Wirtschaftlern und Bankfachleuten aus allen Teilen
des Landes zu bilden, um diese Probleme eingehend zu studieren
und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, wie man gegen
diese Entwicklung ankämpfen könne. Auf Empfehlung Mr. Byrnes'
schuf der Präsident später einen derartigen Ausschuß und mir
persönlich widerfuhr die Auszeichnung, jahrelang als dessen Vorsitzender zu fungieren. Es war mir ein Vergnügen, damals unter
Mr. Byrnes zu arbeiten und es ist mir deshalb auch heute eine
besondere Freude, mit ihm die Ehrung zu teilen, die sie uns
beiden gemeinsam zugedacht haben»
Ich bin nun schon beinahe zwei Jahre in London. Im Laufe
dieser beiden Jahre konnte ich eine wahrhaft außergewöhnliche
Reihe von Erfolgen der amerikanischen Diplomatie aus nächster
Nähe miterleben. Unter der weitschauenden und klugen Führung
von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles haben die
Vereinigten Staaten sich immer mehr in die Rolle des guten
Partners in der Gemeinschaft der Nationen hineingelebt.
~

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�"AMERIKA DIENST* - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Der Krieg in Korea wurde von uns in jenem Geist der Partnerschaft gegen die Aggression geführt, der dem Begriff der
"Vereinten Nationen" erst einen wirklichen Sinngehalt gibt. Und
der Waffenstillstand, der schließlich doch zustande kam, war
das Ergebnis langer und auf einander abgestimmter Bemühungen
seitens der freien Völker.
Aus diesem Geist der Partnerschaft heraus auch waren wir in
der Lage, Großbritannien und Ägypten bei der Ausarbeitung einer
endgültigen Lösung in der Präge der Suezkanal-Stützpunkte zur
Seite zu stehen.
Im gleichen Geiste konnten wir auch bei der Beilegung des
persischen ölstreits eine helfende Hand bieten.
Der Manila-Pakt und die gleichfalls dort unterzeichnete
beispielgebende Pazifik-Charta waren zwei Meilensteine auf einmal.
Der Pakt war ein entscheidender Beitrag zur Stärkung der kollektiven Selbstverteidigung in Südostasien und die Charta war eine
kühne Erklärung der Grundsätze der Selbstbestimmung, der Selbstregierung und der Selbständigkeit in jenem Teil der Welt.
Dazu kommen die.in jüngster Zeit erfolgreich beendete NeunMächte-Konferenz und die Unterzeichnung des Triest-Abkommens.
Die auf der Neun-Mächte-Konferenz unterzeichnete Schlußakte,
stellt meiner Meinung nach die bestmögliche Vereinbarung bezüglich der Sicherheit Westeuropas dar, die nach Ablehnung der EVG
erzielt werden konnte* Aus dem Vakuum, das das Scheitern der EVG
hinterlassen hatte, und nach vier Wochen,von ernsten Befürchtungen gekennzeichnet, wurde ein brauchbarer Plan für die Zuerkennung der Souveränität an Deutschland und seine Wiederbewaffnung geboren und damit im Herzen der Nordatlantikgemeinschaft ein
Krietallisationspunkt der Einheit gewonnen. Die erfolgreiche
Arbeit, die die Architekten dieses Europas in London geleistet
haben, wurde durch die Billigung seitens des deutschen Bundestages und - vorgestern erst - auch durch die französische Nationalversammlung gekrönt.
Während der gesamten Konferenz haben Großbritannien und die
Vereinigten Staaten in engster Gemeinschaft zusammengearbeitet.
Wir leisteten unserem großen Verbündeten Hilfestellung, der die
Initiative ergriffen hatte, um einen Plan zur Ausfüllung des
durch die Ablehnung der EVG entstandenen Vakuums auszuarbeiten.
Da das Scheitern der EVG-Pläne ein Scheitern von innen
heraus darstellte, war Mr. Dulles zu der weisen Schlußfolgerung
gelangt, daß die Initiative für neue Vorschläge zur Neun-MächteKonferenz von den europäischen Völkern ausgehen müsse» Seine
staatsmännische Kunst hat aber viel dazu beigetragen, die Konferenz über manche Untiefe hinwegzubringen.
Triest war gleichfalls im Grunde ein europäisches Problem,
ein seit neun Jahren bestehender Fieberherd, da dort die territorialen Wünsche Italiens und Jugoslawiens mit einander völlig

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

völlig unvereinbar schienen. Ein langes Jahr der Erörterungen
und Konferenzen, bei denen Großbritannien und die Vereinigten
Staaten helfend zur Seite standen, endete schließlich mit einem
Kompromiß, durch den dieser Gefahrenherd beseitigt werden konnte.
A]le hier angeführten Ereignisse werden von den Sowjets mit
Unbehagen aufgenommen. Die Partnerschaft der freien Welt aber wurde
durch diese Erfolge gestärkt.
Nun möchte ich aber noch auf Fragen eingehen, die Ihnen näher
liegen dürften.
Als Mitglieder des New York Board of Trade, einer Vereinigung von Wirtschaftlern dieser größten Hafen- und Handelsstadt
unseres Landes nehmen Sie an der Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten besonderen Anteil. Als amerikanischer Botschafter
bei einem der wichtigsten Handelsvölker der Erde wurde mir einmal
mehr klar, welche unerhörte Bedeutung unseren Handelsbeziehungen
mit der übrigen Welt zukommt und zwar nicht nur für die Entwicklung der Wirtschaft, sondern auch im politischen und militärischen
Bereich.
Der geradezu phantastische Aufstieg unseres Landes und seine
in so kurzer Zeit vollzogene Umwandlung von einem unentwickelten
Kontinent zu einer der wirtschaftlich stärksten Machte der Erde
haben dazu geführt, daß unsere Handelsbeziehungen zum Ausland zu
einem wichtigen Anliegen wurden.
Ich glaube, daß eine immer größer werdende Anzahl von Menschen
und insbesondere unsere Geschäftswelt dieses Problem klar erkannt
hat und weiß, wo die Lösung liegt. Und wir schätzen una glücklich,
daß heute ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der diese Einsicht
teilt.
Um den Erfordernissen der Zeit gerecht werden zu können,
sollte das amerikanische Volk die Förderung eines möglichst ausgedehnten Welthandels als eine seiner vordringlichsten Aufgaben
ansehen.
Als ein Volk, das sich dem I^eal einer freien Wettbewerbswirtschaft verschrieben hat, können wir ohnehin nur eine Welt als
erstrebenswert erachten, in der der Handel auf der Basis der Gegenseitigkeit abgewickelt wird, in der es keinerlei diskriminierende
Praktiken hinsichtlich des Zugangs zu den Rohstoffquellen gibt,
in der jeder Geschäftsmann die Möglichkeit hat, nach Belieben und
Können Handel zu treiben, in der es nur ein Mindestmaß an Eingriffen in die Wirtschaft durch die Regierung gibt und in der die
Währungen frei konvertierbar sind. Wir alle wissen, daß die^e
Bedingungen nicht herbeigeführt werden können, es sei denn, daß
auch die Vereinigten Staaten bereit sind, tatkräftig auf ihre
Verwirklichung hinzuarbeiten.
Das ist auch der Grund, warum ich auf dem Standpunkt stehe,
daß die Vorschläge des von Clarence B. Randall geleiteten Ausschusses für Außenhandelspolitik des Präsidenten angenommen werden

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

werden sollten. Sie stellen ein nüchternes und praktisch durchführbares Programm auf, das so gehalten ist, daß es sich reibungslos in das amerikanische Wirtschaftsleben einfügt und unseren nationalen Interessen zu dienen vermag.
Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, zu glauben,
daß irgendeine diesbezügliche Maßnahme nur dem Wohl anderer
Völker dient oder etwa darauf abzielt, die übrige Welt auf unsere
Kosten vor dem Ruin zu bewahren. Ganz im Gegenteil. Eine liberale
Außenhandelspolitik der USA ist das Diktat des wohlverstandenen
Eigeninteresses des amerikanischen Volkes. Sie wird natürlich
anderen freien Völkern helfen und sie wird sicher den Schutzwall
der Freiheit in allen Teilen der Welt stärken. Sie ist aber gleichermaßen wichtig für eine zunehmende Prosperität und für die
endgültige Sicherung des Fortbestandes unseres Landes und unseres
Lebensstils,,
Seit ich nach London gegangen bin, habe ich wiederholt einsehen müssen, wie unmittelbar und einschneidend die Auswirkungen
unserer Außenhandelspolitik auf die Wirtschaft in den Vereinigten
Staaten sind.
Das tägliche Brot und der Lebensstandard eines großen Teils
des amerikanischen Volkes hängt von der Entwicklung auf den Exportmärkten ab. In der Landwirtschaft beispielsweise gehen die Erträge
einer Anbaufläche von 16 Millionen ha, das sind etwa 10 bis 12
Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugung der USA ins
Ausland. Zahlreiche amerikanische Werke verkaufen ihre gesamte
Produktion auf ausländischen Märkten» Präsident Eisenhower hat
einmal festgestellt, daß vier Millionen Amerikaner für den Export tätig sind.
Es ist eine feststehende Tatsache des Wirtschaftslebens,
daß wir für das Ausland Dollars flüssig machen müssen,, wenn wir
unsere Exporte in Dollar bezahlt erhalten wollen.
Was heißt das? Es heißt einfach, daß wir bei der Annahme,
wir könnten durch eine Restriktion der Importe Amerika und seinen Lebensstandard schützen, genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir erreichen wollen. Dann Importrestriktionen sind
gleichbedeutend mit Ausfuhrbeschränkungen. Und das kann nicht
nur eine steigende Zahl von Arbeitslosen und einen fallenden Lebensstandard für viele vom Ausfuhrgewerbe abhängigen Amerikaner Farmer, Industriearbeiter und Unternehmer - bedeuten, sondern
sich auch in gleicher Weise auf die gesamte Verbraucherschaft in
den Vereinigten Staaten auswirken, die dann für diese Güter höhere
Preise zu zahlen haben wird.
Dieser Gesichtspunkt wird einem um vieles augenscheinlicher,
wenn man, so wie ich, in London tätig ist * also an einem Platz
im Ausland, wo Amerika Waren absetzt und infolgedessen auch einkaufen kann, oder wo die Vereinigten Staaten zu unserem Bedauern
zuweilen keine Waren verkaufen und infolgedessen auch keine einkaufen können,.
Tag
«= 4 —

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Tag für Tag wird die amerikanische Botschaft in London von
amerikanischen Bürgern besucht, die ihre Waren gern im Bereich
Großbritanniens und des Commonwealth absetzen wollen. Sie bieten
Autos, Harthölzer, landwirtschaftliche Produkte und viele andere
in den Vereinigten Staaten erzeugte Güter zum Verkauf an. Sie erhalten immer die gleiche Antwort: "Ihre Erzeugnisse finden unseren
Beifall, wir wollen sie gern haben. Aber wir haben nicht genug
Dollar. Wenn wir uns Dollar verdienen könnten, dann würden wir
gern mit Ihnen Geschäfte abschließen."
Und zur gleichen Zeit berichten uns englische Kaufleute von
ihren Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Markt, von Verzögerungen in der Erledigung der Zollformalitäten, von hohen Zollsätzen, von der Zurückweisung niedriger Angebote auf Grund der
Bestimmungen des Gesetzes über die Bevorzugung amerikanischer
Lieferfirmen bei öffentlichen Ausschreibungen (Buy American Act),
und vor allem von der Unsicherheit, die s^ch aus den Rücktrittsklauseln (eacape uiauses)und anderen Bestimmungen unserer Zollgesetze ergeben, die für sie in ihren Handelsbeziehungen bindend
sind.
Alle diese Erschwernisse, die der Einfuhr aus dem Auslande
in den Weg gelegt werden, sind dem ausländischen Exporteur hinderlich. Aber gleichzeitig bewirken sie noch etwas anderes. Sie behindern nämlich auch den amerikanischen Exporteur. Jedes Mal, wenn
wir ein mögliches Importgeschäft vereiteln, geht uns «in wahrscheinliches Absatzgeschäft im Auslande verloren.
Wenn wir uns nicht zu einer liberaleren Handelspolitik bekennen, dann ist durchaus die Möglichkeit gegeben, daß wir den
jetzigen Stand des Außenhandelsgeschäfts nicht aufrecht erhalten
können. Wir werden uns dann wahrscheinlich in das Gewirr immer
größerer Restriktionen verstricken, auf den alten engstirnigen
Grundsatz der Handelsabkommen auf Zweiseitigkeit zurückgreifen
und ein rückläufiges Außenhandelsvolumen in Kauf nehmen müssen.
Eine solche Entwicklung hat ein eigenes Kraftmoment, sowohl nach
vorn als auch nach rückwärts. Sie könnte unser ganzes Wirtschaftssystem in schwere Gefahren bringen.
Ganz besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang wohl
der Tatsache zu, daß die große Nachfrage nach amerikanischen Waren
im Ausland als einer der wichtigsten Faktoren in der Stabilisierung
der rückläufigen Wirtschaftstendenz in den Vereinigten. Staaten
während des vergangenen Winters bezeichnet werden darf. Ich bin
der Überzeugung, daß der überwiegende Teil der amerikanischen
Geschäftsleute, Farmer, Gewerkschafter und Wirtschaftler heute
immer mehr der Ansicht zuneigen, daß eine liberalere Außenhandelspolitik der USA für die Prosperität im Innern unerläßlich ist.
Aber heute besteht neben dem wirtschaftlichen Eigeninteresse
und über dieses hinaus noch ein anderer Grund, aus dem heraus wir
uns Präsident Eisenhower auf seinem Weg anschließen und eine Steigerung des Volumens eines zweigleisigen Handels unterstützen
sollten. Und dieser Grund lautet: Die Sicherheit des Landes erfordert es.
-nÖQ

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Das ist eine völlig neue Entwicklung. Und auch hier wieder
ergibt sie sich aus der ungeheueren Bedeutung, die die amerikanische Wirtschaft heute innerhalb der gesamten Weltwirtschaft
errungen hat. Unser Markt ist so riesig, daß ein geringfügiger
Aufwärts- oder Abwärtstrend in unserem Importgeschäft - wie unbedeutend er auch im Hinblick auf den Totalkonsum der Vereinigten Staaten sein mag - für viele andere Länder die Differenz
zwischen Wohlstand und Depression bedeuten kann. Und wenn unsere
Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten gerät und wir uns nicht
vernünftig und klug verhalten und unseren riesigen Anteil am
Welthandel nicht in gerechter Weise in die Waagschale werfen,
dann besteht die Gefahr, daß ein wirtschaftliches Chaos über
Gebiete hereinbricht, an deren Wohlstand, Stabilität und guten
Willen uns aus unserem eigensten Interesse gelegen ist.
In dieser unserer Welt müssen wir die bestehenden Bande der
Freundschaft pflegen und unsere Bündnisse ausbauen. Hierbei kommt
der Art, wie wir unseren Außenhandel abwickeln, besondere Bedeutung zu.
Es gibt drei ganz präzise Gründe, warum eine liberalere
Außenhandelspolitik für die Verteidigung der Vereinigten Staaten
unerläßlich ist.
1) Wenn wir unseren Freunden einen besseren Markt bieten,
werden ihre Wirtschaftssysteme gestärkt. Damit wird für ihre
eigenen Verteidigungsanstrengungen eine gesündere Basis geschaffen und ihre Länder werden gegen die Wühlarbeit der Fünften
Kolonne des Gegners, die sich vor allem auf wirtschaftliche
Schwierigkeiten stützt, immer mehr immun. Durch eine Liberalisierung des Imports läßt sich das auf dem Wege des Handels erreichen, was uns und anderen Ländern zum Nutzen gereichen würde.
2) Verbündete Nationen, denen wir den Zugang zu unserem
Markt verwehren, müssen sich andernorts Märkte erschließen.
Unsere Gegner lassen keine Gelegenheit verstreichen, unsere Fehler auszunutzen. Sie sagen: "Da habt ihr es, man kann mit den
Vereinigten Staaten keinen Handel treiben. Darum handelt mit uns!"
Diese Worte müssen natürlich auf alle diejenigen einen tiefen
Eindruck machen, die in ihrem Handel mit uns auf Schwierigkeiten
stießen - die Holländer zum Beispiel, deren Käse von der Einfuhrliste gestrichen wird, oder die Dänen etwa, deren Butter unter
Embargo fällt. Derartige Angebote haben bereits ihren Einfluß
auf den amerikanischen Handel und unsere gemeinsame Sicherheit
ausgeübt.
Natürlich wird ein begrenztes Volumen im Ost-West-Handel
keinen Schaden anrichten. Die Auswirkungen können sogar günstig
sein. Aber die Folgen müßten gefährlich sein, wenn die kleineren
und schwächeren Nationen in Europa in ihrem wirtschaftlichen
Wohlergehen und ihrem Bestand zu abhängig von den sowjetischen
Märkten würden.
3) Als stärkste Nation in der Partnerschaft der Staaten der
freien Welt müssen sich die Vereinigten Staaten das Vertrauen
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Vertrauen jener Völker zu erhalten suchen, mit denen sie verbündet und von denen sie abhängig sind. Immer wieder haben wir die
Initiative ergriffen, Maßnahmen vorzuschlagen und auszuarbeiten,
die dann später mit Erfolg gemeinsam von den Nationen der freien
Welt ergriffen wurden. Aber ich spräche nicht offen genug zu
Ihnen, wollte ich verschweigen, daß wir das Semenkorn des Zweifels hinsichtlich unserer Eignung, eine führende Rolle in dieser
Partnerschaft zu spielen in die Herzen anderer Völker säen, wenn
wir immer wieder zögern oder zagen, uns eine liberale Handelspolitik zu eigen zu machen oder sie fortzusetzen. Wenn die Bestimmungen des Gesetzes über die Bevorzugung amerikanischer
Lieferfirmen bei öffentlichen Ausschreibungen zu Gunsten eines
höheren amerikanischen Angebotes vor einem niedrigeren Angebot
aus dem Auslande angewendet werden, dann erregt das hier in den
Vereinigten Staaten kaum Interesse; aber ich darf Ihnen versichern, daß dies eine ganze Woge der Kritik, des Ressentiments
und der Bitterkeit in den davon betroffenen Ländern auslöst,
und daß diese Tatsache stets in den Schlagzeilen der Zeitungen
auftaucht. Die Kosten, die wir für den sogenannten Schutz einer
einzigen amerikanischen Firma zahlen müssen, sind für die Gesamtheit unseres Volkes enorm hoch.
Auch diesem Grunde stelle ich mich voll und ganz hinter die
Empfehlungen des Randall-Ausschusses, in denen eine grundlegende
Neuordnung dieser diskriminierenden Gesetzesbestimmungen gefordert wird.
Und das ist auch der Grund, warum ich so fest von der Richtigkeit und Notwendigkeit eines Bekenntnisses unsererseits zu den
übrigen von Präsident Eisenhower verkündeten Grundsätzen der
Außenhandelspolitik überzeugt bin.
Seit Ende des Krieges haben wir - neben unseren finanziellen
und militärischen Unterstützungsmaßnahmen zur Wiederherstellung
der Stärke anderer Staaten - maßgeblich bei den Versuchen mitgewirkt, vernünftige Regeln für den Handel auf der Grundlage des
freien Wettbewerbs, der Initiative des einzelnen und der gleichen
Chancen für alle auszuarbeiten. Wir haben diese Grundsätze der Welt
unaufhörlich vorgebetet. Ich bin der Meinung, wir - wie auch die
anderen - sollten entsprechend handeln.
Es ist an uns, einen weiteren wichtigen Schritt zu tun:
wir müssen die Vereinigten Staaten in die Lage versetzen, ihren
Anteil am Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT), das den
Rahmen für allgemeine Handelsbestimmungen bietet, voll zu erfüllen. Unsere Beteiligung an diesem Abkommen wurde zum Teil dadurch unklar, daß der Kongreß diesen Vertrag weder gebilligt noch
abgelehnt hat. Dennoch wurden die Bestimmungen dieses Abkommens
allgemein als die Verfahrensregeln für den internationalen Handel
anerkannt. Die Signatarmächte des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens sind öfters zusammengetreten und haben viele Handelsprobleme gelöst, die sich in einem anderen Falle leicht zu schwierigen Streitfällen hätten ausweiten können. Zwischen den Unterzeichnerstaaten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens hat sich
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

sich ein beachtliches Maß an gegenseitigem Vertrauen entwickelt,
das als eine der großen zur Einheit der freien Welt drängenden
Kräfte bezeichnet werden darf. Ein solches Verständnis für einander und ein solches gegenseitiges Vertrauen sind besonders notwendig, wenn, wie in der gegenwärtigen Zeit, die Sowjets ihre
"Außenhandelsoffensive" intensivieren.
Viele Staaten sind ängstlich bestrebt, weitere Verhandlungen
über eine Herabsetzung der Zollsätze in die Wege zu leiten. Aber
keine Gruppe von Staaten ist zu einer solchen Herabsetzung bereit,
so lange sich die Vereinigten Staaten nicht an den notwendigen
Verhandlungen beteiligen. Wir werden erst dann in der Lage sein,
uns an den Verhandlungen zu beteiligen, wenn wir die Pläne des
Präsidenten für eine bessere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet
angenommen haben.
Es gibt aber auch noch andere praktische Gründe, aus denen
heraus wir uns um eine möglichst weitgehende Expansion des Volumens des Welthandels
auf der Basis multilateraler
Abkommen bemühen sollten. Etwa 85 Prozent aller Einfuhren entfallen auf Rohstofflieferungen aus wirtschaftlich rückständigen
Gebieten.
Zu erwähnen ist ferner das Sonderproblem Japan, das auf
fairer Basis wieder in die Gemeinschaft der handeltreibenden Nationen des Westens eingegliedert werden muß, damit es ohne die
ungewöhnlichen Methoden der Subventionierung seinen eigenen
Lebensunterhalt verdienen kann. Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist
es für die freie Welt notwendig, während der nächsten Jahre
gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um Raum für zusätzliche
japanische Exporte im Werte von vielleicht 500 bis 600 Millionen
Dollar zu schaffen.
Schließlich möchte ich noch auf einen weiteren Punkt hinweisen. Niemals ist uns die Zeit so günstig gewesen wie heute. Teils
als Folge unserer eigenen Bemühungen und Unterstützungsleistungen,
teils auf Grund der eigenen Energie und Entschlossenheit haben
sich zahlreiche Länder der freien Welt großenteils von den Kriegsfolgen erholt. Ihre Währungen haben sich stabilisiert, ihre Produktion ist wieder im Ansteigen begriffen und überschreitet bereits den Vorkriegsstand und auch ihre Gold- und Dollarreserven
wachsen. Die Rationierungen und Restriktionen aus der Kriegszeit werden nach und nach aufgehoben. Besonders in den letzten
beiden Jahren ist bei zahlreichen Ländern ein immer fühlbarer
werdender Übergang zu größerer wirtschaftlicher Freiheit feststellbar. Und zahlreiche Nationen Europas und des britischen
Commonwealth beginnen ernsthaft die freie Konvertierbarkeit der
Währungen und die Rückkehr zu gesunden Handelsverhältnissen, wie
wir alle sie erstreben ins Auge zu fassen. Es dürfte aber meiner
Ansicht nach klar sein, daß zahlreiche Länder erst dann endgültige Schritte unternehmen werden, wenn sie die Gewißheit haben,
daß auch wir uns weiterhin in der gewünschten Richtung bewegen.

Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Es ist daher beruhigend zu wissen, daß Präsident Eisenhower
sich dieser Situation ebenso wie der Notwendigkeit bewußt ist,
die gegenwärtigen Tendenzen zu größerer Freiheit zu stärken.
In seinem Briefe an Harry Bullis, den Präsidenten der General
Mills, schrieb der Präsident vor einigen Wochen: "Eine kluge
Erweiterung und Vertiefung des Handels und eine gesteigerte amerikanische Investitionstätigkeit wird nicht nur von sich aus schon
günstige Ergebnisse zeitigen, sondern auch unsere Freunde im
Auslande zu einer ähnlichen Handlungsweise ermutigen. Dieser Weg
sollte eingeschlagen werden, um zu größeren Märkten und einem
besseren gegenseitigen Verständnis zu gelangen." Und der Präsident
fügte hinzu: "Ich habe gegenwärtig die Absicht, bei der Planung
für das Gesetzgebungsprogramm für das nächste Jahr diesem gesamten Gebiet eine Vorrangstellung einzuräumen."
Neue Entwicklungen und neue Bedürfnisse bahnen sich in
großen Teilen der Welt an. Die freien Nationen befinden sich
heute an einem Punkt des Überganges von aus der Not geborenen
Maßnahmen zu einer Politik auf weite Sicht. Welche Form diese
Politik annimmt, wird in großem Ausmaße von dem Kurs abhängen,
den wir in den kommenden Monaten einschlagen.
Mit Rücksicht auf das wirtschaftliche Wohl unseres eigenen
Volkes und auf unsere Sicherheit wie die unserer Freunde in der
ganzen Welt können wir es uns nicht leisten, diese Gelegenheit
zum Handeln vorübergehen zu lassen. Es ist daher von äußerster
Wichtigkeit, daß Präsident Eisenhower in seinen Bemühungen, so
schnell wie möglich eine weitschauende Außenhandelspolitik einzuschlagen auch vom amerikanischen Volke unterstützt wird. Bei
diesen Bemühungen fällt der amerikanischen Geschäftswelt eine
besondere Verantwortung zu. Mehr als andere können die führenden
Persönlichkeiten aus Handel und Finanz, aus der Industrie und
der Landwirtschaft klar erkennen, was wir gewinnen, wenn wir
Erfolg haben und welches Risiko wir eingehen, wenn wir versagen.
Angesichts der Tatsache, daß der Friede und das Wohl der
Vereinigten Staaten so deutlich auf dem Spiele stehen, hege ich
keinen Zweifel, daß uns Erfolg beschieden sein wird.
*

*

*

•

- 9-

*

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET ÜBER DIE PARISER KONFERENZ
WASHINGTON — (Amerika Dienst) ~ Unter dem Vorsitz
von Präsident Eisenhower fand am 25« Oktober 1954 eine
außerordentliche Sitzung des amerikanischen Kabinetts
statt, auf der Außenminister Dulles über die am 2J&gt;. Oktober 1954 beendete Pariser Konferenz Bericht erstattete. Die Niederschrift dieser Sitzung, die zum ersten
Mal in der amerikanischen Geschichte von den amerikanischen Rundfunk- und Fernsehstationen direkt übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
Präsident Eisenhower; Mrs. Hobby, meine Herren! Wie Sie
wissen, habe ich Sie heute abend hierher gebeten, um einen Bericht aus erster Hand von Außenminister Dulles über die Verhandlungen entgegenzunehmen, die gerade in Europa stattgefunden
gebnis diese Verhandlungen
^ordentlich wichtig, daß
-icht

worden ist, unter welchen Umständen die Ergebnisse erzielt wur
den und was sie wahrscheinlich bedeuten werden.
Als ich ersucht wurde, diese Kabinettssitzung durch die
amerikanischen Fernseh- und Rundfunkstationen sowie die Wochen
schauen übertragen zu lassen, war mir klar, daß das Thema des
heutigen Abends ein ganz besonderes ist, ein Thema, über das
die gesamte amerikanische Bevölkerung unbeschadet ihrer Rassen ,
Parteien- oder Religionszugehörigkeit etwas hören möchte. So
werden wir heute abend diese Kabinettssitzung durch alle Nachrichtenmedien übertragen lassen.
Außenminister John Foster Dulles: Mr. Präsident, ich weiß
es sehr zu schätzen, daß man mir die Gelegenheit gegeben hat,
Ihnen Mr. Präsident, meinen Kabinettskollegen und dem amerikanischen Volk einen ersten sofortigen Bericht über die Ereignisse zu geben, die am vergangenen Sonnabend ihren Höhepunkt
fanden. Ich glaube, daß die Bedeutung dieser Ereignisse es
rechtfertigt, wenn sie dem amerikanischen Volk unverzüglich
zur Beurteilung unterbreitet werden. Ich weiß wohl, wie schwierig es ist, ein wohlüberlegtes Urteil zu fällen, wenn man noch
mitten in den Ereignissen steht. Aber ich bin aufrichtig davon
überzeugt, daß die Geschichte die Ergebnisse, die am vergangenen Sonnabend in Paris zustandekamen, bzw. ihren Höhepunkt fanden, nicht so bald vergessen wird.
._
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�"AMERIKÜ

DIENST"

27. Oktober 1954

• Anfang September sahen die Dinge recht düster aus. Der
Plan für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft war zusammengebrochen, und es hatte den Anschein, als ob die gesamte
Struktur des Nordatlantikpakts, das ganze Paktsystem, von politischen Entscheidungen und Ungewißheiten unterminiert, ja hinwegggriseen wardai könnte.Dieser schwere Schlag in Europa erfolgte zu
einem Zeitpunkt, da wir unser wohlgeplantes Projekt für die
Schaffung einer Einheit in Südostasien noch nicht zum Abschluß
gebracht hatten.
Wir hatten - wie Sie sich erinnern werden - für Anfang
September eine Konferenz geplant, die in Manila stattfinden
sollte. Diese Konferenz aber stand noch aus. So hatten wir
als erstes die schwere Entscheidung zu treffen, ob wir an
diesem Manila-Projekt für einen Südostasienvertrag festhalten
oder ob wir diesen ganzen Komplex fallen lassen sollten, um
uns sofort Europa zuzuwenden und hier zu versuchen, mit der
entstandenen Situation fertig zu werden. Wir alle empfanden,
daß wir die Weiterarbeit an dem Südostasienplan nicht unterbrechen durften. Ich bin sicher, daß unsere Alliierten in
Asien sehr unangenehm berührt gewesen wären - ja sich tief
verletzt gefühlt hätten -,wenn wir in dem gleichen Augenblick,
da in Europa Schwierigkeiten entstanden, alle unsere Konferenzpläne mit ihnen einfach fallengelassen hätten.
So beriefen wir also zunächst einmal die Manila-Konferenz
ein. Sie fand dann auch, wie Sie sich sicher erinnern werden,
zwischen dem 2. und 9« September statt und hatte den Südostasien-Pakt und die Pazifik-Charta als Ergebnis. Die Konferenzteilnehmer, die freien Völker Asiens und Europas, brachten bei
dieser Gelegenheit gemeinsam ihre Entschlossenheit zum Ausdruck,
für die Aufrechterhaltung des Friedens, der Sicherheit, der
Unabhängigkeit und Freiheit in Südostasien einzutreten.
Als jene Phase unserer Politik hinter uns lag, hatte ich
wieder freie Hand und konnte nach Europa reisen, um an Ort und
Stelle die Lage zu studieren, die durch das Scheitern des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entstanden war. Und als ich nach Europa flog, war ich in einer wirklich günstigen Position: nicht nur, daß die Exekutive eine
feste Stellung bezogen hatte, diese Stellung wurde auch durch
den Senat der Vereinigten Staaten in einer nicht von Parteigesichtspunkten beeinflußten einstimmigen Abstimmung gutgeheißen. Diese Abstimmung war eine wirklich außergewöhnliche
Demonstration des Geistes, der Zusammenarbeit und des unparteilichen Handelns seitens des Senats. Sie werden sich sicher
noch daran erinnern, daß der Senat, ehe er im August in Ferien
ging, einstimmig jene Resolution annahm, mit der Sie aufgefordert wurden, für den Fall eines Scheiterns des EVG-Vertrags
unter Ausschöpfung Ihrer gesamten Exekutivvollmachten den Versuch zu unternehmen, Deutschland die Souveränität zurückzugeben
und die Voraussetzungen für einen Beitrag Deutschlands zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt zu
schaffen.
Gestützt auf diese Tatsachen und auf Ihren Beschluß hin
fuhr ich dann schnell nach Europa. Ich reiste zuerst nach Bonn, •,
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27. Oktober 1954

DIENST"

Bonn, wo ich mit Bundeskanzler Adenauer sprach, dessen Ansichten ich kennen lernen wollte, da er in all diesen Jahren ein
kühner und entschlossener Verfechter der Einheit Europas gewesen ist. Er wird übrigens, wie Sie wissen, übermorgen selbst
hier sein, und ich weiß, man wird ihm hier den Empfang bereiten, den das amerikanische Volk einem großen Staatsmann wie ihm
schuldig ist.
Nach eintägigem Aufenthalt in Bonn fuhr ich anschließend
'nach London, wo ich mit Sir Winston Churchill und Mr. Eden verhandelte. Ich sollte jetzt wohl Sir Anthony Eden sagen. Aber das ist so neu für mich, irgendwie vergesse ich das immer.
Und er machte sich gleich mit großer Tatkraft und geistiger
Aufgeschlossenheit daran, alles, was nach dem Scheitern des
EVG-Vertrages übrig geblieben war, noch zu verwenden. Zu diesem
Zeitpunkt mußten wir noch eine andere wichtige Entscheidung
verfahrensmäßiger Art treffen, nämlich ob wir sofort europäische Konferenzen einberufen oder sie noch verschieben sollten,
bis die UN=Vollversammlung ihre Beratungen aufnähme. Diese
sollte in Kürze zusammentreten, und obgleich die Rede davon
gewesen war, daß wir uns ohne Rücksicht auf die UN-Vollversammlung in Europa an die Arbeit machen sollten, beschlossen wir
doch, zunächst keine Besprechungen in Europa abzuhalten, da
hierdurch die Aufmerksamkeit von der Eröffnung der UN-Vollversammlung abgelenkt werden würde•
So kamen wir mit Mr. Eden überein, daß die europäische
Konferenz erst einberufen werden sollte, nachdem die UN-Vollversammlung bereits eine Woche getagt hatte. Dadurch wurde es
mir möglich, nach den Staaten zurückzukehren und an der sogenannten Eröffnungsdebatte der Vollversammlung teilzunehmen.
Und ich hatte, Herr Präsident, damals Gelegenheit, einen Plan
weiterzuentwickeln, demzufolge die Kontrolle über die Atomenergie einer internationalen Behörde zum Zwecke einer Itonstruktivan Nutzbarmachung übertragen werden soll. Die Vorbefeitungen gehen weiter....
Mr. Strauss (Vorsitzender der US-Atomenergiekommission)f
unterbricht:
Vielleicht darf ich hier unterbrechen, um zum
Ausdruck zu bringen, daß Ihr Vorschlag über die friedliche
Verwendung der Atomenergie von den meisten UN-Delegierten als
der in seiner Gesamtheit beste Vorschlag befrachtet wird, der
geeignet ist, dem Wohl der ganzen Menschheit zu dienen, und
daß ich in dieser Sitzungsperiode auf Maßnahmen hoffe, die ihn
fördern und in die Praxis umsetzen.
Der Präsident»
Ich danke Ihnen.
Außenminister Dulles: Ich glaube, es hat sich doch gelohnt, dieses Projekt auf der diesjährigen Vollversammlung
in Angriff zu nehmen. Und die Verzögerung, die zwischen dem
1. und 28.September eingetreten ist, bedeutete keinesfalls
einen Verlust, jedenfalls soweit dies Europa betraf. Denn so
wurde Zeit gewonnen für das dringend notwendige nüchterne und
nochmalige Überdenken der Angelegenheit. Und man hatte Zeit,
sich Gedanken darüber zu machen, wie das noch Brauchbare, was

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27. Oktober 1954

was nach dem Scheitern der EVG übrig geblieben war, zu verwenden sei.
Am 28.September trafen sich dann die neun Außenminister
in London. Es waren dies die Vertreter der sechs Länder, die
die EVG hatten bilden sollen, nämlich Prankreich, Deutschland,
Belgien, Holland, Italien und Luxemburg und ferner die Vertreter Großbritanniens, Kanadas und der Vereinigten Staaten.
Und als wir dort ebenso wie hier um den Tisch versammelt
waren, hatten wir, glaube ich, alle das Gefühl, daß unsere Zusammenkunft vom Standpunkt der Geschichte gesehen von weittragender Bedeutung sein würde.
Der kritische Tag der Konferenz war der zweite Tag - der
Mittwoch - als Großbritannien und ich selbst im Namen der Vereinigten Staaten Erklärungen über unsere Einstellungen abgaben.
Von uns beiden war ich der erste, der das Wort ergriff. Ich
verwies meine Kollegen auf unser Vorgehen bezüglich Europas
in der Vergangenheit - auf unsere positiven und unsere negativen Schritte, und ich erklärte, daß die amerikanische Hilfe
fortgesetzt werde, sofern Europa ernsthafte Anstrengungen mache,
sich in Einigkeit und Stärke zusammen zu schließen, und daß
wir in selchen Fällen immer sehr großzügig gewesen seien.
Aber ich verwies auch darauf, daß wir uns zurückziehen
würden, wenn die Entwicklung in Europa in einer anderen Richtung verliefe, wenn Europa sich nicht einigen könne, die alten
Streitigkeiten neu aufleben lasse, wenn es den circulus vitiosus der ständig wiederkehrenden Kriege nicht durchbreche. Und
ich machte es ganz deutlich, daß über die Vereinigten Staaten
gegenwärtig eine Woge der Enttäuschung hinweggehe. Zum anderen
aber, stellte ich fest, daß ich Ihnen, Herr Präsident, die erneute Bekräftigung Ihrer politischen Erklärung vom April dieses Jahres hinsichtlich der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft empfehlen würde, wenn sich ein neues System der Einheit
und Stärke in Europa herausschälte, auf welches wir die von
uns in die EVG gesetzten Hoffnungen mit gutem Gewissen übertragen könnten. Das heißt, daß wir unter diesen Umständen auch
weiterhin einen gerechten Anteil der Lasten der europäischen
Verteidigung tragen würden, so lange die Gefahr noch besteht.
Ich schloß dann meine Ausführungen vor meinen Kollegen
mit der Peststellung, daß sie die amerikanische Plagge neben
den Fahnen ihrer Länder in Europa sehen würden, wenn sie sich
zu einem solchen Schritt entschließen und sich zur Stärkung
der freien Welt einigen würden.
Mr. Eden schloß dann mit einer großzügigen Würdigung der
Unterstützung der Vereinigten Staaten an, und er ist eine historische Bindung eingegangen. Er führte aus, das Vereinigte Königreich sei bereit, sich den kontinentaleuropäischen Nationen nicht
nur bei der Schaffung eines Rates der westeuropäischen Union anzuschließen, sondern sei auch willens, die vier auf dem Kontinent stationierten britischen Divisionen plus Einheiten der
taktischen Luftstreitkräfte in Europa zu belassen mit dem aus-

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ausdrücklichen Eingeständnis, daß sie nicht gegen die Entscheidung des Brüsseler Rates der europäischen Nationen aus Europa
abgezogen werden können.
"Wie Sie ja wissen, stellte diese Erklärung einen epochemachenden. ....
Der Präsident: Sehr richtig
Außenminister Dulles; Kurswechsel der britischen Außenpolitik dar. Seit über einem Jahrhundert, oder sogar noch länger, haben es die Engländer stets vermieden, vertraglich festgelegte Vereinbarungen über Truppenkontingentierungen auf dem
europäischen Pestland einzugehen. Sie haben ihrer Commonwealthpolitik stets den Vorrang gegeben.
Diese beiden Erklärungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens hatten eine außerordentliche und sofortige Wirkung.
Am ganzen Rund des Tisches erhoben sich die Stimmen. Kanada gab
sofort ein feierliches Versprechen zur Unterstützung der europäischen Einheitsbestrebungen ab. Und dann gaben die anderen
Staaten ihrer Erkenntnis Ausdruck, daß sie das Außerordentliche der gemachten Ausführungen verstanden hatten und willens
seien, entsprechend zu handeln. Und von diesem Augenblick an
waren wir in London alle überzeugt, daß unsere Konferenz ein
Erfolg sein würde.
Die noch vor uns liegenden Schwierigkeiten waren enorm
und würden normalerweise vielleicht für unüberwindlich gehalten worden sein; aber plötzlich schienen diese doch sehr
schwierigen Probleme nur noch zweitrangiger Natur zu sein,
als die Früchte eines Erfolgs so unerwartete Ausmaße angenommen hatten und der Preis eines Scheiterns der Verhandlungen
nicht mehr tragbar gewesen wäre.
Un dann gingen wir richtig an die Arbeit. Bis zum nächsten
Sonntag - die Verhandlungen erstreckten sich von Dienstag bis
Sonntag - hatten wir eine Einigung über vier grundlegende
Vorschläge erzielt. Der erste Vorschlag zielte auf die Wiederherstellung der Souveränität für die daatsche Bundesrepublik.
Der zweite ging auf die Schaffung einer Einigung Westeuropas,
dieses Mal in Form eines Rates der westeuropäischen Union, der
im Rahmen des alten Brüsseler Vertrages von 1948 geschaffen
werden sollte. Die Mitglieder dieses Vertrages und des Rates
sollten dieselben sechs Länder sein, die der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft angehört haben würden. Darüber hinaus
trat nun Großbritannien als siebenter Mitgliedsstaat dieser
Organisation bei.
Drittens wurde ein Übereinkommen erzielt, daß dieser Rat,
von dem ich spreche, einen Kontrollapparat schaffen sollte,
der die militärische Stärke seiner Mitgliedstaaten überwacht,
um jede Form einer übermäßigen Aufrüstung zu verhindern.
Diese Kontrollen, so wurde beschlossen, hätten ohne jede Diskriminierung zu erfolgen und ihr Ziel hätte in der Gewährleistung zu bestehen, daß die vereinbarten Truppenstärken - die,
wie Sie wissen, weitgehend durch den N A T O - und alliierten Oberkommandierenden in Europa beaufsichtigt werden -, daß diese

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diese festgesetzten Kontingente in einem der
i MitgliedStaaten die für das Landheer, die Marine und die Luftstreitkräfte sowie für die militärische Ausrüstung, Bewaffnung
und Munition oder ähnliches festgelegten Zahlengrenzen überschreiten«
Der vierte Vorschlag sah vor, daß Deutschland als volles
und gleichberechtigtes Mitglied in den Atlantikpakt aufgenommen werden sollte, etwas, was nebenbei bemerkt, im Rahmen des
EVG-Plans nicht geschehen wäre. Ferner wurde in diesem Vorschlag zum Ausdruck gebracht, daß die Machtbefugnisse des Oberbefehlshabers für Europa in einem außerordentlichen Maße vermehrt werden sollten, so daß er die Streitkräfte und das Rüstungspotential der europäischen Pestlandsstaaten wirksam
integrieren kann.
Nachdem wir nun diese Entscheidungen getroffen hatten,
unterbrachen wir die Verhandlungen, um unseren Fachleuten und
Ratgebern, die die wirkliche Detailarbeit bei dieser Konferenz
leisteten, Gelegenheit für die Ausarbeitung der vielen Dokumente zu geben - ich habe sie, um dies besser zu illustrieren,
mitgebracht -, Dokumente, die diese erreichten prinzipiellen
Vereinbarungen in die Tat umsetzen sollten. Wir haben jenen
Experten lediglich zwei Wochen Zeit für die Erledigung dieser
Aufgabe zugestanden. Meiner Ansicht nach sollte man diese
knappe Frist von zwei Wochen einmal mit der Tatsache vergleichen, daß man bei den Verhandlungen über den EVG-Vertrag zwölf
Monate brauchte, um ähnliche Dokumente für die Unterzeichnung
vorzubereiten» Sie sehen also, daß wir jetzt ein ganz schönes
Arbeitstempo eingeschlagen hatten. Deshalb konnten wir vierzehn Tage später wieder in Paris zusammenkommen. Von dieser
Reise bin ich gerade wieder zurückgekehrt. Während der vierzehn Tage haben die Fachleute und technischen Berater wirklich
fast Obermenschliches geleistet, um eine Einigung für alle die
erforderlichen Dokumente zustandezubringen, eine Einigung zwischen den vielen betroffenen Ländern, die noch durch Übersetzungsprobleme und andere Fragen kompliziert wurde.
In Paris einigten wir uns zunächst auf eine Zusammenkunft
der vier Mächte, das heißt der Staaten, die von der Frage der
Wiederherstellung der deutschen Souveränität direkt betroffen
waren:
die drei Besatzungsmächte Frankreich, Großbritannien
und die USA sowie die Bundesrepublik Deutschland. Und auf dieser Konferenz billigten wir die verschiedenen Abmachungen und
Dokumente, die sich mit der Frage der Wiederherstellung der
deutschen Souveränität befassen. Das war ein ziemlich schwieriges Verfahren im Hinblick auf die vielen Dinge, die während
der vergangenen zehn Jahre begonnen wurden und auf einem geordneten Weg zu Ende gebracht werden mußten.
Wir entschlossen uns ferner - und das war wirklich ein
völlig neuer Entschluß - eine neue Konvention über die Stationierung von Streitkräften in Deutschland auszuarbeiten. Das
wird Sie, Herr Verteidigungsminister, ganz besonders interessieren. Dieser Vertrag besagt nun, daß die in Deutschland stationierten Truppen nicht mehr kraft der uns durch das Abkommen von
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von Potsdam übertragenen Vollmachten und der bedingungslosen
Kapitulation dort sein werden, sondern nunmehr auf Grund eines
von Deutschland freiwillig abgesc ilossenen neuen Vertrages, der
der Bildung der verantwortlichen parlamentarischen Gremien unterliegt. In dieser Hinsicht wird sich Deutschland von keinem
anderen alliierten Land unterscheiden»
Nach dem Zusammentreffen der Vertreter dieser vier Mächte
fand eine Neunerkonferenz jener neun Staaten statt, die schon
auf der von mir beschriebenen Londoner Zusammenkunft getagt
hatten. Auf dieser Neunerkonferenz einigten wir uns über alle
die zur Erweiterung des Brüsseler Vertrages, zur Gründung der
westeuropäischen Union, zur Schaffung einer Behörde zur Kontrolle der Streitkräfte, Ausrüstungen und Munitionsvorräte usw.
erforderlichen Verträge und definierten die Vollmachten des
Rates der westeuropäischen Union, welcher in wichtiger Hinsicht
eher ein supranationales Organ in dem Sinne ist, daß viele großen Entscheidungen nicht mit Einstimmigkeit, sondern durch Mehrheitsbeschluß gefällt werden müssen.
Daran schloß sich die Sitzung der 14 Mitgliedstaaten der
Nordatlantikpakt-Organisation an, die durch den Nordatlantikrat vertreten war. Und dort wurde einstimmig jenes Protokoll
gut geheißen, mit dem Deutschland zum Beitritt in die NATO
als volles und gleichberechtigtes Mitglied der Organisation
und des Rates eingeladen wird. Gleichzeitig billigten wir die
von der amerikanischen Delegation für erforderlich gehaltene
Resolution über die Erweiterung der Befugnisse des Obersten Befehlshabers in Europa - das ist, wie Sie wissen, gegenwärtig
General Gruenther -, um ihn besser in die Lage zu versetzen, die
seinem Kommando unterstellten Streitkräfte und Anlagen besser
integrieren zu können. Der Erfolg dieser Dokumente war, daß die
Kontrollen teilweise von der unter dem Brüsseler Vertrag gegründeten Behörde und teilweise vom ©bersten Befehlshaber in Europa
kraft seiner erhöhten Vollmachten ausgeübt werden. Es wird in
der Wirklichkeit eine Integration von kontinentalen Streitkräften stattfinden, welche durchaus dem Zusammenschluß, der im
Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft vorgesehen war, gleichzusetzen ist und die auch gleichermaßen wirksam werden wird»
Wir wollen uns jetzt einem weiteren, sehr schwierigen Problem zuwenden: der Saarfrage.
Mrs. Hobby (Minister für Gesundheit. Erziehung und soziale Fragen):
Mr. Präsident ?
Der Präsident: Ja, Mrs. Hobby ?
Mrs. Hobby: Darf ich den Herrn Außenminister fragen, wie
das Saarabkommen erreicht wurde ? Wir wissen ja alle, daß die
Saar seit langer Zeit schon - rund hundert Jahre fast - eines
der umstrittensten Gebiete in Europa war.
Außenminister Dulles:
Ja, Mrs. Hobby, es war ein schwieriges Problem. Es war auch das Problem, das als letztes gelöst wurde, und aus der Art und Weise, wie es gelöst wurde,

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wurde, können Sie sehen, wie schwierig es zu lösen war.
Zunächst einmal sei gesagt, daß es eigentlich nur für
Frankreich und Deutschland ein unmittelbares Problem war. Es
betraf die übrigen Partner an den sonstigen Vereinbarungen
nicht wirklich. Die Franzosen hatten sich jedoch auf den
Standpunkt gestellt, daß sie keine der anderen Abmachungen unterzeichnen würden, sofern das Saarproblem nicht vorher gelöst
worden sei. Und so zogen sich die Verhandlungen immer mehr in
die Länge. Noch 24 Stunden vor dem ursprünglich vorgesehenen
Termin für die Unterzeichnung aller Verträge hatte man sich
noch immer nicht geeinigt.
Am Freitagabend zogen sich dann Bundeskanzler Adenauer
und M. Mendds-France zu einer Beratung zurück. Sie begannen
ihre Besprechungen am Freitagabend um 10 Uhr und diskutierten
bis gegen drei Uhr morgens, - und dann delegierten sie noch
einige Fragemkomplexe an jene berühmten und schwerarbeitenden
Sachverständigen. Anschließend legten sie eine mehrstündige
Ruhepause ein und nahmen am frühen Morgen des Sonnabends ihre
Besprechungen erneut auf, die sich gleichfalls wieder hinzogen.
Und als wir uns am Quai d'Orsay am frühen Nachmittag um
drei Uhr erstmals zur Unterzeichnung dieser Abkommen versammelten, wußten wir noch nicht, ob es zu einer Einigung gekommen
war oder nicht - oder ob womöglich alles platzen würde. Und
Sie können sich wohl vorstellen, daß wir ein bißchen nervös
waren, als wir da am Quai d'Orsay mit gezückten Füllhaltern
herumstanden und nicht wußten, ob es überhaupt irgend etwas
zum unterzeichnen geben würde.
Jetzt ist die Einigung erreicht, durch den kraftvollen
Einsatz dieser beiden führenden Staatsmänner. Und hier haben
sie wieder einmal ihr staatsmännisches Können bewiesen, indem
sie den wesentlichen Dingen den ihnen gebührenden Rang einräumten und dieses langjährige Problem endlich beseitigten.
Und somit sind jetzt meiner Ansicht nach sowohl die Saarais auch die Triestfrage als gelöste Probleme zu betrachten,
die die derzeitigen Verhältnisse in Europa nicht mehr gefährden werden.
Justizminister Brownell;
Darf ich eine Frage stellen,
Herr Außenminister ? Dieses Pariser Abkommen wird doch wohl
von den Parlamenten der beteiligten Nationen ratifiziert werden müssen ?
Außenminister Pullest
Ja, das ist nötig, und hier können
die Pessimisten wieder einhaken - zu denen ich Sie, Herr Justizminister, natürlich nicht rechne
Justizminister Brownell»
Auf gar keinen Fall.
Außenminister Dulles (fährt fort)j Aber hier können die
Pessimisten einhaken und sagen, nun, dann werden wir wieder
genau da landen, wo wir vor zwei oder drei Jahren standen,
und wir werden das ganze noch einmal durchexerzieren, die gleichen Aufschübe und Enttäuschungen.
Ich
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27. Oktober 1954

Ich glaube nicht, daß die Dinge diesmal ebenso verlaufen
werden, denn ich bin der Ansicht, die bisherigen Ereignisse
haben jeden zu der Erkenntnis gebracht, daß es diesmal keine
Alternative zu dem vorliegenden Plan gibt.
Darüber hinaus hatten wir auf der positiven Seite einiges
zu bieten, was vorher nicht möglich war. Ich beziehe mich hier
vor allem auf die von Großbritannien übernommene Verpflichtung,
die von ungeheurer Bedeutung ist; und auch, ich wiederhole dies,
die Saar und Triest stellen kein Unruheelement mehr dar, das
die Gesamtlage gefährden könnte.
M. Mendös-France, der übrigens, wie ich hoffe, bald nach
den USA kommen wird, sagte wiederholt, daß es an Frankreich
sei, den Zeitverlust wenigstens zum Teil wieder gutzumachen,
und Frankreich unterbreitete, wie Sie sich vielleicht erinnern
werden, bereits nach der Londoner Konferenz, in der Zwischenzeit bis zur Pariser Konferenz, die grundlegenden Prinzipien
der londoner Beschlüsse dem französischen Parlament, ebenso
wie dies in der Bundesrepublik geschah. Sie wurden mit entscheidender Mehrheit angenommen. Und ich glaube, daß diese
Tatsachen, im Verein mit gutem Willen und dem Gemeinschaftsgeist, wie er in all diesen Zusammenkünften erkennbar war, und
dem Fehlen jeglicher Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland, das jetzt eigentlich zum ersten Mal festzustellen ist,
ein gutes Vorzeichen sind und die Erwartung rechtfertigen,
daß mit einem positiven Ergebnis gerechnet werden kann.
Nun mag man natürlich fragen, wie die Sowjetunion....
Landwirtschaftsminister Ezra Benson:
Mr. Präsident,
ich möchte die Frage stellen, welche Reaktion Außenminister
Dulles von der Sowjetunion speziell zu dem Pariser Abkommen
erwartet.
Der Präsident: Ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß er uns
hierüber berichten sollte.
Außenminister Dulles; Nun, dazu möchte ich sagen, daß
ich doch ziemlich überzeugt davon bin, daß die Sowjetunion
von der gegenwärtigen Entwicklung nicht gerade begeistert ist.
Das ist wohl eine viel zu schwache Formulierung dessen, was
in diesem Rahmen hierzu zu sagen ist. Was die Kommunisten
wollen, ist ein schwaches und geteiltes Europa, und sie versuchen, es dahin zu bringen. Aber ich glaube nicht, daß es
ihnen gelingen wird. Das Programm, das wir ausgearbeitet
haben, schützt ja sogar Rußland ebenso wie jeden anderen vor
einem möglichen Wiedererwachen des deutschen Militarismus.
Und dieses Programm wird getragen von dem Bewußtsein um seine
Dringlichkeit und Bedeutung, so daß ich nicht glaube, daß es
der Sowjetunion möglich sein wird, es zu sprengen«. Wenn wir,
wie ich hoffe, für Westeuropa eine Position der Festigkeit
und Stärke schaffen, dann mag es vielleicht eine neue Verhandlungsbasis geben, die gegenwärtig nicht existiert. Zum
mindesten können wir hoffen, daß es dann zu zufriedenstellenderen Gesprächen kommt als heute, wenn es das einzige Ziel der
Sowjetunion ist, durch List oder irgendwelche Machenschaften
die europäische Einheit auf die Probe zu stellen und zu Fall

�"AMERIKA DIENST"

27. Oktober 1954

Fall zu bringen.
Finanzminister Humphrey;
Eine Zwischenfrage, Mr. Präsident.
Per Präsident: Bitte sehr, das Wort hat der Finanzminister.
Finanzminister Humphrey;
Da ist noch eine Frage, an
der ich sehr interessiert bin und zu der Sie noch gar nicht
Stellung genommen haben. Und das ist, wieviel mehr müssen
die Vereinigten Staaten unter diesem Plan aufbringen ?
Außenminister Dulles;
Mein lieber Finanzminister, es
wird uns keinen Pfennig mehr kosten. Ich bin sicher, daß Sie
diese Nachricht mit tiefer Befriedigung entgegennehmen,
nicht wahr ? Dieses Übereinkommen ist kein Veftrag, den wir
irgend jemandem verkauften und wir haben auch niemandem versprochen, etwas zu bezahlen, wenn er diesen Vertrag abschließt.
Das ist ein Vertrag, den die europäischen Nationen unter sich
aushandelten. Und das ist das wesentlichste Merkmal des ganzen Vertragswerkes:. Denn es kam uns dabei darauf an, daß die
europäischen Staaten ihre Fähigkeit und ihren Willen beweisen
sollten, einer so großen Notlage zu begegnen, daß sie die
Kraft der Entscheidung und des Handelns besitzen. Das wurde
durch die Tatsache belegt, daß dies ein zwischen ihnen ausgehandeltes Vertragswerk ist. Und wir haben weder durch Druck,
Versprechungen noch Bestechungen irgend jemanden dazu überredet. Und in Wirklichkeit wird jeder damit besser fahren,
wenn wir das Vertragswerk durchkriegen.
Sie, Mr. Präsident, haben immer wieder gesagt, wir
müßten gute Partner sein und daß wir die Rolle eines guten
Partners durchführen sollten. Natürlich ist Partnerschaft
immer eine Sache auf Gegenseitigkeit. Und ich bin schon der
Meinung, daß die Ereignisse der vergangenen Wochen einen
deutlichen Beweis dafür erbracht haben, daß auf beiden Seiten des Atlantik die Voraussetzungen für eine gute Partnerschaft bestehen.
Und ich möchte noch etwas sagen, Mr. Präsident. Als wir
dort auf diesen Sitzungen zusammenkamen, hatte man das Gefühl,
Sie seien im Geiste bei uns. Jedermann weiß, daß Sie, wie nur
wenige, die Notwendigkeit einer Einigung Europas erkannt und
ungeheuer viel dazu beigetragen haben. Und wenn Europa jetzt
stark und einig sein wird, ein Hüter seiner alten und kostbaren Rechte und Freiheiten, so ist das weitgehend dem zu
verdanken, was Sie getan haben«,
Diese Ansicht bringe ich hier zum Ausdruck, nicht als die
meine, sondern als eine Botschaft, die mir viele der führenden
Staatsmänner Europas aufgetragen haben.
Nun, damit ist wohl der Bericht so vollständig, wie er
sein soll. Es wird noch viele Einzelheiten zu erledigen geben;
aber was ich Ihnen hier berichtete, gibt die Ereignisse in
groben Umrissen wieder.
_
Der
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�"AMEBIKA

DIENST"

27. Oktober 1954

Der Präsident:
Ja, durchaus, ich habe das Gefühl,
wir alle hier sollten Ihnen eine Ovation darbringen. Sie
kennen meine feste Überzeugung, daß die Sicherung und
Sicherheit der westlichen Welt die Einheit und Stärke
Westeuropas erfordert.
Und nun, da dies Wirklichkeit zu werden verspricht,
kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin,
nicht nur für mich sondern für das ganze amerikanische
Volk. Und Ihre Kollegen danken Ihnen für Ihre glänzende
Darstellung. Ja, wir danken Ihnen.
Außenminister Dulles:

* *

Vielen Dank, Sir.

* * *

�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY CABOT LODGE JA. LEGT AMERIKANISCHEN
ATOMPLAN VOR

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Im folgenden übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die Botschafter
Henry Cabot Lodge5 jr., der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, am 5« November vor
dem Politischen Ausschuß der UNO-Vollversammlung über
"Internationale Zusammenarbeit in der Entwicklung friedlicher Verwendungsmöglichkeiten für die Atomenergie:
Bericht der Vereinigten Staaten von Amerika'! gehalten
hat.
I. Die Auswirkungen des Vorschlages Präsident Eisenhowers
Herr Vorsitzender,
Vor fast elf Monaten hörten viele von uns hier in diesem
Gebäude eine Rede Präsident Eisenhowers, der von einer Konferenz
auf den Bermudas auf dem Luftwege direkt hierher gekommen war.
Seine Rede galt den schwerwiegenden Problemen, denen sich die
Welt damals gegenübersah und mit denen sie sich auch noch heute
auseinanderzusetzen hat.
Eines dieser Probleme war die Gefahr des Atomkrieges, in
dem eine einzige Nation durch einen überraschenden Angriff mit
Atomwaffen etwa auf die Vereinigten Staaten schreckliche Zerstörungen anzurichten vermag, Tod und Verderben über die Menschen gebracht werden und von Kultur, Wirtschaft und politischen Institutionen nichts als Trümmer zurück bleiben.
Präsident Eisenhower wußte - und sprach es auch aus, daß
die bloße Erwähnung der Bedrohung und die Ankündigung der Vergeltung weder ein angemessenes noch ein wahrheitsgetreues Bild
von den Empfindungen oder den Zielen der Vereinigten Staaten
geben.
Um der Menschheit, der Zivilisation, der wahrhaft friedlichen Absichten willen mußte es etwas geben, was für die Zukunft mehr versprach als nur Explosionen, die unsere Welt in
ihren Grundfesten erschüttern.
Der
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10. November 1954

Der Präsident wußte - und sagte-,daß seine Rede besser ungesprochen bleiben müßte, hätte er ihr nicht gleichzeitig eine
hoffnungsvolle Friedensbotschaft hinzuzufügen.
Bei der Überlegung, wie diese Botschaft am besten vorzubringen sei, sah er sich einer geschichtlichen Tatsache von größter Bedeutung gegenüber - dem jahrealten, zähen Problem der Verhandlungen über ein System zur Einschränkung und Kontrolle der
Rüstungen und dem wirksamen Verzicht auf die Anwendung von Atomwaffen.
In sieben Jahren Debattieren und Verhandeln war es nicht
gelungen, die Welt diesem Ziel näher zu bringen.
Der Präsident kam daher zu dem Schluß, daß einem Vorschlag,
der sich völlig im Rahmen der ermüdenden Debatten der Vergangenheit hielt, von Ihnen und den Völkern der Welt wohl nicht das
Prädikat erteilt werden könnte, von aufrichtiger Hoffnung getragen zu sein und baldigen Portschritt zu versprechen. Er wollte
daher ein Angebot machen, das im Gegensatz zu denen der Vergangenheit, außerhalb der Atmosphäre von Mißerfolg und Ablehnung stand,
er wollte ein Angebot machen, dessen hervorragendes und unmißverständliches Charakteristikum war, brauchbar zu sein -, daß es
sich praktisch verwirklichen ließ, daß Menschen und Völker mit
gutem Willen und friedlichen Absichten es ohne Schwierigkeit annehmen konnten, und zwar ohne ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie
damit von ihrem früher vertretenen Standpunkt abgehen mußten.
Und so sagte am 8. Dezember 1953 Präsident Eisenhower im großen Sitzungssaal vor dieser bedeutenden Versammlung wörtlich:
"Ich unterbreite daher folgende Vorschläge:
Die hauptsächlich betroffenen Regierungen sollen in dem durch
die elementare Klugheit gebotenen Ausmaß jetzt damit beginnen
und darin fortfahren, aus ihren Vorräten von normalem Uran und
spaltbaren Materialien gemeinsame Beiträge an eine internationale
Atomenergie-Behörde zu leisten. Wir würden erwarten, daß eine
derartige Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen errichtet wird.
Die Anteile der Beiträge, die Verfahrensweise und andere Einzelheiten würden am besten im Rahmen der von mir bereits erwähnten 'nichtöffentlichen Verhandlungen' zu klären sein.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, sich an diesen Untersuchungen guten und ehrlichen Willens zu beteiligen« Jeder Partner der USA, der aus dem gleichen guten Willen handelt, wird in
den Vereinigten Staaten bestimmt keinen unvernünftigen oder kleinlichen Partner finden.
Zweifellos würden die ersten und anfänglichen Beiträge zu diesem Plan mengenmäßig klein sein. Der Vorschlag hat jedoch den großen Vorteil, daß er ohne: di.e Reibungen und ohne den gegenseitigen
Argwohn ausgeführt werden kann, die mit jedem Versuch zur Einführung eines allgemein annehmbaren Systems weltweiter Inspektion
und Kontrolle verbunden sind."
Der
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10. November 1954

Der Präsident wollte nichts unversucht lassen, um sicherzustellen, daß die sowjetische Regierung diesen Vorschlag in seiner
offen erkennbar ernsten, aufrichtigen, auf die Zukunft gerichteten Bedeutung hinnähme, und ihn nicht als einen auf Augenblickswirkung abgestellten Propagandatrick interpretiere.
Um dies sicherzustellen, tat er zwei Dinge. Erstens wies
er unseren Botschafter in Moskau an, Herrn Molotow bereits im
voraus davon zu unterrichten, daß die Rede Präsident Eisenhowers
Fragen von weittragender Bedeutung umfassen werde und die Vereinigten Staaten wünschten, daß die Sowjetregierung sie auch in
diesem Sinne prüfe. Daneben wurden, nachdem der Präsident gesprochen hatte und man nun darauf wartete, daß die Sowjetunion die
Initiative zur Einleitung von nichtöffentlichen Gesprächen ergreife, alle Vertreter und Dienststellen der amerikanischen Regierung angewiesen, über die Einzelheiten des Vorschlags nichts
verlauten zu lassen und sich, falls Erläuterungen notwendig werden sollten, auf eine simple Wiederholung des Wortlauts der Rede
des Präsidenten sowie die Erklärung zu beschränken, daß wir nunmehr auf ein Wort von der Sowjetunion warteten.
Die zweite Sorge des Präsidenten galt dieser Körperschaft,
vor der ich jetzt stehe - den Vereinten Nationen. Als er von
Generalsekretär Hammarskjöld die Einladung erhielt, zu Ihnen
zu sprechen, entschloß er sich, den Vorschlag vor der Vollversammlung, vor niemand sonst, vorzutragen - denn er wollte, daß
die Welt erfahre, daß er sich in dieser überaus wichtigen Angelegenheit an die Vereinten Nationen als das internationale Organ wandte, dem es am ehesten anstand, den Vorschlag in seiner
ursprünglichen Formulierung zu hören und sich an der Ausarbeitung
des Planes zu beteiligen.
Sie alle wissen, wie positiv und hoffnungsvoll die Antworten waren, mit denen in allen Teilen der Welt dem Vorschlag des
Präsidenten begegnet wurde. Dieses Echo bedeutete für die Vereinigten Staaten in ihrer Zusammenarbeit mit anderen Staaten
zur Entwicklung eines praktischen Planes eine große Ermutigung.
Sie wissen auch, daß es daraufhin zu einem bedauernswerten
Ereignis kam - einer Ablehnung des Vorschlags des Präsidenten
seitens der UdSSR, bis sich die Vereinigten Staaten mit einem
bedingungslosen Verbot der Anwendung von Atomwaffen, das bar
jeglicher Sicherungsvorkehrungen war, einverstanden erklärt
hätten. Diese Angelegenheit finden Sie in einem Dokument der
Vereinten Nationen dargestellt, das vor Ihnen liegtj es ist
Dokument Nummer A/2738 vom 27. September 1954. Beginnend mit
dem 27. April bestand die Sowjetunion während der ganzen Zeit
dieses Notenaustausches hindurch darauf, daß wir unsere neue
Hoffnung an die langwierigen Debatten der Vergangenheit ketteten,
wo die Schwierigkeiten selbst für die geringsten Fortschritte so
ausführlich demonstriert worden waren.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei hier auch erwähnt,
daß die Sowjetunion uns in einer Note vom 22. September 1954 dem Tag vor der Eröffnungsansprache von Außenminister Dulles vor

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10. November 1954

vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen - wissen ließ,
daß sie die Tür einen winzigen Spalt offen halte. Tatsächlich
aber war die Tür schon am 8. Dezember 1953 von den Vereinigten
Staaten weit aufgetan und von diesen in der ganzen Zwischenzeit
auch weit offengehalten worden. Die Tür steht noch immer offen.
Auch als den Vereinigten Staaten klar wurde, daß die Sowjets
dem Vorschlag im wesentlichen ablehnend gegenüberstehen, verloren sie keine Zeit, die Gespräche mit anderen Staaten fortzusetzen - Gespräche, deren Initiatoren lediglich auf eine klare
Stellungnahme der Sowjets gewartet hatten. Die Staaten, mit
denen wir Verhandlungen führen, sind jene Länder, die entweder
Rohstoffquellen erschlossen oder bereits weit gediehene Programme
zur Nutzbarmachung der Atomenergie entwickelt haben - es sind dies
das Vereinigte Königreich, Prankreich, Kanada, Australien,
die Südafrikanische Union und Portugal. Es ist bezeichnend, daß
wir, trotz der Weigerung der Sowjetunion, sich ebenfalls zu beteiligen, alle einverstanden waren, die Bildung der Behörde voranzutreiben. In unseren Diskussionen sind Portschritte zu verzeichnen, auf die später noch eingegangen werden soll.
So lagen die Dinge, als Außenminister Dulles am 23. September
vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärte:
"Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den Vorschlag
Präsident Eisenhowers nicht auf die lange Bank schieben zu lassen,
bis er etwa ganz in Vergessenheit gerät. Wir wollen, daß er neue
Nahrung erhält und ständig weiterentwickelt wird. Wir werden auf
seine Verwirklichung drängen, und zwar in enger Partnerschaft
mit den Ländern, die, durchdrungen von den Idealen der Vereinten
Nationen, diese neue große Kraft in den Dienst der Menschlichkeit
stellen und sie zu einem Werkzeug echter Staatskunst machen
können, anstatt damit lediglich neue furchtbare Waffen für den
Krieg zu schmieden. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß
ein neuer Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wird, der es uns ermöglicht, über unsere Bemühungen um die Erschließung und Entwicklung der ungeheuren Möglichkeiten für eine friedliche Verwendung
der Atomenergie zu berichten. Diese Bemühungen waren bisher und
sind auch weiterhin auf folgende Ziele ausgerichtet:
1) Schaffung einer internationalen Behörde, zu deren Mitgliedern schon von Anfang an Staaten aus allen Teilen der Welt gehören werden. Es ist zu hoffen, daß eine derartige Behörde schon
im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
2) Die Einberufung einer internationalen wissenschaftlichen
Konferenz, um dieses umfangreiche Gebiet eingehend zu erörtern;
sie soll bereits im Frühjahr 1955 unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen zusammentreten.
3) Die Eröffnung einer Reaktor-Ausbildungsschule in den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr, auf der Wissenschaftler aus
anderen Ländern in den mit der Erschließung der Atomenergie zusammenhängenden Fragen unterwiesen werden, unter besonderer Berücksichtigung der Verwendung dieser Energie für friedliche Zwecke.

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4) Die Einladung einer großen Zahl von Fachärzten für innere
Medizin und Chirurgie aus dem Auslande, die an den Arbeiten in
unseren Krebsforschungskliniken teilnehmen sollen - hier spielen
Methoden unter Anwendung von Atomenergie eine ganz besonders wichtige und hoffnungsvolle Rolle bei dem Bemühen, neue Wege zur Kontrolle dieser Geißel der Menschheit zu erschließen.
Ich möchte dabei nachdrücklich klar machen, daß bei unseren
Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben ausgeschlossen wird."
Am J&gt;. November d.J. gab nun Präsident Eisenhower bekannt,
daß die Vereinigten Staaten dem sowjetischen Botschafter in
Washington eine Antwort auf die sowjetische Note vom 22. September überreicht hätten und er, der Präsident, hoffe, damit eine
neue Phase in den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen einleiten zu können, die fruchtbarer wäre alB die bisherigen Bemühungen.
Der Präsident bestätigte jedoch noch einmal, daß die Vereinigten
Staaten entschlossen sind, sich zusammen mit gleichgesinnten
Staaten weiterhin um die Schaffung einer internationalen Behörde
zu bemühen, um die gewaltige Kraft des Atoms der ganzen Menschheit als gemeinsames Gut nutzbar zu machen.
Dies ist in kurzen Umrissen die Geschichte des ersten Jahres
der Bemühungen um die Gründung einer internationalen Organisation,
die die Zusammenarbeit aller Länder der Welt zum Zwecke der friedlichen Nutzung der Atomkraft gewährleisten soll.
Bei all unseren Vorschlägen werden wir dabei von dem Gedanken geleitet, darauf zu achten, daß sie auch brauchbar, praktisch durchführbar sind.
Bevor wir uns aber mit der Zukunft der internationalen Zu=
sammenarbeit auf diesem Gebiet befassen, wollen wir einmal untersuchen , wo wir heute stehen, und kurz die wissenschaftlichen'Entwicklungen betrachten, die uns die Schwelle zum Atomzeitalter haben überschreiten lassen.
II. An der Schwelle des Atomzeitalters
Diese unsere Erörterungen fallen mit erregenden und schwerwiegenden Entwicklungen in der Atomwissenschaft und Atomtechnik
zusammen. Wir, die wir hier versammelt sind, befassen uns mit
etwas größerem als ResoMipnen und Formen der Organisation, die
das Handwerkszeug unseres Diplomatenberufes sind. Wir befassen
uns mit dem Wissen, mit der Beherrschung einer Kraft, deren zerstörerische Gewalt nur noch von dem Guten überboten wird, das sie
der Menschheit bringen kann.
Selbst wir als Laien können uns das erregende Gefühl der Entdeckerfreuden vorstellen, das die Wissenschaftler beherrscht jene Männer, denen es glückte, uns dieses Geschenk in die Hand
zu legen. Wenn wir an diesem Gefühl der Entdeckerfreude teilhaben,
dann dürfen wir hoffen, daß unsere Fortschritte auf diplomatischer Ebene den greifbaren Fortschritten in der Physik ebenbürtig
sein werden, die von den wagemutigsten Geistern der Wissenschaft
eingeleitet wurden.
Einige
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Einige der wesentlichsten Tatsachen dieses Portschrittes
der Atomphysik und Atomtechnik sind eindeutige Beweise dafüx^ daß
wir die Schwelle zu einem Atomzeitalter, in dem die Atomenergie
fuer friedliche Zwecke genutzt wird, bereits überschritten haben.
In der Zusammenfassung, die ich jetzt zu geben gedenke, werden
die Leistungen anderer Länder nicht berücksichtigt, die gleichermaßen vielversprechend sind und von denen wir zweifellos im Laufe
dieser Debatte noch mehr hören werden.
Wir sind Zeugen ungezählter neuer Entdeckungen auf den Gebieten Atomtechnik und Atomwissenschaft. Von allen diesen Entdeckungen hat sich die der Radioisotope bisher am segensreichsten
für den Menschen erwiesen. Von vielen der Naturwissenschaft bekannten Elementen, wie etwa Gold, Kobalt und Kohlenstoff, lassen
sich im Atomreaktor Varianten erzeugen? radioaktives Gold, radioaktiver Kohlenstoff, radioaktives Kobalt usw. Eine Veränderung
ihrer atomaren Struktur bewirkt, daß diese Atomvarianten Strahlen
iäussendeny'TÜi'fe Irtgnte' im wesentlichen zwei Verwendungszwecke haben:
sie koennen in lebenden Organismen Veränderungen hervorrufen, und
sie können als Indikatoren dienen» Die von den Isotopen in Form
von Strahlen ausgesandten Signale werden von feinen Meßinstrument
ten registriert, die dann ihrerseits einen komplizierten Fertigungsprozess steuern oder uns neue, der Menschheit bisher unbekannte Einsichten in das Wachstum oder in pathologische Vorgänge bei der Pflanze oder dem Menschen gewähren.
Ich werde nunmehr einige Beispiele fuer die vielfachen Verwendungsmöglichkeiten der Isotope, wie wir sie in den bereinigten
Staaten kennen, geben. Viele davon sind den Technikern-anderer
Länder schon lange kein Geheimnis mehr.
Zunächst wollen wir uns den durch die Strahlung möglich ge=
wordenen Veränderungen in einem lebenden Organismus zuwenden.
Große Portschritte bei der Behandlung krebsartiger Erkrankungen
konnten mittels des radioaktiven Kobalts und anderer Elemente bei
der Abtötung krebskranker Zellen erzielt werden, wobei diese Methode der Behandlung weit wirksamer als die bisher übliche Röntgenbestrahlung ist.
Die Konservierung und Aufbewahrung von Lebensmitteln während
des Winters und Frühjahres unter Umgehung großer Verluste durch
Verderb ist gleichfalls durch Bestrahlung möglich geworden.
Bei der Züchtung neuer Rassen und Arten in der Landwirtschaft hat die Strahlung die Zahl der Erbsprünge,durch die wir
gewöhnlich die neuen Arten und Rassen erhalten - Arten und Rassen,
die dann gegen Krankheiten widerstandsfähiger sind und qualitativ
und quantitativ bessere Nährstoffe und Pasern liefern -, ganz
wesentlich erhöht.
An zweiter Stelle ist die Verwendung der Radioisotope als
Indikator zu nennen. In diesem Reich der wissenschaftlichen Entdeckung gibt es zahllose Anwendungsmöglichkeiten, die theoretisch
unbegrenzt sind. Als Beispiel möchte ich hier anführen!
Bei der Herstellung von Platten - aus Metall, Papiermasse,
Kunststoff oder anderem Rohstoff - wird eine gleichmäßige Dicke
durch eine Messung der radioaktiven Strahlung garantiert» - ^ .

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Beim Schweißen und Nieten lassen sich mit Hilfe der Radiophotographie Lunker und Risse feststellen, die früher außerordentlich schwierig aufzufinden waren»

Der Transport von Rohöl in großen Rohrleituagtn ist ein
anderes wichtiges Anwendungsgebiet von radioaktiven Stoffen. Man
legt in die Rohre Kugeln mit radioaktivem Material. Diese Kugeln
werden dann durch das strömende öl in der Leitung fortgeschwemmt
und signalisieren sozusagen die Ankunft einer neuen ölsorte.
In der Landwirtschaft haben Radioisotope, dem Kunstdünger
beigegeben, die wichtige Aufgabe zu zeigen, wann und wie wirksam
der Dünger von der wachsenden Pflanze absorbiert wird. Damit
konnte eine unerhörte "Überdüngung", die völlig wertlos ist, vermieden werden»
Auf Hühnerfarmen hat man mittels der Radioisotope den Weg des
Hühnerfutters durch den Körper der Henne bis in das Ei hinein
verfolgt, so daß man nunmehr eine genaue Vorstellung darüber hat,
welches Futter gegeben und zu welcher Zeit es verabreicht werden
muß, um einen Maximalertrag an Eiern zu erhalten.
Die Fischzucht verwendet Indikatoren zur Peststellung, wie man
stickige Gewässer durch eine einfache chemische Behandlung in
fischreiche Gründe verwandeln kann.
Die Indikatoren-Forschung der Medizin hat uns ein neues synthetisches Material zur Bluttransfusion an die Hand gegeben., Indikatoren werden zur Peststellung von Kreislaufstörungen verwandt,
ehe diese ernsthafte Schäden nach sich ziehen. Viele andere Wunder der Diagnose lassen sich mit Indikatoren vollbringen. Sie haben zu neuen Erkenntnissen über die Zuckerkrankheit, Erkrankungen
der Schilddrüse, pathologische Blutveränderungen und über den gesamten Ernährungs- und Lebensprozeß des Körpers geführt.
Auf dem Gebiete der Eindämmung von Epidemien hat man Indikatoren dazu verwendet, den Flugradius der diese Krankheiten
übertragenden Fliegen und Moskitos zu erforschen - ein wichtiger
Schritt, um diesen Geißeln der Menschheit Einhalt zu gebieten.
Dies sind, an der Schwelle des neuen Atomzeitalters, nur
einige wenige der Entdeckungen, di* wir gemacht haben und zum
Nutzen der Menschheit anwandten. Andere Projekte sind auf dem besten Wege, verwirklicht zu werden. Ein ganz außerordentliches Vorhaben ist dabei die Erforschung des Wachstumsprozesses der Pflanze
mit dem wichtigsten Vorgang, der Photosynthese. Ein Verständnis
dieses Geschehens könnte uns vielleicht in die Lage versetzen,
eines Tages riesige Mengen an Nahrungsmitteln aus ganz gewöhnlichen chemischen Grundstoffen herzustellen.
Die Grundlage dieser Fortschritte ist in jedem Falle das
radioaktive Atom gewesen. Die Mehrzahl dieser Atome läßt sich
in verhältnismäßig unkomplizierten und kleinen Reaktoren erzeugen. Der größte Produzent dieses Artikels in den Vereinigten Staaten ist das "Oak Ridge National Laboratory", das in den vergangenen acht Jahren nahezu 50 000 Sendungen von Isotopen an Fabriken,
Laboratorien, Krankenhäuser und Universitäten verschickt hat. Die
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Die meisten Sendungen gingen an Adressaten in den Vereinigten
Staaten; aber über 2 800 wurden an Empfänger in 50 Ländern geschickt.
Es ist durchaus richtig, daß eine der imponierendsten und
schwierigsten Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie an letzter
Stelle genannt wirdf die Erzeugung von Strom. Dies ist ein Problem, das heute in den Vereinigten Staaten von den Technikern
eingehend erforscht wird. In diesem Jahr verkündete die US-Atomenergie-Kommission ein Fünf-Jahres-Programm für den Bau von fünf
Versuchsreaktoren zur Erzeugung von Strom, die in ihrer Konstruktion alle grundverschieden sein werden. Es wird erwartet, daß
einer dieser Reaktoren Strom zu einem Preis erzeugen wird, der
niedriger ist als die Tarife, die mit Kohle oder anderen konventionellen Rohstoffen betriebene Kraftwerke erheben. Aber wir erv
warten uns von ihnen neue Informationen über die Zukunft der
Atomenergie» Das Geld, das wir in diesen Reaktoren investieren,
wird sich durch das Wissen, das wir erwerben werden, voll bezahlt
machen. Diese Reaktoren sind Meilensteine auf dem Weg zu einem
Zeitalter, da allen Ländern, selbst wenn sie nicht über genügend
natürliche Rohstoffe zur Krafterzeugung verfügen, ausreichende
Mengen elektrischer Energie geliefert werden können. Und diese
neue Energiequelle wird die Entwicklung neuer Industrien ermöglichen, die zu einer Hebung des Lebensstandards von Millionen
Menschen beitragen werden.
Über eine Tatsache im Hinblick auf diese mit Atomenergie betriebenen Kraftreaktoren sind sich heute aber selbst die Laien
im klaren, und das ist ihr komplizierter Aufbau» Darum bedürfen
wir der Fachleute, und das ist auch der Grund, weshalb in so
vielen Ländern wie nur möglich kleinere Reaktoren gebaut werden
sollten. Sie lassen sich in vielen Fällen bei einem Aufwand von
weniger als 500 000 Dollar in Jahresfrist erstellen» Sie werden
den größten Teil der Radioisotope!erzeugen, deren vielfältige
Verwendungsmöglichkeiten ich soeben darzustellen versuchte. Damit würden sie einen Beitrag zur Intensivierung der Forschung
und praktischen Anwendung des Atoms in der Medizin, der Landwirtschaft und Industrie leisten» Darüber hinaus können an ihnen
die jungen Atomwissenschaftler, Verfahrenstechniker und Ingenieure in die Grundlagen der Reaktortechnik eingeführt werden.
Nachdem wir das Problem des Atomreaktors zur Erzeugung von Energie gelöst haben, stünde uns ein Reservoir zur Verfügung, über
das die Welt "bisher kaum verfügen dürfte - ein Reservoir an
Männern, die das zur tatsächlichen Erzeugung von Strom durch
einen Atomreaktor erforderliche Wissen mühelos bereit haben*
Herr Vorsitzender, in diesem kurzen Rückblick auf die in
den Vereinigten Staaten erzielten Fortschritte in der Atomwissenschaft und Atomtechnik habe ich viele erstaunliche Dinge beschrieben - Entdeckungen, die die ganze Welt bereichert haben. Und doch
sind sie nichts weiter als die ersten Goldkörner an der Oberfläche
einer neuen Mine. Sie genügen aber, um uns eine Vorstellung über
die Reichtümer zu vermitteln, welche wir noch zu erwarten haben.
Diese

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10. November

1954

Diese Reichtümer in Frieden und Zusammenarbeit zu nutzen,
sollte für die Nationen unserer Erde ein nobles Anliegen sein.
Es ist ;keinZufall,daß uns diese Entdeckungen, die uns in Frieden
zusammenbringen, von jener wahrhaft weltumspannenden Gemeinschaft
gegeben wurden - nämlich der Gemeinschaft der Wissenschaft, die
keine nationalen Grenzen kennt und sich nur um die Wahrheit und
die Besserung des Loses der Menschheit bemüht. Mit nichts könnten
wir diese Weltgemeinschaft der Wissenschaftlern angemessener
ehren als mit unserer gemeinsamen Entschlossenheit, unser Wissen
um die Geheimnisse der Atomphysik mit anderen zu teilen, und
andere an dem von uns Erreichten teilhaben zu lassen, damit alle
mehr haben,,
In diesem Geiste sind die Vereinigten Staaten gewillt, auf
verschiedenen Wegen einen Beitrag für die nächsten zukunftweisenden Maßnahmen auf dem Gebiete der Atomenergie zu leisten.
Da wir also die Schwelle des Atomzeitalters überschritten
haben, erhebt sich nunmehr die Frage, was wir als nächstes zu tun
haben, um uns mit dieser neuen Welt vertraut zu machen. Und damit
sind wir bei den speziellen Aufgaben angelangt, die die Internationale Behörde übernehmen sollte. Unserer Ansicht nach sollte
diese Behörde in allen Ländern die Forschungsarbeit zur Nutzung
der Atomenergie für friedliche Zwecke anregen und fördern; sie
sollte dafür sorgen, daß genügend kernreaktives Material für
Forschungszwecke, zur Entwicklung und praktischen Anwendung der
Atomenergie für friedliche Zwecke, einschließlich der Erzeugung
von Energie, zur Verfügung steht«, Unserer Ansicht nach sollte
die Behörde den internationalen Austausch aller Erfahrungen und
Erkenntnisse über die friedliche Nutzung der Atomenergie in jeder Weise begünstigen. Wir erwarten, daß die Internationale Behörde durch ihre Arbeit den Boden für künftige Zeiten bereitet,
in denen die Atomenergie vornehmlich - ja vielleicht ausschließlich - zu friedlichen Zwecken verwendet werden wird.
Diese Behörde sollte durch ein Abkommen geschaffen werden,
das die Richtlinien und Grundsätze enthält, nach denen sie ihre
Funktionen ausüben soll» Alle Staaten, die ursprünglich dieses
Abkommen unterzeichnet haben, sollten Mitglieder dieser Behörde
werden, und eine Bestimmung des Vertrages sollte die Zulassung
weiterer Mitglieder ermöglichen. Unserer Meinung nach sollten
die Mitglieder sich verpflichten, die Arbeit der Behörde durch
Bereitstellung von Material und Informationen, durch finanzielle
Unterstützung und die Möglichkeit zu offenen Diskussionen und zur
Fühlungnahme der um die Erforschung der friedlichen Nutzungsmöglichkeiten der Atomenergie bemühten Wissenschaftler zu fördern.
Es ist soviel zu tun, daß die Internationale Behörde unmöglich gleich von Anfang an all ihren Aufgaben nachkommen könnte.
Praktisch kann die Internationale Behörde in der unmittelbaren
Zukunft nur einige wenige der ihr zugedachten Obliegenheiten erfüllen - und zwar die, für die sie am besten geeignet ist. Allerdings werden und müssen auch die übrigen Arbeiten gleichzeitig
durchgeführt werden, da sie alle Teil des grundlegenden Programms
für eine stetige Fortentwicklung in das Atomzeitalter darstellen.
Wir

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10. November 1954

Wir sind bereit, mit anderen Ländern Besprechungen über den
Abschluß von Abkommen aufzunehmen, die es uns ermöglichen werden,
im Rahmen unserer gesetzlichen Vorschriften technisches Wissen,
technische Unterstützung und die nötigen Mengen spaltbaren Materials für den Bau und den Betrieb von Kernreaktoren im Ausland
zu wissenschaftlichen Zwecken zu liefern.
Darf ich Ihnen nun über die von den Vereinigten Staaten bis
zur Gründung dieser Behörde geplanten Arbeiten berichten, die zum
Teil das Ergebnis der jüngst vom Kongreß erlassenen Zusatzartikel
zum Gesetz über die Atomenergie sind. All diese Arbeiten werden
mit dem Programm der Internationalen Behörde koordiniert werden.
Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um sich darüber klar
zu sein, daß ein Gremium geschulter Fachleute eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung und den Betrieb von
Kernreaktoren zum Zwecke der Energieerzeugung in jedem Lande ist.
Ich werde nunmehr darüber berichten, was die Regierung der
Vereinigten Staaten im Jahre 1955» also nächstes Jahr, auf dem
Gebiet der Ausbildung zu tun beabsichtigt.
Zunächst zur Frage der Kernreaktoren. Wir beabsichtigen, im
Frühjahr 1955 eine Ausbildungsstätte für die Entwicklung und Handhabung von Kernreaktoren zu schaffen. Der erste Kursus dieser
Schule soll nicht nur der Energieerzeugung durch Kernspaltung
theoretisch, sondern auch praktisch behandeln. Unsere derzeitigen
Pläne sehen vor, 30 bis 50 Wissenschaftler und Techniker aus dem
Ausland zum praktischen Studium des Atom-Meiler-Baues einzuladen,
um den Teilnehmern dieses Kursus das nötige wissenschaftliche und
technische Wissen zu vermitteln, so daß sie nicht nur über die
theoretischen Kenntnisse hinsichtlich eines Kernreaktors verfügen, sondern auch verstehen, praktisch mit ihm umzugehen.
Die den Kursteilnehmern verfügbaren Informationen über den
Stand der Atomforschung werden zunächst nicht geheimer Natur sein.
Mit dem Abschluß bilateraler Abkommen zwischen den Vereinigten
Staaten und anderen Ländern jedoch, wie das Gesetz über die Atomenergie von 1954 sie fordert, werden weitere Informationen freigegeben werden. Von Anfang an aber werden die Kurse den Wissenschaftlern und Technikern grundlegende Kenntnisse über die so
überaus wichtigen Versuche und die Grundsätze vermitteln, nach
denen ein Kernreaktor für Forschungszwecke arbeitet, der das
wichtigste Versuchsobjekt zur Vorbereitung auf den weit komplizierteren Kernreaktor für Ehergieerzeugung darstellt.
Zweitens zur Frage der Sicherheit. Da wir es hier mit «Jiner
Kraft zu tun haben, die sowohl eine Gefahr als einen Segen darstellt, müssen neben jedem Lehrgang in Fragen der Atomenergie
besondere Ausbildungskurse über Schadenverhütung durch Atomstrahlung und die Therapie bei solchen Schäden eingerichtet werden.
Wir schlagen daher vor, unter den Auspizien der US-Atomenergiekommission folgende Lehrgänge einzurichten, an denen Angehörige
aller anderen Nationen teilnehmen können:
Betriebssicherheit in der Atomindustrie - Ein- bis zweijährige
Kurse an jenen amerikanischen Universitäten, die mit der Atomener- 10 -

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10. November 1954

Atomenergiekommission wegen Schadenverhütung und etwaiger Therapie
bei solchen Betriebsangehörigen, die mit Atomenergie zu tun haben,
in Verbindung stehen.
Betriebshygiene - Kurse über die Maßnahmen zur Erhaltung
hygienisch einwandfreier Verhältnisse in den mit gefährlichem
kernreaktivem Material arbeitende Industrien»
Radiologie sowie Gerätekunde und praktische Anwendung von
Strahlungsinstrumenten - Ausbildung durch das Brookhaven National
Laboratory.
Als dritter Punkt unseres Ausbildungsprogramms folgt das
riesige Gebiet der Verwendung von Atomenergie in der Biologie und
Medizin. Das Argonne Cancer Hospital der Universität Chikago, das
Brookhaven National Laboratory und die Krebsforschungsklinik im
Oak Ridge-Institut für Kernforschung werden ein- bis zweijährige
Kurse für jeweils 5 - 1 0 Teilnehmer über die Nutzbarmachung der
Atomenergie in der Medizin und Biologie abhalten.
Das Gebiet der Krebsforschung ist so wichtig, und andere Länder haben hier bereits solche Fortschritte erzielt, daß wir unseren
Beitrag nicht lediglich auf das Studium der verschiedenen Methoden
beschränken möchten. Wir sind daher bereit, 150 befähigte und hervorragende ausländische Wissenschaftler auf dem Gebiet der Krebsforschung zu eingehendem Studium unserer Krebsforschungsinstitute
im Jahre 1955 einzuladen. Diese Gäste werden nicht nur unsere
Institute und Methoden unbehindert studieren können, sondern werden darüber hinaus zu einem regen Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit unseren Ärzten, und Wissenschaftlern angeregt werden.
Der letzte und vierte Punkt unseres Ausbildungsprogramms ist
das Gebiet der Verwendung von Radioisotopen als Spürelemente, über
dessen rasche Entwicklung wir bereits gesprochen haben. Auf diesem
Gebiet konnte die Atom-Energiekommission bisher nur in beschränktem Umfange ein Ausbildungsprogramm für ausländische Wissenschaftler durchführen. Die Kommission ist jetzt in der Lage, Spezialkurse
für ausländische Techniker einzurichten, die Anfang 1955 beginnen
sollen. Diese Kurse sollen jeweils vier Wochen dauern und umfassen
Praktikum im Laboratorium, Vorlesungen über Laborversuche sowie
Seminare über besondere Themen. Die Laborversuche sollen die Benutzung der Instrumente, die Reindarstellung radioaktiven Materials
und seine Trennung vom inaktiven Material sowie die praktische
Anwendung verschiedener Verfahren in der Benutzung von Radioisotopen auf den verschiedensten Forschungsgebieten umfassen.
Diese von uns geplanten Ausbildungskurse in Betriebssicherheit,
Therapie und Biologie würden, in Zahlen ausgedrückt, über 250 Techniker aus anderen Ländern im Laufe der kommenden 12 bis 15 Monate
mit den grundlegenden theoretischen und praktischen Kenntnissen
vertraut machen. Die Beschränkung der Teilnehmerzahl ist nicht
etwa von dem Wunsch diktiert, die Kenntnisse nur einem kleineren
Kreis zugänglich zu machen, sondern ist einfach notwendig, damit
wir die Teilnehmer an den verschiedenen Lehrgängen in den uns gegenwärtig zur Verfügung stehenden Instituten und Anlagen unterbringen
können.
Soviel
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10. November

1954

Soviel über unsere anfänglich geplanten^Ausbildungskurse.
In enger Verbindung damit steht die Frage des schriftlichen Informationsaustausches über den Stand der wissenschaftlichen
Atomforschung. Wir setzen voraus, daß die Internationale Behörde
bereit ist, von Anfang an eine Reihe bestimmter Informationen
zu geben und Dienstleistungen zu übernehmen wobei sie sich von
den Mitgliedstaaten Angaben über deren Atomenergieprogramme
machen läßt und die Mitglieder darüber und über die eigenen Projekte unterrichtet. In kurzen Umrissen führe ich hier die Art
des Informationsmaterials an, das die Vereinigten Staaten im
Jahre 1955 der Internationalen Behörde nach deren Errichtung zur
Verfügung stellen wollen.
Im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Ansicht haben die
Vereinigten Staaten seit Beginn ihrer Arbeiten zur Entwicklung
der Atomenergie durch die Veröffentlichung von Dokumenten der
Atomenergiekommission und durch Aufsätze in wissenschaftlichen
Zeitschriften eine gewaltige Menge Forschungsmaterial über die
friedliche Verwendung der Atomenergie zur Verfügung gestellt.
Dennoch hält sich in der Öffentlichkeit noch immer die Vorstellung
von einem mysteriösen Monopol.
Ebenso wie ich selbst werden auch Sie überrascht wein zu
hören, daß sich die von den Vereinigten Staaten über die friedliche Verwendung der Atomenergie der Öffentlichkeit zugänglich
gemachten Dokumente auf über 20 000 Schriftstücke mit insgesamt
über 800 000 Seiten Text belaufen.
Stets der Zeit eingedenk, in der es sich als nützlich erweisen würde, dieses Material als Ganzes der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben wir unter Berücksichtigung der Tatsache, daß
Einzelheiten stets zur Verfügung gestanden haben, zehn vollständige Bibliotheken aus eigenem Material zusammengestellt, die wir
bereit sind, den wichtigsten technisch-wissenschaftlichen Bibliotheken der beteiligten Nationen zu übergeben. Und wenn es verlangt
werden sollte, werden wir auch mehr als zehn Bibliotheken zur Verfügung stellen.
Außer diesen aus eigenem Material zusammengestellten Bibliotheken sind wir bereit, vollständige Kartotheken mit Indexkarten
sowie unser in den vergangenen sieben Jahren gesammeltes Aktenmaterial mit Auszügen aus den bereits in sämtlichen Ländern veröffentlichten 50 000 wissenschaftlichen und technischen Büchern
und Berichten bereit zu stellen.
Um es in greifbaren Zahlen auszudrücken! wir erklären uns
bereit, jeder einzelnen dieser ausländischen Bibliotheken bereits
veröffentlichte Berichte sowie 200 000 Indexkarten zu übergeben.
Darüber hinaus werden wir diesen Bibliotheken neu veröffentlichtes Material beifügen, als Gegenleistung verlangen wir von
den Mitgliedstaaten nur die Überlassung ihrer Sammlungen von offiziellen nichtgeheimen, der allgemeinen wissenschaftlichen Literatur aber nicht zur Verfügung stehenden Dokumenten a&amp; • die entsprechenden Bibliotheken der USA.
Neben
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Neben der wissenschaftlichen Ausbildung und dem Austausch
von Informationen müssen wir auf dem Gebiet der Forschung und
Entwicklung der Atomenergie einen weiteren Schritt unternehmen.
Wir müssen die praktischen Entwicklungsmöglichkeiten der Atomenergie für die Medizin, die Landwirtschaft und andere friedliche Tätigkeiten einschließlich der späteren Erzeugung von
elektrischer Kraft weiter fördern. Die internationale Behörde
muß sofort an die Entwicklung solcher Forschungsaufgaben gehen
und sich bemühen, kernreaktives Material zu beschaffen, um den
überall in der Welt vorhandenen Bedarf der Forschung zu decken.
Es muß jedoch anerkannt werden, daß die Forschungsarbeit auch
weiterhin in der Hauptsache von den einzelnen Staaten durchgeführt werden wird.
Das sind in der Hauptsache die Maßnahmen, die wir Amerikaner für das Jahr 1955 im Auge haben. Wie Präsident Eisenhower
Ihnen bereits versichert hat, wird kernreaktives Material für
Projekte, die von der Internationalen Behörde gefördert werden,
für diesen Zweck abgezweigt. Wir vertrauen darauf, daß auch von
anderen entsprechende Beiträge im Interesse des gemeinsamen
Unternehmens gemacht werden. Verschiedene Maßnahmen werden von
einzelnen Staaten, andere von der Internationalen Behörde und
wieder andere teils von den Staaten selbst und teils von der
Internationalen Behörde unternommen werden. Auf jeden Fall
sollten wir uns von dem Prinzip leiten lassen, daß sich die Behörde auf solche Projekte konzentrieren soll, die von einem
Staat allein oder von privaten Gruppen gar nicht oder lange
nicht so wirksam durchgeführt werden könnten.
All diese Schritte werden uns im kommenden Jahr ein gutes
Stück weiter bringen auf dem Wege in das friedliche Atomzeitalter.
Die Vereinigten Staaten waren die ersten, die bereit waren,
ihre Atomenergie über die Vereinten Nationen für friedliche
Zwecke zur Verfügung zu stellen. Wir hoffen, daß es möglich
sein wird, eine internationale Organisation zu schaffen, die
die erforderliche Autorität besitzt, um rasch, wirksam und
gerecht diese kostbare • Gabe ungezählten Millionen jenseits
unserer Grenzen zuteil werden zu lassen.
Wir sind überzeugt davon, daß zwischen der Internationalen
Behörde und den Vereinten Nationen ein ähnliches Verhältnis
geschaffen werden muß, wie es zwischen diesen und ihren Sonderorganisationen besteht. Über die Art dieser Beziehungen kann
natürlich erst dann etwas ausgesagt werden, wenn die Behörde
selbst errichtet ist. Geschaffen werden wird die Behörde auf
Grund von Verhandlungen zwischen den interessierten Nationen.
Diese Verhandlungen bei denen bereits Fortschritte zu verzeichnen
sind, werden zum Abschluß eines Vertrages führen, der den üblichen, durch die Verfassungen festgelegten Ratifizierungsverfahren unterliegt. Die Internationale Atomenergiebehörde wird 'sich»soweit erforderlich, mit anderen Organisationen der Vereinten Nationen, deren Tätigkeit zu der Arbeit der Behörde in
Verbindung steht sowie mit den nationalen und regionalen Atom- 13 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Atomenergie-Organisationen&gt;wie etwa der Gesellschaft für Europäische Kernforschung, beraten und mit ihnen zusammenarbeiten.
Die Beziehungen, die sich möglicherweise entwickeln, im
einzelnen genauer definieren zu wollen, würde im jetzigen Zeitpunkt nicht zweckmäßig sein, ehe wir nichts genaueres darüber
wissen, wie die Behörde einmal beschaffen sein wird. Während
in gewissem Umfange allgemeine Übereinstimmung über verschiedene
verwaltungstechnische Fragen erzielt wurde, scheint es nicht ratsam, heute ausführlicher auf Einzelheiten dieser Verhandlungen
einzugehen. Sie werden begreifen, daß bei den Verhandlungen die
Aussichten der acht verhandelnden Staaten im Hinblick auf die
besondere Stellung, die diese auf dem Gebiete der Atomenergie
einnehmen, berücksichtigt werden müssen, ebenso wie die der
übrigen Staaten, die sich hoffentlich einmal beteiligen werden.
In der Hauptsache haben sich die Verhandlungen auf der Linie
bewegt, die wir in unserem am 19. März der Sowjetunion übergebenden Entwurf aufgezeigt haben und der dem Ausschuß vorliegt. Doch
sind Änderungen möglich.
An dieser Stelle dürfte es angebracht sein, ein Problem zu
erwähnen, das während der Verhandlungen aufgetaucht ist. Ursprünglich vertraten die Vereinigten Staaten die Ansicht, daß die Internationale Behörde über spaltbares Material selbst verfügen würde.
Nach der Ablehnung des amerikanischen Vorschlages durch die Sowjetunion, beschlossen jedoch sämtliche an den Verhandlungen beteiligten Staaten, daß es vorzuziehen sei, wenn die Behörde
als Clearing-Haus für Anträge dienen würde, die von den verschiedenen Nutznießern gestellt würden. Der das spaltbare Material
zur Verfügung stellende Staat sollte es für die von der Behörde
genehmigten Projekte kenneeichnen und es diesen direkt zuleiten.
Da die Mittel, der Behörde offenbar beschränkt sein werden, erscheint es unserer Meinung nach zweckvoller, die ihr zur Verfügung stehenden Hilfsquellen lieber für zusätzliche Programme
als für eine kostspielige treuhänderische Tätigkeit zu verwenden.
Wie ich im Verlaufe meiner Ausführungen bereits erklärt
habe, haben die Vereinigten Staaten den Wunsch und verfolgen das
Ziel, daß alles was getan wird, auch im Bereich des Möglichen
und Durchführbaren bleiben muß, nicht behindert oder zum Spielball endloser Argumente oder unüberwindlicher Vetos werden darf.
Unsere Arbeit geht so schnell wie möglich vonstatten, und wir
sind entschlossen, zu verhindern, daß dieses Hoffnungsvolle Unternehmen auf die lange Bank geschoben, verzögert oder auf lange Zeit
hinaus von denen vereitelt wird, die nicht dulden wollen, daß
die Segnungen der Atomenergie aller Welt zuteil werden.
Die von uns unterstützte Resolution spiegelt diesen Wunsch
wider - nämlich zum Wohl der ganzen Welt so rasch wie möglich
Fortschritte zu erzielen.
III. Internationale Konferenzen
Zur Erreichung des Zieles, alle Völker an den Segnungen der
Atomenergie teilhaben zu lassen, hätten die Vereinten Nationen
schon jetzt eine weitere Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, Ift- 14 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

in dem sie eine internationale Konferenz einberufen, die feststellen soll, auf welchen Gebieten eine technische Weiterentwicklung angebracht ist» und nach welcher Verfahrensweise die
einzelnen Nationen ihre Wünsche geltend machen können.
Die Vereinigten Staaten haben die Absicht, jeden Antrag
auf Abhaltung einer solchen Konferenz zu unterstützen, und werden als Vertreter qualifizierte Wissenschaftler und befähigte
Techniker entsenden. Unsere Atomenergiekommission wird die
bei bestimmten Informationen verhängten Nachrichtensperren aufheben und sie veröffentlichen in der Hoffnung, damit zu einem
Erfolg der Konferenz beizutragen und andere Länder zu veranlassen, das gleiche zu tun.
Die Vereinigten Staaten sind seit langem überzeugt, daß eine
solche Konferenz von Wissenschaftlern und Regierungsvertretern,
die an der Entwicklung der Atomenergie in ihren Ländern mitarbeiten, die wissenschaftlichen Kenntnisse der Teilnehmer bereichern und dementsprechend auch den einzelnen Ländern zugute
kommen würde. Es boten sich zahlreiche Gelegenheiten, Informationen auszutauschen und all die Probleme auf dem gewaltigen
Gebiet kennenzulernen, das sich jetzt vor unseren Augen erschließen würde, wenn die segensreichen Verwendungsmöglichkeiten
der Atomenergie leichter durchzuführen und zahlreicher wären.
Zweifellos werden die meisten Teilnehmer der Konferenz
Regierungsvertreter sein, von denen viele Sachverständige auf
dem Gebiete der Atomenergie sind. Die Vereinigten Staaten halten
es ferner für angebracht, auch Vertreter der verschiedenen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen einzuladen, deren Tätigkeit Bereiche umfaßt, die bei den Diskussionen auf der Konferenz unmittelbar interessieren. Hierzu gehören Organisationen
wie die UNESCO, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO),
die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Welternährungsund Landwirtschaftsorganisation (PAO). Die Organisierung der
Konferenz, die Verschickung der Einladungen, die Vorbereitung der
Tages- und Geschäftsordnung sollte dem Generalsekretär der Vereinten Nationen übertragen werden, der sich dabei von einem Aus3±ruß
aus Vertretern bestimmter Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen
beraten läßt. Die Mitglieder dieses Beratungsausschusses müssen
unserem Vorschlag gemäß zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllen: sie sollen die Entwicklung der Atomenergie kennen und sie
müssen ein Gebiet repräsentieren, das geographisch gesehen bestimmte Voraussetzungen erfüllt.
Wir schlagen vor, daß auf der Konferenz unter anderem solche
Themen wie der vermutliche Weltbedarf an elektrischer Energie,
der mögliche Beitrag der Atomenergie zur Beseitigung der Knappheit an herkömmlichen Brennstoffen, die Atomenergiewirtschaft,
die gesundheitlichen Aspekte der Atomenergie und die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen erörtert werden. Erörtert werden
müssen ferner die Kerntechnik, die Verwendung von Kernreaktoren
in der Forschung und Energieerzeugung, die Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie in der Medizin und Biologie und die Verwendung
radioaktiver Erzeugnisse in der Industrie.
_.
- 15 -

�10. November 1954

"AMERIKA DIENST"

Wir wissen, daß die Berichte und Entscheidungen der Konferenz
von großer Bedeutung sowohl für die zu errichtende Internationale
Atomenergiebehörde als auch für die einzelnen Länder in bezug auf
deren eigene Atomenergieprogramme sein werden.
IV. Schlußfolgerungen
Wir beabsichtigen, in diesem Ausschuß einen Resolutionsentwurf zu unterstützen, der den eben gemachten Ausführungen entspricht. Wir glauben, daß er vorbildlich sein kann für eine
praktische Teilnahme der Vereinten Nationen an diesem großen
Werk internationaler Zusammenarbeit, das der Entwicklung der
Atomenergie für friedliche Zwecke dienen soll. Indem die Vereinigten Staaten diese Resolution unterstützen, geben sie dem
Wunsche Ausdruck,gemeinsam mit Ihnen an der Verwirklichung dieses
Programms zu arbeiten, dessen alleiniger Zweck nach den Worten
Präsident Eisenhowers in seiner Rede vom vergangenen Dezember
darin besteht, "einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht sondern
seinem Leben geweiht wird."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. J A M E S B. CQNANT ZUR FRAGE DER
EUROPÄISCHEN INTEGRATION UND WIEDERVEREINIGUNG
DEUTSCHLANDS
BERLIN - (Amerika Dienst) - Nachfolgend der Text einer Ansprache, die der
amerikanische Hochkommissar, Dr. James
B. Conant, am 9.November 1954 über RIAS
Berlin gehalten hat:
Die letzten Monate haben uns Entscheidungen von außerordentlicher Wichtigkeit gebracht - Entscheidungen, die, wenn
sie vollständig durchgeführt sind, das Leben jedes einzelnen
von uns betreffen werden, das Leben jedes Berliners und jedes
Bewohners der Sowjetzone. Vor wenig mehr als zwei Monaten
standen wir vor einer Situation, die sich leicht zu einer Tragödie für die ganze westliche Welt hätte entwickeln können«
Unsere Integrationspläne, ja, unsere ganze Zukunft schien gefährdet. Heute jedoch scheint unsere Einigkeit gefestigter und
unsere Zukunft hoffnungsvoller als je zuvor.
Die Namen dreier Städte: London, Paris und Washington
wurden zu Symbolen für diese neue Entwicklung. In London wurde
die Grundlage gelegt für die neue Einheit, in Paris errichteten
wir das Gerüst, in Washington feierten wir sozusagen das Richtfest. Eine Reihe von verfassungstechnischen und sonstigen Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet werden, ehe das neue Gebäude fertig und bewohnbar sein wird, aber wir wissen, daß
diese Arbeit gute Portschritte macht.
Ich habe an allen drei Ereignissen teilgenommen, ich war in
London, Paris und Washington dabei. Diejenigen von uns, die
bei den entscheidenden Sitzungen in London und Paris anwesend
waren, erkannten, daß damals das Schicksal der freien Welt auf
dem Spiele stand. Ich war von dem Weitblick der europäischen
Staatsmänner bei den Verhandlungen tief beeindruckt, von ihrem
Gefühl für das wirklich Entscheidende und von ihrer Entschlossenheit, die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Ich werde niemals den historischen Augenblick vergessen,
in dem der britische Außenminister, Sir Anthony Eden, die Bereitschaft der britischen Regierung bekanntgab, der Union der
westeuropäischen Länder beizutreten. Wenn ich auf diese schicksalhaften Tage zurückschaue, kann ich nur die Worte wiederholen,
die Außenminister Dulles nach seiner Rückkehr aus London sprach:
"Die Tatsache, daß soviel erreicht werden konnte, zeigt, wie lebensfähig die atlantische Gemeinschaft ist."
Was bedeutet das nun alles für uns ?
- 1 -

Meines

�"*MERIK* DIENST" 10. November 1954
Meines Erachtens bedeuten die londoner und Pariser Abkommen einen der größten Erfolge, die der Westen je erreicht hat.
Wir haben ihn erreicht trotz der unnachgiebigen und bösartigen
Versuche eines rücksichtslosen Gegners, den Nationen der freien
Welt diesen Erfolg zu verwehren. Es ist auch eine der klarsten
Niederlagen, die die Sowjetunion im Kalten Krieg erlitten hat.
Wir haben der sowjetischen Absicht, Mißtrauen zwischen den westlichen Alliierten zu säen und sie von einer Vereinigung abzuhalten, einen schweren und hoffentlich tödlichen Schlag versetzt*
Wir haben dabei gezeigt, wie falsch und nutzlos die sowjetische Taktik ist, den unnatürlichen Zustand der Schwäche und Uneinigkeit der Völker zu verewigen und durch Spaltung die Eroberung vorzubereiten. Wenn die Sowjetunion diese Absicht aufgeben muß, dann wird ein bedeutender Teil der sowjetischen Strategie hinfällig. Auf jeden Fall wird die westliche Union nach
ihrer Vollendung nicht nur den westlichen Nationen neue Kraft
geben, sondern sie wird die Gegner des Westens zwingen, bei der
Formulierung ihrer eigenen Pläne diese neue Situation zu respektieren.
Während der letzten Jahre wurde viel von der westlichen
"Politik der Stärke" gesprochen. Es bestand manchmal die Tendenz, Stärke nur nach dem Umfang der materiellen und militärischen Macht zu bemessen. Natürlich wäre es unklug, und unrealistisch, zu leugnen, daß es in unserem Zeitalter der globalen
Spannungen und Konflikte unerläßlich ist, sich mit den materiellen Verteidigungsmitteln auszurüsten, wenn man stark sein will.
Es gibt jedoch noch eine andere Stärke, und das ist die Stärke,
die in London und Paris in Erscheinung trat, nämlich die moralische Stärke der Nationen. Dazu gehört Mut, Entschlossenheit und
die Bereitschaft, für das gemeinsame Wohl Opfer zu bringen. Wenn
materielle Macht nicht mit dieser geistigen und moralischen Kraft
verbunden wird, dann ist sie nutzlos, ja sie wird sogar destruktiv. Wenn sich aber die materielle Macht mit der moralischen
Stärke verbindet, und wenn die Macht in den Dienst der Gemeinschaft gestellt wird, dann brauchen wir keinen Mißbrauch der
Macht zu befürchten. Das ist der wahre Sinn der Pariser Abkommen. Die Stärke, die durch Einigkeit erreicht wurde, wird
nicht nur die einzelnen Mitglieder der Union schützen, sondern,
wie es Außenminister Dulles formuliert hat, auch die anderen
Nationen. Entweder mißverstehen diejenigen, die diese neue
Union verleumden, Zweck und Sinn der Abkommen, oder sie entwerfen absichtlich ein falsches Bild, Die Geschichte wird diesen Verleumdern beweisen, wie voreingenommen und falsch ihre
Ansichten sind.
Nun werden Sie, meine Hörer, fragen, aber wie steht es mit
unserer Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Deutschlands ?
Das ist schließlich das brennendste Problem für uns. Gerade mit
diesem Problem hat sich die Washingtoner Konferenz eingehend
befaßt. Bekanntlich haben der Präsident der Vereinigten Staaten
und Bundeskanzler Adenauer in einer gemeinsamen Erklärung in
Washington die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit als
eine berechtigte Forderung des deutschen Volkes bezeichnet.
Beide Staatsmänner waren sich einig, daß dieses Ziel auf friedlichem Wege erreicht werden muß. Sie gaben ihrer Überzeugung

�PIEKST"
10. November 1954
Überzeugung Ausdruck, daß fortgesetzte Bemühungen auf dieses
Ziel hin nötig sind, und sie stimmten überein, daß solche Bemühungen von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gemeinsam mit den Regierungen Großbritanniens und Prankreichs
unternommen werden sollen. Schließlich bestätigten sie ihren
festen Glauben, daß die Stärkung des freien Europas, die aus
den londoner und Pariser Abkommen erwächst, die Bemühungen
unterstützen wird, dem gesamten deutschen Volk Freiheit und
Einheit zu geben. Diese hoffnungsvolle Botschaft offenbart
unseren unerschütterlichen Glauben, daß das Recht über die
Macht triumphieren wird. Gewiß, diese Botschaft enthält keine
Zeitangaben, aber es wäre unverantwortlich und unrealistisch,
durch feste Voraussagen, verfrühte Hoffnungen zu erwecken.
Niemand von uns kann voraussagen, wann die Sowjetunion bereit
sein wird, die berechtigte Forderung des deutschen Volkes nach
Einheit in Freiheit anzuerkennen. Wir nehmen an, daß die Sowjets
bereit wären, sogenannte freie Wahlen nach dem Vorbild des
17.Oktober in ganz Deutschland abzuhalten. Aber die Freiheit,
die wir meinen, ist nicht die Freiheit, die die Sowjets meinen.
Es wird nicht leicht sein, die Wiedervereinigung in echter
Freiheit zu verwirklichen. Wir müssen Schritt um Schritt vorgehen. In London und Paris haben wir bereits entscheidende
Schritte getan, und ich bin sicher, daß wir unserem gemeinsamen Ziel näher gekommen sind« Ehe die westlichen Nationen
nicht einen gewissen Grad der Einigkeit erreicht hatten, konnten wir kaum erwarten, daß die Sowjets unsere wachsende Stärke
respektieren würden und ihre Taktik der neuen Situation anpassen. Aber jetzt, da die westliche Welt in immer engerer Verbundenheit zusammenfindet, dürfen wir hoffen, daß aus der neu
geschaffenen Einigkeit eine noch größere Einigkeit entsteht,
daß ein immer größeres Gebiet der Welt in den Genuß der Freiheit gelangt, bis auch jenen Menschen, die heute noch in der
Sklaverei leben, die Freiheit geschenkt wird.
"AMERIKÜ

Inzwischen wird meine Regierung, in enger Zusammenarbeit
mit der britischen und französischen Regierung, ihre Bemühungen fortsetzen, den Tag der Freiheit näher zu bringen. Wir werden sorgfältig alle ehrlichen und realistischen Vorschläge für
eine Lösung der noch schwebenden Probleme prüfen, besonders in
der Frage der deutschen Wiedervereinigung.
Wir werden auch weiterhin die Berliner Bevölkerung unterstützen. Die Vereinigten Staaten, zusammen mit Großbritannien
und Frankreich, haben die einzigartige Bedeutung der Stadt
Berlin für die westliche Welt in der Dreimächte-Erklärung
vom Jahre 1952 anerkannt, die im Oktober 1954 auf der Londoner Konferenz bestätigt wurde. Diese Erklärung stellt fest,
daß in der heutigen internationalen Lage die Sicherheit und
das Wohlergehen der Stadt Berlin und die Aufrechterhaltung
der Position der drei Mächte in Berlin wesentlich für den
Frieden sind. Es gibt kein anderes Gebiet auf dieser Erde, dem
der Schutz und die Unterstützung der amerikanischen Regierung
so klar und fest zugesagt wurde und das durch Wort und Tat so
wirksam beim Wiederaufbau gefördert wurde. Durch diese Unterstützung, die gewährt werden wird solange sie nötig ist, war
die Stadt in der Lage, ein aktives wirtschaftliches, kulturel-

- 3-

�"ÜMEBIJU

SIEHST"

10. November 1954

kulturelles und politisches Leben zu entwickeln - trotz ihrer
schwierigen Lage als Inäel der Freiheit mitten im kommunistisch
beherrschten Gebiet.
Die amerikanische Unterstützung bestand nicht nur in der
finanziellen Hilfe im Wert von fast einer Milliarde Dollar im
Laufe der letzten Jahre, sondern auch in der Förderung des
Handels und in der Produktionssteigerung. Dadurch war es möglich, innerhalb von drei Jahren die Produktion zu verdoppeln
und die Zahl der Arbeitsplätze beträchtlich zu erhöhen.
Ich möchte besonders betonen, daß diese Erfolge erzielt
würden, obwohl die Zahl der Arbeitsuchenden durch neuhinzukommende Flüchtlinge vergrößert wurde. Außerdem mußte die Stadt
Berlin Tausenden von Flüchtlingen vorübergehend Obdach geben,
bis sie in die Bundesrepublik geflogen werden konnten. Was in
Berlin seit der Blockade erreicht wurde, erwuchs aus der engen
Zusammenarbeit zwischen der tapferen Bevölkerung Berlins und
der Regierung der Vereinigten Staaten.
Die ganze Welt bewundert heute den Mut der Berliner Bevölkerung, aber sie weiß auch, daß die schwierigen Bedingungen,
unter denen Sie, meine Hörer in der Sowjetzone, leben, Tag für
Tag einen noch größeren Mut erfordern. Aber ich weiß, daß in
Ihrem Herzen die Überzeugung lebt, daß auch Ihre Zone ein Teil
Deutschlands ist und bleibt und damit auch zu der Gemeinschaft
der freien Nationen gehört. Erhalten Sie sich dieses Gefühl
der Zusammengehörigkeit mit dem Westen so wie auch wir immer
unserer Zusammengehörigkeit mit Ihnen eingedenk sein wollen bis zum Tag der Wiedervereinigung in Freiheit.

* * * * #

- 4 -

�Gleichfalls übersende ich zur Informa ion des Sen ts eine
Abschrift der als Pazifik-Charta bekannten E klarung, die in
Mani a ausgearbeitet und am gleichen Tage in erzeichnet wurde.
Die Charta proklamiert das Bekenntnis der
gnatarmächte zu
den Grundsätzen der Selbstbestimmung und der U bha gigkeit.
Sie teilt eine Grundsatzerklärung dar und erfor ert deshalb
nich "en Rat und die Zustimmung des Senats.
Ferner wird hiermit dem Senat zur Information der Bericht
übermittelt, der mir vom Außenminister zum Südost s' tischen
Vert idigungspakt und em hierzu gehörigen Prot koll bergeben worden ist. Im Einklang mit der Empfehlung des Ministers,
ist die "einmütige Übe e'nstimmung", wie sie Artikel I
Paragraph
1, für die Namhaftmachung von Staaten oder Terr torie , Artikel
VII für die Einladung an Staaten, dem Pakt beizutreten, und Artikel VIII für eine Änderung des von dem Pakt betroffenen Raumes
vorsieht, in jedem Fall so auszulegen, daß hierfür der Senat
seine Billigung und Zustimmung geben muß.
,-

- 1 -

�AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Der Vertrag ist dazu bestimmt, die Sicherheit und den Frieden in Südostasien und dem südwestpazifischen Raum dadurch zu
fördern, daß er vor einer kommunistischen oder anderweitigen
Aggression in diesem Raum abschreckt. Es ist dies ein DefensivVertrag sowohl gegen offene bewaffnete Angriffe als auch gegen
Umsturzversuche von innen her. Für die Vereinigten Staaten ergibt sich aus dem Vertrag die selbstverständliche Voraussetzung,
daß der einzige bewaffnete Angriff in diesem Raum, den die Vereinigten Staaten notwendigerweise als Gefährdung des Friedens
und ihrer Sicherheit betrachten würden, ein kommunistischer bewaffneter Angriff wäre. Der Vertrag fordert wirtschaftliche Zusammenarbeit, um die freien Länder dieses Raumes in die Lage zu
versetzen, nicht nur auf militärischem sondern auch auf sozialem
und wirtschaftlichem Gebiet stark und lebensfähig zu werden.
Der Südostasiatische Verteidigungspakt bedeutet eine Ergänzung unserer anderen Sicherheitspakte im Pazifik und stellt
ein wichtiges Glied im System kollektiver Sicherheit der freien
Nationen des südostasiatischen und pazifischen Raumes dar.
Ich empfehle, der Senat möge den hiermit unterbreiteten Vertrag samt Protokoll bald und in wohlwollendem Sinne erörtern und,
unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen für die
Vereinigten Staaten selbstverständlichen Voraussetzungen die
Ratifizierung befürworten.
Dwight D. Eisenhower,
Weisses Haus, 10. November 1954

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�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Bericht des amerikanischen Außenministers an
den Präsidenten

Ich habe die Ehre, Ihnen in der Erwartung, daß Sie Vorliegendes an den Senat zur Billigung und Zustimmung,der Ratifizierung weiterleiten, eine Ausfertigung des Südostasiatischen
Verteidigungspaktes samt dem dazugehörigen Protokoll, die beide
am 8. September 1954 in Manila unterzeichnet wurden, zu unterbreiten. Zur Informationen des Senats wird außerdem eine Kopie der
am gleichen Tag in Manila unterzeichneten und proklamierten Pazifik-Charta vorgelegt. Die Charta ist eine Grundsatzerklärung
und bedarf nicht der Zustimmung und Billigung des Senats.
Auf Ihr Ersuchen begleiteten mich die Senatoren H. Alexander Smith und Michael J. Mansfield vom Außenpolitischen Ausschuß
des Senats als bevollmächtigter Delegierte zur Manila-Konferenz
und unterzeichneten mit mir den Vertrag, das Protokoll und die
Pazifik-Charta. Ich bin ihnen für die Beiträge, die sie für den
erfolgreichen Abschluß dieser Dokumente geleistet haben, außerordentlich zu Dank verpflichtet. Dieser Vertrag ist einer von
denjenigen, wobei Regierung und Senat, durch die beiden in diesem
vertretenen politischen Parteien, die ganze Zeit hindurch zusammengearbeitet haben.
Das Ziel des Südostasiatischen Verteidigungspaktes ist die
Schaffung einer Einheit für Sicherheit und Frieden in Südostasien und im südwestlichen Pazifik. Acht Nationen - Australien,
Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Republik der Philippinen,
Thailand, Großbritannien und die Vereinigten Staaten - haben an
den Verhandlungen als freie und gleichberechtigte Partner teilgenommen. Es ist dies sowohl ein Vertrag der gemeinsamen Verteidigung gegen offene bewaffnete Angriffe als auch gegen Umsturzversuche von innen heraus. Obgleich die Vereinigten Staaten kein
direktes territoriales Interesse in Südostasien haben, ist uns
mit den Völkern und Regierungen dieses Raumes vieles gemeinsam,
und wissen wir uns eins mit ihnen angesichts der gemeinsamen
Bedrohung durch den internationalen Kommunismus.
Wie ich in meiner Rede an die Nation am 15« September erklärte, entspricht die Einigkeit, die durch den Vertrag vorgesehen ist, dem, was die Vereinigten Staaten schon lange angestrebt haben. Im Auftrag der vorhergehenden amerikanischen Regierung verhandelte ich im Jahr 1951 mit Australien und Neuseeland, der Republik der Philippinen und Japan über Sicherheitsverträge. In der Zwischenzeit wurde auch mit Korea ein Beistandspakt abgeschlossen, bei dem allerdings die Ratifizierungsurkunden
noch ausgetauscht werden müssen. Jeder dieser Verträge spielt
noch immer eine Rolle im Ausbau eines pazifischen Sicherheitssystems, und jeder sah die Entwicklung eines umfassenden Systems
regionaler Sicherheit im pazifischen Raum vor.
w.

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Wie die früheren Verträge steht auch der Manila-Pakt voll in
Einklang mit den Absichten und Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen; er basiert auf Artikel 51, der das unabdingbare
Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung anerkennt. Er richtet sich gegen keine Regierung, gegen keinen Staat
und gegen -kein Volk.
Der Vertrag besteht aus einer Präambel und elf Artikeln. In
der Präam el sind Geist und Ziele des Vertragswerkes umrissen.
Es anerkennt die unbeschränkte Gleichheit aller Vertragspartner
u d gibt noch einmal ihrem Glauben an die Charta der Vereinten
Nationen und ihrem Verlangen, mit allen Völkern und Regierungen
in Frieden zu leben, Ausdruck. Indem es noch einmal den Grundsatz
von den gleichen Rechten und der Selbstbestimmung der Völker versichert, erklärt es die Absicht der Partner, sich mit Hilfe aller
zur Verfügung stehenden friedlichen Mittel darum zu bemühen,
daß das Prinzip der Selbstregierung gefördert und die Unabhängigkeit all jener Länder erhalten wird, deren Völker diese wünschen
und auch wirklich in der Lage sind , die daraus erwachsenden
Ve. antwortlichkeiten auf sich zu nehmen. Durch die Öffentliche
und formelle Erkläru; g ihrer Auffassung von Einigkeit weisen die
Vertragspartner jeden möglichen Aggressor warnend darauf hin, daß
sie in dem betreffenden Raum zusammenstehen werden. Die Präambel
gibt auch dem fundamentalen Zweck des Vertrages Ausdruck, d.h.
der weiteren Koordinierung der Bemühungen um kollektive Verteidigung zur Erhaltung von Frieden und Sicherheit.
Die elf Artikel der Pazifik-Charta

ARTIKEL I enthält Bestimmungen, die denen in vergleichbaren
Artikeln anderer Sicherheitsverträge ähneln. Im Rahmen dieser Bedingungen bekräftigen die vertragschließenden Partner ihre in der
Charta der Vereinten Nationen feierlich übernommenen Verpflichtungen, alle internationalen Streitfälle, in die sie verwickelt
werden sollten, mit friedlichen Mit ein eizulegen und sich in ihren internationalen Beziehungen der Drohung mit oder der Anwendung von Gewaltmitteln zu enthalten, die unvereinbar mit den
Zwecken der Vereinten Nationen sind. Alle vertragschließenden
Partner sind Mitglieder der Vereinten Nationen.
ARTIKEL II nimmt in den Vertrag den Grundsatz der VandenbergEntschließung (siehe Resolution 239 80. Kongreß) auf, der verlangt, daß regionale und kollek ive Sicherheitsvereinbarungen,
denen sich die Vereinigten Staaten anschließen, auf ständiger
Selbsthilfe und gegenseitiger Hilfe beruhen müssen. Die Parteien
verpflichten sich auf diese Weise, nicht nur ihre eigene und
ihre kollektive Fähigkeit, einem bewaffneten Angriff Widerstand zu
leisten, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, sondern auch
Umsturzbestrebungen, die von außen her gegen ihre territoriale
Unantastbarkeit und politische Stabilität unternommen werden, zu
verhindern und zu bekämpfen. Der Vertrag erkennt so die Gefahr

�"AMERIKA DIENST"

17 • N vember 1954

Gefahr eines Umsturzes oder einer indirekten Aggression an, die,
wie wir genau wissen, die Hauptwerkzeuge des internat onalen
Kommunismus bilden.
ARTIKEL III erkennt die Wichtigkeit freie: Ins t t onen
und gesunder Wirtschaftssysteme für die Erreichung
r Z
e des
Friedens und der Sicherheit an. Er gründet sich a f
Über Fügung, daß die günstigen Gelegenheiten für dm Komm
smus sich
verringern werden, wenn die freien Völker dur,ch
ts
ft\ iche
Zusammenarbeit in der Lage sind, ihre innere :-„abi itä zu entwickeln. Die Vertragschließenden kommen übere'
s ch bei der
Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts un der soz
Wohlfahrt gegenseitig behilflich zu sein. Dies r Artik
ve pflichtet die Vereinigten Staaten nicht zu irgen eich
Unterstützungsprogramm. Wie ich jedoch schon m meiner Rede vom l5»&lt;
September feststellte, sah der Kongreß in diesem ahre
raus,
daß in Südostasien besondere Notstände sich erg oen wür n. Auf
Grund der Mutual Security Act (des Gesetzes für gemeinsame Sicherheit) hat der Kongreß bereits bestimmte F nds b reit es eilt,
die dazu verwendet werden können, den freien Regierungen in Südostasien Beistand zu leisten.
Der Artikel richtet keine wirtschaftlichen M uern a
gegenüber Ländern oder Gebieten, die nicht dem Vertrag angebe lossen
sind. Da zwischen den Ländern, die schwerwiegende Abmach ngen miteinander treffen, besonders enge Beziehungen vorwa ten sol't ,
so sind sich die Vertragsländer völlig der Bedeutung ew ßt, die
vom wirtschaftlichen Standpunkt solchen Ländern wie J pan, Indonesien, Burma, Ceylon, Indien, Formosa und anderen Ge ie JXI im
fernöstlichen und südasiatischen Raum zukommt. Artike II' schließt
nicht unsere weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit diesen
und anderen Ländern aus, deren Wirtschaft iche Wohlfahrt als
bedeutsam sowohl für die Stabilität des Vertragsgebietes ala auch
für unser eigenes Wohlergehen erachtet wird.
ARTIKEL IV enthält einige der wichtigsten Bestimmungen des
Vertrages. Mit ihm werden die Bestimmungen fo tgeführt, durch die
die Parteien auch über die Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression einigen.
Unter Absatz 1 dieses Artikels erkennt jede der Parteien an,
daß "eine Aggression durch einen bewaffneten Angriff in dem Vertragsgebiet gegen eine der Parteien oder gegen irgendeinen Staat
oder ein Gebiet, das die Vertragsparteien an chließend einstimmig
bezeichnen können, ihren eigenen Friede., und die eigene Sicherheit
gefährden würde und l chbereit erklärt, beim Eintritt eines
solchen Ereignisses entsprechend den in den " ertragsbestimmungen
festgelegten Verfahren der gemeinsamen Gefahr ntgegenzutreten."
Dieser Wortlaut beruht auf dem Grundsatz de "Monroe-Doktrin"
und wurde bereits in anderen Sicherheitsvertrage der Vereinigten Staaten im Pazifik angewandt. Jede Part I erkennt in Artikel
IV, Absatz 1, an, daß der darin bezeichnete bewaffnete Angriff
als eine Gefährdung des eigenen Friedens und der eigenen Sicherheit angesehen würde.
_,..

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Für die Vereinigten Staaten kann diese Vertragsbestimmung
nur ein kommunistischer bewaffneter Angriff wirksam werden lassen.
Die Haltung der Vereinigten Staaten geht aus dem Wortlaut des
Vertrages selbst hervor. Dort heißt es wie folgt:
"Für die Vereinigten Staaten ist das Wirksamwerden der Bestimmungen des vorliegenden Vertrages an die Voraussetzung gebunden, daß die Anerkennung der Tatsache einer Aggression und
eines bewaffneten Angriffs und d er entsprechenden Vorschriften
des Artikels IV, Absatz 1, nur auf eine kommunistische Aggression
Anwendung findet«, Die Vereinigten Staaten bestätigen jedoch, daß
sie im Falle einer anderen Aggression oder eines anderen bewaffneten Angriffs gemäß den Bestimmungen des Artikels 17, Absatz 2,
in Beratungen eintreten werden."
Diese Bedingung entspricht der besonderen Stellung der Vereinigten Staaten als der einzigen der Signatarmächte, die in
dem Vertragsgebiet keine territorialen Besitzungen hat. Die anderen Signatarmächte bindet der Vertrag bei jedwedem Aggressionsakt, der den Frieden in diesem Gebiet stören könnte. Bezüglich
der Vereinigten Staaten ist jedoch ausdrücklich festgelegt, daß
die Vereinigten Staaten nur einen kommunistischen bewaffneten
Angriff als eine wirkliche Bedrohung für ihren Frieden und i
ihre Sicherheit ansehen würden. Die Erkenntnis, daß ein
kommunistischer bewaffneter Angriff in Südostasien tatsächlich
den Frieden und die Sicherheit der Vereinigten Staaten bedrohen
und eine Gegenaktion der Vereinigten Staaten erforderlich machen
würde, beruht auf der Überlegung„ daß die Ausweitung des internationalen Kommunismus die Vereinigten Staaten ebenso wie die
gesamte freie Weit bedroht.
Der Wortlaut von Absatz 1 sieht außerdem die einstimmige
Bezeichnung anderer Staaten oder Territorien vor, für die, falls
sie einem bewaffneten Angriff ausgesetzt sein würden, gewisse
Bestimmungen des Vertrage^ ebenfalls wirksam würden. Ich empfehle
Ihnen, den Senat davon zu unterrichten, daß diese Vorschrift so
ausgelegt werden muß, daß für jedes Abkommen, mit dem eine solche
Bezeichnung vorgenommen wird, Beratung und Zustimmung des Senats
der Vereinigten Staaten erforderlich sind.
Das Übereinkommen jeder der Parteien, der gemeinsamen Gefahr
"in Übereinstimmung mit dem in den Vertragsbestimmungen festgelegten Verfahren" entgegenzutreten, überläßt jedem Lande die
Entscheidung, welche Gegenaktion im Falle eines bewaffneten Angriffs zu unternehmen ist. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von
Verteidigungsmaßnahmen, die je nach den Umständen angewandt werden können. Selbstverständlich würde jede Aktion, die die Vereinigten Staaten unternehmen würden^ in Übereinstimmung mit dem
in den Vertragsbestimmungen vorgeschriebenen Verfahren erfolgen.
Im letzten Satz des Absatzes wird bestimmt, daß die gegen
eine bewaffnete Aggression zu unternehmenden Maßnahmen, gemäß
den in der Charta der Vereinten Nationen in Artikel 51 von den
Parteien eingegangen Verpflichtungen, dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu melden sind.
....

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Mit der Gefahr der Subversion und indirekten Aggression befaßt sich Absatz 2 des Artikels IV, der sich über dieses schwierige Problem k arer ausläßt, als jeder andere früher abgeschlossene Sicherheitsvertrag. Danach sind unmittelbare Konsultationen
der Vertragsparteien vorgesehen, sobald irgend eine der Parteien
glaubt, daß die Integrität des Vertragsgebietes durch einen anderen als e;nen bewaffneten Angriff bedroht ist. Die Bedrohung
kann sich s wohl richten gegen die territoriale Unverletzlichkeit
oder Integrität als auch gegen die Souveränität oder politische
Unabhängigkei jedes Teils innerhalb des Vertragsgebietes, oder
gegen jeden an eren Staat oder Territorium, auf die von Zeit zu
Zeit Abschnitt 1 des Artikels angewandt werden kann. Der Absatz
enthält keine Verpflichtung, die über eine Konsultation hinaus
geh » aber der Zweck der Konsultation ist, sich über die zur gemeinsamen Verteidigung zu ergreifenden Maßnahmen zu verständigen.
In der Erläuter ng des Artikels IV, Absatz 1, bestätigen die
Vereinigten Sta ten, daß sie im Falle einer anderen Aggression
oder eines anderen bewaffneten Angriffs als einer kommunistischen
Aggression die Vorschriften des Artikels IV, Absatz 2 beachten
wercen.
Absatz 3 bestätigt den Grundsatz gleicher Rechte und der
Selbstbestimmung der Völker, die die Signatarmächte der PazifikCharta proklamiert haben. Er enthält ferner die Übereinkunft der
Teilnahmer, nach de , außer
I einer Einladung oder Einwilligung
der betreffenden Regierung, keine Hand ung auf dem Gebiet irgendeines der in Absatz 1 näher bezeichneten Staaten oder irgendeines
anderen der bezeichneten Territorien vorgenommen werden darf.
Um die Durch ü r ng des Vertrages zu erleichtern, wird
Artikel V ein Rat gegründet, in dem jeder Beteiligte vertreten
ist. Der Rat wird im Hinblick auf m'litärische oder andere Planungen, wie sie ein veränderte Situation innerhalb des Vertragsgebietes erfordern könnte, eine Bera ung festsetzen.
Unsere Beteili ung am Rat wird keine materiellen Änderungen
der militärischen Pläne der Vereinigten Staaten erfordern. Die
gegenwärtige Planung der USA ve langt die ständige Unterhaltung
starker Plottenverbande und Luftstreitkräften im westlichen Pazifik, die groß genug sind, jeden Angriffsversuch zurückzuwerfen und zwar dort, wo wir es für richtig halten. Wie ich bereits
auf der Manila-Konferenz erklärte, sind die Verantwortlichkeiten
der Vereinigten Staaten so ausgedehnt und weitreichend, dai wir
glauben, nicht durch den Einsatz bestimmter Streitkräfte an bestimmten Punkten des pazifischen Areals, sondern durch die Entwicklung abschreckender mobiler Streitkräfte und strategisch aufgestellter Reserven der Sache am besten zu dienen. Die Konferenz
akzeptierte diesen Standpunkt. Sie sah ein, daß die so geschaffene abschreckende Militärmacht auf di.se Weise viele Punkte
gleichzeitig wirksam schützen könnte«. Dennoch mögen es andere
Mitglieder für wünschenswert halten, ihren Beitrag zur Verstärkung der pazifischen Verteidigung durch Aufstellung besonderer
Streitkräfte zu leisten.
Artikel VI

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17. November 1954

ARTIKEL VI stellt klar fest, daß die sich aus diesem Pakt
ergebenden Verpflichtungen der Teilnehmer in keiner Weise mit
ihren Verpflichtungen kollidieren, die sich aus der Charta
der Vereinten Nationen ergeben. Der Artikel anerkennt den Vorrang der Vereinten Nationen und ihre erste Verantwortlichkeit
bei der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit. Jeder Teilnahmer erklärt, daß er
keine internationalen Verpflichtungen habe, die mit dem Vertrag
nicht vereinbar seien, und daß er auch nicht beabsichtige, solche
Verpflichtungen einzugehen.
ARTIKEL VII stellt in Rechnung, daß sich nicht alle Länder,
deren Interessen heute oder in der Zukunft mit denen des "Allgemeinen Südostasien-Verteidigungspaktes" verbunden sind, in der
Situation befinden, jetzt schon Mitglieder zu werden. In Übereinstimmung damit bestimmt er, daß die Mitglieder durch einstimmigen
Beschluß andere Staaten, die in der Lage sind, die Ziele des Vertrages zu fördern und zur Sicherheit des südostasiatischen Areals
beizusteuern, zu einem späteren Zeitpunkt einladen können, dem
Vertrag beizutreten. Ich empfehle daher, dem Artikel so zu interpretieren, als erfordere er Rat und Zustimmung des Senates, damit
die Vereinigten Staaten an dem "einstimmigen Beschluß" teilnehmen
dürfen, der zur Einladung neuer Teilnehmer vorgeschrieben ist.
ARTIKEL VIII definiert das gesamte Gebiet Südostasiens, einschließlich aller Territorien der asiatischen Vertragspartner,
als den Vertragsbereich, sowie den südwestlichen Pazifik bis zu
der Linie 21 30' nördlicher Breite. Es ist dafür Sorge getragen
worden, daß der Vertragsbereich durch einen Zusatzartikel unter
allseitiger Zustimmung festgesetzt wird. Was die Vereinigten Staaten angeht, so schlage ich vor, daß der Rat und die Zustimmung
des Senats für eine solche Übereinkunft erforderlich ist.
ARTIKEL IX betraut die Philippinische Republik mit den laufe nden-TfTTcTrFen der Aufbewahrung des Vertrages. Absatz 2 sieht
vor, daß die Ratifizierung und die Ausführung des Vertrages
von den Partnern nach ihrem jeweiligen konstitutionellen Verfahren
vorgenommen werden soll. Daß der Beitritt der Vereinigten Staaten
zu kollektiven Übereinkünften auf dem Wege des konstitutionellen
Verfahrens erfolgt, ist in der Vandenberg-Resolution vorgeschlagen,
und bildete bisher die Grundlage für alle unsere Sicherheitspakte.
Absatz 3 des Artikels IX sieht vor, daß die Ratifizierung durch
die Mehrheit der Signatarmächte den Vertrag für diejenigen Mächte,
die ratifiziert haben, bereits in Kraft treten läßt. Hinsichtlich
der anderen Staaten soll er am Tage der Ratifizierung in Kraft
treten.
Nach ARTIKEL X hat der Vertrag unbegrenzte Dauer, doch jeder
Partner kann unter Einhaltung einer einjährigen Kündigungsfrist
austreten. Es ist zu hoffen, daß die Zusammenarbeit für Frieden
und Sicherheit, die den Inhalt dieses Vertrages ausmacht, Bestand
haben wird. Gleichwohl erscheint, da die im Vertragsgebiet herrschenden Bedingungen gewissen Veränderungen unterworfen sind, eine

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17. November

1954

eine elastische Regelung hinsichtlich der Dauer geraten.
ARTIKEL XI ist formalen Inhalts und betrifft die amtliche
Vertragssprache.
Das Protokoll dehnt die Gültigkeit der Artikel III und IV
auf die Staaten Kambodscha und Laos sowie auf das Freie Territorium unter vietnamesischer Oberherrschaft aus. Einige Vertragsmächte waren der Meinung, daß die Situation in Indochina diesen
drei Ländern Hindernisse bieten könnte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in das Vertragswerk als Teilnehmer aufgenommen zu werden,
Indem es sie als Staaten oder Teritorien im Sinne des Artikels
IV bezeichnet, bestimmt das Protokoll, daß ein bewaffneter oder
auch ein mittelbarer Angriff gegen Laos, Kambodscha oder gegen
das unter vietnamesischer Verwaltung stehende Territorium die
unter diesem Artikel vorgesehenen Folgen nach sich ziehen würde.
Damit ist diesen neuen Nationen ein gewisser Schutz garantiert
und das Protokoll gewährt auch diesen Ländern die Verträge hinsichtlich wirtschaftlicher Maßnahmen, einschließlich der in
Artikel III erwähnten technischen Hilfe. Das Protokoll wird so
der Tatsache gerecht, daß der wirtschaftliche Portschritt und
das soziale Wohlergehen dieser Gebiete nicht von dem Wohlergehen
und der Widerstandskraft zu trennen sind, die der ganze Vertragsbereich dem Kommunismus entgegenzusetzen hat. t
Zusätzlich zu Vertrag und Protokoll wurde auf der ManilaKonferenz weiterhin eine Erklärung aufgesetzt und unterzeichnet, die als Pazifik-Charta bekannt ist. Diese Charta war die
Idee des philippinischen Präsidenten Magsaysay, der darauf hinwies, wie wichtig es sei, den Gedanken zu unterstreichen, daß
die Vertragsmächte das Wohl der asiatischen Völker wollten und
keinem Kolonialismus Vorschub leisten möchten. Wie ich bereits
der Konferenz in meiner Eröffnungsansprache erklärte, bildet die
Behauptung, daß die westlichen Mächte danach trachten, die Völker Asiens zu unterdrücken, eine der wirksamsten Waffen des Kommunismus. Ich wies weiter darauf hin, daß wir immer wieder unsere
Absicht, die Unabhängigkeit zu stärken, klarstellen müssen.
Die Pazifik-Charta verkündet gewisse Grundprinzipien hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechte der Völker, hinsichtlich
der Selbstverwaltung, der Unabhängigkeit. Sie verpflichtet alle
Signatarmächte, diese Prinzipien in die Tat umzusetzen, sobald
ein Volk dieses wünscht und in der Lage ist, die Verantwortung
für sich selbst zu übernehmen. In der Pazifik-Charta haben sich
der Westen und der Osten brüderlich verbunden, die Grundprinzipien) auf denen sich der kollektive südostasiatische Verteidigungspakt und das Protokoll aufbauen, zu stützen und zu stärken.
Im Hinblick auf die Wichtigkeit, die dem südostasiatischen
Verteidigungspakt und dem Protokoll bei der Abwendung kommunistischer oder anderer Angriffe und als einem Bollwerk der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit im pazifischen
Raum zukommt, darf die Hoffnung ausgesprochen werden, daß dieser
Vertrag, der die von den Vereinigten Staaten gestellten Bedinggungen enthält, auch im Sinne einer amerikanischen Beteiligung,
zusammen mit dem Protokoll dem Senat zur baldigen und geneigten
Entscheidung vorgelegt werde.
* * * * *

- 9-

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER LEGT PARISER VERTRÄGE DEM
US-SENAT ZUR RATIFIZIERUNG VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen 1• den Wortlaut des Begleitschreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D.
Eisenhower vom 15» November 1954» mit dem er dem
amerikanischen Senat die Pariser Protokolle über
die Beendigung des Besatzungsregimes in Deutschland und die Aufnahme Deutschlands in die NATO zur
Ratifizierung übersandt hat;sowie 2. den Wortlaut des
Schreibens des US-Außenministers John Poster Dulles
vom 12. November 1954 an den amerikanischen Präsidenten, mit dem er diesen auf die weitreichende
und positive Bedeutung der Pariser Vertragswerke
hinweist und bittet, die Ratifizierung der Verträge
durch den Senat zu befürworten.

An den Senat der Vereinigten Staaten.
Hiermit unterbreite ich dem Senat zur Beratung eine beglaubigte Ausfertigung des am 23. Oktob er in Paris unterzeichneten Protokolls über die Beendigung de s Besatzungsregimes in
der Bundesrepublik Deutschland mit sein en fünf Listen sowie
eine beglaubigte Ausfertigung des Zusat zprotokolls zum Nordatlantikpakt über die Aufnahme der Bund esrepubiik Deutschland
in die Nordatlantikpakt-Organisation, w elches gleichfalls am
23. Oktober 1954 zu Paris unterzeichnet wurde. Ich ersuche den
Senat um seine Billigung und Zustimmung zur Ratifizierung dieser beiden Verträge.
Darüber hinaus unterbreite ich dem Senat zu seiner Information eine Anzahl weiterer, mit diesem Fragenkomplex zusammenhängender Dokumente. Dies sind: ein mir vom Außenminister unterbreiteter Bericht über die vorliegenden Verträge; die Londoner
Schlußakte über die Neun-Mächte-Konferenz in London vom 28. September bis 3« Oktober 1954 mit Anhang; drei vom Nordatlantikrat
am 22. Oktober angenommene Resolutionen; vier am 23. Oktober in
Paris unterzeichnete Protokolle zur Änderung und Ergänzung des
Brüsseler Paktes mit dem Wortlaut des am 17. März 1948 geschlossenen Brüsseler Paktes; eine vom 23. Oktober 1954 stammende Deklaration der Signatarstaaten des Brüsseler Paktes über die

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1954

die Einladung Italiens und der Bundesrepublik Deutschland zum Beitritt zu diesem Vertrag; eine von der Neun-Mächte-Konferenz am
21. Oktober 1954 angenommene Resolution bezüglich der Produktion
und Standardisierung der Rüstungen; der Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland
vom 23. Oktober 1954; die Drei-Mächte-Erklärung über die Ausübung
der Vorbehaltsrechte in Deutschland, abgegeben am 23- Oktober 1954;
gewisse Briefe bezüglich der Beendigung des Besatzungsregimes
in der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Oktober 1954 mit dem
darin erwähnten Schreiben aus dem Jahre 1952; und die Erklärung
bezüglich Berlin, abgegeben von den Außenministern Frankreichs,
der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches zu
Paris am 23. Oktober 1954.
Ich bin mir bewußt, daß der Senat der Bedeutung dieser Verträge für die Sicherheit der Vereinigten Staaten und die Sache
des Friedens und der Freiheit in der Welt eingedenk ist.. In diesen
Verträgen kulminieren die seit Jahren unternommenen Bemühungen,
eine engere Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit zwischen
den Nationen Westeuropas herbeizuführen und einen Weg dafür zu
finden, das große ] Kräftepotential der Bundesrepublik mit dem der
freien Welt auf solche Weise zu vereinigen, daß die Freiheit und
der Grundsatz der gleichen Behandlung für das deutsche Volk gewahrt und gleichzeitig die Gefahr eines Wiederauflebens des
deutschen Militarismus vermieden wird. Der Kongreß der Vereinigten Staaten hat zu wiederholten Malen seiner Überzeugung Ausdruck
gegeben, daß die gesamte atlantische Gemeinschaft im wesentlichen
nur bei Erreichung dieser Ziele wirksam werden kann. Im vergangenen Sommer nahm der Senat eine Resolution an (Senatsresolution Nr.
295 vom 30. Juli 1954), in der er zum Ausdruck brachte, daß Maßnahmen zur Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands eingeleitet werden sollen, um die Bundesrepublik Deutschland in die
Lage zu versetzen, einen Beitrag zum internationalen Frieden und
zur internationalen Sicherheit zu leisten.
Man hatte gehofft, diese Ziele durch Abschluß des Vertrages
über die Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sowie
die Bonner Verträge vom 26. Mai 195?,durch die das Besatzungsregime in der Bundesrepublik beendet werden sollte, zu erreichen.
Aber der Vertrag über die Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wurde nicht ratifiziert, und die Bonner Verträge,
die mit dem EVG-Vertrag gekoppelt waren, konnten nicht in Kraft
gesetzt werden. Es erwies sich daher als notwendig, andere Regelungen zu treffen, die es den Nationen der Nordatlantikgemeinschaft ermöglichen, für ihre gemeinsame Sicherheit zu arbeiten;
diese Regelungen sind in den vorliegenden Abkommen enthalten.
Gemäß dieser Abkommen wird die Bundesrepublik eingeladen, dem
Nordatlantikpakt und, gemeinsam mit Italien, dem Brüsseler Vertrag beizutreten. Darüber hinaus werden wichtige Änderungen der
militärischen Vereinbarungen im Vertrag über die Nordatlantikpaktorganisation sowie Änderungen grundsätzlicher Natur im Brüsseler Pakt dem Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und

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17. November

1954

und das Vereinigte Königreich bereits angehören, vorgenommen
werden. Diese Änderungen werden nicht nur gewisse, bereits vereinbarte Rüstungskontrollen für die europäischen Länder zur Folge
haben, sondern auch die Nordatlantikpakt-Organisation und die
Brüsseler Organisation, die sog. Westeuropäische Union, stärken
und untermauern.
Was die NATO anbetrifft, so werden die dem Alliierten Oberbefehlshaber in Europa unterstellten Streitkräfte hinsichtlich der
Stärke und Verwendung der Truppen, der Kontrolle und des Nachschubwesens eine Stärkung erfahren. Daneben dürfte der Grundsatz
der Integration der Kontingente auch auf kleinere Einheiten Anwendung finden, als dies bisher der Fall ist. Diese Maßnahmen
sind einfach an sich wünschenswert, weil sie die allgemeine Schlagkraft der NATO-Streitkräfte erhöhen. Gleichzeitig wird dadurch
eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit der der NATO unterstellten
nationalen Kontingente geschaffen, so daß selbständige militärische Aktionen seitens irgendeines Staates in dem SACEÜR unterstehenden Befehlsraum weitgehend unterbunden werden.
Der Brüsseler Vertrag wird insofern abgeändert, als ein neuer
Rat für die Westeuropäische Union geschaffen und die Förderung
der europäischen Einheit zu einem der Ziele des Vertrages erklärt
wird. Dieser Rat erhält wichtige Vollmachten auf dem Gebiet der
Kontrolle der Streitkräfte und Rüstungen. Die Stärke der auf dem
Kontinent stationierten Streitkräfte der dem Brüsseler Vertrag
angeschlossenen Länder ist ausdrücklich festgelegt und entspricht
für diejenigen Länder, die Mitglieder der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft werden sollten, der im EVG-Vertrag festgelegten
Stärke. Diese Begrenzung der Stärke der Streitkräfte kann nur durdh
einstimmigen Beschluß des Rates geändert werden. Daneben hat Großbritannien sich bereit erklärt, seine Truppen auf dem europäischen
Festland in der bisherigen Stärke zu belassen. Auf dem Gebiet der
Rüstung sind weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Bundesrepublik Deutschland hat auf das Recht zur Herstellung von
Atomwaffen und bestimmten anderen Kriegsmaterialien verzichtet.
Die wichtigsten herkömmlichen Waffen werden einer Kontrolle unterstellt. Zum Zwecke der Durchführung dieser Bestimmungen zur Rüstungskontrolle wird ein Amt für Rüstungskontrolle geschaffen
werden.Man ist ferner übereingekommen, das Besatzungsregime zu beenden und der Bundesrepublik die gesamten Machtbefugnisse eines
souveränen Staates über ihre äußeren und inneren Angelegenheiten
zu übertragen. Dies wird durch das Protokoll über die Beendigung
des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland bewerkstelligt, mit dem die dem Senat im Jahre 1952 vorgelegten Verträge
abgeändert und in dieser Neufassung in Kraft gesetzt werden» Die
Vertragsänderungen sollen in erster Linie dazu dienen, das Bonner
Vertragswerk mit den neuen Abmachungen über einen deutschen Verteidigungsbeitrag und eine Mitgliedschaft der Bundesrepublik in
der Nordatlantikpakt-Organisation in Einklang zu bringen. Der
größte Teil der Verträge blieb unverändert. Sie stellen, wie bisherj
die Abmachungen über die Aufhebung des Besatzungsstatuts, die Auf- 3 -

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17. November

1954

Auflösung der Alliierten Hochkommission und die Regelung zahlreicher aus dem Krieg und der Besatzung entstandenen Fragen dar. Der
Vertrag über die Regelung des Status der Alliierten Streitkräfte
in Deutschland wird bis zu seiner Ablösung durch neue Vereinbarungen beibehalten, welche sich auf das Abkommen über den Status
der NATO-Streitkräfte stützen sollen; die entsprechenden Vereinbarungen sollen ferner durch solche Bestimmungen ergänzt werden,
die sich aus den besonderen Gegebenheiten bezüglich der im Gebiet der Bundesrepublik stationierten Streitkräfte ergeben. Es
werden ferner neue Abkommen bezüglich der Versorgung der in der
Bundesrepublik stationierten ausländischen Streitkräfte zu treffen sein. Die Sonderrechte. - Berlin und Gesamtdeutschland
betreffend -, die sich die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Prankreich in den ursprünglichen Verträgen vorbehalten hatten, werden wie bisher beibehalten; das Recht zur Stationierung von Streitkräften in Deutschland wird, nach Aufnahme
der Bundesrepublik in die Nordatlantikpakt-Organisation so weit
das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik betroffen ist, mit Zustimmung der Bundesregierung ausgeübt werden.
Von den vier durch das Protokoll geänderten und in der Neufassung in Kraft gesetzten Verträgen, hat nur einer (der Vertrag
über die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei
Mächten) dem Senat zur Billigung und Zustimmung zur Ratifizierung
vorgelegen. Die anderen Verträge waren ihrem Wesen nach Maßnahmen
im Sinne von Verwaltungsabkommen, bezüglich welcher der Senat
ausdrücklich feststellte, daß eine formelle Billigung nicht notwendig und sogar
nicht einmal wünschenswert sei, da sie mit den
sich ändernden r Gegebenheiten aller Wahrscheinlichkeit von Zeit
zu Zeit revidiert werden mußten. Die Billigung des Protokolls
über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik
Deutschland berührt das Wesen der mit diesem Vertrag zusammenhängenden Abmachungen in keiner Weise.
Wenngleich die in diesen Verträgen eingeschlossenen Vereinbarungen sehr vielschichtig sind, ist ihr Zweck doch sehr einfach.
Die Bundesrepublik erhält den Status der vollen Gleichberechtigung
neben anderen Staaten. Die militärische Stärke der Bundesrepublik
wird mit der der anderen Staaten in der Atlantikgemeinschaft in
einer Weise kombiniert, daß der Aufbau und die Verwendung des
deutschen militärischen Beitrags in einer den gemeinsamen Bedürfnissen entsprechenden Weise erfolgt. Die Bundesrepublik wird
durch ihre Mitgliedschaft in der Nordatlantikpakt-Organisation
mit der Atlantikgemeinschaft und durch ihre Mitgliedschaft in
der Westeuropäischen Union gemäß dem Brüsseler Pakt mit der Gemeinschaft der europäischen Staaten assoziiert. Beide Organisationen werden in ihrer Struktur gefestigt. Die Maßnahmen und
Institutionen, die Gegenstand dieser Übereinkünfte sind, machen
es unvermeidbar, daß die beteiligten Staaten in allen für die
Sicherheit vordringlichen Fragen eng zusammenarbeiten. Dieses
gemeinsame Handeln wird nach meiner Überzeugung den Geist der
Zusammenarbeit und den Wunsch nach einer dauerhaften Verbindung
vertiefen, die sich auf Seiten der freien Völker manifestiert haben und die für ihre künftige Sicherheit und für ihr Wohlergehen
von so entscheidender Bedeutung sind.
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17. November 1954

Eine besonders bedeutsame Folge der neuen Verträge ist die
wesentliche Verstärkung des atlantischen Verteidigungssystems durch
: das Hinzukommen des deutschen Potentials. Gleichzeitig möchte
ich die Tatsache betonen, daß diese Verträge auf der tiefen Sehnsucht nach Frieden beruhen, von der sämtliche Völker der Atlantikpakt-Organisation erfüllt sind. Die Verträge bedrohen keine Nation. Im Gegenteil, sie stellen einen der ersten großen praktischen Versuche zu einer internationalen Kontrolle der Rüstungen
dar. Außerdem geht ihre fundamentale Bedeutung weit über die
bloße Zusammenfassung der Kräfte zur Abschreckung einer Aggression
hinaus. Wir hoffen, daß sie auf lange Sicht eine Verständigung
unter den freien Völkern Europas und einen neuen Geist der Freundschaft hervorrufen werden, die zu einer engeren Zusammenarbeit
in zahlreichen Lebensbereichen führen wird.
Ich ersuche den Senat, diesem großen Werk seine Zustimmung
zu erteilen durch Billigung und Einwilligung zur Ratifizierung
der Protokolle über die Zulassung der Bundesrepublik zur Nordatlantikpakt-Organisation und über die Beendigung des Besatzungsregimes. Ich gebe der Erwartung Ausdruck, daß diese Verträge
unter dem Gesichtspunkt geprüft werden, den Senat in die Lage zu
versetzen, in dieser Angelegenheit unverzüglich nach Eröffnung
der im Januar beginnenden neuen Legislaturperiode die notwendigen
Schritte unternehmen zu können.
Dwight D. Eisenhower
Weisses Haus
am lf« November 1954

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17. November 1954

WORTLAUT DES SCHREIBENS DES US-AUSSENMINISTERS AN
PRÄSIDENT EISENHOWER VOM 12. NOVEMBER 1954, IN DEM
ER SICH PUR DIE RATIFIKATION DER PARISER VERTRÄGE EINSETZT

Sehr geehrter Herr Präsident,
I
Ich habe die Ehre, Ihnen - mit der Bitte um Übermittlung an
den Senat zwecks Billigung und Zustimmung zur Ratifikation
1) ein am 23. Oktober 1954 in Paris unterzeichnetes und mit fünf
Listen versehenes Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland sowie 2) einen am 23.
Oktober 1954 in Paris unterzeichneten Zusatz zum Nordatlantikpakt, der die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland vorsieht,
zu unterbreiten.
II
Die genannten Protokolle sind Teil eines Systems miteinander
in Zusammenhang stehender Vereinbarungen, die dazu bestimmt sind,
die Sicherheit Westeuropas zu festigen. Im Hinblick auf diesen
Zusammenhang unterbreite ich hiermit auch die Listen (über die
Abänderung des Bonner Vertrags ^obwohl sie keine Stellungnahme des
Senats erfordern. Ich empfehle, diese im Anhang aufgeführten Dokumente dem Senat zur Information zu unterbreiten.
III
Die genannten Vereinbarungen werden, wenn sie in Kraft treten,
von Grund auf neue Bedingungen in Westeuropa schaffen. Sie werden
ein Ergebnis zeitigen, das von den Vereinigten Staaten schon
lange erhofft wurde. Die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts
haben erkennen lassen, daß die auf die menschliche Freiheit hingeordnete westliche Zivilisation nicht bestehen kann, wenn die
Glieder der westlichen Welt fortfahren, einander zu bekämpfen.
Sie haben bereits so viel an Gut und Blut in Kämpfen verschwendet,
daß ihre Kraft weitgehend geschwunden ist, und sie haben sich die
moralische Verurteilung der ganzen Menschheit zugezogen, weil sie
es verabsäumten, auch nur untereinander eine friedliche Ordnung
zu errichten. In der klaren Erkenntnis dessen suchten die westeuropäischen Nationen nach einem Mittel der Einigung, vor allem
auf militärischem Gebiet, das es sowohl militärisch unzweckmäßig
als auch politisch unwahrscheinlich machte, gegeneinander oder
gegen irgend jemanden Krieg zu führen, es sei denn zum Zwecke der
reinen Verteidigung.
Diese Notwendigkeit traf mit den neuen Gefahren zusammen, die
sich aus der expansionistischen, von weltweiten Bestrebungen des
Sowjetkommunismus inspirierten und einer ungeheuren Streitmacht
gestützten russischen Politik ergaben. Eine Bedrohung für das westliche Europa, der wirksam nur begegnet werden kann, wenn es gelingtr
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17. November

1954

gelingt, die Einheit unter den europäischen Nationen einschließlich der Bundesrepublik Deutschland und, wie wir hoffen, eines
geeinten Deutschlands, weitgehend zu realisieren.
Ursprünglich war versucht worden, dies durch den Abschluß
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, bestehend aus den
sechs Staaten Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Italien,Frankreich
Luxemburg und den Niederlanden, zu erreichen. Dadurch wäre eine
internationale Organisation mit einer übernationalen Verteidigungsmacht geschaffen worden. Dies würde ein festes und sicheres Kernstück im kritischen Zentrum der Nordatlantikpakt-Organisation geschaffen haben.
Dieser Plan wurde am 24. Oktober 1952 durch M. Pleven, den
damaligen französischen Verteidigungsminister, vorgeschlagen. Nach
etwa anderthalbjähriger Verhandlung fand er seinen Niederschlag
in zwei zusammenhängenden Verträgen, der Bonner Konvention über
die Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland vom 26. Mai 1952, die
die Souveränität der Bundesrepublik wieder herstellen, und dem
Pariser Vertrag vom 27. Mai 1952, der die Europäische Verteidigungsgemeinschaft begründen sollte.
Die Bonner Verträge waren von den Vereinigten Staaten unterzeichnet worden,und am 1. Juli 1952 gab der US-Senat Billigung und
Einwilligung zur Ratifizierung-. Der Senat stimmte zur selben Zeit
einer Ausdehnung des Nordatlantik-Paktes bei, um das Gebiet der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft einzuschließen, wobei ,
Westdeutschland der bedeutenete Zuwachs war. Wie dem auch sei, weder der Vertrag von Bonn, noch der darauf bezogene Vertrag von
Paris wurde von allen Signatarmächten ratifiziert.
Das Misslingen der Realisierung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und damit der Wiederherstellung der Souveränität
der Bundesrepublik Deutschland schuf eine äußerst gefahrvolle
Situation. Es schien, als bliebe Europa zur Teilung verdammt,
was ein Unglück wäre, da eine solche Zerrissenheit den Zyklus
ständig wiederkehrender Kriege zwischen den westeuropäischen Nationen selbst verewigen und ein geteiltes Westeuropa automatisch
durch die despotische Macht der Sowjets beherrscht werden würde.
IV
Ich möchte in diesem Augenblick an die Maßnahme des Senats
der Vereinigten Staaten vom 30. Juli 1954 erinnern. In jenen Tagen war zu erkennen, daß die französische Kammer die Verträge von
Bonn und Paris, über die ich vorhin schon gesprochen habe, nicht
ratifizieren würde; die Konsequenzen, die sich aus diesem Versagen ergeben hätten, waren vorauszusehen. In Vorwegnahme dieser
Situation wurden zwischen Regierung und Senat Verhandlungen geführt, als deren Ergebnis der Senat mit 88 zu 0 Stimmen eine Resolution annahm, in welcher Sie in Ihrer Klugheit und innerhalb
der Begrenzung Ihrer verfassungsmäßigen Gewalt gebeten wurden,
einen Weg zur 'Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands zu
suchen und ihm die Möglichkeit zu geben, das Seine zur Erhaltung des
internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit beizusteuern

-*

Dieser

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17. November 1954

Dieser Akt der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Senat
und die einhellige Aktion beider Parteien im Senat selbst brachten ein nüchternes und stabilisierendes Element in eine Zeit der
Verwirrung und der Ratlosigkeit. Diese Tat des Senates versetzte
mich in die Lage, als Ihr Vertreter mit der entsprechenden Autorität in den anschließenden Verhandlungen zu sprechen, die ich in
Ihrem Namen führte.
Die durch den Weitblick des Senates im Verfolg seiner verfassungsmäßigen Vorrechte gegebene Zustimmung wurde dann auch erfolgreich in die Tat umgesetzt. Das erste Protokoll, von dem ich bereits in Abschnitt I gesprochen habe, wird die Souveränität
Deutschlands wiederherstellen, und das zweite Protokoll, auf das
ich ebenfalls im vorerwähnten Abschnitt hingewiesen habe, wird
Deutschland die Möglichkeit geben, das Seine zur Erhaltung des
internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit
beizusteuern.
V
Das Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes der
Bundesrepublik Deutschland ist nicht an das Inkrafttreten der
Abmachung für einen deutschen Verteidigungsbeitrag gebunden, wie
dies bei den ursprünglichen Verträgen über die Beziehungen zur
Bundesrepublik der Fall war. Es kann in Kraft treten, auch wenn die Übereinkommen hinsichtlich Deutschlands Verteidigungsbeitrag
noch nicht in Kraft gesetzt werden können. Wenn sich dies hinziehen sollte, werden Frankreich, das Vereinigte Königreich und
die Vereinigten Staaten die bestehenden Rechte auf dem Gebiete
der Entwaffnung und Demilitarisierung in der Bundesrepublik behalten. Diese Rechte wurden durch eine gemeinsame Kommission,
die aus Vertretern der drei Mächte und der Bundesrepublik besteht, wahrgenommen und die Beschlüsse durch Mehrheit gefaßt.
Diese Übereinkünfte werden im Lichte der Ende 1954 bestehenden
Situation und mit Hinblick auf das Inkrafttreten des Protokolls
revidiert werden, und die vier Regierungen werden zur selben Zeit
die Ausführung der Kontrollen hinsichtlich der Erlaubnis, auf
Grund derer sich die Bundesrepublik auf ihren zukünftigen Verteidigungsbeitrag vorbereiten darf, revidieren.
Unter Beachtung der oben erwähnten Differenzen wurden in den
Vertrag über die Beziehungen zur Bundesrepublik einige grundsätzliche Änderungen im Vergleich zu 1952 aufgenommen. Dennoch steigern diese Änderungen weder die Verpflichtungen der Vereinigten
Staaten, noch beeinträchtigen sie ihren Nutzen gegenüber jenem
Bonner Vertrag, den der Senat am 1. Juli 1952 gutgeheißen hat.
Die Änderungen, die in erster Linie vom Standpunkt der Bundesrepublik Deutschland aus bedeutungsvoll sind, können folgendermaßen zusammengefaßt werden»
1. In Artikel II der Vereinbarung, wie sie ursprünglich getroffen wurde, behielten sich die drei Mächte ihre Rechte in bezug auf die Stationierung von bewaffneten Streitkräften in Deutschland und den Schutz ihrer Sicherheit vor, in bezug auf Berlin
und Deutschland als Ganzes, einschließlich der Wiedervereinigung

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17« November 1954

Wiedervereinigung Deutschlands und des Abschlusses eines Friedensvertrages. Diese Befugnisse sollten aber hinsichtlich der Position der Sowjets in Ostdeutschland nur in einem Sonderfall in
Anwendung kommen und waren nicht gedacht als Mittel zur Einmischung in innere oder äußere deutsche Angelegenheiten. Es schien
daher besser zu sein, daß insoweit das Gebiet der Bundesrepublik
betroffen war, die Abmachungen über die Stationierung der ausländischen Truppen auf vertraglicher Basis geschlossen werden
sollten. Demgemäß werden die Streitkräfte in der Bundesrepublik
von dem Augenblick an, in dem die Abmachungen über einen deutschen
Verteidigungsbeitrag Gesetzeskraft erhalten, unter eine Sonderabmachung mit der Bedingung gestellt, wonach die Bundesrepublik
der Stationierung von Streitkräften derselben Nationalität und
Effektivstärke zustimmt, wie sie zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik stationiert sind. Jede Vergrößerung der Effektivstärke
dieser Streitkräfte kann nur mit Zustimmung der Regierung
der
Bundesrepublik Deutschland vorgenommen werden.
Die deutschen Vertreter anerkannten ausdrücklich, daß die
drei Mächte ihre Rechte zum Schutz der Sicherheit von Streitkräften, die in der Bundesrepublik stationiert sind, solange selbst
wahrnehmen sollten, bis die Bundesregierung in der Lage ist, die
notwendigen Maßnahmen zu ergreifen» Dies hängt davon ab, daß die
Bundesregierung neue legislative Vollmachten erhält. Das Erlöschen
der Generalvollmacht der drei Mächte in dieser Hinsicht wird keinen Einfluß auf das Recht eines militärischen Befehlshabers haben,
für den Fall, daß seine Streitkräfte unmittelbar bedroht sind,
derartige Sofortmaßnahmen (einschließlich des Einsatzes von Streitkräften) zu ergreifen, wie dies für den Schutz der Streitkräfte
und die Beseitigung der Gefahr erforderlich ist.
2. Eine zweite Abänderung der Vereinbarungen über die Beziehungen ist die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das Streitfragen beilegen soll, die sich zwischen irgendeiner der drei
Mächte und der Bundesregierung ergeben. Auf Grund der ursprünglichen
Statuten für diesen Schiedsgerichtshof, besaß dieser die Vollmacht, sich bei legislativen und administrativen sowie gerichtlichen
Entscheidungen, die innerhalb der Bundesrepublik gelten, direkt
einzuschalten. Diese Vollmachten, die einer Körperschaft, welche
Streitfragen zwischen souveränen Staaten auf dem Wege des Schiedsspruchs beilegen soll, normalerweise nicht zuerkannt werden, wurden
aus den Statuten gestrichen.
3. Die dritte Abänderung der vertraglichen Abmachungen bezieht
sich auf die Situation, die auf Grund der Wiedervereinigung Deutschlands erstehen wird. Die Abmachung über die Beziehungen, die im Jahre
1952 abgeschlossen wurde, sah für den Fall einer Wiedervereinigung
eine Revision vor (Artikel X). Das neue Protokoll sieht eine Revision der Vereinbarung und der damit zusammenhängenden Abmachungen
nicht nur für den Fall einer tatsächlichen Vereinigung Deutschlands vor, sondern auch für den Fall, daß eine internationale Verständigung mit Teilnahme und Zustimmung der vier Partner-Regierungen zu den Vereinbarungen erreicht wird, um die Wiedervereinigung Deutschlands zustandezubringen. Die Abmachung über die Anwesenheit fremder Streitkräfte in Deutschland wird unter diesen

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17. November

1954

diesen Umständen ebenfalls Gegenstand einer Revision sein. Selbstverständlich muß für alle Änderungen, die an den Vereinbarungen
vorgenommen werden, unter den Signatarmächten Übereinstimmung
bestehen.
4. Änderungen sind ebenfalls in den damit zusammenhängenden
Vereinbarungen gemacht worden. Diese Änderungen sind in der Hauptsache dazu angetan, die Vereinbarungen dem heutigen Stand der
Dinge anzupassen, indem sie alle Klauseln eliminieren, die sich
auf den Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
beziehen, und indem sie nicht nur den Zeitverlust bis zum Abschluß der Verträge, sondern auch den Portschritt in Rechnung
stellen, den die Erfüllung bestimmter alliierter Programme in
Deutschland machen. Ebenfalls ändern sie gewisse Vertragsklauseln, die mit dem Status der Gleichberechtigung, der der Bundesrepublik zugebilligt wurde, als nicht mehr in Einklang stehend
empfunden werden. Schließlich sind die Abmachungen über die Unterhaltungskosten der fremden Truppen, die in Deutschland stationiert sind, mit neueren Verträgen mit der Bundesrepublik auf
diesem Gebiet in Einklang gebracht worden.
Die angeführten Abmachungen waren Ausführungsabkommen, welche
die Vereinbarung über die gegenseitigen Beziehungen einschlössen.
Pur sie war eine Aktion des Senats nicht nötig und darüber hinaus
von dem Außenpolitischen Ausschuß als unerwünscht bezeichnet
worden, insofern, als vorauszusehen war, daß diese Abkommen von
Zeit zu "Zeit eine technische Revision erforderlich machen würden,
um den veränderten Verhältnissen gerecht zu werden. Bericht des
Außenpolitischen Ausschusses des Senats (Nr. 16, 82. Kongreß,
2. Sitzungsperiode) stellte fest: "Einige der technischen Bestimmungen in den (angeführten) Abkommen sind ihrer Natur nach zeitlich bedingt, und es dürfte, wenn die Situation in Deutschland
sich ändert, notwendig werden, von Zeit zu Zeit Änderungen an ihnen vorzunehmen. Unter diesen Umständen würde es als unpraktisch
erscheinen, wenn man verlangte, daß die Abkommen jeweils wieder dem Senat vorzulegen seien, bevor jede derartige Änderung
rechtswirksam würde." Die Ratifikation des Protokolls über die
Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland wird die Natur dieser angeführten Abkommen nicht ändern.
VI
Die Vorkehrungen für die Beendigung des Besatzungsregimes in
der Bundesrepublik berühren nicht den Status von Berlin. In einer
von den Regierungen der Vereinigten Staaten, des Vereinigten
Königreiches und Prankreichs auf der Londoner Neun-Mächte-Konferenz
vom 28. September bis 3» Oktober 1954 abgegebenen Erklärung bekräftigten diese ihre am 27. Mai 1952 in Paris abgegebene Erklärung, daß sie so lange bewaffnete Streitkräfte in Berlin belassen
würden, wie es ihre Verantwortung erfordert, und daß sie bei jedem
Von irgendwelcher Seite aus gegen Berlin gerichteten Angriff wie
bei einem Angriff auf ihre eigenen Streitkräfte und auf sich
selbst handeln würden. Außerdem gaben die drei Mächte am 23. Oktober 1954 in Paris eine Erklärung ab, in der sie ihre Entschlossenheit bekräftigten, in Berlin das größtmögliche Maß von Selbstregierung sicherzustellen, das mit der besonderen Lage dieser Stadt
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17. November

1954

Stadt vereinbar sei, und in der sie darlegten, daß sie ihre Vertreter in Berlin angewiesen hätten, mit den deutschen Behörden
in der Stadt über eine gemeinsame Einhaltung dieser Grundsätze bis
zu dem höchstmöglichen Grade zu beraten.
VII
Das in Abschnitt I angeführte Protokoll zum Nordatlantik-Pakt,
das den Beitritt der Bundesrepublik vorsieht, hat kein direktes
Gegenstück in den Dokumenten, die dem Senat 1952 unterbreitet wurden, obgleich, wie erwähnt, damals ein vom Senat gebilligtes Protokoll vorhanden war, welches das Vertragsgebiet auf das der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ausdehnte. Nicht in Betracht gezogen war Jedoch damals, daß die Bundesrepublik Deutsch- i
land selbst Mitglied des Nordatlantik-Paktes werden würde. Der
deutsche Verteidigungsbeitrag wäre allein auf dem Wege über die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft geleistet worden. Unter den
nunmehr in Betracht gezogenen Vereinbarungen ist es wesentlich,
daß die cDeutsche Bundesrepublik Unterzeichner des NordatlantikPaktes werden und an der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO)
teilnehmen soll. Zu diesem Zweck wurde am 2 % Oktober 1954 in
Paris ein Protokoll von den Vertretern der 14 Nationen unterzeichnet, die jetzt Mitglieder dieses Vertrages sind, und dieses Protokoll ist eines der in Abschnitt I erwähnten zwei Dokumente,das,wie
empfohlen wird, dem Senat unterbreitet werden sollte, damit er es
begutachte und der Ratifizierung zustimme.
Das Protokoll ist so abgefaßt, daß sein Inkrafttreten an das
der anderen Abmachungen, die die Teilnahme Deutschlands an der
allgemeinen Verteidigung betreffen, gebunden ist.
VIII
Eines der oben angeführten Dokumente ist eine vom Nordatlantik-Rat am 22. Oktober 1954 gebilligte Entschließung, die sich
auf die Machtbefugnisse des Alliierten Oberbefehlshabers in Europa
(SACEUR) bezieht. Der allgemeine Zweck dieser Entschließung besteht darin, die Stellung des SACEUR gegenüber den unter seinem
Befehl stehenden Streitkräften zu stärken. Ein Ergebnis dieser
Veränderungen wird die Erhöhung der Schlagkraft der NATO-Streitkräfte in Europa sein, woraus sich Vorteile für die gesamten Bemühungen der NATO ergeben werden. Eine Stärkung der Autorität
des SACEUR wird auch bedeuten, daß die ihm zugeteilten nationalen
Streitkräfte integriert und in einem solchen Maße voneinander abhängig werden, daß die Möglichkeit für einzelne Nationen, eine
selbständige militärische Initiative in Europa zu entfalten, auf
ein Minimum herabgedrückt wird.
IX
Eine andere der Resolutionen des Nordatlantik-Rates, die ich
vorschlage dem Senat zu seiner Information zu unterbreiten, ist die
vom 22. Oktober 1954, die einen Austausch von Erklärungen zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und den Regierungen der Vereinigten
Staaten, des Vereinigten Königreichs und Prankreichs am 3. Oktober
- 11 -

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"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1954 in London konstatierte und alle Mitglieder des
Nordatlantik-Paktes mit der von den oben genannten drei Regierungen herausgegebenen Dreimächte-Erklärung bekannt machte.
In ihrer Erklärung bringt die Regierung der Bundesrepublik
zum Ausdruck, daß sie ihre Politik in Übereinstimmung mit den
Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen führen wird, und daß
sie die in Artikel II der Charta festgelegten Verpflichtungen
anerkennt. Die Bundesrepublik erklärt, ferner, daß sie sich, wenn
sie dem Nordatlantikpakt und dem Brüsseler Vertrag beitritt,
jeder mit dem streng defensiven Charakter dieser Verträge nicht
zu vereinbarenden Handlung enthalten will. Insbesondere unternimmt
die Bundesrepublik keine Gewaltmaßnahmen zur Herbeiführung der
Wiedervereinigung Deutschlands oder zur Änderung der gegenwärtigen Grenzen der deutschen Bundesrepublik,
In der Drei-Mächte-Erklärung antworten die Regierungen der
Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und Prankreichs
entsprechend auf diese Erklärung und bestätigen in diesem Zusammenhang erneut die Prinzipien des Artikels II der Charta der Vereinten Nationen, die die Anwendung von Gewalt zwischen den Nationen verurteilen.
X

Ein Hauptbestandteil der neuen in Paris am 23. Oktober 1954
unterzeichneten Vereinbarungen sind die vier Protokolle, mit denen der Brüsseler Vertrag abgeändert wird. Dieser Vertrag, der
am 17. März 1948 von Prankreich» Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich unterzeichnet wurde, war
der erste Schritt in Richtung auf eine militärische Integration
des Nachkriegs-Europa und ging dem Nordatlantikpakt um mehr als
ein Jahr voraus. Die Bestimmungen des Brüsseler Vertrages verpflichteten alle Länder zum vollen und unmittelbaren militärischen
Beistand für jeden Teilnehmer, gegen den eine Aggression unternommen würde. Die Vertragsbestimmungen sahen ferner eine beratende
Körperschaft zur Ausarbeitung gemeinsamer Verteidigungspläne vor.
Mit der Bildung und dem Anwachsen der NATO wurde die durch den
Brüsseler Vertrag geschaffene Organisation verhältnismäßig inaktiv,
der Vertrag selbst aber blieb im vollen Umfange in Kraft und hat
nun die Grundlage für die Verwirklichung gewisser wichtiger politischer und die Sicherheit betreffender Ziele gebildet.
Das erste Protokoll wird verschiedene wichtige Änderungen in
den Brüsseler Vertrag bringen. Als erstes sieht es den Beitritt
Deutschlands und Italiens zum Brüsseler Vertrag vor, so daß die
Zusammensetzung der der vorgeschlagenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft entsprechen wird, bei zusätzlicher Teilnahme des Vereinigten Königreichs. Zweitens wird der Konsultativrat des Brüsseler Vertrages in einen "Rat der Westeuropäischen Union" umgewandelt werden, mit der Aufgabe, Frieden und Sicherheit zu festigen, die Einheit zu fördern und die fortschreitende Integration
Westeuropas sowie eine engere Zusammenarbeit mit anderen europäische:
Organisationen zu unterstützen. Besondere Vertragsbestimmungen befassen sich mit Abstimmungen für die bei bestimmten Fragen Zwei- 12

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"AMERIKA DIENST"

Zweidrittel - oder einfache Mehrheit nötig sind. Andere Bestimmungen sehen eine enge Zusammenarbeit zwischen der Organisation
des Brüsseler Vertrages und der Nordatlantikpakt-Organisation
vor. Eine Klausel besagt, daß eine Verdoppelung der Arbeit der
militärischen Stäbe der NATO unerwünscht ist und es wird festgelegt, daß der Rat und sein Rüstungskontrollamt sich zu ihrer
Information und Beratung in militärischen Angelegenheiten auf die
militärischen Behörden der NATO stützen werden.
Das zweite Protokoll befaßt sich mit der Stärke der Streitkräfte der Westeuropäischen Union. Es bestimmt, daß die Gesamtstärke und Anzahl der Formationen der Land- und Luftstreitkräfte
Belgiens, Frankreichs, der Bundesrepublik Deutschland, Italiens
und der Niederlande, die SACEÜR unterstellt sind und die in einem
dem Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft beigefügten besonderen Abkommen festgelegt wurden, nicht überschritten werden. Die SACEÜR unterstellten Streitkräfte des Vereinigten
Königreichs sollen nicht größer sein als die gegenwärtig unter
dem Oberkommando von SACEÜR stehenden Truppen und die Streitkräfte
Luxemburgs werden auf eine Kampfgruppe in Regimentsstärke festgelegt. Die Seestreitkräfte werden in einem ,'Jährlichen Überprüfungsverfahren der NATO bestimmt. Jede Vergrößerung über die beschlossenen Truppenstärken hinaus sind dem einstimmigen Beschluß
aller Mitglieder des Brüsseler Vertrages unterworfen.
Ein besonders bedeutsamer Teil dieses Protokolls ist die
von dem Vereinigten Königreich übernommene Verpflichtung, auf
dem europäischen Festland britische Streitkräfte in gleicher
Stärke zu unterhalten, wie sie jetzt SACEÜR zugeteilt sind} das
heißt, vier Divisionen und die II. taktische Einheit der Luftstreitkräfte oder andere Einheiten, deren Kampfkraft von SACEÜR
als ebenbürtig anerkannt wird. Das Vereinigte Königreich willigt
ein, diese Streitkräfte nicht entgegen dem Wunsch einer Mehrheit
der Brüsseler Vertragsmächte zurückzuziehen. Weiterhin besagt
das Protokoll, daß diese Verpflichtung für das Vereinigte Königreich im Falle eines plötzlichen Notstandes in seinen überseeischen Besitzungen nicht bindend ist. Außerdem ist darin festgelegt worden, daß die Regierung des Vereinigten Königreichs den
Nordatlantik-Rat ersuchen wird, die finanziellen Bedingungen über
die Unterhaltung der Streitkräfte des Vereinigten Königreichs zu
prüfen, wenn die Ausgaben für die Streitkräfte auf dem Kontinent
zu irgendeiner Zeit eine zu starke Belastung für die finanziellen
Verpflichtungen Großbritanniens außerhalb des eigenen Landes bedeuten.
Diese Verpflichtungen bestehen zusätzlich zu den vertraglichen Bestimmungen, die mit der Mitgliedschaft des Vereinigten
Königreichs in dem neuen Rat der Westeuropäischen Union verbunden
sind.
Das dritte Protokoll bezieht sich auf die Rüstungskontrolle.
Es befaßt sich sowohl mit den Waffen, die nicht in der Bundesrepublik Deutschland hergestellt werden dürfen, als auch mit denen,
die innerhalb des Gebietes der Brüsseler Vertragsmächte auf dem
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dem Festland unter Kontrolle stehen sollen. Die verbotenen Waffen,
auf deren Herstellung die Bundesrepublik Deutschland offiziell
verzichtet hat, sind: atomare, biologische und chemische Kampfmittel sowie ferngelenkte Raketen, größere. Marine-Fahrzeuge und
strategische Bomber. Um Deutschland das Recht zu verleihen,
atomare, biologische und chemische Kampfmittel herzustellen, ist
ein einstimmiger Beschluß des Rates der Westeuropäischen Union
erforderlich. Durch eine Zweidrittelmehrheit des Rates kann
Deutschland das Recht erhalten, ferngesteuerte Raketen, größere
Marine-Fahrzeuge und strategische Bomber herzustellen, allerdings
nur unter der Voraussetzung, daß SACEUR die Verleihung dieses Rech
tes an Deutschland empfiehlt.
Die Bestimmungen des Protokolls über die Waffenkontrolle
innerhalb des gesamten Gebietes der sechs Kontinental-Länder
beziehen sich sowohl auf die verbotenen Kampfmittel als auch
auf eine Anzahl anderer wichtiger Waffen. Dazu gehören Minen,
Panzer, große Artilleriegeschütze und die dazugehörige Munition,
Bomber und die meisten militärischen Flugzeugtypen.
Ein viertes Protokoll bestimmt die Errichtung einer Behörde
zur Rüstungskontrolle. Auf Grund der Bestimmungen über die einzelnen, unter Kontrolle stehenden Waffen soll die Behörde ihre
Funktion mehr durch Prüfung der Waffenvorräte als durch eine
Produktionskontrolle ausüben. Sie hat sich außerdem zu überzeugen,
daß verbotene Kampfmittel nicht in Deutschland hergestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dem Rat der Westeuropäischen
Union Informationen hinsichtlich der militärischen Hilfe für die
Streitkräfte der Brüsseler Vertragsmächte auf dem europäischen
Festland zur Verfügung stellen. Diese Informationen werden durch
den Rat an die Behörde für Rüstungskontrolle weitergeleitet werden. Die Vereinigten Staaten erhalten absolute Vollmacht über die
Verteilung von Mitteln und Lieferungen im Rahmen ihrer militärischen Hilfsmaßnahmen. Die Behörde für Rüstungskontrolle trägt
keinerlei Verantwortung hinsichtlich der Produktion und Beschaffung von Waffen oder der Zuteilung von militärischer Ausrüstung.
In einer Resolution, die am 21. Oktober in Paris angenommen wurde,
sind die Brüsseler Vertragsmächte jedoch übereingekommen, für
den 17. «Januar 1955 einen Ausschuß nach Paris einzuberufen, der
über die Entwicklung eines Programms zur rationellen Produktion
beraten wird.
XI
Die Abmachungen, die ich hier erörtert habe, bringen für
die Vereinigten Staaten keine anderen vertraglichen Bindungen
und Verpflichtungen mit sich als diejenigen, die mit der Rückgabe der von den Alliierten nach der Niederlage der Nazi-Regierung
übernommenen Souveränitätsrechte an die Bundesrepublik Deutschland sowie mit der Anerkennung der Bundesrepublik als Mitglied
des Nordatlantikpaktes verbunden sind. Nichtsdestoweniger ist
die zukünftige Einstellung der Vereinigten Staaten zu den Abmachungen eine Angelegenheit von außerordentlicher, sogar entscheidender Bedeutung.
In
- U -

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17. November 1954

In diesem Zusammenhang, gab ich auf der Londoner Konferenz
im Rahmen einer Sitzung am 29« September 1954 eine Erklärung ab,
deren voller Text in einem Anhang zum Londoner Schlußprotokoll
niedergelegt ist und der hiermit überreicht wird. Durch diese
Erklärung versuchte ich dem Wunsch unserer Nation Ausdruck zu
verleihen, solche Maßnahmen zu fördern und zu unterstützen, die
Westeuropa einigen und stärken, da wir andernfalls gezwungen
wären, uns aus einem Europa zurückzuziehen, das dann geteilt
und schwach bleiben würde. In diesem Zusammenhang erklärte ich,
daß, wenn neue Übereinkommen von den westeuropäischen Ländern
getroffen würden, die als Ersatz für die Europäische Verteidigungs
gemeinschaft, Einigkeit und Stärke gewährleisten, so daß Hoffnungen, die wir in die EVG gesetzt hatten, im maßvollen Rahmen
in diese Abkommen übertragen werden können, ich dann Ihnen,
Herr Präsident, empfehlen würde, eine ähnliche Erklärung über
die Politik ähnlich der abzugeben, wie Sie sie nach Konsultierung mit den Führern des Kongresses im Zusammenhang mit der in
Aussicht genommenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgaben, und die die Bekundung der Absicht der Vereinigten Staaten enthält, "in Europa solche Teile der bewaffneten Streitkräfte
zu belassen, die als notwendig oder angemessen erscheinen, damit
wir einen fairen Anteil an der gemeinsamen Verteidigung des
nordatlantischen Raumes tragen können, solange dieses Gebiet
bedroht wird.
Ich war dabei sorgsam darauf bedacht aufzuzeigen, daß solch
eine Erklärung nicht mehr als eine politische Erklärung sein würde
und daß sie keine bindende Verpflichtung darstellt. Ich erklärte:
"Auf Grund unserer Verfassung ist der Präsident der Vereinigten
Staaten auch gleichzeitig der Oberbefehlshaber der bewaffneten
Streitkräfte, und in dieser Stellung berechtigt, über ihre Stationierung zu entscheiden. Ein Präsident der Vereinigten Staaten
hat verfassungsgemäß dabei nicht die Möglichkeit seinen Nachfolger in dieser Hinsicht festzulegen. Jeder amerikanische Präsident, der ins Amt kommt, genießt das Recht, in Übereinstimmung
mit den Vorschlägen seiner militärischen Berater, über die bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten so zu verfügen,
wie damit seiner Ansicht nach den Interessen der Nation am besten
gedient ist."
Dessen ungeachtet wies ich darauf hin, daß die grundlegende
und fundamentale politische Grundlage^als praktischer Tatbestand,
wahrscheinlich nicht geändert würde, und daß unsere Politik, mit
einem Westeuropa zusammenzuarbeiten, das selbst alle Anstrengungen
unternimmt, sich zu einigen und stark zu machen, wie ich es sehe,
die grundlegende Politik der Vereinigten Staaten ist, so wie sie
auch von der Regierung und dem Kongress ganz klar manifestiert
wurde. In Verfolg meiner Londoner Erklärung habe ich die Absicht,
Ihnen Herr Präsident, wie bereits angedeutet, eine Empfehlung
zu unterbreiten, wenn die Vereinbarungen, die in Paris unterzeichnet wurden, verwirklicht sind, oder die Wahrscheinlichkeit
einer Verwirklichung gegeben ist.
„

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17. November 1954

XII
Es ist klar, daß, wenn die oben genannten Abkommen in
Kraft treten, sie weitreichende und günstige Ergebnisse zeitigen
werden. Sie werden die Hoffnungen der Menschen der Bundesrepublik
Deutschland für eine gleichberechtigte Stellung im Rahmen der
freien Nationen erfüllen, und sie werden das Verteidigungspotential der atlantischen Gemeinschaft wesentlich erhöhen.
Gleichzeitig aber gewähren sie einen Schutz gegen einen
überbetonten Militarismus als ein Werkzeug eines aggressiven
Nationalismus. Dieser Schutz bezieht sich nicht nur auf die
Mitglieder der atlantischen Gemeinschaft, sondern auf alle.
Sie bieten einen starken Schutz gegen ein Wiederaufleben eines
brudermörderischen Konfliktes unter den freien Nationen Europas
und stellen einen Rahmen für eine praktische Zusammenarbeit dar,
der weitere Fortschritte in Richtung auf eine politische und wirtschaftliche Einheit unter den europäischen Nationen ermöglicht.
Da unsere Nation ein großes Interesse an der Erreichung
dieses Zieles hat, empfehle ich Ihnen, Herr Präsident, den Senat
aufzufordern sich hiermit bald zu befassen, und im besonderen,
die Billigung und die Zustimmung des Senats zur Ratifizierung
der beiden Dokumente des Vertrages.einzuholen, die die Vereinigten Staaten unterzeichne^ ' haben, insbesondere des Protokolls,
das die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland wiederherstellt, sowie jenes das die Aufnahme der Bundesrepublik in den Nordatlantikpakt ermöglicht.
Ergebenst unterbreitet:
John Poster Dulles

*

*

*

*

*

- 16 -

�\

M E R I K A

D I E N S T

LODGE: USA STELLEN 100 KILO SPALTBARES MATERIAL FÜR DEN
INTERNATIONALEN ATOMPOOL

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Steliungnahmea des US-Chefdelegierten,Henry
Cabot Lodge jr., vom 15» November 1954, in
der er vor dem Politischen Ausschuß der UNO
erneut denAbCBB-für-den-Frieden-Plan der Vereinigten Staaten erörterte.

1. Während der fruchtbaren Debatte der letzten Woche sind
einige Fragen aufgetaucht. Die erste, glaube ich, wurde sowohl
von dem Vertreter der Sowjetunion als aUch von dem Chinas vorgebracht. Sie fragten, ob der in Aussicht genommene Vorschlag
präziser sein werde als der des Präsidenten vom 8. Dezember
letzten Jahres. Damit befaßte sich mein Kollege Mr. Jackson.
2. Sodann traf der sowjetische Vertreter eine interessante
Feststellung hinsichtlich der Rolle, die die Sowjetunion in
der Atomphysik gespielt habe und spielen werde. Sein Bericht
über die Entwicklung der friedlichen Anwendung der Atomenergie
in der Sowjetunion schien auf russische Errungenschaften aus
der Zeit vor dem Ersten Weltkriege hinzuweisen. Immerhin wurde der erfolgreiche Bau eines 5 OOO-Kilowatt-Kraftwerkes erwähnt. Wir gratulieren der Sowjetunion zu dieser Errungenschaft,
obwohl vom Bau eines 5 OOO-Kilowatt-Werkes bis zur unbeschränkten Verfügung über die aus Atomenergie gewonnene elektrische
Kraft noch ein weiter Weg ist.
Der Stand der sowjetischen Atomt echnik wurde in einem
Artikel der sowjetischen Zeitschrift "Kommunist" im April dieses Jahres von A. Nesmejanoff mit lob enswerter Bescheidenheit
dargestellt. Der Verfasser schreibt, die sowjetischen Wissenschaftler müßten sich sputen, "die At omenergie für den breitesten Gebrauch in Industrie und Transp ort nutzbar zu machen."
Sodann heißt es weiter: "Der Fortschr itt der Atomforschung im
Sinne einer friedlichen Anwendung wei ten Umfangs ist zweifellos
die Sache einer ganzen Epoche."
Ganz

- 1: -

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17. November 1954

Ganz abgesehen von der Frage, wie lange eine "ganze Epoche"
dauert, darf wohl festgestellt werden, daß einer der Wege, das
Tempo der Atomindustrie-Epoche zu fördern, darin besteht, den
Erfahrungsaustausch zu verbreiten. Aus diesem Grunde drücken
wir die Hoffnung aus, daß die Sowjetunion so bald wie möglich
die Pläne ihres 5 OOO-Kilowatt-Atomkraftwerks veröffentlichen
möge. Wir in den Vereinigten Staaten haben dies mit unseren Entwürfen für ähnliche Kernreaktoren getan, und die Sowjetunion
dürfte davon sicherlich Kopien besitzen. Wenn die Sowjetunion
ähnliche Publikationen herausbringen wird, werden sie sicherlich
überall Interesse finden und die internationale Zusammenarbeit
erleichtern.
3. Der Sowjetvertreter sprach ebenfalls von anderen Arten
des atomaren Fortschritts^, namentlich hinsichtlich der Produktion
und des Gebrauchs radioaktiver Isotope, Es wäre interessant zu erfahren, wie das sowjetische Programm für die Ausfuhr dieser Isotope zum Nutzen anderer Länder aussieht.
4. Hinsichtlich der Mitgliedschaft zur "agency" (Internationale: Atombehörde), sind wir immer noch der Überzeugung, daß
die Tür offengelassen werden sollte, so daß alle Staaten an der
Verantwortung teilhaben und sich die Vorteile einer Teilnahme
sichern können. Ich kann in Punkto Sarkasmus sicherlich nicht mit
dem sowjetischen Vertreter wetteifern, aber ich kann versichern,
daß das einzige "Sonderprivileg", das wir beanspruchen, darin
besteht, so vielen Ländern wie möglich helfen zu können, wie
auch die einzige "Ausbeutung", die wir im Sinne haben, die Ausbeutung der Atomenergie für friedliche Zwecke ist.
5. Hinsichtlich des Verhältnisses der "agency" zu den Vereinten Nationen haben wir unsere Ansicht, daß die internationale
Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen stehen solleP nicht
geändert. Wie wir in der gemeinsamen Resolution vorgebracht haben,
denken wir, daß die endgültige Mitgliedschaft bei den Vereinten
Nationen ausgearbeitet werden kann, sobald die agency gegründet
ist. Wie ich in meiner Eröffnungsrede feststellte, wäre es unzweckmäßig, die mögliche Mitgliedschaft auszuarbeiten ehe wir
genau wissen, wie die "agency", wenn sie ins Leben gerufen ist,
aussehen wird. Wir stimmen darin mit dem Sowjetvertreter überein,
daß die von diesem Komitee zu fassende Resolution, die Beziehung
zwischen der Behörde und den Vereinten Nationen nicht im voraus
bestimmen sollte. Wir stimmen mit ihm auch darin überein,, daß dies
eine Angelegenheit ist, die von den der Behörde angehörenden Staaten und zwischen dieser,sofern sie besteht, und den Vereinten Nationen verhandelt werden sollte. Später werde ich mich mit dem
Problem der Beziehung der "agency" und dem Sicherheitsrat sowie
der Generalversammlung auseinandersetzen.
6. Erinnern wir uns daran, daß hier acht Nationen sind, welche
die Absicht haben, spaltbares Material oder Rohstoffe abzugeben,
die beide außerordentlich wertvoll sind sowohl für die Entwicklung dieser Nationen in Friedenszeiten als auch für deren Sicherheit. Jedes Mitglied der gesetzgebenden Körperschaften dieser

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17. November

1954

dieser Länder, einerlei ob es dem belgischen Parlament oder
dem kanadischen Parlament, der französischen Nationalversammlung, der Portugiesischen Regierung oder der Gesetzgebenden
Versammlung der Südafrikanischen Union, dem Unterhaus in London
oder dem Kongreß der Vereinigten Staaten in Washington angehört,
jedes Mitglied dieser Körperschaften würde das ihm entgegenge- *
brachte Vertrauen verletzen, wenn es den ihm vorgelegten Vertrag
nicht genau prüfen würde. Viele von Ihnen, die in diesem Raum
vereint sind, waren selbst Mitglieder gesetzgebender Körperschaften. Das sind Dinge, die wir verstehen und respektieren.
7. Auch das Anerbieten, das wir heute machen, ist durdh
die Zusätze zum Atomenergie-Gesetz ermöglicht worden, das in
der letzten Sitzungsperiode des Kongresses beschlossen worden
ist. Dieses Gesetz schafft für das, was wir jetzt tun können,
einen erweiterten Spielraum über das hinaus, was wir im letzten
Jahr hätten tun können. Es war beispielsweise in der letzten
Sitzungsperiode, daß der Kongreß uns die Ermächtigung gab, Informationen und Materialien auch anderen zugänglich zu machen.
Offensichtlich müssen wir uns schon aus praktischen Gründen im
Rahmen des Gesetzes halten.
8. Ich habe am 5» November erklärt, daß die Internationale
Behörde für Atomenergie bei Ersuchen um Zuteilung von spaltbarem Material für Projekte, welche ihre Billigung gefunden haben,
als Clearing house wirken würde. Der sowjetische Vertreter legte
meine Bemerkungen folgendermaßen aus: "Wenn Pläne oder Entwürfe
für die Verwendung von Atommaterial, für das seitens der Internationalen Behörde in Übereinstimmung mit dem Abkommen ein Ausgleich von einem Staat zum anderen herbeizuführen ist, von der
Zustimmung der Internationalen Behörde abhängig gemacht werden,
dann bedeutet das, daß die Internationale Behörde das Recht haben wird, die Pläne der Staaten, die an der Verwendung von
spaltbarem Material zu friedlichen Zwecken interessiert sind, zu
billigen oder nicht zu billigen." Das ist keine korrekte Interpretation unseres Vorschlags. Die Internationale Behörde würde
sich nur mit demjenigen spaltbaren Material befassen, das von
den zum Beitrag bereiten Staaten ausdrücklich für Projekte
der Behörde selbst bereitgestellt worden ist. Sie würde dagegen
keine Kontrolle über die Verwendung irgendwelchen anderen spaltbaren Materials ausüben. Jeder solchen Beitrag leistende Staat
würde also die Freiheit haben, spaltbares Material in einen
anderen Staat zu überführen, ohne erst der Zustimmung der Internationalen Behörde zu bedürfen.
9. Es gibt da aber auch noch andere Probleme. Beispielsweise werden viele Staaten sich für diese Organisation interessieren, und manchmal wird es erforderlich sein, die Interessen
aufeinander abzustimmen. Es wird schwierig sein, selbst über
eine so einfache Organisation zu verhandeln und ein Übereinkommen zu erzielen. Je komplizierter die Organisation und je verwickelter die Verhandlungen sind, um so länger wird es dauern,
auch andere in den Genuß der Vorteile der Atomenergie kommen zu

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zu lassen. Und um so mehr wir hier versuchen, ein bestimmtes Verfahren im Hinblick auf diese Verhandlungen zu beschleunigen, desto
größer wird die Gefahr, daß wir unnötige, ja selbst unüberwindliche Hindernisse für den Ablauf eines raschen Portschritts schaffen. Wir sind daher der Ansicht, daß der beste, wenn nicht überhaupt einzige,Wegjder Welt auf diesem Gebiet einen Dienst zu
leisten für uns darin besteht, daß wir uns durch Vereinfachung
der Organisation und Verhandlungen - durch Konzentrierung auf
das, was durchführbar und möglich ist - so schnell wie irgend
möglich an die Arbeit machen.
10. Der Sowjet-Vertreter erneuerte seinen Versuch, jeden
Portschritt innerhalb internationaler Zusammenarbeit durch die
Erschließung friedlicher Anwendungen der Atomenergie zum gleichzeitigen Portschritt in Verbindung mit einem Abrüstungsprogramm
zu verhindern, wenn er auch nicht länger auf der Forderung verharrt, daß andere Staaten zuerst einem praktisch nur auf dem
Papier stehenden Verbot der Anwendung von Atomwaffen zustimmen
müßten, bevor seine Regierung an den Verhandlungen über eine
friedliche Verwendung der Atomenergie teilnehmen würde.
Präsident Eisenhower machte im vergangenen Dezember klar, d
daß der von ihm vorgelegte Plan, obgleich er kein Abrüstungsplan
sei, wenn er angenommen würde, doch dazu geeignet sei, den Frieden und damit die Abrüstung näher zu rücken, denn Abrüstung und
Frieden sind natürlich nicht ein und das selbe. Der Präsident
sprach die Hoffnung aus, daß sein Vorschlag "einen neuen Weg
zur friedlichen Diskussion freigeben möge und zumindest einen
neuen Versuch zur Lösung der vielen schwierigen Probleme auslösen werde, die in privaten und offiziellen Besprechungen erörtert und geklärt werden müssen, wenn die Welt die aus Furcht
entstandene Untätigkeit aufgeben und positive Fortschritte in
der Arbeit für den Frieden erreichen solle."
Dieser Ausschuß,vor dem ich spreche, bedarf nicht eines
Hinweises auf die Bedeutung der Abrüstung oder auf die ungeheure
physische und seelische Belastung, die durch ihre Verwirklichung
beseitigt würde. Noch weniger brauchen wir - nach einer Debatte
von acht Jahren - daran erinnert zu werden, wie schwierig die
Durchführung einer Abrüstung ist, wenn es an gegenseitigem
Vertrauen fehlt.
Abrüstung stellt einen Faktor auf dem Wege zum Frieden dar.
Zumindest ein weiterer Faktor besteht in einer neuen Einstellung
der Welt, die eine enge Zusammenarbeit zur Gewohnheit werden
lassen könnte und damit allmählich gegenseitiges Vertrauen schaffen würde.
Wir sind der Auffassung, daß dieser "Atom-für-den-Frieden"Vorschlag die Welt vom Kriegführen abbringen wird, da wir die
Probleme der Welt durch ein neues Prismenglas sehen werden. Er
ist eine neue Möglichkeit, um mit der Arbeit für den Frieden zu
beginnen.
Wi

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Wir dürfen einen Vorschlag nicht dadurch entwerten, daß
wir ihn an einen anderen anhängen. Es besteht bereits ein gesonderter Entwurf für die Durchführung der Abrüstungsverhandlungen,
Wir schlagen einen Entwurf für die dazu parallel laufenden Besprechungen über die friedliche Verwendung des Atoms vor.
Wir hoffen, daß wirklicher Portschritt bei einer der beiden Diskussionen schließlich die anderen erleichtern wird. Wir
stimmen dem Delegierten der Sowjetunion zu, wenn er sagt, daß
die Vorschläge des Memorandums vom 19« März an sich nicht zu
einer Verminderung der potentiellen Kraft von Atomwaffen führen.
Ebenso wenig wird sie diese erhöhen. Aber vielen Gebieten der
Welt würden sie wirtschaftliche und soziale Vorteile bringen.
Und so sind wir als Partner der Mächte, mit denen wir in Verhandlung stehen, fest entschlossen, nicht zu dulden, daß Portschritte bei der Aufgabe, das Atom für den Frieden nutzbar zu
machen, weiterhin hinaus gezögert werden.
11. Der sowjetische Vertreter behauptete, die Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche Zwecke führte zwangsläufig
zur Erhöhung des Vorrats an spaltbarem Material, das sich zur
Herstellung von Atomwaffen verwenden lasse; er führte ferner
aus, die ungefährlichen, für die Verwendung zu friedlichen Zwecken
abgezweigten Materialien könnten doch für gefährliche Ziele genutzt werden, und die in den Industriereaktoren erzeugten radioaktiven Nebenprodukte ließen sich eventuell für militärische
Zwecke verwenden. Damit gab er zu verstehen, daß der Vertrag über
die Nutzbarmachung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken auch
ein Abkommen über das Verbot der Atomwaffen enthalten müsse.
Der sehr verehrte schwedische Kollege befaßte sich gleichfalls
mit dieser Präge. Wir sind jedoch der Auffassung, daß eine Lösung des gesamten Problems der internationalen Atomenergie-Kontrolle und ein Verbot der Atomwaffen erst dann nötig wird, wenn
wir nichtkriegerische Projekte geschaffen haben, durch die die
Kräfte des Atoms in Übereinstimmung mit den Geboten der internationalen Sicherheit freigesetzt werden.
Ich darf an dieser Stelle erneut der Überzeugung der Regierung der Vereinigten Staaten Ausdruck geben, welche in der
veröffentlichten Korrespondenz zwischen den USA und der UdSSR
als Dokument A/2738 niedergelegt ist, daß sich nämlich in Übereinstimmung mit den Geboten der internationalen Sicherheit, Mittel und Wege für eine allmähliche Nutzbarmachung der Atomenergie
zu friedlichen Zwecken und eine Sicherung gegen eine Abzweigung
radioaktiver Stoffe für eine kriegerische Absicht finden lassen.
Denn es gibt ja Formen der Nutzbarmachung zu friedlichen
Zwecken, die keinerlei Möglichkeit bieten, daß sie zu militärischen Zwecken mißbraucht werden. Die von mir in meiner Rede
vor dieser Versammlung am 5» November vorgeschlagenen Projekte
zum Beispiel würden sich überhaupt nicht für radioaktive Stoffe
eignen, die sich auch in Waffen verwenden lassen.
Das

�"AMERIKA DIENST"

T7. November

1954

Das Problem der radioaktiven Nebenprodukte, das der sowjetische Delegierte hier aufgeworfen hat, läßt sich gleichfalls
lösen.
Was die Sicherheit gegen eine etwaige Abzweigung derartigen
Materials aus den Stromreaktoren anbetrifft, so ist dieses Problem doch Teil der allgemeineren und umfassenderen Frage der verschiedenen ineinander greifenden Garantien, die erforderlich
sind, um sicherzustellen, daß das für solche friedliche Projekte
bereitgestellte oder in ihrem Rahmen erzeugte spaltbare Material
nur zu friedlichen Zwecken verwendet und nicht mit unbilligen
Absichten abgezweigt wird. Das ist ein Problem, das im Laufe
der Verhandlungen über die Gründung der Internationalen Atombehörde gelöst werden muß, und die zwischen den verhandelnden
Staaten - vor allem den Erzeugerländern von spaltbarem Material geführten Gespräche werden Klarheit über ihre jeweiligen Standpunkte bringen. Es ist theoretisch möglich, wie der sowjetische
Delegierte darlegte, solche Stromreaktoren zu erstellen, durch
die der Vorrat an radioaktiven, für die Verwendung in Waffen
geeigneten Stoffe vergrößert werden könnte, aber das muß nicht
unbedingt der Fall sein. Wir sind der Auffassung, daß die Wissenschaftler und Staatsmänner in dem Maße, in dem in der Zukunft
Stromreaktoren gebaut und konstruiert werden, mit ihrem Scharfsinn Mittel und Wege finden werden, durch die garantiert wird,
daß derartige Stoffe nicht für die Rüstungsindustrie oder verwandte Fertigungszweige verschoben werden.
Man möge doch nicht vergessen, daß die Verteilung von kernreaktivem Material durch die Internationale Atombehörde zur
Erstellung von Stromreaktoren in keiner Weise das Problem komplizieren würde, wie man die Gewähr für eine tatsächliche Verwendung der Atomenergie zu ausschließlich friedlichen Zwecken
schaffen könnte. Dieses Problem ist ein Teilproblem der Abrüstungsfrage, mit der sich die Großmächte seit Jahren befassen.
Das internationale Kontrollorgane für Abrüstung)könnte nach seiner Schaffung seine* Funktionen durchaus in Zusammenarbeit mit
der internationalen Atombehörde durchführen. Aber in der Zwischenzeit möchten wir doch mit unseren Bemühungen, die Atomenergie in den Dienst der Menschheit zu stellen, ein Stück vorankommen. Nichts, was wir in dieser Hinsicht unternehmen|braucht
das Problem der Abrüstungskontrollen irgendwie zu komplizieren.
12. Der sowjetische Vertreter hat auch versucht, die Frage
der Abrüstung und die der friedlichen Verwendung der Atomenergie
miteinander zu verbinden, indem er sich darauf versteifte,
daß hierbei dem Sicherheitsrat eine überragende Bedeutung zukomme. Auf Grund der UN-Charta ist der Sicherheitsrat vor allen
Dingen für die Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit
und des Weltfriedens verantwortlich. Die UN-Vollversammlung
trägt hier eine ähnliche Verantwortung. Sollte in Verbindung mit
der friedlichen Verwendung der Atomenergie in irgendeinem Land
oder einer Ländergruppe eine Situation entstehen, die den Weltfrieden und die internationale Sicherheit gefährdet, so wären
in einem solchen Fall der Sicherheitsrat und die Vollversammlung
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�."AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Vollversammlung gleichermaßen zuständig, und zweifellos würden
die Vereinten Nationen - wie auch mit anderen derartigen Situationen - mit der Angelegenheit fertig werden. Daher ist es möglich
und auch durchaus wahrscheinlich, daß im Interesse der internationalen Sicherheit zwischen dieser Behörde und dem Sicherheitsrat
sowie der Vollversammlung und dem Generalsekretär der Vereinten
Nationen gewisse Beziehungen bestehen.
Aber der sowjetische Vertreter griff auf die Resolution der
UN-Vollversammlung vom 14. Februar 1946 zurück, mit der die ursprüngliche UN-Atomenergie-Kommission geschaffen worden war eine Körperschaft, die nicht mehr existiert. Es war dies die
Kommission, die detaillierte Vorschläge zur Kontrolle der Atomenergie in einem Umfange machen sollte, der eine ausschließliche Verwendung zu friedlichen Zwecken hätte gewährleisten
können. Da es die Hauptaufgabe dieser Kommission war, sich mit
der Abrüstung auf dem Gebiet der Atomwaffen zu befassen, hatte
sie natürlich dem Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung Bericht zu erstatten und ihnen Empfehlungen zu unterbreiten. Der
Vertreter der Sowjetunion schlägt jetzt offenbar vor, daß die
Internationaler: Atombehörde, deren Funktionen ganz anders geartet
sein werden, das gleiche tun solle - und damit wäre sie praktisch
dem Veto unterworfen.
Die Wahrheit ist, daß die Aufgabe, die dieser inzwischen
erloschenen Kommission übertragen worden war, auf Grund einer Resolution (und auf Grund zahlreicher Beschlüsse)"
) an die
Abrüstungskommission überwiesen wurde, die Körperschaft, von der
die Vereinten Nationen nunmehr konkrete Schritte in der Abrüstungsfrage erwarten.
13. Es wurde mehrfach die Frage aufgeworfen, in welcher Form
die unterentwickelten Länder in der Behörde vertreten sein sollen.
Das am 19« März durch den amerikanischen Außenminister dem sowjetischen Botschafter überreichte Memorandum enthielt eine Bestimmung, der zufolge die höchste Exekutivgewalt der Behörde durch ein
Direktorium mit begrenzter Mitgliedschaft ausgeübt werden solle,
wobei die Delegierten als Vertreter ihrer jeweiligen Regierung
fungieren. Wie im Memorandum weiter vorgeschlagen wurde, dürfte
es bei Festlegung der Zusammensetzung des Direktoriums wünschenswert sein, "geographische Gesichtspunkte und die Mitgliedschaft
etwaiger künftiger Nutznießer im Direktorium zu berücksichtigen".
Mit anderen Worten - und dies möchte ich besonders unterstreichen sehen unsere Pläne vor, daß im Direktorium der Behörde diejenigen
unterentwickelten Länder vertreten sind, die auch der Atombehörde
angeschlossen sein werden.
14. Eine weitere Frage betrifft die Teilnahme jener Staaten,
die nicht an den Verhandlungen über die Schaffung dieser Organisation teilnehmen. In seiner Eröffnungsansprache am 23. September
vor dieser Versammlung hat der amerikanische Außenminister die
Stellung der Vereinigten Staaten zu diesem Punkt eindeutig klargelegt. So sagte er z.B.: "Ich möchte es nachdrücklich klarmachen,daß

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17. November 1954

daß bei unseren Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben ausgeschlossen wird. In dem Maße, in dem
unsere Vorschläge Gestalt annehmen, sind alle Nationen, die sich
für eine solche Beteiligung interessieren und bereit sind, die damit verbundenen Verpflichtungen zu übernehmen, herzlich willkommen,
gemeinsam mit uns an der Planung und Ausführung dieses Programms
zu arbeiten". Diesen Standpunkt vertreten die Vereinigten Staaten nach wie vor.
Wir haben niemals die Bildung einer geschlossenen Organisation der in dieser Behörde vertretenen Länder erwogen, ebenso
wenig hatten wir die Absicht, die übrigen Staaten durch Bildung
dieser Behörde vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Wie wir
in der Sieben-Mächte-Entschließung angedeutet haben, sind wir
gewillt, die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen über die Portschritte bei der Schaffung dieser Behörde laufend zu unterrichten.
Darüber hinaus kann ich zu dieser Sache noch weitere Zusicherungen
geben. Die an den gegenwärtigen Verhandlungen beteiligten Regierungen beabsichtigen, ehe die Vereinbarung über die Schaffung
der Behörde zur Ratifizierung vorgelegt wird, diejenigen Regierungen, die Interesse an der Mitgliedschaft in der Behörde zeigen,
zu Rate zu ziehen und selbstverständlich die von ihnen vorgebrachten Ansichten gewissenhaft zu erwägen und zu berücksichtigen.
15« Das also ist unser Programm« Vor allem müssen wir Möglichkeiten finden, um diese Behörde auf schnellstem Wege ins
Leben zu rufen: Das ist der eigentliche Zweck der Sieben-MächteResolution. Wir drängen in unseren Verhandlungen nachdrücklich
auf Eile und wir verlangen nichts weiter als die Bereitwilligkeit der übrigen Regierungen zur aufrichtigen Mitarbeit, damit wir
zu Beginn der nächsten Sitzungsperiode der Vollversammlung bereits
die bis dahin erzielten Erfolge und konkreten Ergebnisse der internationalen Zusammenarbeit erörtern können, die dem Ziel dienen,
die Entdeckungen der Atomwissenschaft in den Dienst der Menschheit zu stellen.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen gern noch eine weitere Angelegenheit unterbreiten; ich hoffe, damit ein für allemal jegliche
Unklarheit darüber zu beseitigen, inwieweit der Vorschlag der
Vereinigten Staaten bezüglich der Verwendung der Atomenergie
für friedliche Zwecke geht, sowie darüber, ob das Ausmaß unseres
Vorschlags irgendwie eingeengt worden ist.
Ich bin vom Präsidenten der Vereinigten Staaten zu der Erklärung ermächtigt worden, daß die amerikanische AtomenergieKommission 100 Kilogramm an spaltbarem Material zur Verfügung
zu stellen bereit ist, das als Treibstoff für die vom Außenminister und mir vorher erwähnten Atomreaktoren 1$ Experimentierstadium dienen soll. Dieses spaltbare Material reicht der Menge
nach aus, um eine beträchtliche Anzahl dieser Reaktoren überall
in der Welt in Betrieb zu setzen.

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES: DAS ZIEL DER AMERIKANISCHEN AÜSSENPOLITIK
IST DER FRIEDE

CHICAGO — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles nahm am 29. Nov-»
1954 in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen Weltlage Stellung. Die Rede
des Außenministers auf dem Kongreß der 4-H-Klubs,
die von allen amerikanischen Rundfunkstationen
übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
"Vor 10 Tagen habe ich im Weißen Haus die Außenpolitik
der USA mit den maßgebenden Kongreßmitgliedern beider Parteien,
Republikanern wie auch Demokraten, erörtert. Anschließend
sagte der Präsident zu mir,, er glaube, es wäre gut, wenn ich
darüber auch dem amerikanischen Volke berichten würde.
Es ist nicht einfach, das ganze Thema in eine kurze Rede
zusammenzufassen. Aber ich werde mein Bestes versuchen.
Lassen Sie mich damit beginnen, das Ziel der amerikanischen Außenpolitik herauszustellen. Es besteht darin, Ihnen
und mir sowie unseren Kindern die Möglichkeit zu verschaffen,
sich in Frieden den Segnungen der Freiheit zu erfreuen. Dieses Ziel steht über allem was wir unternehmen.
Diese Aufgabe ist nicht einfach, denn der internationale
Kommunismus bedroht Frieden und Freiheit mit vielen Mitteln
und an zahlreichen Orten.
Koexistenz
Eine allgegenwärtige Gefahr besteht darin, daß wir uns
dazu verleiten lassen, unseren Schutz aufzugeben, bevor die
Gefahr wirklich vorbei ist. Die internationalen Kommunisten
sind Meister des Tricks, Worte zu verwenden, die für sie eine
ganz bestimmte Sache und für uns etwas ganz anderes bedeuten.
Es dauerte lange, bis wir lernten, daß das Wort 'Demokratie' für die Kommunisten eine Diktatur bedeutet, die sie
'die Diktatur des Proletariats* nennen. Es dauerte eine gewisse
Zeit, bis wir lernten, daß das Wort 'Frieden' für die internationalen Kommunisten 'Konformität' bedeutet - eine Gleichschaltung, bei der das Verhalten von Moskau vorgeschrieben wird,
Das
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Das heikle Wort heißt heute 'Koexistenz'. Für uns bedeutet es Nachsicht gegenüber anderen Auffassungen. Man muß abwarten, was es für die internationalen Kommunisten bedeutet.
Es stimmt, daß die sowjetischen Kommunisten in der letzten
Zeit in einer sanfteren Tonart geredet haben. Aber es entspricht
ebenso den Tatsachen, daß die rotchinesischen Kommunisten in
ihren Worten und Taten eine immer größere Gewalttätigkeit an
den Tag legten. Sie haben die elementaren Grundsätze der internationalen Gepflogenheiten verletzt.
Vielleicht versucht der internationale Kommunismus die
freien Nationen durch neue Mittel und Wege zu spalten. Die
Kommunisten versuchen, in Europa öl auf die Wogen zu gießen,
während sie in Asien provokatorische Handlungen begehen.
Die USA werden antworten. Sie werden scharf reagieren, ohne
sich jedoch dabei zu einer Maßnahme provozieren zu lassen, die
eine Verletzung der von den USA eingegangenen internationalen
Verpflichtungen darstellen und die Allianz der freien Nationen
in Mitleidenschaft ziehen würde. Was geschehen ist, stellt für
uns und für alle, die den Frieden wollen, einen Ansporn dar,
Mittel und Wege zu finden, die mit dem Frieden vereinbar sind
und die das Völkerrecht bekräftigen.
Wir haben uns auf Grund der Charta der Vereinten Nationen
damit einverstanden erklärt, internationale Gegensätze auf friedlichem Wege in solcher Weise beizulegen, daß der Weltfriede nicht
gefährdet wird. Daher besteht unsere erste Pflicht vielmehr darin, alle friedlichen Mittel auszuschöpfen, damit die internationalen Rechte der USA und jene ihrer Bürger gewahrt bleiben,
als darin, jetzt zu kriegerischen Handlungen in Form einer Luftund Seeblockade gegen Rotchina überzugehen.
Natürlich trachten wir immer wieder danach, Anzeichen einer
wirklichen Änderung in der Haltung des internationalen Kommunismus zu entdecken. Hoffentlich wird der Tag einmal kommen, wo er
seine Bemühungen einstellen wird, die Welt durch Gewalt,,Einschüchterung und Betrug zu beherrschen. Diesen Tag werden wir,
sollte er einmal anbrechen, lebhaft begrüßen. Aber wir wollen
sicher sein, daß wir hierbei keinen Fehler begehen und eine
falsche Morgendämmerung für die richtige ansehen. Es existiert
noch immer ein ungeheures sowjetisches Militärpotential, das
irgendwelche defensive Notwendigkeit bei weitem übersteigt.
Die fotchinesischen Kommunisten sind noch immer aggressiv eingestellt. Und es gibt noch immer in jedem freien Land einen
kommunistischen Apparat, der die bestehende Ordnung niederzureißen sucht.
Daher müssen wir wachsam bleiben. Wir müssen eine Politik
betreiben, und wir betreiben sie auch, um sowohl dem militärischen wie dem subversiven Risiko begegnen zu können.
Verteidigung der USA gegen einen bewaffneten Angriff
Es gibt Menschen in den USA - und noch mehr in anderen Ländern - die behaupten, daß es unrecht ist, bereit und in der Lage
zu sein, zu kämpfen. Sie sagen, daß die wahrhaft Friedliebenden
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1. Dezember 1954

Friedliebenden unbewaffnet und neutral sein sollten.
Wir haben das versucht, aber es ist nicht gegangen.
Wir waren im Jahre 1914 unbewaffnet und neutral, als der
erste Weltkrieg ausbrach. Die Angreifer glaubten, daß sie mit
uns nicht zu rechnen brauchten.
Wir waren im Jahre 1939 unbewaffnet und neutral, als der
zweite Weltkrieg ausbrach. Und wieder glaubten die Angreifer,
nicht mit uns zu rechnen zu brauchen.
Der Koreakrieg kam, als wir weitgehend abgerüstet und unsere Truppen aus Korea zurückgezogen hatten, und die Aggressoren
dachten, daß ihnen kein Widerstand entgegengestellt würde.
Heute sind wir anderer Ansicht. Wir sind überzeugt, daß
der größte Beitrag, den wir zum Frieden leisten können, die
Bereitschaft ist, zu kämpfen, wenn es sein muß, sowie die Hilfsmittel und die Verbündeten zu besitzen, die sicherstellen, daß
ein Aggressor unbedingt besiegt wird. Das bedeutet keineswegs,
daß wir roh oder herausfordernd oder militariä:isch sind. Es bedeutet, daß wir den Frieden nicht nur mit dem Herzen sondern auch
mit dem Verstand suchen.
In diesem Geiste treffen wir militärische Vorbereitungen,
die, wie wir überzeugt sind, vor einem Krieg abschrecken werden.
Dies erfordert grundsätzlich, daß ein möglicher Aggressor nicht
glauben darf, ej e Aggression macht sich bezahlt. Er muß wissen,
daß er die Vereinigten Staaten nicht durch einen plötzlichen
Angriff vernichten kann und daß wir in der Lage sind, zurückzuschlagen.
Aus diesem Grund bauen wir die kontinentale Verteidigung in
einer wesentlichen Richtung aus. Sie wird aus einem ausgebauten
Vorwarnungsnetz und aus Kampfflugzeugen bestehen, die nach den
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgestattet sind.
Diese Einrichtungen sollten es uns ermöglichen, einen sehr hohen
Prozentsatz etwaiger roter Bomber, die sich auf einem feindlichen Auftrag gegen die Vereinigten Staaten befinden, abzuschießen.
Dann haben wir unser strategisches Luftkommando, das in
der Lage ist, Gegenschläge gegen die lebenswichtigen Teile der
Sowjetunion zu führen. Diese Schläge würden nach unserer Rechnung weit mehr Schaden anrichten, als die roten Flugzeuge den
USA zufügen könnten.
Sie werden vielleicht fragen, was denn die Außenpolitik damit zu tun hat. Darauf antworte ich Ihnen: alles. Unser kontinentales Verteidigungssystem hängt von Kanada ab. Und die freien
Nationen können keine wirksamen Vergeltungsmaßnahmen zur Abwehr
etwaiger Aggressionen ergreifen, wenn sie nicht über ein weitgespanntes Netz von Flugplätzen verfügen.
Daher ist es ein wesentlicher Bestandteil unserer Außenpolitik, freundschaftliche Beziehungen zu anderen Ländern zu pflegen, so daß wir mit ihnen für unsere gemeinsame Verteidigung

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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1 954

Verteidigung zusammenarbeiten können.
Und ich kann Ihnen sagen, daß wir solche freundschaftliche
Beziehungen haben und daß es daher jeder Nation teuer zu stehen
kommen dürfte, die Vereinigten Staaten anzugreifen.
Schutz anderer Länder gegen einen bewaffneten Angriff
Natürlich könnten wir derartige Beziehungen zu anderen Ländern nicht haben, wenn wir nur an uns dächten. Diese Beziehungen
müssen vielmehr dem gemeinsamen Interesse dienen. Das heißt, die
gemeinsame Verteidigung umfaßt viele Gebiete außerhalb der Vereinigten Staaten.
Von besonderer Bedeutung hierbei ist, daß die Weltmeere
von freien und befreundeten Nationen beherrscht werden. Dafür
haben wir durch eine Reihe von Sicherheitsabkommen gesorgt; für
das atlantische Gebiet ist dies durch den Nordatlantikpakt geschehen; für das pazifische Gebiet bestehen einige Abkommen,
die sich zum Teil noch im Stadium der Entwicklung befinden und
sich auf Japan, die Republik Korea, die Riukius (Okinawa),
Formosa, die Philippinen, Australien und Neu-Seeland sowie Teile
Südostasiens beziehen.
Zur konkreten Untermauerung dieser schriftlichen Verträge
stehen die örtlichen Streitkräfte zur Verfügung. In einigen Fällen sind diese örtlichen Streitkräfte, die man für notwendig
erachtet, größer als die jeweiligen nationalen Regierungen sie
unterhalten können. In diesen Fällen helfen wir aus. Dabei handelt
es sich jedoch nicht um 'Almosen'. Es ist vielmehr die sogenannte
'Auslandshilfe• - eine Bezeichnung, die mir nicht gefällt. Die
korrekte und bessere Bezeichnung ist 'gegenseitige Sicherheit'.
Westeuropa, mit seiner gewaltigen Industriemacht, ist ein
Preis erster Ordnung für jeden, der die Weltherrschaft anstrebt.
Es bedarf daher eines besonderen Schutzes, den es durch die NATO
erhält. Die NATO aber braucht in ihrem Kern auf dem Kontinent
einen engeren Zusammenschluß unter Beteiligung Deutschlands.
Dies war das Ziel der historischen Abkommen, die vorigen Monat in
London und Paris abgeschlossen wurden. Diese Abkommen sollen den
ständigen Kriegen der europäischen Völker untereinander ein Ende
setzen und gleichzeitig Westeuropa eine wirksame Verteidigung
gewährleisten. Die Aussichten auf ein geeintes Europa werden
durch die jüngst von Italien und Jugoslawien getroffene Regelung
der Triester Frage und die bevorstehende Regelung der Saarfrage
durch Frankreich und Deutschland gestärkt.
Zu den nationalen Verteidigungskräften der Mitgliedstaaten
kommen noch die Luft- und Seestreitkräfte hinzu. Diese beweglichen Kräfte sind zur Abwehr etwaiger Angriffe notwendig, da es
für einen Angreifer sehr vorteilhaft wäre, wenn er ein einzelnes,
bestimmtes Gebiet angreifen könnte ohne mit Vergeltungsmaßnahmen
rechnen zu müssen. Wir müssen in der Lage sein, zu jeder Zeit wo
immer wir wollen und mit welchen Mitteln wir wollen auf etwaige
Angriffe zu reagieren.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Dies bedeutet jedoch nicht, daß jede örtliche kriegerische
Auseinandersetzung automatisch in einen allgemeinen Krieg umgewandelt wird, in dem sämtliche Länder mit Atombomben bombardiert
werden. Die Kernfrage, um die es hierbei geht, ist, daß wir und
unsere Verbündeten die Mittel und den Willen haben sollten, dafür zu sorgen, daß ein etwaiger Angreifer durch seine Aggression
mehr verliert, als er gewinnen könnte. Dies bedeutet wiederum
nicht, daß der Aggressor vollständig vernichtet wird. Es bedeutet
aber, daß wir in der läge sind, ihm als Vergeltungsmaßnahmen
Schaden zuzufügen. Wir sind der Ansicht, daß wir und unsere
Verbündeten über die hierzu erforderliche Macht verfügen. Und
wir sind ebenfalls der Ansicht, daß ein bewaffneter Angriff
auf die durch unsere Sicherheitsabkommen erfaßten Gebiete sehr
unwahrscheinlich ist, solange wir über diese Macht verfügen.
Es gibt einige Gebiete in der Welt, die nicht durch besondere kollektive Sicherheitsabkommen geschützt sind. Dies
trifft insbesondere für einige Teile Asiens zu.
Allerdings sind bereits Entwicklungen im Gange, auch für
diese Gebiete ein kollektives Sicherheitssystem zu errichten. So
sind zum Beispiel die Türkei und Pakistan dabei, im Norden einen
Verteidigungsgürtel zu schaffen, damit die reichen ölfelder des
Nahen Ostens nicht eine leichte Beute der Sowjetunion werden.
Die kürzliche Befreiung Persiens von dem Zugriff durch die kommunistische Tudeh-Partei, die anschließende Beilegung des ölkonflikts und der Kontroverse um den Suez-Kanal, all dies eröffnet
neue Möglichkeiten zur Stärkung und Festigung auch dieses Teiles
der Welt.
In jedem Falle bieten auch die Vereinten Nationen einen
mächtigen Schutz gegen eine offene Aggression. Dies ist nicht
von nebensächlicher Bedeutung - wie der Fall Korea bewiesen hat.
Und es ist unsere Politik,die Vereinten Nationen tatkräftig zu
unterstützen.
Diese von mir hier umrissenen Maßnahmen bieten den freien
Nationen weitgehend Schutz gegen die Gefahr eines bewaffneten
Angriffs.
Die Völker der Erde scheinen dies zu spüren. Daher herrscht
auch allgemein das Gefühl vor, daß die Gefahr eines Weltkrieges
heute geringer ist, als dies vor einigen Jahren der Fall war.
Maßnahmen gegen subversive Tätigkeit
Lassen Sie mich nunmehr die durch subversive Tätigkeit drohende Gefahr behandeln. Diese Gefahr ist groß. Der internationale
Kommunismus hat große Erfahrung darin, politische unsichere Verhältnisse für sich auszunützen. Diese Erfolge sind nicht nur an
der Zahl der tatsächlich von den Kommunisten übernommenen Regierungen zu messen - die bereits nahezu die Zahl 20 erreicht haben sondern auch an der Spaltungs- und Obstruktionspolitik, die die
Kommunisten innerhalb der freien Welt betreiben.
Was

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember

1954

Was uns in diesem Zusammenhang an erster Stelle interessiert,
ist die Lage in den amerikanischen Republiken. Den Lateinamerikanischen Ländern droht weniger ein offener bewaffneter Angriff,
sie sind aber eine schwache Stelle hinsichtlich subversiver Tätigkeit der Kommunisten. Diese Frage haben wir auf der im März
dieses Jahres in Caracas abgehaltenen panamerikanischen Konferenz
behandelt. Dort wurde eine Erklärung des Inhalts angenommen, daß
es eine Gefahr für den Frieden und die Sicherheit aller amerikanis chen Nationen darstellen würde, wenn es dem internationalen
Kommunismus gelingen sollte, in einem dieser Staaten die politische
Macht an sich zu reißen.
Es war dies eine bedeutsame Erklärung. Sie dürfte den Forderungen unserer Zeit vielleicht ebenso dienlich sein, wie die
Monroe-Doktrin den Bedürfnissen unseres Landes im vergangenen
Jahrhundert gedient hat. Durch diese Erklärung wurde eindeutig
klar gestellt, daß eine gemeinsame Aktion zur Ausmerzung des
internationalen Kommunismus nicht ein Akt der Intervention ist
sondern vielmehr ein Akt zur Unterbindung jeglicher Interventionen.
Der in dieser Caracas-Erklärung niedergelegte Grundsatz war
insbesondere für die Lage in Guatemala von Bedeutung. Dort hatte
der internationale Kommunismus tatsächlich die Regierungsgewalt
an sich gerissen. Die amerikanischen Staaten waren eben im Begriff, zur Beratung über diese von hier drohende Gefahr zusammenzutreten, als das Volk von Guatemala selbst die loyalen
Kreise unterstützte, die das Krebsgeschwür des Kommunismus aus
dem Staatskörper entfernten. Der von den Kommunisten gelenkte
Präsident von Guatemala hat schmählich die Flucht ergriffen,
während der Führer der Befreiungsbewegung heute Fräsident von
Guatemala ist.
Jene Deklaration von Caracas und die Demonstration, daß
die amerikanischen Staaten diese ernst nehmen, schützen unsere
Hemisphäre im weiten Umfang vor einer kommunistischen Unterwühlung. Die Kommunisten wissen, daß sie die anderen amerikanischen
Länder als ihre Gegner erwarten müssen, wenn sie die politischen
Institutionen eines amerikanischen Landes unter ihre Kontrolle
bekommen sollten. Daher besteht ein geringerer Ansporn für sie,
nach Herrschaft zu streben, als dies bisher der Fall gewesen ist.
Darüber hinaus trachten die amerikanischen Staaten danach,
bessere wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen. Gegenwärtig
findet in Rio de Janeiro eine Wirtschaftskonferenz statt, wir
glauben und hoffen, daß diese Konferenz den Boden für gesunde
Maßnahmen bereiten wird, um die Nationalwirtschaften zu fördern
und den Lebensstandard zu erhöhen. Dies würde der von Präsident Eisenhower verkündeten 'Politik der guten Partnerschaft'
eine praktische Bedeutung verleihen.
In

�"AMERIKü DIENST"
1. Dezember 1954
In Asien und Afrika sind die Gefahren einer kommunistischen Unterwühlung groß. In diesen Kontinenten gibt es Länder,
die keine Selbstregierung besitzen, wo zahlreiche politische
Institutionen noch nicht festen Fuß gefaßt haben, die wirtschaftlichen Verhältnisse schwach sind und die Regierungen
nicht auf sicheren Füßen stehen. Die Lage in Vietnam ist
heute besonders gefährdet, und in Nordafrika ist die Situation ebenfalls unruhig.
Einige der asiatischen Nationen, die kürzlich ihre nationale Unabhängigkeit erhalten haben, brauchen Hilfe. Sie wollen
diese Hilfe jedoch nicht vom Westen annehmen, weil sie fürchten, daß damit eine Wiedergeburt des westlichen Kolonialismus
verbunden sein könnte. So sind sie weiterhin einem System des
Kommunismus ausgesetzt, das die grausamsten und erbarmungslosesten Kolonialherren der Geschichte hervorbringt.
Es muß klar gemacht werden, daß die asiatischen und westlichen Nationen als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten.
Auf der Konferenz von Manila im September dieses Jahres haben
wir einen großen Schritt vorwärts auf diesem Wege getan. Dort
haben die westlichen und asiatischen Konferenzteilnehmer über
eine 'pazifische Charta1 Übereinstimmung erzielt. In dieser
Charta kam ihr Willen nach Unabhängigkeit und Selbstregierung
für alle Völker in der Welt zum Ausdruck, die in der Lage
sind, dieser ihrer Verantwortung auch nachzukommen.
Das war ein wichtiger Schritt nach vorn, um den Geist des
westlichen Kolonxalismus zu vertreiben, der noch immer die
freien asiatischen Länder erschreckt und der sie dazu bringt,
nur zögernd eine hilfreiche Verbindung mit dem Westen einzugehen.
Wirtschaftspolitik
Es besteht ferner die Notwendigkeit für eine Wirtschaftspolitik, die die Erschließung aller wirtschaftlich rückständigen Länder unterstützt. In den kommunistischen Ländern werden
Erschließungsaufgaben durch ein System der Zwangsarbeit gelöst,
das der Sklaverei gleichkommt. Der Lebensstandard wird sehr niedrig gehalten und die Bevölkerung wird zu sehr schwerer Arbeit
gezwungen. Auf diese Weise wird die Schwerindustrie aufgebaut.
Dieses System ist grausam und dient in erster Linie Kriegszwecken. Es hat jedoch für die Völker der wirtschaftlich rückständigen Länder einen gewissen Reiz, die der Ansicht sind, daß
ihre eigenen Volkswirtschaften still stehen.
In einer freien Gemeinschaft ist es das Normale, daß die
fortgeschrittenen Staaten den wirtschaftlich rückständigen Ländern Geld leihen. Unsere Vereinigten Staaten wurden in ihren
ersten Anfängen zum Teil mit europäischem Kapital erschlossen.
Heute verfügen die Vereinigten Staaten über das meiste Kapital,
um anderen Ländern bei ihrer Erschließung helfen zu können. Wir
müssen einen Weg finden, um dieses Kapital arbeiten zu lassen.
Dies ist ein vernünftiges Geschäftsgebaren, denn die gewährten
Anleihen machen sich gewöhnlich bezahlt und die Erfahrung zeigt,
daß wir alle von einer Umgebung des Wohlstandes profitieren.

Ich

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1. Dezember 1954

Ich möchte in diesem Zusammenhang Präsident Eisenhowers
Plan für die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie erwähnen.
Dieser Plan wurde im Dezember vergangenen Jahres vor den Vereinten
Nationen verkündet und fand ein gewaltiges Echo. Ich selbst erörterte ihn verschiedentlich mit dem sowjetischen Außenminister
Molotow. Die Sowjets lehnten ihn jedoch ab. In diesem Herbst
verkündeten wir dann, daß wir mit diesem Plan zusammen mit anderen Ländern und ohne die Sowjetunion voranschreiten würden.
Nun scheint es jedoch, daß die Sowjets nun doch noch mitarbeiten
wollen.
Mit diesem Eisenhower-Plan ersteht unser Volk erneut in seiner historischen Rolle. Wir haben neue Möglichkeiten für das
Wohl der Menschen gefunden und stellen unser Wissen in den
friedlichen Dienst der gesamten Menschheit.
Die Unterdrückten Völker
Es gibt noch einen letzten Aspekt unserer Politik, auf den
ich zu sprechen kommen möchte. Wir sind der Überzeugung, wie
Abraham Lincoln sagte, daß unsere Unabhängigkeitserklärung 'Freiheit nicht nur für das Volk dieses Landes, sondern auch für alle
künftige Zeit Hoffnung für die Welt* verspricht. Heute lebt ein
Drittel der Menschheit in den schrecklichen Banden der kommunistischen Diktatur. Aber wir betrachten diesen Zustand nicht als
unabänderlich.
Es besteht, wie wir wissen, unter den 800 Millionen Menschen,
die der internationale Kommunismus regiert, ein großes Maß an Unzu&gt;
friedenheit. Diese entstammt der Versklavung der Arbeiter, der
Unterdrückung der Religion und der persönlichen Initiative sowie
der nationalen Demütigung der Satellitenländer.
Befreiung kommt gewöhnlich von innen heraus. Aber sie wird
eher von innen kommen, wenn die Hoffnung ständig von außen genährt wird. Und dies tun wir auf vielerlei Art.
Ein bedeutsamer Paktor in der jüngsten Entwicklung ist die
Änderung der sowjetischen Politik gegenüber Jugoslawien gewesen.
Im Jahre 1948 machte sich Jugoslawien vom Würgegriff des internationalen Kommunismus frei und gewann seine eigene nationale
Existenz zurück.
Bis vor kurzem wurden die Regierung und das Volk Jugoslawiens von den internationalen Kommunisten im benachbarten Ungarn,
Rumänien und Bulgarien bedroht und geschmäht. Jetzt zollt die
Sowjetunion jedoch Jugoslawien ihre Achtung, während sie die
Marionettenregierungen in Ungarn, Rumänien und Bulgarien weiterhin mit Geringschätzung behandelt. Dies mag den Satelliten den
Mut geben, ein Maß an Unabhängigkeit zu verlangen.
Die Entwicklungen tragen klar den einmal kommenden Wandel
der absoluten Herrschaft in sich, die der internationale Kommunismus über die einst freien Nationen Europas und Asiens ausübt.
Konferenzen

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Konferenzen
Unsere Politik schließt internationale Konferenzen selbst
mit denen nicht aus, die feindselig gegen uns eingestellt sind.
Auf diese Weise haben wir den Koreakrieg beendet. Der Umfang
der Konferenzen mit der sowjetischen Regierung ist durch unsere
Einstellung zu den unterdrückten Völkern naturgemäß begrenzt,
denn die Sowjets wissen, daß wir zu keinem Kuhhandel bereit sind,
der die Versklavung von Menschen und Nationen gutheißen und verewigen würde.
Darüber hinaus wünschen wir nicht mit sowjetischen Vertretern zu verhandeln, wenn ihr einziges Ziel ist, die freien Nationen zu spalten und sie daran zu hindern, die notwendigen
Schritte für ihre eigene Sicherheit zu unternehmen.
Wir hatten eine solche Konferenz im vergangenen Januar und
Februar in Berlin. Der offensichtliche Zweck dieser Konferenz
war, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Befreiung
Österreichs. Praktisch versuchte der sowjetische Außenminister
nachher lediglich die Pläne für die westeuropäische Sicherheit
zu blockieren.
Wir haben den Wunsch, herauszufinden, ob die Sowjetunion den
österreichischen Staatsvertrag unterzeichnen will und ob sie nach
Ratifikation der Londoner und Pariser Abkommen zu ernsthaften
Gesprächen über die Wiedervereinigung Deutschlands bereit ist.
Dies ist der Zweck einer Note, die wir heute der sowjetischen
Regierung übermittelt haben.
Ein wesentliches Ziel der Verträge von London und Paris
besteht nicht lediglich in der Schaffung einer Verteidigungsstärke für die westeuropäischen Länder sondern in der Begrenzung
und Kontrolle dieser Stärke, so daß sie niemals zu einem aggressiven Paktor werden kann. Heute ist in Moskau eine sogenannte
'Sicherheitskonferenz* eröffnet worden, auf der die sowjetischen
Führer mit ihren Marionetten reden werden, deren Antworten
wiederum so ausfallen, wie es ihre Herrn und Meister wünschen.
Wir werden sehen, ob die Sowjetunion die Gelegenheit wahrnimmt
und es dem Westen gleichtut, indem sie die militärischen Einrichtungen in dem von ihr kontrollierten Teil Europas in ähnlich
vernünftiger Weise begrenzt.
Es besteht häufig auf Seiten der freien Völker eine Tendenz,
ihre eigenen Fehler und Schwächen zu sehen und die Stärke und
Erfolge der anderen zu übertreiben. Natürlich sollten wir uns
einer ständigen Selbstkritik unterwerfen, da dies einen Weg zur
Läuterung darstellt.
Wir brauchten jedoch nicht das Gefühl zu haben, daß wir nun
in dem großen Kampf, den man uns aufgezwungen hat, unterliegen.
Wir haben ein Recht dazu, Vertrauen zu haben, weil wir in uns
selbst stark sind und stark in der guten Partnerschaft, die wir
mit unseren Alliierten besitzen.
Die

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"AMEKIK*

DIENST"

1. Dezember 1954

Die Wahrheit hierfür besteht in der Tatsache, daß die
USA in jeder Beziehung nicht nur in materieller sondern auch
in geistiger Hinsicht die stärkste Macht der Welt sind.
Wir verfolgen eine Politik, die klar und gesund und die für
eine auf dem religiösen Glauben fußende Zivilisation und
Kultur angemessen ist. Unsere Politik wird in die Tat umgesetzt und zu einem Preis, den wir uns leisten können. Sie
hat sich zu einer von beiden Parteien getragenen Politik
entwickelt und genießt ganz allgemein die Unterstützung der
überwältigenden Mehrheit unserer Bevölkerung. Eine derartige
Politik wird, dessen bin ich fest überzeugt, in Frieden bestehen können."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. JAMES B. CONANT ZUR POLITISCHEN
SITUATION IN DEUTSCHLAND

CLEVELAND, OHIO — (Amerika Dienst) ~ Nachfolgend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, die der amerikanische Hochkommissar, Botschafter Dr. James B. Conant, am 1.
Dezember 1954 vor der Handelskammer (Chamber
of Commerce) in Cleveland, Ohio, gehalten hat:

"Sie haben mich gebeten, Ihnen über die jüngsten Entwicklungen in Deutschland und seinen Platz in der freien Welt zu
berichten. Im April dieses Jahres sprach ich schon einmal bei
einem kurzen Besuch in den Vereinigten Staaten über das gleiche Thema zu einer anderen Gruppe amerikanischer Bürger - allerdings von ganz anderen Begriffen ausgehend. Damals sprach
ich von einem Deutschland, das nominell unabhängig war, aber
noch immer unter Besatzung stand, und für das die Vereinigtien
Staaten, Großbritannien und Prankreich in einem gewissen Sinne
verantwortlich waren. Wenn ich heute von der Bundesrepublik
Deutschland spreche, dann meine ich ein Land, das mit den
Vereinigten Staaten gleichberechtigt ist. Ich spreche von
einem Deutschland, das im Begriff steht, den Status eines
souveränen Staates unter den souveränen Mächten der freienWelt wiederzuerlangen.
In der Zeit, die zwischen diesen meinen beiden Besuchen
verstrichen ist, hat die westliche Welt eine Krise zu über- !
stehen gehabt, die gefahrvolle Möglichkeiten in sich barg. Am
31. August erst, als der Vertrag über die Gründung der Buropäischen Verteidigungsgemeinschaft in der französischen Nationalversammlung durchfiel, waren unsere Hoffnungen auf ein
vereinigtes Europa auf einen Tiefpunkt gesunken. Das gleiche
gilt von der begründeten Hoffnung Deutschlands, als gleichbe- 1
rechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft der europäischen Nationen aufzugehen und zur Verteidigung dieser Gemeinschaft
einen Beitrag leisten zu können, ohne die mit der Schaffung
einer Nationalarmee verbundenen Gefahren auf sich nehmen zu
müssen. Und dennoch war innerhalb von 33 Tagen nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft die fast an

�"AMERIKA DIENST"

1 . Dezember 1954

an Verzweiflung grenzende Niedergedrücktheit einem starken Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der erneuten Hoffnung für
die Zukunft gewichen.
Vor einigen Wochen bat man mich, ich möchte den Berlinern
und den Einwohnern der sowjetischen Besatzungszone die Bedeutung
der neuen Entwicklung erklären. Ich wandte mich über die berühmte
Berliner Rundfunkstation Rias an diese tapferen und standhaften
Menschen und bediente mich der Namen dreier Städte, um die Entwicklung symbolisch darzulegen, die uns diese ruhige Zuversicht
in die Zukunft eingeflößt hatte. Diese drei Städte waren London,
Paris und Washington. 'In London', so sagte ich damals, 'wurde
der Grundstein zu einer neuen Einheit gelegt, in Paris bauten
wir das Haus und in Washington feierten wir das Richtfest*.
Ich hatte die Ehre, in allen drei Fällen dabei sein zu dürfen. In London und später in Paris waren sich alle Konferenzteilnehmer wohl bewußt, daß das Schicksal der freien Welt auf dem
Spiele stand. Die Vereinigten Staaten gingen davon aus, daß Deutschland seine Souveränität wiedererhalten müsse. Alle Konferenzteilnehmer stimmten darin überein, daß Deutschland an jedem europäischen
Verteidigungsbündnis beteiligt sein müsse. Dornenreich war nur die
Frage, einen Modus für die Wiederbewaffnung Deutschlands zu finden, der sowohl Frankreich als auch Deutschland akzeptabel erschien.
Bundeskanzler Adenauer hatte eine grundlegende Bedingung gestellt,
daß keiner der Pläne für eine Wiederbewaffnung Deutschlands irgendwelche diskriminierende Bestimmungen gegen sein Land enthalten
dürfe.
Als Augenzeuge kann ich Ihnen sagen, daß die Konferenzen
von Paris und London ebenso dramatisch wie erhebend waren. Ich
war tief beeindruckt von der Voraussicht der europäischen Staatsmänner, von ihrem Sinn für Proportionen und ihrem grundlegenden
Willen, die zwischen ihnen bestehenden Meinungsverschiedenheiten
zum Wohle des Ganzen beizulegen. Wenn in einer Gruppe von Menschen
jeder einzelne bereit ist, dem anderen auf halbem Wege entgegenzukommen, dann wird man ganz zwangsläufig zu einer Einigung gelangen, So auch hier.
Großbritannien machte den Vorschlag, gewisse Prinzipien der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zu retten. Sie hatten die
kluge Idee, einen im Jahre 1948 zwischen England, Frankreich und
den Beneluxländern unterzeichneten Vertrag der Vergessenheit zu
entreißen. Dieser war ursprünglich gegen das Wiedererstehen eines
aggressiven Deutschlands gerichtet. Die Engländer schlugen jetzt
vor, unter Ausschuß der anti-deutschen Klausel diesen Vertrag
als Grundlage für ein Bündnis mit Deutschland zu benutzen. Dieses
neue Bündnis ist jetzt unter dem Namen Westeuropäische Union bekannt geworden. Ich werde niemals jenen historischen Augenblick
vergessen, als der englische Außenminister Sir Anthony Eden den
Entschluß der Regierung ihrer Majestät bekannt gab, die Streitkräfte des Vereinigten Königreiches in ihrer bisherigen Effektivstärke auf dem europäischen Kontinent zu belassen, falls diese
neue Union zustande kommt.
Es

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember

1954

Es war gleichfalls ein denkwürdiges Ereignis, als der Vertreter Frankreichs die deutsche Bedingung einer Nichtdiskriminierung annahm, indem er über die Aufnahme Deutschlands in die
Westeuropäische Union hinausging und dem Beitritt der Bundesrepublik in die Nordatlantikpakt-Organisation zustimmte. Deutschland seinerseits, das mehr als die anderen Länder Bedenken gegen
die Schaffung einer deutschen Nationalarmee und das Risiko eines
Wiedererwachens des Militarismus hegte, erklärte sich freiwillig
bereit, zwei spezifische Begrenzungen auf sich zu nehmen. Bundeskanzler Adenauer bekräftigte eine früher öffentlich abgegebene
Erklärung, daß Deutschland aus freiem Willen auf das Recht zur
Herstellung gewisser Waffentypen verzichten werde. Gleichzeitig
nahm er für sein Land die Verpflichtung auf sich, die im Vertrag
über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft festgesetzten Höchstgrenzen für die Streitkräfte aufrechtzuerhalten das sind T2 Diviaionen und etwa 1 000 Plugzeuge. Und so konnte
Außenminister Dulles nach seiner Rückkehr von London sagen:
'Die Tatsache, daß all dies vollbracht wurde, ... ist ein Beweis
für die Lebenskraft der atlantischen Gemeinschaft1.
Ganz konkret betrachtet wurde damit folgendes erreicht:
Rückgabe der Machtbefugnisse eines souveränen Staates an Deutschland; Aufnahme Deutschlands in die Nordatlantikpaktorganisation;
Stärkung der Einheit Europas im Rahmen der Westeuropäischen Union.
Die Verträge, in denen diese Maßnahmen festgelegt sind, wurden
in Paris in der Zeit vom 20. bis 23. Oktober überarbeitet und
unterzeichnet. Sie bedürfen jetzt noch der Ratifizierung durch
die Parlamente der beteiligten Staaten. Das englische Unterhaus
hat ihnen bereits seine Zustimmung gegeben. Ministerpräsident
Mendes-Prance hat die Zusicherung gegeben, die Verträge der
Nationalversammlung in den ersten Tagen dieses Monats vorzulegen.
Das deutsche Kabinett hat die Verträge gebilligt. Und wenn nicht
alle Zeichen trügen, so dürfte die Ratifizierung im kommenden
Frühjahr abgeschlossen sein.
So viel zu der Frage, welche Stellung Deutschland heute
innerhalb der freien Welt einnimmt.
Man hat mich wiederholt gefragt: 'u^d was ist mit den
Deutschen?' 'Ilaben sie sich wirklich von Grund auf geändert?1
'Können wir ihnen jetzt, da sie auf ihren eigenen Füßen stehen,
wirklich vertrauen?' Angesichts der Geschichte Deutschlands
werden diese Fragen durchaus zu recht erhoben. Gewiß beschäftigen
sie das Denken vieler Menschen aus allen Lebensbereichen und an
vielen Orten und es ist durchaus wahrscheinlich, daß diese Fragen auch einigen unter Ihnen ein echtes Anliegen sind. Ich werde
sie nach bestem Wissen und Gewissen beantworten.
Ich bin kein Prophet und ich kann nicht in die Zukunft
sehen. Meine Antworten stützen sich allein auf meine Beobachtungen.
Wenn ich diese Fragen beantworte, möchte ich gewisse Parallelen zwischen den zwei Deutschlands ziehen, die ich persönlich
kenne.
Ich
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1. Dezember 1954

Ich hatte Gelegenheit, Deutschland und seine Menschen im
Jahre 1925 zu beobachten, das war sieben Jahre nach dem ersten
Weltkrieg. Damals ging ich nach Deutschland als junger Chemiker,
um dort acht Monate lang zu leben und zu lernen. 1950 kam ich
noch einmal kurz nach Deutschland. Und dann ging ich 1953 wiederum
nach Deutschland - das war zwischen sieben und acht Jahren nach
dem zweiten Weltkrieg. Der Gegensatz zwischen dem Deutschland der
zwanziger und der Fünfziger Jahre war erstaunlich.
Im Jahre 1925 litt Deutschland an Massenarbeitslosigkeit
und den Nachwehen seiner geradezu fabulösen Inflation kurz nach
dem ersten Weltkrieg. Friedrich Ebert, der erste Präsident der
Weimarer Republik, war vor nicht allzu langer Zeit gestorben,
und der Wahlkampf für seinen Nachfolger stand kurz vor seinem
Höhepunkt. Politische Morde, örtliche Aufstände und Straßenkämpfe
waren für das kurze und turbulente leben der Weimarer Republik
typisch.
Während meiner Reisen durch das Land traf und sprach ich
viele Leute und mußte dabei zu dem Schluß gelangen, daß sich die
Deutschen ihrer Regierung in keiner Weise verbunden fühlten. Viele
wandten sich ganz offen gegen die Prinzipien, auf denen die Repbulik
aufgebaut war, und ein guter Teil war völlig indifferent. Es war
im wahrsten Sinne des Wortes unmöglich, mit einem Deutschen politische Probleme zu diskutieren, ohne in eine endlose Debatte über
die Kriegsschuldfrage zu geraten. Das Volk wollte die Verantwortung
für jenen Krieg der Jahre 1914/18 einfach nicht anerkennen, und
zur Begründung der Niederlage zitierte man die Dolchstoß-Legende,
in der die Liberalen und Sozialisten die Rolle der Bösewichte
spielten. Man richtete den Blick stur nach rückwärts und sah die
Vergangenheit durch eine rosarote Brille.
Ende des Jahres 192 5 verließ ich Deutschland mit dem Gefühl,
daß das Gebäude der Weimarer Republik, die keinen Rückhalt im Volke
hatte, auf Sand gebaut war. Als ich im Jahre 1930 für kurze Zeit
nach Deutschland zurückkehrte, über das sich damals schon der
Schatten Hitlers breitete, befiel mich ein tiefer Pessimismus
hinsichtlich der Zukunft Deutschlands.
Achtundzwanzig Jahre nach meinem ersten Besuch und rund sieben
Jahre nach dem Untergang Hitler-Deutschlands kam ich in die Bundesrepublik Deutschland, die damals seit vier Jahren bestand und der
nächsten großen Wahl entgegensah. Es war ein lebendiges und blühendes Deutschland. Die Menschen sahen gesund aus, waren quicklebendig und gut gekleidet. Riesige Wiederaufbau-Vorhaben füllten
rasch die Lücken in den vom Kriege schwer betroffenen Städten.
Diese Erhebung aus dem absoluten wirtschaftlichen Chaos schien
unfasslich. Im Jahre 1953 erreichte der Produktionsindex 158 Punkte,
gemessen an dem Index des Jahres 1936, das allgemein als das letzte
Jahr mit normalen Wirtschaftsverhältnissen vor Ausbruch des zweiten
Weltkrieges betrachtet wird. Das Exportvolumen nahm stetig zu.
Bank- und Währungswesen waren stabil.
In
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�"AMERIKA DIENST»

1. Dezember

1954

In den neun Jahren seit der Kapitulation hatte es in Deutschland keine Unruhen, keinen organisierten Aufstand, keine politischen Morde gegeben. Die heutige Atmosphäre unterscheidet sich
grundsätzlich von der der zwanziger Jahre. Man anerkennt allgemein
und offen die Verantwortung Deutschlands für den zweiten Weltkrieg.
Über diesen Punkt gibt es keine Diskussion mehr. Gleichzeitig will
man, mit wenigen Ausnahmen, von der Vergangenheit nichts mehr
wissen. Man wendet sich der Zukunft zu. Natürlich gibt es in
Deutschland noch einige unbelehrbare Nazis und Reaktionäre, die
Sehnsüchtig dem Pomp und der "Gloria" aus den Glanztagen Hitlers
nachhängen; aber ihr Wehklagen stößt auf wenig Gegenliebe. Ich
bin der festen Überzeugung, daß die Mehrheit der Bürger der Bundesrepublik, ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit, die Grundsätze
anerkennt, auf denen ihr Staat aufgebaut ist. Die Wahlen vom September 1953 haben dieser Überzeugung in vieler Hinsicht recht gegeben.
Im Jahre 1949 bildete Bundeskanzler Dr. Adenauer seine Koalitionsregierung mit einer recht kleinen Mehrheit in der zweiten
Kammer des deutschen Parlaments, dem Bundestag. Aus den zweiten
Bundestagswahlen am 6. September 1953 ging die Partei des Bundeskanzler Dr. Adenauers, die Christlich Demokratische Union, mit
absoluter Mehrheit hervor, während die Koalitionsparteien eine
zwei-drittel-Mehrheit errangen. Diese Reaktion der Wähler auf
die Leistungen der Regierung Adenauer, die wirtschaftliche Prosperität, die Integration Europas und einen deutschen Beitrag zur Verteidigung Europas auf ihr Programm geschrieben hatte, ist ein
treues Spiegelbild der neuen Einstellung der Deutschen und der
ganzen Atmosphäre im Deutschland von Heute. Darüber hinaus beweisen die Wahlen vom September 1953 eindeutig, daß das deutsche Volk
die Regierungsform einer auf den Prinzipien der Demokratie aufgebauten föderativen Republik unterstützt und die Extremisten der
Rechten und Linken ablehnt. Weder den Rechtsradikalen noch den
Kommunisten gelang es,in diesen Wahlen auch nur einen einzigen
Sitz im Bundestag zu erringen. Adenauer erreichte etwas, was keinem Kanzler der Weimarer Republik gelang: Ihm ist es zu danken,
daß alle größeren Parteien den neuen Staat bejah.en - ausgenommen
freilich die totalitären Elemente der Rechten und Linken.
Hier kann man fragen: Welcher Art sind denn nun die Aussichten
für eine stabile und kontinuierliche Außenpolitik dieses neuen
Deutschlands, das jetzt ein souveräner Staat werden soll?
Von Diesseits des Atlantik aus gesehen, mag vielen Amerikanern die europäische Geschichte der letzten dreißig Jahre als eine
Kette von Regierungskrisen erscheinen. Daher habe ich mit großem
Interesse vermerkt, daß das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Bestimmung enthält, derzufolge sich die deutsche
Regierung in ihrem Aufbau von den anderen kontinentaleuropäischen
Regierungen wesentlich unterscheidet. Ferner verhindern die von
dieser Regierung eingebrachten und vom Parlament verabschiedeten,
vom deutschen Volk unterstützten Wahlgesetze die Entstehung einer
Unaahl von Parteien und enthalten die Bestimmung, daß Parteien
nur dann im Bundestag vertreten sein können, wenn einer ihrer
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�"AMERIKA DIENST"

'

1. Dezember 1954

ihrer Kandidaten in direkter Wahl gewählt wird oder wenn es
ihnen gelingt, mehr als 5 Prozent der Gesamtstimmenzahl in mindestens einem der Bundesländer auf sich zu vereinen. Jeder Kenner
der europäischen Geschichte weiß, daß das Bestreben sehr vieler
Parteien in mehr als einem demokratischen Staat in den Jahren
zwischen den zwei Weltkriegen die Ursache seines Zusammenbruchs war
Dies trifft insbesondere für Deutschland zu, wo die Vielzahl
der bestehenden Parteien in der Weimarer Zeit zu einer Aufsplitterung der Wählerschaft führte, so daß schließlich eine völlige
Lähmung des politischen Lebens eintrat, die Regierung sich ohne
jede Mehrheitsunterstützung im Parlament fand und das Prestige
und die Arbeitsfähigkeit des parlamentarischen Systems völlig
untergraben wurden.
Die von mir soeben erwähnte Bestimmung des deutschen Grundgesetzes lautet: Der Kanzler wird von den Mitgliedern des Bundestages - der Volksvertretung - in geheimer Abstimmung gewählt.
Ein Mißtrauensvotum gegen den Bundeskanzler wird noch nicht seinen Rücktritt bewirken; dies besagt das deutsche Staatsgrundgesetz. Der Bundestag kann ein Mißtrauensvotum nur dann mit Erfolg
durchbringen, wenn gleichzeitig eine Mehrheit für die Wahl eines
Nachfolgers zustandekommt. In den vier Jahren zwischen den Bundestagswahlen kann der Bundeskanzler auf keine andere Weise zum
Rücktritt veranlaßt werden. Bedenken Sie das angesichts der Geschichte gewisser anderer Staaten mit einer parlamentarischen Regierungsform, und Sie werden erkennen, welch weitreichende Bedeutung dieser Bestimmung zukommt. Und dann beachten Sie bitte
ferner, daß es nur sechs, aber auch wirklich nur sechs Parteien
gibt, die in der Bundestagswahl des Jahres 1953 so viele Stimmen
auf sich vereinigten, um in den Bundestag einziehen zu können.
Sie werden nunmehr das Bild eines Staates erhalten, d er sich
erheblich von dem früher in vielen Ländern Europas üblichen
Staatswesen unterscheidet. Was hat dies, vom Standpunkt der Vereinigten Staaten aus gesehen, zu bedeuten? es bedeutet, wie mir
scheint, daß wir nunmehr mit weit größerer Sicherheit auf eine
kontinuierliche Innen- und Außenpolitik der deutschen Bundesregierung zählen können.
Ich bin der festen Meinung, daß der Unterschied zwischen dem
Deutschland von Heute und dem der zwanziger Jahre nicht quantitativer sondern qualitativer Natur ist. Selbst wir in den Vereinigten Staaten haben uns seit den zwanziger Jahren in mancher
Hinsicht grundlegend gewandelt. Diese einschneidenden Änderungen
in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern
der freien Welt sind natürlich lediglich Ausdruck der grundlegenden Tatsache, daß wir in einer geteilten Welt und im Atomzeitalter. Jgben.
Damit sind wir an dem tragischen Punkt des Deutschland-Problems angelangt. Das deutsche Volk empfindet die Spaltung der
Nation seit 1945 als eine schmerzliche und sein tägliches Leben
einschneidend berührende Tatsache. Die Bedingungen der Kapitulation haben im Verein mit der Unnachgiebigkeit der Sowjets dazu
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�1. Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

dazu geführt, daß heute drei Deutschland nebeneinander bestehen.
Die Bundesrepublik, die den westlichen Teil des ehemaligen
Reichs umfaßt, liegt im Gebiet der britischen, französischen und
amerikanischen Besatzungszonen, in denen der größte Teil des deutschen Volkes, 50 Millionen Menschen, leben. Im Osten schließt sich
die sowjetische Besatzungszone an, in der 18 Millionen Deutsche
beheimatet sind. Tief im Herzen der sowjetischen Zone liegt Berlin, die ehemalige Hauptstadt Deutschlands, wie das ganze Land gespalten, wobei die westlichen Sektoren unter dem Schutz der drei
Westmächte stehen und in Wahrheit eine 'eine Insel der Freiheit in
einem Meer der Tyrannei' bilden.
Bisher habe ich von der Haltung und Einstellung der Bürger
der Bundesrepublik und Westberlins gesprochen und Ihnen dargelegt,
was ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört
habe. Was die Menschen der sowjetischen Zone über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken, entnehme ich den Worten derer,
die aus der Zone geflohen sind, oder zu Besuch nach Westberlin
kommen. Ich weiß, daß sie kein leichtes Los zu tragen haben. Seit
dem Tage der Kapitulation hat das Leben in der Ostzone alle Merkmale eines totalitären Staates aufgewiesen. Das bedeutet, daß eine
große Zahl der Einwohner dieses Teils von Deutschland, der von der
Gewaltherrschaft der Nazis unmittelbar unter die Tyrannei der
Sowjets kam, zu jung ist, um sich einer anderen als der totalitären Herrschaftsform zu erinnern.
Wir können natürlich nur in sehr beschränktem Umfang den
Kontakt mit diesen Menschen pflegen. Unsere wichtigste Verbindung
zu ihnen stellt unser Sender Rias dar, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der den Bewohnern der Sowjetzone 24 Stunden
am Tag von der Freiheit kündet. Rias ergänzt die Bemühungen privater Rundfunkstationen wie Radio Freies Europa, die eine gleiche
Botschaft an die anderen versklavten Völker hinter dem Eisernen
Vorhang richten. Wir haben zahlreiche Beweise dafür in Händen, daß
diese Stimmen der Freiheit auch wirklich gehört werden und die
Wertschätzung der Hörerschaft genießen. Sie knüpfen die Bande der
Freundschaft immer wieder neu und stärken die Freiheitshoffnung
von Millionen Menschen, die den Wunsch hegen, mit dem Westen vereint zu sein.
Die Menschen des von den Sowjets beherrschten Teiles Deutschlands leben in arger Bedrängnis. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind Ausdruck des sowjetischen Versuchs, ihr System bis an
die Elbe auszuweiten. Die Arbeiter werden rücksichtslos und systematisch ausgebeutet, die Landwirtschaft wurde kollektiviert, und
Warenhäuser und Industrie weitgehend verstaatlicht. Wer von einem
Besuch aus der russischen Zone zurückkehrt, berichtet ipner wieder, wie erschreckend der Unterschied zwischen Mittel- und Westdeutschland im Hinblick auf die äußeren Lebensbedingungen ist.
Die spontane Erhebung der waffenlosen Arbeiter der Ostzone
gegen die auf Waffengewalt beruhende Autorität des Polizeistaates
im Juni vergangenen Jahres beweist eindeutig, daß diese Menschen den
Mut haben, der Unterdrückung die Stirn zu bieten. Die Tatsache,daß
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1. Dezember 1954

daß während der vergangenen vier Jahre mehr als vier Millionen
Menschen aus der sowjetischen Zone geflohen sind, unterstreicht
die Härte des Lebens in der sogenannten 'deutschen demokratischen
Republik'. Die Zahl der Flüchtlinge hat im vergangenen Jahr erheblich abgenommen - aber dennoch wird die Bundesrepublik, in der jeder fünfte ein Flüchtling ist, durch den ständigen Zustrom von
wöchentlich 3 - 4000 Heimat- und arbeitslosen Menschen vor ein
schwieriges Problem gestellt.
Angesichts dieses chronischen Flüchtlingsproblems und unter
Berücksichtigung der Tatsache, daß Westdeutschland im Jahre 1945
weitgehend in Schutt und Trümmern lag, ist der wirtschaftliche
Wiederaufstieg und der ständige Fortschritt bemerkenswert. Die
Deutschen haben Hilfe bekommen, vor allen Dingenron den Vereinigten Staaten; aber wir können ihren Willen und ihre Fähigkeit, sich
selbst zu helfen, gar nicht hoch genug einschätzen. Die Deutschen
selbst sind geneigt, Unterstützung durch die USA als den entscheidenden Faktor für ihren Wiederaufstieg zu bezeichnen. So
sagte mir jüngst ein höherer Bundesbeamter:
•Es ist richtig, wir Deutschen arbeiten hart; aber das ist
nicht das wichtigste. Als erstes wäre die Währungsreform im Jahre
1948 zu nennen. Sie gebot der Inflation Einhalt. Wir verdanken
es den Besatzungsmächten, daß wir heute eine stabile Währung haben. Weiter hatten wir von Anfang an die Hilfe der Amerikaner
und den Marshall-Plan, der es uns ermöglichte, die Industrie und
unsere Städte wieder aufzubauen. Noch nie zuvor in der Geschichte
hat ein Volk, das einen so totalen Sieg errungen hatte, seine
Einstellung so rasch gewandelt und so viel für die Besiegten getan, die den Krieg begonnen hatten'.
Die Deutschland-Politik der amerikanischen Regierung trägt
heute Zinsen in Form von Freundschaft und Vertrauen. Die Produktion der westdeutschen Industrie steigt ständig, und das Land
blüht. Die Deutschen haben in all den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg hart und lange gearbeitet, um diesen Wohlstand zu
erreichen, und sie erfreuen sich dieser erneuten Prospherität,
ohne großen Lärm darum zu machen. Das kulturelle Leben blüht in
einer Atmosphäre der Toleranz und Freiheit.
Geistig sowohl als auch menschlich strecken sie Fühler nach
anderen Ländern aus. In dem Chaos der Nachkriegszeit begeisterte
sich die deutsche Jugend, vom Nationalsozialismus betrogen und
selbst des gewöhnlichen Nationalgefühls überdrüssig, für den
Europagedanken, für ein vereintes Europa. In dieser Idee fanden
sie ein I^eal, an das sie glauben und für das sie sich einsetzen
konnten. Jeder, der in den zwanziger Jahren ernsthaft von einem
Vereinten Europa gesprochen hätte, wäre als Fanatiker und Phantast verspottet worden. Aber ganz allgemein hat jetzt das deutsche
Volk schon seit Jahren nüchtern erkannt, daß ein Zusammenschluß
mit Westeuropa notwendig ist, und es ist sich ebenso uneingeschränkt der Tatsache bewußt, daß eine Annäherung zwischen ihm und
Frankreich der Schlüssel für eine europäische Zusammenarbeit war
und ist. Im großen und ganzen hat das deutsche Volk bei all den
Verzögerungen und Hindernissen im Verlaufe der Entwicklung, die
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�I

"AMERIKA DIENST"

,

1. Dezember 1954

die zu den kürzlich abgeschlossenen Pariser Verträgen führte,
Geduld und Zurückhaltung gezeigt.
Deutschland sowohl wie wir werden auch in Zukunft noch immer
dem ungelösten Problem der deutschen Wiedervereinigung gegenüberstehen. Die deutsche Opposition, die sozialdemokratische Partei,
steht auf dem Standpunkt, die Wiedervereinigung müsse einer
Wiederaufrüstung vorausgehen, und ein Bündnis und Zusammenschluß
mit den Nationen des Westens werde die Bemühungen um den Zusammenschluß mit der sowjetischen Zone und ihren 11 Millionen Menschen komplizieren, wenn nicht sogar völlig aussichtslos machen.
Sie sagt, man müsse erst einmal mit den Russen ins Gespräch
kommen und sich der Wiederbewaffnung entgegenstellen bis derartige
Verhandlungen geführt wurden, worauf Bundeskanzler Adenauer antwortete» 'Wir haben das im Januar und Februar in Berlin versucht..
Wie kommen Sie darauf, daß die Sowjets jetzt mehr Vernunft zeigen
werden?' In der Tat besteht zwischen der Haltung der Westmächte
und der Einstellung der deutschen Bundesregierung darüber Einigkeit, daß schlecht vorbereitete und vorzeitige Verhandlungen mit
der sowjetischen Regierung die Sache der deutschen Einheit nicht
nur nicht fördern sondern ihr sogar schaden können.
Von Freunden hier in Amerika wurde ich gefragt: 'woher
wissen sie, daß ein wiederbewaffnetes Westdeutschland nicht den
Versuch unternimmt, die sowjetische Zone mit Gewalt zurückzugewinnen? '
Es ist wohl kaum vorstellbar, daß ein Deutscher ernstlich
mit dem Gedanken spielt, mit einer aus nur 12 Divisionen bestehenden deutschen Streitmacht einen Angriff gegen die Sowjetunion
zu beginnen. In Wirklichkeit sind der Bundeskanzler und die
Mehrheit des deutschen Volkes davon überzeugt, daß ihre Hoffnung
auf Wiedervereinigung in einem vereinigten Europa liegt, das
stark genug ist, 'vernünftige' Gespräche mit den Russen in Gang
zu bringen. Jedenfalls hat der Kanzler im Namen der Bundesregierung wiederholt innerhalb und außerhalb Deutschlands zum
Ausdruck gebracht, daß Deutschland auf die Anwendung von Gewalt
als Mittel zu seiner Wiedervereinigung verzichtet. Dieser Verzicht
auf Gewaltanwendung ist auch in den in Paris unterzeichneten Verträgen niedergelegt; er ist ebenso Teil der gemeinsamen Erklärung
Präsident Eisenhowers und des Bundeskanzlers, die nach Abschluß
ihrer Washingtonter Gespräche herausgegeben wurde. Es heißt dort:
•Wir halten die Forderung nach einem in Freiheit wiedervereinten Deutschland für eine berechtigte Forderung des deutschen
Volkes. Wir sind uns darüber einig, daß dieses Ziel nur mit
friedlichen Mitteln erreicht werden soll. Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt, unsere Bemühungen zur Verwirklichung dieses
Zieles fortzusetzen, und stimmen darin überein, daß diese Bemühungen von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
Deutschland zusammen mit den Regierungen des Vereinigten Königreichs und'Frankreichs unternommen werden'.
, ,
Auch

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�&lt;

"AMERIKA DIENST"

l. Dezember 1954

Auch bei der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands zu
helfen, war von Anbeginn der Besetzung das erklärte Ziel der
amerikanischen Regierung. Auf der Berliner Konferenz appellierte
der amerikanische Außenminister an die anderen Besatzungsmächte,
dieser tragischen Teilung Deutschlands ein Ende zu bereiten.
Und wieder wies die Sowjetregierung den Vorschlag der Westmächte
zur Herstellung der deutschen Einheit durch freie Wahlen zurück
und brachte ihrerseits einen Gegenplan vor? nach dem offensichtlich die kommunistische Herrschaft auf die 50 Millionen Deutschen
der Bundesrepublik ausgedehnt werden sollte. Westdeutschland
kommt nicht in Versuchung, sich die Einheit um den Preis der
Freiheit zu erkaufen. Die Deutschen im Osten wünschen keine Wiedervereinigung unter Bedingungen, die ihre Freunde und Verwandten
jenseits der Zonengrenze dem gleichen bedauernswerten Dasein
aussetzen würden, das sie führen müssen. Die letzte Antwort auf
die Frage der Wiedervereinigung wird die Zukunft bringen.
Nach meiner Ansicht machen die in London und Paris getroffenen Vereinbarungen eine der eindrucksvollsten Niederlagen aus,
die die Sowjetunion in dem nun schon so lange andauernden Kalten
Krieg hinnehmen mußte. Indem wir unter uns Einigkeit erzielten,
durchkreuzten wir die Absicht der Sowjets, unter den westlichen
Alliierten Mißtrauen zu säen und sie daran zu hindern, sich
zusammenzuschließen. Wir erbrachten den Beweis für die Unrichtigkeit und Nutzlosigkeit einer Politik, die auf dem Grundsatz des
•Divide et Impera' aufgebaut ist und den unnatürlichen Zustand
der Schwäche dadurch zu verewigen sucht, daß sie politisch reife
und selbständige Völker in offener Mißachtung ihrer nationalen
Interessen für immer geteilt sehen möchte. Es erscheint mir durchaus vernünftig, daß eine immer besser harmonierende und immer
enger zusammenarbeitende Organisation der Staaten Westeuropas
zum Schutze ihrer gemeinsamen Sicherheit und Förderung ihres
Wohlstandes durchaus in der Lage ist, die sowjetische Strategie
zu erschüttern. Ich bin überzeugt, daß die Westeuropäische Union,
ist sie erst einmal verwirklicht, nicht nur die Position der
freien Welt stärken sondern auch ihre Gegner zwingen wird, der
neuen Situation bei der Formulierung der eigenen Pläne unbedingt
Rechnung zu tragen.
Zum Abschluß möchte ich noch einmal auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen zurückkommen. Ich glaube, daß sie im wahrsten
Sinne des Wortes freundschaftlich und zufriedenstellend sind.
Vom deutschen Volke wird das, was wir in Deutschland geleistet
haben, wirklich anerkannt. Noch wichtiger sind die Bande des Verstehens und der persönlichen Freundschaft, die durch das Austauschprogramm geknüpft werden. Im Rahmen dieses Programms konnten
über 10 000 Deutsche aus den verschiedensten Lebensbereichen die
Amerikaner in ihrem privaten Leben kennenlernen und sich selbst ein
Urteil über unser Land und unsere Lebensweise bilden. Dann gibt
es die über die ganze Bundesrepublik und Berlin verteilten "U.S.
Information Centers". Diese haben sich zu echten Mittelpunkten des
Gemeinschaftslebens entwickelt und sind so sehr zu einem Teil des
täglichen Lebens in Deutschland geworden, daß man dort niemals
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

•niemals ihre offiziellen Titel gebraucht. Sie heißen einfach
"Amerika Häuser", dieser Name ist ihnen von den Deutschen selbst
aus einem Gefühl der Zuneigung und der Anerkennung heraus gegeben
worden.
Eine große Beruhigung ist die Tatsache, daß sich in den vergangenen Jahren ein deutlicher Wandel in den Beziehungen zwischen
der deutschen Bevölkerung und unseren Truppen vollzogen hat.
Wie mir zahlreiche Deutsche erklärten, gelten unsere Streitkräfte
seit einiger Zeit als Besatzungstruppen nur noch »auf dem Papier',
in Wirklichkeit aber waren und sind sie Verteidigungstruppen.
Die Einwohner Berlins waren wahrscheinlich die ersten, die in
unseren Soldaten Verteidiger sahen, damals in der Zeit der sowjetischen Blockade und der Luftbrücke. Wenn ich jetzt mit dem Stander des Hochkommissars an meinem Wagen durch West-Berlin fahre,
bilden sich häufig Gruppen, die mir freundlich zuwinken. Über
diesen Beifall freue ich mich um so mehr, als er nicht meiner
Person, sondern vielmehr der Nation gilt, die ich vertrete.
Die Berliner wissen eben, daß, wären wir nicht da, die Russen
in Berlin sein würden.
Eine kürzlich in der ganzen Bundesrepublik durchgeführte
Meinungsbefragung ergab, daß 6 von 10 Personen der Ansicht waren,
die Beziehungen zwischen der deutschen Bevölkerung und den amerikanischen Streitkräften hätten 3ich gebessert; ebenso bezeichneten
6 von 10 Befragten das Verhalten der Truppen als •gut'j und nur
einer unter 25 nannte es schlecht. Im allgemeinen führen die
Deutschen diese Besserung des Verhältnisses auf die größere
gegenseitige Achtung und das wachsende Verständnis für einander
beim näheren Kennenlernen, auf die Großzügigkeit der Amerikaner
und ihr Mitgefühl für Menschen in Not, sowie auf häufigere freundschaftliche Kontakte von Mensch zu Mensch zurück.
Auf Grund meiner eigenen persönlichen Verbindungen in Deutsch
land weiß ich, daß der vom Senat im Juli einstimmig angenommene
Beschluß zu Gunsten der Wiederherstellung der deutschen Souveränität von den Deutschen mit großer Befriedigung aufgenommen wurde.
Ich bin überzeugt, daß der von Außenminister Dulles und Bundeskanzler Dr. Adenauer am 29. Oktober unterzeichnete Preundschafts-,
und Handels- und Schiffahrtsvertrag in angemessener Weise die
Anerkennung der neugewonnenen Souveränität Deutschlands seitens
der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringt und willkommene Gelegenheit bot, den Rahmen normaler konstruktiver Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu erweitern.
Deutschland ist nicht mehr unser Schützling oder Mündel,
aber wir haben auch weiterhin ein lebhaftes und tiefverwurzeltes
Interesse am Wohlergehen des neuen Deutschlands. Und noch für
geraume Zeit wird die Zukunft der Demokratie in Deutschland in
hohem Maße davon abhängen, daß wir ständig unser aktives. Interesse
zeigen. Wir können einen Beitrag leisten, indem wir private Investitionen unterstützen, das Austauschprogramm fortsetzen und den

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

den kulturellen Austausch fördern. Wir können dadurch helfen, daß
wir die Schwierigkeiten begreifen, die sich aus der Teilung
Deutschlands und der Trennung seiner Bevölkerung ergeben, und
versuchen, diese Schwierigkeiten zu verringern.
Wenn wir die Deutschen unterstützen und ihnen helfen, ihre
Selbstachtung und Unabhängigkeit zu bewahren, so wie wir ihnen
helfen, sie sich wieder zu erwerben, dann, so glaube ich, kommt
der Tag, an dem ein wiedervereinigtes Deutschland eines der
ersten Mitglieder der Gemeinschaft der freien Nationen sein wird,"

•

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�A M E R I K A

E N S T

HOCHKOMMISSAR DR. JAMES B. CONANT: WIR MÜSSEN AUF DIE
DEMOKRATISCHEN KRÄFTE IM DEUTSCHEN VOLK VERTRAUEN
CHICAGO — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische Hochkommissar für
Deutschland, Botschafter Dr. Conant, auf einem
anläßlich der Bundesstaaten-Konferenz veranstalteten Bankett am 2. Dezember 1954 in Chikago
gehalten hat.
Die freie Welt hat in den letzten Monaten eine große Krisis durchgemacht. Aber schließlich hat ein außerordentlich verwickelter Fragenkomplex, der bisher ausweglos erschien, seine
Lösung gefunden. Diese' Lösung wird, wie wir hoffen, den Gang
der Geschichte in der unmittelbaren Zukunft bestimmen. Ich begrüße daher die Gelegenheit, Ihnen über diese Ereignisse zu
berichten und Ihnen insbesondere ihre Bedeutung für die Zukunft
Deutschlands zu erläutern. Die amerikanische Regierung vertritt
seit langem die Auffassung, daß die Einbeziehung Deutschlands
in die Verteidigung des Westens notwendig sei, wenn diese Verteidigung wirksam sein sollte. Die Geschichte gibt uns aber
eine ganze Reihe warnender Beispiele dafür, daß die Wiedererweckung der deutschen Stärke mit geteilten Risiken verbunden
ist. Welche Sicherheiten, sofern es solche überhaupt gibt,
kann das amerikanische Volk haben, daß diese Risiken nicht zu
groß sind und unsere Arbeit für die Zukunft gefährden?
Ich möchte heute abend versuchen, Ihnen die Antwort auf
diese und andere Fragen zu geben, die Sie, wie ich mir gut
vorstellen kann, bei der Betrachtung der jüngsten internationalen Entwicklungen bewegt haben. Wie sieht denn nun eigentlich
diese Bundesrepublik aus, mit der wir es zu tun haben? Inwie-'
weit gleicht das neue Deutschland dem Deutschland der Vergangenheit? Können wir die Umrisse eines aus den Nöten und Ungewissheiten dieser Nachkriegszeit langsam aufsteigenden neuen Deutschlands erkennen? Oder sollten wir dieses Land auch weiterhin nach
dem Bilde der Vergangenheit beurteilen? Und insbesondere, da.es
nun eine beschlossene Sache ist, daß die Bundesrepublik Deutschland eine Nationalarmee haben soll - welche Aussichten bestehen,
daß diese deutsche Nationalarmee, die sich in der Vergangenheit
als so gefährlich erwiesen hat, nunmehr das Werkzeug für eine
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�"AMERIKA DIENST"
1. Dezember 1954
eine friedliche, demokratische Entwicklung in Deutschland und
Europa sein wird, und nicht die Ursache neuer Kriege?
Die drei Deutschland
Darf ich hier zunächst einige Augenblicke dabei verweilen,
um Sie an gewisse simple Tatsachen über Deutschland zu erinnern.
Wenn wir heute von Deutschland sprechen, müßten wir eigentlich von
drei Deutschland sprechen, nämlich 1. von der Bundesrepublik Deutschland, die das Gebiet der früheren britischen, französischen und
amerikanischen Besatzungszonen umfaßt, 2. von der Sowjetzone im
Osten, die gegenwärtig von einem kommunistischen Marionettenregime
beherrscht wird, und ~$. Berlin, jener Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, die in das freie Westberlin und das versklavte Ostberlin geteilt ist. Und diese ehemalige Hauptstadt Deutschlands ist nur eine
kurze Wegstrecke von jenem Teil Deutschlands entfernt, der jetzt unter polnischer Verwaltung steht.Die Bundesrepublik entstand, wie sie
sich erinnern werden, im Jahre 1949 als das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen seitens der drei Westmächte, nachdem sich eindeutig gezeigt hatte, daß unsere Versuche, eine Einigung auf Vier-MächteBais zu erzielen, endgültig zum Scheitern verurteilt waren.Unser
Beschluß, einen freien Staat zu schaffen und eine Währungsreform
durchzuführen, wurde mit der Blockade Berlins beantwortet. Wir haben diese Blockade gebrochen. Dank des Mutes und der Standhaftigkeit General Clays, Dank der Hilfe unserer Alliierten und insbesondere
dere Dank des unbeugsamen Geistes der Berliner.
Die Berliner Blockade bedeutete in gewissem Sinn das Ende eines
Abschnitts in der Besetzung Deutschlands. Kurz darauf erfolgte die
Gründung der Bundesrepublik mit einer aus freien Wahlen hervorgegangenen zweiten Kammer, dem Bundestag und Professor Theodor Heuss
als Staatspräsident und dem früheren Ober-Bürgermeister von Köln,
Konrad Adenauer, als ersten Kanzler. Die Entwicklung der Folgezeit
ist so allgemein bekannt, daß ich mir Einzelheiten hierüber sparen
kann. Es möge genügen, wenn ich feststelle, daß der ganze Prozeß
des Wiederaufbaus sehr treffend als ein von Menschen bewirktes
"Wunder" bezeichnet wird. Ein "Wunder", zweifellos eingeleitet durch
die Hilfe von außen, aber dennoch erst vollendet durch die Initiative und Auedauer von Männern und Frauen, die in ihrer Entschlossenheit, erneut zu wirtschaftlicher Sicherheit und Stärke zu gelangen,
zusammenstanden wie kaum je zuvor.
Die politische Krise und ihre Lösung
Ich möchte hier jedoch nicht bei der wirtschaftlichen und
industriellen Entwicklung Deutschlands verweilen. Das Interesse der
Öffentlichkeit scheint sich heute in erster Linie auf die jüngsten
politischen Ereignisse zu konzentrieren. Lassen Sie mich hier zunächst kurz einen geschichtlichen Überblick geben und einige
unserer vorausgegangenen Maßnahmen skizzieren. Im Jahr 1949 hatten
sich zwölf Staaten in Europa und Nordamerika ein System der kollektiven Sicherheit, die Nordatlantikpakt-Organisation, gegeben und
hatten begonnen, ihre militärische Verteidigung wieder aufzubauetis,
aber diese nationalen Verteidigungssysteme waren beängstigend
schwach, da die den NATO-Ländern
für

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

für einen raschen Ausbau der Verteidigungsstärke zur Verfügung
stehende Wirtschaftskapazität sehr eng begrenzt war. Aus der
Furcht heraus, daß auf den Angriff auf Korea ein Angriff auf
Europa folgen könnte, vereinbarten die NATO-Staaten die unter
großen Opfern vorgenommene Verdoppelung ihrer Verteidigungsanströngungen; sie begannen sich aber auch nach zusätzlichen
Möglichkeiten zur Ausfüllung des militärischen Vakuums umzusehen.
Es war nur natürlich, daß man dabei auch das gewaltige Kräftepotential des wiederaufsteigenden Deutschlands ins Auge faßte.
Deshalb schlug die amerikanische Regierung auf der Tagung des
Nordatlantik-Rates im September 1950 vor, der Bundesrepublik
zu gestatten, einen militärischen Beitrag zur Verteidigung des
Westens zu leisten.
Wenn auch alle NATO-Mitgliedstaaten die Notwendigkeit eines
deutschen militärischen Beitrags anerkannten, so hatten einige
doch Befürchtungen hinsichtlich eines möglichen Wiederauflebens
des militaristischen Nationalismus in Deutschland. Es ist nur
natürlich, daß Prankreich die größten Bedenken vorbrachte. Die
Haltung Prankreichs ist durchaus verständlich, selbst wenn wir
sie nicht immer billigen können. Prankreich hat in nicht einmal
100 Jahren drei erbitterte Kriege mit Deutschland geführt. Deshalb bestand die französische Regierung, die gemeinsam mit den
übrigen NATO-Staaten das Prinzip eines deutschen militärischen
Beitrags guthieß, darauf, daß ein solcher Beitrag in einer Form
gegeben werde, die - ohne Deutschland dabei irgendwie zu diskriminieren - die sichere Gewähr dafür bietet, daß die deutschen
Streitkräfte niemals wieder den Frieden und die Sicherheit
Europas gefährden. Nach Prüfung verschiedener zur Erreichung
dieses Ziels geeignet erscheinender Methoden machten die Franzosen den Vorschlag, daß Deutschland seine Streitkräfte mit
denen von fünf weiteren westeuropäischen Staaten in einer gemeinsam, unter übernationaler Kontrolle stehenden europäischen
Armee verschmelzen solle. Nach diesem Plan sollten die nationalen
militärischen Befugnisse Prankreichs, Italiens, Deutschlands und
der Benelux-Staaten auf eine nach föderativen Grundsätzen gestaltete Europäische Verteidigungsgemeinschaft übertragen werden,
die dann für den Aufbau und den Unterhalt gemeinsamer bewaffneter
Streitkräfte mit einer einheitlichen Befehlsstruktur, einem
gemeinsamen Budget und einem gemeinsamen Beschaffungssystem 8orge
tragen würde. Im Zusammenhang mit diesen Plänen hatte man sich auch
dahingehend geeinigt, daß die Besetzung der Bundesrepublik beendet und dem Land die Souveränität zurückgegeben werden solle, mit
Ausnahme von Beschränkungen auf militärischem Gebiet, die aber
auch die anderen fünf Mitgliedstaaten der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft gleicherweise auf sich nehmen sollten.
Im Mai 1952 wurden die beiden diesbezüglichen Verträge unterzeichnet; der eine, der unter dem Namen Pariser Vertrag bekannt
wurde, galt der Schaffung jenes etwas komplizierten Systems der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, der andere, als Bonner
Vertrag bekannt, sah die Beendigung der Besetzung und die Wiederherstellung der deutschen Souveränität vor. Vom Mai 1952 bis zum

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

zum 31. August dieses Jahres lagen die beiden Verträge auf Eis
angesichts der noch nicht vollzogenen Ratifikation seitens der
parlamentarischen Körperschaften Frankreichs und anderer europäischer Staaten. Zur Ratifikation durch Prankreich sollte es
überhaupt nicht kommen.
In der Zwischenzeit Jedoch hatte sich mit der Idee der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht nur in Deutschland,
sondern auch in anderen Staaten ein neues Denk- und Begriffssystem herausgebildet. Die Bewegung für ein vereintes Europa begann, eine eigene Schwungkraft zu entwickeln. Die Anhänger der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft - und glauben Sie mir,
daß es sich bei dieser Anhängerschaft sowohl in Deutschland als
auch in Prankreich, in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien um einflußreiche Kreise handelte, die ihre Sache mit Kraft
und Beharrlichkeit verfochten - versicherten, die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft sei Teil eines allgemeinen Prozesses
der Integration, der alle europäischen Nationen einschließen und
mehr als nur die militärischen Lebensbereiche umfassen sollte.
Der bereits früher unternommene Versuch einer Zusammenfassung
gewisser wirtschaftlicher Hilfsquellen in der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl - dem sogenannten Schuman-Plan wurde lediglich als der erste Schritt zur Herstellung der Einheit
Europas betrachtet. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
war der zweite Schritt in dieser Richtung. Darüber hinaus sprach
man offen und zuversichtlich von der nach vorausgehenden Wahlen
zu gründenden europäischen politischen Gemeinschaft mit einer
europäischen Versammlung. Aber während die Diskussionen um dieses
Projekt weitergeführt wurden, verschlechterten sich die Aussichten
für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft immer mehr, bis
sie schließlich einen parlamentarischen Tod in der französischen
Nationalversammlung starb.
Wir sahen uns im September dieses Jahres einer außerordentlich schwierigen Situation gegenüber, nicht nur die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft war gescheitert, sondern auch das Schicksal der Bonner Verträge, die Wiederherstellung der deutschen Souveränität war fraglich geworden. Vor knapp zwei Monaten standen
wir vor der Notwendigkeit, einen Alternativplan für die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft zu entwickeln und gleichzeitig das umfangreiche Bonner Vertragswerk neu auszuhandeln. Es sah so aus,
als hätten wir eine langwierige Aufgabe vor uns, an der wir, gemessen nach den uns zur Verfügung stehenden Vergleichsmaßstäben, vielleicht sechs Monate, vielleicht ein Jahr oder gar noch länger zu
arbeiten haben würden. Hätte damals jemand mit mir eine Wette darauf abschließen wollen, daß in etwa sechs Wochen in Paris der
gleiche französische Premierminister namens der gleichen Regierung
mit den Vertretern anderer Nationen einen Vertrag unterzeichnen
würde, mit dem die Bundesrepublik Deutschland nicht nur in das
europäische Verteidigungssystem, sondern auch in die Nordatlantikpakt-Organisation eingegliedert würde - eine vielen französischen
Politikern und führenden Kreisen anderer Länder unvorstellbare
Möglichkeit - und daß es zur gleichen Zeit möglich sein würde,
das Äquivalent des vollkommen neu ausgehandelten Bonner Vertragswerkes zu signieren, so hätte ich jeden Betrag dagegen gesetzt.
Ich brauche hier nicht weiter darauf zu verweisen, daß ich mein
Geld verloren hätte, denn genau das traf ein.
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�"^MERIKA

DIENST"

1. Dezember 1954

Rückblickend können wir heute sagen, daß unsere Befürchtungen falsch waren, da keiner von uns in Europas kritischster
Stunde versagte. Die Vertreter der europäischen Staaten und der
USA in London und Paris zeigten sich der Situation gewachsen.
Vor die Alternative gestellt, einzeln zugrundezugehen oder gemeinsam in Sicherheit zu leben, trafen sie eine Anzahl entscheidender Maßnahmen, die noch einen Monat zuvor völlig indiskutabel erschienen. Die Ereignisse bewiesen jedoch, daß die
Nationen des Westens in der Stunde der Gefahr ihre nationalen
Interessen hintanstellen können.
Erstens stimmte Prankreich, das sich einer integrierten
europäischen Armee widersetzt hatte, der Gründung einer deutschen Nationalarmee zu und erklärte sich ferner einverstanden,
daß diese deutsche Armee ohne jegliche Diskriminierung als
Kontingent in die NATO-Streitkräfte aufgenommen wird.
Als zweites machte Bundeskanzler Dr. Adenauer ein entscheidendes Angebot, als er erklärte, Deutschland verzichte auf freien Stücken auf das Recht, gewisse Waffentypen herzustellen. Obschon bestimmte Anzeichen darauf hindeuteten, daß es zu einer
solchen Verpflichtung kommen würde, war sie doch niemals formell unterbreitet worden. Was die Bedeutung des Angebotes von
Bundeskanzler Dr. Adenauer noch erhöhte, waren der Zeitpunkt,
an dem es gemacht wurde, und der Geist, in dem es gehalten war.
Denn der Kanzler wies darauf hin, daß Deutschland in keiner
Weise eine Erhöhung der ihm im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zugestandenen Rüstungen und Truppenstärke
erstrebe - das waren zwölf Divisionen und etwa über tausend
Flugzeuge -. Dieses Angebot des Kanzlers hatte, wie sie
leicht ersehen werden, weitreichende politische Polgen. Damit
wurde ein für alle Mal und von vornherein jeder künftigen Anschuldigung oder Klage, man habe die Rechte Deutschlands als
Mitgliedstaat verletzt, der Boden entzogen. Es war die Bundesrepublik, und nicht etwa ein anderer auf der Konferenz vertretener Staat, die eine Modifizierung des deutschen Wehrbeitrages
vorschlug.
Als drittes ist das historische Angebot von Sir AnthonyEden zu nennen, die gegenwärtig auf dem Kontinent stationierten
britischen Streitkräfte in voller Stärke dort zu belassen,
ferner das Angebot auf Beitritt zu einem neuen Bündnis, das
sich auf einen im Jahr 1950 unterzeichneten Vertrag gründet
und sich L gruxfrllegefliS' von allen
Verpflichtungen unterscheidet, welche Großbritannien im Zusammenhang mit der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft«eingegangen war. Es bedarf keiner
weiteren Worte, um festzustellen, daß das britische Angebot
das ganze Klima der Konferenz veränderte und vielleicht mehr
als irgend ein anderes Geschehnis dazu beitrug, daß die
Londoner Zusammenkunft ein Erfolg wurde.
Diese

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Diese drei Faktoren also - die unverzügliche und konstruktive
Kursänderung Frankreichs, die selbstlose Konzession Deutschlands
und die bedeutsame Abkehr Großbritanniens von einem bisher als
unverrückbar angesehenen Grundprinzip seiner traditionellen Politik - ebneten letztlich den Weg zur Einigung. Und schließlich muß
ich noch der außerordentlichen Wirkung Erwähnung tun, die das Angebot des amerikanischen Außenministers in London hervorrief, dem
Präsidenten für den Fall, daß alle Vorschläge verwirklicht würden,
die Abgabe einer Garantieerklärung bezüglich der Stationierung
amerikanischer Streitkraft« in Europa zu empfehlen, ähnlich jener,
die er in Zusammenhang mit dem Vertrag über die Gründung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgegeben hatte.
Diese konstruktiven Beiträge der Konferenzteilnehmer wurden,
so mächte man fast sagen, durch ein allgemeines Gefühl auf das
eindringlichste bestätigt, daß irgend etwas unternommen werden
müßte - und zwar in größter Eile -, da sonst einige jener Möglichkeiten, von denen man in den Korridoren flüsternd sprach, sehr
leicht Wirklichkeit werden könnten. Ich brauche wohl kaum zu sagen,
daß jene Möglichkeiten ihre Rückwirkungen unter anderem auch auf
die zukünftige Rolle der Vereinigten Staaten in Europa gehabt
hätten.
So angehaucht vom Atem der Geschichte wurde die Konferenz von
London und später die Zusammenkunft von Paris ein voller Erfolg.
In außerordentlich kurzer Zeit wurde Übereinstimmung in allen
noch strittigen Punkten erzielt, einschließlich einiger sehr verwickelter Probleme hinsichtlich der Beendigung de,s Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland. Das Unerwartete, das
Unvorhergesehene trat einj die Verträge wurden von allen Konferenzteilnehmern unterzeichnet. Und jetzt bleibt nur noch ihre Ratifizierung durch die jeweiligen Länderparlamente abzuwarten.
Die Bedeutung der Pariser Verträge
Lassen Sie mich unter Berücksichtigung der von mir geschilderten Vorgänge die Bedeutung der verschiedenen Verträge darlegen,
die am 23. Oktober in Paris unterzeichnet wurden. Mit ihrem Inkrafttreten wird das Besatzungsregime in Westdeutschland zu Ende gehen.
Sie werden
der Bundesrepublik die volle Autorität eines souveränen Staates zurückgeben. Und durch sie wird das Land Mitglied
der neugeschaffenen Westeuropäischen Union sowie auch der atlantischen Gemeinschaft werden.
Jedermann, der sich mit Geschichte befaßt, wird erkennen,
daß dies eine Entwicklung ist, die in ihren politischen Möglichkeiten kaum überschätzt werden kann. Falls es überhaupt noch weiterer Beweise für die Bedeutung dieser Verträge bedarf, so brauchen wir nur auf die jüngsten sowjetischen Noten zu verweisen,
von der Panik diktierte Versuche der Sowjetregierung, die Ratifizierung der Verträge unter allen Umständen zu verhindern. Unbekümmert um den wahren Sachverhalt, wie die Sowjets nun einmal
sind, haben sie die Übereinkommen als gegen die Sowjetunion gerichtete aggressive Verträge angegriffen. Das ist eine bewußte
Verfälschung unserer Absichten. Präsident Eisenhower hat dargelegt,

�"AMERIKA KIENST"

1. Dezember 1954

dargelegt, daß "in diesen Verträgen die seit Jahren unternommenen Bemühungen kulminieren, eine engere Zusammenarbeit in Fragen
der Sicherheit zwischen den Nationen Westeuropas herbeizuführen
und einen Weg dafür zu finden, das große Kräftepotential der
Bundesrepublik mit dem der freien Welt auf solche Weise zu vereinigen, daß die Freiheit und der Grundsatz der gleichen Behandlung für das deutsche Volk gewahrt und gleichzeitig die Gefahr
eines Wiederauflebens des deutschen Militarismus vermieden wird."
Außenminister Dulles betonte, daß diese Verträge nicht dem Zweck
dienen:, die gegenwärtigen Spannungen zu erhalten und alten
Konflikten immer wieder neue Nahrung zu geben, sondern dem
Ziele, "eine so weitgehende Einigung vor allem auf militärischem
Gebiet herbeizuführen, daß es den westeuropäischen Nationen sowohl militärisch unzweckmäßig als auch politisch unwahrscheinlich erscheinen muß, daß diese militärischen Streitkräfte gegeneinander oder gegen irgendein anderes Land eingesetzt werden,
es sei denn zum Zwecke der reinen Verteidigung." Aber es trifft
auch zu, wie Außenminister Dulles weiter sagte, daß die Notwendigkeit einer Einigung mit den neuen Gefahren zusammentraf, die
"sich aus der expansionistischen, von weltweiten Bestrebungen
des Sowjetkommunismus inspirierten und von einer ungeheueren
Streitkraft gestützten russischen Politik ergaben,"
Das Ausmaß des Erfolges von London und Paris können vielleicht nur diejenigen völlig erfassen, die sich vor knapp drei
Monaten der erschreckenden Aussicht gegenüber sahen, daß Europa
in sich uneins und nicht im Stande sein werde, sein koordiniertes Kräftepotential in das System der westlichen Verteidigung
einzubauen. Jene Tage gegen Ende des Monats August, als die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft begraben wurde, waren
Tage des Schreckens. Die Einheit der europäischen Nationen war
in Gefahr, zu zerbrechen, und damit auch die militärische Sicherheit der Vereinigten Staaten. Aber bis zum 23. Oktober war
es uns gelungen, die Grundlagen für ein "neues System der Sicherheit und Einheit" zu finden, das unserer Meinung nach eine Garantie für die Erhaltung des Friedens und der Sicherheit darstellt.
Ich war Zeuge dieser gewichtigen Entscheidungen - und ich
kann den europäischen Nationen für ihr Wissen um die Dringlichkeit der Sache, für ihren Weitblick und für ihre Opferbereitschaft, ebenso wie für die von ihnen gezeigte Staatskunst nur
meine größte Anerkennung zollen, hätten sie dies alles nicht
auf sich benommen, und wären sie nicht bereit gewesen, nationale
Interessen und Wünsche dem Ganzen unterzuordnen, ja selbst, wie
im Falle Großbritanniens, eine durch Tradition geheiligte Politik
dem allgemeinen Wohl zu opfern, so hätten wir niemals jenes
Ausmaß an Übereinstimmung erreicht, zu dem wir schließlich gelangt sind.
Was

�«AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Was noch getan werden muß
Ich möchte hier kurz daran erinnern, was noch zu tun ist
und wie sich die weitere Entwicklung - wenn nicht alle Zeichen
trügen - vollziehen wird. Und ich vertraue darauf, daß das Notwendige wirkliche getan wird. Wir haben das Schlimmste hinter
uns. Ministerpräsident Mendds-France hat sich verpflichtet,
das Vertragswerk anfang Dezember dem französischen Parlament
vorzulegen, und es ist damit zu rechnen, daß es noch vor Weihnachten darüber entscheiden wird. Bundeskanzler Dr. Adenauer
hat die Verträge bereits mit Zustimmung seines Kabinetts seinem Parlament zugeleitet.
Um nun das Besatzungsstatut aufheben zu können, müssen
Frankreich und die Bundesrepublik das sogenannte Protokoll das praktisch weiter nichts ist als der alte Deutschlandvertrag mit einigen Änderungen = sowie den neuen Saarvertrag
ratifizieren. Hierüber wird es zweifellos noch recht hitzige
Debatten im deutschen Bundestag geben, da es in der Presse und
während der eben zu Ende gegangenen Wahlkampagnen anläßlich der
Landtagswahlen hierüber bereits zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist.
Um ferner die Einbeziehung Deutschlands in die neuen militärischen Vereinbarungen zu ermöglichen, ist es erforderlich,
daß alle sieben Mitgliedstaaten des erweiterten Brüsseler Paktes, der heutigen Westeuropäischen Union, die entsprechenden
Abmachungen, und alle fünfzehn Mitgliedstaaten der NATO den
abgeänderten Noidatlantikpakt ratifizieren. Aber auch dies
wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, zu Beginn des Frühjahrs
geschehen sein.
Ich glaube, man kann für die ersten Monate des kommenden
Jahres mit ziemlicher Sicherheit jetzt schon voraussagen, daß
das Besatzungsregime aufhören und das Amt des Hochkommissars
seine Tätigkeit einstellen und durch eine Botschaft ersetzt
werden wird, und daß Deutschland vielleicht schon bis April
oder Mai, bestimmt aber bis Juni, reguläres Mitglied der
NATO und der Westeuropäischen Union sein wird.
Das sind die Tatsachen, meine Damen und Herren - und was
ergibt sich nun aus ihnen ? Wie sieht das Deutschland aus, das
vor unseren Augen aus der totalen militärischen Niederlage neu
ersteht, nach dem bemerkenswerten Wiederaufbau und nachdem die
politische Krise überwunden und der Weg für seine Einbeziehung
in die europäische Völkerfamilie geebnet ist ?
Deutschland war, wie wir gesehen haben, noch vor ein paar
Jahren nicht nur auf unsere Anleitung und Führung in allen Lebensbereichen auf uns angewiesen, sondern es hing in seiner
nakten Existenz unmittelbar von uns ab - eine Nation, die eine
totale Niederlage erlitten hatte, die gebrochen war an Körper
und Geist, deren Zukunft hoffnungslos und deren Wiedersufstieg
fast undenkbar schien. Jahrzehnte schienen ein viel zu kurzer
Zeitraum zu sein, um die Trümmerstätten, die Zeugen des Zusammenbruchs, zu beseitigen, und von der Wiederherstellung gesunder
Verhältnisse, einer prosperierenden Wirtschaft und eines fest-

�"AFRIKA DIENST

1. Dezember 1954

festgegründeten Staatswesens war gar nicht zu reden. Gestern
noch war die Bundesrepublik praktisch unser Mündel, fehlten
ihr doch all die Attribute politischer Unabhängigkeit, die das
Wesen eines Staates ausmachen. Heute ist sie praktisch ein
souveränes Land. Morgen schon wird seine Stimme im Rat der
freien Völker gehört und geachtet werden.
Diese plötzliche Wandlung Deutschlands gibt uns Anlaß,
die veränderten amerikanisch-deutschen Beziehungen und unsere
eigene Haltung gegenüber dem neuen Deutschland einer näheren
Betrachtung zu unterziehen. Viele von uns, zu viele vielleicht,
sind noch immer geneigt, dieses neue Deutschland mit den Maßstäben früherer Zeiten zu messen. Viele unter uns halten noch
immer an dem Bild von Deutschland fest, wie wir es in unserer
Jugend in uns aufgenommen haben. Manche mögen noch immer das
Bild des kaiserlichen Deutschlands in sich tragen? das nach
politischer und territorialer Macht strebte. Andere wieder,
wie ich zum Beispiel, denken dabei an die turbulenten zwanziger
Jahre, als die Weimarer Republik vergeblich gegen wirtschaftliches Elend und politische Reaktion ankämpfte. Und keiner von
uns hat, dessen bin ich sicher, den Schrecken des Nationalsozialismus vergessen, der in einem weltweiten Massenmorden
endete. Unsere Erinnerung ist voll von solchen sich widersprechenden und verwirrenden Bildern einer verflossenen Deutschland, in dem Kultur und aufgeklärter Geist von Niedertracht und
finsterem Terror abgelöst wurden. Welches nun, so mögen sie
fragen, ist das "wahre" Deutschland ? Welches der "vielen"
Deutschland ist heute unser Verbündeter ?
Ich bin fest überzeugt, daß wir keinen größeren Fehler
begehen könnten, als das Deutschland von heute mit einem dieser Bilder gleichzusetzen. Das neue Deutschland, wie ich es
in den letzten zwei Jahren kennengelernt habe, läßt sich
nicht nach irgendwelchen alten Schemata beurteilen. Natürlich
trägt es auch gewisse Merkmale seiner Vergangenheit - im guten
wie im schlechten Sinne - aber es hat auch viele Charakterzüge,
über die keines unserer Geschichtsbücher etwas aussagt. Wenn
wir also diesem neuen Deutschland aufgeschlossen gegenüber treten wollen, so müssen wir uns von dem verständlichen Hang frei
machen, veraltete Klischees zu benutzen, und statt dessen versuchen, dieses Land objektiv und auch kritisch, aber stets unter
Berücksichtigung der gegebenen Pakten zu sehen«
Zunächst einmal müssen wir verstehen lernen, daß das neue
Deutschland offensichtlich mit seiner politischen Vergangenheit
und, dies möchte ich ausdrücklich betonen, mit seiner militärischen Tradition gebrochen hat und nun versucht, etwas Neues
aufzubauen.
Ferner können wir un3 der Tatsache nicht verschließen,
daß sich ein souveränes Deutschland bei der Gestaltung seiner
Zukunft vielleicht von dem Beispiel anderer demokratischer
Nationen leiten läßt, daß es dies aber von nun an nicht mehr
deshalb tut, weil wir oder irgend jemand anderes es so wünscht?
sondern allein aus eigenem freien Entschluß, Wir müssen daher
von nun an davon absehen, uns auf eine Kontrolle von außen zu

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�1. Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

zu verlassen, um negativen Einflüssen Schach zu bieten. Von
jetzt an müssen wir auf die Stärke und Lebensfähigkeit der demokratischen Kräfte im deutschen Volke selbst vertrauen.
Ebensowenig dürfen wir in den Deutschen noch länger die
ewigen Empfänger amerikanischer Almosen erblicken. (Ich möchte
mit dieser Peststellung keinesfalls die vielen ernsten sozialen
und wirtschaftlichen Probleme verkleinern oder leugnen, mit denen
das neue Deutschland zu kämpfen hat. Die Millionen von Flüchtlingen, die weitgehenden Zerstörungen, das Problem der Wohnungsnot
und viele andere Beispiele materieller Not stellen auch in Zukunft enorme Anforderungen an die Energie, die Erfindungsgabe
und das Gewissen sowohl der Regierung als auch des einzelnen
Bürgers. Aber dies sind Probleme, die die Deutschen bereitwillig
und tatkräftig mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in
Angriff nehmen werden - zumindest so weit ihnen das eben möglich
ist. Ich habe auch nicht von Berlin gesprochen - das ist eine
ganz andere Frage.)
Schließlich wird das neue Deutschland als gleichberechtigtes
Mitglied der europäischen und atlantischen Gemeinschaft nicht
nur seine Stellung als freier und unabhängiger Staat eifersüchtig
hüten, sondern au^h bemüht sein, sein Teil zur Weiterentwicklung
dieser Gemeinschart und zur Formulierung eines gemeinsamen Programms und einer gemeinsamen Politik beitragen. Wir müssen uns
bewußt sein, daß Partnerschaft schließlich und endlich eine
Wechselbeziehung darstellt, in der jede Partei sowohl der Gebende
als auch der Emp^ ngende sein kann. Je früher wir erkennen, daß
dies das Axicjn für unsere künftigen Beziehungen zu Deutschland
sein muß, desto vielversprechender sind die Aussichten auf eine
gedeihliche Partnerschaft und desto geringer sind die Möglichkeiten für Überraschungen und Enttäuschungen.
Was wir in unseren Beziehungen zu dem neuen Deutschland
vor allen Dingen brauchen, ist eine kräftige Portion Realismus.
Ich bin mir &gt;der Tatsache durchaus bewußt, daß das ungeheure Tempo
der jüngsten Entwicklungen für manche Anlaß zu Genugtuung war, bei
anderen aber auch Befürchtungen wieder hat aufleben lassen, die
gegenstandslos geworden oder endgültig begraben zu sein schienen.
Das ist verständlich. Ich bin kein Hellseher, und ich wäre der
letzte, der sich heute abend in optimistischen Voraussagen ergehen
wollte. Statt dessen möchte ich mit gewissen Schlußfolgerungen
vor Sie hintreten, die sich auf persönliche Beobachtungen gründen - einige davon machte ich im Jahr 1925 und die anderen seit
meiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1953.
Ich möchte gerne Vergleiche zwischen der Einstellung der
Bürger der heutigen Bundesrepublik zu ihrer Regierung und der
Haltung der Bevölkerung der Weimarer Republik gegenüber den demokratischen Institutionen jener Zeit ziehen. Der Unterschied ist
augenfällig. 1925 stand ein hoher Prozentsatz der Menschen, mit
denen ich ins Gespräch kam, den Grundsätzen, auf denen die Weimarer Republik gegründet war, entweder gleichgültig oder feindselig gegenüber. Es war dies keine Frage der Zugehörigkeit zur
Oppositionspartei oder der Parteipolitik, sondern eine Frage
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Frage grundsätzlicher Loyalität gegenüber den neu geschaffenen
demokratischen Institutionen. Es schien mir damals, als hätte
die neue Regierungsform Deutschlands nicht die aufrichtige Unterstützung vieler einflußreicher Kreise des deutschen Volkes
zu gewinnen vermocht. Dies war zum Teil darauf zurückzuführen,
daß die Demokratien des Westens es versäumt hatten, jene Elemente
in Deutschland zu ermutigen und zu unterstützen, die versuchten,
eine demokratische Regierung aufzubauen. Diesen demokratischen
Elementen in Deutschland galt der Kampf der konservativen und
reaktionären Kräfte, die die militärische Niederlage im ersten
Weltkrieg niemals als endgültig akzeptiert hatten und sich deshalb weigerten, mit der imperialistischen Vergangenheit zu
brechen. Praktisch vom ersten Tage der Weimarer Republik an lag
die offizielle deutsche Regierung mit einem oppositionellen
Schattenregime antidemokratischer Kräfte, die eine nationalistische Restauration herbeizuführen suchten und in der Wahl ihrer Mittel keinerlei Skrupel kannten, im Wettstreit um die Gunst
des Volkes. Die Begründer der neuen Verfassung hatten kaum jemals die politische Kontrolle dex* Weimarer Republik voll in der
Hand; zum Teil war dies der Grund dafür, weshalb es ihnen nicht
gelang, das Volk und vor allem die Jugend dazu zu erziehen, die
demokratische Regierungsform zu akzeptieren und zu unterstützen.
Ich glaube nicht, daß ich hier einfach geschichtliche Betrachtungen
aus der Rückschau anstelle, wenn ich sage, daß ich damals (1925)
bei meiner Rückkehr aus Deutschland kein Vertrauen zur Fähigkeit
der Weimarer Republik hatte, eventuell bevorstehenden Stürmen
zu trotzen. Und nach einem kurzen abermaligen Deutschlandbesuch
im Jahr 1930, als sich bereits der Schatten Hitlers abzeichnete,
beurteilte ich die Zukunft des deutschen Volkes sehr pessimistisch.
Heute ist die Lage ganz anders. Ich denke dabei an tiefere
und wichtigere Dinge als die Tatsache, daß die Wähler die Partei
Bundeskanzler Dr. Adenauers mit einer absoluten Mehrheit und
seine Koalition mit Zweidrittelmehrheit in den Bundestag wiederwählten. Dieses Ergebnis der Bundestagswahlen von 1953 ist sicherlich von großer Bedeutung für die Beurteilung der heutigen
deutschen Situation und stellt eins volle Anerkennung der
erfolgreichen Politik des Bundeskanzlers und der Arbeit seines
Kabinetts in den ersten vier Jahren des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland dar. Noch bedeutsamer aber ist, daß sich
das deutsche Volk, ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit, zur
Regierunggform
einer nach demokratischen Grundsätzen gestalteten föderativen Republik bekennt. Dies kam unter anderem
darin zum Ausdruck, daß es weder den extrem rechten Parteien
noch den Kommunisten gelungen ist, einen einzigen Vertreter in
den Bundestag zu entsenden. Die Ergebnisse der letzten Wahlen
in Bayern und Hessen beweisen, daß trotz geringfügiger Schwankungen die Politik des Goldenen Mittelweges bevorzugt wird.
Selbstverständlich gibt es auch Opposition. Gerade diese Beobachtung hat mich zu der Bemerkung veranlaßt, das neue Deutschland
habe eine demokratische Verfassung ausgearbeitet, und alle Parteien unterstützten in voller Loyalität das neue politische
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

politische System. Denn die Opposition von Heute richtet sich
nicht gegen die Grundsätze und den Aufhau der neuen Republik,
sondern gegen bestimmte Aspekte der Regierungspolitik.
Worin sich das Deutschland des Jahres 1953 außerdem von dem
des Jahres 1925 unterscheidet, ist die Einstellung der Deutschen
gegenüber der unmittelbaren Vergangenheit und gegenüber ihren
Zukunftshoffnungen. Sieben Jahre nach Beendigung des ersten
Weltkrieges konnte man sich in Deutschland kaum über irgendeine
politische Frage: unterhalten,ohne daß es zu endlosen Debatten darüber kam, wie der Krieg entstanden sei, wer ihn nun eigentlich
gewonnen oder verloren habe und welche Rolle die Gründer der
Weimarer Republik in den Unruhen gespielt haben, die auf den
Waffenstillstand vom November 1918 folgten. Überall wurde einem
die Dolchstoßlegende über die Liberalen und die Sozialisten aufgetischt. Tatsächlich hatte diese ständige Beschäftigung mit der
unmittelbaren Vergangenheit viele Deutsche dazu verführt, der
Weimarer Republik zu mißtrauen und die demokratischen und sozialistischen Parteien zu verabscheuen. Heute gibt es keine Zweifel
mehr darüber, wer den zweiten Weltkrieg verloren hat. Nur selten
hört man Gespräche über die Ereignisse der Jahre von 1933 bis
1945« Ich will damit nicht sagen, daß es nicht hier und da Gruppen
ehemaliger Nazis gibt, die voller Sehnsucht und womöglich mit einer
gewissen Befriedigung auf jene Tage zurückschauen, da sie an der
Macht waren, oder von einem "Come-back" träumen; aber die Ergebnisse der letzten Bundestagswahlen beweisen, daß sich die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes von den Extremisten der
Rechten und Linken endgültig abgewandt hat. Und in der Tat zögern
die führenden Persönlichkeiten der großen Parteien - sowohl die
Mitglieder der Koalition als auch die sozialdemokratische Opposition - keineswegs, das nationalsozialistische Regime und die
Innen- und Außenpolitik Hitlers in öffentlichen Reden nachdrücklich zu verurteilen.
Dieser neue Geist Deutschlands exemplifizierte sich in jüngster Zeit in der vom Berliner Abgeordnetenhaus einstimmig angenommenen Entschließung, in der die Anwendung von Gewalt seitens
einer Partei im Wahlkampf als Wiederholung der von den Nazis praktizierten Methoden verurteilt wurde.
Die neue deutsche Armee
Lassen Sie mich an dieser Stelle ein wenig bei einem Thema
verweilen, das uns alle, die wir hier heute abend versammelt sind,
brennend interessiert. Ich habe von den Plänen über die Schaffung
einer neuen deutschen Armee gesprochen, die gegenwärtig in Bonn
eingehend studiert werden. Allein die Erwähnung einer deutschen
Armee muß bei vielen meiner Zuhörer wenig erfreuliche Erinnerungen
wachrufen. Selbst eine schwache Erinnerung an das Deutschland der
Weimarer Republik und des Naziregimes genügt, böse Ahnungen in
einem zu wecken, wenn man Ausdrücke wie deutscher Generalstab und
deutsche Armee hört. W«s mich nun interessiert, ist die Tatsache,
daß viele führende Politiker aller Parteien in Deutschland sich
mit der Frage befassen, wie eine neue militärische Tradition zu
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

zu schaffen sei. Sie mögen nicht alle in ihren Analysen über die
Fehler der Vergangenheit übereinstimmen. Dennoch bin ich überzeugt, daß ein Großteil der verantwortlichen Persönlichkeiten
in Deutschland sich eindeutig zu jenen bekennen wird, die der Meinung sind, daß sich die neue deutsche Armee grundsätzlich von der
alten unterscheiden muß. In erster Linie sind sie der Ansicht,
sie müsse weit mehr der zivilen Kontrolle unterstehen als dies
selbst in der Weimarer Republik der Fall war; zweitens müsse
sie von einem solchen Geist getragen sein, daß der einzelne Soldat immer noch ein Mensch bleibt, ohne daß dadurch die Organisation der Armee als potentielle Kampfeinheit gefährdet wird.
Ein führendes Bundestagsmitglied fragte mich vor nicht allzu
langer Zeit, ob er und seine Kollegen in dem Bemühen, eine deutsche
Armee neuen Typs zu schaffen, auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten rechnen könnten. Ich versicherte ihm, daß es diesbezüglich keine Schwankungen in der Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten gebe. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß die seit vielen Monaten in der deutschen Bundeshauptstadt erörterten Pläne der Schaffung einer Europa-Armee galten, in
deren Rahmen Deutschlands größte nationale Einheit eine Division
sein sollte. So hat mir mehr als ein Deutscher in den vergangenen
Wochen wehmütig versichert, wir wollen gar keine Nationalarmeej
aber wenn wir unseren Beitrag zur Verteidigung Europas leisten
wollen, dann scheint es daß es keine andere Möglichkeit gibt.
Ich bin mir wohl bewußt, daß ich hier eher Stimmungen wiedergebe, als Tatsachen berichte. Allerdings ist der Ernst, mit dem
man in Deutschland das Problem einer demokratischen Armee diskutiert, sehr ermutigend. Die für die Schaffung dieser Armee Verantwortlichen scheinen mir nicht etwa naive Leute zu sein, sondern sind sich der Gefahren und Schwierigkeiten durchaus bewußt.
Ich bin überzeugt, sie sind entschlossen, eine Armee zu schaffen,
die die Dienerin, nicht Herrin des demokratischen Staates sein
wird oder gar ein Werkzeug eines rücksichtslosen Diktators ist.
Dieses Problem wird nicht nur in den führenden politischen Kreisen eingehend erörtert, sondern auch von der Öffentlichkeit im
allgemeinen und der jungen Generation, die in dieser neuen Armee
Dienst tun wird. Sie sind sehr darauf bedacht, aus unseren Erfahrungen und denen anderer demokratischer Länder auf diesem Gebiete
zu lernen. Ich bin der Meinung, unser Verständnis und unsere Unterstützung können sich sehr real auf diese Bemühungen Deutschlands auswirken, mit allem Bösen und Gefährlichen in seinen militärischen Traditionen der Vergangenheit zu brechen.
Ein Volk, das indie^Zukunft blickt
Man darf ganz allgemein sagen, daß das Deutschland von Heute
nicht so sehr in die Vergangenheit zurückblickt, als vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenkt. Und in dieser Zukunft
sehen die Deutschen etwas, das sich grundlegend von allem vergangenen unterscheidet. Wenn man den als einen fortschrittlich gesinnte
Menschen bezeichnen will, der einer neuen und besseren Zukunft

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1. Dezember 1954

Zukunft entgegensieht, und jenen als einen Reaktionär, der der
Vergangenheit wehmütig nachhängt, dann glaube ich, daß man die
heute in der Bundesrepublik vorherrschende Einstellung als fortschrittlich bezeichnen darf. Natürlich gibt es auch eine gewisse
Zahl von Reaktionären, die das Rad der Geschichte gern zurückdrehen möchten.
Als ich im Frühjahr 1953 zum ersten Male wieder nach Deutschland kam, war ich erstaunt, in wie weiten Kreisen die Pläne für
eine Vereinigung Europas diskutiert wurden, und mit welcher Zuversicht die deutschen Politiker dem Aufbau eines neuen Europas
entgegensahen. Es sei zugegeben, daß die Sprecher der Sozialdemokratie, der Oppositionspartei, die Gründung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft ablehnten; aber da sie gute Demokraten
und westlich orientiert sind, hatten selbst sie ihre Pläne für
eine enge militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen
einer weitgefaßten Gruppe westeuropäischer Staaten.
Wenn ich meine Beobachtungen zusammenfassen darf, so möchte
ich sagen, daß das politische Gleichgewicht in der Bundesrepublik
durchaus stabil erscheint. Die Aussichten, daß die gegenwärtige
politische Stabilität andauern wird, sind gut. Sie ist allerdings
von einer Anzahl Bedingungen abhängig. Zunächst einmal hängt
alles davon ab, daß eine den Prinzipien der Demokratie treu ergebende Führerschicht, die dem Westen wohlgesinnt und jeder Form
politischen oder militärischen Abenteurertums abhold ist, auch
weiterhin in Deutschland vorhanden ist. Heute stehen solche Männer am Ruder der Bundesrepublik. Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Dr. Adenauer sind Ihnen allen als unverbrüchliche Protagonisten der Demokratie und eines geeinten Europas bekannt. Aber
während sie im In- und Auslande dieser Einstellung wegen bekannt
sind, ist es doch ermutigend, daß sie von Männern umgeben und
Unterstützt sind, die ebenso wie Sie an diese Ziele glauben. Der
neugewählte Präsident des Bundestages, Dr. Eugen Gerstenmaier,
Protestant und Demokrat der alten schwäbischen Schule, nahm sein
neues Amt mit den Worten des Ehrenpräsidenten der Eröffnungssitzung des ersten deutschen Bundestages, Paul Loebe, an» "Deutschland will ein aufrichtiges, friedliebendes Glied der Vereinigten
Staaten von Europa werden, mit den gleichen Rechten und Pflichten
wie alle übrigen Mitglieder. Wir haben im Grundgesetz den Verzicht
auf nationale Souveränitätsrechte schon im voraus ausgesprochen,
um dieses geschichtlich notwendige höhere Staatengebilde zu schaffen, und wir werden uns auch durch Anfangsschwierigkeiten von
diesem Ziele nicht ablenken lassen".
Ich bin überzeugt, daß die Chancen für die Schaffung eines
geeinten Europas nicht verloren sind, solange dieser Geist in
den verantwortlichen Kreisen Deutschlands herrscht.
Die Zukunft wird durch die Zusammenarbeit bestimmt
Die zweite Voraussetzung für den Bestand der politischen Stabilität ist die Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen
und eine weitere Zusammenarbeit mit den westlichen demokratischen

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�1» Dezember 1954

"MBRIKA DIENST"

demokratischen Nationen. Hierbei denke ich nicht allein an die
diplomatischen und offiziellen Beziehungen der Regierungen untereinander. Ich meine die gesamte Skala der üblichen Kontakte
auf dem Gebiet der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft
und der Kultur, die erst ein wirkliches Geben und Nehmen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Nationen ermöglichen.
Das Austauschprogramm mit Deutschland hat sich als ein ausgezeichnetes Mittel zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland erwiesen. Im Rahmen dieses Programmes konnten
Tausende von Deutschen nach den Vereinigten Staaten reisen, und
viele Amerikaner hatten die Möglichkeit, Deutschland zu bereisen und kennenzulernen. Der kürzlich von Außenminister Dulles
und Bundeskanzler Adenauer unterzeichnete Freundschafts-,
Handels- und Schiffahrtsvertrag ist ein weiteres Beispiel für
die ständigen Bemühungen, nicht nur die Beziehungen zwischen
den beiden Nationen zu "normalisieren", sondern auch der Privatinitiative einen Anreiz zu bieten, das Werk ihrer Regierungen zu vervollständigen. Dieser Vertrag, ebenso wie der noch
in diesem Jahr in Kraft tretende Vertrag zur Vermeidung der
Doppelbesteuerung, stellt die liberalsten und fortschrittlichsten Maßnahmen zum internationalen Schutz ausländischer
Investierungen dar, die bisher getroffen wurden. Darüber hinaus
bestärkt uns die Haltung der Bundesregierung in der Präge des
Londoner Schuldenabkommens, in dem sie sich zur Rückzahlung der
Vorkriegsschulden verpflichtet und diese auch tatsächlich leistet, in dem Glauben, daß die Bundesregierung diese Verträge
im gleichen Geiste einer konstruktiven Zusammenarbeit erfüllen
wird. Ich möchte sogar noch weiter gehen und behaupten, daß
sich angesichts dieser Haltung das Klima für ausländische Investitionen sehr verbessert hat, was eins der Hauptziele der
amerikanischen Außenpolitik ist, und daß sie ein gutes Vorzeichen für die Ausweitung amerikanischer Investitionen in
Deutschland und in anderen Ländern darstellt.
Die sowjetische Gefahr
Die dritte Voraussetzung für die Stabilität der politischen
Verhältnisse ist, daß weder äußere noch innere Einflüsse auf
eine Störung der bestehenden positiven Beziehungen zwischen
Deutschland und seinen Verbündeten abzielen. Hier ist die einzige, allerdings furchtbare Gefahr das ständige Trachten der
Sowjetunion, die Bundesrepublik in ihren Machtbereich einzubeziehen, oder, falls ihr das nicht gelingt, den Anschluß Deutschlands an den Westen zu verhindern« Ich selbst bin davon überzeugt, daß sich in Paris herausgestellt hat, wie falsch und
sinnlos die sowjetische Politik ist« Die Ratifizierung des Pariser Abkommens wird eine der offenkundigsten Niederlagen, die
die Sowjetunion bisher im Kalten Kriege erlitten hat, besiegeln.
Ob diese Niederlage zu einem Wechsel in der sowjetischen Strategie führen wird, ist natürlich schwer vorauszusagen. Die verstärkte Position des Westens und die offensichtlich nutzlosen
Spaltungsversuche der Sowjets bieten* meiner Meinung nach, Aussicht auf einen solchen Wechsel. Was die amerikanische Regierung anbetrifft, so werden wir nicht nachlassen, immer wieder
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�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

wieder der Welt klarzumachen, wie vollkommen unsinnig und unmenschlich die sowjetische Deutschlandpolitik ist. Das gilt in
erster Linie für die sowjetische Politik, die Teilung Deutschlands aufrechtzuerhalten. Die Wiedervereinigung Deutschlands
bleibt eins der wichtigsten Ziele der amerikanischen Politik.
In Verfolgung dieses Zieles läßt sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht allein von einem humanitären Impuls, sondern
von einer nüchternen politischen Überlegung leiten. Denn solange
die Frage der deutschen Einheit nicht in Übereinstimmung mit den
elementarsten Gesetzen der menschlichen Natur und nach internationalem Brauch gelöst ist, werden wir das Ziel unseres V.eges
zu Sicherheit und Frieden nicht erreicht haben.
Ich werde der Versuchung widerstehen, meine Rede mit der
Versicherung zu beenden, daß die sowjetische Deutschland-Politik
schon in Kürze bankerott machen werde - noch möchte ich die
schwierigen Probleme und die vor uns liegenden Gefahren irgendwie
verkleinern. Wir nähern uns aber langsam, unter Leiden und mit
großer Geduld unserem Ziel. Das Jahr 1954» das sich seinem Ende
zuneigt, hat uns einen entscheidenden Schritt weitergebracht. Es
ist uns gelungen, eine Anzahl großer Hindernisse zu beseitigen.
Wir sind heute stärker als zu Beginn des Jahres. Ich denke dabei
nicht allein an physische Stärke» ich spreche von der Kraft, die
ein gemeinsames Ziel verleiht. In dem Pariser Abkommen manifestiert
sich diese Kraft. Es hat den Bereich unserer Sicherheit ganz entscheidend erweitert und erlaubt uns, dem Jahr 1955 in der Hoffnung
auf weitere Fortschritte entgegenzusehen«

*

* » * *

- 16 -

�A M E R I K A

D I E N S T

ROTCHINA VERLETZT WAFFENSTILLSTAND IN KOREA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung, die Botschafter
Henry Cabot Lodge Jr., der Chefdelegierte der Vereinigten
Staaten bei den Vereinten Nationen, am 8. Dezember 1954
vor der UN-Vollversammlung abgab, und in der er das kommunistische China beschuldigte, in Verletzung des Waffenstillstandes in Korea Angehörige der amerikanischen Streitkräfte gefangen und in Haft zu halten.
Herr Präsident,
Die 16 Staaten, deren Streitkräfte in Korea in den Kampf
zogen, um der Charta der Vereinten Nationen Achtung zu verschaffen, haben beschlossen, die Vollversammlung um vordringliche
Untersuchung des Schicksals jener Angehörigen der UN-Streitkräfte zu ersuchen, die gegenwärtig noch entgegen dem koreanischen Waffenstillstandsabkommen tgefangengehalten werden oder
unter Arrest stehen. Die Vereinigten Staaten haben in Ausübung
ihrer besonderen Verantwortlichkeit innerhalb des gemeinsamen
Oberkommandos der UN-Streitkräfte in Korea den formellen Antrag gestellt, der zu der gegenwärtigen Debatte führte.
Vor einigen Tagen gab Radio Peking die Verurteilung und
Einkerkerung von 11 amerikanischen Luftwaffenangehörigen bekannt, die in Korea im Einsatz gestanden hatten. Es hätte sich
dabei ebenso gut um Angehörige irgendeines anderen Landes handeln können, deren Flieger im Auftrag der Vereinten Nationen
im koreanischen Luftraum gekämpft hatten. Zufällig handelte
es sich um Amerikaner, und so obliegt mir die ernste Pflicht,
Ihnen die ganze Bewegung und Sorge zu schildern, mit der das
amerikanische Volk die Nachricht von dem sogenannten Gerichtsverfahren in Peking aufgenommen hat.
Herr Präsident, jede Regierung, die nicht die Achtung vor
sich selbst verlieren möchte, hat die elementare historische
Verpflichtung, jene Männer zu schützen, die sie in den Krieg
entsendet.
In früheren Zeiten war jede Regierung allein zur Entscheidung darüber befugt, welche Mittel sie zum Schutz ihrer Bürger
in diesem Falle anzuwenden gedenke, und ob die Anwendung von
Gewalt am Platze sei.
_.
Die

�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Die Vereinigten Staaten sind vor die Vereinten Nationen
getreten, weil diese als ein Kollektivwerkzeug der Gerechtigkeit geschaffen worden sind und weil sie eine ganz besondere
Verantwortung für jene Männer tragen, die, einem Ruf der Vereinten Nationen folgend, in Korea kämpften.
Die Geschichte jener 11 Flieger ist ein Kapitel in dem
dicken Buch über die Männer, die in Korea kämpften und dabei
in die Hände der Kommunisten fielen.
Die kommunistischen Militärbehörden in Korea haben bisher
keinerlei Informationen herausgegeben und nichts über das
Schicksal einer großen Anzahl von Angehörigen der UN-Streitkräfte verlauten lassen, die im Einsatz in Korea als vermißt
gemeldet wurden, und von denen man den Umständen nach annehmen
darf, daß sie in Gefangenschaft geraten sind.
Als das Waffenstillstandsabkommen endlich unterzeichnet
wurde, verpflichteten sich die Kommunisten, alle Angehörigen
der UN-Streitkräfte, die eine Repatriierung wünschten, zu entlassen. Die Delegation des UN-Oberkommandos bei der Waffenstillstandskommission verlangte Auskunft über alle nichtrepatriierten Angehörigen der UN-Streitkräfte, von denen anzunehmen ist,
daß sie von den Kommunisten gefangengehalten werden. In der
Zeit vom 9.September 1953 bis 17.August 1954 wurden 5 Anfragen
in diesem Sinne gestellt, in denen auch diese 11 Flieger genannt
wurden. Die Antworten auf diese Anfragen brachten keine befriedigenden Auskünfte. Ein weiteres Ersuchen um Auskünfte über diese Personen wurde im Mai 1954 über den Vertreter Großbritanniens
in Peking gestellt. Diese Anfrage blieb bis heute unbeantwortet.
Dann kam die Genfer Konferenz. Am 10.Juni 1954 übergab der
amerikanische Botschafter, U.Alexis Johnson, dem Generalsekretär der rotchinesischen Delegation zur Genfer Konferenz, Wang
P'Ing-Nan, Namenslisten verschiedener Kategorien von Zivilisten
im Dienst des UN-Oberkommandos und Angehörigen der UN-Streitkräfte, die sich, soweit bekannt, in koreanischer Kriegsgefangenschaft befinden müßten. Botschafter Johnson wies ausdrücklich
darauf hin, daß sich diese Listen auf die besten uns verfügbaren
Informationen stützen, und ersuchte darum, daß alle in den Listen
aufgeführten Personen freigelassen werden, oder daß man Aufklärung über ihr Schicksal erteilen möge. Diese Listen enthielten
auch die Namen der 11 Besatzungsmitglieder jenes Flugzeugs vom
Typ B-29 und von 4 Düsenflugzeugpiloten der Luftstreitkräfte.
Schließlich gab der Vertreter des kommunistischen China auf
einer Zusammenkunft am 15»Juni zu, daß sein Land amerikanisches
Militärpersonal "wegen Verletzung des chinesischen Luftraumes"
gefangenhalte. Am 21.Juni gab er zu, daß das kommunistische Regime tri China 15 Angehörige der US-5Il*iaitäBctaÄEL3ftnräfte gefangenhalte, nämlich die 11 überlebenden Besatzungsmitglieder der
am 12.Januar 1953 abgeschossenen B-29 und 4 Düsenflugzeugpiloten der US-Luftstreitkräfte. Wang erklärte, daß die übrigen
3 Mitglieder der HkÖpfigen Besatzung der B-29 den Verletzungen erlegen seien, die sie sich beim Fallschirmabsprung aus der
abgeschossenen Maschine zugezogen hatten.
- .

�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Nach diesen Besprechungen in Genf vergingen 5 Monate,
ohne daß von den chinesischen Kommunisten irgendwelche Informationen zu erhalten waren. Sie machten keinerlei Anstalten,
irgendeinen der gefangenen Luftwaffenangehörigen freizulassen,
die sie eingestandenermaßen oder vermutlich gefangen halten. •
Abgesehen von jenen 15 Angehörigen der US-Luftstreitkräfte,
die sich, wie die chinesischen Kommunisten am 21.Juni 1954 zugaben, in ihrem Gewahrsam befinden, fehlt noch jede Auskunft
über das Schicksal von weiteren 470 Amerikanern, die dem UNOberkommando unterstanden und vermutlich von den Kommunisten
gefangengenommen wurden.
Diese Zahl schließt keine Angehörigen der UN-Streitkräfte
anderer als amerikanischer Nationalität und keine Angehörigen
der Streitkräfte der Republik Korea ein, über deren Schicksal
die Kommunisten bisher keinerlei Auskunft erteilt haben.
Wir hatten gehofft, durch eingehende und beharrliche Verhandlungen Auskunft über alle noch vermißten Männer zu erhalten und die Freilassung aller noch zurückgehaltenen Personen
zu erreichen. Weder in Panmunjom noch in Peking und Genf zeitigten diese Bemühungen irgendwelche konkreten Resultate.
Dann gab Radio Peking am 24.November 1954 plötzlich bekannt, daß ein rotchinesisches Militärtribunal 11 amerikanische
Flieger, die sich noch in chinesischer Gefangenschaft befanden,
zu langen Haftstrafen verurteilt habe* Die Regierung der Vereinigten Staaten wurde unverzüglich über die Regierung Großbritanniens und unmittelbar in Genf bei den z*otchinesischen Behörden vorstellig. Die Vorstellungen wurden in Bausch und Bogen
zurückgewiesen.
Lassen Sie mich Ihnen berichten, was mit jenem Flugzeug
geschah, dessen Besatzung die 11 Angehörigen der US-Luftstreitkräfte angehörten, die nunmehr von einem rotchinesischen Militärtribunal zu Haftstrafen verurteilt worden sind. Es handelte
sich um ein Flugzeug vom Typ B-29, das dem Befehl von Oberst
John K.Arnold interstand, dem Kommandeur des 581.Nachschub- und
Nachrichten-Geschwaders. Die gesamte Bordbesatzung gehörte dem
gleichen Geschwader, einem Teil der 13-Luftflotte an, deren
Hauptquartier der Fliegerhorst Clark auf den Philippinischen
Inseln ist. Das Geschwader befand sich im Einsatz und wurde
durch die 91»Fernaufklärer-Staffel vom Fliegerhorst Tokota in
Japan unterstützt, die dem Kommando Fernost der Luftstreitkräfte untersteht. Beide Einheiten gehörten dem Verband der UNStreitkräfte an.
Am 12.Januar 1953 wurde besagte B-29 um 17.20 Uhr örtlicher
Zeit vom Fliegerhorst Yokota in Japan mit dem Auftrag ausgesandt,
eine Flugblattaktion über Nordkorea auszuführen. Die Maschine
war im Rahmen der Operationen des UN-Oberkommandos eingesetzt.
Als Zielraum für den Abwurf der Flugblätter waren der Maschine
die nordkoreanischen Städte Pakchon, Pukchin, Kusong, Sonchon,
Charyongwan und Cholsan zugewiesen» Bei diesem Auftrag handelte
es sich um eine Mission, wie sie in der modernen Kriegsführung
zur allgemein geübten Praxis gehört. In Korea wurde diese Praxis
weitgehend geübt.
j) e r

�15« Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

Der Flug vom 12. Januar 1953 erfolgte im Einklang mit dem
allgemeinverbindlichen Befehlen des UN-Oberkommandos bezüglich
der Begrenzung von Luftoperationen auf den koreanischen Raum
südlich des Yalu-Flusses. Das Flugzeug trug die Kennzeichen der
Flugzeuge der US-Luftstreitkräfte. Alle Besatzungsmitglieder an
Bord waren Angehörige der US-Luftstreitkräfte, trugen Uniform und
führten die erforderlichen Personalausweise bei sich, einschließlich der Dokumente, die sie als Angehörige der UN-Streitkräfte
auswiesen. Das Flugzeug sollte am 13. Januar 01.30 Uhr örtlicher
Zeit nach Yokota zurückkehren.
Der letzte Kontakt mit der im Einsatz befindlichen Maschine
war ihre Ortung durch eine Radarstation der UN-Streitkräfte gegen
23.10 Uhr an einem Punkt etwa 22 km südlich des Yalu-Flusses
unweit der nordkoreanischen Stadt Sonchon. Die Radarstation
meldete, daß die B-29 von 12 Feind Jägern angegriffen werde.
Der Kommandeur des Flugzeugs ließ um 23.16 Uhr über den Funk
das Codewort "Mayday" durchgeben. Dies ist ein internationales
Notsignal, das in diesem Fall bedeutete, das Flugzeug sei so
stark beschädigt, daß e3 manövrierunfähig sei und aufgegeben werden müsse. Kurz darauf verschwand das Flugzeug vom Radarschirm.
Wir haben eine Karte anfertigen lassen, in der die gesamte Flugstrecke der Maschine bis zu dem Punkt eingezeichnet ist, an dem
sie letztmalig auf dem Radarschirm beobachtet worden ist. Ich
werde diese Karte allen Delegationen zur Verfügung stellen.
Damals konnte das UN-Oberkommando keine Berichte oder anderweitigen Angaben über das Schicksal dieser Maschine erhalten, und die
Besatzung wurde deshalb als im Einsatz vermißt gemeldet.
Von dem Tag, an dem das Flugzeug abgeschossen worden ist,
bis zum Juni 1954 war der einzige kleine Hinweis auf das Schicksal jener Männer eine Meldung von Radio Peking vom 21. Januar 1953,
in der die Gefangennahme von 3 Besatzungsmitgliedern bekanntgegeben wurde: Oberst Arnold, Major Baumer und Hauptmann Vaadi.
Ich möchte die Namen der überlebenden Besatzungsmitglieder
verlesen und bitte um ihre Aufnahme ins Protokoll. Wie ich bereits
bemerkte, war der heute 41jährige Oberst John K. Arnold Kommandeur
des 581. Nachschub- und Nachrichtengeschwaders. Seine Frau lebte
in Montgomery im Staate Alabama.
Major William H. Baumer, 32 Jahre alt, Kc-Pilot, dessen Mutter in Lewisburg, Pennsylvanien, lebt.
Hauptmann Eimer F. Llewellyn, 29 Jahre alt, Navigationsoffizier des Flugzeugs. Seine Frau lebt in Missoula, Montana.
Hauptmann Eugene J. Vaadi, 33 Jahre alt, Kommandant des
Flugzeugs. Seine Frau lebt in Clayton, New York.
Oberleutnant John W. Bück, 33 Jahre alt, Beobachter, dessen
Eltern in Armathwaite, Tennessee, beheimatet sind.
Oberleutnant Wallace L. Brown, 28 Jahre alt, Pilot des Flugzeugs. Seine Frau lebt in Montgomery, Alabama.
Oberfeldwebel
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�• "AMERIKA DIENST"

15. Dezember

1954

Oberfeldwebel Howard W. Brown, 32 Jahre alt, Bordmechaniker,
dessen Eltern in St. Paul, Minnesota, wohnen.
Unteroffizier Steve E. Kiba, 22 Jahre alt, Bordfunker. Seine
Eltern leben in Akron, Ohio.
Gefreiter Harry M. Benjamin, 22 Jahre alt, als Radaroffizier,
dessen Frau in Worthington, Minnesota,lebt.
Gefreiter Daniel C. Schmidt, gleichfalls 22 Jahre alt, als
Feuerleitoffizier, dessen Frau sich gegenwärtig in Redding, Kalifornien, aufhält.
Gefreiter John W. Thompson III, 23 Jahre alt, als Radaroffizier. Seine Eltern leben in Orange, Virginia.
Diese Männer wurden nach ihrer Gefangennahme beim Einsatz
im Rahmen einer von den Vereinten Nationen zur Wiederherstellung
des Friedens in Korea durchgeführten Aktion von einem rotchinesischen Militärtribunal zu Haftstrafen von 4 bis 10 Jahren verurteilt.
Ich habe bereits erwähnt, Herr Präsident, daß der Vertreter
Rotchinas, Wangp'Ing-Nan, in Genf im Juni vergangenen Jahres zugegeben hat, daß sein land außer den 11 eben aufgeführten Personen
4 weitere Angehörige der US-Luftstreitkräfte gefangenhält. Ich
möchte der Vollversammlung auch in diesen Fällen die einschlägigen Tatsachen bekanntgeben.
Oberleutnant Lyle W. Cameron aus Lincoln, Nebraska, war Pilot
eines Flugzeugs vom Typ F-84, das am 26. Oktober 1952 vom Flugplatz Taegu in Korea aufstieg, um an einer Operation zur bewaffneten Aufklärung zwischen Kanggye und Huichon in Nordkorea teilzunehmen. Nach Erreichung des Zielraumes wurde seine Maschine
bei einem Bombenangriff auf Lokomotiven beschädigt, so daß er
sich zum Absprung gezwungen sah. Er landete wohlbehalten an einem
Punkt mehrere Kilometer südlich von Kanggye und gab über sein
Notfunkgerät Mitteilung, daß er unverletzt sei und sich in den
umliegenden Hügeln verborgen halte. Die übrigen Flugzeuge seiner
Kette mußten bald darauf zu ihren Ausgangsbasen zurückkehren,
da sie nicht genug Treibstoff hatten. Als sie einige Stunden später das Gebiet aus der Luft absuchten, konnten sie keine Spur von
Oberleutnant Cameron entdecken. Radio Peking gab am 30. Oktober
1952 dann bekannt, daß Oberleutnant Cameron nach dem Absturz seiner Maschine über China gefangengenommen worden sei. Im Dezember
1952 wurden von den Kommunisten in großer Zahl Handzettel mit dem
Bild Oberleutnant Camerons verteilt, in denen seine Mission und
der Abschuß seiner Maschine als ein Beispiel der amerikanischen
Aggression gegen China dargestellt wurde.
Hauptmann Harold E. Fischer aus Swea City, Iowa, führte am
7. April 1953 eine Kette F-86 bei einem Einsatz längs des YaluFlusses in Nordkorea. Die Maschinen stießen auf feindliche Jäger
und wurden in einen Luftkampf verwickelt. Während dieses Gefechts
erteilte Hauptmann Fischer seiner Kette über Funk den Befehl, das
Kampfgebiet zu verlassen. Dies ist das letzte, was über Hauptmann
Fischer definitiv bekannt ist,und den Suchflugzeugen der Luftstreitkräfte gelang es nicht, ihn selbst oder seine Maschine zu finden.

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Radio

�AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Radio Peking meldete in einer Propagandasendung am 10. April 1953,
daß Hauptmann Fischers Maschine abgeschossen und er selbst in Gefangenschaft geraten sei.
Oberleutnant Roland W. Parks aus Omaha, Nebraska, gehörte
zu einer Kette F-86, die am 4. September 1952 vom amerikanischen
Flugplatz Suwon zu einem Kampfeinsatz über Nordkorea aufgestiegen
war. Während ihres Fluges entlang des Yalu stießen die amerikanischen Flieger über nordkoreanischem Gebiet auf feindliche Jäger,
mit denen sie in 9 000 m Höhe in einen Luftkampf gerieten. Im Verlauf des Gefechts wurde Oberleutnant Parks von seiner Kette abgedrängt. Er meldete später durch Funkspruch, daß sein Kreisel- und
sein Funkkompass ausgefallen seien und daß er die Orientierung verloren habe. Wiederholte Versuche, ihn auf befreundetes Gebiet zu
leiten, schlugen fehl; als es klar wurde, daß ihm bald der Betriebs'
stoff ausgehen müsse, wurde er aufgefordert, eine Beschreibung der
Gegend durchzugeben, über der er sich gerade befand. Aus seiner
Antwort war ersichtlich, daß es sich anscheinend um die Halbinsel
Liaotung in der Mandschurei handelte. Fünf Minuten später funkte
Oberleutnant Parks, daß der Motor seiner Maschine ausgesetzt habe,
und er per Fallschirm abspringen werde. Es zeigte sich, daß er sich
zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Dairen in der Mandschurei befand.
Oberstleutnant Edwin L. Heller aus Wynnewood in Pennsylvanien
war Führer einer Kette von F-86, die am 23. Januar 1953 entlang
des TöLu über nordkoreanischem Gebiet Einsatz flog. Die Maschinen
stießen auf feindliche Jäger, die sie in einen Luftkampf verwickelten. Während der Kampfhandlung wurde Oberstleutnant Hellers Maschine
durch Treffer beschädigt und letztmalig in einer Höhe von 13 400 m
gesehen. Am 28. Januar 1953 behauptete Radio Peking in einer Propagandasendung, daß Oberstleutnant Heller mandschurisches Gebiet
verletzt habe und nach dem Absprung aus seiner beschädigten Maschine gefangengenommen worden sei.
Die chinesischen Kommunisten gaben zu, daß sich diese vier
Düsenflugzeugführer in ihrem Gewahrsam befinden.
Herr Präsident, diese fünfzehn Amerikaner werden nunmehr seit
vielen Monaten gefangengehalten, einige seit über zwei Jahren. Die
meisten ihrer Kameraden sind längst mit ihren Einheiten aus Korea
in die Heimat zurückgekehrt. Die Familien dieser fünfzehn Männer
aber warten immer noch. Gegenüber diesen Soldaten, ihren Familien,
ihren Mitbürgern in zehn einzelnen amerikanischen Bundesstaaten und
gegenüber dem ganzen amerikanischen Volk tragen wir in der Vollversammlung eine große Verantwortung.
Herr Präsident, die fortgesetzte Zurückhaltung von Kriegsgefangenen, die ihre Repatriierung wünschen, ist eine flagrante Verletzung des am 27.Juli 1953 abgeschlossenen Waffenstillstandes in
Korea. Die Einkerkerung von elf Angehörigen der amerikanischen Luftstreitkräfte im Anschluß an ein "Verfahren*1 vor einem Militärgerichl
der chinesischen Kommunisten ist nur dazu angetan, diesen Verstoß
gegen ein feierlich eingegangenes internationales Abkommen um so
schwerwiegender erscheinen zu lassen.
Gestatten Sie mir, Ihnen einen Überblick über die einschläj- 6 -

�"ÜÜÜERIKA

DIENST"

15. Dezember 1954

einschlägigen Bestimmungen des koreanischen Waffenstillstandsabkommens zu geben. Sie sind im Artikel III des Waffenstillstandsabkommens und in dem über die Zuständigkeiten der neutralen Repatriierungskommission handelnden Teil des Anhangs enthalten.
Die diesbezüglichen Bestimmungen der Abschnitte 51 und 54 des
Artikels III lauten;
"51. Die Freigabe und Repatriierung sämtlicher Kriegsgefangener, die sich zur Zeit des Inkrafttretens dieses Waffenstillstandsabkommens im Gewahrsam beider Parteien befinden, soll in
Übereinstimmung mit den nachstehenden von beiden Parteien "vor
Unterzeichnung dieses Waffenstillstandsabkommens vereinbarten
Bestimmungen durchgeführt werden.
a) Innerhalb von zwei Monaten nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens sollen beide kriegführenden Parteien unverzüglich und ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten, alle
jene in ihrem Gewahrsam befindlichen Kriegsgefangenen gruppenweise repatriieren, die zu der kriegführenden Partei, auf deren
Seite sie sich bei ihrer Gefangennähme befanden, zurückzukehren
wünschen. Die Übergabe der Kriegsgefangenen soll im Einklang mit
den diesbezüglichen Beatimmungän dieses Artikels durchgeführt
werden. Um die Rückführung zu beschleunigen, soll jede Partei
vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens der anderen Seite die nach Nationalitäten geordnete Gesamtzahl der zu
repatriierenden Kriegsgefangenen mitteilen. Mit jeder Gruppe soll
eine namentliche Aufstellung der zu repatriierenden Kriegsgefangenen, nach Nationalitäten getrennt, übergeben werden, die den
etwaigen Dienstgrad sowie die Internierungs- bzw. Stammrollennummer enthalten soll.
b) Beide kriegführenden Parteien kommen überein, alle nicht
direkt rückgeführten Kriegsgefangenen der Neutralen Repatriierungskommission zur weiteren Betreuung gemäß den im Anhang festgelegten Bestimmungen über den 'Aufgabenbereich der Neutralen
Repatriierungskommission' zu überstellen..,.
54. Die im Abschnitt 51 Absatz a verlangte Repatriierung
sämtlicher Kriegsgefangener soll innerhalb von zwei Monaten
nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkcmmens abgeschlossen
werden. Die beiden kriegführenden Parteien verpflichten sich,
die Repatriierung der genannten, in ihrem Gewahrsam befindlichen
Kriegsgefangenen zum frühestmöglichen Termin innerhalb dieses
Zeitraums zum Abschluß zu bringen."
Nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens waren
die kommunistischen Behörden daher verpflichtet, sämtlich«
Kriegsgefangenen entweder dem Oberkommando der Vereinten Nationen oder aber der Neutralen Repatriierungskommission zu übergeben.
Die von mir früher genannten vier Düsenflugzeugführer sind
weder repatriiert noch der Repatriierungskommission übergeben
worden. Sie werden auch weiterhin von den rotchinesischen Behörden festgehalten.
Die elf überlebenden Besatzungsmitglieder dez am 12.Januar

�"AiklEBIKA DIENST •

15. Dezember 1954

12.Januar 1953 abgeschossenen B-29 werden nicht nur von den chinesischen Kommunisten zurückgehalten, sondern sie sind nach einer Meldung des Senders Peking von einem rotchinesischen Militärgericht zu langfristigen Gefängnisstrafen wegen angeblicher
vor ihrer Gefangennahme begangener Verbrechen verurteilt worden.
Über diese fünfzehn amerikanischen Flieger hinaus ist noch
eine ganze Reihe weiterer Fälle bekannt, in denen Angehörige
der dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstehenden
Streitkräfte - Amerikaner und Bürger anderer Staaten - nicht
repatriiert wurden, oder in denen die Kommunisten entgegen den
von ihnen eingegangenen internationalen Verpflichtungen bisher
keinerlei Auskünfte über das Schicksal der betreffenden Personen
erteilt haben.
Bei diese© groben Verstößen gegen das koreanische Waffenstillstandsabkommen handelt es sich leider nicht um Einzelfälle,
die als Ausnahme zu einer allgemeinen Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen seitens der Kommunisten gelten könnten. Tatsache ist, daß diese Verstöße ihre Parallele finden in schweren
Verletzungen des Waffenstillstandes durch die Kommunisten auch
auf anderen Gebieten, die in keinerlei Zusammenhang mit der
Kriegsgefangenenbehandlung stehen.
In den rotchinesischen Rundfunksendungen wurde mit viel
Aufhebens die Behauptung aufgestellt, daß die Besatzung der
B-29 über chinesischem und nicht über koreanischem Gebiet absprang. Nach der zuverlässigsten Information, die dem Oberkommando der Vereinten Nationen vorliegt, wurde Oberst Arnolds
B-29 über koreanischem Gebiet angegriffen und von der Mannschaft verlassen« Dies entspricht auch den von einem Radargerät
registrierten Daten.
Doch ist die Stelle, an der die Maschine auf dem Boden
aufschlug oder die Besatzung landete, ohne Belang. Die Repatriie
rungsbestimmungen des Waffenstillstandsabkommens machen keine
Unterschiede bezüglich des Ortes der Gefangennahme. Diese Bestimmungen beziehen sich auf sämtliche Kriegsgefangenen, unabhängig davon, an welchem Ort sie gefangengenommen worden sind.
Das Entscheidende ist bei dieser Angelegenheit, daß die
15 Personen zum Zeitpunkt ihrer Gefangennahme Angehörige der
dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstehenden Streitkräfte waren und an einer von diesem Oberkommando befohlenen
Operation teilnahmen. Darauf allein kommt es an.
Die von den Rotchinesen gegen die Besatzung der B-29 erhobenen Beschuldigungen wegen angeblicher Spionagetätigkeit
sind selbstverständlich falsch. Die Besatzung ebenso wie die
Maschine befanden sich auf einer vom Oberkommando der Vereinten
Nationen befohlenen routinemäßigen Plugblattaktion, die zur
Unterstützung der allgemeinen militärischen Operationen der
Vereinten Nationen und im Rahmen des Gesamtvorgehens der Vereinten Nationen in Korea durchgeführt wurde. Die Besatzung war
uniformiert und führte sämtliche erforderlichen Ausweispapiere
bei sich.
Abgesehen
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�".AMERIKA LIEHST"

15. Dezember 1954

Abgesehen aber von diesen Überlegungen, entbehren die Behauptungen der Rotchinesen jeder Grundlage. Selbst wenn die verlogenen Vorwürfe gegen unsere Flieger wahr wären - was nicht
der Fall ist - und selbst wenn unsere Leute Verbrechen begangen
hätten - was auch nicht zutrifft -, fielen sie noch immer unter
die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens, die die Freilassung der Kriegsgefangenen vorsehen. Diese Auffassungen sind
auch durch eine Erklärung der Kommunisten bestätigt, die sie
auf der 16.Sitzung der Militärischen Waffenstillstandskommission am 31.August 1953 in Panmunjom abgegeben haben. In dieser
Sitzung erklärte der Vertreter der koreanischen Volksarmee und
des chinesischen Freiwilligenkorps wörtlich:
"Von unserer Seite wurde wiederholt erklärt, daß wir vor
Abschluß der Repatriierungsaktion alle von uns gefangengenommenen Angehörigen Ihrer Streitkräfte - wenn sie dies wünschen repatriieren werden, einschließlich derjenigen Kriegsgefangenen,
die vor oder nach ihrer Gefangennahme Kriegsverbrechen begangen
haben."
Der Vertreter des Oberkommandos der UN erwiderte darauf:
"Wir werden alle Kriegsgefangenen in absoluter Übereinstimmung mit den Waffenstillstandsbestimmungen und entsprechend
dem vorliegenden Plan repatriieren...."
Diese Auslegung des Waffenstillstandsabkommens durch die
beiden Partner so kurze Zeit nach Abschluß dieses Abkommens erweist über jede Zweifel hinaus die Tragweite, die der von beiden Seiten übernommenen Verpflichtung zukommt.
Entsprechend dieser seiner Auslegung der von ihm übernommenen Verpflichtung hat das Oberkommando der UN-Streitkräfte
418 in seiner Hand befindliche und der Kriegsverbrechen beschuldigte kommunistische Kriegsgefangene (314 Koreaner und
104 Chinesen) zusammen mit 36 wichtigen Zeugen repatriiert.
Es repatriierte des weiteren 166 Mann, denen Verstöße nach
ihrer Gefangennahme zur Last gelegt werden (165 Koreaner und
1 Chinese) sowie 118 wichtige Zeugen. In diesen Fällen lautet
die Anklage auf alle möglichen Verbrechen, einschließlich Mord.
Alle diese Gefangenen verlangten ihre Repatriierung und wurden
tatsächlich bis zum 9»September 1953 repatriiert. So haben die
Vereinten Nationen ihre Verpflichtungen erfüllt.
Die Vollversammlung möge nun ihr Urteil darüber abgeben,
wie weit die Kommunisten ihrerseits den von ihnen übernommenen
Verpflichtungen nachgekommen sind. Wie die Kommunisten selbst das
Waffenstillstandsabkommen auslegten, waren sie verpflichtet,
alle in ihrer Hand befindlichen Kriegsgefangenen, ohne Rücksicht
auf etwa gegen sie vorliegende Beschuldigungen bezüglich irgendwelcher vor oder nach ihrer Gefangennahme begangenen Verbrechen
als Kriegsgefangene zu betrachten, die für eine Repatriierung
in Frage kamen. Die amtlichen Stellen des kommunistischen Chinas,
die einige Angehörige der UN-Streitkräfte auch weiterhin zurückgehalten haben und 11 von ihnen wegen angeblicher Verbrechen aburteilten, haben das Waffenstillstandsabkommen unter Mißachtung
ihrer damaligen Auslegung gebrochen.

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�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Um kurz auf die unwahre Beschuldigung angeblicher Spionagetätigkeit zurückzukommen: Am Montag führte der sowjetische
Vertreter als Beispiel erwiesener Spionagetätigkeit Oberst
Arnolds angebliche Erklärung an, daß sein Plugzeug unbewaffnet
und nur mit zwei Heckgeschützen bestückt gewesen sei. Tatsächlich war Oberst Arnolds Flugzeug eine gewöhnliche B-29, die
für den Nachteinsatz umgebaut worden war. Im einzelnen war die
Maschine schwarz gestrichen, die Auspuffrohre mit Funkenkörben
versehen, einige Geschütze ausgebaut, die verbleibenden mit
Mündungsdämpfern ausgestattet. Beim Nachteinsatz kann eine Maschine nur vom Heck aus unter Verwendung von Radargeräten angreifen, weswegen eine vollkommene Bestückung weder nötig noch
zweckdienlich ist.
Dies, Herr Präsident, ist ein Beispiel dafür, welcher Art
das Beweismaterial war, auf Grund dessen die amerikanischen
Flieger zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern,
daß der sowjetische Vertreter am Montag voriger Woche ausdrücklich erklärte, daß die elf Mann, von denen die Rede ist, Uniform trugen.
Untersuchen wir einmal genau, was er sagte. Zu diesem Zweck
führe ich die nach dem offiziellen Protokoll angefertigte Übersetzung der Ausführungen an, die der sowjetische Delegierte
Malik in russischer Sprache machte. Elf dieser Flieger, sagte
Malik - ich benütze seine Formulierung -, waren - ich zitiere
wörtlich - "in militärischer Uniform". Die russischen Worte
lautetens "Wo formu wojenno-sluschaschtschich". Sie können
sich die Bandaufnahme vorspielen lassen und selbst hören.
Als ich am Montag darauf hinwies, daß es ein Hohn auf den
menschlichen Verstand sei, zu behaupten, daß sich uniformierte
Angehörige der US-Luftstreitkräfte als Spione in China betätigen, machte der sowjetische Vertreter geltend, es handle sich
hier um einen Übersetzungsfehler.
Nun, Herr Präsident, eines der Wunder bei den Vereinten
Nationen ist der Sprachendienst. Ich habe seine Mitarbeiter bereits früher wegen der erstaunlichen Schnelligkeit und Genauigkeit ihrer Arbeit gelobt. Ja, das Wort Genauigkeit ist zu
schwach, um auszudrücken, wie diese begabten Dolmetscher die
wahre Bedeutung und den Sinn der Ausführungen eines Redners
vermitteln.
Die Feststellung überrascht daher keineswegs, daß es sich
in diesem Fall nicht um einen Übertragungsfehler handelt, daß
der Vertreter der Sowjetunion wirklich von den elf Mann "in
militärischer Uniform" sprach, und daß die Tonbandaufnahme diesen Sachverhalt bestätigt.
Es scheint mir keine sehr faire Diskussionsmethode zu sein,
sich auf eine Ungenauigkeit in der Übertragung auszureden, wenn,
wie es hier tatsächlich der Fall war, der sowjetische Delegierte
sicherlich unbeabsichtigt - etwas sagte, was ihm in seiner Argumentation den Boden unter den Füßen wegzieht. Wie die Franzosen
sagen würden: "Ce n'est pas trds chic."
_
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�"kMERIKn DIENST"

15. Dezember 1954

Ganz offensichtlich hat der sowjetische Vertreter tatsächlich gesagt, daß diese Leute Uniform trugen. Nicht minder einleuchtend aber ist die Tatsache, daß es einfach unvorstellbar
ist, daß Angehörige der US-Streitkräfte, Männer in der Uniform
des amerikanischen Militärs, in China Spionage betreiben. Damit
bricht die Argumentation der Kommunisten zusammen, und der
Versuch, die Schuld den Dolmetschern zuzuschieben, wird ihnen
wenig helfen.
Wie die Dinge heute liegen, Herr Präsident, ist die im
koreanischen Waffenstillstandsabkommen für die Entlassung der
Kriegsgefangenen gesetzte Frist inzwischen um fast 18 Monate
überschritten. In eklatantem Verstoß gegen eine der wichtigsten Bestimmungen dieses Abkommens halten die chinesischen
Kommunisten auch weiterhin eine Anzahl von Soldaten der UNStreitkräfte fest und haben elf Mann zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Es muß daher etwas unternommen werden,
um ihre Entlassung sowie die Entlassung aller Angehörigen der
UN-Streitkräfte, die ein Anrecht auf Repatriierung haben, zu
bewerkstelligen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten, die den Oberkommandierenden der Streitkräfte der Vereinten Nationen in Korea
stellt, hat daher die von mir bereits näher bezeichneten
Schritte unternommen, um zu erreichen, daß die chinesischen
Kommunisten die ihnen durch das Waffenstillstandsabkommen
auferlegten Verpflichtungen auch erfüllen. Die diesbezüglichen
bisherigen Bemühungen der Regierung der Vereinigten Staaten
scheiterten restlos. Nach eingehender und erschöpfender Beratung mit allen anderen UN-Mitgliedstaaten, deren Streitkräfte in Korea kämpften, haben wir nunmehr die Angelegenheit
zur dringlichen Behandlung vor die Vollversammlung gebracht.
Es ist dies eindeutig ein Fall, in dem den Vereinten Nationen eine besondere Verantwortung obliegt. Sie leitet sich
aus der Tatsache ab, daß die Vereinten Nationen es waren, die
die gemeinsamen Kräfte zur Verteidigung der Republik Korea
mobilisierten, als diese vor viereinhalb Jahren angegriffen
wurde. Die Vereinten Nationen haben den Sachverhalt festgestellt, sie forderten die Nordkoreaner auf, die Aggression zu
beenden und ersuchten die UN-Mitgliedstaaten, jede Unterstützung,
einschließlich der Entsendung bewaffneter Streitkräfte, zur Verteidigung Koreas zu gewähren. Sie stellten fest, daß sich auch
die chinesischen Kommunisten der Aggression schuldig machten.
All dies geschah in der Überzeugung, daß diese Weltorganisation
erfolgreich der Aggression entgegentreten und so dazu beitragen
könne, ein dauerndes Fundament für die Erhaltung des Friedens
zu schaffen, während bisher der Friede immer wieder durch
Aggressoren gestört worden war, die glaubten, daß sie sich
durchsetzen könnten.
Aus diesen Gründen haben die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen dringend ersucht, für die Achtung des Rechts
zu sorgen.
Vorige Woche gab Präsident Eisenhower der Vermutung Ausdruck, die eklatante Verletzung des Waffenstillstandsabkommens
seitens
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�-

' "üikiliRlK^ DIENST"

15. Dezember 1954

seitens der chinesischen Kommunisten durch Einkerkerung von
Angehörigen der UN-Streitkräfte ziele vielleicht ganz bewußt
darauf ab, die Vereinigten Staaten zu unüberlegten Aktionen
zu verleiten in der Hoffnung, so zwischen sie und die übrigen
freien Völker einen Keil zu treiben. Wenn das der Fall sein
sollte, so werden die Beteuerungen der Kommunisten hinsichtlich einer friedlichen Koexistenz wahrlich zu einer lächerlichen Farce. Aber sei dem wie es wolle, für uns gelten die
Worte Präsident Eisenhowers:
"Wir sind es uns und der Welt schuldig, jedwede Möglichkeit einer friedlichen Bereinigung der Differenzen zu erkunden,
ehe wir den leisesten Gedanken an Krieg hegen dürfen.
Es ist wahrlich ein gerüttelt Maß an Einsicht nötig, immer wieder den Mut zur Geduld aufzubringen und unermüdlich nach
jedem nur gangbaren V/eg zu suchen in der Hoffnung, auf der anderen Seite schließlich doch ein wenig Verständnis dafür zu
wecken, daß wir es ehrlich meinen."
In diesem Geiste haben die Vereinigten Staaten zusammen
mit 15 anderen UN-Mitgliedstaaten, die bewaffnete Streitkräfte
zum Kampf nach Korea entsandten, der Vollversammlung den Entwurf einer Resolution vorgelegt, die in Dokument A/L 182 enthalten ist. Ich werde sie im Wortlaut vorlesen, sie ist kurz
und klar:
"Die Vollversammlung der Vereinten Nationen
- nach Prüfung des von den Vereinigten Staaten als
Repräsentant des Oberkommandos der Vereinten Nationen
eingebrachten Antrags bezüglich 11 von chinesischen Truppen als Gefangene eingebrachten Angehörigen der dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstellten Streitkräfte, die am 12.Januar 1953 an einer vom UN-Oberkommando befohlenen Aktion teilgenommen hatten, - und unter Hinweis auf die Bestimmungen des Artikels III des Vertrages über den Waffenstillstand in
Korea betreffend die Repatriierung von Kriegsgefangenen 1. erklärt, daß die Zurückhaltung und Einkerkerung der
im Dokument A/2830 erwähnten und dem Oberkommando der UN
unterstehenden 11 Angehörigen der amerikanischen Luftstreitkräfte, sowie die Zurückhaltung aller übrigen in
Gefangenschaft geratenen Angehörigen der UN-Streitkräfte,
die ihre Repatriierung wünschen, einen Verstoß gegen das
Waffenstillstandsabkommen für Korea darstellt;
2. mißbilligt die Tatsache, daß die nach dem 25.September 1953 illegal zurückgehaltenen Kriegsgefangenen vor
Gericht gestellt und verurteilt wurden, da ein solches
Vorgehen im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen
für Korea steht;
3« ersucht den Generalsekretär, sich namens der Vereinten Nationen darum zu bemühen, daß die 11 Angehörigen
der
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�'lAuLhIKxi LLSMSI"

15« Dezember 1954

der UN-Streitkräfte und alle übrigen in Gefangenschaft geratenen und noch zurückgehaltenen Angehörigen der UN-Streitkräfte gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages
für Korea freigelassen werden;
4. ersucht den Generalsekretär auf dem ihm am besten geeignet erscheinenden Wege, sich ständig und unermüdlich für
dieses Ziel einzusetzen und allen Mitgliedern der UN bis
zum 31.Dezember 1954 über den Erfolg seiner Bemühungen zu
berichten".
Wir bitten die Vollversammlung dringend, diese Entschließung
mit überwältigender Mehrheit anzunehmen. Dies wäre eine eindeutige Bekundung der Auffassung der Vollversammlung, daß die weitere
Zurückhaltung der Kriegsgefangenen durch die chinesischen Kommunisten im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen in Korea
steht. Die Vollversammlung würde damit alle moralischen Kräfte
aufbieten, auf die Freilassung der ungesetzlich zurückgehaltenen
Kriegsgefangenen hinzuwirken. Und schließlich ist so die Aussicht gegeben, daß Mittel und Wege gefunden werden, die Freilassung dieser Gefangenen durchzusetzen, und daß laufend über
den Portgang der Bemühungen zur Freilassung berichtet wird.
Tausende und aber Tausende Soldaten aus 16 Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen wurden einst auf Anordnung der Vereinten
Nationen nach Korea entsandt, um die kommunistische Aggression
abzuwehren. Nach Beendigung der Kampfhandlungen wurden klare
Abmachungen über die Freilassung der Kriegsgefangenen getroffen.
Das Waffenstillstandsabkommen, das diese Bestimmungen enthält,
wurde von der Vollversammlung der UN am 28.August 1953 mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Die Kommunisten verstoßen nun
offen gegen diese Abmachungen, und sie fügen diesem Verstoß
noch die Aburteilung von 11 der von ihnen widerrechtlich zurückgehaltenen Soldaten hinzu, in der Absicht, diese für einen
schamlosen Propagandacoup zu mißbrauchen, bei dem man sich auf
erlogene Beschuldigungen und von ihnen selbst zusammengebrautes
Beweismaterial stützt.
Angesichts dieser ernsten Lage ist es angebracht und notwendig, daß die Vereinten Nationen für die Respektierung ihrer
Autorität und Würde Sorge tragen und so die Rechte der kämpfenden Truppen sichern.

*

* * * *

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 2/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower zur Weltlage&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 9/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles fordert Fortführung des US-Auslandshilfsprogrammes&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 23/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geoffrey Lewis: Die Deutschlandpolitik der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 11/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss: Atomenergie muss Segen der Menschheit werden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dwight D. Eisenhower: Rede vor dem Kongress des Weltkirchenrates in Evanston&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stassen: Revidierung der "Battle Act" - Liste&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1 /IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower vor der "Amerika Legion": US-Politik muss überparteilich sein&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower in Des Moines: Die freie Welt ist trotzdem überwältigend stark&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: unverzügliche Einberufung des NATO-Rates und baldige Beratung mit Bundeskanzler Adenauer&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower in Shippingport: Bemühungen zur Schaffung eines internationalen Atompools werden fortgesetzt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles zur Eröffnung der Manila-Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 22/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles berichtet über Manila-Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles Rede vor der UN-Vollversammlung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Dr. Conant zur Eröffnung der amerikanischen Atomenergie-Ausstellung in Berlin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;James Wadsworth: Die Frage der Internationalen Abrüstung vor der neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Winthrop W. Aldrich: Für stärkere Liberalisierung des amerikanischen Außenhandels&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles berichtet über die Pariser Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Henry Cabot Lodge jr. legt amerikanischen Atomplan vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Dr. James B. Conant zur Frage der europäischen Integration und Wiedervereinigung Deutschlands (über RIAS Berlin)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Manila-Pakt dem US-Senat zur Ratifizierung vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Pariser Verträge dem US-Senat zur Ratifizierung vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 18/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge: USA stellen 100 Kilo spaltbares Material für den internationalen Atompool&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Das Ziel der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. James B. Conant in Cleveland zur politischen Situation in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dr. James B. Conant in Chicago: Wir müssen auf die demokratischen Kräfte im deutschen Volk vertrauen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 15/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge: Rotchina verletzt Waffenstillstand in Korea&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST - SONDERBEILAGEN

1964

= = = = = s= = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = = =:s±

DER WEG ZUM V/ELTFRIEDEN
von Walt W. Rostow
EINE V/ELT OHNE KRIEG
Praesident Johnsons
Botschaft ueber die Lage der Nationen. 8. Januar 1964»
DIE NATO HEUTE - EINE ANALYSE
Ansprache des Botschafters George C. McGhee,
vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft im AmerikaHaus, Frankfurt/M., 15. Januar 1964«
DIE WIRTSCHAFTSBOTSCHAFT - PRAESIDENT JOHNSONS
A u s z u e g e
aus dem Wirtschaftsbericht, den
Praesident Johnson am 20. Januar 1964 dem amerikanischen
Kongress vorgelgt hat.
DAS NEUE US-BUDGET EUER 1964/65
Zusammenfassung des neuen US-Haushalts,
den Praesident Johnson am 21. Januar 1964 dem
amerikanischen Kongress vorgelegt hat.
WACHSENDE WIRTSCHAFTSSCHWIERIGKEITEN IN DER
SOWJETUNION
Ein Bericht des US-Zentrslamtes fuer Nachrichten
und Abwehr. (CIA)
DIE OST-WEST-BEZIEHÜNGEN HEUTE
Ansprache des Botschafters George C. McGhee
vor der Deutschen Gesellschaft fuer Auswaertige Politik e.V.,
in Bad Godesberg am 18. Februar 1964»
KEINE VERSCHWENDUNG, KEIN ZURUECKWEICHEN
19. Maerz 1964, V/ortlaut.
Praesident Johnson unterbreitet dem US-Kongress
Auslandshilfe-Botschaft.
WIR HABEN EINE NEUE ARENA BETRETEN
W o r t l a u t
der grossen aussenpolitischen Rede
des US-Praesidenten Lyndon B. Johnson, am 20.April 1964»
N.S. "SAVANNAH"
Schrittmacher eines neuen Zeitalters der Schiffahrt.
DIE ROLLE DES GEOLOGEN UND GEOPHYSIKERS IN EINER
EXPANDIERENDEN WELTWIRTSCHAFT
Ansprache des US-Botschafters George C. McGhee,
gehalten in der Freien Universitaet Berlin, am I.Juli 1964.

�- 2 -

WARREN - BERICHT *)
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen.
*) Report of The President's Commission on the
Assassination of President John P. Kennedy;
United States Government Printing Office,
Washington,D.O.,1964.
GAERUNGSZONE OSTEUROPA
.Ansprache des US-Botschafters George C.McGhee,
vom 13» Oktober 19^4» im Amerika-Haus, Kassel.
DER WELTHANDEL UND DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
von Dean Rusk
W o r t l a u t

der Rede vom 16. November 1964»

�A M E R I K A

Sonderbeilage

D I E N S T

Allg./XVIl/Nr. 1
•
DER WEG ZUM WELTFRIEDEN
Von W a l t W. Rostow

V o r s i t z e n d e r d e s R a t e s f ü r p o l i t i s c h e P l a n u n g im
Außenministerium der Vereinigten Staaten

Präsident Johnsons Entschlossenheit, die Auslandspolitik des verstorbenen Präsidenten Kennedy fortzusetzen, hat die außenpolitische Konzeption der
USA erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit
gerückt. Die nachfolgenden drei Artikel aus der
Feder des Vorsitzenden des Rates für politische
Planung im US-Außenministerium legen diese Konzeption noch einmal dar.
Der Nachdruck der Artikel ist frei und unterliegt
keinerlei Copyright-Beschränkungen.

�Teil I
DAS FEHLSCHLAGEN DER KOMMUNISTISCHEN OFFENSIVE
IN DER NACH-SPUTNIK-PERIODE

Mehr als siebzehn Jahre sind vergangen, seit Stalin im Februar
1946 erklärt hat, die Sowjetunion habe nicht die Absicht, nun mit der
Welt Frieden zu schließen, sondern sei vielmehr entschlossen, den Kampf
bis zur Verwirklichung der Weltherrschaftsziele des Kommunismus fortzusetzen. Diese Haltung der Sowjetunion ist der Grund, warum unsere Nation sich nun seit mehr als einer Generation mit dem Geschäft des Kalten Krieges befassen muß, einem Geschäft, das hohe Anforderungen an
ihre Reserven, Talente und Energien stellte und wahrscheinlich noch in
Zukunft stellen wird.
In dieser Zeit haben wir zwei kommunistische Hauptoffensiven erlebt,
die dazu bestimmt waren, Macht und Einfluß der Kommunisten über die als
Ergebnis des zweiten Weltkrieges gewonnenen Gebiete hinaus auszudehnen.
Von 1946 bis 1951 drängte Stalin heftig, zuerst im Westen und dann im
Osten. Er versuchte, den Iran, die Türkei, Griechenland, Frankreich und
Italien ideologisch- zu durchdringen, und 1948 blockierte er Berlin. Stalins Offensive in Richtung Westen

wurde gestoppt durch die Truman-Dok-

trin, den Marshall-Plan, die Gründung der NATO und durch den Erfolg der
Berliner Luftbrücke.
Seine asiatische Offensive, zu welcher die ausgedehnte Partisanenkriegführung in Indochina, Malaya, Indonesien und auf den Philippinen sowohl als auch der Versuch zur Eroberung Südkoreas gehörten, kam im Frühjahr 1951

zum

Stillstand, nachdem die reorganisierten Truppen der Ver-

einten Nationen in Korea die chinesisch-kommunistischen Armeen auf den
38. Breitengrad zurückgeworfen hatten.
Als im Sommer 1951 in Korea die Waffenstillstandsverhandlungen begannen, hatte Stalin bereits Osteuropa konsolidiert und hatte Mao Tsetung das chinesische Mutterland in seine Gewalt gebracht. Das Schwergewicht der internationalen Macht aber lag noch immer bei den Staaten der
freien Welt.

_T ,
Nach
-

1

-

�Nach dem Tode Stalins, im März 1953, leitetendie neuen Männer in
Moskau mit einer Reihe von Veränderungen auf innenpolitischem, militärischem und außenpolitischem Gebiet ein Programm ein, das einige
Jahre zum Anlaufen brauchte. Außerdem sah man sich einem unterirdisch
schwelenden Machtkampf im Inneren gegenüber, den Chruschtschow erst
1957 für sich entscheiden konnte. So setzte - nach einer relativ ruhigen Phase des Kalten Krieges - erst in diesem Jahr, und zwar kurz nach
dem Start des ersten Sputniks, die zweite große kommunistische Offensive ein. Vor dem Hintergrund dieser technischen Errungenschaft und der
Raketenschlagkraft, die sie verkörperte, begann Chruschtschow seine Raketenerpressungskampagne, initiierte die Berlin-Krise und übte starken
Druck auf die Entwicklungsländer in Südostasien, Mittelost, in Afrika
und Lateinamerika aus.
Die Kommunisten versuchten in diesen Gebieten Subversionsagitation,
Handel und Hilfe aufeinander abzustimmen; sie appellierten an die antikolonialistischen und nationalistischen Instinkte der Bevölkerung und
suchten den Entwicklungsländern auf Kosten des Westens den Kommunismus
als die beste Methode zum Aufbau unterentwickelter Gebiete schmackhaft
zu machen.
Das 1955 m it Ägypten geschlossene Waffenlieferungsabkommen und der
Vertrag über den Bau des Assuan-Staudammes waren erste Schritte in dieser Richtung gewesen. Aber erst drei Jahre später sollte - im Gefolge
des ersten Sputniks - Chruschtschows Offensive auf der Basis dieser
Pläne Gestalt annehmen. Es war im Jahre 1958» als Chruschtschow das
Berlin-Ultimatum stellte und damit einen härteren Kurs bezüglich Berlin
einschlug. Es war im Jahre 1958» als die kommunistische Partei in
Hanoi bekanntgab, daß sie versuchen werde, die Regierung in Saigon
durch einen Guerillakrieg zu stürzen, und sich dann anschickte, dieses
Ziel mit Hilfe des Pathet-Lao systematisch zu verwirklichen.
Es war in dieser Zeit nach dem Start des ersten Sputniks, als die
Kommunisten anfingen, die Unruhen und die Verwirrung im Kongo dazu
zu benutzen, ihn als Basis für die weitere Expansion des Kommunismus
in Zentralafrika auszubauen; und sie investierten eine Milliarde Dollar
an Militärhilfe, um den Bruch - wenn nicht gar einen Krieg - zwischen

-

2

-

�zwischen Indonesien und den Niederlanden herbeizuführen und den
kommunistischen Einfluß in Indonesien zu stärken. Es geschah auch
zu eben jener Zeit - vielleicht war es Zufall ,-,daß Fidel Castro in
Kuba das Regiment übernahm.
Indes, zweimal in diesem Jahre 1958 konnten die Vereinigten
Staaten durch ihre entschlossene Haltung den Kommunisten Einhalt
gebieten, und zwar während der Auseinandersetzung zwischen dem Libanon und Jordanien und in der Quemoy-Matsu-Krise. Dennoch besaß
die von den Kommunisten geführte höchst intensive politische, wirtschaftliche und subversive Kampagne

in den Entwicklungsländern Süd-

ostasiens, Afrikas und Lateinamerikas noch eine erhebliche Schwungkraft.
Kennedy schließlich gelang es im ersten Jahr nach seinem Regierungsantritt im Januar 1961, der kommunistischen Offensive einiges
von ihrem Elan zu nehmen, indem er die Fadenscheinigkeit der beiden
Hypothesen aufzeigte, die die Grundlagen dieser Offensive bildeten.
Nach der im Mai 1961 unter prekären Umständen erreichten Feuereinstellung in Laos und nach der Beilegung der Kuba-Krise im Oktober
1962 war die Aufgabe praktisch vollbracht.
Die erste Zurechtweisung - in bezug auf ihre nuklearen Erpreasungsversuche - erhielten die Sowjets während des Verlaufs der BerlinKrise in den Jahren 1961/62 und im besonderen mit Präsident Kennedys
Erklärungen vom Juli 1961 und den nachfolgenden militärischen Maßnahmen .
Nachdem es den Sowjets nicht gelungen war, die Einheit der westlichen Allianz durch ihre Übergriffe auf die Berliner Luftkorridore
im Februar-März 1962 aufzuspalten, war es ihnen offensichtlich zu
riskant, weitere direkte Unterminierungsversuche zu wagen. Sie zogen
das kubanische Raketenspiel auf, doch sein denouement zwang die Sowjets
zumindest für den Augenblick, ihre Annahme, daß die freie Welt angesichts der atomaren Kriegsdrohung auf Lebensinteressen verzichten
würde, zu revidieren.
Die zweite Zurechtweisung, die die.

Frage betraf, ob es dem

Westen gelingen würde, die kommunistische Expansion in den unterentwickelten Gebieten auszuschalten, wurde den Sowjets auf verschiedene

-

3 -

�verschiedene Weise erteilt, und zwar in Laos, in Vietnam, in Indonesien, in Afrika und Lateinamerika sowie durch die Isolierung der
kommunistischen Regierung auf Kuba und die Gründung der Allianz für
den Fortschritt.
Nach der Beilegung der Kuba-Krise im Herbst 1962 hatte die
kommunistische Offensive in den Entwicklungsländern erheblich an
Stoßkraft verloren. In der Folge ergab sich eine Reihe von Situationen, die sich auf die künftige Sowjetpolitik auswirken mußten.
Erstens hatte der wirtschaftliche Aufstieg Westeuropas - der
größte seit 1914 - nichts an Schwung eingebüßt, und Europas Heranreife»

zur Großmacht war ebenso wahrscheinlich wie seine wachsende

nukleare Rolle. Moskau kann nicht darauf bauen, daß Westeuropa auf
ewig im Schußbereich der sowjetischen Mittelstreckenraketenstreitmacht verharren wird ohne aktiv an der Abwehr dieser Raketenbedrohung
teilzunehmen.
Zweitens hatten, sieht man von den Bemühungen der USA ab, der Su
versionstätigkeit der Kommunisten in den Entwicklungsländern Einhalt
zu gebieten, die jungen Nationen ihre Unabhängigkeit mit zunehmendem
Geschick und großer Entschlossenheit zu verteidigen gewußt; es sind
dort Kräfte am Werk, die eine kommunistische Machtübernahme in diesen
Gebieten als ein unrealistisches Vorhaben erscheinen lassen - wenngleich diese Tatsache von den Politikern in Moskau - ganz zu schweige»
von Peking, Hanoi und Havanna - offensichtlich noch nicht in ihrer
vollen Tragweite erkannt wird.
Drittens verstärkten die unterschwellig vorhandenen nationalistischen Bestrebungen in den vom Kommunismus beherrschten Staaten, vo
allem aber der chinesischTsowje tische Ideologienstreit, die Tendenz
zur Aufsplitterung des kommunistischen Blocks.
Viertens wirkte sich, ganz abgesehen von der chronischen Unfähigkeit kommunistischer Staaten, ihre landwirtschaftliche Produktion so zu organisieren, daß ihre Völker nicht zu darben brauchen,
die stark rückläufige industrielle Zuwachsrate im Sowjetblock nachtei
lig auf die gesamte Wirtschaft auf. Im Jahre 1962 z.B. hatten die
NATO-Staaten eine durchschnittliche Zuwachsrate von 4,8 Prozent des
Bruttosozialprodukts aufzuweisen, der kommunistische Block dagegen ohne Rotchina - brachte es nur auf 3«6 Prozent.
Diese

�Diese r ü c k l ä u f i g e Entwicklung, d i e ein Absinken der Gesamtzuwachsrate von rund sieben Prozent in früheren Jahren auf

vielleicht

Tier Prozent oder d a r u n t e r bewirkt h a t , d ü r f t e sich bei d i e s e r - an
• i c h »och immer r e c h t hohen - Zuwachsrate mit S i c h e r h e i t auf jene
M i t t e l a u s w i r k e n , d i e der Sowjetunion für die A u s l a n d s h i l f e , für Rüstungsausgaben und Inlandsvorhaben zur Verfügung s t e h e n .
Und s c h l i e ß l i c h werden die Tendenzen zur L i b e r a l i s i e r u n g der
Gesellschaftssysteme

in Rußland und in Osteuropa - t r o t z der mit

großem E k l a t g e s t a r t e t e n Nach-Sputnik-Offensive

der Sowjets - auf

lange S i c h t n i c h t ohne Wirkung b l e i b e n , ebensowenig wie das Verlangen
der Völker nach g r ö ß e r e r Betonung i h r e r n a t i o n a l e n Belange und i h r
a l l g e m e i n e r Wunsch nach F r i e d e n .

-

5

-

�Teil II
DIE GRÖSSTE GEFAHR, DIE UNS DROHT

Wie sollen wir die Periode definieren, in der wir uns gegenwärtig befinden?
Was Chruschtschow unter "Entspannung" versteht, hat er eindeutig
klargestellt, als er erklärte, daß er einer Regelung der deutschen Frage,
die nicht gleichzeitig eine Anerkennung des Ulbricht-Regimes einschlösse,
nicht zustimmen könne, daß eine deutsche Einheit nur unter kommunistischen Auspizien denkbar sei, daß eine Inspektion der Sowjetunion durch
internationale Abrüstungskontrollorgane nicht in Frage komme, daß eine
friedliche Koexistenz auf

ideologischem Gebiet einfach unmöglich sei -

d.h., daß die kommunistischen Parteien weiterhin jede Schwäche oder
Uneinigkeit in der freien Welt für die Sowjetunion und den Kommunismus
ausnutzen werden.
Das Atomteststopp-Abkommen und die Einrichtung des "heißen" Drahtes zwischen Washington und Moskau beweisen jedoch, daß es Interessen
gibt, die Chruschtschow mit uns teilt: nämlich die unkontrollierte
Ausbreitung der Atomwaffen und einen Krieg aus Versehen oder durch
Fehleinschätzung der Lage zu verhindern. Auch hat er sich an einer Ausweitung des Handels mit den Ländern außerhalb des kommunistischen
Blocks durchaus interessiert gezeigt.
Dies also ist die heutige sehr schmale Basis gegenseitiger Verständigungsmöglichkeiten. Was sich über diese Zeit des Abwartens grundsätzlich sagen läßt, ist, daß die nach dem Start des ersten Sputniks
eingeleitete ambitiöse Offensive - zumindest für kurze Zeit - zum
Stillstand gebracht wurde und daß der Kreml, der sich im eigenen Land
wie im Ausland ernsten Problemen gegenübersieht, nunmehr gezwungen ist,
eine völlig neue strategische Konzeption zu entwickeln.
Welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Vereinigten Staaten
und den Westen? Was sollten unsere Ziele in dieser Zeit des Atemholens
sein, die wir zum großen Teil unserer Politik der Stärke, der Entschlossenheit und der Einigkeit der freien Welt verdanken?
Ich

�Ich möchte diese Frage zunächst vom Negativen her beantworten.
Die größte Gefahr für uns wäre, daß wir und unsere Verhündtte«
diese Pause zum Anlaß nehmen würde», nunmehr weniger entschlossen
und weniger wachsam gegenüber den nocj) ifjmer zahlreichen, immer noch
schwelenden Gefahrenherden in der Welt ftu sein.
Die Männer im Kreml aber könnten bestenfalls hoffen, daß die
Vereinigten Staaten und der Westen nicht in der Lage sind, den jetzigen Kurs zu halten; daß Fehleinschätzungen der Lage den Kalten Krieg
beenden werden; daß wir - aus Überdruß oder wegen starker innerpolitischer Inanspruchnahme oder aus dem Wunsche heraus, uns rein nationalen Aufgaben zu widmen - dem Kommunismus neue Expansionsmöglichkeiten
eröffnen werden.
So müssen wir darauf gefaßt sein, daß uns die fünf Grundfragen,
mit denen wir uns als Nation und als eine Gemeinschaft freier Menschen
im Verlauf der Stalinschen und der Chruschtschowschen Offensiven seit
1946 auseinandersetzen mußten,auch in Zukunft immer wieder gestellt
werden.
Das heißt:
Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin fest zu ihrer Verpflichtung stehen, die Sicherheit des Westens zu gewährleisten;
Westeuropa muß auch künftig seine wirtschaftliche, soziale und
politische Lebensfähigkeit unter Beweis stellen;
der gesamte Westen muß darauf vorbereitet sein, jedem kommunistischen Vorstoß, der über die Grenzen des Kalten Krieges hinaus geht,
wirksam zu begegnen;
wir müssen die noch unzureichenden Bemühungen in den unterentwickelten Gebieten fortführen und damit den Völkern und Regierungen zeigen,
daß sie mit unserer Hilfe ihre Unabhängigkeit sichern und den Aufbau
ihrer modernen Gesellschaftssysteme in Einklang mit ihren Traditionen,
ihrer Kultur und ihren eigenen Zielsetzungen und Hoffnungen vollenden
könnenj
das heißt schließlich, daß der Westen seine politische, wirtschaftliche und militärische Stärke so ausbauen muß, daß die nukleare
Erpressung eine sowohl diplomatisch als auch militärisch unproduktive
Technik bleibt.
Nachdem

�Nachdem sie uns seit 1946 vor eine Reihe von harten Prüfungen
gestellt haben, werden die Herren in Moskau wohl nur zögernd auf
Methoden zurückgreifen, die sich in der Vergangenheit als wirkungslos erwiesen; doch der Kommunismus ist keine sich selbst genügende
Erscheinungsform.
Wir können gewiß sein, daß Moskau jede Schwäche der freien Welt
zu seinem eigenen Vorteil nutzen wird, wann immer ihm dies ohne große
Kosten und Risiken möglich erscheint. Wir müssen also darauf achten,
den Kommunisten möglichst wenige Ansatzpunkte zu bieten, und wir
müssen sicherstellen, daß solche Ausbeutungsversuche für sie mit untragbar hohen Kosten und Risiken verbunden bleiben.
Ist diese Annahme korrekt, ergeben sich daraus für uns gewisse
Schlußfolgerungen: Es darf kein Nachlassen unserer militärischen Schlagkraft geben. Dies ist nicht nur eine Frage der Verteidigungsbudgets,
sondern auch der Aufrechterhaltung unserer eigenen sowie der Streitkräfte unserer Verbündeten in Übersee, die gebraucht werden, um den
Kommunismus vor jeder Gewaltanwendung abzuschrecken. Wir müssen ferner unsere Auslandshilfeprogramme beibehalten und unsere Verbündeten
in Japan und Westeuropa immer wieder auffordern, ihre eigenen Hilfsprogramme noch weiter auszubauen.
Die Staaten Westeuropas, die sich von den Kriegsfolgen wieder
voll erholt haben, sind nun dabei, eine größere Rolle im Weltgeschehen
zu übernehmen.
Sie glauben - und zwar mit Recht - ein größeres Mitspracherecht
bei der Erörterung jener Fragen beanspruchen zu können, die ebensosehr
für ihr eigenes Schicksal wie für unseres entscheidend sind. Kernpunkt
des Gesamtproblems aber ist die Frage, wie sich Europa organisieren
soll und wie sich seine künftigen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten gestalten werden.
Es ist nur natürlich, daß in dieser Periode des Übergangs Diskussionen stattfinden und Meinungsverschiedenheiten auftreten, handelt es sich doch um die Errichtung des größten internationalen Organisationsgefüges, das je in Friedenszeiten geplant wurde. Wesentlich ist
jedoch, daß sich mit der Fortdauer der Verhandlungen - die die Schlagzeilen abgeben - auch eine stärkere Bereitschaft zur Zusammenarbeit einstellt.

*

�Teil III
DER FRIEDE ALS FRUCHT DER POLITIK UND GESCHICHTE

In der ersten Nachkriegszeit, Mitte der fünfziger Jahre und in
jüngster Zeit haben wir ernsthafte Anstrengungen unternommen, Klarheit darüber zu gewinnen, ob Verhandlungen ein geeigneter Weg sind,
den Weltfrieden zu sichern und stabilere Verhältnisse zu schaffen.
Wir befinden uns gewissermaßen in der dritten Runde derartiger Versuche .
Den Erklärungen aus Moskau und der sowjetischen Politik nach zu
urteilen, besteht im Augenblick kein Grund zur Hoffnung auf eine baldige ,umfassende Regelung der strittigen Fragen. Fortschritte auf dem
Weg zu einer friedlicheren Welt können wir deshalb bestenfalls als
Ausfluß einer historischen Entwicklung, nicht aber als Folge eines
einzigen, fest umrissenen Ereignisses erwarten.
Es erhebt sich die Frage: Welche Aussichten bieten sich uns im
Verlauf eines solchen geschichtlichen Prozesses? Inwieweit dürfen
wir hoffen, daß die geschichtliche Entwicklung in Richtung auf eine
friedliche Lösung der gegebenen Streitfragen verlaufen wird?
Eine Feststellung sei vorweggenommen: der Kommunismus konnte
immer dann an Boden gewinnen, wenn die Vereinigten Staaten und der
Westen Zeichen der Schwäche oder Verwundbarkeit erkennen ließen,
und umgekehrt herrschten immer dann relativ stabile Verhältnisse,
wenn etwaigen kommunistischen Vorstößen ein klares Halt entgegengesetzt werden konnte.
Es war zweifellos die einseitige amerikanische Demobilisierung
in den Jahren 1945/46 im Verein mit der wirtschaftlichen, politischen
und sozialen Schwäche Westeuropas, die Stalins Appetit weckte. Es war
die offenkundige Schwäche und Verwundbarkeit Asiens, die Stalins und
Maos Hoffnungen in den späten vierziger Jahren beflügelte. Und es
war die angenommene Schutzlosigkeit des Westens gegenüber einer
nuklearen Erpressung und die erwiesene Schutzlosigkeit der Entwicklungsländer gegenüber kommunistischen Übergriffen, die die Basis

-

9

�Basis für Chruschtschows Vorstöße in der Zeit nach dem Start des
ersten Sputniks abgaben.
Die erste Lehre aus unseren Erfahrungen lautet mithin: Die
Friedensaussichten stehen in einer direkten Beziehung zu der Stärke
und Einigkeit des Westens und der Wirksamkeit unserer Politik in
allen Teilen der Welt.
Und es ist da noch vieles andere. Die innerhalb des kommunistischen Machtblocks wirksamen Kräfte tendieren alle in ein und dieselbe Richtung: der Nationalismus ist i* Rotehiwa ebenso wie in Osteuropa und sogar in der Sowjetunion auf dem Vormarsch. Einer der
ältesten Ansprüche des Kommunismus - eine Lehrei-und eine Bewegung
zu sein, die über alle nationalistischen Aspirationen hinausgewachsen
ist - hat daher noch nie so wenig Überzeugungskraft besessen wie im
gegenwärtigen Augenblick. Im Gegensatz dazu war die nicht-kommunistische Welt mit Erfolg um Mittel und Wege bemüht, die es traditionsreichen und selbstbewußten Nationalstaaten gestatten, um eines gemeinsamen höheren Zieles willen gemeinsam zu handeln. Das gilt für Europa,
die Atlantische Gemeinschaft, Asien, Lateinamerika und Afrika gleichermaßen.
Des weiteren läßt sich die Behauptung der Kommunisten, eine wirksame,

wenn auch vielleicht etwas rauhe Methode zur Entwicklung wirt-

schaftlich rückständiger Gebiete gefunden zu haben, heute nicht mehr
länger aufrechterhalten. Lenkungsmaßnahmen kommunistischen Stils haben
sich beispielsweise als gänzlich ungeeignet erwiesen, die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern zu verbessern,
in denen drei Viertel der Bevölkerung mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt sind. Dies hat das kommunistische China in den letzten fünf
Jahren vor den Augen der gesamten Welt mehr als hinreichend demonstriert, und die Ereignisse in Nord-Vietnam und auf Kuba sind dazu
angetan, dies nur noch mehr zu unterstreichen.
Je länger man in den hochindustrialisierten Ländern die Entwicklung in der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern verfolgt, um so deutlicher zeigt sich, daß der Kommunismus als eine
Methode zur Organisierung moderner Gesellschaften hinsichtlich des
Wachstums, der Stabilität und der sozialen Gerechtigkeit aber auch

10

�auch nichts zu tun vermag, was sich unter einer demokratischen Gesellschaftsordnung nicht weit besser bewerkstelligen ließe. Tatsachen und Ereignisse^und nicht theoretische Überlegungen,demonstrieren, daß der Kommunismus eine technisch unterlegene und menschlich
untragbare Alternative darstellt.
Auch in Osteuropa besteht Grund zu Hoffnungen. Nach fast einem
Menschenalter eines Monopols im Bereich der Propaganda und Erziehung
heftet die Jugend dieser Länder heute ihren Blick auf die rasche soziologische Evolution im Westen und besinnt sich im kulturellen Bereich
auf nationale Traditionen, die mit denen der Völker Westeuropas engstens verknüpft sind.
In Ostdeutschland sehen wir ein einer Besatzung gleichkommendes
Regime, das von der Welt als ein historischer Anachronismus empfunden
wird.
Keine dieser historischen Tatsachen oder Tendenzen wird für sich
allein einen Fortschritt auf dem Weg zum

Frieden bewirken. Doch wenn

wir hier im Westen standhaft bleiben, unsere Stärke wahren, nach größerer Einigkeit streben, eine immer besser funktionierende Gemeinschaft
freier Staaten aufbauen und treu zu unseren Verpflichtungen stehen,
dann haben wir allen Anlaß zu der Hoffnung, daß wir nicht untergehen
und daß die Grundsätze, für die wir eintreten, eines Tages triumphieren
werden.

*

-

11

�Präsident Johnson:
Eine Welt ohne Krieg

Botschaft über
Die Lage der Nation
8. Januar 1964

United States Information Service

�Mr. Speaker, Herr Praesident, Mitglieder des Hauses und des Senats,
meine amerikanischen Mitbuerger,

ich werde mich kurz fassen - denn unsere Zeit ist notwendigerweise kurz bemessen,und unsere Tagesordnung ist schon lang genug.
Die letztjaehrige Sitzungsperiode des Kongresses war die
laengste in Friedenszeiten.

Von dieser Grundlage ausgehend,wollen

wir zusammenarbeiten, damit die diesjaehrige Sitzungsperiode die
beste in der Geschichte unseres Landes wird.
Lassen Sie uns dafuer sorgen, dass diese Sitzungsperiode des
Kongresses als diejenige bekannt wird, in der mehr fuer die Buergerrechte getan wurde als in den letzten hundert Sitzungsperioden
zusammen;
Als die Sitzungsperiode, die die umfassendste Steuersenkung
unserer Zeit beschlossen hat;
Als die Sitzungsperiode, die der Armut unter den Menschen und
der Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten einen totalen Krieg
erklaert hat;
Als die Sitzungsperiode, die sich endlich der Sorgepflicht fuer
unsere aelteren Buerger auf gesundheitlichem Gebiet bewusst geworden
ist;
- 1-

�Als die Sitzungsperiode, die unsere verwirrenden Transportund Transitbestimmungen reformiert hat;
Als die Sitzungsperiode, die das wirksamste und leistungsfaehigste Auslandshilfeprogramm aller Zeiten beschlossen hat;
Und als die Sitzungsperiode, die darauf hingewirkt hat, dass
mehr Wohnungen, mehr Schulen, mehr Bibliotheken und mehr Krankenhaeuser gebaut werden als waehrend irgendeiner Sitzungsperiode des
Kongresses in der Geschichte unseres Landes.
Alles dies und noch mehr kann und muss getan werden.
Es kann bis zum kommenden Sommer getan werden.
Und es kann ohne eine Steigerung der Ausgaben getan werden.
Es kann tatsaechlich im Rahmen des Budgets getan werden, das ich in
Kuerze vorlegen werde, und es kann bei gleichzeitiger Senkung der
Bundesausgaben und bei gleichzeitiger Verringerung der Zahl der
Bundesbediensteten erreicht werden.
Wir haben im Jahre 1964 eine einmalige Chance - aber auch
Verpflichtung -,den Erfolg unseres Systems unter Beweis zu
stellen - und die Zyniker und Kritiker im eigenen Land und im
Ausland, die unsere Zielsetzung und unsere Kompetenz in Zweifel
ziehen, zu widerlegen.
Wenn wir versagen - wenn wir unsere Chance verpassen und
vertun, sei es in unnoetigen und sinnlosen Streitereien zwischen
Demokraten und Republikanern,
Oder zwischen Repraesentantenhaus und Senat,
Oder zwischen Sueden und Norden,

- 2-

�Oder zwischen Kongress und Regierung —
Dann wird die Geschichte zu Recht hart mit uns ins Gericht
gehen.
Wenn wir aber Erfolg haben Wenn wir diese Ziele erreichen, indem wir in diesem Lande ein
noch staerkeres Gefuehl der Zusammengehoerigkeit schaffen,
Dann - und nur dann - koennen wir volle Befriedigung und
Genugtuung ueber die Lage der Nation empfinden.

II.
Hier im Kongress koennen Sie echte Fuehrungsqualitaeten im
gesetzgeberischen Bereich unter Beweis stellen, indem Sie sich Ihrer
im oeffentliehen Interesse liegenden Aufgabe mit Weitblick und ohne
Verzug entledigen - indem Sie wichtige Vorlagen billigen oder verwerfen, in jedem Falle aber sie unter fairen Bedingungen zur
endgueltigen Abstimmung bringen.
Wir wollen die Plaene und Programme von John Fitzgerald Kennedy
weiterfuehren, nicht aus Kummer oder Anteilnahme, sondern weil sie
gut sind.
Im Gedenken an ihn fordere ich insbesondere die Angehoerigen
meiner eigenen politischen Richtung auf, in diesem Wahljahr das Land
ueber die Partei und in den Debatten das Grundsaetzliehe ueber das
Persoenliche zu stellen.
Ich fuer meinen Teil verbuerge mich fuer eine Regierung, die
tatkraeftig, ehrlich und sparsam ist.
Das Budget, das schon in Kuerze unterbreitet werden wird, steht

- 3

�in voller Uebereinstimmung mit dieser Zusicherung.
Es wird unser Defizit auf die Haelfte senken

- von 10

Milliarden Dollar auf 4,9 Milliarden Dollar.
Es wird in Relation zum Bruttosozialprodukt den niedrigsten
Haushalt seit 1951 ausweisen.
Es wird eine betraechtliehe Verringerung der Zahl der im Bundesdienst Beschaeftigten bringen - ein Schritt, den wir in den letzten
zehn Jahren nur ein einziges Mal unternommen haben.
Waehrend es die Beibehaltung unserer vollen Verteidigungsstaerke gewaehrleistet, wird es die Zahl der Zivilbeschaeftigten des
Verteidigungsministeriums auf den niedrigsten Stand seit 1950 bringen.
Es umfasst Gesamtausgaben in Hoehe von 97,9 Milliarden Dollar
gegenueber 98,4 Milliarden Dollar im laufenden Haushaltsjahr - eine
Verringerung um ueber 500 Millionen Dollar.
Es erfordert neue Ausgabeermaechtigungen in Hoehe von 103,8
Milliarden Dollar - eine Verringerung um ueber 4 Milliarden Dollar
gegenueber den im Vorjahr beantragten 107,9 Milliarden Dollar.
Dies ist jedoch kein Budget des Stillstands - denn Amerika
kann sich einen Stillstand nicht leisten. Unsere Bevoelkerung
waechst staendig.

Unsere Wirtschaft wird immer komplizierter. Der

Bedarf unserer Bevoelkerung wird immer groesser.
Durch Schliessung ueberholter Einrichtungen Durch Einschraenkung weniger dringlicher Programme Durch Kuerzungen, wo Kuerzungen angebracht sind Durch die beharrliche Forderung, dass wir fuer jeden ausgegebenen Dollar einen echten Gegenwert erhalten muessen - 4 -

�Ist es mir moeglicti, fuer das Erziehungswesen, fuer das Gesundheitswesen, fuer die Umschulung der Arbeitslosen und fuer die
Foerderung der wirtschaftlich und koerperlich Behinderten in diesem
reduzierten Budget die bisher groesste Unterstuetzung von seiten
des Bundes in der Geschichte der USA zu empfehlen.
Dieser Haushalt

und das Gesetzgebungsprogramm dieses Jahres

sind darauf abgestellt, jedem einzelnen amerikanischen Buerger dabei
zu helfen, dass seine grundlegenden Hoffnungen Erfuellung finden:
Seine Hoffnungen auf eine faire Chance, voranzukommen;
Seine Hoffnungen auf eine gerechte Behandlung unter dem Gesetz;
Seine Hoffnungen auf einen vollen Arbeitsplatz mit voller
Bezahlung;
Seine Hoffnungen auf ein bescheidenes Heim fuer seine Familie
in einer ordentlichen Gemeinde;
Seine Hoffnungen auf eine gute Schule fuer seine Kinder mit
guten Lehrern;
Und seine Hoffnungen auf Sicherheit bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit oder im Alter.

III.
Leider leben viele Amerikaner am Rande der Hoffnung - einige
infolge ihrer Armut, andere infolge ihrer Hautfarbe, und nur allzu
viele aus beiden Gruenden.
Unsere Aufgabe ist es, dafuer zu sorgen, dass anstelle ihrer
Verzweiflung bessere Chancen treten.
Meine Regierung erklaert hier und heute der Armut in Amerika

- 5-

�den bedingungslosen Krieg.

Ich fordere diesen Kongress und alle

Amerikaner auf, mir dabei zur Seite zu stehen.
Der Kampf wird weder kurz noch leicht sein. Keine einzelne
Waffe oder Strategie wird genuegen. Aber wir werden nicht ruhen,
bis dieser Krieg gewonnen ist.
Die reichste Nation der Erde kann es sich leisten, ihn zu
gewinnen.
Wir koennen es uns nicht leisten, ihn zu verlieren.
Tausend Dollar, die wir heute in die Rettung eines nicht zu
beschaeftigenden jungen Menschen investieren, koennen einen Ertrag
von 4C,0G0 Dollar oder mehr waehrend seines Lebens bringen.
Armut ist ein nationales Problem, das ein besonderes Zusammenwirken und Helfen innerhalb der Nation erforderlich macht. Aber
dieser Angriff auf die Armut ist nur wirksam, wenn er auf einzelstaatlicher und kommunaler Ebene organisiert und von einzelstaatlichen und kommunalen Bemuehungen getragen wird.
Denn der Krieg gegen die Armut wird nicht in Washington
gewonnen werden. Er muss draussen im Land gewonnen werden - in
jedem Heim und in jeder Behoerde, vom Gerichtssaal bis zum
Weissen Haus.
Das Programm, das ich vorschlagen werde, wird eine solche
gemeinschaftliche Inangriffnahme noch besonders hervorheben, um
dazu beizutragen, dass jenes Fuenftel amerikanischer Familien mit
zu geringem Einkommen das Notwendige zum Leben erhalten.
Unsere wichtigsten Waffen in einem gezielten Vorgehen sind
bessere Schulen, ein besseres Gesundheitswesen, bessere Wohnungen,
- 6-

�bessere Ausbildung und bessere Arbeitsmoeglichkeiten, um mehr
Amerikanern - insbesondere den jungen Leuten - zu helfen, von Not
und Elend freizukommen.
Sehr oft sind der Mangel an Arbeitsplaetzen und Geld nicht die
Ursache, sondern das Symptom der Armut.
Die Ursache kann tiefer liegen - naemlich in unserem Unvermoegen,
unseren Mitbuergern eine faire Chance zur Entfaltung ihrer Faehigkeiten zu bieten - in mangelnder Schul- und Berufsbildung, in
mangelnder Gesundheitsfuersorge und Wohnungsbeschaffung, in einem
Mangel an soliden Gemeinwesen, um darin leben und Kinder grossziehen
zu koennen.
Was auch immer ihre Ursache sein mag, die gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Gemeinden muessen auf die Beseitigung der Armut
gerichtet sein, wo immer sie existiert In den Slums der Gross- und Kleinstaedte,
In den Huetten der Kleinpaechter,
In den Lagern der Wanderarbeiter,
In den Indianerreservationen,
Sowohl unter der weissen als auch der farbigen Bevoelkerung,
Unter den jungen als auch den alten Menschen,
In den bluehenden Staedten und in den Notstandsgebieten.
Wir wollen nicht nur die Symptome der Armut bekaempfen, sondern
die Armut selbst beseitigen - und vor allem sie verhindern.
Einzelgesetze jedoch werden nicht ausreichen:
Wir muessen besondere Anstrengungen in den chronischen Notstandsgebieten in den Appalachen machen.
- 7-

�Wir muessen unser kleines, aber erfolgreiches Programm zur
Verbesserung der wirtschaftlichen Struktur in den Notstandsgebieten
ausbauen.
Wir muessen eine Jugendarbeitsgesetzgebung verabschieden, um
arbeitslose, ziel- und hoffnungslose Jugendliche einer nuetzlichen
Arbelt zuzufuehren.
Wir muessen im Rahmen eines weiter gestreckten Programmes zur
Verteilung von Lebensmittelgutscheinen mehr Nahrungsmittel zur
Verfuegung stellen.
Wir muessen einen nationalen Hilfsdienst schaffen, um den
wirtschaftlich Benachteiligten in unserem eigenen Lande zu helfen,
wie das Friedenskorps dem Ausland hilft.
Wir muessen unsere Arbeitslosenversicherung modernisieren und
auf hoher Ebene eine Kommission ueber Automation einsetzen.

Wenn

wir ueber das Wissen verfuegen, um solche Maschinen erfinden zu
koennen, dann verfuegen wir auch ueber das Wissen, um sicherzustellen, dass sie zu einem Segen und nicht zu einem Fluch fuer die
Menschheit werden.
Wir muessen den Geltungsbereich unserer Gesetze ueber Mindeststundenloehne ausdehnen, sodass ueber zwei Millionen weitere
Arbeiter erfasst werden, denen jetzt dieser grundlegende Schutz
ihrer Kaufkraft fehlt.
Wir muessen durch Bereitstellung besonderer Schulhilfe-Fonds
im Rahmen unseres Erziehungsprogramms die Qualitaet des Unterrichts,
der Ausbildung und der Berufsberatung in unseren am schwersten
betroffenen Gebieten verbessern.

- 8 -

�Wir muessen ueberall mehr Bibliotheken bauen - und im Rahmen
des Hill-Burton-Gesetzes mehr Krankenhaeuser und Pflegeheime - und
wir muessen mehr Schwestern fuer diese Krankenhaeuser und Heime
ausbilden.
Wir muessen fuer unsere alten Mitbuerger eine Krankenhauskostenversicherung schaffen, die von jedem einzelnen Arbeitnehmer
und Arbeitgeber im Rahmen der Sozialversicherung durch einen Beitrag
von nicht mehr als einem Dollar pro Monat waehrend des Arbeitsverhaeltnisses finanziert wird, um den Einzelnen in seinem Alter in
wuerdiger Weise - ohne Kosten fuer den Staatssaeckel - gegen die
verheerende Last einer laengeren oder wiederkehrenden Krankheit zu
schuetzen.
Wir muessen im Rahmen eines revidierten Haus- und Staedtebauprogramms allen denen, die durch Beseitigung der Slums ihre Unterkunft verloren haben, mehr Hilfe zukommen lassen und fuer unsere
Armen und Alten bessere Wohnungen bauen und schliesslich als
letztes Ziel unseres Systems freien Unternehmertums danach streben,
dass jede amerikanische Familie ein anstaendiges Heim besitzt.
Wir muessen mithelfen, um innerhalb unserer Gemeinden eine
Modernisierung des Massenverkehrs und zwischen unseren Gemeinden
billige Transportverbindungen zu schaffen.
Vor allem aber muessen wir die elf Milliarden Dollar aus der
Steuersenkung in den Strom der Privatausgaben leiten, um in jedem
Teil unseres Landes neue Arbeitsplaetze und neue Maerkte zu
schaffen.

- 9-

�IV.
Diese Programme sind selbstverstaendlich nicht fuer die Armen
oder die vom Schicksal weniger Beguenstigten alleine gedacht.
Jede amerikanische Familie wird aus der Erweiterung der Sozialversicherung zur Deckung, der Krankenhauskosten ihrer alten Familienangehoerigen Nutzen ziehen:
Jeder amerikanischen Gemeinde kommt der Bau oder die Modernisierung von Schulen, Buechereien, Krankenhaeusern und Pflegeheimen,
die Ausbildung weiterer Krankenschwestern sowie die Sanierung der
Staedte und des oeffentliehen Verkehrs zugute.
Und jeder einzelne amerikanische Steuerzahler und jede Koerperschaft wird

aus der fruehestmoeglichen Verabschiedung des anste-

henden Steuersenkungsgesetzes Nutzen ziehen - sowohl aus den neuen
Investitionen als auch aus den neuen Arbeitsplaetzen, die das
Gesetz mit sich bringen wird.
Dieses Steuergesetz ist ein Jahr lang eingehend eroertert
worden.

Jetzt muessen Taten folgen.

Das neue Budget laesst die Steuersenkung ganz eindeutig zu.
Unsere Steuerzahler verdienen sie unbedingt.
Unsere Wirtschaft fordert sie mit Nachdruck.

Jeder Monat

Verzoegerung verwaessert ihre positiven Auswirkungen auf den
Verbrauch, auf die Investitionstaetigkeit und auf den Arbeitsmarkt
fuer 1964.
Denn solange das Gesetz nicht unterzeichnet ist, kann mit den
Investitionsanreizen nicht gerechnet werden, und die Saetze fuer die

- 10 -

�einzubehaltende Steuer koennen nicht gesenkt werden.

Und das

Schaedlichste und Verheerendste, was man einem Geschaeftsmann in
Amerika antun kann, ist, ihn ueber unsere Steuerpolitik im Zweifel
und im Unklaren zu lassen.

Und ich sage daher, dass die Saetze fuer

die einzubehaltende Steuer jetzt auf 14 Prozent statt auf 15 Prozent
gesenkt werden sollten.

Ich ersuche daher den Kongress nachdrueck-

lich, dieses Gesetz, wenn irgend moeglich, bis zum ersten Februar
zu verabschieden.
Wie stolz wir auch auf den bisher noch nie dagewesenen
Fortschritt sind, den unsere freie Unternehmerwirtschaft in den
vergangenen drei Jahren zu verzeichnen hatte, so koennen wir es uns
doch nicht leisten, eine Ruhepause einzulegen.
Im Jahre 19b3 haben wir zum ersten Male in der Geschichte auf
dem Beschaeftigungssektor die Siebzig-Millionen-Grenze ueberschritten - aber wir werden bald mehr als 75 Millionen Arbeitsplaetze benoetigen.
Im Jahre 1963 hat unser Bruttosozialprodukt die SechshundertMilliarden-Grenze erreicht - es lag damit um 100 Milliarden Dollar
hoeher als zu dem Zeitpunkt, da wir die Regierung uebernahmen. Aber
das Bruttosozialprodukt haette heute ohne weiteres 30 Milliarden
Dollar hoeher liegen koennen und sollen.
Loehne, Gewinne und Familieneinkommen haben ebenfalls ihren
hoechsten Stand in der Geschichte des Landes erreicht - aber vier
Millionen Arbeiter und 13 Prozent unserer industriellen Kapazitaet
liegen immer noch brach.
Wir brauchen eine Steuersenkung jetzt, damit unser Land weiter
- 11 -

�Fortschritte macht.

V.
Denn unser Ziel ist es nicht, die vorhandene Arbeit lediglich
gleichmaessig zu verteilen, unser Ziel ist es vielmehr, neue
Arbeitsplaetze zu schaffen.
Nach meiner Ansicht wuerde die Einfuehrung der 35-Stunden-Woche
die Produktionskosten wesentlich erhoehen, die Inflation herausfordern, unsere Wettbewerbsfaehigkeit beeintraechtigen und nur zu
einer Umverteilung der Beschaeftigung fuehren, statt neue Bescha«ftigungsmoeglichkeiten zu schaffen.
Genauso bin ich gegen eine 45- oder 50-Stunden-Woche in jenen
Industriezweigen, in denen durch den fortgesetzten exzessiven Ueberstundenmissbrauch der Arbeitslosigkeit Vorschub geleistet wird.
Ich empfehle daher ein Gesetz, das die Bildung von DreierAusschuessen in der Industrie ermoeglicht, deren Aufgabe es sein
wuerde, in jedem einzelnen Industriezweig zu untersuchen, inwieweit
eine Erhoehung der tariflichen Zuschlaege auf Ueberstundenarbeit
zu einer Vermehrung der Zahl freier Arbeitsplaetze - ohne eine
uebermaessige Kostensteigerung - fuehren koennte, und das die
Festsetzung solcher hoeheren Zuschlaege ermoeglichen wuerde.

VI.
Lassen Sie mich einen Grundsatz meiner Regierung unmissverstaendlich klarstellen: Alle diese verbesserten Moeglichkeiten auf dem Sektor der Beschaeftigung, der Erziehung, des Wohnungsbaus
und auf jedem anderen Gebiet - muessen allen Amerikanern,

- 12 -

�gleichzeitig welcher Hauefarbe, offenstehen.
Soweit der Arm des ßundesgesetzes reicht, muessen wir die
Rassendiskriminierung nicht nur teilweise,sondern ganz und gar
beseitigen.
Denn dies ist nicht nur eine wirtschaftliche oder eine soziale,
politische oder internationale Angelegenheit.

Es ist eine moralische,

und wir muessen ihr dadurch gerecht werden, dass die jetzt im Repraesentantenhaus anstehende Vorlage in dieser Sitzungsperiode
verabschiedet wird.
Alle Mitglieder der Allgemeinheit sollten auch gleichberechtigten Zugang zu den Einrichtungen haben, die fuer die Allgemeinheit
da sind.
Alle Mitglieder der Allgemeinheit sollten in gleicher Weise in
den Genuss der Leistungen des Bundes kommen, die von der Allgemeinheit finanziert werden.
Alle Mitglieder der Allgemeinheit sollten die gleiche
Moeglichkeit haben, oeffentliehe Vertreter zu waehlen, ihre Kinder
in gute oeffentliehe. Schulen zu schicken und durch ihre Faehigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit beizutragen.
Heute stehen Amerikaner aller Rassen Seite an Seite in Berlin
und in Vietnam.
Sie starben Seite an Seite in Korea.
Also muessen sie auch in ihrem eigenen Lande Seite an Seite
arbeiten, essen und reisen koennen.

- 13 -

�VII.
Wir muessen ausserdem durch Gesetz die Schranken der Diskriminierung beseitigen, die diejenigen hindern, die in unser Land
kommen moechten, vor allem bei denen, die ueber sehr gefragte
Fertigkeiten verfuegen, und denen, die mit ihren Familien vereint
werden moechten.
ßei der Festsetzung von Praeferenzen kann eine Nation, die von
Emigranten aus allen Laendern aufgebaut wurde, diejenigen, die
hinzukommen wollen, wohl fragen:

'Was kannst du fuer unser Land

tun?1
Wir sollten jedoch nicht fragen:

'In welchem Land bist du

geboren?'

VIII.
Denn unser hoechstes Ziel ist eine Welt ohne Krieg, eine Welt,
die die Vielfalt gewaehren laesst und in der alle Menschen, Gueter
und Ideen die volle /reizuegigkeit ueber Landes- und Staatengrenzen
hinweg geniessen.
Wir muessen diesem Ziel im Jahre lc&gt;b4 auf mindestens zehn
verschiedenen Wegen zustreben, nicht als Parteianhaenger, sondern als
Patrioten:
Erstens muessen wir - was wir auch bei dem verringerten
Verteidigungshaushalt durchaus vermoegen - vor allem jenes Mass
an militaerischer Sicherheit und Ueberlegenheit aufrechterhalten,
das wir errungen haben, indem wir drei Jahre hindurch unsere

- 14 -

�strategischen, konventionellen und zur Partisanenbekaempfung
geeigneten Streitkraefte in qualitativer und quantitativer Hinsicht
beharrlich verstaerkt haben. Wir werden 1964 mehr denn je darauf
vorbereitet sein, die Sache der Freiheit zu verteidigen, gleichgueltig,ob sie von einer offenen Aggression oder durch eine
Infiltration bedroht ist, wie sie in Hanoi und in Havanna von jenen
praktiziert wird, die Waffen und Menschen ueber internationale
Grenzen verbringen, um Aufruhr zu verbreiten.

Und wir muessen diese

Staerke auch weiterhin benutzen, so wie John Kennedy sie waehrend
der Kuba-Krise und im Zusammenhang mit dem Atomversuchsstopp-Vertrag
benutzt hat, um sowohl die Zwecklosigkeit eines Krieges mit Kernwaffen als auch die Moeglichkeiten eines dauerhaften Friedens
aufzuzeigen.
Zweitens muessen wir zur Kontrolle und schliesslich zur
Abschaffung der Ruestungen neue Schritte unternehmen, und so werden
wir in Genf neue Vorschlaege unterbreiten.

Selbst wenn keine Ver-

einbarung vorliegt, duerfen wir nicht Waffen ueber unseren Bedarf
hinaus stapeln oder ein Uebermass an militaerischer Macht suchen,
das sowohl herausfordernd wirken als auch Verschwendung bedeuten
koennte.

Aus dieser Geisteshaltung heraus reduzieren wir in diesem

Finanzjahr unsere Produktion an angereichertem Uran um 25 Prozent,
setzen wir vier Plutonium-Reaktoren ausser Betrieb und schliessen
wir zahlreiche nicht unbedingt notwendige militaerische Einrichtungen.

Und aus der gleichen Geisteshaltung heraus fordern wir unsere

Gegner auf, das gleiche zu tun.
Drittens muessen wir die bei uns produzierten Nahrungsmittel

- 15 -

�verstaerkt als Instrument des Friedens nutzen, sie durch Verkauf,
Handel, auf Kredit oder durch Schenkung hungrigen Menschen verfuegbar machen - in allen jenen Nationen, die uns von ihren Noeten
berichten und gerechte Bedingungen fuer die Verteilung akzeptieren.
Viertens muessen wir unsere fuehrende Position in der friedlichen Eroberung des Weltraums sichern, wobei wir uns - nach
Moeglichkeit gemeinsam mit anderen Laendern, wenn notwendig allein auf eine Expedition zum Mond noch in diesem Jahrzehnt konzentrieren.
Fuenftens muessen wir den Welthandel ausweiten. So wie wir in
dem 1962 erlassenen Gesetz zur Ausweitung des Handels eingesehen
haben, dass wir sowohl kaufen als auch verkaufen muessen, erwarten
wir nun auch von unseren Handelspartnern die Einsicht, dass wir
verkaufen und kaufen muessen. Wir sind bereit, ihnen unter
Konkurrenzbedingungen Zugang zu unserem Markt zu geben - wobei wir
nur verlangen, dass auch sie uns gegenueber dasselbe tun.
Sechstens muessen wir wie in juengster Zeit - durch Massnahmen wie die Zinsausgleichssteuer und das Entgegenkommen anderer
Nationen - weitere Fortschritte auf dem Gebiet des Ausgleichs
unserer internationalen Zahlungsbilanz erzielen.
Meine Regierung muss und wird den gegenwaertigen Goldwert des
Dollar stabil erhalten.
Siebtens muessen wir in ein besseres Nachbarschaftsverhaeltnis
zu den freien amerikanischen Staaten treten - indem wir mit den
Gremien der OAS, mit einer staerkeren Allianz fuer den Fortschritt
und mit allen Maennern und Frauen unserer Hemisphaere zusammenarbeiten, die an Freiheit und Gerechtigkeit fuer alle glauben.

- 16 -

�Achtens muessen wir die Faehigkeit der freien Nationen ueberall
auf der Welt zur Entwicklung ihrer Unabhaengigkeit und zur Hebung
ihres Lebensstandards staerken - und damit die Plaene jener vereiteln, die aus Armut und Chaos ihren Vorteil ziehen.

Zu diesem

Zweck muessen die Reichen den Armen helfen - und wir muessen
unseren Teil dazu tun.

Wir muessen eine straffere Handhabung

unserer Entwicklungshilfe erreichen, wobei privaten Kapitalgebern,
anderen Industrienationen, internationalen Behoerden und den
Empfaengerstaaten selbst eine groessere Rolle zufallen soll.
Neuntens muessen wir unsere atlantische und pazifische
Partnerschaft staerken, unsere Buendnisse aufrechterhalten und die
Vereinten Nationen zu einem wirksamen Instrument fuer die nationale
Unabhaengigkeit und die internationale Ordnung machen.
Zehntens und letztens muessen wir mit unseren Alliierten neue
Mittel zur Ueberbrueckung der Kluft zwischen Ost und West finden dabei der Gefahr, wo immer sie existiert, kuehn ins Auge blicken,
aber genau so mutig nach neuen Uebereinkommen suchen, durch die
die Hoffnungen aller vergroessert, aber die Interessen von niemand
verletzt werden koennen.
Kurzum - wir muessen staendig auf das Schlimmste gefasst sein,
dabei aber bestaendig auf das Beste hinarbeiten stark genug, um einen Krieg zu gewinnen, und klug und
ueberlegen genug, um ihn zu verhindern.
Wir werden nicht als Aggressoren auftreten, aber auch keine
Aggression dulden.

- 17 -

�Mir wollen niemand zu Grabe tragen - aber auch von niemand
zu Grabe getragen werden.
Wir koennen kaempfen, wenn wir dies muessen, so wie wir
frueher gekaempft haben - aber wir beten darum, dass wir nie wieder
kaempfen muessen.
Meine Freunde und amerikanischen Mitbuerger:

In diesen

vergangenen sieben sorgenvollen Wochen haben wir von neuem gelernt,
dass nichts so dauerhaft ist wie das Vertrauen und nichts so
erniedrigend wie der Hass.
John Kennedy war ein Opfer des Hasses - aber er war auch ein
Begruender des Vertrauens, des Vertrauens in unsere amerikanischen
Mitbuerger, welcher Richtung oder Hautfarbe sie angehoeren oder aus
welchen Kreisen sie kommen, und des Vertrauens in die Zukunft der
Menschheit, wie sehr diese auch geteilt und wie unterschiedlich sie
auch sein mag.
Dieses Vertrauen fand in allen Teilen der Welt ein Echo. Auf
jedem Kontinent und in jedem Land, das Mrs. Johnson und ich
besuchten, fanden wir Vertrauen und Hoffnung und Liebe zu unserem
Land Amerika und seiner Bevoelkerung.
Ich bitte Sie jetzt - Sie hier im Kongress und Sie draussen
im Lande -, gemeinsam mit mir dieses Vertrauen zum Ausdruck zu
bringen und es zu erfuellen
- gemeinsam mit mir fuer eine Nation zu arbeiten, die frei von
Not, und fuer eine Welt, die frei von Hass ist
- eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit, der Freiheit
und der Fuelle fuer unsere Generation und fuer alle kommenden.
- 18 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Aiig./xvn-3

Sonderheilage

DIE

N A T O

H E U T E

E I N E

A N A L Y S E

ANSPRACHE
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten,
GEORGE C. MCGHEE

gehalten auf einer Gemeinschaftsveranstaltung
der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und des Amerika-Hauses Frankfurt
am 15« Januar i964.ini Frankfurter Palmengarten

�D .1 E

NA

T o

H E U T E

- E I N E

A N A.ir r s £

Ich freue mich, heute zu Ihnen über die NATO sprechen zu können,
jene in der Geschichte bisher einmalige Organisation unseres Bündnisses, das das Fundament der Außenpolitik Ihrer ebenso wie meiner
Regierung bildet. Es ist sehr ermutigend, daß Gesellschaften wie die
Ihre, die der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften angeschlossen ist, zur Aufrechterhaltung der Stärke unseres Bündnisses beitragen, indem sie sich aktiv und eingehend mit wichtigen NATO-Problemen
befassen.
Daß das Bündnis nicht frei von Problemer. ist, wird niemand bestreiten wollen. Es wurde schließlich ausdrücklich zu dem Zweck geschaffen, die schwierigsten Fragen unserer Zeit zu lösen und der größten aller Herausforderungen zu begegnen. Der fortwährende technische
Wandel und die sich laufend ändernden politischen Umstände werfen zwangsläufig immer neue Fragen auf. Es wäre in der Tat merkwürdig, würden sie
keine Meinungsverschiedenheiten und heftigen Erörterungen innerhalb der
Allianz auslösen.
Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, unter den Mitgliedern des sogenannten Warschauer Paktes, wird jede derartige Debatte im
Keime erstickt. Es liegt uns hier im Westen nichts an einer Übereinstimmung ohne vorherige Diskussion. Die Bereitschaft, eine Vielzahl
von Standpunkten zu einem Problem zu Wort kommen zu lassen, gehört mit
zu den Stärken unserer Demokratie.
Wir alle wissen, um wieviel lieber wir hier im Westen über unsere
Schwierigkeiten reden als auf unsere Leistungen pochen. Zudem pflegen
wir unsere Angelegenheiten in aller Offenheit zu behandeln. In der
freien Gesellschaft, in der wir leben, finden Meinungsverschiedenheiten zwangsläufig auch Eingang in die Presse- und Rundfunkberichterstattung - wenn sie nicht gar erst von kompetenten Publizisten und
Fachgelehrten, die sich in unseren Ländern laufend mit derartigen
Fragen beschäftigen, aufgezeigt werden.

-

1

-

„

.,

�Soweit ihnen keine Sicherheitserwägungen entgegenstehen, halte
ich derartige Erörterungen für ausgesprochen nützlich. Wir sollten
uns allerdings bemühen, in unseren Debatten den Sinn für die rechten
Proportionen zu wahren.
Wir bekommen heutzutage immer wieder zu hören, das Atlantische
Bündnis mache gegenwärtig eine Krisenperiode durch. Das ist insofern
richtig, als wir uns im Augenblick kritischen Problemen gegenüber sehen.
Die Vorstellung aber, die NATO würde an einem Meinungsstreit zerbrechen oder das Bündnis könnte die Stürme nach 1969 - wenn die Staaten
das Recht haben, den Nordatlantikpakt aufzukündigen - nicht mehr bestehen, beruht auf einer völlig irrigen I

nätzung der Dinge.

Ganz im Gegenteil scheinen mir die derzeitigen Debatten über grundlegende Fragen des Bündnisses ein eindeutiger Luxus zu sein, den wir
uns nur deshalb gestatten können, weil die NATO insgesamt eine Zeit der
Prosperität durchmacht und relativ stark ist. Wie in der Vergangenheit
würden wir auch heute unsere Differenzen ohne weiteres der Notwendigkeit
zur Solidarität unterordnen, sollten wir uns einer ernsthaften und unmittelbaren Bedrohung durch einen möglichen Aggressor ausgesetzt sehen.
Es kommt uns nur deshalb zu, unsere Meinungsverschiedenheiten über interne Fragen der Organisation und Strategie in aller Offenheit zu behandeln, weil wir der grundsätzlichen politischen Einigkeit unter uns
im Falle eines offenen Angriffs oder einer Subversion gewiß sein können,
denn die Grundstruktur der Allianz ist intakt, unsere demokratisch organisierten Gesellschaften prosperieren und - ein letztes - die Verteidigungsvorkehrungen der NATO mit der schlagkräftigen amerikanischen
Abschreckungsmacht im Rücken sind voll wirksam.
Als erstes möchte ich deshalb die grundsätzliche Einigkeit der
NATO herausstellen und der Atlantischen Gemeinschaft,die sie repräsentiert. Wir sind nur allzusehr bereit, dies als gegebene Tatsache hinzunehmen und als eine unausgesprochene Prämisse unserer Debatten gelten
zu lassen. Vielleicht sollten wir öfter von dieser Einigkeit sprechen,
stellt sie doch ein neues Phänomen in der Geschichte dar, wenn wir uns
auch inzwischen an sie gewöhnt haben mögen. In wenigen Jahren ist der
nordatlantische Raum im Frieden zu einer Identität in den Zielsetzungen
und zu Normen der Zusammenarbeit gelangt, die einmalig in der Geschichte

-

2

-

�Zweitens darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf die erwiesene Elastizität der politischen und militärischen Struktur der NATO lenken.
Seit die Staaten des Westens 1949 aus der Notwendigkeit der Selbstverteidigung heraus den Aufbau der NATO begannen, ist sie angesichts
sich wandelnder Umweltverhältnisse mehr und mehr mit ihrer gesamten
Struktur in die Institutionen hineingewachsen, die wir heute unterhalten.
Viel von dem, was wir erreicht haben, verdanken wir der NATOStruktur. Sie hat es uns ermöglicht, die territoriale Unversehrtheit
und politische Freiheit all ihrer Hitgliedstaaten in einer Zeit
aufrechtzuerhalten, in der in anderen Kontinenten keine stabilen Verhältnisse herrschten und die Grenzen in Bewegung gerieten. Sie war die
Voraussetzung für den auffallend dynamischen Prozeß des Wiederaufbaus
und des wirtschaftlichen Fortschritts. Sie gab die solide Grundlage
ab für den Zusammenschluß Europas und widerstand Schockeinwirkungen,
wie sie die Blockade Berlins und der Start des ersten Sputniks zum
Flug in den Weltenraum darstellten. Wenn wir heute in eine erst in
schwachen Umris.sen erkennbare ,aber durchaus hoffnungsvolle neue Phase
der Ost-West-Beziehungen eintreten, so ist das sicherlich zu einem
guten Teil ein Verdienst der Solidarität der NATO.
Es ist mithin von größter Wichtigkeit, dieses so sehr bewährte
Gefüge auch weiterhin intakt zu halten, seine Stärke zu bewahren

und

uns vor schwächlichem Wunschdenken zu hüten, dabei aber gleichzeitig
danach zu streben, die Organisation der Atlantischen Gemeinschaft den
Verhältnissen anzupassen, denen wir uns heute gegenüber sehen.
Wir müssen dies sowohl auf politischem als auch auf militärischem Gebiet tun. Was das erstere angeht, wird unser Verhalten vor allem danach
beurteilt

werden, wie wir auf etwa sich ergebende Möglichkeiten zu

nutzbringenden Verhandlungen mit dem Sowjetblock reagieren werden.
Paradoxerweise kann uns die Zukunft auch mit den Gefahren konfrontieren, die unserem eigenen Erfolg innewohnen. Wenn eine Besserung
des internationalen Klimas eingetreten ist - das dürfen wir nicht vergessen - dann nur deshalb, weil die NATO stark war. Die Kuba-Krise
und die jüngsten Vorfälle auf der Autobahn nach Berlin sollten uns
daran erinnern, daß die Provokationen des Kalten Krieges vielle icht

*

�vielleicht nur vorläufig aufgehört haben. Ihr Aufhören wäre mit
Sicherheit nur vorübergehend, wollten wir in unserer Wachsamkeit nachlassen.
Wir müssen des weiteren euch vor allen Formen eines indirekten
Druckes auf der Hut sein. Die NATO hat den Gefahren einer Subversion
und wirtschaftlichen Durchdringung gegenüber ebenso wachsam zu sein,
wie sie es gegenüber jeder militärischen Bedrohung ist. Gleichzeitig
muß die NATO flexibel genug sein, ajif Vorschläge für Ost-West-Verhandlungen klug und überlegt zu reagieren.
Das jüngste Zusammentreffen zwischen Bundeskanzler Erhard und
Präsident Johnson ergab ein klares Einvernehmen zwischen unseren beiden Ländern hinsichtlich künftiger Gespräche mit den Sowjets über alle
wichtigen Streitfragen zwischen Ost und West. Auch im größeren Rahmen
der NATO besteht, wie ich glaube, ein weiter Bereich der Übereinstimmung
darüber, wie bei künftigen Gesprächen verfahren werden sollte.
Wir sind uns einmal einig, daß wir ständig bestrebt sein sollten,
auf seiten der Sowjets eine eventuelle Bereitschaft zu entdecken - oder
eine solche zu wecken -, in wichtigen, ungelösten Fragen zu einer Verständigung mit dem Westen zu gelangen. Zum anderen besteht ein festes
Einvernehmen zwischen uns, daß wir auf der Suche nach eventuellen Bereichen der Übereinstimmung mit den Sowjets darauf bedacht sein müssen,
die Grundinteressen der einzelnen westlichen Länder zu schützen und
das für den Westen günstige derzeitige militärische Kräfteverhältnis
beizubehalten. Im Falle Deutschlands bedeutet dies, daß wir weiterhin
auf Fortschritte in Richtung auf eine Beendigung der gegenwärtigen
Spaltung Ihres Landes in Übereinstimmung mit dem Selbstbestimmungsrecht hinarbeiten müssen.
Die Einigkeit

hinsichtlich unserer künftigen Einstellung zu

strittigen Deutschland- und Europa-Fra'gen hängt in hohem Grade davon
ab, welches Maß an Freimut und wechselseitigem Vertrauen wir hier im
Westen in unseren Gesprächen untereinander aufbringen. Was die zweiseitigen deutsch-amerikanischen Beziehungen betrifft, so bewegen wir
uns meiner Meinung nach mehr und mehr auf eine immer engere Zusammenarbeit und ein immer größeres Einvernehmen zu. Anläßlich der jüngsten
Begegnung unserer beiden erst kurze Zeit in ihrem neuen Amt tätigen

- 4 -

�tätigen Regierungschefs "bekräftigten beide Länder erneut ihre Absicht, bezüglich aller sie gemeinsam angehenden Fragen in Zukunft
einen engen Gedankenaustausch zu pflegen.
Auf dem Feld der multilateralen Konsultation jedoch ist eine
weitere Verbesserung der Verhältnisse wünschenswert. Zwar bestehen innerhalb der NATO schon seit Jahren Verfahrensregelungen für wirksame
Konsultationen. Da die NA50 aber im großen und ganzen hinter verschlossenen Türen arbeitet, bleibt der Öffentlichkeit im allgemeinen
die weite Skala der laufend erörterten politischen Themen und der zur
Harmonisierung unterschiedlicher nationaler Auffassungen im Ständigen
NATO-Rat zur Verfügung stehende Mechanismus unbekannt.
Daß dieses Verfahren so gut funktioniert, hat eine Reihe von
Gründen. Erstens und allem voran herrscht in der NATO - wie ich bereits ausgeführt habe - eine grundlegende Übereinstimmung in den Zielsetzungen und Auffassungen. Dies bedeutet, daß sich Meinungsverschiedenheiten eher um die Mittel und Wege als um den Zweck drehen. Zweitens verfügen die ständigen Vertreter im NATO-Rat über reiche Erfahrungen in Verhandlungen und setzen sich mit garzer Kraft für die Bündnisinteressen ein. Drittens können sie auf vertraulicher und informeller
Basis miteinander sprechen und auf diese Weise allen -vorhandenen Einigungsmöglichkeiten restlos auf den Grund gehen. \riertens halten die
Außen- und Verteidigungsminister sowie auch andere hohe Regierungsbeamte
der NATO-Staaten durch ihre laufende Berichterstattung auf den Ratssitzungen die Verbündeten über die aktuellen Entwicklungen auf dem laufenden. Fünftens steht dem NATO-Rat die Hilfe und Unterstützung eines
Stabes pflichtbewußter NATO-Beamter und -Offiziere aller Ränge bis
hinauf zum Generalsekretär zur Verfügung.
Das Verfahren der Konsultation kann sich jedoch als recht unvollkommen erweisen, sobald Krisensituationen sofortiges Handeln verlangen oder wenn die Interessen des einen oder anderen Verbündeten
stark von denjenigen anderer Verbündeter abweichen. Der Größenunterschied unter den einzelnen NATO-Mitgliedstaaten und die hieraus resultierende Inkongruenz ihrer Interessenbereiche werfen zusätzliche Probleme auf. Trotzdem haben wir samt und sonders in den letzten Jahren
viel dazu getan, sinnvolle politische Konsultationen zur festen Praxis

-

5 -

�Praxis zu erheben. Meine Regierung ist ihrerseits stets für möglichst
eingehende politische Konsultationen innerhalb der NATO eingetreten.
Angesichts der neuen Verhältnisse werden die Vereinigten Staaten diese
Bemühungen'intensivieren und ihre Verbündeten zu einem gleichen Vorgehen
ermutigen.
Man muß allerdings begreifen, was derartige Konsultationen darstellen, und was nicht. Sie sind kein Gesetzgebungsverfahren, und sie
werden nicht einfach gepflogen, um Mehrheiten gegen Minderheiten abzugrenzen oder um einen Mitgliedstaat, der in einer bestimmten Frage
mit seinen Verbündeten zufällig nicht einig geht, unter Druck zu setzen.
Sie sind ein Instrument des freimütigen und umfassenden Informationsund Gedankenaustauschs unter Vertretern verschiedener Nationen, die
als Sprecher höchster Regierungsstellen auftreten. Der Zweck eines
solchen Gedankenaustauschs liegt nicht nur darin, das Vertrauen zueinander zu erhalten, sondern wo irgend möglich Übereinstimmung hinsichtlich
eines gemeinsamen Standpunktes zu erzielen, dem sich alle Verbündeten
anschließen können. In einer Situation, in der die NATO im Grunde genommen in ein Zwiegespräch mit dem Sowjetblock verwickelt ist, vermag
nur dies und nichts, was darunter bliebe, die Wahrung der alliierten
Interessen zu garantieren.
In diesem Zusammenhang erscheint mir die Überprüfung der sowjetischen Haltung hinsichtlich aktueller, die Ost-West-Verhandlungen betreffender Fragen sehr nützlich, die kürzlich von der NATO vorgenommen
wurde . Alle NATO-Länder hatten Gelegenheit, diese Fragen in allen Details au besprechen, so daß der Standpunkt der einzelnen Länder klar
und deutlich zum Ausdruck kam und eine größere Übereinstimmung bezüglich der Möglichkeiten eines künftigen Vorgehens erzielt werden konnte.
Diese Besprechungen sollen fortgesetzt werden. Wichtig ist dabei, daß
jeder NATO-Mi tgliedstaat den politischen 7/illen aufbringt, solche
bedeutende internationale Probleme mit seinen Verbündeten zu besprechen,
damit endgültige politische Entscheidungen nur unter Berücksichtigung
der Ansichten aller Verbündeten getroffen werden.
Außenminister Rusk hat im Oktober vergangenen Jahres in Frankfurt
darauf hingewiesen, daß bei Verhandlungen mit den Sowjets die wachsende
Stärke und Einheit des Westens nicht gefährdet werden dürfe. Er hat

-

6 -

�hat ferner erklärt, daß in diesen Fragen weder die Vereinigten
Staaten noch irgendein anderes Land einseitige Entscheidungen treffen
können oder werden. Aus eben diesen Erwägungen kommt der Frage der
politischen Konsultation ganz besondere Bedeutung zu. Lassen Sie
mich gerade deshalb hier noch einmal die von Außenminister Rusk gegebene feste Zusicherung bekräftigen, "daß von meinem Lande kein Abkommen, das unsere Verbündeten betrifft, ohne derartige Konsultationen geschlossen wird".
Ein weiteres wesentliches Element unserer Allianz ist unser gemeinsames Bestreben, den Blick auf die Zukunft zu richten - Entwicklungen vorauszusehen, die sich heute vielleicht erst vage abzeichnen,
aber dennoch eines Tages für die NATO als Ganzes größere Bedeutung erlangen können. Aus diesem Grunde hat mein Land die Schaffung des unter
der Bezeichnung APAG bekannten atlantischen Politischen Beratungsausschuases voll und ganz unterstützt. Dieses Gremium wurde vor etwa zwei
Jahren als eine politische Planungsgruppe der NATO geschaffen, die von
Zeit zu Zeit zusammenkommen und in einer informellen Atmosphäre

mög-

liche künftige Probleme prüfen sollte. Mit dem regulären NATO-Apparat
weniger stark verflochten, stellt der Politische Beratungsausschuß eine
nützliche Ergänzung des NATO-Rates dar. Er beschäftigt sich eingehend
mit jenen Fragen, die als nicht ausschließbare Eventualfälle im voraus
geprüft werden sollten. Auf diese Weise können wichtige Probleme, sollten
sie sich später der Allianz unter Krisenbedingungen stellen, von dieser
an Hand einer bereits vorher gemeinsam erarbeiteten stichhaltigen Analyse angegangen werden.
Muß das Bündnis den Zusammenhalt auf politischem Gebiet laufend
demonstrieren, so gilt dies in nicht geringerem Maße auch für den
militärischen Bereich. Denn die militärische Struktur der NATO in ihrer
heutigen Gestalt ist das entscheidende Moment für unsere gemeinsame Sicherheit.
Unsere beiden Staaten bestreiten in Zusammenarbeit mit anderenNATO-Mitgliedstaaten einen hohen Anteil an der militärischen Gesamtstärke der NATO. Daran dürfte sich meiner Erwartung nach auch in Zukunft nichts ändern, komme was mag.

Sowohl der verstorbene Präsident

Kennedy als auch Präsident Johnson haben wiederholt die Absicht der
Vereinigten Staaten bekundet, Truppen in Stärke der sechs gegenwärtig

- 7 -

�gegenwärtig in Europa stationierten Divisionen dort so lange zu
belassen, wie sie gebraucht werden. Wir rechnen in dieser Hinsicht
mit keinen Veränderungen. Wir anerkennen jedoch gleichzeitig den
großen Beitrag, den die Bundesrepublik durch den raschen Aufbau ihrer
Streitkräfte zur Gesamtstärke der NATO in Europa leistet.
Die Existenz gesonderter nationaler Streitkräfte - sowohl der
bereits erwähnten wir auch anderer - böte an sich noch keine Garantie
für die Sicherheit der Allianz, wiürden ihr Einsatz und die Einsatzplanung nicht innerhalb der Militärstruktur koordiniert, die die
NATO nach ihrer Gründung entwickelt hat. Die Militärbehörden und die
NATO-Oberbefehlshaber planen unablässig für eine Vielzahl von Eventualfällen, die die Sicherheit der Allianz gefährden könnten, und
treffen entsprechende Vorbereitungen. Im Laufe der Jahre haben sie
innerhalb der NATO einen Grad der militärischen Integration erreicht,
der es ohne Beeinträchtigung der Grundlagen der nationalen Souveränität gestattet, unsere gesonderten nationalen Komponenten zu einer
schlagkräftigen Streitmacht zusammenzufassen, die auf jeden Angriff
entsprechend zu reagieren vermag. Es muß meines Erachtens ein Hauptziel der Politik der NATO sein, diese militärische Einheit von Schwert
und Schild unversehrt zu erhalten und, soweit nötig, weiter auszubauen.
Ich mache mir keine Illusionen über die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens in einer Zeit, da die Gefahr eines Angriffs weit
hergeholt erscheinen mag. Ihre Landsleute tragen ebenso wie meine und
die Bevölkerung anderer NATO-Mitgldedstaaten eine große Bürde, um
Streitkräfte im derzeitigen Umfange zu unterhalten. Wir sind uns aber
darüber im klaren, daß die Verteidigungsstärke, über die wir heute
verfügen, unser bester Katastrophenschutz ist. Er darf nicht Abmachungen geopfert werden, die sich als illusorisch erweisen, und auch nicht
vorübergehenden Erleichterungen, die letztlich unsere Sicherheit gefährden.
Wenn wir uns in diesem gegenseitigen Versprechen einig sind,
können wir meiner Auffassung nach die Meinungsverschiedenheiten, die
sich ganz natürlich in Fragen der Strategie und Truppenstärken innerhalb der Allianz ergeben, in die rechte Perspektive rücken. Diese
Differenzen waren - und sind zum Teil noch - recht ausgeprägt, aber

-

8

�aber sie konnten bisher noch immer geregelt werden ohne an den Grundfesten der NATO-Verteidigung zu rütteln, und sie werden sich, dessen
bin ich sicher, auch in Zukunft so regeln lassen. Ich möchte Ihnen
nunmehr in Einzelheiten jene entscheidenden Bereiche der Politik und
Strategie aufzeigen, über die die Mitglieder des Bündnisses im Grunde
völlig einig sind.
Als ersten glaube ich die Überzeugung nennen zu dürfen, daß die
Allianz durchaus stark genug ist, sich selbst mit Erfolg zu verteidigen, wenn sie den politischen Willen aufbringt, sich zu diesem Zwecke
zu organisieren. Ob man die Dinge unter dem Gesichtspunkt der Bevölkerungsstärke, des Bruttosozialprodukts oder dem der technischen
Fähigkeiten betrachtet, man kann meines Erachtens nur zu dem Schluß
kommen, daß die NATO es mit jedem potentiellen Gegner aufzunehmen
vermag. Wir haben selbstverständlich mancherlei Schwierigkeiten, das
Gewicht unserer Stärke voll zum Tragen zu bringen. Wir operieren über
große Entfernungen hinweg; das Nebeneinander gesonderter Verteidigungskräfte mit unterschiedlicher Ausrüstung wirft technische Probleme auf,
und als freiheitliche Länder müssen wir uns selbstverständlich auf
eine Verteidigungs- und keine Angriffsplanung stützen.
Kurzum, wir nehmen auf uns, was der Demokratie und Mannigfaltigkeit als der Zier unserer freien Gesellschaft nun einmal an Nachteilen anhaftet - und wir tun dies gern. Dennoch lautet die Hauptaufgabe der NATO als einer militärischen Organisation, die gesonderten
nationalen Streitkräfte der Mitgliedstaaten zu einem schlagkräftigen
Team zusammenzuschweißen, um unsere kombinierte Stärke zu größerer.-Wirkung zu bringen, als sie die Summe unserer nationalen Einzelstärken
hätte. Die NATO hat hinsichtlich der Lösung dieser Aufgabe bemerkenswerte Fortschritte erzielt, und solange sie diese ihre Rolle in Zukunft mit gleicher Vehemenz weiterspielt, hege ich hinsichtlich der
Grundlagen unserer Sicherheit keinerlei Befürchtungen.
Zweitens sind wir uns in der Entschlossenheit einig, unsere Bündnisverpflichtungen im Hinblick auf die Verteidigung des NATO-Territoriums - des ganzen NATO-'^erritoriums - zu erfüllen. Das bedeutet
unter anderem, daß die Bündnispartner verpflichtet sind, das Territorium der Bundesrepublik zu verteidigen, wo und wie immer es verletzt werden sollte. Diese Verteidigung beginnt an der deutschen

-

9 -

�deutschen Grenze und ist, wenn Sie so wollen, eine Vorwärtsverteidigung mit dem Ziel, nichts von dem preiszugeben, was uns gehört.
Die Vereinigten Staaten sind sich dieser Verpflichtung besonders
bewußt. Unsere Truppen wären gemeinsam mit den Ihren und mit jenen
der anderen an unserer Seite stehenden Verbündeten vom ersten Augenblick an der ganzen Wucht eines Angriffs ausgesetzt. Denn wir wissen
sehr wohl, daß ein solcher Angriff, sollte er jemals erfolgen, nicht
nur die Bundesrepublik, sondern die ganze NATO einschließlich unser
selbst gefährden würde.
Einen dritten Bereich (äer Übereinstimmung sehe ich in unserer
gemeinsamen Absicht, für die Verteidigung der Allianz alle etwa notwendigen Mittel einzusetzen.
Wir beschränken uns vernünftigerweise nicht ausschließlich auf
eine rein konventionelle oder eine rein atomare Strategie - und wir
könnten das auch nicht. So zu handeln, liefe darauf hinaus, uns
selbst eine Hand auf dem Rücken festzubinden, ehe wir in den Ring
steigen. Die amerikanische Regierung hat mit einem riesigen Kostenaufwand eine strategische nukleare Abschreckungsmacht ohnegleichen
aufgebaut, die zu sofortigem Einsatz bereitsteht.
Auch in Europa leisten die Vereinigten Staaten den Hauptbeitrag zur nuklearen Stärke der NATO-Streitkräfte. Die Gesamtschlagkraft solcher NATO-Waffen, von denen zahlreiche auf den Einsatz mittels alliierter Trägersysteme vorbereitet sind, wurde in den vergangenen zwei Jahren um über 60 Prozent erhöht. Wie Verteidigungsminister
McNamara am 18. November 19&amp;3 erklärte: "Die Tausende amerikanischer
Sprengköpfe, die über den europäischen Kontinent verteilt für die
Sofortverteidigung Europas bereitliegen, besitzen eine Gesamtsprengkraft, die 10 OOOmal größer ist als die der Atomwaffen, die mithalfen,
den zweiten Weltkrieg zu beenden."
Die Experten mögen sich über den genauen Zeitpunkt streiten,
von dem an wir spezielle Teile dieses Atomarsenals einsetzen sollten.
Als Militärplaner haben sie jedes Recht

dazu, ist es doch ihre Auf-

gabe, sämtliche Eventualitäten in Betracht zu ziehen. Für uns persönlich als Angehörige der Atlantischen Gemeinschaft jedoch ist lediglich das eine wichtig: daß die von uns abgegebene Zusicherung

10

-

�Zusicherung bezüglich der Beteiligung an der gemeinsamen Verteidigung unserer Territorien gegebenenfalls den Einsatz sämtlicher
militärischer Mittel einschließlich der Atomwaffen vorsieht.
Die zwangsläufige Folge dieses besonderen Wesenszugs der NATOVerteidigung ist unsere gemeinsame Einsicht, daß wir einen totalen
Atomkrieg selbstverständlich nicht unnötigerweise auslösen dürfen,
der in Kürze weite Teile der nördlichen Halbkugel in Schutt und Asche
verwandeln würde. Das ist ein viertes Gebiet grundsätzlichen Einverständnisses. Wer die Kuba-Raketenkrise im Oktober 1962 unmittelbar
miterlebt hat, weiß, welch ein kalter Atem einen angesichts der drohen
den Gefahr der nuklearen Vernichtung anweht.
Ich wage auch zu sagen, daß das leichtfertige Gerede über den
Abschreckungseffekt eines massiven atomaren Vergeltungsschlags der natürlich einen Gegenschlag auslösen würde - in Situationen hart
an der Grenze einer eindeutigen Aggression erheblich an Glaubwürdigkeit verlieren würde, sollte ein solcher Fall tatsächlich

eintreten.

Würden wir aber einer Verringerung unserer konventionellen Streitkraft
in der Erwartung zustimmen, daß sich alle denkbaren Zwischenfälle durc
die Drohung mit einer massiven nuklearen Vergeltung bereinigen lioSen,
dann hätten wir uns selbst in eine traurige Lage manövriert. Es bliebe
uns im Falle kleinerer Verwicklungen dann vielleicht nur die entsetzliche Wahl zwischen nuklearer Vernichtung und Kapitulation.
Wir dürfen einen potentiellen Gegner nicht durch Vernachlässigung
unserer konventionellen Rüstung ermuntern, uns vor solch eine schreckliche Alternative zu stellen. Wenn wir aber sowohl unsere nuklearen
als auch unsere konventionellen Waffen schlagkräftig erhalten, bleibt
uns das erspart. In diesem Fall wird ein planmäßiger Großangriff auf
die NATO unwahrscheinlich, und wir könnten kleineren Zwischenfällen,
die sich eventuell aus Zufall oder aus einer Fehleinschätzung ergeben,
mit den der jeweiligen Bedrohung angemessenen Mitteln begegnen. Mit
anderen Worten, die NATO muß sowohl über eine ausreichende atomare
als auch über eine starke konventionelle Rüstung verfügen, um freie
Hand bei der Wahl der Antwort auf jede etwaige Angriffshandlung zu haben. Es ist klar, daß ein solcher Gegenschlag wirkungsvoll sein müßte,
aber auch nicht stärker,als dies für die Sicherstellung des Erfolges

-

11

-

�Erfolges notwendig ist. Andernfalls könnte sich ein relativ kleiner
Zwischenfall leicht zu einem atomaren Inferno ausweiten.
Ein fünfter Punkt der Übereinstimmung unter uns dürfte sein,
daß die für eine umfassende nukleare und konventionelle Verteidigung
notwendigen Truppenstärken durchaus zu beschaffen sind, sofern wir
nu» den Willen und die Ausdauer aufbringen, sie tatsächlich zu beschaffen. Es ist gar nicht notwendig, unsere Truppen zahlenmäßig
wesentlich zu verstärken oder uns fiskalisch oder in der Produktion
auf Kriegsverhältnisse einzustellen. Die im Rahmen der Bündnisplanung
vereinbarten Sollstärken sehen im allgemeinen nur eine unwesentliche
Erhöhung des Mannschaftsbestandes vor. Was die Allianz braucht, sind
bessere Streitkräfte, hinsichtlich Qualität Ausrüstung, Ausbildung,
Reserven und Versorgung. Dadurch werden zwar die Kosten steigen, doch
es bewirkt ja in expandierenden Volkswirtschaften selbst schon die
Bereitstellung eines stets gleichbleibenden Anteils am Bruttosozialprodukt für die Verteidigung eine laufende Erhöhung der verfügbaren
Mittel. Uns erscheint allerdings in einigen NATO-Staaten der für Verteidigungsaufgaben abgezweigte Prozentsatz vom Bruttosozialprodukt noch zu niedrig.
/
Die NATO nimmt gegenwärtig eine erneute Prüfung aller Sollstärken vor. Wir können daher zu gegebener Zeit mit einer dem neuesten Stand
entsprechenden Analyse rechnen, die darüber Aufschluß geben wird, welche Möglichkeiten sich bieten, einen vertretbaren Anteil der NATOHilfsquellen auf den Ausbau nationaler Streitkräfte zu verwenden, damit die vereinbarten strategischen Ziele tatsächlich erreicht werden.
Es besteht jedoch kein Grund zu der Annahme, hierdurch werde unsere
allgemeine Hypothese umgestoßen, derzufolge wir konventionelle Streitkräfte der erforderlichen Stärke ohne übermäßige zusätzliche Anstrengungen aufrecht erhalten können, sofern wir es nur wollen.
Schließlich besteht allgemeine Übereinstimmung bezüglich des
Problems der Beteiligung an der Verantwortung für die Kontrolle der
Machtmittel der NATO. Wir haben in den letzten Jahren merkliche
Fortschritte in der Lösung dieser heiklen Frage erzielt. Wir haben
Richtlinien für den Einsatz von Atomstreitkräften ausgearbeitet und
bindende Zusagen gegeben, vor ihrem Einsatz in Konsultationen einzutreten, wenn dies möglich ist. Die Vereinigten Staaten haben anderen

- 12

�anderen NATO-Partnern Informationen über Wirkung und andere
Charakteristika der Atomwaffen in zunehmendem Umfang zugänglich
gemacht. Amerikanische Polaris-U-Boote und britische Bomber sind
dem Obersten Alliierten Befehlshaber,Europa (SACEUR) unterstellt
worden, die die Kampfkraft und Reichweite seiner Einsatzkräfte erhöht
haben. Europäische NATO-Of fiziere werden laufend dem Hauptquartier
des Strategischen Luftkommandos der USA in Omaha zugeteilt, um
gemeinsam mit amerikanischen Offizieren an der Koordinierung der Pläne
für den Einsatz der Atomwaffen der USA und der NATO zu arbeiten.
Im Obersten Hauptquartier der Alliierten Mächte Europa

(SHAPE^

wurde die Stellung eines Stellvertreters für atomare Verteidigung
eingerichtet, dum ein entsprechender Stab zur Seite steht.
Das alles geschah in den letzten drei Jahren. Es ist eine recht
eindrucksvolle Entwicklung, jedoch kein abgeschlossener Prozeß. Es wird
noch mehr getan werden, um die Kenntnisse der NATO-Länder im Bereich
der nuklearen Strategie zu mehren und ihre Rolle auf diesem Gebiet
auszuweiten .
Wir betreten damit schwieriges Gelände,, Wir bemühen uns um eine
breitere Basis für die Mitgestaltung der nuklearen Strategie der
NAT0| wollen dabei aber die Schaffung zusätzlicher nationaler Atomstreitkräfte vermeiden. Der Grund hierfür ist meiner Auffassung nach
klar und allgemein akzeptabel. Eine Ausbreitung des Kernwaffenbesitzes auf weitere Staaten würde die Gefahr, daß Auseinandersetzungen
mit Atomwaffen ausgetragen werden, außerordentlich verstärken. Sie
würde Furcht und Mißtrauen in einem Maße säen, das alle Erfahrungen
unserer jüngsten Vergangenheit übersteigt. Sie würde eine Reihe von
relativ kleinen Kernwaffenstreitkräften schaffen, die in Krisenzeiten
zu Präventivangriffen geradezu einladen, ohne den Großmächten mit
ihren heutigen Beständen an Atomwaffen je Paroli bieten zu können.
Kurzum, die Schaffung neuer nationaler Atomstreitkräfte vermag uns
höchstens zu spalten und unser Bündnis zu schwächen, statt zum Aufbau der von uns angestrebten koordinierten Starke !.
Die natürliche Reaktion in dieser Situation ist es, das Problem
vom Standpunkt der Allianz aus zu betrachten und die kollektiven
Hilfsquellen und Fähigkeiten der NATO-Gemeinschaft darauf zu verwenden,
zu der angestrebten nuklearen Stärke zu gelangen. Auf dieser Basis

13

�Basis könnten wir eine Streitmacht schaffen, die militärisch sinnvoll wäre und innerhalb der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Mitgliedstaaten läge. Sie würde verantwortungsvoll zum Besten der Allianz
genutzt. Und sie würde nicht zuletzt ein verbindendes Element darstellen, das die Beteiligten zu engerer Zusammenarbeit und größerer Einheit
zwingt. In einer Zeit, in der die zersplitternden Kräfte des politischen und wirtschaftlichem Nationalismus noch stark sind, ist ganz
gewiß jeder Schritt in Richtung auf die Integration begrüßenswert.
Dies ist die Basis, auf der wir in den Vereinigten Staaten vor
einigen Jahren zu dem Schluß gelangten, eine von den NATO-Ländern organisierte multilaterale Atomstreitmacht könnte die beste mögliche
Lösung für das Atomproblem der NATO darstellen. Unter drei Präsidenten Eisenhower, Kennedy und Johnson - haben die Vereinigten Staaten ihren
europäischen Verbündeten angeboten, sich an der Schaffung einer solchen
Streitmacht zu beteiligen. Heute stimmen Ihre und meine Regierung weitgehend darin überein, daß eine solche Streitmacht tatsächlich der bestmögliche Weg zu einer weitergehenden Beteiligung an der n-jklearen
Verantwortung der NATO ist. Ich glaube, daß andere europäische Regierungen,die gegenwärtig diesen Vorschlag prüfen, nach Abschluß ihrer
Untersuchungen die

gleiche Folgerung ziehen. Ich sehe die Zeit kommen «,

und zwar schon in wenigen Jahren -, wo

es als Teil der Abschreckungs-

macht der NATO eine multilaterale Raketenflotte geben wird.
Alle's in allem bestehen somit weite Bereiche der Übereinstimmung
in Fragen der NATO-Strategie und der nuklearen Schlagkraft. Wir sehen
uns vielen Problemen gegenüber, aber sie lassen sich-erfolgreich lösen,
solange die grundlegende Übereinstimmung fortbesteht, von der hier die
Rede war. In einem gesunden NATO-Bündnis treten zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten zu diesem oder jenem inneren Problem auf. Wir werden
durch fortgesetzte Erörterungen und Nachgiebigkeit Lösungen für derartige Probleme finden müssen, um die Leistungskraft der NATO in einer
Zeit der Entwicklung und des Wandels zu erhalten. Die Stärke und die
Stellung der Bundesrepublik innerhalb der Allianz befähigen Ihr Land,
einen wertvollen Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe zu leisten.

Ich

�Ich vertraue darauf, daß die Bundesrepublik diesen Beitrag
auch in Zukunft leisten wird. Sie darf dabei sicher sein, daß die
Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihr im Geiste der Partnerschaft
und der gegenseitigen Verpflichtung zur Verteidigung des nordatlantischen Raums auf die Erreichung unseres höheren gemeinsamen Ziels
innerhalb der Atlantischen Gemeinschaft hinarbeiten werden.

-

15 -

�Sonderbeilage

Wi./XVI - 3

DIE WIRTSC EAFTSBOTSCHAFT PRÄSIDENT JOHNSONS

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen Auszüge aus
dem Wirtschaftsbericht, den Präsident Johnson am 20. Januar 1964
dem amerikanischen Kongreß vorgelegt

hat.

Die wesentlichen Teile der Wirtschaftsbotschaft des Präsidenten
haben folgenden V/ortlaut:
"Dies ist mein erster Bericht, den ich Ihnen gemäß dem Beschäftigungsgesetz von 1946 unterbreite.
Als damaliges Mitglied des Kongresses
für dieses historische Gesetz zu stimmen.

war ich darauf stolz,

Heute, als Ihr Präsident, bin ich darauf stolz, die Forderungen des Gesetzes zu erfüllen - den Auftrag, 'für eine maximale Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft' im Rahmen des auf Wettbewerb
eingestellten freien Unternehmersystems zu sorgen.
Nicht weniger als das Maximum wird unseren Erfordernissen
genügen.
Unser Bruttosozialprodukt ist im 4« Quartal 1963 - auf Jahresbasis umgerechnet - auf 600 Mrd. Dollar gestiegen.
Die Arbeitslosenrate von 5,5 Prozent wirft jedoch weiter einen
dunklen Schatten auf unseren Stolz über das Erreichte und erinnert
uns daran, daß noch viel zuviel von unserem kostbaren Menschenpotential brachliegt.
Wie ich bei einer Darlegung meiner politischen Überzeugungen
vor sechs Jahren erklärt habe, erachte ich die Nutzung des vollen
Potentials unserer Hilfsquellen - der natürlichen, menschlichen
und anderen - als die höchste Zielsetzung der Regierungspolitik nach
dem Schutz jener Rechte, die wir als unveräußerlich betrachten.
Der
-

1

-

�,

"AMERIKA DI BT ST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Der Weg zur Nutzung des vollen Potentials ist noch weit. Aber wir
sind in den letzten drei Jahren stetig und beachtlich vorangekommen.
Die Steuersenkung wird unsere Aufwärtsentwicklung zu unseren Zielen der Vollbeschäftigung, des schnelleren Wachstums, der Gleichheit
der Chancen, des Ausgleichs unserer Zahlungsbilanz und der Preisstabilität beschleunigen...
Unsere Rekordexpansion um 100 Mrd. Dollar seit Anfang 1961 hat uns
auf dem Weg zu einem besseren Leben ein bedeutendes Stück weitergebracht.
Zum ersten Mal in der Geschichte - 1963 - überschritt das Bruttosozialprodukt am Jahresende die 600-Mrd.
Dollar-Grenze;
- überstiegen die Durchschnittslöhne in der Industrie am Jahresende 100 Dollar in der Woche;
- erreichte das Personaleinkommen - vor Abzug der Steuern - am
Jahresende eine Durchschnittsrate von rund 2500 Dollar pro Kopf der
Bevölkerung;
• überstieg dag gesamte Personaleinkommen - nach Abzug der Steuern
- 400 Mrd. Dollar;
- überschritten die Gesellschaftsgewinne 50 Mrd. Dollar vor Abzug
der Steuern und 25 Mrd. Dollar nach Abzug der Steuern;
- wurden mehr als 25 Mrd. Dollar für den Wohnungsbau aufgewandt;
- stieg die Zahl der Beschäftigten auf über 70 Millionen an.
Diese eindrucksvollen Statistiken zeigen uns, wo wir stehen. Aber
sie zeigen nicht, welche Strecke und wie schnell wir diese Strecke zurückgelegt haben.
In den nahezu drei Jahren der ununterbrochenen Expansion seit
Anfang 1961
- ist das Bruttosozialprodukt - gemessen am konstanten Dollarwert
- um 16 Prozent gestiegen;
- erhöhte sich die industrielle Produktion um 2J Prozent;
- stieg die Zahl der außerhalb der Landwirtschaft Beschäftigten
um 2,75 Millionen;
- stieg das Personaleinkommen um 70 Mrd. Dollar oder 17 Prozent;
- stiegen die Gesellschaftsgewinne vor Abzug der Steuern um 17
Mrd. Dollar oder 44 Prozent;
•

-

2 -

- stieg

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
- stieg das Nettoeinkommen pro Farm 1963 um fast 575 Dollar
oder 12 Prozent;
- stieg das Gesamteinkommen des amerikanischen Volkes nach
Abzug der Steuern um 56 Mrd. Dollar oder 16 Prozent;
- stieg das verfügbare Realeinkommen pro Familie um über 600
Dollar oder 8 Prozent.
Man muß billigerweise fragen, wie sich die Expansion von 196I-63,
was Produktion und Einkommen anbetrifft, im Vergleich zu früheren Expansionen der amerikanischen Wirtschaft darstellt.
Dies ist die Antwort:
1. Für den Anstieg des Bruttosozialproduktes um 100 Dollar in
2 3/4 Jahren gibt es keine Parallele in unserer Wirtschaftsgeschichte
in Friedenszeiten.
2. Ein Anstieg des Arbeitseinkommens um 51 Mrd. Dollar ist ebenfalls noch nie dagewesen. Das durchschnittliche Realeinkommen der
außerhalb der Landwirtschaft Beschäftigten ist um 345 Dollar pro Jahr
gestiegen - ein Zuwachs, der in einer vergleichbaren Zeitspanne noch
niemals übertroffen wurde.
3. Die Zunahme der Gesellschaftsgewinne von einer Jahresrate von
38,5 Mrd. Dollar Anfang 1961 auf rund 55 Mrd. Dollar Ende 1963 ist
beachtlich...
Am ermutigendsten für mich ist, daß diese Gewinne des amerikanischen Arbeiters und des amerikanischen Geschäftsmannes nicht auf Kosten
des
- amerikanischen Verbrauchers, dessen Einkommen nicht länger
von der Inflation ausgehöhlt wird, ... und der
- Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Exporte erzielt wurden...
Eine so lange, starke und von Auswüchsen freie Expansion, wie
wir sie heute erleben, 'kommt nicht von ungefähr1:
- Die Unternehmer haben im allgemeinen die Preise in Schach gehalten...
- Die Gewerkschaften haben sich in ihren Kollektivverhandlungen
und in ihren Beiträgen zur Steigerung der Produktivität konstruktiv
verhalten. ..
- Die Regierung hat ständig eine fiskalische und monetäre Politik verfolgt, die darauf angelegt war, den Wiederaufschwung zu fördern,
die Expansion zu beschleunigen und das Vertrauen des Unternehmers und
des Verbrauchers zu festigen...
Die

-

3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die vor una liegende Aufgabe
Ein neu erreichtes Hochplateau ist noch nicht der Gipfel. Ihn
müssen wir noch besteigen.
Unser von 1961-63 erreichter Fortschritt ist zwar eindrucksvoll,
anhaltend und nicht inflationär, war aber nicht weitgehend und rasch
genug,
- um die von unseren Arbeitslosen benötigten Arbeitsplätze zu
schaffen,
- um unsere Fabriken mit der gewünschten Kapazität arbeiten
zu lassen,
- um unser Bruttosozialprodukt auf den maximal möglichen Umfang
- und die Wachstumsrate unseres Produktionspotentials wieder auf
das Tempo zu bringen, das wir in den ersten Nachkriegsjähren als
selbstverständlich angesehen haben,
- um das Einkommen der Farmerfamilien auf einen Stand zu heben,
der eher mit dem der Nichtfarmer-Familien vergleichbar wäre,
- um die Investitionen und Gewinne so auszuweiten, daß unser
Kapital eher im eigenen Lande bleibt und dadurch unser Zahlungsbilanzdefizit verringert wird.
Das Ausmaß der vor uns liegenden Aufgabe ist zu ermessen an
/
1. der Arbeitslosigkeit - 5*5 Prozent unserer Arbeitskräfte
liegen immer noch brach, selbst bei einem jährlichen Anwachsen
unseres Bruttosozialprodukts um 30 Mrd. Dollar. Berücksichtigen wir
die bei einem greß-eren Angebot an Arbeitsplätzen neu hijjafcukommenden
Arbeitskräfte, die eine Beschäftigung suchen, dann brauchen wir heute
mindestens zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze, nur um mit dem
ständigen Zuviel an Arbeitslosen fertig zu werden;
2. der Steigerung der Produktivität - Wir brauchen jedes Jahr
etwa zwei Millionen neue Arbeitsplätze, um die arbeitsersparende
Wirkung der zunehmenden Produktionsleistung pro Arbeiter auszugleichen;
3. dem Anwachsen der Zahl der Arbeitskräfte - Jedes Jahr werden über eine Million zusätzliche Arbeitsuchende auf den Arbeitsmarkt
kommen. Wir werden also bald 75 Millionen Arbeitsplätze brauchen^
4. der ungenutzten Kapazität - Die Produktionsrate in der Fertigungsindustrie liegt durchschnittlich noch immer bei nur 87 Prozent
der Kapazität - gegenüber einer 92-Prozent-Rate, die sich die Betriebsleiter wünschen;
IM.

- 4 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
5. der Verschwendung von Potential - Die heute brachliegenden Menschen, Maschinen und Materialien könnten zu unserem Bruttosozialprodukt von 600 Mrd . Dollar ohne weiteres noch rund JO Mrd.
Dollar hinzufügen;
6. dem Zahlungsbilanzdefizit - Obwohl es durch die im Juli bekanntgegebenen energischen Schritte stark reduziert worden ist, haben wir immer noch ein Defizit. Und der Goldabfluß, der zwar 1§63 nur
halb so stark war wie 1962 und der in den drei Jahren von 1961 bis
1965 noch nicht einmal halb so stark war wie in den Jahren 1958 bis
196O, ist nicht abgestellt worden.
Wenn wir diese Probleme bewältigen wollen, müssen wir vor allem
erst einmal das Steuersenkungsgesetz verabschieden
- nicht in ein oder zwei oder drei Monaten, sondern sofort;
- nicht in einer verwässerten, sondern in einer noch konzentrierteren Fassung, wobei der bei der Einkommenssteuer einzubehaltende
Satz sofort von 18 Prozent auf 14 Prozent gesenkt werden soll...
Sparsames Wirtschaften schließt keineswegs eine expandierende
Wirtschaft aus. Indem wir kühles Rechnen und Expansion, Sparsamkeit
und Großzügigkeit vereinen, werden wir
- den Haushalt 1965 niedriger als den Haushalt 1964 halten und
das Defizit um die Hälfte senken;
- für jeden ausgegebenen Dollar den vollen Gegenwert erhalten,
uns aber nicht scheuen, einen Dollar auszugeben, wann und wo immer
die Nation davon profitieren wird.
- unsere Programme zur Beseitigung dringender menschlicher Not
stärken;
- unseren Verteidigungserfordernissen voll nachkommen und die
Forderungen nach wirtschaftlichem Fortschritt erfüllen; sowie
- der Wirtschaft gleichzeitig in einem noch nie dagewesenen Ausmaß einen steuerlichen Anreiz geben.
Die Steuersenkung wird der amerikanischen Wirtschaft auf Jahre
hinaus stetigen Aufschwung verleihen. Sobald sie sich im Jahre 1965
voll auswirkt, werden pro Jahr 11 Milliarden Dollar mehr durch die
Lebensadern der Wirtschaft fließen...
Für die nahe Zukunft wird uns die Steuersenkung die unbedingt
notwendige fiskalische Garantie geben, die wir zum Schutz gegen eine
Rezession benötigen. Sie wird einen bereits lange andauernden starken
Aufschwung zu der längsten und stärksten Expansion unserer Friedensgeschichte machen...
Die

-

5 -

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Die wirtschaftlichen Aussichten für 1 9&amp;4
Wir treten in das Jahr 19^4 mit Optimismus ein
- von der starken Woge einer Expansion getragen, die das Bruttosozialprodukt bereits auf über 600 Mrd. Dollar ansteigen ließ, und
- angesichts der zu erwartenden Belebung auf Grund einer bald
zu verabschiedenden Steuersenkung um 11 Mrd. Dollar.
Wenn die Steuersenkung umgehend verabschiedet wird, dann dürfte
unser Bruttosozialprodukt von 585 Mrd. Dollar im Jahre 1963 auf
schätzungsweise 623 Mrd. Dollar im Jahr 1964 ansteigen (wobei diese
Zahl als Mittelwert mit einer möglichen Abweichung von 10 Mrd. Dollar
nach beiden Seiten zu werten ist).
Bei einer Steuersenkung wird das Vertrauen in die Wirtschaft gestärkt: Die Wirtschaftsexperten rechnen mit einem fünf- bis sechsprozentigen oder noch höheren Anstieg des Bruttosozialprodukts von 1963
bis 1964.
Bei einer Steuersenkung wird die Arbeitslosigkeit 1964 wesentlich
absinken.
Bei einer Steuersenkung werden die Gewinne weiter ansteigen, und
der übliche Rückgang nach dem ersten oder zweiten Jahr einer.Expansion
wird vermieden werden.
Bei einer Steuersenkung werden sich für unsere Zahlungsbilanz
Vorteile ergeben, und zwar aus der grundlegenden Verbesserung
- unserer Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten, da die
Kosten durch die niedrigeren Steuern direkt und durch die Modernisierung indirekt gesenkt werden,
- und unserer Fähigkeit, das Kapital im Lande zu halten und neues
anzuziehen, da die Erträge der Investitionen im Inland bei höherer
Produktionszahl und geringeren Stückkosten ansteigen.
Bei einer Steuersenkung werden die Verbraucherausgaben, gestärkt
durch etwa 8,8 Mrd. Dollar zusätzlicher Löhne, der Wirtschaft im Jahre
1964 weiteren Auftrieb geben.
Bei einer Steuersenkung werden die Kapitalinvestitionen der Wirtschaft 1964 stärker ansteigen als 1963, und die Nachfrage nach Wohnungen und Kraftfahrzeugen wird weiterhin stark bleiben.
Bei einer Steuersenkung wird 1964 - in einem Satz gesagt - ein
Jahr des starken, stetigen wirtschaftlichen Aufschwungs werden...
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die Aussichten sind günstig, daß 1964 unsere guten Erfolge hinsichtlich der Preisstabilität und stabiler Arbeitskosten anhalten
werden...
Ich rechne nicht mit einer erneuten Lohn-Preisspirale - einer
Spirale, die unsere Expansion schwächen und unsere Zahlungsbilanzposition verschlechtern würde.
Unsere Politik für 1964
Ein starker 7/irtschaftsaufschwung nach der Steuersenkung muß
nicht unbedingt zu knappem Geld oder hohen Zinssätzen führen, vor
allem wenn
- unsere Zahlungsbilanz sich auf Grund der 1961 eingeleiteten und
im vergangenen Juli verstärkten Maßnahmen weiter so nachdrücklich verbessert;
- der Haushalt für das Finanzjahr 19&amp;5 ^ a s Defizit auf die Hälfte
senkt und den Druck auf die Zinssätze für Staatspapiere mildert...
Aber die Währungspolitik muß flexibel sein, damit sie
- schnell auf die Defensive umschalten kann, falls ganz unerwartet eine Inflation droht oder sich die Zahlungsbilanz verschlechtert,
- unsere Steuerpolitik zur Förderung der Expansion im eigenen
Lande verstärken kann, wenn monetäre Defensivmaßnahmen nicht notwendig
sind.
Unsere Zahlungsbilanz wird auch weiterhin aus dem im vergangenen
Juli in Angriff genommenen Sonderprogramm Vorteile ziehen. Dies bedingt jedoch
- eine baldige Verabschiedung des Gesetzes über die Zinsausgleichssteuer, die die Kosten ausländischer Anleihen auf unserem Kapitalmarkt
erhöhen soll, ohne daß hierdurch die Zinssätze auf dem einheimischen
Markt angehoben werden;
- weiterhin Sparsamkeit bei den Dollarausgaben für die einzelnen
Regierungsprogramme im Ausland, ohne daß dabei jedoch unsere Anstrengungen zur Erhaltung der Stärke der freien Welt beeinträchtigt werden;
- weiterhin stabile Preise und Förderung des Exports, um die
Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportgüter zu erhalten oder zu verbessern.
Ausweitung des Handels und der Entwicklungshilfe
1. Die Kennedy-Runde. Die von den Vereinigten Staaten seit J&gt;0 Jahren unternommenen Bemühungen zum Abbau der internationalen Handelsschranken - und die durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Auswei tung

-

7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Ausweitung des Handels von 1962 angekündigte verstärkte Verfolgung
dieses Zieles - werden 1964 einen Höhepunkt erreichen...
2. Die Entwicklungsländer. Der Abbau der Handelsschranken wird
zu einer Ausweitung des Exports führen und einer wachsenden Zahl von
Entwicklungsländern helfen, sich selbst zu erhalten.
Aber für die meisten ärmeren Länder ist der Zeitpunkt noch weit
entfernt,zu dem sie sich völlig selbsterhalten können. Wir müssen ihnen
helfen, einen Weg zur Entwicklung durch Freiheit - und zur Freiheit
durch Entwicklung - zu finden.
Unsere Entwicklungshilfeanstrengungen müssen und werden noch viel
gezielter erfolgen und strenger überwacht werden. Wir werden die anderen Länder auffordern, sich in stärkerem Maße an dieser Last zu
beteiligen, und wir werden den privaten Investitionen einen größeren
Aufgabenkreis zuweisen. Aber ein starkes Entwicklungshilfeprogramm ist
auch weiterhin von entscheidenderWichtigkeit für unser Ziel: Frieden
und Stabilität in einer freien Vifelt,..
Der Beitrag, den die steigende Produktivität unserer Landwirtschaft zu dem wirtschaftlichen Aufschwung unseres Landes geleistet
hat, wird nur zu oft übersehen.
Wir brauchen nur auf die Behinderung des nationalen Wachstums in
den Sowjetblockländern zu blicken, um zu ermessen, was es für ein Land
und seine Bevölkerung bedeuten kann, wenn die Produktivität der Landwirtschaft nicht ansteigt...
- Das äußerst erfolgreiche Lebensmittel-für-den-Frieden-Programm
erfordert dieses Jahr eine neue legislative Ermächtigung.
- Wir müssen ferner der Forschung und-Entnicklung die Unterstützung
geben, die für das Fortbestehen der Stärke, Anpassungsfähigkeit und Expansion der amerikanischen Landwirtschaft notwendig ist...
Im Jahre 1964 müssen wir unsere Anstrengungen zur Lösung folgender Probleme unserer arbeitenden Bevölkerung verdoppeln...
- Auf hoher Ebene soll eine Sonderkommission eingesetzt werden,
um festzustellen, wie die Vorteile der Automation bei einem Minimum
an Nachteilen für den Arbeiter am besten verwirklicht werden können...
- Die von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeiter müssen umgeschult werden, und durch einen verbesserten Bundes-Einzelstaatlichen
Vermittlungs- und Beratungsdienst muß ihnen geholfen werden, den Weg
zurück in ein produktives Leben zu finden.
- Und wir müssen unsere Erziehungs- und Ausbildungseinrichtungen
auf allen Ebenen verbessern, um unserer Jugend die Grundlagen und
das Wissen zu vermitteln, das unsere sich schnell entwickelnde Wirtschaft braucht...
Die Belastungen, die sich für den einzelnen aus einem Arbeitsplatzwechsel ergeben, müssen durch eine Erweiterung und Verbesserung

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBKIT
Verbesserung unseres Arbeitslosen-Versicherungsprogramms gemildert
werden.•.
Wir sollten und werden unser gegenwärtiges Arbeitslosenproblem
durch Ausweitung der Nachfrage lösen und nicht dadurch, daß wir die
normale wöchentliche Arbeitszeit auf 35 Stunden senken...
Gleichzeitig dürfte regelmäßige Überstundenarbeit in großem
Ausmaße in einigen Industrien die Arbeitsmöglichkeiten zu sehr einschränken.
Daher werde ich die Verabschiedung eines Gesetzes fordern, das
auf der Basis der einzelnen Industriezweige eine Erhöhung der Überstundenzuschläge vorsieht, sofern ein Dreierausschuß festgestellt
hat, daü solche Zuschläge die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze
bewirken würden, ohne daß hierdurch die Kosten unangemessen ansteigen.
Es gibt zwei Hauptansatzpunkte für unseren spezifischen Angriff
auf die Arbeitslosigkeit in Amerika:
erstens jeden einzelnen in die Lage zu versetzen, seine Erwerbsfähigkeit voll zu entwickeln;
zweitens allen Bürgern einen angemessenen Lebensstandard zu
garantieren, ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Rückschläge oder die
Vechselfälle des menschlichen Lebens und der Gesundheit...
Lassen Sie uns niemandem die Möglichkeit verwehren, seine
ihm angeborenen Fähigkeiten voll zu entwickeln und zu nutzen...
Die entscheidenden Punkte für die Erwerbsfähigkeit sind:
1. Erziehungswesen - Armut und Unwissenheit gehen Hand in Hand:
- Wir müssen das Erziehungswesen für unsere gesamte Jugend verbessern, um sowohl den Wohlstand der Menschen zu heben als auch das
wirtschaftliche Wachstum des Landes zu beschleunigen.
- Wir müssen jedoch, und das ist äußerst wichtig und sollte mit
Unterstützung des Bundes geschehen, Erziehung und Ausbildung der Kinder der Armen verbessern, so daß sie ihren Eltern nicht in die Armut
zu folgen brauchen...;
2. Gesundheitswesen - •.•Wir müssen unsere Anstrengungen beschleunigen und intensivieren, um gerade den Gesundheitsstand der
Armen weiter zu verbessern;
3« Kenntnisse und Arbeitsplatz - Wir müssen sowohl den jungen
Menschen wie den älteren Arbeitern helfen, sich durch die bereits
aufgeführten Programme die geforderten Kenntnisse zu erwerben;
4- Sanierung von Stadt- und Landgebieten - Energische Maßnahmen
der Kommunen mit zusätzlicher Unterstützung des Bundes können den
furchtbaren Teufelskreis, wie er in zu vielen Land- und Stadtgebieten
zu finden ist, durchbrechen...
Das

- 9-

�AMERIKA DIENST" - ',71RTSCHAFT UND ARBEIT
Das Gesetz über die Verbesserung der wirtschaftlichen Struktur in den Notstandsgebieten muß erneuert und belebt, und die ländlichen Gemeinden müssen bei dem Bemühen um neue wirtschaftliche
Stärke unterstützt werden.
Ferner werde ich demnächst in einer Sonderbotschaft ein neues
Programm unterbreiten, das sich speziell mit unserem am schwersten
daniederliegenden Gebiet - den Appalachen - befaßt;
5. gleiche Möglichkeiten für alle - ...Selbst über die Bürgerrechtsgesetzgebung hinaus macht der Kampf zur Beendigung der
Diskriminierung konstruktive Maßnahmen seitens aller Behörden und
aller Bürger erforderlich, um sicherzustellen - und zwar in der Praxis wie auch prinzipiell -, daß allen Amerikanern gleiche Möglichkeiten für Erziehung und Ausbildung, für einen guten Gesundheitsstand, für Arbeitsplätze und für anständige Wohnungen geboten werden.,
Der zweite Ansatzpunkt für unseren Angriff auf die Armut ist der
Schutz des einzelnen und seiner Familie vor Not, wenn die Einkünfte
auf Grund von hohem Alter, Erwerbsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder
anderen familiären Gegebenheiten nicht ausreichend sind.

Die wirtschaftliche Aufgabe Amerikas
Im Jahre 1964 und in den folgenden Jahren bemühen wir uns um
eine freie und expandierende Wirtschaft, die
- allen, die bereit und fähig sind zu arbeiten, eine produktive
Beschäftigung bietet;
- das volle.Potential unserer menschlichen und materiellen Hilfsquellen nutzt;
- das freie Unternehmertum, die Modernisierung und den Wettbewerb aller Bürger in allen Lebensbereichen fördert;
- Rückschläge durch Rezession oder Inflation verhindert;
- ein ständiges und schnelles Wachstum der Produktivität, der
letztlichen Quelle eines höheren Lebensstandards, bewirkt, während
sie gleichzeitig die nötigen Kenntnisse und Arbeitsplätze vermittelt,
die die von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeiter brauchen;
- in immer größerem Maße den Bedürfnissen und Wünschen unserer
Bürger gerecht wird, wie sie in der Öffentlichkeit und in den Amtsstuben frei zum Ausdruck kommen;
- denen, die es wünschen, mehr Freizeit und befriedigende
Möglichkeiten zu ihrer Nutzung bietet;
- die

-

10

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
- die Sicherheit der Nation und der freien Welt garantiert,
indem sie in wirksamer Weise die wirtschaftliche Entwicklung und
die politische Unabhängigkeit der weniger entwickelten Länder unterstützt;
- einen für beide Seiten vorteilhaften Handel mit anderen Ländern fördert und in zunehmendem MaSe die den internationalen Wettbewerb behindernden Schranken abbaut;
- in freien internationalen Transaktionen genügend verdient,
um unsere Zahlungsbilanz auszugleichen und uns doch unseren Verpflichtungen in der Welt nachkommen zu lassen;
- die Früchte des wirtschaftlichen Wachstums unter Verbrauchern
und Erzeugern, Arbeitnehmern und Arbeitgebern gerecht verteilt;
- ständig auf dem Wege zur Erfüllung des amerikanischen Traumes
von der Gleichheit der Chancen für alle amerikanischen Bürger, gleichgültig welcher Rasse oder Religion, welchen Geschlechts oder an welchem
Wohnort und gleichgültig welchen sozialen oder wirtschaftlichen Standes
bei der Geburt, voranschreitet;
- es jedem Amerikaner gestattet, für Produktion und Verdienst
alle seine Fähigkeiten bis zum Letzten auszuschöpfen;
- mit der Großzügigkeit und dem Weitblick, zu denen eine freie
und in Fülle produzierende Wirtschaft fähig ist, vermeidbares Leiden
und Unsicherheit für unsere Bürger ausschaltet.
Diese Bestrebungen und Wünsche werden nicht leicht zu verwirklichen sein; aber sie liegen auch nicht außerhalb unserer Reichweite.
Die Politik, die wir - auf dem öffentlichen wie auf dem privaten
Sektor - verfolgen müssen, braucht nicht erst entdeckt zu werden. Wir
kennen sie und wir müssen sie anwenden. In der Hauptsache müssen wir uns
auf private Erfindungskraft, Initiative und Fleiß stützen. Aber es ist
die Pflicht der Regierung:
- das pulsierende und ständige Wachstum der Wirtschaft zu unterstützen,
- die Möglichkeiten des freien Unternehmertums zu erweitern,
- vor seinen Auswüchsen auf der Hut zu sein und
- den wirtschaftlichen Interessen der gesamten Bevölkerung zu
dienen . ..
Gestärkt durch die von mir in diesem Bericht dargelegten Programme, wird die Nation bei der Realisierung ihres vollen Potentials
stetige Fortschritte machen."

* * * -x- *

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderfaeiläge

Wi ./XVI - 5

DAS NEUE US-BUDGET FÜR 1964/65

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen eine Zusammenfassung des neuen US-Haushalts, den Präsident Johnson am
21 . Januar 1964 dem amerikanischen
Kongreß vorgelegt hat.

Präsident Johnson hat dem amerikanischen Kongreß am Dienstag
den neuen Haushalt für das am 1 . Juli beginnende Finanzjahr 1965
(1964/65) vorgelegt, der mit Einnahmen von 93 Milliarden Dollar
und Ausgaben von 97»9 Milliarden Dollar ein Defizit von 4»9 Milliarden Dollar ausweist.
In seiner Botschaft an den Kongreß unterstreicht Johnson, daß
die Ausgaben im neuen Haushaltsjahr um rund 900 Millionen Dollar
hinter den ursprünglichen Ausgabenvoranschlägen für das - noch
laufende - Haushaltsjahr 1964 C19^3/64) und immer noch um rund
500 Millionen Dollar hinter den voraussichtlichen tatsächlichen
Ausgaben in diesem Haushaltsjahr zurückbleiben werden. Auf der anderen Seite dürften die Haushaltseinnahmen um rund 4»6 Milliarden
Dollar höher liegen als im Haushaltsjahr 1964 - Dieser Zunahme, so
hebt Johnson hervor, liege die Erwartung zugrunde, daß die amerikanische Wirtschaft auf Grund des bald zu verabschiedenden Steuersenkungsprogramms einen weiteren nachdrücklichen Aufschwung nehmen werde,
wobei die zu erwartenden Einnahmenausfälle auf Grund der niedrigeren
Steuersätze bereits berücksichtigt seien. Von besonderer Bedeutung
sei, daß der Haushalt lediglich ein Defizit von 4&gt;9 Milliarden
Dollar ausweise, das damit um rund 5»1 Milliarden Dollar hinter dem
für das laufende Haushaltsjahr zu erwartenden Defizit von rund 10
Milliarden Dollar zurückbleibe.
Haushalt der Sparsamkeit und des Fortschritts
Der neue Haushalt, so betont Johnson, sei ein Haushalt der Sparsamkeit und des Fortschritts. Auf der einen Seite sehe er eine Verringerung der Regierungsausgaben gegenüber dem vorangegangenen Haushaltsjahr vor, was in den vergangenen neun Jahren nur einmal der Fall gewesen sei. Dazu fordere der neue Haushalt eine wesentliche Verringerung der Zahl der Regierungsangestellten, das srste Mal seit 1956 -

-

1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
1956 - dem Jahr, in dem erstmalig die Gesamtzahl der Regierungsangestellten im Haushalt ausgewiesen wurde. Und schließlich werde
in dem neuen Haushalt das Defizit praktisch auf die Hälfte reduziert. Dies bedeute einen wichtigen ersten Schritt in Richtung auf
einen ausgeglichenen Haushalt bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung
und einer prosperierenden Wirtschaft«
"Auf der anderen Seite", so heißt es in der Botschaft,
"sichert der neue Haushalt jedoch den Frieden, indem er eine weitere Verstärkung der abschreckendsten Verteidigungseinrichtungen
bringt, die die Welt jemals gekannt hat. Der neue Haushalt empfiehlt
eine Fortsetzung der militärischen Hilfe an die Länder, die durch
die kommunistische Aggression direkt und indirekt bedroht sind. Er
bringt Wirtschaftshilfe für die Länder, die bereit sind, die zur
Wahrung ihrer Freiheit und Unabhängigkeit erforderlichen Maßnahmen
in Form von wirtschaftlicher Selbsthilfe zu ergreifen. Er sieht die
erforderlichen Mittel vor, damit wir in der Bezwingung des Weltraums
- bis zur Verwirklichung der Landung eines Menschen auf dem Mond
noch in diesem Jahrzehnt - fortfahren können. Er sorgt für eine vernünftige Verwaltung und Erschließung unserer natürlichen und unserer
landwirtschaftlichen Hilfsquellen. Und in seinen Empfehlungen für
das Erziehungswesen, das Wohnungswesen, die Schulung von Arbeitskräften, das Gesundheitswesen und die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten
für Jugendliche stellt er mehr Mittel für die Entwicklung der wichtigsten Hilfsquelle unseres Landes, nämlich seiner Bevölkerung, bereit, als dies jemals zuvor in unserer Geschichte der Fall war.
Darüber hinaus sieht dieser Haushalt neue und umfassende Bemühungen vor,
um den Teufelskreis der chronischen Armut zu durchbrechen, der Millionen unserer Mitbürger einen gerechten Anteil an den Segnungen des Lebens in unserem Lande verwehrt."
In diesem Zusammenhang kündigt Johnson an, daß er dem Kongreß
in Kürze eine Sonderbotschaft mit seinen Empfehlungen zur Bekämpfung
der Armut unterbreiten werde. Gleichzeitig unterstreicht der Präsident, daß die in diesem Haushalt empfohlenen "dringenden und notwendigen" Erweiterungen von Programmen mit den Ersparnissen finanziert
würden, die durch strikte Einsparungsmaßnahmen und eine eingehende
Überprüfung der bestehenden Programme erzielt werden sollen.
Eine Aufstellung des Gesamtzahlungsplans gibt folgendes Bild:

Gesamt Zahlungsplan

-

2

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
GesamtZahlungsplan

Finanz jähr
1963

1964

1965

(Voranschlag)
in Milliarden Dollar

Ha ushaltseinnahmen

86,4

88,4

93,0

Einnahmen aus Treuhandfonds

27,6

30,2

30,8

Abzüglich interne Transaktionen
Gesamteinnahmen

4,3

-

109,7

4,2

-

4,1

114,4

119,7

Haushaltsausgaben

92,6'

98,4

97,9

Ausgaben aus Treuhandfonds

26,6

29,3

29,4

Abzüglich interne Transaktionen -

5,4
113,8

Gesamtausgaben

-

5,0
122,7

-

4,6
122,7

Der Gesamtzahlungsplan der Regierung umfaßt neben dem eigentlichen Regierungshaushalt, der lediglich Ausgaben von 97,9 Milliarden Dollar ausweist, die aus ordentlichen Haushaltseinnahmen - wie
Steuern - abgedeckt werden müssen, auch die Ausgaben aus den sogenannten Treuhandfonds von 29,4 Milliarden Dollar, die durch eigene
Einnahmen dieser Fonds finanziert sind. Da verschiedene Posten wie etwa Sozialleistungen und -beitrage - sowohl im eigentlichen
Regierungshaushalt als auch unter Treuhandfonds als Ausgaben und
Einnahmen erscheinen und also doppelt verbucht wären, werden diese
Posten jeweils unter der Rubrik "Abzüglich interne Transaktionen"
einmal abgesetzt, um eine korrekte Gesamtsumme zu erhalten.
Bei Gesamtaufwendungen von 122,7 Milliarden Dollar im neuen
Haushaltsjahr und Gesamteinnahmen von 119,7 Milliarden Dollar ergibt
sich somit ein Gesamtausgabenüberhang von rund drei Milliarden Dollar,
während das Defizit des eigentlichen Regierungshaushalts - die Differenz zwischen Haushaltseinnahmen und Haushaltsausgaben - 4,9 Milliarden Dollar beträgt.

RegierungsProgramme

-

3

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Regierungsprogramme mit Minimum an Kosten für Steuerzahler
Die in dem neuen Regierungshaushalt ausgewiesenen Ausgaben, so
unterstreicht Johnson, "sind notwendig, um den Bedarf unserer gewachsenen Gesellschaft zu decken, um die grundlegende Stärke unserer
Nation zu festigen, um unsere weltweiten Verpflichtungen einhalten
und um unseren finanziellen Zusagen nachkommen zu können". In diesem
Zusammenhang weist der Präsident darauf hin, daß die Bevölkerungszahl
der USA in den zehn Jahren von 1955 bis 1965 u m fast 30 Millionen oder
17 Prozent zugenommen haben dürfte, wobei der größte Zuwachs bei den
jungen und bei den alten Bevölkerungsgruppen auftritt. "Die Vereinigten Staaten", so sagt Johnson, "werden auch weiterhin mit einem schnellen Bevölkerungszuwachs zu rechnen haben, während wir uns um eine Verbesserung der wirtschaftlichen Wachstums rate bemühen. Und auf lange
Sicht gesehen wird sich dies in einer Forderung nach höheren Regierungsausgaben für zivile Programme auswirken. Trotzdem sollten wir,
wo immer dies möglich ist, versuchen, die Kosten zu senken, die weniger dringlichen Vorhaben einzuschränken und andere Einsparungsmöglichkeiten zu finden, damit die notwendigen neuen oder auch die größer
werdenden Programms mit einem Minimum an Kosten für den Steuerzahler
finanziert werden können. Diese Politik liegt dem neuen Haushalt zugrunde. Es werden die notwendigen Dienstleistungen bereitgestellt,
während gleichzeitig der Ausgabenvoranschlag des Regierungshaushalts
im Finanzjahr 1965 gegenüber dem Finanzjahr 1964 um über eine halbe
Milliarde Dollar niedriger ist."
Die Gesamtausgaben der Regierung schlüsseln sich wie folgt auf:
Finanz jähr
1963

1964
1965 •
(Voranschlag)

in Milliarden Dollar
Haushaltsausgaben:
52,8
2,6
2,6
7,0
2,4
2,8
0,1
4,8
1,2
5,2
10,0
2,0
-

Nationale Verteidigung
Internationale Angelegenheiten
Weltraumforschung und Technik
Landwirtschaft
Nationale Hilfsquellen
Handel und Transportwesen
Wohnungsbau u.Städteentwi cklung
Gesundheits- u.Sozialprogramme
Erziehungswesen
KriegsVeteranen
Zinsendienst
Allgemeine Regierungsausgaben
Sonstiges
Abzüglich Posten der Rech-.
nungsangleichung

-

Gesamtsumme Haushaltsausgaben

_22j6=_

0,9

54,0
2,2
5,0

55,5
2,4
4,4
6,1
2,5
5,2
0,2

4,9

2,6
5,1
0,5
5,8
1,7
5,1
11 ,1
2,2
0,7

5,5
1,5

5,4
10,7
2,2
0,1
-

0,9

=3§±Q=-

-

0,8

:=S7J2=

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Finanz jähr
1963

1964
1965
(Voranschlag)
in Milliarden Dollar

Treuhandfonds:
Gesundheits- U.Sozialprogramme
Handel- U.Transportwesen
Nationale Verteidigung
Wohnungsbau- und
Städteentwicklung
KriegsVeteranen
Sonstiges
Abzüglich Posten der
Rechnungsangleichung

21,9
2,9
0,7
- X)
0,8
0,8
-

-

0,5
26,6

Gesamtsumme Treuhandfonds
Abzüglich interne Transaktionen

-

23,5
3,5
1,2

1,6
0,6
0,6

0,5
0,5
0,7
-

0,5

-

5,4

5,0

122jJ

0,5
29,4

29,3

U2*2

Gesamtsumme der Ausgaben

22,7
3,4
0,9

4,6

„...ISiZ.,.

X) weniger als eine halbe
Million Dollar

55 Prozent Ausgaben für die nationale Verteidigung
Von den Gesamtausgaben des eigentlichen Regierungshaushalts von
97,9
Milliarden
Dollar eentfallen
55 rProzent
j 1 iJ l u i i i i a r u e n jjux±cix
i i o i a i i c n rrund
u n u JJ
i u i s u i , aauf
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Verteidigung, 5,1 Prozent auf Weltraumforschung und Technik, 2,2 Prozent auf Internationale Angelegenheiten, 5,9 Prozent auf Gesundheitsj

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und das Transportwesen, für den Wohnungsbau und die Städteentwicklung,
für das Erziehungswesen sowie für die Kriegsveteranen und auf die
allgemeinen Ausgaben der Regierung.
Legt man jedoch die Gesamtausgaben der Regierung - einschließlich der Ausgaben aus den Treuhandfonds - von 122,7 Milliarden Dollar
zugrunde, so entfallen nur 44 Prozent auf die nationale Verteidigung,
zwei Prozent auf Internationale Angelegenheiten, 24 Prozent auf Gesundheits- und Sozialprogramme einschließlich der Sozialversicherungs- und
sonstigen Sozialleistungen der Treuhandfonds, sieben Prozent auf den
Zinsendienst, vier Prozent auf Weltraumforschung und Technik, vier
Prozent auf die Landwirtschaft, vier Prozent auf Leistungen für Kriegsveteranen und elf Prozent auf alle sonstigen Programme. Las Geld zur
Bestreitung dieser Gesamtausgaben von 122,7 Milliarden Dollar wird zu
40 Prozent über die Einkommensteuer, zu 21 Prozent über die Körperschaftssteuer, zu 14 Prozent über Sozialbeiträge zu den Treuhandfonds,
zu 23 Prozent über sonstige Steuern und Beitragsleistungen sowie zu
zwei Prozent über den Kapitalmarkt aufgebracht.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die Ausgabenvoranschläge des neuen Haushalts, so unterstreicht
Johnson, sollen die Regierung in die Lage versetzen, die unbedingt
erforderlichen Dienstleistungen bereitzustellen. Dagegen müsse der
Auftrieb, dessen die Wirtschaft bedürfe, damit Produktion, Einkommen
und Beschäftigtenstand ein neues, noch höheres Niveau erreichen
können, in erster Linie von privater Seite ausgehen statt mit Regierungsgeldern finanziert zu werden. Aus diesem Grunde sei die Verabschiedung des dem Kongreß gegenwärtig vorliegenden Steuersenkungsgesetzes ein integraler und entscheidend wichtiger Bestandteil der
neuen Haushaltsvorschläge.
In diesem Zusammenhang weist Johnson darauf hin, daß die USA sich
gegenwärtig in der vierten Expansionsperiode ihrer Wirtschaft seit dem
letzten Kriege befindenr die im Februar 1961 einsetzte und nunmehr
fast drei Jahre andauert. Allein im vergangenen Jahr sei das Bruttosozialprodukt um 5&gt;4 Prozent auf 585 Milliarden Dollar angestiegen,
während das Personaleinkommen um 4&gt;7 Prozent, die industrielle Produktion um 5»1 Prozent und die Gesellschaftsgewinne um 10,5 Prozent
zunahmen. Gleichzeitig habe die Preisstabilität - und zwar im sechsten aufeinanderfolgenden Jahr - gewahrt werden können. Trotzdem sei
diese Expansion immer noch nicht so nachhaltig gewesen, daß die Wirtschaft die Arbeitslosen und die ungenutzten Produktionskapazitäten
hätte voll absorbieren können. Obwohl in den fast drei Jahren seit
der letzten Rezession rund 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen
worden seien, betrage die Arbeitslosenrate immer noch 5&gt;5 Prozent,
erreiche die Industrie immer noch nicht ihre optimale Produktionsrate
und bleibe das Bruttosozialprodukt um wenigstens 50 Milliarden Dollar
hinter dem möglichen Stand zurück.
Diese Kluft, für die die USA einen hohen Preis in Form von
brachliegenden Hilfsquellen - sowohl menschlichen als auch natürlichen - zahlen müßten, so unterstreicht Johnson, müsse geschlossen
werden, und zwar umgehend, wie dies Präsident Kennedy schon vor einem
Jahr gefordert habe. Zu lange bereits hätten die Arbeitslosen auf
neue Arbeitsplätze gewartet, die ganz einfach dadurch geschaffen werden könnten, daß man den Verbrauch und die Investitionstätigkeit
anregt. Bei sofortiger Verabschiedung des Steuersenkungsgesetzes
werde sich die Wirtschaftsexpansion 1 9&amp;4 verstärkt fortsetzen, und
als Folge der ersten Phase der Steuersenkung werde das Bruttosozialprodukt auf etwa 623 Milliarden Dollar ansteigen. Sobald die Steuersenkung später voll wirksam geworden sei, werde sie auch zu einer
Einengung der Kluft zwischen dem tatsächlichen und dem potentiellen
Bruttosozialprodukt sowie zur Schaffung von etwa zwei Millionen neuen
Arbeitsplätzen führen. Und mit der zusätzlichen Ausweitung der Geschäftstätigkeit, des Personaleinkommens und der Unternehmergewinne
würden auch die Bundeseinnahmen ansteigen. Diese höheren Einnahmen
würden dann zusammen mit den durch eine sparsame Haushaltsführung
erzielten Ersparnissen einen ausgeglichenen Haushalt in einer
prosperierenden Wirtschaft ermöglichen.
Zu

�"AMERIKA DIENST" - "•IRTSCHAFT UND ARBEIT
Zu den einzelnen Bereichen der Regierungsausgaben führt
Präsident Johnson in seiner Haushaltsbotschaft unter anderem aus:
Nationale Verteidigung
"Um in diesen Jahren eines unsicheren Friedens die Freiheit
zu erhalten und unsere lebenswichtigen nationalen Interessen zu
schützen, haben die Vereinigten Staaten große Summen in die Verbesserung ihrer Verteidigung investiert. Wir haben uns entschlossen,
unseren Gegnern bei keiner Art eines möglichen Konflikts - sei er
ein Atomkrieg, ein konventioneller Krieg oder ein Partisanenkonflikt - eine Überlegenheit zu konzedieren.
Wir haben die Stärke unserer Streitkräfte bis heute so erhöht,
daß wir angesichts jeder Aggressionsdrohung so antworten können,
wie es der Situation entspricht. Mit den gegenwärtigen Streitkräften und den jetzt geplanten werden wir diese lebenswichtige militärische Kapazität weiterhin aufrechterhalten.
Während der vergangenen drei Jahre haben wir eine bemerkenswerte Erhöhung unserer militärischen Bereitschaft erzielt, einschließlich
Einer 1OOprozentigen Steigerung der Zahl der für die strategischen Einsatzstreitkräfte verfügbaren Kernwaffen;
einer 60prozentigen Verstärkung der taktischen Kernstreitkräfte,
die in Westeuropa stationiert sind;
einer 45pr°zentigen Steigerung der Zahl der kampfbereiten
Heeresdivisionen;
einer 35prozentigen Erhöhung der Zahl der taktischen Jagdgeschwader;
einer 75prozentigen Steigerung der Lufttransportkapazität
zur Verbesserung der Beweglichkeit.
Diese raschen Zunahmen resultieren aus einer Erhöhung der
tatsächlichen Ausgaben für militärische Zwecke von 47»7 Milliarden
Dollar im Jahre 1961 auf 56 Milliarden Dollar im Jahr 1964« Gleichzeitig... haben nachhaltige Bemühungen zur Sparsamkeit in der Verwaltung unserer Streitkräfte zu bedeutsamen Einsparungen geführt.
Wir sind deshalb in der Lage, in den tatsächlichen Ausgaben für die
nationale Verteidigung im Haushaltsjahr 19&amp;5 eine Verringerung um
800 Millionen Dollar vorzuschlagen (1,3 Milliarden Dollar im Regierungshaushalt) und gleichzeitig unsere Position der Stärke aufrechtzuerhalten.. ."
Internationale Angelegenheiten
"Die Entwicklungsländer stehen gegenwärtig in einem entscheidenden Kampf um ihre politische Unabhängigkeit und ihren wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser Kampf nimmt viele Formen an, von der Bekämpfung der bewaffneten Aggression und Subversion in Vietnam bis
zu den nationalen Bemühungen zur Verringerung der Armut und des

- 7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
des Analphabetentums in Südasien, Lateinamerika und anderen Gebieten. Vom Ausgang dieses Kampfes wird die Stabilität und Sicherheit
fast der ganzen Welt abhängen. Durch unsere Auslandshilfeprogramme
gewähren wir ihren Völkern Unterstützung und fördern wir gleichzeitig unsere eigenen Lebensinteressen.
Es ist von entscheidender Bedeutung, daß wir mit einem
Teil unserer großen Hilfsquellen und technischen Kenntnisse
hin bei den aufstrebenden Nationen Hoffnung und geordneten
schritt fördern, der an die Stelle von Not, Feindschaft und
tritt. . .

kleinen
weiterFortGewalt

Die Anforderungen für 1965 spiegeln die Erfolge wider, die wir
dabei hatten, die Abhängigkeit einiger Nationen von niedrigverzinslichen Auslandshilfeanleihen ... zu verringern...
Die Ernsthaftigkeit unserer Zielsetzungen in Übersee wird durch
die äußerst erfolgreiche Arbeit des Friedenskorps beispielhaft zum
Ausdruck gebracht..."
Weltraumforschung und Technik
"Unser Plan, in diesem Jahrzehnt einen Menschen auf dem Mond
zu landen, bleibt unverändert bestehen. Es ist ein ehrgeiziges
und bedeutsames Ziel. Abgesehen davon, daß es großen wissenschaftlichen Nutzen bringt, wird es zeigen, daß unsere Fähigkeiten im Weltraum hinter den Fähigkeiten keiner anderen Nation zurückstehen. Es
liegt jedoch auf der Hand, daß wir dieses Ziel ohne ausreichende
Mittel nicht erreichen können, so ausgezeichnet unsere Wissenschaftler und Techniker, so weitsichtig unsere Planer und Manager oder so
sparsam unsere Verwalter und Kontraktoren auch sein mögen. Es gibt
keine Zweite-Klasse-Fahrkarte in den Weltraum."
Der Präsident weist in diesem Zusammenhang darauf hih, daß
die bewilligten Mittel im Haushaltsjahr 1964 um rund 600 Millionen
Dollar unter dem geforderten Betrag gelegen haben und daher das Programm für den bemannten Mondflug verzögert worden sei. Johnson fordert daher eine zusätzliche Bewilligung von 141 Millionen Dollar für
das laufende Haushaltsjahr. Für 1965 ersucht er um die Bewilligung
von 5&gt;3 Milliarden Dollar, 65 Millionen Dollar mehr als für 19&amp;4
einschließlich der vorgeschlagenen zusätzlichen Bewilligung."Die
Empfehlungen für 1964 und I965", so heißt es in der Botschaft, "stellen
den Minimalbetrag dar, der zur Erreichung unserer Ziele im Weltraum
notwendig ist."
Die Gesamtausgaben der Regierung für die wissenschaftliche
Forschung und Entwicklung im neuen Haushaltsjahr werden sich auf
15,287 Milliarden Dollar stellen. Hiervon entfallen auf den Haushalt
des Verteidigungsministeriums 7&gt;107 Milliarden Dollar, auf den
Haushalt des US-Amtes für Luft- und Raumfahrt (NASA) 4,990 Milliarden
Dollar, auf den Haushalt der US-Atomenergie-Kommission (AEC) 1,557
Milliarden Dollar, auf den Haushalt des Ministeriums für Gesundheits-,

-

8

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT
Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen 0,79^ Milliarden Dollar,
auf die amerikanische Stiftung der Wissenschaften 0,204 Milliarden
Dollar und auf alle übrigen Regierungsdienststellen 0,655 Milliarden
Dollar.
Als eine weitere wichtige Aufgabe der Regierung bezeichnet der
Präsident in seiner Botschaft die Verbesserung der amerikanischen
Zahlungsbilanz, deren Defizit bereits wirksam abgebaut werden konnte.
Hierzu hätten insbesondere die anhaltende Preisstabilität amerikanischer Erzeugnisse, die vorgeschlagene Zinsausgleichssteuer und die
Anhebung der Zinssätze für kurzfristiges Geld beigetragen. Während
der letzten anderthalb Jahre seien alle Tätigkeiten der Bundesregierung, die sich auf die Zahlungsbilanz auswirken, genauestens überprüft worden, um nach Einsparungsmöglichkeiten zu suchen. "Auf Grund
der durchgeführten Überprüfungen und Maßnahmen", so heißt es in der
Botschaft wörtlich, "wird der jährliche Netto-Abfluß durch Programme
der Bundesregierung - Zahlungen abzüglich normaler Einkünfte - zwischen 1965 und 1965 um schätzungsweise 800 Millionen Dollar zurückgehen ."
Abschließend stellt Präsident Johnson in seiner Botschaft fest:
"Dieses Budget wird bei seiner Billigung
- ein Haupthindernis für ein schnelleres Wachstum auf dem privaten Sektor der Wirtschaft beseitigen, indem die Steuerlasten reduziert
und Investitionsanreize geschaffen werden;
- äie Verteidigungs- sowie die internationalen und innenpolitischen Erfordernisse und Ansprüche unseres Landes erfüllen;
- in großzügiger Weise den menschlichen Erfordernissen gerecht
werden und, mit Hilfe örtlicher Maßnahmen, den Niststätten menschlicher Not und Entbehrung in unserem Lanc1 energisch zu Leibe gehen;
- eine wirksame und sparsame Verwaltung in der Regierung fördern, so daß jeder Steuerdollar vernünftig ausgegeben sein wird.
Das für 1965 vorgeschlagene Programm sollte eine genügende
Garantie unserer Entschlossenheit sein, die Kosten unter fester
Kontrolle zu halten und das Steuersenkungsgesetz einer schnellen
Verabschiedung zuzuführen. Es sollte auch Beweis genug dafür sein,
daß in einer Nation, die so reich an moralischer wie
an materieller Stärke ist, kritische nationale Probleme nicht ungelöst zu bleiben
brauchen und menschliche Not beseitigt werden kann.
Eine Regierung, die stark ist, eine Regierung, die solvent ist,
eine Regierung, die großzügig ist, ist auch eine Regierung, die von
Dauer ist.

Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Es liegt kein Widerspruch darin, klug und sparsam, wachsam
und stark, feinfühlig und wohlwollend gegenüber den unerfüllten
Bedürfnissen der Bevölkerung zu sein.
Dies ist das Ziel meiner Regierung. Es ist ein Ziel, das
erreicht werden wird.
Ich bin der festen Überzeugung, daß mit den in diesem Budget
enthaltenen Vorschlägen der Nation ein guter Dienst geleistet wird,
und ich bitte um die Unterstützung des Kongresses und des amerikanischen Volkes bei der Verwirklichung dieser Vorschläge."

* * -x * *

/

10

-

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

Wi./XVI-4

WACHSENDE WIRTSCHAFTSSCHWIERIGKEITEN IN DER SOWJETUNION Ein Bericht des US-Zentralamtes für Nachrichten und Abwehr (CIA)

Die Begleitmusik zu Moskaus aggressiver Außenpolitik bildete
in den letzten Jahren das kühne Versprechen, die Sowjetunion werde bis 1970 Amerika auf dem Gebiet der Produktion einholen und
überflügeln und auf diese Weise den Kapitalismus - so Chruschtschow
- ohne Krieg besiegen. Eine vergleichende Analyse der jüngsten
Wirtschaftsentwicklungen in der UdSSR und den USA führt jedoch zu
genau der entgegengesetzten Schlußfolgerung: die Sowjetunion fällt
im Wirtschaftsrennen immer weiter zurück.
Die ersten Jahre unter Chruschtschow waren durch eine Serie
von Erfolgen gekennzeichnet. Für die Landwirtschaft brachte die
Ausweitung der Anbaufläche im Rahmen des Neulandprogramms den ersten echten Auftrieb seit 1937« Das wirtschaftliche Wachstum vollzog sich in raschem Tempo - zwischen 1950 und 1959 mit einer
durchschnittlichen Vfachstumsrate von schätzungsweise mehr als 6
Prozent pro Jahr, wobei sich Kürzungen im Personalstand der Streitkräfte und im Militäretat, die 1956 und 1957 vorgenommen wurden,
günstig auswirkten.
Während Wohnraum nach wie vor sehr knapp blieb, rar im Vergleich zu den letzten Stalin-Jahren eine merkliche Hebung des Lebensstandards, besonders auf dem Ernährungssektor und auch im
Konsumgüterangebot, zu verzeichnen.
Nach 1959 begann sich das Tempo des Wirtschaftswachstums jedoch spürbar zu verlangsamen. Die Zuwachsrate für Kapitalgüterinvestitionen, die Basis jedes Wirtschaftswachstums, wurde nicht
aufrechterhalten, sondern fiel auf die Hälfte des früheren Satzes
ab und erreichte 1962/63 nur noch zwischen 4 und 5 Prozent. Ein
scharfer Wachstumsrückgang war die zwangsläufige Folge. Das sowjetische Bruttosozialprodukt betrug 1962 rund 260 Milliarden Dollar
und lag damit bei 47 Prozent der amerikanischen Vergleichsziffer.
Da sich die Differenz zwischen den Wachstumsraten beider Länder
verringert hat, ist in den nächsten Jahren kaum mit einer Veränderung dieser Relation zu rechnen.
Die sowjetischen Wirtschaftsschwierigkeiten lassen sich zum
großen Teil auf eine Reihe von Programmen zurückführen, die angesichts der verfügbaren Mittel allzu ehrgeizige Ziele verfolgten.
Bei einem Bruttosozialprodukt, das nicht ganz fünfzig Prozent des

- 1

�"AI.IERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
des amerikanischen ausmacht, hat die Sowjetführung in neue Fabrikationsanlagen und Ausrüstungen fast ebenso hohe Beträge investiert
wie die Vereinigten Staaten; zugleich betreibt sie dabei ein militärisches Weltraumprogramm, dessen tatsächliche Kosten den amerikanischen Aufwendungen nahekommen.
Für das jüngste Absinken der Wachstumsrate ist weitgehend die
starke Erhöhung der sowjetischen Verteidigungsausgaben verantwortlich, die zwischen 1959 und 1963 um rund ein Drittel angestiegen
sind. Problematisch ist jedoch weniger die Gesamthöhe des Verteidigungsetats als vielmehr das Abzweigen knapper und kritischer Material- und Arbeitskraftreserven für Rüstung und Verteidigung, die einen besonders großen Bedarf an hochqualifizierten Wissenschaftlern,
Technikern und Konstrukteuren sowie an hochwertigen Maschinen und
Rohstoffen haben. Folgen dieser verstärkten Rüstungsanstrengungen
traten in Gestalt von Investitionsmittelverknappungen in der Industrie, besonders der chemischen Industrie, und starken Planrückständen innerhalb der industriellen Automations- und Modernisierungsprogramme zutage.
Obwohl das Absinken der Industrieproduktion nicht ohne Wirkung
geblieben ist, sind für den ernsten Wachstumsrückgang der Jahre
1962/1963 großenteils Fehlschläge in der Landwirtschaft verantwortlich.
Die forcierte Entwicklung der Schwerindustrie zog zwangsweise
eine Vernachlässigung der Landwirtschaft nach sich. Als Stalin starb,
konnte sie sich infolge fehlenden Investitionskapitals nur noch mit
Mühe auf den Beinen halten.. Chruschtschow gelang es, diese Abwärtstendenz ohne großen Kostenaufwand wenigstens zeitweise umzukehren.
Das Neulandprogramm.erbrachte höhere Getreideernten, die sich in
größeren Zuteilungen für die Bevölkerung, mehr Futtermitteln für die
Viehzucht und erhöhten Getreideexporten niederschlugen. Unter dem
Gesichtspunkt der politischen Stabilität waren verstärkte Ausfuhren
nach den europäischen Satellitenländern zur Schließung der dort vorhandenen Lücke in der Nahrungsmittelerzeugung von besonderer Bedeutung. Aber die Anfangserfolge in den 1955 bis 1958 neu unter den
Pflug genommenen Anbaugebieten-waren nicht von Dauer. Sobald die ursprüngliche Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit des Bodens erschöpft war,
gingen die Erträge zurück. Im Jahre 1963 führte eine schwere Dürreperiode sowohl in den traditionellen Anbaugebieten wie auch in Kasachstan und Sibirien fast zu einer Katastrophe. Der Pro-Kopf-Ertrag
lag 1963 etwa 10 Prozent niedriger als 1958* Bie Gesamtagrarerzeugung
ging 1962 um rund 4 Prozent und 1963 wahrscheinlich um mehr als 4
Prozent zurück.
Auch das Nahrungsmittelangebot in der Sowjetunion ist ein Spiegel der Notlage auf dem Agrarsektor. An Gesamtkalorien erhält der
russische Durchschnittsbürger kaum weniger als ein Bürger der USA.
Zu 70 Prozent besteht die sowjetische Ernährung jedoch aus Getreide
und Kartoffeln, gegenüber 20 Prozent in den Vereinigten Staaten.
Hochwertige Lebensmittel wie Fleisch, Gemüse und Obst machen nur 25
Prozent aus.
Wie

2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Wie sich eine schlechte Getreideernte bei einem solchen Speisezettel auswirkt, liegt auf der Hand. Der Brotverbrauch muß eingeschränkt, Viehherden müssen verringert werden. Es gibt zahlreiche Beweise dafür, daß in letzter Zeit I.Iehllieferungen ausgeblieben sind, Notschlachtungen vorgenommen wurden und Werkskantinen die
freie Brotzuteilung eingestellt haben.
Wie in anderen Teilen der Welt steigen auch in der Sowjetunion
die Lebensansprüche, und Chruschtschow hat erkannt, daß das Sowjetregime ernsteren Problemen gegenübersteht als zu Stalins Zeiten.
Steigende Lebensmittelpreise, ungenügende Fleisch- und Brot Zuteilungen, der Rückgang des Wohnungsbaus und nur eine unwesentliche Erhöhung der Dauergütererzeugung führen zu immer stärkerer Unzufriedenheit unter den Verbrauchern.
Die Sowjetführung fordert z.Z. die Lösung der Agrarprobleme
sowie eine raschere Produktionssteigerung für bestimmte Konsumgüter
durch Ausweitung der chemischen Industrie und verwandter Industriezweige. Sie scheint dazu entschlossen, die hierzu erforderlichen
Mittel in reichlichem Maße bereitzustellen. Das neue Wirtschaftsprogramm in der Fassung, die Chruschtschow am 9« Dezember 1963 dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU vorgelegt hat, sieht eine Verdreifachung der Produktion von Chemikalien bis 1970 vor. Zu den wichtigsten Planzielen zählt eine Steigerung der Düngemittelerzeugung von
20 Millionen Tonnen auf 70 bis 80 Millionen Tonnen, ebenfalls bis
zum Jahr 1970.
Chruschtschow hat offensichtlich erkannt, daß die Forderungen
dieses neuen Programms mit den Erfordernissen anderer Wirtschaftszweige in Konflikt geraten werden. Er ließ durchblicken, daß die
für eine Ausweitung der chemischen Industrie benötigten Mittel zum
Teil dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum entzogen, zum Teil durch
Einfuhren beschafft und aus Fonds genommen werden sollen, die eigentlich für kommunale Dienstleistungen und den Wohnungsbau vorgesehen
waren. Ebenso wies er auf die Notwendigkeit hin, mögliche Kürzungen
innerhalb der Streitkräfte in Erwägung zu ziehen.
Unter der Voraussetzung günstigerer Witterungsverhältnisse für
die Landwirtschaft dürfte die sowjetische Gesantwirtschaft die niedrige Wachstumsrate des vergangenen Jahres von 2,5 Prozent wieder
übertreffen; die Aussichten aber, das Niveau der fünfziger Jahre mit
ihren anhaltend hohen Wachstumsraten wiederzuerlangen, sind nicht gerade günstig.
Um die industriellen Investitionen auf einen Höchststand bringen
zu können, wendet sich die Sowjetunion an den Westen, von dem sie umfangreichere Kredite bei großzügigeren Rückzahlungsfristen als die
zur Zeit üblichen 5 Jahre zu erhalten sucht. Moskaus Goldreserven von
weniger als zwei Milliarden Dollar werden heute als gerade noch über
dem notwendigen Minimum liegend angesehen.
Das fortgesetzt zu geringe Angebot an Exportgütern und das daraus
resultierende ungenügende Volumen der Ausfuhren nach dem Westen, das
zur Abdeckung der steigenden Einfuhren nicht ausreicht, haben zu einem
ständigen Goldabfluß geführt. Die sowjetischen Goldverkäufe erreichten

- 3 -

�"AIIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
erreichten 1963 eine Höhe von 400 bis 500 Millionen Dollar bei einer Jahresproduktion von zuletzt etwa 150 bis 175 Millionen Dollar einer Produktion, die selbst für sowjetische Verhältnisse mit sehr
hohen Kosten verbunden ist.
Der beschleunigte Goldabfluß in den Jahren 1963/64 steht in einem direkten Zusammenhang mit den Zahlungsverpflichtungen, die sich
aus 'dem Kauf von nahezu 10 Millionen Tonnen Getreide in der freien
Welt ergeben. Die Mittel, die zur Einfuhr von Maschinen und Ausrüstungen der chemischen Industrie, hauptsächlich zur Produktion von
Düngemitteln, erforderlich sind, werden einige hundert Millionen
Dollar pro Jahr übersteigen und könnten insgesamt eine Höhe von 2
Milliarden Dollar erreichen.
Der zur Zeit von den Sowjets unternommene Versuch, neue Auslandskredite und längere Rückzahlungsfristen auszuhandeln, hängt
daher unmittelbar mit Moskaus Wunsch zusammen, zu verhindern, daß
die Rüstungsproduktion durch den Ausbau der chemischen Industrie
allzu sehr beeinträchtigt wird. 1962/63 beliefen sich die neuen
mittelfristigen Kredite aus den westlichen Industrieländern auf rund
300 Millionen Dollar jährlich. Kapitalrückzahlungen und Zinsendienst
für früher gewährte Kredite ließen 1963 jedoch hiervon nur einen
kleinen Nettoüberschuß übrig. Da der Exportzuwachs bei praktisch allen wichtigen Ausfuhrgütern - Erdöl, Holz, Getreide - sein Tempo verlangsamt hat oder überhaupt rückläufig ist, bildet eine gesteigerte
Kreditbeschaffung das einzige erfolgversprechende Mittel zur Finanzierung wesentlich größerer Maschinenimporte.
Während die Sowjets einerseits vom Westen größere Kredite zu
erhalten suchen, steigen andererseits die Kosten der sowjetischen
Entwicklungshilfe ständig an. Die neuen Kredit zusagen gingen 1963
zwar nicht über 200 Millionen Dollar hinaus - gegenüber mehr als
800 Millionen Dollar im Jahr 1959; gleichzeitig jedoch wurden zugesagte sowjetische Kredite in verstärktem Maße abgerufen,und zwar 1963
bis zu einer Höhe von mehr als 400 Millionen Dollar (unter Ausschluß
abgerufener Militärhilfekredite).
Alles in allem versucht der Kreml seit einigen Jahren, mit zu
wenig Mitteln zu viel zu erreichen. Dieses Leben von geliehenem Geld,
dieses Experimentieren mit billigen, aber doch nur provisorischen
Lösungen für Grundprobleme wie in der Landwirtschaft und dieses beständige Vernachlässigen einer ausgewogenen Entwicklung zugunsten
spektakulärer Fortschritte auf eng begrenzten Teilgebieten haben der
Sowjetunion letztlich ihre heutigen Schwierigkeiten eingetragen. Eine
nahezu katastrophale Mißernte im Jahr 1963 war nicht die eigentliche
Ursache der gegenwärtigen Wirtschaftsschwierigkeiten Moskaus; sie .
verschärfte aber viele der weniger im Vordergrund stehenden Probleme
der Sowjetwirtschaft erheblich und zwang den Kreml so zu einer Überprüfung seiner Wirtschaftsplanung.

* * *

- 4-

�Sonderbeiläge

Allg./XVII-7

DIE OST-Y/EST-BEZIEHUNGEN HEUTE

ANSPRACHE
Sr. Exzellenz,

des B o t s c h a f t e r s

der V e r e i n i g t e n

Staaten,

GEORGE C. HCGHEE

g e h a l t e n vor d e r
Deutschen G e s e l l s c h a f t

für Auswärtige P o l i t i k

i n Bad G o d e s b e r g am 1 8 . F e b r u a r

1964

e.V,

�DIE OST-WEST-BEZIEHUNGEN HEUTE

Es ist für mich eine hohe Ehre, daß Sie mich heute abend zu
sich gebeten haben. Die Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik ist im Ausland als eine Körperschaft bekannt, die sich eine
zielstrebige und nüchterne Analyse wichtiger aktueller weltpolitischer
Probleme angelegen sein läßt. Wir in den Vereinigten Staaten schätzen
sie als eine angesehene Vereinigung prominenter Persönlichkeiten des
politischen, wirtschaftlichen und akademischen Lebens in Deutschland,
die den Wert der deutsch-amerikanischen Freundschaft im Gesamtrahmen
einer atlantischen Partnerschaft stets anerkannt und gefördert haben.
Manifestationen des engen Einvernehmens zwischen Ihrem und meinem
Land gibt es in großer Zahl. Ich hatte kürzlich den Vorzug, Bundeskanzler Erhard und Außenminister Schröder anläßlich ihres Besuchs bei Präsident Johnson zu begleiten. Mein heutiges Thema nahm in den nützlichen
Gesprächen, die in der freundlichen Atmosphäre der Johnson-Farm in
Texas geführt wurden, breiten Raum ein. Ich möchte Ihnen zu Beginn
meiner Darlegungen eine Stelle aus dem Kommunique ins Gedächtnis zurückrufen, das nach der Beendigung dieser Besprechungen veröffentlicht
worden ist:
Der Präsident und der Bundeskanzler erörterten ausführlich den
derzeitigen Stand der Ost-West-Beziehungen. Sie stimmten in ihrer Entschlossenheit überein, daß die grundlegenden Rechte und
Interessen der freien Völker verteidigt werden müßten, und waren
insbesondere gemeinsam der Auffassung, daß keine Regelung getroffen werden dürfte, die zur Fortdauer der Spaltung Deutschlands
führen würde, dessen einem Teil die Grundrechte und Grundfreiheiten vorenthalten werden. Unter dieser Voraussetzung-waren sich
der Präsident und der Bundeskanzler darüber einig, daß es äußerst
wichtig sei, auch weiterhin alle Möglichkeiten für die Verbesserung
der Ost-West-Beziehungen, die Verminderung der Spannungen und die
Stärkung der Aussichten auf einen Frieden zu erkunden, der dauerhaft sein kann, weil er gerecht ist. Sie hoffen nach wie vor, daß

-

1

-

�daß die Sowjetunion auf diese Bemühungen der Westmächte in
konstruktiver Weise eingehen wird.
Die von unseren beiden Regierungschefs gemeinsam abgegebene
Erklärung ist gewissermaßen das Leitmotiv, das ich hier abwandeln
möchte. Eines aber darf ich erklärend vorausschicken. Die Ost-WestPolitik ist lediglich ein Aspekt der Weltpolitik, so, wie die von
mir eben zitierten Worte nur Teil eines umfangreicheren Dokuments
sind, das auch noch andere Fragen anschneidet. Die Frage der Verringerung der Spannungen und der Förderung der Friedensaussichten in
den Ost-West-Beziehungen scheint mir jedoch eine eingehendere Untersuchung durch uns in besonderem Maße zu verdienen - und nicht nur wegen ihrer Wichtigkeit, sondern deshalb, weil sie von allen entscheidenden Komponenten der Außenpolitik am schwierigsten zu behandeln ist
und von der Öffentlichkeit am ehesten mißverstanden wird.
Ich darf betonen, daß ich in meinen Ausführungen hier keine
neue Politik umreißen werde und daß sie auch keine Neugestaltung
oder Schwergewichtsverlagerung der amerikanischen Gesamtpolitik ankündigen. Ich habe mir das viel bescheidenere Ziel gesetzt, Ihre
Aufmerksamkeit auf eine Argumentation zu lenken, die eine Einstellung
zum Ost-West-Verhältnis untermauert, wie sie die amerikanische Außenpolitik seit langem mit großer Beharrlichkeit vertritt, läßt sie sich
doch über drei Regierungswechsel hinweg zurückverfolgen.
Ich werde mich dabei der Methode bedienen, Ihnen heute abend
die Argumente vorzutragen, die für und gegen zwei sehr unterschiedliche Lösungsversuche für die derzeitigen Probleme der Ost-WestBeziehungen sprechen. Der eine ist die geduldige Suche nach möglichen
Gebieten der Übereinstimmung, seien sie auch noch so klein; er beruht
auf dem Glauben, die Lösung selbst kleiner Meinungsverschiedenheiten
sei nicht nur an sich schob lohnend, sondern könne den Boden für die
spätere Lösung größerer Schwierigkeiten bereiten. Der andere Kurs
läuft auf die 'Weigerung hinaus, angesichts des Fehlens von Fortschritten in Richtung auf eine Lösung der Zentralprobleme zwischen
Ost und West überhaupt irgendwelche Regelungen zu treffen; er beruht
auf dem Glauben, ein allgemeiner Spannungszustand der Weltpolitik
übe einen nützlichen Druck aus, der den Osten schließlich zum

-

2

-

�zum Einlenken in den großen Fragen veranlassen dürfte. Sie werden,
wie ich hoffe, am Ende meiner Ausführungen mit mir darin übereinstimmen, daß die erste Alternative - sie ist die Politik meines
Landes - der Kurs ist, den die nordatlantischen Völker einschlagen
sollten.
Meine Ausgangsthese lautet, daß mit zunehmender Ost-West-Spannung die Positionen nur immer mehr zu erstarren drohen, sowohl was das
Grundsätzliche als auch was die eigentliche Durchführung der Politik
angeht. Damit werden die Aussichten für eine Verbesserung der Lage
geringer und hoffnungsloser. Wenn aber diese Spannung nachläßt, verlieren die Positionen an Starrheit, die Gelegenheiten für eine Verbesserung der Lage vervielfachen sich und bringen neue Hoffnungen
mit sich. Wenngleich wir nicht hoffen dürfen, die Spannungen beseitigen zu können, ehe wir nicht ihre Ursachen beseitigt haben, vermag die
Verringerung von Spannungen doch dazu beizutragen, den Zielen der
westlichen Alliierten näher zu kommen.
Sie werden bemerkt haben, daß ich mit meiner Einleitung einem
Rat des Horaz gefolgt bin, der sich wiederum auf das Vorbild Homers
stützte, gleich zu Beginn in medias res zu gehen. Meine Zuhörerschaft
hier ist in mindestens einer Hinsicht Homers Hörerschar vergleichbar.
Ich brauche Sie nicht erst daran zu erinnern, daß dem gegenwärtigen
Augenblick lange Jahre der Auseinandersetzung vorausgegangen sind,
und es erübrigt sich auch, darauf hinzuweisen, daß die Fragen, die
wir hier gemeinsam untersuchen wollen, nicht das Ende der Geschichte
sind, sondern nur für eine kurze Geschichtsperiode stehen, in der sich
noch alles in der Schwebe befindet. Die Mitglieder dieser Gesellschaft
kennen die Geschichte der Nachkriegszeit ohnehin zur Genüge, Ich möchte
aber einen kurzen Augenblick darauf verwenden, sozusagen den Rahmen
der Diskussion abzustecken, indem ich Ihnen eine kurze Beschreibung
der Situation zwischen Ost und West gebe, wie sie heute besteht.
In gewisser Hinsicht entwickelten sich die Ereignisse des Jahres
1963 und damit auch die unmittelbaren Aussichten für 1964 im Schatten
des Versuchs der Sowjetunion, das Gleichgewicht der Kräfte durch die
Stationierung offensiver Raketenwaffen auf Kuba zu ihren Gunsten
zu verändern. Der Sprung der Sowjets nach Kuba erfolgte plötzlich

-

5 -

�plötzlich und rücksichtslos. Gerade diese Rücksichtslosigkeit
gab dem kubanischen denouement so starke und dramatische Akzente,
wie sie beispielsweise für die sowjetischen Schritte in Berlin in
jüngerer Zeit nicht kennzeichnend sind. Die Schwere der Herausforderung und die Festigkeit mit der wir ihr entgegengetreten sind,
haben dem dramatischen Geschehen um Kuba im Jahr 1962 die A n "
erkennung als

Wendepunkt der Weltpolitik in der Folgezeit einge-

bracht.
Die Kuba-Krise war die Fortsetzung einer Serie planmäßiger Bemühungen der Kommunisten, ihre Macht und ihren Einfluß in neuen Gebieten geltend zu machen. Derartige Versuche wurden nach 1945 in
vielen Gebieten, am nachdrücklichsten aber im Iran, in der Türkei,in
Griechenland, Berlin, Korea, Laos und Vietnam unternommen. In jedem
Falle wurden diese Bemühungen vom Westen erfolgreich durchkreuzt,
wenngleich unsere Aufgabe in Laos und Süd-Vietnam ebenso wie in
Kuba noch nicht vollständig gelöst ist. Die besondere Bedeutung Kubas
ergibt sich daraus, daß wir es hier nicht nur mit der gewagtesten, sondern vielleicht auch letzten Episode einer gefährlichen Strategie der
Drohung mit Kernwaffen zu tun hatten, die auf den Start des ersten
Sputnik im Jahre 1957 zurückzugehen scheint.
Wenn die letzten 14 Monate Beweise für eine neue Nüchternheit
in der Lagebeurteilung durch die Sowjets erbracht haben, dann dürfte
sie auf folgende Faktoren zurückzuführen sein:
Erstens hat die westliche militärische Stärke erheblich zugenommen. Während die Sowjetunion seit 1958 mit einem ungenügenden
Blatt ihr Spiel überreizte, hat sich die Position des Westens darüber
hinaus in der Folgezeit durch die umfassende Mobilisierung aller
Kräfte wesentlich gebessert. Wie Präsident Johnson in seiner Haushaltabotschaft vom 21. Januar ausführte, haben die Vereinigten
Staaten innerhalb der letzten drei Jahre den Bestand an Atomwaffen
ihrer strategischen Streitkräfte um 100 Prozent erhöht und ihre
taktischen Atomstreitkräfte, die in Westeuropa stationiert sind, um
60 Prozent vermehrt. Wir haben des weiteren die Zahl unserer einsatzbereiten Kampfdivisionen um 45 Prozent und die unserer taktischen
Jagdstaffeln um 35 Prozent erhöht.

„

..

�Zweitens haben wir sowohl in Kuba als auch in Berlin den festen
Willen bewiesen, diese Kräfte notfalls in die Waagschale zu werfen.
Die Kommunisten können hierüber keinen Zweifel hegen.
Drittens hat die Sowjetunion gegenwärtig mit ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten als Folge der schlechten wirtschaftlichen Planung und der übermäßigen Abzweigung von Hilfsquellen für einen völlig unelastischen Rüstungs- und Raumfahrthaushalt zu kämpfen. Das
Ergebnis war der Rückgang der Agrarproduktion und die Unfähigkeit,
materielle und finanzielle Hilfsquellen in ausreichendem Umfang
für lebenswichtige andere Segmente der Industrie bereitzustellen.
Viertens ist die Vertiefung der chinesisch-sowjetischen Spaltung eine weitere wichtige Tatsache, mit der die Sowjets nunmehr zu
rechnen haben, wenngleich ihr Einfluß auf die sowjetische Politik
gegenüber dem Vifesten vorläufig nur sehr schwer genau zu bemessen ist.
Peking hat die Autorität Moskaus direkt angegriffen und befindet sich
gegenwärtig in einem unmittelbaren Wettstreit um die Führungsrolle in
der kommunistischen Weltbewegung und in den Entwicklungsländern in
Asien, Afrika und Lateinamerika.
Mit der zweifellos unnötigen Warnung, keine dieser Überlegungen
auch nur im mindesten als Hinweis auf einen sowjetischen Verzicht auf
das Endziel der Weltherrschaft zu interpretieren, wende ich mich nunmehr dem eigentlichen Thema zu, auf das ich Ihre Aufmerksamkeit lenken
möchte.
Ich darf zunächst einmal ein Argument gegen die Versuche ausräumen, mit dem Osten zu Übereinkünften zu gelangen, das streng von dem
bereits erwähnten Argument zu unterscheiden ist.
Den Kommunisten kann man, wie man oft hört, nicht trauen. Die
Sowjetunion scheint internationale Vereinbarungen nur solange als
bindend anzusehen, als sie sich zur Förderung ihrer eigenen Interessen auf ihre Bestimmungen berufen kann. Das kommunistische China ist
von noch brutalerer Offenheit, wenn es darum geht, seine eigenen Interessen gegen die Herrschaft des Rechts und zum Nachteil des Friedens
der Völkergemeinschaft durchzusetzen. In Berlin, in Südostasien und
in anderen Teilen der Welt spricht die Zahl der Fälle, in denen die

-

5 -

�die Kommunisten ihre internationalen Verpflichtungen mißachtet haben, eine so eindeutige Sprache, daß sich jeder Kommentar erübrigt.
Das ist leider eine Tatsache des internationalen Lebens, auf die
sich die Staatsmänner des Westens einstellen müssen. Dies hat einige
Beobachter zu der Auffassung geführt, man dürfe keine Vereinbarungen
mit den Sowjets schließen, da die westlichen Signatarstaaten sie als
bindend und damit als Beschränkung ihrer Handlungsfreiheit ansähen,
die östlichen Mächte hingegen nicht.
Darüber hinaus kann man argumentieren, die Vorstellungen der
Kommunisten von Verhandlungen seien so geartet, daß allein schon
die Erörterung möglicher Übereinkünfte Gefahr berge. Oft genug sind
ihre Verhandlungsangebote weniger von dem Wunsch inspiriert,zu einer
Übereinkunft mit uns zu gelangen, als von der Hoffnung getragen, sie
könnten, ohne etwas von ihrer Position aufzugeben, Zugeständnisse vom
Westen herausschlagen. Sie versuchen, jegliche Konzessionen, die der
Westen als Teil seiner Kompromißvorschläge offeriert, ohne Gegenleistung einzustreichen. Sie scheuen sich nicht, als Wiedergutmachung
für eine Verletzung einer Übereinkunft durch sie selbst eine Konferenz
zum Abschluß einer neuen Vereinbarung vorzuschlagen, die ihnen verschafft, was sie wollen. Für sie sind Verhandlungsgegenstand zu jedem
beliebigen Zeitpunkt nicht etwa die Differenzen zwischen den Positionen
des Ostens und des Westens, sondern die Differenz zwischen dem, was
sie besitzen, und dem, was sie zu erlangen trachten. Wenn es nach
ihnen ginge, wären Verhandlungen eine Art Viehgatter,an dem sich
die ahnungslosen Völker des Westens, von Kommunisten angetrieben,
entlang bewegen, langsam vielleicht, aber einem unausweichlichen
Schicksal entgegen.
Ich habe nichts gegen Leute, die mit Nachdruck darauf bestehen,
es sei töricht, Lippenbekenntnissen des guten Willens seitens der
Kommunisten zu trauen, wenn diese Vereinbarungen eingehen. Meiner
Meinung nach führt aber kein logischer Weg von dieser Prämisse zu
dem Schluß, der Westen dürfe deshalb keine Gespräche mit dem Osten
führen und keine Verträge mit ihm schließen. Eine solche Schlußfolgerung spiegelt nicht Mißtrauen gegen die Kommunisten, sondern mangelndes Vertrauen in uns selbst wider. Dies zu folgern hieße auch,

-

6 -

�auch, unser Geschick und unsere Erfahrung in der Führung von OstWest-Gesprächen und in der Erschließung von Mitteln und Wegen zur Gewährleistung der Einhaltung getroffener Vereinharungen zu unterschätzen. Es ließe ferner die Tatsache außer acht, daß sich die
Sowjets unter gewissen Umständen aus Rücksicht auf ihre eigenen Interessen zu einem Abkommen bereitfinden können, das auch in unserem
Interesse liegt.
Bevor ich auf diesen Punkt weiter eingehe, möchte ich mit Ihnen
die Vorstellung etwas eingehender erörtern, ein gewisses Maß an Spannung im Ost-West-Verhältnis sei für den Westen vorteilhaft. Dabei müssen
wir uns, wie ich glaube, vor allem vor dem üblichen Fehler hüten, die
Spannungen als ein Phänomen zu behandeln, das unabhängig von den wirklichen Problemen und Ereignissen unserer Welt ein Eigenleben führt. Und
wir dürfen auch nicht versäumen, streng zwischen den Ursachen dieser
Spannung und ihren Wirkungen zu unterscheiden.
Spannungen zwischen Staaten oder Staatengruppen entstehen,wenn
sich wichtige nationale und Gruppenzielsetzungen überschneiden oder
miteinander in Konflikt geraten, wie dies gegenwärtig zwischen Ost
und West der Fall ist.
Vor allem ist hier die Unvereinbarkeit der kommunistischen Ziele
mit dem Wunsch anderer Nationen zu nennen,unbehelligt in Frieden zu
leben. Die Auseinandersetzung über den einzuschlagenden Weg, in die
die kommunistischen Mächte gegenwärtig verstrickt sind, hindert sie
nicht,gemeinsam und beharrlich an der Idee von der Weltrevolution
festzuhalten. Ich möchte diesen Punkt noch besonders durch ein Zitat
aus einer Erklärung des sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow
unterstreichen, die im vergangenen Monat in der Zeitschrift "Kommunist"
veröffentlicht wurde:
"Es versteht sich von selbst, daß der Wettstreit zwischen
Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen im Zustand
der friedlichen Koexistenz nicht an Schärfe verliert. Friedliche
Koexistenz bedingt im Gegenteil ein wirtschaftliches Ringen in
Form eines ökonomischen Konkurrenzkampfes und einer politischen
und ideologischen Auseinandersetzung."
Eine

- 7 -

�Eine weitere Spannungsquelle ist die Tatsache, daß die kommunistischen Führer heute weite Gebiete der Welt beherrschen, darunter
die Ostzone Deutschlands, der die Erfüllung berechtigter nationaler
Wünsche verweigert wird.
Spezifische Streitfragen und Situationen, die zu Spannungen führenkönnen, gibt es in großer Zahl und Vielfalt. In der medizinischen
Terminologie bezeichnet man krankhafte Spannungszustände häufig als
Syndrom, und diese Analogie erweist sich als recht nützlich für die
Diskussion der hier in Rede stehenden Spannungen. Ein Syndrom bezeichnet einen Komplex

von ursprünglich unzusammenhängenden Sympto-

men, die jedoch im Zusammenspiel einen kumulativen Effekt weit gefährlicherer Art ergeben als die Summe der einzelnen Einflüsse. In ähnlicher Weise werden die Spannungen zwischen Nationen insofern verschärft,
als sie in vielfältigen Formen - auf militärischem, politischem, wirtschaftlichem und ideologischen Gebiet - in Erscheinung treten und sich
gegenseitig beeinflussen und potenzieren können.
Eine der Hauptursachen militärischer Spannung ist die Bedrohung Europas, wie sie eich au

der Anhäufung kommunistischer Waffen im

Osten ergibt. Dem gegenüber steht in Europa die NATO-Stärke, die ungeachtet notwendiger Verbesserungen doch über eine eindrucksvolle Schlagkraft in allen militärischen Bereichen verfügt.
Die Spannungen, die sich aus dieser Konfrontation in Europa ergeben, werden durch die Tatsache verstärkt und kompliziert, daß die
Kommunisten in anderen Teilen der Welt - auf Kuba, in Laos und SüdVietnam - ihre Ziele mit Mitteln der aktiven Subversion und des
Terrors verfolgen. All dies überlagert das Gleichgewicht des atomaren
Schreckens zwischen Ost und West, das auf zerstörerischen Kräften
basiert, die im Falle ihres Einsatzes im Laufe von Stunden Millionen
und aber Millionen Menschenleben fordern würden. Alle diese: Faktoren
ergeben • izusammen das Syndrom der Weltspannung.
Die entscheidenden Streitfragen zwischen Ost und West werden
zu Schlagzeilen, wenn die Sowjets versuchen, Raketen auf Kuba zu plazieren, wenn sie alliierte Konvois auf der Autobahn nach Berlin stoppen oder wenn sie, wie im letzten Monat, völlig sinnlos Offiziere der

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8

-

�der amerikanischen Luftstreitkräfte abschießen, die mit ihrem unbewaffneten bbungsf lugzeug über ostdeutsches Gebiet geraten waren.
Es wäre eine allzu grobe Vereinfachung der Dinge, behaupten zu
wollen, die Spannungen hätten aufgehört, wenn die kommunistischen
Mächte es gerade vorziehen, sich solcher Handlungen zu enthalten.
Daß das Nichtvorhandensein einer Krisensituation einer detente gleichkomme ist genau das, was die Kommunisten uns glauben machen wollen.
Es liegt keineswegs in unserem Interesse, so zu sprechen und zu handeln, als treffe dies zu.
Daraus folgt hinwiederum nicht, daß es in unserem Interesse liege,
die Spannung zwischen Ost und West in Streitgesprächen, Krisen und
Machtproben zum Ausdruck kommen zu lassen. Tatsächlich käme eine
solche Haltung einem Einschwenken auf das kommunistische Argument
gleich, daß Spannungen nicht existent sind außer in ihren akuteren
Manifestationen. Wir müssen den verantwortungsvolleren Weg einschlagen
und uns bemühen, diese Manifestationen unter Kontrolle zu bringen, damit daraus keine allgemeinen Konflikte entstehen, während wir versuchen, zu den tatsächlichen Ursachen solcher Spannungen vorzudringen.
Manche behaupten, der Druck auf die kommunistischen Mächte, dem
Westen gegenüber nachzugeben, sei dann am stärksten, wenn sich die Beziehungen zwischen Ost und West an einem Tiefpunkt befinden. Meines Erachtens bedeutet diese Ansicht eine Fehleinschätzung der Ursachen und
Gefahren der Spannung. Tatsache ist, daß der Westen auf den Osten nur
einen Druck mit friedlichen Mitteln ausübt. Wir brauchen unsere militärische Stärke zur Abschreckung und Abwehr militärischen Drucks seitens des Ostens; wir haben, den Verteidigungsfall ausgenommen, auf
die Anwendung dieser Stärke feierlich verzichtet, und dies ist unseren Widersachern wohl bekannt.
Eine Verschlechterung der Beziehungen gibt dem Westen also
keine neue Handhabe, die Mächte des Ostens aus ihrer Igelstellung
herauszuholen. Die Hilfsquellen und die Anziehungskraft unserer
prosperierenden freien Gesellschaft sind die uns zur Erreichung unserer eigenen Ziele verfügbaren geeigneten Instrumente,zu denen noch diegemeinsame Entschlossenheit hinzukommt, die Lösung von Problemen mit allen
nur erdenklichen friedlichen Mitteln durchzusetzen. In Krisenzeiten

-

9 -

�Krisenzeiten aber sind diese Instrumente nicht wirksamer, sondern
weniger wirksam als in einer Zeit relativer Ruhe.
Es "besteht kein Grund zu der Hoffnung, der Widersacher werde
uns aus freien Stücken und uns zuliebe die bedingungslose Kapitulation anbieten. Ein Zustand verstärkter Spannungen und Konflikte
schwängert die Atmosphäre mit Furcht und Mißtrauen. Sind die Völker
einmal aufgebracht, werden sie ihren politischen Führern nicht erlauben, Zugeständnisse zu machen - und selbst in kommunistischen
Staaten müssen die politischen Führer wenigstens einige Rücksicht auf
die Volksmeinung nehmen. Jegliche Aussicht auf eine friedliche Regelung durch ein beiderseitiges Entgegenkommen der Kontrahenten schwindet dahin. Probleme minderer Bedeutung werden aufgebauscht und vervielfacht statt gelöst. Streitigkeiten werden vom Zaun gebrochen,
die es niemals zu geben brauchte. Gewalttätigkeit oder sogar Krieg
könnte aus solch künstlichen Provokationen entstehen, die selbst
nie Teil des ursprünglichen Konflikts über lebenswichtige Interessen
waren .
Andere Kreise behaupten, eine Einigung in Fragen von geringerer
Bedeutung könne den Westen aus der Illusion der Entspannung heraus
zu einer unangebrachten Selbstzufriedenheit verleiten und der Westen
könne den status quo so akzeptabel finden, daß langfristige Ziele
darüber in Vergessenheit geraten und man sich damit abfindet, Probleme von zentraler Bedeutung weiterhin ungelöst zu lassen. Es könnte
tatsächlich so sein, aber es muß nicht so sein. So kurz ist das Gedächtnis der Völker wiederum nicht. Ein entschlossenes und weitblickendes Volk wird unablässig auf die Verwirklichung seiner höheren Zielsetzungen oder die Lösung seiner Grundprobleme bedacht sein.
Meiner Überzeugung nach besitzen die Nationen des Westens, einschließlich der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik, die notwendige Entschlossenheit. Das Wissen darum ist der Maßstab unseres
gegenseitigen Vertrauens. Schließlich schlagen wir uns schon fast
eine Generation lang gemeinsam mit den Problemen der Ost-West-Beziehungen herum. Ich halte uns nicht für so unklug oder unsere Zielstrebigkeit für so gering, daß wir uns erst durch Krisen oder Zusammenstöße mit dem Gegner jeweils an unsere Pflichten erinnern

-

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�erinnern lassen müßten. '.Vir sehen unsere gemeinsamen Ziele deutlich
vor uns, und ich glaube nicht, daß wir sie je aus den Augen verlieren werden.
Die von uns vorgeschlagene Alternative zu einer Politik der Vermeidung jeglicher Abmachungen ist eine Politik der Suche nach Einigungen, wann und wo immer sie möglich erscheinen. Wenn auch derartige
Bemühungen in der Praxis mit hoher Wahrscheinlichkeit eher zu begrenzten
Vereinbarungen als zu umfassenden Regelungen führen, schließen wir
letztere nicht etwa aus diesem Grunde gänzlich aus. Der Staatsvertrag
mit Österreich ist ein Beispiel für einen echten Durchbruch, der durch
langes und geduldiges Sondieren möglich wurde und zu einer mit den
lebenswichtigen Interessen beider Seiten zu vereinbarenden Übereinkunft geführt hat.
Ein solcher Kurs setzt das geduldig geführte Gespräch mit der
Gegenseite voraus, um die strittigen Punkte zu klären und die relativ
begrenzten Gebiete ausfindig zu machen, auf denen zum gegenwärtigen
Zeitpunkt Verhandlungen möglich sind. Die unerläßliche Geduld zu
üben, wird von vielen hervorragenden Sachkennern empfohlen, so auch
von Wilhelm Y/olfgang Schütz vom Kuratorium "Unteilbares Deutschland".
In einer Rede über die deutschen Wiedervereinigungsbestrebungen sagte
er:
"Wir müssen den Mut haben, auch einen längeren Weg einzuschlagen,
wenn uns niemand den kurzen Wsg zeigen kann. Das bedeutet, wir müssen
den Mut haben, uns unter Umständen auch über Etappen auf diesem
Weg zur Einheit zu unterhalten."
Präsident Johnson kleidete in einer Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen den gleichen Gedanken in folgende Worte:
"Der Weg zum Frieden ist weit, und er kann nur Schritt für
Schritt gegangen werden."
Dieses Verfahren, zwischen Differenzen zu unterscheiden, über
die verhandelt oder nicht verhandelt wird, ist an sich schon langwierig und beschwerlich. Dennoch hat es selbst in diesem Stadium
Resultate gegeben. Es bedeutet schon einen Gewinn für 'ins ,

-

11

-

�uns, in den Ost» und West trennenden zentralen Streitfragen
klarer zu sehen. Zu den größten Gefahren unserer Zeit gehört die
Möglichkeit, daß die kommunistischen Führer in einen Krieg hineinstolpern, weil sie unsere lebenswichtigen Interessen verkennen. So
haben beispielsweise die zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion seit geraumer Zeit immer wieder aufgenommenen Gespräche
über Berlin bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt. Sie haben uns jedoch die Möglichkeit gegeben, unmißverständlich klarzumachen, daß
der Westen lebenswichtige Interessen in Berlin hat, die die Sowjetunion nicht antasten darf. Insoweit wurde mithin die Gefahr eines
Krieges durch Fehleinschätzung verringert.
Die meisten Gespräche zwischen Ost und West sind keine Verhandlungen in dem Sinn, in dem wir diesen Begriff im Westen gebrauchen.
Unter gewissen Umständen können sie - wie dies auch tatsächlich geschieht - zu echtem und sogar erfolgreichen Verhandeln führen, selbst
wenn solche Umstände nur begrenzt sein mögen. Da man von keinem Menschen und auch von keinem Volk die freiwillige Preisgabe lebenswichtiger Interessen erwarten darf, müssen sinnvolle

Verhandlungen auf

Dinge beschränkt bleiben, die von keiner Seite als im Widerspruch zu
ihren lebenswichtigen Interessen stehend betrachtet werden. Auf anderen Gebieten aber können Gespräche zu echten und erfolgreichen Verhandlungen führen.
Am Rande möchte ich noch anmerken,"was nach amerikanischer Auffassung Ost-West-Verhandlungen nicht sind. Sie werden nicht einzig
und allein deshalb geführt, um die Sowjets zu einer entgegenkommenden
Haltung zu bewegen oder eine oberflächliche, durch keine konkreten
Beweise eines Fortschrittes erhärtete detente herbeizuführen. Sie
beruhen nicht auf der vagen Hoffnung, wir könnten die Sowjets, wenn .
wir ihnen einseitige Konzessionen machen, so oder so zu einer von
gutem Willen getragenen Haltung veranlassen oder in ihnen das Gefühl
wecken, sie seien auch ihrerseits als Gegenleistung zu freiwilligen
Zugeständnissen verpflichtet. Die Geschichte unserer Beziehungen
mit den Sowjets gibt uns keine Gewähr dafür, daß solche Erwartungen
gerechtfertigt sind.
Doch

-

12

-

�Doch selbst wenn der Bereich unserer Beziehungen durch eine
vorsichtige Skepsis gegenüber den sowjetischen Absichten eingeengt
wird, so zeigt die Erfahrung, daß immer noch Spielraum für Fortschritte
vorhanden ist. Nicht alle Vereinbarungen müssen von Vertrauen getragen sein. Bei der häufigsten Transaktion zwischen Menschen überhaupt dem Austausch von Waren gegen Bargeld über den Ladentisch hinweg spielt das Element des Vertrauens keine Rolle. In den Ost-West-Beziehungen muß der Grundsatz "caveat emptor" besonders sorgfältig
beachtet werden. Haben jedoch beide Parteien die Vorteile einer Vereinbarung richtig analysiert und erfolgt, wie im Falle eines Kaufes,
Zug um Zug der Austausch der frei vereinbarten Gegenwerte - dann
läßt sich selbst bei fehlendem Vertrauen eine Basis für erfolgreiche
Vereinbarungen schaffen.
Wo eine Abmachung eine Reihe von Schritten über längere Zeit hinweg erforderlich macht, sind selbstverständlich auch besondere Sicherungen nötig. Man braucht dazu einen Kontrollmechanismus oder Apparat,
der den Austausch der Gegenwerte zwischen den Parteien nach dem Prinzip
der Billigkeit und Gleichzeitigkeit regelt, wobei jede Seite jederzeit einhalten
kann, wenn sich zeigt, daß die Gegenseite ihre Zusicherungen nicht mehr
länger erfüllt. Innerhalb dieser Grenzen - über die sich alle im
klaren sind, die Erfahrungen im Verhandlungswesen besitzen - ist die
Durchführung von Vereinbarungen in genau abgesteckten Bereichen durchaus möglich.
Die Zielsetzungen von Ost und West sind so gegensätzlich, daß
sich Bereiche gleichlaufender Interessen beider nur schwer herausfinden lassen. Immerhin haben wir gewisse äerartige Bereiche gefunden,
und wir sind sicher, daß es noch weitere geben muß. Als von gemeinsamem Interesse erkannten wir zum Beispiel die Beendigung der Großversuche mit Kernwaffen, eine Tatsache, die wir*1 9^3 in dem Abkommen
über die teilweise Einstellung der Atomversuche bekräftigt haben. Ich
möchte die Bedeutung dieser Entwicklung nicht überbetonen. Sie illustriert jedoch die Beharrlichkeit und Kontinuität, mit der mehrere
aufeinanderfolgende amerikanische Regierungen Fortschritte auf diesem
Gebiet zu erreichen suchten, wie auch die Langwierigkeit, mit der wir
bei solchen Fortschritten zu rechnen haben. Das Abkommen über die

-

13

-

�die Einstellung der Atomversuche geht auf Vorschläge zurück, die
die Vereinigten Staaten im April 1959 unterbreitet haben und die
auf Grund gemeinsamer britisch-amerikanischer Initiativen 1961 und
1963 weiterentwickelt .worden sind.
Es wurden noch weitere kleine Schritte im gegenseitigen Einverständnis unternommen. Der erste führte zu der Vereinbarung über
den "heißen Draht", der in Krisenzeiten die direkte Kontaktaufnahme
zwischen Washington und Moskau ermöglicht. Seitens der Sowjetunion bedeutete dies eine begrenzte Anerkennung des gemeinsamen Interesses,
den Ausbruch eines Krieges aus Zufall oder durch Fehleinschätzung
zu verhindern. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben
die von den Vereinten Nationen angenommene Erklärung bezüglich des
Verbots der Stationierung von Atomwaffen im Weltraum gemeinsam formuliert. Eine weitreichende Übereinkunft über Rechtsgrundsätze in
Weltraumfragen war damit erreicht.
7,'ir führön ferner mit der Sowjetunion Besprechungen über gewisse rein zweiseitige Abkommen; so verhandeln wir zur Zeit über einen
Konsularvertrag und ein neues Kulturaustauschprogramm. Besonders im
Rahmen des Austauschprogramms suchen wir Kontakte mit den Völkern
Osteuropas herzustellen. Diese Kontakte vervielfältigen sich durch
den Reiseverkehr und die größere Freizügigkeit zwischen Ost und West.
Derartige Begegnungen tragen auch unmittelbar zur Auflockerung und
Liberalisierung der geschlossenen Gesellschaftssysteme bei.
Es gibt somit Beweise, daß die Sowjetunion in gewissen sehr
engbegrenzten Bereichen die Existenz gemeinsamer Interessen mit dem
Westen zu erkennen beginnt. Zweifellos ist Ihnen die Botschaft Präsident Johnsons zur Eröffnung der Genfer Abrüstungskonferenz am
20. Januar dieses Jahres bekannt. Die fünf Hauptvorschläge Präsident
Johnsons sind ein

Unterpfand unserer festen Übereeugung, daß eine

weitere Begrenzung des Rüstungswettlaufs und der Kriegsgefahr durch
Vereinbarungen möglich ist.
Die Probleme sind zu ernst und die Gefahren zu real, als daß wir
die Möglichkeit weiterer Vereinbarungen in der leichtfertigen Annahme
abtun könnten, daß eine Regelung, der die Sowjetunion zustimmt, in
jedem Falle unseren Interessen zuwiderlaufen müsse. Diese Annahme

-

14

-

�Annahme ist nicht unbedingt gültig.

Ergibt eine sorgfältige Ana-

lyse, daß sich die Vor- und Nachteile für beide Seiten in etwa die
Waage halten, kann eine Vereinbarung ein Nettogewinn für beide
sein. Das Wesen jeder normalen Geschäftstransaktion liegt darin,
daß jede Seite, von ihrem eigenen Gesichtspunkt aus gesehen,
Vorteil daraus zieht,.. Es gibt keinen Grund, warum wir bei entsprechender Vorsicht und mit viel Geduld ni^ht mit der Sowjetunion zu
Vereinbarungen dieser Art gelangen können.
Und selbst die zuversichtliche Entschlossenheit, uns und unsere Interessen z.u schützen, schließt - auch bei Fehlen eines vorherigen Übereinkommens

- die Möglichkeit nicht aus,' daß beide Seiten

Zug um Zug unabhängige und wechselseitig ausgewogene Schritte derArt unternehmen, wie sie bereits unternommen werden. Die Vereinigten
Staaten haben ihren Militärhaushalt gekürzt. Sie sind dabei, bestimmte
Produktionsstätten für spaltbares Material stillzulegen und haben
die Sowjetunion aufgefordert, das gleiche zu tun. Die Sowjetunion
hat eine Kürzung ihres Militärbudgets angekündigt, deren tatsächliche Auswirkungen wir zur Zeit prüfen. Echte Fortschritte in Richtung auf eine Verringerung der Spannungen könnten sich ergeben, wenn
Maßnahmen der einen Seite ihre Entsprechung in Maßnahmen der anderen
Seite fänden. Dies setzt voraus, daß wir - soll das Gleichgewicht
gewahrt bleiben - nicht für widerrufliche Maßnahmen der Gegenseite mit
unwiderruflichen Maßnahmen unsererseits bezahlen.
Die Möglichkeiten für begrenzte Vereinbarungen reichen leider
noch nicht unmittelbar an die zentralen Fragen der Auseinandersetzung
zwischen Ost und West heran. Auf der Suche nach Lösungen für weniger
wichtige Fragen auf dem Wege über Verhandlungen und Kompromisse müssen
wir logischerweise bedenken, inwieweit sie sich erschwerend oder erleichternd auf eine künftige Regelung von Zentralproblemen auswirken .
Ich möchte zwei Thesen aufstellen: Erstens bietet die Geschichte
kaum Anlaß zu dem Glauben, daß sich ernsthaftere Meinungsverschiedenheiten zwischen Völkern durch friedliche Verhandlungen überwinden
lassen, die zu einem einzigen großen Kompromiß führen. Üblicherweise
dauern solche Meinungsverschiedenheiten so lange an, bis entweder

-

15

"

�entweder die eine Seite der anderen ihren Willen aufzuzwingen
vermag, oder "bis die Zeitläufte und die politische Entwicklung die
Weltlage so weitgehend ändern, daß sich diese Probleme ihrem Wesen
nach wandeln oder sich überlebt haben.
Meiner Überzeugung nach müssen Vereinbarungen hinsichtlich
der Hauptdifferenzen zwischen Ost und West in den meisten Fällen
bis zu einem Wandel in den Weltbeziehungen zurückgestellt werden,
der so drastisch ist, daß die in Rede stehenden Probleme
länger

nicht

mehr zur Kategorie der lebenswichtigen Interessen gehören.

Bezüglich dieser Probleme müssen wir uns also großer Zurückhaltung
befleißigen. Wir müssen Lösungen auf Umwegen suchen - durch die Förderung eines evolutionären Wandels der Gesamtzusammenhänge, in denen
diese Probleme in der Weltpolitik stehen.
Meine zweite These besagt, wird jenes grundsätzliche Gleichgewicht zwischen Vor- und Nachteilen erst einmal erreicht, besteht
kein Grund, bei den Versuchen, hinsichtlich der weniger wichtigen
Probleme zu Vereinbarungen zu gelangen, auf die Lösung der lebenswichtigen Fragen zu warten*. Lassen Sie mich wieder eine Analogie
aus der Medizin anführen. Stellt ein Arzt beispielsweise fest, daß
ein Patient nicht nur an einer ernsten und chronischen Krankheit,
sondern auch an kleineren Beschwerden leidet, die seinen Krankheitszustand komplizieren, und kann er die schwere Krankheit nicht sofort
ausheilen, wird er deshalb sicherlich nicht etwa die Behandlung der
kleineren Beschwerden unterlassen. In den Ost-West-Beziehungen kann
uns die Beseitigung kleinerer Differenzen einmal eine genauere
Diagnostizierung der größeren Probleme und zum anderen auch die
Ausschaltung von Begleiterscheinungen gestatten, die uns daran
hindern, der eigentlichen Probleme Herr zu werden.
Darüber hinaus weckt der Abschluß selbst unwichtigerer Abkommen
die Überzeugung und Erwartung, daß

weitere folgen werden. Das Gefühl

beginnt sich zu durchzusetzen, daß vielleicht auch andere Differenzen
ähnlicher Art beizulegen sind. Vielleicht dämmert allmählich selbst
ein wenig Hoffnung herauf, auch die größeren Streitfragen könnten
mit einiger Aussicht auf Erfolg in Angriff genommen werden. Das
Gefühl einer sich anbahnenden Bewegung in dem scheinbar für alle
Ewigkeit in völliger Bewegungslosigkeit erstarrten polaren Packeis-

-

16

-

�Packeis antagonistischer Positionen greift um sich.
Selbstverständlich birgt dies Gefahren. Ich sage nicht,
wir sollten unsere Vorsicht und .unsere Wertmaßstäbe aufgeben. Wir
dürfen uns nicht vom Strom des Optimismus in Fallen treiben lassen,
die uns kommunistische List stellen mag. Ich glaube jedoch, daß
Vereinbarungen eher aus Vereinbarungen hervorgehen

als aus Si-

tuationen, in denen sich beide Seiten aus gegensei tigern Mißtrauen
sinnvoller Kontakte enthalten, um sich mit gegenseitigen Beschuldigungen zu überhäufen. Sind kleinere Spannungen in hinreichender
Zahl durch isolierte Vereinbarungen beseitigt, könnte sich zudem
herausstellen, daß die noch offenstehenden Fragen weniger schwerwiegend sind als ursprünglich angenommen.
Außenminister Rusk hat die Aussichten für die nächste Zukunft
in folgenden Worten zusammengefaßt:
"Ich sehe am Horizont keine eindrucksvollen und durchgreifenden Lösungen für die Probleme, die uns trennen und bedrohen.
Aber wir müssen stetig, geduldig und unermüdlich an ihnen arbeiten. Kleine Schritte lohnen sich, weil sie möglicherweise
zu größeren führen..."
Abschließend möchte ich Ihnen also zu bedenken geben, daß es
für den Westen von '/orteil ist, dort Vereinbarungen mit dem Osten zu
suchen, wo sich in beiderseitigem Interesse Gründe für praktisch
durchführbare Abkommen finden lassen. Wir sollten uns dieser Aufgabe
ohne allzu hochgespannte Erwartungen auf einen raschen oder spektakulären Erfolg, doch unverzagt widmen. Wir müssen uns unablässig _
auf allen Ebenen und im Hinblick auf alle leichten und selbst
schwierigste

Fragen - um sie bemühen.

Es läßt sich nicht mit mathematischer Sicherheit nachweisen,
ob uns ein Kachlassen der Spannungen als Folge einer Reihe von
kleineren Vereinbarungen dem Endziel der vollkommenen Entspannung
näher bringen kann. Das Gegenteil aber läßt sich meiner Überzeugung
nach wirklich beweisen: daß nämlich eine Politik unterlassener Entspannungsversuche zwangsläufig die Möglichkeit verbaut, dieses Ziel
zu erreichen.

,--

-

17

-

�Es gibt meines Erachtens aber Vereinbarungen, die jetzt auf
den Gebieten der Abrüstung, der Verhinderung eines Krieges durch
Fehleinschätzung, des Handels und Kulturaustauschs sowohl zwischen
einzelnen Staaten wie auch Staatengruppen zustande gebracht werden
können. Y/ir müssen stets bedenken, daß dort, wo Staatengruppen beteiligt sind, volle Einigkeit hinsichtlich der zu machenden grundlegenden Vorschläge: herrschen muß. Kein Land kann ohne seine Verbündeten in Alleingang vorpreschen.
Wenn wir Vorschläge für weniger wichtige Vereinbarungen machen,
müssen wir stets zugleich endgültige Lösungen für die Hauptprobleme
in unsere Überlegungen einbeziehen, wie gering auch immer die Aussichten für erfolgreiche Verhandlungen scheinen. Beispielsweise
muß der Westen jederzeit darauf vorbereitet sein, über eine Wiedervereinigung Deutschlands im Rahmen der Sicherheit Europas zu verhandeln, wie er auch in der Lage sein sollte, Fragen wie die Beschränkung des Kernwaffenbesitzes zu erörtern.
Obwohl natürlich solche Verhandlungspositionen in den Hauptfragen nicht erst dort beginnen, wo mit einem Ende von Verhandlungen
zu rechnen ist, müssen sie doch mehr sein als reine Propagandapositionen. Sie müssen, wo immer dies möglich ist, nicht nur die Psychologie, sondern auch die Lebensinteressen des Gegners berücksichtigen. Andernfalls werden die Positionen beider Verhandlungspartner
stets zu weit auseinanderklaffen, um feststellen zu können, ob sie
miteinander in Einklang zu bringen sind oder nicht.
Mit diesen Bemerkungen habe ich versucht, einen Abriß der Gedankengänge zu geben, die eine positive Einstellung zu den Ost-WestBeziehungen rechtfertigen. Die Formulierung solcher Ideen erscheint
mir in dieser historischen Entscheidungsphase wesentlich. Zu dieser
Schlußfolgerung veranlaßt mich nicht das Gefühl,daß in dieser Angelegenheit das letzte Wort schon gesprochen sei, sondern die Hoffnung,
damit vielen anderen Anregung zur Erörterung dieser Gedanken in Wort
und Schrift zu geben.
Die Haltung, die wir in unseren Beziehungen zum Osten jetzt einnehmen, wird bedeutende Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit
haben. Wir können es uns nicht leisten, daß unsere Haltung entweder
-

18

-

�entweder durch eine instinktive Reaktion auf eine von uns wahrgenommene Gefahr oder durch eine plötzlich aufsteigende impulsive
Hoffnung bestimmt wird. Weder das eine noch das andere gibt eine
brauchbare Basis für eine Politik ab, die gleichzeitig den Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, und den Hoffnungen, die wir hegen,
Rechnung tragen muß.
Unsere Demokratien können Übereinstimmung am besten durch freie
Diskussion und Konsultation erreichen. Meiner Ansicht nach ist es
für uns an der Zeit, die Ost-West-Beziehungen von neuem zu erörtern.
Weder das starre Festhalten an unterschiedlichen Auffassungen noch
ein nicht von der Vernunft diktiertes Einschwenken auf einen bestimmten Kurs ist eine angemessene Antwort auf die Probleme, denen
wir uns gegenübersehen. Uneinigkeit schwächt uns. Das passive Hinnehmen einer bestimmten Politik beraubt uns der Unterstützung der
breiten Masse und bringt die Quellen der Ideen und diplomatischen
Geschicks zum Versiegen, die, in gemeinsamem Bemühen genutzt, die
besondere Stärke des Westens sind.
Letzten Endes muß der Westen als Ganzes bestimmen, welchen
Kurs er in ssinen Beziehungen zum Osten einschlägt. Für uns alle
und für spätere Generationen ist nichts wichtiger, als zu den vor
uns liegenden schicksalsschweren, gemeinsamen Entscheidungen mit
Weisheit, Mut und Zielstrebigkeit beizutragen.

-

19

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�)

A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

W1./XVI-12

KEINE VERSCHWENDUNG, KEIN ZURÜCKWEICHEN
Präsident Johnson unterbreitet dem US-Kongreß
Auslandshilfe-Botschaft

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
der Auslandshilfe-Botschaft, die
Präsident Johnson am 19« März 1964
dem amerikanischen Kongreß unterbreitet hat.

An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Das wichtigste Element in der Entwicklung einer Nation ist weder der Umfang noch die Art der Hilfe von außen, es ist vielmehr der
Wille und die Entschlossenheit der direkt betroffenen Regierung und
Bevölkerung.
Für diejenigen Nationen, die sich dem Portschritt in Freiheit
verschreiben, kann die Hilfe von uns oaer von anderer Seite das Plus
bedeuten, aas über Fehlschlag oder Erfolg entscheidet.
Darum geht es hier.
Die in dieser Botschaft enthaltenen Vorschläge bringen gleichzeitig damit, daß sie unsere nationalen Ideale verkünden, unser Eigeninteresse zum Ausdruck.
Wir säen eine Saat des Bösen für uns und unsere Kinder, wenn wir
vor der Aufgabe zurückschrecken, Armut und Unwissenheit in der Welt
zu bekämpfen. Sie sind die finsteren Rekrutenwerber des Kommunismus.
Wo immer wir versagen, blüht ihr Geschäft. Wenn wir uns vor unseren Verpflichtungen drücken, wird der Kommunismus seine Ambitionen
nur noch steigern.
Das ist die harte Gleichung, die unser Zeitalter beherrscht und
die sich weder mit Logik noch in Ehren umgehen läßt.
Keine Verschwendung, kein Zurückweichen
Es widerspricht unserem nationalen Interesse, wenn wir in irgendeinem dieser Programme Verschwendung, Leerlauf oder Extravaganz dulden. Aber es verstößt genauso gegen unser nationales Interesse, wenn
- 1

�wenn wir uns vor unseren Verpflichtungen und Zusagen drücken, solange die Belagerung der Freiheit anhält.
Wir wissen, daß die Vereinigten Staaten die Last dieser Programme nicht allein tragen können und sollten.
Auch die anderen Nationen werden bei dieser Aufgabe der gegenseitigen Hilfe gebraucht. Es gibt ermutigende Zeichen dafür, daß der
Prozeß aer Beteiligung an der Last Fortschritte macht.
Der beste Weg für die Vereinigten Staaten, diesen Fortschritt
anzuregen und diese Partnerschaft in Freiheit auszudehnen, besteht
darin, daß wir unser eigenes Beispiel zu einem Anreiz für unsere
Freunde und Verbündeten machen.
Wir brauchen die Garantie der Stabilität und des Fortschritts
in einer Welt, die von Gefahren und Nöten beunruhigt wird.
Umsichtige und verantwortungsvolle Programme
Wir haben nicht die Absicht, in diesem Programm die ganze Welt
zu berücksichtigen. Hilfe in einem weltweiten Ausmaß gehört nicht
zu unseren Zielen.
Wir bemühen uns vielmehr - durch umsichtige und verantwortungsvolle Programme -, solchen mit Sorgfalt ausgewählten Ländern Hilfe
zu gewähren, deren Weiterbestehen in Freiheit von wesentlicher Bedeutung ist - und deren Zusammenbruch der kommunistischen Expansion
neue Chancen bieten würde.
Leichte Siege gibt es in dieser Kampagne nicht. Es kann jedoch
zu sehr plötzlichen Katastrophen kommen. Wir können uns unserer Verantwortung nicht entziehen, während die Freiheit in Gefahr ist. Die
lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten erfordern es, daß
wir weiterkämpfen. Wir dürfen die Sache nicht im Stich lassen.
Wirtschaftliche und militärische Hilfe - zur rechten Zeit und
in der rechten Form - können unserer Außenpolitik eine unerläßliche
Stütze sein, indem sie den Vereinigten Staaten die Möglichkeit geben, auf den Gang der Ereignisse einen Einfluß auszuüben, anstatt
sich lediglich reaktiv zu ihnen zu verhalten. Indem wir einen kleinen Teil unserer Hilfsquellen hierfür einsetzen, noch bevor es zu
wirklichen Krisen kommt, verringern wir die Gefahr und Häufigkeit
derartiger Krisen.
Unsere Voraussicht wird somit zu einem Schutzschild gegen Unheil,
Die in dem Programm für das Haushaltsjahr 1965 enthaltenen Empfehlungen sind dazu bestimmt, das Hilfsprogramm in diese Richtung zu
lenken.
Sie geben die Ansichten und Erfahrungen des Kongresses, der Exekutive und sachkundiger privater amerikanischer Bürger wieder.
Fünf Grundkonzeptionen für ein erfolgreiches Programm
Erstens* Die Anforderungen für die Mittel müssen realistisch
sein.
Für die Wirtschaftshilfe werden neue Ausgabeermächtungen in Höhe
von 917 Millionen Dollar für das Haushaltsjahr 1965 empfohlen. Im einzelnen empfehle ich für die wirtschaftliche Verteidigungshilfe 335
Millionen Dollar, für die technische Hilfe 225 Millionen Dollar, für
- 2 -

�für Beiträge an internationale Organisationen 154 Millionen Dollar,
für den Sonderfonds des Präsidenten 150 Millionen Dollar, und für
Verwaltungs- und sonstige Ausgaben 73 Millionen Dollar.
Für die Militärhilfe empfehle ich, daß der Kongreß eine laufende Ausgabeermächtigung erteilt, die einer alljährlichen Überprüfung hinsichtlich der in jedem Jahr vorgelegten Vorschläge durch die
zuständigen Ausschüsse beider Häuser des Kongresses unterliegt.
Für das Haushaltsjahr 19^5 empfehle ich keine zusätzlichen Ausgabeermächtigungen für die Allianz für den Fortschritt oder für die
Entwicklungskredithilfe in Asien und Afrika. Die für diese Programme
erteilten Ausgabeermächtigungen sind angemessen.
Die für das Haushaltsjahr 19^5 empfohlenen Ausgabeermächtigungen betragen insgesamt 1 Milliarde Dollar für die Militärhilfe und
2,4 Milliarden Dollar für die Wirtschaftshilfe.
Im Haushaltsjahr 1964 lagen die ursprünglichen Anforderungen
bei 4»9 Milliarden Dollar, die dann später auf 4&gt;5 Milliarden Dollar
reduziert wurden.
Im neuen Haushaltsjahr liegt der angeforderte Betrag von 3,4
Milliarden Dollar um 1,1 Milliarden Dollar unter den Anforderungen
des Vorjahres, obwohl er etwa ebenso hoch ist wie die im laufenden
Haushaltsjahr - bei Berücksichtigung der aus dem vorangegangenen
Jahr noch vorhandenen Überhanggelder - zur Verfügung stehenden Mittel.
Ferner werden über 80 Prozent der für die Auslandshilfe zur Verfügung stehenden Mittel in den Vereinigten Staaten verausgabt werden.
Die Auswirkungen des Programms auf unsere Zahlungsbilanz werden geringer als je zuvor sein.
Sicherung gegen kriegerische Verwicklungen
In diesen Anforderungen kommt die Entschlossenheit zum Ausdruck,
die Hilfsprogramme weiterhin sowohl hinsichtlich ihrer Konzeption
wie ihrer Verwaltung zu verbessern. Die angeforderte Gesamtsumme ist
eine Menge Geld; aber es ist ein Betrag, den wir - mit aller Klugheit
und Umsicht - aufwenden sollten, um wesentlichen Interessen der Vereinigten Staaten dienen und unseren Verpflichtungen in der ganzen
Welt nachkommen zu können.
Mehr als eine Million amerikanische Soldaten sind zur Zeit außerhalb der USA stationiert. Um sicherzustellen, daß sie und die Nation
nicht in einen größeren Konflikt verwickelt werden, schlagen wir vor,
einen Betrag von nicht einmal vier Cent von jedem Steuerdollar für
die Hilfsprogramme auszugeben.
Wenn es noch eine andere Sicherung gegen einen Krieg gibt, so
dürfte sie in einer Erhöhung des Verteidigungsbudgets zu suchen sein.
Dies aber würde nicht nur ein Vielfaches der 3,4 Milliarden Dollar
erfordern - bei einem Militärbudget, für das ohnehin schon 50 Cent
von jedem Steuerdollar abgezweigt werden -, sondern außerdem auch eine Erhöhung unserer militärischen Mannschaftsstärke um ein Mehrfaches
notwendig machen.
Die

�Die angeforderte Auslandshilfe wird Sorge tragen für:
die entscheidend wichtige Hilfe, die wir den Völkern Lateinamerikas, welche sich Programmen des wirtschaftlichen und sozialen
Fortschritts verschrieben haben, zusicherten;
die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Indien, Pakistan
und der Türkei im Rahmen großer internationaler Hilfe-Konsortien,
in denen wir mitarbeiten;
den amerikanischen Anteil an freiwilligen Beiträgen zu den Programmen der technischen Zusammenarbeit der Vereinten Nationen und zu
solchen internationalen Sonderprogrammen wie dem Kinderhilfsfonds
der Vereinten Nationen (UNICEF) und der Entwicklung des Indus-Beckens;
die Mittel zur Erfüllung unserer Verpflichtungen für die Freiheit
der Völker in Südvietnam und Korea sowie der anderen Verpflichtungen,
die wir in Asien und Afrika eingegangen sind.
Zweitens: Die von mir angeforderten Mittel werden dort konzentriert werden, wo sie die besten Resultate zeitigen und die Umstellung
von amerikanischer Hilfe auf Selbsthilfe, wo immer möglich, beschleunigen.
Zwei Drittel der vorgeschlagenen Militärhilfe werden an elf Nationen an der Peripherie des sino-sowjetischen Blocks gehen, von Griechenland und der Türkei über Thailand und Vietnam bis zur Republik
China und zu Korea. Diese Mittel sind ein entscheidender Faktor dafür,
daß über 3,5 Millionen Mann unter Waffen gehalten werden, die von den
Empfängerländern dieser Hilfe gestellt und in weitgehendem Maße auch
von ihnen unterhalten werden.
Die Notwendigkeit für wirtschaftliche Verteidigungshilfe - Mittel,
die hauptsächlich in Ländern benutzt werden, die außergewöhnliche Aufwendungen für die Verteidigung oder die Sicherheit machen müssen wird weiterhin geringer werden. Allein 14 Länder, die noch vor drei
Jahren wirtschaftliche Verteidigungshilfe erhielten, werden im Haushaltsjahr 1965 keine mehr erhalten.
Vier Fünftel der vorliegenden Anforderungen werden auf vier Länder entfallen: Korea, Vietnam, Laos und Jordanien.
Zwei Drittel der für das Haushaltsjahr 19^5 vorgeschlagenen Entwicklungskredithilfe - einschließlich der Entwicklungsanleihen im Rahmen der Allianz für den Fortschritt - werden sich auf sechs Länder
konzentrieren; Chile, Kolumbien, Nigerien, die Türkei, Pakistan und
Indien.
&gt;
Die Mittel für eine Zusammenarbeit auf den Gebieten des Erziehungswesens und der Technik - um mitzuhelfen, neue Schulen, Gesundheitseinrichtungen, landwirtschaftliche Versuchsstationen, Kreditinstitutionen und zahlreiche weitere Einrichtungen zu schaffen - konzentrieren sich nicht auf einige wenige Länder. Sie werden vielmehr
für ausgewählte Projekte eingesetzt werden, um die weniger begünstigten Völker besser in die Lage zu versetzen, ihren Bedürfnissen zu entsprechen. Für die Durchführung dieser Projekte bemühen wir uns um die
Mitarbeit der besten in den Vereinigten Staaten verfügbaren Fachkräfte - von Fachkräften aus privaten Organisationen, aus den Universitäten, aus den Verwaltungen der Einzelstaaten und der Gemeinden und aus
den Bundesbehörden.
Wo

- 4. -

�Wo immer möglich, werden wir den Übergang von einer Abhängigkeit von der Hilfe zur Selbsthilfe beschleunigen.
In 17 Ländern ist dieser Übergang bereits abgeschlossen, und
die Wirtschaftshilfe ist eingestellt worden. 14 Länder nähern sich
dem Zeitpunkt, da Wirtschaftskredite zu Sonderbedingungen und nichtrückzahlbare Zuwendungen nicht länger mehr notwendig sind. Die Zahl
der Länder, für die neue Mittel für nicht-rückzahlbare Zuwendungen
zur Beschaffung militärischer Ausrüstungen im Haushaltsjahr 19^5 angefordert werden, liegt um sieben niedriger als im laufenden Haushaltsjahr.
Drittens: Wir müssen mehr tun, um die private Initiative in den
Vereinigten Staaten - und in den Entwicklungsländern - stärker für
die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im Ausland einzuspannen .
Während des vergangenen Jahres wurden
die ersten neuen Häuser, die mit privaten amerikanischen Geldern
und einer Ausfallbürgschaft des US-Amtes für Internationale Entwicklung (AID) finanziert wurden, in Lima (Peru) fertiggestellt;
die ersten Untersuchungen im Zusammenhang mit Elektrifizierungsprojekten auf dem Lande, die von dem Verband amerikanischer landwirtschaftlicher Elektrizitätsgenossenschaften im Auftrage des US-Amtes
für Internationale Entwicklung (AID) durchgeführt worden waren, abgeschlossen und die erste Anleihe für ein Elektrifizierungsprojekt auf
dem Lande - in Nikaragua - gewährt;
die erste Vereinbarung zwischen Kalifornien und Chile getroffen,
um die öffentlichen und privaten Hilfsquellen eines unserer Bundesstaaten für ein Entwicklungsland verfügbar zu machen.
Alle diese Anstrengungen müssen noch verstärkt werden. Daher fördern wir die Schaffung eines Führungskräfte-Korps der Wirtschaft. Dies
wird amerikanischen Geschäftsleuten eine Möglichkeit bieten, auf entsprechende Ersuchen hin Geschäftsleuten in den Entwicklungsländern auf
technischem und betriebswirtschaftlichem Gebiet beratend zur Seite zu
stehen.
Während des laufenden Haushaltsjahres werden die Möglichkeiten
für eine Mobilisierung weiterer privater Hilfsquellen für die Entwicklungsaufgaben von dem Beratungsausschuß für Fragen der Einschaltung der Privatwirtschaft in die Auslandshilfe erschlossen werden, der
auf Grund des Auslandshilfegesetzes von 1963 geschaffen wurde.
In diesem Zusammenhang werden von mir zwei spezifische legislative
Schritte empfohlen:
1 . ein Gesetz zur Gewährung von Steuervergünstigungen für Privatinvestitionen der US-Wirtschaft in den Entwicklungsländern;
2. eine zusätzliche Ermächtigung für die endgültige Schaffung eines Modellprogramms, durch das Ausfallbürgschaften für private amerikanische Wohnbauinvestitionen in Lateinamerika übernommen werden.
Viertens: Wir werden auch weiterhin eine stärkere internationale
Beteiligung an der Auslandshilfe anstreben.
Seit Anfang der fünfziger Jahre haben andere Industriestaaten der
freien V/elt ihre Auslandshilfe-Zusagen ständig erweitert. Es gibt

- 5-

�gibt Anzeichen dafür, aaß dies in Zukunft noch stärker der Fall sein
wird. Kanada hat erst kürzlich bekanntgegeben,.daß es damit rechnet,
seine Aufwendungen für die Auslanashilfe im kommenden Jahr um 50 Prozent erhöhen zu können. Ein 196$ veröffentlichtes britisches Weißbuch und ein im Januar 1964 herausgegebener offizieller französischer
Bericht weisen in die gleiche Richtung. Andere Länder haben die Zinssätze für Anleihen an die Entwicklungsländer herabgesetzt und die
Laufzeiten verlängert.
Von großer Wichtigkeit für diese Bemühungen ist die Arbeit der.
Internationalen Entwicklungsgesellschaft (IDA) . Auf Grund, des Abkommens zur Aufstockung der Mittel dieser Gesellschaft, das gegenwärtig
dem Kongreß zur Billigung vorliegt, werden sich die Beiträge der anderen Länder auf mehr als 1,40 Dollar für jeden Dollar stellen, den
die Vereinigten Staaten zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten
zu Sonderbedingungen beitragen, die von der Weltbank in Ordnung befunden worden sind - Projekten, für die die Entwicklungsländer die
Mittel zu den normalerweise üblichen kommerziellen Bedingungen nicht
aufbringen können. Dies ist eine internationale Aufteilung der Hilfsanstrengungen, wie sie sein sollte. Denn in dem Maße, in dem wir der
IDA Mittel zur Verfügung stellen, die durch Beiträge anderer Länder
aufgestockt werden, wird den Bedürfnissen der Entwicklungsländer Rechnung getragen und verringern sich damit die für unsere eigenen bilateralen Hilfsprogramme benötigten Mittel.
Im Rahmen des Ihnen vorliegenden Programms werden die Vereinigten Staaten ermächtigt, innerhalb eines DreiJahreszeitraumes Beiträge in Höhe von $12 Millionen Dollar zu entrichten. Auf der anderen
Seite haben die übrigen Länder Zusagen in Höhe von 438 Millionen Dollar gemacht, die nichtig wären, sollten die amerikanischen Beiträge
nicht eingezahlt werden. Es muß jetzt gehandelt werden, damit die IDA
weiter neue Projekte in Angriff nehmen kann, selbst wenn die ersten
Geldbereitstellungen nicht vor Beginn des US-Haushaltjahres 1966 erforderlich werden.
Ich ersuche den Kongreß nachdrücklich, die Beteiligung der USA
an diesen zusätzlichen Beiträgen für die IDA zu billigen.
Fünftens: Wir müssen auf eine stetig wachsende Wirksamkeit unserer Hilfsprogramme bedacht sein.
Nach sorgfältiger Prüfung habe ich mich entschlossen, die Grundstruktur für die Durchführung der Auslandshilfe weiter beizubehalten,
wie sie nach einer umfassenden Überprüfung im Jahre 1961 geschaffen
worden ist. Die Wirtschaftshilfe wird auch künftig zentral vom Amt
für Internationale Entwicklung (AID) gelenkt werden, die Militärhilfe vom Verteidigungsministerium. Für beide wird der Außenminister
feste außenpolitische Richtlinien geben.
Maßnahmen zur Steigerung der Wirksamkeit uer Auslandshilfe
Ein Beamter, Unterstaatssekretär Mann vom US-Außenminioterium,
ist beauftragt worden, über alle Aspekte unserer Auslandshilfe in Lateinamerika in Verfahrensfragen eine feste Kontrolle wahrzunehmen.
Das neugeschaffene Interamerikanische Komitee uer Allianz für
den Fortschritt, das den Aspekt der Partnerschaft innerhalb der Allianz stärken soll, wird unsere volle Unterstützung.erhalten.
Der

- 6-

�Der Administrator des US-Amtes für Internationale Entwicklung (AID) hat Anweisung, ein umfassendes Programm zur Verbesserung der fachlichen Eignung seiner Mitarbeiter in Angriff zu
nehmen und die Gesamtzahl der AID-Angestellten bis zum Ende des
Haushaltsjahres 19&amp;5 u m 1200 zu verringern.
Der AID-Administrator ist angewiesen, die Angliederung der
AID-1'.Iissionen an die US-Botschaften fortzusetzen und, wo immer
möglich, gesonderte AID-Hissionen im Ausland abzuschaffen.
Der Verteidigungsminister ist angewiesen worden, weitere
wesentliche Kürzungen bei dem den Militärhilfegruppen und Missionen zugeteilten Personal vorzunehmen.
In diesem Zusammenhang empfehle ich zwei spezifische
legislative Maßnahmen:
1. Ein Gesetz, das den AID-Administrator ermächtigt, ungeachtet anderer gesetzlicher Bestimmungen einer begrenzten Zahl
von höheren und mit Weisungsbefugnissen ausgestatteten Mitarbeitern zu kündigen und die für den auswärtigen Dienst zur Zeit
bestehenden "Auswahlbestimmungen" auf andere Mitarbeiter auszudehnen.
Dies ist notwendig, wenn der Administrator meinem Wunsch und dem des Kongresses - entsprechen soll, daß die Qualität der
AID-Mitarbeiter verbessert und gleichzeitig ihre Gesamtzahl verringert wird.
2. Ein Gesetz, das die noch offene Vertretung der USA in
dem Interamerikanischen Komitee für die Allianz für den Fortschritt
unter Leitung von Botschafter Teodoro Moscoso regelt..
Schließlich ernenne ich einen allgemeinen Beratungsausschuß
für Fragen der Wirtschafts- und der Militärhilfe an andere Länder,
so wie er von Senator Cooper und anderen vorgeschlagen worden ist.
Dieser Ausschuß wird sich aus namhaften amerikanischen Bürgern verschiedener Wissensgebiete zusammensetzen und mir mit seinem Rat
ständig zur Seite stehen. Neben seinen allgemeinen Aufgaben wird
der Ausschuß auch Hilfsprogramme in einzelnen Ländern überprüfen.
Diese Überprüfungen werden von Mitgliedern des Beratungsausschusses,
denen erforderlichenfalls weitere Fachkräfte beigegeben werden, vorgenommen. Ich möchte hoffen, daß zumindest die Überprüfungen in vier
oder fünf Ländern, darunter in zwei oder drei lateinamerikanischen
Ländern, bis Ende des Jahres abgeschlossen sein werden.
Ein Programm zur Stärkung der freien Völker
Ich bin überzeugt, daii dieses Programm die Vereinigten Staaten
in die Lage versetzen wird, in einer turbulenten Welt mit einem größeren Maß an Sicherheit und ehrenvoll fortzubestehen.
Unsere Herzen sind von der großen und edlen Hoffnung erfüllt, daß
es gelingt, die Familie der freien Völker zu stärken, während es auf
der anderen Seite unsere Pflicht ist, die bösen Absichten der Feinde
der Freiheit zunichte zu machen.

Wir

- 7 -

�Vir v/ollen eine Welt schaffen, in der die Schwachen ohne
Furcht voranschreiten und in der selbst die kleinsten Kationen
ihr eigenes Schicksal ohne Gefahr von Gewalttätigkeiten und
Aggressionen gestalten können.
Dieses Programm, das auf dem Prinzip der gegenseitigen
Hilfe basiert, kann einen entscheidenden Beitrag zu diesen Zielen leisten, von denen unser Land durch alle Schwierigkeiten
dieser gefährlichen Jahre hindurch geleitet wurde.
Ich empfehle dieses Programm der gewissenhaften Prüfung
des Kongresses in der festen Überzeugung,
daß es die Stärke der freien Welt vermehren,
die Ambitionen des kommunistischen Imperialismus zunichte machen,
die Gefahren eines weit um sich greifenden Konflikts verringern
und
die moralische Verpflichtung aller freien llenschen, auf eine
gerechte und friedliche Welt hinzuarbeiten, stärken wird.
* * *

�A M E R I K A

D I E N S T

�Unser Land ist seit einer Generation - ohne Rücksicht auf
Partei, Region oder Stand - einig in-bezug auf die Grundzüge
einer Außenpolitik, die dieser Erfahrung zwangsläufig entspringt.
Die Grundsätze dieser Außenpolitik sind im Kampf geformt, in
der Gefahr erprobt und im Erfolg bewahrt worden. Sie wurden unter
vier Präsidenten der Vereinigten Staaten beibehalten, weil sich
in ihnen die Realitäten unserer Welt und die Ziele unseres Landes
widerspiegeln.
Spezifische Haßnahmen müssen den durch die Ereignisse veränderten Umständen angepasst werden. Wir müssen wachsam sein gegenüber
veränderten Realitäten, sich ergebenden Möglichkeiten und neuen Gefahren. Aber wir dürfen die täglich auftretenden Veränderungen nicht
irrtümlicherweise für fundamentale Vorgänge im Geschichtsablauf
halten. Es erfordert oft mehr Hut und Entschlossenheit, eine durch
die Zeit erprobte Politik beizubehalten, als sie angesichts des
Drucks augenblicklicher Umstände zu ändern.
Unsere Außenpolitik beruht auf erprobten Grundsätzen.
Erstens: Seit Korea haben wir uns bemüht, eine Militärmacht von
einmaliger Stärke aufzubauen. Das ist uns gelungen. Wenn die Kriegsgefahr geringer geworden ist, dann weitgehend deshalb, weil unsere'
Gegner einsehen, daß ein Angriff zu ihrer Vernichtung führen würde.
Diese Anstrengungen waren kostspielig. Aber die Schwäche kostet weit
mehr als die Stärke, und dafür zahlen ist weitaus schmerzlicher. Das
ist der Grund, warum die amerikanische Regierung den gesamten Bereich
der amerikanischen Verteidigung verstärkt und die Verteidigungsausgaben um 17 Milliarden Dollar erhöht hat.
Zweitens: Wir haben den Bemühungen der Kommunisten, ihren Herrschaftsbereich auszudehnen und ihre Macht zu erweitern, widerstanden.
Wir haben die Risiken auf uns genommen und die Macht gebraucht, die
ihr Prinzip verlangt. Wir haben zwecklose Provokationen und nutzlose
Abenteuer vermieden.
Die Berliner Luftbrücke, der Koreakrieg, die Verteidigung
Formosas, Die Kuba-Krise, der Kampf in Vietnam - sie beweisen unsere
Entschlossenheit, der Aggression Widerstand zu leisten, und unsere Fähig
keit, auf jede Drohung die entsprechende Antwort zu finden.
Drittens: Wir haben uns für die Erneuerung der Stärke unter unseren Alliierten eingesetzt: zunächst um die durch den Krieg geschwächten Nationen vor dem kommunistischen Zugriff zu bewahren; auf lange
Sicht,^ weil unsere eigene Zukunft von der Lebenskraft und der Einheit
der westlichen Gesellschaft, zu der wir gehören, abhängt.
Viertens: Wir haben die Unabhängigkeit und den Fortschritt der
Entwicklungsländer gefördert - sowohl unserer alten Freunde wie auch
der jungen Nationen. Wir fühlen uns sicherer und geborgener in einer
Welt, in der alle Völker sich auf ihre Weise regieren können und in
der alle Nationen die innere Stärke haben, einer Beherrschung von
außen Widerstand entgegenzusetzen.
Fünftens: Wir sind jeder Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden
nachgegangen. Vom Baruch-Plan bis zum Atomteststoppabkommen haben wir
Übereinkommen, die die Gefahr ohne Beeinträchtigung der Sicherheit

2

�Sicherheit verringern, angestrebt und begrüßt. Im Rahmen dieser Bemühungen waren wir zwanzig Jahre lang die führende Macht bei der
Unterstützung der Vereinten Nationen. Im Rahmen dieser Bemühungen
werden wir auch dieses Jahr wie in jedem Jahr weiter darauf hinarbeiten, Abkommen über Haßnahmen zur Reduzierung der Rüstungen und
zur Verringerung der Kriegsgefahr zu erreichen.
Heute wenden wir die gleichen Prinzipien auf eine Welt an, die
sich seit 1945 erheblich verändert hat. Huropa bemüht sich um eine
neue Rolle der Stärke statt um den Schutz der Schwäche. Die Einigkeit
des Kommunismus ist durch die starken Kräfte des Nationalismus und
auseinandergehende Interessen zunichte gemacht worden. Eine völlig
neue Gruppe von Gemeinwesen erkämpft sich mühsam den Weg zur modernen
Welt.
Unsere Grundprinzipien passen für diese sich ändernde Welt« Aber
Außenpolitik ist mehr als nur eine Zusammenfassung allgemeiner Prinzipien. Sie ist die wechselnde Anwendung dieser Prinzipien auf spezifische Gefahren und Möglichkeiten. Zu ihr gehören die Kenntnis der Stärken
und das Y/issen um die Grenzen in jeder neuen Situation. Das Vorhandensein von Offensivraketen auf Kuba war eine Tatsache. Das Vorhandensein
radioaktiver Ausfällungen in der Atmosphäre ist 'eine Tatsache gewesen.
Das Vorhandensein von Guerilla-Streitkräften in Vietnam ist eine Tatsache. Solche Tatsachen lassen sich nicht einfach durch Geschichtsbetrachtungen oder allgemeine Richtlinien bewältigen. Sie erfordern konkrete Maßnahmen - Mut, Klugheit und Zurückhaltung.
Diese Kräfte der Beständigkeit und der Erneuerung, der Kontinuität
und des Wechsels wirken auf wenigstens sechs Hauptgebieten, denen unsere
ständige Sorge gilt.
Das erste Gebiet ist unsere Beziehung zur Sowjetunion - das Gebiet,
das im Mittelpunkt unserer Sorge um den frieden steht.
Die Kommunisten versuchen mit Gewalt und Intrige, eine kommunistischbeherrschte Welt zu schaffen. Unsere Überzeugungen, unsere Interessen,
unser Bestand als Nation fordern, daß wir diesen Versuchen mit Entschiedenheit entgegentreten. Dieser Vorgang ist der einzige und alleinige
Grund für den Kalten Krieg zwischen uns.
Denn die Vereinigten Staaten brauchen den friedlichen Wettstreit
nicht zu fürchten. Wir begrüssen ihn vielmehr, und wir werden ihn gewinnen. Gerade unser System muß in einer Y/elt, die frei von Kriegsfurcht
ist, wachsen und gedeihen. Außerdem würde ein solcher Wettstreit für
alle Völker der Y/elt von Nutzen sein.
Es gibt heute neue Belastungen und neue Realitäten, die hoffen lassen, daß das Streben nach Frieden genauso im Interesse der Sowjetunion
wie in unserem liegt.
Vielleicht wird gerade unsere eigene maßvolle Haltung die sowjetischen Führer davon überzeugen, daß wir weder auf Krieg noch auf die
Zerstörung der Sowjetunion aus sind.
So hoffe ich, daß wir jenem Tag ein großes Stück näher kommen können, an dem - wie es im Buch des Propheten Micha heißt - "kein Volk wider
das andere ein Schwert aufheben wird und sie nicht mehr Kriegen lernen
werden".
Wir

- 3 -

�Wir müssen uns vor Augen halten, daß der Friede nicht über
Nacht kommen wird. Er wird nicht in dramatischer Weise aus einem
einzigen Abkommen oder einer einzigen Begegnung hervorgehen. Er
wird vielmehr durch konkrete und begrenzte Anpassungen, durch das allmähliche Wachsen gemeinsamer Interessen, durch eine größer werdende
Erkenntnis der sieh verlagernden Gefahren und Tendenzen sowie durch
das Wachsen des Vertrauens in den guten Willen gefördert, der fest
auf einer vernünftigen Weltsicht fundiert ist.
Unsere eigene Position ist klar. Wir werden über jedes Problem
sprechen, jeden Vorschlag anhören, uns um jedes Abkommen bemühen und
jede Maßnahme ergreifen, die die Möglichkeit eines Krieges vermindern
könnte, ohne daß die Interessen unserer Verbündeten oder unsere eigene Fähigkeit, die Allianz gegen Angriffe zu verteidigen, geopfert werden.
Zwei Maßnahmen sind von mir ergriffen worden, die sowohl unseren
Wunsch widerspiegeln, die Spannungen zu reduzieren, als auch unsere Entschlossenheit, kein Risiko der Schwäche einzugehen.
Ich habe eine weitere wesentliche Reduzierung unserer Produktion
an angereichertem Uran angeordnet, die sich über einen Zeitraum von vier
Jahren erstrecken soll. Mit früheren Kürzungen zusammen wird dies eine
Gesamtverminderung der Produktion von Plutonium um 20 Prozent und von
angereichertem Uran um 4-0 Prozent bedeuten.
Dadurch, daß die Produktion auf unsere Erfordernisse abgestimmt
wird - und die Statistik zeigt, daß unsere Produktion den Punkt erreicht
hat, daß unser Bedarf an dem Punkt angekommen ist, und unsere heutige
Kürzung dies bewerkstelligen wird - glauben wir die Spannungen zu verringern, während wir gleichzeitig die ganze erforderliche Stärke aufrechterhalten.
'wir müssen kein Kernenergieprojekt im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogramms betreiben, nur um Arbeitsplätze zu schaffen, wenn unser
Bedarf gedeckt ist. Diese Entscheidungen habe ich in enger Konsultation
mit Premierminister Douglas-Home getroffen. Gleichzeitig mit meiner
jetzigen Bekanntmachung gibt auch Ministerpräsident Chruschtschow um
zwei Uhr unserer Zeit in Moskau eine Erklärung heraus, in der er bestimmte Verpflichtungen für Schritte in Richtung auf eine höchst friedliche Welt eingeht. Er erklärt sich bereit, den Bau von zwei großen
Atomreaktoren zur Produktion von Plutonium für die nächsten Jahre einzustellen, die Produktion von Uran-235 für Kernwaffen wesentlich zu reduzieren und mehr spaltbares Material für friedliche Zwecke-abzuzweigen.
Das ist keine Abrüstung. Das ist auch keine Friedenserklärung. Aber
es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, und es ist ein Schritt vorwärts, den
wir begrüssen und der uns hoffen läßt, daß die Welt eines Tages vielleicht
doch ohne Kriegsfurcht leben kann.
Gleichzeitig habe ich erneut sichergestellt, daß alle die Vorkehrungen zur Verhinderung einer Schwächung unserer nuklearen Stärke, die
wir zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Atomteststoppabkommens getroffen haben, wirksam bleiben.
Das zweite Gebiet, dem unser Ständiges Bemühen gilt, ist die Entwicklung der atlantischen Partnerschaft mit einem stärkeren und enger vereinten Europa. Wir haben diese Politik in einer Zeit begonnen, da die Gefahr
groß war, und wir werden sie jetzt, da der Erfolg näher rückt, nicht aufgeben.
Wi r

- 4-

�Wir haben auf ein stärkeres und blühendes Europa hingearbeitet,
und Kuropa ist heute über alle Erwartungen hinaus stark und blühend.
Wir sind für eine enge Partnerschaft mit einem enger vereinten
Europa eingetreten. In den vergangenen fünfzehn Jahren sind mehr
friedliche Schritte in dieser Richtung getan worden als zu irgendeiner Zeit in der Geschichte.
Das Streben nach diesem Ziel wird gleich dem Streben nach jeder
anderen großen und lohnenden Sache nicht leicht und mühelos sein.
Aber die Tatsachen der modernen Veit lehren uns, daß wachsende Größe
und wachsender Wohlstand eine wachsende Einigkeit und Partnerschaft
bedingen.
Die treibenden Kräfte des europäischen Lebens beseitigen alte
Schranken und überwinden alten Argwohn. Gemeinsame Institutionen erweitern das gemeinsame Interesse. Auf Grund der Auswirkungen des Reiseverkehrs) des Handels und des Nachrichtenwesens verlieren die nationalen Grenzen ständig an Bedeutung. Eine neue Generation wächst heran
- unberührt von alten Feindseligkeiten und früheren Ambitionen, in
dem Bewußtsein, Europäer zu sein, in Werten denkend, die durch die
gemeinsame westliche Kultur geformt sind. Diese Kräfte und die stetigen Bemühungen aller, die nach den gemeinsamen Zielen streben, werden die Zukunft gestalten. Und Einigkeit, die sich auf Hoffnung begründet, wird sich letztlich stärker erweisen als Einigkeit, die auf
Furcht basiert.
Wir sind uns darüber im klaren, daß, wenn wir die Last der Führung mit anderen teilen wollen, wir auch die Verantwortung der Ivladht
teilen müssen. Als einen Schritt in dieser Richtung unterstützen wir
die Schaffung einer multilateralen Atomstreitmacht, die sich aus jenen
Kationen zusammensetzt / welche daran teilzunehmen wünschen. Wir begrüßen
ferner vereinbarte neue Mechanismen für die politische Konsultation in
Fragen gemeinsamer Interessen überall -auf der Welt - mit all den organisatorischen Veränderungen, die sich als notwendig erweisen mögen,
um derartige Konsultationen zu beschleunigen und wirksam zu gestalten.
Die Erfahrungen zweier Weltkriege haben uns gelehrt, daß die grundlegenden Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und die Interessen Europas die gleichen sind. Was wir in Zeiten des Krieges gelernt
haben, wollen wir in Friedenszeiten nicht vergessen.
Hehr als ein Jahrzehnt lang waren wir bestrebt, die Unabhängigkeit
der Völker Osteuropas zu fördern und ihr hartes Los zu mildern. Wir
haben uns der Werkzeuge des friedlichen Austauschs - des Ware»», Personen- und Ideenaustauschs - bedient, um die Verbindung mit diesen
nicht zur Ruhe kommenden Nationen aufzunehmen. Wir haben uns einer begrenzten direkten Unterstützung bedient, wo die Erfordernisse unserer
Sicherheit es uns gestatteten, dem Appell an unser Mitgefühl Folge zu
leisten. In diesem Sinne habe ich im vergangenen Monat die mir vom
Kongreß gewährte Vollmacht ausgeübt und das Recht auf freien Handel
mit Polen und Jugoslawien erneut bestätigt.

Auf dem dritten Gebiet, dem unsere ständige Sorge gilt - Lateinamerika - haben wir unsere Verpflichtung gegenüber der Allianz für den
Fortschritt erneuert, uns um friedliche Beilegung der Streitigkeiten
zwischen den amerikanischen Staaten bemüht und den Versuch der Organisation

- 5-

�Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), das von den Kommunisten
kontrollierte Kuba zu isolieren, unterstützt.
Die Allianz für den Fortschritt ist die Hauptaufgabe der westlichen Hemisphäre. Bei ihrer Lösung werden Portschritte gemacht.
Aber diese Allianz bedeutet mehr als bloße wirtschaftliche Unterstützung oder Investitionen. Sie erfordert, daß wir jene demokratischen politischen Kräft-e ermutigen und unterstützen, die die unerläßlichen Veränderungen im Rahmen konstitutioneller Regiefungsformen
zu erreichen versuchen. Das bedeutet, daß man die rasche Evolution als
einzige wirkliche Alternative zur gewaltsamen Revolution wählen muß.
Um den Status quo in Lateinamerika zu kämpfen hieße "Sand gegen den
Wind werfen".
Wir müssen natürlich gegenüber kommunistischer Subversion auf der
Hut sein. Aber Antikommunismus allein genügt nicht zur Sicherung unserer Freiheit oder zur Erfüllung unserer Träume. Dazu bedarf es einer
Führung, die mit aller Hingabe für wirtschaftlichen Fortschritt ohne
unwirtschaftliche Privilegien - für soziale Umgestaltung, die die
soziale Gerechtigkeit fördert - für politische Reform, die die menschliche Freiheit vermehrt, eintritt.
Die Viederaufnähme der Beziehungen mit Panama beweist wieder einmal
die unübertroffene Fähigkeit unseres interamerikanischen Systems, Streitfälle zwischen guten Nachbarn zu lösen. Gleich zu Beginn des Disputs
erklärten wir unsere Bereitschaft, nach einer Lösung aller Probleme ohne Bedingungen irgendwelcher Art - zu suchen. Diese Bereitschaft haben
wir niemals aufgegeben. Auf dieser Grundlage wurde der Streit beigelegt.
Wir nähern uns jetzt einer Lösung, und zwar mit der Hilfsbereitschaf t von Freunden, die erkennen, daß - wie Woodrow Wilson sagte -"es
Freundschaft zu keinen anderen Bedingungen geben kann als zu denen der
Gleichberechtigung".
Die Benutzung Kubas als Basis für Subversion und Terror stellt sich
unseren Hoffnungen für die westliche Hemisphäre in den Weg. Unsere erste
Aufgabe muß es daher sein - wie es bisher der Fall gewesen ist -, Kuba
von dem interamerikanischen System zu isolieren, seine Bemühungen, freie
Regierungen zu stürzen, zu vereiteln und für alle die Häßlichkeit des
Kommunismus sichtbar zu machen. Diese Politik bewährt sich. Die Probleme
dieser Hemisphäre wären weitaus ernster, wenn Castro in den Gremien der
OAS säße, die Debatte störte und Entscheidungen blockierte, wenn er über
offene Handels- und Verbindungskanäle verfügte, die für Subversion und
Terror benutzt werden könnten; wenn seine Wirtschaft ein erfolgreiches
Modell statt ein abschreckendes Beispiel wäre. Die Wirksamkeit unserer
Politik ist mehr als eine Sache der Handelsstatistik. Sie hat die Erkenntnis des Unterschiedes und der Gefahr vermehrt, die brutale Natur des
kubanischen Regimes enthüllt, die Möglichkeiten der Subversion vermindert,
die Zahl der Anhänger Castros reduziert und die Hilfsquellen unserer
Gegner erschöpft.
Wir v/erden diese Politik mit allen uns zu Gebote stehenden friedlichen Mitteln fortsetzen.
Das vierte Gebiet, das von Kontinuität und Wechsel gekennzeichnet
wird, ist der Kampf für die Freiheit im Fernen Osten.
Während

�Während der vergangenen zwanzig Jahre, in zwei Kriegen, haben
Hillionen Amerikaner gekämpft, um die bewaffnete Eroberung des freien
Asiens zu verhindern. Wir wollen in der Gegenwart nicht schwächen,
wofür wir in der Vergangenheit soviel eingesetzt haben.
Die erste amerikanische diplomatische Mission nach dem Fernen
Osten hatte Anweisung, alle Länder davon in Kenntnis zu setzen, daß
"wir niemals Eroberungen machen oder von irgendeiner Nation verlangen, zuzulassen, dab wir uns in ihrem Lande etablieren".
Dies war unsere Politik im Jahre 1832; es ist auch heute noch
unsere Politik. Unsere siegenden Streitkräfte verließen Asien nach
dem zweiten Weltkrieg, mit weniger Gebiet unter unserer Plagge als
zuvor. Aber so wie wir für uns keine Eroberungen wünschten, so haben
wir sie auch standhaft bei anderen abgelehnt. Die Unabhängigkeit der
asiatischen Nationen ist mit unserer eigenen Freiheit verknüpft.
In Korea haben wir die Sinnlosigkeit einer direkten Aggression
unter Beweis gestellt. In Vietnam versuchen die Kommunisten jetzt
weniger offene, aber genau so gefährliche Methoden der Subversion, des
Terrors und der Guerillakriegführung. Sie führen einen Kampf, der von
Hanoi aus organisiert, gelenkt, mit Nachschub unterstützt und geschürt
wird .
Der bewaffnete kommunistische Argriff auf Vietnam ist eine Realität.
Der Kampfgeist Südvietnams ist eine Realität. Das Ersuchen eines Freundes um unsere Hilfe ist eine Realität. Die Erklärung der SEATO-Verbündeten, daß die Niederzwingung der Kommunisten "unerläßlich"ist, ist eine
Realität. Wenn wir uns vor diesen Realitäten drücken, dann würde dies
unsere Ehre als Nation schmälern, das Vertrauen der Welt in unseren
Mut untergraben und jede Nation in Südasien überzeugen, daß sie sich,
um zu überleben, den kommunistischen Bedingungen beugen muß.
Die Lage in Vietnam ist schwierig. Aber es gibt ein altes amerikanisches Sprichwort, das in etwa besagt: "Wenn es hart hergeht, dann
schlagen wir hart zu". Es soll keiner daran zweifeln, daß wir so la.nge
in diesem Kampf stehen werden, wie Südvietnam unsere Hilfe wünscht
und wie es unsere Unterstützung zum Schutze seiner Freiheit braucht.
Ich habe bereits Maßnahmen angeordnet, um die Kampfkraft der
3tidvietnamesischen Streitkräfte zu erhöhen, um dazu beizutragen, den
IVohlstand und die Moral der Zivilbevölkerung zu heben, und um unsere
Truppen auf einem solchen Stand zu halten, wie ihn die Bewahrung der
Unabhängigkeit erfordert.
In Vietnam ist keine Lösung auf dem Verhandlungswege möglich, solange die Kommunisten hoffen, den Sieg durch Gewalt zu erringen. Erst
wenn der Krieg aussichtslos erscheint, ist vielleicht Frieden möglich.
Die Tür ist stets offen für jede Lösung, die gewährleistet, daß Südvietnam unabhängig bleibt und es ihm freisteht, um Hilfe zu seinem Schutz
nachzusuchen.
In Laos unterstützen wir weiterhin die Genfer Abkommen, die die
beste Hoffnung auf Frieden und Unabhängigkeit für jenes von Unruhen
zerrissene Land bedeuten. Auf meine Anweisung hin ist Unterstaatssekretär William Bundy bereits nach Laos gereist, um sich aus erster Hand
über die Entwicklungen der letzten 48 Stunden zu informieren.
Was

�Was China selbst anbetrifft, so kann es keine Verbesserung der
Beziehungen geben, solange die chinesischen Kommunisten den Konflikt
anstreben und Gewalt predigen. Es gibt einige, die eine Änderung dieser
Politik prophezeien. Wir müssen unsere Handlungen jedoch auf gegenwärtige Realitäten und nicht auf zukünftige Hoffnungen stützen. Nicht wir
müssen unsere Ansicht über China überprüfen. Es sind die chinesischen
Kommunisten, die ihre Ansicht über die Welt überprüfen müssen. Ebenso
kann keiner unsere unabänderliche Verpflichtung für die Verteidigung
und Freiheit des freien China anzweifeln. Inzwischen sagen wir unseren
durch die Geschichte mit uns verbundenen Freunden, dem talentierten
und mutigen chinesischen Volk auf dem Festland, daß wir genauso, wie
wir uns gegen eine Aggression gegen sie wandten, uns auch gegen eine
Aggression seitens ihrer Machthaber wenden müssen - und zwar aus den
gleichen Gründen.
Das fünfte Gebiet, dem unsere Sorge gilt, sind die jungen Kationen
in Afrika und Asien. Wir begrüßen ihr Entstehen, denn ihre Ziele beruhen auf Hoffnungen, wie auch wir sie hegen. Wir machten den Anfang mit
der Auflehnung gegen die Kolonialherrschaft - der Auflehnung, die nun
die Kontinente umgestaltet und neue Nationen entstehen läßt. Unsere
Meisterung der Technik hat dazu beigetragen, daß die Menschheit lernte,
daß Armut nicht unvermeidlich ist und daß Krankheit und Hunger nicht
ein Gesetz der Natur sind. Nachdem wir dazu beigetragen haben, Hoffnungen zu wecken, müssen wir auch dazu beitragen, sie zu erfüllen oder aber wir werden eine immer größere Unzufriedenheit erleben, die
schließlich unser eigenes Wohlergehen bedrohen könnte.
Was wir für die Entwicklungsländer wünschen, ist genau das, was
wir für uns selbst wünschen - wirtschaftlichen Fortschritt, der es
ihnen gestattet, ihre eigenen Institutionen zu schaffen, und die Unabhängigkeit, die es ihnen erlaubt, einen würdigen Platz innerhalb der
Völkergemeinschaft einzunehmen.
Es darf keinen Zweifel daran geben, daß wir die feste Absicht
haben, den Krieg gegen die Armut in Amerika zu gewinnen, sowie dazu beitragen, diesen Krieg überall auf der Welt zu führen. Dieser Kampf wird
nicht leicht und nicht kurz sein. Es erfordert viel Zeit, junge Menschen
auszubilden und die Struktur einer modernen Volkswirtschaft zu formen.
Aber es darf nicht geschehen, daß die Welt in reiche und arme Nationen,
in weiße und farbige Nationen aufgeteilt wird. Eine solche Teilung
würde die Saat furchtbarer Zwietracht und Gefahr für kommende Jahrzehnte in sich tragen. Denn die Mauer zwischen den Heichen und den
Armen ist eine Mauer aus Glas, durch die alle hindurchsehen können.
Wir sind uns der Notwendigkeit bewußt, stabilere Preise für die
Rohstoffe zu schaffen und die Handelsmöglichkeiten auszuweiten. Wir sind
bereit, dazu beizutragen, daß diesen Forderungen entsprochen wird, wie
wir dies zum Beispiel bei den Verhandlungen über das internationale
Kaffee-Abkommen getan haben und wie wir dies auch in der Kennedy-Runde
tun werden.
Wir werden die direkte Wirtschaftshilfe fortsetzen, die zwanzig
Jahre lang ein entscheidend wichtiger Bestandteil unserer Politik war.
Im vergangenen Jahr hat der Kongreß die Auslandshilfe auf einen
Gesamtbetrag von 3,4 Milliarden Dollar reduziert, gegenüber einem angeforderten Betrag von 4,5 Milliarden Dollar. In diesem Jahr habe ich

�ich angeordnet, daß unsere Anforderung auf das absolute Minimum, das mit
unseren Verpflichtungen und unserer Sicherheit vereinbar ist, beschränkt
wird. Das ist geschehen.
Jeder Dollar, um den wir diese Anforderung kürzen, wird die Sicherheit der Vereinigten Staaten unmittelbar vermindern, Wenn trotz dieser
klaren Notwendigkeit und dieser klaren Warnung auch in diesem Jahr
an militärischen oder wirtschaftlichen Mitteln wieder wesentliche Kürzungen vorgenommen werden, dann wird es meine ernste Pflicht als Präsident sein, nachträgliche Anforderungen für zusätzliche Gelder zu
unterbreiten, bis die erforderlichen Mittel bewilligt sind.
Auf diesen Gebieten und auf anderen Interessengebieten werden wir
unseren erprobten Grundsätzen und unseren tiefen Überzeugungen treu
bleiben, während wir gleichzeitig unsere Maßnahmen den sich verlagernden Gefahren und neuen Möglichkeiten anpassen.
Dieses Jahr ist ein Wahljahr in den Vereinigten Staaten. Weder
Freund noch Feind im Ausland sollte in diesem Jahr fälschlicherweise
die wachsende Diskussion für wachsende Uneinigkeit, die Auseinandersetzung über Programme für eine Auseinandersetzung über Prinzipien, die
politische Meinungsverschiedenheit für politische Lähmung^halten.
Mögen jene hier zu Hause, die an der großen demokratischen Auseinandersetzung teilhaben, sich vor Augen halten, daß die Welt ihnen
zuhört, daß der Angriff auf eine bewährte Politik die verantwortungsbewußte Darlegung neuer Möglichkeiten erfordert, daß beim Schutz unserer
Sicherheit die Parteipolitik sich der nationalen Notwendigkeit unterordnen muß.
Ich erkenne an, daß jene, die große öffentliche Fragen zu erörtern
suchen, über diese Fragen informiert sein müssen. Daher habe ich das
Außenministerium, das Verteidigungsministerium und das Zentralamt für
Nachrichten und Abwehr (CIA) angewiesen, bereit zu sein, den Hauptkandidaten für das Amt des Präsidenten jede nur mögliche Information zukommen
zu lassen, die der Erörterung der amerikanischen Politik dient. Ich
hoffe, daß die Kandidaten dieses Angebot in dem Geist akzeptieren werden, in dem es gemacht wird - nämlich der Förderung einer verantwortungsbewußten Diskussion, die der Prüfstein des demokratischen Prozesses ist.
In den vergangenen zwanzig Jahren ist uns immer mehr klargeworden,
daß Amerika unlösbar mit dem weltpolitischen Geschehen verwoben, daß
unsere eigene Zukunft mit der Zukunft aller verknüpft ist. In großen
Hauptstädten und in kleinen Dörfern, in Ministerräten der Großmächte
und in Arbeitsräumen unbekannter Planer werden Ereignisse in Gang gesetzt,
die ständig unsere Aufmerksamkeit und unsere Hilfsquellen beanspruchen.
Vorhersagen sind immer unsicher. Aber wenn es irgend etwas gibt,
das sicher ist, so ist es dies, daß unsere Nation sich niemals wieder von
der Weltverantwortung zurückziehen kann. Wir werden für den liest unserer
Geschichte mit der Welt verknüpft bleiben. Wir müssen uns daran gewöhnen,
in der Gemeinschaft der Völker für die Freiheit zu wirken, so wie wir sie
in unserer Gemeinschaft von Einzelstaaten verfochten haben.
Der Kampf ist nicht nur lang. Er wird niemals zu Ende sein. Denn
er gehört zu dem uralten Streben des Menschen, seine inneren Leidenschaften, seine geistigen Ambitionen ebenso wie die Härten der Natur zu

�zu meistern. Wir ha"ben eine neue Arena betreten. Die Tür hat sich
hinter uns geschlossen, und die alte Szenerie ist Geschichte gev/or
den.
An die Stelle alter Gefahren werden neue treten, an die Stell
alter Aufgaben neue; wo alte Hoffnungen schwinden, werden neue auf
gehen. Es gibt kein Abweichen von diesem Klugheit Und Ausdauer erfordernden Kurs, solange der Käme Amerika noch auf dieser Erde erklingt .

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

�Allg./-I2.6.1964

N.S. "SAVANNAH"
Schrittmacher eines neuen Zeitalters der Schiffahrt

Die N.S. "SAVANNAH", das erste atomkraftgetriebene Handelsschiff der Veit, ist am 8. Juni I964 von New York zu ihrer ersten
Transatlantikfahrt ausgelaufen. Bis zum Frühjahr 19^5 wird sie in
16 europäischen Hafenstädten erwartet. Ihr erster Auslandsbesuch
gilt der Bundesrepublik, wo sie am 18. Juni in Bremerhaven anlegt,
um von dort am 2J. Juni nach Hamburg weiterzufahren. Die SAVANNAH
absolvierte allerdings schon Besuche in Häfen an der amerikanischen Ost- und Westküste, auf Hawaii, im Golf von Mexiko und in
der Kanalzone. Dabei wurde sie von insgesamt 340 000 Menschen besichtigt, und ungefähr 1000 Personen konnten bereits an Hochseefahrten teilnehmen.
Viele Hoffnungen knüpfen sich an dieses Schiff, für dessen
Bau sich Präsident Dwight D. Eisenhower in einer Rede in New York
im April 1955 einsetzte. Es ist seiner Natur nach nicht mehr als
eine schwimmende Versuchsstation, verwirklicht aber gleichzeitig
einen politischen und einen technischen Traum. N.S. "SAVANNAH"
demonstriert vor aller V/elt, daß die Vereinigten Staaten alles
tun, um die Atomkraft für friedliche, produktive Zwecke zu nutzen,
und daß der Antrieb durch Kernenergie in der Handelsschiffahrt
Zukunft hat. Erst vor wenigen Wochen, auf der dritten internationalen Reaktortagung in Kiel Ende Mai 19^4» äußerten sich Fachleute aus verschiedenen Ländern ganz im Sinne dieser Idee. "Wir
erwarten", so erklärte E.B. Delson (USA) als Vertreter von General
Electric u.a., "daß die erste Flotte kommerzieller Schiffe mit Kernenergieantrieb I967 einsatzfähig ist." Das klingt sehr optimistisch,
jedoch ist dieser Optimismus angesichts der Fortschritte im Bau von
Schiffsreaktoren und atomkraftgetriebenen Schiffen berechtigt. Die
amerikanischen Behörden, insbesondere die Atomenergie-Kommission
und die für Neuentwicklungen und Schiffbau verantwortliche Schifffahrtsverwaltung im US-Handelsministerium betrachteten ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet als Allgemeingut und stellten sie deshalb bereitwillig zur Verfügung.
Von Anfang an hatte niemand angenommen, daß das erste Schiff
dieser Art rentabel sei. Die ursprünglichen Kostenvoranschläge für
Entwicklung und Bau der SAVANNAH sind längst überschritten; nach
neuesten Angaben belaufen sich die durch das Projekt entstandenen
Kosten auf 8 3 Millionen Dollar.
Die

- 1 -

�Die SAVANNAH ("N.S." ist die Abkürzung für "Nuclear Ship" und
bezeichnet den Antrieb durch Kernenergie) ist ein ausgesprochen
schönes Schiff. Sie gleicht eher einer großen schnittigen Jacht als
einem kombinierten Fahrgast-Frachtschiff mit 110 Mann Besatzung, das
in elegant ausgestatteten Kabinen 60 Passagieren Raum bietet und
außerdem 10 000 Tonnen Fracht befördern kann. Schiffbautechnisch wie
architektonisch sind modernste Konzeptionen verwirklicht. So gleichen
z.B. kreiselgesteuerte, hydraulisch betätigte Stabilisatoren Rollbewegungen zu 90 Prozent aus. Das Schiff hat eine Gesamtlänge von 181 m
und eine größte Bordbreite von 2 5,7 m.
Die Energie für die Turbinen und damit den Antrieb der Schiffswelle (nominale Leistung 20 000 WPS) kommt aus dem Reaktor. Der Dampf
wird mit der Reaktionswärme erzeugt, die bei der Spaltung von Iranatomen entsteht. Die Verwendung eines Reaktors macht herkömmliche
Heizanlagen samt Schornstein überflüssig. Ein derart ausgerüstetes
Schiff kann fast 340 000 Seemeilen bei durchschnittlich 21 Knoten
Geschwindigkeit zurücklegen, ehe der "Treibstoff", d.h. der Kernbrennstoff - 7718 kg Urandioxyd--nach ca. 3 1/2 Jahren erneuert
werden muß. Direkt verbraucht werden dabei kaum mehr als 60 kg U02
mit dem spaltbaren üran-235« Ein Schiff herkömmlicher Bauart würde
bei entsprechender Leistung insgesamt JQ 000 Tonnen Heizöl verfeuern.
Die Hauptargumente für und wider den Bau von atomkraftgetriebenen Handelsschiffen konzentrieren sich auf "Wirtschaftlichkeit"
und "Sicherheit". Lange Zeit gingen die Meinungen in diesen Fragen
weit auseinander - nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern
auch in Europa. Inzwischen wird jedoch diesseits wie jenseits des
Atlantik an verschiedenen Projekten mit fortgeschrittenen Schiffsreaktoranlagen gearbeitet. Wie groß in Europa das Interesse an
atomkraftgetriebenen Handelsschiffen ist, zeigt nicht zuletzt die
Tatsache, daß der Besuch des ersten Atoinhandelsschiffes der Welt in
deutschen Häfen mit dem Stapellauf des ersten deutschen Atomfrachters
zeitlich fast zusammenfällt.
Im Fall der SAVAIIiTAH ist der Faktor "Sicherheit" nach menschlichem Ermessen vollkommen, ja vielleicht sogar in übertriebener
Weise berücksichtigt. Der Reaktor wurde mit einer 2000 Tonnen
schweren "biologischen" Abschirmung umgeben, die das Aussickern
auch geringster Strahlenmengen verhindert. Eine weitere Abschirmung
durch Stahl und Stoßmatten an den Seiten gewährleistet, wie zahlreiche Modellversuche ergaben, einen praktisch lOüprozentigen Schutz
des Reaktorteils selbst im Fall einer Kollision mit einem schnellen,
großen Schiff. Menschliches oder maschinelles Versagen führt innerhalb 1,6 Sekunden automatisch zum Abschalten des Reaktors und zur
Auslösung von Alarm. Die speziell für den Dienst auf dem Atomschiff
ausgebildete, nach sehr strengen Gesichtspunkten ausgewählte Besatzung stellt einen zusätzlichen Sicherheitsfaktor dar. Und Kapitän
David B. McMichael sowie Stanley D. Wheatley, der Leitende Ingenieur,
verfügen über die beste seemännische und technische Erfahrung, um
das unter der Flagge der "American Export and Isbrandtsen Lines"
fahrende Schiff sicher zu führen.
Bau und Betrieb der SAVAEKAH setzten auch verwaltungstechnisch
ganz neue Maßstäbe. Versicherung, Lohnprobleme, Aufenthalt und Wartung

- 2 -

�Wartung im Hafen bildeten beispielsweise einige der Fragenkomplexe,
bei denen Lösungen gefunden werden mußten, die für die Regierung d.h. die US-Atomenergie-Kommission (AEC) und die Schiffahrtsverwaltung -, für Reederei, Hafenbehörden und die Öffentlichkeit gleichermaßen akzeptabel waren.
Die Lehren und praktischen Erfahrungen aus dein Projekt SAVANNAH
dürften richtungweisend sein für den Bau rentabler Handelsschiffe
mit Kernenergieantrieb. Nach Professor Glenn T. Seaborg, Direktor
der AEC, verfügt die amerikanische Handelsmarine über ungefähr 1000
Schiffe in der Größe von 1000 Tonnen und darüber - aber nur 60 von
ihnen fahren mit Geschwindigkeiten von 18 Knoten oder mehr. Natürlich lassen sich auch noch wesentlich schnellere Schiffe mit "herkömmlichem1! Antrieb bauen. Ihr Treibstoffbedarf ist jedoch unvergleichlich höher, und das wiederum geht auf Kosten des Frachtraums
und damit der Rentabilität.
Die N.S. "SAVAHKA.H" ist der Schrittmacher für eine neue Epoche
in der Handelsschiffahrt, ähnlich wie es ihre Namensschwester
S.S. "SAVANNAH" vor 145 Jahren war. Der 319 Tennen große, mit einer
holzgefeuerten 90 Pü-maschine als Zusatzantrieb ausgerüstete Segler
war das erste Schiff der Welt, das bei der uberquerung des Atlantik
Dampfkraft benutzte. Sie brauchte für die erste Fahrt im Jahr 1819
von der amerikanischen Hafenstadt Savannah (Georgia) nach Liverpool
in England 2J Tage; 80 Stunden davon fuhr sie mit Dampf, der zwei
große Schaufelräder trieb.

BEAKTÜRANLAGE DER N.S. "SAVAiillAH"
Die SAVANNAH ist der Prototyp für ein Handelsschiff mit Kernenergieantrieb. Aus diesem Grunde sind bei der Konstruktion und der
Wahl der Ausrüstung mehr Einrichtungen als notwendig berücksichtigt
worden. Einzelne Komponenten, ja selbst ganze Systeme, werden notfalls geändert, wenn sich dadurch die technischen Voraussetzungen
verbessern lassen. Die bisher vorgenommenen Veränderungen bezogen
sich auf die Verbesserung der Strahlenmeßeinrichtung an Bord, die
Belüftung der Reaktorstation und die Reaktorinstrumentierung.
Der SAVANNAH-Reaktor hat die maximalen Leistungsanforderungen
weit übertroffen, Wie die Herstellerfirma Babcock &amp; Wilcox Co. berichtet, wurden auf Probefahrten 22 314 WPS und Geschwindigkeiten von
24 Knoten erreicht. Man entschied sich für einen Druckwasserreaktor,
weil dieser das geforderte Höchstmaß an Sicherheit bietet. Er besteht
im wesentlichen aus einem schweren Stahlgefäß, in dem sich der Reaktorkern mit dem spaltbaren Material befindet. Gewöhnliches Wasser fließt
unter einem Druck von 123 at an den Brennelementen vorbei, um die bei
der Kernspaltung entstehende Wärme abzuführen. Dieses Wasser bildet
das Strömungsmedium in dein geschlossenen, primären Kühlsystem.
Es tritt in das Reaktorgefäß an der Basis ein, strömt in genau
dosierten Mengen durch die Brennzone und verläßt das Gefäß an der
Oberseite mit einer Temperatur von ungefähr 271,6 Grad Celsius. Dann

- 3-

�Dann strömt es durch zwei Wärmeaustauscher, die genügend Wärme abführen, um den Reaktor auf einer Durchschnittstemperatur von 264,4
Grad Celsius zu halten.
Die Wärmeaustauscher sind große Bündel schmaler Röhren, durch
die das Wasser des Primärkreislaufs gepreßt wird und die von dem
Wasser des Sekundärkreislaufs umspült werden. Da dieses Wasser
unter wesentlich geringerem Druck steht, wird es unter der Hitzeeinwirkung des Primärwassers zum Sieden gebracht. Der dabei entstehende Dampf wird gesammelt und in Kesseln "getrocknet", um überschüssige Feuchtigkeit abzuführen. Von dort strömt er zu einer
Dampfturbine, die die Hauptwelle für den Schiffspropeller der
SA7AHHAH treibt.
Der SAVAHHAH-Reaktor gehört auf Grund seines hohen Hutzeffekts
zu den fortschrittlichsten Reaktoren, die heute gebaut werden können.
Dennoch ist er ein "konservativ" konstruierter Druckwasserreaktor konservativ deshalb, weil er völlig sicher ist und eine viel höhere
Leistung entwickelt als für den Antrieb der SAVANIiAH gebraucht wird.
Der Kernbrennstoff - leicht angereichertes Urandioxyd - ist in J2
Brennelementen zu je I64 Stäben, ummantelt von rostbeständigem Stahl,
in der Bienenwabengeometrie angeordnet, wie man sie bisher nur bei
stationären Atomkraftwerken anwandte.
Der Druckwasserreaktor kann nicht "durchgehen". Es kann höchstens
zu einer überhitzung kommen, beispielweise beim Bruch eines Kühlwasserrohrs. In diesem Fall würde der Reaktorkern schmelzen. Das geschmolzene Ketall bliebe jedoch im Druokgefäß eingeschlossenj die
Kettenreaktion wäre "ausgelöscht".
Ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor ergibt sich daraus, daß
Kraftstation, Primärsystem und ein großer Teil der Hilfsausrüstungen
im Sicherheitsbehälter hermetisch abgekapselt sind, so daß Passagiere
und Besatzung auch nicht der geringsten radioaktiven Strahlung ausgesetzt werden. Blei und Polyäthylen in der Stärke von jeweils 15,3 cm
umgeben die obere Hälfte des Sicherheitsbehälters und absorbieren
die normale Reaktorstrahlung. Die untere Hälfte ist mit 120 cm
dickem Schwerbeton abgesichert.
'.'/eiche Ingenieuraufgaben beim Bau der Reaktoranlagen zu bewältigen waren, aeigen folgende Beispiele: Ana einer kreisrunden
Stahlplatte von 386 cm Durchmesser und 16,5 cm Dicke mußte mit einer
Presse unter dem Druck von 65OÜ Tonnen der Reaktordeckel (Gewicht
14,8 t) geformt werden. Stahlblech der gleichen Stärke mußte für
den 275 Tonnen schweren Reaktorbehälter von 7»9 "&gt; Höhe und 2,4 m
Durchmesser geschweißt, geformt und maschinell bearbeitet werden.
Mehr als 25OÜ Qualitätsprüfungen, u.a. mit Dauerbelastung bei 211 at
Druck, wurden im Verlauf des Herstellungsprczesses allein an diesem
Eehälter vorgenommen. Fast 13 000 m Rohre aus best qualifiziertem
rostbeständigen Stahl stellte das Röhrenwerk von Babcock &amp; V.ilcox
für den primären Kühlkreislauf her.
Steuerwerk und Instrumentierung der Regelanlage für den Reaktor
gewährleisten ein sofortiges Abschalten bei bestimmten Anomalien im
Betrieb. Dazu werden automatisch unter 87,8 at Druck auf hydraulischem
Wege die 21 Regelstäbe (Borstahl) in den Reaktor vollständig eingeschoben. Die Verbindung des Reaktordeckels mit dem Hauptgefäß wurde

-4 -

�wurde durch 1,80 m lange, 158 kg schwere Bolzen vorgenommen, die
unter "besonderer Zugspannung stehen, um zusätzliche Druckbelastungen
des Reaktorgefäßes infolge ihres hohen Gewichts zu verhindern.
Wirtschaftlichkeit
Nach Ansicht von Ingenieuren der Herstellerfirma kann heute schon
der Kernenergieantrieb für Handelsschiffe mit dem Antrieb durch herkömmliche Schiffsmaschinen konkurrieren. Die neuen Erkenntnisse und
Erfahrungen aus dem Bau und Betrieb der SAVAHHAH führten inzwischen
zur Entwicklung kleinerer, billigerer und leistungsfähigerer Schiffsreaktoren. So vereint beispielsweise der Typ CNSG ("Consolidated
Nuclear Steam Generator") die Reaktorbrennzone und den Dampfgenerator
in einem einzigen Druckgefäß. Die Betriebskosten für ein mit einem
CNSG-Systein von 60 000 Wellen-PS ausgerüstetes Schiff lägen auf
Atlantikrouten um 7 Prozent, auf Pazifikrouten sogar uml5 Prozent
niedriger als bei Schiffen mit herkömmlichem Antrieb.
«

LEHREN AUS DEM PROJEKT "SAVANHAH"
Die N.S. "SAVANNAH" legte bis zum Antritt ihrer Reise nach Europa
mit Reaktorkraft bereits eine Strecke zurück, die größer ist als der
Erdumfang. Die Leistung des Schiffes in bezug auf Geschwindigkeit,
Betrieb und Manövrierbarkeit war dabei alles in allem sehr zufriedenstellend. Gewisse Schwierigkeiten hatten sich zunächst mit neu entwickelten Radar- und Tiefenmeßgeräten ergeben. Schmutz hatte Störungen in einigen hydraulischen Systemen verursacht. In der Propellernabe zeigte sich ein Riß. Alle diese Fehler waren jedoch bald korrigiert .
Das Hauptinteresse galt naturgemäß der Reaktoranlage. Man erkannte, daß die einzelnen Komponenten des ganzen Primärsystems noch
wesentlich besser angeordnet werden können, und daß der Schlüssel
zu reibungslosem Funktionieren darin liegt, die Vorgänge innerhalb
des Sicherheitsbehälters gegen Störungen praktisch immun zu machen.
Außerdem schien es ratsam, die Abschirmung so leicht wie nur irgend
möglich zu gestalten. Beim Bau der SAVANNAK war man darauf bedacht
gewesen, sowohl nach den Gesichtspunkten des konventionellen Seeschiffbaus als auch zur Vermeidung einer Strahlengefahr für Passagiere,
Besatzung sowie andere Schiffe in stark frequentierten Häfen den
denkbar höchsten Sicherheitsstandard zu erreichen. Aber schon damals
war man sich darüber im klaren, daß die gestellten Anforderungen zum
Teil weit über das benötigte Haß hinausgingen.
Verbesserungen im technischen wie im seemännischen Betrieb schienen
auf Grund der späteren praktischen Erfahrungen nur noch durch weitere
Vereinfachung erreichbar zu sein, das heißt, durch ein noch besseres
Aufeinanderabstimmen einzelner betrieblich-technischer Funktionen.
Ingenieurwissenschaftliche Untersuchungen ergaben, daß mindestens
15 Zusatz- und Hilfsaggregate sowie Teile des Rohrsystems im Primärkreislauf überflüssig waren. Größe und Gewicht des Reaktorteils konnten
also noch wesentlich reduziert werden. Es genügt durchaus, kleinere

- 5-

�kleinere Abschirmungen, kleinere Sicherheitsbehälter, kleinere Stoßmatten und eine weniger stark mit Beton verstärkte Reaktorbasis zu
verwenden. Die Ergebnisse zahlreicher Punktionstests fanden bereits
in den modernen, kompakten Schiffsreaktoranlagen ihren Niederschlag.
Ein kleinerer Sicherheitsbehälter verringert u.a. die Anforderungen an den Strahlenschutz und erleichtert routinemäßige Überprüfungen. Für diese wiederum wurden vereinfachte Methoden ausgearbeitet, ebenso für die laufende Strahlungsmessung. Die praktische
Erfahrung hat zu einer erheblich günstigeren Placierung der einzelnen
Ausrüstungen im Sicherheitsbehälter geführt und auch gezeigt, welche
Ausrüstungen nicht hineingehören.
Die ursprüngliche Konzeption, sämtliche radioaktiven Abfälle bis
zur Übergabe an Aufbereitungs-Unternehmen in bestimmten Häfen zu
sammeln, wurde dahin gehend geändert, sie zur Wiederverwendung so weit
wie möglich schon an Bord zu verarbeiten. Im Fall der SAVANNAH wird
jedoch noch das ältere System angewandt. Niedrigaktive flüssige Stoffe
werden in Tanks gesammelt, bis sie - unter genau kontrollierten Bedingungen und mit einer noch weit unter den AEC-Toleranzgrenzen
liegenden Radioaktivität - ins Meer abgelassen werden. Feste Stoffe
v/erden grundsätzlich gesammelt, gasförmige dagegen direkt bzw. nach
entsprechender Verdünnung abgeblasen. Alle zur Kontrolle an Bord verwendeten Strahlenmeßsysteme arbeiten auf verschiedenen Kanälen, wobei
jeder Kanal bestimmte Aktivitätsgrade erfaßt.
Die Erfahrungen in bezug auf Überwachung und Steuerung des
Reaktors führten zu dem Schluß, daß Kontrollraum, Betriebsanlagen,
Meß- und Regelarmaturen noch besser angelegt werden könnten. Auch
sollten Möglichkeiten geschaffen werden, von der Brücke aus den Gesamtbetrieb in jeder Phase besser zu kontrollieren.
Für die Ingenieuroffiziere auf Schiffen mit Kernenergieantrieb
ist, wie sich herausstellte, die praktische Ausbildung am Simulator
und am Bordreaktor nicht ausreichend. Vielmehr sind auch ganz detaillierte theoretische Kenntnisse erforderlich, wenn sie ihren Aufgaben
wirklich gerecht werden sollen. Die neuen Lehrpläne an den Marineakademien berücksichtigen dies bereits; Offiziere der alten Schule
jedoch müssen den theoretischen Unterricht in Sonderkursen nachholen.
Auch die Wachoffiziere müssen auf einer breiteren Basis ausgebildet
werden, ohne sie aber besonders zu spezialisieren.
Ein amerikanisches Unternehmen entwickelte inzwischen neue Verfahren zur Steuerung und Instrumentierung von Schiffsreaktoren, das
Oak Ridge National Laboratory fand eine Methode zur besseren Belüftung
der Reaktorstation sowie zur Reinigung und laufenden Kontrolle der
Luft. Routineprüfungen umfangreicher integrierter Systeme innerhalb des
geschlossenen Reaktorteils werden heute an Bord durchgeführt. Technische
Normen und Vorschriften, Prüf- und Abnahmebestimmungen, Ausbildung,
Voraussetzungen für die Lizenzerteilung, notwendige Wartung im Hafen,
kontinuierliche Überwachung sämtlicher Decks und Innenräume an Bord
einschließlich des Frachtraums, die für den reibungslosen Betrieb
notwendige Mindeststärke der Besatzung - alle derartigen Probleme
können nur auf der Basis praktischer Erfahrung gelöst werden. Die
ersten kommerziellen Reedereien für Passagier- und Frachtschiffe mit
Kernenergieantrieb dürfen gewiss sein, ihre Projekte auf solide Er-

- 6 -

�Erfahrung, n i c h t aber auf t h e o r e t i s c h e V o r s t e l l u n g e n gründen zu
können .
*

DER ROTE FADEN
Von der Atomforschung zum Projekt SAVANNAH
Die Besuche der * atomkraftgetriebenen SAVANNAH in europäischen
Häfen in diesem Jahr sind ein konkretes Ergebnis revolutionärer Entwicklungen in der amerikanischen Forschung auf dem Gebiet der Kernenergie während der Nachkriegs jähre. Diese Forschung gründete sich
jedoch auf Arbeiten, die in erster Linie in Europa durchgeführt und
später von europäischen Wissenschaftlern in den Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihren amerikanischen Kollegen fortgesetzt worden waren.
Gordon Dean, ehemaliger Vorsitzender der US-Atomenergie-Kommission,
formulierte dies einmal mit den Worten: "Keinesfalls könnte man behaupten,
das Atom stamme aus Amerika. Man könnte höchstens sagen, daß es hier eingebürgert, im Grunde aber europäischer Herkunft ist." Es ist sicher nicht
übertrieben, wenn man sagt, daß ohne den zweiten Weltkrieg und die durch
die politischen Verhältnisse ausgelöste Übersiedlung so vieler bedeutender
Wissenschaftler aus Europa nach den Vereinigten Staaten und England die
SAVANNAH sich heute wohl erst im Planungsstadium befände.
Nahezu alle wichtigen Schritte zum Verständnis des Aufbaus des Atoms
und zur Freisetzung der in ihm gebundenen Energien wurden in Europa getan.
Nur einige der großen Eioniere sollen hier genannt werden. Einer von ihnen
ist der Franzose Henri Becquerel, der I896 entdeckte, daß Uran, ein bis
dahin uninteressantes Metall, radioaktiv ist. Zwei Jahre später fanden
Pierre und Marie Curie zwei weitere "strahlende" Elemente - sie nannten
sie "Polonium" und "Radium". Die daraufhin von den Engländern Rutherford
und Soddy durchgeführten Untersuchungen mit Radium, das eine zweimillionenfach stärkere Radioaktivität als Uran besitzt, klärten die Frage
des Ursprungs der Radioaktivität und gaben auch bereits Hinweise auf
die chemisch und physikalisch nachzuweisende Umwandlung von strahlenden,
"instabilen" Elementen.
Den nächsten Schritt taten die Curies mit ihrer Feststellung, daß
Radium nicht nur eine Quelle von Strahlung, sondern auch von schier unerschöpflicher Wärme ist. Das ließ auf das Vorhandensein riesiger Mengen
gebundener Energie schließen, die in einem sehr, sehr langsam ablaufenden
Prozess freigesetzt wird. Jahre vergingen, ehe diese Entdeckung voll verstanden wurde. Einstein fand 1905 die theoretische Erklärung mit seiner
berühmten Gleichung von der Äquivalenz zwischen Masse und Energie, derzufolge selbst die kleinste Masse unvorstellbar große Energiemengen enthalten muß.
Lange Zeit gab es keinen Beweis für diese Theorie; niemand hatte
eine Vorstellung davon, wie nach der Einsteinschen Gleichung Masse in das
Äquivalent an Energie verwandelt werden könnte. Auch wußte man ja von der
Struktur des Atoms so gut wie nichts. Erst Rutherford und kurze Zeit danach
Niels Bohr halfen mit neuen Theorien der Wissenschaft weiter. Sie entwickelten hypothetische Modelle, die beim Atom Kern und Schale unter-

- 7-

�unterscheiden, wobei sich fast die gesamte Kasse auf den winzigen Kern
konzentriert. Der Kern wurde mit der Sonne verglichen, um die die
Elektronen wie Planeten kreisen und durch ihre große Bewegungsenergie
das Kräftegleichgewicht innerhalb des Atoms halten. Aber auch damit
war noch keine Antwort auf die vielen offenen Fragen nach dem Wesen des
Atomkerns gefunden. Die Wissenschaftler begannen dieses Problem mit
Experimenten anzugehen, bei denen man die Kerne der verschiedensten
Elemente einem Bombardement durch die von Radium ausgesandten Strahlen
- sogenannten Alpha-Teilchen - sowie mit Protonen aussetzte. Ein Nebenergebnis dieser Versuche war die Entdeckung des Neutrons im Jahr 1932
durch den britischen Physiker Chadwick. Aber dieses elektrisch neutrale
Teilchen, ein Bestandteil des Atomkerns, wurde jetzt zu einem unschätzbar wertvollen Hilfsmittel der Atomforschung.
Der italienische Physiker Enrico Permi begann 1934» radioaktive
Elemente mit Neutronen zu beschießen. Wenig später waren ähnliche
Experimente am Kaiser-V.'ilhelm-Institut für Chemie in Berlin im Gang.
Ende 1938 schließlich gelang dort Otto Hahn und Fritz Strassmann zum
ersten Mal die Spaltung von Atomkernen des Urans, des schwersten unter
den natürlichen Elementen. Die tatsächliche Bedeutung dieses Versuchs
erkannten zuerst Wissenschaftler in Dänemark und in den Vereinigten
Staaten. Auf dem Hahnschen Versuch aufbauende neue Experimente ergaben,
daß bei der Spaltung des Urankerns die Atomfragmente, unter ihnen auch
Neutronen, mit großer Geschwindigkeit auseinandergetrieben werden. Mit
den freigesetzten Neutronen aber bot sich die Möglichkeit zur Auslösung
eine.r Kettenreaktion. Sie konnten andere Atomkerne spalten, die ihrerseits neue Neutronen freisetzen würden. Es war also denkbar, auf diese
Weise eine schier unerschöpfliche Energiequelle zu erschließen.
Der Krieg brachte es mit sich, daß für die Anwendung dieser gewaltigen Energie zunächst nur militärische Erwägungen galten. Aber nach
Kriegsende gingen Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten daran,
nach Möglichkeiten für die friedliche Nutzbarmachung der Atomkraft zu
suchen. Heute ist die Freisetzung atomarer Kräfte im Reaktor und ihre
Nutzung für den Schiffsantrieb nur eine Möglichkeit unter vielen. Im
Jahr 1954 wurde der Reaktor für das erste amerikanische Schiff mit
Kernenergieantrieb, das Unterseeboot NAUTILUS, in Betrieb genommen.
Die Reaktorstation des 1959 vom Stapel gelaufenen Handelsschiffes
SAVANNAH erzeugt mit 313 kg spaltbarem Uran-235 &lt;ü e gleiche Menge
Energie, die in 1 Million Tonnen Kohle enthalten ist.

-x- * *- * *

�N.S. "SAVANNAH" in Stichworten
Benannt nach;

S.S. "SAVANNAH", die hei der Überquerung des Atlantik
als erstes Schiff der Welt mit Dampfkraft fuhr. Sie
lief am 22. Mai 1819 von Savannah (Georgia) aus und '
erreichte 27 Tage später Liverpool. Zur Erinnerung an
dieses Ereignis wird seit 1933 in den Vereinigten
Staaten der 22. Mai als "Tag der Schiffahrt" "begangen.

Genehmigung:

Mit Gesetz Nr. 848 vom 30. Juli 1956 wurden der Schifffahrtsverwaltung (MARAD) im US-Handelsministerium und
der US-Atomenergie-Kommission (AEC) die Baugenehmigung
erteilt. Die Voranschläge für Bau- und Verwaltungskosten sowie für den Versuchsbetrieb beliefen sich auf
55 Millionen Dollar.

Entwurf:

George G. Sharp, Inc., New York, im Auftrag der Schifffahrtsverwaltung nach Vertrag vom 4. April 1957

Bau:

New York Shipbuilding Corp., Camden, New Jersey, im
Auftrag von Schiffahrtsverwaltung und AtomenergieKommission nach Vertrag vom 10. Dezember 1957

Kiellegung:

22. Mai 1958 (Tag der Schiffahrt)

Stapellauf:

21. Juli 1959

Reederei:

American Export and Isbrandtsen Lines, Inc.

Merkmale:

Länge ueber
alles:

181 m

Länge zwischen
den Loten:

I65»7 m

RT brutto:

13 599 Tonnen

RT netto:

7 513 Tonnen

Zuladungsgewicht:

9 900 Tonnen (nur Fracht: 9 400 Toren)

Wasserverdrängung:
Tiefgang:

21 840 Tonnen (voll beladen)
11 850 Tonnen (geleichtert)
8,96 m (voll beladen)
5,62 m (geleichtert)

Maschine:

De Laval-Dampfturbine mit 20 000 Wellen-PS Normalleistung, 22 000 WPS Maximalleistung; Getriebe mit
doppelter Übersetzung

Propeller:

fünfflügelig, Nickel-Mangan-Bronze

Geschwind^
keit:

20,25 Knoten bei Vollfahrt

Besatzung:

Normalstärke 110 Mann, dazu mindestens 20 Ingenieure
und Deckoffiziere zur Ausbildung

Passagierei

60

Ladebäume

�Ladebäume:

Weitere
Ausrüstung;

modernste und dabei leichteste Konstruktion nach System
Ebel unter Verwendung starrer Rohrrahmen. Ein bis zwei
Decksleute machen in weniger als einer Stunde sämtliche
1O-Tonnen-Ladebäume an Bord betriebsfertig; das Schwenken
der Bäume von Bord auf Kailadeposition kann von den Winchleuten von ihrem Stand aus in 1-2 Minuten ausgeführt
werden.
vier Aluminium-Rettungsboote für 190 Personen; zwei
5500 kg schwere Buganker aus Gußstahl und ein gleich
schwerer Reserveanker.

Reaktor;

AEC-Kontrakt mit Babcock &amp; Wilcox, New York, über Entwurf (begonnen am 2. Juli 1956), Entwicklung und Bau am
4. April 1957 unterzeichnet. Als Reaktortyp wurde ein
Druckwasserreaktor gewählt, bei dem leichtes Wasser als
Kühlmittel und Neutronen-Bremsmedium dient. Der Kernbrennstoff - insgesamt 7718 kg Urandioxyd - ist zu 4&gt;4
Prozent mit dem spaltbaren Uran-235 - 315 kg - angereichert.
Zwei Dieselgeneratoren von je 750 kW Leistung und ein
300 kW-Generator übernehmen die Energieerzeugung während
der Liegezeit im Hafen und bei Ausfall des Reaktors.

Leistung:

maximal 80 Megawatt

Brennzone
(Reaktorkern) :

Druckgefäß:
Primärabschirmung:

167 cm hoch, 157 cm Durchmesser, enthält 7718 kg UO2
in Form zylindrischer Körper von Fingerhutgröße. Das
aus mehr als 10 000 Tonnen Erz in komplizierten Trennverfahren gewonnene spaltbare Material ist auf 32 Brennelemente, bestehend aus je 164 Stäben von 1,5 m Länge,
verteilt. Die Stabumhüllung ist rostbeständiger Stahl.
Lebensdauer: 52 000 Megawatt-Tage
786 cm hoch, 250 cm Innendurchmesser, umschließt den
Reaktorkern
durch wassergefüllten Tank aus Stahl und Blei, der das
Druckgefäß umgibt

Sicherheitsbehälter:
horizontaler Stahlblechzylinder von 15»4
10,6 m Durchmesser
Sekundärabschirmung:

m

Länge und

Polyäthylen, Blei, Beton, Stahl. Holzbohlen und Stahlplatten, abwechselnd in Schichten montiert, wirken außerdem als Stoßfänger bei einer Kollision; zur besseren Gewichtsverteilung wurde der Boden unter der Reaktoranlage
in breiter Fläche durch Stahlbeton verstärkt.

Gesamtgewicht von
Reaktor samt
Abschirmung: 2 500 Tonnen
Druck:
- 10 -

�Druck:

123 Atmosphären im Primärkreislauf

Temperaturen:

268,3° C am Zufluß, 271,6° G am Abfluß im Primärkreislauf

Reaktorsteuerung:
Sicherheitsvorkehrungen:

Spezialausbildung der
Besatzung:

Leistungspegel wird durch 21 bewegliche Borstahlstäbe
gesteuert
entsprechen den strengsten Sicherheitsbestimmungen der
Schiffahrtsverwaltung (MARAD) , der US-AtomenergieKumxiösion (AEC), der Küstenwacht und des Öffentlichen
Gesundheitsdienstes der Vereinigten Staaten

Die Ausbildung der zweiten Besatzung - die erste Gruppe
mußte nach Arbeitsstreitigkeiten aufgelöst werden - begann im September 1963« Die Mehrzahl der 25 Ingenieure
und 13 Deckof i'iziere, die alle über viel seemännische
Erfahrung verfügen, hatte bereits an Kursen über Kerntechnik teilgenommen oder war mit dem Reaktorbetrieb
vertraut. In einem sorgfältig vorbereiteten dreimonatigen
Lehrgang an der Handelsmarineschule erhielt diese Gruppe
theoretischen Unterricht in Spezialfächern wie Reaktorbau, Mathematik, Kern- und Strahlenphysik, verbunden mit
einem eingehenden Praktikum am Steuerpult-Simulator der
SAVANKAH. Daran schlössen sich zwei weitere Monate der
Ausbildung an Bord des Schiffes an, bis schließlich die
Ingenieure die vorgj hriebenen Prüfungen bei der Atomenergie-Kommission zur Erlangung des Patents als
Reaktoroperateur ablegten.
Parallel dazu lief ein Lehrgang über fünf Monate für
eine zweite Gruppe von 20 Ingenieuren und acht Deckoffizieren; diese erhalten ihre Bordausbildung während
der Besuchsfahrten der SAVANNAH zu Hafenstädten in den
Vereinigten Staaten und in Europa im Verlauf dieses
Jahres .
Auch Spezialisten für Strahlenschutz, Nuklearmedizin und
Nuklearinstrumentation gehören zur Besatzung. In der
Maschinenstation wurden zusätzliche Planstellen für
Instrumentation und Elektronik geschaffen, die mit einem
Offizier und vier Ingenieuren besetzt sind.

Aktionsradius:

Der Kernbrennstoff liefert die Energie für 16 000 Betriebsstunden bei Vollfahrt, was dreieinhalb Jahren
normalem Betrieb entspricht. Die SAVANIIAH kann mit einer
einzigen Brennstoffladung 336 000 Seemeilen bei 21 Knoten
Geschwindigkeit zurücklegen. Ein mit Heizöl betriebenes
Schiff würde für die gleiche Strecke 90 000 Tonnen Öl
verbrauchen.

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�KAPITÄN DAVID B. McMICHAEL erhielt im August I963 von der
amerikanischen Reederei "American Export and Isbrandtsen Lines",
unter deren Flagge die SAVANKAH fährt, das Kommando über das Schiff.
In dieser Eigenschaft ist er für den seemännischen Betrieb, die Besatzung und die Gesamtsicherheit des Schiffes verantwortlich. Der
51jährige erfahrene Handelsmarineoffizier war einer der ersten, der
die Schaffung einer Flotte atomkraftgetriebener Handelsschiffe befürwortete. Schon kurz nach dem Stapellauf der SAVAMAH im Jahr 1959
wurde er in das von der amerikanischen Atomenergie-Kommission (AEC)
und der Schiffahrtsverwaltung im US-Handelsministerium (MARAD)
durchgeführte Projekt eingeschaltet.
Kapitän McMichael absolvierte 1935 die Seefahrtsschule in
Kalifornien und arbeitete sich bis 1942 bei verschiedenen amerikanischen Reedereien vom Vollmatrosen bis zum Zweiten Offizier empor.
Von 1942 bis 1951 war er für den amerikanischen Seefahrtsdienst
(U.S. Maritime Service) als Ausbildungsoffizier und Kommandant verschiedener Ausbildungsschiffe und -Stationen tätig. Anschließend
fuhr er bis 1958 a l s Erster Offizier und Kapitän auf Schiffen der
"States Marine Lines", unter deren Reedereiflagge die SAVANIIAH zuerst
geführt wurde. Als Angestellter dieser Reederei war McMichael für
die Ausrüstung des Schiffes verantwortlich, machte sich mit dem
Reaktorbetrieb vertraut und verhandelte auch im Auftrag der amerikanischen Schiffahrtsverwaltung über die Besuche der N.S. "SAVANriAH" in
amerikanischen und ausländischen Häfen.

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�Folgende Bilder werden auf Anforderung zur Verfügung gestellt:
1) IT.3. "SAVA1T17AH". Modernste elektronische Geräte ergänzen die herkömmlichen Ausrüstungen zur Navigation und Positionsbestimmung. Durch
die kontinuierliche Ermittlung verschiedenster meteorologischer Daten
wird das Schiff praktisch auch zu einer schwimmenden "Wetterstation. Ein
Faksimile-Empfänger zeichnet nach den verschlüsselten Funksignalen meteorologischer Stationen vollständige V/el twetterkarten. Die 3AVANNAH,
durch zehn durchgehende Schotten in elf Sektionen unterteilt, ist mit
sechs Decks ausgestattet:
a) Brückendeck mit IJavigations räumen und Funkerkabinen
b) Bootsdeck mit messe und Offizierskabinen
c) Promenadendeck für die Passagiere mit Wandelgängen, Gesellschaftsund Unterhaltungsräumen, Swimming-pool etc.
d) A-Deck mit 30 elegant eingerichteten Fahrgastkabinen, Ilaupthalle,
Frisier- und Kosmetiksalon, Krankenräumen, Ambulatorium und
Strahlenschutzlabor
e) B-Deck mit großem Speisesaal, Küche, Teil der Mannschaftsunterkünfte
f) C-Deck und darunter liegende Stockwerke mit liannschafts- und Betriebsräumei, dazu auf dem C-Deck große verglaste Galerie, von der
aus die Passagiere Maschinenraum, Reaktor- und Maschinenleitstand
beobachten können.
2) Ließuhrkonsolen im Reaktorleitstand der SAVAITNAH.
3) Jedes Stäubchen könnte den Reaktorbetrieb stören. Deshalb ist beim
Einsetzen der Brennelemente in den Reaktor Sauberkeit höchstes Gebot.
Die Aufnahme zeigt eines der J2 Brennelemente mit je 164 dünnen Stahlröhren, in denen sich das spaltbare Material befindet.
4) Stahl, Aluminium, Kunststoffe und Kunstfasern waren die bevorzugten
Werkstoffe bei der Ausstattung der eleganten Fahrgast- und Gesellschaftsräume .
5) David B. McMichael, Kapitän der SAVAI717AE.

•x- * -x- * *

- II -

�A M E R I K A

Sonderbeilage

D I E N S T

W1./XYI-26

DIE ROLLE DES GEOLOGEN UND GEOPHYSIKERS IN EINER
EXPANDIERENDEN WELTWIRTSCHAFT

ANSPRACHE
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten,
GEORGE C. IICGHEE

gehalten vor Dozenten und Studenten des Geologisch-Paläontologischen
Instituts der Freien Universität Berlin am 1. Juli 1964

�DIE ROLLE DES GEOLOGEN UND GEOPHYSIKERS IN EINER
EXPANLIERENDEN WELTVIRTS CHAFT

I. Das wirtschaftliche Wachstum

Wirtschaftsexpansion lautet die Devise der Welt in den
sechziger Jahren. Nie zuvor war ein so großer Teil der Veltbevölkerung überzeugt, daß eine beträchtliche Erhöhung der Produktion und des Angebots an nützlichen Dingen durchaus erreichbar,
ja schnell erreichbar sei. i^s liegt auf der Hand, wie wichtig
diese Entwicklung für den Geologen und Geophysiker ist.
Als die Vereinten Nationen die sechziger Jahre zun Jahrzehnt
der Entwicklung proklamierten, trugen sie einem gewichtigen Phänomen Rechnung, das bereits allenthalben in Erscheinung getreten war.
Die Vereinten Nationen suchten mit dieser Proklamation lediglich
der Entwicklungsarbeit sichtbare und institutionelle Gestalt zu
verleihen, die Völker und Staaten in aller Veit bereits leisten.
Eine expandierende Virtschaft ist heute mehr als nur eine Idealvorstellung oder das Ziel einiger weniger. Sie wurde gewissermaßen
zu einer Veitanschauung, die ihren Niederschlag in den nationalen
Zielsetzungen der Staaten und den Plänen für eine organisierte Zusammenarbeit zwischen ihnen findet. Die Resignation, das Sich-Abfinden mit einem Leben am Rande des Existenzminimums und die Hinnahme des Status quo gehören der Vergangenheit an. Natürlich geht dies
alles nicht ohne Opfer ab, und es wird immer neben Portschritten auch
Rückschritte geben; das Bekenntnis zum Fortschritt aber wird rückhaltlos gegeben und ist universell.
Hehr und mehr wird auch das tatsächliche Bevölkerungswachstum
bei der Festlegung der Ziele des wirtschaftlichen Wachstums einkalkuliert, die dann ihren statistischen Ausdruck m

Angaber. pro

�pro Kopf der Bevölkerung finden: höhere Produktion, wachsender
enhandel, verstärkte Investitionen, größerer technischer FortI und bessere Absatzmethoden.
Dies gilt sowohl für die industrialisierten Staaten als auch
die Entwicklungsländer. Der Ministerrat der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der die meisten
Industriestaaten der Welt angehören, hat in seiner ersten Sitzung
die zehn Jahre von 196O bis 1970 eine reale Erhöhung des Bruttosozialprodukts der heute 21 Mitgliedstaaten un 50 Prozent gefordert.
e derartige Zunahme würde die Wirtschaftskraft der atlantischen
Gemeinschaft in einem Maße stärken, wie es sonst nur durch die Einbeziehung eines weiteren Landes von der Größe und dem Reichtum der Vereinigten Staaten möglich wäre, und einen denentsprechenden zusätzlichen Energie- und Rohstoffbedarf wecken.
Die OECD-Staaten sind sich auch über die Relation der wirtschaftlichen Expansion zur strategischen Macht und damit zu ihren Auseichim klaren, nicht nur den wirtschaftlichen Portschritt zu garantie, sondern auch ihre nationale Sicherheit zu stärken. Dies ist von
besonderer Wichtigkeit auch im Hinblick auf die künftige Schlagkraft
Nordatlantikpaktorganisation (NATO), deren Mitglied

diefee

Staaten

fast alle sind.
Der dem Fortschritt dienliche Gärungsprozeß beschränkt sich aber
wegs auf die nordatlantische Gemeinschaft allein. Auch in andeilen der freien Welt trägt man sich mit umfassenden Entwicklungsund macht man zahlreiche diesbezügliche Anstrengungen. Die Allianz
für den Fortschritt ist ein solches Unterfangen - ein Unternehmen, dem
die Vereinigten Staaten außerordentliche Bedeutung beimessen. Die amerikanischenRepubliken mit Ausnahme Kubas sind gemeinsam bemüht, einen
ftigen und kontinuierlichen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung sicherzustellen.
Sie haben erkannt 4 daß jedes Land in Lateinamerika eine Wirtschaftswachstumsrate von mindestens 2,5 Prozent pro Kopf der Bevölkerung und
erreichen müsse, sollen die Ziele der Allianz für den Fortschritt

- 2 -

�Fortschritt in einer vertretbaren Zeitspanne verwirklicht werden.
Die betreffenden Länder wurden aufgefordert, ihre eigenen Wachstumsziele unter Berücksichtigung ihres gegenwärtigen sozialen
und wirtschaftlichen Entwicklungsstandes, ihrer Rohstoffquellen
und ihrer Löglichkeiten, die vorhandenen Kräfte in den Dienst der
Entwicklung zu stellen, festzusetzen.
Auch in Asien und Afrika hegt man ehrgeizige' Entwicklungspläne.
Indien zum Beispiel hat sich für seine Wirtschaft eine jährliche
Wachstumsrate von 5 Prozent zum Ziel gesetzt, Pakistan plant
eine Steigerung des Einkommens pro Köpf der Bevölkerung um 2,5 Prozent, und Nigerien erstrebt eine Erhöhung des Bruttosozialprodukts
um jährlich 4 bis 4»5 Prozent, was einer Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens um 2,5 Prozent gleichkäme.

II. Steigender Rohstoffbedarf
Diese weltweiten Pläne zur Erhöhung der Produktion werden einen
gewaltigen Anstieg des Bedarfs an Energie und industriellen Rohstoffen
nach sich ziehen. Eine Ausweitung der Produktion ohne eine dementsprechende Verbreiterung der Rohstoffbasis wäre in der Tat gänzlich un, lieh.
Der Veitbedarf an Mineralstoffen und Metallen, der sich in den
fünfziger Jahren gegenüber den dreißiger Jahren mehr als verdoppelt
hat, dürfte bis 1970 erneut etwa um 100 Prozent zunehmen. Nach einer
leren Analyse des europäischen Bedarfs i

um Beispiel der Alumi-

nium- und Kupferverbrauch bis 1970 auf etwa das Doppelte des Standes
i 1955 steigen, der von Zink um rund 50 Prozent, der von Blei um
25 Prozent und der von Zinn um 15 Prozent.
Der Veitverbrauch an den wichtigsten Nichteisenmetallen dürfte in
den sechziger Jahren um insgesamt 45 his 50 Prozent über dem ohnehin
schon sehr hohen Verbrauch der fünfziger Jahre liegen. So wi '3 beispiels
weise der Velt-Aluminiumverbrauch aller Wahrscheinlichkeit nach auch
in den sechziger Jahren eine überdurchschnittliche Wachstumsrate aufweisen - bei einem Jahresverbrauch von im Durchschnitt 5 750 000 Tonnen

- 3-

�Tonnen gegenüber nur 2 860 000 Tonnen in den fünfziger, 1 260 000
Tonnen in den vierziger und 390 000 Tonnen in den dreißiger Jahren.
Der Bedarf an Erdölprodukten wird ebenfalls wachsen, wenn
Industrie und Transportwesen einen so großen Aufschwung nehmen. In
der freien Welt dürfte der Erdölverbrauch im Verlauf der sechziger
Jahre um rund 50 Prozent, von gegenwärtig 2,6 auf 3&gt;8 Millionen
Tonnen täglich,ansteigen. Dieser Anstieg würde im Vergleich zur
7prozentigen Zuwachsrate der Nachkriegszeit einer durchschnittlichen
jährlichen Zunahme von 4»5 Prozent entsprechen und einer erheblichen
Mengen zunähme gleichkommen. Y/esteuropa wird mit 6 bis 7 Prozent auch
weiterhin eine der höchsten regionalen Jahreszuwachsraten aufzuweisen haben.
In dieser Entwicklung spiegelt sich die wachsende Bedeutung wider,
die das Erdöl als Energieträger für Westeuropa gewinnt. Der 1960 registrierte Tagesverbrauch von über 500 000 Tonnen entspricht einem Anteil von etwa 35 Prozent an der gesamten Energieversorgung. In den
nächsten zehn Jahren wird die Zuwachsrate des Erdölverbrauchs in diesem Gebiet doppelt so hoch liegen wie die des Gesamtenergieverbrauchs.
Daraus folgt, daß der zu erwartende Tagesverbrauch von 0,9 bis 1,1 Millionen Tonnen im Jahre 1970 rund 45 Prozent des Gesamtenergiebedarfs
decken wird, was etwa dem heutigen Verhältnis in den Vereinigten Staaten entspräche.
Um echte wirtschaftliche Fortschritte erzielen zu können, müssen
die meisten Entwicklungsländer zuerst einmal ihre landwirtschaftliche
Produktion auf eine wirtschaftlich gesündere Basis stellen. Eine Intensivierung der Agrarwirtschaft wird sich wiederum kräftig auf die Nachfrage nach Mineralstoffen wie Phosphaten, Nitraten und Kalisalzen auswirken.
Diese Länder werden für ihre expandierenden Industrien mehr Rohstoffe und natürlich auch mehr Mineralien brauchen. Sie benötigen des
weiteren billige Energie in ausreichendem Maße für die Erzeugung von
Wärme und für das Transportwesen, vor allem in Form von Elektrizität.
Da hochindustrialisierte Staaten zwanzig- bis vierzigmal soviel
Energie pro Kopf der Bevölkerung verbrauchen wie manche Entwicklungsländer! wird der Bedarf letzterer an Erdölprodukten zwangsläufig

- 4-

�zwangsläufig überdurchschnittlich steigen.
Das Bedeutsame an dieser Entwicklung ist, daß sie sich nicht,
wie in der Vergangenheit, nur auf wenige besonders begünstigte
Länder konzentrieron, sondern praktisch auf die ganze Welt erstrecken
wird. In Anbetracht des wachsenden Bedarfs könnte das derzeitige
Überangebot bestimmter Hineralstoffe einer allgemeinen Verknappung
weichen. Sowohl die Erdöl- als auch die Erzreserven werden angesichts
des ständig zunehmenden Bedarfs mehr und mehr unzureichend erscheinen.
Die Mineralöl- und Metallindustrien v/erden auf ein möglichst starkes
Rohstoffpolster bestehen, um die volle Nutzung ihrer zunehmend höheren Investitionen sicherzustellen.
Die derzeitige Fülle ist eine Frucht der Weitsicht - das Ergebnis der Lagerstättenforschung und Entwicklungsarbeit

ir

den vier-

ziger und fünfziger Jahren. Doch weder die Lagerstättenforschung
noch die Investitionen konnten im großen Umfang früherer Jahre fortgesetzt werden. Hinzu kommt, daß die Erschließung von Rohstoffquellen,
wie sie zur Deckung des Bedarfs der siebziger Jahre notwendig sein
werden, eine beträchtliche Anlaufzeit erfordert - und diese ist bei
bestimmten Mineralien sogar noch länger als bei Erdöl. Eine Verstärkung der Anstrengungen auf dem Gebiet der Lagerstättenforschungsund Entwicklungstätigkeit noch in den sechziger Jahren ist somit ein
dringendes Gebot.
Der für die Ausrichtung der Llineralstoff- und Metallproduktion
auf den voraussehbaren Weltverbrauch notwendige Kapitalbedarf wird
daher sehr groß sein. Die direkten amerikanischen Privatinvestitionen
in Förder- und Verhüttungsbetriebe im Ausland erhöhten sich von buchwertmäßig rund 1,1 Milliarden Dollar im Jahre 1950 über fast 2,4 Milliarden Dollar Ende 1957 auf

:;ber 3 Milliarden Dollar Ende 1 961 .

Dabei wird sich der künftige Kapitalbedarf noch laufend weiter erhöhen,
Kapital aber nur dann verfügbar sein, wenn die Mineral- und Mineralölindustrien neben angemessenen Erträgen auch angemessene Laders' er :ea
ven vorweisen können . Solche Laasrstätt^, auf z.isn'ine^ , bedarf es rler j'orschun .
Y/enn auch die Schätzungen über die voraussichtlich erforderlichen
Neuinvestitionen der Mineralölwirtschaft auseinandergehen, so sind sich

- 5-

�sich die Fachleute doch darüber einig, daß es sich um riesige
Summen handeln wird. Während sich der l.'ineralölverbrauch der
freien V*'elt von 9»7 Milliarden Tonnen in den fünfziger Jahren auf
16,8 Milliarden Tonnen in den sechziger Jahren erhöhen wird, dürften die Kapitalaufwendungen der Ölindustrie im gleichen Zeitraum
sogar um mehr als 50 Prozent zunehmen, nämlich von rund 90 auf 1 40
Milliarden Dollar. Die Kapitalgüterinvestitionen, die sich 1 96O
auf etwa 10,5 Milliarden Dollar beliefen, werden sich im Jahre 1970
voraussichtlich auf 15 bis 16 Milliarden Dollar beziffern.
Ungeachtet der großen bekannten Kapazitäten, die gegenwärtig
noch nicht genutzt werden, können wir auf allen Kontinenten eine
sehr lebhafte Lagerstättenforschungs- und Erschließungstätigkeit
beobachten. Jedes Land hat dabei seine eigenen Gründe, eine Ausweitung der Produktionskapazität von öl und eine Veibesserung der Aussichten auf die künftige Ölversorgung anzustreben.
Der Bedarf an den elementarsten Grundstoffen, an Land, V/asser
und den gewöhnlichen mineralischen Industrierohstoffen läßt sich ebenso
wie der Energiebedarf relativ leicht vorausbestimmen. Wir müssen aber
von vornherein damit rechnen, daß immer wieder einmal ein für bestimmte Zwecke bevorzugtes Material von einem anderen verdrängt wird. Es
ist daher unmöglich, über einige wenige Jahre hinweg eine Voraussage
über Art und Eenge

all der zahlreichen Rohstoffe zu treffen, die später

einmal für militärische oder friedliche Zwecke benötigt werden. Stoffe,
die heute kaum irgendwelche wirtschaftliche Bedeutung besitzen, können
morgen schon stark gefragt sein.
Im Hinblick auf mögliche künftige Engpässe in der Versorgung mit
gewissen Mineralien betreibt man heute auf vielen Seiten ernsthafte
und nutzbringende Forschungen. Selbst wenn einige Stoffe "ausgehen"
sollten, können wir in den meisten Fällen entweder auf Erze mit geringerem Gehalt als dem der heute abgebauten oder aber auf Ersatzstoffe zurückgreifen. Die Entwicklungsgeschichte der Kupferindustrie zum Beispiel ist durch die Ausbeutung von Erzen fortschreitend geringerer
Konzentration ohne wesentliche Kostensteigerungen gekennzeichnet. Öl
kann aus Schiefer- oder Teersandlagern zu Kosten gewonnen werden, die
schließlich die Förderkosten für Erdöl nur unwesentlich übersteigen
dürften.
Doch

- 61

�Doch selbst bei einem Auftreten solcher Verknappungen könnten die heute üblichen Verbrauchsprodukte in der Regel weiter geliefert werden, wenn auch vielleicht zu etwas höheren Preisen.
Der Technik gelang es bisher fast in jedem Falle, durch materialsparende Fertigungsmethoden einen Ausgleich für Materialverknappung
zu schaffen. In schwierigen Situationen bleibt immer noch der Ausweg, die Produkte selbst zu verändern oder andere Möglichkeiten zur
Befriedigung des Bedarfs zu erschließen.

III. Aufgabe und Verpflichtung

Aus der außerordentlich starken Zunahme des Rohstoffbedarfs
in den sechziger Jahren erwachsen uns große Aufgaben und Verpflichtungen - das gilt besonders auch für Sie in diesen Berufen. Sie werden jedem von Ihnen die höchsten Leistungen abverlangen, deren er
fähig ist.
Die Verteilung der Mineral- und Hineralölvorkomnen über die
Erde richtet sich nicht im geringsten nach etwaigen Landesgrenzen.
Die Geologen werden die benötigten zusätzlichen Rohstoffe deshalb
dort aufzuspüren und abzubauen haben, wo sie lagern. In Verfolg dieser
ihrer Aufgabe werden sie mehr als bisher in die Vjelt hinausziehen müssen,
da die Industriestaaten als Rohstofflieferanten an Bedeutung verlieren,
während die Entwicklungsländer in gleichem Maße an Bedeutung gewinnen.
In dem Bemühen, die Privatwirtschaft und die Öffentlichkeit stärker
an der Erschließung der Rohstoffquellen zu interessieren, werden Sie
enger mit den führenden Männern aus Industrie und Wirtschaft sowie mit
Kapitalgebern und Regierungsvertretern zusammenarbeiten.
Und dies trifft um so mehr zu, als viele Entwicklungsländer bestrebt sein werden, neue Vorkommen aufzuspüren, noch ehe die Steigerung der Rohstoffgewinnung überhaupt notwendig wird. Der Sonderfonds
der Vereinten Nationen wurde vornehmlich in der Absicht gebildet, solche geologische
vielfach

Bestandsaufnahmen zu finanzieren, da diesen Ländern

die hierzu erforderlichen Kittel fehlen. Ihrem Beruf werden

hieraus neue Anforderungen erwachsen.
Ein

- 7-

�Ein großer Teil dieser Länder wird sicher die Erforschung
der Lagerstätten an Mineral- und anderen Rohstoffen selber betreiben wollen; das heißt,

man v/ird

wünschen, daß diese Arbeiten

in Auftrag der Privatwirtschaft oder der Regierung

3es

Landes

ausgeführt werden. Die Geologen werden somit bereit sein müssen,
in diesen Ländern sowohl mit privaten Gruppen und staatlichen Stellen als auch mit den internationalen Organisationen Hand in Hand
zu arbeiten, die diesen Ländern helfen.
Hinzu kommt, daß wir in vielen dieser Länder auch noch mit
einem Druck seitens der Sowjetunion zu rechnen haben. Sie schickt
Geologen und Geophysiker in beträchtlicher Zahl in die Entwicklungsländer, um diesen bei der Erforschung und Ausbeutung ihrer Lagerstätten behilflich zu sein. Das gilt zum Beispiel für Indien, wo
russische Untersuchungen zur Entdeckung bedeutender Ölvorkommen
geführt haben. Idr können es uns nicht leisten, hintanzustehen. V.rir
müssen vielmehr die Kommunisten noch übertreffen, indem wir diesen
Ländern unsere Kenntnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der Lagerstättenforschung in reichlicherem Maße zur Verfügung stellen.
Das bedeutet, daß wir die Sowjets nicht nur hinsichtlich der
Quantität, sondern auch in der Qualität überrunden müssen. Die Sowjets
haben ihre Tüchtigkeit bei der Erforschung von Ol- und anderen Mineral
vorkommen bewiesen. Ihr Geschick in der Ausbildung guter Geologen bedeutet ein großes Plus in ihrem Streben, ihre Macht und ihren Einfluß
auf die 'Entwicklungsländer auszudehnen. Unsere Fähigkeit, noch bessere
Geologen und Geophysiker heranzubilden, wird sich daher als ein noch
größeres Plus erweisen, '.vir müssen diese Fähigkeit kultivieren und
weiter entwickeln. Unsere Universitäten müssen sich auf den zunehmenden Bedarf an Fachleuten mit Spezialkenntnissen in der Lagerstättenforschung und die auf diesem Gebiet entwickelten neuen Methoden einstellen. Vir müssen nach den Besten unter der Jugend Ausschau
halten und sie veranlassen, diesen Beruf zu ergreifen, birgt doch die
Zukunft gerade für den Geologen hervorragende Aussichten, im Dienste
der Menschheit Großes zu leisten.
Die

- 8 -

�Die sich verändernden Dimensionen des hier angeschnittenen
Problems lassen die Notwendigkeit, immer bessere Methoden zu entwickeln, nur um so größer erscheinen. Auf dem Gebiet der Erforschung von Ölvorkommen zeichnet sich, wie Sie wissen, ein Trend ab,
statt großer auch kleine,

statt nahe an der Oberfläche liegender

auch tiefer gelegene und statt einfach gegliederter auch komplexe
Lager anzugehen. Vormals war es relativ leicht, Olfeider zu orten;
künftig aber wird man Öl nur mit Hilfe der fortschrittlichsten
Verfahren und einem Höchstmaß an Fachkenntnis und Spürsinn entdecken können. Das gilt natürlich für andere Mineralstoffe nicht
minder.
Aber auch die politische Führung sieht sich vor neue Aufgaben
und Verpflichtungen gestellt, will sie den neuen politischen Problemen des anbrechenden Zeitalters steigender Produktion gerecht
werden. Eine Entwicklungstätigkeit so großen Stils fordert von
den Staaten, die sich um den Zugang zu ausländischen Märkten und
ausländischen Rohstoffquellen bemühen, immer gebieterischer eine
eingehendere Konsultation und größere gegenseitige Zusammenarbeit.
Jedes Land möchte sich einen angemessenen Anteil an dem Reichtum und
der Fülle sichern,die wir für die Zukunft erwarten.
Ein besonderes Problem wirft in diesem Zusammenhang die Instabilität der Preise für Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse auf,
entfällt doch auf diese der Hauptanteil des Devisen- und Steueraufkommens vieler Entwicklungsländer. Wenn wir uns den Zugang zu den
Rohprodukten anderer Länder für die Zukunft erhalten wollen, müssen
wir diesen stabilere Preise garantieren, allerdings in einer '••eise, die
mit den großen Linien unserer Wirtschaftspolitik in Einklang steht.
Wir müssen außerdem eine Außenhande

ipolitik treiben, die den

Rohstoff-Erzeugerländern den notwendigen Zugang zu den Märkten der
Industriestaaten ermöglicht. Und wir müssen eine Auslandshilfepolitik
verfolgen, die den Entwicklungsländern das für die Verbesserung ihrer
wirtschaftlichen Infrastruktur und die Hebung des Lebensstandards erforderliche Kapital verfügbar macht. Kurz, wir müssen uns um ein neues
Modell der Beziehungen zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern bemühen, das für beide Ländergruppen nützlich und akzeptabel

- 9-

�akzeptabel ist und veraltete Leitbilder des Kolonialismus abzulösen
vermag.
Darüber hinaus müssen wir die Beziehungen unter den Industriestaaten noch enger gestalten, um unsere diesbezügliche Politik
v/irksam aufeinander abzustimmen. Wir bemühen uns um eine solche
Vertiefung der wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa vor allem auch deshalb, weil wir sicherstellen
wollen, daß die Industriestaaten über ihre Hilfsmaßnahmen und ihre
Handelspolitik einen immer wirksame an Beitrag zum Aufbau der Entwicklungsländer leisten.
Ich habe von den Aufgaben gesprochen, vor die sich die-Angehörigen Ihres Berufs ebenso wie die Politiker durch die fortgesetzte
Expansion der Weltwirtschaft gestellt sehen. Die politische Führung
muß die Voraussetzungen schaffen und sichern, ohne die der Fachmann
nicht nach jenen Ländern ziehen kann, wo seine Kraft in der Forschung
und Produktion benötigt wird. Doch zwischen dem Staat einerseits und
dem einzelnen Fachmann steht die alles überragende Frage der Finanzierung und einer zweckmäßigen Organisierung aller einschlägigen wirtschaftlichen Anstrengungen. Hier kommt der Wirtschaft eine Führungsaufgabe zu.
Für unsere großen Firmen wird es deshalb unumgänglich sein, mehr
Investitionskapital aufzubringen und ihre Tätigkeit auf eine breitere
Basis zu stellen. Kein Land ist hinsichtlich der Deckung seines Rohstoffbedarfs gänzlich unabhängig von anderen. Und die Abmachungen und
Beziehungen, durch die sich die Industriestaaten in der Vergangenheit
mineralische und andere Rohstoffe in ausreichenden Lengen und zu relativ
niedrigen Preisen sicherten, werden im Gefolge des nach dem zweiten
Weltkrieg eingetretenen Wandels in den politischen und sozialen Verhältnissen sicherlich manchem neuen Druck ausgesetzt sein.
Es mußten neue Abmachungen getroffen und neue Beziehungen geknüpft
werden, um diesen veränderten Verhältnissen wenigsten zum 'Teil Rechnung
zu tragen,und es werden wahrscheinlich auch noch andere Anpassungen
erforderlich sein. Die Bedingungen von Regierungsvereinbarungen bezüglich der Erschließung natürlicher Hilfsquellen werden in vielen Fällen

- 10 -

�Fällen von den traditionellen

r

orbildei

abweichen. So wird man

die Tätigkeit der Privatwirtschaft künftig stärker als bisher darauf überprüfen, ob sie mit dem öffentlichen Interesse und der Politik vereinbar ist. Deshalb muß die Geschäfts- und die Investitionspolitik
zunehmend variabler und flexibler gestaltet werden.

IV. Deutschlands Rolle

Die Deutschen haben bei der Erschließung der Ilineralvorkommen
in aller Welt eine bedeutende Rolle zu spielen. Die Geschichte der
Geologie und Geophysik ist reich an Namen berühmter deutscher V/issenschaftler. Da ist vor allem Alexander von Humboldt zu nennen, der
letzte in der Reihe jener Männer, von denen man sagen kann, daß sie
so gut wie das ganze naturwissenschaftliche Wissen ihrer Zeit beherrschten. Es sei auf seine großen Zeitgenossen aus dem Adelsstand
von Buch, von Baer und von Hoff verwiesen, auf Werner auch, und
ihre Schüler von Zittel, Jaekel und den Feuerkopf Haeckel, der die
Fackel Darwins hochhielt. In späterer Zeit ist V/egener zu nennen, einer
der ersten Geophysiker, und wir wollen hier auch IL.ns Stille, dem letzten noch lebenden ! itbegründer der Geotektonik, unseren Respekt zollen.
In der Geophysik dürfen wir besonders Emil V/iecherts aus Gcttingen gedenken, des Begründers der angewandten Seismologie, ur

seines

Schülers Lutger Hintrop, des Gründers der geophysikalischen Forschungsgesellschaft "Seismos", die 1922 in meinen Heimatstaat Texas kam und
dort den großen Anwendungsbereich und die Brauchbarkeit der seismischen Refraktionsmethode demonstrierte. Doch schon 75 Jahre davor hatte
Ferdinand Römer, später ?rc assor in Breslau, in der Analyse der Geologie von Texas Pionierarbeit geleistet. Im Jahre 1649 veröffentlichte
er dann ein Buch mit dem Titel "Texas mit besonderer Rücksicht auf
deutsche Auswanderung, und die physikalischen Verhältnisse des Landes
nach eigener Beobachtung geschildert".
Unter den später nach Amerika gekommenen Deutschen befanden sich
mehrere Geologen und Geophysiker. Die Namen Robert Balke, Benno Gutenberg, Ernst Cloos, JCurt Teichert und Peter Misch dürften geläufig sein.
Leider
- 11 -

�Leider ist Robert Balke schon früh bei einem Plugzeugunglück auf
tragische './eise ums Leben gekommen. Aber Gutenberg, Cloos, Ilisch
und noch viele andere gehören mit zu den prominenten Lehrmeistern
einer neuen Generation von tüchtigen und strebsamen amerikanischen
Geologen und Geophysikern. Und sicher v/erden die Namen noch mancher
unter den jungen Leuten, die nach Amerika gegangen sind, eines Tages
einen ebenso guten Klang haben.
Die Demokratien Amerikas und Westeuropas bilden den Kern der
freien Welt, die nur dann fortbestehen kann, wenn sie ihre Vorrangstellung auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik, den eigentlichen
Quellen ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und militärischen
I£acht, zu wahren versteht. Die sicherste Garantie für die Aufrechterhaltung dieser Vorrangstellung ist der natürliche Prozeß des Hinstrebens wissenschaftlicher und technischer Fachkräfte nach den Orten, wo
ihnen die besten Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden. In den Vereinigten Staaten sind es die großen Universitäten und Forschungsstätten,
die der Y/issenschaf t solche reichen Entfaltungsmöglichkeiten bieten.
Und auch in V/esteuropa und Deutschland herrscht daran kein Mangel. Von
diesen Institutionen dürfen wir in der Zukunft Führung und technisches
Wissen ebenso wie gründlich vorgebildete Fachkräfte erwarten, einschließlich jener für die geologische und geophysikalische Forschung.
Diese bedeutende Universität hier im freien Berlin ist eine solche
Stätte, ebenso die Technische Universität, wie ich mich selbst bei Gelegenheit überzeugt habe. Ob künftig noch größere und bessere derartige Institutionen in Deutschland geschaffen werden, hängt ganz von
Ihnen ab. Sie können sie haben, wenn Sie bereit sind, den Preis dafür aufzubringen - wenn Sie einen größeren Teil des neugewonnenen Reichturas Ihrer Kation in Hochschulen und technisch-wissenschaftlichen Forschungsstätten
investieren. Die Russen zum Beispiel haben dies getan, und zwar unter
weit größeren Opfern, als sie Ihnen abverlangt würden. Das Wunderbare
an der wissenschaftlichen und technischen Forschungsarbeit ist, daß ein
höherer Aufwand auch einen Gewinn abwirft, insofern nämlich, als sie
den Weg zu dem erstrebten Wohlstand ebnet. Natürlich gibt es eine
obere Grenze, von der an eine weitere Erhöhung des Forschungsaufwands
wirtschaftlich nicht mehr vertretbar wäre; ich bin aber sicher, daß

- 12 -

�daß diese Grenze bisher nirgendwo auf der 7/elt auch nur annähernd
erreicht worden ist.
Da statistische Angaben über den Forschungs- und Entwicklungsaufwand in den einzelnen Ländern nicht sehr zuverlässig sind, wollen
Sie bitte auch die Zahlen, die ich Ihnen jetzt nennen werde, mit
Vorsicht behandeln, Die Vereinigten Staaten geben etwa 3» 5 Prozent
ihres gewaltigen Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung
aus. Für Rußland liegen keine Zahlen vor, aber sie sind ohne Zweifel
hoch. Großbritannien, Frankreich und Japan wenden 2,0 bis 2,7[ Prozent
ihres Bruttosozialprodukts für Forschungszwecke auf. Und Deutschland
- hier zögere ich tatsächlich, die mir von meinen Mitarbeitern genannte und so unglaublich klingende Ziffer auszusprechen - Deutschland
also, wurde mir gesagt, gibt höchstens 1,5 Prozent seines Volkseinkommens für Forschung und Entwicklung aus. In dieser Zahl ist der gesamte Forschungsaufwand - die Ausgaben des Bundes einschließlich der
für die militärische Forschung und Entwicklung, die Aufwendungen der
Länder und privater Geldgeber sowie die Summe, die die Industrie für
ihre eigene Forschung aufbringt

enthalte

V. Aufgaben der Forschung und Technik

Der rasch steigende Bedarf an mineralischen Rohstoffen kann nur
durch eine entsprechende Ausweitung der geologischen und geophysikalischen Lagerstättenforschung auf weltweiter Basis und die Anwendung
besserer Abbau- und Aufbereitungsriethoden gedeckt werden. Da die Entdeckung neuer hochwertiger Tineralvorkomnen naturgemäß immer seltener
wird, müssen wir unser Augenmerk auch auf weniger ergiebige urze richten
znd lernen, uns ihre wertvollen Beetandteile zunutze zu machen.
Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, auch das aufzuspüren, was unte
wertlosen Sedimentgestein, LavamasBen,

as

ü ! I

verborgen liegt,

dürfte es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um Vorkommen mit einem
Vielfachen der Ergiebigkeit der uns heute bekannten Lagerstätten handeln
Die Forschung wird viel zu leisten haben, um die bisherigen geologischen
und geophysikalischen Lethoden dementsprechend zu verfeinern und neue

- 13 -

�neue zu ersinnen.'Vor allen aber müssen wir, wo dies von der
Theorie her möglich ist, in unserer geophysikalischen Sondierungsarbeit die Aufgliederung ermittelter Formationsdetails mit Hilfe
gravinetrischer, seismischer, magnetischer und elektrischer ließverfahren und durch eine verbesserte Interpretation der registrierten physikalischen Parameter verfeinern.
Auch hier ist Teamarbeit alles. Der Geophysiker muß sich mit
dem Geologen und Stratigraphen, mit dem Likrop iäontologen und dem
Geocheniker zusammentun. Großen Xutzen verspricht beispielsweise
die Anwendung der neuen Lethoden der Isoto

j

mmung. Darüber hinaus

gilt es die fornationskundlichen Erforschungen der Schichtsedimente
zu verstärken und die Entstehungsgeschichte der Erdölvorkommen noch
eingehender zu erforschen. Außerdem dürfen wir die Grundwasser-Geologie und die Hydrologie nicht vernachlässigen. Das Wachstum der Industrie und die Intensivierung der Landwirtschaft bedingen einen steigenden Wasserbedarf. Allzu häufig kommt es schon örtlich und auch
regional zu Wassermangel. Deshalb ist eine ausgedehntere und intensivere Erforschung der Wasservorkommen über und unter der Erde geboten,
und wir müssen darauf hinwirken, daß sich mehr Geologen und Ingenieure
auf das Gebiet der Gewässerkunde spezialisieren.
Die Meeresgeologie und die Meeresgeophysik stecken noch in den
Kinderschuhen, vor allem was die Erforschung der Kontinentalschelfe
anlangt. Eines Tages v/erden die Wissenschaften uns den Zugang zu urafi
reichen neuen Bodenschätzen off •••• , doch erst nachdem wir diesen jungen Zweig der Wissenschaft von der Erde und den Heeren durch tatkräftige Forschungsanstrengungen zur Reife geführt haben. Nicht weniger e'u.rgisch müssen wir uns um die Entwicklung sicherer Abbaumethoden bemühen, die ein Arbeiten in bis zu mindestens 200 I.Ieter Wassertiefe
gestatten. Obwohl der Abbau in hohem Maße mechanisiert sein wird,
müssen dennoch

auch Menschen hinuntersteigen, und sie sollen dies mit

destens der gleichen Zuversicht tun können, wie dies heute in Bergwerken auf dem Festlande möglich ist.
Und schließlich - und damit wende ich mich nun an jene, die
gefährlich leben und bereit sind, das Risiko eines sehr einsamen
Todes einzugehen - dürfte sich in Kürze schon in der Lunargeologie

-14-

erne

�Lunargeologie ein neues Aufgabengebiet eröffnen. Und irgendwo
in einem Kindergarten ist vielleicht schon der erste Karsgeologe
gerade dabei, in Spiel seinen kindlichen Wissensdurst zu befriedigen.
Die geologische und geophysikalische Forschung bietet eine
großartige Gelegenheit zu internationaler Zusammenarbeit. Die geologische und geophysikalische

Feldarbeit in fernen Kegionen der

Erde ist heute noch eine ebenso faszinierende Aufgabe wie eh und
je. Wir wollen hoffen, daß deutsche Forscherteams bald in wachsender Zahl tätig werden - im eigenen Lande, wo es immer noch Möglichkeiten gibt, besonders vor der Kordseeküste und in den geologischen
Tiefbecken, und vor allem auch in den Entwicklungsländern. Dort wer
den die Mitglieder der wahrhaft internationalen Bruderschaft der
geologischen und geophysikalischen Feldforschung - darunter viele
Amerikaner -, die sämtlich hinsichtlich ihrer Ausbildung wie ihres
Berufsethos manchen Anstoß gerade von Deutschen erhalten haben, sie
herzlich willkommen heißen.

- 15 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

A11K./XVII-55

V A R R E N

-

B E R I C H T

Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

Der Bericht des Präsidialausschusses zur
Untersuchung der Ermordung Präsident Kennedys, an dessen Spitze der Oberste Bundesrichter der Vereinigten Staaten, Earl War«
ren, stand, umfaßt mit allen Darlegungen,
Beweismitteln, Vernehmungsprotokollen und
sonstigen Schriftstücken insgesamt 35 Bände,
Er wurde Präsident Lyndon B. Johnson am
24« September 1964 überreicht und am 27»
September veröffentlicht. Der vom Amerika
Dienst in dieser Sonderbeilage wiedergegebene 'feil "Zusammenfassung und Schlußfolgerungen" stellt Kapitel I des Berichtes dar.
Er gliedert sich in die Abschnitte
Hergang
Polgerungen
Empfehlungen

Seite 1
Seite 29
Seite 42

)Report of The President's Commission on the Assassination of

President John F. Kennedy, United States Government Printing

Office, Washington, D.C., 1964

�Kapitel 1
Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

Die Ermordung von John Fitzgerald Kennedy an 22. Kovember 1*965
war eine grausame und schockierende Gewalttat, die sich gegen einen
IJenschen, eine Familie, eine Kation und gegen die ganze Menschheit
richtete« Eine junge und starke Führerpersönlichkeit, die noch viele
re im Dienst

der Öffentlichkeit und im privaten Lehen vor sich

hatte, war das Opfer des vierton Präsidentenmordes in der Geschichte
eines Landes, das sich den Ideen vernünftiger Argumentation und eines
politischen Wandels auf friedliche;.! Wege verschrieben hat. Diese Kommission wurde an 29« November 1963 in Anerkennung des Hechtes aller
Menschen auf eine völlige und wahrheitsgemäße Uhterrichtung über
diese Ereignisse geschaffen. Der vorliegende Bericht versucht, diesem Hecht zu entsprechen und diese Tragödie in aller Vernunft und
Fairness darzustellen. Er wurde im vollen Bewußtsein der Verantwortung der Konnission abgefaßt, den amerikanischen Volk einen objektiven Bericht über die mit den Keuchelnord in Verbindung stehenden Tatsachen vorzulegen...

Hergang

Am Freitag, den 22. November 1963» um 11.40 Uhr Ortszeit trafen
Präsident John F. Kennedy, Krs. Kennedy und ihre Begleitung am Flugplatz Love Field in Dallas (Texas) ein. Sie hatten den ersten Tag einer bereits fünf Konate zuvor von Präsidenten, von Vizepräsident Lyndon 3. Johnson und den Gouverneur von Texas, John 3. Connally ,jr. ,

�jr., geplanten:Reise durch Texas hinter.sich.. Der Präsident, der
am Donnerstagmorgen das Weiße Haus verlassen hatte, war zunächst
nach San Antonio geflogen, wo Vizepräsident Lyndon.B. Johnson zu
seinem Gefolge.stieß und.der Präsident.neue Forschungsinstitute der
Akademie für Plug- und Raumfahrtmedizin der US-Luftstreitkräfte ihrer
Bestimmung übergab. Nach einem Dinner in Houston zu Ehren des Kongreßabgeordneten Albert Thomas flog der Präsident nach Fort Worth, wo er
die Rächt verbrachte und am Freitagmorgen bei einem Frühstück in größerem Kreis sprach.
Las weitere Programm für diesen Tag sah die Fahrt durch Dallas
mit einer Fahrzeugkolonne, eine Ansprache während des Festessens
im Trade Hart und einen Flug nach Austin vor, wo der Präsident an
einem Empfang teilnehmen und bei einem Galadinner zugunsten des Spendenfonds der Demokratischen Partei sprechen sollte. Von Austin aus
sollte er sich dann zu der Ranch des Vizepräsidenten in Texas begeben.
Diese Reise demonstrierte die verschiedenartigen Rollen, die ein amerikanischer Präsident wahrzunehmen hat - als Staatsoberhaupt, Regierungschef, Parteiführer und - in diesem Fall - voraussichtlicher Kandidat
für die Wiederwahl*
Die Fahrt im Kraftwagen durch Dallas würde, so hoffte man, zu einer Demonstration der Popularität des Präsidenten in einer Stadt werden, die ihm bei den Wahlen von 1 96O ihre Unterstützung versagt hatte.
Uachdem entschieden worden war, für die Fahrt nach Texas zwei Tage anzusetzen, waren sich die Verantwortlichen für die Planung, in erster
Linie Gouverneur Connally und Kenneth O'Donnell, ein Sonderreferent des
Präsidenten, darüber einig, daß eine Fahrt mit der Fahrzeugkolonne
durch Dallas wünschenswert sei. Am 8. November wurde dem Geheimdienst
mitgeteilt, daß für die Fahrt der Kolonne vom Flughafen Love Field
bis zum Ort des Festessens, das von führenden Persönlichkeiten der Geschäftswelt und der Bürgerschaft von Dallas zu Ehren des Präsidenten
geplant rar, 45 Minuten zur Verfügung stünden. Nach Prüfung der Örtlichkeiten und Sicherheitsprobleme bei verschiedenen Gebäuden wurde der
Trade Hart als Ort des Festessens ausersehen. Angesichts dieser Entscheidung und der üblichen Praxis, möglichst vielen Menschen Gelegenheit

- 2 -

�Gelegenheit zu geben, den Präsidenten zu sehen, erscheint die festgelegte Fahrtroute der Fahrzeugkolonne.als die naturgegebene. Die
Route wurde am .18. November von -örtlichen Gastgeherkomitee und von
Vertretern des Weißen.Hauses gebilligt und vom 19« November an in
den Lokalzeitungen veröffentlicht. Aus diesen Yorausveröffentlichungen ging bereits klar hervor, daß die Fahrzeugkolonne auf ihrem Weg
über den Stemmons Freeway zum Trade Hart von der Hain Street in die
Houston und von dort in die Elm Street einbiegen werde.
Am Vormittag des 2 2» November klärte sich der Himmel über Dallas
auf, so daß kein Regen mehr zu erwarten war, und Präsident Kennedy
grüßte die Menge von seinem offenen Vagen aus, dessen Verdeck - damals
eine Plastikkuppel, die Schutz nur gegen ungünstige Witterung zu bieten vermochte - abgenommen worden war. Links neben dem Präsidenten
saß im Fond I.irs. Kennedy. Auf den Klappsitzen hatten Gouverneur Connally - er saß vor dem Präsidenten

- und zur Linken des Gouverneurs

Hrs. Connally Platz genommen. Am Steuer saß der Sicherheitsbeamte
William R. Greer und zu seiner Rechten der Sicherheitsbeamte Roy H.
Kellerman.
Unmittelbar hinter der Präsidentenlimousine folgte ein offenes
Begleitfahrzeug mit acht Sicherheitsbeamten, von denen je zwei ihre
Plätze vorn,

hinten und auf den beiden Trittbrettern hatten. In Ein-

klang mit den regulären Sicherheitsbestimmungen hatten diese Beamten
den Auftrag, die Zuschauernenge, Dächer und Fenster von Gebäuden, Überführungen und Kreuzungen auf Anzeichen von Störungen hin zu beobachten.
Hinter dem Begleitfahrzeug folgte der Wagen des Vizepräsidenten, in dem
sich neben dem Vizepräsidenten auch Urs. Johnson und Senator Ralph W«
Yarborough befanden. Es schlössen sich ein Begleitfahrzeug des Vizepräsidenten und mehrere Wagen und Busse für weitere prominente Persönlichkeiten, Pressevertreter und andere an.
Die Wagenkolonne fuhr kurz nach 11.50 Uhr von Love Field ab, nahm
ihren Weg durch Wohnsiedlungen, wobei sie auf Wunsch des Präsidenten,
der einzelne Gruppen unter der winkenden Zuschauermenge begrüßen wollte,
zweimal anhielt. In beiden Fällen begaben sich Beamte vom Begleitfahrzeug zum Wagen des Präsidenten, um den Präsidenten und Urs. Kennedy

- 3 -

�Kennedy abzusichern. Als die Wagenkolonne Main Street erreichte,
eine von Ost nach West verlaufende Hauptverkehrsader in der Innenstadt von Dallas, nahmen .die .Ovationen.tumultartige Ausmaße an.
An äußersten westlichen; Ende .von. Main Street."bog die Wagenkolonne
nach rechts in die Houston Street.ein und.bewegte.sich einen Häuserblock in nördlicher Richtung /weiter, um dann.nach links in die Elm
Street einzubiegen, den direktesten und bequemsten Zufahrtsweg zum
Stemnons Freeway und zum Trade Hart. Der Präsidentenwagen näherte
sich der Kreuzung Houston Street - Elm Street, an deren Kordwestecke
sich genau in Fahrtrichtung ein siebenstöckiges, orangefarbenes Backsteingebäude , das des Texas School Eook Depositor^, ein Lager- und Bürohaus, erhebt. Wie P.ufus W. Youngblood, ein Sicherheitsbeamter im
Wagen des Vizepräsidenten, bemerkte, zeigte die Uhr an dem Gebäude
12.30 Uhr, die Zeit der geplanten Ankunft am Trade hart.
Der Präsidentenvagen, der bis dahin in nördlicher Richtung gefahren war, bog in einer scharfen Hehre nach Südwesten in die Elm Street
ein. Mit einer Geschwindigkeit von rund 18 km/h fuhr er bei leichtem
Gefälle auf eine Eisenbahnunterführung zu, die die Fahrzeugkolonne
vor Erreichen des Stemmons Freeway zu passieren hatte« Die Stirnseite
des Texas School Book Depository befand sich jetzt rechts vom Präsidenten, der im Vorüberfahren der Menge» die sich dort versammelt hatte,
zuwinkte. Links vom Präsidenten erstreckte sich die Dealey Plaza, ein
offenes Parkgelände, das die Westgrenze der Innenstadt von Dallas bildet. Ein Sicherheitsbeamter der Wagenkolonne teilte über Funksprech
seinen Kollegen am Trade Hart mit, der Präsident werde in fünf Minuten
eintreffen.
Sekunden später peitschten in rascher Folge Schüsse auf. Der Präsident griff sich an den Hals. Pur Augenblicke schien er sich aufzubäumen und auf seinem Sitz leicht vornüberzukippen. Ein Geschoß hatte
ihn am Hackenansatz, etwas rechts von der Wirbelsäule getroffen. Es
drang schräg nach unten und trat vorn am Hals wieder aus, wobei es
den Hrawattenknoten des Präsidenten am unteren Ende einriß. Ehe die
Schüsse fielen, hatte sich Gouverneur Connally der Menge auf der
rechten Seite zugewandt. Er begann sich gerade nach links zu wenden,

- 4-

�wenden, als er plötzlich einen Schlag in seinen Kücken verspürte.
Der Gouverneur war von einen Geschoß,getroffen worden, das ganz
rechts an einen Punkt unterhalb der Achselhöhle in seinen Rücken
eindrang. Das Geschoß durchschlug seine Brust.auf seinen Weg schräg nach
vorn unten, trat unter seiner rechten Brustwarze aus, durchdrang
sein rechtes Handgelenk, das auf seinen Schoß gelegen hatte, und
verursachte dann eine Verletzung an linken Oberschenkel. Die Vucht
des Geschosses schien den Gouverneur nach rechts zu schleudern, und
Urs. Connally zog ihn auf ihren Schoß nieder. Ein weiteres Geschoß
traf sodann Präsident Kennedys Hinterkopf und verursachte dabei
eine schwere und tödliche Verletzung. Der Präsident fiel nach links
Urs. Kennedy auf den Schoß.
Der Sicherheitsbeamte Clinton J. Hill, der auf dem Trittbrett
des nachfolgenden Begleitfahrzeuges nitfuhr, hörte ein Krachen, das
der Detonation eines Feuerwerkskörpers ähnelte, und sah, wie der Präsident sich plötzlich vornüber und nach links lehnte. Hill sprang
von Wagen ab und lief auf den Wagen des Präsidenten zu. Auf den Vordersitz des Wagens des Vizepräsidenten, hörte der Sicherheitsbeamte
ioungblood eine Explosion und stellte eine ungewöhnliche Bewegung in
der Menge fest. Er sprang auf den Rücksitz und setzte sich auf den
Vizepräsidenten, un ihn zu schützen. Zur gleichen Zeit wandte sich
der auf den Vordersitz der Präsidentenwagens sitzende Sicherheitsbeamte Kellernan

nach hinten, un nach den Präsidenten zu sehen. Als

Kellernan sah, daß der Präsident getroffen war, gab er den Fahrer Anweisung: H Wir nüssen hier heraus, wir sind getroffen." Das Spitzenfahrzeug des Konvois wies er über Funk an: "Bringen Sie uns sofort
zum Krankenhaus." Der Sicherheitsbeamte Greer beschleunigte das Präsidentenfahrzeug sofort. Während der Wagen

beschleunigte, gelang es

Hill, auf das Heck zu klettern, wo Urs. Kennedy sich festgeklammert
hatte. Hill schob sie auf den Rücksitz des Vagens zurück und deckte
den verwundeten Präsidenten und Mrs. Kennedy mit seinem Körper, während der Wagen des Präsidenten mit hoher Geschwindigkeit zun 6,4 km
entfernten Parkland Memorial Hospital fuhr.
Im

- 5-

�Im Parkland Hospital wurde der Präsident sofort von einer
Gruppe iirzte "behandelt, . die .über das Polizeipräsidium von Dallas
auf die Ankunft des Präsidenten auf Grund eines Funkspruches vorbereitet worden waren, den die Begleitkolonne unmittelbar nach der
Schießerei abgesetzt hatte. Die Arzte stellten unregelmäßige Atembewegungen fest und schlössen eine Herztätigkeit nicht aus, obwohl
sie keinen Puls beobachten konnten. Sie bemerkten eine breite Wunde
am Kopf des Präsidenten und eine kleinere von etwa 6 mm Durchmesser
am unteren Drittel seines Halses. Um die Atmung zu erleichtern, nahmen die Ärzte einen Luftröhrenschnitt vor, wobei sie die Halswunde
erweiterten und eine Kanüle einführten. Ganz von der unmittelbaren
Aufgabe in Anspruch genommen, das Leben des Präsidenten zu erhalten,
wendeten die behandelnden Arzte den Körper des Präsidenten nicht,
um auch seinen Kücken zu untersuchen. Um 1.00 Uhr, nachdem die Herztätigkeit völlig ausgesetzt hatte und ein Priester die letzte Ölung
gegeben hatte, wurde der :Jod des Präsidenten festgestellt. Gouverneur Gonnally wurde operiert und erholte sich später von seinen
schweren Verletzungen.
Als Vizepräsident Johnson vom Tode des Präsidenten erfuhr,
verließ er das Parkland-Krankenhaus unter strenger Bewachung und
begab sich zum Präsidentenflugzeug auf dem Love Pield-Plugplatz.
Urs. Kennedy, die die Leiche ihres Hannes begleitete, bestieg kurz
danach das Plugzeug. Um 14*38 Uhr wurde Lyndon B. Johnson in der
Mittelkabine des Plugzeugs als der 36. Präsident der Vereinigten
Staaten durch Sarah T. Hughes, Richterin am Bundesdistriktsgericht,
vereidigt. Das Flugzeug startete unmittelbar darauf nach Washington
und landete auf dem Andrews-Plugplatz, Maryland, um 17.58 Uhr Ortszeit. Die Leiche des Präsidenten wurde zum national Naval Medical
Genter in Bethesda, Maryland, gebracht, wo eine vollständige pathologische Untersuchung durchgeführt wurde. Bei der Autopsie wurde die
schon im Parkland-Krankenhaus beobachtete große Kopf- sowie die Halswunde festgestellt, die von den Ärzten im Parkland-Krankenhaus erweitert worden war, als sie den Luftröhrenschnitt ausführten. Beide
Wunden wurden in dem Autopsiebericht als "möglicherweise tödlich"

•

- 6-

�tödlich" "bezeichnet. Außerdem wurde durch die Autopsie eine kleine
Einschußwunde an Hinterkopf des Präsidenten festgestellt sowie
eine andere Einschußwunde nahe den Nackenansatz. Der Autopsiebericht gibt als Todesursache "Gewehrschußverletzung, Kopf" an, und
die Kugeln, die den Präsidenten trafen, sind den Bericht zufolge
"von einem rückwärtigen und zum Verstorbenen etwas höher gelegenen
Punkt" abgefeuert worden.
Am Tatort bestand anfänglich eine offensichtliche Verwirrung
in bezug auf die Richtung, aus der die Schüsse kamen. In den Zeugenaussagen wichen die Angaben über die Richtung, aus der die
Schüsse zu hören waren, voneinander ab. In wenigen I'.Iinuten jedoch
konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf das Texas School Book
Depository Building als Herkunftsort der Schüsse. In dem Gebäude
ist eine Privatfirma untergebracht, die "Texas School Book Depository Co.", die Schulbücher von mehreren Verlanen vertreibt und
Räume an Verlagsvertretungen vermietet. Die meisten der im Gebäude
tätigen Angestellten arbeiteten für diese Verlage. Der Rest, darunter 15 Lageristen, war bei der Texas School Book Depository Co.
selbst angestellt.
Mehrere Augenzeugen vor dem Gebäude berichteten, sie hätten
gesehen, wie aus dem in der Südostecke des sechsten Stockwerks gelegenen Fenster des Lagergebäudes der Texas School Book Depository
ein Gewehr abgefeuert worden sei. Der Aurenzeuge Howard L. Brennan
beobachtete die Kolonne von einem Punkt an der Elm Street direkt
gegenüber dem Gebäude mit dem Gesicht zu diesen. Er erklärte unmittelbar danach einem Polizisten, er habe einen schlanken, etwa
1,75 Meter großen Ilann gesehen, Anfang der Dreißigerjähre, der vom
Eckfenster im sechsten Stockwerk aus genau Ziel genommen und ein Gewehr in Richtung auf den Wagen des Präsidenten abgefeuert habe.
Brennan glaubte, er werde in der Lage sein, den llann zu identifizieren, da er ihn an dem Fenster bereits einige Minuten vor den Einbiegen der Wagenkolonne in die Ein Street gesehen habe. Um 12.34 Uhr
bezeichnete der Polizeifunk von Dallas das Lagergebäude als den möglichen Herkunftsort der Schüsse, und um 12.45 Uhr verbreitete der

- 7-

�der Polizeifunk eine Beschreibung des mutmaßlichen Attentäters,
die sich vornehmlich auf die Beobachtungen Brennans stützte.
Als die Schüsse fielen, fuhr ein Polizist der KotorradStaffel,
Harrion L« Baker, innerhalb der Kolonne einige Wagenlängen hinter
dem Präsidenten. Er war von der Main Street nach rechts in die
Houston Street eingebogen und befand sich gerade etwa 60 Meter südlich der Elm Street, als er einen Schuß hörte. Baker, der kurz zuvor
von einem einwöchigen HochwildJagdaufenthalt zurückgekehrt war, war
sicher, daß der Schuß von einem Jagdgewehr herrühre. Er blickte nach
oben und beobachtete, wie Tauben vom Gebäude des Texas School Book
Depository Co.

aufflogen. Er raste sofort zu dem Gebäude, sprang

ab, beobachtete aufmerksam das Gebiet nach Vesten und bahnte sich
einen Weg durch die Zuschauer zum Eingang. Bort stieß er auf Roy
Truly, den Hausmeister des Gebäudes, der ihm seine Hilfe anbot. Sie
betraten gemeinsam das Gebäude und rannten zu den beiden Aufzügen
im rückwärtigen Teil. Da sich gerade beide Aufzugkabinen in einem
höheren Stockwerk befanden, rannten sie die Treppe hinauf. Seit die
Schüsse gefallen waren, waren nicht mehr als zwei Minuten vergangen.
Als sie auf ihrem Weg nach oben im zweiten Stockwerk angekommen
waren, glaubte der Polizist Baker, durch das kleine Glasfenster in
der Tür zwischen der Aufgangshalle und dem kleinen Vestibül, das zur
Kantine führte, jemanden gesehen zu haben. Hit der Pistole in der
Hand stürzte er zur Tür und erblickte etwa in sechs Meter Entfernung
einen llann, der zun anderen Ende der Kantine ging. Der Mann hatte
nichts in der Hand. Auf Bakers Anruf drehte sich der mann um und
kam auf Baker zu. Truly, der Baker bereits zum dritten Stockwerk
vorausgeeilt war, kam zurück, um nachzusehen, weshalb der Polizist
zurückgeblieben war. Baker fragte Truly, ob er den Mann in der Kantine
kenne. Truly erwiderte, daß der llann im Haus arbeite, worauf Baker
den llann stehenließ und zusammen mit Truly nach oben ging. Der Llann,
den sie angetroffen hatten, hatte am 16. Oktober 1963

im

Texas School

Book Depository Building die Arbeit aufgenommen. Seine Kollegen beschrieben ihn als sehr ruhig - als einen "Einzelgänger". Sein Käme
war Lee Harvey Oswald.
Binnen

- 8 -

�Binnen einer Minute nach seinem Zusammentreffen mit Baker und
Truly wurde Oswald gesehen, als er durch die Büroräume im zweiten
Geschoß ging. In seiner Hand "befand sich eine gefüllte Coca-ColaFlasche, die er einem Verkaufsautomaten in der Kantine entnommen
hatte. Er befand sich auf dem Wege zur Stirnseite des Gebäudes, wo
ein Personenaufzug sowie ein paar Treppen den Zugang zum Haupteingang im ersten Stockwerk des Gebäudes gestatteten. Etwa sieben Minuten später, gegen 12.40 Uhr, bestieg Oswald an einem Punkt der Elm
Street, der sieben kurze Häuserblocks entfernt östlich von dem Lagerhaus lag, einen Bus. Der Bus fuhr in westlicher Richtung auf das Gebäude zu, aus dem Oswald gerade gekommen war. Die Buslinie führte
durch den Stadtteil Oak Cliff im südwestlichen Teil von Dallas, sieben Straßenblocks östlich der Pension im Hause Hr. 1026 der North
Beckley Avenue, wo Oswald wohnte. Im Bus befand sich Urs. Mary Bledsoe, eine frühere Zimmerwirtin Oswalds, die diesen sofort erkannte.
Oswald hielt sich etwa drei oder vier Minuten in dem Bus auf, der in
dieser Zeitspanne wegen der Verkehrsstauung, die durch die Fräsidentenkolonne sowie durch das Attentat verursacht worden war, lediglich zwei Straßenblocks weitergekommen war. Oswald verließ

dann den

Bus.
Wenige Minuten später bestieg er vier Blocks weiter ein freies
Taxi und bat den Fahrer, ihn an einem Punkt der North Beckley Avenue,
mehrere Blocks von seiner Pension entfernt, abzusetzen. Die Fahrt
dauerte fünf oder sechs Minuten. Etwa um 13*00 Uhr kam Oswald in der
Pension an. Die Verwalterin, Mrs. Earlene Roberts, Tfar erstaunt, Oswald um die Mittagszeit zu sehen, und sagte zu ihm, er müsse wohl in
ziemlicher Eile sein. Sie erhielt jedoch keine Antwort. Wenige Minuten darauf kam Oswald wieder aus seinem Zimmer, zog den Reißverschluß
seiner Jacke zu und eilte aus dem Haus.
Ungefähr 14 Minuten danach, und genau 45 Minuten nach dem i.Iordanschlag, ereignete sich in Dallas eine weitere Schießerei. Das
Opfer war der Streifenpolizist J.D. Tippit von der Polizei in Dallas,
ein Beamter, der sich in den mehr als elf Jahren seiner Polizeidienstzeit stets gut geführt hatte. Er wurde an der Einmündung der Tenth

- 9-

�•Tenth Street in die Patton Avenue erschossen, etwa 1,5 Kilometer
von Oswalds Pension entfernt. Zun Zeitpunkt der Ermordung befand
sich Tippit allein in seinem Streifenwagen - eine Besetzung, wie
sie bei den meisten Polizeiwagen in Dallas um diese Tageszeit
üblich ist. Um 12.45 Uhr hatte er über Punk den Befehl erhalten,
zum Zentrum des Ste

eils Oak Cliff weiterzufahren, als Teil der

I.laßnahmen zur Abriegelung des Stadtzentrums von Dallas durch Polizeifahrzeuge nach dem Attentat. Um 12.54 Uhr gab Tippit durch, daß
er die Order ausgeführt habe und auf weitere Einsatzbefehle warte.
Bis dahin hatte der Polizeifunk mehrere Durchsagen über den mutmaßlichen Täter gemacht, wie Brennan ihn am Tatort beschrieben hatte
- ein schmaler, bleicher Mann, ungefähr 30 Jahre alt, ca. 1,75 Meter
groß und 75 Kilo schwer.
Etwa um 13*15 Uhr fuhr Tippit langsam in östlicher Richtung
auf der Ostseite der Tenth Street in Oak Cliff. Zirka 30 Meter hinter
der Kreuzung Tenth Street - Patton Avenue rollte er an den Gehsteig
heran, auf dem ein Mann in gleicher Richtung lief. Auf ihn hätte die
Beschreibung für den im Zusammenhang mit dem Mordanschlag gesuchten
Mann passen können. Er ging auf Tippits Wagen zu, stützte seine Arme
auf die Tür an der rechten Wagenseite und sprach

offensichtlich

durch das Fenster mit Tippit. Dieser öffnete die Tür auf der linken
Seite, stieg aus und setzte an, um seinen Vagen vorn herumzugehen.
Als er die Höhe des Vorderrads auf der Fahrerseite erreicht hatte,
zog der Mann auf dem Gehsteig einen Revolver und gab in schneller
Folge mehrere Schüsse ab; Tippit wurde viermal getroffen und war auf
der Stelle tot. Der Automechaniker Domingo Benavides hörte die Schüsse;
er brachte seinen Lieferwagen auf der anderen Straßenseite etv/a siebeneinhalb Meter vor Tippits Wagen zum Stehen. Er sah, daß der Schütze
zur Patton Avenue zurückging, während er die leeren Patronenhülsen
aus dem Revolver holte. Benavides eilte zu Tippit hinüber. Der Polizist war

off einsichtlich tot und lag auf seinem Revolver, der aus

dem Halfter genommen war. Benavides benutzte die Funkeinrichtung in
Tippits Wagen und gab sofort den Vorfall an das Polizeipräsidium
durch. Die Meldung wurde dort kurz nach 13*1 6 Uhr empfangen.
Der
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�Der Schütze entfernte sich vom Schauplatz, eilte zur Patton
Avenue zurück, bog dort links ein und lief in südlicher Richtung
weiter. An der Hordwestecke Tenth Street und Patton Avenue stand
Helen Markham, die die Patton Avenue in Richtung Süden entlangging
und gesehen hatte, wie beide, der Mörder und Tippit, vor ihr die
Kreuzung passierten, als sie stehenblieb, um vor dem Überschreiten
der Straße den Verkehr vorüberzulassen. Sie war Zeuge der Schießerei
geworden und hatte gesehen, wie der Mann mit der Pistole in der Hand
zurückging, dabei den V/eg über den Rasen des Eckhauses nahm, bevor
er in die Patton Avenue einbog und dort in südlicher Richtung weiterlief.
Im Eckhaus selbst hörten Urs. Barbara Jeanette Davis und ihre
Schwägerin, Urs« Virginia Davis, die Schüsse und eilten zur Tür, gerade noch rechtzeitig, um den Mann über den Rasen laufen zu sehen;
er schüttelte einen Revolver, als ob er Patronenhülsen herausleeren
wollte. Später am gleichen Tag fand jede der beiden Frauen in der
Nähe des Hauses eine Patronenhülse. Als der Schütze um die Ecke bog,
lief er an einem Taxi vorbei, das auf der Patton Avenue, einige Meter
von der Tenth Street entfernt, parkte. Der Fahrer, William T&gt;7. Scoggins,
hatte die Mordtat miterlebt und stand nun geduckt hinter seinen Wagen
am Straßenrand. Als der Schütze durch das Gebüsch auf dem Rasen lief,
blickte Scoggins auf und sah den Mann etwa 4 Meter von sich entfernt.
Er hatte eine Pistole in der Hand und sprach Vorte vor sich hin, die
wie "poor dumb cop" (armer dummer Polizist) oder "poor damn cop" (armer

verdammter Polizist) klangen.

Nachdem der Schütze an Scoggins vorbei war, überquerte er die
Patton Avenue zur westlichen Straßenseite und lief in südlicher Richtung zum Jefferson Boulevard, einer Hauptdurchgangsstraße im Stadtteil Oak Cliff. Auf der Ostseite der Patton Avenue, zwischen der
Tenth Street und dem Jefferson Boulevard, hatte Ted Callaway, ein
Gebiauchtwagenhändler, die Schüsse gehört und lief auf den Gehsteig.
Als der Mann mit der Pistole vorbeirannte, rief Callaway: "ITas ist
hier los?" Der Mann zuckte nur die Achsel, rannte weiter'zürn Jefferson Boulevard und bcg nach rechts ein. An der nächsten Straßenecke

- 11 -

�Straßenecke war eine Tankstelle mit einem Parkplatz dahinter. Der
Mörder lief auf den Parkplatz, warf seine Jacke weg und setzte
dann seine Flucht auf der Westseite des Jefferson Boulevard fort.
In einem Schuhgeschäft, ein paar Querstraßen weiter westlich
im Jefferson Boulevard, hörte der Geschäftsführer, Johnny Calvin
Brev:er, die Sirene eines Polizeiwagens wenige Augenblicke, nachdem
über das Radio in seinem Laden die Erschießung des Polizisten in Oak
Cliff geneidet worden war. Brewer sah einen kann, der rasch in den
Eingang zum Laden lief und dort mit dem Rücken zur Straße stehenblieb. Als der Polizeiwagen umkehrte und den heg in kichtung auf
den Ox-t zurückfuhr, wo Tippit erschossen worden war, ging der Mann
weg, und Brewer folgte ihm. Er sah ihn in das [Texas Theatre, ein
etwa 20 Heter entferntes kino, gehen, ohne eine Eintrittskarte zu
kaufen. Brewer machte die Kassiererin, Urs. Julia Postal, darauf
aufmerksam, die die Polizei rief. Es war wenige Minuten nach 13*40
Uhr.
Um 13*29 hatte der Polizeifunk auf die Ähnlichkeit in den Beschreibungen des Verdächtigen im Pall der Erschießung Tippits und
des Mordes am Präsidenten hingewiesen« Um 13*45 Uhr gab der Polizeifunk auf den Anruf Urs. Postals hin die Alarmmeldung. "Haben Meldung,
daß ein Verdächtiger gerade in das Texas Theatre auf der Westseite
des Jefferson Boulevard gegangen ist." In wenigen Minuten war das
kino umstellt. Bann wurde die Beleuchtung im Zuschauerraum eingeschaltet. Polizist II.II. kcLonald und mehrere andere Beamte vom Streifendienst gingen auf den kann zu, der ihnen von Brewer bezeichnet
worden war.
kcDonald forderte den Mann auf, aufzustehen, und hörte ihn dann
sagen: "Hun ist alles vorbei." Ber kann zog mit einer Hand eine Pisto
le aus der Hemdbluse und versetzte mit der anderen Hand dem Beamten
einen Schlag. I.IcDonald schlug mit der rechten Hand zu und bekam mit
der linken die Pistole zu fassen. Nach einem kurzen Handgemenge entwaffneten I.IcDonald und einige andere Streifenbeamte den Verdächtigen,
legten ihm Handschellen an und fuhren mit ihm zum Polizeipräsidium,
wo sie gegen 14*00 Uhr ankamen.
Nach
- 12 -

�Nach der Ermordung des Präsidenten waren auf Grund der vielen
Punkdurchsagen, denen zufolge die Schüsse aus dem Texas School Book
Depository abgegeben worden sein sollten, Polizeiwagen zu dem Gebäude gerast. Inspektor J. Herbert Sawyer vom Polizeipräsidium von
Dallas befand sich, kurz nachdem er um 12.34 Uhr die erste dieser
Polizeifunkmeldungen gehört hatte, an Ort und Stelle. Einige der
Polizeibeamten, die für die Zeit der Durchfahrt der Kolonne in die
Houston und Elm Street beordert worden waren, sprachen mit Augenzeugen und beobachteten das Gebäude, als Sawyer eintraf. Sawyer betrat
den Bau und fuhr mit einem Personenaufzug in das vierte Stockwerk,
bis zu dem dieser Aufzug ging. Er nahm die Örtlichkeit kurz in
Augenschein, kehrte zum Erdgeschoß zurück und ordnete - etwa zwischen 12.37 und 12.40 Uhr - an, daß niemand das Gebäude verlassen
dürfe.
Kurz vor 13.00 Uhr traf Capt. J. Will Pritz, Chef des Mord- und
Raubdezernats des Polizeipräsidiums von Dallas, ein, um die Untersuchung zu übernehmen. Bei der Durchsuchung des sechsten Stockwerks bemerkte Sheriff Luke Llooney einen Stapel von Kartons in der südöstlichen Ecke. Er zwängte sich durch den Kartonstapel hindurch und erkannte sofort, daß er die Stelle entdeckt hatte, von der aus die Schüsse
abgegeben worden waren. Auf de

Boden lagen drei leere Patronenhülsen.

Ein Karton war offenbar an der Seite des Fensters auf den Boden gepackt
worden, von der aus eine auf dem Karton sitzende Person die Elm Street
in Richtung auf die Straßenunterführung im Auge behalten konnte und
von draußen kaum wahrzunehmen war. Zwischen diesem Karton und dem halböffneten Fenster waren drei weitere Kartons so zueinander plaziert,
daß ein auf dem obersten Karton ruhendes Gewehr direkt auf die Fahrzeugkolonne gerichtet war, während sich diese von dem Gebäude entfernte. Der hohe Stapel von Kartons, der zuerst die Aufmerksamkeit
Kooneys erregte, schirmte eine am Fenster stehende Person gegen jede
Sicht von Flur her ab.
Die Entdeckung llooneys führte zu einer Intensivierung der Suche
nach weiterem Bevreismaterial im sechsten Stockwerk, und um 13&gt;22 Uhr,
etwa 10 Minuten nach der Auffindung der Patronenhülsen, richtete

- 13 -

�richtete der stellvertretende Sheriff Eugene Boone seine Taschenlampe auf zwei Kartonreihen in der Nordwesteoke nahe dem Treppenhaus. Zwischen den beiden Reihen stak ein Mehrladegewehr mit Zielfernrohr. Das Gewehr wurde nicht "berührt, bevor es fotografiert
war» Als Lt. J.C. Day vom Erkennungsdienst der Polizei feststellte,
daß der Holzschaft und der Metallknopf am Ladehebel keine Fingerabdrucke aufwiesen, hielt er das Gewehr am Schaft fest, während
Capt. Fritz durch Betätigung des Ladehebels eine scharfe Patrone
herausspringen ließ. Lt. Day stellte sogleich fest, daß das Gewehr
selbst die Seriennummer "G2766" sowie die Kennzeichen "1940"» "Made
in Italy" und "Cal. 6.5"

trug. Das Gewehr war da* 100 cm lang und

konnte zerlegt in einem handgefertigten Papierbehälter untergebracht werden, der nach dem Kord in der Südostecke des Gebäudes, nur
wenige Meter von den Patronenhülsen entfernt, gefunden wurde.
Als Fritz und Day im sechsten Stockwerk mit der Untersuchung
dieses Gewehres befaßt waren, trat Roy Truly, der Hausverwalter, hinzu, um eine Information zu übermitteln, von der er das Gefühl hatte,
daß sie der Polizei zur Kenntnis gebracht werden sollte. Truly hatte
vorher, während die Polizisten die Angestellten verhörten, festgestellt, daß Lee Harvey Oswald, einer der 15 Männer, die in dem Waren«
haus beschäftigt waren, fehlte. Nachdem Truly Oswalds Kamen, Adresse
und allgemeine Personenbeschreibung der Polizei zur Verfügung gestellt
hatte, begab sich Fritz zum Polizeipräsidium. Kr traf kurz nach 14.00
Uhr im Präsidium ein und beauftragte zwei Kriminalbeamte, den Angestellten, der im Lagerhaus des Texas School Book Deposiiorry nicht
zugegen gewesen war, festzunehmen. In der Nähe standen die Polizeibeamten, die gerade mit einem Kann eingetroffen waren, den sie im
Texas Theatre festgenommen hatten. Als Fritz den Kamen des fehlenden
estellten erwähnte, erfuhr er, daß sich der Mann bereits im Verhörraum befand. Der fehlende Angestellte des School Book Depository
und der Verdächtige, der im Texas Theatre festgenommen worden war,
•an ein und dieselbe Person: Lee Harvey Oswald.
Der

- 1' -

�Der Verdächtige, den Fritz im Begriff war im Zusammenhang mit
der Ermordung des Präsidenten und den Mord an einem Polizisten ins
Verhör zu nehmen, war am 18. Oktober 1959 in Lew Orleans, zwei
Monate nach dem Tode seines Vaters, geboren. Seine Mutter, Marguerite
Claverie Oswald, hatte noch zwei altere Kinder. Das eine, John Pic,
war ein Stiefbruder Leos aus einer früheren geschiedenen Ehe. Das
andere war Robert Oswald, fünf Jahre älter als Lee und dessen leiblicher Bruder. Als Lee Oswald drei Jahre alt war, gab ihn Lrs . Oswald in ein ',.L.isenhaus, wo sein Stiefbruder und sein Bruder bereits
lebten. Sie tat dies in erster Linie, weil sie berufstätig r.'ar.
Im Januar 1944» als Lee vier Jahre alt war, wurde er aus dem
'.Waisenhaus genommen, und kurz danach zog seine Lutter mit ihm nach
Dallas in Texas um, wo die beiden älteren Jungen nach Abschluß des
Schuljahres ebenfalls eintrafen. Im Mai 1945 heiratete Llarguerite
Oswald ihren dritten Mann, Edwin A. Ekdahl. Während die beiden älteren Jungen ein Lilitärinternat besuchten, lebte Lee zu Hause und entwickelte eine warme Zuneigung zu Ekdahl; er begleitete seine Mutter
und seinen Stiefvater gelegentlich auf Geschäftsreisen. Lee wurde in
Benbrook in Texas eingeschult. Aber nachdem sich seine Mutter im
Herbst 1946 von Ekdahl getrennt hatte, ließ sie ihn noch einmal in
der ersten Klasse in Covington in Louisiana anfangen. Im Januar 1947
- Lee befand sich immer noch in der ersten Klasse - verzog die Familie
nach Fort Lorth in Texas, nachdem es zu einem Aussöhnungsversuch zwischen Ekdahl und Lees Mutter gekommen war. Anderthalb Jahre später,
- Lee war noch nicht ganz neun Jahre alt - wurde seine Lutter von ihrem dritten Mann, Ekdahl, auf dessen Betreiben hin geschieden. In den
folgenden fünfeinhalb Jahren in Fort Vorth zeigte Lee in der Schule
durchschnittliche Leistungen, die sich allerdings von Jahr zu Jahr
im allgemeinen verschlechterten. Lehrer und andere Personen, die ihn
in jener Zeit gekannt hatten, wissen nichts von ungewöhnlichen persönlichen Zügen oder Eigenschaften zu berichten.
Eine weitere Veränderung ergab sich für Lee Oswald im August 1952,
einige Monate nach Beendigung der sechsten Schulklasse . Larguerite

- 15 -

�Marguerite Oswald und ihr zwölfjähriger Sohn zogen nach New York,
wo Ilarguerites ältester Sohn, John Pic, bei der Küstenwacht diente.
Die folgenden eineinhalb Jahre in New York waren durch die Weigerung Oswalds, die Schule zu besuchen, und durch emotionelle und
psychologische Probiene gekennzeichnet, die anscheinend ernster
Natur waren. Da Lee ein notorischer Schulschwänzer geworden war,
wurde er im Youth House beobachtet, einer New Yorker Anstalt für
Jugendliche, die die Schule nicht regelmäßig besuchten oder mit dem
Gesetz in Konflikt geraten waren und offenbar psychiatrisch beobachtet werden mußten oder anderweitig der Führung bedurften. Die
mit dem Fall betraute Sozialhelferin bezeichnete ihn als "stark abgesondert", "in sich zurückgezogen"

und bemerkte "auch recht er-

freuliche, anziehende Eigenschaften an diesem seelisch hungernden, gefühlskalten Jungen". Lee hatte gegenüber der Sozialhelferin, geäußert,
seine Hutter liebe ihn nicht und betrachte ihn als Bürde. Er bildete
sich dann und wann ein, alle Macht zu haben und Menschen weh zu tun,
aber während seiner Aufenthalts im Jugendheim stellte sein Verhalten
offensichtlich keine Probleme. Er schien in sich gekehrt und menschenscheu, ein Junge, der lieber für sich allein blieb und seine
Zeit mit Lesen und Fernsehen verbrachte. Bei den Tests zeigte sich,
daß er in bezug auf Intelligenz über dem Durchschnitt seiner Altersgruppe lag. Der leitende Psychiater des Jugendheimes diagnostizierte
die Schwierigkeiten Lees mit "Störung des Persönlichkeitsbildes mit
schizoiden Zügen und passiv-aggressiven Tendenzen". Er schloß mit
der Bemerkung, daß es sich bei dem Jungen um "einen emotionell erheblich gestörten Jugendlichen" handele und er psychiatrische Behandlung empfehle.
Im Hai 1955» nach einem dreiwöchigen Aufenthalt im Jugendheim,
kehrte Lee Oswald zur Schule zurück, die er vorübergehend wieder
regelmäßiger und mit besserem Erfolg besuchte. Im darauffolgenden
Herbst berichtete jedoch der Bewährungshelfer, daß sich praktisch
jeder Lehrer über das Verhalten des Jungen beschwere. Seine Mutter
hielt daran fest, daß der Junge keine psychiatrische Führung benötige.
Obgleich sich in den nächsten Monaten das Verhalten Lees offenbar

- 16 -

�offenbar etwas gebessert hatte, empfahl das Gericht weitere" Behandlung. Im Januar 1954» als Lees Fall noch anhängig war, zog
Ilarguerite mit Lee nach New Orleans, seiner Geburtsstadt, um.
Nach seiner Rückkehr nach New Orleans erhielt Lee mittelmäßige Zensuren, hatte offensichtlich aher keine Verhaltensschwierigkeiten. Nachbarn und andere, die ihn außerhalb der Schule kennenlernten, erinnerten sich an ihn als einen stillen, einzelgängerischen und introvertierten Jungen, der viel las und dessen Wortschatz
ihn recht sprachgewandt machte. Etwa einen Monat nachdem er in die
10. Klasse versetzt worden war, und 11 Tage vor seinem 16. Geburtstag im Oktober 1955 brachte er ein angebliches Schreiben seiner
Mutter

mit in die Schule, in dem es hieß, seine Familie ziehe nach

Kalifornien um. Das Schreiben stammte von Lee selbst. Ein paar Tage
später ging er von der Schule ab und versuchte fast unmittelbar
danach, ins Marinekorps einzutreten. Da er erst 16 Jahre alt war,
wurde er zurückgewiesen.
Nachdem er die Schule verlassen hatte, nahm Lee während der
nächsten zehn Monate in New Orleans mehrere Stellen als Bürobote
oder Gehilfe an. Um diese Zeit begann er auch mit der Lektüre kommunistischer Literatur. In Unterhaltungen pries er gelegentlich den
Kommunismus und sprach zu Kollegen von seinem Wunsch, der kommunistischen Partei beizutreten. Etwa zu diesem Zeitpunkt - er war noch
nicht siebzehn - schrieb er an die Socialist Party of America und
bekundete seinen Glauben an den Marxismus.
Ein weiterer Ortswechsel folgte im Juli 1956, als Lee mit seiner Mutter nach Fort Worth zurückkehrte. Wieder besuchte er die
Oberschule, ging jedoch nach ein paar Monaten erneut ab und wurde
am 24» Oktober 1956, sechs Tage nach seinem 17« Geburtstag, ins
Marinekorps aufgenommen. Am 21. Dezember 195&amp; erreichte Oswald während seiner Grundausbildung in San Diego beim Schießen mit dem
M-1-Karabiner eine Wertung von 212 Punkten - zwei Punkte mehr, als
für eine Einstufung als "Scharfschütze" in der Leistungsskala
Marksman/Sharpshooter/Expert

(Meisterschütze/Scharfschütze/Leistungs-

- 17 -

�Leistungsschütze) erforderlich sind. Nach seiner militärischen
Grundausbildung erhielt Oswald eine Ausbildung in Grundlagen der
Flugtechnik und in Radarbeobachtung.
Die Mehrzahl der Personen, die Oswald vom Marinekorps her
kannten, beschreiben ihn als einen "Einzelgänger", der sich von
anderen nicht gerne Befehle erteilen ließ. Er verbrachte einen
großenTeil seiner Zeit mit Lesen. Er wurde einmal wegen des Besitzes
einer nicht angemeldeten eigenen Waffe vor ein Militärgericht gestellt und ein weiteres Mal, weil er einem Unteroffizier gegenüber
herausfordernde Reden geführt hatte. Im ganzen gesehen war er jedoch in der Lage, sich in die Disziplin des Marinekorps einzufügen,
wenngleich seine im Liarinekorps genachten Erfahrungen den von ihm
gehegten Erwartungen nicht entsprachen.
Oswald diente 15 Monate - bis zum November 1958 - ira Ausland,
die meiste Zeit davon in Japan. Während seines letzten Marinekorpsjahres war er überwiegend in Santa Ana in Kalifornien stationiert,
wo er ein auffallendes Interesse an der Sowjetunion zeigte und manchmal mit dogmatischer Überzeugung politisch radikale Ansichten vertrat. Oswald nahm am 6. Mai 1959 erneut an einem Übungsschießen mit
dem M-1-Karabiner teil und erzielte diesmal auf kürzere Entfernung
eine Wertung von 191 Punkten, ein Ergebnis, das nur um einen Punkt
über dem für einen "Meisterschützen" geforderter Minimum lag. Nach
den Aussagen seiner Kameraden vom Marinekorps zeigte Oswald kein
besonderes Interesse an seiner Schießleistung, und von seiner Einheit
wurde nicht die übliche Schießleistung erwartet. In dieser Zeit äußerte er große Bewunderung für Fidel Castro und zeigte sich daran interessiert, in die kubanische Armee einzutreten. Er versuchte bei seiner Umgebung den Eindruck eines Intellektuellen hervorzurufen, doch
manchen erschienen seine Gedanken seicht und starr.
Oswalds Dienstzeit im Marinekorps endete am 11. September 1959«
An diesem Tage wurde er auf sein Gesuch hin einige Monate vor der
planmäßigen Entlassung freigestellt. Als Gründe für sein Ausscheiden

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�Ausscheiden führte er den schlechten Gesundheitszustand und die
schwierige wirtschaftliche Lage seiner Mutter an. Er kehrte nach
Fort Worth zurück, blieb jedoch nur drei Tage bei seiner Mutter
und fuhr dann nach New Orleans, wobei er seiner Mutter erklärte,
daß er dort im Versand- oder Import-Exportgeschäft arbeiten wolle.
In New Orleans buchte er auf dem am 20. September 1959 "von New
Orleans nach Le Havre in Frankreich auslaufenden Frachter "SS
Marion Lykes" eine Überfahrt.
Lee Harvey Oswald hatte diesen Schritt in seinem Leben vermutlich seit geraumer Zeit geplant. Im März 1959 hatte er an das Albert-Schweitzer-College in der Schweiz ein Aufnahmegesuch für das
im Frühjahr 1960 beginnende Semester gerichtet. Sein Bewerbungsschreiben enthielt viele eklatante Unwahrheiten, was seine Qualifizierung und seinen Werdegang anbetraf. Einige Wochen vor seiner
Entlassung hatte er einen Pass beantragt und erhalten, wobei er die
Sowjetunion als eines der Länder anführte, die er besuchen wollte.
Während seiner Dienstzeit im Marinekorps hatte er eine verhältnismäßig große Summe - möglicherweise sogar 1500 Dollar - erspart, was,
wie man annehmen muß, nur durch ein bemerkenswert bescheidenes
Leben möglich war und offensichtlich für einen bestimmten Zweck erfolgte.
Der Zweck, für den diese angesparte Summe verwandt werden sollte, wurde bald bekannt. Am 16. Oktober 1959 traf Oswald in Moskau
ein. Er hatte die sowjetische Grenze von Finnland kommend überquert
und sich dabei ein Visum für einen sechstägigen Aufenthalt in der
Sowjetunion beschafft. Er stellte sofort einen Einbürgerungsantrag.
Am Nachmittag des 21. Oktober 1959 wurde Oswald aufgefordert, die
Sowjetunion noch am selben Tage bis acht Uhr abends zu verlassen.
Am gleichen Nachmittag brachte sich Oswald in seinem Hotelzimmer
bei einem offensichtlichen Selbstmordversuch einen Schnitt am
linken Handgelenk bei. Er wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht.
Am 31• Oktober - drei Tage nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus - erschien Oswald in der amerikanischen Botschaft, erklärte,
daß er seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben und russischer

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�russischer Staatsbürger werden wolle, und überreichte dem Botschaftsvertreter eine von ihm für diesen Anlaß angefertigte schriftliche
Erklärung. Nach den Gründen für seinen Schritt befragt, erwiderte
Oswald: "Ich bin ein Uarxist." Oswald hat die erforderlichen Schritte,
die für eine Aufgabe der amerikanischen Staatsbürgerschaft erforderlich sind, in ihren Formalitäten niemals erfüllt. Die Sowjetunion
lehnte sein Einbürgerungsgesuch ab, doch erhielt er im Januar 196O
die Erlaubnis, weiterhin auf der Basis einer von Jahr zu Jahr zu
erneuernden Genehmigung in der Sowjetunion zu bleiben. Gleichzeitig
wurde Oswald nach Minsk geschickt, wo er als ungelernter Arbeiter
in einer Radiofabrik arbeitete. Im Januar 1961 wurde seine Aufenthaltsgenehmigung für die Sowjetunion um ein weiteres Jahr verlängert.
Eine Wochen später - im Februar 1961 - schrieb er an die amerikanische Botschaft in Moskau und gab seinem V/unsch Ausdruck, in die
Vereinigten Staaten zurückzukehren.
Im folgenden Monat lernte Oswald dann eine neunzehnjährige
Russin, Marina Nikolajewna Prusakowa, kennen. Sie war Pharmazeutin
und in Leningrad aufgewachsen, lebte damals aber bei einer Tante
und einem Onkel in Minsk. Sie heirateten am JO. April 1961« Bas ganze
folgende Jahr hindurch korrespondierte Oswald mit amerikanischen und
sowjetischen Behörden in dem Bemühen, für sich und seine Frau die Genehmigung zur Ausreise nach den Vereinigten Staaten zu erhalten. Im
Rahmen dieser Bemühungen suchten Oswald und seine Frau im Juli 1961
die amerikanische Botschaft in Moskau auf. Die Botschaft kam in erster Linie auf Grund eines Interviews und eines Fragebogens, der
dort vervollständigt wurde« zu dem Schluß, daß Oswald seine Staatsbürgerschaft nicht verloren hatte - eine Entscheidung, die dann auch
vom Außenministerium in Washington, D.C., bestätigt wurde« Nach ihrer
Rückkehr nach Minsk beantragten Oswald und seine Frau bei den sowjetischen Behörden die Genehmigung, zusammen ausreisen zu dürfen. Ihr
offizieller Antrag wurde im Juli 1961 gestellt, und am 25» Dezember
1961 wurde Marina Oswald dahin gehend unterrichtet, daß ihrea Antrag
stattgegeben würde« Im Februar 1962 bekamen Oswalds eine Tochter. In
den folgenden Monaten bereiteten sie sich auf ihre Rückkehr in die

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�die Vereinigten Staaten vor. Am 9« Hai 1962 stimmte die amerikanische EinwanderungsDehörde auf Ersuchen des Außenministeriums der
Aussetzung einer gesetzlichen Bestimmung zu, die die Ausstellung
eines amerikanischen Visums für Oswalds russische Frau verhindert
haben würde, solange sie die Sowjetunion nicht verlassen hatte.
Schließlich verließen

die Oswalds am 1. Juni 1962 Hoskau, und sie

erhielten hierbei Hilfe von Seiten des Außenministeriums in Form
eines Kredits über 435&gt;71 Dollar zur Bestreitung ihrer Reisekosten.
Zwei Wochen später trafen sie in Fort Worth in Texas ein.
Einige Wochen lang lebten Oswald, seine Frau und das Kind bei
Oswalds Bruder Robert. Anschließend wohnten sie etwa die gleiche
Zeit bei Oswalds llutter, bis sie Anfang August in eine eigene Wohnung zogen. Oswald erhielt am 16. Juli eine Anstellung als Arbeiter in einer Fabrik für I.Ietallbleche. Während dieser Zeit in Fort
Worth wurde Oswald zweimal von Beamten des Bundeskriminalamtes interviewt. Der Bericht über das erste Interview, das am 26. Juni stattfand, beschreibt ihn als arrogant Und nicht willens, über die Gründe
zu sprechen, warum er nach der Sowjetunion gegangen war. Oswald bestritt, daß er in irgendeiner Form für den sowjetischen Geheimdienst
tätig sei, und sagte zu, daß er das Bundeskriminalamt unterrichten
werde, falls sich jemals sowjetische Vertreter mit ihm in Verbindung
setzen würden. Oswald hatte am 16. August ein zweites Interview, bei
dem er eine weniger feindselige Haltung zeigte und bei dem er sich
erneut bereit erklärte, das Bundeskriminalamt über jeden Versuch zu
unterrichten, ihn für eine Geheimdiensttätigkeit anzuwerben.
Anfang Oktober 1962 gab Oswald seinen Arbeitsplatz in der Metallblechfabrik auf und zog nach Dallas. Als sie noch in Fort Worth lebten, wurden die Oswalds in eine Gruppe russisch sprechender Amerikaner aus dem Kaum Dallas - Fort Worth eingeführt. Viele von ihnen halfen den Oswalds, indem sie ihnen kleine Hangen an Lebensmitteln, Bekleidung und Haushaltsgegenständen zukommen ließen. Oswald selbst
war bei den meisten Angehörigen dieser Gruppe nicht beliebt, deren
Hilfe für die Familie in erster Linie aus Sympathie für Marina

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�Marina Oswald und das Kind erfolgte. Trotz der Tatsache, daß Oswald die Sowjetunion aus Enttäuschung über deren Regierung verlassen hatte, schien Oswald fester denn je zuvor zu seinen marxistischen Konzeptionen zu stehen. Er zeigte Verachtung für die
Demokratie, den Kapitalismus und die amerikanische Gesellschaftsform im allgemeinen. Er war äußerst kritisch gegenüber der Gruppe
der russisch sprechenden Amerikaner, weil sie sich den amerikanischen Auffassungen von Demokratie und Kapitalismus verschrieben
zu haben schienen und bestrebt waren, ihre wirtschaftliche Lage zu
verbessern.
Im Februar 19^3 begegneten die Oswalds Ruth Paine auf einer
gesellschaftlichen Veranstaltung. Ruth Paine, die von ihrem Kann
zeitweilig getrennt lebte, wohnte zusammen mit ihren beiden Kindern
in Irving in Texas, einem Vorort von Dallas. Auf Grund ihres Interesses an der russischen Sprache und ihrer Zuneigung zu Marina Oswald , die kein Englisch sprach und nur über geringe finanzielle
Uittel verfügte, freundete sich Ruth Paine mit llarina an und besuchte sie während der nächsten zwei Monate verschiedentlich.
Am 6. April 1 9£&gt;3 verlor Oswald seinen Arbeitsplatz bei einer
Photofirma. Eüge Tage später, am 10. April, versuchte er, den aus
der Armee ausgeschiedenen Generalmajor Edwin A. Walker zu ermorden.
Hierfür benutzte er ein Gewehr, das er per Post einen Ilonat vorher
unter falschem Kamen bestellt hatte. Llarina Oswald erfuhr von der
Tat ihres Hannes, als sie ihm eine Notiz vorhielt, die er zurückgelassen hatte und die Verhaltensanweisungen für den Fall enthielt,
daß er nicht zurückkommen sollte. Dieser Vorfall sowie ihre allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten veranlaßten Marina Oswald,
ihrem Mann den Vorschlag zu machen, Dallas zu verlassen und nach
New Orleans zu gehen, um dort einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.
Oswald machte sich am 24« April 1963 auf den Weg nach New Orleans.
Ruth Paine, die von dem Anschlag auf Walker nichts wußte, lud Llarina
Oswald ein, sich zusammen mit ihrem Baby so lange in dem bescheidenen

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�bescheidenen Hein der Paines aufzuhalten, wie Oswald in New
Orleans Arbeit suchte. Anfang Hai, nachdem ihr Oswald mitgeteilt
hatte, daß er einen Arbeitsplatz gefunden habe, fuhr Ruth Paine
mit ihrem Wagen Marina Oswald und das Baby nach New Orleans, um
sie wieder mit Oswald zusammenzuführen.
Während seines Aufenthalts in New Orleans gründete Oswald
eine fiktive Ortsgruppe des "Fair Play for Cuba Committee". Ex trat
als Sekretär dieser Organisation auf und erklärte, daß A.J. Hidell
der Präsident sei. Tatsächlich jedoch handelte es sich bei Hidell
um eine fiktive, von Oswald erfundene Person, und Oswald selbst
war das einzige Mitglied dieser Organisation« Am 9« August wurde
Oswald nach einem Handgemenge verhaftet, das sich ereignete, als
Oswald Castro-freundliche Plugblätter verteilte. Am nächsten Tag
wurde Oswald auf der Polizeiwache von einem FBI-Beamten vernommen,
nachdem er zuvor die Polizei um ein solches Gespräch ersucht hatte.
Oswald erteilte dem Beamten falsche Auskünfte über sein Vorleben
und gab ausweichende Antworten auf Fragen über die Tätigkeit des
"Fair Play for Cuba Committee". In den nächsten beiden Wochen war
Oswald zweimal im Radio zu hören, wobei er angab, der Sprecher dieses Komitees für New Orleans zu sein.
Am 19» Juli 1963 verlor Oswald seine Arbeit als Schmierer von
Kaffeeröstmaschinen. Im September, nach einem Briefwechsel mit
Marina Oswald, fuhr Ruth Paine nach New Orleans und brachte am 23»
September Marina, das Rind und die Habseligkeiten der Familie nach
Irving in Texas. Ruth Paine maohte Marina Oswald, die Ende Oktober
ihr zweites Kind erwartete, den Vorschlag, bis nach der Geburt ihres Kindes im Hause der Paines zu bleiben. Oswald blieb zurück, angeblich, um sich entweder in Houston oder in einer anderen Stadt um
Arbeit zu bemühen. Statt dessen reiste er mit dem Bus nach Mexiko,
wo er in Mexico City am 27» September ankam und sofort die kubanische und die sowjetische Botschaft aufsuchte. Seine Absicht war es
angeblich, eine offizielle Genehmigung für einen Besuch Kubas auf
dem Wege nach der Sowjetunion zu erhalten. Bie kubanische Regierung
wollte ihm jedoch nur unter der Voraussetzung ein Visum geben, daß

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�daß auch die sowjetische Regierung ihn ein Visum für die Einreise
nach Rußland erteilte. Oswalds Bemühungen, sich diese Visa zu verschaffen, hatten keinen Erfolg. Er reiste nach Dallas, wo er am
3. Oktober

1963 eintraf.

Als er an nächsten Tag seine Frau sah, wurde beschlossen, daß
Oswald selbst sich ein Zimmer in Dallas mieten und seine Familie
an den Y'ochenenden besuchen sollte. Er mietete für eine Uochc ein
Zinner bei Urs. Bledsoe, jener Frau, die ihn später kurz nach dem
Attentat in Bus sah. An 14« Oktober 1963 mietete er dann das Zimmer
in der Beckley Avenue, wobei er seinen Namen mit O.H. Lee angab.
Am gleichen Tag rief Urs. Paine auf Vorschlag eines Nachbarn das
Texas School Book Depository an und erfuhr, daß dort eine Stelle
frei sei. Sie unterrichtete Oswald, der sich am nächsten Tag dort
vorstellte und am 16. Oktober 1963 seine Arbeit aufnahm.
Am 20. Oktober wurde Oswalds zweite Tochter geboren. Im Laufe
des Oktobers und Novenbers begann Oswald, regelmäßig am Vochenende
nach Irving zu fahren; er traf Freitag nachmittags dort ein und
kehrte am l.Iontag früh mit einen Kollegen, Buell T..resley Frazier, der
in der Nähe der Raines wohnte, nach Dallas zurück. An Freitag, den
15. llovenber, blieb Oswald auf Vorschlag seiner Frau, die ihn sagte, das Haus werde wegen der Geburtstagsparty von Ruth Paines Tochter voller Leute sein, in Dallas. Am l.Iontag, dem 18. llovenber, stritten sich Oswald und seine Frau heftig am Telephon, da sie zum ersten
Mal erfahren hatte, daß er unter angenommenem Hamen in einer Pension
wohnte. Am Donnerstag, dem 21. November, sagte Oswald zu Frazier,
er wolle nach Irving fahren und ein paar Vorhangstangen für eine
Wohnung in Dallas abholen. Seine Frau und Urs. Paine waren über sein
Erscheinen ziemlich überrascht, da es erst Donnerstag abend

war.

Sie glaubten, er sei zurückgekommen, um den Streit vom Hon tag wieder beizulegen. Er zeigte sich versöhnlich, doch Marina Oswald war
noch immer

verärgert.

Später am Abend, als Urs. Paine ihre Küche in Ordnung gebracht
hatte, ging sie in die Garage und stelle fest, daß Licht brannte.
Sie war sicher, daß sie es nicht hatte brennen lassen; allerdings

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�allerdings erschien ihr das damals nicht wichtig. In der Garage
befand sich der größte Teil von Oswalds persönlicher Habe. An nächsten Morgen verließ Oswald das Haus, während seine Frau noch in
Bett den Säugling fütterte. Weder sie noch Ruth Paine sahen ihn
weggehen. Auf den Toilettentisch ihres Zinners hatte er seinen Trauring zurückgelassen, was noch nie zuvor geschehen war. Seine Brieftasche nit 170 Dollar Inhalt lag unberührt in einer Schublade des
Toilettentisches.
Oswald ging zu Fuß zu Fraziers etwa einen halben Straßenblock
entfernt gelegenen Haus und legte ein längliches, sperriges Paket aus
Packpapier und Klebestreifen auf den Hintersitz des Wagens« Frazier
gegenüber erklärte er, in Paket befänden sich Vorhangstangen. Als sie
auf dem Parkplatz des Depository anlangten, ging Oswald

schnell vor-

aus. Frazier folgte ihn und sah, wie Oswald nit seinen länglichen
Paket das Depository-Gebäude betrat.
An Ilorgen des 22. November verfolgte Marina Oswald die Ereignisse
um Präsident Kennedy auf dem Fernsehschirm. Sie und Ruth Paine weinten, als sie hörten, daß Präsident Kennedy erschossen worden sei. R'uth
Paine übersetzte Marina Oswald die Nachricht von den Attentat, als sie
über das Fernsehen verbreitet wurde, und zugleich auch den Bericht,
der besagte, die Schüsse seien wahrscheinlich aus dem Gebäude, in dem
Oswald arbeitete, abgegeben worden. Marina Oswald erinnerte sich beim
Zuhören an die Walker-Affäre und daran, daß ihr Mann noch immer das
Gewehr besaß. Ruhig ging sie zur Garage der Paines, wo das Gewehr, in
eine Decke gehüllt, bei ihrer Habe versteckt gelegen hatte. Ihr kam es
vor, als sei das Gewehr noch vorhanden; allerdings wickelte sie die
Decke nicht auf.
Etwa um 15«00 Uhr traf die Polizei in Haus der Paines ein und
befragte Marina Oswald, ob ihr Mann ein Gewehr besitze. Sie antwortete: ja, führte sie dann in die Garage und deutete auf die zusamnengerollte Decke. Als ein Polizeibeanter sie hochhob, hing die Decke über
seinen Arn zu beiden Seiten schlaff herab. Das Gewehr war verschwunden.
Im

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�Im Polizeipräsidium hatte Captain Fritz mittlerweile mit dem
Verhör Oswalds begonnen. Kurz nach Beginn der ersten Vernehmung
trafen Beamte des Bundeskriminalamtes und des Geheindienstes ein
und beteiligten sich am Verhör. Oswald stritt jedwede Beteiligung
an der Ermordung Präsident Kennedys oder des Polizisten Tippit
ab. Er behauptete, zur Zeit der Ermordung gerade zu Kittag gegessen
und dann fünf oder zehn I.Iinuten mit seinem Vorarbeiter gesprochen
zu haben, ehe er nach Hause ging. Er stritt den Besit z eines Gewehres

ab und behauptete, als man ihm in einem späteren Verhör

ein Bild vorlegte, auf dem er ein Gewehr und eine Pistole in der
Hand hielt, sein Gesicht sei hineinmontiert worden« Er verweigerte
jede Antwort auf Fragen bezüglich einer in seiner Brieftasche befindlichen Ausweiskarte der Wehrerfassungsbehörde, die sein Bild und den
Hamen" Alek J. Kideil" trug.
Lhrend Oswald im dritten Stockwerk des Polizeipräsidiums verhört
v;urde, drängten sich mehr als hundert Vertreter von Presse, Rundfunk
und Fernsehen in dem Korridor, den Oswald auf dem Weg von seiner
Zelle zum Büro von Captain Fritz, wo die Verhöre stattfanden«, passieren mußte. Reporter versuchten Oswald bei diesen Gängen zu interviewen. Zwischen Freitag nachmittag und Sonntag vormittag passierte
er den Korridor secfcBehn Mal. Die allgemein chaotischen Verhältnisse
inner- und außerhalb von Captain Fritz' Büro erhöhten die Schwierigkeiten des polizeilichen Verhörs. Nachdem die Poli.ei Oswald darüber
aufgeklärt hatte, daß er einen Anwalt hinzuziehen könne, führte Oswald am Sonnabend mehrere Telephongespräche in dem Bemühen, durch
einen von ihm selbst bestellten Anwalt vertreten zu. werden; er dis- •
kutierte die Angelegenheit auch mit dem Präsidenten der örtlichen
Anwaltskammer, der sich erbot, einen Anwalt zu stellen. Oswald lehnte
indes das Angebot mit der Begründung ab, daß er sich selbst um einen
Anwalt bemühen wolle. Bis Sonntag früh hatte er sich jedoch noch Iceinen Anwalt genommen.
Um 19.10 Uhr am 22. November 1963 wurde Lee Harvev Oswald offiziell mitgeteilt, daß man ihn den Kord an dem Polizeibeamten J»D.

�J.D. Tippit zur Last lege. Mehrere Augenzeugen des Mordes an
Tippit und der ansohließenden Flucht des Schützen hatten Oswald hei der polizeilichen Gegenüberstellung eindeutig identifiziert. Obwohl ein eindeutiger Beweis durch die Waffenanalyse
zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlag, gehörte der Revolver, den
Oswald zur Zeit seiner Festnahme bei sich trug, zu jenem Waffentyp, aus dem die tödlichen Schüsse auf 'Tippit abgefeuert worden
sein konnten.
Die offizielle Anklage gegen Oswald, den I.iord an Präsident
Kennedy verübt zu haben, erfolgte am Sonnabend, dem 23« November
1963, kurz nach 1.30 Uhr. Gegen 22.00 Uhr am Tage der Ermordung
war es dem Bundeskriminalamt gelungen, die Herkunft des im sechsten Stockwerk des Texas School Book Depository Building gefundenen Gewehrs festzustellen. Es stammte von einem Versandhaus in
Chicago, das es wiederum von einem Großhändler in New York gekauft
hatte. Etwa sechs Stunden später teile die Chicagoer Firma mit,
daß dieses Gewehr im März 1965 von einem gewissen A. Hidell per
Adresse Dallas, Texas, Postfach 2915» ein von Oswald gemietetes
Postfach, bestellt worden war. Die Bezahlung des Gewehrs erfolgte
durch Postanweisung, die mit A. Hidell unterzeichnet war« Um 18.45
Uhr am 23« November konnte das Bundeskriminalamt der Polizei in
Dallas auf Grund einer Schriftanalyse der Eaufdokumente mitteilen,
daß Lee Harvey Oswald das Gewehr bestellt hatte.
Während des gesamten Freitags und Sonnabends veröffentlichte die
Polizei von Dallas zahlreiche Einzelheiten über die vorgebrachten Beweise gegen Oswald. Die Polizeibeamten von Dallas sprachen über wichtige Aspekte des Falles gewöhnlich im Verlauf von improvisierten
und konfusen Pressekonferenzen auf dem Korridor des dritten Stockwerkes. Einige der bekanntgegebenen Informationen waren falsch. Die
Bemühungen der Korrespondenten der Nachrichtendienste, das Verbrechen zu rekonstruieren und Einzelheiten sofort zu melden, führten
häufig zu falschen und einander widersprechenden Berichten. Auf Drängen der Presseleute brachte Polizeichef Jesse E. Curry Oswald kurz

- 27 -

�kurz nach Mitternacht des Tages seiner Inhaftierung zu einer Pressekonferenz in den Versammlungsraum der Polizei. Der Raum war überfüllt mit Reportern, die aus allen Teilen des Landes nach Dallas
gekommen waren. Sie riefen Oswald Fragen zu und richteten Blitzlichtkaneras auf ihn. In dieser Gruppe befand sich auch ein 52
Jahre alter Kachtklübbecitzer aus Dallas, Jack Rüby.
Am Sonntagraorgen, dem 24» November, wurden Vorbereitungen für
die Überführung Oswalds aus dem Stadt- in das rund 1,6 km entfernte
Kreisgefängnis von Dallas getroffen. Die Nachrichtenmedien waren am
Samstagabend darüber informiert worden, daß die Überführung Oswalds
nicht vor Sonntag, 10.00 Uhr, stattfinden werde. Am frühen Sonntagmorgen, zwisohen 2.JO Uhr und 3*00 Uhr, erhielt das Büro des Bundeskriminalamtes in Dallas und das Büro des Kreissheriffs anonyme
Telephonanrufe mit Horddrohungen gegen Oswald« Dennoch standen am
Sonntagmorgen die Vortreter von Fernsehen, Rundfunk und Presse dicht
gedrängt im Erdgeschoß, um über die Überführung zu berichten. Sobald
die Fernsehkameras aufgebaut waren, sollte Oswald durch eine Tür
unmittelbar gegenüber den Kameras herauskommen und zu dem Überführungswagen gehen. Rechts von den Kameras befand sich eine von der
Main Street im Korden herunterführende, links eine zur Commerce
Street im Süden heraufführende Rampe.
Der gepanzerte 'Zagen, in dem Oswald transportiert werden sollte,
traf kurz nach 11.00 Uhr ein. Polizeibeamte entschieden dann jedoch,
daß ein nicht als solcher erkennbarer Polizeiwagen auf Grund seiner
größeren Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit für die Fahrt vorzuziehen sei. Etwa gegen 11.20 Uhr trat Oswald aus dem Untergeschoß
des Polizeigefängnisses, flankiert von Kriminalbeamten, die neben
und hinter ihm gingen. Er machte einige Schritte in Richtung auf den
Wagen und befand sich gerade im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras,
als plötzlich ein Mann von einer Stelle rechte der Kameras, wo sich
Presseleute aufhielten, nach vorn sprang. Der Kann hielt einen Colt
vom Kaliber O.30 in seiner rechten Hand, lief, während Millionen
Menschen an ihren Fernsehgeräten zusahen, ganz dicht an Oswald heran

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�heran und feuerte einen Schuß in Oswalds Unterleib ab. Oswald
stöhnte vor Schmerzen, während er zu Boden fiel, und verlor rasch
das Bewußtsein. Innerhalb von sieben Hinuten war Oswald in Parkland-Krankenhaus, wo er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu
haben, um 13*07 Uhr für tot erklärt wurde.
Der l.Iann, der Oswald tötete, war Jack P.uby. Er wurde auf der
Stelle verhaftet und Hinuten später in eine Zelle in fünften Stock
des Polizeigefängnisses von Dallas gebracht. '.Während des Verhörs
bestritt er, daß der Schuß auf Oswald in irgendeiner 1'eise in
Zusammenhang mit einer Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys
gestanden habe. Er erklärte, daß er Oswald in einen vorübergehenden
Anfall von Depression und aus Empörung über den Tod des Präsidenten
erschossen habe. lluby wurde an folgenden Tage in das Kreisgefängnis
übergeführt, ohne daß die Presse oder die an der Überführung nicht
direkt beteiligten Polizeistellen vorher benachrichtigt wurden« Am
26. Kovenber von Staate Texas des Kordes an Oswald angeklagt, wurde
Ruby an 14« Kärz 1964 für schuldig befunden und zun Tode verurteilt.
In September 1964 befand sich sein Fall in der Berufung.

Folgerungen

Dieser Ausschuß wurde gebildet, um die Tatsachen bezüglich der
vorausgegangenen Zusammenfassung der Ereignisse darzulegen und die
wichtigen Fragen zu untersuchen, die sich daraus ergeben. Der Ausschuß hat sich dieser Aufgabe gewidmet und ist dabei zu gewissen
Folgerungen gelangt, die sich auf alle verfügbaren Beweise stützen.
Den Ausschuß sind in seiner Ermittlungstätigkeit keinerlei Beschränkungen auferlegt worden; er hat seine eigenen Untersuchungen durchgeführt, und alle Regierungsbehörden sind ihrer Pflicht, mit der
Kommission bei ihren Untersuchungen zusammenzuarbeiten, voll und
ganz nachgekommen. Diese Schlußfolgerungen stellen das wohlbegründete Urteil aller liitglieder der Kommission dar, und sie werden nach
Abschluß von Ermittlungen vorgelegt, die die Kommission mit dem

- 29 -

�den Bewußtsein erfüllen, die Wahrheit über die Ermordung des Präsidenten Kennedy in den Umfang herausgefunden zu haben» wie es eine so
ausgedehnte und gründliche Untersuchung ermöglicht.
1 . Die Schüsse, die Präsident Kennedy töteten und Gouverneur
Connally verwundeten, wurden aus dem Fenster an der Südostecke des
sechsten Stockwerks des Texas School Book Depository abgegeben.
Diese Ortsbestimmung ergibt sich aus folgendem:
a) Tatortzeugen des Attentats beobachteten, wie ein Gewehr aus
dem Fenster des sechsten Stockwerks des Lagergebäudes abgeschossen wurde, und einige Zeugen sahen .ein Gewehr im Fenster
unmittelbar nach Abgabe der Schüsse.
b) Das fast vollständige Geschoß, das auf der Tragbahre Gouverneur Connallys im Parkland kemorial Hospital gefunden wurde,
und die beiden Geschoßfragmente, die sich auf dem Vordersitz des Präsidentenwagens fanden, wurden aus dem 6,5 mmKannlicher-Carcano-Gewehr eingegeben, das im sechsten Stockwerk des Lagergebäudes gefunden wurde, womit alle anderen
Waffen ausgeschlossen sind.
c) Die drei leeren Patronenhülsen, die sich in der Nähe des
Fensters in sechsten Stockwerk an der Südostecke des Gebäudes
fanden, stammen aus demselben Geweh r, aus dem £,uch die vorstehend genannten Geschosse und Geschoßfragmente abgefeuert
wurden, womit alle anderen Waffen ausgeschlossen sind.
d) Die V/indschutzscheibe des Präsidentenwagens wurde von einem
Geschoßfragnent auf der Innenseite des Glases getroffen, aber
nicht durchschlagen.
e) Die Art der Geschoßwunden, die Präsident Kennedy und Gouverneur
Connally davontrugen, und der 8ta.ndort des Vagens zum Zeitpunkt der Abgabe der Schüsse beweisen, daß die Geschosse von
oben und hinter dem Präsidentenwagen abgefeuert wurden und
den Präsidenten und den Gouverneur in folgender Weise trafen:
1 .

�1. Präsident Kennedy wurde zuerst von einem Geschoß getroffen,
das am Hacken eindrang, am unteren Teil des

a;

wieder

austrat und eine Wunde verursachte, die nicht unbedingt
hätte tödlich sein müssen. Der Präsident wurde ein zweites
1.1a 1 von einem Geschoß getroffen, das an der rechten Seite
des Hinterkopfes eindrang und eine große, tödliche Verletzung
verursachte.
2. Gouverneur Connally wurde von einem Geschoß getroffen, das
an der rechten Seite seines Rückens eindrang, die rechte Brustseite nach unten durchschlug und in Höhe der rechten Brustwarze austrat. Dieses Geschoß durchschlug dann sein rechtes
Handgelenk und traf auf den linken Oberschenkel, wo es eine
Oberf lächenwunde verursachte.
f) Es gibt keinen

stichhaltigen Beweis dafür, daß die Schüsse

von der dreibahnigen Unterführung, auf die die Fahrzeugkolonne zufuhr, oder von irgendeinem anderen Ort aus abgegeben wurden.

2. Das Beweismaterial gibt in seiner Gesamtheit zu erkennen, daß
drei Schüsse abgefeuert wurden.

3. Obwohl es für die Tatsachenfindung der Kommission unerheblich ist, festzustellen, durch welchen Schuß Gouverneur Connally getroffen wurde, ergeben überzeugende Expertengutachten, daß dasselbe
Geschoß, das den Hals des Präsidenten durchschlug, auch die Verwundungen Gouverneur Connallys verursacht hat. Allerdings gaben die Aussagen Gouverneur Connallys und gewisse andere Paktoren Anlaß zu einigen
Meinungsverschiedenheiten bezüglich dieser Uährscheinlichkait• Dennoch
steht es bei allen Ausschußmitgliedern außer Präge, daß alle Schüsse,
die den Tod des Präsidenten und die Verwundungen Gouverneur Connallys
zur Folge hatten, aus dem Fenster des sechsten Stockwerks des Texas
School Book Depository abgegeben worden sind.

- 31 -

.^

�4. Die Schüsse, die Präsident Kennedy töteten und Gouverneur
Connally

verwundeten, v/urden von Lee Harvey Oswald abgegeben. Die-

se Folgerung ergibt sich aus dem folgenden:
a) Das 6,5 mm-Ilannlicher-Carcano-Gewehr italienischer Herkunft,
aus dem die Schüsse abgefeuert wurden, war Eigentum Oswalds
und befand sich in seinem Besitz.
b) Oswald schaffte dieses Gewehr am Morgen des 22. November 19&amp;3
in das Lagerhaus«
c) Oswald war zum Zeitpunkt des Attentats am Fenster, aus dem
die Schüsse abgegeben wurden.
d) Kurz nach dem Attentat wurde das Oswald gehörende MannlicherCarcano-Gewehr nur zum Teil verdeckt zwischen einigen Kartons
gefunden, und die beh elfsmäßige Verpackung, in der Oswald das
Gewehr in das Lagerhaus gebracht hatte, wurde dicht neben
dem Fenster entdeckt, von dem aus die Schüsse abgegeben wurden.
e) Auf Grund der Aussagen von Experten und ihrer Analyse von Filmen über den Hergang des Attentats kam die Kommission zu der
Überzeugung, daß ein Gewehrschütze mit den Fähigkeiten Lee
Harvey Oswalds die Schüsse aus dem bei dem Attentat benutzten
Gewehr innerhalb der während der Schüsse verstrichenen Zeit
abgegeben haben könnte. Die Kommission ist ferner zu dem
Schluß gelangt, daß Oswald so großes Geschick im Ungang
mit Gewehren besaß, daß er das Attentat auszuführen vermochte.
f) Bei seiner polizeilichen Vernehmung nach der Festnahme machte
Oswald in wichtigen Punkten zur Sache falsche Aussagen.
g) Oswald hatte am 10. April 1963 versucht, Generalmajor a .D.
Edwin A. V/alker zu ermorden, und damit seine Bereitschaft
zum Töten bewiesen.
5« Oswald tötete den Polizisten J.D. Tippit aus Dallas etwa 45
Minuten nach dem Attentat. Dieser Tatbestand unterstreicht die Fest«

- 32 -

�1

,

Dswatld die Schüsse

eben hat, die Präsident

iteten und Gouverneur Connally verwundeten» Er \ ird durch
das Folgende noch erhärtetj
a) Zwei Augenzeugen sahen, wie Tippit nieder

:ssen wurde,

und sieben Augenzeugen hörten die Schüsse und sahen, wie der
Schütze den Tatort mit den Revolver in der Hand vorließ.
Diese neun Augenzeugen identifizierten Oswald eindeutig als
den Mann, den sie gesehen hatten.
b) Die am Tatort gefundenen leeren Patronenhülsen stammten aus
den Revolver, der sich bei

der

Verhaftung im Besitz Os-

walds befand, womit alle anderen "..'•
c) Der Revolver, der sich zu der Zeit

chlossen sind.
der

Fe

lds Besitz fand, wurde von Oswald gekauft un&lt;

e in Oshörte i

d) Oswalds Jacke wurde auf den Weg gefunden, den der Sohütze hei
seiner Flucht von Tatort einschl
6. 80 Minuten nach den Attentat und 35 Minuten nach der Tötung
its widersetzte sich Oswald seiner Festnahme in einen Lichtspieltheater, indem er versuchte, einen anderen Angehörigen der Polizei
von Dallas zu erschießen.
7» Der Ausschuß ist zu folgenden Schlußfolgerungen hinsichtlich
des Verhörs Oswalds und seiner Inhaftierung durch die Polizei von
Dallas gelangt:
a) Abgesehen von der Gewaltanwendung, die zu seiner Festnahme erforderlich war, ist von eeiten der Rechtsvollzugsorgane auf Oswald keinerlei physischer Zwang ausgeübt worden. 2IT wurde belehrt, daß er nicht zur Aussage gezwungen werden könne und
daß jede seiner Erklärungen vor Gericht gegen ihn verwendet
werden könnte. Er wurde auch darauf aufmerksam gemacht, daß
er einen Anwalt beanspruchen könne. Es wurde ihm ferner Gelegenheit gegeben, einen eigenen Anwalt zu benennen, und es wurde
ihm durch die Anwaltskammer von Dallas Rechtsbeistahd angeboten, den er zu jener Zeit ablehnte.

2d

�b) Zeitungs-, Rundfunk- und Pernsehreporter hatten uneingeschränkten Zugang zu allen ertlichkeiten, die Oewald auf
dem Wege von der Zelle zun Vernehmungsraum und zu anderen
Gebäudeteilen passieren mußte. Dadurch war Oswald Belästigungen ausgesetzt, und es ergaben sich chaotische Verhältnisse, die einer ordnungsgemäßen Vernehmung sowie der Nahrung der Hechte des Inhaftierten abträglich raren.
c) Die zahlreichen und oft unzutreffenden Erklärungen, die während dieser Seit der Verwirrung und Unordnung auf der Polizeistation von verschiedenen örtlichen Vollzugsbevnten an
die Presse abgegeben wurden, hätten ein faires Gerichtsverfahren gegen Oswald ernstlich behindern können. Insoweit als
diese Erklärungen unrichtig oder irreführend waren, trugen
sie dazu bei, die Zweifel, Spekulationen und Befürchtungen
wachzurufen, die in der Öffentlichkeit kursierten und zu
denen es andernfalls wahrscheinlich nicht gekommen wäre.

8. Die Kornmission ist hinsichtlich der Ermordung Oswalds durch
Jack Ruby am 24« November 1963

zu

folgenden Schlußfolgerungen gelangt:

a) Ruby betrat das Kellergeschoß des Polizeipräsidiums von Dallas
kurz nach 11,17 Uhr vormittags und tötete Lee Karvey Oswald
ÜB 11.2; Uhr.
b) Obgleich es kei ie . schlüssigen Beweis d "rür gibt, auf welche
1/eise Ruby sich Zutritt verschaffte, so deutet die Gesamtheit der Beweise doch darauf hin, daß Ruby die Kampe benutzte, die von Ijain Street in das Kellergeschoß des Polizei

-

bäudes führt.
c) Er-, gibt keinen Beweisf dar das Gerücht bestätigt. Kuby sei
bei der Ermordung Oswalds von Kit gliedern der Polizei von
Dallas unteratl
d) Die Entscheidu:

srden«
' sx Polizei von Dallas, Oswald in aller Öffent-

lichkeit in das iE. ii
1

die Vor

,

Ls zu überführen, war unklug. Und
Polizeipräsidium am Sonnta^mor^en.

- 34 -

�Sonntagmorgen, nur wenige Stunden vor der geplanten Überführung, traf , waren unzulänglich. Von entscheidender Bedeutung war die Tatsache, daß Vertretern der Hachrichtenmedien
und anderen der Zugang zun Kellergeschoß nicht verboten
worden war, obwohl die Polizei von Morddrohungen gegen Oswald wußte. Diese Nachlässigkeiten haben zum Tode Lee Ilarvey Oswalds beigetragen.
9« Die Kommission hat keinen Beweis dafür gefunden, daß Lee
Harvey Oswald oder Jack Rüby Teil

irgendeiner in- oder ausländischen

Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys waren« Die Gründe für
diesen Schluß sind:
a) Die Kommission hat keinerlei Beweise dafür festgestellt, daß
irgend jemand Oswald bei der Planung und Ausführung des Attentats unterstützt hat. Sie hat in diesem Zusammenhang neben anderen Paktoren auch die mit der Planung des Pahrtweges der
Fahrzeugkolonne durch Dallas zusammenhängenden Umstände, die
am 15. Oktober 1963 erfolgte Anstellung Oswalds bei der Texas
School Book Depository Co., die Art und '.leise,

wie das Gewehr

ins Gebäude gebracht wurde, das Aufstellen von Buchkartons am
Fenster, Oswalds Flucht aus dem Gebäude und die Aussagenvon
Augenzeugen des Attentats einer gründlichen Prüfung unterzogen.
b) Die Kommission hat keinerlei Beweise dafür festgestellt, daß
Oswald mit irgendeiner Person oder Gruppe in eine Verschwörung
zur Ermordung des Präsidenten verwickelt war, obwohl sie neben
anderen möglichen Hinweisen alle Einzelheiten der Verbindungen,
Finanzen und persönlichen Gewohnheiten Oswalds, besonders in
der Zeit nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion im Juni 1962«
einer gründlichen Prüfung unterzogen hat.
c) Die Kommission hat keinerlei Beweise festgestellt, die den
Schluß zulassen, Oswald sei von irgendeiner ausländischen
Regierung zur Ermordung Präsident Kennedys gedungen, über-

- 35 -

�überredet oder ermutigt worden oder er sei ein Agent irgendeiner ausländischen Macht ;:ev:esen, obwohl die Kommission
die mit Oswalds Übertritt zur Sowjetunion verbundenen Umstände, und - soweit rekonstruierbar - auch sein Lehen dort
von Oktober 1959 ^ i s Juni 1962, seine bek

»rdenen Kon-

takte mit dem "Fair Play for Cüba"-Ausschuß sowie seine Besuche in der kubanischen-und in der sowjetischen Botschaft
in Mexiko City . ' '

id seiner Mexikoreise vom 26. September

bis zu:: 3« Oktober 1963 und seine bek

en Kontakte

zur Sowjetbotschaft in den Vereinigten Staaten überpri
t.
d) Die Kommission ist allen Versuchen Oswalds nachgegangen, sich
mit verschiedeneu politischen Gruppen einschließlich der
Kommunistischen Partei der USA, des "Fair Play for Cuba"-Ausjhusses sowie der Socialist Workers Party zu identifiziereni
aber es war ihr niohi
findeni daß die von i]

lieh, irgendwelche Beweise dafür zu
gebahnten Kontakte in irgendeiner

Beziehung zu der späteren Ermordung des Präsidenten durch
ild stand
e) Das

be dar Kommission zur Verfügung stehende Bev'eisruate-

rial zeigt ein

,

nichts vorliegt, was die Vermutung

"tzt, 0swa3|d sei ein Agent, ei:.. -.

»stellter oder ein Infor-

it dos FBI, der CIA oder einer anderen B

;sbehörde

Ben. Sie hat alle Beziehungen, die Oswald vor dem Attentat
zu US-

:

".

ibe] 'h:den u I

.at, sorgfältig fiber-

liehe Kontakte,die Regierungsstellen mit Oswald

ttenf standen

] ,ng mit der normalen Ausübung ih-

rer unterschiedlichen B

Lsse»

f) Die Kommissiojn hat keine direkte oder indirekte Verbindung
zwii •'

]

'..

ld und Jaok Ruby zu entdecken vermocht,

noch war sie in der Lage, irgendeinen stichhaltigen Beweis
dafür zu findlen, daß der eine den anderen kannte, und das, obwohl die zi

:hen Gerüchte und Spekulationen, in denen von

�von solch einer Beziehung die Rede v:ar, eingehend geprüft
wurden«
g) Die Kommission hat keine Beweiss dafür finden können, daß
Jack Ruby hei der Tötung des Lee Harvey Oswald mit jemandem anderen gemeinschaftlich gehandelt hat.
h) Nach eingehender Prüfung hat die Kommission auch keinen
stichhaltigen Beweis dafür zu finden vermocht, daß Ruby und
der von Oswald getötete Polizist ffippit sich kannten, oder
daß Oswald und Tippit sich gekannt hätten.
Angesichts der Schwierigkeit, negative Sachverhalte mit Sicherheit zu "beweisen, läßt sich auch die Möglichkeitf daß
andere entweder mit Oswald oder Ruby in einem Zusammenhang
standen, nicht kategorisch beweisen, sollte dennoch diesbezügliches Beweismaterial existieren, so blieb es dem Zugriff aller
Untersuchungsbehörden entzogen, lag jenseits der Grenzen staatlicher L'rmittlungsmöglichkeit und konnte daher der Kommission
auch nicht zur Kenntnis gelangen.
10. Die Kommission ist während ihrer gesamten Untersuchungstätigke.it auf keinen Beweis für eine Verschwörung, Subversion oder einen
Verstoß gegen die Trcuepflicht seitens eines Beamten des Bundes, der
üinzelstaaten oder Gemeinden gestoßen.
11. Auf der Basis des der Kommission vorliegenden Bev;eismatcrials
kommt sie zu dem Schluß, daß Oswald allein gehandelt hat. Um die kotive
für die Ermordung Präsident Kennedys herauszufinden, muß man sich daher
dem Attentäter selbst zuwenden. Anhaltspunkte für Osvalds kotive können
in seiner Familiengeschichte, in seiner krziehung beziehungsweise dem
.1 an

rziehung, seinen Handlungen, seinen Schriften sowie in den

Erinnsrungen derjenigen gefunden werden, die im Laufe seines Lebens
in engerem Kontakt zu ihm gestanden haben. Die Kommission veröffentlicht in diesem Bericht alles Hintergrundmaterial, in dessen Besitz
sie gelangt ist, soweit es für die kotivierung von Bslang ist. In
gleicher keise können auch andere das Leben Lee Oswalds untersuchen

- 37 -

�untersuchen und werden vielleicht zu ihren eigenen Schlüssen
bezüglich seiner möglichen Motive können.
Die Kommission konnte bezüglich der Uotive Oswalds zu keinem
definitiven Schluß gelangen. Sie hat sich bemüht, Paktoren herauszuschälen, die seinen Charakter mitgeformt haben und die ihn bei
seiner Entscheidung Präsident Kennedy zu ermorden, beeinflußt v: ben könnten. Diese Paktoren waren:
a) seine tiefverwurzelte Abneigung gegen jede Autorität) die
in einer Feindseligkeit 6gegen
jede Gesellschaft zum Aus°6
druck kam, in der er lebte;
b) seine Unfähigkeit, in eine echte Beziehung zu anderen Men-'
sehen zu treten, und eine fortgesetzte Ablehnung seiner
Umwelt in dem Streben nach einer immer neuen Umgebung;
c) sein Drang, einen Platz in der Geschichte zu erringen,
und seine zeitweilige Verzweiflung über das Scheitern v\ ;schiedener seiner Unternehmungen;
d) seine Anlage zur Gewalttätigkeit, die sich in seinem Versuch manifestiert hat, General 'Jalker zu töten;
e) sein offenes Bekenntnis zum Marxismus und Kommunismus in
der Porm, wie er die Begriffe verstand und wie er sie
selbst interpretierte; dies kam in seinem Antagonist
gegenüber den Vereinigten Staaten, in seinem Übertritt zur
Sowjetunion, in seinem Unvermögen, sich mit dem Leben in
den Vereinigten Staaten selbst nach seiner Abkehr von der
Sowjetunion abzufinden, sowie in seinen wenn auch fehlgeschlagenen Anstrengungen zum Ausdruck, nach Kuba, zu gel

All dies trug zu seiner Bereitschaft bei, in brutalen und i
verantwortlichen Handlungen alles aufs Spiel zu setzen.
12. Die Kommission ist sich darüber im klaren, daß die verschiedenen Amtspflichten des Präsidenten es erfordern, daß er häufig Reisen in alle Teile der Vereinigten Staaten und ins Ausland unternimmt. Von ihrer hohen Verantwortung her gesehe] ,

! Pr

�Presidenten niemals vor jeder potentiellen Gefahr beschützt werden.
Die Schwierigkeiten des Geheimdienstes hei der Erfüllung seine
Schutzfunktionen variieren mit den Tätigkeiten und Eigenschaften
desjenigen, der das Amt des Präsidenten bekleidet, sowie seiner
Bereitschaft, sich den Plänen für seine Sicherheit anzupassen« Bei
einer Beurteilung der Erfüllung der Aufgaben durch den Geheimdienst
sollte beachtet werden, daß er seine Arbeit innerhalb solcher Beschränkungen verrichten muß. 'Trotzdem ist die Kommission der Auffassung, daß angesichts der bei dieser Untersuchung zutage geförderten
Tatsachen Empfehlungejn für die Verbesserung des Schutzes des Präsidenten eine zwangsläufige Folgerung sind.
a) Die Vielfalt der Aufgaben des Präsidenten hat in den letzten
Jahre so rapide zugenommen, daß der Geheimdienst nicht in
der Lage war, einen zur Erfüllung seines wichtigen Auftrages
angemessenen Bestand an Personal und Zilfsmitteln aufzubauen
und aufrechtzuerhalten« Dieser Zustand sollte sofort geändert
werden.
b) Die Kommission ist zu dem Schluß gekommen, daß die Sichtlinien
und Verfahren des Geheimdienstes, die dazu dienen, Personen,
die als Gefahr für den Präsidenten anzusehen sind, zu identifizieren und gegen sie Schutzmaßnahmen zu treffen, vor dem
Zeitpunkt des Attentats unzureichend waren.

1. Die Abschirmabteilung des Geheimdienstes, die für solche vorbeugenden llaßnahmen zuständig ist, verfügte nicht über genügend ausgebildete Leute und nicht über die notwendigen mechanischen und technischen Hilfsmittel, um ihre Aufgabe erfüllen zu können.
2. Vor dem Attentat bezogen sich die Richtlinien des Geheimdienstes auf direkte Bedrohungen des Präsidenten. 'Jenn der Geheimdienst
den direkten Bedrohungen des Präsidenten auch gerecht wurde, so fehlte
es ihm doch an der Llrkenntnis der Notwendigkeit, andere potentielle
Gefahrenquellen für seine Sicherheit zu identifizieren. Der Geheim-

- 39 -

�Geheimdienst hat keine ausreichenden und spezifischen Richtlinien
entwickelt, die jene Personen oder Gruppen definieren, die eine
Gefahr für den Präsidenten darstellen könnten. Praktisch verließ
eich der Geheimdienst weitgehend darauf, daß andere Behörden des
Bundes oder der Einzelstaaten Informationen lieferten, die er für
die Erfüllung seiner vorbeugenden Schutzaufgaben brauchte, wenngleich
er auch selbst um Informationen über direkte Bedrohungen des Präsidenten ersuchte.
c) Die Kommission ist zu dem Schluß gekommen, daß der Austausch
und die Koordinierung von Informationen zwischen dem Geheimdienst und anderen Bundesbehörden, die notwendigerweise mit
dem Schutz des Präsidenten befaßt sind, unzureichend waren.
Obwohl das Bundeskriminalamt (PBl) bei der normalen Durchführung seiner Aufgaben viel Material über Lee Ilarvey Oswald gesammelt hatte, war es im Rahmen der zur Zeit der
Reise des Präsidenten nach Dallas gültigen GeheimdienstRichtlinien nicht offiziell gehalten, dem Geheimdienst die
ihm vorliegenden Informationen über Oswald zuzuleiten. Die
Kommission ist jedoch zu dem Schluß gelangt, daß sich das
Bundeskriminalamt vor dem Attentat von einer unangebracht
engen Auslegung seiner Rolle in der vorbeugenden Kachrich- und Abwehrtätigkeit hat leiten lassen. Eine sorgfältiger koordinierte Behandlung des Falles Oswald durch das Bundeskriminalamt hätte sehr wohl dazu führen können, daß der
Geheimdienst auf die [Tätigkeit Oswalde aufmerksam geworden
re.
i) Die Kommission ist zu dem Schluß gekommen, daß einige der vom
leimdienst in Dallas getroffenen Vorbereitungen, wie die
ins einzelne k fhenden Sicherheitsmaßnahmen auf dem Plugplatz
Love Pield und im Trade Hart, gründlich und gut ausgeführt
rden sind. In anderer Hinsicht jedoch ist die Kommission
zu dem Schluß g ikommeni daß die Vorbereitungen für die Reise

- 40 -

�Reise des Präsidenten unzureichend waren.

1 . Obwohl sich der Geheimdienst in hohem Maße auf örtliche
Rechtsvollzugskräfte stützen muß, enthielten seine Dienstvorschriften zur Zeit der Dallas-Reise keine genau umrissenen Instruktionen über die jeweilige Verantwortung der Polizeibeamten
und anderer zum Schutz des Präsidenten herangezogener Personen.
2. Die Dienstvorschriften, auf deren Grundlage der Geheimdienst die am Fahrtweg der Wagenkolonne gelegenen Gebäude auf
die Anwesenheit eines Attentäters zu untersuchen hatte, waren
unzureichend. In praxi überprüfte der Geheimdienst zur Zeit der
Dallas-Reise kein einziges Gebäude längs des für die Wagenkolonne
des Präsidenten vorgesehenen Weges und veranlaßte auch keine solche Überprüfung durch andere. In die Aufgabe, die Fenster der
betreffenden Gebäude während der Vorüberfahrt der Fahrzeugkolonne
zu beobachten, teilten sich örtliche Polizeikräfte, die auf der
Straße zur Absperrung postiert waren, und Sicherheitsbeante innerhalb der Wagenkolonne« Auf Grund ihrer Ermittlungen ist die Kommission zu dem Schluß gekommen, daß diese Vorkehrungen während
der Dallas-Reise eindeutig unzureichend waren.

e) Die Einordnung des Präsidentenwagens und die Plazierung
der Sicherheitsbeamten innerhalb des ''rre:is

gaben den

Beamten nicht die Möglichkeit, bei dem ersten Gefahrenzeichen dem Präsidenten unverzüglich in solcher '..'eise
b ei zuspringen, wie dies angebracht gewesen wäre.

f) Doch innerhalb dieser Grenzen haben nach den Feststellungen der Kommission die für die Sicherheit des Präsidenten
unmittelbar verantwortlichen Beamten sehr prompt reagiert,
als die Schüsse vom Gebäude des Texas School Book Depositor;/- abgefeuert wurden.
Empfehlungen

- 41 -

�Empfehlungen

Veranlaßt durch die Ermordung Präsident Kennedys, hat der Geheimdienst eine umfassende und kritische Überprüfung seines gesamten Dienstbetriebes eingeleitet. Als Ergebnis von Untersuchungen,
die während der vergangenen Monate vorgenommen wurden, und in Zusammenarbeit mit dieser Kommission

hat der Geheimdienst einen mit dem

Datum des 27« August 1964 versehenen Plan ausgearbeitet, in dem verschiedene vom Geheimdienst zur Verbesserung seiner Methoden und Vervollkommnung seiner Hilfsmittel für notwendig erachtete Maßnahmen
vorgeschlagen werden. Die Kommission hat mit Befriedigung von den
Bemühungen Kenntnis genommen, die der Geheimdienst seit der Ermordung
Präsident Kennedys in die Wege geleitet hat,und unterbreitet die
folgenden Empfehlungen»
1. Einem Kabinettsausschuß, dem der Finanz- und der Justizminister angehören sollten, oder dem Nationalen Sicherheitsrat sollte die
Aufgabe übertragen werden, die Schutzmaßnahmen des Geheimdienstes
und der übrigen mit der Währung der Sicherheit des Präsidenten befaßten Bundesbehörden zu überprüfen und zu beaufsichtigen. Ist eine solche
Verantwortung erst einmal gegeben, wird dieses Gremium auch die Gewähr
bieten, daß ein Höchstmaß an bundesstaatlichen Hilfsquellen für den
Schutz des Präsidenten eingesetzt wird, und Hichtlinien erlassen, die
eine allgemeine Definition der im In- und Ausland Tür die Sicherheit
des Präsidenten bestehenden Gefahren zum Gegenstand haben.
2. Der Kommission wurden Vorschläge unterbreitet, denen zufolge
die Verantwortung des Geheimdienstes für den Schutz des Präsidenten
ganz oder teilweise einem anderen Bundesministerium oder einer anderen
Regierungsbehörde übertragen werden sollte. Die Kommission ist der Ansicht, daß eine Entscheidung über eine eventuelle Neuverteilung dieser
Aufgaben

und Functionen gegebenenfalls von der Exekutive und vom

Kongreß.zu treffen war«, vielleicht auf der Grundlage von Empfehlungen,

- 42 -

�Empfehlungen, wie sie der oben vorgeschlagene Ausschuß auf Grund
seiner Untersuchungen erarbeiten könnte.
3« Zur Verbesserung der täglichen Beaufsichtigung des Geheimdienstes innerhalb des Finanzministeriums empfiehlt die Kommission inzwischen die Ernennung eines Sonderreferenten

durch den

Finanzminister, dem die Aufsicht über den Geheimdienst obliegt.
Dieser Sonderreferent sollte über genügend Ansehen und Erfahrung
auf den Gebieten des Rechtsvollzugs und der Abwehr sowie in verwandten Bereichen verfügen, um eine fortgesetzte wirksame Beaufsichtigung zu gewährleisten und den Minister

über die Tätigkeit des Ge-

heimdienstes laufend zu unterrichten. Eine der vordringlichsten
Aufgaben dieses Sonderreferenten wäre die Überwachung der derzeitigen Bemühungen des Geheimdienstes, seinen gesamten Dienstbetrieb
zu revidieren und zu modernisieren.
4« Die Kommission empfiehlt dem Geheimdienst eine vollständige
Neuorientierung seiner Praktiken, die auf eine frühzeitige Aufdeckung
potentieller Bedrohungen des Präsidenten gerichtet sind. Hierzu schlägt
die Kommission folgende Maßnahmen vor:

a) Der Geheimdienst soll so schnell wie möglich bessere und präzisere Definitionen zur Bestimmung jener potentiellen Bedrohungen des Präsidenten aufstellen, die ihm durch andere
Dienststellen zur Kenntnis gebracht werden sollten. Dazu
sollte u.a. auch eine Bestimmung gehören, die eine umgehende
Benachrichtigung des Geheimdienstes von der Rückkehr solcher
Personen vorsieht, die sich von den Vereinigten Staaten losgesagt hatten.
b) Der Geheimdienst sollte seine derzeitigen Pläne für die Verwendung von Hochleistungs-Datenverarbeitun£Sverfahren beschleunigt durchführen.
c) Sobald der Geheimdienst die neuen Richtlinien ausgearbeitet
hat, in denen die gewünschten Informationen im einzelnen
aufgeführt sind, sollte er Vereinbarungen mit den einzelnen

- 43 -

�einzelnen Bundesbehörden treffen, die den Eingang solcher Informationen sicherstellen.
5» Die Kommission empfiehlt, daß der Geheimdienst die Schutzvorkehrungen im Rahmen der Planung und Durchführung von Fahrten
des Präsidenten in einer Wagenkolonne verbessert. Insbesondere
sollte der Geheimdienst seine gegenwärtigen Anstrengungen zur vorbeugenden Absicherung von Bauwerken, an denen die Fahrzeugkolonne
vorüberfährt, in Zukunft noch verstärken.
6. Die Kommission empfiehlt, daß der Geheimdienst seine in der
letzten Zeit begonnenen Bemühungen um eine Verbesserung und Formalisierung der Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeibehörden in Gebieten, die der Präsident besucht, fortsetzt.
7« Nach Ansicht der Kommission sind nach Inkrafttreten der
neuen Richtlinien und bei Anwendung der neuen Verfahren der Personalbestand bzw. die Einrichtungen des Geheindienstes nicht mehr ausreichend. Die Kommission empfiehlt, den Geheimdienst in dem I.Iaße mit
Personal und Hilfsmitteln auszustatten, wie sie der Geheindienst
und das Finanzministerium zur Erfüllung seiner wichtigen Aufgabe als
erforderlich nachweisen sollte.
8. Selbst bei einer Erhöhung der Personalstandes im Geheimdienst
wird der Schutz des Präsidenten weiterhin den Einsatz des Apparats
und die Mitarbeit der Beamten vieler Bundesbehörden verlangen. Die
Kommission empfiehlt, daß diese Behörden, speziell das Bundeskriminalamt, die bisher - insbesondere seit der Ermordung Präsident Kennedys - entwickelten Praktiken weiterführen und auf Anforderung den
Geheimdienst durch Bereitstellung von Personal und anderweitiger
Hilfe unterstützen, und daß engere Bindungen und Kontakte zwischen
dem Geheindienst und allen Bundesbehörden geschaffen werden.
9« Die Kommission empfiehlt, daß der Arzt des Präsidenten diesen während seiner Reisen stets begleitet und einen Platz in seiner
Nähe einnimmt, von dem aus er in jedem Notfall sofort Beistand leisten kann.
10.

- 44 _

�10. Die Kommission empfiehlt dem Kongreß den Erlaß eines
Gesetzes, den zufolge die Ermordung des Präsidenten und des Vizepräsidenten als ein unter Bundesrecht fallendes Verbrechen zu behandeln ist. Ein Zustand, in dem Bundesbehörden keine klar definierte Vollnacht besitzen, um die Ermordung eines Präsidenten zu
untersuchen, ist anomal.
11. Die Kommission hat die Behandlung des Falles Oswald durch
das Außenministerium untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß
dabei strikt nach dem Gesetz verfahren wurde. Die Konnission glaubt
jedoch, daß das Außenministerium in Übereinstimmung mit seinen eigenen Verfahrensregeln große Sorgfalt in allen Fällen der Rückführung
von Überläufern walten lassen sollte, die erwiesenermaßen ein unloyales oder feindseliges Verhalten gegenüber den Vereinigten Staaten an den Tag gelegt oder den Wunsch zum Ausdruck gebracht haben,
ihre amerikanische Staatsbürgerschaft aufzugeben; werden Personen
unter solchen Umständen rückgeführt, sollte für eine bessere Verteilung von Informationen über sie unter den Sicherheitsbehörden der
Regierung Sorge getragen werden.
12. Die Kommission empfiehlt, daß die Vertreter der Anwaltskammern und der Vereinigungen der Rechtsvollzugsbeamten sowie der Nachrichtenmedien zusammenarbeiten, um ethische Normen in bezug auf das
Sammeln und die Verbreitung von Informationen In der öffentlichkeit
zu schaffen, so daß es nicht zu einer Einmischung in schwebende
Ermittlungsverfahren, in ein Gerichtsverfahren oder in das Recht
des einzelnen auf einen fairen Prozeß kommen kann.
* * *

- 45 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Sonderbeilage

A l l g . / XVII - 34

GÄRUNGSZONE. OSTEUROPA

ANSPRACHE.

Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten
in der Bundesrepublik Deutschland,
GEORGE C. MCGHEE

gehalten am 13• Oktober 1964 auf einer gemeinsamen Veranstaltung des
Jugendbildungswerks der Stadt Kassel und des Amerika-Hauses Kassel

�GÄRUNGSZONE OSTEUROPA

Ihre Einladung zur Teilnahme an diesem alljährlich hier stattfindenden Symposium nahm ich mit großer Freude an. Das nicht zuletzt,
weil sie mir willkommene Gelegenheit bot, wieder einmal nach Kassel
zu kommen - einer Stadt, der mein Interesse schon seit längerem in
besonderem Maße gilt. Der Besuch, den meine Familie und ich kürzlich
Ihrer Stadt abstatteten, verlief sehr eindrucksvoll und wurde zum
Anlaß, die hervorragende Sammlung von Zeugnissen moderner Kunst kennenzulernen, die hier für die Documenta III

zusammengetragen worden

waren» Diese Ausstellung mit ihrer den Rahmen des Üblichen sprengenden Eigenart gereicht ihrem Initiator Professor Bode und Kassel gleichermaßen zur Ehre.
Nunmehr versetzt mich Ihre Einladung in die Lage, mich eingehend
über ein Gebiet zu informieren, auf dem Ihre Stadt wiederum Hervorragendes leistet - ich meine das zukunftsweisende Jugendbildungswerk der
Stadt Kassel. Ich beglückwünsche Sie zu diesem Unternehmen. Es ist
nach meiner Auffassung von allergrößter Wichtigkeit«, daß die heranwachsende Generation in der freien Volt und vor allem auch die jungen
Ilenschen im freien Deutschland mit jenen Problemen vertraut gemacht
werden, die in absehbarer Zukunft unsere Zeit beherrschen werden.
Ich möchte heute zu Ihnen über die Lage in den osteuropäischen
Staaten sprechen sowie über die Politik, die meine Regierung ihnen
gegenüber verfolgt. Osteuropa ist ein Gebiet von größter Bedeutung
nicht nur für mein Land, sondern auch für das Ihre und ganz Westeuropa.
V/as dort gegenwärtig vorgeht, läßt ahnen, vor welche neuen Aufgaben wir
uns in Zukunft gestellt sehen werden, vor welche Gelegenheiten auch,
die wir sicherlich nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen.
Lassen

�Lassen Sie mich aber von vornherein klarstellen, daß ich meine
Erörterungen nicht auf die Lage in der Sow.jetzone Deutschlands ausdehnen werde.. Das will nicht etwa besagen, die Zone werfe nicht auch
wichtige Probleme auf - Probleme, die gleichfalls eine Erörterung verdienen. Die durch die Teilung Deutschlands geschaffenen Probleme geben uns in der Tat nicht weniger Anlaß zu großer Besorgnis als Ihnen.
Am 26. Juni dieses Jahres haben wir gemeinsam mit den Briten und
Franzosen in der Drei-Hächte-Erklärung -unsere Überzeugung zum Ausdruck
gebracht, daß es so lange keine Sicherheit und Stabilität in Europa
geben könne, wie Deutschland geteilt bleibe. Obwohl die allgemeine Entwicklung in Osteuropa nicht ohne Einfluß auf die Verhältnisse in der
Zone bleibt, wäre doch ein gut Teil dessen, was ich hier über die Länder Osteuropas sagen möchte, zumindest

irreführend, wollte man es

auch auf die Zone ausdehnen. Die Zone ist kein Land, sie ist der verstümmelte Teil eines Landes und ein Sonderfall auch hinsichtlich anderer wichtiger Aspekte.
Selbst mit dieser Einschränkung ist das Thema Osteuropa fast zu
weitgespannt, um es innerhalb der Grenzen eines einzigen Vortrages abzuhandeln. Ich glaube, alle intelligenten Beobachter und Kenner dieses
Gebietes werden mit mir darin übereinstimmen, daß die Lage in Osteuropa
nicht mehr länger einfach durchschaubar und nicht mehr statisch ist.
Angesichts der Eigenart der Veränderungen, die sich gegenwärtig in jenem
Teil Europas vollziehen, wird es darüber hinaus allmählich sinnlos, von
diesem Gebiet nur in breiten Verallgemeinerungen zu reden. Osteuropa
wird gegenwärtig durch starke Unterschiede im Inneren gekennzeichnet
und nicht durch Homogenität, durch sich anbahnende Gegensätze zwischen
den Staaten und nicht durch Einmütigkeit. Ich möchte daher die Länder
Osteuropas einzeln behandeln.
Doch ehe wir dies tun, wollen wir aus Gründen der Zweckmäßigkeit
erst die gegenwärtige Situation in Osteuropa mit den Verhältnissen zur
Zeit Stalins vergleichen. Stalin war bestrebt, in Osteuropa die Basis
zu schaffen, von der aus die Sowjetunion ihre Kontrolle schließlich auf
ganz Westeuropa ausdehnen konnte. Um jene Basis au konsolidieren, versuchte er, Osteuropa gegen die freie Welt abzuriegeln. Nach sowjetischem
Lluster aufgebaute Polizeistaatsysteme begannen die unglücklichen Tölker

- 2 -

�Völker in den osteuropäischen Ländern zu t jrrorisieren. Ihre stark
unterschiedlichen Volkswirtschaften und nationalen Institutionen
wurden in ein festes Schema gezwängt, den Prokrustesbett vergleichbar, auf daß sich ihre natürlichen Hilfsquellen um so einfacher für
die Zwecke der Sowjetunion ausheuten ließen. Polnische Kohle, rumänisches Öl und tschechisches Uran - alles diente der Sowjetunion.
Die Landwirtschaft Osteuropas wurde durch die Kollektivierung in
ein Chaos gestürzt und ihre Produktionskraft geschwächt - nur um
Stalins Vorstellungen von Uniformität zu entsprechen.
Die so erzwungene Gleichförmigkeit wurde durch Terror aufrechterhalten. Führende Kommunisten der östlichen Länder, die gegen Stalins
Mißachtung der unterschiedlichen nationalen Erfordernisse aufzubegehren wagten, verschwanden schnell von der Bildfläche, wurden liquidiert oder anderweitig aus dem Weg geräumt. Der Eiserne Vorhang rassei
te herunter und vernichtete mit einem Schlag alle Hoffnungen, die die
Völker Osteuropas bezüglich der Aufrechterhaltung ihrer traditionellen
Kontakte mit dem Vesten gehegt hatten. Dem äußeren Anschein nach wurden die osteuropäischen Staaten zu reinen Marionetten ohne Gesicht,
ohne Stimme und ohne spezifische Eigenart. Hur noch ein kurzer Schritt
schien sie davon zu trennen, gänzlich von der internationalen Bühne
zu verschwinden, um vielleicht als Teil der Sowjetunion wieder zum
Vorschein zu kommen.
Wie wir heute wissen, ist Stalins Versuch, die von ihm beherrschten Völker zu einen dauerhaften monolithischen Block zusammenzuschmieden, letzten Endes gescheitert. Stalin duldete nicht die geringste
Manifestation der Kräfte des Nationalbewußtseins und des Eigeninteresses in Osteuropa, diese Kräfte selbst aber konnte er nicht vernichten. Im Verein mit der menschlichen Sehnsucht nach Freiheit und einem
besseren Leben haben diese Kräfte nunmehr den Monolith

zum Bersten ge

bracht. Die Isolierung der osteuropäischen Staaten vom Westen wird in
zunehmendem Maße brüchig, und ihre unterschiedlichen natürlichen und
nationalen Wesenszüge treten mehr und mehr zutage.
Stalins Monolith hat nicht einmal dessen Leben überdauert. Jugoslawien hat sich - wie Ihnen allen noch in Erinnerung,sein dürfte - be
reits 1948 aus ihm gelöst und sich fortan zu Stalins ptändigem, aber
fruchtlose

Ärger aus ihm herausgehalten. Wenngleich Jugoslawien _in

- 3 -

�in jüngster Zeit seine Beziehungen zu Moskau verbesserte, hat es
sich seine Unabhängigkeit in allen politischen, militärischen und
internationalen Angelegenheiten bewahrt. Das Land gehört keinem
Militärpakt an, übt dafür aber großen Einfluß auf die blockfreien
Staaten in allen Teilen der Welt aus und unterhält
che Beziehungen zu

freundschaftli-

den Vereinigten Staaten und anderen Ländern des

Westens« Die Bundesrepublik hat keine diplomatischen Beziehungen zu
Marschall Tito-, um so mehr freut es uns, eine Verbesserung des deutschjugoslawischen Verhältnisses zu beobachten. Vir begrüßen die kürzlich
erfolgte Unterzeichnung der Vereinbarungen zwischen, der Bundesrepublik
und Jugoslawien, die das Waren« und Zahlungsabkommen von 1952 verlängern und erweitern.
Im Bereich der Innenpolitik verfolgt Marschall Tito konsequent
das von ihm proklamierte Ziel, jenen Kurs zu steuern, den die Kommunisten als "nationalen Weg des Sozialismus" bezeichnen. Jugoslawien
hat sich in der Tat einige der Aspekte einer freien Marktwirtschaft
zu eigen gemacht: es hat einzelnen genossenschaftlichen Betrieben
eine größere Selbständigkeit zugebilligt, seine Außenhandelsbestimmungen weitgehend liberalisiert und sein Einfuhrlizenaierungssystem größtenteils durch ein Gefüge fester Zölle ersetzt, das übrigens bis in
Einzelheiten den in Brüssel aufgestellten Zollklassifikationen der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gleicht. Über "JCF/J des jugoslawischen Außenhandels entfallen auf Länder der freien Welt. Jugoslawien
beteiligt sich seit 1959 a-n der Arbeit des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) und nimmt auch an den Zollverhandlungen im Rahmen
der Kennedy-Hunde teil. Das Land ist dabei, seinen Außenhandel allmählich zu dezentralisieren, indem es einigen Betrieben gestattet,
direkt mit ihren ausländischen Abnehmern zu verhandeln und mit den erlösten Devisen Auslandskäufe zu tätigen.
In Polen wurde der Trend zur Unabhängigkeit vor etwa acht Jahren
deutlich. Im Jahr 1956 kehrten die polnischen Machthaber unter dem
Druck der Volksmeinung und der Probleme, die die Anwendung kommunistischer Praktiken heraufbeschworen hatte, der kommunistischen Lehre
in ihrer orthodoxesten Form den Rücken und setzten der völligen Unterwerfung unter das Gebot Moskaus ein Ende. Wenngleich die Kirche in

- 4-

�in Polen nach wie vor gewissen Kontrollen und Beschränkungen
unterliegt, konnte sie dennoch ihre Position als eines der entscheidenden Elemente im Leben des Volkes halten. Polen hat auch
hinsichtlich der Kollektivierung der Landwirtschaft nicht mit den
anderen kommunistischen Staaten gleichgezogen, sind doch noch
85$ der Anbauflächen dieses Landes in Privatbesitz. Es beteiligt
sich gleichfalls seit 1959 an der Arbeit des GATT, stimmt seine
Außenhandelspolitik auf die Erfordernisse des Handels mit den Freimarktstaaten des Westens ab und rechnet damit, in der Kennedy-Runde
eine Rolle zu spielen.
Die Entwicklung in Rumänien während der jüngsten Zeit ist ebenfalls sehr bedeutsam und beweist das Streben der Regierung und des
Volkes nach größerer Unabhängigkeit.
Auch in anderen osteuropäischen Staaten deuten Anzeichen darauf hin, daß die Regierungen die Forderungen der Bevölkerung nach
einer Besserung ihres Loses erkennen und versuchen, ihnen zu entsprechen. In Ungarn haben mäßigende innere Reformen und die Bemühungen
um einen nationalen Ausgleich zu einer sehr beträchtlichen Besserstellung der Bevölkerung geführt. Sämtliche. osteuropäischenStaaten bemühen sich um einen Ausbau ihres Handels mit dem Westen und haben, als
Gruppe genommen, in dieser Hinsicht seit 1955 beträchtliche Erfolge
erzielt. Das Gesamtvolumen ihres Handels mit dem Westen erweiterte sich
von rund 2 Ililliarden Dollar im Jahre 1955 auf t Milliarden Dollar im
Jahr 1963» wobei sich Aus- und Einfuhren so ziemlich die Waage halten.
Das Handelsvolumen von 19^3 i n Höhe von 4 Mrd• Dollar kommt dem des
Jahres 1938 nahe, wobei man allerdings noch die inzwischen eingetretenen Veränderungen im Preisgefüge berücksichtigen müßte.
Die meisten osteuropäischen Staaten unternehmen kräftige Anstrengungen zur Ausweitung des Fremdenverkehrs. Die Regierungen ermutigen
nicht nur ausländische Reisende zum Besuch ihrer Länder, was letzteren wirtschaftlich sehr zugute kommt, sondern machen es darüber hinaus
auch ihren eigenen Staatsangehörigen leichter als bisher, ins Ausland
zu reisen. Sie haben ihr Interesse am Kulturaustausch wie auch an
anderen Formen des Austausches mit dem Westen bekundet. Kurz gesagt.

- 5-

�gesagt, fast sämtliche Länder Osteuropas "bemühen sich immer stärker
und mit wachsendem Erfolg, die Verbindungen mit dem übrigen Europa
und dem Westen wiederherzustellen.
Ich möchte hier meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß der
Ileiseverkehr für sich allein schon, sofern er ein entsprechendes
Volumen erreicht, einen sehr nachhaltigen Einfluß im Sinne eines konstruktiven Wandels innerhalb der osteuropäischen Staaten auszuüben
vermag. Der Touristenstrom bringt nicht nur Geld in diese Länder, er
bietet auch Gelegenheit, das gegenseitige Verständnis und die Freundschaft zu mehren. Im Jahr 1961 zählten die osteuropäischen Staaten
513 000 Besucher aus Westeuropa und Nordamerika. Diese Ziffer, die
39 000 Amerikaner einschließt, entspricht etwa 25$ aller ausländischen Besucher. Vergleichszahlen für 19&amp;2 sind nicht verfügbar; die
Zahl der westlichen Besucher Osteuropas dürfte aber nach unseren
Schätzungen in jenem Jahr um 20p zugenommen haben.
Persönliche Kontakte mit Touristen lehren die Bevölkerung Osteuropas natürlich, die Verhältnisse in der freien Welt so zu sehen, wie
sie wirklich sind - und nicht so, wie sie ihnen eine irreführende Propaganda fast ein I.Ienschenalter lang dargestellt hat. Einige osteuropäische
Staaten gestatten heute auch die Einfuhr westlicher Zeitungen als Lektüre für die Touristen. Die Regierungen der osteuropäischen Staaten
sind sich darüber im klaren, daß sie ausländische Besucher, wollen sie
ihr Land für Fremde attraktiv machen, nicht via in der Vergangenheit
den in Polizeistaaten üblichen Methoden aussetzen können; ja sie müssen
sich selbst in der Behandlung ihrer eigenen Staatsangehörigen ganz erhebliche Zurückhaltung auferlegen.
Der Reiseverkehr hat über den offenkundigen Zweck hinaus, als lohnende und jederzeit ausbaufähige Devisenquelle für das Gastland zu
fungieren, noch andere langfristige wirtschaftliche Auswirkungen. Die
Fremdenverkehrsindustrie erfordert erhebliche Anfangsinvestitionen in
Anlagen und Dienstleistungsbetriebe, und hat der Touristenstrom erst
einmal eingesetzt, so läßt sr sich nicht einfach wieder abstellen, weil
sonst die investierten Mittel verloren sind und gleichzeitig die lohnende Einkommensquelle versiegt. Aus diesem Grunde stellt meiner Meinung nach der Ausbau der Fremdenverkehrsindustrie durch die Staaten in

- 6 -

�in Osteuropa eine echte Basis für dauerhafte Kontakte mit dem
Y/esten dar.
Ich möchte noch einmal darauf aufmerksam machen, daß man jede
Verallgemeinerung über Osteuropa vor Anwendung auf ein einzelnes
Land sehr genau auf ihre Gültigkeit speziell für dieses überprüfen
sollte. Die Anzeichen der im Gang "befindlichen Veränderung sind in
gewissen Ländern nicht so augenfällig wie in anderen. Albanien zum
Beispiel fällt gegenüber seinen Nachbarn völlig aus dem Rahmen und
sieht sich deshalb von Osteuropa isoliert und mit Rotchina verbündet.
Albanien ist ein weiterer Beweis für das Zerbrechen des sowjetischen
Blocks.
Man darf ferner nicht vergessen, daß die Entwicklung innerhalb
der einzelnen Länder nicht einheitlich verläuft. Sie vollzieht sich
nicht ohne Änderungen der jeweiligen Methoden oder ohne Umschwünge
in den Tendenzen. Sie zeigen deutlich das Auf und Ab der Entwicklung,
die hier in Rede steht. Mit kurzen Worten, die politische Evolution
in Osteuropa vollzieht sich ungleichmäßig, aber sie schreitet voran.
Den Kennern der Verhältnisse im kommunistischen Block gibt die
Entwicklung in Osteuropa manche Fragen auf. Ihre Beurteilung der
Gründe für die zu verzeichnenden Tfandlungen dürfte für uns alle recht
interessant sein. Sie gelangen zu dem Schluß, die Ursache für die inzwischen eingetretene Entwicklung sei mit größter Wahrscheinlichkeit
in den katastrophalen Fehlern zu suchen, die die marxistischen Theoretiker in der Lenkung der Volkswirtschaften der kommunistischen Länder Osteuropas begangen haben. Nach Jahren wirtschaftlicher Schwierigkeiten, in denen die Regierungen das materielle Wohlergehen der Bevölke:rung nicht zu mehren oder - in einigen Fällen - auch nur auf dem erreichten Stand zu halten vermochten, übte die allgemeine Auflehnung
seitens der Bevölkerung einen unwiderstehlichen Druck in Richtung
auf einen Wandel der Verhältnisse aus.
Die in starkem Kontrast hierzu stehende wirtschaftliche Dynamik
der freien Länder des Westens und ihr sozialer Fortschritt sind nicht
ohne tiefen Einfluß geblieben. Die rasche wirtschaftliche Erholung
Westeuropas -\besonder.s in Deutschland - in der Nachkriegszeit und der

- 7-

�der fortgesetzte Anstieg des Lebensstandards haben eine geradezu
magnetische Wirkung» was die Bevölkerung und die Führung der Länder Osteuropas angeht. Hieraus erklärt sich u.a. auch die unwiderstehliche Anziehungskraft des Westens auf die östlichen Länder.
Vir müssen ferner anmerken, daß sich Stalins Nachfolger, von
denen einige den Machtappai t der Tyrannei glücklicherweise nicht
ganz so rücksichtslos und brutal handhaben wie jener, nicht imstande
sahen, der steigenden Flut des Verlangens nach einem Wandel der Verhältnisse länger Hinhält zu gebieten. Wenn sie auch Stalins blutige
Ilethoden verwarfen, so raren sie doch ohne weiteres bereit, 1956 in
Ungarn zu Unterdrücicung und Blutvergießen als den Mittel zu greifen,
einer Evolution Einhalt zu gebieten, die sich zur Revolution gewandelt hatte. Doch die neuen Gebieter über die sowjetische Macht haben
offensichtlich erkannt, daß ein Wandel unausweichlich war, wollten sie
sich nicht jeder Hoffnung begeben, Osteuropa halten zu können.
Eine wichtige Rolle hat hierbei zweifelsohne das Beispiel Jugo1t. Die Entschlossenheit, mit der jenes Li
Unabhängigkeit best-

•, hat

if seirer

Ibst treue Anhänger der Sowjetur.Ion in

anderen osteuropäischen Staaten ermutigt, sich langsam und vorsichtig
an einen Kurs heranzutasten, der mehr im Einklang mit den eigenen nationalen Interessen steht.
Schließlich ist das gegenwärtige Zerwürfnis zwischen Rotchina und
der Sowjetunion - diese Schlußfolgerung bietet sich meiner Meinung nach
zwangsläufig an - ein weiterer Faktor, der zu diesem Wandel in Osteuropa beigetragen hat« Während die beiden Giganten des kommunistischen
Machtbereichs sich mit Beleidigungen und Drohungen überschütten, werden
sich die Länder in Osteuropa immer deutlicher ihrer zunehmenden Handlungsfreiheit bewußt. Obwohl «diese Staaten an ihrer Identifizierung mit
dem Kommunismus - dem sowjetischen Kommunismus zumeist - festhalten,
suchen sie innerhalb des Spielraums, den sie zu haben glauben, so selbständig wie nur möglich zu handeln.
auch immer die Gründe hierfür sein mögen, der Prozeß des Wandels in Osteuropa wird sich zwangsläufig fortsetzen« Die Frage, der
wir alle uns hier im Westen gegenübersehen, lautet; Was sollen wir

- 8 -

�wir angesichts dieser Entwicklung unternehmen, welche Zielsetzungen sollte unsere Politik in Osteuropa verfolgen und wie können
wir diese verwirklichen?
Nun gibt es meiner Auffassung nach hei der Festlegung unserer
Politik einige Grundhegriffe, die wir im Auge behalten müssen. Wenn
wir den Begriff "Osteuropa" anwenden, sollte der Ton auf dem zweiten
Wortbestandteil - Europa - liegen. Denn schließlich ist Osteuropa
Teil Europas - eine Tatsache, die um so deutlicher wird, je mehr
die Mannigfaltigkeit, die im Westen nie verlorengegangen ist, auch
im Osten wieder in Erscheinung zu treten beginnt.
Und diese Entwicklung auf eine Annäherung an ch
schränkt sich tiLcht nur auf solche Erschei

sten hin beDie osteuropä-

ischen Staaten wollen mit dem Westen Handel treiben. Sie müssen ihre
Wirtschaftssysteme zwangsläufig so weitgehend u:

, daß sie in

die Lage kommen, dies mit einigem Erfolg zu versuchen. Ich will damit
nicht behaupten, die Marxisten Osteuropas würden zu Verfechtern der
freien Wirtschaft werden. Die wirtschaftlichen Einrichtungen in Osteuropa werden sich aber unter dem Einfluß des Handels mit dem Westen
unweigerlich in zunehmenden Maße den unseren angleichen.
In ähnlicher Weise werden Kontakte auf kulturellem und auf anderen Gebieten mithelfen, das in den Völkern Osteuropas tief verwurzelte
Bewußtsein europäischer Gemeinsamkeiten wiederzubeleben. Jahrhundertelang waren Kunst, Literatur, Geschichte und Tradition der osteuropäischen Staaten en~ mit denen des übrigen Europa verflochten. Polnische,
tschechische und ungarische Musiker - Paderewski, Chopin, Dvorak,
Liszt und andere - werden in einem Atemzug mit ihren westeuropäischen
Zeitgenossen genannt. Die historische Rolle, die der Polenkönig Jan
Sobieski vor knapp 300 Jahren bei der Rettung Europas - Ost- und Westeuropas - und seiner Kultur vor den einfallenden türkischen Heeren
gespielt hat, ist noch nicht vergessen.
Ihr Land hat von alters her starke Bindungen zu den osteuropäischen Staaten. Es gibt im Osten zahlreiche Beispiele für den Einfluß
deutscher Kultur. Deutschland ist ferner traditionsgemäß einer der

v

_ 9-

�der wichtigsten Abnehmer von Waren aus Osteuropa und auch einer der
Hauptlieferanten von Industrieprodukten dorthin. Heine Regierung begrüßt die vorausschauenden Bemühungen der Bundesrepublik, die Grundlagen für bessere Beziehungen zu den Ländern in Osteuropa zu schaffen.
Die Bundesrepublik hat durch den Abschluß von Handelsvereinbarungen mit mehreren dieser Länder - Polen, Rumänien und Ungarn - sowie
durch die Einrichtung von Handelsmissionen auf der Basis der Gegenseitigkeit die Bindungen verstärkt, die Deutschland zu jenem Gebiet hat.
Der deutsche Außenhandel mit den Ländern dieses Bereichs hält sich
mit weit über 500 Millionen Dollar im Jahr auf beträchtlicher Höhe.
Dies ist ein Gebiet, auf dem Deutschland im Interesse des gesamten
Westens eine wichtige Rolle übernehmen kann. Die Vereinigten Staaten
wünschen Ihnen bei diesen Bemühungen aufrichtig Erfolg.
Wir hoffen sehr, daß die Zugehörigkeit der Länder Osteuropas zu
Gesamteuropa von den westeuropäischen Staaten auf ihrem Weg zur wirtschaftlichen Integration über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
nicht übersehen wird. Diese Entwicklung stellt die Länder im Osten vor
ernste Probleme, stört sie doch viele ihrer traditionellen Handelsbeziehungen. Es ist dies ein Problem, das es zu lösen gilt, sollen sich
die Dinge in Osteuropa weiterhin günstig entwickeln.
Ich bin mir dessen bewußt, daß es im Westen Kreise gibt, die gerne
eine Hauer zwischen dem Westen und dem gesamten kommunistischen Machtbereich errichteten - und damit Osteuropa für alle Zeiten Moskau überantworter. würden. Diese Leute sähen es gern, wenn wir gegenüber allen
kommunistischen Staaten eine simple und allgemeingültige
Politik verfolgten. Sie wollen uns dazu bestimmen, Albanien genauso zu
behandeln wie Polen und auch umgekehrt.
Die Politik meiner Regierung ist weit vielschichtiger und, wie
ich meine, klüger. Wir sind bestrebt, die im kommunistischen Machtbereich einsetzende Entwicklung in Richtung auf die nationale Unabhängigkeit, eine friedliche Zusammenarbeit und eine offene Gesellschaft zu
fördern. Wir suchen in Osteuropa jene Entwicklungetendenzen zu begünstigen, die bei weiterer Verstärkung zur Beendigung der Spaltung

- 10 -

�Spaltung Europas und, als zwangsläufige Folge, auch der Spaltung
Deutschlands führen können. Nach unserer Auffassung lassen sich
diese Zielsetzungen der Verwirklichung am besten durch eine flexible
Politik näher bringen, die den unterschiedlichen Verhalten der einzelnen kommunistischen Länder beziehungsweise dem wechselnden Verhalten überhaupt jeden Landes Rechnung trägt. Nach unserer Ansicht
würde eine starre Politik den von Land zu Land verschiedenen Verhältnissen nicht gerecht. Sie würde auch seitens unserer Gegner
nicht als Zeichen der Stärke gewertet werden. Unsere Politik spiegelt nicht Schwäche und mangelnde Entschlußfreudigkeit, sondern jene
Flexibilität wider, die sich der leisten kann, der stark ist.
Dies alles besagt nichts Feindseliges gegenüber der Sowjetunion
und stellt auch keinen Versuch dar, die kleinen europäischen Staaten
gegen die Sowjets zu mobilisieren. Wir sind uns meines Erachtens alle
darüber im klaren, daß diese Staaten zufriedenstellende und freundschaftliche Beziehungen zu ihrem gewaltigen Nachbarn im Osten unterhalten müssen, wollen sie ein wenigstens einigermaßen dauerhaftes Gefühl der Sicherheit haben. Ich befürworte hier lediglich, in Osteuropa die Schaffung von Verhältnissen zu begünstigen, die.es den Staaten dieses Gebietes gestatten, unbehindert Beziehungen sowohl zum
Osten als auch zum Westen zu pflegen, und zwar unter Bedingungen, die
von ihren natürlichen Interessen und nicht von Zwang diktiert sind.
Die amerikanische Politik verfolgt in Osteuropa im einzelnen
folgende Zielsetzungen:
a) Sorge zu tragen, daß diese Völker völlig unabhängig werden,
ein angemessenes Auskommen finden und ihre natürlichen und historischen
Bindungen zum übrigen Europa und

der freien Welt neu knüpfen können.

Diese Konzeption gründet sich auf unsere Überzeugung, derzufolge die
Verwirklichung der Selbstbestimmung in Osteuropa und anderswo von entscheidender Bedeutung für die Schaffung einer gerechten und auf lange
Zeit gesicherten Vfeltordnung ist;
b) die fortschreitende Lockerung der Reglementierung und Kontrolle
der osteuropäischen Staaten von außen her wie auch das Anhalten der
gegenwärtigen Entwicklungstendenzen in Richtung auf die nationale

- 11 -

�nationale Autonomie und eine größere Mannigfaltigkeit zu fördern.
Eine solche Entwicklung folgt keinem beschwerlichen Weg, führt aher
in di

richtige Richtung und am Ende zu Freiheit und Unabhängigkeit;
c) alle Entwicklungen zu fördern, die die Völker Osteuropas in

die Lage versetzen, über ihre eigene Regierungsform frei zu bestimmen und sich der Früchte nationaler Selbständigkeit zu erfreuen.
Dies würde zum Frieden in Europa beitragen und normalere, stabilere
und gesündere Beziehungen zwischen diesen Völkern und ihren Kachbarn
im »Testen und auch zur Sowjetunion zur Folge haben.
Welches sind nun, konkret gesprochen, die Mittel, deren sich die
Vereinigten Staaten zur Durchführung dieser ihrer Politik gegenüber
den osteuropäischen Staaten bedienen? Vir haben unser Vorgehen in
allen wesentlichen Bereichen auf die unterschiedlichen Erfordernisse
und Möglichkeiten eines jeden einzelnen Falles abgestimmt. Verschiedentlich ist die Initiative zu einer Verbesserung der Beziehungen zu
den Vereinigten Staaten von osteuropäischen Ländern selbst ausgegangen. Wir haben solche Initiativen begrüßt und dementsprechend reagiert
sofern es stichhaltige Beweise für den echten Wunsch nach Besserung
des Verhältnisses zu uns gab. Es ist in diesem Zusammenhang bedeutsam,
daß die Störung der Sendungen der Stimme Amerikas in Osteuropa fast
aufgehört hat. Der Fortschritt Polens in Richtung auf seine nationale
Unabhängigkeit veranlaßte uns, diesem Lande die Behandlung nach dem
Grundsatz der Leistbegünstigung zuzugestehen und ihm landwirtschaftliche Produkte gemäß unserem Gesetz /[80 über die Verwendung überschüssiger Agrarbestände zu liefern.
Rumäniens jüngste Anstrengungen, seine Handelsverbindungen und
anderen Kontakte zum Westen veiter auszubauen, schlössen auch Schritte
zur Verbesserung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten ein. Wir
haben demgemäß reagiert. Im Mai dieses Jahres nahmen die Vereinigten
Staaten und Rumänien gemeinsam eine Überprüfung ihrer gegenseitigen
Beziehungen vor und einigten sich auf eine Reihe spezifischer Maßnahmen, die dem Handels- und Reiseverkehr zwischen beiden Ländern sowie
auch der; Y/issenschafts- und Kulturaustau: sh dienlich sein sollen. Vir

- 12 -

�Wir "beobachten die Entwicklungen in den Ländern Osteuropas sehr
sorgfältig und werden alle die Verbesserung des Loses ihrer Bevölkerung versprechenden Tendenzen nach Kräften ermutigen.
Wie ich noch einmal unterstreichen möchte, sind das, was wir
in Osteuropa zu erkennen vermeinen, Entwicklungstendenzen - nicht
etwa Formen einer bereits bestehenden neuen Ordnung. Unsere Politik
übersieht keineswegs die tragische Tatsache, daß diese Länder nach
wie vor von Kommunisten regiert werden. Die Amerikaner haben zu viele
historische, persönliche und kulturelle Bindungen zu Osteuropa, um
sich nicht schmerzlich dessen bewußt zu bleiben, daß die Bevölkerung
dieses Gebietes ihrem freien Willen noch immer nicht Ausdruck geben
kann. Es bestehen auch nach wie vor tiefgehende Ueinungsverschiedenheiten zwischen den Staaten in Osteuropa und dem Westen. Und insoweit
sich deren kommunistische Regierungen weiter zu dem Gedanken der Weltrevolution bekennen, stellt unsere Politik auch dieses Faktum in Rechnung.
Diese Politik wurde somit in voller Kenntnis der Tatsache formuliert, daß der Kommunismus ganze Völker tyrannisiert und den Weltfrieden gefährdet. Sie wurde aber auch in dem - durch die Entwicklung in
Osteuropa hinreichend begründeten - Glauben formuliert, daß die vom
Kommunismus beherrschten Gebiete von Völkern bewohnt werden, in denen
der Freiheitsdrang nicht schon erstorben ist. Diese beiden '.,'ahrheiten
diktieren den Kurs, den wir verfolgen - einen von klaren Grundsätzen
bestimmten Kurs, der sich in sorgfältig abgestuften Handlungen dokumentiert. Versuchen der Kommunisten zur Ausweitung ihrer Macht treten wir
mit aller Stärke entgegen; Schritte in Richtung auf die nationale Unabhängigkeit und größere Freiheit im Inneren seitens der Staaten des
kommunistischen Machtbereichs ermutigen wir mit allen friedlichen Mitteln, die uns zu Gebote stehen.
Dies ist nicht die am leichtesten zu verfolgende Politik, doch
sicherlich die klügste. Sie verlangt von uns den fortgesetzten Gebrauch
unseres Urteilsvermögens und ein sorgfältiges Abwägen von Maßnahmen,
die oberflächlich betrachtet gleich geartet sein mögen, aber bei

- 13 -

�"bei Anwendung unter unterschiedlichen Verhältnissen gänzlich entgegengesetzte Ergebnisse zeitigen können. Es ist dies keine Politik,
die große Schlagworte abgibt. Ihre Durchführung erfordert Geduld
und eine nie erlahmende Beachtung selbst von Kleinigkeiten. Doch
wenn wir sie beharrlich verfolgen, werden wir es erleben, wie der
in Osteuropa im Gang befindliche Gärungsprozeß in einem anbrechenden neuen Zeitalter einen neuen Wein der Hoffnung hervorbringen
wird.
* * #

- 14 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./xvi-37

Sonderbeilage

PER WELTHANDEL UND DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
Von Dean Rusk
Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika
NEW YORK - (AD) - Wortlaut der Rede des
amerikanischen Außenministers vom 16. November 1964 vor dem "National Foreign Trade
Council" anläßlich der Eröffnung einer Tagung
über die Probleme des Welthandels und der
wirtschaftlichen Entwicklung.
Sie heginnen mit Ihren Beratungen über den Welthandel und die
wirtschaftliche Entwicklung an einem bedeutungsvollen Tag.
In Genf haben heute die führenden Handelsnationen ernstlich die
sechsten und in der Sache weitestreichenden Verhandlungen der Nachkriegszeit im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens aufgenommen. Die wirtschaftlichen Aussichten der freien Welt gewinnen
dadurch freundlichere Aspekte.
Wir haben diesen Punkt in der Kennedy-Runde erst nach vielen
Verzögerungen sowie nach langen und schwierigen Vorverhandlungen mit
unseren Handelspartnern erreicht. Das Gesetz über die Ausweitung des
Handels ("Trade Expansion Act") wurde im Oktober 1962 verabschiedet.
Damals hofften wir auf Grund der dem Präsidenten vom Kongreß übertragenen Zollverhandlungsermächtigungen, gemeinsam mit unseren Handelspartnern einen auf breiter Front angelegten Angriff auf die Welthandelsschranken sofort beginnen zu können.

In

�In der Fol.^e jedoch erlebten wir eine Reihe von Enttäuschungen
und Schwierigkeiten - einige davon waren vorauszusehen, andere dagegen trafen uns unerwartet. Die Verhandlungen über einen Beitritt
Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die bis
zum Herbst 1962 gut vorangegangen waren, schlugen fehl. Unsere Anpassung an das im Aufbau befindliche europäische System brachte neben
einer wesentlichen Handelsausweitung auch diesbezügliche Probleme mit
sich.
Wie wir vorausgesehen hatten, konzentrierten sich unsere Probleme
auf den Handel mit Agrarprodukten. Wir haben immer gewußt, daß der
Prozeß der europäischen Einigung eine gemeinsame Landwirtschaftspolitik
und einheitliche Preise erforderlich macht und daß diese Politik für
uns Probleme mit sich bringen wird. Die Auseinandersetzungen über den
Handel mit Geflügel waren ein dramatisches Beispiel hierfür. Dennoch
hoffen wir auch weiterhin, daß die gemeinsame europäische Landwirtschaftspolitik sich - im Interesse Europas - nicht autarkistisch, sondern - im Interesse aller - als weltoffen erweisen wird.
Daneben offenbarten die Vorverhandlungen der Kennedy-Runde schwerwiegende technische und wirtschaftliche Probleme. Zum Teil spiegelt
sich hierin die Tatsache wider, daß durch diese Verhandlungen auf dem
Gebiet der Handelsbesprechungen zwischen Nationen Neuland umbrochen
wird und daher auch neue Verfahrensregelungen notwendig sind.
Die Aufgabe des Sonderbevollmächtigten des Präsidenten für Handelsverhandlungen, Gouverneur Herters, war also bisher undankba.r und schwierig und zeitweilig auch enttäuschend. Dennoch ist er von den Hauptzielen
unserer Politik nicht abgewichen. So haben wir also im Geist eines hoffnungsvollen Realismus mit dem bedeutenden Versuch begonnen, die Zölle
der wichtigsten Handelsnationen weiter zu senken. Wir haben uns vorgenommen, einer wirksamen internationalen Arbeitsteilung ein gutes Stück
näher zu kommen. Wir werden auch weiterhin das anstreben, von dem Präsident Kennedy im Mai 1962 sprach: ein größeres wirtschaftliches Wachstum im eigenen Lande, größeren Portschritt in aller Welt und die Entwicklung einer größeren atlantischen Partnerschaft. Wir wollen das

- 2 -

�das u n s r i g e dazu "beitragen, damit d i e s e Verhandlungen e i n Erfolg
werden.
II.

In der Kennedy-Runde haben zwei alte Grundziele der amerikanischen
Außenpolitik ihren Niederschlag gefunden: die Bemühungen um einen freieren Handel und um einen verstärkten Güteraustausch in der gesamten
Vv'elt; die Unterstützung der Bemühungen um ein vereinigtes Europa, das
fähig ist, in Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten hei der Lösung
der großen vor uns liegenden Aufgaben mitzuwirken.
Unser Eintreten für ein freies Welthandelssystem geht auf das Jahr
1934 und auf einen meiner hervorragendsten Vorgänger im Amt zurück,
Außenminister Hüll. Damals, als die Welt hoffnungslos in einem Hetz von
Handelskontrollen und Handelsrestriktionen verstrickt war, kämpfte er
um das "Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen" (Reciprocal Trade
Agreements Act). Trotz riesiger Hindernisse konnte er sich durchsetzen.
Sein Beispiel und seine Weitsicht übertrugen sich über den Krieg hinaus bis in die ersten Nachkriegs jähre, die ungemein produktive Fortschritte im Welthandel brachten.
Während der Zollverhandlungen von 1947» die nach der Erneuerung
des "Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen" im Jahre 1946 stattfanden, benutzten wir zum ersten Mal die multilaterale Zollverhandlungstechnik, die daraufhin im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen
codifiziert wurde. Den einschneidenden Zollsenkungen des Jahres 1947
folgten weitere in den Jahren 1949, 1951, 1956 und 1960/61, die alle
durch das Beispiel der Vereinigten Starten ermöglicht wurden.
Aber nicht nur die Zollsätze wurden im Laufe dieser Jahre gesenkt,
auch im Rahmen des GATT und des Weltwährungsfonds bemühten wir uns um
einen schnellen Abbau aller anderen Formen von Handelsrestriktionen,
wie Quoten und Währun^cskontrollen, die im Verkehr zwischen den Industrieländern weitgehend beseitigt worden sind.
Der

- 3 -

�Der Lohn dieser liberalen Handelspolitik liegt offen auf der
Hand. Der Welthandel ist aufgeblüht. Die freie Welt tauscht heute
Waren im Wert von 300 llrd. Dollar pro Jahr aus» und der Wert nimmt
ständig weiter zu. Unser Außenhandelsvolumen bewegt sich auf einer
Höhe von mehr als 42 Llrd. Dollar. In zehn Jahren haben unsere Exporte
um 7 Llrd. Dollar - oder um 50 Prozent - zugenommen. Wir alle sind
reicher, unsere Lebensansprüche mannigfaltiger und unsere Länder deshalb leistungsfähiger geworden, weil wir uns von den Fesseln vieler
Handelsrestriktionen befreit haben.
Unsere Bemühungen um eine europäische Einigung sind seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges einer der Hauptfäden der amerikanischen Außenpolitik gewesen. Sie kamen im I.iarshall-Plan zum Ausdruck, im ITordatlantikpakt sowie in unserer Unterstützung von EURATOli, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und des Gemeinsamen Marktes«
D'.

edeutenden Entwicklungen haben ein Westeuropa ins Leben

gerufen. Wenn wir einmal die Au^en von den täglichen Schlagzeilen abwenden und die beiden vergangenen Dekaden perspektivisch betrachten,
so sehen wir ein verändertes Europa - blühend, vollbeschäftigt und
technisch modern. Die europäische Wirtschaft wächst, der Handel
expandiert, und die wirtschaftlichen Aussichten sind ausgezeichnet.
Das im Grunde gesunde politische Klima stellt darüber hinaus eine
feste Grundlage für diese Veränderung dar. Die Bedrohung durch die
kommunistischen Parteien - vor etwas mehr als zehn Jahren noch allgegenwärtig und in Prankreich und Italien so unheildrohend - ist verhältnismäßig zu einem Schatten geworden. Die alten Rivalitäten in
Europa sind verschwunden. Ein vereinigtes Europa kann heute als ein
realisierbares Projekt anges I en werden, und zwar nicht nur von Träumern, sondern auch von verantwortlichen Geschäftsleuten.
Seit den Tagen, als Westeuropa verwüstet, geschwächt und der
ernsten direkten Gefahr einer politischen Katastrophe ausgesetzt war,
h-ben wir in der Tat viel erreicht.
Auch hierin kann man den Lohn für eine feste Politik erkennen:
Ein blühendes Europa trägt zur Prosperität der USA bei. Das Volumen
unseres Handels mit Westeuropa hat sich in den vergangenen zehn

�zehn Jahren um 125 Prozent ausgeweitet - eine Wachstumsrate, die sehr
viel größer ist als die für unseren gesamten Außenhandel. Parallel
dazu haben seit Gründung der EWG im Jahre 1958 unsere Exporte allein
in die sechs Länder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft um 85
Prozent oder um mehr als 2 Milliarden Dollar zugenommen. Damit wird
der Leitsatz der Wirtschaftler "bestätigt, daß der Handel in dem Haße
wächst, wie die Volkswirtschaften expandieren.
Von noch größerer Bedeutung jedoch ist die Tatsache, daß wir
heute ein starkes, politisch festgefügtes Europa haben. Solch ein
Europa ist eine unerläßliche Voraussetzung für eine starke und in
Sicherheit lebende freie Welt. Die uns immer noch drohenden Gefahren
sind für jeden von uns schrecklich genug. Aber wir sehen uns nicht
länger den Gefahren eines wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs in einem entscheidenden Gebiet der westlichen Allianz gegenüber. Denn wir haben heute in Europa zwei aufstrebende Handelsgruppierungen und eine sich entwiekelnde Gemeinschaft, die mannigfaltige
Aussichten für umfassendere Formen gemeinsamen atlantischen Handelns
bietet.
Selbstverständlich haben unsere europäischen /erb' ndeten ihre
eigenen Ansichten. Wie sollte es auch anders sein? Und vier würde heute
schon behaupten wollen, daß unsere Interessen - und unsere eigene
Sicherheit - durch die in Westeuropa gemachten Portschritte nicht ungemein gefördert worden sind?

III.
Die Prämisse unserer Politik war von Anfang an, daß ein wiederbelebtes, prosperierendes und geeintes Eur pa in der Lage sein würde,
zusammen mit den Vereinigten Staaten die Lasten und die Verpflichtungen
zu tragen, die wir seit Ende des zweiten Weltkrieges auf uns genommen
und auch erfüllt haben. Westeuropa, als Ganzes gesehen, verfügt über
ein Industriepotential und eine gesamtwirtschaftliche Kapazität, die
der der Vereinigten Staaten sehr nahe oder gleichkommt. Zusammen sind
wir in der Lage, das für unsere gemeinsame Verteidigung erforderliche

- 5-

�den Welthandel und die wirtschaftliche Entwicklung in alier Welt
werden sich bis in eine ferne Zukunft hinein fortsetzen und verstärken. Die Vereinigten Staaten haben die neue ZollVerhandlungsrunde von Anfang an als sehr wesentlich für vorteilhafte Beziehungen
zum Gemeinsamen Markt angesehen« Kit dem Gesetz über die Ausweitung
des Handels erhielten wir die gesetzliche Ermächtifirung, uns mit der
neuen europäischen Gruppe und anderen Gruppen zu vereinigen, um einen
großen Schritt auf dem Wege zum Abbau und zur Beseitigung von Handelshindernissen im Welthandel zu tun. Wir waren und wir sind bereit, auf
der Basis der Reziprozität dem Gemeinsamen Harkt die Konzessionen zu
machen, die er berechtigterweine von uns für eine Herabsetzung des
ihn jetzt noch abschirmenden gemeinsamen Außonzoils fordern kann.
Bei dem heute in Genf vollzogenen Akt handelte es sich um die
Hinterlegung der Ausnahmelisten - eine Aufstellung all jener Industrieerzeugnisse, die auf Grund der Durchführungsbestimmungen für die
Kennedy-Runde von der generellen 50prozentigen Zollsenkung ausgenommen
werden sollen. Nach dem Willen der GATT-Länder sollte dabei die Zahl
der von einer linearen Zollsenkung ausgenommenen Positionen auf ein
Mindestmaß beschränkt bleiben, wobei in jedem Fall nur "alles beherrschende nationale Interessen" eine Ausnahme rechtfertigttt sollten.
Wir haben dabei mitgeholfen, diese Ausnahmeregeln zu formulieren,
und wir haben - wie ich glaube - eine Ausna^raeliste vorgelegt, die
ihnen in Geist und Buchstaben entspricht. Wir erwarten von unseren
Handelspartnern, daß sie ähnlich begrenzte Ausnahmelisten vorlegen.
Da v/ir schon einmal die Verfahrensgrundlagen festgelegt und ihnen
zugestimmt haben, damit die nationalen Zölle auf der Basis der Reziprozität im großen Rahmen gesenkt v/erden können, wäre es wirklich
bedauerlich, wenn wir nicht bis zum Schluß durchhalten würden.
V.
Tatsächlich sollten wir und andere Industrienationen uns über
unsere eigenen Interessen in diesen Verhandlungen im klaren sein. In
den Verhandlungen werden sich zwar Gegensätze offenbaren, aber das
Ergebnis wird für uns alle letztlich von Vorteil sein.
Die

�erforderliche Produktionsniveau und den Grad des technischen Fortschritts aufrechtzuerhalten- Zusammen können wir die Kapitalquellen,
die technische Hilfe und die expandierenden Märkte stellen, die für
die Entwicklungsländer verfügbar sein müssen, damit diese ihre faire
Chance in der Zukunft haben. Zusammen können wir für Frieden und
Freiheit in einer prosperierenden V/elt arbeiten.
Das gesamte Bruttosozialprodukt der Atlantischen Gemeinschaft
beläuft sich im Jahre 1964 auf über eine Billion Dollar. Zusammen
mit Japan verfüge^ diese Länder über den weitaus größten modernen
Industriepark der V/elt. Sie besitzen die Forschungseinrichtungen und
die technischen ur.d wissenschaftlichen Kenntnisse, um stetige und
eindrucksvolle P^roduktivitätsanstiege zu ermöglichen. Ihr Vermögen,
Spareinlagen anr 2usarame ±llf

^si

enorm. Ihre Einrichtungen, diese Er-

sparnisse produktiv einzusetzen, sind leistungsfähig.
Für uns i^t die auf das Ziel gerichtete Zusammenarbeit, unsere
Länder und uns,ere Völker reicher zu machen und ihnen eine größere
Sicherheit zu geben, nicht eine Frage von neuen Organisationen und
Verfahren. Ziara größten Teil verfügen wir bereits über die Mittel zu
einer besser.en Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Handels, der Finanzen, der Verteidigung, und der Auslandshilfe - oder wissen zumindest,
wie sie zv schaffen sind. Wir haben jetzt unseren politischen V.rillen
zu Dev;eisen&gt; d ^ e Gelegenheiten zu ergreifen, die wir in langer und
schwerei Arbeit geschaffen haben.

IV.
Die Kennedy-Runde ist eine solche Gelegenheit. Sie bietet den
^reinigten Staaten und dem Gemeinsamen Markt, dem Vereinigten Königlich und seinen Partnern der Freihandelszone, Kanada, Japan und
lllen an den Verhandlungen teilnehmenden Ländern die Möglichkeit, die
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu verbessern, die dazu beitragen,
uns einander näherzubringen. Eine erfolgreiche Kennedy-Runde kann die
Exporte jeder teilnehmenden Nation ausweiten und ihre Volkswirtschaft
stärken. Außerdem kann sie allen Entwicklungsländern ohne Diskriminierung große Märkte eröffnen. Ihre günstigen Auswirkungen auf den

- 6-

�Die Ursache dafür ist in der wirtschaftlichen Struktur unserer gegenwärtigen Welt zu suchen. Es ist eine auffällige Tatsache,
daß wir mit Industriestaaten mehr Handel treiben als mit Entwicklungsländern unr! daß wir in ihnen mehr Investitionen tätigen als in
Entwicklungsländern. So konzentrieren sich etwa zwei Drittel unseres
. Außenhandels und nahezu der gleiche Anteil unserer Investitionen auf
Kanada, Japan, Australien und die Länder Westeuropas. Darüber hinaus
stiegen während der Nachkriegsperiode unser Handel mit diesen Ländern
und unsere Investitionen in diesen Ländern am raschesten an. Sie bilden den dynamischen Sektor unserer privaten wirtschaftlichen Aktivität im Ausland.
All dies läuft der Marxschen Lehre völlig zuwider. Diese Entwicklungen spotten in der Tat der traditionellen marxistischen Ansicht,
wonach der Außenhandel primär ein von Kolonialmächten geführter Kampf
um Märkte ist und wonach ausländische Investitionen mit Ausbeutung
gleichzusetzen sind.
Die Sprache der Zahlen beweist dagegen eindeutig, was in der
amerikanischen Wirtschaft längst bekannt ist: Höhere Einkommen tragen
zur Steigerung von Handel und Investitionen bei. Wir können den Handel
mit unseren Konkurrenten verstärken, weil wir größere und spezialisiertem Märkte haben und v/eil der Warenaustausch uns allen die. Möglichkeit bietet, unn etwas stärker auf die Produktion und den Verkauf
von solchen Gütern zu konzentrieren, bei denen wir führend sind.
Darüber hinaus ist es uns möglich gewesen, trotz unserer höheren
Löhne unsere Wettbewerbsposition wenn nicht gerade zu verbessern so
doch zumindest zu behaupten. Der Stundenlohn in unseren auf den Export ausgerichteten Industriezweigen liegt bei durchschnittlich 3t50
Dollar - und damit ist er wesentlich höher als der Durchschnittslohn.
den unsere durch hohe Zölle geschützten, nicht auf den Export ausgerichteten Industriezweige zahlen. Im wesentlichen lassen die Zahlen
erkennen, daß unsere fortschrittlichsten Industriezweige zugleich .
auch die wettbewerbsfähigsten im Ausland sind.
In anderen Industrieländern herrschen die gleichen Verhält.'
Und darum müssen wir weiterhin zusammenarbeiten und uns gegen^

- 8 -

�gegenseitig dabei unterstützen, die Handelsbeschränkungen abzubauen. Zwar scheint es bedeutend einfacher zu sein, den Druck
der ausländischen Konkurrenz durch protektionistische Haßnahmen
abzuwenden, aber solche Maßnahmen fordern Gegenmaßnahmen heraus,
verbauen Kntwicklungsmöglichkeiten, verursachen steigende Kosten
und wirken sich schließlich nachteilig für alle Beteiligten aus.
Weder wir noch andere Industrienationen können es sich leisten,
die eigenen Märkte als wirtschaftliche Sonderreservate zu betrachten,
zu denen die ausländische Konkurrenz keinen Zutritt hat. Wir in
Washington sind manchmal erstaunt darüber, daß wir so oft von jenen
zu hören bekommen, die durch die Importe Einbußen erleiden, aber nur
selten von jenen, die aus d e m Außenhandel Gewinn ziehen.

VI.

Ahnliche Überlegungen gelten auch für die Landwirtschaft.
Ich bedauere, daß wir noch nicht zu einer Verständigung mit der
EWG über die Regeln zur Verminderung der Hindernisse auf dem Gebiet
des internationalen Agrarhandels gelangt sind. Die besonderen sozialen
und politischen Paktoren, die auf dem landwirtschaftlichen Sektor
eine Rolle spielen, sind uns bekannt, aber sie gelten ja nicht für
ein einzelnes Land oder eine einzelne Region. Wir wissen auch, daß
der technische Fortschritt die Landwirtschaft in eine Industrie umwandelt, die vieles mit den anderen geraeinsam hat. Je weiter diese
Entwicklung fortschreitet, d- sto kostspieliger dürfte es sein, den
relativen Leistungsfaktor hei der Behandlung des Agrarhandels außer
Betracht zu lassen.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits erwarten, daß d' e Verhandlungen über den Industriesektor mit den Verhandlungen über den Agrarbereich einhergehen werden. Das entspricht auch den Beschlüssen des
Ministerrates vom Mai 1963 und Mai 19^4• Wir haben die feste Hoffnung,
daß zu den Ergebnissen der Kennedy-Runde auch vertraglich gesicherte
Maßnahmen zu einer erheblichen Ausweitung des Agrarhandels auf kommerzieller Basis gehören werden.
VII.

- 9-

�VII.
\

Meine Ausführungen zu den Handelsverhandlungen haben sich bisher notwendigerweise auf die Rolle der Regierungen beschränkt. Aber
es liegt auf der Hand, daß die Ergebnisse, die wir auf dem Gebiet
des Außenhandels und der Investitionen erreichen, weniger von der
Politik der Regierungen als vielmehr von der privaten Initiative abhängig sein werden. Die Regierung kann zwar die Richtlinien entwickeln, die Grundregeln verbessern und Auskünfte erteilen, aber die
eigentlichen Instrumente des Fortschritts sind doch die privaten
Entscheidungen der Virtschaft.
Eine unserer Hauptaufgaben "J esteht .daher darin, Ihre Anstrengungen - die Sie als Geschäftsleute auf dem Gebiete des Außenhandels
und der Investitionen unternehmen - wirksamer zu machen. In diesem
Zusammenhang möchte ich auf einige Aspekte unseres stark verbesserten Programms zur Unterstützung von Geschäftsleuten auf diesem Gebiet
eingehen.
Jeder unserer Beamten im auswärtigen Dienst hat vom State Department die Anweisung erhalten, sich mit wirtschaftlichen Fragen zu befassen, wobei der Botschafter tonangebend ist. Annähernd 150 Diplomaten sind gegenwärtig ausschließlich oder überwiegend mit Fragen der
Förderung des Handels befaßt. Weitere 350 Beamte des auswärtigen
Dienstes sind ebenfalls in dieses Programm eingeschaltet.
Während des vergangenen Jahres berichteten unsere Auslandsvertretungen über 13 000 Geschäftsmöglichkeiter in Verbindung mit ausländischen Firmen. Sie stellten amerikanischen Geschäftskreisen
außerdem Informationen über 4000 öffentliche Ausschreibungen oder
geplante Bauprojekte ausländischer Regierungen zur Verfügung. Vir
unterhalten gegenwärtig fünf Handelszentren in bedeutenden Städten
des Auslandes. Und wir haben unsere Teilnahme an ausländischen Hessen
in der ganzen Welt erheblich erweitert.
Ähnliche

- 10 -

�Ähnliche Initiativen gingen vom amerikanischen Handelsministerium
aus. über seine 42 Außenstellen hat das Ministerium sein Programm "beträchtlich erweitert, das darauf abzielt, alle am Export interessierten amerikanischen Firmen mit den von unseren Auslandsvertretungen
hereingeholten Informationen vertraut zu machen. 1200 Mitglieder sind
heute in den regionalen Ausschüssen zur Urv iterung des Exports vertreten. In zahlreichen im ganzen Land abgehaltenen Seminaren wurden
amerikanische Geschäftsleute über die besten Methoden zur Durchführung
der Auslandstätigkeit informiert.
Diese Anstrengungen im Ausland und in den USA zeitigten eindeutige Ergebnisse. In den vergangenen drei Jahren stieg die Zahl der
amerikanischen Exportfirmen um ein Drittel, und zwar von 12 000 auf
16 000 Firmen. Ich bringe meinen tiefen Respekt vor allen zum Ausdruck, die an dieser großen Entwicklung beteiligt waren.
Außerdem verfügen wir über ein umfassendes Programm zur Unterstützung amerikanischer Firmen, die an Investitionen in den Entwicklungsländern interessiert sind.
Zunächst einmal haben wir die Vereinbarungen über die Investitionsgarantien erheblich erweitert. Der amerikanischen Bundesregierung
ist es nunmehr möglich, privat vorgenommene Investitionen in 61 befreundeten Ländern und Gebieten gegen eine Vielzahl von politischen
Risiken abzusichern. Allein während dieses Jahres hat das Amt für
Internationale Entwicklung im Zuge dieser neuen Vereinbarungen Verträge über neue amerikanische private Investitionen im Gesamtumfang
von mehr als 500 Millionen Dollar ausgefertigt. Das ist eine neue
Rekordsumme für dieses Programm.
Zweitens wurde angestrebt, amerikanischen Firmen, die an Investitionen in den Entwicklungsländern interessiert sind, mehr und bessere
Informationen an die Hand zu geben. So hat das Amt für Internationale
Entwicklung erst kürzlich ein Informationszentrum für Geschäftsleute
eingerichtet und alles greifbare Material zwecks Auswertung durch
potentielle amerikanische Kapitalgeber zusammengestellt.
Ich bin der Meinung, daß das Klima für private wirtschaftliche
Unternehmungen - Investitionen und Handel - sich auch in anderen

- 11 -

�anderen Teilen der Welt ständig verbessert. Im Ausland ist ein
Wandel der Auffassung von solider Leistung und Wirtschaftlichkeit
festzustellen, und es ist kein Zufall, daß man hinter dem Eisernen
Vorhang mehr und mehr solche Begriffe verwendet wie Initiative und
Profit als Mittel Z U T Stimulierung der Produktion.
Drittens gibt es di° noch unerledigte Gesetzesvorlage über
steuerliche Vergünstigungen, die von Präsident Johnson am 12. März
1964 im Kongreß eingebracht wurde. Dieses Gesetz würde wesentlich zu
ein^r Verstärkung der amerikanischen privaten Investitionstätigkeit
in den Entwicklungsländern beitragen. Ich hege die feste Hoffnung,
daß der Kongreß der Vorlage die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdient.
Aber ich muß auch hinzufügen, daß noch sehr viel zu tun bleibt.
Wir können zwar alles tun, um die amerikanische Geschäftswelt mit
zweckdienlichen Informationen über Markt Chancen und Investit ionsmöglichkei+en zu versorgen, und wir können anch die nötigen diplomatischen Verhandlungen zur Öffnung der Märkte führen, aber die eigentliche Arbeit bleibt doch den Geschäftsleuten überlassen.
Was den Handel anseht, so müssen wir ständig unser Interesse an
ausländischen Märkten wachhalten un^ unsere Wettbewerbsfähigkeit auf
diesen Märkten sicherstellen.
Was die Kanitalsei^e betrifft, so müssen wir lernen, uns wirksamer Investitionsverfahren in den Entwicklungsländern zu bedienen
und die Investitionen in einer unserer Zeit entsprechenden Weise einzusetzen. Wir müssen in vermehrtem Umfange mit neuen Investitionsformen experimentieren: mit gemeinsamen Anlageunternehmen, mit Lizenzabsp-^achen und einem ganzen Spek+rum vielfacher Formen von Kanitalbeteili^oingsvereinbarungen. So oder so muß sich das amerikanische private Unternehmertum stärker und extensiver als bisher an Entwicklungsprojekten beteiligen.
VIII.
Wir müssen die Kennedy-Runde in di"sem großen Rahmen des Handels
und der wirtschaftlichen Entwicklung betrachten - also allgemein im

- 12 -

�im Rahmen der Beziehungen nicht nur der Industrienationen untereinander,
sondern auch der Beziehungen zwischen den Industrieländern auf der einen
Seite und den Entwicklungsländern auf der anderen. Die Kennedy-Runde ist
ein weiterer Schritt in Richtung auf ein internationales Klima, durch
das der Austausch von Gütern, Kapital, technischem Wissen und Ideen
unter den Nationen gefördert und vergrößert wird.
Es wird harte Verhandlungen gehen, und so sollte es auch sein.
Es geht um wichtige Interessen. Die technischen und wirtschaftlichen
Probleme sind kompliziert. Und die damit verbundenen politischen Fragen
sind überaus zahlreich. Wir sollten nicht überrascht sein, daß dies so
ist, denn wir und unsere wichtigsten Handelspartner operieren auf
privatwirtschaftlicher Basis, auf der Basis der freien Initiative und
des freien Unternehmertums. Profitstreoen sowie immanente Rastlosigkeit
erklären dieses unser System, das uns zu atemberaubenden Leistungen anspornte.
Die Kennedy-Runde könnte - wie andere große im Gang befindliche
Unternehmungen - im Sande verlaufen. Aber ein Mißerfolg der KennedyRunde wäre mehr als nur eine Enttäuschung. Er wäre ein Zeichen dafür,
daß die Industrienationen nicht geneigt sind, das eigenbrötlerische
Wirtschn.f tsdenken aufzugeben, das uns in der Vergangenheit so teuer zu
stehen kam. Er wäre eine Konzession an die Strömung der engstirnigen
Reaktion in der internationalen Gemeinschaft.
Ebenso wichtig ist aber auch die Tatsache, daß ein Fehlschlagen
der Kennedy-Runde einem Vertrauensbruch gegenüber den jungen Nationen
der Welt gleichkäme. Wenn wir und andere Industrienationen uns als so
kurzsichtig erweisen sollten, daß wir unsere Märkte voreinander verschließen, so würden wir mehr tun als nur uns Schaden zufügen. Wir
würden ebenso die Exportmöglichkeiten und damit die Entwicklungshoffnungen der ärmeren Nationen der Welt verringern. Das aber liefe darauf
hinaus, daß unsere Handelspolitik und unsere Entwicklungshilfepolitik
entgegengesetzte Ziele verfolgen würden. Diese Tatsache beschreibt nur
noch einmal das Ausmaß unserer- v/achsenden Interdependenz, ein Ausmaß,
das zu ignorieren wir uns nicht leisten können.
Die

- 13 -

�Die im Rahmen der Allianz für den Fortschritt eingesetzten ausländischen Hilfsquellen machen nur zwei Prozent des Bruttosozialprodukts Lateinamerikas aus. Was mit den anderen 98 Prozent geschieht,
kann ausschlaggehend dafür sein, ob Lateinamerika freie Institutionen
zustande bringen wird oder nicht.
Ich denke nicht an den Hißerfolg. John F. Kennedy liebte es, den
Geschichtsablauf der Menschheit mit den Gezeiten zu vergleichen. Die
Gezeiten tendieren heute in Richtung auf Partnerschaft und Freiheit,
und zwar sowohl im Handel als auch im politischen Leben.
Wir müssen diesen Geist erfassen und uns von den Gezeiten tragen
lassen. Wir müssen unsere Anstrengungen darauf richten, die dynamischen
Möglichkeiten der Zukunft zu unserem Nutzen zu gestalten, nicht aber
sie an den sinnlosen Versuch

verschwenden, das gegenwärtig Erreichte

zu horten. Die Exportleistungen der freien Welt nehmen jährlich um 10
Milliarden Dollar zu. Indem wir gemeinsam voranschreiten, können wir
sicherstellen, daß sich das Wachstum noch beschleunigt.
Wie Präsident Johnson es treffend charakterisierte, gehören "diese
Verhandlungen nicht zu jenen, bei denen einige Nationen Verluste erleiden, während andere Gewinne einstreichen. Der Erfolg der Verhandlungen wiid für alle von Vorteil sein. Es besteht also die Möglichkeit,
zunächst zwischen den Industrienationen der freien Welt und dann zwischen diesen und den Entwicklungsländern eine Partnerschaft des Fortschritts zu gründen.
Heute haben wir in Europa einen wichtigen Schritt vollzogen, und
es ist sehr wichtig, daß die folgenden Schritte im Interesse unserer
Prosperität und Einigkeit zu einem fruchtbaren Ergebnis führen. Und indem wir diese Verhandlungen erfolgreich gestalten, beweisen wir zugleich die Fähigkeit, Stärke und Einigkeit, die den freien Institutionen
derjenigen innewohnen, die gemeinsame Verpflichtungen tragen und die
entschlossen sind, zu zeigen, daß der Mensch frei bleiben kann, wenn er
das Ziel einer größeren Prosperität anstrebt.

*

* #

- 14 -

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                <text>&lt;p&gt;A. 10. 1.&lt;br /&gt;Der Weg zum Weltfrieden&lt;br /&gt;Von Walt W. Rostow&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 17.1.&lt;br /&gt;Eine Welt ohne Krieg&lt;br /&gt;Präsident Johnsons&lt;br /&gt;Botschaft über die Lage der Nationen 8. Januar 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 24. 1.&lt;br /&gt;Die NATO heute - Eine Analyse&lt;br /&gt;Ansprache des Botschafters George . McGhee, vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft im Amerika-Haus, Frankfurt / M., 15. Januar 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 24. 1.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Die Wirtschaftsbotschaft - Präsident Johnson&lt;br /&gt;Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht, den Präsident Johnson am 20. Januar 1964 dem amerikanischen Kongress vorgelegt hat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 24. 1.&lt;br /&gt;Das Neue US-Budget für 1964/65&lt;br /&gt;Zusammenfassung des neuen US-Haushalts, den Präsident Johnson am 21. Januar 1964 dem amerikanischen Kongress vorgelegt hat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 31. 1.&lt;br /&gt;Wachsende Wirtschaftsschwierigkeiten in der Sowjetunion&lt;br /&gt;Ein Bericht des US-Zentralamtes für Nachrichten und Abwehr (CIA)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 21. 2.&lt;br /&gt;Die Ost-West-Beziehungen heute&lt;br /&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V. in Bad Godesberg am 18. Februar 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 27. 3.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Keine Verschwendung, kein Zurückweichen&lt;br /&gt;19. März 1964, Wortlaut&lt;br /&gt;Präsident Johnson unterbreitet dem US-Kongress Auslandshilfe-Botschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 24. 4.&lt;br /&gt;Wir haben eine neue Arena betreten&lt;br /&gt;Wortlaut der großen außenpolitischen Rede des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, am 20. April 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 12. 6.&lt;br /&gt;N. S. "Savannah"&lt;br /&gt;Schrittmacher eines neuen Zeitalters der Schiffahrt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 3. 7.&lt;br /&gt;Die Rolle des Geologen und Geophysikers in einer expandierenden Weltwirtschaft&lt;br /&gt;Ansprache des US-Botschafters George C. McGhee, gehalten in der Freien Universität Berlin, am 1. Juli 1964&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 2. 10.&lt;br /&gt;Warren - Bericht&lt;br /&gt;Zusammenfassung und Schlussfolgerungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 16. 10.&lt;br /&gt;Gärungszone Osteuropa&lt;br /&gt;Ansprache des US-Botschafters George C. McGhee, vom 13. Oktober 1964, im Amerika-Haus, Kassel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 4. 12.&lt;br /&gt;Der Welthandel und die atlantische Partnerschaft von Dean Rusk&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede vom 16. November 1964&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>Uebersicht ueber den Ost- West- Handel
II.Halbjahr 1955
Bedeutung, Moeglichkeiten und Grenzen der Automatisierung.
sind am Ende des Bandes

eingeordnet.

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE NATO IST EINE REALITÄT

OSLO - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
V/ortlaut einer Rede, die der Generalsekretär der
Nordatlantikpakt-Organisation, Lord Ismay, am
15« Mai 1956 vor dem norwegischen Atlantik-Ausschuß
gehalten hat.

Viele Schwierigkeiten, Zweifel und Unsicherheiten haben wir zu
überwinden. Es ist daher nötiger denn je, daß die Völker der Mitgliedstaaten die wahren Ziele der NATO verstehen und daß sie die Gründe
für die ständigen Opfer und Anstrengungen, die man immer noch von
ihnen verlangt, kennen und billigen.
Um die derzeitige Lage in der richtigen Perspektive sehen zu
können, müssen wir rasch einen Blick auf die Vergangenheit werfen.
Vor sieben Jahren sah sich Westeuropa der Gefahr eines drohenden
Angriffs durch stark überlegene sowjetische Truppen ausgesetzt. In
jener Stunde einer tödlichen Gefahr wurde der Nordatlantikpakt unterzeichnet. Der Entschluß, diesem Bündnis beizutreten, erforderte von
vielen Mitgliedern Weitsicht und großen Mut. Für die Vereinigten
Staaten von Amerika bedeutete es die Aufgabe ihrer traditionellen
Politik, sich aus den europäischen Angelegenheiten herauszuhalten,
für Norwegen und andere bedeutete es die Aufgabe ihrer stets hochgehaltenen Tradition der Neutralität. Die freie Welt schuldet den
Staatsmännern, die für die Außenpolitik der westlichen Demokratien
in jenen Tagen verantwortlich waren, großen Dank: unter diesen
Männern ist vor allen anderen der norwegische Außenminister Lange
zu nennen, der von Anbeginn an eine so starke Stütze unserer Sache war,
Ihr Weitblick hat uns allen reichen Gewinn gebracht. Das Bündnis, das sie ins Leben riefen, hat die freie Welt vor einer unausdenkbar drohenden Katastrophe bewahrt. So wurde der Friede in Europa erhalten, dem Vordringen der Sowjets nach dem Westen Einhalt geboten.
Eine Schutzwehr aus bewaffneten Streitkräften wurde gebildet, die,
wenn auch noch nicht stark genug, um ein-em Großangriff Widerstand zu
leisten, doch über genügend Kräfte verfügt, um nicht von der Militärmacht überwältigt zu werden, die die Sowjets außerhalb der Sowjetunion
unterhalten. Die NATO ist heute kein Traum mehr, sie ist eine Realität .
Es

- 1 -

�AMERIKA DIENST"

23. Mai 1956

Es wurde aber noch etwas anderes vollbracht, das zwar unsichtbar und unfaßbar, aber dennoch vielleicht die größte Leistung überhaupt ist. Ich meine die Verbundenheit, die sich zwischen den Mitgliedstaaten entwickelt hat. Sie ist vielleicht unser kostbarster
und mächtigster Besitz. Die Lage heute unterscheidet sich also weitgehend von der zur Zeit der Unterzeichnung des Vertrages, und man
könnte behaupten, die NATO sei die erfolgreichste Koalition, die je
zu Friedenszeiten zwischen Völkern eingegangen wurde; und doch, so
paradox dies auch erscheinen mag, hat gerade dieser Erfolg eine Reihe
weiterer Schwierigkeiten mit sich gebracht.
Die führenden Männer der Sowjetunion haben das nordatlantische
Bündnis, seine Zielsetzung, stets abgelehnt und gefürchtet. Sie haben
ja auch alles in ihren Kräften otehende getan, um zu verhindern, daß
• es überhaupt entstand. Sie v/erden sich erinnern, daß die norwegische
Regierung zu dem gleichen Zeitpunkt, als der von uns hochgeschätzte
norwegische Außenminister Lange im Begriff war, nach Washington zu
reisen, um sich über den Nordatlantikpakt zu informieren» von der
sowjetischen Regierung in einer Note aufgefordert wurde, einen
Nichtangriffspakt mit der UdSSR abzuschließen. Norwegen traf seine
Wahl. Es hat das russische Angebot abgelehnt-und am 3. März 1949
beschlossen, dem atlantischen Bündnis beizutreten, wobei es jedoch
keinen Zweifel darüber ließ, daß es die Stationierung ausländischer
Streitkräfte in Norwegen strikt ablehnen werde, solange das Land nicht
angegriffen werde oder von einem Angriff bedroht sei. Den Sowjets war
es also nicht gelungen, eine Unterzeichnung des Vertrages zu verhindern; das hat sie aber nicht v^n ä ü V&amp;rsuch abgehalten, die Einbeziehung weiterer Staaten in das Bündnis oder dessen Stärkung zu verhindern. Als zum Beispiel der Beitritt Griechenlands und der Türkei
zur NATO zur Debatte stand, boten die Sowjets ein Äußerstes an Lockungen und Drohungen auf, um dies zu verhindern. Und vor zwei Jahren
taten sie genau das gleiche, als die Frage des Eintritts der Bundesrepublik Deutschland erwogen wurde.
Da all ihre Versuche, die NATO zu schwächen und zu sprengen,
fehlgeschlagen waren, und da sie sahen, wie das Bündnis an Festigkeit,
Stärke und Geschlossenheit zunahm, beschlossen die sowjetischen Führer vor etwa einem Jahr, ihre Taktik zu ändern. Statt drohender Mienen
zeigen sie uns heute ein Lächeln. Freundschaftsbesuche in allen Teilen der Welt sind an die Stelle völliger Abgeschlossenheit hinter den
Mauern des Kreml getreten. Stalin, den das sowjetische Volk als einen
Gott zu verehren gelernt hatte, wird heute als ein Tyrann beschimpft,
den die freie Welt schon immer in ihm gesehen hat. Statt Drohungen
und Beschimpfungen hören wir heute schöne Worte über "friedliche
Koexistenz" und "Lockerung der Spannungen zwischen Ost und West".
Wenn wir glauben könnten, daß diese Wandlungen grundsätzlicher
Natur und von Dauer seien, wie glücklich könnten wir uns schätzen.
Aber ist es richtig, wenn wir unsere Pläne auf einen derartigen Glauben aufbauen? Erst kürzlich warnte Chruschtschow selbst uns davor,
als er sagter
"Im
- 2 -

�AMERIKA DIENST"

23. Mai 1956

"Im Westen sagt man, die Sowjetführer lächeln, aber ihre Taten
entsprechen diesem Lächeln nicht. Ich aber versichere, daß dieses
Lachein ehrlich ist. Es ist nicht künstlich. Wir wollen in Frieden
leben. Aber wenn irgend jemand glaubt, daß unser Lächeln eine Abwendung von den Lehren Marx1 und Lenins" (das heißt, daß das Endziel
der sowjetischen Politik die Weltrevolution ist) "oder ein Verlassen
unseres kommunistischen Weges bedeute, so hält er sich selbst zum
Narren."
Mit anderen Worten halten die Sowjets nach ihrer eigenen Darstellung an der Ideologie und am Ziel der Weltrevolution fest. Und
es gibt noch andere Gründe, den sowjetischen "New Lexik" nicht nach seinem äußeren Schein zu bewerten.
Die Militärmacht der Sowjets nimmt nach wie vor zu. Sie beteuern,
sie wollten Abrüstung, die wir seit Jahren bei Ihnen durchsetzen
wollen; und um ihre Aufrichtigkeit zu beweisen, gaben sie erst gestern bekannt, daß sie eine Herabsetzung ihrer gewaltigen Streitmacht
um 1,2 Millionen Mann planen. Tatsächlich haben wir mit dieser Freistellung von Arbeitskräften für Industrie und Landwirtschaft bereits
seit einiger Zeit gerechnet.
Das ist aber noch kein zuverlässiger Beweis dafür, daß die Sowjets
tatsächlich abzurüsten beabsichtigen. Im Gegenteil, ihre Rüstungsindustrie arbeitet auf Hochtouren und erzeugt große Mengen modernster
Waffen, und die Tatsache bleibt bestehen, daß sie jeden unserer Vorschläge auf Schaffung eines Inspektions- und Kontrollapparats ablehnen, der allein eine erfolgreiche Abrüstung gewährleistet. Sie predigen friedliche Koexistenz, aber ihr Eiserner Vorhang ist fast so
undurchdringlich wie nur je. Denn er bildet nach wie vor eine Schranke,
die es den Völkern der westlichen demokratischen Länder verbietet,
unbehindert nach und durch Rußland zu reisen, und es ebenso den
Menschen aus dem sowjetischen Machtbereich unmöglich macht,unbehindert
unsere Welt zu bereisen und unsere Lebensform kennenzulernen. Der Kampf,
den wir führen, ist ein Kampf um die Seele der Menschen: und wenn es
unbehinderten Verkehr zwischen Ost und West gäbe, dann wäre jeder
Zweifel ausgeschlossen, welche Seite Sieger bleiben würde. Und schließlich, was könnte die Sowjetführung daran hindern, ihre Taktik abermals zu ändern, wie und wann immer es ihr gerade paßt? Es gibt weder
ein Parlament noch eine öffentliche Meinung, die sie daran hindern
könnten. Darf ich Sie an den Salto mortale der Kommunisten im Jahre
1940 erinnern? Auf viele Häuserwände in England hatten sie die Parole
"Macht diesem imperialistischen Krieg ein Ende!" geschrieben. Als
aber Hitler am 21. Juni 1940 Rußland überfiel, wurde diese Parole
über Nacht abgekratzt und durch die Forderung "Jetzt die zweite
Front" ersetzt.
Wir haben also durchaus keine Garantie, daß das Lächeln nicht
wieder zürnenden Mienen, die schönen Worte nicht wieder Drohungen
und Beschimpfungen weichen werden.
Die

�"AMERIKA DIENST"

23. Mai 1956

Die Atlantikpaktmächte begrüßen daher zwar die jüngst zu verzeichnende Lockerung der Spannungen und sind ernsthaft entschlossen,
alles zu tun, um eine dauernde Beilegung der Differenzen mit den
Sowjets zu erreichen; sie können es sich aber nicht leisten, in ihrer
Wachsamkeit nachzulassen. Täten sie das, so würden sie damit womöglich
alle ihre Opfer und Anstrengungen der letzten sieben Jahr aufs Spiel
setzen.
Nach allem Für und Wider aber muß man zugeben, daß die sowjetischen
Argumente plausibel genug sind, um ihren Eindruck auf die Öffentlichkeit in vielen Mitgliedländern nicht zu verfehlen. Und das aus naheliegenden Gründen. Viele unserer Völker haben den Krieg erlebt oder
haben seit nahezu 50 Jahren unter der Kriegsdrohung gelebt. Wir alle
sehnen uns leidenschaftlich nach Frieden. Wir alle ersehnen den Tag,
da wir nicht mehr so viel Geld für so wenig einträgliche Dinge wie
Rüstung ausgeben und es statt dessen dem Glück und Wohl aller Menschen
dienstbarmachen können. Zu dieser Tatsache, daß wir schon das V/ort
"Krieg" nicht mehr hören konnten, kam die Furcht, die die Alliierten
einte; diese ist jetzt etwas in den Hintergrund getreten. Daher ist
die Versuchung sehr groß, die Dinge rosiger zu sehen als sie sind und
sich in Sicherheit zu wiegen. Die Gefahr, die dies aber mit sich
bringt, sowie die nackten Tatsachen der Lage, in der wir uns befinden,
müssen der Öffentlichkeit klar gemacht werden. Daneben besteht im
Ausland ein gewisser Pessimismus, ja beinahe Defätismus, der auf die
unruhigen Verhältnisse in so großen Teilen unserer Welt zurückzuführen
ist - der Streit um Zypern, an dem drei Mitglieder der NATO beteiligt
sind, Frankreichs Schwierigkeiten in Nordafrika, die eine vorübergehende Zurückziehung eines großen Teils der der NATO zugewiesenen
französischen Streitkräfte nötig machten, die Spannungen zwischen
Israel und der arabischen Welt, das Problem der Wiedervereinigung
Deutschlands und anderes mehr.
Niemand kann bestreiten, daß die Gefahren und Schwierigkeiten,
mit denen wir heute fertigwerden müssen, sehr groß sind; aber ich
behaupte, daß sie nicht größer sind als die, die wir bereits erfolgreich überwunden haben. Diese Erkenntnis muß der Öffentlichkeit eingeprägt werden. Und auch hier können freiwillige Organisationen von
Nutzen sein.
Nun aber möchte ich mich einer anderen Quelle der Mißverständnisse zuwenden. In den Besprechungen, die Anfang dieses Monats abgehalten wurden, beschloß der Ministerrat der Nordatlantikpaktorganisation, es sei für die NATO nunmehr die Zeit gekommen, sich aktiver auf
nichtmilitärischen Gebieten zu betätigen und sich um die gleiche Einigkeit, die in Militärfragen erzielt wurde, auch in politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen zu bemühen. Mit diesem
Ziel vor Augen ernannte der Rat einen Drei-Mann-Ausschuß, bestehend
aus Mr. Pearson, Kanada, Signor Martino, Italien und Ihrem Außenminister Lange, der Mittel und Wege ausfindig machen soll, wie dieses
Ziel zu erreichen sei. An dieser Idee ist natürlich nichts Neues.
Man hatte ein derartiges Vorgehen von Anfang an ins Auge gefaßt und
Artikel 2 des Vertrages bietet die Handhabe hierfür; dort heißt es,
der Vertrag solle mehr als lediglich ein Militärbündnis darstellen,
und sein Endziel sei die Schaffung einer echten atlantischen Gemein-

- 4-

�"AMERIKA PIETIST"

23. Mai 1956

•Gemeinschaft in jedem 3inne dies« Yörtes - das heißt eine Gruppe
gleichgesinnter Nationen, die in allen Fragen gemeinsam beraten und
gemeinsam handeln. Mit anderen V/orten ist der jüngste Beschluß des
Rates nur eine ganz natürliche Weiterentwicklung der grundsätzlichen
Ideen. In manchen Kreisen jedoch wurde er dahingehend ausgelegt, daß
die militärischen Aufgaben der NATO inzwischen erfüllt seien und daß
die Organisation sich nunmehr fast ausschließlich auf nichtmilitärische Ziele zu konzentrieren habe.
Das ist natürlich ein vollkommenes Mißverständnis, wie dies
schon aus dem vor knapp zwei Y/ochen veröffentlichten Kommunique
hervorgeht, das ja für sich selbst spricht: "Die Sicherheit ist
nach wie vor eines der fundamentalen Probleme, und die Atlantikmächte müssen der Erhaltung ihrer Einigkeit und Stärke auch weiterhin
den Vorrang geben." Diese 7/orte besagen eindeutig, daß die auf nichtmilitärischen Gebiet zu ergreifenden Maßnahmen die Tätigkeit auf
militärischem Gebiet ergänzen, nicht aber an ihre Stelle treten sollen
Erlauben Sie mir nunmehr, das Gebiet der Politik zu verlassen
und kurz eine Frage zu streifen, die ich als Vorausplanung für den
Kriegsfall bezeichnen möchte. Y/ir alle wissen aus harten Erfahrungen,
daß der moderne Krieg keine Angelegenheit der Seeleute, Soldaten und
Flieger allein ist. Das Können des Kommandeurs, die Tapferkeit der
Truppe, die vorzügliche Qualität ihrer Ausrüstung sind belanglos,
wenn die Heimatfront nicht in der Lage ist, die Belastungen des
Krieges durchzustehen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung,
daß die nötigen Pläne bereits im Frieden ausgearbeitet und entsprechende Vorbereitungen getroffen werden, um zu gewährleisten, daß
die Zivilbevölkerung aller Mitgliedstaaten Unseres Bündnisses im
Falle eines Krieges -_dsn Gott verhüten möge - organisiert ist und
die gesamte zivile Tätigkeit zweckentsprechend gelenkt werden kann.
Mit Plänen dieser Art beschäftigen wir uns zur Zeit intensiv.

* * * * *

�EI3ENH0V/ER UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINER ENGEREN
ZUSAMMENARBEIT DER FREIEN WELT
WACO (Texas) - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, die er am 25.Mai
1956 in der Baylor-Universität in Waco (Texas)
gehalten hat.

Meine Damen und Herren, die jetzt die Universität verlassen,
liebe Landsleute aus Texas !
Die Ehre, vor Ihnen sprechen zu dürfen, gibt mir die Gelegenheit, vor eine bedeutende Schule von großen Traditionen, von großen
Errungenschaften und hohen Zielsetzungen hinzutreten. Die zehn Fakultäten und Colleges der Baylor-Universität sind die Früchte, die
im Jahre 1845 gesät worden sind. Die Studenten von Baylor, die ich
später zu führenden Positionen aufgeschwungen haben, legen von der
Weisheit und Voraussicht der Gründer der Baylor-Universität Zeugnis ab. Ihre wunderbare Armstrong-Browning-Bibliothek illustriert
das Heranwachsen dieser Universität zu einem führenden Kulturzentrum des Südwestens.
Diese Universität hat sich der wahren Erziehung verschrieben,
sie strebt danach, die Weisheit zu fördern, eine Weisheit, die über
den Bereich des reinen Wissens hinausgeht und das Verständnis für
das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen untereinander in einer
Welt v/eckt, die für sie geschaffen ist, um als Sachwalter Gottes
zu dienen.
Es ist Ihnen hier gelehrt worden, Gerechtigkeit und Nächstenliebe zu üben und demütig vor unseren Schöpfer zu treten, auch wenn
Sie jede Möglichkeit ausnützen, sich in dem Beruf zu verbessern, für
den Sie hier ausgebildet worden sind.
Sie treten nunmehr in eine neue Phase Ihrer Lebenserfahrungen
ein - in einer Welt, in der die Prinzipien, nach denen Sie leben,
so oft verspottet und ignoriert werden. Welchen Platz nehmen Sie
in dieser Welt ein? Was können Sie zu ihrer Verbesserung tun? Im
besonderen, was kann jeder einzelne von Ihnen als Persönlichkeit
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�"AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Persönlichkeit zur Förderung einer Weltgemeinschaft beitragen,
die die Werte respektiert, an die Sie und diese Schule so tief
glauben? Die Gedankengänge, die ich Ihnen heute vortrage, behandeln in erster Linie - und zwar kurz skizziert - die internationalen Phasen einer möglichen Antwort.
Ich spreche aus einem sehr einfachen Grunde über internationale Angelegenheiten. In dem fundamentalen Kampfe, in dem die
Welt gegenwärtig steht, werden fast alle inneren Fragen und Probleme durch internationale Streitfragen ausgelöst oder zumindest beeinflußt .
Die klare Erkenntnis der hiermit zusammenhängenden grundlegenden Faktoren ist für die führenden Männer und die Beamten sowie
jeden Bürger dieses Landes wie auch der freien Welt von entscheidender Bedeutung. Ich unterstelle, daß ein derartiges Verständnis
gerade für Sie als junge Menschen, die Sie zwangsläufig diese kritischen Gegenwartsprobleme gegen einen Horizont der nächsten zehn,
zwanzig oder vierzig Jahre betrachten müssen, von besonderer Bedeutung sind.
Heute wird ein großer Teil der Welt mit mehreren Hundert
Millionen ihrer Bevölkerung von einer militanten und aggressiven
kommunistischen Doktrin beherrscht. In der Nachkriegsperiode haben
wir diese Doktrin sich in einer besonders zynischen Art und Form
des Kolonialismus ausleben sehen, wie er in der kommunistischen
Unterjochung freier und stolzer Nationen in Europa und Asien seinen
Ausdruck fand. 7/ährend der gleichen Zeit gewannen sechshundert
Millionen Menschen in über einem Dutzend Staaten (18) in der freien
Welt ihre Unabhängigkeit.
Der Kommunismus verneint die geistigen Prinzipien, auf denen
Ihre Erziehung aufgebaut ist. Nach der Doktrin des Kommunismus
gibt es keinen Gott, keine unsterbliche Seele des Menschen und
keine andere Befriedigung als die der alltäglichen Bedürfnisse.
Die Konsequenz ist, daß der Kommunismus gegen den Menschen als
Individuum grausam, intolerant und atheistisch ist. Diese Doktrin,
die Verlockung, Einschüchterung und Gewalt als Mittel für ihre
Herrschaft einsetzt, sucht die politischen Konzeptionen und Institutionen zu zerstören, die uns teurer als das Leben selbst sind.
So stellt der Kommunismus eine Bedrohung dar, der gegenüber selbst
diese mächtige Nation nicht völlig immun ist.
Und doch ist der Kommunismus im eigentlichen Sinne ein gigantischer Versager. Selbst in den Ländern, wo er an der Macht ist, hängen mehrere Hundert Millionen Menschen, die dort leben, nach wie vor
ihrem alten religiösen Glauben an. Sie werden noch immer von den
Zielsetzungen der Gerechtigkeit und Freiheit angesprochen, die nicht
nur durch mehr Stahl und größere Bomber befriedigt werden können.
Sie trachten noch immer nach einem Lohn, der jenseits des Geldes
oder der Machtstellung liegt. Sie erträumen noch immer den Tag, wo
sie ohne Furcht in der Fülle ihrer menschlichen Freiheiten leben
können.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Die Bestimmung des Menschen liegt in der Freiheit und Gerechtigkeit unter seinem Schöpfer. Jede Ideologie, die diesen weltweiten Glauben leugnet, wird letztlich untergehen oder umgeformt
werden. Dies ist die erste große Wahrheit, die all unserem Denken, unserem gesamten Streben in dieser Welt des Kampfes zugrunde
liegen muß.
Eine zweite Wahrheit ist, daß die fundamentalen Prinzipien
der menschlichen Freiheit und der freien Regierungsform starke
Quellen der Energie, der Loyalität und der Hingabe sind - Richtlinien für einen dauerhaften Erfolg. Sie sind mächtiger als
Rüstungen und Armeen.
Die Amerikaner haben diesen beiden Wahrheiten in den historischen Dokumenten der Republik Rechnung getragen. Sie werden in der
Präambel der politischen Grundsatzerklärung zu den gegenwärtig
von uns laufend herausgegebenen Direktiven für die nationale Sicherheit wiederholt. In dieser Präambel heißt es unter anderem:
"Die geistige, moralische und materielle Stellung der Vereinigten Staaten von Amerika beruht auf den bewährten Prinzipien, die
während der ganzen Geschichte der Republik durchgesetzt und verteidigt worden sind. Der Geist, die Stärke und die Verheißungen Amerikas
gründen sich auf die Hingabe, mit der seine Bevölkerung und seine Re.gie#ung die Würde, die Gleichheit und die Freiheit der Menschen unter
Gott vertreten.
Diese Konzeptionen kommen in unseren Institutionen zum Ausdruck, die sie in Gerechtigkeit pflegen und stärken. Sie sind das
Bollwerk unserer freien Gesellschaft und bilden die Grundlage der
Achtung und der führenden Rolle, die unserem Land von den Völkern
der Welt zugestanden worden ist."
So sehr wir uns auch diesem Ausdruck erhabener Gefühle hingeben mögen, so zählt das doch nur wenig, wenn nicht jeder Amerikaner - entsprechend seinem Einfluß und seinen Fähigkeiten - täglich diese Ideale durch die Praxis seines Lebens beseelt. Die Bewährungsprobe dafür ist die Bereitschaft des einzelnen, an den
Prinzipien festzuhalten und sei es unter Hintansetzung kleinerer,
aber handgreiflicher Gewinne.
Für Sie, die Sie die Universität verlassen und für alle
anderen Bürger werden die Gelegenheiten, unseren Kampf gegen
Ungerechtigkeit und Bigotterie zu stärken, so zahlreich sein,' '
wie die vor Ihnen liegenden Aufgaben und die Menschen, denen Sie
im täglichen Leben begegnen werden. Ich wüßte nichts hinzuzufügen,
wodurch ich Ihnen helfen könnte, solche Gelegenheiten rascher zu
erkennen und fester darauf zu reagieren. Aber das eine ist sicher,
in dieser Erkenntnis und der entsprechenden Reaktion werden das
Ausmaß für Amerikas künftige Sicherheit, für seine Größe und seinen
Fortschritt zu suchen sein.
Die dritte große Wahrheit, die unserem Denken in bezug auf die
internationalen Probleme zugrunde liegt, ist die» Es sind die Völker,
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�AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Völker, die zählen. Ein mitfühlendes Verstehen der Zielsetzungen,
der Hoffnu- en und Sorgen, der Traditionen und des Stolzes anderer
Völker und Tationen ist für die Schaffung eines gegenseitigen Wohlstandes tu Friedens notwendig. Ein derartiges Verstehen stellt ein unumgängliches Erfordernis für jeden von uns dar, wenn wir als Volk
unserer unabdingbaren nationalen Verantwortung nachkommen sollen,
der Welt b^i der Stärkung der Freiheit und Menschenwürde voranzugehen .
Der Kommunismus trachtet danach, zu herrschen oder zu vernichten. Die Freiheit hingegen sucht aufzubauen und anderen beim Aufbau
zu helfen. Aber diese grundlegenden Unterschiede treten nicht von
selbst ans Licht. Daher denken die Völker der Welt notwendigerweise
nicht in Begriffen von diametral entgegenstehenden Konzeptionen,
nämlich der kommunistischen Diktatur und der Menschenrechte und
der Freiheit.
Vielmehr scheint heute die unnachgiebigste Form, in der Völker
ihr Wollen zum Ausdruck bringen, ein starker Nationalismus zu sein.
Hierin allein liegt noch keine Gefahr. Das Recht eines Volkes, das
zur Selbstregierung fähig ist, auf seine eigenen politischen Institutionen, ist tief in dem amerikanischen Denken verwurzelt. Wir
glauben, daß sowohl zwischen Völkern wie auch unter unseren eigenen
Bürgern das Recht der Schwachen mit dem des Starken identisch ist.
Und wir haben in der Vergangenheit zahlreichen kleinen Nationen zur
Unabhängigkeit verholfen. Wir werden auch weiterhin mit Genugtuung die
Geburt jeder neuen Nation begrüßen, deren Volk, nachdem es Unabhängigkeit und Freiheit erlangt hat, ein friedliches Mitglied der Weltgemeinschaft wird.
Zu diesem Zeitpunkt jedoch, da jede neue Nation auf dem Wege
zu einem unabhängigen Platz in der Völkerfamilie voranschreitet,
wird ein akutes wirtschaftliches Problem noch dringlicher. Neue
Nationen schaffen mit ihrem Entstehen neue politische Grenzen. Nur
zu oft werden diese politischen Grenzen zu gefährlichen Schranken
für den Handel.
Derartige Schranken gewinnen täglich größere Bedeutung, da
eine verstärkte Industrialisierung und Spezialisierung die wirtschaftliche Abhängigkeit der Völker untereinander in kritischer
Weise verstärkt. Die in einem Gebiet vorgenommene Spezialisierung,
die eine unausgeglichene Binnenwirtschaft eines Landes bedingt,
stellt nicht notwendigerweise eine Schwäche dar, vorausgesetzt freilich, daß eine Möglichkeit für den freien Austausch eines Teils dieser spezialisierten Produkte für andere Erzeugnisse besteht, die
für die Deckung des Bedarfes der Bevölkerung erforderlich sind.
Wenn irgendeine Nation innerhalb ihrer Landesgrenzen nicht
die Grundlagen für eine im großen und ganzen ausgeglichene Wirtschaft besitzt, so wird diese Nation unter diesen Umständen normalerweise daran gehindert, die höchstmögliche Befriedigung der
Bedürfnisse ihrer eigenen Bevölkerung zu erreichen und eine
stabile Prosperität zustande zu bringen. So müssen wir feststellen, daß emotionale Appelle, die sich für die Schaffung

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�"AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Schaffung einer vollständig unabhängigen nationalen Existenz aussprechen, mit dem gleichermaßen vorhandenen Wunsch nach einem höheren Lehensstandard in Konflikt geraten können.
Dieser Konflikt wird häufig verkannt, so klar erkennbar er
auch eigentlich ist. Aber selbst die Produktivität und der Wohlstand unseres großen Landes würden verschwinden, wenn unsere
Bundesstaaten 48 unabhängige Nationen wären, die politische
und wirtschaftliche Schranken an allen ihren Grenzen errichten und
jeden Verkehr von Gütern, Menschen und Informationen verhindern
oder erschweren würden.
Wir müssen uns selbst die Frage vorlegen» Wie können wir
zugleich das starke Verlangen der Völker nach einer .
unabhängigen, selbständigen Existenz und das Bedürfnis für eine
wirtschaftliche Union oder wenigstens eine wirkungsvolle Zusammenarbeit der Nationen untereinander befriedigen helfen?
Diese Frage ist für jede Nation von lebenswichtiger Bedeutung.
Unglück, Unruhe und Unzufriedenheit, wie sie durch einen deprimierenden Lebensstandard verursacht werden, können genauso akut sein,
wie wenn sie durch politische Ungerechtigkeit verursacht sind. Eine
in irgendeinem Teil der Welt über längere Zeit bestehende Unzufriedenheit kann zu politischen Erschütterungen und einer schweren
weltweiten Krise führen. In den kommunistischen Ländern wird dieses Problem durch Zwangsmethoden gelöst.
I

Aber eine wirksame Zusammenarbeit ist unter freien Nationen
nicht leicht zu erreichen. Gestatten Sie mir, durch ein Beispiel
die Schwierigkeit aufzuzeigen, die unter freien Völkern hinsichtlich des Fortschrittes zu einer derartigen Union besteht.
Die Staatsmänner in Westeuropa sind sich seit langem bewußt,
daß nur durch eine umfassende und wirksame Zusammenarbeit unter
den westeuropäischen Nationen eine echte Sicherheit für alle zu
finden ist. Sie wissen, daß e'ne wirkliche Vereinigung der nebeneinander bestehenden Länder diese Gesamtheit von 250 Millionen
hochzivilisierter Menschen zu einer mächtigen Säule der freiheitlichen Stärke in der modernen Welt machen würde. Freie vereinigte
Staaten von Europa würden durch das Geschick und Können ihrer
Bevölkerung stark sein, über entsprechende materielle Hilfsquellen
verfügen und auf ein reiches gern insames kulturelles und künstlerisches Erbe zurückgreifen können. Sie würden eine außerordentlich
blühende Gemeinschaft darstellen.
Ohne einen solchen Zusammenschluß könnte in Europa die Geschichte des vergangenen halben Jahrhunderts zu einer traurigen
Wiederholung werden und möglicherweise zu der schließlichen Zerstörung aller der Werte führen, die diesen Völkern an teuersten
sind. Mit einem Zusammenschluß würde für Europa und für die freie
Welt eine neue Sonne der Hoffnung, der Sicherheit und des Vertrauens sheinen.
Warum
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�"AMERIKA DIENST"

30. Hai 1956

Warum nun ist dieses große Ziel von so intelligenten Völkern
nicht erreicht worden? Die Hauptgründe sind ganz einfach: Erstens
setzt jede Nation ihren großen Stolz darein, getrennt für sich zu
existieren; zweitens ist es die große Furcht, in einer solchen Einheit die hochgeschätzten völkischen Traditionen und die kulturellen
und politischen Institutionen zu verlieren - und vorübergehende
wirtschaftliche Rückschläge zu erleiden. Wir erkennen natürlich das
Gewicht derartiger Erwägungen an - und sind daher geduldig -, selbst
wenn die Geschichte dieses größten unserer Staaten, der USA, die Befürchtungen zerstreut, die in so starkem Maße in Europa zutage treten.
Ein weiteres Hindernis für die europäische Einheit ist der Umstand, daß die Völker als Ganzes die politischen, wirtschaftlichen und
sicherheitsmäßigen Vorteile einer Einigung auf lange Sicht nicht
eingesehen haben. Dies sind Dinge, die nicht für eine die Gemüter
bewegende Ansprache anläßlich eines Feiertages passen. Sie können
nur durch Gedankenarbeit, durch Klugheit und fast - so möchten wir
sagen - durch Gebete gelöst werden.
Trotzdem sind glücklicherweise viele Fortschritte erzielt worden.
Vor Jahren haben unsere europäischen Partner angefangen, zu planen
und zu handeln. Wo immer möglich, hat unser Land dabei Hilfe gewährt,
weil unsere eigene künftige Sicherheit und Prosperität unzertrennlich
mit jener unserer europäischen Freunde verbunden ist. Es wurde der
Brüsseler Pakt geschlossen, es wurden die Organisationen für die
Europäische Wirtschaftliche Zusammenarbeit, die Europäische Zahlungsunion, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl und der
Europarat gebildet. Die Nordatlantikpaktorganisation (NATO), obwohl
eine Organisation, die mehr Gebiete als Westeuropa umfaßt, schuf den
gemeinsamen Mechanismus für eine größere Sicherheit dieses Gebietes.
Alle diese Organisationen wurden ins Leben gerufen, um dringende Probleme gemeinsam zu lösen.
Trotz Rückschlägen und Schwierigkeiten haben diese Gremien mit
ständig wachsender Wirksamkeit gearbeitet. So scheint heute die Europäische Union, einer der größten Träume der westlichen Menschheit,
näher gerückt zu sein als jemals zuvor in Jahrhunderten - jener Union,
die für die Zukunft unserer europäischen Freunde sowie für die Mehrung
und Stärkung der Freiheit so große Verheißungen mit sich bringt.
Auf einer größeren geographischen Ebene arbeiten die Mitglieder
der atlantischen Gemeinschaft auf zahlreichen verschiedenen Wegen und
über viele verschiedene Organisationen zusammen. Eine derartige Zusammenarbeit kann jedoch nutzbringend weiter entwickelt werden. Auf
der NATO-Tagung vor mehreren Wochen wurde beschlossen, daß die Mitglieder der atlantischen Gemeinschaft "aktiv weitere Maßnahmen prüfen
sollten, die zu diesem Zeitpunkt zu einer wirksameren Forderung ihrer
gemeinsamen Interessen ergriffen werden könnten". Sie nominierten einen
aus drei Außenministern bestehenden Ausschuß, der "Mittel und Wege zur
Verbesserung und Ausweitung der Zusammenarbeit auf nichtmilitärischen
Gebieten sowie zur Entwicklung einer größeren Einheit innerhalb der
atlantischen Gemeinschaft" vorschlagen soll.
In

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�'AMERIKA DIENST"

50. Mai 1956

In diesem Bemühen findet die Wahrheit ihre Anerkennung, daß alle
Völker der freien Welt lernen müssen, wirksamer an der Lösung unserer
gemeinsamen Probleme mitzuarbeiten, wenn der Kampf um die Freiheit
des Menschen gewonnen werden soll. Unter gleichen Partnern, die sich
an die Durchführung einer schwierigen Aufgabe machen, ist die Zusammenarbeit durch nichts zu ersetzen.
Es ist für alle von uns eine große Befriedigung zu wissen, daß
Senator V/alter George sich bereit erklärt hat, als mein persönlicher
Vertreter und Sonderbotschafter für diese neue Entwicklung der atlantischen Gemeinschaft zu arbeiten. Nichts könnte für die ausschlaggebende Bedeutung dieses Projektes stärker Zeugnis ablegen, als die
Bereitschaft Senator Georges, diese Aufgabe zu übernehmen.
Wir müssen geduldig, aber beharrlich weiterarbeiten. Wir
müssen dem Verlangen der Menschheit nach Freiheit und Brot Rechnung
tragen. Wir müssen uns der Würde aller Menschen wie auch der Macht
einiger Männer bewußt sein. Dann werden schließlich Recht und Gerechtigkeit über Selbstsucht und Gewalt triumphieren.
Der Verantwortung für die Verwirklichung des amerikanischen
Beitrages zur Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit kann
man nicht an einem Schreibtisch und in einem Regierungsbüro gerecht
werden. Man kann ihr jedoch gerecht werden, wenn alle von uns in und
außerhalb der Regierung gemeinsame Anstrengungen unternehmen, wenn
alle das notwendige Verständnis dafür aufzubringen suchen, daß jedes
internationale Problem in Wirklichkeit ein menschliches Problem ist.
Sie, die Sie jetzt diese bedeutsame Bildungsstätte verlassen, sind
in einer besonders günstigen Lage, die Führung bei der Entwicklung
dieser Art von Denken und Verstehen zu übernehmen.
Sie schulden es sich selbst und Ihrem Vaterland, weiterhin die
großen internationalen Fragen unserer Tage zu studieren und kritisch
zu analysieren. Sie können sich mit gleichgesinnten Männern und Frauen
der zahlreichen freiwilligen Organisationen zusammentun, die den Kontakt von Volk zu Volk auf der Welt pflegen. Durch Ihre Mitwirkung
werden die dornigen Probleme unserer Zeit von vielen Gesichtspunkten
her untersucht. Von vielen Wegen aus werden Lösungen erdacht. Die schö
ferische Phantasie erhält neue Impulse. Das gegenseitige Verständnis
wird gefördert.
Daher wird jeder denkende Mensch begreifen lernen, daß die Zukunft unseres Landes heller wird, wenn sich das Los der übrigen Mensch
heit verbessert und daß kein Volk auf lange Sicht blühen und gedeihen
kann, wenn sich nicht auch die Welt einer steigenden Prosperität
erfreut.
Wir müssen in der Tat Partner für Frieden, Freiheit und Prosperität sein, wenn diese Worte genauso zu Leistungen führen sollen wie sie
ein Wunschbild zum Ausdruck bringen.
Die

�AMERIKA DIENST"

39- Mai 1956

Die Außenpolitik dieser Republik muß - wenn sie den unverrückbaren Zielen und dem für die Vereinigten Staaten Guten dienen
soll - stets auf diesen Grundwahrheiten basieren und damit die von
der Vernunft getragenen Interessen des gesamten amerikanischen
Volkes zum Ausdruck bringen.
Zweifellos wurden die von den Vereinigten Staaten in diesem
Jahrhundert ergriffenen grundlegenden außenpolitischen Maßnahmen
in dieser V/eise entwickelt. Sie sind nicht das Gedankengut einer
bestimmten politischen Partei - sie sind amerikanisch. Diese Maßnahmen reichen von unserer Unterstützung der Organisation der
amerikanischen Staaten (OAS) bis zu unserer Mitgliedschaft bei
den Vereinten Nationen und unserem derzeitigen Programm der Partnerschaft und Unterstützung.
Gerade durch ihren Umfang stellen die Vereinten Nationen eine
einzigartige Gemeinschaft dar, innerhalb deren Nationen der verschiedenartigsten politischen Färbung und Lebensanschauung ihren
Platz haben. Die kleineren Gruppierungen, denen die USA als Mitglied
angehören, sind durch die Achtung vor den gemeinsamen Werten und
Grundsätzen zusammengeschweißt. Sie stimmen selbstverständlich mit
der Charta der Vereinten Nationen überein. Aber die Gleichheit, die
in jeder Organisation hinsichtlich des hinter ihr stehenden Interesses
oder der Zielsetzungen besteht, welche die Mitgliedschaft und die begrenzte geographische Reichweite charakterisierten, innerhalb deren die Organisation arbeitet, sichert eine wirkungsvollere Ausübung ihrer Funktionen zu,als dies in einer so großen Gruppierung wie den Vereinten Nationen möglich wäre.
V/ir werden uns weiterhin den Vereinten Nationen gegenüber
loyal verhalten. Aber wir sollten zur gleichen Zeit unsere anderen
internationalen Vereinigungen weiter ausweiten und stärken.
Obwohl einige von ihnen erst seit wenigen Jahren bestehen,
sind sie bereits zu allgemein bekannten Begriffen geworden, die
als große Beiträge für den Wohlstand und die Sicherheit der betreffenden Gebiete der freien Welt - und auch für uuseren eigenen
Wohlstand und unsere Sicherheit - anerkannt werden.
Und doch gibt es keine hundertprozentige Antwort auf irgendeines
unserer internationalen Probleme. Auch die NATO muß so betrachtet werden.
Ein geeintes Westeuropa mag vielleicht immer noch fern in der Zukunft liegen. Trotzdem ist die NATO eine große Allianz, die reich an
menschlichen und natürlichen Hilfsquellen ist. Aber dieser große Länderkomplex kann sich selbst weder allein erhalten noch versorgen. Seine
Freiheit, sein Wohlstand und seine Sicherheit sind untrennbar mit der
Freiheit, dem Wohlstand und der Sicherheit zahlreicher anderer Nationen
- alter und neuer und auch solcher, die erst noch entstehen werden verknüpft - Völkern, die einen noch weit größeren Teil der Erde bewohnen.
Innerhalb dieser Gemeinschaft der Freiheit genießen alle ein weit größeres Maß an Unabhängigkeit, Wohlstand und Sicherheit, wenn sie sich alle
anschließen, so daßt
der
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�50. Mai 1956

AMERIKA DIENST"

der gemeinsame Handel gestärkt wird, die legitimen politischen
und wirtschaftlichen Wünsche gefördert und die kulturellen Traditionen
geachtet werden.
Die Schwierigkeiten und das Unglück der Schwächeren werden
durch die Hilfe der Stärkeren gemildert. Rückständigkeit oder Kleinlichkeit können bei der Verwirklichung dieser Wahrheit nur zu größeren Risiken und größeren Kosten - zu weit größeren Kosten für uns
führen.
Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie Fortschritte auf diesen
vier Wegen erzielt werden können. Der erste, über den ich ausführlicher gesprochen habe, ist die Notwendigkeit, innerhalb unseres
eigenen Volkes ein größeres und umfassenderes Verständnis zu schaffen. Der nächste ist, daß die Völker der übrigen Länder durch ähnliche Studien und Gedanken zusammen mit uns die Notwendigkeit für
diese Art der Zusammenarbeit anerkennen müssen. Dies allein schon
ist nicht ganz einfach. Zahlreiche Nationen, deren Kultur zwar
alt und reich an menschlichen Werten ist, verfügen nicht über die
Hilfsmittel, um ihrer Bevölkerung die notwendige Ausbildung zuteil
werden zu lassen. Aber sie können eine Hilfe klug ausnutzen, die
ihre Traditionen und Lebensformen respektiert.
Die gesamte freie Welt würde zum Beispiel stärker dastehen,
wenn es ausreichende moderne technische und wissenschaftliche Institutionen in Gebieten gäbe, wo der Hunger nach Wissen und die
Fähigkeit, dieses Wissen einzusetzer., nicht gestillt sind, weil
die Erziehungseinrichtungen oft nicht dem vorhandenen Bedarf entsprechen.
Stehen wir hier nicht einer würdigen Aufgabe für die Universitäten Amerikas und die von ihnen ausgebildeten jungen Menschen
gegenüber? Ich bin der festen Überzeugung, daß die Aussichten für
eine friedliche und glückliche Welt wesentlich verbessert werden
würden, wenn einige oder alle unserer großen Universitäten, die von
den zahlreichen bestehenden privaten Stiftungen finanziert werden,
von Stiftungen, die von dem Eifer und den Impulsen gebildeter
Amerikaner entzündet sind, sich dieser Aufgabe widmen würden.
Der Zweck dieser Institutionen sollte niemals darin bestehen,
die Haltung, die Formen und die amerikanischen Lebensgewohnheiten
in ein anderes Gebiet zu verpflanzen. Die personelle Besetzung,
das Niveau, der Lehrplan jeder Schule würde der Verantwortung des
Volkes unterliegen, in dessen Land diese Anstalt errichtet werden
würde. Jede dieser Schulen würde der jeweiligen Nation bei der
Entwicklung ihrer menschlichen und natürlichen Hilfsquellen helfen
und darüber hinaus ein geistiges Geben und Nehmen ermöglichen. Wir
würden aus den unschätzbaren Werten der Tradition und dem stolzen
Erbe eines anderen Volkes neues Wissen und neue Weisheit gewinnen.
Jenes Volk würde hinwiederum seine Kenntnis auf technischem und
wissenschaftlichem Gebiet vertiefen, auf einem Gebiet also, wo wir
früher angefangen haben zu arbeiten.
_.

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�AMERIKA DIENST

JO,

Mai 1956

Ein derartiges aus freien Stücken erfolgendes Bemühen in einer
Partnerschaft von Volk zu Volk würde einen dynamischen und fruchtbaren
Beitrag zu den drei Elementen bilden, die in der von unserer Regierung
befolgten Außenpolitik bereits bestimmend am Werke sind: zu unserem
"Atome-für-den-Frieden"-Programm; zu unsern Bemühungen um die Schaffung
eines Klimas, in dem eine weltweite Abrüstung gedeihen kann und zu
unserer seit langem betriebenen Kampagne um den Austausch von Wissen
und auf Tatsachen beruhenden Informationen zwischen den Völkern.
Zielsetzungen und Projekte, wie die soeben angeführten - von
Republikanern und Demokraten formuliert -, sind Teile einer umfassenden Anstrengung, um den Bedürfnissen der Gegenwart und Zukunft
gerecht zu werden und die Probleme in dem von der Vernunft getragenen
Eigeninteresse der Vereinigten Staaten zu lösen. Dabei werden unsere
globalen Interessen auf allen Kontinenten und allen Ozeanen in Rechnung gestellt.
Es handelt sich hierbei nicht um aufs Geratewohl oder als Notbehelf ergriffene Maßnahmen zur Überwindung kurzlebiger akuter Krisen - seien diese nun groß, klein oder nur imaginärer Art.
Sie bilden vielmehr eine Basis für die Entwicklung einer stabilen,
blühenden und in Frieden lebenden Welt. Unsere Außenpolitik - so sehr
sie sich auch unmittelbar mit diesem und dem nächsten Jahr befaßt ist ein realistischer Weg zu einer besseren Welt für alle im Jahre 19&amp;6,
1976 und 1996.
Die von mir umrissenen grundlegenden politischen Zielsetzungen
entsprechen den Aspirationen derjenigen, die unsere Republik gegründet
haben. Diesen Zielen wird klar gedient, wenn wir bei uns selbst die
Bedingungen festigen und sichern, unter denen dieses System der Freiheit existieren kann und unter denen ein fruchtbarer Boden für seine
Aufnahme und Weiterentwicklung bereitet wird.
Daher sind unsere Sicherheit und unsere Zielsetzungen mit der
Sicherheit und den Zielsetzungen zahlreicher freiheitsliebender Völker
verbunden. Es ist unnütz, mit ihnen über gemeinsame Interessen ir bezug
auf die Verteidigung zu sprechen, ohne dabei die gemeinsamen Interessen
in bezug auf das anzuerkennen, was verteidigt werden soll.
Die Sicherheit kann nicht durch Waffen allein erreicht werden,
ganz gleich welche Zerstörungskraft diese Waffen besitzen oder in
welcher Menge sie zur Verfügung stehen.
So ist es heute von lebenswichtiger Bedeutung, daß wir und die
anderen die Wege entdecken und weiter verfolgen, durch die kulturelle
und wirtschaftliche Hilfe für die Stärke, Stabilität und Solidarität
der freien Welt mehr als nur militärische Maßnahmen bedeuten.

Ihr

�^'AMERIKA DIENST"

30. Mai 1956

Ihr Jahrgang muß wie alle Amerikaner gemäß den Geboten
der Gegenwart handeln. Zur gle chen Zeit sollten Sie besonders
in den Begriffen der Jahre den'/.en, die jetzt noch so weit entfernt
zu liegen scheinen.
Vom heutigen Tage an wird sich der Einfluß der Männer und
Frauen Ihres Alters auf unsere Entwicklung in den USA und im Ausland in immer stärkerem Ausmaß bemerkbar machen. Es ist vernünftig,
wenn Sie sich unverzüglich Gedanken über unsere Republik und die
Welt, die sie umgibt, machen.
n können Sie für die Art des
Vaterlandes und der Welt arbeiten, die Sie für Ihre Kinder und
Kindeskinder als Heimat haben wollen.
In dem Ihnen überkommenen Erbe liegen die dynamischen
Prinzipien, die große Zukunftsvisionen in der Menschheit wachgerufen haben. Sie verfügen in Ihren Herzen und Ihrem Geist über
die Mittel, um die Augen der Männer und Frauen über den öden und
trostlosen Horizont des Hasses, der Furcht und der Hoffnungslosigkeit zu erheben.
Denn Sie, meine Freunde von der Baylor-Universität, als
Texaner und Amerikaner in Ihrem Glauben an die Bruderschaft
aller Menschen und in die Rechte des Menschen auf Freiheit - gemeinsam mit all den Millionen opferbereiter Männer und Frauen in
den USA und in Partnerschaft mit vielen Hundert Millionen gleichgesinnter Menschen auf der Welt - verbunden, Sie verkörpern die
gewaltigste zur Zeit auf Erden existierende Kraft.

* * * * *

- 11 -

�A M E R I K A

D I E N S T

VrrAiiLj;-im 1956

Teil

II:
Der Kongreß der Vereinigten S t a a t e n

ieite

1

Die Rolle der Staatsgouverneure
in den USA

Seite

5

* * #

�"AMERIKA DIENST"

9. Mai

1956

DER KONGRESS DER VEREINIGTEN STAATEN

( 110 seilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Herrschaft des Volkes in den Vereinigten
Staaten beruht auf dem Recht der Bevölkerung, über politische Fragen
und Kandidaten frei abzustimmen und mit den führenden Persönlichkeiten der Exekutive und Legislative auch den jeweiligen Kurs auf innenwie außenpolitischem Gebiet selbst zu wählen.
Deshalb ist 1956,- im Jahr der Präsidentenwahl, die Wahl von Kitgliedern des amerikanischen Kongresses ebenfalls von eminenter Bedeutung, da diese Mitglieder ja die direkten Vertreter des Volkes in
jener Körperschaft sind, die die Gesetze erläßt und ihre Durchführung
ermöglicht.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten setzt sich aus zwei Körperschaften zusammen - aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus. Diese
Zusammensetzung, die durch die Verfassung vorgeschrieben wird, ist
dazu bestimmt, für eine vollständige und gerechte Volksvertretung
jedes der 48 Staaten zu sorgen. Der Zweck dieser Vorschrift wird
durch ein System erreicht, das jedem Staat als Ganzem ebenso wie
dem Lokalbereich eine seiner Bevölkerungszahl angemessene Vertretung
gewährleistet.
Der Senat hat 96 Mitglieder, das heißt zwei aus jedem Staat,
ohne Rücksicht auf dessen Ausdehnung oder Bevölkerungsdichte; jeder
der Senatoren wird auf sechs Jahre gewählt. Im Repräsentantenhaus dagegen sind die Staaten gemäß ihrer Einwohnerzahl vertreten. Die 435
Sitze, über die es verfügt, sind unter den 43 Staaten auf Grund der
bei der jeweils letzten Volkszählung ermittelten Zahlen prozentual
aufgeteilt. So entsendet zum Beispiel der Staat New York mit seinen
15 Millionen Einwohnern 43 Abgeordnete; die dünnbesiedelten Staaten
Delaware, Nevada, Vermont und Wyoming wiederum sind nur durch je einen
Abgeordneten vertreten. Das Mandat für das Repräsentantenhaus erstreckt
sich über zwei Jahre.
Ein Kandidat für den Senat muß mindestens 30 Jahre alt sein, wenigstens neun Jahre lang die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen und

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�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

und seinen Wohnsitz in dem Staat haben, für den er aufgestellt werden
will. Die Mitglieder des Repräsentantenhauses aber müssen mindestens
25 Jahre alt und seit sieben Jahren Bürger der Vereinigten Staaten
sein. Es ist die Regel, daß die Kongreßabgeordneten ihren Wohnsitz in
dem von ihnen vertretenen Staat beziehungsweise Wahldistrikt haben.
Die Mandatsbezirke selbst sind Unterteilungen, die innerhalb der
Staaten nach rein politischen Gesichtspunkten vorgenommen und als
"aneinandergrenzende und zusammenhängende Gebiete mit möglichst gleicher Einwohnerzahl" definiert werden. Jeder Bezirk, dessen Grenzen
durch den betreffenden Staat gesetzlich festgelegt sind, erfaßt durchschnittlich 318 000 Personen.
Die sechs Jahre, die das Mandat eines Senators währt, geben diesem Zeit genug, sich eine reiche Arbeitserfahrung anzueignen und sich
mehrere Jahre voll und ganz öffentlichen Angelegenheiten zu widmen,
ohne bis kurz vor Ablauf des Mandats sich um eine eventuelle Wiederwahl bemühen zu müssen. Diese Faktoren tragen weitgehend zur Stabilität und Kontinuität der für die Gesetzgebung maßgeblichen Kammer bei
und erfüllen damit genau den Zweck, den die Urheber der Verfassung
durch diese Maßnahme ja auch beabsichtigten.
Die Kontinuität der Senatsarbeit ist ferner durch das System gewährleistet, nach dem die Senatoren gewählt werden und ihr Amt ausüben. Nach Ablauf von zwei Jahren erlischt jeweils ein Drittel der
Mandate, so daß bei jeder Kongreßwahl, die alle zwei Jahre stattfindet, 32 Senatoren neu gewählt werden müssen. Wird jedoch durch Tod
oder Krankheit eines Senators ein Mandat vorzeitig frei, so wird durch
den Gouverneur des betreffenden Staates ein Ersatzmann ernannt, der
so lange dieses Amt ausübt, bis das zuständige Parlament die Abhaltung
einer Wahl verfügt.
Da der Senat demgemäß eine kontinuierliche Körperschaft ist, von
der etwa zwei Drittel der Mitglieder mindestens zwei Jahre, meistens
aber sogar noch länger, ständig zusammen gearbeitet haben, gewinnen
gewisse Präzedenzfälle und Traditionen für die zu treffenden Entscheidungen im Lauf der Jahre eine zunehmende Bedeutung.
Die Wahl der Mitglieder des Repräsentantenhauses erfolgt nach
einem anderen System. Da ihre Amtszeit bereits nach zwei Jahren abläuft

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�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

abläuft, können beziehungsweise müssen sich die Abgeordneten am Ende
dieser Periode in ihrem jeweiligen Distrikt erneut den Wählern stellen,
die durch Stimmenabgabe über deren Wiederwahl entscheiden. Die Wahlen
sowohl für die Senatoren als auch für die Mitglieder des Repräsentantenhauses finden jeweils in Jahren mit geraden Endziffern - beispielsweise 1956, 1958 - statt.
Diese in der Verfassung festgelegte Wahlperiode von nur zwei
Jahren für die Mitglieder des Repräsentantenhauses soll den Wählern
möglichst häufig Gelegenheit geben, ihre Zustimmung oder Mißbilligung
in bezug auf die von der Mehrzahl der direkt gewählten Volksvertreter
geleistete Arbeit auf entscheidende Weise auszudrücken. Zu der Zeit,
als die amerikanische Verfassung schriftlich niedergelegt wurde, war
man sogar überzeugt, daß "die Abschaffung jährlicher Neuwahlen den
Anfang der Gewaltherrschaft bedeute."
Ein solches Verfahren, bei dem sich jeder Volksvertreter schon
nach zwei Jahren erneut den Wählern stellen muß, bewährt sich sowohl
auf innen- wie auf außenpolitischem Gebiet heute nicht minder als in
früherer Zeit; es garantiert, daß der Wille des Volkes allein die
fundamentale Macht hinter der Regierung bleibt.
Bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen stimmt der Wähler
gleichzeitig auch für "seine" Kandidaten zum Senat und zum Repräsentantenhaus. Er ist dabei - wie bei allen Wahlen in den Vereinigten
Staaten - jedoch keineswegs verpflichtet, sich für die Kandidaten
nur einer Partei zu entscheiden. Es bleibt vielmehr seinem Ermessen
überlassen, ob er den Bewerber um den Senatorenposten aus der einen
und den Kandidaten für das Repräsentantenhaus aus der anderen Partei
nimmt. Die Abstimmung ist völlig geheim, und deshalb weiß außer ihm
auch niemand, für wen er seine Stimme tatsächlich abgegeben hat.
Deshalb ist es auch weiter kein Grund zur "Überraschung, wenn zum
Beispiel ein Staat einen republikanischen und einen demokratischen
Senator nach Washington zusammen mit republikanischen und demokratischen Abgeordneten ins Repräsentantenhaus schickt. Obgleich die
Parteizugehörigkeit im allgemeinen ein bedeutender, einflußreicher
Paktor für die Stimmenabgabe ist und daher den Ausgang vieler Wahlkämpfe entscheidend bestimmt, stellen 'Wähler wie Kandidaten oft einen
Grad von Unabhängigkeit zur Schau, der manchmal an sich schon determinierend ist.

_.
.
Niemand

�9. Mai 1956

"AMERIKA DIENST

Niemand aber kann einen Amerikaner - gleich welcher Parteirichtung - zwingen, einen Kandidaten in ein bestimmtes Amt zu wählen.
Ebensowenig ist der in ein Amt gewählte Kandidat gezwungen, sich blind
an die von der Führung seiner Partei gegebenen Richtlinien zu halten.
Wenn es gar um Probleme von nationaler oder internationaler Bedeutung geht, arbeiten häufig Senatoren und Abgeordnete als die Vertreter beider Parteien auf überparteilicher Grundlage zusammen, soweit
sie dies im nationalen Interesse für notwendig halten. Dieses Verfahren ist besonders in den letzten Jahren immer üblicher geworden.
Angesichts der gespannten weltpolitischen Lage, wie sie durch die
kommunistische Aggression verursacht wurde, und der daraus sich
ergebende! Notwendigkeit für entschlossenes und gemeinsames Handeln
haben sowohl Gesetzgeber als auch Wähler ihre Bereitschaft gezeigt,
selbst in wichtigen Dingen ihre Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen und zum Wohle aller zusammenzuarbeiten.

* * * * *

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�"AMERIKA PIEKST"

9. Mai 1956

DIE ROLLE DER STAATSGOUVERNEURE IN DEN USA
(85 Zeilen)
7/ASHINGTON - (AD) - Im Jahr der amerikanischen Präsidentschaftswahlen konzentriert sich das Interesse der Wähler erklärlicherweise
hauptsächlich auf die von den Republikanern und Demokraten nominierten
Kandidaten für das Präsidenten- und das Vizepräsidentenamt.
Trotzdem ist auch das Interesse am Ergebnis der gleichzeitig
stattfindenden Wahl der Staatsgouverneure natürlich außerordentlich
groß, da diese Männer - oder Frauen - die höchste Amtsgewalt der jeweiligen Staaten verkörpern. Sie sind politisch völlig unabhängig von
jedermann, selbst vom Präsidenten der Vereinigten Staaten - bloß nicht
von ihren eigenen Wählern. In nationalen Angelegenheiten können sie daher einen großen Einfluß ausüben, und tun es auch oft; ganz abgesehen
davon, daß ihr Amt zu einem Sprungbrett für das des Präsidenten werden
kann. So ist allein seit Beginn dieses Jahrhunderts, also in 56 Jahren,
da« Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten insgesamt nicht w*iiger
als 32 Jahre lang in den Händen ehemaliger Staatsgouverneure gewesen.
In diesem Jahre werden die Gouverneure von 30 Staaten sowie zahllose Staats-, Kreis- und Kommunalbeamte gewählt. Im Augenblick stehen
27 der Demokratischen Partei angehörende Gouverneure 21 republikanischen
Gouverneuren gegenüber. Dieses Verhältnis kann sich natürlich völlig
ändern, sobald die jetzt fälligen Wahlen in den 15 zur Zeit demokratisch
und 15 zur Zeit republikanisch regierten Staaten vorüber sind.
Die Grundbedingungen, die ein Bewerber um den Posten eines Staatsgouverneurs erfüllen muß, sind höchst einfach. Er muß Einwohner des betreffenden Staates, Bürger der Vereinigten Staaten und (mit Ausnahme
ganz weniger Staaten) mindestens 30 Jahre alt sein. Frauen können ebenfalls kandidieren und wurden auch schon mehrfach gewählt.
Dennoch ist der Gouverneur eines Staates keineswegs nur eine
Repräsentationsfigur. Als Träger der Amtsgewalt obliegt ihm unter
anderen verantwortungsvollen Aufgaben auch die, die Politik, die von
der, ebenfalls vom Volke gewählten gesetzgebenden Versammlung bestimmt
wird, durchzusetzen. Diese oft nicht bequeme oder gar angenehme Pflicht
wird ihm aber dadurch erleichtert, daß, zum mindesten in den meisten
Staaten, ein Gouverneur ausschließlich infolge schwerwiegender Vergehen
im Amte vor Ablauf seines Mandates abgesetzt werden kann. In der ganzen

�"AMERIKA SIEHST"

9. Mai 1956

ganzen Geschichte der Vereinigten Staaten ist ein derartiger Fall
bisher jedoch erst zwölfmal vorgekommen.
In einigen Staaten aber ist es gesetzlich möglich, die Abberufung eines Gouverneurs oder anderer Beamten mittels einer Petition,
die von einer bestimmten Anzahl von wahlberechtigten Personen unterzeichnet sein und gleichzeitig eine Sonderwahl fordern muß, auch aus
ganz anderen Gründen zu erreichen. In diesem Fall werden mehrere Kandidaten nominiert; erhält einer von ihnen mehr Stimmen als der bisherige
Gouverneur, dessen Rücktritt gefordert wird, dann muß er sein Amt an den
Sieger einer solchen Wahl abgeben, der es jedoch nur bis zum Abschluß
des ursprünglichen Mandats behält. Entsprechendes gilt auch für die
vorzeitige Abberufung anderer Beamten.
Diese Maßnahmen bieten die Gewähr dafür, daß es über einen Gouverneur keinerlei Kontrolle gibt außer der, die durch das Volk des von ihm
selbst regierten Staates ausgeübt wird.
In denjenigen Staaten, in denen die Gouverneurskandidaten in Vorwahlen direkt nominiert werden, kann jedes wahlberechtigte ordentliche
Mitglied einer politischen Partei ohne Mittelsmann für denjenigen aus
seiner Partei stimmen, den er - ganz gleich aus welchen Interessen als Gegenkandidat der anderen Partei zu sehen wünscht. In anderen Staaten
wiederum wird der jeweilige Kandidat für die Gouverneurswahlen bei einem
Konvent der Parteiorganisation des betreffenden Staates aufgestellt.
Die Amtsdauer der Gouverneure ist in den Verfassungen der verschiedenen amerikanischen Staaten nicht einheitlich festgelegt. Während
das Mandat in einigen Staaten vier Jahre läuft, währt es in anderen wenigstens vorläufig - it«r S M i * Aber auch in diesen Staaten neigt man
immer mehr dazu, die Amtszeit auf vier Jahre heraufzusetzen. In der Pegel kann ein Staatsgouverneur auch beliebig oft wiedergewählt werden;
nur in einigen amerikanischen Staaten ist verfassungsmäßig eine unmittelbare Wiederwahl des jeweiligen Gouverneurs nicht zulässig.
Die V/ahl der meisten Staatsbeamten ist natürlicherweise eine Angelegenheit von mehr kommunalem denn von nationalem Interesse. Aber Staatsgouverneure sind 3eamte von großer innenpolitischer Bedeutung, und daher
wird ihre Wahl auch häufig von rein innenpolitischen Erwägungen beeinflußt. So ist beispielsweise die Agrarpolitik der amerikanischen Bundesregierung und die wirtschaftliche Lage der Farmer geeignet, die Entscheidung für oder gegen einen Gouverneurskandidaten der Regierungspartei in Washington zu bestimmen. Das gleiche gilt für die Interessen

�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

Interessen der Arbeiterschaft, der Geschäftswelt und der Industrie.
Ungekehrt kann ein Gouverneur seinen Einfluß natürlich auch auf
hundespolitische Entscheidungen ausdehnen. Denn obgleich in den WestStaaten zum Beispiel alle derartigen Projekte zur Hochwasserbekämpfung,
künstlichen Bewässerung, Errichtung von V/asserkraftwerken und anderen
•hauptsächlich von der Bundesregierung finanziert und durchgeführt
werden, sind solche Großunternehmen - vor allem im Planungsstadium größtenteilr ja auf die Mitarbeit der Einzelstaaten angewiesen.
Gelegentlich kommt es selbstverständlich auch zu scharfen
Meinungsverschiedenheiten über einzelne, solche Vorhaben betreffenden
Fragen in den Staaten selbst. In diesen Fällen liegt es in erster Linie
am Gouverneur, die Entscheidung der Bundesregierung in Washington
durch eine entsprechende Stellungnahme zu beeinflusSan.
Infolge der zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen der
Bundesregierung und den Regierungen der Einzelstaaten auf Grund gemeinsamer Interessen besonders an sozialen Maßnahmen dürften die Gouverneurswahlen in diesem Herbst ein Spiegelbild der amerikanischen öffentlichen
Meinung in Angelegenheiten von keineswegs nur lokaler, sondern allgemein
innenpolitischer Bedeutung sein und eine dementsprechende Tragweite
besitzen.

* * * * *

*

- 7-

�A M E R I K A

WAHLJAHR

D I E N S T

1956

�WAHLJAHR -"956

Teil III
1.

W

Rol e

er p

itischen Parteien in den USA

Seite

1

2.

Die Bundes-Parte konvente in den Vereinigten
Seite

3

Seite

5

Seite

7

Seite

10

Meinung in den USA

Seite

13

7«

Der Primat der Außenpolitik

Seite

16

0.

Bildmaterial:

Staaten
3«

Der V/ah L

4.

Der geschieh liehe V/erdegang der amerikanischen
Parteien
Die R&lt;"11e der Minderheitsparteien im
politischen Leben Amerikas
Politische Parteien u d ofi'entli he

5.
6.

dzug

a)

Dwight D. Eisenhower während der großen
Wahlkampagne des Jahres 1952

b)

Adlai Stevenson, der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, während
des Wahlfeldzugs des Jahres 1952

c)

Vier amerikanische Bürger aus dem Mil ionenheer freiwilliger Helfer

d)

Auch die Jugend arbeitet mit

* * *

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE ROLLE DER POILTISCHEN FLRTEIEH IN DEN USA
WASHINGTON - (AD) - Die hundert Millionen wahlberechtigter
Manne
star

und Fr uen in den Ver

n'g en Staaten sind ein ungeheuer

r po'it scher Fak.or. Dies

bedeutende politische Macht, die

sie v rkörper , bedeute e je och wenig
sche

»

ohne die von den amerikani-

Parteien in wichtigen Fragen der Innen- und Außenpolitik immer

wieder an den Tag gelegte Einigk ' t. Obwohl die amerikanischen Parteien
kein anderes Mittel als

i.

berzeugung.-kraft haben, um die Wähler für

•ich zu gewinnen, sind sie doch diejenige

Instanz in den USA, die

Mei ung und Zielse zung der Bevölkerung auf innen- und außenpolitisch

, militärisch, m .'.nd sozia' irtschaftlichem Gebiet analysiert,

synone .isiert und im

ah"vr gramm vertritt. Sie sind der Beweis dafür,

daß ein demokratisches V ^lk sich sowohl der politischen und persön1 c er; Freiheit als auch einer ordentlichen Regierung erfreuen ka:~n.
Sc kam es, daß die Masse der amerikanischen Wähler am Tage d r
Vo 'ksentscheidung ihre S imme meist einer der großen Parteien gegeben
ha . Zwar gab es in der Zeit nach 1826 verschiedene unabhängige politische Bewegungen, die praktisch einer dritte:-. Partei gleichkamen,
d ch fanden diese in den meisten Fällen immer nur wenige Anhänger.
D es geht auch aus der Parteienstatistik hervor, die besagt, daß in
d n Jah en von 1928 bis 1948 keine der kleineren Parteien bei Präsidentschaf -swahlen nie mehr all 0,5 bis 2,5 Prozer.t der abgegebenen Stimmen
für sich buchen konnte, wenngleich sie auch mitunter stark genug waren,
um auf den Ausgang der Wahlen nicht ohne Wirkung zu bleiben.
Es "regiert" in den USA immer eine Partei, und sie trägt damit
die volle .'erantwortung für alles politisc/.e, wirtschaftliche und
soziale Geschehen, während li« andere bereitsteht, die gleiche Funktion
ebenso gewissenhaft und in ähnlicher Form zu übernehmen, wenn sie durch
die Wahl dazu berufen wird.
Mit die vielleicht wichtigsten Aufgaben der Parteien sind, das
amerikanische Volk über Gesetzesvorlagen, die dem Kongreß unterbreitet
werden, auf dem laufenden zu halten und es dazu anzuhalten, an den
Wahltagen tatsächlich und voll seiner staatsbürgerlichen Pflichten
zu genügen.

Die Vorlage von Gesetzentwürfen durch die verschiedenen
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni

1^6

verschiedenen politischen Parteien gibt der Wählerschaft Gelegenheit, die
be'derseitigen Standpunkte zu hör«] und daraus die eigen.: Meinung zu bilden.
Die Parteien der USA formulieren nicht nur die Wünsche und Forderungen ihrer Wählerschaft und stellen Regierungsprogramme auf, sondern wählen
und nominieren aus ihren Reihen auch Kandidaten für Ämter im öffentlichen
Diens'. V/ird ein Kandidat für eine solche Aufgabe eingesetzt, gilt die
Partei, die ihn in Vorschlag gebracht hat, als Garant dafür, daß die
Ausübung dieses Amtes ordnungsgemäß und zur allgemeinen Zufriedenheit
geschieht, darüber wachen sowohl die Partei, die zur Zeit "am Ruder"
ist, als auch die, deren Ziel es ist, aus der nächsten Wahl als Sieger
hervorzugehen.
Eine außerordentliche Bedeutung für die Vereinigten Staaten haben
die politischen Parteien auch dadurch, daß sie Millionen Menschen der
verschiedensten Rassen, Religionen, Kulturen und Berufsgruppen zusammenhalten .
Hinter jeder der amerikanischen Parteien stehen vier Gruppen von
Anhängern. Einmal sind es Personen, die einen großen Teil ihrer Zeit
der Parteiarbeit widmen

- Parteiführer und Organisatoren. Sie sind

ehrenamtliche und bezahlte Helfer sowie Anwärter und Inhaber von Ämtern
im öffentlichen Dienst. Dann folgt die zahlenmäßig stärkere Gruppe der
Mitglieder, die sich genau an die Parteilinie hält und sich aktiv einsetzt, wenn immer die Möglichkeit sich bietet. Die dritte Gruppe besteht
aus den Anhängern, die im allgemeinen mit den Auffassungen und der Arbeit
der Partei übereinstimmen, manchmal aber auch abweichender Ansicht sind,
kritisieren und gelegentlich sogar für den Kandidaten der Gegenpartei
stimmen. Schließlich gibt es noch die '.'/ahlberechtigten, die eine Partei
zwar manchmal aktiv unterstützen, aber sich nicht an sie gebunden fühlen
wollen und daher als "Unabhängige" gelten.
Kein Bürger der Vereinigten Staaten, der das Stimmrecht besitzt,
kann in irgendeiner Form gezwungen werden, sich einer dieser vier Gruppen
anzuschließen oder sich parteipolitisch zu betätigen. Die Parteien erheben keine Mitgliedsbeiträge, und niemand kann ausgeschlossen werden, es
sei denn, man sieht sich dazu veranlaßt, nach außen hin zu bekunden, daß
die Partei nicht länger gewillt ist, für den Inhaber eines öffentlichen
Amtes als "Garant'1 einzutreten.
Die meisten Amerikaner sind entweder Republikaner oder Demokraten,
aber wie viele Anhänger jede der beiden großen Parteien tatsächlich
hat, kann lediglich geschätzt werden, da es keine Mitgliedskarteien
gibt.
* * * * *
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"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE BÜNDES-PARTEIKONVENTE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
WASHINGTON -(AD) - Es war vor 124 Jahren, als auf dem Bundeskonvent einer der beiden großen amerikanischen Parteien der Plan
entstand, aus den Reihen der Teilnehmer Kandidaten für die höchsten,
durch Wahl zu besetzenden Ämter in den Vereinigten Staaten von Amerika
zu nominieren.
Der Vorschlag fand die allgemeine Zustimmung der Delegierten, und
so kam es auf diesem Bundeskonvent, der im Mai 1832 von den Demokraten
in Baltimore durchgeführt wurde, zum ersten Mal in der Geschichte der
USA zu einer Nominierung von Präsidentschaftskandidaten durch eine
Parteiversammlung. Einstimmig entschieden die Partei-Delegierten,
Andrew Jackson für eine zweite Amtsperiode als US-Präsident aufzustellen und als Vizepräsident Martin van Buren zu benennen. Damals
betrug die Bevölkerungszahl ier Vereinigten Staaten nicht wie heute
167 Millionen, sondern nur 13 Millionen Einwohner.
Dieses System der Kandidatenaufstellung ist seit jener Zeit beibehalten worden, und auch in diesem Jahr werden die beiden großen Parteien in den USA ihre Kandidaten für die am 6.November stattfindenden
Präsidentschaftswahlen wieder auf ihren Bundeskonventen nominieren,
die für die Republikaner am 20.August 1956 in San Francisco und für
die De-nokraten am 13 «August 1956 in Chicago abgehalten werden.
Die Einberufung und Durchführung der Konvente ist ausschließlich
Sache der Partei und in keiner V/eise an irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen gebunden. Auch die Unkosten werden zum größten Teil von den
Parteien selbst bestritten; allerdings helfen die Städte gerne mit
einer finanziellen Unterstützung, wenn solche Veranstaltungen in ihren
Mauern stattfinden.
Es sind immerhin 10 000 bis 15 000 Amerikaner und Amerikanerinnen,
die an einem Bundes- Parteikonvent teilnehmen. Sie alle versammeln sich
in einem riesigen Saal, der mit Fahnen, Spruchbändern und Bildern ausgeschmückt ist. Es gibt in den USA kaum eine andere große festliche Zusammenkunft oder Tagung, auf der man noch farbenfrohere Dekorationen,
noch mehr spannungsvolle Erwartung findet als auf den Bundeskonventen.
Nach der offiziellen Eröffnung durch den Parteivorsitzenden folgt
ein kurzes Gebet mit der Bitte um Gottes Segen für die wichtige Ent-

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Entscheidung, die getroffen werden muß. Danach singen alle Anwesenden die amerikanische Nationalhymne "The Star Spangled Banner", und
anschließend wählen die Delegierten unter den vom Bundesausschuß der
Partei vorgeschlagenen Mitgliedern einen Vorsitzenden für die gesamte
Dauer des Konvents. Die Aufstellung des engeren Mitarbeiterstabes
dieses Vorsitzenden erfolgt durch Ernennung.
Nachdem die einzelnen Partei-Ausschüsse Bericht erstattet haben
und allgemeine Fragen erörtert worden sind, geht der Konvent zu einem
der wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung über: die Vorlesung des
Partei-Programms. Durch diese öffentliche Erklärung über die Prinzipien und Ziele der Partei erhält jeder Wähler vor seiner Stimmenabgabe im November Gelegenheit, sich über die Stellungnahme der Partei
in innen- und außenpolitischen Fragen sowie über die von der Partei
vorgesehenen Maßnahmen zum Wohle der Allgemeinheit zu informieren.
Unmittelbar nach der Verlesung des Parteiprogramms kommt es
zum Höhepunkt des Konvents, der Nominierung der Kandidaten für das
Amt des Präsidenten und das Amt des Vizepräsidenten der Vereinigten
Staaten.
Gewöhnlich bringen die Delegierten in einzelnen Gruppen, die
sich in beliebiger Zahl zusammengefunden haben, je einen Kandidaten
zum Vorschlag. Aus den Reihen dieser Anwärter wird dann der endgültige
Kandidat der Partei gewählt, und zwar dadurch, daß die Leiter der
Delegationen der Einzelstaaten in alphabetischer Reihenfolge die
Hand erheben und angeben, wie viele Stimmen von ihrer Delegation
für jeden einzelnen Vorgeschlagenen abgegeben werden. Der Abstimmungsvorgang wird so lange wiederholt, bis einer der Delegierten eine klare
Stimmenmehrheit erhält. Meistens erfolgt dann die endgültige Nominierung
des Präsidentschaftskandidaten einstimmig, um nach außen die innere Einheit der Partei zu demonstrieren.
Der von der Partei für das Amt des Vizepräsidenten der USA aufgestellte Kandidat wird im allgemeinen durch führende Parteimitglieder ausgewählt, nachdem sie darüber mit dem eben gewählten Kandidaten für das
Amt des US-Präsidenten beraten haben. Diese Nominierung muß sowohl die
Billigung des Kandidaten für das Präsidentschaftsamt als auch der Partei
selbst finden, da die beiden höchsten Amter in den USA durch einen Wahlgang besetzt werden und die Partei auch den Wahlkampf für ihre beiden
Kandidaten gemeinsam führt. Zum Abschluß des Konvents wird die Entscheidung
über den Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten von allen Delegierten
gemeinsam gebilligt, und noch über einzelne Fragen von geringerer Bedeutung beraten. Die Bundeskonvente beider Parteien finden alle vier Jahre,
jeweils im Jahr der Präsidentschaftswahlen, statt.
* * * * *

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�"ALIERIKA DIENST"

6. Juni 1956
DER WAHLFELDZUG

(AD) - Schon ist die Kampagne zur Wahl des Präsidenten, des Vizepräsidenten und der Kongreßmitglieder für das Jahr 1956 in Amerika im
Gange. Ihren eigentlichen Impetus jedoch wird sie erst erhalten, wenn
die beiden großen Parteien, die Demokraten und die Republikaner, auf
ihren Partei-Konventen die Kandidaten für das Amt des Präsidenten sowie des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten aufgestellt haben.
Diese Konvente tagen im August, und im November findet dann die Wahl statt.
Immer mehr Bürger der Vereinigten Staaten neigen zu der Ansicht, daß
die Wahlkampagne, die sich von der Benennung der Kandidaten bis zur Wahl
über mehrere Monate erstreckt, eine zu starke Belastung für die Anwärter
auf die öffentlichen Ämter darstellt. Denn oftmals gehen die von den Parteien zur Nominierung ausersehenen Kandidaten schon lange vor dem Konvent
auf Wahlreisen, so daß sie nahezu ein Jahr ständig unterwegs sind. Das
bedeutet besonders für diejenigen, lie gegen eine starke Opposition antreten, daß sie in Hunderten von öffentlichen Versammlungen, über den
Rundfunk und im Fernsehen sprechen müssen.
So hat zum Beispiel Genera] Eisenhower in der Präsidentschaftskampagne des Jahres 1952 insgesamt 228 Ansprachen gehalten und annähernd
80 000 Kilometer zurückgelegt? und Gouverneur Stevenson ist mit 203 Reden und 52 000 Kilometer nicht weit hinter ihm zurückgeblieben. Dazu
kommen noch die sogenannten "whistle-stop Speeches" (Bahnsteigreden),
die beide Kandidaten in zahllosen kleineren Städten und Orten, die
sie auf ihren Wahlreisen passierten, sozusagen aus dem Stegreif halten
mußten.
Wohl wird der Kampf der beiden Kandidaten um das Amt des Präsidenten mit größter Leidenschaft geführt und mit gespanntester Aufmerksamkeit vom ganzen Volke verfolgt. Doch darf man nicht vergessen,
daß gleichzeitig Tausende von Kommunal-, Kreis- und Staatsbeamten
sowie ein Drittel der Senatoren und sämtliche

Mitglieder des Reprä-

sentantenhauses neu gewählt werden.
Die Wahlkampagne in Amerika ist zweifellos eine aufreibende
Angelegenheit. Aber sie dient auch manchem guten Zweck. Hier lernt der
Staatsbürger die von ihm mit einem öffentlichen Amt zu betrauenden Persönlichkeiten kennen. Hier stellt sich heraus, ob es Männer - oder
Frauen - mit einer echten, gefestigten politischen Überzeugung sind,

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

sind, fähig, den Rat anderer anzuhören, und sich doch eine eigene
Meinung zu ' ilden; ob es Persönlichkeiten mit Mut, klarem Verstand
und einwa dfrei m Charakter sind.
Unter den mannigfaltigen Anford.rangen und Belastungen der
Wahlkampagne zeigt es sich, aus we chem tfolz ein Kandidat geschnitzt
ist. Mag er sich nun um das Amt des Präsidenten, eines Senators oder
eines Abgeordneten bewerben - von allen Seiten dringt man auf ihn ein,
seine Ansichten über innenpolitische und internationale Fragen zu
äußern. Er muß sich mit der Außenpolitik, mit wirtschaftlichen und
sozialen Problemen befassen. Er muß den Standpunkt der führenden
Männer seiner Partei kennen. Er muß bereit sein, die traditionelle
Politik seiner Partei abzulehnen, wenn sie den Angehörigen seines
Wahlbezirkes nicht genehm ist und seiner eigenen Überzeugung widerspricht. Auf seinen Reisen durch seinen Wahlbezirk, seinen Staat oder
das ganze Land darf er sich nicht nur mit Politikern und führenden
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterhalten, sondern muß
versuchen, mit möglichst vielen einfachen Bürgern in Kontakt zu kommen,
um ihre Ansichten, ihre Sorgen und Nöte, die Schwierigkeiten ihrer
Heimatgemeinden kennen zu lernen.
All dies stürmt auf den Kandidaten während der Wahlkampagne ein.
Er muß diese Dinge verarbeiten und Stellung dazu nehmen. Und wenn er
die Punktion des von ihm angestrebten politischen Amtes richtig versteht, so wird er sich in seinem Denken und Handeln stets sowohl von
eigenen Erkenntnissen als auch von der Meinung des Volkes leiten
lassen - denn er ist sowohl Vertreter des Volkes als auch Führer.

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�AFRIKA DIENST"

6. Juni 1956

DER GESCHICHTLICHE WERDEGANG DER AMERIKANISCHEN PARTEIEN

(AD) - Im Laufe der 180jährigen Geschichte der Vereinigten
Staaten haben die beiden großen amerikanischen Parteien, deren An^
fange auf die Gründungszeit der Republik zurückreichen, sehr unterschiedliche Bezeichnungen geführt.
In den achtziger Jahren des 18.Jahrhunderts entwickelten sich
unter den Articles of Confederation - dem obersten Gesetz, das sich
die 13 amerikanischen Staaten vor der späteren Verfassung gegeben
hatten - zahlreiche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Handel und Gewerbe verlangten deshalb nach einer starken Zentralregierung. Sie bezeichneten sich selbst als Föderalisten im Gegensatz zu den Farmern
und Pflanzern, die Anti-Föderalisten. Die letzteren waren ganz zufrieden mit dem losen Zusammenschluß von Staaten, wie er unter den
Articles of Confederation bestand und wendeten sich deshalb gegen
eine Ratifizierung der Verfassung, die eine Stärkung der Zentralgewalt vorsah. Als sie mit ihrer Auffassung nicht durchdringen konnten
und in der diesbezüglichen politischen Auseinandersetzung den kürzeren
gezogen hatten, fanden sie sich schließlich mit der Verfassung ab und
lösten sich als politische Gruppe auf.
Die Föderalisten übten dann zwölf Jahre hindurch, während der
beiden Amtsperioden Washingtons und der von John Adams, die Kontrolle
über die Regierung aus; in diesem Zeitabschnitt konsolidierte sich
die Zentralregierung.
Bei der Landbevölkerung stießen die Föderalisten mit ihrem Regierungsprogramm auf wenig Gegenliebe. Die Farmer hatten das Gefühl
einer großen Benachteiligung durch das von den Föderalisten entwickelte Steuersystem. Aus diesem Grund scharte sich die Landbevölkerung um
Thomas Jefferson, der später der dritte Präsident der Vereinigten
Staaten werden sollte, und gründete die (Jeffersonsche) Republikanische Partei. Diese Kreise drängten auf buchstabentreue Einhaltung der
Verfassung und wandten sich gegen ihre sehr freizügige Auslegung im
Sinne einer Verstärkung der Befugnisse des Bundes.
Im Jahre 1798 erließen die Föderalisten Gesetze, die die Deportation "gefährlicher Ausländer" gestatteten und die Kritik an der Re-

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Regierung untersagten. Die Republikaner lehnten diese Gesetze als
verfassungswidrig ab and konnten bei den Präsidentschaftswahlen im
Jahre 1801 mit ihrer Parole von der Notwendigkeit einer Stärkung
der Rechte der Einzelstaaten ihren Kandidaten Thomas Jefferson
durchbringen. Das war der Anfang vom Ende der Föderalisten, deren
politischer Einfluß bald völlig aufhörte.
Mehr als ein Jahrzehnt lang nach dem Krieg gegen England
von 1812 bestand so etwas wie eine Einparteien-Regierung unter den
Republikanern. Doch bald bildeten sich innerhalb der Republikanischen Partei zwei Flügel heraus - die "alten Republikaner", die
an dem ursprünglichen Grundsatz einer strengen Begrenzung der Befugnisse der Bundesregierung festhielten und die "jungen Republikaner", die eine stärkeis Bundesregierung erstrebten.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1824 stand die Republikanische Partei allein im Wahlkampf, in dem sich vier ihrer führenden
Männer um die Präsidentschaft bewarben. John Quincy Adams behielt die
Oberhand über Andrew Jackson, der ebenfalls über eine starke Anhängerschaft verfügte. Aus diesem tyahlkampf entwickelte sich in den
zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein rechter Flügel,
die National-Republikaner (die Anhänger von Adams und späteren Whigs)
und ein linker Flügel, die sogenannten Demokratischen Republikaner
unter Jackson, die man bald nur noch die Demokraten nennen sollte.
Die Demokratische Partei unserer Tage stammt also aus der Zeit
der Wahl Jacksons zum Präsidenten im Jahr 1828, wenngleich ihre ersten
Anfänge und politischen Grundsätze auf Jefferson zurückgehen, den die
Demokraten den politischen Vater ihrer Partei nennen.
In den Jahren nach 1830 entwickelte sich aus den Reihen der
National-Republikaner die Partei der Whigs, die als Vertreter der
Interessen des Handels und des Gewerbes in Opposition zu Jackson trat.
In den Jahren 1840 und 1848 stellten die Whigs den Präsidenten. Über
der Sklavenfrage, die in den Jahren nach 1850 immer mehr in den Vordergrund trat, kam es dann zur Spaltung dieser Partei und zur schließlichen Auflösung.
Das Kansas-Nebraska-Gesetz vom Jahre 1854 erlaubte die Haltung
von Sklaven im nördlichen Trans-Mississippi-Territorium. Dieses Gesetz
wurde Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, und so zog im Jahre
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Jahre I854 eine Mehrheit von Parteilosen in den Kongreß ein, die
allgemein nur als Anti-Nebraska-Leute bezeichnet wurden und ihre
Aufgabe darin sahen, das genannte Gesetz zu Fall zu bringen.
Zusammen mit Whigs, die sich ebe Calla gegen die Sklaverei wandten,
bildeten sie die Republikanische Partei und wählten Abraham Lincoln
zum Präsidenten.
Als si .h im Jahre 1861 die Nord- und Südataaten über der Sklavenfrage entzweiten und der Süden im Sezessionskrieg die Loslösung von
der Union erstrebte, schlössen sich viele uniontreue Demokraten aus
dem Norden mit den Republikanern in der sogenannten "Verfassungs- und
Unions-Partei" (Constitutional Urion Party) zusammen, die allerdings
schon bald nach dem Krieg zu besteh n aufhörte, da sich ihre Mitglieder den Republikanern oder Demokrat &gt;n anschlössen.
Nach

em Jahre 1826 kam es zur Gründung mehrerer kleinerer Partei-

en, die zum Teil sogar eine wichtige Rolle in der örtlichen, regionalen
und nationalen Politik gespielt haben. Die meisten dieser Parteien bestanden aber nur kurze Zeit; dennoch ist ihr Einfluß nicht zu unterschätzen, sind ihre Mitglieder doch häufig den beiden großen Parteien
beigetreten und haben deren Politik mitgestaltet. In manchen Fällen ist
es kleineren Parteien sogar gelungen, so viel Stärke zu gewinnen, daß
sie die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen beeinfluSBem konnten.
Das Programm einer solchen kleineren Partei - der Populist Party wurde im Jahre I896 zum bestimmenden Element der amerikanischen Innenpolitik und lebt noch heute in der Demokratischen Partei weiter. Die
Demokraten haben damals ihren Kurs radikal geändert und sich die Auffassung der Populisten in

er Frage eines staatlichen Eingreifens in

die Wirtschaft im Intereaae des gesamten Volkes zu eigen gemacht.
In Wahljahren leg;.n die großen Parteien der Bevölkerung des Landes
ihr Wahlprogramm vor, ine Klärung bezüglich der Grundsätze und Vorhaben, für die sie im Falle pines Wahlsieges einzutreten beabsichtigen.
Diese Wahlpro^ramme unterteil ^den sich meist in innerpolitischen Fragen,
in den großen außenpolitischen Fragen sind sie jedoch im allgemeinen
ähnlich, gelegentlich s-»gar -öllig gleich.
Alles in allem genomme: . stellen die mehr als 100 Mill.Wähler in den
USA eine gewaltige Macht dar. Diese Macht aber würde zersplittert und durch
das Gegeneinander zahlreicher Kräfte wirkungslos werden, gäbe es nicht die
Parteien,die sie organisieren und auf ein Ziel ausrichten. Die Parteien
sind der Krist?llisationspun".t um den sich die Wähler scharen, um ihrem
politischen Willen ausdrack und Geltung zu verschaffen. Die Beleuchtung
der politischen Tagesiragen durch die Sprecher der Parteien ermöglicht es
dem Wähler, seine auf Kenntnis der politischen Fakten beruhende freie
Entscheidung zu treffen.
* * * * *

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�6. Juni 1956

"AMERIKA DIENST"
DIE ROLLE DE1! MINDERHEITSPARTEIEN IM
POLITISCHEN LEBEN AMERIKAS

(AD) — Wohl ist das Zwei-Parteien-System in den Vereinigten
Staaten seit den frühesten Tagen der jungen Republik fester Bestandteil der amerikarischen Regierungsform, und der Wille der Mehrheit bestimmt den politichen Kurs des Landes. Daneben aber hat es im Laufe der
Geschichte e ne ganze Reihe von Minderheitsparteien gegeben, die bei
den großen nationalen Wahlen die Unterstützung des Volkes für ihre
Wünsche und Ansichten zu gewinnen suchten, und so haben auch die Minderheiten von jeher einen starken formenden Einfluß auf das öffentliche
Leben Amerikas ausgeübt.
Bei diesen Minderheitsparteien handelte es sich niemals um ethnische, rassische oder religiöse Gruppen. Sie entstanden vielmehr stets
als Verfechter bestimmter praktischer Interessen und Grundsätze. Ihre
politische Skala reichte von d-r ;ußersten Rechten bis zur äußersten
Linken. Aus ihren Namen ist oft .ch n zu ersehen, wofür sie eintreten:
da gab es die Preimarrergegner, die Frei-Land-Bewegung, die Prohibitionisten, die Sozialisten, die Populisten und Kommunisten, die Arbeiterund die Arbeiter- und Bauernpart 1.
Die bedeutendste dieser kleinen Partei ~r war die Partei der Populisten, auch V lkspartei genannt, sie wu de an äßl'ch der Wahlkampagne
des Jahres 1892 ins Leben gerulen, besta d et a ein Jahrzehnt und verschwand dann wieder von der Bildfläche. An^aß zu ih er Entstehung war
die Unzufriedenheit der Landbevölk rungrai. der Wi t chaftspolitik
der beiden großen Parteien. Ihre Ziele wäre

f ei und unbegrenzte

Prägung von Gold- und Silbermünzen, b sohl u igte St igerung des Geldumlaufs, um den /nforderungen der wachsenden Indus r'e zu genügen,
Überführung von Eisenbahnen, Telegraph, Telephon und Lx htversorgung
in öffentlichen Besitz sowie unmittelbar

Wahl der S natoren durc

die

Wähler.
Dieses Programm fand einen überraschend starken W'de.hall in der
Bevölkerung. Bei den Präsidentenwahlen 1892 erh .elten die Populisten

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Populisten reichlich eine Million Stimmen. Vier Jahre später bildeten
sie einen gemeinsamen Block mit den Demokraten und konnten nahezu 6,5
Millionen Stimmen für sich erringen. Ihr Verschwinden ist im wesentlichen auf drei Ursachen zurückzuführen! den zunehmenden Wohlstand der
Farmer nach 1900, das Bündnis mit den Demokraten und vor allem auf
die Erfüllung der meisten ihrer Forderungen.
Die 1869 gegründete Prohibitionspartei konnte sich am längsten
behaupten. Sie kämpfte gegen die Legalisierung dea Alkoholhandels,
die sie als "einen Verstoß gegen die obersten Pflichten einer Regierung" bezeichnete. Ihren größten Erfolg errang diese Partei im Jahre
1892, als der von ihr aufgestellte Kandidat General Bidwell 270 00Q
Stimmen für sich buchen konnte.
Bisher ist es noch keiner Minderheitspartei gelungen, ihren Präsidentschaftskandidaten durchzubringen.
Ihr eigentliches Ziel ist es auch meist gar nicht, den Präsidenten
zu stellen; sie suchen vielmehr möglichst weite Kreise für ihre Ideen
zu gewinnen, und zwingen so die beiden großen Parteien, ihr Programm
weitgehend zu übernehmen, da sie auf die Stimmen der unabhängigen
Wähler nicht verzichten können. Auf diese Weise ist es diesen kleinen
Parteien oftmals gelungen, zumindest einen gewissen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen.
Aber nicht nur auf dem Wege über politische Parteien suchen die
Minderheiten in den USA ihren Einfluß geltend zu machen. Die Amerikaner
haben von dem in den ersten zehn Zusatzartikeln zur Verfassung - der
Bill of Rights - verankerten "Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Mißständen
zu ersuchen" seit jeher weitgehend Gebrauch gemacht. Manche Bewegung,
die von einer kleinen Gruppe ausging, hat schließlich so weite Kreise
erfaßt, daß sie die gesetzliche Verankerung der von ihr angestrebten
Ziele erreichen konnte. Man denke nur an die Bewegung für das Frauenwahlrecht, das Recht der Arbeiter auf gewerkschaftlichen Zusammenschluß,
das Verbot der Kinderarbeit sowie die Bestimmungen über den Verkauf
unverfälschter Lebensmittel und Medikamente.
Gelegentlich

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Gelegentlich arbeiten kleinere Gruppen, die die Verwirklichung
politischer Ziele anstreben, innerhalb der großen politisc-en Parteien.
Ein Beispiel hierfür waren die "Abolitionisten', die Gegner der Sklaverei,
die im vergangenen Jahrhundert über die Republikanische Partei die Abschaffung der Sklaverei anstrebten und erreichten. Oft genug aber besitzt eine ihrer Natur nach unpolitische Interessenvertretung genug
Stoßkraft, um in ihrem Sinne auf die öffentliche Meinung ei zuwirken
und üoer diese wiederum die Gesetzgebung ihres Einzelstaates oder der
Union zu beeinflussen. Zu den bekanntesten Vereinigungen die-er Art
gehören unter anderem der Amerikanische Bauernverband, der Amerikanische
Landwirtschaftliche Zentralverband, die erst kürzlich zusammengeschlossenen Gewerkschaftsverbände AFL und CIO, der Amerikanische Ärzteverband, der Verband Amerikanischer Bankiers, der Amerikanische Virband
für Bürgerrechte und der Rat der Christlichen Kirchen Amerikas.
So ist fast jede soziale, politische und wirtschaftliche In eressengruppe in den Vereinigten Staaten durch eine Gesellschaft ode^ einen
Verein vertreten. Diese Gruppen unterrichten die breite Öffentlichkeit
durch Versammlungen, Publikationen und Tagungen über die von ihnen vertretenen Ideen. Sie lassen Petitionen zirkulieren und regen die Öffentlichkeit an, zu den in Vorbereitung befindlichen Gesetzen Stellung

u

nehmen und den Kongreß über ihre Ansichten zu informieren.
Viele dierer Vereinigungen haben auch ihre bezahlten Agenten, &lt;ie
sogenannten "Lobbyisten", die in den Wandelhallen (Lobby) des Kongreßgebäudes die Abgeordneten oder Senatoren für ihre Sache zu gewinnen
suchen. Die Tätigkeit dieser Lobbyisten, ihre Befugnisse und Rechte,
sind gesetzlich genau festgelegt. Sie werden häufig auch vor Kongreßausschü se geladen, um sachdienliche Auskünfte zu den ge &gt;1&lt;nten gesetzgeberischen Maßnahmen zu machen. Sie versorgen die Kongreßmitglieder
gegebenenfalls mit dem Tür den Er aß - oder die Unterbindung - ei-es
Gesetzes erforderlichen Tatsachenmaterial.
Dieses wechselseitige Kräftespiel der verschiedenen Verbände und
Gesellschaften, die jeweil

über einen starken Rückhalt m

den einzel-

nen Bevölkerungsschichten ve'fügen, trägt wesentlich zur Sicherung und
Erhaltung der demokratischen Staa sform in den USA bei.
*

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•

•

•

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�AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

POLITISCHE PARTEIEN UND ÖFFENTLICHE MEINUNG IN DEN USA

(AD) —

In

eder

'emokr- ie stellt die öffentliche Meinung die

Macht dar, die hinter de

R gie

ng steht. In den Vereinigten Staaten

jedoch ist wegen d'-s Umfangs der B

. erung so

e der großen Zahl der

in ihrer Haltu g stark vo ei ander abwei henden Gruppen und verschiedenartige

teressen

&gt;r j

e

ige Standpunkt der öffentlichen Mei-

1

nung nich ; leich

rora s abzu chätz n.

Die pol: t-sehr-

Pa te

sind in den

ere'nigten Staate1" aus dem

Bestreben der Staat»bü -ger erwa h en, gern 1 sare Grundlagen herauszu'nden, auf dener
s

'ie v e ~&gt;n v rs h^ed n n Gruppen zu einer uberein-

mmung gelangen .md dann t d e

eg-erung durch die Zustimmung der

Reg'' &gt;rten sichern kc mer .
In der amer'kanischen Ve~ fas^ung werder pol't -che Parteien überhaup

nicht erwähnt. Dennoch ha en s'e stets

inf wichtige Rolle in der

dem'k atischen Entwi klung dtr Ve einigt n Staa en gespi lt. Denn es
erw es sich als notwend g, der Öffentlichen Mein
keiten

u verschaffen, sich zur Geltung zu

g geregelte Möglich-

r n. en, un" ihr bei d"?r

Gestal - ng der Regierungspolitik prak" sehen Einfluß einzuräumen. Diese
Lücke

ü lten die Parteien aus.
Di&lt;- älteste der heute noch bestehenden amerikan s"hen Pa teien,

d e Demo ratische Partei, ist die politische Erbin einer Bewegung, die
in den sp' en
Jeffers n a

790er Jahren von dem dama igen

z Präsidenten-Thomas

dem Gefühl heraus ins Li-ben gerufen wur^e, daß die Grund-

sätze der Föceralisten, der zu jener Zeit herrsche de

Par e , ni ht

mit der Verfassu g vereinbar seien. Bei den Wahler des Jahres 1800
unte br-lt ter Jefferson und seine Anhänger diese F^age den Abstimmender, nn . dem Ergebnis, daß er, Jef erson, zum Prä'identen gewählt
wurde.
Was Je fersen und seine Partei im Jahre 1800 taten, stellt eine
der gro

n u d wesentlichen Funktionen e ner politisc

jeder Demokra ie dar - nämlich die Aufgabe, das Interesse

Par ei in
er öffent-

lichen Meining auf einen Brennpu kt zu kon entrieren und die Parolen

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�6. Juni 1956

"AMERIKA DIENST

Parolen für die Volkswahl vorzubereiten. In den Vereinigten Staaten
sind die politischen Parteien und die öffentliche Meinung eng miteinander verknüpft.
Amerikas Wählerschaft, mit ihren zwei großen politischen Parteien,
setzt sich aus vielen auseinanderstrebenden Gruppen zusammen. Die Aufgabe der politischen Parteien besteht nun darin, diese unendlich verschiedenen rassischen und sozialen Gruppen, wirtschaftlichen, lokalen
und partikularistischen Interessen für die Zwecke des repräsentativen
RegierungsSystems zusammenzufassen. Auf diese Weise wird der öffentlichen Meinung eine Richtung gegeben und ihr Ausdruck verliehen.
Alle vier Jahre, im Sommer vor dem Wahltag im November, tritt
jede politische Partei zu einem Konvent zusammen, um eine Wahl-Plattform auszuarbeiten - das heißt eine Erklärung über die Parteipolitik
in bezug auf die großen zur Entscheidung stehenden Fragen und über die
leitenden Grundsätze überhaupt, welche die Partei zu vertreten verspricht -, eine Plattform, die für die verschiedenartigen Elemente,
aus denen sich die Partei zusammensetzt, möglichst gleichermaßen annehmbar ist. Das ermöglicht den Wählern, sich auf Grund der Politik und der
Programme der beiden Parteien für die eine oder die andere zu entscheiden.
Nachdem man sich in beiden Lagern über die Plattform geeinigt hat,
wird diese im Laufe eines sehr intensiven Wahlfeldzuges, der von den
Männern und Frauen, die sich um ein Amt bewerben, geführt wird, den
Wählern immer wieder eingehämmert. Jeder Kandidat legt seiner Wahlkampagne die Grundsätze des von seiner Partei aufgestellten Programms zugrunde. Den Wählern werden d^e Argumente für jedes der beiden Parteiprogramme wieder und wieder dargelegt, und dann treffen diese ihre Entscheidung.
Da der Wähler häufig nicht alle Konsequenzen, die sich aus seiner so oder so getroffenen Entscheidung ergeben, von vornherein zu übersehen vermag, bemühen sich die politischen Parteien, durch ihre Wahlkampagne zur Aufklärung der politischen Meinung auch in dieser Hinsicht
beizutragen. Indem sich der Wähler, nachdem die Parteien alle zur Debatte stehenden Fragen kritisch erörtert haben, für die Republikaner
oder die Demokraten entscheidet, bestimmt er damit, welcher Aktionsrichtung er den Vorzug gibt; und durch die Stimmabgabe für einen
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

einen Präsidentschaftskandidaten und einen Kongreß, welche diese Richtung vertreten, gibt der Bürger zugleich seine politischen Wünsche bekannt. Es liegt dann in der Verantwortlichkeit der gewählten Partei das heißt des Präsidenten u..d der Kongreßmitglieder dieser Pa te. -,
die bei der Abstimmung zutage getretenen Wünsche der öffentlichen Meinung nach Möglichkeit zu verwirklichen, (in vielen Fälle., allerdin s,
vor allem in auswärtigen Angelegenheiten, verfolgen der Präsident und
beide Parteien - in überparteilicher Aktion - eine gemeinsame Politik,
um ein von allen gleichermaßen erstrebtes Ziel zu erreichen.)
Demgemäß obliegen der politischen Partei drei Hauptfunktionen:
1. die öffentliche Meinung zu lenken; 2. den Sieg bei der Wahl zu erringen, und 3« dafür zu sorgen, daß die Wünsche der Wähler Gesetzeskraft
erhalten.
Zuweilen ist es in der amerikanischen Politik vorgekommen, daß ein
erheblicher Teil der öffentlichen Meinung nicht mit der Art und Weise
zufrieden war, in der die beiden großen Parteien sich einer von ihr
für wichtig gehaltenen Frage gegenüber verhielten. Bei einigen dieser
Anlässe trat dann eine dritte Partei auf. Solche kleineren Parteien
bilden sich, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre Anschauungen zu lenken, in der Hoffnung, daß die öffentliche Meinung dann die
eine oder die andere der beiden großen Parteien oder gar beide zwingen
wird, ihren Standpunkt sich zu eigen zu machen. Tritt dieser Fall ein,
dann löst sich meist die dritte Partei ebenso schnell wieder auf, wie
sie entstand, da ihr Zweck erfüllt ist.
Die gegenwärtige Republikanische Partei war ehemals auch eine
dritte Partei. Sie wurde 18 54 ins Leben gerufen, um in der Hauptfrage
der damaligen Zeit - der Frage der Sklaverei - ihr Votum in die Waagschale zu werfen. Da die beiden großen Parteien in jenen Jahren, die
Demokraten und die Whigs, in dieser Frage von innen her gespalten
waren, war keine von ihnen in der Lage, hier einen festen Standpunkt,
dafür oder dagegen, einzunehmen. So gewannen die Republikaner aus beiden Parteien die Unterstützung von Gegnern des Sklavensystems, und anstatt die eine oder die andere zu zwingen, sich ihre Haltung in dieser
Frage zu eigen zu machen, erhielten sie genügend Unterstützung aus der
Wählerschaft, um eine ständige politische Partei zu bilden. Im Jahre
1860 wählte die Bevölkerung Abraham Lincoln zum Präsidenten, und die
Republikanische Partei wurde fortan zu einer der großen Parteien.
Innerhalb des traditionellen "Zwei-Parteien"-Systems der Vereinigten Staaten weisen die Parteien, welche den engsten Kontakt mit der
öffentlichen Meinung haben, auch die längste Lebensdauer auf.
* * * * *
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�"AMFRIKA DIETTST"

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DER PRIMAT DER AUSSENPOLITIK

(AD) - Das heute in Amerika bestehende Parteiensystem macht es
möglich, alle lebenswichtigen, insonderheit politisch strittigen
Prägen vor das Forum der Wähler zur Entscheidung zu bringen und dadurch selbst die tiefsten Gegensätze, die sich auf dieser Ebene manchmal im Volke zeigen, zu überwinden. Denn nachdem dieses gesprochen
hat, wird die Kation sich stets zusammentun, um die Politik, die die
Billigung der Mehrheit gefunden hat, auch wirklich durchzusetzen.
Nicht selten sind die Fragen, die bei den Wahlen zum Austrag
kommen, von fundamentaler, den Gang der nachfolgenden Außen- und
Innenpolitik unmittelbar bestimmender Bedeutung. In solchen Fällen
wird das ganze Land aufgerüttelt. Politische Instinkte werden entfesselt, die Leidenschaften schlagen hoch - doch die Parteien verstehen gewöhnlich, sie in die richtige Bahnen zu lenken.
Nur ein einziges Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten
ist es nicht gelungen, mit den friedlichen Mitteln der Politik eine
vom ganzen Lande anerkannte Entscheidung herbeizuführen. Die Frage
nach Abschaffung oder Beibehaltung der Sklaverei teilte die amerikanische
Union in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in zwei Lagerj es kam zum
Bürgerkrieg, der nach fünf Jahren erbitterten Kampfes die Nation letzten
Endes nur enger zusammenschloß.
In anderen grundsätzlichen Fragen, derentwegen es ebenfalls zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war, brachten jedoch die Wahlen
die Entscheidung. Hierzu gehörten beispielsweise die Auseinandersetzungen über Schutzzölle, die fast hundert Jahre lang die Präsidentenwahlen überschattet und eine tiefe Kluft zwischen den beiden großen
Parteien aufgerissen hatten. Zu einer anderen, nicht weniger tiefgreifenden Streitfrage wurde das Problem der Währung, die nach dem Willen
der einen auf Gold, nach dem der anderen jedoch auf Silber basiert werden sollte. Und schließlich stritten sich die Parteien nach dem ersten Weltkrieg auch über die Frage, ob die USA Mitglied des Völkerbundes werden
sollten oder nicht. Die politischen Leidenschaften, die von den Befürwortern und Gegnern dieser Alternativfrage entwickelt wurden, erreichten - wi« schon oft - den Siedepunkt. Zu guter Letzt jedoch kam es auf
Grund vernünftiger Erwägungen noch immer zu einem Übereinkommen, das
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6. Juni 1956

das vielleicht den Charakter eines Kompromisses zwischen den Parteien trug, aber sich noch stets als das praktisch Klügste und auch
das Beste herausstell e.
Am wirksamsten aber hat sich die politische Disziplin über alle
Parteigegensätze hinweg immer dann erwiesen, wenn es galt, das Bemühen
der Union um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu unterstützen.
Vor allem, wenn es sich um die Beilegung internationaler Krisen handelte,
haben die Amerikaner sich besonders eng zusammengeschlossen und vorbehaltlos hinter ihre aus freier Wahl hervorgegangenen Regierung gestellt.
Ein geradezu klassisches Beispiel dafür bildete das Verhalten Wendeil
Willkies, des republikanischen Kandidaten für die Präsidentenwahl von
1940» der sofort nach seiner Wahlniederlage seinen großen Einfluß dazu
gebrauchte, die Unterstützung der Republikaner für die Außenpolitik
der demokratischen Regierung zu gewinnen. Das erkannte auch Präsident
Franklin D. Roosevelt an, als er einmal ausdrücklich feststellte, daß
die Vereinigten Staaten "jedenfalls weder das Pacht- und Leihgesetz,
das Dienstpflichtgesetz noch jine ganze Menge anderer Dinge hätten, wenn
es keinen Wendell Willkie gegeben hätte. Er wurde in dem Augenblick,
als wir seiner am meisten bedurften, zu einem wahren Segen für dieses
Land."
Im Verfolg einer solchen Politik war es nur natürlich, daß sich die
Führer der großen Parteien immer häufiger zusammensetzten, Abstriche von
den eigenen Forderungen machten und auf diese Weise nach und nach eine
politische Linie entwickelten, die im Grunde überparteilich ist. Das
zeigte sich nicht zuletzt darin, daß bei internationalen Anlässen den
amerikanischen Regierungsmissionen auch Mitglieder der bei der Wahl
unterlegenen Partei zur Unterstützung beigegeben wurden.
So wurde beispielsweise John Foster Dulles, Außenminister der
gegenwärtigen republikanischen Regierung, selbst ein alter Republikaner,
schon unter dem demokratischen Präsidenten Truman der amerikanischen
Delegation zu den Vereinten Nationen als beratendes und später sogar als
ordentliches Mitglied beigeordnet. Außerdem fungierte er im Kabinett
Präsident Trumans als Sonderberater im Außenamt und war als solcher auch
der eigentliche Schöpfer des japanischen Friedensvertrages.
Aber es gibt wohl keinen Namen, der noch enger mit der völligen Unparteilichkeit der amerikanischen Außenpolitik verbunden wäre als der

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�"AMERIKA DIENST"

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der Arthur H. Vandenbergs, des - verstorbenen - republikanischen
Senators vom Staate Michigan. Vandenberg hatte noch während des zweiten
Weltkrieges seine Überzeugung, daß Amerika eine isolationistische Politik betreiben müsse, über Bord geworfen und war statt dessen zum leidenschaftlichen Verfechter interparteilicher Zusammenarbeit auf dem Gebiet
der Außenpolitik geworden. Einen der beachtlichsten Beiträge, die er als
Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses und Mitglied verschiedener Delegationen geleistet hatte, bildete die sogenannte Vandenberg-Resolution zum Artikel 51 der UN-Charta, der Vorkehrungen zur Erhaltung einer regionalen Kollektivsicherheit vorsieht und zur eigentlichen Grundlage der Nordatlantikpaktorganisation wurde.
Ganz gleich, welcher Meinung hierzu und zu anderen lebenswichtigen
Fragen die Parteien im einzelnen waren und heute sind, ganz gleich auch,
wie hart die politischen Gegensätze gelegentlich einer Wahl aufeinanderprallen und mit welcher Erbitterung die Kämpfe gegeneinander geführt
werden - bis auf ganz wenige Ausnahmen hat sich bisher noch immer erwiesen, daß die Amerikaner durchaus in der Lage sind, dort, wo es um
wirklich fundamentale Dinge geht, die notwendige Einigkeit über parteipolitische Differenzen zu stellen.

* * * * *

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�WORTLAUT DER HEDE DES ERSTEN SEKRETÄRS DER KPdSU
KIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DEL1 XX. PARTEIK0KCRE3S IN L.ÜSKAU

�WORTLAUT DER REDE DES ERSTEN SEKRETARS DER KPdSU
NIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DEM XX.PARTEIKONGRESS IN MOSKAU

Das amerikanische Außenrainisterium hat am
4 «Juri 1956 die ir; Washington vorliegende
Version der Rede des Ersten Sekretärs der
KPdSU veröffentlicht, die dieser am 25.Februar 1956 vor dem XX.Parteikongreß in Moskau gehalten hat.
Das amerikanische Außenministerium gab dazu
folgende Erklärung abt
"Das amerikanische Außenministerium hat kürzlich aus einer vertraulichen Quelle ein Exemplar eines Dokuments- erhalten, das offenbar eine
Version der Rede des Ersten Parteisekretärs
Nikita Chruschtschow ist, die er auf dem XX.Parteikongreß der KPdSU am 25.Februar 1956 hielt.
Zu der Sitzung waren nur die Delegierten aus
der UdSSR zugelassen.
Das Dokument wird auf Grund zahlreicher Anfragen veröffentlicht. Die vorliegende Version ist
dem Vernehmen nach als Anleitung für die Parteiführerachaft einer kommunistischen Partei außerhalb der Sowjetunion ausgearbeitet worden. Das
amerikanische Außenministerium kann sich für
die Authentizität des Dokuments nicht verbürgen
und möchte mit seiner Veröffentlichung es für
sich selbst sprechen lassen".
Die vorliegende Rede hat folgenden V/ortlaut t
Genossen! Im Bericht des Zentralkomitees der Partei an den
XX.Parteikongreß, in einer Anzahl von Reden der Parteikongreßdelegierten und schon zuvor auf den Plenarsitzungen des ZK der KPdSU
ist vieles über den Peraönlichkeitskult und seine schädlichen Folgen gesagt worden.
Nach dem Tode Stalins leitete das ZK der Partei eine Aufklärungspolitik ein, um mit zwingender Konsequenz nachzuweisen, daß
es unzulässig und dem Geiste des Marxismus-Leninismus zuwider ist,
eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen,
der
- 1 -

�der gottähnliche, übernatürliche Eigenschaften besitzt, zu einem
Menschen, der angeblich alles weiß, alles sieht, für alle denkt
alles kann und in seinem ganzen Verhalten unfehlbar ist. Ein solcher Glaube an einen Menschen, und zwar an Stalin, ist bei uns
viele Jahre lang kultiviert worden.
Der Zweck des gegenwärtigen Berichts besteht nicht darin, eine
gründliche Bewertung des Lebens und der Aktivität Stalins durchzuführen. Über Stalins Verdienste ist schon zu seinen Lebzeiten eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Brosch ren und Einzeluntersuchungen verfaßt worden. Die Rolle Stalins bei der Vorbereitung und
Durchführung der Sozialistischen Revolution, wä rend des Bürgerkrieges und im Kampf für den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ist
allgemein bekannt. Darüber weiß jeder gut Besch 'd. Wir haben uns
mit der jetzt und künftig für die Partei überaus wi. tigen Frage zu
befassen, wie der Kult mit der Person Stalins sich allmählich entfalten konnte, dieser Kult, der in einer ganz bestimmten, k nkreten
Phase zur Quelle einer Reihe außerordentlich ernster und schwerwiegender Verfälschungen der Parteigrundsätze, der innerparteilichen
Demokratie und der revolutionären Gesetzlichkeit wurde.
Da noch nicht alle Genossen restlos begriffen haben, eiche
praktischen Konsequenzen sich aus dem Persönlichkeitskuxt ergeben
und wie überaus schädlich die Verletzung des Prinzips der kollektiven
Führung innerhalb der Partei ist, aus der die Zusammenballung ungeheurer, unbegrenzter Macht in den Händen eines einzelnen resultiert,
hält es das Zentralkomitee für absolut notwendig, dem XX.Parteik&lt; ngreß
der KPdSU das diese Angelegenheit betreffende Material Zugang"ich zu
machen.
Gestatten Sie mir zunächst, Sie daran zu erinnern, mit we' .-.her
Schärfe die Klassiker des Marxismus-Leninismus jede Äußerung des Persönlichkeitskults verurteilt haben. In einem Brief an den deutschen
Politarbeiter Wilhelm Bios erklärte Marx» "Im Widerwillen gegen allen
Personenkult habe ich während der Zeit der Internationale die zahlreichen Anerkennungsmanöver, womit ich von verschiedenen Ländern aus molestiert ward, nie in den Bereich der Publizität dringen lassen, ich
habe auch nie darauf geantwortet, außer hie und da durch Rüffel. Als
Engels und ich dem Geheimbund der Kommunisten beitraten, verlangten
wir die Entfernung all dessen aus den Statuten, was dem Autoritätsglauben förderlich sein konnte. Lassalle tat nachher genau das Gegenteil."
Einige Zeit später schrieb Engeist "Wir beide, Marx und ich, haben
immer jedwede öffentliche Manifestation zu Ehren von einzelnen abgelehnt, von solchen Fällen abgesehen, in denen ein wichtiger Grund vorlagt
wir widersetzten uns ganz energisch solchen Manifestationen, die uns
persönlich zu unseren Lebzeiten betrafen."

Die

�Die große Bescheidenheit des Genius der Revolution, Wladimir
Iljitsch Lenin, ist bekannt. Lenin betonte immer die Rolle des Volkes
als Schöpfer der Geschichte, die leitende und organisatorische Rolle
der Partei als eines lebendigen und schöpferischen Organismus und
ebens. die Rolle des Zentralkomitees.
Der Marxismus negiert aber nicht die Rolle der Führer der Arbeiterklasse bei der Leitung der r volutionären Befreiungsbewegung.
Während er der Rolle Jer Führer und Organisatoren der Kassen große
Bftdeatung beimaß, brardnarrte Lenin gleichzeitig schonungslos jede
Äußerung des Person!icnkeitskults, bekämpfte unerbittlich die dem
Ma xismus fremden Auffass ngen üter den 'Helden" und die "Menge'
uvid verwahrte s.ch gegen jeden Verbuch, den Massen und dem Volk einen
•(elden" gegenüberzisteilen.
Lenin lehrte, daß die Stärke d«f Partei auf ihrer unauflöslichen
Verbundenheit mit den Massen b.-ruht, dar»uf, daß hinter der Partei das
\rolk steht - die Arbeiter, die Bauern und die Intelligenz. "Nur der
wird die Macht erringen und behalten'', sagte Lenin, "der an das Volk
glaubt, der untertaucht in •dem Brunnen der lebendigen Schöpferkraft
des Volkes."
Lenin sprach mit Stolz von der boliche"istischen Kommunistischen
Partei als der Führerin und Lehrerin des Volkes. Er verlangte, daß
alle wichtigen Fragen den bewußten Arbeitern und ihrer Partei zur
Kenntnis gebracht und in diesem Kreise zur Diskassion gestellt werden
sollten. Er sagte: "Wir glauben an sie, wir sehen in ihr die Weisheit,
die Ehre und das Gewissen unserer Epoche."
Lenin wandte sich entschieden gegen jeden Versuch, die leitende
Rolle der Partei im Gefüge des Sowjetstaates zu bagatellisieren oder
zu schwächen. Er entwickelte die bolschewistischen Prinzipien der
Parteiführung und die Normen des Parteilebens, wobei er die Kollegialität als Richtschnur der Parteiführung betonte. Schon in den
Jahren vor der Revolution bezeichnete Lenin das Zentralkomitee der
Partei als ein Führungskollektiv, als den Hüter und Interpreten der
Paiteiprinzipien. "Im Intervall zwischen den Parteitagen", erklärte
Lenin, 'hütet und interpretiert das Zentralkomitee die Parteiprinzipien". Die Rolle und Autorität des Zentralkomitees der Partei kennzeichnete Wladimir Iljitsch mit den Worten: "Das Zentralkomitee konstit ierte sich als streng zentralisierte und höchst maßgebende Gruppe"'.
Zu Lenins Lebzeiten war das Zentralkomitee der Partei der echte
Ausdruck der kollektiven Führung der Partei und der Nation. Als aktivistischer, revolutionärer Marxist, der in Prinzipienfragen allzeit
unbeugsam blieb, drängte Lenin seinen Mitarbeitern doch niemals ge-,
waltsam seine Ansichten auf. Er versuchte vielmehr, sie zu überzeugen;
geduldig erklärte er anderen seine Auffassung. Stets war Lenin sorgsam darauf bedacht, daß die Normen des Parteilebens verwirklicht,
daß die Bestimmungen des Parteistatuts befolgt, daß die Parteitage
und die Plenarsitzungen des Zentralkomitees regelmäßig abgehalten
wurden.
Abgesehen

- 3-

�Abgesehen von 71.1. Lenins großen Verdiensten um den Sieg der
Arbeiterklasse und der werktätigen Bauern, um den "^eg unserer Partei und um die Anwendung der Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus auf das Leben zeigte sich sein Scharfblick auch darin, daß er
beizeiten jene negativen Charaktereigenschaften Stalins aufdeckte,
die später so ernst zu nehmende Konsequenzen zeitigten, Aus Besorgnis um die künftigen Geschicke der Partei und des Sowjetvolkes wies
er auf die Notwendigkeit hin, die Entfernung Stalins vom Posten des
Generalsekr tärs in Erwägung zu ziehen, da Stalin au brutal sei,
nicht die richtige Einstellung zu den Genossen zeige, launisch sei
und seine Macht mißbrauche. Im Dezember 1922 erklärte WladimiP
Iljitsch in einem Brief an den Parteitag* "Genosse Stalin hat dadurch,
daß er Generalsekretär geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen
Händen vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er es immer
verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen."
Eieser Brief, ein politisches Dokument von außerordentlicher Bedeutung, das in der Parteigeschichte als "Lenins Testament" bekannt
ist, wurde allen Delegierten des XX.Parteikongresses ausgehändigt.
Sie haben es gelesen, und sie werden es zweifellos noch mehr als einmal studieren. Denken Sie über die klaren Worte Lenins nach, in denen
Wladimir Iljitschs Besorgnis über die Geschicke der Partei, des
Volkes, des Staates und über die künftige Führung der Parteipolitik
zum Ausdruck kommt.
Wladimir Iljitsch sagtei "Stalin ist zu grob, und wenn dieser
Fehler auch in unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs. Darum schlage ich den Genossen vor, einen
Weg zu finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen und dafür
einen anderen Mann auszuwählen, der sich aber in jeder Beziehung nui
dadurch von Stalin unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler,
höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht so launisch,
usw."
Dieses Dokument wurde auch den Delegierten des XIII.Parteitags
bekanntgegeben, die die Frage der Entfernung Stalins aus der Position
des Generalsekretärs diskutierten. Die Delegierten befürworteten jedoch
die Belassung Stalins auf seinem Posten in der Hoffnung, er werde sich
die kritischen Bemerkungen Vladimir Iljitschs zu Herzen nehmen und
imstande sein, die Fehler abzulegen, die Lenin so ernste Sorgen bereitet
hatten.
Genossen! Der Parteikongreß sollte sich auch mit zwei weiteren
Dokumenten vertraut machen, die die Beurteilung des Charakters Stalins
bestätigen, welche Wladimir Iljitsch Lenin bereits in seinem "Testament"
gegeben hatte. Bei diesen Dokumenten handelt es sich um einen Brief von
Nadeshda Konstantinowna Krupskaja an Kamenew, den damaligen Vorsi-tzendeh
des Politbüros, und um ein Schreiben, das Wladimir Iljitsch persönlich
an Stalin richtete.

Ich

�Ich möchte diese Dokumente Jetzt zur Verlesung bringen.
"Lew Borisowitsch!
Wegen eines kurzen Briefes, den ich in den V/orten niedergeschrieben hatte, die mir Wladimir Iljitsch mit ärztlicher Erlaubnis diktierte,
gestattete sich Stalin gestern mir gegenüber eine ungewöhnlich grobe
Ausfälligkeit. Ich bin nicht erst seit einem Tage Parteimitglied, aber
in all diesen dreißig Jahren habe ich niemals von irgendeinem Genossen
ein grobes Wo^t gehört. Die Sache der Partei und Iljitschs ist mir
nicht weniger teuer als Stalin. Ich muß im Augenblick ein Höchstmaß von
Selbstbeherrschung aufbieten. Was man mit Iljitsch besprechen kann
oder nicht, weiß ich besser als jeder Arzt, weil ich weiß, was ihn
nervös macht und was nicht. Auf jeden Fall weiß ich es besser als
Stalin. Ich wende mich an Dich und an Grigorij als den Genesen,
die W.I. viel näher stehen, und ich bitte Euch, mich vor solchen
rücksichtslosen Einmischungen in mein Privatleben, vor so gemeinen
Beleidigungen und Drohungen zu schützen. Ich habe keinen Zweifel,
wie die einmütige Entscheidung der Kontrollkommission ausfa'len wird,
mit der Stalin mir drohen zu müssen glaubte; doch habe ich weder genügend Kraft noch Zeit, um sie auf diesen dummen Streit zu verwenden.
Ich bin schließlich ein lebendiger Mensch, und meine Nerven sind bis
zum Äußersten angespannt.
N. Krupskaja."
Nadeshda Konstantinowna schrieb diesen Brief am 2}.Dezember 1922.
Zweieinhalb Monate später, im März 1923» sandte Lenin folgenden Brief
an Stalint
"An Genossen Stalin.
Abschriften an Kamenew und Sinowjew.
Lieber Genosse Stalin!
Du hast Dir erlaubt, meine Frau in grober Form ans Telephon zu
zitieren und sie sehr grob zu tadeln. Obwohl sie Dir gesagt hat, sie
wolle Deine Bemerkungen vergessen, haben Sinowjew und Kamenew dennoch
durch sie von der Sache erfahren. Ich habe nicht die Absicht, etwas
•o leicht zu vergessen, was gegen mich gerichtet ist, und ich brauche
hier wohl nicht zu betonen, daß ich alles als gegen mich gerichtet
betrachte, was meiner Frau angetan wird. Ich ersuche Dich deshalb,
sorgfältig zu prüfen, ob es Dir lieber ist, Deine Worte zurückzunehmen
und Dich zu entschuldigen, oder ob Du den Abbruch der Beziehungen
zwischen uns vorziehst..
5.März 1923

Lenin.*
(Bewegung im Saale)

Genossen! Ich möchte diese Dokumente nicht kommentieren. Sie sprechen beredt genug für sich selbst. Wenn Stalin sich zu Lenins Lebzeiten
so benehmen konnte, wenn er Nadeshda Konstantinowna Krupskaja so behandeln konnte, die die Partei kennt und schätzt als treue Gefährtin Lenins
und

�und als aktive Kämpferin für die Sache der Partei seit deren Begründung, dann können wir uns leicht vorstellen, wie Stalin andere
Leute behandelte. Diese seihe negativen Charaktereigenschaften haben
sich ständig weiterentwickelt, so daß man in den letzten Jahren mit
ihm absolut nicht mehr auskommen konnte.
Wie die späteren Ereignisse bewiesen haben, waren Lenins Befürchtungen gerechtfertigt. In der ersten Zeit nach Lenins Tod beherzigte
Stalin zwar noch seinen Rat, aber dann begann er, die ernsten Ermahnungen '.Vladimir Iljitschs außer acht zu lassen.
V/enn wir Stalins Praxis bei der Führung der Partei und des Landes
analysieren, wenn wir reiflich bedenken, was Stalin alles angerichtet
hat-, dann müssen wir zu der Überzeugung gelangen, daß Lenins Befürchtungen berechtigt waren. Die negativen Charakterzüge Stalins, zu
Lenins Zeit erst im Ansatz vorhanden, entfalteten sich immer stärker
und "ührten in den letzten Jahren zu einem folgenschweren Mißbrauch
der Macht durch Stalin, der der Partei unsagbaren Schaden zufügte.
'.Vir müssen diese Angelegenheit ernsthaft erörtern und korrekt
analysieren, um jede Möglichkeit einer Wiederholung, gleichgültig in
welcher Form, all dessen ausschalten zu können, was zu den Lebzeiten
Stalins geschah, der absolut keine Kollegialität der Führung und der
Arbeit duldete, der mit brutaler Gewalt nicht nur gegen jeden Widerstand vorging sondern auch gegen alles, was nach seiner launischen
und despotischen Veranlagung seiner Auffassung zu widersprechen schien.
Stalin hielt sich nicht damit auf, die Menschen zu überzeugen,
aufzuklären und geduldig mit ihnen zusammenzuarbeiten, sondern er
zwang anderen seine Ansichten auf und verlangte absolute Unterwerfung
unter seine Meinung. Wer sich seiner Konzeption widersetzte oder
einen eigenen Standpunkt zu vertreten, die Korrektheit der eigenen
Position zu beweisen suchte, wurde unweigerlich aus dem Führungskollektiv ausgestoßen und anschließend sowohl moralisch als auch
physisch vernichtet. Dies zeigte sich in besonderem Maße in der Zeit
nach dem XVII.Parteikongreß, als zahlreiche prominente Parteiführer
und einfache Parteimitglieder, die der Sache des Kommunismus mit
aufrichtiger Hingebung dienten, dem Despotismus Stalins zum Opfer
fielen.
Dabei ist festzuhalten, daß sich die Partei in einem harten Kampf
gegen die Trotzkisten, die Rechten und die bürgerlichen Nationalisten
durchgesetzt und daß sie alle Feinde des Leninismus ideologisch entwaffnet hatte. Der erfolgreiche Verlauf dieses ideologischen Kampfes
hatte die Partei gestärkt und gestählt, und hierbei spielte Stalin
eine positive Rolle.
Die Partei führte damals eine große politisch-ideologische Auseinandersetzung mit Vertretern antileninistischer Thesen in ihren eigenen Reihen durch, die eine parteifeindliche, der Sache des Sozialismus
abträgliche Linie propagierten. Es war ein verbissener und schwieriger
Kampf, aber er war notwendig, weil sowohl die politische Linie des Blocks
der Trotzkisten und Sinowjewisten als auch jene der Bucharinist«n zur
Wiederherstellung des Kapitalismus und zur Kapitulation vor der Weltbourgeoisie geführt hätten. Denken wir nur einen Augenblick daran, was

_ 6-

�was passiert wäre, wenn sich 1928/29 die politische Linie der
Rechtsabweichler bei uns durchgesetzt hätte, oder die Orientierung
auf die "Kattun-Industrialisierung", oder jene auf die Kulaken usw.
Dann hätten wir heute keine mächtige Schwerindustrie, wir hätten
keine Kolchosen, wir befänden uns waffenlos und schwach inmitten
der kapitalistischen Einkreisung.
Eben aus diesem Grunde führte die Partei einen unerbittlichen
ideologischen Kampf und klärte alle Parteimitglieder sowie die parteilosen Hassen darüber auf, wie schädlich und gefährlich die antileninistischen Vorschläge der trotzkistischen Opposition und der
rechten Opportunisten waren. Und diese gewaltige Aufklärungsarbeit
über die Parteilinie trug Fruchtet sowohl die Trotzkisten als auch
die rechten Opportunisten wurden politisch isoliertf die überwiegende
Mehrheit der Partei erklärte sich für die leninistische Linie. Es
gelang der Partei, die werktätigen Massen wachzurütteln und zu organisieren, um sie für die leninistische Parteilinie und den Aufbau des
Sozialismus zu gewinnen.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß selbst während dieses erbitterten ideologischen Kampfes gegen die Trotzkisten, Sinowjewisten,
Bucharinisten und andere Gruppen noch keine radikalen Unterdrückungsmaßnahmen angewandt wurden, da sich der Kampf auf ideologischer Grundlage abspielte. Erst einige Jahre später, als die Fundamente des Sozialismus in unserem Land gelegt, die ausbeutenden Klassen im allgemeinen
liquidiert waren, als sich die soziale Struktur der Sowjetunion von
Grund auf geändert hatte und die soziale Basis für parteifeindliche
Gruppen und Bewegungen entscheidend eingeengt war, als die ideologischen
Gegener der Partei politisch längst geschlagen waren, da erst setzten
die gegen sie gerichteten Unterdrückungsmaßnahmen ein.
In dieser Periode, von 1935 bi» 1938» begann die Massenunterdrückung
durch den Regierungsapparat. Sie richtete sich zunächst gegen die Feinde
des Leninismus - die Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten -,
nachdem diese von der Partei längst politisch besiegt worden waren.
In der Folge griff sie aber auch auf zahlreiche aufrechte Kommunisten
über, auf diejenigen Parteikader, die die schwere Last des Bürgerkriegs, der ersten und schwierigsten Jahre der Industrialisierung
und Kollektivisierung getragen, auf Männer, die aktiv gegen die
Trotzkisten und die Rechten für die leninistische Parteilinie gekämpft hatten.

Von

�Von Stalin stammt der Begriff des "Volksfeindes". Dieser Terminus
machte es von vornherein überflüssig, einer Person oder Personengruppe,
die sich mit ihm im Widerspruch befand, ideologische Irrtümer nachzuweisen. Dieser Terminus ermöglichte die Anwendung grausamster Unterdrückung, die Verletzung aller Normen der revolutionären Gesetzlichkeit
zum Nachteil derer, die in irgendeinem Punkt nicht mit Stalin übereinstimmten, bei denen auch nur der geringste Verdacht feindlicher
Absichten bestand und die nicht gut angeschrieben waren. Dieser Begriff
des "Volksfeindes" machte jede Form des ideologischen Kampfes beziehungsweise jede freie Meinungsäußerung zu dieser oder jener Frage, auch wenn
sie rein praktischer Natur war, unmöglich. In der Regel genügte als
einziger Schuldbeweis, im Widerspruch zu allen Normen der Rechtswissenschaft, das "Geständnis" des Angeklagten selbst; wie sich später herausstellte, wurden die "Geständnisse" durch physischen Druck von den Angeklagten erpreßt.
Dies führte zu flagranten Verletzungen der revolutionären Gesetzlichkeit und dazu, daß viele vollkommen unschuldige Personen, die in
früheren Jahren für die Parteilinie eingetreten waren, diesen Methoden
zum Opfer fielen.
Wir müssen feststellen, daß auch bei Personen, die seinerzeit
in Widerspruch zur Parteilinie geraten waren, oft keine stichhaltigen
Gründe für ihre physische Vernichtung vorlagen. Die Formel vom "Volksfeind" wurde eigens als Handhabe für die physische Vernichtung solcher
Personen eingeführt.
Es ist eine Tatsache, daß viele Personen, die in der Folge als
Partei- und Volksfeinde liquidiert wurden, Mitarbeiter Lenins waren.
Einige von ihnen haben, als Lenin noch lebte, Irrtümer begangen, aber
gleichwohl hat Lenin aus ihrer Arbeit Nutzen gezogen, er hat sie korrigiert und sein Möglichstes getan, um sie der Partei zu erhalten. Er
spornte sie an, ihm zu folgen.
In diesem Zusammenhang sollten die Delegierten des Parteikongresses
von einer bisher unveröffentlichten Notiz Kenntnis nehmen, die W. I.
Lenin im Oktober 1920 dem Politbüro des Zentralkomitees zugehen ließ.
Die Aufgaben der Kontrollkommission umreißend, schrieb Lenin, die
Kommission müsse zu einem wirklichen "Organ des Partei- und proletarischen Gewissens" gemacht werden. "Als besondere Aufgabe der Kontrollkommission", heißt es in dieser Notiz, "wird die Herstellung einer
engen individuellen Verbindung, die in manchen Fällen eine Art Heilbehandlung sein sollte, zu den Vertretern der sogenannten Opposition
empfohlen, zu denen, die wegen eines Fehlschlages in ihrer Sowjet- oder
lartei lauf bahn in eine psychologische Krise geraten sind. Man sollte
bemüht sein, sie zu beruhigen, ihnen die Sache in der unter Genossen
üblichen Art zu erklären, für sie (ohne ihnen Befehle zu erteilen)
eine Aufgabe zu finden, die ihrer psychologischen Verfassung entspricht. Ratschläge und Richtlinien hierfür sind vom Organisationsbüro des Zentralkomitees auszuarbeiten."
Es
- 8 -

�Es isv jedermann bekannt, wie unversöhnlich Lenir gegenüber den
ideologischen Feinden des Marxismus und gegenüber denjenigen war, die
von der korrekten Parteilinie abwichen. Aber Lenin hat gleichzeitig,
wie aus dem erwähnten Dokument hervorgeht, in seiner Praxis der Parteiführung den engsten Parteikon+akt zu Leuten gefordert, bei denen trotz
gewisser Schwankungen oder zeitweiliger Abweichungen von der Parteii.'nie noch immer die Möglichkeit bestand, daß sie auf den Weg der
Partei zurückfanden. Lenin empfahl, diese Leute geduldig zu erziehen,
ohne extreme Methoden anzuwenden.
Lenins Weisheit im Umgang mit Menschen trat in seiner Kaderarbeit
klar zutage.
Ganz anders war dagegen die Einstellung Stalins zu seiner Umgebung. Lenins charak*eris'isehe Eigenschaften - geduldige Arbeit mit
den Menschen im Interesse ihrer unablässigen und gew.ssenhaften Schulung, seine Fähigkeit, die Menschen für sich zu gewinnen, so daß sie
ihm ohne Zwang, xediyiich unter dem ideologischen Einfluß des gesamten
Kollekt vs folgten - warer: Stalin vollkommen fremd. Stalin gab die
leninistische Methode der Überzeugung und Erziehung auf, er vertauschte
die Meth de des ideologischen Kampfes mit der der adminis rativen
Gewaltanwendung, der Masse Unterdrückung und des Terrors. Er stützte
sich bei seinen Aktionen in zunehmendem Maße und mit wachsendem Starrsinn auf die StrafOrgane und verletzte dabei häufig alle bestehenden
Normen der MoraL und des sowjetischen Rechts.
Die Willkür des einen war zugleich Ansporn und Freibrief für
die Willkür der anderen. Ma senverhaftungen und Verschickungen, die
Tausende von Menschen betrafen, Hinrichtungen ohne ordnungsgemäßes
Untersuchungs- und Gerichtsverfahren schufen Unsicherheit und verbreiteten Furcht, ja sogar Verzweiflung.
Das förderte natürlich nicht die Einigkeit innerhalb der Partei
und alier Schichten der werktätigen Bevölkerung - im Gegenteil, es
hatte zur Folge, daß loyale, aber Stalin unerwünschte Arbeiter vernichtet beziehungsweise aus der Partei ausgeschlossen wurden.
Unsere Partei kämpfte für die Verwirklichung der Pläne Lenins,
für den Aufbau des Sozialismus. Das war ein ideologischer Kampf.
Wären Lenins Grundsätze im Verlauf dieses Kampfes befolgt werden,
hätte man die Prinzipientreue der Partei geschickt mit lebhafter
und eifriger Sorge um die Menschen gepaart, wären die Menschen nicht
zurückgestoßen und vergeudet, sondern auf unsere Seite gezogen worden,
dann wäre es bestimmt nicht zu so brutalen Verstößen gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit gekommen,und viele Tausende wären nicht den
Terrormethoden zun Cr. fer gefallen. Außergewöhnliche Maßnahmen hätte
man dann nur gegen jene ergriffen, die wirklich verbrecherische Handlungen gegen las SOAjetsystem begangen hatten.

In

- 9-

�In diesem Zusammenhang möchte ich an verschiedene geschichtliche
Tatsachen erinnern.
In der Zeit vor der Oktoberrevolution lehnten zwei Mitglieder des
Zentralkomitees der Bolschewistischen Partei, Kamenaw und Sinowjew,
Lenins Plan eines bewaffneten Aufstands ab. Außerdem veröffentlichten
sie am 18.Oktober in dem Menschewiken-Organ "Nowaja Shisnj" eine Erklärung des Inhalts, daß die Bolschewiki einen Aufstand vorbereiteten,
was ihrer Ansicht nach eine Abenteurer-Politik sei. Kamenew und
Sinowjew verrieten also dem Feind den Beschluß des ZK, einen Aufstand
zu entfesseln, der binnen kurzem stattfinden sollte.
Das war Verrat an der Partei und an der Revolution. In diesem
Zusammenhang schrieb W.I. Lenir. : "Kamenew und Sinowjew verrieten den
Beschluß des Zentralkomitees ihrer Partei über den bewaffneten
Aufstand an Rodsjanko und Xerenskij". Lenin forderte das Zentralkomitee auf, über der. Ausschluß Sinowjews und Kamenews aus der Partei
zu beraten.
Aber nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurden
Sinowjew and Kamenew bekanntlich mit führenden Stellungen betraut.
Lenin gab ihnen Posten, auf denen sie äußerst verantwortungsvolle Parteiaufgaben zu bewältigen hatten und an der Tätigkeit der führenden Parteiund Sowjetorgane aktiv teilnahmen. Es ist bekannt, daß Sinowjew und
Kamenew zu Lebzeiten Lenins eine Anzahl weiterer schwerer Irrtümer begingen. In seinem "Testament" hob Lenin warnend hervor, daß "Sinowjews
und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall war." Aber Lenin
forderte wedae ihre Verhaftung und noch viel weniger ihre Erschießung.
Nehmen wir einmal das Beispiel der Trotzkisten. In diesem Augenblick,
mit genügend langem historischem Abstand, können wir übsr den Kampf gegen
die Trotzkisten in völliger Ruhe sprechen und diese Angelegenheit mit
ausreichender Objektivität betrachten. Alles in allem befanden sich in der
Umgebung Trotzkis Leute, die keineswegs der bürgerlichen Gesellschaft
entstammten. Ein Teil von ihnen gehörte zur Parteiintelligenz, und ein
gewisser Teil kam aus der Arbeiterschaft. Wir können einige nennen, die
sich damals den Trotzkisten anschlössen, Leute, die an der Arbeiterbewegung vor der Revolution, während der Sozialistischen Oktoberrevolution
selbst und auch bei der Festigung des Sieges dieser größten aller Revolutionen aktiven Anteil gehabt haben. Viele von ihnen brachen mit dem
Trotzkismus und kehrten zum Leninismus zurück. War es nötig, solche
Leute zu vernichten? '«Vir sind zu tiefst davon überzeugt, daß gegen
viele von ihnen, wenn Lenin noch gelebt hätte, solche extremen Methoden
nicht angewandt worden wäiren.
Das sind nur ein paar geschichtliche Tatsachen. Aber kann man sagen,
daß Lenin sich nicht für die Anwendung der schärfsten Mittel gegen die
Feinde der Revolution entschieden hat, wenn dies tatsächlich notwendig war?
Nein, das kann niemand behaupten. Wladimir Iljitsch forderte ein kompromißloses Vorgehen gegen die Feinde der Revolution und der Arbeiterklasse, und
im Notfall griff er unbedenklich zu entsprechenden Methoden. Sie brauchen
nur an seinen Kampf gegen die Sozialrevolutionäre zu denken, die den antisowjetischen Aufstand organisierten, gegen die konterrevolutionären Kulaken
im Jahre 1918 und gegen andere Gruppen,-als er ohne Zögern die radikalsten
Methoden gegen die Feinde anwandte.
° ö
Allerdings
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�Allerdings brauchte er sie nur gegen tatsächliche Klassenfeinde,
nicht aber gegen Leute, die nur einen Fehler gemacht, die sich geirrt
hatten, also gegen diejenigen, die man möglicherweise durch ideologische
Einflußnahme leiten und sogar in der Führung behalten konnte. Lenin
benutzte harte Methoden nur im äußersten Notfall, solange die ausbeutenden Klassen noch existierten und der Revolution heftigen Widerstand
leisteten, das heißt, wenn der Kampf um den Fortbestand seine schärfsten
Formen angenommen hatte, die sogar den Bürgerkrieg einschlössen.
Stalin dagegen griff zu radikalen Methoden und zu Ma senunterdrückungen in einer Zeit, als die Revolution schon siegreich und der
Sowjetstaat gefestigt war, als nach der Liquidierung der ausbeutenden
Klassen die sozial stischen Produktionsverhältnisse in allen Zweigen
der Volkswirtschaft bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatten, als unsere
Partei politisch gefestigt»zahlenmäßig gewachsen und ideologisch' erstarkt
war. Es ist klar, daß Stalin sich hier in einer ganzen Anzahl von Fällen als intolerant und brutal erwies und daß er seine Macht mißbrauchte.
Anstatt seine" politische Korrek heit zu beweisen und die Massen zu
mobilisieren, schlug er oft den Weg der Unterdrückung und physischer
Vernichtung ein, und zwar n'cht nur gegen tatsächliche Feinde sondern
auch gegen Personen, die keine /erbrechen gegen die Partei und die
Sowjetregierung begangen hat en. Hier ist keine Weisheit, sondern
nur die Demonstration brutaler Gewalt festzustellen, die schon Lenin
so sehr beunruhigt hatte.
In letzter Zeit, zumal nach df r Entlarvung der Beri ja-Bande, mußte
sich das Zentralkomitee mit einer Reihe von Fälschungen befassen, die
auf diese Bande zurückgingen. Datei am ein sehr häßliches Bild brutaler
Eigenmächtigkeiten zum Vorschein, und zwar wiederum in Zusammenhang mit
dem unkorrekten Verhalten Stalins. D e Tatsachen beweisen, daß sich Stalin auf Grund seiner unbegrenzten Macht viele Übergriffe erlaubte.
Dabei berief er sich auf das Zentralkomitee, ohne dessen Mitglieder,
ja nicht einmal die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees, um
ihre Meinung zu befragen. Oft unterr"chtete er diese nicht einmal über
seine persönlichen Entscheidungen in sehr wichtigen Partei- und Regierungsangelegenheiten.
Bei der Behandlung der Frage des Persönlichkeitskults müssen wir
zuerst jedem einzelnen klarmachen, welcher Schaden dieser Kult den
Interessen der Partei zufugte.
Wladimir Iljitsch Lenin hatte stets d e Rolle und Bedeutung der
Partei ei der Leitung der sozialistischen Arbeiter- und Bauernregierung b tont; hierin sah er die wesentliche Vorbedingung für einen
erfolgr i hen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande. Lenin verwies auf
die gr ße Verantwortung der Bolschewistischen Parte' als der regierenden Pa tei m Sowjetstaat und forderte eine peinlich genaue Beachtung
aller Normen des Parteilebens; er forderte die Verwirklichung der Prinzipiell der Kollegialität in der Führung von Partei und Staat.

Die

�Die kollektive Führung ergibt sich unmittelbar aus dem Charakter
der Partei, einer Partei, die auf den Prinzipien des demokratischen
Zentralismus beruht. "Dies bedeutet", sagte Lenin, "daß alle Parteiangelegenheiten - unmittelbar oder durch Vertreter - von allen Parteimitgliedern geregelt werden, die ausnahmslos den gleichen Regein unterworfen sind; außerdem sind alle Verwaltungsfunktionäre, a ~.e Führungskollegien, alle Inhaber von Parteiposten wählbar, müssen über ihre Tätigkeit Rechenschaft ablegen und können abberufen werden«"
Bekanntlich gab Lenin selbst ein Beispiel strengster Beachtung
dieser Prinzipien. Jede Angelegenheit war Lenin wichtig genug, um sie
nicht allein, ohne Beratung und ohne Billigung der Mehrheit der Mitglieder des Zentralkomitees oder der Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees,zu entscheiden.
In der für unsere Partei und unser Land schwersten Periode hielt
es Lenin für notwendig, regelmäßig Parteitage, Parteikonferenzen und
Plenarsitzungen des Zentralkomitees einzuberufen, auf denen alle
wichtigen Fragen diskutiert und die vom Führungskollektiv sorgfältig
ausgearbeiteten Beschlüsse gebilligt wurden.
Wir erinnern beispielsweise an das Jahr 1918» als unser Land durch
den Angriff der imperialistischen Interventionisten bedroht war. In
dieser Situation wurde der VII. Parteitag einberufen, um eine lebenswichtige, unaufschiebbare Angelegenheit zu diskutieren: den Frieden.
Während im Jahre 1919 der Bürgerkrieg tobte, trat der VIII. Parteitag zusammen, auf dem ein neues Parteiprogramm angenommen und über
wichtige Fragen wie das Verhältnis zu den Massen der Bauern, den Aufbau der Roten Armee, die führende Rolle der Partei in der Arbeit der
Sowjets, die Verbesserung der sozialen Zusammensetzung der Partei
und andere Fragen entschieden wurde. Im Jahre 1920 wurde der IX. Parteitag einberufen, der die Richtlinien für die Parteiarbeit auf dem
Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus festlegte. Im Jahre 1921 billigte
der X. Parteitag Lenins Neue ökonomische Politik und den historischen
Beschluß "Über die Einheit der Partei".
Zu Lenins Lebzeiten wurden regelmäßig Parteitage einberufen;
jedesmal, wenn eine einschneidende '(Vendung in der Entwicklung der
Partei und des Landes erfolgte, hielt es Lenin für unbedingt notwendig,
daß die Partei alle Grundfragen der Innen- und Außenpolitik sowie Fragen
der Entwicklung von Partei und Regierung eingehend diskutierte.
Es ist sehr bezeichnend, daß Lenin seine letzten Artikel, Briefe
und Bemerkungen an den Parteitag als höchste Parteiinstanz richtete.
In der Zeit zwischen den Parteitagen hielt sich das Zentralkomitee
als höchstes Führungskollektiv peinlich genau an die Prinzipien der
Partei und führte ihre Politik aus.
So war es zu Lenins Lebzeiten.
Wurden die heiligen leninistischen Prinzipien unserer Partei
auch nach dem Tode Wladimir Iljitschs beachtet?
Während
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�Während in den ersten Jahren nach Lenins Tod Parteitage und
Sitzungen des ZK-Plenums mehr oder weniger regelmäßig stattfanden,
wurden diese Grundsätze später, als Stalin seine Macht immer mehr
mißbrauchte, in brutaler Weise verletzt. Das zeigte sich besonders
während seiner letzten fünfzehn Lebensjahre. Kann man noch von normalen Verhältnissen sprechen, wenn zwischen dem XVIII. und dem XIX.
Parteikongreß dreizehn Jahre verstrichen, Jahre, in denen unsere Partei
und unser Land so viele wichtige Ereignisse durchmachten? Diese Ereignisse verlangten kategorisch nach Parteibeschlüssen über die Landesverteidigung während des Großen Vaterländischen Krieges und über den
friedlichen Wiederaufbau nach Beendigung des Krieges. Selbst nach
Kriegsende dauerte es sieben Jahre, bis wieder ein Parteikongreß stattfand.
Es wurden kaum noch ZK-Plenarsitzungen einberufen. Man braucht
nur zu erwähnen, daß während des ganzen Großen Vaterländischen Krieges keine einzige Sitzung des Plenums des Zentralkomitees stattgefunden
hat.
Zwar wurde im Oktober 1941 der Versuch unternommen, das gesamte
Zentralkomitee einzuberufen, als die Mitglieder des Zentralkomitees
aus der ganzen Sowjetunion nach Moskau beordert wurden. Aber sie warteten
zwei Tage lang vergeblich auf die Eröffnung des Plenums. Stalin wünschte
nicht einmal,die Mitglieder des Zentralkomitees persönlich zu sprechen.
Diese Tatsache zeigt, wie demoralisiert Stalin in den ersten Kriegsmonaten war und mit welcher Überheblichkeit und Verachtung er die Mitglieder des Zentralkomitees behandelte.
In der Praxis setzte sich Stalin über die Normen des Parteilebens
hinweg und trat den leninistischen Grundsatz der kollektiven Führung
mit Füßen. Stalins Eigenmächtigkeit gegenüber der Partei und ihrem
Zentralkomitee trat nach dem XVII. Parteitag, der 1934 abgehalten wurde,
voll und ganz in Erscheinung.
Das ZK, das sich im Besitze zahlreicher Unterlagen über die brutale und willkürliche Behandlung der Parteikader befindet, hat eine
Parteikommission eingesetzt, die unter der Kontrolle des Präsidiums
des Zentralkomitees steht. Die Kommission wurde beauftragt, Untersuchungen darüber anzustellen, wieso Massenunterdrückungen gegen die
Mehrheit der Mitglieder und Kandidaten des ZK, die auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (ß) gewählt worden waren, möglich gewesen sind.
Die Kommission hat umfangreiches Material aus den NKWD-Archiven
und andere einschlägige Dokumente gesichtet und in zahlreichen Fällen
festgestellt, daß Anklagen gegen Kommunisten konstruiert, falsche
Anschuldigungen erhoben und schamlose Mißbräuche mit der sozialistischen Gesetzlichkeit geduldet wurden - was zum Tode unschuldiger
Menschen führte. Es hat sich erwiesen, daß viele Aktivisten der Partei,
der Sowjets und der Wirtschaft, die in den Jahren 1937 bis 1938 zu
"Volksfeinden" gestempelt worden waren, in Wirklichkeit niemals Feinde,
Spione, Schädlinge und so weiter waren, sondern immer nur aufrechte
Kommunisten. Sie wurden nur als Feinde gebrandmarkt und bezichtigten
sich oft selbst, weil sie die barbarischen Folterungen nicht länger

- 13 -

�länger ertragen konnten (nach den Weisungen der Untersuchungsrichter - und Wahrheitsverfälscher), aller möglichen schweren und unwahrscheinlichen Verbrechen. Die "Kommission hat dem Präsidium des
Zentralkomitees umfangreiches Dokumentenmaterial über Massenrepressalien gegen die Delegierten des XVII.Parteitags und gegen Mitglieder des Zentralkomitees, die auf diesem Parteitag gewählt worden
waren, unterbreitet. Das Präsidium des Zentralkomitees hat dieses
Material eingehend geprüft.
Es wurde festgestellt, daß von den auf dem XVII.Parteitag gewählten 139 Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees der Partei
98 Personen, das sind 70 Prozent, in den Jahren 1937 bis 1938 verhaftet und liquidiert wurden.
(Entrüstung im Saale)
Wie war die Zusammensetzung der Delegierten des XVII.Parteitags?
Es ist bekannt, daß 80 Prozent der stimmberechtigten Delegierten dieses
Parteitags in den Jahren der Verschworung vor der Oktoberrevolution und
während des Bürgerkriegs, also vor 1921, der Partei beigetreten waren.
Nach der gesellschaftlichen Herkunft handelt es sich bei der Masse der
Delegierten dea XVII.Parteitags um Arbeiter (60 Prozent der Stimmberechtigten
Schon aus diesem Grunde mußte es unfaßbar scheinen, daß ein Parteitag mit einer solchen gesellschaftlichen Struktur ein Zentralkomitee
gewählt haben soll, das in der Mehrheit aus Parteifeinden bestand.
Der einzige Grund, warum 70 Prozent aller Mitglieder und Kandidaten
des Zentralkomitees als Feinde der Partei und des Volkes angeprangert
wurden, war der, daß man Verleumdungen gegen sie vorbrachte, falsche
Anschuldigungen gegen s'e konstruierte und die revolutionäre Gesetzlichkeit in unzulässiger V/eise aushöhlte.
Das gleiche Schicksal ereilte nicht nur die Mitglieder des Zentralkomitees sondern auch die Mehrzahl der Delegierten des XVII.Parteitags . Von 1966 stimmberechtigten oder beratenden Delegierten wurden
1108 Personen, also über die Hälfte all^r Delegierten, unter der Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrecher, verhaftet. Allein diese
Tatsache beweist, wie absurd, phantastisch und widersinnig die Beschuldigungen wegen gegenrevolutionärer Verbrechen waren, die, wie
wir jetzt sehen können, der Mehrheit der Delegierten des XVII.Parteitags zur Last gelegt wurden.
/_ . .. . _ . B--i 's
0
0 0
(.Entrüstung im Saale;
»Vir sollten uns dara erinnern, daß der XVII.Parteitag als Parteitag der Sieger in die Geschichte einging. Die Delegierten dieses Parteitags nahmen aktiv am Aufbau unseres sozialistischen Staates teil} viele
von ihnen litten und kämpften in den vorrevolutionären Jahren der Verschwörung und an den Fronten des Bürgerkriegs für die Interesse der Partei. Tapfer kämpften sie gegen ihre Feinde und schauten oft dem Tod kaltblütig ins Angesicht. Wie konnten wir da glauben, diese Menschen seien
Doppelzüngler und hätten in der Zeit nach der politischen Liquidierung
der Sinowjewisten, Trotzkisten und Rechten, sowie nach den großen Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus im Lager der Feinde des Sozialismus gestanden?
»
Dies
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�Dies war das Ergebnis des llachtmi ßbrauchs Stalins, der nun mit
den Mitteln des Massenterrors gegen die Parteikader vorzugehen begann.
Wie ist es zu erklären, daß nach dem XVII. Parteitag die Massenrepressalien gegen Aktivisten immer mehr zunahmen? Stalin hatte sich
damals derart über Partei und Nation erhoben, daß er fortan weder
auf das Zentralkomitee noch die Partei Rücksicht nahm. Während Stalin
vor dem XVIII. Parteitag noch mit der Meinung des Kollektivs rechnete,
mißachtete er nach der restlosen politischen Liquidierung der Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten - nachdem die Partei durch
diesen Kampf und die Siege des Sozialismus ihre Einheit erreicht
hatte - in zunehmendem Maße die Meinung der Mitglieder des Zentralkomitees und selbst der Mitglieder des Politbüros. Stalin glaubte,
er könne alles allein entscheiden und brauche nur noch Statisten.
Er behandelte alle andern so, daß sie ihm nur noch zuhören und Beifall klatschen durften.
Die Massenunterdrückungen und brutalen Verstöße gegen die
sozialistische Gesetzlichkeit begannen nach dem Meuchelmord an
S. M. Kirow. Am Abend des 1. Dezember 1934 unterzeichnete der Sekretär des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees, Jenukidse, auf
Veranlassung Stalins(ohne die Genehmigung des Politbüros, die beiläufig erst zwei Tage später erteilt wurde) folgende Weisung;
"1. Die Untersuchungsorgane werden angewiesen, die Fälle der
wegen Vorbereitung beziehungsweise Ausführung von Terrorakten Angeklagten beschleunigt zu behandeln.
2. Die Gerichtsorgane werden angewiesen, die Vollstreckung der
wegen Verbrechen dieser Kategorie ausgesprochenen Todesurteile nicht
im Hinblick auf eine eventuelle Begnadigung aufzuschieben, da:- das
Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR die Entgegennahme
von Eingaben dieser Art nicht für möglich erachtet.
3. Die Organe des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten
(NKWD) werden angewiesen, die Todesurteile gegen Verbrecher, die der
oben angeführten Kategorie angehören, unmittelbar nach der Urteilsverkündung zu vollstrecken."
Diese Weisung war die Grundlage für den massiven Mißbrauch der
sozialistischen Gesetzlichkeit. In zahlreichen arangierten Gerichtsverfahren wurden die Angeklagten "der Vorbereitung" von Terrorakten
beschuldigt; dadurch waren sie jeder Möglichkeit beraubt, ihre Fälle
überprüfen zu lassen, selbst wenn sie vor Gericht aussagen, ihre
"Geständnisse" seien erpreßt worden oder wenn sie in überzeugender
Weise die gegen sie erhobenen Anschuldigungen entkräften konnten.
Es muß festgestellt werden, daß die Umstände der Ermordung
Kirows bis auf den heutigen Tag in vielen Punkten ungeklärt und
mysteriös sind, so daß sie noch einer gründlichen Überprüfung be
dürfen. Der Verdacht scheint begründet, daß der Mörder Kirows,
Nikolajew, von jemanden unterstützt wurde, dessen Pflicht es gewesen

- 15 -

�gewesen wäre, Kirows Person zu schützen. Anderthalb Monate vor dem
Mord war Nikolajew wegen verdächtigen Verhaltens verhaftet, dann aber
ohne Vornahme einer Leibesvisitation wieder freigelassen worden. Es
erscheint ungewöhnlich verdächtig, daß der für Kirows Schutz verantwortliche Tschekist, als er am 2. Dezember 1954 zum Verhör gebracht
wurde, bei einem "Verkehrsunfall" ums Leben kam, bei dem sonst kein
anderer Mitfahrender Schaden erlitt. Nach Kirows Ermordung erhielten
Spitzenfunktionäre des Leningrader NKWD ganz minimale Strafen, aber
1937 wurden sie erschossen. Es ist anzunehmen, daß man mit ihrer
Erschießung die Spuren der Organisatoren des Mordes an Kirow-auslöschen wollte. (Erregung im Saale)
Ende 1936, nach einem Telegramm, das Stalin und Shdanow am
25. September 1936 von Sotschi aus an Kaganowitsch, Molotow und andere
Mitglieder des Politbüros gerichtet hatten, nahmen die Massenunterdrückungen ungewöhnlichen Umfang an. Das Telegramm lautete:
"Wir halten es für unbedingt notwendig und dringlich, daß Genosse
Jeshow zum Volkskommissar für Innere Angelegenheiten ernannt wird.
Jagoda hattsich endgültig als unfähig erwiesen, den Block der Trotzkisten und Sinojewisten zu entlarven. Die GPU ist in dieser Angelegenheit um vier Jahre im Verzug. Das wird von allen Parteifunktionären und den meisten NKWD-Mitarbeitern bemerkt."
Es sei darauf hingewiesen, daß Stalin genau genommen mit Parteifunktionären gar nicht mehr zusammenkam und ihre Ansichten deshalb
gar nicht kennen konnte.
Diese Stalinsche Formulierung, daß das "NKWD" bei der Anwendung
von Massenrepressalien " vier Jahre im Verzug" sei, und daß die
Notwendigkeit bestehe, diesen Rückstand "aufzuarbeiten", trieb die
NKWD-Mitarbeiter geradezu auf die Bahn der Massenverhaftungen und
-hinrichtungen.
Wir betonen, daß diese Formulierung auch dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU(ß) vom Februar-März 1937 aufgezwungen wurde.
Die Resolution des Plenums billigte sie auf Grund von Jeshows
Bericht "Lehren aus der Schädlings-Diversions- und Spionagetätigkeit der japanischen, deutschen und trotzkistischen Agenten" mit
folgenden Worten:
"Das Plenum des ZK der KPdSU(B) ist der Ansicht, daß alle
Tatsachen, die im Laufe der Untersuchung in der Angelegenheit des
antisowjetisch-trotzkistischen Zentrums und seiner Anhänger in der
Provinz enthüllt wurden, beweisen, daß das Volkskommissariat für
Innere Angelegenheiten bei seiner Aufgabe, diese unerbittlichsten
Feinde des Volkes zu entlarven, mindestens vier Jahre in Verzug
geraten ist."
Die

- 16 -

�Die damaligen Massenunterdrückungen erfolgten unter der Losung
des Kampfes gegen die Trotzkisten. Waren denn die Trotzkisten zu Jener Zeit tatsächlich eine solche Gefahr für unsere Partei und den
Sowjetstaat? In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß
1927» kurz vor dem XV.Parteitag, nur ungefähr 4000 Stimmen für die
trotzkistisch-sinowjewistische Opposition, gegenüber 724 000 für die
Parteilinie abgegeben wurden. Im Verlauf der zehn Jahre vom XV.Parteitag bis zum Februar-März-Plenum des Zentralkomitees wurde der Trotskismus völlig entwaffnet. Viele Trotzkisten hatten ihre ehemaligen Ansichten geändert und arbeiteten in verschiedenen Sektoren am Aufbau
des Sozialismus mit. Es ist doch klar, daß zu dieser Zeit des Sieges
des Sozialismus kein Anlaß zum Massenterror in unserem Lande bestand.
Stalins Bericht auf der Plenartagung des Zentralkomitees im
Februar und März 1937 über "Mängel in der Parteiarbeit und Methoden
für die Liquidierung von Trotzkisten und anderen Doppelzünglern"
stellte den Versuch einer theoretischen Rechtfertigung der Politik
des Massenterrors unter dem Vorwand dar, daß der Klassenkampf sich
angeblich im Fortschreiten auf dem Wege zum Sozialismus zunehmend
verschärfen müsse.
Stalin versicherte, diese Erkenntnis aus der
Geschichte und Lenins Werken abgeleitet zu haben.
Lenin lehrte aber'tatsächlich, daß die Anwendung revolutionärer
Gewalt durch den Widerstand der Ausbeuterklassen notwendig werde, und
er bezog sich dabei auf die Zeit, da diese Ausbeuterklassen noch bestanden und über Macht verfügten. Als sich aber die politische Lage
des Landes gebessert hatte, nachdem nämlich die Rote Armee im Januar
1920 Rostow eingenommen und damit einen höchst bedeutsamen Sieg über
Denikin errungen hatte, wies Lenin Dsershinskij an, Massenterror einzustellen und die Todesstrafe abzuschaffen. Lenin begründete diesen
wichtigen politischen Schritt des Sowjetstaates in seinem Bericht
vor dem Allunions-Zentralexekutivkomitee am 2.Februar 1920 folgendermaßen t
"Der Terror, den die Entente ausübte, als starke Weltmächte ihre
Horden auf uns losließen, die vor nichts zurückschreckten, zwang uns
unsererseits zur Anwendung von Terror. Wir hätten uns keine zwei Tage
behaupten können, hätten wir diese Versuche von Offizieren und Weißgardisten nicht mit rücksichtslosen Maßnahmen beantwortet, das heißt
mit der Anwendung von Terror, der uns aber erst durch die Terrormethoden
der Entente aufgezwungen wurde.
Sobald wir aber einen entscheidenden Sieg errungen hatten, also
schon vor Kriegsende unmittelbar nach der Einnahme Rostows, schafften
wir die Todesstrafe ab und lieferten damit den Beweis, daß wir unser
Programm in der versprochenen Form durchzuführen beabsichtigten. Wir
erklären, daß die Anwendung von Gewalt der Entschlossenheit entsprang,
die Ausbeuter zu vernichten, die Großgrundbesitzer und Kapitalisten;
als dies erreicht war, verzichteten wir auf alle außergewöhnlichen
Methoden. Dafür haben wir den praktischen Beweis erbracht."
Stalin wich von diesen klaren und unmißverständlichen Richtlinien
Lenins ab. Stalin benutzte die Partei und das NKWD für die Ausübung
des Massenterrors zu einer Zeit, als die Ausbeuterklassen in unserem
- 17 -

�unseren Lande bereits vernichtet und keine ernsthaften Gründe mehr
für die Anwendung des außergewöhnlichen Massenterrors gegeben waren.
Dieser Terror richtete sich im Grunde genommen nicht gegen die
Überreste der zerschlagenen Ausbeuterklassen, sondern gegen ehrbare
Funktionäre der Partei und des Sowjetstaates; sie wurden in verlogener,
verleumderischer und absurder Weise der "Doppelzüngelei", der "Spionage",
der "Sabotage", der Vorbereitung angeblicher "Verschwörungen" usw. beschuldigt .
Auf der Plenartagung des Zentralkomitees vom Februar bis März 1937
bezweifelten auch tatsächlich viele ZK-Mitglieder die Richtigkeit des
festgelegten Kurses der Massenrepressalien unter dem Vorwand des Kampfes
gegen die "Doppelzüngelei".
Genosse Postyschew brachte diese Zweifel überaus einleuchtend zum
Ausdruck»wenn er sagtet
"Ich habe mir folgendes überlegtt die schweren Jahre des Kampfes
sind vorüber; die Parteimitglieder, die kein Rückgrat besaßen, sind
zerbrochen oder in das Lager des Feindes übergegangen; die gesunden
Elemente haben für die Partei gekämpft. Das war in den Jahren der
Industrialisierung und Kollektivisierung. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß Karpow und andere jetzt, nachdem diese schwere Zeit
zu Ende gegangen ist, sich im Lager des Feindes finden würden (Karpow
war Mitglied des Ukrainischen Zentralkomitees und persönlich gut mit
Postyschew bekannt). Und nunmehr hat es nach Zeugenaussagen den Anschein,
daß Kapow 1934 von den Trotzki3ten angeworben wurde.
Ich persönlich glaube nicht, daß ein anständiges Parteimitglied,
das den ganzen Weg des erbarmungslosen Kampfes gegen die Parteigegner
und für den Sozialismus mitgegangen ist, im Jahre 1934 ins Lager der
Feinde übergewechselt sein kann. Ich glaube es nicht ... Ich kann mir
nicht vorstellen, wie es möglich sein soll, daß jemand in den schwierigen
Jahren zur Partei hält, um sich dann im Jahre 1934 den Trotzkisten anzuschließen. Das ist eine merkwürdige Geschichte ..."
(Bewegung im Saal)
Unter Berufung auf Stalins These, daß die Zahl der Feinde wä~h3t,
je mehr wir uns dem Sozialismus nähern, und unter Berufung auf dio Entschließung des Februar-März-Plenums des Zentralkomitees, die sich auf
den Jeschow-Bericht stützte, begannen die Provokateure, die im Verein
mit gewissenlosen Karrieremachern die Staatssicherheitsorgane durchsetzt
hatten, den Massenterror gegen Parteikader, Kader des Sowjetstaates und
gewöhnliche Sowjetbürger mit dem Parteiinteresse zu bemänteln. Die
Feststellung dürfte genügen, daß die Anzahl der Verhaftungen unter der
Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrechen von 1936 bis 1937 auf das
Zehnfache anstieg.

Es

�Es ist bekannt, daß brutale Willkür gegen viele der Parteiarbeiter angewandt wurde. Die vom XVII. Parteitag gebilligten Parteistatuten stützten sich auf die leninistischen Grundsätze, wie sie auf
dem X. Parteitag zum Ausdruck gebracht worden waren. In ihnen heißt
es, daß extreme Maßnahmen wie der Parteiausschluß gegen ZK-Mitglieder,
ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission nur angewandt
werden können, wenn vorher "das Plenum des Zentralkomitees einberufen
und auch alle ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission
zu dieser Plenarsitzung eingeladen worden sind"; nur wenn zwei Drittel
der Mitglieder einer solchen Generalversammlung verantwortlicher Parteiführer dies für notwendig erachten, kann ein ZK-Mitglied oder ein
ZK-Kandidat ausgeschlossen werden.
Die meisten der ZK-Mitglieder und -Kandidaten, die auf dem XVII.
Parteitag gewählt und 1937/38 verhaftet wurden, hat man durch brutalen
Mißbrauch der Parteistatuten widerrechtlich aus der Partei ausgeschlossen, da die Frage ihres Ausschlusses nie vom Plenum des Zentralkomitees erörtert worden ist.
Als nunmehr die Fälle einiger dieser sogenannten "Spione" und
"Saboteure'1 untersucht wurden, hat sich gezeigt, daß diese Fälle
restlos erfunden waren. Die Schuldgectändnisse vieler Personen, die
verhaftet und volksfeindlicher Tätigkeit bezichtigt wurden, waren
mit Hilfe grausamer und unmenschlicher Folterungen erpreßt worden.
Gleichzeitig hat Stalin, wie uns inzwischen von damaligen
Mitgliedern des Politbüros berichtet wurde, ihnen die Erklärungen
vieler angeklagter politischer Aktivisten vorenthalten, in denen diese
ihre Geständnisse vor dem Militärtribunal widerrufen und eine objektive Untersuchung ihrer Fälle gefordert hatten. Es gab zahlreiche
derartige Erklärungen, und Stalin kannte sie genau.
Das Zentralkomitee hält es für absolut notwendig, den Parteikongreß über viele derartige konstruierte "Fälle" gegen Mitglieder
des Zentralkomitees der Partei, die auf dem XVII. Parteitag gewählt worden waren, zu unterrichten.
Ein Beispiel niederträchtiger Provokation himmelschreiender
Entstellung und verbrecherischer Verstöße gegen die revolutionäre
Gesetzlichkeit ist der Fall des ehemaligen Politbüro-Kandidaten,
des hervorragenden Funktionärs der Partei und der Sowjetregierung,
Genosse Eiche, der seit 1905 der Partei angehörte.
Genosse Eiche wurde am 29. April 1938 auf Grund verleumderischen
Materials und ohne Genehmigung des Generalstaatsanwaltes, die schließlich nach 15monatiger Haft eintraf, verhaftet.
Die Untersuchung des Falles Eiche wurde in einer Weise durchgeführt, die einen äußerst brutalen Verstoß gegen die sowjetische
Gesetzlichkeit darstellte, wobei Willkür und Fälschungen stark ins
Gewicht fielen.
Eiche

- 19 -

�Eiche wurde durch Folterungen gezwungen", von vornherein ein
Geständnisprotokoll zu unterzeichnen, das die Untersuchungsrichter
ausgearbeitet hatten und in dem er antisowjetischer Tätigkeit beschuldigt wurde.
Am 1. Oktober 1939 sandte Eiche seine Erklärung an Stalin, in
der er kategorisch jede Schuld bestritt und eine Überprüfung seines
Falles verlangte. In dieser Erklärung schrieb er:
"Es gibt kein größeres Elend, als im Gefängnis des Staates zu
sitzen, für den ich immer gekämpft habe."
Es ist auch eine zweite Erklärung Eiches erhalten, die er am
27. Oktober 1939 an Stalin sandte; in dieaer Erklärung führt er sehr
überzeugende Tatsachen an und widerlegt die gegen ihn erhobenen verleumderischen Beschuldigungen; er führt an, diese provokatorische
Beschuldigung seien einerseits das Werk echter Trotzkisten, deren
Verhaftung er als 1. Parteisekretär der Region Westsibirien gebilligt
hatte und die sich aus Rache gegen ihn verschworen; andererseits sei
sie das Ergebnis der gemeinen Fälschung des Materials durch die Untersuchungsrichter •
Eiche schrieb in seiner Erklärung: "... Am 25. Oktober dieses
Jahres teilte man mir mit, die Untersuchung meines Falles sei abgeschlossen, und man gewährte mir Einsicht in das Untersuchungsmaterial.
Hätte ich auch nur den hundertsten Teil der mir zur Last gelegten
Verbrechen begangen, so hätte ich nicht gewagt, Ihnen vor meiner Hinrichtung diese Erklärung zu übersenden; ich habe jedoch auch nicht
eine einzige der mir zur Last gelegten Handlungen begangen, und mein
Herz kennt auch nicht einen Schatten von Gemeinheit. Ich habe Ihnen
nie in meinem Leben ein unaufrichtiges Wort gesagt,und in diesem Augenblick, da ich bereits mit beiden Füßen im Grabe stehe, lüge ich ebensowenig. Mein ganzer Fall ist ein typisches Beispiel für Provokation,
Verleumdung und Verletzung der elementaren Grundlagen revolutionärer
Gesetzlichkeit...
... Die Geständnisse, die man in meinen Akt aufgenommen hat,
sind nicht nur absurd, sie enthalten auch gewisse Verleumdungen über
das Zentralkomitee der KPdSU(ß) und den Rat der Volkskommissare, da
richtige Beschlüsse des ZK der KPdSU(B) und des Rats der Volkskommissare, die nicht auf meine Veranlassung und ohne meine Teilnahme gefaßt wurden, als feindliche Akte konterrevolutionärer Organisationen
hingestellt werden, die auf meine Anregung entstanden...

Ich

- 20 -

�Ich komme jetzt zu dem schändlichsten Tun meines Lebens und
meiner wirklich schweren Schuld gegenüber der Partei und Ihnen. Es
ist dies mein Geständnis konterrevolutionärer Arbeit ... Die Sache
liegt folgendermaßen: Da ich die Folterungen durch Uschakow und
Nikolajew - insbesondere den ersteren -,die wußten, daß meine
gebrochenen Rippen noch nicht geheilt waren und mir große Schmerzen
bereiteten, nicht ertragen konnte, habe ich unter Zwang mich selbst
und andere beschuldigt.
Mein Geständnis ist zum größten Teil von Uschakow erfunden oder
diktiert, der Rest besteht aus von mir selbst rekonstruiertem NKWDMaterial aus West-Sibirien, für das ich volle Verantwortung übernommen hatte. Wenn ein Detail der von Uschakow fabrizierten und von mii"
unterzeichneten Geschichte nicht zusammenpaßte, wurde ich gezwungen,
eine andere Fassung zu unterschreiben. So war es mit Ruchimowitsch,
der mir zuerst als Mitglied des 'Reservenetzes• benannt wurde, dessen
Nanfe aber später nicht mehr auftauchte, ohne daß mir dies mitgeteilt
wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem Leiter des angeblich von
Bucharin im Jahre 1935 geschaffenen 'Reservenetzes' . Zuerst setzte
ich meinen Namen ein, dann sagte man mir, ich solle den von Meshlauk
einsetzen. Solche Dinge kamen öfters vor.
... Ich ersuche und bitte Sie, meinen Fall nochmals zu überprüfen,
nicht etwa, um mich zu retten, sondern um die niederträchtige Provokation
zu enthüllen, die jetzt infolge meiner erbärmlichen und verbrecherischen
Verleumdung zahlreiche Personen wie eine Schlange umstrickt. Nieraals habe
ich Sie oder die Partei verraten. Ich weiß, daß ich auf Grund der niederträchtigen uhd gemeinen Arbeit der Feinde der Partei und des Volkes,
die diese Provokation gegen mich inszenierten, umkommen werde."
Man sollte meinen, eine so wichtige Erklärung sei einer Untersuchung
durch das Zentralkomitee wert gewesen. Dies geschah jedoch nicht, und die
Erklärung wurde an Berija weitergeleitet, während die fürchterliche
Mißhandlung des Politbürokandidaten, Genosse Eiche, weiterging.
Am 2.Februar 1940 wurde Eiche vor Gericht gestellt. Hier gab er
keinerlei Schuld zu und sagte folgendes»
"In all meinen sogenannten Geständnissen habe ich mit Ausnahme
meiner Unterschrift unter die von mir erpreßten Protokolle auch nicht
einen einzigen Buchstaben geschrieben. Ich habe unter dem Druck des Untersuchungsrichters, der mich von Beginn meiner Verhaftung an folterte, Aussagen gemacht. Danach begann ich dann, all diesen Unsinn zu schreiben ...
das Wichtigste für mich aber ist, dem Gericht, der Partei und Stalin zu sagen, daß ich nicht schuldig bin. Ich habe mich nie einer Verschwörung schuldig gemacht. Icn werde sterben in dem Glauben an die Richtigkeit der Politik
der Partei wie. ich das mein Leben lang geglaubt habe."
Am 4.Februar wurde Eiche erschossen. (Entrüstung im Saal.) Heute ist
einwandfrei erwiesen, daß der Fall Eiche fabriziert wurde') Eiche wurde posthum rehabilitiert.
Genosse Rudsutak, Politbürokandidat und Parteimitglied seit 1905» der
10 Jahre in einem zaristischen Verbannungslager schmachtete, hat vor Gericht
die von ihm erzwungenen Geständnisse voll und ganz widerrufen. Das Sitzungsprotokoll des Kollegiums des Obersten Militärgerichts enthält folgende
Äußerung Rudsutaks i
..
Sein«

�"... Seine einzige Bitte an das Gericht geht dahin, das Zentralkomitee der KPdSU(B) möge informiert werden, daß es im NKWD eine bisher noch nicht liquidierte Clique gibt, die auf hinterhältige Weise
Fälle fabriziert und unschuldige Menschen zu Geständnissen zwingt; es
gibt keine Möglichkeit zu beweisen, daß man an den durch die Geständnisse verschiedener Leute bezeugten Verbrechen nicht beteiligt war.
Die Untersuchungsmethoden sind derart, daß die Menschen gezwungen werden, zu lügen und über die bereits Angeklagten hinaus völlig unschuldige
Personen zu verleumden. Er bittet das Gericht, ihm zu erlauben, das
Zentralkomitee der KPdSü(B) von all diesen Dingen schriftlich zu unterrichten. Er versichert dem Gericht, daß er persönlich in bezug auf die
Politik unserer Partei niemals etwas Böses im Schilde führte, da er
mit der Politik der Partei auf wirtschaftlichem und kulturellem
Gebiet stets voll und ganz einverstanden gewesen sei."
Diese Erklärung Rudsutaks wurde gar nicht beachtet, obgleich
Rudsutak zeitweise Leiter der Zentralen Kontrollkommission gewesen
war, die auf Lenins Veranlassung zum Zwecke des Kampfes für die Einheit der Partei ins Leben gerufen wurde ... So fiel der Leiter dieses
äußerst maßgeblichen Parteiorgans, brutaler Willkür zum Opfer; er wurde
nicht einmal vor das Politbüro des ZK zitiert, da Stalin nicht mit
ihm sprechen wollte. Binnen 20 Minuten war das Urteil gefällt,und
er wurde erschossen. (Entrüstung im Saal)
Nach sorgfältiger Untersuchung des Falles im Jahre 1955 wurde
festgestellt, daß die Beschuldigung gegen Rudsutak zu Unrecht erhoben
worden war und auf verleumderischen Unterlagen beruhte. Rudsutak wurde
posthum rehabilitiert.
Auf welche Art und Weise die ehemaligen Mitarbeiter des NKWD die
verschiedensten fiktiven "antisowjetischen Gruppen" und "Blocks" mit
Hilfe provokatorischer Methoden konstruierten, geht aus dem Geständnis des Genossen Rosenblum hervor, der der Partei seit 1906 angehörte
und 1937 vom Leningrader NKWD verhaftet wurde.
Anläßlich der Untersuchung des Falles Komarow enthüllte Rosenblum
folgende Tatsache: Als Rosenblum 1937 verhaftet wurde, unterzog man
ihn furchtbaren Folterungen/ in deren Verlauf man ihn zwang, falsche
Aussagen über sich selbst und andere zu machen. Dann wurde er in das
Büro Sakowskijs gebracht, der ihm die Freiheit anbot, unter der Bedingung, daß er vor Gericht ein wahrheitswidriges Geständnis über
"Sabotage, Spionage und Diversionsarbeit im Rahmen einer Terroristengruppe in Leningrad'1 ablegte, das das NKWD im Jahre 1937
fabriziert
hatte'. (Bewegung im Saal.) Mit unglaublichem Zynismus schilderte ihm
Sakowskij den üblen "Apparat", der mit der heimtückischen Erfindung
"antisowjetischer Komplotte" beauftragt war.

Zur
- 22 -

�"Zur Illustration", erklärte Rosenblum, "zählte mir Sakowskij
verschiedene mögliche Varianten des Organisationsschemas dieser
Gruppe und ihrer Unterabteilungen auf. Nachdem er mich über die
Organisation im einzelnen aufgeklärt hatte, sagte mir Sakowskij,
das NKDW würde den Fall in die Hand nehmen und fügte hinzu, das
Gerichtsverfahren werde öffentlich sein.
Gegen vier oder fünf Mitglieder dieser Organisation sollte
Anklage erhoben werden, nämlich Tschudow, Ugarow, Smorodin, Posern,
Frau Schaposchnikowa (Tschudows Frau) sowie gegen weitere Personen
und außerdem gegen zwei oder drei Mitglieder der Unterabteilungen
dieser Gruppe ...
...''Der Fall der Leningrader muß fest untermauert sein und aus
diesem Grunde werden Zeugen benötigt. Die soziale Herkunft des Zeugen
(die ursprüngliche natürlich) und seine Stellung in der Partei werden
dabei keine geringe Rolle spielen.
Sie persönlich1, erklärte Sakowskij, 'brauchen garnichts zu erfinden. Das NKWD wird für Sie genaue Unterlagen über alle Unterabteilungen der Gruppe zusammenstellen; Sie brauchen diese nur sorgfältig
zu studieren und müssen sich sämtliche Fragen und Antworten einprägen,
die das Gericht an Sie stellen kann. In vier bis fünf Monaten oder
vielleicht in einem halben Jahr wird dieser Fall zur Verhandlung kommen.
Während dieser ganzen Zeit müssen Sie sich entsprechend vorbereiten,
damit sie weder die Untersuchungen gefährden noch sich selbst bloßstellen. Vom Verlauf der Gerichtsverhandlungen und ihrem Ergebnis hängt
Ihre eigene Zukunft ab. Wenn Sie auf Lügen oder falschen Aussagen ertappt werden, haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Wenn es
Ihnen gelingt, durchzuhalten, retten Sie Ihren eigenen Kopf, und wir
werden für Sie bis an Ihr Lebensende auf Regierungskosten sorgen'."
Auf diese niederträchtige Weise wurden die Dinge damals gehandhabt.
(Bewegung im Saale)
Noch verbreiteter waren die Rechtsbeugungen in der Provinz. Das
NKWD-Kommando des Gebiets Swerdlowsk "entlarvte" den sogenannten "Auf-.Standsstab Ural" - ein Organ des "Blocks der Rechten, Trotzkisten, Sozialrevolutionäre und Kirchenführer" -,dessen angeblicher Leiter der
Gebietssekretär von Swerdlowsk, ZK-Mitglied der KPdSU, Kabakow, gewesen
sein soll, der seit 1914 der Par/tei angehörte. Das Untersuchungsmaterial
aus dieser Zeit zeigt, daß in fast allen Regionen, Gebieten und Republiken
"Spionage-, Terror-, Diversions- und Sabotageorganisationen und Zentren
der Rechten und TrotzkistfenV bestanden und daß die Führer dieser Organisationen - aus keinem ersichtlichen Grunde - gewöhnlich Erste Parteisekretäre von Gebieten oder von den Zentralkomitees der Republiken waren.
Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten kamen infolge
dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugungen ums Leben,weil jedes noch so verleumderische "Geständnis" akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpreßte. In gleicher Weise wurden die "Fälle" gegen hervorragende Parteiund Staatsfunktionäre wie Kossior, Tschübary, Postyschew, Kosarjew und andere
fabriziert.
In
- 23 -

�In diesen Jahren wurden Unterdrückungsmaßnahmen in größtem Maßstab durchgeführt, denen nichts Greifbares zugrunde lag und die schwere
Verluste an Parteikadern zur Folge hatten.
Dem NKWD wurde die niederträchtige Praxis gestattet, Listen von
Personen zusammenzustellen, für deren Fälle das Oberste Militärgericht
zuständig war und bei denen die Urteile im voraus feststanden.
Jeshow pflegte diese Listen zur Bestätigung der vorgeschlagenen
Strafen an Stalin persönlich zu senden. In den Jahren 1937 bis 1938
wurden 383 solcher Listen mit den Namen vieler Tausender von Parter-,
Sowjet-, Komsomol-, Armee- und Wirtsqhaftsfunktionären Stalin zugesandt.
Und diese Listen wurden von ihm gebilligt.
Ein großer Teil dieser Urteile wird gegenwärtig überprüft und
ein großer Teil von ihnen aufgehoben, weil sie unbegründet sind und
auf Fälschungen beruhen.
Ich brauche hier nur zu erwähnen, daß seit 1954 der Militärsenat
des Obersten Gerichts 7^79 Personen rehabilitiert hat, die zum großen
Teil erst nach ihrem Tode rehabilitiert werden konnten.
Die Massenunterdrückungen hatten in moralischer und politischer
Hinsicht eine negative Wirkung* auf die Partei; sie erzeugten eine
Situation der Unsicherheit, sie trugen zur Verbreitung eines ungesunden Argwohns bei und säten Mißtrauen unter den Kommunisten. Verleumder und Karrieremacher aller Art waren am Werk. Die im Januar 1938
vom ZK-Plenum der KPdSü(B) gefaßten Beschlüsse hatten zwar gewisse Verbesserungen für die Organisation der Partei zur Folge, aber auch im
Jahre 1938 waren die Repressalien noch weitverbreitet.
Nur dank ihrer großen moralisch-politischen Kraft gelang es
der Partei, die schweren Prüfungen der Jahre 1937 his 1938 zu überstehen und neue Kader heranzubilden. Es besteht jedoch kein Zweifel,
daß wir in unserer Entwicklung zum Sozialismus und in'unseren Verteidigungsvorbereitungen noch größere Erfolge erzielt haben könnten,
wenn wir nicht durch die unbegründeten und widersinnigen Massenunterdrückungen in den Jahren 1937 his 1938 so furchtbare Kaderverluste
erlitten hätten.
V/irvklagen Jeshow mit Recht für die gemeinen Handlungen des Jahres
1937 an. Wir müssen jedoch folgende Fragen beantworten: Konnte Jeshow
zum Beispiel ohne Wissen Stalins Kosior verhaften lassen? Gab es einen
Meinungsaustausch oder einen Politbüro-Beschluß in dieser Angelegenheit?
Nein, es gab sie nicht, genausowenig wie in allen anderen Fällen dieser
Art. Konnte Jeshow eine Entscheidung in einer so wichtigen Angelegenheit
fällen, in der es um das Schicksal so prominenter Parteiführer ging?
Nein, es wäre naiv,dies als das alleinige Werk Jeshows zu betrachten.
Es ist klar, daß solche Dinge allein von Stalin entschieden wurden und
daß ohne seine Befehle und ohne seine Billigung Jeshow niemals hätte
so handeln können.
Wir

- 24 -

�Wir haben die Fälle untersucht und Kosior, Rudsutak, Postyschew,
Kosarjew und andere rehabilitiert. Auf Grund welcher Verfehlungen wurden sie verhaftet und verurteilt? Eine Prüfung des Beweismaterials
zeigt, daß es keine Gründe dafür gab. Wie so viele andere wurden auch
sie ohne Wissen des Staatsanwaltes verhaftet. In einer solchen Situation
bedurfte es auch keiner Bestätigung, denn welche Art von Bestätigung
hätte es denn auch geben können, wenn Stalin alles allein entschied?
Er war selbst der Generalstaatsanwalt in diesen Fällen. Stalin
genehmigte nicht nur Haftbefehle, sondern er stellte sie auch selbst
aus. Wir müssen den Delegierten des Kongresses dies sagen, damit sie
sich damit auseinandersetzen und ihre .eigenen Schlüsse daraus ziehen
können.
Die Tatsachen zeigen, daß Mißbräuche auf Stalins Befehl und
unter Mißachtung der Parteinormen und der sowjetischen Gesetzlichkeit
erfolgten; Stalin war ein sehr argwöhnischer, krankhaft mißtrauischer
Mensch; wir wußten das aus unserer gemeinsamen Arbeit. Er konnte einen
Menschen ansehen und fragen: "Warum flackern Deine Augen heute so?"
oder, "Warum wendest Du Dich heute immer ab und vermeidest es, mir in
die Augen zu sehen?" Der krankhafte Argwohn erzeugte in ihm ein allgemeines Mißtrauen selbst gegenüber hervorragenden Parteifunktionären,
die er seit Jahren kannte. Überall und in allem sah er "Feinde",
"Doppelzüngler" und "Spione".
Da er eine unbegrenzte Macht besaß, war er im höchsten Maße
selbstherrlich und drückte jedermann physisch und moralisch an die
Wand. So entstand eine Situation, in der man seinen eigenen Willen
nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte.
*

Wenn Stalin befahl, daß dieser oder jener zu verhaften sei, dann
mußte man es eben in gutem Glauben hinnehmen, daß der Betreffende
wirklich ein "Volksfeind" war. Inzwischen überschlug sich dann die
Berija-Bande, die die Staatssicherheitsorgane beherrschte, die Schuld
des Verhafteten und die Echtheit der von ihr gefälschten Unterlagen
zu beweisen. Und welche Beweise legte man vor? Die "Geständnisse" der
Verhafteten - und die Untersuchungsrichter akzeptierten sie! Und wie
ist es möglich, daß ein Mensch Verbrechen zugibt, die er gar nicht begangen hat? Nur auf eine V/eise, nämlich- auf Grund der Anwendung physischer Gewalt zur Geständniserpressung - indem man ihn bis zur Bewußtlosigkeit foltert und ihn seiner Urteilsfähigkeit und seiner menschlichen Würde beraubt. Auf diese Weise kamen die "Geständnisse" zustande.
Als die Welle der Massenverhaftungen im Jahre 1939 zurückging und die
örtlichen Parteiführer begannen, das NKWD und seine Zwangsmethoden
gegenüber den Verhafteten anzuprangern, schickte Stal-in am 20. Januar
1939 ein chiffriertes Telegramm an die Parteisekretäre der Gebiete und
Regionen, an die Zentralkomitees der Republiken, an die NKWD-Kommissare
der Republiken und an die Leiter der NKWD-Sonderorganisationen. Das
Telegramm hatte folgenden Wortlaut: "Das ZK der KPdSU(ß) stellt klar,
daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 auf Grund einer Genehmigung des ZK der KPdSü(B) zulässig ist ... Es ist bekannt, daß alle
bourgeoisen Geheimdienste Methoden der physischen Beeinflussung gegenüber Vertretern des sozialistischen Proletariats anweriden, und zwar in

- 25 -

�in der schlimmsten Art. Es erhebt sich daher die Frage, warum der
sozialistische Geheimdienst gegenüber den tollwütigen Agenten der
Bourgeoisie, den Todfeinden der Arbeiterklasse und der Kolchosbauern,
humaner sein soll. Das ZK der KPdSU(B) ist der Ansicht, daß physisdhei
Druck in jenen Ausnahmefällen, bei denen es sich um bekannte und unbelehrbare Volksfeinde handelt, als durchaus gerechtfertigte und angemessene Methode obligatorisch anzuwenden ist."
Damit hat Stalin im Namen des ZK der KPdSü(B) die brutalste Vergewaltigung der sozialistischen Gesetzlichkeit, näflilich Folterungen und
Unterdrückungen,sanktioniert, die - wie wir sahen - zur Verleumdung und
Selbstanklage unschuldiger Menschen geführt haben.
Vor nicht langer Zeit - nur einige Tage vor dem gegenwärtigen
Parteikongreß - zitierten wir und befragten den Untersuchungsrichter
Rodos, der seinerzeit die Untersuchung gegen Kosior, Tschubar und
Kosarjew führte und diese verhörte zur Einvernahme vor das ZK-Präsidium.
Er ist. ein gemeines Subjekt, mit einem Vogelhirn, und moralisch durch
und durch verkommen. Und dieser Mann war es, der über das Schicksal
prominenter Mitarbeiter der Partei entschied. Dabei betrafen seine Entscheidungen auch die politische Seite dieser Fragen, da er ja, nach der
Feststellung der "Verbrechen" der Beschuldigten diesbezügliches Material
beschaffte, aus dem wichtige politische Folgerungen gezogen werden
konnten.
Es erhebt sich die Frage, ob ein Mann mit einem so beschaffenen
Intellekt allein aus sich heraus die Untersuchung so führen konnte, daß
die Schuld von Männern wie Kosior und anderen hinreichend bewiesen war.
Nein, er konnte das nicht ohne entsprechende Anweisungen. In der
Sitzung des ZK-Präsidiums erklärte er uns: "Mir wurde gesagt, daß
Kosior und Tschubar Volksfeinde seien und daß ich als Untersuchungsrichter sie also zu dem Geständnis zu bringen habe, daß sie Feinde
seien." (Entrüstung im Saale)
Er konnte dies nur mit lang andauernder Folterungen erreichen,
für die er detaillierte Instruktionen von Berija erhielt. Wir müssen,
berichten, daß er in der Sitzung des ZK-Präsidiums zynisch erklärte:
"Ich war der Meinung, daß ich die Befehle der Partei ausführte." Auf
diese Weise wurden Stalins Direktiven über die Anwendung physischen
Drucks gegen die Verhafteten in der Praxis durchgeführt.
Diese und zahlreiche andere Tatsachen zeigen, daß alle Normen für
die Herbeiführung im.Sinne der Partei korrekter Lösungen der Probleme
außer Kraft gesetzt waren und alles von der Willkür eines einzigen Mannes
abhing.

Die

- 26 -

�Die in den Händen einer einzigen Person, nämlich Stalins, angehäufte
Macht hatte ernste Folgen während des Großen Vaterländischen Krieges.
Wenn man viele unserer Romane, Filme und historischen "wissenschaftlichen Studien" betrachtet, dann hat man den Eindruck, daß Stalin während
des Großen Vaterländischen Krieges eine höchst unwahrscheinliche Rolle
spielte. Stalin hatte danach alles vorausgesehen. Die Sowjetische Armee
befolgte auf der Grundlage eines schon lange vorher von Stalin vorbereiteten strategischen Planes die Taktik der sogenannten "aktiven Verteidigung", das heißt eine Taktik, die, wie wir wissen, die Deutschen an Moskau
und Stalingrad herankommen ließ. In Anwendung dieser Taktik ging die sowjetische Armee später, angeblich wiederum nur dank der genialen Konzeption
Stalins, 'zur Offensive über und überwältigte den Feind. Den heldenhaften
Sieg,', ier von der bewaffneten Macht des Sowjetlandes, von unserem heroischen Volke errungen wurde, schreiben Romane, Filme und "wissenschaftliche Studien" dieser Art, voll und ganz dem strategischen Genie Stalins
zu.
Wir müssen diese Angelegenheit sorgfältig analysieren, weil sie eine
ungeheure Bedeutung nicht nur vom historischen, sondern besonders auch
vom politischen, erzieherischen und praktischen Gesichtspunkt aus besitzt.
Wie verhält es sich nun mit den Tatsachen in dieser Angelegenheit?
Vor dem Kriege waren unsere Presse und unsere gesamte politische Erziehungsarbeit charakterisiert durch ihren prahlerischen Ton: Wenn ein
Feind den heiligen Sowjetboden verletzt, dann werden wir jeden Schlag
des Feindes mit drei Schlägen beantworten, wir werden den Kampf gegen
den Feind in seinem eigenen Lande führen und ohne großen Schaden für
uns selbst den Sieg davontragen. Aberdiese optimistischen Erklärungen
stützten sich nicht überall auf konkrete Vorkehrungen, die geeignet gewesen wären, die Unverletzlichkeit unserer Grenzen wirklich zu garantieren.
Während des Krieges und danach brachte Stalin die These auf, die
Tragödie, die unsere Nation während der ersten Kriegsphase erlebte', sei
das Ergebnis des "Überraschungsangriffs" der Deutschen auf die Sowjetunion gewesen. Aber, Genossen, das ist vollkommen unwahr. Sobald Hitler
in Deutschland zur Macht kam, stellte er sich selbst die Aufgabe, den
Kommunismus zu liquidieren. Die Faschisten sagten dies ganz offenj sie
machten keinerlei Hehl aus ihren Plänen.
Um diesen aggressiven Endzweck zu erreichen, wurden Pakte und Blocks
aller Art geschmiedet, wie die berühmte Achse Berlin-Rom-Tokio. Zahlreiche
Tatsachen aus der Vorkriegsperiode zeigten klar, daß Hitler darauf ausging,
einen Krieg gegen den Sowjetstaat anzufangen, und daß er starke bewaffnete
Verbände einschließlich Panzereinheiten in der Nähe der sowjetischen
Grenzen konzentriert hatte.
Aus Dokumenten, die jetzt veröffentlicht wurden, geht hervor, daß
Churchill am 3.April 1941 Stalin durch den englischen Botschafter in der
UdSSR, Cripps, persönlich warnen ließ, daß die Deutschen mit einer Umgruppierung ihrer Streitkräfte begonnen hätten, in der Absicht, die Sowjetunion anzugreifen. Selbstverständlich hat Churchill dies nicht etwa aus
Freundschaft für die sowjetische Nation getan. Er hatte dabei seine eigenen
imperialistischen Ziele im Auge: Er wollte Deutschland und die Sowjetunion
in einen blutigen Krieg verwickeln, um dadurch die Position des britischen
Imperiums zu stärken. Genau derselbe Churchill bestätigte in seinen Schriften
- 27 -

�Schriften, daß er versucht hatte, "Stalin zu warnen und seine Aufmerksamkeit auf die Gefahr zu lenken, die ihn bedrohte." Churchill betonte
dies wiederholt in seinen Depeschen vom 18. April und den folgenden
Tagen. Stalin nahm jedoch von diesen Warnungen keine Notiz. Und was
noch schlimmer ist, Stalin befahl, daß Informationen dieser Art kein
Glauben zu schenken sei, um nicht den Beginn militärischer Operationen
herauszufordern.
Wir müssen feststellen, daß uns Informationen dieser Art, die
sich auf eine drohende deutsche Invasion des sowjetischen Territoriums
bezogen, auch über unsere eigenen militärischen und diplomatischen
Quellen zugingen; aber wegen der Voreingenommenheit der Führung gegen
solche Nachrichten war man ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.
So hieß es zum Beispiel in einer Meldung des sowjetischen Militärattaches in Berlin, Hauptmann Woronzow, vom 4« Mai 1941' "Der Sowjetbürger Böser .... berichtete dem stellvertretenden Marineattachb nach
einer Behauptung eines gewissen deutschen Offiziers aus Hitlers Hauptquartier bereite sich Deutschland darauf vor, am 14. Mai die Sowjetunion durch Finnland, die baltischen Staaten und Lettland hindurch
anzugreifen. Zugleich sollen schwere Luftangriffe gegen Moskau und
Leningrad geführt und Fallschirmtruppen in den Grenzstädten abgesetzt
werden..."
In seinem Bericht vom 22. Mai 1941 meldete der stellvertretende
Militärattache in Berlin, Chlopow; "... Der Angriff der deutschen Armee
ist Berichten zufolge auf den 15» Juni festgesetzt, doch möglicherweise
kann er auch bereits in den ersten Tagen des Juni beginnen..."
In einem Telegramm von unserer Botschaft in London vom 18. Juni
1941 hieß es: "Wie die Sache jetzt steht, ist Cripps zutiefst von der
Unausweichlichkeit eines bewaffneten Konflikts zwischen Deutschland
und der UdSSR überzeugt, der nicht später als Mitte Juni ausbrechen
werde. Nach Cripps haben die Deutschen gegenwärtig 147 Divisionen
(einschließlich Luftwaffen- und Nachschubeinheiten) entlang der sowjetischen Grenzen konzentriert..."
Trotz dieser überaus ernsten'Warnungen wurden nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um die Verteidigungsbereitschaft des
Landes sicherzustellen und es vor Überraschungen zu bewahren.
Hatten wir die Zeit und die Möglichkeiten zu solchen Vorbereitungen? Jawohl, wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten. Unsere Industrie war bereits so weit entwickelt, daß sie imstande war, die Sowjetarmee mit allem Notwendigen zu versorgen. Der Beweis hierfür wurde
durch die Tatsache erbracht, daß wir während des Krieges zwar fast
die Hälfte unserer Industrie und wichtige industrielle und landwirtschaftliche Produktionsgebiete durch die feindliche Besetzung der
Ukraine, des nördlichen Kaukasus und anderer westlicher Landesteile
einbüßten, daß die sowjetische Nation jedoch trotzdem imstande war,
die Rüstungsproduktion in den östlichen Landesteilen aufzubauen, die
aus den westlichen Industriegebieten verlagerten Produktionsmittel dort

- 28

�dort neu zu installieren und unsere Streitkräfte mit allem zu versorgen, was wir zur Vernichtung des Feindes brauchten.
Wäre unsere Industrie rechtzeitig und systematisch mobilisiert
worden, um die Armee mit dem notwendigen Material zu versorgen, so
wären unsere Kriegsverluste entschieden geringer gewesen. Die Mobilisierung wurde jedoch nicht rechtzeitig begonnen. Und bereits in den
ersten Tagen des Krieges stellte sich heraus, daß unsere Armee schlecht
bewaffnet war und nicht über genügend Artillerie, Panzer und Flugzeuge
verfügte, um den Feind zurückzuwerfen.
Die sowjetische Wissenschaft und Technik hatte vor dem Kriege
ausgezeichnete Modelle von Panzern und Geschützen entwickelt. Aber
die Massenproduktion war noch nicht angelaufen, und so begannen wir
tatsächlich erst am Vorabend des Krieges, unsere militärische-Ausrüstung zu modernisieren. So verfügten wir zur Zeit des feindlichen
Angriffs gegen das Sowjetland weder über genügend alte Produktionsmittel - da diese aus der Rüstungsproduktion bereits herausgenommen
waren - noch über genügend neue Maschinen, da deren Einführung in
die Rüstungsproduktion noch im Stadium der Planung steckte. Besonders
schlecht war es mit der Flak bestellt, und auch die Produktion von
Panzerabwehrgranaten war nicht organisiert. Als der Angriff begann,
zeigte sich, daß viele befestigte Sperrzonen nicht verteidigt werden
konnten, weil die alten Waffen zurückgezogen, neue aber noch nicht verfügbar waren.
Dieser Mangel herrschte aber leider nicht nur bei Panzern,
Artillerie und Flugzeugen. Bei Ausbruch des Krieges standen uns nicht
einmal genügend Gewehre zur Verfügung, um die mobilisierten Verbände
zu bewaffnen. Ich erinnere mich, daß ich in jenen Tagen den Genossen
Malenkow von Kiew aus anrief und ihm sagte: "Es haben sich viele Freiwillige für die neue Armee gemeldet und verlangen nach Waffen. Ihr
müßt uns die Waffen schicken."
Malenkow antwortete mir: "Wir können Euch keine Waffen schicken.
Wir schicken alle Waffen nach Leningrad, und Ihr müßt Euch selbst
bewaffnen." (Bewegung im Saal)
Das war der Stand der Rüstung.
In diesem Zusammenhang können wir zum Beispiel folgendes nicht
vergessen: Kurz vor der Invasion der Sowjetunion durch die Hitlerarmee
schrieb Kirponos, der Leiter des Militärbezirks Kiew, der später an
der Front gefallen ist, an Stalin, die deutsche Armee stehe am Bug,
bereite einen Angriff vor und werde wahrscheinlich sehr bald mit einer
Offensive beginnen. In diesem Zusammenhang schlug Kirponos vor, eine
starke Verteidigung zu organisieren, 300 000 Menschen aus den Grenzgebieten zu evakuieren und dort Befestigungen mit Panzergräben, Unterständen und so weiter anzulegen.
Moskau

- 29 -

�Moskau beantwortete diesen Vorschlag mit der Bemerkung, daß dies
eine Provokation darstellen würde, daß im Grenzgebiet keine Verteidigungsvorbereitungen getroffen werden sollten, damit man den Deutschen
keinen Vorwand für die Einleitung militärischer Aktionen gegen uns
biete. So waren unsere Grenzen für die Abwehr des Gegners ungenügend
vorbereitet.
Als die faschistischen Armeen dann tatsächlich in sowjetisches
Gebiet einmarschiert waren und die militärischen Operationen begonnen
hatten, gab Moskau Befehl, das deutsche Feuer nicht zu erwidern.
Warum? Weil Stalin trotz aller Beweise glaubte, der Krieg habe noch
nicht begonnen, daß es sich nur um eine Provokation seitens einiger
undisziplinierter Einheiten der deutschen Armee handelte und daß
unsere Reaktion den Deutschen die Handhabe bieten könne, einen Krieg
vom Zaun zu brechen.
Auch folgende Tatsache ist bekannt: Am Vorabend der Invasion
des sowjetischen Staatsgebiets durch die Hitlerarmee kam ein deutscher
Staatsbürger über die Grenze und teilte mit, die deutschen Armeen
hätten Befehl erhalten, die Offensive gegen die Sowjetunion in der
Frühe des 22. Juni um drei Uhr zu beginnen. Stalin wurde sofort davon
in Kenntnis gesetzt, aber er ignorierte selbst diese Warnung.
Wie Sie sehen, wurde alles ignoriert: die Warnungen verschiedener Truppenkommandeure, die Aussagen von Deserteuren der feindlichen Armee und sogar die offenen Feindseligkeiten des Gegners. Ist
dies vielleicht ein Beispiel für die Wachsamkeit des Führers von
Partei und Staat in diesem besonders bedeutsamen historischen Augenblick?
Und was war das Ergebnis dieser sorglosen Haltung, dieser Außerachtlassung offenkundiger Tatsachen? Das Ergebnis war, daß der Feind
bereits in den ersten Stunden und Tagen des Krieges große Teile unserer Luftstreitkräfte, Artillerie und anderer Waffen in den Grenzgebieten zerstört hatte; er vernichtete eine große Zahl unserer militärischen Kader und desorganisierte unsere militärische Führung; infolgedessen konnten wir nicht verhindern, daß der Feind tief in unser
Land eindrang.
Sehr ernste Konsequenzen, die sich besonders bei Kriegsausbruch
bemerkbar machten, hatte die Liquidierung zahlreicher militärischer
Führer und politischer Funktionäre, die in der Zeit von 1957 bis 1941
auf Grund von Stalins Mißtrauen und verleumderischer Beschuldigungen
erfolgte. In diesen Jahren wurden bestimmte Teile des Militärapparats,
und zwar buchstäblich vom Kompaniechef und Bataillonskommandeur aufwärts bis zu den höheren militärischen Führungsstäben Repressalien
unterworfen. In dieser Zeit wurde der Führungskader, der in Spanien
und im Fernen Osten militärische Erfahrungen gesammelt hatte, fast
vollständig liquidiert.
Die

- 30 -

�Die Politik, Repressalien in großem Maßstab gegen militärische
Kader zu ergreifen, führte auch zur Untergrabung der militärischen
Disziplin, da Offiziere aller Dienstgrade und sogar einfache Soldaten
in den Partei- und Komsomolzellen jahrelang angehalten wurden, ihre
Vorgesetzten als verkappte Feinde zu "entlarven" .(Bewegung im Saal.)
Natürlich übte dies einen negativen Einfluß auf die militärische
Disziplin in der ersten Phase des Krieges aus.
Wie Sie wissen, hatten wir vor dem Krieg hervorragende militärische Kader, die der Partei und dem Vaterland fraglos treu ergeben
waren. Hier genügt der Hinweis, daß sich diejenigen von ihnen, die
die schweren Folterungen in den Gefängnissen überlebten, von den ersten
Kriegstagen an als wahre Patrioten erwiesen und heldenhaft für den
Ruhm des Vaterlands gekämpft haben. Ich denke dabei an Genossen wie
Rokosowskij, der bekanntlich im Gefängnis saß, Gorbatow, Marezkow,
der diesem Parteikongreß als Delegierter angehört, Podlas, der als
hervorragender Truppenführer an der Front fiel, und viele, viele
andere. Zahlreiche Kommandeure kamen jedoch in Lagern und Gefängnissen
um, und die Armee sah sie nie wieder.
All dies führte zu den Verhältnissen, die bei Kriegsbeginn
herrschten und die unser Vaterland aufs schwerste gefährdeten.
Man darf auch nicht vergessen, daß Stalin nach den ersten
schweren Niederlagenund Rückschlägen an der Front glaubte, daß
dies das Ende sei. In einer seiner Reden sagte er damals: "Alles,
was Lenin geschaffen hat, haben wir für immer verloren."
Stalin leitete danach lange keine militärischen Operationen mehr
und tat überhaupt nichts. Die aktive Führung übernahm er erst wieder,
als ihn einige Mitglieder des Politbüros aufsuchten und ihm erklärten,
es sei notwendig, gewisse Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage
an der Front einzuleiten.
Die drohende Gefahr, der unser Vaterland in der ersten Kriegsphase ausgesetzt war, resultierte deshalb hauptsächlich aus den verfehlten Methoden, mit denen Stalin sowohl die Nation als auch die Partei leitete. Hier ist jedoch nicht nur vom Kriegsbeginn die Rede, der
eine bedrohliche Desorganisation unserer Armee und bedeutende Verluste
mit sich brachte. Auch nach dem eigentlichen Kriegsbeginn zeigte Stalin
Anzeichen von Nervosität und Hysterie, die, da er sich laufend in die
militärischen Operationen einmischte, unserer Armee ernstlichen Schaden
zufügten.
Stalin hatte nicht das geringste Verständnis für die wirkliche
Situation, die sich an der Front entwickelte. Dies war nur natürlich,
denn er hat während des ganzen Vaterländischen Krieges niemals einen
Frontabschnitt oder eine beffeite Stadt be.sucht, wenn man von einer
kurzen Fahrt auf der Moshaijsker Rollbahn bei ruhiger Frontlage absieht.
Dieser Episode wurden später viele phantasievolle literarische Werke
jeglicher Art sowie viele Gemälde gewidmet. Stalin mischte sich gleichzeitig in Operationen ein und erteilte Befehle, die die wirkliche Situa- 31 -

�Situation an den einzelnen Frontabschnitten außer acht ließen und
die deshalb zwangsläufig zu schweren Verlusten führen mußten.
Ich möchte mir in diesem Zusammenhang erlauben, einen charakteristischen Vorfall zu schildern, der beispielhaft zeigt, wie Stalin die Operationen an der Front leitete. An diesem Parteikongreß nimmt auch Marschall
Bagramjan teil, der seinerzeit Chef der Operationsabteilung beim Oberkommando der Südwestfront war und der bestätigen kann, was ich Ihnen
sagen werde.
Als sich im Jahre 1942 im Räume Charkow eine für unsere Armee
höchst bedrohliche Situation entwickelte, hatten wir uns ganz richtig für den Abbruch einer Operation entschieden, deren Ziel die Einkreisung von Charkow war, da die Fortführung dieser Operation in Anbetracht der damaligen Gegebenheiten katastrophale Folgen für unsere
Armee hätte haben können.
Wir erstatteten an Stalin Bericht darüber und wiesen darauf hin,
daß die Lage eine Änderung der Operationspläne erforderlich mache, um
zu verhindern, daß der Feind große Teile unserer Armee in diesem Raum
vernichten könne.
Gegen jede Vernunft lehnte Stalin unseren Vorschlag ab und gab
den Befehl, die Einkreisung Charkows fortzusetzen, obwohl viele Teil«,unserer Armee selbst in Gefahr waren, eingekreist und vernichtet zu werden.
Ich telefonierte mit Wasilewskij und bat ihnt "Alexander Michailowitsch
(Wasilewskij ist ebenfalls hier anwesend), nimm eine Landkarte und erkläre dem Genossen Stalin die Situation, in der wir uns hier befinden."
Dabei muß man wissen, daß Stalin militärische Operationen auf einem
Globus plante.
(Heiterkeit im Saal)
Ja, Genossen,«" pflegte den Frontverlauf auf einem Globus einzuzeichnen. Ich sagte zu Genossen Wasilewskij t "Erkläre ihm die Situation
.auf einer Landkarte; in der gegenwärtigen Lage können wir die geplante
Eperation nicht fortsetzen. Die alte Entscheidung muß aus sachlichen
Gründen revidiert werden."
Wasilewskij antwortete mir, Stalin habe das Problem bereits studiert
und er (Wasilewskij) werde Stalin die Sache nicht mehr vortragen, da
letzterer (Stalin) bezüglich dieser Operation nicht mehr mit sich
reden lasse.
Nachdem ich mit Y/asilewskij gesprochen hatte, rief ich Stalin in
seiner Villa an. Doch nicht Stalin war am Apparat, sondern Malenkow.
Ich sagte .dem Genossen Malenkow, daß ich von der Front anrufe und daß
ich Stalin persönlich zu sprechen wünsche. Stalin J.ieß mir durch Malenkow
ausrichten, daß ich m it diesem sprechen solle. Ich sagte zum zweitenmal,
daß ich Stalin persönlich über die bedrohliche Situation unterrichten
wolle, die sich für uns an der Front ergeben habe. Aber Stalin hielt es
nicht für nötig, selbst an den Apparat zu kommen und wiederholte, ich
solle über Malenkow mit ihm sprechen, obgleich Stalin nur wenige
Schritte vom Telefon entfernt war.
Nachdem er auf diese Weise unseren Notruf "zur Kenntnis genommen"
hatte, sagte Stalin: "Laßt alles so, wie es ist!"
Und
- 32 -

�Und was war daa Resultat? Das Schlimmste, was wir befürchteten.
Die Deutschen schlössen unsere Truppenmassierungen ein, und wir verloren so Hunderttausende unserer Soldaten.
Das war Stalins "Feldherrngenie", und das hat es uns gekostet.
(Bewegung im Saal)
Gelegentlich einer Zusammenkunft Stalins mit Mitgliedern des
Politbüros nach dem Kriege äußerte Anastasj Iwanowitsch Mikojan,
Chruschtschow habe damals doch wohl recht gehabt, als er seinerzeit
wegen der Charkow-Operation anrief»und es sei ein Unglück gewesen,
daß man auf seinen Vorschlag nicht gehört habe.
Sie hätten Stalins Zornesausbruch sehen müssen! Wie konnte zugegeben werden, daß er, Stalin, nicht recht gehabt hatte! Schließlich
war er ein "Genie", und ein Genie hat immer recht. Jeder kann irren,
nur Stalin glaubte, daß er niemals irrte und daß er immer recht hatte.
Er gab niemals zu, daß er einen Fehler gemacht hatte, weder einen großen
noch einen kleinen, und zwar ungeachtet der Tatsache, daß er nicht wenig
Fehler machte - sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Nach dem
Parteikongreß werden wir wahrscheinlich viele militärische Operationen
des letzten Krieges neu bewerten und im Lichte der Tatsachen darstellen
müssen.
Die Taktik, auf deren Durchführung Stalin ohne die elementarsten
Kenntnisse der Kriegsführung bestand, kostete uns viel Blut,bis wir
den Gegner zum Stehen gebracht hatten und selbst zur Offensive übergehen konnten.
Die Militärs wissen, daß Stalin Ende 1941» statt bereits damals,
großangelegte Umfassungsmanöver im Rücken des Feindes einzuleiten,
pausenlose Frontalangriffe und die Einnahme von einer Ortschaft nach
der anderen verlangte. Dafür mußten wir mit großen Verlusten bezahlen,
bis unsere Generale, auf deren Schultern die ganze Last der Kriegsführung ruhte, die Umstellung auf eine beweglichere Kampfesweise erringen
konnten, was dann sofort bedeutende und für uns günstige Veränderungen
an der Front mit sich brachte.

- 33 -

�Um so schädlicher war es, daß Stalin nach unserem großen Sieg
über den Feind, der so viele Opfer kostete, zahlreiche Kommandeure,
die soviel zum Sieg über den Feind beigetragen hatten, herabzusetzen
begann, weil er jede Möglichkeit ausschließen wollte, daß die Leistungen an der Front einem anderen als nur ihm selbst angerechnet würden.
So interessierte Stalin sich sehr dafür, wie andere den Genossen
Schukow als militärischen Führer einschätzen. Er wollte oft meine Meinung über Schukow wissen. Ich sagte ihm damals: "Ich kenne Schukow
seit langem. Er ist ein guter General und ein guter militärischer
Führe-r."
Nach dem Krieg begann Stalin allen möglichen Unsinn über Schukow
zu erzählen, unter anderem folgendes: "Ihr habt Schukow gelobt, aber er
verdient es nicht. Man erzählt sich, daß Schukow vor jeder Operation
an der Front sich folgendermaßen benahm: er nahm eine Handvoll Erde
auf, roch daran und sagte 'Wir können die Offensive beginnen', oder
aber 'Die geplante Operation kann nicht durchgeführt werden1." Ich
sagte damals: "Genosse Stalin, ich weiß nicht, wer das erfunden hat,
aber es ist nicht wahr."
Es ist möglich, daß Stalin selbst diese Dinge' erfand, um die Rolle
und das militärische Können von Marschall Schukow herabzusetzen.
Was dies anbelangt, so hat Stalin sich selbst recht tatkräftig
als großen Führer hingestellt; auf alle mögliche Art und Weise versuchte er, im Volke die Vorstellung zu erwecken, daß alle vom Sowjetvolk im Großen Vaterländischen Kriege errungenen Siege dem Mut, der
Kühnheit und dem Genie Stalins und sonst niemandem zu verdanken seien.
Genau wie Kusma Krjutschkow (Anmerkung des Übersetzers: ein berühmter
Kosak, der große Heldentaten im Kampf gegen die Deutschen vollbrachte),
hat er sich mit fremden Federn geschmückt. (Heiterkeit im SaalJ
Auf der gleichen Linie liegen beispielsweise unsere historischen
und militärischen Filme sowie einige literarische Werke; da kann es
einem übel werden. Ihr eigentlicher Zweck ist es, Stalins Feldherrngenie zu verherrlichen. Erinnern wir uns an den Film "Der Fall von
Berlin". Hier ist es einzig und allein Stalin, der handelt} er gibt
Befehle in einer Halle mit vielen leeren Stühlen, und nur ein einziger
Mann nähert sich ihm, um ihm etwas mitzuteilen - das ist Poskrebyschew,
sein ergebener Schildknappe. (Lachen im Saal)
Und wo bleibt die militärische Führung? Wo bleibt das Politbüro?
Wo bleibt die Regierung? Was tun sie, und womit beschäftigen sie sich?
Von ihnen hört und sieht man nichts in diesem Film. Stalin handelt
für alle und jeden. Er rechnet mit keinem anderen, er fragt niemanden
um Rat. So wird dem Volk alles in diesem falschen Licht gezeigt. Warum?
Um Stalin mit der Gloriole des Ruhmes zu umgeben, ganz im Gegensatz
zu den Tatsachen und im Widerspruch zur historischen Wahrheit.

Damit

- 54 -

�Damit erhebt sich die Frage: Wo bleiben die Militärs, auf deren
Schultern die ganze Last des Krieges ruhte? Sie sehen wir in dem
Film nicht; wenn Stalin auf der Bildfläche erscheint, ist kein Raum
mehr für sie.
Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenmütige Armee, ihre begabten Führer und tapferen
Soldaten, das ganze Sowjetvolk - sie sind es, die uns den Sieg im
Großen Vaterländischen Krieg sicherten. (Stürmischer und anhaltender
Beifall)
Die Mitglieder des Zentralkomitees,, Minister, unsere Y/irtschaftsführer, die führenden Männer der Sowjetkultur, die Leiter der regionalen Partei- und Sowjetorganisationen, Ingenieure und Techniker - jeder
auf seinem Arbeitsplatz setzte seine ganze Kraft und sein ganzes Wissen
ein, um uns den Sieg über den Feind zu sichern.
Ganz besonderes Heldentum bewies der Kern unseres Volkes - ruhmgekrönt ist unsere ganze Arbeiterklasse, unsere.Kolchosbauernschaft,
die Sowjetintelligenz, die unter der Führung der Parteiorganisationen
unerhörte Entbehrungen ertrugen und, die Lasten des Krieges auf sich
nehmend? ihre ganze Kraft für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzten.
Große und tapfere Taten vollbrachten auch unsere sowjetischen
Frauen im Kriege, die auf ihren Schultern die schwere Last der Arbeit
in den Fabriken, auf den Kolchosen und auf den verschiedensten Gebieten unseres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens trugen; viele
Frauen standen im Großen Vaterländischen Krieg unmittelbar an der
Front; unsere tapfere Jugend hat an der Front und in der Heimat
Unermeßliches für die Verteidigung des sowjetischen Vaterlandes und
die Vernichtung des Feindes geleistet.
Unsterblich sind die Verdienste der Sowjetsoldaten, unserer
Kommandeure und politischen Funktionäre; nach de,m Verlust eines beträchtlichen Teils der Armee in den ersten Kriegsmonaten haben sie
nicht den Kopf verloren, sondern brachten es fertig, noch während
der Kämpfe die Streitkräfte zu reorganisieren; im Verlaufe des Krieges schufen sie eine starke und heroische Armee, die sich immer mehr
festigte, und hielten nicht nur dem Druck des starken und heimtückischen Feindes stand, sondern warfen ihn zu Boden.
Die herrlichen, heroischen Taten von Hunderten von Millionen
Menschen in Ost und West im Kampfe gegen die schreckliche Gefahr einer
Unterwerfung durch die Faschisten werden durch die Jahrhunderte und
Jahrtausende in der Erinnerung einer dankbaren Menschheit fortleben.
(Donnernder Applaus)
Die Hauptrolle bei der siegreichen Beendigung des Krieges spielten
unsere Kommunistische Partei, die Streitkräfte der Sowjetunion und die
Millionen von unserer Partei geschulten Sowjetmenschen. Ihnen gebührt
das Hauptverdienst. (Donnernder und anhaltender Beifall)
Genossen,

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�Genossen, lassen Sie mich noch einige andere Dinge erörtern. Mit
Recht wird die Sowjetunion als mustergültiger Vielvölkerstaat angesehen, weil wir in der Praxis die Gleichheit aller in unserem großen
Vaterlande freundschaftlich zusammenlebenden Völker sichergestellt
haben.
Um so ungeheuerlicher sind die Taten, die auf Veranlassung Stalins
begangen wurden und schwere Verstöße gegen die fundamentalen leninistischen Grundsätze der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates darstellen. Wir meinen die Massendeportationen ganzer Völkerschaften mitsamt allen Kommunisten und Komsomolzen, ohne jede Ausnahme. Diese Deportationen waren durch keinerlei militärische Überlegungen diktiert.
So wurde bereits gegen Ende des Jahres 1943t als sich im Großen
Vaterländischen Kriege durch die Durchbrüche unserer Armee an den Fronten das Blatt zugunsten der Sowjetunion wendete, ein Beschluß über die
Deportation sämtlicher Karatschaijer aus ihrem angestammten Lande gefaßt und durchgeführt. Im gleichen Zeitraum, Ende Dezember 1943» ereilte die gesamte Bevölkerung der Autonomen Kalmückenrepublik dasselbe
Schicksal. Im März 1944 wurden sämtliche Tschetschenen und Inguschen
deportiert, und die Autonome Republik der Tschetschenen und Inguschen
wurde aufgelöst. Im April 1944 wurden alle Balkaren aus dem Gebiet der
Autonomen- Republik der Kabardiner und Balkaren in entlegene Gebiete
verschleppt und die autonome Republik selbst wurde in Autonome Kabardinische Republik umgetauft. Die Ukrainer entgingen diesem Schicksal
lediglich deshalb, weil sie zu zahlreich sind und kein Raum vorhanden
war, wohin man sie hätte deportieren können. Sonst hätte er auch sie
deportiert. (Gelächter und Heiterkeit im Saal)
Kein Marxist-Leninist und überhaupt kein vernünftiger Mensch kann
verstehen, wie, es möglich ist, ganze Völker, samt Frauen und Kindern,
alten Leuten, Kommunisten und Komsomolzen für feindliche Handlungen
verantwortlich zu machen, Massenrepressalien gegen sie anzuwenden und
wegen der Schädlingsarbeit einzelner und kleinerer Gruppen der Not
und dem Elend auszusetzen.

Nach

- 36 -

�Nach Beendigung des Vaterländischen Krieges sonnte sich das
Sowjetvolk im Stolz auf die durch große Opfer und gewaltige Anstrengungen errungenen herrlichen Siege. Das Land erlebte eine Zeit allgemeiner politischer Begeisterung. Die Partei ging aus dem Kriege
einiger denn je hervor; ihre Kader waren durch das Feuer des Krieges
gestählt und gefestigt. Unter diesen Umständen hätte niemand an die
Möglichkeit einer Verschwörung innerhalb der Partei auch nur gedacht.
Und in eben jenem Zeitpunkt wurde die sogenannte "Leningrader
Affäre" ausgeheckt. Wie wir jetzt festgestellt haben, ist dieser
Fall nichts anderes als eine Erfindung. Zu denen, die unschuldig ihr
Leben lassen mußten, gehören die Genossen Wosnesenskij, Kusnezow,
Rodionow, Popkow und andere.
Bekanntlich waren Wosnesenskij und Kusnezow hervorragende und
begabte Führer. Sie standen einst Stalin sehr nahe. Es genügt, daran
zu erinnern, daß Stalin Wosnesenskij zum ersten Stellvertreter des
Vorsitzenden des Ministerrates machte, und daß Kusnezow zum ZK-Sekretär gewählt wurde. Allein die Tatsache, daß Stalin Kusnezow mit der
Überwachung der Staatssicherheitsorgane betraute, beweist, welches
Vertrauen dieser genoß.
Wie kam es, daß diese Personen als Volksfeinde gebrandmarkt und
liquidiert wurden?
Die Tatsachen beweisen, daß die "Leningrader Affäre" ebenfalls
der Willkür Stalins gegenüber den Parteikadern entsprang.
Wenn im ZK und im Politbüro des ZK normale Verhältnisse geherrscht
hätten, dann wären Angelegenheiten wie diese nach der regulären Parteipraxis überprüft und alle einschlägigen Tatsachen ermittelt worden,
folglich wären derartige Dinge überhaupt nicht passiert.
Wir müssen aber feststellen, daß die Lage nach dem Kriege sogar
noch komplizierter wurde. Stalin wurde, wenn möglich, noch launischer,
reizbarer und brutaler; vor allem sein Mißtrauen wuchs. Sein Verfolgungswahn erreichte unglaubliche Ausmaße. Er sah es förmlich vor Augen,
wie seine Mitarbeiter zu seinen Feinden wurden. Und so entfernte Stalin
sich nach dem Kriege noch weiter vom Kollektiv. Alles entschied er
selbst, ohne auf irgend jemand oder irgend etwas Rücksicht zu nehmen.
Dieses unglaubliche Mißtrauen machte sich der erbärmliche Provokateur
und niederträchtige Feind Berija, der Tausende Kommunisten und loyale
Sowjetbürger hingemordet hatte, geschickt zunutze. Die Rangerhöhung
Wosnasenskijs und Kusnezows ließ Berija aufhorchen. Wie sich inzwischen
herausgestellt hat, war es Berija selbst, der Stalin "vorschlug", ihn und
seine Komplizen mit der Beschaffung von Material in Form von Erklärungen!
anonymen Briefen, allerhand Gerüchten und Indiskretionen zu beauftragen.
Das

- 37 -

�Das Zentralkomitee der Partei hat diese sogenannte "Lenin^rader
Affäre" untersucht; Personen, die unschuldig leiden mußten, sind nunmehr rehabilitiert, und auch die Ehre der glorreichen Leningrader Parteiorganisation ist wiederhergestellt. Abakumow und andere, die diese
Fälle konstruiert hatten, wurden vor Gericht gestellt; der Prozeß fand
in Leningrad statt, und sie erhielten die verdiente Strafe.
Es erhebt sich nunmehr die Frage, warum wir die Wahrheit über
diese Dinge jetzt erfahren und warum wir nicht schon zu Lebzeiten
Stalins etwas unternommen haben, um das Leben Unschuldiger zu retten?
Dies erklärt sich daraus, daß Stalin die "Leningrader Affäre" persönlich in die Hand genommen hatte und daß der größte Teil der Politbüromitglieder damals nicht alle Umstände dieser Angelegenheiten erfuhr
und deshalb auch nicht eingreifen konnte.
Nachdem Stalin verschiedene Unterlagen von Berija und Abakumow
erhalten hatte, ordnete er ohne vorherige Prüfung des verleumderischen
Materials eine Untersuchung der "Wosnesenski.j-Kusnezow-Affäre" an.
Damit war deren Schicksal besiegelt. Ebenso aufschlußreich ist der
Fall der "Mingrelisehen Nationalistenorganisation1', die angeblich in
Georgien bestanden hat. Bekanntlich faßte das Zentralkomitee der
KPdSU(B) im November 1951 und im März 1952 in dieser Angelegenheit
mehrere Beschlüsse. Diese Entschließungen kamen ohne vorherige Erörterungen im Politbüro zustande. Stalin selbst hatte sie diktiert. Sie
enthielten schwere Anschuldigungen gegen zahlreiche loyale Kommunisten.
Gefälschte Dokumente wurden als Beweis dafür angeführt, daß ir. Georgien
angeblich eine nationalistische Organisation bestand, die die Liquidierung der Sowjetmacht in jener Republik mit 'Hilfe imperialistischer
Mächte plante.
In diesem Zusammenhang wurde eine Reihe verantwortlicher Parteiund Sowjetarbeiter in Georgien verhaftet. Wie sich später erwies, handelte es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine gegen die Parteiorganisation Georgiens gerichtete Verleumdung.
Wir wissen, daß sich in Georgien ebenso wie in verschiedenen anderen Republiken gelegentlich der örtliche bourgeoise Nationalismus
bemerkbar machte. Es erhebt sich die Frage: Ist es denkbar, daß in
jener Zeit, in der die genannten Beschlüsse gefaßt wurden, tatsächlich die Gefahr bestand, daß sich Georgien von der Sowjetunion loslösen und der Türkei anschließen würde? (Heiterkeit und Gelächter im
Saal)
Dies ist natürlich Unsinn, und es ist einfach unvorstellbar, wie
man auf so etwas verfallen konnte. Es ist allgemein bekannt, welch
großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Georgien unter der
sowjetischen Herrschaft erlebte.

Die

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�Die Industrieproduktion der Georgiachen Republik ist heute
27mal so groß wie vor der Revolution. Es sind zahlreiche neue Industrien in Georgien entstanden, die es vor der Revolution dort
überhaupt nicht gabt Eisengießereien, Erdölindustrie, Maschinenbau
und so weiter. Seit langem schon gibt es in Georgien keine Analphabeten mehr, während vor der Revolution 78# der Bevölkerung Analphabeten waren.
Konnten die Georgier, wenn sie die Lage in ihrer Republik mit
der bedrängten Lage der werktätigen Massen in der Türkei verglichen,
einen Anschluß an die Türkei wünschen? Im Jahre 1955 betrug die
Stahlproduktion Georgiens pro Kopf der Bevölkerung das Ißfache der
türkischen. Georgien erzeugt pro Kopf der Bevölkerung neunmal so
viel Strom wie die Türkei, Wie die Volkszählung aus dem Jahre 1950 zeigt,
sind 65$ der Gesamtbevölkerung und 80$ der weiblichen Bevölkerung der
Türkei Analphabeten. In Georgien bestehen 19 akademische Lehranatalten
mit insgesamt 39 000 Studenten. Auch der Wohlstand der werktätigen Bevölkerung Georgiens ist unter der sowjetischen Herrschaft gewaltig angestiegen.
Es ist klar, daß die Quelle, aus der der bourgeoise Nationalismus
seine Kraft schöpft, in dem Maße versiegt, in dem Wirtschaft und Kultur
aufblühen und das sozialistische Bewußtsein der werktätigen Massen
Georgiens wächst.
Wie sich herausstellte, hat es in Georgien keine nationalistischen
Organiaationen gegeben. Tausende unschuldiger Menschen wurden das Opfer
von Willkür und Rechtlosigkeit. All dies geschah unter der "genialen"
Führung Stalins, des "größten Sohnes des georgischen Volkes" wie die
Georgier
selbst Stalin gern
bezeichneten.
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0
•
(Heiterkeit
Die Willkür Stalins zeigte sich nicht nur in seinen Entscheidungen
zu innenpolitischen Fragen, sondern auch in den Beziehungen der Sowjetunion zum Ausland.
Das Juli-Plenum des ZK untersuchte die Gründe für die Entstehung
des Konfliktes mit Jugoslawien in allen Einzelheiten. Stalin.hat dabei
eine schändliche Rolle gespielt. An der "Jugoslawienaffäre" war nichts,
was sich nicht durch Parteidiskussionen unter Genossen hätte regeln
lassen. Es lag kein ernsthafter Grund vor, um daraus eine "Affäre" zu
machen; es wäre durchaus möglich gewesen, den Abbruch der Beziehungen
mit diesem Land zu verhindern. Da8 bedeutet jedoch nicht, daß die führenden Männer Jugoslawiens keine Fehler begangen hätten oder frei von
Unzulänglichkeiten waren. Diese Fehler und Unzulänglichkeiten wurden von
Stalin aber in monströser Art und Weise aufgebauscht, so daß es darüber
zum Abbruch der Beziehungen zu diesem befreundeten Staat kam.
Ich erinnere an die ersten Tage des Konfliktes zwischen der
Sowjetunion und Jugoslawien, als man diese Angelegenheit künstlich
aufzubauschen begann. Gerade aus Kiew nach Moskau gekommen wurde ich
damals zu Stalin bestellt, der mir die Kopie eines soeben an Tito abgeschickten Briefes zeigte und fragte» "Hast Du dies gelesen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort* "Ich brauche nur meinen
kleinen Finger zu rühren - und schon wird es keinen Tito mehr geben.
Er wird fallen."
Wir

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�Wxr haben einen hohen Preis für dieses "Rühren des kleinen Fingers" bezahlt. Dieser Ausspruch ist bezeichnend für Stalins Größenwahn; und so handelte er auch: "Ich werde meinen kleinen Finger
rühren - und es wird keinen Kosior mehr geben"; "ich werde meinen kleinen Finger noch einmal rühren, und es wird keinen Postyschew und keinen
Tschubar mehr geben"; "ich werde meinen kleinen Finger abermals rühren
und Wosnesenskij, Kusnezow und viele andere wird es auch nicht mehr
geben".
Tito verschwand aber nicht, so viel oder so wenig Stalin seinen
kleinen Finger und was sonst noch rühren mochte - er brachte Tito nicht
zu Fall. Warum wohl? Der Grund ist der, daß Tito bei diesem Streitfall
mit den jugoslawischen Genossen einen Staat und ein Volk hinter sich
hatte, die durch eine harte Schule des Kampfes für die Freiheit und
Unabhängigkeit gegangen waren, ein Volk, das seine führenden Männer
unterstützte.
Sie sehen, wohin Stalins Größenwahn führte. Er hatte völlig den
Sinn für die Realitäten verloren; er demonstrierte sein Mißtrauen und
seine Arroganz nicht nur in den Beziehungen zu einzelnen Menschen hier
in der Sowjetunion, sondern auch in den Beziehungen zu ganzen Parteien
und Staaten.
Wir haben den Fall Jugoslawien sorgfältig untersucht und haben
eine vernünftige Lösung gefunden, die sowohl von den Völkern der Sowjetunion und Jugoslawiens als auch von den werktätigen Massen aller Volksdemokratien und auch der gesamten fortschrittlichen Menschheit gebilligt wird. Die Normalisierung der Beziehungen zu Jugoslawien erfolgte
im Interesse des gesamten sozialistischen Lagers und im Interesse der
Stärkung des Friedens in der gesamten Welt.
Lassen Sie mich auch die "Affäre der Ärzteverschwörung" erwähnen
(Bewegung im Saal). Im Grunde genommen gab es eine solche "Affäre" überhaupt nicht, wenn man von der Aussage der Ärztin Timaschuk absieht,
die wahrscheinlich von irgend jemand beeinflußt oder angewiesen war
(schließlich war sie eine geheime Mitarbeiterin der Staatssicherheitsorgane), an Stalin einen Brief zu richten, in dem sie die Ärzte beschuldigte, unsaubere Behandlungsmethoden anzuwenden.
Ein derartiger Brief genügte Stalin, um daraus sofort zu folgern,
daß in der Sowjetunion ein Ärztekomplott bestünde. Er befahl eine
Gruppe hervorragender medizinischer Spezialisten zu verhaften und gab
persönlich Anweisungen bezüglich der Durchführung der Untersuchung und
der Verhörmethoden gegen die verhafteten Personen. Er bestimmte, das
Akademiemitglied Winogradow in Ketten zu legen und daß ein anderer
zu schlagen sei. Hier auf diesem Parteikongreß ist der ehemalige Minister
für Staatssicherheit, Genosse Ignatjew, als Delegierter anwesend. Stalin
erklärte ihm rundheraus: "Wenn Sie kein Geständnis von den Ärzten beibringen können, dann werden wir Sie um einen Kopf kürzer machen".
(Tumult im Saal)
Stalin

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�Stalin berief den Untersuchungsrichter zu sich, erteilte ihm
Instruktionen und gal; Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden; diäs-e Methoden waren sehr einfacht schlagen, schlagen und nochmal schlagen.
Kurz nach der Verhaftung der Ärzte erhielten wir Mitglieder des
Politbüros die Protokolle über ihre Schuldgeständnisse. Nachdem die
Protokolle verteilt waren, erklärte uns Stalin: "Ihr seid blind wie
junge Katzen; was werdet Ihr ohne mich«.machen? Unser Land wird zugrunde
gehen, weil Ihr es nicht versteht Feinde zu erkennen."
Der Fall wurde uns so dargestellt, daß niemand die Tatsachen nachprüfen konnte, auf denen die Untersuchungen beruhten. Es gab keine
Möglichkeit einer Nachprüfung der Tatsachen dadurch, daß man etwa
versuchte, mit denen in Verbindung zu treten, die ein Schuldbekenntnis abgelegt hatten.
Wir hatten jedoch das Gefühl, daß der Fall der verhafteten Ärzte
nicht ganz stimme. Verschiedene dieser Leute waren uns persönlich
bekannt, weil sie uns früher einmal behandelt hatten. Als wir nach
Stalins Tod diesen "Fall" untersuchten, stellten wir fest, daß er von
Anfang bis Ende erfunden war.
Dieser schändliche "Fall" war von Stalin konstruiert worden;
doch hatte er keine Zeit mehr, ihn ganz zu Ende zu führen - zu einem
Ende in seinem Sinne -, und daher sind die Ärzte noch am Leben. Heute
sind sie sämtlich rehabilitiert; sie kehrten an ihren alten Arbeitsplatz zurück; sie behandeln hervorragende Persönlichkeiten, darunter
auch Mitglieder der Regierung; sie besitzen unser volles Vertrauen,
und sie erfüllen ihre Pflicht so gut wie zuvor.
Bei der Inszenierung der verschiedenen schmutzigen und beschämenden Fälle hat der tollwütige Gegner unserer Partei und Agent eines
ausländischen Spionagedienstes, Berija, der sich Stalins Vertrauen
erschlichen hatte, eine sehr üble Rolle gespielt. Wie war es möglich,
daß dieser Provokateur eine solche Stellung in der Partei und im
Staate erlangte, daß er Erster Stellvertretender Vorsitzender des
Ministerrats der Sowjetunion und Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees werden konnte? Es steht heute fest, daß dieser Schurke über
unzählige Leichen zu den höchsten Regierungsämtern emporgestiegen ist.
Gab es irgendwelche Anzeichen dafür, daß Berija ein Feind der
Partei war? Sicher gab es die. Bereits im Jahre 1937 erklärte der
ehemalige Volkskommissar für das Gesundheitswesen Kaminskij vor dem
ZK-Plenum, Berija habe für den Mussavat-Nachrichtendienst gearbei*
tet. Doch unmittelbar nach Beendigung des ZK-Plenums*wurde Kaminskij
verhaftet und anschließend erschossen. Hat Stalin die"Erklärung
Kaminskijs nachgeprüft? Nein, Stalin vertraute Berija, und das
genügte ihm. Und wenn Stalin zu einer Person oder Sache Vertrauen
hatte, konnte niemand etwas vorbringen, was seiner Meinung widersprach. Jeder, der gewagt hätte, eine gegenteilige Ansicht zu äußern,
hätte das gleiche Schicksal wie Kaminskij erlitten.
Es
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�Es gab auch andere Anzeichen. Interessant ist eine vom Genossen
Snegow vor dem ZK der Partei abgegebene Erklärung. Hier sei nebenbei
erwähnt, daß er vor kurzem ebenfalls rehabilitiert wurde, nachdem
er siebzehn Jahre als Gefangener in Lagern zugebracht hat. In dieser
schriftlichen Erklärung sagt Snegowt
"In Verbindung mit der vorgeschlagenen Rehabilitierung des ehemaligen ZK-Mitglieds, Kartwelischwili-Lawrentjew habe ich dem Vertreter des Staatssicherheitskomitees einen detaillierten Bericht über
die Rolle übergeben, die Berija bei der Behandlung des Falles Kartwelischwili gespielt hat sowie über die verbrecherischen Motive, von
denen sich Berija dabei leiten ließ. "
Nach meiner Ansicht ist es unerläßlich, an eine wichtige, diesen
Fall betreffende Tatsache zu erinnern und das Zentralkomitee davon in
Kenntnis zu setzen, weil es mir nicht richtig erscheint, sie in die
Untersuchungsakten aufzunehmen. Auf der Sitzung des ZK-Orgbüros der
KPdSü(B) vom 30.Oktober 1931 legte der Parteisekretär der Transkaukasischen Region, Kartwelischwili, einen Bericht vor. Von den leitenden
Mitgliedern des Regions-Exekutivkomitees, die sämtlich anwesend waren,
bin ich als einziger noch am Leben.
Auf dieser Sitzung beantragte Stalin am Schluß seiner Rede, Kartwelischwili zum ersten und Berija zum zweiten Sekretär des Transkaukasischen Regionskomitees zu ernennen - dies war das erste Mal in der
Geschichte der Partei, daß Berija als Kandidat für eine Parteifunktion
benannt wurde. Kartwelischwili erwiderte, Berija sei ihm wohl bekannt,
und gerade deswegen müsse er eine Zusammenarbeit mit ihm kategorisch
ablehnen. Stalin schlug daraufhin vor, die Angelegenheit in der Schwebe
zu lassen und sie im Verlauf der praktischen Arbeit zu regeln. Zwei
Tage später wurde beschlossen, Berija die Parteifunktiön zu übertragen
und Kartwelischwili aus dem Transkaukasus zu deportieren.
Die Genossen Mikojan und Kaganowitsch, die der Sitzung beiwohnten, können dies bestätigen.

Es

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�Es war allgemein bekannt, daß seit langem zwischen Kartwelischwili
und Berija Spannungen bestanden, die aus der Zeit datierten, da Genosse
Sergo im Transkaukasus tätig war; Kartwelischwili war Sergos engster
Mitarbeiter gewesen. Die gespannten Beziehungen bewogen Berija, gegen
Kartwelischwili einen "Fall" zu konstruieren.
Bezeichnenderweise wurde Kartwelischwili in diesem "Fall" eines
Terrorakts gegen Berija beschuldigt.
Die Anklageschrift gegen Berija enthält eine Darstellung seiner
Verbrechen. Man sollte sich jedoch einige Dinge ins Gedächtnis zurückrufen, da möglicherweise nicht alle Delegierten des Parteikongresses
dieses Dokument gelesen haben. Ich möchte daran erinnern, mit welchen
bestialischen Methoden Berija die Fälle Kedrow, Golubiew und der Adoptivmutter Golubiews, Baturina.erledigte, als diese das Zentralkomitee über
Berijas verräterische Tätigkeit zu informieren beabsichtigten. Sie
wurden ohne jede Gerichtsverhandlung erschossen, und das Urteil wurde
erst post factum nach der Hinrichtung gefällt.
Hören Sie,was der alte Kommunist, Genosse Kedrow, durch Vermittlung des Genossen Andrejew (Genosse Andrejew war damals ZK-Sekretär) an das Zentralkomitee schrieb:
"Ich rufe Euch aus einer düsteren Zelle des Lefortorskij-Gefängnisses um Hilfe an. öffnet Eure Ohren meinem Schreckensschrei; bleibt
nicht taub; nehmt mich in Euren Schutz; bitte, helft diesen Alpdruck
der Verhöre von mir zu nehmen und zeigt, daß alles ein Irrtum ist.
Ich leide unschuldig; bitte, glaubt mir. Die Zeit wird die Wahrheit erweisen. Ich bin kein Agent-Provokateur der zaristischen Ochrana;
ich bin kein Spion; ich bin nicht Mitglied einer antisowjetischen
Organisation, v/as man mir auf Grund von Denunziationen vorwirft. Ich
habe mich auch keiner anderen Verbrechen gegen die Fartei und die Regierung schuldig gemacht. Ich bin ein alter Bolschewik, frei von jedem
Makel; ich habe fast vierzig Jahre lang ehrenhaft in den Reihen der
Partei für das ;Vohl und das Gedeihen des Landes gekämpft....
.... Heute bedrohen die Untersuchungsrichter mich, einen 62 Jahre
alten Mann, mit noch schärferen, grausameren und erniedrigenderen
Methoden der körperlichen Folter. Sie - die Richter - sind gar nicht
mehr imstande, ihren Irrtum einzusehen und zu erkennen, daß ihre Art
der Behandlung meines Falles ungesetzlich und unzulässig ist. Sie versuchen, ihr Tun dadurch zu rechtfertigen, daß sie mich als einen verhärteten und wütenden Feind hinstellen und fordern noch größere Repressalien. Aber laßt die Partei wissen, daß ich unschuldig bin und
daß es nichts gibt, was einen treuen Sohn der Partei in ihren Gegner
verwandeln könnte, selbst bis zu seinem letzten Atemzuge nicht.
Aber für mich gibt es keinen Ausweg mehr. Ich kann die neuen
furchtbaren Schläge, die ich kommen sehe, nicht von mir abwenden.
Alles aber hat seine Grenzen. Meine Qualen haben das äußerste
erreicht. Meine Gesundheit ist zerrüttet, meine Kraft und Energie

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�Energie schwinden, das Ende rückt heran. In einem sowjetischen Gefängnis zu sterben, als gemeiner Verräter des Vaterlandes gebrandmarkt - was kann es für einen aufrechten Mann Furchtbareres geben?
Und wie ungeheuerlich dies alles ist. Unermessliche Bitterkeit erfüllt
mein Herz. Nein! Nein! Dies wird nicht geschehen; das kann nicht sein so rufe ich. Weder die Partei noch die Sowjetregierung noch der Volkskommissar L. P. Berija werden diese grausame, nicht wieder gutzumachende Ungerechtigkeit zulassen. Ich bin fest überzeugt, daß es bei ruhiger, objektiver Prüfung, ohne üble Beleidigungen., ohne Zorn und ohne
diese fürchterlichen Foltern, ein Leichtes wäre, die Grundlosigkeit
der Beschuldigungen zu beweisen. Ich glaube inständig, daß Wahrheit
und Gerechtigkeit triumphieren werden. Ich glaube es. Ich glaube es!"
Der Altbolschewik, Genosse Kedrow, wurde vom LIilitärsenat für
unschuldig befunden. Aber trotzdem wurde er auf Berijas Befehl erschossen. (Entrüstung im Saale)
Berija hat auch die Familie des Genossen Ordshonikidse grausam
behandelt. Warum? Weil Ordshonikidse versucht hatte, Berija an der
Durchführung seiner abscheulichen Pläne zu hindern, Berija hat alle
Personen die ihm im Wege stehen konnten, beiseite geräumt. Ordshonikidse war stets ein Gegner Berijas gewesen,was er Stalin auch sagte.
Aber anstatt diese Angelegenheit zu untersuchen und entsprechende
Schritte einzuleiten, ließ Stalin es zu, daß Ordshonikidses Bruder
liquidiert wurde und brachte Ordshonikidse selbst so weit, daß er
sich erschoß. (Entrüstung im Saal.) - Das war Berija.
Berija wurde vom Zentralkomitee der Partei kurz nach dem Tode
Stalins entlarvt. Auf Grund eines ganz besonders eingehenden Itechtsverfahrens wurde erwiesen, daß Berija ungeheuerliche Verbrechen begangen hatte, und Berija wurde erschossen.
Hier erhebt sich die Frage, warum Berija, der Zehntausende von
Parteimitgliedern und Sowjetfunktionären liquidiert hatte, nicht zu
Lebzeiten Stalins entlarvt wurde. Er wurde nicht früher entlarvt, weil
er sehr geschickt Stalins Schwächen auszunutzen verstand; indem er
Stalins Hißtrauen ständig neue Nahrung gab, half er ihm in allen Dingen
und handelte mit Stalins Unterstützung.
Genossen, der Persönlichkeitskult nahm vor allem deshalb so
ungeheuerliche Formen an, weil Stalin selbst mit allen denkbaren
Methoden, die Glorifizierung seiner Person unterstützte. Dies wird
durch zahlreiche Tatsachen erhärtet. Eines der bezeichnendsten Beispiele für Stalins Selbstverherrlichung und für seinen Mangel an
elementarster Bescheidenheit ist die Herausgabe seiner "Kurzen
Biographie", die 1948 erschien.
Dieses Buch ist Ausdruck der hemmungslosesten Schmeichelei, ein
Beispiel dafür, wie man einen Menschen zum Götzen macht, wie man ihn
in einen unfehlbaren Weisen verwandelt - in den "größten Führer", in
den "hervorragendsten Strategen aller Zeiten und Völker". Schließlich
konnte man überhaupt keine anderen Worte mehr finden, um Stalin in den
Himmel zu heben.
Wir

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�Wir brauchen hier keine Beispiele für die widerwärtige
Beweihräucherung zu geben, die dieses Buch füllt. Wir brauchen
nur zu sagen, daß Stalin personlich alles billigte und selbst
redigierte und manches sogar eigenhändig in das Manuskript einfügte .
Was hielt Stalin für so wesentlich, daß er es selbst in dieses
Buch schrieb? Wollte er den Eifer seiner Schmeichler ein wenig abkühlen, die seine "Kurze Biograp: ie" zusammenstellten? Nein, er
strich ausgerechnet jene Stellen an, wo seine Verdienste seiner Ansicht nach nicht genügend gerühmt wurden.
Hier sind einige charakteristische Beispiele für Stalins Verbesserungen, die er mit eigener Hand eingefügt hatt
"In diesem Kampf gegen die Skeptiker und Kapitulanten, die Trotzkisten, Sinowjewisten, Buchariristen und Kamenewisten wurde nach dem
Tode Lenins der Führerkader der Partei endgültig zusammengeschweißt...
der das große Banner Lenins hochhielt, die Partei um Lenins Wort
scharte und das Sowjetvolk auf die breite Bahn der Industrialisierung
des Landes und der Kollektivisierung der Landwirtschaft führte.
Führer dieses Kaders und leitende Kraft der Partei und des Staates
war Genosse Stalin."
So schreibt Stalin selbst. Und dann fügt er hinzut
"Obgleich er seine Aufgabe als Führer-der Partei und des Volkes
mit vollendeter Kunst meisterte und die uneingeschränkte Unterstützung
des ganzen Sowjetvolkes genoß, ließ Stalin es niemals zu, daß seine
Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut
oder Eigenlob beeinträchtigt wurde,"
Wo und wann konnte ein führender Politiker sich selbst so loben?
Ist das eines Führers marxistisch-leninistischen Typs würdig? Nein.
Gerade dagegen haben sich Marx und Engels so entschieden verwahrt.
Und auch '/Vladimir Iljitsch Lenin hat dies immer aufs schärfste verurteilt.
In dem Manuskript seines Buches taucht folgender Satz auft
"Stalin ist der Lenin unserer Tage." Dieser Satz erschien Stalin zu
schwach. So änderte er ihn eigenhändig um, so daß er nunmehr lauteti
"Stalin ist der würdige Fortsetzer von Lenins 'Aerk oder, wie es in
unserer Partei heißt, Stalin ist der Lenin unserer Tage." Da sehen
Sie nun selbst, nicht das Volk sagte es, sondern Stalin.
Man könnte viele derartige selbstverherrlichende Urteile von
Stalins eigener Hand in diesem Manuskript finden. Mit besonders großzügigem Lob bedenkt er sein Feldherrngenie und seine strategische Begabung.
Ich möchte noch eine Einfügung Stalins zitieren, die sich auf das
militärische Genie Stalins bezieht.
"Die fortschrittliche sowjetische Militärwissenschaft wurde", so
schreibt er, "in den Händen des Genossen Stalin weiter entwickelt. Genosse

- 45 -

�Genosse Stalin entwickelte die fh«ori&lt; de.- per::.-»nent wirkenden Faktoren, d'e übei d^.n Au.gang der ?:riegt entschieden} der iktiven Verteidigung und d r Gesetze vor Gegenangriff und Angriff} des Zusammenwirkers sämtlicher Waffengattunger. und .Vaffen in der modernen Kriegfunrung; der Rille der großen Panzermassen und der Luftwaffe im modernen Krieg sowie der Artillerie als der wirkungsvollsten Waffengattung. In den verschiedenen Phasen des Krieges fand Stali * Genius
dr e richtige Lösung, bei der alle Umstände der jeweiligen L .g.. in
die Berechnungen einbezogen wurden." (Bewegung im Saal)
Und weiter sehr' ibt Stalin:
"Stalins militärische Meisterschaft zeigte sich sowohl in d r
Defensive als auch in der Offensive. Genosse Stalins Genie ermöglichte es ".hm, 'xie Pläne des Gegners vorauszusehen und zu durchkreuzen.
Die Seh?aciten, in denen Gen.sse Jtalin die sowjetischen Armeen ührte,
sind gxänzende Beispiele operativer Führungskunst."
Ir die-er V/eise wurde Stalin als Stratege gelobt. V/er aber tat dies?
Stalin selbst, nicht in seiner Rolle als Stratege, sondern in der Rolle
des Autors und Herausgebers, als e:;ner der Hauptschöpfer seiner von
Selbstlob triefenden Biographie.
Dies, Genossen sind die Tatsachen. Wir sollten eher sagen: die
beschämenden Tatsachen.
Und noch eine weitere Tatseche aus derselben "Kurzen Biographie"
Stalins: Bekanntlich wurde der "Kurze Lehrgang der Geschichte der
KPdSU(B)" von einer Kommission des Zentralkomitees der Partei verfaßt.
Nebenbei gesagt, ist auch dieses von., einer besonders ausgewählten
Autorengruppe verfaßte Buch vom Persönlichkeitskult durchsetzt. Diese
Tatsache spiegelt sich in den folgenden Formulierungen im Korrekturexemplar der "Kurzen Biographie" Stalins:
"Eine Kommission
des ZK der KPdSU(ß) hat unter der Leitung des Genossen Stalin und
mit seiner tatkräftigen persönlichen Beteiligung einen 'Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSü(B)' verfaßt."
Aber selbst diese Formulierung befriedigte Stalin nicht. An ihre
Stelle trat in der endgültigen Fassung der "Kurzen Biographie" der
folgende Satz: "Im Jahre 1930 erschien das Buch 'Geschichte der
KPdSU(B), Kurzer Lehrgang' verfaßt vom Genossen Stalin und gebilligt
von einer Kommission des ZK der KPdSU(B)." Braucht man dem noch • twas
hinzuzufügen? (Heiterkeit im Saal)
Wie Sie sehen, verwandelte eine überraschende Ivietar.orph -e da:
von einer Gruppe von Genossen geschriebere Werk in ein v u S* ilii
verfaßtes Buch. Man braucht nicht darzulegen, wie und w.rum : es»
Metamorphose erfolgte.
N

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�Nun erhebt sicn die berechtigt. Fra : Wenn Stalin der Verfasser
dieses Buches ist. warum hatte er es d.-v ti nötig, gerade die Person
Stalins so sehr zu loben uni die gesamte geschichtliche Entwicklung
unserer glorreichen Kommunistischen i rtei in der Periode nach der
Oktoberrevolution 1 diglich in eine ;.-.tion Jej "genialen Stalin"
umzudeuten?
Spiegelte dieses Buch in zutreffender Weise die Anstrengungen
der Partei bei der sozialistischen Umgestaltung des Landes, beim
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, bei der Industrialisierung
und Kollektivisierung des Landes und alle anderen Maßnahmen der
Partei wider, die unbeirrbar den von Lenin gewiesenen Weg weiterverfolgte? Dieses Buch spricht hauptsächlich von Stalin, von seinen Reden, von seinen Berichten. Alles, ohne die geringste Ausnahme, wird
mit seinem Namen verknüpft.
Und wenn Stalin in eigener Person versichert, daß er den "Kurzen
Lehrgang der Geschichte der KPdSU(B)" selbst geschrieben habe, dann
ist das zumindest höchst verwunderlich. Kann ein Marxist-Leninist
derart über sich selbst schreiben, indem er seine eigene Person zum
Himmel erhebt?
Oder greifen wir einmal die Stalinpreise auf. (Bewegung im Saal.)
Nicht einmal die Zaren stifteten Preise, denen sie ihren eigenen
Namen gaben. Stalin wählte als besten Text für die sowjetische Nationalhymne ein Elaborat aus, das kein einziges Wort über die kommunistische
Partei enthält; dafür aber die folgende, beispiellose Lobpreisung
Stalins: Stalin erzog uns in Treue zum Volk - er beflügelte uns zu
großen Werken und Taten."
In diesen Zeilen der Hymne wird die ganze erzieherische, leitende und anspornende Funktion der großen leninistischen Partei Stalin
zugeschrieben. Und das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei. Wir möchten zu Ihrer Unterrichtung hinzufügen,
daß das Präsidium des Zentralkomitees bereits einen Beschluß über
die Abfassung eines neuen Textes der Hymne gefaßt hat, der die Rolle
des Volkes und die Rolle der Partei richtig wiedergibt. (Lauter,
anhaltender Beifall)
Und ist es ohne Stalins Wissen gescheher., daß viele der größti i
Betriebe und Städte nach ihm benannt wurden? Und ist es ohne otalins
Wissen geschehen, daß überall im Lande Stalindenkmäler errichtet
wurden - diese "Gedenksteine des Lebenden?" Es ist eine Tatsache,
daß Stalin selbst am 2. Juli 1951 einen Beschluß des Ministerrats
der UdSSR unterzeichnete, der die Errichtung eines eindrucksvolLei
Stalindenkmals am Wolga-Don-Kanal betraf. Am 4« September des gleichen
Jahres ordnete er selbst die Bereitstellung von 53 Tonnen Kupfer für
die Errichtung dieses imposanten Monuments an. Ein jeder, der Stalingrad besucht hat, muß die riesige Statue gesehen haben, die dort gebaut wird und zwar an einer Stelle, die kaum besucht wird.
Zu

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�Zu einer Zeit, da die Bewohner dieser Gegend seit Kriegsende
noch immer in Hütten lebten, wurden Unsummen für den Bau dieses Denkmals ausgegeben. Überlegen Sie selbst, ob Stalin recht hatte, wenn er
in seiner Biographie schrieb, er habe niemals zugelassen, "... daß seine
Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut
oder Eigenlob beeinträchtigt wurde."
Gleichzeitig lieferte Stalin Beweise für seinen Mangel an Respekt
für Lenins Gedächtnis. Es ist kein Zufall, daß ungeachtet des vor
dreißig Jahren gefaßten Beschlusses, einen "Palast der Sowjets" als
Denkmal für Wladimir Iljitsch zu bauen, dieser Palast niemals errichtet,
seine Ausführung stets hinausgezögert und das Projekt schließlich gänzlich aufgegeben wurde.
Wir wollen auch nicht den Beschluß der Sowjetregierung vom 14«
August 1925 vergessen,- in dem die "Stiftung eines Lenin-Preises für
erzieherische Arbeit" gefordert wurde. Dieser Beschluß wurde sogar
in der Presse veröffentlicht; aber bis heute gibt es noch keinen
Leninpreis. Auch das sollte geändert werden. (Langanhaltender, tumultartiger Beifall)
Zu Stalins Lebzeiten wurden mit den von mir erwähnten Methoden
und durch Zitate aus Stalins "Kurzer Biographie" sämtliche Ereignisse
so wiedergegeben, als habe Lenin selbst während der Sozialistischen
Oktoberrevolution stets nur eine sekundäre Rolle gespielt. In vielen
Filmen und in vielen literarischen Werken wurde die Gestalt Lenins
unrichtig dargestellt und in unzulässiger Weise herabgesetzt.
Mit Vorliebe sah sich Stalin den Film "Das unvergessliche Jahr 1919"
an, in welchem er auf den Stufen eines Panzerzuges gezeigt wird und
den Feind praktisch mit blankem Säbel niederschlägt. Möge nur unser
guter Freund Kliment Jefremowitsch Woroschilow den nötigen Mut aufbringen und die Wahrheit über Stalin schreiben; denn wer weiß schon, wie
Stalin gekämpft hat. Es wird eine schwierige Sache für den Genossen
Woroschilow sein, aber es wäre ganz gut, wenn er es täte. Jedermann
wird ihm dankbar sein, das Volk und die Partei. Selbst seine Enkel
würden ihm dafür noch dankbar sein. (Langanhaltender Beifall)
Bei der Behandlung der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges
wurde stets der Eindrück erweckt, Stalin habe immer die Hauptrolle
gespielt und bei jeder Gelegenheit Lenin instruiert, was und wie es
zu tun sei. Dieses ist jedoch eine Verleumdung Lenins. (Langanhaltender
Beifall)
Ich komme wahrscheinlich nicht mit der Wahrheit in Konflikt, wenn
ich sage, daß 99 ^ der hier Anwesenden vor 1924 wenig von Stalin gehört oder gewußt haben, während Lenin dagegen allen bekannt war. Er
war&gt;. der gesamten Partei, der gesamten Nation, den Kindern wie den
Greisen*, bekannt. (Tummultöser, langanhaltender Beifall)

All

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�All dieses muß gründlich revidiert werden, damit die Geschichte,
die Literatur und die bildende Kunst die Rolle Lenins, die großen
Leistungen unserer Kommunistischen Partei und des sowjetischen Volkes,
des schöpferischen Volkes, im richtigen Lichte würdigen. (Beifall)
Genossen! Der Persönlichkeitskult hat zur Anwendung falscher
Prinzipien in der Parteiarbeit und in der Wirtschaft geführt; er
hatte grobe Verstöße gegen die innerparteiliche und Sowjetdemokratie
steriles Administrieren, Abweichungen aTier Art, Vertuschung von
Fehlleistungen und Schönfärberei zur Folge. Unsere Nation brachte
viele Schmeichler und Spezialisten für Zweckoptimismus und Augenwischerei hervor.
Wir sollten aber nicht vergessen, daß auf Grund der Verhaftung
zahlreicher Partei-, Sowjet- und Wirtschaftsführer viele Funktionäre
in ihrer Arbeit unsicher und übervorsichtig wurden, alle Neuerungen
und schließlich ihren eigenen Schatten fürchteten und dadurch immer
weniger Initiative entwickelten.
Nehmen wir zum Beispiel die Partei- und Regierungsbeschlüsse.
Sie kamen routinemäßig, oft ohne Berücksichtigung der konkreten Situation, zustande. Dies ging so weit, daß Parteifunktionäre, selbst in
den kleinsten Sitzungen, ihre Reden ablasen. Baraus ergab sich für
die Partei- und Regierungsarbeit die Jefahr des Formalismus und der
Bürokratisierung des gesamten Apparate«.
Stalins Lebensfremdheit und die Tatsache, daß er über die wahren
Zustände in der Provinz nicht Bescheid wußte, ergibt sich aus seiner
Landwirtschaftspolitik.
Jeder der sich auch nur im geringsten um unser« Situation kümmert«,
sah die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft - Stalin aber sah sie
nie. Haben wir Stalin informiert? Ja, das haben wir getan, aber er
unterstützte uns nie. Warum? Weil Stalin niemals reist«, nie Arbeiter
in den Städten oder auf den Kolchosen besuchte 5 er war nie über die
wahre Lage im Lande informiert.
Er kannte das Land und die Landwirtschaft nur aus Filmen. Und
diese Filme waren frisiert und gaben ein rosiges Bild der Lage der
Landwirtschaft. In diesen Filmen über das Kolchosenleben bogen sich
die Tische vielfach unter der Last der Truthähne und Gänse. Offensichtlich
glaubte Stalin, daß dies die Wirklichkeit sei. Wladimir Iljitsch Lenin
dagegen betrachtete das Leben anders; er war dem Volk immer nahe, er
empfing Bauerndelegationen und sprach oft auf Betriebsversammlungen, er
pflegte auch in die Dörfer zu gehen und mit den Leuten zu reden.
Stalin schloß sich vom Volk ab und ging nie irgendwo hin. Das war
so Jahrzehnte lang. Zum letzten Mal besuchte er im Januar 1928 eine Stadt
als er wegen der Getreideerfassung eine Sibirienreise unternahm. Woher
konnte er also wissen, wie es im Lande aussah?
Als er einmal in einer Diskussion darauf aufmerksam gemacht wurde,
daß die Lage auf dem Lande schwierig und daß es besonders schlecht um die
Viehzucht und Fleischproduktion bestellt sei, wurde eine Kommission gebildet,
und mit der Abfassung eines Beschlusses über "Wege zur Weiterentwicklung der
Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen'* beauftragt. Wir machten einen entsprechenden Entwurf. Natürlich berücksichtigten unsere damaligen Vorschläge noch nicht alle Möglichkeiten, aber wir zeigten Mittel und Wege» um

- 49 -

�um die Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen zu verbessern. Wir
haben damals vorgeschlagen,die Preise für Agrarprodukte zu erhöhen,
um den Kolchos-, Sowchos- und MTS-Arbeitern einen materiellen Anreiz
für die Entwicklung der Viehzucht zu geben. Aber unser Entwurf wurde
abgelehnt und im Februar 1953 wurde er endgültig zu den Akten gelegt.
Aber schlimmer noch: Als wir an diesem Projekt arbeiteten,
schlug Stalin vor, die Steuern der Kolchose:, und Kolchosbauern um
40 Milliarden Rubel zu erhöhen, denn er war der Ansicht es gehe der
Landbevölkerung sehr gut und ein Kolchosarbeiter braucht nur ein
Huhn mehr zu verkaufen, um seine Steuer bezahlen zu können.
Stellen Sie sich vor, was das heißt. 40 Milliarden Rubel sind
eine Summe, die die Kolchosbauern für den Teil ihrer Produktion, den
die Regierung erhielt, nicht bekamen. Im Jahre 1952 zum Beispiel haben
die Kolchose und die Kolchosbauern für sämtliche an die Regierung gelieferten und verkauften Erzeugnisse nur 26,28 Milliarden Rubel erhalten. Stützte sich Stalin damals überhaupt auf irgendwelche statistischen Unterlagen? Natürlich nicht.
In solchen Fällen interessierten ihn Tatsachen und Zahlen nicht.
'.Venn Stalin etwas sagte, dann war es eben so - schließlich war er ein
"Genie", und ein Genie braucht nicht zu rechnen, es braucht nur hinzusehen und kann sofort sagen, wie es gemacht werden muß. 'flenn es
seine Meinung kundtut, muß jeder sie wiederholen und diese Weisheit
bewundern.
Aber welche Weisheit steckte in dem Vorschlag, die Steuer für
die Landwirtschaft um 40 Milliarden Rubel zu erhöhen? Keine, absolut
keine, weil der Vorschlag nicht auf einer sachlichen Beurteilung der
Situation beruhte, sondern auf den phantastischen Ideen, die zwischen
Oksa Erson und der Wirklichkeit standen. Wir fangen jetzt langsam an,
uns aus den Schwierigkeiten unserer Landwirtschaft herauszuarbeiten.
Was einige der Delegierten auf dem XX.Parteikongreß gesagt haben, bereitet uns allen Freude; wir freuen uns darüber, daß viele Delegierte
Reden halten, und darüber, daß in der Viehzucht, gute Voraussetzungen
zur Erfüllung des 6.Fünfjahresplans - nicht in fünf sondern in zwei
bis drei Jahren gegeben sind. Wir sind sicher, daß die Aufgaben des
neuen Fünfjahresplans erfolgreich erfüllt werden.
(Lang anhaltender Beifall)
Genossen!

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�Genossen!
Wenn wir heute den Persönlichkeitskult, der zu Stalins Lebzeiten
so verbreitet war, scharf kritisieren, und wenn wir über die vielen
negativen Erscheinungen sprechen, die durch diesen Kult, der dem Geist
des Marxismus-Leninismus so fremd ist, ervorgerufen wurden, mag mancher fragen: V/ie konnte das geschehen? Stalin stand 30 Jahre lang an
der Spitze der Partei und des Landes, und viele Siege wurden zu seinen
Lebzeiten errungen. Können wir dies abstreiten? Meiner Meinung nach können
so nur Leute fragen, die durch den Persönl-chkeitskult hoffnungslos
verblendet und hypnotisiert sind, die das Wesen der Revolution und des
Sowjetstaates nicht begreifen, und die Rolle der Partei und der Nation
bei der Entwicklung der sowjetischen Gesel schaft nicht im Sinne Lenins
erfassen.
Die sozialistische Revolution wurde von d r Arbeiterklasse und
der Dorfarnut mit teilweiser Unterstützung der Mittelbauern durchgeführt. Sie wurde vom Volke durchgeführt unter der Führung der Bolschewistischen Partei. Lenins große Leistung bestand darin, daß er eine
militante Partei der Arbeiterklasse schuf, aber dazu besaß er das
marxistische Verständnis der Gesetze der sozial n Entwicklung und war
gewappnet mit der Wissenschaft vom Siege des Proletariats im Kampf
gegen den Kapitalismus; und er härtete diese Pa - tei im Feuer des revolutionären Kampfes der Volksmassen. In diesem Kampf verteidigte die
Partei konsequent die Interessen des Volkes und führte die Massen als
•erfahrene Führerin zur Macht und zur Errichtung des ersten sozialistischen Staates. Sie erinnern sich wohl der weisen Worte Lenins, daß der
Sowjetstaat deshalb so stark ist, weil die Massen sich der Tatsache
bewußt sind, daß Geschichte von Millionen und aber Millionen von
Menschen gemacht wird.
Unsere historischen Siege wurden erzielt dank der organisatorischen Arbeit der Partei, ihrer vielen regionalen Gliederungen, und
dank der aufopfernden Arbeit unseres großen Volkes. Diese Siege sind
das Ergebnis des großen Arbeitselans der Nation und der Partei in
ihrer Gesamtheit; sie sind keineswegs die Frucht der persönlichen Führung .Stalins, wie dies während der ganzen Periode des Persönlichkeitskults
dargestellt wurde.
Wenn wir diese Angelegenheit als Marxisten-Leninisten betrachten,
müssen wir eindeutig feststellen, daß die Führungspraxis, die sich in
den letzten Lebensjahren Stalins herausgebildet hat, zu einem ernsthaften Hindernis auf dem Wege der sowjetischen Gesellschaftsentwicklung
geworden ist.
Stalin ließ oft außerordentlich wichtige Fragen des Partei- und
Staatslebens monatelang in der Schwebe, obwohl ihre Lösung eigentlich
nicht aufgeschoben werden durfte. Während Stalins Herrschaft wurden
unsere friedlichen Beziehungen zu anderen Nationen oftmals bedroht,
weil sich aus den Ein-Mann-Entscheidungen große Komplikationen ergeben konnten - wie dies auch oft der Fall war.

Als

- 51 -

�Als es uns in den letzten Jahren gelang, uns von der nachteiligen Praxis des Perscnlichkeitskultes zu befreien und als wir
einige richtige Schritte auf innen- und außenpolitischem Gebiet
unternahmen, konnte jedermann mit eigenen Augen sehen, wie aie
Aktivität, die schöpferische Aktivität der werktätigen Massen sich entfaltet«», ja wie günstig sich all dies auf die wirtschaftliche und
kulturelle Gesamteitwicklung auswirkte.
(Beifall)
Manche Genoss n mögen uns fragen» Wo waren die Mitglieder des
Politbüros de;- Zentralkomitees9 Warum setzten sie sich nicht rechtzeitig geg«n den P^rsönlichkeitskult zur V/ehr? Und warum tut man
es erst jetzt?
Zunächst müssen wir bedenken, daß die Mitglieder des Politbüros diese Dinge zu verschiedenen Zeiten ver-chieden beurteilten.
Anfangs unterstützten viele von ihnen Stalin +atkräftig, weil er
einer der stärksten Marxisten war und mit seiner Logik, seiner
Festigkeit und seinem Willen die Kader und Parteiarbeit erheblich
beeinflußt« .
Es ist bekannt, daß Stalin nach Lenins Tod und insbesondere in
den ersten Jahren danach aktiv für den Leninismus eintrat und ihn
gegen die Feinde der leninistischen Lehre und gegen Abweichler verteidigte. Von Lenins Lehre ausgehend, nahm die Partei mit dem
Zentralkomitee an der Spitze auf breiter Basis die sozialistische
Industrialisierung des Landes, die Kollektivisierung der Landwirts "ha t - nd die kulturelle Revolution in Angriff. Zu jener
Zeit gewann Stalin große Popularität, Sympathie und Unterstützung.
Die Partei wußte gegen jene kämpfen, die das Land von dem nichtigen leninistischen Weg abzubringen suchtenj sie mußte gegen die
Trotzkisten, Sinowjewisten, Rechten und die bourg«oisen Nationalisten kämpfen. Dieser Kampf war unerläßlich Später allerdings
begann Stalin seine Macht in zunehmendem Maße zu mißbrauchen, den
Kampf auf hervorragende Partei- und Regierungsfunktionäre auszudehnen, zu kämpfen und mit Terrormaßnahmen gegen ehrbare Sowjetbürger
vorzugehen. Wie wir bereits dargelegt haben, erledigte Stalin auf
diese Weise so hervorragende Männer der Partei und der Regierung
wie Kosior, Rudsutak, Eiche, Postyschew und viele andere.
Wer

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�Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer. Ein
typisches Beispiel hierfür bietet der Sturz des Genossen Postyschew.
Stalin brachte in einer seiner Reden seine Unzufriedenheit mit
Postyschew zum Ausdruck und fragte ihn; "Was sind Sie eigentlich?"
Fostyschew antwortete unmißverständlich: "Ich bin Bolschewik, Genosse
Stalin, ein Bolschewik".
Biese Entgegnung wurde zunächst als Respektlosigkeit gegenüber
Stalin angesehen; später machte man daraus einen Schädlingsakt, der
dann Postyschews Beseitigung und grundlose Anprangerung als "Volksfeind" zur Folge hatte.
In der damaligen Situation habe ich oft mit Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin gesprochen; als wir einmal zu zweit im Auto fuhren,
sagte er: "Es kann passieren, daß jemand einer Einladung Stalins als
Freund Fölgf leistet; und wenn er dann mit Stalin zusammensitzt, weiß er
nicht, ob er anschließend nach Hause oder ins Gefängnis geschickt wird."
Es ist klar, daß solche Verhältnisse jedes Mitglied des Politbüros in eine sehr schwierige Situation brachten. Wenn wir dazu noch
in Betracht ziehen, daß das ZK-Plenum in den letzten Jahren nicht mehr
einberufen wurde, und daß Politbürositzungen nur nooh gelegentlich
von Zeit zu Zeit stattfanden, dann wird verständlich, wie schwierig
es für die Politbüromitglieder war, sich gegen die eine oder andere
ungerechte oder unkorrekte Maßnahme
gegen schwere Irrtümer und Unzulänglichkeiten in der Führungspraxis aufzulehnen.
Wie bereits dargelegt, wurden viele Entscheidungen entweder überhaupt nur von einer Person oder aber hintenherum und ohne Diskussion
im Kollektiv getroffen. Das traurige Schicksal des PolitbüromitgliedB,
Genossen Wosnesenskij, der ebenfalls den Repressalien Stalins zum
Opfer fiel, ist allen bekannt. Es ist bezeichnend, daß der Beschluß
über seine Ausstoßung aus dem Politbüro niemals diskutiert worden ist,
sondern auf irreguläre Art zustande kam. Das gleiche gilt für den
Beschluß über die Amtsenthebung Kusnezows und Rodionows.
Die Stellung des Politbüros des Zentralkomitees wurde geschwächt
und seine Arbeit durch die Schaffung verschiedener Politbüroausschüsse der sogenannten "Fünfer-", "Sechser-", "Siebener-" und "Neunerkommissionen" - desorganisiert. Hier sei als Beispiel ein Beschluß des Politbüros vom J. Oktober 1946 angeführt:
"Stalins Vorschlag:
1. Die Kommission für auswärtige Angelegenheiten des Politbüros
(Sechserkommission) soll sich in Zukunft zusätzlich zu außenpolitischen
Fragen auch mit Angelegenheiten des inneren Aufbaues und der Innenpolitik befassen.
2. Die

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�2. Die Sechserkommission ist um den Vorsitzenden der Staatskommission für Wirtschaftsplanung der UdSSR, Genossen Wosnesenskij,
zu erweitern und soll fortan als Siebenerkummission bezeichnet werden.
gez.: Der Sekretär des Zentralkomitees, J. Stalin."
Welch ein Kartenspielertrick. (Gelächter im Saal.) Es ist klar,
daß die Schaffung dieser Art von Ausschüssen innerhalb des Politbüros
- der "Fünfer-", "Sechser-", "Siebener-" und "Neunerkommissionen" gegen das Prinzip der kollektiven Führung verstieß. Dies führte dazu,
daß einige Mitglieder des Politbüros von der Mitwirkung beim Zustandekommen wichtiger, den ganzen Staat betreffender Entscheidungen ausgeschlossen waren.
Eines der ältesten Mitglieder unserer Partei überhaupt, Kliment
Jefremowitsch Woroschilow, befand sich in einer nachgerade unmöglichen
Situation. Jahre hindurch hat man ihm praktisch das Recht auf Teilnahme an den Sitzungen des Politbüros vorenthalten. Stalin untersagte
ihm die Teilnahme an den Tagungen des Politbüros und verwehrte ihm
die Einsicht in die Unterlagen. Wenn das Politbüro tagte und Genosse
Woroschilow davon erfuhr, rief er jedes Mal an und fragte, ob ihm die
Teilnahme gestattet sei. Manchmal gab Stalin die Erlaubnis, brachte
jedoch stets sein Mißfallen zum Ausdruck.
Infolge seines übergroßen Argwohns spielte Stalin auch mit dem
absurden und lächerlichen Verdacht, Woroschilow sei ein englischer
Agent. (Gelächter im Saal.) Sie hörten richtig - eir englischer Agent.
Um seine Gespräche zu überwachen, wurde eine Abhöranlage in seine Wohnung eingebaut. (Entrüstung im Saal)
Stalin schloß auch noch ein anderes Mitglied durch seine eigenmächtige Entscheidung von der Mitarbeit im Politbüro aus: Andrej
Andrejewitsch Andrejew. Dies war einer der hemmungslosesten Willkürakte.
Lassen Sie mich nun auf die erste Sitzung des Zentralkomitees nach
dem XIX. Parteikongreß eingehen, als Stalin im Rahme;, einer Charakterisierung von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow und Anastasj Iwanowitsch
Mikojan andeutete, diese alten Parteiarbeiter hätten sich irgendwelcher,
natürlich frei erfundener, Verfehlungen schuldig gemacht. Es ist nicht
ausgeschlossen, daß die Genossen Molotow und Mikojan auf diesem Parteikongreß hier keine Reden mehr hätten halten können, wenn Stalin noch
einige weitere Monate länger am Ruder geblieben wäre.
Offensichtlich beabsichtigte Stalin, sich der alten Politbüromitglieder zu entledigen. Er hat oft erklärt, daß die Mitglieder des
Politbüros durch neue ersetzt werden sollten.
Als er nach dem XIX. Parteikongreß den Vorschlag machte, 25 Mitglieder für das ZK-Präsidium auszuwählen, zielte dies auf die Beseitigung alter Politbüromitglieder und ihre Ersetzung durch weniger erfahrene Personen ab, die seinen Ruhm auf jede Weise verbreiten sollten.

Es

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�Es ist anzunehmen, daß er damit zugleich auf die spätere Vernichtung der alten Mitglieder des Politbüros hinarbeitete, um sämtliche
von ihm begangenen schändlichen Handlungen zu kaschieren, jene Handlungen, mit denen wir uns heute befassen.
Gerossen! Damit sich die ir der Vergangenheit begangenen Irrtümer
nicht wiederholen, hat sich das Zentralkomitee energisch gegen jeden
PersönlichkeitskuJt ausgesprochen. Wir sind der Ansicht, daß Stalin
in übertriebenem Maße herausgestellt wurde. Andererseits hat Stalin
in der Vergangenheit der Partei, der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung zweifellos auch große Dienste geleistet.
Dieses Problem wird d. durch kompliziert, daß alles, was wir soeben
erörtert haben, zu Lebzeiten Stalins,unter seiner Fuhrung und mit seiner Billigung geschah; Stalin war überzeugt, daß dies alles im
Interesse der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen die Anschläge der
Feinde und gegen die Angriffe des imperialistischen Lagers notwendig.
gewesen sei. Er betrachtete diese Dinge unter dem Gesichtspunkt der
Interessen der Arbeiterklasse, der Interessen der Werktätigen, des
Sieges des Sozialismus und Kommunismus. '«Vir dürfen nicht sagen, daß
dies Handlunger. eines vcm Sch.vindel befallenen Despoten gewesen seien.
Nach seiner Ansicht lagen diese Handlungen im Interesse der Partei,
der werktätigen Massen, der Sicherung der Errungenschaften der Revolution. Hierin liegt die ganze Tragödie!
Genossen! Lenin hat oft betont, daß Bescheidenheit ein unerlässliches Merkmal jedes echten Bolschewisten ist. Lenin selbst war die
lebendige Verkörperung höchster Bescheidenheit. Wir können nicht sagen,
daß wir diesem Beispiel Lenins in jeder Hinsicht gefolgt sind. Es genügt »darauf hinzuweisen, daß zahlreiche Städte, Fabriken und Industriebetriebe (Kolchose und Sowchose, Sowjet-, und Kulturinstitutionen,
so als ob sie - mit Verlaub zu sagen - unser Privateigentum wären,
mit dem Namen dieses oder jenen führenden Regierungs- oder Parteifunktionärs bedacht würden, der nech im Amt ist und sich bester Gesundheit
erfreut. Viele von uns machten mit, wenn es galt, Städte, Rayons, Industriebetriebe und Kolchose nach uns zu benennen. Das müssen wir abstellen.

Dies

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�Dies aber sollte langsam und mit Ruhe gemacht werden. Das Zentralkomitee wird über diese Angelegenheit beraten und sie sorgfältig
untersuchen, um Irrtümer und Überspitzungen zu vermeiden. Ich erinnere mich, wie es war, als die Ukrainer von der Verhaftung Kosiors
hörten. Radio Kiew pflegte bis dahin seine Sendungen mit den Worten
einzuleiten» "Hier ist Radio Kosior1. Als eines Tages die Sendung
ohne Erwähnung des Namens Kosior begann, war es für jedermann klar,
daß mit Kosior etwas los sei, daß man ihn wahrscheinlich verhaftet
habe.
Wenn wir uns also heute daranmachen würden, überall die Bezeichnungen und Namen zu entfernen oder zu ändern, würden die Leute
denken, diesen Genossen, denen zu Shren die betreffenden Werke}.
Kolchose oder Städte benannt wurden, sei das gleiche widerfahren,
und wir hätten sie ebenfalls verhaftet.
(Heiterkeit im Saal)
7/onach beurteilt man das Prestige und die Bedeutung eines
führenden Mannes? Danach, wieviele Städte, Industriewerke und
Fabriken, Kolchose und Sowchose seinen Namen tragen. Ist es nicht
allmählich an der Zeit, daß wir diesen "Privatbesitz" abschaffen
und die entsprechenden Fabriken, Industriewerke, Kolchose und Sowchose
"verstaatlichen"?
(Gelächter, Beifall, Zwischenrufe! "Richtig
Das wird unserer Sache nur dienlich sein. Schließlich ist auch dies
ein Ausdruck des Persönlichkeitskults.
Wir sollten die Frage des Persönlichkeitskults mit größtem
Ernst prüfen. Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den Reihen
der Partei hinaus, insbesondere nicht in die Presse, dringen lassen.
Aus diesem Grunde behandeln wir sie hier auf einer geschlossenen
Sitzung des Parteikongresses. Wir müssen die Grenzen kennen; wir
dürfen dem*Feind keine Munition liefern; wir dürfen unsere
schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen. Ich denke,
die Delegierten des Parteikongresses werden alle diese Vorschläge
verstehen und richtig beurteilen.
(Tosender Beifall)
Genossen! Wir müssen den Persönlichkeitskult entschlossen abschaffen, ein für allemal; wir müssen die entsprechenden Konsequenzen
ziehen, und zwar sowohl hinsichtlich der ideologisch-theoretischen
als auch der praktischen Arbeit.
Dies ist aus folgenden Gründen nütig«
Erstens müssen wir als echte Bolschewisten den Persönlichkeitskult verurteilen und mit der Wurzel ausrotten, weil er dem MarxismusLeninismus fremd ist und im Widerspruch zu den Grundsätzen der Parteiführung und den Normen des Parteilebens steht, und wir müssen alle
Versuche, diese Praktiken auf die eine oder andere Art wieder einzuführen, unerbittlich bekämpfen.
Wir

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�Wir müssen in unserer gesamten ideologischen Arbeit zu den wichtigsten Thesen der marxistisch-leninistischen Wissenschaft vom Volk
als der bewegenden Kraft der Geschichte und dem Schöpfer aller materiellen und geistigen Güter der Menschheit, von der entscheidenden
Rolle der marxistischen Partei im revolutionären Kampf für die Umwandlung der Gesellschaft, vom Siege des Kommunismus zurückkehren
und sie in die Praxis umsetzen.
Was dies anbelangt, so werden wir viel tun müssen, um die mit
dem Persönlichkeitskult verlundeien weitverbreiteten irrigen Ansichten auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung, der Philosophie,
der Volkswirtschaft und anderer Wissenschaften sowie in der Literatur
und den bildenden Künsten von marxistisch-leninistischen Standpunkt
kritisch zu untersuchen und
richtigzustellen. Vor allem ist es nötig, daß wir bereits in allernächster Zukunft ein ernst zu
nehmendes Lehrbuch über die Geschichte unserer Partei ausarbeiten,
das mit wissenschaftlich-marxistischer Objektivität verfaßt ist,
ein Lehrbuch über die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft, ein
Bach, das den Ereignissen des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges gerecht wird.
Zweitens müssen wir systematisch und konsequent die Arbeit fortführen, die das Zentralkomitee der Partei in den letzten Jahren geleistet hat, eine Arbeit, die sich durch die genaueste Beachtung der leninistischen Grundsätze der Parteiführung in sämtlichen Parteiorganisationen, von den Grundeinheiten bis zur Spitze,auszeichnete, vor allem
aber durch Befolgung des wichtigsten Grundsatzes der kollektiven Führung, durch die Beachtung der in den Parteistatuten festgelegten Normen des Parteilebens, sowie schließlich durch umfassende Kritik und
Selbstkritik.
Drittens müssen wir den leninistischen Grundsätzen der sowjetischsozialistischen Demokratie, wie sie in der Verfassung der Sowjetunion
niedergelegt sind, wieder volle Geltung verschaffen und die Willkür
einzelner Personen bekämpfen, die ihre Macht mißbrauchen. Die üblen
Polgen aller Verstöße gegen die revolutionäre sozialistische Gesetzlichkeit, die sich im Laufe der Jahre infolge des schädlichen Einflusses des Persönlichkeitskults häuften, müssen restlos beseitigt werden*
Genossen!
Der XX. Parteikongreß der KPdSü(B) war ein erneuter kraftvoller
Beweis für die unerschütterliche Einheit unserer Partei, ihrer Verbundenheit mit dem Zentralkomitee, ihres entschlossenen Willens, die
große Aufgabe des Aufbaus des Kommunismus zu vollbringen. (Tosender
Beifall.) Und die Tatsache, daß wir die mit der Überwindung des dem
Marxismus-Leninismus fremden Persönlichkeitskults verbundenen Grundprobleme in all ihren Formen und auch das Problem der Liquidierung seiner
lästigen Folgen dargelegt haben, ist ebenfalls ein Beweis für die große
moralische und politische Kraft unserer Partei. (Langanhaltender Beifall)
Wir

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�Wir sind zutiefst überzeugt, daß unsere Partei mit dem Rüstzeug
der historisch bedeutsamen Entschlüsse des XX. Kongresses das Sowjetvolk auf dem Wege Lenins zu neuen Erfolgen, zu neuen Siegen führen wird.
(Donnerr.dcr, anhaltender Beifall)
Lang lebe das siegreiche Banner unserer Partei - der Leninismus!
(Langanhaltender, in stürmische Ovationen übergehender-Beifall.-Alle
erheben sich von den Plätzen)

* * * # *

�A M E R I K A

N

S T

JOHN FOSTER DULLES: AUCH DER FRIEDEN HAT SEINEN PREIS

AME3 (I owa) - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die
der Außenminister der Vereinigten Staaten,
John Foster Dulles, am 9« Juni 1956 anläßlich
der Verteilung der Abschlußzeugnisse vor dem
Iowa State College in Arnes (Iowa) gehalten hat.

Sie gehen heute hinaus in eine Welt, in der Sie die Segnungen
der Freiheit in Frieden zu genießen hoffen. Es ist dies jene Welt,
die zu schaffen die Vereinigten Staaten durch ihre Außenpolitik anstreben.
Heute haben wir Frieden; kein Land befindet sich zur Zeit mit
den Vereinigten Staaten im Kriegszustand.
Und wir genießen mancherlei Gutes. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den meisten Ländern der Welt. Weder fürchten wir sie, noch
müssen sie uns fürchten. Wir unterhalten Handelsbeziehungen und ähnliche Verbindungen mit ihnen, alles zu gegenseitigem Nutzen und
beiderseitiger Freude.
Für diesen Frieden und das Gute, dessen wir uns erfreuen, können
wir aus tiefstem Herzen dankbar sein.
Aber all dies fällt uns nicht in den Schoß. Vor Ihnen sind
bereits andere mit hochgespannten Hoffnungen in die Welt hinausgezogen. Ihre Hoffnungen aber fanden auf dem Schlachtfeld ein rasches
Ende, und die daheim geblieben waren, fühlten ihre Herzen schwer
werden. Reiche Mittel, die zum Aufbau wirtschaftlichen Wohlstandes
hätten verwendet werden können, wurden im Kriege verschleudert.
Dieser Preis, der in der Münze des Krieges entrichtet wird,
wird immer zu zahlen sein, wenn die Menschen nicht bereit sind,
bereits in Friedenszeiten für die Erhaltung des Friedens zu zahlen.
Aber anscheinend lernen die Menschen das nicht. Denn die Vorstellung ist nicht auszurotten, daß man sich den Frieden nur zu
wünschen brauche, um ihn zu bekommen. Wenn dies zuträfe, dann wäre

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�'AMERIKA DIENST"

20. Juni

1956

wäre der Krieg schon vor vielen Jahrhunderten abgeschafft worden.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer, ja noch schwerer ist, den Frieden
zu erhalten wie einen Krieg zu gewinnen. Kriege wurden schon viele gewonnen. Einen dauernden Frieden zu erringen, ist bisher noch nie gelungen. Um den Krieg endgültig zu besiegen, sind Planung und Taten
erforderlich, die Voraussicht, kluge Berechnung, Mut und gelegentlich
Opfer erfordern. Und zwar werden diese Opfer unter weniger dramatischen
und anscheinend weniger dringenden Umständen gefordert als im Kriege.
Wir werden niemals einen dauernden Frieden haben, solange die Menschen
ihre edelsten Geistesgaben in den Dienst des Krieges stellen. Denn auch
der Frieden hat seinen Preis.
Ich möchte Ihnen dies am Beispiel einer unserer Bemühungen um den
Frieden, die wir zur Zeit unternehmen, deutlich machen. Man könnte dies
Bemühungen auch als eine Art Versicherung auf den Frieden bezeichnen,
für die wir etwa 40 Milliarden Dollar jährlich zahlen müssen.
Unsere Friedensversicherung
Die Grundelemente dieser Friedensversicherung leiten wir von den
ersten erfolgreichen Anfängen der amerikanischen Außenpolitik her.
Lassen Sie mich also auf die Zeit der Monroe-Doktrin verweisen.
Im Jahre 1823 erklärte Präsident Monroe der unter Führung des
zaristischen Rußland stehenden despotischen Allianz, daß "wir jeden
Versuch ihrerseits, ihre Regierungen auf irgendein Gebiet der westlichen Hemisphäre zu übertragen, als eine Bedrohung unseres Friedens
und unserer Sicherheit betrachten" und "ein solches Eingreifen, in
welcher Form es auch geschehen möge, nicht gleichgültig mit ansehen"
werden.
Es beweist tatsächlich Voraussicht und Kühnheit, daß unsere junge
Nation so ihr eigenes Interesse mit der Freiheit und Unabhängigkeit
von Ländern verknüpfte, die viele Tausend Kilometer entfernt liegen.
Die Verkündigung dieses Grundsatzes aber wurde, wie Webster berichtet,
"mit einhelligem Jubel" begrüßt.
Dieser Grundsatz ist in unseren Tagen noch erweitert worden.
Seine umfassendste Anwendung finden wir in der Charta der Vereinten
Nationen. Da aber auf Grund des Vetorechts kein unbedingter Verlaß
auf ein Eingreifen seitens der UN besteht, haben sich viele Nationen
miteinander in Verträgen zusammengeschlossen, die auf dem Prinzip der
Monroe-Doktrin beruhen. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben die
Vereinigten Staaten mit Zustimmung beider Parteien derartige Verträge
mit 42 Ländern in Amerika, in Europa und Asien abgeschlossen.
Durch diese Verträge wird1 zwischen den Partnerstaaten der Grundsatz der Neutralität abgeschafft, demzufolge ein Land seine Sicherheit
am ehesten dadurch wahren kann, daß es sich dem Schicksal anderer Länder gegenüber gleichgültig verhält. Diese Konzeption jedoch wird in
steigendem Maße als veraltet empfunden, und sie ist auch, außer unter
ganz besonderen Umständen, eine unmoralische und kurzsichtige Politik.
Die

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20. Juni 1956

Die freie Welt ist heute stärker und der Friede gesicherter, weil so
viele freie Nationen tapfer die bereits erwiesene Tatsache anerkennen,
daß ein Angriff auf die Freiheit eines anderen Landes ihre eigene
Sicherheit und ihren Frieden gefährden würde.
Indessen ist es angesichts der heutigen Verhältnisse nicht genug,
wenn die freien Nationen lediglich ihre Absicht verkünden, zueinanderstehen zu wollen. Wir brauchen Streitkräfte, um diesen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen.
Beim Ausbruch des ersten wie des zweiten Weltkrieges verfügten
die Vereinigten Staaten nur über geringe militärische Kräfte. Auch
im Falle des Koreakrieges reichten unsere Streitkräfte zunächst nicht
aus. In diesen Fallen jedoch waren die Kriegsumstände so geartet, daß
wir genügend Zeit hatten, unsere Militärmacht auszubauen.
Seit jenen Tagen aber haben die dem Menschen zu Gebote stehenden
zerstörenden Kräfte sich plötzlich in einem Maße vergrößert, das unser
Fassungsvermögen übersteigt. Heute kann eine einzige Bombe zerstörende Kräfte von gleicher Intensität entwickeln, wie sämtliche in den
fünf Jahren des zweiten Weltkrieges geworfenen Bomben. Ein etwaiger
Gegner könnte»sofern er nicht bereits im allerersten Anfang auf Widerstand stößt, in kürzester Zeit größte V rheerunge
anrichten, so daß
wir das Hasardspiel nicht wagen dürfen, unsere volle militärische
Stärke erst nach erfolgtem Angriff zu entwickeln. Um einen Gegner von
Aggressionen abzuschrecken und Fehlkalkulationen auszuschließen, sind
Warnungen nicht genug; hinter diesen Warnungen .müssen vielmehr Streitkräfte stehen, die über die nötige Schlagkraft für Vergeltungsoperationen verfügen. Das macht unsere Versicherungspolitik für den Frieden so
teuer.
Die Kosten für den Unterhalt der amerikanischen Streitkräfte im
In- und Ausland belaufen sich auf jährlich etwa 36 Milliarden Dollar.
Das sind fast $0fo der Gesamtaufwendungen für unsere Friedensversicherung,
die jährlich etwas mehr als 40 Milliarden Dollar betragen.
Die restlichen zehn Prozent, grob gerechnet also 4 Milliarden
Dollar, dienen dem Aufbau der Militärkräfte anderer Länder im Rahmen
unseres Programms für gemeinsame Sicherheit. Auf dieses Programm möchte
ich jetzt näher eingehen und Ihnen darlegen, warum es ein Bestandteil
unserer Friedensversicherung ist.
Ich werde dabei die zu erwartenden Aufwendungen zugrunde legen.
Um aber das derzeitige Tempo beibehalten zu können, muß der Kongreß
für das nächste Jahr mehr als die vorgesehenen Aufwendungen bewilligen,
denn bereits in diesem Jahr liegen die tatsächlichen Aufwendungen um
rund 1 Milliarde Dollar über den Bewilligungen.
Der Ferne Osten
Die größten Ausgaben im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit entfallen auf den Pazifischen Raum und den Fernen Osten.
Diese Aufwendungen dienen dem Ausbau der militärischen Stärke von

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20. Juni 1956

von Ländern, mit denen wir kollektive Verteidigungsverträge geschlossen haben. Dieses Gebiet ist zur Zeit eindeutig einem feindlichen
Druck ausgesetzt.
In Korea herrscht Waffenstillstand. Aber die chinesischen Kommunisten sind noch nie ernstlich zu einem Frieden bereit gewesen, der
eine Wiedervereinigung Koreas durch freie, unter der Kontrolle der
Vereinten Nationen abgehaltene Wahlen bringen würde. So stehen sich
in Korea feindliche bewaffnete Streitkräfte an der durch den Waffenstillstand geschaffenen Demarkationslinie gegenüber.
Taiwan (Formosa), heute Sitz der Regierung der Republik China,
steht unter ständiger Bedrohung des Krieges. Das kommunistische China
lehnt es hartnäckig ab, eine klare Verzichterklärung hinsichtlich dieses Gebiets abzugeben.
Weiter ist da Vietnam, in dem ebenfalls Waffenstillstand herrscht,
aber noch kein offizieller Friede geschlossen wurde.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in Form von Verträgen feierlich erklärt haben, daß ein bewaffneter Angriff in diesen Gebieten auch eine Gefahr für unseren eigenen Frieden und unsere eigene
Sicherheit darstelle.
Der Kongreß hat gegen nur vier Stimmen den Präsidenten ermächtigt, die Streitkräfte der USA zur Verteidigung Taiwans (Formosas)
einzusetzen, falls er es für notwendig erachten sollte. Allerdings
wünschen wir nicht, daß es notwendig werde, um die Erhaltung der
Freiheit in diesen Gebieten zu kämpfen. Unser Ziel ist es, den Krieg
zu vermeiden. Aus diesem Grunde gewähren wir den freien Regierungen
dort militärische und finanzielle Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, eigene Streitkräfte in einer Stärke zu unterhalten, die sie
und wir angesichts der bestehenden Gefahr einer Aggression und unserer genau aufeinander abgestimmten Pläne zur Verhinderung einer solchen Aggression als angemessen betrachten.
Wir wenden im kommenden Jahr voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar
für Militär- und Verteidigungshilfe in diesem Gebiet auf. Der größte
Teil dieser Gelder wird der Republik Korea, Nationalchina und den drei
indochinesischen Ländern zugute kommen. Geringere Beträge gehen an die
übrigen Verbündeten in diesem Gebiet - die Philippinen, Thailand und
Japan.
Der Nahe Osten
Ich möchte mich nun dem Nahen Osten zuwenden. In diesem Gebiet wird
das für die Industrien Westeuropas und die Streitkräfte der NATO erforderliche Erdöl gefördert. Ein Stocken der Öllieferungen wäre für
die Erzeugerländer ein großes Unglück, da sie weitgehend auf die Einnahmen aus der Erdölförderung angewiesen sind. Außerdem müßten wir uns
dann mit Europa in die ölreserven unserer westlichen Hemisphäre teilen,
das heißt, wir hätten Mangel an Erdöl statt des bisherigen Überflusses.
Aus

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20. Juni 1956

Aus diesem Grunde unterstützen wir die vier Länder des Nahen
Ostens, die das Tor zum Süden bilden, wo sich die Ölreserven befinden;
und unmittelbar dahinter liegt das Tor nach Afrika. Die Aufwendungen
für die Militärhilfe an diese Länder dürften im kommenden Jahr schätzungsweise bei 800 Millionen Dollar liegen.
Die NATO
Und nun Westeuropa. Dort wachen die Streitkräfte der NATO über
die reichsten Industrien und größten Militäranlagen, über die die freie
Welt verfügten - die der Vereinigten Staaten ausgenommen. Dieses Gebiet
halten wir für so wichtig, daß die Vereinigten Staaten dort allein annähernd sechs Divisionen stationiert haben. Ich hoffe, die westeuropäischen Mitglieder der NATO werden selbst weitgehend zur Verteidigung
dieses Gebiets beitragen. Immerhin unterstützen wir auch sie durch
Lieferung bestimmter Waffentypen, deren Kosten im Budget unseres Programms für gemeinsame Sicherheit enthalten sind.
Wir unterstützen Westberlin als ein Symbol der Freiheit hinter
dem Eisernen Vorhang. Wir arbeiten an der Errichtung von Stützpunkten
in Spanien, die einen beträchtlichen Kostenaufwand erfordern. Wir halten es auch für klug, Jugoslawien zu helfen, solange es entschlossen
ist, seine volle Unabhängigkeit zu wahren. Jugoslawien hat eine Gesellschaftsordnung, die uns nicht gerade gefällt. Aber Marschall Tito hat
Moskau die Stirn geboten und sich behauptet. Und selbst wenn dieser
Streit heute beigelegt ist, stellt Jugoslawien doch ein bemerkenswertes
Beispiel für die nationale Unabhängigkeit eines Landes in Osteuropa dar.
Die uns im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in
Europa erwachsenden Kosten werden im kommenden Jahr schätzungsweise eine
Milliarde Dollar betragen.
Diese von mir aufgezählten Aufwendungen sind dazu bestimmt, mit
einem Mindestkostenaufwand unsererseits den Fortbestand von Ländern zu
gewährleisten, deren Sicherheit Teil unserer eigenen Sicherheit ist.
In diesem weitgespannten und enggeknüpften Netz unseres Sicherheitssystems verfügen wir auf diese Weise als wertvolles Nebenergebnis über
eine große Reihe von Basen überall auf der Erde, von denen aus wir und
unsere Verbündeten Gegenschläge gegen einen etwaigen Aggressor führen
könnten. Die Mannigfaltigkeit ist gerade in diesem Zusammenhang von
größter Bedeutung; denn wenn die Start- und Abschußbasen auf ein einziges Gebiet beschränkt wären, so könnten sie bereits beim ersten Angriff des Gegners vernichtet werden. Auch gibt das derzeitige Verteidigungssystem die Möglichkeit, billigere Flugzeuge mit kürzerem Aktionsradius mit Aufgaben zu betrauen, die sonst den Einsatz sehr viel kostspieligerer Maschinen erfordern würden.
So dienen diese Aufwendungen der Erhaltung unseres Friedens und
unserer Sicherheit.
Wirtschaftshilfe
Es bleiben also 700 Millionen Dollar oder rund 2^&gt; der Gesamtkosten
für unsere Friedensversicherung. Diese werden für die sogenannte

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20. Juni 1956

sogenannte "Wirtschaftshilfe" verwendet. Hauptzweck dieser Wirtschaftshilfe ist es, jenen Nationen, die erst kürzlich ihre Unabhängigkeit
erlangt haben, sowie den unterentwickelten Ländern zu helfen, ihre
Unabhängigkeit ungeachtet der Verschwörungen des Weltkommunismus zu
wahren.
Wie in der Caracas-Resolution in bezug auf die westliche Hemisphäre
betont wurde, sind Friede und Sicherheit auch andernorts bedroht, wenn
der Weltkommunismus in irgendeinem der Länder der westlichen Hemisphäre
die politische Macht an sich reißt. Mit diesem Teil unseres Programms
für gemeinsame Sicherheit soll den Bemühungen feindlicher Kräfte begegnet werden, ihre Macht durch den Zugriff auf neue Reserven an
Menschenkraft und materielle Güter sowie durch die Schaffung neuer
strategischer Positionen zu vergrößern. Die Wirtschaftshilfe wird
aber noch durch viele andere Dinge gerechtfertigt.
Die Vereinigten Staaten verfügen bei weitem über die höchstentwickelte Wirtschaft der Welt. Die Produktivität unserer Wirtschaft
ist beinahe doppelt so hoch wie die der übrigen Länder.
Seit jeher haben wirtschaftlich hochentwickelte Länder den
wirtschaftlich rückständigeren Gebieten beim Ausbau ihrer Wirtschaft
geholfen. Uns half Europa,als wir begannen, diesen Kontinent wirtschaftlich zu erschließen. Es ist dies eines der Gesetze innerhalb
der menschlichen Gesellschaft, und wir können nur bei Gefahr unseres
Unterganges dagegen verstoßen.
Die uns damit auferlegten Lasten werden dadurch erleichtert,
daß unsere Wirtschaftshilfe zu einem ansehnlichen Teil in der Belieferung anderer Länder mit überschüssigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen besteht. Darüber hinaus werden alle Hilfeleistungen, die 200
Millionen Dollar übersteigen, in Form von rückzahlbaren Darlehen,
also nicht als Schenkungen gegeben.
Die Bedeutung dieses wirtschaftlichen Teils unserer Friedensversicherung wird durch die Tatsache unterstrichen, daß die Sowjetunion jetzt ebenfalls dazu übergegangen ist, ihre Interessen durch
Kreditgewährung an andere Länder zu fördern.
Die neue Taktik der Kommunisten verlangt gebieterischer denn je,
daß wir die Wirtschaftshilfe im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit fortführen, ja vielleicht noch ausbauen sollten. Es wäre
wirklich eine Ironie, wollten wir ausgerechnet in jenem Augenblick
unsere Tätigkeit auf diesem Gebiet einstellen, da die Sowjetunion
mit derartigen Vorhaben beginnt.
Die von mir hier kurz beschriebenen Aufwendungen - 36 Milliarden
Dollar, plus 3&gt;3 Milliarden Dollar plus 700 Millionen Dollar - belaufen
sich auf insgesamt rund 40 Milliarden Dollar und sind der Preis, den
wir jährlich für unsere Friedensversicherung entrichten müssen. Was die
zur Unterhaltung unserer eigenen Streitkräfte benötigten 36 Milliarden
Dollar anbetrifft, so sind die Auffassungen darüber, in welcher Weise

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Weise diese Summe zu benutzen sei, geteilt. Aber nur wenige meinen,
es sollte über aupt nicht soviel Geld dafür ausgegeben werden. Mehr
Auseinandersetzungen gibt es dagegen über die 4 Milliarden Dollar, die
wir im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in der von
mir eben beschriebenen Weise verwenden.
Was dies anbelangt, möchte ich noch einige Fragen beantworten.
Auslandshilfe keine "Schenkung"
Vor allem die eine Frage: Ist die Auslandshilfe eine "Schenkung",
um derentwillen man den Amerikanern höhere Steuern auferlegt, nur um
dem Ausland zu helfen?
Die Antwort hierauf ist ein glattes "Nein". Ich hoffe, daß dies
bereits aus meinen Ausführungen klar geworden ist. Es ist durchaus richtig, daß die im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit ausgegebenen Gelder anderen Ländern helfen sollen. Doch kann man eine Hilfsaktion nicht deshalb als eine "Schenkung" bezeichnen, weil anderen damit
geholfen wird. Denn oft genug helfen wir mit der anderen Ländern gewährten Hilfe uns selbst mehr als wir es in irgendeiner anderen Weise
tun könnten. Das trifft auch auf unser Programm für gemeinsame Sicherheit zu. Es trägt zur Sicherung unserer eigenen Freiheit bei, da es
die Freiheit in unserer Umwelt fördert. Das entscheidende Motiv bei
jedem einzelnen Posten unserer Aufwendungen im Rahmen des Programms für
gemeinsame Sicherheit ist unser wohlverstandenes Eigeninteresse.
Mit allem Nachdruck möchte ich zu diesem Punkt der Begründung
betonen, daß nicht ein einziger Dollar im Rahmen dieses Programms ausgegeben wird, der nicht amerikanischen Interessen dient. Bereits in
den ersten Jahren ihres Bestehens war die amerikanische Nation überzeugt, daß die Freiheit in anderen Teilen der Welt für den Frieden
und die Sicherheit unserer eigenen Nation von lebenswichtiger Bedeutung
ist. Wenn ein Krieg diese Freiheit bedrohte, haben wir in diesen Krieg
eingegriffen, um sie zu retten. Das ist die kostspieligste Methode,
uns zu schützen. Heute hegen wir die Hoffnung, uns mit weniger kostspieligen Methoden schützen zu können. Das ist der Zweck des Programms
für gemeinsame Sicherheit.
Wir versuchen nicht, uns die Dankbarkeit anderer zu erkaufen.
Vergeuden wir unsere Auslandshilfe, weil die Empfänger nicht dankbar genug sind oder weil sie unsere Ansichten nicht widerspruchlos
teilen? Nein, wir verlangen von ihnen weder Dank noch Gefügigkeit.
Wir wissen, daß sich Dankbarkeit niemals erkaufen läßt, und wir geben
das Geld des Steuerzahlers nicht für solche Torheiten aus. Wir wollen
und verlangen keine Unterwerfung. Unsere Politik wird von weiten
Kreisen des Auslandes respektiert, weil sie gut ist. Doch muß der
Erfolg unseres Auslandshilfeprogramms nicht nach der Dankbarkeit oder
Unterordnung unter uns beurteilt werden, sondern danach, ob sie der
Freiheit in anderen Ländern förderlich ist und damit die Freiheit in
unserem eigenen Lande festigt. Das ist der Prüfstein für unser Programm.
Genau

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"AMERIKA DIENST
Genau kalkulierte Summen

Da also die Notwendigkeit für das Programm für gemeinsame Sicherheit gegeben ist, erhebt sich die weitere Frage, ob sich die angeforderten Beträge auch in vernünftigen Grenzen halten. Wir sind überzeugt, daß das der Fall ist. Selbstverständlich läßt sich nicht von
vornherein feststellen, ob diese oder jene Aufwendung das Zünglein
an der Waage zwischen erhöhter Gefahr und erhöhter Sicherheit oder
zwischen Krieg und Frieden bildet. Wenn ss uns aber gelingt, Sicherheit
und Frieden zu wahren, so läßt sich immer leicht einwenden, daß wir
alles wesentlich billiger hätten haben können. Dagegen läßt sich auch
kein Gegenbeweis führen. Nur an den Fehlschlägen erkennt man, daß
die Aufwendungen zu niedrig gewesen sind. Doch ist es dann zu spät.
Ich versichere Ihnen, daß wir alle, die wir an 1 iesem Programm
mitarbeiten, bestrebt sind, unserem Vaterlande zu dienen und die Ausgaben so niedrig zu halten, wie sich mit unseren nationalen Interessen
vereinbaren läßt. Unsere Vorschläge stützen sich auf Informationen,
die wir aus allen Teilen der Welt erhalten und die uns helfen, die
Stärke und die Absichten uns feindlicher Elemente in der ganzen Welt
und das Widerstandsvermögen der uns befreundeten Mächte zu beurteilen.
Fehlbeurteilungen sind daher natürlich nicht ausgeschlossen und abweichende Meinungen werden, sofern sie ehrlich sind, berücksichtigt.
Unsere Maßnahmen werden jedoch mit großer Sorgfalt durchgeführt und
von zahlreichen Regierungsstellen überprüft. Das endgültige Ergebnis,
wie es dem Kongreß unterbreitet wird, spiegelt die Meinung wider, die
sich der Präsident und der Nationale Sicherheitsrat nach bestem Vermögen gebildet haben. In der Frage der Sicherheit und des Friedens für
die amerikanische Nation bedeutet es ein Risiko, um den Preis zu
feilschen. Ein geringer Preis bedeutet nicht immer eine Ersparnis bringt aber wohl eine Erhöhung des Risikos eines Krieges mit sich.
Werden die Beträge von der Regierung richtig verwendet?
Es erhebt sich die Frage, ob diese Summen richtig verwendet werden.
Erfüllen die von uns im Interesse des Friedens und der Sicherheit gemachten Aufwendungen auch ihren Zweck? Die Antwort hierauf ist, daß
ein Teil dieser Ausgaben als Verlust abgebucht werden muß. Wie viele
der im zweiten Weltkrieg abgeschossenen Granaten mögen ihr Ziel getroffen haben? Sicher nur ein geringer Prozentsatz.
Trotzdem haben wir niemals gezögert, unsere kämpfende Truppe
mit Munition zu versorgen. Nicht alle Ziele eines gestellten Programms
werden ganz erreicht. Es ist der Preis, den wir für menschliche Unzulänglichkeiten zahlen müssen. Wir sind ständig bemüht, unsere Leistungen zu steigern. Doch der Mangel an vollkommener Treffsicherheit ist
kein Grund, die erforderliche Dollarmunition zu verweigern, die benötigt wird, um den Frieden zu gewinnen.
Sind die nationalen Streitkräfte anderer Länder notwendig? Es
wird des weiteren die
Frage erhoben, ob nicht die abschreckende
Macht und Schlagkraft der US-Streitkräfte den Unterhalt nationaler
Streitkräfte seitens der einzelnen Länder überflüssig mache, so daß
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daß sich die Kosten für diese einsparen lassen. Gewiß ist die Notwendigkeit für den Unterhalt nationaler Streitkräfte in den einzelnen
Ländern angesichts unserer Streitmacht geringer. Es wäre tatsächlich
unpraktisch, in allen Staaten rings um den sowjetischen Machtbereich
nationale Streitkräfte von einer Stärke zu unterhalten, die ausreichte,
einen etwaigen Angriff abzuschlagen. Doch dürfen wir uns nicht völlig
auf die an zentralen Punkten bereitstehenden strategischen Streitkräfte
verlassen. Bedrohte Nationen halten es für zwingend notwendig, sich
selbst zu verteidigen. Tatsächlich würden sie, wenn sie dieses Gefühl
nicht hätten, weder unsere Unterstützung verdienen noch würde diese einen
Zweck haben. Des weiteren sind nationale Streitkräfte, die ihrer Regierung treu ergeben sind, zur Verhinderung von kommunistisch unterstützten Umsturzversuchen im Inneren notwendig.
Aber nicht nur unsere militärische Stärke stellt ein Abschreckungsmittel gegen eine Aggression dar, sondern auch die Gewißheit, daß ein
offener bewaffneter Angriff sofort auf tapferen und organisierten
Widerstand stoßen würde. Dieser würde, verstärkt durch die Einlösung der
vertraglichen Verpflichtungen bezüglich Kollektivaktionen, Konsequenzen
nach sich ziehen, über die ein Angreifer keine Kontrolle hätte und die
er nicht beschränken könnte.
Ist ein Ende abzusehen?
Schließlich wird die Frage gestellt, ob diese Kosten denn für eine
unbegrenzte Dauer getragen werden sollen. Ist denn kein Ende für diese
gewaltigen Ausgaben von insgesamt 40 Milliarden Dollar im Jahr, die als
Versicherungsprämie zur Erhaltung des Friedens zu zahlen sind, abzusehen?
Die Antwort hierauf ist, daß wir die Kosten für die Abwendung
dieser Gefahr solange aufbringen müssen als diese Gefahr besteht.
Die sowjetischen Machthaber unternehmen gegenwärtig gewaltige Anstrengungen, um ihr militärisches Potential zu erhöhen und ihren Herrschaftsbereich auszuweiten. Sie unterhalten eine Militärmacht, die der
unsrigen etwa entspricht, und sie scheuen keine Kosten, uns zu überflügeln. Rotchina und den ihnen verbündeten osteuropäischen Satelliten
gewähren sie militärische Unterstützung. Dabei handelt es sich um
Summen, die in die Milliarden Dollar gehen. Auch die Völker der freien
Welt werden von ihnen mit Kreditangeboten für die Beschaffung wirtschaftlicher und militärischer Güter umworben. Kredite in einer Gesamthöhe von 500 Millionen Dollar sind von ihnen bereits vergeben worden,
und weitere Kreditangebote über mehrere Hundert Millionen liegen vor.
Fast 500 Millionen Dollar werden von ihnen jährlich für Zwecke der
Auslandspropaganda ausgegeben.

für
tet
wie
für

Fast 20 Prozent ihres Bruttosozialprodukts wendet die Sowjetunion
militär- und außenpolitische Maßnahmen auf, die gegen uns gerichsind. Solange sie an einer solchen Politik festhält, müssen wir,
es heute geschieht, etwa 10 Prozent unseres Bruttosozialprodukts
Zwecke der Friedenssicherung ausgeben.
Wir

�•'

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20. Juni 1 956

Wir können diese Opfer bringen und dabei gleichzeitig unseren
Lebensstandard erhöhen. Der Beweis dieser Tatsache hat einen gewaltigen
Einfluß auf die internationale Politik ausgeübt.
Niemals wird eine verantwortungsbewußte Regierung ihr Vertrauen
in Friedensbeteuerungen und Bezeugungen des guten Willens setzen, die
auf keiner verläßlichen Grundlage beruhen, die die Nation der Isolierung in der Welt aussetzen oder sie der Möglichkeit zum Zurückschlagen
berauben würao, das zur Abwendung eines überraschenden Angriffs notwendig ist.
Doch gibt es Anzeichen dafür, daß ein neuer Tag anbrechen kann.
Die sowjetischen Machthaber geben heute vor, sie haben der Doktrin
abgeschworen, daß Gewalt ein notwendiger Bestandteil ihrer Außenpolitik sei. Sie reißen Stalin herunter, den sie 25 Jahre lang als Halbgott verehrt haben. Seine Schriften, die seit 25 Jahren das Glaubensbekenntnis des Kommunismus bildeten, werden jetzt eingezogen. Zum ersten
Mal seit der bolschewistischen Revolution wird in diesem Jahr die
Bibel in Rußland wieder gedruckt und an die Bevölkerung verkauft. Dem
russischen Volk wird eine größere persönliche Sicherheit zugestanden,
und die Arbeiterschaft erhält größere Freiheit in der Wahl des Arbeitsplatzes .
Offensichtlich verlangen die geknechteten Nationen nach größerer
Unabhängigkeit und die unterworfenen Völker innerhalb und außerhalb
Rußlands nach größerer Freiheit von Furcht und nach einem höheren
Anteil an den Früchten ihrer Arbeit, statt daß diese Früchte für eine
Politik verwendet werden, die allein der Machterweiterung des Staates
dient. Diese Forderungen werden im Volke allgemein und in steigendem
Maße laut. Das allein erklärt die außerordentlichen Anstrengungen der
sowjetischen Machthaber, den Anschein zu erwecken, daß grundlegende
Veränderungen eingetreten sind. Auf Grund dieser Entwicklung könnte zwar nicht in diesem oder im nächsten Jahr - doch eines Tages eine
Regierung gebildet werden, die den berechtigten Wünschen des Volkes
Rechnung trägt und die alle expansionistischen Ziele aufgibt.
Zahlreiche Ereignisse bestärken uns in unserem Vertrauen, daß
diese Politik fortgesetzt wird, wenn wir stark bleiben, wenn wir uns
für die Freiheit einsetzen, und die Segnungen, die die Freiheit mit
sich bringt, klar und deutlich herausstellen.
Es wird niemals eine Zeit geben, in der wir beruhigt unsere
Pläne und unsere Arbeit im Interesse des Friedens aufgeben können
und keine weiteren Opfer für den Frieden mehr zu bringen brauchen.
Doch läßt sich erkennen, daß, sofern wir standhaft bleiben, eine Zeit
kommen wird, in der die Gefahr geringer sein wird und auch unsere Kosten entsprechend reduziert werden können. Doch bis dahin ist es unsere
patriotische Pflicht, an dem festzuhalten, was sich als gut bewährt hat.
* * * * *

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�A M E R I K A

DULLE3:

D I E N S T

FREIE WELT MUSS WACHSAM BLEIBEN
SAN FRANCISCO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den 7/ortlaut einer Rede des US-Außenministers John Foster Dulles, gehalten am 21.Juni
1956 in S a n Francisco vor der "Kiwanis International"-Vereinigung. Dulles geht darin auf die
neuerlichen Friedensbeteuerungen der Sowjets ein
und beleuchtet die augenblickliche Situation der
Weltpolitik.

"Ihre Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf internationaler Ebone intelligente, aufgeschlossene und pflichtbewußte
Bürger zu erziehen. Ich weiß, daß Sie daher an der heutigen Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotismus außerordentlich
interessiert sind.
Es ist ja wohl nichts Neues, daß sich Despotismus und Freiheit
bekämpfen. Dies war schon seit Urzeiten so. Heute aber hat diese
Auseinandersetzung ein Ausmaß und eine Intensität erreicht, die für
unser Zeitalter charakteristisch geworden sind.
Die Kräfte des Despotismus sind besser organisiert als je
zuvor. Sie beherrschen bereits ein Drittel der ganzen Menschheit
und sie propagieren ganz offen ihr Ziel, ihr System auf die ganze
Welt auszudehnen.
Bisher haben sie ihre Erfolge durch die Anwendung oder die
Androhung von Gewalt erzielen können. Während der Ära Stalins wurden
15 Nationen ganz oder zum großen Teil mit Gewalt der sowjetkommunistischen Herrschaft
unterworfen, .über die freien Nationen sind
gegenüber der Gefahr wach geworden. Sie haben ihre Abwehrkraft aufgebaut und sich in Maßnahmen zur kollektiven Verteidigung zusammengeschlossen. Der sowjetische Kommunismus konnte nicht mehr länger
eine Nation nach der andern einzeln herausgreifen.
Jetzt sagen die Sowjetmachthaber, daß sie künftig auf Gewaltanwendung verzichten werden. Aber sie erklären zugleich, daß sie
weiterhin damit rechnen, daß ihr System sich in der Welt durchsetzen wird, weil es so gut ist, daß alle Menschen es wünschen
werden.
Wir begrüßen diese Entwicklungen und werden sie unterstützen.
Es_
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27- Juni 1956

Es wäre jedoch töricht, wollte man annehmen, daß die Gefahr nunmehr vorüber ist und daß -.vir unsere Politik der gemeinsamen Sicherheit, die die alten sowjetischen Taktiken vereitelte, aufgeben
können. Die Sowjetmachthaber behalten weiterhin eine Position, die
es ihrer, ermöglicht, schnell zu ihren alten Gewalt- und Zwangsmethoden
zurückzukehren, und sie würden gewiß versucht sein, dies zu tun,
wenn die freien Nationen jemals ihre ""o'itik des Zusammenstehens
aufgäben. Denn die klassische und na'ür'iche Taktik des SowjetKommunismus, wie er nicht nur von Stalin sondern auch von Lenin
gelehrt wird, ist die Gewalt. Die sov^etische Industrie arbeitet
auf Hochtouren, um immer stärkere At m- und Kernwaffen zu produzieren. Die thermonuklearen /ersuche in der Sowjetunion werden in
größerer Zahl durchgefünrt. Sie arbeite unermüdlich daran, die
Mittel für den Einsatz neuer Waffen dur&lt;h Bomber, InterkontihentalRaketen und Unterseeboote zu vermehren.
Sie entwickeln auch neue Techni en der indirekten Aggression.
Sie versuchen zum Beispiel, ihre Age te . in andere Länder zu schleusen - Männer, die Techniker sind, aoer auch gleichzeitig dem politischen Apparat des internationalen "Kommunismus angehören. Sie versuchen Länder, die der Hilfe bedürfen, mit wirtschaftlichen Versprechungen zu umgarnen. Sie bereite,, sich auf die Möglichkeit
vor, andere Regierungen gegen den Willen, ja ohne Wissen der jeweiligen Völker zu unterwandern.
Es ist daher von lebenswichtiger Bedeutung, daß die freien
Nationen auf der Hut bleiben und an ihrer Politik der Sicherung
des Friedens festhalten - wozu in unserem Falle auch das Programm
der gemeinsamen Sicherheit gehört, das jetzt dem Kongreß vorliegt.
Auf der anderen ^eite nehmen wir jedoch voller Zuversicht die
Herausforderung der sowjetischen Kommunisten an, unsere Systeme
einem Vergleich zu stellen.
Wir stellen zuerst einmal die Frage: V'enn der Kommunismus so
gut ist, daß - wie seine Führer sagen - die anderen ihn um seiner
Verdienste willen aus freien Stücker akzeptieren v/erden, warum sollte
man dann nicht denen die erste Wahl lassen, die ihn am besten kennen?
Das russische Volk hat jetzt 39 Jahre Zeit gehabt, um die Qualitäten
des sowjetkommunistischen Systems schätzen zu lernen. Die osteuropäischen Völker hatten zehn und mehr Jahre Zeit, um dieses System
zu bewerten. Wenn der Kommunismus auf Grund seiner eigenen Verdienste
den Sieg davontragen kann,und zwar unter den Bedingungen einer wahrhaft freien Wahl, warum stellen seine Verfechter dies nicht den Ländern unter Beweis, wo er heute an der Macht ist?
Die sowjetischen Machthaber versprachen auf der Konferenz auf
höchster Ebene im vergangenen Juli, daß sie dem deutschen Volk freie
Wahlen zugestehen wollten. Rund 17 Millionen der Deutschen kennen den
Kommunismus sozusagen aus erster Hand, und die meisten anderen kennen
Augenzeugenberichte. Warum sagt die sowjetische Regierung nun, wie sie es
im November vergangenen Jahres in Genf erklärt hatte und immer noch wiederholt, daß sie die versprochenen freien Wahlen nicht gestatten wird, weil
sie fürchtet, das deutsche Volk würde sich von den sogenannten 'sozialen
Errungenschaften' abwenden, die das kommunistische Regime Ostdeutschland
auferlegt hat?
- 2 Dürfen

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27. Juni 1956

Dürfen die freien Völker nicht mit Recht annehmen, daß an einem
System, das von keinem Volk bisher freiwillig akzeptiert wurde und das
die sowjetischen Machthaber selbst nicht dem Urteil jener Völker unterwerfen wollen, die es am besten kennen, grundsätzlich etwas falsch sein
muß?
Wir wollen aber nicht nur auf der Basis dieser Annahme argumentieren, so einleuchtend sie auch ist. Wir wollen das sowjetische System
einmal näher beleuchten.
Sicher scheint die Diktatur in einem engbegrenzten Bereich das
vorteilhaftere System zu sein. Sie gestattet einen opportunistischen
Kurs. Sie ermöglicht eine Beweglichkeit im Handeln, wie sie Regierungssystemen abgeht, die auf dem Grundsatz der Demokratie basieren. Despotische Herrscher können heute eine Richtung einschlagen und schon am
anderen Tage eine Schwerkung um 180 Grad vornehmen, ohne ihren Zickzackkurs der Öffentlichkeit erklären oder vor ihr rechtfertigen zu müssen.
Sie sind weder an Anweisungen eines Parlaments noch an einen festen
Haushaltsplan gebunden. Sie können die Erziehung ihres Volkes jeweils
dem Gebot der Stunde anpassen, und sie haben die Möglichkeit, nach ihrem
eigenen Gutdünken Menschen zu zwingen, im In- und Ausland für die Regierung zu arbeiten. Die kommunistischen Diktaturen, die sich vom
Atheismus und Materialismus leiten lassen, können darüber hinaus die
menschliche Arbeitskraft wie eine Ware behandeln, die dazu da ist, um
für die Glorifizierung des Staates aufgebraucht zu werden. Und sie tun
es auch.
Auf Grund dieser Machtbefugnisse können Diktatoren Dinge bewerkstelligen, die andere Regierungen, die ihre Macht von der Zustimmung
des regierten Volkes herleiten, nic-t zu vollbringen vermögen.
Viele despotisch regierte Völker haben in der Vergangenheit bemerkenswerte Denkmäler hervorgebracht - Pyramiden, Kolosseen, Paläste
und Tempel -, die von Sklaver: in mühevoller Arbeit errichtet wurden,
um Könige und Potentaten zu glorifizieren, die den Staat personifizierten. Der Sowjetstaat kann ähnliche Errungenschaften für sich verbuchen. Durch die rücksichtslose Ausbeutung von Zwangsarbeitern haben
die Diktatoren moderne Monumente in Gestalt von Industrieanlagen, Elektrizitätswerken und ähnlichem geschaffen. Sie haben ihr Wirtschaftssystem einem erzwungenen und unausgeglichenen Wachstum unterworfen und
mit Hilfe reicher natürlicher Hilfsquellen und unter der Gunst eines
gemäßigten Klimas die Industrialisierung und die Ausbildung von technischen Fachkräften rasch vorangetrieben.
All diese Erfolge werden von der Sowjet-kommunistischen Propaganda
herausgestrichen. Aber auch diese Medaille hat ihre Kehrseite.
Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, sämtliche Übel des
sowjet-kommunistischen Despotismus aufzuzählen. Ich möchte allerdings
Ihre Aufmerksamkeit auf die Enthüllungen lenken, die Herr Chruschtschow,
der derzeitige Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, in
seiner zunächst geheimgehaltenen Rede vor dem XX. Parteikongreß der

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27. Juni 1956

der KPdSU gehalten hat. Diese Rede ist die schlimmste Verdammung
des Despotismus, die je aus dem Munde eines Despoten gekommen
ist. Sie allein sollte allen freien Völkern Anlaß genug sein, jene
Form des Despotismus zu meiden, so wie sie vor der Pest fliehen
würden.
Chruschtschow hat aus verständlichen Gründen versucht, seine
Hede geheimzuhalten.
'Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den
Reihen der Partei, insbesondere nicht in die Presse dringen lassen',
so sagte er. '-.. Wir dürfen dem Feind keine Munition liefern, und
wir sollten unsere schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen'.
Inzwischen ist Chruschtschows Rede bekannt geworden. Man sollte
sie in allen Teilen der Welt lesen und sorgfältig studieren.
7/as hat Chruschtschow gesagt? Er hat erklärt, daß eben jener
Mann, der für Jahre hindurch an der Spitze der Kommunistischen Partei
der Sowjetunion und der Sowjetregierung stand, der als ein Halbgott
dargestellt wurde, und dessen Schriften dem Kommunismus in aller Welt
als bindende Richtschnur galten, in Wirklichkeit, was seine Lehre
anging, ein 'Abweichler' war; daß er sich als Führer des Staates
den Gefahren gegenüber, die dem Staat drohten, so blind gezeigt
habe, daß seine Handlungsweise schon fast an Verrat grenze; und
daß er als Mensch in seinem Charakter so brutal und sadistisch gewesen sei, daß er einem der übelsten der römischen Kaiser, Caligula,
den Rang streitig mache. Darüber hinaus - und das ist der wichtigste
Punkt - stellte Chruschtschow die Unfähigkeit des sowjet-kommunistischen Systems bloß, sich seiner eigenen schlechten Führung zu entledigen, da ja eben diese schlechten Führer es waren, die die höchste
Macht besaßen, andere zu liquidieren.
Ich darf Ihnen hier kurz einige der wichtigsten Punkte der langen
Rede Chruschtschows aufzählen.
Chruschtschow erklärte nach einem Hinweis auf verschiedene der
Schriften Stalins: 'Das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei.'
Chruschtschow erklärte weiter, daß Stalin vor Hitlers Angriff auf
Rußland hinreichend gewarnt worden war, daß aber 'trotz dieser überaus
ernsten Warnungen nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen worden sind, um eine Verteidigungsbereitschaft des Landes sicherzustellen
und es vor Überraschungsangriffen zu bewahren.'
Chruschtschow erklärte, daß die Furcht vor Stalin so groß gewesen
sei, daß diejenigen Männer, die mit der Sammlung und Auswertung von
Nachrichten beauftragt waren, ihrer Aufgabe nur mit Zittern und Zagen
nachkamen, auf daß nicht das, was sie berichteten»Stalin aufrege und
damit ihr eigenes Leben gefährden könne. Er erklärte wörtlich 'wegen
der Voreingenommenheit der Führung gegen solche Nachrichten; war man
ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.'
Chruschtschow

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27. Juni

1956

Chruschtschow gab an, daß Stalin, um seinen Sadismus zu befriedigen, immer wieder die Anwendung von Folterungen verlangte, um falsche
Geständnisse zu erpressen, die dann zur Grundlage von Justizmorden gemacht wurden. Er befahl 'lange Folterungen' und hat gewöhnlich selbst
'den Untersuchungsrichter zu sich gerufen, um ihm Instruktionen zu erteilen und Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden
zu geben; diese Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und
nochmal schlagen'. Chruschtschow führt Fall um Fall der Anwendung
der Folter auf.
Chruschtschows Rede beschwört ein abscheuliches Bild herauf.
Man kann diese Rede nicht ohne Grauen und Abscheu lesen. Doch dürfen
wir nicht bei dieser instinktiven gefühlsmäßigen Reaktion verweilen.
Wir müssen weitergehen und die grundlegende Frage stellen: Warum wurden
diese Dinge nicht zu Stalins Lebzeiten aufgedeckt? und nicht erst
ganze drei Jahre nach Stalins Tod?
Chruschtschow versucht, dies zu begründen. Er verweist auf Berija
als Stalins wichtigsten Handlanger bei Folter und Mord, und erklärt:
'Hier erhebt sich die Frage, warum Berija, der Zehntausende von
Parteimitgliedern und Sowjetfunktionären liquidiert hatte, nicht zu
Lebzeiten Stalins entlarvt wurde. Er wurde nicht früher entlarvt, weil
er sehr geschickt Stalins Schwächen auszunutzen verstand; indem er
Stalins Mißtrauen ständig neue Nahrung gab, half er ihm in allen
Dingen und handelte mit Stalins Unterstützung.'
Kurz, das kommunistische Regime in der Sowjetunion bietet keinerlei Sicherungen selbst gegen so extremen Mißbrauch der Macht, wie
Chruschtschow ihn schildert. Es gibt keinerlei Schranken und Gegengewichte. Das System ist, wie selbst Lenin es ausdrückte, ein System
der 'unumschränkten Macht, die sich auf Gewalt, und nicht auf das
Recht gründet'. Alles vollzieht sich im Dunkel. In diesem System gibt
es keine Handhabe, den Herrscher durch einen anderen zu ersetzen,
Wird diese Herrschaft mißbraucht, so bringen nur Tod oder Gewalt das
sichere Ende dieses Mißbrauchs; und selbst der Tod gibt noch keine
Gewähr dafür, denn Berija, den Chruschtschow noch schlimmer als Stalin
nennt, wäre wahrscheinlich Stalins Nachfolger geworden, wenn er nicht
in dem nach Stalins Tode einsetzenden Kampf um die Macht beseitigt
worden wäre.
Die heute führenden Persönlichkeiten des politischen Lebens in
Rußland waren sämtlich Freunde Stalins und wußten ganz genau, was
vor sich ging. Chruschtschow und Bulganin waren Stalins enge Mitarbeiter und, weiß Gott, die Nutznießer seiner Säuberungen innerhalb der
Partei. Und heute müssen sie zugeben, daß es kein Mittel gibt, selbst
den größten Mißbrauch der Macht zu verhindern, wenn das von ihnen
verfochtene System erst einmal in einem Lande Fuß gefaßt hat.
Auch ist zu beachten, daß zwar die kommunistischen Führer der
Sowjetunion heute unter sich über Stalins Verbrechen sprechen und
sich in der Öffentlichkeit von Stalin distanzieren wollen und anscheinend wirklich hoffen, eine Wiederholung dieser Schreckensherrschaft
zu vermeiden, daß aber in der kommunistischen Partei Chinas, die versucht, das System ihres Landes auf ganz Asien auszudehnen, und deren
Führer Stalins eifrigste und ergebenste Nachahmer waren, nicht

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27. Juni 1956

nicht einmal diese Einsichten zu erkennen sind. Mao Tse-tung erklärte in einem Artikel über Stalin nach dessen Tode: ".Vir scharten
uns um ihn, baten ihn ständig um seinen Rat und sogen ideologische
Kraft aus seinen Werken'. Der Delegierte der Kommunistischen Fartei
Chinas auf dem XX.Parteikongreß in Moskau, auf dem Chruschtschow seine
Rede hielt, rühmte 'die Festigkeit und Unbesiegbarkeit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Lenin geschaffen und Stalin großgemacht hat.
Ja, die chinesischen Kommunisten haben sogar versucht, Stalin
an Brutalität noch zu übertreffen. Und wehrend Stalins Nachfolger
in Rußland zumindest vorgeben, auf dem Gebiet der internationalen
Politik keinerlei Gewalt anzuwenden, lehnen die chinesischen Kommunisten dies nach wie vor ab. Wir haben geduldig versucht - und versuchen dies noch immer - sie dazu zu bringen, sich eindeutig gegen
alle Gewaltmaßnahmen zu erklären, insbesondere was das Gebiet von
Formosa anbelangt; aber leider bisher ohne jeden Erfolg.
So sehen wir nun das System unverhüllt vor uns, vo"! dem Bulganin
und Chruschtschow sagten, sie hofften, daß die freien Völker der '.Veit
es freiwillig akzeptieren würden. Es ist ein System, das wieder einmal
die Wahrheit von Lord Actums Ausspruch beweist, daß 'Macht die Tendenz
hat, die Menschen zu korrumpieren; und absolute Macht bedeutet absolute
Korruption'. Es ist ein System, in dem Mißbräuche unvermeidlich sind
und das keinerlei Handhabe bietet, diese Mißbräuche abzustellen.
Und diesem System steht das System der freien Gesellschaftsordnungen gegenüber, wo die Regierung mit Wissen und Zustimmung der
Regierten ihre Aufgaben erfüllt, und wo die Regierung abgesetzt wird
und eine neue an ihre Stelle tritt, wenn die Regierten es wünschen.
Der größte Vorwurf der sowjetischen Kommunisten gegen diese Gesellschaftsordnungen ist der, daß sie reaktionär seien, Gesellschaften,
in denen der 'Status quo* herrsche. Aber wie sieht es in diesen Gesellschaften aus?
Es ist eine schöne Sitte der freien Gesellschaft, Selbstkritik
zu üben und ihre Mängel offen zu bekennen. Aber hin und wieder ist es
angebracht, einmal eine Bestandsaufnahme der ungeheuren positiven
Wandlungen vorzunehmen, die in den Ländern mit einer echten Volksvertretung erreicht wurden. Dies ist um so notwendiger, als friedliche Wandlungen selten die Aufmerksamkeit der Menschen in dem
gleichen Maße auf sich ziehen wie jene Veränderungen, die durch
Gewalt herbeigeführt werden.
Lassen Sie uns also die friedliche Evolution betrachten, die
sich in unserer amerikanischen Gesellschaft seit 1917 vollzogen hat,
als die 'revolutionären' Bolschewisten in Rußland die Macht ergriffen.
Unsere freie Gesellschaft erhält ihren Hauptimpuls von
giösen Charakter, von dem sie bestimmt wird. Wir glauben an
ge Natur des Menschen und an die Menschenwürde als Ergebnis
sache, daß der Mensch seinen Ursprung in Gott hat, der sein
bestimmt.

dem relidie geistider TatSchicksal
Ein

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�"ALIERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Ein solcher Glaube ist ein ständiger und mächtiger Antrieb, die
Welt mit friedlichen Mitteln zu verändern und eine bessere Welt zu
schaffen.
In dem Zeitraum, von dem ich spreche, haben gewaltige Veränderungen
stattgefunden.
Die rechtliche Benachteiligung, die seit Jahrhunderten das Los
der Frau gewesen war, wurde beseitigt, und heute unterscheidet sich
ihre politische, wirtschaftliche und soziale Stellung völlig von der,
die sie vor 40 Jahren besessen hatte.
Wenn auch noch nicht völlig beseitigt, so ist die Rascendiskriminierung doch rasch im Verschwinden begriffen. Die heutigen Verhältnisse
lassen sich nicht mit denen vor 40 Jahren vergleichen.
In steigendem Maße wurden Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit eingeführt. Die Kindersterblichkeit ging um 75 Prozent zurück. Zahlreiche
gefährliche Krankheiten wurden ganz ausgerottet.
Die Wissenschaft vollbringt Wunder. Wissenschaftler der freien
Welt haben als erste das Atom gespalten und gewaltige neue Möglichkeiten des Fortschritts auf den Gebieten der Wirtschaft und der Medizin
eröffnet. Durch internationale Abmachungen werden diese Möglichkeiten
in der ganzen Welt greifbar, und wir erwarten als Folge von Präsident
Eisenhowers 'Atome-für-den-Frieden'-Vorschlag vor den Vereinten Nationen
die baldige Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde.
Die amerikanische Produktivität hat sich in den vergangenen 40 Jahren etwa verdreifacht.
Der Lebensstandard der Arbeiterschaft ist gestiegen. Ihre Löhne
sind höher, die Arbeitszeit wurde verkürzt, der Arbeitsplatz ist gesicherter und die Altersversorgung ausgebaut. Die Löhne sind hoch und
die Arbeitszeit kurz. Im Jahre 1916 betrug der durchschnittliche Arbeitslohn bei einer Arbeitszeit von 49 Stunden in der Woche, gemessen an
der Kaufkraft des Dollars im Jahre 1955» etwa 32 Dollar. Heute beträgt
er etwa 76 Dollar bei einer 41stündigen Arbeitswoche. Der Unterschied
zwischen dem Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters und eines
leitenden Angestellten ist in den Vereinigten Staaten geringer als in
der Sowjetunion.
In den vergangenen 40 Jahren ist aber der Lebensstandard nicht
nur beträchtlich gestiegen, sondern gerade die unteren Einkommensschichten waren daran verhältnismäßig am stärksten beteiligt.
In den letzten Jahren erhöhte sich das Bruttoeinkommen im obersten
Fünftel der Einkommensskala um 35 Prozent, während das Bruttoeinkommen
des untersten Fünftels um 125 Prozent anstieg. Ferner werden die Einkommen- und Erbschaftssteuern,im Gegensatz zu der Zeit vor 40 Jahren,
wo diesen fast keine Bedeutung zukam, heute zum großen Teil von den
höheren Einkommensgruppen im Interesse des Allgemeinwohls getragen.
Dadurch erhöht sich der Anteil der niedrigeren Einkommen am Sozialprodukt noch weiter.
Das

�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Das Miteigentum an den Produktionsmitteln, das 1917 noch sehr
gering war, ist heute weit gestreut, über acht Millionen sind heu^e
Besitzer von Aktien amerikanische.' Industriegesellschafton. über 22
Millionen Familien besitzen ein eigenes Haus, während es vor 40 Jahren
nur sieben Millionen waren.
Die Ausbildungsmöglichkeiten sind selbst auf dem Gebiet des höhe1", n
Schulwesens erheblich erweitert. Heute besuchen 57 Prozent der jungen
Menschen im Alter von 18 bis 21 Jahren Lehranstalten, während es im
Jahre 1920 lediglich 8 Prozent waren.
All diese und viele weitere Fortsc ritte sind im Rahmen unserer
freien Gesellschaftsform erzielt worden.
Auf internationalem Gebiet ist gleichfalls ei um' ^send.r '7echsel eingetreten. Ein großer Fortschritt wurde hins chtlich der Entwicklung von kollektiven Sicherheitssystemen gemacht. Dies Ist der
Weg der Vernunft. In einer entwickelten und vernunftre^i rten Gesellschaft bekämpft man das Verbrechen durch ein kollektives .olizeisystem,
bekämpft das Feuer mit einer gemeinsamen Feuerwehr und die Krankheit
durch öffentliche Gesundheitsdienste. Dieses Prinzip ein., kollektiven
Anstrengung tritt jetzt auf internationaler Ebene hervo.. . Seine Initiatoren waren die freien Nationen, einmal im Rahmen der Organisation
der Vereinten Nationen, zum anderen durch die kollektiven üicherheitsverträge. Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit mit 42 anderen Nationen
durch solche Verträge verbunden. Diese Entwicklung ist ei;:.; Anwendung
des großen Moralprinzips, daß 'wir alle Glieder einer großen Familie
sind und einer für den anderen da ist.'
In gleicher V/eise ist der Grundsatz der Menschenwürde auf das
Kolonialproblem angewandt worden. In einer Zeit, in der der internationale Kommunismus mit Gewalt seine Herrschaft über mehr als 65O Millionen Menschen ausdehnte und die Unabhängigkeit von 15 Nationen vernichtete oder beschnitt, gewährten die freien Nationen 17 Ländern mit
einer Bevölkerung von rund 65O Millionen Menschen die Unabhängigkeit.
Damit wird der gewaltigste Gegensatz zwischen dem dynamischen Liberalismus freier Gesellschaften und dem brutalen Rückschritt jener, die
die Gewalt anbeten, deutlich. Ob wir also die Entwicklung auf nationaler
oder auf internationaler Ebene betrachten,
so sehen wir den ungeheuren und wohltuenden V/andel, den der Prozeß
der Freiheit hervorgebracht hat.
Aber wir dürfen uns nicht einfach zufriedengeben und der Meinung
sein, daß unsere Vergangenheit automatisch unsere Zukunft sichert.
Es ist wesentlich, daß der dynamische und liberalisierende Einfluß
der Freiheit ständig zum Tragen gebracht wird, und zwar nicht nur mit
Worten, sondern durch Taten.

In

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

In jedem Wettstreit mit dem Despotismus sind die freien Gesellschaften, wie es mitunter scheint, in mancher Hinsicht im Nachteil. Sie decken ihre Schwächen und Mängel auf, während die Despoten
sie in der Regel verbergen. Die freien Gesellschaften erscheinen
daher oft schlechter als sie sind, und die Despoten können zuweilen
besser erscheinen als sie in Wirklichkeit sind.
Es geschieht nicht oft, daß der Despotismus öffentlich entlarvt
werden kann wie durch die Publikation der Chruschtschowrede. Um diesem
Vermögen des Despotismus, sich selbst zu maskieren, die Wirkung zu
nehmen, müssen die freien Gesellschaften ihre eigene beständige Hingabe an die liberalen Prinzipien des friedlichen Wandels über allen
Zweifel klar herausstellen.
Zu beweisen, daß der Despotismus vom Übel ist, ist nicht genug.
Es ist genauso notwendig, daß man wieder und wieder beweist, daß die
Freiheit gut ist. Sofern die freien Völker das nicht tun, wird der
Despotismus siegen und sei es nur aus dem Grunde, weil die in Not
lebenden Völker, wie zum Beispiel in den neuaufstrebenden Ländern,
leicht durch die Aussicht auf einen raschen wirtschaftlichen Wandel
verführt v/erden können, worauf die sowjetischen Machthaber spezialisiert sind.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen weihen.
Wenn wir weiterhin die Freiheit als eine dynamische, liberalisierende
Kraft aufzeigen können, dann brauchen '.vir die Ergebnisse eines friedlichen Wettstreits, den die Sowjetmachthaber anzubieten vorgeben,
nicht fürchten. Vielmehr können wir hoffen, daß die derzeit innerhalb
der Sowjetunion und in den von den Sowjets geknechteten Völkern am
Werk befindlichen Kräfte fordern werden, daß diejenigen, die herrschen, sich in zunehmendem Maße an die Prinzipien der Freiheit halten.
Daa bedeutet, daß sie in zunehmendem Maße die Würde des Einzelmenschen
anzuerkennen haben, daß sie die Wünsche und Hoffnungen des Volkes immer
mehr zufriedenstellen und daß sie sich selbst immer stärker einem
friedlichen Wandel gemäß dem Willen der von ihnen regierten unterstellen. Auf diese Weise wird eine weitweite Ära eines wahren
Liberalismus ihren Anfang nehmen.
Diese Möglichkeit ist jetzt zum ersten Mal seit vielen Jahren
klar ersichtlich. Sie sollte uns zu wachsender Anstrengung anspornen. Nunmehr können wir die Zuversicht haben, daß es unserer
Generation möglich sein könnte, am Aufbau einer solchen Welt teilzunehmen, die wir mit Stolz unseren Kindern hinterlassen können."

* * * * *

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�A M E R I K A

ZIEL DER USA:

D I E N S T

FREIHEIT IN EINER V/ELT DES FRIEDENS

MIAMI (Florida) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Ansprache,
die der Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 30«Juni 1956 vor der 39«Jahresversammlung der Lions International in Miami
(Florida) gehalten hat.

Ich habe mir für heute ein Thema ausgesucht, das meiner festen
Überzeugung nach die bedeutsamste und lebenswichtigste*Fragestellung
unserer Zeit überhaupt betrifft. Ich darf es Ihnen vielleicht in Form
einer Frage vorlegen: Welche Politik seitens der Vereinigten Staaten
ermöglich" uns am ehesten die Erreichung jenes Zieles, das wir um unserer selbst willen und im Interesse anderer erstreben - die Freiheit
in einer Welt des Friedens?
Lassen Sie mich drei Dinge von vornherein klarstellen:
Diese Fragen lassen sich nur in völliger Unparteilichkeit behandeln. Keine politische Partei hat ein Monopol auf den Patriotismus oder
auf rie Hingabe an die grundlegenden Zielsetzungen, die alle Amerikaner
teilen, nämlich unser Land stark, das Volk frei und der Welt den Frieden
zu erhalten.
Unter Menschen, die sich gleicherweise von den besten Absichten
leiten lassen, bestehen dennoch oftmals verständliche und ehrenhafte
Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Politik wir in d ieser unserer Zeit verfolgen sollten. Der eine vertritt die Auffas sung, wir
gebe: zu viel, der andere, wir geben zu wenig für die Vert eidigung
aus. Der eine mag meinen, wir sollten unsere Auslandshilfe verstärken,
der andere, wir sollten sie kürzen. Der eine argumentiert, daß wir
angesichts der jüngsten Ereignisse der kommunistischen Wel t gegenüber
eine zu unnachgiebige Haltung einnehmen, während ein ande rer behauptet, daß wir zu nachgiebig verfahren.
Der dritte Punkt, den ich klarstellen möchte, ist der, daß ich
für meinen Teil keineswegs eine Unfehlbarkeit oder Allwissenheit auf
diesem Gebiet in Anspruch nehme. Ich unterbreite Ihnen keine geheimen
Informationen - auch keine Zauberformel. Ich möchte Ihnen vielmehr
ein Bild aufzeigen von den Problemstellungen, denen sich die Männer
in Washington gegenübersehen, die unseren politischen Kurs bestimmen,
und ich möchte dabei so objektiv verfahren, wie ich nur vermag. Darüber
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11 . Juli 1956

Darüber hinaus möchte ich Ihnen zu erkennen geben, wie wir diese
Probleme anpacken können.
Der amerikanische Standpunkt
Lassen Sie mich zuerst den Standpunkt der Vereinigten Staaten
gegenüber dieser großen Frage untersuchen.
Die Friedenssehnsucht ist tief im Herzen jedes einzelnen Amerikaners verwurzelt und findet auf jedem Blatt der Geschichte unseres
Landes ihren Niederschlag. Die Scharen von Einwanderern, die unseren
Staat groß gemacht haben, kamen hierher, um dem Zank und Hader in
ihrer alten Heimat zu entgehen und hier einen Hort der Freiheit und
ein Land des Friedens zu finden.
Wir stehen aber in unserem Streben nach Erhaltung des Friedens
nicht allein da. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erheben
Millionen von Menschen in einem Land nach dem anderen ihre Stimme,
um ein Ende des Krieges und des Blutvergießens zu fordern.
Der Krieg war für diejenigen Männer, die aktiv an ihm teilnehmen
mußten, noch niemals eine Verlockung. Der Kitzel und die Erregung der
Schlacht und auch die Freude des Triumphes sind Gefühle, die gelegentlich den Zuschauer befallen mögen, der den Krieg nur aus der Ferne
erlebt. In Romanen und Theaterstücken wird der Krieg oftmals als der
Weg zum Ruhm dargestellt. Das sind aber nicht die Gedanken jener, die
in der Mitte des Kampfgetümmels stehen. Der todmüde Soldat, eine ihrer
Söhne beraubte Mutter und die Witwen und Waisen - sie alle können in
der rauhen Wirklichkeit der Zerstörung und des Todes keine Verlockung
und keinen Kitzel sehen.
Diese Rücksichtnahme auf die Grundforderungen menschlicher Anständigkeit spiegelt sich in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten
wider. Wir wurden zum Krieg gezwungen, und nur mit Zögern griffen wir
zu den Waffen. Wenn wir kämpften, so nicht deshalb, weil wir plötzlich
den Wert des Friedens gering achteten, sondern weil wir das Gefühl
hatten, daß die Freiheit das wichtigere sei. Es ist kein Zufall, daß
die großen führenden amerikanischen Staatsmänner, die den Krieg aus
eigener Anschauung kennengelernt haben, angefangen von unserem ersten
Präsidenten George Washington bis in unsere Tage zu Präsident Eisenhower,
verzweifelt darum gerungen haben, der Menschheit ein zweckloses Gemetzel
zu ersparen.
Die Vereinigten Staaten begehren nichts, was anderen Völkern gehört, und wir wollen keine anderen Länder beherrschen. Wir erstreben
eine Welt, in der die unermeßlichen Energien des Atoms und die anderen
großen Entdeckungen der modernen Wissenschaft für Zwecke des Aufbaus und
nicht der Zerstörung benutzt werden. Die einzigen Feinde, gegen die wir
ankämpfen, sind Armut, Krankheit, Unwissenheit und Furcht. Wir hoffen,
daß die gesamte Welt einschließlich jener Völker, die gegenwärtig.unter
kommunistischer Herrschaft leben, eines Tages teilhaben werden an der
Prosperität und Freiheit, die wir zu unseren Errungenschaften zählen.
Dieses Streben nach Frieden und einer weltweiten Prosperität ist das
Ziel der offiziellen Politik der Vereinigten Staaten. Es wurde von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles immer und immer wieder dar-

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Der Kampf für den Frieden wird aber nicht einfach dadurch gewonnen, daß wir uns für den Frieden erklären. Kein Allheilmittel,
keine Formel und kein Schlagwort kann diese Schlacht entscheiden,
nur harte, langwierige, erschöpfende und hingabevolle Arbeit vermag uns an dieses Ziel zu führen. Aus diesem Grund dürfen wir uns,
meiner Meinung nach, glücklich schätzen, daß wir diese kritische
Zeit unter der weisen, erfahrenen und inspirierenden Führung eines
Mannes durchleben, der den Krieg kennt und in aller Welt als ein
Symbol des Friedens gilt» Präsident Eisenhower.
Das Problem, wie wir unsere friedlichen Zielsetzungen erreichen
könne::, ist auch dann schwer zu lösen, wenn wir wissen, in welcher Lage
wir uns befinden. Es ist aber noch weit schwieriger, wenn Uneinigkeit i
in der Beurteilung des Wesens und der Größe der Bedrohung des Friedens
herrscht. Wir befinden uns heute in einer solchen mißlichen Lage, wenn
wir versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden» Welche Politik
betreiben die Sowjetunion und die in ihr Lager gehörigen kommunistischen Staaten im gegenwärtigen Augenblick?
Die kommunistische Politik im Wandel
Die sowjetischen Führer haben die Möglichkeit einer friedlichen
Koexistenz zwischen den kommunistischen Staaten und der übrigen Welt
proklamiert und den Stab über einige der politischen Praktiken Stalins
gebrochen. Sie haben Reisen nach verschiedenen Ländern unternommen, um
Bündnisse mit neutralen Staaten zu schließen. Sie haben des weiteren
den sozialistischen Parteien in aller Welt die Freundeshand dargeboten
und behauptet, daß nunmehr eine Zusammenarbeit für die gleichen Ziele
möglich sei.
Noch mehr überraschte aber, daß Anzeichen für einen Wandel in der
inneren Verwaltung der kommunistischen Staaten bestehen. Es ist vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß die Feuerzeichen der
Freiheit entzündet worden sind; immerhin wurde der rigorose Terror
früher Jahre zumindestens auf Zeit teilweise gelockert.
Was bedeuten diese Schritte? Die sowjetischen Führer sprechen
vom Frieden. Stehen ihre Handlungen aber im Einklang mit ihren Worten?
Wir sollten diese Frage ohne Zynismus und ohne Bitterkeit stellen. Wenn
wir sicher sein könnten, daß die Sowjetführer dazu bereit sind, in
aller W.elt für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Freiheit einzutreten, dann sollten wir bereit sein, den Alptraum der vergangenen
40 Jahre zu vergessen und Gott dafür danken, daß wir zum Wohle aller
zusammenarbeiten können.
Wir befinden uns in einem schmerzlichen Zwiespalt. Wenn wir die
sogenannten "Friedensschritte" der Sowjets zurückweisen, dann besteht
die Gefahr, daß uns manche Völker für Kriegstreiber halten. Nehmen wir
diese Angebote jedoch kritiklos an, dann schwächen wir damit vielleicht
unsere Bündnissysteme und beschwören damit gerade jenen Krieg herauf,
den wir so sehr vermeiden wollen.
Wie können wir diesem Dilemma entgehen? Meiner Meinung nach am
einfachsten und ehrenhaftesten dadurch, daß wir, so wie wir dies schon
getan haben, vor der ganzen Welt unsere Bereitschaft bekunden, auf

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auf Worte des Friedens zu hören, daß wir aber nur dann handeln werden,
wenn diesen Worten auch Taten folgen. Manche Kreise wenden dagegen ein,
daß eine solche Politik zu fest und zu starr sei. Eine feste Politik
wird jedoch dpn Kreml nicht entmutigen, wenn er wirklich den Frieden
sucht. Die Führer Rußlands sind Realisten, und sie wissen, daß angesichts
der Geschichte der vergangenen Jahre die Beweislast auf ihnen ruht. In
nahezu 49 Jahren gab es in der sowjetischen Politik zahlreiche Veränderungen und Wendungen. Die Ereignisse haben aber immer gezeigt, daß diese
Wandlungen trügerisch waren. Sie zielten darauf ab, die freie Welt
irre zu führen - allzu oft sogar mit Erfolg.
Man kann uns sicherlich nicht beschuldigen, wir verhielten uns der
Sache des Friedens gegenüber gefühllos und gleichgültig, wenn wir dieser
Tatsachen eingedenk bleiben. Ich bin sicher, daß uns die gleichen kommunistischen Machthaber, die den Frieden und die Koexistenz proklamieren,
als Schwachköpfe verachten würden, wenn wir nicht ganz eindeutige Beweise
forderten, daß sich die Verhältnisse in der kommunistischen Welt, tatsächlich geändert haben.
Die sowjetische Politik in der Vergangenheit
Lassen Sie mich in dieser Hinsicht zunächst einmal einen Blick auf
die Geschichte werfen. In den letzte» 35 Jahren hat es in der sowjetischen Politik acht völlige Kehrtwendungen gegeben.
Im Jahre 1920 gewährte die Sowjetunion den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen - die Unabhängigkeit, um sie im Jahre 1940
dann zu annektieren.
Im Jahre 1921, also nicht allzu lange nach Gründung der Sowjetunion,
stieß Lenin 3ein eigenes Programm um, Rußland in kurzer Frist eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu geben. Statt dessen ermutigte er das
private Unternehmertum im eigenen Lande und forderte selbst ausländische
Ingenieure und Techniker auf, am Aufbau der sowjetischen Industrie mitzuwirken.
Im Jahre 1929 verfiel Stalin gerade auf das Gegenteil; er zerschlug
die private Wirtschaft und zwang die Bauern zur Kollektivierung ihrer
Höfe, wobei er Millionen verhungern ließ oder ins Gefängnis warf, die
sich diesen Maßnahmen widersetzten.
Sechs Jahre später wies Stalin, gebannt von der Furcht vor Hitler,
sämtliche kommunistische Parteien in der Welt an, eine neue Politik einzuschlagen. Sie sollten sich fort-an a:htbarer Methoden bedienen und mit
allen Nichtkommunisten in der Einheitsfront gegen die Faschisten zusammenarbeiten.
Im Jahre 1939 aber reichten sich die beiden grausamen Diktatoren,
Stalin und Hitler,die blutigen Hände zu einem hastig geschlossenen
Freundschaftspakt. Dieser sicherte Hitlers Ostfront und führte damit
zum zweiten Weltkrieg.
Als sich Hitler im Jahr 1941 gegen seinen Partner wandte, verkündete
Stalin abermals seine Hingabe an die Sache der Freiheit und Demokratie.
Unter dem Einfluß dieser Politik erklärte Earl Browder (der damalige
Führer der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten), daß Kapitalismus

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Kapitalismus und Kommunismus nach dem Krieg nebeneinander bestehen können.
Zwei Jahre später wurde Browder ausgebootet, als man die eiserne
Faust wieder zeigte und die sowjetischen Truppen sich anschickten, hilflose Völker in Europa und Asien unter ihre Gewalt zu zwingen.
Heute sind die Kommunisten wieder zur These Earl Browders aus dem
Jahre 1943 zurückgewährt.
Die Geschichte ist ein großer Lehrmeister, und in diesem Fall
mahnt sie uns sicherlich zur Vorsicht.
Wie Außenminister Dulles vor neun Tagen erst erklärt hat, ist es
einer Diktatur, wie die Tatsachen zeigen, durchaus möglich, einen politischen Kurs vor der öffentlichkeit zu vertreten und eine andere, ja
sogar völlig gegenteilige Politik in der Praxis zu betreiben. Eine
Diktatur ist durchaus so gestaltet, daß sie Unbedachte zu täuschen vermag, da sie über alle ihre Handlungen einer, eisernen Vorhang der Zensur
breiter, kann. Sie ist niemanden für ihre politische Handlungsweise verantwortlich. Im Umgang mit der übrigen Welt kann sie, ganz wie sie das
wünscht, alles enthüllen und alles verbergen. Solange dieser eiserne
Vorhang nicht hochgezogen wird, können wir nicht sicher sein, daß
hinter den honigsüßen V/orten auch Realitäten stehen.
Erprobung der sowjetischen Absichten
Gibt es demnach überhaupt irgend etwas, was wir mit Sicherheit
über die kommunistische Welt und ihre Taktik und Strategie in der vor
uns liegenden Zeit wissen? Lassen Sie uns einmal untersuchen, was in
der Öffentlichkeit über die derzeitigen Pläne der Sowjets auf militärischem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet und bezüglich umstürzlerischer Umtriebe bekannt ist. Lassen Sie mich in dieser vier Bereichen
einmal die Worte der Kommunisten mit ihren Taten vergleichen. Das wird
uns allen ein größeres Verständnis für die Außenpolitik unseres eigenen
Landes in diesen verwirrenden Zeiten vermitteln.
Die militärische Stärke
Auf militärischem Gebiet haben die sowjetischen Machthaber eine
Verringerung ihrer Streitkräfte um 1,2 Millionen Mann, die Verschrottung einiger Flotteneinheiten und andere Maßnahmen bekanntgegeben,
die scheinbar den Schluß zulassen, daß nunmehr geringerer Nachdruck
auf militärische Bereitschaft gelegt wird.
Das mindestens behaupten die sowjetischen Führer. Untersuchen
wir einmal, was dies in der Praxis bedeutet, wobei wir von der Annahme
ausgehen wollen, daß die angekündigte Verringerung der sowjetischen
Streitkräfte tatsächlich erfolgt ist» Die militärische Stärke wird
davon in ihrem Kern nicht berührt. Die Sowjetunion ist eine der stärksten Militärmächte der Welt. Um mit Außenminister Dulles zu sprechen»
"Die sowjetische Industrie arbeitet auf Hochtouren, um immer stärkere
Atom- und Kernwaffen zu produzieren." Die Sowjetunion verfügt über eine
hervorragende und starke Luftwaffe, eine große und schlagkräftige Armee
und eine Marine mit Hunderten der modernsten und besten Unterseeboote.
Die Forschungsarbeiten, die dort hinsichtlich des Einsatzes ferngelenkter Geschosse durchgeführt wurden, scheinen sich jetzt bezahlt zu machen.
. R _
Ein

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Ein echtes Abrüstungsprcgramm muß sich besonders auf dr^&gt;'. Arten
von Offensivwaffen er*trecken - Atomwaffen, Bomber und Fernl-^nkwaf en
sowie auf U-Boote mit e-nem grcße- Aktionsradius. Solange in ü ese
Beziehung keine korkreten Maßnahmer ergriffen werden - Maßnahmen, die
durch ein entsprechendes Jberwachungssystem nachgeprüft werden können solange läßt sich nicht sagen, daß in dieser Phase der sowjetischen
Friedensoffensive den Worten Taten gefolgt sind.
Diplomatie und Politik
Im Bereich der Diplomatie und Politik sind die Führer der Sowjetunion äußerst aktiv geweser., um Allianzen zu bilden und Freunde zu gewinnen. Innerhalb des kommunistischer Ra mes wurden die Beziehungen zu
Jugoslavien verbessert, v d zum ers+en Mal wurde vom Krem einer kii nistischen Nation d~'e poii ische Unabhängigkeit zugestanden. Mit den
raffiniertesten Methoden w.rder söge annt- neutrale Nationen umworben.
Zarlreichei Ländern gegenüber, die heate in Defensivbündnissen gegen
e' ie kommunistische Aggression zusammengeschlossen sind« macht man
freundliche Gesten. Ministerpräsiden' Bu"ganin and Herr Chruschtschow
scheuten keine Mühe, zah reiche Nationen 'on dem sowjetischen Wuneohe
nach einer friedlichen K existenz zu überzeugen.
Auf er anderen Seite jedoch beobachten wir Handlungen, die beunruhigend sind und die im Widerspruch zu de. Friedensbeteuerungen s behe .
Die Waffentransporte nach dem Mittle- en Ost-r verstärkten die Möglichkeiten eines kriegerischen Konfi'ctes in diesen Krisengebieten. Die
sowjetischen Machthaber hal- -n s- ch hartnäckig geweigert, die unnatürliche Te'lung Deuts -hlands BU b-enden. Auch weigerten sie sich, Frankreich bei der Schaffung friedlicher Verhältnisse in Nrrdafrika zu unterstützen. Während Außenminister Sc'.epilow in Ägypten /erkundet, daß
die Sowjets jeden Koionialimperia"ismns ablehnten, gaben sie doch keinen
Fulib &gt;it Boden auf, den sie sich in den letzten 15 Jahre.: mit Gewalt
ant-igreten, ausgen^r me*- einei kiel j n Teil von Finnland und das von
ihner übel ausgeplünderte Ös+ er ei~h. Wie der Aufstand i Po en, . n
aem jetzt die Presse berichtete, so sinnfällig zeigt, wird kein Wortscnw-Il die Schreie von Millionen versklavter Menschen ersticken, die
unter dieser modernen Form des v n n den Kommunisten auferlegten Kolonialimperialismus leide .
Äit anderen Worten bedi- .en s:.ch heute die Sowjets einer zweifachen
Taktik in der Diplomatie. Einmal der Politik der leichten Hand, die sie
anwenden, um Nationen zu umwerben, die erst vor kurzem ihren KO'onia'en
Status verloren hab n. Zu dieeer Politik gehört auch di- Förderung von
Handelsbeziehungen; wem dies im Interess- der Sowjetunion liegt. Sie
verfolgen aber ebens auch eii en narten, beinahe rücksi hcslosen Kurs,
wie sie ihn gegenüber Deutschland, Frankreich oder jeder anderen Nation
einschlagen, die versucht, won ihnen konkrete und brauchbare Friedenszusi herungen zu erhalten. Ist es angesichts dieser Politik ungerech
wenn wir uns fragen, ob der -owjetische Wunsch nach ein^r friedlichen
Koexistenz echt ist oder ob sie diese Taktik nicht lediglich als ein
Mittel benutzen, um Verbünde+e zu finden und neutrale Staaten für sich
zu rewinnen?
Wirtschaftspolitik

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Wirtschaftspolitik
Als drittes wollen wir ihr Verhalten im Welthandel untersuchen.
Es werden entschlossene Anstrengunger. unternommen, um den Warenaustausch .
mit anderen Ländern zu erhöhen: insbesondere mit Nationen, die erst anfangen, ihre natürlichen Hilfsquellen zu erschließen. Zahlreichen Nationen werden Kredite angeboten, oder es werden ihnen Techniker und Ingenieure zur Verfügung gestellt, damit sie die Expansion ihrer Wirtschaft vorantreiben können.
Geschähe dies in einer friedlichen Welt, so würden wir diese
Ausweitung des Handels von Herzen begrüßen. Wir würden uns besonders
darüber freuen, daß die Unterstützung Nationen gewährt wird, deren
Lebensstandard im Vergleich zu dem unsrigen so riedrig ist.
Doch die früheren sowjetischen Handelsprogramme haben sich für die
betreffenden Partner nicht vorteilhaft ausgewirkt. Die Beweggründe für
diese Programme waren viel zu sehr politischer Natur. Manchmal stellten
sie einen Versuch dar, die Wirtschaft eines Landes so eng an die der
Sowjetunion zu binden, daß es schließlich auch politisch in völlige Abhängigkeit geriet. In anderen Fällen wiederum bezweckten sie, Agitatoren
und politische Agenten zu decken, die im Gastlande den inneren Aufruhr
schürten.
Mit anderen Worten trugen diese Programme nicht den Charakter rechtmäßiger Maßnahmen innerhalb des Welthandels. Vielmehr waren sie in verschleierter Form Ausdruck eines wirtschaftlichen Imperialismus, der im
vergangenen Jahrhundert die so berechtigte Ablehnung hervorrief. Wir
können nicftit umhin, uns die Frage zu stellen, ob dieser Handel dazu
bestimmt ist, anderen Nationen zu helfen oder aber sie wirtschaftlich
zu Satelliten der Sowjetunion zu machen.
Politische Wühlarbeit
Ein echter Prüfstein für die friedlichen Absichten der Sowjets ist
die Frage der politischen Wühlarbeit innerhalb der freien Nationen.
Kommunistische, im Auftrag Moskaus arbeitende Agenten sind seit langer
Zeit in fast allen Ländern der Erde tätig. In weiten Gebieten Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas bilden sie heute eine ernste Gefahr. Es sind
noch keine 14 Tage her, daß unsere Presse Berichte über Schwierigkeiten
in Brasilien brachte, die auf die Aktivität der Kommunisten zurückzuführen waren.
Burma und die malaiischen Staaten sind von Bürgerkriegen heimgesucht,
die von den Kommunisten angezettelt wurden. Und die Vorgänge in China,
Korea und Indochina sind uns ja allen bekannt.
Erneut müssen wir, wenn wir die Politik der friedlichen Koexistenz
mit der tatsächlichen kommunistischen Praxis zu vergleichen suchen, feststellen, daß verhältnismäßig nur wenige Beweise für einen grundlegenden
Wandel vorliegen. Gewiß haben, wie Außenminister Dulles bereits Anfang
der Woche ausführte, die großen kommunistischen Parteien in Frankreich
und Italien an der sowjetischen Führung Kritik geübt. Zweifellos hat die
Verdammung Stalins starke innere Spannungen hervorgerufen und innerhalb
dieser Parteien manchen zum Nachdenken veranlaßt.
Doch

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Doch trotz all dieser Schwierigkeiten halten sie an den Grundsätzen von Marx und Lenin fest. In ihren Auseinandersetzungen geht
es eher um ihre Beziehungen untereinander, nicht aber um ihre grundlegenden Überzeugungen, die nach wie vor materialistisch und gottlos
sind. Während wir nun diese Anzeichen für Unstimmigkeiten im kommunistischen Lager begrüßen sollten, dürfen wir doch nicht glauben, daß
die kommunistische Wühlarbeit nachlassen wird. Selbst wenn diese Parteien bis zu einem gewissen Grade auch die alten Formen der unumschränkten Kontrolle seitens Moskaus abschütteln sollten, werden ihre Prinzipien und Ziele doch nach wie vor denen der freien Welt entgegengesetzt
sein.
Diese vier Sektoren also - militärische, politische und wirtschaftliche Programme der Sowjetunion sowie Versuche eines politischen Umsturzes
- bilden Prüfsteine für das tatsächliche Verhalten im Sinne der sowjetisch-kommunistischen Politik neuesten Stils. Gerade an Hand dieses Prüfsteins aber sehen wir keine Garantien, die es uns erlauben würden, in
unseren Verteidigungsanstrengungen nachzulassen. Diejenigen, die von uns
verlangen, unsere gegenwärtigen Programme aufzugeben und eine sogenannte
"kühne Außenpolitik" einzuschlagen, vergessen, daß der Hang der Sowjets
zum Bösen noch immer besteht und daß ihre Absichten nicht reiner geworden
sind. Falls sich die Lage in der V/eise ändert, daß Kräfte liberaleren
Charakters am Werke sind, dann ist das zum großen Teil auf die von der
freien Welt befolgte Politik zurückzuführen.
Bedeutet das nun, daß wir den von den sowjetischen Machthabern
eingeschlagenen neuen Kurs völlig ignorieren? Keineswegs. Doch es bedeutet, daß wir ein Programm, das sich zur Eindämmung der kommunistischen
Expansion als erfolgreich erwiesen und die Machthaber im Kreml gezwungen
hat, eine neue Taktik anzuwenden, nicht aufgeben.
Die politische Haltung Amerikas
Die von uns einzuschlagende Politik ist damit klar.
Unsere militärische Stärke müssen wir aufrecht, erhalten, und wir
müssen auch in Zukunft unseren Verbündeten in der freien Welt helfen,
die ihrige ebenfalls zu bewahren, bis weitere konkrete Beweise dafür
vorliegen, daß die sowjetischen Machthaber ihr militärisches Potential
verringern.
Was den wirtschaftlichen Sektor anbetrifft, so müssen wir uns
darüber klar sein, daß die Männer im Kreml eine neue Front aufgebaut
haben. Damit tragen sie in Wirklichkeit nicht nur den Erfolgen unserer
Programme Rechnung, die die militärische Schlagkraft der freien Welt erhöhten, sondern auch den Erfolgen unseres Marshallplanes, des PunktVier-Programms und anderer wirtschaftlicher Hilfsprogramme. Was uns betrifft, so haben wir uns nicht dazu hinreissen lassen, die sowjetischen
Machthaber durch eine Politik der Aggression oder durch Förderung eines
politischen Umsturzes herauszufordern. Sie dagegen haben sich veranlaßt
gesehen, uns herauszufordern, und zwar mit den Mitteln unseres eigenen
Wirtschaftssystems, im Wettbewerb der Möglichkeiten des Kommunismus einerseits und der freien Wirtschaft andererseits in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
Es

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H.

Ju ii 1 9 5 6

Es wäre dumme Überheblichkeit, würden wir diese Herausforderung
ignorieren. '.Vir müssen ständig nach neuen Mitteln und 'liegen suchen, um
unser Wirtschaftsprogramm wirksamer zu gestalten, wenn wir der neuen
sowjetischen Taktik gewachsen sein wollen. Ich kenne die Argumente der
Ungeduld, die von wohlmeinenden Leuten im ganzen Lande gegen diese Programme vorgebracht werden. Sie bringen zum Ausdruck, daß man die Programme
als unnütze Verschwendung betrachtet, daß unsere Hilfe von den Empfängern
nicht gewürdigt werde und daß diese in den internationalen Organisationen
unsere Politik nicht unterstützten.
Der Zweck der Wirtschaftshilfe
Lassen Sie uns, was diesen Punkt betrifft, die Ziele untersuchen,
die wir mit unsern wirtschaftlichen Auslandshilfsprogrammen verfolgen.
Wir beabsichtigen damit nicht, die Freundschaft anderer Völker zu erkaufen. Das wäre töricht und auch gar nicht zu verwirklichen. Sie zielen
nicht darauf ab, uns überall in der Welt gehorsame wirtschaftliche
Satelliten zu schaffen, wie es bei den sowjetischen Wirtschaftsprogrammen
der Fall ist.
Was aber ist dann unsere Absicht? Wir wissen, daß ein Volk, das
wirtschaftlich stark genug ist, um seine Unabhängigkeit und Freiheit zu
bewahren, dem Druck seitens einer Despotie: jeder Art, einschließlich der
kommunistischen Despotie, zu widerstreben vermag. Und ein Programm, das
irgendeinem Lande die Unabhängigkeit, erhalten hilft, hilft damit allen
Ländern, die gewillt sind, die ihre zu bewahren.
Jegliche subversive Tätigkeit der Kommunisten in unserem eigenen Lande
müssen wir fair, vernünftig und wirksam bekämpfen. Mit der naiven Idee,
es gäbe so etwas wie eine amerikanische kommunistische Partei, sollte
ein für allemal aufgeräumt werden. Womit wir uns aber auseinandersetzen
müssen, ist eine vom Ausland her gesteuerte, umstürzlerische kommunistische Organisation in den Vereinigten Staaten. Ihre Mitglieder und Anhänger schulden den Vereinigten Staaten keine Treuepflicht,und deshalb sollten sie auch entsprechend den diesbezüglichen Gesetzen unseres Landes behandelt werden.
Unser Informationsprogramm muß noch mehr intensiviert werden, und
wie ich vor einigen Wochen bereits im Lafayette College erklärte, ist es
von besonderer Bedeutung, daß wir unsere Austauschprogramme für Studenten
und führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus anderen Ländern
erweitern. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, daß unsere Gast
von heute die Botschafter des guten Willens von morgen sind. Aus persönlicher Anschauung erkennen sie, welche Früchte Freiheit und Demokratie bringen. Sie wissen, daß wir ein friedliebendes Volk sind und keinem anderen
Volk gegenüber Böses im Schilde führen.
Austausch mit kommunistischen Nationen
Besonders wichtig ist es, keine Gelegenheit zu versäumen, um den
Austausch von Personen zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern
hinter dem Eisernen Vorhang zu erweitern. Jede Aufforderung zu einem
ehrlichen Meinungsaustausch sollten wir akzeptieren. Das sollte geschehen nicht weil wir den naiven Gedanken hegen, daß sich alles gewandelt hat, daß
alles über Nacht besser werden wird, sondern einfach deshalb, weil wir ehrliche Verfechter des Friedens sind.
Wir

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Wir können freundschaftliche Beziehungen unterhalten, ohne einen
einzigen Abstrich von unseren Prinzipien der Freiheit und der Demokratie zu machen. Mit dem russischen Volke und den Völkern der übrigen
kommunistischen Länder können wir von Mensch zu Mensch sprechen, doch
mit dem kommunistischen System selbst können wir keine Kompromisse
schließen. Gewiß sind naive und mit den Verhältnissen nicht vertraute
Personen in der Vergangenheit durch solche Besuche häufig getäuscht
worden. Ich bin aber der Meinung, daß gut informierte und kompetente
Persönlichkeiten aus den Vereinigten Staaten, die das System des Kommunismus kennen und verstehen, diese Gelegenheiten nutzen könnten, um
sich aufrichtig und ehrlich mit ihren Partnern von der anderen Seite
des Eisernen Vorhangs auszusprechen. Auf diese Weise könnten wir die
Ideen von der Freiheit und Gerechtigkeit verbreiten, die schließlich
ihre Früchte tragen würden.
Was die Bürger kommunistischer Länder anbetrifft, die die
Vereinigten Staaten besuchen, so sollten wir begreifen, daß Informationsmittel wie Rundfunkberichte, Broschüren, die Veröffentlichung
von Nachrichtenmaterial und so weiter heute weniger auf die Menschen
hinter dem Eisernen Vorhang wirken als früher. Von ihren eigenen politischen Führern ist ihnen erst in jüngster Zeit, gesagt worden, daß
praktisch alles, was sie in den vergangenen 29 Jahren unter der Herrschaft Stalins gehört und gelesen hatten, zumindest ungenau, schlimmstenfalls aber ausgesprochene Lüge war. Infolgedessen dürften die
Menschen hinter dem Eisernen Vorhang heute vor allem davon beeindruckt
werden, was sie sehen, nicht aber davon, was sie lesen oder hören.
Aus diesem Grunde ist hier der Personen-Austausch von so überragender
Bedeutung.
Mit einer solchen Politik können wir in die Verwirrung und die
Ungewißheit, die der sowjetische "New Look" in zahlreichen Kreisen
bewirkt hat, eine Bresche schlagen. Unsere Politik muß einfach sein,
und sie muß ein positives Ziel haben. Wenn die Taten der Sowjets mit
ihren Friedensbeteuerungen nicht übereinstimmen, müssen wir unsere
militärische, politische und wirtschaftliche Stärke aufrechterhalten,
die das einzig sichere Abschreckungsmittel gegen einen Krieg ist. Und
wo immer sich die Möglichkeit bietet, die Segnungen der Freiheit zu
verkünden, müssen wir für den Glauben eintreten, der Amerika groß
gemacht hat.
Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut, das jedem einzelnen am
Herzen liegt, unbeschadet seiner materiellen Armut oder seiner niedrigen sozialen Stellung. Sie liegt auch den Völkern der Sowjetunion und
der Satellitenländer am Herzen. Sie wird in Indien und in Indonesien
geachtet. Wie ein Feuer hat sie sich unter den Kolonialvölkern Afrikas
verbreitet. Wir glauben an die Freiheit. Wir leben in einer Welt der
Freiheit. Wir wünschen sie für uns selbst ebenso wie für die ganze
übrige Welt.
Mit dieser unserer Botschaft können wir in einer Auseinandersetzung
mit der Versklavungsphilosophie des Kommunismus niemals unterliegen.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

USA UM EIN PROGRAMM ZUR BESCHRÄNKUNG DER
KERNWAFFEN BEMÜHT

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Im folgender übermitteln wir den V/ortlaut
der am 13«Tuli v^n dem amerikanischen Vertreter in der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen, Jame3 Wsdsworth, abgegebenen
Erklärung:

Ich möchte meine Aufmerksamkeit heute morgen einige Augenblicke dem Thema Atomwaffenversuche zuwenden.
Gestern nachmittag wurde dieser Kommission die Auszeichnung
zuteil, zwei bemerkenswerte Ansprachen zu hören: die erste von
dem Vertreter Indiens, Krishna iwanon, die zweite von dem Vertreter
Frankreichs, Jules Moch. Ich will versuchen, soweit ich kann, nicht
die Punkte zu wiederholen, die M. Moch in seinem Bestreben herausgestellt hat, die von Mr. Menon in seiner außerordentlich beredten
Darstellung vorgebrachten Punkte näher zu beleuchten.
Lassen Sie mich zuerst damit beginnen, festzustellen, daß die
Versuche mit diesen neuen Waffen tatsächlich große Sorgen in der
Welt hervorgerufen haben. Eine allgemeine Unruhe über diese Versuche ist nur natürlich, da wir es mit einer Kraft zu tun haben,
die weitgehend unbekannt ist und die Menschheit gezwungen hat,
neue Maßstäbe anzulegen.
Dennoch glaube ich, daß der Kern des Problems einfach ist.
Wir befinden uns in einem Wettstreit um die Entwicklung einer
neuen und schrecklichen Waffe. Aber jede Seite weiß, so hoffe ich,
sehr gut um die Gefahren, die in der Entwicklung dieser Waffe liegen Gefahren, die so viel größer sind als jene, die die Entwicklung jeder
anderer Waffe der Geschichte begleitet haben.
Aus Gründen, die ich noch niher erklären werde, ist es der Wunsch
meiner Delegation, sich ganz entschieden dem Standpunkt anzuschließen, den gestern nachmittag der Vertreter Frankreichs eingenommen
hat. Er hatte unterstrichen, daß es nach seiner Ansicht und nach
Ansicht meines Landes die einzig verläßliche Maßnahme sei, die
Waffe selbst und ihre Liefermöglichkeiten internationalen Sicherungen und Begrenzungen zu unterwerfen, und zwar im Rahmen eines Prograrms-, das in gleicher V/eise auf alle beteiligten Nationen anwend- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

anwendbar wäre.
Da es kein solches Übereinkommen gibt, sind die Vereinigten
Staaten gezwungen, die Waffe für ihre eigene Sicherheit und die
ihrer Freunde in der Welt zu entwickeln. Wir werden uns wie in der
Vergangenheit auch weiterhin für ein Übereinkommen über die Kontrolle
der thermonuklearen Bedrohung einsetzen, in dem die Beschränkung der
Versuche ein wesentlicher Bestandteil sein muß. Und in der Zwischenzeit werden wir gewiß alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, daß die Strahlung aller Strahlungsquellen einschließlich
der Atomversuche, nicht über ein tragbares Maß hinausgeht.
Bier, Herr Vorsitzender, stimmen wir mit Mr. Menon überein, daß
keine Nation das Recht hat, Leben in der Luft, auf der Erde und in
den Meeren unmöglich zu machen oder die Erbmasse zu zerstören. Das
haben die Vereinigten Staaten nicht getan, und wir werden es auch
nicht tun. Wir sind um das Wohlergehen unseres Volkes und seiner
künftigen Generationen ebenso besorgt wie zum Beispiel die Regierung
Indiens um ihr Volk, wie Großbritannien um seine Untertanen oder wie
jede andere Regierung um ihr Volk besorgt ist.
Gestern hat M. Moch, der von uns allen am besten Qualifizierte,
gezeigt, und zwar, wie ich glaube, umfassend, daß Versuche bei Beachtung cer notwendigen Sicherheitsvorkehrungen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit und Sicherheit darstellen. Ich möchte seine Bemerkungen
noch mit einigen Erkenntnissen ergänzen, die in Studien und Erfahrungen
der Vereinigten Staaten gewonnen wurden.
Die Regierung der Vereinigten Staaten und Präsident Eisenhower
persönlich sind von tiefer und ernster Sorge um das Problem der atomaren
Bedrohung erfüllt, das auf der Welt lastet. Kaum eine Angelegenheit,
mit der sich die Regierung befassen muß, ist intensiveren und auf höherer
Ebene durchgeführten Studien und Erwägungen unterworfen.
Auf Grund dieser sorgfältigen Erwägungen glauben die Vereinigten
Staaten, daß die Frage der Versuche mit Atomwaffen notwendigerweise mit
der größeren Frage eines Übereinkommens über ein wirkungsvolles Abrüstungsprogramm verbunden ist. Diese Fragen sind tatsächlich nicht voneinander
zu trennen, wenn wir uns mit den wirklich damit zusammenhängenden Problemen
befassen wollen. Die Beschrankung der Versuche mit Atomwaffen ist, vom
Standpunkt der Sicherheit aus, nur logisch,zwangsläufig und richtig- als
integraler Teil eines Abriistungsprogramms, in dem wir übereingekommen sind,
die atomare Gefährdung selbst zu mindern. So führen unsere Überlegungen
zu zwei Folgerungen:
1) daß richtig durchgeführte Atomversuche keine Gefahr für die
menschliche Gesundheit und Sicherheit bilden;
daß, solange kein Übereinkommen über die Ausschaltung oder Begrenzung von Atomwaffen unter angemessenen Sicherungen besteht,
die Fortführung der Versuche für unsere nationale Verteidigung
und die Sicherheit der freien Welt wesentlich ist.
Lassen Sie mich nun eine kurze Erklärung zu diesen beiden SchlußIm
folgerungen geben.
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�"AMERIKA PIEKST"

18. Juli 1956

Im vergangenen Jahr machten die Vereinigten Staaten den Vorschlag,
daß die Vereinten Nationen das Wissen der Welt über die Auswirkungen
der atomaren Strahlungen auf die menschliche Gesundheit in Berichten
zusammenfassen sollten. Im Dezember gründete die Vollversammlung einen
wissenschaftlichen Sonderausschuß, der die von den Regierungen empfangenen Berichte über die Strahlungen und die die Wirkung der Strahlung
betreffenden wissenschaftlichen Beobachtungen sammelt, auswertet und
verteilt.
Die Vereinigten Staaten arbeiten mit diesem Komitee hinsichtlich
der Sammlung und Verbreitung von Angaben zu diesem Gegenstand in größtmöglicher Weise zusammen. Wir glauben, der erste Schritt bei der Beschäftigung mit irgendeinem wissenschaftlichen Problem ist es, alle
Quellen zu mobilisieren, das zu nutzen, was bekannt ist, und auf das
hinzuweisen, was noch getan werden muß. Wir glauben, daß die Arbeit
dieses Sonderausschusses kompetente Autoritäten zu weiterem Studium
anreizen, den internationalen Austausch von Informationen ermutigen
und jede Nation mit Angaben in einem Ausmaße versehen wird, die es
ihr ermöglichen, eigene Schlußfolgerungen in der Angelegenheit zu
ziehen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften, die aus der Mitarbeit
und der Erfahrung einer großen Anzahl der bestqualifizierten und international anerkannten Experten schöpft, gab am 12.Juni einen Bericht
über ihr jahrelanges Studium heraus. Und dieser Bericht enthielt diese
unantastbare Schlußfolgerung: "Die Atomwaffenversuche haben die weltweite Strahlung nicht auf ein biologisch gefährliches Maß erhöht. Dies
wird auch nicht der Fall sein, wenn die Versuche sich im gleichen Rahmen
halten wie bisher."
Seit undenklichen Zeiten empfangen die Menschen ständig eine
mittlere Strahlungsmenge aus natürlichen Quellen» aus dem Weltraum,
der Erdrinde und, wie M. Moch gestern ausführte, selbst von ihren
eigenen Körpern. Der Medizinische Porschungsrat von Großbritannien
stellte, wie schon aufgezeigt worden war, im vergangenen Monat fest,
daß, wenn man die natürliche Strahlung mit derjenigen vergleiche"* die
von den Versuchsexplosionen ausgehe, die Radioaktivität - falls die
Kernwaffenversuche im gleichen Umfange wie in den vergangenen Jahren
für unbestimmte Zeit fortgesetzt würden - in einem Zeitraum von hundert
Jahren allmählich eine Höhe erreichen würde, welche den Durchschnittsmenschen für die Dauer von 50 Jahren einer Strahlungsmenge aussetze,
die weniger als ein Prozent dessen betrage, was er während des gleichen
Zeitraums aus natürlichen Quellen empfange.
Nun, Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten und Großbritannien
geben der Öffentlichkeit volle Informationen über den Beginn und den
Ort ihrer Versuche. Diese Regierungen verbinden sich auf der Grundlage
der Zusammenarbeit mit anderen Regierungen bei der Entwicklung und Ausführung umfassender Sicherheitsmaßnahmen. Wir glauben, daß diese Art
des Vorgehens größeres Interesse an der Sicherheit der Allgemeinheit
zeigt als die Methode, unangekündigte, geheime Explosionen in den abgelegenen Teilen der eurasischen Landmasse auszuführen. Ich betone daldie Vereinigten Staaten durch ihre eigenen wissenschaftlichen Studien,
durch ihre Unterstützung der Studien der Vereinten Nationen auf diesem
Gebiet und die ausgedehnten Vorsichtsmaßnahmen, unter denen sie ihre
Versuche durchführen, gezeigt haben, daß sie sich ihrer Verpflichtung

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�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Verpflichtung gegenüber den eigenen Bürgern und der Menschheit zur
genügenden Sich-rung gegen die schädlichen Wirkunger der Strahlung
aus jeder nur möglichen Quelle vollau4 bewußt Bi
Wir versuchen nicht zu sagen, daß es keine Gefahr gäbe; aber
wir sagen, daß diese Gefahr unter Kontro'le gehalten werden kann.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich fest verpflichtet, und ich
wiederhole diese Verpflichtung, keine Kernwaffen oder irgendwelche
anderen Waffen in irgendeiner mit der Charta der Vereinten Nationen
nicht übereinstimmenden Weise zu benutzen.
Wie dem aber auch immer sei, die Vereinigten Staaten haben eine
Verpflichtung nicht nur ihrem eigenen Volke, sondern allen Völkern der
freien Welt gegenüber, ihre Kapazität zur Selbstverteidigung und zur
Abschreckung einer Aggression aufrechtzuerhalten. Durch solches Tun
tragen sie zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit bei, die die Grundziele der Charta darstellen.
Die Grundlage aber für die Fähigkeit der Vereinigten Staaten,
sich selbst zu verteidigen und abschreckend gegen eine Aggression
zu wirken, bildet eine dementsprechende Waffenkapazität. Aber im
Zeitalter eines voranstürmenden wissenschaftlichen Fortschritts ist
eine solche Kapazität nicht etwas, das man einmal erreichen und dann
ohne weitere Bemühungen beibehalten kann. Das wird angesichts der
kürzlichen sowjetischen Prahlereien hinsichtlich der Überlegenheit
ihrer Kernwaffen und ihrer Erklärung, diese so schnell zu entwickeln,
wie es ihnen ihre Quellen und ihre Technik erlauben, besonders dautlich.
Solange es kein wirksames Sicherheitsabkommen zur Begrenzung dieser
Waffen gibt, sind ständige Bemühungen um ihre Verbesserung unerläßlich.
Wie Präsident Eisenhower kürzlich erklärte, bezwecken wir mit den
Atomversuchen nicht die Entwicklung einer noch vernichtenderen Waffe.
Angesichts der technischen Möglichkeiten wissen wir, daß wir sie haben
könnten. Unsere Absicht aber ist, wie der Präsident weiter ausführte,
"Mittel und Wege zu finden, diese Waffe zu begrenzen, sie für Verteidigungszwecke dienstbar zu machen, beispielsweise zur Abwehr gegen
einen Massenangriff von Flugzeugen, ihre radioaktiven Aschenregen zu
reduzieren und ihr mehr den Charakter einer militärischen Abwehrwaffe,
denn den einer Waffe zur Massenvernichtung zu geben.
Es ist eine Binsenweisheit, daß, solange es keine Rüstungskontrolle
gibt und sich ständig neue Entwicklungen anbahnen, die verschiedensten
Waffen erforderlich sind, um sich mit der nötigen Schlagkraft und
Elastizität gegen eine Aggression verteidigen zu können - wann, wo und
wie immer sie geführt werden mag. Keine Nation, Herr Vorsitzender,
deren Vertreter hier sitzt, würde ernstlich den Vorschlag machen oder
akzeptieren, daß sie von sich aus, ohne das Vorhandensein irgendeines
Abkommens oder irgendwelcher Sicherungen, sämtliche Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten und beispielsweise auch jegliche Erprobung von
Militärflugzeugen einstellen sollte. Und meiner Ansicht nach ist die
Notwendigkeit, jede Beschränkung der Forschung und Entwicklung von Kernwaffen mit dem Zustandekommen eines mit Garantien versehenen Abkommens
zu verbinden, ebenso klar.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Wenn ein Abrüstungsabkommen erreicht werden kann - und wir
wünschen dies sehnlichst -, um an Hand ausreichender Sicherungen
die Kernwaffen zu beschränken, dann wären natürlich auch die Vereinigten Staaten bereit, Beschränkungen hinsichtlich der Versuche
mit solchen Waffen zuzustimmen. Der Vertreter der USA in dem in
London tagenden Unterausschuß hat diese Absicht voll bestätigt.
Präsident Eisenhower hat in seinem Brief vom 1.März an Marschall
Bulganin einen Vorschlag unterbreitet, wie man die Lösung des Grundproblems anpacken könnte. Ich möchte hier einen Absatz aus diesem
Brief zitieren. Der Präsident, erklärtet
"Meiner Ansicht nach müssen unsere Bemühungen vor allen Dingen
darauf gerichtet sein, die atomare Bedrohung unter Kontrolle zu bringen.
Als eine wichtige Maßnahme in dieser Hinsicht und unter Zugrundelegung
eines zufriedenstellenden Funktionierens unseres Systems der Luft- und
Bodenüberwachung wären die Vereinigten Staaten bereit, zusammen mit
anderen Nationen geeignete und sichere Vereinbarungen zu treffen, um
zu verhindern, daß die künftige Produktion von spaltbarem Material in
der ganzen Welt nicht mehr daz*u verwendet wird, die Arsenale von
Explosivwaffen zu vergrößern. Damit könnte auch mein Vorschlag vom
8.Dezember 1953 kombiniert werden, 'nun damit zu beginnen und in Zukunft
fortzusetzen, gemeinsame Zuwendungen aus den vorhandenen Beständen an
natürlichem Uran und spaltbaren Materialien an eine internationale
Atombehörde zu machen 1 . Diese Maßnahmen würden, werden sie entsprechend
verwirklicht, die gegenwärtig die Welt beherrschende Tendenz, die
nuklearen Kampfmittel ständig zu vermehren, in ihr Gegenteil verkehren."
Der Delegierte Indiens hat freundlicherweise das Wort "in ihr
Gegenteil verkehren" besonders betont.
"Ich hege letztlich die Hoffnung", so fuhr damals Präsident
Eisenhower fort, "daß die gesamte Produktion an spaltbarem Material
in der ganzen Welt ausschließlich für friedliche Zwecke verwendet werden
wird."
Die Vereinigten Staaten warten noch immer darauf, daß die Sowjetunion den Brief des Präsidenten beantwortet.
Wir sind also überzeugt, Herr Vorsitzender, daß diese Vorschläge
den Kern einer Lösung für das große Problem in sich bergen, mit dem
wir uns alle auseinanderzusetzen haben - des Problems nämlich, die
Atomgefahr unter Kontrolle zu bringen. Das Streben nach Seelenfrieden,
nach Sicherheit angesichts einer ungeheuerlichen, aber viel zu wenig
verstandenen Bedrohung,hat eine fast spontane Anstrengung zur Folge
gehabt, das Böse zu verdammen und zu unterdrücken - und ich meine,
Herr Vorsitzender, daß wir hier den vielen hilfreichen und inhaltsvollen Reden unseren Tribut zollen sollten, die von den Mitgliedern
dieser Kommission, besonders von jenen, die nicht dem Unterausschuß
angehören, gehalten worden sind.
Gleichzeitig sind wir aber auch überzeugt, daß der richtige Weg
wäre, das Übel an den Wurzeln zu packen und durch intensive diplomatische Bemühungen ein Programm zur Beschränkung der Kernwaffen und zur

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18. Juli 1956

zur Förderung der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie zu
entwickeln, in dem die Beschränkung der Atomversuche eine wichtige
Rolle spielt. Mögen wir mit Gottes Hilfe bald den Tag erleben,
an dem dies der Fall ist.
Dieser Aufgabe, Herr Vorsitzender, widmen wir unsere ganze Kraft,

* * * * *

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D I E N S T

LODGE FORDERT ERNEUT KONTROLLIERTE ABRÜSTUNG

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Erklärung, die der Vertreter der Vereinigten Staaten, Botachafter Henry Cabot
Lodge jr., am 16.Juli 1956 vor der Abriistungskommission der Vereinten Nationen abgegeben hat.

Sämtliche Mitglieder unserer Kommission haben jetzt mindestens
einmal das Wort ergriffen. Die Unterlagen sind daher nahezu vollständig, und wir sind in der Lage, Schlußfolgerungen aus dem gegenwärtig
gen Stand der Verhandlungen zu ziehen.
Die Abrüstungskommission hat die Aufgabe, sich mit dem Ergebnis der Verhandlungen des Unterausschusses zu befassen, das Problem
deutlich herauszuarbeiten und den Weg für eine mögliche Lösung der
Probleme frei zu machen.
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Denn schon taucht das
Problem der weitreichenden Pernlenkgeschosse vor uns auf. Gehören
sie erst einmal zu den Standardwaffen, dann hat keine Nation mehr
als eine Viertelstunde Zeit, um sich auf ihre Verteidigung einzurichten und den Gegenschlag zu führen.
Die Zeit ist heute nicht mehr fern, wo verschiedene Nationen
über Atomwaffen verfügen, Atomgeschütze zur normalen Ausrüstung
einer Armee gehören und der kleinste militärische Zusammenstoß,
der sich irgendwo in der Welt ereignet, einen nuklearen Weltbrand
auszulösen vermag.
Wir müssen handeln, ehe diese tödlichen Geschosse im geheimen
für den Einsatz bereit gehalten werden und das Problem der atomaren
Kontrolle für eine Behandlung allzu verschwommen wird und überhaupt
nicht mehr faßbar ist.
Die Vereinigten Staaten sind daher überzeugt, daß es dringend
notwendig ist, ein wirksames System zu schaffen, das auf internationaler Basis eine Regelung und Beschränkung sämtlicher Rüstungen und
Streitkräfte gewährleistet. Wie wir bereits verschiedentlich erklärt
haben, sind wir der Meinung, daß ein solches System unter folgenden
Bedingungen geschaffen werden kann»
Erstens
1 -

�"AMERIKA DIENST"

? 5 . J u ii

l95g

Erstens sollte unter wirksamer internationaler Kontrolle und
ohne Verzug eine beträchtliche Reduzierung der Streitkräfte, der Rüstungen und der militärischen Ausgaben auf einen Stand vorgenommen
werden, wie er unter Berücksichtigung der gegenwärtigen instabilen
Weltlage angebracht erscheint.
Zweitens müssen weitere Beschränkungen stufenweise erfolgen, sobald sich die internationale Lage bessert una die Möglichkeiten zu einem
befriedigenden Abschluß jeder einzelnen Phase erwiesen sind. Wir sind
der Meinung, daß vorberei bend«, zunächst versuchsweise durchgeführte
Maßnahmen von Nutzen ^eir könnten.
Drittens glauben w'.r ferner, daß die Hauptgefahr für die Sicherheit der Welt die atomare Bedrohung ist und daß dringende Maßnahmen erforderlich sind, um sie unter Kontrolle zu bringen. Am I.März 1956 hat
Präsident Eisenhower an Ministerpräsident Bulganin ein Schreiben gerichtet, in dem er solche "aßnahmen vorschlägt.
Viertens glauben wir, daß eine zuverlässige Methode internationaler
Überwachung, einschließlich einer Luftüberwachung, unbedingt notwendig ist,
um einem Überraschungsangriff vorzubeugen und zu gewährleisten, daß vertraglich eingegangene Verpflichtungen auch gewissenhaft eingehalten werden.
Diese Grundhaltung der Vereinigten Staaten in der Abrüstungsfrage
wird auch in einer von Mr. Nutting am 3.Juli eingebrachten Resolution,
die unsere volle Unterstützung hat, zum Ausdruck gebracht.
Nach unserer Meinung verdienen diese Vorschläge,von jedem unterstützt zu werden, der ar einer Abrüstung ernsthaft interessiert ist.
Bedauerlicherweise hat sich die Sowjetunion bisher nicht in der Lage
gesehen, hierzu ihre Zustimmung zu erteilen.
Herrn Gromykos Rede vom 12.Juli erweckt in uns einige Zweifel hinsichtlich der Haltung der Sowjetunion gegenüber einigen dieser Vorschläge,
und sie zeigt deutlich die noch immer negative Einstellung zu anderen
Punkten.
Jedoch ist nach der Erklärung des sowjetischen Vertreters seine
Regierung heute anscheinend bereit, als ersten Schritt einer zahlenmäßigen Begrenzung der Streitkräfte der UdSSR und der USA auf-je 2,5 ...
Millionen Mann und der Streitkräfte Frankreichs sowie Großbritanniens
auf je 750 000 Mann zuzustimmen. Wenn man es tatsächlich so gemeint hat,
wie es den Anschein erweckt, dann ist das eine erfreuliche Nachricht.
Ich sage dies deshalb, weil die sowjetische Bereitschaft zu einer Begrenzung der Streitkräfte auf 2,5 Millionen Mann dem von Mr. Harold
Stassen in London gemachten Vorschlag in etwa entspricht.
Wir hoffen, daß damit die Sowjetunion ihrer Erkenntnis Ausdruck
gibt, daß die Reduzierung in diesem Maßstab den Realitäten der gegenwärtigen Weltlage entspricht und dem internationalen Vertrauen wie auch
einem umfassenderen Abrüstungsabkommen förderlich wäre.
Als verantwortungsbewußte Männer müssen wir uns jedoch darüber
klar sein, daß die Sowjetunion einer mit den modernsten Mitteln durchzuführenden wirksamen internationalen Überwachung, einschließlich einer
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�"AMERIKA DIENST"

25. Juli 1956

einer gewissen Luftüberwachung, bisher noch nicht zugestimmt hat. Wir
wissen daher nicht, ob die neue sowjetische Erklärung ein ernstgemeinter Vorschlag oder nur leeres Gerede ist.
Ferner möchte die Sowjetunion anscheinend die Streitkräfte aller
übrigen Länder, einschließlich einiger äußerst wichtiger Bundesgenossen
der freien Welt, auf 250 000 Mann beschränken.
Diese Sitzungen der «brüstungskommission haben es ferner deutlich
gemacht, daß die Sowjetunion auf ihre früher verfolgte Politik, nämlich
die Abschaffung der Atomwaffen zur Voraussetzung eines jeglichen Abrüstungsprogramms zu machen, zurückgegriffen hat. Das heißt mit anderen V/orten,
"ächtet die Bombe und vertraut der Sowjetunion".
Es ist ferner klar geworden, daß die Sowjetunion immer noch an dem
von Ministerpräsident Bulganin im vergangenen Monat gemachten Vorschlag
bezüglich einer Reihe von einseitigen, nicht nachprüfbaren Abrüstungsbeschränkungen bei verschiedenen Staaten ohne das Vorhandensein eines
Abkommens und einer Überwacnung festhält.
Man könnte sich vorstellen, daß gegen eine einseitige Abrüstung an
sich nichts einzuwenden wäre, vorausgesetzt, daß sie auch wirklich erfolgt.
Da sie jedoch ohne Überwachung erfolgt, bietet sie keine sichere Gewähr,
und sich auf etwas Falsches zu verlassen, könnte verheerende Folgen haben.
Diese einseitigen Abrüstungsbeschränkungen erwecken nicht den Anschein, daß sie eine Verminderung der Schlagkraft der sowjetischen Streitkräfte bedeuten. Marschall Schukow stellte die Situation richtig dar, als
er vor dem Kommunistischen Parteikongreß erklärte, daß
"die großen Leistungen der Schwerindustrie die Neubewaffnung unserer
Armee, Flotte und Luftstreitkräfte mit erstklassiger militärischer Ausrüstung ermöglicht haben." Auch können uns die Berichte keine große Befriedigung geben, die besagen, daß die Sowjets 30 000 Mann aus Deutschland
abgezogen haben - ebensowenig die propagandistisch stark ausgeschlachtete
Nachricht von einer Verlegung veralteter Flugzeuge nach neuen, nur verhältnismäßig wenige Kilometer zurückgelegenen Stützpunkten. Die auf deutschem Gebiet stehenden sowjetischen Streitkräfte würden - selbst nach
Vornahme, der Reduzierungen - immer noch stärker sein als diejenigen sämtlicher übriger Länder zusammengenommen. Notfalls könnte das Vielfache,
ihrer Zahl auf dem raschesten Wege wieder nach Deutschland zurückgebracht
werden. Sie brauchen nicht erst, wie ich es zweimal erlebt habe, einen
fast 5000 Kilometer breiten, von U-Booten wimmelnden Atlantischen Ozean
zu überqueren, um Europa vor einer Aggression retten zu helfen.
Was tatsächlich geschieht, ist folgendes: Die Sowjetunion geht jetzt
erst daran, ihre Streitkräfte auf eine Stärke zu reduzieren, die die Vereinigten Staaten schon vor einiger Zeit erreicht haben - eine begrüßenswerte, doch reichlich verspätete Maßnahme.
Jahr für Jahr veröffentlichen die Vereinigten Staaten detaillierte
Zahlen über die Stärke ihrer Streitkräfte. Ich habe sie häufig genannt.
Die Sowjetunion aber denkt trotz mehrfacher Aufforderung nicht daran,
ein Gleiches zu tun.
Trotzdem

�"A?flERIKA DIENST"

25. Juli 1956

Trotzdem erhebt Herr Gromyko in seinen beiden Reden den Anspruch,
daß die von den sowjetischen Streitkräften seit dem zweiten Weltkrieg
vorgenommenen Rüstungsbeschränkungen "bei weitem die Rüstungsbeschränkungen der bewaffneten Streitkräfte der Westmächte übertroffen haben".
'.Vir sind natürlich nur auf Vermutungen angewiesen, doch sind wir überzeugt, daß diese Behauptungen den Tatsachen nicht entsprechen.
Ich komme jetzt zur zweiten Frage - dem Zeitplan und den einzelnen
Phasen eines Abrüstungsprogramms: Herr Gromyko hat versucht, den Eindruck hervorzurufen, daß das, was er den "Westen" nennt, nicht daran
denke, eine Beschrankung der Rüstungen vorzunehmen, bis "zuvor strittige
internationale Probleme geregelt worden sind".
Herr Vorsitzender diese Erklärung ignoriert einfach, was ich bereits
betont habe, nämlich: daß die Vereinigten Staaten bereit sind, bei entsprechender Bescnränkung der Rüstungen und der militärischen Ausgaben der
ganzen Welt, so wie sie sich heute darbietet, oder in einer der heutigen
ähnlichen Weltsituation, die Zahl ihrer Streitkräfte auf 2,5 Millionen
Mann zu reduzieren, ohne Rücksicht auf die bestehenden politischen Gegensätze - vorausgesetzt, daß eine angemessene Überwachung geschaffen wird,
einschließlich einer Luftüberwachung. Und dieses Angebot ist von uns im
vergangenen Frühjahr gemacht wordenj von der Sowjetunion wurde es abgelehnt.
Unser Vorschlag, sofort, ungeachtet politischer Regelungen, die
atomare Bedrohung zu vermindern, beschränkt sich nicht nur auf das Gebiet
der konventionellen Waffen. Präsident Eisenhower schlug beispielsweise
am 8.Dezember 1953 vor, "sofort und auch in Zukunft gemeinsame Beiträge
aus den vorhandenen Beständen gewöhnlichen Urans und spaltbarer Materialien an eine internationale Atomenergiebehörde zu leisten".
Wir machten diese Angebote, weil wir glauben, daß sie zur Beilegung
politischer Spannungen beitragen, was wiederum eine weitergehende Abrüstung erlauben und so einen Zyklus auslösen würde, der allen zum Segen
gereicht. Herr Gromyko zieht es jedoch vor, zu betonen, "daß Abrüstung
und die Lösung offenstehender politischer Probleme 'ganz verschiedene
Dinge sind', um ihn hierzu wörtlich zu zitieren, und daß sie miteinander
zu verbinden weiter nichts bedeuten würde als sie einfach in einen Topf zu
werfen und beide noch mehr zu komplizieren".
Ich habe zwei Vorschläge erwähnt, die die Vereinigten Staaten vorgebracht haben; 1) Beschränkungen in den herkömmlichen Waffen, und 2) Zeitplan. Unser dritter Vorschlag bezieht sich auf die Kontrolle und Beschränkung der atomaren Bedrohung. Jeder Sprecher hat sich dafür eingesetzt, daß
sich ein Abrüstungsplan mit der atomaren Bedrohung befassen müsse, daß es
nicht genüge, auf ältere Waffen zu verzichten oder mehr Infanteristen in
das Reserveheer einzureihen.
Herr Belaunde als Vertreter Perus hat darauf hingewiesen, wie absurd
es sei, eine Beschränkung bei älteren Waffentypen einzuführen und "gleichzeitig dem tragischen Rüstungswettrennen mit nuklearen Waffen freien Lauf
zu lassen".
Herr Brilej als Vertreter Jugoslawiens traf den Kern der Sache, als
er erklärte, daß "gegenwärtig zwar unüberwindbare Hindernisse für die

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�'AMERIKA DIENST"

25. Juli 1956

die Errichtung eines wirksamen Kontrollsystems hinsichtlich der Abschaffung der atomaren Waffen bestehen", daß aber "die Überwachung von Maßnahmen in bezug auf den völligen Produktionsstop bei nuklearen Waffen
keineswegs unmöglich ist." Er hat völlig recht, wenn er sagt, daß
"erste Vereinbarungen sowohl eine wirksame Reduzierung der herkömmlichen
Waffen und bewaffneten Streitkräfte als auch gewisse Maßnahmen in bezug
auf nukleare Waffen sowie ein angemessenes Kontrollsystem vorsehen sollten."
In seinem Brief vom I.März 1956 erklärte Präsident Eisenhower, daß
die Vereinigten Staaten bereit seien, zusammen mit anderen Nationen "geeignete und sichere Vorkehrungen zu schaffen, so daß spaltbares Material
nirgends auf der Welt weiterhin zur Verstärkung der Vorräte an Explosivwaffe:
verwendet werden kann". Er schlug ferner vor, diese Maßnahmen mit dem Programm der Eeisteuerung atomaren Materials aus vorhandenen Beständen an
die Internationale Atomenergiebehörde zu verbinden, sobald diese einmal
besteht. Auf diese Weise hofft der Präsident, "die die ganze Welt beherrschende Tendenz, den Bestand an nuklearen Waffen beständig zu vermehren,
in ihr Gegenteil zu verkehren".
In ihren Vorschlägen vom 27«März 1956 und in den Briefen Ministerpräsident Bulganins vom 6.Juni 195&amp; empfiehlt die Sowjetunion keinerlei
Maßnahmen zur Bekämpfung der nuklearen Bedrohung. Sie behauptet nur, daß
eine Reduzierung der konventionellen Streitkräfte die Abschaffung der
nuklearen Waffen erleichtern würde und schlägt vor, Militärstreitkräfte
in Deutschland nicht mit Atomwaffen auszurüsten.
Am 5«Juli jedoch brachte Herr Gromyko eine Resolution ein, in der
ein bedingungsloses Verbot der Verwendung; von Atomwaffen gefordert wurde;
und in seiner Rede vom 12.Juli sprach er von der Vernichtung aller Atombombenvorräte .
In der Rede von Herrn Gromyko findet man keinerlei Hinweis darauf,
daß eine Bestandsaufnahme der nuklearen Materialien, besonders solcher,
die in der Vergangenheit produziert worden sind, irgendwelche besonderen
Schwierigkeiten bereitet. In Wahrheit aber ist es niemand anderes als
die Sowjetunion selbst gewesen, die in ihrer Note vom 10.Mai 1955 klipp
und klar erklärte, Reserven nuklearen Materials könnten der internationalen Kontrolle entzogen und dazu verwendet werden, insgeheim die Herstellung von Atom- und Wasserstoffbomben zu organisieren.
Die Resolution der Sowjetunion gründet sich auf das Verbot - entweder
Verbot überhaupt oder Verbot der Verwendung.
Unter den gegenwärtigen Umständen jedoch läßt sich nicht auf die
Realisierung eines gegebenen Versprechens, nämlich des Verbots von
Atomwaffen, dringen. Und wie bei allen undurchführbaren Gesetzen wird
die Herrschaft des Rechts, in diesem Fall das Völkerrecht, in Mißkredit
gebracht.
Der sowjetische Delegierte hat außerdem andere Länder kritisiert, daß
sie sich weigerten, das Versprechen zu geben, niemals Atomwaffen zu verwenden oder als erste zu verwenden, und daß sie die sowjetische Auffassung
nicht akzeptieren, in Deutsehland stationierte militärische Streitkräfte
nicht mit nuklearen Waffen-Auszurüsten.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

25- Juli 1956

Dies muß unsere Aufmerksamkeit des weiteren auf die Tatsache lenken,
daß ein Verbot des Einsatzes, wie es die Sowjetunion vorschlägt, für
einige Parteien ungerecht und nachteilig wäre - in diesem Fall für die
freien parlamentarischen Demokratien und ihre Verbündeten.
Dieser gleiche Punkt wurde auch im vergangenen Jahr vom Politischen
Ausschuß der UN-Generalversammlung vor der Annahme seiner an uns gerichteten Direktive vom 16.Dezember 1955 gründlich erforscht.
Wie der Delegierte Belgiens damals dem Ausschuß erklärte, würden
"solche Unternehmungen, falls es einen potentiellen Aggressor in der
Welt gibt, bewirken, daß dieser über die Konsequenzen der von ihm geplanten Handlung beruhigt sein kann und folglich ermutigt wird, die
aggressive Handlung zu begehen".
Die Vereinigten Staaten schließen sich dieser Analyse voll an. Wir
glauben nicht, daß kleineren Ländern in strategisch besonders wichtiger
geographischer Lage und mit großen Reserven an Menschen und Atomwaffen
das wichtigste Mittel der Verteidigung und Abschreckung gegenüber einer
Aggression vorenthalten werden sollte. Wenn diese gleichen Länder echte
Demokratien sind, die gerade aus der Natdr ihrer Institutionen heraus nicht
dazu neigen, den ersten Kriegsstreich zu tun, könnte jegliche Übereinkunft
der Art, wie Herr Gromyko sie vorschlägt, Selbstmord bedeuten.
Die Vereinigten Staaten werden getreu ihren Verpflichtungen im Rahmen
der UN-Charta niemals Atomwaffen oder andere Waffen - Kanonen, Bomben,
Schiffe oder Flugzeuge - einsetzen, es sei denn zur Abwehr und Niederschlagung einer verbrecherischtn Aggression. Aber sie geben sich auch
nicht dazu her, den Verfechtern der Freiheit die Hände zu binden, wenn
sie gegen die Aggression kämpfen müssen.
Aus diesem Grunde erheben wir Einspruch gegen die Resolution, die der
Vertreter der Sowjetunion am 3.Juli 1956 eingebracht hat.
Ich komme schließlich zu FCage Nr. 4&gt; der überaus wichtigen Frage
der Inspektion. Wir freuten uns, daß wir im Vorschlag der Sowjetunion
vom 27-März zum erstenmal eine, wenn auch sehr einschränkende Liste •
darüber vorfanden, was im Rahmen des Planes inspiziert werden könnte;
wir waren und sind aber erstaunt darüber, daß in dem Brief Ministerpräsident Bulganins an Präsident Eisenhower vom 6.Juni 1956 von einem Inspektionsplan überhaupt nicht die Rede ist.
Es ist für mich enttäuschend, daß die Sowjetunion anscheinend ihre
ablehnende Haltung gegen Präsident Eisenhowers Plan der "offenen Himmel"
verstärkt hat. Wir sind überzeugt, daß letzten Endes die Weltmeinung auf
die Verwirklichung dieses Planes dringen wird.
Der Plan der offenen Himmel, Herr Vorsitzender, erlegt der Sowjetunion keine Bürde auf, die nicht auch wir zu tragen bereit wären.
Er beabsichtigt nicht irgendein dunkles Unternehmen aus Spionagegründen; er ist vielmehr unabdingbarer Bestandteil eines Abrüstungsplanes.
Herrn

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�"AMERIKA DIENST"

25: Juli 1956

Herrn Gromyko sind in seiner Erklärung zur Haltung cor Tier
Mächte in der Frage der Inspektion zwei seltsame Fehler unterlaufen.
Er sagt erstens, die Sowjetunion habe ein "sehr detailliertes
Kontrollsystem" unterbreitet, und zwar in der Form des Bulganin-Planes,
der die Stationierung von Beobachtern in Schwerpunkten militärischer Anlagen vorsieht, daß jedoch die Westmächte 'die ganze Angelegenheit auf
die Durchführung von Luftaufnahmen zusammendrängen wollen...".
Sicherlich ist Herrn Gromyko bekannt, daß auch vir den Bulganin-Plan
akzeptieren. Er weiß ferner, daß die Luftinspektoren nicht einfach blind
durch die Gegend fliegen, sondern die ausgetauschten Informationen
überprüfen.
Zweitens behauptet er, daß die Frage der Durchführung vor Luftaufnahmen über außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika gelegenen Gebieten 'in den Vorschlägen der Vereinigten Staaten völlig fehlt".
Sicherlich kann er die Versicherungen nicht übersehen haben, die wir
immer und immer wieder gegeben haben, daß dieser Plan auf Stützpunkte
ausgedehnt werden könnte, die die Vereinigten Staaten außerhalb ihres
Territoriums mit Zustimmung der betreffenden Nationen benutzen.
Hinsichtlich der Frage der Inspektion scheint daher die Sowjet nion
ein oder zwei Schritte vorangekommen zu sein, wenn sie die zu inspizierenden Objekte identifiziert und den Bulganin-Plan vorlegt, um jedoch
gleichzeitig wieder ein oder zwei Schritte zurück zu tun, indem sie ihre
Haltung gegen die Luftaufklärung versteift und unsere Vorschläge verdreht
darstellt.
Die Meinung der Mitglieder dieser Kommission steht, so glaube ich,
bereits fest. Sie wollen festgestellt wissen, daß ein gewisser Fortschritt erreicht wurde. Es wird aber auch an jeden btaat der Appell ge^L
richtet, so schnell wie möglich Maßnahmen zu ergreifen, um alles Erdenkliche im Rahmen einer angemessenen Kontrolle zu unternehmen, noch bevor ein umfassendes Programm erarbeitet wird; die Kommission wünscht
eine daran anschließende Abrüstung, die für jeden Staat stufenweise
durchgeführt wird, die jedoch auf einem zufriedenstellenden Verhalten
der einzelnen beruht und mit einem zunehmenden Vertrauen in den internationalen Beziehungen eng verbunden ist; sie wünscht ferner Maßnahmen zur
Kontrolle sowohl der herkömmlichen als auch der nuklearen V/affen; sie
setzt große Hoffnungen in die vorbereitenden und Teilmaßnahmen zur
Überwindung des toten Punktes; sie ist fest von der Notwendigkeit einer
gründlichen Inspektion, von Vorkehrungen gegen einen umfassenden Überraschungsangriff und Sicherheiten dafür überzeugt, daß die Verpflichtunge
getreu eingehalten werden.
Wenn ich hier diese einfachen, aber zwingenden Wünsche noch eirmal
zitiere, unterstreiche ich damit, daß sie alle in dem Resolutionsentwurf
enthalten sind, den Mr. Nutting am 5.Juli eingebracht hat. Ich bin mir
auch bewußt, daß sie den Wünschen der Menschlichkeit in aller Welt entsprechen .
**-***

�I

Dokumente:
Lenin über Stalin

.»

�Von: US State Department, Washington, 30. Juni 1956

Dokumente: Lenin über Stalin
D a s US-Außenministerium erhielt kürzlich aus
vertraulicher Quelle verschiedene Dokumente, die
vermutlich am 25. Februar 1956 unter den Delegierten des XX. Parteitages der KPdSU verteilt
worden sind, sozusagen als ergänzendes Material
zur Rede des Ersten Parteisekretärs N. S. Chruschtschow, deren Text das US-Außenministerium
am 4. Juni 1956 veröffentlichte.* Es handelt sich um
18 Dokumente zur sowjetischen Innenpolitik der
Jahre 1922/23, die vom US-Außenministerium inzwischen auf ihre etwaige frühere Veröffentlichung
oder Erwähnung überprüft worden sind.
Angesichts der Tatsache, daß die KPdSU am
30. Juni 1956 einen Teil der Dokumente dieser
Reihe der Öffentlichkeit übergab, hat sich das U S Außenministerium entschlossen, die in seinem
Besitz befindlichen Dokumente im Interesse der
wissenschaftlichen Forschung und de* historischen
Einordnung der Ereignisse der Jahre 1922/23 ebenfalls bekanntzugeben.
Nachstehend eine Liste der Dokumente mit Anmerkungen über deren Erstveröffentlichung.
1. Protokoll über Notizen Lenins, ausgefertigt am
18. Mai 1924 von N. K. Krupskaja (Lenins Frau)
und Kamenew. Unveröffentlicht.
2. Notizen einer Kommission des ZK-Plenums
über die Notizen Lenins, ausgefertigt am 19. Mai
1924. Unveröffentlicht.
3. Lenins „Brief an den Parteitag" vom 23. Dezember 1922 über die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
4. Lenins Ergänzungen zu diesem Brief vom
24. und 25. Dezember 1922 und Nachschrift vom
4. Januar 1923 (bekannt als Lenins „Testament").
Veröffentlicht u. a. in L. Trotzkij, „The Real Situation in the Soviet Union", S. 320 bis 323.
5. Notizen Lenins vom 26. Dezember 1922 über
die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
6. Notizen Leni ns vom 27. Dezember 1922 zur
Übertragung
legislativer
Funktionen
an die
Gosplan-Kommission. Unveröffentlicht; Auszüge
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
5. 76, und Max Eastman, „Since Lenin Died", S. 15.
•Vgl. O-P 8. Jahr, S. 867 ff.

7. Dasselbe, Fortsetzung vom 28. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
8. Dasselbe, Fortsetzung vom 29. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
9. Notizen Lenins vom 29. Dezember 1922 über
die Erhöhung der Zahl der ZK-Mitglieder. Unveröffentlicht.
10. Memorandum vom 16. April 1923 an die Mitglieder des ZK im Zusammenhang mit der Übermittlung der folgenden Dokumente. Unveröffentlicht.
11. Schreiben Trotzkijs vom 16. April 1923 an
Stalin und die ZK-Mitglieder zu einem Artikel
Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht; Inhaltsangabe bei M. Eastman, „Since Lenin
Died'i, S. 23.
12. Lenins Artikel über die Nationalitätenfrage
vom 30. und 31. Dezember 1922. Abgedruckt bei
R. Pipes, „The Formation of the Soviet Union,
Communism and Nationalism, 1917-1923", S. 273
bis 274.
13. Schreiben Lenins vom 5. März 1923 an
Trotzkij über Bedenken Lenins wegen der Einstellung Stalins zur Lage in Georgien. Abgedruckt
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
S. 81.
14. Mitteilung der Sekretärin Lenins an Trotzkij
vom 5. März 1923. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 91.
15. Schreiben von L. Fotijewa, einer der Sekretärinnen Lenins, vom 16. April 1923 an Kamenew
und Trotzkij zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 82.
16. Empfangsbestätigung Kamenews vom 16. April
1923 über den Eingang des Schreibens der Fotijewa.
Unveröffentlicht.
17. Schreiben der Fotijewa vom 16. April 1923 an
Stalin zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.
18. Erklärung Stalins vor den ZK-Mitgliedern
am 16. April 1923 zur Übersendung des LeninArtikels über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.

I

�Unveröffentlichte Dokumente
verteilt a n die Delegierten des X X . P a r t e i t a g s der
K P d S U zum ausschließlichen Gebrauch der P a r t e i organisationen
1. Dokument
Ich übermittelte die Notizen, die W. I.* mir während
seiner Krankheit vom 23. Dezember bis zum 23. Januar
diktierte — 13 verschiedene Notizen. In dieser Sammlung ist die Notiz zur nationalen Frage noch nicht enthalten (Marija Iljinischna** hat sie). Einige Notizen
wurden bereits veröffentlicht (die über die Arbeiterund Bauerninspektion sowie die über Suchanow). Zu
den unveröffentlichten Notizen gehören die vom 24.
und 25. Dezember 1922 und die vom 4. Januar 1923, die
persönliche Charakterisierungen einiger ZK-Mitglieder
enthalten. Wladimir Iljitsch hat ausdrücklich' gewünscht, daß diese Notiz nach seinem Tode dem nächsten Parteitag zu dessen Information unterbreitet wird.
N. Krupskaja
Die im Schreiben der Genossin N. K. Krupskaja
erwähnten Dokumente, die der Kommission des ZKPlenums -unterbreitet werden sollen, habe ich am 18.
Die oben erwähnten und dem Genossen Kamenew
übermittelten Notizen Wladimir Iljitschs sind mir
sämtlich bekannt und wurden von Wladimir Iljitsch
zur Übermittlung an die Partei bestimmt.
18. 5. 1924
N. Krupskaja
Für die Richtigkeit des Protokolls:
L. Kamenew
N. Krupskaja
2. Dokument
Nach Einsichtnahme in die Dokumente, die dem
Genossen Kamenew von N. K. Krupskaja am 18. 5.
1924 übergeben wurden, beschloß die Kommission des
ZK-Plenums, sie dem nächsten Parteitag zu dessen
Information vorzulege'n.
19. 5. 1924

G. Sinowjew
A. Smirnow
M. Kalinin

N. Bucharin
J. Stalin
L. Kamenew

3. Dokument
Brief a n den P a r t e i t a g
I. Ich halte es für sehr angezeigt, daß auf diesem
Parteitag einige Veränderungen in unserer politischen
Organisation vorgenommen werden.
Ich möchte Ihnen die Überlegungen mitteilen, die ich
für die wichtigsten halte.
Ich schlage vor, weil ich dies für besonders wichtig
halte, die Mitgliederzahl des ZK auf mehrere Dutzend,
wenn möglich sogar auf hundert Mitglieder zu vergrößern. Mir scheint, daß unser Zentralkomitee großer
Gefahr ausgesetzt wäre, wenn die zukünftige Entwick•Wladimir Iljitsch Lenin. (O-P)
" L e n i n s Schwester. (O-P)
•••Lenin starb am 21. Januar 1924. Der XIII. Parteitag der KPdSU (B) fand in der Zeit vom 23. bis
31. Mai 1924 statt. (O-P)
4

lung einen für uns ungünstigen Verlauf nehmen würde
(und wir dürfen uns auf nichts verlassen), ohne daß
wir eine derartige Reform durchgeführt haben.
Weiter möchte ich die Aufmerksamkeit des Parteitags
auf den Vorschlag lenken, demzufolge den GosplanBeschlüssen unter bestimmten Voraussetzungen Gesetzeskraft zu geben sei, wobei die Anregung des Genossen Trotzkij bis zu einem gewissen Grade und unter
bestimmten Bedingungen in Betracht zu ziehen ist.
Was den ersten Punkt, d. h. die Vergrößerung der
Mitgliederzahl des ZK betrifft, so bin ich der Auffassung, daß dies notwendig ist für die Stärkung der
Autorität des ZK, für unsere auf die Verbesserung
des Apparats gerichteten ernsthaften Bemühungen und
im Interesse der Verhinderung von Konflikten zwischen
kleinen ZK-Gruppen, die sich auf den Bestand der
gesamten Partei höchst nachteilig auswirken würden.
Meiner Ansicht nach hat die Partei das Recht, der
Arbeiterklasse 50 bis 100 ZK-Mitglieder abzufordern,
die sie auch abstellen könnte, ohne daß ihre Kraft über
Gebühr beansprucht wird.
Diese Reform würde-den Grundstein für eine Festigung
unserer Partei legen und würde sie bei ihrem Kampf
gegen die Umkreisung durch die Feindstaaten unterstützen, einem Kampf, der sich nach meiner Meinung
in den nächsten Jahren wesentlich verschärfen kann
und muß. Ich glaube, daß eine solche Maßnahme die
Stabilität unserer Partei vertausendfachen würde.
23. 12. 1922
Lenin
Niederschrift durch M. W.
4. Dokument*
Fortsetzung

der Notizen,

24. 12. 1922

IL Unter einer Festigung des Zentralkomitees, von
der ich oben sprach, verstehe ich Maßnahmen, die eine
Spaltung verhindern sollen, soweit solche Maßnahmen
überhaupt getroffen werden können. Denn der Weißgardist der „Russkaja Mysl" (ich glaube, es war S. F.
Oldenburg) hatte natürlich durchaus recht, als er bei
den Aktionen gegen Sowjetrußland seine Hoffnungen
in erster Linie auf eine Parteispaltung und in zweiter
Linie auf ernstliche Meinungsverschiedenheiten in
unserer Partei bei der Erörterung dieser Spaltung
setzte.
Unsere Partei stützt sich auf zwei Klassen, und
deshalb ist eine Erschütterung ihrer Stabilität möglich, und wenn es zu keiner Einigung zwischen diesen
beiden Klassen kommt, ist sogar ihr Zusammenbruch
unvermeidlich. In einem solchen Falle wäre es zwecklos, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen oder überhaupt über die Festigung des Zentralkomitees zu debattieren. In einem solchen Falle könnten keine Präventivmaßnahmen eine Spaltung verhindern. Aber ich
hoffe, daß das ein noch zu weit in der Zukunft liegendes und auch zu unwahrscheinliches Ereignis ist, um
jetzt darüber zu reden.
Ich denke heute an eine Festigung als Garantie
gegen eine Spaltung in naher Zukunft und will hier
eine Reihe von Betrachtungen rein persönlicher Natur
anstellen.
•Vgl. Ruth Fischer, „Stalin und der deutsche Kommunismus", Frankfurt a. M. 1950, S. 293 ff. (O-P)

�Ich glaube, daß unter diesem Gesichtspunkt der
Schlüssel zur Festigung bei ZK-Mitgliedern wie Stalin
und Trotzkij liegt. Die Art der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen enthält nach meiner Meinung
den größeren Teil der abzuwendenden Spaltungsgefahr; diese Gefahr kann meiner Ansicht nach, abgesehen von anderen Gründen für diese Maßnahme,
am besten dadurch gebannt werden, daß man die
Mitgliederzahl des ZK auf 50 oder 100 Personen
erhöht.
Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär
geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen Händen
vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er
es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen. Auf der anderen
Seite besitzt Genosse Trotzkij, wie sich in seinem
Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für das Verkehrswesen zeigte, nicht
nur ausgezeichnete Fähigkeiten — persönlich ist er
vermutlich der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK
—, sondern gleichzeitig auch ein Übermaß an Selbstbewußtsein und einen übergroßen Hang zur rein
administrativen Regelung der Probleme.
Diese beiden Charakterzüge der beiden begabtesten
Führer des gegenwärtigen ZK könnten ganz gegen
deren Willen zu einer Spaltung führen; und wenn
unsere Partei keine Maßnahmen dagegen ergreift,
kann diese Spaltung ganz unerwartet eintreten.
Ich will nicht weiter versuchen, die persönlichen
Eigenschaften der anderen ZK-Mitglieder zu charakterisieren. Ich will nur daran erinnern, daß Sinowjews
und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall
war, daß man dies aber ebensowenig gegen sie ins
Treffen führen darf wie gegen Trotzkij die Tatsache,
daß er früher kein Bolschewik war.
Zu den jüngeren ZK-Mitgliedern übergehend, möchte
ich einige Worte über Bucharin und Pjatakow sagen.
Diese sind nach meiner Meinung die fähigsten Kräfte
unter diesen Jüngsten, doch ist dabei folgendes zu beachten: Bucharin ist nicht nur ein sehr wertvoller und
sehr prominenter Parteitheoretiker, sondern er kann
recht eigentlich als der Favorit der ganzen Partei betrachtet werden; trotzdem dürfen seine theoretischen
Ansichten nur mit größtem Vorbehalt als restlos
marxistisch angesehen werden, denn es steckt in ihm
ein Stück von einem Scholastiker (er hat die Dialektik
nie studiert und, wie ich glaube, auch niemals ganz verstanden).
Nun zu Pjatakow; er ist ein zweifellos willensstarker
und sehr begabter Mann, der jedoch viel zu sehr dem
Verwaltungswesen, der rein administrativen Seite
der Dinge ergeben ist, als daß man sich in einer
wichtigen politischen Frage auf ihn verlassen könnte.
Selbstverständlich bezieht sich die erste wie die
zweite Bemerkung nur auf die Gegenwart, aber beide
sind gerade für den Fall gemacht worden, daß diese
beiden fähigen und loyalen Mitarbeiter nicht imstande
sein sollten, gelegentlich ihr Wissen abzurunden und
ihre Einseitigkeit zu überwinden.
25. 12. 1922
Lenin
Niederschrift durch M. W.

Nachschrift

zum Brief

vom 24. Dezember

1922

Stalin ist zu grob, und wenn dieser Fehler auch in
unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns
Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs.
Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu
finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen
und dafür einen anderen Mann auszuwählen, der sich
aber in jeder Beziehung nur dadurch von Stalin
unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht
so launisch usw. Diese Dinge mögen wie unwichtige
Kleinigkeiten erscheinen. Ich glaube jedoch, daß sie
unter dem Blickwinkel der Verhinderung einer Spaltung und meiner Bemerkungen über die Beziehungen
zwischen Stalin und Trotzkij keine Kleinigkeiten sind,
oder wenn doch, daß es Kleinigkeiten sind, die entscheidende Bedeutung gewinnen können.
4. Januar 1923
Lenin
Niederschrift durch L. F.
5. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

26. 12. 1922

III. Die Erhöhung der Mitgliederzahl des ZK auf
50 oder sogar 100 soll, wie ich es sehe, einem zweioder dreifachen Zweck dienen; je mehr Mitglieder
das ZK zählt, um so mehr Personen werden die
Arbeit des ZK kennen lernen und um so geringer
wird die Gefahr einer Spaltung infolge einiger unbedachter Schritte sein. Die Berufung zahlreicher
Arbeiter in das ZK wird es unseren Arbeitern ermöglichen, die Leistungsfähigkeit unseres Apparats* zu
erhöhen, der viel zu wünschen übrigläßt. Praktisch
haben wir ihn von dem alten Regime übernommen, da
es für uns vollkommen unmöglich war, ihn in so kurzer
Zeit völlig zu reorganisieren, vor allem in einer Zeit
des Krieges, der Hungersnot usw. Aus diesem Grunde
kann man den „Kritikern", die in geringschätziger oder
sarkastischer Weise die Mängel unseres Apparats hervorheben, die klare Antwort geben, daß sie keine
Ahnung von den Bedingungen haben, unter denen sich
unsere gegenwärtige Revolution vollzieht. Eine wirksame Reorganisation des Apparats binnen fünf Jahren
war völlig unmöglich — besonders in der Revolutionsperiode. Es ist genug, daß es uns in den fünf Jahren
gelungen ist, eine Regierung neuen Typs zu schaffen,
in der die Arbeiter an der Spitze der Bauern gegen
die Bourgeoisie stehen, und das zu einer Zeit, da wir
von einer Welt von Feinden eingekreist sind. Das war
eine ungeheure Leistung. Dieses Bewußtsein sollte
uns jedoch nicht blind gegenüber der Tatsache machen,
daß es praktisch der alte Apparat ist, den wir übernommen haben, der Apparat des Zaren und der Bourgeoisie, und cfaß nunmehr, nachdem wir den Frieden
errungen und unsere Mindestbedürfnisse befriedigt
haben, alle unsere Anstrengungen darauf konzentriert
werden müssen, die Leistungsfähigkeit des Apparats
zu verbessern. Ich male mir das so aus: Setzt man
mehrere Dutzend Arbeiter in die Maschinerie des ZK,
so werden sie besser als alle anderen imstande sein,
sich mit der Kontrolle, der Leistungssteigerung und der
•Gemeint ist offenbar der Regierungs- bzw. Verwaltungsapparat. (O-P)

8

�Umgestaltung unseres Apparats zu befassen. Es hat
sich gezeigt, daß die Arbeiter- und Bauerninspektion,
die ursprünglich diese Funktion ausübte, der Aufgabe
nicht gewachsen ist und daß sie den betreffenden ZKMitgliedern nur als „Hilfe" oder unter gewissen Umständen als „Stütze" von Nutzen ist. Die in das ZK
berufenen Arbeiter sollten meiner Ansicht nach nicht
aus den Reihen derer genommen werden, die bereits
eine lange Dienstzeit im Sowjetapparat hinter sich
haben (in diesem Passus meines Briefes rechne ich die
Bauern unterschiedslos zu den Arbeitern), da diese
Arbeiter bereits gewisse Gewohnheiten und Vorurteile
angenommen haben, deren Bekämpfung ich für besonders notwendig halte.

Schritte zur Erweiterung der Gosplan-Befugnisse
unternehmen.
Ich stelle mir diese Schritte folgendermaßen vor:
die Gosplan-Beschlüsse können durch das normale
Regierungsverfahren nicht beiseite geschoben werden, sondern dazu wäre ein besonderes Verfahren
erforderlich, z. B. Behandlung der Angelegenheit auf
einer ZEKU-Sitzung* und Bearbeitung gemäß besonderer Weisungen, sowie Beifügung besonderer Vorschriften und Anmerkungen, die für die Beurteilung
notwendig sind, ob ein bestimmter Gosplan-Beschluß
aufgehoben werden soll, und schließlich Überprüfung
der Gosplan-Beschlüsse in regelmäßigen, genau festgelegten Abständen usw.

Der Stab des ZK sollte weitgehend aus den Reihen
Meiner Meinung nach könnte und sollte die Mitjener Arbeiter aufgefüllt werden, die eine Stufe unter arbeit des Genossen Trotzkij in dieser Angelegenheit
denjenigen stehen, die in den letzten fünf Jahren in
sichergestellt werden, aber nicht in dem Sinne, daß
Positionen des Sowjetapparats berufen wurden, aus den ' einer unserer politischen Führer zum Gosplan-VorReihen derer, die dem einfachen Arbeiter und Bauern
sitzenden oder zum Vorsitzenden des Obersten Wirtam nächsten sind, der weder direkt noch indirekt der schaftsrates ernannt wird. Es scheint mir, daß die
Klasse der Ausbeuter angehört. Ich glaube, daß grundlegende Erörterung dieser Frage zu eng mit
Arbeiter, die allen ZK-Sitzungen und allen Politbüro- persönlichen Erwägungen verknüpft ist. Es scheint
Sitzungen beiwohnen und dazu die Möglichkeit haben,
mir, daß die neuerdings vorgebrachten Einwärjde
alle ZK-Dokumente zu lesen, durchaus imstande wären, gegen den Gosplan-Vorsitzenden
Krshishanowskij
einen Kader loyaler Anhänger des Sowjetsystems auf
und seinen Stellvertreter Pjatakow zwei Seiten
die Beine zu stellen. Sie würden außerdem 1. die
haben. Auf der einen Seite übt man an ihnen Kritik,
Stabilität des ZK selbst erhöhen und 2. wirklich etwas
weil sie die Dinge zu leicht nehmen, weil sie sich
für die Reorganisation und Leistungssteigerung des nicht durchsetzen können, weil es ihnen an CharakApparats tun.
terfestigkeit fehlt, auf der anderen Seite wirft man
ihnen vor, daß sie angeblich ungewandt sind, daß sie
6. Dokument
sich wie Feldwebel benehmen, daß sie keine hin. reichend soliden wissenschaftlichen
Vorkenntnisse
Fortsetzung der Notizen, 27. Dezember 1922
besitzen usw. Es scheint mir, daß diese Kritik zwei
Z u r Ü b e r t r a g u n g legislativer F u n k t i o n e n an die Aspekte der Frage in extremer Formulierung zuGosplan-Kommission*
sammenfaßt und daß wir im Gosplan eine gute Kombination der beiden Typen, dem einen von Pjatakow,
IV. Wie mir scheint, ist dieser Gedanke erstmals vom
dem
andern von Krshishanowskij repräsentiert, geGenossen Trotzkij vorgetragen worden. Ich lehnte ihn
biauchen.
ab, weil ich der Ansicht war, daß dadurch ein grundsätzlicher Widerspruch in das System unserer legisMeiner Ansicht nach sollte an der Spitze der Goslativen Institutionen hineingetragen würde.
Nach
gründlicher Überprüfung dieses Problems bin ich plan-Kommission ein Mann mit wissenschaftlichen
gleichwohl zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser Vor- Vorkenntnissen, besonders auf technischem oder
schlag einen im Grunde gesunden Gedanken enthält, landwirtschaftlichem Gebiet stehen, ein Mann mit
nämlich, daß der Gösplan von unseren legislativen großen praktischen Erfahrungen, die er in mehreren
Institutionen etwas abgesondert ist, ungeachtet der Dutzend Jahren in der Technik oder Landwirtschaft
Tatsache, daß er als Gremium sachkundiger Einzel- gesammelt hat. Meiner Ansicht nach müßte ein solpersonen, Fachleute und Vertreter von Wissenschaft cher Mann nicht so sehr ein guter Verwalter als vielund Technik tatsächlich die meisten Daten kennt, die mehr eine überaus erfahrene Führerpersönlichkeit sein.
27. 12. 1922
Lenin
man zur Beurteilung der Lage benötigt.
Niedsrschrift durch M. W.
Bisher haben wir jedoch die Auffassung vertreten,
daß der Gosplan die Staatsorgane mit zuverlässigen
Materialzusammenstellungen versorgen sollte, auf die
7. Dokument
sich jene bei Entscheidungen über RegierungsangelegenFortsetzung
des Briefes über die
legislativen
heiten stützen können. Ich halte es für notwendig, daß
wir in der gegenwärtigen Situation, da sich die ReFunktionen
der
Gosplan-Kommission,
gierungsangelegenheiten ungewöhnlich kompliziert ha28. Dezember 1922
ben, da es fortgesetzt erforderlich ist, bei Einzelentscheidungen das Sachwissen der Gosplan-Mitglieder in An- V. Ich habe festgestellt, daß einige Genossen, die
Positionen bekleiden, in denen sie die Staatsangelegenspruch zu nehmen, während nur gelegentlich über Fragen zu befinden ist, die kein derartiges Sachwissen vor- heiten beeinflussen können, die administrative Seite
des Problems in entscheidender Weise überbetonen. Das
aussetzen, und da es — wichtiger noch — erforderlich
ist, Fragen zu klären, die teils von Gosplan-Fachleuten, ist zu gegebener Zeit und am gegebenen Ort natürlich
teils nicht von ihnen zu entscheiden sind — halte ich unerläßlich, aber man sollte nicht dem Irrtum veres für notwendig, daß wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt
»Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees
der
Union. (O-P)
•Kommission für den Staatswirtschaftsplan. (O-P)
6

�fallen, diese Seite den wissenschaftlichen Kenntnissen,
der Fähigkeit zum Begreifen der umfassenden Realitäten, dem Führertalent usV. gleichzustellen.
Jede Regierungsinstitution und besonders der Gosplan bedarf der glücklichen Kombination dieser beiden
Eigenschaften. Als mir deshalb Genosse Krshishanowskij berichtete, es sei ihm gelungen, Pjatakow für
die Arbeit im Gosplan zu interessieren und daß zwischen ihnen ein Einvernehmen über die Arbeitsteilung
bestehe, habe ich, als ich meine Zustimmung gab, auf
der einen Seite in meinem Innern gewisse Zweifel
gehabt, auf der anderen Seite aber die Möglichkeit
erkannt, vielleicht auf diese Weise die gewünschte
Kombination der beiden Typen des leitenden Regierungsfunktionärs zu verwirklichen. Ob meine Hoffnung sich realisiert hat, müssen wir abwarten. Im
Laufe der Zeit müssen wir dies in der Praxis überprüfen; im Prinzip — glaube ich — können wir jedoch
nicht daran zweifeln, daß die ordnungsgemäße Funktionsweise der Regierungsinstitutionen eine derartige
Kombination von Charakteren und Typen (von Männern, Eigenschaften) absolut erforderlich macht. Nach
meiner Ansicht ist übertriebenes „Administrieren"
ebenso schädlich wie jede Übertreibung schlechthin.
Der Leiter einer Regierungsinstitution sollte ein
Höchstmaß von Führertalent besitzen und dazu solide
wissenschaftliche und technische Kenntnisse in dem
Umfang, der für die Überwachung der Arbeit anderer
notwendig ist. Das ist wichtig. Ohne dies kann wirkliche Arbeit nicht geleistet werden. Auf der anderen
Seite muß der Betreffende sich auch auf die Verwaltung
verstehen, und er bedarf zu diesem Zweck eines geeigneten Gehilfen oder sogar mehrerer Gehilfen. Es
ist zweifelhaft, ob wir die Kombination dieser beiden
Eigenschaften in einer Person vereinigt finden werden;
es ist ebenfalls zweifelhaft, ob eine derartige Kombination notwendig ist.
Niederschrift durch L. F.
28. 12. 22

Lenin

8. Dokument
Fortsetzung
der Notizen, 29. Dezember
1922
VI. Der Gosplan ist anscheinend im Begriff, sich restlos in eine Kommission von Fachleuten zu verwandeln.
An der Spitze dieser Institution sollte ein Mann stehen,
der große und umfassende Erfahrungen auf technischem
Gebiet besitzt. Administrative Fähigkeiten sollten hier
nur eine nützliche Beigabe sein. Der Gosplan muß
zweifellos bis zu einem gewissen Grade unabhängig
und selbständig sein, mit dem einzigen Vorbehalt, daß
die Mitarbeiter dieser Institution ehrlich und aufrichtig
bemüht sind, unseren Plan des wirtschaftlichen und
sozialen Aufbaus zu verwirklichen.
Die letztgenannte Eigenschaft ist heute natürlich nur
in Einzelfällen zu finden, da die große Mehrzahl der
Wissenschaftler, aus denen sich die Gosplan-Kommission naturgemäß zusammensetzt, mit bourgeoisen Ansichten und Vorurteilen nur allzu sehr belastet ist. Die
Überwachung dieser Leute in dieser Hinsicht sollte
Aufgabe mehrerer Personen sein, die das GosplanPräsidium bilden könnten; sie müssen Kommunisten
sein und im Ablauf der Arbeit täglich feststellen, in
welchem Maße die bourgeoisen Wissenschaftler der
Sache ergeben sind, ob sie ihre bourgeoisen Vorurteile
ablegen und auch, ob sie sich allmählich den sozialisti-

schen Standpunkt zueigen machen. Diese Zweigleisigkeit — wissenschaftliche Kontrolle in Verbindung mit
rein administrativer Arbeit — ist das Ideal, das den
leitenden Gosplan-Funktionären vorschweben sollte.
Ist es zweckmäßiger, die Gosplan-Aufgaben in einer
Reihe von Einzeldirektiven aufzuspalten, oder sollten
wir umgekehrt die Schaffung eines ständigen Spezialisten-Gremiums anstreben, das einer systematischen
Kontrolle durch das Gosplan-Präsidium untersteht, das
seinerseits Entscheidungen über die Gesamtheit der in
den Gosplan-Aufgabenbereich
fallenden
Probleme
fällen könnte? Nach meiner Auffassung ist das zweite
vernünftiger, und wir sollten uns bemühen, die Zahl
der brennenden und wichtigen Einzelprobleme zu
begrenzen.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
9. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

29. Dezember

1922

Zum Thema
E r h ö h u n g der Anzahl der ZK-Mitglieder
VII. Bei der Erhöhung der Anzahl der ZK-Mitglieder
ist es meiner Ansicht nach nötig, wahrscheinlich als
allererstes das Problem der Kontrolle und Leistungssteigerung unseres Apparats zu lösen, der überhaupt
nichts taugt. Für diesen Zweck sollten wir die Dienste
hochqualifizierter Spezialisten in Anspruch nehmen; die
Aufgabe, diese Spezialisten verfügbar zu machen, fällt
in den Bereich der Arbeiter- und Bauerninspektion.
Wie die Arbeit dieser Kontrollspezialisten, die auch
ausreichende Kenntnisse besitzen müssen, mit der
Arbeit der neuen ZK-Mitglieder zu koordinieren ist,
sollte die Praxis entscheiden. Mir scheint, daß die
Arbeiter* und Bauerninspektion (infolge ihrer Entwicklung und auch infolge von Zweifeln hinsichtlich
dieser Entwicklung) in ein neues Stadium eingetreten
ist, wie wir jetzt beobachten können, nämlich in ein
Stadium des Übergangs von einem besonderen Volkskommissariat zur Beauftragung von ZK-Mitgliedern
mit Sonderaufgaben. Dieser Übergang bedeutet die
Abkehr von einer Einrichtung, die absolut alles beaufsichtigt — die Abkehr von einer Gruppe, die nur aus
wenigen Mitgliedern besteht, welche allerdings erstklassige und deshalb hochbezahlte Inspektoren sind
(dies ist geradezu unerläßlich in unserer Zeit, wo man
alles bezahlen muß, und in einer Situation, da die Inspektoren nur in den Behörden arbeiten, die ihnen
bessere Bezahlung bieten).
Wenn die Anzahl der ZK-Mitglieder in angemessener
Weise erhöht wird und wenn sie alljährlich an einem
Verwaltungslehrgang für Regierungsarbeit teilnehmen,
wobei ihnen hochqualifizierte Spezialisten und Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion zur Hand
gehen, die auf allen Arbeitsgebieten gut beschlagen
sind, dann, meine ich, werden wir dieses Problem erfolgreich lösen, das so lange ungelöst geblieben ist.
Daher zusammenfassend: ungefähr 100 ZK-Mitglieder
und nicht mehr als 400 bis 500 Gehilfen, die in ihrer
Eigenschaft als Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion weisungsgemäß die Kontrolle ausüben.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
7

�10. Dokument
Proletarier aller Länder vereinigt euch!
Die Kommunistische Partei (Bolschewiki) Rußlands
Das Zentralkomitee
Abteilung des Büros des Sekretariats
Nr. 12 644
16. April 1923
An alle ZK-Mitglieder der KPR
Auf Weisung des Genossen Stalin werden zur Information der ZK-Mitglieder übersandt:
a) Ein Schreiben des Genossen Trotzkij an die ZKMitglieder;
V
b) Artikel des Genossen Lenin zur nationalen Frage,
verfaßt Ende Dezember 1922;
c) Ein Schreiben der Genossin Fotijewa an Genossen
Kamenew zusammen mit dessen Antwort;
d) Ein Schreiben der Genossin Fotijewa an Genossen
Stalin;
e) Eine Erklärung des Genossen Stalin.
Stellvertretender ZK-Sekretär
A. Nazaretjan.
11. Dokument
An Genossen Stalin
An alle Mitglieder des ZK der KPR
Ich erhielt heute die beigefügte Abschrift eines
Briefes der Privatsekretärin des Genossen Lenin, Genossin Fotijewa, an den Genossen Kamenew, der einen
Artikel des Genossen Lenin über die nationale Frage
betrifft.
Ich habe den Artikel des Genossen Lenin am 5. März
zusammen mit drei Notizen des Genossen Lenin erhalten, die ebenfalls in Abschriften hier beigefügt sind.
Ich fertigte seinerzeit eine Abschrift von di«sem Artikel an, der ein Dokument von geradezu grundlegender
Bedeutung ist, und benutzte diese als Basis sowohl für
meine (von Genossen Stalin akzeptierte) Richtigstellung
der Thesen des Genossen Stalin, als auch für meinen
eigenen Artikel über die nationale Frage, den die
„Prawda" veröffentlicht hat.
Dieser Artikel ist, wie gesagt, von geradezu grundlegender Bedeutung. Er enthält auch eine scharfe
Verurteilung von drei ZK-Mitgliedern. Solange auch
nur der geringste Hoffnungsschimmer bestand, daß
Wladimir Iljitsch irgendwelche Weisungen über die
Weitergabe dieses Artikels an den Parteitag — für den
er nach allen Anzeichen und insbesondere nach den
Notizen der Genossin Fotijewa offenbar gedacht war —
erteilt hat, vermied ich es, diesen Artikel zur Sprache
zu bringen.
In der Situation, die sich inzwischen ergeben hat —
auch dies wird aus dem Brief der Genossin Fotijewa
klar — blieb mir keine andere Wahl, als diesen Artikel
den ZK-Mitgliedern zur Kenntnis zu bringen, da diesem
Artikel nach meiner Meinung vom Standpunkt der
Parteipolitik in der nationalen Frage keine geringere
Bedeutung zukommt als dem früheren Artikel über die
Frage des Verhältnisses zwischen. Proletariat und
Bauernschaft.
Falls kein ZK-Mitglied — aus innerparteilichen
Beweggründen, deren Bedeutung auf der Hand liegt —
diesen Artikel in der einen oder anderen Form der
8

Partei oder dem Parteitag zur Kenntnis bringt, werde
ich für meinen Teil dies als einen Beschluß zum
Schweigen ansehen, einen Beschluß, der midi — im
Zusammenhang mit dem Parteitag — von jeder persönlichen Verantwortung für diesen Artikel entbindet.
16. 4. 1923
Nr. 199/T
L. Trotzkij
Anlagen: Brief der Genossin Fotijewa
Drei Notizen und ein Artikel des Genossen
Lenin.
Eingegangen 20.10 Uhr
16. 4. 1923
Für die Richtigkeit: E. Lepeschinskaja.
12. Dokument
Fortsetzung
der Notizen, 30. Dezember 1922
Über die nationale F r a g e oder die „Autonomie"
Ich glaube, ich habe den Arbeitern Rußlands schwere
Unbill zugefügt, weil ich nicht mit hinreichender
Energie und Schärfe auf die Klärung der wohlbekannten Frage der Autonomie gedrängt habe, die meines
Wissens offiziell als Frage der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken bezeichnet wird.
Im Sommer, als diese Frage aufkam, war ich krank,
und dann im Herbst war ich meiner Genesung zu gewiß und glaubte, auf die Klärung dieser Frage auf
dem Oktober- und Dezemberplenum drängen zu können. Ich konnte jedoch weder dem Oktoberplenum
(das sich mit diesem Problem befaßte) noch dem Dezemberplenum beiwohnen; und so geschah es, daß die
Behandlung dieser Frage fast gänzlich ohne mich erfolgte.
Es gelang mir nur, mit Genossen Dzierzyhski zu
sprechen, der aus dem Kaukasus zurückgekehrt war
und mir berichtete, wie es mit dieser Frage in Georgien
steht. Ich konnte ferner ein paar Worte mit Genossen
Sinowjew wechseln und ihm meine Besorgnis hinsichtlich dieser Frage zum Ausdruck bringen. Was ich von
Genossen Dzierzyhski hörte, der vom Zentralkomitee
zum Leiter einer Kommission zur „Untersuchung" der
Vorkommnisse in Georgien bestellt worden war, ließ
mich das Schlimmste befürchten. Wenn es bereits soweit gekommen ist, daß sich Ordshonikidse bis zur
Anwendung physischer Gewalt erniedrigen konnte, wie
mir Genosse Dzierzyhski berichtete, dann kann man
sich vorstellen, in was für einen Sumpf wir geraten
sind. Offensichtlich ist die ganze „Autonomie"-Konzeption von Grund auf falsch und unangemessen.
Es wird gesagt, wir brauchten die Einheit des Apparats. Woher kamen diese Versicherungen? Kamen sie
nicht aus dem gleichen russischen Apparat, den wir,
wie ich bereits an anderer Stelle meines Tagebuches
vermerkte, vom Zarismus übernommen und nur oberflächlich mit dem Heiligen Sowjetöl gesalbt haben?
Es kann nicht bezweifelt werden, daß wir in dieser
Frage hätten warten sollen, bis wir sagen konnten, daß
wir nicht nur für unseren Apparat, sondern auch für
uns selbst eine Antwort wüßten. Und jetzt sollten wir
ganz aufrichtig genau das Gegenteil sagen, nämlich,
daß wir einen Apparat unser eigen nennen, der uns
völlig fremd ist, der ein bürgerlich-- ristisches Mischmasch ist, und daß wir in den letzten fünf Jahren keine

�Möglichkeit hatten, ihn unter Bedingungen, da das
„Kriegsgeschäft" und der Kampf gegen die Hungersnot
wichtiger waren, und ohne die Hilfe unserer Republiken
in seine Schranken zu weisen.
Unter solchen Bedingungen ist es ganz natürlich, daß
sich der Punkt vom „Recht der Loslösung von der
Union", mit dem wir uns rechtfertigen, als ein Fetzen
Papier erweisen wird, der keineswegs ausreicht für den
Schutz fremder Völker in Rußland gegen die Übergriffe
des Russen schlechthin, des Großrussen, des Chauvinisten, ja des Schurken und Plünderers, der der typische
russische Bürokrat nun einmal ist. Es steht außer
Zweifel, daß der unbedeutende Prozentsatz sowjetischer
und sowjetisierter Arbeiter in diesem chauvinistischen
Meer großrussischer Schuftigkeit ertrinkt wie eine
Fliege in der Milch.
Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens wird vorgebracht, daß die Volkskommissariate, die sich mit
Fragen der nationalen Eigenart, der nationalen Erziehung befassen, autonom sind. In diesem Zusammenhang erhebt sich jedoch die Frage, ob es möglich ist,
die Volkskommissariate völlig losgelöst vom Zentrum
zu halten, und dazu die zweite Frage, ob wir mit der
nötigen Umsicht Maßnahmen zum Schutz fremder
Völker gegen den generellen, den typischen russischen
„Dershimorda"*ergriffen haben. Meiner Meinung nach
haben wir derartige Maßnahmen nicht ergriffen, obgleich wir dies tun konnten und getan haben sollten.
Ich glaube, daß die Eile und das administrative Ungestüm Stalins und auch seine Verbohrtheit in den
berühmten „Sozial-Nationalismus" hier eine verhängnisvolle Rolle spielten. In der Politik gibt es im allgemeinen und in der Regel nichts Schlimmeres als
solche Verbohrtheit.
Ich fürchte auch, daß sich Genosse Dzierzynski, als
er zur Untersuchung der „Verbrechen" dieser „SozialNationalisten" in den Kaukasus ging, durch seine
typisch russische Einstellung auszeichnete (es ist allgemein bekannt, daß russifizierte Angehörige anderer
Nationalitäten stets zur Übertreibung neigen, wenn es
sich um das typisch russische Verhalten handelt)**; die
Objektivität, mit der er sich seines gesamten Auftrags
entledigte, ist durch die „Leistungen" Ordshonikidses
gekennzeichnet. Ich bin der Meinung, daß diese
Heldentaten der Russen aus keinerlei Provokationen
und Beleidigungen gerechtfertigt werden können und
daß Genosse Dzierzynski nicht wieder gutzumachendes
Unheil anrichtete, als er diese Vorkommnisse bagatellisierte.
Alle Bewohner des Kaukasus betrachteten Ordshonikidse als Regierungsvertreter. Ordshonikidse hatte
kein Recht zu dem impulsiven Vorgehen, mit dem er
und Dzierzynski sich später zu entschuldigen suchten.
Ganz im Gegenteil: Ordshonikidse war zu größerer
Selbstbeherrschung verpflichtet als jeder einfache Bürger, von jenen Bürgern gar nicht zu reden, die eines
„politischen" Verbrechens bezichtigt waren. Die „SozialNationalisten" waren jedenfalls Bürger, die eines politischen Verbrechens beschuldigt waren, und alle Umstände der Anklage besagten genau dasselbe.
•Brutal-arroganter Gendarm aus Gogols Komödie
„Der Revisor". (O-P)
••Dzierzynski war Pole. (O-P)

Hier kommen wir zu einer ganz grundsätzlichen
Frage: Was verstehen wir unter Internationalismus?
Lenin
Fortsetzung

der Notizen,

31. Dezember

1922

Über die nationale Frage oder die „Autonomie"
In meinen Arbeiten, die die nationale Frage behandeln, habe ich bereits dargelegt, daß eine abstrakte
Konzeption vom Nationalismus vollkommen wertlos
ist. Man muß zwischen dem Nationalismus eines
herrschenden Volkes und dem Nationalismus eines
beherrschten Volkes, zwischen dem Nationalismus eines
großen Volkes und dem Nationalismus eines kleinen
Volkes unterscheiden.
Über den Nationalismus der zweiten Art ist zu sagen,
daß wir, die Angehörigen eines großen Volkes, uns
fast immer in der Geschichte unzähliger Gewalttätigkeiten schuldig machen und — was noch schlimmer
ist — es nicht einmal bemerken, daß wir zahllose Gewalttaten und Mißbräuche begehen; ich brauche nur
von meinen eigenen Erfahrungen im Wolgagebiet zu
berichten, um klarzumachen, mit welcher Verachtung
wir die Nichtrussen behandelten; ein Pole ist bei uns
immer ein „Polack", ein Tatar wird sarkastisch als
„Graf", ein Ukrainer als „Chochol", ein Georgier und
andere Angehörige der Kaukasus-Völker als „Kaukasier" bezeichnet.
Aus diesem Grunde sollte der Internationalismus des
herrschenden Volkes oder des sogenannten „großen"
Volkes (selbst wenn es nur in seinen Gewalttaten groß
ist, groß, wie eben nur ein Herrscher „groß" sein kann)
nicht nur durch die formale Wahrung der Gleichheit
unter den Völkern, sondern auch durch die Wahrung
jener Ungleichheit bestimmt sein, durch die das herrschende Volk, das große Volk, die tatsächlich im Leben
bestehende Ungleichheit kompensieren würde. Wer
das nicht begreift, begreift nicht die echt proletarische
Einstellung zur nationalen Frage, vertritt in Wirklichkeit noch immer kleinbürgerliche Ansichten und muß
daher notwendigerweise auf die bürgerliche Position
abgleiten.
Was ist für einen Proletarier wichtig? Für einen
Proletarier ist es nicht nur wichtig, sondern sogar eine
zwingende Notwendigkeit, daß ihm andere Nationalitäten ein Maximum an Vertrauen im proletarischen
Klassenkampf schenken. Welcher Voraussetzung bedarf
es hierzu? Vom Proletarier wird mehr als die Wahrung
einer nur formalen Gleichberechtigung gefordert. So
oder so muß er durch seine Haltung oder durch Zugeständnisse gegenüber anderen Nationalitäten das
Mißtrauen, den Argwohn und die Mißstände kompensieren, die diese in der historischen Vergangenheit unter dem Regime des „Großmacht"-Volkes zu erdulden hatten.
Ich glaube, für Bolschewiken und Kommunisten bedarf es keiner weiteren Erklärung. Ich glaube, daß
der vorliegende Fall, der Fall des georgischen Volkes,
ein typisches Beispiel ist, das von uns bei wirklich
proletarischer Einstellung besondere Behutsamkeit,
Einsicht und Konzessionsbereitschaft erfordert. Ein
Georgier, der diese Seite der Angelegenheit auf die
leichte Schulter nimmt, der leichtfertig über die Beschuldigung des „Sozial-Nationalismus" daherredet
(während er selbst nicht nur ein waschechter „Sozial9

*

�Nationalist" ist, sondern sogar ein brutaler großrussischer „Dershimorda"), ein solcher Georgier schädigt in
Wirklichkeit die Interessen der proletarischen Klassensolidarität, da nichts die Entwicklung und Stärkung der
proletarischen Klassensolidarität mehr hemmt als nationale Ungerechtigkeit; die Angehörigen der beherrschten Völker sind in keinem anderen Punkt so empfindlich wie gerade in der Frage ihrer Gleichheit und in der
Frage der Mißachtung dieser Gleichheit durch die proletarischen Genossen, selbst wenn dies nur auf Unachtsamkeit zurückzuführen ist oder in Form eines
Scherzes zum Ausdruck kommt. Gerade aus diesem
Grunde sollte man hier lieber durch zu große als durch
zu geringe Konzessionen und Nachsicht gegenüber den
nationalen Minderheiten sündigen. Gerade deshalb fordern in diesem Falle die Grundinteressen der proletarischen Solidarität und damit auch die des proletarischen
Klassenkampfes, daß wir in der nationalen Frage niemals bei Formalitäten stehen bleiben, sondern stets die
unabdingbaren Unterschiede im Auge behalten sollten,
die im Verhältnis zwischen einem beherrschten (oder
kleinen) proletarischen Volk und dem beherrschenden
(oder großen) Volk bestehen.
Lenin
Fortsetzung

der Notizen,

31. Dezember

Über die nationale F r a g e oder die

ganze, echt großrussisch-nationalistische Kampagne
muß voll und ganz Stalin und Dzierzyhski zur Last gelegt werden.
Viertens: Wir müssen sehr strenge Vorschriften über
den Gebrauch der Nationalsprache in den unserer
Union angehörenden Republiken schaffen; und wir
müssen sicherstellen, daß diese Vorschriften peinlich
genau befolgt werden. Zweifellos werden wir unter
dem Vorwand der Einheit der Eisenbahnverwaltung,
unter dem Vorwand der Einheit der Finanzverwaltung
usw. zahllosen Mißbräuchen turjanschen Stils begegnen. Wir müssen außerordentlich wachsam sein, um
diese Mißbräuche abzustellen; dies muß über die besondere Integrität hinaus von den Personen gefordert
werden, die sich diesem Kampfe widmen wollen. Wir
brauchen hierzu detaillierte Richtlinien, die ungeachtet
eventueller Mängel nur von Angehörigen der betreffenden Nationalität ausgearbeitet werden können,
die in der entsprechenden Republik ansässig sind.
Hiermit soll jedoch nicht ausgeschlossen sein, daß wir
gleichwohl auf dem nächsten Sowjetkongreß die Rückkehr zu dem alten Zustand in Betracht ziehen können,
d. h. daß wir die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nur im militärischen und diplomatischen
Bereich beibehalten, während auf allen anderen Gebieten Jedes Volkskommissariat völlig unabhängig ist.

1922

„Autonomie"

Welche praktischen Maßnahmen müssen in der Situation, die sich jetzt entwickelt hat, getroffen werden?
Erstens: Wir müssen die Union der Sozialistischen
Republiken beibehalten und stärken; darüber darf es
keinen Zweifel geben. Wir brauchen sie ebenso, wie das
kommunistische Proletariat der ganzen Welt sie braucht
im Kampf gegen die internationale Bourgeoisie und in
der Abwehr ihrer Anschläge.
Zweitens: Wir müssen die Union der Sozialistischen
Republiken auch hinsichtlich des diplomatischen Apparats beibehalten. Hier ist zu bemerken, daß dieser
Apparat innerhalb des Regierungsapparats eine Sonderstellung einnimmt. Wir haben jeden ausgeschlossen,
der im alten zaristischen diplomatischen Apparat auch
nur den mindesten Einfluß hatte. Hier gibt es einen
Apparat, der trotz seines geringen Einflusses vollkommen mit Kommunisten besetzt ist. Daher kann dieser
Apparat (das dürfen wir mit Stolz sagen) als kommunistischer Apparat bezeichnet werden, der geprüft und
von allen zaristischen, bürgerlichen und kleinbürgerlichen Einflüssen in unvergleichlich viel stärkerem
Maße gesäubert wurde, als dies in den Apparaten der
anderen Volkskommissariate der Fall ist, mit denen
wir uns begnügen müssen.
Drittens: Genosse Ordshonikidse muß exemplarisch
bestraft werden (ich stelle dies mit um so größerem
Bedauern fest, als ich selbst zum Kreis seiner Freunde
zähle und mit ihm im Ausland, in der Emigration zusammengearbeitet habe); es ist ebenso notwendig, die
Akten der Dzierzyiiski-Kommission erneut zu überprüfen, um die unzähligen Ungerechtigkeiten und Fehlurteile zu korrigieren, die in ihnen tatsächlich registriert sind. Die politische Verantwortung für diese

Wir müssen im Auge behalten, daß die Spaltung der
Volkskommissariate und die mangelhafte Koordination
ihrer Arbeit in bezug auf Moskau und andere Zentren
nur durch die Autorität der Partei in hinreichendem
Maße überwunden werden kann, vorausgesetzt, daß
diese Autorität mehr oder minder umsichtig und unparteiisch ausgeübt wird. Der Schaden, der unserem
Staat aus Mangel an Einheitlichkeit zwischen den nationalen Apparaten und dem russischen Apparat entsteht, wird unvergleichlich, ja unendlich viel geringer
sein als es jener andere Schaden für uns und für die
gesamte Internationale, für die Hunderte von Millionen
Menschen der asiatischen Nationen sein würde, die uns
folgen und in allernächster Zukunft auf der historischen Bühne erscheinen werden. Es wäre ein unverzeihlicher Opportunismus, wenn wir am Vorabend des
Aufbruches des Ostens, in der Morgenröte seines Erwachens, in seinen Augen unsere Autorität auch nur
durch die kleinste Taktlosigkeit und Ungerechtigkeit
gegenüber unseren eigenen Bürgern anderer Volkszugehörigkeit aufs Spiel setzen würden. Anders verhält es sich mit der Notwendigkeit einer Solidarität gegenüber dem westlichen Imperialismus, der die kapitalistische Welt verteidigt. In dieser Beziehung gibt es
keinen Zweifel, und ich brauche nicht zu betonen, daß
ich die diesbezüglichen Maßnahmen ohne Einschränkungen billige. Etwas ganz anderes ist es dagegen,
wenn wir feststellen, daß wir selbst in unserem Verhältnis zu den beherrschten Nationalitäten, sei es auch
nur in ganz unwesentlichen Punkten, eine imperialistische Einstellung entwickeln; dies untergräbt restlos
unsere gesamte Prinzipienfestigkeit und unsere gesamte prinzipielle Begründung des Kampfes gegen den
Imperialismus. Denn der morgige Tag wird in der Weltgeschichte eben jener Tag sein, da die vom Imperialismus beherrschten Völker erwachen und der lange,
harte Entscheidungskampf für ihre Befreiung beginnt.
Lenin

10

»

�13. Dokument

16. Dokument

Lieber Genosse Trotzkij!
Ich bitte Dich dringend, im ZK der Partei die Verteidigung in der Georgien-Affäre zu übernehmen. Stalin und Dzierzyhski haben sich gegenwärtig diesen
Fall „aufs Korn genommen", und ich kann bei ihnen
nicht mit Objektivität rechnen. Eher mit dem Gegenteil.
Ich wäre beruhigt, wenn Du Dich einverstanden erklären würdest, die Verteidigung in dieser Affäre zu
übernehmen. Könntest Du Dich dazu aus irgendeinem
Grunde nicht bereit finden, so sende mir bitte alle Unterlagen zurück. Das wird für mich das Zeichen Deiner
Ablehnung sein.
Niederschrift durch M. W.
Herzliche Parteigrüße,
5. März 1923
Lenin
Für die Richtigkeit: M. Woloditschewa

A n t w o r t des Genossen K a m e n e w an das
ZK-Sekretariat
Soeben, 35 Minuten nach 5, erhielt ich von Genossin
Fotijewa die beigefügte Notiz. Ich übersende diese
Notiz dem ZK, da sie nichts enthält, was mich persönlich betrifft. Nach meiner Meinung sollte das ZK die
Frage, ob Wladimir Iljitschs Artikel zu veröffentlichen
ist, sofort positiv entscheiden.
16. 4. 1923
L. Kamenew
5.45 Uhr
Für die Richtgkeit: E. Lepeschinskaja.
17. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa
Genosse Stalin!

14. Dokument
An Genossen Trotzkij!
Wladimir Iljitsch bat mich, Ihnen zusätzlich zu dem
Brief, dessen Inhalt Ihnen bereits telefonisch durchgegeben wurde, mitzuteilen, daß Genosse Kamenew am
Mittwoch nach Georgien reist; Wl. II. möchte wissen,
ob Sie nicht etwas von sich selbst dorthin mitzugeben
haben.
5. März 1923
M. Woloditschewa
15. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa an
Genossen K a m e n e w , Abschrift an Genossen Trotzkij
Lew Borisowitsch!
Ich teile Ihnen als kommissarischem Vorsitzenden
des Politbüros ergänzend zu unserem Telefongespräch
folgendes mit:
Wie ich Ihnen bereits am 31. 12. 1922 mitteilte, hat
Wladimir Iljitsch einen Artikel über die Nationalitätenfrage diktiert.
Er war an dieser Frage sehr interessiert und bereitete
sich darauf vor, diese Frage auf dem Parteitag selbst
zur Sprache zu bringen.
Kurz vor seiner letzten Erkrankung teilte er mir mit,
daß er diesen Artikel veröffentlichen wolle. Aber danach wurde er krank, ohne eine letzte Weisung erteilt
zu haben.
m
W. I. betrachtete seinen Artikel als richtungweisendes
Dokument und hielt ihn für sehr wichtig. Auf Anordnung Wladimir Iljitschs wurde dieser Artikel Genossen Trotzkij zugesandt, dem W. I. die Verteidigung
seines Standpunktes in dieser Frage auf dem Parteitag
anvertraut hatte, da beide in dieser Angelegenheit einer
Meinung waren.
Die einzige Abschrift dieses Artikels, die ich besitze,
ist auf W. I.'s Anordnung in seinem Geheimarchiv aufbewahrt.
Ich übersende sie Ihnen zu Ihrer Information.
Ich konnte dies nicht früher erledigen, weil ich nach
längerer Krankheit erst heute die Arbeit wieder aufgenommen habe.
Privatsekretärin des
16. 4. 1923
Genossen Lenin
L. Fotijewa
Für die Richtigkeit: E. Lepeschinskaja

Ich habe mich heute von Marija Iljinischna in der
Frage beraten lassen, ob der Artikel Wladimir Iljitschs,
den ich Ihnen zusandte, veröffentlicht werden soll, da
Wladimir Iljitsch die Absicht geäußert hatte, ihn im
Zusammenhang mit einer Rede zu veröffentlichen, die
er auf dem Parteitag halten wollte.
Marija Iljinischna meinte, der Artikel sollte nicht gedruckt werden, da W. I. keine klare Anweisung für
seine Veröffentlichung gegeben hat; sie erlaubt lediglich, den Artikel den Delegierten dieses Parteitages zur
Kenntnis zu bringen.
Von meinem Standpunkt aus brauche ich nur hinzuzufügen, daß W. I. die Form seines Artikels noch nicht
für endgültig and druckreif hielt.
16. 4. 1923
L. Fotijewa
21 Uhr
18. Dokument
E r k l ä r u n g des Genossen Stalin
(allen ZK-Mitgliedern
zugestellt)
Ich bin sehr überrascht, daß Genosse Trotzkij es für
zulässig hält, die Artikel des Genossen Lenin, die
zweifellos grundsätzliche Bedeutung haben und die
er schon am 5. März dieses Jahres erhalten hat. über
einen Monat lang als sein persönliches Geheimnis zu
behandeln und ihren Inhalt dem Politbüro oder dem
ZK-Plenum bis zum Vortage des XII. Parteitags vorzuenthalten. Wie mir heute die Parteidelegierten mitteilten, ist das Thema dieser Artikel Gegenstand von
Diskussionen, Gerüchten und Gesprächen unter den
Delegierten; diese Artikel sind, wie ich heute erfuhr,
Personen bekannt, die mit dem ZK nichts zu tun
haben; die ZK-Mitglieder selbst müssen ihre Informationen diesen Gerüchten und Erzählungen entnehmen, während es auf der Hand liegt, daß der Inhalt
dieser Artikel zuerst dem ZK hätte mitgeteilt werden
müssen.
Ich bin der Meinung, daß die Artikel des Genossen
Lenin in der Presse veröffentlicht werden sollten. Es
ist nur zu bedauern, daß diese Artikel — wie aus dem
Brief der Genossin Fotijewa klar hervorgeht — offenbar nicht veröffentlicht werden können, weil sie der
Genosse Lenin nicht noch einmal durchgesehen hat.
22 Uhr
16. 4. 1923
J. Stalin
11

�A M E R I K A

D I E N S T

V/ORTLAUT DES SCHREIBENS PRÄSIDENT EISENHOWERS AN
MINISTERPRÄSIDENT BULGANIN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut eines Schreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower an den
Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Bulganin,
das am 7« August 1956 von dem amerikanischen Botschafter in Moskau, Charles E,, Bohlen, überreicht
wurde und womit Eisenhower das Schreiben Bulganins
vom 6. Juni 1956 beantwortete.
"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Ich nehme hiermit auf Ihr Schreiben vom 6. Juni Bezug, mit dem
ich mich eingehend beschäftigt habe.
Es bestätigte Ihre Bekanntgabe vom vergangenen Mai, daß Sie
planen, die Stärke Ihrer bewaffneten Streitkräfte etwas zu reduzieren. Ich begrüße eine derartige Reduzierung. Sie würde den Handlungen
der amerikanischen Regierung entsprechen, die seit Ende des zweiten
Weltkrieges - mit lediglich einer Ausnahme während der Zeit des Korea«
krieges - die Stärke ihrer bewaffneten Streitkräfte ständig reduziert
hat.
Ich bezweifle jedo ch, ob derartige Reduzierungen dieser besonderen Art, wie sie unse re Regierungen in ihr em jeweiligen nationalen Interesse durchführ en mögen, an der Bese itigung der Furcht sowie
der durch die nationale Rüstung entstandenen hohen Kosten wirksam
beitragen können. Es be steht eine Offensicht liehe.Notwendigkeit zur
Schaffung von internati onalen überwachungsme chanismen und Kontrollen,
die zu größeren Reduzie rungen ermutigen. Ich bedauere, daß wir in
dieser Hinsicht einen s o geringen Portschrit t erzielt haben.
Vor einiger Zeit habe ich Ihrem Vorschlag für eine Bodeninspektion unter der Voraussetzung zugestimmt, daß Sie gleichfalls
meinem vor einem Jahr in Genf gemachten Vorschlag für eine Luftkontrolle und einen militärischen Informationsaustausch zustimmen würden,
Wie ich höre, haben Sie diesen Vorschlag bisher aus dem Grunde abgelehnt, weil er in das Gebiet des Geheimdienstes fallen würde. Was ich
vorschlug, sollte mit einem vollständigen Austausch militärischen
-1

�8. August 1956

"AMERIKA DIENST"

militärischen Informationsmaterials eingeleitet v/erden, und hatte den
Zweck, den anderen jeweils davon in Kenntnis zu setzen, daß keiner
von uns einen plötzlichen massiven Angriff plant und daß jeder von uns
solche "übereinkommen achten wird, die wir, wie ich zuversichtlich
glaube, auf dem Gebiet der Abrüstung zu erreichen imstande sein werden.
Sicherlich ist diese Art von Informationen wünschenswert und notwendig und liegt im Interesse des Friedens und des internationalen Vertrauens, Können wir hierin keinen Fortschritt erzielen?
Ich verweise ferner auf mein Schreiben an Sie vo.:: 1. März 1956,
in dem ich vorschlug, daß von einem noch zu vereinbarenden Zeitpunkt
an die Produktion von spaltbarem Material'in aller Welt nicht länger
mehr zur Vergrößerung der Lager an Sprengwaffen verwendet werden sollte.
Ich hatte gehofft, daß dieser Vorschlag, der mir von erheblicher Bedeutung zu sein schien, von Ihnen als ein wichtiger Schritt dahingehend angesehen würde, die Atomgefahr unter Kontrolle zu bringen. Sie
haben jedoch niemals auf diesen Vorschlag geantwortet und Ihr Schreiben vom 6. Juni nimmt auf die Kontrolle der Atomwaffen nicht Bezug.
Darf ich Sie erneut nachdrücklich ersuchen, dieser Frage und insbesondere meinem Vorschlag vom vergangenen März sorgfältige Beachtung
zu schenken.
Sie gehen in Ihrem Schreiben auf eine mögliche Reduzierung unserer beiderseitigen Streitkräfte in Deutschland ein. Es ist ganz
offensichtlich, daß das Problem der Streitkräfte in Deutschland nicht
als eine isolierte Frage behandelt werden kann. In dieser Hinsicht
muß ich bekennen, daß ich durch die Entwicklungen stark beunruhigt
bin, die seit unserem Treffen in Genf im vergangenen Jahr eingetreten
sind. Wir stimmten dort überein, daß die Wiedervereinigung Deutschlands der gemeinsamen Verantwortung der vier in Genf zusammengekommenen Regierungen unterliegt, und wir stimmten ferner überein, daß
Deutschland durch freie Wahlen wiedervereinigt v/erden sollte, die in
Einklang mit den nationalen Interessen des deutschen Volkes und den
Interessen der europäischen Sicherheit durchgeführt werden. Es ist
dies nicht nur nicht geschehen, sondern ich höre auch von Erklärungen von Ihrer Seite, die anzudeuten scheinen, daß Ihre Regierung entschlossen iqt, die Teilung Deutschlands auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten.
Ich muß gestehen, daß ich mir eigentlich nicht vorstellen kann,
wie wir konstruktiv zusammenarbeiten sollen, wenn Vereinbarungen, die
auf höchster Ebene nach umfassendster Prüfung ausgehandelt worden
sind, nicht verläßlich zu sein scheinen.
Es ist nichtsdestoweniger meine aufrichtige Hoffnung, daß wir
Mittel und Wege finden werden, um hinsichtlich einer sinnvollen Rüstungskontrolle Fortschritte zu machen; dies ist eine Hoffnung, die,
wie ich glaube, nicht nur von uns sondern auch von den Völkern der
ganzen Welt geteilt wird.
Meine Mitarbeiter und ich haben niemals aufgehört, dieser ganzen
Angelegenheit einer Rüstungsbegrenzung und vor allem der Beseitigung
der wachsenden Bedrohung durch die Kernwaffen und modernen Kampfmittel

- 2

�'

,

"AMERIKA DIENST"

8. August 1956

Kampfmittel unsere größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie zu prüfen.
Wenn sich aus dieser Prüfung weitere Möglichkeiten internationaler
Maßnahmen ergeben sollten, wovon ich fest überzeugt bin, dann werde
ich sie Ihnen entweder direkt oder durch die zuständigen Organe der
Vereinten Nationen mitteilen. In diesem Zusammenhang muß ich erklären,
daß ich Ihre Ansicht über die Tätigkeit des Unterausschusses der UNAbrüstungskommission nicht teile. Die dort geführten Diskussionen
haben wesentlich dazu beigetragen, Licht auf dieses schwierige Problem
zu werfen und, wie ich hoffe, die zwischen unseren Ansichten bestehende
Kluft einzuengen.
Können wir nicht, Herr Ministerpräsident, mehr zur Realisierung
der Hoffnungen tun, die durch unser Treffen in Genf wachgerufen wurden? Wir machten damals Versprechungen, besonders in bezug auf Deutschland, die mit äußerster Dringlichkeit erfüllt werden müssen. Wir
verpflichteten uns feierlich zu Abrüstungsanstrengungen, aus denen für
die gesamte Welt Gutes ersprießen würde, wenn wir uns nur über liberwachungs- und Kontrollmaßnahmen einigen könnten, die realisierbar
sein sollten, wenn keiner von uns irgend etwas Feindseliges zu verbergen hat. Wir suchten einen Weg zur Entwicklung von Kontakten, die
unsere Völker in die Lage versetzen würden, durch besseres Wissen
über das andere Land ihre Freundschaft zu stärken, die ein wertvolles
Bollwerk für den Frieden bilden kann.
Wir erkennen an, daß in Ihrem Lande Bestrebungen im Gange sind,
einen Teil der Untaten einer vergangenen Epoche aus der Welt zu schaffen. Wir begrüßen dies. Aber ich hoffe, daß Sie und Ihre Mitarbeiter
diese Anstrengungen nicht nur auf diese Untaten beschränken werden,
wie sie in Ihrem Lande und Ihrer Partei zutage getreten sind. Diese
Untaten wirkten sich auch auf internationaler Ebene aus. Selbst heute
noch stellen sie ein ernstes Hindernis dafür dar, daß die Dinge geschehen, die, wie wir beide übereinstimmten, getan werden müßten.
Diese Situation muß also durch einen neuen Geist gebessert werden,
um den ich aufrichtig an Sie appelliere.

Ihr sehr ergebener
Dwight D. Eisenhower"

- 3 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLE3 PRÄZISIERT WESTLICHEN SUEZPLAN

LONDON - (AD) - Der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles präzisierte am 20. August 1956 auf der
Londoner Suezkonferenz den Plan, der von westlicher
Seite zur Lösung des Problems vorgeschlagen wird.
Der amerikanische Suezplan hat folgenden Wortlaut:
"Die an der Londoner Suezkanalkonferenz teilnehmenden Regierungen, die diese Erklärung billigen, haben sich, besorgt über die ernste
Lage in bezug auf den Suezkanal; in dein Streben nach einer friedlichen Lösung in Übereinstimmung mit den Zielen und Zwecken der Vereinten Nationen; und in Anerkennung der Tatsache, daß eine befriedigende Lösung auf der einen Seite den souveränen Rechten Ägyptens,
einschließlich seinem Recht auf eine gerechte und faire Entschädigung
für die Benutzung des Kanals, Rechnung tragen und zum andern den
Suezkanal in Übereinstimmung mit der Suezkanalkonvention vom 19.
Oktober 1888 als eine internationale Wasserstraße sichern muß, zu
folgender Darlegung ihres Standpunktes entschlossen:
1. Sie unterstreichen, daß, wie in der Konvention von 1888 festgelegt, 'ein definitives System' ausgearbeitet werden soll, 'das geeignet ist, zu allen Zeiten und für alle Mächte die freie Benutzung
des Suez-Schiffahrtkanals zu garantieren.'
2. Ein solches System muß sicherstellen:
a) die reibungslose und zuverlässige Inbetriebhaltung, Erhaltung
und Entwicklung des Kanals als eine freie, offene und sichere internationale Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der
Konvention von 1888}
b) die Heraushaltung des Betriebs des Kanals aus dem Einfluß der
Politik irgendeiner Nation;
c)

die Respektierung der Souveränität Ägyptens;

d) einen Erlös für Ägypten aus der Benutzung des Kanals, der
fair und gerecht und mit der Ausweitung der Kapazität und des Verkehrs steigen sol];

ei
- 1 -

�'AMERIKA DIENST

22. August

1956

e) die Zahlung solcher Summen an die allgemeine Suezkanalgesellschaft, wie sie im Sinne einer gerechten Entschädigung als angemessen
betrachtet werden.
f) die Festsetzung der Kanalgebühren auf einen so niedrigen Stand,
wie er zur Erfüllung der obengenannten Bedingungen erforderlich ist
und mit Ausnahme des obengenannten Absatzes d) keinen Gewinn bringt.
Um diese Ergebnisse auf einer dauerhaften und zuverlässigen Grundlage zu erreichen, soll durch eine Konvention folgendes vereinbart werden:
A) Institutionelle Abmachungen über die Zusammenarbeit Ägyptens
und anderer interessierter Nationen in dem Betrieb, der Erhaltung und
der Entwicklung des Kanals und zur Abstimmung und Sicherung ihrer jeweiligen Interessen am Kanal. Zu diesem Zweck würde der Betrieb, die
Erhaltung und die Entwicklung des Kanals sowie sein Ausbau zur Steigerung des Verkehrsvolumens im Interesse des Welthandels und Ägyptens
der Verantwortlichkeit eines Suezkanalamtes obliegen. Ägypten müßte
diesem Amt alle Rechte und Einrichtungen übertragen, die für dessen hier
umrissene Funktionen notwendig sind. Außer Ägypten würden Mitglieder
dieses Amtes andere Staaten sein, die nach einem Verfahren gewählt
werden, über das sich die Signatarstaaten der Konvention einigen, wobei
der Umfang der Benutzung, die Art des Handels und die geographische
Lage entsprechend zu beachten wären. Die Zusammensetzung müßte dergestalt sein, daß sichergestellt ist, daß das Amt seine Aufgaben einzig
im Hinblick auf die bestmöglichen Betriebsergebnisse und ohne politische Motivierung zugunsten oder zum Nachteil irgendeines Kanalbenutzers erfüllt. Das Amt müßte in regelmäßigen Zeitabständen den Vereinten Nationen Bericht erstatten.
B) Eine Schiedskommission zur Regelung irgendwelcher Streitigkeiten bezüglich der gerechten Erlöse für Ägypten oder der fairen Entschädigung der allgemeinen Suezkanalgesellschaft oder anderer sich aus
dem Betrieb des Kanals ergebender Fragen.
C) V/irksame Sanktionen gegen jede Verletzung der Konvention
durch eine Signatarmacht oder irgendeine andere Nation,einschließlich
von Bestimmungen über Maßnahmen bei der Anwendung oder Androhung von
Gewalt zur Störung der Benutzung oder des Betriebes des Kanals als
einer Bedrohung des Friedens und einer Verletzung der Ziele und Zwecke
der Charta der Vereinten Nationen.
D) Bestimmungen über eine zweckentsprechende Assoziierung
mit den Vereinten Nationen und eine Revision, wie sie als notwendig
angesehen werden könnte."

* * *

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�"AMERIKA DIENST"

22.August 1 956

Bei der Unterbreitung des Suezplanes machte der amerikanische
Außenminister folgende Ausführungen»
"Nachdem wir nunmehr den Teil, den man als 'allgemeine Debatte1
bezeichnen kann, beendet haben, erhebt sich naturgemäß die Frage»
Was tun wir jetzt? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zum
großen Teil aus dem Wesen dieser Konferenz. Diese Konferenz ist manches
nicht; sie ist nicht eine Konferenz, um Entscheidungen zu fällen, die
diejenigen binden, die nicht ihre Zustimmung geben. Unsere Wirksamkeit
steigert sich in dem Maße, wie wir ein Übereinkommen zeigen, und ganz
gewiß sollten wir danach streben. Aber keine noch so große Majorität
kann eine Minorität, und sei sie noch so gering, binden. Dies ist auch
keine Konferenz, um mit Ägypten zu verhandeln, denn Ägypten ist nicht
anwesend, Wenn Ägypten die Einladung zur Konferenz angenommen hätte,
dann hätte die Konferenz wohl einen anderen Aspekt angenommen. Da
Ägypten es jedoch für richtig befand, der Konferenz fernzubleiben,
wird die Konferenz, wie sie sich jetzt zusammensetzt, automatisch
daran gehindert, eine Verhandlungsbasis mit Ägypten darzustellen.
Dies ist ferner keine Konferenz, durch die ein Ultimatum in irgendeiner Form an Ägypten gerichtet werden kann. Niemand von uns hier
würde auch nur für einen Augenblick ein derartiges Ziel verfolgen.
Wozu wir meiner Ansicht nach hier sind, ist, zu der größtmöglichen
Übereinstimmung zu gelangen, auf welche V/eise der Suezkanal am besten
und zuverlässigsten seinem ursprünglichen Zweck dienen kann, den freien
und sicheren Güteraustausch zwischen den Ländern der Welt zu fördern und
vor allem ein sicheres Verbindungsglied zwischen Asien und Europa zu sein.
Diese Verbindung darf nicht getrennt werden. Wir schulden es der
Welt und uns selbst, in dieser Frage eine nüchterne Ansicht zu äußern.
Ich meine, daß irgendwelcher Ausdruck unserer Meinung nicht auf
solchen Spekulationen beruhen sollte, ob die ägyptische Regierung zustimmt oder nicht zustimmen wird. Wir sollten vielmehr in aller Ehrlichkeit eine Ansicht über die Maßnahmen äußern, die Vertrauen für die
Zukunft schaffen und zur gleichen Zeit den souveränen Rechten Ägyptens
Rechnung tragen. Soweit dies die Vereinigten Staaten betrifft, beruht
die von uns vorgetragene Meinung auf unserer Einschätzung der tatsächlichen Lage, Wenn es die Regierung der Vereinigten Staaten auf außen-,
politischem Gebiet für opportun erachten würde, nicht irgendwelche
neuen Garantiemaßnahmen anzustreben, so würde jene politische Entscheidung faktisch keine Gewähr dafür bieten, daß unsere privaten Staatsbürger in Zukunft irgendwelche Pläne für die Schiffahrt oder für die
Erschließung von Absatzmärkten für ihre Produkte oder Lieferungsquellen
entwickeln können in der Annahme, daß die Durchfahrt durch den Kanal
auf Grund vernünftiger Bedingungen und verläßlich gewährleistet sein
würde. Zweifelsohne sind andere Regierungen in der gleichen Lage.
Nach Ansicht der amerikanischen Regierung ist es hier unsere Aufgabe, so klar wie möglich und mit der größtmöglichen Einmütigkeit die
wahren Bedingungen niederzulegen, die den Millionen von Menschen, deren
wirtschaftliche Bemühungen bewußt oder unbewußt durch eine verläßliche
Durchfahrt durch den Suezkanal berührt werden, eine wirtschaftliche Sicherheit geben. Eine politische Entscheidung, die weniger als das fordert,
was für dieses Ziel nötig ist, würde irreführen und der Sache, der wir hier
dienen wollen, abträglich sein. Wollte man mehr verlangen

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�22. August 1956

AMERIKA DIENST"

verlangen, dann würde dies in gleicher Weise falsch und der Sache,
der wir hier dienen wollen, ebenfalls abträglich sein. Die hier geäußerten Ansichten, die dann schließlich auf einfache Bestimmungen
reduziert wurden, sollten daher der ägyptischen Regierung unterbreitet werden, so daß diese dann entscheiden kann, was sie in diesem
Zusammenhang zu tun wünscht.
'.Venn Ägypten diese Ansichten als eine Verhandlungsbasis für
einen Vertrag oder eine Konvention allgemein akzeptabel findet,
dann würde es die Aufgabe sein, einen Vertrag zwischen Ägypten und
denjenigen zu formulieren, die sich mit diesen Ansichten einverstanden erklären. Falls Ägypten andererseits nicht bereit ist, auf
einer Basis zu verhandeln, die den Ländern, welche in erster Linie
den Kanal benutzen und auf ihn angewiesen sind, unerläßlich scheint,
dann, so meine ich, wird dadurch eine neue Situation geschaffen, die
von unseren Regierungen zum gegebenen Zeitpunkt erörtert werden muß.
In diesem Fall wird es vielleicht - oder vielleicht auch nicht weitere gemeinsame Entscheidungen zwischen allen oder einigen Teilnehmern an dieser Konferenz geben. Das müßte von den Regierungen gemäß den entsprechenden Umständen entschieden werden.
Aus dieser Sicht heraus hat die amerikanische Delegation ein
Dokument vorbereitet und in Umlauf gebracht, in dem gewisse Ansichten
niedergelegt sind, wie der zukünftige Betrieb des Suezkanals auf eine
sichere Basis gestellt werden kann. Dieses Dokument trägt den Meinungen Rechnung, die auf dieser Konferenz geäußert worden sind.
Die große Mehrheit derjenigen, die hier gesprochen haben und
die jene Nationen vertreten, welche bei weitem am meisten auf den
Kanal angewiesen und seine größten. Benutzer sind, scheint der Ansicht zu sein, daß die in diesem Dokument vorgeschlagenen Sicherungen die erforderliche Garantie geben, die notwendig ist, wenn sie
und ihre Landsleute auf eine verläßliche Durchfahrt durch den Kanal
rechnen wollen. Wenn wir alle oder die meisten von uns eine wesentliche
Einigung über eine Erklärung dieser Art erzielen, dann wird dies, so
meine ich, in erheblichem Ausmaße zu einer friedlichen Lösung des gegenwärtigen ernsten Problems beitragen. Ich bin der Überzeugung, daß
Ägypten die erörterten und gemeinsamen Ansichten jener Länder kennen
sollte, die im Vertrauen auf den Vertrag aus dem Jahre 1888 und das
bisher vorherrschende System ihre '.Virtschaften und ihren Handel entwickelt haben, wobei sie sich auf den Kanal als auf einen internationalen Wasserweg verließen.
Es mag vielleicht keine vollständige Einigkeit über diesen Punkt
herrschen, meiner Ansicht nach ist es aber wichtig, den größtmöglichen
Grad von Einigkeit zu erzielen. '.Venn es andere hiervon abweichende Ansichten gibt, dann sollten sie' ebenfalls niedergelegt und Ägypten mitgeteilt werden. Der Plan der Vereinigten Staaten stellt angesichts der auf
dieser Konferenz gemachten Bemerkungen ein ehrliches Bemühen dar, das
aufzuzeigen, was, wie es scheint, von den meisten von uns als die notwendigen Forderungen der Situation angesehen wird. Genauso wie ich glaube,
daß niemand aus politischen Gründen mehr verlangen sollte als praktisch
von den harten Tatsachen des Wirtschaftslebens gefordert wird, so glaube
ich nicht, daß wir auf Grund von Spekulationen hinsichtlich dessen, was
Ägypten annehmen wird, weniger verlangen sollten.
Die

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�AMERIKA DIENST"

22. August 1956

Die Souveränität Ägyptens ist hier nicht mißachtet worden. Was
vorgeschlagen worden ist, war daß Ägypten einen Vertrag machen sollte
Während jeder Vertrag eine gewisse Aufgabe der souveränen Rechte bedingt, ist der Abschluß eines Vertrages an sich ein Akt der höchsten
Souveränität. Was wir vorschlagen, geht dahin, Ägypten in höflicher
Weise über gewisse Tatsachen zu informieren und es zu fragen, ob es
bereit ist - oder nicht -, in Verhandlungen zum Abschluß einer Konvention einzutreten, die diesen Tatsachen Rechnung trägt. V/enn es
dies tun will, dann übt es seine Souveränität in einer Lage aus, der
ein großes internationales Interesse entgegengebracht wird. Durch
diesen Weg werden wir einer Pflicht genügen, die uns als Signatarmächte des Vertrages von 1888 oder als wichtige Benutzer des Suezkanals auferlegt worden ist. Wir können hoffen, daß Ägypten mit
gleicher Einstellung seine Verantwortlichkeit einsehen und so eine
faire und konstruktive Lösung ermöglichen wird, die die gesamte
Welt mit Spannung erwartet."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTEN ZUM LABOR DAY 19 r ;6
3 . S e p t e m b e r 1956

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

BOTSCHAFTER ZUM LABOR DAY
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen Botschaften führender Männer des amerikanischen
öffentlichen Lebens zum amerikanischen "Tag der Arbeit"

Die Labor Day-Botschaft des amerikanischen Arbeitsministers,
James P. Mitchell, hat folgenden Wortlaut:
"Heute sind Hammer und Säge
maschine steht still. Kein Rauch
Schreibmaschinen sind stumm. Die
Verkaufsabschluß. Die Nation und

im Werkzeugkasten, die Produktionssteigt aus den Fabrikschloten. Die
Registrierkassen verzeichnen keinen
ihre 66 Millionen Arbeiter ruhen aus.

Was ist die Ursache dafür, daß die produktive Kraft der Nation
ruht und ihre Arbeitskraft das Werkzeug niedergelegt hat?
Es ist der Tribut, den wir den Männern und Frauen zollen, die
mit Herz, Geist und Händen die Güter und Dienstleistungen unserer
Nation schaffen. Auf diese Weise sagen wir der amerikanischen Arbeiterschaft Dank für die gute Arbeit.
Es ist eine Gelegenheit, bei der wir daran denken, daß Arbeit
die Mühe wert ist, daß die Gewerkschaften für Produktion und Fortschritt wesentlich sind, und daß die Arbeiter der Nation die Stärke
der Nation sind.
1

Wie geht es unseren arbeitenden Männern und Frauen? Wie leben
sie 1956? Sie haben einträglichere Anstellungen denn je zuvor. Sie
verdienen höhere Löhne, und sie können mit diesen Löhnen mehr für sich
und ihre Familien kaufen. Kurz, es geht ihnen besser als zu irgendeiner Zeit in der Geschichte unserer Nation.
Dies ist so, wie es sein sollte. Da mehr und mehr Menschen ein
eigenes Heim besitzen und an den Früchten ihrer Arbeit teilhaben, erkennen die Amerikaner in immer steigender Zahl das wahre Erbgut dieses großen Landes. Es besteht zumindest Grund zu der Hoffnung, daß
alle Amerikaner eines Tages den Traum erfüllt sehen, der die Menschen
über die unsicheren Wasser aus allen vier Himmelsrichtungen der ganzen Welt in unser Land führte.
Es ist unser aller- ob wir uns zur Arbeiterschaft, Betriebsführung oder Regierung rechnen - Verantwortlichkeit, sicherzustellen,
daß der amerikanische Traum für eine ständig wachsende Zahl unserer
Bevölkerung Wirklichkeit wird; daß die Früchte unserer Arbeit immer
weiter verteilt werden, und daß die Mußezeit, die dem Körper Gesundheit und dem Geist Frieden bringt, immer reichlicher zur Verfügung
steht."
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson
erklärte:
"Dies ist der erste Labor Day seit der historischen Fusion von
zwei der größten Organisationen arbeitender Männer und Frauen auf der
ganzen Welt.
Neuerworbene Stärke bringt neue Verantwortlichkeiten und neue Möglichkeiten mit sich - Möglichkeiten für eine Führungsaufgabe, auf daß
in diesem Zeitalter der Fülle alle einen gerechten Anteil an dem Reichtum, den sie schaffen, haben mögen.
Angemessene Wohnungen, gute Schulen, gleiches Recht für alle, mehr
Freiheit für den einzelnen, Schutz gegen die unnötige Not im Alter, bei
Arbeitslosigkeit und Krankheit - diese Ziele braucht Amerika heute diese und Frieden in der Welt.
Ich bin zuversichtlich, daß die Gewerkschaften, die heute mächtiger denn je zuvor sind, in dem amerikanischen Bemühen um ein besseres
Leben den Weg weisen werden."
Der Fraktionsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, John
W. McCormack, sagte:
"Im vergangenen Jahre ist in unserem Lande die Einheit der Arbeiter eine Realität geworden. Das positive und konstruktive Programm
der organisierten Arbeiter hat nicht nur die Arbeitsbedingungen der Gewerkschaftsmitglieder im ganzen Lande verbessert, sondern gleichzeitig
das Wohlergehen der 65 Millionen arbeitenden Menschen im Lande erhöht."

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

George Meany, der Vorsitzende, des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO:
"Die arbeitenden Männer und Frauen Amerikas haben guten Grund, den
diesjährigen Labor Day zu feiern,denn die geeinte Arbeiterbewegung
ist kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit.
Es ist nicht meine Gewohnheit, große Voraussagen zu machen. Ich
habe jedoch die feste Zuversicht, daß die fusionierte Gewerkschaftsbewegung im Zusammenwirken mit ihren 15 Millionen Mitgliedern in den
kommenden Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen wird.
Was erwarten die Gewerkschaften? Welches sind ihre Ziele? Ständig
höre ich diese Fragen. Und es scheint mir, daß der Labor Day ein guter
Anlaß ist, über diese Dinge zu sprechen.
Wir wollen zu allererst einen gerechten Anteil an dem, was wir
produzieren helfen. Das heißt, mehr als den reinen Lebensunterhalt.
Das heißt, ein Einkommen, das ausreicht, um anständig und angenehm
leben zu können, es heißt, die Möglichkeit haben, um den Kindern des
Arbeiters eine gute Erziehung angedeihen und sie in einer gesunden
Umwelt aufwachsen zu lassen. Das heißt, Sicherung gegen mögliche Unglücksfälle und Sicherheit für das Alter. Das sind jene Ziele, die
in der Sprache der Gewerkschaftsbewegung die 'Brot- und Butterziele'
genannt werden.
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß wir diese Vorteile nicht
für uns allein anstreben. Wir bemühen uns darum, Millionen unorganisierter Arbeiter zu organisieren, so daß auch sie bessere Bedingungen
erhalten können. Ja, wir versuchen, den Lebensstandard aller Amerikaner zu erhöhen.
Jeder, der die Gewerkschaftsbewegung richtig verstehen möchte,
sollte sich darüber im klaren sein, daß sie ebenso viel Wert auf das
Geben wie auf das Nehmen legt. Wir sind entschlossen, unseren Teil zum
Aufbau besserer Gemeinden und einer stärkeren Nation beizutragen. Wir
sind ebenso entschlossen, einen echten Beitrag zur Schaffang von Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Menschen der ganzen Welt zu leisten.
Die Gewerkschaft hat ein großes und vorausschauendes Programm.
Sie ist durch Opposition und zeitweilige Rückschläge nicht zu entmutigen,und sie ist sich ihrer Verantwortlichkeit hinsichtlich der eigenen Disziplin voll bewußt. Sie hat ein Programm, das mit der freien
und demokratischen Lebensart vollständig übereinstimmt.
Wenn ich die wesentlichen Punkte des Gewerkschaftsprogramms zusammenfasse, möchte ich die wichtigsten Dinge an den Anfang stellen.
Wir können nicht leben und Fortschritte erzielen ohne Frieden. Wir
»
die wir im Atomzeitalter leben, wissen, daß ein Krieg eine gewaltige Katastrophe wäre, durch die ganze Nationen ausgelöscht und
durch die über Nacht alles zerstört werden würde, wofür wir Jahrhunderte lang gekämpft haben.

Es

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29. August

1956

Es gibt nur eine Macht auf der Erde, die stark genug und bedenkenlos genug wäre, die Welt in einen solchen Krieg zu stürzen - Sowjetrußland. Der geschickte Propagandafeldzug des Kreml - seine wiederholten Hinweise auf seine friedlichen Absichten, seine kürzliche Verurteilung der Verbrechen Stalins -, keines dieser Manöver kann die
zentrale und unumgängliche Tatsache verdecken, daß das Ziel der Kommunisten noch immer die Beherrschung der Welt ist, und daß sie sich nie
mit weniger zufrieden geben werden.
Das ist der Kernpunkt, dem sich Amerika in seiner führenden Rolle
in der freien Welt entgegenstellen muß. Wir müssen einen sorgfältigen
Kurs steuern, um den Frieden zu erhalten, ohne dabei die Freiheit irgendeiner Nation, die der kommunistischen Aggression ausgesetzt ist,
zu gefährden oder zu opfern. Wir müssen ein starkes nationales Verteidigungsprogramm und eine klare außenpolitische Linie entwickeln, die
den Krieg durch das einzige Abschreckungsmittel, das die Kommunisten
respektieren,mit größtmöglicher Sicherheit verhindern können: die Machtüberlegenheit .
Die freie, amerikanische Gewerkschaftsbewegung wird sich niemals
durch das Süßholzgeraspel von Diktatoren täuschen lassen, die durch
Massenunterdrückung regieren und mit Zwangsarbeit ihren Militärapparat
stärken.
Aber wir sind uns darüber im klaren, daS verzweifelte Menschen
in weit entfernten Ländern, die keine Hoffnung sehen, um ihrem gegenwärtigen Elend zu entkommen, dem Kommunismus auf Grund falscher Versprechungen von Brot und Sicherheit verfallen können. Das ist bereits
geschehen. Es kann wieder geschehen. Die Kommunisten unternehmen gewaltige Anstrengungen, die Herrschaft über die arbeitenden Massen in
Europa, Asien, Afrika und Südamerika zu gewinnen. Sie haben gezeigt,
daß sie in dem Augenblick, da sie die Arbeiterbewegung eines Landes
in der Hand haben, sie auch die politische Macht in die Hand bekommen
und den Eisernen Vorhang vorverlagern können, ohne zu militärischen
Mitteln greifen zu müssen.
Dies ist der Kampfplatz, auf dem die freien Gewerkschaften unter
dem Banner des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften ihren
größtmöglichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens und der Freiheit
der Menschheit zu leisten entschlossen sind. In den letzten sieben
Jahren ist jeder Versuch der Kommunisten, durch Infiltrierung weiter .
vorzudringen, vereitelt worden. Der Einfluß der Kommunisten in den Gewerkschaftsbewegungen der freien Nationen ist eingedämmt worden. Die
freien Gewerkschaften haben die Absicht, einen immer wirksameren Feldzug auf diesem lebenswichtigen Gebiet zu führen.
Was die Lage in Amerika selbst anbelangt, so sehen die Gewerkschaften die Notwendigkeit einer fortschreitenden Stärkung der amerikanischen Wirtschaft ein, was letztlich dem Handel, den Farmern und
Industriearbeitern in Form von größeren Einkünften zugute kommt. Wir
haben ständig darauf beharrt, daß eine höhere Kaufkraft der Massen der
Schlüssel zu einer dynamischen Wirtschaft und wachsendem Wohlstand ist.
Aber die Verbrauchsrate muß mit der ständig wachsenden Produktionskapazität Amerikas Schritt halten. Andernfalls werden wir mit Überschüssen

"4

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Überschüssen überschwemmt, die tödliche Gefahren in sich bergen. So
ist der Druck der Gewerkschaften, durch den auf dem Wege über Kollektivverhandlungen höhere Löhne erzielt werden sollen, im öffentlichen
Interesse.
Ebenso unser Bemühen, unorganisierte Arbeiter zu organisieren,
denn sie werden bessere Kunden, wenn sie nach Gewerkschaftstarifen
bezahlt werden. Der amerikanische Lebensstandard kann, solange die
Räder seiner Produktionsmaschine laufen, nicht einfrieren.
Natürlich erschrecken manche kurzsichtigen Menschen bei dem
Gedanken an eine fortwährende Expansion. Sie fürchten, daß der Fortschritt nicht unbegrenzt andauern kann. Tatsache ist, daß die Grenzen
des amerikanischen Fortschritts noch nicht abzusehen sind. Es gibt noch
viel in unserem Land zu tun, was leider zu lange vernachlässigt worden ist - umfassende Projekte, die nur von der Bundesregierung geplant
und durchgeführt werden können.
Das ist zum Beispiel der Mangel an Schulen. Alles in allem stellt
das Schulwesen des ganzen Landes einen dringenden Notstand dar. Die
Einzelstaaten und Gemeinden haben nicht das Geld, um genug Schulen
zu bauen und durch bessere Bezahlung den Lehrberuf für mehr Menschen
attraktiver zu gestalten. Die einzige Lösung ist nach Meinung unparteiischer Experten eine Hilfe durch den Bund - die der Kongreß bisher
noch nicht zur Verfügung gestellt hat.
Die Gewerkschaften sind über die Schulkrise so besorgt, daß sie
die Forderung eines angemessenen Programms des Bundes für das Schulwesen an die Spitze ihres Legislativprogramms gestellt haben. Wir
setzen uns außerdem für ein großzügiges Wohnungsbauprogramm auf Bundesebene ein, um die Slums und ungesunden Viertel aus unseren Städten
verschwinden zu lassen und Menschen der niedrigen und mittleren Einkommensklassen und älteren Personen angemessene Wohnungen zu beschaffen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Amerika Fortschritte in Richtung auf
eine verbesserte Sozialversicherung gemacht. Aber immer noch klafft
eine Lücke in dem Schutzwall, den wir errichtet haben. Es existiert
noch kein angemessenes Versicherungsprogramm, um die Kosten ärztlicher
Behandlung zu decken, eine Tatsache, die für die Durchschnittsfamilie
unselige Folgen haben kann. Der AFL-GIO tritt für eine Krankenversicherung auf Bundesebene ein, die die Freiheit der Patienten und Ärzte
in gleicher Weise garantiert.
Unser Legislativprogramm sieht schließlich noch ein Gesetz zur
Regelung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen vor, das beiden Seiten des Konferenztisches gerecht wird und gleichzeitig das öffentliche
Interesse schützt. Führer der beiden großen politischen Parteien haben
ihre Hilfe für die Beseitigung der offensichtlichen Ungerechtigkeiten
zugesichert, die das Taft-Hartley-Gesetz den amerikanischen Arbeitern
auferlegt. Aber nichts ist getan worden. Ebenso gibt es in 17 Staaten
immer noch die sogenannten 'Recht-auf-Arbeit'-Gesetze, die auf die
völlige Zugrunderichtung der Gewerkschaftsverbände ausgerichtet sind
und die schleunigst aufgehoben werden sollten.
TT

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29- August

1956

Um mit seinem Legislativprogramm Erfolg zu haben, sah sich der
AFL-CIO genötigt, politisches Gebiet zu betreten. Wir sind überzeugt,
daß Amerika - um weiter zu kommen - eine fortschrittlichere und vorausblickende Regierung braucht. Unser politisches Aktionsprogramm ist einfach. Wir appellieren an alle unsere Mitglieder und ihre wahlberechtigten Familienangehörigen, sich für die Wahl registrieren zu lassen und
ihrer Wahlpflicht zu genügen. Wir beschaffen ihnen Material über die
Kandidaten und ihre Einstellung zu den wichtigsten Problemen, so daß
sie mit Überlegung wählen können. Wir versuchen weder, eine der politischen Parteien zu dirigieren, noch uns von einer beherrschen zu lassen. Unsere Haltung ist unabhängig, bester amerikanischer Tradition gemäß.
In diesem Wahljahr ist es für jeden arbeitenden Mann und für jede
arbeitende Frau in Amerika zwingender denn je, sich registrieren zu lassen und ihrer Wahlpflicht zu genügen. Ich kann diese Staatsbürgerpflicht
gar nicht genug betonen.
In dieser Botschaft zum Labor Day habe ich eine Reihe künftiger
Ziele bekanntgegeben. Jetzt, da die Gewerkschaftsbewegung geeint ist, befindet sie sich in einer weit besseren Lage, diese Ziele zu erreichen.
Natürlich erwarten wir nicht, über Nacht Wunder zu vollbringen. Aber mit
Geduld, stetigem Bemühen, in der Verfolgung der hohen Grundsätze der Begründer unserer Bewegung und im Zusammenstehen gegen die Hindernisse auf
unserem Weg können und werden wir einen wesentlichen Fortschritt erzielen.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter und Angestellten des
amerikanischen Fernmeldewesens und Vorsitzende des Ausschusses der AFLCIO für die im öffentlichen Dienst Beschäftigten, Joseph A.Beirne.
erklärte:
"Wenn sich die amerikanischen Arbeiter an diesem Labor Day des
Wohlstandes und der Freiheit erfreuen, so darum, weil wir stark genug
sind, für diese beiden Güter das ganze Jahr über zu kämpfen. Der Tag,
an dem wir fett und träge werden sollten, würde den Beginn der Zeit bedeuten, da wir beide verlieren würden.
So lange Gewerkschaften und andere die Freiheit sichernde Institutionen von der eisernen Faust irgendwelcher Art von Totalitarismus
niedergehalten werden,kann es keinen echten Frieden geben.Wir müssen deshalb die Gewerkschaften der freien Welt erhalten und ihre weitere Entwicklung fördern.
Hier in unserem Lande hat die organisierte Arbeiterschaft in den
42 Millionen Amerikanern, die sich keiner Organisation angeschlossen
haben, eine schwere Last mitzuschleppen. Wir alle sind es uns selbst
schuldig, etwas zur Behebung dieses mangelnden Gleichgewichts zu unternehmen, wenn wir unseren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten gerecht
werden wollen - in der Heimat und auch draußen im Ausland."
George M. Harrison, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten und Leiter des Bildungsausschusses der AFL-CIO, gab folgende Erklärung ab:
"Das neue Abzeichen der AFL-CIO zeigt zwei Hände, die sich über
dem nordamerikanischen Festland zusammenschließen. An diesem Labor Day
habe ich den Wunsch, diese selbe Art des Händedrucks auf alle anderen
Gewerkschaftsangehörigen auszudehnen, nicht nur _in
- £

.

�1

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

in Nordamerika, sondern rings in der ganzen Welt.
Es ist die Hand eines Freundes, die ich ausstrecke. Wenn ihr je
ihrer bedürfen solltet, dann hoffe ich, daß sie sich hilfreich erweisen wird. Und wenn dies der Fall ist, dann haben wir nur die Bitte, daß
auch ihr wiederum die gleiche helfende Hand allen anderen Mitgliedern
der Gewerkschaftsbewegung entgegenstreckt."
0. A. Knight, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter der
Erdöl-, chemischen und Atomkraftindustrie Amerikas und Mitglied des
Ausschusses für inter-amerikanische Angelegenheiten der AFL-CIO,
führte aus:
"An diesem Labor Day, dem ersten seit der Schaffung des Gewerkschaftsverbandes 'American Federation of Labor and Congfess of Industrial Organizations', erscheint es vielleicht angebracht, festzustellen,
daß die organisierte Arbeiterschaft ihre historische Aufgabe, zum beste..
der Interessen aller Amerikaner zu wirken, auch weiterhin durchgeführt
hat, ungeachtet der Kassandra-Warnungen, welche die Geburt der AFL-^IO
von manchen Seiten her begleiteten.
Und da wir uns jetzt der ersten Präsidentenwahl seit unserem Zusammenschluß zu einer gemeinsamen Körperschaft nähern, dürfte es auch
angemessen sein, darauf hinzuweisen, daß wir in unserer politischen
Tätigkeit denselben Kurs weiterverfolgen wie bisher.

was
Wir
für
gen
das
gen

Das bedeutet, daß wir auch künftig für alles das eintreten werden,
recht ist, selbst dann, wenn es unpopulär sein sollte, so zu handeln.
werden fortfahren, die Interessen zu verteidigen, die lebenswichtig
die "Wohlfahrt unseres Landes sind. Und wir werden nicht zögern, gejegliches Sonderinteresse zu kämpfen - und unbarmherzig zu kämpfen -,
versucht, seine eigenen beschränkten Zwecke auf Kosten aller übrivon uns zu fördern.

Diesem Geiste weihen wir uns, unter nochmaliger Bekräftigung der
Grundsätze.,, für die wir uns stets eingesetzt haben, an diesem Labor
Day von 195&amp; aufs neue."
James B. Care_y, der Vorsitzende der internationalen Gewerkschaft
der Arbeiter der Elektro-, Radio- und Maschinenindustrie und Leiter des
Ausschusses für staatsbürgerliche Rechte der AFL-CIO, betonte:
"Die Gewerkschaftsbestrebungen und die Vertretung der Rechte des
Staatsbürgers hängen eng miteinander zusammen. Das eine kann keine
Fortschritte machen, wenn nicht auch das andere gefördert wird. Und
ebenso kann auch keines von beiden gehemmt werden oder Schaden erleiden,
ohne daß zugleich das andere dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird.
Seit den frühen Tagen der dreißiger Jahre haben sich sowohl die Gewerkschaften als auch die Rechte des Staatsbürgers nicht solch vielfältigen
und großen Aufgaben gegenübergesehen.
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEITER

29. August 1956

'Der Versuch, die Bevölkerung Amerikas und der Welt nach ihrer
Hautfarbe aufzuteilen, stellt uns vor eine große Bewährungsprobe. Früher
war es die Religion, zu anderen Zeiten waren es Nationalismus, Regionalstolz oder irgend etwas anderes, das dem Zweck dienen sollte, die amerikanischen Werktätigen untereinander zu spalten und sie von den Arbeitern des Auslandes zu isolieren.
Das ist der Feind, um den man sich kümmern muß. Lächerlich ist es
jedoch, anzunehmen, daß jemand allein durch den Beitritt zu einer Gewerkschaft sozusagen automatisch seine ganze frühere Haltung abstreifen, die Vorurteile, die ihm ein ganzes Leben lang anhafteten, verlieren wird. Zahlreiche neue Gewerkschaftsmitglieder kennen nicht die Lektion, welche die Gewerkschaftsbewegung auf ihrem schweren Weg gelernt
hat: daß wir von Zeit zu Zeit immer wieder die Waffen des Vorurteils
und des Hasses in Anwendung gebracht sahen, um die Werktätigen voneinander zu trennen, wobei das Endergebnis die Schwächung der Gewerkschaft,
die Verfolgung einiger weniger und das allgemeine Leiden vieler war.
Teilung unter dem Gesichtspunkt der Rasse, der Hautfarbe, der Religion oder der nationalen Abstammung, das ist unsere größte Tragödie,
unsere stärkste Bedrohung. Sobald jeder Werktätige diese Wahrheit begreift, haben wir nichts zu fürchten. Dann können wir alle vorwärts
schreiten, um der reichen Verheißung teilhaftig zu werden, die Amerika
stets den kommenden Generationen geboten hat."
"Ein reicheres und friedlicheres Leben für alle ungeachtet Rasse
und Glauben sei die Hoffnung der amerikanischen Arbeiterschaft, die
in der neugeeinten Arbeiterbewegung erstarkt ist", sagte A. Philip
Randolph, Vorsitzender der Gewerkschaft der Schlafwagenschaffner,
in einer Sonderbotschaft zum Labor Day. "Dieser Labor Day", fuhr Randolph fort, "ist ein wichtiger und bedeutender Markstein im Leben
der amerikanischen Arbeiterbewegung; denn es ist der erste Labor Day
seit dem Tage der historischen Verschmelzung der American Federation of
Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO).
Die Tatsache, daß die Arbeiterschaft in Amerika vereinigt ist,
verleiht ihr eine moralische Autorität, die sie in die Lage versetzen
wird, nicht nur dem Ziele der Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiter und ihrer Familien erfolgreicher zu dienen, sondern gleichzeitig
ein großes Bollwerk amerikanischer Demokratie gegen die totalitären
Mächte des Kommunismus und des Faschismus zu sein.
Sämtliche Arbeiter der amerikanischen Arbeiterbewegung haben ein
Recht darauf, hinsichtlich der Arbeit unserer großen Bewegung für
gesunde wirtschaftliche, politische, ethische und internationale
Grundsätze, zu denen die Vollbeschäftigung, ein reicheres Leben, Sicherung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, Demokratie und Weltfrieden gehören, voller Glaube und Hoffnung in die Zukunft zu schauen".
In

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

In einer Botschaft zum amerikanischen Lahor Day erklärte der Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation, David A. Morse:
"Dieser Labor Day fällt in ein für die demokratische Gewerkschaftsbewegung außerordentlich bedeutsames Jahr und stellt den Anfang zu etwas dar, was eine Ära noch größerer Errungenschaften für die amerikanischen Arbeiter zu werden verspricht.
Da ich immer an die Einheit der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung geglaubt habe, grüße ich Sie, die Sie in den vergangenen zwölf
Monaten die große und bedeutungsvolle Fusion der American Federation
of Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO) vollzogen haben, mit tiefer Befriedigung.
Sicherlich ist dieser Schritt ein Zeichen für künftige größere
Dinge. Seine zu erwartenden Vorteile scheinen mir an diesem Labor Day
unbegrenzt zu sein.
In ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in allen Teilen der
Welt zollt die Internationale Arbeitsorganisation heute den Problemen
der Zwangsarbeit, der Rechte der Gewerkschaften, der ArbeitgeberArbeitnehmer-Beziehungen und der Diskriminierungen am Arbeitsplatz viel
Aufmerksamkeit, Erhebliche Arbeit wird auch auf eine Studie über die
Probleme der Automation aufgewandt.
Diese und andere Bemühungen sind zusammen mit den Bestrebungen
einer wiedervereinten und gestärkten amerikanischen Gewerkschaftsbewegung unter der Voraussetzung eines dauerhaften Friedens in der Welt
dazu angetan, zu einer besseren Zukunft für uns alle zu führen."
*
Der Leiter der National Catholic Weifare Conference, Monsignore
George G. Higgins. sagte in einer Botschaft zum amerikanischen Labor
Day, die vereinte Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten sei
"das Symbol einer neuen Är^ auf dem Gebiet der betrieblichen Beziehungen" .
"Sie symbolisiert", so sagte Monsignore Higgins, "die Tatsache, daß
die organisierte Arbeiterschaft in den Vereinigten Staaten mündig geworden ist und sich nunmehr auf ihre wesentliche Rolle im wirtschaftlichen Leben der Nation konzentrieren kann, nämlich als ebenbürtiger
Partner unter Anwendung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit mit
der Betriebsführung zusammenzuarbeiten. Früher war die organisierte
Arbeiterschaft dazu gezwungen gewesen, unverhältnismäßig viel Zeit und
Energie auf die Verteidigung des Rechts der Arbeiter, sich zu organisieren und kollektiv zu verhandeln, zu verwenden.
Während

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Während die Organisierung der Arbeiter noch nicht abgeschlossen,
ist und wahrscheinlich in einer Generation noch nicht abgeschlossen
sein wird, ist das Recht auf Organisierung und Kollektivverhandlungen
heute doch so fest begründet, daß es niemals wieder ernstlich in Frage
gestellt werden kann, außer natürlich, wenn es eine Spaltung der nationalen Einheit und Lahmlegung der Volkswirtschaft herbeiführen würde.
Es scheint aber - wenn überhaupt - wenig Furcht vor einer solchen
Katastrophe zu herrschen, denn glücklicherweise hat die Mehrheit der
wirklich einflußreichen amerikanischen Wirtschaftsführer weitgehend
ihre Bereitschaft gezeigt, die Vergangenheit zu vergessen und in Zusammenarbeit mit der organisierten Arbeiterschaft ein neues und konstruktiveres Bild der Wirtschaftspolitik und industriellen Probleme
zu entwickeln.
Diesen weitsichtigen Unternehmern und ihren Gegenspielern in der
Gewerkschaftsbewegung sollte alle gebührende Anerkennung für ihre
staatsmännische Wirtschaftspolitik gezollt werden...
Natürlich wird es - wie in der Vergangenheit auch in der Z'.^unft viele Meinungsverschiedenheiten zwischen Gewerkschaften und Management
geben. Das steht zu erwarten. Dennoch besteht, wie wir bereits angedeutet haben, Grund zu der Annahme - und sie scheint die Zustimmung
aller Experten auf diesem Gebiet zu finden -, daß wir in eine neue Ära
treten, in der Gewerkschaften und Betriebsführung es dann möglich finden
werden, harmonischer denn je zuvor zusammenzuarbeiten, und zwar nicht
nur zu ihrem gegenseitigen Vorteil, sondern zum Besten der ganzen
Nation."

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EISENHOWER: DAS GESPRACH VON VOLK ZU VOLK FÖRDERE

WASHINGTON - (AD) - Im folgenden geben wir den
Text der Ausführungen Präsident Eisenhowers vor
der Konferenz über eine Intensivierung der Völkerverständigung in Washington am 11. September
bekannt:

"Ich trete mit etwas gemischten Gefühlen vor diese Versammlung.
Unter den Anwesenden sind so viele meiner Freunde, die meiner Meinung
nach zu dieser Zusammenkunft wie zu einer Art Familientreffen mit den
gleichen freudigen Empfindungen gekommen sind, wie wir sie alle bei
derartigen Anlässen kennen.
Wenn ich auf diese Versammlung kluger und fähiger amerikanischer
Männer und Frauen blicke - einige von Ihnen haben gerade attf jenen Gebieten, über die ich hier sprechen will, reiche Erfahrungen gesammelt so muß ich schon sagen, daß mich eine gewisse Scheu, ja ein Gefühl der
Befangenheit erfaßt.
Und doch erkühne ich mich hier vor Ihnen zu sprechen, da der Zweck
dieses Treffens das höchste und lohnendste Ziel unserer heutigen Welt
darstellt: mitzuhelfen einen Weg zum Frieden zu suchen, mitzuhelfen
einen Weg zu dauerndem Frieden zu finden.
Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, entspringt zu einem Teil
der Annahme, daß kein Volk als solches den Krieg wünscht - daß alle
Völker Frieden wollen.
Wir wissen, daß diese Annahme zutrifft; wir wissen aber auch,
daß man in gewissen Teilen unserer Erde nicht dieser Ansicht ist.
Manchen Völkern erzählt man - und sie können sich ja kein eigenes
Urteil bilden -, daß andere Völker, und damit sind auch wir gemeint,
den Krieg wünschen: daß wir kriegslüstern sind, daß wir materialistisch sind, daß wir in Wahrheit nur auf eine Katastrophe dieser Art
hoffen, damit - wie sie sagen - einige wenige aus dem Elend der Welt
ihren Nutzen ziehen.
Was mich anbetrifft - und ich bin ja nicht erst von heute und
weiß daher mehr oder weniger Bescheid über alle Kriege, die die Vereinigten Staaten geführt haben - ich meinerseits kann zu Ehren des

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"AMERIKA DIENST

des amerikanischen Geschäftsmannes nur sagen, daß ich noch keinen getroffen habe, der vom Kriege nicht anders als mit Bedauern gesprochen
und der Hoffnung Ausdruck gegeben hätte, daß es nie wieder Krieg geben
möge.
Wenn wir die von uns als zutreffend angenommene Tatsache, daß alle
Menschen den Frieden wünschen, richtig nutzen wollen, dann geht es
also um das Problem, daß die Menschen sich zusammenfinden und ihre Regierungen dazu bringen - wenn nötig unter Umgehung der Regierungen nicht nur einen V/eg, sondern tausend Wege ausfindig zu machen, wie die
Völker allmählich ein wenig mehr voneinander erfahren und übereinander
lernen können.
Es geht dabei um folgende Fragen: Was können wir gegen die Unwissenheit tun? Wie legen wir unsere eigene Sache klar? Wie stärken wir
die Bande der Freundschaft? Wie erfahren wir etwas von anderen Völkern? Das sind die Probleme, die wir zu lösen haben.
Die Kommunisten unterwerfen natürlich alles der Kontrolle des
Staates, und wenn sie ein großangelegtes Propagandaprogramm starten,
istim -voraus schon alles bis ins einzelne festgelegt - und jeder fügt
sich. Sie tun dies in allen Lebensbereichen, in allen Dingen. Und eine
Zeitlang hat es auch wirklich den Anschein, als ob sie damit augenfällige Erfolge erzielten.
Natürlich ist ihre große Schwäche die, daß in Zeiten starker Belastungen, wenn zum Beispiel im Volke die Liebe zur Freiheit stärker
wird als die Angst vor der Pistole im Nacken, die Diktatur stürzt. Im
Kriege war es ja tatsächlich so, daß die Heere der Diktatoren Auflösungserscheinungen zeigten, als die Angst vor dem Maschinengewehr des
Feindes stärker war als die Angst vor der Maschinenpistole im Genick.
Wir gehen da einen anderen V/eg. Wir rekrutieren die Kräfte der
Initiative, des unabhängigen Handelns und unabhängigen Denkens von
168 Millionen Menschen. Manchmal erweckt .dies den Anschein der Langsamkeit und Ungeschicklichkeit - den Anschein von Schwäche. Da wir
aber allen Krisen gemäß dem Willen der großen Mehrheit begegnen, ist
es tatsächlich so, daß mit zunehmenden Schwierigkeiten die Verbundenheit des Volkes und damit seine Schlagkraft wächst.
Wir stehen heute vor dem bereits von mir erwähnten Problem: nämlich, das Verständnis der Völker füreinander zu wecken. Hier sind
Menschen, die, so hoffen wir, uns führen werden. Die Regierungen können nicht mehr tun als den Weg weisen und auf technisch-sachlichem
Gebiet Erleichterungen schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit amtlich zu unterrichten.
Aber ich spreche hier über den Austausch von Professoren, Studenten und führenden Männern, der Bereitstellung technischer Unterstützung
und von den gewöhnlichen Auslandsreisenden. Ich spreche von Ärzten,
die an der Bekämpfung von Krankheiten mitwirken, von unseren freien
Gewerkschaften, die anderen Völkern Einblick in ihre Arbeit geben, die

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"AMERIKA DIENST

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die zeigen, was der Amerikaner verdient, wie er sein Geld verdient und
was er sich dafür leisten kann.
Kurzum, wir müssen jeden auch noch so kleinen Spalt im Eisernen
Vorhang erweitern und die Familie der russischen Völker oder jedes
andere Land hinter dem Eisernen Vorhang, das sich um eine Besserung des
Loses seiner Kinder bemüht - wie es ja Menschen in der ganzen Welt tun mehr in unseren Kreis einbeziehen. Wir wollen ihnen zeigen, wie wir leben,
und dann uns mit ihnen zusammensetzen und uns fragen 'Was können wir
tun, um unser beider Los zu bessern'?
Dies ist, so meine ich, wohl der sicherste 'Neg zum Frieden. Alles
andere, was wir unternehmen, sind nur Augenblickslösungen oder dazu bestimmt, die eingeschlagene Linie zu halten, während konstruktive Kräfte
dieser Art allmählich zum Zuge kommen.
Jede Bombe, die wir fabrizieren können, jedes Flugzeug, jedes
Schiff, jede Kanone - sie alle dienen, auf die Dauer gesehen, nur einem
negativen Zweck - wir wollen damit Zeit gewinnen, den andern davon abzuhalten, einen Krieg vom Zaune zu brechen, da wir selbst, und das
wissen wir genau, diesen nie beginnen würden.
Die Wirksamkeit der Milliarden Dollar, die wir für diese Sache
aufwenden, sollte durch eine große Anstrengung des ganzen amerikanischen
Volkes noch unterstützt werden, eine positive und konstruktive Anstrengung, die uns unmittelbar dahin bringt, wohin wir alle wollen; Zu einem
echten und bleibenden Frieden.
Wenn ich mich nun an Sie wandte, dann aus dem Wunsch heraus trotz der Scheu, von der ich bereits gesprochen habe - Ihnen zu sagen,
daß es nach Ansicht meiner Regierung keine wichtigere Aufgabe gibt
als die, an der mitzuwirken wir Sie bitten. Kein Problem, dem sich das
amerikanische Volk, ja die ganze Welt heute gegenübersieht, bestimmt
derartig unser Tun, unser Denken und unser Handeln wie das, den Frieden
zu wahren und für unsere Sicherheit zu sorgen.
Mag dieses Problem heute Suez und morgen wieder anders heißen,
es gibt nichts, was unseren Alltag mehr berühren könnte. Es diktiert
schon beinahe die Höhe unserer Steuern. Es färbt gewissermaßen jede
Frage, mit der wir uns zu Hause auseinandersetzen müssen.
Wenn Sie nun mit Ihrer Arbeit beginnen, wenn Sie Kontakt mit den
Regierungsvertretern aufnehmen, die mit Ihnen zusammenarbeiten, dann
werden Sie verstehen, daß es hier um eint Sache geht, die sowohl der
Regieru: g als auch jedem einzelnen in Amerika - und wir sind sogar überzeugt,
r ganzen Welt - sehr am Herzen liegt, mit Ausnahme jener wenigen, Li« entgegen Recht und Zuständigkeit ihre Herrschaft anderen
aufzwang n wollen.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

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DULLES UNTERBREITET PLAN FÜR EINE
VEREINIGUNG DER KANALBENUTZER
Die Erklärung des US-Außenministers auf der Londoner Suez-Konferenz

Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
unterbreitete am 19» September auf der zweiten Londoner Suez-Konferenz, an der die 18 Nationen teilnahmen, die dem auf der ersten Konferenz ausgearbeiteten Vorschlag für eine internationale Suezkanalbehörde zustimmten, einen Plan für die Errichtung
einer ständigen Vereinigung, die provisorische Abmachungen für einen befriedigenden Betrieb des Kanals treffen soll, während eine endgültige Lösung
ausgearbeitet wird. Bei der Darlegung des französisch-britisch-amerikanischen Planes schlug Dulles
vor, daß die zu gründende Vereinigung mit einem nicht
zu großen Arbeitsfonds ausgestattet werde, einen kleinen Stab unter der Leitung eines Verwaltungsbeauftragten einstellen und ein Direktorium zur Durchführung des Planes wählen soll.
Die Erklärung des amerikanischen Außenministers auf
der Eröffnungssitzung der zweiten Londoner Suez-Konferenz hat folgenden Wortlaut:
"Unsere hiesige Zusammenkunft im vergangenen Monat gab Anlaß zu
der festbegründeten Hoffnung, daß das Suezkanalproblem gelöst werden
könnte. Achtzehn von uns waren zu einer Übereinkunft gelangt. Wir repräsentieren Nationen aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika. Die Schiffe unserer Länder machten über 90 Prozent des gesamten Suezkanal-Verkehrs aus.
Unter uns waren Länder, deren Handel eine unterschiedliche,
allerdings wesentliche Abhängigkeit von dem Kanal aufweist. Es war
kein geringer Erfolg, daß trotz dieser Unterschiedlichkeit ein Übereinkommen erzielt wurde. Dies war nur möglich, weil unter uns ein
Geist der Versöhnlichkeit und ein Gefühl für die Dringlichkeit vorherrschte, geboren aus dem Ernst der Lage, vor die uns die ägyptische
Regierung gestellt hatte.
Wir einigten uns auf ein Programm, durch das für immer in wirksamer und zuverlässiger Form Betrieb, Unterhaltung und Ausbau des

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des Suezkanals im Einklang mit dem Vertrag aus dem Jahre 1888 sichergestellt werden sollte.
Dieses Programm respektierte die Souveränität Ägyptens aufs
genaueste. Die ägyptische Regierung hat es jedoch, wie unser Fünferausschuß uns soeben berichtet hat, regelrecht abgelehnt, unseren Vorschlag als eine Verhandlungsgrundlage zu betrachten. Sie machte keinen
Gegenvorschlag.
Diese Haltung Ägyptens hat eine neue und schwierige Situation
geschaffen. Während wir uns die Zurückhaltung auferlegen, zu der uns
die Charta der Vereinten Nationen verpflichtet, suchen wir weiterhin
mit friedlichen Mitteln eine Lösung dieses schwierigen Problems zu
erreichen. Bestimmte Dinge sind, so glaube ich, klar:
Erstens: Die Konvention aus dem Jahre 1888 gibt unseren Schiffen
das Recht, zu jeder Zeit den Suezkanal als eine freie und offene
Wasserstraße zu passieren.
,
Zweitens: Diese Rechte werden durch den Schritt der ägyptischen
Regierung gefährdet, durch den sie die allgemeine Suezkanalgesellschaft
an der Ausübung ihrer Funktionen, so wie dies vereinbart war, hinderte
und selbst alle diese Funktionen widerrechtlich an sich riß.
Es trifft zu, daß die ägyptische Regierung, obwohl sie einseitig
die Konzession der allgemeinen Suezkanalgesellschaft aufgehoben hat,
die Teil des oben erwähnten Systems war und durch die Konvention aus
dem Jahre 1888 ins Leben gerufen wurde, erklärt, daß sie sich trotzdem
an die Konvention halten und einen fairen und gerechten Betrieb des
Kanals gewährleisten will. Der Prüfstein aber ist, ob die ägyptische
Regierung es akzeptiert, daß die Partner und Nutznießer der Konvention
aus dem Jahre 1888 wirklich über die Einrichtungen verfügen, die ihnen
die Ausübung ihrer Rechte gewährleisten. Wenn die ägyptische Regierung
darauf besteht, daß die Schiffskapitäne qu.asi Entrechtete sind, die
den Kanal niemals durchfahren können, es sei denn unter solchen Bedingungen, wie sie die ägyptische Regierung von Zeit zu Zeit erläßt,
dann besteht keine Garantie mehr für eine freie und sichere Durchfahrt,
wie sie die Konvention aus dem Jahre 1888 fordert.
Ich weiß, daß die ägyptische Regierung argumentiert hat, sie
könne jederzeit durch die Anwendung von Gewalt den Verkehr durch den
Kanal unterbrechen und die Passage müsse daher von dem guten Glauben
und dem guten Willen Ägyptens abhängen. Es gibt jedoch zahlreiche Sanktionen gegen eine offene und gewaltsame Unterbrechung der freien Durchfahrt. Das gilt aber nicht, wenn eine einzige Regierung alle Phasen des
Betriebs beherrscht und kontrolliert.
Der Betrieb des Suezkanals ist eine überaus komplizierte und heikle
Angelegenheit. Er bietet unendliche Möglichkeiten für heimliche und versteckte Verletzungen, sowie die Praxis verschleierter Bevorzugungen
und diskriminierender Maßnahmen. Mangel an Tüchtigkeit kann zu einer
ernsten Gefahr werden. Gegen solche Risiken können - und ich meine sollten sich die Benutzer bei der Ausübung ihrer Rechte im Rahmen des

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19. September 1956

des Vertrages aus dem Jahre 1888 schützen. Das wirtschaftliche Wohlergehen zahlreicher Nationen und Völker steht auf dem Spiel, und es gibt
keine angemessenen Sanktionen gegen die von mir aufgezeigten Gefahren.
Drittens: Als dritten Punkt möchte ich folgendes anführen: Wenn
lebenswichtige Rechte bedroht sind, ist es nur natürlich und elementar,
daß man sich zusammenschließt, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen.
Die ägyptische Regierung hat uns vor einem Zusammenschluß in einer
Vereinigung gewarnt. Es ist nur natürlich, daß Ägypten es vorzieht,
wenn die Kanalbenutzer nicht organisiert und gespalten sind. Ich erinnere daran, daß sich die ägyptische Regierung in ihrem Memorandum vom
zehnten September 1956 an den Generalsekretär der Vereinten Nationen
und an zahlreiche Regierungen um die Bildung eines Verhandlungsgremiums bemüht hat, das gegensätzliche Ansichten widergibt.
Für jene, die sich in Gefahr sehen, ist es jedoch ein elementares
Recht, zusammenzukommen und ihre Ansichten in Einklang zu bringen ein Recht, auf das nicht verzichtet werden kann. Worum bemühen wir uns
denn? Es ist nichts, was sich gegen Ägypten richtet oder ihm schadet.
Lassen Sie mich kurz den Vorschlag für eine Vereinigung erläutern,
so wie die Regierung der Vereinigten Staaten ihn versteht.
1) Er bedeutet vor allem andern, daß wir unseren gegenwärtigen
Zusammenschluß beibehalten sollten, und zwar nicht, damit irgendeiner oder eine Gruppe von uns den andern Mitgliedern die eigenen
Ansichten aufzwingt. Die einzige Basis für einen Zusammenschluß ist
ein gemeinsamer Wille, der in einem freien Meinungsaustausch zustandekommt. Es ist auch nicht unser Ziel, auf Ägypten einen Zwang auszuüben.
Es ist lediglich so, daß die Erfordernisse der Situation einen fortdauernden Zusammenschluß für uns und für alle, die auf den Kanal angewiesen sind, zweckmäßig machen. Eine derartige Vereinigung wird auch
im Interesse Ägyptens sein, wenn es tatsächlich bereit ist, sich mit
jenen Ländern in konstruktiver Weise um eine Lösung zu bemühen, die
in erster Linie betroffen sind. Es liegt auch im Interesse des Weltfriedens, wenn wir fest zusammenstehen.
2) Wir sollten - so meine ich - auch weiterhin an unserer gemeinsamen Erklärung vom 23- August 1956 als Verhandlungsbasis für eine
endgültige Lösung festhalten.
3) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, über einen kleinen
Betriebsstab zu verfügen, der bereit steht, um unseren Schiffen sowie
den Schiffen, die unsere Länder bedienen, bei der Durchfährt durch den
Kanal zu helfen. Wir brauchen dabei, so glaube ich, nicht die Möglichkeit auszuschließen, auf der Basis einer provisorischen De-facto-Arbeit
regelung ein gewisses Maß an Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden zu finden, selbst wenn Ägypten vielleicht zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nicht bereit ist, einer ständigen Regelung in Vertragsform
zuzustimmen.
Ein

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19. September 1956

Ein solcher Stab könnte, so schlage ich vor, einem Verwaltungsbeauftragten unterstehen, der in Schiffahrtsfragen erfahren ist und
der, falls dies gewünscht wird, im Auftrage der Schiffe unserer Mitglieder handeln könnte. Er könnte die Schiffe unserer Mitglieder
insofern unterstützen, als er Vorkehrungen für ihre reibungslose
Eingliederung in den Kanalverkehr trifft. Er könnte bei der Koordinierung der Schiffahrtsrouten durch den Kanal oder in der Nähe des
Kanals, falls dies letztere sich als erforderlich erweisen sollte,
helfen. Er könnte ermächtigt werden, als Beauftragter der Schiffseigentümer zu handeln sowie solche Geldbeträge einzuziehen und auszuzahlen, wie dies im Zusammenhang mit der Unterhaltung des Kanals und
des Verkehrs durch den Kanal sowie der Erfüllung seiner anderen Verpflichtungen angemessen ist.
4) Es würde, so denke ich, für unsere Vereinigung nützlich sein,
wenn sie ein kleines aus unseren Reihen gewähltes Direktorium hat,
das uns hinsichtlich der weiteren Entwicklungen auf dem laufenden
hält, uns, wenn immer ein Anlaß hierzu besteht, zusammenruft, den
Verwaltungsbeauftragten ernennt und seine Vollmachten sowie die Richtlinien festlegen könnte, die die von ihm im Namen der Vereinigung
ergriffenen Maßnahmen umreißen und bestimmen würden.
Es ist unvermeidbar, so glaube ich, daß die an dem Passagierund Frachtverkehr zwischen dem Osten und dem Westen sowie an der
Produktion von Erdöl und anderen Gütern für diesen Verkehr Interessierten nunmehr auf lange Sicht an Alternativen zu dem Suezkanal denken
sollten.
Es wird augenblicklich viel von größeren Tankern gesprochen, die
bei größerer Wirtschaftlichkeit um das Kap der lehaten Hoffnung fahren
könnten als die gegenwärtig den Kanal durchfahrenden kleineren Tanker.
Es wird von neuen Ölleitungen geredet.
Ich möchte annehmen, daß das Direktorium der Vereinigung der Kanalbenutzer alle diese Projekte weiter verfolgen und die Mitglieder
über alle bedeutsamen Entwicklungen unterrichtet halten würde, die
unser Wirtschaftsleben wesentlich beeinflussen könnten.
5) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, wenn die Vereinigung
über ein bescheidenes Betriebskapital verfügt, das zunächst von den
Mitgliedsstaaten vorgeschossen und ihnen später aus den durch die
geleisteten Dienste eingenommenen Geldern zurückerstattet wird.
6) Die Mitgliedschaft in der Benutzervereinigung würde nicht die
Übernahme irgendwelcher Verpflichtungen seitens der einzelnen Mitglieder
bedeuten. Man darf jedoch hoffen, daß die Mitglieder der Vereinigung in
bezug auf ihre Schiffer, und die Bezahlung der Kanalgebühren freiwillig
solche Maßnahmen ergreifen werden, die die Arbeit der Vereinigung
erleichtern sowie ihr Prestige und ihre Autorität stärken und damit auch
ihre Zweckdienlichkeit' fördern.
Dies

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Dies könnte in groben Umrissen die Vereinigung sein, die wir aufbauen wollen. Das Ausmaß ihres wirklichen Nutzens hängt natürlich,
wenn auch nicht völlig, von der Haltung Ägyptens ab. Abor unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer praktisch durchführbaren Basis zusammenzuarbeiten, ist eine erneute Demonstration unseres Wunsches, in
dem Bemühen um eine Lösung dieses ernsten, und praktisch die ganze
Welt konfrontierenden Problems., .keinen vernünftigen Schritt unversucht
zu lassen.
Unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer provisorischen De-facto
Betriebsbasis zusammenzuarbeiten, kann vielleicht auch zu einer provisorischen Lösung führen, die die Vereinten Nationen vielleicht als
nützlich erachten könnten, während die Suche nach einer dauerhaften
Lösung andauert.
Es ist, wie ich weiß, die Ansicht vieler von uns, daß von den
Diensten der Vereinten Nationen Gebrauch gemacht werden sollte, wenn
die Hauptparteien der am Suezstreitfall beteiligten nicht in der Lage
sind, durch Mittel ihrer eigenen Wahl eine Lösung zu finden.
Die Vereinigten Staaten sind der Überzeugung, daß Maßnahmen auf
der hier vorgeschlagenen Linie die Möglichkeiten für eine friedliche
und konstruktive Lösung in nützlicher Weise vergrößern werden."
Zum Schluß der Nachmittagssitzung ergriff der amerikanische
Außenminister erneut das Wort und unterstrich, daß eine friedliche
Lösung des Suezproblems, so erstrebenswert sie an sich sei, allein
nicht ausreiche, wenn sie nicht im Einklang mit dem Völkerrecht und
der Gerechtigkeit stehe. Der amerikanische Außenminister appellierte
gleichzeitig an die Delegierten, bei der friedlichen Lösung des Problems entsprechend der im einzelnen von ihm auf der Vormittagssitzung
erläuterten Vereinigung der Kanalbenutzer zusammenzustehen.
Bei der Diskussion des Dreimächteplanes wurden gegensätzliche
Meinungen laut. Zu den Befürwortern des Planes gehören Australien,
Neuseeland, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Großbritannien. Zwei Nationen - Dänemark und Pakistan lehnten das Projekt ab. Norwegen sprach sich für eine vorläufige Annahme
des Planes aus, während das ganze Problem sofort der UN vorgelegt werden
solle. Von dänischer Seite war darauf hingewiesen worden, daß ohne
Mitwirkung Ägyptens der Plan nicht funktionsfähig sei. Der pakistanische
Außenminister Malik Firoz Khan Noon forderte erneute Bemühungen, um
zu Verhandlungen mit Ägypten zu gelangen.
Angesichts der Meinungsverschiedenheiten warnte der amerikanische
Außenminister davor, in der Annahme» die Gefahr sei vorüber, auseinanderzulaufen. "Wir würden uns damit einen schlechten Dienst erweisen",
sagte er\ wörtlich.
Das Problem, um das es hier gehe, sei mehr als die Frage, ob ein
Schiff den Kanal passieren könne oder nicht. Man befasse sich in London
mit einem der wichtigsten Aspekte des Nachkriegslebens, sagte Dulles
weiter. "Wir alle wünschen eine Welt, in der es keine Gewaltanwendung
gibt, aber das ist nur die eine Seite meines Anliegens. Wir müssen auch

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auch eine Welt haben, in der eine gerechte Lösung von Problemen,
wie wir sie jetzt vor uns haben, erreicht werden kann."
Dulles fügte hinzu, daß es bei der Suche nach einer Lösung einen
Ersatz für die Gewaltanwendung geben müsse, da andernfalls die »Veit
in "Anarchie und Chaos" zurückfallen würde. In der Charta der Vereinten Nationen werde nicht nur gesagt, daß die Welt in Frieden leben
müsse, sondern die Mitgliedsstaaten der Weltorganisation seien darüberhinaus verpflichtet, auf friedliche Weise und in Übereinstimmung mit
den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrrechts Lösungen zustandezubringen.
Der amerikanische Außenminister erklärte, man fördere nicht die
Sache des Friedens, wenn man nicht erkenne, daß man genau so eine Lösung in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts anstreben müsse, wie man sich bemühen müsse, die Anwendung von Gewalt zu verhindern.
Wenn man sich nur auf einen Aspekt der Angelegenheit, nämlich
auf die Gewalt, konzentriere, so sagte Dulles weiter, dann wären
alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Man sei vor ein Problem
von großer Gefahr gestellt, das durch Gewalt hätte gelöst werden
können. Angesichts dieser großen Gefahr sei große Zurückhaltung geübt
worden. Dies könne in Zukunft nur dann fortgesetzt werden, wenn man
sich weiterhin mit allen Kräften um eine friedliche Lösung bemühe.
Der amerikanische Außenminister ging dann auf Fragen ein, die
in der Nachmittagssitzung gestellt worden waren. Im Zusammenhang
mit den Vorschlägen, die Angelegenheit den Vereinten Nationen zu
unterbreiten, sagte Dulles, die 18 Mächte würden gegenüber der Weltorganisation eine Pflicht erfüllen, wenn sie sich zunächst um eine
Lösung außerhalb der Vereinten Nationen bemühten.
Auch von den Befürwortern des Planes war die Anrufung der Vereinten Nationen bei einer weiteren Ablehnung Nassers als letzter Ausweg akzeptiert worden.

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AUSSENMINISTER DULLES AUF DER SUEZKANAL-KONFERENZ
AM 19.SEPTEMBER IN LONDON

LONDON - (AD) - Im folgenden geben wir auszugsweise die Äußerungen wieder, die der
amerikanische Außenminister, John Foster
Dulles, auf der Londoner Konferenz am 19»
September 1956 über den Suez-Konflikt aus
dem Stegreif zu dem Problem machte:
"Wie ich bereits heute vormittag andeutete, wird der Vorschlag
auf Schaffung einer kooperativen Vereinigung, die ein wenig beständiger ist als unsere ad hoc-Konferenz, den Weg zu konstruktiven
Maßnahmen in den Vereinten Nationen womöglich ebnen. Es scheint
doch notwendig, die Angelegenheit vor dieses Forum zu bringen, da
die von uns in Aufsicht genommenen Maßnahmen womöglich zum Scheitern verurteilt w~ren.
Die Vereinten Nationen sind nicht allmächtig, ihre Machtbefugnisse sind sorj-fä.'. tig definiert. Anläßlich unserer letzten Beratung haben die 18 hier vertretenen Nationen Ägypten ihre Vorschläge für eine neue n , wie wir hofften, dauernde Lösung des
Suezproblems unter1 reitet, und wir hatten Ägypten vorgeschlagen,
einen neuen Vertrag zu schließen. Aber so große Vorzüge unser
Vorschlag auch gehabt haben mag, die Vereinten Nationen sind nicht
befugt, den Abschluß eines neuen Vertrages von einer Nation zu verlangen .
Wie ich die Charta e r Vereinten Nationen verstehe, geht dies
vielleicht über die Korr.net enzen des Sicherheitsrates hinaus. Er
kann wohl verlange , daß b ereits bestehende Verträge eingehalten
werden. Er kann die Partei en auffordern, provisorische Maßnahmen
anzuerkennen; ich glaube j edoch nicht, daß der Sicherheitsrat, geschweige denn die Generalv ersammlung berechtigt sind, etwas zu erzwingen, was wir durch fre iwillige Vereinbarungen bei. unserem
letzten Zusammetsein zu er reichen hofften, nänrich den Abschluß
eines neuen Vertrages, in dem die Rechte beider Parteien neu festgelegt werden und in dem d iese Frage endgültig geklärt wird.
So richtig also unser Vorschlag auf unserer letzten Tagung
auch war, so entspricht e doch nicht der Verfahrensweise und den
Befugnissen der UN, weder jenen des Sicherheitsrates noch viel
weniger denen der Generalversammlung, die in jedem Falle nur Emp- 1 -

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26. September 1956

Empfehlungen machen kann. Ich glaube daher, Herr Vorsitzender,
daß die Gründung unserer Vereinigung hier an Ort und Stelle etwaige Schritte der UN wesentlich erleichtern würde, wenn es denn
notwendig erscheint, die Sache zum Zwecke einer endgültigen Lösung
vor diese Körperschaft zu tragen, sofern unsere eigenen Maßnahmen
fehlgeschlagen sind.
Die Angelegenheit wird in zweierlei Hinsicht für die UN erleichtert» Erstens ist es eine Tatsache, daß mit der Festigung unserer
Position die beiden Parteien in diesem Streitfall in einem gewissen
Sinne klar herausgestellt werden. Wohl trifft es zu, daß gewissermaßen jedes Land der Welt an einer Lösung des Suezkanal-Problems
interessiert istt aber gerade die Größe der Aufgabe macht sie praktisch unlösbar, wenn wir sie von dieser Seite aus angehen.
Wenn wir sie auf praktisch durchführbare, lösbare Maße reduzieren wollen, so muß sie in vernünftige Proportionen gebracht
werden. Die 18 Anwesenden hier repräsentieren jene Länder, die für
sich, und in gewisser Hinsicht als typische Vertreter der an dem
Kanal interessierten Länder gemeinsam mit Ägypten eine Lösung finden
könnten, die, sofern Ägypten und wir sie akzeptieren, meiner Ansicht
nach von der ganzen Welt angenommen werden würde. Wir vertreten hier
über 90$ der Kanalbenutzer. Wir vertreten Länder aus aller Welt. Wir \
vertreten verschiedene Formen des Handels. Wir vertreten Gruppen, die,
sofern sie zusammenhalten und eine Einheit bilden, den Vereinten Nationen etwas an die Handl geben würden gegenüber Ägypten. 'Wenn wir uns
aber spalten und schließlich ganz auseinanderfallen, dann vermag ich
nicht, so ohne weiteres zu sehen, wie das Problem durch die Vereinten
Nationen zu lösen ist.
Zweitens sind die Vorschläge, die wir hier für eine praktisch
durchführbare provisorische Lösung machen, etwas, womit, die Vereinten
Nationen etwas anfangen können. Ich zweifle sehr, ob die Vereinten
Nationen von irgendeinem souveränen Staat verlangen können, einen
Vertrag anzunehmen, in dem seine künftigen Rechte und Pflichten festgelegt werden. Vielleicht ist es möglich, aber es ist ganz sicher
zweifelhaft, und so, wie ich die Charta der UN verstehe, kann ich in
ihr keinerlei Anhaltspunkte dafür finden.
Was die Vereinten Nationen tun können, ist, praktische Möglichkeiten zur Lösung des Problems vorzuschlagen, provisorische Lösungen in
Vorschlag zu bringen, die kein neues Vertragsverhältnis zum Inhalt haben, die kein Land verpflichten, Rechte aufzugeben oder Rechte anderer
zu übergehen. Was wir hier anregen, ist ein Vorschlag zu einer provisorischen Lösung der Art, wie sie genau dem Rahmen der Vereinten Nationen
entspricht, während sie mit dem Vorschlag, den wir bei unserem AugustTreffen machten, nichts hätten anfangen können.
Wir sehen in den Vereinten Nationen nicht lediglich ein Mittel,
dieses Problem auf die lange Bank zu schieben, um es loszuwerden,
damit wir uns nicht weiter damit abzuquälen brauchen. Wenn wir nur
daran interessiert wären, die Verantwortung von uns abzuwälzen und
das Problem als unlösbar an die Vereinten Nationen abzuschieben, dann
bedarf es natürlich keinerlei vorbereitender Arbeiten mehr.
Ich
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26. September 1956

Ich glaube nicht, daß dies in der Absicht irgendeiner der hier
vertretenen Regierungen liegt. Ich glaube, wenn wir die Absicht haben, dieses Problem den Vereinten Nationen zu unterbreiten, dann
wollen wir es diesem Forum vortragen nicht als ein Mittel, es los
zu werden, nicht als ein Mittel, es auf die lange Bank zu schieben,
sondern als: ein Mittel, es zu einer echten Lösung zu führen. Wenn
es also das Ziel ist, Umstände zu schaffen, die eine tatsächliche
Lösung des Problems durch die UN gestatten, dann scheint es mir
als erstes erforderlich, unsere Position zu festigen, um sozusagen
eine verhandlungsfähige Körperschaft gegenüber Ägypten zu haben und
um zu zeigen, daß «umindiet wir bereit sind, eine provisorische
Lösung anzunehmen, die eine Überbrückung der gegenwärtigen Schwierigkeiten darstellt, ohne daß irgend jemand von uns seine Rechte aufgeben muß.
Ich möchte versuchen, ein wenig die großen Zusammenhänge darzulegen, in denen zumindest die Vereinigten Staaten diese unsere
Tagung betrachten. Bei dieser Tagung geht es um weit wichtigere
Dinge als nur um die Frage, ob ein Schiff durch den Kanal kommt
oder nicht, ja selbst ob der Verkehr im Kanal zum Erliegen kommt.
Wir haben es hier mit einer der bedeutsamsten Erscheinungen unserer
Nachkriegszeit zu tun. Die Frage, ob wir tatsächlich dabei sind,
eine friedliche Welt aufzubauen, hängt, meiner Meinung nach, weitgehend davon ab, was wir in diesem Falle tun.. Dies ist die volle Bedeutung des Problems, mit dem wir es hier zu tun haben. Warum sage
ich das? Ich sage das, weil wir alle eine Welt wünschen, in der es
keine Gewaltanwendung gibt. So wahr dies ist, es ist nur die eine
Seite der Medaille. Wenn wir eine Welt wollen, in der es keine Gewalt gibt, so müssen wir auch eine Welt haben, in der Probleme dieser
Art eine gerechte Lösung finden können.
Es ist mir gleichgültig, was alles in der Charta der Vereinten
Nationen über die Nichtanwendung von Gewalt geschrieben steht; wenn
es in der Praxis nicht eine Form des Friedens gibt, die eine gerechte
Lösung derartiger Probleme auf die eine oder andere Weise ermöglicht,
wird die Welt doch unweigerlich wieder in Anarchie und Chaos zurückfallen.
Und ich möchte weiter darauf hinweisen, meine verehrten Herren
Delegierten, daß es in der Charta der Vereinten Nationen nicht einfach
heißt 'es soll Friede herrschen'. Wie heißt es denn dort? Im allerersten Artikel der Charta der Vereinten Nationen heißt es bereits,
Zweck und Ziel der UN sei es, Konflikte durch 'friedliche Mittel und
in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des
Internationalen Rechts' beizulegen. Und wenn man diesen Teil der
Charta vergißt, so wird man den ersten TeiS ganz sicherlich ignorieren.
Und wenn wir es mit Fragen dieser Art zu tun haben, so müssen wir
uns darüber klar sein, daß wir letztlich der Sache des Friedens nicht
dienen - selbst nicht der Erhaltung des Friedens für uns selbst, die
wir dem Problem, um das es hier geht, scheinbar so fern stehen -, wenn
wir nicht wissen, daß wir ebenso sehr verpflichtet sind, nach einer
Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und
des Internationalen Rechts' zu suchen, wie wir verpflichtet sind, die

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26. September 1956

die Anwendung von Gewalt tunlichst zu vermeiden. Wenn wir nur die
eine Seite des Problems sehen und die andere vergessen, dann werden
alle unsere Bemühungen zum Scheitern verurteilt sein, und ebenso die
Bestrebungen, wie sie in dieser Charta der Vereinten Nationen ihren
Ausdruck finden.
Wir haben es hier mit einer Frage zu tun, die eine große Bedrohung für die großen Nationen darstellt.
Ich glaube, niemand kann diese Tatsache hinwegdisputieren. Es
ist eine Bedrohung, die sie ohne weiteres beseitigen könnten, wenn
sie sich der Methoden bedienten, die vor der Annahme dieser Charta
als: Recht anerkannt waren. Dann säßen wir nicht hier - und vielleicht
würde jemand anders auch nicht dort sitzen, wo er sitzt. Diese Zeiten
aber sind hoffentlich vorbei, und angesichts einer so großen Gefahr hat
man sich große Zurückhaltung auferlegt und hält sich auch weiterhin im
Zaume. Aber man kann nicht erwarten, daß dies nun in alle Ewigkeit so
weitergeht, wenn nicht diejenigen von uns, die das Problem in seinem
ganzen Umfang erkennen und daran teilhaben, alles daran setzen, eine
Beilegung des Konfliktes zu finden, nicht, nur eine friedliche Lösung,
sondern eine Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts.'
Manch einer mag denken, ich glaube allerdings nicht, daß dies für
irgend jemanden in diesem Kreise gilt - doch könnte wohl ein Volk, das
nicht unmittelbar von dem Konflikt betroffen ist, so denken -, das
einzige, was ihn an diesem Streitfall interessiert, ist die Frage des
Friedens« Wenn der gesichert sei, so brauche man sich um alles andere
nicht mehr zu kümmern. Das ist jedoch nur der eine Teil der Angelegenheit} dieses Problem kann aber nicht durch halbe Maßnahmen gelöst
werden, die nur den Frieden betreffen und bei denen nicht unsere ganze
Kraft darauf verwendet wird, eine Lösung zu finden, die unserer Ansicht nach in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des Internationalen Rechts, steht.
Nun, wir sind uns darüber einig geworden, was unserer Ansicht nach
die Grundsätze der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts in bezug
auf diese Angelegenheit sind. Unsere Schlußfolgerungen haben ihren Niederschlag gefunden in der Erklärung, auf die wir uns im August einigten.
Wir sind hier vor allem versammelt, um jene achtzehn Nationen zu vertreten, die nicht nur selbst großes Interesse an der Sache haben, sondern
auch weil wir uns über die Grundsätze des Internationalen Rechts und der
Gerechtigkeit im Hinblick auf diesen Fall einig sind. Ich glaube, wir
sind es uns selbst und allen an diesem Problem beteiligten Nationen
schuldig, gemeinsam zu versuchen, diese Sache zu einem Ende zu bringen,
und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt, der Erhaltung des Friedens,
sondern so zu Ende zu führen, daß eine gerechte Lösung in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen gefunden, wird.
Mir scheint, wenn wir das nicht tun, wenn wir zulassen, daß die Einstellung an Boden gewinnt, das Problem sei gelöst, weil die Kriegsgefahr
vielleicht ein wenig vermindert erscheint, dann haben wir uns selbst
meiner Meinung nach einen schlechten Dienst erwiesen.
„,

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�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Was wir in dieser Hinsicht tun - sofern wir uns so verhalten, wie ich eben ausführte - » würde auf uns selbst zurückfallen
und uns in alle Zukunft heimsuchen. Darum sage ich, lassen Sie uns
gemeinsam an diesem Vorschlag festhalten und weiterhin nicht n*ür
für 'den Frieden1 arbeiten, sondern für einen Frieden 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts'."

* * * # *

�A M E R I K A

D I E N S T

USA FORDERN V/ELTWEITE SICHERHEITSMAS5NAHMEH BEI DER
FRIEDLICHEN NUTZBARMACHUNG DES ATOMS

VEREINTE NATIONEN (New York) -(AD)- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede,
die Botschafter James J. Wadsworth, amerikanischer Vertreter auf der gegenwärtig in New York
stattfindenden Konferenz zur Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde, am 24. September 1956 bei der ersten Arbeitssitzung hielt
"Wir ste hen jetzt vor den letzten Maßnahmen zur Gründung der
international en Atomenergiebehörde, die Präsident Eisenhower hier an
dieser Stelle am 8. Dezember 1953 vorgeschlagen hat. Wenn unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind - wie ich hoffe und glaube -, dann
wird diese be deutsame Konferenz von 81 Nationen ihre Arbeit nicht beenden, bevor sie die Statuten für diese Behörde in ihrer endgültigen
Form angenomm en hat. Damit werden wir einen entscheidenden Schritt
zur Verwirkli chung des Wunschbildes getan haben, das uns alle angespornt hat - des Bildes einer internationalen Zusammenarbeit auf
atomarem Gebi et.
Zahlreiche Nationen haben im Laufe der letzten drei Jahre an
diesem schöpferischen Bemühen teilgehabt, Nationen aus allen Teilen
der Welt. Die Arbeit der Diplomatie in den letzten zehn Jahren hat was Umfang und den konstruktiven Geist anbetrifft - wohl kaum ihresgleichen. Es mag daher angebracht sein, einen kurzen Überblick über
den Weg zu geben, den wir zurückgelegt haben.
Als Präsident Eisenhower die Gründung dieser Behörde vorschlug,
schwebten ihm zwei Hauptziele vor, die beide die Stärkung des Weltfriedens zum Inhalt hatten. Das erste Ziel war, nukleare Materialien
aus nationalen Beständen einer neuen internationalen Behörde zur Verfügung zu stellen und damit den Anfang zu - um mit den Worten Präsident Eisenhowers zu sprechen - 'einer Verminderung der potentiellen
Vernichtungskraft der atomaren Vorräte auf der Welt' zu machen. Das
zweite Ziel war die Ausarbeitung von Maßnahmen, durch die spaltbares
Material zum Nutzen der friedlichen Bestrebungen der Menschheit bereitgestellt wird.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Die Vereinigten Staaten haben sich von Anfang an von diesen
beiden Zielsetzungen leiten lassen. Wir waren uns seit jeher darüber
im klaren, daß keines dieser Ziele von einer Nation allein, oder selbst
einer kleinen Staatengruppe, erreicht werden kann, sondern daß wir es
hier vielmehr mit einem wahren internationalen Unterfangen zu tun haben. Aus diesem Grunde hahen wir uns bei diesem Vorhaben immer wieder
an die Vereinten Nationen gewandt, und aus diesem Grunde haben sich
unsere Verhandlungen selbst auch auf einen immer größer werdenden
Kreis erstreckt. Es mag nützlich sein, die Hauptmaßnahmen im Zuge
dieser Verhandlungen noch einmal zu skizzieren.
Erstens: Anfang 1954 kam eine aus acht Nationen bestehende Arbeits
gruppe zusammen, um einen ersten Statutenentwurf für die vorgeschlagene Behörde vorzubereiten.
Zweitens: Dieses Thema wurde 1954 in Anwesenheit von 60 Nationen
in der neunten UN-General-Versammlung ausführlich behandelt.
Drittens: Am 22. August 1955 wurde der Statutenentwurf in seiner
damaligen Form in Umlauf gebracht, um die Ansichten aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen oder ihrer Sonderorganisationen mithin die Ansichten von 84 Staaten - zu erfahren.
Viertens: Dieses Thema wurde auf der zehnten General-Versammlung
im Jahre 1955 erneut erörtert; es wurde einstimmig eine Resolution
angenommen, in der die Bemühungen der Verhandlungsgruppe gutgeheißen
wurden.
Fünftens: Die Arbeitsgruppe, die durch die Hinzuziehung Brasiliens, der Tschechoslowakei, Indiens und der Sowjetunion inzwischen
auf zwölf Nationen angewachsen war, traf am 27. Februar dieses Jahres
erneut in Washington zusammen. Nahezu zwei Monate lang arbeitete diese
Gruppe an einer Revision des Statutenentwurfes, wobei sie durch eine
Resolution der General-Versammlung der Vereinten Nationen ermutigt
und geleitet wurde. Die Gruppe hat bei ihrer Arbeit nicht nur die Ansichten und Vorschläge der vier neuen Mitglieder, sondern auch anderer Nationen aus aller Welt, von denen Stellungnahmen eingingen,
eingehend erörtert und vielfach angenommen.
Sechstens: Der aus diesen Beratungen resultierende Entwurf, der
von der aus zwölf Nationen bestehenden Arbeitsgruppe am 18. April
einstimmig angenommen wurde, liegt nunmehr dieser Konferenz zur endgültigen Beschlußfassung vor.
Herr Präsident, Sie - der Sie in so fähiger Weise als Leiter
der brasilianischen Delegation auf der Konferenz dieser Arbeitsgrupper, gewirkt haben - werden mit mir sicherlich darin übereinstimmen,
daß dies ein eindrucksvoller Erfolg gewesen ist. Wir stellten fest,
daß die Meinungsverschiedenheiten oft groß waren. Größer aber war noch
der Wille, diese Unterschiede der Meinungen zu überbrücken. Alle Delegationen zeigten ohne Ausnahme eine der Bedeutung der Aufgabe entsprechende Geduld und Ausdauer. Als Ergebnis dieser Einstellung wurde
der uns heute vorliegende Statutenentwurf einstimmig angenommen. Diese
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�f

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Diese Einmütigkeit ist in einer durch zahlreiche politische Meinungsverschiedenheiten zerrissenen Welt überaus vielversprechend für diese
Konferenz, Wenn auch zu besonderen Punkten einige Einwendungen gemacht
worden sind, so werden wir doch durch die Tatsache ermutigt, daß die
noch zu lösenden Fragen - im Vergleich zu den Meinungsverschiedenheiten,
auf die wir im Verlaufe unserer gemeinsamen Bemühungen trafen und die
wir überwinden konnten - nicht groß erscheinen,
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten waren eine jener Nationen,
die zusammen mit anderen einstimmig und vorbehaltlos den Statutenentwurf gebilligt haben. In dem Entwurf gibt es Teile, von denen wir wünschten, daß sie anders lauteten. Ich bin sicher, daß keiner der Befürworter die Statuten von seinem eigenen und besonderen Standpunkt aus als
vollkommen erachtet.
In gleicher Weise bin ich jedoch sicher, daß alle Befürworter des
Entwurfes mit uns der Ansicht sind, daß er die Grundlage für eine
Behörde legt, die arbeitsfähig ist und gute Arbeit leisten wird - eine
Behörde, der wir voller Hoffnung und Zuversicht unsere ganze Unterstützung geben können. Die Vereinigten Staaten sind bereit, diese Statuten zu unterstützen. Wir haben gegenwärtig nicht die Absicht, irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu machen - außer dem einen, gemeinsam
befürworteten Zusatz, der die Funktionen der vorbereitenden Kommission
klären würde, wie sie im Anhang Nummer I vorgesehen ist.
Gleichzeitig kommen wir zu dieser Konferenz in der vollen Bereitschaft, allen unterbreiteten Zusätzen eine gebührliche Erörterung
zuteil werden zu lassen. Wir werden jene Vorschläge unterstützen, die
nach unserer Ansicht die Statuten verbessern und ihre Annahme fördern.
Wir werden uns jedoch gegen jene stellen, die nach unserer Meinung
diese Funktion nicht erfüllen würden - vor allem gegen jene, die eine
volle Unterstützung von seiten irgendeiner spezifischen Staatengruppe
schwierig oder unmöglich machen könnten.
Ich möchte meinen, daß dies eine vernünftige Einstellung ist. Der
Statutenentwurf spiegelt in einem großen Ausmaß eine Angleichung der
Ansichten von zahlreichen Staaten wider. Jede vorgeschlagene Änderung
sollte daher sorgfältig geprüft werden, um nicht nur sicherz stellen,
daß sie tatsächlich ei e Veränderung zum Besseren ist, sondern aach
um zu gewährleisten, daß si nicht das bisher erreichte Gleichgewicht
der Ansichten gefährdet.
Herr Präsident, es ist jetzt nicht die Zeit, ein Bild der materiellen Segnungen zu entwerfen, die der Menschheit durch die volle Nutzbarmachung des Atoms für den Frieden zuteil werden könnte. Die geradezu ./underbaren Möglichkeiten der A-omtechnik s:nd aller Welt bekannt.
Die Atomenergiebehörde wird die friedliche atomare Revolution entscheide d vorantreiben. Sie wird die der Menschheit zu Diensten stehende
Energie auf mannigfache Weise vervielfachen, die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln und den A1 stausch wissenschaftlicher Erkenntnisse
fördern. Der uns vorliegende Statutenentwurf würde unserer Ansicht nach
die Behörde in den Stand setzen, dieses hohe Ziel zu verwirklichen, und

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

und rechtfertigt daher eine großzügige Unterstützung von seiten der
Vereinigten Staaten.
Zusätzlich zu der Forderung, daß die Statuten die Behörde befähigen, die friedliche Verwendung der Atomenergie voranzutreiben,
ist es unerlässlich, daß es eine wirkliche Garantie dafür gibt, daß
die Tätigkeit dieser Behörde die Anwendung der Atomenergie für militärische Zwecke nicht fördert und die Gesundheit oder die Sicherheit
nicht gefährdet. Die Atomenergie ist einzigartig gefährlich, genauso
wie sie einzigartig verheißungsvoll ist. Der Brennstoff für einen
Reaktor kann zum Explosivstoff einer Bombe werden; die Strahlung,
welche heilt, kann genauso gut töten.
Die Vereinigten Staaten haben dem Problem des Schutzes und der
Sicherheit mit allen seinen Auswirkungen große Aufmerksamkeit geschenkt.
Dieses Problem war ebenfalls ein ernstes Anliegen für andere Staaten.
Wir erinnern an den ursprünglich von der Sowjetunion vertretenen Standpunkt, daß die Förderung der friedlichen Entwicklung der Atomenergie
überall auf der V/elt die Unsicherheit vergrößern werde, weil dadurch
die Vorräte an jenen Materialien wachsen würden, aus denen nukleare
Waffen hergestellt werden können. Wir stellen mit Freude fest, daß
die Sowjetunion nunmehr genau wie wir der Ansicht ist, daß die richtige Lösung in der Anwendung angemessener Sicherheitsmaßnahmen und
nicht in der Beschneidung der friedlichen Entwicklung liegt.
Die Bestimmungen, die in dem Statut im Hinblick auf Sicherheitsmaßnahmen enthalten sind, sollen eine friedliche Entwicklung der Atomenergie ohne Gefährdung des Schutzes und der Sicherheit der Welt gestatten. Herr Präsident, ich darf zunächst auf Artikel II verweisen,
in dem die Grundziele der Behörde niedergelegt sind. Er lautet wie
folgt:
•Die Behörde soll sich um einen beschleunigten und vergrößerten
Beitrag der Atomenergie für den Frieden, die Gesundheit und das Wohlergehen der Welt bemühen. Sie soll dafür Sorge tragen - soweit ihr dies
möglich ist -, daß die von ihr oder auf ihr Ersuchen hin oder unter
ihrer Aufsicht und Kontrolle gewährte Unterstützung nicht so angewandt wird, daß dadurch irgendein militärischer Zweck gefördert wird'.
Damit das letztere Ziel erreicht werden kann, sind in Artikel
XII definitive Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen. Die Anwendung dieser
Sicherheitsmaßnahmen würde ein gemeinsames Bemühen unter internationaler Beteiligung sein müssen. Die Statuten würden die Behörde außerdem
in den Stand setzen, diese Sicherheitsvorkehrungen auf bilaterale oder
multilaterale Abmachungen zu erweitern, die sonst nicht in den Bereich
ihrer Überwachung oder Kontrolle fallen würden, falls die Vertragspartner dies wünschen. Die Vereinigten Staaten hoffen, daß die Partner
in bilateralen Abmachungen überall auf der Welt von dieser Bestimmung
Gebrauch machen werden und so zur schließlichen Schaffung eines einheitlichen Systems von Schutzmaßnahmen auf weltweiter Ebene beitragen.
Wenn dies der Fall ist, Herr Präsident, dann können die Vereinigten
Staaten die Behörde zum Grundpfeiler ihrer internationalen Tätigkeit
auf dem Gebiete der Atomenergie machen.
Wenn

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Wenn die Vereinigten Staaten diese Sicherheitsmaßnahmen unterstützen, so sind sie sich völlig im klaren darüber, daß das Ziel begrenzt ist, selbst wenn alle 'außerhalb' der Behörde stehenden bilateralen Abmachungen letztlich unter diese Sicherheitsmaßnahmen fallen
würden. Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewußt, daß ein großer Teil
der militärischen Gefahr des Atoms außerhalb des Bereichs dieser Maßnahmen und damit auch außerhalb der Reichweite der Behörde .selbst liegt.
Wir wissen, daß der Statutenentivurf nichts enthält, was die einzelnen
Staaten hindern könnte, ihre nuklearen Waffen aus eigenen Hilfsquellen
aufzubauen. Wir wissen auch, daß der Statutenentwurf in keiner Weise
jene Staaten, die heute nukleare Waffen produzieren, an der Fortsetzung
dieser Produktion hindern kann. Aber die Tatsache, daß die Behörde
nicht das ganze und ungeheure internationale Problem der Kontrolle
nuklearer. Waffen lösen kann, hält uns nicht davor, zurück, alles in
unseren Kräften Stehende zu tun, um für die Schaffung von vollen Sicherheitsvorkehrungen für den eigenen Tätigkeitsbereich der Behörde Sorge
zu tragen.
Ich darf meine Mitdelegierten daran erinnern, daß der Präsident
der Vereinigten Staaten vor kurzem einen Vorschlag unterbreitet hat,
wonach die zukünftige Produktion spaltbaren Materials nicht mehr für
eine Vergrößerung der Vorräte an explosiven Waffen benutzt werden soll.
'Meine letzte Hoffnung', so sagte er, 'ist, daß die gesamte Produktion
an spaltbarem Material überall in der Welt ausschließlich friedlichen
Zwecken zugeführt wird' . Die Annahme dieses amerikanischen Vorschlages
würde bedeuten, daß die Sicherheitsmaßnahmen auf die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Großbritannien und andere Länder angewendet werden, die in der Lage sind, Atomwaffen herzustellen. Diese Maßnahmen
müßten sicherlich umfassender und durchgreifender sein als diejenigen,
die im Rahmen dieser Statuten für die Empfängerstaaten vorgesehen sind.
Wir werden uns weiterhin mit allen Kräften um ein Abkommen bemühen,
das den Vorschlag Präsident Eisenhowers in die Wirklichkeit umsetzt.
Was wir in der Zwischenzeit tun, um die Arbeit innerhalb.der neuen
Behörde zu sichern, ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege zu diesem
Ziel. Die internationale Atomenergiebehörde kann durch ihre eigenen
Sicherheitsmaßnahmen das gegenseitige Vertrauen fördern, sowie die
technischen und politischen Erfahrungen liefern, die uns auf dem Wege
zu unserem noch ehrgeizigeren Ziel, nämlich einer Welt, in der das
Atom ausschließlich dem Frieden dient, von Nutzen sind.
Herr Präsident, ich bin in der Frage der Sicherheitsmaßnahmen in
Einzelheiten gegangen, um zu unterstreichen, was die internationale
Atomenergiebehörde tun kann, ja tun muß, um einem zerstörerischen
Mißbrauch Einhalt zu gebieten. Der noch grundlegendere Zweck der Behörde ist die positive und schöpferische Entwicklung des atomaren Zeitalters für das Gedeihen und das Wohlergehen der Menschheit. Wir wollen
uns keinen Illusionen hingeben: Es muß noch viel getan und viel gelernt werden, bevor das Atom in großem Ausmaß und auf wirtschaftlicher
Grundlage für die Energiegewinnung verwendet werden kann. Es ist die
Pflicht der Behörde, diese Arbeit und dieses Lernen zu beschleunigen.
Gegen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Gegen Ende dieser Konferenz sollte, sobald dies praktisch durchführbar ist, die in den Statuten vorgesehene vorbereitende Kommission
zusammentreten, um mit den für die Errichtung der Behörde notwendigen
Arbeiten zu beginnen. Eine der ersten Fragen, die die vorbereitende
Kommission erörtern muß, wird der Sitz der Behörde sein. In diesem
Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten Wien befürwortet - eine
Stadt) die ein großes Kulturzentrum ist und nach unserer Ansicht einen
idealen Sitz für die Behörde abgeben würde.
Die allgemeine Konferenz der Behörde sollte einberufen werden,
sobald genug Ratifikationen vorliegen, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Wir treten ferner dafür ein, daß die vorbereitende Kommission
in der Zwischenzeit ein realistisches, vertrauenerweckendes und praktisches Arbeitsprogramm zur Erörterung und Billigung durch die erste
allgemeine Konferenz und das Direktoriuni der Behörde ausarbeitet.
Auf diese Weise sollten .vir innerhalb eines Jahres die internationale Atomenergiebehörde in voller Arbeit sehen, bestrebt, einen
entscheidenden Beitrag zu einer friedlichen und stabilen Welt zu leisten .
Herr Präsident, die Statuten, die wir hier erörtern, existieren
lediglich auf Grund der unbeirrbaren Entschlossenheit eines jeden der
zwölf Länder, die an ihrer Formulierung teilhatten. Diese Länder mit
all ihren nachdrücklich vertretenen und verschiedenen Ansichten waren
sich in einer Sache einig, in dem Willen, zu einer Übereinstimmung zu
gelangen.
Wir haben bereits die Verwirklichung eines glühenden, von Präsident
Eisenhower am 8. Dezember 1955 geäußerten Wunsches erlebt - des Wunsches,
daß sein Vorschlag einen 'neuen Weg für eine friedliche Diskussion"
öffnen möge. Dieser Weg ist heute offen. Ich, Herr Präsident, bin der
Überzeugung, daß er offen bleiben wird, weil jede hier vertretene
Delegation, dessen bin ich sicher, denselben Glauben und dieselbe Entschlossenheit, zum Erfolg zu gelangen, hat.
Die im vergangenen Jahr abgehaltene Atomen°rgip-Konferenz in Genf
hat eine neue Atmosphäre für den Austausch wissenschaftlicher und technischer Informationen und Kenntnisse geschaffen - eine Atmosphäre, die
Offenheit und Gemeinsamkeit an die Stelle von Geheimhaltung und Abgeschlossenheit setzte. Die Aufgabe unserer Konferenz - und das ist zugleich eine der großen Aufgaben unserer Zeit schlechthin - ist, ob wir
den gleichen Wechsel in der internationalen politischen Atmosphäre
zustandebringen können, ob wir Einrichtungen ins Leben rufen können,
die es gestatten, daß die eindrucksvollste wissenschaftliche Errungenschaft der Menschheit für ihr Wohlergehen eingesetzt wird.
Die Welt von Morgen wird in hohem Maße davon abhängen, was mit der
Atomenergie geschieht. Und was mit der Atomenergie geschieht, wird wiederum weitgehend von dem Ergebnis dieser Konferenz abhängen. Wir wollen
hoffen, daß wir in einigen Wochen zu unseren Mitmenschen sagen können:
Wir haben hier etwas erreicht, was dazu beiträgt, daß ihr und eure Kinder ein Leben in Frieden führen könnt."
* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

MURPHY VOR DER ERNST-REUTER-GESELLSCHAFT

BERLIN - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rede, die der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium, Robert Murphy, am 4«Oktober 1956 vor der
Ernst-Reuter-Gesellschaft in Berlin gehalten
hat.

Gestern hatte ich die Ehre, an der Grundsteinlegung zur Kongreßhalle im Tiergarten teilzunehmen, und ich erwähnte dort, wie
sehr es mir angebracht erscheint, daß dieses Gebäude dem Gedenken
Benjamin Franklins geweiht sein soll; ist es doch einer der Vertreter jenes großen Zeitabschnittes der Aufklärung, dem wir so viel
an gemeinsamen Wissen und an geistigen Werten verdanken.
Heute sind wir hier versammelt im Gedenken an einen der größten
Bürger Berlins, Bürgermeister Ernst Reuter. Wenn wir uns den Mut
ins Gedächtnis zurückrufen, mit dem Ihre und änsere Vorfahren um
die Schaffung unserer beiden Länder gerungen haben, dann werden wir
auch an Ernst Reuter erinnert, seinen Geist, seine Willenskraft und
seine Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich selbst hatte
die Ehre, ihn in seinem Wirken in jenen harten Jahren aus der Nähe
zu beobachten. Er war nie schwankend und niemals verzweifelt. Er
war uns allen Vorbild. Dieser Mann, der selbst so viel gelitten
hat, der von Tyrannen des Landes verwiesen worden war, und der in
eine Stadt zurückkehrte, die restlos in Trümmern lag, um ihren Wiederaufbau unter den ungünstigsten Umständen, denen sich je ein
großes Volk gegenübersah, in Angriff zu nehmen - dieser Mann symbolisiert den unbezwingbaren Geist der Bevölkerung dieser großen
Stadt und ihren Glauben an die Freiheit.
Zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Volk bestehen
zahlreiche gemeinsame Bande. Der Glaube der Amerikaner an die Zukunft eines freien, unabhängigen und geeinten Deutschlands ist angesichts von Männern wie Ernst Reuter nur um so stärker.
In meiner gestrigen Rede anläßlich der Grundsteinlegung der
Kongreßhalle bin ich auf jene dunklen Tage in der Berliner Geschichte
- T -

�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Geschichte eingegangen, als vor 150 Jahren die Gegenwarts- und
Zukunftsaussichten so düster waren und die Menschen in Verzweiflung und Mutlosigkeit lebten.
Vor 150 Jahren war Berlin von fremden Truppen besetzt und
Deutschland aufgespalten und schwach. Die Geschichte aber, das
vergröferte Spiegelbild des menschlichen Lebens, ist wie dieses
selbst oft von überraschenden Entwicklungen gekennzeichnet und
nicht voraussagbar. Welch größere Überraschung hat sie gebracht,
als das Wiedererwachen der Lebenskraft, wie sie das Berlin des
19«Jahrhunderts erlebte? Die Hauptstadt eines kleinen Staates,
dessen Territorium andere untereinander aufgeteilt hatten, sollte
100 Jahre später Hauptstadt eines großen Landes sein, eine der drei
oder vier größten Städte der Erde, Mittelpunkt des geistigen Lebens und einer gewaltigen Wirtschaft.
Wenn wir die Jahre zwischen 1806 und 1871 näher betrachten,
dann bekommen wir eine Vorstellung von dem Glauben, dem Willen und
der Beharrlichkeit, die auch bei dem langsamen Prozeß der Errichtung eines geeinten Landes am Werke waren.
Für uns liegt die Lehre jener Jahre in dem Erfolg, in der
Tatsache nämlich, daß ein geeinter deutscher Staat schließlich
Wirklichkeit wurde. Es war dies ein Erfolg, der die Bemühungen
eines Volkes krönte, das entschlossen war, frei zu sein und seine
Einigung zu vollziehen. Wir können aber auch noch eine andere
Lehre aus jenem halben Jahrhundert der Hoffnungen und Anstrengungen
ziehen, eine Lehre, der wir stets eingedenk bleiben sollt'en, da sie
von größter Bedeutung ist« Man kann Menschen weder die Freiheit noch
die nationale Einheit vorenthalten, wenn geistige Stärke und Entschlossenheit gleichzeitig gegeben sind.
Wir Amerikaner teilen diese Erkenntnis mit Ihnen. Wir machten
von 1763 ^Ls 1788 ebenfalls 25 Jahre des Kampfes um unsere Eigenstaatlichkeit durch. Dies waren Jahre häufiger Enttäuschungen, und
selbst während des Unabhängigkeitskrieges machten wir Zeiten bitterster Verzweiflung durch. Mehir als einmal war es nur noch der Glaube
unserer Vorfahren und ihr fester Wille, einen geeinten freien Staat
zu gründen, der sie in ihren Bemühungen fortfahren ließ.
Deutschland weiß ebenso wie die Vereinigten Staaten, was solche
Jahre der Entmutigung bedeuten können - beide Länder haben solche
Zeiten durchgemacht und wissen, daß Glauben und Willenskraft letzten
Endes unüberwindbar sind. Heute haben Sie und wir diesen Glauben und
Willen gemein. Wir wissen, daß der geeinte Wille freier Menschen
sich durchsetzen und der Tag kommen wird, an dem ein vereinigtes,
unabhängiges und freies Deutschland seinen ihm gebührenden Platz
in der Familie der Völker wieder einnehmen wird, wenn auch noch so
große Opfer und noch so aufreibende Anstrengungen hierzu erforderlich sein mögen.
In den seit Ende des Krieges vergangenen elf Jahren sahen wir
uns in der freien Welt einer Bedrohung unserer Existenz gegenüber.
In Reaktion auf diese Bedrohung kam es zur Evolution einer neuen
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�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

neuen Politik unter den freien Völkern, die unsere Kinder und Kindeskinder vielleicht einmal als eine der bedeutsamsten historischen
Entwicklungen überhaupt ansehen werden.
Diese Periode zeichnete sich dadurch aus, daß die freien
Nationen der Welt sich in zunehmendem Maße der Gemeinsamkeit
ihrer Interessen bewußt wurden. Wir Völker der freien Welt haben
eine Bedrohung unserer nackten Existenz erlebt, die Gefahr, unsere
Unabhängigkeit und Freiheit zu verlieren, wenn wir nicht schleunigst unsere Hilfsquellen und Kräfte in einer gemeinsamen Anstrengung zusammenschließen.
In diesen elf Jahren hat eine Macht, die eine Mischung aus
altem russischen Expansionismus und aggressiven Kommunismus darstellt, die einst unabhängigen Länder Osteuropas durch.Einschüchterung, Drohungen und Gewalt auf den Stand unseliger Satelliten
herabgedrückt. Diese Macht hat die Massenaufstände in Griechenland
geleitet. Sie hält Ostdeutschland in Fesseln; sie hat versucht,
sich ganz Berlin zu unterwerfen; asiatische Länder hatten unter
gegenseitigen, vom Kommunismus entfachten Aggressionen zu leiden;
Norwegen, Dänemark, die Türkei und vor allem die Bundesrepublik
Deutschland mußten sowohl Schmeicheleien als auch Drohungen über
sich ergehen lassen, als sie sich der Nordatlantikpaktorganisation
anschlössen; und in Korea tobte der Krieg.
Diese ununterbrochene Serie der verschiedenartigsten Manöver
im Laufe der Nachkriegsjähre hat es den meisten Völkern der freien
Welt auf unbarmherzige Weise klar gemacht, daß sie ständig der Gefahr einer Unterwerfung durch den sowjetischen Kommunismus ausgesetzt waren. Sie haben erkannt, daß sie ihre eigene Sicherheit nur
erhalten können, wenn ein System der gemeinsamen Sicherheit geschaffen wird.
Wir Amerikaner sind uns klar darüber, daß uns auf Grund unserer
Stellung und unserer Stärke ein besonderes Maß an Verantwortung beim
Aufbau dieses Sicherheitssystems in Gemeinschaft mit unseren Freunden
auferlegt ist.
Unsere Verbündeten und die Vereinigten Staaten haben die Nordatlantikpaktorganisation, die Südostasienpaktorganisation, den
ANZUS-Pakt mit Australien und Neuseeland sowie den Riopakt mit
unseren Nachbarn der westlichen Hemisphäre geschaffen. Insgesamt
haben die Vereinigten Staaten mit etwa 42 Nationen Verträge über
die gemeinsame Sicherheit, geschlossen.
Diese, auf dem Grundsatz der kollektiven Sicherheit basierende
Politik der freien Völker hat sich als erfolgreich erwiesen.. Sie
sieht die Schaffung eines geeinten Europas vor. Dem Expansionsstreben
der Sowjetunion wurde Halt geboten- Es wurden allgemein günstigere
Bedingungen geschaffen, die schließlich zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland! zur NATO und zur Wiederherstellung der Souveränität
Japans führten; diese beiden letztgenannten Erfolge ließen sich nur
gegen den eisernen Widerstand der Sowjetunion erringen.
Noch

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�I
"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Noch ist die Bedrohung unserer Lebensform nicht vollständig
beseitigt. Doch lassen wir uns durch diese Bedrohung weder im Denken
noch im Handeln beeinträchtigen und lähmen. Präsident Eisenhower sagte
einmal, die Politik unseres Landes müsse "nicht nur auf einen Augenblick, sondern auf eine ganze Epoche der Bedrohung" abgestimmt seinj
und das trifft für die gesamte freie Welt zu.
Uns verbinden die gleichen Interessen und der Glaube an die
gleichen Werte. Wir glauben an ethische Werte und lassen uns nicht
durch einen primitiven Materialismus beeindrucken. Der Begriff des
Präventivkrieges ist für die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten nicht annehmbar. Solange die Kommunisten uns den Krieg nicht aufzwingen, müssen wir uns zur Erhaltung unserer Sicherheit auf unsere
gemeinsame strategische Planung verlassen.
Wir stehen vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe, die je eine
Gruppe verbündeter Nationen zu lösen unternommen hat. Wir müssen unsere
Einigkeit, erhalten und gleichzeitig einen Gegner von Grund aus umstimmen, um ihn im Laufe der Zeit dazu zu bringen, seine expansionistische Politik aufzugeben und vernünftig und verantwortungsbewußt
in weltpolitischen Fragen mitzuarbeiten, und wir sind entschlossen,
dieses Ziel zu erreichen, ohne zum Mittel des Krieges zu greifen.
Die freien Nationen können es nicht dulden, daß wir ewig in der
Vorstellung einer geteilten und ständig gefährdeten Welt leben, in
der der Friede lediglich auf der durch den Gleichstand der atomaren
Rüstung bedingten Furcht beruht. Wir Angehörigen der atlantischen
Gemeinschaft sind ganz besonders verpflichtet, alle unsere materiellen
Reserven und unsere geistigen Kräfte in dem unermüdlichen Bestreben zu
sammeln, eine Siltuation zu schaffen, die ein Nebeneinander verschiedener Wirtschaftssysteme und Ideologien ermöglicht, ohne daß grundlegende Prinzipien oder Werte geopfert werden müssen, eine Situation,
in der der Friede gewährleistet wird durch feststehende und notfalls
erzwingbare Garantien gegen einseitige und aggressive militärische
Handlungen seitens irgendeines Staates oder einer Staatengruppe.
Es ist richtig, daß wir heute stärker sind als je zuvor. Bisher
hat es auf der Welt noch kein Bündnis so vieler verschiedener Länder
mit so unterschiedlichen Kulturen gegeben. Doch steht uns ein gewaltiger feindlicher Länderblock gegenüber, der auf die Weltherrschaft
erpicht, ist. In unserer heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Verflechtungen auf lebenswichtigen Gebieten bilden Raum und Zeit keine
absolut sicheren Bollwerke mehr.
Wir leben heute in einer Zeit, die weise Führung und feste Nerven,
Zielsicherheit und Sparsamkeit, unbeirrbare Entschlossenheit und Wendigkeit in der Wahl des einzuschlagenden Weges erfordert.
Wir Amerikaner wollen unsere eigene Stärke bewahren. Wir bilden
den Kern der Bündnisse innerhalb der freien Welt, und Festigkeit und
Stärke des Kerns lassen sich durch nichts ersetzen.
Das System der kollektiven Sicherheit, das in den Nachkriegsjahren aufgebaut wurde, wird beibehalten werden und eine weitere
Stärkung erfahren.
Wir

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�I
"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Wir müssen darauf bedacht sein, daß sich der Bereich der Freiheit
noch mehr erweitert und daß die Nationen, die jetzt unbeteiligt beiseite stehen, sich ihrer Zugehörigkeit zur freien Welt bewußt werden.
Außenminister Dulles hat erklärt* "Es genügt nicht, zu beweisen,
daß Despotismus etwas Schlechtes ist, vielmehr ist es ebenso notwendig, immer und immer wieder zu beweisen, daß die Freiheit etwas Gutes
ist.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen verschrieben haben. Wenn wir auch weiterhin die Freiheit als eine dynamische,
dem Geist des Liberalismus dienende Kraft aufzeigen können, dann brauchen wir die Resultate des friedlichen Wettbewerbs, den die sowjetischen
Machthaber nach ihrer eigenen Aussage anbieten, nicht zu fürchten. Ja,
wir können sogar hoffen, daß die Kräfte, die jetzt innerhalb der Sowjetunion und in den Satellitenstaaten am Werke sind, die Herrschenden veranlassen, in zunehmendem Maße sich den Grundsätzen der Freiheit zu unterwerfen."
Seit dem Tode Stalins, und besonders seit dem Frühjahr 1955» zeigt
der kommunistische Block eine merkliche Veränderung in seinem außenpolitischen Verhalten. Er., legt seitdem auf Druck und Gewalt we^^^r Wert
und hat militärische Operationen und politische Wühlarbeit in°Korea,
Indochina, in den Malaienstaaten und auf den Philippinen eingestellt.
Er hat sich um eine Normalisierung seiner Beziehungen besonders zu
seinen Nachbarn bemüht und hat die militärische Besetzung Österreichs
beendet. Er hat in zunehmendem Maße Anlehnung an die traditionellen
diplomatischen Beziehungen gesucht. Staatsbesuche wurden empfangen und
Gegenvisiten arrangiert, Wirtschaftskredite wurden erweitert, Waffenverkäufe wurden offen getätigt und nicht mehr insgeheim vorgenommen,
und das kulturelle Austauschprogramm wurde mehr als verdoppelt.
Im besonderen haben die Kommunisten der Pflege der Beziehungen
von Regierung zu Regierung neue Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt kaum
ein Land, dem gegenüber nicht irgendeine liebenswürdige sowjetische
Geste gemacht wurde. Kurzum, sie haben versucht, ein völlig neues Bild
von der UdSSR in den Augen der Weltöffentlichkeit zu schaffen, das Bild
eines achtbaren, friedliebenden, aufgeschlossenen, wohlmeinenden Landes,
das stark ist, das aber niemand fürchten braucht.
Diese Wandlung im Verhalten der Sowjets mag schon zu Lebzeiten
Stalins erwogen worden sein, sein Tod beschleunigte sie jedenfalls.
Nach dem Tod Stalins konnten die sowjetischen Machthaber daran gehen,
die Weltlage nach völlig neuen Gesichtspunkten zu beurteilen. Bei dieser Beurteilung scheinen säe zu folgenden vier Schlüssen gekommen zu
sein t
. 1) Ein Krieg mit Kernwaffen, speziell in einer Zeit, in der die
sowjetischen Kräfte denen des Westens unterlegen sind, dürfe unter
keinen Umständen stattfinden.
2) Di« von Stalin allgemein verfolgte Taktik habe einen Punkt
erreicht, an dem sie immer weniger einbringe und wo ihre weitere Anwendung möglicherweise ein unnötiges Risiko bedeute.
3) Die enormen Kosten einer Rüstung mit modernen Waffen, einschließlich der Luftverteidigung, verstärkten noch die binnenwirtschaftlichen
Probleme und verzögerten die innere Entwicklung.
.\

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�"AMERIKA DIENST"

5. Oktober 1956

4) Trotz der politischen Probleme, die isetoÄ Stalins ^Eod bei der fie,gelung
der nachfolge 8ntstBhearsroß*efc, , und trotz der mit einer raschen Industrialisierung verbundenen wirtschaftlichen Probleme sah die Sowjetunion keinen zwingenden Grund, eine endgültige Regelung mit der freien
Welt zu suchen.
Hinsichtlich der von der sowjetischen Politik einzuschlagenden Richtung bedeuteten diese Schlußfolgerungen offenbar die Vermeidung von Extremen. Auf der einen Seite war es gefährlich, einen Kurs zu wählen, der
möglicherweise zu einem Weltkrieg hätte führen können. Auf der anderen
Seite war es angesichts der sowjetischen Stärke, einschließlich der erfolgreichen thermonuklearen Versuche, unnötig, sich damit zu befassen,
nach echten Lösungen in den Streitfragen mit der freien Welt zu suchen.
Daher blieb als einzige Alternative die "friedliche Koexistenz". Diese
Konzeption ist jedoch keineswegs passiver Natur. Die letzten achtzehn
Monate - eine deir dynamischsten Phasen in der Geschichte der Sowjetdiplomatie - zeugen davon, daß die sowjetischen Machthaber die "Koexistenz"
als eine aktivistische Politik mit neuen günstigen Gelegenheiten zur Förderung der internationalen Ziele der Sowjets betrachten.
Gerade das Neuartige an einigen der jüngsten sowjetischen Aktionen
hat Aufmerksamkeit und in gewissen Teilen des Auslandes. Hoffnungen erweckt, daß die Sowjetunion sich im Stadium der Umorientierung zu einem
neuen Kurs befinde. Gewiß können die Veränderungen, die sich vollzogen
haben, nicht einfach von der Hand gewiesen werden. Sie verlangen eine
sorgfältige Beurteilung und ständige Beobachtung.
Ferner ist es von größter Bedeutung, diejenigen Elemente in der
UdSSR aufmerksam zu beobachten, die sich bisher nicht verändert haben.
Zunächst einmal ist die Sowjetunion nach wie vor eine Diktatur.
Die Macht Stalins ist auf ein Kollektiv übergegangen, in dem Chruschtschow einen unverhältnismäßig hohen Anteil hat; jedoch die Ersetzung
eines einzelnen Machthabers durch einen Exekutivausschuß ändert nichts
an dem diktatorischen Charakter des Systems. Die Verurteilung des sogenannten Persönlichkeitskulta muß erst einmal durch die Einführung von
Schranken und Gegengewichten gegen das Erscheinen eines anderen Despoten
ergänzt werden. Die Entscheidungsgewalt - die Befugnis, die gewaltigen
Hilfsquellen der Sowjetunion in jeder gewünschten Richtung einzusetzen ist nach wie vor das ausschließliche und absolute Recht einiger weniger,
die weder durch Gesetz noch durch demokratische Institutionen oder moralische Überlegungen in Schranken gehalten werden.
Zweitens bleibt die Sowjetunion nach wie vor mit einer uns feindlichen
Ideologie verbunden. Gewiß haben die sowjetischen Machthaber das Thema von
der "friedlichen Koexistenz" neu aufgegriffen, doch haben sie sich nicht
gescheut, seine wahre Bedeutung zu verbergen. "Die Tatsache, daß wir eine
Politik der friedlichen Koexistenz unterstützen ...", erklärte Chruschtschow
vor dem 2.0.Kongreß der KPdSU, "bedeutet nicht, daß wir in unserem Kampfe
gegen die bürgerliche Ideologie nachlassen werden ..." In Indien drückte
er sich offen und fantasievoll aus; "Den Herren, die damit rechnen, daß
die Sowjetunion ihr politisches Programm ändern wird, erklären wir: 'Da
werden Sie warten bis die Schweine fliegen können'."
Drittens

�f
"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Drittens hält die Sowjetunion nach wie vor einen gewaltigen
militärischen Apparat aufrecht. Es erübrigt sich, im einzelnen auf
die ständige Entwicklung des sowjetischen militärischen Potentials
auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft einzugehen. Die sowjetischen
Streitkräfte sind nicht mehr länger ausschließlich zum Einsatz für
Massenschlachten auf dem eurasischen Kontinent bestimmt. Besondere
Betonung wurde auf die Entwicklung nuklearer Waffen gelegt. Es ist
uns bekannt, daß das sowjetische Programm für ferngelenkte Beschösse
weit fortgeschritten ist. Moskaus so laut in die Welt posaunte Reduzierung seiner Streitkräfte findet keine Parallele in einer Beschränkung; der Entwicklung und Produktion modernster Waffen.
Viertens forciert die Sowjetunion nach wie vor die Entwicklung
der Schwerindustrie. Wirtschaftliche Macht und nicht das Wohl der
Menschen ist noch immer das oberste Ziel. Das nachstalinische Regime
hat sich um eine Verbesserung der Bedingungen in den bisher vernachlässigten Wirtschaftssektoren - besonders in der Landwirtschaft bemüht; das Hauptgewicht der industriellen Entwicklung liegt aber nach
wie vor auf der Schwerindustrie.
Abschließend können wir feststellen, daß trotz der verschiedenen
inzwischen in der Sowjetunion erfolgten Veränderungen, die wichtigsten
Elemente, die die UdSSR zu einer Bedrohung unserer Sicherheit machen,
nach wie vor unverändert geblieben sind.
Um dieser neuen Situation zu begegnen, müssen wir, wie Präsident
Eisenhower es ausdrückt, dynamische und elastische Mittel anwenden,
um nicht nur die sowjetische Taktik zu bekämpfen, sondern auch um unsere eigenen Ziele zu fördern.
Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wird bestimmt von unver- •
änderlichen und grundsätzlichen Prinzipien, über die sich alle Amerikaner, welcher politischen Partei sie auch angehören mögen, einig sind.
Sie in Berlin kennen alle diese grundsätzlichen Prinzipien. Es sind:
Die Aufrechterhaltung der Stärke und Einigkeit der freien Welt und die
Entwicklung der Institutionen, die ein Ausdruck dieser Stärke und Einigkeit sind, sowie die Fortführung unserer Opposition gegen eine durch
Willkür- und Despotismus bestimmte Herrschaft bis au einem Punkt - und
wir sind überzeugt, daß dieser Punkt erreicht wird -, wo die sowjetischen
Machthaber schließlich einsehen, daß ihre Beurteilung der Weltsituation
und besonders ihrer eigenen Deutschlandpolitik falsch ist und einer
Änderung bedarf.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß eine Stärkung der
atlantischen Gemeinschaft von größter Bedeutung ist. Dies läßt sich
zum Teil durch die Entwicklung der Methoden für eine engere europäische
Zusammenarbeit und zum Teil durch eine Stärkung der Nordatlantikpaktorganisation erreichen.
In der Zusammenarbeit der europäischen Länder sind seit dem Kriege
Fortschritte erzielt worden. Die machtpolitische Entwicklung des feindlichen Sowjetblocks seit 1945 hat die westlichen Nationen, die sich durch
ihre Geschichte und ein gemeinsames Erbe verbunden fühlen, in dem Bewußtsein bestärkt, daß sie durch gemeinsame Interessen und Bedürfnisse zusammengehören und ein gemeinsames Schicksal haben.
Dieses

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"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Dieses Gefühl der Gemeinschaft hat sich im zweiten Weltkrieg
und in den darauf folgenden Jahren noch vertieft. Unabhängig von der
sowjetischen Bedrohung sind die Völker Europas nach t945 zu der Erkenntnis gelangt,, daß ihr künftiger Wohlstand und sogar ihre Existenz
nur durch gemeinsames politisches und wirtschaftliches Handeln und nicht
durch eine ausschließlich nationale Politik und nationale Maßnahmen gesichert werden können. Aus dieser Notwendigkeit heraus sind die verschiedensten Organisationen auf der Basis der internationalen Zusammenarbeit
entwickelt worden, die die europäischen Nationen miteinander verbinden
und die auf die Lösung gemeinsamer Probleme gerichtet sind. Verschiedene
dieser Organisationen, wie der Europarat, der Europäische Wirtschaftsrat
und die Montanunion haben auf dem Wege zur Integration Europas bedeutsame Fortschritte erzielt. Und kürzlich erst haben wir zwei bedeutende
Schritte auf dem Wege zur Integration Europas erlebt, nämlich die ernsthaften Erörterungen über die Schaffung von Euratom und einen "gemeinsamen
Markt."
Im Februar 1955 sagte Präsident Eisenhower: "Ich kann die Bedeutung, einer stärkeren wirtschaftlichen, industriellen und sozialen
Verbindung und schließlich sogar einer stärkeren politischen Verbindung zwischen den Nationen eines freien Europa gar nicht stark genug
unterstreichen."
Ein anderer Faktor von grundlegender Bedeutung für die Festigung
der atlantischen Gemeinschaft ist die ständige Weiterentwicklung der
Schlagkraft der Nordatlantikpaktorganisation. Dies wird stets eines
der wichtigsten und vordringlichsten Elemente in unserer Planung bleiben.
Die politischen Funktionen der NATO sollten dementsprechend!, erweitert
werden. Solange die sowjetische Politik in ihren Grundzügen die gleiche
bleibt, wie heute, muß die militärische Kraft der NATO erhalten und
weiter ausgebaut werden. Wir Amerikaner sind entschlossen, alles zu tun,
um dieses Ziel zu erreichen. Wir haben bereits außerordentlich viel zum
Erfolg unserer gemeinsamen Verteidigungsbemühungen beigetragen und werden
das auch in Zukunft tun.
Ich möchte die Bedeutung der NATO als eines gemeinsamen Unternehmens
zu unserer Verteidigung hervorheben, eines Unternehmens, zu dem jedes
Mitglied der NATO entsprechend seinen Kräften und seiner geographischen
Lage beitragen muß. Mit Hilfe dieser Beiträge der einzelnen Länder
soll eine wohlausgewogene und wendige Verteidigungsmacht aufgebaut werden, die für den Einsatz in allen militärischen Lagen geeignet ist. Das
gilt ebenso für die militärische Planung der Vereinigten Staaten wie
für die NATO selbst. In Anbetracht der so verschiedenartigen geschichtlichen Entwicklung und der unterschiedlichen Institutionen in den Vereinigten Staaten und den anderen Mitgliedstaaten der NATO, war diese
Organisation ein außerordentlich brauchbares Instrument, das uns gute
Dienste dabei leistete, anderen Mitgliedern im Rahmen der gmeinsamen
Verteidigungsbestrebungen zu helfen. Ich kann mir nur schwer vorstellen,
wie wir ohne sie eine ebenso wertvolle Hilfe hätten leisten können. Wie
Sie wissen, ist der wichtigste Grundsatz der NATO die Einigkeit, die aus
dem gegenseitigen Verständnis und der freiwilligen Zusammenarbeit ihrer
Mitglieder erwächst; in allen unseren gemeinsamen Unternehmungen waren wir
stets erfolgreich; wenn aber Angehörige der NATO gegen diesen Geist der
Zusammenarbeit verstoßen haben, so hatte die gesamte Organisation: darunter
zu leiden..
T .
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�3. Oktober 1956

"AMERIKA DIENST

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es eines der wichtigsten
Ziele der Vereinigten Staaten ist, ihren Widerstand ge^en eine von
Willkür und Despotismus bestimmte Herrschaft fortzusetzen.
Bezüglich derjenigen Nationen, die einst freie Mitglieder der
europäischen Völkerfamilie waren und die ihre Freiheit einbüßten:,
haben wir wiederholt klar und deutlich ausgesprochen, daß wir uns
niemals mit ihrer Versklavung einverstanden erklären und keine Verträge schließen werden, die den Status quo bestätigen oder sanktionieren. Außenminister Dulles erklärte hierzu im vergangenen Jahr:
"Wir werden niemals den Versuch unternehmen, dieses Unrecht durch
Anwendung von Gewalt wiedergutzumachen. Wir können und wollen aber das
Wissen um dieses Unrecht im Bewußtsein der Menschheit wach erhalten und somit
die Macht der Weltmeinung zur Geltung bringen, die durch ständiges Bemühen
zum Ziele führen wird. Denn keine Nation, wie mächtig sie auch immer sei,
möchte sich in ständig steigendem Maße einer Verurteilung iurch die Welt
ausgesetzt sehen.
Die Welt muß wissen, daß die amerikanische Nation an diesem Kreuzweg der Geschichte nach wie vor an ihren Idealen festhält, nämlich andere an den Erkenntnissen sowie, geistigen und materiellen Früchten unserer freien Gesellschaft teilnehmen zu lassen, den Geknechteten zu
helfen, wieder frei zu werden, und den Freien, ihre Freiheit zu wahren."
Sie werden sich vielleicht daran erinnern, wie Winston Churchill
in einem denkwürdigen Wort eine bestimmte Phase des zweiten Weltkrieges
umriß, als er erklärte: "Wir stehen nicht am Ende und auch nicht am
Anfang vom Ende, sondern am Ende vom Anfang." Je mehr; wir von dem
heute in der Sowjetunion und in ihrem Satellitenblock vor sich gehenden Gärungsprozeß hören, um so mehr hat es - wenigstens für mich - den
Anschein, daß wir an einem ähnlichen Kreuzweg in den Beziehungen zwischen
der freien Welt und dem Sowjetblock stehen.
Vieles läßt darauf schließen, daß die Sowjetführer zum mindesten
für eine gewisse Zeit auf Gewaltmittel in außenpolitischen Angelegenheiten weniger Wert legen und im eigenen Lande, eine gewisse; Toleranz zulassen. Vielleicht hatte auch unsere eigene Politik Einfluß auf diesen
bedeutungsvollen Fortschritt. Es ist noch zu früh, etwas darüber auszusagen, ob die bis heute gefaßten Entscheidungen der Sowjets den Charakter
des Unabänderlichen tragen; die Elemente, bei denen die Staatsgewalt im
sowjetischen System ruht, sind auch heute noch größtenteils unkontrolliert
durch gesetzliche Sicherungen oder die Macht einer echten öffentlichen
Meinung;. Aber wir haben es jetzt zum ersten Mal mit einer sowjetischen
Gesellschaft zu tun, die den Kinderschuhen entwachsen ist, und die Sowjetführer müssen sich endlich mit den dem Kommunismus eigenen Widersprüchen
auseinandersetzen;
- wie soll man eine neue Klasse von Wissenschaftlern, Managern und
Beamten heranziehen, die frei genug für eine fortschrittliche Weiterentwicklung, aber- auch Sklave genug sind, um das abgegriffene Dogma eines
aus dem 19»Jahrhundert stammenden Rezepts für eine despotische Staatsform
zu akzeptieren?
- wie lassen sich die gegensätzlichen Forderungen vereinbaren, einerseits Machtpolitik zu betreiben und zum andern weniger mit Zwang und Druck

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"AMERIKA DIENST"

Druck zu arbeiten, den Verbrauch auch weiterhin beschränkt zu halten
und die Hilfsquellen in zunehmendem Maße für die Schwerindustrie und
die militärische Technik zu nutzen?
- wie soll man verläßliche kommunistische Bewegungen in den
Entwicklungs-Ländern aufrechterhalten und gleichzeitig so tun, als
wünsche man diese Staaten darin zu unterstützen, ihre Unabhängigkeit
zu stärken und ihren gemäßigten, nichtkommunistischen Regierungen zum
Erfolg zu verhelfen?
Diese und andere ihrem System innewohnenden Widersprüche, zu.,
denen wir auch die Tatsache, rechnen" müssen, daß es keine geregelte
Nachfolge in der Führung kennt - und dies wird, sich vielleicht noch
einmal als ein verhängnisvoller Fehler erweisen -, lassen den Sowjets
nicht viel Spielraum bei ihren Entscheidungen und binden ihnen die Hände.
Wir unsererseits haben eine wichtige Bedingung zu erfüllen. Wir dürfen
den Sowjetführern keine Siege überlassen. Die freie Welt muß mit Geschick
und Entschiedenheit verhindern, daß die Sowjets mittels Gewalt oder List
weitere Eroberungen machen. Nur auf diese Weise wird man sie allmählich
dahin bringen können, sich verantwortungsbewußt an der Lösung internationaler Fragen zu beteiligen. Wir müssen sie durch eine feste und
kraftvolle Haltung zu der Erkenntnis zwingen, daß sie sich ihrer Gewaltmethoden nicht ungestraft bedienen können. Und durch unsere politische
Haltung müssen wir ihnen zeigen, daß sie sich in die Welt des 20.Jahrhunderts einpassen und den Forderungen nach Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle Völker gerecht werden müssen. Diese politischmilitärische Haltung zu wahren, ist unser aller Aufgabe.
Wir Amerikaner glauben, daß diese Ziele durchaus realistisch und
erreichbar- sind. Wir glauben, daß diese Aufgabe zu erfüllen ist.
Wenn sie erfüllt wird und die Deutschen in Ost- und Westdeutschland
ihrem Entschluß, ein freies und geeintes Volk zu sein, treu bleiben,
dann, so glauben wir fest, können wir eine allmähliche Wandlung der
sowjetischen Führer in ihrer Gesamteinstellung und eine Revision
ihres Standpunktes in der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands
in Freiheit herbeiführen.

. -.1.0 -

�A&gt; M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ERLÄUTERT AMERIKANISCHE POLITIK HINSICHTLICH
DER ATOMWAFFENVERSUCHE
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung über
die amerikanische Politik hinsichtlich der
Atomwaffenversuche, die Präsident Eisenhower
am 5-Oktober 1956 abgegeben hat.

"Die Politik der amerikanischen Regierung hinsichtlich der
Erprobung großer nuklearer Waffen ist in dem gegenwärtigen politischen Wahlkampf zu einem Streitpunkt gemacht worden.
Ich bedaure dies. Die Art und Weise, in der diese Frage aufgeworfen wurde, kann nur zu Verwirrung in den USA und zu Mißverständnissen im Ausland führen. Es gibt nichts Schwierigeres als
die Erörterung dieser Frage vor dem Auditorium der gesamten Welt,
das naturgemäß auch die einschließen muß, die uns feindlich gegenüberstehen. Es gibt kein Thema, für das die amerikanische Bevölkerung ein einheitlicheres Verständnis haben sollte - ein Verständnis, das frei von Verwirrung oder parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten ist.
Ich spreche als Präsident, der im Rahmen der Verfassung mit
der Verantwortung für die Verteidigung und Sicherheit unserer
Nation betraut ist.
Ich muß daher die folgenden entscheidenden Punkte unserer
nationalen Politik unterstreichen*
Erstens: Die Erprobung von Atomwaffen ist bis heute ein unerläßlicher Teil unseres Verteidigungsprogramms gewesen und wird
es auch weiterhin sein. Die Entwicklung dieser Waffen war ein
wesentliches, wenn nicht gar ein entscheidendes Mittel der Abschreckung für die kommunistische Aggression in den vergangenen
Jahren. Und wie wichtig es ist, daß wir auf diesem besonderen
Gebiet stark sind, wird durch die zahlenmäßige Überlegenheit der
kommunistischen Welt nachdrücklich unterstrichen.
Zweitens« Gleichzeitig hat die amerikanische Regierung als
Teil eines allgemeinen Abrüstungsprogramms immer wieder ihre Bereitschaft, ja ihren entschlossenen Willen bestätigt und bekräftigt,
sowohl die Erprobung als auch die Anwendung nuklearer Waffen im
Rahmen eines spezifischen und überwachten internationalen Abrüstungsabkommens zu beschränken und zu kontrollieren. Diese Tatsache ist
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"AMERIKA DIENST"

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Oktober 1956

ist allen Regierungen der Welt bekannt. Sie kann auch kaum den informierten amerikanischen Bürgern unbekannt sein.
Drittens« Was das Waffenentwicklungsprogramm der USA anbetrifft,
so sind besondere Regierungsbeamte - vor allem die Mitglieder der
Atomenergiekommission und des gemeinsamen Stabes der US-Streitkräfte
sowie der Präsident - dafür verantwortlich, zu allen Zeiten genau abzuwägen, welcher Nachdruck und Schwerpunkt auf die verschiedenen Waffentypen und -großen, auf ihre Erprobung und Entwicklung gelegt werden
soll. Ein solcher Schwerpunkt muß zwangsläufig immer wieder von neuem
festgelegt und überprüft werden. Diese spezifische Angelegenheit kann
natürlich - aus verständlichen Sicherheitsgründen - nicht Gegenstand
einer ins einzelne gehenden öffentlichen Diskussion sein.
Auf Grund dieser unserer Politik muß ich auf bestimmte Vorschläge
eingehen, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten unterbreitet wurden.
Ich muß in diesem Zusammenhang auf folgende Pakten hinweisen«
Erstens: Es wurden mehr als ein Vorschlag unterbreitet. Diese Vorschläge unterschieden sich voneinander. Diese Unterschiede haben Verwirrung hervorgerufen.
Am 21 .April wurde vorgeschlagen, daß 'wir der Einstellung der
Wasserstoffbombenversuche sofortige und ernsthafteste Aufmerksamkeit
schenken sollten'. Dies wäre eine so einseitige amerikanische Maßnahme
gewesen, daß hinzugefügt wurde, 'wir könnten unsere Politik ja überprüfen', wenn andere Länder diesem Beispiel nicht folgten.
Am 5«September bezog man sich auf meinen 'Vorschlag vom vergangenen Frühjahr, die weitere Erprobung großer nuklearer Waffen einzustellen
unter der Bedingung, daß auch die anderen Atommächte eine ähnliche
Politik einschlagen'.
Am 20.September wurde in einer neuen Formel gefordert, daß die
USA 'Bei dem Vorhaben, die Begrenzung der Wasserstoffbombenversuche
aller Nationen zu fördern, die Führung übernehmen sollten' .
Zweitens« Die Unklugheit einer solchen, ohne wirkliche internationale Sicherheitsmaßnahmen durchgeführten Aktion wurde sofort von
dem demokratischen Vorsitzenden des gemeinsamen Atomenergieausschusses
des Kongresses, Senator Clinton Anderson, unterstrichen. Er sagte«
'Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Rußland seine Versuche einstellen
würde. Unter diesen Umständen glaube ich nicht, daß wir unsere Versuche abbrechen können.'
Die Stellungnahme eines so verantwortlichen Demokraten macht
klar, daß es sich hierbei nicht - wie es auch nicht der Fall sein
sollte - um eine' parteipolitische Frage, sondern um einen Punkt
handelt, der von einer Einzelperson aufgeworfen wurde.
Drittens« Die Vorschläge berücksichtigen in keiner V/eise, was
das Ergebnis der Einstellung unserer Versuche sein würde. Die Versuche
mit großen Waffen, von welcher Nation sie auch immer vorgenommen werden,
können zwar, sobald sie erfolgen, registriert werden. Einem jeden dieser
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10. Oktober 1956

dieser Versuche gehen jedoch zahlreiche Monate der Forschung und der
Vorbereitung voraus. Lies bedeutet, daß umfassende Versuche von anderen
Nationen ohne unser Wissen vorbereitet werden könnten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir davon erführen, könnte unsere gegenwärtige eindrucksvolle
Führung auf dem Gebiet der Kernwaffen reduziert oder gar überholt sein.
Auf diese Weise würde unsere Fähigkeit, über den Frieden zu wachen, gemindert werden.
Viertens : Die gemachten Vorschläge ignorieren einige wesentliche
Gründe für die Versuche.
a) Unsere jüngsten Versuche waren dergestalt, daß sie zu dem
Wissen beigetragen haben, wie wir Waffen herstellen können, die nicht
in erster Linie größere Vernichtungswaffen, sondern Waffen zum Schutz
unserer Städte vor einem feindlichen Luftangriff sind.
b) Ein wichtiges Ergebnis unserer jüngsten Versuchsreihe war, daß
wir gelernt haben, Waffen herzustellen, bei denen der radioaktive Niederschlag auf ein Minimum begrenzt wird und deren Vernichtungskraft auf
militärische Ziele konzentriert werden kann.
Fünftens: In der sprachlichen Verwirrung, die diese Vorschläge
umgab, wurde der Versuch gemacht, große internationale Persönlichkeiten,
ja selbst seine Heiligkeit Papst Pius XII., zu zitieren, die 'ähnliche
Vorschläge' gemacht hätten. Alle diese Persönlichkeiten - wie auch die
Mitglieder der amerikanischen Regierung, alle verantwortungsbewußten
und bedachten Politiker der freien Welt, Staatsmänner oder Kirchenführer - sind aufrichtig um ein internationales Abkommen bestrebt, das
eine wirkungsvolle Kontrolle aller Rüstungen - der nuklearen, wie der
herkömmlichen - gestattet.
Der Papst hat in seiner letzten Weihnachtsbotschaft an die Welt
gefordert, den nuklearen Waffenversuchen durch ein internatioibales
Waffenabkommen Einhalt zu gebieten. Er erklärte, daß ein solcher Schritt
drei Stufen einschließe: Den Verzicht auf Versuche mit Atomwaffen, den
Verzicht auf die Anwendung solcher Waffen und eine allgemeine Kontrolle
der Rüstungen. Und er forderte, daß alle diese drei Vorsichtsmaßnahmen
gemeinsam durchgeführt werden.
Sechstens: In der letzten Woche ist jedoch noch ein weiterer Vorschlag unterbreitet worden. Dieser Vorschlag kritisierte das 'Beharren'
der Regierung auf einer 'vollkommenen' oder 'narrensicheren' Überwachung
der Abrüstung und bezeichnete diese als eine 'Gefahr', die ein mögliches
internationales Abkommen gefährdet.
Ich muß in feierlicher Form erklären, daß ich damit nicht übereinstimme. Ich werde auch weiterhin beharrlich dabei bleiben, solange
mir die höchste Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes übertragen ist.
Die Gefahr liegt genau in der anderen Richtung. Sie liegt in der
vergeblichen Hoffnung, daß bereits irgend etwas, was nicht so weit geht

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"AMERIKA PIEKST"

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geht wie sichere Garantien, eine Verminderung des Potentials zu
unserer eigenen Verteidigung, zur Verteidigung unserer Verbündeten und zur Verteidigung der freien Welt rechtfertigen würde.
Und schließlich unterstreiche ich erneut die feste Absicht
meiner Regierung, sich unablässig um eine Verringerung der
Rüstungslasten nicht nur für einige wenige Länder, sondern
für alle Völker der V/elt zu bemühen."

* * * * *

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E R I K A

D I E N S T

DÜLLE5; FRIEDEN UND GERECHTIGKEIT SIND UNTEILBAR

WILLIAMSTOWN (Massachusetts) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede über Probleme
des Friedens, die der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles am 6. Oktober 195&amp; vor dem Williams College
in Williamstown in Massachusetts gehalten hat und in der
er sich für eine friedliche und gerechte Lösung des SuezKonfliktes einsetzte.

"Ich möchte heute zu Ihnen über einige Probleme des Friedens
sprechen. Ich weiß, daß dies ein altbekanntes Thema ist, aber es ist
auch ein sehr akutes Thema.
Quincy Wright führt in seiner 'Studie des Krieges1 278 Kriege
an, die zwischen 1480 und 1941 ausgetragen wurden. Mehrere dieser
Kriege, darunter auch der zweite Weltkrieg, wurden geführt, nachdem
der Völkerbund geschaffen worden war und nachdem der Vertrag von
Paris alle Nationen zur Ä*chtung des Krieges verpflichtet hatte. Auch
nach der Gründung der Ver einten Nationen im Jahre 1945 sind verschiedene Kriege geführt worde n, dazu gehören der Korea-Krieg, der Krieg
in Indochina und der isra elisch-arabische Krieg. In verschiedenen
Teilen der Welt sind Krie ge heute bedrohlich in den Bereich des
Möglichen gerückt.
Es ist eine Tatsache, daß der Krieg solange eine immerwährende
Gefahr sein wird, bis es besser entwickelte Institutionen des Friedens, wie eine angemessene Körperschaft des Völkerrechts und eine
internationale Polizeimacht, gibt und eine Reduzierung der Rüstungen erfolgt ist. Wir leben heute - und ich fürchte noch für lange
Zeit - unter der Drohung des Krieges. Nur wenn wir uns dieser Tatsache voll und ganz bewußt sind, werden wir die Anstrengungen unternehmen können, die zur Verhinderung des Krieges notwendig sind.
Ich möchte also wieder einmal über den Frieden sprechen.
Zunächst einmal muß man sich darüber im klaren sein, daß Kriege
nicht allein dadurch verhindert werden, daß man den Krieg haßt und
den Frieden liebt. Seit Menschengedenken haben die Völker der Welt
den Krieg gehaßt und sich nach Frieden gesehnt. Doch dadurch wurde
der Frieden nicht erreicht. Es hat sich immer wieder erwiesen, daß
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�"AMERIKA DIENST"

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daß die Wahrscheinlichkeit des Friedens nicht an der Intensität der
Friedensbeteu- ungen gemessen werden kann. Dafür ist die S ockholmer
Friedensresoli tion ein Beispiel. Durch diesen Trick haben die Sowjets
versucht, den weltweiten Wunsch nach Frieden für ihre eigenen Zwecke
auszunutzen. Diese Resolution hat nichts zum Frieden beigetragen.
Selbst ein so aufrichtiges Bemühen wie der Vertrag von Paris zeigte,
wie vergeblich der Versuch ist, den Krieg zu ächten, wenn nicht gleichzeitig angemessene und wirksame Institutionen geschaffen werden, die
den Krieg als Mittel der Politik ersetzen.
Es ist eine Tatsache, "laß die Friedensliebe allein noch niemals
ausreichte, um vor einem Krieg abzuschrecken.
Einer der großen Fortschritte unserer Zeit ist die Erkenntnis,
daß einer der Wege zur Verhütung des Krieges darin besteht, den Willen
und die Macht zu haben, zur Bestrafung eines Aggressors Gewalt anzuwenden. Dabei bedarf es innerhalb der Völkerfamilie der Bemühungen,
das gleiche Prinzip anzuwenden, das zur Abschreckung von Gewalttaten
innerhalb einer Gemeinde angewandt wird. Hier in der Gemeinschaft
werden Gesetze erlassen, die die Verbrechen und ihre Bestrafung definieren. Damit wird ein mächtiges Bollwerk gegen Gewalttaten errichtet.
Dieses Prinzip der Abschreckung funktioniert jedoch selbst in den
bestgeordnetsten Gemeinden nicht hundertprozentig. Aber es wird als
brauchbar und wirksam angesehen und kann also zweckmäßigerweise auf die
Völkerfamilie ausgedehnt werden. Dieses Prinzip wurde in die Charta
der Vereinten Nationen aufgenommen. Artikel 44 ermächtigt den Sicherheitsrat, Gewalt anzuwenden, und die Mitglieder sind verpflichtet,
die Streitkräfte "zur Verfügung zu stellen, die zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig sind. Diese Bestimmungen
der Charta sind jedoch auf Grund des sowjetischen Vetos niemals angewandt worden. Der Grundsatz der Abschreckung mußte daher seinen Ausdruck in kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung finden, wie
sie im Artikel 51 der Charta erlaubt sind.
Die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig mit 42 anderen Staaten
durch solche kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung verbunden.
Diese Abmachungen dienen dem Zweck, jedem potentiellen Aggressor im
voraus klarzumachen, daß ein Angriff auf ein einzelnes Land zu einer
Reaktion vieler Länder, darunter der Vereinigten Staaten, führen würde,
die darauf gerichtet wäre, den Aggressor so hart zu bestrafen, daß sich
eine Aggression nicht mehr lohnen würde.
Senator Vandenberg hat dies dargelegt, als er im Senat für den
Nordatlantikpakt eintrat;
'Die unüberwindliche Kraft für den Frieden, die in diesem Vertrag
liegt, ist die abschreckende Tatsache, daß jeder Aggressor gegen die
Nordatlantische Gemeinschaft von vornherein weiß, daß er in demselben
Augenblick, in dem er angreift, einer solchen geballten Stärke dieser
verbündeten Staaten gegenübersteht, wie diese nach ihrem eigenen Ermessen für notwendig erachten, um ihn auf die Knie zu zwingen und Frieden
und Sicherheit wiederherzustellen. '
Durch

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'AMERIKA DIENST

10. Oktober 1956

Durch die Weiterentwicklung dieser 'Warnung vor einem k.o.', um
mit Vandenberg zu sprechen, ist ein nicht zu übersehender Schutzwall
gegen den Krieg errichtet worden. Es wäre jedoch töricht anzunehmen,
daß die Warnung allein schon ein unüberwindliches Hindernis für einen
Krieg darstellt. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, daß innerhalb der
zusammengeschlossenen Gruppe von Ländern ständig sowohl der Wille als
auch die Macht vorhanden ist, im Falle einer Aggression v/irksam zu
handeln. Das militärische Programm der Vereinigten Staaten, einschließlich der sogenannten 'Auslandshilfe' bildet die Kosten für diese Art
der Friedensversicherung. Es handelt sich hier um eine notwendige,
wenn auch zugegebenermaßen nur um eine Teilversicherung.
Ein weiterer Aspekt des Problems liegt darin, daß es auf lange
Sicht niemals einen echten Frieden geben kann, wenn nicht Recht und
Gerechtigkeit herrschen. Auch heute noch bestehen schwere Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel die Knechtschaft der sowjetischen Satelliten und die Teilung Deutschlands. Aber selbst wenn einmal die vollkommene Gerechtigkeit erreicht würde, dann wäre dies nicht automatisch
ein ewiger Zustand. Der Wandel ist das Gesetz des Lebens,und es entstehen immer wieder neue Verhältnisse, die nach einer Lösung verlangen,
wenn es nicht neue Ungerechtigkeiten geben s'oll.Solche Ungerechtigkeiten neigen dazu, immer wieder letztlich zur Anwendung von Gewalt zu
führen, wenn nicht andere Mittel existieren.
Dieser Punkt wird durch einen Geschichtsatlas unterstrichen.
Ich denke, keiner wird der Ansicht sein, daß die politische Aufteilung
der Welt, wie sie etwa vor 50» 100 oder 500 Jahren bestand, hätte verewigt werden sollen. Und doch war fast die einzige Möglichkeit der
Veränderung die Anwendung von Gewalt. Innerhalb einer Nation oder
einer Völkerfamilie ist die Gewalt unvermeidlich, wenn es keine friedlichen Möglichkeiten gibt, etwa auftretende Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Diese Beziehung zwischen Frieden und Gerechtigkeit wurde häufig
erörtert, als die Charta der Vereinten Nationen formuliert wurde.
Die Charta setzte in ihrer ursprünglichen, in Dumbarton Oaks ausgearbeiteten Form keinen Maßstab für den Begriff der Gerechtigkeit fest.
Der Nachdruck wurde ausschließlich auf den Frieden gelegt, als ob
ein ständiger Friede unabhängig von der Gerechtigkeit erreicht werden
könnte.
Ich erinnere an meine Forderung vom März 1945» als ich erklärte,
'daß diese Organisation von ethischen Werten, dem Geist der Gerechtigkeit, erfüllt sein sollte'. Ferner sagte ich damals wörtlich:
'Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren, daß der Begriff 'Gerechtigkeit' nicht leicht zu definieren ist. Er hat für verschiedene Menschen verschiedene Bedeutungen. Aber für alle hat er irgendeine
Bedeutung, und zwar eine sehr entscheidende. Die Charta sollte von
der neuen Organisation verlangen, daß sie als ersten Punkt der Geschäftsordnung die schwierige, aber entscheidende Aufgabe in Angriff
nimmt, eine Konzeption der Gerechtigkeit zu entwickeln, von der sie
geleitet wird. Nur auf diese Weise wird die Organisation bestehen
können.'
,_

�'

"AMERIKA D I E N Ü T "

10. Oktober 1 956

Auf der Konferenz von San Franzisco wurde diese Ansicht allgemein
akzeptiert. Die Charta wurde entsprechend abgeändert. Die wichtigste
Änderung kann in dem ersten Artikel der Charta gefunden werden. Ursprünglich bezeichnete es der Artikel 1 als das Ziel der Vereinten
Nationen, 'auf friedliche Weise Schlichtungen oder Lösungen internationaler Streitfälle oder Situationen herbeizuführen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten.' In San Franzisco wurde erklärt, daß die
friedliche Lösung in 'Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts1 erreicht werden müßten.
Wenn sich also die Vereinten Nationen mit dem Problem der Schlichtung und Lösung von Streitfällen und Situationen befassen, die den Frieden gefährden könnten, dann ist es erforderlich, daß die Weltorganisation als ein Forum der Unparteilichkeit fungiert, wobei die Prinzipien
der Gerechtigkeit so angewandt werden, wie sie für die jeweiligen tatsächlichen Gegebenheiten relevant sind.
Dies ist nicht immer leicht. Die öffentliche Meinung der Welt
lehnt zwar bereitwillig die Gewalt ab. Sie unterstützt jedoch nicht
genauso leicht die 'Gerechtigkeit', die oft nur eine vage und strittige
Konzeption ist. Dennoch müssen diejenigen, welche den Frieden lieben
und ihn wünschen, sich darüber im klaren sein, daß sie keinen Frieden
haben werden, wenn sie sich nicht genauso nachdrücklich für die Gerechtigkeit einsetzen wie für den Frieden. Der Friede ist eine Münze,
die zwei Seiten hat. Die eine Seite ist der Verzicht auf die Gewalt,
die andere Seite die Anerkennung der Gerechtigkeit.
Frieden und Gerechtigkeit sind unteilbar.
Ein praktisches Beispiel für die gegenseitige Abhängigkeit von
Frieden und Gerechtigkeit ist das gegenwärtig akute Suezproblem. Hier
hat die ägyptische Regierung plötzlich die alleinige Kontrolle des
Betriebs dieser Wasserstraße an sich gerissen, die seit ihrem Bau von
einer internationalen Gesellschaft verwaltet wurde. Die ägyptische
Regierung nahm diese Handlung unter Bedingungen vor, die ihre Absicht
erkennen lassen, diese Kontrolle nicht im allgemeinen Interesse auszuüben, sondern der sogenannten "'Größe' Ägyptens dadurch zu dienen, daß
man in der Lage ist, auf andere Länder einen wirtschaftlichen Druck
auszuüben und Tribute von ihnen zu fordern.
Es gibt viele Länder, für die der Suezkanal im wahrsten Sinne
des Wortes eine Lebensader darstellt. Ihr wirtschaftliches Gedeihen
hängt davon ab, daß ihnen der Kanal zur Verfügung steht und technisch
in einwandfreiem Zustand ist. Es darf hier kein Risiko einer offenen
oder versteckten Diskriminierung unter den Benutzern geben, denen
die freie und unbehinderte Durchfahrt durch den Vertrag aus dem Jahre
1888 für ewige Zeiten zugestanden wurde. Es kann keiner Nation zugemutet werden, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert' zu leben.
Auf der ganzen Welt war man dagegen, daß diese Situation durch
die Anwendung von Gewalt bereinigt wird. Das ist nur natürlich und
richtig. Aber diejenigen, die um den Frieden besorgt sind, sollten in
gleicher Weise auch um die Gerechtigkeit besorgt sein. Ist es gerecht

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�"AMERIKA DIENST"

10. Oktober 1956

gerecht oder auch nur erträglich, daß große Nationen, die im Rahmen
des Vertrages aus dem Jahre 1888 Rechte habai und deren Wirtschaften
von der Benutzung des Kanals abhängen, eine exklusive Kontrolle dieses
internationalen Wasserwegs durch eine Regierung akzeptieren, die aus
ihrer bitteren Feindseligkeit kein Hehl macht? Das ist die Frage, die
nunmehr dem Weltsicherheitsrat vorliegt, und sie stellt dieses Gremium
vor eine entscheidende Probe.
Lassen Sie mich als letzten Punkt betonen, daß der Frieden niemals gewonnen v/ird, wenn man sich nicht genauso unermüdlich für die
Erreichung dieses Zieles einsetzt, wie man in Kriegszeiten mit allen
Kräften nach dem Siege strebt. '»Vir haben gesehen, daß man durch die
Jahrhunderte hindurch den Frieden gewünscht hat, daß es aber dennoch
Kriege gab. Wir können auch durch die Jahrhunderte hindurch verfolgen,
daß in Kriegszeiten nicht denen der Erfolg zufällt, die den Sieg wünschen,
sondern denen, die die Fähigkeiten und die Opferbereitschaft zeigen,
wie sie zu einem Siege notwendig sind. Andererseits sieht man gemeinhin
in dem Frieden eine Zeit des Ausspannens, in der keine besonderen Anstrengungen und keine besonderen Opfer erforderlich sind.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer ist, dem Frieden zu dienen
»WJLa-Krieg zu führen. Das erstere erfordert fast die gleichen Fähigkeiten wie das letztere und zumindest ein gewisses Maß an Opfern. Die
Vereinigten Staaten bringen heute in ihrem Feldzug für den Frieden
beträchtliche Opfer. Diese lassen sich mit dem Militärdienst unserer
Jugend messen, mit der Ausgabe von rund zehn Prozent unseres Bruttosozialproduktes für Verteidigungszwecke, mit der Gewährung von militärischer und wirtschaftlicher Hilfe an solche Länder, die bedroht
sind und den Willen zum Widerstand haben, und schließlich mit den
aufopfernden Bemühungen vieler einzelner nicht nur auf militärischem
Gebiet, sondern auch vor allem in unserem diplomatischen Dienst.
Aber diese Opferbereitschaft reicht noch nicht aus. Immer wieder
bittet die amerikanische Regierung um die Dienste besonders geeigneter Personen für wichtige Aufgaben, die im Rahmen des Feldzuges für
den Frieden gelöst werden müssen. In Kriegszeiten würden die so aufgerufenen Personen keinen Augenblick zögern. In Friedenszeiten finden
sie mancherlei Gründe, den Ruf auszuschlagen. Die Gründe mögen echt
sein, aber sie spiegeln die allgemeine Einstellung wider, daß der
Friede nicht die Opfer erfordert, die man in Kriegszeiten ohne Zögern
bringen würde.
Die Menschheit wird niemals einen dauerhaften Frieden erringen,
solange die Menschen ihr volles Können nur für die Aufgaben des Krieges einsetzen. Die Aufgaben des Friedens erfordern die gleichen Anstrengungen, die erforderlich sind, um einen großen Krieg zu gewinnen.
Warum sollten wir diese Anstrengungen nicht vollbringen? Die furchtbaren Schrecken eines dritten Weltkrieges vermag niemand zu schildern.
Warum sollten wir nicht, um den Frieden zu gewinnen, die Fähigkeiten
entwickeln und einsetzen, die sonst aufgebracht würden, um einen Krieg
zu gewinnen? Dies ist eine Frage, die auf nationaler Ebene beantwortet werden muß, wenn wir danach streben, den Frieden zu einem Dauerzustand zu machen. Es ist aber auch eine Frsge, die jeder für sich
selbst beantworten muß. Sie oder manche von Ihnen mögen eines Tages
aufgerufen werden, diese Frage damit zu beantworten, was Sie aus Ihrem
eigenen Leben machen. Wenn Sie und andere das für den Frieden tun, was
Sie für den Krieg tun würden, dann dürfen wir hoffnungsvoller in die
ukunf t blicken ."
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES LEGT STANDPUNKT DER USA ZUM SUEZ-KONFLIKT DAR

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am 9«0ktober
1956 vor dem Weltsicherheitsrat hielt.
"Wenn sich unsere allgemeine Aussprache nunmehr dem Ende nähert,
ist es wichtig, erneut einige Grundsätze aufzuzeigen:
Erstens: Wir sind hier, um uns mit einer Lage zu befassen, die
die Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt gefährdet. Dies wird von allen Beteiligten zugegeben.
Zweitens» Die Länder der Welt und im besonderen die 76 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben uns, die wir diesen Rat
bilden, die Hauptverantwortung für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit übertragen.
Drittens: Wir müssen bei der Ausübung dieser Pflicht im Einklang mit den Zielen und Prinzipien der Vereinten Nationen handeln,
und das bedeutet, daß wir mit friedlichen Mitteln und im Einklang
mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, und des Völkerrechts eine Bereinigung dieser gefährlichen Situation herbeiführen.
Unsere Aufgabe ist klar. Sie besteht darin, durch friedliche
Mittel eine Lösung zu suchen, die mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht. Wir haben damit eine
zweifache Verantwortung; ihr einer Aspekt betrifft den Frieden, der
andere die Gerechtigkeit und die Beachtung von Recht und Gesetz.
Lassen Sie uns diese beiden Aspekte unserer Aufgabe betrachten.
Welche Möglichkeiten bestehen dafür, eine Lösung durch friedliche Mittel zu erzielen? Die Chancen dafür sind gut.
Fast zweieinhalb Monate sind vergangen, seitdem Ägypten am
26.Juli von der allgemeinen Suezkanalgesellschaft Besitz ergriffen
und sie damit de facto daran gehindert hat, die Pflichten auszuüben,
die ihr im Jahre 1868 bis zum Jahre 1968 übertragen worden waren.
Die durch diese Maßnahme tief gekränkten und gefährdeten Nationen haben darauf mit keinerlei Gewaltmaßnahmen reagiert. Sie
haben sich aufs genaueste an ihre auf Grund der Charta übernommene
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�"AMERIKA DIENST"

10. Oktober 1956

übernommene Verpflichtung gehalten, zuerst einmal auf der Verhandlungsbasis oder durch andere friedliche Mittel eine Lösung zu suchen.
Am I.August 1956, vier Tage nach der Besitzergreifung der Suezkanalgesellschaft durch Ägypten, traten die Regierungen Frankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten zusammen und beschlossen,
daß eine Lösung zunächst durch Einberufung einer Konferenz der 24 in
erster Linie betroffenen Nationen gesucht werden sollte. Das war der
erste Friedensschritt. Vom 16. bis zum 24.August fand diese Konferenz
statt. Ägypten lehnte eine Teilnahme ab. Aber es waren alle sieben der
unbestreitbar noch existierenden Unterzeichnerstaaten des Vertrages
von 1888 vertreten sowie sieben weitere Staaten, die die Hauptbenutzer
des Kanals sind und acht andere Staaten, deren Wirtschaft in stärkstem
Maße von dem Kanal abhängt.
Diese Konferenz führte zu einem Übereinkommen, in dem sich
18 der 22 Konferenzteilnehmer auf eine Lösungsformel einigten, die
nach ihrer Ansicht sowohl für Ägypten als auch für die Nationen, die
den Kanal benutzen oder von ihm wirtschaftlich abhängig sind, akzeptabel sein sollte. Das war der zweite im Sinne des Friedens unternommene
Schritt.
Auf dieser Konferenz wurde ein aus fünf Ländern bestehender
Ausschuß unter dem Vorsitz des australischen Ministerpräsidenten
gebildet, um die Ansichten der 18 Teilnehmerländer an Ägypten weiterzugeben und herauszufinden', ob diese als Verhandlungsgrundlage für
akzeptabel gefunden würden. Dabei wurde eine Zusammenkunft in Genf
vorgeschlagen. Die ägyptische Regierung gab jedoch zu verstehen, daß
sie nur in Kairo selbst mit dem Ausschuß zusammenzukommen geneigt sei.
Der aus einem Ministerpräsidenten, drei Außenministern und einem stellvertretenden Außenminister bestehende Ausschuß reiste daher in seiner Suche
nach dem Frieden nach Kairo. Dies war der dritte Friedensschritt.
Der Ausschuß hielt sich vom 3« bis 9»September in Kairo auf und
legte den Vorschlag der 18 Nationen dar und erläuterte ihn. Dies war
der vierte Schritt in der Suche nach dem Frieden.
Die ägyptische Regierung lehnte die Vorschläge der 18 Nationen
selbst als Verhandlungsgrundlage ab und unterbreitete keine Gegenvorschläge. Dessen ungeachtet kamen die 18 Nationen am 19»September erneut zusammen, um nach weiteren Möglichkeiten einer friedlichen Regelung zu suchen. Sie überprüften und bestätigten ihre Vorschläge vom
August als eine faire Grundlage für eine friedliche Lösung des Suezkanalproblems, die den Interessen der Benutzernationen ebenso gerecht würde
wie den Interessen Ägyptens.
Sie suchten weiter praktische Mittel und Wege einer Zusammenarbeit
mit Ägypten zu finden. Sie waren der Auffassung, daß Ägypten vielleicht
zu diesem Zeitpunkt nicht bereit wäre, einer endgültigen Lösung zuzustimmen, daß aber vielleicht irgendeine praktische Verbindung zwischen
den Kanalbenutzern und der ägyptischen Kanalbehörde geschaffen werden
könnte. Sie entschlossen sich daher, eine kooperative Vereinigung zu
gründen, die in ihrem Auftrage handelnd mit den ägyptischen Kanalbjehörden
über diese Fragen verhandeln könnte. Dies war der fünfte Friedensschritt.
Die
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10. Oktober 1956

Die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens ergriffen dann
Maßnahmen, um das Augenmerk dieses Rates auf die Situation zu lenken.
Das war der sechste Schritt .
Angesichts dieser Gegebenheiten kann wohl keiner, so meine ich,
zu Recht die friedlichen Bestrebungen derjenigen in Frage stellen,
die von der ägyptischen Maßnahme betroffen worden waren. Wohl kaum
wurden jemals vergleichbare Anstrengungen unternommen, um eine Frage
von solch gefährlichen Ausmaßen auf friedliche Weise zu lösen. Der
Rat weiß sehr wohl, daß er es nicht mit Regierungen zu tun hat, die
sich der Anwendung von Gewalt verschrieben haben. Selbst die am
meisten Betroffenen, haben den Wunsch zum Ausdruck gebracht, auf
friedlichem Wege eine gerechte Lösung zustandezubringen.
Wir wenden uns jetzt dem zweiten Aspekt unseres Problems zu
- das heißt, der Suche nach einer Lösung, die sowohl den Grundsätzen
der Gerechtigkeit als auch des Völkerrechts entspricht. Hier wiederum ist der Weg klar.
Wir stehen oftmals Situationen gegenüber, für die es kein verbindliches Instrument des Völkerrechts gibt. Aber für die gegenwärtige Situation gibt es einen verbindlichen Vertrag, nämlich die
Konvention aus dem Jahre 1888. Sie sieht vor, daß die Schiffe aller
Nationen für alle Zeiten das Recht auf freie und gleichberechtigte
Durchfahrt durch den Suezkanal haben. Sie fordert ein 'jfenau festgelegtes System", das ein solches Benutzungsrecht garantieren soll,
und sie schließt durch direkten Hinweis die der allgemeinen Suezkanalgesellschaft erteilte Konzession des Jahres 1868 ein, die die
Gewähr für ein solches System bietet.
Es ist viel über die Notwendigkeit gesagt worden, die 'Souveränität' Ägyptens in bezug auf den Kanal zu respektieren.
,
Souveränität besteht dort, wo ein Staat tun kann, was er will.
Allgeme'in gesprochen, kann eine Nation innerhalb ihres eigenen Gebietes tun und lassen, was soft" will. Und allgemein ausgedrückt, hat
kein Staat auf dem Gebiet eines anderen souveränen Staates irgendwelche Rechte.
Der Kanal führt selbstverständlich durch ein Gebiet, das jetzt
zu Ägypten gehört, und in diesem Sinne ist der Kanal 'ägyptisch'.
Aber der Kanal ist keine interne Angelegenheit Ägyptens und ist
dies niemals gewesen, so daß Ägypten etwa tun könnte, was es wilL. •.
Er bildete immer - schon vom Tage seiner Eröffnung an - eine internationale Wasserstraße, die für die freie Durchfahrt der Schiffe
aller Länder offenstand. Sein Charakter als ein internationaler
und frei benutzbarer Verkehrsweg wurde für alle Zeiten durch die
Konvention von 1888 garantiert. Ägypten kann rechtmäßig keinem
Schiff oder Frachtgut den Durchgang durch den Kanal verwehren. Und
wenn die Benutzer dieses freien Verkehrswegs daran die Sicherstellung der Beachtung ihrer Rechte knüpfen, so ist dies keine Verletzung der ägyptischen Souveränität, sondern eine eindeutige Ausübung
der durch das Völkerrecht, nämlich die Konvention von 1888, zugestandener Rechte.
Ägypten

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Ägypten hatte diesen Rechtsstandpunkt an sich akzeptiert und ihn
sogar vor diesem Rat erläutert.
Am 5.August 1947 sprach der Vertreter Ägyptens vor dem Sicherheitsrat über die Situation, die bestand, als Großbritannien vertraglich gesicherte Rechte in an den Kanal angrenzenden Ländern hatte. Er wies dara
hin, daß die Freiheit der Kanaldurchfahrt damit nicht von Großbritannien
abhängig wurde. Im Verlauf seiner Ausführungen erklärte er«
'Der Status des Suezkanals ist völlig verschieden von dem anderer
künstlicher Wasserwege, die als Hauptadern des internationalen Verkehrs
dienen, denn er ist durch jenes mehrseitige internationale Abkommen
festgelegt, auf das ich soeben Bezug genommen habe. (Die Konvention
von Konstantinopel aus dem Jahre 1838). Der Suezkanal war von Anbeginn
an ein internationales Unternehmen, und schon wenige Jahre nach Eröffnun
des Kanals traten die Großmächte Europas mit dem ottomanischen Reich, da
für Ägypten handelte, zusammen, um Bestimmungen über den Kanalverkehr,
sowie die Neutralität und die Verteidigung des Kanals zu treffen'.
(Sicherheitsrat, 175.Sitzung, P. 1756).
Am 14« Oktober 1954 erklärte der ägyptische Vertreter, der zum
Bat Galim-Fall vor dem Sicherheitsrat das Wort ergriff, unter anderem:
'.... Die Kanalgesellschaft, die die Durchfahrt kontrolliert, ist
eine internationale Gesellschaft, die von Stellen geleitet wird, die
weder ägyptisch noch notwendigerweise von einer bestimmten anderen
Nationalität sind. Sie ist eine allgemeine Gesellschaft, die funktioniert, und die Dinge werden auch in Zukunft weiterhin in dieser V/eise
gehandhabt werden'. (Sicherheitsrat, 682.Sitzung, P. 31)•
Soviel über die rechtliche Seite des Falles.
Ferner ist da die Frage der Gerechtigkeit. Was ist in diesem Falle
gerecht? Der Sicherheitsrat sollte meiner Ansicht nach, den Ergebnissen
großes Gewicht beimessen, zu denen die 18 Nationen gelangten, die sich
im vergangenen August in einer Darlegung ihrer Standpunkte vereinten.
Zu diesen 18 Staaten gehörten alle noch existierenden Signatarmächte der
Konvention von 1838 mit einer Ausnahme. Sie vertreten über 90 Prozent
des gesamten Kanalverkehrs, und außerdem befinden sich unter ihnen
Länder, deren '»Virtschaft weitgehend vom Kanal abhängt. Unter diesen
18 Nationen waren Länder aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika.
Diese Länder bekräftigten erneut ihre Ansicht, daß, wie in der
Präambel der Konvention aus dem Jahre 1888 festgelegt ist, ein 'genau
festgesetztes System' geschaffen werden soll, 'das für alle Zeiten
und für alle Mächte die freie Benutzung des Suez-Schiffahrtskanals
garantiert'.
Sie stellten vier Grundprinzipien heraus, die unter angemessener
Berücksichtigung der Souveränitätsrechte Ägyptens durch ein solches
System ihren Ausdruck finden sollten. Diese waren:
1. Einen wirksamen und zuverlässigen Betrieb des Kanals sowie
seine Unterhaltung und seinen Ausbau als einer freien, offenen und
sicheren internationalen Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Konvention aus dem Jahre 1888.
2.

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2. Der Kanalbetrieb soll frei von dem Einfluß der Politik
irgendeiner Nation gehalten werden.
3« Ägypten soll Einnahmen aus dem Betrieb äes Suezkanals haben,
die fair und gerecht sind und mit der Ausweitung der Durchfahrtskapazität und der Benutzung staigen.
4. Die Kanalgebühren sollen so niedrig festgesetzt werden, wie
dies mit den vorgenannten Erfordernissen zu vereinbaren ist, und abgesehen von dem Anteil Ägyptens soll kein Gewinn entstehen.
Wie kann wohl jemand diese Grundsätze anfechten? Nur eines dieser
Prinzipien wurde auf der Konferenz im August in Frage gestellt und ernsthaft nur von der Sowjetunion angegriffen. Es handelte sich dabei um den
zweiten vorhin genannten Grundsatz, daß nämlich der Betrieb des Kanals
von dem Einfluß der Politik irgendeines Landes frei gehalten werden sollte.
Aber ist das nicht gerade der springende Punkt? Wir haben es hier
mit einem Wasserweg zu tun, der, wie die ägyptische Regierung selbst erklärt hat, 'von Anfang an ein internationales Unternehmen war'. Die
'.Virtschaft von 20 oder mehr Nationen in Europa, Asien und Afrika hängt
entscheidend vom Suezkanal ab. Wenn ein solcher Wasserweg von irgendeiner Regierung, die ihn faktisch kontrolliert, als ein Instrument der
nationalen Politik benutzt werden kann, dann wird er notwendigerweise
ein internationaler Zankapfel werden. Dann kann sich keine Nation, die
von dem Kanal abhängt, sicher fühlen. Alle außer der kontrollierenden
Nation sind dann dazu verurteilt, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert1 zu leben. Das würde die Konvention von 1888 zunichlß machen und
eine Verletzung von Recht und Gesetz bedeuten.
Wenn wir uns - wie die Charta es verlangt - um Gerechtigkeit
bemühen, dann müssen wir darin übereinstimmen, daß der Betrieb dieses
internationalen Wasserweges getrennt von der Politik eines jeden Landes
sein muß.
Ich bin der Überzeugung, daß der Sicherheitsrat die von den 18 Nationen dargelegten Grundsätze als Prinzipien der Gerechtigkeit akzeptieren kann.
Die 18 Staaten gingen dann daran, einen Mechanismus auszuarbeiten,
durch den diese Grundsätze zum Tragen kommen können. Sie schlugen vertragliche Abmachungen für eine Zusammenarbeit zwischen Ägypten und anderen interessierten Ländern sowie die Schaffung einer Suezkanal-Behörde
vor, in der Ägypten und andere Länder vertreten sein würden. Diese Behörde, so lautete der Vorschlag, sollte mit den Vereinten Nationen assoziiert
sein und der Weltorganisation in regelmäßigen Abständen Bericht erstatten.
Sie schlugen ferner vor, daß Einigung über ein Schiedsgericht, erzielt
werden sollte, das Streitfälle beizulegen habe, und daß wirksame Sanktionen gegenüber denen ergriffen werden sollten, die das Abkommen verletzen.
Natürlich gibt es eine große Anzahl von Möglichkeiten, mit deren
Hilfe die von den 18 Nationen formulierten Grundsätze verwirklicht werden
könnten. Ich glaube nicht, daß irgendeines dieser Länder die von ihnen
vorgeschlagenen, besonderen Abmachungen als unantastbar ansieht. Und ich
bin der Ansicht, daß der Sicherheitsrat sich nicht irgendeinem Alternativvorschlag, der gemacht werden könnte, verschließen sollte.
Aber

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Oktober 1956

Aber was die Grundprinzipien anbetrifft, so vermag ich nicht
zu verstehen, wie sie von diesem Rat außer'Seht gelassen werden
können, wenn die Grundsätze der Gerechtigkeit zur Fra&amp;e stehen.
Das Problem, dem wir gegenüberstehen, liegt daher nicht in der
Zügelung aggressiver Nationen, die einen Krieg wünschen. Es geht auch
nicht darum, ein neues Instrument des Völkerrechts zu schaffen oder
Gerechtigkeit zu üben, wo das Prinzip der Billigkeit nicht klar erkennbar ist. Der Friede wird von allen erstrebt, und die Grundsätze der
Gerechtigkeit und des Völkerrechts sind klar. Wir sehen uns dem Problem
gegenüber, uns gleichzeitig mit dem Frieden und der Gerechtigkeit zu
befassen, so wie dies in unserer Charta gefordert wird.
Keine Nation aber hat der Korrelation von Frieden und Gerechtigkeit
beredter Ausdruck verliehen als die ägyptische Regierung.
Man wird sich erinnern, daß unsere Charta, so wie sie in Dumbarton Oaks von den drei Großmächten entworfen wurde, keine Bezugnahme
auf die Gerechtigkeit enthält. Sie forderte lediglich den Frieden einen Frieden, der voraussichtlich von Bestand sein würde, nicht weil er
gerecht ist, sondern weil er durch die Macht einiger weniger Großmächte
erzwungen wurde.
Dieser Entwurf wurde in San Francisco abgelehnt. Hier wurde die
gegenseitige Abhängigkeit von Frieden und Gerechtigkeit anerkannt und
Artikel 1 unserer Charta umgeschrieben, so daß er an diese Organisation
die Forderung stellt, sich darum zu bemühen, 'mit friedlichen Mitteln
und in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts einen Ausgleich oder eine Beilegung der internationalen
Streitigkeiten oder solcher Situationen zu suchen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten'. Und es wurde gefordert, daß dieser Sicherheitsrat bei der Erfüllung seiner vornehmsten Pflicht - der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit in Einklang mit diesem Artikel handeln solle.
In San Francisco war Ägypten gerade die Nation, die für diesen Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit am glühendsten, am nachdrücklichsten und mit beredten V/orten eintrat. Ich möchte hier einen Ausschnitt
aus einer der Erklärungen zitieren, die damals von dem Vertreter Ägyptens
abgegeben wurde:
'... Wir sind der Überzeugung, daß der Rat, der Sicherheitsrat, tatsächlich die Rolle des politischen Gerichtshofes spielen wird, und es unerläßlich ist, daß die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit immer bei
seinen Beratungen gelten. Das letzte Argument, mit dem wir uns auseinanderzusetzen hatten, war, daß es die Bürde für die Organisation schwerer
machen würde, und insbesondere die Last der Mächte, die für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit hauptsächlich verantwortlich sind,
wenn wir den Sicherheitsrat auffordern, die Gerechtigkeit und das Völkerrecht zu achten.
Ich bin der Überzeugung, daß solche zusätzliche Bürden, wie sie
aus der Annahme unseres Abänderungsvorschlages resultieren würden,
nicht groß wären gemessen an den Opfern, die wir alle gebracht haben und
alle erneut für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit in der
Welt zu bringen bereit sind. Wenn wir nur den Frieden und die Sicherheit
bewahren wollten, dann würden wir uns nicht sehr von Hitler unterscheiden,
der

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Oktober 1956

der dies auch versuchte und der tatsächlich teilweise Erfolg hatte.
Der Unterschied liegt jedoch darin, daß wir den Frieden und die Sicherheit in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Völkerrechts und der
Gerechtigkeit aufrechterhalten wollen'.
So sprach damals Ägypten, und wir können, so glaube ich, alle
diesen Gedankengängen zustimmen.
Man kann die Bedeutung dieses Problems wohl kaum übertreiben. Unser
Rat erfreut sich auf der einen Seite eines deutlich zum Ausdruck gekommenen Wunsche3 nach Frieden für alle Beteiligten. Auf der anderen Seite
wird die Lage durch Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit bestimmt,
wie sie selten so deutlich zutage traten. Wenn unter diesen günstigen Bedingungen und bei all diesen positiven Gegebenheiten unser Rat nicht in
der Lage ist, eine Regelung mit friedlichen Mitteln in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts sicherzustellen,
dann wäre unser Versagen ein Unglück von ungeheurem Ausmaß.
Dies scheint von denen erkannt zu werden, die hier in diesem Raum
gesprochen haben. Die allgemeine Debatte ist im großen und ganzen gemäßigt und konstruktiv gewesen.
Ich sage 'im großen und ganzen', denn es gab Ausnahmen. Eine
solche Ausnahme war die von dem sowjetischen Außenminister gegebene
Darstellung der sogenannten 'amerikanischen Monopolisten1, die - wie er
sagte - in 'Unschuldsgewändern' gekleidet und mit 'gierigem Appetit'
durch die 7/elt streifen und überall neue Opfer suchen.
Eine weitere Ausnahme war der Vorschlag des sowjetischen Außenministers, daß wir das Problem an einen Ausschuß überweisen sollten,
von dem der sowjetische Außenminister sagte: 'Das wiphtigste Erfordernis
ist, daß die Zusammensetzung des Ausschusses so ausgeglichen ist, daß
das Vorherrschen eines bestimmten Standpunktes verhindert wird'. Offenbar hält er es für unglücklich, daß sich 18 Nationen, die mehr als
90 Prozent des Verkehrs und eine Vielfalt von Benutzerinteressen repräsentieren, über eine Lösung einigen könnten. Er möchte daher einen neuen
Beginn durch die Einsetzung eines Ausschusses machen, der so beschaffen
ist, daß man im voraus wissen kann, er wird niemals zu einer Einigung gelangen .
Es ist nicht das erste Mal, daß eine Regierung glaubt, sie könne
durch die Verewigung eines Streites nur gewinnen. Wir kennen das Sprichwort vom 'Fischen im Trüben'. Im allgemeinen ist es zwar üblich, einen
solchen Zweck zu verschleiern. Kaum jemals ist jedoch wohl das Vorhaben,
Meinungsverschiedenheiten zu verewigen, so klar enthüllt worden.
Die ägyptische Regierung hat in einem konstruktiveren Schritt vorgeschlagen, daß wir ein Verhandlungsgremium schaffen, welches sich von
einer Reihe von Arbeitsprinzipien sowie im Auge zu behaltenden und zu
erreichenden Zielen leiten lassen soll. Dies war genau der Gang der
Dinge, den wir auf der Londoner Konferenz vom vergangenen August einzuhalten suchten, auf der - wie wir gesehen haben - eine Reihe von Grundsätzen ausgearbeitet und gewisse Ziele umrissen worden sind. Der Kern des
Problems, so scheint es uns, ist die Annahme des Prinzips, daß ein System
existieren muß, welches die Gewähr dafür bietet, daß der Kanal von keinem
Land als ein Instrument seiner nationalen Politik benutzt werden kann.
Wenn

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1Q. Oktober 1956

Wenn Ägypten dieses einfache und elementare Prinzip der Gerechtigkeit akzeptier^ dann glaube ich, daß die unteigeordneten Probleme gelöst werden können. Wenn dieses Prinzip jedoch verworfen wird,
dann läßt sich nur schwer voraussehen, welche nützliche Rolle einem
Verhandlungsgremium zukommen sollte. Ja, unter solchen Umständen ist
es schwierig, überhaupt irgendeine Lösung vorauszusehen, die mit den
Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht.
Wenn aber dieser Fall nicht so gelöst werden kann, dann wird das
gesamte System de» Friedens in Gerechtigkeit unterminiert sein, das
durch diese Charta geschaffen werden sollte.
Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Ich bin davon überzeugt,
daß keine Nation hier andere als freundschaftliche Beziehungen mit
Ägypten zu unterhalten wünscht. Tatsächlich würde denn auch die von
den Kanalbenutzerstaaten, die zu über 90 Prozent an dem gesamten Kanalverkehr beteiligt sind, vorgeschlagene Lösung den Wohlstand Ägyptens
fördern. Eine friedliche und unparteiische Lösung dieses Problems würde
einen neuen hoffnungsvollen Ausblick für ein Gebiet der Welt eröffnen,
das unter Kriegsalarmen und den wirtschaftlichen Lasten der Kriegsvorbereitung schwer zu leiden hat. Gleichzeitig aber können wir der
gesamten Menschheit neue Hoffnung geben, die begonnen hat, ihr Vertraue
in die Fähigkeit dieser Organisation zur Sicherung des Friedens und der
Gerechtigkeit zu verlieren.
7/enn man die Möglichkeiten, die wir haben, klar überdenkt, wer
kann dann noch zweifeln, welche Wahl wir treffen werden?
Herr Präsident, die britisch-französische Resolution verkörpert
die grundlegenden Prinzipien, auf die wir Bezug genom-nen haben. Sie
wird diesen Rat in die Lage versetzen, eine Wahl zu treffen, die,
wie wir zuversichtlich erwarten können, den Frieden in Gerechtigkeit
erhalten wird. Sie wird die Autorität und das Prestige dieser Organisation aufrechterhalten. Daher beabsichtigten die Vereinigten Staaten,
wie ich am vergangenen Freitag sagte, für diese Resolution zu stimmen."

* * * * *

�A M E R I K A

E N S T

DIE POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN UND DIE ZUKUNFT DER NATO

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der
stellvertretende Unterstaatssekretär für
europäische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Burke Eibrick, am 5«Oktober
1956 auf der 8.Jahrestagung der "Konferenz
über Welthandelsfragen" in Old Point Comfort
(Virginia) gehalten hat.

Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihrer Einladung Folge
zu leisten, um an den Diskussionen über die NATO und ihr Verhältnis
zu verschiedenen Problemen und Möglichkeiten teilzunehmen, die uns
Amerikanern auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen erwachsen.
Ich möchte mit Ihnen gemeinsam die Probleme erörtern, die sich
aus unserer Stellung innerhalb der atlantischen Gemeinschaft ergeben,
Ihnen die bisher erzielten Erfolge aufzeigen, und ich möchte insbesondere Ihr Interesse auf die zwischen unseren europäischen Verbündeten
und uns bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen lenken und kurz auf
die Rolle eingehen, die die NATO und unsere Beteiligung an ihr in der
amerikanischen Außenpolitik spielt.
In Ermangelung einer treffenderen Bezeichnung hat sich der Name
"Atlantische' Gemeinschaft" für dieses Bündnissystem eingebürgert, das
Kanada, die Vereinigten Staaten und die Länder Westeuropas einschließt,
einen Raum, der ein großes gemeinsames Erbe und eine gemeinsame Geschichte besitzt, die gekennzeichnet ist von dem Streben nach Gerechtigkeit und individueller Freiheit.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich bet onen, daß die Aufrechterhaltung der Einigkeit und die Zusammenarbe it mit denjenigen
Ländern Westeuropas, mit denen wir durch enge wir tschaftliche und
kulturelle Bande verbunden sind, seit 1945 eines der unveränderlichen
Ziele der amerikanischen Außenpolitik gewesen ist . Das gemeinsame
Erbe, das wir mit den Völkern Westeuropas teilen, ist sowohl für sie
wie für uns ein Band von größter Bedeutung. Darüb er hinaus verfügt
Westeuropa über 25 bis 30 Prozent der gesamten In dustriekapazität,
Hilfsquellen und qualifizierten Arbeitskräfte der Welt. Auf Grund
dieser Tatsachen allein ist es absolut notwendig, daß Westeuropa im
Kampfe gegen die von Moskau gesteuerten despotisc hen Kräfte der
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�AMERIKA DIENST"

17« Oktober 1956

der kommunistischen Weltverschwörung unser Verbündeter bleibt.
Wir sind uns dessen bewußt, daß die Politik des "Teilens und
Herrschens" zu den Manövern der Kommunisten zählt, mit deren Hilfe
sie die Weltherrschaft zu erreichen suchen. Das ist einer der Gründe
dafür, daß wir der Einigkeit unter den Staaten und Völkern, die gleich
uns die Prinzipien der menschlichen Freiheit und Recht und Gesetz
achten, so große Bedeutung beimessen.
Wie könnte diese heute so feste Verbundenheit unter den Mitgliedern
der atlantischen Gemeinschaft erzielt werden, und wie läßt sie sich
weiter aufrechterhalten und stärken?
Die einzige Körperschaft, durch die die Regierungen der Atlantikanliegerstaaten auf allen Gebieten - politisch, militärisch, wirtschaftlich und kulturell - zusammenarbeiten können, ist die Nordatlantikpaktorganisation. Das soll nicht etwa heißen, daß alle unsere Beziehungen
zu unseren europäischen Freunden ausschließlich über die NATO abgewickelt werden müssen, sondern daß wir in der NATO ein erprobtes und
elastisches Instrument besitzen, das den Ländern der atlantischen Gemeinschaft die Zusammenarbeit in jedem von ihnen gewünschten Maße gestattet und ermöglicht.
Auf dieser Tagung sind heute verschiedene Formen der militärischen
Zusammenarbeit diskutiert worden, wie sie durch die NATO ermöglicht wurden. Der Einfluß dieser Zusammenarbeit auf die Moral der Völker Westeuropas, die im Jahre 1949 der Bedrohung durch eine eventuelle sowjetische Aggression fast wehrlos gegenübergestanden hatten, kann nicht
hoch genug veranschlagt werden.
Die NATO hat sich zum mächtigsten und schlagkräftigsten kollektiven Verteidigungsinstrument entwickelt, das jemals in Friedenszeiten
von freien Nationen geschaffen worden ist. Sie hat Europa in den Jahren,
als es von Gefahr bedroht war, den Frieden erhalten. Seit ihrer Gründung
hat der Kommunismus in Europa keine territorialen Eroberungen mehr gemacht, sondern im Gegenteil sogar verschiedene vorgeschobene Positionen
aufgegeben. Innere Unruhen, politische Streiks und andere Erscheinungsformen der Zwietracht und der Unordnung, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren von den Kommunisten mit beträchtlichem Erfolg gefördert
wurden, haben zum großen Teil aufgehört. Inzwischen ist es den europäischen Völkern gelungen, hinter dem Verteidigungsschild der NATO ihre
im Kriege zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen, ihren Handel zu erweitern und ihren Lebensstandard zu erhöhen.
Die Erfolge, die die NATO aufzuweisen hat, sind in der Tat beträchtlich. Wir alle wis?en jedoch, daß wir in einer Welt leben, die
es nicht zuläßt, daß wir auf unseren Lorbeeren ausruhen. Rasten heißt
rosten. Lorbeeren haben die unangenehme Eigenschaft, sich gelegentlich
in Dornen zu verwandeln. Die Existenz und die Weiterentwicklung der atlantischen Gemeinschaft - und der gesamten freien Welt - wird nicht
durch Leistungen gesichert, die wir in der Vergangenheit erzielt haben,
sondern wird davon abhängen, wie wir mit den Problemen der Zukunft fertig werden.
Die3e
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�"AMERIKA DIENST"

17. Oktober 1956

Diese Probleme sind zahlreich und kompliziert. Im Rahmen des
heutigen Vortrages aber möchte ich mich mit vier großen Problemkreisen auseinandersetzen. Der erste betrifft die Aufrechterhaltung
einer starken und der technischen Entwicklung angepaßten Verteidigung.
Der zweite betrifft die Schaffung gesunder und entwicklungsfähiger
Wirtschaftssysteme in den Ländern der freien Welt. Der dritte ist die
Förderung der Einheit unter den europäischen Nationen selbst. Und
der vierte betrifft die künftige Entwicklung der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes mit dem Ziel, die Zusammenarbeit auf allen Gebieten
menschlicher Tätigkeit zu fördern und die dauernde Solidarität der
westlichen Kulturländer zu sichern.
Das erste große Problem der atlantischen Gemeinschaft liegt so
klar zutage, daß man manchmal fast geneigt ist, es überhaupt zu übersehen. Seit einiger Zeit hören wir viel von einem Wechsel der sowjetischen Taktik, einem Übergang von militärischen zu nichtmilitärischen
Eroberungsmethoden. Manche Leute haben daraus den voreiligen Schluß
gezogen, daß der militärischen Verteidigung nicht mehr die erste Stelle
gebühre. Dieser Schluß ist ebenso gefährlich wie falsch. Wenn auch nicht
bestritten werden soll, daß sich tatsächlich ein Wechsel in der sowjetischen Taktik vollzogen hat, und wenn es auch stimmt, daß wir unsere Aufmerksamkeit in steigendem Maße den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und psychologischen Aspekten der weltpolitischen Auseinandersetzung zuwenden müssen, so bedeutet das keineswegs, daß wir unsere
militärische Verteidigung vernachlässigen dürfen. Wir müssen uns vor
Augen halt en, daß sich die militärische Bedrohung durch die wirtschaftlich-politische Offensive der Sowjets nicht etwa verringert, sondern
eher erhöht hat. Nach wie vor unterhalten die Sowjetunion und ihre
Satelliten gewaltige Streitkräfte, die in der Lage sind, sowohl eine
örtlich begrenzte als auch eine allgemeine Aggression durchzuführen.
Diese Streitkräfte werden ständig verstärkt durch die zunehmende Anhäufung nuklearer Waffen, durch Luftstreitkräfte mit einem immer größeren Aktionsradius, durch verbesserte elektronische Geräte und ähnliche
moderne Kriegsgeräte. Wenn wir auch die begründete Hoffnung hegen, daß
die vernichtenden Vergeltungswaffen der amerikanischen und alliierten
Streitkräfte den kommunistischen Block auch künftig davon zurückschrecken
lassen werden, das Risiko eines Krieges einzugehen, so haben wir doch
keine Gewähr dafür, daß dies der Fall sein wird. Es ist daher unerläßlich, -unsere Sicherungen gegen Agressionen ständig zu verbessern.
Man darf auch nicht vergessen, daß es sich hier nicht um eine Art
Versicherungspolice handelt, die je "abgedeckt" werden könnte. Militärwissenschaft und Technik sind nicht statisch. Jedes Jahr bringt Neuerungen auf dem Gebiet der Waffenkonstruktion und der militärischen Technik,
die man noch wenige Jahre zuvor als phantastisch bezeichnet hätte. Daher
kommt es nicht nur dafauf an, unsere Streitmacht zu erhalten, sie muß
vielmehr auch ständig dem neuesten Stand der Entwicklung angepaßt werden.
Das ist für uns Amerikaner wie für unsere Alliierten eine recht kostspielige Angelegenheit. Tun wir es aber nicht, so heißt das womöglich,
unsere Vernichtung heraufbeschwören.
Es mag immer noch Amerikaner geben, die das Problem der Verteidigung
unseres Landes rein vom nationalen Standpunkt aus betrachten und die Bedeutung eines kollektiven Vorgehens, wie es die NATO darstellt, in ihrer
Bedeutung unterschätzen. Sie glauben wohl, daß unsere eigenen Vorräte an_

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an Atomwaffen, unsere strategische Luftwaffe, unsere große industrielle
Kapazität und die anderen Hilfsquellen unseres Landes für die Verteidigung der Vereinigten Staaten ausreichen und daß die Beiträge unserer
Alliierten nur geringen Wert nahen.
Diese Auffassung zeugt jedoch von großer Kurzsichtigkeit. Europa
hat vieles zu bieten. Es geht nicht ohne die jährlich 12 Milliarden
Dollar, die unsere europäischen Verbündeten im Rahmen der gemeinsamen
Verteidigungsanstrengungen aufwenden - das sind grob gerechnet 6 Dollar
auf jeden Dollar, den sie in Form unserer Militärhilfe erhalten. Wir
brauchen ihre Soldaten, deren sie mehr haben als wir. Wir brauchen Europas
Flotten- und Luftstützpunkte, die für eine wirksame Verteidigung und für
Vergeltungsmaßnahmen im Falle einer Aggression von lebenswichtiger Bedeutung sind. Wir brauchen Europas Fabriken und Bergwerke, die der atlantischen Gemeinschaft zusammen mit unseren eigenen nahezu 'JO'fo der Industriekapazität der Welt sichern. Wir brauchen Europas Wissenschaft und Technik,
die bei der Herstellung der ersten Atombombe eine so unersetzliche Rolle
spielten und die nach wie vor eine unschätzbare Ergänzung zu Amerikas
wissenschaftlichen Möglichkeiten darstellen. Gemeinsam verfügen Nordamerika
und Europa über die Mittel, sich gegen jede erdenkliche Kombination feindlicher Mächte zu verteidigen; für einen von ihnen allein könnte sich diese
Aufgabe leicht als zu schwierig erweisen.
Aus dem eben Gesagten geht eindeutig hervor, daß die Verteidigungskraft eines Landes weitgehend eine wirtschaftliche Frage ist und daß wir
uns eine derartige militärische"Versicherungspolice" in angemessener
Höhe letzten Endes nur dann leisten können, wenn die Mitgliedstaaten
eine gesunde und gut funktionierende Wirtschaft haben. Und ebenso trifft
es zu, daß wir im Rahmen des weltumspannenden Ringens mit dem kommunistischen Block auf nichtmilitärischem Gebiet nur dann konkurrieren können das heißt also, andere Nationen und Völker für unsere Sache gewinnen und
uns ihre Gefolgschaft erhalten können -, wenn unsere Wirtschaft stabil
ist und weiter ausgebaut wird.
Und damit sind wir bei dem zweiten großen Problem, das ich bereits
erwähnte. Ungeachtet der aufgezeigten gewaltigen Aktivposten, über die
Europa verfügt, haben unsere Alliierten mit ernsten Wirtschaftsproblemen
zu kämpfen. Einkommen und Lebensstandard sind in Westeuropa im Durchschnitt noch nicht einmal halb so hoch wie in Amerika. Die europäischen
Länder sind in weit stärkerem Maße vom Außenhandel und von Auslandsin*estitionen abhängig als wir, und ihre Wirtschaft kann durch gegenläufige
Entwicklungen in anderen Teilen der Erde sehr leicht aus dem Gleichgewicht
gebracht werden. Sie haben unter ständigen Devisenschwierigkeiten zu leiden.
Hinzu kommt, daß die Wachstumsrate der Wirtschaft in Europa zur Zeit nur
halb so hoch ist wie die der Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Diese
Tendenz ist sehr beunruhigend, ungeachtet der Tatsache, daß die Sowjets
auf einem sehr viel niedrigeren Stand zu beginnen hatten als Westeuropa.
Ein erfreuliches Zeichen ist jedoch, daß die Rate de* wirtschaftlichen
Wachstums in Westeuropa in jüngster Zeit eine starke Steigerung erfahren
hat. Tatsächlich war das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung der westeuropäischen Länder in den letzten Jahren schneller als in den Vereinigten
Staaten.
Wir Amerikaner können Europas Wirtschaftsprobleme nicht lösen. Das
müssen die Europäer selbst tun. Doch sind diese Probleme großenteils nur

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nur in Verbindung mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in der ganzen Welt zu lösen. Es ist klar, daß unsere eigene Wirtschaftspolitik die gesamte Weltwirtschaftslage weitgehend beeinflußt.
Welche Außenhandelspolitik haben die Vereinigten Staaten in bezug
auf diese Entwicklungen in Europa verfolgt?
So unabhängig Amerika in früheren Jahren von der übrigen Welt gewesen sein mag, so wissen wir heute nur allzu genau, daß auch für uns
kein Verlaß auf Friede und Sicherheit ist, solange in irgendeinem anderen Teile der Erde Hunger, Armut und Unruhe herrschen. Diese Zustände
lassen sich nur mildern, wenn wir selbst und die übrigen Länder der
Erde den Handel ständig erweitern, unsere Wirtschaft ausbauen und unseren Lebensstandard heben.
Angesichts der großen wirtschaf4" ichen Kraft und Stabilität der
Vereinigten Staaten fällt es uns manchmal schwer, uns vorzustellen,
wie mühsam nicht nur die kleineren Lander, sondern selbst verhältnismäßi
große und hoch indust^ alisierte Lände wi- Großbritannien, Frankreich
und Deutschland ihr wirtschaftliches G ] e" chgewicht wahren. Die Stärke
und Stabilität unserer Wirtschaft hängt v.n der Ausweitung unseres Handels ab, doch müssen wir ständig nach Mitteln und Wegen suchen, wie wir
eine Ausweitung des Handels ermöglichen und fördern können, ohne befreundete Nationen, deren Wirtschaft nicht so stark und elastisch wie
unsere ist, nachteilig zu beeinflussen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft an ihrer bisherigen
Politik festhalten, die eine Beseitigung der Handelsschranken zwischen
den einzelnen europäischen Ländern und der gesamten freien Welt zum
Ziel hat. Wir machen den unabhängigen souveränen Staaten Europas keinerlei Vorschriften, und wir sind uns klar darüber, daß sie ihre verschiedenen wirtschaftlichen Probleme selbst lösen müssen; wir können sie aber
wohl darauf hinweisen, daß die Prosperität unseres Landes zu einem nicht
geringen Maße daher rührt, daß wir in unseren 48 Staaten keinerlei
Handels- und Devisenbeschränkungen kennen.
Es ist nicht nötig, die gewaltigen Fortschritte, die die westeuropäischen Länder seit 1945 i m Aufbau ihrer Wirtschaft, der Ausweitung ihres Handels und der Hebung ihres Lebensstandards erzielten, hier
nochmals aufzuzählen. Natürlich hat die Hilfe der Vereinigten Staaten
bei dieser erstaunlichen Entwicklung keine geringe Rolle gespielt; doch
sind noch viele schwierige Probleme zu lösen.
Die Kommission für Außenhandelspolitik, die sogenannte RandallKommission, hat in ihrem Bericht vom Jahre 1954 in dem Bestreben, den
Kurs für die künftige Wirtschaftsentwicklung festzulegen, einige Richtlinien ausgearbeitet, die ich der Erwähnung wert finde. In diesem
Bericht heißt es: "Die freie Welt muß ihre Zukunft aufbauen; und zwar
nicht mit ungewöhnlich starken Hilfeleistungen seitens der Vereinigten
Staaten, sondern mit den eigenen Hilfsquellen und der Arbeifskraft der
Menschen der einzelnen Länder selbst. Daß die Grundlagen für eine derartige internationale Wirtschaft bereits.gelegt sind, ist unbestreitbar,
und man darf mit Recht hoffen, daß es bei gegenseitiger Unterstützung
und bei gegenseitigem Verständnis gelingen wird, ein lebensfähiges Handels- und Zahlungssystem für die Zukunft zu schaffen. Vieles

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Vieles deutet darauf hin, daß wir am Beginn einer Epoche der
allgemeinen Ausweitung des Welthandels stehen. Die Industrieländer
benötigen immer mehr Rohstoffe, die ihnen die weniger entwickelten
Länder liefern können. Und diese wiederum benötigen immer mehr Maschinen, Industriegüter und hochveredelte Konsumgüter, die das Merkmal einer entwickelten Industrie sind. Die Zeit scheint gekommen, in
der Völker der Segnungen eines zunehmenden internationalen Handels
teilhaftig werden.
Um dieses Wachstum zu erreichen, muß die freie Welt jedoch viele
Hindernisse beseitigen, die noch immer dem freien Verkehr von War««,
Kapital und Devisen im Wege stehen. Alle beteiligten Länder müssen
durch eine gesunde Finanz- und Steuerpolitik zu einer größeren Stabilität der 7/irtschaft beitragen. Sie müssen zeigen, daß sie Vertrauen
in ihre Fähigkeit besitzen, auf eigenen Füßen stehen zu können. Viele
der betroffenen Länder müssen ihre eigenen Bemühungen stärker als bisher intensivieren, sie müssen mithelfen, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
das sowohl ihren eigenen Bürgern als auch dem ausländischen Kapital einen
Anreiz für Kapitalinvestitionen bietet, und sie müssen die Restriktionen
aufheben, die den internationalen Zahlungsverkehr in seiner Bewegungsfreiheit behindern.
In all diesen Dingen müssen die Vereinigten Staaten die Führung
übernehmen und mit Weisheit ausüben. Dabei müssen wir uns stets der
Tatsache bewußt bleiben, daß das Bündnis der freien Welt auf Vereinbarungen zwischen souveränen Staaten beruht.
Wenn auch die wirtschaftliche Position Westeuropas eng mit der
Wirtschaftslage in der gesamten freien Welt verknüpft ist, so ist es
doch auch richtig, daß gewisse W'rtschaftsprob eme al .ein für E .ropa
zutreffen. Daß es den europäischen Nationen i den vergangenen Jahren
nicht gelang ihre Einheit zu verwirklichen . hat 11« Entwicklung ein r
dynamischen europäischen Wirtschaf- sehr behindert. Aus diesem Grundwar die Förderung der Einheit Europas eines der Hauotz-ele der amerikanischen Politik.
Europas Produktion und Märkte sind in viele kleine Teile aufgespalten,
die häufig wirtschaftlich schwach sind. In der langen Geschichte \er
es europäischen Länder sind viele Bräuche, Vorurteile und 1&gt;ka e Interessen
erstarrt, die einst aus Selbstschutz entstanden • sie b'lden nu sc were
Hindernisse für einen freieren Handelsverkehr. Die Kartelle, Zollschranken
und andere Handels- und Währungsbeschränkungen die vor vielen Jahren errichtet worden sind, behindern die Entwicklung, d e mit den modernen Methoden der Produktion, des Vertriebs und der Finanzierung erreicht werder kö n
Als Europa sich nach dem zweiten Weltkrieg langsam erholte, wurde
vielen Staatsmännern und Wirtschaftlern klar, daß die alteingeführten
Wirtschaftsformen durch einen freieren Handel und engere Zusammenarbeit
oder einen Zusammenschluß ersetzt werden müssen, wenn Europa in dieser
Epoche eines ständig expandierenden Handels erfolgreich mit den anderen
Ländern konkurrieren will.
Im Jahre 1947 beschlossen Belgien, Luxemburg und die Niederlande, den
ersten Schritt zu einer Wirtschaftsunion zu tun. Sie beseitigten sämtliche

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sämtliche Zollschranken im Warenverkehr untereinander und einigten
sich auf einheitliche Zollsätze für die Importe aus anderen Ländern.
Zweck der Benelux-Zollunion war es, eine Wirtschaftseinheit zu schaffen,
die groß genug ist, um den Teilnehmerstaaten auf dem Weltmarkt einen
erfolgreichen Wettbewerb mit den größeren Wirtschaftsländern zu ermöglichen. Noch sind nicht alle zur Schaffung einer rollkommenen
Wirtschaftseinheit erforderlichen Maßnahmen durchgeführt, aber der
bisher erzielte Erfolg ist doch sehr vielversprechend.
1947 wurde die Wirtschaftskommission für Europa (ECE) errichtet,
um ein Zusammengehen der Länder beim Wiederaufbau zu erreichen, die
Wirtschaftstätigkeit im allgemeinen zu beleben und die wirtschaftlichen Beziehungen unter den europäischen Mitgliedern der Vereinten
Nationen und mit den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt zu erhalten und zu festigen.
Ein wichtiger Schritt zur europäischen Einheit war die Unterzeichnung des Brüsseler Paktes im Jahre 1948» der eine engere Zusammenarbeit
auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet sowie in der
Frage der gemeinsamen Verteidigung zwischen Frankreich, Belgien, Luxemburg,
den Niederlanden und Großbritannien vorsah.
Als der Kongreß 1948 das Gesetz über den Wiederaufbau in Europa
erließ, das wir unter dem Namen Marshall-Plan kennen, wurde die Organisation für die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OEEC) gegründet,
um eine Zusammenarbeit der 16 europäischen Mitgliedstaaten bei ihrem
wirtschaftlichen Aufbau zu gewährleisten, der eine Ausweitung von Produktion und Handel, die Modernisierung der Industrie, der Stabilisierung des Finanzwesens und die Beseitigung zahlreicher Handelsschranken
einschließen sollte. In Verbindung mit ihrer Zweigstelle, der Europäischen
Zahlungs-Union zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten, hat sich die OEEC als eine sehr nützliche Organisation bei der
Behandlung einiger recht verzwickter europäischer Wirtschaftsprobleme
erwiesen.
Und noch ein weiterer Schritt Europas auf dem Wege zu seiner wirtschaftlichen Integration ist erwähnenswert. Die Europäische Gemeinschaft
für Kohle und Stahl, die auf Initiative des ehemaligen französischen
Außenministers Robert Schuman im Jahre 1952 von Frankreich, Deutschland,
Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gegründet wurde, um die
nationalen Hindernisse für den Handel mit Kohle und Stahl unter diesen
Ländern aus dem Wege zu räumen und restriktive Abmachungen über Produktion und Absatz dieser Grundstoffe zu beseitigen.
Mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Integration unter den
europäischen Staaten in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde es
immer klarer, daß eine engere politische Zusammenarbeit erforderlich
ist, wenn nennenswerte Fortschritte in der Lösung der Wirtschaftsprobleme in Europa erzielt werden sollen. Die Folgen zweier Weltkriege in
diesem Jahrhundert haben allzu deutlich gezeigt, welch furchtbare Folgen
ein zügelloser Konkurrenzkampf und zügelloser Nationalismus haben können.
Ich erwähnte den Brüsseler Pakt, durch den im März 1948 ein Zusammenschluß von Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien zum Zwecke einer engeren Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem.

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wirtschaftlichem, -.»oaitlem und kulturellem Gebiet und zur gemeinsamen
Verteidigung erfolgte. Der Y/unsch nach stärkerer Einheit, dem der Pakt
entsprungen war, führte ein Jahr später zur Gründung des Europarates
durch die fünf Teilnehmerländer des Brüsseler Abkommens sowie Italien,
Irland, Norwegen, Dänemark und Schweden, dem sich später auch Island,
die Bundesrepublik Deutschland, Griechenland, die Türkei und das Saargebiet anschlössen. Der Europarat hat nur die Befugnis, den angeschlossenen Regierungen gewisse Empfehlungen zu erteilen} er bildet aber immerhin ein brauchbares Forum, um gewisse Maßnahmen auszulösen und die öffentliche Meinung auf die großen europäischen Probleme hinzuweisen.
Von außerordentlicher Bedeutung für den Gedanken der europäischen
Einheit war der Plan zur Schaffung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, in deren Rahmen die sechs Mitgliedstaaten der Europäischen
Gemeinschaft für Kohle und Stahl ihre Streitkräfte in eine einzige
übernationale Streitmacht zusammenschließen sollten. Es war ein schwerer Schlag für die Europabewegung, daß dieser Plan nicht verwirklicht
wurde j allerdings konnten einige wesentliche Elemente dieses Planes
durch die Schaffung der Westeuropäischen Union gerettet werden, die
sich auf den ursprünglichen Brüsseler Pakt stützt. Ungeachtet dieses
Rückschlages ist die Idee eines geeinten Europa nach wie vor sehr
lebendig. Zrar Zeit ptüfen die Regierungen der europäischen Länder
die Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen bei der Erzeugung und
Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken sowie Vorschläge für
einen großen gemeinsamen Markt. Obwohl einer Realisierung dieser Vorschläge viele Hindernisse im Wege stehen und es noch zu früh ist, das
Endergebnis vorauszusagen, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß
viele führende Politiker in Europa nach wie vor entschlossen sind,
diesem Kontinent die Kraft und Stabilität zu geben, die ihm allein
die Einheit zu bringen vermag«
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird auch weiterhin alle
auf die Einheit Europas gerichteten praktisch durchführbaren Maßnahmen
fördern, da wir uns darüber klar sind, daß die Integration Europas wesentlich zur Stärke und Solidarität der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes
beitragen kann. Während diese Entwicklung weiter voranschreitet, müssen
wir unser Augenmerk auf ein zweites Ziel richten - die Ausweitung und
Festigung des atlantischen Bündnisses selbst. Insbesondere müssen wir
Mittel und Wege prüfen, die NATO als ein Instrument der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit sowie als Verteidigungssystem weiter zu entwickeln.
Die neue sowjetische Taktik der politischen, wirtschaftlichen und
psychologischen Durchdringung läßt es mehr denn je notwendig erscheinen,
die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten der NATO zu vertiefen. Die Gefahren der neuen sowjetischen Politik sind nicht zu unterschätzen. Die Russen sind Meister einer Propaganda, die die Tatsachen
zu verschleiern weiß. Sie verfolgen die unvermeidlichen Reibungen zwischen den freien Nationen mit größter Aufmerksamkeit und zögern nicht,
d4.ese für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Sie werden jede Möglichkeit
^greifen, Zwietracht zu säen und die freie Welt zu schwächen. Ergänzt
*|ird diese Strategie durch einen geschickt getarnten wirtschaftlichen
Äruck und verlockende Angebote. Weil die russische Wirtschaft völlig
vom Staat kontrolliert wird, kann sie ohne weiteres - wie dies ja auch
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auch häufig genug der Fall ist - für rein politische Ziele benutzt
werden. Angebote bezüglich sowjetischer Absatzmärkte und Rohstoffe erscheinen bedrängten Westeuropäern oftmals verlockend genug, auch wenn
sie die ihnen unterliegenden Beweggründe erkennen. Für die Vereinigten
Staaten ist es leicht, die wirtschaftlichen Angebote der Sowjets zu
ignorieren, unsere europäischen Freunde sind aber dazu nicht immer in
der Lage. In Erkenntnis der Gefährlichkeit des sowjetischen Werbens
werden die westeuropäischen Staaten weitere Schritte zur Integrierung
ihrer Wirtschaft, zur Erhöhung ihrer Produktivität und zur Beseitigung
der Handelsschranken unternehmen, so daß die Sowjets sich eines Tages
gezwungen sehen werden, ihre Wirtschaftsoffensive, mit deren Hilfe sie
im Grunde genommen nur die Einheit der atlantischen Gemeinschaft zu
zerbrechen suchen, wieder abzublasen.
Welche Politik sollen wir nun befolgen, um die NATO zu stärken
und dieser Bedrohung zu begegnen?
Soll die NATO versuchen, die Außenpolitik ihrer Mitglieder aufeinander abzustimmen?
Soll sie versuchen, die Probleme zu lösen, die mit den wirtschaftlichen Angeboten der Sowjets an die Länder der freien Welt zusammenhängen?
Soll die NATO als Forum dienen, auf dem die zwischen ihren Mitgliedern bestehenden politischen Fragen entschieden werden?
Soll die NATO einen Informations- und Kulturaustausch organisieren, mit dem Ziel, die Einigkeit unter ihren Mitgliedern Zu vertiefen?
Diese sowie zahlreiche weitere Probleme sind Gegenstand eines
Fragebogens, der sämtlichen NATO-Mitgliedstaaten vorgelegt worden ist.
Ein unter dem Namen die "Drei Weisen" bekannter Ausschuß ist gegenwärtig
dabei, die Antworten auszuwerten. Wir sind sicher, daß das Ergebnis dieser Untersuchung seinen Niederschlag in den Richtlinien über die künftige
Entwicklung dieser Organisation finden wird.
Wenn diese Untersuchung auch noch nicht völlig abgeschlossen ist,
so zeichnen sich doch bereits bestimmte Grundzüge ihrer Ergebnisse ab.
Es ist klar, daß sich kein Land irgendeine Art von "übernationaler
Regierung" wünscht - worum wir uns alle bemühen,ist eine wirksamere
Zusammenarbeit auf der Basis der Freiwilligkeit. Allgemeine Übereinstimmung herrscht ferner darüber, daß sich die NATO nicht in die Funktionen
anderer internationaler Organisationen, wie die Vereinten Nationen und
die OEEC, einmischen beziehungsweise gleichlaufende Funktionen ausüben
soll. Auch wollen wir nicht, daß die NATO als Organisation Funktionen
übernimmt, die die einzelnen Regierungen selbst viel besser ausüben
können. Trotz dieser Einschränkungen gibt es unserer Ansicht nach zahlreiche Möglichkeiten, um zu einer besseret Zusammenarbeit zwischen den
Mitgliedstaaten der NATO zu gelangen. Durch eine erweiterte und verstärkte
gegenseitige Konsultation über politische und wirtschaftliche Fragen hoffen
wir, zu einem engeren und dauerhafteren Zusammenhalt zu gelangen und auch
zu einer größeren Einigkeit in der Zielsetzung und im Handeln, als sie
jemals zuvor zwischen Staaten bestanden hat.
Welche

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Welche Veränderungen aber auch immer vorgeschlagen werden mögen,
um die Organisation und die Funktionsfähigkeit der NATO zu verbessern,
so besteht die grundlegende Aufgabe nach Ansicht der Vereinigten Staaten doch darin, die Einigkeit zwischen^den Mitgliedstaaten der atlantischen Gemeinschaft zu erhalten und zu stärken. Statt unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die uns drohenden Gefahren zu konzentrieren,
müssen wir unsere Gedanken in steigendem Maße auf die sich bietenden
Möglichkeiten richtdn sowie auf Methoden, wie wir unsere politische,
wirtschaftliche und geistige Stärke mehren-.Rönnen. Solche Bemühungen
könnten, wenn sie erfolgreich sind, sowohl in materieller als auch in
anderer Hinsicht günstige Möglichkeiten bieten, die weit über die bloße
Einigkeit hinausgehen, wie sie für unsere Verteidigungsanstrengungen
erforderlich sind.
Die Schaffung einer einigen und aufstrebenden atlantischen Gemeinschaft würde allen Mitgliedern der NATO, einschließlich der Vereinigten
Staaten, sehr zum Vorteil gereichen.
Abschließend darf ich noch bemerken, daß die Vereinigten Staaten
und die übrigen Nationen der atlantischen Gemeinschaft meiner Meinung
nach über die materiellen Hilfsquellen, die organisatorischen Institutionen und die Fähigkeiten verfügen, die andere vor einer Aggression
zurückschrecken lassen, die sie auch in die Lage versetzen, gesunde und
fortschrittliche wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und eine starke,
dauerhafte und in sich einige Gemeinschaft der freien Völker zu entwickeln.
Notwendig hierfür ist die Entschlossenheit, diese Hilfsquellen und Fähigkeiten in noch größerem Maße als bisher für die Lösung der Probleme einzusetzen, die aus der historischen Entwicklung der politischen, wirtschaftlichen und geistigen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der NATO selbst
und der Verwirrung unter ihnen entstanden sind, die der sowjetische
Kommunismus zu stiften versuchte.

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D I E N S T

KANONEN SIND MACHTLOS GEGEN FREIHEITLICHE GEDANKEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen eine Rede Präsident
Eisenhowers vom 25.Oktober 1956 vor der
dem AFL-CIO angeschlossenen Gewerkschaft
amerikanischer Zimmerleute und Tischler.

"Die Vorläufer Ihrer Gewerkschaftsbewegung waren sich darüber
im klaren, daß die industrielle Revolution neue Probleme geschaffen
hatte, die eine neue Haltung, einen neuen Weg zur Lösung auf seiten
des Arbeiters wie des Unternehmers erforderten - eine Haltung, die
zum Ausdruck bringt, daß Arbeiterschaft und Unternehmer die gleiche
Würde und die gleiche Verantwortung tragen.
Deshalb tritt heute auch Ihre Organisation ein für: die
Freiheit sich zu organisieren, die Freiheit zum Aushandeln von
Lohnabkommen, die Freiheit zu streiken - vor allem aber für die
Freiheit der völlig unabhängigen Wahl. Man sagte mir, daß dies
eine der ersten Resolutionen war, die vor 75 Jahren Ihre Vorgänger
in der Zimmermanns- und Tischlergewerkschaft einbrachten.
Indem sie für all diese Dinge eintreten, tragen Sie dazu bei,
den Bereich der Freiheit des Menschen immer mehr zu erweitern und
unserer Vorstellung von dieser Freiheit einen immer weiteren Horizont zu geben.
Andere, Männer wie Marx und Lenin, sahen die neuen Probleme,
die die industrielle Revolution schuf, in einem ganz anderen Licht
und in einem ganz anderen Rahmen. Die Antwort, die sie für ihre
Lösung bereit hatten, war eine völlig andere und setzte an die
Stelle einer freien Arbeiterschaft und eines freien Unternehmertums den allmächtigen Staat.
Die Welt in unserem Industriezeitalter ist in zwei Lager getrennt - in eines, das die Idee der Freiheit verficht, und in das
andere, in dem das Leben unter der kommunistischen Weltanschauung
streng reglementiert ist.
Ich möchte zu Ihnen kurz darüber sprechen, wozu der kommunistische Imperialismus führt, wie wir dies heute täglich aus den Satellitenländern erfahren. Lassen Sie mich ein Land als Beispiel herausgreifen .
Den
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24. Oktober 1956

Den Polen als Volk ist die Freiheit wohlbekannt.
Daraus erklärt sich auch, daß Männer wie Kosciuszco, Pulaski
und zahllose andere an der Freiheit Amerikas mitgebaut haben. Und
ein nach Hunderttausenden zählendes Heer von Menschen polnischer
Abstammung war am Aufbau des industriellen Amerikas und der freien
Arbeiterbewegung beteiligt.
Aber seit nunmehr 17 Jahren ist das polnische Volk das Opfer
zweier aufeinanderfolgender Diktaturen.
Keine von beiden duldete die Freiheit.
Und das polnische Volk erhob sich gegen beide, denn die Liebe
zur Freiheit war und ist sein stärkster Wesenszug.
Einem Volk wie den Polen, das einmal die Freiheit kennengelernt
hat, kann nicht in alle Ewigkeit die nationale Unabhängigkeit und die
persönliche Freiheit vorenthalten werden. Und dies gilt für jedes
Volk in Osteuropa, das einmal in Unabhängigkeit und Freiheit gelebt
hat.
Diese Wahrheit mag für eine gewisse Zeit überschattet sein. Der
Tyrannei mag es für eine gewisse Zeit gelingen, eine trügerische
Fassade materieller Errungenschaften aufzurichten. Aber diese Illusion
ist kein Ersatz für die Freiheit, wie sie Männer und Frauen meinen, die
ihre Kinder in der Liebe zur Familie erziehen, sich nach eigenem Ermessen ihren Arbeitsplatz, ihre Freunde und Kollegen aussuchen und die
ihre Religion ohne Furcht ausüben.
Schließlich ist, wie wir dies heute am Beispiel der Satellitenländer sehen, der Preis, den ein einstmals stolzes und unabhängiges
Volk dafür zu zahlen hat, höher als der 7/ert der Monumente oder Fabriken - oder Gefängnisse -, die unter der Diktatur errichtet worden
sind.
In solchen Ländern sind die Früchte des Imperialismus Unzufriedenheit, Unruhe oder Aufstände an dem einen Ort und Demonstrationen
am anderen, bis entweder die Tyrannei zerbricht oder die Machthaber
verjagt sind.
Wo durch das Eingreifen bewaffneter Streitkräfte Protestaktionen
zu selbstmörderischen Handlungen werden, mag der Tag der Befreiung auf
Später verschoben werden. Die Weltgeschichte legt jedoch Zeugnis ab
dafür, daß die Freiheit nicht durch Furcht vor Kanonen aus dem Gedächtnis zu tilgen ist, und daß die Liebe zur Freiheit größere Lebenskraft
hat als die Macht der Tyrannei. Es ist aber unbedingt notwendig, daß der
Geist der Freiheit und die Annehmlichkeiten, deren sich diejenigen erfreuen, die die Freiheit besitzen, den Unterdrückten zur Kenntnis gelangen.
In diesem Lichte betrachtet haben wir als Volk eine Aufgabe, eine
Mission als Vorkämpfer der menschlichen Freiheit zu erfüllen. Sie
lautet*
Erstens:
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24. Oktober 1956

Erstens» In all unseren internationalen Beziehungen dürfen
wir niemals das Grundprinzip gefährden, daß alle Völker, die einmal den Beweis ihrer Fähigkeit zur Selbstregierung erbracht haben,
auch das Recht auf eine unabhängige Regierung ihrer eigenen, völlig
freien Wahl besitzen.
Zweitens» Wir müssen den freiheitliebenden Völkern, die unsere
Hilfe brauchen, sie wünschen und nutzbringend verwerten können, in
einer V/eise helfen, daß sie Portschritte in ihren Bemühungen um wirtschaftliche Unabhängigkeit erzielen und die Sicherheit und den Frieden
der freien Welt zu stärken vermögen.
Drittens: Wir müssen unsere Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern so gestalten, daß wir in einer echten Partnerschaft des Handels verbunden sind, und eine stetig wachsende, von allen geteilte Prosperität fördern, die ein Schutzschild gegen alle Propaganda und politische Wühltätigkeit ist.
Viertens» Wir müssen hier bei uns ein Beispiel für die Entfaltungsmöglichkeiten des einzelnen, den Lohn für gut getane Arbeit, für all die
Errungenschaften eines freien Systems geben, damit die Welt erkennt, daß
die Freiheit des Menschen der einzig sichere Weg zum Guten ist.
Wenn wir auf diese
weiten können, wo freie
den dazu beitragen, daß
genutzt und Regierungen
werden .

Ziele hinarbeiten, werden wir den Bereich ausMenschen, freie Regierungen gedeihen. Wir werdie Grenzen der Bereiche, in denen Menschen ausgestürzt werden können, immer enger gezogen

Bei der Erfüllung dieser Mission dürfte wohl niemand eine wichtigere Rolle spielen als die freie amerikanische Arbeiterschaft. Und die
Welt wird ihre Stimme hören. Denn Ihre Worte haben Gewicht, Sie gehören
zur arbeitenden Bevölkerung Amerikas.
Und Sie sind vor allem im Kampf zwischen der Sache der Freiheit
und der Sache des Kommunismus der lebendige Beweis dafür, daß Marx
Unrecht hatte.
Die freie amerikanische Arbeiterschaft hat an der Entwicklung aller
Lebensbereiche in stetig wachsendem Maße teilgenommen - sie hat Teil am
gesamten Volksbildungswesen und verfügt über mehr Freizeit für Erholung
und kulturelle Dinge} sie hat gewonnen an Würde und Geist
aber nicht dadurch, daß sie sich etwa in einen Klassenkampf einließ;
nicht dadurch, daß sie zugunsten des Staates auf Freiheiten und
Verantwortungen verzichtete ;
nicht dadurch, daß sie irgendein Eecht oder eine Pflicht freier
Menschen gegen ein Linsengericht von Staatsgarantien verschacherte}
sondern durch freiwilligen Zusammenschluß mit dem Ziel zu verhandeln und zu Tarifabkommen zu gelangen;
sie hat erkannt, daß eine gedeihliche Entwicklung von Landwirtschaft

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24. Oktober 1956

Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft nur auf der Basis
der Gemeinsamkeit zu erreichen ist;
sie hat in der Fabrik, auf Gewerkschaftsversammlungen und in
der Öffentlichkeit zu erkennen gegeben, daß das Amerikanertum
mit seinen Freiheiten und Verpflichtungen auf dem festen Glauben
an die Gleichheit in der Würde und in den Rechten aller Männer
und Frauen basiert.
Deshalb bin ich als amerikanischer Bürger und als Präsident
der Vereinigten Staaten stolz und glücklich, heute abend hier stehen
zu können und mit Ihnen den 75»Jahrestag der Gründung der "United
Brotherhood of Carpenters and Joiners of America", der Vereinigten
Gewerkschaft amerikanischer Zimmerleute und Tischler, festlich zu
begehen.
Die Gewerkschaft hat sich in ihrer Geschichte als ein echter
Repräsentant der freien amerikanischen Arbeitersrchaft, als eine
dynamische Kraft im Aufbau der freien amerikanischen Gesellschaft
erwiesen."

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�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES SPRICHT ZUR GEGENWÄRTIGEN WELTLAGE

DALLAS (Texas) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vom 27. Oktober 1956, i n der er
in Dallas vor dem Rat für Internationale Angelegenheiten in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen Weltlage Stellung nahm.

Ich erinnere mich, daß ich fast genau vor vier Jahren hier
weilte. Wenige Tage darauf wurde ich zum Außenminister des neuen
Kabinetts ernannt, und seitdem war ich stets sehr beschäftigt. Ich
bin jedoch froh, daß ich es ermöglichen konnte, hierher nach Dallas
zurückzukehren und an den Feierlichkeiten des fünften Jahrestages
Ihres Rates für I nternationale Angelegenheiten teilzunehmen.
Als ich das letzte Mal hier weilte, sprachen wir über einige
der vor uns liegenden Probleme. Ich schlage vor, daß wir das gleiche
heute abend tun werden, wobei wir zunächst einmal die Bedeutung
einiger großer Prinzipien betrachten wollen. Dies sind keine von
einer einzelnen Partei getragenen Prinzipien. Sie sind vielmehr
zum großen Teil das Ergebnis der überparteilichen Beratungen zwischen
der Exekutive und dem Kongreß.
.

Dann werde ich auf das..Suezproblem zu sprechen kommen. Es ist
dies ein spannungsgeladenes Drama, das noch nicht seinen Abschluß
gefunden hat und das jene oft als "Kampf um den Frieden" bezeichnete Bemühungen illustriert, die noch für viele Jahre und in vielen
Fragen Tag um Tag notwendig sein werden, solange wir einen gerechten
und dauerhaften Frieden erstreben.
Lassen Sie mich zuerst von unserer militärischen Stärke sprechen,
denn mit der moralischen Stärke allein ist es nicht getan, Wären wir
in bezug auf die gewaltige Militärmächt, die in den Händen skrupelloser Menschen liegt, relativ schwach, dann wären wir nicht Herr unseres eigenen Schicksals.
Während es nun verhältnismäßig einfach ist, sich für militärische Stärke zu entscheiden, ist es doch schwierig, die Entscheidung zu treffen, wie diese Stärke erreicht werden soll. Es gibt
viele Wege - Luftwaffe, Armee, Kriegsmarine - konventionelle und

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31 . Oktober 1956

und Atomwaffen, Defensive oder Offensive. Wir können nicht auf all
diesen Gebieten immer und überall in der gleichen Weise stark sein,
ohne uns eine untragbare Last aufzubürden.
Zum Glück brauchen die Vereinigten Staaten nicht allein die gesamte militärische Macht zu besitzen, die notwendig ist, um gegenüber
dem Sowjetblock das Gleichgewicht zu halten. Wir haben Verbündete,
und sie tragen einen Teil zu der gemeinsamen Verteidigung bei. Auf
uns ruht allerdings eine besondere Verantwortung. Wir allein besitzen
die wirtschaftliche und finanzielle Stärke und das praktische Wissen,
um zu verhindern, daß die Welt von den Atom- und Kernwaffen beherrscht
wird, die die Sowjetunion fieberhaft entwickelt. Wir müssen die Fähigkeit besitzen, Vergeltungsmaßnahmen in solcher Stärke durchführen
zu können, die ausreichen, um vor jeder bewaffneten Aggression abzuschrecken. Wir müssen diese Fähigkeit besitzen, nicht weil wir damit
rechnen, sie anwenden zu müssen, sondern weil wir sie wahrscheinlich
niemals anzuwenden brauchen, sofern wir sie besitzen.
Aber es könnte örtlich begrenzte Aggressionen geben, eine Art
Aushöhlungsversuche, bei denen nicht sogleich die stärksten Waffen
aufgeboten werden. Wir und unsere Alliierten sollten unter uns über
die Fähigkeit verfügen, mit solchen Fällen fertig zu werden, ohne daß
durch unsere Aktion ein allgemeiner Kernwaffenkrieg ausgelöst wird.
Außerdem wäre es jedoch auch unvorsichtig, wollte man alles auf eine
Form der Rüstung setzen, da niemand mit Sicherheit voraussagen kann,
welche Anforderungen ein künftiger Krieg stellen wird.
Daher sollten wir und unsere Alliierten zusätzlich zu einer
starken nuklearen Macht über konventionelle Streitkräfte verfügen,
die zur Verteidigung der freien Welt beitragen können. Die kombinierte militärische Stärke der freien Welt muß genügend ausbalanciert,
anpassungsfähig und so formiert sein, daß sie sowohl große wie kleine
Aggressionen abschrecken oder sie zunichte machen kann.
Selbstverständlich ist ein Friede, der auf der abschreckenden
Wirkung einer militärischen Macht beruht, kein idealer Friede. Es
müßte eine kontrollierte Rüstungsbegrenzung geben. Die Erreichung
dieses Zieles aber gehört wohl zu den schwierigsten Aufgaben des
Friedens. Wenn die Schwierigkeiten vielleicht auch groß sind, so ist
die Notwendigkeit, sie zu überwinden, nicht weniger groß. Lassen
Sie uns Sorge tragen, daß unsere Maßnahmen den Glauben widerspiegeln,
daß das, was getan werden muß, getan werden kann.
Ich wende mich nun einem zweiten großen Gebiet zu, das unsere
Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: Die Erhaltung und Stärkung unserer
kollektiven Sicherheitsabmachungen.
Die Vereinigten Staaten unterhalten gegenwärtig mit 42 anderen
Nationen Sicherheitsabkommen. Die wichtigsten Verträge sind hier
der Rio-Pakt der amerikanischen Republiken, der Nordatlantikpakt und
der Südostasienpakt.
Alle

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Alle diese Vereinbarungen sind in ihrer gegenwärtigen Form
das Ergebnis eines Gefühls der Gefahr, das aus der aggressiven
und heftigen Außenpolitik machthungriger Diktatoren erwuchs - zunächst einmal Hitler, dann die kommunistischen Machthaber in der
Sowjetunion und in China.
Heute jedoch ist dieses Gefühl der Gefahr etwas schwächer geworden. Die Sowjetunion hat zwar ihre Anstrengungen zur Erlangung
der militärischen Vormachtstellung mit gleicher Intensität fortgesetzt, sie war aber auch - mindestens bis zu dieser Woche - bestrebt, den Eindruck eines friedliebenden Staates zu erwecken. Aus
dieser Tatsache entwickelte sich, ob zu Recht oder zu Unrecht bleibe
dahingestellt, weithin das Gefühl, daß die Gefahr eines allgemeinen
Krieges geringer geworden sei. Das einende Band der Furcht war wohl
stark genug, uns zusammenzubringen, erscheint aber nicht stark genug,
uns zusammenzuhalten.
Das ist unlogisch, denn die grundlegende Gefahr besteht nach
wie vor: eine unerhörte militärische Macht in den Händen einer
Diktatur, die in ihrer Handlungsfreiheit nicht von ethischen Grundsätzen eingeengt wird. Wir sollten deshalb an dem festhalten, was
uns allen größere Sicherheit eingebracht hat. Wir können aber die
Tatsache nicht außer acht lassen, daß Menschen, sobald die Gefahr
nachläßt, immer die Tendenz haben, den Zusammenhalt aufzugeben - es
sei denn, sie finden eine Grundlage für die Einigkeit, die sich als
noch stärker erweist als jenes Gefühl der Gefahr.
Dies trifft vielleicht am ehesten auf den Fall der Organisation
der amerikanischen Staaten (OAS) zu. Diese Vereinigung hat eine
würdige Tradition. Ihr Ziel ist es nicht nur, eine eventuelle Aggression von außen her zurückzuschlagen, sondern auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den amerikanischen Republiken zu beseitigen. Auf
der letzten Konferenz in Panama wurde eine Vereinbarung getroffen,
daß in Zukunft mehr Nachdruck auf den Ausbau der wirtschaftlichen
und kulturellen Beziehungen gelegt werden soll. Gegenwärtig ist man
deshalb allenthalben bemüht, diese Konzeption in die Tat umzusetzen.
Dem gleichen Problem sehen wir uns auch in bezug auf die Nordatlantikpaktorganisation gegenüber. Ihre Mitgliedstaaten sind im
Augenblick dabei, die Möglichkeiten zu einer Vertiefung der nichtmilitärischen Bindungen zu überprüfen. Senator Walter George ist
der Bevollmächtigte der Vereinigten Staaten für diese Fragen und
seine großen Erfahrungen und sein Können werden ihm bei dieser
Aufgabe sehr zustatten kommen.
Im Falle unserer Bündnisse im pazifischen und asiatischen Raum
ist die Problemstellung etwas anders geartet, weil dort das kommunistische China die Furcht lebendig erhält. Es bedroht weiterhin die
Republiken Korea und Vietnam mit militärischer Macht. In periodischen
Abständen verkündet das kommunistische China die Absicht, Formosa mit
Gewalt zu erobern, und es hat auch bereits Teile von Burma mit seinen
Streitkräften besetzt.
Im

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Im Fernen Osten ist es klar erkenntlich, daß die Gefahr nach wie
vor besteht, wenngleich auch dort das kommunistische China gelegentlich den Versuch macht, durch gleißnerische Versprechungen Freunde zu
gewinnen. Somit können wir noch nicht einmal dort voll auf die einigende Wirkung der Furcht vertrauen. Gesündere Bindungen zu finden,
wird deshalb eine der Aufgaben der Außenminister der Staaten der Südostasienpakt-Organisation auf ihrer nächsten Tagung im Frühjahr nächsten
Jahres sein.
Wir wollen dabei selbstverständlich die Vereinten Nationen nicht
vergessen. Sie wurden mit dem Ziel gegründet, allen Völkern eine kollektive Sicherheit zu geben sowie eine stärkere wirtschaftliche und
soziale Zusammenarbeit herbeizuführen. Die Vereinten Nationen leisten
in dieser Hinsicht, ebenso wie in der Vergangenheit, auch heute ausgezeichnete Dienste. Allerdings blieb das bisher Erreichte hinter den
gesteckten Zielen zurück. Die Stärkung der Vereinten Nationen ist deshalb eine weitere lebenswichtige Phase der gemeinsamen Anstrengungen
zur Festigung von Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.
Ein drittes wichtiges Problem bilden die 700 Millionen Menschen
in den 18 jungen Staatswesen, die in der Zeit seit Ende des zweiten
Weltkrieges ihre volle Unabhängigkeit erlangt haben.
Diese neuen Nationen unterscheiden sich in vieler Hinsicht sehr
deutlich voneinander. Aber sie gleichen sich insofern, als sie alle
von Nationalbewußtsein und Patriotismus durchdrungen sind, die ihnen
die Freiheit eingebracht haben. Ebenso huldigen sie dem Fortschritt,
von dem sie sich eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage erhoffen.
Ein Teil dieser erst seit kurzer Zeit unabhängigen Staaten ist
sich darüber im klaren, daß ihre Unabhängigkeit am besten durch
kollektive Sicherheitsvereinbarungen, wie wir sie dargelegt haben,
gewährleistet wird. Wir sind stolz darauf, mit diesen Nationen verbunden zu sein, und sind fest entschlossen, das in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Es gibt auch junge unabhängige Nationen, die es vorziehen, sich
nicht irgendwelchen kollektiven Sicherheitspakten anzuschließen. Wir
respektieren natürlich vollauf ihre Entscheidungsfreiheit.
Wir haben ein außerordentliches Interesse an der Unabhängigkeit
all dieser jungen Nationen und sind bereit, ihnen durch einen Beitrag
aus unseren Erfahrungen und Hilfsquellen zu helfen, eine solide Grundlage für ihre Freiheit zu schaffen.
Dies ist für die freie Welt Problem und Aufgabe zugleich. Denn
auf die Dauer gesehen sind politische Unabhängigkeit und wirtschaftliches Wohlergehen voneinander abhängig. Vieles ist bereits getan
worden und wird gegenwärtig getan, um diesem Problem gerecht zu werden.
Aber dies war nur eine schrittweise Entwicklung. Die Suche nach zufriedenstellenden und verlässlichen Methoden dauert noch immer an.
Die

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Die freie Welt ist sehr wohl in der Lage, die Gewähr dafür zu
geben, daß ein Volk, da3 sich der Freiheit verschrieben hat, nicht
gezwungen ist, zwischen kommunistischer Versklavung und wirtschaftlicher Not zu wählen.
Eine weitere wesentliche Sorge unserer Außenpolitik gilt den
in Unfreiheit lebenden Völkern der '»Veit. Wir hatten den zweiten Weltkrieg als einen Befreiungskrieg betrachtet. Die Atlantik-Charta und
die Deklaration der Vereinten Nationen verpflichten alle Alliierten, die
Souveränitätsrechte und die Selbstregierung allen jenen zurückzugeben,
denen sie gewaltsam genommen worden waren, und das Recht aller Völker
anzuerkennen, sich selbst die Regierungsform zu wählen, unter der sie
leben wollen. Leider sind diese feierlichen Versprechen verletzt worden,
und in Osteuropa ist eine Art der Unterjochung nur durch eine andere
abgelöst worden.
Aber patriotischer Geist und die Sehnsucht der Menschen "nach Gedanken- und Gewissensfreiheit und nach dem Recht, sich ihr Leben selbst
zu gestalten, sind Kräfte, die an den eisernen Banden der Sklaverei
nagen und sie schließlich zerbrechen.
Wir erleben heute dramatische Beweise für diese Wahrheit. Das
polnische Volk lockert nunmehr den sowjetischen Griff um das Land,
das es liebt. . Und die heldenhafte Bevölkerung Ungarns bietet dem
mörderischen Feuer der Panzer der Roten Armee Trotz. Für diese Patrioten
bedeutet die Freiheit mehr als das Leben. Und alle, die sich der Freiheit in Frieden erfreuen, haben die feierliche Pflicht, mit allen geeigneten Mitteln danach zu trachten, daß die Menschen, die jetzt für
die Freiheit sterben, ihr Leben nicht umsonst gegeben haben.
Die Schwäche des sowjetischen Imperialismus hat sich deutlich
gezeigt. Diese Schwäche ist nicht militärischer Natur, auch beruht
sie nicht auf einem Mangel an materieller Macht. Er ist schwach, weil
er versucht, durch Unterdrückung menschlicher Wünsche, die sich nicht
dauernd unterdrücken lassen, und durch Verschleierung von Wahrheiten,
die sich nicht dauernd verheimlichen lassen, eine unnatürliche Gewaltherrschaft aufrecht zu erhalten.
Nach außen erwecken die imperialistischen Diktaturen oft einen
furchterregenden Eindruck. Eine Zeitlang erscheinen sie hart, glänzend
und unwiderstehlich. Tatsächlich aber erweisen sie sich "wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind
sie voller Totengebein und Unflat." Sie haben verwundbare Stellen,
die nicht leicht erkennbar sind.
Von Anfang an ist die amerikanische Nation überall in der Welt
für politische Unabhängigkeit und menschliche Freiheit eingetreten.
Von unserer Unabhängigkeitserklärung sagte Lincoln, daß sie "nicht
nur den Menschen dieses Landes die Freiheit, sondern auch der Welt
Hoffnung für alle Zukunft" gebe. In der Zeit, als unsere Nation gegründet wurde, befand sich der Despotismus auf einem Höhepunkt. Doch

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Doch unsere freie Gesellschaft und die großen Erfolge, die sie zeitigte, wurden überall in der V/elt bekannt und tragen dazu bei, die Unterdrückten Völker der damaligen Zeit dafür zu begeistern, Möglichkeiten
zu fordern und zu erlangen, um ihr eigenes Schicksal in die Hand zu
nehmen. Heute setzt unsere Nation ihre historische Aufgabe fort. Bei
den unterworfenen Völkern soll kein Zweifel darüber bestehen, daß sie
in uns einen aufrichtigen und selbstlosen Freund besitzen, der ihre
Hoffnungen teilt. Sie müssen wissen, daß sie während der Zeit des
Umstellungsprozesses ihrer Wirtschaft, def unvermeidlich ist, wenn sie
ihre produktiven Bemühungen in den Dienst ihres eigenen Volkes und
nicht mehr in den Dienst ihrer ünte- drücker stellen, von unserem Überfluß erhalten können. Auch stellen wir nicht die Bedingung, daß wirtschaftliche Bindungen zwischen uns von der Annahme irgendeines bestimmten Gesellschaftssystems abhängig sind.
Lassen Sie mich folgendes aussprechen, was über jeden Zweifel erhaben ist« In ihrem Wunsche, die Satellitenländer frei zu sehen, verfolgen die Vereinigten Staaten keine hintergründigen Absichten. Wir
haben den aufrichtigen Wunsch, daß diese Völker, die so viel zu unserem eigenen nationalen Leben beigetragen haben, ihre Souveränität wiedererhalten und daß sie Regierungen nach eigener freier Wahl bilden können.
Wir betrachten diese Nationen nicht als potentielle militärische Verbündete. Wir betrachten sie als Freunde und als Teil eines neuen befreundeten und nicht mehr länger geteilten Europas. Wir bauen darauf, daß ihre
Unabhängigkeit, wenn sie ihnen unverzüglich gewährt wird, außerordentlich
zur Festigung des Friedens in ganz Europa, im Westen und im Osten, beitragen wird.
Ich möchte hierbei noch ein Wort über die künftigen Beziehungen
mit den Völkern hinzufügen, aus denen sich die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammensetzt. Auch sie dürfen hoffen. Mit
der zunehmenden Bildung der breiten Massen und der Entwicklung der
Industrie entstand ein wachsendes Verlangen nach geistiger Freiheit,
nach größerer gesetzlich geschützter persönlicher Sicherheit und
nach der Möglichkeit, die schönen Dinge des Lebens zu genießen.
Diesen Forderungen ist in gewissem Maße stattgegeben worden.
Es besteht Grund zu der Annahme, daß sich diese Entwicklung
als unwiderruflich erweisen wird. Sie mag eines Tages dazu führen,
daß das amerikanische Volk mit dem russischen Volke die Beziehungen der Freundschaft unterhalten kann, die es sich wünscht und die
Regierungen unserer Länder als Freunde miteinander verhandeln können.

Ich

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Ich habe nur die allgemeinen Punkte berührt. Daneben gibt es die
speziellen Probleme. In einer Welt, die so deutlich die menschlichen
Leidenschaften und Unzulänglichkeiten widerspiegelt, werden ständig
besondere Situationen entstehen, die den Frieden oder die guten Beziehungen zwischen den Nationen bedrohen. Die Geschichte weist eine
lange Reihe solcher Probleme auf; es gibt sie heute und wird sie in
Zukunft geben. Ich will kurz auf eines davon eingehen - den Streit um
den Suezkanal. Ich greife gerade dieses Problem heraus, weil es von
unmittelbarer und großer Bedeutung ist, und weil es das ständig gegenwärtige Problem des "Kampfes für den Frieden" deutlich macht.
Der Suezkanal ist die wichtigste künstliche Wasserstraße der
Welt. Sie ist durch Vertrag internationalisiert. Seit ihrer Eröffnung
vor 90 Jahren wurde sie von der unter Beteiligung der ganzen Welt gegründeten Suez-Kanal-Gesellschaft betrieben. Am 26. Juli 1956 hat die
ägyptische Regierung aus nationalen Erwägungen heraus das Vermögen der
Gesellschaft beschlagnahmt und den Betrieb des Kanals in eigene Regie
übernommen.
Die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten traten unmittelbar darauf zu einer Konferenz zusammen,
um darüber zu beraten, welche Schritte unternommen werden könnten.
In einigen Kreisen vertrat man die Auffassung, daß man auf der Stelle
Gewaltmaßnahmen ergreifen solle, um die Verhältnisse wiederherzustellen,
wie sie vor dem ägyptischen Schritt bestanden hatten. Unsere drei Regierungen kamen jedoch überein, die 24 unmittelbar betroffenen Staaten,
darunter auch Ägypten, zu einer Konferenz einzuladen.
Das war "Friedensbemühung Nummer eins".
Diese Konferenz fand in London im August statt. Nur zwei der
eingeladenen Staaten, darunter Ägypten, erschienen nicht auf der
Konferenz. Auf dieser Konferenz formulierten 18 Staaten aus Europa,
Asien, Afrika, Australien und Amerika, auf die zusammen 90 Prozent
des gesaraten Schiffsverkehrs durch den Suezkanal entfallen, einen
Vorschlag, dessen Ziel es war, einen erfolgreichen und zuverlässigen
Betrieb sowie den Unterhalt und den weiteren Ausbau des Kanals gemäß
der Konvention von 1888 sicherzustellen.
Diese Londoner Konferenz war "Friedensbemühung Nummer zwei".
Im Anschluß daran entsandten die 18 Staaten, die-dem erwähnten
Vorschlag beipflichteten, eine aus Vertretern von fünf Ländern gebildete Mission nach Kairo, an deren Spitze der australische Ministerpräsident Menzies stand und die die Aufgabe hatte, dem ägyptischen
Staatschef Nasser ihren Vorschlag zu unterbreiten.
Diese Mission nach Kairo war "Friedensbemühung Nummer drei" .

Als

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Als Staatschef Nasser diesen Vorschlag zurückwies, traten die
18 Staaten im September abermals in London zu einer Konferenz zusammen. Sie arbeiteten dort einen Plan bezüglich der Schaffung einer
kooperativen Vereinigung zur Vertretung der Interessen der Kiilil«
benutzer aus. Dies geschah in der KfrffMUift &gt;lsP äi%§§ fafSifl4#ifl|h
die zunächst auf eine provisorische Arbeitsbasis gestellt wurde, in
ausreichendem Maße zu einer Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden gelangen möge.
Diese Konferenz vom September war "Friedensbemühung Nummer vier".
Während die Vereinigung der Kanalbenutzer noch im Begriff stand,
sich zu konstituieren, brachten Großbritannien und Frankreich die
Suez-Frage vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Nach neuntägigen Beratungen billigte der Sicherheitsrat sechs
Grundsätze für die Lösung des Suez-Problems. Diese sechs Grundsätze
waren im wesentlichen die gleichen, die von den 18 Benutzerstaaten auf
der Londoner Konferenz vom August angenommen worden waren.
Frankreich und Großbritannien schlugen ferner Maßnahmen vor,
die eine Verwirklichung dieser Grundsätze beschleunigen sollten.
Dieser Teil der entsprechenden Entschließung erhielt neun von insgesamt elf Stimmen, wurde allerdings auf Grund; des Vetos der Sowjetunion angenommen.
Dieses Vorgehen des Sicherheitsrates war "Friedensbemühung Nummer
f ünf".
Während die formellen Erörterungen im Sicherheitsrat noch im
Gange waren, kam es zu einem inoffiziellen privaten Meinungsaustausch
zwischen den Außenministern Großbritanniens, Frankreichs und Ägyptens,
der durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen angeregt worden
war.
Diese privaten und inoffiziellen Besprechungen waren "Friedensbemühungen Nummer sechs".
Man hofft jetzt, daß es zwischen den drei genannten Regierungen
zu einem weiteren Gedankenaustausch kommt. Diese Konferenzen wären,
wenn sie Zustandekommen, "Friedensbemühung Nummer sieben".
Ich bin überzeugt, daß diese Aufzählung Sie nicht ermüdet hat.
Ich kann Ihnen versichern, daß die praktischen Bemühungen selbst,
wenn sie auch hohe Anforderungen stellten, für die vielen Menschen
aus den zahlreichen Ländern keineswegs ermüdend waren, die auf diese
Weise versuchten, eine friedliche und gerechte Lösung für eine Situation zu finden, wie sie durch die Beschlagnahme einer Einrichtung von
großer internationaler Bedeutung seitens der ägyptischen Regierung
entstanden ist.
Unter

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Unter den Verhältnissen in der Welt, wie sie vor der Annahme der
Charta der Vereinten Nationen bestanden, wäre es mit größter Wahrscheinlichkeit binnen kurzem zum Krieg gekommen. Wir sehen noch nicht klar,
wie sich die künftige Entwicklung gestalten wird. Aber seit drei Monaten bemüht man sich nahezu unaufhörlich, eine Lösung auf dem Verhandlungswege zu erzielen. Der Kampf um den Frieden ist mit Intensität und
Einfallsreichtum geführt worden. Die nächste Phase, die vielleicht entscheidend sein wird, hängt in erster Linie von den drei am unmittelbarsten betroffenen Regierungen ab - den Regierungen Prankreichs,
Englands und Ägyptens -, wobei auch der Generalsekretär der Vereinten
Nationen eine wichtige Rolle spielt.
Wir glaubten von Anfang an, daß jede Lösung, wie sie auch ausfallen würde, zwei Grundtatsachen berücksichtigen müsse. Das eine
Prinzip ist, daß ein internationaler Wasserweg wie der Suezkanal, der
stets einen internationalen Status hatte, rechtens nicht zum Instrument
der Politik irgendeiner Regierung werden darf, was bedeuten würde,
daß das gleiche Recht aller auf Durchfahrt von der Gunst dieser Regierung abhängig gemacht werden kann. Ägypten braucht sich deshalb
nicht der Rechte zu begeben, die ihm als einem souveränen Staat, durch
dessen Hoheitsgebiet dieser internationale Wasserweg führt, normalerweise zustehen. Dies bedeutet aber, daß es Ägypten nicht möglich
sein darf, offen oder versteckt nach eigener Willkür den Betrieb dieses
internationalen Wasserwegs zu regeln, so daß die Staaten, die auf ihn
angewiesen sind, in Wahrheit ständig unter einem wirtschaftlichen
Damoklesschwert leben. Das wäre ein unerträglicher Zustand. Er wäre
unvereinbar mit den Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen,
die besagen, daß solche Situationen in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts gelöst werden müssen.
Der zweite wichtige Grundsatz ist, daß die gegenseitige Abhängigkeit Europas, Asiens und Afrikas in wirtschaftlicher Hinsicht, die
den Suez-Kanal so unentbehrlich macht, durch Zwang und Gewalt nicht
aufrechterhalten werden kann.
Wenn die Verwirklichung dieser beiden Grundsätze im Geiste der
Aufrichtigkeit angestrebt wird, dann kann eine Vereinbarung auf dem
Verhandlungswege zustande kommen.
Ich kann nicht voraussagen, wie sich die Dinge weiterentwickeln
werden. Die Situation ist ernst. Es gibt mehrere störende und die
Dinge noch komplizierende Faktoren, die nichts mit der Kanalfrage
selbst zu tun haben. Wenn jedoch die Regierungen der am meisten
betroffenen Staaten, die Regierungen also von Frankreich, Großbritannien und Ägypten, mit Hilfe der Vereinten Nationen zu einem Übereinkommen gelangen sollten, dann haben sie dem jahrhundertealten Kampf
um einen gerechten und dauerhaften Frieden ein ermutigendes Kapitel
hinzugefügt. Sie werden dann jenes Lob verdienen, das die öffentliche
Meinung in aller Welt und die Geschichte ihnen bestimmt zuerkennen
worden.
Was

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Was ich hier über die Suezfrage gesagt habe, läßt vielleicht
auch den Schluß zu, daß sich keine der allgemeinen Richtlinien bezüglich der einzuschlagenden Politik, wie ich sie im ersten Teil meiner
Rede aufgezeigt habe, in die Tat umsetzen lassen wird, ohne daß sich
dabei eine Vielzahl von Hindernissen auftut, die es zu überwinden gilt.
Wir alle kennen die Hindernisse, denen sich Menschen in Zeiten
des Krieges gegenübersehen und die sie überwinden, um den Sieg zu
erringen. Man scheint dagegen nicht zu erkennen, daß es in Zeiten
des Friedens vergleichbarer Anstrengungen bedarf, um den Frieden zu
erhalten. Der Friede wird so lange nicht gewonnen werden, wie die
Menschen ihr Bestes nur im Krieg zu leisten bereit sind. Auch der
Friede muß erkämpft werden, genauso wie Kriege durchgekämpft werden,
und Menschen und Völker haben tatkräftig und opferbereit darauf hinzuarbeiten, der Bedrohungen von Frieden und Gerechtigkeit Herr zu
werden.
Ich sehe keinen Grund dafür, daß dies nicht möglich sein sollte.
Der Friede ist sicherlich ein Ziel, dessen Erringung die gleiche Hingabe verdient, wie die Erringung des Sieges im Kriege. Heute ist dies
wichtiger denn je zuvor, da wir in einer Welt leben, bei der es im
Falle eines Krieges vielleicht noch nicht einmal einen Sieger geben
wird.
Ich vertraue darauf, daß die von mir hier aufgezeigte Geisteshaltung dem Denken des amerikanischen Volkes und seiner politischen
Führung, gleichgültig welcher Partei diese angehört, entspricht. Wenn
die Völker und Führer anderer Länder sich zu der gleichen Geisteshaltung aufschwingen, dann können wir einer Zukunft entgegengehen,
die uns trotz vielfältiger verwirrender Phänomene hoffnungsvoll zu
großen schöpferischen Taten aufruft.

* * * * *

I

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�EISENHOWER: VERTRAUEN UND VERSTÄNDNIS UNTER ALLEN
VÖLKERN SCHAFFEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des 'US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 2$. Oktober 1956, in
der er auseinandersetzt, warum die USA die H-Bombenversuche fortsetzen werden. .
Der Präsident gab diese Erklärung im Rahmen
eines Berichtes über die nukleare Abrüstung,
der auf Informationen des US-Außen- und des
US-Verteidigungsministeriums und der US-Atomenergie-Kommission basiert und vom Weißen Haus
nunmehr veröffentlicht wurde.

"Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es im öffentlichen Interesse
liegen würde, wenn ich vor Ihnen, dem amerikanischen Volk, und vor der
Welt einen umfassenden und klaren Überblick über die Politik und die
Maßnahmen unserer Regierung in bezug auf die Entwicklung und Erprobung der nuklearen Kampfmittel gebe, soweit diese unsere nationale
Verteidigung, unser Streben zur Herbeiführung einer Weltabrüstung
und unseren 'Wunsch nach einem sicheren und gerechten Frieden für alle
Nationen betreffen.
Bei diesem Dienst am "Weltfrieden darf eine Tatsache niemals außer
acht gelassen werden. Es ist diese: Das kritische Problem besteht
nicht darin, Kernwaffen zu prüfen, sondern darin, ihre Anwendung in
einem Atomkrieg zu verhindern. Amerika hat wiederholt seine Bereitschaft, ja den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck gebracht, alle nuklearen Kampfmittel für dauernd abzuschaffen, die Erprobungen derartiger Waffen einzustellen, einen Teil unserer gewaltigen Rüstungsausgaben in den wichtigeren Dienst der Förderung des Wohles der Menschheit zu stellen - alle diese Dinge zu tun, wann immer und sobald dem
einen grundlegenden Erfordernis Ganüge getan ist, dem Erfordernis
nämlich, daß wir als Nation und alle anderen Völker vor einem Angriff
sicher sind.
Aus diesem Geiste und dieser Erkenntnis heraus haben wir als
Nation zwei Aufgaben zu erfüllen. Einmal müssen wir - und wir tun
das auch - unermüdlich danach streben, mit anderen Nationen Abkommen zu treffen, die Vertrauen und Verständnis unter allen Völkern

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Völkern schaffen. Zwei tens müssen wir zur gleichen Zeit und bis zu dem
Zeitpunkt, wo das internationale Vertrauen endgültig sichergestellt
ist, darauf achten - und wir tun dies -, daß die Qualität und Quantität unserer militärischen Waffen einen derartigen Respekt gebieten, daß
sie jede Nation von der Versuchung
abhalten, eine Aggression zu beginnen.
Deshalb entwickeln wir Waffen, nicht um Krieg zu führen, sondern
um ihn zu verhindern. Nur im hellen Lichte dieser größeren Wahrheit
können wir die untergeordnetere Frage der Erprobung unserer Kernwaffen
korrekt prüfen.
Ich habe in der vergangenen Woche in dieser Angelegenheit die
zuständigen Ministerien und Stellen unserer Regierung angewiesen, mir
eine Zusammenfassung aller wichtigen Fakten aus ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich zu unterbreiten. Dieses Material umfaßt die Zeitspannen der letzten elf Jahre - seit der ersten Atomexplosion, die bei
einem Versuch in Neu-Mexiko stattfand. In diesem Zusammenhang mag die
Feststellung angemessen sein, daß ich mich in diesen elf Jahren in fast
ununterbrochener Folge persönlich mit diesen Dingen befaßt habe, nämlich in meiner Eigenschaft als Stabschef der Armee, als Berater des
Verteidigungsministers, als Oberster Befehlshaber der alliierten Truppen in Europa und seit 1953 als Ihr Präsident und als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte.
Die Liste der von Ihrer Regierung getroffenen politischen Schritte
und Maßnahmen wird hiermit der Öffentlichkeit übergeben
soweit dies
ohne die nationale Sicherheit zu gefährden - möglich ist. Sie umfaßt
Fakten aus dem Bereich der nationalen Verteidigung, der wissenschaftlichen Entwicklung und der diplomatischen Bemühungen. Dieses Material
spiegelt in klarer und konsequenter Weise die beständigen, friedlichen
Zielsetzungen unserer Nation wider.
Ich halte es in diesem Überblick für angemessen, auf die wichtigsten Fakten des anliegenden Berichtes hinzuweisen.
Erstens: Unsere Regierung hat in ihren Bemühungen nicht nachgelassen, die Rüstungslasten in der gesamten Welt zu erleichtern, eine
wirkungsvolle internationale Kontrolle der Erprobung und Anwendung
aller Kernwaffen zu schaffen und die internationale Anwendung der
Atomenergie für friedliche Bedürfnisse und Ziele zu verwirklichen.
Die sichtbaren Beweise dieser Anstrengungen erstrecken sich vom Beginn unserer Regierung bis auf heute:
a) meine Rede vom 16. April 1953» in der ich bereits diese besonderen Zielsetzungen zur Verwirklichung empfahl;
b) das im Dezember gleichen Jahres unterbreitete "Atome-für-denFrieden"-Programm;

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c) die Ernennung eines Sonderbeauftragten für Abrüstungsfragen
mit Ministerrang, um unsere Abrüstungsbemühungen zu entwickeln und zu
koordinieren;
d) mein während der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli
1955 unterbreiteter Vorschlag, den Austausch militärischer Pläne zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion'sowie eine gemeinsame
Luftinspektion durch die Formel der "Offenen Himmel" unverzüglich zu be
ginnen;
e) die Annahme des sowjetischen Vorschlags für die Schaffung von
Bodeninspektionsgruppen, sofern diese mit der Luftinspektion gekoppelt
sindf
f) die i n dieser Woche erfolgte Annahme der Statuten für die Internationale Atomenergiebehörde, an deren friedlichen Zielsetzungen
sich 81 Nationen beteiligen; und
g) unsere fortgesetzte konstruktive Beteiligung an der Arbeit der
UN-Abrüstungskommission.
Tatsachen, wie die hier aufgeführten, haben meiner Erklärung
vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 8. Dezember 1953
Inhalt und Gültigkeit gegeben. Damals sagte ich:
'Die Vereinigten Staaten geloben vor Ihnen und damit vor aller
Welt, daß sie entschlossen sind, das furchtbare, durch das Atom geschaffene Dilemma zu lösen - und daß sie all ihre Kräfte des Herzens
und des Verstandes daran setzen werden, einen Weg zu finden, damit des
Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht,
sondern seinem Leben geweiht wird.1
Zweitens: Das unerlässliche Prinzip, auf dem wir bestanden haben,
war die Gewährleistung wirksamer Maßnahmen und Kontrollen in einem
jeden Abrüstungsprogramm. Unsere Bereitschaft, mit einer Abrüstung im
Rahmen solcher Sicherheitsmaßnahmen zu beginnen, ist in den letzten
dreieinhalb Jahren immer wieder bestätigt und bekräftigt worden. Auf
der Genfer Außenministerkonferenz vom vergangenen Herbst hat der amerikanische Außenminister diese Bereitschaft unter besonderer Bezugnahme
auf die nuklearen Waffen und ihre Erprobung erneut bestätigt.
Es gibt nur einen einzigen Grund, warum bis jetzt kein sicheres
Abkommen getroffen worden ist: die Weigerung der Sowjetunion, irgendein verlässliches System gegenseitiger Sicherheitsgarantien anzunehmen. Allein in den letzten beiden Jahren hat die Sowjetunion nicht
weniger als 14 amerikanische Vorschläge zur Abrüstung und Kontrolle
nuklearer Waffen abgelehnt.
Drittens: Angesichts dieser Tatsachen hat unsere Regierung ihre
Bestände an Kernwaffen ständig vergrößert und die Entwicklung und
Erprobung der modernsten nuklearen Kampfmittel fortgesetzt. Die Macht
dieser Waffen zur Abwehr einer Aggression und zur Wahrung des Weltfriedens könnte verloren gehen, wenn wir es versäumen, unsere Überlegenheit

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31. Oktober 1956

Überlegenheit hinsichtlich dieser Waffen aufrecht zu erhalten. Und
die Bedeutung unserer Stärke auf diesem speziellen Gebiet der Waffentechnik wird nachdrücklich durch die unumstößliche Tatsache unserer
zahlenmäßigen Unterlegenheit gegenüber den Kommunisten unterstrichen.
Viertens: Die Fortdauer der gegenwärtigen Rate von Wasserstoffbombenversuchen stellt nach dem ganz nüchternen und verantwortungsbewußten Urteil der Wissenschaft keine Gefährdung der Gesundheit der
Menschheit dar. Was die Menge des aus diesen Versuchen resultierenden
radioaktiven Niederschlages einschließlich des Strontium 90 anbetrifft,
so kommt wohl dem darüber von der unabhängigen Nationalen Akademie der
Wissenschaften abgegebenen Urteil die größte Autorität zu. Sie berichtete im vergangenen Juni im Anschluß an eine von 150 der namhaftesten
Wissenschaftler durchgeführte Studie, daß die Menschen auf Grund aller
bisherigen Waffenversuche und bei Fortdauer der gegenwärtigen Rate
dieser Versuche nur einem Bruchteil der Strahlungen ausgesetzt sind,
die sie normalerweise während ihres Lebens auf Grund natürlicher Strahlenquellen und medizinischer Röntgenstrahlen aufnehmen.
Fünftens: Andererseits zeitigt die Fortsetzung dieser Versuche
zwei wichtige segensreiche Resultate.
Einmal geben uns die jüngsten Versuche nunmehr die Möglichkeit,
unsere Waffen genauer und wirksamer zu gestalten und zu kontrollieren,
den radioaktiven Niederschlag drastisch zu reduzieren und diese Waffen
so zu bauen, daß sie sich - wenn sie je eingesetzt werden sollten leichter auf militärische Ziele konzentrieren lassen. Man rechnet zuversichtlich mit weiteren Fortschritten in dieser Richtung.
Zum anderen haben diese jüngsten Versuche uns bei der Entwicklung
von Waffen geholfen - Waffen, die nicht in erster Linie eine größere
Zerstörungskraft haben, sondern für die Verteidigung unseres Volkes
gegen jeden etwaigen Angriff bestimmt sind - sowie Kenntnisse vermittelt, die für unser gesamtes ziviles Verteidigungsprogramm von entscheidender Wichtigkeit sind.
Sechstens: Radioaktiver Niederschlag, auch radioaktives Strontium
90 tritt nach allen Kernwaffenversuchen - gleich welcher Größe _ auf.
Allerdings ist der radioaktive Niederschlag von der Art der Waffe und
ihrer Größe abhängig. Ein solcher Niederschlag kann nicht - wie gesagt
worden ist - durch die Begrenzung der Versuche auf kleinere Waffen vermieden werden. Niederschlag von Strontium 90 ist eine Folge des Atomspaltungsprozesses. Die Atomspaltung aber ist sozusagen das Grundphänomen aller kleineren Waffen. Somit beruht der Gedanke, daß wir
•die Ausstreuung dieses gefährlichen Materials in die Luft beenden
können', indem wir uns auf kleinere durch Atomspaltung wirksame Waffen
konzentrieren, auf einer anscheinenden Unkenntnis dieser Tatsachen.
Siebtens: In bezug auf die Sowjetunion ist folgendes zu sagen:
Es ist unbestreitbar, daß die Sowjetunion mit dem Gedanken einer
Einstellung der H-Bombenversuche sympathisiert. Dieser Gedanke spiegelt lediglich das seit der Erörterung des Baruch-Planes im Jahre

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Jahre 194&amp; wiederholt gezeigte Beharren der Sowjetunion wider, daß
alle Abrüstungspläne auf einfachen, freiwilligen Abkommen basieren
sollen. Diese Formel sieht heute, genauso wie früher, keinerlei Sicherheitsmaßnahmen, keine Kontrollen und keine Inspektion vor.
Achtens: Man kann ein einfaches Abkommen zur Einstellung der
H-Bombenversuche nicht als etwas ansehen, das sich automatisch Geltung
verschafft, indem man von der durch nichts bestätigten Annahme ausgeht,
daß derartige Versuche sofort und auf sichere Weise entdeckt werden
können. Es stimmt zwar, daß Versuche mit sehr großen Waffen vermutlich
in dem Augenblick registriert werden können, wo sie durchgeführt werden.
Wir sind der Ansicht, daß wir praktisch alle bisher erfolgten derartigen Versuche entdeckt haben. Es ist jedoch in Anbetracht der ungeheuren sowjetischen Landmasse, durch die eventuelle zukünftige Versuche
abgeschirmt werden können, unmöglich, eine absolut positive Gewißheit
hinsichtlich einer solchen Registrierung zu haben, ausgenommen im Falle
eines Versuches mit den größten Waffen. Es ist auch nicht möglich, unmittelbar, nachdem ein in weiter Entfernung erfolgter Versuch entdeckt
worden ist, den Umfang und die Art dieses Tests zu bestimmen.
Neuntens: Wenn unsere Regierung die Forschungs- und Vorbereitungsarbeiten für Versuche und auch die Versuche selbst einstellen sowie
derartige Vorbereitungen erst nach Kenntnisnahme der Tatsache wiederaufnehmen sollte, daß eine andere Nation eine weitere Wasserstoffbombe
zur Explosion gebracht hat, so würden wir vielleicht feststellen müssen,
daß unsere gegenwärtige eindeutige Führung auf dem Gebiet der thermonuklearen Waffen verlorengegangen oder sogar ins Gegenteil verkehrt worden
ist.
Zehntens: Wenn unsere Regierung lediglich die Versuche einstellen,
•vorsichtshalber jedoch Forschung und Vorbereitungsarbeiten fortsetzen
sollte, sofern dies überhaupt durchführbar ist, dann könnten wir noch
immer einen schwerwiegenden militärischen Nachteil erleiden. Um derartige Versuche wie jene, die auf unserem Versuchsgelände im Pazifischen
Ozean durchgeführt wurden, vorzubereiten und durchzuführen, benötigt
man mindestens ein Jahr.
Diese Tatsachen führen zwangsläufig zu zwei Schlußfolgerungen:
Einmal müssen wir unsere Stärke hinsichtlich der modernsten Waffen
im Interesse unserer eigenen nationalen Sicherheit, im Interesse aller
freien Nationen und im Interesse des Friedens selbst solange weiter
entwickeln, bis internationale Abkommen mit angemessenen Sicherheitsgarantien erreicht werden können.
Zum anderen müssen und werden wir unablässig danach streben,
keine illusionäre, sondern eine wirkliche Abrüstung in der Welt zu
erreichen. Die Illusion kann in diesem Fall zwei Formen annehmen. Sie
kann bedeuten, daß man Abkommen ohne Sicherheitsgarantien vertraut.
Oder sie kann in der Annahme bestehen, daß eine einfache Einstellung
unserer Atomversuche, ohne dabei sichere Kenntnis von den Aktionen der
anderen Mächte zu besitzen, einen Fortschritt und keine Gefahr bedeutet.
In

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�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober

1956

In der Nachkriegsgeschichte gibt es nichts, was die Ansicht rechtfertigen würde, wir sollten bei irgendwelchen Abrüstungsvereinbarungen
etwas akzeptieren - oder könnten dies auch nur wagen -.was weniger
darstellt als gesunde Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen.
Ich habe auch weiterhin die feste Hoffnung, daß wir die Verwirklichung einer bedeutsamen internationalen Abrüstung erleben werden,
wenn wir stark und unbeirrt bleiben.
Wir haben allen Grund zu glauben, daß die Länder der Welt über
ein System verlässlicher, die Abrüstung bestimmender Kontrollen Einigung erzielen können, wenn auf allen Seiten eine aufrichtige und friedliche Zielsetzung vorhanden ist. Wir werden niemals aufhören, dieses
Ziel anzustreben."

* * * * *

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�A M E R I K A

US-BEITRAG ZUR WELTATOMBEHÖRDE:

D I E N S T

5000 KILOGRAM URAN 235

VEREINTE NATIONEN (NEW YORK) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Botschaft des US-Präsidenten Dwight D.
Eisenhower, vom 26.Oktober 1956, in der er erklärt, daß die Vereinigten Staaten der neuen
Internationalen Atombehörde, die ihren Sitz
voraussichtlich in Wien haben wird, 5000 kg
Uran 235 und darüber hinaus bis I.Juli i960
die gleiche Menge spaltbaren Materials zur
Verfügung stellen wird wie alle anderen Mitgliedstaaten zusammen.
Die Botschaft wurde vom Vorsitzenden der USAtomenergiebehörde auf der Schlußsitzung der
internationalen Konferenz für die neue Weltatomenergiebehörde in New York verlesen.
"Herr Präsident, meine Herren Delegierten der Konferenz über
das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde!
Fast drei Jahre sind vergangen, seit ich die Ehre hatte, auf
eine Einladung hin vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. Bei diesem Anlaß schlug ich im Namen der Vereinigten Staaten vor, daß die Atomkraft - die größte Kraft, die die
Wissenschaft jemals in die Hände der Menschen gelegt hat - der
Arbeit für den Frieden dienstbar gemacht werden sollte.
Im einzelnen zielte mein Vorschlag darauf ab, daß erstens
die Regierungen damit beginnen und darin auch fortfahren, aus
ihren für Kriegszwecke angelegten Atommaterialvorräten gemeinsame Beiträge an eine internationale Behörde zu entrichten und
daß zweitens diese Behörde dafür verantwortlich sein sollte., Verfahren auszuarbeiten, wie diese Atommaterialien für die Nöte der
Landwirtschaft, der Medizin sowie andere friedliche Aufgaben der
Menschheit dienstbar gemacht werden können.
Die Vereinigten Staaten gaben dann ein feierliches Versprechen
ab, alle ihre Kräfte des Herzens und des Verstandes daran zu setzen,
einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe
nicht zu seiner Vernichtung gebraucht, sondern seinem Leben geweiht
wird.
Das
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�AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Das Atom wurde im Jahre 1953 als eine furchtbare Waffe des
Krieges betrachtet. Seit der ersten Explosion im Jahre 1945 hatten
die Menschen in furchtbarer Weise seine Zerstörungskraft vervielfacht. Die Menschen wußten, daß ein einziges Kampfgeschwader eine
Bombenladung von einer größeren Vernichtungskraft mit sich führen
könnte, als sie alle die Bomben zusammen besaßen, die während des
zweiten Weltkrieges über England abgeworfen wurden. Mehrere Nationen
hatten es gelernt, atomare Waffen herzustellen und diese schnell über
Ozeane und Kontinente zu transportieren. Vielen Menschen schien der
Untergang der Zivilisation in einem Atomkrieg unvermeidlich. Wenn sie
vorwärts blickten, so sahen sie keine Hoffnung für eine friedliche Zukunft mehr.
Der im Jahre 1953 von den Vereinigten Staaten gemachte Vorschlag
bot anstelle der Apathie Handeln, anstelle von Verzweiflung Hoffnung
und anstelle des Strudels eines allgemeinen Krieges einen Weg in den
Hafen eines künftigen Friedens.
Von dem Augenblick an, da dieser Vorschlag gemacht war, habe
ich mit glühender Erwartung das Ergebnis all der Arbeit verfolgt,
die von den den Vorschlag unterstützenden Mächten und von den Arbeitsgruppen geleistet wurde, die in den Debatten der Generalversammlung und schließlich von dieser das Werk krönenden Konferenz
verrichtet wurde. Das Planen und das Entwerfen des Rahmens für die
Internationale Atomenergiebehörde hat zahlreiche Monate geduldiger
und verständnisvoller Bemühungen erfordert. Diese Arbeiten sind nunmehr mit der Billigung des Statuts durch die Konferenz zu einem Abschluß gebracht worden.
Ich beglückwünsche die Konferenz zu dem, was sie erreicht hat.
Das Statut und die internationale Behörde, für die es geschaffen ist,
geben der Welt eine neue Hoffnung auf Frieden.
Seit die Vereinigten Staaten im Jahre 1953 ihren Vorschlag unterbreiteten, ist die Zerstörungskraft des Atomes erneut, erheblich vervielfacht, worden. Zu ihrer eigenen Rettung stehen die Menschen unter
einem nicht abzuleugnenden Zwang, diese furchtbare, gewaltige Kraft
statt für die Zerstörungen des Krieges für die konstruktiven Ziele
und Taten des Friedens nutzbar zu machen. Dies ist auch der Grund,
warum die Welt eine neue Hoffnung braucht - eine neue Chance für das
Zusammenwirken der Menschen, um die Enttäuschungen und die Hoffnungslosigkeit der Vergangenheit zu beseitigen.
Dies ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten niemals aufhören werden, nach zuverlässigen Abkommen zu suchen, unter denen alle
Nationen zusammenarbeiten können, um eine Atomabrüstung zu erreichen.
Um das Kommen dieses Tages zu beschleunigen, haben die friedliebenden Völker auf die Verwirklichung; der friedlichen Anwendungsmöglichkeiten des Atoms zum Wohle und Segen der Menschen gedrängt. In
dem Maße, wie das erweiterte 7/issen die Kraft des Atoms immer furchtbarer macht, bringt sie auch die Verwirklichung der in ihm wohnenden
Kräfte für das Gute mit sich. Aus der Zusammenarbeit der Völker kann
Frieden ersprießen. Wenn die Völker eine gemeinsame Sache und ein ge- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

gemeinsames Interesse haben, so werden sie durch dieses Band enger miteinander verbunden.
Wir - als eine der friedliebenden Nationen - waren bestrebt, unser
Wissen um das Atom und unsere atomaren Materialien mit anderen zu teilen. Im vergangenen Februar haben wir angeboten, befreundeten Ländern
für friedliche Zwecke 20 000 Kilogram nuklearer Materialien zur Verfügung zu stellen - eine Menge, die der entspricht, die innerhalb der
Vereinigten Staaten für die gleichen Zwecke zugewiesen wurde. Und
wir haben mit 57 auf dieser Konferenz vertretenen Ländern Abkommen
abgeschlossen - mit weiteren 14 laufen Verhandlungen -, um mit ihnen
beim Bau ihrer eigenen Atomreaktoren - Reaktoren aller Typen und
Größen - für friedliche Zwecke zusammenzuarbeiten.
Die Völker haben ihren Wissensdrang nach einem Verständnis der
verwickelten Geheimnisse der neuen Atomwissenschaft gezeigt. Wir
haben versucht, diesen Drang zu befriedigen, Türen aufzubrechen,
die das von ihnen erstrebte Wissen verschlossen, indem wir große
wissenschaftliche Kongresse anregten und indem wir Bibliotheken,
Lehrgänge und Schulen zur Verfügung stellten. Wir waren glücklich,
unser Wissen über die Möglichkeiten einer friedlichen Nutzbarmachung
des Atoms anbieten zu können - der Möglichkeiten, wie die Atomisotopen
in der Behandlung und Heilung von Kranken, in der Landwirtschaft und in
der Industrie verwendet werden können. Da die Wissenschaft keine Grenzen
kennt, kann das gemeinsame Wissen und die friedliche Anwendung dieser
neuen Wissenschaft uns allen helfen, einander besser zu verstehen.
Bei all diesen Dingen, die wir als Regierung tun, erstreben die
Vereinigten Staaten weder Herrschaft noch Kontrolle oder Gewinn. Wir
werden dies auch niemals tun.
Es steht nunmehr bei den Nationen, die hier auf dieser Konferenz
versammelt sind, das Statut offiziell anzunehmen.
Ich schlage daher im Namen der Vereinigten Staaten folgendes vor»
Erstens, ich werde Sorge tragen, daß das Statut beim Wiederzusammentreten des amerikanischen Kongresses zur offiziellen Ratifizierung durch
den amerikanischen Senat gemäß unserer Verfassung vorgelegt wird und
daß um die notwendige Kongreßvollmacht ersucht wird, der Internationalen Atomenergiebehörde besonderes kemeaktives Material zu übergeben.
Ich habe den Wunsch, daß mein Land unter den ersten ist, die durch
eine offizielle Maßnahme das von Ihrer Konferenz Geleistete Anerkennen.
Zweitens, um die Internationale Atomenergiebehörde nach ihrer
Errichtung durch die entsprechenden Maßnahmen der Regierungen in die
Lage zu versetzen, die Atomforschungs- und Atomkraftprogramme unverzüglich zu beginnen, werden die Vereinigten Staaten der Internationalen
Behörde unter Bedingungen, die mit der Behörde noch abzusprechen sind,
5000 kg Uran 235 als Kernbrennstoff von den insgesamt 20 000 kg dieses
Materials zur Verfügung stellen, die von den Vereinigten Staaten im
Februar für friedliche Zwecke befreundeter Nationen bereitgestellt wurden.
Drittens, zusätzlich zu den oben erwähnten ersten 5000 kg Uran 255

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�AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Uran 235 werden die Vereinigten Staaten der Internationalen Atomenergiebehörde weiteres kernreaktives Material verfügbar machen, das in seiner
Menge dem Gesamtquantum derartiger Materialien entsprechen wird, die in
ähnlicher Weise und unter vergleichbaren Bedingungen von allen anderen
Mitgliedern der Internationalen Behörde für den Zeitraum zwischen der
Errichtung der Behörde und dem I.Juli i960 zur Verfügung gestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dieses kernreaktive Material auf Ersuchen der Atomenergiebehörde für die von der Behörde gebilligten Projekte
ausliefern.
Unter der Voraussetzung, daß alle auf der Konferenz vertretenen
Nationen - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - entsprechende Schritte ergreifen, können wir gemeinsam die vor uns liegenden Hindernisse überwinden und den Beweis erbringen, daß internationale Kontrollen nicht
nur durchführbar, sondern auch allgemein als ein Weg zur Erreichung
des Friedens annehmbar sind.
Ein rasches und erfolgreiches Arbeiten der Behörde kann der Beginn
sein für die Nutzbarmachung der zahllosen Verwendungsformen der Atomenergie
zum Aufbau eines besseren Lebens in unserem Heim, am Arbeitsplatz, für
unsere Reisen und unsere Muße.
Gegenwärtig erblicken wir lediglich die ersten Früchte dieser atomaren Expansion. Atomkraft-Anlagen, die in diesem und verschiedenen
anderen Ländern geplant oder bereits im Bau sind, werden in wenigen
Jahren Energie für den zivilen Bedarf liefern - werden die Räder der
Fabriken treiben und Licht für unzählige Häuser liefern.
Wir wollen bei den Menschen nicht di§ Erwartung wecken, daß das
Atomzeitalter sozusagen über Nacht da sein wird. In vielen Ländern wird
es langwieriger und geduldiger wissenschaftlicher Versuche und Erprobungen bedürfen, ehe aus der Atomenergie Elektrizität gewonnen werden kann,
die mit der aus der verfügbaren Kohle, aus Öl, Gas oder Wasserkraft erzeugten zu konkurrieren vermag. Aber in der Zwischenzeit wird die Internationale Atomenergiebehörde alle derartigen wissenschaftlichen Arbeiten
und Forschungen unterstützen, um damit die Herankunft des ersehnten Tages
zu beschleunigen.
Viele der Segnungen, die aus der Nutzbarmachung des Atoms für
friedliche Zwecke unserem täglichen Leben erwachsen werden - mehr und
billigere Elektrizität, Beleuchtung, Bewässerung "Hori Dürregebieten,
billigere Transportmöglichkeiten, Aufbau von Industrien in Gebieten,
die bislang keine Möglichkeit dazu hatten - viele dieser Segnungen kommen
langsamer zum Tragen als wir es eigentlich wünschen. Aber es gibt etwas,
was wichtiger ist als diese materiellen Vorteile. Ich meine jene Wege, die
zu ausgeglichenen und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern führen.
Die Menschen haben seit langem nach einem Weg für friedliche Erörterungen gesucht. Die Internationale Atomenergiebehörde bietet einen solchen
Weg. Während der vergangenen drei Jahre, in denen über ihre Errichtung
und ihre Tätigkeit beraten wurde, ist dieser Weg offengehalten worden.
Es wird das Ziel der Vereinigten Staaten sein, diesen Weg zu verbreitern
und alle zu seiner Benutzung aufzufordern.
Eines

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31. Oktober 1956

Eines Tages, so hoffen wir inständig, wird die Vernunft Herr
über den Hang des Menschen zur Zerstörung werden. Jbnmi kann die
Welt ihre Schwerter in Pflugscharen verwandeln. Alle Nationen können
dann ihre Anlagen, die kenreaktives Material herstellen, ausschließlich für den zivilen Bedarf arbeiten lassen, und die Kernenergie, di
in den aufgespeicherten Kernwaffen ruht, kann gleichfalls für die
Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen verwandt werden. In
dieser glücklichen Zeit kann der Gigant der Atomenergie, anstatt
ein Schreckensbild des Zerstörungskrieges zu sein, zu einem gehorsamen Diener in einer blühenden und friedlichen Welt werden.
Die große Vision einer Atomzukunft liegt nicht so sehr in dem
materiellen Überfluß, den sie schließlich für des Menschen Bequemlichkeit und Lebenskomfort bringen dürfte, sondern sie liegt darin,
daß man durch das gemeinsame Teilhaben an diesem Überfluß einen Weg
findet, um die Nationen der Welt zu freundlich miteinander verkehrenden Nachbarn der gleichen Straße zu machen."

* * * * *

�PRÄSIDENT EISENHOWER ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower
nahm am 5t.Oktober 1956 in einer Rundfunkansprache" zu den jüngsten Entwicklungen im
Mittleren Osten und in Osteuropa Stellung,
die folgenden Wortlaut hat:

"Heute Abend berichte ich Ihnen als Ihr Präsident. Wir alle
sind uns der Tatsache bewußt, daß wir gegenwärtig mitten in der
alles umfassenden und völlig offen geführten Debatte eines politischen Wahlkampfes in den USA stehen. Aber die Ereignisse und die
Probleme, die ich Ihnen heute abend vortragen möchte, stehen in
keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen parteipolitischen Fragen.
Sie gehen jeden Amerikaner - sein gegenwärtiges Leben und seine
Zukunft an.
Ich möchte Ihnen daher in einem Bericht die notwendigen Tatsachen geben, damit Sie sich - gleichgültig ob Sie einer der beiden
großen Parteien angehören oder nicht - auf Grund Ihrer Überlegungen
und der Tatsache ein wohlfundiertes Bild über diese sich schnell ändernde Weltlage machen können.
Diese Änderungen, von denen ich hier spreche, sind in zwei Gebieten der Welt - in Osteuropa und im Mittleren Osten - eingetreten.
In Osteuropa scheint die Morgenröte eines neuen Tages angebrochen zu sein. Ihr Kommen hat lange auf sich warten lassen und ist
nicht leicht erfolgt.
Nach dem zweiten Weltkrieg benutzte die Sowjetunion ihre Militärmacht, um den osteuropäischen Staaten* Regierungen nach sowjetischer
Wahl aufzuzwingen, die Diener Moskaus waren.
Die Vereinigten Staaten haben sich in ihrer Politik - unabhängig
von Parteirichtungen - Konsequent darum bemüht, diese Situation zu beenden und das im Krieg gegeberP Versprechen der Vereinten Nationen zu
erfüllen, daß diese Länder, die von den Kriegsarmeen überrannt wurden,
einmal wieder zu Souveränität und Selbstregierung kommen sollten.
Wir konnten eine solche Politik natürlich nicht durch Zufluchtnahme zur Gewalt verwirklichen. Eine solche Gewaltanwendung wäre in
gleicher Weise den wahren Interessen der osteuropäischen Völker wie
den unverrückbaren Grundsätzen der Vereinten Nationen zuwider gewesen.
Aber wir halfen, die Hoffnung dieser Völker auf Freiheit am Leben zu
erhalten.
«
Darüber

�AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Darüber hinaus bedurften diese Völker von uns keiner Unterweisung über den Wert der nationalen Freiheit und der persönlichen Unabhängigkeit, denn zur Zeit der amerikanischen Revolution waren gerade aus diesen Ländern viele nach Amerika gekommen, um unserer Sache
beizustehen. Nun ist der Druck des Willens dieser Völker zu nationaler Unabhängigkeit immer stärker und nachdrücklicher geworden.
Vor einigen Tagen hat das polnische Volk - mit seiner stolzen
und unsterblichen Freiheitsliebe - sich angeschickt, einen friedlichen Übergang zu einer neuen Regierung zu vollziehen. Und diese Regierung wird, wie es den Anschein hat, sich ehrlich bemühen, dem
polnischen Volke zu dienen.
Dann hat die gesamte Welt mit Aufmerksamkeit die dramatischen
Ereignisse in Ungarn verfolgt, wo dieses tapfere Volk, wie so oft in
seiner Vergangenheit, sein Leben für die Unabhängigkeit von fremder
Herrschaft eingesetzt hat. Heute scheint ein neues Ungarn aus diesem
Kampf zu erstehen, ein Ungarn, das wie wir aus tiefstem Herzen hoffen,
seine volle und freie nationale Existenz erlangen wird.
Wir haben mit Freude diese historischen Ereignisse verfolgt.
Erst gestern hat die Sowjetunion eine bedeutsame Erklärung über
ihre Beziehungen zu allen Ländern Osteuropas abgegeben. In dieser Erklärung wurde die Notwendigkeit einer Revision der sowjetischen Politik
und einer Änderung dieser Politik anerkannt, um der Forderung des Volkes nach größerer nationaler Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit
gerecht zu werden. Die Sowjetunion erklärte ihre Bereitschaft, den
Abzug der sowjetischen 'Berater' in Erwägung zu ziehen - die in Wahrheit
die herrschende Macht in den sowjetisch besetzten Ländern darstellten und auch den Abzug der sowjetischen Truppen aus solchen Ländern wie
Polen und Ungarn zu erwägen.
Noch wissen wir nicht, ob diese bekanntgegebenen Absichten auch
wirklich durchgeführt werden.
Zwei Dinge pind jedoch klar geworden.
Zum ersten sind die Leidenschaft dieser Völker und die von ihnen
im Namen der Freiheit gebrachten Opfer an sich schon ein echtes Versprechen, daß bald wieder das Licht der Freiheit in ihrem Dunkel
scheinen wird.
Wenn zum zweiten die Sowjetunion wirklich getreulich so handeln
wird, wie sie es versprochen hat, dann wird die Welt Zeuge des größten
Schrittes nach vorwärts auf dem Wege zu Gerechtigkeit, Vertrauen und
Verständigung unter den Nationen während unserer Generation werden.
Dies sind die gegebenen Tatsachen. Wie hat nun unsere Regierung
darauf reagiert?
Die Vereinigten Staaten haben ihre Bereitschaft klar zum Ausdruck
gebracht, den neuen und unabhängigen Regierungen dieser Länder wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren. Wir stehen bereits - seit einigen Tagen in dieser Frage 'in Kontakt mit der neuen polnischen Regierung. Wir haben
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�AMERIKA DIENST"

7. November 1956

haben weiter bereits öffentlich erklärt, daß wir von diesen Regierungen
nicht die Einführung irgendeiner speziellen Gesellschaftsform als Bedingung für unsere Wirtschaftshilfe verlangen. Das einzige, was uns
dabei bewegt, ist, daß sie frei sind - frei um ihrer selbst willen und
frei um der Freiheit willen.
Wir haben weiter - im Hinblick auf die Sowjetunion - alle falschen
Ängste und Befürchtungen eindeutig zu zerstreuen gesucht, daß wir neue
Regierungen in diesen osteuropäischen Ländern als mögliche militärische
Verbündete betrachten könnten. Wir verfolgen keinerlei derartige Zwecke
und Ziele. '.Vir betrachten diese Völker als Freunde, und wir wollen ganz
einfach nur, daß sie Freunde sein sollen, die frei sind.
Ich wende mich nun jenem anderen Teil der Welt zu, wo in diesem
Augenblick eine sehr düstere Lage besteht. Ej-'ist dies keine Lage, die
Anlaß zu übertriebener Furcht oder Hysterie gibt. Sie erregt allerdings
unsere ernste Besorgnis.
Ich spreche natürlich vom Mittleren Osten. Dieses Gebiet, in dem sich
in der Geschichte die Wege der Völker kreuzten, stand, wie wir alle wissen,
lange Zeit unter einer Kolonialherrschaft. Diese endete nach dem zweiten
Weltkrieg, als alle Länder in diesem Raum ihre völlige Unabhängigkeit
gewannen. Aus dem Mandatsgebiet Palästina wurde der neue Staat Israel
gebildet.
Dieser historische Wandel konnte jedoch die in Jahrhunderten gewachsenen Animositäten nicht mit einem Schlag auslöschen. Israel und.
seine arabischen Nachbarn fanden sich bald! in einen gegenseitigen Krieg
verstrickt, und die arabischen Völker gaben fortlaufend ihre Verärgerung
über ihre früheren Kolonialherrn, insbesondere über Großbritannien und
Frankreich, zu erkennen.
Die Vereinigten Staaten haben in den Jahren seit Beendigung des
zweiten Weltkriegs unermüdlich darauf hingearbeitet, Frieden und Stabilität in diesem Gebiet zu sichern.
Wir haben es als eine Grundsatzfrage der amerikanischen Außenpolitik
betrachtet, den neugegründeten Staat Israel zu unterstützen und gleichzeitig unsere Bindungen sowohl zu Israel als auch zu den anderen arabischen
Staate!) zu festigen. Aber die Leidenschaft drohte in diesem Gebiet unglücklicherweise all diese Jahre hindurch die Oberhand über friedliche
Bestrebungen zu gewinnen, und so gab es hier in der einen oder anderen
Form ständig Kampf.
Die Situation wurde in jüngster Zeit unnötigerweise durch das Vorgehen Ägyptens erschwert, das unter anderem eine Wiederaufrüstung mit
von den Kommunisten gelieferten Waffen einschloß. Wir vertraten unsererseits die Auffassung, daß die ägyptische Regierung in dieser Politik
nicht gut beraten sei. Der Staat Israel seinerseits empfand wachsende
Besorgnis für seine Sicherheit. Und Großbritannien und Frankreich begannen mehr und mehr zu fürchten, daß die ägyptische Politik den Suez-Kanal
bedrohe, den sie als ihre 'Lebensader' ansehen.
Die Dinge spitzen sich zu, bis es am 26.Juli dieses Jahres zu einer
Krisis kam, als die ägyptische Regierung die internationale Suez-Kanal-

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7« November 1956

Suez-Kanal-Gesellschaft beschlagnahmte. 90 Jahre lang, seit der Einweihung des Kanals, hatte diese Gesellschaft größtenteils unter der
technischen Aufsicht von Engländern und Franzosen den Kanal betrieben.
Einige unserer Verbündeten drängten auf eine sofortige Reaktion
auf dieses Vorgehen mit Gewalt. Wir dagegen traten beharrlich für ein
anderes Vorgehen ein und konnten uns mit unserem Wunsch auch durchsetzen, auf einer langen Reihe von Konferenzen und Verhandlungen nämlich,
die sich über Wochen und Monate hinzogen und unter Mitwirkung der Vereint
Nationen durchgeführt wurden. Und so schien es noch vor ganz kurzer Zeit,
daß wir dort auf der Basis anerkannter Grundsätze zu einer annehmbaren
Übereinkunft gelangen könnten.
Aber die direkten Beziehungen Ägyptens sowohl zu Israel als auch
zu Frankreich verschlechterten sich immer mehr und erreichten schließlich einen Punkt, an dem zunächst Israel und dann Frankreich und auch
Großbritannien zu der Feststellung gelangten, daß ihre lebenswichtigen
Interessen ohne Zuflucht zu gewaltsamen Maßnahmen nach ihrer Beurteilung der Lage nicht geschützt werden können.
Nach dieser Entscheidung überstürzen sich die Ereignisse. Am Sonntag ordnete die israelische Regierung die Totalmobilmachung an. Am Montag drangen israelische Streitkräfte tief in Ägypten ein und stießen
bis in die Nähe §es SuezkarraTs vor,"' der etifff -4?8. km jenseits der israelischen Grenze liegt. Und am Dienstag stellten die britische und französische Regierung Israel und Ägypten ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum, auf das nunmehr ein bewaffneter Angriff gegen Ägypten folgte.
Die Vereinigten Staaten wurden während keiner Phase dieser Aktionen
in irgendeiner Weise konsultiert und sie wurden auch nicht im voraus
über diese Schritte unterrichtet.
Es ist das offenkundige Recht jeder dieser Staaten, solche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen, und es ist umgekehrt unser gutes Recht,
wenn unsere Beurteilung der Dinge solches von uns erheischt, hier eine
abweichende Haltung einzunehmen. Wir sind der Auffassung, daß man, als
diese Maßnahmen ergriffen wurden, in einem Irrtum befangen war. Denn wir
billigen nicht die Anwendung von Gewalt als einem vernünftigen oder geeigneten Mittel zur Lösung von internationalen Streitigkeiten.
Wenn ich dies in diesem besonderen Falle ausspreche, so geschieht
es keineswegs in der Absicht, unsere Freundschaft mit diesen Staaten
herabzusetzen, oder unsere Entschlossenheit zu verkleinern, diese zwischen uns bestehenden Bande aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Wir wissen sehr wohl um die großen Besorgnisse auf seiten Israels,
Großbritanniens und Frankreichs. Wir »issen, daß sie immer wieder schweren Provokationen ausgesetzt waren.
Die gegenwärtige Sachlage scheint nichtsdestoweniger klar: Did ergriffenen Maßnahmen lassen sich kaum mit den Grundsätzen und Zielsetaunge
der Vereinten Nationen in Einklang bringen, denen wir alle unsere Zustimmung gegeben haben. Und darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, selbst zu
bezweifeln, ob die Zuflucht zu einem Krieg auf lange Sicht den ständigen
Interessen der angreifenden Staaten dienlich ist.
Jetzt

�AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Suez-Kanal-Gesellschaft beschlagnahmte. 90 Jahre lang, seit der Einweihung des Kanals, hatte diese Gesellschaft größtenteils unter der
technischen Aufsicht von Engländern und Franzosen den Kanal betrieben.
Einige unserer Verbündeten drängten auf eine sofortige Reaktion
auf dieses Vorgehen mit Gewalt. Wir dagegen traten beharrlich für ein
anderes Vorgehen ein und konnten uns mit unserem Wunsch auch durchsetzen, auf einer langen Reihe von Konferenzen und Verhandlungen nämlich,
die sich über Wochen und Monate hinzogen und unter Mitwirkung der Vereinten
Nationen durchgeführt wurden. Und so schien es noch vor ganz kurzer Zeit,
daß wir dort auf der Basis anerkannter Grundsätze zu einer annehmbaren
Übereinkunft gelangen könnten.
Aber die direkten Beziehungen Ägyptens sowohl zu Israel als auch
zu Frankreich verschlechterten sich immer mehr und erreichten schließlich einen Punkt, an dem zunächst Israel und dann Frankreich und auch
Großbritannien zu der Feststellung gelangten, daß ihre lebenswichtigen
Interessen ohne Zuflucht zu gewaltsamen Maßnahmen nach ihrer Beurteilung der Lage nicht geschützt werden können.
Nach dieser Entscheidung überstürzen sich die Ereignisse. Am Sonntag ordnete die israelische Regierung die Totalmobilmachung an. Am Montag drangen israelische Streitkräfte tief in Ägypten ein und stießen
bis in die Nähe §es Suezkänals vor,"' der ettfff" I ?8 km jenseits der israelischen Grenze liegt. Und am Dienstag stellten die britische und französische Regierung Israel und Ägypten ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum, auf das nunmehr ein bewaffneter Angriff gegen Ägypten folgte.
Die Vereinigten Staaten wurden während keiner Phase dieser Aktionen
in irgendeiner Weise konsultiert und sie wurden auch nicht im voraus
über diese Schritte unterrichtet.
Es ist das offenkundige Recht jeder dieser Staaten, solche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen, und es ist umgekehrt unser gutes Recht,
wenn unsere Beurteilung der Dinge solches von uns erheischt, hier eine
abweichende Haltung einzunehmen. Wir sind der Auffassung, daß man, als
diese Maßnahmen ergriffen wurden, in einem Irrtum befangen war. Denn wir
billigen nicht die Anwendung von Gewalt als einem vernünftigen oder geeigneten Mittel zur Lösung von internationalen Streitigkeiten.
Wenn ich dies in diesem besonderen Falle ausspreche, so geschieht
es keineswegs in der Absicht, unsere Freundschaft mit diesen Staaten
herabzusetzen, oder unsere Entschlossenheit zu verkleinern, diese zwischen uns bestehenden Bande aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Wir wissen sehr wohl um die großen Besorgnisse auf seiten Israels,
Großbritanniens und Frankreichs. Wir wissen, daß sie immer wieder schweren Provokationen ausgesetzt waren.
Die gegenwärtige Sachlage scheint nichtsdestoweniger klar» Did ergriffenen Maßnahmen lassen sich kaum mit den Grundsätzen und Zielsetaungen
der Vereinten Nationen in Einklang bringen, denen wir alle unsere Zustimmung gegeben haben. Und darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, selbst zu
bezweifeln, ob die Zuflucht zu einem Krieg auf lange Sicht den ständigen
Interessen der angreifenden Staaten dienlich ist.
Jetzt

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�"AMERIKA DIENST"

?• November 1956

Jetzt müssen wir unseren Blick auf die Zukunft richten.
Angesichts der von mir aufgeführten Umstände,, wird es zu keinem
Eingreifen der Vereinigten Staaten in die darzeitigen Feindseligkeiten
kommen. Ich habe deshalb auch nicht die Afcsicht, den Kongreß zu einer
Sondersitzung einzuberufen. Selbstverständlich werden wir auch weiterhin in ständigem Kontakt mit den führenden Männern beider Parteien im
Kongreß bleiben.
Gleichzeitig ist und bleibt es das erklärte Ziel unserer Regierung,
alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um die Kampfhandlungen jgu lokalisieren und den Konflikt zu beenden.
I

Den ersten Schritt in dieser Hinsicht haben wir gestern unternommen. Wir wendeten uns an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
mit der Forderung, daß die Streitkräfte Israels sich auf ihr eigenes
Land zurückziehen und die Feindseligkeiten in diesem Gebiet eingestellt
werden sollen. Dieser Vorschlag wurde wegen des Vetos Großbritanniens
und Frankreichs nicht angenommen.
Die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen sind jedoch noch
nicht erschöpft. Es ist unser Wunsch und Wille, daß diese Angelegenheit
vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen gebracht werden möge.
In diesem Gremium - wo es kein Veto gibt - kann die Meinung der Weltöffentlichkeit sich fruchtbringend für unsere Suche nach einer gerechten Lösung dieses beunruhigenden Problems auswirken. In den vergangenen
Jahren haben die Vereinten Nationen bewiesen, daß sie Wege zu finden vermögen, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen. Wir sind überzeugt, daß
sie dies auch in diesem Falle tun können und tun werden.
Meine Mitbürger, wenn ich den Ablauf der Ereignisse auf der Welt
in den letzten Jahren überblicke, so festigt sich meine Überzeugung,
daß die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen noch weiter
ausgebaut und fester verankert werden müssen. Ich spreche hier insbesondere davon, ihre Befugnisse zu erweitern, Gerechtigkeit im
Rahmen des V&amp;Ikerrechts zu gewährleisten.
Bei all den jüngsten Wirren im Mittleren Osten haben nun tatsächlich
alle darin verwickelten Völker Ungerechtigkeiten erlitten. Ich glaube
aber nicht, daß ein anderes Instrument des Unrechts - der Krieg - diesen
Schaden heilen kann.
Ohne Gesetz kann es keinen Frieden geben. Und es kann kein Gesetz
geben, wenn wir einen Kodex über das Verhalten der Völker für diejenigen aufstellen, die anderer Ansicht wie wir sind, und einen anderen
für unsere Freunde.
Die Völkergemeinschaft hat lange gebraucht, ehe sie Mittel fand,
um diese Wahrheit in die Praxis umzusetzen.
Aber das leidenschaftliche Verlangen nach Frieden, das auf seiten
aller Völker besteht, zwingt uns, unsere Suche nach einem neuen und
wirksameren Instrument der Gerechtigkeit zu beschleunigen.
Der

�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Der Friede, den wir suchen und brauchen, bedeutet mehr als
das bloße Nichtvorhandensein eines Krieges. Er bedeutet die Anerkennung des Rechts und die Förderung der Gerechtigkeit in der ganzen
Welt.
Wir müssen fest zu den Grundsätzen stehen, die uns in diesem
Bemühen leiten. Auf diese Weise können wir den Hoffnungen aller Menschen auf eine Welt entsprechen, in der ein wahrer und gerechter
Friede herrschen wird."

* * * * *

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�A M E R

I

K A

D I E N S T

RESOLUTION "EINIGKEIT FÜR DEN FRIEDEN" ERNEUT VOR DEN UN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am
I.November 1956 auf der außerordentlichen Sitzung der UN-Generalversammlung in New York gehalten hat.

Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Mitdelegierte,
Ich möchte bezweifeln, daß je ein Delegierter von diesem Pult
aus mit so schwerem Herzen gesprochen hat, wie ich heute abend. Wir
sprechen über eine Angelegenheit von lebenswichtiger Bedeutung, in
der 'sich die Vereinigten Staaten nicht in der Lage sehen, die Ansicht
von drei Nationen zu teilen, mit denen sie eine enge Freundschaft
verbindet, für die sie Bewunderung und Achtung hegen und von denen
zwei unsere ältesten, vertrauenswürdigsten und verläßlichsten Verbündeten sind.
Die Tatsache, daß wir anderer Ansicht sind als diese unsere
Freunde, hat uns veranlaßt, unsere Haltung nochmals mit größter Sorgfalt zu überdenken und abzuwägen, und dies ist auf höchster Regierungsebene geschehen. Nach dieser nochmaligen Abwägung kamen wiie aber wiederum zu dem Schluß, daß sie anderer Meinung sind. Da es uns scheint,
daß diese Meinungsverschiedenheit Grundsatzfragen in sich schließt,
die über die unmittelbare Streitfrage weit hinausgehen, sehen wir uns
gezwungen, unseren Standpunkt hier von Ihnen und durch Sie der ganzen
Welt klar zu machen.
Es ist dies das erste Mal, daß diese Versammlung gemäß den Bestimmungen der im Jahr 1950 angenommenen Resolution "Einigkeit für
den Frd*den" zusammentritt. Ich war damals Mitglied der Delegation
der Vereinigten Staaten und trug die Hauptverantwortung für die Behandlung dieses Vorschlages im Ausschuß und vor der Generalversammlung. Wir erlebten damals den kommunistischen Angriff auf die Republik
Korea, und wohl kaum einer hätte damals daran gedacht, daß diese Resolution zum ersten Mal in einer Situation zitiert wird, wie wir sie
jetzt erleben.
Welche Tatsachen sind es, die uns hier zusammenführen?
Da ist zunächst die Tatsache, daß am Monatg dieser Woche israelische Streitkräfte weit nach Ägypten vorzudringen begannen. Dann folgte
sehr rasch auf dieses Vorgehen die Aktion Frankreichs und Groß1 -

�AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Großbritanniens, die Ägypten zunächst ein auf 12 Stunden befristetes
Ultimatum stellten, und dann einen bewaffneten Angriff begannen, der
gegenwärtig aus der Luft mit dem erklärten Ziel geführt wird, zeitweilig die Kontrolle über den Suez-Kanal zu erlangen, um, wie man
annehmen darf, eine erhöhte Sicherheit des Kanals zu gewährleisten.
Als dritte Tatsache ist hier zu erwähnen, daß man versuchte, die
Angelegenheit, nachdem sie dem Sicherheitsrat vorgelegt worden war,
durch eine Resolution beizulegen, gegen die Großbritannien und Frankreich ihr Veto einlegten, und zwar als die einzigen, die gegen die
Resolution stimmten.
Daraufhin wurde die Angelegenheit gemäß den Bestimmungen der Resolution "Einigkeit für den Frieden" auf Antrag des Generalsekretärs
der Vereinten Nationen hier vor die Generalversammlung gebracht. Dieser Antrag war von einem Beschluß von sieben Mitgliedern des Sicherheitsrates ausgelöst worden, der eine Einberufung der Generalversammlung zu einer außerordentlichen Sitzung innerhalb von 24 Stunden gefordert hatte.
Herr Präsident und verehrte Mitdelegierte, die Vereinigten
Staaten sind sich voll bewußt, daß die Tatsachen, die ich hier angeführt habe, nicht die einzigen einschlägigen Fakten zu dieser Situation darstellen. Eine lange und traurige Kette von Reibereien und
Provokationen ging voraus. Es kam zu Verletzungen des Waffenstillstands seitens Israels und gegen Israel. Es kam seitens Ägyptens
zu Verletzungen des Vertrages von T888 über die Verwaltung des SuezKanals und zu einer Mißachtung der Resolution des Sicherheitsrates
von 1951&gt; die die Abfertigung israelischer Sohiffe und Frachten im
Suez-Kanal regelte. Es kam zu einer schweren Wiederaufrüstung Ägyptens unter ziemlich ominösen Umständen. Da war ferner die plötzliche
Beschlagnahme der Internationalen Suez-Kanal-Gesellschaft durch
Ägypten, die den Suez-Kanal, größtenteils unter britischer und französischer Leitung, seit seiner Eröffnung vor 90 Jahren verwaltete.
Es kam wiederholt eine feindselige Haltung der Regierung Ägyptens
gegenüber anderen Regierungen zum Ausdruck, mit denen sie dem Namen
nach freundschaftliche Beziehungen unterhielt, beziehungsweise hätte
unterhalten sollen.
Herr Präsident, wir sind nicht blind gegenüber der Tatsache, daß
das, was in den letzten zwei oder drei Tagen geschah, aus einer düsteren Vergangenheit erwuchs. Wir sind aber zu dem Schluß gekommen,
daß diese Provokationen, so ernst sie auch sind, dennoch den Einsatz
von bewaffneten Streitkräften, zu dem es in den letzten zwei und drei
Tagen gekommen ist und der auch heute abend noch weitergeht, nicht
rechtfertigen.
Es ist richtig, die Vereinten Nationen haben vielleicht nicht
alles getan, was sie hätten tun sollen. Ich habe des öfteren, vor
allem in den letzten Wochen, darauf hingewiesen, daß die Charta der
UN in Artikel 1, Absatz 1, die Regelung dieser Dinge in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen
Rechts fordert; dieser Artikel fordert also nicht nur eine friedliche
Regelung,sondern eine gerechte Lösung. Die Vereinten Nationen waren
in der Behandlung der zahlreichen Ungerechtigkeiten im Zusammenhang
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7» November 1956

Zusammenhang mit den Verhältnissen in Nahost vielleicht ein wenig
langsam, ein wenig schwach. Aber ich bin der Auffassung, wir sollten
und werden uns vielleicht bei der nächsten regulären Tagung der Generalversammlung eingehend und ernsthaft mit der Frage beschäftigen, was wir
unternehmen könnten, um in diesem Falle den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen Rechts Gültigkeit zu verschaffen. Wir haben
in dieser Hinsicht nicht alles getan, was wir hätten tun sollen, und
insofern geht ein Teil der Verantwortung für die derzeitigen Ereignisse
auf unser Konto.
Wenn wir hingegen, Herr Präsident, zu dem Schluß kommen sollten, die
in der Welt herrschende Ungerechtigkeit, die unsere Organisation bisher
noch nicht beseitigen konnte, bedeute, daß der Grundsatz des Verzichts
auf jede Gewaltanwendung nicht mehr geachtet wird und daß eine Nation,
die da glaubt, es sei ihr Unrecht widerfahren, nach wie vor das Recht
hat, zur Behebung dieses Unrechts auf das Mittel der Gewalt zurückzugreifen - damit, Herr Präsident, wäre, so fürchte ich, die Charta der
Vereinten Nationen in Fetzen gerissen und die Welt abermals der Anarchie
ausgeliefert. Und all die kühnen Hoffnungen, die wir auf diese unsere
Organisation und unsere Charta gesetzt haben, wären damit zunichte gemacht. Wir ständen wieder da, wo wir bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges
standen, und hätten eine tragische Enttäuschung mehr anstelle der von
uns erhofften - und noch immer zu erhoffenden - Schutzwehr gegen den
Ausbruch eines Weltkrieges, der, wie es in der Präambel unserer Charta
heißt, "zweimal im Laufe unseres Lebens unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,"
Dieses Problem des Suez-Kanals, Herr Präsident, das vielleicht
weitgehend den jetzt unternommenen Gewaltmaßnahmen zugrunde liegt, ist
im Laufe des letzten Vierteljahres bei vielen Anlässen und in mancherlei Art und Weise behandelt worden. Ich wage zu bezweifeln, ob im Laufe
der Geschichte schon einmal mit so viel Ernst und Ausdauer versucht
worden ist, eine gerechte und friedliche Lösung für ein Problem zu
finden.
Als die ägyptische Regierung am 26.Juli sich unvermittelt der
Internationalen Suez-Kanalgesellschaft bemächtigte, war sich die ganze
Welt darüber klar, daß damit eine Krise ungeahnten Ausmaßes ausgelöst
worden war. Innerhalb von drei Tagen, glaube ich, traten die Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs in
London zur Beratung darüber zusammen, was angesichts dieser Situation
zu unternehmen sei. Schon damals wurden Stimmen laut, daß man sofort
mittels Gewalt versuchen sollte, den Status, wie er vor der Beschlagnahme durch Ägypten bestanden hatte, wiederherzustellen. Aber alle
drei Regierungen kamen zu dem Schluß daß kein Grund zur Gewaltanwendung vorliege, zumindest sicherlich nicht unter den damaligen Umständen, und daß erst eine friedliche und gerechte Lösung angestrebt werden
aolle.
Die drei Regierungen kamen überein, in diesem kritischen Augenblick
keinerlei Gewalt anzuwenden, sondern statt dessen eine Konferenz der
wichtigsten Benutzer des Suez-Kanals einzuberufen - der 24 Nationen,
die einwandfrei als Nachfolger der Signatarmächte der 1888 geschlossenen
Konvention anzusehen sind, darunter acht Länder, auf die der Hauptanteil

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�"AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Hauptanteil des Verkehrs durch den Kanal entfällt und acht weitere
Länder, die in ihrem Handel besonders auf den Kanal angewiesen sind*
Und von diesen 24 Nationen nahmen 22 an der Konferenz teil. Ägypten
lehnte eine Teilnahme ab. Von den 22 Konferenzteilnehmern einigten sich
18 auf ein Vergehen, das ihrer Ansicht nach vernünftigen Grundsätzen
für eine friedliche Lösung entsprach, die gerecht und anständig gewesen
wäre und die freie Benutzung dieses Schiffahrtsweges für die Zukunft
hätte gewährleisten können.
Diese Vereinbarung der 18 Länder wurde Präsident Nasser in Kairo
als Lösungsvorschlag unterbreitet. Er lehnte jedoch ab.
Daraufhin traten die 18 Nationen abermals in London zusammen und
berieten erneut über einen Vorschlag, einen Verband, eine Vereinigung
der Kanalbenutzer zu schaffen.
Wir glaubten, dieser Verband könnte auf praktischer Grundlage mit den
ägyptischen Kanalbehörden eine für beide Teile annehmbare Regelung ausarbeiten, um den weiteren Betrieb des Kanals auf einer freien und unparteiischen Grundlage zu gewährleisten. Dann, während die Benutzervereinigung
organisiert wurde, brachten Frankreich und Großbritannien die Angelegenheit vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. In diesem Gremium
wurden sechs Grundsätze einstimmig angenommen und auch von Ägypten.'gebilligt, das an den Verhandlungen teilnahm, obgleich es nicht im Sicherheitsrat vertreten ist. Diese Grundsätze deckten sich im wesentlichen
mit den Grundsätzen, die von den 18 Konferenzteilnehmern in London gebilligt worden waren. Die vom Sicherheitsrat angenommene Resolution hatte
noch einen zweiten Teil, der sich mit der Verwirklichung dieser Grundsätze
befaßte. Dieser zweite Teil wurde nicht angenommen, und zwar auf Grund
eines Vetos der Sowjetunion.
Aber trotz dieser Tatsache fand auf Anregung des Generalsekretärs,
dem ich für seinen diesbezüglichen großen Beitrag zu einer gerechten und
friedlichen Lösung Dank und Anerkennung aussprechen möchte, ein Meinungsaustausch darüber statt, wie diese sechs Grundsätze praktisch verwirklicht
werden könnten. Meiner Meinung nach ist es keine Übertret 011/1?. »enn*L$hh
hier erkläre - und ich glaube, er würde mir darin beipflichten -, daß erhebliche Fortschritte erzielt worden sind. Es schien, als ob eine gerechte,
friedliche und für alle Parteien annehmbare Lösung in greifbare Nähe gerückt wäre, und so durfte man hoffen, daß diese Verhandlungen fortgesetzt
werden würden.
Ich erinnere an meine Erklärung am Schluß der 74.Sitzung des Sicherheitsrates, der sämtliche Mitglieder beipflichteten oder ihr stillschweigendes Einverständnis gaben und die besagte, daß sich der Sicherheitsrat
auch weiter mit dem Problem befassen solle und daß zu hoffen sei, die Erörterungen und der Meinungsaustausch zwischen dem Generalsekretär und den unmittelbar betroffenen drei Ländern - Ägypten, Frankreich und Großbritannien .rui'aen fortgesetzt.
Sie wurden nicht fortgesetzt, obwohl mir kein unüberwindbares Hindernis
für ihre Fortsetzung bekannt ist. Statt dessen kam es zu den von mir erwähnten Ereignissen - Gewaltanwendung zunächst von Seiten Israels und anschließend
von seiten Frankreichs und Großbritanniens -, die zu einer nochmaligen Behand-

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"AMERIKA DIENST'

Behandlung der Frage vor dem Sicherheitsrat führten und die angesichts
des eingelegten Vetos zur Folge hatten, daß das Problem heute abend
vor diesem Forum diskutiert wird.
Wir können wohl mit Recht behaupten, daß die Anwendung friedlicher Mittel,, wie sie die Charta von jedem Mitglied fordert, nicht
völlig ausgeschöpft worden ist» Selbst im Falle Israels, das auf Grund
der Tatsache, daß sich Ägypten niemals an die Resolution des Sicherheitsrates vom Jahre 1951 bezüglich des Rechtes Israels auf die Benutzung des Suezkanals gehalten hat, berechtigten Anlaß zur Klage hat selbst in diesem Falle bestanden günstigere Aussichten, da die vom Sicherheitsrat unter Billigung Ägyptens angenommenen Grundsätze die Abfertigung von Schiffen und Schiffsladungen im Kanal ohne jede Bena
Ligung einzelner Länder verlangten und (bestimmten, daß- der Kanal nicht für
die nationalen Zwecke irgendeines Landes, einschließlich Ägyptens, gebraucht oder mißbraucht werden dürfe.
Herr Präsident und meine Herren Mitdelegierten, Kräfte für eine
friedliche Lösung schienen also am Werk, die, wie ich schon sagte,
mindestens unserer Auffassung nach, nicht völlig genutzt worden sind.
Und, Herr Präsident, während ich der letzte bin, der behaupten wollte,
daß niemals Umstände eintreten könnten, die die Anwendung von Gewalt
rechtfertigen würden - und gewiß ist eine Anwendung von Gewalt für
Zwecke der Verteidigung nach Artikel. 51 möglich - erscheint es uns,
daß unter den von mir aufgezeigten Umständen die Zuflucht zur Gewalt,
ein gewaltsamer bewaffneter Angriff durch drei unserer Mitglieder auf
ein viertes, als nichts anderes als ein schwerer Irrtum behandelt werden kann, der im Widerspruch zu den Grundsätzen und Zielen der Charta
steht und der, falls er fortgesetzt werden sollte, unsere Charta und
diese Organisation aushöhlen würde.
Die Frage ist nun:

Was sollen wir tun?

Es erscheint uns dringend! geboten, daß etwas geschieht, weil die
in offensichtlichem Widerspruch zu unserer Charta erfolgten Handlungen
noch nicht so weit gediehen sind, daß sie dieser Organisation einen
nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt odee sie gar «rschlagen
haben. Unsere Resolution "Einigkeit für den Frieden" zielte tatsächlich
darauf ab, Situationen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der geeinte
Wille dieser Organisation kann noch immer einen maßgebenden Einfluß
auf die Lage, ausüben, der vielleicht in der ganzen Welt spürbar werden
kann. Nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern zum Wohle der
kommenden Geschlechter sollte gezeigt werden, daß hier ein Anfang gemacht wurde, um der Welt eine Ordnung zu geben. Wir alle leben nicht
in Gesellschaftssystemen, in denen sich keine Verstöße gegen die Ordnung
ereignen.
Wir alle leben vielmehr in Gesellschaftssystemen, in denen
bei solchen Verstößen die Obrigkeit Maßnahmen ergreift, um mit ihnen
fertig zu werden. Im gegenwärtigen Augenblick stellen wir hier die Obrigkeit dar. Und wenn uns auch auf Grund der Charta keine Handlungsbefugnis
zukommt, so haben wir doch die Befugnis, Empfehlungen zu erteilen, eine
Befugnis, die - sofern sie das moralische Urteil der Welt, die Weltmeinung
widerspiegelt - meiner Meinung nach die gegenwärtige. Situation zu beeinflussen vermag.
Angeregt

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7. November 1956

Angeregt durch derartige Überlegungen haben die Vereinigten
Staaten eine Resolution eingebracht, die ich Ihnen, Herr Präsident,
vorlesen möchte:
"Die Generalversammlung
nimmt Kenntnis davon, daß die Partner der israelisch-arabischen
Waffenstillstandsabkommen aus dem Jahre 1948 hei zahlreichen Gelegenheiten die Bestimmungen dieser Abkommen mißachtet haben und
daß die Streitkräfte Israels unter Verletzung des allgemeinen
Waffenstillstandsabkommens zwischen Ägypten und Israel tief in
ägyptisches Gebiet eingedrungen sind;
nimmt Kenntnis davon, daß die Streitkräfte Frankreichs und Großbritanniens militärische Operationen gegen ägyptisches Gebiet
führen;
bringt ihre ernste Besorgnis über diese Entwicklung zum Ausdruck
und
fordert 1) mit größter Dringlichkeit, daß alle gegenwärtig
in die Feindseligkeiten in diesem Raum verwickelten Parteien einer
sofortigen Feuereinstellung zustimmen und als Teil dieser Maßnahme
die Truppenbewegungen und den Einsatz von Waffen in diesem Gebiet
beenden;
fordert 2) die Partner der Waf fenstills'tandsabkommen auf,
unverzüglich alle Streitkräfte hinter die Waffenstillstandslinie
zurückzunehmen, sich aller Angriffe über die Waffenstillstandslinien in benachbartes Gebiet hinein zu enthalten und die Bestimmungen
der Waffenstillstandsabkommen strikte zu befolgen;
empfiehlt 3 ) , daß alle Mitgliedstaaten davon Abstand nehmen,
militärisches Material in das Kampfgebiet zu liefern, und darüber
hinaus sich aller Maßnahmen enthalten, die die Verwirklichung dieser Resolution verzögern oder verhindern könnten;
fordert 4)» daß nach Wirksamwerden der Feuereinstellung; Schritte
unternommen werden, um den Suezkanal wieder zu öffnen und die Freiheit der Schiffahrt wiederherzustellen;
ersucht 5) den Generalsekretär der Vereinten Nationen, die
Einhaltung dieser Resolution zu überwachen und dem Sicherheitsrat
sowie der Generalversammlung darüber unverzüglich zu berichten, damit
weitere Schritte unternommen werden können, wie sie der Sicherheitsrat und die Generalversammlung in Übereinstimmung mit der UN-Charta
für angebracht halten;
beschließt 6 ) , daß die Sondersitzung solange andauert, bis
diese Resolution verwirklicht ist."
Dies, Herr Präsident, ist also der Vorschlag der Delegation der
Vereinigten Staaten.
Ich bin mir wohl darüber im klaren, daß eine Empfehlung, die lediglich eine Feuereinstellung zum Ziele hat sowie eine Zurücknahme der Landstreitkräfte in Ägypten - unseres Wissens nach bis heute also lediglich

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lediglich die Streitkräfte Israels - auf die Waffenstillstandslinie,
eine Einstellung der Luftangriffe und eine Verhinderung der Entsendung
weiterer Streitkräfte in dieses Gebiet und dann eine alsbaldige Wiederinbetriebnahme des Suezkanals,- daß also eine Resolution, die den Nachdruck in erster Linie auf diese Dinge legt, keine ausreichende oder umfassende Form der Behandlung dieser Angelegenheit darstellt. Wir alle,
so meine ich, möchten hoffen, daß diese Tragödie ein besseres Ergebnis
zeitigen wird, als lediglich die Wiederherstellung jener Verhältnisse,
aus denen diese Tragödie erst erwuchs. Wir müssen zu einer besseren
Lösung als dieser gelangen. Diese Organisation hat sicherlich die Verpflichtung, mit allen Kräften auf eine solche bessere Lösung hinzuarbeiten.
Wenn wir aber nur dies tun, dann hätten wir noch immer sehr nachlässig
gehandelt und nur eine Seite des Problems angepackt.
Ich habe schon einmal gesagt, und ich bin von der Richtigkeit nach
wie vor fest überzeugt, daß der Friede eine Münze mit zwei Seiten ist,
deren eine die Vermeidung von Gewaltanwendung und deren andere die Schaffung gerechter Verhältnisse darstellt. Und auf lange Sicht ist das eine
ohne das andere nicht möglich.
Ich möchte durch die Form dieser Resolution keineswegs den Anschein
erwecken, daß ich etwa die Auffassung vertrete, diese Situation ließe
sich allein schon durch die Schritte, wie sie in der Resolution vorgeschlagen werden, bereinigen. Wir müssen etwas Besseres schaffen als jmie
unruhigen Verhältnisse, wie sie durch die seit nunmehr acht Jahren zwischen
Israel und den arabischen Nachbarländern bestehenden Waffenstillstandsabkommen herbeigeführt wurden. Das Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit
hinsichtlich eines freien und gleichberechtigten Betriebs des Kanals muß
noch fester werden als es seit der Zeit ist, als Präsident Nasser vor drei
Monaten die Suezkanal-Gesellschaft beschlagnahmte. Ich glaube, daß diesen
Dingen größte Bedeutung zukommt.
Wenn wir aber, Herr Präsident- und meine verehrten Mitdelegierten, uns
die Auffassung zu eigen machen, daß die Kämpfe ruhig fortdauern können, bis
diese Schwierigkeiten beigelegt und die damit zusammenhängenden komplizierten
Fragen geregelt worden sind, dann wird damit meiner Meinung nach eine Situation geschaffen, in der eine solche Regelung überhaupt nicht mehr möglich
sein wird, in der der Krieg an Heftigkeit zunehmen kann und sich vielleicht
weiter ausbreiten wird, eine Situation auch, in der die Welt durch neue
Bitterkeit gespalten sein wird und in der die Grundlagen des Friedens in
tragischer Weise, in Scherben geschlagen sein werden,
Biese Maßnahmen, von denen ich hier sprach, müssen ergriffen werden.
Ich glaube, daß man bereits, dabei ist, sie zu ergreifen, denn der Sicherheitsrat ist bereits mit diesen Fragen befaßt und hat in konstruktiver
V/eise auf eine Lösung hingearbeitet. Ich glaube aber, wir müssen den wichtigsten Schritt.zuerst tun. Dieser wichtigste Schritt besteht meiner
Auffassung nach darin, daß zunächst einmal die Kampfhandlungen so schnell
wie möglich beendet werden, damit aus ihnen nicht eine Feuersbrunst wird,
die uns alle gefährden würde - und das liegt keineswegs jenseits des Bereichs
des Möglichen,
Wie

�7. November 1956

"AMERIKA DIENST"

Wie Präsident Eisenhower vergangenen Abend erklärt hat, ist es
das Wichtigste,die Kampfhandlungen zu beschränken und einzustellen,
und zwar soweit dies, und so seh: eil dies nur irgend möglich ist.
Ich hoffe deshalb, Herr Präsident und meine Mitdelegierten, daß
dieser Gesichtspunkt, der auch in unserer Resolution zum Ausdruck
kommt, allgemeine Billigung finde: wird.
Ich fürchte, daß, falls wir nicLt handeln und zwar sofort handeln
und mit hinreichender Einmütigkeit handeln, auf daß unsere Empfehlungen
auch wirklich von Einfluß sind, die große Gefahr besteht, daß sich das,
was man nun einmal angefangen und eine Polizeiaktion genannt hat, zu
etwas entwickeln wird, was weit ernster wäre. Aber selbst wenn das
nicht der Fall ist, dann kann durch die offensichtliche Unfähigkeit
dieser Organisation, diese Angeleganheit erfolgreich zu behandeln,
ein Präzedenzfall geschaffen werden, der andere Staaten veranlassen könnteV
die Lösung dessen, was sie als ihnen angetanes Unrecht erachten, in die
eigene Hand zu nehmen.
Als wir in San Francisco im Jahre 1945 die Charta der Vereinten
Nationen verfaßten, glaubten wir, daß wir das Schlimmste, was ein Krieg
mit sich bringen kann, erlebt hätten, und wir glaubten, daß es unsere
Aufgabe sei, eine nochmalige V/iederholung dessen, was sich zuvor ereignet
hatte, zu verhindern. Und was sich damals abgespielt hatte, war tragisch
genug. Heute aber wissen wir, daß das, was in Zukunft noch geschehen
kann, noch unendlich tragischer wäre als das, was wir im zweiten Weltkrieg erlebten.
Ich glaube, daß wir es in dieser kritischen Stunde uns selbst,
unseren Völkern und der Nachwelt schuldig sind, Maßnahmen zu ergreifen,
die ein Gewähr dafür bieten, daß sich das Feuer, das man entzündet hat,
nicht ausbreitet, sondern rasch erstickt wird. Dann werden wir uns mit
erneuter Tatkraft der Beseitigung der Ungerechtigkeiten zuwenden,
aus denen heraus sich diese Schwierigkeiten ergeben haben.

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�Ministerpräsident Nagy hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten, und ich muß sagen, dafür haben wir volles Verständnis. Nach
den unheilvollen Meldungen der letzten Tage ist die Lage in Ungarn
nunmehr allzu klar geworden. Es enthüllt sich uns ein übelkeiterregendes Bild der Doppelzüngigkeit und des Doppelspieles. Während die
Regierung der UdSSR diese Brutalität größten Stils beging, hat der
sowjetische Delegierte hier in diesem Saale den Frieden gerühmt,
seine: Abscheu vor der Aggression bekundet und seine Hände über das
Blutvergießen im Nahen Osten gerungen. Wir alle, die wir hier mit
jeder Faser unseres Seins um den Frieden in Nahost ringen, werden
diesen unaussprechlichen Zynismus niemals vergessen können.
In den letzten Tagen wurde laufend von sowjetischen Truppenverschiebungen nach Ungarn berichtet. Zur gleichen.Zeit, als wir diese
Berichte hörten, versicherten die Sowjets den Vereinten Nationen und
der ungarischen Regierung, daß die sowjetischen Truppen in Ungarn
nicht verstärkt worden seien und auch in Zukunft nicht verstärkt
werden würden. Die gemeldeten Truppenbewegungen stellte man als
eine Umgruppierung der in diesem Lande stationierten Sowjettruppen
hin.
Noch
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7. November

1956

Noch um zehn Uhr gestern abend begannen V rtreter der Sowjetunion
Verhandlungen - oder das, was sie als Verhano. ungen bezeichneten mit Vertretern der ungarischen Regierung angeb ich über den Rückzug
sowjetischer Truppen auf Grund der ungarischen Entscheidung, aus dem
Warschauer Pakt auszutreten.
Die Sowjetunion hat in jüngster Zeit ihr Bestreben, Ungarn durch
die Macht ihres Militärapparates zu beherrschen, kaum verschleiert.
Noch kurz vorher sprach sie von einem neuen Verhältnis zu ihren Satellitenstaaten, das auf voller Souveränität und Gleichheit, auf Unabhängigkeit und absoluter Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Länder aufgebaut sein sollte» Sie sprach von Verhandlungen im Rahmen des Warschauer Paktes über den Abzug ihrer Streitkräfte aus einigen dieser Länder, so insbesondere aus Ungarn, v/o, wie
sie selbst einräumte, das weitere Verbleiben ihrer Truppen nur "Anlaß
zu einer weiteren Verschlechterung der Lage bilden" könne - eine
Verschlechterung der Lage, die nun auf so tragische Weise eingetreten
ist.
Welch ein betrügerisches Schauspiel rollte hier vor unseren
Augen ab!
Als Ministerpräsident Nagy seine Regierung bildete, schrieb
selbst die "Prawda", das sowjetische Regierungsorgan, am 28. Oktober
wie folgt über die Regierung Nagy: "Eeute verkündete Radio Budapest
die Bildung einer neuen nationalen Regierung der ungarischen Volksrepublik auf einer breiten demokratischen Grundlage durch den Genossen
Imre Nagy. Die neue Regierung hat ihre Arbeit unverzüglich aufgenommen.
Geleitet von dem Wunsche, nicht einen einzigen Angehörigen dieses
aufrechten, aber mißgeleiteten Volkes zu bestrafen, verkündete die
ungarische Regierung eine Amnestie für alle, die freiwillig ihre
Waffen niederlegen." Am 30. Oktober berichtete Radio Moskau, das
natürlich wie in allen totalitären Staaten die offizielle Rundfunkstation der Regierung ist - etwas, was wir hier gar nicht kennen seinen Hörern in Europa, daß "unter der Führung der Regierung Imre
Nagys glücklicherweise •».. das Leben allmählich wieder in normale
Bahnen zurückkehrt"; und am gleichen Tage berichtete Radio Moskau
dem eigenen Volk: "Die arbeitende Bevölkerung Ungarns hat mit Befriedigung die gestrige Erklärung Imre Nagys, die von der ungarischen
Arbeiterpartei gebilligt ist und in der Nagy das Aktionsprogramm der
Regierung bekanntgab, zur Kenntnis genommen."
So sprachen Radio
Moskau und die "Prawda" damals. Heute hingegen bezeichnete die "Prawda"
den ehemaligen "Genossen" Nagy als "einen Komplicen reaktionärer
Kräfte".
Andere benachbarte Völker, die die Bedeutung des Kampfes des
ungarischen Volkes voll zu würdigen verstehen, äußerten sich ebenfalls über die Regierung Nagy. Hier einige Beispiele:
Die kommunistische "Vereinigte Polnische Arbeiterpartei" veröffentlichte am 29. Oktober eine Erklärung, in der sie das Programm
der neuen Regierung Nagy begrüßte und darlegte, daß es ganz im Sinne

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7. November 1956

Sinne der ungarischen Kommunisten und im Interesse der Sache des Friedens gehalten sei. Das kommunistische Parteiorgan "Tribuna Ludu" erklärte
am gleichen Tage Polens "tiefempfundene Solidarität" mit Ungarns neuer
Führung und versprach die Unterstützung ihres Programms. Dieses Programm, so meinte das polnische Blatt, "ist ganz ähnlich gehalten wie
unser eigenes und entspricht, wie auch unser eigenes Programm, dem
tiefsten Wunsch der Massen". Das ist die Meinung eines der kommunistischen .Nachbarländer .
Am 29. Oktober schickte Staatspräsident Tito einen Brief an die
Ungarn, in dem er seine Überzeugung ausdrückte, daß sie "unter ihrer
neuen Führung" alle Schwierigkeiten meistern würden. Er sprach von
seiner tiefen Bewunderung für all jene "fortschrittlichen Männer in
dem uns benachbarten Ungarn, die in den letzten Tagen all ihre Kräfte
dafür einsetzten, diesen tragischen Kampf in eine Zeit der Wiedergeburt
umzuwandeln". Das jugoslawische Volk, sagte Tito, "begrüßt einstimmig
die Bildung der neuen Staatsführung und einer neuen politischen Führung sowie die Erklärung der ungarischen Regierung vom 28. Oktober."
Präsident Tito schloß sein Schreiben mit den Worten, er wünsche Nagy
"Erfolg in seinen Bemühungen".
Am 29. Oktober sandte auch die tschechoslowakische Regierung eine
Botschaft an die Regierung Nagy, in der sie die großen Bemühungen
der ungarischen Regierung zur Errichtung des Friedens in diesem Lande
"aufrichtig begrüßte",.Bemühungen, die, wie es in der Botschaft hieß,
"mit den fundamentalen Interessen des gesamten ungarischen Volkes
übereinstimmen." Die tschechoslowakische Regierung gab ihrer festen
Überzeugung Ausdruck, daß "die ungarische Regierung, gestützt auf die
Anerkennung des Volkes und die Kraft der sozialistischen Demokratie,
die Erfüllung der ihr gestellten Aufgaben erfolgreich gewährleisten
werde".
Am 29. Oktober sandte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei eine Botschaft an die ungarischen Kommunisten, in der es hieß,
Ministerpräsident Nagy sei selbst ein Kommunist, der versuche, sein
Land aus der sowjetischen Versklavung zur Freiheit zu führen und in
der es ferner hieß, daß sie Nagys Bemühungen "um den Fortschritt" und
zur "Vertiefung der sozialistischen Demokratie" unterstützten. So
sprachen sie am 28. und 29» Oktober.
Nun, wodurch hat sich die Lage in so kurzer Zeit verändert? Durch
den Wunsch Ministerpräsident Nagys ,Ungarn im Interesse der Ungarn zu
regieren? Fürchtete sich die Sowjetunion davor? Die ständige heimliche
Verstärkung der Sowjettruppen in Ungarn in diesen schicksalsschweren
Tagen beweist, daß sie es tat.
Aus zuverlässiger Quelle wird jetzt berichtet, Herr Präsident,
daß Sowjettruppen das Parlamentsgebäude in Budapest besetzt haben.
Ministerpräsident Nagy und andere Mitglieder seiner Regierung befinden sich in Haft. Pal Maleter, der Verteidigungsminister und heldenhafte Verteidiger der Maria-Theresia-Kaserne gegen die sowjetischen
Angriffe, der erst gestern Verhandlungen mit sowjetischen militärischen

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7« November

1956

militärischen Vertretern über einen Abzug der Truppen führte, ist ebenfalls verhaftet. Die Sowjets stellten ei,n bis zum Mittag befristetes
Ultimatum, das die Kapitulation Budapests verlangte, und drohten, die
Stadt zu bombardieren, falls sie nicht kapituliere.
Wie ich in der Sitzung des Sicherheitsrates heute morgen um 4 Uhr
bekanntgab, haben Kardinal Mindszenty und sein Sekretär in der amerikanischen Gesandtschaft in Budapest Zuflucht gesucht. Deshalb ist es,
glaube ich, am Platze, hier eine Rundfunkansprache zu zitieren, die
Kardinal Mindszenty erst gestern über Radio Budapest gehalten hat.
Ich möchte gerne einen Abschnitt daraus wörtlich anführen, weil dies
die letzten von Kardinal Mindszenty in der Öffentlichkeit gesprochenen
Worte sind, die wir haben: "Nationales Empfinden sollte nie wieder
eine Ursache zum Kampf zwischen Ländern werden, sondern Anlaß zur
feierlichen Verpflichtung sein, Gerechtigkeit und friedliche Zusammenarbeit zu üben. Laßt das nationale Bewußtsein in aller Welt auf dem
Felde gemeinsamer Kultur blühen und gedeihen. So wird der Fortschritt
des einen Landes weitergetragen werden zum anderen Land, von einer
Nation zur anderen, die nach den Gesetzen der Natur immer mehr auf
einander angewiesen sind. Wir Ungarn wollen als Bannerträger der Völkerfamilie der europäischen Nationen leben und handeln. Laßt Zusammenarbeit
die echte Freundschaft zwischen Nationen bedeutet, die Basis sein.
Und indem wir unser Auge in die Ferne schweifen lassen, äußern wir,
die kleine Nation, den Wunsch, mit den großen Vereinigten Staaten
von Amerika und dem mächtigen russischen Reich gleichermaßen in Freundschaft und gegenseitiger Achtung zu leben, in guten nachbarlichen
Beziehungen auch mit Prag, Bukarest, Warschau - und in diesem Zusammenhang darf ich nicht unerwähnt lassen, daß jedem Ungarn Österreich durch
sein brüderliches Mitempfinden unserer gegenwärtigen Leiden lieb und t
teuer geworden ist."
Dies, Herr Präsident, so wie es Kardinal Mindszenty geäußert hat,
ist etwas, was wahrlich im besten Sinne des Wortes als ein Ausdruck'
des Geistes der friedlichen Koexistenz, bezeichnet werden könnte.
Aber die sowjetische Heuchelei hat diesen Begriff seiner ganzen Glaubwürdigkeit beraubt.
Wir dürfen uns durch diesen zynischen und willkürlichen Akt der
Aggression gegen das ungarische Volk und seine Regierung nicht täuschen lassen. Eine kleine Gruppe sowjetischer Strohmänner ließ in dem
Augenblick, in dem die sowjetischen Truppen ihren Angriff begannen,
verlauten, daß sie von sich aus eine Regierung gebildet hätte. Wir
haben keinen Übergang der Regierungsgewalt von einer ungarischen Regierung auf eine andere erlebt, sondern nur das Entstehen einer
Marionettenclique und den Sturz einer liberalen sozialistischen Regierung, die sich in ihrem Wunsch nach Abzug der Truppen dem Willen
des Volkes beugte. Zwei Stunden nach Beginn des Angriffes appellierte
die neue Gruppe von Strohmännern an die Sowjetunion, ihr zu Hilfe
zu kommen. Die Behauptung kann deshalb nicht aufrechterhalten werden,
daß die sowjetische Aktion auf Grund irgendeines Hilfeersuchens unternommen wird. Die "Hilfe", und ich gebrauche dieses Wort ausdrücklich
in Anführungszeichen, erschien lange vor dieser Aufforderung auf dem
Plan.
Parteisekretär

�"AMERIKA DIENST"

7. November

1956

Parteisekretär Janos Kadar, die kommunistische Marionette, der
heute morgen auf Grund der sowjetischen militärischen Intervention
eingesetzt wurde, war es, der anläßlich der Regierungsübernahme von
Ministerpräsident Nagy sagte: "Ich stimme aus vollem Herzen mit Nagy
überein, meinem alten Bekannten und Freund, meinem hochgeschätzten
und geachteten Genossen." Ein wundervoller Freund - er ging mit ihm
durch dick und dünn.
Wir müssen hier in dieser Versammlung drastische und entscheidende
Maßnahmen ergreifen, um den Appell der ungarischen Regierung zu beantworten. Die Delegation der Vereinigten Staaten unterbreitet deshalb
einen Resolutionsentwurf, über den unserer Ansicht nach sofort abgestimmt werden sollte. Ich möchte hiermit die Resolution vorlesen:
"&gt;Die Generalversammlung fordert:
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß sich die Vereinten Nationen auf dem Prinzip der souveränen Gleichberechtigung all
ihrer Mitgliedstaaten gründen;
daß die Gewährung der Menschenrechte und der fundamentalen Freiheiten in Ungarn ausdrücklich durch den Friedensvertrag zwischen
Ungarn und den alliierten und assoziierten Mächten, der am 10.
Februar 1947 unterzeichnet wurde, garantiert worden ist, und daß
die allgemeinen Grundsätze dieser Rechte und Freiheiten in der
Charta der Vereinten Nationen bestätigt worden sind;
in der Überzeugung, daß die jüngsten Ereignisse in Ungarn den
Wunsch der ungarischen Bevölkerung klar zu erkennen geben, ihre
fundamentalen Rechte und Freiheiten sowie ihre Unabhängigkeit
auszuüben und voll zu genießen;
in der Verurteilung der Tatsache, daß sowjetische Streitkräfte
eingesetzt worden sind, um die Anstrengungen des ungarischen
Volkes zur Wiedererlangung seiner Rechte zu unterdrücken;
unter Hinweis auf die Erklärung der sowjetischen Regierung
vom 30. Oktober 1956, in der sie eine Politik der Nichteinmischung
in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten gelobte;
unter Kenntnisnahme der Mitteilung der ungarischen Regierung
an den Generalsekretär vom 1. November 1956 i n bezug auf Forderungen, die jene Regierung der Regierung der UdSSR auf unverzügliche und sofortige Zurückziehung der sowjetischen Truppen
gestellt hat;
ferner" unter Hinweis auf die Mitteilung vom 2. November 1956» die
die ungarische Regierung an den Generalsekretär gerichtet hat
und worin sie den Sicherheitsrat ersucht, die Regierungen der
Sowjetunion und Ungarns zu einem sofortigen Beginn der Verhandlungen über die Zurückziehung der sowjetischen Streitkräfte anzuhalten;
unter

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7. November 1956

unter Hinweis darauf, daß die Intervention der sowjetischen militärischen Streitkräfte in Ungarn zu schweren Verlusten und zu einem
großen Blutvergießen unter der ungarischen Bevölkerung geführt hat;
und unter Hinweis auf den Rundfunk-Appell des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy vom 4« November 1956
erstens die Regierung der UdSSR auf, sich aller militärischen Aktionen gegen die ungarische Bevölkerung sowie jeder Form der Intervention,
insbesondere der bewaffneten Intervention, in die inneren Angelegenheiten
Ungarns unverzüglich zu enthalten;
sie fordert zweitens die UdSSR auf, den Einmarsch weiterer Streitkräfte nach Ungarn zu unterbinden und alle ihre Streitkräfte unverzüglich von ungarischem Boden abzuziehen;
sie bekräftigt drittens das Recht des ungarischen Volkes auf eine
Regierung, die auf seine nationalen Aspirationen eingeht und die sich
für seine Unabhängigkeit und seinen Wohlstand einsetzt;
sie ersucht viertens den Generalsekretär, die durch die ausländische Intervention in Ungarn heraufbeschworene Situation zu untersuchen, die Lage durch von ihm ernannte Vertreter direkt zu beobachten
und die Generalversammlung zum frühesten Zeitpunkt darüber zu unterrichten und so schnell wie möglich Methoden zur Beendigung der krassen
ausländischen Intervention in Ungarn in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen vorzuschlagen;
sie fordert fünftens die Regierungen.Ungarns und der Sowjetunion
auf, den vom Generalsekretär bestimmten Beobachtern die Einreise in
das ungarische Gebiet zu gestatten, ihnen dort volle Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu geben, ihre Ergebnisse dem Generalsekretär zu berichten;
sie fordert sechstens alle Mitglieder der Vereinten Nationen auf,
mit dem Generalsekretär und seinen Vertretern bei der Ausübung ihrer
Pflichten zusammenzuarbeiten;
sie ersucht siebtens den Generalsekretär, nach Rücksprache mit
den leitenden Vertretern der UN-Sonderorganisationen unverzüglich
Erhebungen über den dringendsten Bedarf des ungarischen Volkes an
Nahrungsmitteln, Medikamenten und ähnlichen Lieferungen anzustellen
und darüber der Generalversammlung so schnell wie möglich zu berichten;
sie ersucht achtens alle Mitglieder der Vereinten Nationen und die
nationalen und internationalen karitativen Organisationen, bei der Bereitstellung solcher Lieferungen zusammenzuarbeiten, wie sie von dem
ungarischen Volk benötigt werden können."
Das ist der Inhalt unserer Resolution. Sie hat das Ziel, sicherzustellen, daß schnell gehandelt wird, um der ernsten Situation begegnen zu können. Wir glauben nicht, daß es genügt, die Sowjetunion lediglich aufzufordern, sich eines weiteren Eingreifens in die inneren Angelegenheiten Ungarns zu enthalten und unverzüglich ihre sämtlichen Truppen zurückzuziehen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Wir stellen ferner das dringende Ersuchen, daß der Generalsekretär der Vereinten Nationen unverzüglich die Situation in Ungarn von
sich aus überprüft und sobald wie möglich der Generalversammlung hierüber Bericht erstattet. Wir fordern die Sowjetunion und Ungarn auf,
Vertretern des Generalsekretärs die Einreise in ungarisches Gebiet
zu gestatten, haben sie doch ihrerseits, wenn sie nichts zu verbergen
haben, von dem Besuch unparteiischer Beobachter nichts zu befürchten.
In diesem Zusammenhang möchte ich den sowjetischen Vertreter daran
erinnern, daß die Sowjetunion vorgibt, für bestimmte grundlegende Prinzipien einzutreten, die von der Bandungkonferenz im April 1955 als
allgemein verbindliche, internationale Verhandlungsmaßregeln angenommen
worden waren.
Man hatte dort zehn Grundsätze für die Herbeiführung
einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Nationen aufgestellt.
Fünf von ihnen betreffen, soweit mir bekannt ist, die sogenannte friedliche Koexistenz, für die sich die Sowjetunion wohl in Reden, aber nicht
durch Handlungen eingesetzt hat. Diese Prinzipien, die von den sowjetischen Führern anläßlich ihrer Besuche verschiedener asiatischer Länder
ausdrücklich bekräftigt worden sind, treffen auf die Situation in Ungarn
zu. Was die Sowjetunion in den letzten Stunden in Ungarn getan hat, beweist, wie nichtssagend diese sowjetischen Äußerungen des Lobes über die
Bandungerklärung sind.
Wir richten an die Mitglieder dieser Versammlung die Frage:
Hat die Sowjetunion bei ihrer Aktion in Ungarn "die fundamentalen
Menschenrechte und die Ziele und Prinzipien der Charta der Vereinten
Nationen respektiert"?
Hat sie "die Souveränität und die territoriale Unverletzlichkeit
aller Nationen respektiert"?
Und diese Fragen sind von wörtlichen Zitaten aus der BandungDeklaration abgeleitet".
Hat sich die Sowjetunion des "Eingreifens und der Einmischung in
die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes" enthalten?
Hat sie sich "der Aggressionshandlungen oder -drohungen oder der
Anwendung von Gewalt gegenüber der territorialen Unverletzlichkeit im
Interesse der politischen Unabhängigkeit eines Landes" enthalten?
Ich habe mich bei diesen Fragen der Sprache der Bandungkonferenz
bedient, die Tatsachen jedoch sprechen für sich selbst.
Wir können nicht untätig zusehen, wenn die Ungarn wieder gewaltsam
unterjocht werden, gerade zu einem Zeitpunkt, als sie dabei waren, ihre
Freiheit und Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Die in der Charta der
Vereinten Nationen niedergelegten Prinzipien stehen auf dem Spiel. Das
immer wieder von dieser Versammlung bekräftigte grundsätzliche und fundamentale Recht der Selbstbestimmung ist schwer bedroht. Wenn wir nicht handeln, wäre das ein gemeiner Verrat gegenüber dem ungarischen Volke, das
uns um Hilfe gebeten hat.
Das

�-'AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Das ungarische Volk darf sicher sein, daß die
seine Sache zu ihre: ei• nen machen werden.

'erei-.ten Nationen

Es kann ferner s'.ch r sein, daß die Vere'.nten Nationen a^le ihr
zu Gebote stehenden Mittel aufbieten werden, um sicherzus'el er , daß
das ungarische Volk, -as in diesen furchtbaren Tagen so leidenschaftlich für seine Unabhängi -keit und Freiheit gekämpft hat, ein hilfreiches Echo bei ...
Soeben erhalte ich on Präsident Eisenhower eine Botschaft, die
ich Ihnen gern zur Kenntnis geben möchte. Sie ist nur sehr kurz»
"Ich bin der Ansicht, daß die Weltmeinurg, die noch vor wenigen
Tagen angesichts der Nachricht über den beabsichtigten Abzug der Truppen der Sowjetunion aus Ungarn so viel neue Hoffnung schöpfte, heute
in gleichem Maße über den sowjetischen Angriff aaf das Volk und die
Regierung Ungarns bestürzt und entsetzt ist.
Ich suchte heute Außenminister Dulles im Walter-Peed-Krankenhaus
auf und konferierte später mit dem stellvertretenden Außenminister,
um Mittel und Wege zu erörtern, die den Vereinigten Staaten zur Erreichung folgender Ziele zur Verfügung stehen»
1.

Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ungern

2.

Gewährleistung des Rechtes Urgarns auf Selbstbestimmung
und auf Wahl serner Regierung

Ich habe an Ministerpräsident Bulganin eine dringende Botschaft
bezüglich dieser Fragen -esandt.
Die Lage im Mittleren Osten und die Maßnahmen, die gegenwärtig
von den Vereinten Nationen unternommen werden, um den Frieden in diesen Gebiet wiederherzustellen sowie den Boden für eine konstruktive
Lösung der dort gegebenen Probleme zu bereiten, wurden in gleicher
Weise einer gründlichen Überprüfung unterzogen."
Herr Präsident, wir müssen heute nachmittag hier Schritte unternehmen, damit die Vereinten Nationen ihre Hilfsquellen mobilisieren,
um sicherzustellen, daß das ungarische Volk, das in diesen furchtbaren
Tagen so leidenschaftlich um seine Unabhängigkeit und Freiheit gekämpft hat, hilfreiches Echo bei den Völkern jener Länder findet,
die das Glück haben, diese kostbaren Güter zu besitzen, auf daß
sie ihm materielle Hilfe und Trost bringen und seine Leiden und
sein Unglück zu lindern helfen.
* * * * *

I

�A M E R I K A

HOOVERt

D I E N S T

UN SOLLEN INITIATIVE IN UNGARN ERGREIFEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der stellvertretende
US-Außenminister Herbert Hoover jun. am
16.November 1956 vor der UN-Generalversammlung hielt.

"Herr Präsident,
Außenminister Dulles hat mich gebeten, Ihnen sein tiefes Bedauern darüber auszusprechen, daß er nicht hier sein kann, um diese
Ansprache selbst zu halten. Ich möchte ferner dem neuen Präsidenten
der Generalversammlung, unserem hochverehrten Freund aus Thailand,
die Glückwünsche des Außenministers übermitteln.
Die Vereinten Nationen und die gegenwärtige Krise
Die Generalversammlung tritt zu einem Zeitpunkt zusammen, da
zahlreiche Probleme auf die Völkergemeinschaft der Welt einstürmen.
Einige dieser Probleme sind äußerst bedrohlich. In der kurzen Spanne
weniger Wochen sahen wir uns zwei Bedrohungen des Weltfriedens gegenübergestellt .
Die Vereinten Nationen haben in den kritischen Ereignissen der
vergangenen Wochen in Europa und im Mittleren Osten eine entscheidende
Rolle gespielt. Sie haben schnell gehandelt, um die betreffenden Streitfragen in den Brennpunkt der Weltraeinung zu stellen. Sie haben gerechte
und praktische Vorschläge für friedliche Lösungen unterbreitet. Die
Welt kann nicht anders als den moralischen Kräften für den Frieden ihre
Aufmerksamkeit zu schenken, die die Vereinten Nationen in diesen letzten|
Wochen demonstriert haben. Die Vereinten Nationen haben ihre Hingabe an
die Prinzipien ihrer Charta sowie ihre Fähigkeit bewiesen, zur Verteidigung dieser Prinzipien schnell zu handeln.
Präsident Eisenhower hat in seiner Ansprache an das amerikanische Volk am 31.Oktober erklärt: 'Wenn ich die Entwicklung der internationalen Ereignisse der letzten Jahre überdenke, bin ich noch stärker davon überzeugt, daß die Fortschritte der Vereinten Nationen die
gesündeste Grundlage für den Frieden in der Welt darstellen.'
Das
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�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Das Grundziel der Charta ist Frieden in Gerechtigkeit. Die
Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, daß die Vereinten Nationen
das beste Mittel zur Erreichung dieses Zieles sind. Der Friede "allein
genügt nicht. Denn ohne Gerechtigkeit ist der Frieden nur eine Täuschung und von begrenzter Dauer. Auf der anderen Seite würde die Gerechtigkeit ohne Frieden von den grenzenlosen Ungerechtigkeiten eines
Krieges fortgeschwemmt werden.
Die Vereinten Nationen haben in den letzten Wochen unverzüglich
gehandelt, um den Frieden in Gerechtigkeit zu bewahren. Ihre Bemühungen können jedoch nicht lediglich auf Grund ihrer Resolutionen beurteilt werden. Die Bewährungsprobe besteht darin, daß ihre Resolutionen
zum Tragen kommen.
In Osteuropa sind die Beschlüsse der Vereinten Nationen, die sich
mit der tragischen Situation in Ungarn befassen, immer noch unbeachtet
geblieben. Die sowjetischen Streitkräfte sind nicht zurückgezogen worden. Wir hören jetzt bestürzende Berichte, wonach das ungarische Volk
die Barbarei der Massendeportationen erdulden muß.
'.Vir können nicht ruhig bleiben, • während ungarische Männer, Frauen
und Kinder unter Anwendung von Gewalt deportiert werden, nur weil sie
es gewagt haben, den sowjetischen Unterdrückern zum Trotze ihren patriotischen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Deshalb sind die USA der Ansicht,
daß die Vereinten Nationen unverzüglich die Initiative ergreifen müssen,
um dieser tragischen Situation abzuhelfen.
Herr Präsident, diese Frage erfordert die dringende Aufmerksamkeit
der Generalversammlung. Die USA werden alle Änderungen in der Tagesordnung der Generalversammlung unterstützen, die notwendig werden mögen, damit diese unerhört wichtige Angelegenheit mit Vorrang behandelt
werden kann.
Die Forderung des UN-Generalsekretärs nach Zulassung von UNBeobachtern in Ungarn ist abgelehnt worden. Dies bedeutet, daß wir
unsere Unterstützung seiner Bemühungen verdoppeln müssen. Gleichzeitig müssen wir mit Vorrang die nächsten Schritte erörtern, die die
Vereinten Nationen unternehmen können. Die brutale Unterdrückung der
Freiheit durch die Fremdherrschaft wird sich in dem Gewissen der Welt
unauslöschlich einprägen.
Im Mittleren Osten begrüßen wir die Erklärungen der Zusammenarbeit,
die dort auf die Forderungen der Vereinten Nationen hin abgegeben wurden, die militärischen Operationen einzustellen, die bewaffneten Streitkräfte zurückzuziehen und die Streitmacht der Vereinten Nationen einzusetzen.
Es ist auch davon gesprochen worden, sogenannte 'Freiwillige'
nach dem Mittleren Osten zu bringen. Eine derartige Maßnahme würde in
klarem Widerspruch zu der am 2.November angenommenen Resolution stehen,
die von 64 Mitgliedern dieser Versammlung unterstützt wurde. Es ist die
eindeutige Pflicht aller, einschließlich derer, die in Feindseligkeiten
verwickelt sind, davon Abstand zu nehmen, daß außer der Polizeitruppe der
Vereinten Nationen noch andere Streitkräfte in das Gebiet der jüngsten
Kämpfe entsandt werden.
Kein
?

�'AMERIKA DIENST"

22.November 1 956

Kein Land sollte die Schwierigkeiten der Vereinten Nationen bei
der Wiederherstellung des Friedens vergrößern. Wenn ausländische Streitkräfte in das Kampfgebiet gebracht würden, dann würde dies bestimmt
die Bemühungen erschweren, die gegenwärtig gemacht werden, ja, dies
würde eine Bedrohung für die Streitkräfte der Vereinten Nationen darstellen, die gegenwärtig in das Gebiet einrücken. Die Vereinten Nationen
würden dann die Verpflichtung haben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Präsident Eisenhower;hat angekündigt, daß die USA derartige Maßnahmen voll und ganz unterstützen würden.
Als die USA am 1. November ihre Resolution zur Feuereinstellung
einbrachten, erklärte Außenminister Dulles hier an dieser Stelle, daß
die Waffenruhe allein sowie die Rückkehr zu dem ehemaligen Zustand
nicht genügen würden. Er wies darauf hin, daß die Gewaltanwendung aus
einer in höchstem Maße verworrenen und in vieler Hinsicht provozierenden
Situation heraus erfolgte, sowohl im Hinblick auf den Suezkanal als
auch auf den Waffenstillstand in Palästina. Er unterstrich, daß weder
der Friede noch die Gerechtigkeit gesichert werden könnten, wenn wir
nicht mehr erreichten als die alte und unruhige Lage von früher wiederherzustellen.
Die Vereinten Nationen haben ihre Fähigkeit, die öffentliche Meinung der Welt gegen die Anwendung von Gewalt zu mobilisieren, unter
Beweis gestellt. Es ist viel schwerer, die Meinungen in dem gleichen
Maße für die Beseitigung der Ungerechtigkeiten zu mobilisieren, die
den Nährboden für die Gewaltanwendung bilden. Solange wir jedoch nicht
bis zu den Wurzeln dieser Spannungen vorstoßen, können wir nur begrenzte
Fortschritte auf dem Wege zur Lösung der Probleme eines dauerhaften
Friedens machen.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten am 3« November der
Sondersitzung der Generalversammlung zwei Resolutionen unterbreitet,
die das Ziel hatten, sich mit den Ursachen der Krise im Mittleren
Osten auseinanderzusetzen. Die erste bezieht sich auf den Suez-Kanal.
Am 13. Oktober nahm der Sicherheitsrat eine Entschließung an, die sechs
Leitgedanken enthielt, die das Ziel hatten, die Grundlage für eine Lösung zu schaffen, die das internationale Vertrauen und eine wirksame
Inbetriebhaltung gewährleistet. Nichts ist geschehen, was die Grundvoraussetzung geändert hat, wonach den Benutzern des Kanals unter
Wahrung der Souveränität Ägyptens die Zusicherung einer freien Durchfahrt ohne jede Diskriminierung gegeben werden muß, und zwar unter
verlässlichen und voraussagbaren Bedingungen, die von der Politik eines
jeden Landes unabhängig sind. Was nun not tut, ist die Verwirklichung
dieser.fundamentalen Grundsätze. Wir haben daher eine Resolution vorgelegt, die auf die Ausarbeitung von Maßnahmen zur Wiederinbetriebnahme des Kanals abzielt, sowie auf die Entwicklung eines Planes, um
in Übereinstimmung mit den interessierten Ländern seine Inbetriebnahme und Inbetriebhaltung vorzubereiten und die freie Durchfahrt
durch den Kanal gemäß der Konvention von 1888 zu gewährleisten. Wir
glauben, daß ein derartiger Ausschuß unverzüglich gebildet T/erden und
daß er seine Arbeit sobald als möglich aufnehmen sollte.

Die

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�AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Die Vereinigten Staaten haben ferner eine Resolution unterbreitet,
die die Errichtung eines Ausschusses vorsieht, der die Partner eines
Waffenstillstandsabkommens beraten und Empfehlungen hinsichtlich einer
Lösung der großen, zwischen den arabischen Staaten und Israel stehenden
Probleme machen soll.
Wir haben sofort Maßnahmen ergriffen, um uns mit der durch den
Ausbruch der Feindseligkeiten entstandenen dringlichen Lage zu befassen. Die Ankunft des ersten Kontingents der UN-Pol'izeitruppe sollte es
möglich machen, nunmehr ohne irgendwelche Verzögerung die übrigen
Empfehlungen dieser Generalversammlung zu verwirklichen, besonders diejenigen, die sich auf den Abzug der Truppen beziehen.
Wir müssen nunmehr mit der gleichen Schnelligkeit und Einmütigkeit
handeln, um eine Lösung der Probleme zu erreichen, die zu dieser dringlichen Lage führten.
Auch zur Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme in diesem Raum sind neue Anstrengungen nötig. Die dortige Krise hat unsere
Bemühungen von der Aufgabe, für die Zukunft zu sorgen, abgelenkt. Es
gibt vieles, was wir tun können, damit die Völker in diesem schwer
heimgesuchten Gebiet jenen wirtschaftlichen und sozialen Lebensstandard
erreichen, nach dem sie sich so sehr sehnen.
Wir brauchen nicht auf die endgültigen Lösungen zu warten, ja,
es wäre falsch, würden wir warten. Eine Zusammenarbeit auf solchen
Gebieten wie Wasserwirtschaft und Handel sowie gut geplanten Entwicklungs- und Modernisierungsprojekten könnte wesentlich dazu beitragen,
die Grundlagen für den Frieden zu legen.
Wir haben jetzt die Chance für einen neuen Beginn;, unser Ziel
sollte sein, die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden und die
Stabilität in diesem Gebiet zu legen.
Im August vergangenen Jahres umriß Außenminister Dulles einige
Vorhaben, die unbedingt erforderlich sind. Er erwähnte mehrere spezielle
Projekte, die durchgeführt werden sollten, und erklärte wörtlich:
'Wenn diese Vorhaben Lasten mit sich bringen, dann würden sich die USA
an diesen Lasten beteiligen.1 Ich kann heute die Bereitschaft der USA,
zur Unterstützung eines gesunden Programmes voll und ganz beizutragen,
erneut bekräftigen.
Andere Probleme der elften Sitzungsperiode
Ich möchte ferner kurz über zwei weitere Punkte sprechen, die vor
diese Sitzung der Generalversammlung kommen werden.
Der erste Punkt ist die Internationale Atomenergiebehörde. Wir
können ermutigt sein, daß das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde, das in diesem Saale vor wenigen Wochen von über JQ Ländern
unterzeichnet wurde, nunmehr in das Stadium der Ratifizierung getreten
ist. Dies bedeutet einen großen Fortschritt für die internationale

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�'AMERIKA DIENST"

22. November 1956

internationale Völkergemeinschaft, der durch Gespräche und Verhandlungen
erreicht worden ist. Dieser Fortschritt bringt den Tag näher, an dem
das Atom als ein wirklich internationaler Diener der Menschheit arbeiten
kann.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß ein Ausschuß dieser
Generalversammlung mit der neuen Behörde Verhandlungen über den Entwurf
eines Abkommens aufnehmen sollte, um ein geeignetes Verhältnis zwischen
dieser Behörde und den Vereinten Nationen herzustellen.
Zweitens wird der Generalversammlung das Problem der Abrüstung
unterbreitet werden, wenn die Abrüstungskommission ihren Bericht über
die erreichten Fortschritte vorlegt. Die Verhinderung eines Atomkrieges
ist das Anliegen jeder Nation und jedes Menschen. Und doch wird die
Produktion nuklearer Waffen fortgesetzt, und noch immer schwebt die
fürchterliche Drohung eines Atomkrieges über der Menschheit.
Wenn eine Einigung in dieser Frage bisher nicht erzielt werden
konnte, so sind die Vereinten Nationen hierfür nicht direkt verantwortlich. Diese Tatsache ist aber auch kein Grund, die Hoffnung aufzugeben oder in unseren Bemühungen nachzulassen. Wir müssen danach trachten, soweit uns das möglich ist, Fortschritte auf allen Gebieten zu erzielen. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin jede Gelegenheit ergreifen, um ein echtes Abkommen zu erreichen. Wir dürfen uns aber nicht dabei
ertappen lassen, leere Versprechungen mit echten Vorschlägen zu verwechseln.
Der Kern des Problems ist auch weiterhin die Frage der Schaffung
eines wirksamen Inspektions- und Kontrollsystems. Jeder Abrüstungsplan
ist unbefriedigend, wenn er nicht gleichzeitig von Maßnahmen begleitet
»ird, mit deren Hilfe festgestellt werden kann, daß die Vertragspartner
ihren Versprechungen auch tatsächlich nachkommen.
Die Sowjetunion hat sich bisher immer gescheut, sich einem wirksamen System der Inspektionen und Kontrollen zu unterstellen. Die
Vereinigten Staaten hingegen haben einem derartigen System zugestimmt.
T
ene Länder, die über das Potential für eine nukleare Kriegführung verfügen, haben die große Verantwortung, diese Gefahr im Rahmen der Autorität der Vereinten Nationen zu beseitigen. Herr Präsident, die Vereinigten Staaten bezeugen hiermit erneut ih^e Hingabe an diese große Aufgabe.
Die vor uns liegenden Aufgaben
Die Aufgaben, die vor den Vereinten Nationen liegen, sind ungeheuer. In ihrer Suche nach einem Frieden in Gerechtigkeit müssen sie
*ege finden, die zu einem friedlichen Wandel führen.
Dis Vereinten Nationen müssen dazu beitragen, daß rechtmäßige Veränderungen stattfinden. Aber sie müssen auch dafür Sorge tragen, zu
verhindern, daß diese Veränderungen den Frieden erschüttern oder die
legitimen Interessen der anderen verletzen. Die wachsende Abhängigkeit
der Nationen untereinander ist genauso eine Tatsache des internationalen
Lebens geworden wie der Drang nach einer Änderung. Es ist die Aufgabe

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�"AMERIKA DIENST"

22. November

1956

Aufgabe der Staatsmänner, dieses Streben sowohl in friedliche wie auch
in gerechte Bahnen zu lenken.
In unseren Bemühungen,einander entgegenstehende Ansprüche und
Interessen miteinander auszugleichen, werden wir oftmals nur langsam
Fortschritte erzielen. In einigen Fällen werden wir vielleicht vorübergehende oder Teillösungen annehmen müssen. '.Vir dürfen nicht entmutigt
werden, wenn wir für den gegenwärtigen Zeitpunkt bestenfalls nur eine
Einstellung der Kampfhandlungen oder einen Waffenstillstand erreichen
können. Wir müssen unsere Probleme mit einem Gefühl für das Mögliche
und einer Entschlossenheit, das Mögliche zu finden, angehen.
Die wachsende Stärke der Vereinten Nationen
Die Vereinten Nationen gehen an diese Aufgaben mit wachsender
Stärke und Vitalität heran. Die kürzliche Aufnahme von 19 Mitgliedern
hat der Weltorganisation neue Kraft und einen größeren Wirkungsbereich
verliehen. Vor allem möchte ich die Delegierten Marokkos, Tunesiens
und des Sudans begrüßen, die erst in jüngster Zeit in unsere Reihen
getreten sind.
Es gibt jedoch noch andere Länder, vor allem im Fernen Osten,
die in gleicher Weise qualifiziert sind und hier vertreten sein sollten.
Japan ist durch die Stimme eines einzigen Landes ausgeschlossen worden.
Wir hoffen, daß baldige Maßnahmen getroffen werden können, die den Weg
für die Aufnahme Japans zum frühestmöglichen Zeitpunkt ebnen. Die Republik
Korea und die Republik Vietnam verdienen gleichermaßen die Zulassung und
sollten ohne weitere Verzögerung in die Vereinten Nationen aufgenommen
werden.
Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin der Aufnahme der
Vertreter des rotchinesischen Regimes widersetzen, eines Regimes, das
von den Vereinten Nationen als Angreifer verurteilt worden ist, das
seine Mißachtung für diese Organisation bei zahlreichen Anlässen bewiesen und auch sonst entgegen der Charta gehandelt hat.
Die Ausweitung der Organisation von 60 auf 79 Mitglieder hat sich
auf den Umfang solcher wichtigen Körperschaften wie des Sicherheitsrates
und des Wirtschafts- und Sozialrates nicht ausgewirkt.
Die asiatischen Länder sind im Weltsicherheitsrat noch nie ausreichend vertreten gewesen. Nach der Aufnahme von weiteren sechs asiatischen
Ländern sollte dieser Mangel unverzüglich abgestellt werden. In ähnlicher
Weise würden die zehn neuen europäischen Staaten eine verstärkte Vertretung für den europäischen Bereich rechtfertigen. Nach den obwaltenden
Umständen würde es wünschenswert scheinen, dem Sicherheitsrat zwei neue
nichtständige Sitze hinzuzufügen. Es wäre gleichfalls vernünftig, die
Mitgliederzahl im Wirtschafts- und Sozialrat vielleicht um vier Sitze
zu erhöhen.
Das

�"AMERIKA DIENST

22. November 1956

Das vergangene Jahr brachte ferner eine bedeutende Ausweitung
der Rolle des Generalsekretärs. Durch beständige und unermüdliche
Bemühungen hat er auf vielerlei Weise zur Lösung ernster Streitfragen
beigetragen. Die Rolle, die er, besonders im Mittleren Osten, gespielt
hat, zeigt, in welch hohem Maße der Generalsekretär zum Weltfrieden
beitragen kann. Die Vereinigten Staaten möchten hiermit ihren Dank
an Generalsekretär Hammarskjöld zu Protokoll geben, sowohl für seine
Hingabe an diese Aufgabe wie auch für seine persönlichen Fähigkeiten
als Mann des Friedens und ihn hierzu beglückwünschen.
In den vergangenen Wochen haben die Vereinten Nationen erneut
ihre Daseinsberechtigung erwiesen, indem sie neue Instrumente für den
Frieden schufen. Ein historischer Schritt wurde mit der Aufstellung
einer Polizeitruppe der Vereinten Nationen getan, die die Einstellung
der Feindseligkeiten im Mittleren Osten gewährleisten und überwachen
soll.
Die Polizeitruppe der Vereinten Nationen mußte auf schnellstem Y/ege
ins Leben gerufen werden. Die Erfahrungen, die bei der Bildung und dem
Einsatz dieser Truppe gesammelt wurden, werden von unschätzbarem Wert
für die Zukunft sein. Dies unterstreicht aber auch die Notwendigkeit,
einen kollektiven Mechanismus zu entwickeln, der zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig ist.
Die Entwicklungsfähigkeit, die die Vereinten Nationen bei der
Beantwortung konkreter Herausforderungen bewiesen haben, hat auch die
Kraft der UN als Institution gezeigt. Die Aufgabe, diese Fähigkeit
zur friedlichen Lösung von Streitfällen und zur Förderung eines gerechten Wandels auf friedlichem Wege zu steigern, hört niemals auf. Wir
haben ganz gewiß noch nicht alle Möglichkeiten der Charta für diese
Zwecke erschöpft.
Beispielsweise steht ein ausreichender Apparat zur Verfügung,
um die internationalen Rechtsstreitigkeiten richterlich zu entscheiden.
Doch wird diese Maschinerie selten verwandt. Nur 53 Staaten haben die
verbindliche Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofes angenommen. Andere Länder haben sich im allgemeinen geweigert, ihre Meinungsverschiedenheiten gerichtlich entscheiden zu lassen, wenn sie dazu
angehalten worden sind. Wenn die Herrschaft des Rechts geschaffen werden
soll, dann müßte es auch zur allgemein akzeptierten Norm werden, daß
man sich an dieses Recht, wie es in der Urteilsfindung eines unabhängige
Gerichtshofs zum Ausdruck kommt, hält.
Zusammenfassung
Herr Präsident, wir leben gegenwärtig in ernsten Zeiten. Sie
fordern von allen Nationen äußerste Zurückhaltung sowie ein gutes
Urteilsvermögen. Sie fordern schöpferische neue Versuche, um das alte
Problem eines gerechten und dauerhaften Friedens einer Lösung zuzuführen.
Unser

�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Unser Ziel muß eine Welt sein,, in der die Nationen und Völker Seite an
Seite nebeneinander leben können, ohne Rücksicht auf ihre innerpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, ohne Furcht und mit
echter Hoffnung auf Erfüllung unserer Ziele. Die Vereinten Nationen
können als Organisation von unschätzbarem Wert sein, um die Arbeit
in Richtung auf dieses Ziel zu unterstützen. Wir dürfen nicht fragen,
ob sie bei dieser ihrer Aufgabe Erfolg haben werden; wir müssen vielmehr dafür sorgen, daß eie Erfolg haben.
Nichts könnte einleuchtender sein als die Tatsache, daß eine
wirkungsvollere Organisation der Vereinten Nationen den Interessen
jeder einzelnen Nation dient. Wir müssen danach streben, Institutionen
zu entwickeln, mit deren Hilfe die Rechte aller Nationen respektiert
werden können und die Gerechtigkeit auf friedlichem Wege gewährleistet
werden kann. So wollen wir uns hier vereinen, um eine Brücke von der
Vergangenheit in die Zukunft zu bauen, über die wir gemeinsam in einem
neuen Geiste des Vertrauens wandeln können.
Ich versichere Ihnen, daß die Vereinigten Staaten unermüdlich an
dieser Aufgabe arbeiten werden." ,

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

ERKLÄRUNG VON BOTSCHAFTER LODGE VOR DER
UN-GENERALVERSAMMLUNG

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung
über die Deportation ungarischer Staatsbürger, die
der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten
Nationen, Henry Cabot Lodge jun., auf der Vollsitzung der UN-Generalversammlung am 19» November 1956
abgegeben hat.

"Die Erklärungen, die heute morgen von den Persönlichkeiten abgegeben wurden, die angeblich hier für Ungarn sprechen, müssen alle
im Lichte der sehr einfachen Tatsache gesehen werden, daß die Behörden
dort keine freien Wahlen zulassen werden - sondern höchstens inszenierte
Wahlen nach kommunistischer Art, Ganz offensichtlich würden freie Wahlen zu dem schnellen Verschwinden des kommunistischen Regimes führen.
Genauso offensichtlich ist dies auch der Grund, warum das kommunistische
Regime keine freien Wahlen zuläßt. Wo es keine Freiheit gibt, da kann
es auch nur sehr wenig Wahrheit geben, Und ich glaube wirklich, daß
dies auch für die Reden zutrifft, die von den beiden Vertretern des
kommunistischen Ungarn heute morgen gehalten wurden.
So möchte ich mich denn dem zuwenden, was der sowjetische Vertretter sagte. Er sprach erstens über die Legislative in den Vereinigten
Staaten. Die Gesetzgebung und die Taten der Vereinigten Staaten hinsichtlich der osteuropäischen Völker sind nicht ganz so, wie er das
darstellt. Wie ich neulich abends erklärte, suchen die Vereinigten Staaten, was die osteuropäischen Völker anbetrifft, deren Magen mit Lebensmitteln zu füllen, während die Sowjets ihn mit Blei füllen. Das
ist der einzige Unterschied,
Der sowjetische Vertreter möge ferner zur Kenntnis nehmen, und
dies ist, was die Amerikaner anbetrifft, von grundlegender Bedeutung,
daß das amerikanische Volk, das über seinen Kongreß handelt, jede
Unterdrückung ablehnt, wo immer dies auch sein mag. Dies hat für
dieses Land schon immer - von Anbeginn seiner Geschichte an - gegolten. Abraham Lincoln erklärte, als er über die Unabhängigkeitserklärung - das zur Zeit der amerikanischen Revolution erlassene grundlegende Dokument der amerikanischen Verfassung - sprach, daß dieses
Dokument nicht nur dem amerikanischen Volke die Freiheit brachte t

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�"AMERIKA DIENST"

28. November

1956

brachte, sondern auch der gesamten Welt für alle künftigen Zeiten
Hoffnung gab. Abraham Lincoln betrachtete die Ideale der Freiheit
nicht als etwas, das man einfach hinnimmt und in seinem Herzen trägt,
sondern als etwas, das man anderen zu bringen wünscht.
Dieser Geist nun liegt der Gesetzgebung zugrunde, auf die sich
der sowjetische Vertreter bezog.
Selbstverständlich waren die sowjetischen Anschuldigungen gegen
die amerikanische Gesetzgebung schon verschiedentlich auf früheren
Sitzungen dieser Generalversammlung zu hören, andere sowjetische Vertreter haben sie in Entschließungen vorgebracht. Den diesbezüglichen
Entschließungen wurde jedoch niemals von der Generalversammlung stattgegeben. Was nun die Erklärung anbetrifft, wir hätten den Eindruck
zu erwecken gesucht, daß es seitens der Vereinigten Staaten militärische Hilfe in Ungarn geben würde, so erkläre ich mit allerhöchster Vollmacht - und dies ist sehr genau nachgeprüft worden -, daß
niemand jemals in irgendeiner Weise - sei es durch Rundfunksendungen
oder auf irgendeinem anderen Wege - von den Vereinigten Staaten zur
Rebellion aufgerufen worden ist.
Der Rest der sowjetischen Rede widerspricht natürlich, wie wir
alle wissen, den allgemein bekannten Tatsachen. Es war das typische
sowjetische Aneinanderreihen von Zeitungsausschnitten, die nur der
eigenen Sache dienten. Ich hörte der Rede sehr sorgfältig zu, aber
es ist durchaus möglich, daß ich hier oder dort ein Wort überhört
habe. Aber soweit ich der Rede folgte, habe ich nicht ein einziges
direktes Wort vernommen, durch welches in Abrede gestellt wurde, daß
diese Deportationen aus Ungarn tatsächlich erfolgten. Ich habe nur
etwa ein Drittel der Rede gelesen, aber während ich ihr zuhörte, habe
ich nicht eine einzige eindeutig klare Zurückweisung dieser Behauptungen
vernommen. Die Rede war ihrem Ton nach defensiv und brachte praktisch
nichts Neues. Genauso wie seine Vorgänger, bestritt der sowjetische
Vertreter kurz und bündig die sowjetischen Untaten. Ja, er weigerte
sich, Beobachtern der Vereinten Nationen die Einreise in dieses Land
zu gestatten, um die Wahrheit festzustellen. Sicherlich, Herr Präsident,
würde der sowjetische Vertreter, wenn er seinen eigenen Erklärungen wirklich Glauben schenken würde, eine unparteiische Untersuchungskommission
der Vereinten Nationen begrüßen. Indem er jedoch Beobachter der Vereinten
Nationen ablehnte, hat sich Außenminister Schepilow in die wohl schwächste Position gebracht, in die sich ein Sprecher vor einem öffentlichen
Forum auch nur bringen konnte. Praktisch hat er zu dieser Generalversammlung gesagt, 'ich glaube selbst nicht, was ich soeben gesagt habe.*
Nun, die Tatsachen sind durchaus nicht mysteriös. Seit über zwei
Wochen hat die Welt die ungarische Tragödie beobachtet - das Drama
eines großen Volkes, das sich erhob, um die Ketten der Unterdrückung
zu brechen, und dessen Erhebung durch die Strategie der Doppelzüngigkeit und des Terrors von der Sowjetunion zunichte gemacht wurde.
Herr

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�"AMERIKA DIENST1

28. November

1956

Herr Präsident, hier handelte es sich um eine Erhebung der Arbeiter, der Bauern, der Studenten - der jungen Menschen. Dies ist auch der
Grund, warum die Arbeiter in allen freien Ländern empört sind. Die Aufmärsche der arbeitenden Menschen, diese Demonstrationen in aller Welt
fanden nicht statt, weil etwa einige alte Faschisten sich plötzlich erhoben hatten. Sie fanden statt, weil man vielmehr erkannt hatte, daß
es sich hier um eine echte Erhebung der Arbeiter und der -Jugend handelte.
Die Welt erlebte zuerst eine massive Konzentration sowjetischer
Panzer und Truppen, die um Budapest und in ganz Ungarn mobil gemacht
worden waren. Uns wurde erzählt, daß Verhandlungen im Gange seien, um
den Abzug dieser Truppen sicherzustellen. Dann enthüllte die Sowjetunion
ihre wahren Absichten. Diese Truppenbewegungen waren keine Ablösung, wie
die Sowjets behauptet hatten, sie erfolgten im Rahmen eines Planes, um
die sowjetische Kontrolle über das ungarische Volk wiederherzustellen,
getarnt durch einen abgekarteten 'Hilferuf der ungarischen Behörden.
Die sich anschließenden Ereignisse enthüllten die wirkliche Lage, die
ich als den notwendigen Hintergrund für die jüngsten Ereignisse kurz
schildern werde.
Im Morgengrauen des 4» November begannen sowjetische Truppen ihren
Angriff auf das ungarische Volk und dessen Regierung. Zwei Stunden später suchte eine Gruppe von Männern, die sich seitdem als die Regierung
Ungarns bezeichnet hat, diesem Akt der Aggression eine rechtliche Grundlage zu geben, indem sie einen Hilferuf an die sowjetischen Truppen gegen
das ungarische Volk erließ. Seit diesem Zeitpunkt ist uns immer wieder
erzählt worden, daß die sowjetischen Truppen auf Grund dieses Hilferufes
in Aktion traten, und daß sie ihre Aktion auf Ersuchen der ungarischen
Regierung durchführen. Wie der hochverehrte Außenminister von Belgien,
Monsieur Spaak, neulich so treffend erklärt hat, muß die Sowjetunion
denken, daß wir alle Toren sind, weil wir dieser Propaganda angesichts
des gegenteiligen konkreten Beweismaterials glauben.
Der Mut und die Entschlossenheit des ungarischen Volkes sind ein
anspornendes Beispiel für alle freien Länder. Auch jetzt noch liegen
Berichte von Kämpfen, Streiks oder weiterem Widerstand vor - so groß
ist die Liebe zur Freiheit im Herzen dieses Volkes.
Die Sowjetunion hat sich bisher allen Bitten der Vereinten Nationen
gegenüber taub gezeigt. Sie hat ihre Truppen nicht zurückgezogen. Den
Vertretern des Generalsekretärs ist die Einreise nach Ungarn zur Prüfung
der Lage verweigert worden. Unserem hochverehrten Generalsekretär selbst
mit all dem ihm auf Grund seines Amtes und seiner eigenen persönlichen
Fähigkeiten zustehenden Prestige ist nicht einmal die einfachste Höflichkeit erwiesen worden, die ihm von einem Mitglied der Vereinten
Nationen gebührt. Sein Angebot, nach Budapest zu gehen, wurde mit einem
Vorschlag beantwortet, daß er mit einem Vertreter Ungarns an einem Platz
zusammentreffen sollte, der weit entfernt von den Ereignissen liegt, die
uns hier so große Sorge bereiten. Als Höhepunkt dieser Geschichte des
Terrors führt die Sowjetunion nunmehr Massendeportationen von ungarischen Staatsbürgern durch. Wir verfügen über Tatsachenmaterial, das die
zahlreichen in der Presse erschienenen Berichte noch erhSrtet. Die der

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28. November 1956

der amerikanischen Regierung vorliegenden Informationen zeigen, daß
bis zum 14» November wenigstens 16 000 Menschen allein aus Budapest
deportiert wurden. Am 13. November zum Beispiel fuhren den Berichten
zufolge wenigstens drei Züge mit je 60 Güterwagen, in die jeweils
50 bis 60 Menschen hineingepfercht worden waren, auf der Strecke MonorSzolnok-Debrecen nach Osten. Am 9« November wurde gemeldet, daß sich
ein Zug mit 1500 Männern, Frauen und Kindern in Debrecen befand; ein
gleicher Bericht liegt für den 11. November vor.
Aus diesen Zügen wurden Zettel geworfen, auf denen die Finder
gebeten wurden, die Verwandten zu benachrichtigen.
Unsere Berichte zeigen, daß diese Deportationen immer noch andauern. Wir erhielten die Bestätigung, daß ein Zug mit jungen Ungarn,
die in plombierten Güterwagen transportiert wurden, sich über Cluj,
Predeal und Ploesti in Rumänien auf die sowjetische Grenze zu bewegt.
Und Menschen in Rumänien, die sie sahen, erzählten, daß die Ungarn sie
um Hilfe zur Flucht baten.
Herr Präsident, soweit ich weiß, ist die Witterung in Ungarn zu
dieser Jahreszeit noch recht mild, aber es ist bereits in Rußland und
in Sibirien sehr kalt. Es ist ganz unvermeidlich, daß viele der Menschen
in diesen Güterwagen, zumal es sich um offene Güterwagen handelt, an
Kälte und Entbehrungen sterben werden - so wie die unglücklichen Opfer
der Nazi-Konzentrationslager auf den Güterwagen starben. Wie ich es
mit meinen eigenen Augen im Jahre 1945 überall in der Gegend des furchtbaren Nazilagers in Dachau sah.
Dies sind alle Informationen, die der amerikanischen Regierung
vorliegen. Keine dieser Information rührt aus Presseberichten her.
Um jedoch eine weitere Bestätigung zu geben, zitiere ich die folgende
Sendung des offiziellen ungarischen Rundfunks. Am 14« November um
16.00 Uhr brachte der Budapester Rundfunk in seiner Ungarn-Sendung
folgende Nachricht: 'Im Bezirk Svolnok ist mit der Wiederaufnahme der
Arbeit in den vergangenen Tagen begonnen worden. Etwa 40 bis 50 Prozent
der Arbeiter sind wieder in den Fabriken und Betrieben. Der Eisenbahnbetrieb ist zu einem gewissen Maß wieder aufgenommen worden. Den jüngsten Berichten zufolge sind jedoch Gefangene in plombierten Güterwagen
von Budapest nach Osten befördert worden. Angeblich haben die Eisenbahner daraufhin den Streik wieder aufgenommen. Diese Nachricht wurde
an die verschiedenen Fabriken weitergegeben und immer mehr Arbeiter
verließen daraufhin ihre Arbeitsplätze.'
Während der vergangenen 24 Stunden haben die Vereinigten Staaten
weiteres zuverlässiges Beweismaterial erhalten. Am 16. November wurde
eine Gruppe junger Menschen in der Nähe des Budapester Südbahnhofs von
sowjetischen Soldaten umringt. Ebenfalls am 16. November holten sowjetische Soldaten eine Anzahl verwundeter Jugendlicher aus einem Krankenhaus in der Peterfy Sandor Utca ab. Am 17» November wurde beobachtet, wie sowjetische Soldaten Jugendliche aus einer Schule an der
Varesmarty Utca abholten. Das ist erst in allerletzter Zeit geschehen.
Auf

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28. November 1956

Auf Grund dieser Berichte begrüßen die Vereinigten Staaten die
von der kubanischen Delegation ergriffene Initiative. Diese Berichte
verleihen der Notwendigkeit neue Dringlichkeit, den Resolutionen der
Generalversammlung vom 4« und 9» November nachzukommen, in denen der
Abzug aller sowjetischen Truppen aus Ungarn und die Entsendung von
Beobachtern durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen nach
Ungarn gefordert werden.
Während wir heute nachmittag hier sitzen, fahren die mit diesen
unglücklichen Menschen vollgepferchten Güterwagen weiter in die
sibirische Kälte hinein. Wir fordern die Sowjetunion dringend auf, der
Weltmeinung eine angemessene Achtung entgegenzubringen, diese Deportationen umgehend einzustellen und die Ungarn sofort wieder in ihre
Heimat zurückzubringen, die bereits in das Exil entführt worden sind.
Wir ersuchen die ungarischen Behörden nachdrücklichst, den Bestimmungen der UN-Charta und des Friedensvertrages von 1947 nachzukommen, die sie auffordern, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, daß sich alle Menschen 'der Menschenrechte
und der grundlegenden Freiheiten, darunter der Freiheit der Rede,
der Presse, der Publikation, der Religionsausübung, der politischen
Meinungsäußerung und der öffentlichen Versammlung erfreuen können.'
Lassen Sie mich den Vertreter Ungarns daran erinnern, daß er
erst neulich, als er von diesem Rednerpult sprach, die feierliche
Versicherung abgab, daß seine Regierung die Charta der Vereinten
Nationen einhalten wird.
Herr Präsident, es bedeutet vielleicht nicht viel, über diese
Resolution abzustimmen, aber es ist doch etwas. Dadurch werden
natürlich die Toten nicht wieder zum Leben zurückgerufen. Aber einige
Worte werden vielleicht durchsickern und den tapferen Männern und
Frauen in Ungarn Gewißheit geben, daß sie nicht vergessen sind. Die
Worte dieser Resolution werden selbstverständlich in allen Teilen
der freien Welt umlaufen und das Ausmaß der Verdammung noch erhöhen,
die bereits dem internationalen Kommunismus einen solch schweren
Schlag versetzt hat.
Die Verabschiedung dieser Resolution kann angesichts der tapferen
Toten bestehen, deren Opfer es fordert, daß wir alle in unseren
Kräften stehenden Schritte unternehmen, Herr Präsident, angesichts
dieses riesigen Ausmaßes der von Menschen gegenüber Menschen begangenen Unmenschlichkeiten bedeutet die Verabschiedung dieser Resolution nicht viel. Aber sie bedeutet doch immerhin etwas, und wir
sollten sie daher ohne jede Verzögerung verabschieden»

* * * * *

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LQDGE ZUR LAGE IN ÄGYPTEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Erklärung,
die der Chefdelegierte der USA bei den Vereinten
Nationen, Botschafter Henry Cabot Lodge, am 24.
November vor der UN-Generalversammlung abgegeben
hat.

Der UN-Generalversammlung liegt der Bericht des Generalsekretärs
über die Stationierung und die Aufgaben der UN-Polizeitruppe in Ägypten sowie die Räumung der Hindernisse aus dem Suez-Kanal vor. V/ir
billigen seine Erklärung und seinen Bericht.
Der Generalsekretär hat in seinem Bericht die Generalversammlung
um die Vollmacht ersucht, sich um praktisch wirksame Maßnahmen zu bemühen und über die erforderlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Räumungsarbeiten im Suezkanal zu verhandeln. Wir sind der Auffassung,
daß die Generalversammlung diese Vollmacht sofort erteilen sollte.
Die Vereinigten Staaten sind ferner der Auffassung, daß das
Aide-memoire des Generalsekretärs über die UN-Streitkräfte U/3575)
von der Generalversammlung gebilligt werden sollte.
Die praktische Verwirklichung der von der Generalversammlung
festgelegten allgemeinen Grundsätze hinsichtlich Wesen und Aufgabe
der UN-Polizeitruppe ist im vorliegenden Fall eine sowohl heikle als
auch dringliche Angelegenheit. Die Vereinigten Staaten sind ferner
der Auffassung, daß die dringlichen Besprechungen zwischen dem UNGeneralsekretär und den direkt betroffenen Regierungen fortgeführt
werden sollen, um diese Angelegenheiten in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen der Generalversammlung zu regeln. Der Generalsekretär
hat in bezug auf die Weiterführung dieser Gespräche unser volles
Vertrauen.
Was den Bericht des UN-Generalsekretärs betrifft, so haben
die Vereinigten Staaten drei weitere Feststellungen zu treffen:
Erstens: Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die
Räumung der Hindernisse aus dem Kanal durch die Vereinten Nationen,
sobald wie dies praktisch und technisch möglich ist, in Angriff genommen werden sollte. Wir können der Auffassung nicht beipflichten.

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beipflichten, daß der Abzug der ausländischen Streitkräfte erst nach
Abschluß der Räumungsarbeiten im Kanal erfolgen solle. Umgekehrt
glauben wir nicht, daß dem Beginn der Aufräumungsarbeiten der Abzug
der Truppen vorausgehen müsse. Die Vorkehrungen des Generalsekretärs
für die Räumungsarbeiten sollten sofort beginnen, und er kann
sie
unserer Meinung nach auf Grund der einschlägigen Entschließungen
der Generalversammlung ohne irgendwelche Verzögerungen der Räumungsarbeiten treffen. Mit jedem Tag, den der Kanal noch weiter für die
Schiffahrt , geschlossen bleibt, vergrößert sich der materielle Schaden,
den zahlreiche Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bereits erlitten
haben und gewinnt somit die Wiederinbetriebnahme des Kanals nur eine
um so lebenswichtigere Bedeutung.
Zweitens: Es ist von gleich entscheidender Bedeutung, daß weitere
UN-Polizeikräfte sobald wie möglich in dieses Gebiet verbracht werden
und zwar in hinreichender Stärke. Es sollten alle nur möglichen Schritte
unternommen werden, um die Verlegung dieser Truppen zu beschleunigen.
Der Aufbau und die Entsendung der UN-Polizeitruppe ist eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit. Wenn auch bereits vieles getan
wurde, so sollten doch alle Beteiligten in ihren Bemühungen fortfahren,
eine rasche Verbringung der UN-Streitmacht in dieses Gebiet sicherzustellen.
Drittens: Wir vertreten die Auffassung, daß der Abzug der französischen, britischen und israelischen Streitkräfte ohne Verzug vonstatten gehen müsse. Wir hoffen, daß sich die Verlautbarungen über bereits
im Gang befindliche Rückzugsbewegungen von Verbänden, die von Seiten
Großbritanniens, Frankreichs und Israels erfolgt sind, als ein gutes
Vorzeichen für eine rasche Befolgung der Entschließung der Generalversammlung bezüglich des Abzugs aller nichtägyptischen Streitkräfte erweisen werden.
Viertens: Lassen Sie mich Ihnen noch einmal die Erklärung ins Gedächtnis zurückrufen, die wir in Erläuterung unserer Stimmabgabe zur
Entschließung vom 7« November abgegeben haben: "Wie wir die Dinge sehen,
wird also der Abzug Zug um Zug mit dem alsbaldigen Eintreffen der internationalen UN-Truppe vollzogen. Wir hoffen, daß diese schrittweise
Operation, wie sie in der Entschließung vorgesehen ist, sobald wie
möglich und je eher je besser anläuft."
Wir sind somit auch weiterhin der Auffassung, daß der Abzug der
französischen, britischen und israelischen Truppen rasch und Zug um
Zug mit dem Eintreffen der UN-Polizeitruppe voranschreiten wird.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß jeder Fortschritt
in der Bereinigung von Fragen mit grundsätzlicher Bedeutung, die uns
so sehr angehen und im Hinblick auf die wir die beiden gegenwärtig
zur Beschlußfassung vorliegenden Resolutionen unterstützen, von einer
restlosen und unverzüglichen Befolgung der Empfehlungen der Generalversammlung abhängt. Wir werden auch weiterhin darauf drängen, daß alle

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28. November 1956

alle nur möglichen Mittel und Wege zu einer beschleunigten Lösung dieses
Konfliktes erwogen werden. Das ist ein weiterer Grund, warum jede nur
mögliche Anstrengung unternommen werden muß, um mit diesen Dingen voranzukommen.
Die Lage ist nach wie vor prekär. Wenn irgendeine der beteiligten Regierungen entgegen der von den Vereinten Nationen verfolgten Politik handelt, wird sich die Lage weiter verschärfen. Die
ganze Angelegenheit unterliegt der Kollektivverantwortung der UNGeneralversammlung. Keine Regierung kann allein auf sich gestellt die
Bedingungen für ihre Lösung diktieren. Aber wenn wir auf dem eingeschlagenen Weg fortfahren, uns getreu an die betreffenden Entschließungen der Generalversammlung halten und dem Generalsekretär unsere
uneingeschränkte Unterstützung gewähren, dann können Frieden und Sicherheit einziehen. Lassen Sie uns also mit Optimismus und Vertrauen an die
Arbeit gehen und nicht unnötig Zeit verlieren, indem wir darauf bestehen,
daß erst alles bis aufs I-Tüpfelchen festgelegt werde.
Unserer Ansicht nach wurde bisher folgendes erreicht*
Erstens, das Feuer ist eingestellt worden.
Zweitens, die Vereinten Nationen haben die Aufstellung einer
Polizeimacht beschlossen, um die Feuereinstellung zu erreichen
und zu überwachen. Diese Polizeimacht befindet sich bereits in
dem Gebiet und wird von Tag zu Tag verstärkt.
Drittens, die ägyptische Regierung hat die Vereinten Nationen
um ihre Hilfe bei den Aufräumungsarbeiten im Gebiet des Suezkanals gebeten.
Viertens, ziehen sich die israelischen Streitkräfte, Berichten
zufolge, aus der Kanalzone, und zum Teil sogar überhaupt aus
ägyptischem Gebiet zurück. Meldungen über eine gänzliche Zurücknahme hinter die Waffenstillstandslinie liegen noch nicht vor.
Fünftens, Frankreich hat den Beginn des Abzugs seiner Truppen
angekündigt.
Sechstens, Großbritannien hat Pläne für den Rückzug eines
Bataillons seiner Truppen angekündigt.
Wir begrüßen diese Verlautbarungen. Ganz besonders begrüßen wir
auch alles, was der sehr verehrte Herr Außenminister Mr. Lloyd gestern
hier äußerte, nämlich daß seine Regierung den Wunsch hegt, mit den
Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit wird sicherlich in hohem Maße zu einer Lösung dieser ernsten Probleme beitragen.
Aus den oben dargelegten Gründen werden wir für die SechsmächteEntschließung stimmen, die wir gemeinsam mit anderen Nationen eingebracht
haben (Dokument Nr. A/3386). Die in Dok. A/3385 enthaltene Resolution bringt
Gedanken zum Ausdruck, die sich in jeder Beziehung mit unserer Politik
decken, und wir werden daher auch für diese Entschließung stimmen, obgleich wir sie nicht unbedingt für erforderlich halten.
* * * * #

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D I E N S T

NIXON ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 6. Dezember 1956 vor
dem Verband Amerikanischer Automobilfabrikanten in New York gehalten hat.

Nichts in unserem Wirtschaftsleben kennzeichnet unser ständiges
Streben nach Vollkommenheit und Fortschritt besser als die jährlich
stattfindende Automobil-Ausstellung, auf der immer neue, starke und
komfortable Modelle gezeigt werden. Wenn wir unsere Wagen von heute
mit den langsamen, unschönen Modellen von vor 50 Jahren vergleichen,
sehen wir nicht nur, was amerikanischer Erfindungsgeist und amerikanische Leistungsfähigkeit in der Vergangenheit hervorgebracht haben,
sondern wir sehen dann auch, daß unserer ständigen wirtschaftlichen
Entwicklung eine fast atemberaubende Zukunft bevorsteht.
/
Wenn die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, lediglich
wirtschaftlicher Natur wären, könnten wir bezüglich der künftigen
Entwicklung beruhigt, ja sogar selbstzufrieden sein. Der Umstand,
daß die 60 Millionen Amerikaner stolze Besitzer solcher Autos oder
ähnlicher älterer Modelle sind, kann an sich bereits als ein Zeichen
eines Wohlstandes gewertet werden, an dem tatsächlich alle Schichten
unserer Gesellschaft teilhaben. Zum ersten Mal in der Geschichte
nähern wir uns einem Zustand, in dem Armut und wirtschaftliche Ausbeutung in einem großen Industriestaat abgeschafft werden.
Doch in der Welt von heute ist kein Platz für Selbstgefälligkeit,
wieviel Anlaß auch immer zu einer solchen Haltung gegeben zu sein
scheint. Keiner unter uns kann sich der Tatsache verschließen, daß
über unsern Häuptern eine düstere Wolke schwebt, eine Wolke der
Sorge, ja sogar der Furcht. Sie erscheint uns als eine pilzförmige
Wolke, die eine ernste Warnung ausspricht - die Warnung nämlich,
daß dieser Wohlstand in einem einzigen Augenblick durch das furchtbare Aufflammen eines Krieges mit thermo-nuklearen Waffen hinweggefegt werden kann.

Aus

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12. Dezember 1956

Aus diesem Grunde halte ich es für angebracht, am heutigen Abend
auf die großen Ereignisse der letzten 40 Tage einzugehen, die einen
so gewaltigen Einfluß auf unsere Zukunft haben werden.
Von verschiedenen Beobachtern der internationalen Politik sind
zum Teil recht niederschmetternde und alarmierende Kommentare zu diesen Ereignissen geliefert worden. Die Kritiker der Verzweiflung und
die Propheten des Untergangs verkünden uns, daß alles verloren ist.
Aus den entmutigenden Schlußfolgerungen, die wir in der letzten Zeit
gehört und gelesen haben, greife ich folgende heraus:
Die Sache der ungarischen Freiheit hat durch die Macht der Sowjets
ein für allemal den Todesstoß erhalten.
Im Vorderen Orient sind die Kräfte der Diktatur stärker denn je
zuvor, und die Sowjetunion hat in diesem Teil der Welt einen gewaltigen
Sieg errungen.
Das atlantische Bündnis ist unwiderruflich zerstört, und der
Bruch zwischen den Vereinigten Staaten und seinen europäischen Verbündeten und Freunden läßt sich niemals mehr heilen.
Und schließlich, Schuld an dieser unheilvollen Entwicklung
trägt in erster Linie die Politik der Vereinigten Staaten.
Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere Außenpolitik nicht zum
Gegenstand der Kritik werden dürfe. Die Unterstützung, die unsere
Politik von beiden politischen Parteien genießt - und sie wurde sowohl im Senat wie im Repräsentantenhaus großzügig und aus patriotischem Geist heraus gewährt - bedeutet keine automatische und hundertprozentige Billigung jeder Regierungsmaßnahme, und gewiß ist es in
einer Demokratie die Aufgabe der Presse, die Öffentlichkeit auf diesem
wie auf anderen Gebieten ungehindert zu informieren und freie Kritik
zu üben.
Bei aller Fairness bin ich jedoch überzeugt, daß einige unter den
Kritikern die Probleme unter kurzsichtigen und von Unreife zeugenden
Gesichtspunkten betrachten. Kurzsichtig deshalb, weil sie über augenscheinlichen unmittelbaren Vorteilen schwerwiegende künftige Nachteile
übersehen. Und die Forderung nach einer amerikanischen Politik, die unmittelbare und glänzende Erfolge aufweisen müsse, ist der Beweis für
eine gefährliche Unreife.
In dieser komplizierten und unvollkommenen Welt müssen wir immer
mit Schwierigkeiten und sogar mit gelegentlichen Rückschlägen rechnen.
Das beste, was wir erhoffen können, ist, daß die Basis unserer politischen Grundhaltung ihrem Kern nach richtig ist und daß sie sich schließlich
durchsetzt. Ich schlage daher vor, daß wir die Ereignisse der vergangenen
Wochen in diesem Sinne analysieren.
Vor sechs Wochen standen wir an einem Wendepunkt in der Geschichte.
Am Sitz der Vereinten Nationen in New York waren alle Augen der Welt auf
den Sprecher der Vereinigten Staaten gerichtet. Ich bitte Sie, sich
die Dramatik dieser Situation vorzustellen.
Hier

�AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Hier stand eine Nation, die einstmals eine isolationistische
Politik betrieb, und die sich nunmehr zur Idee der kollektiven Sicherheit bekennt. Wir, die wir einst den Völkerbund ablehnten, gehören zu
den Völkern,die die Vereinten Nationen gründeten und unterstützen.
Wir, die wir uns noch vor 60 Jahren unserer offenkundigen Sendung in Asien und Lateinamerika rühmten, haben dem Kolonialimperialismus abgeschworen und uns verpflichtet, die Nationen zu unterstützen,
die früher einmal Kolonien der Großmächte waren.
Wir haben uns gewandelt, doch viele Menschen in der Welt zweifelten daran, daß wir uns wirklich gewandelt hätten. Zahlreiche Nationen Asiens und Afrikas wollten im Kalten Kriege lieber als Neutrale abseits stehen, bis sie sicher sein können, daß wir es mit unserer Versicherung der Freundschaft und Achtung gegenüber allen Völkern und Staaten, wie groß oder stark sie auch immer seien, aufrichtiger meinen als die Sowjetunion. Die uns befreundeten Nationen Lateinamerikas, die uns heute vertrauen, hatten noch beunruhigende
Erinnerungen an die frühere Kanonenbootdiplomatie.
Dann kam die Stunde der Prüfung. Unsere Freunde und Verbündeten
hatten die Vereinten Nationen übergangen und zur Regelung einer politischen Auseinandersetzung der Vereinten Nationen direkte militärische
Maßnahmen ergriffen. Gewiß sind sie schwer provoziert worden. Nach
den noch vor 50 Jahren allgemein anerkannten internationalen Maßstäben, hätte sich ihre Aktion verteidigen, wenn nicht sogar rechtfertigen lassen.
®
Aber eine neue Kraft ist in Erscheinung getreten, die moralische
Kraft der Vereinten Nationen, deren sämtliche Mitgliedstaaten sich
verpflichtet haben, ihre Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem
Wege zu regeln.
Bei allen Delegationen der Vereinten Nationen stellte man sich
die Frage: Werden die Vereinigten Staaten für die von ihnen verkündeten Prinzipien eintreten oder so tun als sei nichts geschehen? An
diesem Wendepunkt der Geschichte erschien Außenminister Dulles persönlich vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, um unsere
Haltung zu umreißen, eine Haltung, die von der überwältigenden Mehrheit
der Nationen der Welt geteilt wurde.
Unser Standpunkt war klar und einfach. Wir verurteilten die
Anwendung von Gewalt, sofern sie nicht durch den Zwang zur Selbstverteidigung oder durch ein Mandat der Vereinten Nationen gerechtfertigt ist. In der anschließenden Debatte legten unsere Freunde
ihr Veto ein und verhinderten eine Aktion seitens des Sicherheitsrates.
Für uns gab es kein Zögern. Wir ersuchten um Einberufung einer Sondersitzung der Generalversammlung, die kein Vetorecht kennt. Auf dieser
Sitzung wurde unsere Haltung von praktisch allen Ländern der Welt gutgeheißen.
Die

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12. Dezember 1956

Die Vereinigten Staaten hatten ihre Bewährungsprobe vor der Geschichte bestanden. Der Fortbestand der Vereinten Nationen war gesichert. Recht und Gesetz hatten sich durchgesetzt - gleiches Recht
und Gesetz für die Mächtigen und Starken wie für die Schwachen und
V/ehrlosen.
Man hat behauptet, daß wir einen falschen Kurs eingeschlagen
hätten, weil durch unsere Handlungsweise die Position eines Diktators gestärkt, die Gefahr einer Ausbreitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten erhöht und unser Bündnis mit unseren engsten Freunden geschwächt worden sei.
Lassen Sie uns aber einmal untersuchen, welche Alternative wir
hatten. Wenn wir in dieser Situation nicht an den Prinzipien festgehalten hätten, die unseren Kurs und unser Handeln bestimmten, dann
wäre der Zweck der Vereinten Nationen hinfällig geworden. Die Welt
wäre zu den gleichen Maßstäben für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zurückgekehrt, wie sie vor den beiden Weltkriegen
angewendet wurden. Und unsere moralische Position gegenüber der Welt
wäre hoffnungslos kompromittiert gewesen.
Nach Meinung des größten Teils der V/elt wäre unsere Position wenig
besser gewesen als die der kommunistischen Staaten, die in ihrer Außenpolitik ständig nach dem Grundsatz gehandelt haben, daß der Zweck die
Mittel heilige, daß die Anwendung von Gewalt immer dann gerechtfertigt
ist, wenn die eigenen Ziele damit gefördert werden, und daß den Geboten der
Verein ten Nationen mar dann Folge zu leisten ist, wenn der betroffene Staat
der Meinung ist, ein solches Verhalten diene seinen nationalen Interessen. Die strahlende Hoffnung, daß die Nationen eine bessere
Methode als die Gewaltanwendung zur Regelung internationaler Streitfälle finden könnten,wäre zunichte gemacht worden ,und die Welt hätte
sich in zynische und mißtrauische Machtblöcke aufgelöst, um deren
Gunst sich dann eine triumphierende Sowjetunion beworben hätte, die
die Methoden von Zuckerbrot und Peitsche anwenden würde, ganz wie die
Gelegenheit es erfordert. Und eines Tages hätte die Sowjetunion dann
den Sieg davongetragen.
Wenn wir unsere Freunde und Verbündeten, Großbritannien
und Frankreich, in Ägypten unterstützt hätten, wäre ihnen vermutlich in diesem Gebiet ein militärischer Sieg zugefallen. Doch sie selbst
und auch wir hätten die moralische Unterstützung der ganzen Welt verloren.

Weil

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

V/eil wir aber eine andere Haltung einnahmen, wissen die Völker
Afrikas und Asiens heute, daß wir moralisch an ihrer Seite stehen und
daß wir für Rechtsnormen eintreten, die für den Westen und den Osten
gleichermaßen gelten. Sie wissen auch, daß sich die Vereinigten Staaten keinen Illusionen über die "Bürde des weißen Mannes" oder die
"Überlegenheit der Weißen" hingeben.
Wenn wir die schwere Bewährungsprobe aber bestanden haben, die die
Geschichte uns in den vergangenen sechs Wochen auferlegt hat - und ich
glaube, daß wir diese Bewährungsprobe bestanden haben -, dann schuldet
unsere Nation Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles ewigen Dank.
Die Entscheidung, die sie zu treffen hatten, wäre zu jeder Zeit schwer
gewesen. Sie war zehnfach schwerer angesichts der Verwirrung und Uneinigkeit, wie sie im Endstadium eines Wahlkampfes herrschen. Männer geringeren Formates würden am Vorabend einer Wahl Lösungen angestrebt haben,
die ihnen auf leichte Weise Stimmen zugeführt hätten. Sie aber entschieden sich für staatsmännisches Handeln und für die Grundsätze der
Moral.
Es ist leicht, seine Feinde zu verurteilen, wenn sie im Unrecht sind;
doch es gehört Mut dazu, seine Freunde zu verurteilen. Es ist verlockend, ein geringfügiges Unrecht zu übersehen, um sich das zu sichern, was als das höhere Ziel erscheinen mag. Der Grundsatz aber,
daß die Mittel den Zweck ehiligen, ist unvereinbar mit der Moral.
Wir wußten, daß unsere Freunde unter einer schweren Provokation handelten und daß ihre Geduld fast bis zum äußersten auf die Probe gestellt worden war. Es wäre einfach gewesen, den Blick von diesen
Dingen abzuwenden und jede Handlung so lange hinauszuzögern, bis es
zu spät gewesen wäre. Doch der einfache Weg ist nicht immer der rechte
Weg.
Der militärische Sieg unserer Freunde im Nahen Osten hätte das
Problem nicht gelöst. Dauerhafte Lösungen lassen sich selten nach
einem Krieg mit all seinen Zerstörungen erzielen,und der Friede, um
den wir uns im Vorderen Orient bemühen, muß von Dauer sein. Die Geschichte wird einmal unserem Präsidenten und unserem Außenminister
ewigen Dank dafür zollen, daß sie den schweren Weg des Festhaltens
an den Grundsätzen der Moral und nicht den einfachen Weg des geringsten Widerstandes beschritten haben. Heute steht es uns als Mitglieder der neu belebten Vereinten Nationen frei, uns um einen gerechten
und dauerhaften Frieden in diesem Gebiet zu bemühen.
Lassen Sie uns jetzt die Ereignisse untersuchen, die sich in
Ungarn abgespielt haben. V/eil wir entschlossen gegen die Anwendung von
Gewalt in Ägypten eingetreten sind, hatten wir die moralische Berechtigung, das rücksichtslose und barbarische Vorgehen der Sowjets gegenüber diesem tapferen Volke zu verurteilen. Ohne zu zögern und ohne
zynische Hintergedanken konnten wir die moralischen Kräfte der Welt
gegen dieses ungeheuerliche Unrecht mobilisieren.
Die

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinten Nationen verfügen über keine Armeen, die sie den
heldenhaften Freiheitskämpfern in Ungarn hätten zu Hilfe senden können.
Es bestanden keine Verträge, auf Grund deren die freien Völker bewaffnete Hilfe hätten leisten können. Die einzige Waffe, die uns hier
zur Verfügung stand, war die moralische Verurteilung, da die einzige
Alternative ein Eingreifen unsererseits war, das den dritten und
sicherlich letzten Weltkrieg hätte auslösen können.
Es gibt Leute, die erklären, daß moralische Kraft ohne gleichzeitige militärische Aktionen, die ihr Geltung verschaffen, nichts
zu bedeuten habe. Wir sollten aber niemals die Kraft der moralischen
Verurteilung der Welt unterschätzen. Sogar die Sowjetunion sieht sich
gezwungen, dies anzuerkennen. Auch sie kann nicht vor die Welt treten,
wenn sie für die Knechtschaft, den kommunistischen Kolonialimperialismus und Gewaltanwendung eintritt, die Wesensbestandteile der kommunistischen Doktrin sind. Wie verbrecherisch ihre Taten auch immer
sind, sie sieht sich doch gezwungen, mit Begriffen wie Freiheit des
Individuums, Unabhängigkeit der Völker und Weltfrieden zu operieren.
Die Tatsache, daß sich die Machthaber im Kreml im vollen Scheinwerferlicht der Weltkritik zu bewegen haben, mag das ebenso heldenhafte polnische Volk davor bewahrt haben, das Schicksal Ungarns zu
erleiden. Polen besitzt heute ein wenigstens beschränktes Maß an
Unabhängigkeit.
Welche Auswirkungen werden die ungarischen Ereignisse auf die
internationalen Auseinandersetzungen hervorrufen? Nur zu viele kurzsichtige und oberflächliche Beobachter vertreten die Auffassung, daß
die Kommunisten in Ungarn einen großen Sieg errungen haben. Doch bei
einer nüchternen, realistischeren Beurteilung kommt man zu der Einsicht, daß die Kommunisten, wenn sie auch die Auseinandersetzung um
die Herrschaft in Ungarn gewonnen haben mögen, damit den Krieg um
die Beherrschung der Welt, den sie mit so viel Fanatismus zu gewinnen
suchen, verloren haben. Ich bin überzeugt, daß sich die Ereignisse in
Ungarn als ein wichtiger Wendepunkt im Kampf um die Niederringung des
Weltkommunismus ohne Krieg erweisen werden.
Lassen Sie uns untersuchen, in welcher Lage sich die Männer im
Kreml zur Zeit befinden. Vor dem ungarischen Zwischenfall hatte die
Sowjetunion selbst den Schiffbruch der stalinistischen Methoden zugegeben. 7/ährend der vergangenen zwei Jahre versuchten die sowjetischen Führer, durch einen Feldzug des Lächelns das zu gewinnen, was
sie durch nackte Gewalt und zügellosen Terror nicht erobern konnten.
Sie haben versucht, sich mit ihren Satellitenstaaten auf freundschaftlicher Basis zu einigen. Ihre Handlanger der Sklaverei versuchten,die
neutralen Nationen für sich zu gewinnen, indem sie für Frieden, wirtschaftlichen Fortschritt, Unabhängigkeit und die Gleichberechtigung
aller Völker eintraten. Der Eiserne Vorhang war ein wenig angehoben
worden, damit etwaige Besucher sich selbst davon überzeugen konnten,
daß die Sowjetunion die kritischen Blicke Außenstehender nicht zu
scheuen brauche.

Auf

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Auf diese Weise machten sie anscheinend recht beunruhigende
Fortschritte; aber wie stehen sie heute da? Die Lehren des ungarischen Aufstandes haben sich tief in das Denken und Fühlen der Menschen eingegraben. Infolge dieser Ereignisse brechen die kommunistischen Parteien in allen Ländern der Welt auseinander. Die Sowjets
können sich nicht auf die Loyalität eines einzigen Satellitenlandes,
ja nicht einmal auf die ihrer eigenen Truppen verlassen. Ihr Feldzug
zur Gewinnung der neutralen Länder ist geplatzt.
Kann man denn im Ernst annehmen, irgendein Land der V/elt würde
heute noch den Schlächtern von Budapest Glauben schenken? Die Geschehnisse in Ungarn sind eine ernste Warnung an alle Staatsmänner, daß
jeder, der sich mit den Kommunisten einläßt, das gleiche wüste Massaker
riskiert, das über die ungarischen Freiheitskämpfer hereinbrach.
Diese wissen, daß die Kommunisten nicht Unabhängigkeit, Freiheit,
wirtschaftlichen Fortschritt und Frieden bringen, wie sie es versprechen, sondern Kolonialismus kommunistischer Provenienz, Sklaverei,
wirtschaftliche Ausbeutung und Krieg.
Gleichzeitig aber haben die Ereignisse in Ungarn unseren noch
schwankenden Freunden eindringlich vor Augen geführt, warum die Vereinigten Staaten so fest von der Richtigkeit des Prinzips der kollektiven Sicherheit überzeugt sind. Wir sind nur darum militärisch stark,
weil wir wissen, daß dies heute zur Erhaltung des Friedens unbedingt
notwendig ist. Wir lehnen die Anwendung von Gewalt zur Beilegung von
Streitigkeiten ab, sind uns aber gleichzeitig darüber im klaren, daß
starke Streitkräfte solange zur Selbstverteidigung unerläßlich sind,
wie der kommunistische Block an seiner Politik der Weltherrschaft
durch Macht und Gewalt festhält.
Wir schließen Bündnisse, um schwächere Nationen vor einem ähnlichen Schicksal wie das der Ungarn zu bewahren. Niemand wird heute
, .noch meinen, Ungarn, Rumänien, die Tschechoslowakei oder andere sowjetische Satelliten seien frei oder unabhängig. Hingegen konnten diejenigen
Länder, die sich mit den Vereinigten Staaten in Verträge über die gemeinsame Sicherheit zusammenschlössen,
feststellen,
daß ihre
Unabhängigkeit durch dieses Bündnis in keiner Weise beeinträchtigt
worden ist.
Bei einem Überblick über die Ereignisse der letzten 40 Tage im
Nahen Osten und in Ungarn müssen wir meiner Ansicht nach zwangsläufig
zu folgendem Schluß kommen» Wir können und dürfen nicht einen Augenblick lang die ungarische Tragödie unterschätzen, und wir müssen der
Tatsache eingedenk bleiben, daß die Lage im Nahen Osten nach wie vor
äußerst prekär bleibt und daß unser Bündnis mit unseren Freunden in
Europa einer schweren Belastung ausgesetzt ist. Aber mögen wir auch einige Rückschläge erlitten haben, es wurde doch ein festes Fundament gelegt
für den Aufbau einer auf Recht und nicht auf Gewalt beruhenden Weltordnung sowie für die Bezwingung des Kommunismus ohne das Mittel des
Krieges.
Wir werden dieses Ziel aber nur erreichen, wenn wir den Dingen
nicht ihren Lauf lassen, wenn wir als führende Nation
klug und einsichtig sind und wenn wir über ein reifes Urteilsvermögen verfügen.
Mir

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Mir scheint, die Grundsätze, auf denen unsere Politik beruhen
sollte, hat Präsident Eisenhower im Laufe der letzten 7/ochen unmißverständlich formuliert. Am 31.Oktober sagte er in einer Pernseh-Anspraches "Der Friede, den wir erstreben und brauchen, ist sehr viel
mehr als lediglich das Fehlen des offenen Kriegszustandes. Er bedeutet Anerkennung des Rechts und Förderung der Gerechtigkeit in der
ganzen Welt ... Ohne Recht kann es keinen Frieden geben. Und es
kann kein Recht geben,wenn wir für unsere Freunde und unsere Feinde
verschiedene Rechtsnormen für die Gestaltung der internationalen Beziehungen anwenden."
Einen Tag später sagte er anläßlich einer Rede in Philadelphia»
"In wenigen Jahren sind wir vom Isolationismus, der jeden Gedanken:
an kollektive Sicherheit ablehnt, zu einer Politik der unbedingten
Unterstützung der Vereinten Nationen übergegangen, und an die Stelle
des Gefühls, unser Land könne sich selbst absolut Genüge sein und
habe mit anderen Nationen nichts zu schaffen, trat die lebendige Erkenntnis, daß unser obdrstes Ziel - ein gerechter und dauernder
Friede - nur zu erreichen ist, wenn alle übrigen Nationen diesen
Frieden mit uns gemeinsam genießen."
Wir wollen diese Grundsätze auch auf die Probleme anwenden,
denen wir uns gegenwärtig gegenübersehen.
Zunächst einmal müssen wir uns in bezug auf unsere Verbündeten
unbedingt darüber klar werden, daß die Geschichte dereinst vielleicht
einmal zu dem Spruch gelangen könnte, daß weder wir selbst noch unsere
Verbündeten in unseren Reaktionen auf die Ereignisse, die uns in die
derzeitige Krise führten, frei von Schuld waren. Unsere Freunde sind
der Meinung, wir hätten das Ausmaß der Provokationen, die sie zu ihrem
Vorgehen veranlaßten, nicht ganz erkannt und wir seien unserer Verantwortung mit Bezug auf die Lösung der grundlegenden Fragen in diesem
Gebiet nicht voll gerecht geworden.
Wir andererseits waren der Meinung, wir hätten ein gewisses
Recht, ihr Vorgehen zu diesem Zeitpunkt zu kritisieren.
Mir scheint es an der Zeit, zu erkennen, daß gegenseitige Beschuldigungen zu nichts führen können. Es hieße der Sache des Friedens einen
schlechten Dienst erweisen, wollten wir es zulassen, daß diese Ereignisse oder irgendein anderes Geschehen einen Keil zwischen uns und unsere
Verbündeten treibt.
Als politisch reife Völker wissen wir ganz genau, daß wir nicht in
allen Dingen mit unseren Freunden stets einer Meinung sein können. Die
wahre Feuerprobe eines jeden Bündnisses und jeder Freundschaft sind
immer die schlechten Zeiten, nicht die guten. Überlebt aber eine Freundschaft oder ein Bündnis solche Krisenzeiten, dann werden sie daraus
immer nur gestärkt hervorgehen.
Wir sind stolz auf unsere Verbindung mit Frankreich und England und
auf unser gemeinsames Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit, das uns
im ersten wie im zweiten Weltkrieg zusammenschweißte.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Wir sind uns klar darüber, daß sie eine Reihe aggressiver Aktionen,
die bis an die Grenze der Gewaltanwendung reichten, zu erdulden hatten;
hinzu kam eine bedrohliche militärische Aufrüstung in einem Lande, das
ihrer Ansicht nach ihre vitalsten Interessen gefährdete. In diesem Niemandsland zwischen Krieg und Frieden ist die Entscheidung über den zu
steuernden Kurs sehr schwierig.
Es wird ihnen immer zur Ehre gereichen, daß sie sich dem Beschluß
der Vereinten Nationen fügten, als sie der Feuereinstellung zustimmten
und ihre Streitkräfte zurückzogen, obgleich dieser Entschluß ihrer
Meinung nach ihren Interessen zuwiderlief. Sie verzichteten darauf,
ihre überwältigende militärische Überlegenheit zur Erreichung ihrer
Ziele einzusetzen, und das zu einem Zeitpunkt, als ihnen der vollständige Sieg sicher schien. Sie haben die Befriedung im Nahen Osten der
internationalen Polizeimacht der UN anvertraut.
Vergleichen Sie dieses Verhalten mit dem eines anderen Mitgliedstaates der Vereinten Nationen, der Sowjetunion. Die sowjetischen Führer
spotteten der Entscheidung der Vereinten Nationen, mit der ihre Aggression in Ungarn verurteilt wurde. Angesichts einer echten Krisis kehrten
die Kommunis ten zu ihren alten Methoden zurück und offenbarten damit
aller Welt die grenzenlose Grausamkeit und die zynische Verachtung
der grundlegenden Menschenrechte, die ihrem System innewohnen.
Nun, da unsere Verbündeten ihrer Ansicht nach die Interessen ihres
Landes dem Schiedsspruch der Vereinten Nationen untergeordnet haben,
ist es unsere heilige Verpflichtung, ein Programm der Vereinten Nationen zu entwickeln und zu unterstützen, das eine friedliche Lösung
aller Probleme gewährleistet, durch die der bewaffnete Konflikt in
diesem Gebiet heraufbeschworen wurde.
Wenn die aggressive Gewalt als Mittel der nationalen Politik für
ungesetzlich erklärt werden soll, dann müssen andere Mittel und Wege
gefunden werden, um die berechtigten Interessen von Staaten zu schützen,
die mit Mitteln bedroht werden, die hart an die Grenze der Gewalt reichen .
Über das unmittelbare Problem hinaus, die Wiederinbetriebnahme
des Suez-Kanals unter Modalitäten zu beschleunigen, die diese wichtige
Lebensader nicht erneut der Gefahr einer willkürlichen Schließung aussetzen, geht es darum, die moralischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte der Vereinigten Staaten und der Vereinten Nationen zu mobilisieren, um folgende Ziele im Nahen Osten zu
erreichen:
Die absolute Garantie der Souveränität aller in diesem Gebiet
liegenden Länder und eine gerechte Lösung aller offenen Streitfragen.

Eine

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Eine allmähliche Rüstungsbegrenzung seitens der Länder in diesem
Gebiet.
Eine großzügige Unterstützung dieser Länder bei der Lösung ihrer
sehr realen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, damit diese Völker aus
Armut und Krankheit zu einem besseren Leben aufsteigen können.
Wir, die wir selbst soviel besitzen, dürfen die Bedeutung der
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht übersehen, die einige Nationen für
die Sirenentöne aus Moskau anfällig gemacht haben. Wir sollten niemals
so in den Fragen der Tagespolitik aufgehen, daß wir darüber unser Ziel
auf lange Sicht vergessen, nämlich die Förderung von Frieden und 'Wohlstand in allen Ländern der Welt.
Früher haben die Staaten im Nahen Osten, die nach unseren Maßstäben gemessen arm sind und schwer um ihre wirtschaftliche Existenz zu
ringen haben, ihre•spärlichen Hilfsquellen dafür verwendet, ihre militärische Stärke zu mehren. Heute haben wir die einzigartige Gelegenheit, ihnen zu zeigen, was erreicht werden kann, wenn diese Hilfsquellen
in den Dienst der Gesundheit und des Wohls ihrer Völker gestellt werden,
statt sie für die unfruchtbaren Zwecke der Aufrüstung zu verwenden. Wir
wollen nicht zu dem bewaffneten Waffenstillstand der letzten acht Jahre
zurückkehren. Wir wollen einen echten und dauerhaften Frieden als die
Grundlage einer neuen Xra des wirtschaftlichen Wohlstandes dieser stolzen und achtbaren Völker.
Solange noch Millionen Menschen in anderen Ländern in Armut und
Not leben, solange ist unser eigener wirtschaftlicher Wohlstand fragr
würdig. Auch unsere moralische Position wäre dann fragwürdig, denn
wir könnten uns als gottesfürchtiges Volk kaum wohlfühlen, wenn wir
nicht versuchten, jenen zu helfen, die Mangel selbst an lebensnotwendigen Dingen leiden, während wir uns des Luxus erfreuen. Auch unsere
militärische Position wäre fragwürdig, denn Unruhe und Unzufriedenheit führen zu internationalen Spannungen. Spannungen aber können wiederum zum Kriege führen. Und selbst ein begrenzter Krieg könnte sich
plötzlich jeder Kontrolle entziehen und sich zu dem großen, endgültigen Krieg der gesamten Menschheit auswachsen, dem so gefürchteten
Atomkrieg.
Ein unmittelbares Problem, das sich uns infolge der Krise im Nahen
Osten stellt, ist die schlechte Finanzlange unserer Freunde in Großbritannien. Mir scheint es sowohl in unserem eigenen als auch in ihrem
Interesse zu liegen, wenn wir ihnen in dieser schweren Stunde beistehen,
und ich bin überzeugt, daß «'ine solche Hilfeleistung die Billigung der
Vertreter beider Parteien im Kongreß finden wird.
Um nochmals auf die Lage in Ungarn zurückzukommen, so müssen wir
auch weiterhin in der Bereitstellung einer sicheren Zuflucht für jene
tapferen Menschen, die sich der sowjetischen Tyrannei zu widersetzen
wagten, beispielgebend voranschreiten.
In den Vereinten Nationen wie bei jeder anderen sich bietenden
Gelegenheit müssen wir immer wieder vor dem Forum der Weltmeinung nicht

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�AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

nicht nur auf die vergangenen Ereignisse hinweisen, sondern auch
darauf, daß sowohl die ungarische Marionettenregierung als auch
die Regierung der Sowjetunion es ablehnen, sich den Beschluß der
überwältigenden Mehrheit der Vereinten Nationen zu beugen.
Wir dürfen Unterdrückung oder Sklaverei niemals und in keinem
Teil der Welt ruhig hinnehmen.
Wir müssen die friedliche Befreiung der versklavten Völker in
jeder nur möglichen Weise unterstützen und zu ihr ermutigen.
Wenn wir diese Politik konsequent und rückhaltlos verfolgen,
kann sie letzten Endes nur das eine Ergebnis zeitigen - die unumgängliche Lockerung der Sklavenfesseln, die heute noch so vielen
Millionen Menschen auferlegt sind.
Man pflegt heute gern zu sagen, Amerika habe die Führung in
allen weltpolitischen Fragen übernommen. Unsere militärische und
wirtschaftliche Stärke hat uns diese furchtbare Verantwortung eingebracht, ob wir wollen oder nicht. Unsere politische Macht und
die damit verbundene Verantwortung haben aber angesichts der Ereignisse der jüngsten Zeit noch zugenommen.
Wir sind nunmehr sowohl in moralischer als auch in militärischer
und wirtschaftlicher Hinsicht die führende Nation. Und die an unsere
Generation gestellte Forderung lautet, daß wir uns den Erwartungen
der Geschichte in dieser Stunde der Entscheidung gewachsen zeigen
müssen. Heute ergeht der Ruf nach Weitblick und Größe nicht nur
an die Regierung, sondern an jedem einzelnen Amerikaner, gleichgültig
welcher Schicht des Volkes er angehört.
Heute geht es darum, audh auf dem Gebiet der internationalen
Politik Fortschritte zu erzielen, ebenso augenfällige Fortschritte,
wie wir sie bei unseren Automobilen sehen können. Ob wir wollen oder
nicht, die Diplomatie des 19«Jahrhunderts ist heute ebenso überlebt
wie die Automodelle von vor 50 Jahren. Im Zeitalter der Atomenergie
ist kein Platz mehr für militärische Aggression, koloniale Ausbeutung
oder Machtimperialismus. Diese Methoden waren sowieso niemals moralisch
zu rechtfertigen; heute aber sind sie noch weit gefährlicher als je
zuvor. Ein Land, das heute einen kleinen Krieg beginnt, kann damit
eine Kettenreaktion auslösen, die unsere gesamte Kultur und Zivilisation vernichten könnte.
Im Interesse der Zukunft der gesamten Welt und der Sicherheit unserer Kinder und Kindeskinder willen müssen wir uns stärker als je
zuvor für einen auf Gesetz und Recht beruhenden Frieden einsetzen.
Ein auf alle Völker der Erde gle.ich anzuwendender Rechts- und Sittenkodex muß die Grundlage dieses Friedens bilden.
Das Gerüst dieses Friedens bilden militärische und wirtschaftliche
Stärke. Und Architekt dieses Friedens müssen die Vereinten Nationen
sein, die ihrem Bemühen, Recht und Gerechtigkeit überall auf unserer
Erde Geltung zu verschaffen, die volle Unterstützung unseres Landes
genießen.
Wenn
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�"AMERIKA DI ZNS T"

12. Dezember 19

Wenn wir untrer Verantwortung "-egenüber der Welt gerecht
werden wollen, sc erfordprt d^et. nicht nur wohldurchdachte Grunesätze und eine geschickt? Diplomatie auf seiter dei Regi-rung,
sondern auch Mut, Hingabe and Cpfer auf Seiten andres VcTkes.
Der Ausgang des Ringens um die Gefolgschaft der Welt wird Jetzte
Endes davon abhängen, was aus jenen Millionen Menscnen wird, die
sich zar Zeit neutral -verhalten und zu einer Entscheidung da-aber
zu gelangen suchen, ob sie si,ch den kommunistischen Landern oder*
der freien Welt anschließen sollen.
Was wir als Pogierurg ihnen sagen, ist außerordentlich wichtig}
was wir aber als Vclk darstellen, ist vielleicht sogar noch wichtiger.
Unsere Regierung kann ihren sa^en, daß wir für das, was sie arstrehe ,
voll und ganz eintreten: Unabhängigkeit, Freiheit, Wirtschaft lieber
Fortschritt und Anerkennung ihrer Menschenwürde. Aber so beredt Wit
auch sprechen mögen, unsere Sache wird auf sehr viel sichereren
Füßen stehen, wenn wir im e'genen Lande das verwirklichen, was wir
anderen Völkern predigen.
Daher ist es von so ungeheurer Bedeutung, daß wir einen erfolgreichen Kampf gegen die vereinzelt noch in einigen Gebieten unseres
eigenen Landes anzutreffende Armut führen.
Und aus dem gleichen Grunde ist es von größter Wichtigkeit, daß
wir auch weiterhin entscheidende Fortschritte in der Beseitigung der
letzten Überreste früherer Diskriminierung und Vorurteile, die sioh
noch in den Vereinigten Staaten finden und die die Feinde der Freie
heit in anderen Ländern so erfolgreich gegen uns auszuschlachten verstehen, erzielen. So wie wir die Gleichheit aller Völker der Erde
vor dem Recht auf unser Banner geschrieben haben, so müssen wir für
die Gleichheit aller Menschen in den Vereinigten Staaten vor dem
Gesetz eintreten, welcher Rasse sie auch angehören oder welcher Abstammung sie aucn sein mögen.
Amerika hat sich schon vor manche Bewährungsprobe geste.lt gesehen und sich ihr gewachsen gezeigt. Heute stehen wir der vielleicht
größten Aufgabe in unserer Geschichte gegenüber. Wenn wir an diese
Aufgabe mit dem gleichen Geist, dem gleichen Schwung und der gleichen Entschlossenheit herangehen wie einst an den Aufbau unserer,
gewaltigen Industrie- und Wirtsoaftsmacht, wie sie sich in dar •
von ihnen vertretenen großen Industrie offenbart, so werden wir
uns auch dieser Aufgabe gewachsen erweisen nd den Kampf um Frieden und Freiheit für die gesamte Menschheit gewinnen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSS UNTERBREITET VORSCHLAGE ZUR AUSWEITUNG
UND BESCHLEUNIGUNG DES ENTWICKLUNGSPROGRAMMS
FÜR LEISTUNGSREAKTOREN IN DEN USA

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergie-Kommission,Lewis L. Strauss, am
11. Dezember 1956 vor der Amerikanischen Gesellschaft
für Kernforschung und Kerntechnik in Washington gehalten
hat.

"Es ist mir ein Vergnügen, heute abend unter Ihnen weilen und
an dieser Zusammenkunft der ersten und einzigen Berufsvereinigung
amerikanischer Wissenschaftler und Ingenieure teilnehmen zu können,
die auf dem Gebiet der Kernenergie tätig sind.
Ich halte es für angemessen, Ihnen zunächst einen mir vorliegenden Brief Präsident Eisenhowers zur Kenntnis zu bringen; dieser
Brief hat folgenden Wortlaut;
'Ich bitte Sie, den offiziellen Vertretern und den Mitgliedern
der Amerikanischen Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik
mein aufrichtiges Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, daß es
mir nicht möglich ist, an dieser Zusammenkunft am Dienstag abend
in Washington teilzunehmen. Wohl keine zweite Gruppe von Menschen
in unserem Land trägt eine größere Verantwortung für unseren Fortschritt und die Wahrung unserer technisch führenden Position in
der friedlichen Weiterentwicklung dieser großen wissenschaftlichen
Entdeckung, die zu unseren Lebzeiten gemacht worden ist. Jn voller
Würdigung der überaus wichtigen Rolle, die den Mitgliedern der Gesellschaft zukommt, übermittle ich anläßlich dieser ersten Wintertagung der Gesellschaft meine herzlichsten Glückwünsche; möge der
Organisation weiterhin voller Erfolg für eine aktive und konstruktive Arbeit beschieden sein.
gez. Dwight D. Eisenhower.'

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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

In allernächster Zeit begehen Sie den zweiten Jahrestag der Gründung Ihrer Gesellschaft, und somit dürften Sie die jüngste unter den
wissenschaftlich-technischen Verein'gungen Amerikas überhaupt sein.
Man könnte vielleicht sagen, daß Ihre Gesellschaft gerade zu einem
Zeitpunkt ins Leben gerufen wurde, an dem das Zeitalter der Kernforschung den Kinderschuhen entwachsen &lt;var.. Genau sechzig Jahre sind vergangen, seit Becquerel durch Zufall das Phänomen der Radioaktivität
entdeckte, und fünfzig Jahre, seit Einstein seine berühmte Formel
über das Maß-Energie-Äquivalenzprinzip niederschrieb. Auch wenn es
uns heute so vorkommen mag, als wäre es erst gestern gewesen, sind
es doch schon fünfundzwanzig Jahre her, seit Chadwick das Neutron
entdeckte, und in der vergangenen Woche waren es vierzehn Jahre,
daß an einem Dezembernachmittag in Chicago Enrico Fermi das Zeichen
gab, die Regelstäbe aus dem ersten Atommeiler herauszuziehen und damit die gesteuerte Kettenreaktion in Gang zu setzen. Zum ersten Mal
hatte der Mensch erkannt, daß er in der Lage ist, einen Teil der im
Atomkern gebundenen Energie zu nutzen»
Aber abgesehen von den durch den Krieg bedingten fieberhaften
Bemühungen^ auf Grund dieser Entdeckungen eine Atombombe zu konstruieren, hatten die auf dem Gebiet der Kernforschung erzielten Fortschritte zum großen Teil nur akademischen Charakter. Erst in den
allerletzten Jahren ist diese Wissenschaft aus der Abgeschiedenheit
der Laboratorien in das Licht der Öffentlichkeit getreten.
Als die Amerikanische Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik vor zwei Jahren gegründet wurde, gab es immer noch Leute, die
bedenklich den Kopf schüttelten und die Meinung vertraten,'daß diese
Sache niemals zu einem praktischen Erfolge gebracht werden würde 1 ,
oder zumindest viele Jahre hindurch große Anstrengungen nötig sein
würden, um auf kommerzieller Basis Atomenergie praktisch nutzbar
zu machen •Ich erwähne diese noch gar nicht so lange zurückliegenden Kommentare nicht, um hier Vergangenes wieder hervorzuholen, sondern um
deutlich zu machen, einen wie weiten Weg wir in so kurzer Zeit in
unseren Bemühungen um die Nutzbarmachung der Atomenergie zurückgelegt
haben.
So haben nun also die Schwarzseher und Propheten der Verzweiflung in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren das Feld räumen müssen.
Die Menschheit nimmt die Versprechungen bezüglich der friedensmäßigen Nutzung der Atomenergie nicht nur einfach hin, sondern erwartet
mit einer gewissen Ungeduld ihre baldige und umfassende Verwirklichung., Und aus diesem Grund behaupte ich, daß Ihre Gesellschaft in
der seit ihrer Gründüng im Januar 1955 verflossenen Zeit Zeuge des
Heranreifens der Kernwissenschaft zu einem unabdingbaren Bestandteil
unserer Zeit und der Zukunft der Menschheit geworden ist.
Viele unter Ihnen, meine verehrten Zuhörer, haben selbst zu
diesem Prozeß der Reife maßgeblich beigetragen und arbeiten auch
heute noch im gleichen Sinne weiter, sei es nun durch die Weiterentwicklung der Technik in den Laboratorien, deren Mitarbeiterstab Sie
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�"AMERIKA DIENST"

19» Dezemiber 1956

Sie angehören,
, oder sei es durch die experimentellen und kommerziellen Projekte Ihrer Firmen.
Ein großer Teil der Projekte, an denen Sie arbeiten, hat selbstverständlich die Erzeugung von elektrischem Strom aus Kernbrennstoffen
für kommerzielle Zwecke zum Ziel; und gerade 'hierüber möchte ich
heute abend zu Ihnen sprechen.
Unsere bisherigen Erfolge in der Nutzung der Atomenergie sind
bemerkenswert. Sie haben viele erst drei oder vier Jahre zurückliegende
Vorhersagen von Fachleuten längst übertroffen, und ich vertraue darauf,
daß sich im Rahmen der weiteren Zusammenarbeit zwischen Regierung und
Industrie sowohl das Ausmaß als auch das Tempo des Fortschritts in
den vor uns liegenden Monaten und Jahren noch steigern wird.
Es ist bedauerlich, daß das Verständnis der Öffentlichkeit für
die Erfolge, die wir bereits in der Nutzung der Atomenergie erzielt
haben, zum Teil durch Meinungsverschiedenheiten überschattet wurde,
die über der Frage entstanden, welche Rolle die Regierung und welche
Rolle die private Wirtschaft bei den Bemühungen spielen .solle , um Verfahren zur Nutzung der Atomkraft für die Energiegewinnung beschleunigt
zu entwickeln.
Um sich ein Urteil in dieser Frage bilden zu können, muß man bedenken, daß die Entwicklung der Kernenergie bis zum 30« August 1954
in allen ihren Phasen striktes Regierungsmonopol war. Privatfirmen
und öffentlichen Versorgungsbetrieben war es durch Gesetz verboten,
Leistungsreaktoren in eigener Regie zu bauen oder zu betreiben. Das
neue Atomenergiegesetz vom Jahre 1954 brachte hier eine grundlegende
Wandlung. Durch dieses Gesetz wurde die Zwangsjacke des Regierungsmonopols beseitigt und weiten Kreisen des Volkes Gelegenheit zur Mitarbeit an der Erschließung der Kernenergie gegeben; damit wurde auch
auf diesem Gebiet das Tor zu einer Entwicklung aufgestoßen, wie sie
der Tradition der amerikanischen Wirtschaft und des technischen Fortsähritts angemessen ist.
In seinen Einleitungsbestiramungen verkündete das neue Gesetz seinem Geist und seinem Zweck entsprechend - folgendes (und ich zitiere hier aus dem Gesetz):
'Entwicklung, Nutzung und Kontrolle der Atomenergie sollen so
gelenkt werden, daß diese dem Weltfrieden und dem allgemeinen Wohl
diene, zur Steigerung des Lebensstandards beitrage und den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke1.
Den Satz 'den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke'
möchte ich besonders hervorheben, weil das Programm der AtomenergieKommission zur Entwicklung von Leistungsreaktoren sich auch an dieses
Ziel gebunden hielt, das der Kongreß meiner Ansicht nach in kluger
Erkenntnis der Dinge in dem Gesetz von 1954 verankerte. Wir sind infolgedessen eine Art Partnerschaft mit der Industrie eingegangen. Der

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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Der Industrie wurde Gelegenheit gegeben, ihre auf Kostenersparnis
ausgerichtete Initiative und ihren Wettbewerbsgeist für die Lösung
der mit der Erzeugung von Atomstrom verbundenen Probleme einzusetzen das heißt für die^Erschließung einer Energiequelle, die mit den herkömmlichen Energiequellen zur Stromerzeugung auch wirklich konkurrieren
kann - und ihr Geld in derartigen Unternehmen zu investieren.
Solange noch das Regierungsmonopol gültig und nicht durch das Gesetz
von 1954 durchbrochen war, konnte die Entwicklung von Atomkraftanlagen
für kommerzielle Zwecke in unserem Lande nur geringe Fortschritte erzielen. Es war ja nicht nur die Industrie aus diesem Geschäft geschlossen,
sondern auch die Regierung selbst hatte ein sehr vorsichtiges Programm
für die Erforschung der Möglichkeiten zur Schaffung einer Kernenergiewirtschaft aufgestellt. Unser einziges größeres Versuchsunternehmen auf
diesem Gebiet war kurz nach dem Krieg im Knolls-Laboratorium der Kommission
in Schenectady angelaufen, aber 1950 wieder eingestellt worden. Zwei
sehr viel kleinere Versuchsobjekte mit Leistungsreaktoren waren von der
Kommission in den Kernforschungsinstituten Argonne und Oak Ridge in Angriff genommen worden. Ehe wir uns aber diesen recht begrenzten Versuchen
gegenüber kritisch äußern, sollten wir uns doch daran erinnern, daß damals eine ganze Anzahl von Atomwissenschaftlern jeden Vorschlag zu einem
Entwicklungsprogramm für wirtschaftlich rentable Kraftreaktoren sehr
skeptisch betrachteten.
Diese Einstellung der Wissenschaftler änderte sich auch im Laufe des
Jahres 1952 nicht, wie aus dem Bericht zu ersehen ist, den der gemeinsame
Atomenergieausschuß des Senats und des Repräsentantenhauses im Dezember
des genannten Jahres herausgab und in dem bezüglich der Einstellung des
Projekts in den Knolls-Laboratorien folgender Passus enthalten ist:
'Seit dem Frühjahr 1950 gibt es kein großes Projekt zur Entwicklung
eines Reaktors, der unmittelbar der Erzeugung von elektrischer
Energie für industrielle Zwecke dient.'
Im Jahr 1953 setzte jedoch eine rege Tätigkeit auf diesem Gebiet
ein, und Anfang 1954 ließ die Kommission ihr FünfJahresprogramm zur
Entwicklung von Leistungsreaktoren anlaufen. Dieses Programm, das vor
Erlaß des neuen Gesetzes in Angriff genommen wurde, war in bezug auf
seinen Umfang zwangsläufig durch das alte Gesetz beschränkt, denn das
Regierungsmonopol war noch unangetastet. Dieses Programm stützte sich
in erster Linie auf staatliche Initiative und auf staatliche Gelder,
und der Industrie war jeder Weg zu einer nennenswerten Beteiligung
versperrt.
Das

�"AMERIKA DIENST

19. Dezember 1956

Das erste Atomkraftwerk, das im Rahmen dieses Programms fertiggestellt und an das Stromnetz angeschlossen wird, ist das Werk in
Shippingport ( Pennsylvanien). Diese Anlage, die in Zusammenarbeit von
Regierung, der Duquesne Light Company und der Westinghouse Company
gebaut wird, nähert sich ihrer Vollendung und wird im neuen Jahr in
Betrieb genommen; sie soll zunächst 65 000 Kilowatt, später 100 000
Kilowatt Strom für den Haushalts- und Industriebedarf im Gebiet um
Pittsburgh liefern. Ungeachtet anderslautender Berichte wird es das
erste Atom-Großkraftwerk der Welt sein, das ausschließlich zivilen
Bedürfnissen dient, denn das dort anfallende Plutonium ist ein reines
Nebenprodukt. Es handelt sich hier um ein Kraftwerk.
Der nächste Schritt nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes im
Sommer 1954 bestand darin, der Industrie - das heißt den privaten Ver"sorgungsbetrieben, den Kraftwerken in öffentlichem und genossenschaftliche» Besitz sowie den Herstellerbetrieben - den Weg frei zu machen,
um eigene Kraftwerke zu bauen und zu betreiben, die natürlich den
allgemeinen Sicherheitsbestimmungen und so weiter unterworfen sein
müssen, aber im übrigen frei von den Beschränkungen sind, wie sie
Unternehmen in staatlicher Regie nun einmal anhaften.
Dieser Prozeß wurde beschleunigt durch ein Entwicklungs- und
Versuchsprogramm für Leistungsreaktoren. Private wie öffentliche Unternehmen wurden aufgefordert, Vorschläge für den Bau von Leistungsreaktoren verschiedenster Typen und Größen einzureichen und die Regierung
zu ersuchen, in bestimmten Fällen sich an den Kosten für Forschungsund Entwicklungsarbeiten zu beteiligen, die eine - für alle Interessierten zugängliche - Reaktortechnik fördern.
Die erste Aufforderung an die Industrie im Rahmen des Leistungsreaktors-Entwicklungsprogramms erging im Januar 1955» und acht Monate
später folgte die nächste Ausschreibung, die sogenannte "zweite Vorschlagsaktion" - durch letztere sollte das Interesse an Kraftwerken
mit einer elektrischen Leistung zwischen 5000 und 40 000 Kilowatt
geweckt werden. Im ganzen gingen zehn Vorschläge für Atomkraftwerke
mit einer Gesamtkapazität von 400 000 Kilowatt ein.
Die Erfolge, die im Rahmen dieses Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in knapp zwei Jahren erzielt wurden, lassen indessen nur zu
einem Bruchteil erkennen, welche verheißungsvollen Aussichten wir in
den Vereinigten Staaten in den nächsten fünf bis sechs Jahren auf diesem Gebiet haben. Denn hinzu kommen noch mindestens sieben andere
Atomkraftwerke, die amerikanische Unternehmen vollkommen aus eigenen
Mitteln, ohne unmittelbare finanzielle Hilfe seitens der Regierung,
erstellen wollen. Diese Industriefirmen sind so von dem zwangsläufigen
Siegeszug der Atomkraft überzeugt, daß sie bereit sind, Summen in Höhe
von 250 bis 300 Millionen Dollar in diesen sieben Atomkraftwerken zu
investieren, die eine Gesamtkapazität von 900 000 bis eine Million
Kilowatt besitzen sollen.

Alles

�'AMERIKA DIENST

19. Dezember 1956

Alles in allem, das heißt einschließlich des Entwicklungsprogramms
für Leistungsreaktoren mit seinen Partnerschafts- und Kostenaufteilungsplänen, den eigenen Projekten der Industrie und der Reaktoren, die
im Rahmen des Versuchsprogramms der Regierung gebaut werden sollen wozu auch das Werk in Shippingport zählt -, existieren Pläne in den
verschiedensten Entwicklungsstadien für den Bau von wenigstens 18 Atomkraftwerken für zivile Zwecke in Amerika, die bis 1962 in Betrieb genommen werden sollen. Diese 18 '.Verke stellen ein Investitionskapital
von reichlich 650 Millionen Dollar'dar, die zu einem großen Teil von
der Privatwirtschaft selbst aufgebracht werden sollen.
Seit Anlaufen dieses Programms zum Bau von Kraftwerksreaktoren
in Übereinstimmung mit dem Gesetz von 1954 war die Kommission bestrebt,
die Entwicklung zu beschleunigen, indem sie sich um die Freigabe der
wichtigen technischen Informationen für den Bau von Atomkraftreaktoren
bemühte - mit Ausnahme solcher Fälle, wo die Freigabe die militärische
Sicherheit der USA gefährden könnte. Immer mehr derartiges Material
wird laufend freigegeben und veröffentlicht.
Dieser Prozeß einer ordnungsgemäßen und vorsichtigen Freigabe
wichtigen Informationsmaterials ist seit 2 1/2 Jahren im Gange, und
wir hoffen, bald einen weiteren wichtigen Schritt in dieser Richtung
tun zu können. Auf Grund der jüngsten Besprechungen zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Kanadas über
neue Richtlinien für die drei Mächte bezüglich der Freigabe von Geheimmaterial ist damit zu rechnen, daß zusätzlich umfassende technische Datön, die sich auf die Konstruktion, den Bau und den Betrieb von
industriellen Kraftwerksreaktoren beziehen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und damit nicht mehr unter die Geheimhaltungsvorschriften fallen.
Abgesehen von dieser Freigabe technischer Informationen haben wir
in den letzten Jahren der amerikanischen Industrie und unseren Freunden
im Ausland die Zusicherung gegeben, daß sie ausreichende Lieferungen
von Kernbrennstoff für den Betrieb solcher Reaktoren erhalten werden,
und wir haben ihnen das für die Errechnung der Kosten erforderliche
Unterlagenmaterial zur Verfügung gestellt.
Im Februar dieses Jahres hat Präsident Eisenhower unsere Empfehlung, 40 000 Kilogramm Uran-235 zur friedensmäßigen Nutzung zur Verfügung zu stellen, begrüßt. Von dieser Menge wird die Hälfte den uns
befreundeten Nationen und der neugegründeten Internationalen Atombehörde zur Verfügung gestellt werden, sobald diese Behörde ihre Tätigkeit aufgenommen und der US-Senat bis dahin die Statuten dieser Behörde
akzeptiert hat.. Die gleiche Menge Uran-235 ist zur Verwendung in den
Vereinigten Staaten selbst vorgesehen, in erster Linie natürlich für
Atomkraftwerke. Die Kommission wird in Zukunft dem Präsidenten von
Zeit zu Zeit Vorschläge auf zusätzliche Zuteilung von Kernbrennstoff
zur Förderung der Atomkraftwerksprogramme in den USA und im Ausland
unterbreiten. Wir hoffen, mit diesen Zuteilungen die ausreichende
Versorgung mit Kernbrennstoff für eine Zeitdauer gewährleisten zu
gönnen, die für die Amortisierung der Investitionen in Atomkraftwerken unerlässlich ist.
-r

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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Im vergangenen Monat hat die Kommission bekanntgegeben, welche
Preise die US-Regierung für Atombrennstoff berechnen und was sie für
Plutonium zahlen würde, das als Nebenprodukt in den von den USA mit
Kernbrennstoff versorgten Atomkraftwerken des Auslands anfällt.
In diesem Zusammenhang darf ich hinzufügen, daß die Kommission
ihr Forschungsprogramm zur Entwicklung von Verfahren, die' die Verwendung von Plutonium als Brennstoff für Kraftreaktoren ermöglichen
soll*n, intensiv weiter verfolgt. Es ist Ihnen wohl allen bekannt, daß
das gesamte bei uns zur Zeit gewonnene Plutonium - mit ausnähme der für
Forschungszwecke er*orderlichen Mengen - im Hahmen unseres Rüstungsprogramms verbraucht wird. Wie fest wir mit einer erfolgreichen Durchführung dieses Forschungsprogramms rechnen, bezeugt schon die von uns gegebene Versicherung, daß in Zukunft das gesamte Plutonium, das im Rahmen
unserer Abkommen mit befreundeten Katio en über eine friedliche Nutzung
der Atomenergie aufgekauft wir , vsschließlich zu friedlichen Zwecken
Verwendung findet»
Die AEC-Maßnahmen der letzten drei Jahre, also seit Aufnahme eines
klar umrissenen Programms zum Aufbau einer Atomenergiewirtschaft, haben,
was die Aussichten auf eine reichliche und rentable Erzeugung von Atomstrom betrifft, eine erfolgreiche Entwicklung gebracht.
Aber da wir nun einmal V^n den außerordentlichen, segensreichen
Möglichkeiten zur Gewinnung vom Atomstrom überzeugt sind, können wir
uns mit den erreichten Fortschritten, so wesentlich diese auch sein
mögen, nicht zufrieden geben.
Unser Ziel ist es nicht, "illkürlich eine Anzahl von Atomkraftwerken
zu bauen oder eine bestimmte Leistung an Kilowattstunden zu erreichen.
Unser Ziel, das uns gleichzeitig klüger und konstruktiver erscheint, ist
es vielmehr, die Konstruktionstec mik für Leistungsreaktoren der verschiedensten Typen und Größen so weit zu vervollkommnen, daß sie mit
den bisherigen Verfahren der Stromerzeugung konkurrieren können.
Um aber die hierzu erforderlichen technischen und wirtschaftlichen
Kenntnisse zu sammeln, brauchen w'r in Amerika ein umfangreiches Programm für den Bau von Kraftwerksreaktoren. Das heißt, wir müssen
Atomkraftwerke bauen, um die im Laboratorium gesammelten Erfahrungen
und Erkenntnisse in der Praxis zu rufen und auszuwerten. Es bleibt
uns kein anderer Weg.
Aus unserem Entwicklungsprogramm für Leistungsreaktoren, das wir
seit zwei Jahren durchführen, haben wir vertvolle Erkenntnisse und
Richtlinien für die Zukunft gewönne . Unter anderem haben wir durch
dieses Programm erfahren, daß wir unser Partnerschaftsprogramm zwischen
Regierung und Privatwirtschaft sowohl elastischer gestalten als auch
weiter ausbauen müssen.
Ich bin daher der Meinung, da3 es im Interesse weiterer und größerer
Fortschritte auf dem Wege zu einer Lösung des Problems der Erzeugung von
Atomstrom gut wäre, wenn wir eine Reihe von Verbesserungen durch die
Abänderung unseres Atomstrom-EntwicKlungs-Programms in Betracht zögen,
insbesondere was die "Grundregeln' unseres Entwicklungsprogramms für
Leistungsreaktoren angeht.
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�"AMERIKA DIENST"

19^ Dezember 1956

Ich kann hier und in diesem Augenblick von derartigen Änderungen
nicht im Namen der Kommission sprechen; ich muß sie daher nur in meiner
Eigenschaft als Mitglied dieser Kommission erörtern. Ich empfehle den
Mitgliedern der Kommission jedoch ein neues Achtpunkte-Programm: denn
nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß ein
derartiges Programm die Entwicklung künftiger Kernreaktoren zur Erzeugung von Kraftstrom beschleunigen dürfte»
Ich hoffe, daß noch in diesem Monat oder Anfang Januar die USAtomenergie-Kommission in der Lage sein wird, dieses erweiterte Programm
.in Erwägung zu ziehen und vielleicht sogar einmütig zu unterstützen, und
daß der Kongreßausschuß für Fragen der Atomenergie.fl der gleich uns von
den vielversprechenden Möglichkeiten der Kernkraft für die Energiegewinnung
überzeugt ist - auch seinerseits das Projekt befürwortet und unterstützt.
Das eigene Versuchsprogramm der amerikanischen Regierung, das im
Jahr 1954 aufgestellt worden war und zunächst fünf verschiedene Reaktortypen vorsah, wurde inzwischen um weitere vier Typen erweitert; ich
empfehle daher, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um den Bau von
mindestens zwei weiteren großen und drei kleinen Leistungsreaktoren
für den zivilen Gebrauch bis spätestens 30.Juni 196? zu gewährleisten.
Diese Anlagen würden sich hinsichtlich Typ und Konstruktion völlig von
den für eine kommerzielle Verwendung bestimmten Leistungsreaktoren unterscheiden, die gegenwärtig geplant oder im Bau sind. Sie könnten vielleicht
Prototypen von Reaktoren sein, deren Entwicklung Teil des Versuchsprogramms
der US-Regierung ist»
Dieses umfassende Ziel würde im Rahmen des von mir vorgeschlagenen
Achtpunkte-Programms erreicht, das folgende Maßnahmen in sich schließt»
Erstens« Ich schlage vor, daß die Atomenergie-Kommission so rasch
wie möglich in einer dritten Aktion zur Einreichung von Vorschlägen im
Rahmen des Programms zur Entwicklung von Leistungsreaktoren auffordert,
allerdings mit folgender bedeutsamen Abweichung von dem bisherigen Verfahren« Jeder unterbreitete Vorschlag wird einzeln und sofort nach Eingang bei der Kommission behandelt. Darüber hinaus würde, im Gegensatz zur
jetzigen Gepflogenheit, ein besonderer Termin als Einsendeschluß für
derartige Vorschläge fortfallen. Es wäre damit ein fortlaufendes und
ständig überprüftes Programm geschaffen, das schnellste Durchführungo
sowie die bestmöglichen Chancen für eine Revision oder Ausweitung, wie
es die Umstände gerade erfordern, garantiert. Aber nur solche Vorschläge
werden in Erwägung gezogen, die die Fertigstellung der betreffenden Anlage vor dem 30.Juni 19&amp;2 versprechen.
Zweitens« Weder für die Größe noch den Typ der Atomkraftwerke, für
die Konstruktionspläne eingereicht werden, sind irgendwelche Begrenzungen
vorgesehen. Entscheidend ist nur, ob sie dazu geeignet sind, billig,
reichlich und gefahrlos Atomstrom zu liefern. Die neu eingereichten Vorschläge würden, ebenso wie im Fall der ersten und zweiten Ausschreibung, .
ohne irgendwelche Diskriminierung der Einsender angenommen und in Erwägung
gezogen werden, gleichgültig ob sie von Einzelfifmen oder Firmengruppen
als den Vertretern privater Versorgungsbetriebe, von genossenschaftlich
oder öffentlich verwalteten Versorgungsbetrieben oder von Firmen kommen,
die die erforderlichen Ausrüstungen liefern.
Drittens t
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

1 9 . Dezember 1956

Drittens» Bei der Prüfung der eingereichten Vorschläge wurde
die Kommission dr«i spezielle Reaktortypen bevorzugt gemäß dieser
Reihenfolge erörtern: an erster Stelle eine mit natürlichem Uran
und Schwerem Wasser als Moderator arbeitende Groß-Reaktoranlage
deren elektrische Leistung mindestens 100 000 Kilowatt beträgt;
an zweiter Stelle ein Groß-Reaktorsystem mit flüssigem Reaktorbrennstoff, der auf wässerigen Lösungen und (bzw. oder) Aufschwimmungen
von uran- und (bzw. oder) thoriumhaltigen Stoffen basiert und ebenfalls eine Mindestleistung von 100 000 Kilowatt besitzt; und an
dritter Stelle drei neuartige kleine Reaktorprojekte verschiedener
Konstruktion.
Viertens: Unter diesen Punkt fällt das Angebot der Atomenergie
Kommission, hinsichtlich des Baues dieser Leistungsreaktoren der Industrie den Vorrang einzuräumen. Sollten jedoch in bezug auf alle
genannten Typen nicht innerhalb eines annehmbaren Zeitraums brauchbare Vorschläge eingereicht werden, so würde die Kommission von sich
aus prompte und positive Schritte zum Bau solcher Reaktoren unternehmen.
Für alle auf staatliche Initiative errichteten Anlagen gilt eben alls
der 30.Juni 1962 als Endtermin.
Fünftens: Wir müssen und können jetzt rascher voranschreiten nicht nur was den tatsächlichen Bau von Versuchs- und Modell-Atomkraftwerken im natürlichen Maßstab, sondern auch was die Ausweitung unserer
wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse durch eine umfassend-re Forschung und Entwicklung anbetrifft. Ich schlage deshalb vor, daß die
AEC die vorha. denen Möglichkeiten für eine von der Regierung in dieser
Hinsicht gewährte Unterstützung wesentlich erweitert, indem sie, deutlich
unterschieden von den tatsächlichen Baukosten, einen größeren Anteil an
den Kosten der Forschung und Entwicklung übernimmt. Diese Ausweitung
der staatlichen Hilfe - zu der noch die eigenen Versuchsprojekte fler AEC
hinzukommen - würde sich nicht nur auf Vorschläge erstrecken, die bei
der dritten Ausschreibung im Rahmen des Demonstrationsprogramms von
Leistungsreaktoren akzeptiert werden, sondern auch auf Projekte, die
nach der ersten und zweiten Ausschreibung bereits in Angriff genommen
wurden. Ich bin überzeugt, daß eine solche Unterstützung von Forschung
und Entwicklung seitens der Regierung der gesamten Kernindustrie einen
gewaltigen Auftrieb geben wird. Sie würde nicht nur die Konstruktionstechnik von Reaktoren selbst fördern, sondern auch eine Verbesserung der
Baustoffe, die Entwicklung billigerer und ergiebigerer Brennstoffelemente, die Weiterentwicklung der Reaktorphysik, der Methoden der Wärmeübertragung, der Strömungslehre, der chemischen Verfahren und der Verfahren der Abfallbeseitigung, der Sicherungseinrichtungen am Reaktor
und vieler anderer Dinge, bewirken, die für die billige, reichliche
und ungefährliche Erzeugung von Atomstrom eine wichtige Rolle spielen.
Sechstens
werde ich mich im Rahmen meines Vorschlags dafür e nsetzen, weitere Unterstützung in der Form zu gewähren, daß die von der
Kommission bei der Verpachtung von Brennstoffelementen zum kommerziellen
Betrieb von Reaktoren erhobenen Benutzungsgebühren reduziert oder schrittweise überhaupt aufgehoben werden, und daß ferner die Kommission im Zusammenhang mit der Schwerwasser-Beschickung eines mit natürlichem Uran
arbeitenden Reaktors, dem Schweres Wasser als Moderator dient, auf die
Dauer von fünf Jahren überhaupt keine Gebühren erhebt.
q-ip-htens«

�"AMERIKA DIENST" •

19. Dezember 1956

Siebtens: Ich schlage der Kommission vor, sehr bald Schritte
zur Festsetzung der Gebühren zu unternehmen, zu denen sie nach bindenden Vereinbarungen die chemische Aufbereitung von KernbrennstoffElementen in staatseigenen Anlagen übernehmen will.
Achter und letzter Punkts Die neue und viel elastischere Partnerschaft der Atomenergie-Kommission mit der Industrie - die sich zwar in
erster Linie auf die Errichtung von Atomkraftwerken erstrecken soll müßte auch breit genug angelegt sein, um Reaktorprojekte für andere
komaerzielle Verwendungszwecke, beispielsweise für Heizanlagen, chemische Herstellung oder Behandlung von Kunststoffen oder irgendwelche
anderen Vorhaben aus der ständig wachsenden Zahl der Anwendungsmöglichkeiten von Reaktorwärme zu ermöglichen, die gegenwärtig noch von Wissenschaftlern und Ingenieuren geprüft werden.
Ich bin der Meinung, daß ein derart erweitertes Programm für die
Reaktorentwicklung, wie ich es eben hier dargelegt habe, für den Fall,
daß es angenommen wird, von Jahr zu Jahr von der Kommission neu überprüft und, wenn erforderlich, modifiziert werden sollte, um stetige
rasche Fortschritte zu garantieren. Diese Überprüfung würde jeweils im
Herbst stattfinden, so daß das entsprechende Programm in den Haushaltsplan aufgenommen werden kann, der in seiner endgültigen Form gewöhnlich
im November oder Dezember ausgearbeitet wird, um im Januar dem Kongreß
unterbreitet zu werden.
Mit diesen Vorschlägen habe ich nur die Möglichkeiten zu einer Ausweitung und Beschleunigung des Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in den Vereinigten Staaten umrissen, und ich habe dabei die wesentliche Hilfe, die wir anderen Ländern beim Aufbau eigener AtomenergieProgramme leisten, nur kurz gestreift.
Ich möchte jedoch gerne noch hinzufügen, daß diese Vorschläge - so
wie ich mir ihre Verwirklichung denke - weitgehend auf unser Hilfsprogramm für befreundete Kationen wie auch das gesamte Programm zur Erzeugung
von Atomstrom hier in den Vereinigten Staaten anwendbar wären. Wir
würden damit den Fortschritt in der weiteren Erschließung der Atomkraft
unter allen friedliebenden Völkern fördern. Amerikanische Konstrukteure
und Herstellerfirmen von Industrie-Reaktoren und deren Zubehör bekämen
dadurch bessere Chancen, mit dem Ausland, insbesondere mit jenen Ländern
ins Geschäft zu kommen, die mehr auf die Erzeugung von Atomstrom angewiesen sind als - gegenwärtig - die Vereinigten Staaten.
Ich habe hier nicht viel mehr tun können, als diesen Programmvorschlag zur Ausweitung und Beschleunigung der Entwicklung von Atomkraftwerken zu umreißen; viele Details müssen noch in diesen Rahmen hineingearbeitet werden. Aber ich bin überzeugt, daß er vieles enthält, was
ihn einer ernsthaften Erwägung und der Unterstützung seitens der Atomenergie-Kommission, der Industrie und auch von Ihrer Seite wert macht, die
Sie als Kernwissenschaftler und Ingenieure die Fachleute auf diesem Gebiet sind und die verschiedenen, von mir hier erwähnten interessierten
Kreise fachmännisch beraten.
Ein für den Aufbau einer gesunden und entwicklungsfähigen Atomindustrie unerläßliches Erfordernis habe ich nicht in mein Achtpunkte- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Achtpunkte-Programm einbezogen, obgleich ich es im Augenblick für
dringlicher halte als jede andere Maßnahme.
Ich meine die Schwierigkeiten, die infolge des Fehlens angemessener Versicherungsbestimmungen über die Haftpflicht der Initiative
der Privatindustrie, Atomkraftwerke zu bauen, im Wege stehen. Eine
diesbezügliche Gesetzesvorlage war zwar vom Kongreßausschuß für
Fragen der Atomenergie während der letzten Sitzungsperiode des
Kongresses gebilligt worden, wurde jedoch nicht zur Entscheidung
in den Kongreß selbst eingebracht.
Es ist dringend notwendig, daß der neue Kongreß sich umgehend
mit dieser Angelegenheit befaßt, um das größte Hindernis für die
beschleunigte Durchführung eines Leistungsreaktor-Programms in den
Vereinigten Staaten zu beseitigen."

* * * * *

- 11 -

�EMBASSY OF THE UNITED STATES
Office of Economic Affairs
Bonn-Bad Godesberg
November 1956

ÜBERSICHT ÜBER DEN OST-WEST-HANDEL II. HALBJAHR 1955

Achter HalbJahresbericht an den U.S.-Kongress über die Durchführung
des Gesetzes zur Überwachung der Gegenseitigen Verteidigungshilfe
(Mutual Defense Assistance Control Act) vom Jahre 1951-

�INHALTSVERZEICHNIS

KAPITEL
I.

II.

Seite
Gestaltung des Handels
Handelsvolumen
West-Europas Handel mit dem Roten Block
Ausfuhren-der COCOM-Staaten nach dem
Roten Block
Rot-Chinas Handel mit der freien Welt
Der Handel der Vereinigten Staaten mit den
europaeischen Laendern im Roten Block
Die Vereinigten Staaten und ihre Handelssperre
gcgenueber Rot-China

1
4

Handel Lateinamerika - Roter Block
Sonstige Handelsbeziehungen
Handelsabkommen

8
8

7

Die Zeit der Handelskontakte und de3 landwirtschaft- .'
liehen Delegationsaustauscnes
Die Genfer Besprechungen
Landwirtschaftliche Delegationen besuchen
die Vereinigten Staaten
Sowjetisch-amerikanischer nandel und
US Senatoren
Konferenz der UN Wirtschaftskommission fuer
Europa ueber Wirtschaftsfragen

III.

6

10
11
12
12

Industriemessen als Instrument der Aussenpolitik
des Roten Blocks
Haeufigkeit, Kosten, Schwerpunktgebiete
Ziele ,,,.,.,
Die Beteiligung des Roten Blocks
Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Das Eesseprogramm der Vereinigten Staaten

....;

13
16
17
17
19

�KAPITEL
IV.

Seite
Rote Y/irtschaft3-"Diplonatic" in den entwicklungsbeduerftigon Staaten.
Marx und seine Apostel

20

Grundlagen der Ilandelsoffensive

21

Ilintergruende der Ilandelsoff ensive
Handelsvertraege und Kredite

23

Propaganda gehoert dazu

24

Vorstoesse in den Ilahen Osten

25

Kanonen fuer Baumwolle

26

Bulganins und Chru3 cht sehe v/s Peise
nach Sued-Asien
Der Peis als Y/aPfe

i

27
28

Der Klingende Rubel
Pubelklaenge in Lateinanerika

30

Y.'ie wird der Herausforderung begegnet?

32

�KAPITEL I

G E S T A L T U N G

DES

H A N D E L S

Handelsvolumen
Der Warenaustausch zwischen der freien Welt und dem Roten Block*)
betrug im Jahre 1955 wertmaessig insgesamt 4,46 Milliarden Dollar, wie
nachstehende Zahlen und Darstellung I zeigen. Das sind gegenueber 1954
mit seinen 3,6 Milliarden Dollar 24$ mehr.
Gesamtwert des Handels der freien Welt mit dem Roten Block
in den Jahren 1954 und 1955
(in Millionen US Dollars)

1955 (vorlaeufig)
Ü5J

Roter Block
insgesamt

Europaeischer
Sow.jetblock"

RotChina

4-461,4
5-599,8

5.646,0
2.923,4

805,8
669,4

Waehrend die Ausfuhr nach dem Roten Block im Jahre 1954 1,76
Milliarden Dollar betrug, stieg sie im Jahre 1955 um 15$ auf schaetzungsweise 2,03 Milliarden Dollar (Darstellung II). Die Einfuhr aus dem Roten
Block im Jahre 1955 erhoehte sich mit circa 2,43 Milliarden Dollar um 32$
gegenueber 1,83 Milliarden Dollar im Jahre 1954- Die Ausfuhr der freien
Welt nach dem Roten Block stieg also nicht im gleichen Masse an wie die
Einfuhr von dort. Damit erfuhr die Lage gegenueber dem Jahre 1954 eine
Umkehrung.
•Die Ausweitung der Ausfuhr der freien Welt nach dem Roten Block
ergibt sich in erheblichem Masse aus erhoehten Exporten nach den euro'paeischen Satellitenstaaten, hauptsaechlich nach der Tschechoslowakei,
Ungarn und Polen. An den erhoehten Bezuegen der freien Welt aus dem Roten
Block sind fast alle Rotblockstaaten beteiligt, voran die Sowjet-Union,
gefolgt von Rot-China, der Tschechoslowakei und Polen.
Dem weiteren Anstieg des Handels der freien Welt mit dem Roten
Block entsprach das Anwachsen des Handels innerhalb der Gemeinschaft
der freien Voelker. Die beschleunigte Entwicklung der Handelstaetigkeit ist in erster Linie dem anhaltenden Aufschwung der Wirtschaft in
den Vereinigten Staaten und Westeuropa und der sich gleichfalls fortsetzenden allgemeinen Besserung der Wirtschaftslage in der ganzen '.Veit
zuzuschreiben. Dabei hat sich der Anteil des Roten Blockes an dem
Handelsvolumen der freien Veit im Jahre 1955 prozentmaessig nur um
einen Bruchteil'gegenueber 1954 erhoeht, und zwar von etwa 2,3$ auf
etwa 2,6$.

*) Zum Roten (Sowjetisch-Chinesischen)Block gehoeren die SowjetUnion, die europaeischen Satelliten, Rot-China (einschl. Innere
Mongolei, Mandschurei und Tibet), Nord-Korea, Aeussere Mongolei
und Nord-Vietnam.

- 1 -

�Darstellung I
GESAMTVOLUMEN DES HANDELS DER FREIEN WELT MIT DEM ROTEN BLOCK
|

1954 und 1955 (vorlaeufig)

(

($) - 1 Milliarde Dollar

Roter Block Insgesamt:
1955s(vorlaeufig) S 4,5 Milliarden
1954
8 3,6
Darstellung II
Ausfuhr der freien Welt nach dem Roten Block in den Jahren
1954 und 1955
(in Millionen U1J Dollars)
t
Roter Gesamt Europaeische Sowjet..
Block
Satelliten
Union

Rot-China

1955:
ErstesHalbjahr
Zweites Halbjahr

(vorläufig)

938,0
1.094.7

549,3
599,6

242,5
328,2

..SaShiL—.—1Ä142*2.. M ——2Z2IZ..

146,2
166.9

21hl.—.

1954:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

891,5
872.7
1.764,2

417,4
479.3
896,7

336,7
236.8
573,5

137,4
156.6
294,0

�Warenbezüge der freien Welt aus dem Roten Block in den Jahren 1954 und 1955;
(in Millionen Dollar)
Roter Gesamt
Block ;

Europäische
Satelliten;

Sowjetunion:

RotChina ;

255,5
588,5
643,8

240,4
252.5
492,7 2&gt;

1955:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr
(vorläufig)

1.095,2
1 .353,5
2.428,7 1^

1954»
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

806,3
1.029,3

433,7
519.0

193,3
507.2

175,4
200,0

1.855,6 1 ^

952,7

500,5

375,4

595,7
686.9
1.282,6

Dagegen erreichte der Handel Afghanistans, Ägyptens, Finnlands, Hongkongs
Islands, Irans, der Türkei und Jugoslawiens mit dem Roten Block mehr als 10$
des gesamten Außenhandelsvolumens dieser Länder.
Die Handelsziffern des Roten Blocks für 1955 waren gegenüber 1954 kaum
verändert. Es entfielen also wieder rund 80$ auf den Handel innerhalb des
Roten Blocks und 20$ auf den Handel mit der freien Welt. Rot-China als RotBlock-Staat für sich allein betrachtet, weist hinsichtlich seines Handels
etwa das gleiche Zahlenverhältnis auf. Die Entwicklung des Handels des Roten Blocks wurde in den Ausführungen über "Sowjetische Hindernisse für
eine Ausweitung des Welthandels" behandelt (siehe 7.Halbjahrsbericht,
Kapitel I und Kapitel III).
Am Ende der Dekade 1946 bis 1955 betrug das Gesamt-Handelsvolumen der
zentral-gelenkten kommunistischen Wirtschaftssysteme untereinander mehr als
das Zwei'einhalbfache des Standes vor dem Zweiten Weltkrieg. Dagegen erreichte ihr Handel mit der übrigen Welt noch nicht die Hälfte des Vorkriegsstandes. Das geht aus der "Übersicht über die Weltwirtschaft im
Jahre 1955" der Vereinten Nationen hervor. Die Ausweitung des Außenhandels der Sowjetunion im Jahre 1954 war besonders hervorstechend. Sie betrug mehr als das Vierfache des Vorkriegsstandes. Der starke Anstieg des
Handels der Rot-Blockstaaten untereinander ist ein Teilergebnis des immer
weiter fortschreitenden allgemeinen Integrationsprozesses innerhalb des
gesamten Roten Blockes. Bei diesem Zusammenwachsen spielte der Wille zur
Schaffung und Weiterentwicklung einer unabhängigen und praktisch autarken
Handelssphäre die entscheidende Rolle.

1) Äußere Mongolei und Nord-Korea sind zahlenmäßig, aber nicht geographisch zum kommunistischen Gesamtblock hinzugerechnet. Werte für 1954
und 1955» 7 bzw. 9,6 Millionen Dollar.
2) Die Warenbezüge der freien Welt aus Rot-China erscheinen etwas vermehrt
infolge doppelter Zählung von Wiederausfuhren aus Hongkong.
Quelle; U.S. Handelsministerium

- 3 -

�West-Europas Handel mit dein Roton 31ock.
Waehrend der gesanten ersten 10 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
war es vorwiegend das nichtkommunistische ".'.'Osteuropa mit dem die europaeischen Laender in Roten 31ock Handel trieben. Besonders auffallend
war die warenmaessige Gestaltung des ITachkriegshandels der osteuropaeischen Laender. Er "bestand naemlich in erhoehtem Export von Haschinen und Ausruestungsgegenstaenden. Demgegenueber und im Vergleich zur
Vorkriegsdekade sind die ITahrungsmittelexporte fast aller dieser Laender gesunken.
Der Handel der europaeischen Laender im Roten Block mit Westeuropa wurde im Jahre 1955 i n ungefaehrdem gleichen Tempo ausgeweitet,
wie 1954,1 In* Jahre 1955 aber bestand der eigentliche Anstieß.]
in höheren Ausfuhren Osteuropas nach Westeuropa. Diese Entwicklung
war der des Jahres 1954 direkt entgegengesetzt. Damals lieferte Westeuropa mehr nach Osteuropa. Ausser den traditionellen Waren, die die
europaeischen Laender im Roten Block nach Westeuropa lieferten - also
Weizen und andere Lebensmittel, Kohle, Erdoel und Holz - kamen in zunehmenden Lasse Industriegueter , u.a. Maschinen und Ausruestungen,
in einigen westeuropaeischen Laendern auf den Harkt. Auch Roheisen und
Baumwolle wurden in erheblichen Mengen an den Westen verkauft.
Die ausnehmend grossen Butter - und Fleischexporte Westeuropas
nach osteuropaeischen Laendern im Jahre 1954 wurden 1955 stark eingeschraenkt. Dagegen wurden die Getreidelieferungen fortgesetzt, und in
Bezug auf die Sowjetzone und Polen rechnete man sogar mit einer Portsetzung der Lieferungen trotz der guten Ernte des Jahres 1955« Die Gesamteinfuhren Osteuropas aus Westeuropa nahmen weiterhin in schnellem
Tempo zu und zwar z.T. infolge der erheblichen Zunahme der Haschinenund Ausruestungslieferungen. Weitere Bezuege groesseren Umfangs bestanden in Chemikalien, Rohwolle, Kupferdraht und Gummi.
Die Bundesrepublik Deutschland, Grcss-Britannien und Frankreich
verzeichneten fuer 1955 jeweils doe groesste Zunahme ihrer Umsaetze
im Handel mit dem Roten Block. Das Handelsvolumen der Bundesrepublik
Deutschland stieg um 154 Mio Dollar, das Grossbritanniens um 147 Mio
Dollar und das Prankreich» um.70 Mio Dollar.
Wertmaessig fuehrend waren im Aussenhandel der Bundesrepublik
Deutschland : Chemikalien - 44»2 Mio Dollar; Eisen- und Stahlerzeugnisse - 17»4 Mio Dollar; Schiffe(seegehende und Kuestenfahrzeuge)
-16,3 Mio Dollar; Kupferdraht - 12,7 Mi« Dollar und Maschinen (ausgenommen elektrische) - 10,7 Mio Dollar. In dem Wert dieser Waren, die
nicht auf der Verbotsliste standen, ist jedoch der Handel mit der
deutschen Sowjetzone nicht enthalten.
Ihrem Werte nach rangierten die von Grossbritannien im Handel mit
der. Roten Block hauptsaechlich exportierten Waren wie folgt: ungewickelter Draht und Kupferkabel - 28»8 Mio Dollar; reexportierter Rohgummi
(einschliesslich synthetischen und regenerierten Gummis) - 20,5 Mio
Dollar; Kammzuege - 20,1 Mio Dollar; Wiederausfuhren von Schaf- und
Lammwolle (roh) - 14 Mio Dollar und Textilmaschinen nebst Zubehoer 12,9 Mio Dollar (durchweg Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen).
Frankreichs Ilauptausfuhren dem Werte nach waren: Eisen- und Stahlhalbzeug sowie Stahlwaren - 30,4 Mio Dollar; Weichweizen 29,9 Mio Dollar;
Chemikalien 11,5 Mio Dollar; Weizenmehl 8,9 Mio Dollar; Rindfleisch 7,4 Mio Dollar; Auebenzucker(roh) - 5»3 Mio Dollar. Auch hier handelte
e s sich ausschliesslich um Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen.
- 4 -

�Auch Finnland und Oesterreich wiesen eine "bedeutende Steigerung ihres
Handels nit dem Roten Block, naemlich um 35 "bzw. 37 Mio Dollar auf. Die
Steigerung in Falle Jugoslawiens um das Fuenffache auf ueher 58 Millionen Dollar, ergab sich aus der ..'iederherstellung politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und Jugoslawien auf
der Grundlage der Belgrader Deklaration vom 2. Juni 1955. Dagegen sank
Daenenarks Handel r.it den ".loten Block um 27 Millionen Dollar "bezw. etwa

259*.
Ausfuhren der COCOH-Staatcn nach dorn Roten Block
Das Ceccr.thandclcvolur.en der 15 CCCOM-Jtaaten*) r.it dem Roten Block
stieg von 1,0 : illiarden Dollar im Jahre 1954 um etv.as ueber 406 Lallionen Dollar auf nahezu 2,3 Milliarden Dollar in Jchre 1955« Die Export«
der COCOM-Iaender nach den Roten Block waren nit ueber 9^5 Millionen
Dollar in Jahre 1955 um circa 150 Millionen Dollar hoehcr als im Vorjahre(835 Millionen Dollar).
Rot-Chinas Handel nit der dreien ".Veit
In Handel Rot-Chinas mit der freien Y/elt ist - j/cgenueber dem Jahre
1954 nit 669,4 Mio Dollar - in Jahre 1955 e i n Anwachsen des .'ecehaeftsvolunens auf 305»8 Mio Dollar zu verzeichnen. Die 16 lp der OEBO zusammengeschlossenen Lacnder waren daran mit 28&gt;J und Japan nit etwa 14,' "beteiligt.
Der Wort der Ex;-orte Mot-Chinas nach den nichtkonr.unistischen Laendern "belief sich im Jahre 1955 Mif etwa 493 Mio Dollar-::) und liegt damit un 117 Mio Dollar hoehcr, als in Jahre 1954« Die Ausfuhren nichtkonmunistischer Laender nach Rot«China erreichten 1955 etwa 313 Mio Dollar £
gegenueber 294 : io Dollar in Jahre 1954» 207 Mio Dollar im Jahre 1953 und
273 Mio Dollar im Jahre 1952.
In Vergleich zu 1954 wuchs der Y/ert direkter Export« aus Y/c3teuropa
nach Rot-China in Jahre 1955 un nahezu 257'' an. Jedoch wurde diese Steigerung
reichlich ausgeglichen durch geringere Exporte auc Hongkong. Da die Ausfuhren auc Hongkong groscenteils in Umschlag von Erzeugnissen au3 "..est curopa bestanden opicgeln diese Angaben in erster Linie ..or.dcrungcn in
der Versandart und weniger das Handelsvolumen wider. Mach steilem Anwachsen in der zweiten Jahreshaelfte 1954 hielt sich der Export Ja.ans
nach Rot-China in Jahre 1955 durchweg unveraendert auf gleicher Hooho.

*) Im COordinating COMnittee (Ostwesthandelsausschuss) in Paris, in den
sich eine Reihe von Staaten zusanmenfand, un in der -'rage der Ueber«
wachung der Exporte strategisch wichtiger Gueter zusammenzuarbeiten,
sind vertreten: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Daencr.ark,
Frankreich, Griechenland, Italien, Japan. Hanada, Luxemburg, iiö lliedcrlande, ".Torwegen, Portugal, die Tuerkei, Gross-Britannien und die
Vereinigten Staaten.
t*) Diese Zahl schliesst Ausfuhren nach Hongkong in Y/erte von 157 Mio
Dollar ein, die zun grossen Teil reexportiert wurden und ein zweites Mal als Bezuege aus Rot-China erfasst sind.

- 5-

�Industriegueter waren die i.auptausfuhrartikel Westeuropas,
Japans und Hongkongs nach Rot-China. Chemische Erzeugnisse, u.a.
Duengemittel, Farbstoffe, Medikamente und Chemikalien fuer die Industrie
waren die Hauptartikel der Lieferungen. Einen erheblichen Prozentsatz der Lieferungen bildeten auch Textilfasern und Gewebe, Metalle
und Manufakturwaren.
Die Warenbezuege Rot-Chinas aus Asien(ausschliesslich Japans
und Hongkongs) Ozeanien und dem Nahem Osten bestanden dagegen grossenteils in Agrarerzeugnissen. Aus Pakistan und Aegypten kam ueberwiegend Rohbaumwolle, aus Ceylon in der Hauptsache Rohgummi, irmp
lieferte vor allem Reis (siehe S. * ) , Indonesien und die Malaiischen Inseln Kopra und Kokosnussoel, Australien '.Volle und Kammzuege
und Indien Jutesaecke und Rohbaumwolle.
Rot-China lieferte an nichtkommunistische Laender in der Reihenfolge
des Anteils der Waren am Gesamtvolumen: Kahrungsmittel(u.a. Reis und
andere Naehrmittelr Rohstoffe, rflanzenoele fuer Speisezwecke, Eier,
Obst, Gemuese, Huelsenfruechte und Tee); Celsaaten und andere Agrarrohstoffe(Textilfasern, aetherische Oele, Felle und Rauchwaren, Tungoel sowie diverse Rohstoffe fuer Destillationszwecke and schliesslich
eine Anzahl Gueter verschiedener Art(insbesondere Erze, Mineralien
und Erzeugnisse der Leichtindustrie).
Der Handel der Vereinigten Staaten mit den Europaeischen
Laendern im Roten Block.
Der Wert der Ausfuhren der Vereinigten Staaten nach den europaeischen Laendern im Roten Block im Jahre 1955 ist mit 7&gt;3 Mio
Dollar zu veranschlagen. Das sind 18/« mehr als der Gesamtausfuhrwert
fuer 1954 niit seinen 6,1 Mio Dollar,
Allerdings sind in den Zahlen fuer 1954 und 1955 die im Rahmen
des Ueberschwemmungshilfsprogramms des Praesidenten der Vereinigten Staaten fuer das Donaubecken an Ungarn, die Tschechoslowakei
und die Sowjetzone Deutschlands gelieferten Mengen Getreide fuer
die menschliche Ernaehrung, Insektenvertilgungsmittel und Medikamente mit 4&gt;7 Mio Dollar enthalten. Die Exporte der Vereinigten
Staaten nach der Sowjet-Union und seinen europaeischen \asallen
im Jahre 1955, hatten, ausschliesslich der vorerwaehnten Gratislieferungen, einen Gesamtwert von 5&gt;7 Mio Dollar, also einen etwa
doppelt so hohen Wert wie im Jahre 1954(2,9 Mio Dollar). Diese
Exportmengen blieben erheblich hinter den Gesamtmengen der Jahre
1947 und 1948 zurueck. Damals betrug der Wert der Lieferungen der
Vereinigten Staaten nach den europaeischen Laendern im Roten Block
339,9 Mio bezw. 123,2 Mio Dollar.
Unter den von den Vereinigten Staaten an die Sowjet-Union
und seine europaeischen Vasallen in den letzten Jahren hauptsaechlich gelieferten Waren stehen Wollabfaelle im Jahre 1955mit
etwa $0 r/o der Gesamtausfuhr an erster Stelle. Es folgen Mais
(nicht fuer Saatzwecke) mit etwa 2QJB und danach Haeute und Felle
sowie Talg fuer industrielle Zwecke.
Die Warenbezuege der Vereinigten Staaten aus den europaeischen Laendern im Roten«Block erreichten 1955- gegenueber 1954fl»it42,4 Mio
Dollar - einen Gesamtwert von 55»5 Mio Dollar, das entspricht

- 6 -

�einer Zunahme von 31/'« In erster Linie wurden importiert: Delikatessschinken-Xonserven, Speck, Daerme zur Wurstbereitungim \7ertt
von 19»Q Mio Dollar} Pelze und I.ianufakturwaren in Werte von 8,4
I.Iio Dollar; Benzol im Y/erte von 6,5 Mio Dollar; Duengemittsl und
Duengemittelrohstoffe im YYsrte von 2,3 Mio Dollar; photographisch«
Artikel im Werte von 2 Mio Dollar; Glaswaren im Y/ert« von 1,7 Mio
Dollar und Borsten im Wert« von 1,3 Mio Dollar.
Am 3» Kovember 1955 verkuendete des Handelsministerium der Vereinigten Staaten, es beabsichtige die Herausgabe einer Liste mit einer Auswahl strategisch unwichtiger Y/aren,*), die rn die europaeischen Laender im Roten Block im Rahmen einer allgemein gueltigen
Ausfuhrgenehmigung geliefert werden koennen; d.h. also, ;s sollte keine fuer einen Einzelfall gueltige Genehmigung mehr benoetigt v/erden.
Diese Lockerung sollte dem von Praesident Bisehhower auf der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli 1955 als mit allen Mit«
teln erstrebenswert herausgestellten Siel dienen, "Bedingungen zu
schaffen, die geeignet sind,in allen Staaten das Inter«sso an einem
weltweiten Austausch ziviler Gueter zu foerdern."
Die Vereinigten Staaten und ihrei Handelssperre
gegenuebor Rot-China
V.:ie schon in frueheren Berichten eusgefuehrt, erliessen die Vereinigten Staaten sofort nach dem Einfall in Sued-Korea am 25. Juni
1 950 ein allgemeines Verbot fuer die Ausfuhr von 'Aaren nach ITordKorea. Die allgemeine Ausfuhrsperre gegenueber Rot-China und der
Mandschurei wurde am 3. Dezember 1950 verhaengt, als Rot-Ghina in dem
Krieg in Korea eintrat. Die Ausfuhrsperre wurde strikt durchgefuehrt
und besteht noch heute. Y/arenbezuege aus Rot-China und Hord-Korea sind
ebenfalls verboten, sofern sie nicht vom Amerikanischen Pinanzministerium genehmigt sind, und Genehmigungen zu Einfuhren aus diesen Gebieten werden nicht erteilt. Y.'arenlief erungen seitens der Vereinigten Staaten an Rot-China bezw. Hord-Korea heben seit der Ausfuhrsperre nicht stattgefunden, ausgeno men die Lieferung zweier fuer die
diplomatische Vertretung einer befreundeten Kation in Rot-China bestimmter Personenkraftwagen im Gesamtwerte von 6.000 Dollar sowie die
Lieferung von Zeitschriften und anderen Druckerzeugnissen, die auch
sonst allgemein verkaeuflich sind, im Y/erte von 2.530 Dollar. Im dritten Vierteljahr 1955 genehmigte das .Amerikanische "andelsninisterium
einen Antrag zur Ausfuhr ei .es Personenkraftwagens. im Y.erte von 1 .000
Dollar und von Autoersatzteilen im Werte von 60 Dollar, leides v;ar
fuer diplomatische Vertretungen befreundeter Laender bestimmt. Die
Lieferung von Seitschriften und sonstigen Druckschriften, fuer die
keine Geheimhaltungspflicht besteht, erfolgte im vierten Quartal 1955
im Pahmen eines allgemein gueltigen Genehmigungsverfahrens, wonach
wissenschaftliche Schriften und Schriften fuer Bildungs- und Erziehungsfragen unterschiedslos nach allen Laendern versandt werden koennen.
*) Die Liste mit ueber 700 auf etwa 57 Warengruppen verteilten Positionen v.urde am 26. .'.pril 1956 veroeffentlicht. Die sich daraus
ergebende Vereinfachung des Genehmigungsverfahrens bei Lieferungen
an die curopaeischen Yteaten im Roten Block wird erst im Keunten
Bericht ueber die Gestaltung des Ost-West Hendels im ersten Halbjahr 1956 behandelt werden.

- 7-

�Handel Lateinanerika - Roter Bleck
Der Handel Latein-Amerikas nit dem Roten Block erreichte im Jahre
1955 einen neuen Rekord mit einem auf 340 I.Iio Dollar geschaetzten Volumen, das damit die 254 Hio Dollar des Jahres 1954 um etwa 34/J uebersteigt.
Demgegenueber betraegt das Gesamtvolumen des Handels der Vereinigten
Staaten mit Lateinamerika mit etwa 7 Llilliarden Dollar ungefaehr das 20fache.
Argentinien und Brasilien waren auch im Jahre 1955 die Hauptpartner im Handel Lateinamerikas mit den Staaten im Roten Block. Das Volumen
des Handels zwischen dem Roten Block und Argentinien im Jahre 1955 &gt; cLer
zu einem erheblichen Guthabensaid© gegenueber der Sowjet-Union fuehrte,
erreichte einen Wert von 193 Klo Dollar. In Handel mit Brasilien wurden bei einer Steigerung um 42 I.Iio Dollar, d.h. um das Doppelte gegenueber 1954» 85 Mio Dollar erreicht..Uruguay, das im Handel mit dem Roten Block 1954 a-n dritter Stelle stand, wurde 1955 infolge erhoehter
Bozuege kubanischen Suckers seitens der Sowjet-Union von Kuba ueberfluegelt.
Die Exporte Lateinamerikas nach dem Roten Block wuchsen im Jahre
1955 um circa 20f$ auf schaetzungsweise 169 Mio gegenueber 142 Mio Dollar im Jahre 1954 an. Diese Ausweitung ergab sich hauptsaechlich durch
die erhoehten Ausfuhren aus Kuba und Brasilien. Der Versand von 500,000
t kubanischen Zuckers nach der Sowjet-Union in Werte von 37»4 Mio Dollar und die erhoehten Ausfuhren Brasiliens, insbesondere an.Kaffee,
wurden durch den Rueckgang der Exporte Uruguays nach dem Roten Block
um 13»3 Mio Dollar teilweise ausgeglichen. Dieser Rueckgang der Exporte Uruguays um etwa 50&gt;J war die Folge geringerer Warenbezuege durch
die Sowjet-Union.
Der Wert der V.'arenbezuege Lateinanerikas aus dem Roten Block stieg
1955 auf 171 Mio Dollar an. Gegenueber 1954 mit 112 I.Iio Dollar bedeutet das eine Zunahme um 53$« Die I.Iehrzahl der Staaten Lateinanerikas
erhoehten ihre Importe aus dem Roten Block. Besonders hervorzuheben
sind Argentiniens erv/eiterte Einkaeufe im Jahre 1955 im Werte von
120 Mio Dollar, verglichen mit 83 Mio Dollar im Jahre 1954» sowie die
Brasiliens mit 38 Mio Dollar im Vergleich zu T'9 Mio Dollar in Jahre
1954. Zun grossen Teil.erstreckten sich diese Einkaeufe auf Fabrikerzeugnisse und Rohstoffe fuer die Industrie .
Obgleich der Anteil der Laender des Roten Blocks an Gesantaussenhandel Lateinamerikas im Jahre 1955 genau wie 1954 nur 2^ betrug, gewann der Handel mit den Roten Block fuer einzelne Staaten dennoch
v/achsende Bedeutung. Im Falle Argentiniens betrug der Anteil des Roten Blocks am Gesantaussenhandel dieses Landes 1955 9$» im Falle Brasiliens 1,3$ und im Falle Kubas etwa 1$. Uruguays Handel nit dem Roten
Block dagegen sank von 5/' seines gesamten Aussenhandelsvolumens in Jahre
1954 auf ¥'0 im Jahre 1955.
Sonstige Handelsbeziehungen
Australiens Handel nit dem Roten Block blieb 1955 wertmaessig um
nahezu 18 I.Iio Dollar oder um 25$ hinter dem 1954 erreichten Volumen
zurueck. Dieser Rueckgang ergab sich aus einem Absinken der Ausfuhren
nach der Sowjet-Union infolge der Verschlechterung der 'politischen Beziehungen zwischen den beiden Laendern auf Grund der im April 1954 erfolgten aufsehenerregenden Enthuellung , dass die Sowjetische Botschaft
in Canberra ein Spionagenetz unterhielt.
Das Volumen des Handels zwischen dem Roten Block und Japan bzw. der Tuerkeistieg um 56 bzw. 60 I.Iio Dollar an. In Kapitel IV dieses Berichtes
vird der Handel des Roten Blocks nit den entwicklungsbeduerftigen Laendern besprochen.

�Handelsabkommen
Etwa 65^ des Handels des Roten Blocks mit der freien Welt im Jahre
1955 entfielen auf den Warenaustausch mit solchen Ländern, mit denen
der Rote Block zweiseitige Handelsabkommen getroffen hat. Im vergangenen
Jahr bestanden 174 gültige Handels- und Zahlungsabkommen zwischen dem
Roten Block und der freien Welt [
„ / Fünf weitere im Jahre
1955 abgeschlossene Abkommen sollten erst 1956 in Kraft treten. Mit 29
der somit insgesamt 179 Abkommen *) wurden früher bestehende freie Vereinbarungen über zu tätigende Kompensationsgeschäfte und andere geschäftliche Transaktionen durch formgerechte ersetzt. Nur sechs der
neuen Abkommen wurden mit westeuropäischen Ländern abgeschlossen, die
fast durchweg schon seit der ersten Nachkriegszeit Handelsabkommen mit
Staaten im Roten Block hatten. Die übrigen wurden mit entwicklungsbedürftigen Ländern getroffen, d.h. mit 13 im Nahen Osten, 8 in Südostasien und 2 in Lateinamerika.
Diesseits des Eisernen Vorhangs war Jugoslawien hinsichtlich des Abschlusses von Handelsabkommen sehr rührig. Es schloß nämlich deren acht
ab. Es stellte seine wirtschaftlichen Beziehungen zu allen europäischen Staaten im Roten Block völlig wieder her, die es infolge seines
Zerwürfnisses mit dem Kominform im Jahre 1948 abgebrochen hatte. Das
vorläufige 194 Mio.Dollar-Kreditabkommen, das es mit der Sowjetunion
am 1.9« 1955 abschloß, war die beachtlichste der von Belgrad erzielten Vereinbarungen. Im Rahmen dieses Abkommens erhielt Jugoslawien Kredite in Höhe von schätzungsweise 110 Mio.Dollar zum Bau von Düngemittelfabriken und verwandten Betrieben sowie für den Wiederaufbau dreier
kleiner Bergwerke und andere geplante Vorhaben; weitere 54 Mio.Dollar
für den Bezug von Kohle, Öl und Baumwolle aus der Sowjatunion und 30
Mio.Dollar in Gold oder gleichwertigen Devisen für die Jugoslawische
Staatsbank. Es heißt, daß alle diese Kredite eine Laufzeit von 10 Jahren bei einer Verzinsung von 2&lt;fo haben. Im November gewährte Polen Jugoslawien einen Kredit von 20 Mio.Dollar zum Ankauf von Bergwerksausrüstungen und Ausrüstungen zur Nahrungsmittelherstellung sowie von
Eisenbahnfahrzeugen.

*)Zu den Abkom-nen zählen alle von Regierung zu Regierung abgeschlossenen Handels- bzw. Zahlungsabkommen im Verkehr zwischen Ost
und West sowie halbamtliche Abkommen, auf Grund derer sich die Handelstätigkeit im Jahre 1955 noch eine Zeitlang vollzog. Die halbamtlichen Abkommen wurden in ihrer Mehrzahl von besonderen Handelskontoren
- die von Ländern der freien Welt, welche das kommunistische Regime
nicht anerkennen, eingerichtet sind - mit den Handelsbehörden der
Sowjetzone Deutschlands getroffen. In der Praxis unterscheiden sich
diese Abkommen nicht wesentlich von den Abkommen von Regierung zu
Regierung. In fast allen Abkommen werden Mengen oder Wertquoten festgelegt, die, wenn auch nicht bindend, so doch ungefähr den Umfang andeuten, in welchem die betr. Regierung bereit ist, für die in Betracht
kommenden Waren Ein- und Ausfuhrgenehmigungen zu erteilen. Es besteht
im allgemeinen die Möglichkeit, die Quoten jeweils nach vorheriger
Vereinbarung zwischen den Kontrahenten zu erhöhen oder sonstwie zu
ändern.

- 9-

�\

Es folgt Griechenland mit den Abschluss von sieben Abkommen mit
europaeischen Laendern in Roten Block. Die Tuerkei, Island und Argentinien
brachten es auf je sechs und Kolumbien auf eines. Birma schloss neue Abkommen mit fuenf Laendern im Roten Block und erneuerte ein Abkommen
aus dem Jahr 1954 mit Rot-China. Der Sudan und Syrien unterzeichneten
je zwfci. Der Sudan und Kolumbien trafen erstmalig ein Handelsabkommen
mit dem Roten Block.
Zu den erwaehnenswerten Abkommen gehoert auch das zwischen der
Sowjet-Union und Oesterreich nach Abschluss des Staatsvertrags getroffene,
Bulgarien unterzeichnete vier neue Yertraege und fuehrt damit vor Ändere
Rotblock-Staaten. Das kommunistische ITord-Vietnam traf mit seinen Vertrag
nit Frankreich sein erstes Handelsabkönnen nit der freien Welt.
Anzahl und Umfang aller dieser Handelsvertraege verdeutlichen die in
der Ausweitung der Handelsplanung des Roten Blocks liegenden Absichten.
KAPITEL II
DIE ZEIT DER HAITDELSKONTAKTE U1TD DES DELEGATION AUSTAUSCHES
Die Genfer Besprechungen
In Siebenten Bericht(Seite 1und 2) wurden in kurzen Umrissen die erfolglosen Bemuehungen der Vereinigten Staaten, Gross-Britanniens und Frankreichs auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs im Juli 1955 und gelegentlich des Treffens der Aussenminister daselbst Im Oktober/lTovember skizziert, mit der Sowjet-Union zu einer Vereinbarung ueber die allmaehliche
Beseitigung von Hindernissen zu gelangen, die einem friedlichen Handelsverkehr entgegenstehen. Die Unterhaendler der Sowjet-Union erklaerten sich,
wie in dem erwaehnten Bericht ausgefuehrt wird, auf der Konferenz im Herbst
lediglich bereit, ueber eine Beendigung der Ueberwachung des Handels mit
kriegswichtigen C-uetern zu diskutieren. Die Vertreter der V.'estmaechte erhielten auf ihre Bereitschaft, etwaige Vorschlaege der Sowjetischen Delegation im Interesse einer fuer beide Seiten erspriesslichen und dem Frieden
dienlichen Entwicklung der Handelsbeziehungen wohlwoMend zu pruefen, keine
positive Antwort. Die Vereinigten Staaten, Grossbritannien und Frankreich
legten der Sowjet-Union nahe, die Schwierigkeiten abzubauen, nit denen Kaufleute aus dem Y/esten zu kaenpfen haben, die die Sowjet-Union besuchen und sich
dort niederlassen wollen. Ferner wurden sie ersucht, wirtschaftlichen Eigentumsrechten, u.a. Patenten, angemesseneren Schutz zu gewaehren und in groesseren Hasse Produktions- und Handelsstatistiken zu veroeffentlichen. Die
westlichen Delegierten betonten, dass die ueberwachten, strategisch wichtigen Exporte, am Gesamtvolumen des Handels gemessen, nur einen geringen Prozentsatz ausmachten und dass sich der Sowjet-Union ausreichende Koeglichkeiten zur Beteiligung am Handel mit zivilen Guetern booten, wenn sie ihre
autarkischen Bestrebungen aufgaebe.
Am 31. Oktober 1955 entschloss sich Aussenminister Dulles im Interesse
der Foerderung des Handels mit zivilen Guetern zu einer wirklich vorcoehnlichen Geste, indem er ankuendigte, dass die Regierung der Vereinigten
Staaten "nach und nach" gewisse Vereinfachungen in den fuer Exporte nach
den europaeischen Laendern im Roten Block angewandten Verfahrensweisen
herbeifuehren wolle. (Vergl. Seite 7)«
In einer 14 Tage spaeter abgegebenen Srklaerung lehnte es der sowjetische Aussenminister I'olotow ab, auf das Problem der Ausweitung des
- 10 -

�Handels mit zivilen Guetern einzugehen; er forderte stattdessen
die Beseitigung der Ueberwachung des Handels mit strategisch wichtigen
Guetern. Er sagte :
"seit einiger Zeit werden von einer Anzahl Laender des Westens, besonders den Vereinigten Staaten, Massnahmen ergriffen, die sich auf
den Handel mit der Sowjet-Union und anderen Staaten nachteilig auswirken. Die Beendigung dieser Benachteiligung und Beseitigung der dem
internationalen Handel in letzter Zeit in den Weg gelegten Hindernisse und Erschwerungen waere fuer beide Seiten, Ost und West, von
Nutzen. Ohne die Beseitigung dieser Hindernisse koennen sich keine
normalen Beziehungen zwischen Ost und West entwickeln."
Landwirtschaftliche Delegationen besuchen die Vereinigten
Staaten.
Die Fuehlungnahme der freien Welt mit den europaeischen Laendern im
Roten Block wurde in der zweiten Haelfte des Jahres 1955 verstaerkt.
Der auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs ausgesprochene Wunsch
nach staerkerem Kontakt zwischen den Voelkern in Ost und West fuehrte
zum Austausch einer Reihe von Delegationen. Auch die Sowjet-Union erleichterte die Einreise von Privatpersonen. Dagegen stellte sie ihre
ins Ausland reisenden Staatsangehoerigen weiterhin zu "gelenkten"Abordnungen zusammen, anstatt ihnen zu gestatten, sich als Einzelreisende
frei zu bewegen. Die Sinnesaenderung der Sowjets in der Frage der Einreisegenehmigung fuer auslaendische Abordnungen und Privatreisende
fuehrte dazu, dass sich die Zahl der nach der Sowjet-Union reisenden
Amerikaner - sowohl Privatpersonen als auch solche in amtlichem Auftrage - erhoehte.
Bis zu einem gewissen Grade benutzte die Sowjetregierung das Austauschprogramm als Mittel zur Verbesserung der Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten. Zum Beispiel besuchte eine vom amtierenden Landwirtschaftsminister Wladimir Maskewitsch gefuehrte 12-koepfige Abordnung im
August 1955 die USA, um dort die landwirtschaftliche Praxis, insbesondere die Schweinehaltung auf der Grundlage der Maisfuetterung zu studieren.
Die sowjetischen Landwirte waren stark am Kauf grosser motorisierter
Maehmaschinen, von Radschleppern aller Groessen und Neuballenpressen
interessiert. Waehrend ihres Aufenthalts in den USA kaufte die Abordnung 15 Bullen zur Verbesserung der Wirtschaftsrassen in der SowjetUnion.
Gegen Ende November besuchte eine zweite, fuenfkoepfige landwirtschaftliche Delegation aus Sowjet-Russland unter Puehrung von Ilja
Emeljanow, stellvertretendem Direktor der wissenschaftlich-technischen
Abteilung des Sowjetischen Landwirtschaftsministeriums, die Vereinigten Staaten, um Hybrid-Saatmais und die zu dessen Pflanzung , Pflege
und Ernte notwendigen Geraete einzukaufen, wofuer dem Vernehmen nach
ein Gesamtpreis von 1 Mio Dollar gezahlt wurde. Der Generaldirektor
einer Saatzuchtfirma des mittleren Westens, deren Spezialitaet HybridSaatmais ist, hatte die Sowjet-Union und Rumaenien vorher besucht und
die sowjetrussischen Fachleute eingeladen.
Als erster Vasallenstaat im Roten Block entsandte Rumaenien eine dreikoepfige Handalsdelegation nach den Vereinigten Staaten. Ihr gehoerte
der stellvertretende Landwirtschaftsminister Dr. Virgil Gligor an. Sie
folgte, ebenso wie die zweite sowjetische Abordnung, einer Einladung
der vorerwaehnten Firma und traf am 27. November zu einem einmonatigen Besuch in New York ein.

- 11

�Die rumaenische Delegation verfolgte den gleichen Zweck wie die
zweite sowjetische Abordnung: Sie war gekommen, um Hybrid-Saatmais
und Geraete zu kaufen. Sie erklaerte hei ihrer Ankunft, dass Rumaenien
die Handelsbeziehungen mit den USA wieder aufzunehmen wuensche und beabsichtige, 500,000 bis 1 Mio Dollar fuer den Ankauf von Hais zu Saatzwecken und 10 Satz Landwirtschaftsgeraet in bar auszugeben. 3s wurde
versichert, dass weitere Kaeufe getaetigt wuerden, sofern man mit dem
Saatgut und dem Geraet zufrieden sei.
Sowjetisch-Amerikanischer Handel und US-Senatoren
llikita S. Chruötschew, der Erste Sekretaer der Kommunistischen
Partei der Sowjet-Union, erklaerte in einem Interview mit fuenf USSenatoren am 12. September, dass die Sowjet-Union aus den Vereinigten Staaten Maschinen und landwirtschaftliche Erzeugnisse beziehen
wolle. Er liess durchblicken, dass Moskau im Austausch gegen amerikanische WarenMangan und andere strategisch wichtige Rohstoffe anbieten wuerde und meinte, eine Ausweitung des Sowjetisch-Amerikanischen Handels wuerde zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen
den beiden Laendern fuehren. Chrustschew ruegte., waehrend Hinister»
praesident beifaellig nickte, die Ueberwachungsnassnahmen der Vereinigten Staaten bezueglich des Handels mit kriegswichtigen Guetern
und forderte deren Beendigung. Dann erklaerte er rund heraus: "Wir
begruessen den Warenaustausch weniger aus wirtschaftlichen Gruenden,
als vielmehr aus politischen Erwaegungen heraus als ein Mittel, zwischen unseren beiden Laendern bessere Beziehungen zu schaffen." Die
politischen und wirtschaftlichen Ziele der sowjetischen Handelspolitik wurden im Kapitel III des Siebenten Berichtes behandelt und
untersucht.
.
...
Konferenz der Uli Wirtschaftskommission fusr Europa ueber
Wirt schaft sfragen
Vom 26. September bis 14. Oktober, also zu einer Zeit, da der versoehnliche"Geist von Genf" noch lebendig war, kamen Vertreter von 26 Laendern zur vierten Sitzung des Handelsausschusses der Uli Wirtschaftskommission fuer Europa. (ECE) in Genf zusammen, ur. ueber den Ost-West
Handel und seine "Wachstunsschwierigkeiten" zu konferieren. Achtzehn
Laender '.'.Osteuropas und die Sowjet-Union sowie ihre Vasallenstaaten
sandten Abordnungen. Ebenso waren die Vereinigten Staaten und Kanada
vertreten. Ausser den genannten Laender-Delegationen entsandte der fuer
den Osten zustaendige, im Januar 1949: z u r Erweiterung der "wirtschaftlichen Zusammenarbeit" zwischen der Sowjet-Union und den europaeischen
Laendern im Roten Block ins Leben gerufene Ausschuss fuer gegenseitige
Wirtschaftshilfe '(CEl.IA) seinen General-Sekretaer, A.A. Pawlow(SowjetUnion) , der in zwangloser Form Verbindungen zum SCE-Sekretariat herstellen sollte.
Der Ausschuss eroerterte die Punkte der Tagesordnung in einer
freundlichen Atmosphaere. Ausser einer allgemeinen Aussprache ueber den
Umfang des Handels zrischen Ost und V/est, die I'oeglichkeiten einer Erweiterung dieses Handels und die Handelsbeziehungen zwischen bestimmten Laendern, befa^ste sich der Ausschuss auch mit sich aus der Erweiterung des Ost-West Handels ergebenden Einzelfragen, wie z.B. mit der
Ilotwendigkeit, Vereinbarungen ueber die Kontenabrechnung zu treffen.
Waehrend der Konferenz fanden 120 zweiseitige Handelsgespraeche
statt. Sic wurden aber im allgemeinen mit Zurueckhaltung gefuehrt und
waren entsprechend unergiebig. V/aehrend dieser Gespraeche tauschten die
Ilandelssachverstaendigen besondere Listen ueber Waren aus, die sie
- 12 -

�.»uenschterj»
Im Laufe der Ausschüsseeratungen wiederholten die europaeischsowjetischen Blockstaaten die Behauptung, dass das Haupthindernis
fuer eine Erweiterung des Handels ihre Benachteiligung durch die Laender des Westens sei. Als Beispiel dafuer, wie sie benachteiligt wuerden, fuehrten die Rotblock-Staaten das Liberalisierungsprogramm des
Westens an, das, wie sie behaupteten, gegen den Grundsatz der Ileistbeguenstigung Verstösse, weil seine Vorteile nicht allen Laendern zugute kaemen. Die Ueberwachung des Handels mit kriegswichtigen Guetern
wurde nicht ausdruecklich erwaehnt, aber fast alle Vertreter aus Osteuropa spielten darauf an, indem sie von "unzulaessigen Geschaeftsmethoden" sprachen, die den Export aus westlichen Laendern behinderten.
Die europaeisch-sowjetischen Laender stellten fest, dass dieses Geschaeftsgebahren das fuer den Welthandel notwendige, gegenseitige Vertrauen zerstoere und den Grundsatz der Heistbeguenstigung verletze.
Immerhin fassten sie sich in der Bekanntgabe ihrer diesbezueglichen
Ansichten im allge einen kurz und trugen dies in einer dem freundlichen
Konferenzklima gemaessen Weise vor.
Die Beratungen des Ausschusses brachten keine Aufhebung von I.lassnahmen zur Verhinderung der Ausweitung des Handels zwischen dem Westen
und dem Sowjetblock, da der Ausschuss nicht er-aechtigt war, die Handelspolitik der Regierungen zu aendern. Das wesentlichste Ergebnis des
Treffens war vielleicht eine Besserung der psychologischen Voraussetzungen fuer die Behandlung von Handelsfragen und Fragen der Handelspolitik.
Die Abgesandten des europaeisch-sowjetischen Blocks befürworteten allgemein eine v/eitere Verstaerkung des Handels zwischen dem
Westen und ihrem Block und betonten die I.Ioeglichkeiten, die eich ihrer
Meinung nach fuer einen erhoehten Warenaustausch boeten. Auch mehrere
Laender des Westens bekundeten ihr Interesse an verstaerkten Handelsbeziehungen zum europaeisch-sowjetischen Block. Gunnar Kyrdal., Verv.altungssekretaer der ECE, bezeichnete die Ergebnisse der Besprechungen
als "nicht gerade grossartig", prophezeite jedoch vorsichtig eine langsame, wenn auch stetige Zunahme des Handels zwischen dem europaeischsowjetischen Block und dem uebrigen Europa.

KAPITEL III
INDUSTRIEMESSEN ALS INSTRUMENT DER.
AUSSEITPOLITIK DES R0TE1I BLOCKS
Haeufigkeit, Kosten und Schwerpunktgebiete
Mit dem Ziele, kommerzielle, politische und propagandistische Absichten miteinander zu verknuepfen, beteiligte sich der Rote Block im
Jahre 1955 an 149 Industrie-Hessen und Ausstellungen in 41 Laendern. Wie
die umstehende Darstellung zeigt, war also die Beteiligung staerker
als in den vier vorhergehenden Jahren:

13

�Übersicht über die Beteiligung des Roten Blocks an internationalen
Industriemessen und Ausstellungen in den Jahren 1951 - 1955
Anzahl der Länder, in
denen der Rote Block
sich beteiligte

1951
1952
1953
1954
1955

Anzahl der Messen
und Ausstellungen
mit Rotblockbeteiligung

Freie Welt

Roter Block

6
13
21
23
32

2
2
2
3
9

8
20
58
60
149

Beteiligung der
Rotblock-Länder
nach Anzahl etgcner Messestände

20
92
120
125
288

Im Jahre 1954 hatte der Rote Block seine Erzeugnisse auf 60 Ausstellungen in 26 Ländern gezeigt und dazu schätzungsweise 10 Mio Dollar aufgewendet. Die Ausstellungskosten im Jahre 1955 betrugen etwa 38 Mio
Dollar!, also beinahe das Vierfache dessen, was 1954 aufgewendet wurde*).
Ein eindrucksvolles Merkmal dieser bedeutsamen, zunehmend verstärkten
systematischen Beteiligung des Roten Blocks an Messen war die etwa
130$ige Zunahme der Anzahl der gezeigten Artikel von 125 im Jahre 1954
auf 288 im Jahre 1955 Obgleich Westeuropa das Haupthandelsgebiet des Roten Blocks in der freien Welt ist, waren dessen Aufwendungen für Industriemessen in Westeuropa im Jahre 1955 etwas geringer, als für Ausstellungen in den entwicklungsbedürftigen Ländern Asiens und des Nahen Ostens, auf die in
zunehmendem Maße der Rote Block seine handelspolitischen Anstrengungen
konzentriert und wofür er dementsprechend auch mehr und mehr seine Geldmittel verwendet (Vergl. Übersicht III). Teure und oft geradezu luxuriöse Ausstellungsstücke wurden unter heftiger Anpreisung in Zeitungen,
Zeitschriften und über Lautsprecher in 16 der sich neu entfaltenden
Ländern, wie z.B. Indien, Pakistan, Indonesien, Ägypten und Syrien,
gezeigt.
Der Rote Block gab für Industriemessen in Indien mehr Geld aus als in
irgend einem anderen nichtkommunistischen Lande; er beteiligte sich
ebenfalls stark an Messen in Jugoslawien, der Türkei, Griechenland,
Österreich, den Niederlanden und Schweden sowie in geringerem, jedoch
noch beachtlichem Maße in Argentinien, Island und Französisch-Marokko.
Im Dezember hieß es, daß der Rote Block im Jahre 1956 noch stärker auf
Industriemessen vertreten sein wolle, daß die Planung besser und die
Anzahl der ausgestellten Erzeugnisse größer und eindrucksvoller sein
werde als in vergangenen Jahren.

Die angegebenen 38 bezw. 10 Mio Dollar sind auf Grund der von den
Vereinigten Staaten vergleichsweise für Messezwecke gemachten
Aufwendungen geschätzt.

- 14 -

�Uebersicht III
Teilnahme des Roten Blocks an Industriemessen, Ausstellungen und
Sonderschauen ausserhalb seiner politischen Einflusssphaere
im Jahre 1955
Land, v/o
"essen, Ausstellungen
oder Sonderschauen stattf.

Beteiligung des Roten Blocks * )
Tschecho 3ow Zone Un- Po Ru- Bul- RotAnzahl UdSSR Slowakei BeutschL garn len maen .gar.China
X

Australien
Oesterreich
Belg. Kongo
Belgien
Bolivien
Burma
Kanada
Kolumbien
Zypern
Daenemark
Ecuador
Aegypten
Aethiopien
Finnland
Frankreich
Franz. Marokko
Deutschs.BundesRepublik
Gross-'ritannien
Griechenland
Island
Indien
Indonesien

Italien
Japan
Libanon
lliederlande
Pakistan
Portugal
Schweden
Schweiz
Syrien
Tibet
Tunis
Tuerkei
Ver.Staaten
Jugoslawien

5

X

7

X

2

3

X
X

9
2
16

X

4

1
1
10
2
11
2
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9
3
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1
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*) Die Kreuze in der Aufstellung bedeuten, dass das betreffende kommu nistische Land mindestens auf einer Lesse, Ausstellung oder Sonderschau der »hg«g*benen Laender, aber nicht unbedingt auf allen dort
veranstalteten vertreten war.

^15; *

�Ziele
Kapitel I des Sechsten Halbjahresberichtes mit der Ueberschrift
"Die Y/irtschaft als Waffe Moskaus" handelte von der Art und Weise, in
welcher der Rote Block seit 1952 die Industriemessen dazu benutzt, um
auch in den entwicklungsbeduerftigen Laendem Einfluss zu gewinnen, und
kam zu dem Ergebnis, dass mit dieser Politik"viel weiter gesteckte Ziele
als nur die Absatzfoerderung" verfolgt werden. Kurzum der Rote Block
brauche e ine "Mehr zweck-Waffe'.* , um damit gleichzeitig Handel, Politik
und Propaganda treiben zu koennen. Entsprechend der Entwicklung der aussenwirtschaftlichen Politik und Programmgestaltung des Roten Blocks und
insbesondere mit zunehmenden sowjetrussischer Leistungsfaehigkeit und
Lieferbarkeit von exportfaehigen Xapitalguetern wurden Industriemessen
zu einem Instrument, dessen sich der Rote Block bediente, um seine Handelsbeziehungen zu "normalisieren" und auszuweiten."3ie dienten seitdem
ferner zur Verwirklichung der Handelspolitik des Roten Blocks in seiner
Gesamtheit und wurden zu einem integrierenden Bestandteil eines offenbar
abgesprochenen Programms, das den Abschluss von Handelsabkommen und Kompensationsgeschaeften mit ueberschuessigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die Gewaehrung von Krediten fuer den Ankauf von Kapitalguetcrn
durch die entwicklungsbeduerftigen Laender und die Behandlung der Frage
der ITiederla ssung staendiger Vertreter am Platzevxunfassie. Im Jahre 1955
gab es Anzeichen fuer ein anpassungsfähigeres Geschaeftsgebahren der
Rotblock-Staaten auf Industriemessen und fuer eine groessere Bereitschaft,
zur Sicherung ihres Ausstellungserfolges von frueheren Geschaeftsmethoden
abzugehen. In frueheren Jahren ist es vorgekommen, dass Aussteller aus
Rotblock-Staaten nicht in der Lage oder nicht geneigt waren, Auskuenfte
ueber Preise, technische Einzelheiten, Lieferzeiten, Ersatzteile, Vertreter und Verkaufsstellen zu erteilen. Es zeigte sich ferner haeufig,
dass sie fuer die Herstellung einer grossen Anzahl der ausgestellten
Erzeugnisse zu Exportzwecken nicht eingerichtet waren. Dennoch wurden
1955 Ensehnlicht Vertraege und Handelsabkommen auf Ausstellungen abgeschlossen, und sov/eit Geschaefte nicht zustande kamen, wurde die Grundlage fuer spaetere Verhandlungen geschaffen. Berichten zufolge waren
europaeische Satellitenstaaten auf Grund von vorbereiteten Verkaufsprogrammen fuer exportfaehige Gueter in der Lage, an Ort und Stelle Auftraege entgegenzunehmen. In einigen Faellen waren Ausstellungsartikel dem
Gastland entweder zum Verkauf oder als Geschenk angeboten worden.
Auch im Jahre 1955 war die Propaganda wieder ein Hauptmoment bei
der Beteiligung des Roten Blocks an den Industriemessen. Plugblaetter
wurden auf den Ausstellungen verteilt und Reden wurden von RotblockFunktionaeren gehalten, in denen die sowjetische Version einer "friedlichen Koexistenz" empfohlen und auf eine "weltweite Entspannung", die
"Wiedervereinigung Deutschlands" und die "Beseitigung von Handelssperren"
gedrungen wurde. Die Groesse der Ausstellungspavillons des Roten Blocks,,
sov/ie die Anzahl und Vielfalt der ausgestellten Erzeugnisse sollten die
Besucher beeindrucken und ihnen sowohl die technische Vervollkommnung
als auch das Wirtschaftspotential und damit die unter dem Kommunismus
gemachten Fortschritte vor Augen fuehren und so die Anziehungskraft
des Kommunismus verstaerken und das Prestige des Roten Blocks erhoehen.

- 16 -

�Die Beteiligung des Roten Blocks.
In 18 Laender gingen im Jahre 1955 die Ausstellungsstücke der wesentlichsten sowjetrussischen Industrieerzeugnisse; zwei Drittel
wurden nach nichtkomnunistischen Gtr.aten verschickt. Im Vergleich
zu 1954 war die Sowjetunion in Jahre 1955 auf Industriemessen elfmal
vertreten. Zur Ueberraschung der Gastlaender sagte die Sowjetunion
im Vorjahr ihre Teilnahme an 11 bedeutenden Ausstellungen ab. Bi
wurden zwar keine besonderen Gruende angegeben, doch ist es moeglich,
dass die Absagen erfolgten, weil die Sowjets den Wettbewerb mit den
Vereinigten Straten die sich in verstaerktem Masse an Ausstellungen
beteiligen, scheuten oder weil die Veranstalter der Ausstellungen
absichtlich oder aus Unfaehigkeit nicht genuegend Platz fuer eine
grosse sowjetische Standardschau geschaffen hatten.
Anlaesslich der Genfer Konferenz im Sommer ueber die Verwendung der
Atomkraft zu friedlichen Zwecken , hatte die Sowjetunion eine
interessante Schau veranstaltet. Lieberhaupt bildeten Aucstellungscegenstaende zur Demonstration der Iloeglichkeiten fuer eine friedliche Verwendung der Atomenergie einen Hauptanziehungspunkt ruf
1955-er I.'.essen.
Die Entwicklung des Ausstellungswesens in Jahre 1955 ist gekennzeichnet durch das Erscheinen Rot-Chinas als bedeutendes Ausstellungsland und durch die fuehrenden Ste1lungen , die die Tschechoslowakei
und die Sovjetzone Deutschlands eingenommen haben, '.'.'aehrend Rot-China
in Jahre 1954 &amp;n drei Industriemessen teilnahm, waren es im Jahre 1955
24. In Jahre 1955 war die Tschechoslowakei, was die Beschickung von
Ausstellungen zur Foerderung des Außenhandels anbetrifft, der ruehrigste Re^-raesentant des Roten Blocks. Sie war auf 50 Ausstellungen in
allen Teilen der V.relt vertreten. Auch Polen war sehr aktiv. Die Tschechoslowakei und die uebrigen Laender in Roten Block" .konzentrierten ihre 3emuehungen hauptsaechlich auf Ausstellungen in entwicklungsbeduerftigen
Laendern, um ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diesen zu verbessern.
Die Politik der Sowjetzone Deutschlands zur Foerderung des Aussenhandels
war u.a. wesentlich auf die Teilnahme an internatio alen Industrieausstellungen gerichtet. Im Jahre 1955 beschickte die Sowjetzone Deutschlands 16 bedeutende Industrieausstellungen ausserhalb des Roten Blocks.
Sowjetzonen-Funktionaere stellten sehr kuehne Behauptungen ueber das
erfolgreiche Abschneiden ihrer Zone auf Ausstellungen auf. Es ist zuzugeben, dass die Sowjetzone Deutschlands propagandistische und kommerzielle Erfolge erzielt hat. Diese Erfolge fanden ihren Ausdruck
nicht nur in der Verleihung der Goldenen Medaille an die Sowjetzone
anlaesslich der Messe in Damaskus, und zwar in Anerkennung der "vorbildlichen Aufmachung ihres Pavillons", sondern auch in der Reaktion
westdeutscher Hersteller, die bedauerten dass ihre Regierung, die
sich durch Teilnahme an derartigen Ausstellungen bietenden Moeglich'-eiten nicht in gleichem Masse wahrnehme.

Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Die Ausstellungen des Roten Blocks in ITeu-Delhi und Buenos-Aires
im Jahre 1955 gehoeren zu den mit den lautesten Fanfarenstoessen
in nichtkommunistischen Laendern veranstalteten. Die Indische Industriemesse in ITeu-Delhi fand im ITovember/Dezember statt und wurde
schaetzungsweise von 3 Millionen Menschen besucht. Ihre Beteiligung
an dieser Messe benutzte die Sowjetunion zu heftigen Benuehungen
um die Foerderung des Absatzes ihrer Industrieausruestungen auf jenem
Markt , der nach ihrem Dafuerhalten besonderen Vorrang verdient, und
um ihre industrielle Leistungsfaehigkeit zu beweisen. Sie zeigte

-17-

�Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen, Lastwagen, Traktoren, Fahrraeder,
optische Artikel, Druckereimaschinen u.a.m. Die Tschechoslowakei zeigte eine Auswahl von technischen Erzeugnissen und Oelbohrgeraete. V/as
die Blockstaaten austsiellten, sollte offensichtlich das Interesse von
Regierungsvertretern und Geschaeftsleuten auf sich lenken, die nach
Lieferquellen zur Ausweitung ihres Fabrikationsprogranms Ausschau hielten. Die Vertreter der Tschechoslowakei behaupteten, Auftraege im Y/erte
von 7 Mio Dollar gebucht zu haben. Auch die Sowjetpresse meldete, dass
eine Reihe von Geschaeftsabschluessen fuer die Lieferung von Werkzeugmaschinen, Traktoren und Bohranlagen zustande gekommen sei.
Der sowjetische Pavillon auf der Ausstellung in Heu-Delhi beanspruchte
eine Flaeche von 2.000 qm. Dazu benoetigte die Sowjet-Union noch eine
Freiflaeche von 2.500 qm. Um ihrer Aufmachung noch ein besonderes Gepraege zu geben und auch das allgemeine Besucherpublikum anzulocken,
zeigte die Sowjet-Union Einiges, das nicht zum eigentlichen Ausstellungsgeschaeft gehoert, wie z.B. ein erleuchtetes Schaubild, welches das Wasserkraftwerk in Kuibyschew veranschaulichte, die Darstellung einer im
Bau befindlichen, grossen Fabrik an der Wolga, das.I.'odell eines Hochofens,
wie er von sowjetischen Technikern in dem propagandistisch schon ausreichend ausgewerteten Stahlwerk in Bhilai/lndien aufgestellt wird, sowie ein in Betrieb befindliches Fernsehaufnahmegeraet.
Auf der Industrieausstellung in Bombay im Februar zeigten zwoelf tschechische Exportorganisationen Waren im Y/erte von ueber 2 Hillionen Dollar,
vorwiegend technische Erzeugnisse und Flugzeuge. ITach Presseberichten
fand da3auf dem tschechoslowakischen Stand Gezeigte bei amtlichen indischen Stellen eine sehr guenstige Aufnahme.
Der Umfang und die luxurioese Aufmachung der Staende der Sowjets und
anderer Rotblockstaaten sowie die viele Reklame, die fuer sie gemacht
wurde, alles dies haette leicht den Eindruck entstehen lassen koennen,
dass der Rote Block eine bedeutende Stellung in Indiens Aussenhandel
einnaehme. Tatsaechlich aber war der Rote Block im Jahre 1955 an Indiens Einfuhren nur mit 1,7$ und- an dessen Ausfuhren nu* mit 2,^.beteiligt.
Die Hesse in Buenos Aires wurde am 21. Hai eroeffnet und dauerte 40
Tage. Dort wurden zum ersten I.Tal - und damit in Lateinamerika ueberhaupt - russische Y/aren gezeigt. Eine grosse Auswahl an Industrieerzeugnissen war von den Sowjets ausgestellt. Berichten zufolge haben
rund 2,3 Hillionen I.Ienschen einschliesslich einer grossen Zahl von Leuten aus lateinamerikanischen Hachbarlaendem diesen Stand besucht. Es
war ganz offensichtlich, dass die sowjetische Schau, die eine Flaeche
von 20.000 qm beanspruchte, dazu dienen sollte, die Geschaeftswelt Argentiniens mit Industrieerzeugnissen bekannt zu machen, die die Sowjets
nach Argentinien liefern koennen. Es gab auch Anzeichen dafuer, dass
der argentinischen Regierung-ihrerseits daran gelegen war, das Vertrauen und Interesse bezueglich sowjetischer Haschinen fuer Fabrikationsanlagen zu staerken, schon allein, reil sie glaubte, dass dies der
von ihr selbst im August 1953 in aller Form uebernonnenen Verpflichtung ,
sich im Zuge ihrer Bestrebungen zur Entwicklung einer Anzahl eigener Industrien fuer die'Einfuhr sowjetischer Haschinen einzusetzen, nur dienlich sein koenne.
Die Ausstellung der Sowjets auf der Zagreber Hesse nach Aussoehnukg
mit der Tito-Regierung war mit grosser Sorgfalt vorbereitet und durchgefuehrt worden. Die UdSSR zeigte die besten I.Iodelle ihrer Haschinen
fuer die Schwerindustrie - Turbogeneratoren, Dieselmotoren, Bergwerks - 18 -

�und elektrische Ausruestungen, Lastwagen und Traktoren. Zur Unter haltung des Besucherpublikums zeigten die sowjetischen Aussteller
eine fahrbare Fernsehanlage.
Auf der Internationalen Industrienesse in Toronto im Mai und
Juni war als einziges Land im Roten Block die Tschechoslowakei vertreten. Sie war der Hauptaussteller aus dem Ausland und benoetigte
ueber lO^Sder circa 20.000 qm messenden, an auslaendische Teilnehmer
vermieteten Gesamtflaeche.
In einem Bericht ueber die Hesse in Djakarta im August meinte
die'HTew York Times", der Stand der Tschechoslowakei sei nicht nur
sehr eindrucksvoll, sondern auch dreimal so gross, wie der Stand
der Vereinigten Staaten gewesen.
Wenn die Teilnahme Polens an Industriemessen in der freien
V/elt auch in erheblich kleinerem Umfang erfolgte, als die der
Tschechoslowakei, so haben die polnischen Behoerden dennoch nicht
verabsaeumt, sich gelegentlich der Rosener Hesse 1955 um verstaerkte Handelsbeziehungen zu den Laendern der freien V/elt zu bemuehen. Die vom 3« bis 24« Juli dauernde Hesse wurde von 15 Laendern diesseits und 8 Staaten jenseits des eisernen Vorhangs beschickt.
Der polnische Stand war der groesste, gefolgt vom sowjetischen .
llach /.ussagen polnischer Hessebeamten schlössen die Teilnehmerstaaten Haufvertraege im Gesamtwert von 115 Hio Dollar ab.
Die Sowjetzone Deutschlands hatte weder Kosten noch "uehe gescheut, um die Leipziger Hesse wieder zur fuehrenden Ausstellung
Europas und zu einem zentralen Handelsplatz fuer Ost und V/est zu
machen, und war dabei nicht einmal ganz erfolglos. Seit V/iedereinfuehrung der Fruehjahrs- und Herbstmessen in Leipzig ist jedesmal
die Zahl der Aussteller und Besucher aus Ost und V/est gestiegen.
Sehr sorgfaeltig waren die Vorbereitungen zu den Hessen des Jahres
1956, und die Ausstellungsleitung sprach die Hoffnung aus, dass sie
einen neuen Besucherrekord und eine noch groessere Anzahl von Ausstellern, insbesondere aus entwicklungsbeduerftigen Laendern, wie
beispielsweise Indien und Aegypten, wuerde verzeichnen koennen.
Im Jahre 1955 erkannte man, dass das Hesseprogramm des Roten
Blocks sich wirtschaftlich positiv auswirke und geeignet sei, zur
Verbesserung der Aussichten fuer die Handelsausweitung des Roten
Blocks beizutragen. Hit Hilfe seiner Ausstellungen könnt« der
Rote Block seine kommerziellen und politischen Beziehungen zu vielen Laendern, vor allem zu den entwicklungsbeduerftigen Staaten ,
verbessern und festigen . Als wichtige und nuetzliche V/affe der
kommunistischen Diplomatie dienten Ausstellungen, um dem Roten
Block zu Einfluss und fuehrender Stellung in der V/elt zu verhelfen.
Das Hesseprogramm der Vereinigten Staaten
Die Betaetigung auf dem Gebiet der Hessen im Jahre 1955 war natürlich nichi ueberwiegend oder gar ausschliesslich den Roten Block
vorbehalten. Das in Zusammenarbeit mit der eigenen Industrie auf- •
gestellte Programm der Regierung der Vereinigten Staaten fuer die
Beschickung internationaler Hessen und Ausstellungen wird immer
umfangreicher und wirkungsvoller. Das Programm dient nach den V/orten Praesident Eisenhowers dazu, "beredtes Zeugnis abzulegen von der
freien Wirtschaft in unserem Lande und soll wirksam zur Foerderung
des V/elthandels beitragen. " .
Die erste

- 19 -

�Ausstellung, an der die Vereinigten Staaten in Rahmen des neuen Regierungsprogranms teilnahmen, war die Messe in Bangkok vom 7. bis 16.
Dezember 1954- Seit der Hesse in Bangkok und "bis Ende Dezenter 1955
waren die Vereinigten Staaten auf 27 Ausstellungen in Asien, Europa,
Ilahost und Lateinanerika vertreten.*)
KAPITEL IV
ROTE "Y/IRTSCIIAPTS-DIALOMATIE" IN DEIT
BITTYAICKLU1TGS3BDUERFTIGEH LAE1IDERII
Marx und seine Apostel
Ein entwicklungsbeduerftigos Land ist nach der Definition des Volkswirtschaftlers und Leiters des Forschungsinstituts in 3tanford"Dr.
Eugene Staley", gekennzeichnet 1) durch staendige und nicht etwa durch
eine vorueborgehende Aatastrophe hervorgerufene allgemeine Armut unter
der Bevoelkerung: 2) durch eine veraltete gewerbliche Technik und gesellschaftliche Struktur. Die Armut ist demnach nicht allein eine Folgt des Mangels an !Taturschaetzen, sondern koennte durch Ergreifung von
Massnahmen, die sich bereits in anderen Laendern bewaehrt haben, gemildert v/erden. **) Entsprechend dieser Definition gehoeren zur Mategorie der entwicklungsbeduerftigen Laender alle Staaten Asiens und
Afrikas, fast alle Laender Lateinanerikas und einige Europas. Mach Dr.
Stale^r betraegt die Gesamtzahl der Menschen in diesen entwicklungsbeduerftigen Laendern etwa 1,6 Milliarden. Das sind also zwei Drittsei
der 2,4 Milliarden zaehlenden C-esantbevoelkerung der Erde. In Rannen
dieses Kapitels jedoch beschraenken sich die Ausfuehrungenueber die .
Ausdehnung der "Rubeldiplonatie" auf die entwicklungsbeduerftigen Laender
des ITahen Ostens, Suedasiens und Lateinamerikas. ***)
In den Schriften von Aarl Marx bzw. seinen Betrachtungen und Voraussagen hinsichtlich der Unverneidbarkeit eines toedlichen Konfliktes
zwischen Hapital und Arbeit spielen die entwicklungsbeduerftigen Gebiete keine besondere Rolle. Marx glaubte, dass dieser entscheidende
Mampf sich innerhalb der hochentwickelten industrialisierten

*) V.'eitere Einzelheiten ueber dies Programm sind den ersten 6 Vierteljahrsberichten ueber den besonderen Hilfsfonds des Praesidenten
dem sogenannten "Energency Fund for Participation in International
Affairs", fuer den Zeitraum August 1954/Dczcnber 1955.und den Artikel "U.S. Exhibits win Acclain at International Trade Fairs" in
"Foreign Co: r.erce Y.'eekly" vom 9. Januar 1956 zu entnehmen. .
**)

Eugene Staley : "The Future of Underdeveloped Countries, (3. 13),
herausgegeben 1954 von Harperc; Brothers, Hew York, fuer den
Council on Foreign Relations.

;:

Genauere Ausfuehrungen ueber die in dieser Hinsicht entfaltete
Taetigkeit enthaelt die Abhandlung "Soviet Technical Assistance",
Staff Study Ho. 7, July 12, 1956, Senate Foreign Subcomnittee on
Technical Assistance Programs, 84th Congress, 2nd Session, United
States Government Printing Office, 'Washington 1956.

")

- 20 -

�Gesellschaft abspielen wuerde und dass das Vorhandensein "zurueckgebliebener"Gebiete sich aus der Tatsache erigebe, dass andere Staaten
sich auf der Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickelt haetten. Es blieb den Aposteln des Marxismus, einem Lenin, Staj lin und I.Iao-Tse-tung vorbehalten, die ungeheuere Bedeutung entwicklungsI beduerftiger Gebiete zu erkennen und auf sie in Theorie und Praxis aufmerksam zu machen.
Grundlagen der Handelsoffensive
Die Wirtschaftsplaner des Roten Blocks sind zweifellos der Ansicht, dass
innerhalb der roten Sphaere nunmehr die vier grundlegenden Voraussetzungen fuer ein erfolgreiches Vordringen des Roten Blocks in die Tüchtigsten
Gebiete Asiens, des ITahen Ostens, Afrikas und Lateinamerikas - naemlich
ausreichende Wirtschaftskraft, kulturelle Grundlagen, technisches Personal und innere Ordnung und Stabilitaet - gegeben sind. In den erwaehnten Gebieten beginnt also jetzt das weltweit wirkende Spiel der
Wirtschafts-"Diplomatie". Die erste Voraussetzung, eine ausreichende
wirtschaftliche Grundlage, hat die Sowjet-Union nach und nach erarbeitet, und sie wird in Bezug auf industrielle Erzeugung zur Zeit nur von
den Vereinigten Staaten uebertroff en. In allen korimunistischen Laendern
stieg im Jahre 1955 die Industrieproduktion . ITach der von den Vereinten ITationen herausgegebenen"Uebersicht ueber die Weltwirtschaft im Jahre
1955" und dem "Wirtschaftsstatistischen Handbuch fuer Europa, 1955"».
herausgegeben von der UN Wirtschaftskommission fuer Europa (ECE) erhoehte sich die Gesamterzeugung in der Sowjet-Union um 12$, waehrend
bei einer getrennten Betrachtung von Produktionsguetern und Verbrauchsguetern fuer erstere ein Anwachsen um 16$ und fuer letztere um 9$ zu
verzeichnen war. Das Plan-Soll wurde ueberschritten beispielsweise bei
elektrischen Ausruestungen, Ausruestungen fuer das Verkehrswesen sowie
Ausruestungen fuer die Schwerindustrie, ferner bei der Oelfoerderung,
Stromerzeugung, bei Chemikalien und Motorfahrzeugen. Bei den Verbrauchsguetern wurden die Planziffern ungefaehr erreicht, aber es gab
auch eine Uebererfuellung des Solls beispielsweise bei den so wichtigen
Textilien, Schuhwaren, Molkereierzeugnissen und Pflanzenoel. Andererseits waeren auch Beispiele fuer Uichterfuellung angekuendigter SollZahlen anzufuehrenj dazu gehoeren Eisenbahnfahrzeuge, Roheisen, Schwefelsaeure u.a. Erzeugnisse.
In der Mehrzahl der Laender hat die Agrarerzeugungerheblich aufgeholt.
Die Getreideernte in der gesamten Sowjet-Union war 1955 22$ hoeher als
im schlechten Srntejahr 1954« Sur Erhoehung der landwirtschaftlichen
Erzeugungin den Laendern des Roten Blocks trugen bessere Wetterbedingungen und Massnahmen zur Besserstellung der Landwirtschaft bei; z.B.
eine erhebliche Steigerung in der Belieferung.mit Duengenitteln, landwirtschaftlichen Maschinen, Geraeten und Baumaterialien, die Senkung
von Steuern und des Ablieferungssolls, hoehere regierungsseitig vorgeschriebene Preise fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse und ein erhoehtes Angebot in technischen Verbrauchsguetern auf dem Lande. Die SowjetUnion erhoehte nicht nur ihre Wirtschaftskraft, sondern verstaerkte auch
ihren technischen Nachwuchs durch Erweiterung der Ausbildung von Ingenieuren und Technikern, die damit zum Einsatz in den entwicklungsbeduerftigen Laendern und auch im eigenen Lande zur Verfuegung standen, bzw.
stehen. ITun, da die Sowjet-Union anscheinend ueber dieses wachsende
Wirtschaftspotential verfuegt, wird sie noeglicAerweise ansehnliche
Mengen an Maschinen und Rohstoffen exportieren
und

- 21 -

�ausgebildete Techniker in Laender der freien Welt entsenden koennenf
ohne dadurch die Erfuellung ihres intern-wirtschaftlichen Investitionspro grainms zu gefaehrden.
Hintergruende der Händelsoffensjve.
Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass die Herrscher Russlands schon immer gehofft und davon getraeumt haben, in Ilahost und
Suedasien festen Puss fassen zu koennen. Das trifft auch auf die
kommunistischen Machthaber zu. Ihre Taktik ist es, die einheimischen
Zustaende in den entwicklungsbeduerftigen Gebieten, also z.B.die Wellen des llationalismus und den Drang nach Unabhängigkeit, ausgedehnte
Armut, soziale Unzufriedenheit sowie andere sich aus der "Revolution
der sich steigernden Erwartungen" ergebenden Momente fuer ihre Zwecke
auszunutzen. Diese Momente und die Taktik der Kommunisten stellen die
freie Welt vor eine grosse Anzahl unheimlich verwickelter Problem».
Jä8 war das unverhuellte Ziel des Roten Blocks im Jahre 1955»
die kommunistischen Einflussgebiete politisch, wirtschaftlich und
kulturell zu erweitern. Das Endziel, die ganze Welt kommunistisch
zu beherrschen und zu unterjochen, bleibt das gleiche. Eine verstaerkto Ilandelsoffensive, verbunden mit einer regen diplomatischen
Aktivitaet und Propaganda, war das Hauptmerkmal der 1955er Kampagne
in den entwicklungsbeduerftigen Laendern. Auf dem Umweg ueber Handelsbeziehungen, Kreditgewaehrung, technischen Beistand und Industrieausstellungen war der Rote Block bestrebt, das noetige Interesse auf sich
zu lenken und in den entwicklungsbeduerftigen Laende^Eingang zu finden, um die I.'achtsphaere des Roten Blocks auszudehnen. Andererseits
suchte er unter Ausnutzung politischer Spannungen, wie z.B. des Konflikts zwischen den Arabern und Israel, Zwietracht zu saeeen und. den
Westen zu spalten, und legte es mehreren Laendern dringend nahe, eine
neutrale Haltung einzunehmen bezw. zu bewahren.
Naturprodukte machen etwa vier Puenftel der Gesamterzeugung
entwicklungsbeduerftiger Laender aus. Fuer Reis, Gummi, Baumwolle,
Zucker, Jute, Getreide und andere in diesen Laendern ueber den Eigenbedarf hinaus erzeugten Haturerzeugnisse waren die freien Weltmaerkte nicht ausreichend aufnahmefaehig. Diese Situation bot einen
Anreiz zu Kompensationsgeschaeften mit dem Roten Block und fuehrte
zum Austausch von Naturprodukten aus entwicklungsbeduerftigen Laendern gegen Industrieerzeugnisse einschliesslich ganzer Fabrikanlagen
aus dem Roten Block. Ob diese Art des Tausches sich auf die Dauer
vorteilhaft fuer die entwicklungsbeduerf tigen Staaten ausv/irken
wird, bleibt abzuwarten.
Wiewohl es sich im allgemeinen und an Weltnassstaeben gemessen
nur um kleine Mengen handelte, hatten diese dennoch ihre Bedeutung
fuer einzelne Laender, wie z.B. Birma, Aegypten, Afghanistan. Die
mit diesen Lr.endern und auch mit Indien, Indonesien und Syrien abgeschlossenen Handelsvertraege sahen die Lieferung ganzer Industrieanlagen durch die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, die Sowjetzone
Deutschlands und Polen vor. Dieser neue Zug in der Entv/icklung des

-22-

�Handels mit dem Roten Block, der sich erheblich auf den Welthandel
auswirken kann, wurde zurückgeführt.
1. auf allgemeine taktische Überlegungen auf kommunistischer
Seite,
2. auf den wachsenden Bedarf der Rotblock-Länder an Rohstoffen
und ihren steigenden Ausstoß von Kapitalgütern,
J. auf den Bedarf der entwicklungsbedürftigen Länder an Kapitalgütern und die sich in den auf die Ausfuhr ihrer Agrarerzeugnisse angewiesenen Ländern stauenden Überschüsse.
Diese großen Überschüsse, die auf die Preise drückten oder auch
zu Preisschwankungen führten, veranlaßten die erwähnten Länder, auf
die handelspolitischen Avancen des Roten Blocks einzugehen. In einer
Anzahl von Fällen erbot sich der Rote Block zur Zahlung von Überpreisen für solche Waren, die die entwicklungsbedürftigen Länder
auf den Märkten des Westens nur schwer absetzen konnten.

Handelsverträge und Kredite
Wie im Kapitel I ausgeführt, ergab sich Umfang unü Gestaltung
des Handels zwischen dem Roten Block und den Ländern der freien Welt
in erster Linie aus den abgeschlossenen Handels- und Zahlungsabkommen.
67 der Ende 1955 in Kraft gewesenen 174 Handelsverträge bestanden
zwischen dem Roten Block und entwicklungsbedürftigen Ländern in Nahost, Afrika, Asien und Lateinamerika. Sechs dieser Abkommen, und zwar
zwischen der UdSSR und Birma, zwischen der Tschechoslowakei und Ceylon,
zwischen Polen und Birma bezw. Paraguay sowie zwischen Rotchina und
Ägypten bezw. Syrien, wurden im Laufe der zweiten Hälfte 1955 abgeschlossen. Im gleichen Halbjahr und mit dem Ziel einer Inkraftsetzung
ab 1956 schloß Syrien neue Verträge mit der Sowjetunion, der Sowjetzone
Deutschlands und Polen ab, während Ceylon und Polen zu Vereinbarungen
gelangten. In Nahost hatte Ägypten die meisten Handelsabkommen abgeschlossen, nämlich sieben. In Süd- und Südostasien führte Indien mit
acht, gefolgt von Indonesien mit sieben. Es scheint, daß die RotblockStaaten im allgemeinen ihre Waren in zufriedenstellender Qualität geliefert und die Bedingungen der Handelsverträge erfüllt haben.
Die wirtschaftsdiplomatische Aktivität des Roten Blocks zeigte
sich vielleicht am augenfälligsten in der erheblich erweiterten Verwirklichung der roten Vorstellungen von einer "wirtschaftlichen und
technischen Hilfeleistung". In keinem Falle war diese Hilfestellung
mit finanziellen Leistungen verbunden, abgesehen von kleinen Beiträgen
zum technischen Hilfsprogramm der Vereinten Nationen. Während vor
1955 noch wenige Kredite gegeben wurden, erweiterten die Sowjetunion
und die Tschechoslowakei ihre Planung für 1955 i n materieller Hinsicht und konzentrierten ihre Bemühungen auf die unterentwickelten
Länder. Die mit diesen Ländern im Laufe des Jahres 1955 getroffenen
Kreditabkommen lauteten auf insgesamt nahezu 600 Mio Dollar. Den
überwiegenden Anteil erhielten Jugoslawien, Ägypten, Afghanistan und
Indien. Über zwei Drittel der Gesamtkreditsumme stellte die Sowjetunion. Im Rahmen der Bedingungen beträgt der Zinssatz 2 bis 2 1/2 $j
die Rückzahlungsfristen können verlängert werden, und in bestimmten
Fällen

- 25 -

�ist die Rueckzahlung in Landsswaehrung oder in Landeserzeugnissen
moeglich.
Bis zum Sommer 1953 hatte der Sowjetblock die technischen Hilfsprogramme der Vereinten Kationen mit der Begruendung boykottiert, dass
damit bezweckt werde, die unterentwickelten Laender zu "Rohstofftraban ten" der Vereinigten Staaten und anderer Westmaechte zu machen. Am 15.
Juli 1955 verkuendete die Sowjetregierung, sie werde sich mit 4 Mio
Rubel(nach dem offiziellen Umrechnungskurs etwa 1 Mio Dollar am Fonds
zur Finanzierung technischer Hilfsprogramm« der Vereinten Hationen beteiligen. Der Beitrag wurde 4 Monate spaeter auf einer Besprechung
ueber die Unterstuetzung der technischen Hilfsprogramme amtlich zugesagt. Auf dieser Konferenz sagte ferner. Polen 75«000 Dollar, Weissrussland 50.000 Dollar, die Ukraine 125.000 Dollar zu. Die Tschechoslowakei erklaert«, sich 1954 beteiligen zu wollen.
Diese Zusagen liessen erkennen, dass die neue Politik in einem
gemeinsamen Vorgehen der Sowjetblock-Laender bestand und auffallend
mit einer allmaehlich verstaerkten Hinwendung zu kommerzieller und
technischer Hilfe fuer die entwicklungsbeduerftigen Laender einherging.
Als Beweggruende wurde allgemein angenommen, dass die UdSSR einmal die
nachteilig« propagandistische Wirkung ihres Abseitsstehens erkannte,
zum anderen auf dem Umweg ueber die Vereinten Hationen den kommunistischen Einfluss in den entwicklungsbeduerftigen Laendern verstaerken
wollte, indem sie sowjetrussische Techniker ins Ausland entsandte und
Stipendien an sowjetrussischen Universitaeten gewaehrte, und ferner
danach strebte, die entwicklungsbeduerftigen Hationen fuer den Abschluss
vonllandelsvertraegen zu gewinnen und Rohstoff« von ihnen zu beziehen.
Propaganda gehoert dazu
Die Benvuehungen des Sowjetsblock«, in den entwicklungsbeduerftigen Laendern vorzudringen, waren von honigsuessen Erklaerungen des
Parteichefs der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union Ghruschtschew
und seiner Genossen begleitet. Danach seien die Beziehungen des Sowjetsblocks zu den genannten Laendern auf den Grundsaetzen friedlicher
Koexistenz, der Gleichberechtigung und Achtung der Rechte kleiner Voelker, der ITichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Voelker und Abstandnahme von Angriffshandlungen sowie der gegenseitiger- Begünstigung aufgebaut. Das Verlockendste an diesen Freundschaftsbeteuerungen waren die Hinweise auf gemeinsame Interessen, auf die moegliche
Ausweitung internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit , auf die
Aussichten fuer einen riesigen Absatzmarkt im Sowjetblock und schliesslich auf die Moeglichkeit der Erlangung nationaler Lnabhaengigkeit , dejr
wirtschaftlichen '.','eiterentwicklung durch schnelle Industrialisierung
und des sozialen Fortschritts. ITach den abgegebenen Versicherungen seien
die technischen Hilfsprogranme der Sowjets rein geschaeftlicher Hatur,
d.h. es seien keine politischen Ziele damit verknuepft, wohingegen die
Programme der Vereinigten Staaten nach sowjetischen Behauptungen die
Forderung nach unterstuetzung des "agressiven Ililitarismus" Amerikas beinhalteten. Kit diesen Behauptungen vrarden die "kapitalistischen Firmen"
so hingestellt, als ob sie versuchten, alle llaerkte mit ihren Waren
zu ueberschwemmen, v/aehrend es die Politik des Sowjetblocks sei, ata»
die Erzeugnisse zu liefern, die die entwicklungsbeduerftigen nicht gut
selbst herstellen

- 24 -

�koennten. Vertreter des Sov/jetblocks erklaerten nachdruecklich, dass
ihre Anleihebedingungen guenstiger seien, als die der Laender der
freien Welt, und die entwicklungsbeduerftigen Staaten nicht zur Unfreiheit verurteilten, wie es die Bedingungen der kapitalistischen Laender taeten.
Im Rahmen ihrer Handelspolitik, ihrer Plaene fuer die Gewaehrung
technischen Beistandes und ihrer Propaganda verlegten sich die Staaten
im Sowjetblock aus psychologischen und Reklamegruenden teilweise auf die
Durchführung von Vorhaben sichtbaren und bleibenden Wertes (wie z.B.
die Pflasterung der Strassen von Kabul) und fanden damit Anklang bei
den Empfaengerstaaten. Der Sowjetblfcck.sorgte ferner fuer den beschleunigten Abschluss von Vertraegen ueber die Gewaehrung technischer Hilfe,
und ungefaehr einen Monat nach Vereinbarung des technischen Beistandes
erschienen gewoehnlich die roten Techniker zur Aufnahme ihrer Arbeit an
den jeweiligen Vorhaben. Technische Vertretungen foerderten nicht nur
den Verkauf von Ausruestungen aus den Sowjetblock-Laendern, sondern
sorgten auch fuer eine Ausweitung und Staerkung des kommunistischen
Einflusses. Nach bis heute vorliegenden Einzelheiten scheinen die technischen Beistand aus den Laendern im Sowjetblock in Anspruch nehmenden
Staaten mit der geleisteten Arbeit und dem erzielten Fortschritt zufrieden zu sein, und die neutralen und "ungebundenen" Laender scheinen
die laufende wirtschaftliche und technische Hilfe des Sowjetblocks als
fuer ihre Unabhaengigkeit ungefaehrlich anzusehen.
Vorstoesse in den Nahen Osten.
Im Jahre 1955 konzentrierte der Rote Block (also einschliesslich Rote»
Chinas) seine Bemuehungen auf den Hahen Osten. Seine "Offensive" bis nach
ITordafrika bestand in der Anknuepfung von Handelsbeziehungen, in der
Gewaehrung von Waffenhilfe^wirtschaftlichen und technischen Beistandes
sowie in der Anbahnung kultureller Beziehungen. Bei einer BeyoelI:erung
von ueber 100 Millionen Koepfen foerdert der Nahe Osten 20$ der Weltproduktion an Rohoel und Erdgas. Er verfuegt, soweit festgestellt, ueber
zwei Drittel der gesamten Rohoelreserven der Erde. Der ITahe Osten macht
einen Wandlungsprozess durch} er umfasst ein Gebiet von zunehmender
wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung. Die ungeklaerte politische
Lage und der wachsende arabische Nationalismus.bieten dem Konmunismus
verlockende Gelegenheiten zu Manoevern und zur Wahrnehmung, eigener
Vorteile.
Das Gesamtvolumen des Handels zwischen dem Roten Block und dem
Nahen Osten stieg im Jahre 1955 wertmaessig mit 85 Mio Dollar deutlich
an, und es ist zu erwarten, dass die Aufwaertsbewegung anhalten wird.
Auffallend war die Verlagerung des Handels mit ITahost in den Jahren
1954/55 von der freien Welt nach dem Roten Block. Der Ilahosthandel
Nordamerikas und Westeuropas eing in diesen. Jahren zurueck. Das lag dem
Bericht der Vereinten Nationen ueber die "Wirtschaftliche Entwicklung
im Vorderen Orient, 1954 und 1955"(Economic Development in the Middle
East") zufolge zum Teil an Absatzschwierigkeiten fuer groessere Posten
der jeweilige* landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse und demgemaess
an einer Zunahme der Kompensationsgeschaefte (ueberschuessige Naturprodukte gegen Maschinen) tnit der kommunistischen Welt. Da die Laender
in Nahost keine preisgünstigen Maerkte fuer ihre Erzeugnisse in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Kanada fanden, schalteten sie auf

- 25 .

�den Handel mit dem Roten Block um.
Dem Beispiel anderer ITahostlaender (ausser Israel) folgend, "bauten
die Tuerkei und der Iran - "beide Laender sind LIitglieder des antikommunistischen Bagdad-Takts - ihre Handelsbeziehungen zum Roten Block
systematisch aus. Der Umsatz der Tuerkei im Handel mit dem Roten Block
stieg 1955 ölt einer wertmaessigen Erhoehung um 60 Mio Dollar merklich
an, Im Laufe der Jahre 1955 bis 1955 erhoehte sich der Anteil der 3ezuege der Tuerkei aus den Rotblocklaendern an ihrer Gesamteinfuhr um
das Dreifache, und zwar von 5 t5$ auf 18,3^« Die Exporte der Tuerkei
nach dem Roten Block - es handelte sich dabei hauptsaechlich um Tabak,
Baumwolle. Viehfutter und Nuesse, also um Waren, die keiner Sperre unterliegen - erreichten 1955 einen Gesamtwert von 68,6 Hio Dollar gegenueber 5511 Hio Dollar im Jahre 1954» Gegenueber 16,5$ im Jahre 1954 erhoehte sich der Anteil der Exporte der Tuerkei nach dem Roten Block an
ihrem Exporthandel mit der gesamten Welt im Jahre 1955 auf 21,8$.
Israel zeigte augenscheinlich keine Neigung, seine Handelspolitik
auf den Roten Block umzustellen, sondern zog es vor, seinen Handel mit
Finnland, Jugoslawien und der Tuerkei auszuweiten. Dagegen war Syrien
sehr an Geschaeftsverbindungen mit dem Roten Block gelegen. Es schloss
daher im November einen Handelsvertrag mit der Sowjetunion ueber Lieferungen von syrischer Baumwolle, Trockenobst, Oelfruechten, Tabak,
Kunstseids u.a.m. gegen Fabrikausruestungen, landwirtschaftliche Geraets,
Lastwagen usw.
Kanonen fuer Baumwolle
Auf Aegypten konzentrierten sich 1955 das Interesse und die Bemuehungen des Roten Blocks. Zu seinen Schritten wurde er ermutigt, durch
Aegyptens Staatspraesident Gamal Abdel Nasser, der bei verschiedenen Gelegenheiten erklaert hatte, dass Aegypten kommerzielle, wirtschaftliche
und technische Hilfe von kommunistischen Laendern annehmen werde, wenn
dies in seinem nationalen Interesse laege.
Aegyptens Umsaetze im Handel mit dem Roten Block stiegen 1955 u™
etwa 59 Mio Dollar. Der Anteil des Roten Blocks an Aegyptens Gesantausfuhr
betrug etwa 27$. Im Laufe der Jahre 1955-1955 verdoppelte Aegypten den
Anteil seiner Exporte nach dem Roten Block. Zum Teil ist diese llandelsausweitung dem Abschluss von sieben Handelsabkommen zwischen Aegypten
und Rotblock-Staaten im Jahre 1955 zuzuschreiben. Rot-China hatte
wachsenden Anteil an dem.sich ausweitenden Handel, angeblich auf Grund
der Besprechungen, die Staatspraesident Nasser mit dem Llinisterpraosü
denten Rot-Chinas, Tschu En-Lai, auf der asiatisch-afrikanischen Konferenz in Bandung im April 1955 fuehrte.
Baumwolle bildet die Grundlage der aegyptischen Wirtschaft. Sie
ist der Ilauptposten im Volkseinkommen und Aögypten3 Ilauptdevisenbringer.
Von jeher bestand der Gesamtexport Aegyptens zu mehr als 80$ aus Baumwollieferungen. Kitte 1955 war die Lage auf dem Weltmarkt infolge grosser Baumwollueberschuesse beunruhigend flau und man fuerchtete in Kairäi
dass. die Baumwollpreise weiter sinken wuerden. Den Rotblock-Staaten,
die sich unbedingt eine BrueckenkopfStellung am.Nil schaffen wollten,
kamen die Baumwollueberschuesse und Aegyptens Befuerc/.tungen sehr ge-

- 26 -

�legen, un Abkommen mit Aegypten ueber den Austausch von Reis und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und Waffen zu treffen.
Ilitte Juli 1955 unterzeichneten Aegypten und die Tschechoslowakei
ein Handels- und Zahlungsabkommen. Am 22. August folgte ein Dreijahresabkomnen mit Rot-China. Ein Tauschgeschäft - Baumwolle gegen Erdoel wurde mit der UdSSR vereinbart, und im Ilovember kam ein Handelsvertrag
mit der Sowjetzone Deutschlands zustande. Auf Grund der verschiedenen
Handelsvertraege erhoehte sich der Anteil der kommunistischen Laender
an Aegyptens Baumwollausfuhr, der waehrend der Jahre 1946-1954 im Durchschnitt 1 y/j betragen hatte, auf 21j£ im ersten Halbjahr 1955 und auf 40/a
im zweiten Halbjahr 1955« Einige Rotblock-Stc.aten haben angeblich ueber
der. Weltmarktpreis liegende Preise fuer Aegyptens langfaserige Baumwolle
gezahlt.
Ir. September erklaerte Staatspraesident Hasser, der einen I'onat vorher eine Einladung zur. Besuch der Sowjet-Union erhalten hatte, oB cei
ein von den Sowjets vermitteltes Ceschaeft eingegangen, wonach er tschechische Waffen im Werte von angeblich 100 bis 250 Mio Dollar erhalte,
die mit Baumwolle zu bezahlen seien. Vor amtlicher Bekanntgabe des Tauschgeschaefts, ueber das schon mehrere Wochen lang Geruechte in Umlauf.gewesen waren, hatten Vertreter Aegyptens erklaert, daes Aegypten sowjetische Waffenlieferungsangebote annehmen muesse, falls sein Land keine
Waffen aus dem Westen erhalten koenne. Am 20. Oktober lief der sowjetische Frachter "Stalingrad" mit der ersten V.'affcnladung aus der Tschecho Slowakei in Alexandria ein. Die Ladung bestand aus 133 Eisten; damit soll
zum ersten 1,'al ueberhaupt ein kommunistisch regierter Staat Waffen an ein
arabisches Volk geliefert haben.
Bulganins und Chruschtschews Reise nach Suedasien
Im ITovember/Dezember machten Ilinisterpraesident Bulganin und
Chruschtschew eine triumphale "Freundschafts"-Rundreise durch Indien,
Birma und Afghanistan. Die einmonatige Reise, die am 17» Ilovember in
I'oskau begann, wurde in der Sowjet-Union als ein gewaltiger Schritt in
Richtung auf die Srfuellung des ehrgeizigen Wunsches von Generationen
von Staatsmaennern Russlands, Einflussgebiete in Suedasien zu gewinnen,
angesehen. Der aeussere Anlass der Reise war der Wunsch, die vorangegangenen Besuche Bandit llehrus und U ITus, des Ministerpraesidenten von Birma,
zu erwidern. Der wahre Zweck aber war der, durch Festigung der"Freundschaft" und durch Foerderung der Handelsbeziehungen sowie als Gegengewicht
gegen die vom Westen gestuetzte Suedostaoien-Fakt-Organisation (die 3EAT0)
die neutralen Voelker Asiens zu einer Front zu vereinigen. Dem Besuch der
beiden Sowjetpolitiker gingen Bemuehungen voraus, Indien, Birma und Afghanistan handelspolitisch an den Roten Block zu binden - man denke z.B. nur
an das Abkommen ueber den Bau eines Stahlwerks im Herzen Indiens(Vgl. Bericht VI, Kapitel 1).
Das in wirtschaftlicher Hinsicht Bemerkensy/erteste er. diasa- z\ a i £tch
bedeutsamen Reise durch Indien war das am 13. Dezember herausgegebene gemeinsame Kommunique;, mit dem der Abschlucs eines Handelsvertrags bekannt
gegeben wurde. Danach kauft Indien der Sowjet-Union im Laufe von 3 Jahren
gerechnet ab 1956, 1 Mio t. Stahl und verschiedene Ausfuehrungen von Bohrund Bergwerksausruestungen sowie andere Geraete ab. Dafuer erklaerte sich
die UdSSR bereit, Rohstoffe und Fertigwaren im entsprechenden Gegenwert

- 27 -

�von Indien zu beziehen. Der Vertrag sieht ferner die Einrichtung von
Dampferlinien vor, die von indischen und sowjetischen Schiffen "befahren
werden sollen, um die Transporte in beiden Richtungen zu bewerkstelligen. Indien und die UdSSR kamen ueberein, baldigst Abordnungen auszutauschen, um Zahlungs- und Lieferbedingungen zu eroertern und um zu
wirtschaftlichen Abmachungen zu gelangen, die die Erreichung des groesstmoeglichen Volumens im Handel zwischen den beiden Laendern sicher
stellen sollten. Es wurde so gerechnet, dass das Inkrafttreten des Handelsvertrages zeitlich mit dem Anlaufen des zweiten indischen Fuenfjahresplan im April 1956 zusammenfallen solle.
soft
Mit dem Besuch von Bulganin und Chrutschew erreichte die "Bearbeitung" Indiens durch die Sowjets ihren Hoehepunkt. Die Sowjet-Union
konnte als Ergebnis erhebliche propagandistische Gewinne buchen. Weitere
l,!omente»die sich fuer die Stellung der Sowjet-Union guenstig auswirkten,
waren 1) ihr Angebot, Indien ihre mit der friedlichen Verwendung der Atomenergie und dem Bau von Fabrikanlagen gewonnenen Erfahrungen zur
Verfuegung zu stellen} 2) der Eingang von Lieferungen zur Ausruestung
des Stahlwerks und die Ankunft von Fachleuten in Indien; 3) das Angebot, Indien in allen Bereichen der Schuerfarbeiten, der Oelgewinnung
und der Oelraffinerie Hilfe zu gewahren; 4) der Eingang der -'eraetschaften fuer ein 15.000 Morgen grosses Staatsgut, deren Lieferung dem Ministerpraesidenten ITehru bei seinem Besuch in Iloskau zugesagt worden war.
Die Gesamtunsaetze im Handel zwischen dem Roten Block und Suedasien sowie dem Fernen Osten erhoehtat sich 1955 um etwa 120 Mio Dollar.
Indiens Handel mit dem Roten Block stieg wertmaessi- um ueber 18 Ilio
Dollar. 3is Ende 1955 hatte Indien acht Händelsvertraege mit RotblockStaaten abgeschlossen. Dennoch war der Rote Block an Indiens Einfuhr
nur mit 1,7/3 und an dessen Ausfuhr nur mit 2,1$ beteiligt. Die Umsaetze
im Handel zwischen dem Roten Block und Indonesien, mit welchem sieben
Handelsabkommen bestanden, stiegen 1955 um etwa 50 Mio Dollar, im Falle
Ceylons dagegen gingen sie um $6 Ilio Dollar zurueck.
Der Reis als Waffe.
Reis ist das landwirtschaftliche Haupterzeugnis und bildet die
Hauptnahrung der Bevoelkerung in allen Laendern Asiens. Bei seinen Bestrebungen, in Birma Einfluss zu gewinnen, operiert der Rote Block
hauptsaechlich mit dem Aufkauf von Reis, einer Ware, die Birma mit
sehr erheblichen Ueber3chuessen erzeugt und daher stark exportieren
nuss, um seine wirtschaftliche Stabilitaet zu erhalten. Der Anteil des
Heishandels an Birmas Exporterloesen betraegt 70 bis 80$,und die Staatseinnahmen haengen stark vom Reishandel ab. Da Birma Schwierigkeiten
mit dem Absatz des Reises auf seinen traditionellen Harkten hatte, fanden die Rotblock-Staaten mit ihren im Jahre 1955 staendig zunehmenden
Reisaufkaeufen die geeignete Einbruchstelle, um die Wirtschaft Birmas
von sich abhaengiger machen zu koennen.
Im Jahre 1955 stieg der Wert der im Handel zwischen Birma und dem
Roten Block umgesetzten Waren nach vorlaeufi^en Schaetzungen um ueber
23 Mio Dollar. Mit 12$ war der Rote Block 1955 an Gesamtexport Birmas
beteiligt gegen weniger als 1$ waehrend des Seitraums 1950-54. Fuenf
neue Händelsvertraege schloss Birma mit Rotblock-Staaten ab, und zwar
mit der UdSSR, der Tschechoslowakei, der Sowjetzone Deutschlands, Un-

- 28 -

�garn und Polen; es erneuerte einen Vertrag mit Rot-China aus den Jahre
1954. Im Rahmen dieser Vertraege wurden Reis, Mineralien, Gummi, Holz
und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und einige Verbrauchsgueter
ausgetauscht. Reis war das Ilaupthandelsobjekt. Die Reisnengen, die Birma
ausfuehrte, stiegen von 1,5 Mio in Jahre 1954 auf 1,7 Tonnen im Jahre
1955 an. 2%a davon nahmen die Rotblock-Staaten ah. Die kommunistischen
Abnehmerstaaten verwendeten den Reis nicht ausschliesslich fuer sich,
sondern lieferten ihn teilweise weiter an ITordvietnam und ITordkorea.
Einige Mengen wurden sogar an Laender der freien Welt v/eiterverkauft.
Als I.iinisterpraesident U ITu Ende Oktober Moskau besuchte, dankte
er der UdSSR fuer die Befreiung seines Landes von einer Y/irtschaftskrise
durch Abnahme seiner Reisueberschuesse und sprach den Wunsch aus, fuer
den Reis Fabrikausruestungen und Maschinen sowie Techniker aus der SowjetUnion zur Verfuegung gestellt zu erhalten. Am 22..Februar 1955 hatte er
angekuendigt, dass die Sowjet-Union in Baelde 200.000 t Reis aus Birma
beziehen und Birma im Austausch mit Industrieausrüstungen beliefern
v.'uerde.
Am 7» Dezember trugen Bulganin und Chruschtschew ihre "Reis-Offensive"
vor, indem sie mit Birma ein Wirtschaftsabkommen schlössen. Danach
nimmt Birma die Hilfe der Sowjets fuer seine landwirtschaftliche Aeiterentwicklung, fuer den Bau von Berieselungsanlagen und die Errichtung
von Industrieanlagen in Anspruch. Die Sowjet-Union versprach auch den
Bau einer technischen Hochschule in Rangun und die Lieferung des dafner
notwendigen Inventars als Geschenk an das birmesische Volk. Das Abkommen sieht vor, dass Birma die fuer seine Landwirtschaft und Industrie
gewaehrte Hilfe mit Reis bezahlt und dass die Sowjet-Union mit einem
Zahlungsaufschub einverstanden ist, wenn nicht genuegend Reis zur Verfuegung steht.
Der klingende Rubel
Die Ruehrigkeit, mit der die Sowjets versuchen, Afghanistan ihren
"technischen Beistand" angedeihen zu lassen, geht auf ihre Bemuehungen
um die Erweiterung ihrer Handelsbeziehungen zurueck. Es scheint jedoch,
dass eher strategische Interessen auf lange Sicht im Spiele sind, als
das Bestreben, aus Einfuhren aus Afghanistan unmittelbar ilutzen zu
ziehen.
Bis Mitte November 1955 waren als Ergebnis der Werbung Moskaus
um Afghanistan Pressemeldungen zufolge 500 sowjetische Techniker an
Ort und Stelle, um den Afghanen beim Bau von Oeltanklagern, Getreidesilos und der Ausfuehrung sonstiger Grossbauvorhaben zu helfen.
Zeitungskorrespondenten meldeten "glaenzende Erfolge". Als Folge seiner
heftigen Anstrengungen zur Foerderung der Handelsbeziehungen zu
Afghanistan war der Sowjet—Block im Jahre 1955 vermutlich zu etwa 50$
am gesamten Aussenhandel dieses Landes beteiligt. Das Wirken der Sowjets in Afghanistan wird noch unterstuetzt und ergaenzt durch die
Satellitenstaaten, besonders durch die Tschechoslowakei, die eine
Zementfabrik baut. Im Anschluss an die Meldung des afghanischen Rundfunks, da3s Afghanistan der Einladung, eine Militaermission nach der
Tschechoslowakei zur Besichtigung des moderasten'
Kriegsmaterials

- 29 l

�Kriegsmaterials zu entsenden, Folge leisten werde, war im ITovember
aus Zeitungsberichten zu entnehmen, dass Afghanistan ein Y/affenlieferungsangebot der Tschechoslowakei anzunehmen heahsiehtige.
Kinisterpraesident 3ulganin und Chruschtschew besuchten zum
Abschlüss ihrer Reise durch Suedasien Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Den Iloohepunkt des Besuches bildete am 18. Dezember
d?*c Erklaerung, dass die Sowjet-Union Afghanistan einen langfristigen 1 CG Mio Dollar-Kredit zur landwirtschaftlichen Weiterentwicklung., zun Bau von Wasserkraftwerken, Berieselungsanlagen,
Autoreparaturwerkstaetten und zur, Y.'iederaufbau des Plughafens
von Kabul oinraeumen werde. Die beiden Staaten kAmen' ferner ueber
ein, die freundschaftlichen Beziehungen politisch und kulturell
auszubauen* Y/aehrend ihres Besuches machten die Sowjetfuehrer
Afghanistan: ein Krankenhaus, mit einhundert Betten sowie der Stadt
Kabul 15 Omnibusse zun Geschenk. Diese grossangelegte Hilfeleistung
erfolgt - so wird da3 jedenfalls gedeutet - im Rahmen eines Plans
der Sowjets, ihre Stellung in Afghanistan zu festigen und dessen
dauernde Keutralitaet sicherzustellen, 30wie als Gegengewicht zur
Freundschaft der Vereinigten Staaten mit der Tuerkei, den Iran und
Pakistan.
Rubelklaenge in Lateinamerika
Kur drei Staaten Suedamerikas, naemlich Argentinien, Uruguay
und Kexi':o, unterhalten diplomatische Beziehungen zur Sowjet-Union,
waehrend mehrere andere Laender derartige Beziehungen zu sonstigen
Straten im Sowjetblock haben. Der Anteil des Koten Blocks (unter
Einschluss Rot-Chinas) an Gesantaussenhandel Suedamerikas oetrug
1955» v/ie auf Seite 8 erwaehnt, nur 2$6« Innerhin sind die Benuehungen des Roten Blocks tun eine Ausweitung seiner Handelsbeziehungen
zu Suedanerika seit 1953 nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Die
Geschaeftsleute in den Vereinigten Staaten unterschae.tzen keineswegs die Bedeutung des handelspolitischen Vordringens des Roten
Blocks nit der damit verbundenen Aussicht auf schaerfere Konkurrenz und den sich fuer die kommunistischen Parteien in. den einzelnen Laondern ergebenden Vorteile.
In Verlauf der roten "Friedensoffensive" 1954/55 bekam Lateinanerika des sowjetische Draengen nach Koexistenz und nach engeren
wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu spueren. Es wurden
allerdings keine direkten Angebote bezueglich technischen Beistandes
genacht.
In Jahre 1955 benuehte sich der Sowjetblock eifrig, die Zahl
der zv/eiseitigen Handelsvertraegc nit lateinanerikanischen Staaten
zu vermehren und sie auf eine breitere Grundlage zu stellen. Auf der
Konferenz der Uli Wirtschaftskommission fuer Lateinaneyika (ECLA) in
Bogota im August piaedierten polnische und tschechische Beobachter
fuer einen erweiterten Handel zwischen Suedanerika und den Laendern
hinter den Eisernen Vorhang und wiesen dabei auf die Koeglichkeit
fuer Suedanerika hin, sich neue und bleibende Absatznaerkte dort
zu schaffen.
An 31« Dczenber 1955 waren 18 Ilandelsvertraege zwischen lateinanerikanischen Staaten und europaeischen Laendern in Sowjetblock

- 30 -

�in Kraft. Dem Beispiel ihrer Vasallenstaaten folgend, hatte sich
auch die Sowjet-Union ein eigenes System direkter Verträge mit südamerikanischen Staaten geschaffen. Die 18 Handelsverträge mit ihren
großzügigen Kreditbedingungen sehen einen jährlichen Warenaustausch
im Betrage von 500 Mio Dollar vor. Im Vergleich au 1954 mit einem
Handelsvolumen im Werte von 200 Mio Dollar und au 1953 mit 70 Mio
Dollar ist dao eine imponierende Zahl. Im ganzen sind die Ausfuhren
aus Südamerika auf verhältnismäßig, wenige Warensorten beschränkt.
Argentinien liefert Leinöl, Häute und Fleischj Brasilien Kaffee,
Baumwolle, Kakao und ".Vollej Uruguay Gefrierfleisch und V/olle und
Mexiko Kaffee. Die Gegenlieferungen des Sowjetblooks umfassen landwirtschaftliche Maschinen, Fabrikausrüstungen, öl, Rohstoffe,
Schienen, Zement und Spiegelglas. Wie auf Seite 8 ausgeführt, bewirkten
größere Ankäufe von Zucker und Kaffee durch Sowjotblock-Staaten im Jahre
1953 eine Erhöhung der Exporte Südamerikas nach dort um 20^.
Im Herbst 1955 erschienen Berichte, wonach der Sowjetblook seinen
handelsvertraglichen Verpflichtungen gegenüber Argentinien, Brasilien,
Uruguay, Mexiko und anderen Staaten nicht voll nachkomme, so daß erhebliche Salden zugunsten der südamerikanischen Staaten entstanden
seien. Nach amtlich nicht bestätigten Schätzungen blieb die Erfüllung
der Verträge zwischen den Sowjctblock-Staaten und Argentinien im Jahre
1954 um.etwa j\',l und der Verträge zwischen Brasilien und den Sowjotblock•tarten um 4^/ hinter den eingegangenen Verpflichtungen zurück. 7,'iewohl
der Umfang der gegenseitigen Lieferungen hinter den Erwartungen zurückblieb, erfüllten die lateinamerikanischen Staaten im allgeiaoinon die
Verträge dennoch besser, als die Sowjotblockstaaten. &amp;• wurdo Klage* darüber geführt, daß die Lieferungen an Argentinien mengenmäßig nioht nur
nicht den gemachten Zusagen entsprochen hätten, sondern daß auch die
Qualität der Werkzeugmaschinen und ähnlicher Erzeugnisse im Vorgleioh
zu entsprechenden U3A-Erzeugnis3on mindorwortig und veraltet (5-15 Jahr*
alte Modelle) gewesen seien.
Der Sowjetblock richtoto seinen wirtschaftspolitischon Vorstoß
im Jahre 1955 in erster Linie auf Argentinien und Uruguay. Im Laufe
des Jahres hatte Argentiniens Handel mit dem Jowjctblock einen starken
Aufschwung genommen, und am Jahruscndo bootanden zwischen Argentinien
und kommunistischen Ländern sechs Handelsverträge. Der wichtigste in
Kraft befindliche Vertrag war mit der Sowjet-Union am 5« August 1953
abgeschlossen worden und sah ursprünglich wortmäßig ein Handelsvolumen
von 150 Mio Dollar sowie einen sowjetischen 30 Mio Dollar-Kredit zum
Ankauf von Investitionsgütern vor. In einom für 1955 gültigen Handelsprotokoll wurde der 30 Mio Dollar-Kredit auf 4 Mio Dollar herabgesetzt,
aber dennoch in keinor Weise von Argentinien in Anspruch genommen*
Im Spätjähr 1955 erklärte dor argentinische Gesandte in Moskau,
die Beziehungen seines Landes zur Sowjet-Union trügen zur Festigung
des argentinischen Handels bei, solange Argentinien auf den riesigen
sowjetrussischen Markt Absatzmöglichkeiten habe, und fügte hinzu,
daß Argentinien seinerseits sowjotische Fertigwaren zum Aufbau seiner
Industrie zu kaufon beachsichtige.

- 31 -

�Unbestaetigtc Kleidungen im Juli deuteten darauf hin, dass die
Sowjet-Union Brasilien, dessen fi nanzielle Lage damals bedenklich war,
verlockende Handelsvorschlage gemacht habe. Dazu gehoerte angeblich
drs Angebot, Brasilien zunaechst einmal 1.000 t Kaffee und 20.000 t
Zucker abzukaufen. Beim Kaffee handelte es sich um eine unbedeutende
Lenge; sie betrug nur 0,1/j der Durchschnittsekaffeeernte in Brasilien.
Die Zuckerankaeufe dagegen hatten schon groessere Bedeutung, zumal Brasiliens hohe Zuckerpreise auf dem V/eltmarkt nicht konkurrenzfaehig .waren.
YVaehrend der Lraesidentenwahlen in Brasilien im Spaetsommer und
Herbst 1955 hatten die drei Ilauptkandidaten ihren V/illen bekundet,
wenigstens Handelsbeziehungen zu allen Staaten zu unterhalten. Die
zunehmende Stimmungsmache fuer die Aufnehme kommerzieller und diplomatischer Beziehungen zur Sowjet-Union und ihren Vasallenstaaten
wurde mehr mit wirtschaftlichen als mit politischen Ueberlegungen
begruendet, denn Brasilien war auf der Suche nach neuen Absatzmaerkten
und auskoemmlichen Preisen fuer seine Erzeugnisse, vor allem fucr seinen
Kaffee.
Im Dezember besuchte der sowjetische Gesandte in Kexiko Ekuador.
Der Lraesident und der Aussenninister empfingen ihn zu einem offiziellen Fruehstueck. Seit dem Besuch hat die Regierung von Ekuador immer
wieder in der Presse erschienene Geruechte dementiert, nach denen uober
einen Vertrag zur Gewaehrung technischen Beistandes durch die Sowjets
r.nd ein Angebot zur Lieferung von V/affen an Ekuador verhrndelt worden
sei.
Gegen Ende 1955 war in ganz Suedamerika ein wachsendes Interesse
an der Ausweitung der Handelsbeziehungen zum Sowjetblock feststellbar,
wenn auch die roten Avancen immer noch mit einiger Skepeii beobachtet
wurden.
¥:• e wird der Herausforderung begegnet?
Hit Ablauf des Jahres 1955 ging eine neue Seitspanne zuende,
waehrend welcher die Staatsmaenner des Y/estens verfolgen konnten, wie
sich die wirtschaftliche und politische Offensive des Roten Blocks in
den politisch nicht gebundenen und entwicklungsbeduerftigen Gebieten
immer mehr verstaerkte. Der kalte Krieg war in eine neue Phase getreten, in der der Kote Block offenbar weniger mit militaerischen Drohungen, politischer V.'uehlarbeit und Hetzpropaganda operierte, als vielmehr mit dem Angebofeines ITebeneinanderbestehens in friedlichem Wettbewerb" und "wirtschaftlich-technischer Hilfe" fuer die entwicklungsbeduerftigon Staaten. Kassgebende Leute in der freien Welt hatten die
von den Sowjets betriebene Politik von jener Seit an, als man noch kaum
davon sprechen konnte, dass den Sowjets an einem wirtschaftlichen Wohlergehen der sich neuerdings entwickelnden Laender gelegen war, da sie
diese beim wirtschaftlichen Aufbau praktisch garnicht unterstuetzte,
bis zur Propagierung des Aussenhandels als "einesintegrierenden Bestandteils des sozialistischen Wirtschaftssystems und sowjetischer Aussenpolitik"?), beobachtet. Eine in der sowjetischen Presse im Juli 1955
*) Diese Zitate aus einer Veroeffentlichung ueber den sowjetischen Aussenhandel sind der"3oviet Technical Assistance"aaO., 3. 4» entnommen.

32

�erschienene Notiz, worin zum erstenmal von einer "Hauptverwaltung fuer
wirtsohaftliohe Beziehungen" die Hede war, blieb nioht unbemerkt. Es
handelt sich hier um eine selbstaendige Behoerde, die den Hinisterat
der Sowjet-Union unmittelbar untersteht und offenbar fuer die Gesamtkoordinierung und Lenkung der Massnahmen der Sowjets zur Gewaehrung
wirtsohaftlioh-teohnisoher Hilfe verantwortlich dät". Sie Einriehtung dieser Behoerde spricht dafuer, welohe Bedeutung die.Sowjetregierung neuerdings den Y/irtsohaftshilfsproGrammen beinliest.
Die Nordatlantikpakt-OrGanisation (1TAT0) trklasrte in einem am
16. Dezember herausgegebenen Kommunique, mit ihrem Vorgehen in ITahost
und ihrer waohsenden militaerischen Staerke "fordere die Sowjet-Union
die freie Welt erneut heraus". Die Vereinigten Staaten begegnen dieser
Herausforderung mit ihren Hilfsprogrammen zur Gtwaehrleistung gemeinsamer Sicherheit. Sie erhoehen damit die Wirtschaftskraft und die militaerisohe Sicherheit ihrer Partner in der freien Welt. Im Neunten
HalbJahresbericht ueber das Programm fuer die Gemeinsame Sicherheit
fuer die Zeit vom 1* Juli bis 31» Deiember 1955 heisst est
"An bereits erzielte Fortschritte anknuepfend setzten die Vereinigten
Staaten die den freien Voelkern in aller Welt gewaehrte Hilft fort. Die
eigenen und gemeinsamen Anstrengungen dieser Voelker zur Sicherheit ihrer Unabhaengigkeit und zur Weiterfuehrung ihrer Massnahmen fuer eine
Verbesserung der eigenen wirtsohaftliohen Bedingungen wurden damit weiterhin wirksam unterstuetit*.... Hit den Sicherheitshilfsprogrammen, in
deren Rahmen die Vereinigten Staaten mit den in der wirtschaftlichen
Entwicklung begriffenen Laondem in dem üomuehen, deren Wirtschaftslage
zuver•bessern, zusammenzuarbeiten, ist man waehrend der in Rede stehenden
seohs Monate ebenfalls vorangekommen. "*)

*) Aus dem "Report to Congress on the Mutual Seourity Program" fuer das
zweite Halbjahr 1955t S% 1i

Xfi» GSi COJ.Ii Tflt ECU

- 53 -

�A M E R I K A

D I E N S T

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die nachfolgende Artikelserie, die von führenden Fachleuten geschrieben ist, befaßt sich mit den wirtschaftlichen,
technischen, sozialen sowie anderen Problemen der Automatisierung.
1 ) Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von Kalifornien
2) Die
und
Von
der

Bedeutung der "Automation" für die US-'.Virtschaft
die US-Autoindustrie
Robert T. Keller, Vizepräsident
"Chrysler Corporation"

3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel
Von Dr. '.Veldon B. Gibson, Direktor der Abteilung
für '.Virtschaftsforschung, "Stanford Research Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe
Von Paul '.Vishart, Präsident
der "Lünneapolis-Honeywell Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis, Vizepräsident und'Leiter
der Registraturabteilung der "Metropolitan Life
Insurance Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von '.7.K. Scott, "U3-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours Company"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
" Von Frederick K. Leisch, "A.G. Nielsen Company"
1 0) "Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M.E. Salveson, "General Electric Corporation"

* * * * *

�t

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die unter diesem Titel in den folgenden Ausgaben von
"Amerika Dienst, Wirtschaft und Arbeit" erscheinende und von
führenden Fachleuten geschriebene Artikelserie befaßt sich
mit den wirtschaftlichen, technischen, sozialen sowie anderen
iroblemen der Automatisierung. Die einzelnen (Artikel werden
sich dabei mit den folgenden Themen befassen:
1) Die Automatisierung und der Mensch, von L.M.K. ?oelterUniversität von Kalifornien
2) Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie, von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel, von Dr. Weldon B. Gibson, Direktor der Abteilung für Wirtschaftsforschung, "Stanford Research
Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe,
von Paul Wishart, Präsident der "Minneapolis-Honeywell
Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben,
von Malvin E. Davis, Vizepräsident und Leiter der Registraturabteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb, von Nathaniel
Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie, von W.K.
Scott, "US-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie, von
V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours r.&lt;cr.&lt;c*v.v"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik, von Frederick K. Leisch, "A.G. Mielsen Company"
10)"Automation"und industrielle Betriebsführung, von M.E.
Salveson, "General Electric Corporation"

*

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEIT UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (i)
Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von
Kalifornien
( 250 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die überall feststellbare Neigung,
Maschinen und ganze Arbeits- und Produktionsprozesse zu automatisieren, ja schließlich alle Betriebsmittel voll automatisch zu betreiben, wurde einmal durch das Streben gefördert,
jegliche Plackerei so weitgehend wie nur möglich auszuschalten
und zum anderen durch die Konstruktion immer besserer mechani^
scher und elektronischer Kontroll- und Steueranlagen.
Die Weitergabe von Energie, Material und Wissen sowie
deren^Umwandlung innerhalb dieser Dreiteilung der Natur oder
ihre Überleitung von der einen in die andere Gruppe beschäftigten den Geist des Menschen von Anbeginn. Im Laufe der Zeit
lernte der Mensch in seiner lenkenden und überwachenden Funktion immer größere Kräfte in der Hand des einzelnen zu vereinigen. Es sei hier an den gruppenweisen Einsatz von Menschen
etwa als Ruderer auf Schiffen, an die Nutzbarmachung der Kräfte des^Windes durch Segel und die Zähmung etwa des Pferdes als
Last- und Zugtier erinnert. Der Mensch bewies seine Fähigkeit,
sich fremde Kräfte planmäßig zunutze zu machen und sie zu kontrollieren.
Er fand immer neue Medien für die Umwandlung und Weitergabe: das Rad, das Feuer, die Wasserkraft und anderes. Die
Überwachung und Lenkung aber fand ihre Limitation in den Grenzen des menschlichen Nervensystems. So kann man die Automatisierung unserer Tage als die Befreiung des Menschen von gewissen Kontrollaufgaben und ihre Übertragung auf "äußere"
mechanische und elektronische Geräte bezeichnen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der erste Schritt
in der Mechanisierung die Befreiung des Menschen von einem
Teil seiner krafterzeugenden Funktion brachte. Der zweite
Schritt soll den Menschen von einem Teil seiner geistigen
Aufgaben und der damit zusammenhängenden physischen Belastung
entbinden.
Den Menschen von irgendwelchen Aufgaben (und damit auch
von Verantwortung) zu befreien, kann nicht unbedingt als eine
Wohltat angesehen werden. Es lassen sich aber andererseits
viele Prozesse, insbesondere sich stets wiederholende Vorgänge, soweit schematisieren und dann auf Maschinen übertra-

�i

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

übertragen, daß der Mensch Zeit und Kraft für ein reicheres
und erfüllteres Leben zu gewinnen vermag.
Die Funktionen des Überwachens und Lenkens sind mit denen
der produktiven Betätigung sowohl physiologisch als auch psychologisch eng verknüpft. In dieser Tatsache finden verschiedene seltsame Entwicklungsformen auf dem Weg zur Automatisierung
ihre Erklärung.
Es sei hier verwiesen auf die Peitschenhalter bei den
ersten Automobilen, auf die Roboter, denen man die Gestalt
des Menschen zu geben suchte, und auf die erste maschinelle
Anlage zur Herstellung der Glaskörper von Glühbirnen, bei der
man die Arbeitsweise der Glasbläser bis ins einzelne kopierte.
Bei der Automatisierung in ihrer höchstentwickelten Form
werden sämtliche Arbeitsgänge von der Anlieferung der Rohstoffe
an bis zum Versand des Fertigproduktes ohne jegliche menschliche Arbeit oder Überwachung automatisch ausgeführt. Der Mensch
hat lediglich den Fertigprozeß sowie die dazu erforderlichen
Maschinen zu entwerfen, die Maschinen in Gang zu setzen oder
zu stoppen und ihre Wartung und Instandsetzung zu besorgen.
Wie Cledo Brunetti, der Leiter der Abteilung technische Forschung und Entwicklung der General Mills, Inc., in Minneapolis
vor der 82.Landeskonferenz für Sozialarbeit vom 29«Mai bis
30.Juni 1955 in San Francisco ausführte, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, daß die Entwicklung uns eines Tages zu einer
völlig von Menschen entblößten Fabrikationsweise führen wird.
Arbeiter werden immer nötig sein. Brunetti gibt dafür zwei
Gründe an: 1. wichtige administrative Entscheidungen werden
immer dem Menschen vorbehalten bleiben und 2. der Mensch kann
bei bestimmten Arbeitsgängen - wenn man die Kosten für Arbeitskraft und Maschinen miteinander vergleicht und unter der Voraussetzung, daß die betreffende Arbeit keine Gefährdung der Gesundheit mit sich bringt - mehr leisten, als die Maschine.
Die erwähnten wichtigen Entscheidungen werden in erster
Linie deshalb vom Menschen zu treffen sein, weil er allein durch
seinen Verstand über die Fähigkeit verfügt, verschiedene Daten
zueinander in Beziehung zu setzen, für die eine rationale Formel noch nicht existiert oder die zu schaffen einfach zu kostspielig wäre. Was Brunettis zweiten Punkt angeht, so werden
oftmals Zeitdruck und Raummangel es als zweckmäßig erscheinen
lassen, sich bei Prozessen der Umwandlung und Überleitung der
menschlichen Arbeitskraft zu bedienen. Die Verwendung der
menschlichen Kraft ist naturgemäß und zweckmäßig, wobei man
immer die Grenzen beachten muß, die dem Menschen auf Grund
seiner physiologischen und psychologischen Struktur und seiner
Individualität und Umwelt erwachsen.
Die Methode der Erfassung der Verhaltensmerkmale von technischen Systemen wird Betriebsforschung oder Betriebsanalyse
genannt. Das Entwerfen solcher Systeme und die Sammlung und
Auswertung der hierfür erforderlichen Daten ist Aufgabe der
sogenannten Systeme-Technik. Die hierbei angewendeten Methoden
und Praktiken sind nicht immer Forschungsgegenstand und Lehr- 3 -

�V

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Lehrstoff der Technischen Hochschulen. Die Technik hat sich
in den vergangenen fünfzig Jahren weitgehend mit den Komponenten oder Elementen solcher Systeme, kaum aber mit den
Systemen selbst befaßt.
Ein Teilgebiet der Systeme-Technik ist die Bestimmung des
optinalen Wirkungsgrades innerhalb eines jeden Arbeitsganges
und seiner Beziehung zu dem gesamten Produktionsprozeß unter
den Gesichtspunkten der Kostenrechnung, der Zeit, des Materials
und der Arbeitskraft. Diese Bestimmung des optimalen Wirkungsgrades kann in bezug auf den Menschen nicht analytisch erfolgen;
sie darf aber dennoch beim Entwurf von Systemen nicht außer
acht gelassen werden. In der Planung für ein automatisiertes
System müssen seine Rückwirkungen auf alle Menschen, die unmittelbar in es verwickelt sind - die Belegschaft, die leitenden Angestellten, die Aktionäre und die Kunden sowie ihre
Familien -, und auch deren Beziehungen zu diesem System in
ähnlicher Weise nach ihrer optimalen Wirkung untersucht werden,
wie dies für nichtautomatisierte Systeme üblich ist.
Die Automatisierung, die Norbert Wiener in seinem Buch
"The Human Use of Human Beings, Cybernetics and Society" (Der
Einsatz der menschlichen Arbeitskraft unter menschlichen Bedingungen, Kybernetik und Gesellschaft) als eine zweite industrielle Revolution bezeichnet, wurde von Brunetti in dem
schon einmal erwähnten Vortrag als ein sich Schritt für Schritt
vollziehender und bereits seit langem währender Prozeß.bezeichnet, der seine Wurzel im Nervensystem des Menschen hat. Die
Auswirkungen der Automatisierung aber auf die Belegschaft und
Betriebsführung sowie auf deren Familien und die gesamte Gesellschaft werden je nach dem Tempo des Übergangs zum automatischen Betrieb günstig oder abträglich sein. Sie werden ferner bestimmt von einer entsprechenden Rücksichtnahme auf bestehende Sitten, Bräuche, Gesetze und anderes, vom Vorliegen
geeigneter langfristiger Pläne und schließlich auch noch davon,
inwieweit es gelingt, die breite Masse durch entsprechende Aufklärung auf die bevorstehende Entwicklung vorzubereiten.
Um nur ein Beispiel zu geben: die Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln, ist typisch für die moderne Gesellschaft.
Diese freie Beweglichkeit tendiert dahin, die Familien- und
Gruppenbande zu schwächen und sie kann und wird, wenn sie zu
weit getrieben wird, das Gefüge des Staates erschüttern.
Dieses Faktum müßte man bei der Einführung der Automatisierung
berücksichtigen, insbesondere, wenn sie größere Bevölkerungsteile zwingen sollte, sich nach einem neuen Arbeitsplatz an
anderen Orten umzusehen.
V.'enn die Automatisierung nun aber einen gleichen oder noch
höheren Beschäftigungsstand zu bringen verspricht, dabei aber
zahlreiche Arbeitnehmer zwingt, ihren Arbeitsplatz oder Beruf
zu wechseln, dann müßte man heute schon eine entsprechende
Periode der Umschulung und Anpassung einplanen. Ein Wechsel
von einer rein physischen Arbeit auf eine Aufsichtstätigkeit
wird oftmals eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Anpassung vom einzelnen erfordern, und seine Reparatur- und Wartungs- 4 -

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Wartungsarbeiten werden oftmals als weniger reizvolle Beschäftigung angesehen werden als ein unmittelbares Mitwirken an der Schaffung neuer Produkte. Andererseits erfordern
gerade Reparaturarbeiten ein hohes Maß an Findigkeit und
Einfühlungsvermögen, und damit logisches Denken, so daß
viele Menschen hier ein weit gemäßeres Betätigungsfeld finden dürften als am Fließband mit seinen rein routinemäßig
immer wiederkehrenden Handgriffen.
Es scheint auch angebracht, sich über die Frage heute
schon Gedanken zu machen, inwieweit die Automatisierung sich
nachteilig auf die Erziehung auswirken könnte. Schon der
Schüler in der Grundschule mag auf den Gedanken kommen, daß
Rechnen für ihn doch völlig unwichtig sei, da alle Rechenoperationen ja von Maschinen ausgeführt werden.
Nach Auffassung des Verfassers braucht es aber zu keinerlei physiologischen, psychologischen oder pädagogischen
Schwierigkeiten zu kommen, wenn man auf allen Sektoren des
gesellschaftlichen Bereichs bei der Verwirklichung der Automatisierung entsprechend umsichtig verfährt.
Die Automatisierung bietet auch die Möglichkeit, sorgsamer mit unseren Rohstoffquellen umzugehen, sei es auch nur
deshalb, weil eie die zunehmende Entropie eines Systems stark
abschwächt. Eine weitgehende Analyse aller lebensbereiche,
wie sie Voraussetzung für die Automatisierung ist, wird dazu
beitragen, die Erkenntnis zu verbreiten, wie beschränkt unsere
Rohstoffvorräte und wie unersättlich die Nachfrage angesichts
der stets wachsenden Bevölkerungszahl der Erde sind.
Die Verteilerfunktion und die mit ihr zusammenhängende
und ihr nachgeordnete Service-Funktion unserer Industrie geben
das Bild einer sich mit großer Geschwindigkeit und in wirksamer Form vollziehenden Operation; wenn man sie jedoch beispielsweise vom Standpunkt der Konzentration heterogener Komponente sowohl von Material und Zeit aus betrachtet, so zeigt
sich, daß hier noch eine wesentliche Verbesserung möglich ist.
Las Verhältnis zwischen Einzelhandelspreis und Gestehungskosten läßt erkennen, ein wie großer Fortschritt hier möglich
ist. Während man im allgemeinen davon ausgeht, daß eine Automatisierung in erster Linie für die Produktion in Frage komme,
so dürfte sich doch schon bald erweisen, daß sie selbst bei
einer noch so elementaren Anwendung auch in der Verteilung
hervorragende Dienste zu leisten vermag.
Ein erster Beitrag der Automatisierung zur Verteilerfunktion könnte in einer verbesserten Informierung bestehen.
Die Schaffung eines Systems der Informationszirkulation müßte
von drei Gesichtspunkten ausgehen:
a) Eine möglichst weitgehende Verringerung der zu speichernden oder zu übermittelnden Informationen in Verbindung mit einer entsprechenden Auswahl.
b) Zeitliche Abstimmung der Übermittlung solcher Information.
c) Größtmögliche Genauigkeit in der Übermittlung (und somit eine möglichst geringe Entropie).
Die
- 5 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Die Tendenz, allzuviele Informationen zu sammeln und zu
speichern, ist so alt, wie die Verwendung von elektronen Geräten selbst. Es gilt hier also erst noch entsprechende Kriterien zu schaffen. Wenn es darum geht, erst einmal zu bestimmen, was unter den Begriff der "unentbehrlichen Informationen" fällt, so versagen die früher verwendeten Verfahren
der Auswahl. Die Verteilung von Informationen ist übrigens
gleichfalls eine Angelegenheit auf Gegenseitigkeit. Sowohl
in den einzelnen Betrieben als auch auf allen Lebensbereichen
muß man sich darum bemühen, allen denjenigen, die gestaltend
an der Entwicklung teilhaben, möglichst weitgehende Informationen an die Hand zu geben.
Das Transportwesen - die Beförderung von Menschen und
Gütern - muß gleichfalls als ein Problem der Systeme-Technik
aufgefaßt werden, um hier zu Zeiteinsparungen und Kostensenkung bei gleichzeitiger Erhöhung des Wirkungsgrades gelangen zu könrf&amp;i.
Es sei hier auch darauf verwiesen, wie wichtig es ist,
für den Fall irgendeiner örtlichen Betriebsstörung einen Ersatzprozeß vorzubereiten, um den Gesamtbetrieb aufrechterhalten zu können. Die Planung solcher Systeme, bei der auch
wirtschaftliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind und
die solche Ersatzlösungen von vornherein einbeziehen muß,
verdient eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung,
damit alle Auswirkungen auf die Produktion und die Verteilung
erfaßt werden.
Große Summen werden bei zunehmender Automatisierung für
die Umstellung der Arbeits- und Produktionssysteme auf den
automatischen Betrieb aufgebracht werden müssen. Der erforderliche Energieaufwand pro Arbeiter dürfte die Investitionen so
hoch treiben, daß sich eine Automatisierung in gewissen Fällen
vielleicht von selbst verbietet. Bereits heute deuten gewisse
Anzeichen darauf hin, daß erhebliche Kräfte einem rationellen
"Fortschritt oder Wandel" auf dem Gebiet der Massenproduktion
entgegenstehen.
Schlußbetrachtung
Jede technische Entwicklung läßt sich sowohl zum Guten
wie zum Bösen verwenden. Es gibt graduelle Unterschiede, die
sich durch die Art der Ausnutzung der entsprechenden Entwicklung bestimmen.
Die Art und Weise ihrer Verwendung und das Tempo ihrer
Übernahme in die Praxis erfordern weitreichende Entscheidungen,
die nur nach eingehenden Studien getroffen werden können.
Allgemein gesprochen, erfordern diese Entscheidungen angesichts
der umfassenden Auswirkungen der Automatisierung "horizontale"
und oft wohl nur kurzlebige Organisationen innerhalb deren
alle beteiligten Personen und Gruppen an der Sammlung der
Daten und Informationen sowie an ihrer Analyse und Verteilung
mitwirken.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBBIT

4. Januar 1956

Die prophezeite "zweite industrielle Revolution" wird dann
zu einer Schritt für Schritt verlaufenden und allgemein gebilligten Evolution werden, deren wichtige Anfangsphase wir gegenwärtig
durchmachen. Dies kann der Lauf der Dinge sein, wenn wir mit Überlegung handeln und unsere Entscheidungen auf die in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen - insbesondere auf die Erfahrungen
der ersten industriellen Revolution - stützen und dann unsereSchlußfolgerungen unter gebührender Berücksichtigung aller Faktoren ziehen, die das Gesicht der Gesellschaft heute formen.

* * * * *

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"AMERIKA DIENST" - WIR/.CHAFT UND ARBEIT

11. Janaar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (II)
Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie
Von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
Los Angeles (Kalifornien)
1. Die Automatisierung und ihre Auswirkungen
auf die Wirtschaft
^

Wenn man in der Frage der Automatisierung ein
klares Bild gewinnen will, dann darf man sie
nicht nur vom Standpunkt des Produzenten aus
sehen. Aus diesem Grunde will der Verfasser
im Rahmen dieses Aufsatzes versuchen, nicht
nur am Beispiel der Automobilindustrie zu zeigen, welche praktischen Ergebnisse die Automatisierung in der Wirtschaft bisher gebracht
hat, sondern auch einen Überblick über die
möglichen Auswirkungen der Automatisierung
auf die Gesellschaft zu geben.

(200 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Welche Bedeutung die schnell voranschreitende Automatisierung für den einzelnen hat und welchen
Einfluß sie auf die gesamte Wirtschaft und auf die Gesellschaft
ausüben wird, sind Fragen, auf die die Industrie der Allgemeinheit eine befriedigende Antwort geben muß. Für viele Menschen
ist die Automatisierung - oder das, was unter ihr verstanden
wird - ein Schreckgespenst. Dabei wird häufig übersehen, einen
wie hohen Lebensstandard und welchen Wohlstand sie bei richtiger
Anwendung dem Menschen verspricht. Ängstliche Menschen sehen nur,
daß die alte Ordnung sich ändert und fürchten Folgen, die dieser
Wandel für ihre berufliche Existenz und ihre Sicherheit haben kann.
Die Geschichte hat aber meiner Auffassung nach ziemlich überzeugende Beweise dafür geliefert, daß man sich vor den Auswirkungen
des Fortschritts keineswegs zu fürchten braucht,
- 1 -

I»

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Im Jahre 1830 erfand ein armer französischer Schneider die
erste brauchbare Nähmaschine. Dieser große Fortschritt rief so
starke Befürchtungen hervor, daß der Mob, der die wirkliche Bedeutung der Maschine verkannte, den Laden des Schneiders stürmte
und den Erfinder beinahe ermordet hätte. Als der berühmte Nähmaschinenproduzent Isaac Singer seine Maschine patentieren lassen
wollte, suchte ihn seine Frau von diesem Plane abzubringen, weil
sie eine Massenarbeitslosigkeit befürchtete.
Heute lächeln wir über solche Befürchtungen. Die Nähmaschine
hat Millionen von Stunden harten Mühens eingespart. Ihre allgemeine Verwendung brachte eine erhöhte Produktion, eine steigende
Beschäftigtenzahl in der Bekleidungsindustrie und ein größeres
Warenangebot. Die Automatisierung verspricht der Menschheit ähnliche Vorteile, Vorteile, wie man sie sich bisher nicht einmal
erträumen konnte.
Es ist oft behauptet worden, die Automatisierung sei. nichts
Neues, sondern lediglich eine Weiterführung des Prinzips des
Fließbandes und der Massenproduktion, wie wir sie seit Jahren
kennen. In gewissem Sinne trifft das auch zu. Die Automatisierung ist tatsächlich eher ein evolutionärer Vorgang. Aber diese
Evolution hat in den vergangenen Jahren ein sehr schnelles Tempo angenommen und die durch sie bedingten veränderten Methoden
der Produktion, der Konstruktion, der Planung und sogar des
Absatzes haben neue Wünsche und Bedürfnisse geschaffen.
Die Automatisierung, wie wir sie heute kennen, hat uns gerade zur rechten Zeit erreicht. Dies gilt mindestens für die
Vereinigten Staaten. Ohne sie wären wir nicht imstande, de*
amerikanischen Volk immer neue und bessere Erzeugnisse anzubieten, immer neue Erfindungen auf den Markt zu bringen und
den erreichten Lebensstandard zu halten, der der höchste in
der Geschichte der Menschheit schlechthin ist.
Eine Leistungssteigerung in der Produktion führte bisher
noch immer dazu, daß sich neue und bessere Arbeitsplätze auftaten. Es erhebt sich heute somit die Frage, ob genügend Männer
und Frauen zur Verfügung stehen, um die neuen Arbeitsplätze besetzen zu können.
Hier liegt eine große Chance für die Arbeiter in den Betrieben, ein höheres Einkommen zu erlangen. Wer heute sein berufliches Können erweitert und sich jene Fertigkeiten erwirbt,
die in den automatisierten Betrieben verlangt werden, kann auf
ein gutes Fortkommen rechnen. Ein besonders hoher Bedarf besteht bei Elektrikern, Werkzeugmachern und Mechanikern, die die
automatischen Maschinen bauen und instandhalten können.
Es zeigt sich heute schon, daß die Automatisierung viele
neue technische Fertigkeiten fordern wird, von denen man bisher
niemals etwas gehört hat. Weitsichtige Unternehmen warten nicht
erst, bis außerbetriebliche Stellen entsprechenden Nachwuchs
heranbilden. Sie helfen ihren Arbeitern, sich die Fähigkeiten
in Spezialschulen und Kursen anzueignen.
Ohne Zweifel lassen sich bei manchen Arbeitsvorgängen
o
durch

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

durch die Verwendung automatischer Ausrüstung Arbeitskräfte
einsparen. Dennoch wird auch die Automatisierung, wie jedes
Verfahren zur Beschleunigung der Produktion, zu einem Ansteigen der Beschäftigtenzahl in der Industrie und in den Dienstleistungsbetrieben führen.
Die wirkliche Gefahr, die heute droht, ist nicht eine allgemeine Arbeitslosigkeit sondern ihr gerades Gegenteil. In den .
vor uns liegenden zwei Jahrzehnten werden sich die Vereinigten
Staaten aller Wahrscheinlichkeit nach einer steigenden Verknappung an Arbeitskräften gegenübersehen. In diesem Zusammenhang darf ich auf die Feststellungen verweisen, die der bekannte
Soziologe und Publizist Peter Drucker in einem sehr informativen
Aufsatz in "Harper's Magazine" über die voraussichtliche Entwicklung Amerikas in den nächsten 20 Jahren getroffen hat. Da
die Männer und Frauen, die in 5, 10., 15 und 20 Jahren an der
Spitze unserer Wirtschaft stehen oder als Arbeiter und Angestellte in den Fabriken tätig sein werden, bereits geboren sind,
kann man mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, was uns in der
näheren Zukunft an Arbeitskräften zur Verfügung stehen wird.
Die Bevölkerungsstatistiken lassen erkennen, daß sich die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten in den nächsten zehn Jahren
von heute 165 Millionen auf ungefähr 190 Millionen und bis zum
Jahre 1975 auf mindestens 220 Millionen erhöhen wird.
Die Gesamtzahl -der Beschäftigten wird aber keineswegs im
selben Ver ältnis zunehmen. Es wird vielmehr ein starkes Anwachsen der sogenannten "unproduktiven Altersgruppen" zu verzeichnen sein. Einer Zunahme der Gesamtbevölkerung um fast
30 Millionen innerhalb der nächsten zehn Jahre wird eine Zunahme der Jahrgänge zwischen 20 und 65 - also die Altersgruppen,
aus denen sich unsere arbeitende Bevölkerung rekrutiert - um
nicht mehr als sieben Millionen gegenüberstehen. Von diesen
sieben Millionen werden wiederum nur etwa vier Millionen tätig
sein, während die anderen drei Millionen auf Hausfrauen, Arbeitsunfähige, Studenten und andere entfallen werden. Andererseits müssen wir damit rechnen, daß wir sechs Millionen mehr
Menschen über 65 und 16 Millionen mehr Jugendliche unter 20 Jahren haben werden als heute.
Daraus ergibt sich für die Wirtschaft die Folgerung, daß
unser Lebensstandard nur dann in gleichem Maße wie in den vergangenen 25 Jahren weiter steigen wird, wenn es uns gelingt,
unsere Produktion in den nächsten zehn Jahren um 40 Prozent
zu erhöhen.
Angesichts dieser Tatsachen können wir dankbar sein, daß
wir dank der Automatisierung heute an der Schwelle eines neuen
Industriezeitalters stehen. Die erhöhte Produktivität, die sie
uns verheißt, wird uns helfen, mit diesen Problemen fertig zu
werden.
Bei zunehmender Automatisierung der Betriebe wird auch die
Zahl der Beschäftigten in jenen Berufen steigen, die man heute
meist als unproduktiv bezeichnet: ich meine das Instandsetzungspersonal und die technischen Spezialisten, die sich mit der nie
endenden Aufgabe der Wartung der Maschinen und der Verbesserung

�»

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Verbesserung und Verfeinerung der technischen Methoden beschäftigen.
Was die beruflichen Aussichten anbetrifft, so eröffnen
sich ungeahnte Möglichkeiten für diejenigen, die bereit sind,
ein neues Handwerk und neue Arbeitsmethoden zu erlernen.
Würde man die sich bietenden Gelegenheiten nicht erkennen und
ergreifen, so könnten sich daraus sehr abträgliche Folgen für
die gesamte Wirtschaft ergeben. Wenn der einzelne die Sicherheit, die sein gegenwärtiger Beruf bietet, jedem Vorwärtskommen und Aufstieg vorziehen wollte, so könnte sich ein solches
Verhalten als der größte Hemmschuh für die Automatisierung und
alles, was dieser Begriff im Sinne einer erhöhten Produktivität und einer steigenden Verbesserung des Lebensstandards in
sich schließt, erweisen. Ohne Facharbeiter und entsprechend
geschultes Fersonal kann man weder Maschinen konstruieren und
arbeiten lassen, noch sie instündhalten und kontrollieren.
Deshalb muß jeder von uns bereit sein, sich den neuen
Arbeits- und Denkmethoden anzupassen. Dabei drängt die Zeit.
Wer nämlich nicht mit der Entwicklung Schritt hält, muß damit
rechnen, daß seine Arbeitsplätze von einem anderen besetzt
werden, der mehr Weitblick und eine größere Anpassungsfähigkeit besitzt. Das gleiche gilt auch für die Betriebe. Auch
hier ist die Bereitschaft erforderlich, Umstellungen vorzunehmen, und neue Erfindungen zu machen und aufzugreifen.
Jeder einzelne ist daher verpflichtet, seine Fähigkeiten
voll zu entwickeln. Darüber hinaus sind die Unternehmer es
ihrem Lande und ihren Betrieben schuldig, ihre Angestellten
und Arbeiter in die Lage zu versetzen, sich die Kenntnisse und
Fertigkeiten anzueignen, die in den Fabriken von Morgen gebraucht
werden. Sie müssen ihren Belegschaften und Nachwuchskräften
Schulungsmöglichkeiten bieten und die Mittel für die Ausbildung
bereitstellen.
Es gilt ein dem Studium günstiges Klima zu schaffen, ein
Klima, das die schöpferischen Kräfte in den jungen Menschen zur
Entfaltung kommen läßt.
Die Automatisierung wird somit zu jenen Kräften zählen,
die unsere Welt von Morgen und damit auch die gesamte Wirtschaft formen werden. Die Aufgaben vor die wir gestellt sind,
sind große. Ich bin daher überzeugt, daß die amerikanische
Industrie und das amerikanische Volk diese Aufgaben mutig und
mit aufgeschlossenem Sinn in Angriff nehmen werden. Die Automatisierung gehört zu den Werkzeugen, mit denen wir an einer
großen Zukunft bauen werden.

Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der Automobilindustrie11
* * * * *

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER
AUTOMATISIERUNG (II)
Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Ä~utöindustrie
Von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"

2. Die Automatisierung in der Automobilindustrie

(180 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Automatisierung ist ein faszinierendes Thema. Es ist heutzutage kaum möglich, eine Wirtschaftsoder Fachzeitschrift aufzuschlagen, die nicht mindestens einen
Aufsatz über die Automatisierung bringt. Wenn man aber nach einer
genauen Definition des Begriffs sucht, zeigt sich, daß sich jeder darunter etwas anderes vorstellt und davon spricht, wie der
Blinde von der Farbe. Der Elektroingenieur wird unter Automatisierung etwas anderes verstehen als ein Mechaniker und der
Werksingenieur wird noch eine andere Definition bereithalten.
Ich möchte ihnen ein Bild der Automatisierung entwerfen,
wie ich sie vom Gesichtspunkt eines Automobilproduzenten aus
sehe. Soweit ich dies vermag, werde ich versuchen, die Automatisierung als ein Ganzes zu beurteilen, um ein Bild davon zu
entwerfen, welche Wirkung sie auf unsere Wirtschaft ausübt,
welche Probleme sie mit sich bringt und welches Versprechen
sie für die Zukunft birgt.
Wenn ein Unternehmen Klarheit darüber zu gewinnen sucht,
in welchem Ausmaß und in welcher Form es den Betrieb oder
einzelne Arbeitsgänge automatisieren kann, dann muß es sich
insbesondere drei sehr wichtige praktische Fragen vorlegen:
1. Welche Investitionen sind notwendig?
2. Welche Ausrüstungen sind auf dem Markt erhältlich oder
können eigens für den gedachten Zweck entwickelt werden?
3. Welche Einsparungen ermöglicht die Automatisierung des
Betriebs und welchen tatsächlichen Nutzen bringt sie
demnach?
Erfahrungsgemäß
- 1 -

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Erfahrungsgemäß sind die Anschaffungskosten automatischer
Betriebsmittel beträchtlich. Das Gute fällt einem nicht in den
Schoß. Dabei sollte man berücksichtigen, daß als eigentliche
Kosten der Automatisi«erung eigentlich nur der Differenzbetrag
anzusprechen ist, der sich aus dem Vergleich der Aufwendungen
für den Einbau und den Betrieb automatischer Anlagen mit den
Kosten des Einbaus und der betriebsherkömmlichen Ausrüstung
ergibt. Dieses Bild ist jedoch nicht ganz vollständig.
Es gilt auch zu berücksichtigen, daß ein Unternehmen, das
die Automatisierung aus Furcht vor den hohen Anschaffungskosten
unterläßt, Gefahr läuft, wegen seiner veralteten Ausrüstung
von der Konkurrenz überflügelt zu werden.
Gerade die Automobilhersteller wissen, was die Kosten für
Betriebsmittel bedeuten, sind sie doch gezwungen in jedem Jahr
ein neues und verbessertes Modell auf den Markt zu bringen,
und so müssen sich viele unserer teuren Werkzeugmaschinen oft
in einem einzigen Jahr amortisieren. Sie können sich denken,
was für Probleme das mit sich bringt. Dieser Zwang hat sich
aber schließlich doch für uns zum Vorteil ausgewirkt, indem
er uns zu Fortschritten in der Technik der Automatisierung
anspornte. Er hat zur Entwicklung von Maschinen geführt, die
eine jahrelange vielfältige Verwendung gestatten. Abgesehen
von größeren Werkzeugmaschinen haben wir in steigendem Maße
sogenannte "mechanische Produktionshilfen" im Betrieb installiert. Ich denke dabei an elektronische Steueranlagen, Spezialtransportbänder, Hebe- und Krananlagen, Kippeinrichtungen
und Greifwerkzeuge. Sie bilden in gewisser Hinsicht das Gerüst
für die Automatisierung des Betriebs. Da sie äußerst anpassungsfähig sind, lassen sie sich auf Jahre hinaus verwenden. Auf
diese Weise kann die Amortisierung auf acht, zehn,ja unter
Umständen sogar auf zwölf Jahre ausgedehnt werden.
Der Wert oder Unwert der Automatisierung hängt von der Zuverlässigkeit der Maschinen ab. In den Anfangsstadien der
Automatisierung bestand die Tendenz, immer größere und kompliziertere Maschinen zu bauen. Doch bald schon war der Punkt
erreicht, wo die tatsächlichen Ergebnisse hinter den errechneten Leistungen zurückblieben. Die Maschinen wurden so schwerfällig und unhandlich, daß sie schnell veralteten. Die Wartung
dieser Maschinen war äußerst schwierig, und wenn ein einziger
kleiner Maschinenteil ausfiel, stand oft der ganze Betrieb
still. Deshalb geht heute die Tendenz dahin, was wir bei
Chrysler "integrierte Automatisierung" nennen.
Was wir brauchen,sind kleine, schnell arbeitende, einfach
konstruierte Maschinen, die durch mechanische Produktionshilfen zu vielfältig verwendbaren automatischen Anlagen verbunden
werden. Mit ihnen konnten eindrucksvolle Produktionsergebnisse
erzielt werden. Die"Chrysler Corporation" hat ihr neues Motorenwerk in Plymouth nach diesen Gesichtspunkten aufgebaut. Die
Anlage dürfte, wenn sie in wenigen Monaten den Betrieb voll
aufnehmen wird, die am stärksten automatisierte Motorenwerkanlage in der Welt sein. Dieses neue Werk wird das Dreifache der
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

der heutigen Produktion an V8-Motoren für Plymouthwagen liefern.
An zwei parallellaufenden Transportbändern mit einer Länge von
400 m werden von 70 Maschinen 157 Arbeitsvorgänge zur Herstellung von Zylinderblöcken geleistet. Diese Bänder sind so entwickelt, daß die Blöcke nach Bedarf in jedem Stadium der Bearbeitung von einem Band auf das andere versetzt werden können.
Reparaturen und das Auswechaeln von Kopfstücken sind bequem
durchzuführen. Die ganze Anlage ist so gehalten, daß sich auch
jede einzelne Maschine leicht auswechseln läßt, falls Änderungen im Produktionsvorgang dieses notwendig machen oder falls
bessere Maschinen verfügbar werden.
Eine Überprüfung unserer Erzeugnisse auf ihre Qualität
ist eines unserer Hauptanliegen. Das trifft besonders für die
Produktion von Zylinderköpfen zu, wo an vier getrennten Bändern
von je 120 m Länge 67 Arbeitsvorgänge stattfinden. An unserem
rund 800 m langen Kurbelwellenband werden mit Hilfe von 70
hochmodernen Maschinen Kurbelwellen von einer bisher unerreichten Gleichförmigkeit hergestellt.
Das Plymouth-Werk wird auch, was
Sicherheit des Personals und Betriebshygiene anbetrifft, zu den modernsten Motorenwerken der Automobilindustrie gehören, da jede Maschine
mit den modernsten Sicherheitseinrichtungen ausgestattet worden ist.
Während man sich heute allenthalben darüber klar ist, wie
sehr eine erfolgreiche Automatisierung von der sachgemäßen
Konstruktion der Maschinen abhängt, scheint die Bedeutung,
die einer entsprechenden Ausrichtung der Konstruktionsentwürfe
der Produktion auf den Maschinenpark zukommt, allgemein unterschätzt zu werden. Die Konstrukteure müssen, um brauchbare Entwürfe liefern zu können, mit dem Wesen der automatischen Fertigung vertraut sein. Ob beispielsweise an einer Flansch-Karosserie eben ein Flansch so konstruiert ist, daß er nach außen
statt nach innen gebogen werden muß, kann bei Übertragung des
Entwurfs auf das Fließband den Unterschied zwischen manueller
und automatischer Arbeit ausmachen. Auf diese Weise können oft
Millionen verschwendet oder eingespart werden.
Was die Frage der durch Automatisierung möglichen Einsparungen angeht, so gibt es zunächst verschiedene Mißverständnisse
und Irrtümer klarzustellen.
Bei der Beurteilung der möglichen finanziellen Gewinne und
eventuellen Einsparungen muß man folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
1. Einsparungen an erforderlicher Bodenfläche,
2. Betriebssicherheit,
3. Steigerung des Ausstoßes und
4. Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse.
Die Raumfrage ist für viele Betriebe von größter Bedeutung.
Und gerade hier bietet die Automatisierung erhebliche Vorteile.

Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Im Dodge-Werk in Detroit zum Beispiel werden heute auf
einem mit automatischen Maschinen ausgerüsteten Fließband täglich 2400 V8-Motoren in denselben Werkshallen gebaut, in denen
früher nur 1500 Sechszylindermotoren pro Tag hergestellt werden
konnten.
Noch wichtiger ist aber der weit größere Schutz für Leben
und Gesundheit, den die Automatisierung gegenüber dem bisherigen
Betrieb bietet. Ich möchte nur ein Beispiel hierfür anführen.
Vollautomatisierte Ziehpressen sind mit automatischen Ein- und
Ausführvorrichtungen ausgestattet, so daß die die Maschinen bedienenden Arbeiter niemals mit den Händen in die Presse zu
fassen brauchen.
Die Erhöhung der Betriebssicherheit bringt aber auch noch
sekundäre Vorteile. Durch Verminderung der Anzahl und Schwere der
Unfälle verringern sich die Schadenersatzforderungen der Arbeiter
gegen die Firma sowie die Arbeitsausfälle.
Die Verwendung mechanischer Produktionshilfen gestattet eine
90prozentige Ausnutzung der Kapazität der Maschinen, da die Werkstücke im Arbeitsrhythmus der Maschinen auf das Band versetzt werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Automatisierung.
Hierbei ist zu beachten, daß diese Steigerung des Produktionstempos keine arbeitsmäßige Mehrbelastung des Bedienungspersonals
mit sich bringt. Im Gegenteil, automatische Versetzmaschinen, mechanische Produktionshilfen und automatische Kontrolleinrichtungen
verringern die physische Belastung des einzelnen Arbeiters ganz
erheblich.
Ein weiteres, zwingendes Argument, das für die Automatisierung spricht, ist die durch sie erreichbare erhebliche Steigerung
der Qualität.
Wenn ein Werkstück von einer automatischen Maschine bearbeitet wird, die nur eine einzige Möglichkeit für die Verrichtung des
entsprechenden Arbeitsvorgangs kennt, wird das Endprodukt immer
gleichförmiger sein als bei manueller Fertigung. So gewährleistet
die Automatisierung eine gleichbleibende hohe Qualität der Ware.
In unserem Zeitalter des Wettbewerbs dürfen und können die
Unternehmen nicht erwarten, mit veralteten Qualitätsmaßstäben davonzukommen. Unsere Zeit fordert eine ständige qualitative Verbesserung der Produkte. Die sich aus dfr Automatisierung ergebende
Qualitätsverbesserung kann ein entscheidender Faktor für die Stellung eines Unternehmens in einer Wettbewerbswirtschaft sein.
Die Automatisierung bildet den Schlüssel zur Zukunft, sie
muß aber begriffen und verwirklicht werden, wenn wir die Tore zu
einer reichen und blühenden Wirtschaft aufstoßen wollen. Sie ist
keine gebrauchsfertige Lösung für alle unsere Probleme. Sie schafft
aber auch neue Probleme, von denen viele so gewaltig und so kompliziert sind, daß sie unsere ganze Energie, unsere Vorstellungskraft

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Vorstellungskraft und unsere gesamten Fähigkeiten in Anspruch
nehmen werden. •
Die Automobilindustrie hat durch die Automatisierung gewaltige Fortschritte erzielt. Dennoch muß noch vieles getan
und versucht werden. Die Entwicklung von Maschinen für die automatische Fertigung, die ein Vielfaches der Probleme der herkömmlichen Fertigung aufwirft, steckt noch immer in den Kinderschuhen. Auf dem Gebiet der automatischen Fließbandmontage hat
unsere Industrie bereits schöne Anfangserfolge erzielt, wir
sind aber noch weit davon entfernt, ganze Wagen automatisch
z usamme nzusetzen.
Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel"

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG-, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (III)
Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel
Von Dr. Weldon B. Gibson,
Direktor der Abteilung Wirtschaftsforschung am
"Stanford Research Institute"
( 90 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die von der Industrie in Auftrag gegebene
Vertragsforschung dient auf lange Sicht in erster Linie der Steigerung des Umsatzes. Deshalb ist es Aufgabe der angewandten
Wirtschaftsforschung, die Grundlagen für Entscheidungen hinsichtlich neuer Investitionen in Anlagen und Betriebsmitteln zu schaffen. In diesem Zusammenhang sieht der Verfasser die Automatisierung der Produktion insofern als einen bedeutsamen Vorgang an,
als hierbei größere Geldbeträge der Firmen in Betriebsmitteln
angelegt werden, die dem jüngsten technischen Fortschritt Rechnung tragen.
Man muß dabei die Tiefen- und Breitenwirkung in Betracht
ziehen, die jede technische Neuerung grundlegender Art auf die
Wirtschaft und auch auf die Menschen hat, die am Produktionsprozeß beteiligt sind und als Verbraucher auftreten. Zwei Aspekte
scheinen dabei von besonderem Interesse zu sein:
1. Wie wird sich die zunehmende Automatisierung auf die
nicht von dieser Neuerung betroffenen Sektoren der Wirtschaft auswirken? und
2. Welchen Einfluß wird die Steigerung der Produktion, die
bei einer Umstellung auf ein vollautomatisches Herstellungsverfahren zu erwarten ist, auf den Welthandel haben?
Unter den von der Automatisierung nicht betroffenen Sektoren
wird man jene Wirtschafts- und Industriezweige zu verstehen haben,
bei denen keine überdurchschnittliche Zuwachsrate in der Produktivität zu erwarten ist.
Welche

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Welche Wirtschaftszweige sich auf Automatisierung umstellen
werden und in welchem Tempo sich diese Umstellung vollziehen
wird, läßt sich nicht mit Bestimmtheit voraussagen. Es läßt sich
aber bereits so viel sagen, daß die Verwendung von elektrischen
Rechen-, Buchungs- und Büromaschinen stark zunehmen wird. Auch
die Produktion von gleichförmigen Massengütern wird in zunehmendem
Maße automatisiert werden. Indessen dürfte in naher Zukunft kaum
mehr als ein Viertel der Gesamtindustrie von der Automatisierung
erfaßt werden.
Jene Industriezweige, die bereits heute gleichförmige Massengüter herstellen, sind mit der Erforschung und Entwicklung
von Verfahren und Maschinen zur automatischen Produktion verhältnismäßig weit fortgeschritten. In diesen Industriezweigen
darf man von der Umstellung auf eine automatische Produktion
eine erhebliche Steigerung der Produktivität erwarten, und es
scheint sehr wahrscheinlich, daß ein Teil der hier beschäftigten
Arbeitskräfte in andere Industrie- und Wirtschaftszweige abwandern wird, die nicht von der Automatisierung betroffen sind.
In gewissen Grundindustrien zeigt sich bereits heute bei steigender Produktion eine Abnahme der Zahl der unmittelbar im Produktionsprozeß stehenden Arbeitskräfte.
Wenn die gegenwärtigen Schemata gültig bleiben, so darf der
in einem automatisierten Betrieb verbleibende Arbeiter darauf
hoffen, daß ihm 40$ der sich aus einer erhöhten Produktivität
ergebenden Vorteile in Form von Freizeit zugute kommen worden.
Die restlichen 60$ werden sich etwa zu gleichen Teilen in Form
von Preissenkungen und Lohnerhöhungen bemerkbar machen. Es könnte
sich somit so etwas wie eine Aristokratie der Arbeiterschaft,
die in der automatisierten Industrie Beschäftigten, herausbiläTelh.
Was geschieht in den anderen Wirtschafts- und Industriezweigen? Wer wird die Initiative ergreifen, um die Mittel für die
Erforschung der Möglichkeiten einer Automatisierung im Handel
im Bank- und Versicherungswesen in den Dienstleistungsbetrieben,
in der Landwirtschaft und in der Bauindustrie zur Verfügung zu
stellen? Wenn sich diese Segmente der Wirtschaft einer Erneuerung
- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Erneuerung ihrer Produktionsmethoden und -verfahren verschließen,
dann ist es durchaus möglich, daß sie hinsichtlich des Produktivitätszuwachses bald gegenüber jenen Teilen der Wirtscha ft ins
Hintertreffen geraten, die sich erfolgreich auf die Automatisierung umgestellt haben.
Was den Welthandel angeht, so haben die Vereinigten Staaten
heute einen relativen Vorsprung in der Erzeugung vieler Güter.
Dieser Vorsprung ist zum größten Teil auf die höhere Produktivität
zurückzuführen. Wird eine vollautomatisierte Produktion auch die
Absatzmöglichkeiten für andere Industriegüter vermehren? Wird
sie Preissenkungen gestatten und könnte man an die Schaffung
von Massenmärkten, ähnlich wie in den USA, auch in anderen Ländern denken? Gewisse Kreise glauben, daß die Entwicklung diesen
Verlauf nehmen wird. Aber das Hauptproblem lautet nach wie vor:
Welche Güter können jene anderen Länder produzieren, um in ähnlicher Weise einen solchen relativen Vorsprung zu gewinnen? Von
einer befriedigenden Lösung dieses Problems wird es abhängen,
ob alle Völker an den Früchten einer Automatisierung teilhaben
werden.
Ein anderes Problem, das die internationale Fachwelt interessiert, besteht darin, ob es möglich sei, in wirtschaftlich
unterentwickelten Gebieten Fabriken mit vollautomatischen Produktionsverfahren zu erstellen. Man denkt dabei besonders auch
an solche Fabrikationsanlagen, die ihren Energiebedarf aus Atomkraftwerken decken. Wenn man von der Voraussetzung ausgeht,
daß die wenigen zur Bedienung einer solchen vollautomatischen
Produktionsstätte erforderlichen Techniker vorhanden sind,
dann rückt es durchaus in den Bereich des Möglichen, die Produktion unter Umgehung eines Zwischenstadiums von der primitiven
Fertigung direkt auf den modernsten Stand zu bringen. Sofern die
erforderlichen Rohstoffe verfügbar sind und entsprechende Massenmärkte offenstehen, können solche Unternehmen sicherlich wirtschaftlich rentabel arbeiten.
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

.YTRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 1)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
(

32 Zeilei
WASHINGTON - (AD) - Der Einfluß der Automatisierung auf die
'.Virtschaft ist eine Frage, die heute die amerikanische Geschäftswelt, insbesondere aber die Klein- und Mittelbetriebe stark
beschäftigt.
Die automatisierte Produktion und ihr frühreifes Kind,
die "Automation", basiert im wesentlichen auf einer immer
stärkeren Verwendung automatischer Kontrollvorrichtungen.
Meine Firma, die "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
gehört seit 1885 zu den Herstellern solcher Maschinen und
Anlagen. Seit dieser Zeit haben wir uns um den technischen
Fortschritt auf diesem Gebiet bemüht und großen Anteil an
der schnellen Entwicklung der Automatisierung, nicht nur in
der Industrie und Landwirtschaft, sondern auch in zahlreichen
anderen Gebieten gehabt.
Wenn unsere Firma Erfolg haben soll, müssen wir also nicht
nur mit den Aufgaben in unserem eigenen Betrieb fertig werden,
sondern auch unsere Kundschaft zufriedenstellen.
Wir versuchen, mit denselben Methoden und automatischen
Kontrollvorrichtungen und -anlagen, die wir für unsere Kunden
entwickeln, auch unsere eigenen Betriebe zu automatisieren und
die Qualität unserer Erzeugnisse zu verbessern. Vor fünf Jahren
noch hatten nur drei unserer 16 Betriebe eine Belegschaft von
über 500 Arbeitern und Angestellten - und waren somit als Kleinbetriebe anzusprechen. Selbst heute liegt die Beschäftigungszahl
von sieben unserer Betriebe unter dieser Zahl.
Der Begriff "Automatisierung" wird von mir in einem etwas
weiten Sinne angewendet. Im allgemeinen versteht man darunter
heute die ständig steigende Verwendung von immer leistungsfähigeren Maschinen und Anlagen, besonders solcher, die mit automatischen Kontrollmechanismen arbeiten. In Kreisen der Wissenschaft setzt man Automatisierung gleich mit der Verwendung von
Denkmaschinen - absolut zuverlässig arbeitenden Denkmaschinen.
Es
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

Es ist verständlich, wenn manche Kreise der Automatisierung,
angesichts des ständigen vielen Geredes über sie, mißtrauisch
gegenüber stehen. Sie als Wirtschaftler übersehen zu wollen,
wäre aber töricht.
Wenn wir uns heute mit der Automatisierung und ihrem Einfluß auf das Wirtschaftsleben beschäftigen, dann geschieht das,
weil eine größere Zahl von kapitalkräftigen Firmen dort automatische Betriebsmittel einsetzt, wo sich dies lohnt, und weil andere Unternehmen den Wettbewerb derjenigen zu spüren bekommen,
die ihre Betriebe stärker automatisiert haben.
Besonders kleinere Unternehmen müssen damit rechnen, daß
ihre Entwicklung durch die steigende Automatisierung beeinflußt
wird. Diese kleineren Betriebe stehen nun vor der Wahl, sich von
der Entwicklung überraschen zu lassen und das Feld zu räumen,
oder aber, durch ein sorgfältiges Studium der sich abzeichnenden
Entwicklung der Wirtschaft und ihres speziellen Geschäftszweiges,
den Verlauf der Dinge vorauszusehen und ihre Betriebs- und Produktionsplanung bereits heute auf die künftigen Erfordernisse abzustimmen.
Von den schätzungsweise 28 Milliarden Dollar, die die amerikanische Wirtschaft im Jahre 1955 für die Beschaffung von Betriebsmitteln ausgegeben hat, entfällt ein wesentlicher Teil auf kleinere Betriebe. Das läßt den Schluß zu, daß gerade die Klein- und
Mittelbetriebe in steigendem Maße zur Automatisierung übergehen.
Die kleineren Betriebe haben offensichtlich ein ebenso großes Interesse an der Automatisierung wie die großen Gesellschaften,
und die Banken haben sie durch die bereitwillige Gewährung von
Krediten in ihrer Absicht nur bestärkt.
Mein Thema schließt auch die Frage ein, inwieweit die Automatisierung die Wettbewerbsbedingungen der Kleinbetriebe günstig
oder ungünstig beeinflußt. Meiner Meinung nach kann und wird
der Kleinbetrieb auch in einer automatisierten Welt gedeihen,
wenn er sein Arbeitsprogramm sorgfältig genug wählt.
Ob ein Zubehörteil im Betrieb selbst hergestellt oder von
einer anderen Firma bezogen werden soll, ist für viele große
Werke eine wichtige Frage. Von ihrer Antwort hängt in jedem einzelnen Fall viel für die Kleinbetriebe ab. Hier liegt aber auch
die große Chance der kleineren Unternehmen, wenn sie sich ihrer
günstigeren Position in bezug auf Kosten und Qualität bewußt
sind.
Bei Gütern, die in großen.Serien hergestellt werden, und bei
denen Konstruktions- oder Formänderungen im Rahmen des automatisierten Prozesses vorgenommen werden können, wird der Großbetrieb
dem Kleinbetrieb gegenüber noch mehr als bisher im Vorteil sein.
Andererseits müssen gerade die Großbetriebe mit ihren hochspezialisierten und aufeinander abgestimmten automatischen Maschinen auf
große Serien bedacht sein und können kaum auf Kundenwünsche bezüglich Konstruktions- und Formänderungen eingehen. Jede Änderung
bedingt zeitraubende Umstellungen des Betriebes. Hier liegt eine
eindeutige Chance des Kleinbetriebs.
Es
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

Es ist klar, daß der kleine Unternehmer angesichts seiner
beschränkten finanziellen Mittel nicht in jedem beliebigen Gebiet mit den großen Industriekolossen in Wettbewerb treten kann.
Wir lesen heute zum Beispiel viel über Transistoren und Dioden.
Wenn das, was die Ingenieure uns erzählen, zutrifft - nämlich
daß die bei der Herstellung von Halbleitervorrichtungen verwendeten Materialien bei Berührung durch die menschliche Hand jene
spezifischen Eigenschaften verlieren, auf die es gerade ankommt -, so scheint die vollautomatische Verarbeitung eine unerlässliche Notwendigkeit. Dazu sind jedoch Investitionen in Höhe
vieler Millionen Dollar unvermeidlich. Wenn ein Unternehmen diese
nicht vornehmen will oder kann, dann sollte es sich lieber ein
anderes Tätigkeitsfeld aussuchen. Einige der besten Beispiele
für die Vorteile der Automatisierung bieten heute die Zulieferbetriebe, denen sie im Verein mit einer weitgehenden Spezialisierung und Erfahrung sowie mit einem beschränkten Produktionsprogramm zu hervorragenden Erfolgen verholfen hat.
Eine der am vollständigsten automatisierten Abteilungen
der Firma Honeywell beschäftigt gleichzeitig auch die geringste
Zahl von Arbeitern und Angestellten. Gerade dieser Betrieb hat
mit einem beschränkten vollautomatischen Werkzeugpark von grundsätzlich einfacher Konstruktion und ohne große Aufwendungen ganz
hervorragende Leistungen vollbracht.
Auch auf dem Gebiet der leichtverderblichen Nahrungsmittelerzeugnisse, wie Brot, Milch, Speiseeis usw., ist der Kleinbetrieb eher Regel als Ausnahme, und doch sind diese Betriebe,
wie Sie alle wissen, gewöhnlich sehr stark automatisiert.
Außerdem hängen bestimmte weiterverarbeitende Betriebe,
besonders die Ölraffinerien und die chemische Industrie, weitgehend von hochentwickelten technischen Werkzeugen ab. Das
trifft für Groß- und Kleinbetriebe gleichermaßen zu. Ganze Arbeitsvorgänge in den einzelnen Stadien des Fabrikationsprozesses
werden hier von automatischen Meßapparaten und Melde- und Kontrollvorrichtungen überwacht.
Eine erhöhte Ausstattung der Industrie mit technischer Ausrüstung - die Automatisierung also - bietet günstige Gewinnaussichten. Wir sind auf Grund unserer eigenen Verkaufserfahrungen
überzeugt, daß dies nicht nur für Großunternehmen, sondern auch
für eine große Anzahl von Kleinbetrieben gilt, wo die Ausstattung mit technischen Ausrüstungsgegenständen eine Modernisierung
des Betriebes bewirken kann, zu einer Senkung der Preise und
gleichzeitiger Verbesserung der Qualität führt.
Hier erhebt sich nun die Frage: "Wie kann der einzelne Unternehmer sich erfolgreich der Automatisierung bedienen?' Ich
möchte den Unternehmern empfehlen, sich die Erfahrungen anderer
Betriebe zunutze zu machen, technische Berater zuzuziehen, Verbesserungsvorschläge aus den Reihen der Belegschaft zu prämieren
und sich eingehend mit der einschlägigen Fachliteratur zu befassen.
Besondere

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AR3EIT

1. Februar 1956

Besondere Aufmerksamkeit verdient die sehr sachliche Abhandlung von James R. Bright "How to Evaluate Automation" (7/ie läßt
sich die Automatisierung auswerten?), die in der "Harvard Business
Review" erschienen ist. Der Verfasser zeigt darin an Hand von
Tabellen und Übersichten auf, welche Möglichkeiten die Automatisierung großen und kleinen Betrieben bietet.

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 2)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
( 170 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Ich möchte bei dieser Gelegenheit
feststellen, daß die zunehmende Automatisierung voraussichtlich erhebliche Veränderungen in der organisatorischen Struktur vieler Unternehmen mit sich bringen wird.
Die Anforderungen an das berufliche Können der technischen
Angestellten werden infolge der schnellen Entwicklung in Wissenschaft und Technik in Zukunft ständig steigen. Die Verwendung
der neuesten und nur sehr schwer verständlichen Ergebnisse der
Wissenschaft und Technik bringt schwerwiegende technische Entscheidungen ganz spezieller Natur mit sich, die oftmals die
gesamte Entwicklung des Betriebes beeinflussen.
Daher wird ein auf einem bestimmten Gebiet ausgebildeter
Techniker immer weniger imstande sein, eine technische Entscheidung eines seiner Untergebenen zu beurteilen, dessen spezielles
Können auf einem anderen Gebiet liegt. Ein nicht sachkundiger
Betriebsinhaber befindet sich sogar in einem noch größeren
Nachteil. Ohne Frage muß der einzelne Ingenieur heute Entscheidungen treffen, -für die eigentlich die Betriebsleitung zuständig ist, und er muß daher als Vertreter der Betriebsführung betrachtet werden, ebenso wie der Werkführer oder Vorarbeiter auf
Grund der ihm übertragenen Entscheidungen der Betriebsleitung
zugehörig betrachtet werden muß.
Nach Auffassung mancher Kreise werden bei zunehmender Verwendung automatischer Dokumentations- und Auswertungssysteme
verschiedene neuerer Methoden der Betriebsführung wie Betriebsforschung für Fließbandplanung eine'so große Bedeutung erlangen,
daß bald schon die in diesen Methoden bewanderten Fachleute die
•Betriebsführer alten Stils ablösen werden.
Meiner Ansicht nach ist das eine unrealistische Vorstellung.
Die Stellung des Betriebsführers wird unter dem integrierenden
Einfluß einer gesteigerten Automatisierung einerseits kompli-

�"AMERIKA DIENST11 - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

komplizierter und andererseits allgemeiner werden. Die traditionellen Qualifikationen eines erfolgreichen Betriebsführers
werden vielmehr nach wie vor gefordert werden müssen. Die organisatorische Struktur eines Betriebes allerdings wird sich
dahingehend verändern, daß der Betriebsführer entsprechend
ausgebildete Fachleute als Berater zur Seite haben wird, die
es ihm ermöglichen, auch in hochspezialisierten technischen
Fragen die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Während zahlreiche der größeren Unternehmen bereits über
umfangreiche Stäbe kompetenter Techniker verfügen, die Automatisierungsprogramme planen und vorschlagen, können sich die
kleineren Betriebe den Luxus solcher Abteilungen nicht leisten.
Sie genießen aber einen anderen, bemerkenswerten Vorteil.
Die wachsende Zahl von Herstellern von automatischen Ausrüstungen sind natürlich daran interessiert, ihren Produkten einen
großen Absatzmarkt zu sichern. Nun ist es eine Tatsache, daß
die Zahl der Betriebe mit einer Belegschaft von weniger als
1000 Beschäftigten überwiegt, und daß gerade diese Unternehmen
als wichtigste Käufer der Erzeugnisse der Herstellerfirmen von
elektronischen Geräten in Frage kommen. Sie werden daher bestrebt
sein, ihre Produktion soweit als möglich auf die Bedürfnisse
dieses Käuferkreises abzustimmen.
Ich möchte damit nicht sagen, daß automatische Ausrüstungen für alle denkbaren Betriebsvorgänge zu irgendeinem Zeitpunkt
so quasi "auf Abruf" bereitstehen werden. Doch bin ich überzeugt,
daß das Interesse der Herstellerfirmen an der Marktausweitung
zahlreichen kleinen und nicht sehr kapitalskräftigen Unternehmen
hilft, die in einem gewissen Umfange an der Automatisierung profitieren wollen, Aufwendungen für die Planung einer automatisierten Produktion zu ersparen.
Vermutlich werden wir in zehn Jahren einmal erstaunt sein,
welchen großen Auftrieb die Automatisierung durch das Angebot
von standardisierten automatischen Ausrüstungen auf dem offenen
Markt erhalten hat, die entwickelt wurden, um den auf einen
gemeinsamen Nenner gebrachten Bedürfnissen von Tausenden kleiner
und mittlerer Betriebe zu entsprechen.
Sehr wichtig ist auch die Frage, welchen Einfluß die Automatisierung auf die Qualität der Erzeugnisse ausübt. Die bisher
gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin, daß sie unabhängig
von der Größe des Unternehmens im allgemeinen nur zu einer Verbesserung der Qualität führt. Darauf weisen sämtliche von uns
gesammelten Erfahrungen hin.
Die Konstruktion automatischer Maschinen setzt eine noch
gründlichere Kenntnis des Produkts und der Produktionsvorgänge
voraus, als sie schon der mechanisierte Betrieb erforderte. Das
bedeutet, daß dem Material, den Werkzeugen, dem innerbetrieblichen Transport und allen übrigen Einzelheiten größere Aufmerksamkeit gezollt werden muß, damit die erwarteten Abweichungen in
der automatischen Vorrichtung, dem Arbeitsvorgang oder der Art
des Betriebes voll berücksichtigt werden können.
Ich

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

Ich gebe zu, daß die Automatisierung eine Anpassung an neue
Verhältnisse nötig macht und jede Betriebsführung vor große Aufgeben stellt, und ich weiß, daß eine erhöhte Automatisierung
auch ein erhöhtes Risiko mit sich bringen wird, und zwar insbesondere auch für die kleinen Betriebe. Dies wird aber dem
Wettbewerb nur förderlich sein.'
Tn diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, daß sich
jeder einzelne Klein- und Mittelbetrieb darüber klar wird, von
welcher Seite ihm die schwersten Gefahren der Konkurrenz drohen.
Hier gilt es zu berücksichtigen, daß ein weitsichtiges
Automatisierungsprogramm ein einzelnes Unternehmen - fast über
Nacht - in die Lage versetzen kann, den gesamten Markt auf
seinem Produktionsgebiet in Aufruhr zu versetzen. Vor dieser
Gefahr müssen heute sämtliche Betriebe auf der Hut sein.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein technische
Frage, die man an irgendeine Abteilung innerhalb des Betriebs
delegieren kann. Die wichtigen Fragen der Betriebspolitik werden nach wie vor von der Betriebsführung - den Besitzern oder
Direktoren - entschieden. Ich meine damit die großen grundsätzlichen Entscheidungen: die Positionsbestimmung des Unternehmens
.innerhalb der eigenen Industrie, die Entscheidung darüber, ob
das Produktionsprogramm vielschichtig gehalten sein soll oder
ob man sich auf nur ein oder einige wenige Erzeugnisse beschränken soll, und ähnliches.
Angesichts dieser Sachlage scheint es notwendig, die Begriffe Statistik und Forschung neu zu interpretieren, da sie
die Zukunft eines Betriebes, des großen wie des kleinen, auf
weite Sicht bestimmen. Heute ist eine Betriebsführung gezwungen, nur alle jene Faktoren in ihre Planung einzubeziehen, die
die Entwicklung des Betriebes oder seine Existenz schlechthin
berühren.
Vieles was heute mit dem Begriff Automatisierung bezeich
net wird, ist tatsächlich nichts anderes als eine vervollkommnete Technisierung.
Ich meine den Ersatz einer Maschine oder eines Produktionsverfahrens durch eine bessere Maschine oder ein besseres Produktionsverfahren. Wenn das jedoch alles wäre, würde sich die ganze
Diskussion um die Automatisierung erübrigen.
Die Automatisierung ist weit mehr, sie ist eine gewaltige
neue Kraft, die alle Möglichkeiten zum Guten oder Bösen enthält, wie sie großen Veränderungen innewohnen.
Was wir bei der Beurteilung der Möglichkeiten, die die
Automatisierung bietet, am meisten brauchen, ist der Wille, den
Tatsachen ins Gesicht zu sehen und harte geistige Arbeit zu
leisten, um die notwendigen Gleichungen zu lösen, deren einzelne Größen die Stärke, die Schwächen, der geschäftliche Ehrgeiz
und das Bankkonto des einzelnen Betriebes sind.
Wir dürfen uns in die Frage der Automatisierung nicht von
halben Wahrheiten in die Irr« führen lassen. Man hört häufig die
Behauptung, daß der Mensch durch die Maschine verdrängt wird.

�"AMERIKA DIENST" - '»VIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

!Dem ist entgegenzuhalten, daß sich bisher im großen und ganzen
in jeder Industrie, die ihre Investitionen pro Arbeitsplatz erhöht hat, auch die Zahl der Beschäftigten erhöhte. Die Stahlund Automobilindustrie, die Unternehmen der Fernmeldetechnik
und die chemische Industrie bewiesen dies ganz eindeutig. So
führt der einzigartige Anstieg des amerikanischen Lebensstandards, das Ergebnis unseres Systems der freien Marktwirtschaft,
zwangsläufig zu dem Schluß, daß die Automatisierung, weit entfernt, eine Gefahr für die Industriebetriebe jeder Größe zu
sein, von wesentlicher Bedeutung für die künftige Entwicklung
unserer Wirtschaft ist.
Ihre Entwicklung ist eine evolutionäre und keine revolutionäre. Sicherlich wird der kleine Unternehmer nur selten in
den Schlagzeilen der Zeitungen als Beispiel für eine wirksame
Automatisierung genannt werden. Er wird aber auf jeden Fall
Nutzen aus der gesteigerten Betriebsleistung, den geringen Produktionskosten und den größeren Gewinnmöglichkeiten ziehen,
sofern er gewillt ist, der veränderten Lage Rechnung'zu tragen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Automatisierung
(Teil- oder Vollautomatisierung) dazu beitragen kann, die Freise
zu senken, die Qualität der Produkte zu verbessern und auf diese
Weise mehr Waren von verbesserter Qualität auf den Markt zu brin
gen. Selbst die pessimistischsten Wissenschaftler bezweifeln
nicht, daß das Bruttosozialprodukt in den Vereinigten Staaten
bis zum Jahre 1965 auf 500 Milliarden Dollar steigen wird. Eies
entspricht einer Zunahme von über 30 Prozent, dem ein Bevölkerungszuwachs von 14 Prozent gegenüberstehen dürfte. Natürlich
ist eine solche Entwicklung des Bruttosozialproduktes nur durch
eine ständige Steigerung der Produktivität zu erreichen. Die
Automatisierung kann hierzu beitragen und sie darf deshalb,
trotz aller Probleme, die sie aufwirft, und aller Risiken, die
sie einschließt, als ein Prozeß angesehen werden, der für das
Wachstum und den Wohlstand der Vereinigten Staaten von größter
Bedeutung ist.

* * * * *

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�"ÜMERIKA

DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15- Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(1.Teil)
(145 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Es ist nun etwa 4V2 Jahre her, seit das
Statistische""Bundesamt der Vereinigten Staaten die erste große
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine für die Ausführung aller
erdenklichen Berechnungen und Büroarbeiten in Betrieb genommen
hat. Heute werden die Verwendungsmöglichkeiten derartiger Maschinen nebst ihrer Zusatz-Aggregate bereits in weiten Kreisen der
Wirtschaft, insbesondere auch im Versicherungswesen, geschätzt.
Die "Metropolitan Life Insurance Company" hat beispielsweise bereits vor mehr als einem Jahr die erste derartige Maschine in Betrieb genommen. Eine Untersuchung der Gründe, die unsere
Firma zu diesem Entschluß bewogen haben, gewährt mancherlei Aufschlüsse über die vielfältigen Aspekte der Automatisierung im
Versicherungswesen.
Den Ausschlag gab wohl die Tatsache, daß Bürokräfte nur
noch sehr schwierig zu beschaffen sind, und daß in nächster Zukunft kaum mit einer Besserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu
rechnen ist.
Im Februar 1948 gründete die Gesellschaft eine Untersuchungskommission, um die Möglichkeit zur Verwendung elektronischer Rechen- und Buchungsmaschinen im eigenen Betrieb zu untersuchen.
Die Erjebnisse fielen so aus, daß wir im August 1953 eine erste
derartige Versuchsanlage in Auftrag gaben, die im Jahre 1954
geliefert wurde. Es handelt sich um eine Magnetband-Elektronenrechenmaschine mit Zubehör, wie Band-Lochkarten- und LochkartenBand -Übertrager , Schreibautomat und ähnliche Geräte. Die Gesellschaft entschloß sich hierzu, obwohl die Untersuchung gezeigt
hatte, daß diese Elektronengeräte noch nicht den denkbar höchsten Grad der technischen Vollkommenheit erreicht haben.
Welche Eigenschaften dieser neuen Geräte haben nun die Versicherungsunternehmen veranlaßt, sie in so kurzer Zeit in so hohem Maße in ihren Betrieb einzubeziehen? Was können sie leisten?
Und inwieweit bedingen sie Änderungen des gesamten Betriebsablaufs?
I_m
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Im Versicherungswesen bedeutet die Automatisierung die
Einführung neuer elektronischer Maschinen zur Bewältigung von
Aufgaben, die bisher von Bürokräften oder Hollerithmaschinen
beziehungsweise von beiden gemeinsam ausgeführt wurden. Elektronische Geräte haben die Fähigkeit, Büroarbeiten in außergewöhnlich kurzer Zeit zu bewältigen und benötigen bei der
Ausführung selbst mehrerer Arbeitsgänge hintereinander kaum
irgendwelcher Überwachung durch Menschen.
Um die Bedeutung vollautomatischer Buchungsmaschinen im
Versicherungswesen würdigen zu können, ist es notwendig, zunächst einmal eine klare Vorstellung von normalen Betriebsablauf solcher Unternehmen zu gewinnen.
Die heutige Arbeitsweise entwickelte sich aus der durch
das ständige Wachstum der Versicherungsunternehmen bedingten
Trennung und Unterteilung der verschiedenen Funktionen innerhalb des Betriebes. Diese Methode der immer weitergehenden Unterteilung der Büroarbeit brachte das Entstehen eines vielschichtigen Systems eng miteinander verflochtener Abteilungen und Unterabteilungen mit sich, von denen jede einzelne nur einen ganz
bestimmten engbegrenzten Arbeitsbereich hat. Auf Grund dieser
Arbeitsteilung mußte fast jede Abteilung eine eigene Aktenablage einrichten, und so ist es heute nicht selten, daß ein und
derselbe Akt in zehn verschiedenen Registraturen steht. Dies bedeutet selbstverständlich gewaltige Mehrarbeit und viel Leerlauf.
Vor der Einführung elektronischer Büromaschinen war die
Mechanisierung in der Büroarbeit durch die Verwendung von "Maschinen für nur einen Arbeitsgang" - die Schreibmaschine, die
Rechenmaschine und die Hollerithmaschine beispielsweise - gekennzeichnet. Sie brachten eine weitgehende Spezialisierung
mit sich und gliederten den Arbeitsablauf in einer Weise, die
der Serienfertigung am laufenden Band vergleichbar ist. Sie
führte einerseits zu einer Senkung der Betriebskosten, erforderte aber andererseits eine große Zahl von AufSichtskräften,
um die Arbeit in den verschiedenen Abteilungen zu koordinieren und die einzelnen Abteilungen doch als ein zusammenhängendes Ganzes funktionieren zu lassen.
Um ein Beispiel aus der lebensversicherungspraxis zu geben, so muß ein Antrag auf Zahlung der Versicherungssumme bei
Fälligkeit erst einmal zur Registratur laufen, wo der erste
Antrag auf Aufnahme in die Versicherung aufbewahrt wird. Zusammen mit diesem Schriftstück geht der Akt zu der Inkassoabteilung, um die Höhe der vom Versicherungsnehmer geleisteten Beiträge festzustellen und von dort zu einer dritten Abteilung,
wo nachgeprüft wird, ob bereits irgendwelche Zahlungen auf die
Police zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt sind und so weiter.
Erst wenn der Akt alle einschlägigen Abteilungen durchlaufen
hat, kann schließlich die Auszahlungsanweisung ausgefertigt
werden.
Wenn alle Angaben bezüglich der betreffenden Versicherung
in Elektronen-Buchungsmaschinen gespeichert sind, dann vollzieht
sich der ganze vorstehend geschilderte Prozeß in einem einzigen
Arbeitsgang, an einem Ort und zu einem Zeitpunkt. Die wichtigste
Möglichkeit, die sich deshalb für die Verwendung von Elektronen-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Elektronengeräten abzeichnet, ist die Einführung eines zentralen automatisierten Arbeitsganges für mehrere Arbeitsgänge verschiedener Abteilungen. Somit wird die mehrfache Aufbewahrung
ein und desselben Aktes überflüssig.
Die sich hieraus ergebenden Konsequenzen werden gegenwärtig vom Versicherungsgewerbe eingehend geprüft. Die Gesellschaft
der Registraturangestellten hat hierzu bereits zwei größere
Studien fertiggestellt, die eine Fülle von Informationen zu
diesem Fragenkomplex enthalten*). Die Versicherungsunternehmen
sind bei ihren Untersuchungen zu dem Schluß gelangt, daß die
vorstehend aufgezeigten Möglichkeiten die Verwendung solcher
Maschinen bereits restlos rechtfertigen. Inzwischen haben auch
bereits mehrere Versicherungsunternehmen solche Maschinen in
Auftrag gegeben oder in Betrieb genommen.
Der Übergang von der bisher geübten Praxis auf die Verwendung von Elektronenmaschinen macht selbstverständlich eine grundlegende Reorganisierung des gesamten Betriebsablaufes erforderlich. Hierfür lassen sich nach den bisher gesammelten Erfahrungen folgende Gesichtspunkte aufstellen:
Erstens: die Automatisierung muß auf den ganzen Arbeitsprozeß ausgedehnt werden, sie darf sich also nicht auf einzelne
Abteilungen beschränken.
Zweitens: kleinere Arbeiten müssen mit anderen zusammengelegt werden, um jenes Arbeitsvolumen zu schaffen, das erst
den lohnenden Einsatz von Elektronengeräten ermöglicht.
Drittens: die verschiedenen Aktenablagen müssen durch
eine einzige Registratur ersetzt werden, in der alle Angaben
in der für Elektronengeräte erforderlichen Form "gespeichert"
werden.
Viertens: alle zu erledigenden Arbeiten müssen in einem
Arbeitsgang durch die Elektronenmaschine bewältigt werden (wobei ein mehrmaliges Passieren etwa eines Magnetbandes durchaus
als ein Arbeitsgang anzusehen ist).
Fünftens: bei der Ausarbeitung des zu wählenden Verfahrens müssen Arbeiten wie das Aufsuchen von Akten und Angaben
sowie das aktenmäßige Erfassen des Vorganges so weitgehend wie
nur möglich durch arithmetische und logische Operationen ersetzt werden.
Sechstensj das verwendete System muß ausreichende Kontrollorgane besitzen, damit sich eine mühsame Überwachung und Fehlerkorrektur erübrigt.
Wenn diese Grundsätze befolgt werden und wenn man das Wesen
und den Sinn der bisher üblichen Methoden gebührend würdigt und
*) Der zweite der beiden Berichte wurde von der Gesellschaft
der Registraturangestellten (Society of Actuaries, 208 South La
Salle Street, Chicago 4, 111.) in gedruckter Form veröffentlicht
und kann zum Preis von 2 Dollar durch sie bezogen werden.

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�/-.'."•iRIKA DIENST" - '.YIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

und berücksichtigt, dann dürfte sich die Umstellung auf elektronische
Maschinen mit Erfolg bewerkstelligen lassen.
Der letztere der beiden vorstehend erwähnten Berichte der Gesellschaft der Registraturangestellten bringt eine Übersicht über
die Pläne von acht großen amerikanischen Versicherungsgesellschaften,
die eine Umstellung auf elektronische Verfahren beabsichtigen. Die
Gesellschaften sind übereinstimmend der Auffassung, daß eine solche
Umstellung möglich und zweckmäßig sei, wenngleich angesichts der Größe
der zu bewältigenden Aufgaben bisher keine von ihnen die Umstellung
wirklich vorgenommen hat.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
(2.Teil)
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und.Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(175 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Ein gut Teil des Arbeitsanfalls bei den
Versicherungsgesellschaften erwächst aus der regelmäßigen Benachrichtigung der Versicherungsnehmer bezüglich der Fälligkeit
von Beiträgen, Versicherungsleistungen sowie aus der Beantwortung
von Anfragen. Hierbei sind im wesentlichen folgende Arbeiten zu
verrichten:
Erstens: die Auswertung der Angaben der Unterlage, die den
Vorgang auslöst.
Zweitens: die Auswertung der Angaben aus den vorliegenden
Akten.
Drittens: die Bearbeitung der Auswertung,sergebnisse zur
Schaffung neuer Informationen.
Viertens: die Ausfertigung der Dokumente, die für die Ausführung der sich daraus ergebenden Transaktion
notwendig sind.
Fünftens: die aktenmäßige Erfassung der ausgeführten Transaktionen in der Registratur und Rechnungsstelle.
Wenn ein Versicherungsnehmer beispielsweise seine Adresse
ändert, so werden nur die Vorgänge 1 und 5 ausgelöst, bei Fälligkeit einer Versicherung müssen dagegen alle fünf Vorgänge ausgeführt werden. Andererseits entfällt für eine ganze Reihe von
Transaktionen Vorgang 1.
Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen sowie ihr Zubehör
sind universell verwendbar. Sie bearbeiten Informationen Jeder
Form, stellen Auszüge aus Akten her, kombinieren nach mathematischen und logischen Gesichtspunkten Angaben, um neue Informationen zu schaffen, fertigen Dokumente aus und so weiter. Sie
lassen sich praktisch auf allen Teilgebieten der Büroarbeit verwenden.
Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß es auch eine ganze
Reihe von Arbeiten gibt, für die sie nicht zu gebrauchen sind.
Dies gilt insbesondere für Arbeiten, die ihrem Wesen nach nicht
_ 1 _

�"AMERIKA DIENST1* - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

nicht eine Wiederholung eines einmal festgesetzten Arbeitsablaufs sind, oder die ein gewisses Maß an Urteilskraft erfordern.
Von den fünf erwähnten Vorgängen läßt sich Vorgang 3 - die
Schaffung neuer Informationen aus bekannten Angaben - am besten
mit Elektronengeräten erledigen. Gerade diese Arbeiten verursachen bei dem bisher üblichen Verfahren gewöhnlich den größten
Kostenaufwand. Die Zusatzgeräte zu den elektronischen Rechenund Buchungsmaschinen lassen sich auch mit günstigen Ergebnissen
für die Vorgän£e 4 und 5 verwenden, das heißt also für die Ausfertigung von Dokumenten und für die aktenmäßige Erfassung erfolgter Transaktionen. Was Vorgang 2 angeht, so ermöglichen
Elektronengeräte hier insbesondere die Vermeidung von Doppelarbeit durch mehrfache Aktenhaltung. Für Vorgang 1, die Auswertung der Angaben aus der Unterlage, die die Transaktion auslöst, scheinen sich wenige, wenn nicht sogar überhaupt keine
Vorteile zu ergeben, mindestens nach dem derzeitigen Stand der
Entwicklung.
Insgesamt erweist sich die Verwendung von Elektronengeräten der bisher entwickelten Typen auf zwei Sektoren als nicht
befriedigend.
Als erstes ist hier die Umwandlung neu hinzukommender Angaben und Informationen in die "Sprache" und Form, wie sie Elektrunenmaschinen erfordern, zu nennen. Hier ist noch immer die
menschliche Arbeitskraft unentbehrlich. Allerdings ist die Industrie bereits dabei, sogenannte "Intelligent Readers" zu entwickeln, das sind Geräte, die gedruckten Text - etwa dem Rasterverfahren vergleichbar - erfassen, automatisch kopieren und in
die "Sprache" von Elektronenmaschinen umsetzen können.
Ein weiterer Arbeitsgang, bei dem Elektronengeräte bisher
keine wesentliche Beschleunigung des Arbeitstempos versprechen,
ist die Aussortierung eines bestimmten Komplexes von Informationen aus einer Vie^zrhl solcher Informationen - beispielsweise etwa das Aussortieren der Karteikarte für eine bestimmte
Police etwa aus einer Registratur mit 100 000 solcher Karten.
Doch auch hier ist die Industrie bemüht, ent sprechende&gt;,Geräte
zu entwickeln.
Die Automatisierung der Arbeitsvorgänge im Versicherungswesen wird jedoch nicht nur zu einer erheblichen Kostensenkung
fahren, sondern auch erhebliche organisatorische Umstellungen im
Betrieb erfordern. Dies wird nicht ohne Schwierigkeiten abgehenVon besonderer Bedeutung dürfte die Tatsache sein, daß bei
Verwendung von Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen und ähnlichen Apparaten die gesamte Arbeit von ein oder zwei wichtigen
Schlüssel-Geräten abhängt. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit,
diese Maschinen ständig in betriebsbereitem Zustand zu halten und
eventuell auftretende Mängel raschestens festzustellen und zu beheben, um einen Stillstand des gesamten Betriebes zu vermeiden.
Da dies sehr schwierig sein dürfte, scheint der einzige mögliche
Ausweg darin zu bestehen, jeweils Austauschmaschinen in Reserve
zu halten.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß die Ar-»
beitsplanung für die Maschine und die Festlegung des Arbeitsab- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

Arbeitsablaufs eine sehr schwierige und zeitraubende Aufgabe
darstellt. Doch auch hier ist die Industrie bemüht, entsprechende Maschinen und Verfahren auszuarbeiten, daß die "Arbeitsprogramme" künftig mit Hilfe elektronischer Maschinen festgelegt
werden können.
Zu der großen Abhängigkeit vom Funktionieren der Maschinen und den Schwierigkeiten der Festlegung des Arbeitsprogrammes der Maschinen kommt eine unerwünschte Abhängigkeit von bisher
ohnehin schwer zu beschaffenden Fachkräften. Zum Betrieb einer
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine sind an sich nur zwei Arbeitskräfte notwendig; sollten sie jedoch aus irgendeinem Grunde
ausfallen, so läuft der ganze Betrieb Gefahr, ins Stocken zu geraten. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß eine Doppelbesetzung
der entsprechenden Positionen notwendig wird. Damit kommt ein
völlig neues Element in die Lohnpolitik, da hier nicht mehr die
Arbeit honoriert wird, die eine Arbeitskraft leistet, sondern
das, was sie gegebenenfalls zu leisten vermag.
Sehr bedenklich scheint auch die Tatsache, daß die Direktoren und leitenden Angestellten, die den Bürobetrieb überwachen,
höchstens in Ausnahmefällen mit elektronischen Geräten vertraut
sein dürften. Auf die Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse der
Betriebserfordernisse, die gerade diese Menschen sich in- Jahren
und Jahrzehnten erworben haben, kann man jedoch keinesfalls verzichten. Es besteht hier die Gefahr, daß sie, wenn es ihnen an
einem entsprechenden Verständnis für die Möglichkeiten und Begrenzungen elektronischer Maschinen mangelt, in eine unerwünschte Abhängigkeit vom rein technischen Personal kommen. Aus diesen Erwägungen heraus ist eine entsprechende Schulung des leitenden Personals eine unerläßliche Notwendigkeit.
Die Mechanisierung aller Arbeitsvorgänge ist innerhalb des
Versicherungswesens ein seit Jahrzehnten bekannter betrieblicher
Vorgang. Sie brachte eine allmähliche Verringerung des Büropersonals mit sich. Allerdings konnten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, für jene Kräfte, deren Positionen überflüssig geworden
waren, jeweils andere Arbeitsplätze gefunden werden, die ihnen
mindestens den gleichen, wenn nicht sogar einen höheren Lohn
sicherten. Wie sich durch zahlreiche Beispiele beweisen läßt,
hat die Mechanisierung in vielen Fällen sogar zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze geführt und vielen Angestellten eine höhere gehaltliche Einstufung eingebracht. Bei der Automatisierung scheint
sich eine ähnliche Entwicklung anzubahnen.
Solange man auf seiten der Arbeitgeber den Grundsatz anerkennt, daß man für überflüssig werdende Arbeitskräfte entsprechend neue Arbeitsplätze schaffen muß, und daß dadurch entstehende Mehrkosten in der Praxis dem Kaufpreis der Maschinen zuzuschlagen sind, wird die Umstellung auf den automatischen Betrieb keine ernste Situation auf dem Arbeitsmarkt heraufbeschwören. So betrachtet, ist die Automatisierung praktisch nur ein
weiterer, wenn auch sehr folgenschwerer Schritt der Mechanisierung, die schon seit Jahrzehnten betrieben wird.
Zusammenfassung
Die Automatisierung kann im Versicherungswesen als die Verwendung von Maschinen zur automatischen Erledigung sämtlicher

_ 3 .

�»AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

sämtlicher Arbeitsgänge aufgefaßt werden. Sie bedingt eine Reorganisation des gesamten Betriebes, in deren Zug sich die Zahl
der verschiedenen Abteilungen erheblich verringern läßt. Nerventötende Routinearbeiten werden dem einzelnen abgenommen werden
können. Das Ergebnis der Automatisierung im Versicherungswesen
dürfte eine erhebliche Einsparung an Betriebs- und VerwaLtungskosten und damit eine Senkung der Beitragsleistungen sein. Sie
wird auch eine erhebliche Entlastung des stark angespannten Arbeitsmarktes mit sich bringen.
Die Anpassungsfähigkeit eines mit elektronischen Maschinen
ausgestatteten Unternehmens an die sich ändernden Geschäftserfordernisse ist wesentlich größer als bei einem nach alten Verfahren arbeitenden Betrieb. Der derzeitige Betriebsablauf, der
mehr oder weniger dem Fließbandverfahren gleicht, ist seinem
ganzen Wesen nach ziemlich starr, da jede Änderung des Verfahrens eine entsprechende Umschulung von Hunderten, wenn nicht
sogar Tausenden von Arbeitskräften erfordert. Da elektronische
Geräte nur ganz wenig Bedienungspersonal benötigen, wird eine
Betriebsumstellung viel einfacher und rascher vor sich gehen
können. Die bisherigen Erfahrungen, die die "Metropolitan Life
Insurance Company" in rund eineinhalb Jahren mit dem Betrieb von
elektronischen Rechen und Buchungsmaschinen sammeln konnten,
waren sehr befriedigend. Gegenwärtig arbeiten diese Maschinen in
zwei Schichten. Die Kosten für den Betrieb mit elektronischen
Geräten sind etwa nur halb so hoch wie die bei der Verwendung moderner Hollerithmaschinen. Die Gesellschaft hofft, daß sie schon
in Kürze das Arbeitstempo der Elektronenmaschinen verdoppeln
kann, so daß sich die zweite Schicht erübrigt.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten begünstigt die Umstellung vom mechanisierten auf den automatisierten Betrieb. Die Verknappung von Bürokräften einerseits
und die starke Expansion der Industrie andererseits schaffen
denkbar günstige Voraussetzungen.
Elektronische Rechen- und Buchungsmaschinen können praktisch sämtliche Arbeitsgänge an einem Ort und gleichzeitig sowie in jeder gewünschten Kombination und Variante bewältigen.
Ihre Verwendung erfordert jedoch höchstes fachliches Können und
eine geistige Wendigkeit, wie sie hisher praktisch nur von wissenschaftlich geschultem Personal verlangt wurden.
Angesichts des Gesagten dürfte es kaum verwundern, daß sich
gerade die Versicherungsunternehmen besonders für die Möglichkeiten der Verwendung elektronischer Geräte interessieren. Sie
sind sich dabei-durchaus im klaren, daß es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden gilt, ehe die Möglichkeiten, die diese Maschinen bieten, voll ausgeschöpft werden können. Sie unterschätzen die Probleme, die die Umstellung des Betriebes auf automatische Verfahren mit sich bringt, keineswegs. Sie wissen aber auch,
daß ihnen die Automatisierung, sobald erst einmal das Entwicklungsstadium überstanden ist, eine erhebliche Verbesserung der
Arbeit im Betrieb und des Dienstes am Kunden gestatten wird.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb")
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (Vi)
Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
/
(Teil I)
t120 Zeilen)
WASHINGTON - (AP) - Jedes publizistische Unternehmen erstrebt
eine möglichst weitgehende Verbreitung seines Druckerzeugnisses in
Form von Wort und Bild. Der Erfolg hängt wesentlich von der Schnelligkeit ab, die aber nicht die vom Leser und Anzeigengeber erwartete Qualität hinsichtlich des Druckes und der redaktionallen Zusammenstellung beeinträchtigen darf. Wenn man die für eine Veröffentlichung vorgesehenen Nachrichten und Artikel und die aufgegebenen Annoncen als das Eingabematerial bezeichnet, die Funktionen der Redaktion, Auswählen, Umschreiben und Aufteilen, mit
der Tätigkeit einer auswertenden Rechenmaschine gleichsetzt und
die gedruckte und ausgelieferte Zeitung als das Ausgangsmaterial
definiert, dann ist das publizistische Gewerbe hauptsächlich ein
Dokumentationsbetrieb. Das heißt mit anderen Worten, daß das
publizistische Erzeugnis nicht in Tonnen Papier und Kanister
Druckerschwärze gemessen werden kann, sondern als die Summe von
Informationen. Eines sei hier von vornherein klargestellt, nämlich daß die Funktionen der Redaktion wohl immer von Menschen
ausgeübt werden müssen und sollen.
Ein genaues Studium der periphären Tätigkeiten eines publizistischen Betriebs, nämlich die Absatzförderung, die Abonnentenwerbung, der Verkauf von Platz für Werbezwecke und die Massenproduktion und -Verteilung der fertigen Zeitschrift, zeigt sofort,
daß die Verhältnisse hier völlig anders geartet sind. Hier müssen
wir mit unseren Überlegungen ansetzen, wie wir das Verhältnis
zwischen Arbeitsstunden pro Kopf und Arbeitsstunde pro Maschine
noch besser gestalten können, damit wir ein besseres Erzeugnis
zu einem niedrigeren Preis herstellen und verteilen können.
Die Material- und Herstellungskosten, die bei der Erzeugung
und Verteilung einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift mit
hoher Auflage entstehen, sind mit der größte Unkostenfaktor im
Zeitschriften-Betrieb. Der Erfolg einer Zeitschrift hängt weitgehend von folgenden Gesichtspunkten ab: Kosten, Qualität,
Schnelligkeit und Aktualität. Nichts ist wertloser als beispiels- 1 -

�"iiMEKIfCt DIENST" - WIRTSCHAFT UNI ARBEIT

29- Februar 1956

beispielsweise ein Nachrichtenmagazin, das nicht aktuell ist und
über alle wichtigen Geschehnisse berichtet.
Man bemüht sich allenthalben bereits um die Entwicklung
schnellerer und vielseitigerer Druckmaschinen, automatischer
Falz- und Bindemaschinen, die Herstellung besseren und billig
geren Papiers und einer schnelleren und qualitätsmäßig verbesserten Klischierung. Die immer weitergehende Verwendung von
automatischen Kontrollvorrichtungen für Schnellpapiermaschinen,
Pressen und Bindemaschinen ist eine heute bereits feststehende
Tatsache. Hiervon darf man sich wesentliche Verbesserungen hinsichtlich der Qualität, der Kostenrechnung und der Schnelligkeit
versprechen. Die Herstellung eines Druckstockes, das Setzen, Umbrechen der Seiten und Zusammensetzen der Bogen verschlingt noch
viel Zeit und verursacht relativ hohe Kosten. Die Lösung dieses
Problems liegt in einer Presse, die automatisch für den Druckvorgang durch eine Beschickung mit Daten vorbereitet werden
kann, so daß die Presse sozusagen von vornherein weiß, was gedruckt wird. Darüber hinaus müssen aber noch Mittel und Wege
gefunden werden, um das redigierte Druckmaterial in eine Form
zu bringen, daß man es auf elektrischem Wege übermitteln und
sofort in die Presse geben kann.
Vielleicht wird die Richtung, in der sich die Entwicklung
aller Wahrscheinlichkeit nach bewegen wird, noch deutlicher,
wenn wir hier einmal ein Idealsystem - so wie wir es eines Tages erhoffen - beschreiben. Es soll auf Produktionsverfahren
fußen, die teilweise bereits heute angewandt werden, teilweise
erst in unserer Vorstellung existieren, dabei aber durchaus im
Bereich des Möglichen liegen.
Das zum Druck eingehende Material (Werbetexte, Annoncen,
Nachrichten, Leitartikel und andere Artikel) wird bis zur Umbruchkorrektur fertiggestellt. Der Korrekturbogen entspricht genau
der Zeitschrift, wie sie dem Leser ausgeliefert wird, nachdem
die Redaktion ihre Billigung erteilt hat, gefcft; dieser Bogen zur
Produktionsabteilung. Hier wird er in Analogzeichen oder Digitzahlen umgesetzt und allen Druckhäusern übermittelt. Diese müssen
das Material speichern, um etwaige Fehler, die bei der Weiterverarbeitung auftreten, berichtigen zu können. Gleichzeitig
wird das Material in einen Umsetzungsmechani'smus geschleust,
von wo aus die Pressen für den Druck vorbereitet werden. Nachdem die Druckmaschinen vorbereitet sind, kann der eigentliche
Druckvorgang beginnen. Nach'Abschluß de,s Druckvorganges werden
die "Gedächtnisse1' oder Druckzylinder der Pressen getilgt und
damit die Maschinen wieder für den nächsten Druckauftrag frei.
Es liegt auf der Hand, daß die heute üblichen Methoden der
Vorbereitung der Druckplatten für Hoch-, Flach- und Tiefdruck-,
pressen für ein solches System ungeeignet sind. Die Drucke'reitechnik macht jedoch in der Verwendung der neuesten Erkenntnisse der Elektrostatik, Elektromagnetik und Elektrochemie so
große Fortschritte, daß man sich ruhig in Spekulationen über
die zukünftige Entwicklung ergehen kann.
Wenn

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. Februar 1956

Wenn diese Möglichkeiten erst einmal Realitäten geworden sind - und wir sind fest davon überzeugt, daß dies bald
schon der Fall sein wird -, dann wird das, was wir heute unter schneller Herstellung und Verteilung verstehen,,wie ein
Schneckentempo anmuten. Freilich ist es durchaus wahrscheinlich, daß die Zahl der Druckereien, die am Ausdruck einer
Zeitung oder Zeitschrift beteiligt sind, erheblich steigen
wird, damit der Leser auch wirklich in den Genuß der Zeitverkürzung zwischen Redaktionsschluß und Auslieferung kommen
kann.
Obwohl die Frobleme, die beim Druck and der Auslieferung
einer Zeitschrift auftreten, eher in das Gebiet der automatisierten Erzeugung als in das Gebiet der Dokumentation mit mechanischen Mitteln fallen, sollen hier jedoch beide Aspekte
behandelt werden, da sie für den Herausgeber einer Zeitschrift
gleichermaßen wichtig sind. Wenden wir uns daher nunmehr der
betriebstechnischen und kaufmännischen Seite in dem Bestreben
zu, eine Auflagenerhöhung durch einen vermehrten Absatz herbeizuführen und den Kreis der Abonnenten weiter zu ziehen.
In beiden Fällen würde sich die Verwendung von Maschinen der
automatischen Dokumentation sehr günstig auswirken, wobei zu
bemerken ist, daß die Kostenfragen hier eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen als technische Frobleme.
Wenn man vom Beispiel der Zeitschriften "Time" und "Life"
ausgehen darf, so ist zu sagen, daß die Anstrengungen, eine
Auflagenerhöhung herbeizuführen, auf einen vermehrten Umsatz
an Kiosken, in Buchläden und eine Vermehrung der festen Abonnenten £erichtet sind. Der Verkauf an Kiosken gehöht mit zu
den wichtigsten Problemen des Vertriebs. Eine Verkaufssteigerung wird allgemein durch zweierlei ürten der Werbung erreicht: einmal durch Nutzung der Mittel der Masseninformation, wie Radio, Fernsehen, Film und Fresse, und zum anderen
durch ein individuelles Ansprechen potentieller Käufer in
Form von Briefen. Hier nun erschließen sich zahlreiche Möglichkeiten für die Verwendung automatischer Dokumentationsmaschinen.

(Teil II folgt in Nr. 1 0/C vom 7.3.1956)
* * * * * *

�A1.1ERIKA DIENST

- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VI )

Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
(Teil

II)

( 125 Seilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Werbung neuer Käufer durch Postsendungen
setzt voraus, daß man im Besitze einer Adressenliste ist. Schnell arbeitende Dokumentationsapparate würden es ermöglichen, im Sinne der
Werbung wirksamere Listen zusammenzustellen, indem sie nämlich von
vornherein jene Kreise ausschlössen, die auf Grund vorliegender Forschungsergebnisse gar nicht als potentielle Käufer anzusprechen sind.
Zugleich könnten hier mühelos jene Personen aus der Liste ausgeschieden werden, die bereits feste Abonnenten sind. Das würde bedeuten, daß
die Zahl der von vornherein aussichtslosen Werbesendungen erheblich
kleiner wird und der Werbeaufwand pro neuen Abonnenten wesentlich günstiger zu liegen käme als heute.
Im Falle des Absatzes an Kiosken und in Buchläden ist es durchaus
denkbar, daß das verzwickte Problem der richtigen Verteilung bei Vermeidung von Unter- oder l'berbelieferung durch eine weitgehende Verwendung
automatischer Dokumentationsmittel gelöst v/erden kann. Ob dabei alle
Einzelhändler individuell erfaßt werden müssen oder nur die Grossisten
in den einzelnen Vertriebsgebieten, ist eine nicht so absolut wichtige
Frage; entscheidend allein bleibt, daß man zu einer Verteilerliste kommt,
die einen möglichst hohen Absatz bei einer möglichst geringen Zahl von
Remittenden garantiert. Zu ber.chten sind in diesem Falle ferner die
nicht unbedeutenden jahreszeitlich bedingten Absatzschwankungen. Die
Bevölkerungszahl von Nantucket Island (Badeort) schwankt zum Beispiel
während der Sommersaison zwischen 3500 und 35.000. Das sind ungefähr
die Schwankungen, die ein Dokumentationsapparat in den Versandlisten erfassen müßte, und je umfangreicher die verwendbaren Angaben sind, um so
erfolgreicher wird diese Arbeit sein.
Die
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7- März 1956

Die weitaus größte Zahl der Käufer von "Tirne" und "Life" sind feste
Abonnenten. Inwieweit der Kunde wirklich befriedigt wird, hängt nicht
nur von der journalistischen Qualität des

Erzeugnisses,sondern auch

davon ab, wie schnell dieses Erzeugnis an jeden vom Kunden gewünschten
Ort ausgeliefert werden kann. In einem weiteren Sinne handelt es sich bei
Presseunternehmen bei der Erfüllung der Abonnentenwünsche um eine Dokumentationsarbeit großen Ausmaßes.
Das Interesse an weiteren Verbesserungen ist deshalb so groß,
weil wir uns von einer technisch verfeinerten Anlage der mechanischen Dokumentation ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen
Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde pro Maschine erhoffen. Ein
günstigeres Verhältnis würde bei gleichbleibenden Kosten einen besseren
und schnelleren Kundendienst bedeuten. Bisher lagen jedoch die Kosten
für die Beschaffung und Verwendung elektronischer Maschinen viel zu
hoch. Der Grund hierfür ist in dem Umstand zu suchen, daß mit den bisher
erhältlichen elektronischen Anlagen die Aufgaben, die ein zufriedenstellender Kundendienst mit sich bringt, nicht bewältigt werden können.
Das wird verständlich, wenn wir einmal den Aufgabenbereich der
Vertriebszentrale von "Life" und "Time" in Chicago näher untersuchen.
Es werden hier täglich zwischen Jü 000 und 80 000 Postsendungen geöffnet
und registriert. Der größte Teil dieser Postsendungen stammt von neuen
oder alten Abonnenten. Die Kartei der 7 Millionen Abonnenten der Zeitschriften "Time", "Life" und "Sports Illustrated" müssen ständig auf dem
laufenden gehalten werden. Jede Woche werden für die drei Hauptverteilstellen 7 Millionen Klebeadressen gedruckt und ausgeliefert. Unter Anleitung der Werbeabteilung werden darüber hinaus wöchentlich rund eine
Million V/erbe Sendungen gedruckt und versandt. Eine weitere Aufgabe
dieser Stelle ist es, die Konten der alten und neuen Abonnenten laufend
zu überwachen und Statistiken für die Werbe- und Rechnungsabteilung sowie
die Redaktion auszuarbeiten.
In diesem Falle wären die Posteingänge als Eingabematerial zu bezeichnen. Sie müssen allerdings erst in eine für das kodifizierte Registratursystem verwendbare Form gebracht werden. Da die Verlagsleitung
nun aber keinen Einfluß darauf hat, in welcher Form der Kunde seine
Wünsche vorbringt, müssen alle Eingänge sofort in entsprechende Symbole

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�"ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

Symbole übersetzt v/erden. Heute werden die Posteingänge geöffnet, gelesen, nach Sachgebieten sortiert und anschließend alle darin enthaltenen
Angaben von 70 Locherinnen auf Lochkarten übertragen. Diese Leute arbeiten sehr angestrengt, da sie mit dem Tempo der Posteingange unbedingt
Schritt halten müssen.
Da Lochkarten nur eine begrenzte Speicherkapazität haben und
die Geschwindigkeit in der Bearbeitung von Lochkarten und Unterlagen
in der Registratur nicht unbegrenzt zu steigern ist, müssen wir gegenwärtig mit zwei Ablage- und Registratursystemen arbeiten. Es lohnt sich
daher, einmal die Aussichten näher zu untersuchen, die eine Einführung
automatischer Dokumentationsmittel verspricht.
Wir gehen bei unseren Betrachtungen von der Annahme aus, daß eine
Registratur mit gegenwärtig 7 Millionen und spater 10 Millionen Aktenvorgängen für den Betrieb erforderlich ist. Für unsere Zwecke genügen 200
Symbole pro Aktenvorgang. Der Aktenumschlag pro Jahr beträgt gemessen
am Gesamtbestand der Registratur 112 Prozent. Um einen Akt zu bearbeiten,
muß das gesamte Lochkartenmaterial durch die Maschinen laufen. Die Einführung von mechanischen Dokumentationsmitteln lohnt sich deshalb nur,
wenn dadurch sichergestellt wird, daß nur noch jene Aktenstücke bearbeitet werden müssen, die. wirklich einer Bearbeitung bedürfen. Die Lösung für dieses Problem liegt unserer Ansicht nach in der beschleunigten
Entwicklung- eines für die Eingäbe auf die einfachste Formel gebrachten
leistungsfähigen Speichersystems. Mit einem solchen System ließe sich bei
dem heutigen Stand der Elektronentechnik bereits eine Methode zur Be- •
wältigung unserer Aufgaben entwickeln, die uns unsere Arbeit wesentlich
erleichtern würde. Es wäre dann nicht mehr notwendig, den täglichen
Arbeitsablauf nach Sachgebieten geordnet anzusetzen; die Post könnte
dann einfach in der Reihenfolge des Eingangs aufgearbeitet werden.
Derartige maschinelle Dokumentationsmittel haben für uns nur dann
einen Zweck, wenn die Speicherkapazität groß genug, ein schneller Zugang zu den einzelnen Vorgängen gesichert und eine Höhe der Betriebskosten gewährleistet ist, die ein wirtschaftliches Arbeiten ermöglicht.
Für uns genügt ein Speichersystem, mit dem man wöchentlich 250 000 Abonnenten erfassen kann, wobei pro Abonnent 200 Symbole und für die Wahl
eines Aktenvorganges höchstens 5 Sekunden veranschlagt sind. Wir sind der

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"AMERIKA
DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

der Auffassung, daß sich solche Dokumentationsmittel herstellen lassen,
«Mi daß sich wirtschaftlich mit ihnen arbeiten läßt.
Wir sind um so mehr davon überzeugt, weil die "Time Incorporated"
in ihren Springdale-Laboratorien bereits Versuche durchführt, die darauf
abzielen, einen Prototyp solch eines Gerätes zu entwickeln und seine
Leistungsfähigkeit im Chicagoer Verlagshaus unter Beweis zu stellen.
Außerdem unterstützen wir die Bemühungen eines anderen Laboratoriums,
das sich zwar mit dem gleichen Problem befaßt, es aber von einer anderen
S^ite her lösen w.ill. Dies alles schließt aber nicht aus, daß wir auch
andere Lösungen in Betracht ziehen würden, sofern sie technisch vernünftig und wirtschaftlich tragbar erscheinen.
Nicht nur ein Redakteur muß ein ausgeprägtes Gefühl für die menschlichen Probleme haben, sondern auch der Techniker. V/enn wir uns um eine
Verbesserung des Verhältnisses zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde pro Maschine bemühen, dann dürfen wir uns nicht von einer vielleicht
im Augenblick eintretenden Verdrängung von Arbeitskräften täuschen lassen,
••ndern müssen auf längere Sicht hinaus planen. Bei einer sachlichen
Analyse dieses Fragenkomplexes zeigt sich nämlich, daß die Einführung
automatischer Dokumentationsmittel wesentlich zur Stabilisierung des
Arbeitsmarktes gerade in jenen Industrien führen kann, deren Ausstoß
stärkeren Schwankungen unterworfen ist. Rein menschlich gesehen ist es
doch besser, wenn Maschinen nicht voll ausgelastet sind, als wenn Arbeiter
in Zeiten eines schlechten Geschäftsganges entlassen werden müssen. Und je
günstiger das Verhältnis zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde
pro Maschine ist, desto stabiler wird die Lage. Warum also das Sträuben
gegen eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten läßt? Die industrielle
Revolution hat immer weiteren Bevölkerungskreisen einen Lebensstandard gerbracht, wie wir ihn in der ganzen Geschichte der Menschheit nicht kennen. Die
Automatisierung des Produktionsprozesses wird diesen Kreis noch weiter
ziehen und den Lebensstandard noch höher heben, und damit verspricht sie
uns größere soziale Gerechtigkeit und Sicherheit als je zuvor.
(Dieser Artikel wurde stark gekürzt. Auf Wunsch kann der volle Wortlaut
zur Verfügung gestellt werden)
Nächster Artikel dieser Serie:
"Die Automatisierung in der Stahlindustrie"
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VIl)

Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von W. K. Scott, leitender Ingenieur der
Columbia-Geneva Steel Division der United States Steel Corporation
San Francisco (Kalifornien)

( 200 Zeilen)
.JHINGTON - (AD) - Bei einem Rückblick auf die Entwicklung der
Stahlindustrie in den letzten Jahrzehnten fällt sofort ins Auge, daß
hier seit dem Jahre 1920 erstaunliche Veränderungen eingetreten sind.
Die Arbeitslast des Arbeiters ist ständig geringer geworden; komplizierte und teure Maschinen verrichten heute, einzeln oder in Gruppen
zusammengefaßt, die schwere und ermüdende Arbeit, die dem Arbeiter der
Stahlindustrie aus den früheren Jahren noch bekannt ist. Heute hat
der Arbeiter eine kürzere Arbeitszeit, verdient im Durchschnitt etwa
dreimal soviel wie früher, und sein Lebensstandard ist erheblich höher,
da er hochwertige Waren in erstaunlicher Auswahl zu geringeren Preisen
kaufen kann.
Wie war dies möglich? Erstens durch die einzigartige amerikanische
Art, den Wunsch, mehr und bessere Waren bei geringerem Kostenaufwand
herzustellen. Zweitens dank dem amerikanischen Erfindergeist in Verbindung mit einem ausgeprägten Sinn für das Praktische, der zuverlässig
arbeitende automatische Maschinen erfand und damit die feste Grundlage für die Automatisierung der Betriebe legte, auf der wir heute
weiterbauen.
Diese Entwicklung hat im Laufe der Zeit mancherlei Namen, wie
Mechanisierung, automatische Bedienung, vollautomatische Fließbandfertigung und so fort erhalten. Diese sich überschneidenden Begriffe
werden jeweils sehr umfassend verstanden, Wenn man diese Begriffe
miteinander vergleicht, so kann man erkennen, wie sich im Laufe der
Jahre eine immer umfassendere Konzeption dessen herausgebildet hat,
was wir heute als "Automatisierung" bezeichnen. Die Probleme der einfachen Mechanisierung des Arbeitsprozesses sind weitgehend gelöst;
heute sind es die erstaunlichen Möglichkeiten der Automatisierung
der Betriebe, die die Phantasie der fortschrittlich denkenden Menschen
beschäftigen.
Wie die meisten derartigen neuen. Entwicklungen, hat man auch
hier zunächst einmal jeden Fortschritt als einen revolutionären Umschwung bezeichnet. Rückschauend darf aber wohl gesagt werden, daß
der evolutionäre Charakter des Übergangs von der Handarbeit zur
mechanischen Fertigung und nunmehr zum automatischen Betrieb ganz
eindeutig ist.

In
- 1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14« März 1956

In der Stahlindustrie waren diese Bemühungen zu einer Verbesserung
der Qualität und Steigerung der Produktivität in der Anfangsphase dieser
Entwicklung auf d'ie Mechanisierung gerichtet, das heißt die Übertragung anstrengender Arbeiten auf Maschinen. Der nächste logische Schritt
war dann~die "automatische Bedienung", bei der eine Maschine so gebaut
ist, daß sie mehrere eng miteinander verknüpfte Arbeitsgänge hintereinander ausführt. In jüngster Zeit ging man dann zur "kontinuierlichen
Fließbandfertigung" über. Hier nun sind mehrere automatische Maschinen
durch automatisch arbeitende Transportbänder, Kräne und ähnliche Produktionshilfen miteinander verbunden, die das Werkstück von Maschine zu
Maschine weiterleiten. Vielfältige elektronische Geräte haben jene
mannigfaltigen Kontrollfunktionen übernommen, die einstmals der Mensch
mit seinen Sinnesorganen ausübte.
Die vollautomatische Fließbandfertigung in den Stahlwerken war
das geeignete Mittel zur Erhöhung des Produktionstempos und zur Verbesserung der Qualität. Sofern allerdings Te&gt;mpo und Exaktheit der Arbeit nicht richtig aufeinander abgestimmt oder diese Abstimmung nicht
auch beibehalten werden konnte, erwies sich die vollautomatische Fließbandfertigung meist als eine Methode, große Mengen Ausschuß zu produzieren. Da die Bedienung der Maschinen vom Personal bei "Entscheidungen"
und im "Handeln" sowohl Schnelligkeit als auch Exaktheit verlangt und
die Beibehaltung der genauen Abstimmung große Aufmerksamkeit erfordert,
besteht hier die Gefahr, daß sich die Arbeitslast für den Arbeiter
sogar erhöht. Der kritische Punkt war erreicht, wenn die Leistung der
Maschine das Reaktionsvermögen des bedienenden Arbeiters übertraf, so
daß dieser die Abstimmung nicht mehr rasch genug vornehmen konnte und
damit erhöhter Anfall von Ausschuß auftrat. So ging man dazu über, auch
die bisher den Menschen vorbehaltenen Funktionen der "Überwachung und
Abstimmung der Maschine gleichfalls durch automatische Vorrichtungen
zu ersetzen. Damit wurde dem bedienenden Arbeiter eine Reihe rasch zu
treffender Entscheidungen abgenommen, so daß er seine ganze Kraft und
Aufmerksamkeit auf die schwierigen Entscheidungen konzentrieren konnte,
die Urteilsvermögen und verstandesmäßige Überlegungen erfordern. Und
damit sind wir bei der "Automatisierung" angelangt, wie wir sie heute
verstehen, das heißt bei einem Betriebsablauf, bei dem sich Maschinen
oder Gruppen von miteinander gekoppelten Maschinen in einem fortlaufenden Produktionsprozeß selbst nach einem vorher festgelegten elastischen Schema bedienen, und dabei gleichzeitig imstande sind, sich
selbst in ihrer Arbeit zu korrigieren, wenn ihre Kontrollorgane eine
Abweichung feststellen.
Daher ist die Automatisierung etwas viel Umfassenderes als die
einfache Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft durch Maschinen.
Heute gibt es in der Stahlindustrie Maschinen, die so konstruiert
sind, daß sie wie der Mensch ständig den Produktionsprozeß verfolgen,
Vergleiche anstellen, Routine-Entscheidungen treffen und notfalls
Korrekturen vornehmen, sofern irgendwelche Abweichungen von der Norm
eintreten. Das entscheidende Merkmal der Automatisierung ist, daß eine
Maschine durch eine andere kontrolliert wird. Durch diese Kontrolle
werden die verschiedenen Funktionen wie Materialbereitung, Einrichten
der Maschinen, überwachen sowie die Sammlung und Verarbeitung statistischer Daten unter Umständen in einem einzigen Arbeitsgang zusammenge-

�"AMERIKA PIEKST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

In modernen, vollautomatisierten Warmwalzwerken wird der Stahl
in einem durchgehenden Prozeß entzundert,kalt reduziert, zwischengeglüht, angelassen und abgeschert. Das Walzgut wird nicht mehr plattenweise "bearbeitet, sondern durchläuft den Prozeß als ein unendliches
Band. Eine solche Walzenstraße bearbeitet je Schicht 10 000 t Stahl,
wobei für die Bedienung der Öfen und der Walzenstraße, von den Rohlingen
bis zum fertigen Stahlblech also, nur 25 bis 28 Arbeiter und Techniker
erforderlich sind. Die Dicke des Walzgutes wird an mehreren Stellen
röntgenographisch gemessen und am Steuerpult registriert; ein mit
infraroten Strahlen arbeitendes Meßgerät kontrolliert laufend die
Breite des Walzstromes und stellt sicher, daß die zulässigen Toleranzen
nicht überschritten werden. Eine Fernsehanlage am Rolltisch läßt die
jeweilige Position des Walzgutes und eventuelle Verwindungen sofort
erkennen, so daß Verstauchungen an den Bandführungsrollen vermieden
werden.
Die Automatisierung kann für die Lösung von mindestens zwei Problemen, denen sich die Stahlindustrie heute gegenüber sieht, von entscheidender Bedeutung sein: Senkung der Produktionskosten je Werkstück
auf ein Minimum bei gleichzeitig größtmöglicher Verbesserung der Qualität .
Da andere Baumaterialien auf dem Markt mit Stahl konkurrieren,
gilt es die Produktivität der Stahlwerke noch weiter zu steigern, um
die Gestehungskosten so niedrig wie möglich zu halten. Hierbei erweist
sich die Automatisierung als ein wertvolles Instrument, da die Produktivität einer Gruppe von Maschinen durch die Automatisierung beträchtlich erhöht werden kann, ohne daß dem Bedienungspersonal eine wesentliche körperliche oder geistige Mehrbelastung erwächst.
Darüber hinaus ist eine weitere qualitative Verbesserung der
Erzeugnisse der Stahlindustrie auch im Hinblick auf die steigenden
Ansprüche der Abnehmer unbedingt erforderlich, die ihrerseits wieder
eine Folge des ständigen technischen Fortschritts in der Verwendung
von Stahlprodukten ist. Auch hierbei erweist sich die Automatisierung
als ein vorzügliches Hilfsmittel. Denn der vollautomatisierte Betrieb
bietet eine größere Gewähr für gleichbleibend hohe Qualität der Erzeugnisse, da der Mensch mit all seinen Schwankungen und seiner Unzulänglichkeit als Kontrollorgan weitgehend entfällt. Die Uniformität der Erzeugnisse wird durch die vollkontinuierliche Bandstraße verbessert, da
bei gleichbleibendem Tempo und dem daraus sich ergebenden gleichmäßigen Materialstrom die Abstimmung auf die verschiedenen Komponenten des
Bandes und damit genauere Ergebnisse gesichert werden können. Eine
sich wiederholende derartige Angleichung dürfte die Wahrscheinlichkeit
eines kontinuierlichen .Ausstoßes uniformer Erzeugnisse noch erhöhen.
Die Automatisierung begünstigt einen grundlegenden Wandel in der
Stahlindustrie. Bis vor kurzem wurde die Qualität der Stahlerzeugnisse
und in geringerem Grade auch das Produktionstempo durch das Können und
die Urteilsfähigkeit des einzelnen Arbeiters bestimmt. So kam es, daß
vollkommen gleiche Maschinen eine verschieden hohe Produktivität aufwiesen. Und ebenso schwankte die Qualität der Erzeugnisse je nach der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

der Geschicklichkeit des bedienenden Arbeiters. Heute wird die Herstellung bei zahlreichen Stahlwaren mehr und mehr zu einem wissenschaftlichen denn handwerklichen Prozeß. Gerade darin dürfte der stärkste
Einfluß der Automatisierung auf die Industrie bestehen. V/o Produktivität und Qualität im wesentlichen vom handwerklichen Können abhängen,
v/ird der Fertigungsprozeß uneinheitlich sein, da er in erster Linie
vom Menschen und dessen schwankendem Arbeitstempo und Können bestimmt
wird. Hier kann sich die Automatisierung als ein wertvolles Werkzeug
erweisen, indem sie den Produktionsprozeß zu einem wissenschaftlichen
Verfahren macht, bei dem die Normen hinsichtlich Tempo und Qualität
vorher festgesetzt und ständig beibehalten werden können.
Für den rentablen Betrieb vollkontinuierlicher Bandstraßen ist
es von entscheidender Bedeutung, daß der Stillstand von Maschinen,
insbesondere der nicht beabsichtigte Stillstand, auf einem Minimum
gehalten wird. Die Maschinen und Anlagen müssen so konstruiert sein,
daß jeder Arbeiter mit durchschnittlichem Können in der Lage ist,
sachgemäße Reparaturen vorzunehmen. Das hierfür erforderliche Können
solLte mit nicht allzu großem Aufwand an Zeit, Kosten und Anstrengung
auf seiten sowohl des einzelnen Arbeiters als auch des Unternehmers
erworben werden können. Wenn es an qualifizierten Arbeitskräften fehlt,
die für den Betrieb, die Wartung und Reparatur vollautomatischer Anlagen unerlässlich sind, können derartige Anlagen zu einem erheblichen
finanziellen Fiasko führen.
Da ein zuverlässiges und reibungsloses Arbeiten der Maschinen und
der übrigen Komponenten beim vollautomatisierten Betrieb eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Produktion ist, sollten die
einzelnen Komponenten einer vollkontinuierlichen Bandstraße in Konstruktion und Arbeitsweise vollkommen aufeinander abgestimmt sein.
Das Ziel ist, eine vollkommen integrierte Produktionsanlage zu
schaffen, in der Reparaturen und das Auswechseln von Maschinen so weitgehend von vornherein in die Planung einbezogen sind, daß ein Stillstand im Produktionsablauf so gut wie ausgeschlossen ist. Die Kette
ist so stark wie ihr schwächstes Glied; das heißt die Leistungsfähigkeit einer Bandstraße ist so groß wie die ihrer schwächsten Komponente.
Die Aufwendungen für Automatisierung sollten sich ebenso bezahlt
machen wie die Aufwendungen für irgendwelche anderen Produktionssysteme.
Die Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens läßt sich, wie die Erfahrung
zeigt, mit den konventionellen Methoden ermitteln, die man gewöhnlich
bei der Analyse von Kapitalaufwendungen anwendet.
Auf Grund der bei der Konstruktion oder dem Betrieb automatisierter
Produktionsanlagen gesammelten Erfahrungen können sich Veränderungen
auch des Erzeugnisses als notwendig erweisen. Wenn man vom Standpunkt
der Form allzu sehr am Althergebrachten festhält, besteht die Gefahr,
daß die Möglichkeiten der Vollautomatisierung nicht ganz und gar ausgeschöpft werden. Bei den Eisen- und 'Weißblechen ist die Stahlindustrie
beim rohen Werkstück von einer Reihe kurzer Stücke zu einem einzigen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

einzigen langen Stück übergegangen, das erst im letzten Arbeitsgang
zu einzelnen Stücken-zerschnitten wird.
Die Automatisierung bringt auch Veränderungen organisatorischer
Art mit sich. Beispielsweise steigt die Zahl der nur mit hochqualifizierten Kräften zu besetzenden Arbeitsstellen, und viele einfache
Arbeiter steigen zu Automatentechnikern auf, zum Bedienungspersonal
elektronischer Geräte. Andere einfache Arbeiter werden Maschinenwarte:
oder Techniker für die Herstellung von Austauschaggregaten. Diese wiederum müssen von höherer Qualität sein, weil die Herstellung qualitativ
besserer Waren immer größere Präzision erfordern wird.
Manche Komponenten werden sich auf Grund des verschärften Produktionstempos schneller abnutzen. Die letztgenannten Faktoren machen den
steigenden Bedarf an höher qualifiziertem Arbeitspersonal - Ingenieuren,
Technikern und technisch geschultem Bedienungspersonal - besonders
deutlich. Ebenso verlangt die Planung und Abstimmung der Produktion ein
größeres Maß an Können und Leistungsfähigkeit.
Wie in vielen anderen Industriezweigen so gibt es auch in der
Stahlindustrie bestimmte Arbeitsgänge oder Gruppen von Arbeitsgängen,
die sich besser als andere zur Automatisierung eignen. Im allgemeinen
sind der praktische Anwendungsbereich der Automatisierung und die ihr
gesetzten Grenzen unschwer zu erkennen. Bei manchen Arbeitsgängen erweist sich ein Übermaß rasch als unrentabel. Die Automatisierung wird
immer dann zweckmäßig sein, wenn die für die Automatisierung vorgesehenen
Arbeitsgänge mit den gegebenen Kontrollanlagen in Einklang gebracht
werden können. Die Stahlindustrie ging bei der Automatisierung von dem
Gesichtspunkt aus, daß eine logisch bedingte Gruppierung von Arbeitsgängen unter Berücksichtigung der gegebenen Möglichkeiten der automatischen Kontrolle erstrebenswert sei.

(Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der chemischen Industrie")

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VIIl)

Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik der
Firma E.I. du Pont de Nemours &amp; Company, Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil I)
(100 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Ich will mich in diesem Aufsatz nicht mit jenem
sagenhaften Wunder befassen - einer vollautomatisierten Fabrik mit einem
Netz von Rohrleitungen und Transportbändern, fabelhaften Schalträumen und
wunderbaren automatischen Rechen- und Fakturieranlagen, einer Produktionsanlage, die den Rohstoff ohne menschliches Zutun in das fertige Produkt
verwandelt. Ebensowenig möchte ich jedoch den Eindruck erwecken, als sei
eine derartige Fabrik lediglich eine Ausgeburt der Phantasie. Ich habe
noch nie ein Werk gesehen, das alle diese Wundereinrichtungen besessen
hätte. Ich habe allerdings schon Fabriken besichtigt, wo ich buchstäblich
Kilometer durch Werkshallen wanderte, ohne einen einzigen Arbeiter zu sehen.
In diesen Fabriken wurden sämtliche Koordinierungs- und Steuerungsfunktionen
in einem zentralen Schaltraum mit ein oder zwei Automatenführern zusammengefaßt. Genau besehen, handelte es sich bei diesen beiden nicht um Automatenführer im strengen Sinn, sondern um Kontrollingenieure, denn die Bedienung
erfolgt ja auch automatisch und kann bei derartigen Fabriken mit Rücksicht
auf die komplizierten Arbeitsgänge nur automatisch sein.
Das bedeutet nun nicht notwendigerweise, daß die Tage der Fabriken
alten Stils gezählt seien. Denn der Grad der Automatisierung wird sowohl
durch wirtschaftliche als auch durch technische Erwägungen bestimmt. In
kleineren Betrieben macht sich zum Beispiel ein Maschinenpark, wie er zur
Fertigung kleiner Serien üblich ist, durchaus bezahlt. Vollautomatisierung
eines solchen Betriebes wäre wahrscheinlich reiner Wahnsinn. Großbetriebe
jedoch, die billige Massenprodukte herstellen, müssen weitgehend automatisiert werden, wenn sie rentabel arbeiten sollen.
Die wirtschaftlichen Erfordernisse
In der .chemischen Industrie macht sich die Tatsache recht schmerzlich
bemerkbar, daß im Laufe des letzten Jahrzehnts die Preise für Rohmaterialien
um das Doppelte und die Löhne um mehr als 150 Prozent angezogen haben, während der Verkaufspreis für chemische Fertigprodukte lediglich um 30 bis AOfo
Das
gestiegen ist.
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

Das Faktum, daß nicht sämtliche chemischen Werke unter diesen Umständen Bankrott gemacht haben, legt den Gedanken nahe, daß eine technische Evolution stattgefunden hat. Und das ist auch tatsächlich der
Fall. Die Automatisierung trägt nun einen sehr beträchtlichen Anteil an
dieser Evolution. Wir sprechen häufig von der Automatisierung, als sei
dies ein neuer Begriff. Tatsächlich aber begann unsere Gesellschaft beispielsweise bereits im Jahre 1802, nämlich bei ihrer Gründung, mit einem
derartigen Programm, einer "Automatisierung" des Betriebs. In jener Zeit
war das Bestreben, Unfälle bei der Fabrikation von Schwarzpulver zu vermeiden, das treibende Moment für die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft
durch Maschinen. Auch heute noch - im Zeitalter der Automatisierung - ist
das Sicherheitsmoment in den chemischen Betrieben ein bestimmender Faktor
einer immer ausgedehnteren Verwendung von Maschinen anstelle menschlicher
Arbeitskraft.
Es kommen natürlich noch andere Motive hinzu, unter anderem betriebswirtschaftliche Erwägungen. Wichtiger jedoch ist die Tatsache, daß die
Fabrikation vieler Erzeugnisse, die noch vor zehn Jahren in rein manueller
Fertigung nicht hätten hergestellt werden können, erst durch die Automatisierung möglich geworden ist. Auch die technische Weiterentwicklung der
automatischen Maschinen, Servosysteme, elektronischer Apparate und verwandter Instrumente, die im Kriege entwickelt wurden, hat weitgehend zu
dieser Evolution in der chemischen Industrie beigetragen.
Mannigfaltigkeit der chemischen Erzeugnisse
Die chemische Industrie stellt heute eine Vielzahl an Waren her, die
man zum größten Teil gar nicht mehr als Chemikalien in engerem Sinne ansprechen kann. Unsere Gesellschaft und ihre Tochterbetriebe zum Beispiel
fabrizieren so unterschiedliche Artikel wie Schwerchemikalien, Kunstdünger,
Parfüms, Farben, Zahnbürsten, Filme und Textilfasern, um nur einige zu
nennen. Von den echten chemischen Produkten erreichen nur sehr wenige den
Verbraucher in der Form, in der sie unsere Werke verlassen. Wenn ich also
ein umfassendes Bild der Automatisierung in der chemischen Industrie geben
wollte, müßte ich ein riesiges Gebiet bearbeiten.
Automatisierung in der chemischen Industrie
Für uns umfaßt die Automatisierung alle jene Maßnahmen, durch die
sich die Produktivität erhöhen und die Kosten senken lassen. Unter anderem
gehören dazu sowohl sämtliche Bearbeitungsmaschinen, der innerbetriebliche
Materialtransport, die zweckmäßige bauliche Ausgestaltung der Werksanlage,
ala

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

als auch die automatischen Maschinen und Instrumente. Meist setzt man
aber in unserem Industriezweig die Automatisierung gleich mit der Verwendung automatischer Apparate, Geräte und Steueranlagen, die eine sorgfältige Überwachung des Fertigungsprozesses ermöglichen. Und auf diesem
Gebiet wurden auch ganz gewaltige Fortschritte erzielt, die ihrerseits
wiederum einen erheblichen Einfluß auf die Gestaltung moderner Werksanlagen und auch auf die Herstellungsverfahren ausüben. Diese Auswirkungen
sollen Gegenstand der nachstehenden Ausführungen sein.
Das Kontrollverfahren jedes einzelnen Fertigungsprozesses läßt sich
auf folgende einfache graphische Formel reduzieren:
Materialeingang

^_____.

Fertigungsprozeß

Fertigprodukt

:

4^~
' Förderanlage

•4-

•. j Kommandogerät _.

Prüfgerät

Stellt das Prüfgerät eine Abweichung des Fertigprodukts von der Norm
fest, so tritt das Kommandogerät in Aktion und bestimmt, was zu tun ist,
um den Materialeingang über die Förderanlage, etwa eines mechanischen Ventils, so zu justieren, daß der Ausstoß wieder der gesetzten Norm entspricht.
Dies nennt man die "direkt wirkende" Kontrolle.
Die Verwendung von Servomechanismen hat sich bei der'Bestimmung des
dynamischen Ablaufs des Fertigungsprozesses und der Steuerung sehr bewährt.
Es ist auf diese Weise gelungen, ein Höchstmaß an Kontrolle zu erreichen.
Allerdings sind die meisten Autoren durch die Erfolge geblendet, die man mit
der Methode der mathematischen Berechnung durch Servomechanismen bei der Ermittlung des dynamischen Verhaltens der im Fertigungsprozeß verwendeten Geräte und Kontrollanlagen erzielt hat, daß sie die Begrenzungen nicht erkennen
wollen, die uns durch ein Element unseres obigen Schaubildes auferlegt werden
Das Prüfgerät. Es wird nämlich allzu häufig einfach als eine unter vielen Maschinen betrachtet, während ja doch von ihm Erfolg oder Versagen des gesamten
Kontrollsystems abhängt. Meines Wissens ist das Versagen des Kontrollsystems
meist auf Unzulänglichkeiten des Prüfgeräts zurückzuführen. Im allgemeinen
erklärt sich das Versagen daraus, daß man eine Eigenschaft des Fertigprodukts

an Hand der für eine andere Eigenschaft ermittelten Meßwerte kontrollieren
wollte .
Früher mußten wir uns auf Kontrollverfahren beschränken, bei denen man
von Temperatur, Druck, Flüssigkeitsspiegel, Strömung und einigen anderen mit
den üblichen Meßgeräten zu ermittelnde Grundwerten ausging.
Heute werden Instrumente angeboten, mit denen praktisch jede bekannte
Variable zu messen und zu kontrollieren ist. So verwenden wir beispielsweise
Instrumente, mit denen wir Drücke von 1 0 " 1 U bis zu 10 000 at, Temperaturen voi
absoluten Nullpunkt (-273°) bis zu mehreren Millionen Grad, und Strömung von
wenigen Millilitern bis zu Tausenden von Litern in der Minute messen können.
# # # (Teil II folgt in Nr.13/C, 28.3.1956)

- 3-

�'ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (VIIl)
Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V. F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik
der Firma E. I. du Pont de Nemours &amp; Comp. Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil 2)
(120 Zeilen)
Fortschritte in der Meßtechnik

v

Wenn auch diese Variablen des Fertigungsprozesses sehr wichtig
sind und den größten Teil der Kontrollelemente beim automatischen Fertigungsprozeß erfordern, so erkannten wir doch bald, daß eine laufende
Messung auch anderer Variablen des Fertigungsprozesses noch weitere
Verbesserungen sowohl der'Maschinen und Apparaturen als auch der
Qualität des Fertigproduktes ermöglichen würde. Zu diesen Variablen
gehören unter anderem chemische Zusammensetzung, Farbe, Molekulargewicht
sowie die Viskosität. Weitere Verbesserungen wären die laufende Messung
des Gewichts per Längeneinheit bei Garnen und Fasern, der Dicke von
Filmen und Scofi'en und des molekularen Aufbaus bei Filmen und Fasern.
Meßinstrumente für solche laufende Kontrollen gab es aber noch nicht.
Wir waren uns klar darüber, daß die Hersteller von Meßinstrumenten
derartige komplizierte Geräte nicht liefern konnten, da die Entwicklungskosten sehr hoch liegen und der Markt verhältnismäßig klein ist.
Hierzu kommt noch, daß sie jene Probleme, die wir gerne gelöst hätten,
gar nicht genügend kannten.
Daher haben viele chemische Werke und Ölgesellschaften ihre eigenen Forschungslaboratorien und Konstruktionsbüros eingerichtet, um sich
die für ihre besonderen Zwecke nötigen Geräte selbst zu bauen. In
vielen Fällen erhielten die Herstellerfirmen von Meßgeräten eine
Lizenz, die in diesen Laboratorien und Konstruktionsbüros entwickelten
Geräte für die gesamte Industrie herzustellen. Ein auf diese Weise heute
allgemein erhältliches neues Instrument, durch das eine ganze Reihe
neuer Arbeitsgänge möglich wurde, ist der kontinuierlich arbeitende
Gasstrom-Analysator. Vor zehn Jahren noch gab es nur ganz wenige

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

wenige Instrumente zur laufenden Bestimmung der Gaszusammensetzung,
durch die der Fertigungsprozeß hätte automatisch gesteuert werden
können. Heute haben wir Verfahren zur Analyse jedes beliebigen Gasstroms
an der Hand, mit deren Hilfe sich Gase in einer Konzentration von
millionstel Bruchteilen bis zu 1 00/Ü nachweisen lassen. Diese neuen Instrumente reagieren so schnell, daß sie sich bei Koppelung mit einer
Kontrollvorrichtung zur automatischen Steuerung des Fertigungsprozesses
verwenden lassen. Die vielseitigsten dieser Instrumente arbeiten nach
dem Prinzip der Lichtabsorption. Außerdem gibt es neuartige Instrumente,
die die Fertigprodukte auf Dicke, Form, Farbe, Dichte, Viskosität oder
andere meßbare physikalische Eigenschaften prüfen. Gegenwärtig wird an
der Entwicklung von Instrumenten gearbeitet, die eine laufende Analyse
von Flüssigkeiten und festen Stoffen ermöglichen. Einige dieser Instrumente sind regelrechte Chemiewerke en miniature, um die zur Ermittlung zuverlässiger analytischer Werte erforderliche Empfindlichkeit
zu sichern.
Diese Erfindungen haben nicht nur einen entscheidenden Einfluß
auf die Gestaltung neuer Werke, sie können auch ganz wesentlich zur
Kostensenkung bei den bisher üblichen Fertigungsverfahren beitragen.
Es läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß es in unserer Industrie keinen
Fertigungsprozeß gibt, der nicht durch einige dieser modernen Instrumente verbessert werden könnte, es sei denn, man verwendet bereits
moderne Apparate, die einen Ertrag von 1QC&gt; oder darüber abwerfen und
einen Aufwand an Arbeitskosten verursachen, der gleich Null ist.
Einrichtung eines mit modernsten Instrumenten gesteuerten
Fertigungs-Programms
Damit ergibt sich die Frage, was die chemische Industrie tun
könne, um diese neuen Erfindungen praktisch auszunutzen. Die Betriebsingenieure sind im allgemeinen so überlastet mit Routinearbeiten,
daß sie häufig jeder Änderung eines eingespielten Produktionsverfahrens geradezu feindlich gegenüberstehen. Im allgemeinen sind sie mit
dem üblichen Produktionsablauf und dem vorhandenen Maschinenmaterial
zufrieden, solange der Ausstoß der gesetzten Norm entsprieht. Dies
trifft vor allem für Ingenieure zu, die bereits einige Jahre auf ihrem
Posten arbeiten. Daher muß die oberste Betriebsleitung die Initiative
ergreifen, wenn ein Automatisierungsprogramm erfolgreich sein soll.

In
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28. März 1956

In den einzelnen Pertigungsabteilungen sollten Forschungsstäbe
für den Einsatz von Instrumenten gebildet werden, um die Anwendbarkeit
neuer Meß- und Kontrollmethoden auf bestehende Fertigungsverfahren zu
prüfen. Sodann sollten gewinnversprechende Anlagen eingebaut werden,
um den Setriebsingenieuren die Möglichkeit zu geben, aus erster Hand
die Vorteile des Arbeitens mit Instrumenten kennenzulernen, die ein
genaues Bild vom jeweiligen Stand der Fertigung geben und ein rechtzeitiges korrigierendes Eingreifen gestatten.
Der springende Punkt hierbei ist lediglich, wo man das technisch
geschulte Personal für diese Arbeit findet. Hierzu sind nämlich Kenntnisse auf den Gebieten der Chemie, des chemischen Apparatebaus, des
Elektroapparatebaus, der Physik, der Instrumentenkunde und so weiter
erforderlich. Die Absolventen der Colleges sind zwar nicht, wenn ich
so sagen darf, das von uns gewünschte "Fertigfabrikat", sie sind jedoch
ausgezeichnetes "Rohmaterial". Hier helfen unsere Fortbildungskurse
weiter, bei denen begabten Nachwuchskräften- in praktischer Arbeit und
unter Anleitung erfahrener Ingenieure Gelegenheit geboten wird, das
erforderliche Fachwissen zu sammeln. Wir brauchen aber auch sachkundiges Personal für Pflege und Unterhalt der Maschinen. Der "Meßingenieur
alten Stils wird sich diesen neumodischen Erfindungen zunächst widersetzen. Daher muß man ihm Männer zur Seite geben, die etwas von Elektronengeräten und Optik verstehen, Männer, die einen Lötkolben oder
eine Federzange statt eines Schweißbrenners und einer Rohrzange zu
handhaben wissen.
Bei dem heutigen Stand der Technik lassen sich mit den auf dem
Markt angebotenen Geräten etwa 80 bis 90 c/o aller jener Probleme lösen,
die mit der Automatisierung durch Verwendung neuer Apparate verknüpft
sind. Die Modernisierung der heute üblichen Fertigungsverfahren durch
solche Apparate wird sich reichlich bezahlt machen. Die großen Herstel»
lerfirmen derartiger Instrumente verfügen auch über Verkäufer, die das
nötige Fachwissen mitbringen und bei der Lösung dieser Probleme helfen
können. Es ist dies ein Gebiet, auf dem die betrieblichen Forschungsstäbe von den bisher gesammelten Erfahrungen profitieren können. So
werden sie auf gar nicht so kostspielige Art das Fachwissen erwerben,
das sie in die Lage versetzen wird, allmählich schwierigere Probleme der

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28. März 1956

der Automatisierung zu meistern. Diese Erfahrungen werden dann die
Grundlage für Forschungsprojekte bilden, die die künftigen Erfordernisse des Werkes im voraus bestimmen sollen.
Schlußbemerkungen
Während die Investitionen für Instrumente und Geräte vor zehn
Jahren etwa 1 bis 2c/o des Anlagevermögens ausmachten, ist ihr Anteil
bei den Werken, die in den letzten vier bis fünf Jahren gebaut wurden,
auf 7 bis '[Qffo angestiegen. Diese verstärkte Ausrüstung mit Apparaten
wird voraussichtlich so lange zunehmen, als sich die Gesamtaufwendungen für Investition und Betriebskosten durch die Verwendung kleinerer Apparaturen - das Ergebnis der schnelleren und exakteren Kontrolle - senken lassen. Es gibt viele verlockende Möglichkeiten, die
Gesamtbetriebskosten zu senken, indem man die im Fertigungsprozeß
benutzten Apparate mit den Kommandogeräten koppelt, um den Materialfluß zu steuern und zu überwachen und buchhaltungstechnisch

zu erfassen.

Viele der großen Gerätebaufirmen versuchen, die Industrie für Apparate
zu interessieren, die diese Kopplung ermöglichen. Dies wird das letzte
Glied der Kette zur Verwirklichung des vollautomatisierten Chemiewerkes bilden. Bis es so weit sein wird, muß die chemische Industrie
auch weiterhin Pionierarbeit bei der Entwicklung jener vielen Spezialapparate leisten, die eine laufende Kontrolle über jede Phase
des Produktionsprozesses ermöglichen. Sie müssen ihren eigenen Mitarbeiterstab heranbilden, der eine erfolgreiche Arbeit auf diesem Gebiet gewährleistet. Diesem Stab müssen qualifizierte Apparatemechaniker, Apparatebauer sowie Physiker für Forschung und Entwicklung
angehören. Die oberste Betriebsleitung muß sich darüber informieren,
welchen Gewinn ein Automatisierungsprogramm verspricht. Sofern es
rentabel erscheint, wird es nur zu verwirklichen sein, wenn sie sich
aneingeschränkt dafür einsetzt.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Bedeutung der
Automation für die Betriebsstatistik")
* * * * *

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4. April 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(IX)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Möglichkeiten zur Verwendung automatischer Dokumentationsmittel in der
Marktforschung
Von Frederick K. Lei seh
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil I)
( 134 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Art und Weise, wie angebliche Wirtschaftsfachleute in den letzten Jahren zur Frage der Automatisierung Stellung nahmen, erinnert sehr an jenen Straßenpassanten, der einem Bagger bei
Ausschachtungsarbeiten zusieht und in den Ruf ausbricht: "Diese Maschine macht 100 Schachtarbeiter brotlos." Was Wunder, wenn ihm jemand
zur Antwort gibt: "Nein, sogar 5000 Arbeiter, denn man könnte ja auch
mit Teelöffeln graben lassen."
Wir dürfen nicht den Rückschritt predigen, sondern müssen den
Weg für den weiteren Fortschritt ebnen. Das gilt auch für die Automatisierung.
In Wahrheit ist die Automatisierung nichts anderes als die Fortsetzung eines Entwicklungsprozesses, der bereits in der Steinzeit einsetzte, als der Mensch sich die ersten Werkzeuge schuf: Knüppel, Hammer,
Hebel, Rad und so weiter.
Wir beschleunigen heute lediglich einen Entwicklungsprozeß, der
den Menschen geistig befreien wird, so wie die sogenannte industrielle
Revolution ihm physisch befreit hat.
Diese Entwicklung muß allein schon deshalb gefördert werden, weil
sonst die notwendige rasche Expansion unserer Wirtschaft angesichts
des nur geringfügig zunehmenden Arbeitspotentials,nicht möglich ist.
Überblick
Soviel zur Notwendigkeit der Automatisierung. Ich will nunmehr
versuchen, einen allgemeinen Überblick über die Gründe zu geben, die
die "A.C. Nielsen Company" nach eingehenden Erwägungen veranlaßt haben, elektronische Rechenmaschinen zu verwenden. Zunächst einmal darf
ich einiges über die Tätigkeit unserer Gesellschaft sagen. Seit 1953
haben wir uns mit der Erforschung von Massenmärkten und dem Einfluß
der Massenwerbungsmedien Rundfunk und Fernsehen auf den Absatz befaßt. Unsere Marktforschung richtet sich hauptsächlich auf Arzneiund Lebensmittel.
' Alle

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

Alle zwei Monate werden durch 200 Angestellte unseres Außendienstes die Kassenbelege und Lagerlisten von über 3000 Lebensmitteleinzelhandelsgeschäften, Drogerien und Apotheken erfaßt. Auf Grund des
so gewonnenen statistischen Materials wird in unserer Zentrale in
Chicago der Nielsen-Lebens- und Arzneimittelindex zusammengestellt,
der insgesamt 150 Warengattungen umfaßt. Die Zentrale und unsere
Kundendienst-Außenstellen in Chicago, New York und San Francisco beschäftigen insgesamt 1100 Angestellte. Weitere 1000 Mitarbeiter sind
in acht kleineren Auslandsfilialen tätig.
Das zusammengetragene Material besteht in erster Linie aus Zahlenangaben, die handschriftlich in besondere Formblätter eingetragen
wurden. Diese Formblätter zeigen für jede Warengattung und jeden zu
beobachtenden Artikel, eventuell unter Berücksichtigung der jeweiligen Abpackung, eine gesonderte Spalte, in die - für jeden erfaßten Betrieb gesondert - der Umsatz während der vorausgegangenen zwei Monate
und andere einschlägige Angaben für jeden einzelnen angeführt werden.
Die Eintragungen zeigen:
1. Die früheren und die gegenwärtigen Lagerbestände und die in
den Lagerbeständen eingetretenen Veränderungen in Wareneinheiten;
2. die Käufe des Einzelhändlers in Wareneinheiten und Dollars;
3. den Absatz in Wareneinheiten, errechnet auf Grund der Ab- und
Zugänge des Lagers;
4. die Verkaufspreise der erfaßten Waren, nach denen sich der
Dollarwert der Umsätze bei den einzelnen Warengattungen berechnen
läßt; und schließlich
5. Angaben über die Absatzentwicklung, aus denen sich die Auswirkungen besonderer Kaufanzeigen, wie etwa Ausstellungen, Sonderangebote und Rabatte, ersehen läßt.
Alle zwei Monate senden unsere Außenstellen fast 350 000 Formblätter mit den oben beschriebenen Daten an unsere Chicagoer Zentrale,
diese Formblätter enthalten etwa 1,5 Millionen Spalten mit Zahlenangaben. Nach vorsichtigen Schätzungen werden in unserer "Zahlenfabrik"
in Chicago also alle zwei Monate etwa 150 Millionen Zahlen verarbeitet.
Nach gründlicher manueller Aufbereitung durch einen Stab von 180
Angestellten wird jede einzelne Ziffer aus den Unterlagen auf eine
80-spaltige Lochkarte übertragen. Im allgemeinen wird dabei jede
Spalte der vom Außendienst eingereichten Formblätter auf eine sogenannte Einzelkarte gelocht. Unsere Lochabteilung, die mit IBM-Lochern des Typs 024 ausgerüstet ist und 22 Locherinnen beschäftigt,
stellt also alle zwei Monate mindestens 1,5 Millionen solcher Karten
her.
Der nächste Schritt ist das sogenannte Tabellieren. Hierbei werden gleiche Angaben von sämtlichen erfaßten Geschäftsbetrieben zusammengestellt, nach den Ergebnissen der Repräsentativerhebung wird dann

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

dann mathematisch der Gesamtindex für jeden Artikel für die zwei Monate
des Berichtzeitraums errechnet.
Ende des Jahres 1954 beschäftigte die Abteilung, die die eingeenen Unterlagen in der geschilderten V/eise auswertet, 67 Angestellte.
Sie waren mit einem 16 OOO-Punkte-IBM-Maschinensatz ausgerüstet, der
aus Sortiermaschinen vom Typ 082, Kartenmischern vom Typ 077, Kartendopplern vom Typ 513, Tabelliermaschinen vom Typ 416 und Rechenlochem
der Typen 6O4 und 607 bestand.
In der ersten Phase des Tabellierens wurden die anderthalb Hillionen
Einzelkarten nach den einzelnen Warengattungen und Artikeln aussortiert.
Dann werden die Karten je Artikel in etwa 125 sogenannten "Sollzahlgruppen" unterteilt. In den Sollzahlgruppen werden die Auswertungsergebnisse nach Art, Größe und geographischer Lage der Geschäftsbetriebe,
von denen die ursprünglichen Unterlagen stammen, zusammengefaßt.
Mit Hilfe der so gewonnenen 125 "Ausweitungsfaktoren" werden nach
dem Verfahren der arithmetischen Projektion die Angaben der erfaßten
Betriebe bezüglich ihrer Einkäufe, Verkäufe und des Inventars zum
Beispiel für die Beurteilung der Absatzmöglichkeiten in einem bestimmten
Gebiet verallgemeinert. Eine zweite Variable der Projektions-Kontrollgleichung ist der Faktor der "verflossenen Tage", der automatisch die
Veränderungen berücksichtigt, die zwischen dem Tag der Ausfüllung der
Formblätter und dem Stichtag für den Index verstrichen sind.
Die bearbeiteten Daten gelangen schließlich in die Berechnungs-,
Prüfungs- und Vervielfältigungsabteilung. Hier werden von etwa 100
ganztägig beschäftigten Mitarbeitern die Endergebnisse ermittelt und
festgehalten. Für diese Arbeiten lassen sich nach dem gegenwärtigen
Stand der Technik nur halbautomatische Büro- und Rechenmaschinen
verwenden.
Entwicklung der Arbeits- und Materialkosten
Für die hier aufgezeigten Arbeiten beschäftigen wir etwa 37O
Angestellte. Für Gehälter, Maschinenmieten und Materialkosten wendeten
wir im Jahre 1954 in diesem Teil unseres Betriebes insgesamt 1,59
Millionen Dollar auf.
Dies ist ein relativ niedriger Stand, wenn man berücksichtigt,
daß wir bei den soeben beschriebenen Arbeitsvorgängen, in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von 5 Jahren, von 1950 bis einschließlich 1954,
eine 28prozentige Steigerung der Arbeitsleistung, ein Ansteigen der
Zahl der Beschäftigten um nur 10yo (von etwa 34O auf insgesamt 370),
Gehaltserhöhungen von durchschnittlich 43 r/o (gegenüber einem
allgemeinen Anstieg der Löhne und Gehälter in Chicago um 35%) sowie
•eine 88prozentige Erhöhung der Mieten der Tabuliermaschinen und
der Preise für Lochkarten zu verzeichnen hatten.
Dem steht ein nur 60prozentiges Steigen der direkten Kosten von
knapp 1 Million Dollar auf die genannten 1,59 Hill.
Dollar gegenüber.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

Diese Zahlen erfüllen mich mit Stolz, zeigen sie doch, daß unsere
Rationalisierungsfachleute Mittel und Wege gefunden haben, die es uns
durch Verwendung mechanischer Betriebsmittel gestatten, bei einer nur
geringfügigen Erweiterung einer besser ausgebildeten und besser bezahlten Belegschaft eine weit größere Arbeitslast zu bewältigen.
Hätten wir an den Methoden des Jahres 1949 festgehalten, dann
wären wir gezwungen gewesen, im Jahre 1954 435 statt 370 Personen
zu beschäftigen.
Eine so große Einsparung an Personal ist selbstverständlich von
Bedeutung. Die nachfolgend genannten Tatsachen sind kaum von geringerer
Bedeutung.
1. Diese Einsparungen sind einzig und allein von unseren eigenen
Rationalisierungsfachleuten in Zusammenarbeit mit den Vertretern der
Kundendienste der Firmen erzielt worden, die uns die Ausrüstung geliefert haben.
2. Die Verbesserungen der letzten fünf Jahre krönen eine fast
sechzehnjährige evolutionäre Entwicklung innerhalb unseres Betriebes.
J. Die gesamte mit dieser Entwicklung zusammenhängende Mechanisierung wurde bis zum Jahre 1954 ausschließlich mit den üblichen
Lochkarten-Tabelliermaschinen und
lochkartengesteuerten Rechenmaschinen bewirkt.
Diese Tatsachen berechtigen, meiner Ansicht nach, zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung darstellt, die bereits seit sehr langer
Zeit unter anderer Bezeichnung vonstatten geht.

(Teil II folgt in Nr. 15/c vom 4.4. 1956)

r
* * * * * *

-

4 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

WTRT5CHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(ix)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Von Frederick K. Leisch
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil II)
In dem ersten Teil des Artikels geht Leisch
auf die Entwicklung der Automation ein und
berührt dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten, sich schon im Jahre 1946 eingehend
mit diesem Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufs und der Rationalisierungs-Maßnahmen während der letzten Jahre
kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung ist.
(150 Zeilen)
Untersuchung der Verwendungsmöglichkeiten elektronischer
Rechenmaschinen
Schon im Jahre 1946 begannen wir, ein aktives Interesse für elektronische Rechenmaschinen zu zeigen. Unsere Gemüter erhitzten sich bei
dem Gedanken, daß wir bei all den geschilderten Arbeitsgängen mit einer
Investierung von nur 350 000 Dollar jährlich 600 000 Dollar einsparen
können.
Im Jahre 1950 aber begann sich unsere Begeisterung zu legen. iVir
hatten nach vierjährigen Untersuchungen der Verwendungsmöglichkeiten
elektronischer Rechenmaschinen gelernt, uns mit der unvermeidlichen Tatsache abzufinden, daß sich eine entsprechende Umstellung unseres Betriebes wirtschaftlich nicht rechtfertigen ließe.
Wie sich später herausstellte, war unser voreiliger und scheinbar
unfruchtbarer Vorstoß in das Gebiet der elektronischen Rechenmaschinen
doch nicht so ergebnislos. Einmal hatte sich gezeigt, daß wir im eigenen
Betrieb über Leute verfügten, die wohl imstande waren, alle jene Fragen
zu lösen, die im Zusammenhang mit der Verwendung von Elektronenrechenmaschinen auftauchen könnten. Wir hatten ferner gelernt, daß es unseren
Leuten gegebenenfalls leichter sein werde, ihre Kenntnisse von den Rechenmaschinen zu vervollkommnen, als betriebsfremden Spezialisten eine
klare Vorstellung von unseren Betriebserfordernissen zu geben.
Unsere Untersuchungen in den Jahren 1946 bis 1950 haben sich übrigens sehr vorteilhaft auf die von uns angewandten herkömmlichen Methoden
der Datenbearbeitung ausgewirkt. Nachdem wir unsere Studien im Jahre 1950
mit einem scheinbaren Mißerfolg abgebrochen hatten, machten wir uns ernsthaft ans Werk, um das Äußerste aus den herkömmlichen Methoden herauszuholen, mit denen wir uns, wie es damals schien, noch lange Zeit wurden
begnügen müssen.
Dennoch
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Dennoch waren wir, als sich im Herbst 1952 neue Aussichten boten,
nach wie vor'bereit, uns abermals mit der Frage der Elektronenrechenmaschinen zu beschäftigen. Wir hatten damals erfahren, daß inzwischen
einige der Unzulänglichkeiten dieser Maschinen, die uns vor zwei Jahren
veranlaßt hatten, von der Umstellung abzusehen, behoben worden waren.
Wir zogen deshalb drei der am besten qualifizierten Leute, die bereits von 1946 bis 1950 unserem Untersuchungsstab angehört hatten, aus
dem Arbeitsprozeß heraus und setzten sie im September 1952 wieder für
Arbeiten am Projekt der elektronischen Rechenmaschine an. Es war ihre
Aufgabe 1
1. Die Konstruktionsmerkmale und Kapazitäten aller auf dem Markt
erhältlichen und bereits praktisch erprobten Elektronenrechenmaschinen
nach folgenden Gesichtspunkten zu überprüfen: Verwendbarkeit für unsere Aufgaben, Betriebsbereitschaft im Hinblick auf unsere notwendigerweise termingebundene Arbeit, Zuverlässigkeit und Möglichkeiten der
Fehlerkontrolle, Arbeitstempo und Lieferbarkeit.
2. Kostenvorschläge für diejenigen Maschinen oder Maschinenanlagen,
die diesen Voraussetzungen entsprechen, entweder für den gesamten Betrieb oder für die in Frage kommende Abteilung anzufertigen. Zu diesem
Zweck mußten - unter Berücksichtigung unserer gegenwärtigen Betriebskosten und der Zeitpläne - die Verteile der verschiedenen Maschinen
gegeneinander abgewogen werden. Auch galt es zu untersuchen ob solche
Maschinen gemietet, gepachtet oder erworben werden sollten.
Die einzelnen Phasen dieser Untersuchungen zu schildern würde zu
weit führen. Ich beschränke mich deshalb auf eine Darstellung der Ergebnisse sowie auf die daraus resultierenden Entscheidungen und deren
praktische Durchführung.
Gesammelte Erfahrungen
Das wichtigste Ergebnis war vielleicht die Bestätigung unserer
schon in den Jahren 1946 bis 1950 gesammelten Erfahrungen, daß es
keine Patentlösung oder auch nur eine leicht verallgemeinernde Antwort auf irgendein spezifisches Problem der Verwendung von elektronischen
Rechenmaschinen gibt.
Die Untersuchungen sowie die Abfassung des Berichtes und der Vorschläge, wie sie von der Betriebsleitung schließlich angenommen wurden,
nahm 16 Monate in Anspruch.
Die Programmierung des Arbeitsablaufes sowie die Ausbildung von
Programmern, Ködern und Automatentechnikern füllte die ganzen 12 Monate
aus, die von der Erteilung des Auftrags bis zur Inbetriebnahme der
ersten Maschine verstrichen.
Wir benötigten also insgesamt 28 Monate vor Beginn der Untersuchungen bis zur Arbeitsaufnahme der ersten Maschine. Die Kosten für die
durchgeführten Studien beliefen sich auf 51 000 Dollar.
Jeder Bericht über die Erfahrungen, die wir im Verlauf unserer
Untersuchungen machten, muß notwendigerweise unter der strikten Voraus- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Voraussetzung gegeben - und entgegengenommen - werden, daß diese Beobachtungen in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, auf die Dokumentationsarbeit in unserem eigenen Betrieb zutreffen.
Im einzelnen sind wir zu folgenden Erkenntnissen gelangt.
1. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine elektronische Rechenmaschine für wissenschaftliche Aufgaben oder in einem Betrieb verwendet
wird. Bei wissenschaftlichen Problemen wird normalerweise mit relativ
wenigen Eingabedaten und Endresultaten gearbeitet, die oftmals ziemlich
komplizierte mathematische Berechnungen erfordern. In einem Betrieb fallen
gewöhnlich - und ganz besonders in unserem Falle - erhebliche Mengen an
primären Daten und entsprechend viele Resultate an, die meist durch relativ einfache arithmetische Berechnungen gewonnen werden können.
2. Es hat wenig Sinn, bei der Verarbeitung der Daten ein phantastisch
schnelles Tempo zu erreichen, wenn nicht auch die Eingabe der Daten entsprechend rasch erfolgen kann.
3. Eine große Speicherfähigkeit ist immer dann ein kostspieliger
Luxus, wenn diese nicht wirklich dringend benötigt wird und wenn sich
beliebige Einzeldaten nicht durch einfache Programmierung rasch und
prompt herausziehen lassen.
4.. Die Lochkarten bieten, wenigstens in unserem Falle, auch weiterhin erhebliche Vorteile als externes Speichermedium, sofern ein Betriebsvorgang umfangreiche Sortierarbeit einschließt. Die Arbeit mit Lochkarten
gestattet überdies die Verwendung relativ billiger Zusatzgeräte für die
Eingabe und den Ausstoß an Daten.
5. Besondere Bedeutung kommt der Durchführung von Vorversuchen zu.
In unserem Falle wäre es sehr riskant gewesen, von der Programmierung
auf dem Papier sofort zum automatischen Betrieb überzugehen, ohne vorher
sowohl die Maschinen als auch den programmierten Betriebsablauf praktisch
zu erproben.
Angesichts der Tatsache, daß unser Index und unsere Berichte auf jeden
Fall termingemäß herauskommen müssen, wäre eine Automatisierung des Betrieb
für uns völlig undenkbar gewesen, wenn uns die Lieferfirma nicht bereits
vorher eine gleiche oder ähnliche Maschine für Versuchszwecke hätte überlassen können.
6. Die Umstellung von einem Betriebssystem auf das andere muß ohne
Beeinträchtigung der laufenden Arbeiten erfolgen. In unserem Falle wäre
es vollkommen unmöglich gewesen, den Betrieb von einem Tag zum anderen
umzustellen. Wir standen deshalb vor der Wahl, einen längeren Zeitraum
hindurch beide Betriebsmethoden gleichzeitig anzuwenden oder aber uns
für eine Rechenmaschine zu entscheiden, die sich ihrer Konstruktion und
Arbeitsweise nach eher für eine evolutionäre als für eine revolutionäre
Umstellung des Systems eignet. Das war für uns nicht so sehr eine Frage der
Kostensenkung der Umstellung als der Einhaltung der Ablieferungstermine
für unsere Berichte.
7. Maschinen von geringerer Kapazität mögen unter Umständen größeren
beziehungsweise schnelleren Typen in der Praxis sogar überlegen sein.
Das traf aus zweierlei Gründen in unserem Falle zu.
Der

�«"

"AMERIKA DIENST" - '.VIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Der erste dieser Gründe war der, daß sich unser Betrieb - wie
schon gesagt - viel besser für eine schrittweise als für eine plötzliche Umstellung eignet.
Die zweite Überlegung, die für die Verwendung von Rechenmaschinen
geringerer Kapazität sprach, war das Argument, daß man eben nicht alles
auf eine Karte setzen soll. Man darf von einem Elektronengerät von solcher Kompliziertheit niemals erwarten, daß es ständig betriebsbereit
ist. Infolgedessen bietet die Verwendung mehrerer kleinerer Einheiten
größeren Vorteil.
8. Auch Personalfragen sollten bei der Auswahl von Elektronenrechenmaschinen berücksichtigt werden. Die Art unserer Tätigkeit bringt
es mit sich, daß wir eine intensive innerbetriebliche Schulung unseres
Personals betreiben müssen. So bilden wir nun unseren Nachwuchs für gehobene Positionen selbst heran. Im vorliegenden Falle bedeutete das,
daß wir logischerweise einer Rechenmaschine den Vorzug geben mußten,
die die besten Umschulmöglichkeiten für unser Personal bieten würde.
9. V/as den eventuellen Erwerb solcher Maschinen angeht, so galt es
schließlich noch die Frage zu überlegen, in welchem Zeitraum wir die
Kapitalabschreibung vornehmen konnten. '.Vir kamen gegen Ende des Jahres
1953 zu dem Schluß, daß Maschinen auf Grund der raschen Entwicklung auf
dem Gebiet der Elektronentechnik sehr bald veralten würden. Dieser Umstand und das statistische Material über die voraussichtlichen Betriebskosten und Einsparungen führten mit zu unserer •'Entscheidung, die Rechenanlagen zu mieten und nicht käuflich zu erwerben.

- 4-

�"ALIERIKA DIENST" - ,/IRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Apfil

1956

y/IRTJCHAPTiJ REPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IX)
Die B e d e u t u n g d e r " A u t o m a t i o n " f ü r d i e B e t r i e b s s t a t i s t i k

(Teil III
und S c h l u ß )

Von Frederick K. Leisch,
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Company
(Quellenangabe erforderlich)

( 130 Zeilen)
In den beiden ersten Artikeln geht Leisch auf
die Entwicklung der Automation ein und berührt
dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten,
sich schon im Jahre 1946 eingehend mit diesem
Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufes und der Rationalisierungsmaßnahmen
während der letzten Jahre kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich
eine Fortsetzung einer evolutionären Entwicklung
ist. Der Verfasser beschreibt dann im einzelnen
die tec'nischen Verwendungsmöglichkeiten von
elektronischen Rechenmaschinen und führte die
gemachten Erfahrungen seines Unternehmens an.

Die Realisierung unserer Pläne
Die von mir soeben geschilderten Überlegungen führten dahin,
daß wir im Februar 1954 einen früher erteilten vorläufigen Auftrag
für einen Satz von fünf IBM-Magnettrommel-Rechenmaschinen Typ 65O,
Modell 2, bestätigten.
Bei diesem Typ handelt es sich um eine numerische, dezimale
Magnettrommelmaschine. Das Modell 2 besitzt die hohe Kapazität von
20 000 Dezimalziffern bei einer durchschnittlichen Reaktionszeit
von 2,4 tausendstel Sekunden. Eingabe und Ausgabe der Karten erfolgen
mit einer Geschwindigkeit von 200 beziehungsweise 100 pro Minute.
Die Maschine vermag in der Sekunde 80 bis 200 Rechenoperationen auszuführen.
Vier dieser Anlagen sollen bei der Zusammenstellung des NielsenLebensmittelindexes und die fünfte für unsere Meinungsforschung beim
Rundfunk- und Fernsehpublikum verwendet werden.

1

-

T

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND A

18. April 1956

Im Hinblick auf die geplante schrittweise Umstellung des Betriebs
erklärten wir uns damit einverstanden, daß die erste Anlage im Januar
1955 und die übrigen Maschinen zwischen September 1955 und September
1956 in etwa dreimonatigen Abständen geliefert werden.
Bisher konnte dieser Zeitplan eingehalten werden. Die erste
Maschinenanlage wurde am 14. Januar 1955 aufgestellt und eine Woche
später in Betrieb genommen. Die zweite Maschine traf im Herbst ein.
Alle vorbereitenden Programmierungsarbeiten waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits abgewickelt.
Bei einem so komplizierten Umstellungsprozeß, der sich noch
dazu über so viele Monate erstrecken mußte, ist es natürlich viel
zu früh, die erzielten Kosteneinsparungen abschätzen zu wollen. Ich
kann im Augenblick nur soviel sagen, daß die erste Anlage unsere Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen hat - und zwar in so hohem
Grade übertroffen hat, daß unsere Techniker an vorläufigen Kostenund Rentabilitätsrechnungen im Augenblick völlig desinteressiert sind.
i/enn wir sämtliche vier Anlagen vom Typ 65O, die für die Zusammenstellung des Lebensmittelindexes vorgesehen sind, in Betrieb genommen
haben und wenn sie, wie geplant, 1 1/} Arbeitstage für die Datenbearbeitung tätig sind, erwarten wir eine Kostensenkung von sieben bis
acht Prozent gegenüber dem bisherigen Auswertungsverfahren. Wir hatten
uns, von der Aufstellung der ersten Anlage an gerechnet, eine Prist
von 21 Monaten für die völlige Umstellung des Betriebes auf vier
elektronische Anlagen gesetzt, um die höheren Anfangskosten wieder
hereinzuholen. Unsere vorläufigen Schätzungen zeigen, daß wir Einsparungen über diese beiden Ziele hinaus erreichen können.
Regelmäßige halbstündige Pflege und Wartung vor jedem Einsatz
bieten die Gewähr für ein im wesentlichen störungsfreies Arbeiten der
Anlage. Etwa 15 Prozent der Betriebszeit werden gegenwärtig noch für
Programmierung und Versuchsarbeiten aufgewendet} wir schaffen damit
jetzt schon die Voraussetzungen für die restlose Umstellung des Betriebs auf elektronische Dokumentationsmittel nach Lieferung sämtlicher Anlagen.
Was die Exaktheit anbetrifft, so wurden alle unsere Erwartungen
weit übertroffen. In den ersten Betriebsmonaten ist der Maschine nicht

�"AMERIKA DIENST" -

./IrfUCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

nicht ein einziger Fehler unterlaufen.
Neben der ständigen Betriebsbereitschaft und der Exaktheit in
der Datenverarbeitung ist für einen Betrieb wie den unseren der Faktor
Geschwindigkeit von ausschlaggebender Bedeutung. Ein frühzeitiges
Erscheinen unseres Gesamtberichts wird selbstverständlich erst mit
der Inbetriebnahme sämtlicher elektronischer Anlagen möglich sein.
Wir konnten jedoch dank der Verbesserungen der Arbeitsmethoden,
die auf Einführung der ersten Anlage zurückzuführen sind, bereits
die Herausgabe verschiedener Veröffentlichungen beschleunigen und
unsere Kundendienstbüro' in New York und in San Francisco mit vollständigerem Material beliefern.
Die Vollständigkeit der Angaben, die das Elektronengerät Typ
65O in Lochkartenform von sich gibt, und die automatische Projektion
der Zwischensummen auf das voraussichtliche Gesamtresultat - also auf
den Landesindex - gestatten es uns, unsere Tabuliermaschinen der Type
416 mit dreiteiligen "durchschlagpapierfreien" Kopierformblättern zu
speisen und die auf der Ausgabenseite anfallenden Kopien an unsere
Kundendienst-Stellen zu verteilen.
Die praktische Durchführung unserer Entscheidung
Da die aufgezeigten bisherigen Erfolge nicht etwa das Ergebnis
bloßer Zufälle, sondern die Früchte einer sachlichen, vernünftigen
Planung sind, darf ich noch darauf hinweisen, welche Probleme auftauchen und gelöst wurden, nachdem wir im Februar 1954 unseren Auftrag über die Lieferung von 5 Elektronenrechenmaschinen erteilt hatten.
Bei unseren vorbereitenden Arbeiten mußten wir unsere Aufmerksamkeit auf drei große Fragenkomplexe richten:
1.

Für welche Arbeit soll die erste Anlage eingesetzt werden?

2.

Nach welchen Gesichtspunkten soll das Betriebspersonal
ausgesucht werden?

3.

Wie können wir unsere gesamte Belegschaft am besten über
unsere Entscheidungen und deren Auswirkungen informieren?

Die Frage, für welche Arbeit die Maschine eingesetzt werden sollte,
dürfte für ein größeres Publikum uninteressant sein. Grundsätzlich mußten
wir uns entscheiden, ob die erste Anlage ein Viertel der Warenkategorien selbständig bearbeiten oder an allen Arbeitsgängen zu einem Viertel

�"ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Viertel beteiligt werden sollte.
Wir entschieden uns für den zweiten Weg, weil die routinemäßigen Arbeiten sämtlicher Abteilungen ohne größere Unterbrechungen
fortgeführt werden konnten. Wir gewannen so auch Zeit für die Programmierung und Kodifizierung der Arbeit der später zu liefernden Anlagen
und konnten dann noch feststellen, daß dies das am wenigsten kostspielige Umstellungsverfahren war.
Paradoxerweise stieg unsere gesamte Arbeitslast von Beginn des
Jahres 1955 an so stark, daß wir unsere herkömmliche Tabulierungsausrüstung sogar noch ergänzen mußten, statt sie, wie wir anfänglich
planten, zu reduzieren. Die der ersten elektronischen Anlage zuzuschreibenden Einsparungen fanden ihren Niederschlag also nur in einer Senkung der Kosten für die Erstellung des Indexes, nicht aber in einer
direkten Senkung der Gesamtausgaben.
Von Anfang an wurde der Auswahl des Personals größte Bedeutung
beigemessen. Im April 1954 wurde innerhalb unseres eigenen Betriebs
ein Ausbildungskurs für die Programner und Köder eingerichtet. Gleichzeitig wurden erfahrene Industriepsychologen beauftragt, Tests für
den Eignungsnachweis für Automatenführer und -techniker auszuarbeiten.
Heute verfügt unsere Organisation über zwei beratende Techniker,
die dem Produktionschef unserer Lebensmittelindexabteilung beigegeben
sind sowie zwei Programmer, zwei Köder und fünf Automatenführer, die
dem Leiter der Tabellierungsabteilung für den Lebensmittelindex unterstehen.
Ehe wir unsere erste elektronische Rechenanlage in Betrieb nahmen, haben wir ein umfassendes und sorgfältig geplantes Orientierungsprogramm für unsere gesamte Belegschaft gestartet.
Es begann im Grunde genommen bereits im Jahre 1946, als wir bezüglich unserer ersten Vorstudien über die Verwendung elektronischer
Rechenmaschinen eine, wenn ich so sagen darf, Politik der offenen
Tür betrieben.
Diese freimütige Behandlung der Fragen, die uns, die Betriebsleitung, beschäftigten, setzten wir auch im Jahre 1952 fort. Und daran
hat sich bis zum heut.igen Tage nichts geändert.
Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Im September 1954 - etwa drei Monate, ehe die erste Maschine eintreffen sollte - wurden die Herren der Geschäftsleitung, die Abteilungsleiter und die Betriebsingenieure zu einer Besprechung zusammengerufen, um ihnen einen ersten umfassenden Überblick über den Stand unserer Automatisierungsplane zu geben.
In kleineren Besprechungen wurden in den folgenden zwei Monaten
die betreffenden Herren dann über die theoretischen Möglichkeiten zur
Verwendung elektronischer Rechenmaschinen unterrichtet. Sie gewannen
so schon im voraus ein Bild davon, was die Maschinen leisten und was
sie nicht leisten konnten.
In diesen Besprechungen wurden unsere Betriebsingenieure darauf
hingewiesen, wie richtig eine enge Zusammenarbeit zwischen allen betroffenen Abteilungen gerade während der Umstellung sei. Sie

wurden

ferner aufgefordert, ihren Untergebenen alle nur denkbaren Informationen
zu geben.
Letzten Endes war das alles nichts anderes als eine Portsetzung
der erwähnten Politik der offenen Tür. Sie erwies sich aber als ein
hervorragend geeignetes Mittel, um während der Periode des Übergangs
ein Absinken der Arbeitsmoral oder ein Nachlassen der Produktivität
zu vermeiden.Daß dies gelang, ist zweifellos mindestens zum Teil darauf
zurückzuführen, daß unsere gesamte Belegschaft seit langem schon mit
einem unablässigen Auswechseln alter Maschinen durch neue vertraut ist.
Unsere Belegschaft weiß so gut wie wir selbst, daß der Erfolg
unseres Unternehmens zum großen Teil von dieser Art Evolution abhängt.
Und ob der einzelne Angestellte dieses Phänomen nun mit diesem V/ort
umreißen würde oder nicht, so hat er doch sicher das Bewußtsein,
daß auch die Automatisierung nichts weiter ist als die beschleunigte
Fortsetzung einer uns bekannten und notwendigen Entwicklung.

(Quellenangabe erforderlich)

* * * * *

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

. ^TSCKAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DEII AUTOMATISIERUNG

(X)

"Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M. &amp;'• Salveson, Management Consultation Services
(Kundenberatungsdienst)
General Electric Company

- Quellenangabe erforderlich -

( 220 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Bis gegen Ende des Jahres 1955 hatten Privatfirmen in den USA mehr als 40 Großrechenanlagen der Typen UNIVAC,
IBM 702 sowie einige Hundert kleinerer elektronischer Dokumentationsanlagen, wie etwa die UNIVAC-Registratur-Rechenmaschine oder die
IBM 65O, installiert oder in Auftrag gegeben.
Kein Wunder, daß man angesichts solcher Zahlen sehr optimistische
Prognosen über den Siegeszug der Automatisierung zu hören bekommt.
Einschränkend muß ich aber aus meiner eigenen langjährigen Erfahrung
hinzufügen, daß viele Firmen die sehr kostspieligen automatischen
Dokumentationsanlagen nur deshalb erwerben, damit "sie nicht hinter
der Konkurrenz zurückbleiben". Vielfach ist bei einer solchen Auftragserteilung die Frage der Wirtschaftlichkeit derartiger Geräte
bei Verwendung in dem betreffenden Betrieb noch gar nicht hinreichend
geklärt und oft ist dann die Enttäuschung groß und der Mißerfolg
eklatant. Die Entwicklung und der Übergang zu einer wissenschaftlich
fundierten Betriebsplanung werden durch derartige Experimente nicht
gefördert, sondern eher gehemmt.
Im folgenden seien einige jener Erkenntnisse zusammengefaßt,
die der Verfasser auf Grund jahrelanger eigener Forschungen und in
der Zusammenarbeit mit Firmen sammeln konnte, die teils mit Erfolg,
teils aber auch mit enttäuschenden Ergebnissen ihren Betrieb auf
automatische Dokumentaticnsmittel umgestellt haben.
I. Der Betrieb soll die Art der zu verwendenden Dokumentationsmittel bestimmen und nicht umgekehrt.
Das mag eine Binsenweisheit sein. Nur allzuoft aber wird nicht
berücksichtigt, daß die heute verfügbaren elektronischen Geräte an

- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April 1956

an sich für ganz spezifische Zwecke, so etwa wissenschaftliche Berechnungen, gebaut wurden; hier nur arbeiten sie wirtschaftlich. Aber die
Arbeitsgänge bei wissenschaftlichen Rechnungen sind nicht notwendigerweise die gleichen wie bei der im Betrieb zu bewältigenden mechanischen
Dokumentation. Einer Entscheidung darüber, welche elektronischen
Anlagen in einem Betrieb verwendet werden können und sollen, muß
daher zunächst einmal eine genaue Analyse des gesamten Arbeitsanfalls
vorangehen. Dabei ist sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Analyse des zu bewältigenden Arbeitskomplexes unerlässlich.
Eine wesentliche Schwierigkeit, die Elektronentechnik den Anforderungen der modernen Betriebsführung anzupassen, liegt in dem Umstand,
daß wir uns bisher bei solchen Untersuchungen weitgehend auf qualitative Schätzungen verlassen mußten. Infolgedessen ist das verfügbare
quantitative Material - das heißt Angaben in Dollar und Cent ausgedrückt -, auf Grund dessen entsprechende Dokumentationsmittel entwickelt und von den Betrieben ausgewählt werden könnten, auch entsprechend gering. Wir müssen daher folgende Fragenkomplexe genau analysieren:
1)

Kontakte zur Außenwelt; Quellen und Häufigkeit der der Betriebsleitung zufließenden Informationen, Art und V/eise,
wie diese Informationen gesammelt und für innerbetriebliche
Zwecke verwandt und ausgewertet werden.

2)

Innerbetriebliche Informationen; Quellen, Verfügbarkeit und
Koordination der Informationen, Niveau der zu treffenden
Entscheidungen, Terminerfordernisse, Häufigkeit und Größenordnung der Entscheidungen.

Sind alle diese Fragen beantwortet, so erscheint der Betrieb
als "System", und wir haben nunmehr eine feste Grundlage für die Beurteilung, ob sich die Einführung elektronischer Dokumentationsmittel
auch wirtschaftlich lohnt. Auf diese Weise wird der Betrieb zum Modell,
und wir können im voraus bestimmen, welche Auswirkungen ein Eingriff
in den Arbeitsablauf - etwa die Aufstellung einer neuen Maschine auf den Gesamtbetrieb haben wird. Dieses Wissen erleichtert die Entscheidung über die später zu verwendenden Anlagen.
II. Die Verwendung von Elektronenrechenmaschinen für die Ausführung von Büroarbeiten kann deren Einsatz für Aufgaben der Betriebsführung unmöglich machen.
Gemeinhin wird die Anschaffung kostspieliger mechanischer Dokumentationsmittel immer mit dem Hinweis auf die hohen Einsparungen
an Personal und Arbeitszeit in den Büros begründet. Soweit die Kapazität solcher Anlagen nicht voll ausgelastet ist, denkt man an ihre
Verwendung für Aufgaben der Betriebsplanung und -leitung. Die Hoffnung
auf eine doppelte Verwendbarkeit wird einer genauen Nachprüfung nicht
in allen Fällen standhalten.
Die Hauptschwierigkeit liegt in den unterschiedlichen Anforderungen an die Maschinen und in Überschneidungen bei Terminarbeiten. Die
verwaltungstechnischen Arbeiten in der Betriebsführung (Buchhaltung,
Lohnbuchhaitung,iiestandskontrolle) müssen oftmals kontinuierlich abwickelt werden und laufen vielfach nebeneinander her. Sie erfordern
- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

erfordern in den meisten Fällen lediglich ganz einfache arithmetische
Berechnungen. Deshalb eignen sich für diese Aufgaben einfache und nicht
sehr kostspielige Moduleinheiten am besten, die so kombiniert werden
können, daß sie den jeweiligen Anforderungen genügen. Andererseits
benötigt man, wenn das Ziel eine Verbesserung der Entscheidungen der
Betriebsleitung auf Grund wissenschaftlicher Analysen ist, komplizierte,
hochleistungsfähige und schnellarbeitende Großrechenanlagen. Die hier
zu leistenden Arbeiten - Zusammenstellung und Auswertung von Statistiken und die Ausführung schwierigster mathematischer Berechnungen sind ebenso schwierig und komplex wie die Aufgaben in Wissenschaft und
Technik.
Entschließt sich nun ein Betrieb zur Anschaffung von Elektronengeräten, die sich sowohl für Büroarbeiten als auch die betriebliche
Planung verwenden lassen, so besteht die Gefahr, daß Zeitschwierigkeiten auftreten. Während die Rechenanlage beispielsweise routinemäßige Rechenarbeiten, wie etwa die Lohnabrechnungen, erledigt, wird
sie von der Betriebsführung für die Ermittlung wichtiger Daten benötigt. So blockieren an sich weniger wichtige Aufgaben die Maschine
für die Betriebsplanung, und der Betriebsführung geht auf diese Weise
notfalls wichtige und kostbare Zeit verloren.
Aber auch psychologische Erwägungen sprechen gegen die heute allgemein vorgebrachten Rechtfertigungsgründe für die Anschaffung derartiger Geräte. Der Kaufpreis beziehungsweise die Mieten für solche Geräte
sind derartig hoch, daß die Senkung der übrigen Bürokosten - Personaleinsparungen und ähnliches - als unerlässliche Vorbedingung für die
Automatisierung erscheint. Man wird sich also mit unverhältnismäßig
großem.Nachdruck der Mechanisierung einzelner Arbeitsgänge zuwenden
und dabei Gefahr laufen, darüber die Verbesserung des Gesamtbetriebes
zu vernachlässigen. Vielfach wird man auch versucht sein, alle nur erdenklichen Arbeitsgänge von den elektronischen Geräten ausführen
zu lassen, nur um sie auszulasten. Dies führt dann gelegentlich dazu,
daß eine Elektronenanlage, deren Betriebsstunde 300 Dollar kostet,
mit Arbeiten beschäftigt wird, die sich anderweitig für 3 Dollar je
Stunde verrichten ließen.
Diese Einstellung zur Automatisierung ist aber auch noch aus
einem anderen Grunde völlig falsch. Sie räumt den Planungs- und Entscheidungsfunktionen der Betriebsleitung nicht den bedingungslosen
Vorrang ein, der ihr unbedingt zukommt. Obwohl schon Taylor mit
Nachdruck auf diesen wichtigen Gesichtspunkt verwiesen hat, v/ird er
auch heute oftmals noch übersehen.
III. Elektronenanlagen sind Werkzeuge des Menschen, nicht
Selbstzweck.
Auf Grund des ungeheueren Arbeitstempos und der beträchtlichen
Anschaffungskosten nehmen die elektronischen Dokumentationsmittel
innerhalb des Betriebs oftmals eine beherrschende Stellung ein.
Wenn es sich dabei auch nur um eine passive dominierende Rolle handelt,
so können sich daraus doch sehr nachteilige Folgen ergeben. Es sei hier
als Beispiel auf die Tendenz verwiesen, jedwedes Problem mit Hilfe der
Anlage zu lösen, gleichgültig ob sie dafür nun das geeignetste Instrument ist oder nicht,
'.
Be i

�J

"j^lERIKA DIENST" - „•IRT./.'KAFT UND A

25. April 1956

Bei meinen Untersuchungen der Frage, wie elektronische Rechenanlagen, Zusatzgeräte und das Bedienungspersonal am besten in die Gesamtstruktur eines Betriebes eingeordnet werden können, bin ich zu
völlig neuen Ergebnissen gekommen. Die wesentlichste Erkenntnis scheint
mir zu sein, daß Konstruktion, Typenauswahl und Anwendung elektronischer
Rechenanlagen, was die Bewältigung von Aufgaben einer modernen Betriebsführung angeht, eng mit der Anwendung entsprechend moderner Methoden
wissenschaftlicher Forschung und betriebswirtschaftlicher Analysen verbunden sind, wenn nicht sogar von ihr abhängen. Die Verwendung von
Rechenanlagen als wissenschaftliche Instrumente ist nur dann sinn- und
zweckvoll, wenn sie für betriebswirtschaftliche Ziele und nach Methoden
und Ideen eingesetzt werden, die nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen erarbeitet werden.
Dies wiederum setzt natürlich das Vorhandensein eines Stabes
wissenschaftlich geschulten Personals voraus. Das sind unsere Betriebswissenschaf tler . Sie werden zu einer wichtigen Komponente
innerhalb des Betriebsgefüges. Sie sind für die wissenschaftliche
Analyse der Ziele, Pläne und die Festsetzung der Größenordnungen, mit
denen der Gesamtbetrieb arbeitet, sowie für eine Koordinierung der
betriebswirtschaftlichen Methoden innerhalb der einzelnen Abteilungen
verantwortlich. Die Planung, die Methoden und die Größenordnungen der
einzelnen Abteilungen wie Fertigung, Verkauf und Buchhaltung sind
der Gesamtplanung untergeordnet.
Großrechenanlagen oder andere größere elektronische Systeme,
die in erster Linie für die Betriebsführung arbeiten sollen und dem
Zweck dienen, durch Auswertung statistischen Materials die Planung
für den Gesamtbetrieb aufzustellen, sollten den Betriebswissenschaftlern als Hilfsmittel beigegeben und ihnen nicht nur zeitweilig etwa
von der Buchhaltung überlassen werden.
Ehe ein Betrieb also eine Elektronenrechenmaschine aufstellt,
muß sich die Betriebsführung Klarheit darüber verschaffen, für welche
Aufgaben sie eingesetzt werden soll und an welcher Stelle im Betrieb
sie den größten Nutzeffekt zeitigen wird. Vor allem muß man sich
fragen, soll durch ihren Einsatz eine Automatisierung oder Beschleunigung des Arbeitsablaufes oder eine Verbesserung der betrieblichen
Gesamtplanung erreicht werden?
Die dringende Notwendigkeit, eine Antwort auf diese Fragen
zu finden, läßt erkennen, wie genau man die Möglichkeiten zu einer
wissenschaftlichen Untersuchung der gesamten Betriebstätigkeit im
voraus studieren muß und wie v/ichtig es ist, daß diese Untersuchungen
von den richtigen Leuten innerhalb des Gesamtunternehmens durchgeführt werden.
Es gibt genügend Gründe, die für ein solches Vorgehen sprechen.
Auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Analyse sind viele neue Methoden entwickelt worden, die heute für eine Betriebsführung nach wissenschaftlichen Grundsätzen unerlässlich sind. Elektronische Rechenund Dokumentationsgeräte werden eine besonders wertvolle Hilfe sein,
dem Betriebsleiter und Betriebswissenschaftler neue Einsichten in
das Wesen und die Funktion seines Betriebes zu vermitteln. Diese
neuen Einsichten werden sich aber nur dann voll und ganz verwirklichen

4-

�f*

"AMERIKA DIENST" - .VIRTJGIiAFT UNS AI:

25. April 1956

verwirklichen lassen, wenn alle an der Ausarbeitung beteiligten Personen auf das engste mit der Betriebsleitung und den Abteilungsleitern zusammenarbeiten.
IV. Die bildungsmäßigen Anforderungen an Angehörige der Betriebsführung werden einen Wandel erfahren
Es ist wohl klar ersichtlich, daß diese Entwicklung eine Veränderung der Ausbildungsmethoden für die leitenden Angestellten in der
Wirtschaft nach sich ziehen muß. Die neuen Positionen, die geschaffen
werden, erfordern ein kompetentes, gut ausgebildetes und in den
Methoden der wissenschaftlichen Analyse erfahrenes Personal, das
gleichzeitig die Funktionen und das Wesen des Betriebes als System
zu verstehen gelernt hat.
Der Hauptunterschied zwischen den heute üblichen Ausbildungsmethoden und denen der Zukunft ist s' her darin zu suchen, daß die
Grundlage für die Ausbildung bisher im allgemeinen die Geisteswissenschaften bildeten, wohingegen nunmehr die Naturwissenschaften, insbesondere die Mathematik, diese Stelle einnehmen werden. Bisher haben
nur wenige Universitäten in den Vereinigten Staaten ihren Lehrplan
darauf eingerichtet, Studierenden eine Ausbildung und Schulung angedeihen zu lassen, die ihn im Verein mit der späteren praktischen
Erfahrung durch die Tätigkeit im Betrieb auf eine Laufbahn in der
modernen Betriebsführung vorbereitet.
Solange solche Nachwuchskräfte noch nicht zur Verfügung stehen,
muß das vorhandene Personal auf die neuen Aufgaben umgeschult werden.
Die Auswahl der hierfür in Frage kommenden Personen soll auf der
Grundlage ihrer Kenntnis in der Betriebsleitung und ihrer verstandesmäßigen und analytischen Anlagen erfolgen. Gewöhnlich wird es sich
um Ingenieure handeln, die in gehobene Positionen in der Betriebsleitung aufgerückt sind. Es können aber auch Verwaltungsfachleute sein,
die ihr mathematisches, statistisches und naturwissenschaftliches
V/issen weiter vervollkommnet haben.
Zusammenfassend darf also gesagt werden:
Die Art des Betriebes muß den Typ der zu verwendenden elektronischen Geräte bestimmen. Elektronische Geräte sind Mittel, nicht
Zweck.
Man muß sich von vornherein darüber im klaren sein, was mit der
Anschaffung erreicht werden soll. Will man die gegenwärtigen Verfahren beschleunigen beziehungsweise weiter mechanisieren, oder will
man ein Mittel an die Hand bekommen, mit dessen Hilfe man eine genaue
wissenschaftliche Analyse über das Wesen des Betriebes erarbeiten kann,
um auf ihr die v/eitere Planung aufzubauen.
Hierbei muß man vor allem die Möglichkeiten der wissenschaftlichen
Analyse des Betriebs und seine Fähigkeit richtig einschätzen. Eine
solche Analyse kann Klarheit darüber schaffen, wo ein wirklicher Bedarf an elektronischen Geräten besteht und in welcher Weise diese angewendet werden sollten.
Derartige Analysen setzen voraus, daß der Betrieb über die erforderlichen Fachkräfte verfügt, die in Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung dann die neuen Entscheidungen formulieren, auf Grund deren der
Betrieb wirtschaftlicher und rationeller arbeiten kann.
- Quellenangabe erforderlich

- 5-

* * * * *- *

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                <text>Übersicht über den Ost- West- Handel II. Halbjahr 1955</text>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                    <text>AMERIKA-DIENST

Sonderausgaben 1955

I.

Eisenhower;

Botschaft lieber die Lage der Kation

I,

Eisenhower;

Botschaft lieber die US-Aussenhandels-

politik

6. I.

lo. I.

I#

Dulles

I.

Eisenhower

II,

Eisenhower; Jahresbericht ueber die wirtschaftliche
Lage der Vereinigten Staaten
2o. I.
Dulles fordert schnellere Ratifizierung des Verteidi-.
gungsabkommens mit National-China
7» II»

II.

umreisst Friedenskonzeption des ,7estens
legt neuen HaAshalt vor

11. I.
17. I.

II.

Dulles

ueber die amerikanische Aussenpolitik

II.

Lodge; Die Welt muss abruesten

19. II»

II»

Eisenhower fordert beschleunigtes Strassenbauprogramm

22. II.

II,

Conent; Die Tradition des amerikanischen Buergeri-Soldaten 22.1

II.

Konferenz des Jlanilapakt-Rates in Bangkok eroeffnet

III. Dulles
III.
III.
III»

16. II.

23. II.

berichtet ueber seine Ostasienreise

8. III.

Eisenhower; USA werden weiterhin aktiv an europaeischer
Verteidigung teilnehmen
lo. III.
Botschafter Patterson zur Eroeffnung der Kernreaktorschule in Ghikago
13. III
Gruenther;

Un;ere und unserer Partner Sicherheit sind

unloesbar miteinander verbunden

21. III

IV.

Ridgway; US-Generaele machen keine Poltik

28. III

I^»"

Dulles; Erklaerung zu den Pariser Vertraegen vor dem
Aussenpolitischen Senatsausschuss

IV.

Dulles;

Grundsaetze der Aussenpolitik

IV.1

Eisenhower empfiehlt Beitritt zur Internationalen Zollund Handelsorganisation

29. III
1. IV»

14. IV.

IV.

Key;

Zehn Jahre Zusammenarbeit zum Wohle der I-enschheit 15.IV,

IV»

Eisenhower legt neues Auslandhilfsprogramm vor

IV.

Stassen umreisst Abruestungspolitik der USA

21. IV1

V.

Dulles zum Gesetz ueber die gemeinsame Sicherheit

5« V.

V.

Murphy; Die Asienpolitik de» USA

5. V.

V.

Freiheit
Stassen;

6. V.

Berlin auch weiterhin das grosse Symbol der

2o. n

�A.

1 8 . V«

D u l l e s "berichtet lieber d i e j u e n g s t e n

Entvioklungea

i n Europa

1 7 . V.

A»

25. V.

Herbert Hoover jr.:
tiven Sicherheit

A»

25. V,

Dulles: Kommunisten sind sich der Staerke der freien
Welt bewusst (Zum Gemeinsamen Sicherheit sprograinm T"isenhowers)

25. V«

General Gruenther vor der Auslandspresse in Bad godesberg

26. V.

Lewis L. Strausss Wir haben unsere Zukunft selbst in
der Hand

24. V.

visenho.ver schlaegt Atomreaktorprogramm fuer freie Nationen vor

11. VI.

A»
A.

1. VI»"
8.VI.

A. 15. VI» '
A» 22. VI«

A, 29. VI.
A. 29. VI. '
.&amp; A. 29. VI.

A. 13. VII.
A. 2o. VII»
A» 2o» VII.

Wir glauben an das Prinzip der kollek23. V.

Eisenhower / Sondersitzung der UNO in San Franzisko:
"., unser Ziel wird weiterhin der Frieden sein."

2o» VI.

Dulles / Sondersitzung der M O in Sanfranzisko

24. VI.

Robert Murphy: Deutschland in der freien Welt
25. VI.
Sechster HalbJahresbericht des US-Amtes fuer Auslandslinie ( Battle Act / Mutual Defense Assistance Control )
II. Halbjahr 1954
Harold E. Stassen: Der Frieden erfordert staendiges Handeln

8. VII.

Eisenhower / Brief an den Kongress : Die UNO wird in
Genf nicht verge sen

15« VII.

-lisenhov/er umreisst die amerikanischen Ziele auf der
Genfer Konferenz (Rundfunk- &amp; Fernsehansprache)

15» VII.

A. 2o. VII. '

Eisenhower / Eroeffnungsansprache auf der Genfier Konfeferenz: Den Weg zum Frieden suchen
18. VII»

A. 28. VII.

Eisenhower / Schlussansprache auf der Genfer Konferenz

22. VII»

A. 28. VII.

Eisenhower berichtet ueber die Genfer Konferenz (Rundfunk und Fernsehanprache

25. VII.

A. lo. VIII»v Eisenhower / Botschaft: Die Atomkonferenz - ein Versprochen fuer die Zukunft
A. lo. VIII•' Walter S. Robertson:

Konferenz ueber Sued- &amp; Suedostasien _-.TT

— — — — — —

*. 24. VIII.

8. VIII»
o» vili»

Ei~enho"rer vor Anwaltskammer in Phil»delphia: Ueber die
amerikanische Konzeption vom Frieden
24. VIII.

A. 31# VIII." Dulles: USA bereit, zur Loesun" des arabisch-israelischen Problems beizutragen

26. VIII.

A. 31» VIII»^ Lodge vor der UNO : erlaeutert Preesident Eisenhowers
Abruestun^svorschlag

29. VIII.

�A«

7« IX."

Stassen; Frieden nur durch Beendigung des V/ettruestens

W. 21. IX.v

Kalijarvi:Die amerikanische Antitrustgesetzgebung und

2. I

der Welthandel

16. IX

A. 28. IX.

Dulles vor der TJN-Vollversamralung: US-Aussenpolitik

22. IX

A.

Jacob Blaustein: USA bemuehen sich weiterhin um die
Loesung des Fluechtlingsproblems
4« X.
Stassen: Die von den USA in der Abruestugg verfolgten
Ziele
7. X.
Dulles erwartet Aera der friedlichen Veraenderungen
lo. X.

5« X.

A. 12. X. °
A. 12. X.v
A. 19« X.

Eric A. Johnston vor dem Forum der NYHT ueber Nahostfragen
18. X.

A. 26. X. »

John C. Hollister: Vorschlag zur Errichtung eines
Zentrums der Kernforschung in Asien

2o. X.

A. 26. X. *

Lodge: Die Abruestungsfrage vor den Vereinten Nationen 21. X.

A. 26. X. '-

Stassen: Die UN - ein wesentliches Werkzeug des Friedens 23.X

A. 26. X.

John J. IlcCloy: Z]am fuenften Jahrestag der Einweihung
der Berliner Freiheitsglock

A.

2. XI•' Dulles

24. X.

zur Eroeffnung der Genfer Konferenz

27. X.

A. 17. XI.

Dulles: Stellungnahme zu den Ausfuehrungen Molotows

9» XI

A. 17. XI.

Dulles umreisst den Standpunkt der USA zur Abruestungsfrage
lo. XI
Entschliessungsentwurf der Westmaechte zur Abruestungsfrage
lo. XI
Dulles bietet Ausweitung des Eisenhowerplanea der

A. 17. XI.
A» 17» XI.»

"offenen Himmel" an
' A. 23. XI. " Dulles ueber Genf

11. XI

18. XI

A. 14. XII. Dulles umreisst Probleme der US-Aussenpoltik
8. XI
W» 14« XII. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung (Hintergrundmaterial)
A» 7« XII. Lodge fordert Annahme des Luftinspektionsplans Eisenhowers
5» XI

�A M E R I K A

D I E x N S T

PRÄSIDENT EISENHOWERS BOTSCHAFT ÜBER DIE
LAGE DER NATION

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen den vollen Wortlaut der von Präsident Eisenhower am 6. Januar 1955 vor beiden Häusern
des amerikanischen Kongresses verlesenen traditionellen "Botschaft über die Lage der Nation" (State of
the Union Message^ In dieser Botschaft, die programmatischen Charakter hat, gibt der amerikanische Präsident ein umfassendes Bild der politischen und wirtschaftlichen Lage der Vereinigten Staaten und geht in
der Folge auf die weltpolitische Situation ein.
"Darf ich zuerst meine herzlichen Grüße an den 84. Kongreß richten. Wir werden vieles gemeinsam zu erledigen haben.
Ich bin sicher, daß wir es vollbringen werden - und daß wir
dies in Harmonie und gutem Willen tun.
Ich glaube, daß es gleich zu Anfang an Platze ist, an die
fundamentale Grundlage unseres nationalen Lebens zu erinnern:
an unsere gemeinsame Überzeugung, daß jedes menschliche Wesen
von Gott mit Würde und Wert und mit unveräußerlichen Rechten
ausgestattet ist. Dieser Glaube, und die sich daraus ergebende
Folgerung - daß die Menschen frei sein müssen, um wachsen und
sich entwickeln zu können - formt die Interessen und das Streben jedes Amerikaners.
Aus dieser tiefen Überzeugung haben sich drei Hauptziele
und -Zwecke unserer Bundesregierung entwickelt»
Erstens, die Gerechtigkeit und Freiheit im eigenen Lande
aufrechtzuerhalten und sie für andere zu vertreten, damit wir
wirksam für einen dauerhaften Frieden arbeiten können«
zweitens, dazu beizutragen, unsere Wirtschaft stark und
expansiv zu erhalten, zur Stützung unserer internationalen
Stärke und um jedem Bürger bessere Arbeitsmöglichkeiten, höheren Lebensstandard und bessere Chancen zu sichern; und
drittens, uns mit den menschlichen Problemen unserem Volkes zu befassen, damit jeder Amerikaner die Möglichkeit haben
soll, ein gesundes, produktives und lohnenswertes Leben zu
führen.
Freiheit
- 1 -

�*

"AMERIKA DIENST"

12. Januar

1955

Freiheit, Gerechtigkeit und den Frieden zu unterstützen,
steht an erster Stelle unserer Regierungsaufgaben.
Es ist von höchster Wichtigkeit, daß jeder von uns die wahre
Natur des Kampfes begreift, der gegenwärtig in der Welt stattfindet.
Es ist nicht nur ein Kampf von Wirtschaftstheorien oder von
Regierungsformen oder der militärischen Stärke. Es geht vielmehr
um die wahre Bestimmung des Menschen- Entweder ist der Mensch ein
Geschöpf Gottes, der der Psalmist als ein solches charakterisierte,
da8 'um ein weniges geringer als ein Engel ist', das mit Herrlichkeit und Ehre ausgestattet ist, das 'Gewalt über die Werke seines
Schöpfers' hat; oder der Mensch ist ein seelenloses,lebendes,zu
versklavendes Maschinenwesen, das zur Verherrlichung des Staates
benutzt und verschlissen wird.
Es ist ein Kampf, der bis an die Wurzeln des menschlichen
Geistes geht und der den ganzen Bereich des menschlichen Schicksals überschattet. Dieser so kostbare, so mit letzten Sinngehalten
ausgestattete Preis ist das wahre Objekt der miteinander ringenden
Kräfte in der Welt.
Im vergangenen Jahr hat es Fortschritte gegeben, die zur Hofnung sowohl in bezug auf die Fortdauer des Friedens als auch den
schließlichen Sieg der Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt berechtigen. Die freien Nationen sind heute zusammen stärker als
zu irgendeiner Zeit in den vergangenen Jahren.
Genau so wie sich die Nationen der westlichen Hemisphäre
auf den historischen Konferenzen von Caracas und Rio fest gegen
den imperialistischen Kommunismus zusammengeschlossen und ihre
wirtschaftlichen Verbindungen gestärkt haben, so haben die freien
Nationen auch anderswo neue Bande der Einheit geschmiedet. Die
kürzlichen Abkommen zwischen der Türkei und Pakistan haben die
Grundlage für eine wachsende Stärke im mittleren Osten gelegt.
Mit unserer verständnisvollen Unterstützung haben Ägypten und
Großbritannien, Jugoslawien und Italien, Großbritannien und Persien ihre gefährlichen Meinungsverschiedenheiten beigelegt. Die
Sicherheit im Mittelmeerraum ist durch ein BündniB zwischen
Griechenland, der Türkei und Jugoslawien gesteigert worden. In
Westeuropa haben Abkommen den Weg für eine Einheit geebnet, welche an die Stelle der Uneinigkeit der Vergangenheit treten soll,
die Europas wirtschaftliche und militärische Lebenskraft unterminierte. Die Verteidigung des Westens scheint nun auch endlich
ein freies demokratisches Deutschland einzuschließen, das als
gleichberechtigter Partner den Gremien der NATO angehört. In
Asien und im Pazifik ergänzt der noch zu ratifizierende ManilaPakt unsere Verträge mit Australien, Neuseeland, den Philippinen,
Korea und Japan und den in Aussicht genommenen Vertrag mit der
Republik China. Diese Pakte sind eine ernste Warnung, daß eine
zukünftige militärische Aggression und Subversion gegen die freien
Nationen Asiens
auf eine einheitliche Reaktion stoßen wird. Die
Pazifik-Charta, die ebenfalls in Manila angenommen wurde, ist ein
Meilenstein in der Entwicklung der menschlichen Freiheit und
- 2

�"AMERIKA DIENST"

12. Januar 1955

und Selbstregierung im pazifischen Raum.
Unter den Auspizien der Vereinten Nationen bahnt sich ein
hoffnungsvoller Fortschritt hinsichtlich unseres Planes zur friedlichen Verwendung der Atomenergie an.
Schließlich herrscht heute Frieden in der Welt. Es ist aber,
darüber müssen wir uns klar sein, ein unsicherer Friede. Und doch
schöpft die ganze Menschheit Hoffnung aus der einfachen Tatsache,
daß es auf der Welt seit einer beachtenswerten Zeit kein richtiges Kampfgebiet von größerer Bedeutung gegeben hat. Diese Tatsache veranlaßt uns, um so wirkungsvoller mit den anderen Nationen
zusammenzuartaeiten, was dem Wohl der Freiheit und der Würde jedes
Menschen auf der Welt zugutekommt.
Diese Entwicklungen sind in der Tat erfreulich, und wir hoffen auf ein Anhalten dieser Tendenz. Aber ein ernüchterndes Faktum bleibt noch übrig.
Die massiven militärischen Machtmittel und ehrgeizigen Pläne
des sowjetisch-kommunitischen Blocks schaffen noch immer Unbehagen in der Welt.
Wir alle sind uns der Tatsache voll bewußt, daß sich die
sowjetischen Kommunisten weiterhin auf die militärische Macht,
auf die Stärke ihrer Waffen, auf ihre gegenwärtige Ablehnung einer
realistischen Rüstungsbeschränkung und auf ihre anhaltenden Bemühungen verlassen, die an ihrer Peripherie befindlichen freien
Nationen zu beherrschen oder sie einzuschüchtern. In ihrer ständig wachsenden Macht ist auch eine größer werdende Stärke an
nuklearen Waffen eingeschlossen. Diese Macht, welche mit den zum
Ausdruck gebrachten Absichten der kommunistischen Führer, die
Welt kommunistisch zu machen, Hand in Hand geht, ist die Drohung,
der wir heute gegenüberstehen.
Um unsere Nationen und Völker vor der Katastrophe einer
atomaren Massenvernichtung zu bewahren, müssen die freien Nationen eine ausreichende militärische Stärke aufrechterhalten, um
die Kommunisten von der Nutzlosigkeit eines aggressiven Vorgehens
zur Erreichung ihrer Ziele zu überzeugen. Wenn die kommunistischen
Herrscher begreifen, daß die amerikanische Antwort auf eine Aggression prompt und entscheidend sein wird - daß wir niemals einen
Frieden auf Kosten der Ehre oder des Glaubens erkaufen werden -,
werden sie auf wirksame Weise davon abgeschreckt, ein militärisches
Abenteuer zu beginnen, das ihr eigenes Volk und viele andere Völker in den Abgrund stürzen würde. Das bedeutet natürlich nur, daß
ein Stillstand in der Welt eingetreten ist. Aber während dieses
Stillstandes kann und muß jeder von uns seine hohe Pflicht darin
erblicken, auf jede nur ehrenvolle Weise für eine Fortdauer des
Friedens einzutreten.
Die militärische Drohung ist nur eine Gefahr für unsere Freiheit und Sicherheit. Wir müssen nicht nur eine Aggression verhindern; wir müssen auch die Anstrengungen der Kommunisten vereiteln,
ihre Ziele durch Subversion zu erreichen. Zu diesem Zweck müssen

- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

12. Januar

1955

müssen die freien Nationen ihren Zusammenhalt, ihre innere Sicherheit, ihre politische und wirtschaftliche Lebenskraft und ihren
Glauben an die Freiheit aufrechterhalten und verstärken.
In einer solchen Welt ist Amerikas Kurs klar:
Wir müssen unermüdlich arbeiten, um den Frieden gerechter
und dauerhafter zu machen.
Wir müssen die kollektive Verteidigung im Rahmen der Charta
der Vereinten Nationen stärken und uns mit ausreichender militär
rischer Stärke und Produktionskapazität gürten, um den Ausweg zum
Krieg zu versperren und die Lebensinteressen unserer Nation zu
schützen.
Wir müssen fortfahren, die Vereinten Nationen zu unterstützen
und zu stärken. In diesem Augenblick befindet sich der Generalsekretär der Vereinten Nationen im Auftrage der UN-Vollversammlung
in Rotchina, um eine Mission durchzuführen, die allen Amerikanern
außerordentlich am Herzen liegt: nämlich die Freilassung unserer
amerikanischen Flieger, die wir nie vergessen dürfen, und aller
anderen UN-Gefangenen zu erreichen, die zu Unrecht von dem kommunistischen Regime zurückgehalten werden.
Wir müssen auch die Anstrengungen ermutigen, die in den
Vereinten Nationen gemacht werden, um die Rüstungen zu begrenzen
und die Kräfte des Atoms friedlichen Zwecken nutzbar zu machen.
Wir müssen den internationalen Handel und die Auslandsinvestierungen ausweiten und befreundete Nationen unterstützen, deren
größte Bemühungen noch immer nicht ausreichen, eine für die Sicherheit der freien Welt notwendige Stärke zu erringen.
Wir müssen zu Verhandlungen bereit sein, wo immer diese der
Sache eines gerechten und sicheren Friedens dienen, der sich die
USA und andere freie Nationen verschrieben haben.
In bezug auf alle diese Dinge müssen wir mit Hilfe eines
aktiven, wirkungsvollen Informationsprogramms diese Völker der
Welt über unsere Maßnahmen und Zielsetzungen wahrheitsgetreu unterrichten. Dieses Problem ist in den vergangenen Monaten mit neuer
Energie angepackt worden. Ich ersuche den Kongreß, den großen Vorteilen, die unserem Land durch die erfolgreiche Durchführung dieses
Programms erwachsen, die stärkste Beachtung zu schenken.
Wir müssen unser Studienaustauschprogramm fortsetzen. Dieser
Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen zwischen unseren Bürgern und jenen der freien Nationen ist ein wichtiger Faktor in der
Pflege und Aufrechterhaltung einer echten Partnerschaft unter den
freien Völkern.
Um diese vielfältigen Bemühungen voranzutreiben, muß sich
der Kongreß während seiner gegenwärtigen Sitzungsperiode mit Bewilligungen, legislativen Maßnahmen und Verträgen befassen. Heute
mächte ich besonders unsere Programme erwähnen.

Der

�••AMERIKA DIENST"

12. Januar

1955

Der wirtschaftliche Portschritt, den zählreiche freie Völker
in Jüngster Zeit erringen konnten, ist sehr ermutigend. In immer
größeren Gebieten ist eine Steigerung der Produktivität und eine
Erhöhung der Produktion an Gütern und Dienstleistungen festzustellen. Der Wille, den Lebensstandard aller Menschen zu erhöhen, wird
immer stärker. Dieser Portschritt ist für unser ganzes Volk von
großer Bedeutung. Er verspricht uns Verbündete, die stark sind
und auf sich selbst vertrauen; er verspricht uns einen expandierenden Markt für die Produktion unserer Gruben, Fabriken und Farmen.
Wir können aber nur dann hoffen, daß dieser Fortschritt
weiter andauert, wenn wir in unserem Bemühen nicht nachlassen.
Der Handel und der Strom des zur Erschließung der Arbeitsreserven
und materiellen Hilfsquellen jeden Volkes benötigten Kapitals
wird noch immer durch Schranken behindert. Ein kluger Abbau dieser
Schranken ist eines der langfristigen Ziele unserer Außenhandelspolitik - einer Politik, die einen evolutionären und selektiven
Charakter trägt und uns selbst und anderen Völkern großen Nutzen
verspricht.
Wir müssen gewisse Zollschranken, die den Handel behindern,
Schritt für Schritt abbauen. Ein derartiges Vorgehen sollte
selbstverständlich von einem ähnlichen Abbau der Handelsschranken
seitens anderer Staaten begleitet sein, damit wir auf dem Wege
zu größerem wirtschaftlichen Wohlstand für alle stetig voranschreiten können. Wir müssen die Zollverfahren weiter vereinfachen. Wir
müssen die Kapitalbewegung erleichtern und unsere technische Hilfe
für wirtschaftlich unterentwickelte Gebiete fortsetzen, sei es
auf direktem Wege oder über die Vereinten Nationen, um ihre Unabhängigkeit zu stärken und ihren Lebensstandard zu heben. Die freien
Völker müssen für sich allein und in gegenseitiger Zusammenarbeit
entsprechende Maßnahmen treffen, um die der privaten Initiative
innewohnenden Kräfte weiter zu erschließen. In unserem eigenen
Lande haben diese Kräfte zu Stärke und Prosperität geführt; einmal
freigesetzt, werden diese Kräfte in den andern Ländern gleichfalls
zu einer Steigerung des Einkommens führen, und damit die Bewohner
dieser Länder wiederum in die Lage versetzen, die Produkte der
amerikanischen Industrie und Landwirtschaft zu kaufen.

Am 10. Januar werde ich in einer Sonderbotschaft eingehende
Empfehlungen bezüglich der legislativen Maßnahmen unterbreiten,
die zur Durchführung unserer Außenhandelspolitik erforderlich sind.
Unsere vielfältigen Bemühungen zur Schaffung einer besseren
Welt schließen die Aufrechterhaltung unserer militärischen Stärke
ein. Dies ist ein großes Unterfangen. Die großen Programme zur
Gewährleistung der nationalen Sicherheit verschlingen zwei Drittel
des gesamten Bundeshaushalt.« Über 4 Millionen Amerikaner - Soldaten und Zivilisten - stehen auf den Sold- und Lohnlisten der USVerteidigungskräfte. In den abgelaufenen zwei Jahren wurden durch
Vermeidung von Überschneidungen und Überbesetzung, durch eine Verschärfung der Kontrollen in der Beschaffung und Lagerung und durch
eine Beschränkung auf wirklich notwendige Dinge in unserem Verteidigung sprogramm viele Milliarden Dollar eingespart. Ich möchte

�"AMERIKA DIENST"

12. Januar

1955

möchte hier einige der wesentlichen Grundsätze dieses weitgespannten Programms umreißen.
1. Eine realistische Beschränkung der Rüstung und die Aufrechterhaltung eines dauerhaften und gerechten Friedens bleiben
nach wie vor Ziel unserer Politik. Wir unterhalten starke militärische Streitkräfte, weil es gegenwärtig keine Alternative
gibt - Streitkräfte, die nur der Abschreckung und der Verteidigung dienen, die aber im Falle eines Angriffes mit zerschmetternder Gewalt sofort zurückzuschlagen vermögen.
2. Wir müssen der Tatsache eingedenk bleiben, daß wir,
wollten wir uns allein auf eine Waffe verlassen oder uns nur
auf eine Form der Kriegsführung vorbereiten, einen Feind praktisch herausfordern, sich auf eine andere Taktik zu verlegen. Wir
müssen deshalb innerhalb unserer Streitkräfte für jene Ausgewogenheit und Elastizität sorgen, die unseren Absichten und Zielsetzungen entsprechen.
3. Sollen unsere bewaffneten Streitkräfte mit den Errungenschaften der Wissenschaft Schritt halten können, muß unsere militSrische Planung elastisch genug sein, um sich der neuen Waffen
und Methoden zu bedienen, die in immer rascherer Folge das Ergebnis unserer Forschungs- und Entwicklungsprogramme sind. Der neue
Militärhaushalt legt daher besonderen Nachdruck auf moderne Flugzeuge für Luft- und Seestreitkräfte sowie für die Einheiten der
Marine-Infanterie und erkannt neuen Waffen, speziell solchen von
rasch wirksamer und vernichtender Kampfkraft, größere Bedeutung
zu. Er strebt eine fortlaufende Modernisierung der Armee an. Er
gewährleistet die Aufrechterhaltung wirksamer, in der Verteidigung
schlagkräftiger Streitkräfte als das wichtigste Abschreckungsmittel gegen eine offene Aggression. Er beschleunigt das inneramerikanische Verteidigungsprograjnm und den Aufbau einsatzbereiter
militärischer Reservestreitkräfte. Er setzt ein energisches
Bevorratungsprogramm strategisch wichtiger und unentbehrlicher
Materialien sowie die Stirkung unserer Mobilisierungsbasis fort.
Der Haushalt sieht ferner die strategische Konzentrierung unserer
Stärke durch die Umgruppierung gewisser Truppenverbände vor. Für
gewisse Kategorien der Streitkräfte bestimmt er eine Reduzierung,
für andere eine Verstärkung der Verbände, um sie den militärischen
Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen. Die Herausarbeitung dieser
Schwerpunkte in unserer Verteidigungsplanung ist nach langen und
sorgfältigen Studien unter meiner persönlichen Leitung geschehen.
Nach meiner Auffassung wird dadurch die Verteidigung unseres Landes auf einen Stand gebracht, der den nationalen Erfordernissen
genau entspricht.
4. Wir müssen, bis eine internationale Vereinbarung über die
Begrenzung der Rüstung getroffen ist, unsere Vorräte an nuklearen
Waffen für unsere Land-, See- und Luftstreitkräfte laufend modernisieren und erweitern, gleichzeitig aber uns auch künftig um
weitere ermutigende Fortschritte in der friedlichen Verwendung
der Atomenergie bemühen.
Und 5. müssen wir für die Durchführung dieser kostspieligen
Programme das äußerste an Leistung und Schöpferischer Kraft

�"AMERIKA DIENST"

12. Januar

1955

Kraft verlangen. Wir müssen unserem Volk nicht nur die Gewißheit
ausreichenden Schutzes,, sondern auch eines Verteidigungswerkes
geben, das von Jahr zu Jahr fortgesetzt werden kann, bis die Drohung der Aggression verschwunden ist.
Um diese Art bewaffneter Stärke zu erhalten und ihre Wirksamkeit zu erhöhen, muß ich den Kongreß dringend darum ersuchen, in
dieser Sitzungsperiode eine Anzahl wichtiger Maßnahmen zu verabschieden.
Die erste betrifft das Gesetz über die Auslesedienstpflicht,
das am 30. Juni dieses Jahres erlischt. Für die absehbare Zukunft
müssen unsere aktiven Streitkräfte zahlenmäßig viel stärker sein,
als dies mit Freiwilligen-Meldungen zu erreichen wäre. Wir müssen
daher die gesetzlichen Vollmachten verlängern, um Leute für zwei
Jahre zum Wehrdienst heranzuziehen.
Die zweite dieser Maßnahmen betrifft den raschen Abgang
unserer erfahrensten Soldaten. Dieser rasche Personalwechsel stellt
eine ernsthafte Gefährdung der Einsatzbereitschaft unserer bewaffneten Streitkräfte dar und ist außerordentlich kostspielig. Um
einer größeren Zahl unserer gut geschulten Soldaten einen Anreiz
zu geben, die Uniform weiter zu tragen, werde ich am 13. dieses
Monats eine Reihe von Maßnahmen vorschlagen, die dazu dienen sollen, die militärische Laufbahn erstrebenswerter zu machen. Dazu
gehören unter anderem eine angemessenere ärztliche Betreuung der
Angehörigen, 'ine Erhöhung der Hinterbliebenenrenten, mehr und
bessere Wohnvngen sowie eine gestaffelte Angleichung der Besoldung und and-'rer Zuwendungen.
Als drittes werde ich - ebenfalls am 13« Januar - ein Programm
zur Reorganisation und zum Ausbau der zivilen Komponenten unserer
bewaffneten Streitkräfte unterbreiten. Es handelt sich hier um
ein umfangreiches Programm mit dem Ziel, die Männer im wehrdienstfähigen Alter wirksamer einzusetzen. Da dieses Programm weitgehend
eine gerechte und faire Heranziehung zur militärischen Ausbildung
und Dienstleistung gewährleisten wird, ist es für die ehemaligen
Kriegsteilnehmer von besonderer Bedeutung. Dieses Programm, das
mit der traditionellen Verteidigungspolitik unseres Landes in Einklang steht, dient dazu, starke zivile Reserven zu schaffen und
zu erhalten,«die notfalls sofort für den aktiven Militärdienst eingesetzt werden können, anstatt ständig ein stehendes Heer in einer
die unmittelbaren Erfordernisse des Landes übersteigenden Stärke
zu unterhalten.
Die Erhaltung einer wirksamen Verteidigungsmacht erfordert
die Beibehaltung unserer unnachgiebigen Politik gegenüber aller
umstürzlerischen Tätigkeit im inneren unseres Landes. Auf diesem
Gebiet haben wir in den vergangenen beiden Jahren ausgezeichnete
Fortschritte gemacht. Die laufenden Untersuchungen des Bundeskriminalamtes (FBI) sind durch eine neue interne Sicherheitsabteilung innerhalb des Justizministeriums wirkungsvoll intensiviert worden. Die Sicherungsmaßnahmen des Bundesamtes für Einwanderungs- und Naturalisierungsfragen sind ebenfalls wieder eingeführt worden; in allen Zweigen des Regierungsapparates ist das
- 7 -

�"AMERIKA DIENST"

12. Januar 1955

das Sicherheitssystem zum Schutze des Landes verbessert und ausgebaut worden; das Justizministerium und das Bundeskriminalamt
haben durch die Beschlüsse des 83. Kongresses neue wirkungsvolle
Rechtsmittel in die Hand bekommen.
Wir werden auch in Zukunft jegliche Subversive Tätigkeit
der Kommunisten aufspüren und unterbinden. Dabei aber werden
wir sorgfältig darauf achten, unsere Traditionen und die grundlegenden Rechte unserer Staatsbürger zu wahren.
Auch unser Zivilverteidigungsprogramm ist ein Element von
entscheidender Bedeutung für den Schutz unseres Landes. Beim Aufbau der zivilen Verteidigungsorganisation entwickeln wir Methoden
zur Zusammenarbeit mit den Gouverneuren der Einzelstaaten, mit
Bürgermeistern und freiwilligen Bürgervereinigungen sowie den
einzelnen Bundesstellen. Welche Bedeutung dieser Zivilverteidigung in Kriegszeiten zukommt, liegt auf der Hand} die unverzügliche Hilfe, die diese Organisation im vergangenen Jahr in Katastrophengebieten leistete, erwies, welche Bedeutung sie auch
in Friedenszeiten besitzt.
Ferner stellen eine zur schnellen Ausweitung fähige Industrie
und die rasche Verfügbarkeit der wichtigsten Rohstoffe und Anlagen
in Zeiten eines Notstandes die unerlässliche Voraussetzungen für
unsere Verteidigung dar. Ich empfehle daher eine Verlängerung des
Gesetzes über die Verteidigungsproduktion sowie des Titels II des
ersten Gesetzes über die Kriegsvollmachten aus dem Jahre 1941 um
weitere zwei Jahre. Dies sind die Eckpfeiler, auf denen unser Programm für den Ausbau und die Aufrechterhaltung einer angemessenen
Mobilisierungsbasis ruht.
An dieser Stelle möchte ich noch folgende Bemerkung einflechten.
Unsere Bemühungen um den Frieden und die Freiheit machen es
selbstverständlich, daß wir, die wir in Positionen öffentlichen
Vertrauens stehen, uns über unsere Eigen- und Gruppeninteressen
hinwegsetzen und unsere Parteisympathien, unseren menschlichen
Stolz und unsere Vorurteile dem Allgemeinwohl unterordnen. Wir
müssen unermüdlich in gemeinsamer Zielstrebigkeit die materiellen
und geistigen Grundlagen dieses Landes der Freiheit und der freien
Sationen in allen Teilen der Welt festigen. Wie nie zuvor in der
Geschichte besteht heute die Notwendigkeit, daß alle Stellen der
amerikanische Regierung ohne zögern zusammenarbeiten.
Gegenwärtig werden die Exekutive und Legislative von zwei verschiedenen politischen Parteien getragen. Damit werden beide politische Parteien ihre Prüfung vor dem amerikanischen Volke zu
bestehen haben.
In einer weniger gefährlichen Zeit hat die Teilung der Regierungsverantwortung zwischen unseren großen Parteien oftmals
zu einer lähmenden Unentschlossenheit geführt. Dies darf heute
nicht wieder geschehen. Wir müssen unter allen Umständen verhüten,
daß der Wille zum Frieden und zur Erhaltung der internationalen
Sicherheit gelähmt wird.
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Was die seit eh und je überparteilich behandelten politischen
Fragen angeht, die militärische Sicherheit und die Außenpolitik,
so kann ich Ihnen berichten, daß ich von den verantwortlichen Parteipolitikern dieses Kongresses bereits die ausdrückliche Versicherung vorbehaltloser Zusammenarbeit erhalten habe. Und doch erfordert die Stärke unseres Landes mehr als die Aufrechterhaltung
einer rein militärischen Macht und die erfolgreiche Führung der
Außenpolitik. Diese lebenswichtigen Fragen sind ihrerseits abhängig
von aufeinander abgestimmten und energischen Maßnahmen in einer
Anzahl verwandter Programme.
Daher wende ich mich an den 84. Kongreß, um zu sagen: Auf
allen für die Stärke der Vereinigten Staaten grundlegenden politischen Sektoren werden, soweit ich dafür garantieren kann, Beziehungen zwischen der Exekutive und Legislative dieses Staates
geschaffen werden, welche auf Zusammenarbeit und eine konstruktive
Politik abzielen. Wir wollen das Allgemeinwohl zu dem Maßstab machen, an dem wir alle großen Streitfragen messen.
Unsere Bemühungen, unsere Freiheit zu verteidigen und einen
gerechten Frieden zu sichern, sind natürlich untrennbar mit dem
zweiten großen Ziele dieser Regierung verbunden, einen Beitrag
zur Aufrechterhaltung einer starken, expandierenden Wirtschaft
zu leisten - einer Wirtschaft, die frei und tatfreudig ist, immer
neue Möglichkeiten erschließt, dem Verdienst eine gerechte Belohnung gewährt und eine echte, weiten Kreisen zugängliche Prosperität schafft.
In den vergangenen zwei Jahren haben zahlreiche wichtige Regierungsmaßnahmen dazu beigetragen, unsere Wirtschaft den Bedingungen anzugleichen, wie sie im Frieden bestehen; diese sowie weitere
Maßnahmen schufen ein Klima für eine neue Ausdehnung unserer Wirtschaft. Lohn-, Preis- und Rohstoffkontrollen wurden aufgehoben.
Steuerreformen förderten die Kaufkraft und erhöhten die Zahl der
Beschäftigten. Die Bundesausgaben wurden stark reduziert und ermöglichten Steuerkürzungen in größtem Ausmaße. Zusammen mit einer
elastischen Geldpolitik und der Steuerung der Staatsschuld trugen
diese Maßnahmen dazu bei, die Inflation aufzuhalten und den Wert
des Dollars zu stabilisieren. Ein Programm der Zusammenarbeit und
Partnerschaft wurde auf dem Gebiet der Erschließung der Rohstoffquellen eingeleitet.
Die Gesetze der Sozial- und der Arbeitslosenversicherung wurden
erweitert und ihre Leistungen erhöht. Neue Gesetze waren der Auftakt zu einer langfristigen Politik des Ausgleichs zwischen- der
landwirtschaftlichen Produktion und dem Markt für landwirtschaftliche
Erzeugnisse. Erweiterte Schiffsbau- und Bevorratungsprogramme stärkten einige der wichtigsten Sektoren unserer Wirtschaft und verbesserten gleichzeitig unsere Mobilisationsbasis. Auf Grund eines umfassenden neuen Wohnungsbaugesetzes wurden große Fortschritte auf
einem Gebiet erzielt, das für unsere wirtschaftliche Stärke von
fundamentaler Bedeutung ist. Dieses Gesetz schloß die Lücken, die
die alten Gesetze für unehrliche Machenschaften offengelassen hatten.
Viele dieser Programme beginnen sich erst jetzt auf die Wirtschaft
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Wirtschaft im allgemeinen und auf besondere Gebiete und Industrien
im ganzen Lande auszuwirken.
Pas Jahr 1954 ist eines der wirtschaftlich erfolgreichsten
Jahre in unserer Geschichte gewesen. Die Geschäftstätigkeit hat
erneut einen kräftigen Aufschwung genommen. Die Produktion steigt,
die Beschäftigungsziffer ist hoch. Gegen Ende des vergangenen Jahwes waren die Löhne der Industriearbeiterschaft im Durchschnitt
höher als je zuvor. Nach Abzug der Steuern hat das Personaleinkommen seinen höchsten Stand erreicht. In gleichem Maße stieg der
Konsum. Die Bautätigkeit erreicht neue Höhepunkte. Im Auslande
herrscht eine starke Nachfrage nach unseren Gütern. Die Ausgaben
der Bundesstaaten und der Gemeinden für öffentliche Arbeiten sind
im steigen. Die Spareinlagen sind hoch und Kredite stehen in ausreichendem Maße zur Verfügung.
Damit liegt heute der Übergang zu einer Friedenswirtschaft
zum großen Teile hinter uns. Die Wirtschaftsaussichten sind gut.
Die von mir aufgeführten zahlreichen verheißungsvollen
Paktoren sind zwar keine Garantie für eine andauernde wirtschaftliche Expansion, sie gewähren uns jedoch eine starke Position, von
der aus wir das Wachstum unserer Wirtschaft vorantreiben können.
Wenn wir als Volk klug handeln, kann sich unser Bruttosozialprodukt in den nächsten zehn Jahren von seinem heutigen Stand von
etwa 360 auf 500 Milliarden Dollar im Jahr •- gemessen an einer
stabilen Kaufkraft des Dollars - erhöhen.
In meiner Haushaltsbotschaft am 17. Januar, dem Wirtschaftsbericht am 20. dieses Monats und in verschiedenen Sonderbotschaften werde ich im einzelnen auf die wichtigsten Programme eingehen,
die einer Förderung unserer Wirtschaft und dem Schutze der Stabilität der amerikanischen Währung dienen sollen. Heute werde ich
mich nur ganz allgemein mit diesen Programmen befassen.
Wirtschaftliches Arbeiten und Sparsamkeit der Regierung sind
auch heute noch eine wesentliche Voraussetzung für einen steten
Fortschritt im Hinblick auf eine Ausgleichung des Haushaltes. Auf
der Ausgabenseite des am 9» Januar 1953 vorgelegten Haushaltsplanes wurden Abstriche in Höhe von 10 Milliarden Dollar vorgenommen.
Die Aufwendungen dieses Jahres lagen um 6 1/2 Milliarden unter den
Ausgaben des vorhergegangenen Jahres. Im laufenden Finanzjahr
betragen die Regierungsausgaben 4 1/2 Milliarden Dollar weniger
als in dem am 30. Juni 1954 abgeschlossenen Haushaltsjahr» Die
neuen Ausgabeanweisungen der Regierung lagen unter dem Ausgabeplafond des Haushaltes, so daß die über die Jahre akkumulierten
Verbindlichkeiten der Regierung reduziert werden konnten.
Im vergangenen Jahr führten wir eine größere Steuersenkung
durch und zum ersten Male seit 75 Jahren eine grundlegende Revision der Bundessteuergesetze. Es ist jetzt klar, daß Aufwendungen
für die Landesverteidigung und andere wesentliche Regierungskosten
auf einem Stand bleiben müssen, der weitere Steuersenkungen in diesem Jahr ausschließt. Obwohl also aus diesem Grunde die Verbrauchsund Körperschaftssteüer in der augenblicklichen Höhe beibehalten
werden, werden weitere Steuersenkungen dann statthaft sein, wenn
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wenn sie auf Grund niedrigerer Aufwendungen und erhöhter Staatseinnahmen infolge einer allgemeinen Wirtschaftsausweitung gerechtfertigt erscheinen. Ich bin durchaus zuversichtlich, daß derartige
Senkungen im Laufe des nächsten Jahres verfügt werden können.
Von grundlegender Bedeutung für eine Expansion unserer Wirt»schaft sind die Rohstoffe und Energien, die wir aus unseren Bodenschätzen, Kohle- und Ölvorkommen, dem Boden und den Wäldern und
unseren Wasserreserven gewinnen. In diesem Zusammenhang bin ich
der Auffassung, daß wir drei Prinzipien beachten müssen:
1. Wir müssen die natürlichen Hilfsquellen von Generation zu
Generation mit Klugheit nutzen und schützen; 2. wir müssen an
der Tradition festhalten, daß die Erschließung dieser Hilfsquellen
bei fairen gesetzlichen Bestimmungen einschließlich entsprechender Verordnungen zu ihrer Erhaltung in erster Linie Sache des privaten Bürgers ist; und 3« müssen wir die Erschließung dieser Hilfsquellen als ein Gemeinschaftsunternehmen betrachten - ein Gemeinschaftsunternehmen, bei dem die Beteiligung der Bürger und der
einzelstaatlichen und kommunalen Behörden ebenso wichtig ist wie
eine Mitarbeit der Bundesregierung.
Liese Politik der Partnerschaft und der Zusammenarbeit zeitigt
gute Ergebnisse, die sich im Hinblick auf unsere Wasserwirtschaft
besonders bemerkbar machen. Erstens wurden dadurch örtliche Gremien
der öffentlichen Hand und private Bürger ermutigt, den Bau eigener Kraftwerke zu planen. Lie immer größer werdende Zahl der an das
Bundesamt für Energiewirtschaft gerichteten Gesuche um Durchführung von Vermessungen und Ausarbeitung von Plänen für Kraftwerke,
besonders im Stromgebiet des Columbia-Flusses, sind ein deutlicher
Beweis für den Anklang, den diese Politik bei der Bevölkerung
gefunden hat.
Zweitens sind sowohl die Bundesregierung als auch örtliche und
private Organisationen dadurch angeregt worden, ihre Kraftwerkprojekte zu koordinieren. Dies ist darum wichtig, weil die Wasserkraftwerke der Bundesregierung nur einen kleinen Teil des Energiebedarfs unseres Landes zu decken vermögen. Derartige gemeinsame Projekte wie »Priest Rapids' im Staate Washington, das Projekt am Coosa-Pluß in Alabama und 'Markham Ferry' in Oklahoma i
sind bereits vom Kongreß bewilligt worden. Auch in diesem Jahr
wird die Regierung den Bau ähnlicher Projekte, die nachweislich
notwendig sind, unterstützen.
Drittens muß die Bundesregierung ihren Verpflichtungen als
Partner nachkommen, indem sie Projekte übernimmt, deren Ausmaß
und Komplexität dies erfordern, wenn sie erfolgreich sein sollen.
Gemäß diesem Grundsatz ersuche ich den Kongreß nochmals dringend,
den Bau der Talsperre am Oberlauf des Colorado-Flusses zu genehmigen, die dazu dienen soll, die für die zukünftige Entwicklung
des Westens so kostbaren Wasserreserven zu erhalten und besser
zu nutzen.
Darüber hinaus werde ich im Haushaltsvorschlag für 1956 die
Bereitstellung von Mitteln für die Inangriffnahme von sechs neuen
Wiederurbarmachungsprojekten und für über dreißig Vorhaben verschiedenen Ausmaßes des Pionierkorps empfehlen. Daneben werden die
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die Arbeiten an laufenden Projekten und die Untersuchungen über
die Erschließung neuer Hilfsquellen weitergeführt.
Wenngleich die Inangriffnahme dieser Probleme auf der Basis
der Partnerschaft ermutigende Ergebnisse zeitigt, so hängt ein
restloser Erfolg dennoch von einer das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten umfassenden Wasserwirtschaftspolitik ab, die "fest in
entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen verankert sein muß. Ein
derartiges Programm wird gegenwärtig ausgearbeitet und nach seiner
Fertigstellung dem Kongreß unterbreitet werden.
Im Interesse einer zweckmäßigen Bewirtschaftung, Erschließung
und Verwendung unserer Wasserreserven werden wir auch weiterhin
Fragen der Fischerei, der Wildhege, der Pflege der Nationalparks
sowie der Bewirtschaftung der Staatsforsten und öffentlichen
Ländereien .
i erhöhte Aufmerksamkeit schenken. Wir werden
ferner eine geordnete Erschließung der Mineralvorkommen unseres
Landes fördern.
Weiter ist ein modernes und leistungsfähiges Straßennetz
erforderlich, um den Bedürfnissen unserer ständig wachsenden
Bevölkerung, unserer expandierenden Wirtschaft und unserer nationalen Sicherheit gerecht werden zu können.
Wir intensivieren jetzt unser Programm für die Verbesserung
der Autostraßen, so schnell dies bei den gegenwärtigen Gesetzen
und Veroidnungen der Einzelstaaten und des Bundes möglich ist. Jedoch wird dies allein nicht genügen, um ein ausreichendes Autostraßennetz für unsere Bevölkerung zu gewährleisten. Auf meine
Empfehlung hin ist dieses Problem auf der Konferenz der Staatsgouverneure und in einem aus führenden Bürgern zusammengesetzten
Sonderberatungsausschuß für das Straßenbauwesen sorgfältig erörtert worden. Ich habe die Empfehlungen der Gouverneurskonferenz
erhalten und werde in Kürze die Ansichten des Beratungsausschusses
hören. Unter Berücksichtigung dieser Berichte werde ich dem Kongreß am 27. Januar ausführliche Empfehlungen hierüber unterbreiten,
die unseren dringendsten Bedürfnissen im Hinblick auf den Straßenbau in den USA Rechnung tragen.
In der weiteren Erkenntnis der Bedeutung, die die Transportverhältnisse für unsere wirtschaftliche Stärke und Sicherheit
besitzt, ist ein Kabinettsausschuß der Regierung gegenwärtig
mit der sorgfältigen Überprüfung der bestehenden Vorschriften
und Richtlinien des Bundestransportwesens beschäftigt, um ihre
Zulänglichkeit für die Erfordernisse des Verkehrs zu prüfen.
Dieses ist die erste derartige umfassende Überprüfung, die in
unserer Zeit von der Regierung direkt vorgenommen worden ist.
Wir untersuchen nicht nur die wesentlichen Probleme, denen sich
die verschiedenen Transportbranchen gegenübersehen, sondern wir
prüfen auch genau die Wechselbeziehungen, die auf dem Verkehrssektor zwischen dem privaten und staatlichen Bedarf bestehen.
Unsere gesetzlichen Empfehlungen zielen auf eine Korrektur der
Mängel ab, die wir möglicherweise feststellen.
Für die Arbeiten der öffentlichen Hand sind äußerst umfangreiche Projekte vorgesehen. Für die Erschließung von Boden-, Wasser-

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Wasser- und anderen Reserven, für Flußregulierungen sowie Verbesserungen von Navigation und Hafenanlagen, den Bau von Straßen,
Schulen, städtischen Wasserversorgungs- sowie Müllverwertungsanlagen für Abfälle von Haushaltungen und der Industrie werden im
Jahr 1955 über 12 Milliarden Dollar aufgewendet werden. Viele der
für diese Dienste verantwortlichen Bundes-, Staats- und Kommunalbehörden leisten, jede auf ihrem Sachgebiet, beste Arbeit. Aber
die Projekte der öffentlichen Hand stehen untereinander in enger
Beziehung und nehmen beträchtlichen Einfluß auf die Entwicklung
des Landes.
überdies können die in Zeiten drohender Wirtschaftsabschwächung eine wertvolle Stützkraft darstellen. Um dies zu erreichen,
verlangt eine wirksame Planung und Durchführung der Vorhaben der
öffentlichen Hand sowohl die Abstimmung der Tätigkeit des Bundes
als auch die Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten
und der Gemeindebehörden.
Der Bundeswirtschaftsrat hat durch sein Planungsreferat für
öffentliche Vorhaben während des vergangenen Jahres wesentliche
Portschritte im Hinblick auf eine wirksame Gestaltung dieser Abstimmung und Zusammenarbeit machen können. Angesichts dieser
Anfangserfolge, und um diese Koordinierung noch weiter zu treiben
und kontinuierlicher zu gestalten, werde ich den Kongreß um die
Bewilligung von Mitteln zur Schaffung eines Koordinationsamtes
für öffentliche Vorhaben innerhalb des Präsidialamtes ersuchen-.
Ein außerordentlich wichtiges Element in unserer expandierenden Wirtschaft ist eine stabile, blühende und freie Landwirtschaft. Die Probleme unserer Landwirtschaft haben sich in vielen
Jahren langsam entwickelt und lassen sich nicht über Nacht lösen.
Dennoch darf man auf Grund der Maßnahmen der Regierung während
des vergangenen Jahres hoffen, daß ein besseres Gleichgewicht
zwischen Produktion und Märkten hergestellt werden konnte und
unsere Farmer damit ein erhöhtes und stabileres Einkommen erwarten dürfen.
Dank einer aktiven Verwaltung und neuer gesetzlicher Regelungen des 83. Kongresses können die überschüssigen Agrarprodukte
nun dem Verbrauch zugänglich gemacht werden. Von Februar 1953
bis November 1954 konnte der Bestand der von der Regierung verwalteten überschüssigen Agrarprodukte dadurch verringert werden,
daß Güter im Werte von über 2,3 Milliarden Dollar dem Verbrauch
zugeführt wurden. Dieser Betrag kommt etwa sieben Prozent des
Wertes der landwirtschaftlichen Jahresproduktion gleich. Der
Binnenkonsum hat nach wie vor einen hohen Stand, und die Ausfuhr
landwirtschaftlicher Produkte dürfte höher liegen als im vorigen
Jahr. Infolge der größeren Flexibilität, die uns das Landwirtschaftsgesetz des Jahres 1954 brachte, kann der restriktive
Charakter der Anbauquoten nunmehr gemildert werden.
Auf diese Weise hat sich die landwirtschaftliche Produktion
allmählich der Marktlage angepaßt, die Märkte wurden erweitert
und Vorräte dem Konsum zugeführt. Wir dürfen nunmehr einer Zeit
entgegensehen, in der jene die Preise für landwirtschaftliche
Produkte drückenden Einflüsse in ihrer Wirksamkeit beschränkt, die
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die Aufwendungen der Regierung für überschüssige Agrarprodukte
reduziert und die Eingriffe der Bundesbehörden in das Leben und
die Pläne des amerikanischen Farmers immer weniger fühlbar werden. Die landwirtschaftlichen Programme wurden so umgearbeitet,
daß sie eine bessere Ausgeglichenheit, größere Stabilität und
gesunde, dauerhafte Prosperität sichern. Wir gehen den rechten
Weg. Ich empfehle daher dem Kongreß dringend, auf diesem einmal
eingeschlagenen Pfad entschlossen fortzuschreiten.
Wir müssen uns jedoch eingehender mit den Nöten derjenigen
Farmer befassen, die ein kleineres Einkommen haben. 28 Prozent
der amerikanischen Farmer haben ein Netto-Bareinkommen von weniger
als 1 000 Dollar jährlich. Im vergangenen Jahr wurden auf meine
Anregung hin eingehende Untersuchungen über die Probleme dieser
Farmer angestellt. Ich werde später eingehende Empfehlungen unterbreiten, durch die die dringlichsten Probleme dieses Teiles unserer Bevölkerung behoben werden können.
Da Dürrezeiten für die Landwirtschaft nach wie vor ein großes Problem darstellen, werde ich der Legislative empfehlen, die
Katastrophenhilfsprogramme der Bundesregierung auszubauen. Die
entsprechenden gesetzgeberischen Maßnahmen werden bessere Methoden
zur Ermittlung des Umfangs der erforderlichen Hilfe und zur besseren Angleichung der verschiedenen Programme an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten, sowie eine gerechtere Aufteilung der Kosten
zwischen den Einzelstaaten und der Bundesregierung vorsehen.
Eine unerläßliche Voraussetzung für die Erhaltung unserer wirtschaftlichen Stärke ist das Gedeihen der kleinen Betriebe. Die
Schaffung des Amtes zur Förderung der Kleinbetriebe und die kürzlich erlassenen Steuergesetze, die die Errichtung von Kleinbetrieben erleichtern, sind nur zwei der vielen wichtigen Maßnahmen, die
wir im Interesse unserer Kleinunternehmer ergriffen haben. Ich
empfehle daher eine Verlängerung des 1953 vom Kongreß beschlossenen •Small Business Act', - Gesetz zur Förderung der Kleinbetriebe - das am 11. Juni dieses Jahres abläuft.
Ich komme nunmehr zur dritten großen Aufgabe, die sich die
Regierung gestellt hat - die Sorge um Gesundheit, Leistungskraft
und Wohlbefinden des Volkes.
Jeder Bürger unseres Landes hat den Wunsch, seine ihm von
Gott gegebenen Talente und Fähigkeiten voll zu entfalten und die
ihm gemäß unseren religiösen und politischen Traditionen zustehende
Anerkennung und Achtung zu genießen. Die Amerikaner verlangen auch
in materieller Hinsicht einen guten Lebensstandard - das heißt, sie
wollen nicht nur Besitz ansammeln, sondern ihre berechtigten Ansprüche auf Verhältnisse zufriedenstellen, die es ihren Angehörigen ermöglichen, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen.
Unser Volk hat es sich daher zur Pflicht gemacht, jedem Bürger
die Möglichkeit zu schaffen und zu erhalten, ein lobenswertes
Leben zu führen. Ebenso haben es sich die Amerikaner zur Pflicht
gemacht, Unglück und Not ihrer Mitmenschen zu lindern.
Die meisten Angehörigen unseres Volkes können ihre Wünsche
am besten durch eigene Initiative und eigenes Handeln, ohne Eingreifen des Staates erfüllen. Die Regierung befolgt daher zwei
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zwei einfache Regeln: 1. Die Bundesregierung soll nur dann wichtige Aufgaben übernehmen, wenn diese auf andere Weise nicht entsprechend zu lösen sind; und 2. soll die Regierung bei der Erfüllung dieser Aufgaben nicht die Selbstachtung, die Freiheit und
Initiative des Einzelnen verletzten oder beeinträchtigen. Solange
diese beiden Regeln befolgt werden, kann die Regierung ihren
Verpflichtungen uneingeschränkt nachkommen, ohne dadurch das Volk
in Abhängigkeit zu bringen oder eine übermächtige Bürokratie zu
schaffen.
Was dieses Aufgabengebiet der Regierung angeht, wurden im
Laufe der beiden letzten Jahre bemerkenswerte Portschritte erzielt.
Die Altersversicherung und die Hinterbliebenenrenten wurden auf
weitere zehn Millionen Menschen ausgedehnt, und die Versicherungssätze beträchtlich erhöht. Durch den Erlaß entsprechender Gesetze
wurden weitere vier Millionen Amerikaner in die Arbeitslosenversicherung einbezogen. Da die Lebenshaltungskosten stabil gehalten
und den inflationistischen Tendenzen Einhalt geboten werden konnte,
ist es gelungen, den vollen Wert der Renten und Ersparnisse zu
sichern. Mit Hilfe eines umfassenden Bauprogramms schaffen wir
für die große Mehrheit unseres Volkes gute Wohnungen zu erschwinglichen Mieten. Gemeinsam mit den Einzelstaaten errichten wir
Stätten zur beruflichen Umschulung, mehr Kliniken, Krankenhäuser
und Erholungsheime für Patienten, die an chronischen Krankheiten
leiden. Desgleichen haben wir gemeinsam mit den Einzelstaaten das
Programm zur Wiedereingliederung der Körperbehinderten in den
Produktionsprozeß weitgehend und mit Erfolg ausgebaut und diesen
damit zu einem sinnvollen und nützlichen Leben verholfen, Soweit
das in den Aufgabenbereich der Bundesregierung fällt, haben wir
durch die Abschaffung diskriminierender Praktiken auf Grund der
Rasse oder Hautfarbe epochemachende Portschritte erzielt.
Wir alle dürfen auf das in den letzten beiden Jahren Erreichte
stolz sein. Aber noch bleibt der Bundesregierung Wichtiges zu
tun.
Als Teil unserer Bemühungen, anständige, solide und gesunde
Wohnungen für Familien mit niedrigem Einkommen zu beschaffen,
müssen wir das vom 83. Kongreß genehmigte Wohnungsbauprogramm
durchführen. In jedem der zwei nächsten Haushaltsjahre müssen
wir ferner die Befugnis zum Abschluß von Kontrakten zum Bau von
35 000 weiteren Wohnungseinheiten im Rahmen eines festen öffentlichen Wohnungsbauprogramms erteilen. Mit diesem Programm kommen
wir den dringendsten Verpflichtungen der Bundesregierung bis zum
Haushaltsjahr 1958 bei der Planung und Durchführung des öffentlichen Wohnungsbaus nach. Bis dahin wird die private Bauwirtschaft, unterstützt durch das Wohnungsbaugesetz von 1954, Gelegenheit gehabt haben, ihre Aufgabe voll zu erfüllen, für die
Familien mit niederem Einkommen angemessene Wohnungen zu beschaffen.
Die Gesundheit unseres Volkes ist eines unserer kostbarsten
Güter. Krankheiten, die sich vermeiden lassen, müssen vermieden
werden, und von unseren Kenntnissen, die wir über die Bekämpfung
von Krankheiten und Arbeitsunfähigkeit besitzen, muß voll Gebrauch

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Gebrauch gemacht werden. Denn sonst würde uns als Volk die Schuld
treffen, nicht nur nicht das menschliche Leiden gelindert, sondern auch unsere nationale Kraft vergeudet zu haben.
Die in der ärztlichen Betreuung erzielten Portschritte kommen nicht genügend den Bürgern unseres Landes zugute. Es ist
klar, daß unser Volk größere Anstrengungen machen muß, um das
Ausmaß von Unfällen und Krankheiten zu reduzieren. Wir stehen
zwei grundsätzlichen Problemen gegenüber, nämlich erstens, den
hohen und immer noch steigenden Kosten deB Gesundheitsdienstes,
und zweitens, den ernsten Unzulänglichkeiten und Mängeln, die
in diesem Dienste vorhanden sind.
Am 24. Januar werde ich in einer Sonderbotschaft an den
Kongreß ein koordiniertes Programm zur Stärkung und Verbesserung
des bestehenden Gesundheitsdienstes vorschlagen. In diesem Programm werde ich wiederum eine verstaatlichte Krankenfüraorge
ablehnen. Ich werde dabei die Verantwortlichkeit hervorheben,
die der Einzelne und die örtlichen Behörden zu tragen haben.
Im Rahmen dieses Programms wird die Bundesregierung weder Befehle erteilen, noch die Richtung weisen, sondern lediglich ein
hilfreicher Partner sein. In diesem Rahmen kann das Programm
umfangreich sein.
Meine Empfehlungen werden eine Bundeskrankenrückversicherungs
anstalt enthalten, um die Entwicklung von weiteren und besseren
freiwilligen Krankenversicherungen privater Organisationen zu
fördern. Ich werde ferner Maßnahmen zur Verbesserung der ärztlichen Betreuung jener Gruppe unserer Mitbürger empfehlen, die weil sie sich in einer Notlage befinden - aus öffentlichen Mitteln des Bundes und der Bundesstaaten unterstützt werden. Diese
beiden Vorschläge sollen dazu beitragen, einem größeren Kreis
unserer Mitbürger zu helfen, die Kosten des Gesundheitsdienstes
zu decken.
Um die Mängel im Gesundheitsdienst zu beseitigen, werde ich
empfehlen:
Neue Maßnahmen, die die Schaffung der notwendigen Einrichtungen für das Gesundheitswesen erleichtern und dazu beitragen
sollen, den Mangel an ausgebildetem Personal im Gesundheitsdienst
zu beheben; energische Schritte zur Bekämpfung der Not und der
Belastung, die der Nation durch die Fürsorge für die Geisteskranken erwachsen} verbesserte Fürsorge für verkrüppelte Kinder
sowie für Mütter und Kinder im allgemeinen} einen besseren Schutz
des Verbrauchers im Rahmen der bestehenden Lebens-» und Arzneimittelgesetze} und schließlich energische Programme zur Bekämpfung
der ständig wachsenden Verschmutzung unserer Binnenwässer und
der zunehmenden Verschmutzung der Luft•
Diese Maßnahmen stellen in ihrer Gesamtheit ein umfangreiches
Programm dar, das eine erhebliche Verbesserung des Gesundheitsstandes unseres ganzen Volkes verspricht.
Die

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Die Erweiterung uns°rer Sozialversicherung im vergangenen Jahr
zusammen mit unserem neuen Programm einer verbesserten ärztlichen
Betreuung für öffentliche Wohlfahrtsempfänger lassen eine Abänderung der Bestimmungen über den Bundesanteil bei den Leistungen
der Altersversorgung notwendig erscheinen. Ich empfehle die Modifizierung der Bestimmungen für Fälle, in denen solche Leistungen zukünftig Unterstützungen ergänzen würden, die im Rahmen der Altersversorgung und der Hinterbliebenenfürsorge gewährt werden.
Eines der unveräußerlichen Rechte, die jeder Mensch von Kindheit an besitzt, ist das Recht auf Bildung. In unserer Gesellschaft
hat dieses Recht eine besondere Bedeutung, denn die Erziehung und
Bildung aller unserer Bürger ist eine Grundvoraussetzung für die
Erhaltung und Stärkung der freien Institutionen Amerikas.
Wir sehen uns heute schweren pädagogischen Problemen gegenüber. Eine wirksame und aktuelle Analyse dieser Probleme sowie
Vorschläge für ihre Lösung werden von den Konferenzen der einzelnen
Bundesstaaten sowie auf der Konferenz im Weißen Haus vorbereitet,
die dieses Jahr zum Abschluß kommen soll.
Jedoch haben solche Faktoren wie das rasche Anwachsen der Bevölkerung, die Erweiterung der Verantwortungsbereiche der Schulen,
ein zahlenmäßig stärkerer und zeitmäßig verlängerter Schulbesuch
zu einer Schulraumnot von bisher noch nicht dagewesenem Ausmaß
geführt. Diese Schulraumnot ist ein Problem, das unser ganzes
Volk angeht. Wir müssen jetzt unverzüglich positive Maßnahmen
treffen.
Ohne in irgendeiner Weise die Verantwortungsbereiche der Einzelstaaten, Gemeinden, Landgemeinden oder Familien einschränken
zu wollen, kann und muß die Bundesregierung ein wirksamer Helfer
bei der Erörterung dieser Probleme sein. Ich werde dem Kongreß am
15. Februar eine Sonderbotschaft unterbreiten, in der ein positives
Programm zur Bekämpfung der Schulraumnot entwickelt werden wird.
Um die Staaten in die Lage zu versetzen, ihren Aufgaben besser
und fristgemäßer gerecht zu werden, müssen wir ihnen helfen, ihre
Möglichkeiten zur Verhütung und Bekämpfung der Jugendkriminalität
auszuweiten. Ich werde entsprechende gesetzgeberische Maßnahmen
des Bundes vorschlagen, um die Einzelstaaten in ihren Bemühungen
zu unterstützen, zu einem gemeinsamen Vorgehen in der Behandlung
dieses in allen Teilen des Landes gegebenen Problems zu gelangen.
Ich werde des weiteren die tatkräftigen Bemühungen der Regierung
unterstützen, die internationale Kontrolle de3 Rauschgifthandels
zu verbessern und in Zusammenarbeit mit den Behörden der Einzelstaaten und der Gemeinden die Rauschgiftsucht in unserem Lande zu
bekämpfen.
Ich möchte nunmehr auf weitere Angelegenheiten zu sprechen
kommen, die für das gesamte Volk und insbesondere für die Arbeitnehmer von Bedeutung sind.
Während des vergangenen Jahres haben gewisse Fluktuierungen
in der Industrie und die Rückkehr zu einer friedensmäßigen Wirtschaft an verschiedenen Orten und in einigen Industriezweigen zu
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zu Arbeitslosigkeit und anderen Schwierigkeiten geführt. Diesen
Problemen gilt unser besonderes Augenmerk. Die Arbeitsmöglichkeitenwaren für die überwiegende Mehrheit unserer arbeitenden
Bevölkerung im vergangenen Jahr durchaus gut. Darüber hinaus sind
die Einkünfte und Ersparnisse unserer arbeitenden Bevölkerung
hinsichtlich ihrer Kaufkraft nicht mehr länger einer Wertminderung
ausgesetzt. Auf Grund der vom Geiste der Zusammenarbeit getragenen Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wurden im
Jahr 1954 weniger Arbeitstage durch Streiks verloren als in irgendeinem anderen Jahr während des letzten Jahrzehnts.
Die Situation der Arbeitnehmer kann durch verschiedene legislative Maßnahmen noch weit hoffnungsvoller gestaltet werden.
1. In den vergangenen fünf Jahren haben wir eine Ausweitung
der Wirtschaft erlebt, die eine Erhöhung der Mindest löhne im
Bundesdienst rechtfertigt. Im Lichte der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse empfehle ich ihre Steigerung auf 90 Cent pro
Stunde. Ich empfehle ferner, daß der Schutz eines garantierten
Mindestlohns auch auf andere Personen, die von der gegenwärtigen
Regelung ausgeschlossen sind, ausgedehnt wird.
2. Ich wiederhole meine bereits im vergangenen Jahr vorgebrachte Empfehlung bezüglich einer Abänderung des Gesetzes über
die Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen vom Jahre 1947, damit
es den grundlegenden Zielen dieser gesetzgeberischen Maßnahme
noch besser zu dienen vermag. Ich lenke die Aufmerksamkeit des
Kongresses besonders auf jene Zusatzartikel, die das Recht der
aus wirtschaftlichen Gründen in den Streik getretenen Arbeitnehmer behandeln, ihre Interessenvertretung durch Abstimmung, zu
benennen. Ich verweise ferner auf die Notwendigkeit, die nach
dem Gesetz gegebene Verpflichtung zur Abgabe einer Erklärung darüber, daß keinerlei kommunistische Bindungen bestehen, auf alle
Betroffenen auszudehnen.
3. Die Regierung wird weitere wichtige Gesetzesvorschläge
unterbreiten, die unter anderem Unfallverhütungsmaßnahmen im
Betrieb, die Sozialversicherung der Schauerleute und Hafenarbeiter und die 'Achtstundengesetze' betreffen, die auf Kontraktfirmen der Bundesregierung Anwendung finden. Wir werden ferner
gesetzgeberische Maßnahmen bezüglich der Invaliditätsversicherung
außerhalb des Berufs und bezüglich der Arbeitslosenversicherung
im Distrikt Columbia unterbreiten.
Bei der Fürsorge um den Menschen muß die Bundesregierung sich
besonders um die in ihren Diensten stehenden Personen bemühen.
Am 11. Januar werde ich eine Gehaltsanpassung für Zivilangestellte
des Bundes, mit Ausnahme der Postangestellten, in Vorschlag
bringen, um bestehende Ungleichheiten zu beseitigen und die Gehälter aufzubessern, sowie die Gründung einer freiwilligen Krankenversicherung auf Leistungsbasis für Bundesangestellte und ihre
Angehörigen empfehlen.
In Übereinstimmung mit dem vom 83. Kongreß verabschiedeten
Gesetz über Gruppen-Lebensversicherungen sollte dieser Schutz
unter Zugrundelegung des Prinzips der Gruppenversicherung gewährt
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gewährt und von privaten Institutionen erworben werden desgleichen
werde ich am 11. Januar eine neue Gehalts- und Lohnordhung sowie
eine Gehalts- und Lohnerhöhung für Postangestellte unterbreiten.
Als Teil dieses'Programmes, und um das große jährliche Defizit
des Postbetriebes auszugleichen, werde ich erneut um eine Erhöhung der Posttarife und -Gebühren ersuchen. Ich erneuere
meine Bitte, die Pestsetzung der Posttarife und -Gebühren einer
unabhängigen, unparteiischen Behörde zu überlassen.
Des weiteren werden angemessene Ausbildungsprogramme gefordert, um Beamte des Bundesdienstes mit dem für einen verbesserten
öffentlichen Dienst notwendigen Rüstzeug zu versehen, sowie Verbesserungen der Gesetze, die die im Auslande für die Bundesregierung tätigen Angestellten betreffen.
^
Die im Falle der Hinterbliebenen-, Invaliditäts- und Altersversorgungsleistungen für Bundesbedienstete und Angehörige der
Streitkräfte erforderlichen Verbesserungen wurden durch den Ausschuß für Fragen der Pensionierung der Bundesbediensteten eingehend erörtert. Die Vorschläge des Ausschusses würden die Leistungen für die im ständigen Bundesdienst stehenden Personen erheblich verbessern und erweitern; ich selbst heiße ihre weitgesteckten Ziele gut. Sämtliche Bundesbedienstete sollten, genau
wie in der privaten Industrie, in die Beitragspflicht zur Altersund Hinterbliebenenversicherung einbezogen werden. Für die Berufssoldaten wäre der Schutz einer Alters- und Hinterbliebenenversicherung eine wichtige und seit langem notwendige Ergänzung insbesondere ihrer gegenwärtig sehr ungleichmäßigen und unzureichenden Hinterbliebenenversorgung. Das Pensionssystem der bewaffneten
Streitkräfte sollte getrennt davon und in der alten Form beibehalten werden. Im Falle des Pensionssystems für Zivilangestellte
werden gewisse Angleichungen notwendig sein, um auch hier den
mit der Alters- und Hinterbliebenenversicherung gewährten zusätzlichen Schutz wirksam werden zu lassen. Diese Systeme sind jedoch
ein fester Bestandteil unserer gesamten Sozialversicherung und
sollten getrennt und unabhängig voneinander beibehalten werden.
Ich fordere den Kongreß ferner auf, der längst überfälligen
Erhöhung der Gehälter der Angehörigen des Kongresses und des
BundesJustizwesens zuzustimmen, damit sie eine Höhe erreichen,
die der Verantwortung entspricht, die diese Menschen zu tragen
haben.
Da wir an jedem einzelnen Bürger unseres Landes interessiert
sind, müssen wir uns noch mit einigen weiteren Fragen beschäftigen.
Wir müssen unseren indianischen Bürgern auch weiterhin helfen,
ihr Los zu verbessern und ihren vollen Beitrag zum Leben unseres
Volkes zu leisten.
Vor zwei Jahren machte ich den Kongreß auf gewisse durch
die bestehenden Einwanderungsgesetze bedingte Ungerechtigkeiten
aufmerksam. Durch eine humane Handhabung der Bestimmungen seitens
der Verwaltung tut das Justizministerium alles im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften mögliche, um Härten zu vermeiden. So ist
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ist man dazu übergegangen, Vergangenheit und Lebensumstände der
Ausländer vor ihrer Ankunft in den USA zu klären, und mit Ausnahme
von Gesetzesbrechern werden Ausländer, die auf ihre Einreise in
die USA oder auf ihre Ausweisung warten, nicht sehr inhaftiert.
Gewisse gesetzliche Vorschriften machen jedoch Maßnahmen hinsichtlich von Ausländern erforderlich, die in einigen Fällen ungerecht,
in anderen diskriminierender Natur sind.Diese Bestimmungen sollten
in der kommenden Sitzungsperiode des Kongresses koorigiert werden.
Da sich die verwickelten Probleme bezüglich Alaskas allmählich ihrer Lösung nähern, sollte dieses Gebiet darauf rechnen
dürfen, den Status eines Einzelstaates zu erreichen. Inzwischen
sollte es keinerlei Grund geben, Hawaii die Zulassung als Staat
der Union weiter vorzuenthalten. Ich empfehle abermals dringend,
diesen Schritt zu billigen.
In dreifacher Hinsicht bietet sich uns eine glänzende Gelegenheit, unsere feste Überzeugung unter Beweis zu stellen, daß jedem Bürger das Stimmrecht zusteht. Erstens empfehle ich abermals
dringend, den Einzelstaäten einen Verfassungszusatz über die Herabsetzung des Wahlmindestalters für Bundeswahlen vorzulegen. Zweitens
wiederhole ich meine Forderung, den Grundsatz der Selbstverwaltung
auch auf die Bürger des •District of Columbia1 auszudehnen und ihnen das Stimmrecht zuzubilligen. Drittens empfehle ich erneut,
daß wir gemeinsam mit den Einzelstaaten vorgehen, um den im Dienste
der Nation in überseeischen Gebieten tätigen Bürgern unseres Landes ihr Stimmrecht zu erhalten.
Da wir entschlossen sind, all jenen, die ihrer höchsten Bürgerpflicht genügten, die Treue zu halten, überprüfen wir zur Zeit
das Programm zur Versorgung der ehemaligen Kriegsteilnehmer und
der Hinterbliebenen, Wir werden Untersuchungen darüber anstellen,
wie weit und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um den auf zwei
Jahre zum Wehrdienst eingezogenen Männern die Wiedereingliederung
in das zivile Leben zu erleichtern.
Bei der Förderung der vielen Lebensbereiche, die unserer
Kultur Bestand verleihen und Lebenskraft geben, sollte die Bundesregierung mehr tun, um die Wichtigkeit der Künste und anderen kulturellen Tätigkeiten offiziell anzuerkennen. Ich werde die Gründung eines Bundesbeirates für Kunst innerhalb des Ministeriums für
Gesundheit, Erziehung und Soziale Fragen beantragen, der die Bundesregierung darüber beraten soll, wie künstlerische Betätigung
und Kunstverständnis am besten gefördert werden können. Ich werde
ferner die Schaffung von Verdienstauszeichnungen vorschlagen, damit wir jene Bürger Amerikas ehren können, die einen wesentlichen
Beitrag zur Förderung unserer Kultur leisten.
Jeder Bürger erwartet zu Recht eine wirtschaftliche und sparsame Verwaltung der von mir heute dargelegten vielen Regierungsprogramme. Ich empfehle die Verlängerung des Gesetzes über die
Neuordnung der Exekutive sowie des Gesetzes über die Gründung der
Kommission über die Beziehungen zwischen den Verwaltungen in den
Vereinigten Staaten. Beide Gesetze laufen in diesem Frühjahr ab.
Auf diese Weise würde der Kongreß .eine Garantie dafür bieten, daß

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daß die in jüngster Zeit gemachten guten Fortschritte bei der Neuordnung des Aufbaues der Regierung und des Verwaltungsapparates
auch in Zukunft anhalten werden. In diesem Zusammenhang sei gesagt, daß wir den Berichten der Kommission über die Organisation
der Exekutive, die dem Kongreß in Kürze zugehen werden, mit großem Interesse entgegensehen. Ich bin gewiß, daß diese unter Anleitung des ehemaligen Präsidenten Herbert Hoover in Zusammenarbeit mit mehr als 200 hervorragenden amerikanischen Bürgern durchgeführten Studien von besonderem Wert sein werden, den Weg für ein
rationelleres und wirtschaftlicheres Arbeiten des Regierungsapparates zu ebnen.
Und nunmehr kehre ich zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen
zurück - zum Glauben unseres Volkes.
Die vorstehend umrissenen Programme werden meiner Meinung
nach all seinen Bedürfnissen, seinen Interessen und Wünschen
vollauf gerecht. Welche Verpflichtungen uns daraus erwachsen,
ist klar - nämlich»
Wir müssen uns ernsthaft, geduldig und Gläubig um Frieden,
Freiheit, und Gerechtigkeit in aller Welt bemühen;
Wir müssen unsere Wirtschaft stark und unabhängig erhalten,
damit die Bürger unseres Landes ein erfüllteres, glücklicheres
Leben führen können;
wir müssen unsere Regierung nicht nur durch Worte, sondern
durch Taten in ihrem Entschluß bestärken, daß jeder Bürger die
Möglichkeit haben soll, seine Fähigkeiten voll zu entfalten.
Wenn wir all dies tun, so liegt eine Zukunft, reich an Möglichkeiten und Verheißungen, vor uns. Diese Zukunft ist uns gewiß,
wenn wir heute die Geduld, den Mut und den Glauben an das Morgen
lebendig erhalten - den tiefen Glauben der Millionen Menschen, die
in der Vergangenheit diese unsere Nation schufen und erhielten.
Vor einem Jahrzehnt, inmitten Tod und Verzweiflung der
Schlachtfelder Europas, sah ich den Mut und die Entschlossenheit,
fühlte ich die Begeisterung der Jugend Amerikas. In diesen jungen
Männern sah ich die Verkörperung des strahlenden Vertrauens und
des unwiderstehlichen Tatendrangs Amerikas, In ihnen sah ich auch
ein andächtig-frommes- Amerika, das sich äemütig dem Willen Gottes
beugt.
Und so weiß ich aus tiefstem Herzen - und ich bin fest überzeugt, ganz Amerika teilt dieses Wissen -, daß ungeachtet aller
Ängste, die unsere geteilte Welt beherrschen, unser Glaube und die
Sache, an die wir alle glauben, dereinst den Sieg davontragen werden.
•

* » * #

�BOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER DIE US-AUSSENHANDELSPOLITIK
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower unterbreitete dem Kongreß am 10. Januar
1955 in einer detaillierten Botschaft seine Empfehlungen zur amerikanischen Außenhandelspolitik.
Die Botschaft des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut».
"Ich übermittle dem Kongreß hiermit meine Empfehlungen, die
darauf abzielen, die amerikanische Außenhandelspolitik weiter
auszubauen. Obwohl diese Vorschläge zu einem großen Teil auf der
Sonderbotschaft an den Kongreß vom 30. März 1954 basieren, so
sind sie doch das Ergebnis neuer Überlegungen.
Das wohlbegründete Selbstinteresse und das Wissen um die
Verantwortung, die wir als eine führende Nation innerhalb der
freien Welt tragen, erfordern ein Außenhandelsprogramm, das zur
Förderung der Wirtschaft der freien Welt durch eine umfassendere
Erschließung aller Möglichkeiten beiträgt, die Kräfte des freien
Unternehmertums und wettbewerbsfähigere Märkte zur vollen Entfaltung gelangen zu lassen. Schon unser eigenes Interesse verlangt ein solche« Programm, denn erstens ist die.wirtschaftliche
Stabilität unserer Verbündeten für unsere eigene Sicherheit
unerlässlich. Zweitens ist die Entwicklung der Wirtschaft in den
rueckstÄJddigen Gebieten zur Ausgleichung der internationalen
Instabilität infolge der erhöhten Verwundbarkeit dieser Gebiete
gegen eine kommunistische Infiltration und Unterwanderung unbedingt erforderlich und drittens würde ein vergrößertes Volumen
der Weltproduktion und des Welthandels mit eine Garantie dafür
bieten, daß unsere eigene Wirtschaft sich weiter expandiert und
der Lebensstandard in unserem eigenen Volke steigt.
"In dem die Welt umspannenden Ringen zwischen den Kräften
der Freiheit und.denen des Kommunismus haben wirftl£-2*l£lr'
Klarheit erkannt, daß die Sicherheit einer jeden einzelnen Nation
in der freien Welt von der Sicherheit aller anderen freien Nationen abhängig ist. Das Ausmaß dieser Sicherheit ist seinerseits
wieder von der wirtschaftlichen Stärke aller freien Nationen
abhängig, denn ohne wirtschaftliche Stärke können sie die militärischen Einrichtungen und Anlagen, die zur Abschreckung einer
bewaffneten kommunistischen Aggression notwendig sind, nicht
unterhalten. Wirtschaftliche Stärke ist in gleicher Weise unerläßlich, damit sich diese Staaten selbst gegen eine kommunistische Subversion im Innern sichern können.
In
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In Jedem Land der freien Äelt ist die wirtschaftliche
Stärke abhängig sowohl von einer regen Wirtschaftstätigkeit
im Inland als auch von einem lebhaften internationalen Handel.
Kein Volk kann wirtschaftlich völlig autark sein. Die einzelnen
Länder müssen von anderen kaufen, und um ihre Importe bezahlen
zu können, müssen sie selbst nach Warenabsatz trachten. Pur die
Sicherheit der Vereinigten Staaten und der übrigen freien .Welt
ist es notwendig, daß die USA die Initiative ergreifen, um ein
so hohes Handelsniveau zu erreichen, das allen Ländern die
wirtschaftliche Stärke gibt, von der die Freiheit und Sicherheit
aller abhängt.
Ein derartiges hohes Handelsniveau kann durch spezifische
Maßnahmen, wie sie hinsichtlich der Handelsschranken in dieser
Botschaft empfohlen werden, sowie durch Ausweitung des Kapitalverkehrs unter den Nationen der freien Welt, durch Konvertierbarmachung der Währungen, durch einen erweiterten Austausch technischer Informationen sowie Ausweitung des internationalen Reiseverkehrs gefördert werden.
In militärischer Hinsicht ist die Stärke unseres Landes durch
die Militärbündnisse der freien Nationen erhöht worden. Diese
Allianz der freien Welt wird nur dann stärker zusammengeschweißt
werden, wenn sie sich auf einem blühenden und gegenseitigen Handel
sowie gemeinsamen Ideä.en, Interessen und gemeinsamem Wollen aufbaut. Gegenseitiger Handel ist nicht nur gewinnbringend, sondern
auch bindender und dauerhafter als kostspielige Zuwendungen und
andere Formen der Unterstützung.
Zahlreiche, vom wirtschaftlichen Standpunkt aus abzulehnende,
künstlich errichtete Schranken gegen gewinnbringende Handelsbeziehungen und den freien Strom von Investitionen behindern die
Nationen der freien Welt heute noch an der vollen Entfaltung
ihres Wirtschaftspotentials. Welthandel und internationale Investitionen haben noch nicht den für die Produktion, den Arbeitseinsatz und das (Volks-)Einkommen erforderlichen Umfang erreicht.
Für große Gebiete besteht noch immer keine Konvertierbarkeit der
Währungen.
*ir und unsere Freunde,im Ausland müssen gemeinsam auf eine
Senkung der ungerechtfertigten Schranken füe-Handel und Investitionen hinarbeiten und wir müssen das auf der Basis der Gegenseitigkeit tun, damit die Vorteile allen yugutekommen.
Eine derartige Maßnahme würde unsere eigene Wirtschaft
stärken und dazu beitragen, unserem Volke einen steigenden Lebensstandard zu sichern, indem sie unserer Landwirtschaft, unserer
Industrie und unserem Bergbau neue Märkte erschließt.
Las hier von mir empfohlene Programm ist gemässigt, es sieht
eine Schrittweise Entwicklung vor und beruht auf Gegenseitigkeit.
Radikale oder plötzliche Senkungen des Zolltarifs würden nicht im
Interesse der Vereinigten Staaten liegen und würden uns nicht das
Ziel erreichen lassen, das wir uns gesetzt haben. Ein gemäßigtes
Programm kann jedoch zu der Sicherheit und dem Wohl der Vereinigten
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBBIT

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Vereinigten Staaten wie der übrigen freien Welt unermesslich
beitragen.
Ich beantrage eine dreijährige Verlängerung der Befugnisse
des Präsidenten, mit anderen Nationen Verhandlungen über einen
schrittweisen, selektiven und gegenseitigen Zollabbau zu führen.
Diese Ermächtigung würde Verhandlungen über eine Beseitigung der
Schranken gestatten, die gegenwartig die Märkte für unsere Waren
in der ganzen Welt einengen. Ich werde alle Länder, mit denen
wir Handel treiben, auffordern, in ihren Beziehungen untereinander ähnliche Maßnahmen zu ergreifen.
Die Verlängerung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen um drei Jahre müsste, un er Berücksichtigung der gegenwärtigen Gefahren und der Rücktrittsklauseln, zu folgendem ermächtigen* 1« Senkung der Zolltarife bestimmter Güter bis zu 5$
jährlich und über einen Zeitraum von drei Jahren auf dem "ft'ege
über multilaterale und gegenseitige Verhandlungen}; 2.Senkung
aller Zollsätze von mehr als 505t des Warenwertes auf diesen
Satz innerhalb von drei Jahren auf dem Wege über Multilaterale
und gegenseitige Verhandlungen? 3. Senkung aller am 1.Januar 1945
in Kraft befindlichen Zollsätze bei solchen Waren, die gegenwärtig überhaupt nicht oder nur in geringer Menge importiert
werden, innerhalb von drei Jahren bis zur Hälfte.
Das al lgemeine Zoll- und Handelsabkommen.
Seit etwa sieben Jahren bemühen sich die Vereinigten Staaten
in Zusammenarbeit mit allen grösseren Handelsnationen der freien
Welt um einen Abbau der Handelsschranken. In dieser gemeinsamen
Anstrengung haben wir uns des allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens bedient. Durch die Anwendung der Vorschriften dieses
Abkommens hat die Regierung der Vereinigten Staaten versucht,
Zweck und Bestimmungen des Gesetzes über den Abbau der Handelsschranken (Trade Agreements Act) zu erfüllen.
Die Vereinigten Staaten überarbeiten gegenwärtig zusammen
mit 33 anderen handeltreibenden Nationen die Bestimmungen dieses
Abkommens mit dem Ziele, es zu einem einfacheren, wirksameren
Instrument für die Entwicklung eines stabilen Welthandelssystems
zu machen. Wenn die gegenwärtig laufenden Verhandlungen über die
Revision der Bestimmungen bezüglich der Organisation des allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens zufriedenstellend abgeschlossen sind, wird der Kongreß die Ergebnisse zwecks Billigung zugeleitet erhalten.
Zollverwaltung und Zollverfahren.
Beachtliche Portschritte wurden dabei erzielt, den Importhandel von unnötigen zolltechnischen Verwaltungsmaßnahmen zu
befreien. Aber es bleibt noch eine ganze Menge auf den drei Gebieten zu tun, die ich bereits im vorigen Jahr in meiner Botschaft über die Außenhandelspolitik besonders erwähnte* 1) Ver-

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l) Vereinfachung des Klassifizierungsverfahrens, der Warenkategorien und der Zollsätze; 2) eine Verbesserung des Verfahrens zur
Werttaxierungj und 3) die weitere Verbesserung des Zollerhebungsverfahrens.
Der Kongreß traf im vergangenen Jahr eine Maßnahme, die einer
wesentlichen Fortschritt zur Vereinfachung des Zollverfahrens
brachte, als er das Gesetz über die Vereinfachung des Zollverfahr«
verabschiedete und damit die Bundeszollkommission anwies, die bei
der Klassifizierung der Importgüter auftretenden Schwierigkeiten
einer genauen Prüfung zu unterziehen. Der für den 15. März zu erwartende Zwischenbericht dieser Kommission sollte dem Kongreß eine
wesentliche Hilfe bei der Entscheidung darüber sein, ob weitere
gesetzgeberische Maßnahmen zu treffen sind oder bis zur ünterbreitung des Schlußberichtes gewartet werden soll.
Die Unsicherheit und die Verwirrung, die das komplizierte
System der Werttaxierung der eingeführten Güter mit sich bringt,
führen zu nicht wünschenswerten Verzögerungen in der Festsetzung
der Zölle. Ich fordere den Kongreß auf, die gesetzgeberischen Maßnahmen zur Änderung dieser Situation wohlwollend in Erwägung zu
ziehen.
Verbesserungen in der Handhabung der Zölle setzen ständige
diesbezügliche Bemühungen voraus, wie der Kongreß bereits bei der
Verabschiedung der Zollvereinfachungsgesetze aus den Jahren 1953
und 1954 festgestellt hat. Das Finanzministerium wird in seinem
Jahresbericht an den Kongreß die noch verbleibenden Anlässe für
Verzögerungen oder Schwierigkeiten in der Zollabfertigung von
eingeführten Waren aufführen und weitere technische Verbesserungs
vorschlage zur Vereinfachung unseres Zollverfahrens unterbreiten.
Amerikanische AuslandsinvestitJonen.
Die gesamte freie Welt braucht Kapital; Amerika kann hier
den größten Anteil stellen. In diesem Lichte gesehen, muss der
Kapitalfluss von den USA nach dem Ausland gefördert werden, und
zwar in einer Weise, daß die Investitionen von privaten Unternehmern, nicht aber von der Regierung vorgenommen werden.
Eine lebhaftere Investitionstaetigkeit amerikanischen Privatkapitals im Ausland, speziell in den unterentwickelten Gebieten, könnte viel zu einer Ausweitung des beiderseitigen internationalen Handels beitragen. Die unterentwickelten Länder würden dann in die Lage versetzt, die von ihnen so dringend benötigten Anlagegüter leichter zu erhalten, um zu einem gesunden Wachstum der Wirtschaft und einem hoeheren Lebensstandard zu gelangen.
Dies wäre am besten geeignet, den falschen, aber verlockenden
Versprechungen der Kommunisten den Boden zu entziehen.
Um die Kapitalinvestitionen im Ausland zu erleichtern, empfehle ich die Verabschiedung von gesetzgeberischen Maßnahmen,
durch die für Einkommen aus ausländischen Tochtergesellschaften
oder Niederlassungen ein vierzehnprozentiger Steuernachlass auf
die regulären Sätze der Körperschaftssteuer gewährt und die Einkommensteuerzahlung aus Einkünften aus Niederlassungen im Auslanc

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Ausland solange gestundet werden kann, bis diese Einkünfte aus
dem betreffenden Land tatsächlich ausgeführt werden.
Ich schlage ferner vor, die Möglichkeiten zu einer weiteren
Anwendung von Steuerabkommen - womöglich bei gleichzeitiger Anerkennung der steuerlichen Konzessionen, die andere Staaten dem
Auslandskapital einräumen - eingehend zu untersuchen. Bei Einbau
von entsprechenden Sicherheitsbestimmungen könnte man eine Aufrechnung von im Ausland zur Einkommensteuer bezahlten Beträgen, auf
deren Abführung für eine begrenzte Anlaufzeit verzichtet wird,
in Erwägung ziehen, genau so wie wir gegenwärtig auch erlassene
Steuern stunden. Damit würde., den ausländischen Steuergesetzen,
die die Gründung neuer Unternehmen fördern sollen, größte Wirksamkeit verliehen.
Als eine weitere Maßnahme zur Förderung der Investitionstätigkeit im Ausland empfehle ich dem Kongreß, zu gegebener Zeit
der Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten in dem geplanten internationalen Finanzierungsinstitut, das der Weltbank angeschlossen
werden soll, seine Zustimmung zu geben. Dieses Institut soll die
private Investitionstätigkeit in weniger entwickelten Gebieten
durch Gewährung von Anleihen ohne Regierungsgarantie fördern.
Diese Organisation wird keine Aktien ankaufen, jedoch RisikoKapital durch Übernahme von Schuldverschreibungen und anderen
Obligationen zur Verfügung stellen. Sie wird in ihre Tätigkeit
jene Gebiete einbeziehen, die bisher von keiner bestehenden Institution berücksichtigt wurden.
Die Regierung wird auch weiterhin dafür Sorge tragen, daß
unsere diplomatischen Vertreter im Ausland die Voraussetzungen
für ein Klima schaffen, das der Konzeption der Privatinvestierungen günstig ist. Wir werden uns auch in Zukunft bemühen, neue
Möglichkeiten zur Ausweitung der Kapitalinvestitionen im Ausland
zu erschließen.
Man muß sich dabei allerdings darüber im klaren sein, daß
das amerikanische Privatunternehmertum, das Kapital im Ausland
investiert, selbstverständlich mit entsprechenden Vergünstigungen
rechnet. Dies ist aber letzten Endes nur dadurch zu erreichen,
daß wir bereit sind, mehr Güter und Dienstleistungen im Ausland
zu erwerben, um die für diese immer umfangreicher werdenden Käufe erforderlichen Dollar zu beschaffen. Dies ist ein weiterer
zwingender Grunä für eine faire und vorausblickende Handelspolitik
unsererseits.
Technische Zusammenarbeit
Die Vereinigten Staaten verfügen über einen gewaltigen
Wissens- und Erfahrungsschatz auf technisch-praktischem und
wissenschaftlichem Gebiet, dessen die unterentwickelten Gebiete
der Welt dringend bedürfen. Es ist Pflicht der USA, diesen Schatz
an technischen und wissenschaftlichen Arbeitsweisen und Methoden
den anderen Völkern zugänglich zu machen. Der Fluß dieser für f
friedliche Zwecke der Forschung und Technik bestimmten Informationen muß weiterhin unbehindert bleiben.
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Die Beteiligung der Vereinigten Staaten an Programmen der technischen Zusammenarbeit muß weiter gefördert werden. Diese Programme
sollten jedoch mehr die Vermittlung dieses Erfah ungs chatzes als
die Bereitstellung großer Summen betreffen. Tn meiner Budget-Botschaft in der kommenden W che werde ich den ong e
m die Bereitstellung der notwendigen Summen zur Unterstützung der multilateralen UNO-Programme zur technischen Zusamme-'arbei.1 e-suchen. Auch
die bilateralen Pro ramme der USA sollten tatkräftig vorangetrieben
werden.
Internationaler Reiseverkehr
Die Vereinigten Staaten haiton weiterhin an dem iiel eines
unbehinderten Reiseverkehrs durch die gesamt" Weit fe . Eine
Förderung und Unterstützung der Au landsre's n isi außerordentlich
wichtig, einmal weg n ihrer kul urellen und sozialen Bedeutung in
der freien Welt, zum arideren wegen des wirts haft : IC en Nutzens.
Das Reisen amerikan:sehe Burger im Ausland stellt für v ele Länder
eine wichtige Dol arquelle dar. Die Regierung wir! weiterhin nach
Mitteln und Wegen suchen, um den internationalen Reiseverkehr zu
erleichtern, und zu diesem Zweck m t privaten Reisebüros zusammenarbeiten. Eine legislative Maßnahme, die sich auf diesem Gebiet
günstig auswirken würdes ist die Erhöhung der Zollfrei-Grenze für
die von amerikanischen Bürgern im Ausland erworbenen Gegenstände
von gegenwärtig 500 Dollar im halben Jahr auf 1 000 Dollar. Ich
empfehle die Inkraftsetzung eines solchen Gesetzes.
Handelsmessen
Seit vielen Jahren hat das Ausland den internationalen Handelsmessen große Bedeutung zuerkannt, und die meisten handeltreibenden
Nationen haben die handelsfördernden Aspekte ihrer industriellen
Ausstellungsgüter auf zahlreichen Messen durch einen zentralen
Ausstellungsstand unterstützt, der die erzielten industriellen
Fortschritte und Leistungen der Nation herausstellen soll.
Beispielsweise sind die Stände der Sowjetunion und ihrer
Satelliten gut geplant gewesen und wurden in kostspieligen Gebäuden
untergebracht. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, daß die
UdSSR in großem Umfange für friedliche Zwecke produziert und für
die Arbeiter ein Paradies schafft.

Die Vereinigten Staaten, die über ein größeres Außenhandelsvolumen verfügen als jede andere Nation, sind bis vor kurzem wegen
ihres Fernbleibens von diesen Handelsmessen aufgefallen. Amerikanische Messebesucher und -Teilnehmer haben auf das Unterlassen ihrer
Regierung hingewiesen, für unser System des freien Marktes eine angemessene Aufklärungsarbeit durchzuführen und sich für eine wirksame Zusammenarbeit zur Förderung des internationalen Handels einzusetzen.
Infolgedessen habe ich ein Programm für internationale Handelsmessen unter der Leitung des Handelsministeriums in Angriff genommen.
Seit Anlaufen dieses Programms im August vorigen Jahres ist die
Teilnahme der USA an elf derartigen Messen, die noch vor dem 30.
Juni dieses Jahres abgehalten werden sollen, genehmigt worden. In
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
12. Januar 1955
In der zweiten Hälfte des Jahres sind 16 weitere Messen für
Ausstellungszwecke in Aussicht genommen. Die erste Messe, auf der
die Vereinigten Staaten mit einer zentralen Ausstellung vertreten
waren, war die am 7. Dezember 1954 in Bangkok eröffnete. Hier
erhielten wir den ersten Preis. Über 100 amerikanische Firmen
waren an dieser Ausstellung beteiligt.
Ich werde den Kongreß um die Bewilligung weiterer Mittel
zur Fortführung dieses Programms ersuchen.
Konvertierbarkeit der Währungen
Die Konvertierbarkeit der Währungen ist eine Grundvoraussetzung für eine ständige Ausweitung des Welthandels- und Investitionsvolumens. Eine freie Konvertierbarkeit ist in den Jahren nach dem
Kriege auf Grund kriegsbedingter Störungen, Inflation und anderer
wirtschaftlicher Schwierigkeiten innerhalb vieler Länder, die zu
einer unausgeglichenen internationalen Handels- und Zahlungsbilanz führten, nicht möglich gewesen. Es werden jedoch, vor allem
von den westeuropäischen Ländern, kontinuierliche Fortschritte
in bezug auf unser gemeinsames Ziel gemacht, die freie Konvertierbarkeit der Währungen wiederherzustellen. Mit diesem Außenhandelsprogramm, das hiermit unterbreitet wird, leisten wir einen
wichtigen Beitrag zur Verwirklichung der Konvertierbarkeit.
Landwirtschaft
Keine andere Bevölkerungsgruppe Amerikas ist an einem
gesunden und zunehmenden Außenhandel mehr interessiert als die
Farmer. Ein Viertel bis ein Drittel der Ernte der wichtigsten
landwirtschaftlichen Erzeugnisse wie Weizen, Baumwolle und Tabak
muß im Ausland: abgesetzt werden, um das Einkommen der Farmer auf
einem hohen Stand zu halten.
Alle im Interesse der Landwirtschaft aufgestellten Programme
können daher nur erfolgreich sein, wenn sie mit unserer Außenhandelspolitik in Einklang stehen. Wir müssen uns über die Auswirkungen aller Agrarprogramme auf unsere Wirtschaftsbeziehungen mit
dem Ausland vollkommen im klaren sein, um sicherzustellen, daß
sie auf Jahre hinaus zur Entwicklung gesunder, expandierender Auslandsmärkte beitragen.
Schlußfolgerung
Die Empfehlungen, die ich Ihnen soeben unterbreitete, sind
sämtlich Teile eines auf ein Ziel abgestellten Gesamtprogramms.
Jede einzelne soll ihr Teil zum Gesamtplan beitragen. Jede fördert die Sicherheit unseres Landes, indem sie die Stärke und die
wirtschaftliche Selbsterhaltung unserer Verbündeten erhöht."jede
einzelne trägt zu unserer wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung und
zur Hebung des Lebensstandards unseres Volkes bei".
*

*

*

* *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLEN UMREISST FRIEDENSKQNZEPTIQN DES BESTENS
NE'ft YORK. - (Amerika Dienst) - Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles hielt am.11.Januar
1955 auf einem anläßlich der 100.Wiederkehr des
Gründungstages der "Young Women's Christian Association" (Christlicher Verein Junger Frauen) gegebenen
Essen eine Ansprache, in der er die westliche Konzeption eines "wahren Friedens" umriß. Die Ansprache des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Ich möchte heute zu Ihnen über den Frieden sprechen. "Frieden"
ist eines der schönsten und ehrenhaftesten Worte unserer Sprache*
Dieses Wort ist jedoch durch die kommunistische Propaganda so beschmutzt und befleckt worden, daß es im Munde der Kommunisten
heute kaum noch zu erkennen ist.
Es wird Zeit, daß wir dieses Wort seinem unverdienten Schicksal entreissen und den wahren Frieden in aller Welt proklamieren.
Frieden ist ein Wort, das eine hohe Bedeutung hat. Es besagt, daß man ohne Gewalttat und kriegerische Handlungen lebt.
Es bedeutet jedoch auch die innere Ruhe, die jene erfüllt, die
dem Pfad des Glücks folgen und ihre gottgegebene Möglichkeiten
für Körper, Geist und Seele entwickeln können.
Für die orthodoxen Kommunisten stellt der Friede auf der
anderen Seite eine negative wertlose Konzeption dar. Er bedeutet
den Zustand einer mit Gewalt herbeigeführten Gleichförmigkeit, ]
in der alle Menschen dasselbe denken und glauben und dabei in
Übereinstimmung mit den von ihren Herrschern aufgestellten Prinzipien handeln müssen, von Herrschern, die - wie sie es nennen die Diktatur des Proletariats manifestieren.
Wenn dieses System der Gleichschaltung überall in der Welt
Gültigkeit erlangen kann, so lautet ihr Gedankengang, dann wird
es keine Kriege mehr geben. So bemühen sie sich im Namen des Friedens um eine Ausweitung ihrer Macht in der ganzen Welt.
Eines ist über diese Art von Frieden klar: Die internationalen Kommunisten können ihn nicht verwirklichen, wenn sie nicht
zuvor zum Krieg Zuflucht nehmen. Dies haben sie auch zugegeben.
Natürlich greifen sie zu Mitteln der Propaganda, zu subversiven
Aktionen und zu Drohungen, um andere Nationen weich zu machen;
sie hoffen dabei, daß sich diese Länder ihnen widerstandslos ergeben. Sie haben aber auch vorausgesehen, daß viele dieser Länder ihre Herrschaft niemals freiwillig akzeptieren werden. So
stellte Lenin die These auf, der auch Stalin beipflichtete, daß
_ 1_

�"AiuLfiliU DlÄlilöT"

19» Januar 1955

daß 'eine Reihe von schrecklichen Zusammenstößen zwischen der
Sowjetspublik und den bourgeoisen Staaten unvermeidlich sein
wird'.
Die fanatischen Kommunisten glauben, daß das Endziel eine total gleichgeschaltete Welt - diese schrecklichen Mittel
rechtfertigt. Und solche Staatsmänner, die einem primitiven
Machtstreben fröhnen, halten es für statthaft, ihre ehrgeizigen
Pläne in ein derartig doktrinäres Gewand zu kleiden.
Wenn wir auch das kommunistische Lager vom Frieden sprechen
hören, müssen wir immer hinter diesen Reden die wahre Natur des
kommunistischen Systems erblicken. Es ist nicht ein System des
Friedens sondern eines der Gewalt, denn nur die Gewalt kann die
Ziele der menschlichen Seele niederhalten. Der Einzelne strebt
danach, das zu tun, was ihn, nicht aber seinen Herrn befriedigt.
Er will die schützende Liebe, die die Familieneinheit zusammenhält, stärken und sichern. Er will mit der höheren Macht Zwiesprache halten, mit einer Macht, die die Menschen seit Anbeginn
als Gott verehrt haben, und er möchte das Bewußtsein besitzen,
daß er den göttlichen Geboten Rechnung trägt. Nur unter Anwendung
von Zwangsmitteln kann er ein System akzeptieren, das die Liebe
zur Familie, zum Vaterland, zu Gott ablehnt und den Menschen als
reines Objekt betrachtet. Und doch ist es gerade diese falsche
Konzeption des 'Friedens'1, mit der die Kommunisten ihr schwerstes Propagandageschütz laden.
Die gottesfürchtigen Völker wollen den Frieden. Aber sie
wollen ihn durch die Nutzbarmachung und nicht durch die Unterdrückung der besten Eigenschaften des Menschen anstreben. Sie
sind sich dessen bewußt, daß die menschliche Gesellschaft gewisse Verhaltensregeln braucht, die die Harmonie fördern. Aber
sie haben auch herausgefunden, daß die Quelle dieser Maßstäbe
im wesentlichen die Moral oder das Naturrecht ist, das göttlichen Ursprungs ist, und sie wissen ferner, daß jene Regeln
hauptsächlich durch die freiwillig erfolgte Unterwerfung unter
das Moralgesetz und nicht durch die willkürliche Anordnung eines
Polizeistaates sanktioniert werden.
Natürlich ist es außerordentlich schwierig, den Frieden und
die Freiheit zu bewahren. Trotzdem brauchen wir hierbei nicht
ohne Hoffnung zu sein. Jedes Jahr hält reiche Ernte an Ereignissen, die zeigen, daß unsere Zielsetzungen nicht das menschliche
Vermögen übersteigen, sie zu verwirklichen.
Im vergangenen Jahr hat es viele dem Frieden dienende Ereignisse gegeben. Eines davon war die Beilegung des Suez-Konflikt
zwischen Großbritannien und Ägypten. Ich befand mich vor zwei
Jahren dort. Ein Kriegsausbruch stand nahe bevor. In der Tat
hatten beide Seiten mit einer derartigen Möglichkeit gerechnet.
Trotzdem haben die für Mäßigung eintretenden Ratgeber die Oberhand behalten. Man schlug den Weg geduldiger Verhandlungen ein
und gelangte schließlich zu einer Lösung, die Konzessionen von
beiden Parteien mit sich brachte. Aber heute herrscht dort Frieden in seiner wahrsten Bedeutung, und wir können hoffen, daß dieses Beispiel einen wohltuenden Einfluß auf das ganze unruhige Gebiet des Nahen Ostens ausüben wird.
Ein

�üiiMLhlK^ LiLMST"

19. Januar 1955

Ein ähnlicher Friede kam zwischen Italien und Jugoslawien
in bezug auf Triest zustande. Auch hier schienen tief verwurzelte Nationalgefühle in einem Ausmaß aufeinanderzuprallen, das
keine friedliche Lösung zuließ. Es wurde sogar ein Punkt erreicht, wo beide Parteien Truppen in Richtung auf die Gefahrenzone in Marsch setzten, aber wieder wurde von den Möglichkeiten
der Verhandlung und der Diplomatie Gebrauch gemacht. Jede Seite
legte Mäßigung an den Tag und machte Zugeständnisse mit dem Ergebnis, daß ein wahrer Friede geschaffen werden konnte. Wir sind
zu der Hoffnung berechtigt, daß auch dieser Friede seinen Einfluß
geltend machen wird, um den südosteuropäischen Raum dahin zu bringen, Einheit und Stärke an die Stelle der durch Uneinigkeit hervorgerufenen Schwäche zu setzen. Die Manila-Konferenz vom vergangenen September brachte kolonial und antikolonial eingestellte Länder zusammen. Und doch ging aus dieser Konferenz die Pazifik-Charta hervor, in der die westlichen Nationen gemeinsam
mit den Nationen des Ostens in aufrüttelnder Sprache das Grundrecht aller Völker auf Selbstregierung und Unabhängigkeit proklamierten.
Während des vergangenen Jahres wurde ebenfalls ein neuer
Beginn gemacht, um die nationalen Meinungsverschiedenheiten zu
beenden, die Westeuropa seit Generationen das Leben schwer gemacht
und immer wieder zu Kriegen geführt haben. Diese Kriege haben an
Umfang und Intensität immer mehr zugenommen. Sie haben die menschliche, materielle und moralische Stärke Europas derartig erschöpft,
daß die westliche Kultur zum ersten Mal durch ein atheistisches
System ernsthaft herausgefordert werden kann.
Es ist in der Tat eine erschütternde Tatsache, daß Westeuropa, seit langem die Wiege der christlichen Kultur, so lange
Zeit den größten Schauplatz von Kriegen abgegeben hat.
Um dieser Lage ein Ende zu bereiten, wurde die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft konzipiert. Diese würde jene Streitkräfte endgültig zusammengeschmolzen haben, die sich - getrennt feindlich gegenüberstanden. Als die Annahme dieses Projekts scheiterte, wurde die gleiche Zielsetzung auf den gegenwärtigen Plan
für eine Westeuropäische Union übertragen.
Es gibt einige, die dieses Projekt lediglich als ein Mittel
zur Wiederbewaffnung der Deutschen behandeln. Dies ist eine Herabminderung, die fast schon der Absurdität nahekommt. Natürlich
haben die Deutschen, wie alle Völker mit Selbstachtung, das
Recht und die Pflicht, zum internationalen Frieden und zur Sicherheit beizutragen. Dies ist jedoch nur eine Begleiterscheinung
der großen Konzeption, die Länder Westeuropas in ein so enges
und dauerndes Verhältnis zueinander zu bringen, daß es undenkbar
ist, sie könnten einander wieder bekämpfen. Worum es wirklich
geht, ist dies: Sollen die Völker Europas eine politische Struktur schaffen, die besser ist als das, was der schlimmste Gefahrenherd der Welt war?
Natürlich stoßen die neuen Vereinbarungen auf Widerstand.
Das ist immer der Fall, wenn große Taten vollbracht worden sind.
Der

�"jmiERIiU l)lhi\i&amp;I"

19. Januar 1955

Der Plan, die amerikanischen Staaten zu einem Staatenbund zusammenzuschließen, traf auf Opposition, und in verschiedenen
Staaten sprach sich nur eine geringe und unsichere Mehrheit
für die Annahme dieses Planes aus. So wird es auch in Europa
sein. Aber wir können mit Recht hoffen, daß diese große Friedenstat durch den unerläßlichen Beitrag Prankreichs und Deutschlands an Toleranz, Zurückhaltung und Einsicht zum Abschluß gebracht werden wird.
Die Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr eine bemerkenswerte Rolle gespielt, um im Sinne ihrer Charta als ein
"zentrales Forum die Handlungen der Nationen in Einklang zu
bringen". Wir sehen der Rückkehr des UNO-Generalsekretärs aus
China und seinem Bericht über das Ergebnis seiner Mission mit
großem Interesse entgegen, einer Mission, bei der es in entscheidender Weise um Fragen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit ging. Die Vereinigten Staaten tragen ihr Teil zu einer
friedlichen Regelung dieser Frage bei, indem sie das biblische
Gebot beachten, den Zorn zu zügeln.
Ich könnte die Beweise für die Fähigkeit der Menschen,
einen wahren Frieden zu schaffen, beliebig fortsetzen. Das
letzte Jahr war reich an solchen Beweisen. Es ist jedoch nicht
notwendig, sie zu katalogisieren. Sie wissen so sehr wie ich,
daß der Friede in der wirklich hohen Bedeutung dieses Wortes
tatsächlich in Reichweite der Menschheit ist. Der begrenzende
Faktor ist nicht die Unmöglichkeit, sondern das Fehlen eines
zielstrebigen^ Bemühens und Opfers, das das Mögliche zum Wirklichen werden lassen könnte.
Die nackte Tatsache ist, daß, wenn sich die Menschheit
auch durch die Jahrhunderte hindurch nach Frieden gesehnt hat,
sie sich doch nur selten auf ernstnafte, kluge und ausdauernde
Weise für dieses Ziel eingesetzt hat. Es ist wirklich bestürzend, wenn man dem, was die Menschen in Kriegszeiten zur Erringung des Sieges tun, das gegenüberstellt, was sie in Friedenszeiten zur Verhinderung eines neuen Krieges unternehmen.
In Kriegszeiten steht die Nation geeint da und jeder erwachsene Bürger ist bereit, seiner Pflicht nachzukommen. Dann
scheint kein Opfer, nicht einmal das des eigenen Lebens, zu
hoch. In Friedenszeiten jedoch denken die Menschen, daß es genüge, die Aufgabe ein paar Berufspolitikern zu übertragen und
dabei zu hoffen, und vielleicht auch zu beten, daß sie ihre
Aufgabe lösen werden. Ich will nicht den Wert jener Hoffnungen
und Gebete verringern. Sie stärken jene außerordentlich, die
die schwere Bürde tragen. Aber in jedem Lande besteht die außerordentliche Notwendigkeit nach einer größeren Bereitschaft,
die nationalen Opfer zu bringen, die für den Frieden erforderlich sein können.
Es wird niemals einen dauerhaften Frieden geben, solange
die Menschen und Nationen ihre größten Anstrengungen und opfervollsten Bemühungen in den Dienst des Krieges stellen.
In den Vereinigten Staaten besteht ein starker Drang nach

- 4-

�"^MERIiU LIMST"

19. Januar 1955

nach Frieden. Wir haben die Kämpfe in Korea beendet. Zusammen
mit anderen Nationen helfen wir als Partner bei der Entwicklung
eines kollektiven Sicherheitssystems in der ganzen freien Welt.
Wir werden, wie ich hoffe, eine vernünftige Wirtschaftspolitik
führen, wie sie Präsident Eisenhower am Montag empfohlen hat.
Wir werden unsere guten Dienste anbieten, um in anderen Gebieten genau solche und zahlreiche andere Friedensmaßnahmen
zu fördern, wie ich sie gerade erwähnt habe. Vielleicht hat
eine Nation niemals zuvor so viel für den Frieden getan. Von
der Vergangenheit aus beurteilt, haben wir in dieser Hinsicht
gute Leistungen aufzuweisen. Aber die Vergangenheit bietet
keine geeignete Richtschnur. Es herrscht noch immer zu viel
Selbstgefälligkeit. Den Frieden zu gewinnen, heißt einen verzweifelten Kampf gegen einen Feind, das System des Krieges,
zu führen, ein System, das bisher noch niemals entscheidend
besiegt worden ist. Heute wird jenes System in Wahrheit von
einer Militärmacht unterstützt, wie sie in diesem Umfang noch
niemals zuvor existiert hat.
Dieser Kampf um den Frieden kann nicht durch Pazifismus,
Neutralismus oder durch Schwäche gewonnen werden. Diese Methoden
sind angewandt worden und haben versagt. Nur der Wille und die
Fähigkeit, für wertvollere Rechte als für einen würdelosen Frieden zu kämpfen, können vor einer Aggression abschrecken.
Der Frieden kann aber auch nicht durch Grausamkeit oder
Intoleranz, weder innerhalb noch außerhalb der USA, gewonnen
werden. Den Frieden muß man wie einen Feldzug planen, in dem
zahlreiche Faktoren gegeneinander abgewogen werden. Es ist
ein Feldzug, in dem es notwendig sein mag, sich einzusetzen,
selbst wenn der Erfolg unwahrscheinlich ist, und es auch notwendig sein mag, gelegentlich Rückschläge hinzunehmen. Ja, um vor
einem Krieg abzuschrecken und den Frieden zu retten, müssen
wir vielleicht bereit sein zu kämpfen, wenn es notwendig sein
sollte, und über Hilfsquellen verfügen und Alliierte gewinnen,
um sicherzustellen, daß ein Aggressor auch bestimmt geschlagen
würde.
Alles in allem sollten die wirklich den Frieden anstrebenden Nationen in der Lage sein, die individuelle und kollektive
Unterstützung ihrer Völker zu gewinnen.
Ich weiß, die Schaffung eines waren Friedens ist ein
ernsthaftes Anliegen der "Young Women's Christian Association".
Sie haben während Ihres jetzt hundertjährigen Bestehens an
Stärke und Kraft gewonnen. Aber die vor Ihnen liegenden Aufgaben bleiben gewaltig und sind noch dringender geworden.
Ich bin daher dankbar, die Gelegenheit erhalten zu haben,
Ihnen diese kurze Botschaft vorzutragen - eine Botschaft der
Hoffnung, aber auch eine Botschaft der außerordentlichen
Dringlichkeit.
* * * * *

- 5 -

�l A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER LEGT NEUEN HAUSHALT VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut des Begleitbriefes
zu der Haushaltsbotschaft, die Präsident Eisenhower
dem US-Kongreß am 17. Januar 1955 unterbreitet hat.

An den Kongreß der Vereinigten Staaten,
Ich unterbreite Ihnen heute den Haushaltsvorschlag der
US-Regierung für das am 1. Juli 1955 beginnende Haushaltsjahr
1956.
Der erste Teil meiner Haushaltsbotschaft bringt eine Zusammenfassung der Gesamtveranschlagungen und umreißt unsere
Vorhaben und Pläne für das nächste Jahr, insbesondere insoweit
sie in irgendeinem Zusammenhang mit der Finanzlage des Bundes
stehen. Der zweite Teil besteht aus zusammenfassenden Übersichtstafeln und enthält ferner meine Haushaltsempfehlungen für
jeden einzelnen größeren Bereich der Regierungstätigkeit.
Das abgelaufene Jahr war, was die Staatseinnahmen und
-ausgaben angeht, im wesentlichen von der Tatsache bestimmt,
daß wir erfolgreich von einer nach kriegswirtschaftlichen Gesichtspunkten orientierten auf eine nach friedenswirtschaftlichen Gesichtspunkten orientierten Wirtschaft übergingen eine wahrhaft bedeutsame Leistung. Dank einer zweckmäßigen
Finanzpolitik waren die unvermeidlichen negativen Auswirkungen
dieser Umstellung - so viel Schwierigkeiten sie auch für einige
gebracht haben mögen - im ganzen gesehen nicht sehr ernst.
Die steigende Prosperität unseres Landes beruht auf festen
Grundlagen und ist frei von jeglichen künstlichen "Spritzen",
wie sie Krieg und Inflation darstellen. Der Friede allerdings,
in dem wir leben, ist ein unsicherer Friede und wir müssen
deshalb ständig auf der Wacht sein. Zusammen mit den anderen
freien Völkern der Welt müssen wir fortfahren, unser System
der Verteidigung zu stärken. Wir müssen versuchen, uns für
eine lange Zeit der Unsicherheit, die noch vor uns liegt, zu
stärken und gleichzeitig unsere Prosperität Schritt für Schritt
auszuweiten und das allgemeine Wohl zu verbessern.
Die
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

Die Haushaltsvorlage für 1956 basiert auf diesen Erwägungen.
Die Gesamtausgaben werden niedriger sein, obwohl ich gleichzeitig auf bestimmten Teilgebieten, denen besondere Bedeutung im
Hinblick auf das Allgemeinwohl zukommt, etwas größere Ausgaben
empfehle. Der Ausgabenhaushalt für das Finanzjahr 1956 wird auf
insgesamt auf 62,4 Milliarden Dollar geschätzt, das sind 1,1
Milliarden Dollar weniger als im laufenden Jahr. Alle Regierungszweige werden auch weiterhin das ganze Jahr über auf eine weitere
Reduzierung der Ausgaben durch Einschränkung ihrer Tätigkeit auf
nicht vordringlichen Gebieten und durch Steigerung ihrer Leistungen
in wichtigen Bereichen hinarbeiten.
Wir müssen den Ausgabenhaushalt auch weiterhin auf jenem
hohen Niveau halten, das um der Wahrung der nationalen Sicherheit
willen notwendig ist. Unsere Wirtschaft ist stark und entwickelt
sich gut, dennoch dürfen wir unsere wirtschaftliche Stärke nicht
durch inflationistische Defizite in Gefahr bringen. Ich habe deshalb dem Kongreß die Beibehaltung der gegenwärtigen Sätze der Verbrauchs- und Körperschaftssteuern, die an sich nach den gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen am 1. April 1955 herabgesetzt
werden sollten, für ein weiteres Jahr empfohlen. Sofern diese
Empfehlungen angenommen werden, und wenn sich die Lage auf dem
Arbeitsmarkt und die Produktion so entwickelt, wie dies im Augenblick zu erwarten ist, können wir mit einer Steigerung der Haushaltseinnahmen um eine Milliarde Dollar gegenüber den Einnahmen
von 1955 rechnen, so daß sich die Gesamteinnahmen im Haushaltsjahr
1956 auf 60 Milliarden Dollar belaufen dürften.
Unter Zugrundelegung dieser Schätzwerte für die Ausgaben und
Einnahmen läßt sich das Haushaltsdefizit, das gegenwärtig für das
Finanzjahr 1955 auf 4,5 Milliarden Dollar geschätzt wird, im
Haushaltsjahr 1956 voraussichtlich auf 2,4 Milliarden reduzieren.
Wir schreiten demnach auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Staatshaushalt voran.
Drei wichtige Erwägungen in bezug auf die amerikanische Politik waren bei der Ausarbeitung des Haushaltsvoranschlags für
das Finanzjahr 1956 maßgebend:
Erstens müssen wir unser unschätzbar kostbares Erbe politischer und persönlicher Freiheit gegen Angriffe von außen und
Untergrabung von innen her schützen und bewahren. Mit unseren
bisherigen Anstrengungen haben wir ermutigende Ergebnisse erreichen können - Einstellung offener bewaffneter Auseinandersetzungen,
Abschluß neuer und stärkerer Bündnisse und ein gewisses Nachlassen
der internationalen Spannungen. Die zunehmende Stärke der Vereinigten Staaten und der ihnen befreundeten Länder ist einer der
Hauptfaktoren für eine Verbesserung der Friedensaussichten. Wir
müssen diese Stärke weiter erhöhen. Wir müssen gleichzeitig unsere
Freiheit im Innern dadurch zu erhalten suchen, daß wir den herkömmlichen Unternehmungsgeist des amerikanischen Volkes fördern.
Wir wollen der Privatinitiative mehr Spielraum geben, indem wir
weiterhin staatliche Lenkungsmaßnahmen dort abbauen, wo der Fortschritt durch privates Vorgehen gesicherter erscheint, und wo nur
- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

26. Januar 1955

nur irgend möglich auf der Grundlage der Partnerschaft an Vorhaben
herangehen, die ohne staatliche Mitwirkung nicht durchgeführt
werden können. Auf diese Weise wird es der Nation möglich, einen
größeren Teil des Einkommens nach eigenem Belieben zu verwenden.
Zweitens muß die Regierung ihren Teil dazu beitragen, das
allgemeine Wohl und das Wachstum der Wirtschaft durch konstruktive Maßnahmen zu fördern, jedoch nur dort, wo das Volk nicht
von sich aus die erforderlichen Schritte zu unternehmen vermag.
Diese Schritte sollten so weitgehend wie nur irgend^möglich zusammen mit den einzelstaatlichen und kommunalen Verwaltungen
sowie der Privatwirtschaft getan werden. Wir müssen unseren Teil
dazu beitragen, in unserem System des freien Unternehmertums solche
Bedingungen zu sichern, die eine Beibehaltung der hohen Beschäftigtenziffer, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und eine Erhöhung
des Lebensstandards ermöglichen. Wir müssen dem Einzelnen noch
mehr Chancen geben, um so zum Wachstum unserer Wirtschaft beizutragen und in den Genuß der Früchte der Produktivität zu kommen.
Drittens müssen wir finanziell stark bleiben. Die Erhaltung
des Dollarwertes ist eine für uns alle überaus wichtige Angelegenheit. Sicher würde niemand eine Sondersteuer befürworten« die
von den Witwen und Waisen, den Rentnern und der arbeitenden Bevölkerung mit begrenztem Einkommensfixum zu erheben wäre«, Dennoch
wirkt eine Inflation wie eine solche Steuer und trifft gerade diese Schichten am härtesten. Der jetzigen Regierung ist es gelungen,
den Dollar zu stabilisieren und in der Durchführung ihrer konstruktiven Maßnahmen auf jeder Ebene Sparsamkeit walten zu lassen.
Eine Verminderung der Ausgaben im Verein mit einem gerechten
Steuersystem einer wirksamen Finanz- und einer vorsichtigen
Schuldenpolitik werden dazu beitragen, stabile Lebenshaltungskosten zu gewährleisten - und damit unseren Errungenschaften der
vergangenen zwei Jahre weitere hinzuzufügen.
Aufgeschlossenheit gegenüber den Problemen, die die Förderung des Allgemeinwohls mit sich bringt» und Zurückhaltung in der
Verwendung öffentlicher Gelder waren die bestimmenden Faktoren
bei der Ausarbeitung dieses Haushaltsvoranschlages. Unsere Entschlossenheit, weiterhin auf einen ausgeglichenen Haushalt hinzuarbeiten, ist die Voraussetzung für die Disziplin, ohne die eine
kluge und erfolgreiche Handhabung der öffentlichen Angelegenheiten
nicht denkbar ist.
Neue Bewilligungen zur Deckung der Staatsausgaben
Meine Empfehlung hinsichtlich der Bewilligungen und anderer
neuer übertragbarer Ausgabemittel für das Haushaltsjahr 1956 sieht
1,3 Milliarden Dollar mehr vor als der Haushaltsvoranschlag für
das Finanzjahr 1955, in erster Linie wegen der neuen Erfordernisse
unserer Streitkräfte. Im Vergleich zu dem Voranschlag für 1952
liegt sie jedoch um 32,8 Milliarden Dollar, zu 1953 um 21,7 Milliai
den und zu 1954 um 4,2 Milliarden niedriger.
Haushaltsjahr:
- 3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Haushaltsjahr:

26. Januar 1955

veranschlagte Ausgabemittel (in Mrd. Dollar)

1952

91,4

1953
1
954

80,3
72,2 wie am 9 . Tanuaix 1055- veranschlagt, 62,8 tatsächlich- ausgegeben
57,3 (geschätzt)

1955
19

56

58,6

Die von mir im Interesse unserer großen nationalen Sicherheitsprogramme empfohlenen neuen übertragbaren Ausgabemittel zur
Deckung des Staatshalts liegen um 2,4 Millionen Dollar über denen des Haushaltsjahres 1955. Ich schlage eine Herabsetzung der
Gesamtsumme der neuen übertragbaren Ausgabemittel für sämtliche
übrigen Regierungsprogramme vor, doch empfehle ich im Rahmen
dieses Gesamtbetrages Erhöhungen, so sie sich erforderlich erweisen.
Die Verminderung der übertragbaren Ausgabemittel für unsere
großen nationalen Sicherheitsprogramme im Jahre 1955 gegenüber
denen für das Haushaltsjahr 1954 gesetzlich festgesetzten konnte
teilweise deshalb erfolgen, weil unsere militärischen Streitkräfte
ihre Versorgungsmethoden verbesserten, was eine stärkere Heranziehung der vorhandenen Reserven und eine Verminderung der erheblichen nicht verwendeten Mittel zur Folge hatte. Die angesammelten
nichtverwendeten Überschüsse aus Mitteln, die allen Regierungsbehörden in den letzten Jahren bewilligt wurden, sind auf einen
tragbaren Stand zurückgegangen, wobei in Zukunft sich dieser
Trend in einem langsameren Tempo vollziehen dürfte als im Haushaltsjahr 1955.
Die von mir empfohlenen neuen übertragbaren Ausgabemittel für
das Jahr 1956 liegen sowohl unter den veranschlagten Staatseinnahmen als auch unter den für dieses Jahr geschätzten Ausgaben. Indem wir den Stand der neuen übertragbaren Ausgabemittel niedriger
als die veranschlagten Staatseinnahmen halten, können wir unserem
Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts näher kommen. Ebenso
können wir, solange die Gesamtsumme der neuen übertragbaren
Ausgabemittel unter den Ausgaben liegt, auch weiter auf dem Wege
einer Senkung der Staatsausgaben fortfahren.
Staatsausgaben
Im Haushaltsjahr 1956 werden die Staatsausgaben mit 11,9
Milliarden Dollar niedriger veranschlagt, als die tatsächlichen
Ausgaben im Finanzjahr 1953. Die statistischen Unterlagen beweisen, daß die Regierung im Jahre 1954 ihre Ausgaben gegenüber
dem Jahre 1953 um 6,5 Milliarden Dollar und gegenüber der am
9. Januar 1953 für das Jahr 1954 veranschlagten Summen um 10,1
Milliarden Dollar gesenkt hat. Darüber hinaus sieht jetzt der
Voranschlag für 1955 eine Senkung von 4,3 Milliarden Dollar
_ 4 .

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

Dollar vor und für 1956 eine weitere Ausgaben-Senkung., in Höhe
von 1,1 Milliarden Dollar. Erst sechs Monate des Haushaltsjahres
1955 haben wir hinter uns und 5 1/2 Monate des Haushaltsjahres
liegen bis zum Beginn des Haushaltsjahres 1956 vor uns. Wir werden uns auch weiter bemühen, unsere Leistung zu steigern und die
Gesamtsummen der Haushaltsvoranschläge für diese Jahre auch in
Zukunft weiter verringern.
Im Haushaltsjahr 1952 beliefen sich die Ausgaben auf 65,4
Milliarden Dollar,
1953 auf 74,3 Milliarden,
1954 nach dem Voranschlag vom 9. Januar 1953 auf 77,9 Milliarden Dollar, während die Ausgaben tatsächlich nur 67,8 Milliarden
Dollar betrugen.
Für 1955 werden 63,5 Milliarden und
für 1956 62,4 Milliarden Dollar veranschlagt.
Der größte Teil unseres Staatshaushalts wird von den harten
Erfordernissen unserer nationalen Verteidigung bestimmt,und es
sind in der Hauptsache diese Erfordernisse, die uns daran hindern,
unsere Staatsausgaben jetzt in einem noch schnelleren Tempo-zu
senken. Weitere Portschritte in der Senkung der Ausgaben können nur
dann erzielt werden, wenn es gelingt, die Leistungsfähigkeit der
Verwaltung zu steigern und bessere Wege und Mittel zu finden, um
die Dinge zu erledigen, die getan werden müssen. Künftige Einsparungen werden aber durchaus schwieriger sein als die bisher
erreichten. Trotzdem erwarten wir aber, die Verwaltungskosten auch
weiterhin zu senken.
Größere Landessicherheit
Die Ausgaben für größere Programme für die Landessicherheit
im Haushaltsjahr 1956 werden auf 40,5 Milliarden Dollar geschätzt,
das sind 65 Prozent des Gesamtbudgets. In diesem Betrag sind die
Kosten für neue gesetzgeberische Maßnahmen enthalten. Ich schlage
hiermit vor, einen schlagkräftigen Militärreservedienst einzurichten und das Berufssoldatentum auszubauen. Der vorliegende
Haushaltsplan sieht höhere Ausgaben des Verteidigungsministeriums
für die Luftwaffe vor als je zuvor in Priedenszeiten veranlagt
wurden. Neue Waffen für Verteidigungs- und Vergeltungsmaßnahmen
werden entwickelt und in immer größeren Mengen hergestellt. Die
Stärkung unserer Landesverteidigung genießt die höchste Dringlichkeitsstufe. Da das produzierte Kriegsmaterial nicht im Kampf
verbraucht wird, kommt der Großteil des in unseren Fabriken hergestellten Kriegsmaterials unserer Verteidigungskapazität zugute.
Dank dieser Ausgaben für Verteidigungszwecke nimmt unsere militärische Stärke stetig zu. Nie zuvor in der Geschichte waren wir
in Priedenszeiten so gut auf eine eventuelle Verteidigung unseres
Landes vorbereitet.
Wir werden etwa die gleiche Menge an militärischen Ausrüstungsgütern wie in den Jahren 1954 und 1955 an befreundete Nationen

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

Nationen liefern. Neue Atomkraftwerke werden in Betrieb genommen
werden,und für die Verwendung der Atomenergie zu friedlichen
Zwecken wird mehr als in allen vorhergehenden Jahren ausgegeben
werden. Der Dollarwert unserer Vorräte an strategischem Material
soll 78 Prozent des MindestProgramms erreichen gegenüber 58 Prozent im Jahre 1954.
Internationale Fragen und Verpflichtungen

Unsere internationalen Programme sind eng mit unserer nationalen Sicherheit verknüpft. Die Führung unserer Außenpolitik ist
von entscheidender Bedeutung für die Erhaltung des Friedens. Im
Rahmen der wirtschaftlichen Maßnahmen des Programms für gemeinsame
Sicherheit haben wir wesentlich zur Stärkung unserer befreundeten
Nationen beigetragen. Einige Länder bedürfen dringend der Weiterführung dieser Hilfsmaßnahmen. Die Nettoausgaben für internationale
Programme und Verpflichtungen werden auf 1,3 Milliarden Dollar
geschätzt, das sind 88 Millionen Dollar weniger als im Haushaltsjahr 1955.

Wenn wir unsere Verteidigung stark halten und gemeinsam mit
unseren Verbündeten am Ausbau ihrer Verteidigung arbeiten, werden
wir etwaige Aggressionsabsichten gegen unsere Freiheit zunichtemachen. Gleichzeitig müssen wir die ewigen Kraftquellen unseres
Landes bewahren - unseren Glauben an die Kraft freier Menschen,
die Tatkraft des Einzelnen und das System des freien Wettbewerbs.
Handel und Arbeitskrqftreserven
Die Bemühungen der Regierung ,sich überall dort aus wirtschaftlichen Erwerbstätigkeiten zurückzuziehen, wo dieses möglich
ist, haben gute Fortschritte gemacht. Neben dem Verkauf der "Inland
Waterways Corporation" an private Unternehmer und der Auflösung
der "Reconstruction Finance Korporation" haben wir bereits eine
Anzahl von Werken des Verteidigungsministeriums für die Verarbeitung von Schrott und die Herstellung von Farbe, Bekleidungsartikel
und Chlor verkauft oder aufgelöst. Die großen Überholungsarbeiten
an Luftwaffengeräten werden in immer weiterem Umfang, d.h. nahezu
fast zur Hälfte, von Privatfirmen ausgeführt. Der größte Teil der
Werke zur Herstellung von synthetischem Gummi wurde an Privatfirmen verkauft, vorbehaltlich der Zustimmung des Kongresses. Diese
Maßnahmen dienen nicht nur der Stärkung der Privatwirtschaft, sondern tragen auch in vielen Fällen zu einer Reduzierung der Staatsausgaben bei, während gleichzeitig die Steuereinnahmen für Städte,
Kreise und Staaten sowie die Bundesregierung zunehmen.
Im abgelaufenen Jahr wurden gesetzgeberische Maßnahmen in
Kraft gesetzt, die es privaten Kreditgebern gestatten, Gelder für
Hypotheken zu günstigeren Bedingungen abzugeben, so daß eine weit
größere Zahl von Privatpersonen die Möglichkeit zum Erwerb eines
Eigenheimes gewinnt. Kommunalen Stellen wird ein Anreiz geboten,
mit Unterstützung auch privater Geldgeber umfangreiche Maßnahmen
zur städtebaulichen Neuordnung in Angriff zu nehmen. Es wurden
ferner entsprechende Bestimmungen für eine Ausdehnung der Arbeitslosenversicherung auf weitere 4 Millionen Beschäftigte ausgearbei-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

Für das kommende Jahr empfehle ich die Inangriffnahme eines
10-Jahres-Programmszur Modernisierung des binnenstaatlichen
Straßensystems in Zusammenarbeit von staatlichen und kommunalen
Behörden. Ich schlage ferner vor, die Luftfahrtforschung weiter
auszubauen, den Flugsicherungsdienst zu erweitern und den Schiffsbau zu fördern. Diese Maßnahmen sind sowohl für unsere nationale
Sicherheit als auch für die weitere Wirtschaftsexpansion von Bedeutung. Ich bin der festen Auffassung, daß diejenigen Kreise, die
unmittelbar von den Regierungsausgaben profitieren, auch einen
möglichst hohen Anteil an diesen Ausgaben tragen sollten. Das
Prinzip, daß derjenige, der irgendwelche Dienste in Anspruch nimmt,
auch einen entsprechenden Beitrag zu ihrem Unterhalt zu bieten hat,
sollte künftig in verstärktem Maße angewandt werden. Ich habe dem
Kongreß eine Erhöhung der Postgebühren empfohlen, damit das Postwesen in naher Zukunft zu einer wirtschaftlich arbeitenden Institution wird. Mit der Inkraftsetzung der entsprechenden gesetzgeberischen Maßnahmen werden die gesamten Nettoausgaben für die wirtschaftlichen Unternehmungen und für Personal im Finanzjahr 1956
voraussichtlich 2,2 Milliarden Dollar betragen, das sind 264
Millionen Dollar weniger als 1955.
Die natürlichen Hilfsquellen unseres Landes
Es gehört mit zu den wichtigsten Grundsätzen meiner Regierung,
die Einzelstaaten und die kommunalen Behörden in immer stärkerem
Maße zu einer Beteiligung an unserem langfristigen Entwicklungsvorhaben zu ermutigen. So sind beispielsweise der Staat New York
und die kanadische Provinz Ontario gegenwärtig dabei, die Wasserkräfte des St. Lorenzstroms ohne irgendwelche Bundesbeihilfen zu
erschließen. Auf Grund der im vergangenen Jahr erlassenen gesetzlichen Bestimmungen wurden das Markham-Ferry-Projekt in Oklahoma
und das Bauvorhaben an den Priest-Stromschnellen im Staate
Washington - beides umfassende Maßnahmen zur Erschließung der
Wasserkräfte - von staatlichen oder kommunalen Stellen in Angriff
genommen; hierbei wurden nur kleinere Bundesbeihilfen gewährt, da
im Rahmen dieser Arbeiten auch eine Flußregulierung vorgenommen
werden soll, für die an sich der Bund aufzukommen hat. Der neue
Haushaltsvorschlag sieht die Inangriffnahme mehrerer neuer Bauvorhaben unter ähnlicher Beteiligung einzelstaatlicher und kommunaler Stellen vor. Auf diese Weise können wir die Entwicklung unserer nationalen Hilfsquellen ohne größere Belastung des Bundeshaushalts vorantreiben. Für die Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen unseres Landes sind im gegenwärtigen Haushaltsvorschlag
953 Millionen Dollar vorgesehen, das sind 180 Millionen Dollar
weniger als im Haushaltsjahr 1955.
Landwirtschaft
Auf Grund der im vergangenen Sommer erlassenen neuen Farmgesetze wird eine weitere Lockerung der staatlichen Lenkung und
Kontrolle hinsichtlich der landwirtschaftlichen Betriebe in den
kommenden Jahren möglich sein. Die in diesen Gesetzen vorgesehenen
flexiblen Subventionsmaßnahmen werden zu einem erhöhten Konsum
von Farmerzeugnissen im In- und Ausland beitragen und werden die

- 7-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

die Regierungsausgaben für Aufkauf und Lagerung überschüssiger
Mengen vermindern. Die im vergangenen Jahr erlassenen Gesetze
haben auch zu einer stärkeren Beteiligung des Privatkapitals bei
der Finanzierung von Darlehen an Farmer geführt. Durch die vermehrte Aufnahme von privaten Krediten mit Ausfallbürgschaft ist
die Nachfrage nach unmittelbar von der Regierung gewährten Darlehen für den Erwerb von Farmland und für die Boden- und Wasserkonservierung zurückgegangen. Durch die neue Gesetzgebung zum
Schutz der Wasserscheide ist eine feste Grundlage zu einer stärkeren
Zusammenarbeit zwischen der Bundesregierung und den Einzelstaaten
und Kommunen im Rahmen des Programms zur Verhütung von Hochwasserschäden an den Oberläufen der Flüsse geschaffen worden. Darüber
hinaus wurde den Farmern durch den Ausbau der landwirtschaftlichen Forschungs- und Aufklärungsarbeit besseres Rüstzeug an die
Hand gegeben, mit etwa auftauchenden Problemen selbst fertig zu
werden. Diese Maßnahmen geben den Farmern eine größere Unabhängigkeit von der Regierung, ermutigen sie, bei der Angleichung der
landwirtschaftlichen Erzeugung an die Nachfrage eine stärkere
eigene Initiative zu entwickeln und schaffen Verhältnisse, die
es den Farmern ermöglichen, auch ohne Eingreifen seitens der Regierung ihr Verdienstniveau zu halten. Die Gesetze über eine
flexible Subventionspolitik werden die Ausgaben im Fiskaljahr
1956 nicht stark berühren. Die Kosten für Landwirtschaftsprogramme
im Jahre 1956 werden auf 2,3 Milliarden Dollar geschätzt, das
sind 871 Millionen Dollar weniger als im Jahre 1955» Diese Ermäßigung ist vornehmlich auf die infolge der Beschränkung der Anbauflächen und des verstärkten Verkaufs voraussichtlich zu erwartenden geringeren Ausgaben für landwirtschaftliche Preisstützen
zurückzuführen.
Fürsorge, Gesundheits- und Erziehung,owesen
Auch unsere Politik der Zusammenarbeit mit den einzelstaatlichen Regierungen und den Kommunalverwaltungen sowie mit der
Privatwirtschaft hat es uns ermöglicht, wesentlich zum allgemeinen
Wohl beizutragen. Unsere umfassenden Hilfsprogramme zur beruflichen Umschulung sowie für den Bau gemeinnütziger Hospitäler und
Ambulatorien werden die Regierungen der Einzelstaaten, die Kommunen und das Privatkapital zu einer verstärkten Aktivität auf diesen
Gebieten anregen. Die Einbeziehung weiterer 10 Millionen Menschen
in die Alters- und Hinterbliebenenversicherung und die im vergangenen Jahr gesetzlich erfolgte Erhöhung der Beiträge und Leistungen stehen im Einklang mit unserem traditionellen Vertrauen auf
die eigene Kraft und werden die Abhängigkeit von Almosen verringern. Der vorliegende Haushaltsplan enthält auch Voranschläge für
die Programme zur Verbesserung des Gesundheitswesens, die ich in
einer Sonderbotschaft umreißen werde. Die Erhöhung der für einige
Programme, so vor allem für das öffentliche Gesundheitswesen und
die berufliche Umschulung, vorgesehenen Beträge wird durch die
Kürzung auf anderen Gebieten ausgeglichen. Die Gesamtaufwendungen
für Fürsorge, Gesundheits- und Erziehungswesen werden für das Finanzjahr 1956 auf 2,3 Milliarden Dollar geschätzt, das ist annähernd
das gleiche wie für Dienst- und Sozialleistungen für ehemalige
Kriegsteilnehmer.

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

Die Ausgaben für Sozialleistungen an ehemalige Kriegsteilnehmer werden auch weiterhin ansteigen infolge der wachsenden
Zahl anspruchsberechtigter ehemaliger Kriegsteilnehmer, die
gegenwärtig auf 21 Millionen in zivilen Berufen Tätige geschätzt
werden. Die im vorigen Jahr erlassenen Gesetze sehen eine Erhöhung
der Ausgleichs- und Pensionssätze für unsere ehemaligen männlichen
und weiblichen Kriegsteilnehmer vor. Ich habe kürzlich eine Proklamation über den Ablauf der für die Geltendmachung weiterer Ansprüche seitens ehemaliger Koreakämpfer gesetzten Frist erlassen.
Die Nettoaufwendungen für die Hilfsprogramme an ehemalige Kriegsteilnehmer werden auf 4,6 Milliarden Dollar geschätzt, das sind
rund 200 Millionen Dollar mehr als im Jahr 1955.
Zinsendienst und Verwaltungsausgaben
Die Ausgaben für den Zinsendienst werden auf 6,4 Milliarden
Dollar geschätzt, das sind 180 Millionen Dollar weniger als 1955»
Auf dem Gebiet der allgemeinen Regierungsausgaben empfehle ich
eine Erhöhung unserer Anforderungen für die Steuereinbeziehungsbehörden und die Verwaltungsstellen von RegierungBeigentum als
einen weiteren Schritt zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit dieser
Organe. Ich befürworte ferner eine Stärkung unserer Gesetzesvollzugsorgane, insbesondere des Bundeskriminalamtes. Abschließend
sei noch bemerkt, daß die Regierung als Arbeitgeber ihre Beiträge
zu der Pensionskasse für den Bundesdienst wieder aufnehmen sollte.
Bei Verwirklichung dieser Empfehlungen und einer entsprechenden
Zunahme der Zahlungen im Falle gerechtfertigter Ansprüche werden
die Ausgaben für allgemeine Verwaltungsausgaben im Finanzjahr
1956 um 344 Millionen Dollar auf insgesamt 1,6 Milliarden Dollar
steigen.
Aufschlüsselung der Ausgaben
Die vorstehend erörterten Haushaltsausgaben lassen sich in
vier Kategorien unterteilen, um eine Übersicht darüber zu erlangen, wozu die Steuereinnahmen verwendet werden und um aufzuzeigen,
auf welche einzelne Posten sich das Gesamtbudget verteilt. Diese
vier Hauptkategorien sind 1. die Aufwendungen für die Staatsverwaltung, 2. Zinsendienst 3. Zweckausgaben und 4. die Verteidigungsausgaben .
Der Nettostaatshaushalt
(in Milliarden Dollar)
Finanzjahr
Staatsverwaltung
Zinsendienst
Zweckausgaben
Verteidigung

1951

1.9
5,7
11,5
25,6

1952
2,2
5,9
12,2
46,0

1953
2,3
6,6
13,4
52,0.

- 9-

1954
1,9
6,5
11,6
47,9

1955
1,9
6,6
13,3
41,7

1956
2,3
6,4
12,0
41,5

£
4
10
19
67
Sonstiges

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Sonstiges
(Rücklagen und
Ausgleichsmittel
Insgesamt

1951

1952

1953

0,7
44,1

65,4

74,3

26. Januar 1955
1954

1955

0,1

0,3

67,8

63,5

1956

£

62,4

100

Die Ausgaben für die Staatsverwaltung waren lange Jahre hindurch infolge der hohen Anforderungen für die Verteidigung und
der Vielschichtigkeit unserer Programme im Inneren und im Ausland ein nicht mehr übersehbarer Komplex. Die Aufwendungen für
die Aufrechterhaltung des Regierungsapparates werden für das
Finanzjahr 1956 auf 2,3 Milliarden oder 4 Prozent der Nettoausgaben veranschlagt. In dieser Summe sind sämtliche Verwaltungsausgaben, die Aufwendungen für Reparatur, Unterhalt und Betrieb
der zivilen Anlagen der Regierung und für sämtliche anderen
regelmäßigen Funktionen enthalten.
Die Schwankungen, wie sie in den Kosten für die Staatsverwaltung zum Ausdruck kommen, sind in erster Linie auf die Beiträge zurückzuführen, die die Bundesregierung an die Pensionskasse für den Bundesdienst leistet. Im Haushaltsjahr 1953 bezifferten sich diese Beiträge auf 321 Millionen Dollar und für
1956 werden 216 Millionen Dollar vorgeschlagen. Bis der eingehende Prüfungsbericht über sämtliche Pensionskassen des Bundes
durch eine Sonderkommission vorliegt, werden in den Jahren 1954
und 1955 keine Beiträge geleistet. Erhöhte Mittel wurden auch
für verschiedene Bundesvorhaben zur Verfügung gestellt, bei denen
die Arbeiten lange Zeit im Rückstand sind.
Fallende Zinssätze in den vergangenen zwölf Monaten zusammen
mit einer Änderung der Zahlungsterrine im Zinsendienst berechtigten zur Annahme eines geringeren Zinsendienstes im Finanzjahr
1956.
Die Verteidigungsausgaben, die Zweidrittel der Gesamtausgaben ausmachen, umfassen sowohl die Heimatverteidigung als auch
die gemeinsame überseeische Verteidigung. Der für das Haushaltsjahr 1956 vorgesehene Gesamtbetrag setzt sich aus 40,5 Milliarden Dollar für die großen nationalen Sicherheitsprogramme und aus
1 Milliarde Dollar für wirtschaftliche und technische Hilfsleistungen im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit vor.
Ferner beziehen sich zahlreiche kleinere Posten, die in andere
Teile des Haushalts verstreut sind, und die nicht unter diese
Kategorie fallen, mehr oder weniger auf die Verteidigung, wie zum
Beispiel der Küstenschutz und die Bundesbehörde für die Registrierung und Klassifizierung Dienstpflichtiger.
Steuerpolitik
Im vergangenen Jahr haben wir in der Senkung der Steuerlasten und der Verbesserung des Steuersystems große Fortschritte
erzielt. Insgesamt beliefen sich die Steuersenkungen auf 7,4
Milliarden Dollar. In der Geschichte der Vereinigten Staaten war
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar 1955

war es die größte Steuersenkung, die jemals in einem Jahr durchgeführt wurde. Sie wurde nur auf Grund großer Abstriche an den
Regierungsausgaben ermöglicht. Die Einkommensteuertabelle wurde
revidiert, um Härten für Millionen von Einzelpersonen zu beseitigen und um Steuern zu senken, die die wirtschaftliche Entwicklung hemmten.
Wenn diese Steuersenkungen nicht erfolgt wären, hätte im
laufenden Haushaltsjahr der Staatshaushalt ausgeglichen werden
können. Es erwies sich jedoch als wünschenswert, die Bevölkerung
an den Vorteilen der großen Ausgabensenkungen teilhaben zu lassen.
Dadurch wurde sie in die Lage versetzt, überschüssige Mittel,
die zurückgehalten worden waren, nach Durchführung der Steuersenkungen für sich selbst zu verbrauchen.
Im Hinblick auf das vermutliche Defizit können wir uns weitere Verluste in den Staatseinkünften infolge von Steuersenkungen
in diesem Jahr nicht leisten. Nach den bestehenden Gesetzen würde
die Körperschaftssteuer am 1. April automatisch von 52 auf 47
Prozent gesenkt werden, was bei NichtVerlängerung des Gesetzes
einen Steuerausfall von etwa 2 Milliarden im ganzen Jahr bedeuten
würde. Nach dem bestehenden Gesetz würden auch die Verbrauchssteuern auf Branntwein, Tabak, Benzin und Automobile am 1. April
automatisch gesenkt werden, was Steuerausfälle in Höhe von
1 Milliarde Dollar zur Folge haben würde, wenn vom Kongreß für
ihre Verlängerung keine entsprechenden Gesetze erlassen werden.
Ganz unabhängig von etwaigen Änderungen der Steuersätze werden
im Haushaltsjahr 1956 (im Vergleich zu 1955) nach dem bestehenden
Gesetz automatisch fast 2 Milliarden Dollar weniger Steuern eingehen. Der Hauptgrund dafür liegt in dem Abschluß des vor 5 Jahren
gebilligten Planes, nach dem die Zahlungen der Körperschaftssteuer
in späteren Haushaltsjahren geleistet werden können. Glücklicherweise dürften diese Ausfälle im Jahre 1956 durch erhöhte Steuereinnahmen, die auf die wirtschaftliche Expansion der Vereinigten Staaten zurückzuführen sind,mehr als wettgemacht werden.
Zur Aufrechterhaltung unseres bestehenden Steueraufkommens
habe ich in meiner Botschaft über die Lage der Nation im Kongreß
empfohlen, die bestehenden Sätze der Verbrauchs- und Körperschaftssteuern auf ein Jahr zu verlängern. Denn jede andere Politik würde
erstens zu unzulänglichen Ausgaben für die nationale Sicherheit
oder zweitens zu einer inflationistischen Staatsverschuldung führen.
Das Finanzministerium hat im vergangenen Jahr laufend Änderungen der Steuergesetzgebung in Erwägung gezogen, die in den Empfehlungen zur Änderung der Steuergesetze im vergangenen Jahr nicht
enthalten waren. Sobald das Ministerium zu endgültigen Folgerungen
gelangt, wird es diese dem Kongreß unterbreiten.
Ich habe den Finanzminister auch angewiesen, jeweils von
Fall zu Fall Empfehlungen für andere Änderungen in den Steuergesetzen vorzuschlagen, sofern sich dies als notwendig erweist, um
jedermann dazu zu bringen, seinen gerechten Anteil an der Steuerlast zu tragen.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar

1955

Die gegenwärtige Steuerbelastung von nahezu ein Viertel des
Volkseinkommens stellt ein ernstes Hindernis für das dynamische
Wachstum unserer Wirtschaft auf lange Sicht dar, das so notwendig
für die künftige Entwicklung ist. Es gilt Mittel bereitzustellen,
um noch mehr und noch bessere Berufsaussichten nicht nur für jene
Bürger zu schaffen, die heute bereits im Arbeitsprozeß stehen,
sondern auch für die Millionen junger Menschen, die in künftigen
Jahren in das arbeitsfähige Alter kommen. Der Anreiz weiterer
Steuersenkungen ist hier notwendig und er sollte gewährt werden,
sobald sich dies nur irgendwie aus den Umständen rechtfertigen
läßt.
Wir müssen ständig entsprechende Vorkehrungen zur Wahrung
der Sicherheit des Landes treffen und für die Beibehaltung der
wichtigsten Regierungsstellen Sorge tragen; wir können deshalb
weitere Steuersenkungen nur dann vornehmen, wenn entsprechende
Einsparungen bei den Regierungsausgaben zu erwarten sind,oder
wenn die Einnahmen auf Grund einer Expansion der Wirtschaft
«Zeigen.
Steuersenkungen bleiben jedoch nach wie vor eines der wichtigsten Ziele meiner Regierung,und unsere Politik ist darauf gerichtet, sowohl eine Einsparung in den Ausgaben als auch eine
entsprechende Ausweitung der Wirtschaft zu gewährleisten, die
ihrerseits die Voraussetzung zu einer derartigen Steuersenkung
bilden.
Ich hoffe, daß derartige Steuersenkungen im nächsten Jahr
vertretbar werden. Wenn dies der Fall ist, dann werde ich eine
Steuersenkung empfehlen, um alle Steuerzahler in gerechter Weise
an diesen Erleichterungen teilhaben zu lassen, dazu die Steuerlast des Einzelnen zu verringern und damit einen Anreiz für weitere Anstrengungen und Investitionen zu bieten.
Schuldenverwaltung
Die Schuldenpolitik des vergangenen Jahres war auf die Geldpolitik des Federal-Reserve-Bankensystems abgestellt und diente
dem Zweck, die zur Aufrechterhaltung einer auf vollen Touren
laufenden Wirtschaft erforderlichen Mittel und Kredite in ausreichendem Maße zu beschaffen. Das Finanzministerium nahm angesichts
der im Jahre 1954 gegebenen besonderen Umstände davon Abstand,
langfristige Obligationen herauszugeben, die auf dem Kapitalmarkt
jene langfristigen Mittel aufsaugen würden, die so den Regierungen
der Einzelstaaten und den Gemeinden für die Beschaffung von Wohnraum die Expansion der Wirtschaft und den Bau von neuen Schulen,
Straßen und Krankenhäusern verfügbar sind. Gleichzeitig wurde das
Staatsschuldenwesen, auf dem Weg über
den Austausch von fälligen
Papieren gegen mittelfristige Obligationen weiter verbese rt. In
jedem einzelnen Fall eines größeren Finanzierungsvorhabe. -, seitens
des Finanzministeriums wurden im Jahre 1954 - mit Ausnahme der
Kreditaufnahme durch Ausgaben von Schuldverschreibungen auf zu erwartende Steuereinkünfte - Kreditgebern die Möglichkeit eingeräumt,
Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr
zu erwerben. Dies führte zu einer erheblichen Verringerung der
kurzfristigen Verbindlichkeit.

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26. Januar 1955

Am 31. Dezember 1954 belief sich die gesetzlich begrenzte
Staatsschuld auf 278,3 Milliarden Dollar. Wir hoffen es möglich
zu machen, in diesem Haushaltsjahr innerhalb des gegenwärtigen,
im August vorigen Jahres vom Kongreß festgesetzten Plafonds von
281 Milliarden Dollar auszukommen. Die über 275 Milliarden
Dollar hinausgehende Erhöhung, wie sie der Kongreß vorgesehen
hat, ist jedoch nur vorübergehender Art. Die gesetzliche Grenze
wird am 30. Juni 1955 auf 175 Milliarden Dollar zurückgehen.
Wir erwarten, daß die hohen Steuereinkommen in der zweiten Hälfte
dieses Finanzjahres es uns möglich machen werden, die Staatsschuld bis zum 30. Juni 1955 auf diese Höhe zu reduzieren.
Zu Beginn des neuen Haushaltsjahres im Juli 1955 wird die
Höhe der Schuld bereits nahe an die gesetzliche Grenze heranreichen. Nach dem derzeitigen quartalsmäßigen Steuererhebungssystem
werden die Ausgaben in den ersten sechs Monaten des Finanzjahres
1956 die Einnahmen um rund 8 Milliarden Dollar übersteigen. Daher
wird es innerhalb dieses Zeitraumes nicht möglich sein, die Staatsausgaben zu begleichen, ohne die 275-Milliarden-Grenze zu überschreiten.
Wir sind uns darüber klar, daß die gesetzliche Schuldengrenze
als Ausdruck der festen Entschlossenheit, den Staatshaushalt
gesund zu halten, ihren eindeutigen Wert besitzt. Bei den derzeitigen Aufwendungen für die nationale Sicherheit waren wir
noch nicht in der Lage, ein ausgewogenes Budget zu erreichen,
wenn wir auch wesentliche Fortschritte in dieser Richtung erzielt
haben. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als den Kongreß
abermals um Erhöhung der Schuldengrenze zu bitten.
Im Laufe der beiden letzten Jahre haben wir bewiesen, daß
ein freies demokratisches Staatswesen sich ohne ernsthafte wirtschaftliche Störungen von der Kriegswirtschaft auf die Friedenswirtschaft umstellen kann. Ein wesentlicher Faktor hierbei war
das Vertrauen des Volkes in die Fähigkeit der Regierung, ihre
Finanzpolitik bewußt und verantwortungsvoll zu führen.
Die Tatsache, daß wir uns eine klug planende Finanzpolitik
zum Ziele gesetzt hatten, hat sich in Form eines allgemeinen Wohlstandes bezahlt gemacht und macht sich auch weiterhin bezahlt.
Wir haben die Ausgaben gesenkt und die erdrückende Steuerlast
gemindert. Wir haben die Struktur der Staatsschuld verbessert und
ein günstiges Klima für eine gesunde Geldpolitik geschaffen. Wir
haben die Privatinitiative gefördert, indem wir begonnen haben,
die Regierung aus der Konkurrenz mit der Privatwirtschaft auszuschalten. Wir haben im Wohnungsbau und im Schutz gegen persönliches Unglück Fortschritte erzielt. Wir sind dabei, die natürlichen
Hilfsquellen unseres Landes in Zusammenarbeit mit den einzelstaatlichen und kommunalen Verwaltungen sowie durch Privatinitiative
auszuwerten. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, einen hohen Beschäftigtenstand zu gewährleisten und ihn weiter zu erhöhen, eine
zunehmende Wirtschaftsblüte und eine stabile Währung zu garantieren*
Die Regierung wird auch weiterhin die äußerste Sorgfalt in

�A M E R I K A

D I E N S T

JAHRESBERICHT VES .tfiÄSILENTEN Lüfi USA
DWIGHT D. EISENHOWER ÜBER SIS ÄlfiTSCHAiTLICHE SITUATION
SSfi VEREINIGTEN S T A A T M
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Im folgenden bringen wir Auszüge aus der Wirtschaft8botschaft, die Präsident Eisenhower dem amerikanischen Kongreß am 20.Januar 1955 übermittelt
hat.
Verpflichtungen der Bundesregierung
Die wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung und ihr
künftiges Programm beruhen auf gewissen Grundvoraussetzungen. Zunächst sind wettbewerbsfähige Märkte statt staatlicher Direktiven in der Regel als die wirksamsten Mittel für
die Sicherung des Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage anzusehen.
Zweitens hat eine freie Wirtschaft zahlreiche Möglichkeiten, neue Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten zu
schaffen, wenn das Vertrauen in die Zukunft der Wirtschaft
bei den Geldgebern, Arbeitern, Geschäftsleuten, Farmern und
Verbrauchern gleichermaßen vorhanden ist.
Drittens schafft die Bundesregierung günstige Bedingungen für die wirtschaftliche Aktivität, wenn sie die Privatinitiative fördert, monopolistische Tendenzen - gleichgültig
ob in Wirtschafts- oder Gewerkschaftskreisen - beschneidet,
eine Einflußnahme auf den privaten Sektor der Wirtschaft
vermeidet und so viele Arbeiten und Aufträge wie nur irgend
möglich von privaten Unternehmen ausführen läßt.
Viertens schafft die Bundesregierung eine Atmosphäre
des Vertrauens, wenn sie inflationistische und deflationistische Tendenzen weitgehend unterbindet und sich dabei
vor allem indirekt wirkender Mittel wie der Beeinflussung
des Verhaltens der Einzelnen bedient, statt direkte Zontrollen über Volk, Industrie und Märkte auszuüben.
Fünftens leistet die Bundesregierung einen Beitrag zum
Wachstum der Wirtschaft, wenn sie Seite an Seite mit den
Einzelstaaten an der Förderung der wissenschaftlichen Forschung und der Durchführung öffentlicher Vorhaben wie Bau
von Straßen, Krankenhäusern, Hafenanlagen und Bildungsstätten mitwirkt, die ein wesentlicher Faktor für die Ausweitung der privaten Wirtschaft sind.
Sechstens
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�"üi^HIiU LIüaST" - »lüTSChü^T Uüb ahJb.IT
2. Februar 1955
Sechstens stärkt die Bundesregierung die Fundamente der
Wirtschaft, wenn sie mehr Möglichkeiten für die weniger begüterten Bürger schafft und, in Zusammenarbeit mit den einzelstaatlichen und kommunalen Behörden, dem Einzelnen hilft, mit
Nöten wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter und Notwohnung
fertig zu werden.
Dies sind elementare und voneinander untrennbare wirtschaftliche Grundsätze. Sie bilden die Basis einer Politik,
die, wird sie mit Ausdauer verfolgt, uns dem Ziel eines stetig wachsenden Volkseinkommens näherbringen wird, an dem alle
gleichermaßen teilhaben können, die zu seinem Wachstum beitragen; das sich in steigender Kaufkraft breitester Kreise
ausdrückt und das Rahmenwerk eines Wirtschaftssystems darstellt, das stark und human in einem ist und sowohl größeren
materiellen Reichtum als auch eine allgemeine Hebung des Lebensstandards herbeiführen kann.
Wege zu wirtschaftlichem Wachstum
Die Wachstumsmöglichkeiten innerhalb der amerikanischen
Wirtschaft
Die amerikanische Wirtschaft hat neue Arbeitsplätze geschaffen und wahre Produktionswunder vollbracht. Sie müßte
in der Lage sein, dies in gleichem oder sogar noch stärkerem
Ausmaß in Zukunft zu tun. Unsere Bevölkerungszahl nimmt rapide
zu, das Bildungsniveau steigt, die Arbeitstechnik wird immer
besser, das Nationaleinkommen verteilt sich auf breite Volksschichten, die Verbraucherschaft ist bestrebt, ihren Lebensstandard weiter zu erhöhen, die Geschäftswelt bemüht sich um
die Errichtung neuer und die Erweiterung alter Unternehmen,
die Industrie verfügt über immer mehr und bessere Produktionsmittel, Forschung und Technik eröffnen ständig neue Möglichkeiten, und unsere allgemeine Politik unterstützt generell
Unternehmungsgeist und den Mut zum Neuen. Da so viele günstige Faktoren im Spiel sind, ist es durchaus logisch, mit einer
rasch sich ausweitenden Wirtschaft zu rechnen.
Eine wirtschaftsmathematische Berechnung unter Zugrundelegung einer Anzahl technischer Voraussetzungen, deren wichtigste die Beibehaltung des jährlichen Produktivitätszuwachses ist, wie er in jüngster Zeit durchschnittlich zu verzeichnen war, zeigt, daß unser Land innerhalb von zehn Jahren seine Produktion von gegenwärtig 360 Milliarden Dollar
auf 500 Milliarden Dollar jährlich oder darüber zu steigern
vermag, wobei diesen Zahlenangaben die Kaufkraft zugrundegelegt ist, die der Dollar heute besitzt. Natürlich sind uns
für künftige Leistungen durch die Vergangenheit keine Grenzen gesetzt. Ebensowenig dürften wir zulassen, daß durch
Rechenexperimente die grundlegende Tatsache überschattet
wird, daß eine Wirtschaft nur zusammen mit dem ganzen Volk
gedeihen kann. Die Zukunft unserer Wirtschaft hängt davon ab,
ob wir den großen Reichtum des amerikanischen Volkes an Wissen,
Können, Energie und Zuversicht auch voll zu nutzen verstehen.
Es

�"•nau&amp;ijki D A L U S ! " -ftiETbCh^i;!üttu AK3J.IT
2. Februar 1955
Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, daß wir einer
glanzvollen wirtschaftlichen Zukunft entgegengehen, aber sie
ist ans nicht unbedingt sicher. Nur durch kluge Verwaltung
aller unserer Güter werden wir sie erlangen. In Zukunft werden
ebenso wie in der Vergangenheit die Steigerung der Produktivität und die Schaffung von immer mehr volkswirtschaftlich wichtigen Arbeitsplätzen der eigentliche Kern wirtschaftlicher Expansion sein. Die Produktionsmittel der Landwirtschaft, Industrie, des Bergbaus wie auch in den Büros müssen quantitativ
und qualitativ verbessert werden. Arbeitsmethoden, Material
und Betriebsführung müssen zu erhöhten Leistungen führen, und
das Können und die Arbeitsmoral müssen ein noch höheres Niveau
erreichen, so daß die pro Arbeitsstunde erreichte Produktion
gesteigert werden kann. Und solange nicht genügend zufriedenstellende Arbeitsmöglichkeit=n für jene vorhanden sind,
die ihre Arbeitskraft wirksam einsetzen wollen, und solange
nicht die menschliche Arbeitskraft überhaupt in steigendem
Maße Dienstleistung und der Produktion von Gütern zugutekommt,
die den allgemeinen Lebensstandard heben, ist es nicht ausgeschlossen, daß die von ns erreichte Erhöhung der Produktivität einfach verzettelt w rd.
Maßnahmen des Jah. es 1954 zur Festigung der Wirtschaft
Im Laufe des verflossenen Jahres hat die Regierung viele
Maßnahmen sowohl gesetzgeberischer als auch verwaltungsmäßiger Natur erlassen, um die Expansivkraft unserer Wirtschaft
zu erhöhen. Diese Maßnahmen sind Ausdruck der in diesem Bericht dargelegten wirtschaftlichen Grundsätze. Diese Aktionen
haben dazu beigetragen, das Vertrauen des amerikanischen Volkes zu stärken.
Steuer- und währungstechnische Maßnahmen
Die wirksamsten und durchgreifendsten Maßnahmen waren
Steuer- und währungstechnischer Natur. Die Kürzung der militärischen und anderer Aufwendungen machte es möglich, sowohl
die Steuern als auch das Defizit des Bundeshaushalts stark zu
senken. Gleichzeitig ließen die Bundeszentralbanken wissen,
daß sie beabsichtigen, Kredite in angemessener Höhe und zu
mäßigen Zinsen bereitzustellen, solange dadurch eine Ausweitung der Wirtschaft ohne Inflation ermöglicht werden könne.
Diese Steuer- und währungstechnischen Maßnahmen haben bei den
Verbrauchern und in der Geschäftswelt eine positive Einstellung
zur Wirtschaft ausgelöst. Sie stärkten die Erwartungen auf
Besserung der Wirtschaftslage, auf stabile Preise im Rahmen
des Vernünftigen, auf sparsame Haushaltsführung der Regierung
sowie auf künftige Steuersenkungen. Somit bewirkten sie die
Beibehaltung eines hohen Standes der privaten Aufwendungen
für Verbrauchsgüter und schufen die Voraussetzungen für eine
erfolgreiche Anwendung anderer Regierungsmaßnahmen zur Förderung einer Wirtschaftsexpansion auf lange Sicht.
Ausbau
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2. Februar 1955

Ausbau der Möglichkeiten des freien Wettbewerbs
Die jüngsten Maßnahmen von Kongreß und Regierung haben
den Umfang der Privatunternehmen erweitert und klare Verhältnisse geschaffen. Von großer Bedeutung für die Zukunft ist das
neue Gesetz, durch das die Atomenergie-Kommission ermächtigt
wurde, bei gebührender Berücksichtigung des öffentlichen Interesses, Lizenzen zur Verwendung besonderen kernreaktiven
Materials durch Kernreaktoren in Privatbesitz zu vergeben.
Das gleiche Gesetz bietet einen erweiterten Patentschutz für
private Erfindungen auf dem Gebiet der Atomenergie. Wenn wir
die Privatwirtschaft ebenfalls zur Entwicklung der Atomkraft
und anderen Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie zulassen,
werden wir dadurch die Vorteile, die unser Volk bereits aus
dieser neuen Energiequelle genießt, wesentlich vergrößern
können.
Die Regierung hat auch insofern Fortschritte erzielt,
als sie die Trennungslinie zwischen Privatwirtschaft und Unternehmen der öffentlichen Hand erneut festgelegt hat. Es
wurden Vorkehrungen getroffen, zahlreiche Unternehmen, die
für die öffentliche Hand unrentabel oder von zweifelhaftem
Nutzen waren,aufzugeben. Gleichzeitig hat die Regierung ihre
Verträge mit Privatfirmen c:ber die erforderlichen Dienstleistungen und Anlagen erweitert und vermehrt - statt dies in
eigener Regie zu erledigen, wodurch dem Steuerzahler häufig
höhere Kosten entstanden. Um die wirtschaftliche Erschließung
unserer Wasserkräfte zu beschleunigen, dabei aber die Beteiligung des Bundes an Unternehmen, deren Durchführung anderen
Stellen allein nicht möglich ist, zu reduzieren, wurde der
Grundsatz der Partnerschaft zwischen Bund und örtlichen Stellen - öffentlichen oder Privatunternehmen - eingeführt.
Durch zahlreiche Gesetzesänderungen wurde die Initiative
der Wettbewerbswirtschaft gefördert. So hat das jüngste Steuergesetz die Abschreibungsmöglichkeiten erweitert, den Zeitraum, in dem Verluste steuerlich abgesetzt werden können, und
die nachträgliche Verbuchung von Gewinn zur Selbstinvestition
verlängert sowie den Aktionären eine begrenzte Steuerfreiheit
für erhaltene Dividenden gewährt. Alle diese Maßnahmen sollten
zur Entwicklung der Geschäftsunternehmen, insbesondere der
mittleren oder kleinen, beitragen, und es ihnen ermöglichen,
neue Arbeitsplätze zu guten Löhnen zu schaffen. Gleichzeitig
wurden Gesetze zur Lockerung der bundesamtlichen Kontrollen
über die Landwirtschaft erlassen. Die Einführung elastischer
Preissubventionen für die wichtigsten landwirtschaftlichen
Erzeugnisse und die Angleichung der Paritätsklausel an die
heutigen Verhältnisse werden unseren landwirtschaftlichen Betrieben die Angleichung an die veränderten Marktverhältnisse
erleichtern und damit die Zukunftsaussichten der Farmer verbessern.
Festigung der wirtschaftlichen Bande mit anderen Ländern
Obgleich die Entscheidung über wichtige Vorschläge zur
Änderung unserer Außenhandelspolitik auf dieses Jahr verschoben wurde, sind auch im Jahre 1954 bereits einige konstrukti-

�H

*iuiEEIKxi DIENST" - iiIRTöOhAiT UKL ARBAIT
2. Februar 1955
konstruktive Maßnahmen zur Förderung des internationalen Handels und der Auslandsinvestitionen erlassen worden. Für viele
Waren wurden die staatlichen Ausfuhrkontrollen bei Lieferung
an befreundete Länder aufgehoben. Die Kreditbefugnis: der Export-Import-Bank wurde von 4»5 Milliarden Dollar auf 5 Milliarden Dollar erhöht, und zur Erleichterung des Außenhandels wurde
ein neues Export-Kreditprogramm eingeführt. Die Schaffung einheitlicher und vernünftiger Normen für die Anwendung des Gesetzes
über die Bevorzugung amerikanischer Firmen bei öffentlichen Ausschreibungen wurde in Angriff genommen. Um den Handel zu erleichtern, wurde die Handhabung der Zollvorschriften verbessert.
Zum Zwecke der Ausweitung privater AuslandsInvestitionen
hat das Amt für Auslandshilfe die Prämie für staatliche Bürgschaften gegen Enteignung oder Nichtkonvertierbarkeit der
Gelder auf die Hälfte herabgesetzt. Ein weiterer Schritt in
Richtung auf das gleiche Ziel war die Aufhebung der allgemeinen Beschränkung hinsichtlich der Höhe, bis zu der im Ausland
entrichtete Steuern auf die in den USA zu leistende Einkommensteuer angerechnet werden können sowie die den Aktionären anerkannter Investitionsgesellschaften gewährte Erlaubnis, für mehr
als die Hälfte ihrer Auslandsinvestitionen die im Ausland bewilligten Steuerkredite in Anspruch zu nehmen.
Schaffung der Grundlage zur Sicherung des Einzelnen und
der Familie
Infolge der Regierungsmaßnahmen des vergangenen Jahres
sind heute viele Menschen eher imstande, ihr Wohnungsproblem
sowie die infolge Alter oder Arbeitslosigkeit auftretenden
Schwierigkeiten zu meistern. Über 10 Millionen Männer und
Frauen wurden in das System der Alters- und Hinterbliebenenversicherung einbezogen. Die Beiträge zur Sozialversicherung
wurden heraufgesetzt bei gleichzeitiger Erhöhung der Leistungssätze in der Altersversicherung und der erlaubten Verdienstgrenze. Gleichzeitig wurden die Renten- und Kriegsversehrtenentschädigungssätze für ehemalige Kriegsteilnehmer heraufgesetzt.
Die Arbeitslosenversicherung, die in den Zuständigkeitsbereich des Bundes und der Einzelstaaten fällt, wurde ebenfalls
ausgebaut. Sie wurde auf über 1,3 Millionen Arbeiter kleinerer
Betriebe und auf 2,3 Millionen Bundesangestellte ausgedehnt.
Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der von der Arbeitslosenversicherung erfaßten Personen auf etwa 40 Millionen. Auch
wurden die nach dem Gesetz über die Arbeitslosenversicherung
für den Distrikt Columbia zu zahlenden Unterstützungsbeträge
sowie die Dauer der Versicherungsleistungen erhöht. Ein Sonderausgleichsfonds wurde geschaffen, um sicherzustellen, daß
keine Verzögerungen in der Auszahlung der Arbeitslosenversicherung bei denjenigen Bundesstaaten eintritt, deren Reserven bereits erschöpft sind. Zur Lösung akuter Personalprobleme
wurden Bestimmungen erlassen, die den Bundesstaaten für Zwecke
der Berufsausbildung höhere Zuschüsse gewähren.
Ferner wurden wichtige Maßnahmen zur Förderung des Erwerbs
von Eigenheimen, zur Erhaltung des Landschaftsbildes in der

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2. Februar 1955
Aussichten unserer Wirtschaft. Dieser Überblick soll dazu beitragen, die nächsten von der Regierung . zu treffenden Maßnahmen :estzulegen, die darauf hinzielen, eine stetige und
befriedigende Entwicklung unserer Wirtschaft zu fördern. Ein
Programmfür die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen
wird im dritten und Schlußkapitel dieses Berichts entwickelt.
Starke wirtschaftliche Bande mit anderen Ländern
Die Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten kann ein
machtvolles Instrument zur Stärkung unserer eigenen Sicherheit
und der der freien Welt sein. Die Nationen der freien Welt
hängen wirtschaftlich voneinander ab und keine kann es sich
leisten, aus dem engen Blickwinkel ihrer eigenen Interessen
heraus oder unter primärer Berücksichtigung von Sonderinteressen einzelner Industrien oder Gruppen zu handeln. Mehr
als je zuvor müssen die ständigen Interessen für unsere
eigene nationale Sicherheit und für das Allgemeinwohl allen
anderen Erwägungen vorangehen.
Es liegt im Interesse einer jeden Nation, sich mit den
Hemmnissen zu beschäftigen, die den internationalen Handel
und die Investierungen hinter die steigende Produktion und
die erhöhten Einkommen zurückfallen lassen. Unser eigenes
nationales Interesse verlangt klar und deutlich eine Politik,
die die Grundsätze der Wettbewerbswirtschaft, die gemeinsam
mit der Freiheit unser Volk so reich gemacht hat, auch auf
internationalem Gebiet anwendet. Der kommunistischen Ideologie vom allmächtigen Staat, der über die gesamten Produktionsmittel verfügt und der jede wirtschaftliche Aktivität bestimmt, stellen die Vereinigten Staaten die Ideale von der
Freiheit des Individuums, des Privateigentums, der Privatwirtschaft und der offenen Märkte entgegen. Wir müssen daran
festhalten, daß, auf lange Sicht gesehen, die übrigen Länder
sich wahrscheinlich weit lieber für die liberalen Ideale entscheiden werden. Wir tun alles, was nur in unserer Macht
steht, um sie darin zu bestärken, gemeinsam mit uns an den
Segnungen des internationalen Handels teilzuhaben. Daher wird
unserevHandels- und Investitionspolitik davon bestimmt, die
Solidarität innerhalb der freien Welt nach Möglichkeit zu
stärken.
Die weiten Gesichtspunkte, die die Arbeit der Kommission
für Außenhandelspolitik kennzeichnen, sind die Richtschnur für
diese Empfehlungen an den Kongreß, der entscheiden soll, daß
die dem Handel auferlegten Hemmnisse beseitigt, Auslandsinvestitionen gefördert und den unterentwickelten Gebieten technische Unterstützung gewährt werfen. Diese Maßnahmen werden nicht
nur dazu beitragen, die Weltproduktion zu steigern und den
Welthandel auszuweiten, sondern sie werden auch zu der Steigerung des Lebensstandards unseres eigenen Volkes einen Beitrag
liefern.

Die

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2. Februar 1955

Die Beseitigung der Handelsschranken
Die freie Welt ist darum bemüht, die Handelsschranken
durch das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), das
gegenwärtig von den beteiligten Staaten neu. ausgehandelt wird,
zu verringern. Da dieses Abkommen mit zu den Mitteln gehört,
mit deren Hilfe die Vereinigten Staaten die Zielsetzungen des
Gesetzes über den Abbau der Handelsschranken (Trade Agreements
Act) zu verwirklichen suchten, sind die gegenwärtigen Verhandlungen für urs sehr wichtig. Sobald die Verhandlungen über das
neue Zoll-- und Handelsabkommen zu einem befriedigenden Abschluß gekommen sind, wird es dem Kongreß zur Billigung unterbreitet werden.
Es ist von größter Wichtigkeit, daß wir an einer allmählichen und diffe.enzie ten Herabsetzung der Zölle auf dem erprobten Weg inttrnationaler Verhandlungen weiterarbeiten.
Deshalb wurde dem Kongreß die Verlängerung des Gesetzes über
die Handelsabkommen i uf wei e e drei Jahre und eine dahingehende Änderung vorgeschlagen, daß der Präsident ermächtigt
wird, 1. die gegenwärtigen Zollsätze auf einzelne Verbrauchsgüter in den drei Jahren der Gültigkeit jährlich bis zu 5 Prozent zu senken; 2. die Zölle auf Waren, die gegenwärtig in
sehr geringen Mengen eingeführt werden, in noch stärkerem Maße
zu senken und 3. sämtliche [Olltarife von mehr als 50 Prozent
des Warenwertes auf diesen Satz herabzusetzen. Die Bestimmungen des Gesetzes über Rücktritt und C-efahrenfälle sollten beibehalten werden, um unbillige Härten, die sich aus der Durchführung der vorgeschlagenen Maßnahmen ergeben könnten, zu vermeiden oder doch zu mildern.
Unseie Zollverfahren führten oft zu Interpretationsstreitigkeiten und verursachten oftmals Verzögerungen, die unnötige
und unerwünschte Belastungen für den Handel mit sich bringen.
In der letzten Zeit wurde die Zollverwaltung jedoch weit wirksamer gestaltet, wenngleich vom Standpunkt der Wirtschaft noch
viel zu tun übrigbleibt. Ein Interimsbericht der Zollkommission
über Methoden zur Vereinfachung der Warenkategorien und der in
den Zollgesetzen verfügten Tarife wird in Kürze veröffentlicht
werden und sicher ein eingehendes Studium verdienen. Darüber
hinaus sollte der Kongreß Richtlinien für die Bewertung eingeführter Waren erlassen, die einfach, klar und zweckdienlich
in der Handhabung sind.
Schließlich wird der Kongreß ersucht, die Freigrenze für
die Einfuhr ausländischer Waren durch amerikanische Touristen,
die sich bis zu sechs Monate im Ausland aufgehalten haben,
heraufzusetzen. Abgesehen von den wirtschaftlichen Auswirkungen,
würde eine derartige Förderung des Touristenwesens sehr zur
Verbesserung unserer Beziehungen zu anderen Ländern beitragen.
Die Förderung von Auslandsinvestitionen
Wir können unsere eigene Volkswirtschaft und die der Länder der freien Welt dadurch festigen, daß wir den Kapitalstrom
in jene Staaten verstärken, die das Kapital produktiv und zur
Entwicklung ihrer Wirtschaft verwenden können. Die Ausweitung
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2. Februar 1955
Ausweitung der Auslandsinvestitionen würde zum rascheren Ausbau der Industrien in Ländern beitragen, deren Produktion umgekehrt mithelfen kann, unseren zunehmenden Bedarf an Rohstoffen und anderen Gütern zu decken. Durch Steigerung unserer
Ausfuhren würde dies auch dazu beitragen, die allgemeine Prosperität in unserem Lande zu festigen. In erster Linie aber
würde es eine überzeugende Demonstration unseres Wunsches nach
einer wirtschaftlichen Partnerschaft mit jenen Ländern darstellen, die eine Ausweitung des Volumens ihrer Volkswirtschaft erstreben.
Den wirtschaftlich unterentwickelten Ländern in verschiedenen Gebieten unserer Erde in zweckmäßiger Weise zu helfen,
gehört mit zu den großen Aufgaben unserer Zeit. Die Vielschichtigkeit dieser Aufgabe wird deutlich an jenen Paktoren, die
in diesen Gebieten anzutreffen sind: große Menschenmassen auf
beschränktem Raum, ungenügende Erziehungseinrichtungen, starker Mangel an Eigenkapital, das Fehlen von betriebswirtschaftlich erfahrenen Kräften in der Wirtschaft, das Veraltetsein
des Transportwesens, eine zu geringe Stromerzeugung und den
Anforderungen nicht gewachsene Behörden. Diese Länder können
unsere Hilfe und die Unterstützung anderer Staaten dazu benutzen, ihre gesamten sozialen Einrichtungen auf eine solide
Grundlage zu stellen,und sie werden so begreifen lernen, welche Entwicklungsmöglichkeiten den freien Völkern offenstehen.
Unsere Hilfe wird in steigendem Maße in Form von technischer
Unterstützung gewährt, wobei amerikanische Spezialisten mit
Fachkräften aus dem betreffenden Lande zusammenarbeiten, um
dessen Produktion zu heben und sein Erziehungs- und Gesundheitswesen zu verbessern. Hilfe in Form von Waren und Dienstleistungen wird jenen Staaten gewährt, deren wirtschaftliche
Stärke bei einer normalen Handels- und Investitionstätigkeit
nicht in jenem Maße zunehmen würde, wie dies im Hinblick auf
die Sicherheit der freien Welt erforderlich scheint.
Das technische Hilfsprogramm und die anderen Hilfsmaßnahmen für die wirtschaftlich unterentwickelten Gebiete sollten weiter asugebaut werden. Noch wichtiger ist, auf lange
Sicht, daß noch weit mehr privates Investitionskapital ins
Ausländ gebracht wird. Wir sollten Investitionen in allen
jenen Ländern fördern, die, aus dem Wunsch heraus, die Entwicklung ihrer Wirtschaft zu beschleunigen, günstige Bedingungen für solche Investitionen geschaffen haben. Ein Zustrom
privaten amerikanischen Kapitals kann in vielen Fällen eine
katalytische Wirkung haben: die Produktion und das Einkommen
würden steigen und somit einen größeren Verbrauch und steigende Ersparnisse gestatten, die ihrerseits wieder die Investitionstätigkeit aus dem eigenen Lande ansteigen ließen - und
so würde dies immer weitere Kreise ziehen. Wenn auch die Export-Import-Bank voraussichtlich ihr Kreditprogramm ausweiten
wird, so kann die Bundesregierung doch auch auf andere Weise
dazu beitragen, daß die amerikanische Investitionstätigkeit
im Ausland zunimmt.
Wie die Kommission für Außenhandelspolitik bereits in
ihren Empfehlungen ausgeführt hat, sollte der Satz der Körperschaftssteuer im Falle von Einkommen, das aus einer Ge-

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2. Februar 1955
Geschäftstätigkeit im Ausland resultiert, um 14 Prozent gesenkt
' werden, so daß er dem Satz entspricht, der auf Handelsgesellschaften angewandt wird, die innerhalb der westlichen Hemisphäre
tätig sind. Unsere derzeitige Steuergesetzgebung bestimmt,
daß Einkommen aus ausländischen Quellen in den Vereinigten
Staaten in dem Maße zu besteuern ist, in dem es im Ausland
nicht versteuert wird. Daraus ergeben sich zwei Polgen.
Erstens arbeiten amerikanische Firmen, die in fremden Ländern mit niedrigen Steuern tätig sind, unter ungünstigeren
Bedingungen als einheimische Firmen jenes Landes oder Firmen
aus Ländern, die im Ausland erzielte Einkommen nur sehr niedrig
besteuern. Zweitens können Länder, die amerikanisches Kapital
hereinzuholen suchen, die Gewährung günstiger Steuersätze kaum
mehr als Anreiz verwenden. Ja, unsere gegenwärtige Steuerpolitik kann ein Land, in dem bereits amerikanisches Kapital investiert wurde, veranlassen, seine Steuern auf das Einkommen
von Handelsgesellschaften zu erhöhen. Die vorgeschlagene Senkung des Satzes würde mit dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Firmen in anderen Ländern zu verbessern.
Den amerikanischen Firmen mit Hiederlassungen im Ausland
sollte ebenfalls gestattet werden, die Steuern für das Einkommen der Filialunternehmen sc lange zurückzubehalten, bis
der Einkommensbetrag vom Ausland in die USA transferiert ist.
Damit wird die ungerechtfertigte unterschiedliche Behandlung
der durch Filialen einerseits und Tochtergesellschaften andererseits getätigten Operationen beseitigt.
Diese Änderungen in der Steuergesetzgebung sollten wir
dadurch ergänzen, daß wir auch in Zukunft gemeinsam mit anderen Ländern den Nutzen des Steuervertrages als eine Methode
zur Erreichung eines für Auslandsinvestitionen günstigen Klimas anwenden. Geeignete Sicherheitsvorkehrungen vorausgesetzt,
sollten wir bereit sein, Einkommensteuern,auf deren Einziehung
ein anderes Land für die Dauer einer bestimmten Anlaufzeit
verzichtet, in voller Höhe zu stunden. Diese Änderung würde
den Gesetzen anderer Länder, die auf eine Stimulierung der
Initiative zur Geschäftseröffnung abzielen, größere Wirkungskraft verleihen.
Eine weitere Maßnahme, die als Anreiz zu Auslandsinvestitionen dienen könnte, ist die Errichtung einer internationalen
Finanzierungsgesellschaft, die der Weltbank anzuschließen wäre.
Diese Gesellschaft würde ihr Stammkapital von denjenigen Ländern erhalten, die heute der Weltbank angeschlossen sind. Im
Gegensatz zur Weltbank würde es dieser Gesellschaft zu gestatten sein, ohne irgendwelche staatliche Garantien, Investitionen in neuen kapitalarmen Privatunternehmen vorzunehmen.
In ihrer geplanten Form würde diese Gesellschaft nur bis zur
Gründung an einem neuen Unternehmen beteiligt sein»nicht über
einen längeren Zeitraum. Sie würde,sich auch nicht an der Leitung der unter ihrer Mitwirkung ins Leben gerufenen Unternehmen beteiligen. Durch die auf rein geschäftlicher Basis erfolgende Bereitstellung des erforderlichen Anfangkapitals, würde
die Gesellschaft zur Ausweitung privater Auslandsinvestitionen
beitragen. Ihr internationaler Charakter und ihr Ansehen in der
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2. Februar 1955

der ganzen Welt würden es den Bürgern der anderen Länder wahrscheinlich erleichtern, ein für Investitionen in ihrem Lande
günstiges Klima zu schaffen. In Anbetracht der vielversprechenden Möglichkeiten dieser geplanten Gesellschaft werde ich den
Kongreß ersuchen, zu gegebener Zeit einen durch die Vereinigten
Staaten zu leistenden Zuschuß zu ihrem Stammkapital zu bewilligen.
Alles in allem werden sich diese Vorschläge zur Ausweitung
des internationalen Warenverkehrs und zur Erhöhung der Auslandsinvestitionen günstig auf unsere Wirtschaft auswirken. Sie werden zu einer erhöhten Auswertung unserer eigenen Hilfsquellen
beitragen, eine reichere Auswahl der den amerikanischen Verbrauchern verfügbaren Waren und Dienstleistungen ermöglichen
und unsere Absatzmärkte im Ausland vergrößern.
Der Handel der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern
Die wichtigste Veränderung im amerikanischen Außenhandel
in den ersten Monaten 1954 gegenüber dem gleichen Zeitraum des
Vorjahres war eih Rückgang der Importe an Handelswaren um
8 Prozent bei einem Ansteigen der Exporte um 3 Prozent, wobei
jedoch Lieferungen von Militärgütern im Rahmen der Auslandshilfsprogramme nicht berücksichtigt sind. In den ersten neun
Monaten ist ferner ein Rückgang der Militärlieferungen um
27 Prozent zu verzeichnen.
Wie aus der Statistik über nichtmilitärische Güter ersichtlich ist, stieg bei Handelswaren der Export nach dem
westeuropäischen Kontinent um 13 Prozent, nach Lateinamerika
um 7 Prozent. Auf der anderen Seite gingen die amerikanischen
Lieferungen an Kananda um annähern 10 Prozent zurück. Im Handelsverkehr mit allen Partnerländern der Vereinigten Staaten
ist gleichzeitig ein leichtes Absinken der amerikanischen Importe zu verzeichnen»
Langfristige Investitionen der Vereinigten Staaten im
Ausland"
Die Summe langfristiger Auslandsinvestitionen privater
amerikanischer Geldgeber lag 1954 höher als im vorangegangenen Jahr» Die Investierungen in Niederlassungen oder Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen im Ausland lagen
etwa so hoch wie im Jahre 1953, während hinsichtlich des Erwerbs ausländischer Aktien und Obligationen sowie langfristiger Bankanleihen t^orte'feuille-Iavestitionen) gegenüber der
passiven Bilanz vom Jahre 1953 eine aktive im Jahre 1954 erzielt werden konnte. Insgesamt belief sich im Jahr 1954 das
im Ausland investierte amerikanische Kapital auf nicht ganz eine
Milliarde Dollar. Im Laufe des Jahres erhielten private amerikanische Geldgeber aus dem Ausland schätzungsweise 1,7 Milliarden Dollar an Zinsen, Dividenden und Reingewinn. Hierzu ist zu
bemerken, daß alle diese Zahlenangaben die Netto-Investitionen
und -Einkünfte bezeichnen. Zur Neu-Investition in ausländischen Tochtergesellschaften amerikanischer Firmen angelegte
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2. Februar 1955

angelegte Gewinne, die seit 1950 jährlich etwa 800 Millionen
Dollar ausmachen, wurden dabei nicht berücksichtigt.
Der größte Anteil der im Ausland direkt vorgenommenen
amerikanischen Investitionen ging-wiederum nach Kanada. Jedoch waren auch die Investitionen/Lateinamerika und "anderen"
Gebieten, vor allem in den Ländern des Mittleren Ostens,
recht beachtlich. Sie wurden vor allem in der Erdöl- und Fertigwaren-Industrie placiert.
Amerikanische Geldgeber erhöhten im Jahre 1954 ihre
Portefeuille-Investitionen in Kanada sowie den Erwerb von
Obligationen internationaler Institutionen, während hinsichtlich der Portefeuille-Investitionen in anderen Gebieten ein
Rückgang zu verzeichnen war.
Direkte Investitionen des Auslandes in den Vereinigten
Staaten sowie der Erwerb amerikanischer Wertpapiere (wobei
US-Staatspapiere nicht berücksichtigt sind) werden für das
vergangene Jahr auf 200 Millionen Dollar geschätzt.
Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten
In der Exportbilanz der Vereinigten Staaten für Waren
und Dienstleistungen ist zwischen den Jahren 1953 und 1954,
- rechnet man die Militärhi]felieferungen zu den amerikanischen Exporten hinzu und behandelt man militärische Ausgaben
der USA im Ausland als amerikanische Importe - kein nennenswerter Unterschied zu verzeichnen. Auf Grund von vorläufigen,
Ende November vorliegenden Statistiken ist jedoch damit zu
rechnen, daß die Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten, bei
Nichtberücksichtigung der Militärhilfe-Güter, jedoch unter
Berücksichtigung der militärischen Aufwendungen der USA im
Ausland, für das Jahr 1954 einen Aktivsaldo von etwa 900
Millionen Dollar aufweisen wird. Hier ist allerdings ein
Gegensatz gegenüber der Bilanz von 1953 zu verzeichnen. Die
reine Ausfuhr amerikanischen Kapitals im Verein rai^mflitärischen Geldzuwendungen gleicht das gegenwärtige Defizit anderer Länder im Jahre 1954 gegenüber den Vereinigten Staaten
mehr als aus«
So hat die freie Welt auch weiterhin sich um den Aufbau
wirtschaftlicher und finanzieller Stärke bemüht und sich dabei auf die Kürzung der amerikanischen Wirtschaftshilfe (einschließlich der Kredite) im Verlauf der letzten Jahre sowie auf
die leichte WirtschaftsabSchwächung in den Vereinigten Staaten
selbst in den Jahren 1953/54 eingestellt. Die Gold- und
Dollarreserven des Auslandes konnten weiter erhöht werden,
und am Ende des Jahres lagen die Reserven um nahezu 10 Milliarden Dollar höher als sechs Jahre zuvor.
Die seit 1947 vorgegangenen Veränderungen in der laufenden Zahlungsbilanz zwischen den Vereinigten Staaten und ihren
wichtigsten Handelspartnern zeigen, welcher Fortschritt in
der Herstellung eines Gleichgewichts im Handel mit den Ver- 12 -

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2. Februar 1955

Vereinigten Staaten erzielt worden ist. Im Jahre 1947 betrug
das Defizit der übrigen Länder in ihrer Zahlungsbilanz mit den
Vereinigten Staaten 10,8 Milliarden Dollar, ein Betrag, der
weit über dem Wert aller von den Vereinigten Staaten importierten Waren und Dienstleistungen lag. Im einzelnen betrug das
Defizit Westeuropas mit Ausnahme Großbritanniens 4,2 Milliarden
Dollar, das des Sterlingblocks 1,9 Milliarden Dollar, Kanadas
1,2 Milliarden Dollar und Lateinamerikas 2 Milliarden Dollar.
Als 1953 die Welt annähernd einen Ausgleich in ihrer Zahlungsbilanz mit den USA erreicht hatte, konnte sowohl das kontinentale Westeuropa als auch der Sterlingblock ein Aktivsaldo verzeichnen, während Lateinamerika noch immer ein leichtes Defizit und Kanada ein Defizit von nahezu einer Milliarde Dollar
auswiesen.
Die vorläufigen Daten für das Jahr 1954 lassen ein Ansteigen des Aktivsaldos des Sterlinggebietes, ein Absinken
für das kontinentale Westeuropa, einen leichten Rückgang des
Defizits Kanadas und eine geringe Erhöhung des Defizits Lateinamerikas in der laufenden Zahlungsbilanz mit den Vereinigten
Staaten erkennen. Jedoch wurde auch weiterhin langfristiges amerikanisches Kapital in wesentlichem Ausmaß in Kanada und Lateinamerika investiert, was deren gegenwärtige Passivsaldi weitgehend aufhebt»
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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES FORDERT SCHNELLE RATIFIZIERUNG DES
VERTEIDIGUNGSABKOMMENS MIT NATIONALCHINA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles sprach sich am 7.
Februar 1955 erneut nachdrücklich für eine schnelle
Ratifikation des gegenseitigen Verteidigungsabkommens
mit Nationalchina aus. Dulles, der als erster auf
einer Geheimsitzung des Außenpolitischen Ausschusses
des US-Senats zu dem Abkommen Stellung nahm, umriß
in einer vorbereiteten Erklärung die amerikanische
Politik gegenüber Nationalchina. Die später bekanntgegebene Erklärung hat folgenden Wortlaut:

"Die Republik China und die Vereinigten Staaten haben ein
gegenseitiges Verteidigungsabkommen unterzeichnet, das gegenwärtig dem Senat zur Beratung und Ratifikation vorliegt.
Bevor ich auf den Text des Vertrages eingehe, möchte ich
die grundsätzlichen Erwägungen umreißen, die ihm zugrundeliegen.
Die Vereinigten Staaten haben zusammen mit anderen befreundeten und freien Ländemdes westlichen Pazifik ein System der
gegenseitigen Sicherheit entwickelt. Im Jahre 1952 wurden Sicherheitsabkommen mit den Philippinen, mit Australien und Neuseeland und mit Japan abgeschlossen. 1953 wurde ein Sicherheitsabkommen mit der Republik Korea und 1954 wurde de.r Manila-Pakt
unterzeichnet.
Die Erwägungen, die für den Abschluß dieser Verträge maßgebend waren, forderten in gleicher Weise auch den Abschluß
eines Sicherheitsabkommens mit der Republik China. Das Gebiet
der Republik China bildet ein wichtiges Glied in der sogenannten
'Insel-Kette', die am westlichen Rande des Pazifik liegt. Die
Regierung dieser Republik ist ferner in hohem Maße antikommunistisch und ein Verbündeter von erwiesener Loyalität.
Die Omission der Republik China begann unter diesen Umständen eine immer größere Bedeutung zu erhalten. Es wurde
angenommen, daß der Grund hierfür darin bestand, daß die Vereinigten Staaten sich die Möglichkeit offen halten wollten,
Formosa und die Pescadores als Tauschobjekt gegenüber Rotchina
im Rahmen einer allgemeinen Lösung in diesem Raum zu benutzen.
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Derartige

�"AMERIKA DIENST"

9. Februar 1955

Derartige unwürdige Mutmaßungen schädigten die Moral und das
Prestige der Republik China sowie die Integrität und Ehre der
Vereinigten Staaten selbst. Der Anschein einer Diskriminierung
der Republik China dürfte nicht fortdauern, da sonst die moralischen und politischen Maßstäbe, die wir aufrechterhalten müssen,
beeinträchtigt worden wären.
Die Republik China hat im Dezember 1953 ein Sicherheitsabkommen vorgeschlagen. Damals war ich der Ansicht, daß ein Abkommen im Prinzip erwünscht sei, daß jedoch auf Grund bestehender
besonderer Paktoren eine sorgfältige Untersuchung erforderlich
sein würde. In erster Linie handelte es sich hierbei um die Tatsache, daß die Feindseligkeiten zwischen der Republik China und
dem kommunistischen Regime in China fortdauerten, das de facto
die Kontrolle über das chinesische Festland ausübt.
Diese Untersuchungen wurden durchgeführt, und auf diplomatischem Wege fand ein Gedankenaustausch statt. Im September 1954
besuchte ich im Anschluß an die Manila-Konferenz Formosa und
sprach mit Präsident Tschiang Kai-scheck über das Abkommen und
die damit verbundenen besonderen Probleme.
Nach meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde beschlossen, die Arbeiten aktiv fortzusetzen, und im Oktober 1954
ersuchte ich in diesem Zusammenhang den Unterstaatssekretär für
Fernostfragen im US-Außenministerium, Walter S. Robertson, zu
weiteren Erörterungen mit den chinesischen Behörden nach Formosa
zu reisen. Im Anschluß hieran wurden in Washington, vor allem
mit seiner Exellenz dem chinesischen Außenminister Yeh Kung-ch'ao,
Verhandlungen geführt. Der Außenminister und ich setzten am 23.
November 1954 unsere Initialen unter das Vertragswerk und unterzeichneten den Vertrag am 2. Dezember 1954 hier in Washington.
In diesen Fragen ist eine enge Zusammenarbeit auf überparteilicher Basis mit dem außenpolitischen Ausschuß und insbesondere
mit seinem gegenwärtigen Vorsitzenden, dem früheren Vorsitzenden
und den Mitgliedern des Unterausschusses für Fernostfragen gepflegt worden. Diese Zusammenarbeit erstreckte sich nicht nur
auf hiermit zusammenhängende grundsätzliche Fragen sondern auch
auf die Bestimmungen des Vertrages selbst.
Ich möchte diese Bedingungen hier aufführen.
Der Vertrag besteht aus einer Präambel und zehn Hauptartikeln.
Die Präambel stimmt im wesentlichen mit der unseres Vertrages mit den Philippinen und anderer Verträge im pazifischen Gebiet überein.
Artikel I ist im wesentlichen mit dem ersten Artikel des
Vertrages mit den Philippinen und den des Anzus-Paktes identisch.
Er besagt, daß die Vertragschließenden ihre internationalen
Streitfragen durch friedliche Mittel und in Übereinstimmung mit
ihren Verpflichtungen im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen
beilegen, und daß sie sich in ihren internationalen Beziehungen
der Drohung oder der Anwendung von Gewalt, wie sie in irgendeiner
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"AMERIKA DIENST"

irgendeiner Weise gegen die Ziele der Vereinten Nationen verstoßen würde, enthalten wollen.
Artikel II schließt in den Vertrag das Prinzip der Vandenberg-Resoltuion (Senatsresolution im 80. US-Kongreß) ein. Die
Vertragschließenden verpflichten sich durch Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung ihre Fähigkeit, einem bewaffneten Angriff Widerstand leisten zu können, zu erhalten und auszubauen.
Die steigende Notwendigkeit für eine Kapazität, sowohl inneren
Umsturzversuchen als auch einem Angriff von außen begegnen zu
können, die im Manilapakt zum Ausdruck kam, ist im Artikel II.
des China-Vertrages ebenfalls festgehalten. Er spricht von
'subversiven kommunistischen Tätigkeiten, die von innen und
außen gegen die territoriale Integrität und politische Stabilität
gerichtet werden.'
Artikel III gleicht dem entsprechenden Artikel des südostasiatischen kollektiven Verteidigungspaktes, indem er die
Vertragschließenden verpflichtet, ihre freien Institutionen zu
stärken und zur Förderung des wirtschaftlichen Fortschrittes
und des sozialen Wohlergehens zusammenzuarbeiten.
Unter Artikel IV sind Beratungen hinsichtlich der Durchführung des Vertrages vorgesehen.
Artikel V ist im wesentlichen mit Artikel IV des PhilippinenVertrages und Artikel IV des Anzus-Paktes identisch. Er besagt,
daß jeder Vertragspartner anerkennt, daß jeder Angriff im westpazifischen Gebiet gegen die Territorien eines der Vertragschließenden eine Gefahr für ihn selbst darstellen würde und daß
jeder Vertragspartner in Übereinstimmung mit seinen verfassungsmäßigen Bestimmungen handeln würde, um der gemeinsamen Gefahr
zu begegnen. Wie bei anderen Verträgen und in gleichlautenden
Worten sieht dieser Artikel vor, daß dem Sicherheitsrat sofort
über alle Maßnahmen zur Begegnung eines Angriffes Bericht erstattet wird und alle solchen Maßnahmen eingestellt werden, wenn der
Sicherheitsrat die notwendigen Schritte unternommen hat.
Artikel VI legt im einzelnen die in Artikel II und V genannten Territorien fest, die sind:
'Seitens der Republik China, Formosa und die Pescadores;
seitens der Vereinigten Staaten, die Inselterritorien im Westpazifik unter amerikanischer Oberhoheit.' Er sieht weiter vor,
daß Artikel II und V auf solche anderen Territorien anwendbar
sind, wie sie durch gegenseitiges Abkommen festgelegt werden. Wir
sind der Ansicht, daß ein Abkommen zur Ausweitung des Anwendungsgebietes des chinesischen Verteidigungspaktes auf zusätzliche
Territorien praktisch eine Änderung des Vertrages darstellen würde
und dem Kongreß zur Beratung und Zustimmung vorgelegt werden
sollte.
Artikel VII gibt den Vereinigten Staaten das Recht, solche
Land-, Luft- und Seestreitkräfte auf und um Formosa und die
Pescadores abzustellen, wie sie - durch gegenseitiges Abkommen
festgelegt - für deren Verteidigung notwendig sein mögen. Er
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9. Februar 1955

Er macht eine solche Abstellung nicht zu einer automatischen
Angelegenheit oder zur Pflicht. Eine ähnliche Bestimmung ist
in Artikel IV des Korea-Vertrages enthalten.
Artikel VIII, im wesentlichen mit Artikel VI des Philippinen
und des Anzus-Paktes übereinstimmend, stellt klar, daß die Verpflichtungen der Vertragschließenden im Rahmen des Vertrages in
keiner Weise ihre Verpflichtungen im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen berühren, und erkennt die Hauptverantwortung der
Vereinten Nationen für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens
und der Weltsicherheit an.
Artikel IX fordert, daß der Vertrag dem verfassungsmäßigen
Verfahren entsprechend ratifiziert werden muß, bevor er in Kraft
tritt.
Artikel X sieht vor, daß der Vertrag auf unbegrenzte Zeit
in Kraft bleiben soll, daß jedoch jeder Vertragschließende ihn
mit einjähriger Frist kündigen kann. Im wesentlichen gleiche
Bedingungen sind in unseren Verträgen mit Korea und den Philippinen enthalten.
Zusammengefaßt soll der Vertrag folgendes erreichen:
Er würde die chinesischen Kommunisten unter Ausschaltung
der Möglichkeit einer falschen Interpretation in Kenntnis setzen,
daß die Vereinigten Staaten einen bewaffneten Angriff auf Formosa
und die Pescadores als eine Gefahr für den eigenen Frieden und
die eigene Sicherheit ansehen und handeln würden, um der Gefahr
zu begegnen - wobei dieses Handeln in Übereinstimmung mit unseren
verfassungsmäßigen Bestimmungen stehen muß.
Er würde der Republik China und der Welt eine feste Zusicherung geben, daß Formosa und die Pescadores kein Tauschobjekt
im Rahmen irgendeines fernöstlichen 'Kuhhandels' mit den chinesischen Kommunisten sind.
Zusammen mit den Verträgen, die bereits von den Vereinigten
Staaten abgeschlossen worden sind und auf die ich oben Bezug genommen habe, rundet dieses Abkommen das Sicherheitssystem im westlichen Pazifik ab.
Es wäre theoretisch vorzuziehen, wenn dieses Abrunden durch
einen multilateralen Regionalpakt geschehen würde. Dies kann
vielleicht als eine zukünftige Entwicklung kommen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es jedoch nicht durchführbar, und in der
Zwischenzeit müssen wir innerhalb der Grenzen des praktisch Möglichen handeln.
Nach der Unterzeichnung des Abkommens fand am 10. Dezember
1954 zwischen dem chinesischen Außenminister und mir ein Notenwechsel statt. Dieser sollte sicherstellen, daß unsere beiden Regierungen im Hinblick auf die gegenwärtige unruhige Lage in diesem Raum in Harmonie und Übereinstimmung handeln werden. Es wurde
vereinbart, daß offensive militärische Operationen einer der beiden Vertragspartner von dem unter der Kontrolle der Republik China
stehenden Gebiet aus nur nach gemeinsamer Übereinstimmung geführt
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9. Februar 1955

geführt werden würden. Dies ist offensichtlich ein vernünftiges
und kluges Übereinkommen, da eine einseitige Aktion offensiven
Charakters eines der Vertragspartner unter Umständen dem anderen
schwere Lasten aufbürden könnte. Daher wird keiner unter Mißachtung des anderen handeln.
Es wurde ferner vereinbart, daß militärische Einheiten und
Einrichtungen, die aus gemeinsamen Anstrengungen und Beiträgen
hervorgegangen sind, nicht aus dem Vertragsgebiet entfernt werden
dürfen, soweit dies die Verteidigungsmöglichkeit wesentlich
verringern würde, es sei denn, daß hierüber gegenseitiges Einverständnis erzielt würde. Dies bedeutet zum Beispiel daß, wenn
die Vereinigten Staaten den Streitkräften auf Formosa Versorgungsgüter und Ausrüstungen zur Verfügung gestellt oder zur Ausbildung, Aufrechterhaltung und Ausrüstung bewaffneter Streitkräfte beigetragen haben, die hieraus resultierende Kampfstärke
nicht ohne unsere Zustimmung von Pormosa auf andere Gebiete verlagert werden wird. Andernfalls könnten die Vereinigten Staaten
gezwungen sein, ständig das zu ersetzen, was ursprünglich für
die Verteidigung Pormosas bestimmt war.
Die auf diese Weise zum Ausdruck gebrachte Übereinstimmung
ist angesichts der gegenwärtigen Situation von Bedeutung und auch
vernünftig. Sie stellt eine Art von Vereinbarung dar, wie sie
zwischen Freunden und Verbündeten, die einer gemeinsamen Gefahr
gegenüberstehen, üblich ist. Sie beeinträchtigt in keiner Weise
die souveräne Gleichberechtigung der Vertragspartner.
Seit dieses Abkommen dem Senat zugeleitet wurde, hat der
Kongreß das Gesetz Summer 4 verabschiedet, durch das der Präsident ermächtigt wird, die bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit Pormosa und den Pescadores einzusetzen. Den Grund zu dem Ersuchen des Präsidenten um die Gewährung dieser Vollmacht bildete die Aktivität der chinesischen
Kommunisten. Diese wiederum schien in einem gewissen Zusammenhang
mit den Entscheidungen der Vereinigten Staaten zu stehen, die durch
diesen Vertrag wie auch durch den vom Senat vergangene Woche gebilligten Manila-Pakt in feierlicher Form bekräftigt werden.
Seit 1949 hatte vor der chinesischen Küste verhältnismäßige
Ruhe geherrscht, bis die Rotchinesen am J&gt;. September 1954 ein
schweres Artilleriefeuer auf die Insel Quemoy eröffneten. Diese
Beschießung fand genau drei Tage vor der Eröffnung der Manilakonferenz statt, die zu der Unterzeichnung des Manilapaktes führte.
Als es damals bekannt wurde, daß die USA die Absicht hatten,
diesen gegenseitigen Verteidigungsvertrag mit der Republik China
auszuhandeln, verschärften die chinesischen Kommunisten ihre
antiamerikanischen Maßnahmen. Sie gaben die Verurteilung der
amerikanischen Flieger zu Gefängnisstrafen bekannt. In der Tat
fiel diese Ankündigung genau auf den gleichen Tag, an dem der
Sicherheitsvertrag vom Außenministerium der Republik China und
von mir paraphiert wurde. In der Folge sind die militärischen
Maßnahmen der Rotchinesen in der Straße von Formosa in starkem
Maße intensiviert worden; dies sollte nach den rotchinesischen
Propaganda-Ankündigungen die Absicht darstellen, zur Eroberung
Pormosas alle ihnen zu Gebote stehenden Machtmittel einzusetzen.

�"AMERIKA DIENST"

9. Februar 1955

Am 24. Januar erklärte der rotchinesische Ministerpräsident
und Außenminister: 'Das chinesische Volk muß Taiwan (Formosa) befreien
und die Vereinigten Staaten müssen ...alle ihre bewaffneten
Streitkräfte von Taiwan (Formosa) und der Straße von Taiwan
(Formosa) zurückziehen.'
Die Feindseligkeiten in diesem Raum schienen die Aufrechtörhaltung des internationalen Friedens und der internationalen
Sicherheit möglicherweise so zu gefährden, daß am 28. Januar 1955
der Vertreter Neuseelands die Aufmerksamkeit des Weltsicherheitsrats auf die dortige Lage lenkte, und am 31» Januar 1955 lud der
Rat den Vertreter der rotchinesischen Regierung zur Teilnahme
an der Erörterung dieses Punktes ein. Am 3. Februar 1955 lehnte
der rotchinesische Ministerpräsident und Außenminister diese
Einladung ab. Hierbei bezeichnete er den vorliegenden Verteidigungspakt als eine 'Aggression' und verlangte erneut, daß die
Vereinigten Staaten 'ihre sämtlichen bewaffneten Streitkräfte
von Taiwan (Formosa) und der Straße von Taiwan (Formosa) zurückziehen' .
Ich bezweifle, ob die Rotchinesen wirklich einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten führen wollen, es sei denn, die USA
würden von diesem Vertrag Abstand und alles, was dieser Verzicht,
bedeutete, in Kauf nehmen. Jedoch ziehe ich nicht die Absicht
der Rotchinesen in Zweifel, unsere Entschlossenheit zu prüfen.
Zweifelsohne haben sie dabei die Hoffnung, wir wollten den Frieden
so ernsthaft und glühend, daß wir uns angesichts ihrer Drohungen
zurückziehen werden.
Es ist wahr, daß wir den Frieden wollen und daß wir ihn aus
tiefstem Herzen herbeisehnen. Aber wir wollen den Frieden nicht
um den Preis unserer Sicherheit und unserer Ehre, Und die Erfahrung zeigt ja auch, daß alle, die auf diese Weise den Frieden
zu erlangen versuchen, die schließliche Gefahr des Krieges nur
vergrößern. Sie ermutigen den Angreifer zu immer größeren Forderungen, so daß am Ende keine andere Alternative bleibt als der
Kampf.
Unter den von den chinesischen Kommunisten selbst und vorsätzlich geschaffenen Umständen wäre das Versäumnis, diesen Vertrag zu ratifizieren, von den schwerwiegendsten Konsequenzen. Es
würde augenblicklich die gesamte Position der nichtkommunistischen
Welt im westlichen Pazfik und in Südostasien in Gefahr bringen.
Es würde die aggressiven Handlungen des internationalen Kommunismus überall anspornen und die Interessen der freien Völker
auf der ganzen Welt - einschließlich der Interessen der Vereinigten Staaten selbst - ernstlich verletzen.
Meiner Ansicht nach ist es undenkbar, einen derartigen Weg
einzuschlagen. Angesichts der kommunistischen Maßnahmen, unsere
Absichten auf die Probe zu stellen, und angesichts ihrer drohenden
Sprache sollten die USA die Ruhe bewahren, aber dabei in der Sache

�"AMERIKA DIENST"

9. Februar

1955

Sache fest bleiben. Es ist zumindest möglich, daß die Verabschiedung des Gesetzes Nummer 4 und die Ratifizierung des vorliegenden
Vertrages, zusammen eine Situation herbeiführen, in der sich die
gegenwärtige kriegerische Einstellung der Rotchinesen legen
wird.
Die Vollmacht des Kongresses für den Präsidenten und die
Ratifizierung des Vertrages sind zwei sich ergänzende Maßnahmen.
Angesichts der von den Rotchinesen geschaffenen Umstände genügt
weder die eine noch die andere dieser beiden Maßnahmen allein.
Daher ersuche ich nun den Senat, unverzüglich seine Zustimmung zur Ratifikation des gegenseitigen Verteidigungspaktes mit
der Republik China zu geben."

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ZIELE DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Rede des US-Außenministers John Poster Dulles,
die er am 16. Februar 1955 vor der Gesellschaft für Außenpolitik in New York gehalten
hat:
"Ich freue mich, wieder einmal vor der Gesellschaft für
Außenpolitik sprechen zu dürfen. Vor 35 Jahren hielt ich meine
erste Rede vor Ihrer Gesellschaft, so daß meine heutige Ansprache in gewisser Weise ein Jubiläum darstellt. Ich kenne Ihre
Arbeit sehr gut. Sie leisten eine gute Arbeit, und ich bin froh,
daß sie fortgesetzt wird, um auf diese Weise den amerikanischen
Bürgern ein besseres Wissen über die Außenpolitik der USA zu
vermitteln.
Das große Ziel der amerikanischen Außenpolitik ist es, die
Bevölkerung der USA in den Stand zu setzen, sich der Segnungen
der Freiheit in Frieden zu erfreuen. Unter den gegenwärtigen
Verhältnissen in der Welt können wir dieses Ziel nicht erreichen,
wenn wir an uns allein denken. Wir müssen anderen Völkern helfen,
frei zu sein. Auf diese Weise verbindet sich vernünftiges Eigeninteresse mit hohen Grundsätzen und führt uns dazu, für andere
das zu tun, was wir, wären die Verhältnisse umgekehrt, von
ihnen für uns wünschen würden.
Unsere Aufgabe ist nicht leicht und kann auch nicht ohne
Opfer und Risiken gelöst werden. Stürmische Winde wehen aus
Moskau und Peking.
In Moskau hat der sowjetische Außenminister Molotow eine
aus 17 000 Worten bestehende Schmährede gegen die Westmächte
gehalten. In Peking greift der rotchinesische Außenminister
Tschu die Vereinigten Staaten scharf an und droht, alle zu
seiner Verfügung stehenden Machtmittel zur Eroberung Formosas
anzuwenden.
Tag für Tag fällt dem Präeidenten und dem Kongreß die Loi'.
schwere Verantwortung zu, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, die den Unterschied zwischen Krieg und Frieden ausmachen
können.
- 1 -

Wir

�"AMERIKA DIENST"

16. Februar

1955

Wir alle würden es gern erleben, daß der Friede endgültig
gesichert ist. Wir sehnen uns nach irgendeiner einfachen und bestimmten Formel, die uns unserer gegenwärtigen sorgenvollen Aufgabe entheben könnte. Aber vielleicht machen wir nun die notwendige Erfahrung, daß es nicht leicht ist, den Frieden zu gewinnen.
Zweimal sind in unserer Generation Anstrengungen gemacht worden, den Frieden durch umfassende Vereinbarungen zur Abschaffung
des Krieges zu sichern. Der Pakt von Paris aus dem Jahre 1928 bindet über 60 Nationen, den Krieg als ein Mittel der internationalen
Politik zu ächten; aber kurz nach seinem Zustandekommen kämpften
die Nationen in Europa, Asien und Afrika.
Die Charta der Vereinten Nationen von 1945 verpflichtet
60 länder dazu, sich bei ihren internationalen Beziehungen der
Androhung oder der Anwendung von Gewalt zu enthalten. Es hat aber
eine bewaffnete Aggression in Korea gegeben, die von der Sowjetunion unterstützt wurde. Später wurde Rotchina für schuldig befunden, in Korea eine bewaffnete Aggression durchgeführt zu haben.
Es ist gut, daß die Menschheit durch gewichtige Erklärungen
ihren Haß gegenüber dem Krieg und ihre Entschlossenheit demonstriert, den Krieg zu ächten. Idealismus ist unerläßlich. Es wäre
jedoch gefährlich anzunehmen, daß Verträge oder feierliche Verpflichtungen allein uns der schweren Aufgabe entheben würden, die
wir in dem Ringen um den Frieden übernehmen.
Vertragliche Verpflichtungen, so ernst sie auch sein mögen, .
werden mächtige und ehrgeizige Herrscher, die den Zwang des Moralgesetzes nicht kennen und dem Willen ihrer Völker nicht verantwortlich sind, niemals im Zaume halten. Gegenüber solchen Despoten
muß es andere und weitergehende Zwangsmittel geben.
Das Ringen geht also weiter. Wir dürfen nicht nachlassen,
weil der Augenblick des Nachlassens der Augenblick der Gefahr ist.
Vertragliche Verpflichtungen müssen durch ein Ziel gestützt werden,
das immer aufrecht erhalten wird, durch einen Verstand, der immer
wach ist, und durch eine immer bereite Macht, mit deren Hilfe
wir die Aggressoren bestrafen können, so daß sich eine Aggression
nicht bezahlt machen wird.
Wenn immer die Verfechter des Friedens über diese Fähigkeiten
nicht mehr zu verfügen scheinen, ist der Friede in Gefahr. Solange
diese Fähigkeiten andererseits für jeden ersichtlich sind, können
wir gute Hoffnung haben, daß der Kampf für den Frieden gewonnen
werden wird.
Diese Hoffnung ist um so gerechtfertigter, als die modernen
Waffen eine so ungeheure Vernichtungskraft besitzen. Diese Tatsache ist erschreckend. Aber gerade weil sie so erschreckend ist,
bedeutet das, daß selbst der Rücksichtsloseste zögern wird, bevor
er Schritte unternimmt, die diese modernen Waffen ins Spiel bringen
würden.
Gegenwärtig machen die Sowjets und Rotchinesen alle Anstrengungen, die Absichten der freien Nationen zu ergründen. Aber wir

�"AMERIKA DIENST"

16. Februar 1955

wir brauchen darüber nicht besorgt und verzagt zu sein, denn das
Ergebnis dieser Sondierungsversuche sollte die Despoten nur zurückhalten.
In Europa scheint es keinen Rückzug von dem grundlegenden
Entschluß zu geben, die Westeuropäische Union zu schaffen und auf
düese Weise der Uneinigkeit Westeuropas ein Ende zu bereiten. Jene
Uneinigkeit und Schwäche durch Einheit und Stärke zu ersetzen,
wird der größte Einzelbeitrag sein, der für die Sache des Friedens
geleistet werden könnte.
In Westeuropa gibt es über 200 Millionen hochzivilisierter
Menschen. Alle zusammen besitzen sie die geistigen und materiellen Hilfsquellen, um glücklich und sicher zu sein, wenn sie
nur im Geiste einig und fest zusammengeschlossen sind, um gemeinsam zu arbeiten.
Wenn diese Einigkeit zustandegekommen ist, werden große Dinge
daraus resultieren.
Westeuropa wird dann nicht nur die Stärke besitzen, seine
eigenen inneren und äußeren Probleme zu lösen, sondern wird eine
mächtige Kraft zur Erhaltung des Weltfriedens sein.
Im Fernen Osten haben die Vereinigten Staaten dem Wunsch der
anderen entsprochen, sich mit ihnen zu vereinigen, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Im Verlauf der letzten vier Jahre haben
die Vereinigten Staaten Sicherheitsverträge mit Korea, Japan, der
Republik China auf Formosa, den Philippinen, Australien und Neuseeland geschlossen. Wir haben uns ferner dem Acht-Mächte-ManilaPakt zur Sicherheit Südostasiens angeschlossen.
Die Gesamtheit dieser Verträge ist ein gemeinsames Sicherheitssystem, das sich von den Aleuten im Norden in einem großen
Bogen bis zum südlichen Pazifik erstreckt. Damit wurde ein Verteidigungsbollwerk für die Freiheit in jenem Teile der Welt geschaffen.
Was auf diesem Wege von so vielen Nationen erreicht wurde,
ist beachtlich. Aber von gleich großer Wichtigkeit ist die Art
und Weise, in der die Vereinigten Staaten ihren Anteil, vor allem
in der jüngsten Vergangenheit, erfüllt haben.
Als der Kongreß im Januar zusammentrat, hatte die Demokratische Partei die Mehrheit. Damit ergabt i sich, daß der Südostasienpakt und der Beistandspakt mit Nationalchina bei ihrer Vorlage im Kongreß von einem republikanischen Präsidenten einem von
der Demokratischen Partei beherrschten Parlament überwiesen wurden.
Das gleiche trifft für das Ersuchen Präsident Eisenhowers an den
Kongreß zu, ihm die Vollmacht für den Einsatz der bewaffneten
Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Gebiet der Insel Formosa
zu erteilen.
Dennoch wurden die beiden Verträge ratifiziert, und auch der
Kongreß erteilt die entsprechende Vollmacht. Dies geschah prompt
und praktisch einmütig. •
Diese
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�"AMERIKA DIENST"

16. Februar 1955

Diese Maßnahmen sind ein Beweis für die Einigkeit des Volkes und für seine Bereitschaft zu tatkräftigem Handeln, das in
unserer Welt von Heute so notwendig ist. Allzu oft führen derartige repräsentative Schritte zu einem solchen Parteihader
und zu solchen Verzögerungen, daß feindliche Kräfte zu dem
Glauben verleitet werden, die Demokratie sei im tiefsten Kern
untüchtig. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat das Gegenteil bewiesen. Die Farteimeinung wurde restlos dem Wohl des
Staates untergeordnet, so daß Maßnahmen von großer Tragweite
wohl mit Bedacht aber auch mit großem Nachdruck getroffen
werden konnten.
Hierfür kann das Volk der Führung und den Mitgliedern
beider Kongreßparteien dankbar sein. Ich weiß wohl, wie sehr
man von mir erwartet, daß ich Walter F. George ein besonderes
Lob zolle, der als Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses im Zusammenhang mit den von mir hier berührten
drei Schritten den größten Einzelanteil an der Last der Verantwortung getragen hat.
Wir können als Amerikaner alle stolz auf diese Demonstration nationaler Einigkeit und Stärke sein. Aus diesem Grunde
können die freien Menschen in aller Welt der Zukunft mit größerer Hoffnung und neuem Vertrauen entgegenblicken.
Während so in den Vereinigten Staaten kürzlich die Stärke
der repräsentativen Regierungsform aufgezeigt worden ist, fand
in Moskau eine außergewöhnliche Demonstration despotischer Verwirrung statt. Der Ministerpräsident des sowjetischen Staates
wurde vor eine Sitzung des Obersten Sowjets im Kreml zitiert
und dort öffentlich gedemütigt, indem er der Verlesung seiner
Abdankung und seines Schuldbekenntnisses durch einen Dritten
zuhören mußte.
Mit diesem kommunistischen Schuldspruch brauchen wir uns
nicht auseinanderzusetzen. Aber die volle Tragweite dessen,
was geschehen ist, läßt sich noch nicht absehen, und vielleicht
hat das wahre Drama noch gar nicht begonnen.
Ohne Zweifel können wir einen elementaren, persönlichen
Kampf um die Macht beobachten. Aber man kann auch die großen
Linien eines grundsätzlichen politischen Unterschiedes erkennen. Es muß wohl solche geben, denen hauptsächlich an der Wohlfahrt, der Sicherheit und der Größe der Sowjetunion und ihres
Volkes liegt. Und es gibt andere, die wollen, daß die Sowjetunion und ihre Macht in erster Linie als ein Werkzeug des
internationalen Kommunismus dienen, und als ein Mittel, dessen
weltweite Ambitiorf^u befriedigen. Diese beiden Endziele,
das eine durch den Staat und das andere durch die Partei symbolisiert, stimmen nicht immer überein.
Für uns scheint es, als ob Partei und Staat in der Sowjetunion gewöhnlich nicht auseinanderzuhalten sind, da viele Männer in doppelter Eigenschaft arbeiten. Aber Lenin und Stalin
haben immer wieder den Unterschied zwischen beiden Sphären betont. «Die Partei1, so sagte Stalin, 'kann und darf nicht mit
der Macht des Staates identifiziert werden'.
m.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

16. Februar 1955

Wir dürfen diesen Unterschied nicht aus dem Auge verlieren.
Es kann die Zeit kommen - und ich glaube, sie wird kommen -,
da Russen von Format die Sicherheit ihrer Nation und die Wohlfahrt ihres Volkes patriotisch vor alles andere stellen werden.
Sie werden dann nicht willens sein, diese Sicherheit und die
Wohlfahrt ihres Volkes den globalen Bemühungen des internationalen Kommunismus unterzuordnen. Falls sich ihre Ansichten
durchsetzen, dann ließe sich wirklich eine Basis für erfolgversprechende Verhandlungen und praktisch durchführbare Übereinkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem neuen
Rußland finden. Dann könnte die historische Freundschaft
zwischen unseren beiden Staaten und Völkern neu belebt werden.
Ich darf mich nunmehr der Behandlung einiger der großen
Probleme zuwenden, die sich aus den vorstehend von mir erwähnten Verträgen im Fernen Osten - dem Sicherheitspakt mit Nationalchina und dem Vertrag von Manila - ergeben.
Die Vereinigten Staaten haben sich zur Verteidigung Formosas und der Pescadores fest verpflichtet. Diese Inseln wurden
im Jahre 1895 in das Kaiserreich Japan eingegliedert. Sie blieben ein halbes Jahrhundert hindurch im Besitze Japans, bis sie
nach der japanischen Niederlage im letzten Krieg abgetreten
wurden. Der Sieg über Japan wurde im wesentlichen durch die
Anstrengungen und Opfer der Vereinigten Staaten erzielt.
Diese Inseln bilden einen wichtigen Teil des Westpazifischen Verteidigungssystems, das ich vorhin aufgezeichnet habe.^
Die Bevölkerung dieser Inseln bittet dringend um unsere Hilfe.
Somit sind Formosa und die Pescadores mit gutem Grund
zu einem Anliegen der USA geworden.
Im Jahre 1945 wurde unserem langjährigen Verbündeten,
der Republik China, die Regierungsgewalt über diese Inseln
übertragen. Als 1950 die Aggression gegen Korea begann, gab
Präsident Truman der amerikanischen Pazifikflotte den Befehl,
Formosa gegen jeden etwaigen Angriff der chinesischen Kommunisten zu verteidigen. Nunmehr ist dieser Beschluß in unserem
gegenseitigen Verteidigungsvertrag mit der Republik China
verankert worden.
Es ict wichtig, zu unterstreichen, daß der Vertrag, abgesehen von dem Territorium der Vereinigten Staaten, lediglich
Formosa und die Pescadores und einen bewaffneten Angriff auf
diese Inseln einschließt. Die Vollmacht des Kongresses soll
Formosa und die Pescadores sichern und sie vor jedem bewaffneten Angriff schützen sowie hiermit in Zusammenhang stehende
Positionen und Territorien sichern und schützen, soweit dies
nach dem Ermessen des Präsidenten 'erforderlich oder angebracht
sein würde, um die Verteidigung Formosas und der Pescadores zu
gewährleisten'.
Der Präsident setzte unsere bewaffneten Streitkräfte nicht
ein, um Nationalchina dabei zu unterstützen, die rund 300 km
nördlich von Formosa gelegene Tachen-Inseln und die Inseln
Yushan und Pishan zu halten. Diese Inseln hatten für die Verteidigung Formosas und der Pescadores so gut wie keine Bedeutung.
Wir halfen Nationalchina bei der Evakuierung dieser Inseln und

�\

"AMERIKA DIENST"

16. Februar 1955

und der Umgruppierung seiner Streitkräfte, damit eine blutige
und unnötige Auseinandersetzung vermieden wird, welche die
Öffentlichkeit nur gereizt haben würde. Damit haben Nationalchina und die Vereinigten Staaten einen wesentlichen Beitrag
zur Erhaltung des Friedens geleistet.
Es ist vorgeschlagen worden, Nationalchina sollte noch weiter gehen und die an der chinesischen Küste gelegenen Stützpunkte den chinesischen Kommunisten übergeben, welche diese Positionen zur Durchführung der von ihnen angekündigten Offensive
gegen Formosa benötigen.
Es erscheint fraglich, ob damit einmal der Sache des Friedens und zum anderen der Sache der Freiheit gedient würde.
Die chinesischen Kommunisten waren diejenigen, die als
erste in diesem Gebiet Gewalt angekündigt haben. Sie haben
bereits formell ihre Absicht bekundet, Formosa mit Gewalt in
ihren Besitz zu bringen. Wenn die Nationalchinesen den chinesischen Kommunisten den Gefallen täten und es ihnen leichter
machten, Formosa zu erobern, sollten diese dann hierzu weniger
imstande sein? Ich bezweifle es.
Die Vereinigten Staaten haben keinerlei Verpflichtung und
keinerlei Grund, die Küstenpositionen als solche zu verteidigen.
Das grundlegende Ziel ist es, sicherzustellen, daß Formosa und
die Pescadores nicht mit Gewalt von den chinesischen Kommunisten
überrannt werden. Außenminister Tschu erklärt jedoch, daß sie
alle ihre Kräfte aufbieten werden, um von Formosa Besitz zu ergreifen, und daß sie die Inseln im Küstengebiet als ein Mittel
zur Erreichung dieses Ziels behandeln. Als die Nationalchinesen
die Tachen-Inseln freiwillig räumten, kommentierten die chinesischen Kommunisten: 'Die Befreiung dieser Inseln hat unserer
Volksarmee im Hinblick auf die Befreiung von Formosa eine günstige Position eingebracht.'
Damit haben die chinesischen Kommunisten die Küstenpositionen mit der Verteidigung von Formosa in Verbindung gebracht.
Dies ist die Tatsache, die, wie Präsident Eisenhower in seiner
Formosa-Botschaft an den Kongreß erklärte, 'uns zwingt, in engem Zusammenhang stehende geographische Gegebenheiten in Rechnung
zu stellen*. Dementsprechend werden wir vor sich etwa ergebenden
Aktionen der chinesischen Kommunisten auf der Hut sein, wobei wir
für uns selbst jede Initiative zu kriegsähnlichen Handlungen
von uns weisen.
Man darf kaum erwarten, daß die chinesischen Kommunisten
ihre Ambitionen aufgeben. Aber werden sie vielleicht nicht doch
ihre Anstrengungen aufgeben, diese Ziele mit Gewalt zu erreichen?
Ein solcher Verzicht auf Gewalt ist eines der Grundprinzipien der Vereinten Nationen, und die USA haben gehofft, und
hoffen noch immer, daß die Vereinten Nationen in der Lage sein
werden, eine Beendigung der gegenwärtigen Feindseligkeiten herbeizuführen. Präsident Eisenhower hat in seiner Botschaft an den
Kongreß über dieses Problem klar zum Ausdruck gebracht, daß die
USA Maßnahmen der Vereinten Nationen begrüßen würden, die zu
einer Beendigung
aer

�"AMERIKA DIENST"

16. Februar 1955

der aktiven Feindseligkeiten in diesem Gebiet führen könnten.
Die Neuseeländische Regierung hat die Angelegenheit vor den Sicher
heitsrat gebracht, und die Vereinigten Staaten haben im Interesse
des Friedens selbst zugestimmt, die chinesischen Kommunisten zum
Sicherheitsrat einzuladen, um dieses Problem zu erörtern.
Im Jahre 1950 nahm Rotchina eine Einladung des Sicherheitsrates bei der Behandlung des Koreaproblems an. Diesmal jedoch
lehnten die chinesischen Kommunisten die Einladung ab.
Wir hoffen aufrichtig, daß dieser Entscheid der chinesischen
Kommunisten nicht unwiderruflich ist und sie sich den Grundsätzen,
auf denen sich die Vereinten Nationen aufbauen, unterwerfen und
nicht durch Gewaltanwendungen die Vereinigten Staaten herausfordern, ihre Verteidigungspflichten zu erfüllen. Wie dem auch sei,
wir sind der Überzeugung, daß die Haltung Rotchinas gegenüber dem
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht die Verantwortlichkeit
dieses Gremiums beendet, welches gemäß den Bestimmungen der Charta
in erster Linie dafür zuständig ist, daß der internationale Frieden und die internationale Sicherheit aufrechterhalten werden.
Darüber hinaus sollte man nicht gedankenlos von der Annahme
ausgehen, daß man der Sache des Friedens und der Sicherheit lediglich durch einseitige fortgesetzte Konzessionen der nichtkommunistischen Nationen gegenüber den kommunistischen Staaten dient.
Eine der großen Gefahren in Asien ist die Furcht vieler
nichtkommunistischer Völker, die Vereinigten Staaten seien nicht
fest entschlossen genug, hinter ihnen zu stehen. Diese Furcht
hat bereits den Punkt erreicht, wo sie eine Gefahr wird. Wir nahmen in Korea einen Waffenstillstand an, den die Kommunisten
triumphierend aber in völliger Verdrehung der Tatsachen als
'Sieg' darstellten. Wir haben gegen den Waffenstillstand in Indochina, der Ausdruck der Niederlage der Streitkräfte der französischen Union bei Dien Bien Phu war, keinen Einspruch erhoben.
Wir haben bei der Evakuierung der Tachen-Inseln geholfen. Die
Gründe hierfür waren jedes Mal zwingend, und doch wurde der
kommunistische Machtbereich jedes Mal um einige Quadratkilometer
größer.
Wenn die nichtkommunistischen Asiaten jemals das Gefühl
bekommen, daß ihre westlichen Verbündeten geneigt sind, sich
zurückzuziehen, sobald der Kommunismus den Frieden bedroht,
dann würde das gesamte Ge.iet sehr bald nicht mehr zu verteidigen
sein.
So wie die Lage jetzt ist, würde weder der Sache der Freiheit
noch der Sicherheit der Vereinigten Staaten oder dem Weltfrieden
und der internationalen Sicherheit gedient sein, wenn der Glaube
der freien asiatischen Völker an unsere Stärke und unsere Bereitschaft unterminiert würde, diese Stärke zur Abwehr jener einzusetzen, die mit Gewalt die Freiheit bedrohen. Das amerikanische
Volk hat durch den Kongreß seine eigene Entschlossenheit gezeigt.
Dies ist ein Gebot, das die Regierung als gesund akzeptiert und
das sie gewissenhaft ausführen wird.
Lassen

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16. Februar 1955

Lassen Sie mich nun zu Südostasien übergehen. In wenigen
Stunden werde ich nach Bangkok reisen, um an der ersten Konferenz
des im Rahmen des Manila-Paktes für die Sicherheit Südostasiens
geschaffenen Rates teilzunehmen.
Wir werden uns in Bangkok mit der Frage der Organisation
dieses Rates befassen. Wir werden ferner mit der Behandlung
der drei wesentlichen Probleme beginnen, die dem Rat übertragen
wurden, nämlich der militärischen Sicherheit, der Sicherung gegen
eine Subversion von Außen und der Frage des wirtschaftlichen
Wohlstands. Ich kann nicht voraussagen, welche Entscheidungen
man treffen wird, aber ich bin zuversichtlich, daß unsere Zusammenkunft die Vorteile einer Zusammenarbeit zwischen Ost und West aufweisen wird.
Manche Asiaten hegen noch die Befürchtung, die aus der Erfahrung früherer kolonialer Beziehungen resultiert, daß eine enge
Bindung an die Westmächte zu ihrer schließlichen Beherrschung
durch diese Mächte führen wird. Es ist von wesentlicher Bedeutung,
daß diese Befürchtungen zerstreut werden.
Ein wichtiger Schritt, der der Erreichung dieses Zieles
diente, erfolgte in Manila, als acht Mächte hier auf Anregung von
Präsident Magsaysay die Pazifik-Charta unterzeichneten. Darin
verpflichteten wir uns, dem Recht der Völker auf Selbstbestimmung
zu dienen und allen jenen Ländern zur Unabhängigkeit zu verhelfen,
die dies wünschen und in der Lage sind, auch die daraus erwachsene
Verantwortung auf sich zu nehmen. Wir kamen ferner überein, auf
wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet zusammenzuarbeiten, um so auf eine Erhöhung des Lebensstandards hinzuwirken und
dem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu dienen.
Worte sind jedoch nicht genug. Es ist vielmehr notwendig,
diese Warte mit dem Atem des Lebens zu erfüllen, Das wird, wie
ich hoffe, in Bangkok geschehen. Die Delegationen, die dort zusammenkommen, werden sich als gleichberechtigte Partner gegenüberstehen. Wir werden meiner Auffassung nach Mittel und Wege finden, das Risiko eines bewaffneten Angriffs gegen das Gebiet der
Vertragsmächte und die Gefahr irgendwelcher von außen gelenkter
Umsturzversuche zu verringern. Wir werden ferner damit beginnen,
wirtschaftliche Fragen zu überprüfen. Diese können niemals Gegenstand sensationeller und ins Auge fallender Lösungen sein; sie
lassen sich aber durch ständige, gewissenhafte und rücksichtsvolle Bemühungen günstig beeinflussen.
Unsere erste Aufgabe ist es, uns mit den grundsätzlichen
Dingen zu befassen. Dies tun wir auch bereits, insbesondere auf
dem fundamentalen Gebiet der Erziehung. Amerikanische Universitäten und Hochschulen arbeiten mit asiatischen Bildungsstätten in
Tailand, auf den Philippinen und in Pakistan zusammen. Zahlreiche
amerikanische Fachleute arbeiten in Asien an wirtschaftlichen,
erzieherischen und medizinischen Aufgaben, und ihre Zahl vergrößert sich ständig. Unsere Zusammenarbeit gebinnt auch bereits
die ersten Erfolge zu zeitigen, die sich in besserer Ernährung und
einem besseren Gesundheitszustand messen lassen, und wir unternehme
- 8 -

�16. Februar 1955

"AMERIKA DIENST"

unternehmen gemeinsam die ersten Schritte, den Handel auszuweiten, die private Investitionstätigkeit zu steigern und den Lebensstandard zu heben.
Auf diese Weise können wir den Glauben der Menschen an die
Freiheit rechtfertigen.
Es sollte wirklich keine Spaltung zwischen den westlichen
und den asiatischen Nationen geben. Unsere Vorstellung von der
Natur des Menschen hat ihre Ursprünge in Asien, wo sich Ost und
West trafen. Wir glauben, daß alle Menschen Geschöpfe und Kinder
eines allmächtigen Gottes sind und daß er jeden einzelnen mit
dem Recht ausgestattet hat, sich nach den Geboten seiner persönlichen Vernunft und seines Gewissens zu entwickeln.
Dieser religiöse Glaube, der, auf das Gebiet der Politik
übertragen, in der Magna Charta, der französischen Deklaration
der Menschenrechte und unserer eigenen Unabhängigkeitserklärung
zum Ausdruck kam, stellte, wie Lincoln von unserer Unabhängigkeitserklärung sagte, nichts Exklusives dar sondern sollte
•nicht nur der Bevölkerung dieses Landes Freiheit, sondern auch
der Welt Hoffnung für alle künftigen Zeiten* geben.
Wir sind uns ferner bewußt, daß eine wirtschaftliche wie
auch eine politische Grundlage vorhanden sein muß, wenn die
Freiheit des Menschen eine Realität werden soll. Die Armen und
Hilflosen können nicht wirklich frei sein. Wir erkennen daher
an, daß die wirtschaftlichen Werte unerläßlich sind, um die
von uns verehrten moralischen und politischen Werte Wirklichkeit
werden zu lassen.
Eine solche Philosophie unterscheidet sich in der Tat
sehr von der des sowjetischen Kommunismus.
Der sowjetische Kommunismus lehnt den Grundsatz von der
Gleichheit aller Menschen ab und setzt an seine Stelle das
Prinzip des Klassenkampfes.
Er verneint die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu regieren, und beruft sich auf den Grundsatz der Diktatur, der
sogenannten Diktatur des Proletariats.
Er verleugnet das Nationalbewußtsein, es sei denn, man
kann es als Schlagwort dazu verwenden, um zwischen den Osten
und Westen einen Keil zu treiben und den Weg dafür zu ebenen,
daß andere Völker in den Machtbereich des internationalen Kommunismus fallen.
Er predigt ein neues Dogma der Segregation. Die Menschen
Asiens, so wird dort gesagt, müssen von den Menschen des Westens getrennt werden. Die neuen Staaten Asiens dürfen sich
nicht mit anderen Staaten vereinigen.
Der Gedanke, der hinter all dem Steht, ist offenkundig. Die
sowjetischen und chinesischen Kommunisten wissen, daß ihre vereinte Macht die eurasische Landmasse beherrschen kann. Wenn die
anderen Nationen in Europa und Asien für sich allein stehen,
dann werden sie nicht in der Lage sein, dieser eisernen Umklammerung

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�"AMERIKA DIENST"

16. Februar 1955

Umklammerung durch den internationalen Kommunismus zu widerstehen.
Auf der Berliner Konferenz im vergangenen Jahr verwarf
Molotow die NATO und schlug statt dessen ein europäisches Sicherheitssystem vor, das die Vereinigten Staaten ausschließen würde.
Jetzt wenden sich die sowjetischen und chinesischen Kommunisten
gegen den Manila-Pakt, weil er Südostasien die notwendige Stärke
zum Widerstand gegen eine kommunistische Aggression geben kann.
Die Bangkok-Konferenz wird es den freien Nationen des Westens und des Ostens ermöglichen, mit einer Demonstration von
entscheidender Bedeutung zu beginnen. Sie können zeigen, daß sie
sich durch den Zusammenschluß als souveräne Gleichberechtigte
gegenseitig zu Unabhängigkeit, Sicherheit und Wohlstand verhelfen
können.
Dieses Ergebnis steht mit den hohen Idealen in Einklang,
auf denen die amerikanische Nation gegründet wurde. Das hat das
amerikanische Volk in seiner ganzen Geschichte angestrebt. Die
amerikanische Delegation geht daher voll Vertrauen nach Bangkok,
weil wir wissen, daß unsere Mission durch den nationalen Glauben
und die nationalen Zielsetzungen gestärkt wird."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY CAEOT LODGE JR. : DIE WELT MUSS ABRÜSTEN
NEW YORK, UN - (Amerika Dienst) - Der
UN-Chefdelegierte der Vereinigten Staaten,
Botschafter Henry Cabot Lodge Jr., gab am.
19.Februar 1955* kurz vor seiner Abreise zu
den Fünf-Mächte-Abrüstungsbesprechungen in
London, die am 25.Februar 1955 beginnen, dem
Reporter des International News Service (INS),
Pierre Huss, ein Interview, das wir nachstehend im Wortlaut wiedergeben:
1. Frage: Sind Sie der Meinung, daß die Lage der Vereinigten Staaten so gesund ist, daß man ihnen ohne weiteres
das Recht zum Gebrauch der Wasserstoff- und Atombombe zum
Zwecke der Selbstverteidigung zugestehen darf, wenn man an
die provokativen Drohungen und Behauptungen Molotows hinsichtlich der Überlegenheit der sowjetischen Atomwaffen denkt?
Antwort: Wir haben wiederholt festgestellt, daß wir niemals Atomwaffen oder überhaupt irgendwelche Waffen außer im
Falle der Verteidigung gegen den Aggressor anwenden werden.
Wir dürfen aber trotz unserer fortgesetzten Friedensbemühungen nicht das Recht aufgeben - selbst, wenn wir davon keinen
Gebrauch machen würden - jede nur mögliche Waffe gegen den
Aggressor anzuwenden, solange die Sowjets nicht ihre Zustimmung zu einem narrensicheren Abrüstungsplan gegeben haben,
der alle Waffen betrifft, Atomwaffen und alle anderen. Das ist
die Wahrheit. Und sie ist unabhängig vom Vergleich der sowjetischen mit unserer eigenen Atomproduktion. Übrigens dürfte
Molotow ganz bestimmt keine unvoreingenommene Autorität auf
diesem Gebiete sein. Zur Abrüstung gehören zwei. Ganz genau
wie auch zwei zum Frieden gehören. Wenn es an gegenseitigem
Vertrauen mangelt, wie das bei uns und der Sowjetunion der
Fall ist, gibt es keine sichere Abrüstung, es sei denn, der
Abrüstungsplan bietet ein narrensicheres hundertprozentiges
System der Überwachung. Das heißt, jede Seite rüstet vor den
Augen der anderen ab. Und jeder Schritt in dieser Richtung muß
von der anderen SeitJe eingesehen werden können. Das ist einer
der Hauptpunkte, dessen Erreichung wir seit vier Jahren trotz
der sowjetischen Obstruktion zum Ziele haben. Im letzten Herbst
faßte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den einstimmigen Entschluß, daß jeglicher Abrüstungsplan in einer
Weise ausgeführt werden müsse, daß kein Staat Ursache haben
dürfe, Beeinträchtigung seiner Sicherheit zu fürchten. Es
wird interessant sein, die sowjetische Haltung zu sehen, wenn
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�"AMERIKA DIENST"

23. Februar 1955

wenn wir in London wieder über dieses Problem konferieren
werden.
2. Frage: Glauben Sie, daß sich die Haltung der Sowjetunion nun, da Nikita Chruschtschew und Bulganin an der Spitze
stehen, geändert hat?
Antwort: Vielleicht erfahre ich das in London. Seit dem
Wechsel in der Sowjetregierung haben wir im letzten Monat einige ziemlich wilde Reden von Moskau gehört; dennoch möchte ich
nicht den Versuch machen, eine Interpretation der Bedeutung
dieser Reden zu geben. Noch vor dem jüngsten Wechsel in Moskau
schien die Sowjetregierung bei der letzten Generalversammlung
der Vereinten Nationen im Herbst ihre sture Haltung hinsichtlich
einiger Schlüsselprobleme etwas gemildert zu haben. Beispielsweise hatte sie jahrelang darauf bestanden, daß die Atomwaffen,
welche unsere Hauptverteidigungswaffen darstellen, ohne jegliche
Sicherungen der beiderseitigen Ausführung verboten werden müßten,
bevor man an die teduzierung der gewöhnlichen Waffen wie Gewehre,
Geschütze und Panzer gehen könne, die die Stärke der Sowjetunion bilden. Ebenso hatten sie bis zum letzten Herbst darauf bestanden, daß jeder versprechen müsse. - und zwar ohne irgendwelche Sicherungen für die Durchführbarkeit des Abrüstungsplanes
zu gewährleisten - niemals Atomwaffen zu benutzen. Selbstverständlich mußten wir unter solchen Bedingungen unsere Zustimmung
versagen. Es hat jetzt den Anschein als haben die Sowjets ihr
stures Festhalten an diesen zwei unannehmbaren Punkten aufgegeben. Ich sage ausdrücklich nur, " B S hat den Anschein", weil
sie sich im Augenblick der Erklärungen in der öffentlichen Debatte sehr unklar ausgedrückt haben. Der eigentliche Wert der
Gespräche in privater Atmosphäre, die nun in London stattfinden
werden, ist, daß sie einem eine bessere Chance geben, die wahre
Position der Sowjets zu erkennen und nicht nur jene, die sie
propagandistisch einnehmen.
3. Frage: Was kann Ihrer Ansicht nach durch eine Teilnahme
an der Londoner Konferenz gewonnen werden in Anbetracht der Tatsache, daß es doch recht zweifelhaft ist, ob die Sowjets im Hinblick auf eine Rüstungskontrolle unter Einbeziehung der Atomwaffen irgendwelche Zugeständnisse machen werden?
Antwort: Erstens müssen wir erst sehen, ob die möglichen
sowjetischen Zugeständnisse, von denen ich eben sprach, echt
sind oder nicht. Dazu ist es natürlich nötig, daß man über konkrete, praktische Fragen diskutiert und nicht über allgemeine
Dinge.
Zweitens gibt es noch eine Reihe weiterer wesentlicher Fragen in der Abrüstungsangelegenheit, in denen die Sowjets und wir
heute so wenig übereinstimmen wie eh und je. Wir werden uns über
diese ganze Angelegenheit auseinandersetzen, um zu sehen, ob
sich ihre Haltung in irgendeinem Punkt geändert hat.
Drittens dürfen wir angesichts der verheerenden Auswirkungen eines modernen Krieges niemals die Hoffnung aufgeben. Vielleicht erkennen die Sowjets die Gefahr, die ihnen selbst droht,
und lassen endlich von ihrer hartnäckigen Obstruktionspolitik
gegen- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

23. Februar 1955

gegenüber den Abrüstungsfragen ab. Sie mögen sagen, das sei bei
den fortgesetzten, von einer grundsätzlichen Haltung bestimmten Feindseligkeiten seitens der Kommunisten gegenüber der freien
Welt höchst unwahrscheinlich. Wir dürfen jedoch niemals sagen,
es sei unmöglich.
Wenn wir nun in gutem Glauben zu diesen Besprechungen
fahren, so werden wir als Resultat nicht nur eine neue Lesart
der sowjetischen Absichten mit nach Hause nehmen. Wir werden
dann gleichzeitig der übrigen freien Welt bewiesen haben, daß
Amerika wirklich den Frieden und die Abrüstung wünscht - wenn
ein Friede mit Gerechtigkeit und eine Abrüstung in aller Offene
heit.und Sicherheit erreicht werden kann. Bei jedem Zusammentreffen erfährt die Welt mit großer Deutlichkeit, wer der wahre
Schuldige am Stagnieren der Abrüstungsgespräche ist.
4. Frage: Obwohl in der Öffentlichkeit der Wunsch nach
einer dauerhaften Waffenruhe in der Formosastraße vorherrscht,
scheint man andererseits in den Vereinigten Staaten doch sehr
zu befürchten, daß der Westen die Kommunisten zu "befriedigen"
sucht, indem er ihnen die chinesischen Küsteninseln Happen für
Happen überläßt. Was sagen Sie zu dieser Meinung?
Antwort: Es besteht auf seiten der Vereinigten Staaten
nicht die Absicht, die Kommunisten zu "befriedigen", indem man
ihnen irgendwelche "Happen" oder anderes überläßt. Ich glaube
im übrigen gar nicht, daß sich die Frage überhaupt in dieser
Form präsentiert. Die Evakuierung der Tacheninseln war ein
rein militärischer Zug; Präsident Eisenhower war zu dem Schluß
gekommen, daß ihr militärischer Wert für die Verteidigung von
Formosa und der Pescadoren viel geringer wäre als die Kosten
für ihre Verteidigung. So haben wir nun einen stärkeren Verteidigungsgürtel rings um Formosa als vor einer Woche. Was den
Rest der der Küste vorgelagerten Inseln betrifft, so werden Sie
sich erinnern, daß Außenminister Dulles in dieser Woche auf die
Offenheit hinwies, mit der die Rot-Chinesen diese Inseln als
Sprungbrett für die gewaltsame Eroberung Formosas betrachten.
Auf den Vorschlag eingehend, die Nationalchinesen sollten noch
weitere Inseln an die Kommunisten abtreten, sagte er dann wörtlich» "Es ist zu bezweifeln, ob dies wirklich der Sache des
Friedens oder der Sache der Freiheit dienen würde."
Wir könnten Frieden haben - auch ohne irgendwelche Schlichtungsaktionen - , wenn die Kommunisten die notwendige Vernunft
aufbringen würden, um dies zu ermöglichen. Der größte Schritt
vorwärts in dieser Richtung könnte für die Kommunisten, wie
Außenminister Dulles es ausdrückt* "die Aufgabe ihrer Bemühungen
sein, die Verwirklichung ihrer Ziele durch Anwendung von Gewalt
zu erreichen."
5. Frage; Sind Sie auf Grund Ihres engen Kontaktes mit
den alliierten Diplomaten bei den Vereinten Nationen der Auffassung, daß die UN zusammen mit den Vereinigten Staaten Maßnahmen ergreifen würden, wenn die Kommunisten mit Gewalt die
Linie um Formosa und die Pesiadoren-Gruppe angreifen, die von
Präsident Eisenhower festgelegt und durch den Kongreß gebilligt
wurde?
_ •* _
Antwort:

�"AMERIKA DIENST"

23. Februar 1955

Antwort: Natürlich ist es nicht meine Aufgabe, für andere
Regierungen in einer Angelegenheit dieser Art - oder in irgendeiner anderen Angelegenheit - zu sprechen. Darüber hinaus ist
es unmöglich, Fragen wie diese mit äußerster Genauigkeit zu beantworten, weil damit die Erörterung einer Menge Ereignisse
verbunden ist, die sich erst in der Zukunft ergeben werden.
Aber ich bin der Ansicht, daß es zwischen den Vereinigten
Staaten und ihren Verbündeten bei den Vereinten Nationen zu
einer engen Zusammenarbeit sowohl in der Formosa-Angelegenheit als auch in anderen fernöstlichen Fragen gekommen ist,
und ich habe die zuversichtliche Hoffnung, daß diese Zusammenarbeit bei gutem und bei stürmischen Wetter weiterhin bestehen
kann.
6. Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen der gegenwärtigen Situation und der im Jahre 1950, als die UN-Mitglieder
zögerten, den USA Militärhilfe für Korea zu geben?
Antwort: Im Zusammenhang mit der militärischen Hilfe für
Korea durch Mitglieder der Vereinten Nationen sollten folgende
Tatsachen beachtet werden: Der Beitrag der UN Mitglieder, mit
Ausnahme der Vereinigten Staaten, bestand aus zwei Divisionen.
Es würde natürlich besser gewesen sein, wenn es sechs statt
nur zwei Divisionen gewesen wären. Zwei Divisionen würden zu
Weltkriegspreisen 600 Millionen Dollar im Jahr kosten, was bei
einem Vergleich mit den 13 Millionen Dollar, die von den Vereinigten Staaten jährlich an die Vereinten Nationen gezahlt
werden, nicht ungünstig erscheint. In der viel ernsteren Berechnung nach dem Verlust* Menschenleben würde dies 17 000 Verwundete und 3000 Tote bedeuten, die sonst auf die Liste der
amerikanischen Ausfälle gekommen wären.
Ein sehr bedeutsamer Grund, warum UN-Mitglieder während
der Kampfhandlungen in Korea nicht mehr Truppen zur Verfügung
stellten, war die zur Zeit prinzipielle Weigerung der US-Regierung, Angebote von Truppenkontingenten solcher Regierungen
anzunehmen, die nicht für ihre eigene taktische Unterstützung
sorgen konnten, dazu gehört die Dollar-Finanzierung, Schiffstransport, automatische Waffen und maschinelle Ausrüstung. Es
gibt viele Länder in der Welt, die wertvolle Truppenverbände
mit einer hohen Kampfkraft zur Verfügung stellen können, aber
nicht in der Lage sind, selbst für Nachschub und Ausrüstung
aufzukommen. Die prinzipielle Weigerung war also fehl am Platze
und ist deshalb nicht beibehalten worden. Ich bin sicher, daß
in einem zukünftigen Notfall, ähnlich wie dem in Korea, die
UN-Unterstützung wesentlich besser sein würde. Wenn wir 1950
nicht an diesem Grundsatz gebunden gewesen wären, würden wir,
glaube ich, sechs statt zwei Divisionen von den anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen erhalten haben.
7. Frage: Was sagen Sie zu der Auffassung vieler Amerikaner, daß die chinesischen Kommunisten im Begriff sind, Asien
in der "Frosch-Sprung-Taktik" zu gewinnen, und dabei Situationen provozieren, die die UN zu Erörterungen zwingen und zur
gleichen Zeit den Eindruck erwecken, daß die Rotchinesen damit

�23. Februar 1955

"AMERIKA DIENST"

damit ihren Fuß wieder weiter über die Türschwelle der UN
geschoben haben?
Antwort: Ich bin der Auffassung, daß Rot-China seinen
Fuß überhaupt schon auf die Türschwelle der UN gesetzt hat.
Seit ich US-Chef-Delegierter bin, ist die Zulassung RotChinas 25mal zur Sprache gekommen und wir haben sie jedesmal
abgelehnt - jedesmal mit einer eindrucksvolleren Stimmenzahl
und eindrucksvolleren Begründungen -, so erst kürzlich wieder
im Sicherheitsrat vor zwei Wochen mit 10 Stimmen gegen die
eine der Sowjets.
Die Frage, ob sie in Asien gewinnen oder nicht, ist eine
andere Angelegenheit. Von dort, wo ich sitze, sieht es für mich
nicht so aus, als ob die Kommunisten ihr Ziel erreichten. Ich
glaube, daß jetzt immer mehr Asiaten zu der Einsicht gelangen,
daß man nicht unparteiisch zwischen Kommunismus und Freiheit
stehen kann, und daß die schlimmste Art von kolonialer Tyrannei
in unserer Zeit der Kommunismus ist. Natürlich werden wir den
kommunistisch-imperialistischen Bestrebungen in Asien oder irgendwo anders entgegentreten.
8. Frage: Was, abgesehen von einem US-Veto, könnte die
baldige Aufnahme Rotchinas in die Vereinten Nationen verhindern?
Antwort: Das Haupthindernis für eine Aufnahme Rotchinas
in die UN ist nicht das Veto. Es ist die unglaubliche Haltung
Rotchinas. Ich glaube nicht, daß ein Einspruch der Vereinigten
Staaten notwendig wird. Ich glaube vielmehr, eine überwiegende
Mehrheit der Mitglieder wird gegen eine Aufnahme Rotchinas stimmen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Rotchina sich als
überführter Aggressor ohne Reue erwiesen hat, und somit eine
Haltung an den Tag legte,die es für eine Zulassung zur UN
disqualifiziert»
9» Frage: Halten Sie zu gegebener Zeit einen Wandel in
der Haltung der Vereinigten Staaten in bezug auf die Aufnahme
Rotchinas in die Vereinten Nationen für möglich, insbesondere
dann, wenn die chinesischen Kommunisten die amerikanischen
Flieger freilassen und sich mit einem Feuereinstellungsabkommen in der Formosastraße, wie dies vom Westen vorgeschlagen
wurde, einverstanden erklären?
Antwort: Ich sehe keinerlei Anzeichen eines grundlegenden Wandels in der Haltung Rotchinas und ohne solch einen grundlegenden Wandel ist auch eine Revision der westlichen Haltung
Rotchina gegenüber undenkbar.
10. Frage: Glauben Sie, daß die Vereinigten Staaten in
zwei Jahren, wenn die Amtszeit Präsident Eisenhowers abgelaufen ist und ein anderer Mann den Stuhl im Weißen Haus einnimmt, im Falle Rotchinas und in anderen asiatischen Fragen
nachgiebiger sein werden?
Antwort: Ich hoffe und glaube sehr, daß die politische
Haltung, die wir der kommunistischen Tyrannei in Asien gegen-

- 5-

�23. Februar 1955

"AMERIKA DIENST"

gegenüber einnehmen, in jeder Hinsicht 'bi-partisan"ist. Aber es
besteht kein Zweifel, daß die Festigkeit und Weisheit, die Präsident Eisenhower angesichts des kommunistischen Drucks an den
Tag gelegt hat, uns dazu befähigt, unseren festen Standpunkt zu
beziehen und nunmehr damit beginnen zu können, die Lage der
freien Welt - ohne Krieg in Asien - zu konsolidieren. Es ist
unendlich wichtig, im Weißen Haus einen Mann zu haben, der aus
Erfahrung jedem möglichen kommunistischen Manöver zu begegnen
weiß. Ich glaube, das amerikanische Volk weiß genau, welch bedeutenden Aktivposten Dwight D. Eisenhower in einer so gefahrvollen Zeit wie der unseren darstellt, und ich glaube, es wird
darauf bestehen, ihn noch weitere vier Jahre als unseren Präsidenten im Amt zu halten.
11. Frage: Was wird für die Freilassung unserer Flieger
getan?
Antwort: Ich hoffe noch immer, daß der Besuch des UNOGeneralsekretärs Hammarskjöld in Peking die Vorarbeiten für
die Freilassung unserer Flieger geleistet hat. Ich glaube, daß
wir bald sichtbare Anzeichen dafür bekommen werden, obgleich
bis heute noch nichts geschehen ist. Aber die USA werden, wie
Außenminister Dulles äagte, in diesem Falle nicht ewig darauf
warten bis auf dem Wege über die Vereinten Nationen ein Fortschritt zu verzeichnen ist. Wir werden nicht ruhen, bis diese
Männer wieder sicher zu Hause sind.
Wir müssen daran denken, daß es hierbei nicht darum geht,
unserer Entrüstung Luft zu machen, sondern darum, unsere Leute
sicher nach Hause zurückzubringen. Das heißt weder Beschwichtigungspolitik, noch heißt es durch jeden Reifen springen zu
müssen, den die Rotchinesen uns in Form eines neuen seltsamen
Vorschlags hinhalten. Die Situation verlangt Takt und Geduld.
Eine ganze Reihe Amerikaner, die längere Zeit Gefangene der
Rotchinesen waren, sind heute zu Hause, weil wir die nötige
Geduld aufbrachten. Ihr INS-Korrespondent Donald Dixon ist
einer von ihnen.
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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER FORDERT BESCHLEUNIGTES STRASSENBAUPROGRAMM

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Botschaft
des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower vom 22. Februar 1955 an den US-Kongreß, in
der er diesem sein neues Straßenbauprogramm zur
Billigung unterbreitet, das für die Verbesserung
und den Ausbau des Straßennetzes der Vereinigten
Staaten im Laufe der nächsten zehn Jahre eine
Summe von 101 Milliarden Dollar vorsieht.

"Der Fortbestand unserer nationalen Einheit liegt im
freien Austausch der Gedanken, und in der leichten Beförderung
von Menschen und Gütern. Endlos ist der Strom der Nachrichten
in unserer Republik, vergleichbar dem Strom des Personen- und
Güterverkehrs, der kreuz und quer auf einem riesigen Straßennetz über das Land rollt und dieses schließlich über unsere
Grenzen hinweg im Norden und Süden mit freundlichen Nachbarn
verbindet.
In ihrem Zusammenwirken machen die verbindenden Kräfte
unserer Kommunikations- und Verkehrssysteme die eigentliche
Dynamik unserer - im wahrsten Sinne des Wortes - Vereinigten
Staaten aus. Das Autostraßennetz ist ein gigantisches Unter
nehmen, Gegenstand der größten Kapitalinvestitionen. Generationen haben daran gearbeitet. Es umfaßt 3 366 000 Meilen (5»4
Millionen Kilometer) Straßen, die von 58 Millionen Motorfahrzeugen befahren werden. Kaum zu berechnen sind die Kosten seiner Instandhaltung, bei der jeder siebente Amerikaner seinen
Lebensunterhalt und den seiner Familie verdient. Und doch,
aufs ganze gesehen reicht dieses Verkehrsnetz für die wachsenden Bedürfnisse der Nation noch nicht hin.
In dieser Erkenntnis begannen die Gouverneure der Staaten
im Juli letzten Jahres auf meine Anfrage hin die bestehenden
Probleme zu untersuchen und zugleich die Methoden zu eruieren,
mittels derer die Bundesregierung den Staaten bei ihrer Lösung
behilflich sein könne. Ich ernannte im September das "Beratungskomitee des Präsidenten für ein nationales Straßenbauprogramm"
unter Leitung von Lucius D. Clay. Zweck dieses Komitees ist die
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23- Februar

1955

ie Zusammenarbeit mit den Gouverneuren und der Ent.vurf eines
z r Vorlage beim Kongreß bestimmten Plan s. Zur gleiche» Zeit
wurde ein Komitee gegründet, das sich aus Vertretern der einzelnen Ministerien und Ämter der Bundesregierung zusammensetzt, und
das mit den bt den anderen Gruppen zusammenar
~t Alle drei
stellten die unausweichliche Notwendigkeit für ein rasche• und
wirksames Handeln fest,
1. Mehr als 36 000 Menschen kommen jährlich durch Verkehrsunfäile ums Leben, mehr als eine Million wird verletzt. Für diejenigen Familien, in d ;.e der Unfalltod infolge schlechten Straßenzu andes eine Lücke gerissen hat, kann der Wert der Verhütung dieses Todesfalles überhaupt nicht in Geld ausgedrückt
werden- Doch zuverlässige:, Schätzungen zufolge, kosten die
Straßenui fälle die Nation über 4,3 Milliarden Dollar
2 Die derzeitige Beschaffenheit der Straßen steigert die
Unterhaltungskosten der Fahrz uge wie aus Schätzungen hervorgeht, um etwa 1 Cent pro Meile (1,6 km). Bei dem heutigen Verkehr mach das im ganzen mehr als fünf Milliarden Dollar im Jahre
aus. Diese Kos:en werden nicht v n den Wagenbesitzern allein
getragen. Sie erhöhen die allgeme nen öffentlichen Ausgaben;
gesteigerte Straßen :ansportkosten machen sich auf jeder Stufe
der Ware1' verte ilung bemerkbar und werden schließlich vom Verbraucher g&lt; tragen.
3» Im Falle eines Atombombenangriffs auf unsere wichtigsten
Großstädte muß das Straßennetz eine ras he Evakuierung der Hauptangriff ge ete . d e Mobilisierung der V rteidigungskräfte
sowie die Aufr c terhaltung der lebenswichtigen wirtschaftlichen
Prozesse ermöglichen. Mit dem zur Zeit in den lebenswichtigen
Gebieten bestehenden Straßennetz aber würde es bereits wenige
Stunder. nach einem "ngriff zu bedrohlichen Verkehrsstockungen
kommen.
4. Unser Bruttosozialprodukt, das im Jahre 1954 etwa 357
Milliarden Dollar betrug wird s ch 1965 auf über 500 Milliarden
Dollar belaufen; zum gleichen Zei punkt wird unsere Bevölkerung
auf über 180 Millionen angestiegen sein und, nach anderen Schätzungen, in 81 Millionen Kraftwagen
302 Milliarden Fahrkilometer
im Jahre auf unseren Straßen zurücklegen. Wenn wir das derzeitige
Tempo zur Verbesserung und zum Ausba unseres Straßennetzes nicht
steigern, so sind die Verkehrsstockungen, wie wir sie heute erleben, nur ein schwaches Abbild dessen, was wir in zehn Jahren zu
erwarten haben.
Die Behebung dieser Mißstände ist Aufgabe und Pflicht unseres gesamten Verwaltungsappai ates. Das Straßenbauwesen ist ein
öffentliches Unternehmen. Als Besitzer und Unternehmer sind die
verschiedenen Regierungsdienststellen dafür verantwortlich, daß
das Straßennetz das Gedeihen der nationalen Wirtschaft fördert
und dem einzelnen Benutzer die besten Dienste leistet. Was die
Bundesregierung angeht, so sind ihre Ausgaben für den Ausbau
und Unterhalt der Straßen darüber hinaus eine Art Rückerstellung
der vom Verkehrsteilnehmer für die Benutzung der Straßen bezahlten
Steuern.
- 2 Mit

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Mit der Bewilligung zweier Finanzhilfsprogramme der Bundesregierung, die gemeinsam mit den Einzelstaaten, den lokalen Behörden und dem Bundesamt für Straßenbau ausgearbeitet wurden, hat
der Kongreß das staatliche Interesse an den Hauptverkehrsstraßen
des ganzen Landes bestätigt. Das Finanz-Hilfsprogramm für Straßen
erster Ordnung umfaßte am 1. Juli 1954 375 051 Kilometer der die
wichtigsten Städte, die Sitze der Kreisverwaltungen, Häfen, Industriezentren und andere Verkehrszentren miteinander verbindenden Straßen.
Im Jahre 1944 hat der Kongreß das Finanz-Hilfsprogramm der
Bundesregierung für Straßen zweiter Ordnung bestätigt, das am
1. Juli 1954 insgesamt 772 755 Straßenkilometer umfaßte, die
als Verbindungswege vom landwirtschaftlichen Erzeuger zum Verbraucher bezeichnet werden - d.h. wichtige Zubringerstraßen,
die die Farmen, Fabriken, Verteilungszentren und die kleineren
Gemeinden mit dem Straßennetz erster Ordnung verbinden.
Da gewisse Abschnitte dieses Straßennetzes erster Ordnung,
vom Standpunkt des nationalen Interesses aus gesehen, wichtiger
sind als andere, genehmigte der Kongreß 1944 den Bau eines besonderen Straßennetzes mit einer Gesamtlänge von höchstens
64 000 km, das durch möglichst direkte Verbindungswege die wichtigsten hauptstädtischen Gebiete, Großstädte und Industriezentren
miteinander verbinden, der Landesverteidigung dienen und durch
transkontinentale Straßen eine bessere Verbindung nach Kanada
und der Republik Mexiko herstellen soll.
Dieses bundesstaatliche Straßennetz, dessen Länge nur
1,2 i» des Gesamtnetzes der Vereinigten Staaten beträgt, verbindet
42 einzelstaatliche Hauptstädte und 90 # aller großen Städte
mit mehr als 50 000 Einwohnern miteinander. Über 1/7 des Gesamtverkehrs und 1/5 des Verkehrs in ländlichen Gebieten entfallen
auf dieses Netz; es dient zu 6Q # der städtischen und zu
40 i&lt;&gt; der ländlichen Bevölkerung. Bis heute sind annähernd
60 000 km routenmäßig festgelegt. Das derzeitige Finanzhilfeprogramm der Bundesregierung für Straßen erster Ordnung umfaßt
auch dieses Straßennetz mit seiner Gesamtkilometerlänge.
Neben diesen genannten Straßennetzen ist die Bundesregierung
für Bau und Unterhalt von Straßen, die Gebiete in Bundesbesitz
- das ist mehr als ein Fünftel des Gesamtgebiets der USA - durchkreuzen oder erschließen, der Hauptverantwortliche und in vielen
Fällen der Alleinverantwortliche.
Von allen hier genannten Straßennetzen steht das interstaatliche Straßennetz bei der Planung an erster Stelle. Bei
dem derzeitigen Tempo des Straßenbaus aber dürfte das interstaatliche Straßennetz noch nicht einmal in fünfzig Jahren eine auch
nur annähernd angemessene Ausdehnung und Qualität erreicht haben.
Die einzelstaatlichen Straßenbauämter können den diesbezüglichen Anforderungen einfach nicht gerecht werden. Der Erwerb des
für alle erforderlichen Zufahrtstraßen nötigen Grund und Bodens,
die zur Überwindung der Niveauunterschiede nötigen Bauten, Verlegung und Umleitung der bereits bestehenden Straßen - all dies
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dies übersteigt in dem ex forderliche. Umfang und im Rahmen eines
geschlossenen Netzes .Lhre gemeinsame Leist ngsfäh gkeit.
Wenn wir heute wirklich ein Verkehr Stockungen förderndes,
den Sicherheits- und Transport nforderungen n ht genügendes
Straßennetz haben, wie können wir es er essern, damit es in
zehn Jahren den Anforderungen der Nation entaprieht?
Eine realistische Antwort hierauf muß sich auf eine Untersuchung aller Phasen der Finanzierung des Straßenbaues stützen,
zu denen auch die Untersuchung der Kostenfrage für d e Fertigstellung der verschiedenen Ferns raßennetze gehört
le sie
vom Bundesamt für Straßenbau in Zusammenarbeit mit dem Straßenbauämtern der Einzelstaaten und den Kommunalbehorden durchgeführt worden ist. Diese Untersuchung, die nach We sung des 83.
Kongresses auf Grund des Gesetzes von 954 über die Finanzhilfe
des Bundes für den Straßenbau vorgenommen wurde, i
die umfassendste ihrer Art überhaupt.
Ihre Schätzungen hinsichtlich der dringendsten Erfordernisse
zeigen, daß ein über 10 Jahre verteiltes Bauprogramm z r Modernisierung aller unserer Straßen in Stadt und Land Aufwendungen von
sämtlichen zuständigen Regierungsstellen in einer Höhe von insgesamt 101 Milliarden Dollar erfordern.
Nach der vorläufigen Schätzung sind die erforderlichen Summen für den Ausbau des Straßennetzes im Rahmen des 10-JahresProgramms wie folgt aufzustellen:
23 Milliarden Dollar
Interstaatliche Straßen
(Stadtgebiete 11, Landbezirke
12 Milliarden)
Unter das Finanzhilfe-Gesetz des Bundes
fallende Straßen erster Ordnung
30 Milliarden Dollar
(Stadtgebiete 10, Landbezirke
20 Milliarden)
Unter das Finanzhilfe-Gesetz des Bundes
fallende Straßen zweiter Ordnung
(nur Landbezirke)
15 Milliarden Dollar
Sonstige Straßenbauvorhaben
33 Milliarden Dollar
(Stadtgebiete 16, Landbezirke 17 Milliarden
101 Milliarden Dollar
Insgesamt: (Stadtbezirke 37,
Landbezirke 64 Milliarden
Dollar)
Die Gouverneurskonferenz und der Beratungsausschuß des Präsidenten sind sich darin einig, daß der Bundesante 1 für die
Durchführung des erforderlichen Bauprogramms auf 30% der Gesamtsumme festgesetzt und die Finanzierung des restlichen Teiles den
staatlichen und kommunalen Behörden überlassen wird.
Neben den bereits bestehenden Verpflichtungen hinsichtlich
der Unterhaltung unseres Straßennetzes von 5»485 Millionen Kilometern fällt es nun offensichtlich auch unter die Zuständigkeit
der Bundesregierung, die Straßenverbindungen zwischen den Einzelstaaten sowie die wichtigsten Durchgangsstraßen auszubauen.
Der

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Der Beratungsausschuß empfiehlt in seinem Bericht:
1. daß die Bundesregierung finanziell den Hauptanteil an
dem Ausbau eines modernen interstaatlichen Straßennetzes trägt,
eines Projekts, das bis 1964 abgeschlossen sein und die wichtigsten Durchgangs- und Anschlußstraßen umfassen soll; innerhalb
des 1o-Jahres-Programms werden hierfür die jährlichen Aufwendungen etwa 2,5 Milliarden Dollar betragen;
2. daß die finanziellen Leistungen des Bundes für den Ausbau der Landstraßen erster und zweiter Ordnung, die gegenwärtig
525 Millionen Dollar pro Jahr gemäß dem 1954 gebilligten Gesetz
betragen, weiterlaufen;
3. daß weiterhin Bundesmittel für jenen Teil der unter das
Bundeshilfe-Gesetz fallenden Straßen in Stadtbezirken gewährt
werden, die nicht zum interstaatlichen System gehören und für
die gegenwärtig 75 Millionen Dollar jährlich verfügbar sind;
4. daß auch in Zukunft Bundesmittel für Ausbau und Unterhalt
von Porstwegen und -Straßen in der gegenwärtigen Höhe von 22,5
Millionen Dollar pro Jahr bewilligt werden.
Auf Grund dieser Vorschläge würden die Aufwendungen des
Bundes im Rahmen dieses 1O-Jahres-Programms betragen:
(in Milliarden Dollar)
Zwischenstaatliches Straßennetz
Bundesmittel für Straßen erster und
zweiter Ordnung im Rahmen des FinanzHilfe-Gesetzes
Bundesmittel für Straßen in Stadtbezirken
im Rahmen des Finanzhilfe-Gesetzes
Forstwege und -Straßen

25»000
5,250
750
225

Insgesamt: 31»225
Der Ausbau des erforderlichen Straßennetzes in den Territorien und die Unterhaltung und der Ausbau der Straßen in den
großen National-Parks, den Indianer-Reservaten und anderen, im
Besitz der öffentlichen Hand befindlichen Ländereien in den Vereinigten Staaten werden auch weiterhin im Haushalt unter diesen
Sonderposten laufen.
Ein gesundes Straßenbauprogramm des Bundes muß und kann
meiner Ansicht nach auf eigenen Füßen stehen, was bedeutet, daß
die Straßenbenützer die für Unterhalt und Neubau erforderlichen
Summen aufbringen. Die Finanzierung des interstaatlichen sowie
des vom Bund zu finanzierenden Straßennetzes muß auf der geplanten
Verwendung der stetig steigenden Einnahmen aus den Benzin- und
Mineralölsteuern basieren« Beträge , die sich in begrenztem Umfang
durch Autobahngebühren noch erhöhen.
T .

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"AMERIKA DIENST"

Ich neige zu der Ansicht, daß es gesünder ist, dieses Programm mit besonderen Staatsanleihen zu finanzieren; diese Auflage würde dann auch durch die oben erwähnten Einkünfte, die
ja schließlich in der Zeit der zweckentsprechenden Nutzung der
Straßen eingehen und für nichts anderes bestimmt sind, abgedeckt werden, nicht aber durch eine Ausweitung der staatlichen
Verpflichtungen auf Grund der allgemeinen Steuereinkünfte.
Dem Kongreß geht jetzt zur weiteren Verwendung der Bericht
des Beratungsausschusses zu, den dieser dem Präsidenten über
das Programm zum Ausbau des Straßennetzes im gesamten Gebiet
der USA vorgelegt hat. Diese Untersuchung des gesamten Problems
des Straßenverkehrs und die Vorlage einer in allen Details ausgearbeiteten Lösung stellt eine genaue Analyse der wichtigsten
Einzelfaktoren einer höchst komplexen Situation dar. Darüber
hinaus wird der Kongreß das Ergebnis der Untersuchung des Bundesamtes für Straßenbau zur Verfügung haben, die dieses auf Weisung des 83» Kongresses angestellt hat.
Diese beiden Dokumente ergeben zusammen eine erschöpfende
Untersuchung und Prüfung des gesamten amerikanischen Straßennetzes, seiner Probleme sowie der Möglichkeiten, vorhandenen
Mißständen abzuhelfen. Es ist unvermeidlich, daß der ganze Umfang dieses Straßenbauvorhabens eine Vielzahl von Vorschlägen
mit sich brachte, die nunmehr auf ein das ganze Land berücksichtigendes Programm abgestimmt werden müssen. Die Berichte
dürften jedoch dazu beitragen, die Dringlichkeit des Problems
jedem deutlich zu machen - nämlich die Billigung eines allgemeinen Programms, das uns ein modernes, sicheres Straßennetz
schafft, und die Realisierung der Vorteile, die uns promptes
und gründliches Handeln einbringen. Das alles schafft eine solide
Grundlage für ein gesundes Programm."

* * * * *

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�Man hat mich gebeten, heute abend anläßlich der Jahres
feier des Geburtstages von George Washington hier vor amerikanischen Offizieren zu sprechen. Da George Washington der Gründer
der amerikanischen Armee war, wenden sich meine Gedanken selbstverständlich den Ursprüngen der Streitkräfte der Vereinigten
Staaten zu und der Entwicklung unserer militärischen Tradition;
und deshalb möchte ich heute über dieses Thema zu Ihnen sprechen.
Vielleicht wurde ich bei der Wahl dieses Themas auch davon bestimmt, daß in den letzten Monaten die Frage der Struktur einer
Armee im Verein mit ihrem Verhältnis zu einem demokratiscnen Staat
häufig in der Presse und insbesondere hier in Deutschland er
örtert worden ist, und weil ich schon von vielen gefragt werden
bin, wie denn wir dies hielten. Wie Sie wissen, wird die Bundesrepublik sich voraussichtlich bald der Aufgabe gegenübersehens
eine Armee, eine Flotte und Luftstreitkräfte aufzubauen. Wie die
Führer aller Parteien erklärten, wird man im wesentlichen von
vorne anfangen, und deshalb ist vorgeschlagen worden, eine neue
Organisation im Geist unserer Zeit zu schaffen. Sie werden mit
Interesse diesen Prozeß verfolgen und sehen, wie die Bundesrepublik Deutschland durch gesetzgeberische Maßnahmen und durch administrative Schritte das jahrhundertealte Problem des Verhältnisses zwischen dem Soldaten und dem Bürger zu lösen sucht.
Ich möchte Sie daher bitten, gemeinsam mit mir heute abend
Fragen zu erörtern, die Ihnen sicher geläufig sind - nämlich
die Entwicklung unserer eigenen militärischen Tradition, die ich
hier die Tradition des amerikanis chen Bürger-Soldaten nennen
möchte. Sie ist das Ergebnis unserer besonderen geographischen
Lage und unserer Geschichte, die so ganz anders ist als die' der
europäischen Völker.
Die

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Die Teilnahme am Militärdienst ist etwas, was immer wieder
das Interesse der Öffentlichkeit erregt, In Amerika sah sich
jeder von Anfang an dem Problem gegenüber, Haus und Herd wie
auch seinen persönlichen Lebensstil vor der Einwirkung feindlicher Kräfte zu schützen. Aus dieser Situation heraus entstand
der Begriff des Bürgersoldaten. In der Kolonialzeit fand diese
Idee ihre Verkörperung in dem "Minute-Man", dem Mann der Bürgerwehr
der bereit-war, das einfache Prinzip der Verteidigung von Haus
und Hof um einen Schritt weiter zu führen und zur Verteidigung
der Freiheit gegen fremde Unterdrückung in den Kampf zu ziehen.
Die amerikanischen Armeen waren so von Anfang an Bürgerarmeen.
Sie bestanden nicht aus großen Einheiten und Berufssoldaten,
sondern aus Bürgern, die man eilig zum Dienst für ihr Land zu
den Waffen gerufen hatte. Dieses Prinzip, das auch im Sezessionskrieg Geltung hatte, ist heute noch ebenso wirksam. Im Gegensatz
zu den europäischen Staaten - vielleicht mit Ausnahme des Inselreiches England - bestand in den letzten 200 Jahren für Amerika
nicht die Notwendigkeit, ein großes stehendes Heer zu unterhalten.
Obgleich Amerika angesichts der jüngsten Entwicklungen der Technik und Politik große Umstellungen vornehmen mußte, besteht die
Tradition des amerikanischen Bürger-Soldaten nach wie vor. Was
ist nun das Wesen dieser Tradition?
Zunächst einmal verkörpert sie sich in den Kontrollbefugnissen des Kongresses über die gesamten Streitkräfte. Ich darf
Ihnen hier vielleicht einiges aus dem Werk "Introduction to
American Government" von Ogg und Rey, einer Einführung in das
amerikanische Staatswesen, zitieren: "Wenn auch die Väter der
Verfassung eifrig bemüht waren, Vorsorge für die Verteidigung
zu treffen, so hatten sie doch keinerlei Absicht, einer alles
überschattenden und vielleicht anmaßenden Armee oder der Legalisierung einer Militärdiktatur den Weg zu bereiten... Sie
erreichten ihr Ziel..., indem sie die Befugnisse des Kongresses
und des Präsidenten in Fragen von Landesverteidigung und Krieg
so definierten, daß kein Raum für ein Supremat der Militärs
gegeben war. Der Kongreß allein ist ermächtigt, Armeen aufzustellen und zu unterhalten, Vorkehrungen für ihre Führung zu treffen,
und Krieg zu erklären; der Präsident ist der oberste Befehlshaber aller bewaffneten Streitkräfte sowohl im Frieden als auch
im Krieg".
In Zusammenhang mit der Kontrolle des Kongresses über die
Bewilligungen für die Streitkräfte besagt eine wichtige Bestimmung
in Artikel I, Abschnitt 8 der Verfassung, daß "Geldmittel für
die Aufstellung und den Unterhalt von Streitkräften in keinem
Falle für länger als zwei Jahre bewilligt werden dürfen".
Zweck dieser Bestimmung ist es, eine Umgehung der finanziellen Kontrolle durch den Kongreß zu verhüten, wie dies beispielsweis
der Fall sein könnte, wenn der Kongreß in einer Legislaturperiode
eine so hohe Summe Geldes bewilligte, daß die Streitkräfte über
die Zeit mehrerer Kongreßwahlen hinweg ausreichend mit Geldmitteln eingedeckt wären. In unserer Zeit der riesigen Haushaltsbeträge ist diese Gefahr praktisch nicht mehr vorstellbar; für die
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die Begründer
der Union aber war sie vorhanden.
Her Kongreß befaßt sich auf Grund seiner Uberwachungsfunktionen mit vielen Einzelheiten der Führung der Streitkräfte. Wie
die vorstehend bereits erwähnten Autoren es so treffend zum Ausdruck brachten, ist es "im großen und ganzen Sache des Kongresses
abgesehen davon, daß er den obersten Befehlshaber mit den für
den Krieg erforderlichen Machtbefugnissen und den Mitteln ausstattet -, die Führung des Krieges zu überwachen und zu überprüfen, ohne dabei aber zu versuchen, in die operative Kriegführung
einzugreifen." Im Laufe der amerikanischen Geschichte hat der
Kongreß nicht immer die freiwillige Zurückhaltung geübt, wie sie
in den Worten »»... ohne zu versuchen, in die operative Kriegführung einzugreifen" zum Ausdruck kommt. Die Kongreßausschüsse aus
der Zeit des Sezessionskrieges sind ein Musterbeispiel dafür, wie
der Kongreß sich zuweilen eindeutig Übergriffe auf die Funktionen
der Exekutive erlaubte und damit das Funktionieren der Exekutivvorgänge beim Vorliegen eines nationalen Notstandes in Gefahr
brachte. Es ist immer problematisch, die Kontrolle seitens des
Kongresses mit der Verantwortlichkeit der Exekutive im Gleichgewicht zu halten.
Während des Krieges genoß ich, der ehemalige Wissenschaftler, den Vorzug, mit einer ganzen Reihe von Offizieren der Armee,
der Marine und der Luftstreitkräfte zusammenzuarbeiten. Dabei hatt
ich oft Gelegenheit, ihren Unterhaltungen über Fragen der Organisation, insbesondere der künftigen Organisation, zuzuhören. Nachdem der Krieg zu Ende war und Vorschläge für einen Zusammenschluß
der drei Waffengattungen unter einem Verteidigungsministerium in
weiten Kreisen erörtert wurden, hatte ich abermals Gelegenheit,
die Ansicht verschiedener Offiziere hierzu kennenzulernen. In
diesem Zusammenhang hat mich eines ganz besonders beeindruckt,
nämlich die fast einhellig vertretene Auffassung, daß man nicht
eine kleine Personengruppe schaffen dürfe, die auf Jahre hinaus
ihren Sitz in Washington habe, um von dort aus das künftige Geschick der amerikanischen Streitkräfte zu planen. Denn man war der
Ansicht, daß es einer solchen Gruppe berufsmäßiger militärischer
Organisatoren und "Planer" möglich werden könnte, den zivilen
Sektor der Exekutive zu beherrschen und aus militärischen Erwägungen heraus Entscheidungen ungebührlich zu beeinflussen, die
grundsätzlich in den Händen des Kongresses und d er Exekutive
ruhen müssen. Deshalb wurde eine Beibehaltung des Verfahrens
befürchtet, das s i e alle so gut kennen und das so vielen europäischen Beobachtern seltsam erscheinen mag. Ich meine damit
die Tatsache, daß ein Offizier Kommandeur einer im Kriegseinsatz
stehenden Truppe sein kann, später den Posten des Leiters der
Abteilung für chemische Kriegführung übernimmt, dann an die Spitze
der Personalabteilung im Pentagon berufen wird und schließlich
wieder als Kommandeur zur Truppe zurückkehrt.
Dieses System, bei dem die verschiedensten Aufgabengebiete
durchlaufen werden,scheint mir mit zu den wichtigsten Traditionen
des amerikanischen Militärs zu gehören.
Auch

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Auch die hier versammelten Reserveoffiziere sind Teil dieser
Tradition des Bürger-Soldaten. Sie kommen aus allen Schichten und
allen Teilen des Landes. Nach den jüngsten Zahlenangaben sind
fast 3/4 der gegenwärtig im aktiven Dienst stehenden Offiziere
keine Berufssoldaten, sondern haben lediglich das Reserveoffizierspatent. Auf Grund dieses Sachverhaltes haben wir Amerikaner das
Problem, wie es sich aus der Existenz einer Kaste von Berufssoldaten ergibt, nicht kennengelernt. Ganz im Gegenteil, unsere
Streitkräfte haben sogar mitgeholfen, die Errichtung sozialer
Schranken zu verhindern. Die Beförderung zum Offizier setzt persönliche Eignung und Erfahrung des betreffenden voraus. Ein großer
Prozentsatz der Offiziere wird aus den Lehrgängen ausgewählt,
die das Reserveoffizier-Ausbildungskorps an 350 Colleges und Universitäten im gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten durchführt.
Hier leisten junge Männer, während sie sich auf das Leben in einer
Demokratie vorbereiten, wöchentlich eine gewisse Anzahl von Ausbildungsstunden für die Laufbahn des Reserveoffiziers. Gleichzeitig lernen sie die Demokratie verstehen, achten und verteidigen.
Selbstverständlich nimmt nur ein kleiner Prozentsatz der
jungen Menschen an diesen Reserveoffiziers-Ausbildungskursen an
den Universitäten und Colleges teil. Die große Mehrzahl der Angehörigen eines jeden Jahrgangs hat damit zu rechnen, regulär eingezogen zu werden und zwei Jahre Wehrdienst in den Streitkräften
abzuleisten. Jeder gesunde junge Mann muß in den Vereinigten
Staaten heute bereit sein, entweder als Offizier zu dienen oder
eingezogen zu werden. Eine Einberufung in Friedenszeiten ist für
uns Amerikaner etwas Neues. Ich erinnere mich noch sehr gut an
die Aussprachen in den Jahren 1950/51» die ich als Präsident
der Harvard-Universität mit Studenten über die Wiedereinführung
eines Wehrdienstgesetzes hatte. Abgesehen von den wenigen jungen
Leuten, die sich von vornherein für den Soldatenberuf entschlossen haben, ist die Jugend natürlich nur ungern bereit, zwei Jahre
ihres Lebens dem Militärdienst zu widmen. Deshalb ging es in den
Fragen, die man an mich, einen Befürworter des Wehrdienstgesetzes,
richtete, um die Notwendigkeit derartig drastischer Maßnahmen in
den Vereinigten Staaten. Aber angesichts der ganzen Weltlage war
es 1950, zu einer Zeit also, da der Korea-Krieg voll im Gange war,
nicht schwer, die Notwendigkeit solcher Maßnahmen klar zu machen.
Als die amerikanische Jugend erst einmal diese Notwendigkeit erkannt hatte, war sie auch bereit und willens, ihr Teil zu tun»
Dasselbe gilt auch heute, obgleich gegenwärtig in keinem Teil der
Welt US-Streitkräfte in aktivem Einsatz stehen. Die Wehrpflicht
besteht jedoch nach wie vor, und die Jugend leistet ihr auch
Folge, warum wohl? Weil sie die Notwendigkeit zur Verteidigung
der freien Welt in dieser Zeit der Spannungen klar erkannt hat.
Zahlreiche junge Männer aus den Vereinigten Staaten sind heute
hier in Deutschland, um dieses Land und Europa vor einem möglichen
sowjetischen Angriff zu schützen. Weder sie selbst noch ihre Angehörigen sind von der Tatsache,so weit von der Heimat entfernt
in Übersee Dienst tun zu müssen, besonders entzückt; als Bürger
aber folgen sie dem Ruf, weil sie sich der gegebenen Gefahr bewußt sind. In nicht allzu ferner Zeit schon werden diese Ihrem

�"AMERIKA DIENST"

23. Februar 1955

Ihrem Befehl unterstellten jungen Amerikaner hier in Deutschland
Schulter an Schulter neben jungen Deutschen stehen. Mit Aufhebung
des Besatzungsstatuts und Aufnahme der Bundesrepublik in die
Nordatlantikpakt-Organisation hat auch die deutsche Jugend Gelegenheit, ihren Teil zum Aufbau des Verteidigungswalls gegen eine
Aggression beizutragen. Ich darf Sie vielleicht daran erinnern,
daß es nicht der Fehler der Deutschen ist, über drei Jahre lang
unbewaffnet abseits zu stehen, während ihr Land von jungen Männern
aus anderen Ländern beschützt wurde; ich möchte aber diesen Gedanken hier nicht noch weiter führen, da ich dann auf Fragen der
Weltpolitik zu sprechen kommen müßte. Ich möchte mich vielmehr
an die Berufssoldaten unter meiner Zuhörerschaft wenden, um durch
meinen Gruß an sie der rühmlichen Tradition der Offiziersschulen
der Vereinigten Staaten meine Achtung zu bekunden.
Unsere Tradition der Bürger-Soldaten spiegelt sich in dem
Geist, von dem die Absolventen der Kriegsschule Westpoint durchdrungen sind - unsere Berufssoldaten, die ihre Offizierskameraden
voll anerkennen und akzeptieren. Wir haben zahlreiche Beispiele
von Offizieren, die innerhalb der Armee zu hohen Positionen aufrückten, ohne je eine Militärakademie absolviert zu haben. Sie
erinnern sich vielleicht, daß mehrere USAREUR-Kommandeure aus
der Zeit vor General Hoge keine Westpoint-Leute waren. General
Huebner war sogar vom einfachen Soldaten zum Generalleutnant aufgestiegen. Die Karriere dieser Männer ist für diejenigen, die
nicht auf dem Wege über Westpoint die Militärlaufbahn einschlagen,
ein Beweis dafür, daß es schon im Geist des amerikanischen Offizierskorps liegt, die Zuständigkeit des Zivilisten von besonderen
Fähigkeiten und besonderem Fachwissen anzuerkennen. Dieser Geist
spielte während des zweiten Weltkriegs eine gewaltige Rolle. Seitdem die Wissenschaft einen stetig wachsenden Einfluß auf die moderne Kriegführung gewonnen hat, sind Anerkennung und Wert-jchätzun
der gemeinsamen Leistung und Zusammenarbeit als eine persönliche
Grundhaltung lebenswichtig geworden.
All diese Dinge zeigen also, daß die gesamte Tradition der
Vereinigten Staaten nicht nur für die Erhaltung der Demokratie
und Freiheit im eigenen Lande, nicht nur für die Schlagkraft der
Streitkräfte selbst und den einzelnen Soldaten wichtig ist, sondern ebenso dafür, auch in Zukunft den größtmöglichsten Nutzen
aus Technik und Wissenschaft zu ziehen. Andernfalls wäre keine
Garantie dafür gegeben, daß auch in unserer Zeit die Armee eine
wirklich verläßliche Streitmacht darstellt.

* * # * *

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�Die Ansprache des amerikanischen Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Ich bin stolz darauf, die Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dieser historischen Konferenz zu vertreten. In einem
für uns neuen Rahmen suchen wir hier eine bei uns schon Tradition gewordene Politik fortzusetzen.
Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten stützt sich in
ihrem Kern schon immer auf zwei Grundsätze.
Der erste von ihnen ist der, daß wir unserem eigenen Volke
die Segnungen der Freiheit in Frieden zukommen lassen wollen.
Der zweite besagt, daß wir uns selbst die Freiheit nur dann
sichern können, wenn andere sie auch besitzen. Die Freiheit kann
nur in einer Umgebung gedeihen, die ihrem Wachstum förderlich
ist.
Unser Volk hat sich diesen Grundsätzen verschrieben, noch
ehe unser Staat geboren war. Unsere Unabhängigkeitserklärung hat
das unveräußerliche Recht aller Menschen auf Leben, Freiheit und
auf das Streben nach Glück verkündet. Diese Erklärung bedeutete,
wie Präsident Lincoln später gezeigt hat, Freiheit nicht nur für
die Menschen in unserem Lande, sondern eine Hoffnung für die Welt
bis in alle Zukunft.
Diese These hat seitdem unsere internationalen Beziehungen
beherrscht.
Der
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23. Februar 1955

Der erste wichtige Ausdruck unserer Außenpolitik war die
Monroe-Doktrin. Darin haben wir erklärt, wir würden eine Gefahr
für unseren eigenen Frieden und unsere Sicherheit darin sehen,
wenn die europäischen Despoten, die sich damals mit dem Zaren
Alexander an der Spitze zu einem Bündnis mit aggressiven Absichten zusammengeschlossen hatten, ihr System in die amerikanisc
Hemisphäre vortragen sollten, um die neugewonnene Unabhängigkeit
unserer Schwesterrepubliken zu zermalmen. Aus unserer MonroeDoktrin ist dann der Pakt von Rio und die Organisation der amerikanischen Staaten erwachsen.
Der zweite wichtige Ausdruck unserer Außenpolitik betraf
Asien. In dem Maße, wie unser eigenes Volk seine pazifischen
Küsten besiedelte, wuchs unser Interesse an China und den Pazifikinseln, und unsere Politik entwickelte sich dementsprechend.
Wir betrachteten es als unseren Auftrag, den Philippinen die
Unabhängigkeit zu bringen, ein Ziel, das wir jetzt glücklich
erreicht haben. Bezüglich Chinas haben wir ein internationales
Abkommen durchgesetzt, das diesem Land die territoriale Integrität und die politische Unabhängigkeit zusicherte, und wir übernahmen die Führung bei der Abschaffung des Systems, das fremden
Staaten in China Exterritorialitätsrechte zuerkannte. Diese unsere Politik findet heute ihren Ausdruck in einer Reihe von
gemeinsamen Sicherheitsverträgen mit den freien Staaten des
Westpazifiks.
Der dritte wichtige Ausdruck unserer Außenpolitik bezog
sich auf Europa. Nacheinander haben der erste und der zweite
Weltkrieg sowie die sowjetisch-kommunistische Drohung die Freiheit der Anliegerstaaten des Atlantik gefährdet. Wir haben an
jenen Kriegen teilgenommen, und nach dem Siege haben wir wirtschaftlichen Beistand geleistet. So haben wir den Völkern Westeuropas bei der Bewahrung ihrer Freiheit entscheidend geholfen.
Diese unsere Politik findet heute Ausdruck im Nordatlantikpakt
und seinen verschiedenen Organen.
Heute wenden die Vereinigten Staaten ihre Aufmerksamkeit'
Südostasien zu. Geographisch ist das etwas Neues für uns. Wenn
wir dies tun, so folgen wir unseren historischen Prinzipien,
die wir verwirklicht wissen wollen.
Die Wissenschaft hat die Entfernungen schrumpfen lassen,
und somit glauben wir uns durch ein Gefühl der Schicksalsgemeinschaft immer enger mit anderen verbunden. Deshalb ist der ManilaPakt, der uns zusammenführt, ein Vertrag zur Sicherung der Unabhängigkeit, der Unversehrtheit und des Wohlstandes befreundeter, freier Völker.
Es trifft sich gut, daß wir hier in Thailand zusammenkommen,
bedeutet dieser Name doch 'Land der Freien'. Möge unser Handeln
hier von solcher Art sein, daß dieses glückliche Land, in dem
wir uns treffen, und all jene Länder, die unser Pakt betrifft,
auf immer 'Länder der Freien' sind.
Wir

�23. Februar 1955

"AMERIKA DIENST"

Wir wollen auch daran denken, daß alles, was wir hier tun,
um unseren Vertrag durch Worte zu beleben, weit über das Vertragsgebiet hinaus wirken wird. Unser Handeln und unser Beispiel können mithelfen, die in der Charta der Vereinten Nationen und in
unserer Pazifik-Charta manifestierten Erwartungen Wirklichkeit
werden zu lassen, daß nämlich die Aufstiegschancen der Menschen
nicht mehr durch geographische Tatsachen, durch Rasse, Stand oder
Glauben irgendwelche Beschränkungen erfahren, sondern daß, wie
es nur recht und billig ist, die Fesseln der Gefangenschaft, der
Ungerechtigkeit und der willkürlichen Bevorrechtung gesprengt
und alle Menschen frei werden."
Die Konferenz des Manilapakt-Rates wird drei Tage dauern.
Auf ihr sollen die Mittel und Wege zur Durchführung der kollektiven Verteidigungsmaßnahmen festgelegt werden, über die man
sich bei der Unterzeichnung des Manilapaktes im vergangenen September geeinigt hatte. Ferner soll das Problem erörtert werden,
wie der Wohlstand des südostasiatischen Raumes durch den Wirtschaftsverkehr gefördert werden kann. Ein weiterer Punkt wird die
Errichtung eines ständigen Hauptquartiers für die Manilapakt-Organisation sein.
Die Teilnahmer der Konferenz sind: Außenminister Dulles (USA),
Außenminister Eden (Großbritannien), Botschafter Bonnet (Frankreich), Ministerpräsident Mohammed Ali (Pakistan), Außenminister
Prinz Wan (Thailand), Außenminister Garcia (Philippinen), Außenminister Casey (Australien) und Außenminister MacDonald (Neuseeland) .
*

* * * *

- 3 -

�Überall stieß ich auf unheilvolle Anzeichen intensiver
Versuche der Kommunisten, sich in Terror, Verlockung und politischer Wühlarbeit zu üben. Aber ich fand ebenso den leiden
schaftlichen Wunsch der freien Völker, diese ihre Freiheit
zu bewahren.
Dieser Wunsch wird sich aber nur dann durchsetzen können,
wenn sich diejenigen, die die Freiheit lieben, zur gemeinsamen Hilfeleistung zusammenschließen. So haben sich die Vereinigten Staaten unter voller Berücksichtigung der Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen Beistandspakten angeschlossen, die solche friedliebenden Länder wie die Republik
Korea, Japan, Formosa, die Philippinen, Süd-Vietnam, Laos,
Kambodscha, Thailand, die Vereinigten Malaienstaaten, Pakistan,
Australien und Neuseeland umfassen.
Einer von diesen Verträgen, der Acht-Mächte-Manilapakt
für Südostasien (SEATO), ist soeben in Kraft getreten, und
ich ging nach Bangkok, um an der ersten Zusammenkunft des
SEATO-Rates teilzunehmen.
Es_

�"AMERIKA DIENST"

9. März 1955

Es paßte vortrefflich, daß diese erste Konferenz in der
Hauptstadt von Thailand abgehalten wurde, denn das Wort
"Thailand" bedeutet "Land der Freien". Außerdem wurde Asiens
neue Rolle in der Weltpolitik eindrucksvoll herausgestellt,
da zum ersten Mal in der Geschichte der Außenminister Großebritanniens und der Außenminister der Vereinigten Staaten um
die halbe Welt reisten, um an der Konferenz in Thailand teilzunehmen.
Der Manila-Pakt bezweckt im wesentlichen dreierlei:
erstens: Schutz gegen offene bewaffnete Aggression; zweitens:
Schutz gegen umstürzlerische Tätigkeit; und drittens: Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse.
In der militärischen Verteidigung werden wir uns weitgehend auf schnell bewegliche alliierte Streitkräfte verlassen, die gegen einen Angreifer antreten können, wann und
wo immer dies notwendig sein sollte. Dieses militärische Potential wird nach unserer Auffassung als Abschreckungsmittel gegen eine Aggression wirken. Wir brauchen keine großen örtlich
gebundenen Streitkräfte überall in der Welt aufzubauen, und
der amerikanische Beitrag wird sich hauptsächlich auf Seeund Luftstreitkräfte konzentrieren.
Ich habe in Bangkok darauf hingewiesen, daß die Front
Rotchinas aus militärischen Überlegungen heraus als Ganzes
gesehen werden müßte, denn der Entschluß zu einer offenen
Aggression seitens Rotchinas könnte vielleicht bedeuten, daß
es zu einem großangelegten Krieg in Asien gewillt ist. In diesem Falle müßte Rotchina die Verteidigungspakte der Vereinigten Staaten mit der Republik Korea und der chinesischen Republik sowie die gemäß diesen Verträgen bereitgehaltenen Streitkräfte in Rechnung stellen. Auf diese Weise sähen sich die
chinesischen Kommunisten im Falle einer allgemeinen kriegerischen Auseinandersetzung Streitkräften im Süden, im Mittelabschnitt und im Norden gegenüber, woraus ihnen Aufgaben erwüchsen, die ihre ohnehin gespannte Transportlage noch weiter
verschärfen würde.
Die verbündeten Nationen verfügen in diesem Gebiet gemeinsam über starke militärische Kräfte. Insbesondere die Vereinigten Staaten besitzen dort See- und Luftstreitkräfte, die jetzt
mit schlagkräftigen, hochentwickelten neuen Waffen ausgerüstet
sind, die militärische Ziele vollkommen zerstören können, ohne
die benachbarten Wohngebiete zu gefährden.
Nach eingehender Überprüfung aller militärischen Faktoren
ist unser Manilapakt-Rat zu der Überzeugung gelangt, daß die
verfügbaren militärischen Kräfte durchaus die Hoffnung rechtfertigen, daß sie ausreichen werden, eine offene bewaffnete
Aggression gegen das Vertragsgebiet abzuschrecken.
Unsere militärischen Berater in Bangkok haben ihre gemeinsame Arbeit begonnen, unsere Streitkräfte auf die größtmögliche
Schlagkraft abzustimmen. Man rechnet mit einer zweiten Konferenz
der militärischen Sachverständigen im Laufe des nächsten Monats
in Manila. Auf diese Weise können Informationen über die Stärke
der verfügbaren Truppen ausgetauscht und die entsprechenden stra-

�•'AMERIKA DIENST

9. März 1955

strategischen Pläne festgelegt werden. Auch können auf diesen
Sitzungen Pläne für gemeinsame militärische Manöver ausgearbeitet werden.
Sodann griffen wir die Frage der subversiven Tätigkeit
auf, die zur Zeit vielleicht die größte Gefahr für dieses Gebiet darstellt. Diese Gefahr wird meiner Ansicht nac.i in dem
Maße abnehmen, in dem sich die Erkenntnis durchsetzt, daß
die im Vertrag zusammengeschlossenen Nationen militärisch
stark genug und entschlossen sind, eine offene bewaffnete
Aggression niederzuschlagen.
Als Beispiel für den zwischen direkter und indirekter
Aggression bestehenden Zusammenhang darf ich vielleicht die
derzeitige Situation in Laos erwähnen. In zwei Provinzen
dieses Landes sind regierungsfeindliche Elemente tätig, die
von den chinesischen und den Vietminh-Kommunisten unterstützt werden. Die Regierung von Laos bemüht sich um die
Wiederherstellung der Ordnung in diesem Gebiet ihres Landes.
Loch fürchtet sie, sich einem Angriff der Kommunisten von
außen auszusetzen, wenn sie gegen die Kommunisten im Inland
vorgeht. Ich hoffe, diese Befürchtungen haben sich gelegt,
indem diese Länder erkennen, daß der Manila-Pakt zu ihrem
Schutz gedacht ist.
Auch in anderen Ländern wird von außen her die Wühltätigkeit im Innern des Staates gefördert. Lamit fertig zu
werden, ist in jedem Falle zunächst einmal die Aufgabe der
davon betroffenen Staaten selbst. Jedoch können sich die
Länder beispielsweise oftmals durch den Austausch von Informationen über die Betätigung und den Aufenthalt kommunistischer Agitatoren unterstützen. Ebenso können Staaten,
die bereits erfolgreich mit dem Problem fertig geworden
sind,anderen, weniger erfahrenen Ländern, mit Rat z w Se te
stehen. Lies tat die philippinische Delegation in Bangkok.
Sie berichtete, wie die philippinische Regierung energisch
gegen die von den Kommunisten inspirierte Revolte der söge
nannten Huks vorgegangen ist.
Man kam überein, Zusammenkünfte von Fachleuten abzuhalten, um den Austausch von Ansichten und Meinungen über
die Probleme der Wühlarbeit zu fördern.
In Bangkok befaßten wir uns ferner mit der dritten im
Vertrag verankerten Aufgabe, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu bessern. Dieses Problem gliedert sich
in zwei Teile. Da ist zunächst die Frage der Bestreitung
der Kosten für wirksamere Sicherheitsstreitkräfte.
Ich

�"AMERIKA DIENST"

9. März

1955

Ich habe bereits gesagt, daß der Manilapakt-Rat nicht versucht, gewaltige neue militärische Anstrengungen zu unternehmen.
Aber wir brauchen angemessene nationale Streitkräfte, die gut
ausgerüstet und loyal sind und die Autorität der Regierung in
dem gesamten ihr unterstehenden Gebiet stützen und im Falle eines
Angriffes von außen die erste Verteidigung übernehmen können.
Aber selbst diese stärkemäßig begrenzten Streitkräfte bedeuten eine wirtschaftliche Belastung, die einige der Länder ohne
Hilfestellung von anderer Seite einfach nicht tragen können.
So werden die Starken den Schwachen helfen, indem sie bis zu
einem gewissen Grade militärische Ausrüstungen und finanzielle
Mittel bereitstellen. Für das laufende Haushaltsjahr hat der
amerikanische Kongreß für diesen Zweck bereits Gelder bewilligt,
und die Regierung ersucht um eine erneute Bewilligung von diesbezüglichen Mitteln für das kommende Haushaltjähr. Es wird also
den Ländern, die mit uns militärische Verpflichtungen eingehen,
besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Eine zweite Phase des wirtschaftlichen Problems ist die
allgemeine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem
Raum. Das erfordert die Inangriffnahme von großangelegten Projekten. Die Industrialisierung müßte beschleunigt werden. Es müßten
bessere Straßen, mehr Bewässerungs- und bessere Hafenanlagen gebaut
werden. Ein besonderes Bedürfnis besteht nach einem umfangreicheren Austausch von Waren und Dienstleistungen beispielsweise zwischen den Ländern Süd- und Südostasiens und des westlichen Pazifik.
Japan mit seinem hohen Industriepotential und seinem Bedarf an
Nahrungsmitteln und Rohstoffen ist ein wichtiger Faktor in dieser
ganzen Entwicklung.
Dieses Problem der Hebung des wirtschaftlichen Niveaus reicht
über den vom Manila-Pakt unmittelbar erfaßten Raum hinaus. Das
Vertragsgebiet ist kein wirtschaftlich autarker Raum und kann es
niemals sein. Der größte Teil seines Handels spielt sich mit Partnern außerhalb dieses Gebietes ab. Es müssen Programme zur Entwicklung der wirtschaftlichen Möglichkeiten aller freien asiatischen Länder auf breiter Basis geschaffen werden. Die Teilnahmer
des Staatenpaktes werden ihre Probleme unter diesem Gesichtspunkt
prüfen.

Auf der Konferenz in Bangkok nahm ich die Gelegenheit wahr,
um erneut den Wunsch Präsident Eisenhowers zu unterstreichen,
die Atomenergie zum Wohle der Menschheit zu verwenden und die große
Masse an ihren Segnungen teilhaben zu lassen. Wir geben uns nicht
damit zufrieden, daß Atomgeschosse sozusagen als herkömmliche Kriegs&lt;
waffen angesehen werden, während die großen Möglichkeiten für eine
Besserung des menschlichen Loses in friedlicher Entwicklung noch
in keiner Weise ausgeschöpft sind. Ich sprach von unseren Programmen zur wissenschaftlichen Weiterbildung auf diesem Gebiet,
und ich ließ eine besondere Einladung an die Manilapakt-Staaten
ergehen, Vertreter nach den Vereinigten Staaten zu entsenden,
um hier mit der friedlichen Verwendung der Atomenergie vertraut
zu werden. Die Reaktion auf diese Einladung wird, so glaube ich,
sehr positiv sein.

�"AMERIKA DIENST"

9. März

1955

Der Manilapakt ist nicht nur Ausdruck eines in vernünftigen
Grenzen gehaltenen Eigeninteresses, sondern gleichzeitig die Verkörperung hoher Ideale. Sie sind in der Pazifik-Charta enthalten,
die von Präsident Magsaysay angeregt und mit dem Vertrag von Manila
unterzeichnet wurde. Die Charta befaßt sich mit der politischen
Unabhänigkeit, dem wirtschaftlichen Fortschritt und dem sozialen
Wohlstand.
Drei der asiatischen Unterzeichnerstaaten der Pazifik-Charta,
Pakistan, die Philippinen und Thailand, werden voraussichtlich
in Kürze mit anderen asiatischen Ländern eine sogenannte 'afrikanisch-asiatische Konferenz' abhalten. Aus diesem Grunde entsandten
die auf der Konferenz in Bangkok versammelten Minister bereits
eine Glückwunschadresse an diese afro-asiatische Konferenz, und
wir gaben unserer Hoffnung Ausdruck, daß diese Konferenz die in
der Pazifik-Charta in so hoher Weise dargestellten Ideale unterstützen und bekräftigen werde.
In dieser von mir hier dargelegten realistischen Weise wurde
der Vertrag von Manila zu einer lebendigen Einrichtung gemacht.
Einem möglichen Aggressor wurde damit der Weg erschwert.
Nach Abschluß der Konferenz von Bangkok flog ich nach Rangoon,
wo ich mit den Politikern Burmas zusammentraf.
Burma ist eines jener Länder, die erst in jüngster Zeit ihre
Unabhängigkeit erkämpften, und Regierung und Volk sind fest entschlossen, diese auch aufrechtzuerhalten. Sie sind der Überzeugung, daß das am besten dadurch zu erreichen ist, daß sie sich
allen regionalen Sicherheitssystemen fernhalten. Ich weiß, daß
das ganze amerikanische Volk hofft, daß dieser ihrer Politik
Erfolg beschieden sein möge. Burmas Ringen um seine Unabhängigkeit
hätte die uneingeschränkte moralische Unterstützung unseres Landes,
und wir wünschen, daß diese Unabhängigkeit erhalten bleiben möge.
Ich konferierte offen und frei mit dem Präsidenten der Republil
Burma und dem Ministerpräsidenten U Nu sowie mit anderen Mitgliedern der Regierung. Auf diese Weise kamen wir zu einem besseren
Verständnis für die Politik des anderen. Diese Gespräche haben
sich gelohnt. Wie immer unter freien Nationen bedurfte es nicht
unbedingt einer hundertprozentigen Übereinstimmung, wohl aber der
gegenseitigen Achtung.
Von Burma aus flog ich dann nach Laos, Kambodscha und dem
freien Vietnam. Diese drei Staaten sind an sich keine Mitglieder
des Manila-Paktes, ihr Territorium ist jedoch in den Vertrag mit
einbezogen. In jedem dieser Länder traf ich mit Politikern zusammen, die sich durch ihr Können und ihre patriotische Hingabe an
die Sache der Unabhängigkeit ihres L*ändes auszeichneten. Sie
haben die Bedrohung ihrer Unabhängigkeit, die aus der vom Weltkommunismus geschürten Wühltätigkeit erwächst, voll erkannt.
Ich habe bereits von der Aufgabe gesprochen, die Subversion
in zwei Provinzen von Laos zu unterbinden.
In
- 5 -

�In Kambodscha ist der König - der Ex-König inzwischen ein leidenschaftlicher Patriot. Seine Abdankung ist, meiner
Meinung nach, auf den Wunsch zurückzuführen, seinem Volk
einen besseren Weg zur Wahrung der Freiheit zu erschließen,
die er so heiß für es erstrebt.
Den größten Problemen sieht sich der freie Staat Vietnam
gegenüber. Er hat die Aufgabe, einen eigenen gut funktionierenden Regierungsapparat aufzubauen, der an die Stelle der französischen Verwaltungsorgane tritt. Diese Aufgabe, die ohnehin
schon schwierig genug ist, wird gegenwärtig noch durch drei
ungewöhnliche Probleme erschwert.
Da ist zunächst einmal das Problem der Aufnahme und NeuAnsiedlung der Flüchtlinge aus dem Norden. Wie in allen Gebieten, in die der internationale Kommunismus eindringt,
so weichen auch hier alle diejenigen, die die Freiheit lieben, und die fliehen, wenn es ihnen möglich ist. Bisher sind
rund 600 000 Menschen aus Nordvietnam geflohen, und nach PB»endigung dieser Massenabwanderung dürfte ihre Zahl rund eine
Million betragen. Es ist keine leichte Aufgabe für Südvietnam,
diese Menschen aufzunehmen, handelt es sich doch um notleidende und völlig mittellose Personen, die nicht mehr besitzen,
als das, was sie auf dem Rücken davonschleppen konnten. Sie
brauchen dringend Unterstützung.

Eine eindrucksvolle Reaktion auf die Not dieser Menschen
ist das 'Werk der Brüderlichkeit1, eine private Aktion der
Junioren-Handelskammer der Philippinen. Im Rahmen dieser Aktion
werden philippinische Ärzte und Krankenschwestern in einem
24-stündigem Turnus zur Arbeit in den Flüchtlingslagern eingesetzt. Es ist ein erhebendes Erlebnis zu sehen, wie das
philippinische Volk, das erst vor kurzem seine politische
Unabhängigkeit erreichte, bereits dem jüngsten Mitglied in
den Reihen der freien Nationen Hilfe gewährt.
Ein zweiten Problem, dem sich die Regierung des freien
Vietnam gegenübersieht, entsteht dadurch, daß verschiedene religiöse Gruppen, die sogenannten 'Sekten', bisher politisch
praktisch autonom waren, indem sie eigene Polizeikräfte unterhielten, selbst Steuern einzogen und weitgehend unabhängig von
der zentralen Regierung existierten.
Wenn Vietnam seine Unabhängigkeit, und die von allen, einschließlich der Sekten, gewünschte Religionsfreiheit wahren
will, muß die Loyalität gegenüber der zentralen Regierung gestärkt werden. Aus vorliegenden Berichten geht hervor, daß die
Sekten noch immer nicht der freien Regierung Vietnams die ihr
gebührende Loyalität entgegenbringen. Ich hoffe, daß die Liebe
zum Vaterland alle religiösen Gruppen und Sekten im freien Vietnam veranlassen wird, sich zusammenzuschließen. Denn nur als ein
einiges Volk werden sie der kommunistischen Gefahr begegnen können.
Das dritte und größte Problem stellen natürlich die Kommunisten im Norden dar. Gemäß den Waffenstillstandsbedingungen
hätten sie ihre Truppen bereits aus dem Süden des Landes zurückziehen müssen. Stattdessen haben viele ihrer Soldaten dort lediglich die Uniform mit Zivilkleidung vertauscht und sind in der
Bevölkerung untergetaucht, wo sie nun eine Quelle künftiger Unruhen bilden. Die kommunistische Propaganda dort ist stark, und
außerdem steht die Bevölkerung des freien Südens ständig unter
dem furchtbaren Druck einer bewaffneten Aggression aus dem Norden.
Um einer solchen Aggression begegnen zu können, werden zur Zeit
einheimische Streitkräfte ausgebildet. Die beste Gewähr für die
Sicherheit des Landes aber ist der Manila-Pakt und seine abschrekkende Wirkung.
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

9. März 1955

Pur Juli dieses Jahres sind angesichts der für 1956 angesetzten Wahlen zur Vereinigung Vietnams Verhandlungen zwischen Südund Nordvietnam vorgesehen. Auf Grund der Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens müssen diese Wahlen frei sein. Es kann kaum
Zweifel darüber bestehen, daß der größte Teil der Bevölkerung
Vietnams tatsächlich den Zusammenschluß unter einer wirklich unabhängigen und demokratischen Regierung wünschen wird, im Norden
herrscht große Unzufriedenheit mit dem kommunistischen Despotismus.
Den vielen, die schon nach dem Süden geflohen sind, um dort die
Freiheit zu finden, stehen noch viel mehr der Menschen gegenüber,
die sich nach Freiheit sehnen. Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse im Norden sind beklagenswert schlecht, und in vielen Gegenden ist die Bevölkerung dem verhungern nahe.
Es wird jedoch schwierig sein, im Norden Verhältnisse zu
schaffen, die eine wirklich freie Entscheidung erlauben.
In Nordkorea und der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands
weigern sich die Kommunisten hartnäckig, die freien Wahlen zuzulassen, die die Wiedervereinigung bringen würden. Wir hoffen, daß
sich die kommunistischen Vietminh nicht an dieses Vorbild halten.
Ich war tief beeindruckt von Ministerpräsident Diem. Er ist
ein echter Patriot; sein ganzes Wirken gilt der Schaffung politischer Unabhängigkeit und der Sicherung politischer und religiöser
Freiheit für sein Volk. Er hat jetzt ein Programm für eine Landreform aufgestellt. Wird es wirksam durchgeführt, so leistet es
einen Beitrag zur Wiederansiedlung der Flüchtlinge und gibt gleichzeitig dem Land ein gesünderes Agrarsystem. Ich bin überzeugt, daß
seine Regierung die Unterstützung verdient, die ihr die Vereinigten Staaten gewähren, um eine schlagkräftige, loyale Streitmacht
und gesündere wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen.
Ich besuchte Manila sowohl auf der Hin- als auch auf der
Rückreise. Beide Male sprach ich mit Präsident Magsaysay. tjedes
Mal, wenn ich mit ihm zusammentreffe, bin ich zutiefst von seiner
klaren Erkenntnis des Problems des Kommunismus beeindruckt. Er
hat der antikommunistischen Einstellung der Vereinigten Staaten
in Asien seine volle moralische Unterstützung gewährt. Die
Philippinis che Republik erweist sich als ein verlässlicher und
tatkräftiger Verbündeter.
Auf der Rückreise konferierte ich in Manila einen Tag lang
mit den amerikanischen Botschaftern in den Staaten dieses Gebietes.
Die diplomatischen Vertreter der Vereinigten Staaten waren aus
fünfzehn Ländern nach Manila gekommen, um an einer Regionalkonferenz teilzunehmen. Wir erörterten gemeinsam die Politik der Vereinigten Staaten im asiatischen Raum. Die Konferenz dauerte bei
meiner Abreise noch an und ist sowohl für uns, die wir hauptsächlich in Washington arbeiten, als auch für jene, die in den Außenstellen tätig sind, von großem Wert gewesen.
In diesem Zusammenhang möchte ich den Angehörigen des Auswärtigen Dienstes und anderen Vertretern der Vereinigten Staaten in
dem von mir besuchten Gebiet meinen Dank und meine Hochachtung
aussprechen. Oftmals arbeiten sie unter schwierigsten physischen
Bedingungen. Sie leisten ihre Arbeit, ohne sich zu beklagen und
- 7 -

�9. März 1955
«AMERIKA DIENST"
und mit großer Hingabe im Dienste ihres Vaterlandes. Sie stehen
in vorderster Front in der Verteidigung gegen eine von außen
drohende Gefahr, die vielleicht die größte ist, der unser Volk
jemals gegenübergestellt war. Sie verdienen die Achtung und den
Dank des amerikanischen Volkes.
Zuletzt besuchte ich Formosa, wo ich mit Präsident TschiangKai-schek, Außenminister George Teh und anderen Mitgliedern des
Kabinetts verhandelte. Dort tauschte ich die Ratifikationsurkunden aus, wodurch der Vertrag über die gemeinsame Verteidigung
Formosas und der Pescadoren - oder, um die chinesischen Namen
zu gebrauchen, von Taiwan und Penghu - offiziell in Kraft trat.
Dieser feierliche Akt fand statt unter dem 'Jubel der im Verhandlungssaal Anwesenden und der vielen Tausenden, die auf den
Straßen Spalier bildeten. Sie sehen in dem Vertrag - ebenso wie
Auslandschinesen, mit denen ich sprach - ein Zeichen dafür, daß,
soweit die Vereinigten Staaten die Gewähr übernehmen können,
es stets ein freies China geben wird.
Nachdem der Vertrag somit in Kraft getreten war, hielten
wir die erste beratende Sitzung gemäß Artikel IV des Vertrages
über die Verwirklichung des Paktes ab. An dieser Sitzung nahmen
Admiral Carney, der Chef der US-Seekriegsführung, sowie Admiral
Stump, der Oberbefehlshaber der amerikanischen Seestreitkräfte
im Pazifik, teil. Sie blieben auch noch, als ich die Sitzung
verlassen hatte, um an weiteren Konferenzen mit den militärischen Beratern des Präsidenten der Republik China teilzunehmen.
Erlauben Sie mir, eindeutig klarzustellen, daß wir es hier
mit zwei ganz verschiedenen Dingen zu tun haben - erstens der
politischen Entscheidung, was zu verteidigen ist, und zweitens
der Entscheidung darüber, auf welche Weise die Verteidigung erfolgen soll.
Die politische Entscheidung darüber, was zu ver+°i.digen
ist, wurde bereits getroffen. Sie hat ihren Niederschlag gefunden in dem Vertrag sowie in dem Gesetz, mit dem der Kongreß
den Präsidenten ermächtigte, die bewaffneten Streitkräfte der
Vereinigten Staaten im Gebiet von Pormosa einzusetzen. Die
Entscheidung lautet also, Formosa und die Pescadoren zu verteidigen. Allerdings läßt das Gesetz Raum für eine elastische Verteidigung, die nicht unbedingt auf eine statische Verteidigung
Formosas und der Pescadoren selbst beschränkt ist. Wie diese
elastische Verteidigung durchzuführen wäre, wird der Präsident
entscheiden, je nachdem welchen Wert er gewissen Küstenpositionen für die Verteidigung Formosas beimißt und um welchen
Preis diese Positionen gehalten werden können. Bei Beurteilung
dieser Frage werden die im Vertrag zur gemeinsamen Verteidigung
vorgesehenen militärischen Beratungen zugrunde gelegt werden.
Wir hoffen, daß die gegenwärtigen militärischen Operationen
der chinesischen Kommunisten nicht das erste Stadium eines Angriffs gegen Formosa und die Pescadoren darstellen. Wir hoffen,
daß man zur Einstellung der Kampfhandlungen gelangen wird. Wir
wissen, daß mit uns beffeundete Staaten von sich aus bemüht sind,
diese Hoffnungen Wirklichkeit werden zu lassen. Auch die Vereinten Nationen befassen sich, aus dem Wunsch heraus, den Frieden
zu erhalten, mit dieser Frage. Bisher blieb diesen Bemühungen

�"AMERIKA DIENST"

9. März 1955

Bemühungen der Erfolg versagt. Die chinesischen Kommunisten
scheinen entschlossen, den Versuch einer Eroberung Formosas
zu unternehmen.
Die Reaktion der Vereinigten Staaten wird sowohl für
Formosa als auch für sämtliche Staaten in Südostasien und
im Pazifischen Raum von Bedeutung sein.
Tief beeindruckt vom Geist und von der Zielstrebigkeit
der Regierungen und Völker, mit denen ich in Kontakt kam,
kehre ich aus Asien zurück. Sie alle wünschen ihre Freiheit
und ihre Unabhängigkeit zu wahren. Die Vaterlandsliebe allein
aber vermag nicht alles. Es ist nicht leicht für die kleinen
Völker, die Tür an Tür mit Rotchina leben, ihr Selbstvertrauen zu bewahren. Rotchinas nahezu unbegrenztes Menschenpotential
wäre ohne weiteres ausreichend, das gesamte Gebiet zu beherrschen und rasch einzuverleiben, wenn dem nicht das von uns
errichtete gegenseitige Sicherheitssystem entgegenstünde.
Dieses System wird aber nicht standhalten, wenn wir es bei
Worten bewenden lassen. Die abschreckende Macht als Antwort
auf eine militärische Herausforderung auch zum Einsatz zu
bringen, sind wesentliche Faktoren.
Die chinesischen Kommunisten scheinen entschlossen zu
sein, eine solche Herausforderung zu wagen. Gleichzeitig versuchen sie beständig, unsere Schlagkraft geringer hinzustellen,
als sie wirklich ist, und unsere Entschlossenheit in Zweifel
zu stellen. Sie brüsten sich damit, daß sie im Jahre 1950
in Korea die Streitkräfte der Vereinigten Staaten zum Rückzug von Jalu gezwungen und einen großen Sieg errungen hätten.
Sie brüsten sich ihres Sieges über die französischen Streitkräfte in Indochina und deuten unser damaliges Abseitsstehenfälschlicherweise als Willensschwäche. Als wir kürzlich den
Nationalchinesen halfen, die Tachen-Inseln und andere, dem
Festland vorgelagerte Inselgruppen zu räumen, nahmen die
Rotchinesen diese Tatsache als einen großen 'Sieg' für sich
in Anspruch. Unrechtmäßigerweise halten sie noch immer unsere
Flieger und andere amerikanische Bürger zurück.
Die Rotchinesen stellen in ihrer Propaganda die Vereinigten Staaten als einen 'papierenen Tiger' hin. Sie erzählen den
kleinen Völkern, die sie bedrohen, daß die Vereinigten Staaten
immer Gründe finden werden, sich zu drücken, wenn sie sich
brutaler und kompromißloser Gewalt gegenübersähen, und daß
das kommunistische China mit Sicherheit der Sieger sein werde.
Die Vereinigten Staaten haben im Interesse des Friedens
große Opfer gebracht und haben sich große Zurückhaltung auferlegt. Dieser Tatsache brauchen wir uns nicht zu schämen.
Nein, darauf können wir stolz sein. Aber wir dürfen nie vergessen, daß die freien Nationen im westlichen Pazifik und in Südostasien ihre Freiheit schnell verlieren, wenn sie zu der Überzeugung gelangen, daß unsere Friedensliebe Frieden um jeden
Preis bedeutet. Wir müssen es im Notfalle ganz klar machen,
daß wir willens sind, fest zu bleiben und, wenn notwendig, der
feindlichen Macht mit der uns zur Verfügung stehenden größeren
Macht gegenüberzutreten.

�* "AMERIKA DIENST"

9. März 1955

Der Kongreß tat einen wesentlichen Schritt in der richtigen Richtung, als er auf Ersuchen des Präsidenten die gemeinsame Resolution annahm, durch die der Präsident praktisch ermächtigt wurde, die Streitkräfte der Vereinigten
Staaten zur Verteidigung Pormosas und in dem Maße, wie dies
nach seinem Ermessen für diese Verteidigung erforderlich ist,
auch zum Schutze angrenzender Gebiete einzusetzen, soweit
diese sich in den Händen befreundeter Staaten befind*3".
Diese überparteiliche, fast einstimmig gebilligte Maßnahme
hat einen größeren Beitrag geleistet als irgend ein anderer
Schritt in der jüngsten Vergangenheit, um bei unseren asiatischen Freunden das Vertrauen in uns zu wecken. Ich bin
der festen Überzeugung, daß dieses Vertrauen nicht enttäuscht
werden wird.
Wir sind mächtig. Wir dienen einer gerechten Sache. Ich
zweifle nicht daran, daß wir den Mut haben, diese Macht zur
Verteidigung dieser gerechten Sache einzusetzen.
Wenn das ganz klar gestellt ist, dann, so meine ich,
sind Frieden und Freiheit gesichert.

* # * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER: USA WERDEN WEITERHIN AKTIV AN
EUROPÄISCHER VERTEIDIGUNG TEILNEHMEN
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Botschaft des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower, die dieser am
10.März 1955 an die sieben Mitgliedstaaten der Westeuropäischen Union Großbritannien, Prankreich, Belgien,
die Bundesrepublik, Italien, Holland
und Luxemburg - gerichtet hat, und in
der er die amerikanische Politik im
Rahmen der Pariser Verträge klarstellte.
M

Zu dem Zeitpunkt, als der Vertrag zur Schaffung einer
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erörtert wurde, machte
ich gewisse Prinzipien öffentlich bekannt, die der Politik und
den Maßnahmen der Vereinigten Staaten in bezug auf Westeuropa
zugrunde liegen würden, falls der Vertrag ratifiziert werden
sollte. Nun hat sich als Ersatz für jene Gemeinschaft ein Plan
für eine Westeuropäische Union herauskristallisiert. Offensichtlich werden diese Union und die damit zusammenhängenden,
in Paris am 23«Oktober 1954 unterzeichneten Vereinbarungen nach
ihrem Inkrafttreten den lebenswichtigen Interessen nicht nur
der Mitgliedstaaten der Westeuropäischen Union sondern auch
der Völker der freien Welt, einschließlich der Vereinigten
Staaten, dienen. Zweimal sind die USA in Kriege hineingezogen
worden, die ihren Ursprung in Europa hatten, und heute unterhalten sie dort Streitkräfte, um mitzuhelfen, die Möglichkeit
eines dritten Krieges zu verringern. Es liegt im Interesse
der USA zur Verringerung derartiger Gefahren beizutragen.
Zu diesem Zweck sind die USA Verpflichtungen im Rahmen des
Nordatlantikpaktes eingegangen. Dieser Vertrag stimmt mit den
grundlegenden Sicherheitsinteressen der USA überein, und die
von den Vereinigten Staaten im Rahmen dieses Vertrages eingegangenen Verpflichtungen werden eingehalten werden.
Die Mitgliedstaaten bemühen sich, die atlantische Allianz
zu einer dauerhaften Verbindung freier Völker zu machen, in der
alle Mitglieder ihre Anstrengungen für den Frieden, den Wohlstand und die Freiheit vereinigen können. Der Erfolg dieser
Verbindung wird in großem Umfang durch das Maß praktischer Zusammenarbeit bestimmt, das innerhalb der europäischen Nationen
selbst verwirklicht wird. Die Westeuropäische Union und die

�"AMERIKÜ

DIENST"

16. März 1955

die damit zusammenhängenden Abmachungen, über die man sich in
Paris geeinigt hat, sollen diese Zusammenarbeit sicherstellen,
und damit eine dauerhafte Basis für die Konsolidierung der
atlantischen Verbindung als Ganzes schaffen.
Es ist meine Überzeugung, daß die vorgesehenen Vereinbarungen, wenn sie in Kraft treten:
Einen Fortschritt auf dem Wege zur Einigung Westeuropas
herbeiführen und jene Länder eng zusammenbringen werden, deren
Meinungsverschiedenheiten in der Vergangenheit wiederholt zu
Kriegen geführt und die menschliche, materielle und moralische
Stärke Europas ernsthaft erschöpft haben;
äie Souveränität der deutschen Bundesrepublik wiederherstellen werden, eine Souveränität, die ihr nun zehn Jahre vorenthalten worden ist. Während dieser Zeit haben Regierung und
Bevölkerung der deutschen Bundesrepublik bewiesen, daß sie
imstande sind, ihren Verpflichtungen als ein souveränes Mitglied
der freien und friedlichen Weltgemeinschaft auf würdige und
ehrenvolle Weise nachzukommen;
eine Garantie gegen den Militarismus darstellen werden,
indem sie die Rüstungshöhe durch eine geeignete Instanz der
Westeuropäischen Union kontrollieren;
den Kern einer Einheit inmitten der Nordatlantikpaktorganisation schaffen werden, wodurch die Annahme praktischer Verteidigungsmaßnahmen gestattet wird, die eine gute Aussicht bieten, daß jeder feindliche Angriff bereits an der Schwelle abgewiesen werden könnte;
der deutschen Bundesrepublik die Möglichkeit geben, im
Einklang mit dem Geist der Nordatlantikorganisation, ihren
angemessenen, abgewogenen Beitrag für den internationalen
Frieden und die internationale Sicherheit zu leisten;
durch Maßnahmen des Nordatlantikpaies eine engere Integration der Streitkräfte der Mitgliedstaaten in Europa sicherstellen und dadurch die Gewähr geben, daß diese Kräfte nicht
für nationalistische Angriffsbestrebungen oder für irgendeinen
anderen Zweck als die vom Notdatlantikpakt verfolgten Sicherheitsbemühungen verwendet werden.
Um die Bemühungen zur Schaffung einer wirksamen Verteidigung Westeuropas zu erleichtern, hat der amerikanische Außenminister am 29«September 1954 in London die Bedingungen angedeutet, unter denen die USA zur Abgabe einer Deklaration über
ihre Politik bereit sein könnten, einer Deklaration, die jener
ähnelt, welche zur Zeit der Erörterung des früheren Planes
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgegeben worden
ist. Ich bestätige gern, daß es - wenn die Pariser Verträge
ratifiziert worden und in Kraft getreten sind - die Politik
der USA sein wird:
1) Bei den verschiedenen, im Rahmen der Nordatlantikpaktorganisation getroffenen grundlegenden Abmachungen weiterhin
aktiv mitzuarbeiten und mit anderen NATO-Mitgliedstaaten über
Prägen gemeinsamen Interesses zu beraten, einschließlich der
Truppenstärke der entsprechenden NATO-Länder, die dem Alliier-

�16. März 1955

"AMERIKA DIENST"

Alliierten Oberbefehlshaber in Europa zur Verfügung gestellt
werden soll;
2) falls es gewünscht wird, mit der Rüstungskontrollinat»nz
der Westeuropäischen Union im Hinblick auf eine Unterstützung
bei der Erreichung ihres Zieles zu beraten, die Rüstungen zu
kontrollieren und ungerechtfertigte militärische Vorbereitungen
innerhalb der Mitglieder der Union zu verhindern;
3) in Europa, einschließlich Deutschlands, weiterhin solche
Einheiten ihrer Streitkräfte zu stationieren, die notwendig und
angemessen sein mögen, um einen gerechten Anteil an den für die
gemeinsame Verteidigung des Nordatlantikraumes nötigen Streitkräften zu leisten, solange eine Bedrohung für dieses Gebiet besteht, und solche Truppen in Übereinstimmung mit der für die'
Verteidigung dieses Raumes vereinbarten Nordatlantikstrategif
weiterhin umzugruppieren,
4) an der Entwicklung einer möglichst engen Integration der
Streitkräfte, die in Westeuropa der NATO unterstellt worden sind,
darunter jener von der deutschen Bundesrepublik bereitgestellten
Verbände, mitzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit geschieht in Übereinstimmung mit den von den militärischen Gremien und Oberbefehlshabern der Nordatlantikpaktorganisation aufgestellten und angenommenen Pläne auf Grund der von dem Nordatlantikrat am 22.Oktober
1954 gebilligten Empfehlung;
5) weiterhin auf dem Wege zur Schaffung einer atlantischen
Sicherheit mitzuarbeiten, indem sie vom Kongreß genehmigte Informationen hinsichtlich der militärischen Anwendung neuer Waffen
und Techniken weitergeben und dadurch die gemeinsame Verteidigung stärken;
6) in Übereinstimmung mit ihrer Politik, die freien Nationen
Europas zu einem Höchstmaß an Zusammenarbeit zu ermutigen, und in
Anerkennung des Beitrags, den der erweiterte Brüsseler Pakt für
den Prieden und die Stabilität in Europa leisten wird, jede Maßnahme - von welcher Seite sie auch kommen mag -, die die Integrität oder Einheit der Westeuropäischen Union gefährdet, als eine
Bedrohung für die Sicherheit der Mitgliedstaaten des Nordatlantikpaktes anzusehen, als eine Bedrohung, die gemäß Artikel IV jenes
Vertrages eine Konsultation erfordert.
In Übereinstimmung mit dem grundlegenden Interesse der USA
am Nordatlantikpakt, wie es zum Zeitpunkt seiner Ratifizierung
zum Ausdruck gekommen ist, wurde der Vertrag als für unbegrenzte
Zeit gültig, statt auf bestimmte Jahre befristet, angesehen. Die
Vereinigten Staaten weisen besonders auf die Tatsache hin, daß
es als in völligem Gegensatz zu den amerikanischen Sicherheitsinteressen stehend erscheinen würde, gäben sie ihre Partnerschaft
im Nordatlantikvertrag auf, wenn auf dem europäischen Kontinent
der feste Einheitskern gebildet worden ist, den die Pariser Verträge schaffen werden."
*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER PATTERSON ZUR ERÖFFNUNG DER
KERNREAKTORSCHULE IN CHIKAGO
CHICAGO - (AD) - Der amerikanische Sonderbeauftragte für die diplomatischen Verhandlungen über die Beteiligung der USA an
einer internationalen Behörde zur friedlichen Verwendung der Atomenergie, Botschafter
Morehead Patterson, sprach am 13.März 1955
zur Eröffnung der Schule für Kernphysik und
Kerntechnik in Chikago. An dem ersten Lehrgang der im Rahmen des von Präsident Eisenhower vorgeschlagenen "Atome-für-den-FriedenwProgramms geschaffenen Ausbildungsstätte für
Atomwissenschaftler und -techniker aus aller
Welt nehmen 31 Vertreter aus 19 Nationen teil.
Botschafter Pattersons Ausführungen hatten
folgenden Wortlaut:
"Der heutige Tag wird lange Zeit im Gedächtnis der Völker
weiterleben. Er ist der Markstein für den Beginn eines weitreichenden, ständigen Programms für den internationalen Austausch
von Lehrern und Wissenschaftlern, um auf diese Weise das Wissen
um das Atom zum Wohl der Menschheit und für eine bessere Zukunft
nutzbar zu machen.
Sie, meine Zuhörer, die Sie aus allen Teilen der Welt
hierher gekommen sind, sind wahrhaft echte Pioniere in diesem
für die künftige geschichtliche Entwicklung so bedeutsamen
Programm für eine friedliche Zusammenarbeit der Völker. Vertreter von 19 Ländern sind bereit, hier an der Schule für
Kernphysik und Kerntechnik ein in seiner Art bisher einmaliges und fruchtbares Unternehmen zu beginnen.
Jeder von Ihnen gibt lebendiges Zeugnis von dem Wunsch,
der im Kerzen aller Völker brennt: einander zu helfen, einen
besseren Gesundheitsstandard, mehr Sicherheit und bessere
soziale Verhältnisse zu gewinnen. Durch Ihre Studien hier
werden Sie Gelegenheit haben, dazu einen wichtigen Beitrag im
Interesse Ihres eigenen Landes und Volkes und aller übrigen
Länder und Völker zu leisten.
Mit der Eröffnung dieser Schule hat sich die Hoffnung
verwirklicht, daß der moderne Mensch lernen kann, Angst und
Mißverständnis ebenso zu überwinden, wie er gelernt hat und
auch heute noch lernt, die unendlichen Geheimnisse der Natur
zu ergründen und die Erkenntnisse daraus zum Wohl aller anzuwenden.
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16. März 1955

Diese Kernreaktor-Schule ist auch ein höchst bemerkenswerter Fortschritt auf dem Wege zu internationaler Zusammenarbeit.
Eines der größten Hindernisse für eine raschere Entwicklung der
Möglichkeiten für die Anwendung der Atomenergie zu friedlichen
Zwecken war bisher, daß zu wenig Wissenschaftler und Ingenieure
mit dem kernreaktiven Material umgehen konnten. Wir können beispielsweise keine Atomkraftwerke bauen, ehe wir nicht über das
für den Betrieb erforderliche ausgebildete Personal verfügen.
Wir müssen daher vielen Menschen aus der ganzen Welt Gelegenheit geben, das notwendige Wissen zu erwerben, Menschen, die
die Probleme erfassen und wissen, was erforderlich ist, um sicher
und wirksam mit kernreaktivem Material arbeiten zu können. In
den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Kanada gibt es schon
eine große Anzahl von Reaktor-Ingenieuren und -Technikern, aber
auch andere Länder verfügen über eine begrenzte Zahl solcher
Spezialisten. Es müssen jedoch viel mehr werden, besonders dort,
wo es derartige technische Experten überhaupt noch nicht gibt.
Und genau das wollen wir mit dieser Schule und diesem Kursus
erreichen.
Die Schule als Stätte des Austausches von Fachwissen zum
Wohl der ganzen Menschheit ist typisch dafür, auf welche Weise
das amerikanische Volk seinem tiefwurzelnden und ehrlichen Haß
gegen den Krieg und seiner Friedensliebe Ausdruck zu geben wünscht.
Die Geschichte hat gezeigt, wie die amerikanische Zivilisation
und Kultur in Friedenszeiten blüht und gedeiht. Krieg - und
besonders Krieg im zwanzigsten Jahrhundert - muß zwangsläufig
jene Art der Wirtschaftsreglementierung mit sich bringen, die
die besten und produktivsten Werte amerikanischen Lebens zerstört.
Aus diesen ganz simplen Gründen ist die Nutzbarmachung der
Atomenergie für friedliche Zwecke ein natürlicher und unvermeidlicher Schritt für das amerikanische Volk. Und dies ist, wiederum'
aus dem gleichen Grund, ein Fortschritt, den das amerikanische
Volk gerne mit den befreundeten Völkern teilen möchte. Ähnlich
leicht und natürlich - wenngleich zugegebenermaßen naiv - war für
das amerikanische Volk auch die rasche Abrüstung kurz nach Beendigung des ersten und zweiten Weltkrieges. Welches andere Land
hätte in zehn Monaten acht Millionen Mann demobilisieren können?
Auch war es für das amerikanische Volk ein natürliches und leichtes Angebot, auf seine vernichtendste Kriegswaffe - die Atombombe - zu verzichten und die Atomenergie internationaler Kontrolle zu unterstellen. Trotz der Tatsache, daß die Vereinigten
Staaten das Monopol für diese Waffe besaßen, war die einzige Bedingung, die gestellt wurde, die Schaffung eines absolut sicheren
Systems von Kontrollen und Garantien. Das waren für die Vereinigten Staaten leichte, ohne Zaudern getroffene Entscheidungen.
Schwierig und unangenehm wurde es erst, als man sich dafür entscheiden mußte, ständig auf alles vorbereitet zu sein. Wenn auch
jetzt das Atom einen in erster Linie friedlichen Aspekt bekommt,
so dürfen wir doch unsere Verteidigungsstärke nicht auf Kosten
echter Sicherheit schwächen.
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16. März

1955

Der in seiner Art bisher einmalige Kursus, den Sie hier beginnen, ist auch die natürliche Folge eines anderen denkwürdigen
Ereignisses. Am 8. Dezember 1953 gab der Präsident der Vereinigten
Staaten der Welt eine Botschaft der Hoffnung - einen breitangelegten Plan zur Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche
Zwecke. Präsident Eisenhower erklärte:
'Es genügt nicht, wenn man diese Waffe den Soldaten aus der
Hand nimmt. Sie muß in die Hände derer gelegt werden, die wissen,
wie man sie ihres militärischen Charakters entkleidet und sie in
den Dienst des Friedens stellt.
Die Vereinigten Staaten wissen, daß die furchtbarste aller
zerstörerischen Kräfte, die Atomenergie, zu einer großen, dem Wohl
der gesamten Menschheit dienenden Gabe werden kann, wenn es gelingt, die erschreckende Tendenz zu einem immer stärkeren Ausbau
von Atomwaffen in ihr Gegenteil zu verkehren'.
Der Präsident schlug daher vor, die Segnungen der Atomenergie allen Menschen zugute kommen zu lassen und sie nicht auf ein
paar Länder zu beschränken, die gewissermaßen durch eine besondere
Gunst des Himmels zu atomtechnischem Fachwissen gelangt waren.
Die vom Präsidenten verkündeten Gedanken hatten eine starke
Wirkung. Sie erregten die Phantasie der Menschen in der ganzen
Welt und erzeugten eine Welle der Begeisterung, die selbst eine
kalte Dusche von den Russen nicht zu dämpfen vermochte. Einige
allerdings reagierten darauf mit Zynismus und Pessimismus.
Die Begeisterung war so groß, daß viele zu einer Überschätzung
der Dinge neigten und darüber die praktischen Schwierigkeiten bei
der Auswertung der Atomkraft als Energiequelle vergaßen. Manche
Leute meinten, daß schon in ganz kurzer Zeit - vielleicht im
nächsten Monat oder im nächsten Jahr - das goldene Zeitalter der
Segnungen der Atomenergie anbrechen werde. Wir alle - Männer der
Wirtschaft, der Wissenschaft und die für die Entwicklung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken Verantwortlichen - haben in gewissem Grade zu diesem übermäßigen Optimismus der Öffentlichkeit
hinsichtlich der Frage, wieviel wir vom Atom zu»erwarten haben
und wie bald, beigetragen. Gelegentlich wetteifern wir geradezu
miteinander, wer im Ausmalen der über Nacht erfolgten Verwandlung
des gesamten menschlichen Daseins dirch die Atomkraft den kühnsten
Sprung in die Zukunft zu tun vermag. Und man könnte vielleicht mit
einem gewissen Recht sagen, daß dieser Traum durchaus nicht so
falsch ist.
Aber nicht nur die freie Welt beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Auswertung der Atomkraft für friedliche Zwecke.
Was haben zum Beispiel die Russen hierzu zu sagen? Erlauben Sie
mir, einiges aus einem kürzlich in der sowjetischen Zeitschrift
'Neue Generation' erschienenen Artikel zu zitieren:
'Die Verwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke wird
es ermöglichen, viele Mängel der Natur zu beheben... So könnte
z.B. das Turgai-Tor gesprengt werden, um den Weg nach Sibirien
frei zu machen'. Weitere Projekte, von denen in diesem Artikel die
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die Rede ist, 'die Bewässerung von Wüsten wie die Sahara, der Bau
eines Riesenkraftwerks in der Straße von Gibraltar, die Anlage
eines Dammes in der Bering-Straße, der mit einer Reihe anderer Anlagen zu verbinden wäre, um die warmen Strömungen aus dem Pazifischen Ozean zur Erwärmung der Gebiete jenseits des Polarkreises
nach dem Nordpolarmeer abzuleiten'. Der Artikel läßt durchblicken,
daß all dies sofort geschehen könnte, weist aber darauf hin, daß
diese 'welterschütternden Pläne erst nach Abschaffung des kapitalistischen Systems zu verwirklichen sind'. Soviel wir wissen, steht
weder die Verwirklichung dieser welterschütternden Pläne noch das
Ende des Kapitalismus unmittelbar bevor.
Soweit zu den Optimisten!
Nun zu den Pessimisten.
Ein angesehener Politiker eines Landes meint, daß wir jede
Hoffnung aufgeben sollten, jemals sämtliche mit der Atomenergie
zusammenhängenden Probleme zu lösen; daß wir die Uhr zurückstel
len und die Vereinigten Staaten 'alle ihre Atombomben in die Tiefen der Antarktis versenken und ein neues Leben frei von Furcht
beginnen sollten". Das würde natürlich der Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke endgültig ein Ende setzen, da die
kernreaktiven Ausgangsstoffe, die wir in der Antarktis versenken
würden, die gleichen sind, die wir in den Atomkraftwerken brauchen.
Der Weg, den die Vereinigten Staaten augenblicklich verfolgen,
führt nicht zu welterschütternden Plänen, die gar nicht zu verwirklichen sind, er führt auch nicht zu jener Form der Verzweiflung, die wegen der möglichen Gefahren jeden Fortschrittsglauben
aufgibt. Wir versuchen, im positiven Sinne und im Bereich des
praktisch Möglichen Schritt für Schritt unser Ziel, die Atomenergie in den Dienst der Menschheit zu stellen, zu erreichen. Wir
hoffen und wissen, daß jedes Jahr uns gegenüber dem vergangenen
Jahr weiterbringen wird.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die Atomenergie unbegrenzte
Möglichkeiten zum Wohle der Menschheit birgt. Wenn wir uns eingehender mit diesen Problemen beschäftigen und ein freierer Informationsaustausch zwischen den einzelnen Ländern erfolgt, so
wie er sich beispielhaft in dieser Schule hier manifestiert, dann
werden wir in kürzerer Zeit zu greifbaren Ergebnissen gelangen.
Jedes Zukunftsversprechen besitzt drei Dimensionen, deren eine die
Zeit ist.
Wenn die Menschen glauben, all dies sei eine leichte Aufgabe,
die im Handumdrehen zu erledigen ist, dann wird es nur Enttäuschungen, ja womöglich gar Desillusionierung und Verzweiflung
geben.
Es ist einfach unmöglich, die Sahara in einem Jahr in ein
blühendes Land zu verwandeln.
Und das Antlitz der Erde läßt sich nicht so verändern,
daß die Region am Nordpol im Jahr darauf bereits in ein Tropenparadies verwandelt wäre.
Wir

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"AMERIKA DIENST"

Wir müssen uns darüber klar sein, daß noch viel Kraft und
Material eingesetzt werden müssen, ehe wir die im Atom schlummernden Möglichkeiten voll ausschöpfen können; und daß selbst, wenn wir
so»weit sind, damit noch nicht sämtliche Probleme der Welt gelöst
sind.
Die Haltung läßt sich wohl am besten mit dem alten Sprichwort charakterisieren: Man soll den zweiten Schritt nicht vor
dem ersten tun.
In der Erörterung über die Verwendungsmöglichkeiten der Atom-'
kraft hat für die Öffentlichkeit bisher der Gesichtspunkt die
größte Rolle gespielt, wie groß die Aussichten auf die Erschließung billiger und ergiebiger Energiequellen zur Stromerzeugung
bei Verwendung kernreaktiven Materials sind.
So viele Länder benötigen neue Brennstoffquellen, und der
Bedarf an elektrischer Energie steigt so schnell in der ganzen
Welt, daß sich ein großer Teil unserer Hoffnungen, die wir in das
Atom setzen, auf dieses Gebiet konzentriert. Ein gut Teil der
Zeit wird in der Meilerschule bestimmten Aspekten dieses Themas
gewidmet sein.
Die von ihnen vertretenen Länder hoffen, aus der Entwicklung
zuverlässiger und rentabler Kraftwerke zahlreiche Vorteile zu
ziehen, wenn sie atomaren Brennstoff sobald als möglich verwenden. Dabei wird für jedes Land der Zeitplan, nach dem die Entwicklung vor sich geht, variieren. In jedem Jahr steigt in ihren Ländern der Bedarf an elektrischer Kraft rapide an. Man hat mir zum
Beispiel gesagt, daß er in Portugal jährlich um 20 Prozent steigt.
Gleichzeitig reichen die herkömmlichen Energiereserven feste und flüssige Brennstoffe sowie Wasserkraft - im allgemeinen
heute nicht mehr aus und lassen sich nur unter Schwierigkeiten
weiter ausbauen.
Lassen Sie mich für einen Augenblick in Details gehen: In
Prankreich und Belgien werden die festen Brennstoffe, die bisher
wichtigsten Energiequellen dieser Länder, in der Gewinnung teurer,
und es bestehen nur geringe Möglichkeiten auf eine schnelle Ausweitung der Produktion. Die vor kurzem in Prankreich entdeckten
Ölvorkommen sind in der Tat vielversprechend, doch werden sie
vermutlich für andere Zwecke als für die Erzeugung von Energie verwendet werden.
In der Schweiz, in Schweden, in Portugal und Griechenland
sind die Möglichkeiten zur Anlage von Wasserkraftwerken voll ausgeschöpft, und es gibt so gut wie keine Produktion flüssiger oder
fester Brennstoffe.
Portugal ist in der glücklichen Lage, über reiche Uranlager
zu verfügen. In Spanien mit seinen beschränkten Quellen an Wasserkraft und festen Brennstoffen erwarten wir besonders schnell steigende Nachfragen nach elektrischer Energie.
Was Asien anbetrifft, so sind Japans Quellen an Wasserkraft
und festen Brennstoffen heute bereits gänzlich unzureichend für
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für seine hochindustrialisierte Wirtschaft, öl wird im Lande
nicht gewonnen.
Auf den Philippinen besteht heute schon ein großer Mangel
an elektrischer Energie, der die industrielle Entwicklung des
Landes behindert.
Um seinen Bedarf an Energie decken zu können, ist Thailand
vollständig auf die Einfuhr von Brennstoffen angewiesen.
In Pakistan vermag die heimische Brennstoffproduktion nur
etwa ein Viertel des gegenwärtigen Verbrauchs zu decken.
Auf Grund seiner fast unbeschränkten Rohölvorkommen befindet
sich Indonesien in einer glücklicheren Lage als einige seiner
Nachbarn. Loch würde seine zahlreiche Bevölkerung besonders aus
den Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie auf dem Gebiete de»
Gesundheitswesens und der Landwirtschaft Vorteil ziehen.
Israel hat bisher innerhalb seiner Grenzen weder flüssige
noch feste Brennstoffvorkommen besessen.
Australien verfügt über umfangreiche Quellen fester Brennstoffe. Doch würde sein Programm für die Ausweitung seiner Wirtschaft aus der Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche
Zwecke wesentliche Vorteile ziehen, besonders da Australien über
große Uranvorkommen verfügt.
Gegenwärtig wird eine Reihe von friedlichen Verwendungsmöglichkeiten des Atoms entwickelt, die in höchstem Maße geeignet
scheinen, Ägypten bei der Lösung seiner spezifischen Wirtschaftlichen Probleme zu helfen. Ich meine hier insbesondere die Verwendung von Radioindikatoren für Zwecke der landwirtschaftlichen
Forschung und die gegenwärtig durchgeführten Versuche zur Entwicklung wirtschaftlich rentabler technischer Verfahren für die
Umwandlung von Salzwasser in Süßwasser.
Ich möchte mich nun der westlichen Hemisphäre zuwenden.
Von allen Ländern, die Vertreter zu diesem Lehrgang entsandt
haben, verfügt gegenwärtig nur Mexiko innerhalb seiner Staatsgrenzen über ausreichend erschlossene Energiequellen; alle vier
Öiaa^tn-— Argentinien, Brasilien, Guatemala und Mexiko - sind um
die Expansion ihrer Industrie bemüht, und gerade hier kann das
Atom einen erheblichen Beitrag leisten.
Ich glaube, man kann mit Recht behaupten, daß jeder Einzelne
von Ihnen nach seiner Rückkehr in die Heimat dort eine ganze
Reihe von Vorhaben, und sei es auch vorerst noch im Planungsstadium, vorfinden wird, auf die sich das Wissen und die Kenntnisse,
die Ihnen hier während des Lehrgangs vermittelt werden sollen,
unmittelbar und nutzbringend anwenden lassen.
An welchem Punkt wir heute hinsichtlich der Ausnutzung der
Atomkräfte angelangt sind, läßt sich meiner Meinung nach am
besten an Hand eines Vergleichs zwischen der Entwicklung der
Luftfahrt in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts und dem gegenwärtigen Entwicklungsstadium der Atomtechnik illustrieren. E n d e

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16. März 1955

Ende der zwanziger Jahre wurde die Welt, wie sich viele unter
Ihnen erinnern werden, von einer Welle der Begeisterung über die
Wohltat erfaßt, die der Menschheit aus dem friedlichen Einsatz des
Plugzeugs erwachsen werde. Bis zu jenem Zeitpunkt war die Entwicklung der Luftfahrt in erster Linie auf militärische Gesichtspunkte abgestellt. Der Verwendung des Flugzeugs als Verkehrsmittel
hatte man verhältnismäßig geringe Aufmerksamkeit geschenkt.
Plötzlich schien die Welt von der Vision einer gewaltigen Aufwärtsentwicklung der zivilen Luftfahrt in Bann geschlagen. Welchen
Ausdruck fand diese Begeisterung damals?
In den Zeitschriften wimmelte es von Artikeln über die
Pliegerei, und in Trinksprüchen und Pestreden zeichnete man in
den leuchtendsten Farben das Bild einer Welt, in der jedermann
in seinem eigenen Plugzeug zur Arbeit flog. Auf dem Gebiet der
Stadtplanung, so weissagte man damals, würden überbevölkerte
Wohnbezirke bald der Vergangenheit angehören, da man von nun an
jeden beliebigen Ort in Kürze erreichen könne. Die Belegschaft
eines Betriebes könnte ruhig 100 bis 200 Kilometer vom Arbeitsort entfernt wohnen, und dennoch werde jeder Arbeiter im eigenen
Flugzeug mühelos und pünktlich an seinem Arbeitsplatz erscheinen.
Damals gründete man auch durch Fusion einer ganzen Reihe von
kleineren Unternehmen eine große amerikanische Fluggesellschaft,
die alsbald damit begann, in der Nähe, aller Großstädte Flugplätze
zu erwerben, um diesen Zukunftstraum in Kürze zur Wirklichkeit
werden zu lassen.
Der Fortschritt auf dem Gebiet der Zivilluftfahrt war ohne
Zweifel eine eindrucksvolle Leistung. Wir alle haben von dieser
Entwicklung profitiert, obwohl sich doch nur sehr wenige unter
uns täglich per Plugzeug zur Arbeitsstätte bringen lassen, und
es wird sich wohl kaum einer einfallen lassen, per Fallschirm zu
einer Abendeinladung zu erscheinen. Noch immer sind Eisenbahnen,
Schiffe und Autobusse die wichtigsten Massenverkehrsmittel, und
die Zahl der Autos übertrifft die der Flugzeuge um ein Vielfaches.
Es gibt einen einfachen Grund dafür, daß die Pläne der zwanziger Jahre bis heute nur zum Teil verwirklicht worden sind: mit
der Luftfahrt wurde eine neue Dimension dem Komplex der Fortbewegungsmöglichkeiten hinzugefügt. Fliegen an und für sich ist
nicht gefährlich. Die Gefahr setzt erst mit dem Moment ein, in
dem der Motor aussetzt und man nicht mehr weiterfliegen kann.
Seitdem die Brüder Wright ihren ersten Flug unternommen haben,
haben sich die Erfindungen auf zwei Gebiete konzentriert. Einmal
darauf, Flugzeuge zu bauen, die sicherer und zuverlässiger flogen,
und zum anderen auf die Ausbildung des technischen Personals der Piloten wie des Bodenpersonals. Wir haben große Portschritte
in dieser Richtung erzielt. Nach 50 Jahren ständiger Versuche und
Verbesserungen ist das Fliegen heute so sicher, daß unsere großen
Luftverkehrsgesellschaften jedes Jahr Millionen von Meilen ohne
Unfälle zurücklegen. Sie haben das Sicherheitsproblem genau so
gelöst, wie Sie und alle anderen die Probleme lösen werden, die
mit der ungefährlichen Anwendung der Atomkraft in Zusammenhang
stehen. Aber auch damals benötigte man Zeit.
In

�"AMERIKA DIENST"

16. März 1955

In den ersten Jahren des ...Mocfcjorfluges, von 1903 bis 1937 wurde
die Pluggeschwindigkeit jährlich um 18 Stundenkilometer erhöht.
Mit anderen Worten: jeder Pilot flog im neuen Jahr 18 Kilometer
schneller als im vorangegangenen.
Während der nächsten 10 Jahre, in die die Zeit des zweiten
Weltkrieges fällt, erhöhte sich die Pluggeschwindigkeit jährlich
um rund 40 Stundenkilometer. Mit der Entwicklung von Düsenmotoren
ist die Geschwindigkeitssteigerung auf 250 Stundenkilometer im
Jahr hochgeschnellt. Einige unserer Piloten haben bereits Geschwindigkeitsspitzen von 2 500 Kilometern erreicht, und bis jetzt ist
noch gar kein Ende abzusehen.
Ohne behaupten zu wollen, daß die ständigen Entwicklungen auf
dem Gebiete der Atomenergie unsere Erfahrungen auf dem Gebiete der
Luftfahrt verdoppeln werden, glaube ich, daß es nur realistisch
ist, wenn man einsieht, daß wir jetzt einen ähnlichen Entwicklungsprozeß wie damals durchmachen werden - langsam, versuchsweise am
Anfang, schneller und verlässlicher, je mehr wir mit den Problemen
vertraut werden und wissen, mit welchen technischen Mitteln wir
sie am besten lösen können.
Wir werden vieles durch die Atomenergie gewinnen. Aber es
wäre unvernünftig anzunehmen, daß wir diese Revolution über Nacht
vollenden könnten. Ich habe volles Vertrauen, daß wir den Willen
und die Fähigkeit aufbringen werden, diese vielen Probleme zu
lösen. In der Tat bietet eine Gelegenheit wie die heutige hier die
beste Versicherung, daß das Denken von Fachleuten aller Nationen
auf die sofortige und wirksame Lösung dieser Probleme gerichtet
werden kann, sofern sie im Bereich des Menschenmöglichen liegen.
Aus einer solchen Zusammenarbeit kann nur Gutes entstehen. Wir
haben in den vergangenen Monaten gute Fortschritte in der internationalen Zusammenarbeit zur friedlichen Anwendung der Atomenergie gemacht. Wir sind weiter auf dem Weg vorangeschritten,
der zur Gründung einer internationalen Atomenergie-Behörde führen
soll, wie sie von Präsident Eisenhower vorgeschlagen wurde.
Der Entwurf für ein Statut einer solchen Kommission ist bereits
ausgearbeitet worden und ist gegenwärtig Gegenstand von Verhandlungen. In diesem Entwurf sind verschiedene konstruktive Vorschläge aufgenommen worden, die während der langen und nützlichen
Debatte der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu diesem
Thema gemacht wurden. Es würde verfrüht sein, heute in eine Diskussion über Details dieser Kommission einzugehen. Es steht fest,
daß eine internationale Kommission zur friedlichen Nutzung der
Atomenergie bald entstehen wird. Ich hoffe, daß sich möglichst
viele von Ihnen an der Arbeit der Kommission beteiligen werden.
Die Eröffnung der Atommeilerschule ist ein weiterer Schritt
vorwärts auf dem Wege zu einer internationalen Zusammenarbeit, um
die Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken auf eine
möglichst breite Basis zu stellen. Dem gleichen Ziele dient auch
die für den August 1955 geplante Atom-Konferenz in Genf.
Von besonderer Bedeutung bei dieser Schule ist ihre internationale Zusammensetzung mit Vertretern aus allen Teilen der Welt.
Ein kurzer Überblick über die Beteiligung zeigt folgendes Bild:
Vom
Q

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"AMERIKA DIENST
Vom afrikanischen Kontinent sind ägyptische Vertreter
anwesend; auch Australien ist vertreten. Aus dem Orient, aus
Japan, Pakistan, Israel, Thailand, von den Philippinen und
aus Indonesien sind Wissenschaftler zugegen. Europa ist durch
Belgien, Prankreich, Griechenland, Portugal, Spanien, Schweden
und die Schweiz vertreten. Und vom amerikanischen Kontinent
kommen Gäste aus Guatemala, Mexiko, Argentinien und Brasilien
zu uns.
Wir wollen uns nunmehr kurz den Lehrgängen selbst zuwenden, die hier besucht werden. Sie machen es noch deutlicher,
wie wichtig der Austausch von technischem Fach- und Grundlagenwissen über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus zur
Förderung der Atomforschung ist. Sie werden sich mit Reaktorphysik, Reaktortechnik, Metallurgie der für den Reaktorenbau
verwendeten Materialien, Chemie der seltenen Erden, der Erforschung der Trennungsgänge, Instrumentenkunde, Fernbedienung, praktischer Reaktorfcechnik, Analysen, qualitativen
Analysen und einem metallurgischen Praktikum befassen.
Damit sollten wir wirklich einen guten Start für die Ausbildung von Fachkräften in allen Teilen der Welt gemacht haben.
Mit dieser Schule und mit der internationalen Zusammensetzung der Hörerschaft haben wir einen wirklichen Schritt
vorwärts auf dem Wege zu einer internationalen Zusammenarbeit
getan, um die Kräfte des Atoms für den Frieden zu gewinnen.
Jene Botschaft der Hoffnung, die der Präsident der Vereinigten
Staaten vor etwas mehr als einem Jahr der Menschheit vor den
Vereinten Nationen überbrachte, ist heute eine Realität geworden. Und mehr noch wird in der Zukunft getan werden.
Wenn wir in den vor uns liegenden Zeiten eine internationale Atomenergie-Behörde haben werden, v.ie sie dem Präsidenten
vorschwebt, dann hoffe ich, daß alle im Besitz von Fachwissen
über das Atom befindlichen Nationen, einschließlich der UdSSR,
Angehörige aller anderen Länder einladen werden, auf der Basis
der Gegenseitigkeit an ihrem Ausbildungsprogramm teilzuhaben.
Die internationale Behörde wird vielleicht von sich aus Ausbildungslehrgänge veranstalten; Jedenfalls kann sie einen
wesentlichen Beitrag dazu leisten, daß das technische Fachwissen über das Atom jedem Staat zugänglich ist.
Ich beglückwünsche die Mcmenergiekom.iission der Vereinigten Staaten zu ihrem Weitblick, den sie mit der Gründung dieser
Schule bewiesen hat. Ich beglückwünsche den Lehrkörper dieser
Schule zu den sorgfältigen Vorbereitungen, die, dessen bin ich
gewiß, die Gewähr dafür bieten, daß die Lehrgänge ein voller
Erfolg werden. Und ich beglückwünsche ganz besonders Sie, die
Sie aus dem Auslande hierher gekommen sind und in Ihre Heimatländer als Pioniere dieser großen Aufgabe zurückkehren werden.
Ihre Anwesenheit ist der lebhafte Ausdruck der in allen Teilen
der Welt geforderten positiven Maßnahmen, um sicherzustellen,
daß die Menschheit dieses Planeten nicht untergeht - daß sie
weiterlebt trotz der Möglichkeit größter Zerstörungen durch
die Anwendung eben gerade dieser .Atomenergie zu ausschließlich
kriegerischen Zwecken. Ich glaube, es ist die durchaus berech-

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berechtigte Hoffnung der Welt, daß die Verwendung der Atomenergie zur Zerstörung in einem Weltkrieg in dem Maße immer
unwahrscheinlicher wird, in dem sich die Anwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken immer mehr durchsetzt und die
Energiewirtschaft der Welt immer mehr von ihr abhängig wird.
In diesem Sinne käme der Entwicklung der Atomenergie eine
Bedeutung zu, die weit über den rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt hinausginge, unter dem man dieses Projekt heute allgemein sieht. In diesem Sinne aber werden auch Sie sich auf
Grund Ihrer schrittmachenden Bemühungen auf diesem Gebiete
in Ihren Heimatländern jenen Lohn verdienen, der dem wahren
Freund des Friedens winkt. Sie werden dann in jener beneidenswerten Position sein, einen Beitrag dazu leisten zu können,
daß wir uns unseres Lebens in größerer Sicherheit, bei gesteigertem wirtschaftlichen und gesundheitlichen Standard erfreuen können. Las ist eine wirkliche Hoffnung. Vom Austausch
von Fachwissen und Gedanken profitiert die ganze Menschheit.
Liesem Ziele hat sich das amerikanische Volk durch seine Maßnahmen auf dem Gebiet der Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken verschrieben."

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D I E N S T

GENERAL GRUENTHER: UNSERE UND UNSERER PARTNER
SICHERHEIT SIND UNLÖSBAR MITEINANDER VERBUNDEN
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die General Alfred M. Gruenther,
der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa am 21.März vor dem Amerikanischen Werberat in Washington gehalten
hat.
Am 12.März 1954 sagte der damalige Vorsitzende des Ministerrats der Sowjetunion, Malenkow, vor den 1327 Mitgliedern
des Obersten Sowjet ein neuer Weltkrieg müsse "im Hinblick auf
die modernen Mittel des Krieges den Untergang der Weltzivili-sation" bedeuten.
Vor 6 Wochen, am 8.Februar, erklärte Außenminister Molotow
in einer bemerkenswerten Ansprache vor demselben Kreis, in je
nem Teil seiner Rede, der den Polgen eines eventuellen Atomkriegs gewidmet war, wörtlich:
"Untergehen wird nicht die 'Weltzivilisation*, wie sehr
sie auch durch eine neue Aggression zu Schaden kommen mag;
untergehen wird jenes durch und durch verrottete Gesellschaftssystem mit seiner ^ . blutgetränkten imperialistischen Grundlage, mit dem es zu Ende geht und das wegen seiner Aggressivität verurteilt und wegen seiner Ausbeutung der Werktätigen
und der geknechteten Völker abgelehnt wird."
Man sieht Stalins Geist förmlich neben Molotow stehen,
als er diese Schmährede hielt.
Dieses Zitat enthält zwei Punkte, die einer eingehenden
Prüfung unterzogen werden sollen. Zunächst findet sich hier
der Hinweis auf einen innerhalb von knapp 11 Monaten erfolgten radikalen Umschwung der sowjetischen Haltung hinsichtlich der Gefahren eines möglichen Atomkrieges. Perner läßt
sich daran die Tatsache ablesen, daß die Sowjets eine sehr
geringe Meinung von den Mitgliedern de» Amerikanischen Werberates besitzen, denn von Ihnen hängt in hohem Maße unser
System der freien Wettbewerbswirtschaft ab, das Herr Molotow
als ein "Gesellschaftssystem mit seiner i t blutgetränkten
Grundlage" nennt.
Dieses System steht unter dem Bannfluch der Sowjets.
Solange ihm Erfolg beschieden ist, wird ein grundsätzlicher
Gegensatz zwischen den beiden Ideologien bestehen bleiben".
Das
1 -

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1955

Das ist die Problemstellung, der wir uns in der freien Welt
heute gegenübersehen. Das ist die Krise, für die es eine
Lösung zu finden gilt. Sie, meine Zuhörer, tragen genau wie
ähnliche führende Wirtschaftsgremien eine hohe Verantwortung
hierbei.
Um der Bedrohung durch den Sowjetimperialismus zu begegnen, kam General Eisenhower Anfang 1951 nach Europa, um ein
Verteidigungssystem aufzubauen, das sich von der Nordspitze
Norwegens bis zur Ostgrenze der Türkei über rund 6V2 Tausend
Kilometer erstreckt.
Zweck meiner Ansprache hier soll es sein, Ihnen einen
Überblick über den Portschritt zu geben, den wir hinsichtlich
dieser Verteidigung und einer Reihe unserer Probleme erzielen
konnten und Ihnen die Hoffnung zu zeigen, die wir für die Zukunft haben.
Als General Eisenhower am 7.Januar 1951 in Paris eintraf,
war die moralische Widerstandskraft der Völker der freien Welt
auf einen Tiefpunkt gesunken. Die Streitkräfte der Vereinten
Nationen in Korea hatten eine Reihe von Rückschlägen hinnehmen
müssen, und der Ausgang des Peldzuges war noch sehr zweifelhaft. In Europa hatten die Völker endlich begriffen, daß der
Sowjetimperialismus wieder im Vormarsch begriffen war.
General Eisenhower gelangte zu der Feststellung, daß
nicht nur die ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte in
Europa völlig ungenügend waren, sondern daß - und dies war
das schlimmste - noch nicht einmal eine gemeinsame Konzeption
zur Verteidigung Europas bestand.
Es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß unsere Streitmacht heute zahlenmäßig 3 bis 4 mal so stark ist wie damals.
Unsere Abschnittskommandos in Oslo, Pöntaiheblßau, Neapel und
Malta verfügen heute über einen guteingerichteten Apparat.
Jedes einzelne von ihnen hält einen gründlich ausgearbeiteten Kriegsplan für den Notfall bereit, der Teil der strate
gischen Gesamtplanung ist. Diese Pläne können gegebenenfalls
zu jeder Sekunde kurzfristig verwirklicht werden, falls es
gilt, einer Aggressionshandlung zu begegnen.
Wir sind wahrscheinlich immer noch nicht stark genug,
einen Angriff auf breitester Front von Anfang an erfolgreich
zu überstehen. Diese Tatsache ist jedoch nicht so entmutigend
wie es den Anschein haben mag. Es hätte wahrscheinlich ein
Wunder geschehen müssen, wenn unsere Stärke innerhalb so
kurzer Zeit von dem ursprünglich niedrigen Stand auf einen
so hohen Stand hätte., gebracht werden können. Es freut mich,
Ihnen sagen zu können, daß der Fortschritt, den wir in 4 Jahren erzielten, wesentlich größer ist, als wir zu dem Zeitpunkt zu hoffen wagten, da wir in jenen trüben Tagen des beginnenden Jahres 1951 versuchten, die zukünftige Entwicklung
vorauszusagen.
Die Verteidigungsstreitkräfte, die wir aufgebaut haben,
würden sich bereits heute vollauf bewähren und einen Angreifer
zur
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�»AMERIKA DIENST"
23. März 1955
zur Aasschöpfung sämtlicher Kräfte zwingen. Damit haben wir
eine gute Sicherheit gegen einen sogenannten Zufalls- oder
Gelegenheitskrieg.
Aber das allein genügt natürlich noch nicht. Aus diesem
Grunde haben wir der uns übergeordneten politischen Instanz,
dem Nordatlantikrat, die Empfehlung unterbreitet, die militärische Stärke weiter auszubauen, besonders durch einen deutschen Beitrag. Die Vertreter der Signatarstaaten des Nordatlantikpaktes traten am 23.Oktober 1954 in Paris zusammen, wo
sie die Pariser Verträge unterzeichneten, welche die vertraglichen Voraussetzungen für einen solchen Beitrag Deutschlands
schufen. Diese Abmachungen liegen gegenwärtig den Parlamenten
der Mitgliedstaaten zur Ratifizierung vor »^Westdeutschland und
die französische Nationalversammlung habenT^ereits gebilligt.
Die Debatte im französischen Senat wird übermorgen (am 23.März)
beginnen. Ich bin der Auffassung, daß die Aussichten für eine
Ratifizierung seitens Frankreichs durchaus gut sind und daß
die Erwartung, das Ratifikationsverfahren werde in Prankreich
bis zum Ende dieser Woche beendet sein, durchaus nicht unbe
gründet ist.
Nach Ratifizierung der Pariser Verträge wird die Bundesrepublik Deutschland der 15.Mitgliedstaat der Nordatlantikpakt-Organisation. Ihr militärischer Beitrag wird aus 1300
Maschinen der taktischen Luftstreitkräfte, 12 deutschen Divisionen und einigen kleineren Einheiten der Seestreitkräfte
bestehen, die vor allem in der Ostsee eingesetzt werden sollen.
Wenn die Aufstellung der deutschen Streitkräfte erfolgt ist,
und das wird etwa drei bis $ier Jahre nach der Vertragsratifizierung sein, wird unsere militärische Stärke erheblich zu^
genommen haben. Das Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte
in Europa ist der Auffassung, daß wir dann durchaus gute Aussichten haben werden, Europa unter Einschluß von Westdeutschland mit Erfolg auch gegen einen auf breiter Front erfolgenden Angriff zu verteidigen. Natürlich werden Sie sich die
Frage stellen, "wie kann dieser verhältnismäßig kleine Beitrag
Deutschlands einen so großen Unterschied ausmachen?" Das ist
eine ganz richtige Frage angesichts der Tatsache, daß die
Sowjets gegenwärtig eine Streitmacht von etwa vier und einer
halben Million Mann unterhalten und daß ihr 175 Divisionen,
20 000 einsatzbereite Flugzeuge und etwa 350 U-Boote zur Verfügung stehen, um nur eine Waffengattung der sowjetischen
Kriegsmarine zu nennen. Dazu müssen noch die Land- und Luftstreitkräfte der Satellitenstaaten gerechnet werden, deren
Einsatzbereitschaft unterschiedlich ist.
Es trifft zu, daß der Beitrag Deutschlands durchaus nicht
den Vorteil aufwiegen wird, in dem sich die Sowjets hinsichtlich herkömmlicher Waffen und Streitkräfte befinden. Ich habe
nämlich bisher noch nicht den Umstand erwähnt, daß sich unsere
Strategie auf den Einsatz von Atomwaffen gegen einen Angreifer
gründet. Mit diesem Potential an Atomwaffen planen wir den
großen Nachteil im Hinblick auf die herkömmlichen Waffen und
Streitkräfte wettzumachen.
Der

�"AMERIKA DIENST"
23. März 1955
Der Beitrag Deutschlands wird den ganzen Unterschied zwischen einer zweitrangigen Strategie und einer viel wünschenswerteren Strategie der weit vorgeschobenen Verteidigung ausmachen, die uns in die Lage versetzt, unsere Verteidigungslinien viel weiter im Osten aufzubauen. Unser Plan ist es, einen
Schild aus alliierten Land- und Luftstreitkräften aufzubauen,
der stark genug ist, um einen angreifenden Gegner dazu zu
zwingen, sich auf einzelne Durchbruchsunternehmen zu konzentrieren. Solche Konzentrationen wären gegenüber Angriffen
mit unseren neuen Atomwaffen außerordentlich verwundbar. Ich w.
darf noch einmal kurz zusammenfassen: In drei bis vier Jahren nachdem der deutsche Beitrag sich auswirkt, und unter der Voraussetzung, daß Atomwaffen zur Zurückweisung eines Angriffes zum
Einsatz kommen - werden wir eine gute Gewähr dafür haben, daß
Europa mit Erfolg verteidigt werden kann»
Es ist nur natürlich, daß Sie fragen: "Das ist ja alles
schön und gut in drei oder vier Jahren. Aber Sie haben ja schon
gesagt, daß wir jetzt wahrscheinlich nicht stark genug sind,
um uns einer großangelegten Aggression zu widersetzen. Bedeutet
das nicht, daß wir uns während der nächsten drei oder vier Jahre
in tödlicher Gefahr befinden?" Es gibt keine klar umrissene
Antwort auf eine solche Frage. Aber es gibt gewisse Beobachtungen, die diesen Fragenkomplex etwas erhellen.
Bei dem heutigen Stand der technischen Entwicklung in
der Luftfahrt ist die offensive Luftmacht der defensiven gegenüber sehr im Vorteil. Diese Tatsache gilt auch für LangStreckenflugzeuge, ich brauche hier nur auf die amerikanische:
B-47 hinzuweisen. Vor etwas mehr als einem Jahr flog eine Maschine dieses Typs von den Vereinigten Staaten nach England in
vier Stunden und 34 Minuten. Bis jetzt gibt es noch keine Abwehrwaffe gegen dieses Flugzeug, auch heute nicht, am 21.März
1955. Die Sowjets haben £eine und wir selber auch nicht.
Ferner erhält die amerikanische Luftwaffe jetzt schon Maschinen des Typs B-52 aus der laufenden Produktion, die in ihrer
Leistungsfähigkeit der B-47 noch weit überlegen sind.
All das bedeutet, daß wir im Besitze überwältigend starker Vergeltungs-Luftstreitkräfte sind, für den Fall, daß der
Krieg heute ausbrechen sollte. Selbst wenn man im pessimistischen Sinne annehmen wollte, daß es den Sowjets gelingen könnte, Europa zum Teil oder auch ganz zu überrennen, so würden
sie trotzdem auf Grund unserer großen Luftüberlegenheit zurückgeschlagen werden. Beachten Sie bitte, daß ich nicht gesagt habe, daß wir "gewinnen" würden. Es ist mir vollkommen
klar, daß es, sollte heute ein neuer Weltkrieg ausbrechen,
etwas wie einen "Sieger" nicht geben würde. Fest steht aber,
daß die Sowjets geschlagen würden.
Ich habe volles Verständnis dafür, daß das nur ein
schwacher Trost für die Völker Europas wäre, die dabei überrannt würden und die ihre Hoffnung bestenfalls auf einen
neuen harten Befreiungsprozeß setzen könnten. Aber vom Standpunkt des sowjetischen Dberkömmändos - vom Standpunkt der
sowjetischen Militärplanung - ist dieses verheerende Mittel
in unserer Hand heute ein starkes Abschreckungsmittel gegen
den Krieg.
Bei

�23. März 1955
"AMERIKA DIENST"
Bei dieser Gelegenheit möchte ich klar herausstellen,
daß die der NATO angeschlossenen Nationen zwei Ziele auf dem
militärischen Gebiet verfolgen: Erstens genügend_ militärische Streitkräfte zur Verfügung zu haben, um ein Überrennen
Europas zu verhindern, und zweitens - im Falle einer auf
breitester Fron-JÄrorgetragenen Angriffs - den Feind zu schlagen.
Ich habe bereits gesagt, daß wir beim gegenwärtigen Stand der
Dinge die zweite Mission, den Feind zu schlagen, erfüllen
könnten. Aber ich habe auch erwähnt, daß wir wahrscheinlich
nicht stark genug sein werden, der ersten Aufgabe gerecht
zu werden. In drei bis vier Jahren sollten wir mit Hilfe des
deutschen Verteidigungsbeittages und mit unseren neuen Waffen in der Lage sein, auch der ersten Aufgabe gerecht zu
werden.
Es ist mir ein Bedürfnis, Sie nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß wir den kalten Krieg erfolgreich führen können,
wenn wir Streitkräfte aufbauen, die ausreichen, um ein Überrennen Europas zu verhindern. Aus diesem Grunde ist es besonders notwendig, eine schlagkräftige Land- und Luftmacht,
unterstützt von Seestreitkräften, zu besitzen.
Als General Eisenhower noch Oberbefehlshaber der
Alliierten Streitkräfte in Europa war, hat er wiederholt
betont, daß militärische Stärke allein die Sicherheit nicht
gewährleisten könne, sondern nur ein Zusammenwirken aller
militärischen, wirtschaftlichen und geistigen Kräfte. Es
dürfte Ihnen, meine Zuhörer, ganz klar sein, daß, hätten wir
durch den Aufbau unserer militärischen Stärke unsere wirtschaftliche Lage verschlechtert, unsere Fortschritte auf
militärischem Gebiet umsonst gewesen wären. Ich möchte auf
diesen Punkt nicht weiter eingehen. Ich darf aber einige
Beobachtungen über die geistige und psychologische Seite der
Anstrengungen hier anführen.
Im Juli 1945 kam ich als Stellvertreter General Clarks
in Wien mit vielen sowjetischen Beamten in Berührung. Einen
sah ich besonders oft, er bekleidete meine Stellung bei den
Sowjets, er war Stellvertreter Koniews. Er war Generaloberst,
42 Jahre alt, ein außerordentlich fähiger Offizier und
darüber hinaus ein überzeugter Kommunist. Er glaubte mit
jeder Faser des Herzens an jene unheilvolle Doktrin. Da wir
zu der Zeit Freunde waren, führten wir viele Gespräche,auch
über weltanschauliche Fragen. Ich möchte sagen, daß sich
seine Hauptthese über unser System mit folgenden Worten zusammenfassen läßt:
"Ihr koflfliicfcii von einer sogenannten Demokratie. Ihr seid
stolz .darauf, wieviel Freiheit ihr habt. Mit der Zeit aber
werdet ihr merken, daß gerade diese Freiheit der springende
Punkt ist. Ihr wendet euch an euer Volk und verlangt von ihm,
es solle an der Wahlurne Entscheidungen über Dinge treffen,
von denen es nichts versteht. Ebenso gut könntet ihr über die
Frage Ist die Theorie Einsteins zutreffend?" abstimmen
lassen. Über derartige Dinge kann die Masse eben keine wohlbegründete Meinung haben. Wir in der Sowjetunion aber behandeln solche Dinge auf andere Art. Wir suchen kluge Leute aus,

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�"AMERIKA DIENST"

23. März 1955

aus, die uns regieren sollen und von den Stimmen der Wähler
unabhängig sind. Diese Leute sagen dem Volk, was es tun soll;
sie fragen das Volk nicht- Ihr neigt dazu, unsere sowjetische
Regierungsform zynisch zu verspotten. Doch in der komplizierten modernen Zeit, die bald für uns alle anbricht, wird der
Tag kommen, wo ihr voller Neid auf unser System blicken werdet.
Ihr werdet dann erfahren, daß eure Demokratie in Krisenzeiten
unfähig ist, zu handeln."
Seine zweite Hauptthese war die, wenn eine Staatsführung
überhaupt wirksam arbeiten solle, so müsse das Volk zur Treue
gegenüber der Staatsführung erzogen sein. In der Sowjetunion
geschehe das durch Schulungskurse, die schon in früher Jugend
beginnen.
Es ist bezeichnend, daß dieser Offizier vor etwas mehr
als Jahresfrist in der Sowjetunion zum Leiter der Politischen
Hauptverwaltung im Verteidigungsministerium ernannt wurde.
Seine Aufgabe ist die politische Schulung der jungen Leute
innerhalb der Streitkräfte. Bei diesen jungen Leuten handelt
es sich um alljährlich etwa zwei Millionen Rekruten, Diesem
Offizier steht ein großer Stab von akademisch geschulten
Kräften zur Seite» Die Schulung reicht hinab bis zu den
kleinsten Einheiten. Wie ich diesen Offizier kenne, werden
er und seine Helfer auf diesem Gebiet ganze Arbeit leisten.
Ich möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, ich
sei der Auffassung, wir sollten uns eine sowjetische Lösung
zu eigen machen. Und ich betreite die Theorie, daß die öffent
liehe Meinung in den demokratischen Ländern der freien Welt
nicht fähig sei, sich ernsthaft mit Sicherheitsproblemen auseinanderzusetzen. Ich bringe diese Dinge zur Sprache, weil
wir in einem Konflikt mit einer totalen Diktatur stehen, die
als die stärkste der Weltgeschichte anzusprechen ist. Sie
steht unter der Leitung ganz weniger Männer. Wir mit unserer
Vorstellung von Demokratie und Freiheit werden es mit großen
Schwierigkeiten zu tun bekommen. Der kalte Krieg kann noch
lange dauern. Es gibt Anzeichen dafür, die auf eine beginnende
Ermattung hindeuten. Dem gilt es zu widerstehen. Wir sehen
eine Zeit vor uns, die unsere ganze Hingabe fordert - Hingabe
an unser Vaterland und an die Sache der Freiheit.
Ich bin fest davon überzeugt, daß unsere Sicherheit und
die unserer Partner, die gleich uns die Freiheit genießen, unlösbar miteinander verknüpft sind. Allein ein kollektives
Sicherheitssystem kann uns Ruhe verschaffen. Gerade das bietet uns die NATO. Ein Bündnis ist jedoch ein Gebilde, dessen
dauernd störungsfreies Arbeiten nur schwer zu sichern ist.
Allgemein kann man sagen, bei verdrießlichen Fehlschlägen und
Erschwernissen arbeitet es langsam.
Lassen Sie mich dies durch ein Beispiel veranschaulichen.
Als General Eisenhower nach Europa kam, stellte er fest, daß
wir nur fünfzehn NATO-Flugplätze hatten. Es war einfach, zu
der Entscheidung zu gelangen, mehr zu bauen. Aber die Ausarbeitung einer Formel durch die Finanzminister, welchen Anteil
jedes Land aufbringen sollte, war ein überaus kompliziertes Un-

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1955

Unterfangen* erörterten sie diese Frage doch beinahe 15 Monate
lang. Niemand verlor die Geduld, als man aber zu freiwilligen
Beiträgen aufforderte, da raffte sich keiner zu einem Angebot
auf. Dennoch kann ich Ihnen sagen, daß wir statt der 15 Flugplätze jetzt etwa 125 haben. Jeden Tag gelingt uns die Lösung
ähnlicher Fragen. Natürlich hätte eine Diktatur diese Frage
der lastenverteilung binnen kurzem gelöst. Unsere Art und
Weise ist schwerfälliger. Denkt man soweit, so darf man aber
auch nicht übersehen, daß diese Art und Weise einen höheren
Grad der Intelligenz und des Verständnisses bei den Bündnispartnern erfordert.
Die Bürde der Führerschaft fällt in ihrer ganzen Schwere
den Vereinigten Staaten zu. Ob es uns recht ist oder nicht,
unsere Weltmachtstellung hat uns mancherlei Verantwortung auferlegt.
Dann und wannhört man,in Europa bestehe starke Amerikafeindlichkeit. Die gibt es zwar, aber ich würde sie nicht als
bedrohlich ansehen. Ein gewisser Zweifel an unserer Klugheit
- wenn man will, kann man ihn Amerikaskepsis nennen - ist allerdings bei vielen unserer nüchtern denkenden europäischen
Freunden vorhanden. Alle unsere Partner sehen ein, daß die
Vereinigten Staaten groß geworden sind, weil sie nicht bereit
waren, sich von Schwierigkeiten abschrecken zu lassen. Diese
Unbekümmertheit ist aber vielleicht nicht - meiner Meinung
nach sogar bestimmt nicht - jene Eigenschaft, deren es bedarf,
wenn man zu einem Bündnis das beitragen will, was Präsident
Eisenhower "gute Partnerschaft" nennt.
Was können wir nun tun? Wie können wir jenes Fingerspitzengefühl, - jene Klugheit - in weiten Volksschichten
wecken? Natürlich habe ich keine Antwort auf diese Frage
bei der Hand. Vor vielen Jahren sagte Will Rogers, er hätte
eine Lösung des Problems der U-Boot-Abwehr. Sein Rezept lau
tete: "Alles, was ihr zu tun braucht,ist, das Meer zum Kochen
bringen. Dann müssen die U-Boote an die Oberfläche. Und dann
erledigt ihr sie." Als ein Zuhörer fragte: "Schön, Will,
aber wie in aller Welt bringt man das Meer zum Kochen?" erwiderte er: "Hm, ich habe nur den allgemeinen Grundsatz darge
legt, die Ausarbeitung der Einzelheiten ist eure Sache."
Sie, meine Herren, haben alle große Erfolge gehabt mit
Verkaufseinfällen. Ich bin dessen gewiß, Sie können diese
Frage lösen. Ich bin besonders beeindruckt durch die großartige Leistung, die der Amerikanische Werberat in der Unterrichtung der Bevölkerung über Fragen, wie das Schulprogramm,
in der zur Förderung des Absatzes von Bundesanleihen und während der Sammelaktion für den Kreuzzug für die Freiheit entfaltet hat. Ich hoffe, Sie werden imstande sein, ein Programm
zur Entwicklung jenes Fingerspitzengefühls in ihre Tätigkeit
einzubeziehen, das die Voraussetzung für ein reibungsloses
Funktionieren von Bündnissen ist. Ganz von selbst wird es
nicht gehen. Ideale Verhältnisse für gedeihliche Bündnisse
bestehen nur dann, wenn die Furcht groß ist- Diese Furcht beginnt sich zu legen.

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1955

Ich weiß, daß Sie an einem Beitrag interessiert sind,
den die Privatwirtschaft kürzlich zur Unterrichtung der
Öffentlichkeit in Europa über das Wesen der NATO geleistet
hat. Die "United Aircraft Corporation" läßt zur Zeit sechs
ganzseitige Anzeigen in etwa achttägigem Abstand in 25 führenden Zeitungen, von Ankara bis Oslo, erscheinen. Die Anzeigen
sprechen von der NATO. Die erste von ihnen ist schon erschienen,
und die bisherigen Berichte deuten auf eine günstige Aufnahme
hin. Mr. Streibert läßt mich wissen, das US-fnfflrmatiönsamt'
unterhalte ein Büro für Fragen der Zusammenarbeit mit privaten
Gruppen, das gerne bereit sei, an der Ausarbeitung solcher
Vorhaben mit Rat und Tat mitzuwirken.
Ich habe mich heute Abend hier natürlich in erster Linie
mit Europa und der Nordatlantikpakt-Organisation befaßt; aber
all dem liegt doch das Prinzip der kollektiven Sicherheit zugrunde. Das ist ein weltumfassendes Problem, und es ist die
einzige Methode, um der Bedrohung durch die totalitären Diktaturen zu begegnen.
Ich bin nicht sicher, ob Sie sich schon einmal Gedanken
über die großen Bemühungen der Sowjets gemacht haben, die
Nordatlantikpakt-Organisation zu verunglimpfen. Wenn es keinen
anderen Grund zu der Annahme gäbe, daß die Organisation eine
wichtige Rolle zu erfüllen hat, so sollte allein schon die Tatsache, daß die Zerschlagung der NATO eines der Hauptziele der
sowjetischen Außenpolitik ist, Beweis genug für ihre Daseinsberechtigung sein.
Die Sowjets wenden unerhörte Summen an Geld. für ihre
Propagandatätigkeit sowohl im Innern ihres Landes als auch
im Auslande auf. Fachleute schätzen, daß die Sowjetunion für
die Störung der nach Rußland ausgestrahlten Radiosendungen und das trifft besonders für Radio Freies Europa zu - mehr
Geld aufwendet, als die gesamte freie Welt für ihre Informationsprogramme. Wir müssen gewißlich auf diesem Gebiet noch
aktiver werden, und ich bin sicher, daß Sie uns dabei helfen
können.
Es besteht eine gewisse Tendenz, die Stärke der Sowjets
zu überschätzen. Ich kann Ihnen versichern, daß sie nicht alle
zwei Meter groß sind, und ich bin auch vollkommen sicher, daß
es nicht nur kluge Russen gibt. Während der Tagung des
Obersten Sowjet vom 8.Februar traten die meisten sowjetischen
Schwierigkeiten zum ersten Mal vor aller Welt hervor. Ein
russischer Bürger muß noch immer 1600 Rubel für einen guten
Anzug oder ein gutes Kleidungsstück zahlen. Wenn man bedenkt,
daß ein Tischler nur 800 Rubel im Monat verdient, wird einem
die Bedeutung dieser Zahl klar. Malenkow erklärte 1953, daß
er diesen Zustand bessern würde, aber Chruschtschow hat bereits bekanntgegeben, daß der Schwerindustrie noch weiter der
Vorrang gegeben werden müßte. Wenn man all die Plus- und Minuspunkte in Erwägung zieht, glaube ich sagen zu können, daß die
Zeit, trotz unserer Schwierigkeiten, für uns arbeitet.
Es wäre eine Tragödie, würden wir jetzt müde werden und

�23. März 1955

• "AMERIKA DIENST"

und auf dem letzten Stück Weges straucheln, gerade jetzt,
wo unsere Anstrengungen Früchte zu tragen beginnen.
Es ist unsere Aufgabe, einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Ich bin trotz aller nüchterner Erwägungen zuversichtlich, daß es uns gelingen wird, dieses Ziel zu erreichen,
Ich glaube, daß wir, wenn wir mit unseren Alliierten in
Weisheit, Geduld und Verständnis zusammenarbeiten, den Problemen des kalten Krieges mit ruhiger Überlegenheit und
klarer Zielsetzung Herr werden können« Das ist der einzige
Weg, der den Fortbestand der freien Völker sichert.

* * * * *

- 9 -

�A M E R I K A

GENERAL RIDGWAY:

D I E N S T

US-GENERÄLE MACHEN KEINE POLITIK

CHAPEL HILL, N.C. - (AD) - Nachstehend geben wir Ihnen den Wortlaut
einer Ansprache des Stabschefs der
amerikanischen Armee General Rddgway,
die er am 28.März 1955 in Chapel Hill,
im Staate North Carolina gehalten hat.

"Als Studenten der mit Recht berühmten Universität von
Nordkarolina sind Sie, wie ich mit Bestimmtheit glaube, zutiefst an der nationalen wie an der weltpolitischen Entwicklung interessiert. Darüber hinaus sind Sie als junge
Staatsbürger wie wir alle mit den die Zukunft unserer Nation betreffenden lebenswichtigen Problemen verbunden. Sie
sind sich bewußt, daß die Weltereignisse einen tiefen Einfluß auf die Grundzüge Ihres Lebens ausüben.
Daher wende ich mich an diesem Abend an Sie, um mit
allem Ernst über die Hauptfragen der Außenpolitik zu reden.
Ich denke, ich werde meine Ausführungen mit der Erörterung
eines bestimmten Aspekts der internationalen Beziehungen
beginnen und zwar mit ihrer Ablösung durch militärische
Operationen, mit anderen Worten durch den Krieg, eine Entwicklung, die wir fortgesetzt mit allen Mitteln - ausgenommen der Preisgabe unserer Grundprinzipien - zu verhindern suchen.
Von diesem Punkte ausgehend, werde ich darlegen, daß
der Soldat der Assistent des Staatsmannes ist. Später werde
ich mich einem anderen Thema zuwenden, das Ihr Interesse finden dürfte, der Rolle der Armee im Kriege.
In der Weltfamilie der souveränen Nationen ist es nur
natürlich, daß verschiedene Völker in Verfolgung ihrer nationalen Ziele miteinander in Konflikt geraten. Es wird Zeiten
geben, da eine Nation oder eine Gruppe von Nationen einen Kurs
verfolgt, der für friedliche Nachbarn eine schwere Bedrohung
darstellt.
Las Festhalten an den Prinzipien der souveränen Gleichheit der Nationen macht es für die Pamilie der Völker oft
schwierig, eines ihrer Mitglieder in dem Augenblick zu kontrollieren, da eben dieses Mitglied eine Politik der Gegenströmung oder der Bedrohung anderer Völker zu verfolgen sucht.
1 _
Man

�"AMERIKA DIENST"

6. April 1955

Man kann nicht sagen, daß kein Fortschritt in der Entwicklung zur Beschränkung solcher Aktionen erreicht worden wäre.
Es gibt einen internationalen Gesetzeskörper, dessen Verletzung wenigstens eine Sanktion, nämlich die Ablehnung
durch die Weltmeinung, nach sich zieht. Als nächstes können
dann auch politische und wirtschaftliche Sanktionen verhängt werden. Und schließlich besteht als letzte Maßnahme
die Möglichkeit des Zwanges oder des Krieges.
Es hat eine Zeit gegeben, in der selbst der Krieg mit
allen Mitteln in seiner Wirkung noch so beschränkt war, daß
man ihn tatsächlich die beiden direkt betroffenen Nationen
unter sich austragen lassen konnte. Wie dem auch sei, diese
Zeiten sind längst vorüber. Sie sind vorüber, weil es heute
eine Anzahl neuer Paktoren gibt, die nicht alle nur militärischen Charakter haben, obwohl auch die militärischen Faktoren unter ihnen von großer Bedeutung sind. Die vielschichtigen politischen, ökonomischen und finanziellen Beziehungen,
die darin verwoben sind, haben nicht weniger Einfluß genommen als die technischen Fortschritte des Transportwesens,
der Waffen und der Bedeutung, die ihre Lieferung zum richtigen Zielort besitzt.
Die ganze Welt ist heute näher aneinander gerückt. Immer
weniger Zeit nimmt die Beförderung von einem Ort zum anderen
in Anspruch. Alle Informationen können der gesamten Bevölkerung
unmittelbar mitgeteilt werden. Die Meinungen und die Aktionen
von Menschen, die eine halbe Welt von uns entfernt leben,
können unsere eigenen Aktionen sehr schnell beeinflussen, und
dieser Einfluß kann sich in unserem gesamten Lebensstil bemerkbar machen.
Die Wirkungen eines umfassenden Krieges in unserer Zeit
werden in allen Aspekten des nationalen Lebens spürbar. Und
das nicht nur, während die Kriege sich über Jahre hinziehen,
sondern noch Jahrzehnte, nachdem die Feindseligkeiten längst
eingestellt sind. Und weil der Krieg an Anstrengung und Aufgabe von Wohlstand so viel von uns verlangt, nimmt er auch
großen Raum in unserem Denken ein.
Kein Mensch von gesundem Verstand kann sich heute einen
Krieg wünschen, kann glauben, daß ein globaler Krieg die Mensch«• heit nicht mit Problemen von noch größeren Schwierigkeiten konfrontieren würde, als wir sie heutzutage haben. Aber die Geschichte zeigt, daß es immef dann Krieg gegeben hat, wenn eine
Nation oder die Regierung dieser Nation des Glaubens ist, daß
die verbleibenden Alternativen noch ungünstiger seien.
Diese ins Auge gefaßten Alternativen könnten unter Umständen die Aufgabe gewisser moralischer Prinzipien und feststehender Einrichtungen bedeuten; die ständige Akzeptierung
einer gegensätzlich gearteten politischen, wirtschaftlichen
oder strategischen Situation; den Verlust eines politischen,
wirtschaftlichen oder strategischen Vorteils; oder auch, im
Falle einer totalitaristischen Regierung, die Gefahr einer
drastischen Beschränkung oder Eindämmung der Macht der herr- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

6. April 1955

herrschenden Clique. Mit anderen Worten, der Krieg ist lediglich ein Mittel zur Durchsetzung nationaler Bestrebungen unter
Gewaltanwendung, zu dem man gewöhnlich nur dann Zuflucht
nimmt, wenn alle anderen Methoden versagen.
Bei all dem ergibt sich, daß bei jeder demokratischen
Nation, und damit selbstverständlich auch bei den Vereinigten
Staaten, ein wesentlicher, ausschlaggebender Faktor der ist,
daß der militärische Sachverständige beratende und ausführende Punktion ausübt, sich jedoch nicht mit der Planung und Verteidigung einer bestimmten Richtung befaßt, indem er sich
auf die Grundlagen der nationalen Politik beruft, die von den
zivilen Stellen der Regierung festgelegt und von der Nation
in ihrer Gesamtheit verfolgt wird. Dies ist die einzig richtige Abgrenzung der Verantwortungsbereiche. Wenn man in Betracht zieht, daß der Krieg ein Mittel zur Durchsetzung nationaler Belange unter Gewaltanwendung ist, muß man also sagen,
daß er zur Erreichung politischer Ziele geführt wird. Er ist
also ein militärischer Weg mit politischem Endziel.
Da das Mittel, mit dem ein Ende erreicht werden kann,
zur Verfügung stehen muß und daher eine wichtige Rolle spielt,
ist es durchaus folgerichtig, daß der Mann, der die politische Richtung bestimmt, sich an den militärischen Experten
wendet, um eine unparteiische Meinung zu hören und sich sachlich über die militärischen Möglichkeiten zu informieren. In
diesem Zusammenhang möchte ich besonders auf die außerordentliche Bedeutung des technischen Beraters unserer Zeit hinweisen. In der Geschichte unseres Landes gibt es einen Abschnitt, in dem das gesamte menschliche Wissen im Vergleich
zu der Materie, die heute verarbeitet wird, äußerst gering
war. Im 18.Jahrhundert - also noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit - konnte sich ein einsichtsvoller Mann mit vernünf
tigen Lebenszielen durchaus mit einer Vielzahl an Gedankengängen auf den verschiedensten Gebieten befassen. Unsere Ge*» •!,
schichte ist reich an bemerkenswerten Beispielen für solche
vielseitigen Persönlichkeiten, -ffefferson,Franklin und
viele andere» Sicherlich werden Sie sich an noch andere Männer dieser Zeit erinnern, die sich durch Leistungen auf
mehreren Gebieten wie der Architektur, der Medizin, der Politik, der Rechtswissenschaften, der Kriegsführung, des Handels, der Philosophie oder der Naturwissenschaften auszeichneten.
Mit der erstaunlichen Zunahme an Umfang und Tiefe der
wissenschaftlichen Erkenntnisse, zu denen die Menschen seitdem auf jedem Porschungssektor gelangt sind, hat sich die Lage verändert. Selbst der am besten Informierte und Aufnahmefähigste kann nicht mehr erwarten, daß es ihm gelingt, in
Einzelheiten einen beträchtlichen Abschnitt dessen zu meistern,
was die Welt heute weiß. Das hat zu der Situation geführt, die
meines Erachtens allgemein erkannt wird - das Sich^Verlassen
auf die Experten eines jeden Gebietes. In Anbetracht der Ergebnisse von Maßnahmen, an deren Ausarbeitung Sachverständige
maßgebend beteiligt waren, müssen wir uns über eine Reihe von
Punkten hinsichtlich der Experten vergewissern.

�"AMERIKA DJBff BT"

6. April 1955

1) Müssen sie natürlich die besten Eigenschaften besitzen,
die es überhaupt geben kann, so daß der von ihnen gegebene
Rat sachlich so korrekt wie möglich sein kann.
2) Müssen sie in jedem Falle, damit die bestmögliche Beurteilung der Situation erzielt werde, in Angelegenheiten, für
die sie zuständig sind, zu den Beratungen herangezogen werden
und zwar bevor und nicht nachdem schwerwiegende Entscheidungen
getroffen worden sind.
3) Muß ihr Gebiet genau umgrenzt und ihre Rolle von allen,
die mit ihnen zu tun haben, in diesem Sinne verstanden werden.
Wie Sie bereits gefolgert haben werden, habe ich auf einige
weitere Beobachtungen in bezug auf die militärischen Berater
angespielt. Die Verantwortung eines Militärsachverständigen
liegt in der militärischen Natur seines Berufes.
Es ist seine höchste Verantwortung, der vorgesetzten Zivilbehörde seinen ehrlichen sachverständigen Rat zu geben. Gibt man
ihm weniger als das Minimum dessen, was er als notwendig erachtet, um seine Aufgabe erfüllen zu können so muß er seine Meinung
mit all den vom militärischen Standpunkt her gesehenen möglichen
Konsequenzen ehrlich und furchtlos seinen Vorgesetzten mitteilen»
Aber wie immer die ultimative Entscheidung ausfallen mag, es
ist seine Pflicht, mit dem, was ihm zur Verfügung steht, das
äußerst Mögliche zu tun. Mitunter mag die Rolle des Militärberaters von der Öffentlichkeit mißverstanden werden. Nehmen wir
an, daß der Vollzug einer Maßnahme von hoher militärischer Bedeutung von den Behörden, die den politischen Kurs bestimmen,
geraten wird. Zu dem Zeitpunkt muß der Experte, der allein die
militärische Seite einer Aktion in Betracht zieht, die militärischen Notwendigkeiten vertreten, um diese Aktion erfolgreich
abschließen zu können. Er würde darüber hinaus seine Pflichten
vernachlässigen, wenn er zu in Erwägung gezogenen oder bereits
im Gange befindlichen Maßnahmen von militärischer Bedeutung nicht
seine Meinung und Ansichten äußern würde. Mit anderen Worten
muß der Militärsachverständige jede militärische Maßnahme im
Verfolg einer bestimmten Aktion im Lichte der militärischen Gesamtlage sehen.
Indem er dies tut, soll er jedoch keinerlei Urteil oder
Empfehlungen darüber abgeben, ob der vorgesehene politische
Kurs selbst wünschenswert ist. Die Aufnahme eines bestimmten
Kurses hängt notwendigerweise von vielen Paktoren ab: vom
politischen, wirtschaftlichen, finanziellen, soziologischen,
psychologischen, die außerhalb des militärischen Fachbereiches
liegen. Es sind dies Paktoren, hinsichtlich deren der Berufssoldat weder als Experte urteilen noch als Träger eines öffentlichen Amtes handeln kann, Bereiche, die jenseits seiner beruflichen Verantwortlichkeit liegen.
Gleichzeitig ist es von grundlegender Bedeutung, daß die
militärische Potenz einer Nation ein wesentliches Element darstellt, das ihren Staatsmännern ermöglicht, ihre Ziele auf
friedlichem Wege zu erreichen. Es trägt dazu bei, eine starke
Ausgangsstellung für Verhandlungen zu schaffen. Ein starkes

�"AMERIKA DIENST"

6. April 1955

starkes Wirtschaftspotential und eine entsprechende militärische Position vereinigen sich, um der diplomatischen Meinung
einer Nation Gewicht zu verleihen. Um wirklich Erfolg zu haben,
muß also der Staatsmann seine Handlungen danach einrichten, in
welchem Maße seine Nation in der Lage ist, diesen Handlungen
militärischen Nachdruck zu verleihen, ebenso wie er auch die
vielen anderen Paktoren, die die Stärke seiner Politik ausmachen, berücksichtigen muß.' •
Der militärisch Verantwortliche ist für seinen Teil nicht
nur hinsichtlich der Ausrüstung mit Material und dem Nachschub
an Reserven vom Staatsmann abhängig, sondern auch hinsichtlich
des internationalen Klimas, in dem er erfolgreich seine Auf
gaben erfüllen kann.
In weniger als einem halben Jahrhundert haben wir erleben
müssen, wie sich ein Zwei-Nationen-Konflikt in einen Massen
krieg verwandelte, in den die halbe Welt verwickelt war. Das
Gegeneinanderkriegführen von Staatengruppen würde in unserer
Zeit bei jedem größeren Konflikt, der sich anbahnen könnte,
wohl* die normale Porm der Kriegführung werden.
Es wäre närrisch zu behaupten, daß Koalitionen keine besonderen Probleme im Gefolge hätten, aber diese Probleme können durch die großen Vorteile eines Sich-Zusammenschließens
mehr als ausgeglichen werden. Ich möchte fast sagen, daß diese besonderen Probleme immer mehr an Bedeutung verlieren, je
dringlicher die gemeinsame Gefahr die Notwendigkeit einer
Zusammenarbeit erscheinen läßt. Die Probleme scheinen immer
am größten zu sein, wenn die Gefahr am geringsten ist.
Als Beispiel lassen Sie mich die .Operationen der Streitkräfte der Vereinten Nationen in Korea nennen. Obgleich die
Streitkräfte sieh keineswegs aus Angehörigen aller UN-Mitgliedstaaten zusammensetzten, repräsentierten sie doch eine gemeinsame, internationale militärische Anstrengung, deren Wert
erst im Laufe der Geschichte voll erkennbar werden wird.
Einen noch besseren Beweis liefert, wie ich glaube, die
Gründung und der Portschritt der Nordatlantikpaktorganisation,
die nach dem Vorbild des im Jahre 1948' geschlossenen Vertrages
von Rio de Janeiro aufgebaut wurde, dessen potentieller Nutzen
für die westliche Hemisphäre von lebenswichtiger Bedeutung ist.
Seit ihrer Schaffung ist die NATO zu einem bedeutsamen strategischen Paktor geworden. Ihr untersteht eine internationale
Streitmacht, sie verfügt über eine eingespielte Kommandostruk
tur, ist in der Lenkung des bestehenden Apparates zur Zusammenarbeit und Koordinierung erfahren, greift auf teilweise stan
dardisiertes Material zurück und hat für den Ernstfall Pläne
für eine gemeinsame Aktion aller beteiligten Nationen bereit.
Aus diesem Grunde ist die Nordatlantikpaktorganisation ein
außerordentlich wichtiges Abschreckungsmittel gegen eine mögliche Aggression.
Derartige Organisationen wie die NATO gründen sich auf
internationale militärische Abkommen, und diese wiederum bauen
sich auf internationalen politischen Übereinkommen auf. Damit

�6. April 1955

"AMERIKA DIENST"

Damit wird der Politiker zum Pionier, der es den Soldaten
ermöglicht, jene Organisation zu schaffen, mit der er - sollte
es sich je als notwendig erweisen - die vom Politiker festgelegten Grundsätze ausführt. Aus diesem Grunde darf man im Soldaten so etwas wie die rechte Hand des Politikers sehen. Aus meinen
Worten dürfte ersichtlich geworden sein, wie wichtig es ist, daß
zwischen dem Politiker und dem Soldaten in allen Phasen der Formulierung der Außenpolitik eine kontinuierliche und enge Zusammenarbeit herrscht. Sie sind wirklich Partner im tiefsten Sinne
dieses Wortes. Und was bei ihrer Zusammenarbeit herauskommt,
das bestimmt in weitem Maße den Erfolg oder Mißerfolg der von
der Nation eingeschlagenen Politik.
Indem er den ihm zukommenden Platz als einer der Mitsprecher
bei der Formulierung der von unserem Lande zu führenden Politik
einnimmt - nicht nur zu Zeiten der Gefahr, sondern auch in Zeiten des Planens und Ausschauens, die der Akzeptierung der Politik
vorausgehen - vergrößert er seinen Wirkungsbereich im Dienste
seines Volkes.
Ein Verständnis der Rolle militärischer Faktoren in der Politik unseres landes - und dieses Verständnis ist in den Vereinigten Staaten seit Ausbruch des zweiten Weltkrieges vor nunmehr
fast 15 Jahren immer tiefer geworden - hilft unseren Politikern,
die Nation jene oft schwierigen und gefährlichen Wege zu Frieden
und Freiheit zu führen, zu dem Ziele, das uns ein so großes und
ernstes Anliegen ist.
Bis wir dieses Ziel erreicht haben, wird unser Leben weitgehend von militärischen Überlegungen bestimmt werden. Mit einer
von ihnen muß ich mich ständig'befassen und sie soll das zweite
Thema meiner Ausführungen sein: die Rolle der Armee. Einfach ausgedrückt existiert die Armee hauptsächlich zu dem Zweck: erfolgreich im Kampfe, siegreich im Kriege zu sein. Sie hat natürlich
noch eine wichtige sekundäre Bestimmung: Krieg zu verhindern.
Diese zweite Aufgabe läßt sich allerdings nur so weit verwirklichen,
als sie jederzeit bereit ist, ihre erste Aufgabe zu erfüllen.
Die Armee ist in erster Linie für sofortige und langanhaltende Landoperationen organisiert, ausgebildet und ausgerüstet.
Die beiden Hauptzwecke solcher Operationen - feindliche Landstreitkräfte zu vernichten und Landstriche zu erobern, zu besetzen
und zu verteidigen - sind gleichzeitig die Hauptaufgaben der
Armee. Zur erfolgreichen Durchführung dieser Aufgaben müssen
jedoch umfangreiche Vorarbeiten geleistet werden. Dazu gehören:
1) Die Ausarbeitung von Plänen und Maßnahmen für die Organisation, Ausrüstung, Ausbildung und den Einsatz von Landstreitkräften in oder über Divisionsstärke.
2) Hilfsstreitkräfte zur Verteidigung der Vereinigten Staaten
gegen Luftangriffe zur Verfügung zu stellen, was die Organisation,
Ausbildung und Ausrüstung von motorisierten und ortsfesten Heeresflakartillerie-Einheiten einschließt.
3) Streitkräfte für die Besetzung auswärtigen Territoriums und
zur Bildung von Militärregierungen bis zur Übergabe der Verantwortung an andere Behörden zur Verfügung zu stellen.
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�"AMERIKA DIENST"

6. April 1955

4) Die Einrichtung eines Abwehrdienstes mit der Aufgabe möglichst umfangreiche, verlässliche und neue Informationen über
alle ihn betreffenden Fragen zu ermitteln.
5) Die Unterstützung der Panama-Kanal-Verwaltung sowie anderer
Fluß- oder Hafenprojekte in den Vereinigten Staaten, ihrer Territorien und Besitzungen sowie von Privatunternehmen in Übereinstimmung mit dem Gesetz und nach Maßgabe höherer Stellen.
Eine weitere Aufgabe der Armee, die eine Zusammenarbeit mit
den anderen Waffengattungen erfordert, ist die Organisierung und
Ausrüstung von Truppen für gemeinsame amphibische Operationen
und Luftlandeunternehmen sowie ihre Ausbildung nach den amerikanischen Richtlinien und Vorschriften. Diese Punktion schließt
die Aufgabe mit ein, Taktiken, Techniken und Ausrüstungen zu ent- •
wickeln, die für die Armee bei der Durchführung von amphibischen
Operationen brauchbar sind, und ferner - in Zusammenarbeit mit
den Seestreitkräften, der Luftwaffe und dem Marine-Infanteriekorps - die Grundsätze, Richtlinien und Ausrüstungen herauszubringen, die die Armee und das Marine-Infanteriekorps für gemeinsame Luftlandeunternehmen benötigen - ein Gebiet, an dem die Armee
ein sehr großes Interesse hat.
Die Aufgaben der Armee, die ich soeben erwähnt habe, sind
kein reiner Selbstzweck, sie dienen der Unterstützung der nationalen Politik und werden durch die Natur des Krieges formuliert.
Der Krieg wird in drei Elementen ausgetragen - auf dem Lande,
auf dem Wasser und in der Luft - und die bewaffneten Streitkräfte,
die in diesen Elementen operieren, sind alle drei gleichermaßen
wichtig und hängen alle gegenseitig voneinander ab, doch muß jede
der drei Waffengattungen durch Überwindung jeglichen Widerstandes
die Kontrolle in.dem Element gewinnen, in dem sie operiert. Das
letzte Ziel der gemeinsamen Anstrengungen ist die Kontrolle über
Land und Bevölkerung.
Wir können uns nunmehr wieder der Aufgabe zuwenden, die Ihre
Armee zu erfüllen hat. Diese Aufgabe besteht, wie bereits gesagt,
darin, den Kampf auf dem Lande zu gewinnen.
Die Geschichte der Armee beweist, wie erfolgreich und hervorragend sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Sie hat wiederholt zahlenmäßig überlegene feindliche Landstreitkräfte geschlagen. Sie
ist stets ein Treuer und ergebener Diener des amerikanischen
Volkes gewesen.
Sie wird auch weiter alle Anstrengungen machen, um auch in
der Zukunft erfolgreich zu sein. Durch Maßnahmen zur Steigerung
ihrer Beweglichkeit und Feuerkraft,zur Verbesserung der Geschmeidigkeit in der Taktik und der Organisation, zur Erlangung eines 3
ständigen Zustroms an für die Führung hochqualifiziertem Nachwuches sucht die Armee den Forderungen der Zukunft zu entsprechen,
Forderungen, die uns alle angehen.
Die Armee glaubt unerschütterlich an Amerika - an das amerikanische Volk und seine Staatsmänner, deren Geist, Mut und Ausdauer.
Gestärkt durch diesen Glauben sehen wir der Zukunft mit grenzenlosem Vertrauen und der festen Entschlossenheit entgegen, unser
Äußerstes beizutragen, um das uns von Gott bestimmte Schicksal
zu erfüllen.
* * * * *
- 7 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES-ERKLÄRUNG ZU DEN PARISER VERTRÄGEN VOR
DEM AUSSENPOLITISCHEN SENATSAUSSCHUSS
WASHINGTON - (AD) -«-Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles gab am
29.März 1955 vor dem außenpolitischen Ausschuß des US-Senats eine längere Erklärung
zu den Pariser Verträgen ab, in der er die
Ratifikation der Dokumente durch den Senat
forderte. Der amerikanische Senat muß dem
Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland
und dem Protokoll über die Aufnahme der Bundesrepublik in die Nordatlantikpaktorganisation zustimmen.
Die Erklärung des US-Außenministers hat
folgenden Wortlaut:
"Die Ihrem Ausschuß vorliegenden Dokumente werden, wenn
sie in Kraft getreten sind, die Grundlage für ein neues Europa legen. Sie können eine Einheit und Sicherheit in Europa er
wirken, auf die die Vereinigten Staaten seit langem gehofft
haben, und in Verfolg derer Verwirklichung die USA große Opfer
gebracht haben.
Die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts ließen klar er™
kennen, daß die westliche Kultur nicht fortbestehen kann, wenn
die Nationen Westeuropas sich weiterhin bekriegen. Sie haben
in ihren Kriegen schon soviel Gut und Blut gegeben, daß sie
in ihrer Stärke schwer beeinträchtigt wurden. Infolgedessen
ist es heute einem atheistischen System, das menschliche Wesen bedroht, von despotischen Herrschern als beseelte Stücke
der Materie zur Konformität gezwungen zu werden, möglich, die
westliche Kultur mit ihrer Hingabe an die menschliche Freiheit
und Würde ernsthaft in Frage zu stellen»
Westeuropa, die alte Wiege der westlichen Kultur und des
Christentums, hat heute eine vielleicht letzte Chance, als
ein Ort der menschlichen Wohlfahrt fortzubestehen. Diese letzte Chance liegt in den Ihnen vorliegenden Dokumenten.
Diese Dokumente werden die folgenden konkreten Ergebnisse
zeitigen:
Erstens: Sie werden die Souveränität der Bundesrepublik
Deutschland wiederherstellen - eine Souveränität, die Deutschland bei der Kapitulation vor fast zehn Jahren genommen wurde
und ihm nicht länger mit Recht vorenthalten werden kann;
Zweitens:
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

6. April 1955

Zweitens: Sie werden eine dauerhafte Einheit der sieben westeuropäischen Länder - Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, die Niederlande und Großbritannien auf der Grundlage des Brüsseler Paktes von 1948 schmieden,
der ergänzt und erweitert wurde, um ihn damit zum Vertrag
über die Westeuropäische Union zu machen;
Drittens: Sie werden ein System militärischer Begrenzungen und Kontrollen einführen, das eine hohe Sicherheit
vor einer Militarisierung bieten wird;
Viertens: Sie werden die Bundesrepublik Deutschland in
den Nordatlantikpakt bringen, diesem damit ein weiteres wesentliches Element der Stärke geben und eine wirkungsvolle Verteidigung Westeuropas durch eine Strategie der weitvorgeschobenen Verteidigung ermöglichen;
Fünftens: Sie werden, durch einen Beschluß des Nordatlantikrates, eine enge Integration der bewaffneten Streitkräfte der Mitgliedstaaten in Europa sicherstellen und damit
eine Garantie schaffen, daß diese Streitkräfte nicht für eine
nationalistische Aggression oder für andere als in dem Vertragswerk vorgesehene Sicherheitszwecke eingesetzt werden.
Als Gesamtes ergibt sich aus dem Vorhergehenden ein
Westeuropa, das ein großes Ausmaß an Einheit und kontrollierter Stärke besitzen und durch diese Einheit und Stärke in der
Lage sein wird, in hohem Maße zu seiner eigenen Wohlfahrt und
der anderer beizutragen.
Sie werden sich erinnern, daß ursprünglich angestrebt
wurde, eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu gründen,
die aus sechs Kontinentalmächten - Belgien, Frankreich,
Deutschland, Italien, Luxemburg und den Niederlanden - bestehen sollte. Dieser Plan wurde im Jahre 1950 von dem französischen Verteidigungsminister vorgeschlagen und fand nach
langen Verhandlungen im Jahre 1952 seinen Niederschlag in
drei Verträgen - einem-Vertrag über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, einer Konvention über die
Wiederherstellung der Souveränität der Bundesrepublik Deutschland (oft als 'Bonner Konvention' bezeichnet) und einem Protokoll über die Einbeziehung Westdeutschlands in das Vertragsgebiet des Nordatlantikpaktes.
Die Vereinigten Staaten haken an den beiden letztgenannten Verträgen beteiligt, und im Juli 1952 hat sich der (amerikanische) Senat für ihre Ratifikation ausgesprochen und ihnen
zugestimmt. Diese Maßnahme der Vereinigten Staaten wurde jedoch gegenstandslos, da der Vertrag über die Gründung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft am 30.August 1954 von
der französischen Nationalversammlung abgelehnt wurde.
Diese Möglichkeit voraussehend, hat der amerikanische
Senat am 30.Juli 1954 mit 88 gegen 0 Stimmen eine Resolution
angenommen, die den Wunsch des Senats zum Ausdruck bringt,
'die Souveränität Deutschlands wiederherzustellen und dieses
Land in die Lage zu versetzen, zu der Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit beizutragen'. Der
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�"AMERIKA DIENST"

6- März 1955

Der Präsident wurde ersucht, dementsprechende Maßnahmen zu
ergreifen.
Diese Zusammenarbeit zwischen der Exekutive und dem
Senat und die einstimmige Zustimmung des Senats versetzten
den Präsidenten und mich in seinem Namen in die Lage, der
ernsten Situation wirksam entgegenzutreten, die 31 Tage später eintrat, als die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
endgültig abgelehnt wurde.
Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft war eine
europäische Konzeption, die ein europäisches Problem lösen
sollte. Es war daher wünschenswert, daß die Initiative zur
Ausarbeitung einer Ersatzlösung von den europäischen Ländern
ausgehen würde. Glücklicherweise blieb diese Initiative nicht
aus.
Mr. Eden, inzwischen Sir Anthony Eden, der britische
Außenminister, konferierte mit den Regierungen der Signatarstaaten des Vertrages über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, um festzustellen, ob der Vertrag von
Brüssel aus dem Jahre- 1948 den Rahmen für eine Ersatzlösung
bieten könne. Gleichzeitig flog ich nach Europa, um mich mit
Bundeskanzler Dr. Adenauer und Mr. Eden zu besprechen. Obwohl
die Beratungen von Mr. Eden noch nicht abgeschlossen waren,
berechtigten die Aussichten doch zur Einberufung einer Konferenz der Vertreter der am meisten betroffenen Regierungen.
Demgemäß trafen die sechs Unterzeichner-Staaten des EVG-Verträges und das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten
und Kanada in London im September des Jahres 1954 zusammen.
Die Hauptaufgabe der Londoner Konferenz war es, eine
akzeptable Basis für einen Zusammenschluß Deutschlands mit
den freien Völkern und für einen deutschen Beitrag zur Verteidigung des Westens zu finden. Nach den Verträgen aus dem
Jahre 1952 sollte die Bundesrepublik nur indirekt über die
Mitgliedschaft in der EVG mit der Nordatlantikpaktorganisation
verbunden sein. In London entschlossen wir uns, die Vollmitgliedschaft der Bundesrepublik in der NATO anzustreben. Hierzu mußte allerdings noch die Beibehaltung jener Charakteristika
der EVG kommen, durch die der Rüstungssektor der alleinigen
nationalen Zuständigkeit entzogen werden sollte. Dies geschah
durch eine Erweiterung der Organisation des Brüsseler FünfMächte-Paktes, sodaß auch die Bundesrepublik Deutschland und
Italien einbezogen werden konnten, und in der Weise, daß man
jener Organisation die Kontrolle über die Rüstung der kontinentaleuropäischen Mitgliedstaaten einräumte. Es war von entscheidender Bedeutung, daß diese Kontrolle nicht hemmend auf
die Schaffung ausreichender Verteidigungsstreitkräfte durch
die NATO wirkte. So kamen wir in London überein, daß die Höhe
des Beitrages der Mitgliedstaaten des Brüsseler Paktes zu den
Streitkräften unter dem NATO-Oberbefehlshaber in Europa (Saceur),
innerhalb gewisser Grenzen, durch die NATO festgesetzt werden
solle.
Die Signatarstaaten des Brüsseler Paktes stimmten ihrerseits zu, in Friedenszeiten auf dem europäischen Kontinent
keine Rüstungen über das Maß hinaus zft unterhalten, das für
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�"AMERIKA DIENST"
6. April 1955
für die Streitkräfte, die sie zur Erfüllung des Defensivzieles
der Nordatlantikpaktorganisation bereitstellen würden, sowie
für die gleichfalls der Begrenzung durch den Rat der Westeuropäischen Union unterstellten Polizeikräfte notwendig ist. Sie
kamen ferner überein, einen Apparat für die Überprüfung dieser
festgesetzten Höchstgrenzen für die Rüstungen und zur Behandlung etwaiger Verstöße gegen diese Begrenzungen aufzubauen.
Darüberhinaus sah man vor, die politischen und wirtschaftlichen
Punktionen der Organisation des Vertrages von Brüssel aufzubauen,
um so eine breitere Basis für eine engere Zusammenarbeit der
Mitgliedstaaten zu schaffen.
Die Annahme dieser Verträge wurde wesentlich durch weitere
Zusagen der Bundesrepublik Deutschland und des Vereinigten Königreiches erleichtert. Die Bundesrepublik erklärte sich freiwillig bereit, das Recht auf Herstellung von Waffen zur Massenvernichtung, also atomarer, biologischer und chemischer Waffen,
aufzugeben und keine ferngelenkten Geschoise, Kriegsschiffe
größerer Tonnagen, U-Boote und Langstreckenbomber, es sei denn
auf ausdrückliches Ersuchen des Alliierten Oberbefehlshabers
in Europa und mit der Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglie=
der des Rates des Brüsseler Paktes, zu produzieren»
Die britische Regierung erklärte sich bereit, auf dem europäischen Kontinent Land- und Luftstreitkräfte in einer Stärke
zu belassen, die der gegenwärtig Saceur unterstellten entspricht,
und sie nicht gegen die Wünsche der Mehrheit der Brüsseler Paktmächte abzuziehen. Diese britische Zusage stellte ein historisches Abgehen vom";der traditionellen Politik dar.
Schließlich kamen die Vereinigten Staaten, Großbritannien,
Frankreich und die Bundesrepublik überein, daß das Besatzungsregime in Westdeutschland durch die Bonner Konvention beendet
werden sollte, die ergänzt wurde, um den seit ihrer Unterzeich
nung im Jahre 1952 eingetretenen Entwicklungen Rechnung zu
tragen. Die im Prinzip auf der Londoner Konferenz erreichten
Abkommen mußten in ihren Einzelheiten ausgearbeitet und in
eine entsprechende Form gebracht werden. Eine weitere Konferenz
trat daher Ende Oktober in Paris zusammen, um die neuen Texte
zu überprüfen und sie zu unterzeichnen. Sie wurden tatsächlich
in Paris am 23.Oktober unterzeichnet.
Gleichzeitig wurde ein französisch-deutsches Abkommen über
die Saar unterzeichnet. Die französische Regierung hat es seit
langem als notwendig erachtet, daß ein derartiges Abkommen Teil
der Gesamtvereinbarungen über die Beziehungen Deutschlands mit
dem Westen ist. Die Erörterung dieser Präge erstreckte sich über
mehrere Jahre. Aber erst am letzten Tage unseres Treffens in
Paris wurde schließlich ein Übereinkommen zwischen Bundeskanzler
Adenauer und Ministerpräsident Mendes-Prance erreicht. Das Abkommen sieht vor, daß die Saar bis zum Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland einen europäischen Status erhalten
soll. Ein europäischer Hochkommissar, der dem Ministerrat der
Westeuropäischen Union verantwortlich ist, wird die Durchführung des Abkommens überwachen und für außenpolitische und Verteidigungsfragen zuständig sein.
Die

�6. iprJiOl 1955
"AMERIKA DIENST"
Die Währungs- und Zollunion zwischen Frankreich und der
Saar bleibt bestehen. Aber Deutschland wird schließlich in
Handelsfragen eine Stellung erhalten, die der Prankreichs
gleichartig ist. Die vertraglichen Abmachungen müssen der
Saarbevölkerung vorgelegt werden, die sich dazu in einer
Volksabstimmung äußern muß* Das Abkommen enthält Bestimmungen,
die sicherstellen sollen, daß die Volksabstimmung den Saarländern die Möglichkeit eines freien Ausdruckes ihres Willens
gibt.
Die französische Regierung und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland sind übereingekommen, die Vereinigten
Staaten und das Vereinigte Königreich um eine Garantie des
Saarabkommens zu bitten. Diese Garantie stellte eine Willenserklärung dar, in der wir unsere allgemeine Bereitschaft darlegten, das von mir genannte Abkommen zu unterstützen. Wir
würden keine vertraglichen Verpflichtungen damit übernehmen.
Das Saarabkommen ist eines der wichtigsten Nebenergebnisse des Planes über die Errichtung einer Westeuropäischen
Union. Wie die Beilegung des Streites um Triest so verspricht
auch diese Lösung, einen explosiven Gefahrenherd in Güte aus
der Welt zu schaffen.
Sämtliche in Paris unterzeichneten Abmachungen liegen
gegenwärtig dem Senat zur Einsicht vor. Die meisten von ihnen
sehen keine direkte Beteiligung der Vereinigten Staaten vor
oder sind rein administrativen Charakters. Zwei der Verträge
erfordern jedoch zu ihrer Ratifizierung die Befürwortung und
Billigung des Senats. Es sind dies das Protokoll zur Änderung
der Bonner Konvention, das die Souveränität der Bundesrepublik
Deutschland,wiederherstellt, und das Protokoll über den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum Nordatlantikpakt.
Die in diesen beiden Verträgen getroffenen Vereinbarungen
enthalten im wesentlichen dieselben Verpflichtungen für die
Vereinigten Staaten wie jene, die der Senat im Jahre 1952 in
bezug auf die ursprüngliche Bonner Konvention und das NATOZusatzprotokoll gebilligt hatte.
Die Änderungen der Bonner Konvention wurden vorgenommen,
um diese dem derzeitigen Stand der Dinge anzupassen und den
Status der Gleichberechtigung, der der Bundesrepublik zuerkannt
wird, noch klarer herauszuarbeiten. Die Verpflichtungen der
Vereinigten Staaten erfahren keine Erweiterung.
Die bestehenden Rechte der Alliierten Mächte hinsichtlich
Berlins und Deutschlands als Ganzem, das heißt unser Status
gegenüber der Sowjetunion, sind wie unter dem ersten Vertrag
voll gewahrt. Wir behalten ferner das Recht, in Übereinstimmung mit der Regierung der Bundesrepublik in Deutschland Truppen zu stationieren. Sie gab ihre Zustimmung in Paris, die
inzwischen die parlamentarische Billigung erfahren hat. Der
Wortlaut dieses Abkommens wurde dem Senat zur Unterrichtung
zugeleitet.
Die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die Nordatlantikpaktorganisation bringt für die Vereinigten Staaten
keine neuen Verpflichtungen über jene hinaus, die wir mit der

�6. April 1955

"AMERIKA DIENST

der Unterzeichnung des vom Senat im Jahre 1952 gebilligten
Zusatzprotokolls zum Nordatlantikpakt bereits übernommen haben.
In beiden Fällen wird der Schutz der Nordatlantikpaktorganisation auf die Bundesrepublik ausgedehnt, die ihrerseits entsprechende Verantwortlichkeiten übernimmt.
Als wesentlichen Beitrag zu dem Gesamtergebnis hat der
Präsident eine Erklärung abgegeben, in der er der Politik der
aktiven und kontinuierlichen Beteiligung seitens der Vereinigten Staaten an dem von der Nordatlantikpaktorganisation dargestellten atlantischen Sicherheitssystem Ausdruck verlieh.
Dies geschah nach Konsultation mit den führenden Abgeordneten beider Häuser des Kongresses. Die Erklärung bekräftigt unser Interesse an der NATO und unsere Entschlossenheit,
uns weiterhin aktiv an den Vereinbarungen zu beteiligen, die
in deren Rahmen abgeschlossen wurden. Diese Erklärung enthielt
im besonderen eine Zusicherung, die sich auf den Wortlaut der
Senatsresolution Nummer 99 aus dem Jahre 1951 stützt, daß die
USA 'solange in Europa einschließlich Deutschlands Einheiten
ihrer bewaffneten Streitkräfte belassen werden, wie dies notwendig und praktisch erscheint, um damit ihren angemessenen
Anteil zu den für die gemeinsame Verteidigung des nordatlantischen Gebietes benötigten Streitkräften beizutragen, solange
eine Bedrohung für dieses Gebiet besteht'. Die Erklärung bekräftigt erneut die Auffassung der Vereinigten Staaten, daß
der Nordatlantikpakt von unbegrenzter Dauer ist; betont unsere
Absicht, mit der NATO und dem Rat der Westeuropäischen Union
in bezug auf Stärke der Streitkräfte und Rüstungskontrollen
zusammenzuarbeiten und wiederholt unsere Bereitschaft, wie vom
Kongreß gebilligt, Informationen über den Einsatz neuer Waffen
zur Verfügung zu'stellen.
Meine Erklärung in London, die die amerikanische Politik
in dieser Hinsicht darlegte, und auf die eine erneute Darlegung
der britischen Politik durch Sir Anthony Eden folgte, bildete
den Wendepunkt in einer Konferenz, die bis dahin keine klare
Richtschnur hatte.
Meine Erklärung, die größtenteils in die Ihnen vorliegende
Schlußakte der londoner Konferenz eingearbeitet wurde, machte
es klar, daß derartige Versicherungen des Präsidenten, wenn
sie abgegeben werden, nur politische Grundsatzerklärungen
darstellen, die weder als Verträge noch in dem Sinne bindend
sind, daß künftige Präsidenten durch sie juristisch gebunden
wären. Diese Versicherungen umreißen jedoch politische Grundsätze, die durch Zusammenarbeit beider Parteien während einer
ganzen Reihe von Jahren entwickelt worden sind. Sie spiegeln
das wider, was augenblicklich als das grundlegende und dauerhafte Interesse der Vereinigten Staaten an der Einheit Europas
und an der Sicherheit im' atlantischen Raum angesehen werden
darf. Sie werden, darauf vertraue ich, auch weiterhin unseren
nationalen Interessen dienen.
Ich glaube, daß die Ihnen vorliegenden Abmachungen den
Wünschen des Senats, wie sie in seiner Resolution vom 30.Juli
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�6. April 1955

"AMERIKA DIENST"

30.Juli 1954 zum Ausdruck kamen, getreulich entsprechen. Sie
werden die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland wiederherstellen und sie werden diese in die Lage versetzen, zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt beizutragen. Diese Ergebnisse werden, das sei ferner vermerkt,
innerhalb des größeren Rahmens der westeuropäischen Einheit
erzielt, die einerseits die Stärke gewährleistet und andererseits eine weitgehende Gewähr dafür bietet, daß jene Stärke
nicht mißbraucht wird.
Die notwendigen gesetzgeberischen Maßnahmen zur Ratifizierung der Verträge von Paris wurden von zehn der fünfzehn
beteiligten Nationen, einschließlich Frankreichs, der Bundesrepublik Deutschland, Großbritanniens und sieben anderen Länder abgeschlossen. In keinem Falle wurden bei der Billigung
der Abkommen irgendwelche Einschränkungen geltend gemacht.
Fünf Parlamente müssen noch darüber beraten, und zwar in Belgien, Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden und den Vereinigten
Staaten. Allem Anschein nach wird der Ratifizierungsprozeß in
Europa in Kürze abgeschlossen sein.
Die jetzt in greifbare Nähe gerückte Verwirklichung der
Verträge zu einem frühen Termin liegt besonders im Interesse
der Vereinigten Staaten. Ja, jede ernsthafte Verzögerung wäre
den Interessen der USA sehr abträglich.
Im Jahre 1952 ratifizierte der Senat der Vereinigten
Staaten, ehe Frankreich die entsprechenden Schritte unternommen hatte, das dann die Verträge niemals guthieß. Diesmal
schien es für die USA ein Gebot der Klugheit, nicht wieder in
der ersten Linie zu stehen. Diese anfängliche bewußte Verzögerung auf Seiten der Vereinigten Staaten macht nunmehr eine
unverzügliche Beschlußfassung erst recht unumgänglich.
Der Präsident legte dem Senat am 15»November 1954 die
einschlägigen Dokumente vor, und ich vertraue darauf, daß
der Senat sich jetzt in der Lage sieht, die seiner Zustimmung
bedürfenden Verträge unverzüglich zu billigen."

*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

GRUNDSÄTZE DER AUSSENPOLITIK
Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des amerikanischen Außenministers
John Foster Dulles, die dieser am I.April 1955
in Washington anläßlich des 5.Jahres-Banketts
ehemaliger Absolventen jesuitischer Ordensschulen
gehalten hat«
Dies ist eine Zusammenkunft hochgebildeter Menschen.
Es ist eine Gelegenheit, bei der es erlaubt sein mag, Grundsätzliches auszusprechen, doch soll dies, wie ich Ihnen versichern kann, nicht nur eine rein akademische Übung werden.
Jede Handlung eines Volkes sollte stets gewisse Grundsätze reflektieren. Deshalb haben diejenigen, die die Verantwortung für solche Handlungen tragen, auch die Verantwortung sich zu vergewissern, daß das, was sie tun, mehr
ist als nur ein Erfordernis des Augenblicks.
Aber nicht immer sind die einzuhaltenden Richtlinien
klar und einfach. Oft scheinen sie sogar im Widerspruch zueinander zu stehen. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang von Interesse, wenn ich einige der Probleme andeute,
die sich denen entgegenstellen, die mit Aufrichtigkeit und
Vernunft versuchen, einen Kompaß zu finden, der ihnen die
Richtung anzeigt. Lassen Sie mich als erstes den Problemkomplex Frieden gegen Freiheit erwähnen.
Frieden ist ein Ziel, das die Menschen immer erstrebt
haben. Es ist ein Ziel, an das wir besonders jetzt zur
Osterzeit denken, während der wir die Auferstehung des
Friedensfürsten feierlich begehen. Es ist kaum möglich,
die Schrecken des Krieges oder die Sehnsucht der Menschheit
nach Frieden zu übertreiben. Kriege waren früher gewöhnlich
in ihrem Ausmaß begrenzt, und sie fanden unter Bedingungen
statt, die der Zivilbevölkerung die meisten ihrer gräßlichen
Konsequenzen ersparten. Ich selbst kann mich noch an die
Zeit erinnern, in der Privatbesitz im Kriegsfalle unantastbar war; in der die Unterbrechung des Handelsverkehrs auf
gewisse Häfen beschränkt blieb, die einer strengen Blockade
unterlagen, oder auf das Verbot der Ein- und Ausfuhr von
kriegswichtigen Gütern, unter denen man damals nur Waffen
verstand. Als junger Mann nahm ich ancder Zweiten Haager
Friedenskonferenz von 1907 teil, auf der Abkommen ausgearbeitet wurden, die die Anwendung der neuen technischen Er-'

�AMERIKA DIENST"

13. April 1955

Errungenschaften jener Zeit im Kriegsfalle verhindern sollten. So suchte man beispielsweise den Abwurf von Explosivkörpern aus Ballons zu verbieten.
Der erste und der zweite Weltkrieg haben gezeigt, daß
der moderne Krieg ein "totaler" Krieg ist, und daß es die
gesamte Bevölkerung ist, und nicht nur die Soldaten selbst,
die unter seinen grausamen Auswirkungen zu leiden haben.
Darüber hinaus wissen wir, daß Krieg mehr denn je zwangsweise mit Feindschaft, Vergewaltigung der menschlichen Persönlichkeit, Grausamkeit, Rachsucht und mutwilliger Verdrehung
der Wahrheit verbunden ist.
Heute besteht in der gesamten Welt ein steigendes Bedürfnis nach Schutz vor der Not, der Agonie des Leibes und
der Seele, der Massenvernichtung des Lebens und des Besitzes,
die der moderne Krieg über den Menschen bringt.
Es gibt allerdings auch noch einen anderen Aspekt dieser
Angelegenheit. Der Friede übhnte nur ein Deckmantel sein, unter
dessen Schutz Böswillige ihre teuflischen Verbrechen begehen.
Während der letzten Jahre haben die kommunistischen Machthaber durch ihre Propaganda versucht, aus der Friedensliebe
und der Angst vor dem Kriege Kapital zu schlagen, indem sie
diese dazu benützten, um ihre Herrschaft über die gesamte
Menschheit auszubreiten. Durch propagandistische Machinationen, wie die Stockholmer "Friedenspetition", haben sie versucht, die Völker der freien Welt von den notwendigen Maßnahmen zur Verteidigung ihrer Sicherheit abzulenken und in der
gesamten freien Welt das allgemeine Verlangen nach einem
Frieden um jeden Preis zu erwecken.
Dieser Plan ist außerordentlich geschickt angelegt. Die
Führer der Kommunisten wissen genau, daß der Kommunismus mit
seinen Welteroberungsplänen leichtes Spiel haben würde, wenn
der Pazifismus sich bei den Völkern der freien Welt als vorherrschende Strömung durchsetzen würde. In diesem Falle könnten sie die freien Völker vor die in ihrem Sinne durchaus erfolgversprechende Wahl zwischen Frieden und Unterwerfung stellen, und wenn tatsächlich der Friede das absolute Ziel ist,
dann wird eine Unterwerfung unvermeidlich.
Wir sollten uns in diesem Zusammenhang die Tatsache vor
Augen halten, daß die moderne Entwicklung nicht nur den Krieg,
sondern auch seine Folgen - Rückzug und Unterwerfung - schrecklicher gemacht hat. Die moderne Kriegführung könnte heute
einen Großteil des Lebens auf unserem Planeten zerstören. Ebenso möglich ist es aber, daß ein aus Feigheit für den Preis der
eigenen Grundsätze eingehandelter Friede viele der geistigen
Werte der Menschen auf diesem Planeten zerstören könnte. Der
Friede könnte unter bestimmten Bedingungen zu einer Degradierung der Menschheit und einem geistigen Verfall führen, der
ihre moralische und geistige Urteilsfähigkeit auslöschen würde.
Die Auswirkungen der "Gehirnwäsche" sind uns in einzelnen

�13. April 1955

"AMERIKA DIENST"

einzelnen Fällen bekannt. Sie führt dazu, daß Menschen ihren
bis dahin ängstlich gehüteten Glauben aufgeben und Dinge akzeptieren, die sie bei klarem Denkwermögen als falsch verwerfen
würden. Nicht selten haben sich Menschen, die eine solche Gehirnwäsche durchgemacht haben, aus voller Überzeugung zu Handlungen an irgendwelchen Orten bekannt, an denen sie zu der besagten Zeit physisch gar nicht anwesend sein konnten.
Es gibt heute Methoden, die eine grundlegende Wandlung des
menschlichen Geistes ermöglichen. Und diese Methoden können
sogar auf die Massen angewandt werden. Gewisse Lügen werden
pausenlos, ohne Unterbrechung, dem Gewissen derer eingehämmert,
deren Geist terrorisiert, deren Denken gelähmt und deren Körper von Unterernährung geschwächt ist. Das Ergebnis ist, daß
diese Menschen anomal werden.
Man kann nur davor zurückschrecken, den Frieden um einen
Preis einhandeln zu wollen, der auf menschliche Wesen die
Herrschaft jener ausdehnt, die da glauben, daß der Mensch in
Wirklichkeit nicht mehr sei als ein Stück beseelter Materie,
und daß er, um Harmonie und Konformität zu sichern, jeder moralischen und intellektuellen Urteilskraft beraubt werden
sollte. Der Mensch steht, so lesen wir in der Heiligen Schrift,
nur um ein weniges den Engeln nach. Soll er nunmehr, wenn überhaupt, nur ein wenig höher sein als das Haustier, dessen Zweck
es ist, seinem menschlichen Herren zu dienen?
Der Mensch befindet sich in einer Zwickmühle, ob und wann
er sich nun jenen Übergriffen gewaltsam widersetzen soll, die
ihm Bedingungen aufzwingen, die den Gesetzen der Moral und der
Auffassung zuwiderlaufen, daß des Menschen Werden und Bestimmung in Gott liegen.
Ein zweites Dilemma, dem wir uns gegenübersehen, ist eines,
das ich als das "Dilemma der Landkarten und Völker" bezeichnen
möchte. Landkarten haben etwas außerordentlich Faszinierendes
und üben einen tiefen Einfluß aus. Sie verleiten zur Eroberung,
zu Lösungen, die niemals echte Lösungen sind.
Bis vor wenigen Jahren hat man die Amerikaner gelehrt,
Landkarten in der Merkator Projektion zu sehen. Die Karten
zeigten den nordamerikanischen Kontinent isoliert von der
westlichen Welt durch große weite Ozeane. George Washington
sprach in seiner Abschiedsrede von "unserer abgesonderten
und abgelegenen Lage". Diese Konzeption, ursprünglich gültig,
hatte den größten Teil unseres nationalen Lebens beherrscht.
Heute sehen wir uns einer Welt gegenüber, in der die Luft das
Medium der Kommunikation ist. Aber Luft läßt sich allein auf
Landkarten nicht darstellen. Es ist eine unsichtbare Hülle, die
die Welt ohne Bruch und Lücke umschließt, und die Landkarten
bedürfen der Ergänzung kluger Imagination. Dabei können ein
wenig die Polarkarten helfen. Sie helfen uns verstehen, daß
unter modernen Transportbedingungen Entfernungen, die weit
schienen, in der Tat klein sind.
Unter den augenblicklichen Umständen haben die Aufteilungen in Land und Wasser, Wüsten und Gebirge, Flüsse und Ebenen
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�"AMERIKA DIENST

13. April 1955

Ebenen viel von ihrer Bedeutung verloren. Mehr als je zuvor
sind die Menschen eine Familie geworden. Nichtsdestoweniger
ist es noch immer notwendig,Linien, Grenzen zu ziehen. Es
gibt nationale Grenzen, die bedeutungsvoll sind, aber selbst
ihre Bedeutung ist nicht unwandelbar. Das beste Beispiel dafür ist Europa. Die Landkarte Europas sieht heute zwar noch
genau so aus wie vor wenigen Wochen. Aber welch eine gewaltige
Umwandlung vollzieht sich in Westeuropa. Freilich wird es weiterhin Nationen geben, aber eine Zusammenarbeit bahnt sich an,
die den Grenzlinien viel von ihrer früheren, abschreckenden
Bedeutung nimmt. Ein neues Westeuropa wird geboren und keine
Landkarte kann das Ende jahrhundertealter Gegnerschaften festhalten.
Der 38.Breitengrad in Korea wurde berühmt als die Grenze
zwischen dem freien und dem von den Kommunisten beherrschten
Teil des Landes. Doch bezeichnete diese Trennungslinie nicht
die Scheidung des koreanischen Volkes hinsichtlich seines
Trachtens and Denkens. Ich erinnere mich an eine Korea-Reise
im Jahre 1950, als ich in Seoul vor einer Versammläng von
Tausenden von Flüchtlingen gesprochen habe. Sie waren aus dem
Norden geflüchtet und hatten den 38.Breitengrad auf ihrem Weg
nach dem Süden überschritten in der Hoffnung, dort die von
ihnen so heiß ersehnte Religionsfreiheit zu finden.
In Vietnam hat man eine Grenzlinie längs des 17.Breitengrades gezogen. Wiederum wurde sie von Hunderttausenden von
Flüchtlingen auf ihrer Flucht nach Süden überquert. Auch hier
war die Sehnsucht nach Religionsfreiheit die treibende Kraft.
Und man sollte vor allem nicht vergessen, daß auf jeden,
dem die Flucht vor dem Kommunismus gelingt, noch viele andere
kommen, die nicht innerhalb jener Grenzen eingepfercht bleiben
wollen, die die Staatsmänner in der Hoffnung zogen, dadurch
ihre Probleme zu lösen.
In der heutigen Welt, in der sich der Verkehr auch die
Luft erobert hat, in der Zeit und Raum fast aufgehoben scheinen, bleiben geographische Tatsachen eben doch Tatsachen.
Aber Lösungen nach geographischen Gesichtspunkten fallen selten auch mit menschlich befriedigenden Lösungen zusammen.
Deshalb können wir die Teilung der Welt nicht als etwas Endgültiges anerkennen. Aus dem Verhältnis zwischen Teil und
Ganzem erwächst ein anderes Problem der heutigen Zeit.
Es ist in den meisten Fällen einfach, eine Lösung zu finden, wenn nur ein Teil eines Problems bekannt ist. Nach meinen
Erfahrungen sind diejenigen, die politischen Problemen gegenüber eine besonders positive Haltung einnehmen, nur deswegen
so optimistisch, weil ihnen nur ein Teil der für das Problem
wichtigen Faktoren bekannt ist. Und diejenigen, die besonders
strenge Urteile abgeben, tun dies aus demselben Grunde. Wenn
man die ganze Tragweite eines Problems kennt, wird es äußerst
schwierig, zu einer Lösung zu kommen, und man wird sich vor
leichtfertigen Urteilen hüten. Toleranz ist zu einer Lebensnotwendigkeit geworden.

�"AMERIKA DIENST"

13. April 1955

Es gibt heute kaum ein internationales Problem, das sich
für eine einfache und sichere Lösung gewissermaßen anbietet.
Diejenigen, die sich vor allem mit europäischen Fragen befassen, sind nur zu leicht bereit, alle asiatischen Probleme als
unwichtig abzutun und sich mit jeder Lösung zufrieden zu geben,
solange sie Europa nicht schadet. Diejenigen aber, die sich vornehmlich mit asiatischen Problemen beschäftigen, sind oft unangenehm berührt, wenn sie hören müssen, daß die Lösung der asiatischen Probleme nicht ohne Berücksichtigung der Situation in
Europa durchgeführt werden kann.
Tatsächlich wirkt sich heute jedes in irgendeinem Teil
der Welt auftretende Problem in fast allen übrigen Teilen der
Welt aus. So wie es kein offen auf der Hand liegendes Problem
mehr gibt, kennen wir auch keine einfachen Lösungen mehr. Eine
in Indochina zu befolgende Politik muß womöglich im Lichte
ihrer Auswirkungen auf Europa, den Vorderen Orient oder Moskau
beurteilt werden; oder umgekehrt.
Ich habe den Eindruck, daß es leichter war, Entscheidungen
zu treffen, ehe die Welt zu dieser Einheit verschmolzen war.
Die Streitfragen waren oder schienen doch einfach. Sie ließen
sich auch ohne weiteres erklären. Heute ist fast jedes Problem
sehr vielschichtig, so daß es schwierig geworden ist, die Gründe für eine einmal getroffene Entscheidung und die zahlreichen
Paktoren, die bei dieser Entscheidung zu berücksichtigen waren,
überzeugend darzulegen.
Es gibt eine Denkungsart, die zuweilen "Kirchturmspolitik"
genannt wird. Wem ein Problem auf den Nägeln brennt oder wer
nur Teile des Problems kennt, wird schnell mit einer einleuchtenden Lösung bei der Hand sein. Wer aber die Materie tiefer
kennt, der findet dann vielleicht, daß die "einleuchtende"
Lösung überhaupt keine Lösung ist. Aus einem gewissen Blickwinkel heraus mag selbst eine Waage im Gleichgewicht sich
scheinbar nach einer Seite hin neigen. Sieht man sie aber
vom richtigen Standort aus, dann wird man erkennen, daß sie
in Wirklichkeit im Gleichgewicht ist oder sich sogar nach der
anderen Seite neigt.
Die Notwendigkeit, viele Faktoren gegeneinander abzuwägen, hat einige recht unerwünschte Folgeerscheinungen. Ich
habe schon auf die Tatsache hingewiesen, daß es dadurch sehr
schwierig wird, eine wirklich passende Erklärung für irgendwelche Entscheidungen zu finden. In vielen Fällen verlieren
Entscheidungen auch jene Dynamik, deren sie bedürfen, um
wirkungsvoll zu sein. Die Quelle allen Handelns ist oftmals
das Bewußtsein der Gewißheit. Unglücklicherweise haben die,
die am besten informiert sind, diese Gewißheit nicht immer.
Die großen Taten der Geschichte wurden in erster Linie
von Menschen mit tiefen Überzeugungen und einem dynamischen
Glauben vollbracht. Sie waren gewiß, im Recht zu sein.
Es scheint, als könne absolute Gewißheit heute nur im
geistigen Bereich gewonnen werden, während das Vertrauen zu
schwinden droht, sobald ethische Prinzipien praktisch ange-

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"AMERIKA DIENST

angewendet werden sollen. Gewißheit ist im irdischen Bereich
nicht leicht zu finden. Zumindest wenn die Tatsachen bekannt
sind. Die Sehnsucht nach größerer Gewißheit und Exaktheit,als
dies mit der Vielschichtigkeit der Dinge vereinbar ist, begünstigt lediglich doktrinäres und fanatisches Denken und führt
schließlich nur zu Enttäuschungen. Vielleicht wäre es gut, wenn
der Fanatismus in weltlichen Dingen verschwände.
Daneben besteht noch das Dilemma, das man als den Gegensatz zwischen dem Geistigen und dem Materiellen bezeichnen
könnte.
Es gibt Menschen, die glauben, daß moralische Erwägungen die Außenpolitik einer Nation nicht beeinflussen dürfen;
daß moralische Erwägungen für den Einzelnen durchaus angebracht
sind, nicht aber für ein Kollektiv. Gemeinwesen, so wird argumentiert, sollten sich nur von materiellen Überlegungen leiten
lassen.
Es ist, glaube ich, eine alte Wahrheit, daß diejenigen, die
als Vertreter und Treuhänder anderer handeln, nicht die gleiche
Freiheit besitzen, wie der Einzelne, der nur über sein eigenes
leben und seinen eigenen Besitz verfügt. So steht es den
Direktoren einer Gesellschaft im allgemeinen nicht frei, über
den Besitz der Gesellschaft für wohltätige Zwecke zu verfügen,
wenn dies nicht zu Gunsten der Gesellschaft geschieht. Bis zu
einem gewissen Grade, glaube ich, gelten die gleichen Grundsätze auch für diejenigen, die Treuhänder einer Nation sind.
Tatsächlich ist es ja im allgemeinen so, daß die Mitglieder der Regierung eines Landes lediglich für das unmittelbare
und augenblickliche Interesse der von ihnen vertretenen Nationen arbeiten. Aus diesem Grunde werden Schenkungen von Regierungen im allgemeinen mit Mißtrauen betrachtet, in der Annahme, daß Regierungen ihre Steuergelder nur gegen ein Quid
pro Quo vergeben.
Die Regierung der Vereinigten Staaten hat, wie ich glauben
möchte, in dieser Beziehung eine von allen anderen Beispielen
abweichende Tradition aufzuweisen. Unsere Nation entstand in
einem Experiment mit der Freiheit. In den Institutionen
unseres Landes manifestiert sich die Überzeugung unserer
Gründerväter, daß alle Menschen von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden und daß ihnen das sittliche Gesetz gewisse Pflichten auferlegt. Nach ihrer Überzeugaig sollten die vom Menschen errichteten Institutionen in
erster Linie den Menschen dazu verhelfen, die ihnen von Gott
verliehenen Fähigkeiten zu entfalten, und unsere Nation sollte
durch Tat und Vorbild den Menschen in aller Welt helfen, den
Weg zu einem besseren und reicheren Leben zu finden.
Diesen Traum hat unsere Nation Wirklichkeit werden lassen.
Hier ist ein Reich der geistigen und wirtschaftlichen Kräfte
entstanden, wie es die Welt zuvor noch nicht gesehen hat. Doch
war dies Reich nicht allein uns vorbehalten, vielmehr stand
die Überzeugung von der Weltmission unseres Landes im Mittelpunkt unseres Denkens. Millionen Einwanderer aus anderen Ländern wurden mit offenen Armen empfangen, um gemeinsam mit den
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AMERIKA DIENST"

den Gründervätern und ihren Erben die Möglichkeiten dieses
Reiches auszuschöpfen. Wir haben unser geschichtliches Experiment in aller Öffentlichkeit ausgeführt, so daß alle Menschen
Zeuge sein und unserem Beispiel folgen konnten, sofern sie
dies wollten. Mit der Gründung von Schulen und Hospitälern,
oft genug mit Hilfe der Kirchen, wurden Amerikas Ideale in
die Welt hinausgetragen. Denjenigen Völkern, die unserem Beispiel folgten und selbst ein Gemeinwesen größerer Freiheit
für den Menschen schaffen wollten, haben wir mit Rat und Tat
zur Seite gestanden.
So ging es an die hundert Jahre und länger. Dann aber,
mit unserer zunehmenden materiellen Macht, schien unsere
geistige Kraft zu schwinden. Allem Anschein nach ging es uns
nun weniger darum, zum Wohle der gesamten Menschheit ein Experi
ment durchzuführen als vielmehr darum, für uns selbst materielle Vorteile einzuheimsen. Unser Ideal schien zu schwinden, der
Glaube an unsere Sendung zu versiegen.
Wir hatten die schwerste Probe zu bestehen, auf die ein
Volk gestellt werden kann: die Feuerprobe materiellen Wohlstands. Jesus hat gesagt, die Güter dieser Welt sollen denen
zuteil werden, die zuerst nach dem Reiche Gottes und seiner
Gerechtigkeit trachten. Doch wenn das geschieht, dann kommt
die große Probe. Denn, wie Jesus uns gewarnt hat, die Güter
dieser Welt können leicht zu dem Rost werden, der die Seelen
der Menschen zersetzt.
Das ist ein altvertrautes Schema. Menschen, die einem
höheren Wesen gegenüber ein Gefühl der Verpflichtung verspüren,
streben hier danach, seinen Willen zu vollführen. Auf Grund
ihres Glaubens haben sie Macht, Tugend und schlichte Weisheit.
Sie bauen nicht nur für das Heute, sondern auch für das Morgen,
nicht nur für sich selbst, sondern für die Menschheit. Eine
darauf gegründete Gesellschaft wird, wenn die Natur sie begünstigt, Wohlstand und Luxus für viele hervorbringen. Wenn
sich aber diese Begleiterscheinungen einstellen, so scheinen
sie etwas so Gutes zu sein, daß sie zu dem alleingenügenden
Ziele aufrücken.
So ist eine Zeit gekommen, wo sich unser Volk von dem
schöpferischen Ringen um ein fernes Ziel ablenken ließ, wo es
sich um Erwerb und Bewahrung von Gütern dieser Welt mühte.
Lebensgewohnheiten und Bräuche, die man ursprünglich ersonnen
hatte, um einem Glauben Ausdruck zu geben, mögen aus dem noch
fortbestehenden Glauben nicht genug Lebenskraft gesogen haben.
Ich meine jedoch, daß man mit Recht sagen kann, unsere Nation
habe seit dem Ende des zweiten Weltkriegs den Glauben wiedergewonnen, in dem sie gegründet worden ist, und Werke wie jene
wiederaufgenommen, die man in der Vergangenheit "das große
amerikanische Experiment" genannt hat.
Gemeinsam mit sechzig anderen Nationen haben wir uns
aktiv im Rahmen der Vereinten Nationen um den Frieden bemüht.
Wir haben zahlreiche freie Völker moralisch, militärisch und
materiell unterstützt. Mit über vierzig Staaten haben wir be-

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AMERIKA DIENST

besondere gegenseitige Sicherheitsabmachungen abgeschlossen.
Diese Maßnahmen bilden unseren Beitrag zur Schaffung einer
Welt, die sicherer und in der die Freiheit der Menschen weniger gefährdet ist. Dieses grundsätzliche Interesse ist das
gemeinsame Band, das uns mit den übrigen freien Nationen verbindet. Unser Einfluß reicht in alle Teile der Welt - und
diesen Einfluß versuchen wir, soweit als menschenmöglich, im
Interesse der Gerechtigkeit und nicht im Interesse unserer
eigenen Machterweiterung zum Tragen zu bringen.
Zweifellos haben wir Fehler begangen. Im allgemeinen
wird man sagen dürfen, daß unsere Nation in der Geschichte
eine Rolle gespielt hat, die man als ehrenvoll betrachten
wird. Es ist eine Rolle, die wir nicht hätten übernehmen
können, wenn nicht diejenigen, in deren Händen die Regierungsgewalt lag, überzeugt gewesen wären, daß sie über die materiellen Überlegungen moralische Erwägungen zu stellen hätten.
Ich habe hier einige der Probleme und Fragenkomplexe aufgezeigt, denen sich die politisch Verantwortlichen gegenübersehen. Ich habe es dabei bewußt vermieden, dogmatisch zu sein.
Vielmehr habe ich versucht, Sie zu weiterem Denken anzuregen.
Ich möchte jedoch mit folgender allgemeiner Bemerkung schließen:
Mir scheint, ein Staat in unserer Lage sollte eine kontinuierliche und berechenbare Politik betreiben. Wir stellen
eine große Macht in der Welt dar - in geistiger, ethischer
und materieller Hinsicht. Andere Völker, die frei sind und
frei bleiben wollen, wollen im allgemeinen ihre Politik mit
der unseren koordinieren. Ich spreche jetzt nicht von einer
ins Einzelne gehenden Koordinierung. Was Einzelheiten anbetrifft, so wird es fast immer Meinungsverschiedenheiten geben.
Das ist ganz unvermeidlich, denn Meinungsverschiedenheiten sind
eine Begleiterscheinung der Freiheit. Nur der Despotismus erzeugt absolute Übereinstimmung der Meinungen. Ich nehme hier
vielmehr auf jene Grundharmonie Bezug, wie sie zwischen jenen
herrscht, die das Gefühl eines gemeinsamen Schicksals haben
und sich selbst und anderen helfen wollen.
In großen Teilen der freien Welt besteht heute eine gewisse Übereinstimmung. Sie verbindet im Geiste der Partnerschaft die Angehörigen der verschiedensten Rassen, Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten. Aber diese Harmonie, um
die so viele ringen, wird niemals vollkommen werden und uns
erhalten bleiben, wenn die Vereinigten Staaten nicht eine verläßliche und kontinuierliche Politik betreiben.
Es gibt weite Kreise, die es in bestimmten Fällen gerne
sehen würden, wenn die Vereinigten Staaten ihrem Prinzip, ihnen
bei der Lösung ihrer besonderen Probleme behilflich zu sein,
untreu würden. Das geschieht jedoch selten. Darauf ist ein großer Teil der oberflächlichen Kritik zurückzuführen, mit der
wir im Ausland bedacht werden. Ich glaube aber, daß sich die
Vereinigten Staaten trotz dieser leichten Unzufriedenheit mit
ihrer Haltung, einer tiefen und weltweiten Achtung erfreuen, da
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"AMERIKA DIENST"

da sie, abgesehen von gelegentlichen Versäumnissen, im allge-r
meinen gewisse Prinzipien mit allem Nachdruck vertreten und
einem Kurs folgen, der im ganzen gesehen beständig und folgerichtig ist. Ohne ihn würde es keine Harmonie und kein Gefühl der Sicherheit geben, wie es zwischen freien Völkern
herrschen sollte.
Es ist ganz klar, daß für eine beständige und berechenbare Politik eine breitere Grundlage nötig ist, als sie durch
die jeweiligen Anschauungen der gerade in der Regierung befindlichen Partei gegeben wird. Unsere Politik muß einerseits die uneingeschränkte Billigung unseres eigenen Volkes
finden und andererseits die Interessen anderer Nationen
respektieren. Es scheint, daß sich für einen solchen Zweck
nur Prinzipien eignen, die den Moralgesetzen nicht zuwider
laufen. Nicht nur der Glaube unseres tief religiösen Volkes
sondern auch ein in vernünftigen Grenzen gehaltenes Eigeninteresse verlangen, daß die Moralgesetze nicht nur die
Handlung des Einzelnen sondern auch die Politik unseres
Staates bestimmen.

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�A M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENHOWER EMPFIEHLT BEITRITT ZUR
INTERNATIONALEN ZOLL- UND HANDELSORGANISATION

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Botschaft Präsident Eisenhowers vom 14.April
1955, in der er den amerikanischen Kongreß
um die Ermächtigung ersucht, den Beitritt
der Vereinigten Staaten zur Internationalen
Zoll- und Handelsorganisation zu erklären.
An den Kongreß der Vereinigten Staaten,
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist beständig bemüht, die geistigen, politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bindungen zwischen den freien Völkern zu stärken. Durch Festigung dieser Bindungen tragen wir dazu bei,
unseren eigenen Lebensstil zu wahren, den Lebensstandard
anderer Völker zu heben, und den um der Sicherheit der freien Welt willen erforderlichen höheren Produktionsstand herbeizuführen. Im Hinblick auf diese Ziele empfahl ich dem
Kongreß in meiner Botschaft vom 10.Januar 1955» entsprechende Gesetze zu erlassen, um eine gesunde Ausweitung des Handels zu fördern und einen verstärkten Strom des für die Expansion der Volkswirtschaften anderer Länder erforderlichen
Privatkapitals einzuleiten.
Im Sinne dieser Ziele haben die Vereinigten Staaten in
den letzten 7 Jahren an jener multilateralen Handelsvereinbarung teilgenommen, die unter der Bezeichnung "Allgemeines
Zoll- und Handelsabkommen" bekannt ist. Dieser für die amerikanische Außenhandelspolitik so entscheidende Schritt wurde
im Einklang mit den Befugnissen vollzogen, die der Kongreß
dem Präsidenten im Rahmen der Gesetzgebung über den Abschluß
zweiseitiger Handelsabkommen übertragen hatte. Nach einer
mehrmonatigen eingehenden Überprüfung der im Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommen festgelegten Richtlinien für den
Außenhandel haben sich die Vereinigten Staaten und 33 weitere Signatarmächte im vergangenen Monat auf eine teilweise
Revision dieser Richtlinien geeinigt. Es wurde auch ein
neuer Vertrag entworfen, der die Schaffung einer unkomplizierten internationalen Organisation vorsieht, die die Ee- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20- April 1955

die Bezeichnung "Internationale Zoll- und Handelsorganisation"
(Organization for Trade Cooperation - OTC) erhalten und das Allgemeine" Zoll- und Handelsabkommen verwalten soll.
Ich darf hier noch einmal kurz auf die Umstände verweisen,
die den Anlaß zum Abschluß des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens und zur Teilnahme der Vereinigten Staaten an ihm gegeben
haben. Ich möchte auch darauf hinweisen, welche Vorteile es uns
eingebracht hat - Vorteile, die die Weiterführung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens und eine Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten in der neuen internationalen Zoll- und Handelsorganisation rechtfertigen.
Die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, die
durch den II. Weltkrieg hervorgerufen worden waren, gefährdeten
in der unmittelbaren Nachkriegszeit das Wiederaufleben eines gesunden und expandierenden Welthandels. Zahlreiche Länder konnten
nichts exportieren und hatten auch nicht die Mittel, Produkte
anderer Länder zu kaufen. Der weitgehende Rückgriff auf Importbeschränkungen und auf diskriminierende bilaterale Handelsabmachungen drohte zu einer Rückkehr zum wirtschaftlichen Isolationismus und zu einem staatlich gelenkten und stark eingeengten
Außenhandel zu führen. Es bedurfte großer, im Geist der Zusammenarbeit unternommenen Bemühungen, um nichtgerechtfertigte Handelsbeschränkungen allmählich zu beseitigen und eine Reihe von Kriterien aufzurichten, die sich gleichermaßen für die Völker der
freien Welt als auch für das Wiederaufleben des Welthandels als
segensreich erweisen sollten.
Angesichts dieser weltpolitischen Lage handelten die Vereinigten Staaten und eine Reihe befreundeter Nationen untereinander eine Reihe von Zollabkommen aus. Sie vereinbarten ferner
verschiedene Grundsätze und Richtlinien für den Handel, um so
die eingeräumten Zollvergünstigungen zu schützen. Ali diese Zollabmachungen und Richtlinien für den Handel wurden in einer multilateralen Vereinbarung zusammengefaßt, dem "Allgemeinen Zollund Handelsabkommen."
Die genannten Richtlinien für den Handel bestehen im wesentlichen aus Bestimmungen, die die Vereinigten Staaten seit 1934
schon in ihren bilateralen Handelsabkommen zu verwirklichen suchten, mit denen wir den Schutz der im Rahmen solcher Abmachungen
ausgehandelten Zollvergünstigungen erstrebten. Sie sehen beispielsweise vor, daß Zollerleichterungen nicht durch die Einführung
anderer restriktiver Maßnahmen null und nichtig gemacht werden
dürfen; daß die Einfuhren keinerlei mengenmäßigen Beschränkungen
unterworfen werden sollen; daß Handelsbeschränkungen, sofern sie
dennoch angewandt werden, ohne Unterschied auf alle anderen Staaten angewandt werden müssen; und daß Erleichterungen, die man
einem Staat gewährt, auch auf die gleichen Produkte anderer Staaten gemäß dem unbedingten Prinzip der Meistbegünstigung, angewandt
werden sollten.
Um
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Um das notwendige Maß an Flexibilität zu gewährleisten, das
im Hinblick auf die ganz verschiedenartigen Bedürfnisse der Teilnehmerstaaten erforderlich ist, sieht das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen verschiedene Ausnahmen bezüglich der grundsätzlichen Regelung vor. Unter gewissen Umständen kann einzelnen Ländern ein Abweichen von diesen grundsätzlichen Richtlinien gestattet werden. Die Vereinigten Staaten haben die Erlaubnis zu einem
solchen Abweichen im Falle des Imports von landwirtschaftlichen
Produkten erhalten, da in den USA auf diesem Gebiet feste Regierungsprogramme bestehen.
Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen hat durch die Festsetzung von Richtlinien für den Außenhandel und durch die in seinem Rahmen geführten Zollverhandlungen sehr zur Erreichung jenes
Ziels beigetragen, dessentwillen es einst geschlossen wurde:
Eine geordnete Expansion des Welthandels. 34 Länder mit einem
Gesamtanteil von vier Fünfteln am Welthandel beteiligen sich gegenwärtig an diesem Versuch zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Der Welthandel hat in raschem Tempo zugenommen, und für zahlreiche Länder gilt, daß der Außenhandel heute einen weit höheren
Prozentsatz der Gesamtgüterproduktion aufnimmt als in den Vorkriegsjahren.
Die Vereinigten Staaten haben aus der Teilnahme an den multilateralen Wirtschaftsverhandlungen im Rahmen des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens vor allem einen wichtigen Vorteil
genossen: Wir haben auf diesem Wege weit mehr Zollbegünstigungen
auf unsere Exportwaren erhalten können, als uns zweiseitige Verhandlungen je eingebracht hätten. Unser Land konnte als Teilnehmer an dieser multilateralen Vereinbarung Vorteile ziehen, die
andere Staaten in Verhandlungen nicht zugestanden hätten, die
also nur durch dieses multilaterale Unternehmen zu erreichen
waren.
Wie wertvoll die Verhandlungen über derartige multilaterale
Handelsvereinbarungen für die Vereinigten Staaten sind, läßt
sich in etwa an der Tatsache ermessen, daß es uns möglich war,
Begünstigungen für rund 50 Prozent unserer gesamten wertmäßigen
Ausfuhren auszuhandeln.
Ein weiterer Vorteil, der den Vereinigten Staaten aus der
Teilnahme am Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen erwuchs, ist
im Verlauf der letzten beiden Jahre offenbar geworden. Die Richtlinien für den Handel gestatten anderen Ländern, sofern sie
eine unausgeglichene Handelsbilanz haben, die Einschränkungen
von Dollar-Einfuhren; da sich aber die Zahlungsposition jener
Länder inzwischen erheblich gebessert hat, ist es uns gelungen,
sie von der Notwendigkeit eines Abbaues solcher Beschränkungen
zu überzeugen. .Zwischen 1953 und dem Beginn des Jahres 1955 haben 10 westeuropäische Staaten die quantitativen Beschränkungen
auf Dollareinfuhren bis zu 60 Prozent der Gesamthöhe ihrer derartigen Importe aufgehoben. In den ersten Monaten dieses Jahres
wurden weitere Beschränkungen beseitigt. Bestünde das Allgemeine
Zoll- und Handelsabkommen nicht, dann wäre es weit schwieriger,
diese Länder von der Notwendigkeit eines Abbaues solcher Einfuhrbeschränkungen zu überzeugen.
Eine
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Eine restlose Inanspruchnahme der für unsere Exporte seit 1948
ausgehandelten Zollvergünstigungen rückt deshalb nunmehr in nächste: Nähe. Es ist das Ziel meiner Regierung, die im Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommen vorgesehene Konsultation mit dem Ziel
zu betreiben, die Einhaltung dieser Verpflichtungen zum Nutzen
unseres Außenhandels sobald als möglich zu verwirklichen.
Neben der allgemeinen Lockerung der Beschränkungen für
Dollar-Importe, die inzwischen durchgeführt worden ist, gelang
es uns auch, andere Länder zur Aufhebung diskriminierender Einfuhrbeschränkungen für bestimmte Dollargüter zu bewegen. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat auf die Unvereinbarkeit zwischen derartigen diskriminierenden Maßnahmen und den Grundsätzen
des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens hingewiesen und in diesem Sinne Protest erhoben. Gewisse diskriminierende Bestimmungen
gegen Importe aus den USA wurden daraufhin aufgehoben, zum Beispiel bei Kohle, Äpfeln, Zigaretten, Holz, Kartoffeln, Textilien,
Autos, Tabak, Erdöl, Wolle und Filmen.
Ein weiterer wichtiger Beitrag des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens zur Ausweitung des Handelsvolumens ist die Garantie gegen Globalerhöhungen von Zollsätzen auf den Exportmärkten. Unsere Exporteure können daher ihre Absatzpläne für Märkte
in Übersee auf der Basis einer klareren Situation hinsichtlich
der Zollsätze zur Durchführung bringen. In Übereinstimmung mit
den Handelsgepflogenheiten können die Partnerstaaten natürlich
in Einzelfällen, in denen die einheimische Industrie ernstlich
geschädigt würde, die Zollsätze erhöhen.
Das revidierte Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen ist von
der amerikanischen Regierung gründlich studiert worden. Ich persönlich glaube, daß es eine allgemeine Verbesserung und Konsolidierung erfahren hat. Es schützt die rechtmäßigen Interessen der
Vereinigten Staaten und schafft eine feste Grundlage für eine
organische Ausweitung des Handels unter den freien Nationen
der Welt. Die für die Vereinigten Staaten bestehende Notwendigkeit
die Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten, für die die USRegierung eigene Programme ausgearbeitet hat, zu drosseln, wird
voll anerkannt. Für das Recht der USA, die rechtmäßigen Interessen ihrer Industrien und ihrer Arbeiterschaft zu schützen, ist
eindeutig Sorge getragen. Die Handelsvorschriften hinsichtlich
einer Verhängung von diskriminierenden Importkontrollen wurden
verschärft, ein Umstand, der die Anstrengungen zur Beseitigung
und Verhinderung diskriminierender Restriktionen gegen amerikanische Exportgüter noch unterstützen dürfte. Der Geist, in dem
die Teilnehmerstaaten an die Aufgabe der Überprüfung und Revidierung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens herangingen,
war ermutigend und stellt vielleicht die beste Garantie für die
Lebenskraft dieser Institution dar.
Auf Grund siebenjähriger Erfahrungen kamen die Vereinigten
Staaten und die anderen Teilnehmer-Länder überein, daß die organisatorischen Bestimmungen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens abgeändert werden müßten, um einen ständigen Apparat zur
Ausarbeitung und Überwachung der Handelsverfahren und ein Forum
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�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Forum für die Diskussion der gemeinsamen Handelsprobleme zu
schaffen. Nach der gegenwärtigen Gliederung obliegt die Lösung
dieser Fragen hauptsächlich den Delegierten zu den Jahreskonferenzen des GATT. Die Teilnehmerstaaten hatten daher vorgeschlagen, eine Internationale Zoll- und Handelsorganisation
(OTC) zu bilden, um eine wirksamere Planung und Überwachung
der Handelsverfahren und der damit zusammenhängenden Fragen
zu gewährleisten.
Die Internationale Zoll- und Handelsorganisation (OTC)
wird auf Grund einer Sondervereinbarung der Teilnehmerstaaten
errichtet. Neben der Funktion, das Abkommen durchzusetzen,
stellt sie ein Organ dar, durch das die Vorbereitungen zu Handelsbesprechungen erleichtert werden könnten. Sie würde ferner
als ein Forum zur Diskussion von Handelsangelegenheiten dienen
und es ermöglichen, für die verschiedensten Probleme in bezug
auf die Handelspraxis eine für alle Beteiligten befriedigende
Lösung zu finden. Die Organisation soll keine supranationalen
Befugnisse besitzen. Sie selbst füktfat keine Handelsbesprechungen; dies ist vielmehr Sache der Länder, die an solchen Verhandlungen interessiert sind und die auch den Rahmen dafür bestimmen.
Die Delegation der Vereinigten Staaten, die ebenfalls an
der Revidierung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens mitarbeitete, hatte die besondere Anweisung, alle Bemühungen zu
einer Ausweitung der Funktionen der neuen Organisation auf andere denn auf rein handelstechnische Gebiete zurückzuweisen.
Ein Maßstab für den Erfolg der Verhandlungen, wie er sich von
den Vereinigten Staaten aus gesehen darstellt, ist die Tatsache,
daß die vorgeschlagene Internationale Zoll- und Handelsorganisation auf diese Weise in ihren Funktionen innerhalb gewisser Grenzen festgelegt ist. Meiner Ansicht nach wird ihre Wirksamkeit
gerade durch den Umstand noch erhöht, daß sie einen derartigen
festumrissenen und begrenzten Aufgabenbereich besitzt.
Ich halte die Gründe für eine Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten in der geplanten Organisation für sehr zwingend.
Mit unserem Beitritt würden wir der freien Welt unser aktives
Interesse an der Förderung des Handels unter den freien Nationen demonstrieren. Wir würden den Beweis für unseren Wunsch
erbringen, in Handelsdingen ebenso unserer Bereitschaft zur'
Zusammenarbeit Ausdruck zu geben, wie wir es auf militärischem
Gebiet hinsichtlich der Regionalpakte wie der Nordatlantikpaktorganisation, und auf währungs- und finanztechnischem Gebiet hinsichtlich des Internationalen Währungsfonds und der
Weltbank bereits getan haben. Wir würden somit im Kampf gegen
die Herrschaftsbestrebungen des Kommunismus weiterhin zusammenarbeiten, um die allgemeine Sicherheit und den Wohlstand aller
Länder zu erhöhen.
Ein solches Vorgehen könnte den vernünftigen Eigeninteressen der Vereinigten Staaten nur dienlich sein. Als Mitglied
dieser Organisation könnten wir wirksamer auf die Beseitigung
diskriminierender Restriktionsbestimmungen gegen unsere Exportgüter hinarbeiten. Wir könnten dazu beitragen, Bedingungen zu

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�"AMERIKA LIENST" •*- WIRTSCHAFT UNL ARBEIT

20. April 1955

zu schaffen, die für eine Konvertierbarkeit der Währungen
günstiger sind. Wir könnten die Ausweitung der Überseemärkte
zur Erhöhung des Absatzes unserer Bergbau-, Agrar- und Fertigprodukte fördern. Wir könnten dazu beitragen, daß sich
günstigere Verhältnisse für den internationalen Kapitalmarkt
entwickeln, da speziell in den wirtschaftlich unterentwickelten
Gebieten der ganzen freien Weit Kapital so dringend zur Ausweitung der Produktion benötigt wird.
Bin Abseitsstehen der Vereinigten Staaten bei der Schaffung der Internationalen Zoll- und Handelsorganisation würde
in der ganzen freien Welt als ein Mangel an aufrichtigem Interesse seitens der USA an den Bestrebungen zur allgemeinen
Ausweitung des Welthandels ausgelegt werden. Ein solches Verhalten bedeutete einen ernsten Rückschlag für den Aufschwung,
den jetzt die Bemühungen um die Erreichung dieses Zieles erhalten haben. Es wäre ein schwerer Schlag gegen die sich anbahnende Entwicklung gemeinsamer Maßnahmen zur Verteidigung
der freien Welt. Es würde zur Verhängung von Handelsrestriktionen auf Seiten der anderen Länder führen, was eine Verminderung der internationalen Handelstätigkeit zur Folge hätte
und den amerikanischen Export weit zurückwerfen würde. Es
könnte zu einer neuen regionalen Blockbildung der Völker
kommen. Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, daß alle
diese Entwicklungen nur den Kommunisten zum Vorteil gereichen
würden.
Deshalb sollten nach meiner Ansicht die Vereinigten Staaten mit den anderen Ländern der freien Welt zusammengehen, um
unsere Handelsprobleme auf kooperativer Basis zu lösen.
Ich unterbreite hiermit Kopien des Vertragsentwurfs über
die Schaffung einer Internationalen Zoll- und Handelsorganisation und empfehle, daß der Kongreß die gesetzliche Vollmacht zur Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten in dieser
Organisation erteilen möge.

Lwight L. Eisenhower

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�A M E R I K A

D I

N S T

ZEHN JAHRE ZUSAMMENARBEIT ZUM WOHLE DER MENSCHHEIT

Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Rede, die der Unterstaatssekretär im US-Außenministerium für Angelegenheiten internationaler Organisationen, David McKendry Key,am 15. April 1955 vor
den Mitgliedern der Amerikanischen Gesellschaft für
die Vereinten Nationen in Trenton (New Jersey) gehalten hat.

TRENTON — (AD) — Diese Versammlung bietet willkommene Gelegenheit, die Leistungen der Vereinten Nationen in der Vergangenheft zu überprüfen und einen Blick auf die vor ihr liegenden
Aufgaben, der Zukunft zu tun.
In etwa zwei Monaten wird in San Francisco, der Geburtsstätte der Vereinten Nationen, eine Gedenkwoche in Würdigung
der zehnjährigen Wiederkehr des Tages veranstaltet, an dem die
Charta dieser Organisation unterzeichnet wurde. Auf einer Reihe
von Sitzungen wird den Mitgliedern der Vereinten Nationen Gelegenheit geboten werden, Rechenschaft über die Leistungen der
Organisation zu geben. Die Stadt San Francisco hat sich freundlicherweise bereit erklärt, den Vereinten Nationen anläßlich
dieses denkwürdigen Jahrestages Gastfreundschaft zu gewähren.
Die UN-Vollversammlung, hat die Einladung im vergangenen Dezember einstimmig angenommen und das Sekretariat der Vereinten Nationen trifft gegenwärtig die notwendigen Vorbereitungen. Die
Vereinigten Staaten werden an diesen Sitzungen durch eine Delegation vertreten sein, die vofe Außenminister John Foster Dulles
sowie Botschafter Henry Cabot Lodge geführt wird.
Wenn wir unsere Gedanken auf dieses bedeutsame Treffen wenden, so wollen wir gleichzeitig der wichtigen Rolle gedenken,
die nichtstaatliche Organisationen bei der Beratung unserer
Delegation anläßlich der vor 10 Jahren in San Francisco erfolgten Gründung der Vereinten Nationen gespielt haben.
Ich freue mich, sagen zu dürfen, daß vom Sekretariat der
Vereinten Nationen entsprechende Vorkehrungen getroffen werden,
um durch Hinzuziehung von Vertretern der nichtstaatlichen Organisationen diesen Feierlichkeiten einen so weiten und repräsen- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

27. April 1955

repräsentativen Rahmen wie nur eben möglich zu geben.
Die im historischen Opernhaus von San Francisco stattfindenden Sitzungen werden einen neuen Meilenstein in der Entwicklung der Vereinten Nationen seit ihrer Gründung darstellen. Trotz
aller Schwierigkeiten, die der Errichtung des in der Charta der
Vereinten Nationen vorgesehenen festgefügten und arbeitsfähigen
Apparats entgegenstanden und angesichts internationaler Probleme,
die man bei der Abfassung der Charta nicht voraussehen konnte,
ist es gelungen, eine straffe Organisation aufzubauen. Das Wachstum und das unverminderte tatkräftige Wirken der Vereinten Nationen haben in den vergangenen 10 Jahren den Glauben ihrer Gründer gerechtfertigt.

Eines der wichtigsten unvorhergesehenen Ereignisse, vor das
sich die Vereinten Nationen schon in den ersten Jahren nach ihrer
Gründung gestellt sahen, war der Eintritt der Menschheit in das
Atomzeitalter. In der Zeit, die zwischen der Unterzeichnung der
Charta von San Francisco im Juni 1945 und ihrem Inkrafttreten
vier Monate später im Oktober des gleichen Jahres verging, lernte
der Mensch erstmals die destruktiven Möglichkeiten dießer neuen
Macht kennen. In den folgenden 10 Jahren Bind die Vereinten Nationen vor die immer dringlicher werdende Notwendigkeit gestellt
worden, diese Kraft unter Kontrolle zu stellen und zum Wohl der
Zivilisation einzusetzen, statt zuzusehen, wie sie für Zwecke der
Zerstörung verwendet wird.
Die Vereinten Nationen haben diese Forderung erkannt und
sind bemüht, Mittel und Wege zu finden, dieser Aufgabe gerecht
zu werden. Sie setzen sich mit aller Kraft für die Schaffung
einer internationalen Atombehörde im Rahmen der Vereinten Nationen zur friedlichen Ausnutzung der Atomenergie ein. Außerdem wird
im August dieses Jahres in Genf eine internationale Konferenz
führender Kernphysiker darüber stattfinden, wie die Segnungen
der Atomenergie der ganzen Menschheit zugänglich gemacht werden
können. Was aber die politische Kontrolle der Atomenergie betrifft,
so ringen die Vereinten Nationen nach wie vor mit dem Problem
einer die allgemeine Sicherheit nicht gefährdenden Abrüstung und
der Eliminierung der Atomenergie als Werkzeug der Zerstörung. Botschafter Wadsworth, der an sich heute gleichfalls zu Ihnen hätte
sprechen sollen, ist leider verhindert, weil er zur Zeit die Vereinigten Staaten in London auf den Sitzungen des Unterausschusses
für Abrüstungsfragen vertritt.

Wenn man die Vereinten Nationen und ihre zehnjährige Geschichte betrachtet, dann sollte man gewisse Unterschiede nicht außer
acht lassen, die zwischen der Organisation, wie sie in der Charta
in Aussicht genommen war, und der tatsächlichen Organisation, wie
sie heute auf Grund praktischer Erfahrungen aussieht, bestehen.
In dem ganzen letzten Jahrzehnt haben Tausende von Männern und
Frauen, denen der Frieden am Herzen liegt, sich darum gemüht,
die in der Charta vorgezeichneten Pläne in die Wirklichkeit, zu
übertragen. Dabei gewannen sie die Erkenntnis, daß im Laufe der
Zeit immer wieder Abänderungen an den Plänen vorgenommen werden
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�"AMERIKA DIENST"

27. April 1955

werden mußten, um den Stoff, mit dem sie es zu tun hatten und den
Baugrund, auf den sie angewiesen waren, einander anzugleichen.
Infolgedessen haben sich die Vereinten Nationen in mancher
Hinsicht anders entwickelt als ihre Gründer das ursprünglich
beabsichtigt hatten. Wäre die Charta in ihren Bestimmungen starr
gewesen, dann hätten die friedliebenden Länder sich in der Tat
unüberwindlichen Hindernissen gegenüber gesehen. Zum Glück erwies
sich die Charta als "elastisch" genug, um unvorhergesehenen
Schwierigkeiten auf verschiedene Art und Weise zu begegnen.
Die Vereinten Nationen sind heute ein arbeitsfähiger und lebenskräftiger Organismus, der die Probe gefahrvoller Zeiten bestanden
und die Fähigkeit zu weiterem Wachstum bewiesen hat.
Ich möchte Ihnen heute vor Augen führen, mit wieviel Erfindungsgabe die freien Völker ans Werk gegangen sind, um im Geiste
der Charta mit den schweren Problemen der Nachkriegszeit fertig
werden zu können. Die entscheidende Feuerprobe für die Vereinten Nationen war der brutale Überraschungsangriff der Kommunisten
gegen die Republik Korea im Jahre 1950. Dies trieb die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen zu einer improvisierten aber erfolgreichen Verteidigung der zum Schlachtfeld gewordenen Republik.
Uns allen ist dieses wichtige Blatt in der Geschichte der Vereinten Nationen bekannt. Der Korea-Krieg forderte hohe Opfer an Gut
und Blut, er hat aber auch gezeigt, daß die Vereinten Nationen
als Organisation bereit und willens sind, moralischen und militärischen Herausforderungen zu begegnen.
In Korea sind die Vereinten Nationen der direkten und offenen
Herausforderung einer kommunistischen Aggression - die auch von
allen als solche klar erkannt wurde - entgegengetreten. Zur gleichen Zeit mußte die freie Welt auch noch verschiedene Versuche
des Weltkommunismus abwehren, nichtkommunistische Völker und
Staaten von innen heraus zu zersetzen. Es wurden jedoch Mittel
und Wege gefunden, diese Machenschaften zunichte zu machen, und
Bedingungen zu schaffen, die jeden möglichen Aggressor warnen
oder abschrecken müssen.
Die Vereinten Nationen haben - dank der ihrer Charta eigenen
Flexibilität - bei der Lösung dieser Probleme eine wichtige Rolle
gespielt. Während der letzten zehn Jahre wurden eine Reihe von
regionalen Körperschaften und Sonderorganisationen ins Leben gerufen und mehrere multilaterale Abkommen geschlossen, die alle
die Verwirklichung der grundsätzlichen Ziele der Charta der Vereinten Nationen zum Ziele haben, nämlich Frieden, Sicherheit und
Wohlstand.
Wenden wir uns zuerst den regionalen Körperschaften zu,
die zum Zwecke einer kollektiven Verteidigung geschaffen wurden.
Dies wäre nicht notwendig gewesen, wenn sich die Großmächte in
der Frage der Aufstellung einer Streitmacht der Vereinten Nationen
zur Sicherung des Friedens und zur Abwehr von Aggressionen geeinigt hätten. Die Sowjetunion, hat jedoch, wie Sie alle wissen,
schon sehr frühzeitig ihre mangelnde Bereitschaft bekundet, eine
Organisation der Vereinten Nationen zu schaffen, die in der Lage

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Lage wäre, eine Aggression zu verhindern oder niederzuschlagen.
Während die Sowjetunion in den ersten Jahren des Bestehens der
Vereinten Nationen bei den Diskussionen im Militärausschuß des
UN-Sicherheitsrates ihre Obstruktionspolitik fortsetzten drohten
sie mit Aggression und unterstützten sie, hetzten zum Umsturz
und legten ihren osteuropäischen Satelliten schwere Ketten an.
Dieses Verhalten bedeutete für die Vereinigten Staaten und andere
Länder der freien Welt eine ernste Bedrohung ihrer Sicherheit. Um
dieser Bedrohung Herr zu werden, wurde die Nordatlantikpaktorganisation (NATO) geschaffen, eine kollektive Verteidigungsorganisation von der Art, wie sie die Charta der Vereinten Nationen gestattet.
Die NATO hat bereits wertvolle Beiträge zur Erreichung der
Ziele der Vereinten Nationen geleistet, indem sie Bedingungen
schuf, die die Aggressionsgefahr eindämmten, die allgemeine Sicherheit förderten und die internationalen Spannungen lockerten.
Da nunmehr die Ratifizierung der Abkommen, die die Schaffung der
Westeuropäischen Union zum Ziele haben, gesichert scheint, wird
schon in Kürze auf dem europäischen Kontinent eine neue Bastion
gegen die kommunistische Expansion errichtet werden. Die erbitterte Opposition der Sowjets und ihre verzweifelten und unablässigen wiederholten Versuche, die Schaffung eines einigen Europas
zu verhindern, unterstreichen nur die Bedeutung dieser Entwicklung
als Sicherung gegen die sowjetische Expansionspolitik.
Die NATO und die Westeuropäische Union sind als Reaktion
auf die unvorhergesehenen Bedingungen ins Leben gerufen worden,
die der sogenannte Kalte Krieg geschaffen hat. Sie stellen jedoch nicht die ersten Organisationen dieser Art dar. Bereits
vor der Schaffung der Vereinten Nationen bestand in der westlichen
Hemisphäre eine Organisation der in Artikel 52 der Charta der
Vereinten Nationen erwähnten Art. Artikel 52 lautet: "Die Charta
schließt die Existenz von regionalen Bündnissen oder Organen, die
sich für die Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und
der internationalen Sicherheit nach Maßgabe regionaler Gegebenheiten einsetzen, nicht aus..." Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Vereinigung der amerikanischen Republiken (Organization of American States), die jahrelang die kollektive Verteidigungskraft und die gemeinsame Sicherheit in der amerikanischen
Hemisphäre gewährleistet hat.
Ich habe dieses Beispiel für alle diejenigen angeführt, die
fürchten, daß defensive RegjLönalorganisationen die Autorität der
Vereinten Nationen verringern oder als Zeichen der Unzulänglichkeit der Vereinten Nationen gewertet werden könnten. Ganz im
Gegenteil bringt die Charta klar zum Ausdruck, daß die Vereinten
Nationen solche Organisationen oder Abmachungen in erster Linie
heranziehen, die zur Aufrechterhaltung des Friedens unter den Völkern beitragen. Die Charta sieht zum Beispiel vor, daß die Mitgliedstaaten von regionalen Einrichtungen oder Organen im Rahmen dieser
Organisationen "alle Anstrengungen machen, eine friedliche Beilegung lokaler Unstimmigkeiten zu erreichen", noch ehe sie die
umstrittenen Fragen vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
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Nationen bringen. Die Charta sieht weiter vor, daß der Sicherheitsrat die Beilegung von Streitigkeiten auf diese Art fördern soll.
Verschiedene gefährliche Streitfragen zwischen den amerikanischen
Republiken konnten so durch die Vermittlung der Vereinigung der
amerikanischen Republiken zufriedenstellend geschlichtet werden.
Das jüngste Beispiel - es liegt nur einige Monate zurück - war
das sofortige und wohlüberlegte Eingreifen im Falle Costa Rica.
Der Manila-Pakt, der erst kürzlich unter Beteiligung•der
Vereinigten Staaten zustande kam und als ein solches regionales
Bündnis anzusehen ist, dient dem Zweck, der offensichtlichen
Gefahr für die Sicherheit und Interessen der südostasiatischen
Staaten zu begegnen. Er soll als Warnung für alle diejenigen
dienen, die Aggressionspläne hegen. Er bringt außerdem zum Ausdruck, daß alle Paktstaaten im Falle eines Angriffs Widerstand
leisten und daß sie eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihrer Länder nicht dulden werden. Abkommen dieser Art stärken
die Position der Vereinten Nationen.
Diese kollektiven Verteidigungsorganisationen sind in erster
Linie dafür gedacht, der Drohung einer militärischen Aggression
entgegenzutreten. Jedoch haben uns die üblen Erfahrungen, die wir
seit der Gründung der Vereinten Nationen machen mußten, gelehrt,
daß wir auch auf eine andere und heimtückischere Form der Aggression vorbereitet sein müssen. Damit meine ich die Aggression
durch Subversion und Infiltrationsmethoden, von denen die Kommunisten wiederholt Gebrauch gemacht haben. Wir haben die traurigen
Ergebnisse solcher Methoden an einem Land wie der Tschechoslowakei
selbst beobachten können, dem der Kommunismus gegen den Willen
des Volkes aufgezwungen worden ist, ohne jegliche offene Aggression. Wir haben die schweren kommunistischen Bedrohungen in
einem Land wie Griechenland erlebt, die nur durch das sofortige
Eingreifen der Vereinten Nationen und der Vereinigten Staaten
sowie die heroischen Anstrengungen des griechischen Volkes angewendet werden konnte.
Sowohl die Vereinigung der amerikanischen Republiken als
auchcdie Unterzeichnerstaaten des Manila-Paktes haben daß Bestehen dieser gefährlichen kommunistischen Taktik erkannt. In
der Erklärung von Caracas wird die Forderung erhoben, daß die
amerikanischen Republiken den Erfahrungsaustausch untereinander
pflegen und geeignete Maßnahmen treffen sollen, um eine Beherrschung oder Kontrolle der politischen Einrichtungen in irgendeiner der amerikanischen Republiken durch den internationalen
Kommunismus zu verhüten. Sie sieht auch noch andrere Maßnahmen
zur Eindämmung des kommunistischen Einflusses in unserer Erdhälfte vor. Der Manila-Pakt bekennt sich zu den gleichen Zielen.
Diese Erklärungen sind ein eindeutiger Beweis des Willens der
freien Völker, Aggression durch Subversion zu unterbinden.
Ich will mich nun einer anderen Form der regionalen Vereinbarungen zuwenden, die einen ähnlichen Zweck verfolgt, nämlich
durch Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet den Ursachen der
Unsicherheit und Unruhe zu Leibe zu rücken. Solche Übereinkünfte
sind sowohl innerhalb als au'ch außerhalb des Gefüges der Vereinten .
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Vereinten Nationen getroffen worden, und sie ergänzen sich heute
gegenseitig. Die Charta sieht beide Formen der Zusammenarbeit vor.
Innerhalb der Vereinten Nationen wurden durch den Wirtschaftsund Sozialrat die Wirtschaftskommissionen für Europa, für Lateinamerika sowie für Asien und den Fernen Osten ins Leben gerufen.
Aufgabe dieser Kommissionen ist es, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu studieren und Empfehlungen auszuarbeiten, wie durch Belebung von Handel, Industrie und Landwirtschaft»steigender Lebensstandard und allgemeiner Wohlstand erreicht werden können,
"die eine unerlässliche Voraussetzung für friedliche, und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern sind". Es ist zu
beachten, daß es nicht Aufgabe dieser Kommissionen sein soll, in
den Ablauf der Dinge handelnd einzugreifen. Sie haben vielmehr
die wesentliche Aufgabe zu erfüllen, die jeweiligen Sachverhalte
festzustellen, die ein Eingreifen geboten erscheinen lassen.
Außerhalb der Vereinten Nationen könnte ich die Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OEEC) nennei, die
im Jahre 1947 gegründet wurde, um die notwendigen Voraussetzungen
für die Beschleunigung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus Europas
zu schaffen. Seitdem hat diese Organisation unablässig den Ausbau der lebenswichtigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit innerhalb der europäischen Völkergemeinschaft angespornt und vorangetrieben. Ohne ihre:' Mithilfe wären die Ziele der NATO auf den
Gebieten der Politik und der Sicherheit gefährdet gewesen. Im
Fernen Osten haben die technischen Hilfsprogramme der Vereinigten
Staaten zum Fortschritt und zur Stabilisierung der Wirtschaft
beigetragen. Präsident Eisenhower hat eben erst erklärt, er wolle
den Kongreß kommende Woche davon unterrichten, daß "die Vereinigten Staaten bereit sind, ihre Zusammenarbeit mit den freien Völkern Süd- und Ostasiens zu vertiefen, um die Bemühung, dieser
Staaten hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und der
Hebung des Lebensstandards zu unterstützen." Wir sind nicht die
einzigen, die diesem hochwichtigen Gebiet Hilfe bringen. Großbritannien hat den Colombo-Plan ins Werk gesetzt, nach dem sich
die Staaten dieses Gebiets gegenseitige Unterstützung bei der
Hebung ihres Lebensstandards zusichern und so den Kommunisten
auf ihre trügerischen Versprechungen eine positive Antwort geben.
Wenn man, um mit Botschafter Lodge zu sprechen, regionale
Verteidigungsorganisationen als Reaktion auf das Vorgehen der
Kommunisten geschaffen hat, so könnte man auch sagen, die regionale wirtschaftliche Zusammenarbeit habe sich als Reaktion auf
die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten der modernen
Welt entfaltet. Die Wirtschaftskommissionen der Vereinten Nationen
und die freiwilligen technischen und wirtschaftlichen Hilfsprogramme - Maßnahmen, die sowohl durch die Vereinten Nationen als
auch von verschiedenen Staaten unabhängig von der UN getroffen
werden - tragen zur Milderung der internationalen Spannung bei
und leisten damit auch einen wichtigen Beitrag zur Erreichung
der Ziele der Charta.
Im
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Im Zusammenhang mit der progressiven Entwicklung der regionalen Seiten einer internationalen Zusammenarbeit steht auch
das, was die Sonderorganisationen der Vereinten Nationen im
Laufe des letzten Jahrzehnts geleistet haben. Wie Sic wissen,
ist die Schaffung dieser Organisationen in der Charta der Vereinten Nationen nicht ausdrücklich vorgesehen. Vielmehr wurden
sie durch Vereinbarungen zwischen den Regierungen geschaffen
und durch den in der Charta vorgesehenen Wirtschafts- und Sozialrat mit den Vereinten Nationen in Beziehung gebracht. Zur Zeit
bestehen zehn dieser Sonderorganisationen. Zahlreiche Regierungen haben ihre Arbeit kraftvoll unterstützt. Infolgedessen haben wir nun ein aufeinander abgestimmtes System von Sonderorganisationen auf den Gebieten der Wirtschaft, des sozialen Lebens,
der Kultur, des Bildungswesens, der Gesundheitspflege und der
Technik. Die Arbeit dieser Stellen ergänzt die von den Vereinten
Nationen geförderten Pläne für die wirtschaftliche Entwicklung
und die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und trägt so zur
Sicherung der wirtschaftlichen und politischen Stabilität bei.
Diese Arbeit trägt nicht immer eine dramatische Note und mag
deshalb in der Öffentlichkeit nicht immer gleich große Beachtung
finden. Die bleibenden und weitreichenden Leistungen der Sonderorganisationen sprechen für sich selbst.
Die Vereinigten Staaten haben die Gründung und Entwicklung
der Sonderorganisationen gefördert. Als Volk haben wir einen
tiefen Glauben an den Grundsatz, daß man anderen helfen solle,
, sich selbst zu helfen. Wir glauben daran, daß man Wissen mit an»
deren teilen solle, und meinen, dieser Vorgang helfe dem Gedenken
ebenso wie dem Nehmenden. Als Staat haben wir Erfahrungen in der
Methodik zweiseitiger und mehrseitiger Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem, technischem und kulturellem Gebiete. Wir vertrauten
fest darauf, daß allen beteiligten Völkern große Vorteile erwachsen müßten, wenn solche Vorhaben unter dem Schutz und Schirm
der Vereinten Nationen und auf der dauerhaften Grundlage einer
echten Zusammenarbeit durchgeführt werden könnten. Von Anfang
an haben wir deshalb diese Vorhaben in großzügiger Weise unterstützt.
.
Unser Vertrauen war nicht fehl am Platze. Von Jahr zu Jahr
ist die Zahl der Teilnehmerstaaten - Mitglieder und Nichtmitglieder der Vereinten Nationen - gestiegen; es steigerte sich sowohl
der finanzielle Beitrag der Staaten zum Budget der Sonderorganisationen als auch die Zuwendungen in Inlandswährung seitens derjenigen Ländler, die direkte Nutznießer der technischen Hilfsprogramme der Vereinten Nationen sind.
Was bedeutet diese Art der Zusammenarbeit für das Wohl der
Menschheit und damit zugleich auch für die grundlegende Stabilität und Sicherheit der Welt? Ich möchte dies an uand des Beispiels
eines bestimmten Gebietes näher erläutern. Es ist eine ermutigende
Tatsache, daß die Nahrungsmittelerzeugung im freien Asien heute
besser ist als zu irgendeinem Zeitpunkt in den vergangenen fünfzig
Jahren. Die Fortschritte in der Nahrungsmittelproduktion waren
enorm. Sie sind weitgehend eine Folge der diesen Staaten von der
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der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten
Nationen (FAO) und von den Vereinigten Staaten gewährten technischen Hilfe für landwirtschaftliche Programme.
Diese Verbesserung der Ernährungsläge schafft erst die
Voraussetzung für den Aufbau der Industrie. Und all das geschieht
zu einer Zeit, da sich die. skrupellosen Führer des Kommunismus
zu dem Eingeständnis eines weitgehenden Zusammenbruchs der Lebensmitte lerzeugung und landwirtschaftlichen Produktion in den von
ihnen beherrschten und nach ihrem System regierten Ländern gezwungen sehen. In dem riesigen Gebiet, das das freie Asien und
den südwestlichen Pazifik umfaßt, leben rund 766 Millionen Menschen - das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung der freien Welt
oder rund ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung. Und doch beläuft sich der wertmäßige Anteil der Produktion dieser Länder auf
nur 75 Milliarden Dollar oder weniger als 10 Prozent der Welterzeugung. Wenn der Frieden ganz oder in einem ausreichenden
Maße erhalten bleibt, dann läßt sich in diesem Gebiet in den
nächsten acht Jahren eine Produktionsausweitung um 30$ erreichen,
die eine wesentliche Erhöhung des Lebensstandards für die Einwohner dieses Raumes und eine zusätzliche Wirtschaftskraft von
großer Bedeutung zur Folge haben würde. Das Bruttosozialprodukt
dieses Gebietes könnte dann bei 100 Milliarden Dollar liegen.
Als Ursache der hier angeführten gesunden und ermutigenden
Fortschritte lassen sich eine ganze Reihe gemeinschaftlicher Bemühungen nennen: die mit den Vereinigten Staaten im Rahmen der
gegenseitigen Wirtschaftshilfe abgeschlossenen Abkommen; private
Entwicklungsvorhaben; das Wirken der Sonderorganisationen der
Vereinten Nationen; freiwillige UN-Programme, wie beispielsweise
der Kinderhilfsfonds und das erweiterte technische Hilfsprogramm;
und freiwillige regionale Abkommen,wie etwa der Colombo-Plan.
Diese verschiedenen Unternehmen ergänzen einander und stehen
nicht etwa miteinander im Wettbewerb. Dank ihrer ist die Zusammenarbeit zum Wohle aller zu einer neuen Kraft im Bereich der internationalen Beziehungen geworden.
Abschließend möchte ich noch einige zusätzliche Bemerkungen
über die Vereinten Nationen aus der Perspektive der Vergangenheit
als auch der Zukunft machen. Die Vereinten Nationen sind eine
lebenswichtige und daher stets wachsende und vielen Änderungen
unterworfene Organisation.Sie haben ihre Lebenskraft bewiesen;
viele Nationen und viele Menschen in vielen Ländern gehören heute
zu ihren treuen Anhängern. Es besteht jede Hoffnung, daß diese
Entwicklung anhält, die zu jedem Zeitpunkt ein getreues Spiegelbild sowohl der Weisheit und des Fortschritts als auch der Unzulänglichkeiten des Menschen sein wird.

Ich meine schon, daß die Vereinten Nationen am 10. Jahrestag ihrer Gründung mit Stolz auf ihre Leistungen und Fortschritte
zurückschauen können. Die Vereinten Nationen sind keine vollkommene
Organisation und werden niemals das Goldene Zeitalter bringen.
Sie bieten uns jedoch die Grundlage für eine kollektive Sicherheit.
Sie haben eine wichtige Rolle bei der Erhaltung des Friedens zu

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zu spielen. Sie sind ein Forum, vor dem die Vereinigten Staaten
ihre Ansicht darlegen können. Dort können wir die kommunistischen
Machenschaften vor den Schranken der Weltmeinung bloßstellen.
Die Vereinten Nationen sind wesentlich daran beteiligt, die
grundlegenden Ursachen von Kriegen aus der Welt zu schaffen,
indem sie einen Beitrag zur Verbesserung der wirtschaftlichen
und sozialen Verhältnisse leisten. Sie haben in Zeiten bisher
unbekannter Schwierigkeiten in den internationalen Beziehungen
unerschütterlich an ihren Grundsätzen festgehalten. Sie haben
ihren mäßigenden Einfluß auf die entzweienden Kräfte des Kalten
Krieges ausgeübt. Sie bieten uns willkommene Gelegenheit die
Gleichheit zwischen unseren Interessen und denen anderer Völker
sowohl mit Worten als auch mit Taten zu demonstrieren.
Jeder Mitgliedstaat darf mit vollem Recht die Frage erheben,
ob die Vereinten Nationen auch seinen nationalen Interessen dienen. Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie, die Sie die Vereinten Nationen kennen, mit mir einer Meinung sind, daß sie den
Interessen der Vereinigten Staaten förderlich sind - und in hohem
Maß%j sogar.
Als Teilnehmer dieses Programmes möchte ich Ihnen sagen,
daß das Verständnis des Wesens der Vereinten Nationen, ihrer Ziele,
ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Grenzen mit zu den Voraussetzungen dafür zählt, daß die große Unterstützung, deren sich die
UN in unserem Lande erfreuen, auch weiterhin anhält und in Zukunft noch anwächst. Nur mit einem solchen Wissen können wir die
Leistungen der Vereinten Nationen fair würdigen und in konstruktive Weise beurteilen. Außenminister Dulles hat einmal gesagt,
daß jene, welche die Vereinten Nationen am besten kennen, auch die
höchste Meinung von ihnen haben; die wenigen, die sich abfällig
über die UN äußerten, wüßten im allgemeinen nichts über sie.
Ich trete nachdrücklich dafür ein, daß wir keine Gelegenheit
vorübergehen lassen, um das Verständnis der Öffentlichkeit für
die UN und das Wissen um ihre Tätigkeit zu erweitern. Damit würden wir eine Garantie dafür schaffen, daß diese große Institution
jene Unterstützung erhält, die für ihren Fortbestand und ihre
Wirksamkeit unerläßlich ist.
* * * * #

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�A M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENHOWER LEGT DEM KONGRESS DAS
NEUE AUSLANDSHILFEPROGRAMM VOR
3,5 Milliarden Dollar für Auslandshilfe gefordert
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Empfehlung Präsident Eisenhowers an dem amerikanischen Kongreß vom 20.April 1955, in
der er um die Bewilligung von 3 530 000 000
Dollar für das Auslandshilfeprogramm der
USA in dem am I.Juli 1955 beginnenden Haushaltsjahr ersucht. Der größte Teil der Mittel ist für die Länder des freien Asiens
bestimmt.
Die Betschaft des Präsidenten, in der
er die Notwendigkeit einer Hilfe an "bestimmte Länder der freien Welt" eingehend
begründet, hat folgenden Wortlaut:
"Ich empfehle, daß der Kongreß dem in dieser Botschaft
dargelegten Programm für gemeinsame Sicherheit für das am
30.Juni 1956 endende Haushaltsjahr seine Zustimmung gibt.
Dieses Programm trägt den weitgehend verbesserten Bedingungen in Europa und dem dringendsten Bedarf in Asien Rechnung.
Es fördert private Auslandsinvestitionen und das private Unternehmertum im Ausland, begünstigt eine Erhöhung unserer gemeinsamen Anstrengungen, und legt, wo immer dies möglich ist,
den Nachdruck stärker auf Anleihen als auf Schenkungen. Ich
halte das Programm für einen unerläßlichen Bestandteil einer .
realistischen und vernünftigen Politik. .
Das feste unverrückbare Ziel dieser Politik ist ein gerechter, glücklicher und dauerhafter Friede. Auf dieser Grundposition basieren unsere weitgespannten Maßnahmen im Rahmen des
Programms für gemeinsame Sicherheit in bezug auf unseren Außenhandel, unsere militärischen Bündnisse, unseren Informationsaustausch sowie die Bereitstellung von Fachleuten und unsere
Partnerschaft mit den freien Nationen. Diese Partnerschaft
basiert auf der gegenseitigen Abhängigkeit von Wirtschaft
und Verteidigung und auch in dem Verständnis und der Achtung
der einzelnen Partner für die kulturellen und nationalen Zielsetzungen der anderen.
Die
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Die in dieser Botschaft enthaltenen Empfehlungen sind
eine wesentliche Ergänzung des Auslandshilfeprogramms, das
in meiner Botschaft vom 10.Januar 1955 in seinen Grundzügen
dargelegt wurde. Dieses Programm soll die wirtschaftliche
Stärke und die Sicherheit der freien Welt durch eine gesunde
Ausweitung des Handels unter den freien Nationen und durch
einen verstärkten Fluß von Investitionskapital, besonders nach
den unterentwickelten Gebieten, fördern. Der Abbau der Handelsschranken in der freien Welt ist ein entscheidend wichtiger Teil
für die erfolgreiche Durchführung unserer nationalen Politik
der Sicherheit und des Friedens.
Wir müssen jedoch erkennen, daß verschiedene Länder der
freien Welt, bedingt durch die Kriegsfolgen und das Fortbestehen der Kriegsdrohung oder den niedrigen Entwicklungsstand
ihrer Wirtschaft, der Unterstützung bedürfen, um sie in die
Lage zu versetzen, stabile Verhältnisse im Inneren und die erforderliche Verteidigungsstärke zu schaffen. Das Programm
für gemeinsame Sicherheit wurde zu dem Zweck geschaffen, im
nationalen Interesse und um der Sache des Friedens willen, sich
mit diesen spezifischen Problemen zu befassen. Das Programm
rechtfertigt sich aus seinem bereits erwiesenen Wert heraus.
Sein stärkster Erfolg zeigt sich heute am besten in Westeuropa. Die freien Völker in diesem Gebiet haben einen neuen
Produktionshöchststand, ein größeres Außenhandelsvolumen, eine
günstigere Beschäftigungslage und einen steigenden Lebensstandard erreicht. Sie haben starke Verteidigungsstreitkräfte aufgestellt, die heute, wenngleich noch in mancher Hinsicht unzureichend, schon ein wichtiges Abschreckungsmittel gegen eine
Aggression darstellen und die Verteidigungsstärke der freien
Welt entscheidend erhöht haben. Ihre eigenen nationalen Bemühungen und die Zusammenarbeit untereinander waren die wichtigste
Voraussetzung für den Erfolg. Ein Gutteil des Erfolges ist jedoch dem Programm für gemeinsame Sicherheit und seinem Vorläufer, dem Europäischen Wiederaufbauprogramm, zuzuschreiben.
Das Programm, das ich Ihnen hiermit für das Finanzjahr
1956 empfehle, sieht für die ursprünglichen Marshall-PlanLänder in Westeuropa keine Wirtschaftshilfe vor. Diese Staaten
sind in der Lage, die gegenwärtig für den Aufbau des Verteidigungswerks gesteckten Ziele ohne eine derartige Unterstützung
zu erreichen. Bei ständiger Nachprüfung werden die auf Grund
früherer Bewilligungen fälligen Waffenlieferungen auch weiterhin vorgenommen werden, um zu gewährleisten, daß die jüngsten
Entwicklungen auf waffentechnischem Gebiet und in den strategischen Konzeptionen berücksichtigt werden. Unser erster Beitrag für die Ausrüstung deutscher Streitkräfte ist finanziell
durch entsprechende Maßnahmen des Kongresses bereits gesichert.
In Spanien und Jugoslawien, die nicht in den MarshallPlan einbezogen waren, können Verteidigungsprogramme nur dann
erfolgreich durchgeführt werden, wenn die wirtschaftliche Basis
eine weitere Konsolidierung und Stärkung erfährt. Es sind neue
Bewilligungen erforderlich, um unsere Zusammenarbeit mit diesen
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20. April 1955
diesen Ländern fortzusetzen. Ähnlich verlangt auch die Sonderstellung der Stadt Berlin die Weiterführung der Unterstützung
für diesen Vorposten der Freiheit.
Jedoch geht jetzt die eigentliche Bedrohung der Sicherheit
und politischen Stabilität in der Welt von Asien aus. Der weitaus überwiegende Teil der vom Kongreß erbetenen Beträge wird
verwendet werden, um dieser Bedrohung zu begegnen. Innerhalb
eines riesigen Gebietes des freien Asiens, das sich von der Republik Korea und Japan bis zum Mittleren Osten erstreckt, leben
770 Millionen Menschen, das ist ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung. Die meisten von ihnen sind Bürger von Staaten, die
vor nicht allzu langer Zeit ihre Unabhängigkeit erhalten haben.
Einige von ihnen sind kürzlich in einem Krieg gegen die Kommunisten verwickelt gewesen. Sie alle sind bedroht. Kapital ist
sehr knapp. Die technischen und verwaltungsmäßigen Kenntnisse
sind begrenzt. Innerhalb dieses Gebietes jedoch warten riesige
Rohstoffquellen und fruchtbare Landstriche darauf, entwickelt
und genutzt zu werden.
Nunmehr ist der Zeitpunkt für eine beschleunigte wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder gekommen. Die Hauptverantwortung
hierfür müssen notwendigerweise die betreffenden Länder selber
tragen. Bestenfalls kann das ausländische Kapital wie auch die
Auslandshilfe nur den Prozeß einleiten oder fördern, starke Volks
wirtschaften zu schaffen. In dieser Hinsicht haben die Vereinigte
Staaten die Fähigkeit, den Wunsch und das Interesse, bei dem Bemühen, dem freien Asien freundschaftliche Hilfe zu gewähren, die
Führung zu übernehmen.
Beispielsweise können wir bei der Bereitstellung und Mobilisierung von Kapital für nützliche und konstruktive Entwicklungen
behilflich sein. Wir können unsere eigene so erfolgreiche Privatindustrie dazu ermutigen, sich mit den Völkern des freien Asiens
zusammenzutun und ihnen so die Wege für den Aufbau ihrer privaten
Industrie
ebnen. Wir können hinsichtlich der Methoden, durch
welche sich eine freie Nation auf die Initiative von unabhängigen
Farmern stützt, um ständige Fortschritte auf dem Wege zu einem
höheren Lebensstandard zu erzielen, und die im Gegensatz zu den
steigenden Mißerfolgen der kollektiven Agrarwirtschaft stehen,
Ratschläge erteilen.
Es steht fest, daß die meisten Nationen des freien Asiens es
vorziehen, in gemeinsamen Anstrengungen und mit Hilfe des beratenden Ausschusses der Golombo-Plan-Staaten, der im Jahre 1950
zur Förderung der gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung gegründet worden war, dieses Ziel zu erreichen. Wir begrüßen diese
Initiative. Als Mitgliedstaat des Ausschusses werden wir in unserer Arbeit fortfahren, die gemeinsamen Anstrengungen zu verstärken.
Die verschiedenartige Natur der jeweiligen nationalen Gegebenheiten erfordert, daß unsere Zusammenarbeit vor allem
bilateral ist. Einige Staaten gehören dem Manila-Pakt an und

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und die Verpflichtungen, die sie unter diesem Pakt eingegangen sind, verursachen besondere wirtschaftliche Probleme. Die
Mehrzahl der Staaten sind Mitglieder des Colombo-Planes. Die
industrielle Kapazität der meisten Staaten, abgesehen von
Japan, ist sehr gering.
Die Mittel, um deren Bewilligung hier ersucht wird,
schließen größere Summen zur Förderung unserer gemeinsamen
Ziele in diesem Räume ein. Nach meinem Ermessen sind diese
Mittel am besten angelegt, wenn 200 Millionen Dollar für
einen Sonderfonds des Präsidenten zur Förderung der Wirtschaft in Asien abgezweigt werden, wobei der Kongreß ein
Rahmengesetz zu ihrer Verwendung in Form von Anleihen und
Schenkungen schaffen sollte, das anpassungsfähig genmg ist,
um den wechselnden Gegebenheiten zu entsprechen und konstruktive Möglichkeiten auszunutzen.
Um eine Garantie für die wirklich wirksamste Verwendung
dieser Mittel zu schaffen, sollte die Bewilligung sich über
mehrere Jahre erstrecken. Eine kluge und wirtschaftliche
Anlage dieser Mittel ist dabei unter Zeitdruck nicht möglich.
Kleine, fest umrissene jährliche Aufwendungen aus diesem
200-Millionen-Dollar-Fonds können sich in vielen Fällen als
die beste Methode erweisen.
Auf Grund der andauernden Aggressions- und Subversionsdrohungen in Asien ist ein großer Teil der für die Verteidigungsund direkte Militärhilfe geforderten Beträge dazu bestimmt, die
Verteidigungsstreitkräfte unserer dortigen Alliierten aufzubauen und zu erhalten. Dies schließt die beträchtlichen Kosten
für die Aufrechterhaltung und Verstärkung der Verteidigungskräfte der nationalchinesischen Regierung auf Formosa ein und
berücksichtigt die für Korea benötigten militärischen Ausrüstungen und Versorgungsgüter.
Die in jüngster Zeit in Persien erreichte Stabilisierung
der Verhältnisse hat die kommunistische Bedrohung wesentlich
verringert und den Weg für die Nutzung der Ölquellen freigelegt.
Diese Ölquellen werden der persischen Nation schließlich Einkünfte verschaffen, durch die die weitere Entwicklung des Landes voranschreiten kann und dem persischen Volk neue Möglichkeiten eröffnet werden. Bis aber die Einkünfte des Landes aus
diesen Ölquellen für die Bewältigung dieser Aufgaben ausreichen,
muß für Persien eine begrenzte Verteidigungs- und Wirtschaftshilfe bereitgestellt werden.
Im Nahen Osten machen unsere starken NATO-Verbündeten,
Griechenland und die Türkei, bedeutungsvolle Fortschritte.
Doch keiner von beiden kann allein für die umfangreichen
Streitkräfte aufkommen, die sie zu ihrer eigenen Verteidigung
und für die Ziele der NATO-Streitkräfte in jenem Gebiet unterhalten. Ihr Vorangehen bei der Förderung von Sicherheitsvereinbarungen auf dem Balkan und die kraftvollen Bemühungen der
Türkei zur Verteidigung des Mittleren Ostens, steigern die
Notwendigkeit einer weiteren Unterstützung ihrer Anstrengungen.
Der Beschluß des Iraks, sich mit der Türkei zu einer defensiven Sicherheitsgemeinschaft' zusammenzüschlief.
eine
- 4 -'
itcre günstige

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

günstige Entwicklung dar.
Die noch andauernde Spannung zwischen den arabischen Staaten und Israel hemmt die Völker aller Länder des Nahen Ostens.
Wir sollten auch weiterhin mit den Regierungen und den Völkern
beider Seiten zusammenwirken, um ihre wirtschaftliche Lage zu
Verbessern und ihre Fortschritte auf dem Wege zu einem dauerhaften Frieden zu beschleunigen. Unsere Zusammenarbeit beginnt
Früchte zu tragen, vor allem trifft dies für den Ausbau der
Wasserwirtschaft zu. Derartige Entwicklungen im Gebiet von
Palästina können uns in der Beseitigung der gegenwärtigen Ursachen der Spannung ein gut Stück weiterbringen.
Hinsichtlich des afrikanischen Kontinents ist unsere Zusammenarbeit auf lange Sicht von besonderer Bedeutung. Dieser
Kontinent und seine natürlichen Hilfsquellen, der Fortschritt
seiner Völker und ihre Beziehungen zu der freien Welt sind von
wachsender Bedeutung.uDie für dieses Gebiet angeforderten Mittel sollen dazu dienen»Wohlfahrt und Entwicklung der afrikanischen Völker zu fördern.
Für Lateinamerika empfehle ich eine Intensivierung unseres Programmes für technische Zusammenarbeit. Vor etwas mehr
als einem Jahrzehnt lief die technische Zusammenarbeit zum
ersten Male in diesem Räume an. In vielen unserer Schwesterrepubliken hat sich der hohe Wert dieser Programme erwiesen.
Kein internationales Programm hat jemals einen so großen Widerhall und Unterstützung gefunden. Diese Programme waren nicht
nur für die wirtschaftliche Entwicklung vieler freier Nationen
unerläßlich, sondern sie reflektieren auch den tiefen humanitären Geist des amerikanischen Volkes.
Die Programme für technische Zusammenarbeit haben die Bemühungen anderer amerikanischer Staaten um eine Stärkung und
Ausweitung ihrer Volkswirtschaft wesentlich unterstützt. Diese
Bemühungen erfuhren weiterhin eine Förderung durch unseren
äußerst umfangreichen interamerikanischen Handel, die erheblichen Investitionen von Privatkapital, die erweiterte Kredit
Vergebung durch die Export- Import-Bank und die von der Weltbank erteilten Kredite. Als Folge davon hat Lateinamerika
einen bemerkenswerten Grad an wirtschaftlicher Entwicklung
erreicht. Neben den Programmen der technischen Zusammenarbeit
für Lateinamerika empfehle ich die Fortsetzung unserer beschei
denen Beitragsleistung zur Organisation der amerikanischen Staaten sowie eine weitere wirtschaftliche Unterstützung Guatemalas
und Boliviens, um der dort herrschenden kritischen Lage Rechnung zu tragen.
Unsere Programme auf nationaler Ebene sind in keiner Weise
ein Ersatz für Maßnahmen der Vereinten Nationen auf den entsprechenden Gebieten. Die Vereinten Nationen leisten mit jeder
Maßnahme, die zur Lösung eines menschlichen Problems führt,
einen Beitrag zur Verbesserung der Friedensaussichten der ganzen Welt. Deshalb empfehle ich mit Nachdruck, daß das technische Hilfeprogramm, an dem 60 Staaten beteiligt sind und das
von den Vereinten Nationen und ihren Sonderorganisationen durchgeführt wird, weiterhin in ausreichendem Maße unterstützt wird.

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20. April 1955

Der Kinderhilfsfonds der Vereinten Nationen hat Erstaunliches
und Bedeutsames geleistet. Wir haben unseren vollen Beitrag
geleistet, um diese Arbeit zu ermöglichen. Wir sollten damit
fortfahren.
Menschen, die oft unter größter Gefahr der totalitären
Unterdrückung entronnen sind, und Flüchtlinge, die durch Krieg
und andere Katastrophen ihre Heimat verloren haben, verdienen
auch im Haushaltsjahr 1956 weitere Unterstützung durch Programme, die von den Vereinigten Staaten, den Vereinten Nationen
und dem zwischenstaatlichen Ausschuß für die Auswanderung aus
Europa (ICEM) verwaltet werden.
Einzigartig, am wenigsten kostspielig und dabei am segensreichsten, ist die im Rahmen dieses Programms geleistete Beteiligung von 47 freiwilligen Organisationen - die viele Millionen unserer Bürger repräsentieren - an Werken der Nächstenliebe.
Diese Organisationen leisten eine überaus wirksame Arbeit, indem sie den Flüchtlingen und Vertriebenen helfen und sie darin
unterstützen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie verteilen von Mensch zu Mensch große Mengen Lebensmittel. Aber gewisse Mittel für den Transport der Lebensmittel sowie für Versorgungsgüter, die sie aus ihren eigenen Reserven nicht beschaffen können, sind erforderlich und sollten bewilligt
werden.
Für das Haushaltsjahr 1956 empfehle ich dem Kongreß die
Bewilligung von insgesamt 3530 Millionen Dollar für das Programm für gemeinsame Sicherheit, wie dies bereits in der Haushaltsbotschaft unterbreitet wurde. Von dieser Summe sollen
712,5 Millionen Dollar für Wirtschaftsprogramme, einschließlich 172 Millionen Dollar für die Fortführung der Programme
für technische Zusammenarbeit, 175,5 Millionen Dollar für Sonderprogramme, 165 Millionen Dollar für wirtschaftliche Entwicklungsprojekte und 200 Millionen Dollar für den Sonderfonds
des Präsidenten aufgewandt werden. 100 Millionen Dollar sind
für unvorhergesehene Ausgaben in aller Welt vorgesehen. Ich ersuche um die Bewilligung von 1000,3 Millionen Dollar für die
Verteidigungsunterstützung, die sowohl wirtschaftlichen als
auch militärischen Zwecken dient, indem sie die Verteidigungsanstrengungen jener Länder, besonders in Asien, ergänzt, die
eine über ihre finanziellen Kräfte hinausgehende Aufgabe zu
erfüllen haben. 1717,2 Millionen Dollar sind für militärische Unterstützung und direkte Hilfe an die bewaffneten Streitkräfte vorgesehen. Hierin mit inbegriffen sind 500 Millionen
Dollar zum Ausgleich der für die gegenwärtigen Programme für
militärische Hilfe zu erwartenden Ausfälle mit Hilfe des Ergänzungsgesetzes zum Bewilligungsgesetz 1955.
Das Amt für Auslandshilfe hat seine Fähigkeit bewiesen,
das gemeinsame Sicherheitsprogramm wirksam und wirtschaftlich
durchzuführen. Eine Reihe fähiger Männer und Frauen haben sich
erfolgreich der Durchführung des Programms unter der direkten
Anleitung des Präsidenten gewidmet.
Der

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20. April 1955
Der Kongreß hat in dem Gesetz über die gemeinsame Sicherheit aus dem Jahre 1954 die Auflösung des Amts für Auslandshilfe zum 30.Juni dieses Jahres verfügt. Wie ich es in meinem
Schreiben an den Außenminister vom 15.April bereits angedeutet
habe, werde ich einen Erlaß herausgeben, der mit Wirkung vom
30.Juni 1955 in Kraft tritt und die Aufgaben des Amtes für
Auslandshilfe dem Außenministerium unterstellen wird, mit
Ausnahme bestimmter militärischer Eelange, die dem Verteidigungsministerium übertragen werden.
Diese Übertragung der Funktionen auf permanente Zweige der
Regierung ist ein Zeichen dafür, welche Bedeutung dieses Programm als fester Bestandteil unserer Außenpolitik besitzt.
Bei der Verwirklichung des Programms werden die Möglichkeiten
aller Zweige der Exekutive ausgeschöpft werden, wo immer dies
angebracht ist, und sie wird im größtmöglichen Ausmaß auf
Kontraktbasis erfolgen. Es ist jedoch notwendig, daß die Zuständigkeit für die nichtmilitärischen Maßnahmen weiterhin in
einer Hand liegt. Ihre Wirksamkeit würde ernsthaft beeinträchtigt werden, wollte man diese Verantwortung auf mehrere Behörden verteilen. Die Reorganisation wird die Punktion des Instituts für interamerikanische Angelegenheiten fortsetzen
und gemeinsame Programme zur Förderung der Wohlfahrt der
Völker anderer amerikanischer Republiken durchführen.
Für die Kontinuität des Programms und die Anpassung des
Apparates des Außenministeriums an die neuen Aufgaben nach dem
30.Juni1955 wird eine gewisse Übergangszeit erforderlich sein.
Ich empfehle daher, daß in das Gesetz für gemeinsame Sicherheit
von 1955 weitgehende Vollmachten für eine nmorganisation innerhalb eines Zeitraums von 6 Monaten nach dem 30.Juni 1955 eingearbeitet werden.
Das Amt für Internationale Zusammenarbeit (ICA) wird eine
neue halbautonome Behörde innerhalb des US Außenministeriums
sein, Ihr Leiter wird direkt dem Außenminister unterstehen und
im Namen desselben alle Maßnahmen, die unter den Auspizien des
Außenministeriums im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit getroffen werden, überwachen und leiten.
Diese Verantwortung wird erfordern, daß die ICA ermächtigt wird, innerhalb der vom Außenminister in großen Zügen
festgelegten Politik, die für die eigene Arbeit erforderlichen
Entscheidungen zu treffen und durchzuführen. Sie wird gleichfalls erfordern, daß der Leiter der ICA sowohl in Washington
als auch im Ausland einen eigenen Stab an Mitarbeitern erhält.
Ihm wird es obliegen dafür Sorge zu tragen, daß vom Außenminister geeignete politische Richtlinien an die ICA gegeben
werden, und innerhalb dieser Richtlinien wird er die zur Durchführung dieser Politik erforderlichen Anweisungen an die
Außenstellen ergehen lassen.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Auf Grund unserer Erfahrungen aus den vergangenen zwei
Jahren kann man sagen, daß drei Viertel der für das Programm
für gemeinsame Sicherheit bewilligten Gelder unverzüglich in
den Vereinigten Staaten für Waren, Dienstleistungen, Maschinen
und andere: Güter verausgabt werden. Insoweit sich das mit
einer wirksamen Durchführung unserer Politik in Übersee vereinen läßt, gehören hierzu auch Lebensmittel, Baumwolle, Kohle
und andere Güter, bei denen unser Produktionsvolumen oder die
bei uns vorhandenen Vorräte am ehesten den Erfordernissen entsprechen. Rund 350 Millionen Dollar sollen im Finanzjahr 1955
für landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgegeben werden. Hierunter
fällt auch eine bedeutende Ausfuhr von überschüssigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Die Lieferungen im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit werden zusätzlich aber in
Übereinstimmung mit dem Verkauf von überschüssigen Agrarerzeugnissen gegen ausländische Währungen gemäß den Bestimmungen
des Gesetzes zur Förderung des Handels mit Agrarprodukten und
zur Untertsützung der Landwirtschaft durchgeführt.
Die restlichen 25 Prozent des zur Verfügung stehenden Betrages werden in Übersee so ausgegeben werden, daß sie direkt
zur Erfüllung des gemeinsamen Sicherheitsprogramms beitragen.
Die Off-Shore-Aufträge unterstützen zum Beispiel die Schaffung
einer angemessenen Grundlage für die Verteidigungsproduktion
in den wichtigsten Ländern der freien Welt. Außerdem werden
diese Ausgaben indirekt zur Stärkung anderer Nationen beitragen,
die dann mit diesen Dollarbeträgen andere Bedarfsgüter in den
Vereinigten Staaten kaufen können.
Ich empfehle daher, daß die Vollmachten, wie sie das gegenwärtige Gesetz für gemeinsame Sicherheit vorsieht, beibehalten
werden, damit bei Eintreten unvorhergesehener Ereignisse, die
Geldmittel, die für ein bestimmtes geographisches Gebiet oder
einen bestimmten Zweck vorgesehen waren, umgeleitet werden
können. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, daß
es sehr wünschenswert ist, die Vollmachten flexibel zu halten,
um sich neuen Situationen anpassen, neue: Gefahren überwinden
oder günstige Entwicklungen ausnutzen zu können.
Die vom Kongreß im vergangenen Jahr gebilligten neuen
Verfahren ermöglichen nunmehr die größtmögliche Zusammenfassung
des einheimischen Beschaffungsprogramms für die amerikanischen
und die verbündeten Streitkräfte, eine größere Elastizität bei
der Auslieferung der für unsere Alliierten bestimmten militärischen Güter und weitgehend vereinfachte Beschaffungs- und Verrechnungsvereinbarungen. Nach den neuen Verfahren beschaffen
die militärischen Dienststellen im Rahmen ihrer normalen Beschaffungsfunktionen die meisten Güter für dieses Programm,
wobei die militärischen Hilfsfonds für die Bezahlung der
Dienstleistungen bei der Auslieferung bis zu diesem Zeitpunkt
reserviert bleiben.

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�"AMERIKA DIENST"

- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Unter dem zur Zeit bestehenden Gesetz bleiben die hierfür
reservierten Militärhilfsfonds für Verpflichtungen und Ausgaben
bis zum 30. Juni 1957 verfügbar. Um die derzeitigen Vereinbarungen weiter zu verbessern, empfehle ich, daß die laufenden und die
vorgeschlagenen Militärhilfsfonds solange verfügbar gemacht werden, bis sie verausgabt sind, so wie es jetzt bei den meisten der
dem Verteidigungsministerium eingeräumten Bewilligungen für Beschaff dngsaufträge gehandhabt wird.
Abschließend möchte ich-erneut die Entscheidend wichtige Rolle
des Programms für gemeinsame Sicherheit betonen. Das Programm für
den Verband der freien asiatischen Länder ist von allen dafür kompetenten Stellen der Regierung gründlichst überprüft worden und
mir vom Rat für die Gestaltung der amerikanischen Außenhandelspolitik und dem nationalen Sicherheitsrat nach weiterem eingehenden Studium empfohlen, worden.
Wir machen erneute und intensivierte Anstrengungen, um eine
erfolgreiche grundlegende Politik in der Abrüstungsfrage zu entwickeln, und wir werden diese Bemühungen fortsetzen. Aber bis ein
Erfolg über jeden Zweifel hinaus sicher ist, machen die günstigsten Aussichten für die Erhaltung des Friedens und die dringenden
Forderungen der Sicherheit die Fortsetzung unserer nationalen und
gemeinsamen Verteidigungsprogramme erforderlich.
Die anderen freien Nationen brauchen die Hilfe der USA,
und die USA wiederum benötigen ihre Unterstützung, wenn wir alle
Sicher sein wollen. Es handelt sich hier um einen klaren Fall
eines eng verflochtenen Eigeninteresses. Die notwendigen Ausgaben zur Ausrüstung und Aufrechterhaltung der amerikanischen
Luft-, Land- und Seestreitkräfte an strategisch wichtigen Punkten
außerhalb unserer Landesgrenzen sind niemals als Hilfe bezeichnet
worden. Die notwendigen Ausgaben, um anderen mit uns verbündeten
freien Nationen die Ausrüstung und Aufrechterhaltung wichtiger
Streitkräfte an denselben strategischen Punkten außerhalb unserer
Landesgrenzen zu ermöglichen, sollte ebenfalls nicht als Hilfe
bezeichnet werden. Hier handelt es sich in Wirklichkeit um Ausgaben im Rahmen unserer Verteidigungsabkommen, die die Sicherheit
der USA und anderer freier Nationen in der wünschenswertesten und
derzeitig einzig möglichen Weise sicherstellen.
Unsere Wirtschaft kann nicht stark sein und sich kontinuierlich ausweiten, ohne die Entwicklung gesunder Wirtschaftsverhältnisse bei anderen freien Nationen und ohne eine fortlaufende
Erweiterung des internationalen Handels. Genau so wenig können
wir in unserer Freiheit sicher leben, wenn wir nicht auch überall
sonst auf der Welt an der Schaffung von Verhältnissen mitwirken,
in denen die Freiheit gedeihen kann, indem wir die Zustände beseitigen, die dem Tatalitarismus als Nährboden dienen: Armut,
Analphabetentum, Hunger und Krankheit. Auch können wir nicht auf
einen dauerhaften Frieden hoffen, ehe nicht die
materiellen
Ziele und die Hoffnung der Menschen auf Freiheit,Fortkommen und
Entwicklung als erstrangig und den materiellen Ansprüchen, die der
Kommunismus seinen Zwecken vorspannt, als weitaus überlegen anerkannt werden.
Abgesehen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. April 1955

Abgesehen von allen hierbei durch den Kommunismus in den Weg
gelegten Hindernissen und Schwierigkeiten ist dies ein langfristiger Prozeß. Geduld, Ideenreichtum und Hingabe sind für die
Lösung grundsätzlicher und in ihrem Ursprung uralter menschlicher Probleme genau so notwendig wie der schöpferische Einsatz
des Wissens, der Geschicklichkeit und der materiellen Hilfsmittel«
In diesem Geist soll das Programm für die gemeinsame Sicherheit
allen freien Völkern zum Segen gereichen".

*

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*

�A M E R I K A

D I E N S T

STASSEN UMREISST ABRÜSTUNGSPOLITIK DER USA

WASHINGTON — (AD) — Nachstehend übermitteln wir Innen
den Wortlaut einer Rede, die der Sonderbeauftragte Präsident Eisenhowers für Abrüstungsfragen, Harold Stassen,
am 21. April 1955 in Washington vor amerikanischen Redakteuren gehalten hat und in der er einen Überblick über
die grundlegende Politik der USA in der Abrüstungsfrage
gab.

"Ich habe eine neue Aufgabe übernommen und benötige ihre
Unterstützung. Seit einer Anzahl von Jahren ist die gefährlichste
Aufrüstung in der Geschichte der Menschheit im Gange. Sie wurde
nach dem Beginn der Aggression in Korea intensiviert und hält
auch heute noch an.
Es sind Waffen entworfen und gebaut worden, die eine solch
erstaunliche Gewalt besitzen, daß eine einzige Staffe 1 moderner
Bomber auf einem Flug eine Zerstörungskraft mit sich führen kann,
die größer ist als sämtliche Bomben, die von allen Fl ugzeugen
auf beiden Seiten bei allen ihren Flügen während des zweiten
Weltkrieges abgeworfen wurden.
Die Vereinigten Staaten haben nicht allein Kennt m s von
diesen Waffen. Ein zusammengeballtes Zentrum politisc her und militärischer Macht ist in Moskau geschaffen worden und scheint die
größten Armeen in Nichtkriegszeiten, die jemals von einem Punkt
aus beherrscht wurden, unter seiner Befehlsgewalt zu haben. Die
Sowjetunion, Osteuropa und das chinesische Festland h aben zusammen
gegenwärtig über sieben Millionen Mann unter Waffen stehen.
Moderne Waffen aus der Luft bilden das stärkste Abschrekkungsmittel gegen jeden Aggressionszug dieser gewa"1 tigen Armeen
innerhalb der eurasischen Landmasse, wo mehr als z J± Drittel
der gesamten Weltbevölkerung leben. In diesem Sinne s ind die modernen Waffen unter den gegenwärtigen Verhältnissen i n der Welt
in demselben Maße ein Friedensfaktor wie eine Quelle der Kriegsgefahr.
Die Tatsache, daß die Großmächte heute die Mitte 1 in der
Hand haben, andere Staaten vernichten zu können und d aß sie selbst
der Gefahr der Vernichtung durch andere ausgesetzt si nd, sucht
ihresgleichen in der Geschichte der Erde. Alle Anzeic hen deuten
darauf hin, daß diese Fähigkeit, andere zu vernichten und diese
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�"AMERIKA DIENST"

27. April 1955

diese eigene Verwundbarkeit aller großen Staaten in der Zukunft
noch stärker werden, wenn das Aufstapeln von Waffen anhält.
Dies ist der schwarze Hintergrund, vor dem ich mit meinen
Bemühungen einsetze,,eine grundlegende Politik der Vereinigten
Staaten in der Frage der Abrüstung und entsprechende Vorschläge
an den Präsidenten auszuarbeiten.
Ich stelle die Schwierigkeiten nicht geringer hin, als sie
tatsächlich sind. Meine im Krieg und im Frieden gemachten Erfahrungen haben weitgehend dazu beigetragen, daß ich mir über Ausmaß
und Wesen der zu überwindenden Hindernisse nur allzu klar bin.
Aber für die Vereinigten Staaten, für das russische Volk und für
die gesamte Menschheit steht so viel auf dem Spiel, daß wir Erfolg
haben müssen. Ich bin tief von dem Glauben durchdrungen, daß dieses
unser Volk mit Gottes Hilfe, ehe es zu spät ist, eine Lösung finden
kann, die besser ist als dieses bittere Wettrüsten - eine Lösung,
durch die unsere Kultur vor der Geißel eines dritten Weltkrieges,
eines Atomkrieges bewahrt wird, und daß es uns gelingen wird, das
Einverständnis der Welt zu dieser Lösung zu erreichen.
Es ist völlig klar, sollte aber jenen, die die Freiheit lieben,
immer und immer wieder vor Augen gehalten werden, daß die Antwort
niemals die allgemeine Abrüstung unsererseits, d.h. die einseitige
Schwächung sein darf. Die Folgen isolierter Schwächemomente unsererseits wären besonders verheerend zu einem Zeitpunkt, an dem die
Gegenseite auf Grund ihrer Ideologie die Auslöschung der Freiheit,
die Gottesleugnung und die unbarmherzige Herrschaft des Staates
über den einzelnen und die Persönlichkeit des Menschen auf ihre
Banner geschrieben hat.
Es ist eine Erschreckende Tatsache, daß die Welt bisher noch
keinen Weg zur Schaffung eines dauerhaften Friedens gefunden hat.
Abrüstungsvorschläge, Abkommen zur Begrenzung der Rüstung, Verträge über die Herabsetzung der Streitkräfte hat es zu allen Zeiten gegeben, und stets wurden sie von Krieg und immer neuen Kriegen überschattet.
Durch diese sich über Jahrhunderte hinziehenden Fehlschläge
werden unsere gegenwärtigen Bemühungen nicht von vornherein zum
Scheitern verurteilt. Nie zuvor bestanden so einzigartige Voraussetzungen wie heute. Noch nie zuvor hat die Menschheit die Folgen
eines Krieges in ihrem ganzen Ausmaß wie jetzt vor Augen gehabt.
Diese noch nie dagewesenen Umstände allein fordern nicht nur
zwingend einen Erfolg, sie liefern auch die günstigsten Aussichten
dafür, ihn schließlich zu erringen.
Auch ist die Vergangenheit nicht ganz so trübe wie ein Verallgemeinern vergeblicher Anstrengungen es erscheinen lassen mag.
So war beispielsweise das Rush-Bagot Abkommen zwischen den
USA und Kanada aus dem Jahre 1817» durch das die Marinestreitkräfte
beider Signatarstaaten auf den großen Seen auf je drei Schiffe
gleicher Tonnage und Armierung beschränkt wurden, ein auffallender
Erfolg. Dieses Rüstungsabkommen, das vom damaligen amtierenden
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�"AMERIKA DIENST"

27. April 1955

amtierenden US-Außenminister Richard Rush und dem damaligen britischen Gesandten in Washington, Sir Charles Bagot, nach den
kriegerischen Auseinandersetzungen des Jahres 1812 unterzeichnet
worden ist, leitete die Errichtung der längsten unbefestigten
friedlichen Grenze in der Welt ein, die der mehr als 4 500 Kilometer langen Grenzen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada.
Beide Völker sind in den Genuß der Früchte jener Politik gelangt.
Beide Völker hätten heute einen niedrigeren Lebensstandard, fühlten
sich nicht so sicher und nähmen eine viel schwächere Position ein,
wenn nicht jene segensreiche Vereinbarung getroffen worden wäre.
Unsere historischen Forschungen haben auch viele andere interessante Dinge zutage gefördert, so zum Beispiel Aufzeichnungen
darüber, daß die chinesischen Staaten im Jan^ss-Tal bereits im
Jahre 600 vor Christi Geburt, das heißt vor zweieinhalb Jahrtausenden, nachdem sie verschiedene Kriege gegeneinander geführt
hatten, eine Abrüstungsliga gründeten und damit ein Jahrhundert
des Friedens schufen.
Wenn auch die Richtigkeit der allgemein in der Welt verbreiteten Ansicht über die Fehler der Vergangenheit nicht abgestritten
wird,so wird doch andererseits von vielen, wenn auch begrenzten
Erfolgen berichtet.
Darüber hinaus besitzen wir einige Aktivposten von außergewöhnlichem Wert, die uns bei diesem erneuten Vorstoß zur Lösung
des bis dato unlösbaren internationalen Problems große Dienste
leisten werden. Darf ich Ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf sechs
dieser günstigen Umstände lenken.
Zu allererst würde ich die Tatsache nennen, daß gegenwärtig
durch die Entscheidung unseres Volkes ein Mann an der Spitze unserer Nation steht, der über erstaunliche Führungseigenschaften
und einmalige militärische Erfahrungen verfügt und von einer tiefen Friedensliebe erfüllt ist - Präsident Dwight D. Eisenhower.
Auch in abgelegenen Gegenden der Welt habe ich eine hohe und noch
zunehmende Wertschätzung der Persönlichkeit unseres Präsidenten,
ein starkes Interesse an seinen Ansichten und eine Würdigung seiner
Haltung gefunden. Aus nächster Nähe habe ich in vielen schwierigen
Augenblicken seine Beherrschung, seine Auffassungsgabe und seine
große Treue gegenüber grundsätzlich wichtigen Zielen erlebt. Es
kann keinem Zweifel unterliegen, daß unser Volk fest hinter dem
beharrlichen Suchen nach dauerhaftem Frieden steht, einem Suchen,
das gekennzeichnet wird durch lange, stets wiederholte Bemühungen
der Regierung der Vereinigten Staaten, auf dem Wege über die Vereinten Nationen zu festen Abrüstungsvereinbarungen zu gelangen.
Wenn wir diesem Problem zu Leibe gehen, so ist ein zweites
bedeutungsvolles Plus der Umstand, daß unser Volk mit seinen hervorragenden Streitkräften, mit seiner sehr leistungsfähigen anpassungsfähigen Wirtschaft, mit seiner Facharbeiterschaft, seinem
tüchtigen Unternehmertum und seinen befähigten Farmern sowie der
Vielzahl seiner glänzenden Wissenschaftler der gesamten Welt gezeigt hat, daß man es auf dem Gebiet der Rüstung nicht hintanstellen
kann. Wir wollen von einer Position der Stärke aus verhandeln - einer
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�"AMERIKA DIENST"

27. April 1955

einer Stärke, wie sie heute tatsächlich und potentiell auf unbegrenzte Zeit vorhanden ist. Wir sind uns völlig klar darüber,
daß niemand einen modernen Krieg gewinnen kann, aber wir vertrauen auch darauf, daß wir weder jetzt noch jemals einen modernen Krieg verlieren würden.
Als drittes möchte ich die Tatsache nennen, daß unsere beiden führenden politischen Parteien ein außergewöhnlich großes
Verständnis und Geschick in der Führung der Außenpolitik entwickelt
haben, die in der Gestalt des Außenministers, John Poster Dulles,
und des Vorsitzenden des außenpolitischen Senatsausschusses, Senator George, zur Zeit ihre eindrucksvollsten Repräsentanten gefunden hat.
Diese gezeigten Fähigkeiten und die enge Zusammenarbeit
spielten eine wichtige Rolle bei der Beendigung des Korea-Krieges, der den Explosivstoff in sich barg, sich zu einem Weltkonflikt auszuweiten. In weniger als zwanzig Jahren, in denen die von
hoher Staatskunst zeugenden gemeinsamen Bemühungen des verstorbenen Senators Arthur Vandenberg und des früheren Außenministers
George C. Marshall unter der Präsidentschaft Harry S. Trumans
hervortraten, wurde eine potentielle Schwäche im System unserer
politischen Parteien zu einem Fundament unserer Stärke umgeschmiedet. Reden und Taten, die eine weniger umfassende Einsicht und
verschiedene Wertmaßstäbe in beiden Parteien widerspiegeln, werden sich auch in Zukunft auf außenpolitischem Gebiet störend
auswirken. Aber die so wesentliche Tradition, daß beide Parteien
hinsichtlich der Außenpolitischen Probleme im nationalen Interesse
zusammenarbeiten, ist fest gegründet und wird von der Öffentlichkeit weitestgehend unterstützt. Ich glaube nicht, daß dieses
Prinzip in kommenden Jahren gebrochen werden wird.
Viertens möchte ich betonen, daß die Zusammenarbeit der
freien Länder durch Programme wirtschaftlicher, militärischer
und technischer Art bereits ein bemerkenswertes Ausmaß an Erfolg
gezeitigt hat. Die Gesamtproduktion Westeuropas wird in diesem
Jahr einen Rekordstand von umgerechnet 200 Milliarden Dollar
erreichen. Der Marshall-Plan hat sich als ein bleibender Erfolg
erwiesen. Alles in allem gesehen,ist die Bevölkerung der freien
Welt heute besser ernährt und gekleidet als je zuvor. Viele
ernste Probleme sind noch ungelöst, und viel bleibt noch zu tun,
besonders im Landbogen des freien Asiens. Aber das Kraftmoment
des Fortschritts und die bereits erzielten wesentlichen Erfolge
bereiten den Boden für eine ganz außergewöhnliche Anstrengung,
die Produktionsquellen in Zukunft immer mehr für die Bedürfnisse
und nicht die Verängstigung der Menschheit, für die Erhaltung
und nicht die Vernichtung der Jugend in Anspruch zu nehmen.
Eine sehr wichtige Erklärung über die Politik in unseren Beziehungen zu der Welt war in dem Schreiben Präsident Eisenhowers
an Außenminister Dulles vom 15- April enthalten, in dem die Schaffung eines ständigen Amtes für internationale Zusammenarbeit als
eine halbautonome Organisation innerhalb des Außenministeriums
vorgesehen wurde, das die Programme verwalten soll, die jetzt von
dem zeitweilig eingerichteten Amt für Auslandshilfe durchgeführt
werden. Der Präsident erklärte, man sei allgemein zu der Erkenntnis

�"AMERIKA DIENST"

27- April 1955

Erkenntnis gekommen, daß für die Art der internationalen Zusammenarbeit zur Entwicklung wirtschaftlicher und militärischer Stärke,
wie sie in diesen Programmen vorgesehen ist, eine auf lange Sicht
geplante, kontinuierliche Basis ein integraler Bestandteil unserer Politik ist. Ich bin der Überzeugung, daß eine große Mehrheit der Mitglieder des Kongresses wie auch beider politischen
Parteien mit dieser von dem Präsidenten dargelegten Politik übereinstimmen wird. Es handelt sich hier um eine Politik, die entwickelt zu sehen, ich im nationalen Interesse schon lange gewünscht habe, ehe ich in den Dienst der Bundesregierung trat.

In all den Jahren während des vorübergehenden Bestehens
der von mir geleiteten Organisation und jedes Mal, wenn wir an
der Lösung von Problemen arbeiteten, von denen wir wußten, daß
sie nur durch langandauernde Bemühungen bereinigt werden könnten,
habe ich immer mehr die Überzeugung von der Notwendigkeit einer
Politik auf lange Sicht gewonnen. Der Erfolg des Programmes und
die daraus resultierende Sicherheit sowie die sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Dividenden - nicht nur für andere Völker
sondern auch für die USA - werden allmählich immer mehr verstanden. Dies wird besonders deutlich, wenn ein Vergleich mit der
wirtschaftlichen Lage und der Sicherheit nach dem ersten Weltkrieg angestellt wird, als kein derartiges Programm bestand.
In keiner anderen Weise können weniger als ein Prozent der amerikanischen Gesamtproduktion und weniger als fünf Prozent unseres
Budgets mit vergleichbarem Erfolg verwendet werden.
Ein fünfter günstiger Paktor spiegelt sich in den zahllosen
Hinweisen wider, daß die vielen Millionen Menschen in der Sowjetunion den Frieden ebenso wünschen wie die freien Völker. Ihre
Regierungsform läßt die Ansichten des Volkes zwar weit weniger
bedeutsam werden, aber das Gewicht einer mächtigen öffentlichen
Meinung ist dennoch von einiger Wichtigkeit.
Ich habe eine lebhafte Erinnerung an meinen Besuch der Sowjetunion!»" der in diesem Monat acht Jahre zurückliegt. Ich entsinne
mich eines Gesprächs mit einem Arbeiter an der Werkzeugmaschine
in dem mächtigen Stahlwerk in Swerdlowsk, tief im Herzen des
weiten Rußland,.im Uralgebiet. Es war ein großer, pelzbemützter
Russe mit schmalem Gesicht. Ich bemerkte ihn, als wir die gewaltige Maschinenhalle des Werkes durchschritten. Auf den ersten
Blick erkannte ich richtig die große Werkzeugmaschine, an der er
arbeitete. Sie stammte von der 'Niles Tool Company' in Hamilton
(Ohio). Er war mit dem Einrichten der Präzisionsschneidkanten beschäftigt. In unseren sich anschließenden Gesprächen mit Hilfe
des Dolmetschers, in deren Verlauf ich auch sein Zuhause, seine
Frau und seine drei 19» 13 und 11 Jahre alten Töchter kennenlernte, erzählte er mir von der bäuerlichen Abkunft der Familie,
von den Problemen, mit denen sie zu tun hatten, von ihrer Arbeit
und dann von ihrer Hoffnung, mehr an Kleidung, an Wohnraum, an
Glück zu erlangen, und 'Frieden' setzte er hinzu, 'ohne Frieden
können wir nichts bekommen'.
Ich bin überzeugt, daß viele Millionen sowjetischer Bürger
auch weiterhin diese Ansicht vertreten.
.,
Als

�27. April 1955

"AMERIKA DIENST"

Als sechstes würde ich das Bestehen der Vereinten Nationen
mit ihren vorhandenen Poren und ihren Arbeitsausschüssen aufzählen, die eine bedeutsame Möglichkeit für die Erörterung von
Vorschlägen daf-stellen. Die Vereinten Nationen haben den 'Atomefür-den-Frieden'-Plan Präsident Eisenhowers nachhaltig unterstützt
und dazu beigetragen, ihn in Gang zu bringen. Heute studieren
Wissenschaftler aus 21 Nationen an der von der amerikanischen
Atomenergie-Kommission geleiteten Schule für Kernwissenschaften
und -technik am Argonne-Laboratorium in Chicago die friedlichen
Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie. Im August tritt die internationale Konferenz über friedliche Verwendung der Atomenergie
in Genf zusammen. Dieser friedliche Vorstoß kann sich als von
entscheidender Natur erweisen. Die Konferenz wurde von der Vollversammlung der Vereinten Nationen als ein erstes Ergebnis der
'Atome-für-den-Frieden'- Rede des Präsidenten vom 8. Dezember
1953 gebilligt.
Doch lassen Sie mich diese Erörterung der Aktivposten beenden und statt dessen zu einer Untersuchung von zweien der zahlreichen Passiva übergehen.
Meiner Ansicht nach stellt der Zynismus - in offener, verborgener oder resignierender Form - eines der stärksten Handikaps dar. Unsere Nation kann niemals ein schwieriges Problem lösen,
wenn das Volk die Sache als aussichtslos ansieht. Nichts wirkt
lähmender auf konstruktives Handeln innerhalb einer freien Nation
als die lastende Schwere des Zynismus. In den ungünstigsten Umständen kann man nur durch unerbittliche Entschlossenheit, durch
niemals wankende Hoffnung, durch tiefen Glauben irgend etwas
erreichen. Es ist sehr leicht, in der Frage der Abrüstung eine
defaitistische Haltung einzunehmen. Und es fällt schwer, irgendjemandem daraus einen Vorwurf zu machen, daß er geneigt ist, alle
Bemühungen in dieser Richtung aufzugeben. Wenn aber in dieser
Frage der Defaitismus die herrschende Einstellung wird, so wird
damit allein bereits ein Mißlingen heraufbeschworen. Ich kann heute
noch nicht im einzelnen darlegen, durch welche Maßnahmen hier ein
Erfolg zu erzielen ist, aber ich betone ausdrücklich, daß wir in
dieser Frage einen Erfolg erreichen müssen. Ich verspreche hier,
dieses schwierige Problem durch konzentriertes und hingebungsvolles, unermüdliches und inständiges Streben zu erforschen und nach
seiner Lösung zu suchen. Ich kann hier darauf verweisen, daß in
vielen anderen kritischen Momenten der Geschichte die Pessimisten
erklärten, es gäbe keine Lösung, daß aber das Volk sich nicht von
seinem guten Glauben abbringen ließ, und daß dann doch Lösungen
gefunden wurden. Ja, als diese unsere Nation geboren wurde, meinten die Spötter, die Vereinigten Staaten von Amerika könnten nicht
auf diese Weise geschaffen werden. Hören Sie, was Josiah Tucker
im Jahre 1787 schrieb:
'Was die künftige Größe Amerikas und sein Werden als eine
aufstrebende Großmacht unter einem einzigen Oberhaupt - sei es
nun als eine Republik oder als Monarchie - angeht, so handelt es
sich hier um eine der nutzlosesten und unwirklichsten Vorstellungen, die je dem Gehirn eines Menschen, ja selbst eines Romanciers,
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

27. April 1955

Romanciers, entsprangen. Die wechselseitigen Antipathien und die
Interessengegensätze unter den Amerikanern, ihre unterschiedlichen
Auffassungen vom Staat, von Gebräuchen und Sitten deuten darauf
hin, daß sie keinen Kristallisationspunkt für die Schaffung einer
Union finden und zu keinem gemeinsamen Wollen gelangen werden. Sie
werden nie zu einem festgefügten Staatsgebilde unter keiner noch
so gearteten Regierung werden; ein gespaltenes Volk bis ans Ende
der Zeit, mißtrauisch und argwöhnisch untereinander, so werden
sie durch natürliche Grenzen, durch weite Meeresbuchten, große
Ströme, Seen und Gebirgsketten in kleine und kleinste Staatsgebilde oder Fürstentümer unterteilt werden.'
In Englands dunkelster Stunde, sagten die Zyniker, daß der
Staat sie nicht überstehen könne. Die Engländer ließen jedoch
die Hoffnung nicht sinken und so wurde es unter Führung jenes
Mannes, dessen Geist nicht niederzuzwingen war, Sir Winston Churchill, ihre größte Stunde.
Daher richte ich heute an Sie die Bitte, daß jeder von Ihnen
auf seine Weise dafür Sorgen möge, daß das machtvolle Instrument,
das sie in Händen haben, wohl stets und realistisch die Schwierigkeiten darlegen, nicht aber die Quellen des Zynismus nähren soll,
die in dieser Frage von lebenswichtiger Bedeutung so leicht zum
Übersprudeln zu bringen sind, sondern diesen Zynismus bekämpfen
muß.
Das zweite große Hindernis, auf das ich Ihre Aufmerksamkeit
lenken möchte, ist der organisierte Kampf der kommunistischen
Untergrundbewegung in der freien Welt. Diese versteckten Kommunisten stellen eine ständige Bedrohung in zwei Richtungen dar, weil
sie gleichzeitig sowohl die Menschen der freien Welt als auch die
Herrscher im Kreml irreführen möchten. Soll es uns gelingen, eine
durchführbare Abrüstungspolitik auszuarbeiten und einen sicheren
Weg zum Frieden zu finden, so müssen sowohl die Menschen der
freien Welt als auch die Regierung der UdSSR die Tatsachen voll
und ganz verstehen lernen. Zur Zeit aber sind die getarnten Kommunisten in der freien Welt bestrebt^ die Menschen glauben zu machen,
daß wir dem Frieden näher kommen, wenn die Vereinigten Staaten
ihrer Schlagkraft an modernen Waffen beraubt werden. Tatsächlich
wäre das eine Falltür, die uns in den furchtbarsten Krieg und
das vernichtendste Jahrhundert des Kampfes und der Sklaverei führen würde.
Diese verkappten Kommunisten bereiten gegenwärtig eine sogenannte Weltfriedenskonferenz vor, die im Mai in Helsinki stattfinden soll. Sie bemühen sich eifrig, von bekannten Persönlichkeiten, die selbst keine Kommunisten sind, irgendwelche für ihre
Propagandazwecke geeigneten Erklärungen zu erhalten. In ihren Berichten nach Moskau werden ihre Erfolge zweifellos in den leuchtendsten Farben geschildert. Darin liegt nun die Zweischneidigkeit der
Gefahr ihrer Tätigkeit. Sie erschweren nicht nur in der freien
Welt das richtige Verständnis der Tatsachen, sie mögen vielmehr
auch das Politbüro in Moskau dazu verleiten, sich eine falsche
Vorstellung davon zu machen, was in künftigen Jahren in der freien
Welt passieren werde, wenn kein Übereinkommen in der Frage der
Abrüstung erzielt wird.
B
n
So

�27. April

"AMERIKA DIENST"

1955

So bin ich überzeugt, daß es beispielsweise niemals zum Koreakrieg gekommen wäre, wenn die Sowjetunion richtig informiert gewesen wäre und somit die Reaktion der Vereinigten Staaten und
der freien Welt richtig eingeschätzt hätte.
Bei der Überwindung dieses zweiten Hindernisses können Sie
ebenfalls große Hilfe leisten. Sie selbst werden am besten die
Mittel und Wege beurteilen können, die dabei zu befolgen sind.
Ein Vorschlag ist, daß es nützlich wäre, durch weite Verbreitung
und laufende Berichterstattung die Methoden bloßzustellen, die
die Kommunisten beim Einspannen von Nichtkommunisten anwenden,
vor allem von Nichtkommunisten, deren Position im wissenschaftlichen, literarischen oder öffentlichen Leben für sie besonders
wertvoll ist. Von dieser Seite erhalten die Kommunisten zahlreiche Erklärungen, die ihre Propagandalinie unterstützen und
stärken.
Die Suche nach einer vernünftigen Antwort auf das alles überschattende Dilemma der Welt - die Notwendigkeit einer modernen
Rüstung und die Gefahr, die sich aus dieser Rüstung ergibt wird Zeit beanspruchen. Darf ich Sie in aller Form darum bitten,
alle Versuche zu vermeiden, vorschnelle Schlüsse zu ziehen oder
Dinge sensationell zu veröffentlichen, die angeblich durchgesickert sind.
Sind Sie bereit, auf Ihre Weise dazu beizutragen, die HabenSeite zu vergrößern und die Soll-Seite zu verkleinern? Wollen Sie
dazu beitragen, den Glauben der Menschheit zu stärken und nicht
ihre Verzweiflung zu vergrößern? Die Welt stellt uns vor Umstände
so ernster Natur, daß ich hoffen möchte, die freie Presse wird
eine besondere Konzeption ihrer Verantwortung entwickeln.
Wenn Sie bei dieser Aufgabe mit mir zusammenarbeiten, dann
sind Sie auch berechtigt, zu wissen - und ich möchte Ihnen dies
ausdrücklich sagen -, daß ich einen Ehrgeiz habe und nur einen
einzigen. Und dieser Ehrgeiz ist, diese Verantwortung, die mir
Präsident Eisenhower übertragen hat, erfolgreich zu tragen und
in aller Bescheidenheit in etwa dem informellen Titel gerecht
zu werden, den mir die freie Presse bei der Übernahme meiner
Aufgabe gegeben hat."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULIES-ERKLÄRUNG ZUM GESETZ ÜBER DIE GEMEINSAME SICHERHEIT

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung, die der amerikanische Außenminister John Poster Dulles am 5.Mai
1955 vor dem außenpolitischen Ausschuß
des US-Senats zur Unterstützung des Gesetzes über die gemeinsame Sicherheit
abgegeben hat.

"Vor etwa einem Jahrzehnt haben die Vereinigten Staaten
mit einem Programm begonnen, das in der Weltgeschichte einzigartig ist. Die USA haben sich in ihrem eigenen Interesse entschlossen, einen beträchtlichen Teil ihrer Hilfsquellen dazu
zu verwenden, anderen freien Nationen zu helfen, die wirtschaftliche Gesundheit und die militärische Stärke zu schaffen,
die zur Erhaltung ihrer Freiheit notwendig ist. Dieses Programm
mit seinen verschiedenen damit in Verbindung stehenden Teilprogrammen, ist als das gemeinsame Sicherheitsprogramm bekannt
geworden.
Im Laufe der Jahre hat dieses einzigartige Experiment in
den internationalen Beziehungen viele Wandlungen durchgemacht
- Wandlungen in bezug auf die Betonung, in bezug auf Zusntze
und Abstriche, sowie Wandlungen in der Organisation und der
Verwaltung. In diesem Jahr werden neue Änderungen vorgeschlagen, um das Programm den sich wandelnden Bedingungen anzupassen und die bessere Erreichung der erwünschten Ziele sicherzustellen.
Der Präsident hat seine Absicht bekanntgegeben, die
Funktionen des US-Amtes für Auslandshilfe (FOA) dem Außenministerium mit Ausnahme gewisser militärischer Aufgaben, die
vom Verteidigungsministerium in enger Zusammenarbeit mit dem
State Department wahrgenommen werden, am 30.Juni 1955 zu unterstellen. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Aufgaben dieses außerordentlich wichtigen Zweiges unserer Außenpolitik unabhängig für sich und mit großem Können von Harold E. Stassen
und seiner Organisation wahrgenommen worden. Hoffentlich wird
es möglich sein, diese Funktionen nach ihrer Übernahme durch
das State Department mit gleicher Wirksamkeit weiterzuführen.
In

�"AMERIKA DIENST

11. Mai 1955

In seiner kürzlichen Botschaft an den Kongreß hat Präsident
Eisenhower einen umfassenden Überblick über das geplante Programm gegeben.
Die Gesamthöhe der beantragten Mittel beläuft sich auf
3,53 Milliarden Dollar. Von diesem Betrag sollen ungefähr die
Hälfte oder 1 717,2 Millionen Dollar direkt für die Aufrechterhaltung und den Aufbau der Streitkräfte der Alliierten verwendet werden. Zusätzlich zu dieser Hälfte der GesamtaufWendungen ist ein weiteres Viertel, das sind 1 000,3 Millionen Dollar,
für die sogenannte *Verteidigungsunterstützung* bestimmt. Hiermit soll solchen Ländern wirtschaftliche Hilfe gewährt werden,
denen es sonst nicht möglich ist, die Lasten so großer Verteidigungseinrichtungen zu tragen, wie dies wünschenswert erscheint.
Militärische Einrichtungen sind nicht nur wirtschaftlich
unproduktiv sondern zehren auch weitgehend von der Produktivität eines Volkes. Die Lage einiger Nationen ist so, daß es für
wünschenswert gehalten wird, wenn diese stärkere militärische
Einrichtungen besitzen, als dies ihre wirtschaftliche Lage gegenwärtig zuläßt.
Durch diese direkte militärische Unterstützung und die
Verteidigungshilfe können weit mehr Streitkräfte für die Verteidigung der freien Welt verfügbar gemacht werden, als wenn
wir den gleichen Betrag für unsere eigenen Streitkräfte ausgeben würden.
Die vorgenannten Formen der Hilfeleistung nehmen rund
75 Prozent der gesamten beantragten Mittel in Anspruch. Die
verbleibenden 25 Prozent oder 812,5 Millionen Dollar sind für
Programme bestimmt, die nicht unmittelbar mit militärischen
Aufgaben in Zusammenhang stehen. Die wichtigsten Posten sind:
337 Millionen Dollar für die Wirtschaftshilfe an Asien, wobei
200 Millionen für regionale Entwicklungsvorhaben bestimmt sind.
Ferner sind 172 Millionen Dollar für Programme der technischen
Zusammenarbeit und 100 Millionen Dollar für einen Sonderfonds
des Präsidenten vorgesehen.
Die Verteilung dieses einen Viertels der Mittel, das nicht
unmittelbar für die militärischen Streitkräfte zu verwenden
ist, erfolgt, geographisch gesehen, folgendermaßen» 21 Millionen
Dollar für Europa, hauptsächlich für Berlin; 52,5 Millionen
Dollar für die übrigen amerikanischen Republiken; 179 Millionen
Dollar für den Mittleren Osten; 337,5 Millionen Dollar für Asien
und 222,5 Millionen Dollar für regional nicht gebundene Programme, einschließlich der multilateralen Programme und des
Sonderfonds des Präsidenten.
Dieses Programm ist ein wichtiger Teil unserer allgemeinen
Politik, mit der wir versuchen, jene Machthaber, die jetzt dem
internationalen Kommunismus anhängen, von der Nutzlosigkeit der
die Errichtung der Weltherrschaft anstrebenden Politik zu überzeugen. Vielleicht läßt sich hieraue eine neue Politik entwickeln,
die darauf ausgerichtet ist, die berechtigten Ansprüche ihrer
Völker zu erfüllen.
Ich

�"AMERIKA DIENST"

11. Mai 1955

Ich glaube, die gotnze Welt lebt heute in einer gewissen
Erwartung. Eine Anzahl kleiner, aber vielleicht doch bedeutender Anzeichen läßt darauf schließen, daß der Zeitpunkt näherzurücken scheint, an dem diejenigen, die die Freiheit zu untergraben suchen, tatsächlich ihren Auslandsbeziehungen eine tolerantere Basis geben. Die Entwicklung im Falle Österreichs ist
möglicherweise ein Zeichen für eine Meinungsänderung, die sich
eventuell auch auf anderen Gebieten bemerkbar machen wird.
Ich möchte damit niaht sagen, daß ich glaube, wir hätten
unsere Ziele erreicht. Es gibt immer noch Licht- und Schattenseiten. Auch zweifle ich nicht daran, daß die internationalen
Kommunisten glauben, jede neue von ihnen jetzt eingeschlagene
Politik sei ein Teil jenes klassischen Planes, den Lenin mit
den Worten beschreibt, 'wir werden uns vielleicht im Zickzack
zu bewegen und manchmal rückwärts zu gehen, manchmal den früher
gewählten Weg aufzugeben und es auf anderen Wegen zu versuchen
haben' und von dem Stalin sagt, daß er 'ein Hin- und Hermanövrieren der Reserven im Hinblick auf einen ordentlichen Rückzug,
wenn der Feind stark ist, einschließt.' Dennoch verspüre- ich
ein gewisses Gefühl der Ermutigung, weil heute die Taktik der
internationalen Kommunisten die Vermutung nahelegt, daß sie erkennen, daß die freie Welt tatsächlich 'stark' ist, und daß
sie wirklich einige der einst gewählten Wege aufgeben müssen.
Das wesentliche ist, daß wir die Politik weiter befolgen,
die diese Stärke - und damit größere Sicherheit sowie neue
Möglichkeiten - gezeigt hat. Es würde ein schwerer Irrtum sein,
wenn wir in unseren gemeinsamen Sicherheitsbemühungen gerade
in dem Augenblick nachlassen würden, in dem sie die gewünschten
Früchte zu tragen scheinen. Welche Erfolge oder Fehlschläge wir
auch in nächster Zeit in unseren Beziehungen mit dem internationalen kommunistischen Block haben werden, so können wir doch
dessen sicher sein, daß unsere Aussichten auf Frieden und Freiheit auch weiterhin und noch auf viele Jahre hinaus von der Ge
samtstärke abhängen werden, die die freien Völker schaffen und
erhalten können.
In den vergangenen Jahren ist ein großer Teil der vom
Kongreß im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit bewilligten Militär und Wirtschaftshilfe den Nationen des freien
Europa zur Verfügung gestellt worden, Der Erfolg dieses Programms
ist am besten an der bemerkenswerten Entwicklung der Wirtschaftskraft, der politischen Stabilität und der militärischen Stärke
dieser Nationen abzulesen. Die NATO ist ein gut eingespielter
Apparat; die Entwicklung zu einem geeinten Europa macht Fortschritte; Produktion und Handel wurden ausgeweitet und der Lebensstandard ist gestiegen. Aber noch immer steht Europa vor
ernsten Problemen, und wir sind nach wie vor an der Lösung dieser Probleme interessiert. Dennoch haben sich die Verhältnisse
in Europa ganz bedeutend gebessert, und vielleicht ist das der
Grund, daß wir unsere Aufmerksamkeit jetzt mehr auf Asien richten
und seine Bedürfnisse besser erkennen. Dies wird bei der Planung
des Programms für gemeinsame Sicherheit für das kommende Jahr
entsprechend berücksichtigt werden.
..

�11. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

Über die Fortführung und in einigen Fällen die Steigerung
der gegenwärtigen Programme in den freien Ländern Asiens, insbesondere der technischen Hilfsprogramme, hinaus, hat der
Präsident einen Sonderfonds beantragt, um ihn nach seinem Ermessen in Ost- und Südasien verwenden zu können.
Der internationale Kommunismus setzt alles daran, seinen
Einfluß in den asiatischen Ländern auszudehnen, denen die wirtschaftliche Stärke fehlt, um ausreichende Verteidigungseinrichtungen unterhalten zu können sowie die notwendige Grundlage für
die politische Stabilität und eine ständige Verbesserung des
Lebensstandards zu schaffen.
Durch den Manila-Pakt und andere Verteidigungsabkommen
haben wir die Kommunisten hinsichtlich der Gefahr gewarnt, die
für sie aus weiteren bewaffneten Aggressionen in diesem Gebiet
entstehen würden. Aber dies ist nicht alles, was wir tun können
und tun sollen. Wir wissen, daß Nationen, die wirtschaftlich
schwach sind, Schwierigkeiten haben, politisch stark und sicher
zu werden.
Wir sind der Überzeugung, daß eine Zunahme der wirtschaftlichen Stärke in den freien asiatischen Ländern ein weiterer
wirksamer Schutz gegen den Kommunismus sein kann. Der Sonderfonds Präsident Eisenhowers für das freie Asien ist dazu be
stimmt, die Entwicklung der wirtschaftlichen Stärke und Zusammenarbeit in diesem Gebiet anzuregen.
Seit einiger Zeit schon sind die freien asiatischen Länder alljährlich auf einer Konferenz unter der Leitung des beratenden Ausschusses des Colombo-Plans für kooperative wirtschaftliche Entwicklung in Süd- und Südostasien, allgemein als
ColoirbD-Plan bekannt, zusammengekommen. Auf diesen Zusammen
künften haben diese Länder offen die ihnen bei der Wirtschaft liehen Entwicklung gegenübertretenden Schwierigkeiten und Probleme diskutiert und gemeinsam nach Wegen gesucht, wie sie
dieser Probleme mit ihren eigenen Hilfsmitteln Herr werden
können. Diese Form der Konsultation und Initiative mit ihrer
nachdrücklichen Betonung der Selbsthilfe sollte fortgeführt
und erweitert werden. Aus derartigen kooperativen Foren können
sehr wohl Ideen entspringen, die das Gebiet politisch und wirtschaftlich stärken werden. Wir haben in der Vergangenheit gemeinsam mit unseren asiatischen Freunden an diesen Sitzungen
teilgenommen und hoffen dies auch in Zukunft weiter zu tun.
Ich möchte jedoch klarstellen, daß die USA die Kontrolle über
die Verwendung des Fonds beibehalten werden, genau so wie sie
das im Falle der Länder-Programme tun.
Will man irgendeinen Teil eines integriertem Programms
zu gesonderter Begutachtung herausnehmen, dann besteht immer
die Gefahr, daß man hierdurch den Anschein erweckt, als seien
die übrigen Teile des Programms nicht so wichtig und verdienten weniger Begeisterung und Unterstützung. Da ich nicht den
Versuch unternehmen will, den Wert jedes einzelnen Teiles dieses gemeinsamen Sicherheitsprogramms zu erörtern, hoffe ich,
daß Sie meine Bemerkungen nicht so auslegen werden. Ich nehme
- 4 -

�11. Mai 1955
"AMERIKA DIENST"
nehme an, daß Sie im Verlauf der jetzigen Stellungnahme den
Wunsch haben werden, jeden Aspekt des Programms zu beleuchten,
indem Sie viele informierte Zeugen befragen.
Ich selbst bin kein Fachmann für alle Detailfragen.
Ich habe jedoch ein zuversichtliches umfassendes Urteil in
bezug auf den Wert, den diese Programme im allgemeinen für
die USA darstellen. Meiner Ansicht nach haben diese Programme
für gemeinsame Sicherheit bemerkenswerte Erfolge bei der Herbeiführung von Bedingungen erzielt und erzielen sie noch, die,
wie ich meine, die beste Garantie für den Frieden und die
Freiheit auf der Welt sind. Ich glaube, daß der Preis, den
wir für dieses Ergebnis zahlen, hinsichtlich der erreichbaren
Resultate ein vernünftiger ist.
Es ist gelegentlich gesagt worden, daß unsere Überlegenheit auf dem Gebiet moderner Waffen die Notwendigkeit für
alliierte Unterstützung verringert habe. Dies ist eine gefährliche Fehlkalkulation. Wir brauchen die Unterstützung anderer
freier Nationen genau so wie sie uns brauchen. Diese Völker,
ihr Gebiet, ihre Farmen und Fabriken, ihre Bergwerke und ihr
wissenschaftliches und technisches Können sind unbezahlbare
Posten auf der Habenseite der freien Welt. Unter kommunistischer Kontrolle aber würden diese menschlichen und materiellen
Hilfsquellen eingespannt und gegen uns verwandt werden.
Zu wiederholten Malen habe ich den Umstand besonders betont, daß wir uns nicht auf eine einzige Waffenart oder eine
spezielle Technik verlassen dürfen, daß unser Vorsprung auf
technischem Gebiet durch andere militärische und nichtmilitärische Mittel der Verteidigung noch untermauert werden muß.
Eine Überlegenheit auf dem Gebiet der modernen Waffen ist nicht
das Ergebnis irgendwelcher Zauberkraft, und es gibt auch keine
automatische Gewähr dafür, daß sie für ewig andauern wird. Sie
ist vielmehr Teilausdruck unseres allgemeinen Standes der Technik und eine Resultante mannigfaltigen Könnens, vieler Arten
von Bodenschätzen, Laboratorien und Fertigungsstätten, ausgebildeter Soldaten sowie Stützpunkten und anderen Anlagen, die
zu einem großen Teil von unseren Freunden und Verbündeten freiwillig zur Verfügung gestellt werden. Die Aufrechterhaltung
einer technischen Überlegenheit hängt zu einem großen Teil
davon ab, was in anderen Ländern geschieht und wie diese sich
hinsichtlich des Einsatzes ihrer menschlichen und materiellen
Hilfsquellen entscheiden.
Es gibt Leute, die das Programm für gemeinsame Sicherheit
als einen sinnlosen Versuch, sich Freundschaft zu erkaufen,
bezeichnet haben. Wenn dies der wahre Zweck des Programms
wäre, dann wäre es wirklich sinnlos. Freundschaft kann man nicht
erkaufen. Die große Mehrheit der freien Völker der Welt steht
den Vereinigten Staaten ohnedies bereits freundschaftlich gegenüber. Der wahre Zweck des Programms ist es, unsere Kraft zu
investieren. Wir wollen unsere Freunde so stark wie möglich
machen, damit sie sich besser Schützern und wirksamer zu unserer
gemeinsamen Sicherheit, unserem gemeinsamen Fortschritt bei der
Errichtung einer stabileren und friedlicheren Welt beitragen
können.
-r

�11. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

In den letzten zehn Jahren haben die freien Nationen freiwillig ein Partnerschaftsverhältnis geschaffen, bei dem sie
alle gut gefahren sind.
Die Vereinigten Staaten haben hierzu einen wesentlichen
Beitrag geleistet. Niemals, zu keiner Minute, haben wir versucht, unsere Macht zu erweitern. Wir waren einzig und allein
daran interessiert, allen Menschen in allen Teilen der Welt
zu helfen, die an die Freiheit des Menschen glaubten und selbst
bereit waren, dafür zu kämpfen und Opfer zu bringen, um diese
Freiheit zu sichern. Was das amerikanische Volk in den vergangenen zehn Jahren geleistet hat, steht meines Erachtens einmalig in der Geschichte da. Was vollbracht wurde, berechtigt zu
guten Hoffnungen für die Zukunft. Diese Erwartungen knüpfen
sich weitgehend an die Tatsache, daß die Menschen heute zu der
Erkenntnis gekommen sind, daß Frieden und Gerechtigkeit Ziele
sind, für die man ständig kämpfen und Opfer bringen muß, und
daß sie nicht Ziele sind, die durch irgendeine andere sporadische Maßnahme gesichert werden können. In der Vergangenheit
schloß man nach Kriegen fast immer Verträge ab, die von den
Menschen dahingehend interpretiert wurden, daß sie eine Gewähr
für die Aufrechterhaltung des Friedens böten. Darum ließ die
Wachsamkeit nach und die Menschen kümmerten sich ausschließlich
um ihre persönlichen Angelegenheiten. Dieses Mal sind wir wachsam geblieben und haben gearbeitet und gekämpft - zuweilen mit
Erfolg, zuweilen ohne, aber stets mit fester Entschlossenheit.
Und diese Entschlossenheit brauchen wir heute so nötig
wie eh und je. Sie findet einen wesentlichen Ausdruck in dem
Ihnen vorliegenden Programm für gemeinsame Sicherheit."

- 6-

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE ASIENPOLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN

PITTSBURGH — (AD) — Nachstehend geben wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs im US-Außenministerium, Robert Murphy, die dieser am 5- Mai 1955 vor der.
Gesellschaft für Außenpolitik in Pittsburgh gehalten hat. Robert Murphy beleuchtete im Rahmen
seiner Ausführungen die Situation in Asien und
nahm insbesondere Stellung zu Fragen der amerikanischen Asienpolitik.

Sehr verehrte Pestversammlung,
Es ist mir eine aufrichtige Freude, heute unter Ihnen weizu
dürfen. Sie haben diese Zusammenkunft unter das Thema
len
"Asien und wir" gestellt. Es gibt wohl kaum ein Thema, das im
Hinblick auf die weltpolitischen Probleme, denen wir uns gegenübersehen, zeitgemäßer und angebrachter wäre. Es gibt kein Gebiet, in dem die Amerika gestellten Aufgaben komplexer und deshalb schwieriger zu ijsen sind als in Asien. Es gibt auch kein Gebiet, in dem die Vereinigten Staaten ein größeres Interesse an
der erfolgreichen Regelung der gegebenen strittigen Fragen haben,
Daß Amerika der Aufgabe gewachsen ist, darüber gibt es meines
Erachtens keine Zweifel. Die Vereinigten Staaten können die
Prüfung in Asien nur bestehen, wenn sich ihre Politik auf die
Weisheit, das Einfühlungsvermögen und das geduldige Ringen um
Verständnis des ganzen amerikanischen Volkes stützen kann.
Vielleicht ist eine Darlegung der Grundelemente der Politik der
Regierung der Vereinigten Staaten in Asien am ehesten iafcu angetan, bei Ihnen die Gewißheit wachzurufen, daß Ihre Regierung,
in Zusammenarbeit mit den Regierungen anderer befreundeter Nationen, die ihr in Asien gestellte Aufgabe in realistischer
und wirksamer Weise anpackt.
Es gibt eine Anekdote über einen asiatischen Potentaten,
der gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts lebte. Er war eifrig

�"AMERIKA DIENST"

11. Mai 1955

eifrig bemüht, seine Verbündeten und Gegner mit der Stärke seiner Streitkräfte zu beeindrucken. Er erklärte, daß er am Neujahrstage eine Parade seiner gesamten Armee von 30 000 Mann abnehmen und ihr Neujahrsgeschenk entgegennehmen werde. Las war
ein glänzendes Ereignis, dem das gesamte diplomatische Korps
beiwohnte. Jedermann wußte, daß die Armee des Souverän nur etwa
5 000 Mann stark sei und fragte sich, woher er die restlichen
25 000 Mann nehmen wolle. Die Parade war erstklassig. Zunächst
defilierten Kavallerieschwadronen mit Küraß und Helmbusch ä la
Napoleon III. vor den Zuschauern. Hieran schlössen sich die Ulanen an, gefolgt von einer Kompanie Infanterie, die ganz ohne
Zweifel die Helme der New Yorker Feuerwehr trug. Und so ging eB
immer weiter, und noch lange ehe die dreißigtausend Mann vorbeimarschiert waren, kam die Wahrheit, obwohl an der Spitze jeder
Kolonne ein neuer Oberst gestanden hatte, ans Tageslicht: die
fünftausend Mann der Armee waren, mit jeweiligem Uniformwechsel,
sechs Mal im Kreise herummarschiert.
Die Stellung der Vereinigten Staaten ist der Position dieses asiatischen Potentaten aus der Zeit der Jahrhundertwende
diametral entgegengesetzt. Er versuchte vergeblich, andere durch
Macht und Stärke zu beeindrucken, die er nicht besaß. Er war
ein Bluffer, Er war in der Tat ein Koloß auf tönernen Füßen.
Wir haben die Kraft, das überlegene Menschenpotential, die industrielle und wirtschaftliche Macht, reiche Hilfsquellen, die
militärische Stärke und sowohl herkömmliche als auch modernste
Waffen als Abschreckungsmittel. Dieses Stärkepotential und
die engste Verbindung mit den freien Nationen der Welt, die
ebenfalls ein entsprechendes Potential aufzuweisen haben, versetzt uns in die
Iigc, das aufzubringen, was Präsident bisenhower gefordert hat: den Mut zur Gedulde Und "wir brauchen
nicht so schnell in Rage zu geraten", wie Außenminister Dulles
es ausdrückte.
Wir haben jetzt Grund zu der Annahme, daß wir der Zukunft
zuversichtlich entgegensehen dürfen. Auf der Schlußsitzung der
kürzlich abgehaltenen Konferenz von Bandung fühlten sich die
chinesischen Kommunisten durch die Person Tschu En-lais bemüßigt, in aller Öffentlichkeit ein Angebot zu Verhandlungen
mit den Vereinigten Staaten über Fragen zu machen, die zu einer
gespannten Atmosphäre und einer gefährlichen Situation im Fernen Osten geführt haben. Tschu führte aus, das chinesische Volk
hege gegen das amerikanische Volk keine feindlichen Gefühle
und wünsche keinen Krieg. Es dürfte wohl bedeutsam sein, daß
dieser Vorschlag in Gegenwart der Vertreter von 2Q in Bandung
versammelten afro-asiatischen Staaten gemacht wurde. Denn dort
fand Rotchina mit seinem offen verkündeten Programm einer gewalt
samen Annektion Formosas keine Gegenliebeo Statt dessen sah es
sich der mit Nachdruck vertretenen Meinung der anwesenden freien
Völker gegenüber, die sich für den Frieden und gegen jede
Aggression und Subversion aussprachen,, Es ist möglich, daß die
Kommunisten zu der Erkenntnis gekommen sind, eine Politik, die
sich auf Gewalt begründe, liege nicht in ihrem Interesse. Die
jüngsten sowjetischen Fühler im Hinblick auf eine Befreiung
Österreichs stützen diese Annahme.
Prüfstein

�"AMERIKA DIENST"

11. Mai 1955

Prüfstein für die Aufrichtigkeit des rotchinesischen Vorschlages wird das Zustandekommen eines Waffenstillstands im Gebiet um Pormosa sein. Unsere größte und unmittelbarste Sorge
gilt der Frage, ob uns ein Krieg aufgezwungen wird. Die Interessen der Vereinigten Staaten wiegen in dieser Angelegenheit schwer,
haben sie doch eine vertragliche Verpflichtung zur Verteidigung
Pormosas übernommen, die durch eine mit überwältigender Mehrheit
vom Kongreß angenommene Resolution gestützt wird. Aus diesem
Grund ist eine Feuereinstellung in der Straße von Pormosa eine
unerläßliche Voraussetzung für die Verhinderung eines Krieges.
Die kommunistische Kriegsdrohung lastet schwer auf dem Gebiet um Pormosa. Rotchina unterhält auch weiterhin ein riesiges
stehendes Heer auf dem Formosa gegenüberliegenden Festland.
Rotchina vergrößert seine Luftmacht immer mehr, und es hat eine
wilde Propagandakampagne gestartet, daß es Formosa durch Gewalt
an sich reißen werde. Die Rotchinesen haben wiederholt Feuerüberfälle mit schwere Artillerie auf die dem chinesischen Festland vorgelagerten Inseln durchgeführt. Diese Angriffe sind deshalb wichtig, weil die Kommunisten erklärten, die Inseln seien
das Sprungbrett für eine spätere Offensive gegen Formosa.
Wir werden natürlich in keine Verhandlungen eintreten, die
sich auf das Territorium oder die Rechte der Republik China
beziehen, es sei denn in Zusammenarbeit mit der Regierung dieses Staates. Wir sind jedoch gewillt, festzustellen, ob der rotchinesische Vorschlag ehrlich gemeint ist.
Diese Bereitschaft, alle nur möglichen Wege für eine Entspannung der Weltlage zu erforschen, ist schon eine Tradition
der amerikanischen Diplomatie geworden. Sie ruht in der Stärke
und entspringt nicht etwa einer Schwäche. Sie gründet sich auf
die Kenntnis von der Furchtbarkeit des Krieges und der Abscheu
vor ihm. Ihr Ziel ist die Herstellung eines dauerhaften Weltfriedens - eines Friedens, für den es, um mit den Worten des Präsidenten zu sprechen, heute keine Alternative gibt.
Bevor ich mich einer näheren Darlegung der Grundelemente
der amerikanischen Asienpolitik zuwende, möchte ich betonen,
was ja den meisten von Ihnen ohnehin klar sein dürfte, daß es
grundfalsch ist, sich Asien als etwas Einheitliches vorzustellen.
Dieses Gebiet zieht sich in einem weiten Bogen von den Provinzen
Sowjetrußlands am Pazifik über Japan, China bis nach Hinterindien
und dem angrenzenden Inselarchipel und weiter über Ceylon, Pa
kistan und Indien an die Grenze des Vorderen Orients. Asien ist
kein einheitliches Ganze, schließt es doch eine Vielzahl von
Rassen, Kulturen, Glaubensbekenntnissen und Traditionen ein.
Seit Beginn der Menschheitsgeschichte hat es in Asien Wanderungen gegeben, so daß völkische Minderheiten nichts Ungewöhnliches
sind. Im Gegensatz zu Japan und Korea, wo man nur eine Sprache
spricht und die Bevölkerung homogen ist, gibt es Staaten wie
Indien, in denen über 12 Hauptsprachen und dazu noch ungezählte
Dialekte gesprochen werden. Die Wirtschaftsstrukturen sind oftmals grundverschieden und reichen von dem hochindustrialisierten
und auf Handel abgestimmten System Japans bis zu den verhältnismäßig einfachen Agrarwirtschaften, die man in vielen der anderen

�11. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

anderen asiatischen Ländern findet. Die politische Haltung der
asiatischen Völker ist gleichfalls nicht einheitlich, sie ist
vielmehr durch eine fTneäriheitllßhkeit Ja sogar durch tiefverwurzelte Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet. Gewisse Länder
müssen von brandstifterischen Aggressionsmaßnahmen abgehalten
werden. Andere wiederum sind so entschlossen, einen unabhängigen
neutralen Kurs zu steuern, daß sie es ablehnen, die von uns für
notwendig erachteten defensiven Mindesterfordernisse zu erfüllen.
Unter den freien Nationen dieses Gebietes gibt es nicht einmal
ein allgemein anerkanntes System der diplomatischen Anerkennung.
Dies trifft besonders für die Präge der diplomatischen Anerkennung
Rotchinas und der Regierung der Republik China auf Formosa zu.
Diese Uneinheitlichkeit Asiens, diese auf allen Gebieten
anzutreffende Heterogenität, ist eine Tatsache, mit der man sich
bisweilen nur schwer abfindet, mit der man aber bei der Formulierung einer Politik stets rechnen muß. Die amerikanische Asienpolitik hat letztlich natürlich, wie überhaupt die gesamte Außenpolitik, das Ziel, Sicherheit und Wohl des amerikanischen Volkes
zu wahren und zu fördern. In Asien wird das in erster Linie durch
die Unterstützung der uns befreundeten Nationen erreicht, mit
der wir sie in die Lage versetz er ihre eigene Stärke so zu entwickeln, daß sie ihre Unabhängigkeit gegen alle Bemühungen, sie
zu untergraben, verteidigen können. In praxi ist unsere Politik
in Asien sehr vielschichtig, um so den jeweils herrschenden Verhältnissen gerecht werden zu können. In diesem Sinne ist die
amerikanische Asienpolitik in Wirklichkeit eine Kombination aus
vielen situationsbedingten politischen Einzelmaßnahmen, die aber
alle darauf gerichtet sind, die Entwicklung einer nationalen Unabhängigkeit, die Besserung der wirtschaftlichen Bedingungen, die
aufgeschlossene Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und
den Frieden zu fördern.
Nachdem ich •Ms .'Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit des
Kontinents Asien bereits besonders herausgestellt habe, erlauben
Sie mir, daß ich Ihnen diese Mannigfaltigkeit am Beispiel eines
Faktors, der wegen seiner Einheitlichkeit im scheinbaren Widerspruch zu dem vorher Gesagten stehen mag, noch weiter verdeutliche. Mit diesem Faktor meine ich den Nationalismus, eine Kraft,
die ganz Asien erfaßt und den Lauf der Dinge in der jüngeren Zeit
doch wesentlich beeinflußt hat. Die Rücksichtnahme auf die nationalen Gefühle spielt bei unseren Verhandlungen mit allen asiatischen Nationen, eine besondere Rolle, selbst wenn wir mit ihnen
sehr freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Rücksichten auf
das Nationalgefühl waren während unserer Verhandlungen mit Japan
über das Sicherheitsabkommen maßgebend, da dieses Abkommen die
Stationierung amerikanischer Truppen auf dem Boden eines stolzen
und leicht zu verletzenden Volkes vorsah. Der Nationalismus ist
die treibende Kraft, die hinter der Entschlossenheit der Koreaner
steht, ihre Halbinsel wieder zu vereinigen und die Südkoreaner
zu großartigen Leistungen anspornte, als ihre Heimat von Norden
her überfallen wurde. Nationalismus ist ferner, wenn auch auf
andere Art, der Grund für das Zögern verschiedener asiatischer
Nationen, Hilfe von den Vereinigten Staaten anzunehmen. Er charakterisiert die Politik der uns freundlich gesinnten Regierung
_ 4_

�"AMERIKA DIENST"

11. Mai 1955

Regierung des vietnamesischen Premierministers Diem. Auf den Nationalismus ist zum Teil sogar der Aufstieg Ho Tschi-minhs in
seiner Maske als Befreier Vietnams zurückzuführen. Nationalismus liegt der entschlossenen Neutralität Indiens zugrunde.
Diese mächtige nationalistische Bewegung ist mit einer oft
extrem feindlichen Haltung gegenüber jeglichem Kolonialismus
verknüpft. Eine Tatsache, die die Kommunisten mit großem Geschick auszunutzen verstanden. Dennoch ist es eine Haltung oder, wenn Sie wollen, eine Art Neurose - , für die die Vereinigten Staaten mehr Verständnis als vielleicht alle anderen
großen Nationen der Welt aufbringen können. Denn historisch gesehen ist es noch gar nicht so lange her, daß wir uns selbst
mit Waffengewalt von der Tyrannei befreit haben. Auf Grund unserer eigenen Geschichte erkannten wir, daß die Erreichung der
Unabhängigkeit allein nicht genügt. Mit der Monroe-Doktrin
brachten wir zum Ausdruck, daß wir keine weitere europäische
Kolonisierung dulden oder die Einführung despotischer politischer Systeme in der westlichen Hemisphäre zulassen würden eine wahrhaft kühne Doktrin in der damaligen Zeit, wenn man bedenkt, daß wir erst ungefähr fünfzig Jahre später in der Lage
waren, sie tatsächlich durchsetzen zu können.
Unsere traditionelle Opposition gegenüber Absolutismus
und Imperialismus hat starke Bande zu vielen asiatischen Völkern geschaffen. Und unser Verhalten war ein Beweis dafür, daß
es uns damit ernst war. Wir haben uns gegen die Aufteilung
Chinas durch die europäischen Monarchien gewandt; wir haben
die Filipinos davon überzeugen können, daß das oberste Ziel der
amerikanischen Verwaltung die Erlangung ihrer Unabhängigkeit
war; wir haben unsere Stimme gegen die Übergriffe der Vorkriegsregime in Asien erhoben und haben uns gegen die Versuche Japans
gewandt, seine Herrschaft über China auszudehnen. Wir verzichteten freiwillig auf unsere territorialen Sonderrechte in China
und machten die Befreiung Koreas zu einem der Ziele des zweiten
Weltkrieges. Wir haben lange Zeit eine gleichbleibende Haltung
in dieser Frage eingenommen. Als das Jahr 1945 kam, blickten
viele asiatische Nationen, die sich endlich von der Zwielichtigkeit des Kolonialismus befreit hatten, nach Amerika, von dem
sie Hilfe und Führung erwarteten. In den nun folgenden zehn
Jahren sind unsere Beziehungen mit A.s-'en in ein viel komplizierteres Stadium eingetreten, zum Teil deshalb, weil sie
umfassender und wesentlicher geworden sind. Vor dem zweiten
Weltkrieg unterhielten wir mit 6 asiatischen Ländern diplomatische Beziehungen, heute mit 26. Unsere wirtschaftlichen und
technischen sowie unsere militärischen Hilfsprogramme, die gemeinsame Mitgliedschaft in internationalen Organisationen,
wie den Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen, unsere ineinandergreifenden wirtschaftlichen Interessen waren Momente, die uns jedes Jahr in einen noch engeren Kontakt mit den
Völkern Asiens gebracht haben.
Einige Asiaten mögen unsere Motive mit Mißtrauen betrachten,
aber es gibt genug Gründe, die zu der Annahme berechtigen, daß
die Mehrzahl der Völker Asiens unsere Absichten richtig versteht.
- 5 Auf

�"AMERIKA DIENST"

11. Mai 1955

Auf mancherlei Weise war die Konferenz von Bandung, auf der 29
afrikanische und asiatische Nationen zum ersten Mal zusammentrafen, um Angelegenheiten von gemeinsamen Interesse und Pläne
für den gemeinsamen Fortschritt zu besprechen, eine erfrischende
Bestätigung dieses Vertrauens. Ich darf wohl annehmen, daß Ihnen
allen die Bekenntnisse dieses Vertrauens und die klare Verurteilung des Kommunismus, wie sie von den Repräsentanten des Irans,
Iraks, Pakistans, der Türkei, Ceylons, Thailands und der Philippinen in scharfen Erklärungen auf der Bandung-Konferenz abgegeben
wurden, bekannt sind. Diese eindringlichen Reden waren offensichtlich aufrichtige Manifestationen des Nationalismus und der Entschlossenheit, die Prinzipien der Freiheit und Unabhängigkeit
zu verteidigen. Sie wurden von der freien Presse ausführlich behandelt und fanden ein warmes Echo in der gesamten freien Welt.
Es dürfte beachtenswert sein, daß die kommunistische Welt weder
über Presse noch über Radio gegenüber ihren versklavten Völkern
etwas darüber verlauten ließ.
Es besteht kein Zweifel, daß diese Reden von besonderer Bedeutung für das Schlußkommunique waren, das von einer noch schwach
vorhandenen Furcht vor dem westlichen Imperialismus gekennzeichnet
ist, zur gleichen Zeit aber zum Ausdruck bringt, daß die Konferenz
übereingekommen wäre, "daß Kolonialpolitik in allen ihren Manifestationen ein Übel ist, das schnellstens beseitigt werden muß."
Die Konferenz hat damit die neuen Kolonialisierungsversuche des
Kommunismus ebenso verurteilt wie die älteren Versuche im 19.
Jahrhundert. In dem Kommunique wurde weiter das Prinzip der
"Respektierung des Rechts jeder Nation, sich aus eigener Anstrengung oder gemeinsam mit anderen Nationen in Übereinstimmung mit
der Charta der Vereinten Nationen zu verteidigen", anerkannt.
Mit dieser Erklärung bekannte man sich zum Prinzip der kollektiven
Sicherheit, das die Grundlage für viele unserer Anstrengungen in
Asien und in anderen Teilen der Welt bildet, nämlich dem Problem
der Aggression zu begegnen. Hier kann man von einem wirklichen
Erfolg sprechen.
Und noch ein anderer Auszug aus diesem interessanten Schlußkommunique ist erwähnenswert, in dem unter dem Titel "Wirtschaftliche Zusammenarbeit" die Verdienste der Vereinigten Staaten mit
folgenden Worten gewürdigt werden* "... Es wurde weiter anerkannt,
daß die Unterstützung, die auf Grund v^a internationalen oder
bilateralen Abkommen von anderen Nationen an bestimmte Teilnehmerländer geleistet wurde, wesentlich zur erfolgreichen Durchführung
ihrer Aufbauprogramme beigetragen hat..."
Die Teilnehmerstaaten brachten damitt zum Ausdruck, daß wirtschaftliche Hilfsprogramme des Auslandes
beispielsweise die
der Vereinigten Staaten willkommene und konstruktive internationale Hilfeleistungen darstellen.
Die Bedeutung dieser Resolutionen erhöht sich noch dadurch,
daß sie einstimmig durch die Konferenzteilnehmer angenommen wurden.
Ich glaube sagen zu dürfen, daß sie ein Beweis dafür sind, wie eng
unsere Politik mit dem Geist von Bandung verwandt ist. Wie ich
bereits vorher ausgeführt habe, hegt Amerika seit der Geburtsstunde
seiner

�"AMERIKA DIENST"

*

11. Mai 1955

seiner Freiheit eine tiefe Abneigung gegen jegliche Art von Kolonialismus. Die Förderung nationaler Bestrebungen ist lediglich
eine logische Folge dieser Haltung, der wir in unserer Asienpolitik wie überhaupt stets gefolgt sind.
Das jüngste Beispiel der Förderung nationaler Bestrebungen
war die Unterstützung der freien vietnamesischen Regierung im
Ringen um Unabhängigkeit in einer Zeit größer Spannungen an
diesem Vorposten der Freiheit. Zusammen mit unserem Verbündeten
Frankreich versuchen wir alles, um der vietnamesischen Regierung
bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Die gegenwärtige Regierung unter Premierminister Diem sieht sich vor die fast übermenschliche Aufgabe gestellt, eine Regierung in einem Lande zu
bilden, das eben erst seine Unabhängigkeit erhalten hat, nur an
eine Kolonialverwaltung gewöhnt ist und auf Grund der Genfer
Abkommen durch eine Demarkationslinie geteilt wurde. Nordvietnam
ist von kommunistischen Truppen unter Führung Ho Tschi-minhs
besetzt. Die Regierung Südvietnams mußte einmal Unterkunft und
Verpflegung für 500 000 Flüchtlinge bereitstellen, die vor dem
kommunistischen Terror geflohen waren, zum anderen eine durch
den Krieg zerstörte Wirtschaft wiederaufbauen, und hatte überdies die Aufgabe zu bewältigen, Ruhe und Ordnung in den von
den Vietminh-Truppen erst kürzlich geräumten Gebieten, die heute
noch von deren Geheimagenten durchsetzt sind, wiederherzustellen
und eine regierungstreue Armee aufzustellen. Schon die Lösung
eines dieser Probleme wäre für eine junge unabhängige und unerfahrene Regierung eine ungeheure Aufgabe gewesen. Das freie Vietnam mußte jedoch noch mit einem weiteren Problem fertig werden,
dessen Ursache zwei politisch-religiöse Sekten waren, die gewohnt
waren, in ihren Interessengebieten völlige Autonomie auszuüben;
sie besaßen eigene Truppen, und eine dieser Gruppen, nämlich die
cangsterähnliche Bande der "Binh Xuyen", hatte sogar die Polizei
von Saigon in der Hand.
In seinem eigenen Lande, in den Vereinigten Staaten und in
vielen freien Ländern Asiens, gewinnt Premierminister Diem immer
mehr den Ruf eines mutigen Nationalisten, der versucht, der gewaltigen Schwierigkeiten Herr zu werden und seinem Volk die Einheit und Unabhängigkeit zu geben. Der furchtlose Kampf der
Vietnamesen um ihre Zukunft und ihre Bemühungen um nationale Interessen und Ziele verdienen die ständige Unterstützung der Vereinigten Staaten und der gesamten freien Welt. Die Vereinigten
Staaten haben während aller Aufstände und sonstigen Belastungsproben ihre freundschaftliche Unterstützung der legalen Regierung
Vietnams mit Premierminister Ngo Dinh Diem an der Spitze aufrechterhalten. Diese Unterstützung ist nur eine Fortführung unserer
geschichtlich begründeten Politik der Unterstützung aller Völker
der Welt in ihren Bemühungen um Freiheit und Unabhängigkeit.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß das nach Beendigung
der Konferenz von Bandung herausgegebene Kommunique für den Grundsatz der kollektiven Sicherheit eintritt, auf dem ein guter Teil
unserer Bemühungen in Asien beruht. In der Praxis gestaltet sich
die Verwirklichung dfieses Grundsatzes in Asien sehr schwierig, denn
bisher sind die dortigen Verhältnisse der Schaffung von Vereinbarungen über die kollektive Sicherheit nicht techt förderlich gewesen.
- 7 Neugebildete

�11. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

Neugebildete Staaten sind gewöhnlich vorsichtig' in der Übernahme
von Verpflichtungen gegenüber Mächten, die einst ihre Kolonialherren waren oder mit dieser Herrschaft in Eerbindung gebracht
werden. Es sind freilich Fortschritte zu verzeichnen. Die Vereinigten Staaten haben mit Japan, Korea und den Philippinen
zweiseitige Verteidigungsverträge und ein dreiseitiges Abkommen
mit Australien und Neuseeland geschlossen. Erst in jüngster Zeit
ist ein zweiseitiger Vertrag mit der Republik China unterzeichnet und ratifiziert worden.
In der Zeit, in der diese verschiedenen Bündnisse entstanden, trat ein Ereignis ein, das Asien schwer erschütterte. Es
war die Teilung Vietnams nach der Niederlage der dortigen freien
Streitkräfte, die ihren dramatischen Höhepunkt in der Kapitulation von Dien Bien Phu fand. Die Notwendigkeit, das Prinzip der
gemeinsamen Sicherheit zu verwirklichen, trat allen Beteiligten
klar vor Augen. Ein Ergebnis dieser Erkenntnis war die AchtMächte-Konferenz in Manila im vorigen Kerbst sowie der Pakt von
Manila und die Pazifik-Charta, die beide dort verkündet wurden.
Der Pakt verbindet, wie Sie wissen, acht asiatische und nichtasiatische Mächte Südostasiens gegen offene Angriffe von außen
und gegen umstürzlerische Tätigkeit von innen, er wirft einen
schützenden Mantel über die neuen Staaten Laos, Kambodscha und
Südvietnam.
Die Konferenz der Signatarmächte des Manila-Paktes im
Februar zu Bangkok war ein erster Versuch, dem Gebilde Leben
einzuhauchen. Man kam dahin überein, daß nicht nur bezüglich
der militärischen Bestimmungen des Vertrages etwas unternommen
werden müßte, sondern daß Sachverständige in Kürze zusammentreten sollten, um Mittel und Wege zu erörtern, wie sich die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse innerhalb des gesamten
Vertragsgebietes bessern ließen.
Auf der anderen Seite der asiatischen Landmasse ist ein nördlicher Riegel zur Verteidigung des Mittleren Ostens im Werden
ein aus der Initiative der dortigen Völker erwachsenes Unternehmen, das rasch Fortschritte macht. Beispielsweise haben die Türkei und Pakistan zur Erörterung gemeinsamer Verteidigungsprobleme ein Abkommen geschlossen. Später kam es zu einem Verteidigungspakt zwischen der Türkei und dem Irav, während Pakistan zum Beitritt aufgefordert wurde. Die Vereinigten Staaten selbst sind
mit der Türkei, mit Pakistan und dem Irak zu Abmachungen über
militärische Hilfe gelangt, auch haben wir ein älteres, weiter^
laugendes Abkommen mit dem Iran. Ferner besteht eine Verbindung
zwischen diesen Verteidigungsvorkehrungen im Mittleren Osten und
zwei anderen Verteidigungsbündnissen in Europa. Es gibt den Balkanpakt, den ^ie Vereinigten Staaten gefördert haben, als Militärbündnis zwischen Griechenland, Jugoslawien und der Türkei. Grie-:
chenland und die Türkei sind, wie ich Ihnen kaum ins Gedächtnis
zurückzurufen brauche, getreue Mitglieder der NATO. Schließlich
ist Pakistan noch Mitglied der Manilapakt-Organisation.
Das Problem der wirtschaftlichen Entwicklung nahm auf der
Tagesordnung der Konferenz von Bandung eine bevorzugte Stelle ein.
Einer der wichtigsten Faktoren im Leben der asiatischen Völker ist

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ist die Überzeugung, die Asiaten müßten ebenso wie die Menschen des
Westens in steigendem Maße an dem ständig steigenden Lebensstandard teilhaben, der durch ihren technischen und industriellen Portschritt ermöglicht wird. Das hat die amerikanische Regierung längst
erkannt, und sie hat konstruktive Maßnahmen ergriffen. Dessen wurden
sich die Kommunisten vor kurzem bewußt. Sanftmütig sprechen sie von
wirtschaftlichem Aufstieg, und in Ländern, wo Hunger und Armut oft
seit Menschengedenken Grundtatsachen des Lebens sind, oder wo der
Absatz der landeseigenen Produkte auf den Auslandsmärkten ein lebenswichtiges Bedürfnis für das Wohlergehen des Volkes ist, finden
ihre neuesten Annäherungsversuche ein Echo. Ceylon mögen sie den
Ankauf von Kautschuk, Burma die Abnahme von Reis, Indien den Bau
eines modernen Stahlwerks, das die Inder freilich bezahlen müssen,
versprechen,damit diese Völker die Wunder industrieller Produktion
unter dem Kommunismus schätzen lernen und daraus Nutzen ziehen
können.
Das Verlangen der asiatischen Völker nach Besserung der wirtschaftlichen und sozialen Zustände ist einer der zentralen Punkte,
der ausschlaggebend bei der Entscheidung dieser Nationen über ihre
zukünftige politische Einstellung sein wird. Daher sind die Programme der amerikanischen Regierung über eine wirtschaftliche und
technische Hilfe in Asien darauf abgestimmt, die asiatischen Nationen beim Aufbau einer Verteidigung gegen einen Aggressor zu
unterstützen.
Die Hilfe der Vereinigten Staaten gegenüber Asien ist nicht
nur darauf angelegt, die kommunistischen Gesten in jenem Gebiet
zu parieren. Wir wollen uns nicht an einem Wettstreit beteiligen,
bei dem es darum geht, wer sich am meisten beliebt machen kann.
Zunächst einmal sind die Gesten der Kommunisten bezüglich technischer Hilfeleistung an nichtindustrialisierte Gebiete in der Hauptsache auf Propagandawirkung berechnet. Was aber wichtiger ist, die
Bemühungen der Vereinigten Staaten, freien Völkern bei ihrer Erstarkung zu helfen, sind als positives Handeln anzusehen; sie sind
an sich gut und sie würden auch unter anderen Verhältnissen das
Rechte sein. Wir arbeiten nicht nur gegen etwas, wir sind für die
Freiheit, für die Würde des einzelnen und für bessere Lebensverhältnisse überall.
Wenn man über das Problem nachdenkt, wie die wirtschaftliche
Entwicklung in Asien gefördert werden könne, dann darf man einen
hochwichtigen Punkt nicht übersehen: Im Gegensatz zu Europa, wo
es in erster Linie nur um eine-' Wiederaufrichtung und Wiederbelebung
einer schon bestehenden Wirtschaft ging, muß die wirtschaftliche
Entwicklung in vielen Teilen Asiens ganz von vorn beginnen. Unsere
Vorhaben dort müssen weitgehend auf die Verbreitung elementarer
technischer Fertigkeiten gerichtet sein, ohne die sich die Entwicklungspläne nicht erfolgreich durchführen lassen. Dementsprechend
sind unsere Vorhaben zur wirtschaftlichen Entwicklung in Asien auf
langfristige Planung abgestellt, während unserer Wiederaufbaubemühungen in Europa für verhältnismäßig kurze Frist gedacht waren
und mehr den Charakter von Notstandsmaßnahmen trugen. Wir wollen
uns bei diesen Bemühungen der bestehenden regionalen Organisationen,
wie des Colombo-Plans, bedienen. Neben unserer unmittelbaren

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unmittelbaren Unterstützung versuchen wir den asiatischen Ländern
bei der Ausbeutung ihres gegenseitigen Handels und des Wasserverkehrs mit anderen Ländern der freien Welt zu helfen. Als Teil dieses Vorhabens haben wir eine Erweiterung der Mitgliedschaft in
dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) befürwortet und
unsere Bemühungen zur Aufhebung von Beschränkungen des internationalen Handels gesteigert. Unsere Hilfe kann natürlich nur eine Ergänzung und Anregung der auf raschere wirtschaftliche Entwicklung
und eine Erhöhung des besseren Lebensstandards gerichteten Bemühungen jener Länder selbst sein.
In dem von mir hier aufgezeigten Rahmen unseres Handelns haben
wir bereits bedeutende Portschritte erzielt. Beispielsweise hat das
US-Amt für Auslandshilfe (FOA) die Philippinen erfolgreich bei ihren Bemühungen unterstützt, ihre Reiserzeugung wesentlich zu steigern. In Indonesien fördert unsere Unterstützung die Bekämpfung
der Malaria, einer Geißel der Menschheit in den Tropen, und die
Steigerung und Verbesserung der Reiserzeugung. Als Beitrag des
Amtes für Auslandshilfe zur Entwicklung Indiens wird ein Teil der
dortigen Verkaufserlöse für die diesem Lande gewährte Hilfe, zusammen mit Geldern privater und internationaler Banken, zur Finanzierung einer neugegründeten industriellen Kredit- und Investmentgesellschaft abgezweigt; durch Förderung der privaten Industrie in
Indien wird diese Gesellschaft größere einheimische Kapitalquellen
für weitere Entwicklungsvorhaben erschließen helfen. Im Iran kommt
amerikanischen und iranischen Fachleuten, die bei Vorhaben des
Amtes für Auslandshilfe im Rahmen der technischen Hilfe zusammenarbeiten, das Verdienst zu, eine Zunahme der Bevölkerung durch
beträchtliche Verminderung der Häufigkeit der Malariaepidemien in
die Wege geleitet und die landwirtschaftliche Produktion durch
Verbesserung des
Saatgutes und Einführung zweckmäßiger Tierzuchtverfahren gesteigert zu haben.
Das sind nur ein paar Beispiele jener Art wirtschaftlicher
Entwicklungsvorhaben, an denen wir heute in Asien beteiligt sind.
Angesichts aller jener wunderbaren Fertigkeiten und angesichts
jener schöpferischen Phantasie, die den Vereinigten Staaten eine
so große Produktionskraft' eingebracht haben, brauchen wir auf dem
Gebiete der wirtschaftlichen Entwicklung Asiens den wetteifernden
Einfluß der kommunistischen Staaten nicht zu fürchten.
Und nun lassen Sie mich kurz die Eckpfeiler unserer Asienpolitik umreißen: Ermutigung berechtigter nationaler Bestrebungen,
kollektive Sicherung gegen Angriffe von außen und von innen, wirtschaftliche und militärische Hilfe für die mit uns verbündeten
freien Völker. Diese Politik soll unsere internationale Sicherheit
und das wohlverstandene Interesse unseres eigenen Volkes fördern.
Wir erwarten nicht, daß der Weg glatt sein werde. Viele Fallstricke und Zufälligkeiten liegen vor uns. Wegen der Verschiedenheit
der Staatsformen und der Völker, mit denen wir es in Asien zu tun
haben, sind Meinungsverschiedenheiten unvermeidlich. Es gehört jedoch zum Wesen guter Bündnisse zwischen freien Völkern, daß man
im Rahmen gegenseitigen Vertrauens und des Aufeinander-AngewiesenSeins verschiedener Meinung sein kann.
Vor
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"AMERIKA DIENST"

Vor ein paar Jahren erschien ein Buch von Edmond Taylor mit
dem fesselnden Titel,"Richer by Asia" (Reicher durch Asien). Ich
weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern, es berichtete jedenfalls
von des Verfassers Gefühlen der Erregung und der Entdeckerfreude
beim Eindringen in die Kulturen und das Denken des Orients,als
sich der ganze prächtig bunte Teppich dieser Welt vor ihm entfaltete. Ich glaube, die Amerikaner sind heute landauf und landab
von den gleichen Gefühlen der Erregung und der Entdeckerfreude
beherrscht. Während Stärke und Unabhängigkeit unserer neuen Verbündeten in einer älteren Welt wachsen ... während die Bande des
Handels , der Kultur sowie der gemeinsamen Sicherheit noch enger
werden ».. während wir den erregenden Ruf eines in Bewegung geratenen Kontinents an uns folgen... werden unser eigenes großes
Land und die gesamte freie Welt durch Asien an Geist, Sicherheit
und Freiheit bereichert werden.

* * *

* *

�A M E R I K A

D I E N S T

HAROLD E. STASSEN: BERLIN AUCH WEITERHIN DAS GROSSE
SYMBOL DER FREIHEIT
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen Auszüge aus der Erklärung, die der Leiter des US-Amtes für Auslandshilfe, Harold E.Stassen, am 6.Mai 1955
vor dem außenpolitischen Ausschuß des amerikanischen Senats zur Begründung des Antrags
auf Bewilligung der Mittel für das Auslandshilfeprogramm im Haushaltsjahr 1956 abgab.
In der dem Kongreß am 20.April übermittelten Botschaft
ersuchte Präsident Eisenhower um die Ausgabevollmacht und die
Bewilligung von Mitteln in Höhe von 3,53 Milliarden Dollar
zwecks Durchführung des Programms für gemeinsame Sicherheit
im Haushaltsjahr 1956. Wie der Präsident in seiner Botschaft
ausführte und Außenminister Dulles in seiner vor diesem Ausschuß abgegebenen Erklärung betonte, stellt dieses auf das
feste und unabänderliche Ziel eines gerechten und dauerhaften
Friedens in Wohlstand gerichtete Programm einen unentbehrlichen Teil einer realistischen und weitblickenden Politik der
Vereinigten Staaten dar.
Ehe ich auf die Einzelheiten des Programms eingehe,
möchte ich die grundsätzlichen Überlegungen erläutern, auf
denen es beruht, und auf die Aspekte unserer nationalen
Politik hinweisen, denen es dient.
Es ist eine grundlegende und nicht abzuleugnende Tatsache,
daß die Sicherheit der Vereinigten Staaten davon abhängt, daß
sie starke Verbündete in allen Ländern der Welt besitzen, und
daß diese Sicherheit nicht in der Isolierung erreicht werden
kann. Mit unserem Programm versuchen wir, das militärische
Potential unserer Verbündeten durch die Lieferung von Waffen,
militärischen Versorgungsgütern und die Stellung von Ausbildern
zu stärken, die jede wirklich wirksame militärische Organisation benötigt.
Militärische Stärke muß jedoch auf einer entsprechenden
und gesunden wirtschaftlichen Basis beruhen. Zahlreiche bedeutende Staaten der ganzen Welt, die an unseren gemeinsamen
Verteidigungsbemühungen teilhaben, ermangeln einer solchen
Basis. Mit diesem Programm wird daher um die Bewilligung der

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'
11. Mai 1955
der Mittel ersucht, die für einen Beitrag zur Unterstützung
wirksamer militärischer Anstrengungen unserer Verbündeten
sowie für die günstige wirtschaftliche Weiterentwicklung erforderlich sind.
Das Programm berücksichtigt ferner die Tatsache, daß
sich die Bedrohung durch den gemeinsamen Feind der Freiheit,
den internationalen Kommunismus, nicht allein in Form einer
potentiellen militärischen Aggression ausdrückt. Ebenso gefährlich ist die durch eine infolge wirtschaftlicher Schwäche
und der sich daraus ergebenden politischen Unstabilität bedingte Bedrohung einer Machtergreifung durch einen inneren
Umsturz. Die Mehrheit der Völker der freien Welt und ihre
Regierungen sind heute in einem alles umfassenden Kampf gegen diese Verhältnisse verwickelt. Falls sie in diesem Kampf
unterliegen sollten, werden die Chancen für den Frieden und
die Sicherheit in der Welt ernsthaft gefährdet sein. Das
Programm für gemeinsame Sicherheit kann durch die Förderung
der wirtschaftlichen Entwicklung in den rückständigen Gebieten und der technischen Zusammenarbeit in starkem Maße dazu
beitragen, den Ausgang dieses Kampfes zu bestimmen.
In seiner kürzlich dem Kongreß unterbreiteten Botschaft
hat der Präsident die wesentlichsten Elemente des Programms
für gemeinsame Sicherheit dargelegt. Es wird ständig auf
die Notwendigkeit der Befriedigung der direkten militärischen
Bedürfnisse für unsere gemeinsame Verteidigung hingewiesen
und ein Betrag von 1 717,2 Millionen Dollar für diesen Zweck
angesetzt.
Um die wirtschaftliche Stärke zu erreichen, die für die
Fortführung der Verteidigungsanstrengungen unserer Verbündeten notwendig ist, werden weitere 1 000»3 Millionen Dollar
als Verteidigungshilfe hauptsächlich für die asiatischen
Länder beantragt.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Programm zur technischen
Zusammenarbeit, das heute in 60 Ländern und Territorien der
ganzen freien Welt durchgeführt wird. Dieses auf weite Sicht
abgestellte und erfolgreiche Programm ist von einzigartiger
Bedeutung für die Außenpolitik der amerikanischen Regierung
und ist zugleich ein Ausdruck des starken humanitären Geistes,
der das amerikanische Volk beseel*« Für diesen Posten, einschließlich eines weiteren Beitrags für das technische Hilfeprogramm der Vereinten Nationen, werden 172 Millionen Dollar
angefordert. Zwischen 63 berühmten amerikanischen Universitäten und führenden ausländischen Hochschulen bestehen zur
Zeit 63 vertragliche Abmachungen über eine konstruktive Zusammenarbeit. Diese hat sich als besonders wirksam und be
deutungsvoll erwiesen. Eine Anzahl freier Nationen in den
wirtschaftlich weniger entwickelten Gebieten Asiens, des
Nahen Ostens und Afrikas sowie Mittel- und Südamerikas benötigen besondere wirtschaftliche Unterstützung, um die eige
nen beträchtlichen Anstrengungen zur Stärkung ihrer Wirtschaft
fortsetzen zu können, die eine Hebung des erschreckend niedrigen Lebensstandards ihrer Völker gewährleisten und damit
die grundlegenden Ursachen politischer Instabilität beseitigen
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beseitigen würde. Wenn diese Länder auch keine direkten militärischen Abmachungen mit den Vereinigten Staaten getroffen haben, so sind sie doch entschlossen, ihre Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber anderen Mächten zu wahren. Daß diese Anstrengungen erfolgreich verlaufen, liegt im Interesse unseresLandes; es werden daher 165 Millionen Dollar für die Wirtschaftshilfe zur Unterstützung dieser Bemühungen beantragt.
Für den Präsidialfonds zur Förderung der wirtschaftlichen
Entwicklung Asiens werden 200 Millionen Dollar beantragt, ein
Programm auf lange Sicht, das eine wesentliche Stütze der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung sein soll, die sich in diesem
Gebiet vollziehen muß, wenn die freien Nationen Asiens ihre
Rolle als wirksamer Partner im Kampf um den Frieden und den
Wohlstand in allen Teilen der Welt erfüllen sollen.
175,5 Millionen Dollar werden für die Durchführung von
Sonderprogrammen beantragt, einschließlich der Beiträge zum
Kinderhilfsfonds der Vereinten Nationen, zur Unterstützung und
Umsiedlung der Flüchtlinge aus Palästina, und weiterer multilateraler Programme zur Unterstützung von Flüchtlingen und Vertriebenen in der ganzen Welt, sowie zur Bezahlung von Schiffsfrachten und anderen notwendigen Ausgaben, die im Zusammenhang
mit den Hilfeleistungen seitens freiwilliger amerikanischer
Hilfsorganisationen entstehen.
100 Millionen Dollar werden zur Schaffung eines Sonderfonds
für den Präsidenten beantragt, aus dem unvorhergesehene und
plötzlich entstehende Bedürfnisse militärischer oder wirtschaftlicher Natur in der ganzen Welt ohne Rückgriff auf andere bereits für vordringliche Bedürfnisse veranschlagte Mittel aus
dem regulären Programm für gemeinsame Sicherheit befriedigt
werden können.
Im laufenden Jahr und in dem für das Haushaltsjahr 1956
vorgeschlagenen Programm erfolgte eine grundsätzliche Verlagerung des Schwergewichts von den hochentwickelten und industrialisierten Gebieten der Welt nach anderen besonders gefährdeten
Gebieten.
Es ist uns ein Vergnügen berichten zu können, daß keine
weitere Wirtschaftshilfe für die europäischen, ursprünglich aus
dem Marshallplan unterstützten Land?-»* beantragt zu werden braucht.
Der Grad der wirtschaftlichen Erholung, den diese Länder seit
den dunklen Tagen des Jahres 1948 erreicht haben, ist für die
ganze Welt der deutliche Beweis für die Fortschritte, die im
Rahmen eines Systems freier Institutionen und nationaler Selbstbestimmung möglich sind. Die Vereinigten Staaten können tatsächlich stolz auf den entscheidenden Beitrag sein, den sie zur Lösung dieser lebenswichtigen Aufgabe geleistet haben.
Drei Schlüsselgebiete in Europa, Spanien, Jugoslawien und
die Stadt Berlin, benötigen im Haushaltsjahr 1956 auch weiterhin Verteidigungshilfe oder direkte militärische Unterstützung.
Zur Unterstützung der militärischen und der damit verbundenen
wirtschaftlichen Bemühungen Jugoslawiens, eines Landes, dessen
dauerndes Heraushalten aus dem sowjetischen Machtbereich für
das übrige Europa von Wichtigkeit ist, werden 40,5 Mill.Dollar

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40,5 Mill.Dollar beantragt. Für Spanien, das kürzlich den Vereinigten Staaten das Recht auf die Verwendung von wertvollem
Gelände zum Bau militärischer Anlagen gestattet hat, werden
28 Millionen Dollar zur Gewährung der notwendigen wirtschaftlichen und technischen Hilfe beantragt. Nach den mit der spanischen Regierung getroffenen Abmachungen wird ein großer Teil
des gesammelten Erlöses aus dem Verkauf von Gütern, die von
den Vereinigten Staaten im Rahmen dieses Programms geliefert
wurden, direkt zur Deckung der Bau- und Unterhaltungskosten
der amerikanischen Einrichtungen in diesem Gebiet verwendet
werden.
Die Stadt Berlin gilt in Europa auch weiterhin als das bedeutendste Symbol für die Segnungen der Freiheit gegenüber der
kommunistischen Gewaltherrschaft. Zur Unterstützung der von den
Alliierten gemeinsam kontrollierten Gebiete, unter denen Berlin
die wichtigste Vorpostenstellung einnimmt, werden im kommenden
Jahr 21 Millionen Dollar beantragt.
Obwohl die wirtschaftliche Erholung Europas alle vor wenigen Jahren gehegten Erwartungen noch übertraf, haben die Länder dieses Kontinents doch nicht den für ein kontinuierliches
Wachstum und eine fortschreitende Entwicklung notwendigen Stand
ihrer Produktivität erreicht. Mittel in Höhe von 5,5 Millionen
Dollar werden daher zur Fortsetzung des technischen Hilfeprogramms beantragt. Es ist unmöglich, nach so kurzer Zeit den
Einfluß abzuschätzen, den Programme dieser Art auf die Lösung
grundlegender wirtschaftlicher und sozialer Probleme ausüben.
Ich bin jedoch überzeugt, daß das wachsende Verständnis für die
Mittel und Wege, mit deren Hilfe die großen wirtschaftlichen
und sozialen Fortschritte im Rahmen unseres Systems der freien
Institutionen erreicht werden, eine wichtige Rolle spielt bei
der Abwendung drohender kommunistischer Umsturzversuche und
der Gefahr einer Beherrschung des europäischen Kontinents
durch die Sowjets. Mit besonderem Interesse haben wir von Ereignissen Kenntnis genommen, wie den Betriebsratswahlen in
italienischen Fabriken im vergangenen Monat, bei denen in einigen Betrieben 63 Prozent der Stimmen auf die freien Gewerkschaften entfielen, während die von den Kommunisten beherrschten Gewerkschaften vor einem Jahr noch bei ähnlichen Wahlen über die
Hälfte der Stimmen erhalten hatten.. .
Am stärksten ist die Sicherheit und Stabilität der Welt
heute in Asien bedroht. Wie ich bereits ausführte, wird der
überwiegende Teil der Mittel, um die der Kongreß für das Haushaltsjahr 1956 ersucht wird, zur Abwendung der Bedrohung in
diesem Gebiet benötigt, das unser stärkstes Anliegen ist hinsichtlich der Bedürftigkeit, der Bedrohung und seiner möglichen
Bedeutung für den Erfolg oder Mißerfolg der freien Welt.
Asien ist heute der Raum, auf den sich der kommunistische
Druck am stärksten konzentriert, und das Gebiet, dessen künftige Entscheidung für Knechtschaft und Kommunismus oder Freiheit und Unabhängigkeit den Ausschlag in dem lang anhaltenden
Kampfe zwischen den Mächten der Freiheit und der Unterdrückung
geben wird. Zusätzlich zu der direkten militärischen Hilfe in

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in Form von Waffenlieferungen und Bereitstellung von Ausbildungspersonal werden im Rahmen des Programms für gemeinsame
Sicherheit Mittel in Höhe von 1 317 '500 000 Dollar beantragt,
die zur Befriedigung der allgemeinen Verteidigungsbedürfnisse
sowie der unmittelbaren militärischen Bedürfnisse von asiatischen Lande»bestimmt sind, welche unter der ständigen Bedrohung
durch eine offene kommunistische Aggression oder einen inneren
Umsturz stehen. Der größte Teil dieser Mittel soll für Programme in Korea, Formosa, Kambodscha, Laos und Vietnam verwendet
werden, in Ländern also, die sich in einer äußerst kritischen
Lage befinden. In diesem Betrag sind Mittel für ähnliche Unterstützungsprojekte für Pakistan, Thailand und die Philippinen
enthalten, die eine entschlossene und tapfere Haltung auf der
Seite der Mächte der Freiheit gegenüber den Kräften der Aggression eingenommen haben und Mitglieder der Manila-Pakt-Organisation sind.
Darüber hinaus werden auch Gelder zur Fortführung wirtschaftlicher Hilfeprogramme in anderen Ländern Südasiens, besonders in Indien, benötigt. Indien mit seinen 370 Millionen
Menschen hat eine in der Geschichte bisher einmalige Anstrengung unternommen, um einen erfolgreichen Kampf gegen Seuchen,
Armut, Analphabetentum und allgemeine wirtschaftliche Schwierigkeiten unter der Leitung einer demokratischen Regierung
zu führen. Ganz Asien und die ganze Welt verfolgen gespannt
Indiens großes Bemühen und vergleichen es mit den Fortschritten,
die der große Nachbar im Osten unter dem totalitären Regime gemacht zu haben für sich in Anspruch nimmt. Die vor kurzem in
Andhra abgehaltenen Wahlen, bei denen die Kommunisten überraschend völlig geschlagen wurden, können als Beispiel wirklichen
Fortschritts bezeichnet werden. Wenn dieser Fortschritt anhalten
soll, muß jedoch die wirtschaftliche Entwicklung weiter vorangetrieben werden, und es wird deshalb vorgeschlagen, daß die
Vereinigten Staaten auch in Zukunft in begrenztem, aber doch
bedeutsamem Ausmaß diese Entwicklung fördern. Im laufenden
Haushaltsjahr hat Indien im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit in Form von Anleihen einen prozentual größeren Anteil der für Asien bereitgestellten Mittel erhalten als
irgendein anderes Land. Man erwartet, daß auch im Finanzjahr
1956 ein wesentlicher Teil der Wirtschaftshilfe auf ähnliche
Weise zur Verfügung gestellt werden kann.
Ein neues wichtiges Element in dem für das kommende Jahr
vorgeschlagenen gemeinsamen Sicherheitsprogramm bildet der
Sonderfonds des Präsidenten für die wirtschaftliche Entwicklung Asiens, der unter dem Gesichtspunkt geschaffen wurde, die
dringendsten Bedürfnisse des freien Asiens im Hinblick auf
eine geordnete und auf weite Sicht geplante wirtschaftliche
Entwicklung zu decken. Das freie Asien beherbergt 770 Millionen Menschen, also ein Drittel der gesamten Bevölkerung der
Welt. In diesem Gebiet befinden sich riesige Rohstoffvorkommen
und fruchtbare landwirtschaftliche Anbaugebiete, jedoch tritt
die wirtschaftliche Rückständigkeit überall offen zutage.
Die beschleunigte Entwicklung der Länder in diesem Raum
wird in hohem Maße von ihren eigenen Anstrengungen abhängen.

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abhängen. Andere Nationen können und sollen sie aber dabei
unterstützen. Die Vereinigten Staaten sind in der Lage und
auch daran interessiert, diesen Ländern freundschaftliche
Hilfe angedeihen zu lassen
Der Präsident hat um die Bewilligung von 200 Millionen
Dollar für dieses Sonderprogramm ersucht, die über Jahre
hinaus einem festen Verwendungszweck zugeführt werden. Es ist
wichtig, daß wir innerhalb dieses Programms sehr überlegt und
mit großer Sorgfalt vorgehen, um sicherzustellen, daß durch
unsere Investitionen schließlich ein Optimum an Erfolg erzielt
wird. Wir müssen uns selbst und auch den asiatischen Ländern
genügend Zeit lassen, über Schatte zu beraten und zu entscheiden, die die Entwicklung dieser Gebiete durch Abkommen
über wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern würden im Sinne
des Beratenden Ausschusses der Mitgliedstaaten des ColomboPlanes. Beharrlichkeit, Geduld, Behutsamkeit und Verständnis
in Verbindung mit einem raschen, zweckmäßigen Handeln sind
der Schlüssel zum Erfolg dieses Programms.
Während des letzten Jahres konnten auf politischem Gebiet
recht beträchtliche Erfolge im Mittleren Osten erzielt werden.
Der persische ölkonflikt wurde beigelegt. Ägypten und Großbritannien erzielten ein Übereinkommen in der Suezkanal-Frage.
Auf Initiative der Länder des Mittleren Ostens wurde das Fundament zur Schaffung eines Verteidigungspaktes der MittelostStaaten gelegt. Trotzdem gibt es noch viele schwerwiegende
Probleme, die beseitigt werden müssen, wenn Stabilität und
Sicherheit auch in Zukunft gewährleistet sein sollen.
Auch für Griechenland und die Türkei, die als zuverlässige Partner der Atlantik-Pakt-Organisation (NATO) angehören,
sieht das gemeinsame Sicherheitsprogramm Unterstützungen vor.
Beide Länder unterhalten militärische Streitkräfte in einer
Stärke, wie sie im Rahmen des Verteidigungswerks der NATO
für notwendig erachtet wurde. Beide Länder haben außerdem
aus eigener Initiative Schritte unternommen, um die Sicherheitsabkommen für den Balkanraum besser auszubauen. Die Türkei hat
darüber hinaus erste Maßnahmen zur Errichtung einer Verteidigungsorganisation für den Mittleren Osten getroffen. Beide
Länder haben in den letzten Jahren großartige wirtschaftliche
Portschritte erzielt, so daß sie nunmehr weniger auf Hilfeleistungen der Vereinigten Staaten angewiesen sind. Sie werden jedoch auch weiterhin Unterstützung benötigen, wenn sie
das Entwicklungstempo beibehalten wollen, das erforderlich
ist, um die militärischen Streitkräfte zu unterhalten und
gleichzeitig der Bevölkerung einen angemessenen Lebensstandard
zu sichern....
Außer einer Zusammenarbeit auf technischem Gebiet, der
Lieferung von militärischen Ausrüstungsgegenständen und einer
direkten Truppenausbildungshilfe sieht das Programm für gemeinsame Sicherheit im kommenden Finanzjahr einen Betrag von
130 Millionen Dollar für Verteidigungshilfe und direkte militärische Unterstützung für Griechenland, die Türkei und den
Iran vor.
Leider

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"AMERIKA DIENST"

Leider bestehen zwischen den arabischen Staaten und
Israel noch kritische Spannungen, obgleich wir in der konstruktiven Haltung, die kürzlich beide Seiten in den Verhandlungen über eine Lösung der internationalen Probleme hinsichtlich einer Bewässerung des Jordan-Tales eingenommen haben,
ein Anzeichen für eine Verbesserung der Beziehungen zu sehen
glauben.
Für den Nahen Osten und Afrika sind 73 Millionen Dollar
vorgesehen, um dort den dringendsten wirtschaftlichen Bedürfnissen im kommenden Finanzjahr abzuhelfen, und weitere
65 Millionen Dollar sind zur allgemeinen Unterstützung und
Wiederansiedlung von Flüchtlingen aus Palästina bestimmt,
wenn wir uns dahin überzeugen können, daß diese Hilfe einen
sichtbaren Beitrag zur Lösung dieses tragischen Problems zu
leisten vermag.
Eines der kritischsten Probleme, denen die freie Welt
heute gegenübersteht, betrifft die Versorgung und Betreuung
der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ländern hinter dem
Eisernen Vorhang. In den vergangenen zehn Jahren sind in den
gemeinsamen Bemühungen der freien Nationen, die Zahl der Heimatlosen zu verringern und Bedürftigen eine Überbrückungshilfe und Schutz zu gewähren, erhebliche Fortschritte zu verzeichnen gewesen. Inzwischen bitten neue Flüchtlinge und
Vertriebene aus kommunistischen Gebieten um Asyl und Unterstützung der freien Welt, in die sie oft unter Einsatz ihres
Lebens fliehen. Die Vereinigten Staaten haben die tiefe Besorgnis, die das amerikanische Volk in dieser Hinsicht erfaßt
hat, durch eine direkte Unterstützung der bestehenden multilateralen Organisationen zum Ausdruck gebracht. Zur Erfüllung
der verschiedenartigen Teilaufgaben, die sich aus dem Problem
ergeben, wird der Kongreß um die Bewilligung von zweckgebundenen Mitteln ersucht, damit die Vereinigten Staaten ihre
führende Rolle auf diesem Gebiete im Wege ihres eigenen Fluchtlingsprogrammes, des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Auswanderung aus Europa und des auf eine dauerhafte Lösung der
Flüchtlingsfrage abzielenden Programmes des Hochkommissars
für das Flüchtlingswesen der Vereinten Nationen, das von der
Vollversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen Jahre
gebilligt wurde, erfüllen können.
*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET ÜBER DIE JÜNGSTEN
ENTWICKLUNGEN IN EUROPA

WASHINGTON — (AD) — In einer Rundfunk- und
Fernsehansprache, die am 17. Mai 1955 aus den
Amtsräumen des Präsidenten im Weißen Haus übertragen wurde,und bei der Präsident Eisenhower
sowie zahlreiche Mitglieder seines Kabinetts
persönlich zugegen waren, gab der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles einen umfassenden Bericht über die jüngsten Ereignisse in
Europa. Die Ausführungen des US-Außenministers,
in denen dieser hauptsächlich auf die letzte Tagung des NATO-Rates in Paris, die Unterzeichnung
des österreichischen Staatsvertrages in Wien und
die Aussichten für Vier-Mächte-Besprechungen
einging,und in deren Verlauf Präsident Eisenhower verschiedentlich Fragen an seinen'Außenminister stellte, haben folgenden Wortlaut:

Der Präsident; Mr. Dulles, es ist gut, daß Sie hier sind
und uns etwas über die bedeutsamen Ereignisse berichten können,
die während Ihres Besuches in Europa stattfanden.
Sie sind sich dessen bewußt, daß Ihr Bericht in diesem
Raum über die Fernsehkameras dem gesamten amerikanischen Volk
übermittelt wird. Ich darf annehmen, daß Sie über die Einzelheiten Ihrer Reise hinaus uns etwas über die sich anbahnenden
Entwicklungen auf internationalem Gebiet, so wie Sie es sehen,
und die Aussichten für einen echten Fortschritt in unserer unermüdlichen Suche nach Frieden mitteilen werden.
Außenminister Dulles; Mr. Präsident, ich freue mich, Gelege nnTTT~zlTTäTen~j Ihnen und meinen Mitarbeitern im Kabinett
und - wie Sie schon sagten - auch dem amerikanischen Volk darüber berichten zu können, was sich vor allem in dieser vergangenen Woche ereignet hat, einer Woche, die so angefüllt war mit
Geschehnissen, daß ich kaum weiß, wo ich beginnen soll; aber
Sie könnten...
Präsident Eisenhower; Nun, Mr. Dulles, ich glaube, es
wäre gut, wenn wir zwei Jahre zurückgehen. Damals, wie Sie und

�"AMERIKA DIENST"

18. Mai

1955

und Ihre Kollegen im Kongreß aus beiden Parteien sich erinnern
werden, entwickelte die Regierung jene Politik, die sie zu verfolgen gedachte, und dieser Politik lag der Glaube, die Überzeugung zugrunde, daß wir nur durch kooperative, in der freien Welt
geschaffene Stärke wirklich der Drohung gewachsen sein würden, die
die kommunistische Diktatur für alle freien Menschen bedeutet.
Wir waren der Ansicht, wie Sie wissen, daß ehe nicht Westeuropa geeinigt, ehe nicht deutsche Streitkräfte der Nordatlantikpaktorganisation angehörten und ehe wir nicht ein gewisses
Vertrauen in die Worte der Russen haben konnten, ein Vertrauen,
das durch Taten anstatt durch Beteuerungen gerechtfertigt wird daß es vorher wenig Sinn haben würde, mit ihnen Verhandlungen zu
führen.
Sie werden sich weiter erinnern, daß Sie und ich schließlich
entschieden, daß ich in diesem Sinne eine Erklärung abgeben sollte,
was ich am 16. April 1953 auch tat. Wir kamen damals überein, daß,
wenn wir durch derartige von mir soeben erwähnte Schritte an den
Punkt gelangen könnten, von dem aus wir eine reale Basis für einen
Start hätten, und 3ei es auch nur mit einer schwachen Hoffnung
auf einen wirklichen Portschritt, daß wir dann zwischen uns und
mit den Sowjets ein neues Verhältnis schaffen könnten, das wenigstens eine gewisse Hoffnung auf einen Portschritt in Richtung
auf dieses große Ziel des Friedens - das ja der große Traum einea
jeden Amerikaners ist - erlauben würde.
Ich glaube, daß Sie die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit
und Ihrer soeben beendeten Europareise vor diesem Hintergrund in
Beziehung setzen könnten, um uns über das Geschehen, so wie Sie
es sehen, zu berichten.
Außenminister Dulles; "Mr. Präsident, sicher erinnereich
mich an die Rede, auf die Sie sich beziehen. Sie war für uns im
State Department in den mehr als zwei Jahren, die seitdem vergangen sind, eine Art Evangelium. Und das, was in der letzten Woche
geschah, ist in weitem Maße eine Verwirklichung jener Dinge, auf
die wir hofften und die wir zu jener Zeit planten. Und ich glaube,
daß man jetzt sagen kann, daß diese Geschehnisse wirklich einen
Wendepunkt im Ablauf der Geschichte bedeuten können.
Der von Ihnen an erster Stelle genannte Komplex, dem Sie damals allergrößte Bedeutung beimaßen, betraf diese Konsolidierung
Westeuropas und die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland
in die Nordatlantikpakt-Organisation als ein freier und unabhängiger Staat.
Sie, und wahrscheinlich auch viele der Zuhörer dieser Fernsehsendung, werden sich daran erinnern, daß ich auf einer Sitzung
des Kabinetts über die im Oktober des vergangenen Jahres erfolgte
Unterzeichnung der Verträge berichtete, durch die das erreicht
wurde. Aber wie wir aus bitterer Erfahrung wissen, so besteht
oftmals ein himmelweiter Unterschied zwischen der Unterzeichnung,
der Ratifizierung und der Inkraftsetzung von Verträgen. Und in
diesem Falle mußten wir erst schwere Kämpfe bestehen, ehe die
Verträge unter Dach und pach gebracht waren, denn die Sowjetunion
ließ nichts unversucht, um die Ratifizierung zu hintertreiben - und
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�"AMERIKA DIENST"

18. Mai

1955

und wir mußten die Ratifizierung von fünfzehn Ländern erhalten,
von denen einige sogar ein Zweikammersystem besitzen. Hätte
eines dieser Länder die Ratifizierung verweigert, dann wäre das
ganze Gebäude zusammengebrochen. Die Sowjetunion drohte und machte
Versprechungen und benutzte den Apparat der kommunistischen Parteien in diesen Ländern, um jedem zu drohen, der für die Verträge
stimmte, daß er nicht wiedergewählt würde. Das war ein Recht harter Kampf, den die Mächte der Freiheit gewannen. Die Sowjetunion
erlitt dabei die nach meiner Meinung bestimmt größte diplomatische Niederlage seit dem Kriege.
Und die Verträge traten vor nunmehr genau zwölf Tagen in
Kraft. Sie, beziehungsweise die Ratifikationsurkunden, wurden
am Montag vergangener Woche hinterlegt, als wir in Paris tagten.
Wir begingen dort die Verwirklichung dessen, was wir einst geplant hatten: Eine Tagung der Westeuropäischen Union und eine
NATO-Konferenz, in die Deutschland in Person seines großen Kanzlers Adenauer einzog, jenes Mannes, den Sie so gut kennen und den
wir alle so sehr bewundern. Es war ein bedeutsamer und historischer Augenblick, als er jenen Saal betrat.
Wir alle hatten kurze Ansprachen vorbereitet, die wir nach
Adenauers Einzug verlasen. Nach uns sprach Adenauer selbst mit
großer Würde und staatsmännischem Können, und als er geendet
hatte, brach der NATO-Ministerrat in spontanen Applaus aus,
meines Wissens das erste Mal in seiner ganzen Geschichte. Der
Ministerrat ist eine sehr würdevolle und förmliche Versammlung,
und es war dies, wie schon gesagt, meines Wissens eine bisher
einmalige Reaktion. Wir alle fühlten die Größe des Augenblicks,
als die freie Bundesrepublik Deutschland ihren Sitz einnahm.
Wenn auch schon die Buchstaben 'F* und 'G' im Alphabet aufeinanderfolgen und allein schon deshalb Prankreich und Deutschland
im Rate Seite an Seite sitzen, so ist es doch erhebend, diese
beiden Länder dort nebeneinander als Verbündete vereint zu sehen.
Man fühlt deutlich, daß hier ein neues Blatt der europäischen Geschichte aufgeschlagen worden ist und daß der Traum, den so viele
Menschen so lange Jahre hindurch gehegt haben, der Traum eines
Vereinten Europas, endlich beginnt, wahr zu werden.
Wie Sie wissen, hat die abendländische Kulturwelt während
der letzten hundert Jahre und auch früher schon mit ihrem unablässigen Kriegführen beinahe Selbstmord begangen. Sie hat sich
ausgeblutet an Menschen und Werten, doch ich glaube, man ist
nunmehr dahin gelangt, die Dinge so zu ordnen, daß der Kultur
des Abendlandes eine neue Zeitspanne zum Leben beschert ist, und
daß sie zu ihrem eigenen Besten und zum Wohle der ganzen Menschheit weiter an Kraft gewinnen wird.
Das haben wir in Europa sich ereignen sehen.
Und Sie, Mr. Präsident, haben gesagt, diese Einheitlichkeit
der Ziele und des Handelns müßten wir habenj nun, ich glaube,
sie ist jetzt Tatsache geworden.

Ich

�"AMERIKA DIENST"

18. Mai 1955

Ich bin jetzt in Europa gewesen, und wir haben uns meist mit
europäischen Problemen befaßt, aber ich habe nie das eine aus den
Augen verloren, daß wir es nicht nur mit Problemen in Europa zu
tun haben, sondern auch mit solchen in Asien, und ich habe die
Gelegenheit der NATO-Ratstagung wahrgenommen, um mit den dort
Versammelten auch über unsere Probleme in Asien zu reden, weil
nämlich das Verständnis für die Hintergründe unserer Asienpolitik dort weitgehend fehlt.
Zu den Ministern dort habe ich dann gesagt: Wenn Sie die
Vereinigten Staaten, so wie sie sich in Europa geltend machen,
schätzen, dann sollten Sie auch für unser Handeln in Asien Verständnis haben, denn dort tun wir genau dasselbe, was wir hier
tun. Und was tun wir also? Wir verteidigen die Freiheit, wo es
freie Menschen gibt, die ihre eigene Freiheit verteidigen wollen.
Wir glauben, daß wir ihnen auf dem Wege der gemeinsamen Sicherheit dabei helfen können. Wir glauben, daß wir unseren Freunden
und Verbündeten die Treue wahren müssen."
Und ich sagte weiter: Sie scheinen diese Politik doch zu
schätzen, wenn Sie in Europa angewandt wird, und Sie sollten
erkennen, daß es die gleiche Politik ist, die unser Vorgehen in
Asien bedingt, weil, so sagte ich, wir nicht zwei verschiedene
Gesichter haben. Wir sind einfach eine Nation. Und der Grund für
dieses unser Vorgehen in Europa ist, daß wir an diese Dinge
glauben, und weil wir daran glauben, werden wir in Asien ebenso
vorgehen".
Der Präsident: Das ist sehr schön gesagt.
Außenminister Dulles: Ich glaube, da begannen meine Zuhöre r~zlIH5e"greTFerrj vielleicht zum ersten Mal zu begreifen, was
eigentlich hinter unserer Politik in Asien steht.
Und dann nahm ich die Gelegenheit wahr und habe lange mit
dem französischen Ministerpräsidenten Edgar Faure und dem Außenminister Antoine Pinay über die Lage in Indochina gesprochen;
der britische Außenminister Harold MacMillan
war bei diesen
Besprechungen zeitweise ebenfalls ^anwesend.
Das war alles nicht einfach, wir hatten viel zu tun in diesen Tagen. Meist fanden die Besprechungen abends statt. Drei oder
vier dieser Besprechungen dauerten bis ein Uhr nachts oder noch
länger.
Was ich bei diesen Besprechungen besonders herausstellte,
war, daß wir uns über die Tatsache klar sein müssen, daß Vietnam
jetzt eine freie Nation ist, zumindest der Südteil des Landes,
und daß es keine Marionettenregierung hat. Es hat keine Regierung, der wir einfach Befehle erteilen und sagen können, was
sie zu tun oder zu lassen hat. Würde es sich um eine Regierung
dieser Art handeln, so dürften wir sie nicht unterstützen, denn
eine derartige Regierung würde sich dort nicht lange halten können.
Das freie Vietnam ist nur mit einer Regierung zu halten, die
nationale Ziele verfolgt und damit eine eigene Aufgabe zu erfüllen
hat, die den Wünschen des eigenen Volkes nachkommt und die, was

�"AMERIKA DIENST"

18. Mai 1955

was dies betrifft, keine Befehle von draußen annimmt, sei es
von Paris oder Cannes oder von Washington. Wir mußten dann unsere politischen Maßnahmen dahingehend koordinieren, daß die
Tatsache, daß es sich hier um ein wirklich freies und unabhängiges Land handelt, ihre Anerkennung findet.
Wir besprachen dies sowie die sich daraus ergebenden verschiedenen Folgerungen und Auswirkungen praktisch an jedem der
vier Tage, die ich in Paris war, stundenlang, und ich glaube,
daß wir zu einem besseren Verständnis gelangt sind und daß jetzt
mehr Chancen für eine nach gesunden Richtlinien vorgenommene
Koordinierung der französischen Politik mit der unseren bestehen,
als es bisher der Fall gewesen ist.
Die Regierung des Ministerpräsidenten Diem, die vor ein
paar Wochen auf schwachen Füßen zu stehen schien, hat, so
glaube ich, ihre Position nach harter Erfahrung wieder voll
stabilisiert, und ich meine auch, daß sie nun von innen und
außen mehr Unterstützung genießt; denn je zuvor; und so sehe
ich der weiteren Entwicklung der Situation mit mehr Hoffnung
entgegen als bisher.
Als eine Art Nebenergebnis dieser Reise, die vor allem der
Regelung europäischer Fragen dienen sollte, erzielten wir meiner Ansicht nach erhebliche Fortschritte sowohl in bezug auf
unsere Chinapolitik als auch in bezug auf Vietnam.
Und dann kam das, was meiner Ansicht nach in gewissem Sinne
als der Höhepunkt dieser Reise gelten muß, nämlich die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages.
Die Vereinigten Staaten haben wahrlich eine lange, lange
Zeit auf dieses Ziel hingearbeitet. Ich persönlich begann damit,
1947 in Moskau, wo ich als Berater von George C. Marshall,
dem damaligen amerikanischen Außenminister, fungierte. Und man
sagte mir - Mr. Hoover gab mir gerade eben die Zahlen, die
er im Außenministerium ausgegraben hat -, daß wir in diesen
acht Jahren nicht weniger als 379 Sitzungen - so viele waren
es wohl, nicht wahr, Mr. Hoover? - in dem einen oder anderen
Rahmen mit den sowjetischen Vertretern über diesen österreichischen Staatsvertrag abgehalten haben. Und nicht selten waren
wir dem Ziel, ihn durchzubringen, so nahe, daß wir meinten,
im nächsten Augenblick müsse es so w&lt;=it sein, aber dieser Augenblick schien aus einer Unzahl von Augenblicken zu bestehen.
Der Präsident; Das beweist wieder einmal, daß man hier
eben nicht so schnell den Mut verlieren darf, nicht wahr?
Außenminister Pullest Wir blieben hartnäckig, und plötzlich stellte sich heraus, daß die eigentliche Schwierigkeit
darin lag, daß sich die Sowjetunion nicht zu einem^Abzug der
Truppen der Roten Armee aus der sowjetischen Zone Österreichs
entschließen konnte. Auf der im vergangenen Jahre in Berlin
abgehaltenen Außenministerkonferenz einigten wir uns im wesentlichen über alle Bestimmungen des österreichischen Staatsvertrages*, und da sagten dann die Sowjets in letzter Minute "wir
werden den Vertrag unterzeichnen, aber nur unter der Bedingung,
daß wir unsere Truppen dort auf unbestimmte Zeit belassen können"
Nun,
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�18. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

Nun, das wäre natürlich überhaupt kein wirklich wirksamer
Vertrag gewesen.
Aus diesem Grunde lehnten wir den Vorschlag ab und beharrten
auf unserem Standpunkt. Die Österreicher übrigens haben dabei ihre
Nerven durchaus nicht verloren. Sie gaben keinen Schritt nach,
denn sie wußten, daß ihre Unabhängigkeit nichts wert wäre, solange die Rote Armee noch in ihrem Lande stünde.
Völlig überraschend, wie ein Blitz aus heiterem Himmel,
kam dann vor einigen Wochen die Erklärung der Sowjets, sie seien
willens, ihre Truppen aus Österreich abzuziehen.Ich bin der Meinung, daß bisher niemand die Tragweite, die ganze Tragweite dieses Entschlusses genau erkennen kann. Es handelt sich hierbei
eben um einen jener Umschwünge, die auftreten. Man stemmt sich
ununterbrochen gegen etwas und läßt nicht nach und plötzlich
gibt es Luft. Diese Atempause kam und scheint nach so vielen
Jahren der Arbeit die Verwirklichung des österreichischen Staatsvertrages möglich gemacht zu haben.
Nun, bei dem Vertrag gab es verschiedene Punkte, die noch
ungeklärt waren und bei denen wir noch Verbesserungen vornehmen
wollten. Und so haben sich, während ich in Paris war, die Botschafter in Wien an die Arbeit gemacht, um die letzten Einzelheiten des Vertrages auszuarbeiten. Besonders bei den wirtschaftlichen Bestimmungen gab es einiges, was wir sehr gern geändert
haben wollten, während die Russen sich jedoch sehr darauf versteiften.
Ich erklärte, daß ich erst dann nach Wien gehen würde,
wenn all diese Punkte geklärt seien und zwar in einer nach meiner Ansicht für die Vereinigten Staaten einigermaßen befriedigenden Weise. Das waren meine Pläne. Sie, Mr. Präsident, stellten
mir ja Ihr Plugzeug zur Verfügung und das war für mich wirklieh
isehr angenehm und schön.
Der Präsident: Ja, es ist schon eine gute Maschine.
Außenminister Dulles; Eigentlich sollte ich das Plugzeug
schon am Donnerstag nehmen, um nach Wien zu fliegen; aber ich
hielt es noch nicht für an der Zeit, und so haben wir die Reise
verschoben. Ich sagte, ich würde nicht eher nach Wien gehen,
als bis die Botschafter sich über diesen Vertrag in seiner endgültigen Form geeinigt hätten, denn ich wußte, wenn ich erst
in Wien war, dann saß ich fest, und daher habe ich die Reise
einfach hinausgezögert.
Dann am Freitag war schließlich alles abgeschlossen, und
ich erhielt die Nachricht, daß man sich in Wien geeinigt hätte;
und so trat ich am Freitagnachmittag meinen Flug nach Wien an.
Am Samstag hatten wir - das heißt die vier Besatzungsmächte und
die Österreicher - ein Fünf-Mächte-Treffen, bei dem wir die Einzelheiten des Protokolls und dergleichen Fragen für die Unterzeichnung des Vertrages am Sonntag endgültig festlegten.
Dann am Sonntag, so etwa um elf Uhr glaube ich, fand die
Unterzeichnung des Vertrages statt. Und das war wahrhaftig ein
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�"AMERIKA DIENST"

18. Mai 1955

ein Ereignis, das diejenigen, die es erlebten, wohl kaum je vergessen werden.
Die Freude des österreichischen Volkes, das so lange gewartet hatte, war unermeßlich - denn die Besetzung ihres Landes
reicht ja zurück bis in Hitlers Zeiten...
Der Präsident; Ja.
Außenminister Dulles: Seit 1938, siebzehn Jahre lang, haben sie auf ihre Befreiung gewartet; und was mich ganz besonders
berührte, als ich durch die Straßen fuhr, war die Freude der
älteren Leute, vor allem jener, die noch die Freiheit der früheren Zeit gekannt und diese siebzehn Jahre Besetzung erlebt hatten,
und die nun endlich ihre Befreiung gekommen sahen.
Die Menschen der älteren Generation standen da und waren
von überschäumender Freude erfüllt. Da standen sie nun, mit ihren vom Alter gezeichneten Gesichtern, und es wurde einem das
Herz warm bei dem Gedanken, daß wir hatten mithelfen können,
diesen Geist der Freude zu schaffen, von dem das ganze österreichische Volk, besonders aber die Bevölkerung der sowjetischen
Besatzungszone, beseelt war.
Viele Leute versuchen nun heute, mysteriöse Gründe für die
Kursänderung der Sowjets zu finden. Natürlich handelt es sich
hier um ein Ereignis, das genau durchdacht werden muß, wie wir
das auch tun. Wie Sie, Mr. Präsident, wissen, prüfen wir diese
Tatsache sehr, sehr eingehend, um ihre ganze Tragweite zu erkennen. Aber es gibt gewisse Folgeerscheinungen dieses Kurswechsels,
deren wir in bezug auf uns selbst durchaus sicher sein und die
uns mit großer Genugtuung erfüllen können.
Zunächst ist es seit 1945 - als Sie, Mr. Präsident, vom
Westen her die Befreiung Europas vollzogen und die Sowjets vom
Osten her einmarschierten - das erste Mal, daß die Rote Armee
kehrt gemacht hat und zurückmarschiert.
Es ist also das erste Mal, daß sich ein Teil der Roten
Armee zurückzieht.
Das muß aber nun gewiß eine gewaltige Wirkung in den anderen
Ländern ausüben, wo die sowjetischen Truppen als Besatzung stehen.
Und daraus wird bei jenen Völkern ein Wunsch erwachsen, ein immer stärkerer Wunsch, die gleiche Freiheit von jener Art Besatzung zu erhalten, die die Österreicher erduldet haben.
Und schließlich wird diese Freude über die Freiheit, die
sich bei dem österreichischen Volke deutlich zeigte, weiter
übertragen werden, und sie wird sich sicher über die Nachbarländer hin ausbreiten. Die Tschechoslowakei und Ungarn werden
zum ersten Male eine offene Tür zur Freiheit sehen. Diese Dinge
müssen ihre Wirkung zeitigen. Und in der Sowjetunion weiß man
natürlich, daß sie ihre Wirkung ausüben werden. Nun, die Sowjets
haben das alles schon vor langer Zeit bedacht, als sie ihre
Besatzungszone in Österreich festlegten. Sie, meine Zuhörer,
erinnern sich wohl, daß sie der Zone einen sonderbaren Umriß

�18. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

Umriß gegeben haben, damit sie sicher sein konnten, daß sie die
Grenzen nach der Tschechoslowakei und nach Ungarn versperrte.
Jetzt geben Sie das auf, und sie wissen, daß so etwas nicht
ohne Folgeerscheinungen bleibt, und daß die Völker der Satellitenstaaten auch für sich werden haben wollen, was die Österreicher,
wie sie sehen, bekommen. Auch sie wollen irgendwann einmal vor
Freude auf der Straße tanzen.
Die Sowjets nehmen die Folgen auf sich. Warum sie das tun,
wissen wir nicht sicher, wir können aber ziemlich sicher sein,
daß unsere Politik der Stärke und Festigkeit, die wir gemeinsam
mit den freien Ländern Europas verfolgten, sich allmählich bezahlt
macht. Die Österreicher können wohl als erste sagen, und alle, mit
denen ich sprach, sagten das auch: Dies sind die ersten Zinsen,
die uns die Schaffung der Westeuropäischen Union und die Aufnahme
Deutschlands in die NATO bringt".
Aber damals, als jene Dinge besprochen und ausgehandelt wurden, drohte die Sowjetunion, es würde Furchtbares geschehen,
wenn wir unsere Pläne wirklich durchführen sollten. Aber wir und
die freien Länder Europas haben sie ausgeführt, und heute können
wir feststellen, daß das Ergebnis nicht ein schreckliches Unglück
ist, sondern vielmehr zum ersten Mal eine konziliantere sowjetische Politik und eine Bereitschaft zur Folge hatte, den unter
ihrer Herrschaft lebenden Satellitenländern größere Freiheit und
Unabhängigkeit zu gewähren.
Und so glaube ich, daß wir wohl sagen dürfen, daß diese
Politik sich tatsächlich allmählich bezahlt macht - unsere Politik
der Stärke und Festigkeit und die von uns befolgten ethischen
Grundsätze.
Ich habe am Sonntag in Wien gesagt: Es ist nicht so wichtig,
Spekulationen darüber anzustellen, wer nun der Gewinner ist, die
Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion. Was allein wichtig ist ,
so sagte ich, ist die Tatsache, daß vernünftige Prinzipien den
Sieg davontragen.
Und auf die Dauer werden diese ethischen Grundsätze Der Präsident: ' Sehr richtig'. .
Außenminister Dulles: Die hohen enthischen Grundsätze
den es sein, die den Sieg davontragen. Wenn wir uns hinter
stellen und sie unterstützen, werden wir automatisch mit an
Sieg teilhaben."
Der Präsident: Ganz gewiß'. .
Außenminister Dulles: Das ist es aber auch, was wir uns
stets erneut vor Augen halten müssen. Ich glaube, sagen zu dürfen,
daß wir uns immer mit.Entschlossenheit und Bestimmtheit und im
Glauben an die gerechte Sache für gesunde ethische Prinzipien eingesetzt haben, und wenn wir darin ohne Unterlaß weiter fortfahren,
werden sich die Dinge zu unseren Gunsten entwickeln, und ich glaube
auch, daß von diesem Standpunkt aus gesehen, die Zeit für uns arbeiten wird, und zwar so lange, wie wir uns in den Dienst dieser
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�"AMERIKA DIENST"

18. Mai 1955

dieser großen ethischen Grundsätze stellen.
Und jetzt möchte ich mich den Dingen zuwenden, von denen
ich weiß, daß sie alle interessieren, und an denen auch Sie ein
besonderes Interesse haben dürften, nämlich...
Der Präsident; Vier-Mächte-Besprechungen.
Außenminister Pullest Ja, Vier-Mächte-Besprechungen. Denn
wenn sie dieses Mal zustande kommen, dann werden Sie, Mr. Präsident, selbst daran beteiligt sein.
Als Sie, Mr. Präsident, die Ereignisse anfangs schilderten,
hatten Sie auf ihre Rede vom April 1953 verwiesen und gesagt, daß
es stets ein Grundsatz von Ihnen gewesen ist, nicht an Gesprächen
teilzunehmen, ehe nicht gewisse Dinge geschehen und Bedingungen
erfüllt seien, die die Geschlossenheit, die unwiderrufliche Geschlossenheit des Westens, die Freiheit Westdeutschlands als Mitgliedstaat des Nordatlantikpaktes zu einer in gewissem Sinne unumstößlichen Tatsache machten, und ehe nicht an die Stelle der
vagen Worte der Sowjetunion Taten getreten seien.
Diese Dinge sind nun eingetreten, und so sind sie zu der
Überzeugung gekommen, wie auch unsere Verbündeten und ein großer
Teil der öffentlichen Weltmeinung, daß die Zeit zur weiteren Prüfung der Absichten der Sowjets auf einer von den Regierungschefs
abgehaltenen Konferenz gekommen sei.
Natürlich weiß niemand besser als Sie, Mr. Präsident, daß
eine derartige Konferenz sowohl Gefahren als auch Chancen in sich
birgt. Die größte Gefahr liegt darin, daß die Hoffnungen so hoch
gespannt werden, daß sie nicht erfüllt werden können. In diesem
Fall würden zwei Dinge eintreten:
Entweder wird eine offene Enttäuschung und ein Gefühl der
Bestürzung unter der Bevölkerung eintreten und sich ein Gefühl
breitmachen, daß schließlich doch nichts getan werden kann und
daß - die einzige Alternative der Krieg ist, da die letzte gute
Chance wahrgenommen worden sei und zu einem Fehlschlag geführt
habe. Aber es gibt vielleicht noch eine Möglichkeit, nämlich,daß
in einem Versuch, diese Gefahr zu verhüten, auf einem Treffen der
Regierungschefs so etwas wie der Schein eines Einvernehmens unter
zweideutig verschwommenen Worten erreicht wird, wo es gar kein
wirkliches Einvernehmen gab und auch nicht geben würde.
Der Präsident: Mr. Dulles, ich glaube nicht, daß die Gefahr
noch so groß ist wie es einmal der Fall war, denn die bei mir eingehenden Briefe zeigen, daß sich das amerikanische Volk recht gut
darüber im klaren ist, was vorgeht. Es weiß, daß dies nur ein Anfang und nicht ein Abschluß ist. Und ich habe aus dem Tenor, der
den Ausführungen zugrundeliegt, die ich in unseren Zeitungen und
Kommentaren gelesen und auch sonst gehört habe, große Hoffnung und
großes Vertrauen geschöpft. Ich weiß, daß jetzt eine größere Reife
vorhanden ist, als wir es noch vor einigen Jahren erwartet hätten.
Außenminister Dulles: Nun, ich glaube, das amerikanische Volk
ist mit der Zeit in dieser Frage recht gewitzigt geworden, und es

�"AMERIKA DIENST"

18. Mai 1955

es wird sich nicht so leicht an der Nase herumführen lassen. Ich
glaube nicht, daß es seine Erwartungen allzu hoch spannt. Diese
Gefahr scheint mir eher in einigen anderen Ländern und nicht in
den USA zu bestehen.
Aber - Sie und ich - wir haben die Einladung zu diesem Treffen in Übereinstimmung mit unseren Verbündeten aufgesetzt in einer
Form, die meiner Meinung nach keinen Zweifel darüber läßt, daß eine
derartige Gefahr nicht besteht; denn, wie Sie sich wohl erinnern
werden, wurde der Zweck dieses Treffens so formuliert, daß wir
zusammenkommen wollen, um neue Wege zu suchen;, um eine neue Möglichkeit und neue Formen zur Lösung einiger dieser Probleme zu
finden, und daß sie nicht versuchen werden, diese Probleme allein
zu lösen.
Nun, die Regierungschefs, so bedeutend sie auch sein mögen,
werden nicht an drei oder vier Tagen zusammenkommen und eine grundlegende Lösung für einige dieser Probleme finden können, für die
so viele Jahre lang - ja, seit vielen Generationen - keine Lösung
möglich war.
Der Präsident: Nicht einmal Rom wurde an einem Tag erbaut.
Außenminister Dulles: Daher scheint es mir sehr wichtig, ganz
klar herauszustellen, wie dies in der Einladung geschehen ist, daß
das Treffen nur diesem Zweck dienen soll.
Der Präsident; Ja.
Außenminister Dulles: Nun, wir waren durchaus nicht sicher,
ob die Sowjets sich zu einem Treffen mit begrenzter Tagesordnung
bereitfinden würden. Aber am Sonnabend Abend gab ich in Wien ein
Essen, an dem der britische und der französische Außenminister
teilnahmen, und nach dem wir noch einige Stunden zusammensaßen
und über diese ganze Angelegenheit sprachen - wie an diese Frage
heranzugehen sei und über den begrenzten Rahmen eines solchen
Treffens. Und soweit ich das beurteilen konnte, haben die Sowjets
sich damit einverstanden erklärt, zumindest sagten sie das, es
dürfte dies auch zu Protokoll genommen sein.
Die übrigen Einzelheiten sind bis jetzt noch.nicht ausgearbeitet worden; im ganzen aber hat es den Anschein, als ob ein Treffen so wie Sie, Mr. Präsident, es wünschen,auch einem Treffen
sowjetischer Vorstellung entspricht, ich glaube, daß eine solche
Zusammenkunft ohne großes Risiko abgehalten werden kann und
vielleicht neue Möglichkeiten eröffnen wird.
Nun fragt sich jedermann, weshalb die Sowjets gewillt sein
mögen, ihre Praktiken zu ändern. Und ich habe mir darüber reichlich Gedanken gemacht.
Niemand kann dies wissen. Aber, Mr.
Präsident, ich habe mir überlegt, daß es in einem jeden unserer
wohlgeordneten Gemeinwesen eine Menge Leute gibt, die im Grunde
ihres Herzens nicht an die bestehenden Regeln, die bestehenden
Gesetze glauben, es jedoch für bequemer halten, sich zu fügen und
sich in diesen Dingen nicht immer halsstarrig zu zeigen. Und so
gibt es in jedem wohlgeordneten Gemeinwesen auch eine Menge Leute,
die Regelungen, Verordnungen und ähnliches befolgen, obgleich sie
selbst vielleicht nicht allzu sehr daran glauben. So mag es wohl
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�"AMERIKA DIENST"

18. Mai 1955

wohl auch zutreffen, daß die Sowjetunion nach den Erfahrungen,
die sie mit dem Versuch gemacht hat, sich allem gegenüber halsstarrig zu stellen, spüren mag, daß es bequemer wäre, wenn man
sich manchen der Regeln und Gebräuche der zivilisierten Welt
fügt. Ich glaube nicht einen Augenblick, die Sowjets wären
gläubig geworden oder hätten sich bekehren lassen, aber es kann
sein, daß sie glauben, sie kämen besser voran, wenn sie sich manchen Regeln und Gebräuchen fügten, die in einer zivilisierten
Gemeinschaft allgemeingültig sind.
Der Präsident: Sehr richtig.
Außenminister DuIIes: Ich glaube, daß dies eine Möglichkeit
ist, die zu ergründen, es sich zumindest lohnt. Und ich glaube
auch, daß dieses Treffen eine weitere Gelegenheit bieten wird,
sie zu ergründen, Es kann wenigstens neue Mittel und Wege zur Lösung mancher der großen Probleme aufzeigen - Probleme wie die
Wiedervereinigung Deutschlands, der Umfang der Rüstungen, die
Atomwaffen, die Satellitenstaaten, Probleme, die durch den internationalen Kommunismus hervorgerufen wurden, der wie eine Pest
in der ganzen Welt ist.
Wenn wir uns nun mehr Gedanken darüber machen können, wie
diese Probleme gelöst werden können, wie an ihre Lösung in einem
neuen Geist und mit neuen Absichten herangegangen werden kann,
dann, so glaube ich, kann etwas Gutes aus diesem Treffen herauskommen.
Und ich bin nun einmal überzeugt, daß wir mit neuem Vertrauen
in die Zukunft blicken können, weil diese von uns verfolgte opferreiche Politik vom amerikanischen Volk auf überparteilicher Grundlage unterstützt wurde und Früchte zu tragen beginnt.
Und ich glaube, daß wir auf dem richtigen Wege sind, wenn
wir an dieser Politik festhalten.
Gefährlich wäre es, wenn wir jetzt die Hände in den Schoß
legten und glaubten, diese Politik habe ihren Zweck erfüllt,
und wir könnten uns jetzt anderem zuwenden. Richtig ist vielmehr,
daß diese Politik sich bewährt hat und wir aus diesem Grunde daran
festhalten müssen.
Wenn wir dies tun, können wir, so meine ich, mit neuem Vertrauen der Zukunft entgegensehen.
Der Präsident? Kurz gesagt, wir wollen stark und wachsam
bleiben, aber wir werden die Hoffnung nicht fallen lassen, daß
doch ein neuer Morgen anbrechen wird. Denn selbst wenn die Sonne
aufgegangen ist, dauert es sehr lange, ehe sie im Zenit steht.
Ich danke Ihnen, Mr. Dulles. Es war wirklich ein seltenes
Vorrecht, daß wir einen so glänzenden Bericht über zwei so bedeutsame Wochen hören durften.
Dulles: Ich empfinde es als eine große Ehre, Mr. Präsident,
daß ich Gelegenheit hatte, zu Ihnen allen darüber zu sprechen.
* * * * *

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�HERBERT HOOVER JR.: WIR GLAUBEN AN DAS PRINZIP
DER KOLLEKTIVEN SICHERHEIT
LOS ANGELES - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede
des stellvertretenden Außenministers der
Vereinigten Staaten, Herbert Hoover jr.,
die dieser am 23.Mai 1955 anläßlich einer
Tagung des "Los Angeles World Affairs
Council" (Rat für Außenpolitik) gehalten
hat.
Mr. Hoover wies im Verlauf seiner Rede
darauf hin, daß die USA nach wie vor die
Politik des Aufbaus einer kollektiven
Stärke verfolgten, während jedoch gleichzeitig "jeder Weg für eine Lockerung der
internationalen Spannungen auf friedliche
Weise" erforscht würde.
In den vergangenen Monaten haben sich in der internationalen Politik verschiedene Entwicklungen vollzogen, die historische Bedeutung haben dürften. Ein solches Ereignis, und vielleicht das bedeutsamste, ist die Schaffung der V/esteuropäischen
Union nach Jahren geduldigen Mühens und die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die Nordatlantikpakt-Organisation
als gleichberechtigtes und vollstimmberechtigtes Mitglied.
Damit entstand ein beeindruckender Block freier Nationen, die
sich zum Zwecke der Verteidigung und zum Schutze ihrer Sicherheit zusammengeschlossen haben.
Als zweites Ereignis, das eine direkte Folge des ersten
ist, muß die plötzliche Bereitschaft der Sowjetunion genannt
werden, nach jahrelanger Hintertreibung angesichts der Entschlossenheit und Zusammenarbeit der Westmächte mit dem befreundeten Österreich den österreichischen Staatsvertrag abzuschließen.
Außenminister Dulles sagte hierzu, dies könne möglicherweise das Blatt der Geschichte wenden.
Diese Ereignisse traten nicht einfach ein - sie sind das
Ergebnis vernünftiger und realistischer Politik. Es bedurfte
sieben Jahre, um die Westeuropäische Union zu schaffen.. Zehn
Jahre brauchte man, um dahin zu gelangen, daß Österreich frei
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�"AMERIKA DIENST"

25. Mai 1955

frei und unabhängig werden konnte.
Die Tatsache, daß der österreichische Staatsvertrag zustande kam, ist m.E. nur daraus, zu erklären, daß die Sowjetunion aus taktischen Gründen eine Kursänderung ihrer Außenpolitik vorgenommen hat. Seit eh und je wurde die Unterzeichnung des Staatsvertrages durch die Weigerung der Sowjets verhindert, ihre Truppen aus Österreich abzuziehen. Und es gibt
wohl kaum einen Zweifel, daß die Änderungen in der sowjetischen Taktik auf die wachsende Einheit und Stärke Westeuropas
zurückzuführen sind.
Wir hoffen von ganzem Herzen, daß die Sache der Freiheit
noch weitere Gewinne verbuchen kann. Aber jetzt ist nicht die
Zeit, um jene Politik zu ändern, die solchen Hoffnungen überhaupt erst einmal Aussicht auf Verwirklichung gegeben haben.
Auf der anderen Seite des Globus steht vor allem die
Frage im Vordergrund, ob die Rotchinesen auch zu der Einsicht
gekommen sind, daß eine Politik des Friedens ihren Interessen
mehr dient als kriegsähnliche Maßnahmen und Drohungen. Vor
fast einem Monat erklärte Chou En-lai zum ersten Mai, er sei
willens, in direkte Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten
zu treten, um die im Fernen Osten bestehenden Spannungen zu
mildern.
Es ist bedeutsam wie dieser Vorschlag zum Schluß der
Konferenz von Bandung gemacht wurde. Es ist uns nicht bekannt,
welche Haltung Rotchina zunächst auf der Bandunger Konferenz
einnehmen wollte. Aber die Entwicklung, die die Konferenz genommen hat, zeigte doch, daß viele Teilnehmer sich der Gefahren des Kommunismus vollauf bewußt sind. So kam es denn auch,
daß eine große Zahl führender Politiker der freien Welt ihrer
scharfen Kritik über die Verhaltensweise der Kommunisten Ausdruck gaben, und viele von ihnen traten für die Konzeption
einer freien Welt ein. Als die Konferenz alle Formen der Kolonialherrschaft verdammte, war sie besonders darauf bedacht,
in die Verurteilung auch die kommunistische Kolonialherrschaft
miteinzuschließen. In einer solchen Atmosphäre mag es. Chou
En-lai durchaus klar geworden sein, daß er nur die Möglichkeit
hatte, eine friedliche und versöhnliche Haltung einzunehmen,
wenn er nicht die ungünstige Reaktion der anderen Konferenzteilnehmer auf sich nehmen wollte.
Immerhin möchten wir hoffen, daß dieser Vorschlag echt
ist, und daß die chinesischen Kommunisten nun in einer Stimmung
sind, die ein Nachlassen der Spannungen im Fernen Osten ermöglicht. Und so hat Außenminister Dulles gesagt: "Ob dieser
Vorschlag aufrichtig war oder nicht, das bleibt abzuwarten.
Vielleicht haben die chinesischen Kommunisten nur ein Propagandaspiel durchgeführt. Wir aber sind entschlossen, dahinterzukommen. Dabei werden wir freilich nicht vom Pfade der Redlichkeit und Ehre gegenüber dem uns verbündeten Nationalchina
abweichen". Die Vereinigten Staaten begrüßen nicht nur die
Möglichkeit einer friedlichen Regelung - das ist stets unsere
traditionelle Haltung gegenüber Weltproblemen gewesen - sondern
wir sind jederzeit bereit, die Wege zu ergründen, die zu einem

�"AMERIKA DIENST"

25. Mai 1955

einem ehrenhaften Frieden führen können. Wir begrüßen die
weitere, kürzlich von Chou En-lai getroffene Feststellung,
sein Regime könne gewillt sein, auf den Krieg zu verzichten
und sich bezüglich des Gebiets um Formosa auf friedliche Verfahren einzulassen.
Wenn sich herausstellt, daß die chinesischen Kommunisten
einen Wechsel ihrer Taktik vorgenommen haben, dann wird unsere
Außenpolitik nur um so mehr gerechtfertigt sein, denn in Asien
wie in Europa wird das durch die Kraft und Entschlossenheit
freier Völker, kommunistischen Drohungen zu widerstehen, bewirkt worden sein. Ohne jenen Widerstand würden weitere ausgedehnte Gebiete des Fernen Ostens schon längst unter kommunistischer Herrschaft stehen.
Grundsätzlich'ist unsere Politik in Europa und Asien dieselbe, aber es gibt Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen
den beiden Umwelten.
Im Fernen Osten wie in Europa sind viele Völker sich immer
mehr des wahren Wesens des Kommunismus bewußt geworden. Diesen
freien Ländern ist es immer klarer geworden, welche Gefahr ein
offener kommunistischer Angriff bildet und auch, welche ständige Bedrohung ihrer freien Einrichtungen von der unter der
Oberfläche stattfindenden Unterwühlung ausgeht. Infolgedessen haben sie zu ihrer eigenen Verteidigung unter dem
Beistand der Vereinigten Staaten die Position militärischer
Stärke gewählt.
#
Im Fernen Osten haben die Philippinen, Thailand und Pakistan
sich mit den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich,
Australien und Neuseeland im Manila-Pakt zur Sicherung ihrer
selbst sowie Vietnams, Laos' und Kambodschas gegen Angriffe von
außen und Unterwühlung im Innern zusammengeschlossen. Es ist
besonders bedeutungsvoll, daß hier zum ersten Male in einem
Staatsvertrag die Unterwühlung förmlich als eine der starken
vom Kommunismus ausgehenden Bedrohungen anerkannt worden ist.
Außerdem haben die Vereinigten Staaten mit den Philippinen,
Japan, Korea und Nationalchina zweiseitige Verteidigungsverträge geschlossen. Mit Australien und Neuseeland haben wir ein
davon unabhängiges, ähnliches dreiseitiges Abkommen. Diese
Nationen bilden ein Bollwerk gegen kommunistische Pläne einer
aggressiven Ausbreitung in Ost- und Südostasien.
Die Verhältnisse im Fernen Osten haben sich in mehreren
wichtigen Hinsichten anders entwickelt als die in Europa. Dort
handelt es sich um ein weites Gebiet mit dürftigen Verkehrsmöglichkeiten. Es besteht Verschiedenheit der Sprache, des
religiösen Glaubens, der kulturellen Vergangenheit und der
völkischen Herkunft. Die volkswirtschaftlichen Verschiedenheiten reichen von der hohen Industrialisierung Japans bis
zu den einfachen landwirtschaftlichen Zuständen, die das Wesentliche vieler anderer Länder ausmachen. Das Ergebnis ist,
daß es in den politischen Haltungen und Zielen der Völker des
Fernen Ostens oft an Einheitlichkeit fehlt, und daß manchmal
tiefliegende Konflikte in vielen Grundfragen bestehen. m ,,
D
Weiter

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�"AMERIKA DIENST"

25. Mai 1955

Weiter besteht der Ferne Osten, obwohl er auf alten Kulturen ruht, heute vielfach aus neuen Nationen, die früher unter
kolonialer Herrschaft standen. Seit dem Ende des Krieges haben
nicht weniger als acht der Völker jenes Gebietes ihre Unabhängigkeit errungen.
Schließlich aber haben die Verhältnisse im Fernen Osten
noch andere Seiten, die man berücksichtigen muß. Die Völker in
der Nähe des kommunistischen China haben au£ verschiedene Art
auf die Angriffsdrohungen reagiert, der sie "sich gegenübersehen.
Manche haben versucht, in der Neutralitätspolitik Sicherheit zu
finden, indem sie es vorzogen, sich im kalten Krieg auf keine
der beiden Seiten festzulegen. Ihr Recht zu einer solchen Entscheidung ziehen wir nicht in Zweifel. Aber wir haben das Gefühl,
ihre Stellungnahme sei ein Irrtum wegen der Illusion einer Sicherheit, die dadurch entsteht, und wegen der Verletzung der Grundpflicht der Völker, einander zu helfen.
Eine zweite Gruppe hat eine unserer Meinung nach vielleicht
realistischere Einstellung gegenüber der gemeinsamen Gefahr eingenommen und bereitwillig zusammengearbeitet, um zu Abmachungen
über eine kollektive Sicherheit zu gelangen. Ebenso wie wir
selbst, wünschen auch diese Nationen nicht, in aggressive militädsche Aktionen verwickelt zu werden.
Ich möchte kurz auf den politischen Kurs eingehen, den wir
zur Lösung der Probleme der vier voneinander rso gänzlich'
verschiedenen Gebiete Formosa, Japan, Vietnam und Burma eingeschlagen haben.
Im Fernen Osten ist das vom Kommunismus bedrohte Formosa
einer der Hauptgefabrenpunkte. Mit der.nationalchinesischen Republik haben wir unseren Vertrag abgeschlossen, weil sie uns ein
zuverlässiger Verbündeter in der Vergangenheit war und es auch
heute noch ist, und weil sie treu auf unserer Seite gekämpft hat.
Formosa ist außerdem von lebenswichtiger Bedeutung für die Verteidigung der gesamten pazifischen Gebiete.
Ein Verlust Formosas und der Pescadores würde mit ziemlicher Sicherheit den Verlust großer Teile des heute freien Asiens
an den Kommunismus bedeuten. Ein solcher Verlust wäre auch für
die übrigen freien Völker Asiens das Zeichen dafür, daß das gesamte Gebiet gegen den Kommunismus nicht zu halten ist.
Die nationalchinesische Regierung auf Formosa hat uns gebeten, ihr bei der Verteidigung gegen die wiederholte Gefahr einer kommunistischen Eroberung Hilfe zu leisten. Wir haben ihr
versichert, wir würden es nicht zulassen, daß Formosa in kommunistische Hände fällt.
In unserem Bündnisvertrag mit Nationalchina beschränktem
wir nnsere Verpflichtungen auf die Verteidigung Formosas und der
Pescadores. Seit 1895 sind diese Inseln nicht mehr in chinesischem
Besitz gewesen und waren vor diesem Zeitpunkt Jahrhunderte hindurch nur ein Randgebiet Chinas. In Übereinstimmung mit einem
während des zweiten Weltkrieges abgeschlossenen feierlichen Vertrage, der dann im Waffenstillstandsvertrag mit Japan bestätigt
wurde, wurden sie der nationalchinesischen Regierung in Besitz

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Besitz übergeben. Die Japaner haben von sich aus auf ihre
Rechte, Besitzansprüche und Interessen auf diesen Inseln
verzichtet.
Die der chinesischen Küste vorgelagerten Inseln Quemoy
und Matsu haben sich mit Ausnahme der Zeit der Besetzung durch
die Japaner während des Krieges lange im Besitz der Republik
China befunden. Die Situation für die Vereinigten Staaten in
bezug auf diese Inseln ist derart, daß wir in keiner Weise
rechtlich oder moralisch' zu ihrer Verteidigung vertraglich
verpflichtet sind. Sie wurden mit Absicht aus dem Vertragsbereich ausgeschlossen. Falls Rotchina jedoch versuchen sollte,
sich Formosa und der Pescadores mit Gewalt zu bemächtigen,
und falls ein Angriff gegen Quemoy und Matsu offensichtlich
ein Teil dieses Versuchs ist, dann würden die Vereinigten Staaten nicht untätig, beiseite stehen und einfach zulassen, daß
diese Positionen genommen werden. Eine Entscheidung hierüber
steht allein dem Präsidenten zu.
Es ist nicht ohne Bedeutung, daß die Rotchinesen niemals
zwischen diesen Küsteninseln und Pormosa sowie den Pescadores
einen Unterschied gemacht haben. Sie haben wiederholt verkündet, daß die Eroberung der gesamten Inseln ihre Absicht ist.
Verschiedene befreundete Nationen haben selbst die Initiative ergriffen und sind an die rotchinesische Regierung in
Peking herangetreten, um herauszufinden, ob eine Möglichkeit
für eine friedliche Regelung bestünde, auf Grund deren Rotchina
seine bekanntgegebene Absicht auf Eroberung Formosas und der
Pescadores aufgeben würde. Solche Vorschläge sind von den
Rotchinesen entrüstet abgelehnt worden.
Als ersten Schritt zu einer Verringerung der Spannungen
haben die Vereinigten Staaten eine Einstellung der Kampfhandlungen vorgeschlagen.
Wir wünschen im Pazifik ebenso den Frieden, wie wir ihn
im Atlantik wünschen. An Bevölkerung und Einfluß ist Kalifornien
heute New York ebenbürtig. Es ist kein uninteressantes Faktum,
daß der Präsident des Obersten Bundesgerichts der Vereinigten
Staaten, der Vizepräsident der Vereinigten Staaten und der
Führer der republikanischen Senatsfraktion sämtlich aus Kalifornien stammen. Unsere Interessen im Pazifik sind ebenso wichtig
wie unsere Interessen im Atlantik.
Lassen Sie mich bitte kurz auf unsere Politik in bezug
auf Japan eingehen.
Manche glauben, daß die Vereinigten Staaten Japan betreffend zu viel als selbstverständlich voraussetzen. Wir teilen diese Meinung nicht.
Die Japaner haben stets einen starken Nationalstolz gehabt.
Als Folge des zweiten Weltkrieges und der anschließenden Besetzung ihres Landes macht das japanische Volk eine Zeit tiefgreifender Wandlungen durch. Auf lange Zeit hinaus wird es auf
alles, was einer amerikanischen Einmischung ähnlich sieht,
empfindlich reagieren. Gleich anderen Völkern wird auch das

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das japanische Volk seine nationalen Entscheidungen nach
seinem Empfinden für das, was Japan zum Guten gereichen
könnte, treffen. Es gibt keine Gewähr dafür, daß Japans
Entscheidungen als souveräne Nation stets so ausfallen
werden, wie wir es uns wünschen. Mit der Steigerung seiner
Fähigkeiten, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen und
sich militärisch selbst zu schützen, wird Japans Handlungsfreiheit in der Weltpolitik gleichfalls größer werden. Wir
sind jedoch überzeugt davon, daß die größte Gewähr dafür,
daß Japan eine Quelle der Stärke für die freien Nationen im
Fernen Osten sein wird, darin liegt, daß es stark und unabhängig wird und seine Selbstachtung wiedererlangt. Schwäche,
sei sie politisch, wirtschaftlich oder militärisch, würde nur
denjenigen Kräften zugutekommen, die Unordnung und Umsturz
herbeiführen. Wir vertrauen darauf, daß ein gesundes und
starkes Japan, das sich seiner Fähigkeiten, mit seinen eigenen
wirtschaftlichen und politischen Problemen fertig zu werden
bewußt ist, ein befreundeter Verbündeter sein wird, der standhaft die Sache des Friedens und der Freiheit verteidigen wird.
Japan hat eine Bevölkerung von 88 Millionen Menschen,
die auf einem kleineren Gebiet leben als beispielsweise
Kalifornien umfaßt. Da es über wenig natürliche Hilfsquellen
verfügt, muß es große Mengen an Lebensmitteln und Rohstoffen
einführen und andererseits seine Industrieprodukte ausführen.
Japans wirtschaftlicher Bestand hängt von diesen Tatsachen ab.
Seit 1950 wurde die japanische Wirtschaft weitgehend durch
die in Zusammenhang mit dem Krieg in Korea notwendigen Aufwendungen der Vereinigten Staaten für militärische Zwecke unterstützt. Dennoch ist der wirtschaftliche Spielraum sehr klein
geblieben. Falls diese Einnahmequelle in Zukunft noch unergiebiger wird - und zu dieser Annahme besteht aller Grund ~,
wird sich die finanzielle Situation Japans weiter verschlechtern.
Die Vereinigten Staaten scheuen keine Mühen, um Japan bei
der Ausweitung seines Handels mit anderen Teilen der Welt zu
unterstützen. Das trifft besonders auf Südostasien zu, wo die
Handelsbeziehungen Japans infolge des Krieges schwer gelitten
haben. Hier muß zu jeder Gelegenheit das Entstehen gesunder
wirtschaftlicher Beziehungen gefördert werden.
Japan hat sich nunmehr auf eine Zusammenarbeit mit den
Vereinigten Staaten und der freien Welt festgelegt. Wir sind
der Auffassung, daß Japan diesen Kurs als für sich vorteilhaft
erkennen wird.
Wir zielen darauf ab, daß Japan schließlich in noch größerem Umfange an den kollektiven Bemühungen der freien Nationen Asiens teilhaben kann. Japan leistet bereits einen beachtlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Wohlergehen des Fernen
Ostens.
Ein weiteres illustratives Beispiel der angewandten
Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist die Unterstützung, die

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die wir dem vietnamesischen Ministerpräsidenten Eiern zuteil werden ließen. Als der Ministerpräsident
im Juni des vergangenen Jahres sein Amt antrat, wurde über das
Schicksal Vietnams in Genf beraten. Man kam dabei unter anderem überein, die nördliche Zone, das heißt das Gebiet nördlich
des 17.Breitengrades, unter die Kontrolle des kommunistischen
Vietminh zu stellen. Diese Entscheidung war eine schwerwiegende Belastung für die Regierung Diem. Sie wurde durch eine
Massenflucht von über 600 000 Menschen noch erschwert, die ihre
alte Heimat verließen und sich nach Süden begaben, um nicht
unter kommunistischer Herrschaft leben zu müssen. Es handelt
sich hierbei um eine der größten Massenauswanderungen der Weltgeschichte.
Trotz der furchtbaren Aufgabe, der sich Ministerpräsident
Diem gegenübergestellt sah, war er erfolgreich bei der Bildung
einer wirklich nationalen Regierung und ist nun dabei, Pläne
für die Abhaltung nationaler Wahlen aufzustellen, die über die
Regierungsform entscheiden werden, unter der die Vietnamesen
künftig leben werden. Wir geben uns nicht der Erwartung hin,
daß der Weg des Fortschritts leicht sein wird.
Die Vereinigten Staaten haben stets einer wahrhaft nationalen Sache, die frei und kraftvoll betrieben wird, starke
Sympathie entgegengebracht. Aus diesem Grunde haben wir die
Regierung des Ministerpräsidenten Diem unterstützt und werden
dies auch weiterhin tun.
In den Gesprächen, die Außenminister Dulles in Paris mit
den Vertretern der französischen und der britischen Regierung
geführt hat, wurde die Grundlage geschaffen für die Unterstützung dieser wachsenden nationalen Bewegung in Vietnam durch
den Westen. Aber unserer Unterstützung werden gewisse Grenzen
durch die Erkenntnis gezogen werden müssen, daß Regierung und
Bevölkerung des freien Vietnam entschlossen sind, ihren eigenen
Weg zu gehen und ihre eigene Politik zu verfolgen.
Die Regierung in Vietnam, die gegenwärtig damit beschäftigt
ist, in konstruktiver Weise eine unabhängige antikommunistische
Regierungsform zu entwickeln, ist in keinerlei Betracht eine
Marionettenregierung der Vereinigten Staaten oder irgendwelcher
westlichen Macht.
In Anerkennung dieser grundlegenden Tatsache, stellen wir
auch weiterhin unsere Unterstützung und Hilfe zu dem Zwecke zur
Verfügung, daß die nationalen Bestrebungen des freien Vietnam
Erfüllung finden.
Nun zu Burma. Vor einigen Monaten wurde der Ministerpräsident von Burma für eine Fernsehaufnähme interviewt. Dabei wurde
ihm die Frage vorgelegt, welches sein Hauptpunkt bei einer
konstruktiven Kritik an den Vereinigten Staaten sei. In seiner
Antwort erklärte er, er liebe es nicht, andere Nationen zu kritisieren, aber da er nun einmal darum gebeten worden sei, möchte er darauf hinweisen, daß ihm einige amerikanische Führer zu
viel redeten. Ich bin geneigt, dieser Beobachtung des Ministerpräsidenten zuzustimmen. Was er dabei im Sinne hatte, waren
selbstverständlich die allzu häufig voneinander abweichenden

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abweichenden Stimmen, die aus den Vereinigten Staaten laut
werden. Was jedoch die freundschaftlichen Beziehungen angeht,
die zwischen unseren beiden Ländern bestehen, so glaube ich,
daß nicht genug darüber gesagt worden ist, und zwar in weitem
Maße aus der angeborenen amerikanischen Neigung heraus, in der
Öffentlichkeit allzusehr die Punkte hervorzuheben, in denen
Differenzen bestehen, und die Punkte unbeachtet zu lassen,
in denen Übereinstimmung herrscht.
Als Burma seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte,
da erkannten die Vereinigten Staaten die neue Nation sogleich
an. Die Grundlagen der Freundschaft zwischen Burma und Amerika
waren schon viel früher geschaffen worden. Einzelne Amerikaner
waren in Burma Jahrzehnte hindurch im Bildungswesen, in der
Medizin und in technischen Berufen tätig gewesen. Ein Amerikaner bereitete schon vor rund hundert Jahren das erste burmesischenglische Wörterbuch vor. Und, wenn Sie mir einen persönlichen
Hinweis gestatten wollen, ich selbst erinnere mich ebenfalls,
daß mein Vater in seinen frühen Jahren als Bergingenieur die
Blei- und Zinkgruben in der Nähe von Lashio entwickeln half.
Es sollte daher niemandem überraschen, daß wir ein tiefes
und herzliches Verständnis besitzen für Burmas Wunsch, den
Frieden aufrechtzuerhalten und seine Unabhängigkeit zu bewahren.
Auch wir wissen, daß es keinen Frieden ohne Freiheit geben kann.
Als im vergangenen Februar Außenminister Dulles und Ministerpräsident U Nu in Rangun zusammenkamen, brachten sie ihre Entschlossenheit zum Ausdruck, "alles in ihrer Macht Stehende zu
tun, um die Sache des Friedens mit Gerechtigkeit und Freiheit
zu fördern".
Andere grundlegende Ansichten, die wir gemeinsam haben,
sind unser Glaube an die Grundsätze der Charta der Vereinten
Nationen, unsere Achtung vor Vertragsverpflichtungen und internationalem Gesetz sowie unser Glaube an die Grundrechte des
Menschen und die Würde des Individuums.
Diese Grundsätze leiten uns bei unseren amtlichen und,
fürwahr, auch bei unseren persönlichen Beziehungen zu Burma.
Und in diesem selben Geiste werden wir auch weiterhin als
gleichberechtigte Partner mit Burma *n der Organisation der
Vereinten Nationen, beim Colombo-Plan und vor den übrigen
für die internationalen Beziehungen nutzbar gemachten Foren
zusammenarbeiten.
Es ist natürlich wahr, daß Burmas Verhalten auf die außenpolitische Drohung der Kommunisten in Asien sich von dem unsrigen unterscheidet, aber wir können die Gründe für diesen Standpunkt verstehen. Wir wollen gleichermaßen hoffen, daß Burma
auch unsere Einstellung versteht.
Unsere guten Beziehungen zu Burma sind ein Beweis dafür,
daß freie Nationen durchaus in der Lage sind, dieselben grundlegenden Ziele in Freundschaft zu verfolgen, auch wenn ihre
Methoden durchaus nicht die gleichen sind.
In meinem Vortrage habe ich die Grundziele unserer Fernostpolitik nachdrücklich betont. Eines von ihren wichtigsten
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wichtigsten ist es, ein umfassendes and kollektiv wirksames
Sicherheitssystem für diesen Raum zu bilden.
Wie ich bereits ausführte, nähern wir uns langsam aber
sicher diesem Ziel.
Es gibt noch eine höchst wichtige wirksame Kraft in Asien,
auf die ich bisher nur indirekt zu sprechen kam. Und zwar ist
dies der verständliche Wunsch der Menschen Asiens, einen höheren
Lebensstandard und einen stärkeren Grad wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu erlangen.
Die kommunistischen Völker versuchen bereits, dieses
natürliche Streben der Asiaten nach einer Verbesserung der
wirtschaftlichen Verhältnisse auszunutzen. Wirtschaftlicher
Fortschritt, wie ihn das rotchinesische Regime zuwege bringt,
wird für einen unglaublich hohen preis an menschlichem Elend
und Sklaverei erkauft.
Die große Aufgabe im freien Asien ist es daher, die hartnäckigen Forderungen der Asiaten nach Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse mit der politischen Freiheit in Einklang
zu bringen. Was für uns dabei auf dem Spiele steht, ist klar.
Aber die Forderung nach wirtschaftlichem Fortschritt muß auf
Grund seines eigentlichen Wesens zuerst durch die Anstrengungen der Völker selbst in Angriff genommen werden.
Dies ist die Folgerung, die Präsident Eisenhower in seiner Vorlage zum gegenwärtigen Wirtschafts-Hilfeprogramm in
Asien zog. Die darin enthaltenen Beträge sind im Vergleich
zu unserem amerikanischen Gesamtbud^et nicht groß, aber durch
Konzentrierung auf die am meisten entscheidenden Grundbedürfnisse sind wir in der Lage, die wirkliche Grenze des Erfolges
zu bestimmen.
Viele freie Völker des Fernen Ostens sind zu der ständig
wachsenden Erkenntnis von den wirklichen Gefahren der kommunistischen Herrschaft gekommen. Gleichzeitig sind sie grundsätzlich gegen jede Fremdherrschaft oder fremden Einfluß.
Trotz vieler Schwierigkeiten war es stets unsere Politik,
ihnen dabei zu helfen, unabhängig zu werden und Selbstachtung
und Selbstvertrauen zu entwickeln. Diese Politik wird nur dann
erfolgreich sein, wenn wir ihre Ziele und ihre nationalen
Wünsche voll berücksichtigen.
Gleichzeitig ist diese Politik zum Scheitern verurteilt,
wenn wir versuchen, den Kommunismus auf dem Wege über die Befriedung zu bekämpfen. Wir sind der Meinung, daß wir uns nicht
auf eine Aggression einlassen dürfen, und daß unsere Hoffnung
auf Erreichung der Freiheit für Völker unter fremder Herrschaft
nicht durch Mittel der Gewalt verwirklicht werden darf. Wir
glauben an das Prinzip der kollektiven Sicherheit.
Wohl kein Volk der Welt sehnte sich jemals so nach
einem dauerhaften Frieden wie das der Vereinigten Staaten.
Stets haben wir uns dort hingezogen gefühlt, wo sich auch nur
eine Regung des Wunsches anderer Menschen bemerkbar machte,
gemeinsam mit uns nach diesem Ziel zu streben. Wie Präsident

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"AMERIKA DIENST"

Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles schon mehrfach
bei verschiedenen Anlässen betont haben, nehmen wir sowohl
instinktfjäßig wie auch aus Pflichtgefühl jede Gelegenheit
wahr, die internationalen Spannungen auf friedlichem Wege
zu vermindern.
Aber sie haben auch darauf hingewiesen, daß wir dabei
von einer Position der Stärke und Entschlossenheit ausgehen
und der tatsächlichen Gegebenheiten, wie sie heute in der
Welt existieren, voll bewußt sein müssen.

*

*

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�DULLES: KOMMUNISTEN SIND SICH DER STÄRKE DER
FREIEN WELT BEWUSST

WASHINGTON — (AD) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen
eine Erklärung, die der amerikanische Außenminister
John Poster Dulles am 25. Mai 1955 zum Gemeinsamen
Sicherheitsprogramm Präsident Eisenhowers, das für
das am 1. Juli beginnende Haushaltsjahr 3»53 Milliarden Dollar für Zwecke der Auslandshilfe vorsieht, vor
dem Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses
abgab. Der Außenminister erklärte dabei, die Taktiken
der Kommunisten ließen vermuten, daß sie erkannt hätten, daß die freie Welt stark sei und sie daher einige
der von ihnen seiner Zeit eingeschlagenen Wege aufgeben
müßten.
Vor drei Wochen sprach ich zu Ihren Kollegen im Außenpolitischen Ausschuß des Senats, um Präsident Eisenhowers Ersuchen um Portführung der wesentlichen Elemente des Gemeinsamen
Sicherheitsprogramms im kommenden Jahr zu unterstützen. Während
dieses kurzen Zeitraumes von drei Wochen haben historische Ereignisse stattgefunden, - Ereignisse, die die Richtigkeit der
in diesem Programm enthaltenen Konzeptionen bestätigten.
In Paris fanden die erste Tagung der Westeuropäischen Union
und die Tagung des Natorates statt, woran auch die Bundesrepublik
teilnahm. Diese Konferenzen kennzeichneten die Verwirklichung
eines der wichtigen Ziele, die wir und unsere europäischen Verbündeten uns gesetzt hatten - die Errichtung der Bundesrepublik
Deutschland als ein freier, unabhängiger und souveräner Staat,
die Aufnahme dieses Staates in die Nordatlantikpaktorganisation
und die weitere Einigung und Stärkung Westeuropas.
Ein weiteres historisches Ereignis fand in Wien statt.
Dort wurde der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet.
Unsere Regierung hat lange auf dieses Ziel hingearbeitet. Es
bedurfte acht Jahre hartnäckiger Verhandlungen mit 379 Sitzungen, ehe die sowjetische Regierung einem Vertrage zustimmte,
der Österreich wirkliche Unabhängigkeit gibt. Ich habe diesem
Ausschuß bereits in einer Geheimsitzung über diese Ereignisse
in Paris und Wien berichtet. Diese Ereignisse hätten niemals
ohne die sich steigernde Wirkung unserer Anstrengungen auf dem
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dem gesamten Gebiet der Gemeinsamen Sicherheit, wie sie in ihren
verschiedenen Phasen während dieses Nachkriegsjahrzehnts unternommen wurden, eintreten können.
Diese großen Ereignisse ermöglichen es mir, heute hier vor
Sie hinzutreten und mit erneuter Zuversicht auszusprechen, daß
dieses Programm wirklich funktioniert und die Energie, die Geduld
und das Geld wert ist, das die Vereinigten Staaten dafür aufgewendet haben.
Dieser Ausschuß hat viele Jahre hindurch große Sorgfalt und
Gewissenhaftigkeit auf dieses vielgestaltige Programm verwandt und emen sehr
bedeutenden Beitrag zu ihm geleistet. Sie verdienen hohe Anerkennung für das, was durch dieses Programm erreicht worden ist.
Wir haben an Teilen dieses Gemeinsamen Sicherheitsprogramms
nunmehr bereits über zehn Jahre lang gearbeitet. Es ist in seiner
Art einzigartig in der gesamten Weltgeschichte. Wir in den Vereinigten Staaten fällten die Entscheidung, daß es in unserem eigenen Interesse klug sein würde, einen bedeutenden Teil unserer
Kräfte dazu zu verwenden, den anderen freien Völkern beim Aufbau
einer gesunden Wirtschaft und einer militärischen Stärke zu helfen,
die für die Erhaltung ihrer Freiheit notwendig sind. Wir tun dies
ohne jeden Gedanken an eine Machtausweitung unsererseits.
Im Verlauf der Jahre ist dieses einzigartige Experiment auf
dem Gebiet der internationalen Beziehungen manchen Veränderungen
unterworfen gewesen - Veränderungen der Schwerpunktbildung, Zusätzen und Abstrichen, Veränderungen im organisatorischen Aufbau
und in der Verwaltung. In diesem Jahr sind neue Veränderungen vorgeschlagen worden, um das Programm den sich ändernden Gegebenheiten anzupassen und dadurch zu gewährleisten, daß die angestrebten
Ziele besser erreicht werden.
Der Präsident hat angekündigt, daß in der Verwaltung des
Programmes eine Änderung stattfinden wird. Bisher wurde das Programm vom Mr. Harold E. Stassen und seinen Mitarbeitern im Amt
für Auslandshilfe (FOA) im Inland wie im Ausland verwaltet. Der
Präsident hat bekanntgegeben, daß die Aufgaben und Geschäfte dieser Behörde am 30. Juni 1955 dem Außenministerium übertragen werden, mit Ausnahme bestimmter militärischer Aufgaben, die vom Verteidigungsministerium verwaltet werden. Ich möchte Mr. Stassen
und seinen Mitarbeitern meine hohe Anerkennung aussprechen für die
Art und Weise, in der ihre Arbeit zur Förderung der Interessen
unseres Landes beigetragen hat. Ich hoffe, daß es möglich sein
wird, dieses Programm, sobald die Verantwortung auf das Außenministerium übergeht, in wirksamer Form fortzuführen. Um dies zu
gewährleisten, will der Präsident dem Senat in Kürze ein hervorragendes ehemaliges Mitglied des Repräsentantenhauses - John B.
Hollister - für den Posten des Direktors des Amtes für internationale Zusammenarbeit, der dem Außenministerium eingefügten Nachfolgeorganisation der FOA, zur Bestätigung vorschlagen.
Der Gesamtbetrag der von Präsident Eisenhower zur Förderung
der Ziele des Gemeinsamen Sicherheitsprogramms im kommenden Jahre
angeforderten Mittel beläuft sich auf 3,53 Milliarden Dollar. Von
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Von diesem Betrag sollen ungefähr die Hälfte oder 1 717»2 Millionen Dollar direkt für die Unterhaltung und den Aufbau der militärischen Streitkräfte der Verbündeten verwendet werden. Zusätzlich zu dieser Hälfte des Gesamtbetrages sollen weitere
1 000,3 Millionen Dollar für die sogenannte "Verteidigungshilfe" verwendet werden, das bedeutet Wirtschaftshilfe an
Länder, die anders die Lasten so großer Verteidigungseinrichtungen, wie sie wünschenswert erscheinen, nicht tragen können.
Militärische Einrichtungen sind nicht nur wirtschaftlich
unproduktiv, sondern mindern auch die Leistungsfähigkeit eines
Volkes weitgehend. Die Lage einiger Länder ist so, daß es wünschenswert erscheint, wenn sie über größere militärische Einrichtungen verfügen, als ihre Volkswirtschaften sie gegenwärtig
tragen können.
Durch direkte Militärhilfe und Verteidigungshilfe werden
für die Verteidigung der freien Welt weit stärkere militärische
Streikräfte verfügbar gemacht, als dies mit den gleichen Mitteln
möglich wäre, wenn diese für unsere eigenen militärischen Einrichtungen verwendet würden.
Die beiden vorangegangenen Posten machen rund 77 Prozent
des beantragten Gesamtbetrages aus. Die restlichen 23 Prozent
oder 812,5 Millionen Dollar sind für Programme bestimmt, die
in keinem Zusammenhang mit militärischen Zwecken stehen. Die
Hauptposten sind: 337 Millionen Dollar für Wirtschaftshilfe
an Asien, wovon 200 Millionen Dollar für einen Sonderfonds für
regionale Entwicklungsvorhaben vorgesehen sind. Ferner sind
172 Millionen Dollar für technische Zusammenarbeit und 100 Millionen Dollar für einen Sonderfonds des Präsidenten eingesetzt worden
In geographischer Hinsicht ist die Verteilung der 23 Prozent,
die in keinem Zusammenhang mit militärischen Einrichtungen stehen,
wie folgt vorgesehen: 21 Millionen Dollar für Europa, hauptsächlich für Westberlin, 52 Millionen Dollar für die übrigen amerikanischen Republiken, 179 Millionen Dollar für den Mittleren
Osten, 337,5 Millionen Dollar für Asien und 22,5 Millionen
Dollar für nicht regional gebundene Programme, einschließlich
multilateraler Programme und dem Sonderfonds des Präsidenten.
In den vergangenen Jahren ging ein großer Teil an die Länder
des freien Europa. Der beste Maßstab für den Erfolg dieses Programmes ist die beachtliche Zunahme der wirtschaftlichen Vitalität, der politischen Stabilität und der militärischen Stärke in
diesen Ländern. Die NATO ist voll funktionsfähig, die europäische Einheit ist vorangeschritten, Produktion, Handel und Lebensstandard sind gestiegen. Europa steht immer noch zahlreichen
schweren Problemen gegenüber und unser Interesse an der erfolgreichen Lösung dieser Probleme bleibt unvermindert. Es ist jedoch eine erhebliche Verbesserung der Lage in Europa eingetreten.
Vielleicht aus diesem Grunde wenden wir nunmehr unseren Blick
stärker Asien zu und sehen dessen Nöte deutlicher. Das Gemeinsame
Sicherheitsprogramm für das kommende Jahr ist in diesem Sinne geplant worden.
Zusätzlich

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"AMERIKA DIENST"

Zusätzlich zu der Weiterführung und in einigen Fällen Intensivierung der gegenwärtigen Programme - vor allem der technischen
Hilfeprogramme - in den freien Ländern Asiens, hat der Präsident
um einen Sonderfonds ersucht, den er nach seinem Ermessen für
Ost- und Südasien verwenden kann.
Der internationale Kommunismus übt einen starken Druck aus,
um seinen Einfluß in den asiatischen Ländern auszudehnen, die
nicht die wirtschaftliche Stärke besitzen, um angemessene Verteidigungseinrichtungen zu unterhalten und das für eine politische
Stabilität und eine ständig wachsende Verbesserung des Lebensstandards notwendige Fundament zu schaffen.
Mit dem Manila-Pakt und anderen Verteidigungsabkommen haben
wir den Kommunisten die Gefahr vor Augen geführt, die eine weitere bewaffnete Aggression in diesem Gebiet für sie mit sich
bringt. Aber das ist noch nicht alles, was wir tun können und tun
sollten. Wir wissen, daß es für Völker, die wirtschaftlich schwach
sind, schwierig ist, politisch stark zu werden und als Nation in
Sicherheit zu leben. Wir glauben, daß eine wachsende wirtschaftliche Stärke des freien Asiensein weiteres wirksames Bollwerk gegen den Kommunismus bilden kann. Der Sonderfonds des Präsidenten
für das freie Asien soll die Entwicklung einer wirtschaftlichen
Stärke und Zusammenarbeit in diesem Gebiet anregen und steigern.
Wir sind der Ansicht, daß die Verwendung dieses Fonds im Rahmen des Programms zwischen den USA und einzelnen Staaten des Fernen Ostens auf bilateraler Basis erfolgen sollte. Wir sind ferner
der Ansicht, daß es für uns wie für die Teilnehmerstaaten am
vorteilhaftesten sein würde, wenn diese Länder aus ihren eigenen
gemeinsamen Anstrengungen bei der Suche nach einer Lösung für ihre
eigenen Erschließungsprobleme Gewinn ziehen. Die Völker des freien
Asiens verfügen bereits in dem beratenden Ausschuß für den ColomboPlan zur kooperativen wirtschaftlichen Entwicklung in Süd- und
Südost-Asien über ein für diesen Zweck geeignetes Instrument.
Diese recht schwerfällige Bezeichnung wird häufig abgekürzt und
ist dann unter dem Namen "Colombo-Plan" bekannt. Es ist möglich,
daß eine weitere Entwicklung dieser Organisation, an der wir bereits gemeinsam mit unseren asiatischen Freunden beteiligt sind,
die Ideen hervorbringt und die Richtung weist, wie dieses Gebiet
sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht gestärkt werden kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Konferenz verweisen,
die kürzlich von Vertretern einer Reihe von Colombo-Plan-Ländern
in Simla in Indien abgehalten wurde. Diese Konferenz führte zahlreiche asiatische Länder zusammen und bedeutete bereits an sich
einen wesentlichen Schritt vorwärts. Die Konferenz erkannte an,
daß ein regionaler Versuch erwünscht und ein weiteres Studium
eines derartigen Versuches notwendig sei. Die Konferenz erkannte
ferner an, daß irgendeine regionale Mittlerorganisation keinen
Vorteil bringen und es von Nutzen sein würde, wenn die Vereinigten
Staaten jede Hilfe auf bilateraler Basis, die der Kongreß zu gewähren sich bereitfinden könnte, leisten würden. Diese Ansicht
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Ansicht steht selbstverständlich mit der unseren vollkommen in
Einklang.
Ich selbst bin hinsichtlich der Einzelheiten der Fragen, über
die ich hier spreche, kein Experte. Aber ich habe in bezug auf
den Wert, den diese Programme als Glanzes für die Vereinigten
Staaten haben, ein zuversichtliches Gesamturteil. Meiner Ansicht
nach führen diese gemeinsamen Sicherheitsprogramme zu einem
sichtbaren Erfolg, indem sie die Bedingungen herbeiführen, die
meines Erachtens die beste Garantie für Frieden und Freiheit in
der Welt bieten. Den Preis, den wir für dieses Ergebnis zahlen,
erachte ich gemessen an dem zu erreichenden Resultat als annehmbar.
Dieses Gemeinsame Sicherheitsprogramm wird auch weiterhin
einen wesentlichen Teil unserer Gesamtpolitik bilden, deren Ziel
es ist, den Machthabern, die gegenwärtig der Linie des internationalen Kommunismus folgen, die Nutzlosigkeit der auf die
Welteroberung gerichteten Politik vor Augen zu führen. In gleicher Weise hoffen wir, daß es einmal zu einer Politik kommen
möge, die den rechtmäßigen Bestrebungen der unterworfenen Völker
besser gerecht wird.
Die jüngsten Ereignisse in Europa, auf die ich eingangs Bezug
nahm, lassen vermuten, daß der Zeitpunkt näherrücken mag, da diejenigen, die nach der Unterjochung der Freiheit getrachtet haben,
in der Tat eine tolerantere Politik annehmen werden.
Hiermit möchte ich nicht implizieren, daß wir meiner Meinung
nach unsere Ziele erreicht haben. Neben den guten Seiten gibt es
noch immer schlechte. Es mag auch durchaus möglich sein, daß
die internationalen Kommunisten der Ansicht sind, irgendwelche
neuen, jetzt von ihnen angewandten politischen Maßnahmen entsprächen dem klassischen Rezept Lenins, der sagt, daß "wir
bei der Verfolgung unserer Ziele vielleicht manchmal einen Zickzackkurs einschlagen müssen, dabei ein Stück zurückgehen, ab und
an den vorher eingeschlagenen Weg verlassen und andere ausprobieren müssen". Nach Stalin bedeutet diese Taktik, *die Reserven
so einzusetzen, daß sie angesichts eines starken Feindes einen
geordneten Rückzug durchführen können". Nichtsdestoweniger fühle
ich mich doch irgendwie ermutigt, weil die Taktik des internationalen Kommunismus heute der Vermutung Raum läßt, daß die
Kommunisten eingesehen haben, die freie Welt ist wirklich "stark",
und daß sie daher einige der früher von ihnen verfolgten Wege
aufgegeben haben.
Ich habe von den Ereignissen der jüngsten Tage gesprochen.
Sie wurden von einer bemerkenswerten Umkehr vieler der politischen
Richtlinien.der sowjetischen Machthaber gekennzeichnet. Sie änderten ihre Haltung im Hinblick auf den österreichischen Staatsvertrag. Wenn die sowjetischen Truppen auf Grund dieses Vertrages jetzt aus dieser vorgeschobenen Position im Herzen Europas
abziehen, dann ist dies das erste Mal in Europa, daß die Rote
Armee den Rückmarsch in die Heimat anzutreten haben wird, seit
sie vor zehn Jahren ihre vorgeschobenen Stellungen bezogen hat.
Dann
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Dann wäre hier die Pilgerfahrt der sowjetischen Führer nach
Belgrad zu nennen. Seit sieben Jahren - seit sich die jugoslawische Regierung nämlich vom sowjetischen Block getrennt hat - ist
sie ständig geschmäht und bedroht worden. Die Partei in Jugoslawien wurde von der kommunitischen Partei in der Sowjetunion als
der offenen Ketzerei schuldig ausgeschlossen. Jetzt gehen die
führenden Männer der Sowjetunion, die noch nie in Priedenszeiten
ihr Land verlassen haben, nach Belgrad, um ihren Frieden zu machen.
Die Unabhängigkeit wird belohnt und die Ketzerei verziehen. Dies
muß tiefgreifende Auswirkungen auf den ganzen sowjetischen Machtbereich haben.
Hinsichtlich^der Abrüstungsfrage hat die Sowjetunion in
der letzten Zeit ihre Meinung geändert. Ihr gegenwärtiger Standpunkt enthält vieles, was noch nicht klar oder für die USA nicht
annehmbar ist, aber zumindest erkennt die Sowjetunion bestimmte
Grundvoraussetzungen als gültig an, die sie vorher beharrlich
abgelehnt hat. Beispielsweise besteht die UdSSR nicht mehr länger
darauf, daß irgendeine Reduzierung der zahlenmäßigen Stärke der
Landstreitkräfte auf prozentualer Basis durchgeführt werden müsse,
was ihre gegenwärtige Überlegenheit auf diesem besonderen Gebiet
verewigen und faktisch verstärken würde.
Schließlich scheinen die führenden sowjetischen Staatsmänner
nun zu weiteren Gesprächen bereit zu sein, nachdem sie vorher
erklärt hatten, daß die Verwirklichung der Pariser Verträge ein
ernsthaftes Hindernis für derartige Verhandlungen sein würde.
Die Klagen der Moskauer "Prawda" gehen dahin, daß wir (der Westen)
anscheinend nicht gewillt sind, lange genug zu verhandeln.
Niemand kann genau sagen, was die Umkehr auf diesen vier Gebieten bedeutet, die sich im Ablauf weniger Wochen abgezeichnet
hat. Eine Interpretation ist sicherlich die, daß die Sowjets durch
diese Demonstration freundlicher Vernunft die freien Nationen in
ein Gefühl der Sicherheit wiegen wollen, das diese zur Aufgabe
von Maßnahmen bewegen würde, die es ihnen bisher ermöglicht haben,
sich gegenseitig bei der Bewahrung der Freiheit zu unterstützen.
Es gibt unter den freien Nationen einige, die von dieser Aussicht
verlockt werden. Die meisten schauen auf die Vereinigten Staaten,
um zu sehen, wie diese die jüngsten sowjetischen Schritte interpretieren. Wenn wir sie als Demonstration e ines grundsätzlichen
Wandels in der sowjetischen Haltung und als Anzeichen dafür betrachten, daß die Gefahr vorüber ist, dann werden sie sich dieser
Meinung rasch anschließen In diesem Falle würde viel von der
Solidarität und Stärke, die in den vergangenen Jahren aufgebaut
wurden, einem raschen Verfall entgegengehen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen wärmstens alle neuen Möglichkeiten zur Sicherstellung eines gerechten und dauerhaften
Friedens, und werden sie auch vollständig und in guter Absicht
prüfen. Diesem Ziel hat sich unsere Nation verschrieben, und wir
werden auch keine Gelegenheit auslassen, diesem Ziel näherzukommen. Wir begrüßen die jüngsten Handlungen der Sowjets, die ein
größeres Maß an Toleranz sowie eine größere Bereitschaft zur
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"AMERIKA DIENST"

zur Freiheit und Unabhängigkeit vermuten lassen. Es würde jedoch
ein großer Fehler sein, anzunehmen, daß die Gefahren nun vorüber
sind, oder in solcher Weise zu handeln, daß andere denken könnten,
wir betrachteten die Gefahr als vorüber. Es könnte keinen schlimmeren Augenblick geben, als jetzt von der Politik abzugehen, die
das Gemeinsame Sicherheitsprogramm beinhaltet, und die uns dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen.
Wir können hoffen, daß ein neuer Tag kommt; aber viel zu oft
sind die Menschen in ihr Verderben gelockt worden, indem sie eine
trügerische Morgenröte für eine echte hielten. Wir dürfen diesen
Fehler nicht machen. Lassen Sie uns das festhalten und bewahren,
was gut ist. Wie alles, was vom Menschen stammt, ist auch das
Programm für die Gemeinsame Sicherheit ohne Zweifel unvollkommen;
aber die Prinzipien, die es enthält, sind gewogen und für gut
befunden worden. Aus diesem Grunde ersuche ich den Kongreß, das
Programm fortzusetzen.
* * * # *

�LEWIS L.STRAUSS: WIR HABEN UNSERE ZUKUNFT
SELBST IN DER HAND

WASHINGTON — (AD) — Wortlaut einer Ansprache von Lewis Strauss, Vorsitzender
der US-Atomenergiekommission, die er am
24. Mai 1955 anläßlich des dritten Rockhurst-Jahresbanketts im Rockhurst-College
zu Kansas City in Anwesenheit von Erzbischof O'hara gehalten hat:

Eure Exzellenz, Herr Präsident van Ackeren, hochverehrte
Gäste, meine Damen und Herren!
In diesem Sommer sind es erst zehn Jahre, seitdem im Dämmerlicht eines frühen Morgens in der Wüste Neumexikos die erste
Atombombe zur Explosion gebracht wurde.
Schon ein halbes Jahrhundert zuvor war die Atomenergie mit
Gewißheit angekündigt, ja sogar berechnet worden, denn Einstein
hatte seine grundlegende Formel im Jahre 1905 niedergeschrieben.
Eine stetige, gesteuerte Kernspaltung war im Jahre 1942 in der
Fermischen Uranbatterie Tatsache geworden. Doch erst an jenem
Julimorgen des Jahres 1945 in Alamogordo wurde die schauerliche
Kraft des Atoms von Menschenhand entfesselt.
In den zehn Jahren, die seitdem verflossen sind, haben wir
nicht allein in der Weiterentwicklung der Zerstörungskraft der
Atomenergie für militärische Zwecke, sondern auch in der Erweiterung ihrer Anwendungsmöglichkeiten zum Wohle der Menschheit
große Fortschritte erlebt. Die feindselige Atmosphäre in der
Weltpolitik und die Bedrohung von seiten jener, die die Freiheit vernichten möchten, um ihre eigene gottlose, erbarmungslose
Lehre weiter zu verbreiten, haben uns gezwungen, Atomwaffen zu
entwickeln und einzulagern - ganz einfach zur Selbstverteidigung. Eine andere vernünftige Möglichkeit haben wir nicht. Unsere Sicherheit und unsere Hoffnung auf Vermeidung eines Krieges bemessen sich - so grausig dies klingt - nach der Menge und
der Wirksamkeit unserer Waffen.
Dennoch
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND 'RBEIT

8. Juni 1955

Dennoch wissen wir, daß Waffen allein die Kriegsfurcht nicht
bannen und den Völkern der Welt die Segnungen des Friedens nicht
bringen können« Gott, der uns erlaubt hat, einige der Geheimnisse
des Atoms zu entschleiern, kann nicht gewollt haben, daß dieses
Wissen der Menschheit nur zur Qual und Vernichtung gereichen
solle.
Deshalb haben wir in demselben Maße, wie wir unsere Kräfte
anspannen, um die Mittel zur Verteidigung unserer Lebensweise zu
schaffen, uns bemüht, die Energie der Kernspaltung in die Bereiche
wahrhaft menschlichen Strebens und echten Fortschritts zu lenken d.h. sie der Landwirtschaft dienstbar zu machen, um mehr und bessere Nahrungsmittel zu erzeugen und Einöden zu kultivieren, der
Medizin, um Krankheitsursachen zu entdecken und damit manche
Geißel der Menschheit unwirksam zu machen, und der Industrie,
um einen größeren Schatz an materiellen Gütern immer zahlreicheren Menschen überall in der Welt zukommen zu lassen.
Wir tun dies im Zeichen des Planes von Präsident Eisenhower,
den er den verzweifelnden Völkern der Welt in seiner denkwürdigen
Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 8. Dezember
1953 eröffnet hat. Man hat sich angewöhnt, bei diesem Plan von
"Atome-für-den-Frieden" zu sprechen.
Schon seit dem Vorschlag Baruchs im Jahre 1946 ist unsere
Haltung gegenüber anderen Völkern der Welt in der Frage der Atomenergie die aufrichtiger Selbstlosigkeit. Wir haben versucht, den
Einsatz von Atomenergie sowohl hier bei uns als auch in allen anderen Ländern nur auf friedliche Zwecke zu beschränken, und wir
haben uns damals unter dieser Bedingung erboten, das von uns Erarbeitete mit allen zu teilen.
Doch bis zur Rede des Präsidenten vor den Vereinten Nationen
vor nunmehr anderthalb, Jahren, und auch angesichts der in der darauffolgenden Zeit von uns erbrachten Beweise unserer Entschlossenheit, diesen Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen, waren all
unsere Versuche in dieser Hinsicht durch die Manöver der Sowjets
abgewiesen worden.
Der Vorschlag unter dem Leitwort "Atome-für-den-Frieden"
gab den Hoffnungen und dem Traum der Menschheit einen ungekannten
Auftrieb. Eben von einer vierwöchigen Reise durch einen Teil Westeuropas zurückgekehrt, habe ich dies erst kürzlich selbst bestätigt gefunden» Ich habe bemerkt, daß die von uns unternommenen
Schritte zur Durchführung des Vorhabens einer friedlichen Verwendung der Atomenergie zum Besten aller in den Herzen der Menschen,
ob hoch oder gering, einen gewaltigen Widerhall gefunden haben.
Die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den
westeuropäischen Ländern im Gegensatz zu der Zeit vor wenigen Jahren ist so ausgeprägt, daß man auf keine Statistik zurückgreifen
braucht, um die Behauptung zu belegen, der Wohlstand gedeihe im
Frieden, nicht im Kriege.
Dieser Fortschritt und dieser Wohlstand sind möglich geworden,
weil abgesehen von dem wirtschaftlichen Beistand, den wir leisten
konnten, unser Militärpotential - in diesem Sinne jedoch nicht

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AFBETT

8. Juni 1955

nicht Männer unter Waffen, sondern Atomwaffen und die Möglichkeit
ihres Einsatzes am entsprechenden Ort - den freien Völkern Westeuropas ein Bollwerk gegen kommunistische Angriffe geboten hat.
Diese Wehrkraft hat den freien Völkern ein Gefühl der Sicherheit
und eine Atempause gegeben, in der sie ihre Wirtschaft festigen
und ihre Industrie wieder aufbauen konnten. Diese Pause haben sie
gut genutzt. Dieser Wohlstand hat ihnen unter anderem auch die
Erfahrung eingebracht, die uns längst vertraut war,de-rämlich mit
besser werdender Lebenshaltung der Stromverbrauch pro Kopf der Bevölkerung stark ansteigt. Unter guten wirtschaftlichen Verhältnissen verwendet man elektrischen Strom bei immer zahlreicheren
Dingen, die der Bequemlichkeit dienen, und besonders zur Befreiung
von der Mühsal des Alltags.
Wenn Europa Elektrizität haben will, so muß es seinen Erdölbedarf fast ausschließlich durch Importe decken; und seine Kohlenvorräte sind vielfach minderwertig, auch schwinden sie immer mehr
dahin. Seine Wasserkraft ist fast völlig ausgelastet.
Das bedeutet, daß beinahe in allen Ländern weitblickende
Staatsmänner den unaufhaltsamen Anstieg des Strombedarfs und den
zunehmenden Verbrauch fester und flüssiger Brennstoffe voraussehen.
Beides wirkt dahin, daß in einer nicht allzu ferner Zeit eine
große Frage auftauchen wird. Diese Frage ist für sie viel akuter
als für uns. Wenn man nichts zur Lösung dieses Problems tun kann,
so werden über einen großen Teil Europas die Lichter trüb werden.
Das einzige, was man offensichtlich an diesem entscheidenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte tun kann, ist die Großerzeugung von Elektrizität aus Atomenergie. Das Verfahren ist
Ihnen sicherlich bekannt. Uran-235 und Plutonium haben die Eigentümlichkeit, sich zu spalten und dabei große Wärmemengen freizugeben. Diese Wärme kann genau so verwendet werden wie die Wärme
aus der chemischen Reaktion, die bei der Verbrennung von Kohle
oder Erdöl auftritt. Der große Vorteil atomarer Brennstoffe liegt
darin, daß ein Pfund Uran bei seiner Spaltung eine Energie freigibt, die etwa der aus zweieinhalb Millionen Pfund Kohle entspricht. In einem besonders konstruierten Atorriofen kann man mit
diesem Uran sogar während des Prozesses der Abgabe von Wärme weitere spaltbare Stoffe erzeugen. In dieser Hinsicht unterscheidet
es sich grundsätzlich von Kohle und Öl.
Überall in Europa fand ich große Aufgeschlossenheit für den
Gedanken einer Lösung der Energiekrise durch Kernspaltung. Nächst
der Erhaltung des Friedens findet diese Frage das Hauptinteresse
der Regierungen, und die Aufwendungen für Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind verhältnismäßig sehr große Posten im Haushaltsplan der von mir besuchten Länder.
Auch ist erwähnenswert, daß diese Aufwendungen, mögen sie im
Vergleich mit den unsrigen für ähnliche Zwecke auch gering sein,
ganz unverhältnismäßig große Ergebnisse zeitigen können. Die Ursache dafür ist darin zu suchen, daß Arbeitskräfte und Baustoffe
in vielen dieser Länder billiger sind und weil der Anreiz zur Inangriffnahme entsprechender Projekte dort, wie schon gesagt, stärker ist als bei uns.
jn

�'"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Juni 1955

In Gebieten, wo die Stromkosten beträchtlich höher liegen als
bei uns, dürfte allerdings schon heute der Einsatz von Atomenergie
möglich sein, ohne daß man den sicheren Erfolg der Bemühungen
unserer Ingenieure und Forscher abzuwarten braucht, die die Kosten zu verringern suchen, indem sie die vorhandenen Verfahren
verfeinern oder ganz neue Wege zum Erfolg ergründen.
Und gerade wegen dieser materiellen Sorge um die Beschaffung
elektrischer Energie, deren die Völker zum Leben heute ebenso
dringend bedürfen wie der menschliche Körper der Nahrung, bedeutete unser Vorschlag, die Atomenergie friedlichen Zwecken dienstbar zu machen, für diese Staatsmänner eine so große Erleichterung.
Europa spürt - mag dies nun auf kühler Überlegung beruhen oder
nicht -,daß seine Kultur einen Atomkrieg nicht überdauern würde.
Die Möglichkeit einer Auslöschung von Kultur und Kunst in
Europa, die so viele Jahrhunderte des törichten Kriegführens der
Menschen mit schwächeren Waffen überdauert haben, bedrückt sie in
den Stunden des Wachseins und erfüllt ihre Träume mit Angst.
Eifrig griffen sie nach der Möglichkeit, die wir in Aussicht
stellten als ein Mittel, auf diesem Wege zum Verderben innezuhalten.
Die ablehnende Haltung der Sowjets gegenüber dem Plan des
Präsidenten - eine Haltung, die ihrer Weigerung im Jahre 1947
oder später, unsere damaligen Vorschläge anzunehmen, völlig
entspricht - hat diesen düsteren Vorahnungen noch mehr Gewicht
gegeben. Indem man sich mithin auf unsere Macht als einem Abschreckungsmittel gegen weitere Expansionsbestrebungen der Sowjets
verläßt, legt man in den meisten Ländern Europas vor allem Nachdruck auf die Verwendung der Atomenergie zum Wohle der Menschheit.
Dies trifft nicht ganz zu für Großbritannien, das, wie Sie wissen,
ein Atomwaffenprogramm hat. Die Energiewirtschaft ist nur eines
der Gebiete für eine segensreiche Verwendung der Atomkraft, wenngleich das vordringlichste. Andere, die auch in Europa Interesse
finden, sind der Einsatz radioaktiver Isotope in der Medizin,
Landwirtschaft und Industrie. Mehrere Länder haben die Projekte
auf diesen Gebieten schon weit vorangetrieben. Großbritannien
und Frankreich erzeugen Isotope nicht nur für eigene Zwecke, sondern auch für benachbarte Länder, und es gibt hochangesehene europäische Forschungseinrichtungen zur Bekämpfung von Krebs und anderen menschlichen Leiden, die mit diesen neuen "Werkzeugen"
arbeiten. Ich könnte hinzufügen, daß die Vereinigten Staaten schon
seit 1947 Isotope für medizinische Forschungs- und Behandlungszwecke
exportieren.
Es ist ein Glück für die Welt, daß es auf diesem Gebiete kein
Monopol gibt, daß weder wir es besitzen noch jemand sonst. Der
Genius der Entdeckung hat niemals ein Volk vor dem anderen begünstigt, und die Ideen zu Erfindungen und Entdeckungen, die der
Menschheit zum Segen gereichen, können in einem kleinen, dürftig
ausgestatteten Laboratorium in einem kleinen Lande ebenso geboren
werden wie in einem großen, reichen.
Nur
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Juni 1955

Nur eine Sache, die mir in Europa begegnete, hat mich bestürzt, und sie ist, wie Sie sehen werden, eine Folge der Angst
vor dem Atomkrieg. Es war dies der mehrfach wiederholte Vorschlag,
daß die Staaten, die Atomwaffen besitzen, sich darauf einigen
sollten, sie weder zu erproben noch zu benutzen. Das Vorkriegsabkommen gegen die Verwendung von Giftgas wurde gelegentlich als
Beispiel dessen genannt, was sich durch eine solche Vereinbarung
erzielen ließe.
Geht man dieser Meinung auf den Grund, so erweist sie sich
natürlich als Trugschluß. Denn im zweiten Weltkrieg hat nicht das
internationale Abkommen die Verwendung von Giftgas verhindert.
Wäre das Gas eine eindeutig wirksame Waffe gewesen, wer könnte
daran zweifeln, daß es von den gewissenlosen Angreifern, die den
letzten Krieg vom Zaun brachen und denen andere feierlich eingegangene: Verpflichtungen nicht das geringste galten, verwendet
worden wäre! Das Giftgas bot einem Angreifer eben einfach nicht
jene Vorteile, wie sie nunmehr anscheinend die Atomwaffen haben,
und einem Staat oder einer Gruppe von Staaten, bei denen feierliche Verträge sowieso nichts gelten, käme es auch in Zukunft
auf einen nochmaligen Abschluß und Bruch eines Vertrages nicht an.
Ein solcher Vertrag könnte allerdings einem Volke, das auf seinem
gegebenen Wort beharrte, sehr teuer zu stehen kommen, wenn auf
der Gegenseite ein Staat wäre, der Verträge als einen Gegenstand
zynischer, zweckbewußter Beflissenheit und darauf folgender einfacher, dreister Verletzung ansähe. Es wäre naiv, ja sogar
äußerst töricht, wenn man sich gerade jetzt auf eine solche
Verpflichtung einlassen wollte.
Das bedeutet nun nicht, daß ich keine Möglichkeit zur Schaffung so wirksamer Sicherungen sehe, wie sie erforderlich sind,
wenn wir zu einem solchen Ziel gelangen wollen. Das wäre dann allerdings etwas ganz anderes als ein simpler Vertrag darüber,
daß Atomwaffen nicht eingesetzt werden sollen. Ein bloßes Abkommen
dieser Art wäre eine Falle. Wir streben ein Abkommen mit zweckmäßigen, wirksamen Sicherungen an, und wir werden diese Bestrebungen zweifellos fortsetzen.
wir
für
die
aus

Unsere europäischen Freunde waren begierig zu erfahren, was
ihnen Neues über unsere Pläne zur Entwicklung der Atomenergie
friedliche Zwecke sagen könnten. Bei diesen Plänen rangiert
Entwicklung der Atomenergie für wirtschaftliche Zwecke weitan erster Stelle.

Im September vorigen Jahres wurden zu Shippingport in Pennsylvanien die Vorarbeiten für den Bau eines Kernreaktors aufgenommen,
der bis 1957 eine Stromleistung von mindestens 60 000 Kilowatt
für die Haushaltversorgung und für Industriezwecke im Räume Pittsburgh liefern dürfte. Dieses Bauvorhaben ist mit einem großen
Einsatz von Privatkapital verbunden, und es stellt das erste einer
ganzen Reihe solcher Unternehmungen dar, die schließlich alle
eine Kostensenkung für die Erzeugung von Atomenergie zum Ziele
haben.
Um

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Juni 1955

Um zu illustrieren, wie ultrakonservativ viele von uns in
ihrem Denken noch vor zweiundzwanzig Monaten waren, als wir noch
nicht so recht an ein Interesse des Privatkapitals für solche Projekte glaubten, möchte ich Ihnen kurz einiges über unsere Erfahrungen mit dem erst im Januar gestarteten Programm der Atomenergiekommission sagen, zu Demonstrationszwecken Kernreaktoren mit dem
Ziel der Stromerzeugung laufen zu lassen. Unsere europäischen
Freunde waren an den damit gemachten Erfahrungen stark interessiert.
Dieses Vorhaben wurde im Rahmen der Lizenzbestimmungen des
Atomenergiegesetzes vom Jahr 1954 in Angriff genommen. Das Gesetz
legt großen Nachdruck auf die Förderung der zivilen Entwicklung
der Atomenergie durch die Privatindustrie im Geiste der amerikanischen Freiheit wirtschaftlichen Schaffens, wodurch das bisherige
Staatsmonopol in der Nutzbarmachung der Atomenergie wesentlich gelockert wird.
Der Widerhall unseres Appells an die Industrie war ermutigend
und ging weit über unsere Erwartungen hinaus. Wir erhielten Vorschläge privater und öffentlicher Stellen, Atomkraftwerke mit einer
Gesamtleistung von mehr als 700 000 Kilowatt bei einem Gesamtkostenaufwand von 205 Millionen Dollar zu errichten. Am ermutigendsten
aber war der Umstand, daß diese Gruppen bereit sind, achtzig bis
neunzig Prozent der Baukosten aus eigener Tasche zu geben, obgleich
Atomkraftwerke beim heutigen Stande der Entwicklung sich wirtschaftlich noch nicht selbst tragen - das heißt, mit Kraftwerken herkömmlicher Art in den Vereinigten Staaten wirtschaftlich nicht konkurrieren können. Ja, eine der Firmen, 'Consolidated Edison' in New
York, ist sogar bereit, die Gesamtkosten für den Bau einer Reaktoranlage mit einer Leistung von 250 000 Kilowatt, nämlich etwa
55 Millionen Dollar, aufzubringen.
Die Atomkraft für den Frieden ist da, daran gibt es keinen
Zweifel mehr. Die amerikanische Wirtschaft hilft ihr vorwärts mit
all der Zuversicht und Findigkeit, die unsere Industriellen stets
ausgezeichnet hat.
Abgesehen von solchen Bauvorhaben wir der Anlage in Shippingport, Pennsylvanien, und den anderen, die zu dem Demonstrationsprogramm für Atomkraftwerke gehören, leistet auch die Armee einen
Beitrag durch ihre Arbeiten an einem ortsbeweglichen Kleinreaktor,
der nicht nur für militärische Zwecke aussichtsreiche Verwendungsmöglichkeiten bietet , sondern auch für kleine Gemeinden, die an
Atomenergie für zivile Zwecke interessiert sind.
Die Atomenergie zum Fahrzeugantrieb ist nun auch da - man
denke an das Unterseeboot 'Nautilus'.
Die Marine wird im Juli ein zweites Atom-Unterseeboot vom
Stapel lasßen, weitere sind in Auftrag gegeben. Gleichzeitig arbeiten wir an der Entwicklung der ersten Atomantriebsaggregate für
ein großes Schiff der Kriegsmarine.
Wieder eine andere Art Kernreaktor ist der Typ, der zu Forschungszwecken konstruiert wurde. Bei dem Bau und der Inbetriebnahme von Atomöfen dieser Art bieten wir anderen Ländern unsere

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8.

Juni 1955

unsere Hilfe an, und wir sehen dem Tag entgegen, an dem sie auf
dem Wege über die Atomkraft, Elektrizität und radioaktive Isotope
werden gewinnen können.
Aus diesem Grunde haben wir auch hundert Kilogramm Uran-235
als Reaktorbrennstoff zur Verfügung gestellt, um dem Ausland einen
Anreiz zum Reaktorenbau für Forschungszwecke zu geben. Es verdient
übrigens Beachtung, daß dieses Uran nicht das gleiche ist, das
für Atomwaffen Verwendung findet. Gemäß dem im August vorigen Jahres vom Kongreß beschlossenen Gesetz wird dieser Reaktorbrennstoff
Ländern zugänglich sein, die mit uns entsprechende Abkommen über
Zusammenarbeit schließen. Großbritannien hat gleichfalls zwanzig
Kilogramm bereitgestellt.
Das erste derartige Abkommen ist kürzlich mit der Türkei
ausgearbeitet worden,und Verhandlungen mit anderen befreundeten
Ländern sind im Gange. Wollen wir daher weiter an der Hoffnung
festhalten, daß es zu einem allumfassenden Abkommen unter der
Ägide der Vereinten Nationen kommen wird, was die Verwirklichung
des Vorschlags von Präsident Eisenhower bedeutet.
Wenn andere Völker an unserer Atomforschung und den Portschritten der Technik teilhaben sollen, dann müssen sie Wissenschaftler und Ingenieure haben, die mit diesen neuen und ganz speziellen Werkzeugen auch umgehen können. Hier helfen wir ebenfalls
den Plan in die Wirklichkeit umzusetzen, indem wir junge Leute aus
anderen Ländern aufnehmen und sie in unseren Laboratorien und
Lehrstätten ausbilden.
Auf unsere Anregung hin wird im August in Genf eine Konferenz
der Vereinten Nationen über die Verwendung der Atomenergie für
friedliche Zwecke stattfinden. Auf dieser Konferenz werden führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Technik von vielleicht
84 Ländern zusammenkommen, um sich gemeinsam über die Portschritte
auf dem Gebiete der Atomforschung und Atomtechnik außerhalb der
Rüstungssphäre zu informieren. Jedenfalls bietet' sie aussichtsreiche Möglichkeiten zu einer Förderung der internationalen Zusammenarbeit, und wir selbst werden uns wesentlich beteiligen.
Die US-Atomenergiekommission wird auf dem Konferenzgelände
einen Kernreaktor jenes Typs, der für Porschungszwecke verwendet
wird, aufbauen und praktisch vorführen. Vertreter anderer Länder
werden Gelegenheit haben, ihn zu besichtigen und seinen Steuerungsmechanismus zu betätigen. Auch viele andere interessante Dinge
aus Physik, Medizin und Industrie wird man dort finden.
Wenn wir auch in der Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke wichtige Portschritte machen - nicht nur für uns selbst
sondern für die ganze Menschheit -, so vollzieht sich doch diese
Arbeit im Schatten weltweiter Spannungen und des stets gegenwärtigen
Bewußtseins, daß der Krieg, wenn er käme, in seinen Auswirkungen
noch katastrophaler sein würde als je zuvor in der Geschichte.
Dieses Wissen muß unser ganzes Denken beherrschen.
Studenten und andere junge Leute haben mich oftmals gefragt,
ob ich denn im Grunde meines Herzens daran glaubte, daß wir die Segnungen des Atoms genießen werden, ehe seine Zerstörungskräfte über
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Juni 1955

über uns kommen, und was ich denn überhaupt an wesentlichen Gedanken zur geistigen Grundlage für das normale Leben in einer Welt
beitragen könnte, in der solche zerstörerische
Kräfte dem Menschen in die Hand gegeben sind.
Wir sollten nicht vergessen, daß es in der Zivilisationsgeschichte schon häufig kritische Augenblicke gegeben hat, wenn durch
eine Entdeckung von großer Tragweite die Möglichkeiten da waren,
entweder die Menschheit weiterzubringen oder sie zu vernichten.
In grauer Vorzeit entdeckte der Mensch, daß Feuer ihn wärmen,
aber ebenso sein Heim und seine Familie verschlingen konnte. Viel
später entdeckte er dann Explosivstoffe und erkannte, daß diese
ihn selbst oder seine Feinde töten könnten, daß sie aber auch andererseits in seinen Bergwerken und in der Industrie gute Dienste
leisten. Viele von uns, die wir hier versammelt sind, können sich
noch an die Entwicklung der ersten Flugzeuge erinnern, und zwar
sollten sie damals als Kriegswaffe, nicht als Beförderungsmittel
dienen.
Nun hat der Mensch die Atomenergie entdeckt, die ihm sowohl
zum Segen gereichen kann als auch furchtbares Leid über ihn zu
bringen vermag. Und wie schon bei den früheren Entdeckungen, so
steht auch hier - allerdings in riesenhaftem Maßstab - der Kraft
der Zerstörung eine ebensolche gewaltige Kraft segensreichen Aufbaus gegenüber.
Die Wahl liegt heute wie eh und je beim Menschen selbst.
Wir alle, meine Zuhörer, verdanken unsere Existenz mehr oder
weniger der Tatsache, daß unsere Vorfahren an vielen Wendepunkten
der Geschichte - unbesorgt ob der besonderen Ängste, die jeweils
ihre Zeit heimsuchten - aus dem Glauben Mut geschöpft und den
Glauben durch die Reihe der Geschlechter uns überliefert haben.
Und so leben wir denn heute, trotz menschlicher Grausamkeit und
des Vorhandenseins unbarmherziger Waffen. Aggression und Gewalt
sind nicht gleichbedeutend mit Stärke und Überleben. Nur der Glaube
ist wahrhaft und unbesiegbar stark und der Quell des Lebens.
In einer Welt neuer Kräfte und neuer Bedrohungen, einer
Welt, in der wir gezwungenermaßen wider eine Ideologie streiten,
die Wahrheit, Menschenwürde und Freiheit verachtet, ist der Glaube
die letzte Verteidigung - ein Glaube zunächst an uns selbst, an
unsere Festigkeit, an unsere Kaltblütigkeit in der Gefahr und an
unseren Mut, wenn er auf die Probe gestellt wird, und schließlich
ein Glaube an die letzte Zuflucht, nämlich eine allmächtige, gnädige Vorsehung. Immer wieder haben wir Beweise dafür erhalten,
daß Gott den Sieg der Wahrheit und das Weiterleben und Wohlergehen
des Menschen im Sinne hat.
Lassen Sie mich Ihnen versichern, daß ich nicht zu denen gehöre,
die da glauben, der Krieg sei notwendigerweise unvermeidlich, oder
daß er, wenn er käme - was Gott verhüten möge -, unser ganzes Kulturgut in radioaktive Asche verwandelt. Einmal lehrt mein Glaube
es mich anders. Ich glaube nicht, daß der Schöpfer den Menschen
so weit sich hat entwickeln lassen, nur damit er seine Gaben dazu

�"AMERIKA DIENST"

- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Juni 1955

dazu mißbrauche, in einem Atemzuge alle Werke des Menschen, die
Denkmäler seiner Kultur, das ganze geistige Gut aller Zeiten - ja,
alle Zeugnisse von Gottes steter liebe und Gnade zu vernichten.
Doch ich glaube auch, daß wir uns durch Untätigkeit nicht
retten können. Die Mächte des Bösen und der Gottlosigkeit hat es
immer gegeben,
_ _
und immer hat man ihnen widerstehen müssen. Und deshalb rüsten wir sogar, während wir eine Formel suchen, die eine friedliche Zukunft sichern soll.
Die Geschichte bietet uns einen Grund zum Glauben und zu der
zuversichtlichen Überzeugung, es sei die Absicht der Vorsehung,
daß die Freimachung der Kraft des Atoms auf dem Wege über den
Genius des Menschen ein Mehr an menschlichem Glück bewirken werde.
Der Glaube, der Berge versetzt, wird auch das Atom beherrschen.
Ich glaube, daß die segensreiche Verwendung der Kraft, die der
Allmächtige in den unsichtbaren Atomkern gelegt hat, über die
Kräfte der Vernichtung und des Bösen triumphieren wird.

# # # # *

�A M E R I K A

D I E N S T

DUILES: KOMMUNISTEN SIND SICH DER STÄRKE DER
FREIEN WELT BEWUSST

WASHINGTON.— (AD) — Nachstehend üb ermitteln wir Ihnen
eine Erklärung, die der amerikani sehe Außenminister
John Poster Dulles am 25« Mai 195 5 zum Gemeinsamen
Sicherheitsprogramm Präsident Eisenhowers, das für
das am 1. Juli beginnende Haushai tsjahr 3,53 Milliarden Dollar für Zwecke der Ausland shilfe vorsieht, vor
dem Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses
abgab. Der Außenminister erklärte dabei, die Taktiken
der Kommunisten ließen vermuten, daß sie erkannt hätten, daß die freie Welt stark sei und sie daher einige
der von ihnen seiner Zeit eingesc hlagenen Wege aufgeben
müßten.
Vor drei Wochen sprach ich zu Ihren Kollegen im Außenpolitischen Ausschuß des Senats, um Präsident Eisenhowers Ersuchen um Portführung der wesentlichen Elemente des Gemeinsamen
Sicherheitsprogramms im kommenden Jahr zu unterstützen. Während
dieses kurzen Zeitraumes von drei Wochen haben historische Ereignisse stattgefunden, - Ereignisse, die die Richtigkeit der
in diesem Programm enthaltenen Konzeptionen bestätigten.
In Paris fanden die erste Tagung der Westeuropäischen Union
und die Tagung des Natorates statt, woran auch die Bundesrepublik
teilnahm. Diese Konferenzen kennzeichneten die Verwirklichung
eines der wichtigen Ziele, die wir und unsere europäischen Verbündeten uns gesetzt hatten - die Errichtung der Bundesrepublik
Deutschland als ein freier, unabhängiger und souveräner Staat,
die Aufnahme dieses Staates in die Nordatlantikpaktorganisation
und die weitere Einigung und Stärkung Westeuropas.
Ein weiteres historisches Ereignis fand in Wien statt.
Dort wurde der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet.
Unsere Regierung hat lange auf dieses Ziel hingearbeitet. Es
bedurfte acht Jahre hartnäckiger Verhandlungen mit 379 Sitzungen, ehe die sowjetische Regierung einem Vertrage zustimmte,
der Österreich wirkliche Unabhängigkeit gibt. Ich habe diesem
Ausschuß bereits in einer Geheimsitzung über diese Ereignisse
in Paris und Wien berichtet. Diese Ereignisse hätten niemals
ohne die sich steigernde Wirkung unserer Anstrengungen auf dem

�"AMERIKA DIENST"

25.

Mai

1955

dem gesamten Gebiet der Gemeinsamen Sicherheit, wie sie in ihren
verschiedenen Phasen während dieses NachkriegsJahrzehnts unternommen wurden, eintreten können.
Diese großen Ereignisse ermöglichen es mir, heute hier vor
Sie hinzutreten und mit erneuter Zuversicht auszusprechen, daß
dieses Programm wirklich funktioniert und die Energie, die Geduld
und das Geld wert ist, das die Vereinigten Staaten dafür aufgewendet haben.
Dieser Ausschuß hat viele Jahre hindurch große Sorgfalt und
Gewissenhaftigkeit auf dieses vielgestaltige pjrogramm verwandt und einen sehr
bedeutenden Beitrag zu ihm geleistet. Sie verdienen hohe Anerkennung für das, was durch dieses Programm erreicht worden ist.
Wir haben an Teilen dieses Gemeinsamen Sicherheitsprogramms
nunmehr bereits über zehn Jahre lang gearbeitet. Es ist in seiner
Art einzigartig in der gesamten Weltgeschichte. Wir in den Vereinigten Staaten fällten die Entscheidung, daß es in unserem eigenen Interesse klug sein würde, einen bedeutenden Teil unserer
Kräfte dazu zu verwenden, den anderen freien Völkern beim Aufbau
einer gesunden Wirtschaft und einer militärischen Stärke zu helfen,
die für die Erhaltung ihrer Freiheit notwendig sind. Wir tun dies
ohne jeden Gedanken an eine Machtausweitung unsererseits.
Im Verlauf der Jahre ist dieses einzigartige Experiment auf
dem Gebiet der internationalen Beziehungen manchen Veränderungen
unterworfen gewesen - Veränderungen der Schwerpunktbildung, Zusätzen und Abstrichen, Veränderungen im organisatorischen Aufbau
und in der Verwaltung. In diesem Jahr sind neue Veränderungen vorgeschlagen worden, um das Programm den sich ändernden Gegebenheiten anzupassen und dadurch zu gewährleisten, daß die angestrebten
Ziele besser erreicht werden.
Der Präsident hat angekündigt, daß in der Verwaltung des
Programmes eine Änderung stattfinden wird. Bisher wurde das Programm vom Mr. Harold E. Stassen und seinen Mitarbeitern im Amt
für Auslandshilfe (FOA) im Inland wie im Ausland verwaltet. Der
Präsident hat bekanntgegeben, daß die Aufgaben und Geschäfte dieser Behörde am 30. Juni 1955 dem Außenministerium übertragen werden, mit Ausnahme bestimmter militärischer Aufgaben, die vom Verteidigungsministerium verwaltet werden. Ich möchte Mr. Stassen
und seinen Mitarbeitern meine hohe Anerkennung aussprechen für die
Art und Weise, in der ihre Arbeit zur Förderung der Interessen
unseres Landes beigetragen hat. Ich hoffe, daß es möglich sein
wird, dieses Programm, sobald die Verantwortung auf das Außenministerium übergeht, in wirksamer Form fortzuführen. Um dies zu
gewährleisten, will der Präsident dem Senat in Kürze ein hervorragendes ehemaliges Mitglied des Repräsentantenhauses - John B.
Hollister - für den Posten des Direktors des Amtes für internationale Zusammenarbeit, der dem Außenministerium eingefügten Nachfolgeorganisation der FOA, zur Bestätigung vorschlagen.
Der Gesamtbetrag der von Präsident Eisenhower zur Förderung
der Ziele des Gemeinsamen Sicherheitsprogramms im kommenden Jahre
angeforderten Mittel beläuft sich auf 3,53 Milliarden Dollar. Von
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

25* Mai 1955

Von diesem Betrag sollen ungefähr die Hälfte oder 1 717,2 Millionen Dollar direkt für die Unterhaltung und den Aufbau der militärischen Streitkräfte der Verbündeten verwendet werden. Zusätzlich zu dieser Hälfte des Gesamtbetrages sollen weitere
1 000,3 Millionen Dollar für die sogenannte "Verteidigungshilfe" verwendet werden, das bedeutet Wirtschaftshilfe an
Länder, die anders die Lasten so großer Verteidigungseinrichtungen, wie sie wünschenswert erscheinen, nicht tragen können.
Militärische Einrichtungen sind nicht nur wirtschaftlich
unproduktiv, sondern mindern auch die Leistungsfähigkeit eines
Volkes weitgehend. Die Lage einiger Länder ist so, daß es wünschenswert erscheint, wenn sie über größere militärische Einrichtungen verfügen, als ihre Volkswirtschaften sie gegenwärtig
tragen können.
Durch direkte Militärhilfe und Verteidigungshilfe werden
für die Verteidigung der freien Welt weit stärkere militärische
Streikräfte verfügbar gemacht, als dies mit den gleichen Mitteln
möglich wäre, wenn diese für unsere eigenen militärischen Einrichtungen verwendet würden.
Die beiden vorangegangenen Posten machen rund 77 Prozent
des beantragten Gesamtbetrages aus. Die restlichen 23 Prozent
oder 812,5 Millionen Dollar sind für Programme bestimmt, die
in keinem Zusammenhang mit militärischen Zwecken stehen. Die
Hauptposten sind: 337 Millionen Dollar für Wirtschaftshilfe
an Asien, wovon 200 Millionen Dollar für einen Sonderfonds für
regionale Entwicklungsvorhaben vorgesehen sind. Ferner sind
172 Millionen Dollar für technische Zusammenarbeit und 100 Millionen Dollar für einen Sonderfonds des Präsidenten eingesetzt worden

In geographischer Hinsicht ist die Verteilung der 23 Prozent,
die in keinem Zusammenhang mit militärischen Einrichtungen stehen,
wie folgt vorgesehen: 21 Millionen Dollar für Europa, hauptsächlich für Westberlin, 52 Millionen Dollar für die übrigen amerikanischen Republiken, 179 Millionen Dollar für den Mittleren
Osten, 337,5 Millionen Dollar für Asien und 22,5 Millionen
Dollar für nicht regional gebundene Programme, einschließlich
multilateraler Programme und dem Sonderfonds des Präsidenten.
In den vergangenen Jahren ging ein großer Teil an die Länder
des freien Europa. Der beste Maßstab für den Erfolg dieses Programmes ist die beachtliche Zunahme der wirtschaftlichen Vitalität, der politischen Stabilität und der militärischen Stärke in
diesen Ländern. Die NATO ist voll funktionsfähig, die europäische Einheit ist vorangeschritten, Produktion, Handel und Lebensstandard sind gestiegen. Europa steht immer noch zahlreichen
schweren Problemen gegenüber und unser Interesse an der erfolgreichen Lösung dieser Probleme bleibt unvermindert. Es ist jedoch eine erhebliche Verbesserung der Lage in Europa eingetreten.
Vielleicht aus diesem Grunde wenden wir nunmehr unseren Blick
stärker Asien zu und sehen dessen Nöte deutlicher. Das Gemeinsame
Sicherheitsprogramm für das kommende Jahr ist in diesem Sinne geplant worden.
Zusätzlich

�25. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

Zusätzlich zu der Weiterführung und in einigen Fällen Intensivierung der gegenwärtigen Programme - vor allem der technischen
Hilfeprogramme - in den freien ländern Asiens, hat der Präsident
um einen Sonderfonds ersucht, den er nach seinem Ermessen für
Ost- und Südasien verwenden kann.
Der internationale Kommunismus übt einen starken Druck aus,
um seinen Einfluß in den asiatischen ländern auszudehnen, die
nicht die wirtschaftliche Stärke besitzen, um angemessene Verteidigungseinrichtungen zu unterhalten und das für eine politische
Stabilität und eine ständig wachsende Verbesserung des Lebensstandards notwendige Fundament zu schaffen.
Mit dem Manila-Pakt und anderen Verteidigungsabkommen haben
wir den Kommunisten die Gefahr vor Augen geführt, die eine weitere bewaffnete Aggression in diesem Gebiet für sie mit sich
bringt. Aber das ist noch nicht alles, was wir tun können und tun
sollten. Wir wissen, daß es für Völker, die wirtschaftlich schwach
sind, schwierig ist, politisch stark zu werden und als Nation in
Sicherheit zu leben. Wir glauben, daß eine wachsende wirtschaftliche Stärke des freien Asiensein weiteres wirksames Bollwerk gegen den Kommunismus bilden kann. Der Sonderfonds des Präsidenten
für das freie Asien soll die Entwicklung einer wirtschaftlichen
Stärke und Zusammenarbeit in diesem Gebiet anregen und steigern.
Wir sind der Ansicht, daß die Verwendung dieses Fonds im Rahmen des Programms zwischen den USA und einzelnen Staaten des Fernen Ostens auf bilateraler Basis erfolgen sollte. Wir sind ferner
der Ansicht, daß es für uns wie für die Teilnehmerstaaten am
vorteilhaftesten sein würde, wenn diese Länder aus ihren eigenen
gemeinsamen Anstrengungen bei der Suche nach einer Lösung für ihre
eigenen Erschließungsprobleme Gewinn ziehen. Die Völker des freien
Asiens verfügen bereits in dem beratenden Ausschuß für den ColomboPlan zur kooperativen wirtschaftlichen Entwicklung in Süd- und
Südost-Asien über ein für diesen Zweck geeignetes Instrument.
Diese recht schwerfällige Bezeichnung wird häufig abgekürzt und
ist dann unter dem Namen "Colombo-Plan" bekannt. Es ist möglich,
daß eine weitere Entwicklung dieser Organisation, an der wir bereits gemeinsam mit unseren asiatischen Freunden beteiligt sind,
die Ideen hervorbringt und die Richtung weist, wie dieses Gebiet
sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht gestärkt werden kann.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Konferenz verweisen,
die kürzlich von Vertretern einer Reihe von Colombo-Plan-Ländern
in Simla in Indien abgehalten wurde. Liese Konferenz führte zahlreiche asiatische Länder zusammen und bedeutete bereits an sich
einen wesentlichen Schritt vorwärts. Die Konferenz erkannte an,
daß ein regionaler Versuch erwünscht und ein weiteres Studium
eines derartigen Versuches notwendig sei. Die Konferenz erkannte
ferner an, daß irgendeine regionale Mittlerorganisation keinen
Vorteil bringen und es von Nutzen sein würde, wenn die Vereinigten
Staaten jede Hilfe auf bilateraler Basis, die der Kongreß zu gewähren sich bereitfinden könnte, leisten würden. Diese Ansicht
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�"AMERIKA DIENST"

25. Mai 1955

Ansicht steht selbstverständlich mit der unseren vollkommen in
Einklang.
Ich selbst bin hinsichtlich der Einzelheiten der Fragen, über
die ich hier spreche, kein Experte. Aber ich habe in bezug auf
den Wert, den diese Programme als Ganzes für die Vereinigten
Staaten haben, ein zuversichtliches Gesamturteil. Meiner Ansicht
nach führen diese gemeinsamen Sicherheitsprogramme zu einem
sichtbaren Erfolg, indem sie die Bedingungen herbeiführen, die
meines Erachtens die beste Garantie für Frieden und Freiheit in
der Welt bieten» Den Preis, den wir für dieses Ergebnis zahlen,
erachte ich gemessen an dem zu erreichenden Resultat als annehmbar.
Dieses Gemeinsame Sicherheitsprogramm wird auch weiterhin
einen wesentlichen Teil unserer Gesamtpolitik bilden, deren Ziel
es ist, den Machthabern, die gegenwärtig der Linie des internationalen Kommunismus folgen, die Nutzlosigkeit der auf die
Welteroberung gerichteten Politik vor Augen zu führen. In gleicher Weise hoffen wir, daß es einmal zu einer Politik kommen
möge, die den rechtmäßigen Bestrebungen der unterworfenen Völker
besser gerecht wird.
Die jüngsten Ereignisse in Europa, auf die ich eingangs Bezug
nahm, lassen vermuten, daß der Zeitpunkt näherrücken mag, da diejenigen, die nach der Unterjochung der Freiheit getrachtet haben,
in der Tat eine tolerantere Politik annehmen werden.
Hiermit möchte ich nicht implizieren, daß wir meiner Meinung
nach unsere Ziele erreicht haben. Neben den guten Seiten gibt es
noch immer schlechte. Es mag auch durchaus möglich sein, daß
die internationalen Kommunisten der Ansicht sind, irgendwelche
neuen, jetzt von ihnen angewandten politischen Maßnahmen entsprächen dem klassischen Rezept Lenins, der sagt, daß «wir
bei der Verfolgung unserer Ziele vielleicht manchmal einen Zickzackkurs einschlagen müssen, dabei ein Stück zurückgehen, ab und
an den vorher eingeschlagenen Weg verlassen und andere ausprobieren müssen". Nach Stalin bedeutet diese Taktik, *die Reserven
so einzusetzen, daß sie angesichts eines starken Feindes einen
geordneten Rückzug durchführen können". Nichtsdestoweniger fühle
ich mich doch irgendwie ermutigt, weil die Taktik des internationalen Kommunismus heute der Vermutung Raum läßt, daß die
Kommunisten eingesehen haben, die freie Welt ist wirklich "stark",
und daß sie daher einige der früher von ihnen verfolgten Wege
aufgegeben haben.
Ich habe von den Ereignissen der jüngsten Tage gesprochen.
Sie wurden von einer bemerkenswerten Umkehr vieler der politischen
Richtlinien der sowjetischen Machthaber gekennzeichnet. Sie änderten ihre Haltung im Hinblick auf den österreichischen Staatsvertrag. Wenn die sowjetischen Truppen auf Grund dieses Vertrages jetzt aus dieser vorgeschobenen Position im Herzen Europas
abziehen, dann ist dies das erste Mal in Europa, daß die Rote
Armee den Rückmarsch in die Heimat anzutreten haben wird, seit
sie vor zehn Jahren ihre vorgeschobenen Stellungen bezogen hat.
Dann

�"AMERIKA DIENST"

25. Mai 1955

Dann wäre hier die Pilgerfahrt der sowjetischen Führer nach
Belgrad zu nennen. Seit sieben Jahren - seit sich die jugoslawische Regierung nämlich vom sowjetischen Block getrennt hat - ist
sie ständig'geschmäht und bedroht worden. Die Partei in Jugoslawien wurde von der kommunitischen Partei in der Sowjetunion als
der offenen Ketzerei schuldig ausgeschlossen. Jetzt gehen die
führenden Männer der Sowjetunion, die noch nie in Priedenszeiten
ihr Land verlassen haben, nach Belgrad, um ihren Frieden zu machen.
Die Unabhängigkeit wird belohnt und die Ketzerei verziehen. Dies
muß tiefgreifende Auswirkungen auf den ganzen sowjetischen Machtbereich haben.
Hinsichtlich der Abrüstungsfrage hat die Sowjetunion in
der letzten Zeit ihre Meinung geändert. Ihr gegenwärtiger Standpunkt enthält vieles, was noch nicht klar oder für die USA nicht
annehmbar ist, aber zumindest erkennt die Sowjetunion bestimmte
Grundvoraussetzungen als gültig an, die sie vorher beharrlich
abgelehnt hat. Beispielsweise besteht die UdSSR nicht mehr länger
darauf, daß irgendeine Reduzierung der zahlenmäßigen Stärke der
Landstreitkräfte auf prozentualer Basis durchgeführt werden müsse,
was ihre gegenwärtige Überlegenheit auf diesem besonderen Gebiet
verewigen und faktisch verstärken würde.
Schließlich scheinen die führenden sowjetischen Staatsmänner
nun zu weiteren Gesprächen bereit zu sein, nachdem sie vorher
erklärt hatten, daß die Verwirklichung der Pariser Verträge ein
ernsthaftes Hindernis für derartige Verhandlungen sein würde.
Die Klagen der Moskauer "Prawda" gehen dahin, daß wir (der Westen)
anscheinend nicht gewillt sind, lange genug zu verhandeln.
Niemand kann genau sagen, was die Umkehr auf diesen vier Gebieten bedeutet, die sich im Ablauf weniger Wochen abgezeichnet
hat. Eine Interpretation ist sicherlich die, daß die Sowjets durch
diese Demonstration freundlicher Vernunft die freien Nationen in
ein Gefühl der Sicherheit wiegen wollen, das diese zur Aufgabe
von Maßnahmen bewegen würde, die es ihnen bisher ermöglicht haben,
sich gegenseitig bei der Bewahrung der Freiheit zu unterstützen.
Es gibt unter den freien Nationen einige, die von dieser Aussicht
verlockt werden. Die meisten schauen auf die Vereinigten Staaten,
um zu sehen, wie diese die jüngsten sowjetischen Schritte interpretieren. Wenn wir sie als Demonstration e ines grundsätzlichen
Wandels in der sowjetischen Haltung und als Anzeichen dafür betrachten, daß die Gefahr vorüber ist, dann werden sie sich dieser
Meinung rasch anschließen In diesem Falle würde viel von der
Solidarität und Stärke, die in den vergangenen Jahren aufgebaut
wurden, einem raschen Verfall entgegengehen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen wärmstens alle neuen Möglichkeiten zur Sicherstellung eines gerechten und dauerhaften
Friedens, und werden sie auch vollständig und in guter Absicht
prüfen. Diesem Ziel hat sich unsere Nation verschrieben, und wir
werden auch keine Gelegenheit auslassen, diesem Ziel näherzukommen. Wir begrüßen die jüngsten Handlungen der Sowjets, die ein
größeres Maß an Toleranz sowie eine größere Bereitschaft zur

�25. Mai 1955

"AMERIKA DIENST"

zur Freiheit und Unabhängigkeit vermuten lassen. Es würde jedoch
ein großer Fehler sein, anzunehmen, daß die Gefahren nun vorüber
sind, oder in solcher Weise zu handeln, daß andere denken könnten,
wir betrachteten die Gefahr als vorüber. Es könnte keinen schlimmeren Augenblick geben, als jetzt von der Politik abzugehen, die
das Gemeinsame Sicherheitsprogramm beinhaltet, und die uns dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen.
Wir können hoffen, daß ein neuer Tag kommt; aber viel zu oft
sind die Menschen in ihr Verderben gelockt worden, indem sie eine
trügerische Morgenröte für eine echte hielten. Wir dürfen diesen
Fehler nicht machen. Lassen Sie uns das festhalten und bewahren,
was gut ist. Wie alles, was vom Menschen stammt, ist auch das
Programm für die Gemeinsame Sicherheit ohne Zweifel unvollkommen;
aber die Prinzipien, die es enthält, sind gewogen und für gut
befunden worden. Aus diesem Grunde ersuche ich den Kongreß, das
Programm fortzusetzen.
*

*

*

- 7 -

*

*

�A M E R I K A

D I E N S T

GENERAL GRUENTHER VOR DER AUSLANDSPRESSE IN BAD GODESBERG
BAD GODESBERG — (AD) — Der Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte in Europa,
General Alfred M. Gruenther,hielt am
26. Mai 1955 eine Ansprache vor dem Verband
der Auslandspresse in Bad GodesBerg. Das
Stenogramm der Rede hat folgenden Wortlaut;
Meine Damen und Herren,
Ich wünschte, ich könnte heute auf deutsch zu Ihnen sprechen. Mit einem Großvater, der aus Bayern stammte, sollte ich
es fertigbringen können. Leider ist meine Aussprache als Bürger
von Nebraska so furchtbar, daß Sie sich vermutlich beleidigt
fühlen würden. Iöh bitte Sie also um Entschuldigung, wenn ich
englisch spreche, und zwar in der Mundart von Nebraska.
Für die anwesenden Amerikaner, die nicht perfekt deutsch
verstehen, möchte ich bemerken, daß ich gerade gesagt habe, ich
würde gerne deutsch sprechen, könne es aber leider nicht und
hoffe, man werde entschuldigen, wenn ich englisch mit NebraskaAkzent spreche.
Der Zweck meines heutigen Hierseins ist es, Ihnen einen
Überblick über unsere NATO-Organisation zu geben, Ihnen zu sagen, was wir zu vollbringen versuchen, und Ihnen einige unserer
Schwierigkeiten und einige unserer Hoffnungen aufzuzeigen. Sie,
Herr Vorsitzender, haben mich gebeten, über deutsche Probleme zu
sprechen. Aber ich möchte diese Probleme jedoch im Zusammenhang
mit der gesamten NATO-Verteidigungsorganisation behandeln. Die
freien Nationen haben sich im April 1949 entschlossen, eine
kollektive Sicherheitsorganisation ins Leben zu rufen, die den
europäischen Teil der freien Welt und selbstverständlich auch
die Vereinigten Staaten und Kanada einschließen sollte.
Im Januar 1951 kam General Eisenhower nach Europa, um dort
die militärische Verteidigung der NATO-Länder zu organisieren.
Seine Aufgabe bestand darin, die Verteidigung von der Nordspitze
Norwegens bis zur Ostgrenze der Türkei, auf einer Strecke von
rund 7 000 Kilometern, aufzubauen. Bei seiner Ankunft stellte
er fest, daß der Verteidigungsstand sehr ungenügend war. Aber
noch schlimmer war, daß die bei uns vorhandenen unzureichenden
Hilfsquellen nicht organisiert waren, um eine gemeinsame Strategie
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�1 . Juni 19-55

"AMERIKA DIENST"

Strategie zu verwirklichen. Damals gab es keinen gemeinsamen
Verteidigungsplan.
Ich kann Ihnen mitteilen, daß sich jene Lage beträchtlich
geändert hat. Wir haben nun ein funktionsfähiges Shape-Hauptquartier, dem vier große Hauptquartiere untergeordnet sind:
eines in Oslo für die Verteidigung Norwegens und Dänemarks; eines
in Fontainebleau für den wichtigen Mittelabschnitt; eines in
Neapel für die Verteidigung Italiens, Griechenlands und der Türkei;
und ein viertes auf Malta für die Verteidigung der Verbindungslinien im Mittelmeerraum.
Diese Hauptquartiere sind alle voll funktionsfähige Organisationen. Jedes von ihnen verfügt über einen Einsatzplan für den
Notfall, der jederzeit zur Durchführung gelangen könnte,und jeder
dieser Pläne ist seinerseits in die gemeinsame Verteidigungsstrategie integriert.
Die erste Frage, die hierbei auftaucht, ist: Es 'ist ja zwar
sehr schön, eine gemeinsame Verteidigungsstrategie zu haben und
Pläne zu besitzen, die verwirklicht werden können, aber welche
Wirkung würden diese Pläne haben? Sind in den vier Jahren genug
Fortschritte gemacht worden, um im Falle einer umfassenden Aggressionshandlung des Erfolges sicher zu sein? Die Antwort hierauf
lautet: Nein, wir sind noch nicht so weit. Wir haben gewaltige
Fortschritte erzielt. Unsere Streitkräfte sind, gemessen an dem
Stand von Anfang Januar 1951, um das Drei- bis Vierfache, angewachsen. Aber wenn man den niedrigen Stand der damaligen Verteidigung berücksichtigt, wäre es fast ein Wunder, wenn wir uns bereits nach vier Jahren in einer Position befinden würden, die es
uns ermöglicht, einer Macht Herr zu werden, die nach Kriegsende
nicht demobilisiert hat.
Aus diesem Grunde empfahl General Eisenhower, als er noch
Oberkommandierender war, den verantwortlichen Politikern, daß
ein deutscher Verteidigungsbeitrag geleistet würde. Dieser Beitrag begann eine Realität zu werden, als die NATO am 9. Mai Westdeutschland als 15. Mitglied aufnahm.
Wir sind der Auffassung, daß wir nach der Aufstellung der
deutschen Streitkräfte - der zwölf Di\~sionen, der dreizehnhundert Maschinen der taktischen Luftstreitkräfte und des Marinekontingentes - in der Lage sein werden, Westeuropa, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, gegen einen auf breiter Front
geführten Angriff verteidigen zu können. Wir sind der Meinung,
daß sie in drei bis vier Jahren voll einsatzfähig sein werden.
Wieviel Zeit verstreichen wird, ehe diese Streitkräfte einsatzbereit sein können, hängt weitgehend von dem deutschen Volk uhd
der deutschen Regierung ab. Ganz augenscheinlich hängt es von*
einer Vielzahl von Maßnahmen ab, die das deutsche Parlament noch
zu treffen hat - und hier können wir uns natürlich irren; wir
hoffen, daß wir den Zeitraum, der verstreichen wird, zu lang
eingeschätzt haben. Aber wir rechnen für unsere Planungen zunächst
mit der von mir soeben genannten Frist. Man muß vor allem erkennen,
daß wir nach dem Wirksamwerden des deutschen Verteidigungsbeitrages
in der Lage sein werden, eine auf breiter Front geführte Aggression
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�"AMERIKA DIENST"

1. Juni

1955

Aggression niederzuschlagen, und das entspricht der in unseren
Plänen etwa vorgesehene Stärke unserer Kampfkraft. Zweitens können wir, nachdem diese Streitkräfte verfügbar geworden sind, unsere Verteidigung weiter nach vorne verlagern, noch viel weiter,
als wir es im Augenblick können. Wir werden in der Lage sein,
ganz Westdeutschland zu verteidigen. Unsere erste Aufgabe, wie ich
schon ganz allgemein gesagt habe, ist die Verteidigung des gesamter
NATO-Raumes; und unsere zweite Aufgabe ist die Niederwerfung des
Gegners im Falle einer auf breiter Front geführten Aggression. Ich
möchte ausdrücklich betonen, daß diese beiden Aufgaben nicht notwendigerweise identisch miteinander sind, denn rein theoretisch
kann man einen Gegner durchaus von Süd-Dakota her vernichten, wobei
allerdings die Aufgabe der Verteidigung Europas gegen eine Invasior
nicht erfüllt würde.
Ich betone das besonders, denn es besteht ein Unterschied in
dem uns zur Verfügung stehenden Potential. Ich habe bereits gesagt,
daß wir nach dem gegenwärtigen Stand diesen ganzen Raum nicht gegen eine auf breiter Front erfolgende Invasion verteidigen können.
Aus diesem Grunde empfahlen wir einen deutschen Verteidigungsbeitrag. Ich habe darüber hinaus festgestellt, daß wir zur Verteidigung dieses Raumes in der Lage sind, sobald der deutsche Verteidigungsbeitrag wirksam geworden ist. Damit erhebt sich die Frage:
Werden wir uns nicht während der nächsten drei bis vier Jahre in
einer tödlichen Gefahr befinden, bis dieser deutsche Verteidigungsbeitrag wirksam wird? Die Antwort auf diese Frage liegt in unserer
Fähigkeit begründet, die zweitgenannte Aufgabe, zum gegenwärtigen
Zeitpunkt "den Gegner zu schlagen, auch wirklich zu erfüllen. Wir
sind gegenwärtig in der Lage, im Falle einer sich auf breiter Front
entfaltenden Aggression den Gegner zu vernichten, selbst wenn es
uns nicht ganz gelingen sollte, gewisse Gebiete vor einer Invasion
zu schützen. Dieser Umstand ist auf die Überlegenheit auf dem Gebiet der weitreichenden Luftmacht zurückzuführen.
Uns steht heute das beste Flugzeug der Welt in großer Zahl
zur Verfügung, die B-47, die eine amerikanische Maschine ist. Dieser Typ kann so weit und so schnell fliegen, daß es gegenwärtig
nichts dagegen gibt. Eine dieser Maschinen flog vor rund anderthalb
Jahren von Maine zu einem in England gelegenen Stützpunkt in vier
Stunden und 34 Minuten. Sie hatte hierbei etwas Rückenwind, aber
trotzdem war es ein sehr schneller Flug. Es gibt ein Flugzeug ähnlichen Typs, "Valiant" genannt, das sich in der britischen Luftwaffe sehr gut bewährt hat. Zu diesem Zeitpunkt der technischen
Entwicklung besitzt dieser Typ des Langstreckenflugzeugs einen ungeheuren Vorteil über die Verteidigung. Sollte jetzt ein Angriff
gegen unser Land stattfinden, so würde der angreifende Staat besieg
werden. Ich erkläre hier nicht, daß wir gewinnen werden, weil ich
davon überzeugt bin, jeder Krieg in unserem modernen Zeitalter wird
so schrecklich sein, daß die Anwendung des Begriffes "gewinnen"
unpassend ist.
Die Antwort auf die Frage, ob wir uns gegenwärtig in tödlicher
Gefahr befinden, lautet deshalb Nein, da ein Angreifer durch unsere
weitreichende Luftmacht besiegt würde. Diese sollte sich als ein
sehr wirksames Abschreckungsmittel erweisen.
In

�1 . Juni 1955

"AMERIKA DIENST"

In unserer militärischen Planung rechnen wir mit dem Zeitpunkt, an dem wir über den deutschen Beitrag verfügen werden, und
wir rechnen weiter damit, daß wir in der Lage sein werden, unsere
Überlegenheit zur Luft, auf dem Gebiet des Langstreckeneinsatzes
wie auch des Kurzstreckeneinsatzes aufrechtzuerhalten. Wir hoffen
so, eine Aggressionshandlung so kostspielig zu machen, daß sie
niemals stattfinden wird. Damit kommen wir zur Grundkonzeption
der NATO, die darin besteht, daß sie eine Verteidigungsorganisation, eine Organisation zur Verhütung des Krieges ist.
Es wird immer wieder eine gewisse Propaganda betrieben, daß
die NATO eine aggressive Organisation sei. Ich bin mit der NATO
seit ihrem Bestehen verbunden, und kann Ihnen versichern, daß
in unserem Hauptquartier niemals auch nur ein einziges Wort geschrieben worden ist, aus dem hervorginge, daß wir der Aggressor
sein würden.
In der Tat besteht unsere Hauptsorge darin, daß wir den ersten Angriff aufzufangen haben würden.
Unsere Organisation ist eine Verteidigungsorganisation,und
ich stelle das deshalb heraus, weil es in der vor uns liegenden
Zeitperiode von außerordentlicher Bedeutung sein wird, daß die
Völker der NATO - 440 Millionen Menschen - wirklich an die Ziele
und Intentionen der Organisation glauben. Sie müssen daran glauben, daß diese Organisation der Verhinderung des Krieges dient
und daß der Friede das oberste Ziel ist, das uns vorschwebt. Es
ist tief bedauerlich, daß wir, um den Frieden zu erhalten, militärische Macht aufbauen müssen, aber wir haben ohne diese Macht
zu verhandeln versucht und hierbei die Hälfte der freien Welt
im sowjetischen Dunkel verschwinden sehen. Ich glaube, daß die
freie Welt nun zu der Erkenntnis gekommen ist, daß sie sich einen
"Modus vivendi" nur aus einer Position der Stärke heraus sichern
kann, und dies ist der Grundgedanke, der hinter der Konzeption
der NATO steht.

Wir sehen der Eingliederung deutscher Streitkräfte in die
NATO mit großer Erwartung entgegen. Wir sehen dem Eintreffen
deutscher Offiziere entgegen, die in die Organisation des obersten Hauptquartiers der alliierten Streitkräfte in Europa aufgenommen und gleichzeitig in der Organisation Marschall Juins in
Fontainebleau arbeiten werden.
Damit sind wir bei der Frage der Organisation der NATO angelangt. An der Spitze steht ein politisches Gremium, der Nordatlantikrat, der die Grundzüge der von der NATO zu befolgenden Politik
festlegt. Hier ist Herr Blankenhorn Deutschlands ständiger Vertreter. Dieser Rat tagt in Permanenz - tatsächlich trat er auch
heute zusammen - und wird in seiner Arbeit durch das internationale
Sekretariat unterstützt. Was die militärische Seite angeht, so
besteht der Militärausschuß, in dem die höchsten Militärs der
15 Mitgliedstaaten der NATO vertreten sind - in Wirklichkeit sind
es jedoch nur 14, da Island über keine eigenen Streitkräfte verfügt. Es besteht dann noch eine Art geschäftsführender Ausschuß, de:
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�"AMERIKA DIENST"

1. Juni 1955

der ständige Militärausschuß, der einen Teil der Arbeit des
Militärausschusses übernimmt und sich aus je einem Vertreter
der Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreiches und Frankreichs zusammensetzt. Dieser Organisation unterstehen drei oberste
Hauptquartiere: für den Befehlsbereich Ärmelkanal; für den Befehlsbereich Nordatlantik unter Admiral Wright, der seinen Sitz in
Norfolk (Virginia) hat; und das oberste Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Europa - kurz Shape genannt - in Paris.
Shape ist ein internationales Hauptquartier, das rund 400 Offiziere zählt. Es ist als ein integriertes Hauptquartier aufgebaut,
in dem die Angehörigen ihren Treuee'id auf die NATO ablegen. Sie
vertreten keine nationalen Standpunkte.
Um Ihnen dies näher zu erläutern: Der Leiter der Personalabteilung ist ein Italiener, ein italienischer Admiral. Ihm stehen
in dieser Abteilung Offiziere aus rund sechs oder sieben Nationen
zur Verfügung. Er dient hier als ein alliierter Offizier, und
es würde für ihn völlig unkorrekt sein, herzukommen und zu sagen:
Ich mag diesen Plan nicht, weil er den Ansichten der italienischen
Regierung widerspricht. Dies zu sagen, würde für ihn unpassend
sein, und er sagt es auch niemals. Die strategische Abteilung
wird von einem Franzosen geleitet. In dieser Abteilung stehen
ihm rund 40 Offiziere aus 12 Nationen zur Seite. Die Abteilung
für das Nachschubwesen steht unter der Leitung eines Amerikaners.
Er hat rund 50 Offiziere zur Verfügung. Wir haben es uns seit
der Zeit General Eisenhowers zur besonderen Aufgabe gemacht - und
dies bis heute fortgesetzt -, sie alle von dem Gedanken zu beseelen, daß sie alliierte Offiziere sind.
Ich habe in deutschen Zeitungen festgestellt, daß von Zeit zu
Zeit Bemerkungen auftauchen, die mich zu dem Schluß haben kommen
lassen, daß sie diesen Aspekt der Organisation vielleicht mißverstanden haben. So hat sich die Frage erhoben: "Wie wird der deutsche Standpunkt zur Geltung gebracht werden?" Ein deutscher Standpunkt wird von den Angehörigen des Stabes des obersten Hauptquartiers der alliierten Streitkräfte in Europa nicht vertreten, denn
sie vertreten einen alliierten Standpunkt. Wir haben jedoch in
unserem Hauptquartier Vertreter der einzelnen NATO-Mitgliedstaaten. Sie gehören dem Stab nicht mit an und werden als die nationalen Vertreter der Streitkräfte bezeichnet. Sie unterbreiten
jeden nationalen Gesichtspunkt, den die Regierungen der Mitgliedstaaten vorzutragen wünschen. Wir beginnen dann mit der Ausarbeitung unserer Pläne. Wir können diese Ansichten akzeptieren oder
aber auch erklären, es gäbe bessere Mittel und Wege, um das Ziel
zu erreichen. Unsere Entscheidung ist nicht endgültig; es handelt
sich hierbei lediglich um eine Vorentscheidung des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte in Europa, der ich bin. Dieser
von uns ausgearbeitete Plan wird dann dem Militärausschuß unterbreitet, der eine Entscheidung fällt, wenn es sich nicht um Fragen
von so großer Bedeutung handelt - wie im Falle von größeren strategischen Planungen -, daß eine Vorlage beim Nordatlantikrat gerechtfertigt ist, wo dann die Regierungen ihre Billigung erteilen.
Mit

�"AMERIKA DIENST"

1. Juni 1955

Mit anderen Worten: Die nationalen Interessen werden unserem
Stab auf der Ebene der nationalen militärischen Vertreter unterbreitet und dann, wenn unsere Planung Portschritte macht, im
Militärausschuß erörtert und schließlich, wenn dies erforderlich
ist, vom NATO-Rat diskutiert. Ich erwähne diesen Punkt nur, weil
ich die fundamentale Integrierungskonzeption dieser Organisation
hervorheben möchte, die eine Organisation der kollektiven Sicherheit darstellt. Unserer Ansicht nach muß dieses Sicherheitsproblem
zusammen und gemeinsam gelöst werden,oder es wird überhaupt nicht
gelöst. Kein Land, mag es das größte oder das kleinste sein, ist
in dieser Ära des Düsenantriebs und des Atoms alleine mächtig genug, um der Drohung zu begegnen, der wir jetzt gegenüberstehen.
Unsere einzige Chance, ihr zu begegnen, besteht darin, eine Einheit zu haben, die uns die Beilegung der nationalen Differenzen
ermöglicht, die in jeder Organisation zwangsläufig auftreten.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel für diese Art nationaler Differenzen geben, das zugleich zeigen kann, wie sie gelöst werden.
Als General Eisenhower nach Europa kam, fand er, daß wir nur sehr
wenig Plugplätze hatten; er fand weiter, daß es in den Satellitengebieten eine große Zahl von Plugplätzen gab, und die Sowjetunion
besaß deren noch mehr. Es war nicht weiter schwierig, die Entscheidung zu fällen, mehr Flugplätze zu bauen - die Entscheidung selbst
machte keine Schwierigkeit. Die Schwierigkeit stellte sich ein,
als die Präge aufkam, wer denn nun für diese Plugplätze bezahlen
würde. Welchen prozentualen Anteil zum Beispiel würde Norwegen für
einen in Italien zu bauenden Plugplatz zu zahlen haben? Wieviel
sollte Prankreich für einen Plugplatz in Belgien zahlen? Sollte
das von der Bevölkerungszahl abhängen oder von der Zahl der Plugzeuge, vom Bruttosozialprodukt, von der Zahl der rothaarigen
Mädchen oder wovon? Es gab darauf einfach keine Antwort. Und die
Pinanzminister diskutierten das Problem 15 Monate hindurch, ohne
eine Antwort zu finden, weil es so etwas wie eine vollkommen
gerechte Lösung einfach nicht gibt. Jedes Land war der Ansicht,
daß das andere mehr zu zahlen hätte und war natürlich davon überzeugt, daß es selbst zu viel zahlt.» schließlich jedoch löste man
das Problem. Ich will nicht behaupten, daß es vollkommen richtig
gelöst wurde oder daß jedes Land den richtigen prozentualen Anteil
zahlt. Aber die Tatsache besteht, daß wir jetzt 130 Plugplätze
besitzen, während wir zu Beginn des Jahres 1951 nur 15 hatten.
Mit anderen Worten; als Menschen mit der richtigen Grundeinstellung im Dienst unserer Sache vereint zusammentraten, waren sie in
der Lage, zu einem gemeinsamen Verständnis zu kommen und eine
Lösung zu finden.
Jene erste Lösung hat uns bei den anderen Problemen, wie
dem Bau der für die Versorgung der Plugplätze mit Treibstoff
erforderlichen Pipelines, wesentlich geholfen. Hierbei ist man
verhältnismäßig schnell zu einer Lösung gekommen. Bei jeder Allianz
und gewiß bei dieser werden wir Enttäuschungen dieser Art begegnen.
Ich glaube nicht, daß wir wieder eine Verzögerung von 15 Monaten
bei irgendeiner Präge erleben werden, aber wir werden sie haben.
Und meiner Ansicht nach ist es für die vor uns liegende Zeit, wo
wir von falschen Friedensoffensiven umschmeichelt werden, außer-

�AMERIKA DIENST"

1. Juni 1955

außerordentlich wichtig, daß die Menschen verstehen, was wir zu
erreichen suchen, und daß sie der Organisation Vertrauen entgegenbringen. Dies ist nicht immer eine leichte Aufgabe, weil in zahlreichen Ländern wegen der Verteidigungslasten wichtige Sozialreformen hinausgeschoben werden mußten. Es besteht eine wirklich
echte Tendenz in der Anspannung nachzulassen, und dies könnte
natürlich eine ernsthafte Sache werden, obwohl es gegenwärtig
nicht ernsthaft ist. Der einzige Rachteil, den wir im Vergleich
zu dem autoritären Sowjetblock wirklich besitzen, ist unsere
Schwierigkeit, Einigkeit zu erzielen. Wenn wir auch in dieser Hinsieht gute Portschritte gemacht haben, so könnte es doch, wenn
wir nicht weiterhin die aktive Unterstützung der im NATO Raum
lebenden Völker besitzen, ein außerordentlich schwieriges Problem
darstellen.
Pur Deutschland ist die Nordatlantikpaktorganisation von
größter Bedeutung. Es tritt einer Organisation bei, die große
Fortschritte gemacht hat, die weit größer waren, als wir im Frühjahr 1951 für möglich hielten. Was aber noch wichtiger ist, ist
die Tatsache, daß sie der Beginn für die Konzeption eines Vereinten Europas ist, und ich bin gewiß, daß diese Konzeption immer
mehr Anhänger finden wird. Ich vertraue darauf, daß das deutsche
Volk seiner Verantwortung innerhalb dieser Organisation gerecht
werden und innerhalb ihres Apparates eine wichtige Rolle spielen
wird. Wie Ihnen bekannt, lebe ich in Prankreich, und ich möchte
ausdrücklich betonen, daß ich gleiches Vertrauen zum französischen
Volke habe. Seit Bestehen der Organisation ist die Annäherung zwischen Prankreich und Deutschland das größte Anliegen derer gewesen,
die in dieser Organisation eine verantwortliche Stelle innehatten.
Ich bin sehr befriedigt, wie sich die Annäherung entwickelt hat.
lassen Sie mich nur einige kleine Beispiele hierfür gebenj Marschall
Juin, der in Fontainebleau stationierte Befehlshaber, der für die
Verteidigung dieses Gebietes verantwortlich ist, ist der Offizier,
an den wir uns bei Problemen wenden, die Deutschland betreffen.
Wenn er und General Speidel,der der deutsche militärische Vertreter in Paris ist, zusammenkommen, dann arbeiten sie stets eng und
mit Erfolg zusammen. Es herrscht dabei immer eine sehr freundliche
Atmosphäre. Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel geben: Vor zwei
Wochen fand die feierliche Hissung der deutschen Flagge im obersten Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Europa statt.
Diese Feierlichkeiten fielen auf den Jahrestag des Kriegsendes
in Europa, woraus sich leicht einige Probleme hätten ergeben
können. Wir gaben im Hauptquartier bekannt, daß am Montag morgen,
den 9« Mai, eine feierliche Plaggenhissung stattfinden würde.
Innerhalb weniger Stunden erfuhr ich, daß ein französischer Offizier, der im letzten Krieg schwer gelitten hatte, verkündet hatte,
er werde dieser Feierlichkeit nicht beiwohnen. Da die Teilnahme
freiwillig war, beachteten wir diesen Vorfall gar nicht weiter.
Aber es war doch interessant zu sehen, daß mein Auge, als ich mit
General Speidel und dem französischen Vertreter, General Lehr, aus
dem Gebäude heraustrat, als erstes auf den gleichen Offizier fiel,
der vor drei Tagen verkündet hatte, er werde der Feier fernbleiben.
Er kam freiwillig und nahm an dem sich anschließenden Frühstück tei;
das wir für General Speidel gaben, wobei seine Haltung ganz untade-

�"AMERIKA DIENST"

1. Juni 1955

Als die Filmstreifen von dieser Feierlichkeit in den französischen Kinos gezeigt wurden, schickten wir in fünf dieser Kinos
leute von uns, um das Publikum zu beobachten. In vier dieser fünf
Lichtspieltheater applaudierten die Zuschauer als die Flagge hochging, und in dem fünften Kino gab es auf selten des Publikums überhaupt keine Reaktion. Ich erwähne das lediglich, um zu bezeugen,
daß von meiner höheren Warte aus gesehen, es nur wenig sogenannte
antideutsche Stimmung in Frankreich gibt, daß die Deutschen und
die Franzosen meiner Meinung nach gut miteinander auskommen werden»
und daß wir im Hinblick auf die entscheidenden Ziele, die wir
haben - dessen bin ich sicher -, in der läge sein werden, dies
wichtige Problem zu lösen.
Ich habe während des Krieges gegen die Deutschen gekämpft,
Seite an Seite mit den Franzosen. Ich habe vor beiden eine große
Hechachtung und bin sehr glücklich darüber, die Situation sich in
dieser Weise entwickeln zu sehen.
Als General Eisenhower unser Hauptquartier schuf, versammelte
er die Offiziere um sich und erklärte ihnen, daß nach seiner Ansicht das charakteristische Merkmal eines alliierten Stabs-Offiziers in der Fähigkeit bestehe, ein freundliches lächeln zu zeigen,
Das war seine einfache Formel, festzustellen, daß nach seiner Ansicht, Freunde, die zusammenarbeiten, jedes Problem lösen können und dies ist seitdem das Motto unseres Hauptquartiers.
Ich bin jetzt seit 35 Jahren Soldat und bin noch nie in einem
Hauptquartier mit einer erfreulicheren Atmosphäre gewesen. Ich
möchte nicht sagen, daß wir das leistungsfähigste Hauptquartier
sind, denn als ich gestern ein Büro betrat, saßen dort ein Türke,
ein Franzose und ein Amerikaner zusammen, die sich mit Hilfe eines
Dolmetschers verständigen mußten. Das ist natürlich nicht sehr förderlich für die Arbeit. Aber was den Geist anbetrifft, und vom
Standpunkt der gegenseitigen Achtung und des gegenseitigen Verständnisses gesehen, stehen diese Offiziere hinter niemandem zurück. Ich bin überzeugt, daß, wenn es uns gelingt, das gleiche Gefühl, das unsere vierhundert Offiziere beseelt, auf die 440 Millionen Menschen der NATO-Länder zu übertragen, wir den Frieden erhalter
können und daß keine Macht, so bedrohlich sie auch sein mag, in der
Lage sein wird, uns zu überwinden. Ich danke Ihnen sehr für Ihre
höfliche Aufmerksamkeit.

*

* *

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* *

�EISENHOWER SCHLÄGT ATOMREAKTORPROGRAMM FÜR
• FREIE NATIONEN VOR

UNIVERSITY PARK (PENNSYIVANIEN) — (AD) -- Präsident
Eisenhower hat in einer Rede vor der Universität von
Pennsylvanien am 11. Juni 1955 vorgeschlagen, daß die
USA den freien Nationen Atomreaktoren für Forschungszwecke, spaltbares Material und technische Ausbildung
für ihre Inbetriebnahme anbieten sollen. Der Präsident
hielt seine Ansprache zur Promotionsfeier der
Universität, die ihm den Ehrendoktor der Rechte verlieh.
Der Präsident der Universität ist Eisenhowers jüngster
Bruder,Dr. Milton Eisenhower. Die Ausführungen des Präsidenten haben folgenden Wortlaut:

Redner bei Promotionsfeiern wenden sich traditionsgemäß
der Zukunft zu. Sie bemühen sich, zumindest in allgemeinen Worten,den Erfolg vorauszusagen, der die ehemaligen Studenten erwartet, die mit dem nötigen Ernst in ihrer beruflichen Arbeit
stehen - und natürlich den Ratschlägen des Redners folgen!
Der Mann, der bei.meiner Promotion sprach, sagte noch
nichts davon, daß ich der erste in einem halben Jahrhundert
sein sollte, der hier einen Ehrendoktorgrad erhält. Ich konnte
gewi'ß auch mit der größten Phantasie nicht voraussehen, daß die
Fakultät und die Treuhänder dieser Universität mich eines Tages einer Ehrenmitgliedschaft in der Klasse des Jahres 1955 der hundertsten Klasse dieser hervorragenden Lehranstalt - für
Wert erachten würden. Ich weiß diese Ehre zu schätzen und freue
mich, dadurch mit dieser Klasse in Verbindung zu kommen. Besonders dankbar bin ich meinem jüngsten Bruder - jüngere Brüder
pflegen im allgemeinen gegenüber ihren älteren Brüdern skeptisch
zu sein -, daß er keine Einwände erhob und die Ehrung persönlich
überreichte.
Zu Anfang dieser Woche kam ich mit meiner eigenen Klasse
des Jahres 1915 in Westpoint zusammen. Die meisten von uns waren grau geworden und auch mehr als nur ein bißchen kahl. Aber
diese Veränderungen wurden nach meiner Ansicht durch einen
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15. Juni 1955

einen Ausdruck der Klugheit etwas ausgeglichen, den wir vor
40 Jahren noch nicht besaßen. Ich bin sicher, daß wir es alle
als ein Privileg, als ein großes Privileg, betrachtet haben, in
einer Zeit großer Ereignisse und der ungeheuren Entwicklung
Amerikas zu leben. Wenn wir auch nicht davon sprachen, so bin
ich sicher, daß jeder von uns die jungen Leute der Klasse des
Jahres 1955 sowohl um ihre vor ihnen liegenden Möglichkeiten
und Entdeckungen als auch um ihre Jugend, ihre gewaltige Energie und ihren Idealismus beneidet hat. In diesem Gefühl werden
mir zweifellos Tausende von früheren Studenten zustimmen, wenn
sie Ihnen, den Mitgliedern dieser Klasse des Jahres 1955 applaudieren und Ihnen gratulieren.
Sie, die jungen Männer und Frauen, die Sie hier sitzen,
gehen in eine Welt hinaus, in der sich die menschliche Natur
wenig, wenn überhaupt, von der menschlichen Natur im Jahre 1915
oder des Zeitalters von Perikles unterscheidet. Die menschlichen
Beziehungen - die Kunst mit den Menschen auszukommen, die neben
einem arbeiten, und mit denen, die Tausende von Meilen entfernt
leben - ändern sich nicht wesentlich im Laufe der Jahrhunderte.
Aber das Zeitalter der Atomenergie mit seinen industriellen und wirtschaftlichen Aspekten wird mit dem Zeitalter der Dampfkraft wohl kaum mehr Ähnlichkeit haben, als ein Düsenflugzeug
mit den ersten altmodischen Sportflugzeugen. Die soziale Struktur des menschlichen Lebens mag tatsächlich in einer Weise gewandelt werden, daß sie kaum noch wiederzuerkennen ist, denn ich
bin der Ansicht, daß es fast als ein von der Geschichte der
Menschheit demonstrierter Lehrsatz erklärt werden kann, daß aus
der Anwendung einer neuen und großen Energiequelle verbunden
mit grenzenlosen Möglichkeiten neue und große menschliche Probleme erwachsen werden, die neue und große Lösungen von umfassend gebildeten, klug mitfühlenden und geistig inspirierten
Köpfen verlangen.
Ich hatte heute morgen das Privileg, auf dem Gelände dieser
Universität den ersten Atomreaktor seiner Art zu besichtigen,
der hier errichtet wurde. Diese Porschungseinrichtung wurde
durch die Voraussicht der Treuhänder dieser Universität ermöglicht, die den Bau finanzierten, wobei die amerikanische Atomenergiekommission lediglich den Atombrennstoff zur Verfügung
stellte. Innerhalb einiger Wochen wird also hier an der Universität von Pennsylvanien das Atom produktiv arbeiten - und hier
werden auch gleichzeitig die wirtschaftlichen und menschlichen
Probleme, die durch diese neue Energie entstehen, von den hervorragenden Wissenschaftlern dieser wissenschaftlichen Einrichtung studiert werden.
Die Atomenergie ist ein zu neues Gebiet für den Menschen,
als daß jemand ihre Grenzen umreißen oder ihre Entwicklung mit
Genauigkeit voraussagen könnte. Aber in zehn kurzen Jahren ist
der Vorhang weit genug gelüftet worden, um einen Ausblick zu
gestatten, der hinsichtlich des Atoms zu Hoffnungen berechtigt,
die die ungeheuere Furcht vor dem Atom durchaus aufwiegen.Das
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�15. Juni 1955

"AMERIKA DIENST"

Das Ausmaß des wirtschaftlichen und industriellen Wandels,
den wir erwarten dürfen, wird durch Schätzungen aufgezeigt, daß
die Weltvorräte an Uran, die potentiell verfügbar sind, das
Zwanzigfache der Energie der bekannten Weltvorräte an Kohle,
Erdöl und Erdgas zusammen betragen. Aber Energie ist nur eines
der Ergebnisse der Kernspaltung. Viele Techniker und Wissenschaftler sind der Ansicht, daß Strahlen und Radioisotope einen noch
viel größeren friedlichen Nutzen bringen werden. Sie öffnen bereits
neue Horizonte in der Medizin, in der Landwirtschaft und in den
industriellen Herstellungsprozessen.
f
Unsere Nation hat nicht den Wunsch nach einem Monopol in der
Kenntnis und praktischen Durchführung dieser Möglichkeiten. Wir
wollen die Welt daran teilhaben lassen - wie wir das immer getan
haben.
Darüber hinaus wissen wir, daß die menschlichen Talente, die
für den Portschritt der Wissenschaft wesentlich sind, nicht auf
dieses Land begrenzt sind. Überall in den freien Ländern gibt es
Männer und Frauen mit großen Fähigkeiten, die, wenn ihnen die
Möglichkeit gegeben wird, dazu beitragen können, die Grenzen des
Wissens zu erweitern, und die zum Frieden und Fortschritt der Völker aller Nationen das ihre zu leisten vermögen.
Der bisherige Fortschritt in der Kernphysik ist selbstverständlich nicht ausschließlich ein amerikanisches Verdienst.
Internationale gemeinsame Bemühungen durchbrachen die Schranken und ermöglichte! die Anwendung der Atomenergie durch den
Menschen. Um einen maximalen Fortschritt für die Zukunft zu sichern, müssen wir für eine fortgesetzte Partnerschaft der besten
Köpfe der Welt - auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Technik,
der Erziehung, der Wirtschaft und der freien Berufe - arbeiten.
In Anerkennung dieser Tatsachen habe ich der Vollversammlung
der Vereinten Nationen am 8. Dezember 1953-vorgeschlagen, daß die
Regierungen einen Anfang machen und darin fortfahren, aus ihren
Vorräten an spaltbarem Material gemeinsame Beiträge zu einer
internationalen Atomenergiebehörde zu leisten. Ein Jahr später
haben die Vereinten Nationen die Resolution angenommen, in der
die Schaffung einer solchen internationalen Behörde empfohlen
wurde. Die Sowjetunion hat jedoch keine Bereitschaft gezeigt,
irgendeinen Teil ihrer atomaren Vorräte einer solchen Behörde
zur Verfügung zu stellen. Unser Angebot besteht immer noch. Aber
wir können nicht auf sowjetische Entscheidungen warten.
Wir haben mit Billigung des Kongresses bereits wesentliche
Fortschritte im Hinblick auf Abkommen mit befreundeten ausländischen Regierungen für eine'Beteiligung an der gemeinsamen Aufgabe,
die Nutzung des Atoms zu friedlichen Zwecken zu fördern, gemacht.
Abkommen mit den Philippinen, der Türkei, dem Libanon, Israel,
Italien, Spanien, der Schweiz, Dänemark, Kolumbien, Brasilien und
Argentinien sind dem Kongreß zugeleitet worden. Über andere Abkommen wird gegenwärtig verhandelt. Wir schreiten jetzt weiter zur
Tat.
Wir
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.

. 1 5 . Juni 1955

Wir haben zwei neue Programme entwickelt, die ich dem Kongreß vorlegen werde, in der Überzeugung, daß sie den Sinn unserer
Gesetzgebung und den Geist des amerikanischen Volkes widerspiegeln.
Erstens: Wir schlagen vor, Porschungsreaktoren den Völkern
der freien Nationen anzubieten, die sie wirkungsvoll verwenden
können, um sich das für.die friedliche Nutzung des Atoms erforderliche theoretische und praktische Wissen anzueignen. Die Vereinigten Staaten werden in dem Geist der Partnerschaft, der uns
bewegt, die Hälfte der Kosten tragen. Wir werden weiter den interessierten Nationen das spaltbare Material zur Verfügung stellen,
das zum Betrieb der Reaktoren notwendig ist.
Zweitens: Im Rahmen vernünftiger Sicherheitserwägungen schlagen wir vor, den Völkern solcher befreundeter Nationen, die bereit sind, ihre eigenen Mittel für Reaktoren zur Energiegewinnung zu investieren, Zutritt und Ausbildungsmöglichkeiten in den
technologischen Prozessen der Konstruktion und des Betriebs für
friedliche Zwecke zu gewähren.
*
Wenn die technischen und materiellen Hilfsquellen einer einzelnen Nation nicht als ausreichend erscheinen sollten, wirksamen
Nutzen aus einem Porschungsreaktor zu ziehen, würden wir eine
freiwillige Gruppierung der Hilfsquellen mehrerer Nationen innerhalb eines Gebietes unterstützen, um den gemeinsamen Erwerb und
die gemeinsame Inbetriebnahme eines solchen Reaktors zu ermöglichen.
Unsere Absicht ist es, die schöpferischen und erfinderischen
Talente, die in der freien Welt ruhen, zu wecken, sie zusammenzufassen und sie für die Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen,
in denen die Menschen leben müssen.
Die im Rahmen dieses Programms erworbenen Porschungsreaktoren werden eine fruchtbare Saat des Portschritts sein, die in
den aufnahmebereiten Boden der freien Welt gelegt wird. Die Kosten für das amerikanische Volk werden nur klein sein gemessen
an den sicheren, faßbaren und unfaßbaren daraus resultierenden
Erfolgen.
Der zweite Vorschlag wird vor allem für die Gebiete der Welt,
in denen es an Kraftreserven fehlt, von unmittelbarem Interesse
sein, das heißt, in den Gebieten, in denen die Atomkraft bereits
heute wirtschaftlich rentabel sein könnte. Einigen dieser Länder
fehlt es jedoch an dem Wissen und der Erfahrung, die notwendig
sind, um einen',kommerziellen Kraftreaktor zu bauen und zu betreiben. Diese Kenntnisse und Erfahrungen können wir für konstruktive Zwecke ohne ein wirkliches Risiko für unsere nationale Sicherheit mit befreundeten Ländern teilen. Ein solches Mitteilen
ist in dem neuen Atomenergiegesetz ausdrücklich vorgesehen.
Zusammen sind diese beiden Vorschläge dazu angetan, im Rahmen der notwendigen Vorsicht, einige der Hindernisse beiseite
zu räumen, die den Portschritt der Atomwissenschaft gehindert
haben, und ihre friedliche Anwendung durch all jene zu ermöglichen,

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"AMERIKA DIENST"

ermöglichen, die sie in den Dienst der Menschheit stellen wollen.
Hier ist eine Einladung ausgesprochen - an Wissenschaftler und
Techniker, an Industrien und Regierungen - ihre Energien und
schöpferischen Talente zu vereinen, auf daß diese große, so unendlich vielversprechende Leistung des menschlichen Geistes ihre
Früchte tragen möge.
Das amerikanische Volk lehnt instinktiv den Gedanken ab,
daß seine größten wissenschaftlichen Erkenntnisse nur als Waffe
gebraucht werden können. Unser ständiger Fortschritt in ihren
friedlichen Anwendungen ist ein Beweis für diese Tatsache.
Während wir atombetriebene Kriegsschiffe bauen - weil wir
es tun müssen -, hegen wir den Wunsch und die Entschlossenheit,
atombetriebene Schiffe für den Frieden zu bauen. Und wir werden
sie bauen! Das erste atombetriebene Handelsschiff wird in jedem
Hafen, den es anläuft, eine lebendige Demonstration sein, daß
der Mensch diese unbegrenzte Energie für das normale, friedliche
und blühende Leben einspannen kann.
Während wir Bomben konstruieren, die große militärische
Ziele vernichten können - weil wir es tun müssen -, entwerfen
wir auch Generatoren, Kanäle und Reservoire der Atomenergie,
auf daß der Mensch aus dieser Gabe Nutzen ziehen möge, die ihm
der Schöpfer aller Dinge in die Hände gelegt hat. Und wir werden
diese Dinge bauen!
Die beiden Vorschläge, die ich hier umrissen habe, sind %das
Tor zu einer breiten Straße des Fortschrittes der Welt in der
friedlichen Verwendung der Atomenergie.
Diejenigen Angehörigen des russischen Volkes, die trotz
ihrer kommunistischen Herren immer noch eigene Gedanken haben,
und die immer noch die Achtung vor der Menschenwürde aufrechterhalten, sind von denselben Gefühlen bewegt wie wir.
Ich hoffe immer noch ernsthaft, daß sich die Sowjetunion
an den internationalen Bemühungen beteiligen wird, das Atom zum
Guten der Menschheit nutzbar zu machen. Aber ich habe ein so
unbegrenztes Vertrauen in die schöpferische Gabe des freien Geistes und in die Fähigkeit freier Menschen, daß ich weiß, daß wir,
mit oder ohne die Sowjetunion, ein reicheres Leben für die schaffen werden, die sich in diesem geschichtlichen Unterfangen vereinen.
Was die sozialen und politischen Probleme anbetrifft, die
mit dieser Entwicklung.einhergehen werden, so können ihre Umrisse
nur in etwa vorausgesehen werden. Ihre Evolution wird eine Aufgabe sein, mit der Sie, die Männer und Frauen, die heute von
der Universität abgehen. , vielleicht ihr ganzes Leben lang intensiv beschäftigt sein werden. Einige Fragen drängen sich unmittelbar von selbst auf.
Werden die tiefen Wünsche, die in der gewaltigen Anwendung
dieser Gedanken und all dem anderen technischen Fortschritt liegen,
die Oberhand behalten? Können sie die Absichten jener wenigen

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15. Juni 1955

wenigen böswilligen Menschen zunichte machen, die die Gewalt
über diese Energie dazu benutzen würden, um das Schicksal der
Menschheit in ihre Hand zu bekommen?
Bei dieser Frage geht es um so entscheidende Alternativen
wie Krieg und Frieden, Rüstung und Abrüstung, Leben und Tod.
Ein zweiter Fragenbereich ist etwas anderer Natur: In dem
Maße, in dem nukleare und andere technologische Errungenschaften
weiter entwickelt werden, wird die normale Lebenserwartung des
Menschen weiter ansteigen. Die Produktivität des Arbeiters pro
Stunde wird sich erhöhen. Wie soll er die längere Freizeit und
die gewonnenen Lebensjahre verbringen? Werden sie zur Erreichung der schöneren Hoffnungen des Menschen verwandt werden
oder zu seiner Degradierung auf den Stand eines gut ernährten,
gut gehaltenen Sklaven eines allmächtigen Staates?
Wenn wir diese Frage auch nur aufwerfen, so werden wir
eindringlich daran erinnert, daß wir in den vor uns liegenden
Tagen und Jahren auch mehr Philosophen und Theologen und nicht
nur Wissenschaftler und Techniker brauchen.
Diese beiden Fragen geben nur einen Hinweis auf die enormen
Probleme und Möglichkeiten, vor denen Ihre Generation stehen wird.
Viele andere Probleme werden sich mit dem wandelnden Bild in der
Landwirtschaft, in der Industrie und in der Kunst stellen. Die
Antworten können nur von umfassend gebildeten, klug mitfühlenden
und geistig inspirierten Köpfen gefunden werden, die das Ergebnis einer Allgemeinbildung sind, die die praktischen und technischen Aspekte mit den geistigen und kulturellen in richtiger
Weise vereint.
In diesem Lande legen wir sowohl auf die geistige als auch
auf die praktische Ausbildung Nachdruck. Aber nur zu oft handelt
es sich um eine geistige Erziehung für den einen und eine praktische Ausbildung für den anderen.
Was wir so notwendig brauchen, ist eine integrierte geistige und praktische Erziehung für die gleiche Person - für jeden jungen Amerikaner, der in der Lage ist, ihre Segnungen zu
genießen. Hand und Kopf und Herz sollen zusammenarbeiten. Sie
müssen zusammenarbeiten. Sie sollen zusammen geformt und entwickelt werden.
In dem Philadelphia der Kolonialzeit lebte ein Drucker,
der gleichzeitig ein Wissenschaftler war und der als der Weiseste seiner Tage gefeiert wurde - ein Baumeister der internationalen Verständigung und Freundschaft. Im Illinois des
neunzehnten Jahrhunderts lebte ein Eisenbahnbauer, der gleichzeitig ein Rechtsanwalt war, und der als ein Anwalt der Menschheit gefeiert wurde - ein Baumeister der Freiheit für alle Menschen. Trotz ihrer mangelnden formalen Schulbildung waren sie
gebildete Menschen. Die heutige Erziehung birgt für uns die Möglichkeiten von tausend Franklins und tausend Lincolns in einer

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15. Juni 1955

einer Generation, während wir uns früher bereits glücklich
schätzten, einen zu besitzen.
Um etwas zu leisten, und manchmal in einem speziellen
Beruf oder in einer speziellen Fähigkeit sogar Weltruf zu gewinnen, sind Wissen und Ausbildung die Grundvoraussetzungen.
Aber um zu verstehen, wie eine Fähigkeit in die andere paßt
und wie ein Beruf in den andern greift und ihn ergänzt, wie
alle menschlichen Unterfangen des Körpers und des Geistes zu
einer in ungeheurem Maße aufeinander angewiesenen Gesellschaft
führen - um dieses Verständnis zu entwickeln, bedarf es unbedingt der Bildung.
In unserer heutigen Hochschulbildung gibt es, so glaube
ich, drei Hauptschwierigkeiten.
Erstens, lassen wir sie in ihren praktischen Aspekten einfach nicht einer genügenden Zahl von jungen Männern und Frauen
zuteil werden.
Zweitens, tun wir nicht so viel, wie wir tun sollten, um
denjenigen, die sich auf den vielen technischen Gebieten spezialisieren, eine allgemeine staatsbürgerliche Erziehung zuteil
werden zu lassen.
Drittens, haben wir es selbst in der geisteswissenschaftlichen Bildung zugelassen, daß sie zu stark spezialisiert worden ist und nicht mehr einen umfassenden befreienden Einfluß
auf den Geist, die Haltung und den Charakter aller Studenten
ausübt.
Was wir brauchen, ist eine Allgemeinbildung, die die geistigen und die praktischen Aspekte einschließt, und dem Studenten hilft, die soliden Grundlagen des Verständnisses zu erwerben - des Verstehens der sozialen Einrichtungen des Menschen,
der Kunst und Kultur der Menschheit und der physikalischen,
biologischen und geistigen Welt des Menschen, in der er lebt.
Es ist eine Erziehung, die jedem einzelnen Menschen dazu verhilft, zu verstehen, wie er eine wesentliche Tatsache in Beziehung setzen muß, wie er die Gesamtheit relevanter Tatsachen
begreifen kann, die eine gegebene Situation beeinflussen und
sie in die richtige Perspektive rücken kann und es ihm ermöglicht, kritisch, objektiv und mit moralischem Bewußtsein zu denken und Lösungen für diese Situationen und Probleme zu finden.
Ich möchte hier wiederholen: es ist diese Art von Erziehung
und Bildung, die wir in Amerika - und überall in der Welt - so
notwendig brauchen.
Die Völker dieser Erde teilen heute eine große Hoffnung.
Sie hegen alle einen gemeinsamen Traum eines dauerhaften Friedens in Freiheit und Gerechtigkeit. Aber die Verwirklichung dieses Traumes verlangt eine vielfältige Zusammenarbeit, die auf
einem mitfühlenden und wahrhaft gegenseitigen Verstehen beruht.
Dieses Verständnis wiederum hängt von einer Erziehung ab, die
diszipliniertes Denken hervorbringt.
**, .,,
0
Überall

�15. Juni 1955

"AMERIKA DIENST"

Überall in der Welt blüht das gegenseitige Mißtrauen auf
dem Boden der Unwissenheit und des Mißverstehens. Es kann nur
durch Wissen und Weisheit zerstreut werden.
Wenn wir Partner für den Frieden haben wollen, dann müssen
wir erst Partner in der mitfühlenden Anerkennung sein, daß die
ganze Menschheit gemeinsam die gleichen Hoffnungen und den gleichen Hunger spürt, gleiche Ideale und Ansprüche besitzt und
gleiche Ziele und gleiche Schwächen und einen gleichen Wunsch
nach wirtschaftlichem Portschritt hat. Alles, was uns trennt,
ist künstlich und zu überwinden. Das uns allen gemeinsame Menschliche ist von Gott geschaffen und bleibend.
Ich weiß, daß Sie, die heute Ihre Ausbildung an dieser großen Universität im hundertsten Jahre ihres Bestehens abschließen, diese Wahrheit erkennen. So wie Sie sie auf die Probleme
anwenden, auf die Sie stoßen werden - als produktive führende
Männer, als amerikanische Bürger, als Mitglieder der Gemeinschaft der freien Welt - werden Sie an persönlichem Gewicht gewinnen und in ihrer Bedeutung für den Beitrag zum Frieden der
Unabhängigkeit und dem Fortschritt der Menschheit wachsen.
* # * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER: " . . . UNSER ZIEL WIRD WEITERHIN
DER FRIEDEN SEIN . . . "

SAN FRANCISCO — (AD) — Anläßlich der
Sondersitzung der Vereinten Nationen
zu ihrem zehnjährigen Bestehen hieß
Präsident Eisenhower am 20. Juni 1955
die Vertreter von 60 UN-Mitgliedstaaten willkommen, die sich in San Francisco versammelt haben.
Die Ansprache des US-Präsidenten hat
folgenden Wortlauts
Mein zweites Erscheinen vor den Vereinten Nationen
verschafft mir in meiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt
der Vereinigten Staaten die hohe Ehre, gemeinsam mit Ihnen
eines historischen Datums zu gedenken, das für die gesamte
Menschheit bedeutungsvoll und von größter Tragweite ist.
Ich habe die Ehre, Ihnen eine Sonderbotschaft des
amerikanischen Kongreßes zu übermitteln. In der vergangenen
Woche hatte der Kongreß eine Resolution einstimmig angenommen, in der ich ersucht werde, allen hier Anwesenden
im Namen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten unseren
tiefen Wunsch nach Frieden und unsere Hoffnung zum Ausdruck
zu bringen, daß sich alle Nationen zusammen mit den USA
erneut für den Frieden einsetzen werden.
Noch in dieser Woche wird zu Ihnen mein enger Freund
und Mitarbeiter, Außenminister John Foster Dulles, über
einzelne Faktoren der amerikanischen Außenpolitik sprechen,
wobei er mein vollstes Vertrauen und Einverständnis besitzt.
Aus diesem Grunde scheint es mir angebracht zu sein, daß
ich heute im wesentlichen über die unerschütterliche
Loyalität der USA zu den Vereinten Nationen sowie über die
Gründe für die unermüdliche amerikanische Unterstützung der
Vereinten Nationen spreche.
Vor zehn Jahren wurde in dieser Stadt und in diesem
Gebäude die Charta der Vereinten Nationen von ihren 50
Gründerstaaten unterzeichnet. In eine Welt, die verwüstet
war und sich noch immer im Kriege befand, aber hoffnungsund erwartungsvoll in eine neue Morgenröte blickte, wurde
eine internationale Organisation hineingestellt, die das
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�22. Juni 1955
"AMERIKA DIENST"
das oberste Instrument des Weltfriedens sein sollte.
Ihnen allen, deren Glaube, Geduld, Ausdauer und Klugheit
diese Organisation durch zehn Jahre hindurch gesteuert haben,
Jahre, die stürmisch, häufig entmutigend, bisweilen schrecklich,
aber häufig auch lohnend gewesen sind, möchte ich, im Namen
dieser Nation, unsere Anerkennung aussprechen.
Daß es bei den Versuchen, die internationalen Schwierigkeiten durch die Grundsätze der Charta zu lösen, auch Fehlschlage hinzunehmen gab, kann niemand in Abrede stellen. Daß
andererseits aber Siege errungen wurden, vermögen nur diejenigen nicht zu sehen, die sie nicht wahr haben wollen. Es ist
aber klar, daß die Misserfolge auch ohne die Vereinten Nationen
als Misserfolge in das Buch der Geschichte eingetragen worden
wären. Aber sicherlich wären die Siege ohne diese Organisation
nicht möglich gewesen, sondern hätten vielleicht als menschliche Katastrophen registriert werden müssen. Dies ist der Welt
erspart geblieben.
So überbringe ich zusammen mit den Geburtstagsglückwünschen erneut die Versicherung der Regierung der Vereinigten
Staaten, die Absichten und Ziele der Vereinten Nationen - wie
auch die Hoffnungen, von denen ihre Gründer beseelt waren weiterhin zu unterstützen.
Heute treten wir - gemeinsam - in ein zweites Lebensjahrzehnt. Wir sehen ihm mit dem Erfahrungsschatz aus den
ersten zehn Jahren, aber auch mit dem furchtbaren Wissen um
die Atomwaffen und mit der Erkenntnis entgegen, daß wir trotz
unermüdlichen Suchens noch zu keinem sicheren und dauerhaften
Frieden gelangt sind.
Wie der Sommer des Jahres 1945 ist auch der des Jahres
1955 eine Zeit großer Hoffnungen für die Welt. Wieder sind, wie
damals, die nerzen der Menschen bewegt von einer neuen Hingabe
an das große Werk, den Krieg ein für allemal aus der Welt zu
schaffen. Jeder von uns hier ist Zeuge, daß zu keinem Zeitpunkt
in diesen zehn Jahren so viele Nationen mit solcher Entschlossenheit wie heute einen ehrlichen und unermüdlichen Feldzug zur
Erringung eines gerechten und dauerhaften Friedens führen wollten. Wohl trifft es zu, daß niemand von uns unwiderlegliche Beweise zur Erhärtung dieses Empfindens vorbringen kann. Dennoch
werden, so meine ich, alle von uns bezeugen, daß die tiefempfundene Sehnsucht zahlloser Millionen nach materieller Sicherheit,
Gerechtigkeit und Frieden überall eine Antwort von ihren Regierungen zu verlangen scheint. Diese Hoffnungen haben die
Schwachen gestärkt, die Zweifelnden ermutigt, die Müden erquickt, die Vertrauenden in ihrer Überzeugung noch gefestigt.
Es hat fast den Anschein, als ob die Menschen mit gestärktem
Herzen, mit Glauben und Mut einen neuen Vorstoß auf das größte
Ziel der Menschheit unternehmen.
In einem Monat wird eine Viermächte-Konferenz der Regierungschefs stattfinden. Ob wir dort die ersten Entscheidungen
treffen können,- die zu einem Anfang im Abbau jenes schrecklichen
Apparates der Furcht und des Mißtrauens, und der seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges entwickelten Waffen führen werden, kann
ich jetzt noch nicht sagen.
Ahp-r

�"AM5RIKA DI3NST"
.
22. Juni 19 55
Aber auf welcher Grundlage sich ein Srfolg aufbaut, läßt
sich in einfachen Worten sagen: Jeder Teilnehmer der Konferenz
muß getreu dem Geiste der Vereinten Nationen und den Grundsätzen
ihrer Charta handeln.
Ich kann Ihnen und allen Menschen der Erde, die meine Worte
hören oder lesen werden, versichern, daß sich die Vertreter der
. Vereinigten Staaten um eine solche Ergebenheit und Geistestreue
bemühen werden. Für uns gibt es keine Alternative, denn unser
Vertrauen auf die Charta der Vereinten Nationen entspricht einem
Glauben, der seine Wurzeln tief in unseren kulturellen, politischen und geistigen Traditionen hat.
Ein untrennbarer Bestandteil der Charta der Vereinten Natio&gt;nen ist der Glaube ihrer Urheber, daß der Mensch als physisches,
iritellektb ergabt es und geistiges Wesen gottgegebene Rechte hat,
die nur durch die Verpflichtung begrenzt werden, die gleichen
Rechte anderer nicht zu verletzen; daß Gerechtigkeit, Anständigkeit und Freiheit in einer geordneten Gesellschaft Begriffe sind,
die den Menschen über das wilde Tier erhoben haben, und daß es
ein Verbrechen gegen die ganze Menschheit ist, wenn man einem
Menschen die Möglichkeit, in ihrem Schutze zu leben, vorenthält.

Unser Staat wurde aus dem gleichen Glauben geboren, wuchs
darin heran und steht heute fest in dieser Überzeugung.
Die Charta sagt} Jedes Volk hat das ihm angeborene Recht,
unter einer selbstgewählten Regierungsform zu leben und in uneingeschränkter Freiheit jene Persönlichkeiten zu wählen, die diese
Regierung leiten.
In diesem Zusammenhang erklärt die Charta folgendes:
Jede Nation mit auswärtigen Besitzungen ist verpflichtet,
der Bevölkerung dieser Gebiete bei der Entwicklung freier politischer Institutionen zu helfen, so daß sie schließlich in die
Lage versetzt wird, selbständig ihren permanenten politischen
Status zu bestimmen.
Die lange Geschichte unserer Republik ist eine Dokumentation
der Selbstverpflichtung, diese Prinzipien auch in die Tat umzusetzen,
Die Charta erkennt an, daß nur solche Völker, die ungehinderten Zugang zu historischen und gegenwärtigen Tatsachen und Informationen haben, und die durch eine vorurteilslose Erziehung ihre
Bedeutung verstehen gelernt haben, wirklich eine selbständige Regierung aufbauen und ihre Existenz gewährleisten können. In unserer
Republik gilt in gleicher Weise der Grundsatz, daß jeder Bürger
ein Recht auf freien Zugang zu Wissen und Erziehung hat - wie er
auch der ganzen Menschheit zusteht.
Noch unter dem Eindruck des Krieges geschrieben, gibt die
Charta der starken Überzeugung Ausdruck, daß keine Nation das
Recht hat, mit aggressiver Gewalt gegen eine andere Nation vorzugehen. Ein solches Vorgehen oder auch nur eine Drohung in dieser
Hinsicht bedeutet eine Mißachtung aller moralischen Gesetze, die
die Menschheit auf ihrem langen Wege vom Dunkel zum Licht geleitet
haben. Die Verfasser haben klar erkannt, daß ein Weltkrieg heute
die Gefahr einer vollkommenen Zerstörung unserer Zivilisation in
sich trägt und für die überlebenden eine freudlose Existenz in
einer dunklen, verwüsteten Welt bedeuten würde.
_

�"AM3RIKA DIENST"
22. Juni 1955
In ähnlicher Weise erkannten sie an, daß die erste Verantwortung jeder Nation darin liegt, Vorkehrungen für ihre eigene
Verteidigung zu treffen, und daß sie bei der Ausführung dieser
Pflicht das eindeutige Recht besitzt, sich mit anderen gleichgesinnten Völkern zusammenzutun, um ihrer gemeinsamen Sicherheit
zu dienen. Aber diejenigen, die die Charta formulierten, betonten, daß es den vertragsschließenden Parteien bei der Bildung
solcher Vereinigungen im Rahmen der Vereinten Nationen obliegt,
die Welt durch feierliche Zusicherungen, die immer durch Taten
fundamentiert werden müssen, davon in Kenntnis zu setzen, daß
der einzige Zweck solcher Bündnisse die Verteidigung ist und
keine aggressiven Ziele damit verfolgt werden. Die amerikanische
Nation glaubt an diese in der Charta niedergelegten Wahrheiten.
Wir streben danach, im Sinne dieser Grundsätze zu leben. Daher
werden wir in den USA immer eine Regierung aufrechterhalten,
die für den einzelnen jene reichhaltigen wirtschaftlichen, intellektuellen und geistigen Möglichkeiten anerkennt und sie ständig
zu bewahren trachtet, Möglichkeiten, auf die er auf Grund seiner
Menschenrechte Anspruch hat.
In unseren Beziehungen zu allen anderen Nationen werden wir
deren souveränen und gleichberechtigten Status voll anerkennen.
Wir werden die gemeinsamen Probleme in einem Geist der Partnerschaft behandeln.
So weit dies unsere technischen und materiellen Möglichkeiten sowie unsere intellektuellen Fähigkeiten zulassen, und wo
immer unsere Unterstützung - einschließlich der Anwendung von
Atomenergie zu friedlichen Zwecken - Tonnöten oder gewünscht
wird, werden wir anderen auch weiterhin helfen, einen sich ständig erhöhenden Lebensstandard zu erreichen. Wir vertrauen darauf,
daß sie damit die Möglichkeiten erweitert haben, ihre kulturellen
und geistigen Hoffnungen erfüllen zu können.
Wir werden auch in Zukunft mit allen anderen Nationen zusammenarbeiten - besonders durch diese große Organisation, die
Vereinten Nationen -»damit anstelle der Kämpfe auf dem Schlachtfeld friedliche Verhandlungen treten» Auf diese Weise werden die
großen Rüstungen mit der Zeit gegenstandslos, die, selbst wenn
sie nur aus Sicherheitsgründen aufrecht erhalten werden, die Welt
mit ihrer entsetzlichen zerstörerischen Kraft in Angst und Schrek—
ken versetzen und die schöpferischen Kräfte des Menschen untragbar
belasten.
Wenn auf dem Gebiete der Abrüstung erst einmal einige Erfolge zu verzeichnen sind, dann hoffen wir, daß jede der sogenannten
Großmächte einen Teil der infolge der eingeschränkten Rüstung
entstehenden Einsparungen den Vereinten Nationen zur Förderung
des technischen und wirtschaftlichen Portschrittes weniger produktiver Gebiete zur Verfügung stellen werden.
Ein unerschütterlicher Glaube beseelte die Männer und
Prauen, die die große Charta entwarfen, für die Sie arbeiten.
Wir Amerikaner teilen diesen Glauben. Wir halten an der Hoffnung
fest, daß alle Nationen in ihren auswärtigen Beziehungen jene
Vorzüge des Verhaltens, der Gebräuche und Behandlung anderer
Staatsangehöriger beobachten werden, wie sie durch Tradition,
Vernunft und freundschaftliche Zielsetzungen sanktioniert

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�"AMERIKA DIENST"
22. Juni 1955
Ich glaube, wir und die Mehrzahl anderer Nationen haben eine
weitere Hoffnung gemeinsam« daß sich nämlich jede Regierung von
sich aus des Versuchs oder der Beihilfe bei Versuchen anderer
Nationen enthalten wird, mittels Umsturz, Zwang, Infiltration
oder Zerstörung anderer Regierungen oder wegen theoretischer,
religiöser oder ideologischer Unterschiede politische oder materielle Vorteile zu erringen.
Wie die übrige Welt so sind auch wir uns dessen bewußt,
daß die Friedenssehnsucht einer Nation nicht durch irgendein
Rüstungswettrennen verwirklicht werden kann. Die Waffen des
Friedens sind Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, gegenseitiges Verstehen
und Achtung für die anderen.
Aus diesem Glauben und diesen Motiven heraus werden die
Vereinigten Staaten jedes Steinchen beachten, das in das große
Bauwerk des Friedens eingefügt werden kann. Keine Maßnahme, und
mag sie noch so neuartig sein, werden wir ablehnen, die irgendwelche - und wenn auch nur schwache - Hoffnung auf einen gerechten und dauerhaften Frieden zuläßt.
Darf ich Ihnen hier die Worte Abraham Lincolns ins Gedächtnis rufen, die, wenn auch in anderem Zusammenhang gesagt, genau
auf das Problem zutreffen, das wir jetzt zu lösen suchen«
"....Die Dogmen der ruhigen Vergangenheit sind der stürmischen Gegenwart nicht mehr angemessen. Die jetzige Situation
ist voller Schwierigkeiten, und wir müssen an der Situation
wachsen. Da es in unserem Fall um etwas Neues geht, müssen wir
auch neu denken und neu handeln. Wir müssen uns frei machen.
Und dann werden wir unser Land retten."
Das Ziel unseres zweiten Jahrzehnts ist auch weiterhin
Frieden - aber es muß ein solcher Frieden sein, der die ganze
Welt zu einem neuen Denken und Handeln führt.
Dies kann nicht lediglich darin bestehen, die Kanonen zum
Schweigen zu bringen, sondern es muß eine neue beglückende Lebensform sein. Hierbei soll dem Menschen das Atom auf die umfassendste Weise helfen, das einstmals sein Mörder war. Es wird ein
Frieden sein, der Vertrauen und Zuversicht schafft, so daß alle
Menschen frei von der Furcht vor einem Kriege leben können. Die
Wissenschaftler werden dann die Freiheit erlangen, immer nur für
die Menschen, nicht gegen sie zu arbeiten. Wer kann bezweifeln,
daß in den nächsten zehn Jahren die Wissenschaft dieser Welt die
Krankheitsgeißeln zerschlagen und die Armut überwinden wird, so
daß die Menschheit Zeuge einer Erhöhung des Lebensstandards und
einer Ausweitung ihres kulturellen und geistigen Horizontes
werden wird. In diesem neuen Friedenszeitalter werden der Künstler, Lehrer und Philosoph, der Arbeiter, Bauer und Fabrikant und
der Wissenschaftler im wahrsten Sinne des Wortes für das gemeinsame Wohl zusammenarbeiten.
Diese Wünsche sind nicht neu. Sie sind so alt wie die Geschichte. Aber wenn wir uns heute an dem Ort treffen, an dem vor
zehn Jahren die Vereinten Nationen gegründet wurden, dann müssen
wir uns vor Augen halten, daß sie tatsächlich erreichbar und zu
verwirklichen sind. Das ist das Neue. An uns ist es, unseren
Glauben an die Ideale der Charta der Vereinten Nationen zu be-

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�"AMERIKA DIENST"
22. Juni 1955
bekräftigen. Darum sollten wir hier unsere Entschlossenheit erneuern, den alten Traum der Menschheit zu erfüllen, der die
Gründer dieser Organisation so beseelte«
So erfüllen wir eine edle Pflicht, und künftige Generationen werden in Ehrfurcht auf die Vereinten Nationen schauen und
ihr Werk ein gesegnetes nennen.

�A M E R I K A

D I E N S T

REDE DES US-AUSSENMINISTERS JOHN POSTER DULLES AUF DER
JUBILÄUMSTAGUNG DER VEREINTEN NATIONEN

SAN FRANCISCO - (AD) - Als letzter der
Außenminister der "Großen Vier" sprach am
24.Juni 1955 der amerikanische Außenminister
John Foster Dulles zu den anläßlich der
Jubiläumstagung der Vereinten Nationen in
San Francisco versammelten Delegierten.
Die Ansprache des US-Außenministers hat
folgenden Wortlaut:
Jubiläen können sowohl angenehme als auch nützliche
Gelegenheiten sein. Und diese Zusammenkunft ist ein Ereignis
solcher Art. Wir blicken zurück und erkennen, daß vieles gut
war. Wir blicken in die Zukunft und sehen viel Verheißungsvolles.
. Die Vereinten Nationen haben bereits bewiesen, daß der
eingeschlagene Weg der richtige ist. Ein Beweis dafür ist
schon allein die Anwesenheit von 37 Außenministern, die aus
allen Teilen der Welt nach San Francisco gekommen sind. Ein
weiterer Beweis.ist die Tatsache, daß sich seit der Gründung
kein Mitgliedstaat um seinen Austritt aus dieser Organisation
bemüht hat; und es existiert heute eine lange - viel zu
lange - Warteliste von qualifizierten Nationen, die Mitglieder 'werden wollen.
Diese Hochachtung vor den Vereinten Natio nen gründet sich
auf solide Leistungen.
»
Auf politischem Gebiet hat es Augenblicke des Triumphs
gegeben, beispielsweise als es Persien mit Unt erstützung der
Vereinten Nationen gelang, den Abzug der fremd en Truppen aus
dem Lande zu erreichen. Und dann im Falle Grie chenlands, als
die Vereinten Nationen, dem Land halfen, die Ge fahr eines
kommunistischen Umsturzes abzuwenden. Und vor allen Dingen
als die UN durch die Organisierung der kollekt iven Verteidigung zum Retter der Republik Korea wurden.
Was die Gebiete und Territorien ohne Selb stverwaltung
anbetrifft, so bemühen sich die Vereinten Nati onen über den
Treuhänderrat und andere Organisationen darum, das Los vieler
abhängiger Völker zu bessern und sie dem Ziel der Selbstverwaltung oder Unabhängigkeit näherzubringen.
Durch
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Durch die Deklaration der Menschenrechte halten die Vereinten Nationen ein Ideal hoch, das in immer stärkerem Maße
zur Achtung vor dem Einzelmenschen und seinen geheiligten gottgegebenen Rechten führen wird.
Durch den Wirtschafts- und Sozialrat wird viel zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der
unterentwickelten Gebiete der Welt getan.
Wir leben im Atomzeitalter, und die Mitglieder der Vereinten Nationen finden sich als Antwort auf den mitreißenden
Vorschlag Präsident Eisenhowers zusammen, um eine internationale Behörde ins leben zu rufen, die das in den Dienst des
menschlichen Wohlergehens spannen will, was einst nur die
Waffe des Krieges war.
Aber über allen konkreten Maßnahmen steht der alles durchdringende moralische Einfluß, den die Vereinten Nationen ausüben. In Erfüllung der Worte Arthur H. Vandenbergs - ein'Name,
der hier niemals vergessen werden darf - ist die UN-Vollversammlung zu einem "Forum der Welt" geworden, das auf das Verhalten aller Nationen einen leitenden und erhellenden Einfluß ausübt.
Diese Erfolge machen es klar, warum die Vereinten Nationen
überall auf der Welt in so hohem Ansehen stehen. Wie Präsident
Eisenhower in seiner Begrüßungsansprache hier bereits ausgeführt hat, sind die USA stolz darauf, daß sie die Vereinten
Nationen auf ihren mannigfachen, dem Wohl aller dienenden Tätigkeitsgebieten loyal unterstützen.
Die Gründer dieser Organisation verfolgten in der Tat ein
hohes Ideal. Sie kamen, noch während der Krieg tobte, zusammen,
entschlossen, die Menschheit von der Geißel zukünftiger Kriege
zu befreien. Aber die Charta, die sie verfaßten, fordert nicht
einen Frieden um jeden Preis. Der Friede der Charta ist ein
Friede der Gerechtigkeit; es ist ein Frieden, der allen Nationen,
ob klein oder groß, das Recht auf wahre Unabhängigkeit zusichert;
es ist ein Frieden, der allen Menschen, auch den geringsten, das
gottgegebene Recht auf Freiheit zuspricht.
Um diese hohen Ziele zu erreichen, werden in der Charta
alle Nationen zur Zusammenarbeit aufgerufen. Zusammenarbeit
ist überhaupt die Grundlage, auf der sich die Charta aufbaut.
Keine Nation vermag mit einzelnen Bemühungen die Ziele der
Charta zu verwirklichen. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen,
um die Freiheit zu wahren. Ohne eine kollektive Stärke hätte
der Despotismus freie Bahn; die Rechte der Nationen würden mit
Füßen getreten und die Menschen versklavt.
Die Begründer der Vereinten Nationen iiaben die Charta mit
der Elastizität ausgestattet, die netwendig ist, um die Idee
der Zusammenarbeit, die unsere heutige unruhige Zeit fordert,
wachzuhalten. Einen sicheren Frieden haben wir auch heute noch
nicht errungen. Aber der Geist der Zusammenarbeit, der in der
Charta seinen Niederschlag gefunden hat, kann, wenn er in ehrlicher Absicht und mit schöpferischem Wollen in die Praxis umgesetzt wird, uns zum eigentlichen Ziel der Menschheit führen Frieden in Freiheit.
wir

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"AMERIKA DIENST"
Wir alle wissen, daß die Vereinten Nationen auf bestimmten Gebieten in ihrer Arbeit stark behindert worden sind durch
den Gebrauch, oder besser Mißbrauch, des Vetorechts im Sicherheitsrat. Dadurch ist der Sicherheitsrat davon abgehalten worden, viele der Funktionen zu erfüllen, für die er eigentlich
vorgesehen war. Außerdem ist der Sicherheitsrat niemals so weit
gekommen, die Sicherheitsstreitkräfte aufzustellen, deren Oberbefehl er übernehmen sollte. Der Grund hierfür liegt einzig
darin, daß die Mitgliednationen sich nicht das genügende Vertrauen entgegengebracht haben, das eine Zusammenlegung ihrer
Streitkräfte ermöglicht hätte.
Glücklicherweise erkannten die Verfasser der Charta die
Beschränkungen, unter denen der Sicherheitsrat eventuell arbeiten müsse. Sie forderten von den Mitgliedern nicht, ihre
Zukunft auf dem starren Grundsatz "alles oder nichts" aufzubauen. Daher sahen sie Alternativlösungen vor. Artikel 51 der
Charta gestattet es gleichgesinnten Nationen mit gemeinsamen
Verteidigungsproblemen, sich im Rahmen der Charta 'zum Zwecke
ihrer kollektiven Sicherheit gegen eine Aggression zusammenzuschließen. Von dieser Bestimmung haben viele Nationen, die
zueinander Vertrauen hatten und sich durch das Bewußtsein
eines gemeinsamen Schicksals miteinander verbunden fühlten,
Gebrauch gemacht.
Die ersten Staaten, die ein solches Bündnis abschlössen,
waren die 21 amerikanischen Republiken. Während 150 Jahren
hatten sie eng zusammengearbeitet. Sie kannten sich gegenseitig und sie hatten Vertrauen zueinander. Aus diesem Grunde unterzeichneten sie im Jahre 1947 den Pakt von Rio de Janeiro.
Dieser Vertrag besagt, daß ein Angriff auf einen der 21 Staaten
als ein Angriff auf alle angesehen wird.
Andere Länder gingen ähnlich vor. Da ist zunächst der
Brüsseler Vertrag aus dem Jahre 1948, dem der Nordatlantikpakt
von 1949 und der Manila-Pakt von 1954 folgten. Jetzt bestehen
noch die londoner und Pariser Abmachungen des Jahres 1954, die
den Grundstein für eine Westeuropäische Union legen - eine
Vereinigung, von der Menschen guten Willens und Phantasie seit
langem geträumt haben, die sich aber bis jetzt einer Verwirklichung immer wieder entzog.
In all diesen Übereinkommen zur kollektiven Sicherheit
manifestiert sich der Grundgedanke der Charta der Vereinten
Nationen, ein Gedanke, der sich wiederum aus den Geboten aller
großen Religionen herleitet, daß nämlich die Menschen das
Recht und die Pflicht haben, einander zu helfen.
All diese Übereinkommen gewähren den an ihnen beteiligten
Nationen eine größere Sicherheit als sie allein je erreichen
könnten.
Und alle diese Übereinkommen verschaffen selbst den nicht
an ihnen Beteiligten größere Sicherheit. Es bedarf nicht einer
großen Aufrüstung, da eine Akkumulation des Kriegsmaterials dadurch verhindert wird, daß dieselbe Streitmacht, die die eine
Nation schützt, ebenso im Dienste der übrigen Nationen steht.
Auch werden die militärischen Streitkräfte und Anlagen eines

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eines Bündnissystems gewöhnlich aufgeteilt und nicht der Befehlsgewalt einer einzelnen Nation unterstellt.
Ebenso wie auf innenpolitischem Gebiet ist auch auf dem
Gebiet der internationalen Politik die Aufteilung der Macht
der sicherste Schutz gegen ihren Mißbrauch. Wenn eine Gruppe
unabhängiger souveräner Staaten gemeinsam über ein Machtinstrument verfügt, so kann es nur dann wirksam benutzt werden, wenn
die beteiligten Länder sich über seine Verwendung einig sind.
Und diese Einigkeit ist nur zum Zwecke der kollektiven Selbstverteidigung zu erreichen.
Weil die kollektive Sicherheit den Erfordernissen und
größten Hoffnungen der Menschheit entspricht, haben sich zahlreiche Nationen zu ihr bekannt. Die Vereinigten Staaten, die
1914 und wiederum im Jahre 1939 Sicherheit in der Neutralität
gesucht haben, mußten durch harte Erfahrungen lernen, daß die
Sicherheit in kollektiven Maßnahmen liegt. Wir sind der Ansicht, daß die Macht, die wir besitzen, zum Schutz anderer verfügbar gemacht werden sollte, wie wir auch die Hilfe anderer für
unsere eigene Verteidigung suchen.
Die Vereinigten Staaten sind heute Partner in gemeinsamen
Sicherheitsverträgen, die uns kollektiv zur Verteidigung von
nicht weniger als 44 Ländern verpflichten. Wir sind stolz
darauf, diese vielfachen Bindungen des Vertrauens und der Zuversicht zu haben.
Diese Systeme stehen mit der Charta der Vereinten Nationen
in Übereinstimmung. Sie setzen das in der Charta verankerte
Ideal der gegenseitigen Verbundenheit in die Wirklichkeit um.
Sie arbeiten im Rahmen der Charta-Grundsätze und sie unterliegen dem Einfluß dieser Organisation. Durch diese Systeme ist
noch kein Land angegriffen und noch keine Nation bedroht worden.
Auch arbeiten sie keiner Nation entgegen, sofern diese nicht
ihre Hand begehrlich nach Territorien und Völkern ausstreckt,
die durch die kollektive Sicherheit geschützt werden.
Aus diesem evolutionären, von mir hier dargelegten Prozeß
ist manches Gute hervorgegangen.
Meine Vorredner haben sich wiederholt positiv zu den internationalen Entwicklungen, besonders der jüngsten Monate, geäußert. Die Waffen ruhen in Korea und Indochina; der österreichische Staatsvertrag wurde unterzeichnet; die Beziehungen zwischen Jugoslawien und der UdSSR haben sich gebessert; die Sowjetunion bemüht sich um die Herstellung diplomatischer und Handelsbeziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland; und zwischen der
Sowjetunion und Japan begannen Friedensverhandlungen.
Das sind in der Tat bedeutsame Entwicklungen. Aber in unserer Freude darüber sollten wir weder vergessen, warum.sie eingetreten sind, noch die Aufeinanderfolge jener Ereignisse übersehen, die uns dahin brachten, wo wir heute stehen. Wenn wir
das vergessen, dann haben wir auch den Schlüssel für eine Zukunft in Frieden und Wohlstand verloren.
Die bisherige Entwicklung ist darauf zurückzuführen, daß
sich bestimmte Nationen unerschütterlich für die Grundsätze der

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der Vereinten Nationen einsetzten, \ind das mit einer Entschlossenheit, die notfalls auch nicht vor Opfern an Gut und
Blut zurückschreckte. Heute gibt es keinen Krieg mehr in Korea.
Und warum ? Weil 16 Mitgliedstaaten dem Ruf der Vereinten
Nationen gefolgt sind und gegen'den Aggressor gekämpft haben,
der vom kommunistischen Norden nach Südkorea eingefallen und
nahe daran war, Südkorea zu überrennen. Nach drei Jahren erbitterten Kampfes waren die Aggressoren auf ihre Ausgangsstellungen
und sogar noch weiter zurückgeworfen worden. Hie Aggression
war zusammengebrochen, Jetzt, aber erst jetzt waren die Aggressoren bereit, einen Waffenstillstand zu schließen und dem Morden
ein Ende zu machen. Es ist in der Tat etwas seltsam, wenn man
jetzt hören muß, daß dieser eindeutige Erfolg des kollektiven
Sicherheitssystems als ein Beweis der Friedensliebe der Aggressoren und ihrer Verbündeten hingestellt wird. Wenn es nach
ihrem Willen gegangen wäre, würden wir heute den fünften Jahrestag des Ablebens der Vereinten Nationen begehen.
Heute herrscht Waffenstillstand in Indochina. über ihn
wurde vor einem Jahr in Genf verhandelt. Aber kurz vor der
Genfer Konferenz stellten mehrere Mitglieder der Vereinten
Nationen klar, daß eine Weiterführung der Kämpfe eine Bedrohungfür ganz Südostasien bedeutete und eine kollektive Verteidigung
im Rahmen der UN-Charta in Erwägung gezogen werden müßte.
Heute haben wir einen österreichischen Staatsvertr.ag.
Dieser Vertrag hätte schon vor Jahren unterzeichnet werden
können und sollen. Fast zehn Jahre lang wurde Österreich die
Freiheit vorenthalten, und seine Wirtschaft wurde von einer der
Besatzungsmächte ausgebeutet. In dieser Zeit harter Prüfungen
erhielt der Mut dieses Landes immer wieder neue Nahrung durch
den moralischen und materiellen Beistand befreundeter Mächte
und die Unterstützung seiner Hoffnungen durch die Vereinten
Nationen. Zusammenwirkend konnte dadurch schließlich für die
Gerechtigkeit der Sieg errungen werden.
Heute ist Jugcslawien nicht mehr das Ziel fortdauernder
Beschimpfungen.. Im Jahre 1948 setzte ein Kesseltreiben gegen
Jugoslawien ein, als es sich seiner nationalen Unabhängigkeit
versicherte und das fremde Joch abwarf. Während der folgenden
sieben Jahre erhielt Jugoslawien militärische und wirtschaftliche Unterstützung von Staaten, die in fast jeder Hinsicht
eine andere Regierungsform hatten, die- aber voll das Recht
Jugoslawiens auf Unabhängigkeit und Souveränität anerkannten.
Heute bemüht'sich die Sowjetunion um die Herstellung diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen zu der Bundesrepublik
Deutschland. Diese Entwicklung kam nach vielen Jahren der Feindschaft, in denen die Bundesrepublik wirtschaftlich und hinsichtlich ihrer Sicherheit -von jenen Nationen unterstützt wurde, die
von dem Recht des deutschen Volkes überzeugt sind, in Unabhängigkeit und unter einer selbstgewählten Regierung zu leben.
Heute besteht die Möglichkeit zu einem Frieden zwischen der
Sowjetunion und Japan. In dem gleichen Raum, in dem wir 'heute
versammelt sind, haben vor vier Jahren 49 Nationen den Friedensvertrag mit Japan unterzeichnet, der ein Vertrag der Versöhnung

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Versöhnung war. Ich entsinne mich, wie von eben dieser Tribüne
herab dieser Friede von einigen erbittert angegriffen und abgelehnt wurde. Heute aber nimmt Japan, auf Grund dieses Vertrages von San Francisco, wieder einen ehrenvollen und würdigen
Platz in der Vö'lker£emeinsch'aft ein, so daß einige Nationen
heute friedliche Beziehungen mit Japan anstreben, die sie noch
vor vier Jahren weit von sich gewiesen hätten.
All diese Ereignisse haben ein gemeinsames Moment, das
Moment der Partnerschaft. Denn jene, die von der Gültigkeit
der Grundsätze unserer Charta überzeugt waren, haben sich gegenseitig und damit sich selbst geholfen.
Manche Leute sagen nun, daß all diese Dinge den Beginn
einer neuen Epoche bedeuten. Das ist wohl möglich, meine ich.
Die Vereinigten Staaten jedenfalls, dafür kann ich bürgen,
werden alles in ihren Kräften Stehehde tun, daß dies tatsächlich der Fall ist. Aber wir vergessen dabei nicht, wir dürfen
es nicht vergessen, daß manche derjenigen, die die Entwicklung
der jüngsten Zeit so freudig begrüßen die gleichen sind, die
jahrelang versuchten, diese Entwicklung zu unterbinden.
Es ist nicht das erste Mal, daß man Menschen aus der Not
eine Tugend machen sieht. Die Notwendigkeit, eine solche Tugend
zu entwickeln, entspringt unseren kraftvollen Anstrengungen,
alle Versuche, unsere Charta zu erschüttern, zu vereiteln.
Wenn wir diese Tugend weiter erhalten sehen wollen, dann denke
ich, daß es klug wäre, den Weg weiterzugehen, der zu ihr führte.
Standfestigkeit in bezug auf die Grundsätze und die Bereitschaft, Opfer für diese Prinzipien zu bringen, sind der Preis
des Guten, das wir gewonnen haben. Es wäre unvernünftig, wollte
man das Gute künftig zu einem geringeren Preis erwarten. Um
einen Frieden in Gerechtigkeit, einen Frieden, der die Souveränität der großen unjä kleinen Staaten garantiert, einen Frieden,
der den Menschen ohne Rücksicht auf Klassenzugehörigkeit respektiert - um einen derartigen Frieden zu erlangen, wird es notwendig sein, in den Anstrengungen, den Opfern und der Solidarität, die uns dahin gebracht hat, wo wir heute stehen, auch weiterhin nicht nachzulassen.
Viel ist bisher erreicht worden, aber viel, viel mehr bleibt
noch zu tun. Da ist das Problem der Wiedervereinigung Deutschlands. Seit 10 Jahren ist der eine Teil Deutschlands vom anderen
getrennt. Diese unnatürliche Teilung eines großen Volkes stellt
•eine schwere Ungerechtigkeit dar. Es ist ein Übel, das, wenn es
auf unabsehbare Zeit weiterbesteht, nur weitere Übel hervorbringen kann, die die Welt dann heimsuchen.
In Osteuropa gibt es Völker, die auf eine lange und stolze
Geschichte zurückblicken können und heute in Knechtschaft leben.
Sie wurden aus der Tyrannei befreit, nur um unter Verletzung
feierlicher internationaler Abmachungen einem neuen Despotismus
unterworfen zu werden.
In Asien haben wir das rotchinesische Regime, das in Korea
zum Aggressor wurde und deswegen von den Vereinten Nationen verurteilt worden ist. Es förderte die Aggression in Indochina und

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und hat Gewalt angewendet und Gewaltanwendung angedroht, um
seinen ehrgeizigen Zielen im Räume um Formosa näherzukommen.
Die jüngste Entwicklung, und hierin ist auch der Einfluß der
Konferenz von Bandung mit einbegriffen, gibt zu der Annahme
Anlaß, daß die unmittelbare Gefahr eines Krieges heute nicht
mehr so akut ist. Hoffen wir, daß es so ist. Aber die Lage
in Asien ist nach wie vor so, daß man ihr nicht gleichgültig
gegenüberstehen kann.
Auch dürfen wir nicht vergessen, daß es noch immer jene
gewaltige Maschinerie gibt, die wir als den internationalen
Kommunismus bezeichnen. Es ist dies eine weltweite Verschwörung
mit dem Ziel, eine Regierung zu errichten, die noch nie und in
keinem Lande je freiwillig von den Völkern gewählt wurde und
die praktisch jede Unabhängigkeit vernichtet. In Caracas stellte die Organisation der amerikanischen Staaten (OAS) im vergangenen Jahr fest, daß die Tätigkeit des internationalen
Kommunismus den Eingriff einer fremden Macht in die innenpolitischen Belange der Länder und eine Bedrohung des Friedens und
der Sicherheit der Welt darstelle. Diese Gefahr aber müsse beseitigt werden.
Schließlich bedarf noch das Problem, wie die erdrückende
Last der Aufrüstung zu mindern ist, dringend einer Lösung.
Jahrelang haben die Vereinigten Staaten und die mit ihnen
befreundeten Nationen sich bemüht, einen Weg zu finden, um
die ihnen durch die Charta gestellte Aufgabe zu erfüllen,
Zahl und Umfang der für Rüstungszwecke eingesetzten Arbeits-'
kräfte und wirtschaftlichen Hilfsquellen zu vermindern. Vor
nahezu zehn Jahren bereits machten die Vereinigten Staaten
einen Vorschlag, die Atomenergie zu internationalisieren. Wäre
dieser Vorschlag angenommen worden, so hätte damit das derzeitige Wettrüsten in diesen Waffen von so furchtbar zerstörerischer Kraft vermieden werden können.
Dieser in seiner Art bis dahin einmalige Vorschlag wurde
zu einer Zeit gemacht, in der die Vereinigten Staaten als einziges Land diese Waffe besaßen.Er wurde abgelehnt.
Dem Vorschlag folgten neue zur Kontrolle und Regelung der
Rüstung und zur Schaffung eines internationalen Organs zur
Überwachung eines echten Abrüstungsprogramms. Auch diese Vorschläge wurden verschmäht» Aber die Sowjetunion ließ vor kurzem
durchblicken, daß sie möglicherweise ernsthaft die Vorschläge
in Erwägung ziehen werde, die vor Monaten von anderen Mitgliedern des UN=Unterausschusses für Abrüstungsfragen gemacht worden waren. Wollen wir hoffen, daß diese Anzeichen sich in konkrete Maßnahmen umsetzen lassen, die Rüstungsbeschränkungen
ermöglichen, auf die man sich wirklich verlassen kann und die
keine Farce sind.
Dies sind einige der Probleme, denen wir in der Zukunft
gegenüberstehen werden. Es sind Probleme, die wir nicht lösen
können, wenn wir unsere Augen ihnen gegenüber verschließen oder
wenn wir schwach, unsicher oder uneinig sind. Es sind Probleme,
denen wir beikommen können, wenn wir Vertrauen auf die Prinzipien unserer Charta haben, wenn wir gemeinsam uns für ihre An-

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Anwendung einsetzen und wenn wir bereit sind, für die Zukunft
genau so zu arbeiten und Opfer zu bringen, wie wir es bisher
getan haben.
Die Vereinigten Staaten verlangen von keinem Land, was
sie nicht selber zu tun bereit sind» Jedes Land, das sich in
seiner Haltung, und in seinen Handlungsweisen in der internationalen Politik nach den Grundsätzen der Charta richtet, darf
der vollen Unterstützung der Vereinigten Staaten sicher sein.
Es sei zugegeben, daß die Probleme, denen wir.uns gegenübersehen, nicht leicht und schnell zu lösen sind. Ehrliche
Meinungsverschiedenheiten kann es viele geben. Aber das Bestehen schwieriger ungelöster Probleme muß nicht schon an sich
eine Gefahrenquelle und Ursache für Feindseligkeiten sein,
wenn die Nationen an die gemeinsame Arbeit im Geiste der Charta
der Vereinten Nationen herangehen.
Es gibt eine außergewöhnlich einfache Methode, um jenem
Zustand ein Ende zu bereiten, den man als den "Kalten Krieg"
bezeichnet: Einhaltung der Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen, Abstandnahme von der Anwendung von Gewalt
oder Gewaltandrohung in den internationalen Beziehungen und
von der Unterstützung und Lenkung von Umsturzversuchen gegen
die Institutionen anderer Länder.
Wir brauchen nicht sieben Punkte, um den Kalten Krieg
beizulegen, dazu bedarf es nur dieses einen Punktes.
In diesem Geiste werden wir nach Genf gehen, und wir
hoffen, daß auch andere diesen Geist mit uns gemeinsam haben
werden.
Wenn dem so ist, dann werden wir dort neue Verfahrensweisen entwickeln, oder wenigstens einen neuen Auftrieb bekommen, mit deren Hilfe wir einige der riesigen und hartnäckigen uns gegenüberstehenden Probleme lösen können.
Wir werden in Genf nicht als eine Art Weltdirektorium
fungieren, das sich das Recht nehmen würde, das Schicksal anderer zu bestimmen. Aus einer solchen Einstellung heraus
kommen keine guten Lösungen. Wir werden vielmehr versuchen, so
vorzugehen, daß alle direkt betroffenen Nationen ihre jeweiligen Ansichten und Rechte voll geltend machen können. Mit
anderen Worten, wir werden versuchen, in die Genfer Konferenz
jenen Geist hineinzutragen, der aus dieser denkwürdigen Versammlung von 60 Nationen entstanden ist. Die Gedanken und
Empfindungen, denen hier Ausdruck gegeben wurde, können Kraft,
Entschlossenheit und die Treue zu den von den Gründern der
Vereinten Nationen aufgestellten Grundsätzen aufs neue entfachen.
Abschließend kann ich nichts Besseres tun als das Bekenntnis zu wiederholen, das der Präsident der Vereinigten Staaten
am Montag hier an dieser Stelle abgelegt hat:
"Wie die übrige Welt, so sind auch wir uns dessen bewußt,
daß die Eriedenssehnsucht einer Nation nicht durch irgendein
Rüstungswettrennen verwirklicht werden kann. Die Waffen des

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des Friedens sind Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, gegenseitiges
Verstehen und Achtung für die anderen.
Aus diesem Glauben und diesen Motiven heraus werden
die Vereinigten Staaten jedes Steinchen beachten, das in
das große Bauwerk des Friedens eingefügt werden kann.
Keine Maßnahme, und mag sie noch so neuartig sein, werden
wir ablehnen, die irgendwelche - und wenn auch nur schwache Hoffnung auf einen gerechten und dauerhaften Frieden zuläßt."

* # * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DEUTSCHLAND IN DER FREIEN WELT

BLOOMINGTON — (AD) •— Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs im US-Außenministerium, Robert Murphy, die dieser am
25. Juni 1955 anläßlich der Schlußsitzung der sechsten Jahreskonferenz für Außenpolitische Fragen an der Universität
von Indiana in Bloomington zum Thema "Deutschland in der
freien Welt" gehalten hat.

Es ist eine hohe Auszeichnung für mich, anläßlich dieser
im Zeitpunkt so richtig gewählten und instruktiven Konferenz
über Deutschland unter Ihnen weilen zu dürfen. Und eine noch
größere Freude bereitet mir mein Hiersein deshalb, weil ich so
meine Verbundenheit mit dem Herrn Vorsitzenden Doktor Wells;
erneuern kann. Es scheint nur natürlich und angebracht, daß
eine Konferenz über Deutschland uns jetzt hier zusammenführt,
denn Deutschland war es auch, dessentwegen wir damals zum ersten Mal zusammenkamen», Früher, während der militärischen Phase
der Besetzung, waren wir beide Berater unseres Freundes Lucius
Clay T Präsident Wells in kulturellen und ich in politischen
Fragen. Und Ihnen allen ist natürlich bekannt, daß damals Doktor Wells den Grundstein für unser erfolgreiches, auf weite
Sicht geplantes kulturelles Austauschprogramm mit Deutschland
legte.
Als er und ich noch Kollegen bei OMGUS waren, war das
"deutsche Problem" ganz offensichtlich eine Angelegenheit des
wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wiederaufbaus. In
die gleiche Zeit unseres Aufenthaltes in Deutschland fiel jedoch
auch der erste ernste Zusammenstoß mit den Sowjets, als wir ihre
Blockade der Stadt Berlin mit der Luftbrücke beantworteten. Es
war durchaus möglich, in jener Episode - wenn "es damals auch nu"r
wenige taten - den ersten großen Auftakt zu dem zu erkennen,
was heute in etwas beschönigender Form Kalter Krieg genannt
wird. Seither sind hinsichtlich Entwicklung und Fortschritt in
Deutschland wie auch in den deutsch-amerikanischen Beziehungen
phänomenale Erfolge erzielt worden. Ungeachtet von Grad und Ausmaß des Fortschrittes aber gibt es noch immer - und wahrscheinlich auch weiterhin - "ein deutsches Problem", obgleich seine

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seine Paktoren sich seit 1948 beträchtlich geändert haben.
Die Teilnehmer dieser Konferenz, die sich glücklich schätzen
können, daß die Zusammenkunft unter der Schirmherrschaft dieser
bedeutenden Universität stattfindet, sind, was den Zeitpunkt dle'ser Aussprache und die Behandlung aktueller Fragen anbelangt,
wegen ihres Fingerspitzengefühls für diese Dinge zu beglückwünschen.
Deutschland nimmt auf der liste der politisch vordringlichen
Probleme einen der ersten Plätze ein. Wieder einmal steht es im
Brennpunkt der Weltpolitik und internationalen Spannungen. Deutschland, das selbst geteilt ist, ist das Symbol für die Teilung
Europas und tatsächlich sogar der ganzen Welt. Und die Teilung
macht Deutschland zu einer Quelle ernster Spannungen. Diese Rolle
hat sich Deutschland nicht selbst ausgesucht; sie wurde einem
darniederliegenden Deutschland durch die internationalen Verhältnisse aufgezwungen. Am Vorabend der Genfer Konferenz ist es ermutigend, zu sehen, wie rasch die Teilnehmer dieser Versammlung
die elementaren Faktoren der deutschen Situation ihrem Wesen
nach erkannt haben und ebenso darum wissen, daß die Lösung des
deutschen Problems von dem verantwortungsbewußten Verhalten der
Großmächte abhängig ist.
Wenn man versucht, die wesentlichen Dinge dieser Konferenz
hier in Bloomington, so wie ich sie sehe, zu beurteilen, dann
ist es schwierig, einen gemeinsamen Nenner für die Vielzahl der
geäußerten Ansichten zu finden. Ganz gewiß sind diese Meinungen
das Spiegelbild eines starken Interesses der Öffentlichkeit. Und
ihre Vielfalt wiederum zeigt, wie umstritten das Konferenzthema
selbst ist. In gewisser Hinsicht ist die Auseinandersetzung typisch. John J. McCloy sagte einmal, Deutschland sei ein Land,
das zu stark positiven oder stark negativen Reaktionen herausfordere," es aber kaum zulasse, daß man ihm jemals mit Gleichgültigkeit oder gemischten Gefühlen gegenüberstünde.
Diskussionen wie die Ihren geben Vertretern der Regierung
eine wunderbare Gelegenheit, sich ein Bild von den auf gründlichem Wissen basierenden Ansichten privater Sachkenner und
interessierter Laien zu machen. Eine Meinungsforschung dieser
Art ist immer wichtig; und zu einer Zeit, in der die Regierung
möglicherweise in eine entscheidende internationale Diskussion,
über ein höchst umstrittenes Thema eintritt, ist eine solche
Meinungsforschung sogar lebenswichtig. Es ist gleichermaßen
dankenswert und ermutigend, zu wissen, daß das amerikanische
Volk sich ein lebhaftes und aktives Interesse am deutschen Problem
bewahrt hat - und daß dieses Interesse durch die Würdigung der
Probleme charakterisiert wird, die von wesentlicher, ja vielleicht
sogar weltweiter Tragweite sind.
Ihre Diskussionen haben immer wieder die Notwendigkeit betont, daß an die Lösung der Probleme mit einem Blick für die
Zukunft - und nicht nur aus der Rückschau - herangegangen werden
müsse. In der Vergangenheit haben viele von uns häufig eine die

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"AMERIKA DIENST"

die wahre Situation außer acht lassenden Neigung gezeigt, Deutschland im Lichte von Geschehnissen - guten wie bösen - zu sehen,
die ein für allemal erledigt sind. Das ist verständlich. Wir
müssen sogar eine Vollanalyse der Vergangenheit vornehmen, wenn
wir wirklichkeitsnahe sowohl hinsichtlich der gegenwärtigen als
auch der künftigen Zusamme nhänge urteilen wollen. Um jedoch an das
Thema Deutschland heute überhaupt herangehen zu können, müssen
wir uns bewußt sein, daß wir es mit einer ganzen Reihe von Einzelfakten zu tun haben.
Das erste Faktum dieser Art ist die deutsche Souveränität.
Sie bedeutet, daß die Bundesrepublik Deutschland wieder eine
eigene politische Rolle spielen kann. Daher ist es einfach ein
Gebot, daß wir sie nach ihren eigenen Handlungen, nicht aber
nach den Handlungen ihrer Vorgänger beurteilen. Ein gleichermaßen zwingendes Gebot ist es, daß wir der Bundesrepublik den
Status und das Ansehen zugestehen, das wir jedem anderen -souveränen Staat zuerkennen. Die Bundesrepublik ist nicht mehr länger
abhängig von der übrigen freien Welt. Sie steht jetzt auf eigenen
Füßen. Am 5. Mai dieses Jahres verzichteten die Vereinigten Staaten zusammen mit Großbritannien und Frankreich auf das Privileg
einer Besatzungsmacht, bei den internen Angelegenheiten der Bundesrepublik mitzureden. Wohl haben wir noch in einigen Dingen,
bei denen sich die Deutschen freiwillig damit einverstanden erklärt haben, die letzte Entscheidung, aber abgesehen davon steht
uns keinerlei Autorität über Deutschland mehr zu. Von nun an wird
die Bundesrepublik selbst handeln, und der Kurs ihrer Innen- und
Außenpolitik wird von ihrer gewählten Regierung bestimmt. Wir
haben uns dafür entschieden, dem neuen Deutschland Vertrauen entgegenzubringen, und wir haben genügend stichhaltige Beweise dafür, daß unser Vertrauen nicht fehl am Platze ist. Ohne den Rückhalt, wie er sich aus Instruktionen oder Ratschlägen unsererseits
ergäbe, hat Bundeskanzler Adenauer mit Festigkeit, Würde und
Klugheit auf die jüngsten sowjetischen Annäherungsversuche geantwortet. Ob und wann er nach Moskau geht, war und ist immer noch
ihm - und nur ihm allein •* überlassen. Aber was immer er tut,
dessen sind wir sicher, wird zum Besten nicht nur der Bundesrepublik gereichen, sondern im gemeinsamen Interesse aller freien
Nationen sein.
Die Freundschaft zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten ist die zweite Tatsache, die bei einer Erörterung des
Deutschland-Problems nicht aus dem Auge verloren werden darf. Durch
die Westeuropäische Union ist Deutschland in ein Partnerschaftsverhältnis mit sechs, und durch seinen Beitritt zur Nordatlantikpakt-Organisatlon in Bündnisbeziehungen zu 15 westlichen* Staaten also nicht etwa nur. den USA - getreten. Diese Partnerschaft schafft
in gewisser Hinsicht neue Verhältnisse, die sich grundlegend von
den früheren unterscheiden. Zum ersten Mal in der Geschichte sind
die Vereinigten Staaten und viele andere Nationen durch ein umfassendes Vertragswerk mit Deutschland verbunden. Darüber hinaus
baut sich das neue Verhältnis zu Deutschland auf dem Grundsatz
der Mehrseitigkeit und Gegenseitigkeit auf und nicht mehr auf
der einseitigen und schützenden Vormundschaftsstellung, wie sie
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sie im Besatzungsstatut begründet war. Dieses neue Verhältnis
brachte sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für die
Bundesrepublik Deutschland gewisse Rechte und Pflichten mit
sich.
Die Vereinigten Staaten beispielsweise sind verpflichtet,
die aktive Unterstützung des atlantischen Sicherheitssystems
fortzuführen, um das westliche Verteidigungssystem wirksam zu
machen. Sie sind auch durch die Drei-Mächte-Erklärung der USA,
Großbritanniens und Prankreichs aus dem Jahre 1950 gehalten,
einen "Angriff auf die Bundesrepublik oder West-Berlin oder
irgendeinen anderen Teil als einen Angriff auf sich selbst zu
betrachten". Diese Verpflichtungen hat Präsident Eisenhower
der Bundesrepublik und West-Berlin in einer förmlichen Erklärung bekräftigt.
Die Bundesrepublik ihrerseits ist gehalten, die gemäß
den Bestimmungen des Pariser Vertrages übernommenen Pflichten
zu erfüllen. Das bedeutet, wie Sie wissen, den Aufbau einer
schlagkräftigen Streitmacht als eines wesentlichen Bestandteils
der gemeinsamen Verteidigung der westlichen Nationen. Die Bedeutung eines deutschen Verteidigungsbeitrages ist nicht immer
voll erkannt worden - sowohl in Deutschland als auch in den
Vereinigten Staaten. Vielleicht ist es der Aufmerksamkeit vieler Leute entgangen, daß die Beteiligung Deutschlands für 3ie
Entwicklung eines den tatsächlichen Verhältnissen angepaßten
Systems der weit vorgeschobenen Verteidigung von entscheidender
Bedeutung ist. Deutschlands Beitrag und Deutschlands Mitarbeit
bedeuten größere Sicherheit vor allem für die Bundesrepublik,
aber auch für die westliche Welt. Die politischen und technischen
Schwierigkeiten und vor allem die psychologischen Probleme,
denen sich Jede um eine Anpassung der Gesellschaft und der
Wirtschaft an die Bedürfnisse der Verteidigung bemühte Regierung
gegenübersieht, werden allgemein verstanden. Wir sind aber
auch zutiefst beeindruckt und ermutigt durch die energischen
Bemühungen der Bundesregierung und der meisten politischen
Gruppen in Deutschland, eine Streitmacht zu schaffen, die d'er
straffen Kontrolle ziviler Instanzen untersteht. Es ist beruhigend zu wissen, daß die führenden Persönlichkeiten des
neuen Deutschlands unter allen Umständen entschlossen sind,
ein Wiedererstehen des alten Militarismus zu verhindern, durch
den das ganze Gebäude der Demokratie gefährdet werden würde.
Darüber hinaus werden die neuen deutschen Verteidigungsstreitkräfte ein Instrument im Dienste der kollektiven Sicherheit, nicht aber zur Verfolgung geheimer nationaler Ziele sein.
Umfang und Zweck dieser Streitmacht sind bekannt und klar definiert. Sie werden sich erinnern, daß Bundeskanzler Adenauer
in London, wo man die Grundlage für die Pariser Abkommen schuf,
freiwillig zwei Bedingungen auf sich nahm. Zunächst bestätigte
er eine bereits früher öffentlich abgegebene Erklärung, daß
Deutschland freiwillig auf das Recht verzichte, gewisse Arten
schwerer Waffen herzustellen. Dann verbürgte er sich dafür,
daß sein Land die im Vertrag über die Gründung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft festgelegten Begrenzungen der Rüstun-

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Rüstungen und der Land- und Luftstreitkräfte einhalten werde.
Des weiteren hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland
sich bereit erklärt, ihre Politik in Übereinstimmung mit den
Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen zu verfolgen,
niemals Gewalt anzuwenden, weder in ihren Bemühungen um die
Wiedervereinigung noch bei ihren Versuchen, eine Änderung der
gegenwärtigen Grenzen zu erreichen.
Die sich aus dem neuen Partnerschaftsverhältnis ergebenden
Rechte und Pflichten beschränken sich aber nicht nur auf das
militärische Gebiet. Es wird damit vielmehr bezweckt - was tiefere und dauerhaftere Auswirkungen haben wird -, allmählich neue
Gebiete der Zusammenarbeit zu erschließen, so daß sich unsere
Beziehungen immer mehr normalisieren und die Bande der Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern immer fester geknüpft
werden. In einem gewissen Sinne ist 'das kein völlig neues Beginnen. Diese Entwicklung zu einer engeren Verbindung begann 1
bereits vor einiger Zeit. Unser Abkommen über den kulturellen
Austausch sowie der jüngst abgeschlossenen Freundschafts-, Handels- und Schiffahrtsvertrag sind wichtige Meilensteine auf dem
Wege zu einer Normalisierung der Beziehungen. Denn tatsächlich
ist dieses neue Partnerschaftsverhältnis weT.t mehr als das
Ergebnis rechtsverbindlicher Dokumente, in denen die Rechte und
Pflichten beider Parteien aufgeführt sind. Es ist in Wahrheit
vielmehr Ausdruck eines Gefühls der Freundschaft zwischen unseren Völkern und Regierungen und Höhepunkt eines sich über die
vergangenen zehn Jahre erstreckenden Prozesses der Verständigung.
Die dritte Tatsache, die wir nicht vergessen dürfen, heißt:
Deutschland hat sich gewandelt. Die Bundesrepublik ist nicht
das Zweite Reich; sie ist nicht die Weimarer Republik; sie ist
nicht das Dritte Reich. Und sehr wahrscheinlich wird man das
Deutschland des Jahres 1960 auch nicht mit der Bundesrepublik
vergleichen können. Deutschland ist kein stagnierendes Land.
Es entwickelt sich, und zwar in raschem Tempo - und ich benutze
das Wort "entwickeln" in der Bedeutung des Reifens. Politisch,
wirtschaftlich und gesellschaftlich ist es weit von dem Deutschland der Weimarer Republik entfernt - ganz zu schweigen vom
Deutschland des Zweiten oder Dritten Reiches.
Gestatten Sie mir einige persönliche Bemerkungen. Ich erlebte selbst, mit welchen Schwierigkeiten die Weimarer Republik
zu kämpfen hatte. Ich war von 1921 bis 1925 als junger Konsul
in München. Damals kämpfte jene unter einem schlechten Stern
stehende Republik um ihr Dasein. Und schon damals war sie vom
Untergang gezeichnet. Die Weimarer Republik wurde das Opfer von
Inflation, Massenarbeitslosigkeit, Bitterkeit und Ressentiments
wegen des verlorenen ersten Weltkrieges und der starken Opposition der einflußreichen Gruppen des Landes, der Konservativen,
Imperialisten und Militaristen. Unruhen, gewaltsame Demonstra-'
tionen, Unzufriedenheit kennzeichneten jene Zeit. Ich war in
München, als Hitler seinen mißglückten Putsch versuchte - und
als er seine erzwungene Ruhepause in Landsberg dazu benutzte,
sein Buch "Mein Kampf" zu schreiben.
Die ganze Welt kennt den geradezu phänomenalen wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik« Und die Wahlen zum

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29. Juni 1955

zum Bundestag vom Jahre 1953 sowie die nachfolgenden Länderund Kommunalwahlen sollten selbst die größten Skeptiker von der
politischen Stabilität des neuen Deutschlands überzeugt haben.
Die radikalen Splittergruppen konnten im Bundestag nicht einen
einzigen Sitz gewinnen. Wie es sich gehört, gibt es auch eine
Opposition, in der aber - im Gegensatz zur Opposition der Weimarer Republik - treue Anhänger der demokratischen Grundsätze,
der Bürgerrechte und der Redefreiheit vereint sind.
Der wirtschaftliche Wohlstand, die politische Stabilität,
die Orientierung nach dem Westen hin und die Entschlossenheit,
den Frieden zu erhalten, dies sind die Garantien, die viele von
uns suchen, wenn sie dem Gedanken einer Wiederbewaffnung Deutschlands nähertreten. Wenn die Bemühungen der gegenwärtigen Regierung von Erfolg gekrönt sein werden - und es gibt nichts, was
auf das Gegenteil schließen ließe -»dann, wird es für die neu zu
schaffende Armee keine Möglichkeit geben, sich als Staat im
Staate abzukapseln. Die Bevölkerung der Bundesrepublik blickt
in die Zukunft und zeigt wenig Neigung, der Vergangenheit nachzuhängen. Aber sie hat ihre Lehren aus der Geschichte der Vorgänger der Bundesrepublik gezogen, die ihr gezeigt haben, wie man
es nicht machen soll.
Es liegt mir fern, unterstellen zu wollen, daß zwischen dem
Deutschland von heute und dem Deutschland von gestern überhaupt
keine Ähnlichkeit mehr besteht, doch sind die Unterschiede eindrucksvoll und grundsätzlicher Natur. Und noch ist der Prozeß
der Wandlung und des Aufstiegs nicht abgeschlossen. Die Deutschen
sind die ersten, die diesen Wandel zum Besseren bestimmten von
außerdeutschen Kreisen ausgegangenen und auf Deutschland wirksamen
Einflüssen zuschreiben. Unter diesen nennen sie die von General
Clay und seinen britischen und französischen Kollegen im Jahre
1948 veranlaßte Währungsreform, die Marshallplan-Hilfe, den
McCloy-Fonds und den kulturellen Austausch als die Faktoren,
die am meisten zu ihrem Wiederaufstieg und ihrem Wohlstand beigetragen haben. Daß sie so denken, erfüllt uns mit Genugtuung.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, daß die Wirksamkeit
der von uns bereitgestellten Hilfe in hohem Maße der klugen
und gewissenhaften Verwendung seitens der Deutschen sowie ihrem
elementaren Wunsch zu verdanken ist, auf zahlreichen wichtigen
Gebieten des öffentlichen Lebens echte und gründliche Reformen
durchzuführen.
Und da ist noch ein Element, vielleicht das dramatischste
und wahrhaft revolutionäre, das die veränderte Lage kennzeichnet.
Ich meine die allmähliche Wiederannäherung zwischen Frankreich
und Deutschland. Diese Entwicklung befindet sich verständlicherweise noch in einem Anfangsstadium. Doch hat sie bereits greifbare und sehr ermutigende Ergebnisse gezeitigt. Die Montan-Union
war der Anfang dessen, was,wie wir alle hoffen, eine Ära immer
engerer Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Nationen sein wird;
die Westeuropäische Union stellt einen weiteren wichtigen Schritt
auf dem Wege zu einem echten und dauernden Zusammenschluß dar.
Denn es ist zweifellos eine Binsenwahrheit, daß sich die euro-

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29. Juni 1955

europäische Einheit entweder auf die deutsch-französische Verständigung gründen muß - oder daß sie niemals geschaffen werden
wird.
Die vierte Tatsache, die überdies die drei anderen gelegentlich überschattet, ist die Teilung Deutschlands und das Gefahrenpotential, das sich bis zu einem gewissen Grad aus dieser Teilung
für Europa und die außereuropäischen Länder ergibt. Es ist dies
nicht das erste Mal, daß Deutschland eine Quelle der Spannungen in
Europa darstellt und das Gleichgewicht der Kräfte in der Welt bedroht. Früher aber war es Deutschland, das sich die Rolle des
Friedensstörers selbst gewählt hat. Heute ist Deutschland das
unglückliche Opfer äußerer Kräfte, oder, um es ohne Umschweife
zu sagen, ein Opfer sowjetischer Strategie und Taktik. In
Potsdam im Sommer 1945 bekannte sich unser Verbündeter aus der
Kriegszeit nur scheinbar zu dem Übereinkommen, daß das deutsche
Volk einheitlich behandelt und die vier Besatzungszonen als eine
wirtschaftliche Einheit angesehen werden sollen.
Die Tätigkeit des Alliierten Kontrollrats, der sich aus den
Militärgouverneuren der vier Besatzungszonen zusammensetzte, war
durch die Unnachgiebigkeit und das Veto der Sowjets bald gelähmt.
Die Sowjets legten gegen alle Maßnahmen, die aus Deutschland eine
•wirtschaftliche Einheit machen sollten, ihr Vet.o ein; sie verletzten das Potsdamer Abkommen.
Die Ziele, die wir bezüglich Deutschlands hatten, standen
von Anfang an nicht mit den sowjetischen Absichten im Einklang.
Schon ein Jahr nach Schaffung des Organs für eine Vier-MächteVerwaltung in Deutschland war es offensichtlich, daß die Westmächte ein Deutschland anstrebten, das auf eigenen Füßen zu stehen
vermochte, während die Sowjetunion an der Ausbeutung der deutschen
Industrie, der deutschen Landwirtschaft und der deutschen Arbeiterschaft zum Vorteil der UdSSR interessiert war. Das' Ziel des Kreml
bestand und besteht zweifellos auch heute darin, Gesamtdeutschland in den sowjetischen" Machtbereich einzubeziehen.
Im Laufe der zweiten Sitzungsperiode des Außenministerrates
der vier Besatzungsmächte in Paris im Sommer 1946 umriß Außenminister James F. Byrnes sehr deutlich den wahren Charakter der
Vier-Mächte-Kontrolle Deutschlands. Er erklärte, daß die Vereinigten Staaten nicht gewillt seien, die Verantwortung für die
Lähmung der Wirtschaft und die Leiden, die sich aus einer Fortsetzung der Verwaltung Deutschlands "in vier hermetisch abgeschlossenen Zonen" ergäben, mit zu übernehmen. Er forderte die
drei übrigen Mächte auf, ihre Besatzungszonen mit der amerikanischen Zone zu einer wirtschaftlichen Einheit zusammenzuschließen.
Im September 1946 hielt Außenminister Byrnes in Stuttgart eine
Rede, die in ganz Deutschland durch Rundfunk übertragen wurde und
die dem deutschen Volke Hoffnung und neuen Mut gab. In dieser Rede
entwickelte er ein konstruktives Wirtschaftsprogramm für Deutschland und .wies erneut darauf hin, daß nur ein drastisches im ganten
Lande einheitlich durchgeführtes Finanzreformprogramm eine zum
Ruin führende Inflation verhindern könne.
Das war ein Wendepunkt für Deutschland und für Europa, und
es war der Anfang vom Ende der Vier-Mächte-Verwaltung Deutsch-

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29- Juni 1955

Deutschlands. Die Westmächte führten nicht nur in ihren Zonen,
sondern auch in den westlichen Sektoren der Stadt Berlin die
Währungsreform durch. Die Sowjets antworteten mit der Blockade
- und unsere Erwiderung hierauf war die Duftbrücke.
Mit England, Frankreich und den Vereinigten Staaten als
Verwaltungsmächten beschritt Deutschland den Weg zur Unabhängigkeit und zum Wiederaufstieg. Am 21.September 1949 wurde die
Bundesrepublik Deutschland errichtet, die Militärregierung
wich der Zivilverwaltung der Alliierten Hochkommission. Die
Bundesrepublik hatte ihren Start in bewegten Zeiten, doch hielt
sie stetig Kurs auf Souveränität und Freiheit.
Nur wenige Tage später, am 7«Oktober, setzten die sowjetischen Behörden in der Ostzone durch militärischen Befehl
eine deutsche Marionettenregierung ein und verkündeten, daß
diese sogenannte "Deutsche Demokratische Republik", zu deren
Errichtung nicht einmal eine ordentliche Wahl abgehalten worden war, der legitime Sprecher des deutschen Volkes sei.
Deutschland war politisch, wirtschaftlich und territorial
geteilt. Der Eiserne Vorhang war heruntergelassen worden, der
17 Millionen Deutsche in der Sowjetzone von ihren Verwandten
und Freunden trennte und sie der Unterdrückung durch einen
sowjetisch-beherrschten Polizeistaat preisgab.
Seit dieser Zeit haben die Vereinigten Staaten unaufhörlich eine Politik verfolgt, deren Ziel stets die Wiedervereinigung Deutschlands auf friedlichem Wege war. Großbritannien und
Frankreich haben sich dem wiederholten Ersuchen unserer Regierung an die Sowjetunion angeschlossen, in eine Wiedervereinigung auf der Grundlage freier demokratischer Wahlen einzuwilligen. Bis zum heutigen Tage hat die Sowjetunion es stets
abgelehnt, einer Wiedervereinigung auf einer Basis zuzustimmen,
die für Deutschland und die drei westlichen Nationen annehmbar
gewesen wäre. Während die Vereinigten Staaten sich bemühten,
Mittel und Wege für eine friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zu finden und für den Anschluß der Bundesrepublik an
den Westen eintraten, hat die Sowjetunion das Problem der
Wiedervereinigung als politische Eombe oder auch zeitweise
als politisches Tauschobjekt behandelt. Wir alle wissen, mit
welchen Mitteln die Sowjetunion bis zum bitteren Ende gegen
die Ratifizierung der Pariser Verträge kämpfte, wie sie mit
Drehungen und Versprechen versuchte, die Ratifizierung der
Verträge durch die Bundesrepublik zu verhindern. "Wenn Ihr
die Verträge ratifiziert", so wurde der Bundesrepublik bedeutet, "so werdet Ihr nie wieder mit Euren Brüdern aus der
Deutschen Demokratischen Republik vereint werden". "Lehnt die
Verträge ab, und der Weg zur Wiedervereinigung und zu freien
Wahlen ist offen", lautete die zweite Parole. Trotz dieses
Propaganda-Feuers hat die Bundesrepublik die Verträge ratifiziert und sich mit dem Westen zusammengeschlossen zum Zwecke
der gemeinsamen Verteidigung und im Interesse der Sicherheit
und des Wohlergehens der freien Welt.
Da die Ratifizierung der Verträge gleichbedeutend mit
ihrem Inkrafttreten war, hat die Weltöffentlichkeit aufmerk-

�"AMERIKA DIENST"

29- Juni 1955

aufmerksam gewisse Anzeichen für einen Kurswechsel der Sowjetunion verfolgt. Und man ergeht sich vielfach in Mutmaßungen
darüber, ob es eine Wandlung ihrer Taktik, ihrer Strategie
oder ihrer inneren Haltung ist. Die Nachgiebigkeit der Sowjets
im Falle des österreichischen Staatsvertrags nach den vielen
erfolglosen Verhandlungen hat die Hoffnung aufkommen lassen,
daß die Sowjets wirklich an einer Entspannung interessiert
sind. Außenminister Molotows Bemerkung anläßlich der Unterzeichnung des österreichischen .Staatsvertrages, die Sowjetunion werde die Neutralität Deutschlands und das Abrücken der
Bundesrepublik von den Pariser Verträgen als Preis für die Wiedervereinigung Deutschlands fordern, gab Anlaß zu neuen Mutmaßungen. "Können wir angesichts des so natürlichen und tiefverwurzelten Verlangens der Deutschen nach Wiedervereinigung",
so fragen sich viele, "von ihnen erwarten, daß sie das sowjetische Angebot ausschlagen?"
Die Antwort auf diese Frage lautet: ja, das können wir.
Lassen Sie mich an dieser Stelle die Antworten zitieren, die
Außenminister Dulles der Presse am 24.Mai gegeben hat, als man
ihn fragte, welche Politik unser Land in der Frage der Neutralität Deutschlands verfolge:
"Nach Ansicht der Vereinigten Staaten kann ein Land wie
Deutschland keine Neutralitätspolitik verfolgen. Bei einem kleinen Land wie Österreich mit 7 Millionen Einwohnern kann man gut
und gerne über Neutralität sprechen. Aber ich glaube nicht, daß
irgend jemand ernstlich glaubt, das 70-Millionen-Volk der
Deutschen sei dazu bestimmt, die Rolle eines neutralen Landes
zu übernehmen."
Wichtiger als unsere Stellungnahme hinsichtlich einer Neutralität Deutschlands ist die Frage, wie sich die Deutschen selbst,
nachdem nun die Bundesrepublik ein souveräner Staat ist, zu diesem Problem stellen. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß die
deutsche Wiedervereinigung aufs engste mit dem so ernsten Problem
der Abrüstung verknüpft ist. So sagte der'deutsche Botschafter
in Amerika, Dr. Krekeler, erst neulich: "Wir wissen, daß eine
weltweite Beilegung der gegenwärtigen Spannungen zwischen West
und Ost die besten Aussichten auf eine Wiedervereinigung Deutschlands bietet." Und er fuhr fort: "Aber wir wissen auch, daß wir
eine Wiedervereinigung nicht zu einem Preis oder unter Bedingungen versuchen dürfen, die unsere Sicherheit gefährdet". Dr.Krekeler schloß seine Ausführungen mit den Worten: "Wir können daher
unmöglich Plänen zustimmen, die die Neutralisierung Deutschlands
vorsehen." Diese Rede hielt Dr.Krekeler unmittelbar nach seiner
Rückkehr von einer wichtigen Besprechung mit Bundeskanzler Adenauer.
Und Bundeskanzler Adenauer selbst formulierte auf einem Presseempfang, der ihm zu Ehren am 14.Juni in Washington gegeben wurde,
seine Politik wie folgt: "In den vergangenen Wochen war die Rede
davon, daß wir Deutschen bereit sein könnten, unsere Partnerschaft
mit dem Westen und die von uns übernommenen Verpflichtungen wieder
preiszugeben. Als Antwort darauf kann ich Ihnen nachdrücklichst versichern - Deutschland wird seine Verpflichtungen einhalten. Außerdem", so fuhr der Kanzler fort, "ist über die Frage der Neutralität
oder Neutralisierung gesprochen worden...Meiner Meinung nach würde
die Neutralität oder Neutralisierung Deutschlands es der Sowjetunion in verhältnismäßig kurzer Zeit erlauben, ihre Macht über ganz
Westeuropa auszudehnen. Ich glaube nicht, daß die USA dies wünschen würden."
- 9 Ich

�29. Juni 1955

"AMERIKA DIENST"

Ich glaube, immer weitere Kreise verstehen, welch weitreichende.. Folgen diese tragische Teilung Deutschlands hat. Es ist
unschwer zu erkennen, daß diese Teilung ein Element der Unsicherheit und Ungewißheit in die ganze Welt gebracht hat. Jeder von
uns kann verstehen, daß sie für viele Tausende deutscher Familien,
die grausam auseinandergerissen wurden, unendliches Leid bedeutete.
Und man braucht kein Psychologe zu sein, um voraussehen zu können,
daß fortgesetzte Teilung leicht nationalistische Gefühle und irredentistische Bestrebungen wachrufen kann. Aber es ist beruhigend
zu wissen, daß die Parteien, die Bundeskanzler Adenauer unterstützen, und die Mehrheit des deutschen Volkes nicht beabsichtigen,
das eine oder andere ihrer neuen Bündnisse mit dem Westen gegen
trügerische Versprechungen einzuhandeln.
Unsere eigene Haltung in der Frage der Wiedervereinigung
Deutschlands ist bereits klar definiert worden. Wir haben die
Deutschen in ihrer Entschlossenheit, einen auf der Zerstückelung
ihres Landes basierenden status quo nicht zu akzeptieren, voll
unterstützt.NIn der Tat haben wir Amerikaner niemals großen
Respekt vor der-Unumstößlichkeit dieses status quo gehabt. In
diesem Fall ist ein status quo sowohl aus politischen wie auc'h
aus menschlichen Gründen nicht akzeptabel. Für uns ist die Teilung Deutschlands weit mehr als nur das Symptom einer Krankheit,
die die ganze Welt befallen hat. Man kann nicht direkt sagen, daß
sie die Ursache ist, aber dieses unnatürliche Verhältnis trägt
dazu bei, daß die internationalen Spannungen anhalten und noch
intensiviert werden. Einsicht, Eigeninteresse und auch unsere
Sympathie für das deutsche Volk verlangen daher die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Und wir werden in unseren Bemühungen fortfahren, gemeinsam mit der Bundesrepublik und unseren
westeuropäischen Alliierten eine Lösung für dieses Problem zu
finden.
Da die Teilung Deutschlands einer der Faktoren des derzeitigen Dilemmas der Weltpolitik ist und kein isoliertes Problem
darstellt, dürfte es unserer Überzeugung nach sehr wohl möglich
sein, daß eine Lösung eher im Zusammenhang mit der internationalen politischen Lage zu finden ist, als wenn wir es isoliert
behandeln.
Wir sind uns alle klar darüber, daß man in der ganzen Welt
Entspannung und dauernden Frieden wünscht. Wie Präsident Eisenhower bereits das Versprechen gegeben hat, werden wir alle unsere
Kräfte auf die Erreichung dieser Ziele konzentrieren. Doch werden
wir jeden Versuch zur Lockerung der Spannungen entschieden zurückweisen, der auf dem Fortbestand der zur Zeit in der Welt herrschenden Ungerechtigkeiten und Gefahren, einschließlich der Teilung Deutschlands, basiert. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß
weder die Wiedervereinigung Deutschlands noch die Lösung irgendeiner anderen wichtigen Frage auf Kosten der Einheit und Stärke
des Westens erreicht werden soll oder kann. Nachlassen der Spannung bedeutet nicht Nachlassen in der Wachsamkeit oder in unseren
Bemühungen. Im Gegenteil, es bedeutet e'ine Fortsetzung der An- 10 -

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"AMERIKA DIENST"

Anstrengungen, bis wir genau wissen, ob die gegenwärtigen Manöver
der Sowjets ein Zeichen dafür sind, daß sie ihre Ziele geändert
haben - oder ob sie lediglich eine andere. Taktik betreiben.
Und was die Zukunft angeht - nun, prophezeien ist immer ein
undankbares Geschäft. Es gibt sicherlich stichhaltige Gründe dafür, daß man erwartet, die Bundesrepublik Deutschland werde auch
weiterhin ein zuverlässiger Partner und Verbündeter sein. Diese
Erwartung basiert auf der Entwicklung Deutschlands seit Kriegsende, dem Denken und Trachten des deutschen Volkes und den Fähigkeiten der führenden Persönlichkeiten Nachkriegsdeutschlands. Wir
haben allen Grund zu glauben, daß Deutschland - wenn man ihm eine
faire Chance gibt -.geleitet durch die weise Politik einer allmählichen Entwicklung auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet, wie der Bundeskanzler sie vertritt, zum Segen des deutschen
Volkes und der freien Welt auf dem bisherigen Wege des Erfolges
voranschreiten wird.
In diesen Wochen scheint eine Diskussion ohne Bezugnahme
auf die bevorstehende Konferenz der Regierungschefs in Genf unangebracht zu sein.Natürlich werden dort wichtige Fragen von
weittragender Bedeutung behandelt werden. Es besteht der Wunsch,
eine peinlich einzuhaltende Tagesordnung zu vermeiden. Zweifellos
wird eine ganze Reihe strittiger Fragen erörtert werden. Es wäre
überraschend, wenn das Deutschlandproblem nicht dazu gehörte.
Die bevorstehende Konferenz wird hoffentlich eine Art Prüfstein dafür sein, ob und wie weit die offensichtliche Wandlung
der russischen Haltung in jüngster Zeit echt ist. Vielleicht wird
die Konferenz uns die Absichten der Sowjets enthüllen, wenn
selbst die Gespräche sich darauf beschränken, zunächst einmal
die bestehenden Probleme klar herauszuarbeiten, um dann später
an ihre Lösung gehen zu können. Dies wird eine ganze Reihe von
Besprechungen auf verschiedenen Ebenen erfordern, die sich über
längere Zeit hinziehen dürften.
Was uns und unsere Verbündeten anbelangt, so treten wir
nunmehr, da die Einheit des Westens nicht mehr eine bloße Hoffnung, sondern Wirklichkeit ist, den Sowjets in Genf aus einer
sehr viel günstigeren und angenehmeren Position der Stärke gegenüber.
Wir können es uns leisten, sowohl Geduld zu zeigen als auch
mit Entschiedenheit aufzutreten. Wir haben es gelernt, in diesen
Dingen vorsichtig zu sein. Nach all diesen Jahren, in denen wir
unsere Erfahrungen sammeln konnten, wäre es außerordentlich unklug von uns, wollten wir uns zu unrealistischen Erwartungen verführen oder zu unbedachten Schlußfolgerungen oder gar Taten hinreißen lassen.
Vielleicht erinnern Sie sich einer außerordentlich interessanten Äußerung Bundeskanzler Adenauers, die dieser vorige Woche in
Harvard machte. Sie regt zum Nachdenken an. "Ich meine", sagte
unser hochverehrter Gast, "der Westen sollte bei den bevorstehenden
Konferenzen vor allem eines im Auge behalten: den Menschen im
- 11 -

�29. Juni 1955

"AMERIKA DIENST"

im Westen ist die Zeit wichtig, darum sind sie ungeduldig und
drängen auf sofortige und sichtbare Erfolge. Den Russen hingegen
gilt die Zeit nichts} sie sind lediglich am Raum, nicht an der
Zeit interessiert. Insofern sind sie bei Verhandlungen, die ihrem
Wesen nach höchst kompliziert sind, entschieden im Vorteil. Meiner
Meinung nach kann der Westen gar nicht genug Geduld haben."
Das ist ein kluger Rat. Wir werden ihn befolgen. Und lassen
Sie mich noch sagen, daß es ein beruhigendes Gefühl ist, Bundesgenossen wie Kanzler Adenauer zu haben, dessen staatsmännische
Fähigkeiten ein wesentlicher Paktor bei der Festigung unseres
Bündnisses mit der Bundesrepublik Deutschland sein werden.
* * * * *

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DER FRIEDEN ERFORDERT STÄNDIGES HANDELN
CHICAGO - (AD) - Im folgenden übermitteln wir den Wortlaut einer Rede, die
Harold E. Stassen, der Beauftragte Präsident Eisenhowers für Abrüstungsfragen,
am 8.Juli 1955 in Chicago vor dem Amerikanischen Lehrerverband gehalten hat.

Frau Präsident, verehrte Mitglieder und Gäste des
Amerikanischen Lehrerverbandes I
Der intelligente junge amerikanische Matrose von der Flotte
Admiral Halseys, der alle seine Kameraden verloren hatte und nun
ohne Beine und mit verbundenen Armen in seinem Bett im Lazarett
lag, sah mir fest in die Augen und fragte: "Herr FregattenKapitän, warum kann die Menschheit nicht den Weg zum Frieden
finden?"
Nie werde ich diese Szene, diese Worte vergessen. Immer
werde ich sie im Gedächtnis behalten - nicht nur wegen ihrer
momentanen intensiven Wirkung, sondern weil mir die gleiche
Empfindung in verschiedener Form, in vielen Sprachen und bei
den verschiedensten Anlässen in der ganzen Welt begegnet ist»
Ich denke an eine Polin, die müde und abgehärmt in den
Ruinen Warschaus stand und sagte: "Werden wir jetzt endlich
einem dauerhaften Frieden entgegengehen?"
Ich denke an das französische Waisenkind in der kleinen
Schule am Stadtrand von Paris: "Ich habe genug vom Krieg gesehen. Ob ich mein weiteres Leben in Frieden leben kann?"
Der russische Arbeiter an der Werkzeugmaschine in einer
Fabrik tief im Ural hat nur den einen Wunsch: "Ohne Frieden
kann nichts Gutes zustande kommen."
Und der deutsche Kriegsblinde in den Straßen von Berlin:
"Warum kann jetzt nicht wenigstens hundert Jahre Friede sein?"
Die Menschheit hat gerade jetzt in ihrer ganzen uns bekannten Geschichte die beste Gelegenheit, den Weg des Friedens
zu finden und auf ihm voranzuschreiten. Und die amerikanischen
Lehrer können hier in unserem Land mehr tun als die Angehörigen
irgendeines anderen Berufes, um die Friedensaussichten zu -verbessern.
Warum
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

13. Juli 1955

Warum sage ich das? Weil die Erhaltung des Friedens eine
nicht abreißende Folge von Entscheidungen und Handlungen verlangt,
die in unserer großen Demokratie nur vom ganzen Volk getragen
werden können, einem Volk, das in seinen Bildungsanstalten an das
Wissen und Verständnis der kulturellen Entwicklung der Menschheit
herangeführt und im Geist der Verständigung erzogen wird.
So nahm ich auch Ihre freundliche Einladung an, heute vor
Ihnen zu sprechen, um erstens den amerikanischen Lehrern meine
Hochachtung und Anerkennung aussprechen und Ihnen dann meine Ansichten zu den Grundprinzipien vortragen zu können, die das Verlangen nach Frieden, Freiheit, Sicherheit und wirtschaftlichen
Wohlstand mit sich bringt.
Die Rüstung steht natürlich in untrennbarer Beziehung zu
Frieden und Krieg. Rüstungen dienen dazu, den Frieden zu brechen
und kriegerische Auseinandersetzungen zu führen. Aber Rüstungen
dienen auch dazu, den Frieden zu erhalten und Kriege zu verhindern.
Viele Male in der Geschichte führte ein Wettrüsten schließlich
zu einem Massensterben und zur Vernichtung. Und in zahlreichen
anderen Fällen in der Geschichte erweckte die Schwäche der Rüstung
der einen Seite die Angriffslust der anderen Seite, was dann das
Ende des Friedens bedeutete.
Aber die Rüstungen sind allein niemals die einzige Ursache
des Krieges, und ihre Kontrolle und Begrenzung geben keine vollständige Garantie für den Frieden. Wachsende Spannungen zwischen
den Völkern über Meinungsverschiedenheiten in wirtschaftlichen
oder politischen Fragen führen häufig zur Intensivierung der
Rüstung. Zunehmende Waffenstärke wiederum vermehrt die internationalen Spannungen. Man sollte in den Rüstungen sowohl Ursache
als auch Wirkung sehen.
Der erstaunliche Fortschritt der Wissenschaft auf dem Gebiet
der Kernphysik hat eine neue und furchtbare Dimension in die Frage
von Frieden und Krieg gebracht.
Die Wissenschaft hat mit ihren Entdeckungen nunmehr den Punkt
erreicht, an dem eine einzige Bombe, die in einem kleinen zweioder viermotorigen Flugzeug transportiert werden kann, genügt,
um ein großes Gebiet völlig zu zerstören.
Die gleiche Menge kernreaktiven Materials, das zur Herstellung dieser einen Bombe nötig ist, würde genügen, den Lichtund Strombedarf einer großen Stadt für mehrere Jahre zu decken.
Das Wissen um die aufbauenden wie auch die vernichtenden
Kräfte der Atomenergie gewinnt in der ganzen Welt immer mehr an
Boden. Man kann dieses Wissen nicht einfach rückgängig machen
und leugnen. In vielen Gebieten in der ganzen Welt sind Vorkommen
des Erzes entdeckt worden, das das Ausgangsmaterial für die Gewinnung der Atomenergie bildet, und jedes Jahr werden neue Lagerstätten entdeckt.
Diese Fortschritte der Nuklearwissenschaft lassen
keit eines Krieges in einem noch grauenvolleren Lichte
als dies je der Fall gewesen ist. Aber so seltsam dies
so sind doch zur gleichen Zeit auch die Aussichten auf
erhaften Frieden günstiger geworden.

die Möglicherscheinen,
klingen mag,
einen dauZum

�"AMERIKA DIENST"
13. Juli 1955
Zum ersten Mal in der Geschichte müßten sich also die Völker und die führenden Politiker jedes Landes, wenn sie schon
den wahren Sachverhalt kennen, ohne Rücksicht auf die bei ihnen
herrschende Regierungsform darüber im klaren sein, daß sie sicherlich viel mehar durch einen von ihnen vom Zaune gebrochenen Krieg
zu verlieren denn zu gewinnen hätten. Gleichzeitig müssen sie erkennen, daß ihnen aus konzentrierten eigenen wirtschaftlichen
Anstrengungen größere Erfolge erwachsen werden als aus dem Versuch, sich die Besitztümer anderer Nationen mit Gewalt anzueignen.
Die Anwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken hat
viele pessimistische Ankündigungen aus früheren Jahrzehnten ins
Reich der Utopie verwiesen. Die Vorhersage bezüglich einer die
ganze Welt umfassenden Lebensmittelknappheit ist nicht eingetroffen, weil die Ergebnisse der Atom- und Nahrungsmittelforschung zu einer Ausweitung der Produktionskapazität geführt
haben. Die Befürchtungen, daß eine. Verknappung an Kohle und
Erdöl eintreten könne, verlieren angesichts dieser neuen Energiequelle mit allen ihren friedlichen Nutzungsmöglichkeiten ihren
Schrecken.
Wie auf anderen Gebieten, so hat der Präsident der Vereinigten Staaten, Dwight D. Eisenhower, auch bei der Entwicklung von
Möglichkeiten zur friedlichen Verwendung der Atomenergie in beredter Weise und als leuchtendes Vorbild eine führende Rolle
übernommen. Seinem Initiativ-Vorschlag vor der Vollversammlung
der Vereinten Nationen am 8.Dezember 1953 folgten festumrissene
Pläne, wie man das Wissen und die Bereitschaft zur friedlichen
Nutzung dieser neuen Entdeckung verbreitern und vergrößern könne.
Einunddreißig Wissenschaftler aus 19 Nationen besuchen gegenwärtig einen Kursus über die friedliche Nutzung der Atomenergie,
der von der Atomenergiekommission in den Argonne-Laboratorien
in der Nähe von Chicago abgehalten wird. Des weiteren wurden
Abkommen mit 26 Ländern über eine Zusammenarbeit bei der Errichtung von Forschungsreaktoren zur Gewinnung von Atomenergie
zu friedlichen Zwecken abgeschlossen. Im nächsten Monat wird
in Genf eine internationale Konferenz über das gleiche Thema,
die friedliche Nutzung der Atomenergie, stattfinden.
Parallel zu dieser-Entwicklung hat der amerikanische Außenminister, John Poster Dulles, sich unermüdlich und mit großem
Geschick um eine internationale Entspannung und eine Verminderung
der Kriegsgefahr bemüht. Schritt für Schritt wurden mit einmütiger Unterstützung beider Parteien unter Führung von Senator Walter
George Abkommen über die Beendigung des Kriegszustandes in Korea, •
zur Förderung der kollektiven Sicherheit in Südostasien, zur
Befreiung Österreichs und zum Aufbau der Stärke der freien Welt
abgeschlossen.
In wenigen Tagen schon werden der Präsident und der Außenminister nach Genf abreisen, um dort an der Konferenz der Regierungschefs der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs und der
Vereinigten Staaten teilzunehmen. Sie werden begleitet von den
Hoffnungen und guten Wünschen aller Amerikaner und der ganzen
Menschheit.
Dieser Konferenz kommt große Bedeutung zu, aber die Menschen sollten sich der Tatsache bewußt sein, daß der Weg zum

�"AMERIKA DIENST"

13. Juli 1955

Niemand sollte die Schwierigkeiten und Gefahren unterschätzen.
Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen.
Aber ebenso wenig dürfen wir uns einem Gefühl der Hoffnungslosigkeitoder dem Zynismus hingeben.
Die Lehrer unseres Landes sind von entscheidender Bedeutung
für die Vereinigten Staaten. Aber Jeder muß seinen Teil Verantwortung tragen. Journalisten, Schriftsteller, Juristen, Arbeiter,
Bankiers, Bauern, Mütter, Väter - sie alle müssen sich in ihrem
Denken dem Atomzeitalter anpassen und ihren Anteil an den Entscheidungen unseres Volkes vor Eintritt in das Zeitalter der Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken selbst tragen.
Ein über alle Dinge informiertes Volk, das Säbelrasseln
und Muckertum gleichermaßen ablehnt und seinen Kurs beherrschten
Mutes und aufrechter Stärke verfolgt, wird die Chancen verbessern,
daß wir auf dem Weg des Friedens voranschreiten.
Wir wollen klug, ergeben, weise und unermüdlich gemeinsam
dafür arbeiten, um diese Chance zu ver£rößerh und diese Hoffnung in den Bereich der greifbaren Möglichkeit zu rücken.

_

c; _

�A M E R I K A

D I E N S T

WIRTSCHAFTLICHE AKTIVITÄT DES SOWJETBLOCKS IN DEN
LÄNDERN DER FREIEN WELT

Sechster HalbJahresbericht des US-Amtes für Auslandshilfe
über die Durchführung des Gesetzes zur Überwachung der Gemeinsamen Verteidigungshilfe (Mutual Defense Assistance Control Act)
vom Jahre 1951
II. Halbjahr 1954

�INHALT
Seite
EINFÜHRUNG
Handelskontrollen im II. Halbjahr 1954
bei strategisch wichtigen Gütern ...
Kapitel I:
Die Wirtschaft als Waffe Moskaus
Das Dilemma der wirtschaftlichen
Entwicklung
•
Investitionen auf kommunistische Art
Äußeres Bild und Propaganda
Verschiedene Methoden
Das Musterbeispiel
Moskau operiert mit Versprechungen
Zusammenfassung
Kapitel II:

Das Gesicht des Ost-Westhandels
im Jahre 1954
Der Warenfluß von Ost nach West
und West nach Ost
Ausweitung der Handelsverbindungen
durch Verträge
Immer nur die gleichen Güter gefragt
Handelsflotte zu kaufen gesucht
Fleisch, Brot und Butter
' Was haben die Länder des Sowjetblocks
anzubieten ?
Risikoreiches Geschäft
.

1
4
5
6
9
10
13
14
16
16
17
19
20
22
23
24
26

Kapitel III:

Moskaus Stimmen
Im Kreis herum

27
28

Kapitel

Schwierigkeiten im Ost-Westhandel
Kein Handel auf Gegenseitigkeit
Sowjetische Verschleierungstaktik
Getarnte Diskriminierung

30
31
32
32

IV:

Preismanipulationen

�Preismanipulationen
Hauptsorge der Kommunisten
Der Laufkunde
Auf und Ab
Unsicherheit nach dem
Vertragsabschluß
Fragwürdige Qualität
Kapitel

V:

Wandlungen im Wirtschaftskurs
der Satellitenländer
In der Sowjetunion
In den europäischen
Satellitenstaaten
Ungarn und der "Neue Kurs"

Schlußbemerkungen

Seite
33
33
34
35
36
36
38
39
42
44
47

ANHANG
Begleitbrief
Tabelle. I
Tabelle II
4 Schaubilder

# # * * *

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Juni 1955

EINFÜHRUNG
Handelskontrollen im II. Halbjahr 1954 bei strategisch
wichtigen Gütern
Fünzehn Länder, in deren Händen 60 Prozent des Außenhandels
der freien Welt liegen, arbeiten seit 1949 im Rahmen eines Kontrollprogramms hinsichtlich der Ausfuhr strategisch wichtiger
Güter in den gesamten Sowjetblock eng zusammen. Während der II.
Jahreshälfte 1954 waren die bei weitem bedeutendsten Veränderungen
in diesem Programm in den Monaten Juli und August zu verzeichnen.
In dieser Zeit kamen die Regierungen dieser Staaten überein, eine
umfassende Revision ihrer Kontroll-Listen für Waren vorzunehmen,
die nicht in die UdSSR und ihre europäischen Satelliten-Länder
exportiert werden dürfen. Unberührt von dieser Revision blieben
die ausgedehnteren Kontrollen der freien Welt über die Ausfuhren
nach Rotchina.
Die Revisionen und ihre Begründungen - ebenso die langwierigen Verhandlungen, die zu ihnen führten - sind im 5» HalbJahresbericht über die Durchführung des "Mutual Defense Assistance
Gontrol Act" (MDAC)*der unter dem Titel "Die Revision der Bestimmungen für den Ost-West-Handel" (The Revision of Strategie
Trade Controls) am 23. November 1954 veröffentlicht wurde, erläutert. Genau gesagt, behandelte dieser Bericht zwar die ersten
6 Monate des Jahres 1954} die Berichtszeit würde aber bis in den
August hinein ausgedehnt, um die gesamten Revisionen in einer
einzigen Ausgabe zur Verfügung zu haben.
Der vorliegende Bericht beschäftigt sich mit dem Vorgehen
Moskaus hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Beziehungen zur freien
Welt.
Aber auch einige weitere Entwicklungen im Rahmen des Kontrollprogramms sollen nicht unerwähnt bleiben. Die zusätzlichen Durchführungsmaßnahmen, über die man sich im Sommer 1954 einigte und
die im letzten MDAC-Bericht beschrieben wurden, sind inzwischen
verwirklicht worden. Wie erwartet, benötigten die einzelnen Länder eine gewisse Zeit, um die näheren Verordnungen und Ausführungsbestimmungen - im Einklang mit ihrer eigenen Gesetzgebung auszuarbeiten; aber bis Ende Januar 1955 waren die neuen Kontrollmaßnahmen im wesentlichen eingeführt.
Die Kontrollen über Warengesc-häfte (transaction controls)
sollen eine Umgehung der Exportkontrollen dadurch verhindern, daß
Verkäufe von Embargo-Waren ganz gleich ihrer Herkunft an die
Sowjetblock-Länder durch Angehörige freier Länder verboten werden.
Die Kontrollen über Umladung und Warentransit (transit controls)
sollen verhindern, daß Embargo-Waren, die angeblich von einem freien
Land für ein anderes freies Land bestimmt sind, in die SowjetblockLänder abgezweigt werden. Ein koordiniertes System von TransitKontrollen für alle beteiligten Länder trat am 16. Januar 1955 in
Kraft.

1 _
"Battle Act"

Mi!

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Juni 1955

Mit Hilfe dieser gemeinsamen Maßnahmen sind die Regierungen
der freien Welt jetzt besser als noch vor sechs Monaten in der
Lage, unzulässigen Handel zu bekämpfen.. Während die vorjährigen
(1954) Revisionen einerseits die Kontrollen in bezug auf dem
Handel mit strategisch wichtigen Gütern verschärften, lockerten
sie andererseits Einschränkungen auf anderen Gebieten, um den
Handel mit nichtkriegswichtigen Gütern zwischen der freien Welt
und dem Sowjetblock größere Freizügigkeit zu gewähren. Ein derartiger Güteraustausch, so dachte man, könnte nicht nur von materiellem Nutzen für die Bevölkerung beiderseits des Eisernen
Vorhangs sein, sondern auch möglicherweise dazu beitragen, politische Spannungen zu mindern.
Im letzten MDAC-Bericht S. 24 (Deutsche Ausgabe S. 30) erklärten wir: "Es blieb abzuwarten, ob diese Möglichkeiten einen
plötzlichen Aufschwung des Ost-West-Handels bewirken würden, da
dies, wie immer, weitgehend von der Bereitschaft und Fähigkeit
des sowjetischen Blocks abhing, im großen Stil mit zivilen Gütern
Handel zu treiben."
Hierzu ist zu sagen, daß seit August 1954, als die von den
freien Ländern aufgestellten Warenlisten revidiert wurden, der
Ost-West-Handel keinen besonderen Aufschwung nahm. Der Gesamthandel zwischen der freien Welt und den Sowjetblock-Ländern lag
1954 über dem Niveau des Jahres 1953, und zwar waren die Ausfuhren in die Sowjetblockländer um 24 Prozent, die Einfuhren
von dort um 7 Prozent höher. Liese Erhöhung bezog sich jedoch
hauptsächlich auf das erste Halbjahr 1954, während die Handelsbilanz im II. Halbjahr sich wieder mehr dem Stand von 1953
näherte. (Weitere Einzelheiten siehe Kapitel II).
In dieser Einführung dürfte eine Bemerkung über den Handel
mit Rotchina angebracht sein, da im Hauptteil des Berichts nicht
viel über die chinesischen Kommunisten gesagt werden wird. Aus den
verfügbaren Unterlagen geht hervor, daß die Handelsbilanz der
freien Welt mit Rotchina im zweiten Halbjahr 1954 fast den gleichen Dollarwert aufweist wie im ersten Halbjahr 1954. Berücksichtigt man jedoch das ganze Jahr, so ging der Handel im Vergleich zu 1953 leicht zurück. Die Schätzungen für 1954 zeigen,
daß der Wert der ausgetauschten Güter sich etwa auf dem Stand von
1952 hielt; dabei wies 1952 das niedrigste Handelsvolumen der
Nachkriegsjahre auf.
Die Ausfuhren der freien Welt nach Rotchina während der
letzten 5 Jahre (in Millionen US-Dollar):
1950
1951
1952
1953
1954 (geschätzt)
452,1
446,2
272,6
287,6
285,0
Die Einfuhren der freien Länder aus Rotchina im gleichen
Zeitraum:
534,7

524,7
Quelle:

365,0
434,1
371,2:
Amerikanisches Handelsministerium.
Die Beträge sind den Preisänderungen nicht
angeglichen.
2
Ein

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Juni 1955

Ein Land, das 1954 einen bemerkenswerten Anstieg im Handel
mit Rotchina zu verzeichnen hatte, war Japar. Die für das chinesische Festland bestimmten japanischen Ausfuhren beliefen sich
1952 auf 600 000 Dollar, 1953 uf 4,5 und 1954 auf etwa 19,0 Millionen Dollar. Die japanischen Einfuhren vom chinesischen Festland
bezifferten sich 1952 auf 15,0, 1953 auf 30,0 und 1954 auf 41,0
Millionen Dollar.
Japan gehört zu der Grippe der 15 Staaten, die ihre strategischen Handelskontrollen koordinieren. Die japanischen Ausfahren
nadh Rotchina setzten sich au^ den gleichen nichi/riegswichtigen
Waren zusammen wie diejenigen, die von den europaischen Mitgliedern dieser Gruppe ausgeführt wurden - Dung m.ttel, Textilien,
Arzneimittel und ähnliches. Das is 1954 geltende japanische
Embargo war wesentlich schärfer als das international festgesetzte; im Sommer des genannten Jahres glich Japan jedoch seine
Embargoliste dem internationalen Stand an.
Die wirtschaftlichen Probleme der
übervölkerten japanischen
Inseln sind in der Tat groß. Die Japaner müssen die Ausfuhren
erhöhen, um die umfangreichen Einfuhren, auf die sie angewiesen
sind, bezahlen zu können. Es überrascht nicht, daß die japanischen
Kaufleute in jeder Hinsicht größere Märkte erschließen wollen.Die
Mätfcte in kommunistischen Einflußbereich können jedoch nicht als
umfangreich und zuverlässig genug gelten, um das japanische Handelsdilemma lösen zu helfen. Japans Gesamtexport stieg in den
Jahren 1953 und 1954 von 1,275 Milliarden auf 1,63 Milliarden
Dollar an, aber die Gesamtimporte beliefen sich in beiden Jahren
auf 2,4 Milliarden Dollar.
Welche Lösungen gibt es also für Länder mit akuten Handelsproblemen, wie beispielsweise Japan sie hat? Die wirkliche Lösung
liegt in einer dynamischen, Jahr für Jahr zunehmenden Ausweitung
der Märkte in der freien Welt, einem stetigen Aufbau der wirtschaftlichen Stärke und der Verbesserung des Lebensstandards in
allen Erdteilen. Dies würde nicht nur Japan, sondern auch anderen
Ländern und den Menschen der ganzen Welt zum Nutzen gereichen.
Die weltweite Ausdehnung des wirtschaftlichen Wohlstands, zusammen
mit einer ständig zunehmenden Verwirklichung der Freiheit und
Würde des einzelnen - dies ist die Antwort auf die Dogmen der
Kommunisten. Sie ist die Hoffnung der Welt.
* * * * *

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Juni 1955

Kapitel I
DIE WIRTSCHAFT ALS WAFFE MOSKAUS
Sie pflästern die Straßen von Kabul
Die Stadt liegt hoch oben auf Einern Plateau des HindukuschGebirges, westlich des Khaibar-Passes. Sie ist die Hauptstadt
des alten Königreiches Afghanistan. Hier kommen Auto- und Kamelkarawanen mit Wolle, Seide, Teppichen, Häuten, Gewürzen und
Trockenfrüchten, um dagegen Baumwolle, Tee und Zucker einzutauschen. Afghanistan besitzt kein Eisenbahnnetz, und auf nur
fünf Straßen wickelt sich der gesamte Kraftverkehr ab. Mühevoll
bahnt sich der Güterverkehr seinen Weg über die Berge zu diesem
Handelszentrum, ähnlich wie in alter Zeit, als Afghanistan als
strategische "Beute" an den Eroberer Timur fiel.
Vor Hunderten von Jahren war das Land für seine reichen
Mineralvorkommen bekannt - zum Beispiel Gold, Blei, Kohle, Schwefel, Eisen, Antimon und Stickstoff. Seine Berge verfügen bestimmt auch heute noch über einen großen Reichtum an Erzen, aber
die Außenwelt erfährt hierüber kaum etwas und weiß tatsächlich
nur wenig von dem, was dort wirklich vorgeht.
Afghanistan war einstmals eine Art "Verbotenes" Königreich
und Ausländer fanden nur selten Aufnahme. In den letzten Jahren
hat die afghanische Regierung jedoch ein großes Interesse gezeigt,
den Kontakt mit dem Westen zu vertiefen. Sie nahm Schullehrer
aus den Vereinigten Staaten in ihre Dienste, und amerikanische
Ingenieure haben ein großzügiges Programm für die wirtschaftliche
Entwicklung ausgearbeitet. Ein bedeutendes Bewässerungs- und
Flußregulierungsprojekt, das mit amerikanischen Mitteln über
die Export-Import-Bank finanziert wird, ist bereits in Angriff
genommen * ) .
Vor kurzem sind nun andere Besucher mit Material und Ausrüstungsgegenständen erschienen; sie beaufsichtigen Straßenpflasterungsarbeiten in Kabul. Diese Ausländer kamen über die
Nordgrenze - von der UdSSR. Dies sind nicht die ersten sowjetischen Techniker, die aus der UdSSR/mach Afghanistan gekommen
sind. Im Jahre 1951 schickte Moskau Fachleute, um beim Bau
von Kraftstofflagern mitzuhelfen. Im September 1954 verkündete
Radio Moskau,daß dieses Projekt fertiggestellt worden sei, und
daß Afghanistan mit der UdSSR einen Vertrag über den Bau weiterer Kraftstofflager abgeschlossen habe.
Ebenfalls im Jahre 1954 schloß die Sowjetregierung mit
Afghanistan einen Vertrag, in dem sie sich verpflichtete, einen
Betrag in Höhe von 3,5 Millionen Dollar für den Bau von zwei
Getreidesilos, eines elektrischen Mühlenwerkes und einer Brot*) Die Maßnahmen zur technischen Unterstützung durch das USAmt für Auslandshilfe in Afghanistan und anderen Ländern für das
Halbjahr, das am 31«Dezember 1954 auslief, werden in dem Kongreßbericht des amerikanischen Präsidenten über'das Programm für
Gemeinsame Sicherheit beschrieben.

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Juni 1955

Brotfabrik zu investieren. Die Arbeiten sollen im Jahre 1956
abgeschlossen werden. Die Anleihe ist innerhalb von fünf Jahren
zurückzuzahlen, und zwar beginnend mit dem Jahre 1957. Die Sowjetregierung wird jährlich 3 Prozent Zinsen für das investierte
Kapital erhalten.
Außerdem gewährte die Tschechoslowakei Afghanistan einen
Kredit für die Errichtung von Industriewerken, zu denen auch eine
Zementfabrik, eine Lederfabrik und ein Textilwerk gehören.
Diese Anleihen sollen in Form afghanischer Landesprodukte
zurückgezahlt werden, und somit steht diese Rückzahlungsform
im Einklang mit den sowjetischen Plänen bezüglich einer Ausweitung des Handels zwischen Afghanistan und dem Sowjetblock und
einer eventuell verstärkten Abhängigkeit Afghanistans von diesem Handel.
Zum Thema dieses Kapitels;
Der Ost-Westhandel als solcher, das heißt Wert und Art der
Güter im Warenaustausch zwischen dem Sowjetblock und der freien
•Welt, wird in späteren Kapiteln behandelt. Aber der Warenaustausch ist natürlich nicht das einzige, was die Länder des
Sowjetblocks auf wirtschaftlichem Gebiet in den Ländern der
freien Welt unternehmen. Hauptzweck des vorliegenden Kapitels
ist es, eine kurze Übersicht über ihre anderen wirtschaftlichen
Aktionen in der freien Welt zu vermitteln.
Wir beschränken uns in diesem Kapitel hauptsächlich auf die
wirtschaftlichen Unternehmungen des Sowjetblocks in den nichteuropäischen Gebieten der freien Welt. Es ist nicht so, daß die
Kommunisten Westeuropa bei ihren wirtschaftlichen Aktionen im
Ausland vernachlässigten -• ganz gewiß nicht, obgleich sie in
einigen Ländern anscheinend auf der Stelle treten. Die Vorgänge
in den unterentwickelten Gebieten werden deshalb ausführlicher
behandelt, weil die Aktivität dort neueren Datums ist.
Das Dilemma der wirtschaftlichen Entwicklung
Man schätzt, daß die Kredite, die die Länder des Sowjetblocks gegenwärtig Afghanistan gewähren, sich auf etwas mehr als
10 Millionen Dollar belaufen und sich über mehrere Jahre verteilen. Nach westlichen Maßstäben sind dies kleine finanzielle Transaktionen, sie sind jedoch sowohl für Afghanistan als auch für
die kommunistischen "Unternehmer" von beträchtlicher wirtschaftlicher und politischer Bedeutung.
Die afghanische Regierung sieht sich einem Dilemma in der
wirtschaftlichen Entwicklung gegenüber, und sie steht dabei nicht
allein. Mit diesem allgemeinen Problem haben sehr junge oder sich
erst entwickelnde Volkswirtschaften in asiatischen, afrikanischen
und südamerikanischen Ländern zu kämpfen.
Um ihre Rohstoffvorkommen nutzbar zu machen, um die Landwirtschaft weiter zu entwickeln, ihre Produktionsanlagen zu

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Juni 1955

zu modernisieren, das Transport- und Nachrichtennetz zu erweitern, und ganz allgemein um den Lebensstandard zu heben und die
Volkswirtschaft zu stärken» benötigen diese Länder Investitionen
und technische Beratung aus dem Ausland. Die führenden Industriestaaten des Westens haben ein solches Stadium bereits in früheren Jahrhunderten durchgemacht. Die wirtschaftlich unterentwickelten Länder von heute können sich nicht nur an private Geldgeber
wenden, sondern auch an internationale Organisationen, deren Ziel
es ist, sie in dieser Aufwärtsentwicklung zu unterstützen. Da
aber jetzt viele Länder gleichzeitig aus dieser wirtschaftlichen
Vorstufe heraustreten, sind die Bedürfnisse groß und die Wege
zur Unterstützung oftmals zeitraubend und beschwerlich.
Jetzt präsentieren sich die kommunistischen Regierungen als
eine neue Quelle für eine eventuelle Hilfe bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Länder, die Hilfe von außen benötigen,
überlegen sich, was die Annahme der sowjetischen Angebote sie
letzten Endes kosten könnte. Sie halten einen Rückblick auf die
Geschichte des Kommunismus, um möglicherweise festzustellen,
ob irgendwelche Parallelen existieren, die vielleicht auf die
Absichten und die Zuverlässigkeit dieser neuen Finanziers schließen lassen.
Investitionen auf kommunistische Art
Leider bestehen keine direkten Parallelen, an Hand deren
sie ihre gegenwärtigen Abenteuer mit Investitionen von kommunistischer Seite einer genauen Prüfung unterziehen könnten.
Ein kurzer Rückblick auf die früheren wirtschaftlichen Auslandsunternehmungen der Sowjets in dieser Hinsicht kann jedoch ganz
nützlich sein.
Zuerst einmal wollen wir uns vergegenwärtigen, daß es erst
20 Jahre her sind, seit die Sowjetunion - wenn auch unter Vorbehalt - versuchte, Kapital ins Land zu bringen; sie tat dies
hauptsächlich durch Heranziehung ausländischer Fachleute und der
Anwendung technischer Verfahren - aus Amerika, Deutschland und
anderen industriell hochstehenden Ländern, um die Entwicklung vom
System des alten Rußland mit seinem wirtschaftlichen Feudalismus
über die Geburtswehen der industriellen Revolution hinweg bis zu
einem modernen Staat des 20. Jahrhunderts zu beschleunigen. Obgleich das Sowjetregime diese technische Hilfe aus dem Ausland
suchte, war die Führung so argwöhnisch gegenüber jeglichem Kontakt mit Ausländern, daß sie oftmals die Arbeit durch ihre scharfe
Überwachung regelrecht behinderte.
Die sowjetische Einstellung zu ausländischer Investitionstätigkeit tritt auch in anderer Weise deutlich hervor. Die offizielle kommunistische Propaganda hat ihre Meinung zu Investitionen
des Auslandes laufend in Wort und Bild zum Ausdruck gebracht,
indem sie ausländische Geldgeber als ein häßliches Symbol des
"aufgeblasenen und dekadenten Kapitalismus" charakterisierte.
Die aus solchen Investitionen erwachsenden Zinsen wurden als Ausdruck verbrecherischer Profitgier und als Vorbereitung auf eine

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Juni 1955

eine Ausbeutung des Volkes bezeichnet. Dieser propagandistische
Angriff auf die Finanztätigkeit nichtkommunistischer Länder und
ihrer Bürger im Ausland hat oftmals dazu gedient, die finanziellen Auslandstransaktionen der Kommunisten z-u verschleiern.
Investitionen der Kommunisten in ausländischen Verlagen,
Theatern und anderen Mitteln der Sowjetpropaganda sowie die
finanzielle Unterstützung der Parteitätigkeit im Ausland waren
selbst vor dem zweiten Weltkrieg gang und gäbe. Zudem gibt es in
den dreißiger Jahren Beweise dafür, daß durch Investitionen in
der Äußeren Mongolei die politische Beherrschung dieses Interessengebietes gefördert wurde - ein Manöver, das in Persien allerdings nicht gelang. Die Auslandsinvestition als Unternehmung des
sowjetischen Staates hat jedoch erst in den letzten Jahren weitverbreitet Anwendung gefunden.
Als Investition bezeichnet man das Verfahren, Geld beziehungsweise Ausrüstungen leihweise zur Verfügung zu stellen oder
Dienstleistungen zu erweisen in der Absicht, direktes Einkommen
zu erlangen oder Nutzen daraus zu ziehen. Die sowjetkommunistischen Investitionen im Ausland weisen einige besondere Charakteristika auf, die erwähnenswert sind.
Entgegen manchen Vorstellungen hindert die kommunistische
Lehre ihre Verfechter nicht daran, sich kapitalistischer Investitionsmethoden zu bedienen. Angehörige der Kommunistischen
Partei haben in einer Anzahl westeuropäischer Länder, beispielsweise in Belgien, Frankreich und „Italien, Geschäftsunternehmen
aufgezogen. Eines der meistzitierten Beispiele der jüngsten Zeit
sind hier die Praktiken der ... in kommunistischem Besitz befindlichen und unter kommunistischem Einfluß stehenden Handelsfirmen in Italien, die der UdSSR nicht nur zur Beschaffung benötigter Waren zu annehmbaren Preisen verhelfen, sondern auch
durch ihre Gewinnspannen eine wichtige Einnahmequelle der Kommunistischen Partei sind. (Die italienische Regierung gab bekannt,
daß sie jetzt gegen diese Firmen energischere Maßnahmen ergreifen
werde.)
Die Investitionen der Kommunisten sollen nicht nur
Einkünfte schaffen, sondern auch größere Gewinne auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet für die UdSSR und den internationalen Kommunismus erbringen. Sie werden ganz gewiß nicht in der
Absicht vorgenommen, eventuell ohne Gewinn zu arbeiten.
w

Ein zweites charakteristisches Merkmal der Investitionen der
Sowjet-Kommunisten ist der geringe Aufwand an eigenen Mitteln,
den solche Investierungen gewöhnlich bedingen. Unmittelbar nach
dem zweiten Weltkrieg bestand das Kapital, das die Sowjetregierung beispielsweise in den früheren Feindstaaten "investierte",
hauptsächlich und oftmals sogar ausschließlich aus solchen Werten,
die die UdSSR auf die eine oder andere Weise in dem Gastland
erworben oder beschlagnahmt hatte.
In Osteuropa bauten sich ganz erhebliche sowjetische "Investitionen" auf deutschen Kriegsvermögenswerten auf, die sich
die sowjetische Regierung auf legale oder illegale Weise in den
Satellitenstaaten und der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone
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Juni 1955

Besatzungszone Österreichs angeeignet hatte. Diese Kapitalwerte
waren beträchtlich. Schätzungen, die man beispielsweise im Jahre
1948 über deutsche Vermögenswerte allein in Ungarn anstellte,
beliefen sich schon auf 100 Millionen Dollar. In vielen Fällen
"investierte" die UdSSR diese Vermögenswerte nur, um die heute
sattsam bekannten "Gemischten Aktiengesellschaften" aufzubauen.
In diesen Unternehmen war die Betriebsführung, die dem Namen
nach jeweils dem betreffenden Land oblag, in Wirklichkeit stets
von sowjetischen Weisungen abhängig. Die Gewinne flössen zurück
nach Moskau, oftmals in einem Ausmaß, das den Fortschritt beziehungsweise eine künftige gesunde Entwicklung des Unternehmens
ernstlich gefährdete, obwohl diese Betriebe niemals irgendwelche
Rohstoffe oder Ausrüstungen aus der UdSSR erhalten hatten.
Im Fernen Osten war es der Sowjetregierung nach dem Einzug
sowjetischer Truppen in der Mandschurei und Nordkorea ein leichtes, ähnliche Vermögenswerte in ihren Besitz zu bringen, die den
Japanern gehört hatten.
Die sowjetischen Interessen sind ihrer Art nach erkennbar
und bezeichnend. Zu den Wirtschaftszweigen, die oft für Investitionen gewählt werden, gehören das Transportwesen, Kraftwerke,
Lagerhäuser und andere strategisch wichtige Sektoren der Wirtschaft . In China waren die Monate August und September des Jahres
1945 eine besonders rege Zeitspanne für die Gründung sowjetischkontrollierter Firmen und "Gemischter Aktiengesellschaften". Der
chinesisch-sowjetische Vertrag vom August 1945 gab der UdSSR
gleiche Rechte'bezüglich Besitz und Leitung der chinesischen
Changchun-Eisenbahngesellschaft und ihrer Zweigunternehmen;
außerdem wurde darin die Gründung von vier Gemischten Aktiengesellschaften in Dairen vorgesehen. Zur gleichen Zeit erlangte
die UdSSR die Kontrolle über die Betriebsführung der Maschinenwerke und der Werft in Dairen sowie der Shakoku-Eisenbahnweykstätten. Die urtter sowjetischer Kontrolle stehende Dalny-Bank
wurde mit der Ausgabe örtlicher Zahlungsmittel beauftragt, und
Berichten zufolge wurde der größte Teil des Außenhandels in Dairen
von der UdSSR abgewickelt.
Außer diesen Kapitalwerten in Dairen erlangte die UdSSR mittels Enteignung und durch Zwangsverkäufe russischer Emigranten
die ausschließliche Kontrolle über verschiedene Warenhäuser, Konzessionen betreffs Nutzung von Waldbeständen sowie über Kohlengruben und Werke der Leichtindustrie in der Mandschurei.
Es kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß der Sowjetkommunismus ganz allgemein Investitionen im Ausland nicht nur als
Mittel wirtschaftlicher und politischer Infiltration erachtet, sondern auch als Mittel zum billigen Erwerb materieller Werte und
finanzieller Einkünfte aus dem Ausland sowie zur Zerstörung der
in diesen Gebieten bestehenden Bindungen zur freien Welt. In
Bulgarien, Ungarn, Rumänien und China hat die Sowjetregierung
kürzlich ihre Anteile, die sie an einigen der "Gemischten Aktiengesellschaften" besaß:, an die betreffenden Regierungen wieder

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wieder verkauft. Ihren wirtschaftlichen Einfluß hat sie aber
durch Handelsvereinbarungen mit verschärften Bedingungen und
zentrale kommunistische Wirtschaftsplanung, die von Moskau gelenkt wird, beibehalten.
Äußeres Bild und Propaganda
Als Moskau sich im Jahre 1954 wirtschaftlich um Gebiete außerhalb Europas bemühte, erregte dies in der Öffentlichkeit viel
Aufsehen. Es war klar, daß dieses Vorgehen e i n ernstliche Kampagne bedeutete. Die Berichte dagegen neigten oft dazu, die Gunstbezeugungen zu übertreiben, die die Sowjetkommunisten den Objekten ihrer Aufmerksamkeit zollten.
Solange nicht jeder der unzähligen Berichte über einzelne
Projekte genau überprüft ist, dürfte es ein leichtes sein, den
Eindruck zu erwecken, daß sowjetkommunistische Unternehmungen
überall in Asien, Nordafrika und in Latein-Amerika gleichsam aus
dem Boden schießen. Wenn jemand ausschließlich auf die Mittel
kommunistischer Informationen angewiesen wäre und glauben würde,
was dort gesagt wurde, könnte der leicht zu dem Schluß kommen,
daß allein die Kommunisten diese unterentwickelten Länder als
gleichberechtigte Partner werten würden, ihnen zahlreiche Fachleute
zur Lösung ihrer Probleme schickten und aus einem Riesenreservoir
kommunistischen "guten Willens" und wirtschaftlichen Vermögens
alle Arten von Entwicklungshilfen anböten.
Der Eindruck übermäßiger wirtschaftlicher Betriebsamkeit
der Sowjets ist weder Zufall noch eine Folge nachlässiger Berichterstattung. Der Kommunismus und seine Wortführer sind unablässig am Werk, dafür Sorge zu tragen, daß jede sowjetische
Bekundung guten Willens oder wirtschaftlichen Vermögens der Welt
durch ein Vergrößerungsglas der Propaganda gezeigt wird.
Es ist wichtig, daß man in der freien Welt von ihren Anstrengungen nicht zu viel Aufhebens macht, denn dadurch würde
man den Kommunisten erst richtig in die Hände spielen; sie
hoffen, eine falsche Vorstellung von ihrer wirtschaftlichen
Stärke und ihren Absichten zu erwecken. Tatsächlich aber werden an vielen Stellen die sowjetischen Absichten mit
Skepsis beurteilt;
wird die Fähigkeit der Kommunisten, umfangreiche Beihilfen
zu gewähren - ohne die Weiterentwicklung ihrer eigenen
Wirtschaft ernstlich zu beeinträchtigen - ziemlich bezweifelt;
sind die von den Sowjetblock bis heute tatsächlich gemachten
Investierungen sehr klein im Verhältnis zu der Unterstützung,
die seit 1949 durch die Vereinten Nationen, die Vereinigten
Staaten und andere: Ländern der freien Welt in dieselben Gebiete geflossen ist.
Verschiedene

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Juni 1955

Verschiedene Methoden
, Vor einem Jahr schilderten wir in dem Kapitel "Trends im
'Ost-Westhandel" des 4. MDAC-Berichtes einige Methoden, mit- denen
der Sowjetblock versuchte, "außereuropäische Gebiete in seine Interessensphäre" einzubeziehen (S. 32 - 34). Bei der zusammenfassenden Darstellung der 1953 und 1954 entwickelten Tätigkeit
in nichteuropäischen Gebieten der freien Welt kann jetzt etwas •
mehr auf Einzelheiten eingegangen werden.
1. Investitionen
Viele Hilfsmaßnahmen dieser Art in unterentwickelten Gebieten, die etwa im Verlauf des letzten Jahres zu bemerken waren,
mögen als "Investition" oder Beihilfe zur Wirtschaftsentwicklung
bezeichnet werden, wie die bereits erwähnte Errichtung von Treibstofflagern in Afghanistan. Es gibt aber kaum irgendwelche Beispiele für nicht zurückzuzahlende Zuwendungen oder selbst Gelddarlehen an Regierungen der freien Welt; ausgenommen sind eine
Goldanleihe an Finnland und etliche Fälle von relativ kleinen
Beiträgen zur Linderung in Katastrophenfällen. Die "Investierungen" haben folgende Form:
Entsendung von Fachkräften als Berater bei der Durchführung
besonderer Projekte;
Bereitstellung von Anlagegütern oder Material zum Bau spezieller Anlagen;
Bereitstellung von Anlagegütern und Waren auf Kredit.
In späteren Abschnitten werden wir darauf zu sprechen kommen,
wie in fast allen Ländern die sowjetische Propaganda alle solche
Unternehmungen gewaltig übertreibt.
2. Reklame
Trotz ihrer meisterhaften Handhabung der politischen Propaganda befassten sich die Sowjetkommunisten lange Zeit weder in
der UdSSR noch im Auslande damit, für ihre Erzeugnisse Reklame zu
machen. Anscheinend haben sie .erst nach dem Kriege eine Vorstellung
Von den Vorteilen des Reklamewesens bekommen. Anschlagtafeln, Broschüren und ganzseitige Zeitungsannoncen gewinnen daheim und draußen immer mehr an Boden. Hierin spiegelt sich wahrscheinlich der
Einfluß der Tschechen, Ungarn und Ostdeutschen wider, die erfahrene Kaufleute von Weltruf waren, bevor sie hinter dem Eisernen
Vorhang abgeriegelt wurdSn. Innerhalb der letzten beiden Jahre
jedoch begann der Sowjetblock mehr Werbeschriften herauszugeben
und in ausländischen Zeitungen,zum Beispiel in Indien, Burma, Indonesien, Ägypten, Brasilien, Guatemala und der Dominikanischen
Republik, viel Raum für Inserate zu kaufen.
Eine der auffälligsten Bemühungen dieser Art aus jüngster
Zeit war eine ganzseitige Anzeige in der in Bombay erscheinenden
"Times of India" vom 22. März 1955« Darin kündigte die Handelsvertretung der UdSSR in Indien die Eröffnung von Ausstellungsräumen
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Ausstellungsräumen für Maschinen und Fabrikausrüstungen an,
mit entsprechenden Zeichnungen samt einer Aufforderung an Kaufleute-, Industrielle und Ingenieure, die Ausstellung zu besuchen.
3. Handelsmessen
Das Ausstellen auf Handelsmessen war Schlager Nr. 1 im Reklamewesen des Sowjetblocks von 1954 und außerdem eine Angelegenheit, die jedenfalls den.Löwenanteil vom Budget des sowjetischen
Außenhandels verschlang. Die Absichten dieser Aktivität reichten
natürlich viel weiter, als nur.den Warenabsatz zu steigern.
Seit 1952 hat der Sowjetblock seine Teilnahme an internationalen Messen in der freien Welt ständig intensiviert.
In den Jahren 1953 und 1954 waren die Länder des Sowjetblocks
jeweils auf etwa 40 bis 50 Messen vertreten, im Vergleich zu einer
Teilnahme an 30 Messen im Jahre 1952 und je 5 in den Jahren 1951
und 1950. Tatsächlich war der Sowjetblock 1954 an fünf oder sechs
Ausstellungen weniger beteiligtr als. im Jahre 1953» jedoch hielten die Blockländer im einzelnen fünf zusätzliche Sonderausstellungen ihrer Erzeugnisse in Ländern der freien Welt ab (neben
den internationalen Messen). Tabelle I führt die internationalen
Messen auf, an denen die Länder des Sowjetblocks im Jahre 1954
teilnahmen.
Die UdSSR sandte im Jahre 1954, zusätzlich zu der Veranstaltung von Sonderausstellungen ihrer Erzeugnisse in Kopenhagen und
Neu-Delhi, Ausstellungsgegenstände auf 11 internationale Messen.
Der Sowjetblock als Ganzes steigerte seine Beteiligung an Messen
außerhalb Europas. Während im Jahre 1952 drei dieser Veranstaltungen, die 10 Prozent der Beteiligung des Blocks an Ausstellungen überhaupt entsprachen, auf außereuropäische Gebiete entfielen,
stellte der Block 1953 auf 9 solcher Messen (18 Prozent seiner
Gesamtbeteiligung an Ausstellungen) und im Jahre 1954 auf 13 solcher Messen (26 Prozent seiner Gesamtbeteiligung an Ausstellungen)
aus.
Beobachter der Stände des Sowjetblocks auf den Handelsmessen
im Jahre 1954 gelangten zu der Schlußfolgerung, daß die zur Schau
gestellten Artikel mehr dazu bestimmt waren,»Eindruck auf die
Massen zu machen, als Kaufinteressenten anzulocken. Die SowjetblockLänder lehnten es allgemein ab, ihre Waren Seite an Seite mit den
Erzeugnissen anderer Länder zur Schau zu stellen. Sie bestanden
darauf, sie in ihren eigenen Pavillons darzubieten, die ihnen mehr
Gelegenheit zu Propagandaaktionen boten.
Ein Beispiel dafür stellte ein Pavillon der Sowjetunion dar,
der auf einer der westeuropäischen Messen verwendet wurde und der
hinsichtlich seiner Aufmachung als typisch für die von der Sowjetunion gewählte Art der Schaustellung in den Ländern der freien Welt
angesehen werden kann.
Eine.farbig ausgeführte und illuminierte Reproduktion des
Roten Platzes in Moskau beherrschte den Eingang zu dem Pavillon.
An jeder Seite befanden sich Schaubilder, welche die Produktions-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Juni 1955

Produktionssteigerung bei Mineralien und Stahl sowie in der
Energiewirtschaft zeigten. In großer Aufmachung wurden die angeblichen Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen und die
körperliche Ertüchtigung in der UdSSR plakatiert. Ein Operationstisch und ein Röntgenapparat waren zu sehen. Auf den ausgestellten
Klavieren und Flügeln wurde leichte klassische Musik gespielt.
An der Wand darüber befand sich eine Photographie mit lächelnden,
medaillengeschmückten Helden, die einem Hauskonzert lauschten.
Das alles beherrschende Gesprächsthema schien die Frage der Ausbreitung einer Friedenswirtschaft zu sein, die dazu bestimmt sein
sollte, die Wünsche der Verbraucher zu befriedigen.
Die Aussteller des Sowjetblocks auf den Handelsmessen waren
im allgemeinen nicht in der Lage oder nicht willens, Auskunft
über Preise, Einzelheiten, Lieferfristen, Ersatzteilbeschaffung,
örtliche Vertreter und Händler zu geben. Ein großer Teil der
Ausstellungsartikel der Blockstaaten bestand aus Maschinen, die
wohl für ungeübte Augen, aber keineswegs für KaufInteressenten
eindrucksvoll waren. Die Länder des Blocks stellten sich zudem
mit den Gegenständen, die sie anboten, nicht auf die Märkte der
Länder ein, in denen sie ausstellten. Und es trat oft klar zutage, daß sie nicht darauf eingerichtet waren, viele von den Produkten, für die sie große Reklame machten, für den Export herzustellen. Auf der chinesischen Ausstellung landwirtschaftlicher
und industrieller Maschinen in Damaskus zum Beispiel lehnten die
chinesischen kommunistischen Aussteller es rundweg ab, Preise
anzugeben oder Verkaufsvertreter für diese Artikel namhaft zu
machen.
(Siehe Tabelle I)
4. HändeIsabkommen
In einem gewissen Sinne stellen die Handelsabkommen nur eine
andere Form der Reklame dar, wie Moskau sie zur Anwendung bringt.
Das Netz der Handelsabkommen hat sich im Jahre 1954 hauptsächlich in den außereuropäischen Gebieten ausgeweitet.
5. Austausch von Wirtschaftsmissionen
Das ganze Jahr 1954 hindurch breiteten die Russen den langen
roten Teppich aus für einen Strom von ausländischen Missionen.
Dem Austausch derartiger Missionen wurde unbedingter Vorrang zugestanden. Früher ergingen die meisten Einladungen des Kreml an
Arbeiterdelegationen (von denen einige weiter nichts als Vertreter
der kommunistischen Tarnorganisationen waren), aber im Jahre 1954
reichten die Besuchergruppen von Industriellen bis zu Künstlern.
Viele- der Gruppen befaßten sich mit Handels- oder anderen Wirtschaft sänge legenheiten.
Die Abordnungen, die im Zusammenhang mit den Handelsabkommen
ausgetauscht wurden, waren zum Teil offizielle Delegationen, zum
Teil private Geschäftsleute aus den Ländern der freien Welt. Zu
den anderen Gruppen, die sich neben den Handelsdelegationen mit
wirtschaftlichen Angelegenheiten befaßten, gehören Fachleute aus
der Landwirtschaft,dem Eisenbahntransportwesen und der Industrie.
Es

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Juni 1955
Es wäre falsch, den Hinweis zu unterlassen, daß Moskau in
vielen Fällen auch Gruppen und Personen einlädt, die keinerlei
Interesse an der Förderung des Kommunismus haben.
Die offizielle Sowjetpropaganda hat sich sehr bitter über
Besucher aus der freien Welt geäußert, die über Armut und wirtschaftliche Rückständigkeit, wie sie von ihnen beobachtet wurden,
berichtet haben» Und manche Besucher aus den sogenannten unter
entwickelten Gebieten sprachen sehr freimütig über derartige Verhältnisse in der Sowjetunion. Es ist nicht ausgeschlossen, daß
die Führer der Sowjetunion die Vorteile und Nachteile dieser
neuen Art der Fühlungnahme noch gegeneinander abwägen.
6. Ständige Handelsvertretungen
Neben dem Austausch von Delegationen hat der Sowjetblock
das Netz seiner ständigen Handelsniederlassungen*in der freien
Welt, vornehmlich in den nichteuropäischen Gebieten, weiter ausgedehnt. Das kommunistische China zum Beispiel eröffnete im März
1955 ein Handelsbüro in Kalimpong in Indien. Zu Beginn des Jahres
1954 errichtete die Sowjetzone Deutschlands eine ständige Handeismission in Kairo«. Bulgarien schickte im gleichen Jahr zum ersten Mal nach Alexandrien und Damaskus Beauftragte in Handelsfragen. Ungarn besitzt in Brasilien schon seit Dezember 1953 eine
ständige Handelsvertretung. Außerdem ist in einer Anzahl von
Handelsabkommen, die 1954 unterzeichnet wurden, die Errichtung
solcher Büros des Sowjet-Blocks vorgesehen. Da dies aber fast
immer eine einseitige Angelegenheit ist, ist sie als Mittel
wirtschaftlicher Durchdringung des außersowjetischen Bereichs
außerordentlich bedeutsam.
Das Musterbeispiel
Indien ist neben Afghanistan das einzige Land, in dem der
Sowjetblock alle Stufen dieser wirtschaftlichen Aktivität durchlaufen hat. Die Sowjetkommunisten sind, seit sie zur Macht kamen,
an Indien interessiert» Nichtsdestoweniger sind die gegenwärtigen
Bemühungen auf dem Sektor der Wirtschaft doch etwas Besonderes.
Ein in der Presse stark beachtetes Handelsabkommen mit der UdSSR
rückte - wie das so oft geschieht - das Werben des Sowjetblocks
erst so recht ins Scheinwerferlicht. Es handelt sich um ein Abkommen für die Dauer von fünf Jahren, abgeschlossen am 3. Dezember 1953 und begleitet von einem Briefwechsel, in dem die
Niederlassung einer ständigen sowjetischen Handelsmission in Indien vereinbart und ein recht unklares Angebot der Sowjets auf
technische Unterstützung offiziell angenommen wurde.
Die erste sichtbare Maßnahme zur Verwirklichung dieser
Klausel über technische Hilfe war aus der Nachricht zu entnehmen,
daß drei sowjetische Bergwerksingenieure nach Nordindien entsandt worden waren, um dort Studien über eine Industriediamantengrübe zu machen, das Gebiet kartographisch zu erfassen und den
Bedarf an weiteren Ausrüstungen zu ermitteln. Offensichtlich hat
die Sowjetunion das Angebot gemacht, für die gesamten Spesen der
Fachleute aufzukommen und sich die Bereitstellung von Bergwerks
maschinen mit der Lieferung von Industriediamanten, an denen es
im Sowjetblock mangelt, bezahlen zu lassen.
Es
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Es gibt viele Beispiele für die vielseitige Betriebsamkeit
der Sowjets in Indien; so arbeiten zum Beispiel acht sowjetische
Techniker seit November 1954 im indischen Statistischen Institut.
Während der letzten Monate des Jahres 1954 tauchten in der
Presse immer wieder Gerüchte über Verhandlungen zwischen der
Sowjetunion und der indischen Regierung zwecks Errichtung eines
Stahlwerks auf. Das Interesse an dieser Meldung war besonders
groß, weil auch zwei oder drei westliche Nationen an den Vorarbeiten Indiens zur Erweiterung seiner Stahlkapazität beteiligt
waren.
Am 2. Februar 1955 unterzeichneten Indien und die UdSSR ein
Abkommen über die Ausarbeitung der Pläne für ein Stahlwerk und
dessen spätere Errichtung in Zentralindien durch die Sowjetunion.
Die Produktionskapazität des Werkes, das Ende 1959 vollendet sein
soll, beträgt eine Million Tonnen pro Jahr.
Die Baukosten werden auf etwa 200 Millionen Dollar geschätzt.
Die Russen wollen aller Wahrscheinlichkeit nach rund 90 Millionen
Dollar in Form von Maschinenlieferungen und technischer Hilfe in
dem Projekt investieren. Als Zinsleistungen werden sie jährlich
rund zweieinhalb Prozent ihrer Investitions-summe erhalten.. Indien
will die Anleihe im Laufe von zwölf Jahren zurückzahlen, beginnend mit dem Tage, an dem die ersten Maschinenausrüstungen aus
der Sowjetunion eintreffen.
Die Sowjetunion wird nach Anlaufen der vollen Produktion für
sechs Monate die Betriebsgarantie für das Werk übernehmen und
drei Jahre lang Techniker stellen.
Nach dem Abkommen ist Moskau verpflichtet, innerhalb von
neun Monaten detaillierte Pläne einzureichen, die von der indischen Regierung gebilligt werden müssen. Die Kosten für die von
der UdSSR zu liefernden Ausrüstungsgegenstände dürfen jedoch
die Grenze von 91,1 Millionen Dollar nur geringfügig übersteigen; sollten die Pläne abgelehnt werden, ist Indien verpfichtet,
der UdSSR sämtliche mit der Anfertigung der Entwürfe verbundenen
Auslagen zu ersetzen. Wenn die UdSSR irgendeiner Vertragsklausel nicht nachkommt, steht es Indien frei, das Abkommen zu
annullieren.
Moskau operiert mit Versprechungen
Der Rest der wirtschaftlichen Aktivität der Sowjets im Ausland besteht zum größten Teil aus Versprechungen und unbestätigten Berichten. Aber darüber sollte man nicht einfach hinwegsehen.
Manche dieser Versprechungen könnten doch noch eingelöst werden.
Und letzten Endes erwecken sie bei manchen die Vorstellung, die
UdSSR und ihre Satelliten seien echte und verlässliche Freunde
der unterentwickelten Gebiete.
Der sowjetische Handelsattache in Ägypten ließ verlauten,
daß die UdSSR bereit sei, ein vielseitiges Programm zur technischen Zusammenarbeit zu offerieren. Zuvor war in der ägyptischen Presse des langen und breiten ein angebliches Angebot der
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der Sowjets diskutiert worden, technische Hilfe beim Bau des
Assuan-Staudammes zu leisten; später zeigte sich jedoch, daß
nie ein solches Angebot gemacht worden war.
Gerüchteweise wurde von Verhandlungen über eine eventuelle
Wirtschaftshilfe der Sowjetzone Deutschlands an den Sudan gesprochen.
Die "Prawda" erklärte, die UdSSR gewähre Persien technische
Unterstützung. Über die Natur oder das Ausmaß dieser Hilfe wurde
nichts gesagt.
Die UdSSR machte Ceylon ziemlich unklar gehaltene Angebote
über technische und finanzielle Hilfe.
Die Regierung Rotchinas schlug Burma den Austausch von
Studenten und Technikern vor, um so den Aufbau einer Textilindustrie zu fördern.
Ein tschechoslowakischer Diplomat in Indonesien deutete an,
daß die Tschechoslowakei auf Anforderung Techniker zum Anlernen
und zur Ausbildung von Arbeitern für die indonesischen Industriewerke stellen würde. Ein indonesischer Staatsbeamter erklärte dem
Vernehmen nach, daß eine kommunistische Regierung zwei "hohe Darlehen" angeboten habe.
In diesem Zusammenhang ist das einzige andere Projekt in
Asien zu erwähnen, über das der Sowjetblock, wie man aus sicherer
Quelle weiß, im Jahre 1954 oder Anfang 1955 Verträge abgeschlossen hat. Am 3. Februar 1955 wurde bekanntgegeben, daß die indonesische Regierung eine Vereinbarung mit der Sowjetzone Deutschlands über den Kauf von Ausrüstungen für eine Zuckerfabrik unterzeichnet habe. Die Sowjetzone hatte demnach 50 Fachkräfte zu stellen, die beim Bau und Betrieb der Zuckerfabrik helfen sollten.
Es wurde bemerkt, daß die Anzahl der Fachkräfte für den genannten
Zweck recht hoch veranschlagt sei.
Das im August 1955 unterzeichnete ungarisch-argentinische
Handelsabkommen sieht technische Unterstützung für die Aufstellung und den Einbau aus Ungarn gelieferter Anlagegüter vor.
Radio Prag sprach von einer Alkoholbrennerei in Argentinien,
in der "fast 50 tschechische Spezialisten" gearbeitet hätten.
Argentinien und die UdSSR schlössen 1953 ein Handels- und
Kreditabkommen, das 1954 erneuert wurde. Es fand Beachtung in
der ganzen Weltpresse. Unter anderem sah es vor, daß die Sowjetunion einen Kredit von 30 Millionen Dollar einräumt. Im Jahre
1954 verbrachte eine argentinische Delegation zwei Monate in
Moskau, wo sie versuchte, Vereinbarungen über den Kauf von Anlagegütern im Rahmen dieses 30-Millionen-Dollar-Kredits zu erzielen. Sie kam mit leeren Händen zurück. Selbst Anfang 1955
schienen noch keine wesentlichen Bestimmungen aus dem Kreditabkommen praktisch wirksam geworden zu seih. Dies ist ein recht
seltsamer Fall in den Annalen des Außenhandels.
Zusammenfassun

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Juni 1955

Zusammenfassung
Handlungsweise und Maßnahmen, die wir in diesem Kapitel besprochen haben, lassen sich kurz folgendermaßen zusammenfassen:
Unterentwickelte Gebiete brauchen ausländisches Kapital zum
Aufbau ihrer Volkswirtschaft.
"Sie haben von den Staaten der freien Welt und von internationalen Organisationen beträchtliche Hilfe erhalten.
In den ]e tzten Jahren erklärten die Sowjets in ihrer Propaganda, daß sie bereit seien, Fachleute nach den unterentwickelten Ländern zu entsenden sowie Ausrüstungen und Kredite bereitzustellen. Die europäischen Satellitenstaaten
bliesen in das gleiche Hörn.
Im Jähre 1954 häuften sich die Gesten und verdienten größere
Aufmerksamkeit.
Einige Techniker und Ausrüstungen wurden nach Afghanistan
geschickt. In Indien ließen Verhandlungen über den Bau eines
Stahlwerks auf Kredit erkennen, daß sich Moskau näher mit
dem Gedanken der technischen Unterstützung befaßt.
Überall beschränkten sich die Gesten der Kommunisten zum
großen Teil noch auf Propaganda, Verspredhungen und Gerüchte.
Der Sowjetblock nahm in größerem Umfange an Handelsmessen und
anderen Formen der Verkaufswerbung teil. Den kommunistischen
Regierungen ist es gelungen, bei vielen den Eindruck zu erwecken, viel mehr zu tun, als sie tatsächlich unternehmen.
Obgleich der Sowjetblock wohl kaum ein großangelegtes Hilfsprogramm starten dürfte, so könnte er doch eine gewisse An•zahl von Fachpersonal und in begrenzter Meng*e auch Anlagegüter nach den unterentwickelten Gebieten senden, falls er
sich zu einer solchen Maßnahme um wirtschaftlicher oder politischer Vorteile willen einmal entschließen würde.
Die gesamte freie Welt - wirtschaftlich fortgeschrittene
Länder wie unterentwickelte Gebiete - dürften jedenfalls
mit skeptischen Augen die "Investitionen" und andere Operationen Moskaus auf dem Sektor der Wirtschaft verfolgen.

Kapitel II
DAS GESICHT DES OST-WESTHANDELS IM JAHRE 1954
Im Jahre 1954 fand der Ost-Westhandel in der ganzen Welt
lebhaftes Interesse. Es war das Jahr, in dem sich die Vom Kreml
beherrschten Länder für erweiterte Wirtschaftsbeziehungen mit der
freien Welt einsetzten, doch um der Wahrheit die Ehre zu geben,
muß gesagt werden, daß die Taten nicht mit den schönen Worten
Schritt hielten.
Gegenüber
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Gegenüber dem Jahre 1953 nahm der Handel zwischen der freien
Welt und dem Sowjetblock in Europa und Asien wertmäßig um 15 Prozent zu, was nur eine geringe Steigerung bedeutet, die auf Grund
der allgemeinen Aufwärtsbewegung Ende 1953 sowieso zu erwarten
war. Der Warenfluß nach-den Ländern des Sowjetblocks erhöhte sich
um 24 Prozent, während die Warenlieferungen aus diesen Ländern
um 7 Prozent anstiegen.
Doch scheint dieser kurze Aufschwung im Ost-Westhandel
heute seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Rein gebietsmäßig gesehen, wie auch in bezug auf manche Waren", scheint sich eine
rückläufige Tendenz bemerkbar zu machen. In der zweiten Hälfte
des Jahres 1954 war der Warenfluß aus der gesamten freien Welt
nach den Sowjetblockländern schwächer als in der ersten Hälfte.
Die Anzeichen für einen möglichen Rückgang des beiderseitigen
Handels kommen nicht überraschend, wenn man daran erinnert, daß
die Steigerung im Jahre 1954 zum großen Teil auf eine Erholung
der UdSSR von dem abnormen Rückgang ihres Handels mit der freien
Welt Ende 1952 und Anfang 1953 zurückzuführen ist. Es besteht
Grund zu der Annahme, daß es für den Sowjetblock schwierig sein
dürfte, seinen Handel auf dem Stand des Jahres 1954 zu halten.
Der Warenfluß von Ost nach West und West nach Ost
Die Ausweitung des Handels zwischen den Ländern der freien
Welt und dem gesamten Sowjetblock im Jahre 1954 ist die Folge
erhöhter Ein- und Ausfuhren der UdSSR und ihrer europäischen
Satelliten, wodurch ein Ausgleich für den Rückgang im Handel
zwischen Rotchina und der freien Welt geschaffen wurde. Der gesamte Ost-Westhandel zwischen der freien Welt und sämtlichen Ländern des Sowjetblocks lag im*Jahre 1954 wertmäßig über dem der
Jahre 1950, 1952 oder 1953, doch wurde der Stand des Jahres 1951
oder der Rekordjähre 1948 und 1949 nicht erreicht. Da die Preise
inzwischen gewaltig angezogen haben, war der Warenaustausch im
Jahre 1954 im Verhältnis zum Handelsvolumen in den Rekordjähren
mengenmäßig geringer, als die Dollarwerte dies erkennen lassen.
In diesem Jahre war der Ost-Westhandel von der Erhöhung
der Einfuhren ^ ? Sowietblocks
- beherrscht. Das gilt besonders für die UdSSR, deren Einfuhren aus der freien Welt von
424 Millionen Dollar im Jahre 1953 auf 585 Millionen Dollar im
Jahre 1954 anstiegen und damit den höchsten Stand in den Nachkriegsjahren erreichten, während sich die Ausfuhren nach den
Ländern der freien Welt wertmäßig von 374 auf 470 Millionen
Dollar erhöhten. Auch in den osteuropäischen Satellitenländern
zogen die Einfuhren mehr an als das Exportgeschäft, doch trat
kein Außenhandelsdefizit wie bei der UdSSR auf.
Der sich auf etwa 115 Millionen Dollar belaufende Importüberhang, zu dem noch ein Einfuhrüberschuß in Höhe von 50 Millionen des Vorjahres hinzuzurechnen
ist, wurde überhaupt erst
durch besonders umfangreiche Goldverkäufe der UdSSR nach Westeuropa gegen Ende 1953 und Anfang 1954 möglich. )Lese GoLdexnorte reranlaßte verschiedene Beobachter zu der Frage , ob die UdSSR auch weiterhin .

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weiterhin Güter in einem Umfang im Westen kaufen könne, wie es zu
Beginn des Jahres 1954 der Fall war. Gegen Ende des Jahres machten sich Anzeichen eines Ausgleichs bemerkbar. Sowjetrußland
schränkte seine Einfuhren aus dem Westen ein, währenc1 das Exportgeschäft eine steigende Tendenz aufwies, so daß in der zweiten
Hälfte des Jahres 1954 die Außenhandelsbilanz der UdSSR mit den
Staaten der freien Welt ausgeglichen war. Um dieses Ziel zu
erreichen, mußte die UdSSR in der zweiten Hälfte des Jahres ihre
Einfuhren aus der freien Welt um etwa 100 Millionen Dollar vermindern.
Alles im allem erzielten die europäischen Satellitenländer
ebenso wie Rotchina während des Jahres 1954 im Ost-Westhandel
einen Ausfuhrüberschuß. Das ist bei diesen Ländern, im Gegensatz
zur UdSSR, nichts Ungewöhnliches. Dennoch zeigte sich in einzelnen Fällen während des Jahres 1954 ein großer Importüberhang.
Wie bereits in früheren Jahren, so kam es auch in diesem Jahr
mitunter vor, daß ein westliches Land seine Lieferungen vorübergehend einstellen mußte, weil der Östliche Handelspartner nicht
das vertraglich festgelegte Exportvolumen erreichte, das nötig
ist, um die Einfuhren zu bezahlen,und ein zu großes Defizit
erreichte.
Den größten Anteil an der Belebung des Handels zwischen der
freien Welt und den osteuropäischen Ländern im Zeitraum 1953/1954
entfiel auf außereuropäische Staaten. Am auffälligsten waren die
großen Ankäufe von Erzeugnissen wie Fleisch durch die UdSSR in
Argentinien und Uruguay.Der Sowjetblock baute seine Handelsbeziehungen mit Pakistan, Brasilien, Neuseeland, vermutlich auch
mit Australien und in geringerem Umfange mit Indien und Indonesien weiter aus. Wenn auch noch keine endgültigen Zahlen vorliegen und sämtliche Angaben für 1954 nur auf vorläufigen Schätzungen
beruhen, so besteht doch kein Zweifel, daß der Handel des Sowjetblocks mit nichteuropäischen Ländern gegen Ende des Jahres eine
rückläufige Tendenz zeigte. Der Grund hierfür dürfte teilweise
darin zu suchen sein, daß der Sowjetblock wahrscheinlich nicht
in der Lage oder willens war, mengenmäßig genügend Güter entsprechend der Nachfrage zu einem angemessenen Preise für den
Export in diese Länder freizugeben.
Auch Westeuropa war an der Steigerung des Ost-Westhandels
im Jahre 1954 beteiligt; hier war ebenfalls in der zweiten Hälfte
des Jahres im Außenhandel mit dem Sowjetblock noch ein Aufwärtstrend spürbar.
Die Vereinigten Staaten führten im Jahre 1954 aus den Ländern
des Sowjetblocks Güter im Werte von insgesamt 49 Millionen Dollar
ein - das entspricht etwa dem Stand des Jahres 1953 (46 Millionen). Polnischer Schinken stand als Einfuhrerzeugnis mit schätzungsweise 16,1 Millionen Dollar weit an erster Stelle. Einfuhren
an Fellen und Pelzwaren, die hauptsächlich aus der UdSSR stammten,
beliefen sich auf 9»5 Millionen Dollar und rangierten an zweiter
Stelle.
Diese

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Diese zwei Erzeugnisse machten mehr als die Hälfte der
Gesamtausfi.hr des Sowjetblocks nach den Vereinigten Staaten aus.
Die amerikanischen Exporte nach den Ländern des Sowjetblocks
lagen im Jahre 1954 wertmäßig etwas unter 6 Millionen Dollar,
wobei der größte Anteil auf Lebensmittellieferungen im Werte
von 2,5 Millionen Dollar entfiel, die im Rahmen des Hilfsprogramms des amerikanischen Präsidenten für die Opfer der Überschwemmui gskatastrophe in den Donauländern nach Ungarn, der
Tschechoslowakei und der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands
gingen. Die Ausfuhr von Altwaren aus Wollspinnstoffen erreichte
den Wert von 1,2 Millionen Dollar.
Ausweitung der Handelsverbindungen durch Verträge
Wie schon das Jahr zuvor, so stand auch 1954 im Zeichen des
Abschlusses neuer Verträge und des Wiederauflebens bereits erloschener Handelsabkommen. Das Netz der zweiseitigen Handelsabkommen zwischen der freien Welt und den Ländern des Sowjetblocks wurde auf diese Weise beträchtlich verdichtet. Der Abschluß neuer Abkommen bildet stets ein dankbares Thema für die
Zeitungen; der ihnen dabei gewidmete Raum hat aber übertriebene
Vorstellungen von der Entwicklung des Handels erweckt. Di« Erfahrungen haben gezeigt, daß ein Handelsabkommen keine Gewähr
dafür bietet, daß der Handel mit einer guten Bilanz geführt
werden kann.
Von den jüngsten der im Jahre 1954 zwischen den einzelnen
Handelspartnern des Sowjetblocks und der freien Welt abgeschlossenen beziehungsweise in Kraft befindlichen Handelsabkommen,
wurden 28 erstmalig abgeschlössen, das heißt zwischen den betreffenden Ländern haben früher keinerlei Handelsabmachungen bestanden. Ferner wurden verschiedene neue in der Liste nicht aufgeführte Abkommen geschlossen, in denen der Zahlungsmodus, nicht
aber die Lieferungstermine festgelegt sind.
Ebenso wie im Jahre 1953 war die Sowjetunion auch 1954
besonders bemüht, ihre Handelsbeziehungen durch neue Abkommen
zu erweitern. Rotchina besitzt heute Handelsverträge mit vier
nichtkommunistischen Ländern in Asien, von denen nur ein einziger
bereits 1954 in Kraft war. Auf die sowjetisch besetzte Zone
Deutschlands und Rumäniens entfielen 17 der neuen Abkommen.
Wie schon im Jahre 1953 zeigte sich beim Abschluß neuer
Ost-Westhandelsabkommen eine neuartige Entwicklung vor allem
darin, daß nunmehr auch nichteuropäische Länder in erhöhtem Maße
mit einbezogen wurden, obwohl die größte Zahl von Handelsverträgen auf Europa entfällt.
Viele der mit diesen nichteuropäischen Ländern abgeschlossenen Abkommen sind auffällig unklar gehalten. Jedoch wurde durch
sie die Aufmerksamkeit auf die kommunistischen Länder gelenkt,
so daß man sie als Teil der Kampagne betrachten darf, die Ansehen und Einfluß der Kommunisten steigern soll.
Immer

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Immer nur die gleichen Güter gefragt
Gegen Ende 1953 und zu Beginn des Jahres 1954 bildeten die
sowjetischen Käufe von Verbrauchsgütern eines der Hauptthemata,
um die sich die Erörterungen auf den Gebieten des Ost-Westhandels
bewegten.
Den großen, unzureichend versorgten Verbrauchermärkten der
Sowjetunion und einiger Satellitenländer galt oft das Hauptinteresse der am Ost-Westhandel Beteiligten, die für den Warenü'.erschuß der freien Welt neue Absatzgebiete suchten. Damals erweckte das Phänomen einer beträchtlich erweiterten Kauftätigkeit der Sowjetblock-Länder hinsichtlich Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Erzeugnissen der Leichtindustrie bei manchen den Glauben, daß sich nun endlich die Märkte des Sowjetblocks erschließen würden. Dieser in einigen Kreisen gehegte Optimismus fand
in der Propaganda kommunistischer Regierungen, xn der diese
Interesse am -Wohlergehen ihrer Völker bekundeten, sowie in der
ganz natürlichen Hoffnung der freien Menschen diesseits des
Eisernen Vorhangs weitere Nahrung, das harte L s der geknechteten
Bevölkerung der Länder des Sowjetblocks werde nun endlich etwas
gemildert werden.
Andererseits waren viele westliche Beobachter, die sich ähnlicher Perioden der sowjetischen Geschichte erinnerten, recht
skeptisch. Sie bezweifelten, daß die Bemühungen um Nahrungsmittel
und Spinnstoffe das Anzeichen für einen grundsätzlichen Wandel
in der sowjetischen Wirtschaftspolitik seien, der eine dauernde
Ausweitung des Ost-Westhandels mit sich bringen werde.
Gegen Ende 1954 war dieser Optimismus weitgehend verschwunden, und die Skepsis hatte sich beträchtlich verstärkt. Es wurde
offenbar, daß der Sowjetblock, wie schon früher, seinen Außenhandel wesentlich nach dem Gesichtspunkt betrieb, für seine
Grundstoff-Industrien Ausrüstungen und Rohstoffe zu beschaffen.
Dieses Anliegen wird aus vielen verschiedenen Aspekten der Außenhandelstätigkeit der Staaten des Sowjetblocks deutlich - aus den
Verhandlungen über gegenseitige Handelsabkommen, aus dem Tenor
der Erklärungen auf den Sitzungen der UN-Wirtschaftskommission
für Europa (ECE), aus der Auslands- und Inlandspropaganda und
aus dem tatsächlichen Export der Länder der freien Welt nach
dem sowjetisch-beherrschten Gebiet.
Ein Vertreter eines westeuropäischen Staates-, der im April
1954 der Sitzung des Handelsbeirats der UN-Wirtschaftskommission
für Europa (ECE) beiwohnte, hat seine Eindrücke über die Handelsinteressen der Sowjets folgendermaßen zusammengefaßt: Den Sowjets
liegt gar nichts an einer umfassenden Wiederbelebung des Ost-Westhandels; sie sind nur an bestimmten Gütern interessiert, etwa
an Kupfer, Elektromaschinen usw., die sie laut Plan benötigen;
um diese- Waren zu bekommen, sind sie bereit, auch andere Erzeugnisse zu kaufen und exn Minimum ihrer herkömmlichen Ausfuhrwaren zu exportieren«,
Wie
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Wie sehr sich das Interesse des Sowjetblocks auf industrielle
Ausrüstungen und Rohstoffe konzentriert, zeigt sich am deutlichsten aus der Werbearbeit der "Cofraci", einer privaten Organisation in Frankreich, die zusammen mit anderen europäischen Propagandagruppen aus der Moskauer Wirtschaftskonferenz von 1952
hervorgegangen ist. Solche Organisationen wollen vor allem Geschäftskreise ansprechen. Ein Aufsatz im Januar/Februar-Heft 1954
der Zeitschrift der "Cofraci" appellierte an die Franzosen,
ihren Handel mit Bulgarien und Rumänien weiter auszubauen. Zunächst werden die Importeure aufgefordert, sich um größere Abschlüsse für bulgarisches Getreide, Obst, Gemüse, Tabak und Eier
zu bemühen. Anschließend folgt eine lange Liste der "von Bulgarien gewünschten französischen Erzeugnisse":
Metallfräs- und Schneidemaschinen, Schmiedeeinrichtungen und
Pressen, Elektromaschinen,Bergbaumaschinen, Mühlenmaschinen,
Hütten- und Walzwerksmaschinen, Ausrüstungen für den innerbetrieblichen Transport, Pumpen und Kompressoren, Maschinen
für die chemische Industrie, die Nahrungsmittel- und Bauindustrie, Holzbearbeitungsmaschinen, ärztliche Instrumente
und Laboratoriumsgeräte, Lager, Eisen und Eisenlegierungen,
galvanisierte Stahlbleche, Weißblech, Stähle, Schweißelektroden, Aluminium (in Barren), Aluminiumhalbzeug, Nichteisenmetalle, NE-Erzeugnisse und NE-Legierungen, Kupfer, (in
Barren), Kupferhalbzeug und -draht, Stahl-Aluminium-Leiter,
chemische Erzeugnisse, Gerb- und Farbstoffe, Anilinfarben,
pharmazeutische Erzeugnisse, Superphosphate, feuerbeständige Stoffe, Magnesiumblöcke, Autoreifen, Raffiabast, Baumwollgarne, Wollgewebe.
Die Bemühungen zur Erweiterung des französischen Handels mit
Rumänien sind ähnlicher Art. Die "Cofraci" beschränkt sich aber
nicht nur auf die Befürwortung solcher Geschäfte. Sie spricht dann
vom Handel mit der Tschechoslowakei und drängt die Franzosen offen dazu, "Konzessionen" zu machen, damit sie den Güterverkehr
erweitern und aus der Tschechoslowakei Waren, wie "Steinkohlenteer, Koks; und Koksstaub, Bauholz und Holzschliff", beziehen
können. Der Artikel enthält die Warnung: "Die französische Regierung kann nicht hoffen, diese Erzeugnisse zu bekommen, ohne
daß sie ein paar Zugeständnisse macht. Es liegt im Interesse aller Industriellen, daß die Regierung dies tut, denn diese Konzessionen berühren die Ausfuhr solcher französischer Erzeugnisse,
die unter den'Battle Act»fallen, in erster Linie Aluminium".
Diese Methode, fortwährenden Druck auszuüben, um das multilaterale System der aus Sicherheitserwägungen geschaffenen Handelskontrollen zu zerstören, ist natürlich wohl bekannt.
Das Bild der Einfuhr des Sowjetblocks an Verbrauchsgütern
aus Europa in der Nachkriegszeit zeigt, daß der Nachdruck ständig
auf drei Hauptgruppen von Erzeugnissen liegt: Maschinen, Metallen und Metallerzeugnissen sowie Transportmitteln (vor allem solchen des Seeverkehrs).
Nur
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Nur wenige der Länder der freien Welt haben die Zahlen über
ihren Handel in Verbrauchsgütern im Jahre 1954 im einzelnen veröffentlicht. Auf Grund der vorliegenden bruchstückhaften Angaben
besteht aber aller Anlaß zu der Vermutung, daß die Maschinenkäufe des Sowjetblocks in der freien Welt nicht zurückgegangen
sind.
Handelsflotte zu kaufen gesucht
In dem vierten MDAG-Bericht (Seiten 32-33) ist beschrieben,
wie der Sowjetblock im Laufe des Jahres 1953 in der Absicht,
Schiffe zu kaufen, alle möglichen Werften abklapperte. Wenn sich
auch die Ausführung vieler Aufträge über mehrere Jahre hinziehen wird, zeigten doch schon die Lieferungen von Schiffen
im Jahre 1954, die auf Werften der freien Welt für den Sowjetblock gebaut worden waren, sehr deutlich die Wirkung des neu
erwachten sowjetischen Interesses am Erwerb einer Handelsflotte.
Aber die UdSSR verfügt heute erst über eine kleine Tankerflotte,
und das ist ein empfindlicher Engpaß. Die 15 Länder der freien
Welt, die in der Überwachung des Handels mit strategisch wichtigen Gütern zusammenarbeiten, verbieten den Verkauf von Tankern
an den Sowjetblock. In Kapitel IV wird auf die Vorkommnisse in
Dänemark näher eingegangen, als die Sowjetunion im Jahr 1954
die Dänen - allerdings erfolglos - dazu zwingen wollte, ihr zwei
Tanker zu verkaufen, und sogar die Verhandlungen über das Handelsabkommen abbrach, als sie erkannte, daß sie ihren Willen nicht
durchzusetzen vermochte. Es besteht kein Zweifel, daß die Handelsbeschränkungen der freien Welt ihre Wirkung auf die militärische Kapazität des Sowjetblocks nicht verfehlen.
Andererseits kann der Sowjetblock viele Arten von Frachtund Fischereischiffen sowie Seefahrzeugen, die nicht auf den Embargolisten der freien Welt aufgeführt sind, ohne weiteres erwerben.
Der Sowjetblock besitzt selbst Schiffswerften, jedoch haben
diese für den Bau von Schiffstypen, die den Forderungen der Wirtschaftsplaner zur Ausrüstung der Kriegs- und Handelsmarine genügen könnten, eine zu niedrige Kapazität; außerdem konzentrieren
sich die Werften auf Fahrzeuge zu militärischer Verwendung. Die
Sowjetunion und Polen sind die einzigen Länder des Blocks, die
über nennenswerte Flotten verfügen. Viele der Schiffe sind alt,
erreichen nur geringe Geschwindigkeiten und bedürfen dringend
der Instandsetzung. Diese Flotten würden, selbst zusammengenommen,
nicht ausreichen, um dem Gütertransportverkehr im Binnenhandel
des Blocks gerecht werden zu können - vom Ost-Westhandel ganz
zu schweigen. Beispielsweise ist die Tankerflotte Sowjetrußlands
von 163 000 Bruttoregistertonnen 1953 auf 218 000 Tonnen im Jahre
1954 angewachsen.
Im ersten Halbjahr 1954 erreichten die Lieferungen von Schiffen verschiedenen Typs aus Westeuropa (ohne Finnland) an den Sowjetblock einen Wert von 12 Millionen Dollar,' womit der Umfang
der Lieferungen im Werte von 8 Millionen Dollar während des ganzen
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ganzen vorangegangenen Jahres weit übertroffen wird. (Pinnland
ist der Hauptlieferant des Sowjetblocks für Schiffe; seine einschlägige Ausfuhr belief sich 1953 auf 46 Millionen Dollar und
1954 auf etwa 50 Millionen Dollar.) Bei einem beträchtlichen Teil
dieser Käufe handelte es sich um gebrauchte Fahrzeuge, die im
Sowjetblock sehr begehrt sind.
Zusätzlich zu den für 1954 bestimmten Lieferungen hat der
Sowjetblock eine große Anzahl neuer Schiffe nichtkriegswichtiger
Typen bei westeuropäischen Werften in Auftrag gegeben; die Lieferungen sind für 1955 oder später vorgesehen. Das Interesse
konzentriert sich dabei anscheinend auf Handelsschiffe, Kühlschiffe
Fischereifahrzeuge und Sonderfahrzeuge für den Hafenbetrieb.
Fleisch, Brot und Butter
Die europäischen Sowjetsatelliten kauften im Jahre 1954
weitaus mehr Nahrungsmittel im Westen als im Jahre zuvor. Diese
Aufwärtsbewegung schien gegen Ende des Jahres zu einem Stillstand
gekommen zu sein. Immer mehr Beweise ergaben sich dafür, daß es
sich bei den Käufen in vielen Fällen um einmalige Transaktionen
handelte. Die Landwirte der freien Welt begannen zu erkennen falls sie es nicht sowieso schon wußten -, daß es sich bei ihren
neuen Handelspartnern nicht um Dauerkunden handelte.
Aber wie dem auch sei, die Menge der Nahrungsmittel war jedenfalls ohne Rücksicht auf steigende oder sinkende Kauftendenz
im Vergleich zu der ungeheuer großen Zahl der zu ernährenden Bevölkerung sehr gering» Für ein paar wenige Bevorzugte mag der
Tisch reicher gedeckt gewesen sein, aber die große Masse dürfte
die Einfuhren kaum zu spüren bekommen haben.
In den meisten Monaten des Jahres 1954 war in der Sowjetunion Fleisch knapp, während es in anderen Sowjetblockländern
überhaupt rationiert war. Angesichts dieser Tatsache und dem
Vorhandensein eines Viehbestandes, der chronisch hinter dem
Plansoll zurückbleibt und außerdem in jämmerlicher Verfassung
ist, wandten sich die Kommunisten der freien Welt zu, um hier
eine weitere Versorgungsquelle zu finden. Bis zum Oktober des
Jahres 1954 hatte die Sowjetunion in Ländern der freien Welt
142 000 Tonnen Rindfleisch, Hammel- und Schweinefleisch aufgekauft oder entsprechende Verkaufskontrakte unterzeichnet.
Das ist mehr als das Siebenfache der Fleischmenge, die im Jahre
1953 in die UdSSR eingeführt wurde. Die größten Lieferanten
waren Neuseeland und Uruguay-, gefolgt von Argentinien, Dänemark
und Frankreich. Ankäufe von Fleisch wurden gleichfalls in Südafrika, Kenia, Kanada und Irland getätigt.
Infolge dieser Kauftätigkeit wurde die Sowjetunion während
des Jahres 1954 zum drittgrößten Einfuhrland für Fleisch. Darüber
hinaus schlössen.die Tschechoslowakei und die Behörden der sowjetisch-besetzten Zone Deutschlands Handelsabkommen mit Ländern
der freien Welt- über den Kauf von 5 000 Tonnen Fleisch.
Auch der Fischimport der Länder des Sowjetblocks nahm zu.
Dies darf aber wohl als einer der Versuche gelten, der Pleisch- 23 -

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Fleischverknappung Herr zu werden. Den Fischeinfuhren in Höhe von
176 OOO Tonnen in den ersten sechs Monaten des Jahres 1954 stehen
Importe in Höhe von 91 000 Tonnen im gleichen Zeitraum des Vorjahres und fast 214 000 Tonnen während des ganzen Jahres 1953
gegenüber. Hauptlieferanten waren Norwegen, Schweden, Holland, Island und Großbritannien. Für Island und Norwegen wurde der Sowjetblock zu einem sehr wichtigen Markt, da diese Länder hier von Januar, bis November 23 beziehungsweise 15 Prozent ihrer Fischexporte absetzen konnten.
Was die Einfuhr von Butter anbelangt, so stand die Sowjetunior
im Jahre 1954, ebenso wie schon im Jahre 1953» mit einem Import
von mindestens 28 500 Tonnen Butter an zweiter Stelle (allerdings
lagen bei Abfassung dieses Berichtes noch nicht die diesbezüglichen Angaben aller Länder vor). Die sowjetisch-besetzte Zone
Deutschlands bezog allein fast 19000 Tonnen Butter, das sind etwa
zwei Drittel der gesamten in die UdSSR eingeführten Menge. Andererseits stellte Polen, das im Jahre 1953 das zweitgrößte Importland unter den Satellitenstaaten der Sowjetunion gewesen war, offenbar seine Käufe ein. Gemäß den Unterlagen, die die Sowjetunion
der UN-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) unterbreitet hat,
exportierte die UdSSR in der Saison 1953/54 fast die gesamte
eingeführte Butter wieder nach den Satellitenländern, und das
gleiche war für die Saison 1954/55 geplant.
Eine der interessantesten Wandlungen hinsichtlich der vom
Sowjetblock eingeführten Warenkategorien ist der neuerdings aufgenommene Import von Brotgetreide aus den Ländern der freien Welt,.
Das ist besonders bemerkenswert, da die osteuropäischen Länder
bisher die "klassischen" Ausfuhrländer für Brotgetreide waren.
Diese Verlagerungen im Getreidehandel des Sowjetblocks sollen im
nächsten Abschnitt behandelt werden.

Was haben die Länder des Sowjetblocks anzubieten?
Die Frage, was die UdSSR und ihre Satelliten ausführen können,
ist für diese Staaten ein permanenter Unsicherheitsfaktor. Bisher
exportierten s'ie hauptsächlich land- und forstwirtschaftliche Produkte sowie Bergbauerzeugnisse. Dennoch sind diese Güter bei den
Verantwortlichen für das großangelegte Programm zum Ausbau der
Schwerindustriej d er das wichtigste Wirtschaftsziel der sowjetischen Planer ist, besonders gesucht. Darüber hinaus kommt die
Landwirtschaft im kommunistischen Wirtschaftssystem sowieso zu
kurz. Gleichzeitig aber bietet dieses System auch keinen Anreiz
für die Produktion qualitativ hochwertiger Industriegüter, die
mit entsprechenden westlichen Erzeugnissen auf Märkten konkurrieren könnten, wo die letztgenannten verfügbar sind.
Dieses Dilemma hat bei den Planern des Außenhandels der UdSSR
seit der Verkündung ^es ersten Fünfjahresplanes im Jahre 1928
großes Kopfzerbrechen bereitet. Und auch die europäischen Satellitenstaaten leiden seit ihrer "Scwjetisierung" sehr darunter. In
den Satellitenländern wurde das Problem noch dadurch erschwert,
daß die Sowjetunion sich das "erste Anrecht" auf die Erzeugnisse

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Erzeugnisse dieser Staaten gesichert hat.
Aus diesem Grunde versiegen allmählich die Quellen, aus denen der Sowjetblock Güter für den Export nach den Ländern der
freien Welt geschöpft hat.
Das traditionelle Getreideexportgeschäft Osteuropas, einschließlich der UdSSR, geht immer mehr zurück. Die Ausfuhr von
Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Mais aus den europäischen
Satellitenländern der Sowjetunion sank von 2 875 000 Tonnen in
der Saison 1952/53 auf 1 256 000 Tonnen in der Saison 1953/54
(siehe Tabelle II); -und die Aussichten für die kommende Saison
sind nicht viel besser. Entgegen allen früheren Gepflogenheiten
steht Getreide heute nicht mehr auf den für den Handel mit dem
Westen bestimmten Exportlieten der Länder des Sowjetbloek«, die
diese auf den Sitzungen der UN-Wirtschaftskommission für Europa
(ECE) verteilen. Darüber hinaus wurden die eingegangenen Liefertermine für Getreide von den sowjetischen Satellitenstaaten
nicht immer eingehalten, oder in vielen Fällen wurde das Geschäft
völlig annulliert.
Ungarn, einst die Kornkammer Mitteleuropas, führte im Jahr
1954 große Mengen Getreide ein. Polen war 1952 zu einem GetreideImportland geworden, und Rumänien,selbst ein Getreideerzeugerland, hatte große Schwierigkeiten, seihen Verpflichtungen nachzukommen.
Gegen Ende des Jahres 1954 waren diese Länder gezwungen,
Getreide in großer Menge aus Westeuropa zu importieren und dabei
in einigen Fällen diese Käufe mit Krediten privater westeuropäischer Geldgeber zu finanzieren, da sie ihren Kredit bei den
Regierungen der westeuropäischen Länder bereits vielfach überzogen hatten.
. Weitere Informationen über die erhöhten Einfuhren von Getreide - insbesondere Brotgetreide - aus dem freien Westen nach
den ehemaligen "Kornkammern" hinter dem Eisernen Vorhang werden
erst zugänglich sein, wenn allgemein mehr Zahlen über den gesamten Handel vorliegen. Eventuell wird in einem späteren MDACBericht näher darauf eingegangen werden.
Polnische Kohle war gleichfalls seit jeher ein Exportartikel aus dem Raum des Sowjetblocks. Auch hier ging die Ausfuhr nach den Ländern diesseits des Eisernen Vorhangs stark
zurück, wobei die größte Schrumpfung des Exportvolumens noch
vor dem Jahre 1954 eintrat. Es lagen keine Anzeichen für eine
Wiederbelebung des Geschäftes in dem genannten Jahre vor.
Einige der Satellitenstaaten hatten Schwierigkeiten mit der
Kohleproduktion. Der Exportrückgang erklärt sich offenbar sowohl aus dem Absinken der Produktion als auch der erhöhten Nachfrage nach Kohle in Polen und anderen Ländern des Sowjetblocks.
An die Stelle von Getreide als dem bisherigen Exportartikel
Nummer 1 der europäischen Satellitenstaaten nach den Ländern der
freien Welt scheint nunmehr Erdöl aus der UdSSR und Rumänien

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Rumänien getreten zu sein. Für das Jahr 1954- halten sich beide
Güter wertmäßig etwa die Waage; jedoch scheint sich bei Erdöl
- zumindest im Augenblick - eine deutliche Aufwärtsentwicklung
abzuzeichnen. Mengenmäßig betrugen die Erdölexporte der Sowjetunion und Rumäniens im Jahre 1954 etwa 4,5 Millionen Tonnen,
während sie sich im Jahr zuvor auf 1,7 Millionen Tonnen beliefen. Zusätzliche Abnehmer wurden, zum Teil zum ersten Mal, in
Algerien, Ägypten, Israel, Argentinien, Indien und der Türkei
gefunden. Der größte Anteil des Erdölexports entfiel jedoch
auf Westeuropa, wo 5 Prozent des gesamten Erdölverbrauchs durch
Einfuhren aus der UdSSR und Rumänien gedeckt wurden. Bei gewissen Ländern lag der Prozentsatz höher; die mit Finnland und
Island im Jahre 1953 geschlossenen entsprechenden Handelsabkommen hatten bis 1954 dahin geführt, daß die UdSSR mit ihren i
Ausfuhren zu diesem Zeitpunkt fast den gesamten Erdölbedarf
dieser Länder deckte.
Risikoreiches Geschäft
Die vorstehend erwähnte Situation auf dem Erdölmarkt ist
nicht ohne Parallele. Es lassen sich auch andere Beispiele dafür anführen, daß die UdSSR bei einem bestimmten Erzeugnis zum
Hauptlieferanten oder wichtigsten Käufer im Außenhandel des einen
oder anderen Landes der freien Welt geworden ist. Das trifft
zumeist mehr für das Einfuhirgeschäft der UdSSR, weniger für den
Export der Sowjetunion zu. So kauften die Sowjets im Jahre 1954
insgesamt 43 Prozent der argentinischen Leinöl-Exporte sowie
27 Prozent der Butter-Exporte, 23 Prozent der isländischen
Fisch-Exporte und, im ersten Halbjahr 1954, etwa 50 Prozent der
Fleisch-Exporte Uruguays auf.
Wenn, wie etwa im Handel zwischen zwei Ländern der freien
Welt, prozentuale Angaben über den Anteil des einen an den Importen oder Exporten des anderen Landes gemacht werden, so ist
damit stets die Summe der zahlreichen, getrennt voneinander vorgenommenen Transaktionen verschiedener privater (und in heftigem Konkurrenzkampf stehender) Käufer und Verkäufer gemeint,
aus der nun die Gesamtmengen bestimmter Waren innerhalb des
Außenhandels des betreffenden Landes zu errechnen sind.
Wenn aber vom Handelsverkehr zwischen einem Land der freien
Welt und einem kommunistischen Staat die Rede ist, dann liegen
die Dinge anders. Auf kommunistischer Seite ersclheint in den HändeIssta
tistiken immer nur ein großer Importeur oder Exporteur, und zwar
das sowjetische Handelsministerium. Dieser einzige Handelspartner - die Regierung - hat somit auf das gesamte Handelsgeschäft
einen großen Einfluß. Wenn er seine Import- oder Exportpläne
ändert - entweder auf Grund nüchterner Berechnung oder der Erfordernisse einer neuen binnenwirtschaftlichen Situation -,
dann kann dieser Kurswechsel schwerwiegende Folgen haben» Bisweilen wurden durch ein plötzliches Auftauchen oder Abtreten
der UdSSR die Märkte der freien Welt stark erschüttert. So war
das unerwartete Wiedereintreten der Sowjetunion in das ManganGeschäft gegen Ende des Jahres 1953 und zu Beginn des Jahres
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Jahres 1954 möglicherweise einer der Gründe dafür, daß der Außenhandel Indiens mit Mangan im Jahre 1954 schwer gestört und gedrückt wurde.
Wenn ein. Land diesseits des Eisernen Vorhangs bei einem
bestimmten Erzeugnis ganz oder teilweise auf die UdSSR oder einen
Satellitenstaat als Lieferanten angewiesen ist, so können sich
aus einer plötzlichen Einstellung der Lieferungen schwerwiegende
Probleme ergeben. Und die bloße Androhung eines solchen Rücktritts vom Geschäft kann Gefahren heraufbeschwören, die sich politisch ausnutzen lassen.
Pur viele Länder ist dies mehr oder weniger eine latente
Schwierigkeit, die.im Hintergrund des Ost-Westhandels lauert,
nicht etwa eine akute Gefahr. Sie stellt im gegenwärtigen Augenblick lediglich eines der Probleme im Handel mit dem Sowjetblock
dar. Auf diese soll in Kapitel IV dieses Berichtes näher eingegangen werden.

KAPITEL III
MOSKAUS STIMMEN
"Die praktische Aufgabe kommunistischer
Politik besteht darin, einen gegen den anderen aufzuhetzen ... Wir Kommunisten müssen ein Land gegen das andere ausspielen."
(Lenin, 1920)
In den stürmischen drei Jahrzehnten seit Lenins Tod haben
gar manche Völker, die Frieden und freundschaftliche Beziehungen
über alle Grenzen hinweg suchten, oft genug diese kommunistische
Taktik des "ein Land gegen das andere" zu spüren bekommen. Ein
Gebiet.auf dem diese Taktik immer wieder angewendet wird, ist der
Ost-Westhandel.
Die Fernziele des Sowjetblocks in seinen Wirtschaftsbeziehungen zur freien Welt könnte man folgendermaßen zusammenfassen!
1. jede Gelegenheit ausnutzen, um zwischen den Völkern der
freien Welt Zwietracht zu säenj
2. der eigenen Wirtschaft, vor allem der Rüstungsindustrie,
Einfuhrgüter zuzuführen, durch die der Sowjetblock gestärkt
und immer unabhängiger von der freien Welt wird}
3. die Völker der freien Welt in Sicherheit wiegen, daß
sie sich auf den Sowjetblock als Abnehmer und Lieferanten
verlassen können, um desto leichter einen Druck auf sie
ausüben zu können.
Eine
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Eine Analyse der Moskauer Propaganda für den Ost-Westhandel
zeigt, daß folgende Themen immer wiederkehren:
Die Länder des Sowjetblocks sind stets an der Ausweitung des
Welthandels interessiert, sie treiben Handel ohne jegliche
Beschränkungen oder Verbote und ohne sich in die inneren
Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.
Handel ist gleichbedeutend mit Frieden) Frieden ist gleich• bedeutend mit Handel.
Der Sowjetblock bietet große, stabile, krisenfreie Märkte,
während in der freien Welt Wirtschaftskrisen herrschen oder
drohen - und Handel mit dem Sowjetblock ist das Mittel zur
Erreichung einer stabilen Wirtschaft.
Handel mit dem Sowjetblock hilft nichtindustrialisierten Ländern beim Ausbau ihrer Wirtschaft, und dieser Handel sollte
an die Stelle der Wirtschaftsbeziehungen zu den Vereinigten
Staaten und zu Westeuropa treten.
Handelsbeschränkungen der freien Welt bei strategisch wichtigen Gütern verhindern die Ausweitung des Ost-Westhandels
und sind der Grund für seinen Tiefstand; diese Maßnahmen
sind nicht multilateraler Natur, sondern von den Vereinigten
Staaten aufgezwungen.
"Andere" Länder der freien Welt sind im Verkehr mit dem Sowjetblock weit großzügiger und tun einiges zur Ausweitung
dieses Handels, während "dein Vaterland nachhinkt".
Im Kreis herum
Durch eine derartige Propaganda sucht Moskau neben seinen
Fernzielen noch mancherlei anderes zu erreichen. Unter anderem
will es in allen handeltreibenden Nationen der freien Welt die
Wirtschaft gegen die von der Regierung erlassenen Handelsbeschränkungen bei strategisch wichtigen Gütern mobilisieren. Indem es
den Kaufleuten in jedem Land klarzumachen versucht, daß "andere"
Länder gewaltig durch den Ost-Westhandel profitieren, zielen die
Kommunisten darauf ab, Mißstimmung zu erzeugen und die Einigkeit
der freien Welt zu schwächen - im Sinne der Lehre Lenins, den
"einen gegen den anderen aufzuhetzen" -, aber auch, um gewisse
wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Sie versuchen, sich rüstungswichtige Güter zu verschaffen. Sie versuchen weiter, verbesserte
Einkaufsbedingungen zu erreichen. Sie gehen dabei von dem Gedanken aus, zwischen den Geschäftsleuten der freien Welt eine Rivalität zu entfachen, damit sie ihnen in der Hoffnung, das Geschäft zu machen, Kredite gewähren, die Preise senken oder andere Zugeständnisse einräumen.
Vieles, was die kommunistischen Propagandisten in dem einen
Lande sagen, könnten sie unmöglich in einem anderen wiederholen;
denn diese Propaganda ist zu einem großen Teil auf ein bestimmtes
Land zugeschnitten und zur "Ausfuhr," über die Landesgrenzen ungeeignet.
So
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So verkündete Radio Moskau am 14. Oktober 1954 in einer Sendung für Westdeutschland: "Der gewinnbringende Handel mit dem
Osten mußte eingestellt werden ... Westdeutschlands traditioneller Handel mit dem Osten ist tot ... In keinem anderen europäischen Lande war es den Vereinigten Staaten möglich, den Handel
mit dem Osten zu beschränken."
In Großbritannien aber sagten die Kommunisten zur gleichen
Zeit etwas ganz anderes. Dort suchten sie den Gedanken zu verbreiten, die britischen Geschäftsleute hätten das Rennen um die
reichen Absatzmärkte jenseits des Eisernen Vorhangs gegen Westdeutschland verloren. So sagte Radio Moskau am 1. März 1955 in
einer Sendung für Großbritannien, die von den Westmächten für
strategisch wichtige Güter erlassenen Handelsbeschränkungen hätten den "Wettbewerb auf dem Weltmarkt verschärft", und infolgedessen sei "Großbritannien gezwungen, seine Stellung Westdeutschland zu überlassen ..." (Die Briten werden auf die ihnen von Japan drohende Gefahr verwiesen, und natürlich werden auch die
Japaner auf die britische Gefahr aufmerksam gemacht.)
Die für Westdeutschland bestimmte kommunistische These hätte
auch einem Dänen merkwürdig geklungen, der etwa eben eine Nummer
der dänischen kommunistischen Zeitung "Land og Polk" gelesen hat.
Am 9. Januar 1955 erklärte dieses Blatt, der deutsche Handel mit
dem Osten werde dazu führen, daß Hamburg Kopenhagen in der Bedeutung als Hafen überflügele. Die Schuld hieran war nach "Land
og Polk" darin zu suchen, daß Dänemark sich allzu strikt an die
Handelsbeschränkungen für rüstungswichtige Güter halte. Das
kommunistische Blatt schrieb hierzu, in Westdeutschland nähme
man die Beschränkungen "offenbar nicht so ernst."
Den Italienern sagt man, sie seien die letzten, die sich um
eine Steigerung ihres Handels mit dem Sowjetblock bemühten. Das
italienische Kommunistenblatt "L'Unita" erhob im Juni 1954 in
einem typischen Artikel wieder einmal den alten Vorwurf der Kommu-nisten, die Bundesrepublik Deutschland habe italienischen Schwefel nach Rumänien ausgeführt. In dem Artikel hieß es "schließlich
ziehen viele andere kapitalistische Länder, allen voran Großbritannien, großen Vorteil aus der Ausweitung ihres Handels ...
Warum sollten wir nicht ihrem Beispiel folgen?"
Wenn ein Land des Sowjetblocks eine Handelsdelegation aus
einem Lande der freien Welt empfängt oder mit diesem Land einen
Handelsvertrag abschließt, dann tun die kommunistischen Propagandisten in den anderen Ländern der freien Welt alles, um diese •
Nachricht weiterzuverbreiten - und reiben es jedem unter die Nase.
Nachdem eine Gruppe privater britischer Geschäftsleute im Februar
1954 Moskau besuchte hatte, erzählte man den Westdeutschen, daß
"England, ehemals das Land zahlreicher Entdeckungen, sich besonders hervorgetan habe ... Die Abgesandten der City of London haben sich nach Moskau aufgemacht und sind mit Aufträgen im Werte
von 20 Millionen Pfund zurückgekehrt." In derselben Sendung im
März 1954 hieß es, soeben habe man eine "sensationelle Nachricht"
aus Amerika erhalten. Tatsächlich-handelte es sich dabei um eine

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eine verhältnismäßig geringe Schwankung in der Stahlerzeugung.
Der Sprecher jedoch sagte: "Die schon so lange drohende Wirtschaftskrise ist da; sie wächst wie eine Lawine, die alles, was
ihr im Wege steht, mitreißt und vernichtet. Die Herren der Wall
Street stehen hilflos am Krankenbett des Kapitalismus."
Ein typisches Beispiel dafür, wie die Propagandisten über
die Unterzeichnung von Handelsverträgen berichten, war die Italien
sendung des Moskauer Rundfunks am 1. März 1954, in der ein verstärkter Ost-Westhandel als eines der Heilmittel für Italiens
wirtschaftliche Schwierigkeiten dargestellt wurde, und in der
es hieß: "Zahlreiche Länder haben diesen sowjetischen Vorschlag
angenommen, und mit Frankreich, Argentinien, Dänemark, Griechenland, Norwegen, Persien und anderen Ländern sind Handelsverträge
abgeschlossen worden."
Das Wiener kommunistische Blatt begann einen Artikel unter
der Überschrift "Ost-Westhandel - großes Geschäft für den Westen"
mit der Frage: " Will die Regierung warten, bis die andern uns
zuvorkommen?" In diesem Artikel wurden besonders Westdeutschlands Handelsbeziehungen mit dem Sowjetblock herausgestellt.
Für Westdeutschland aber wiederum verkündete ein kommunistischer Rundfunksender, daß "kürzlich in Moskau erfolgreiche
Verhandlungen mit Vertretern englischer und französischer Wirtschaftskreise stattgefunden haben".
Und den französischen Wirtschaftsleuten erzählte man, daß
andere Länder den Franzosen bereits weit voraus seien.
In seinen Sendungen in persischer Sprache weist der Moskauer
Rundfunk aufCeylons Handel mit dem kommunistischen China hin.
Die Sendungen nach den lateinamerikanischen Ländern schildern das
Handelsabkommen zwischen Argentinien und Sowjetrußland in den
leuchtendsten Farben. Und so geht es im Kreise herum, zwar mit
verschiedenen Worten, aber doch im Grunde überall nach der gleichen Melodie.
*

KAPITEL IV
SCHWIERIGKEITEN IM OST-WESTHANDEL
Kaufleute aus dem Westen können mit den Ländern des Sowjetblocks ohne weiteres Geschäfte tätigen. Sie können recht erfolgreich Handel mit kommunistischen Staaten treiben, und viele von
ihnen würden gerade auf diesem Gebiet gerne noch mehr tun - das
heißt, in noch größerem Umfang mit Gütern handeln, die nicht direkt zur militärischen Stärke beisteuern. Aber das Geschäft mit
den kommunistischen Staaten wird nicht so gehandhabt, wie es
normalerweise zwischen Wirtschaftsunternehmen der freien Welt
üblich ist. Es ist in mancher Hinsicht anders, und die Kaufleute
merken sehr bald, worin diese Unterschiede bestehen. Viele müssen

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müssen sogar erhebliches Lehrgeld zahlen. Durch einfaches Ignorieren der besonderen Probleme, denen sie sich gegenübersehen,
erreichen sie überhaupt nichts.
Was das Jahr 1954 besonders charakterisierte, war die Tatsache , daß sich immer weitere Kreise der Öffentlichkeit dieser
besonderen Probleme bewußt wurden. In der westeuropäischen Presse erschienen viele Artikel, die auf die Schwierigkeiten im Handel mit dem Sowjetblock besonders hinwiesen. Regierungsvertreter
fast jedes westeuropäischen Landes sprachen, auch wenn sie sich
gerade selbst um Ost-Westhandel mit Zivilgütern bemühten, ganz
offen über die verschiedenen Hindernisse, die der Sowjetblock
einem normalen Handelsverkehr in deri Weg legt. Auf den von der
UN-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) veranlaßten Wirtschaftsberatungen im April 1954 wiesen Handelsfachleute des Westens wiederholt darauf hin, daß es den Sowjetblockländern offenbar nicht
möglich sei, ihren Kunden die gewünschten Warenmengen zu akzeptablen Preisen und in zufriedenstellender Qualität zu überlassen.
Diese immer mehr sich versteifende Tendenz, Klage über die
vorhandenen Schwierigkeiten zu führen, bewirkte beim Westen natürlich nicht, daß er nun etwa ein geringeres Interesse für Märkte
und Bezugsquellen zeigte, wie sie Osteuropa eventuell zu bieten
hat^ Immerhin hatte sie aber zur Folge, daß der von den Kommunisten so geförderte Mythos, jenseits des Eisernen Vorhangs befände
sich ein zuverlässiges, gewinnbringendes und befriedigendes Handelsreservoir, das nur auf Grund der selektiven Handelskontrollen
der freien Welt über die Ausfuhr strategisch wichtiger Güter nicht
angezapft werden könne, immer mehr verblaßte. Trotz der unaufhörlichen Bemühungen der kommunistischen Propagandisten (über die
bereits in Kapitel III gesprochen wurde) weicht dieser alte
Mythos in zunehmendem Maße der Erkenntnis, daß die Haupthindernisse für eine Ausweitung des Ost-Westhandels im großen Stil
ganz einfach die sowjetische Wirtschaftsstruktur und die Wirtschaftspolitik als solche sind.
Ein gut Teil der besonderen Probleme, denen sich die am OstWesthandel beteiligten Geschäftsleute gegenübersehen, ergeben
sich aus der Natur der sowjetischen Wirtschaft und der Tatsache,
daß der Handel voll und ganz vom Staat monopolistisch gelenkt
wird. *
Kein Handel auf Gegenseitigkeit
Im Handelsverkehr mit der freien Welt ist das sowjetische
System dadurch gekennzeichnet, daß ihm das normale Charakteristikum der Gegenseitigkeit fehlt. Ein sowjetischer Satellitenstaat wird stets versuchen, sich Vorteile zu verschaffen, die
er anderen Völkern und Staaten nicht zugestehen will. Beispielsweise gestattet er Geschäftsleuten und Händlern aus den Ländern
der freien Welt nicht, sich innerhalb seiner Grenzen niederzulassen, um etwa Fühlung mit eventuellen Kunden aufzunehmen oder
*"Wie der Kreml den Handel kontrolliert" wurde im 4. MDAC-Bericht
(Mai 1954] im Kapitel "Trends im Ost-West-Handel" beschrieben.

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oder Geschäftsbeziehungen zu pflegen oder aber die lokalen Marktverhältnisse zu beobachten. Die kommunistischen Regierungen jedoch unterhalten Handelsmissionen in allen Ländern der freien
Welt, an denen sie wegen ihres Außenhandels Interesse haben.
Seit kurzem spielt die UdSSR von Zeit zu Zeit in ganz spezieller
Absicht den Gastgeber für private Handelsdelegationen, die jedo*ch
von behördlicher sowjetischer Seite noch immer aufs sorgfältigste überprüft werden. Dem Geschäftsmann ist es in seinen
Wirtschaftsbeziehungen zu* Behörden der Satellitenstaaten noch
immer nicht möglich, auch hier den normalen Weg zu gehen, nämlich über eine Niederlassung oder einen Vertreter an Ort und
Stelle die Geschäfte abwickeln zu lassen und sich einfach ins
Flugzeug zu setzen, wenn er mit einem Kunden oder» mit Lieferanten persönlich über geschäftliche Dinge sprechen will.
Sowjetische Verschleierungstaktik
Dieses Sich-Abschließen gehört aber zur Verschleierungstaktik,
die der Sowjetkommunismus in allen Dingen walten läßt. Die wirtschaftliche Entwicklung der Märkte des Sowjetblocks wird wie ein
militärisches Geheimnis gehütet. Gespräche über Absatzsituation
und Geschäftsaussichten sind, ausgenommen bei ausdrücklich dazu
berechtigten hohen Funktionären, gesetzlich verboten. Die Regierungen des Sowjetblocks halten sich nicht an Praktiken, wie sie
in anderen Handelsländern üblich sind, beispielsweise Veröffentlichung von Daten über Geschäftsmöglichkeiten innerhalb des Landes zur Information ausländischer Geschäftsleute. Ebenso wenig
lassen sie etwas über die Ergebnisse ihrer Außenhandelstransaktionen bekannt werden. Ein Grund dafür mag sein, sich den Vorteil nicht entgehen zu lassen, daß die Geschäftsleute, die nur
auf Hörensagen angewiesen sind und den wahren Sachverhalt nicht
kennen, sich bei ihren Bemühungen, mit einer sowjetkommunistischen Regierung eventuell ins Geschäft zu kommen, gegenseitig
unterbieten. In den regelmäßig erscheinenden Außenhandelsbulletins des Statistischen Amtes der Vereinten Nationen findet man
Tabellen über die offizielle Handelsbilanz von 58 Ländern - jedoch nicht von der UdSSR und ihren Satelliten. Im Herbst 1954
lockerte die UdSSR ihre Verschleierungspolitik etwas, indem sie
der ECE Zahlen über ihren Handel mit Westeuropa zur Verfügung
stellte. Es war dies das erste Mal seit 1937, daß überhaupt derartige Daten bekanntgegeben wurden. Natürlich sind die Zahlen
sowieso aus den veröffentlichten Statistiken der westeuropäischen
Länder errechnet worden, aber diese Handlungsweise der Sowjets
war doch ermutigend, und die freie Welt kann hoffen, daß damit
der erste Schritt zu ähnlichen Aktionen getan wurde, die zu
einer allgemeinen Entspannung führen.
Getarnte Diskriminierung
Die Sowjetregierung hat oft behauptet, daß es in der UdSSR
keine Gesetze über Exportbeschränkung gäbe. Zugegeben, es sind
tatsächlich keinerlei Verordnungen und Vorschriften darüber veröffentlicht worden. Das ist aber auch nicht notwendig, da der
gesamte Außenhandel Sache des Staates ist. Die von Zeit zu Zeit
•

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Zeit von der Regierung aufgestellten Pläne lassen einfach x-beliebige Posten aus - und zwar weitaus mehr, als auf den Embargolisten des Westens aufgeführt sind -, die sie ausländischen Märkten
nicht anzubieten wünschen. Um rasch irgendwelche Änderungen herbeizuführen, bedarf es ja nur einer Geheimanweisung an die Behörden. So können selbst angesichts bestehender offizieller Handelsvereinbarungen oder Lieferkontrakte, Waren aus dem Sowjetblock
einem Handelspartner ohne jede öffentliche Ankündigung vorenthalten werden - was auch tatsächlich geschieht.
Als einzigerEinkäufer oder Verkäufer für die gesamte UdSSR
ist das sowjetische Ministerium für Handel in einer äußerst mächtigen Position, Handelspartner zu diskriminieren, die aus dem
einen oder anderen Grund nicht genehm sind. Es kann sehr leicht
mit Preismanipulationen beim Einkauf oder Verkauf in einer Weise
operieren, die dem anderen den Mut nimmt, Verkäufe oder Einkäufe
zu tätigen, an denen die Sowjetregierung selbst kein Interesse
mehr hat.
Preismanipulationen
Eine staatlich kontrollierte Wirtschaft wird in ihrem monopolistischen Handelsgebaren nicht von den sonst üblichen Erwägungen, wie Herstellungspreis und Inlandspreisindex, bestimmt.
Der Absatz von Waren im Ausland unter dem Selbstkostenpreis
wirkt sich für ein derartiges Unternehmen wirtschaftlich kaum
folgenschwer aus. Überdies sind solche Verkäufe allgemein üblich geworden, da es nicht mehr das Ziel solcher Exporttransaktionen ist, einen Profit zu erzielen, als vielmehr lediglich
Kaufkraft zu erwerben, um spezielle Güter aus dem Ausland beziehen zu können, oder aber um politisches Kapital daraus zu
schlagen.
Wenn der Sowjetblock Waren aus der freien Welt bezieht, so
haben die Einkaufspreise keinerlei bestimmenden Einfluß darauf,
zu welchem Preis diese Waren auf den Märkten hinter dem Eisernen
Vorhang angeboten werden. Man schätzt, daß die Butter, die die
UdSSS auf dem Weltmarkt für 45 Cent pro Pfund ersteht, für einen
Preis in Höhe von 3 Dollar (nach dem offiziellen Umrechnungskurs) in den staatlichen Magazinen verkauft wird. Ähnlich ist es
bei Orangen, die zu 2 1/2 Cent pro Stück importiert und zu 1,25
Dollar verkauft werden, oder bei Zucker, für den der kleine Mann
einen Dollar pro Pfund bezahlen muß und den die Regierung um
3,4 Cent pro Pfund erstanden hat.
Hauptsorge der Kommunisten
Die Hauptsorge der Kommunisten, die Länder der Sowjetblocks
immer enger aneinander zu ketten und sie zur Industrialisierung
zu zwingen, ist allgemein bekannt. Wie sich dies auf den Handel
auswirkt, wurde bereits besprechen. Die Fluktuation in den Getreideexporten, von der in Kapitel III die Rede ist, ist dafür
ein gutes Beispiel. Die Sowjetblockstaaten scheuen sich nicht
zuzugeben, daß der Handel innerhalb des Blocks Privilegien genießt. Und er hat auf Kosten des Ost-Westhandels eine enorme
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enorme Ausweitung erfahren. Im Falle der UdSSR nimmt der Handel
innerhalb des Blocks sogar 80 Prozent des gesamten Außenhandels
ein.
All dem liegen die Bemühungen der Sowjetkommunisten zugrunde,
sich von jedem nichtkommunistischen Einfluß wirtschaftlich und politisch frei zu machen - was nicht unbedingt bedeutet, daß sie auf
jeglichen Handel verzichten wollen, sondern vielmehr danach streben, ihn nach eigenen Wünschen zu gestalten. Und dieses Bemühen
stellt jeden von draußen, der versucht, ein dauerhaftes Marktschema im Handel mit den kommunistischen Ländern aufzubauen, vor
konkrete Probleme. Es hat viel dazu beigetragen, daß in Wirt-,
schaftskreisen die UdSSR ,den Ruf eines "Laufkunden" genießt.
Der Laufkunde
Der Präsident des Bundesverbandes der britischen Industrie
umriß vor kurzem die Haltung zahlreicher Geschäftsleute der freien
Welt in der Frage der Geschäftsbeziehungen mit den monopolistischen Sowjetorganisationen}
"Nur wenige von uns, vielleicht überhaupt niemand, würden
sich eine kostspielige neue Anlage anschaffen oder seinen
Betrieb erweitern, nur um mit Ländern ins Geschäft zu kommen, bei denen ganz einfach aus politischen Gründen Aufträge
möglicherweise nie wiederholt werden, gleichgültig, welcher
Preis gefordert wird und welchen tatsächlichen Wert die Ware
hat."
Die Gründe dafür, daß Aufträge vielleicht nur ein einziges
Mal erteilt werden, mögen wirtschaftlicher oder .politischer Natur sein - das Problem als solches ist jedoch für alle Industriellen der freien Welt dasselbe.
Die Sowjets zeigen außerordentlich -großes Interesse für den
Import von Maschinen. Dennoch handelt es sich dabei nur zu einem
geringen Teil um ein Dauergeschäft.. Der Exporteur diesseits des • .
Eisernen Vorhangs hat keine Möglichkeit, den sowjetischen Markt
zu beobachten und sich darüber zu informieren, ob seine Lieferung
unter die Aufträge zu zählen ist, die von den Sowjets so häufig
erteilt werden, ohne daß die Absicht bestünde, sie zu erneuern.
Zum Teil werden ausländische Maschinen nur importiert, um
sie nachbauen zu können. Sie werden an Forschungsinstitute geschickt, wo man sie sorgfältig untersucht und Kopien davon anfertigt, die dazu dienen, das Inlandsangebot für das betreffende
Stück zu erhöhen und die Abhängigkeit vom Ausland verringern
zu können. Internationale Patente respektieren Sowjetblock-Regierungen überhaupt nicht. Im Grunde sind die Forschungsinstitute
sogar zum Teil ein Ersatz für normale Außenhandelsbeziehungen.
Der ausländische Kaufmann, der sich auf Geschäfte mit Sowjetbehörden einläßt, hat gefunden, daß es unmöglich ist, dauerhafte
Handelsbeziehungen dadurch zu planen oder aufrechtzuerhalten, daß
er bereit ist, ihrem Bedarf an Waren, den er auf Grund seiner
Angebote zu decken vermag, tatsächlich gerecht zu werden.
Beispielsweise
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Beispielsweise gaben sich Ende der zwanziger Jahre amerikanische Fabrikanten unter Aufwand von viel Geld und Material sehr
große Mühe, hochwertige Erzeugnisse zu liefern und den sowjetischen Käufern ihrer Traktoren und anderer landwirtschaftlichen
Maschinen auf jede nur erdenkliche Weise entgegenzukommen. Die
Bemühungen lohnten sich nicht. Nach 1931 strich die Sowjetregierung landwirtschaftliche Maschinen von ihrer Einfuhrliste, und
die Devisenquote für den Einkauf solcher Erzeugnisse wurde plötzlich gesperrt. Die amerikanischen Exporte landwirtschaftlicher Ma^
schinen nach der UdSSR gingen von 41 902 000 Dollar im Jahr 1930
und 37 887 000 im Jahr 1931 auf 119 900 im Jahr 1932, 109 000
im Jahr 1933 und 12 000 Dollar im Jahr 1934 zurück.
Auf und Ab
In den normalen Handelsbeziehungen zwischen zwei Ländern
ist es nichts Ungewöhnliches, wenn sich infolge der Veränderungen im Angebot oder im Warenpreis von einem Jahr zum andern
Schwankungen im Handelsvolumen bemerkbar machen. Die raschen
und abrupten Veränderungen, die den Handel mit der UdSSR charakterisieren, sind etwas anderes. Sie können nicht auf Grund von
Erörterungen der kommerziellen Situation, die zu verfolgen und
zu verstehen der Kaufmann durchaus in der Lage ist, vorausgesagt
werden. Eine neue, von der kommunistischen Partei weitergegebene
Entscheidung kann ein plötzliches Emporschnellen der Nachfrage
nach neuen Erzeugnissen auf einem Auslandsmarkt bewirken - aber
auch ebenso plötzlich feste Export-Import-Beziehungen zwischen
Geschäftspartnern der freien Welt auseinanderreißen. Nur zu oft
treten die sowjetkommunistischen Regierungen einmal oder auch wiederholt auf einzelnen Märkten als Käufer oder Verkäufer auf, ohne
daß ein offensichtlicher wirtschaftlicher Grund für ihr Verhalten
erkennbar ist.
So zog sich beispielsweise die UdSSR im Jahr 1947 von den
isländischen Auslandsmärkten zurück. Der Handel ging infolge des
geringeren Handelsvolumens wertmäßig von 9»7 Millionen Dollar
im Jahr 1947 auf 2 Millionen Dollar im Jahr 1949 zurück. Bis
1953 blieb die UdSSR den isländischen Märkten fern. In jenem Jahr
aber verlangte die offizielle sowjetische Politik, daß nach außen
hin für das Wohl des sowjetischen Verbrauchers Sorge getragen und
neues Interesse am Handel mit bestimmten Ländern gezeigt werde;
offenbar hatte Island vor den Augen der UdSSR Gnade gefunden,um nun wieder in Verfolgung der eigenen Interessen als ein Land
von zeitweiliger Bedeutung zu gelten.
Die UdSSR, die beispielsweise bei australischer Wolle stets
nur sporadisch als Käufer aufgetreten ist, war im Mai 1953 nach
zweieinhalbjähriger Abwesenheit wieder einmal auf dem australischen Wollmarkt zu finden. Die sowjetischen Angebote zeichneten
sich dadurch aus, daß sie wesentlich über den üblichen Preisen
und auch über den Angeboten lagen, die von den traditionellen
Kunden Australiens überhaupt gemacht werden konnten, wodurch der
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Juni 1955

der ganze Markt erheblich gestört wurde. Die Importe der UdSSR
aus Australien sind gleichermaßen plötzlich von 0,7 Millionen
Dollar im Jahr 1947 auf 31 Millionen im Jahr 1949 emporgeschnellt,
um 1952 auf 25 000 Dollar abzusinken und von Januar bis Oktober
1954 wieder auf 31 Millionen Dollar emporzuklettern.
In Mexiko gab die Sowjetunion vor einigen Jahren ihr Debüt
als namhafter Käufer einer Naturfaser, nämlich von "Henequen",
einer Sisalart. 1948 beliefen sich die mexikanischen HenequenExporte nach der UdSSR auf 10 Millionen Dollar. Ein Jahr später
sanken sie auf die Hälfte ab, um dann völlig aufzuhören.
Im Juli 1954 brach die Sowjetregierung die Verhandlungen
über ein Handelsabkommen mit Dänemark ab, und zwar deshalb,
weil sie darauf bestanden hatte, daß die dänische Regierung
ihre bereits getroffene Entscheidung rückgängig mache und sich
verpflichte, zwei Tanker für die UdSSR zu bauen. Die dänische
Regierung bezeichnete das sowjetische Ultimatum als ein politisch
motiviertes Verlangen.
Es gibt noch mehr Beispiele für ein solches Auf und Ab in
bestimmten Ländern. In einigen Fällen wurden abrupte einschneidende Veränderungen, beispielsweise der Abbruch der Handelsbeziehungen des Sowjetblocks mit Jugoslawien, aus politischen
Gründen vorgenommen, was man auch ganz offen zugab. Häufig wird
jedoch überhaupt keine Erklärung dazu gegeben.
Unsicherheit nach dem Vertragsabschluß
Das letzte Jahr hat mehrere auch in der Presse des langen
und breiten diskutierte Beispiele für die Unsicherheitsfaktoren
im Handel mit dem Sowjetblock gebracht.
Seit etwa 15» März 1955 wird in Zeitungsmeldungen immer wieder darüber berichtet, daß die Sowjetunion eine Anzahl an Länder
der freien Welt vergebene Orders annulliert habe. Spätere Berichte
lassen dagegen erkennen, daß einige dieser Aufträge später
wieder erteilt wurden.
In den letzten Jahren nach dem Kriege erweiterten finnische Fabrikanten von Fertighäusern ihre Produktionskapazität,
um der sowjetischen Nachfrage nach diesem Artikel gereSht werden zu können. Einer der Gründe für die optimistische Planung
dieser Industrie war das für fünf Jahre geschlossene Handelsabkommen zwischen der UdSSR und Finnland, in dem erstere sich verpflichtete, in den Jahren von 1950 bis 1955 jährlich 600 000 qm
Fertighäuser aus Finnland einzuführen. Im Januar 1955 drückten
jedoch sowjetische Unterhändler die Kaufquote für 1955 auf
250 000 qm herab, denen 750 000 qm für 1954 und je 900 000 qm
für 1952 und 1953 gegenüberstehen. Diese Entwicklung überläßt
diese wichtige Exportindustrie Finnlands einer völlig unsicheren
Zukunft.
Fragwürdige Qualität
Eines der größten Probleme im Ost-Westhandel ist die schlechte
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Juni 1955

schlechte Qualität zahlreicher Erzeugnisse der Sowjetblockländer.
Die diesseits des Eisernen Vorhangs geäußerten Klagen finden ihre
Bestätigung sogar bei den Kommunisten selbst. Sowohl in der UdSSR
als auch in den Satellitenstaaten haben hohe Funktionäre wiederholt bessere Qualität gefordert und sich kritisch über angebotenen Schund geäußert. Natürlich wurden solche Zugeständnisse nur
im internen Kreis gemacht.
Hier dürfte der Fall der sowjetzonalen Lastwagen interessieren. In einem Land diesseits des Eisernen Vorhangs waren im Juli
1954 zwei Vertreter eines volkseigenen Automobilwerkes der
deutschen Sowjetzone vor Gericht geladen worden, um sich zu
Beschwerden westlicher Käufer zu äußern. Diese Käufer verlangten
die gerichtliche Annullierung des über den Kauf von Fahrzeugen
abgeschlossenen Vertrages mit der Begründung, daß die Qualität
den Anforderungen in keiner Weise entspräche. Das folgende ist
ein Auszug aus der dem Gericht eingereichten Klage:
Der Lastwagen war vom 13. Februar bis 2. April 1954 in
Betrieb. Dann ging das Getriebegehäuse entzwei, und da
keine Ersatzteile dafür zu haben waren, konnten die Käufer
den Wagen bisher nicht mehr benutzen. Drei Tage nach Kauf
des Wagens war bereits das Relais kaputt, und die LadeKontrollampe funktionierte überhaupt nicht mehr richtig.
Das Relais fing an zu brennen und drohte, den ganzen Wagen
in Brand zu setzen. Es wurde ausgewechselt, aber dann fing
die Lichtmaschine an zu brennen. Kurze Zeit darauf brach
die Lenkung. Das Getriebegehäuse ging zum ersten Mal zu
Bruch. Die Gangschaltung funktionierte nicht mehr, die Beleuchtung nur sehr schlecht. Die Reifen gingen kaputt, da
sie nichts weiter waren als vulkanisierte alte Reifen, vermutlich noch solche aus dem Krieg. Die Handbremse ging entzwei, beide Scheibenwischermotoren brannten aus. Auf der
einen Wagenseite brachen sämtliche Radbolzen ab, und nacheinander brachen auch die Federböcke. Das Chassis des Lastwagens bog sich sichtbar durch. Am dritten Tag funktionierte
die Kippeinrichtung nicht mehr. Der Laderaum faßte 28 Prozent
weniger als angegeben.
Niemand würde annehmen, daß nun alle Exportwaren aus den
Ländern des Sowjetblocks nichts taugten. Aber leider bekommen
die Käufer von Erzeugnissen aus der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten häufig für ihr gutes Geld nur minderwertige Ware und das trifft bei vielen Warenkategorien zu.
Vielleicht waren die Beschwerden über diesen schadhaften
Wagen gar keine Überraschung für die mitteldeutschen Behörden.
Denn einen Monat vorher war dieses Problem - wenn auch in Kurzfassung und etwas abgeschwächt - in der Zeitschrift "Kraftfahrzeug-Technik" behandelt worden: "Es ist allgemein bekannt, daß
unsere Fahrräder, Motorräder und Automobile nicht mehr den internationalen technischen Normen genügen."
KAPITEL V
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Juni 1955

KAPITEL V
WANDLUNGEN IM WIRTSCHAFTSKURS DER OSTBLOCKLÄNDER
«

Was geht hinter dem Eisernen Vorhang vor, und wie könnte
es sich auf den Ost-Westhandel auswirken?
Gelegentlich erscheinen amtliche Verlautbarungen in den Ländern des Sowjetblocks. Zum Teil waren es Berichte über die Produktionssteigerung, in anderen wieder wird auf die Notwendigkeit
erhöhter Anstrengungen in gewissen Sektoren der Wirtschaft hingewiesen. Die der Außenwelt bekannten Tatsachen, auf Grund deren
man diese Verlautbarungen beurteilen könnte, sind äußerst spärlich. Was sich dabei ergibt, ist häufig verwirrend und irreführend.
Nach Stalins Tod im März 1953 gab es eine Reihe amtlicher
Erklärungen,%die vielfach als Anzeichen einer "milderen" Politik
gedeutet wurden. Auf innenpolitischem Gebiet verkündete das
Sowjetregime 'einen neuen Kurs. In amtlichen Ansprachen und in
der sowjetischen Presse war viel von der Sorge für den Verbraucher die Rede. Auf außenpolitischem Gebiet schien man den Wunsch
zu haben, freundschaftlichere Beziehungen zur "kapitalistischen"
Welt zu schaffen, obgleich sich in die Gesten der Versöhnungsbereitschaft feindselige Worte und Handlungen mischten. Die
europäischen Satelliten folgten dem Vorbild der Sowjetunion, und
manchmal schienen sie den Kreml hinsichtlich des "neuen Kurses"
in ihrer eigenen Wirtschaft noch zu übertrumpfen.
Diese Ereignisse des Jahres 1953 und der ersten Monate des
Jahres 1954 sowie die sowjetische Wirtschaftsentwicklung in den
vorangegangenen Jahrzehnten wurden in dem vor Jahresfrist erschienenen vierten "MDAC-Bericht" unter dem Titel "TrencFs im
Ost-Westhandel" beschrieben. Dort -wurde dargelegt (Seite 17),
daß die Machthaber des Sowjetblocks "sich groß damit taten, daß
sie die Verbrauchsgüterversorgung des Volkes ohne grundsätzliche
Änderungen in ihrer auf Krieg eingestellten Wirtschaft verbessern
konnten."
Kürzlich ereigneten sich in der Sowjetunion einige Dinge, die
die Welt mit atemloser Spannung verfolgte. Zu Beginn des Jahres
1955 trat Malenkow von seinem Posten als Ministerpräsident zurück und bekannte sich unfähig, einen Plan zur Verbesserung der
landwirtschaftlichen Erzeugung durchzuführen.
Während des gleichen Zeitraums, und zwar sowohl vor als
auch nach Malenkows Rücktritt, trat die offizielle Propaganda für
eine Intensivierung der Schwerindustrie wieder in den Vordergrund,
und gewisse sowjetische Wirtschaftsfachleute, die eine Erhöhung der
Konsumgüterproduktion gefordert hatten, wurden gerügt. Auch dies
fand ein entsprechendes Echo in den europäischen Satellitenländern.
Und weil die verbraucherfreundlichen Gesten in die Zeit fielen,
als Malenkow sowjetischer .Ministerpräsident war, neigten manche
Beobachter in ihren Mutmaßungen über die Ereignisse des Jahres

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Juni 1955

Jahres 1955 dazu, Malenkow persönlich mit einer sogenannten
"milden" Politik, und seine Nachfolger mit einer "Rückkehr"
zu der "harten" Politik Stalins, nämlich der Konzentrierung aller
Kräfte auf die Schwerindustrie, gleichzusetzen.
Es ist hier nicht unsere Absicht, die Hintergründe des Machtkampfes im Kreml aufzuhellen. Jedoch im Hinblick darauf, daß
die Politik eines raschen Aufbaus der Schwerindustrie niemals
grundsätzlich aufgegeben worden ist, wäre es wohl etwas gewagt,
irgendwelche Einzelpersonen - sei es nun Malenkow, Bulganin oder
Chruschtschew - mit der Abkehr von der alten Politik oder einer
"Rückkehr" zu ihr gleichzusetzen.
Versucht man, die verschiedenen von den sowjetischen Führern gelegentlich gemachten Äußerungen zu deuten, so darf man
nicht vergessen, daß amtliche Verlautbarungen aller Art, zu
denen auch die Publikationen von Presse und Rundfunk gehören,
Teil einer sorgfältig geplanten Propaganda sind. Das bedeutet
nicht, daß alles, was man hört, unwahr wäre. Offizielle Erklärungen können natürlich eine Politik umreißen, die dann auch
tatsächlich verfolgt wird - sie brauchen es jedoch nicht. Sie
sind aber stets Teil eines Feldzuges zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu Zwecken, die nicht offen ausgesprochen werden.
Eine Änderung der "Linie" ist ein neues taktisches Manöver.
Dies wollen wir im Auge behalten, wenn wir nun einige Maßnahmen untersuchen, die in der Wirtschaft der Sowjetblockländer
durchgeführt wurden, während all dies Gerede vor sich ging.
Wir werden finden, daß in den Jahren von 1953 bis 1955
mehr beim alten blieb als geändert wurde.
Wir werden auch finden, daß ungeachtet der ziemlich gleichlautenden Reden die Verhältnisse in den Satellitenländern sehr
viel andere waren als in der Sowjetunion. Die Verhältnisse waren
andere, die Maßnahmen waren andere und die Ergebnisse schließlich
waren ebenfalls andere.
In der Sowjetunion
Zur Zeit von Stalins Tod im Jahre 1953 lag die Erzeugung
von Stahl, Kohle, Zement, Maschinen usw. weit über dem Stand
von 1940. In den ersten Nachkriegsjähren ergab sich das Bild
eines sehr raschen wirtschaftlichen Aufstiegs, teils deshalb,
weil die Wachstumsraten weitgehend die Wiederherstellung von
im Kriege zerstörten Anlagen zum Ausdruck brachten. Dieses Tempo
hielt jedoch nicht an, ja, seit 1950 sind die Wachstumsraten
sogar zurückgegangen. 1953 war es bereits klar, daß manche der
im fünften Fünfjahresplan für 1955 aufgestellten Planziele nicht
zu erreichen waren. Am bedeutsamsten war die mangelhafte Arbeitsproduktivität. Das bedeutete, daß man zur Erreichung des Produktionssolls für 1955 in der Industrie mehr Arbeitskräfte benötigen würde als in anderen Sektoren der Wirtschaft entbehrt
werden konnten, sofern es nicht gelang, das System produktiver
zu gestalten.
Die
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Juni 1955

Die größten Schwierigkeiten jedoch bestanden in der Landwirtschaft. Hier hatte während des Krieges ein beträchtlicher
Rückgang eingesetzt. Gesamtanbaufläche und Viehbestand erreichten erst 1951 die Vorkriegshöhe (1940). Und auch dann war der
Ertrag pro Flächeneinheit und Stück Vieh noch so gering, daß die
landwirtschaftliche Produktion sich erst 1952 den Vorkriegszahlen näherte. Im Jahre 1953 fiel sie dann erneut unter den Vorkriegsstand.
Inzwischen war die Bevölkerungszahl beträchtlich gestiegen.
Weder die Nahrungsmittelversorgung noch der Wohnungsbau hatten
mit diesem Anwachsen Schritt gehalten. Die Leichtindustrie (etwa
Textil- und Bekleidungsindustrie sowie Nahrungsmittelverarbeitung)
war im Vergleich zur Schwerindustrie vernachlässigt worden, und
die Versorgung durch den Einzelhandel war völlig unzureichend.
Das heißt, die Bevölkerung der Sowjetunion war trotz der Entwicklung der Schwerindustrie und ungeachtet der neuen Bedeutung
ihres Lande's als weltpolitischer Faktor in bezug auf Konsumgüter, speziell Kleidung, schlechter gestellt als Ende der dreißiger Jahre, als sie auch nicht auf Rosen gebettet war.
Der niedrige Konsum und die unbefriedigende Arbeitsleistung
in Industrie und Landwirtschaft sind eng miteinander verknüpft.
Die Sowjetherrscher sind eifrig dabei, ihr Volk mittels der alten
kapitalistischen Lockmittel, wie Stücklohn und Prämien, zu härterer Arbeit anzureizen. Aber weshalb sollte sich jemand ein
Bein ausreißen, um etwas mehr Geld zu verdienen, wenn er damit
kaum etwas kaufen kann?
Diese Probleme hatte man schon vor dem Tode Stalins erkannt
und studiert. Seine letzte größere Erklärung zur Wirtschaftspolitik enthält indirekte Hinweise auf einige der Reformen, die
in den Jahren 1953 und 1954 eingeführt wurden. Zweifellos hatte
sein Tod bestimmte Folgen für Zeitpunkt und Umfang ihrer Durchführung. Jedoch sind mit der Schwenkung der propagandistischen
Linie vom Jahre 1953,die erneut die Sorge um das Wohl des Verbrauchers herausstellen sollte, die Unterschiede in der praktischen Wirtschaftspolitik der Zeit vor und nach Stalins Tod stark
übertrieben worden. Die Hauptziele des Regimes waren dieselben
geblieben, und auch die Mittel zu ihrer Erreichung hatte man
nicht so radikal geändert, wie man gerne glauben machen wollte.
Im August 1953 sprach Malenkow ganz allgemein von besseren
Aussichten für den Verbraucher, jedoch wurde bis Ende Oktober
nichts Bestimmtes versprochen. Von diesem Zeitpunkt an wurde
das Plan-Soll für 1955 für den Einzelhandel, die Nahrungsmittelindustrie und andere Zweige der Leichtindustrie durch eine Anzahl
Erlasse von höchster Stelle erhöht, wobei diese Planziele viel
ausführlicher beschrieben wurden als in früheren Verlautbarungen.
Die Schilderungen ließen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen,
aber die tatsächliche Produktionserhöhung war in den meisten
Fällen mäßig. Das Ganze wurde als ein Unternehmen von 2 bis 3
Jahren Dauer dargestellt, das offenbar im Jahre 1956 allmählich
abzuschließen wäre.
Andere
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Juni 1955

Andere Erlasse zielten darauf ab, der Landwirtschaft neuen
Auftrieb zu geben. Den Bauern wurden neue Anreize für eine Steigerung der Erträge sowohl in den Kolchosen als auf ihrem eigenen
kleinen Besitz geboten. Auch in der Organisation der sowjetischen
Landwirtschaft wurden einige Reformen vorgenommen.
Wie war all dies zu erreichen? Teils durch Erhöhung, der
staatlichen Investitionen in der Landwirtschaft und Leichtindustrie, teils durch Reformen im Ministerium für Handel und, was
wesentlicher war, durch eine erhoffte Steigerung der Produktivität der gesamten Wirtschaft. Anscheinend hoffte die Regierung,
letzteres durch eine Anzahl Maßnahmen zur Verbesserung der Betriebsführung in der Industrie zu erreichen. Auf Grund der starken Zentralisierung waren die Betriebsleiter durch Papierkrieg und
Beschränkungen aller Art stark belastet, und man glaubte anscheinend, eine gewisse Dezentralisierung werde den Werken ein erfolgreicheres Arbeiten ermöglichen. Eine stärkere Produktivität in
der. Landwirtschaft sollte durch Senkung der hohen Steuern und
• durch Erhöhung der niedrigen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse angeregt werden.
Es darf nicht übersehen werden, daß Kürzungen der Plansolls
für die Produktion der Schwerindustrie in der Sowjetunion niemals
auch nur erwähnt wurden, während die3 Satellitenregierungen derartige Kürzungen wohl nannten.
Das ganze Jahr hindurch wurden in öffentlichen Reden die
Zuhörer immer wi-eder an die Bedeutung der Schwerindustrie durch
besondere Erklärungen erinnert - und die trifft selbst für die
Rede Malenköws vom August 1953 zu.
In der Praxis jedoch wich man im Jahr 1953 nur in einem einzigen Fall von dem damals vorherrschenden Kurs ab. Gegen Ende
des Jahres verzeichnete der Kleinhandel eine rasche Umsatzerhöhung.
Da dem keine entsprechende Steigerung der Produktion vorangegangen war, mußte diese Entwicklung die Folge des Abstoßens angehäufter Warenlager zu reduzierten Preisen sein; es handelte sich
hierbei also um eine Art kommunistischen "No'tverkauf s".
In der landwirtschaftlichen Erzeugung trat 1953 keinerlei
Anstieg beziehungsweise Verbesserung ein --sie sank sogar ab - ,
und die Wachstumsrate bei der Industrieproduktion war niedriger
als im Vorjahr.
1954 war jedoch in der gesamten Industrieproduktion ein
leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Für den
Kleinhandel trifft dies nicht zuj offensichtlich handelte es sich
bei diesem "Notverkauf" um eine einmalige Angelegenheit. Die Erzeugung landwirtschaftlicher Güter ließ noch immer zu wünschen
übrig, obgleich sie höher war als im Jahre 1953. Im Verlauf des
Jahres 1954 nahmen zwar die Investitionen in der Leichtindustrie
zu; sie stellten jedoch im Vergleich zur gesamten.Volkswirt schaft
nur einen sehr kleinen Bruchteil dar. Sowohl in der Schwer- als
auch in der Leichtindustrie zog die Produktion an.
Allerdings
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Juni 1955

Allerdings war diese Erhöhung in der Schwerindustrie größer als
in der Leichtindustrie. Mit anderen Worten, das Regime erreichte,
was es am eifrigsten anstrebte - nämlich eine gewisse Erhöhung
der Produktivität -, während der Verbraucher im Durchschnitt
kaum 'mehr als zuvor erhielt.
Die Versuche zur Wiederbelebung der Landwirtschaft wurden
auch 1955 fortgesetzt; der Haushaltsplan sah erhöhte Mittel für
die Landwirtschaft vor. Die 1954 eingeführten Maßnahmen zur
Dezentralisierung blieben in Kraft. Ende 1954 schlugen die offiziellen sowjetischen Organe wieder die alte Linie ein, indem
sie die Aufmerksamkeit mehr auf die Schwerindustrie und weniger
auf den Verbraucher lenkten. Der Haushalt für das Jahr 1955 wies
eine Erhöhung in den Zuwendungen an die Schwerindustrie und eine
Reduzierung der Ausgaben für die Leichtindustrie aus. Diesen Kurswechsel darf man aber nicht zu sehr in den Vordergrund stellen,
denn bei den Sowjets ist die Schwerindustrie in Wirklichkeit nie
zu kurz gekommen oder, gar geopfert worden, auch haben sie sich
niemals ausschließlich für den Verbraucher eingesetzt.
In den europäischen Satellitenstaaten
Die europäischen Satellitenstaaten folgten dem Kurswechsel
in der Propaganda der UdSSR in recht ähnlicher Weise. Dies gilt
sowohl für 1953 als auch für das Frühjahr 1955.
Die Umstände selbst waren jedoch andere. Für die Satellitenländer war der Kommunismus etwas verhältnismäßig Neues. Sie befanden sich erst in den Anfangsstadien des Umstellungsprozesses
von einer Verbraucherwirtschaft, wie sie in der freien Welt üblich ist, zum sowjetischen Typ der Kriegswirtschaft. In den Satellitenstaaten gestaltete sich die Anpassung an die neue Wirtschaftsform vor dem Jahre 1953 schwieriger als in der UdSSR.
Im großen und ganzen hatten die Satellitenstaaten mit denselben
Problemen zu kämpfen wie die Sowjetunion 1953 - das heißt mit
einer Schrumpfung der Wachstumsrate der industriellen Produktion
sowie Stagnation der landwirtschaftlichen Erzeugung. Jedoch waren die Auswirkungen in den Satellitenländern viel tiefergreifend. Die Maßnahmen, die man im Rahmen des "Neuen Kurses" während
des Jahres 1953 in den Satelliten ergriff, waren weit drastischer - wenn auch weniger erfolgreich.
Ehrgeizige, auf lange Sicht berechnete Pläne zur Industrialisierung waren seit 1950 in den osteuropäischen Ländern in Angriff genommen worden. Während des Korea-Krieges wurde das Tempo
in der Verwirklichung dieser Pläne wesentlich erhöht. Anzeichen
einer wirtschaftlichen Überbeanspruchung machten sich zuerst
1952 bemerkbar, 1953 verschlimmerte sich die Lage. Es wurde klar,
daß viele der Ziele, die man sich für die wirtschaftliche Entwicklung für das Jahr 1954 gesetzt hatte, unmöglich erreicht
werden konnten. So bestand der im Jahre 1953 eingeschlagene
"Neue Kurs" zu einem wesentlichen Teil darin, daß die wirtschaftlichen Plansolls für das Jahr 1954 auf eine in der Praxis erreichbare Norm reduziert wurden. Den Führern der Satellitenstaaten schien
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Juni 1955

schien es geratener, von einer Neuorientierung der Wirtschaft
im Interesse des Verbrauchers zu sprechen, anstatt einen Mißerfolg einzugestehen. (In einigen Fällen wurde der Mißerfolg dann
freilich zugegeben.) (Siehe auch Schaubild "Offizielle Zahlenangaben der Satellitenlähder über ihre industrielle Entwicklung')).
Wenn sich schon die sowjetische Landwirtschaft in einem beklagenswerten Zustand befand, so trat in der landwirtschaftlichen
Produktion der Satelliten eine akute Krise ein. Die Kommunisten
beseitigten die bisher übliche Bewirtschaftungsart und führten
an ihrer Stelle Produktionsgenossenschaften ein. Dennoch schritt
die Kollektivierung nur langsam voran.
Selbst in der Sowjetunion hatten sich die Kolchosen nicht
als sonderlich wirtschaftlich arbeitende Unternehmen erwiesen.
Aber dort konnten die Bauern wenigstens auf eine 20jährige Erfahrung auf diesem Gebiet zurückblicken. Sie hatten die Zeit der
dreißiger Jahre mitgemacht, als fast die gesamte landbesitzende
Bevölkerung der Sowjetunion auf einen Schlag enteignet wurde und
sich entweder einer Kolchose anschließen mußte oder als Zwangsarbeiter verpflichtet wurde. Ganze Herden wurden damals geschlachtet, die landwirtschaftliche Produktion sank rasch ab, so daß eine
große Hungersnot entstand.
Obgleich sich die Satellitenstaaten sehr um eine Anpassung
ihrer Landwirtschaftssysteme an das sowjetische Vorbild bemühten,
gingen sie nach einiger Zeit von der extremen Form der sofortigen
und umfassenden Kollektivierung zu einer allmählichen Umstellung
über. Das Endergebnis war jedoch ein Zustand allgemeiner Verwirrung und Unsicherheit. Die selbständigen Bauern fühlten sich
nicht gerade zu harten Arbeiten veranlaßt, denn wenn sie Erfolg
hatten, so beschworen sie nur Verfolgung und Enteignung herauf,
während die den Produktionsgenossenschaften angehörende Minderheit sich in ihren Rechten vergewaltigt fühlte und nur wenig
Interesse zeigte, für den Staat zu arbeiten. Infolgedessen sank
die landwirtschaftliche Produktion rasch ab.
Im Rahmen des "Neuen Kurses" verlagerten die kommunistischen
Regierungen wie auch die Sowjetunion den Schwerpunkt auf die Landwirtschaft. Die Investitionen in der Landwirtschaft wurden erhöht,
den Bauern wurden gewisse Zugeständnisse gemacht, die in manchen
Ländern sogar so weit gingen,daß die Bauern unter bestimmten Bedingungen aus den Produktionsgenossenschaften austreten durften.
Mit Beginn der Sowjetisierung begannen in den meisten osteuropäischen Ländern Konsum und Lebensstandard, die höher als in
der UdSSR gewesen waren,zu sinken, und diese Abwärtsentwicklung
wurde während der kommenden Jahre noch ausgeprägter. Lies wirkte
sich am schlimmsten für jene Länder aus, die bessere Zeiten gesehen hatten und denen erst in der jüngsten Vergangenheit der
Kommunismus aufgezwungen worden war.
Da die Verhältnisse in Industrie und Landwirtschaft in den
einzelnen Satellitenstaaten jeweils anders gelagert waren, mußten
auch unterschiedliche Maßnahmen zur Behebung der Schwierigkeiten
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Juni 1955.

Schwierigkeiten ergriffen werden. Ungarn darf wohl als Extremfall
bezeichnet werden, da dort die industriellen Mißerfolge und der
Widerstand der Bauernschaft am ausgeprägtesten waren. Die Maßnahmen, die man. im Rahmen des "Neuen Kurses" während des Jahres
1953 ergriff, wurden in Ungarn zuerst eingeführt und gingen dort
auch am weitesten. Ungarn war aber auch das einzige Land, das
den "Neuen Kurs" 1955 offiziell^widerrief. Polen ist das beste
Beispiel für das andere Extrem, da hier, wie auch in der Sowjetunion, sowohl die Umstellung auf den "Neuen Kurs", wie auch das
spätere Einschwenken auf den "alten Kurs", mit geringeren Änderungen der Wirtschaftsform und in langsamerem Tempo erfolgte. Wir
werden auf die Ereignisse in Ungarn noch besonders eingehen, da
an ihnen die Probleme der letzten zwei Jahre am besten verdeutlicht werden können. Das bedeutet jedoch nicht, daß Ungarn mit
seinen Erfahrungen allein dasteht. Die Entwicklung in Ungarn
trifft zum großen Teil auch auf die Tschechoslowakei und Rumänien
und in kleinerem Maßstab auch auf .die anderen Länder zu.
Ungarn und der "Neue Kurs"
Im Juli 1953 traten Ministerpräsident Imre Nagy und andere
hohe kommunistische Funktionäre mit Vorschlägen zur grundlegenden Reform der ungarischen Wirtschaft an die Öffentlichkeit, was
sie damit begründeten, daß die Ziele der bisherigen Industrialisierungsprogramme zu hoch gesteckt gewesen seien. Deshalb müsse
Ungarn das Schwergewicht seiner Anstrengungen auf den landwirtschaftlichen Sektor verlegen und Erzeugnisse der Schwerindustrie
aus anderen Ländern des Sowjetblocks einführen, bei denen die
Voraussetzungen für eine solche Produktion besser gegeben wären.
Gemäß dieser Auffassung wurde der Schwerindustrie ihre Vorrang
Stellung genommen; einige bereits angelaufene Projekte wurden sofort fallen gelassen. Bemüht, die Bauern zu intensiverer Arbeit
anzuspornen, verkündete die Regierung eine Steuersenkung, setzte
die Quote für Zwangsablieferungen herab, erhöhte die Preise für
landwirtschaftliche Erzeugnisse und billigte den Austritt aus den
Produktionsgenossenschaften. Diese letztgenannte Maßnahme darf
wohl als die extremste Auswirkung des "Neuen Kurses" angesehen
werden.
Von da an, herrschte eine ziemliche Verwirrung. Die Kommunisten der alten Garde Ungarns zeigten kein Verständnis für diese
neumodischen Ansichten und erzwangen es, daß man die Pflöcke ein
wenig zurücksteckte. Gleichzeitig war die dominierende Gruppe
unter Nagy noch immer mit der Durchführung ihres Programms beschäftigt und machte die "Links-Abweichler", die die Vorzüge der
neuen Politik nicht anerkennen wollten, für die wirtschaftlichen
Mißerfolge verantwortlich. Viele der Plansolls wurden 1954 schon
wieder revidiert* Neue Bauern-Gesetze wurden erlassen, die in
vielen Fällen die Bestimmungen der vorausgegangenen Gesetze
widerriefen.
Interessant war in dieser Hinsicht die Reaktion der Bauern.
Über die Hälfte der Kolchosenbauern traten aus den Produktionsgenossenschaften aus und kehrten zur Eigenbewirtschaftung zurück,
oowoni axe Bedingungen immer scnlechter wurden.
Bauern
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Juni 1955

Bauern, denen die Regierung die Strafen für Steuerrückstände
oder Nichterfüllung der Ablieferungssolls erlassen hatte, machten
sich auch weiterhin der gleichen Verstöße in dem Glauben schuldig,
daß sie die Regierung nunmehr an die Wand gedrückt hätten und
auch in Zukunft bei solchen Unregelmäßigkeiten straffrei ausgehen würden.
Die Arbeitsdisziplin in der Industrie sank ebenfalls. Im
allgemeinen ist man nicht nur an einer Steigerung der Produktion,
sondern auch an eine Erhöhung der jährlichen Wachstumsrate interessiert. Die Gesamtproduktion des Jahres 1954 lag jedoch noch
weit unter dem ohnehin schon sehr bescheidenen Plansoll. Nach
den Angaben der Regierung sank die Produktion in der Schwerindustrie sogar um 3,1 Prozent. Gleichzeitig schnellten jedoch die
Regierungsaufwendungen für Löhne in die Höhe, was zum Teil auf
eine amtlich nicht gebilligte Lohnerhöhung von seiten der Fabrikverwaltungen zurückzuführen war. Mit dieser Maßnahme hofften
diese Instanzen die Erfüllung der Solls zu gewährleisten. Absinken
der Produktivität bei gleichzeitiger Erhöhung der Löhne ergibt
jedoch eine allgemein unzureichende Leistung der Wirtschaft.
Die für die gesamte Wirtschaft wichtige Kohleerzeugung
lag 1954 um 650 000 Tonnen unter dem geplanten Soll, obwohl
mehr Arbeitskräfte als bisher in den Bergbau verpflichtet worden waren. Die Energieerzeugung stieg 1953 lediglich um 5 Prozent
und nicht, wie im Plan vorgesehen, um 10 Prozent.
Die Stahlerzeugung ist nach den statistischen Unterlagen
(enthielten nur Angaben über die Produktion von Siemens-MartinStahl, der jedoch den größten Teil der ungarischen Stahlerzeugung
ausmacht) um 4,1 Prozent unter den Stand von 1953 gesunken,
das heißt, die Produktion lag 12 Prozent rnter dem Plansoll.
In der Leichtindustrie war eine Produktionssceigerung um 10 Prozent zu verzeichnen, ein Ergebnis, das aber unter denen der Jahre
seit 1950 lag. Die Erträge der Weizen- und Roggenernte (Weizen
und Roggen sind die am meisten angebauten Getreidearten Ungarns)
gingen zurück. Obwohl die Anbaufläche um 6,9 Prozent größer
gewesen sein soll als 1953, soll der Ertrag pro Hektar um 22 Prozent gesunken sein. Schlechte Witterungsverhältnisse und das
Hochwasser der Donau waren zum Teil an dieser Mißernte schuld.
Darüber hinaus ist ein Teil der geringen Ernteerträge die Folge
von Einbringungsschwierigkeiten bei fast allen Getreidearten.
Und wie erging es nun dem Verbraucher, der ja eigentlich
von diesem "Neuen Kurs" profitieren sollte? Konsumwaren standen
in erhöhtem Maße zur Verfügung, obwohl die Plansolls auch hier
nicht erreicht worden sind. Die Einzelhandelsumsätze stiegen.
Am größten war die Erhöhung der Produktion bei Butter, Süßigkeiten, Radios und Fahrrädern. Diese Güter sind für den größten
Teil der Bevölkerung unerreichbar. Die Belieferung mit Brot gestaltete sich noch schlechter als zuvor. Die Wohnungsnot war
nach wie vor groß: nur 13 000 der 40 000 geplanten neuen Wohnungen waren bis zum 1. Oktober 1954 fertiggestellt worden.
Dies
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Juni 1955

Dies sind alles mengenmäßige Daten} es ist jedoch völlig
unmöglich, auch nur ganz allgemein die Klagen über die Qualität
der Waren zu beschreiben, die in allen Zeitungen erschienen.
(Die Zeitungen üben Kritik an bestimmten Mißständen, bringen
aber niemals irgendeine allgemeine Kritik an der Regierung.)
Um es kurz und klar zu sagen, der "Neue Kurs" war in Ungarn
eine glatte Pleite. Er hat nicht nur bestehende Probleme nicht
gelöst, er hat vielmehr eine große Zahl neuer Probleme geschaffen.
In der ersten Märzwoche 1955 wurde denn auch Ministerpräsident Nagy gestürzt. Das Zentralkomitee der ungarischen Arbeiter(Kommunistischen) Partei brandmarkte ihn als "Rechtsabweichler",
der die wirtschaftliche Stärke Ungarns unterminiert hätte. Etwas
verwirrt stellte das Zentralkomitee fest, es habe die Absicht,
den Schwerpunkt der Planung wieder auf die Schwerindustrie zu
legen. JedDch schwenkte man nicht völlig auf die alte Linie ein,
denn noch hielt man an der Behauptung fest, die Industrialisierung,
wie sie vor 1953 durchgeführt worden sei, wäre übertrieben schnell
vorangetrieben worden, und die im Juni 1953 erlassenen Bestimmungen seien wohl richtig gewesen, wären nur falsch angewendet worden. Aus den Erklärungen des Zentralkomitees ging hervor, daß
man die Hauptlast der neuen Entwicklung durch die Wiederaufnahme
der Kollektivierung und die Rückkehr zu schärferen Abgabebestimmungen wieder auf den Bauern und Arbeiter abwälzen wollte. Das
Zentralkomitee schlug ferner eine Erhöhung der industriellen
Produktion um 5»7 Prozent für das Jahr 1955 vor. Damit war man
bei den eigentlich für die Jahre 1954 und 1955 vorgesehenen Solls
wieder angelangt.
*

- 46 -

�"AMERIKA' DI2NST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Juni 1955

SCHLUSSBEMERKUHG5N
Dieser Bericht behandelt vornehmlich die wirtschaftlichen
Transaktionen des Sowjetblocks mit der freien Welt. Die Absicht
war nicht, neue Tatsachen aufzuzeigen, sondern einen Abriß und
ein Gesamtbild der diesbezüglichen Tätigkeit des Sowjetblocks zu
geben.'Er sollte dem Leser einen Begriff von den Wirtschaftsoperationen des Sowjetblocks im Auslande und den damit zusammenhängenden Problemen"vermitteln, denen die Regierung der Vereinigten Staaten sowie die Regierungen, und Wirtschaftler der freien
Welt sich gegenübersehen. Die fünf Kapitel dieses Berichtes sind
in Wahrheit nichts anderes als ein Teil "des weit umfangreicheren
Kapitels der Beziehungen zwischen der freien Welt und dem Sowjetblock» Der 5. MDAG-Bericht, "Die Revision der Bestimmungen für
den Ost-Westhandel" (Kontrolle über den Handel mit strategisch
wichtigen Gütern) beschäftigt sich mit einem anderen Teil dieses
Fragenkomplexes. Aber auch er umfaßt nicht das Ganze; Wirtschaftsverteidigung einschließlich der Kontrolle_ über den nandel
mit strategisch wichtigen Gütern stellt nur einen Aspekt der
gesamten Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten und der
freien Welt dar.
Eine Gesamtbeurteilung der Außenhandelspolitik überschreitet natürlich den Rahmen dieses Berichtes. Einige der letzten
Maßnahmen, die die Vereinigten Staaten auf diesem Gebiet ergriffen haben, sind in dem Bericht an den Kongreß zum Programm
für Gemeinsame Sicherheit für das am 31. Dezember 19 54 abgelaufene Halbjahr enthalten, den der amerikanische Präsident
dem Kongreß gab. Das Gesamtbild aber muß man sich vor Augen
halten, um die Fakten und Fiktionen in Verbindung»mit der
kommunistischen Außenhandelspolitik richtig zu sehen. Wenn diese Perspektive fehlt, besteht die Gefahr, den Problemen, denen
die freie Welt in ihren Wirtschaftsbeziehungen mit den Ländern
des Sowjetblocks gegenübersteht, entweder eine übertriebene Bedeutung beizumessen oder sie zu unterschätzen. Wie die Dinge
liegen, besteht weder Anlaß, sich unnötig Sorgen zu machen,
noch die Hand in den Schoß zu legen. Die amerikanische Regierung
verfolgt laufend die Auswirkungen der vom Sowjetblock in seinen
Wirtschaftsbeziehungen zur freien Welt ergriffenen Maßnahmen
und trägt ihnen voll und ganz Rechnung.
Nachstehend werden einige der Wichtigsten Auswirkungen und
Folgerungen aufgeführt, die sich aus den im Bericht dargelegten
Dingen ergeben*
Wie wir gesehen haben, war 1954 ein Jahr, in dem der OstWesthandel einen bescheidenen Aufschwung nahm und die Wirtschaftsbeziehungen durch den Abschluß neuer Handelsabkommen eine Ausweitung erfuhren. Die Einfuhren des Sowjetblocks stiegen rascher
an als seine Ausfuhren; allerdings gingen die Einfuhren gegen
Ende des Jahres allmählich zurück. Die Aussichten für einen nochmaligen allgemeinen Aufschwung des Ost-Westhandels im Jahre 1955
sind gering. Wenn die jüngste Entwicklung 'im Exportgeschäft des

- 47 -

�"AMERIKA DIENST"- WIBTSCHAFT UND ARBEIT

Juni 1955

des Sowjetblocks anhält, ist sogar mit einem Gesamtrückgang
des Ost-Westhandels zu rechnen.
Zum Teil ist die Ausweitung des Ost-Westhandels im Jahre
1954 auf die beträchtlich erhöhten Lebensmittelkäufe des So*
wjetblocks zurückzuführen. Die kommunistischen Regierungen hatten ihren Völkern gewisse Versprechungen gemacht. Die eigene
Produktion reichte nicht aus; die Landwirtschaft hatte unter
chronischen und akuten Schwierigkeiten zu leiden. Obwohl die
Lebensmitteleinfuhren sich auf verschiedene Auslandsmärkte
spürbar auswirkten, hatten sie auf den Lebensstandard der
Sowjetblockländer doch keinen tatsächlichen Einfluß. Die
russischen Fleischaufkäufe zum Beispiel - ein Gebiet, auf dem
mit die stärkste Einfuhrsteigerung zu verzeichnen war - hätten
nur für wenige Mahlzeiten im Jahr gereicht, wenn sie unter die
ganze Bevölkerung verteilt worden wären. Wie die Dinge lagen,
gelangte das Fleisch lediglich auf den Tisch der wenigen Privilegierten. Jedenfalls schien die Einfuhr von Verbrauchsgütern im
Laufe des Jahres zurückzugehen, und der sowjetische Verbraucher
steht mehr oder weniger dort, wo er vorher stand - er wird mit
einem Wust von'Propaganda gefüttert, hat aber wenig zu essen
oder anzuziehen.
Die Einkäufe aller Art, die der Sowjetblock im Jahre
1954 in der freien Welt tätigte, zeigten, daß die kommunistischen Länder nach wie vor und in erster Linie daran interessiert
sind, sich Investitionsgüter zu verschaffen, um ihre forcierte
Industrialisierung voranzutreiben. Um sich die geplante Handels-»
flotte zu verschaffen, kauften sie auch weiterhin bei den westliehen Schiffswerften zu günstigen Bedingungen alte und neue
Schiffe ein.
Moskau versuchte auf verschiedene Weise, die unterentwickelten Länder für den Gedanken zu gewinnen, "Wirtschaftspartner" des
Sowjetblocks zu werden. Obwohl die Taten weit hinter der Propaganda zurückblieben, bestand kein Zweifel, daß die Sowjets ein
echtes Interesse an diesen Gebieten hatten und durchaus ernste Absichten hegten. Es ist damit zu rechnen, daß das auch weiter so
bleiben wird. Die unterentwickelten Länder befinden sieh'hier in
einem echten Dilemma, weil sie auf Hilfe von außen angewiesen sind.
Die Geschäftsleute der freien Welt können mit den Ländern
des Sowjetblocks nicht in der Weise Geschäfte tätigen, wie dies
zwischen Geschäf tsunternehmen .der freien Welt normalerweise üblich
ist. Eines der hervorstechendsten Merkmale des Jahres 1954 war,
daß die Öffentlichkeit in zunehmend am, Maße erkannte, welchen
Problemen diejenigen gegenüberstehen, die mit Ländern des So*
wjetblocks Handel treiben.
Ein wesentliches Hindernis im Ost-Westhandel ist die Tatsache, daß die Sowjetblockländer nicht in der Lage sind, ihre
traditionellen Ausfuhrgüter, insbesondere die land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnisse, zuverlässig zu liefern. Sehr aufschlußreich sind hier die Getreideeinfuhren nach den Ländern
des Sowjetblocks, die eigentlich ihrer Tradition gemäß diese
Güter ausführen müßten. Eine weitere große Schwierigkeit im
- 48

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Juni 1955

im Handel mit dem Sowjetblock ist dessen Forderung nach besonderen Konzessionen bei vielen Geschäften.
Diese Schwierigkeiten sind größtenteils auf den Charakter
des kommunistischen Wirtschaftssystems und seine Handelsformen
zurückzuführen. Um sich Rohstoffe zu beschaffen oder im Rahmen
ihrer Bemühungen zur wirtschaftlichen und politischen Durchdringung werden womöglich die UdSSR und ihre Satelliten in Zukunft
kleinere Mengen von Investitionsgütern an die Länder der freien
Welt verkaufen, zumindest aber werden sie dies als demonstrative
^este gegenüber den unterentwickelten Ländern tun. Bei den derzeitigen Plänen des Sowjetblocks sind jedoch keine größeren
Lieferungen zu erwarten, und wahrscheinlich waren die bisherigen
auch nur unter schweren Opfern seitens der europäischen Länder
des Sowjetblocks und Rotchinas möglich.
Bei einem Rückblick auf die Zeit von 1953 bis 1955 dürfte
folgende Schlußfolgerung am bedeutsamsten seinj Erotz mancherlei
Wandlungen im Gesamtbild des Ost-Westhandels ist auf dem Gebiet
der sowjetischen Außenhandelspolitik mehr beim Alten geblieben,
als geändert wurde und zwar sowohl nach innen als nach außen.
Überhaupt hat das vergangene Jahr -noch deutlicher gezeigt, daß
der Gütertausch für die Länder des Sowjetblocks nach wie vor
eng verbunden ist mit wirtschaftlichen und politischen Erwägungen der kommunistischen Regierungen, für die Handel nicht Selbstzweck ist, sondern lediglich ein Mittel zur Durchführung ihrer
oft aggressiven aufs Ganze gehenden Außenpolitik, eine Tatsache,
die in der freien Welt in steigendem Maße erkannt wird.

* * # # #

- 49 -

�BEGLEITBRIEF

An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Hiermit unterbreite ich den 6. Halbjahresbericht über die
Tätigkeit 'gemäß den Bestimmungen des Gesetzes für Gemeinsame
Verteidigungshilfe vom Jahre 1951.
Der Bericht umfaßt den Zeitraum von Juli bis Dezember 1954.
für eine richtige und angemessene Beurteilung der Auswirkungen
des Gesetzes war es jedoch notwendig, über die unmittelbaren
Probleme, wie sie sich aus den Sicherheitskontrollen der freien
Welt im Ost-Westhandel ergeben, noch hinaus zu gehen.
Zur Erläuterung -der Ziele und des Vorgehens Moskaus werden
daher im Bericht die jüngsten Entwicklungen im Außenhandels- und
Wirtschaftsgebaren der&lt;Länder des Sowjetblocks, insbesondere ihre
Aktivität in unterentwickelten Ländern und ihre Versuche zur wirtschaftlichen Durchdringung, einer besonderen Prüfung unterzogen.
Ferner werden die Bemühungen Moskaus geschildert, ein Land gegen
das andere auszuspielen, Zwietracht unter den freien Völkern zu
säen und die Handelskontrollen unwirksam zu machen. Es wird versucht,- diesen Dingen auf den Grund zu gehen und damit einige der
Schwierigkeiten herauszustellen, denen sich die Kaufleute der
freien Welt in ihren Geschäftsbeziehungen mit dem Sowjetblock gegenübersehen; wie sich gezeigt hat, ist die jüngste Entwicklung
im Ost-Westhandel zum Teil aus den wirtschaftlichen Verhältnissen
innerhalb der Sowj-etbl,ockländer zu erklären.
Obgleich solche Annäherungsversuche des Sowjetblocks stets
ein gefährliches Moment darstellen, ist es diesem bisher nicht
gelungen, einen Keil zwischen die in der Überwachung des Handels
mit strategisch wichtigen Gütern zusammenarbeitenden freien Nationen zu treiben. Diese Nationen,- die zum Handel mit zivilen
Gütern durchaus bereit sind, haben es nicht nur abgelehnt, strategisch wichtige Güter zu liefern, sondern haben ihre Kontrollmaßnahmen für den Handel mit kriegswichtigen Gütern sogar noch
verschärft.
Bei der Abfassung dieses Berichtes konnten sich meine Mitarbeiter weitgehend auf die Sachkenntnis anderer Dienststellen stützen, die auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Verteidigung wichtige
Aufgaben innehaben.
(gez.) Harold E. Stassen
. Direktor des Amtes für Auslandshilfe

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Schließt die Beteiligung des Sowjetblocks an der 37. Internationalen Automobil- und Fahrrad-Ausstellung vom 16. bis
27. Januar, ferner an der Internationalen Messe vom 24. April
bis 5. Mai und an der Messe für landwirtschaftliche Maschinen
vom 13. bis 20. Februar ein.

2/

Schließt die Beteiligung des Sowjetblocks an der Frankfurter
Frühjahrsmesse vom 7. bis 12. März und der Frankfurter Herbst'
messe vom 5« bis 9« September ein.

3/

Schließt die Beteiligung des Sowjetblocks an der Internationalen Ausstellung für Büromaschinen- und Büroeinrichtungen
vom 13. bis 24. Oktober, ferner am 41. Internationalen AutoSalon im Oktober sowie an der Internationalen Messe vom
22. Mai bis 7. Juni ein.

4/

Schließt die Beteiligung des Sowjetblocks an der 3« Britischen Nahrungsmittel-Messe vom 17. bis 18. September und an
der Internationalen Automobil-Ausstellung vom 20. bis 30.
Oktober ein.

5/

Schließt die Beteiligung des Sowjetblocks an der 62. Internationalen Industriemesse vom 30. März bis 8. April sowie an
der 63. Internationalen Industriemesse vom 7. bis 16. September ein.

6/

Schließt die Beteiligung des Sowjetblocks an der Wiener
Frühjahrsmesse vom 14. bis 21. März sowie an der Wiener
Herbstmesse vom 12. bis 19. September ein.

*

�TABELLE II
Getreideexporte aus den europäischen Satellitenstaaten der UdSSR nach
den Ländern der• freien We1t in den le tzten drei Ernte Jahren
(in Tonnen)

Jahr
Gerste
1951/52
1952/53
1953/54

UdSSR

Bulgarien

Rumänien

4 950

4 390

611 156
242 518
157 998

11 947

1 065 438
1 900 530
635 397

27 879
73 701
112 086

266 974
165 530
63 636

26 276
11 229
9 940

Ungarn

Polen

Insgesamt

32 917

642 269
242 518
202 862

96 850 2 292
30 678 21 674
34 888

1 459 433
2 192 113
846 007

21 773

Weizen
1951/52
1952/53
1953/54

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Roggen
1951/52
1952/53
1953/54

136 572
176 286
106 671

955
8 275
304

Hafer
1951/52
1952/53
1953/54

202 805
40 835
23 978

4- 350

Mais
1951/52
1952/53
1953/54

274 053
41 863
15 646

28 860 1 1 401
14 499 9 802*

49 152

6 297

19 021
19 598

99 816
72 341
424

27 903
515
30 206

*Tschechoslowakei
Alle fünf Getreidearten aus dem
leichen Gebiet insgesamt:
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2" 924 495
1952/53
2 874 944
1953/54
1 255 636

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213 866
210 289
116 915

207 155
96 284
23 978

401 772
133 740
65 874

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EISENHOWER:

D I E N S T

DIE UNO WIRD IN GENF NICHT VERGESSEN

WASHINGTON - (AD) - In der Folge geben
wir Ihnen den Wortlaut eines Schreibens
Präsident- Eisenhowers an den amerikanischen
Kongreß vom 15.Juli 1955, mit dem er diesem
den neunten Jahresbericht über die Beteiligung der USA an der Arbeit der Vereinten
Nationen übermittelt hat.

"Ich übermittle hiermit gemäß dem Gesetz über die Beteiligung an den Yereinten Nationen den Neunten Jahresbericht über
die Tätigkeit der USA im Rahmen dieser Organisation, der das
Jahr 1954 betrifft.
Während zehn Jahren der Erprobung hat sich die UNO aus
einem Friedensplan zu einer lebendigen, funktionierenden Organisation entwickelt. Es war daher angebracht, daß eine eindrucksvolle Jubiläumsfeier aus Anlaß der Unterzeichnung der
Charta der Vereinten Nationen vor zehn Jahren kürzlich in
San Francisco stattgefunden hat, um die Aufmerksamkeit auf
die Leistungen und Grundsätze der UNO zu lenken.
Ich hatte den Vorzug, dieser JubiläumsVersammlung eine
Sonderbotschaft des Kongresses zu überbringen, in der im Namen
des amerikanischen Volkes unser tiefer Wunsch nach Frieden und
unsere Hoffnung zum Ausdruck gebracht wurde, daß alle Nationen
sich mit uns zusammen in einer erneuten Anstrengung um den
Frieden bemühen.
Von den zahlreichen Maßnahmen der UNO im Jahre 1954 sind
die folgenden für die Vereinigten Staaten von besonderer. Interesse, da sie sich zum Wohle der amerikanischen Außenpolitik
auswirkten.
1) Atomenergie für den Frieden
Das Atom hat für den friedlichen Fortschritt auf der Welt
ungezählte Möglichkeiten eröffnet. Ich kenne keinen besseren
Weg, um das Schicksal der Menschheit zu verbessern und ihre
Hoffnungen zu fördern, als in der Entwicklung des Atoms für
friedliche Ziele mit allem Nachdruck voranzuschreiten. Deshalb trat ich im Jahre 1953 vor die Vollversammlung, um alle
Nationen aufzufordern, ihre Erfindergabe und ihren Einfallsreichtum in einem Programm der internationalen Zusammenarbeit
auf diesem Gebiete einzusetzen.
Das
- 1 -

�• "AMERIKA DIENST"
20. Juli 1955
Das Vertrauen des amerikanischen Volkes in die Bereitschaft
der Welt zur Lösung dieser Aufgabe ist nicht, enttäuscht worden.
Die in einer kurzen Zeitspanne erzielten Fortschritte waren
geradezu dramatisch.
Ich ermächtigte Botschafter Henry Cabot lodge jr. im Herbst
1954» der Vollversammlung die Absicht der Vereinigten Staaten bekannt zu geben, 100 kg spaltbaren Materials zur Verfügung zu stellen, um andere Nationen in ihren eigenen Programmen zu unterstützen.
' Am 4.Dezember 1954 nahm die Vollversammlung eine Resolution
an, die die Bezeichnung 'Internationale Zusammenarbeit zur Entwicklung der friedlichen Verwendung der Atomenergie* trägt. Diese
Resolution wurde mit historischer Einstimmigkeit - mit 60 gegen
null Stimmen - angenommen, nachdem sowjetische Abänderungsvorschläge abgelehnt worden waren.
Mit dieser Resolution trat die Vollversammlung für die-Er- •
richtung einer internationalen Atomenergiebehörde ein, um die
Zusammenfassung des Wissens und der Materialien auf dem Gebiet
des Atoms für friedliche Zwecke zu organisieren, und beschloß
die Abhaltung einer internationalen technischen Konferenz unter
den Auspizien der Vereinten Nationen, um die Möglichkeiten des
Atoms zu ergründen und Methoden für seine praktische Anwendung
zu entwickeln. Diese Konferenz - die sehr wohl zu dem weitestgehenden Austausch von wissenschaftlichen und technischen Informationen in der Geschichte führen mag - soll am 8.August in Genf
beginnen.
Die Maßnahmen der Vereinten Nationen auf diesem Gebiet ließen
das 'Atome—für-den-Frieden'-Projekt zu einem Instrument des konstruktiven internationalen Fortschrittes werden. Sie erinnerten
die Menschen in aller Welt daran, daß die Vereinigten Staaten ihr
Partner in ihrem Suchen nach Frieden und Wohlstand sind. Sie erneuerten weiter die Hoffnung auf eine echte Beteiligung der Sowjetunion - eine Hoffnung, die im Mittelpunkt des ursprünglichen Vorschlages stand. Wir werden die Beteiligung aller interessierten
Nationen bei diesen Bemühungen begrüßen. Aber wir werden die Räder
des Fortschritts nicht bremsen, wenn einige Nationen sich uns
nicht anschließen wollen.
2) Gefangene in Rotchina
Von all den wichtigen Fragen, mit denen sich die UNO im
Jahre 1954 befaßte, hat keine die Gefühle des amerikanischen
Volkes so sehr erregt wie der Fall der von den Rotchinesen zurückgehaltenen Soldaten. Mit einer historischen 47 zu 5 Abstimmung verurteilte die Vollversammlung die Festhaltung dieser Soldaten und wies Generalsekretär Hammarskjöld an, nichts unversucht
zu lassen, um ihre Freilassung zu erreichen. Der begrenzte Erfolg,
der bisher erzielt wurde, beweist folgendes: die Möglichkeiten
der Vereinten Nationen, die öffentliche Meinung der Welt aufzurufen; das diplomatische Geschick und die unermüdliche Ausdauer
von Generalsekretär Hammarskjöld bei einer überaus schwierigen
Aufgabe; die ständige Hilfsbdreitschaft.befreundeter Nationen,
die sich durch eine auf Spaltung gerichtete Propaganda nicht von
unserer Seite schrecken ließen, und - was keinesfalls am unwichtigsten ist - die Geduld und kluge Zurückhaltung unseres eigenen
Volkes. Mögen diese Qualitäten dazu beitragen, Rotchina davon
zu überzeugen, daß es die ungerechtfertigte
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20» Juli 1955

ungerechtfertigte Haft aller überlebenden UNO-Gefangenen, welcher Nationalität sie auch immer seien, beenden sollte. Die fortgesetzte Qual dieser Männer und ihrer nächsten Angehörigen erregt das Mitgefühl der gesamten zivilisierten Welt.
3) Guatemala
Der Konflikt in Guatemala lag unserem Heimatlande näher als
irgendein anderer Vorfall, mit dem sich der Sicherheitsrat jemals befaßte. Im Juni 1954 begannen guatemaltekische Patrioten
eine bewaffnete Revolution, um eine Regierung abzusetzen, deren
kommunistische Beeinflußung immer deutlicher zutage trat, und
um eine freie Regierungsform wiederherzustellen.
Die pro-kommunistische Regierung machte unverzüglich von
ihrem Recht Gebrauch, vom Weltsicherheitsrat gehört zu werden.
Daraufhin trat der Rat zusammen. Der Vertreter Guatemalas verlangte, mit auffälliger sowjetischer Unterstützung, daß die
Vereinten Nationen intervenierten, um die Revolte zu beenden.
Der Vertreter der Vereinigten Staaten, Henry Cabot Lodge
jr., bestand darauf, daß sich die Sowjetunion 'aus den Angelegenheiten dieser Hemisphäre' heraushalte - was eine erneute Erklärung
der Monroe-Doktrin in zeitgemäßen Worten darstellte. Darüber
hinaus forderte er den Rat auf, die Behandlung der Lage in Guatemala und den benachbarten Staaten dem zuständigen regionalen
Gremium - der Organisation der amerikanischen Staaten - zu überlassen. Er wies darauf hin, daß das gesamte, in der Charta der
Vereinten Nationen sanktionierte System der regionalen Sicherheit gefährdet werden würde, wenn die Vereinten Nationen über
den Kopf verantwortlicher regionaler Organisationen hinweg in
lokale Auseinandersetzungen eingreifen sollten.
Heute ist Guatemala wieder sicher in die Gemeinschaft der
freien Nationen zurückgeführt. Eine Bedrohung durch den Weltkommunismus in unserer Hemisphäre ist erfolgreich aufgehalten
und überwunden worden.
4) Abrüstung und Sicherheit
Weder ein dauerhafter Friede noch eine wahre Verminderung
der internationalen Spannungen können erreicht werden wenn nicht
ein Fortschritt in der Frage der Abrüstung erzielt wird. Nachdem
die Möglichkeiten auf dem Gebiet des Atoms erschütternde Ausmaße
angenommen haben, ist die Abrüstung im wahrsten Sinne des Wortes
zu einem Problem des Überlebens für die gesamte Menschheit geworden.
Im Jahre 1954 traf ein von Kanada, Frankreich, Großbritannien,
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gebildeter Unterausschuß zu seiner ersten Runde nicht-öffentlicher Konferenzen zusammen. In den fünf Wochen der Zusammenkünfte wurden dem sowjetischen Vertreter neu detaillierte Vorschläge unterbreitet.
Die Sowjets zeigten sich im September in der Vollversammlung
jedoch anscheinend geneigt, ihre starre Position aufzugeben und
geben ihre Zustimmung zu wenigstens einigen Prinzipien eines gesunden Programms bekannt. Dieser sowjetische Schritt und der
darauf folgende sowjetische Vorschlag vom Mai 1955 werden von

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20. Juli 1955

von uns im Rahmen der allgemeinen Überprüfung der amerikanischen
Abrüstungspolitik, die gegenwärtig vorgenommen, sorgfältig erwogen.
Durch dieses ständige Sondieren auf dem Gebiet der Abrüstung, wie auch durch Empfehlungen zur Stärkung kollektiver
Maßnahmen gegen jede künftige Aggression und durch wachsamen
Einfluß auf die gefährlichen Gebiete in der Welt haben die
Vereinten Nationen im Jahre 1954 weiterhin der Sache des Friedens gedient.
5) Wirtschaftliche und soziale Maßnahmen
Die außerordentlichen Möglichkeiten des Atoms für friedliche Zwecke dürfen nicht den langsamen aber gesunden Fortschritt der Vereinten Nationen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet überschatten.
Der bedeutsamste und weitestreichende neue Schritt im Jahre
1954 war die Billigung der Errichtung eines internationalen Finanzierungsinstitufe durch die Vollversammlung, eines Instituts,
das die Errichtung und Ausweitung von produktiven privaten Unternehmen in wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten fördern soll.
Das Institut wird als eine Tochtergesellschaft der Weltbank errichtet werden und wird privaten Unternehmen Kapital zur Verfügung stellen, ohne daß Garantien von seiten der Regierungen
verlangt werden.
Die Arbeit der Vereinten Nationen zugunsten der Flüchtlinge
erhielt ebenfalls neuen Auftrieb durch eine Entscheidung der
Vollversammlung, durch die der UNO-Flüchtlingskommissar zur Beschaffung von Mitteln und zur Durchführung eines Vier-JahresProgramms ermächtigt wird, das eine endgültige Lösung für gewisse Flüchtlinge in Europa herbeiführen soll, von denen die
meisten seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr seßhaft geworden
sind und die durch andere Hilfsprogramme nicht erfaßt werden
können. Die USA haben diesen entscheidenden Schritt zur Lösung
eines schmerzlichen menschlichen Problems mit Nachdruck unterstützt.
Durch die Macht der Vereinten Nationen, die öffentliche
Meinung der Welt zu formen, waren wir im Jahre 1954 in der Lage,
das Unterdrückungssystem der Zwangsarbeit in den kommunistischen
Ländern in weitem Maße bloßzustellen. Der hervorragende Bericht
des ad hoc-Ausschusses der Vereinten Nationen über die Zwangsarbeit wurde zum ersten Mal offiziell vom Wirtschafts- und Sozialrat erörtert, der daraufhin die Anwendung von Zwangsarbeit für
politische und wirtschaftliche Zwecke verurteilte. Die Vertreterin
der USA, Frau Oswald B. Lord, konnte der Vollversammlung darüberhinaus neu ermittelte Tatsachen unterbreiten, die aufzeigten,
daß das Zwangsarbeitssystem mit sowjetischer Hilfe auch auf
Rot China ausgedehnt worden war.
Weitere wirtschaftliche und soziale Programme der Vereinten
Nationen und ihrer Sonderorganisationen - einschließlich der
technischen Hilfe, des Wiederaufbaus in Korea, der Hilfe für die
Palästinaflüchtlinge, des Kinderhilfsfonds, der Lebensmittelhilfe
und der Unterstützung auf dem Gebiet der Landwirtschaft und des

�"AMERIKA DIENST"
20. Juli 1955
des Arbeits-, Gesundheits™ und Erziehungswesens - haben immer
wieder dazu beigetragen, die Vereinten Nationen Millionen von
Menschen auf der ganzen Erde als eine lebendige, konstruktive
Kraft vor Augen zu führen. Den Sonderorganisationen der Vereinten Nationen, insbesondere der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und dem Erziehungs-,Wissenschafts- und Kulturrat
der Vereinten Nationen (UNESCO) wurde durch einen plötzlichen
Beitritt der Sowjetunion ein Tribut gezollt.
Was auch immer die Gründe für diesen Wandel in der Einstellung sein mögen, so begrüßen wir ihn als einen weiteren
Beweis für die Bedeutung und den Weltruf dieser Sonderorgani=
sationen und ebenso als eine Vermehrung der Punkte, in denen
die Regierenden der Sowjetunion - wenn sie wollen - die fruchtbare Zusammenarbeit mit der übrigen Welt ausweiten können.
Diese Entwicklung ist ein Aufruf an die Vereinigten Staaten,
ihre Wachsamkeit und ihre konstruktive Arbeit auf all diesen
Gebieten aufrechtzuerhalten, an denen die Sowjetunion schließlich doch noch ein Interesse gezeigt hat.
Die Vertreter der USA haben immer wieder von dem Forum
der Vereinten Nationen Gebrauch gemacht, um unsere Ideen und
Ideale vorzubringen und die Irrtümer des Kommunismus zu enthüllen.
All dies geschah, nachdem die USA im vorangegangenen Jahr
ihren Anteil an den Kosten der Vereinten Nationen gesenkt hatten
und während wir ein Programm ausarbeiteten, in dessen Rahmen
alle in wichtigen UNO-Ämtern arbeitenden Amerikaner in Obereinstimmung mit den Verfahrensweisen des Bundeskriminalamtes
(FBI) überprüft wurden.
Dies sind die Höhepunkte in einem Jahr der Bemühungen der
Vereinten Nationen um den Frieden. Die Geschehnisse dieses
Jahres werden in größerer Ausführlichkeit in dem beigefügten
Bericht aufgezeichnet.
Die Lebenskraft der Vereinten Nationen und die amerikanische Unterstützung der UNO ist noch niemals so notwendig gewesen wie gerade jetzt. Wir erleben eine Zeit, in der die Weltpolitik weitgehend in Fluß geraten ist. Es bestehen Anzeichen,
daß die Welt vielleicht in eine neue Phase der internationalen
Beziehungen eintritt. Zum ersten Male, seit die Charta der
Vereinten Nationen in Kraft getreten ist, werden die Regierungschefs der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und
der Sowjetunion zusammentreffen. Sie werden, so hoffe ich, in
der Lage sein, die hauptsächlichen trennenden Probleme aufzuzeigen und Methoden zu einem Versuch ihrer Lösung zu entwickeln.
Ich für meine Person werde zu diesen Besprechungen mit dem
vollen Bewußtsein der Möglichkeiten gehen, die die Vereinten
Nationen als Beitrag zum Weltfrieden bieten.
Wenn diese Besprechungen zu brauchbaren Übereinkommen in der
Behandlung internationaler Probleme führen, dann werden sie neue
Ausblicke auf weitere Abmachungen eröffnen. Dies kann nur bedeuten,
daß die Vereinten Nationen neue und weitergespannte Möglichkeiten
haben werden, die so geschaffenen Grundlagen auszubauen."
* * * * *

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�EISENHOWSR UMREISST DIE AMERIKANISCHEN ZIELE AUF DER
GENFER KONFERENZ

WASHINGTON — (AD) — Präsident Eisenhower hat
am Abend des 15» Juli 1955 in einer Rede, die
von allen amerikanischen Rundfunk- und Fernsehstationen übertragen wurde, seine Ziele und
Hoffnungen im Hinblick auf die Genfer Vierciächte&gt;
konferenz auf höchster Ebene umrissen. Die Rede
des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"In wenigen Minuten werde ich die Vereinigten Staaten zu
einer Reise verlassen, die in mancher Hinsicht für einen Präsidenten der USA beispiellos ist. Andere Präsidenten haben die
kontinentalen Grenzen unseres Landes in ihrer Eigenschaft als
Oberbefehlshaber der Streitkräfte in Kriegszeiten überschritten
oder an Konferenzen am Ende eines Krieges teilgenommen, um die •
Maßnahmen zu treffen, die den Frieden bringen würden.
Jetzt geht zum ersten Mal ein Präsident zu einer Konferenz
mit den Chefs anderer Regierungen, um den Krieg zu verhüten,
um zu sehen, ob wir nicht in dieser Zeit der Spannungen und Bedrückung Maßnahmen treffen können, die uns von dieser schrecklichen Geißel erlösen, die die Menschheit quält.
Nun ergeben sich natürlich eine Menge Schwierigkeiten, wenn
ein Präsident eine Zeitlang ins Ausland reist, vor allem während
der Sitzungsperiode des Kongresses. Der Präsident hat zahlreiche
konstitutionelle Pflichten, die er erfüllen muß. Ich kann diese
Reise nur auf Grund der großzügigen Zusammenarbeit der führenden
Politiker beider Parteien im Kongreß antreten, die ihre Arbeit
so verteilt haben, daß meine zeitweilige Abwesenheit die Geschäfte
der Regierung nicht stört. Ich meinerseits habe ihnen zugesagt,
daß ich Sonntag in einer Woche, am 24. Juli, zurück sein werde,
um meine normalen Pflichten wieder zu übernehmen.
Nun liegt es natürlich auf der Hand, daß wir in einer solchen Zeitspanne, die ich im Ausland zu verbringen in der Lage
bin, nicht die Einzelheiten der zahlreichen Probleme lösen können, die die Welt bedrücken. Ich reise aber dennoch um eines sehr
schwerwiegenden Zieles willen. Dieses Ziel ist, gemeinsam mit
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•

20. Juli 1955 *

mit meinen Kollegen den Geist zu ändern, der die zwischenstaatlichen Beziehungen in der Welt in den vergangenen zehn Jahren
charakterisiert hat.
Lassen Sie uns nun einen Augenblick über dieses Ziel nachdenken. Lassen Sie uns nur einige der Probleme aufzählen, die die
Welt bedrücken} das Problem der Rüstungen und der Lasten, die
die Menschen auf Grund der Notwendigkeit dieser Rüstungen tragen
müssen; das Problem der unterjochten Staaten - einst stolze Völker, denen ihre eigene, selbst frei gewählte Regierungsform unter
selbst freigewählten Persönlichkeiten, verwehrt wird; das Problem
der geteilten Länder - Menschen, die durch Blutsverwandschaft mit
einander verbunden sind und durch die Gewalt der Waffen in zwei
Lager gespalten wurden, von denen man erwarten muß, daß sie einander feindlich gegenüberstehen. Dann haben wir hier das Problem
der ausländischen Einmischung in die inneren Angelegenheiten
freier Regierungen, das Situationen zeitigt, die zur Subversion
führen, zu Schwierigkeiten uad Gegenbeschuldigungen und innerhalb
eines Landes manchmal zu Gegenrevolutionen.
Diese Probleme werden durch die zwischen den Regierungen
bestehenden Schwierigkeiten nun noch erheblich erschwert. Die
Probleme, von denen ich spreche, sind oft im Gefolge von Kriegen
und Konflikten aufgetreten. Aber außerdem sind die einzelnen
Regierungen durch ihre unterschiedlichen Zielsetzungen, ihre
voneinander abweichenden Ideologien, durch ihr gegenseitiges
Mißtrauen und die furcht und Unruhe, die daraus entstehen,
voneinander getrennt. Und aus dieser Furcht heraus rüsten sie
und setzen ihr Vertrauen für die Erhaltung des Friedens und ihren
Schutz auf diese Rüstungen. Diese Rüstungen aber schaffen ihrerseits wiederum größere Furcht und damit haben wir eine Kette der
Unruhe, des Verdachts und des Mißtrauens ohne Ende.
Dies sind die Tatsachen, denen sich die Welt heute gegenübersieht. Für sie gibt es natürlich keine einfache Lösung. In
der kurzen Zeit der Konferenzdauer kann es unmöglich gelingen,
alle diese langwierigen und mühseligen Verhandlungen, die einer
Lösung der Einzelheiten der Probleme vorangehen müssen, durchzuführen.
Viele der Nachkriegskonferenzen erhielten ihr Gepräge durch
eine zu große Aufmerksamkeit, die man den Details gab, durch die
Bemühung, an der Lösung der spezifischen Probleme zu arbeiten
anstatt den Geist und die Einstellung zu schaffen, mit denen man
'an ihre Lösung herangehen kann. Der Erfolg dieser Konferenzen
war daher gering. Allzuoft nur gaben diese Konferenzen nur den
Anlaß zur Ausbeutung nationalistischer Ambitionen oder wurden
zu einem Forum für die Propaganda, die die Konferenzteilnehmer
in der Welt zu verbreiten wünschten.
Wenn wir diese Entwicklung beträchten, dann könnten wir
fragen, 'warum wieder eine Konferenz?1 'Welche Hoffnung besteht,
daß sie einen Erfolg bringt?' Was die erste Frage anbetrifft, so

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20. Juli 1955

so möchte ich Sie fragen, 'Wollen Sie nichts tun? Wollen wir
einfach sitzen bleiben und uns dem unausweichlichen Ende eines
solchen Wettrüstens oder der verstärkten Spannungen zutreiben
lassen?! Wir wollen den Frieden. Wir können diese ganze Situation nicht betrachten, ohne uns nicht zuvor darüber klar
zu werden, daß Pessimismus noch nie eine Schlacht gewonnen hat,
weder im Frieden noch im Kriege.
Als nächstes müssen wir begreifen, daß bei all diesen
Konferenzen ein Bestandteil gefehlt hat - und zwar der ehrliche
Wille zur Versöhnung, sich zu verstehen, tolerant zu sein und
auch den Gesichtspunkt des anderen zu sehen und nicht nur den
eigenen. Ich möchte sagen, wenn es uns gelingt, den Geist zu
ändern, in dem diese Konferenzen abgehalten werden, dann haben
wir den größten Schritt zum Frieden, zur künftigen Prosperität
und zur allgemeinen Beruhigung getan, der jemals in der Geschichte
der Menschheit unternommen wurde. Ich möchte Ihnen einige Gründe
dafür darlegen, daß wir auf dieses Unternehmen Hoffnung setzen
dürfen.
Erstens, die Völker der gesamten Welt wünschen Frieden und
zwar einen Frieden für die Menschen in aller Welt. Ich unterscheide hier einen Augenblick zwischen Völkern und Regierungen, denn
wir wissen, daß die große Masse der Männer und Frauen, die die
Weltbevölkerung bilden, nichu auf das Schlachtfeld ziehen wollen.
Sie wollen in Frieden leben - nicht in einem Frieden, in dem
lediglich die Kanonen schweigen, sondern in einem Frieden in
dem sie glücklich, ruhig und im Vertrauen darauf leben können,
daß ihre Kinder in einer Weit aufwachsen, auf die sie stolz sein
werden. Dieser gemeinsame Wunsch nach Frieden ist so etwas wie
eine gewaltige Kraft auf dieser Erde, auf die meiner Ansicht_ nach
alle politischen Führer der Welt allmählich zu reagieren beginnen. Sie müssen sie aberkennen.
Nun ein anderer Punkt: Haben Sie heute Morgen die Rede von
Ministerpräsident Bulganin in Moskau gelesen? Jedes Wort, von
dem was er sagte, stand im Einklang
mit dem was ich jetzt sage.
Er sprach von Versöhnung, Toleranz und Verständigung. Ich sage
Ihnen, - und ich sage dies zu der gesamten Welt - wenn die Worte,
die er sprach, ein ebenso wahres Spiegelbild der Herzen und Gedanken der Männer im Kreml sind, wie wir bestimmt glauben, daß
sie die Herzen und Gedanken aller Menschen in der Sowjetunion,
die Herzen und Gedanken aller Menschen in aller Welt widerspiegeln, dann wird es auf dieser kommenden Konferenz keine Schwierigkeiten zwischen der sowjetischen Delegation und unserer eigenen
geben.
Ich möchte noch einen anderen Punkt umreißen oder erwähnen,
der bei diesem Problem wichtig ist. Die freie Welt ist von der
kommunistischen Welt durch einen Eisernen Vorhang getrennt. Die
freie Welt hat einen wesentlichen Faktor gemeinsam. Wir werden
nicht durch Gewalt, sondern durch diesen großen Faktor zusammengehalten und dieser ist: Die freie Welt glaubt, ob sie nun der
einen oder der anderen Religion anhängt, an eine göttliche Macht.
Sie

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20. Juli 1955

Sie glaubt an ein höchstes Wesen. Dies, meine Freunde, ist in
der gegenwärtigen Zeit ein überaus großer Paktor der Versöhnung
und des Friedens, weil jede dieser Religionen, jede einzelne von
ihnen, als eines ihrer grundlegenden Gebote die Worte, den Satz
hat, der unserer goldenen Regel entspricht: 'Sandle gegenüber
Deinem Nächsten so* wie Du wünschst, daß er Dir tue'. Das bedeutet, daß das Denken dieser Völker sich auf Vorstellungen des
Rechts, der Gerechtigkeit und der Hochachtung voreinander, der
Rücksicht auf den Mitmenschen gründet. Und dies bedeutet Frieden, denn nur im Frieden können solche Konzeptionen sich durchsetzen.
Dies heißt weiter, daß die Bevölkerung der freien Welt den
Krieg haßt, den Frieden wünscht und sich diesem Ziel völlig
verschrieben hat. Nun halten die USA wie auch die anderen freien
Länder Rüstungen aufrecht. Wir unterhalten Kriegsformationen und
alle modernen Waffen. Warum? Weil wir dies müssen. Solange der
Geist, der bisher in der Welt vorherrschte, weiterhin bestimmend
sein wird, können wir unsere Rechte, unsere Privilegien, unsere
Heimstätten, unsere Frauen und unsere Kinder nicht der Gefahr
aussetzen, der sich ein unbewaffnetes Land gegenübersehen würde.
Aber wir wünschen es eindeutig klarzustellen, daß diese
Rüstungen nicht die Form widerspiegeln, in der wir zu leben wünschen, sie reflektieren lediglich die Form, nach der wir unter
den gegenwärtigen Bedingungen zu leben gezwungen sind.
Nun ist es für ein Volk, dessen Religion fest in der Kultur
verankert ist, nur natürlich, sich in Augenblicken von schwerwiegender, ja vielleicht schicksalhafter Bedeutung, wie wir ihnen jetzt gegenüberstehen, an die göttliche Macht zu wenden, die
jeder in seinem eigenen Herzen trägt und an die er in seinem
eigenen Herzen glaubt, und diese Macht um Führung, Erleuchtung
und Hilfe zu bitten, das Rechte und Ehrenhafte zu tun. Ich bin
gewiß, daß heute abend die Menschen in diesem Lande und auch
in allen anderen Ländern der freien Welt, solche Gebete an Gott
richten. Dies ist eine gewaltige Kraft. Und das bringt mich auf
den Gedanken, daß wir durch Gebete auch ein sehr bestimmtes und
praktisches Resultat gerade in diesem Augenblick erzielen können.
Nehmen wir an, daß am kommenden Sonntag, den jede unserer Religionsgemeinschaften feiert, die USA, ihre 165 Millionen Menschen,
in die ihnen vertrauten Kirchen und Andachtsstätten gehen und in
übervollen Gotteshäusern, Gott um Hilfe bitten und auf diese
Weise der Welt die Aufrichtigkeit und Tiefe unseres Strebens nach
Frieden vor Augen führen.
Dies würde eine gewaltige Kraft sein.
Niemand könnte dann sagen, daß wir eine Rüstung aufrechterhalten, weil wir dies wollen - wir erhalten sie aufrecht, weil
wir dies müssen.
Mein

�"AMERIKA DIENST"

20. Juli 1955

Mein Freund, Außenminister Dulles, und ich gehen zu dieser
Konferenz in der ernsten Hoffnung, daß wir die Überzeugungen,
die Ansichten und die Bestrebungen, die die Ihren sind, treffend
und genau darlegen werden. Wir werden versöhnlich sein, weil
unser Land keine Eroberungen, kein Eigentum anderer erstrebt.
Wir werden tolerant sein, weil unser Land nicht anderen
seine Lebensform aufzuzwingen sucht. Wir werden fest sein in
dem Bewußtsein unserer geistigen und materiellen Stärke und
unserer Verteidigung des Rechten.
Aber wir werden allen die Hand der Freundschaft reichen,
die sie ehrlich ergreifen wollen und uns die gleichen Rechte
einräumen, das gleiche Verständnis entgegenbringen und die
gleichen Freiheiten geben, die wir ihnen gewähren.
Wir - der Außenminister und ich - werden dort gemeinsam
mit den anderen unser Bestes tun, um die Welt an den Anfang
eines neuen Weges zu bringen - eines Weges, der vielleicht lang
und schwierig sein mag, der uns aber, wenn wir ihn gläubig
beschreiten, zu einem besseren und reicheren Leben führen wird."
*

*

* * *

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�A M E R I K A

PRÄSIDENT EISENHOWER:

D I E N S T

DEN WEG ZUM FRIEDEN SUCHEN

GENF - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen im Wortlaut die Eröffnungsansprache des amerikanischen Präsidenten
vom 18.Juli 1955 anläßlich der ersten
Sitzung der Genfer Konferenz der Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens, der
Sowjetunion und der Vereinigten Staaten,
auf der US-Präsident Eisenhower den Vorsitz führte.
"Uns führt ein einfaches Ziel hier zusammen. Wir haben
uns eingefunden, um eine Basis der Anpassung zu finden, die
nicht nur das Leben der von uns vertretenen Nationen, sondern
aller Völker sicherer und glücklicher gestalten wird.
Wir sind hier aufgrund einer weltweiten Forderung zusammengekommen, die von Ministerpräsident Bulganin in seiner
Rede vom 15»Juli anerkannt wurde, daß die führenden Politiker
unserer großen Länder einen Weg zum Frieden finden müssen.
Wir dürfen nicht erwarten, daß wir hier in den wenigen
Stunden einiger weniger Tage all die Probleme der ganzen Welt
lösen können, die gelöst werden müssen. Wir vier, die wir hier
zusammengekommen sind, haben im übrigen auch nicht die Vollmacht anderer bekommen, daß wir dies auch nur versuchen dürften. Die Wurzeln vieler dieser Probleme liegen tief in Kriegen,
Konflikten und in der geschichtlichen Entwicklung begraben.
Sie werden sogar noch schwieriger durch die Unterschiede
in den Ideologien und Ambitionen der Regierungen. Ohne Zweifel
liegt es auf der Hand, daß in der kurzen Zeit, die den hier
zusammengekommenen Regierungschefs zur Verfügung steht, die
Gründe und Ursprünge dieser Probleme nicht ins einzelne zurückverfolgt und Abkommen ausgearbeitet werden können, die
mit voller Fairness gegenüber allen diese Probleme beseitigen
würden. Trotzdem können wir vielleicht einen neuen Geist wachrufen, der die zukünftige Lösung von Problemen möglich machen
wird, die im Bereiche unserer Verantwortung liegen. Von gleicher
Bedeutung ist, daß wir hier in Genf versuchen können, die ersten
Schritte auf einem neuen Wege zu einem gerechten und dauerhaften Frieden zu unternehmen.
Die Probleme, die uns betreffen, sind nicht von sich aus
unlösbar. Sie sind natürlich schwierig, ihre Lösung steht jedoch nicht jenseits menschlicher Weisheit. Sie scheinen unlösbar unter Bedingungen der Furcht, des Mißtrauens und gar der

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20. Juli 1955
der Feindschaft, wo jeder Schritt danach bemessen wird, ob er
einem potentiellen Feind hilft oder ihm schadet. Wenn diese
Bindungen geändert werden können, dann kann viel getan werden.
Ich bin davon überzeugt, daß unsere Außenminister unter solchen
Umständen später in der Lage sein werden, von dem Punkt aus,
wo wir aufhören, weiterzuarbeiten, um entweder allein oder mit
Hilfe anderer Lösungen für unsere Probleme zu finden.
Ohne Zweifel hegen unsere Völker weltanschauliche Überzeugungen, die in mancher Hinsicht unvereinbar miteinander
sind. Nichts, was wir hier sagen oder tun können, wird diese
Tatsache ändern. Es ist jedoch nicht immer notwendig, daß Leute
das gleiche denken und das gleiche glauben, bevor sie zusammenarbeiten können. Das Entscheidende ist, daß keiner durch Gewalt
oder List versucht, seine Überzeugungen durchzusetzen und damit
sein System dem Unwilligen aufzuzwingen.
Der neue Weg, den wir hier auf dieser Konferenz suchen
sollten, kann nicht in der Weise gefunden werden, daß wir uns
nur in abstrakten Begriffen und Gemeinplätzen ausdrücken. Es
ist vielmehr angebracht, daß wir offen über konkrete Probleme
sprechen, die zu Spannungen zwischen uns führen, und daß wir
Wege erörtern, auf denen wir sie lösen können.
Darf ich hier als eine Art Vorspruch einige der Themen anführen, die wir meiner Meinung nach besprechen sollten.
Da ist zunächst einmal die Frage der Wiedervereinigung
Deutschlands und der Bildung einer aus freien Wahlen hervorgegangenen Gesamtdeutschen Regierung. Zehn Jahre sind seit dem
Waffenstillstand in Deutschland vergangen - und Deutschland ist
noch immer ein geteiltes Land. Diese Teilung stellt ein bitteres
Unrecht einem Volke gegenüber dar, das wie andere Völker ein
Recht darauf hat, ein gemeinsames Schicksal gemeinsam zu erfüllen.
So lange diese Teilung fortbesteht, wird sie eine wesentliche
Quelle der Unruhe in Europa darstellen. Unsere Friedensgespräche
haben nur wenig Gehalt, wenn wir gleichzeitig Verhältnisse fortbestehen lassen, die den Frieden gefährden. Wir vier hier tragen
gegenüber Deutschland eine besondere Verantwortung. Da nun einmal jede von uns hier getroffene Entscheidung nichtig wäre,
wenn sie nicht die Billigung der Mehrheit der Deutschen findet,
sollte dieses Problem ein zentrales Thema unserer Konferenz
bilden. Müssen wir da nicht Wege finden, um dieses Problem
pmnpt und gerecht zu lösen?
Im Interesse eines dauerhaften Friedens sollte die von uns
getroffene Lösung den legitimen Sicherheitsinteressen aller Betroffenen Rechnung tragen.. Das ist der Grund, weshalb wir darauf
bestehen, daß ein geeintes Deutschland freie Hand haben solle,
das ihm zukommende Recht auf eine kollektive Selbstverteidigung
nach eigenem Gutdünken auszuüben. Im gleichen Sinne sind wir bereit, den berechtigten Sicherheitsinteressen der Sowjetunion
Rechnung zu tragen. Die Pariser Abkommen enthalten manchen
Passus, der diesem Zweck dient. Wir sind jedoch durchaus bereit,
weitere Sicherheitsvorkehrungen auf Gegenseitigkeit zu erörtern,
soweit sie vernünftig und mit der Sicherheit aller Beteiligten
vereinbar sind.
.„

�20. Juli 1955

"AMERIKA DIENST"

Auf einer noch breiteren Basis steht das Problem, das
Recht der Völker zu respektieren, die Regierungsform zu wählen,
unter der sie zu leben wünschen; und die Rechte der Oberhoheit
und Selbst-Regierung jenen zurückzugeben, denen sie bisher vorenthalten worden sind. Das amerikanische Volk ist sich zutiefst
der Tatsache bewußt, daß gewisse Völker Osteuropas, viele davon
mit einer langen und stolzen nationalen Geschichte, noch immer
nicht in den Genuß dessen gekommen sind, wozu sich unsere Nationen in ihrer während des Krieges formulierten - und durch
andere aus der Kriegszeit stammende Vereinbarungen verankerten - Deklaration gemeinsam verpflichtet haben.
Da ist ferner das Problem des Nachrichtenverkehrs und
der Kontakte von Mensch zu Mensch, wie es zwischen unseren
Völkern besteht. Wir sagen es offen: Wir fürchten die Konsequenzen aus einer Situation, in der ganze Völker von der
Außenwelt abgeschnitten sind. Das amerikanische Volk wünscht
freundschaftliche Beziehungen zu den Völkern der Sowjetunion.
Es gibt nichts, was von Natur aus unsere Völker oder unsere
Nationen trennen würde. Es gibt keine territorialen Konfliktstoffe oder einen Konkurrenzneid auf dem Gebiet des Handels.
Geschichtlich gesehen haben unsere beiden Länder stets in Frieden miteinander gelebt. Aber es entwickelt sich eben nicht
leicht ein freundschaftliches Verstehen zwischen den Völkern,
wenn künstliche Barrieren, wie beispielsweise jetzt im Nachrichtenverkehr zwischen ihnen errichtet werden. Es ist an der
Zeit, daß alle Vorhänge der Kanonen, Gesetze oder Vorschriften
allmählich beseitigt werden. Aber dies kann nur in einer
Atmosphäre gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Vertrauens
geschehen.
Da ist das Problem'des Weltkommunismus. Seit nunmehr 38
Jahren stört ex mit seinen Aktionen die Beziehungen zwischen der
Sowjetunion und anderen Völkern. Seine Aktionen beschränken sich
nicht auf Bemühungen, die Kraft des Wortes wirken zu lassen.
In der ganzen Welt versucht er, die auf der Basis eines Rechtsstaates eingesetzten Regierungen zu stürzen und Völker einer
Fremdherrschaft zu unterwerfen. Wir können das Mißtrauen, das
durch die Unterstützung solcher Aktionen geschaffen worden ist,
nicht einfach ignorieren. In meinem Volk, wie auch woanders,
schürt er nur das Mißtrauen und damit die internationalen
Spannungen.
Und schließlich ist da noch das alles überschattende
Problem der Rüstungen. Es entspricht direkt den bestehenden
Spannungen und dem Mißtrauen und ist gleichzeitig ihre Ursache.
Ganz im Gegensatz zu den grundlegenden Bestimmungen der Charta
der Vereinten Nationen wird heute infolge der Rüstungen ein
gut Teil der menschlichen Arbeit zu unproduktiven Zwecken aufgewendet. Wir alle wünschen diesem Zustand ein Ende 3BU bereiten.
Aber offensichtlich kann sich niemand aus Furcht vor einem Angriff dazu entschließen.
Heute tragen Überraschungsangriffe Zerstörungsmöglichkeiten
in sich, die über alles bisher bekannte hinausgehen. Aus diesem

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�"AMERIKA DIENST"

20. Juli 1955

diesem Grunde erachtet es jeder von uns als lebensnotwendig,
die Mittel zu besitzen, um einen solchen Angriff zu verhindern.
Wir sollten uns daher vielleicht mit der Frage befassen, ob das
Problem der Begrenzung der Rüstungen nicht am besten auf dem
Wege angegangen werden könnte, daß man, als einen ersten Schritt,
verläßliche Möglichkeiten für eine Überwachung und Inspektion
der militärischen Einrichtungen schafft, um entsetzliche Überraschungen auszuschließen, gleichgültig, ob diese Überraschung
als plötzlicher Angriff kommt oder die Form geheimer Verstöße
gegen die gegenseitig anerkannten Begrenzungen annimmt. Auf
diesem Gebiet gibt es nichts wichtigeres, als daß wir gemeinsam
das zentrale und uns alle angehende Problem einer wirksamen gemeinsamen Inspektion erörtern. Ein solches System ist die Grundlage für eine echte Abrüstung.
Wenn wir uns mit dem Abrüstungsproblem befassen, dann dürfen
wir nicht die Tatsache aus dem Auge verlieren, daß die gegenwärtigen lasten für die teueren Rüstungen unseren Völkern nicht
nur den Weg zu einem höheren Lebensstandard verbauen, sondern
auch den Völkern der wirtschaftlich weniger entwickelten Gebiete
den Zugang zu den Hilfsquellen versperrt, die sie zur Verbesserung
ihres Daseins benötigen.
In diesen Gebieten lebt ein Großteil der Bevölkerung der
Erde und zahlreiche Nationen, die heute zum ersten Male ihre
politische Unabhängigkeit erwerben, Sie ringen mit der dringenden Aufgabe der Ausdehnung ihrer Wirtschaft. Normalerweise würden
sie von den weiterentwickelten Nationen der Welt Unterstützung,
besonders für wirtschaftliche Großprojekte erhalten. Jedoch wird
dieser normale Prozeß durch die Tatsache wesentlich aufgehalten,
daß die weiterentwickelten Industrieländer einen so hohen Prozentsatz ihrer Produktion für die Rüstung verwenden. Die Beschränkung der Rüstungen muß und soll sicherstellen, daß ein Teil der
Ersparnisse in die weniger entwickelten Gebiete der Welt zur
Unterstützung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung fließen würde.
Darüberhinaus müssen wir die Entwicklung zur Anwendung der
Atomenergie für konstruktive Zwecke vorantreiben. Wir bedauern,
daß die Sowjetunion unseren Vorschlag vom Dezember 1953 niemals
angenommen hat, demzufolge sich alle Staaten, die Vorräte an
spaltbarem Material besitzen, zusammenfinden sollten, um zu
einer 'Atom-Weltbank* beizutragen. Damit so in ständig steigendem Maße anstelle eines Wettstreits zur Erfindung immer neuer
Mittel der Vernichtung der Menschheit eine Zusammenarbeit zum
Wohle der Menschheit treten kann. Wir glauben nach wie vor, daß
ein derartiger Schritt, sofern die Sowjetunion nach ihren Kräften zu diesem Vorhaben beitragen würde, die Weltlage verbessern
könnte.
Ich habe in dieser ersten Erklärung auf unserer Konferenz in
aller Kürze einige der Probleme angeschnitten, die mein eigenes
Denken und das Denken des amerikanischen Volkes erfüllen und für
deren Lösung wir vier weitgehend zuständig sind. Ich hoffe, daß
wir alle im Verlauf unserer Arbeit hier Vorschläge machen werden,
in welcher Weise wir diese Probleme einer Lösung näher bringen
können.
Es

�20. Juli 1955

"AMERIKA DIENST"

Es wäre vielleicht richtig, wenn jeder von uns seinerseits eine ähnliche Zusammenfassung des Standpunktes seines
Landes vortragen würde. Auf diese Weise kennen wir rasch den
Umfang jener Probleme absehen, die hier zu besprechen von
Vorteil wäre, und unsere Zeit dann entsprechend einteilen.
lassen Sie mich wiederholen. Ich vertraue darauf, daß wir
nicht hier sind, um lediglich unsere Meinungsverschiedenheiten
zu registrieren. Wir sind nicht hier, um den ermüdenden Ablauf
zu wiederholen, der während der vergangenen zehn Jahre die
meisten Verhandlungen zwischen uns gekennzeichnet hat. Wir
sind hier auf Grund der friedlichen Hoffnungen der Menschheit,
um die Art von Erörterungen zu beginnen, die unserer Diplomatie
einen neuen Geist einhauchen wird, und um unter den Bedingungen
günstiger Vorzeichen neue Verhandlungen zu eröffnen.
Auf diese Weise, und vielleicht nur auf diese Weise, kann
unsere gezwungenermaßen kurze Konferenz dazu dienen, die neuen
Kräfte zu schaffen und in Bewegung zu setzen, die nötig sind,
um uns wirklich auf den Weg zum Frieden zu bringen. Ich bin
sicher, daß dafür die ganze Menschheit inständig beten wird."

* * * * #

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�Herr Vorsitzender, meine Herren,
Ich begrüße und bezeuge auch meinerseits wärmstens den Geist
der Freundschaft und der guten Absicht, der die Erklärungen meiner beiden Vorredner (Eden und Bulganin) charakterisiert hat.
Ich hoffe jedoch, daß mein Schweigen im Hinblick auf gewisse
Erklärungen meines unmittelbaren-Vorredners (Bulganin, der auf
Rotchina und Formosa Bezug genommen hatte) auf keinen Fall als
Zustimmung meinerseits* interpretiert wird. Ich bin weit davon
entfernt.
Es scheint mir jedoch, daß es in diesen letzten Minuten
dieser Konferenz nicht notwendig ist, daß ich der Konferenz und
der Welt den Standpunkt der USA zu den wichtigen Fragen, die
wir erörtert haben, noch einmal darlege. Diese Fragen, so'hoffe
und glaube ich, sind bereits klargestellt worden. Daher scheint
es mir nicht besonders passend zu sein, wenn ich sie nochmals
in allen Einzelheiten wiederhole; ich werde mich vielmehr mit
einigen Betrachtungen unserer Arbeit der letzten Woche und dem
Ausdruck einiger Hoffnungen hinsichtlich unserer künftigen Arbeit begnügen.
Diese Konferenz war ein historisches Treffen. Alles in allem
war es eine gute Woche. Aber nur die Geschichte wird über die
wahre Bedeutung und den wirklichen Wert unserer Konferenz Aufschluß
geben. Es wird für die Bewertung dieser Konferenz entscheidend
sein, welchen Kurs unsere einzelnen Regierungen nach diesem Anfang
weiter verfolgen werden.
Wir haben offen über eine Anzahl der schwierigsten und'kompliziertesten Fragen gesprochen, die unsere einzelnen Völker und
praktisch die Völker der ganzen Welt angehen.
Wir sind nicht hierher gekommen, um endgültige Lösungen zu
erreichen. Wir kamen hierher, um zu sehen, ob wir zusammen den

�"AMERIKA DIENST"

28. Juli 1955

den Weg finden könnten, der zu Lösungen führen und die Aussichten
für den Weltfrieden heller gestalten würde.
In dieser letzten Stunde unserer Konferenz möchte ich sagen,
daß die Aussichten für einen dauerhaften Frieden in Gerechtigkeit,
Wohlstand und größerer Freiheit nach meiner Beurteilung heller sind.
Die Gefahren einer vernichtenden Tragödie des modernen Krieges sind
geringer geworden.
Die Arbeit unserer Außenminister wird - wenn sie sich um die
Durchführung unserer Direktiven bemühen - von großer Bedeutung sein,
vielleicht sogar wichtiger als das, was wir hier geleistet haben.
Ihre Aufgabe ist es, entsprechend der grundlegenden Politik ihrer
Regierungen, eine Einigung über Wege und Maßnahmen zu erreichen,
die wir hier nur in allgemeinen Begriffen erörtern konnten. Ich
weiß, daß wir alle Ihnen Erfolg wünschen.
Ich vertraue darauf, daß wir alle die notwendigen Maßnahmen
unterstützen werden, die unsere Regierungen nach Ansicht der Außenminister treffen müssen, wenn wir unsere Meinungsverschiedenheiten
in diesen Fragen lösen wollen.
Wenn unsere Völker in den vor uns liegenden Monaten und Jahren
ihr Wissen um einander und ihr Verständnis für einander vertiefen,
wie wir im Verlaufe dieser Woche unser Wissen um einander vergrößerten, dann wird dadurch eine weitere Einigung-zwischen unseren
Regierungen vielleicht gefördert. Möge dies in einem Geiste der Gerechtigkeit geschehen. Möge das Ergebnis besseres Wohlergehen, größere Freiheit und weniger Furcht oder Leiden oder Not für die Menschheit sein. Und möge es noch mehr an gutem Willen unter den Menschen
nach sich ziehen. Dann wird man sich wirklich immer an diese Tage
hier erinnern.
.Ich bin nach Genf gekommen, weil ich glaube, daß die Menschheit sich danach sehnt, von Kriegen und Kriegsgerüchten frei zu
sein. Ich bin hierher gekommen, weil ich fest an die anständigen
Gefühle und den gesunden Verstand der Völker glaube, die auf unserer Welt leben.
Diese Überzeugung ist nicht erschüttert, wenn ich heute abend
nach Hause zurückkehre, und ich werde darum beten, daß die Hoffnung
der Menschheit eines Tages Wirklichkeit wird."
*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER BERICHTET ÜBER GENFER KONFERENZ

WASHINGTON — .(AD) — Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer am 25. Juli 1955 von allen
amerikanischen Rundfunk- und Fernsehsendern übertragenen Ansprache Präsident. Eisenhowers, in der er zu
den Ergebnissen der Genfer Konferenz der vier Regierungschefs Stellung nahm.

"Guten Abend Freundet
Außenminister Dulles und ich sind mit unseren Mitarbeitern
zu der Viermächte-Konferenz* nach Genf gegangen, entschlossen,
das Streben des amerikanischen Volkes nach Frieden sowie nach
den Prinzipien, auf denen sich nach Ansicht unseres Landes der
Friede begründen sollte, so präzise, wie wir nur konnten, darzulegen.
Bei dieser Aufgabe fanden wir die Unterstützung beider
Parteien, ja nahezu die einmütige Unterstützung des Kongresses.
Diese Tatsache hat unsere Position während der Verhandlungen
wesentlich gestärkt. Unser aufrichtigster Dank richtet sich an
alle Ihre Abgeordneten und Senatoren im amerikanischen Kongreß.
Darüber hinaus erhielten wir während der letzten Woche von einzelnen#aus Ihren Reihen Tausende von Beifalls- und Unterstütz
zungstelegrammen. Zusammen mit diesen Telegrammen gingen ähnliche Depeschen von großen Organisationen, Kirchenverbänden
sowie Wirtschafts- und Gewerkschaftsorganisationen ein.
All dies zusammen trug dazu bei, in uns die Überzeugung
zu bestärken, daß wir nach bestem Wissen und Gewissen die Ansichten vertraten, die Sie durch uns vertreten haben wollten.
Nun schließt der Friede - das Streben nach dem Frieden - viele
komplizierte und verwickelte Fragen ein. Zum Beispiel:
Gerechtigkeit für alle Nationen, große wie kleine;
Freiheit und Sicherheit für alle diese Völker;
Wohlstand für ihre verschiedenen Volkswirtschaften und
einen wachsenden Lebensstandard in der Welt und schließlich
die Möglichkeit für alle von uns in Frieden und Sicherheit zu
leben.
Nun
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�"AMERIKA DIENST"

28. Juli 1955

Nun gehen wir beim Studium derartiger Fragen natürlich nicht
unbekümmert zu Werke. Wir müssen bedächtig und vorsichtig vorgehen - sowohl wenn es sich darum handelt, irgendwelche Entschlüsse zu fassen als auch bei den später daraus resultierenden Maßnahmen. Wir können es uns nicht leisten., nachlässig oder selbstgefällig zu verfahren. Wir müssen aber hoffen, wir müssen Vertrauen
in uns selbst haben und an unsere gerechte Sache glauben. Wenn wir
dies nicht tun, dann gestatten wir unserem eigenen Pessimismus und
unserem mangelnden Glauben die edelsten Bestrebungen zUnichtezumachen, deren wir fähig sind.
Alle diese Fragen werden gerade wegen ihrer lebenswichtigen
Bedeutung von unserer Regierung in den kommenden Wochen erschöpfend
erwogen werden. Das Beste,was ich Ihnen heute abend vermitteln
kann, sind einige wenige persönliche Eindrücke und Ansichten, die
vielleicht von einigem Interesse- auch für Sie sein dürften und
die sicher auch irgendwelche Auswirkungen auf das Ergebnis und den
Fortgang gener Verhandlungen haben.werden.
Natürlich wäre es ein interessantes Thema, das man behandeln
könnte, wenn ich die Zeit dazu hätte, von den Persönlichkeiten
der verschiedenen Delegationen, den gegenseitigen Beziehungen
oder scheinbaren gegenseitigen Beziehungen sowie den grundsätzlichen Erwägungen zu sprechen, die diese Männer zu leiten schienen.
Das alles steht in der einen oder anderen Weise in Beziehung zu
dem Gesamtproblem. Aber ich möchte das jetzt nicht berücksichtigen
und mich statt dessen mit zwei allgemeinen Ansichten befassen, die,
dessen bin ich sicher, von allen Amerikanern geteilt werden:
Die erste ist, daß wir uns niemals zu der Illusion hinreißen lassen dürfen, eine Woche freundschaftlicher, ja sogar fruchtbarer Gespräche könne ein Problem völlig aus der Welt schaffen,
das aus der weiten, Ost und West bis heute trennenden Kluft entspringt. Eine Kluft so breit und tief, wie der Unterschied zwischen individueller Freiheit und Reglementierung, so breit und
tief wie die Kluft, die sich zwischen der Idee vom Menschen als
dem Ebenbild Gottes und der Idee vom Menschen als einem bloßen
Werkzeug des Staates auftut. Wenn wir also an diese Dinge denken,
dann könnten wir schon leicht entmutigt werden.
Tief beeindruckte mich aber auch die Tatsache, daß wir alle
uns davor hüten müssen, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil
unsere eigenen Vorschläge, unsere eigenen Auffassungen und Überzeugungen nicht immer gleich von der anderen Seite akzeptiert werden.
Am Abend vor meiner Abreise nach Genf sprach ich über den
Fernsehfunk zu Ihnen, um Ihnen unsere Absichten klar zu machen.
Ichagte Ihnen, daß wir in erster linie (nach Genf) gehen in
dem Bestreben, den Geist zu ändern, in dem diese großen Verhand=
lungen und Konferenzen bisher abgehalten wurden. Diese Ansprache
wurde auf Tonband aufgenommen, und ich möchte Ihnen gerne einen
Absatz daraus vorlesen.
Bezüglich
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�"AMERIKA DIENST"

28. Juli 1955

Bezüglich unserer Ziele sagte ich folgendes: 'Wir sind uns
klar darüber, daß bei allen früheren Konferenzen etwas fehlte.
Dieses Etwas ist der aufrichtige Wille, einander näher zu kommen,
sich zu verstehen, tolerant zu sein, sowie sich zu bemühen, den
Standpunkt des anderen ebenso zu sehen wie den eigenen. Ich sage
Ihnen hiermit: Wenn wir den Geist ändern können, in dem diese Konferenzen abgehalten werden, dann haben wir den größten Schritt
auf dem Wege zu Frieden, zu künftigem Wohlstand und einer ruhigen
Zukunft getan, den die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte je
erreicht hat.•
In der vergangenen Woche wurde ständig auf dieses Ziel hin
gearbeitet - in formellen Konferenzen und bei privaten Zusammen-,
künften. Und so herrscht jetzt ein besseres Verständnis, eine
engere Verbundenheit unter den Nationen der NATO.
Anscheinend erkennen wir alle immer klarer, daß ein bis zum
äußersten geführter Atomkrieg praktisch einem Selbstmord der
Menschheit gleichkommen könnte.
Man hat allgemein erkannt, daß sich Verhandlungen ohne Propaganda, Drohungen oder Beleidigungen führen lassen.
Und schließlich hat sich in der Welt die klare Erkenntnis
durchgesetzt, daß die Vereinigten Staaten zur Erreichung des
Friedens so weit wie nur irgend möglich gehen werden, solange
sich dies mit unseren Auffassungen von Anstand, Gerechtigkeit
und Recht vereinbaren läßt. Für dieses Ziel werden wir mit den
Sowjets und jedem anderen Volk zusammenarbeiten, solange die
Absichten aufrichtig und der Wunsch, voranzukommen, echt ist.
Im Verlauf dieser Diskussionen gab es eine Reihe von bestimmten Vorschlägen, von denen einige auf der offiziellen Tagesordnung standen. Diese Tagesordnung umfaßte die deutsche Wiedervereinigung und die europäische Sicherheit, die Abrüstung und
Verstärkung der Kontakte aller Art zwischen Ost und West.
Den meisten Sitzungen dieser Konferenz wurde eine große
Publizität zuteil.und selbst einige der auf diesen Konferenzen
gemachten speziellen Vorschläge wurden ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jedenfalls kann ich Sie eines versichern:
Es wurden keinerlei Geheimabkommen getroffen, weder in stillschweigendem Einverständnis noch in schriftlicher Form. Alles liegt
Ihnen in den Protokollen vor.
Es kam außerhalb der Konferenz zu einer ganzen Anzahl von
inoffiziellen Begegnungen - Aussprachen mit wichtigen Angehörigen
anderer Delegationen und natürlich auch gerade mit der sowjetischen
Delegation.
In diesen Gesprächen wurden eine Reihe von Themen erörtert,
und wir, der Außenminister und ich, brachten bei solchen Gelegenheiten mehr als einmal die Auffassung, den Glauben und die Sorgen
des amerikanischen Volkes bezüglich solcher Fragen wie die osteuropäischen Satellitenstaaten und die Tätigkeit des Weltkommunismus zum Ausdruck. Wir legten unmißverständlich die amerikanische
Ansicht zu diesen Fragen dar.

�"AMERIKA DIENST"

28. Juli 1955

Nun gestatten Sie mir bitte*für einen Augenblick auf die
Prägen einzugehen, die auf der offiziellen Tagesordnung standen.
Es bereitete uns wohl keine Frage so viel Kopfzerbrechen
wie die der deutschen Wiedervereinigung und europäischen Sicherheit. Zunächst glaubten wir, daß sie beide getrennt voneinander
behandelt werden könnten? die amerikanische Delegation kam aber
dann zu dem Schluß, daß sie beide als ein Punkt zu betrachten
seien. Wir vertraten die Auffassung, daß Deutschland unter einer
von den Deutschen selbst in freien Wahlen bestimmten Regierung
und unter Bedingungen wiedervereinigt werden solle, die sowohl
den Völkern des Ostens als auch den Völkern des Westens eine
Gewähr für ihre Sicherheit bieten würden - also praktisch innerhalb eines Rahmens, der die gesamte europäische Sicherheit
gewährleistet.
Was die Abrüstung anbetrifft, so ist die amerikanische Regierung der Ansicht, daß ein wirksames Abrüstungssystem nur dann
erreicht werden kann, wenn ihm ein wirksames System gegenseitiger
und allgemeiner Inspektion zugrundeliegt, ein System, dem wir
vertrauen können,und bei dem jede Seite sicher ist, daß die andere auch tatsächlich sich an die Bestimmungai hält. Und auf Grund
dieser Ansicht haben wir zusammen mit den Franzosen und Engländern verschiedene Vorschläge vorgebracht. Einige waren globaler,
einige regionaler Natur, andere wieder trugen den Charakter von
Budgetfragen. Alle aber waren darauf abgestellt, diesem einen
Ziel, nämlich die Inspektion zur Grundlage der Abrüstungsvorschläge zu machen, näherzukommen.
Der eine Vorschlag betraf die Anfertigung von Luftaufnahmen
durch unbewaffnete Flugzeuge, und zwar durch die Sowjets einerseits und uns andererseits. Dabei sollte diese Inspektion so
gründlich durchgeführt werden, wie diese Art der Aufklärung es
eben zuläßt. Der Hauptzweck ist natürlich, Jedermann von der
Aufrichtigkeit des Westens in seinem Streben nach Frieden zu
überzeugen. Aber noch ein anderer Gedanke war dabei maßgebend:
venn es uns gelänge, voranzukommen und diese Art der Inspektion
zum Anfang eines allgemeinen Inspektionssystems zu machen, so
bestünde vielleicht die Möglichkeit, dieses zu einem noch umfassenderem Schema zu entwickeln und schließlich ein wirksames und
dauerhaftes Abrüstungssystem darauf aufzubauen.
Bezüglich einer Verstärkung der Kontakte wurden die verschiedensten Einzelheiten besprochen. So sprachen wir über einen
freieren Nachrichtenaustausch über die verschiedenen Vorhänge
hinweg. Wir sprachen über die Verbreitung von Büchern, und insbesondere über friedliche Handelsbeziehungen. Die Frage aber, die
uns in dieser Hinsicht am stärksten beschäftigte, war die Möglichkeit eines verstärkten Touristenverkehrs von einem Lande in
das andere, und zwar in einer Weise, die jedem Besucher die
größtmögliche Gelegenheit bietet, sich über Volk und Leben im
anderen Lande zu informieren. In dieser Frage nun wurde die größtmögliche Übereinstimmung erzielt. In der Tat, es herrschte hier
eine Einigkeit, die die Vertreter beider Seiten in ihren Worten
oftmals bekräftigten und begeistert vertraten.
„ ... .
m
D
ö
Tatsächlich

�"AMERIKA DIENST"

28. Juli 1955

Tatsächlich versicherte jede Seite immer wieder und ernsthaft der anderen, daß sie beabsichtige, in den beiderseitigen
Beziehungen einen neuen Geist der Versöhnlichkeit und der
Zusammenarbeit zu pflegen. Wir hoffen daher von ganzem Herzen,
daß diese Versicherungen auch getreulich in die Tat umgesetzt
werden.
Einen Beweis dafür, wie diese Versicherungen zu beurteilen
sind, werden natürlich bald Sprache und Terminologie geben, in
die die Reden und die diplomatischen Verhandlungen gekleidet
sind. Doch der eigentliche Prüfstein dürfte der kommende Oktober
sein; denn dann findet das nächste Treffen statt. Dies ist ein
Treffen der Außenminister. Sein Hauptzweck besteht darin, die
Folgerungen aus dieser Konferenz in bezug auf die nunmehr zu erörternden Themen sowie das einzuschlagende allgemeine Verfahren
zu ziehen, um die von uns in großen Zügen besprochenen Fragen in
wirksame und bestimmte Abmachungen zu verwandeln. Dies ist der
Zeitpunkt, zu dem eine wirkliche Versöhnung sowie Zugeständnisse
beider Seiten unbedingt notwendig sein werden.
Ich für meinen Teil erachte die Hindernisse, die auf dem
Weg zu einem sichereren und gerechten Frieden noch vor uns liegen, als keineswegs gering, und ich unterschätze die langwierige
und erschöpfende Arbeit, die aufgewandt werden muß, ehe wir wirkliche Ergebnisse erzielen können, durchaus nicht. Ich möchte die
Tatsache nicht vertuschen, daß wir alle noch Opfer bringen müssen
für das, was wir als den besten Weg zu unserer eigenen Sicherheit und zur Erhaltung jener uns teuren Güter erachten.
Eines aber weiß ich sicher, daß die Völker der Erde den
Frieden wünschen. Und sicher fühlten auch alle anderen, die in
Genf zugegen waren, dieses Sehnen der Menschheit. Daher ist es
auch sehr dringlich, daß wir jetzt konstruktive Schritte unternehmen und nicht lediglich die betrüblichen, die negativen Vorgänge der Vergangenheit erneut aufleben lassen.
Wir, alle von uns, jeder für sich wie auch gemeinsam als
Volk, haben nunmehr die vielleicht schwierigste Aufgabe, die
unserem Volke jemals in seiner Geschichte gestellt worden ist.
In gleicher Weise bietet sich uns jetzt die glänzendste Gelegenheit, die jemals Amerikaner hatten. Mögen diese Tatsachen
uns anspornen, und uns nicht schrecken.
Ich glaube, daß wir mit gläubiger Geduld und Geschicklichkeit, mit Mut und Toleranz und niemals nachlassender Wachsamkeit
und Klugheit den in Genf entzündeten Funken am Leben erhalten
können. Wenn wir hierbei Erfolg haben, dann werden wir das Licht
immer mehr verstärken, das uns eines Tages zu unserem Ziel einem gerechten und dauerhaften Frieden - führen wird. Ich
danke Ihnen. Gute Nacht."
*

* * * *

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N S T

PRÄSIDENT EISENHOWER: DIE ATOMKONFERENZ - EIN
VERSPRECHEN PUR DIE ZUKUNFT

GENF — (AD) — Anschließend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut einer Botschaft des amerikanischen Präsidenten,
Dwight D. Eisenhower, vom 8. August 1955, die er anläßlich der Eröffnung der, unter der Aegide der Vereinten
Nationen stehenden Genfer Internationalen"Atome-für-denFrieden^-Konferenz vom Vorsitzenden der US-Atomenergiekommission Lewis L. Strauss zur Verlesung bringen ließ.

Verehrte Konferenzteilnehmer;
Nehmen Sie bitte im Namen des amerikanischen Volkes meine
herzlichsten Grüße und aufrichtigen guten Wünsche für den Erfolg
dieser ersten internationalen Konferenz über die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie entgegen, die unter der Leitung der
Vereinten Nationen stattfindet. Sie, die zu den bedeutendsten
Kernforschern und Atomtechnikern der Welt gehören und in die
Geheimnisse der Atomenergie eindringen, wissen unzweifelhaft am
besten darüber Bescheid, wie das Atom darauf wartet, der treue
unermüdliche Diener des Menschen zu werden, wenn es dieser nur
gestattet.
Die Kenntnisse und Einsichten, die Sie besitzen, bieten große
Möglichkeiten und eine große Aufgabe. Sie haben Ihr Leben dem
Streben nach Wissen und Wahrheit geweiht. Sie werden von Ihren Völkern hochgeachtet, weil diese von Ihnen Mitteilungen über nüchterne,
klare wissenschaftliche Tatsachen erwarten.
Sie können den Völkern der Welt am besten die großen Möglichkeiten von den Segnungen des Atoms enthüllen. Sie sind hier in
Genf unter Bedingungen zusammengekommen, die diesem großen Ziel
förderlich sind.
Niemals zuvor hat es ein anderes wissenschaftliches Treffen
von derartigem Ausmaß und einer so großen Bedeutung gegeben. Alle
Völker der Welt sind hier vertreten. Es ist hier eine reiche Möglichkeit gegeben, die alten Verbindungen eines freien wissenschaftlichen Gedankenaustausches wiederherzustellen, der so lange Zeit
unterbrochen gewesen war. Das Wissen und Können, welches jeder
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�"AMERIKA DIENST"

10. August 1955

jeder einzelne von Ihnen in seinem Vaterland erworben hat, um das
Atom friedlichen Zwecken dienstbar zu machen, wird hier in der
freundlichen Atmosphäre der gastfreundlichen Schweiz mit ihrer
langjährigen Freiheitstradition bekanntgemacht,und anderen mitgeteilt werden. Diese Atmosphäre gewinnt noch durch die Tatsache
an Bedeutung, daß die UNO-Resolution vom 4. Dezember vorigen Jah- •
res, die dieser Konferenz den Boden bereitete, das Aufgabengebiet
dieses Treffens auf wissenschaftliche und technische Angelegenheiten beschränkte. Es ist ausdrücklich unpolitischer Natur. Daher
sind Sie als freie Männer der Wissenschaft zusammengekommen, deren
Interesse lediglich darin besteht, das menschliche Wissen über diese
wunderbare Entdeckung zu bereichern und zu vertiefen.
Die Wissenschaft spricht viele Sprachen. Der Fortschritt auf
dem Gebiet der Atomwissenschaft ist das Werk der Menschen aus vielen Nationen gewesen. Das kommt daher, weil das Atom selbst unpolitisch ist. Es gehört keiner Nationalität an und anerkennt auch
keine landesgrenzen. Es ist weder moralisch noch unmoralisch, nur
der Mensch selbst kann es zu einer guten oder bösen Kraft machen.
Indem das Phänomen der Kernspaltung dem Menschen enthüllt worden
ist, liegt es noch immer bei dem Menschen, zu entscheiden, welchen
Nutzen man aus diesem Phänomen ziehen soll.
Ich hatte am 8.Dezember 1953 die Ehre, vor der Vollversammlung
der Vereinten Nationen über das Thema zu sprechen, mit dem sich diese Konferenz beschäftigt, die internationale Zusammenarbeit bei der
friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie.
Damals stellte ich fest und bekräftige es heute erneut, daß
die USA sich feierlich verpflichten und entschlossen sind, mitzuhelfen, um Mittel und Wege zu finden, damit die wunderbare Erfindungsgabe des Menschen nicht seiner Vernichtung dient, sondern
seinem Weiterbestand geweiht wird.
Diese vor 20 Monaten gegebene Verpflichtung hat bei uns Gesetzeskraft erlangt und ist als neues Atomenergiegesetz von 1954
vom amerikanischen Kongreß in unseren Statuten niedergelegt. Das
neue Gesetz stellt in klarer und eindeutiger Sprache fest, daß wir
uns unserer Verantwortung bewußt sind, im Geist der Zusammenarbeit
unsere Kenntnisse über die friedliche Nutzbarmachung der Atomwissenschaft mit anderen Nationen zu teilen. Um eine solche internationale Zusammenarbeit zu fördern, wurden die vorher bestehenden
Beschränkungen in Bezug auf eine freie und unabhängige Atomforschung
und -entwicklung auf Seiten der Privatindustrie durch das neue Ge- '
setz gelockert, wodurch der Weg in Richtung auf eine Zusammenarbeit
mit anderen weiter geebnet wurde.
Seit der Inkrafttretung unseres neuen Atomenergiegesetzes vor
einem Jahr haben wir uns auf vielerlei Weise und dabei immer im
Geiste eines guten Willens darum bemüht, seine Bestimmungen und
Zielsetzungen in die Tat umzusetzen. Das ist die Art und Weise,
wie wir unsere Verantwortung und die aller Nationen guten Willens
verstehen.
Wir appellieren nicht nur an die Regierungen, sich zusammen
mit uns an diesem Gemeinschaftswerk zu beteiligen. Wir hoffen auch,
daß die Kreise der Wirtschaft und die berufsständischen Organisa-

�"AMERIKA DIENST"
10. August 1955
Organisationen in der ganzen Welt sich dafür interessieren und
bei der Ausfindigmachung neuer Mittel und Wege über die praktische Nutzbarmachung dieser Wissenschaft Anregungen und Impulse
geben werden.
Jede der zivilisierten Nationen in der Welt gibt alljährlich
große Summen für Programme der Gesundheit, Erziehung und wirtschaftlichen Entwicklung aus. Sie tun das aus der Erkenntnis
heraus, daß Krankheit, Analphabetentum und fehlende wirtschaftliche Möglichkeiten die Brutstätten von Unruhen und Kriegen sind.
Jedes nur erreichbare wissenschaftliche Handwerkszeug wird
bei diesem Bemühen, angewendet.
Die Atomwissenschaft ist das neueste und vielversprechendste
Handwerkszeug überhaupt.
In Ihre fähigen Hände gelegt - davon bin ich überzeugt kann es für die Besserung des menschlichen Lebens wesentlich
beitragen."

*

* * * *

�A M E R I K A

D I

N S T

"DIE VEREINIGTEN STAATEN BLICKEN NACH SÜDUND SÜDOSTASIEN"

WASHINGTON ~ (AD) — Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der Unterstaatssekretär für Fern-Ost-Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, Walter S. Robertson, am 8.
August 1955 vor der Jahreskonferenz der Akademie für
Außenpolitische Studien an der Jöhns-Hopkins-Universität anläßlich der "Konferenz über Süd- und Südostasien" gehalten hat.

Ich freue mich, daß Sie mir Gelegenheit zur Teilnahme an der
Jahreskonferenz der Akademie für Außenpolitische Studien der JohnsHopkins-Universität gegeben haben.
Das sehr zeitgemäße Thema der diesjährigen Konferenz, "Nationalismus und Portschritt in Süd- und Südostasien", ist für das USAußenministerium von großem Interesse. Es spricht aber auch mich
persönlich
ganz besonders an, da ja sehr viele der Probleme,
die Sie hier erörtern werden, in meinem Tätigkeitsbereich innerhalb des Außenministeriums fallen.
Es bereitet uns, die wir uns namens der Regierung um die Pflege
der Beziehungen zwischen Amerika und Asien bemühen, aufrichtige
Genugtuung,
eine Gruppe von hochangesehenen Frauen und Männern
in der wissenschaftlichen Welt zu wissen, die aus privater Initiative das gegenseitige Verständnis zwischen Asiaten und Amerikanern
zu mehren und die Beziehungen untereinander zu stärken suchen.
Man hat mich gebeten, zu dem Thema "Die Vereinigten Staaten
blicken nach Süd- und Südostasien" zu sprechen.
Wenn man als Amerikaner nach diesem unermeßlich weiten Gebiet
blickt, so wird man sofort, wie ich wohl nicht erst zu betonen
brauche, auch eine ganze Reihe von Problemen, Bestrebungen und Bewegungen gewahr. Einige der wichtigsten unter ihnen werden, wie
ich Ihrem Programm entnehme, auch auf dieser Jahreskonferenz zur
Debatte stehen: die Nachwirkungen des Kolonial-Imperialismus, die
Entstehung eines Nationalbewußtseins und die Verbreitung des Kommunismus.
Was
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�10. August 1955

"AMERIKA DIENST"

Was ich heute hier vor Ihnen ausführen werde, sollte im Zusammenhang mit jener einen, alles überlagernden Frage gesehen werden, auf die man im gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine schlüssige
Antwort geben kann. Diese Frage lautet: Ist die gegenwärtige
Periode des Entgegenkommens und der Aufhellung, die wir im Augenblick erleben, nur eine kurze Phase oder haben die Sowjets und
ihre kommunistischen Verbündeten nicht nur ihre Taktik sondern auch
auch ihren Sinn geändert?
Es gibt ein altes japanisches Sprichwort, das vielleicht
ganz gut hierher paßt. Es besagt in etwa, daß im Garten eine Tafel
stehe mit der Inschrift : Pflücken der Apfelblüten verboten; da
der Wind nun aber nicht lesen kann, fegt er die ganzen Blüten
von den Bäumen.
Während der gesamten zehn Jahre seit Ende des zweiten Weltkrieges gleicht das Verhalten der kommunistischen Machthaber dem
des Windes, der nicht lesen kann und deshalb die Apfelblüte vernichtet. Sie haben die Regeln und Verträge, denen gesetzliebende
Völker und Staaten gehorchen, ignoriert und durch ihr Vorgehen
viele Nationen ihrer Freiheit beraubt.
Nun kann der Wind plötzlich lesen. Was hat das zu bedeuten?
Hat der Wind plötzlich nachgelassen oder hat er seine Hauptrichtung geändert?
Noch kann man keine Antwort auf diese Fragen geben.
Obgleich für den amerikanischen Beobachter keine Frage in
Asien und insbesondere in Süd-Ostasien mehr Gewicht hat als die
der kommunistischen Drohungen mit Aggression und Umsturz, verstehen wir doch, daß die kommunistische Drohung für die meisten
Politiker und Völker dieses weiten Gebietes nur eine Angelegenheit
von sekundärer Bedeutung ist, und daß ihre Interessen und Gefühle
um solche Fragen wie "Kolonialpolitik", "Nationalismus" und "Neutralität", kreisen.
Warum ist dies der Fall? Um eine Antwort auf diese Frage
zu finden, müssen wir einen Blick auf die Geschichte dieser Länder werfen, die größtenteils erst in jüngster Zeit die Fremdherrschaft abgeschüttelt haben. Die Männer, die heute an der Spitze
dieser selbständig gewordenen Staaten in Asien stehen, sind in
fast jedem einzelnen Falle dieselben Männer, die den Kampf um
die Unabhängigkeit anführten. Ihr eigenes Leben und das ihrer
Landsleute war der Erringung der Freiheit von Kolonialherrschaft
geweiht. Ihr ganzes Denken war darauf ausgerichtet, die Kolonialmächte als das einzige Hindernis zur Befreiung und zum Fortschritt
ihres Landes anzusehen. Und sie hatten wenig Zeit und Neigung,
sich Sorgen über Gefahren von anderer Seite oder über andere Bedrohungen zu machen, die sich nicht unmittelbar auf ihren langwährenden und ihnen vertraut gewordenen Kampf für die Befreiung
von der Kolonialherrschaft bezogen. So ist es nur natürlich, daß
ihnen die Einsicht schwer fällt, daß das der alte Feind - der
Kolonial-Imperialismus des Westens - tot ist und daß sie sich
nunmehr gegen einen größeren tödlichen Feind zu wenden haben.
Diese
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�10. August 1955

"AMERIKA DIENST"

Diese ausschließliche Beschäftigung der Asiaten mit ihrem
eigenen Ringen um die Unabhängigkeit, führte dazu, daß diese Länder ein beachtliches Wissen über ihre früheren Kolonialherren erworben haben und dafür nur sehr wenig über ihre eigenen Nachbarn
wissen. Alle Asiaten sind im Prinzip gegen jedwede Kolonialherrschaft; aber nur sehr wenige haben mit wirklichem Interesse die
Entwicklungen anderer asiatischer Länder verfolgt, und noch weniger
haben Verständnis für die Bedürfnisse und Bestrebungen ihrer Nachbarn entwickelt, mit denen sie eigentlich engstens zusammenarbeiten
sollten. Deshalb ist das Gefühl für Einigkeit zu wenig entwickelt,
deshalb herrscht so geringes Verständnis für die Chancen, die die
kollektive Sicherheit für das freie Asien birgt, und deshalb auch
zeigt jedes einzelne Land die Neigung, sich völlig isoliert und
allein zu fühlen.
So sind also viele Asiaten in ihrem Denken noch immer ausschließlich mit dem Kolonial-Imperialismus beschäftigt, ein Wort,
das sie auf die Besetzung und Beherrschung ihrer Länder durch
Europäer anwenden. Was ist nun aus dem Kolonial-Imperialismus
geworden? Die Wahrheit ist, daß der westliche Kolonial-Imperialismus
vor vielen Jahren bereits in eine Periode des Niedergangs eingetreten ist, eines Niedergangs, der sowohl durch den wachsenden
Widerstand der Asiaten als auch durch eine Änderung der Einstellung der Kolonialmächte selbst ausgelöst wurde. Die Konzeption,
daß es durchaus an der Ordnung sei, wenn ein Volk über ein anderes
herrscht und es ausbeutet, wurde im Westen bereits während des
vergangenen Jahrhunderts stark angegriffen und verlor von da an
ständig an Boden. Etwa in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts war
die Frage in den meisten Ländern die Kolonien besaßen, gar nicht
mehr so sehr, ob man den Kolonien die Unabhängigkeit gewähren solle,
sondern wann und wie man ihnen diese Unabhängigkeit geben könne.
Der zweite Weltkrieg, der für den Westen ganz eindeutig ein Kampf
zur Verteidigung der Freiheit des Menschen war, brachte das Ende
des Kolonial-Imperialismus' als eine mögliche Konzeption des Westens.
Ich möchte in diesem Zusammenhang mit Nachdruck darauf verweisen, daß die zahlreichen Länder, die ihre Freiheit in den vergangenen Jahren gewonnen haben, diesen Erfolg einmal der Tatsache
verdanken, daß die Freiheit der Wunsch des Volkes dieser Länder
war, und zum anderen dem Umstand, daß die ehemaligen Kolonialmächte
ihre Einstellung in dieser Frage geändert hatten. Ich kenne keinen
einzigen Fall, m dem der Kommunismus, sei es der Kommunismus im
Innern oder sei es kommunitische Hilfe von außen, eine maßgebliche
Rolle bei der Erringung der Unabhängigkeit eines Landes gespielt
hat. Ganz im Gegenteil, der Kommunismus hat die echte Unabhängigkeit
verschiedener Länder in Asien zunichte gemacht und bedroht alle
anderen Völker mit jedem nur ihm zu Gebote stehenden Mittel, angefangen von Umsturzversuchen über bewaffnete Revolten, bis zur
Aggression von außen her.
Die Länder des freien Asiens und die Männer, die an ihrer
Spitze stehen,
sehen sich vor gewaltige Aufgaben gestellt. All
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�"AMERIKA DIENST"

10. August 1955

All diese Völker leiden unter mehr oder wenige großer Armut
und unter dem Mangel an
Erziehungsgelegenheiten, die Volksgesundheit läßt überall viel zu wünschen übrig. Und was vielleicht
am wichtigsten ist, die große Mehrheit leidet unter einem Mangel
an Erfahrung in der Lösung organisatorischer Probleme. Der neue
Kclonial-Imperialismus sucht aus dieser Sachlage Kapital zu schlagen. An sich sind die Länder im ganzen Bereich des freien Asiens
keineswegs arm. Die meisten der neu entstandenen Staaten verfügen
über Rohstoffquellen, die bei entsprechender Nutzung Hunderten von
Millionen Menschen ein besseres Leben bieten können. Die meisten
führenden Männer Asiens haben die Bedürfnisse ihrer Völker klar
erkannt, und sie betrachten es als ihre Aufgabe, die ihnen so
teure nationale Freiheit zu wahren,und gleichzeitig ihre brachliegenden Rohstoffquellen zum Wohle all ihrer Landsleute zu erschließen. Dies ist eine Aufgabe von so großer Bedeutung und von
solchen Ausmaßen, daß sich die Völker Asiens fast verzweifelt
einzureden suchen, sie können ihre gesamte Energie auf diese
Aufgabe konzentrieren, und deshalb nur zögernd der Tatsache ins
Auge sehen, daß sie und ihre Arbeit von einem unerbittlichen Feind
bedroht sind, der sich ihre Vernichtung durch heimliche Mittel
und auch durch Gewalt zum Ziel gesetzt hat.
Welchen Platz nehmen die Kommunisten in diesem Bilde ein?
Das letzte Ziel des Weltkommunismus in Asien ist sehr leicht zu
ermitteln, ist es doch identisch mit den letzten Zielen des Weltkommunismus auch anderswo. Die Kommunisten versuchen durch umstürzlerische U triebe oder Gewalt eine ihnen günstige einheitliche
soziale Struktur zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, einerseits
vorzugeben, jenen Staaten die ihnen zum Opfer fallen, die Unabhängigkeit zu bringen und dabei gerade jene Menschenrechte zu unterdrükken, die durch die Unabhängigkeit gefördert und gewährleistet würden. Diese einfache Wahrheit ist den Menschen in Osteuropa, auf
dem chinesischen Festland, in Nordkorea und in Ho Tschi Minhs Vietnam schmerzlich bewußt»und Millionen haben die Freiheit in der
Flucht nach den freien Ländern gesucht. Für diejenigen, die nunmehr in der Knechtschaft leben, kam die Erkenntnis der Wahrheit
über den Kommunismus in tragischer Weise zu spät.
Im freien Asien gewinnt diese Erkenntnis noch langsamer an
Boden. Lies ist zum Teil wohl darauf zurückzuführen, daß das wahre
Gesicht des Kommunismus nicht unmittelbar zu sehen und allgegenwärtig ist, zum Teil darauf, daß die zynischen Versprechungen der
Kommunisten bezüglich der Errungenschaften, die der Kommunismus
bringen wird, bei diesen Völkern , die durch das Ausmaß und die
Vielschichtigkeit ihrer Probleme entmutigt sind, Glauben finden,
und zum Teil auch auf das tief verwurzelte asiatische Mißtrauen
gegen den Westen, das man auch auf die westlichen Methoden des
Fortschritts durch harte Arbeit und durch Lernen aus Versuch und
Irrtum. Es besteht Grund zur Hoffnung, daß die führenden Politiker
Asiens in den letzten Jahren vieles gelernt haben, und daß der
Kommunismus seine Chance, den Sieg durch Umsturzversuche an sich
zu reißen, verspielt hat. In keinem Staat im freien Asien üben
die Kommunisten heute einen ernstzunehmenden Einfluß aus, wie die

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AMERIKA DIENST"

die Konferenz von Bandung eindeutig gezeigt hat.
Las freie Asien ist also ein großes Gebiet mit neu entstandenen Staaten, das unter einem Mangel an Kapital und technischer
Erfahrungen leidet und sich gleichzeitig eifrig bemüht, diese
Probleme mit unzureichenden Mitteln zu lösen. Sie sind noch immer
von Mißtrauen gegen jene Völker erfüllt, die als Repräsentanten
des alten und so klar durchschauten Kolonial-Imperialismus gelten,
und werden sich, wie es scheint, der Gefahren bewußt, die ihnen
von Seiten der Kommunisten drohen. Unsere Beziehungen zu diesen
Ländern sind ohne Parallele, weil wir in einem gewissen Sinn die
erster, moderne Nation sind, die ihre Unabhängigkeit in einem Aufstand gegen eine Kolonialmacht errungen hat, eine Tatsache, die
der Präsident von Indonesien anerkannte, als er in seiner Eröffnungsansprache zur Konferenz von Bandung auf das Gedicht Long
fellows über den Ritt des Paul Revere zitierte. Wir haben uns,
seit den Tagen unserer Revolution,gegen den Kolonial-Imperialismus
gewandt, wo immer wir dazu Gelegenheit fanden, angefangen von der
Aufstellung der Monroe-Doktrin bis zu unserem aufrechten Eintreten
für die Vier Freiheiten. Auf Grund dieser geschichtlichen Tatsachen
besaßen die Vereinigten Staaten in Asien im Jahre 1945 ein Prestige
und genossen eine Achtung, wie kein anderes Volk je zuvor. Wir haben
seit 1945 an Boden verloren, zum Teil deshalb, weil unsere Bemühungen, den vom Krieg heimgesuchten Ländern in Europa beim Wiederaufbau
zu helfen, von einigen Asiaten als ein Hinweis darauf gedeutet wurden, daß wir den europäischen Kolonial-Imperialismus unterstützten,
zum Teil auch weil es uns nicht gelungen ist, den Verlust des chinesischen Festlandes an die Kommunisten zu verhüten. Einr weiterer
Grund hierfür ist in der Tatsache zu sehen, daß die Kommunisten
und ihre Verbündeten eine Kampagne des Hasses gegen uns geführt
haben, die sich auf eine völlige Entstellung unserer Motive stützte.
Sie gingen dabei in der Weise vor, daß die uns ihre eigene Absicht
unterstellten, die Freiheit in Asien um irgendwelcher Vorteile
willen zu unterdrücken.
Die Wahrheit ist, daß unsere Hoffnungen in bezug auf Asien
heute noch die gleichen sind wie zu der Zeit nach dem Boxer-Aufstand, als wir allein es ablehnten, irgendwelche territorialen
oder anderen Privilegien von dem darniederliegenden China zu verlangen und vielmehr die Erträge aus unseren Schadenersatzansprüchen
auf die Erziehung junger Chinesen verwandten, um sie so in die
Lage zu versetzen, ihrem Vaterlande besser zu dienen. Was wir in
Asien anstreben, ist das gleiche, was wir überall zu erreichen
suchen: eine Welt, die aus unabhängigen und verantwortungsbewußten
demokratischen Ländern besteht, deren Regierungen sich der friedlichen Entwicklung ihres eigenen Landes und der Wohlfahrt und persönlichen Freiheit ihrer Bürger widmen. Wir handeln so, weil wir
einzig in einer solchen Welt jenes Leben führen können, das wir zu
führen wünschen. In diesem Bild ist kein Raum für Imperialismus
oder Kolonialherrschaft und wir müssen sie deshalb beide weiterhin
ablehnen.
Der Kolonial-Imperialismus im hergebrachten Sinn ist tot oder
liegt im Sterben. Der kommunistische Kolonial-Imperialismus dagegen
ist sehr aktiv und wird sich weiter ausbreiten, wenn man ihm nicht
Einhalt gebietet. Ein kurzer Blick auf die jüngste Geschichte wird
die Richtigkeit dieser Erklärung beweisen. Wieviele Länder haben

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haben seit 1918 ihre Unabhängigkeit von Ländern des Westens gewonnen? Indien, Pakistan, Burma, Ceylon, Indonesien, die Philippinen, Vietnam, Laos und Kambodscha - ganz zu schweigen von den
zahlreichen Ländern im Nahen Osten und Afrika.
Wieviele Länder haben umgekehrt ihre Freiheit, und zwar sowohl
ihre nationale als auch ihre persönliche Freiheit, in der gleichen
Zeit an den Kommunismus verloren? Estland, Lettland, Litauen, Polen,
die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Albanien, Ost-Deutschland,
Festland-China einschließlich Tibets und der Mongolei, Nordkoreas
und Nord-Vietnams.
Die Vereinigten Staaten haben die neuentstandenen Staaten
Asiens in der Gemeinschaft der Völker willkommen geheißen. Sie
haben verschiedene Hilfsprogramme durchgeführt, um ihnen in ihrem
Kampf um die Besserung ihres Loses zu helfen. Wir haben dabei nur
jedes Hilfswerk auf Regierungsebene weitergeführt, das private
amerikanische Bürger seit langem schon betrieben haben. Wir haben
dies getan, und wir werden dies auch weiterhin tun, weil wir die
Überzeugung hegen, daß diese Länder der Hilfe bedürfen, um jenen
Grad des materiellen Wohlstands und des sozialen Fortschritts zu
erreichen, der es ihnen gestatten wird, die Freiheit und Würde
des Menschen, die wir als entscheidend wichtig für die Sicherheit
der Welt erachten, selbst zu wahren. Wir unternahmen diese Schritte
nicht, weil uns die Furcht vor den Kommunisten dazu veranlaßte.
Unsere Einstellung zum Fortschritt in Asien ist positiv, nicht
negativ.
Es gibt nur einen Grund, warum wir es für notwendig erachten,
soviel Geld und Mühe auf die Verteidigung dieser Länder zu verwenden. Unsere Hilfsprogramme, unsere zweiseitigen Verteidigungsverträge, und unsere Unterstützung des Manila-Paktes dienen nicht,
wie die Kommunisten behaupten, dem Zweck, Asien unter unsere Macht
zu bekommen; sie sind vielmehr einzig darauf gerichtet, diesen
Nationen bei der Wahrung ihrer Unabhängigkeit und bei der Entwicklung einer sich selbsterhaltenen Wirtschaft zu helfen. Selbst die
größten Anstrengungen der Völker Asiens, ihre eigenen Länder zu
entwickeln, und eine noch so große amerikanische Wirtschaftshilfe
würden nicht ausreichen, den bewaffneten Kommunismus vom Überschreiten der Grenzen abzuhalten, wenn es an der notwendigen
Stärke für einen erfolgreichen Widerstand gebricht. Die Kommunisten
streben nach der Eroberung Asiens, und wahrlich nicht zum Wohl
seiher Völker.
Zusammenfassend sei gesagt, daß das freie Asien seinen langen
Kampf gegen den Kolonial-Imperialismus alter Prägung abgeschlossen
hat, oder gerade dabei ist, ihn zu beenden. Es steht nunmehr in
den frühen Stadien eines anderen Kampfes von gleichgroßer Wichtigkeit und noch größerer Vielschichtigkeit, den Kampf gegen die jahrhundertealte Armut, gegen die Rückständigkeit in technischer Hinsicht und gegen Krankheit. Es braucht in diesem Kampf die moralisch«
und materielle Unterstützung der westlichen Welt und der Vereinigtet
Staaten und wird diese auch erhalten. Dieser Kampf wird durch die

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die aggressive Gegenwart des Weltkommunismus unermesslich erschwert,
der immer wieder Asien mit seiner Propaganda über nichtvorhandene
Übergriffe auf die wahre Freiheit überschwemmt, und diese Lander
stets mit einer bewaffneten Aggression bedroht. Wenn auch in
jüngster Zeit, wie wir gesehen haben, der Wind - die kommunistische
Aggressionsdrohung - nachgelassen hat, und wenn auch die Kommunisten
laut den Wunsch verkündet haben, in Frieden mit ihren Nachbarn zu
leben, so ist doch die Zeit noch nicht reif, ein Urteil darüber
zu fällen, ob es sich hier um einen Wandel im Herzen oder nur um
eine andere Propagandataktik handelt. Wir müssen auf jeden Fall
fortfahren, die asiatischenVölker in ihrem Streben nach Würde
und Wohlstand zu unterstützen. Wir müssen sie ermutigen, an der
Entwicklung ihrer Kapazität zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit
weiterzuarbeiten und ihnen dabei helfen.

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*

�PRÄSIDENT EISENHOWER ÜBER DIE AMERIKANISCHE
KONZEPTION VOM FRIEDEN
PHILADELPHIA - (AD) - Präsident Eisenhower
hielt am 24.August 1955 auf der Siebenten
Jahresversammlung der amerikanischen Anwaltskammer in Philadelphia eine Rede, in der er
erneut die amerikanische Konzeption vom
Frieden umriß.
Im folgenden bringen wir den Wortlaut
seiner Ausführungen zu diesem Thema:
Das im Mittelpunkt unseres Lebens stehende entscheidende
Faktum ist die Existenz zweier großer "Weltanschauungen über
den Menschen und die Regierung. Diese beiden Philosophien
stehen miteinander im Wettstreit um die Freundschaft, Loyalität und die Unterstützung der Völker der Welt.
Auf der einen Seite steht unser Land zusammen mit jenen,
die die Verwirklichung menschlichen Strebens durch die Herrschaft von geschriebenen Gesetzen, die dann von Menschen verwaltet werden, zu erreichen suchen. Diese Gesetze wurzeln in
den Moralgesetzen, die den religiösen Glauben widerspiegeln,
daß der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen sei und daß
der Leistungswille des freien Individuums die dynamische
Kraft im menschlichen Bereich darstelle.
Auf der anderen Seite stehen jene, die glauben - und zum
guten Teil sogar allen Ernstes glauben -, daß menschliches
Streben am ehesten unter einer Regierung durch Menschen verwirklicht werden kann, die durch Erlasse herrschen. Diese
Erlasse wurzeln in einer Ideologie, die den Glauben negiert,
daß der Mensch ein geistiges Wesen sei und die einen allmächtigen Staat als den wichtigsten Ausgangspuntk für Aufstieg und Fortschritt ansieht.
Die führenden Staaten beider Seiten stehen vor den Gerichtsschranken der Weltmeinung, Sie alle verfechten die Auffassung, daß sie mehr als alles andere einen dauerhaften Weltfrieden erstreben. Mit dieser Feststellung identifizieren sie
sich sämtlich mit einer tiefverwurzelten Sehnsucht der Menschheit. Aber das endgültige Urteil über sie - mag es auch erst
in vielen Jahren gefällt werden - wird in eben so hohem Maße
von dem Fortschritt im Bereich des Menschlichen innerhalb ihrer
eigenen Grenzen und von der gezeigten Fähigkeit abhängen, anderen
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24. August 1955

anderen auf ihrem "Weg voranzuhelfen, als auch von dem Maß an
Ruhe, das sie in ihren Beziehungen mit anderen Staaten erzielen
konnten.
Die Menschheit wünscht den Frieden, weil die Früchte des
Friedens mannigfaltig und reichhaltig sind, vor allem im Atomzeitalter, weil der Krieg die größten Hoffnungen der Menschheit
vernichten würde, und weil der Atomkrieg Selbstmord der Menschheit sein könnte.
Die Welt ist heute durch die neuerwachten Völker in Bewegung geraten. Zu Hunderten von Millionen streben sie nach der
Möglichkeit zu arbeiten, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln,
um ihr Selbstvertrauen zu beweisen und ihre geistigen Ideale und
Hoffnungen zu verwirklichen. Ihr Vormarsch darf und kann nicht
aufgehalten werden.
Diese Hunderte von Millionen Menschen bilden mit das
Tribunal, das über den Fall der miteinander ringenden Mächte
der Welt entscheiden muß.
Das System - oder die Gruppe von Systemen -, das auf die
wirksamste Weise seine ganzen Kräfte auf die Förderung des Friedens konzentriert und seine Fähigkeit unter Beweis stellt, dem
Wohl und dem Glück des einzelnen zu dienen, wird sich schließlich ihre Zustimmung und ihre treue Freundschaft sichern.
Sie von der amerikanischen Anwaltskammer werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Sache der Freiheit würdig
zu vertreten.
Die vielen Tausende von Männern und Frauen, die Sie vertreten, widmen sich schon auf Grund ihres Berufes der Suche nach
der Wahrheit, damit Gerechtigkeit herrschen möge und die Menschenrechte gesichert sind, Hierdurch vertreten sie auch die Sache der
freien Welt vor den Schranken der Weltöffentlichkeit- Aber wir
müssen uns darüber klar sein, daß wir als Amerikaher die Aufgabe
haben, vor der Weltöffentlichkeit unsere Sache so beredt und
überzeugend darzulegen, wie es John Marshall vor mehr als hundert
Jahren in der Sache der amerikanischen Verfassung vor der amerikanischen Öffentlichkeit getan hat. Und Ihnen als Anwälten fällt
gerade in diesem Fall eine besondere Verantwortung zu.
In seinen Büchern und unzähligen Entscheidungen bewies John
Marshall die Angemessenheit und Anpassungsfähigkeit der Verfassung
an die Erfordernisse der Nation. Er war geduldig, unermüdlich,
verständnisvoll, logisch und ausdauernd. Er war - wie abgenutzt
dieser Ausdruck auch immer sein mag - ein Kreuzfahrer, sein Anliegen war die Interpretation der Verfassung, um geordnete Freiheit und ( Gerechtigkeit unter dem Gesetz zu erreichen, Amerika
muß heute in seinem Kreuzzug für den Frieden die Qualitäten John
Marshalls zur Geltung bringen. Friede und Sicherheit für alle
können erreicht werden - für die Furchtsamen, für die Unterdrückten, für die Schwachen und für die Starken«. Aber dies kann nur
geschehen, wenn wir kompromißlos für unsere Grundsätze und für
die großen Fragen mit der Inbrunst Marshalls, mit dem Eifer des
Kreuzfahrers, eintreten.
Wir

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"AMERIKA DIENST"
Wir dürfen uns den Frieden nicht als etwas Statisches in
den internationalen Beziehungen vorstellen. Das wäre kein
wahrer Friede, und in der Wirklichkeit könnte keine Art von
Frieden auf diese Weise erhalten bleiben. Der Wechsel ist das
Gesetz des Lebens, und wenn es keinen friedlichen Y/echsel gibt,
dann kann es nur den Wechsel mit Gewalt geben.
Unser Land verdankt seine innere Ruhe zum größten Teil
seiner Fähigkeit, diesen Wechsel auf friedlichem Wege zu vollziehen. Die einzige Ausnahme bildete der Fall, als dieser durch
neue humane Konzeptionen geforderte Wechsel auf einen nicht
gerechtfertigten Widerstand stieß.
Die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika würden
die Nation von heute wohl kaum als das wiedererkennen, was sie
im Auge hatten; es haben sich große Wandlungen vollzogen. Aber
der Wechsel ging in friedlicher Weise vor sich und war ganz
spezieller Natur. Und stets stand er.in Einklang mit den Grundsätzen der Dokumente, die die Grundlage unseres nationalen Lebens bilden. Dadurch ist es auch möglich gewesen, das Gute, das
aus der Vergangenheit auf uns überkommen ist, zu erhalten, und
gleichzeitig den stets weiter gesteckten Zielen und steigenden
Erfordernissen gerecht zu werden. Dabei standen wir stets in
vorderster Front zusammen mit all jenen, die die Menschenwürde
achten, die die produktiven Kräfte ständig steigern und die
Früchte ihrer Mühe und Arbeit gerecht verteilen.
Dieser Art ist der Frieden, den wir suchen. Unser Programm
muß ebenso dynamisch, weitblickend und auf die internationalen
Probleme unserer Zeit anwendbar sein, wie sich die Verfassung
durch die Interpretation John Marshalls für die Förderung von
Freiheit, Gerechtigkeit und nationaler Stärke innerhalb Amerikas
als elastisch und wirksam erwies.
Das ist der Geist, in dem die amerikanische Delegation nach
Genf ging. Wir erklärten damals - und wir werden immer daran
festhalten -, daß es einen wahren Frieden nicht geben kann, wenn
damit die Akzeptierung eines Status quo verbunden ist, in dem
wir viele Nationen der Ungerechtigkeit ausgesetzt sehen, die
Unterdrückung der Menschen in gigantischem Maßstab erfolgt und
jede konstruktive Bemühung in vielen Gebieten durch die Furcht
gelähmt wird.
Wenn der Geist von Genf eine gesunde Atmosphäre für das
Streben nach Frieden schaffen soll, wenn dieser Geist echt und
nicht nur eine leere täuschende Maske sein soll, dann muß er
alle zu einer Beseitigung der bestehenden Ungerechtigkeiten und
einer Heilighaltung der menschlichen Rechte sowie zu einer Beendigung der auf weltweiter Basis unternommenen Subversionsversuche inspirieren. Ob ein derartiger Geist durch die vereinte
Intelligenz und das gemeinsame Verständnis der Menschen gedeihen,
oder ob de durch die Gier und Unnachgiebigkeit einiger weniger
absterben wird, kann nur die Zukunft lehren. Eines jedoch ist
sicher. Dieser Geist und die Ziele, die wir erstreben, hätten
niemals durch Gewalt geschaffen werden können, und auch nicht,
wenn die Menschen und Nationen einander mit angst- und haßerfüllten Herzen gegenüberstehen.
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AMERIKA DIENST"
In Genf suchten wir nach besten Kräften unser Teil zur
Entwicklung eines solchen Geistes beizutragen.
Genf heißt demnach für Amerika nicht Stagnation, sondern
neue Möglichkeiten - Möglichkeiten für unser Volk und die Völker aller Länder, ihre berechtigten Hoffnungen zu erfüllen.
Das ausschließliche Bemühen, einen Krieg zu vermeiden,
kann - wenn wir bei diesem einen Wunsch stehen bleiben - dazu
führen, daß Ungerechtigkeit und Unrecht unserer Tage in offenem
oder stillschweigendem Einvernehmen auch in Zukunft weiterbestehen. Wir dürfen uns nicht zu solch falschem Einvernehmen
verleiten lassen. Das hieße gegen unser eigenes Gewissen handeln.
Und in den Augen derer, die Unrecht leiden, würden wir zu Helfershelfern ihrer Unterdrücker. Und nach dem Urteil der Geschichte hätten wir die Freiheit der Menschen für das Linsengericht eines falschen Friedens verkauft. Und außerdem würden
wir mit Sicherheit künftige Konflikte heraufbeschwören.
Die Teilung Deutschlands kann durch keinerlei Argument,
das sich auf Grenzen, Sprache oder rassische Abstammung beruft,
gestützt werden.
Die Unterdrückung versklavter Länder darf nicht länger
durch die Behauptung gerechtfertigt werden, dies sei aus Gründen der Sicherheit nötig.
Einen internationalen politischen Apparat, der innerhalb
der Landesgrenzen souveräner Nationen auf einen politischen
und ideologischen Umsturz hinarbeitet, kann man nicht als eine
kulturelle Bewegung hinstellen.
Sehr wahrscheinlich ist die Ursache für diese und andere
Verletzungen der Rechte des Menschen und der Nationen in einer
Mischung aus Mißtrauen und Furcht zu suchen. Das ist zwar eine
Erklärung, aber keine Entschuldigung. Wenn wir anderen und uns
selbst Recht widerfahren lassen wollen, so können wir niemals
derartiges Unrecht als Teil des von uns erhofften und erstrebten Friedens hinnehmen.
Wir müssen fest bleiben, aber in freundschaftlichem Geiste.
Wir müssen tolerant, aber nicht selbstgefällig sein. Wir müssen
auch den'Standpunkt des anderen, ehrlich und objektiv betrachtet,
schnell erfassen können. Doch dürfen wir uns niemals mit Unrecht
gegenüber dem Schwachen, dem Untolücklichen, dem Benachteiligten einverstanden erklären, denn wir wissen nur allzu gut dies
eine: haben wir erst einmal die Verletzung des Grundsatzes der
Gerechtigkeit für alle hingenommen, so können wir keinen Anspruch mehr auf Gerechtigkeit für uns selbst als ein selbstverständliches Recht erheben.
Der Friede, den wir anstreben - das Frodukt der Verständigung, der Einmütigkeit und des Gesetzes unter den Nationen - ,
ist die Schaffung stabiler, auf Gerechtigkeit und Sicherheit gegründeter internationaler Verhältnisse, Dieser Friede wird die
Konzentration der menschlichen Energie - der individuellen wie
der zusammengefaßten - begünstigen und damit die menschlichen
Wertmaßstäbe auf allen Gebieten des materiellen, intellektuellen
und geistigen Lebens der Menschheit fördern.
Können

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"AMERIKA DIENST"

Können wir einen derartigen Frieden erreichen ? Ich glaube
ja. Zeitweise ma£ die Aufgabe hoffnungslos und weit über das
menschliche Vermögen hinausgehend erscheinen. Aber ist jemals
eine große Leistung in der Geschichte mit der Gewißheit ihres
Erfolges begonnen worden ? Unsere eigene Republik ist ein
beispielhafter Fall. Generationen hindurch herrschte in der
Welt eine fast einmütige Überzeugung, daß die Vereinigten
Staaten ein künstliches Gebilde seien, das nicht lange Bestand
haben könne.
Die Republik aber überlebte auch ihre gefährlichsten Jahre
- die Prüfungsjahre - dank der hingebungsvollen Arbeit einzelner und nicht, weil sie von vornherein über eine Garantie des
Erfolges verfügte oder einen von Hindernissen freien Weg vorfand.
Unser Eintreten für einen Frieden, der sich auf Gerechtigkeit stützt, ist genau so gesund wie der Einsatz John Marshalls
für die Verfassung und die Union. Und es wird genau so erfolgreich sein, wenn wir unser Anliegen vor den Schranken der Weltöffentlichkeit mit demselben Mut und derselben hingebungsvollen Überzeugung vertreten, mit denen Marshall seine Mission
auffaßte.
In unseren Gemeinden können wir, jeder nach seinen Möglichkeiten, das Verständnis für das fördern, was unsere Republik im Hinblick auf ihre Stärke, auf Verständnis und Hingabe
an die Grundsätze sein muß, wenn sie ihre führende Rolle im
Ringen um den Frieden erfüllen soll.
Bei der Suche nach Gerechtigkeit können wir unser System
zu einem immer ruhmvoller werdenden Beispiel für eine ordnungsgemäße Regierung machen, die mit allen Kräften für die Erhaltung
der menschlichen Freiheit und für die Wahrung der individuellen
Möglichkeiten und Verpflichtungen der Menschheit eintritt.
Aber wie nachdrücklich wir unsere persönlichen Meinungen
zu innerpolitischen Problemen auch vorbringen und vertreten
mögen, so bilden wir doch nach außen eine einheitliche Front
in allen Dingen, die die Freiheit und Sicherheit der Republik,
ihre Hingabe an einen gerechten und gedeihlichen Frieden angehen.
Und was das Wichtigste ist: wir, die wir uns der überwältigenden Errungenschaften bewußt sind, wie sie sich in der
Geschichte der Republik unter der Verfassung manifestieren,
die wir sicher sind, daß jedes menschliche Problem zu lösen ist,
wenn nur der Wille, die Ausdauer und die Kraft dazu vorhanden
sind - jeder von uns in Amerika kann helfen, eine neue und
auflodernde Hingabe an Gerechtigkeit und Freiheit, Wohlergehen
und Frieden unter allen Menschen zu wecken.
Und wir alle - Juristen und Laien gleichermaßen - sollten
uns dabei als würdige Erben im Geiste und im Beispiel John
Marshalls zeigen. Der Erfolg wird uns, wie ihm in seiner
großen Mission, sicher sein.
* * * * *

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�Eine meiner ersten Amtshandlungen als Aussenminister war
eine Reise nach dem Mittleren Osten. Ich hatte selbst den Wunsch,
dieses Gebiet zu sehen, das so reich ist an kulturellen und
religioesen Traditionen und das heute so von Streit und Zank und
Bitterkeit zerrissen ist. Im Fruehjahr 1953 habe ich Aegypten,
Israel, Jordanien, Syrien, den Libanon, den Irak und SaudiArabien besucht. Nach meiner Rueckkehr sprach ich ueber die Eindruecke,. die ich waehrend meiner Reise gesammelt hatte und ueber
die Hoffnungen, die ich an die Besprechungen knuepfte, welche ich
mit den fuehrenden Maennern und der Bevoelkerung dieses Gebietes
gefuehrt hatte.
Einige jener Hoffnungen sind Wirklichkeit geworden. Zu
jener Zeit stand die Frage der Suezkanal-Stuetzpunkte im Mittelpunkt der Gegensaetze und barg die Moeglichkeit von kriegerischen
Verwicklungen in sich. Heute ist dieses Problem nach geduldigen
Bemuehungen und im Geiste der Verstaendigung erfolgreich geloest
worden. Ein weiteres Problem, das damals die Gedanken zahlreicher
fuehrender Staatsmaenner im Mittleren Osten beschaeftigte, bestand
in der Sicherheit des Gebiets. Es war klar, dass eine wirksame
Verteidigung von kollektiven Massnahmen abhing und dass diese
Massnahmen, wenn sie verlaesslich sein sollten, ein natuerliches
Zusammenruecken von jenen Laendern erforderten, die angesichts
dessen, was eine gemeinsame Gefahr bedeuten koennte, von einem
Gefuehl des gemeinsamen Schicksals beseelt wurden. Auch hier h«.t
eine ermutigende Entwicklung stattgefunden.
Ein drittes Problem, dem Beachtung geschenkt werden musste,
war der Bedarf an Wasser zur Bewaesserung des Bodens. Ich erwaehnte in meinem Bericht die Moeglichkeit, dass die durch das
Jordantal fliessenden Pluesse dazu benutzt werden koennten, um

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31. August 1955

um dieses Tal zu einer Quelle des Lebens zu machen. Botschafter
Eric Johnson hat seither Besprechungen mit den Regierungen der
Laender gefuehrt, durch die sich das Jordantal hinzieht. Diese
haben eine ermutigende Bereitschaft gezeigt, das Prinzip koordinierter Abmachungen zur Nutzung der Wasserlaeufe zu akzeptieren. Botschafter Johnson befindet sich gegenwaertig zu seinem
vierten Besuch in den interessierten Laendern, um die kleinen
Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen, die noch verblieben sind.
Wie Sie sehen, ist ein Anfang gemacht worden, um die Hindernisse zu beseitigen, die den Hoffnungen der Voelker des
Mittleren Ostens im Wege stehen. Es ist meine Hoffnung - und
von dieser Hoffnung moechte ich jetzt sprechen -, dass die Zeit
gekommen ist, in der es zweckmaessig ist, weitere Schritte zur
Stabilitaet, zur Ruhe und zum Fortschritt im Mittleren Osten zu
unternehmen.
Das arabisch-israelische Problem
Was sind nun die wesentlichen noch zu loesenden Probleme?
Es sind diejenigen, die von den Waffenstillstandsabkommen im
Jahre 1949» die die Kaempfe zwischen den Israelis und den Arabern
beendeten, nicht geloest worden sind. Bevor ich auf diese Fragen besonders eingehe, moechte ich vor allem Dank und Anerkennung dem zollen, was die Vereinten Nationen zur Wahrung der Ruhe
und im Dienst der Menschlichkeit in jenem Gebiet geleistet haben.
Trotz dieser unentbehrlichen Bemuehungen bleiben drei Fragen
uebrig, die vor allem eine Loesung dringend erforderlich machen.
Die erste betrifft das tragische Schicksal der 900 000
Fluechtlinge, die frueher in dem jetzt von Israel besetzten Gebiet gelebt haben.
Die zweite ist die Wolke der Furcht, die ueber der arabischen
und der israelischen Welt haengt. Die arabischen laender befuerchten, dass Israel sein Staatsgebiet mit gewaltsamen Mitteln
auf ihre Kosten zu vergroessern trachtet. Die Israelis wiederum
befuerchten, dass die Araber allmaehlich ueberlegene Kraefte zusammenziehen werden, di.e dazu verwendet werden koennten, sie
(die Israelis) in das Meer zu treiben. Ausserdem leidet Israel
unter den wirtschaftlichen Massnahmen, die zur Zeit gegen diesen
Staat ergriffen worden sind.
Die dritte Frage besteht darin, dass keine festen, dauerhaften Grenzen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten vorhanden sind.
Es gibt noch andere wichtige Probleme. Aber wenn diese drei
Hauptfragen geloest werden koennten, dann waere der Weg fuer die
Loesung der anderen frei. Diese drei Hauptfragen scheinen geloest werden zu koennen, und eine Loesung ist bestimmt notwendig.
Fast jede Woche fordern Grenzzwischenfaelle Menschenleben
und entflammen die bereits vorhandenen gefaehrlichen Gefuehle
des Hasses. Die Leiden der arabischen Fluechtlinge dauern schon

�"AMERIKA DIENST"

31. August 1955

schon fast ueber den Punkt des Ertragens hinaus an. Die Furcht,
die auf beiden Seiten um sich greift, fuehrt zu einer schweren
Belastung durch die Ruestung, die den wirtschaftlichen und sozialen Portschritt ernsthaft gefaehrdet. Die verantwortlichen
Maenner haben es schwer, ihr ganzes Augenmerk und ihre ganze
Kraft auf die positive Aufgabe zu richten, die Bedingungen fuer
einen gesunden Portschritt zu schaffen.
So ernst die Lage gegenwaertig ist, so besteht doch die Gefahr, dass sie sich noch verschaerfen kann, wenn keine Besserung
eintritt. Ein Uebel fuehrt zum anderen und es ist schwer,
zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Die Atmosphaere
koennte, wenn sie sich verschlechtert, das klare Urteil trueben
und etwas verlockend erscheinen lassen, was in Wirklichkeit unverantwortlich ist.
Beide Seiten leiden schwer unter der gegenwaertigen Situation, und beide sind darum bemueht, eine gerechte und ausgleichende Loesung zu finden. Aber keine der beiden Seiten ist
in der Lage gewesen, eine solche zu finden.
Dies mag eine Situation sein, wo gemeinsame Preunde dem allgemeinen Wohl dienen koennten. Dies trifft besonders dann zu,
wenn das betreffende Gebiet selbst nicht alle Mittel zur Verfuegung hat, die fuer die sofortige Schaffung von umfassenden
Bedingungen der Sicherheit und des Wohlstandes erforderlich sind.
Die Vereinigten Staaten, die mit Israel und den arabischen
Laendern befreundet sind, haben die Lage genau und sorgfaeltig
geprueft und sind zu gewissen Schluessen gekommen, deren Bekanntgabe den Menschen guten Willens in jenem Gebiet zu neuen konstruktiven Bemuehungen verhelfen koennte. Ich spreche in dieser
Angelegenheit im Namen Praesident Eisenhowers.
I. Um die gegenwaertige Lage der 900 000 Pluechtlinge zu
beenden, ist es erforderlich, dass diese entwurzelten Menschen
in einem durchfuehrbaren Ausmass durch Wiedersesshaftmachung und
durch Repatriierung in die Lage versetzt werden, wieder ein Leben
der Wuerde und Selbstachtung zu fuehren. Um dies zu erreichen,
ist es erforderlich, mehr Kulturland zu schaffen, wo die Pluechtlinge ihre Heimat finden und ihren Lebensunterhalt durch ihrer
Haende Arbeit verdienen koennen. Gluecklicherweise gibt es
praktisch durchfuehrbare Bewaesserungsplaene, die dies ermoeglichen
koennen. Dies alles kostet Geld.
Israel muss einen Beitrag fuer die Pluechtlinge leisten. Es
ist jedoch moeglich, dass Israel ohne Hilfe nicht in der Lage
ist, zum gegenwaertigen Zeitpunkt einen ausreichenden Beitrag zu
leisten. Wenn dies der Pall ist, dann koennte eine internationale
Anleihe in Erwaegung gezogen werden, um es Israel zu ermoeglichen,
den Beitrag zu leisten, der angebracht ist, und der viele der
Pluechtlinge in die Lage versetzen wuerde, den Weg zu einem
besseren Leben zu finden.
Praesident

�"AMERIKA DIENST"

31. August 1955

Praesident Eisenhower wuerde eine wesentliche Beteiligung
der USA an einer Anleihe fuer diesen Zweck empfehlen. Er wuerde
weiter empfehlen, dass die USA zu der Verwirklichung von Flussregulierungs- und Bewaesserungsprojekten beitrage^ die direkt
oder indirekt die Neuansiedlung der Fluechtlinge erleichtern
wuerden.
Diese Projekte wuerden selbstverstaendlich noch weit mehr
bedeuten, als nur eine Hilfe fuer die Neuansiedlung von Fluechtlingen. Sie wuerden es der Bevoelkerung des ganzen Gebietes ermoeglichen, ein besseres Leben zu fuehren. Darueber hinaus
wuerde eine Loesung der Fluechtlingsfrage dazu beitragen, das
Problem der immer wiederkehrenden Zwischenfaelle zu beseitigen,
die die Siedlungen auf beiden Seiten der Grenze heimgesucht und
verbittert haben.
II. Das zweite Hauptproblem, das ich angefuehrt habe,ist
das der Furcht. Diese Furcht ist solcher Art, dass die Voelker
des Gebietes kaum in der Lage sind, fuer sich allein die Furcht
durch ein Gefuehl der Sicherheit zu ersetzen. Hier kann, wie
in vielen anderen Teilen der Welt, die Sicherheit nur durch
kollektive Massnahmen gewaehrleistet werden, die ihre entscheidende Macht auf die Abschreckung der Aggression ausrichten.
Praesident Eisenhower hat mich ermaechtigt mitzuteilen, das
er, unter Voraussetzung einer Loesung anderer damit zusammenhaengender Probleme, empfehlen wuerde, dass die Vereinigten
Staaten formelle vertragliche Verpflichtungen eingehen, um alle
Bemuehungen der einen oder der anderen Seite zu verhindern oder
zu vereiteln, die Grenzen zwischen Israel und seinen arabischen
Nachbarn mit Gewalt zu aendern. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck,
dass andere Laender bereit sein wuerden, sich einer solchen
Sicherheitsgarantie anzuschliessen, und dass sie von den Vereinten Nationen verbuergt werden wuerde.
Dieses Gebiet koennte durch derartige kollektive Sicher—
heitsmassnahmen von den akuten Befuerchtungen befreit werden,
denen beide Seiten heute Ausdruck verleihen. Die nahe an den
Grenzen wohnenden Familien koennten von der nervenaufreibenden
Angst vor einem ploetzlichen gewaltsamen Tode befreit werden;
die Bevoelkerung jenes Gebietes, deren Lebensstandard ohnehin
viel zu niedrig ist, wuerde nicht mehr laenger die Lasten dessen
zu tragen haben, was ein Ruestungswettlauf, wenn nicht gar ein
Krieg, zu werden droht. Die fuehrenden Politiker jenes Gebietes
koennten sich dann konstruktiveren Aufgaben zuwenden.
III. Wenn die Grenzen garantiert werden sollen, wuerde es
den ueblichen Gepflogenheiten entsprechen, dass es zuvor zu
einem Abkommen ueber die Festlegung der Grenzen kommen wuerde;
dies ist das dritte Hauptproblem. Die bestehenden Grenzlinien,
die Israel und die arabischen Staaten voneinander trennen,
wurden durch die Waffenstillstandsabkommen von 1949 festgelegt.
Es war nicht beabsichtigt, dass sie in jeder Weise endgueltige
Grenzen sein sollten, zumindest teilweise trugen sie dem

�"AMERIKA DIENST"

31. August 1955

dem waehrend der Kaempfe bestehenden Frontverlauf Rechnung.
Die Aufgabe, endgueltige Grenzen festzulegen, ist zugegebenermassen schwierig.
Es gibt hier keine einzige und feste
Richtschnur, da beide der miteinander in Widerstreit befindlichen Ansprueche berechtigt zu sein scheinen. Das Problem wird
durch die Tatsache noch erschwert, dass selbst Wuestengebiete
eine von Gefuehlen bestimmte Bedeutung erlangt haben.
Zweifelsohne wuerden die umfassenden Vorzuege der hier dargelegten Massnahmen bei weitem jeden Nachteil solcher Berichtigungen aufwiegen, die notwendig sind, um die sich als Gefahrenpunkte erweisenden Waffenstillstands-Grenzlinien in eine Grenze der
Sicherheit zu verwandeln.
Trotz der sich widersprechenden Ansprueche und Gefuehle bin ich der Ansicht, dass ein Weg gefunden
werden kann, der den lebenswichtigen Interessen aller Parteien
Rechnung traegt. Die USA wuerden bereit sein, sich an der Suche
nach einer Loesung zu beteiligen, wenn die interessierten Staaten
dies wuenschen sollten.
IV. Wenn eine Einigung ueber diese Grundprobleme - Fluechtlinge, Furcht und Grenzen - erzielt werden kann, dann sollte es
auch moeglich sein, Loesungen fuer andere, hauptsaechlich wirtschaftliche Fragen zu finden, die gegenwaertig die Flammen der
Feindseligkeit und des Ressentiments entfachen.
Es sollte weiter moeglich sein, ein Uebereinkommen ueber
den Status von Jerusalem zu erreichen. Die Vereinigten Staaten
wuerden die Vereinten Nationen bei einer Ueberpruefung dieses
Problems unterstuetzen.
S chlu s s f o 1 ge ru ng en
Ich habe nicht versucht, alle die Probleme aufzuzaehlen,
deren Loesung wuenschenswert waere; noch habe ich versucht, im
einzelnen die Form zu umreissen, die eine Loesung irgendwelcher
dieser Probleme haben koennte.
Ich habe versucht zu zeigen,
dass die Moeglichkeiten fuer eine gewaltige Verbesserung der
Lage vorhanden sind und dass diese Moeglichkeiten von keinem
Staat verlangen, Massnahmen zu treffen, die gegen, seine Interessen Verstössen, ob diese Interessen nun im Hinblick auf
materielle Staerke oder im Hinblick auf das nationale Prestige
und die nationale Ehre gesehen werden. Ich habe weiter, so
hoffe ich, klar zum Ausdruck gebracht, dass die Regierung der
Vereinigten Staaten bereit ist, diese Moeglichkeiten durch
eigene Beitraege zu erweitern, wenn dies von den interessierten
Staaten gewuenscht wird.
Beide Seiten in diesem Kampfe besitzen eine grosse, ehrenvolle Vergangenheit, ein Erbe an reichen Beitragen zur menschlichen Kultur, beide haben den Fortschritt der Wissenschaft und
der Kuenste gefoerdert.
Jede Seite ist als hervorragender Vertreter einer der groessten Religionen der Welt anzusehen.
Beide
Seiten wuenschen ihrem Volke ein gutes Leben zu schaffen und an
den Fortschritten dieses Jahrhunderts teilzuhaben und zu ihnen

�".AMERIKA DIENST"

31. August 1955

ihnen beizutragen. Muessen wir nicht zu einer Zeit, in der
grosse Anstrengungen unternommen werden, um die Spannungen zu
mildern, die lange Zeit zwischen der sowjetischen und der westlichen Welt vorgeherrscht haben, hoffen, dass sich ein aehnlicher Geist im Mittleren Osten durchsetzt? Dies ist unser
Anliegen. Der Geist der Versoehnung und der guten Nachbarschaft
bringt den Voelkern und Nationen reichen Lohn. Wenn dieses
Handeln einige Buerden mit sich bringt, dann sind dies Lasten,
die die Vereinigten Staaten mit tragen wuerden, ebenso wie wir
an der Befriedigung Anteil haben wuerden, die alle Voelker empfänden, wenn das Glueck, die Zufriedenheit und der gute Wille den
Hass und das Elend bei den Voelkern vertreiben koennten, denen
wir eine hohe Achtung zollen und die wir ehren.
*****

�A M E R I K A

D I E N S T

LODGE ERLÄUTERT PRÄSIDENT EISENHOWERS
ABRÜSTUNGSVORS GHLAG
UN, NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Erklärung,
die der amerikanische Chefdelegierte bei den
Vereinten Nationen, Henry Cabot Lodge, vor
dem UN-Unterausschuß für Abrüstungsfragen
am 29.August 1955 abgab.

•Die Vereinigten Staaten heißen Sie zur Eröffnung der
31.Sitzung unseres Unterausschusses herzlich willkommen.
Und wir heißen Sie nicht zuletzt deshalb willkommen,
weil es hier um eine Sache von großer Bedeutung geht und
eine Gelegenheit, die wohl die größte ist, die der Unterausschuß je gehabt hat.
Diese Gelegenheit verdanken wir der Tatsache, daß unser
Treffen hier das erste seit der Genfer Konferenz der vier
Regierungschefs im Juli ist, an der Frankreich, die UdSSR,
Großbritannien und die Vereinigten Staaten teilgenommen
haben. Es war dies das erste derartige Treffen nach zehn
Jahren. Der praktische Wert dieses Genfer Treffens muß, wie
Präsident Eisenhower heute in Denver erklärte, hier nun zum
ersten Mal praktisch unter Beweis gestellt werden, wenn es
darum geht, eine Lösung für das Abrüstungsproblem zu finden.
Es gibt wohl kaum etwas noch Wichtigeres.
In Genf erklärte Präsident Eisenhower - und ich zitiere
hier wörtlich: "Ich schlage vor, daß wir einen realen Schritt
tun, daß wir sehr schnell mit einem Abkommen beginnen - was
uns anbetrifft, sofort. Diese Schritte wären:
Jeder soll jedem vollständige Pläne mit Angaben über
unsere militärischen Einrichtungen von A bis Z, von einem
Ende des Landes bis zum andern vorlegen; die Einrichtungen
sollen vorgewiesen, und jeder soll dem andern die Pläne zugänglich machen.
Weiter soltai innerhalb unserer Länder dem anderen Land
Möglichkeiten eingeräumt werden, Luftaufnahmen zu machen wir räumen ihnen Möglichkeiten in unserem Lande ein, ausreichende Möglichkeiten, um eine Luftaufklärung durchzuführen, bei der Sie alle Aufnahmen machen können, wie Sie wollen,
und
- 1 -

�31. August 1955
»AMERIKA DIENST".
und die Sie zum Studium in Ihr eigenes Land mitnehmen können;
Sie wiederum sollen uns genau die gleichen Möglichkeiten einräumen, damit wir von uns aus diese Prüfungen vornehmen können.
Durch diesen Schritt wollen wir die Welt davon überzeugen, daß
wir gegenseitig Vorkehrungen treffen,um die Möglichkeit großer
Überraschungsangriffe auszuschließen-und die Gefahr zu verringern und die Spannung zu mindern. So würden wir ein umfassendes
und wirksames System der Kontrolle leichter erreichbar machen,
denn was ich Ihnen vorschlage,, wäre, seien Sie dessen versichert, nur ein Anfang."
Wir sind also der Ansicht, daß der eigentliche Kern des
Abrüstungsproblems die Inspizierung ist, daß es sich keine
Nation - weder die Vereinigten Staaten, noch die Sowjetunion,
noch irgendein anderes Land - leisten kann, seine Stärke im
Rahmen eines internationalen Abkommens zu reduzieren, so lange
kein Inspektionssystem geschaffen ist, das jede einzelne Klausel eines solchen Abkommens stützt und auf das sich die Menschheit verlassen kann.
Der Vorschlag Präsident Eisenhowers war getragen von der
ganzen Stärke, Aufrichtigkeit und Hoffnung der 160 Millionen
Amerikaner, für die der Präsident sprach. Er brachte seine
Überzeugung zum Ausdruck, daß Furcht und Mißtrauen jeden Fortschritt in der Frage der Inspizierung blockiert haben, und
daß dieses Mißtrauen nicht nur von einer Seite kam. Er "durchforschte Herz und Verstand" nach einem Vorschlag, der für beide
Seiten annehmbar wäre, und ganz speziell für jene beiden großen
Länder, die eine große Anzahl nuklearer Waffen besitzen, welche wiederum Furcht und Angst vor einem Überraschungs-Angriff
auslösen. Er glaubte, daß dann, wenn sich die Sowjetunion und
die Vereinigten Staaten innerhalb der Vereinten Nationen dazu
bereit finden könnten, es mit einem einfachen, praktisch durchführbaren, bedeutsamen und als Ausgangsbasis geeigneten Inspektionssystem zu versuchen, schon der entscheidende Schritt zu
einem umfassenden und weltweiten Programm zur.Begrenzung und
Reduzierung der Rüstungen und zur Sicherheit vor einem Weltkrieg getan wäre.
Lie Regierungschefs wiesen in Genf ihre Vertreter in diesem UN-Ausschuß an, die in Genf von jedem von ihnen gemachten
Vorschläge zu erwägen. Ich lege Ihnen aus diesem Grunde hiermit den Plan Präsident Eisenhowers mit dem vollständigen V/ortlaut vor, wie er ihn am 21.Juli in Genf vorgetragen hat. Der
Wortlaut ist beim Sekretariat erhältlich.
Der Begriff "Pläne" in dem Vorschlag Präsident Eisenhowers
schließt zunächst einmal die Identifizierung, Stärke, Organisation und Verteilung von militärischem Personal, Truppeneinheiten und Ausrüstungen aller wichtigen Land-, See- und Luftstreitkräfte ein, auch die Reservetruppen und die halbmilitärischen
Organisationen; zweitens eine vollständige Liste der militärischen Anlagen samt der Einrichtungen und Übungsplätze mit
Ortsangabe.
Keine Nation könnte natürlich solche Informationen geben,
ohne völlig sicher zu sein, daß die andere Seite das 'gleiche
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

31. August 1955

gleiche tut. Es müssen wirksame Mittel und Wege zur Verifizierung der von den Teilnehmerstaaten gegebenen Berichte durch
Aufklärung aus der Luft, zu Lande und zu Wasser geschaffen
werden.
Im Falle der Zustimmung zur Herstellung von Luftaufnahmen,
wie dies im Plan des Präsidenten vorgesehen ist, würde jedes
Land eine unbeschränkte, aber vorher anzusagende Luftaufklärung
zulassen.
Um jedoch volle Sicherheit gegen einen Überraschungsangriff
zu schaffen, muß nach Ansicht der Vereinigten Staaten vor allem
Vorsorge getroffen werden, daß keines der beiden Länder das andere
mit seinen weitreichenden Waffen angreifen kann. Lies könnte durch
eine Inspektion und Überwachung der entsprechenden Streitkräfte,
der Hilfsverbände und durch Maßnahmen, die eine Ermittlung der
Angriffsvorbereitungen gewährleisten können, geschehen. Die
Vereinigten Staaten glauben ferner, daß der Austausch von Informationen gemäß dem Plan des US-Präsidenten Zug um Zug durchgeführt werden sollte, und zwar beginnend mit den weniger bedeutsamen bis zu denen über strategisch wichtige Punkte, die
jene einschließen, durch die die Möglichkeit einer Überraschung
ausgeschlossen wird.
Sie werden noch nähere Einzelheiten über die Methoden erhalten, mit denen die gegenseitige Luftbeobachtung durchgeführt
werden soll. Unter anderem wird jedes inspizierende Land seine
eigenen Flugzeuge und Geräte verwenden; das schließt Beobachtungsund Aufnahmegeräte sowie elektronische Beobachtungsmittel mit ein.
Für die Lauer des Fluges soll sich Personal des inspizierten Landes an Bord jedes Aufklärungsflugzeuges befinden.
Lie Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die auszutauschende Liste über die militärischen Einrichtungen einen
oder mehrere Flugplätze enthalten soll, die von den Besatzungen
der Beobachtungsflugzeuge benutzt werden können.
Ferner müßten ausreichende Nachrichtenverbindungen zur Verfügung stehen, wie dies für eine schnelle und direkte Berichterstattung der Beobachter an ihre Regierungen erforderlich ist.
Jede Regierung würde von sich aus Grenzübergangsstellen
für die Ein- und Ausreise des Personals und den Ein- und Ausflug
der Flugzeuge bezeichnen, um die Beobachter, Maschinen und das
Personal auf dem Wege von und zur Heimat abfertigen, und das dabei
eingesetzte Personal und die Geräte inspizieren zu können.
Jedes inspizierte Land wäre für die Flugsicherheit des
Beobachtungsflugzeuges verantwortlich.
Die Vereinigten Staaten sind durchaus bereit, eine Abhandlung darüber vorzulegen, wie all diese Arbeiten abzuwickeln sind.
Über die Einzelheiten kann man natürlich verhandeln. Wir würden
gern mit anderen Regierungen alle Gesichtspunkte dieses Planes
besprechen.
Die von mir hier gegebene Zusammenfassung kann nur im Zusammenhang mit einer solchen Abhandlung und als ein fester Bestandteil dieser gewertet werden.
Der

�"AMERIKA DIENST"

31. August 1955

Der von mir hier beschriebene Plan bedingt, daß die daran
beteiligten Nationen weitreichende Unternehmen beginnen müssen.
Das amerikanische Volk, dessen bin ich gewiß, wird gern seinen
Teil an einem gerechten Plan tragen, der wahrhaft zur Sicherheit
der Welt beiträgt und die Aussichten auf einen gerechten und
dauerhaften Frieden durch die Verkleinerung der Gefahr eines
Überraschungsangriffes wirklich verbessert und damit den Weg
frei macht für ein umfassendes Übereinkommen hinsichtlich der
Regulierung und Verkleinerung der Rüstungen.
Die Welt erwartet, daß dieser Ausschuß vor seiner Vertagung
irgend etwas hinsichtlich dieses wichtigen Planes unternimmt
und daß alle Anwesenden ihre Ansicht kundtun, an seiner Durchführung und Ausführung innerhalb des Hoheitsgebietes ihrer Regierungen auf der Basis der Gegenseitigkeit und Angemessenheit
mitzuwirken. Wir in den Vereinigten Staaten sind bereit, dieses
Projekt unverzüglich zwischen uns und der Sowjetunion in Kraft
treten zu lassen.
Wir werden den Vorschlag unterbreiten, die Abrüstungskommission und die Vollversammlung mögen in einfachen klaren
Worten ihre Unterstützung des Planes dartun und der von der
Kommission zu unterbreitende Bericht soll den Völkern der Welt,
die einen so hohen Einsatz in der Präge des Friedens oder Krieges
wagen, klar verständlich gemacht werden.
Wir sind bereit, weitere Maßnahmen zu unterbreiten, die
nach Ansicht der Vereinigten Staaten dazu angetan sind, die
Sehnsucht der Menschheit nach einer Entspannung zu erfüllen,
die^zu einem großen Teil das Ergebnis der enormen, sich ständig
erhöhenden Rüstungen ist.
Aus diesen Überlegungen heraus ernannte der Präsident der
Vereinigten Staaten einen verdienstvollen amerikanischen Bürger,
Mr. Harold E. Stassen, zum stellvertretenden amerikanischen
Delegierten. Ich heiße ihn hier in seiner offiziellen Eigenschaft, als Mitglied des amerikanischen Kabinetts und als langjährigen Freund, willkommen.
Herr Vorsitzender!
Diese Sitzung des Unterausschusses gibt
uns eine einmalige Gelegenheit, dem eigenen Volk und den anderen
Nationen dieser Erde einen Dienst zu leisten. Wenn wir alle diese Gelegenheit voll ausschöpfen, der wir uns gegenübersehen,
dann werden die Sitzungen dieses Unterausschusses als ein Meilenstein in die Geschichte des menschlichen Fortschrittes eingehen.

# * * * *

- 4 -

�A M E R I K A

STASSEN:

E N

S T

FRIEDEN NUR DURCH BEENDIGUNG DES
WETTRÜSTENS
BOSTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der Sonderbeauftragte Präsident Eisenhowers für AbrüstungS'
fragen, Harold E. Staasen, am 2.September 1955
vor amerikanischen Kriegsteilnehmern in Boston
hielt.

Ich darf zunächst dem 56.Nationalkonvent des Verbandes
der Teilnehmer an Feldzügen im Ausland die herzlichen und
persönlichen Grüße Präsident Eisenhowers übermitteln, der
ja auch Mitglied Ihrer Organisation ist.
Die entsetzlichen Realitäten des modernen Krieges
werden heute in allen lagern mehr und mehr erkannt. Man hat
hiah zu der nüchternen und immer deutlicher werdenden Einsicht durchgerungen, daß in einem neuen Weltkrieg der Sieger
wie auch der Besiegte kaum noch zu unterscheidende Opfer
einer Zerstörung sein würden, deren Ausmaß die Menschheit
bisher weder gesehen noch erlebt hat.
Meiner Ansicht nach werden wir mit Sicherheit auf dem
Weg des Friedens weiterschreiten, wenn wir die nachstehenden
eng miteinander zusammenhängenden Grundsätze getreulich einhalten:
1. Es muß ein sicheres, durch Inspektion gewährleistetes Verfahren gefunden werden, um dem Rüstungswettrennen
ein Ende zu bereiten.
2. Alle Nationen, besonders die Großmächte, müssen sich
der Zurückhaltung und Geduld befleißigen.
3. Keine Nation darf versuchen, sich in selbstsüchtiger
Weise aus dem Wunsch einer anderen Nation, Krieg zu vermeiden,
Vorteile verschaffen zu wollen.
4. Die Vereinigten Staaten müssen zur eigenen Verteidigung eine angemessene Stärke beibehalten und dazu beitragen,
vor einer Aggressionshandlung seitens einer anderen Nation
abzuschrecken.
5^_
- 1 -

�7. September 1955
"AMERIKA DIENST"
5. Alle Völker sollen die Chancen haben und kennen,
ihren Lebensstandard anter friedlichen Bedingungen und mit
friedlichen Mitteln, einschließlich der Nutzbarmachung der
Atomenergie, zu heben.
6. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten muß gesund
und stark bleiben und dabei die Lebensbedingungen unseres
Volkes ständig erweitern.
7. Wir müssen unseren Idealen von der Würde der Persönlichkeit, der menschlichen Freiheit und der geistigen Werte
in der Ehrfurcht Gottes treu bleiben.
8. Der Austausch von Wissen und von zivilen Gütern unter
den Völkern muß ebenso gefördert und erweitert werden wie das
Verstehen der kulturellen Errungenschaften des anderen.
9. Die Vereinten Nationen sollten im zweiten Jahrzehnt
ihres Bestehens noch stärker als bisher unterstützt werden.
10. Der Geist der Zusammenarbeit der verschiedenen Länder,
der Unterstützung des anderen zu gemeinsamen Nutzen, sollte sich
immer mehr durchsetzen.
11. Friedliche Methoden zur Beilegung von Unstimmigkeiten
zwischen einzelnen Nationen, wie unmittelbare Verhandlungen und
Schlichtung, sollten anstelle von Ultimaten, Kriegsdrohungen und
der furchtbaren Ultima ratio des Krieges selbst treten.
Ich bin überzeugt, daß eine strikte Befolgung dieser Grundsätze wesentlich zur Verminderung heftiger Spannungen beitragen
kann, so daß schließlich die Rüstungslasten, die zur Zeit die
Bemühungen der Völker um eine maximale Ausnutzung der durch die
Kernspaltung gegebenen Möglichkeiten eines friedlichen Fortschritts behindern, fortfallen dürften.
Die gleichen Stoffe, die der Atombombe ihre schreckenerregende Kraft verleihen, können der Menschheit auch erstaunlichen
Reichtum und neues Leben bringen. Schon heute hat man in der
friedlichen Nutzung der Atomenergie Bemerkenswertes erreicht.
Wie Sie alle wissen, wurzelt das internationale Programm zur
Nutzung der Atomenergie für friedliche Zwecke in dem historischen Vorschlag Präsident Eisenhowers, den er am 8.Dezember 1953
der Vollversammlung der Vereinten Nationen unterbreitete und in
dem er alle Nationen aufforderte, es den Vereinigten Staaten
gleichzutun und nach Mitteln und Wegen zu suchen, "damit die
wunderbare Erfindergabe des Menschen nicht zu seinen eigenen
Vernichtung führe, sondern vielmehr in den Dienst seines Lebens
gestellt werde."
Am 15.November 1954 gaben die Vereinigten Staaten getreu
dem Vorschlag des Präsidenten bekannt, daß die AtomenergieKommission 220 Pfund spaltbaren Materials zur Verwendung als
Brennstoff in Versuchsreaktoren durch solche Länder freigegeben
habe, die sich an dem Atomenergieprogramm beteiligen.
Seit diesem Zeitpunkt haben die Vereinigten Staaten mit
28 Nationen Abkommen über eine Zusammenarbeit beim Aufbau von
Forschungsreaktoren zu friedlichen Zwecken abgeschlossen.
Zwanzig

�7. September 1955

"AMERIKA DIENST"

Zwanzig Staaten haben 31 junge Wissenschaftler zum Studium
an das Argonne-LabOratorium in Chicago gesandt, wo sie Erfahrungen sammeln können, wie diese neue Energiequelle zu friedlichen
Zwecken genutzt werden kann.
Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen wurde
kürzlich in Genf eine Konferenz von 1200 Wissenschaftlern aus
72 Ländern abgehalten, auf der Informationen und wissenschaftliche Abhandlungen über die friedliche Nutzung der Atomenergie
ausgetauscht, beziehungsweise erörtert wurden.
Solche Zusammenkünfte sind dem Fortschritt überaus förderlich, nicht nur, weil sie Gelegenheit zu einem konstruktiven
Informationsaustausch geben, sondern weil durch sie - was noch
viel wichtiger ist - sich Anregungen ergeben, dieyfür die ganze
Menschheit so wertvolle Initiative und den Genius des einzelnen
entwickeln und zu Wort kommen lassen.
Während die Vereinigten Staaten unter der mitreißenden
Führung von Präsident Eisenhower schon seit vielen Monaten mit
anderen Ländern zusammenarbeiten, um geeignete Mittel und Wege
für den internationalen Austausch von Informationen über die
friedliche Anwendung der Atomenergie zu entwickeln, haben die
Bemühungen hier in den Vereinigten Staaten selbst in ermutigender Weise Zeugnis abgelegt für die unbegrenzten Zukunftsmöglichkeiten des "friedlichen Atoms" im Alltagsleben.
Es ist eine simple Tatsache, daß wir es hier nicht mehr
mit einem Traumgespinst zu tun haben. Die Kernenergie und die
ihr verwandten Gebiete stellen ein sehr reales und heute schon
gültiges Versprechen für weiteren Fortschritt dar.
Radio-Isotope werden beispielsweise weitgehend in der
Diagnose sowie zum Aufspüren von Krankheitsursachen und zur
Therapie verwendet. In der Fabrikation und Forschung werden
sie gebraucht, um dünnste Schichten exakt zu messen, Verunreinigungen auf die Spur zu kommen und beispielsweise Abnützung
irgendwelcher Art festzustellen. Man schätzt, daß die amerikanische Industrie durch die Verwendung von Radio-Isotopen jährlich
etwa 100 Millionen Dollar einspart.
Erst vor einem Monat lief der erste mittels Atomenergie
auf kommerzieller Basis erzeugte elektrische Strom durch die
Überlandleitungen im Nordosten des Staates New York und versorgte die Industrie und die Bevölkerung dieses Gebietes mit
Licht und Energie. Amerikanische Firmen planen, im Laufe der
nächsten fünf Jahre sechs industrielle Atomkraftwerke mit
einer Gesamtkapazität von 765 000 Kilowatt zu bauen.
Unser Weg ist klar vorgezeichnet. Amerika muß geschlossen,
stark und wachsam, aber geduldig und das Erreichte bewahrend an
diese höchste Aufgabe des Menschen herangehen» Eine Zukunft
zu schmieden, in der Menschen und Völker in Frieden leben können.
Und ich vertraue darauf, daß dies, mit Gottes Hilfe, zu erreichen
ist.
* * *• * #

- 3 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE AMERIKANISCHE ANTITRUSTGESETZGEBUNG UND DER
WELTHANDEL

WASHINGTON — (AD) — Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede über die Frage der
Auswirkungen der amerikanischen Antitrustgesetzgebung auf den Welthandel, die der stellvertretende
Staatssekretär für Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium, Thorsten V. Kalijarvi, am 16. September
vor dem Unterausschuß für Fragen der Antitrust- und
Monopolgesetzgebung, der dem Senatsausschuß für
Rechtswesen und Verfassungsrecht angeschlossen ist,
gehalten hat.
In meiner Eigenschaft als amtierender stellvertretender
Staatssekretär für Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium hat
man mich gebeten, hier vor Ihnen die Haltung des amerikanischen
Außenministeriums in der Frage des Zusammenhangs zwischen der
Antitrust-Politik einerseits und dem Außenhandel und den Auslandsinvestitionen andererseits zu referieren.
Eines der wichtigsten Ziele unserer Außenhandelspolitik
ist es, die expandierende Weltwirtschaft zu fördern. Wir sind
überzeugt, daß eine expandierende Weltwirtschaft auch die amerikanische Wirtschaft stärkt und gleichzeitig dazu beiträgt, der
Verwirklichung der Wünsche der anderen Völker, an den Vorteilen
und Segnungen der modernen industriellen Methoden und des industriellen Fortschritts teilzuhaben, näherzukommen. Die auf
diese Weise erreichte größere wirtschaftliche Stärke wiederum
bedeutet eine Erhöhung der Sicherheit der ganzen freien Welt.
Und somit steht eine expandierende Weltwirtschaft in direkter
Beziehung zu unserem wirtschaftlichen Wohlergehen und unserer
nationalen Sicherheit.
Und im Interesse der Erreichung dieses Grundzieles liegt
es auch, daß drei Maßnahmen, an denen der Ausschuß interessiert
ist, erwähnt werden, nämlich die Förderung des Welthandels, die
Begünstigung der privaten Investitionen im Ausland und unser
Eintreten für den Wettbewerb als der Alternative zur Karte 11- 1 -

�"AMERIKA DIENST» - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. September 1955

Kartellwirtschaft und zum Sozialismus» Wir sind überzeugt, daß dies
alles wichtige Schritte sind, um eine expandierende Weltwirtschaft
zu verwirklichen.
Der Kongreß hat dies auch in den verabschiedeten Gesetzen
hinreichend anerkannt. So hat er es in der Abänderungsbestimmung
zum Gesetz für Gemeinsame Sicherheit vom Jahre 1954 ausdrücklich
als die Politik der Vereinigten Staaten erklärt, "die Bemühungen
anderer freier Nationen zu fördern ..., die Privatinitiative und
den Wettbewerb zu unterstützen" und "monopolistischem Gebaren den
Boden zu entziehen." Der wesentliche Grundsatz dieser Politik ist,
die durch eigene Erfahrung gewonnene Überzeugung auch im Ausland zu
verbreiten, daß erst aus dem System des freien Wettbewerbs die dynamische Kraft für den wirtschaftlichen Portschritt erwächst. Die
in den besagten Abänderungsbestimmungen zum Ausdruck gebrachte Politik fußt auf der Erkenntnis, daß eine durch Beschränkung der
Privatinitiative gedrosselte Wirtschaft mit einem Schiff zu vergleichen ist, das ständig den ausgeworfenen Anker hinter sich her- .
schleppt. Private Vereinbarungen darüber," die Produktion zu begrenzen, die Preise zu halten, Firmen mit eigener Initiative zu diskriminieren, den technischen Fortschritt zu behindern, nicht leistungsfähige Produzenten im Geschäft zu halten, .stehen, wo immer
sie in der freien Welt auftreten, dem Fortschritt im Wege und arbeiten unseren Interessen entgegen.
Das amerikanische Außenministerium und andere zuständige Behörden der Exekutive suchen entsprechend dieser Kongreßpolitik
dem Ausland klar zu machen, wie unser Wirtschaftssystem des freien
Wettbewerbs arbeitet. Wir bestärken offizielle Vertreter des Auslandes und Privatpersonen in dem Wunsch, nach den Vereinigten Staaten zu kommen und an Ort und Stelle das amerikanische Wirtschaftssystem und die Antitrustgesetze zu studieren. Wir unterstützen andere länder in der Ausarbeitung von Antikartellgesetzen und ihrer
Durchführungsverordnungen. Im Bereich unserer Wirtschaftsbeziehungen
weisen wir immer wieder auf das Vorhandensein restriktiver Geschäftspraktiken hin, die die Exportmöglichkeiten anderer Länder
nach den Vereinigten Staaten oder die Erzielung anderer wirtschaftlicher Ziele beeinträchtigen. Wo immer dies möglich ist, bedienen
wir uns im Ausland bei der Vergebung von Aufträgen des Verfahrens
der öffentlichen Ausschreibung, und wir weisen andere Staaten und
internationale Behörden immer wieder darauf hin, nach diesem Grundsatz zu verfahren. Durch technische Hilfsprogramme betonen wir die
Notwendigkeit, um der Steigerung der Produktivität willen, die Beschränkungen in der Produktion wie im Handel zu beseitigen. Wir
unterstützen die amerikanische Geschäftswelt, führende Persönlichkeiten der Gewerkschaften und andere Kreise in ihren Bemühungen,
immer wieder auf die Vorteile einer Wirtschaft des freien Wettbewerbs hinzuweisen.
Die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges erzielten Resultate
sind denn auch nicht unbedeutend. Vor dem Krieg wurden die Kartelle
im Ausland fast allgemein durch die Regierungen gestützt, tatsächlich
forderten ausländische Gesetze sogar häufig die Zugehörigkeit zu
einem Kartellverband. Im Frühjahr dieses Jahres jedoch stellte der
2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. September 1955

der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) mit
Genugtuung fest, daß "eine Anzahl von Regierungen-neue Maßnahmen
in Angriff genommen oder bestehende Vorschriften verschärft hat,
um restriktive Geschäftspraktiken oder deren gefährliche Auswirkungen zu verhindern, beziehungsweise unter Kontrolle zu bringen"
und daß sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, "welche gefahrvollen Auswirkungen solche Praktiken auf die wirtschaftliche
Entwicklung, die Beschäftigungslage und den internationalen Handel
haben." Diese Meinung wird noch durch die Tatsache erhärtet, daß,
was hier nicht unerwähnt bleiben soll, in den meisten westeuropäischen Ländern jetzt Gesetze rechtskräftig sind, die restriktive
Geschäftspraktiken unter Kontrolle halten und daß, was noch wichtiger ist, die Durchführung solcher Gesetze in den meisten Fällen
energisch betrieben wird. Wenn die Geaetze dort auch nicht so umfassend sind wie unsere eigene Antitrustgesetzgebung, so ist man
doch allgemein bestrebt, ihre Wirksamkeit zu erhöhen. Die eindrucksvollste Entwicklung zeichnete sich in dieser Hinsicht wohl
mit der Einbeziehung strenger Bestimmungen zur Unterbindung von
Kartellen und Monopolen in dem Vertrag der Montan-Union abj diese
Bestimmungen ähneln viel eher den amerikanischen Antitrustgrundsätzen denn den herkömmlichen europäischen Konzeptionen von der
Regelung des Kartellwesens. Es besteht berechtigter Grund zu
der Annahme, daß diese Bestimmungen in der Praxis auch wirksam
vertreten werden und die Volkswirtschaften aller westeuropäischen
Länder davon profitieren.
In den letzten Jahren hat sich ein weiterer bemerkenswerter
Wandel vollzogen, der ebenfalls die Aufmerksamkeit des Ausschusses
verdient, und zwar die Änderung der offiziellen Haltung in Europa
zugunsten einer den freien Wettbewerb wirklich* fördernden Wirtschaftsform. In Großbritannien hat beispielsweise der MonopolAusschuß vor kurzem einen Bericht veröffentlicht, in dem das gesetzliche Verbot einer Anzahl restriktiver, in der britischen
Industrie allgemein üblicher Praktiken empfohlen wird. In Erläuterung dieses Berichts während der Parlamentsdebatte gab Mr.
Thorneycroft, der britische Handelsminister, folgende Erklärung,
die den Standpunkt der Konservativen in dieser Frage widerspiegelt:
"Aus diesen Gründen haben wir die von uns verfolgten Ziele
angestrebt, um die Hindernisse im Handel mit dem Ausland und im
Inland aus dem Wege zu räumen und Mißbräuche auf dem Gebiet des
Monopolwesens oder der Handelsrestriktionen zu verhindern. Wir
sind und bleiben die Partei des freien Unternehmertums und des
Wettbewerbs in einer Zeit, in der wir beider dringend bedürfen."
Ein weiteres Zeichen für die veränderte Einstellung zu dieser
Frage ist das zunehmende Interesse der Öffentlichkeit. Die Presse
widmet dem Problem größte Aufmerksamkeit und weite Kreise der öffent&lt;
lichkeit setzen sich für eine Steigerung der Produktivität ein. Die
Öffentlichkeit zeigte sich über restriktive Wirtschaftspraktiken,
die durch amtliche Untersuchungen aufgedeckt wurden, sehr beunruhigt. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang auf ein Beispiel
beschränken. Bei einer im Jahre 1951 in Westdeutschland, durchgeführten Meinungsbefragung sprachen sich 37 # der.Befragten für freie

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT TOD ARBEIT

21. September 1955

freie Preisgestaltung, 47$ dagegen für Festpreise aus. Demgegenüber ergab eine zwei Jahre später im gleichen Gebiet und zum gleichen Thema durchgeführte Befragung 54$ für freie Wirtschaft und
nur 3196 dagegen. Angesichts dieser und anderer Tatsachen, die uns
immer wieder bekannt werden, sind wir zu der Überzeugung gelangt,
daß die Idee der freien Wettbewerbswirtschaft auch in anderen
Teilen der Erde immer mehr an Boden gewinnt.
An dieser Stelle scheint es mir von Interesse für den Ausschuß zu sein, auf vier wesentliche Gründe hinzuweisen, aus denen
das Ministerium unsere Politik der freien Wettbewerbswirtschaft
als wichtig für unsere Auslandsbeziehungen betrachtet.
Erstens ist das Ministerium der Ansicht, daß diese Politik
mit dazu beigetragen hat, eine weitere Ausdehnung internationaler
Kartelle zu verhindern. Diese Kartelle und ihre Folgeerscheinungen,
wie hohe Festpreise, Absinken der Investitionslust und eine eher
statische als dynamische Wirtschaft, wirken sich hemmend auf die
Weltwirtschaft aus. Die Vereinigten Staaten sind nicht nur einer
unter vielen Industriestaaten - das Volumen ihrer Gütererzeugung
allein ist ebenso groß wie das der übrigen Länder zusammen.
Ohne Beteiligung Amerikas ist eine wirksame Kartellisierung immer
weiterer Teilgebiete des Welthandels einfach nicht durchzuführen.
Es bedarf nicht vieler Worte, um klarzumachen, welche andere
Entwicklung der Welthandel genommen hätte, wenn die Vereinigten
Staaten sich zum Gedanken der internationalen Kartelle bekannt
hätten. Die freie Wettbewerbswirtschaft der Vereinigten Staaten
hat daher einen sehr gesunden Einfluß auf die Entwicklung eines
gut funktionierenden und sich ständig ausweitenden Welthandels
ausgeübt.
Zweitens trägt unsere Politik der freien Wettbewerbswirtschaft
wesentlich dazu bei, andere Länder zur Förderung des freien Wettbewerbs im eigenen Lande zu ermutigen. Wie ich bereits ausgeführt
habe, sind viele Maßnahmen unserer Regierung darauf gerichtet,
andere Länder zu einer Stärkung der Kräfte des freien Wettbewerbs
in ihrer eigenen Wirtschaft anzuregen. Es gibt aber keine bessere
Form der Anregung als eben das selbst zu praktizieren, was wir
predigen. Wenn sich zum Beispiel unsere Antitrustgesetzgebung
nicht auch auf das Gebiet des Außenhandels bezogen hätte, so
wäre unser Eintreten für eine freie Wettbewerbswirtschaft für
jene Länder, deren Wirtschaft mit dem Außenhandel lebt und stirbt,
ziemlich bedeutungslos gewesen.
Drittens gibt uns unsere Politik der freien Wettbewerbswirtschaft die Möglichkeit, unsere industriellen Unternehmungen und
unsere Handelsbeziehungen im Ausland zu schützen und zu fördern,
denn sie bildet die theoretische Grundlage für etwaige Vorstel»
lungen bei Regierungen anderer Länder bezüglich restriktiver Maßnahmen, die den amerikanischen Interessen entgegenstehen. Wohl
ist es richtig, daß derartige Schritte der Vereinigten Staaten
nicht immer erfolgreich sein werdenj doch haben wir eine sehr
viel stärkere Ausgangsposition in der Abwehr restriktiver Maßnahmen, die sich gegen unseren Handel mit dem Ausland und unsere
industriellen Unternehmungen im Ausland richten, wenn wir selbst

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. September 1955

selbst uns derartiger Handlungen enthalten.
Tiertens ist das Ministerium der Ansicht, daß unsere Politik
der freien Wettbewerbswirtschaft mit zu dem Ansehen beiträgt, das
die amerikanische Industrie in der ganzen Welt genießt. Unsere
Antitrust-Gesetze und -politik sind den anderen Ländern ein Beweis
dafür, daß wir nicht auf ihre Ausbeutung abzielen, sondern daß
wir offen und anständig mit ihnen konkurrieren und den anderen
Völkern mehr oder bessere Güter und Dienstleistungen zu vernünftigeren Preisen bieten wollen. In diesem Geiste beteiligen wir uns
am Welthandel. Natürlich werden jene nicht alle, die unser Land und
unsere Wirtschaft der "kolonialen Ausbeutung" und des "wirtschaftlichen Imperialismus", und wie der ganze bekannte Rattenschwanz
der Verleumdung sonst noch heißt, beschuldigen. Gerade unsere Politik
des freien Wettbewerbs ist die beste Antwort auf derartige Beschuldigungen.
Lassen Sie mich nun einige der Probleme behandeln, die sich
bei der Durchsetzung unserer Antitrustgesetzgebung im Zusammenhang
mit der Außenpolitik ergeben. Als erstes wäre 'die Auswirkung unserer Antitrustgesetzgebung auf die Möglichkeiten zur Investition
amerikanischen Kapitals im Ausland zu nennen. Wie bereits erwähnt,
befürwortet das Außenministerium sehr stark eine möglichst rege
Investitionstätigkeit der amerikanischen Industrie im Ausland, da
sie ganz bedeutend zur Stärkung der Wirtschaft anderer freier Länder beiträgt. Es ist viel darüber gesagt und geschrieben worden,daß
die Antitrustgesetze oder die Art ihrer Handhabung sich angeblich
hindernd auf derartige Investitionen auswirken. Zum ersten wird behauptet, es bestehe eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich des
Status der verschiedenen Formen von «Auslandsinvestitionen unter
den Antitrustgesetzen, und zweitens wird erklärt, die Antitrustgesetze wirkten sich auf die Auslandsinvestitionen, soweit diese
von ihnen berührt werden, im gegenteiligen Sinne aus. Zu Punkt Eins
hat das Außenministerium bei Darlegung seiner Stellungnahme vor
dem Nationalausschuß des Justizministers zur Untersuchung der
Antitrustgesetzgebung ausgeführt, daß "eine klärende Feststellung
bezüglich der Anwendung der Antitrustpolitik auf die Auslandsinvestitionen ein positives Mittel zur Beseitigung der bestehenden Unsicherheiten bei etwaigen Investoren sein werde." Das Ministerium
ist der Ansicht, daß die Analyse des Gesetzes, wie sie das Kapitel
über den Außenhandel in dem Bericht des Ausschusse« enthält, einen
wertvollen Beitrag zu dieser so dringend erforderlichen Klärung
darstellt.
Was den zweiten Einwand anbelangt, so sieht sich das Ministerium
nicht in der Lage,- eine definitive Stellungnahme abzugeben. Doch lassen Sie mich jene Faktoren nennen, die unserer Meinung nach bei jedem Versuch, sich ein richtiges Bild von den Vor- und Nachteilen
für die öffentlichkeit^zu machen, berücksichtigt werden müssen.
Zunächst hat das Ministerium beobachtet, daß die Antitrustgesetze sich in vielen Fällen auf die Form der Auslandsinvestitionen
durch amerikanische Firmen ausgewirkt haben. Es ist jedoch schwer,
irgendeinen bestimmten Fall herauszugreifen und zu behaupten, hier

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21. September 1955

hier haben die Antitrustgesetze eine Investition im Ausland verhindert, Der Grund hierfür ist darin zu suchen, daß bei jedem
größeren Investitionsvorhaben im Ausland eine Vielzahl von Dingen
zu berücksichtigen ist. So sind beispielsweise Paktoren in Betracht
zu ziehen, wie die Bereitschaft einer fremden Regierung, Investitionen ausländischer Firmen zuzulassen; die Beurteilung der Möglichkeiten, in einem weit entfernten Land und unter fremden Umweltbedingungen erfolgreich zu arbeiten; durch den Geldgeber; die konkurrierenden Investitionsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten
selbst; die Sicherheit des investierten Kapitals und die Konvertierbarkeit der Erträge; die Fähigkeit des Investors, im Ausland
so günstige Abmachungen zu treffen, daß sich die Investierung
lohnt; und schließlich steuerliche Vergünstigungen oder Belastungen.
Aus all diesen Gründen ist es in den meisten Fällen außerordentlich
schwierig, wenn nicht gar unmöglich, festzustellen, ob eine geplante
Auslandsinvestition tatsächlich wegen der Antitrustpolitik oder
-gesetze nicht zustandegekommen ist.

Zweitens ist die Frage zu entscheiden, ob im Sinne unserer
grundsätzlichen Ziele - der Forderung und Ausweitung der Wirtschaft
der freien Welt - Auslandsinvestitionen unter Bedingungen, die eine
Verletzung der jetzt in Kraft befindlichen Antitrustgesetze darstellen, von der amerikanischen Regierung gutgeheißen werden sollen.
Angenommen, eine amerikanische Firma wäre bereit, in ein ausländisches Industrieunternehmen Kapital nur unter der Bedingung zu investieren, daß dieses den Absatz seiner Erzeugnisse nur auf das
eigene Land beschränkt. Es erhebt sich dann die Frage, ob die Nachteile, die sich aus dieser Behinderung für den Außenhandel des betreffenden Landes und den der Vereinigten Staaten ergeben, den Beitrag selbst aufwiegen, den die Investition zur Binnenwirtschaft
des fremden Landes leisten kann, oder aber von ihm aufgewogen werden,
Drittens ist es wichtig, sich zu überlegen, was die Wirkung
im Auslande sein würde, wenn die Antitrustgesetze in der Weise geändert würden, daß sie den Geldgebern eine Geschäftspraxis gestatten, die nach den Antitrustgesetzen ^etzt verboten ist. In diesem
Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, wie sehr unsere Politik
des freien Wettbewerbs dazu beiträgt, das Ansehen der amerikanischen
Industrie im Auslande zu erhöhen. Änderungen unserer Politik des
freien Wettbewerbs könnten das allgemeine Klima auf den ausländischen Investitionsmärkten unmittelbar berühren. Ferner sind die
Kartell- und Monopolpraktiken mancher Länder eines der größten
Hemmnisse für Investitionen in diesen Gebieten. In diesem Zusammenhang hat Präsident Eisenhower im Einklang mit den von der Kommission
für Außenhandelspolitik gemachten Empfehlungen den Außenminister
angewiesen, "fremden Nationen gegenüber klar zum Ausdruck zu bringen
daß Gesetze oder in ihren Ländern geübte Geschäftspraktiken, die
restriktive Preis-, Produktions- und Absatzvereinbarungen fördern,
die Geneigtheit amerikanischer Geschäftsleute, Kapital im Auslande
zu investieren, einschränken und für andere Nationen die Vorteile
solcher Investitionen verringern werden." Es besteht kaum ein Zweifel, daß eine Legalisierung jetzt ungesetzlicher Geschäftspraktiken
die Stellung der Verfechter einer freien Wirtschaft im' Auslande

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. September 1955

Auslände schwächen und unsere Arbeit, im Sinne der Anweisung des
Präsidenten, erschweren würde.
Diese Überlegungen müssen, unserer Auffassung nach, bei einer
Beurteilung der Wirkung, die die Antitrustgesetze auf amerikanische
Auslandsinvestitionen ausüben, wohl gegeneinander abgewogen werden.
Es ist klar, daß die Vorschläge, die bei der Behandlung dieses
Problems vorgebracht werden mögen, nicht nur im Lichte der hier'
skizzierten Faktoren, sondern auch noch unter einer Reihe anderer
Gesichtspunkte betrachtet werden müssen. Das Außenministerium ist
gern bereit, auf Wunsch des Ausschusses zu den einzelnen Vorschlägen, die sicherlich noch zu diesen Fragen gemacht werden, vom
Standpunkt der Außenpolitik Stellung zu nehmen.
Als nächstes wollen wir uns einem zweiten Fragenkomplex bei
der Verwirklichung der Antitrustgesetzgebung zuwenden. Es handelt
sich hierbei um jene besonders gelagerten Fälle, die "Zuständigkeitskonflikte" mit fremden Mächten mit sich bringen und unsere
Beziehungen zu anderen Regierungen belasten könnten. Zuständigkeitsfragen können sich dann ergeben, wenn Gesetze oder richterliche
Entscheidungen es den Unternehmen verbieten, in den betreffenden
Ländern Maßnahmen zu ergreifen, die sie nach den Gesetzen der Vereinigten Staaten zu treffen gezwungen sind. Dies wäre beispielsweise
der Fall, wenn eine ausländische Macht einem einheimischen Unternehmen untersagte, amerikanischen Gerichten irgendwelche Unterlagen
zu übergeben. Auf derartige Fälle, die relativ selten vorkommen,
lassen sich die bestehenden Schemata nicht anwenden, und so ist es
sehr schwer, eine allgemeine Formel für ihre Behandlung zu finden.
In der Praxis arbeiten das Außenministerium und das Justizministeriui
eng zusammen, um in jedem einzelnen Sonderfall eine angemessene
Lösung zu finden.
Wenn das Problem dazu angetan ist, unsere Beziehungen zu einer
anderen Macht zu belasten, so ist das Justizministerium immer sehr
darauf bedacht, durch eine entsprechende Wahl des Zeitpunktes und
Verfahrensweges mitzuhelfen, die Belastung der auswärtigen Beziehungen auf ein Mindestmaß zu beschränken.
Schließlich sollten wir hier der Vollständigkeit halber auch
nicht versäumen, jene Bemühungen zu erwähnen, die darauf gerichtet
sind, eine internationale Zusammenarbeit zur Ausschaltung restriktiver Handelspraktiken zu verwirklichen, sie finden auf jeden Fall
das Interesse des Ausschusses. Lassen Sie mich deshalb kurz jene
Erwägungen umreißen, die dabei von Bedeutung waren. Die Vorteile
einer solchen Zusammenarbeit, soweit sie sich eben erreichen läßt,
liegen auf der Hand. Rein theoretisch würde sie zumindest jene Konfliktstoffe in den zwischenstaatlichen Beziehungen, die aus der
Anwendung einseitiger Handelspraktiken erwachsen, auf ein Mindestmaß reduzieren und zu einer wirksameren Ausschaltung unerwünschter
Beschränkungen des Welthandels führen. Ein Vorschlag für ein internationales Abkommen auf diesem Gebiet wurde im Frühjahr dieses
Jahres auf der 19« Tagung des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen erörtert. Dieses Abkommen sah die Errichtung einer
internationalen Behörde vor, die alle Fälle restriktiver Praktiken
im internationalen Handel untersuchen und den Mitgliedstaaten in
/

SB

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. September 1955

in Fällen, wo ihr dies notwendig erscheint, Empfehlungen zur Unterbindung solcher Praktiken oder zur Ausschaltung ihrer abträglichen
Polgen unterbreiten sollte. Die Mitgliedstaaten sollten dann in
allen derartigen Fällen im Einklang mit der entsprechenden Landesgesetzgebung geeignete Schritte unternehmen.
,Die Vereinigten Staaten wandten sich gegen ein derartiges
Abkommen mit der Begründung, daß die noch bestehenden erheblichen
Unterschiede in der diesbezüglichen Politik und Praxis in den ver- •.
sehiedenen Ländern das Abkommen praktisch unwirksam machen müßten
uidisomit sein Zweck, die Unterbindung der den internationalen Handel beschränkenden restriktiven Geschäftspraktiken, nicht erreicht
würde. Wenn auch hinsichtlich der Vereinheitlichung der einschlägigen Gesetze in anderen Ländern ein ermutigender« Portschritt zu
verzeichnen war, so hat diese Entwicklung doch noch nicht jenes
Stadium erreicht, das die Gewähr dafür bietet, daß die von der
internationalen Behörde vorgeschlagenen Maßnahmen auf nationaler
Ebene wirkungsvoll ausgeführt würden. Die amerikanische Regierung
schlug dem Wirtschafts- und Sozialrat deshalb vor, daß man sich
im gegenwärtigen Zeitpunkt vielmehr um eine Entwicklung der ent•
sprechenden Maßnahmen auf nationaler Ebene bemühen sollte.

Wenn auch der vom Wirtschafts- und Sozialrat vorgeschlagene
Plan für eine internationale Zusammenarbeit undurchführbar ist, so
beharrt das Außenministerium doch auch weiterhin auf seiner Auffassung, daß eine Vertiefung einer weniger formellen Zusammenarbeit
zwischen den Regierungen zur Lösung gemeinsamer Probleme auf diesem Sektor von großer Bedeutung ist. Wir werden in dieser Auffassung noch durch viele Hinweise auf gleichlaufende Interessen anderer Staaten bestärkt. Wir glauben, daß nur dann ein Portschritt
erzielt werden kann, wenn man die Entwicklung in normalen Bahnen
verlaufen läßt. Dies wird, wie wir glauben, durch die Resolution
sichergestellt, die der Wirtschafts- und Sozialrat im Frühjahr gefaßt hat. In dieser Entschließung werden die Länder aufgefordert,
das Problem der restriktiven Handelspraktiken zu untersuchen und
entsprechende Maßnahmen zu einer Lösung zu ergreifen. Sie sieht
ferner vor, daß die einzelnen Länder ihre Erfahrungen auf diesem
Gebiet allen zugänglich machen. Wir glauben, daß es sich dabei
um erste Schritte handelt, die einfach unerlässlich sind und die
schließlich zu einer allgemeinen Annahme des Wettbewerbssystems
führen können. Wie Präsident Eisenhower im Januar in seiner Wirtschaftsbotschaft an den Kongreß ausführte, "verlangt unser eigenes
nationales Interesse klar und deutlich eine Pjolitik, die die Grundsätze der Wettbewerbswirtschaft, die unserem "Volk Prosperität und
die Freiheit gebracht haben, auch auf internationalem Gebiet anwendet,
Wenn ich nun zum Schluß komme, so brauche ich wohl kaum noch
darauf hinzuweisen, daß sich das Außenministerium hauptsächlich
die außenpolitischen Aspekte restriktiver Handelspraktiken ange&lt;=
legen sein läßt und daß es nicht das für die Verwirklichung der
Antitrustgesetze zuständige Ministerium ist. Für die technischen
Aspekte der Antitrustgesetzgebung und die Durchführung solcher
Gesetze sind andere Ministerien und Behörden zuständig.
* * * * *
Ö

r

"

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES UMREISST DIE US-AUSSENPOLITIK VOR
UN-VOLLVERSAMMLUNG
NEW YORK — (AD) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die der
amerikanische Außenminister John Poster
Dulles am 22. September 1955 vor der zehnten
UN-Vo11Versammlung in New York hielt.

Es ist für mich immer ein Vergnügen, zu dieser großen Versammlung zurückzukehren - einer Versammlung, die den Mittelpunkt
für die Nationen bildet, um ihre Handlungen miteinander abzustimmen. Heute ist dieses Vergnügen besondere^ Art, nicht nur wird
diese Sitzungsperiode ein Jahrzehnt der von den Vereinten Nationen unternommenen Anstrengungen zum Abschluß bringen, sondern •
es gibt auch willkommene Anzeichen dafür, daß das zweite Jahrzehnt praktisch eine größere Harmonie aufweisen wird als das
verflossene. Sicherlich liegt es in unserer Macht, diese Eintracht zu bewerkstelligen.
Wir können diese Zuversicht spüren,weil wir feststellen,
daß die Nationen dem moralischen Urteil dieser Organisation gegenüber immer empfänglicher werden. Diese Versammlung hier ist
ein Ort der Verständigung und daher der Hoffnung. Sie ist in
gleicher Weise ein Ort der Urteilsfindung. An dieser Stelle
erläutern, erklären und Verteidigen die Länder der Welt ihre
Außenpolitik. In diesem Verfahren werden die nationalen Ziele
dargelegt und häufig geändert, um sich den hier reflektierten
Ansichten anzupassen. Häufig trachtet man danach, die wahren
Absichten zu verbergen. Aber die Versammlung hat ein Mittel,
um die Wahrheit zu ergründen. Die Wahrnehmungen und die moralische Beurteilung der Zusammenkunft der Völker statten diese
Versammlung mit einer wirklichen Kraft aus. Keine Nation wird
leichtsinnigerweise die moralische Verurteilung unter Einschluß
all Maien riskieren, was eine derartige Verurteilung bedeutet.
Gerade diese Tatsache, daß sich die Stärke unserer Organisation zu einem großen Teil aus den moralischen Wertmaßstäben
herleitet, die sich hier herausbilden, zeigt, welche Bedeutung
der Präge der Mitgliedschaft zukommt. Sie zeigt, wie wichtig es
ist, daß hier alle jene in Frage kommenden Nationen vertreten
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28. September

1955

vertreten sind, die durch ihre Politik und ihr Verhalten ihre Hingabe an die Zielsetzungen und Grundsätze der Charta bewiesen haben.
Heute ist der Kreis der Mitglieder groß und bedeutsam. Aber
noch sind eine Reihe souveräner Staaten hier nicht vertreten. Die
meisten von ihnen weisen die von der Charta geforderten Qualifikationen auf. Sie lieben den Frieden und haben sich fähig und
willens erwiesen, die Verpflichtungen der Charta zu erfüllen. Ihre
Regierungen könnten hier wichtige Kreise der Weltmeinung zur Geltung bringen.
Die Aufnahme dieser Länder durch den Gebrauch des "Vetorechts"
zu verhindern, bedeutet nicht nur ein ernstes Unrecht ihnen gegenüber, sondern stellt auch gleichzeitig ein Unrecht gegenüber der
gesamten Organisation und allen ihren Mitgliedern dar.
Der Sicherheitsrat und die Vollversammlung werden auf dieser
10. Sitzungsperiode, wie ich hoffe, entsprechende Schritte unternehmen, daß diese Nationen die Mitgliedschaft erhalten. Somit würden die Vereinten Nationen zu Beginn des zweiten Jahrzehnts ihres
Bestehens besser gerüstet für ihre Aufgabe dastehen, der Menschheit
zu dienen.
Die zehnte Vollversammlung, zu der wir hier zusammengekommen
sind, muß sich mit der Frage der Einberufung einer Konferenz zur
Revision der Charta der Vereinten Nationen befassen. So will es
die Charta.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß eine solche
Konferenz abgehalten werden sollte. Sie sehen einen der dringlichsten Gründe für die Einberufung einer solchen Konferenz in dem
gegenwärtig bestehenden Veto-Recht, das hinsichtlich der Aufnahme
neuer Mitglieder in die UN ausgeübt werden kann, besonders, wenn
dieses Veto-Recht weiterhin mißbraucht wird.
Darüber hinaus scheinen epochale Entwicklungen auf dem Gebiete der Atomenergie und der Abrüstung es wünschenswert zu machen,
der Organisation auf diesen Gebieten größere Vollmachten einzuräumen. Beide Gebiete sind für das Fortbestehen der Menschheit von lebenswichtiger Bedeutung. Als die Charta entworfen wurde, kannte
niemand die entsetzlichen Möglichkeiten, die der Krieg mit Atomwaffen in sich birgt. Unsere gegenwärtige Charta stammt aus der Zeit
vor Anbruch des Ätomzeitalters.
Die Väter der Vereinten Nationen waren der Überzeugung, daß
die Charta der Vereinten Nationen nach zehn Jahren angesichts der
Erfahrung dieses ersten Jahrzehnts überprüft werden sollte. Ich
bin der Auffassung, daß sie recht hatten. Das bedeutet nicht etwa
notwendigerweise, daß einschneidende Veränderungen vorgenommen
werden müßten. Im ganzen gesehen hat sich die Charta als ein flexibles und arbeitsfähiges Dokument erwiesen. Aber es wird wohl nur
wenige geben, die da behaupten wollen, daß sie ein perfektes Statut'
ist, das nicht der Verbesserung bedürfe.
Die

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28. September 1955

Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß wir uns auf
dieser Sitzung im Prinzip auf die Einberufung einer Konferenz zur
Revision der Charta einigen und eine Vorbereitende Kommission einsetzen sollten, um Empfehlungen über Zeitpunkt, Ort, Gestalt und
Verfahren der allgemeinen Konferenz zur Revision der Charta auszuarbeiten und zu unterbreiten.
Ich möchte mich nun einigen Ereignissen zuwenden, die seit
Dezember vergangenen Jahres eingetreten sind, als die neunte Sitzungsperiode zu Ende ging. Alles in allem haben diese Entwicklungen wesentlich zur Förderung unserer in der Charta niedergelegten
Ziele - die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit in der
Welt im Einklang mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts - beigetragen. Ich werde nur von jenen Ereignissen
sprechen, an denen die Vereinigten Staaten, meist in Gemeinschaft
mit anderen Staaten, selbst beteiligt waren.
Wenn wir uns zunächst Europa zuwenden, so werden wir feststellen, daß die Bundesrepublik Deutschland durch die mit Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten abgeschlossenen
Verträge ein souveräner und freier Staat geworden ist. Gleichzei»
tig trat die Bundesrepublik dem Nordatlantikpakt und dem Brüsseler Pakt bei. Gleichzeitig wurde der Brüsselei* Pakt einer Revision
unterzogen, so daß zusammen mit dem Nordatlantikpakt ein wirksames
System zur Begrenzung, Kontrolle und Integration der bewaffneten
Streitkräfte entstand, das bisher in der Welt einmalig dastehen
dürfte. Dieses System gibt eine Garantie dafür, daß für den Bereich
Westeuropas die nationalen Streitkräfte nicht für aggressive oder
nationalistische Zwecke verwendet werden. Die Verträge bringen
nicht nur den Signatarmächten Sicherheit sondern auch den nichtbeteiligten Nationen. Mit ihnen wurde jenen Bedingungen ein Ende
gesetzt, die Europa zu einer Quelle immer wiederkehrender Kriege
machten, von denen sich die beiden letzten sogar zu Weltkriegen
ausweiteten, die alle gefährdeten.
Noch nie zuvor wurden kollektive Sicherheit und individuelle
Selbstbeschränkung in so fruchtbarer und umfassender Weise vereint.
Über das Resultat können alle diejenigen triumphieren, die an die
beiden Grundsätze unserer Charta glauben, nämlich daß Sicherheit
eine Kollektiv-Aufgabe ist und daß bewaffnete Streitkräfte nicht
eingesetzt werden dürfen, es sei denn, wenn dies im gemeinsamen Interesse liegt.
Als Folge dieser Entwicklungen in bezug auf Deutschland wurde
Österreich frei. Der österreichische Staatsvertrag, über den acht
Jahre verhandelt-worden ist, wurde im Mai dieses Jahres unterzeichnet und ist nunmehr in Kraft getreten. Er stellt die endliche
Erfüllung der in der Moskauer Deklaration vom November 1943 gegebenen Versprechungen sowie der Hoffnungen dar, die die UN-Vollversammlung auf ihrer 7. Sitzung zum Ausdruck brachte.
Es ist erwähnenswert, daß der österreichische Staatsvertrag,
der auch die Unterschrift der Sowjetunion trägt, die Befürwortung
der Aufnahme Österreichs in die Vereinten Nationen enthält.
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"AMERIKA DIENST"

Auf diese Entwicklung in der deutschen und der österreichischen
Frage folgten rasch neue Bemühungen Prankreichs, Großbritanniens,
der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten, um die Kriegsgefahr
zu vermindern und noch offene Probleme durch Verhandlungen zu lösen.
Im Mai schlugen die drei Westmächte vor, die Bemühungen in
zwei Phasen aufzuteilen. Die erste Phase sollte in einem Treffen
der Regierungschefs selbst bestehen, um einen neuen Anstoß für
eine zweite Phase zu geben, während der das wesentliche der Probleme
eingehend erörtert werden sollte.
Die erste Phase wurde mit der im Juli in Genf abgehaltenen
Konferenz der Regierungschefs abgeschlossen. Die Regierungschefs
brachten in klarer Weise den gemeinsamen Wunsch nach Frieden und
besseren Beziehungen zum Ausdruck. Sie kamen dabei insbesondere
überein, auf drei Gebieten weitere Anstrengungen zu unternehmen.
Dies sind:
Erstens europäische Sicherheit und Deutschland,
Zweitens Abrüstung und
drittens Entwicklung weiterer Kontakte zwischen Ost und West.
Wir treten nunmehr in die vereinbarte zweite Phase ein, in
der der "Geist von Genf" auf die Probe gestelltwerden wird. Ein
Unterausschuß der Vereinten Nationen befaßt sich gegenwärtig bereits mit den in Genf dargelegten Gedanken zur Abrüstung. Im kommenden Monat werden sich die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens,
der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten in Genf treffen. Die
Westmächte werden, wo dies angebracht ist, die Bundesrepublik
Deutschland und ihre übrigen Partner in der NATO hinzuziehen.
Auf der bevorstehenden Konferenz werden wir uns vereinbarungsgemäß mit Vorrang mit den eng zusammenhängenden Problemen der Wiedervereinigung Deutschlands und der europäischen Sicherheit befassen. Dies entspricht der vorgesehenen Ordnung.
Das deutsche Volk ist seit nunmehr über zehn Jahren gewaltsam
geteilt. Die Verewigung dieser Teilung ist ein Verbrechen wider
die Natur.
Drei yiertel aller Deutschen leben in der Bundesrepublik,
und sie haben daß Glück, in Bundeskanzler Adenauer eine große
führende Persönlichkeit zu besitzen. Er tritt für ein geeintes
Deutschland ein, das in Frieden leben will und seine Aufgabe in
einer freundschaftlichen Zusammenarbeit mit seinen-Nachbarn er-,
blickt. Er ist entschlossen, Deutschlands legitime Sicherheitsbedürfnisse und die Gleichberechtigung als souveräner Staat
ohne eine Wiedergeburt des deutschen Militarismus zu verwirklichen.
Es wäre jedoch ein tragischer Fehlschluß, annehmen zu wollen,
daß die Ungerechtigkeit einer Teilung Deutschlands nunmehr, da
die Mehrheit der Deutschen sich diesen von Einsicht getragenen
Standpunkt zu eigen gemacht hat, ohne ernstes Risiko verewigt
werden kann.
Viele

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Viele Nationen sind der Auffassung, daß ihre eigene künftige
Sicherheit und der Weltfriede es dringend erforderlich machen, daß
Deutschland wiedervereint und in die Lage versetzt wird, wenn
es dies wünscht, den westeuropäischen Abkommen über die Begrenzung,
Kontrolle und Integration der bewaffneten Streitkräfte beizutreten,
damit diese niemals für aggressive Zwecke verwandt werden können.
Es gibt auch Nationen, die zu glauben vorgeben, daß ein
wiedervereintes Deutschland im Rahmen der NATO selbst unter diesen
Bedingungen eine Gefahr für ihre eigene Sicherheit darstellen würde.
Um diese Meinungsverschiedenheit zu überbrücken, sind die
Westmächte bereit, einen umfassenden Plan für die Sicherheit
Europas zu unterbreiten, der der Sowjetunion wesentliche zusätzliche Garantien böte.
Die Übereinstimmung, die zwischen dieser Haltung der Westmächte und der gleichen Einstellung der Bundesrepublik Deutschland
besteht, bietet eine einmalige Chance.
Es ist aber möglich, daß die von mir aufgezeigte Haltung
Deutschlands nicht für immer bestehen wird. Auch kann nicht angenommen werden, daß die Westmächte, einschließlich der Vereinigten
Staaten, immer bereit sein werden, ihre gegenwärtigen Zusagen
noch weiter auszudehnen, um der Besorgnis der Sowjetunion in der
Frage der europäischen Sicherheit entgegenzukommen.
Die Chance, die wir heute haben, ist so ungewöhnlich und so
voll konstruktiver Möglichkeiten, daß die Hoffnung durchaus berechtigt ist, die bevorstehende Außenministerkonferenz der vier Mächte
werde eine solide Grundlage für die Wiedervereinigung Deutschlands
im Rahmen eines europäischen Sicherheitssystems finden.
In Genf führte Präsident Eisenhower zwei Ursachen für die
internationale Spannung an, die nicht in die Tagesordnung der Konferenz aufgenommen worden sind. Die erste war. das Problem der
Respektierung des Rechts der Völker, die Regierungsform, unter der
sie zu leben wünschen, selbst zu wählen. Er erklärte zu dieser
Präge, daß "das amerikanische Volk sich sehr wohl bewußt ist,
daß gewisse Völker Osteuropas, von denen viele auf eine lange und
stolze Geschichte als Nation zurückblicken, noch nicht in den Genuß
der Erfüllung des Versprechens gekommen sind, das -unsere Regierungen noch im Kriege feierlich verkündet haben und das durch andere
Vereinbarungen aus der Kriegszeit untermauert worden ist".
Präsident Eisenhower schnitt auch das Problem des internationalen Kommunismus an. Er erklärte, daß seit 38 Jahren dieses Problem
die Beziehungen der Völker zur Sowjetunion trübt«, Es ist auch in
der Tat schwierig, zu wirklich herzlichen Beziehungen zwischen Regierungen zu gelangen, wenn die eine auf dem Wege subversiver Tätigkeit versucht, die andere zu stürzen.
Der sowjetische Regierungschef vertrat die Meinung, daß diese
Probleme kein geeigneter Verhandlungsgegenstand für die Genfer Konferenz seien. Dennoch wird sich die Aufmerksamkeit eines großen
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großen Teiles der Welt weiterhin auf diese beiden Probleme richten. Was die Sowjetunion in dieser Hinsicht tatsächlich unternimmt,
wird für viele ein Barometer für die wahren Absichten der Sowjets
sein.
Wenn der Geist von Genf echt und nicht falsch ist, wenn er von
Dauer sein soll, und nicht nur im Augenblick vorherrscht, dann wird
er dazu führen, daß es keine unnatürlichen Ausdehnungen des nationalen Machtbereiches mehr geben wird, die den Geist def nationalen
Unabhängigkeit vernichten und allen politischen Offensiven ein
Ende setzen, die auf die Untergrabung freier Regierungen abzielen.
Wenn wir uns nunmehr von Europa abwenden und nach dieser
Hemisphäre der beiden Amerika blicken, so finden wir, daß die
Organisation der amerikanischen Staaten auch weiterhin dartut,
wie die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen durch regionale Abmachungen über eine kollektive Selbstverteidigung verwirklicht werden können. Die Vollsitzungen der Organisation haben
das politische Verständnis und die Zusammenarbeit in wirtschaftlichen und sozialen Fragen vertieft. In den letzten 15 Monaten
hat die Organisation in drei Fällen - im Zusammenhang mit Guatemala, in der Costa Rica-Frage und nunmehr bezüglich der Grenzstreitigkeiten zwischen Ekuador und Peru - prompt und mit Erfolg
eingegriffen, um die internationale Ordnung aufrechtzuerhalten.
Sie hat dem Sicherheitsrat, so wie unsere Charta es verlangt, über
alle auf diesem Gebiet getroffenen Maßnahmen eingehend berichtet.
Im Nahen Osten ist die Lage weiterhin gespannt. Es ist
schwierig gewesen, die Unverletzlichkeit der Waffenstillstandslinien aufrechtzuerhalten, die 1948 unter der Ägide der .Vereinten
Nationen festgelegt ...
. wurden, um den Kämpfen zwischen den
Israelis und den Arabern ein Ende zu setzen. Die Vereinigten Staaten möchten all denen ihre Hochachtung aussprechen, die während
dieser unruhigen Zeit im Dienste der Vereinten Nationen gestanden
haben - im besonderen General B u m s aus Kanada und seinen Mitarbeitern.
Am 26. August dieses Jahres nahm ich selbst zu gewissen grundlegenden Aspekten jener Lage Stellung. Ich erklärte, wenn die Parteien eine stabile Regelung anstrehen, dann könnten sie meiner Meinung nach von außen Hilfe erhalten. Ich hatte dabei an eine finanzielle Unterstützung zur Lösung des arabischen Flüchtlingsproblems
sowie zur Bewältigung von Bewässerungsprogrammen gedacht, die der
in jenem Gebiet wohnenden Bevölkerung einen höheren Lebensstandard
ermöglichen würden. Ich sprach auch über die Bedeutung, dem ganzen
Gebiet eine größere:Sicherheit zu geben.
Ich sagte, daß es vielleicht eher möglich wäre, diesem Raum
Ordnung, Ruhe und Wohlergehen zu bringen, wenn andere Länder außerhalb dieses Gebietes ihre Bereitschaft klarstellen, zu diesen drei
wesentlichen Aspekten einer Lösung beizutragen.
Präsident Eisenhower ermächtigte mich zu der Erklärung, daß
er eine Beteiligung der Vereinigten Staaten an diesen Finanz- und
Sicherheitsverpflichtungen empfehlen würde, falls dies von den
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den direkt betroffenen Regierungen gewünscht wird, und unter der
Voraussetzung, daß die zu treffenden Maßnahmen - wenn immer möglich auf einer internationalen Basis, vorzugsweise unter den Auspizien
der Vereinten Nationen ergriffen werden.
Großbritannien schloß sich sofort den Vorschlägen der Vereinigten Staaten an. Auch eine Anzahl anderer Länder haben wissen
lassen, daß sie sie unterstützen.
Falls von den Ländern des Nahen Ostens eine günstige Antwort
kommt, würden viele Aspekte dieses Problems schließlich auch den
Vereinten Nationen zur Erkantnis gelangen, die dann auf einer
späteren Sitzung entsprechende Maßnahmen ergreifen könnten.
Im vergangenen Jahr erfuhr das Gebäude des Friedens im Fernen
Osten eine Festigung durch das Inkrafttreten des kollektiven südostasiatischen Verteidigungspaktes. Ende Februar fand in Bangkok
eine konstituierende Sitzung des Paktrates auf Ministerebene statt.
Dieser Sicherheitsvertrag ist einmalig. Hier hat sich in Ostasien zum ersten Mal eine beträchtliche Zahl von Ländern zur kollektiven Selbstverteidigung zusammengeschlossen. Insgesamt fanden sich
acht Signatarstaaten in diesem Pakt zusammen, der darüber hinaus
auch noch für Kambodscha, Laos und das freie Vietnam gilt.
Lieser Pakt bindet ferner auch Staaten des Westens und asiatische Länder enger aneinander. Lies wäre nicht möglich gewesen,
wenn sich nicht alle Partnerstaaten fest dem Prinzip der politischen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung verpflichtet hätten.
Liese Verpflichtung findet ihren Niederschlag sowohl in der Präambel des Vertrages als auch in der beigeschlossenen Pazifik-Charta,
die den Wunsch der Menschen überall auf der Welt, frei zu sein,
zum Ausdruck bringt.
Der Südostasienpakt sieht nicht die Errichtung einer zusammengefaßten militärischen Organisation vor, die der im Rahmen des
NATO-Paktes geschaffenen Vergleichbar wäre. Die Verhältnisse in
diesem Raum sind nicht so, daß sie die Schaffung einer stehenden
und an bestimmten Punkten stationierten Vertragsstreitmacht ohne
weiteres geBtatten. Man vertraut in erster Linie auf das Abkommen
der acht Signatarstaaten, jede bewaffnete Aggression innerhalb
des Vertragsraumes als eine gemeinsame Gefahr für jeden einzelnen
Vertragspartner anzusehen, die von jedem entsprechende Maßnahmen
erfordert. Liese Verpflichtung, davon sind wir überzeugt, wird
entscheidend zur Abschreckung einer Aggression beitragen.
Im chinesischen Raum ist die Situation etwas weniger bedrohlich als früher. Wir hoffen, daß die"chinesische Volksrepublik"dem
von der Weltöffentlichkeit zum Ausdruck gebrachten Willen entsprechen wird, daß bewaffnete Macht nicht zur Erreichung nationaler Ziele eingesetzt werden darf.
Die bisherigen Handlungen dieses kommunistischen Regimes sind
nicht gut gewesen. Es hatte die Streitkräfte der Vereinten Nationen
in Korea bekämpft, wofür es hier als Aggressor gebrandmarkt wurde.
Es annektierte Tibet durch Waffengewalt. Es verbündete sich mit

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mit den kommunistischen Vietminh-Verbänden, die sich darum bemühten, Indochina mit Waffengewalt zu erobern. Dann wandte es seine
militärische Aufmerksamkeit nach Abschluß des Waffenstillstands in
Indochina dem Gebiet von Formosa zu. Es drohte, diesen Raum gewaltsam zu erobern und leitete aktive militärische Angriffsaktionen gegen die Formosa vorgelagerten Inseln und Verbindungswege
ein. Diese Angriffe, so erklärte es, seien der erste Schritt zur
Verwirklichung seines neuen Programms der militärischen Eroberung.
Dies stellte eine große Herausforderung der Grundsätze dar, denen
sich die USA auf Grund der UN-Charta verpflichtet haben. Es war
aber weiter eine direkte und spezielle Herausforderung an die
USA selbst. Wir haben besondere Verbindungen zu diesen Inseln eine Beziehung, die durch ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen .
mit der Republik China in bezug auf Formosa und die Pescadores verstärkt worden ist.
In dieser Phase ersuchte Präsident Eisenhower am 24. Januar
1955 den amerikanischen Kongreß um die Vollmacht, amerikanische
Streitkräfte für die Verteidigung von Formosa und der Pescadores
sowie anderer damit in Zusammenhang stehender Gebiete, die er als
für Jene Verteidigung wichtig erachten sollte, einsetzen zu können.
Nach eingehender Erörterung im Repräsentantenhaus und im Senat der
USA wurde die gewünschte Vollmacht gegeben. Im Repräsentantenhaus
lautete das Abstimmungsergebnis 409 gegen 3 und im Senat 85 gegen
3 Stimmen. Die Vollmacht erlischt, sobald Frieden und Sicherheit
in diesem Gebiet durch die internationale Lage - durch Maßnahmen
der Vereinten Nationen oder auf andere Weise herbeigeführt - hinreichend gefestigt erscheinen.
Ich bin überzeugt, daß diese rechtzeitig erfolgte Warnung,
die mit der festen, praktisch einstimmigen Unterstützung des amerikanischen Volkes erteilt wurde, dazu beitrug, etwas zu verhindern,
was von seiten der chinesischen Kommunisten eine gefährliche Fehlrechnung hätte sein können.
Kurz danach fand die Bandung-Konferenz statt. Auf dieser Tagung machten die friedliebenden Länder - viele von ihnen Mitglieder
der Vereinten Nationen - den chinesischen Kommunisten erneut klar,
daß sie fest zu den Grundsätzen unserer Charta stehen würden, nach
der alle Staaten sich in ihren internationalen Beziehungen jeder
Gewaltandrohung enthalten sollen.
Von Bandung aus schlug Tschu En-lai direkte Verhandlungen mit
den Vereinigten Staaten vor, ein Vorschlag, der - wie ich sofort
zu verstehen gab - für die USA akzeptabel sei, solange nur beide
Länder interessierende Fragen behandelt würden, die nicht die
Rechte ihrer Vertragspartner berühren. Lieser Vorbehalt bezog sich,
was die USA angeht, vor allem auf die Republik China, der wir die
für einen alten Freund und Alliierten empfundene Loyalität entgegenbringen.
Kurze Zeit danach setzten die Rotchinesen vier und später die
anderen elf amerikanischen Flieger frei, die den Streitkräften der
Vereinten Nationen angehörten und die sie unter Verletzung der

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der Bestimmungen des koreanischen Waffenstillstandsabkommens^ zurückgehalten hatten. Die Freilassung dieser Männer ist durch* eine
von der UN-Vollversammlung im Dezember angenommene Resolution angestrebt worden. Das Ergebnis rechtfertigte das Vertrauen, welches
die USA in die Vereinten Nationen setzten, sowie unsere Zurückhaltung, nicht mit unserer militärischen Macht zu drohen.
Vor rund 15 Monaten hatten die USA Verhandlungen mit der
"chinesischen Volksrepublik" in Genf begonnen mit dem Ziel, unsere Zivilisten freizubekommen. Als Ergebnis der von Tschu En-lai
in Bandung abgegebenen Erklärung und meiner Antwort wurden die
Gespräche im August dieses Jahres wiederaufgenommen, um erstens
die Freilassung der Zivilisten und dann andere praktische Angelegenheiten von direktem Interesse für beide Parteien zu erörtern.
Allen in den USA lebenden Chinesen, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, steht es frei, dies zu tun. 2s war ihnen schon
immer freigestellt - einige wenige ausgenommen, die vorübergehend
auf Grund von aus dem koreanischen Krieg herrührenden Beschränkungen daran gehindert waren. Die "Volksrepublik China" hat nunmehr erklärt, daß alle Amerikaner auf dem chinesischen Festland
das Recht haben, zurückzukehren, und daß sie umgehend in die läge
versetzt werden, dieses Recht auszuüben.
Für diese günstige Entwicklung der Ereignisse, auf die ich
mich hier beziehe, gebührt vielen Dank. Der Generalsekretär der
Vereinten Nationen hat sich unermüdlich um die Freilassung der
dem UN-Oberkommando unterstellten amerikanischen Flieger bemüht.
Andere Regierungen und Persönlichkeiten haben in dieser und in
anderen Angelegenheiten ihre Unterstützung gewährt. Der Wille der
Weltöffentlichkeit hat so vielleicht einen weiteren Krieg verhindert, dessen Ausmaß nicht mit Sicherheit hätte begrenzt werden können.
Im vergangenen Jahr sprach ich von der Verwendung der Atomenergie für Zwecke des Friedens. Wir hatten eine Zeit enttäuschender Verhandlungen durchschritten, bei denen es uns darum ging,
die Teilnahme der Sowjetunion an dem Programm zu erreichen, da,.,
Ihnen am 8. Dezember 1953 durch Präsident Eisenhower unterbreitet
worden war. Wir hatten uns damals entschlossen, das genannte Programm trotz der negativen Haltung der Sowjetunion in Angriff zu
nehmen.

Im vergangenen September erwähnte ich vier Maßnahmen, die
wir sofort in Angriff zu nehmen versprachen. Seit dieser Zeit haben wir auf jedem dieser Gebiete gute Fortschritte erzielt.
Die Verhandlungen zur Schaffung einer internationalen Atomenergie-Behörde haben zur Ausarbeitung eines entsprechenden Entwurfs geführt. Eine internationale Konferenz über die friedliche
Nutzbarmachung der Atomenergie wurde im vergangenen Monat in Genf
mit außerordentlichem Erfolg abgehalten. Diese Konferenz war so
erfolgreich, daß die USA erneut die Abhaltung einer ähnlichen Konferenz vorschlagen warden, die in drei Jahren oder zu einem früherer
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28. September 1955

früheren Zeitpunkt stattfinden soll, falls die fortschreitende
Entwicklung der friedlichen Anwendung der Atomenergie dies rechtfertigt.
Der erste Lehrgang auf der Atomreaktorschule in dem Argonne
National Laboratory nähert sich seinem Ende und ein erweiterter
Kursus soll dann seinen Anfang nehmen.
Bekannte Ärzte und Chirurgen aus anderen Ländern besuchen
unsere Krankenhäuser und ForschungsBtätten, in denen die Kernenergie zur Heilung des Krebses und anderer Krankheiten verwendet wird.
Die Sowjetunion ist heute mehr zu einer Zusammenarbeit geneigt, und wir nehmen das kürzliche Angebot Ministerpräsident Bulganins mit Freude zur Kenntnis, der vorgeschlagenen internationalen
Behörde nach ihrer Schaffung spaltbares Material zur Verfügung
zu stellen.
Wie wir sehen, hat sich vieles ereignet, was dem Bild der
Hoffnung, das Präsident Eisenhower auf der achten UN-Vollversammlung vor uns entwarf, Wirklichkeit verleiht.
Die Vereinigten Staaten planen ferner in dieser Sitzungsperiode
noch die Schaffung eines internationalen technischen Fachgremiums
zur Untersuchung der Auswirkungen von Atomstrahlen auf die menschliche Gesundheit vorzuschlagen. Es soll aus hochqualifizierten
Wissenschaftlern gebildet werden, die sämtliche von den MitgliedStaaten der Vereinten Nationen oder deren Sonderorganisationen
zur Verfügung gestellten einschlägigen Informationen ordnen und
prüfen sowie veröffentlichen sollen.
Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit dabei, diese Frage eingehend zu prüfen. Wir glauben, daß unter ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen durchgeführte Kernversuche und die Entwicklung von
Methoden zur friedlichen Nutzung der Atomenergie Gesundheit und
Leben des Menschen nicht bedrohen. Dies ist allerdings eine Frage
von so allumfassender Bedeutung, daß wir es für richtig erachten,
wenn alle verfügbaren Angaben zusammengetragen und unter der
Ägide der Vereinten Nationen gesichtet werden.
Der Präsident der USA ergriff am 21. Juli diesen Jahres in
Genf die Initiative und machte einen weiteren wichtigen Vorschlag.
Sich mit der Abrüstungsfrage befassend, wandte er sich in jenem
Augenblick hauptsächlich an die Delegierten der Sowjetunion und
schlug vor, daß als ein Anfang jede unserer beiden Nationen der
anderen Informationen über ih^e militärischen Einrichtungen zur
Verfügung stellen sowie die Möglichkeiten für eine unbeschränkte
Luftaufklärung geben soll.
Die Logik dieses Vorschlags ist einfach und "klar. Eine Aggression in großem Stil ist unwahrscheinlich, wenn der Aggressor nicht
den Vorteil der Überraschung besitzt und nicht hoffen kann, einen
vernichtenden, weil unerwartet gekommenen Schlag zu führen. Aber
die Vorbereitung eines Angriffs von einem derartigen Ausmaß könnte
vor einer Luftaufklärung kaum verborgen bleiben.
_ .
t

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"AMERIKA DIENST"

Durch die Luftaufklärung würde natürlich nicht alles entdeckt
werden; sie allein würde auch kein endgültiges und umfassendes
Inspektionssystem darstellen. Durch eine solche Aufklärung würde
jedoch genug festgestellt werden, um.die größten Risiken auszuschließen. Damit würde die Tür zu weiteren Schritten im Hinblick
auf eine Inspektion und Abrüstung geöffnet werden, die wir alle und mit Nachdruck schließe ich die USA hierbei ein - ergriffen
sehen möchten.
Die „lange Erfahrung zeigt, daß eine Begrenzung der Rüstungen
praktisch nicht erreicht werden kann, wenn das Moment der Unsicherheit gegeben ist und Waffen Solglich nötig erscheinen. Eine Reduzierung der Rüstungen läßt sich nur vollziehen, wenn die Furcht
zerstreut ist, und Waffen weniger nötig erscheinen.
Ich glaube jeder hat sofort erkannt, daß, wenn die Vereinigten Staaten sowjetischen Flugzeugen das Überfliegen ihres Gebietes
gestatten würden, und wenn die Sowjetunion ihrerseits amerikanischen Maschinen das Überfliegen ihres Gebietes erlauben würde,
dies sehr zu dem Beweis beitrüge, daß keiner der beiden Staaten
aggressive Absichten gegenüber dem anderen verfolgt. Dann wäre
es, wie Präsident Eisenhower in seinem Appell in Senf feststellte,
auch leichter, zu einem umfassenden, exakten Inspektions- und Abrüstungssystem zu gelangen.
Das Wesen des vom Präsidenten vorgebrachten Vorschlages besteht darin, daß dieses System als ein Beginn das bewerkstelligen
würde, was man von einem ersten Schritt erwarten darf, nämlich weitere Schritte eher möglich zu machen.
Ich hoffe, daß die allgemeine Haltung dieser Vollversammlung
klar aufzeigen wird, daß dieser Anfang so einfach und so rasch wie
nur irgend möglich gemacht werden sollte. Auf einen solchen Beginn
kann und wird, wie ich fest glaube, ein wesentlicher Fortschritt
in der Verwirklichung des Zieles unserer Charta folgen, nämlich,
"die Abzweigung der menschlichen und wirtschaftlichen Kräfte der
Welt für Zwecke der Rüstung" zu verringern.
Dann können wir in realistischer Weise der Erfüllung eines
Wunsches entgegensehen, der den Herzen aller Menschen nahe liegt,
eines Wunsches, dem Präsident Eisenhower auf unserem letzten
Treffen in San Francisco Ausdruck verliehen hat, daß nämlich ein
größerer Teil der Hilfsquellen der Erde für echt konstruktive Aufgaben verwendet werden sollen, die besonders den unterentwickelten
Gebieten der Welt zugutekommen würden.
Es war vor zehn Jahren im August, daß die Kämpfe im zweiten
Weltkrieg beendet wurden.
Wir haben in dem darauf folgenden Jahrzehnt keinen weiteren
Weltkrieg erlebt. Das ist etwas, worüber wir aus tiefstem Herzen
dankbar sein können. Aber eines echten Friedens haben wir uns nicht
erfreuen können. Es hat lokal begrenzte Kriege gegeben. Freie Nationen sind beseitigt und überwältigt worden. Es ist zu einer Anhäufung von Waffenvorräten und zu einer Verhärtung der Standpunkte
gekommen, die jenen auferlegt worden sind, die sich gegenseitig als
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•'AMERIKA DIENST"

als mögliche Kriegsgegner betrachten.
Jene Phase mag nunmehr zu Ende gehen. Ich glaube, daß alle
vier Regierungschefs, die in Genf versammelt waren, dieses Ergebnis wünschten und daß jeder dazu beigetragen hat, es zu erreichen.
Die Folge davon ist, daß heute tatsächlich ein neuer Geist vorherrscht bei gleichzeitiger größerer Flexibilität und geringerer
Sprödigkeit in den internationalen Beziehungen.
Manche Kreise lassen es sich angelegen sein, Spekulationen
darüber anzustellen, welcher Staat bei dieser Entwicklung etwas
gewonnen und welcher etwas verloren hat.
Ich möchte hierzu bemerken, daß die ganze Welt einen Gewinn
davon haben wird, wenn der "Geist von Genf" Bestand hat. Die
"Konferenz auf höchster Ebene" muß, wenn sie Geschichte und nicht
nur Episode sein soll, die Türe zu einem Zeitabschnitt des friedlichen Wandels auftun.
Es wird kein Zeitalter der Ruhe und der Stagnation sein,
in dem Sinne, daß der Status quo mit seinen vielfältigen Ungerechtigkeiten als endgültig akzeptiert wird. Es wird eine Epoche
des Wandels sein, die ihre Belastungen und Prüfungen haben wird.
Aber die Völker und Regierungen werden dem Krieg und der Subversion als Mittel zur Erreichung ihrer Ziele abschwören.
Sie werden eine sich in Ordnung vollziehende Entwicklung«
im Hinblick auf die Verwirklichung legitimer nationaler Hoffnungen akzeptieren« Sie werden bessere wirtschaftliche Beziehungen
untereinander entwickeln und in immer steigendem Maße die Rechte
des Menschen und die grundlegenden Freiheiten Respektieren. Das
Bemühen der Menschheit wird dem gelten, was schöpferisch und segensreich ist.
Die Vereinten Nationen werden sich ebenfalls wandeln. Wenn c
der gute Wille und das gegenseitige Vertrauen vorhanden sind,,werden viele Bestimmungen der Charta eine neue Bedeutung und eine
neue Lebenskraft erhalten.
Lassen Sie uns gemeinsam darum bemüht sein, daß die nächsten
zehn Jahre als das heilsame Jahrzehnt eines wahren Friedens iin
die Geschichte eingehen werden.
*

*

*

• *

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*

�USA BEMÜHEN SICH WEITERHIN UM DIE LÖSUNG DES
FLÜCHTLINGSPROBLEMS

VEREINTE NATIONEN — (AD) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Erklärung, die der stellvertretende amerikanische Delegierte bei den Vereinten Nationen Jacob Blaustein am 4. Oktober 1955
vor dem Sozial- und Kulturausschuß der UNVollversammlung zum Bericht des Hohen
Kommissars der Verei.nten Nationen für das
Flüchtlingswesen abgegeben hat.

Herr Vorsitzender,
die Frage der europäischen Flüchtlinge, soweit sich der
Auftrag an den Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für das
Flüchtlingswesen auf sie erstreckt, hat in den vergangenen Jahren bereits mehrmals Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.
Und in der Tat konnte sich kein anderes Thema besser zur Eröffnung unserer Diskussionen eignen. Denn die Auswirkungen unserer
Überlegungen und Entscheidungen in dieser Frage werden hier unmittelbar sichtbar und sind oft von entscheidendem Einfluß auf
das Leben derjenigen, um deren Schicksal es bei unseren Gesprächen geht. Dies gilt in besonderem Maße für die 77 000 Menschen,
die noch in Flüchtlingslagern leben, und jene 220 000 Flüchtlinge,
die unter das im vergangenen Jahr gebilligte Programm fallen,
Dauerlösungen zu finden und Nothilfemaßnahmen zu treffen. Menschliche Probleme, menschliche Sehnsüchte und die Grundrechte des
Menschen sind somit der Gegenstand unserer Arbeit hier in diesem Ausschuß, und wir tun gut daran, uns zu Beginn unserer Tätigkeit noch einmal ins Gedächtnis zurückzurufen, um welch
dringende Fragen es sich hierbei handelt.
Die Spannungen unserer Zeit&gt; finden darin ihren tragischen
Niederschlag, daß wir uns 10 Jähre nach. Ende des zweiten Weltkriegs
noch gezwungen sehen, ein neues Hilfspro_gramm für die europäischen Flüchtlinge in Angriff zu nehmen. Ich brauche wohl nicht
erst die schwierige Lage zu schildern, in der sich viele dieser
Menschen befinden. Dies hat der Herr Hohe Kommissar bereits im
vergangenen Jahre und auch in diesem Jahr wieder getan. Bei diesen Flüchtlingen handelt es sich um Menschen, die ihre Heimat
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5. Oktober 1955

Heimat unter dem Zwang der Verhältnisse und ohne eigene Schuld
verlassen mußten und die heute, nach so langer Zeit ,noch immer
nicht wieder seßhaft geworden sind, die nicht wissen, wie sie
ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, von Sorgen erfüllt und
ohne einen Ort auf der Welt, den sie wirklich als Heimat ansprechen
können.
Dabei sind viele von ihnen völlig gesund und voll arbeitsfähig. Sie sind nützliche Glieder der Gesellschaft, in welchem
Lande sie auch immer leben. Manche dieser Menschen sind aber auch
geistig und körperlich erschöpft, krank und alt, haben häufig
nur noch wenige Lebensjahre vor sich und haben einen Anspruch
darauf, vor Beunruhigungen geschützt zu werden.
Eine noch größere Zahl ist aber noch immer, wie bereits
früher dargelegt wurde, in Flüchtlingslagern untergebracht. Ich
habe die Lager aufgesucht und mit diesen Menschen gesprochen.
Ich sehe noch immer - und vielen unter Ihnen wird es sicherlich
genau so ergehen - das Bild vor mir, wie diese Menschen sich zu
Hunderten um uns drängten, um mit uns zu sprechen, uns danach zu
fragen, was aus ihnen werden soll, um ihre Forderung vorzubringen,
daß man sie bald aus den Lagern herausholen möge, uns um irgendeine bindende Zusicherung bezüglich ihrer Zukunft und um eine
Chance zu bitten, ein Leben führen zu dürfen, wie es der Würde
des Menschen entspricht und wie man es eben nur führen kann,
wenn man eine feste Heimstatt sein eigen nennt. Ich bin sicher,
daß wir alle noch weit mehr zu tun bereit sind, und zwar sofort
zu tun bereit sind, um hier Wandel zu schaffen, damit diese bedauernswerten Opfer des Krieges, der Revolution und der Unterdrückung Sicherheit und die Gelegenheit zum Aufbau einer geregelten Existenz finden.
Mit der Schaffung dieses Programms für eine dauerhafte Lösung,
an sich schon ein Hinweis auf die Dringlichkeit des Problems, wurde
bekundet, daß man bei den meisten Flüchtlingen weder eine Repatriierung noch eine Wiederseßhaftmachung als eine praktisch durchführbare
Lösung ansieht.
Der Wirtschafts- und Sozialrat hat vorgeschlagen, daß die
Aufnähmeländer auch weiterhin eine entsprechende Zahl der der Fürsorge des Hohen Kommissars unterstellten Flüchtlinge in ihre Einwanderungsquoten einbeziehen« Die Delegation der Vereinigten Staaten hat diese Empfehlung befürwortet. Der Herr Hohe Kommissar
schätzt, daß in der Zeit von 1955 bis 1958 etwa 60 000 bis 80 000
derartige Flüchtlinge entweder auf Grund eigener Initiative oder
durch entsprechende Bemühungen der Regierungen oder freiwilligen
Hilfsorganisationen die Möglichkeit zur Auswanderung oder Wiederansiedlung geboten werden kann. Diese Aktion würde zweifellos erheblich dazu beitragen, die Zahl derjenigen Flüchtlinge zu verringern, die noch weiterer Hilfe bedürfen.
Die vordringlichste Aufgabe des Hohen Kommissars ist es jedoch, Dauerlösungen für jene vielen Tausende von Menschen zu finden,
die in den Ländern, in denen sie sich gegenwärtig aufhalten, bleiben

�5. Oktober

"AMERIKA DIENST"

1955

bleiben wollen, oder für die eine Auswanderung nicht möglich ist.
Das ist eine schwierige Aufgabe und die Regierung der Vereinigten
Staaten empfindet es dankbar, daß ihre Lösung zusammen mit einer
Reihe anderer Phasen des Programms der bewährten Führung Dr. van
Heuven Goedharts anvertraut ist, der sein Amt mit Hingabe und
Entschlossenheit verwaltet und den wir außerordentlich hoch achten.
In diesem Zusammenhang nimmt die Delegation der Vereinigten Staaten mit Freude von der engen Zusammenarbeit Kenntnis, die der Herr
Hohe Kommissar mit verschiedenen anderen staatlichen Stellen und
freiwilligen Organisationen, die sich mit Flüchtlingsfragen befassen, aufrechterhält. Wir hoffen, daß diese Zusammenarbeit
auch künftig bestehen bleibt.
Wie nicht anders zu erwarten, zeigten die Erfahrungen im
ersten Jahr dieses auf Dauerlösungen abzielenden Programms wie aus dem Bericht des Hohen Kommissars und des Exekutivausschuäses hervorgeht -, daß finanziellen und verwaltungstechnischen
Maßnahmen ganz besondere Bedeutung zukam. Immerhin konnten für das
Jahr 1955 Projekte, die einen Aufwand von 3 Millionen Dollar erfordern, vom Hohen Kommissar vorbereitet und vom Exekutivausschuß
gebilligt werden.
Abschnitt 66 des Berichtes des Exekutivausschusses gibt Aufschluß über die Art der Projekte , durch die Lösungen für die
Probleme der Wohnungsbeschaffung, der Berufsausbildung, der Krediterteilung, der Stellenberatung und Arbeitsvermittlung sowie
der Unterbringung der Flüchtlinge in der gewerblichen Wirtschaft,
der Landwirtschaft und in anderen Wirtschaftszweigen gefunden
werden sollen. Diese werden ergänzt durch verschiedene Sonderhilfen in den sogenannten "schwierigen" Fällen, von denen es, so
viel ich weiß, etwa 15 000 gibt, sowie in vielen anderen Fällen
durch ärztliche Betreuung, zusätzliche Mahlzeiten und Unterstützung bei besonderem Notstand. Den Vorrang haben dabei die
77 000 in Lagern lebenden Menschen, die "Vergessenen", wie der
Hohe Kommissar sie nennt; die Projekte selbst sollen dabei soweit
wie möglich auf dem Prinzip der "Selbsthilfe" basieren, was die
aktive Beteiligung der Flüchtlinge verlangt. Bei dieser Art der
Hilfe können wir sicher sein, daß die Flüchtlinge nützliche Mitglieder der Gemeinwesen ihrer neuen Heimat werden.
Schon im 12. Jahrhundert sagte Maimonides: "Übt Barmherzigkeit, indem ihr die Armut verhindert; helft dem weniger Glücklichen
entweder durch ein beachtliches Geschenk, durch Geld oder dadurch,
daß ihr ihn in einem Gewerbe unterweist oder ihm eine Existenz
schafft, so daß er auf ehrliche Art und Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen vermag und nicht gezwungen wird, den traurigen,
ihm dann einzig noch verbleibenden Weg zu gehen, nämlich die Hand
nach Almosen auszustrecken. Dann erst ist die letzte Sprosse auf
der goldenen Leiter der Barmherzigkeit erreicht."
Den größten Anteil an der Bürde, die aus der Fürsorge für
die Flüchtlinge entsteht, tragen Österreich, die Bundesrepublik
Deutschland, Griechenland und Italien, wo heute die meisten Flüchtlinge leben, und die Geldzuwendungen im Jahr 1955 waren auch in
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5. Oktober 1955

in erster Linie dazu bestimmt, Dauerlösungen für die Flüchtlinge
gerade in diesen Ländern zu finden. Diese Länder steuern außerdem
von sich aus Geldmittel bei und leisten anderweitig Hilfe bei der
Durchführung der verschiedenen Projekte, und ihre Anstrengungen
und Opfer sind wesentlicheEeiträge für eine Lösung dieser Probleme.
Zu Beginn seiner Ausführungen behandelte Dr. Goedhart einige
der bereits in Angriff genommenen Unternehmen. Die Vereinigten
Staaten sind mit der bisherigen Entwicklung des Programms durchaus
zufrieden. Bedauerlich ist allerdings der Umstand, daß infolge der
angespannten Finanzlage nicht noch mehr derartige Projekte zu Beginn dieses Jahres in Angriff genommen werden konnten* Das derzeitige Vierjähres-Programm der UN-Vollversammlung, das auf eine
Dauerlösung der Probleme abzielt, ist als ein letztmaliger internationaler Vorstoß zugunsten der Flüchtlinge im Rahmen des Gesamtprogramms gedacht.
Gemäß der Resolution der Vollversammlung wurden die beteiligten Regierungen von dem Hohen Kommissar für das Flüchtlingswesen
um die Zusicherung gebeten, daß sie für alle in ihrem Lande befindlichen Flüchtlinge, die nach Ablauf dieser vier Jahre noch der
Unterstützung bedürfen, die volle finanzielle Verantwortung übernehmen; nach Auffassung der Vereinigten Staaten haben sich die betreffenden Regierungen in ihren Antworten zur Annahme der in der
Resolution niedergelegten Bedingungen einverstanden erklärt.
Es wird noch größere Anstrengungen seitens des Hohen Kommissars
bedürfen, um eine weitgehende Bereinigung des Problems vor Ablauf
des Programms, das heißt, bis Ende 1958, zu gewährleisten. Für
1955 rechnete man mit 4,2 Millionen Dollar an Beiträgen, von seiten
der Regierungen. Aber selbst alle Beiträge und Zusicherungen zusammengenommen, einschließlich der rund eine Million Dollar aus nichtstaatJLichen Quellen, ermöglichten dem Exekutivausschuß lediglich
Projekte mit einem Gesamtkostenaufwand von 3 Millionen Dollar zu
bewilligen. Und da einige der Beiträge erst in letzter Zeit eingegangen sind, werden viele dieser Projekte im Laufe dieses Kalenderjahres noch nicht abgeschlossen werden können. Der augenblickliche
Mangel an Geldmitteln und die daraus resultierende Verzögerung
in der Durchführung des Programms bedeuten eine zusätzliche Belastung für den Hohen Kommissar in den noch verbleibenden drei
Jahren der Laufzeit des Programms. Es wird der vollen finanziellen
Unterstützung seitens der Mitglied- und Nichtmitgliedstaaten bedürfen, wenn das Ziel erreicht werden soll.
Die in diesem Jahre erzielten Fortschritte wurden weitgehend
durch die Beiträge eines Landes, und zwar der Niederlande, ermöglicht. Die Vereinigten Staaten möchten daher sowohl der Regierung
als auch dem Volk dieses Landes für die gezeigte Großherzigkeit
Dank und Anerkennung aussprechen. So waren ein Zuschuß der niederländischen Regierung in Höhe von 200 000 Dollar für besonders
schwierige Fälle sowie eine Spende des niederländischen Volkes
in Höhe von 933 700 Dollar praktisch die einzigen Mittel, die dem
Exekutivausschuß bei seiner ersten Sitzung zur unmittelbaren Verwendung zur'Verfügung standen. Wir können nicht erwarten, daß die
Niederlande zum Programm für das Jahr 1956 in ähnlich großzügiger
Weise beitragen, und ich möchte daher der Hoffnung Ausdruck verleihen
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�"AMERIKA DIENST"

5. Oktober 1955

verleihen, daß die Regierungen bei der Festlegung ihres Beitrags
für das kommende Jahr diesen Umstand berücksichtigen.
Als die Delegation der Vereinigten Staaten in der letzten
Vollversammlung gemeinsam mit anderen Ländern die Resolution
über ein Programm zur endgültigen Lösung dieses Problems einbrachte, erklärte sie, dem US-Kongreß eine Empfehlung unterbreiten zu wollen, einen beträchtlichen Beitrag zu diesem Programm
zu.bewilligen. Und ich bin heute in der glücklichen Lage, offiziell zu erklären, daß der Kongreß der Vereinigten Staaten für
diesen Flüchtlingsfonds im Jahre 1955 den Betrag von 1,2 Millionen Dollar bewilligt hat, der im Verhältnis 1:3'der Zuwendungen
sämtlicher anderer Regierungen freigegeben werden wird. Die
erste Zahlung wird dem Hohen Kommissar in Kürze überwiesen.
Die amerikanische Delegation hofft, daß die künftigen Beiträge
anderer Regierungen für das Jahr 1955 so hoch sein werden, daß
die Vereinigten Staaten den vom Kongreß bewilligten Betrag sobald wie möglich in voller Höhe zur Verfügung stellen können.
Ich bin ferner zur Abgabe folgender Erklärung ermächtigt:
Im Vertrauen darauf, daß auch andere Regierungen Beweise für ihr
dauerndes Interesse am Plüchtlingsfonds der Vereinten Nationen
liefern und ihn unterstützen werden, beabsichtigt die Regierung
der Vereinigten Staaten,den Kongreß um die Bewilligung von Mitteln
für einen weiteren wesentlichen Beitrag zu diesem Programm für
das Jahr 1956 zu ersuchen.
Vielleicht bin ich zu sehr auf den Plüchtlingsfonds und zu
wenig auf jene Schritte des Hohen Kommissars eingegangen, durch
die er die Rechtslage der Flüchtlinge und ihre Stellung gegenüber den Behörden zu verbessern suchte. Dies ist verständlich,
da. der ausgezeichnete Bericht des Herrn-Hohen Kommissars über
das Programm für eine dauerhafte Lösung der Vollversammlung zum
ersten Mal Gelegenheit gegeben hat, diese wichtigen im Interesse
der Humanität gemachten neuen Anstrengungen zu überprüfen. Ich
möchte jedoch meine Rede nicht schließen, ohne der Befriedigung
der Vereinigten Staaten über die Portschritte Ausdruck zu geben,
die auf dem Gebiet des rechtlichen und behördlichen Schutzes der
Flüchtlinge gemacht worden sind, eines Gebietes, für das der
Hohe Kommissar in erster Linie verantwortlich ist. Der Bericht
des Hohen Kommissars spiegelt die fortschrittlichen.Maßnahmen
wider, die. von verschiedenen Regierungen durchgeführt wurden,
um die Zuerkennung des Flüchtlingsstatus zu regeln, dem einzelnen Rechtshilfe zu gewähren und die Flüchtlinge zu assimilieren,
indem ihnen das Recht auf Arbeit, Wohnung, Erziehung, öffentliche Unterstützung und andere Leistungen eingeräumt wurde.
Diese Maßnahmen tragen sicherlich sämtlich zu einer endgültigen
Lösung dieses sehr verwickelten Problems bei. *
Ich möchte ferner zwei Mitgliedern dieses Ausschusses Madame Tsaldaris aus Griechenland und Herrn Friis aus Dänemark unsere Anerkennung für ihre Arbeit im Exekutivausschuß bei der
Entwicklung des Programms für eine dauerhafte Lösung des Flüchtlingsproblems aussprechen.
• Herr

�"AMERIKA DIENST"

5. Oktober 1955

Herr Vorsitzender, die geschichtliche Tradition der Vereinigten Staaten als Asylland und Zufluchtsstätte sind bekannt.
Uns Amerikanern ist diese Tradition sehr teuer. Denn die Zeit,
liiider wir oder unsere Vorväter in dieses Land kamen, liegt
tatsächlich nur wenige Generationen zurück. Eine halbe Million
Amerikaner sind Flüchtlinge aus der Nachkriegszeit. Und wir
halten es für beachtenswert, daß von dem Betrag von 6 Milliarden Dollar, den die Vereinigten Staaten seit dem zweiten Welt* kriege zur Lösung des Flüchtlingsproblems geleistet haben, fast
2 Milliarden freiwillig durch persönliche und individuelle Freigebigkeit des amerikanischen Volkes aufgebracht wurden.
Es ist mir eine besondere Freude, daß ich bei meiner ersten
Rede vor diesem Gremium der Vereinten Nationen, das Vertrauen
der Regierung der Vereinigten Staaten und des amerikanischen
Volkes in die Erfüllung dieser wichtigen humanitären Aufgabe
der Vereinten Nationen und ihre fortgesetzte Unterstützung
dieses Programms zum Ausdruck bringen durfte.

* * * '* *

�A M E R I K A

D I E N S T

ÜBERBLICK ÜBER DIE VON DEN USA IN
DER ABRÜSTUNGSFRAGE VERFOLGTEN ZIELE

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Rede, die dir Sonderbeauftragte des amerikanischen Präsidenten für Abrüstungsfragen,
Harold E. Stassen, am 7.Oktober 1955 auf der
Schlußsitzung des UN-Unterausschusses für
Abrüstungsfragen gehalten hat.
Der Unterausschuß der UN-Abrüstungskommission ist im
Begriff, eine kurze Sitzungspause einzulegen, die bis zum
Ende der bevorstehenden Konferenz der Außenminister der
vier Großmächte in Genf dauern wird. Diese Sitzungspause
bringt nur eine kurze Unterbrechung der eigentlichen Geschäftsarbeit des Unterausschusses. Sie sollte jedoch auf
keinen Fall eine Unterbrechung unserer Arbeit an jener großen Aufgabe darstellen, mit der wir hier betraut sind.
Es ist an der Zeit, daß das uns übergeordnete Gremium,
die Abrüstungskommission, die Ergebnisse unserer bisherigen
Arbeit überprüft. Es ist an der Zeit, daß diejenigen, die
die Vorbereitungen für eine weitere bedeutungsvolle Tagung
in Genf treffen, sich mit unseren Beratungen hier befassen.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß wir
so bald wie nur irgendwie möglich nach der Genfer Konferenz
wieder zusammentreten sollten, um dann die Richtlinien auszuwerten, die dort gegeben werden. Wir glauben, daß dann schon
kurze Zeit darauf eine Vollsitzung der Abrüstungskommission
anberaumt werden könnte, und daß die UN-Vollversammlung, in
der alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen vertreten
sind, den Bericht der Abrüstungskommission so bald wie möglich nach der Übermittlung erörtern sollte.
Die außergewöhnliche Verantwortung, die auf diesem Unterausschuß ruht, duldet einfach keine unnötige Verzögerung.
Sie erlegt uns auch die Pflicht auf, die Rückwirkungen der
Haltung jedes einzelnen von uns auf alle übrigen gründlich
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�"AMERIKA DIENST"
12. Oktober 1955
gründlich und gebührend zu überdenken und zu verstehen. Ich
darf vielleicht sogar sagen, einer der ermutigendsten Ansatzpunkte in der Reihe der Zusammenkünfte hier war die Tatsache,
daß sich eine solche Einstellung herausgebildet hat.
In der Zeit zwischen den beiden Genfer Konferenzen haben
unsere Zusammenkünfte Gelegenheit für eine der ersten und
wichtigsten Bewährungsproben des Geistes von Genf gegeben.
Das ist es auch, was Botschafter Lodge zum Ausdruck bringen
wollte, als er uns am ersten Sitzungstage aufrief, die sich
hier bietende große Gelegenheit wahrzunehmen.
Am Ende meiner Ausführungen werde ich versuchen, einen
Überblick darüber zu geben, wie wir diese unsere Gelegenheit
genutzt haben. Zunächst möchte ich jedoch die Politik der Vereinigten Staaten und unseren eigenen Beitrag umreißen.
Präsident Eisenhowers Vorschlag
Wie Ihnen allen bekannt sein wird, hat Präsident Eisenhower
am 21.Juli in Genf einen neuen richtungweisenden Vorschlag gemacht. Dieser Vorschlag sieht einen Austausch von militärischen
Plänen und Informationen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion vor, wobei die Angaben durch eine beiden Seiten
zu gestattende Luftaufklärung verifiziert werden sollen. Diese
Informationen würden einschließen: erstens Angaben über Art,
Stärke, Organisation und Stationierung des Personals, der Einheiten und der Ausrüstungen aller ins Gewicht fallenden Land-,
See- und Luftstreitkräfte, einschließlich der organisierten
Reserven und halbmilitärischen Verbände. Zweitens eine vollständige Liste aller Arsenale und militärischen Anlagen und
Einrichtungen mit genauen Ortsangaben.
Später gab ich einen Entwurf der amerikanischen Regierung
für die umgehende Verwirklichung' dieses Planes zu Protokoll.
Dieser Entwurf sieht unter anderem vor: eine ungehinderte, wenn
auch vorangemeldete gegenseitige Luftaufklärung mit optischen,
photographischen und elektronischen Hilfsmitteln, die ungehinderte Übermittlung von Nachrichten, die Anwesenheit von Angehörigen des zu inspizierenden Landes an Bord der für die Inspektion eingesetzten Flugzeuge, die Stationierung von Beobachtern in jedem Land, die bei der Bestätigung der Richtigkeit der
ausgetauschten Informationen mitwirken können, ferner Maßnahmen,
die eine gleichzeitige Übermittlung von Informationen über ein
und denselben Sektor der Rüstung durch alle Teilnehmerstaaten
gewährleisten. '
Die Vorschläge des Präsidenten sind im Grunde genommen so
einfach und so kühn, wie sie Inspiration, tiefe Menschlichkeit
und echtes Führertum oft zuwege bringen. Hinzu kommt noch das
Ergebnis langer Monate sorgfältigsten Studiums unter der Anleitung Präsident Eisenhowers.
In den vergangenen Wochen habe ich Ihnen, so hoffe ich
wenigstens, eine gewisse Vorstellung von den Erwartungen gege-'
ben, die wir in diesen Plan setzen. Lassen Sie mich bitte hier,
zur Aufnahme in das Schlußprotokoll, diese Erwartungen noch
einmal so kurz und bündig wie nur möglich zusammenfassen. Und
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�"AMERIKA DIENST"

12. Oktober 1955

Und dann werde ich zum ersten Male in diesen Zusammenkünften
auf noch etwas zu sprechen kommen, was wir zu tun beabsichtigen:
Erstens steht am Anfang die Forderung, den Frieden - einen
gerechten und dauerhaften Frieden - zu sichern. Das ist das große
Gebot des Atomzeitalters. Am 19.Oktober 1954 erklärte Präsident
Eisenhower, daß es "einfach keine Alternative zum Frieden gibt",
und jeder neue Tag läßt die Tatsache klarer hervortreten, daß
dies auch die wichtigste Schlußfolgerung in Genf war. Der Eisenhower-Plan wird allen, die sich daran beteiligen, schwerwiegende
Lasten aufbürden, und er wird weitreichende Felgen für sie haben.
Wenn diese Vorhaben jedoch der Sache des Friedens dienen, dann
wird sich das Volk der Vereinigten Staaten gerne daran beteiligen.
Zweitens haben uns unsere Untersuchungen gelehrt, daß in
der Vergangenheit zwei Entwicklungen vielleicht mehr als alles
andere den Anlaß zu Kriegen bildeten: einmal die unverantwortliche und geradezu selbstzerstörerische einseitige Abrüstung,
und zum anderen das Wettrüsten in der üblichen Form, das aus
Furcht der Völker voreinander und aus Mißtrauen geboren wird
und aus diesem lebt.
Drittens - und dies war besonders wichtig für unsere Überlegungen - haben wir erkannt, daß wir nicht mehr länger die
alleinigen Beherrscher des mächtigsten Kriegsinstrumentes sind.
Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft ist es nicht möglich,
für die Herstellung von Atomwaffen geeignetes spaltbares Material
dann nachzuweisen, wenn es erst einmal in entsprechende Behältnisse gepackt und an geheimen Orten gelagert wird. Solche geheimen Reserven aus der früheren und derzeitigen Produktion
können für die Herstellung von Waffen verwendet und zu einem
vernichtenden Überraschungsangriff mißbraucht werden. Alle hier
Anwesenden wie auch unsere Regierungen sind sich dieser Tatsache
heute bewußt.
Viertens: Angesichts dieser Situation und solange die
Wissenschaftler der Welt nicht von sich aus in der Lage sind,
entsprechendes zu unternehmen, um eine vollständige Erfassung
aller für nukleare Waffen geeigneten Materialien zu gewährleisten,
halten wir es zunächst einmal für das Beste, einen Weg zur Ausschaltung eines großangelegten Überraschungsangriffs zu finden.
Wir sind der Auffassung, daß eine Art von Überraschungsangriff
- in dem gegenwärtigen Zeitpunkt die einzige überhaupt, die die
Welt mit Zerstörung bedroht und in Furcht versetzt - ein Überraschungsangriff ist, in den die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten verwickdlt sind.
Fünftens sind wir der Überzeugung, daß von jenem Tag an,
an dem diese beiden Mächte sich entschließen, einander Zugang
zu ihren militärischen Anlagen zu gewähren und Aufschluß über
sie zu geben, die Sicherheit der gesamten Welt sich erhöhen
würde. Dann wird sich eine Atmosphäre größeren Vertrauens ausbreiten. Und in jener Atmosphäre wird die Welt dann ein System
der Abrüstung und Inspektion aufbauen, in das alle .Nationen Vertrauen setzen können - ein System, unter dem alle ihre Rüstung
und ihre bewaffneten Streitkräfte verringern, beschränken und
aufeinander abstimmen können.
Meine

�"AMERIKA DIENST"
12. Oktober 1955
Meine Herrn, dies sind fünf realistische, schwierige und
dabei doch auch hoffnungsvolle Gesichtspunkte. Der EisenhowerPlan für eine Inspektion aus der Luft als eine Maßnahme zur
Gewährleistung des Friedens gründet sich weitgehend auf sie.
Die Vereinigten Staaten erkennen auch an, daß diese fünf
Gesichtspunkte jede einzelne Regierung, die hier in diesem
Unterausschuß vertreten ist, und darüber hinaus alle Völker der
Erde angehen. Wir haben folglich vorgeschlagen, daß eine Übereinkunft zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten,
durch die dieser Vorschlag unverzüglich in die Tat umgesetzt
werden soll, auch in einer noch zu vereinbarenden Form eine
Zugehörigkeit und Teilnahme von dazu bestimmten Staaten auf der
Basis voller Gleichberechtigung unmittelbar nach Inkrafttreten
des Plans vorsieht.
Der Plan des Präsidenten' und die Inspektion
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die Inspektion der Schlüssel zur Rüstungsbegrenzung ist. Kein Land - weder
die Vereinigten Staaten noch die Sowjetunion, noch irgendein
anderer Staat - kann seine militärische Stärke reduzieren, sofern nicht ein internationales Abkommen besteht, das allen Völkern die Möglichkeit einräumt, sich davon zu überzeugen, daß
diese Verpflichtungen auch von allen in der Praxis eingehalten
werden.
Die Vereinigten Staaten stehen mit dieser Überzeugung keineswegs allein da. Jede der hier vertretenen Regierungen ist, ebenso wie die hier nicht vertretenen Staaten, mit uns einer Auffassung.
Ein vernünftiges und vertrauenswürdiges Übereinkommen ist
nur dann möglich, wenn es durch ein System der Inspektion und
Berichterstattung gesichert ist, das ausreicht, jede Bestimmung
des Abkommens voll zu gewährleisten. Die Geschichte lehrt uns,
daß Abrüstungsverträge ohne eine hinreichende gegenseitige Inspizierung nur dazu geeignet sind, die Gefahr eines Krieges zu
erhöhen, anstatt die Aussichten auf den Frieden zu verbessern.
Der kanadische Außenminister Pearson erklärte am 24.März
1955: "Ohne irgendeine Form der Kontrolle und Inspektion, die
die Grundlage für unser Vertrauen schafft, daß ein einmal geschlossenes Abkommen auch tatsächlich eingehalten wird, wäre
jeder Abrüstungsvorschlag angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse, die von Furcht und Spannung gekennzeichnet sind, nur ein*
grausamer und heuchlerischer Wahn, und er könnte deshalb nur aus
Propagandamotiven vorgebracht werden."
Außenminister Pinay versicherte der Vollversammlung vergangene Woche, daß "eine allgemeine und streng überwachte Abrüstung seit je eines der Ziele der französischen Außenpolitik
war."
Der britische Premierminister Eden erklärte am 21.Juli in
Genf: "Ich trete rückhaltlos für das Prinzip ein, das Präsident
Eisenhower hier verkündet hat - daß kein Abrüstungsplan annehmbar ist, der nicht ein System der Inspektion und Berichterstattung einschließt, das jeder Phase des Plans gerecht wird." TJ -,

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12. Oktober 1955
Und der Ministerpräsident der aweitffH der beiden großen
Mächte, die über die Atomkraft gebieten, hat ähnliche Ansichten geäußert. Lassen Sie mich zitieren, was Marschall Bulganin
am 4.August 1955 vor dem Obersten Sowjet bei der Erläuterung
des Vorschlags von Präsident Eisenhower erklärte: "Der Präsident
der Vereinigten Staaten bemerkte sehr richtig, daß jeder Abrüstungsplan auf die Präge von Kontrolle und Inspektion hinausläuft.
Die Völker der Erde, für die so viel vom Ergebnis unserer
Arbeit abhängt, können mit vollem Recht die Präge erheben, warum
es uns angesichts einer so großen Einmütigkeit nicht gelungen
ist, mit unserer Arbeit voranzukommen? Eine allgemeine Antwort
darauf ist, daß das Mißtrauen bisher jeden Port schritt der
Nationen im Bemühen um eine Übereinkunft derart behindert hat,
daß der Gedanke der Inspizierung keinerlei Auftrieb erfahren
konnte. Wir meinen, daß der Plan Präsident Eisenhowers geeignet
ist, die Konzeption der Rüstungsinspektion von allen häßlichen
Nebengedanken zu befreien. Er würde jenes internationale Ver- •
trauen wieder aufbauen helfen, das die Grundlage für jedes System
der wechselseitigen Inspektion und Kontrolle ist. Er würde nicht
nur eine wichtige Sicherung gegen einen großangelegten Überraschungsangriff darstellen, sondern auch ein zwar einfaches, aber
massives Mittel zur Erprobung der Inspektion überhaupt sein.
Meine Regierung ist der Ansicht, daß die sowjetischen Vorschläge vom 10.Mai über die Stationierung von Bodenbteobachtern
an gewissen wichtigen Punkten ihre Vorzüge haben, sofern diese
Inspektoren mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet sind und
ihre Immunität gewährleistet wird. Wir glauben aber nicht, daß
bei Ausschluß einer Inspektion durch Luftaufklärung dieses System
genügend Sicherheit gegen einen Überraschungsangriff bieten würde.
Ebensowenig glauben wir, daß es ausreicht, um die Durchführung
eines umfassenden Programms der Begrenzung und Reduzierung der
Rüstung sicherzustellen. In den Vorschlägen vom 10.Mai vermissen wir Bestimmungen, die die Inspektion von Atomwerken und
der dazugehörigen' Industrieanlagen vorsehen.
Auf einer unsasr letzten Sitzungen unterbreitete Herr Sobolew
in offenbar teilweise revidierter Form den Vorschlag der Sowjetunion vom Jahre 1947. Ich halte es nur für fair, festzustellen,
daß die dabei zum Ausdruck gebrachten Gedanken noch immer den
Stempel des Zeitpunkts ihrer Entstehung tragen. Es würde uns
interessieren, zu erfahren, wie die Sowjetunion diese Konzeptionen den heutigen Gegebenheiten anzupassen gedenkt.
Auch auf unsere seit Jahren offenen Prägen hinsichtlich der
sowjetischen Einstellung zum Problem der Kontrolle haben wir trotz
der Vorschläge vom 10.Mai noch keine Antwort bekommen.
Wir wollen beispielsweise noch immer wissen, ob die Inspektoren zur Stelle sind und an die Arbeit gehen können, bevor irgendwelche Maßnahmen zur Rüstungsbegrenzung getroffen werden.
Wir hätten gerne mehr Einzelheiten über ihre Rechte und Vollmachten sowie darüber haben sollen, daß internationale Vereinbarungen auch tatsächlich das halten, was sie versprechen.
Ebenso wie Mr. Nutting, Monsieur Moch und Mr. Martin hätte
auch ich ganz gerne gewußt, welche Arten von Einrichtungen und

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12. Oktober 1955
und Rüstungen unter das fallen, was die Sowjetunion nur sehr
obenhin als "Kontrollobjekte" bezeichnete, das heißt also jene
Objekte, die inspiziert werden sollen. Diese Prägen sind von
großer Bedeutung, wenn Vereinbarungen erzielt werden sollen.
Sie sind sogar von größter Bedeutung, da die Wandlungen der
Kerntechnik und der ständig wachsende Vorrat an kernreaktivem
Material die Aufgabe der Inspektion noch erschweren.
Was ist zu tun?
In den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern werden
gegenwärtig Untersuchungen durchgeführt, um diesem Problem durch
die Ausarbeitung von Inspektionsverfahren zu Leibe zu rücken.
Zweifellos ist auch die Sowjetunion dabei, eine Untersuchung
durchzuführen, in der eine realistische Beurteilung der neuen
Situation gebührend berücksichtigt wird.
In Genf erlebten wir die Anfänge einer neuen Ära sachlicher
Annäherung an das Problem, zweifellos in Erkenntnis der Grenzen
der wohl mehr ins Detail gehenden älteren Pläne, die noch weiterreichende Ziele darstellten als der Vorschlag zur Inspektion
jetzt gewährleisten könnte. Die von Premierminister Eden und
Ministerpräsident Faure vorgetragenen "Versuchsverfahren" sind
dazu angetan, Erfahrungen für die Inspektion überhaupt.zu
sammeln. Sie sind im Verlauf dieser Konferenzen vom Mr. Nutting
und Monsieur Moch verständnisvoll erläutert worden. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß diese Methoden in jedem
Pall in dem eventuell anzunehmenden Plan berücksichtigt werden
sollten.
In den Vereinigten Staaten werden gegenwärtig Untersuchungen all dieser Angelegenheiten mit großer Energie und vordringlich betrieben.
Ich bin ermächtigt, hier einige Einzelheiten über diese
Untersuchungen bekanntzugeben.
Wie Sie wissen, hat Präsident Eisenhower eine intensive
Überprüfung der amerikanischen Politik in der Frage der Abrüstung angeordnet. Schon auf Grund unserer vorbereitenden
Untersuchungen erkannten der Präsident und die Regierung bald,
daß die bestehende Situation eine neue, fundamentale und umfassende Untersuchung von Fachleuten hinsichtlich der Methoden
einer internationalen Inspektion und Kontrolle erfordert, und
zwar durch die größten Autoritäten, die Amerika aufzuweisen hat.
Wir wählten deshalb hervorragende, hochgeachtete Männer aus,
die für die einzelnen Waffengattungen die Untersuchungen leiten.
Ich nenne Ihnen nun die Namen der Ausschußvorsitzenden für
die jeweiligen militärischen Sachgebiete und gebe gleichzeitig •
eine kurze Erläuterung des Aufgabenbereiches:
Der Vorsitzende für den Arbeitsstab Kernenergie, von dem
wir Bahnbrechendes erwarten, um den toten Punkt zu überwinden,
ist Dr. Ernest Lawrence, der Leiter des radiologischen Instituts
Livermore der Universität Kalifornien. Dr. Lawrence ist ein
großer Mitarbeiterstab, darunter einige der bekanntesten Kernphysiker Amerikas, beigegeben. Wie ich dem Unterausschuß be-

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bereits berichtete, ist diese Gruppe bereit, zu jedem gewünschten Zeitpunkt mit jeder Regierung oder jedem Wissenschaftler
jeden Yorschlag zu erörtern, der wirksame Mittel und Wege zur
Rechenschaftslegung über spaltbares, zur Atomwaffenherstellung
geeignetes Material und zur Peststellung eventuell verborgen gehaltener Atomwaffen aufzeigen könnte.
Die hochwichtige Aufgabe der Ausarbeitung weiterer Pläne
für eine Luftüberwachung und Berichterstattung wird unter Leitung
von General James H. Doolittle durchgeführt, der zur Zeit Vizepräsident und Aufsichtsrat der Shell-Ölgesellschaft ist.
Verantwortlich für die Methoden der Überwachung und Berichterstattung der Armee und Bodeneinheiten ist Generalleutnant
a.D. Walter B. Smith, zur Zeit Vizepräsident der American Machine
and Poundry Company, und geschäftsführender Vorsitzender dieses
Arbeitsstabs ist zur Zeit General a.D. Lucian K. Truscott.
Der Rektor der George-Washington-Universität, Vizeadmiral
a.D. Oswald S. Colclough, leitet den Arbeitsstab Plotten, Marineflugzeuge und ferngelenkte Geschosse.
Stahl bildet das Rückgrat der Rüstungsindustrie. Ein hervorragender Industrieller, Mr. Benjamin Fairless von der United Steel
Corporation, wurde daher mit der Leitung des Arbeitsstabs Stahlindustrie betraut.
Die Verantwortung über die Maßnahmen zur Überwachung und
Berichterstattung für die Elektrizitätswirtschaft und die Industrie im allgemeinen übernehmen der Präsident der Detroit
Edison Company, Walker L. Cisler, und seine Arbeitsgruppe.
Mit der Leitung der Untersuchungen über die Methoden der
Überwachung und Berichterstattung in Fragen des Staatshaushalts
und der Finanzen wurde ein hervorragender Wirtschaftsfachmann,
Dr. Harold Moulten von der Brookings Institution betraut. Im
Verlauf seiner Untersuchungen wird er seine Aufmerksamkeit insbesondere den Vorschlägen des französischen Ministerpräsidenten
Faure zuwenden.
. Kein System der Überwachung und Berichterstattung ist voll
arbeitsfähig, wenn es nicht über ein leistungsfähiges System der
Nachrichtenübermittlung, verfügt, dem im Atomzeitalter eine besondere und sehr schwierige Aufgabe zufällt.
Dr. James B. Fish von den Bell Telephone Laboratories und
ein Arbeitsstab von Fachleuten des Nachrichtenverkehrs sind mit
der Planung von Maßnahmen einer schnellen, ununterbrochenen und
zuverlässigen Nachrichtenübermittlung ohne fremde Einmischung
beauftragt worden, die bei der Durchführung einer internationalen
Überwachung und Berichterstattung notwendig ist.
Meine Kollegen und all diejenigen, die von meinen Ausführungen zu diesen großartigen Untersuchungen Kenntnis erhalten haben,
werden das Ausmaß der gegenwärtigen Überprüfung unserer grundsätzlichen Politik ermessen können.
Wir sind der Meinung, daß wir uns um der Unparteilichkeit
willen bezüglich unserer früheren Vorschläge zur Zeit Zurückhaltung aufzuerlegen haben, bis in der Frage der Überwachung'

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Überwachung Portschritte erzielt worden sind. Wir verwerfen oder
verleugnen weder unsere früheren Vorschläge, noch sind wir der
Ansicht, daß es angesichts des neu aufgetauchten Problems der
Überwachung, der neuen in Genf gemachten Vorschläge und der
sich ständig wandelnden politischen Lage realistisch oder
logisch wäre, auf diesen Vorschlägen als einem Ganzen zu bestehen.
Da wir gemeinsam zusammenarbeiten, um eine befriedigendere
Antwort auf das Problem der Überwachung zu finden, sind wir auf
das stärkste überzeugt davon, daß der Plan Präsident Eisenhowers
den Frieden garantieren würde.
Der Plan des Präsidenten und die Beschränkung der Rüstungen
Der Plan des Präsidenten soll kein Ersatz für ein allumfassendes Programm der Beschränkung und Verringerung der Rüstungen und der bewaffneten Streitkräfte sein. Vielmehr zielte er
darauf ab, dieses erst zu ermöglichen.
Der Plan für eine luftüberwachung im Interesse des Friedens
ist ein Tor, das den Weg zur Abrüstung öffnet.
In einer bemerkenswerten Ansprache über die Friedensaussichten ging der Präsident am 16.April 1955 auf einige der großen politischen Fragen ein, die die Welt heute in zwei Lager teilen
und denen wir auch heute noch gegenüberstehen. Dazu gab er die
folgende Erklärung ab:
"Da Fortschritte auf all diesen Gebieten (das heißt in den
politisch umstrittenen Fragen) das Vertrauen in der Welt stärken,
könnten wir gleichzeitig mit der nächsten großen Arbeit beginnen
der Verminderung der Rüstungsaufwendungen, die auf der Welt
lasten. Im Hinblick auf dieses Ziel, würden wir die feierlichsten
Verpflichtungen eingehen."
Als er in Genf seine Vorschläge für Maßnahmen gegen einen
überraschenden Großangriff darlegte, führte Präsident Eisenhower
im Verlauf seiner Rede aus:
"Meine Vorschläge würden, das versichere ich Ihnen, nur ein
Anfang sein....'
Die Vereinigten Staaten sind bereit, die Prüfung und Erprobung von zuverlässigen Systemen der Überwachung und
Berichterstattung fortzuführen und wenn diese Systeme sich als geeignet erweisen sollten, mit allen übrigen gemeinsam ihre Rüstung
in dem Maße herabzusetzen, wie das System gesicherte Ergebnisse
zeitigt."
Lassen Sie mich Ihnen und allen, die meine Worte erreichen
versichern, daß beim Vorliegen dieser Bedingungen - wenn man also
die internationalen Spannungen durch konkrete Handlungen Schritt'
für Schritt beseitigt und ein zuverlässiges Überwachungss/stem
gefunden hat - die Vereinigten Staaten bei einer VermijBlerung der
Rüstungen in vorderster Front stehen werden.
Es gibt keinen verborgenen Grund - etwa Überlegungen wirtschaftlicher Natur -, der uns zwingt, einen besonderen Stand der
Rüstung oder der bewaffneten Streitkräfte aufrechtzuerhalten.
Wir könnten sie auf ihrem gegenwärtigen Stand halten, wir könnten
sie bedeutend erhöhen, oder wir könnten sie wesentlich verringern.
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Um die Bereitschaft der Vereinigten Staaten zur Herabsetzung
ihrer Rüstungen und ihre Fähigkeit zu demonstrieren, dabei immer
noch den Wohlstand nicht nur ihrer eigenen Bürger sondern auch
den ihrer Freunde in anderen Teilen der Welt zu steigern, gab
ich am 19»September einen Überblick über die Stärke der amerikanischen Streitkräfte zu Protokoll, wie sie sich von Jahr zu Jahr
seit dem letzten Kriegsjahr entwickelt hat. Ich zeigte, daß
unsere Stärke von rund 11 V2 Millionen Mann im letzten Kriegsjahr auf 1 ty2 Millionen vor Ausbruch des Koreakrieges gesunken
war.
Beim Vorliegen der von mir aufgezeigten Bedingungen werden
wir, wie ich glaube, keine großen Schwierigkeiten haben, uns auf
einen entsprechenden Stand unserer Streitkräfte zu einigen. Ich
glaube jedoch, daß bei den Verhandlungen Faktoren zu berücksichtigen sind, die seit dem Jahr 1952 eine'wachsende Bedeutung gewonnen haben, und die sich - wie die Zunahme der Vorräte an
Atomwaffen - bei einer Überwachung nicht feststellen lassen.
Während dieser Sitzungen hat die amerikanische Delegation
von neuem versichert, daß ein allgemeines Abrüstungsabkommen
wesentliche Bestandteile der bewaffneten Streitkräfte einschließ- .
lieh der militärischen Stützpunkte einschließen sollte.
Das bezieht sich auch auf solche Stützpunkte, die die Vereinigten Staaten auf Wunsch und Verlangen anderer Länder im
Auslande unterhalten - sowie auf die Stützpunkte, die die
Sowjetunion sowohl im eigenen Lande wie im Auslande unterhält.
Derartige' Stützpunkte sind das Produkt der Zeit und der
Spannungen, in denen wir leben; wir unsererseits haben sie errichtet im Rahmen der Bemühungen der freien Welt, sich zu schützen und der Sache des Friedens zu dienen.
Wenn die Atmosphäre, aus der sie entstanden, sich verbessert, dann wird nach dem Gesetz der Logik mit dem geringeren
Zwang zur Verteidigung auch das Bedürfnis nach der Schaffung
derartiger Stützpunkte schwinden.
Mit Interesse haben wir die Verlautbarung der Sowjetunion
zur Kenntnis genommen, daß sie ihre Stützpunkte in Pakkala und
Port Arthur freigegeben und gewisse Einschränkungen bei ihren
bewaffneten Streitkräften vorgenommen hat. Doch haben wir bereits
darauf hingewiesen, und ich bestätige dies nochmals hier, daß
wir die Bedeutung derartiger Maßnahmen nicht richtig einzuschätzen vermögen, solange wir nicht offiziell über die Gesamtstärke
der sowjetischen Streitkräfte oder die Bedeutung des Stützpunktes Porkkala, etwa im Verhältnis zum Ausbau oder der Verkleinerung
anderer wichtiger sowjetischer Stützpunkte im Ostsee-Gebiet,
unterrichtet werden.
Ob nun die Vereinigten Staaten ihre Streitkräfte weiter
reduzieren oder sie in irgendeiner Weise in ihrer Zusammensetzung
verändern, oder ob früher oder später eine Einigung hinsichtlich
der Abrüstung erzielt wird, auf eines kann sich die Welt verlassen:
Die Vereinigten Staaten wünschen ein Verbot der Verwendung
von Atomwaffen oder irgendwelcher anderen Waffen oder bewaffneten
Streitkräfte - seien es Kanonen, Tanks, Flugzeuge, Gewehre oder

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oder was immer - zu irgendeinem anderen Zwecke als den in Übereinstimmung mit unseren unter der Charta der Vereinten Nationen
eingegangenen Verpflichtungen sowie zur Abwehr einer Aggression.
Wie sieht die nächste Zukunft aus?
Da wir nun zunächst unsere Beratungen beenden, können wir
meiner Ansicht nach doch einiges berichten, was zu Hoffnungen
berechtigt:
1) Wir haben auf unseren Sitzungen stets im Geist von Genf
gehandelt. Alle, die in den letzten Jahren an den Beratungen
des Ausschusses teilgenommen haben, können wohl bezeugen, daß
sich das Klima entschieden gebessert hat.
2) Man ist sich allgemein und eingestandenermaßen darüber
im klaren, daß die modernen Waffen für jedes Land die Gefahr der
vollkommenen Vernichtung mit sich bringen.
3) Wir alle sind uns darin einig, daß in bezug auf etwaige
Abrüstungspläne ein neues Moment von ungeheurer Bedeutung aufgetaucht ist - die Tatsache nämlich, daß bedeutende Mengen atomarer Waffen heimlich angesammelt werden können, ohne bei Inspektionen sogleich entdeckt zu werden.
4) Wir alle sind uns darin einig, daß es von erstrangiger
Bedeutung ist, ein Mittel zu finden, sich gegen Überraschungsangriffe, insbesondere Angriffe mit Atomwaffen, zu schützen.
5) In unseren Ansichten über eine Inspektion gab es eine
geringfügige, eine nur sehr geringfügige Annäherung: Wenn die
Sowjetunion den Gedanken einer Luftinspektion, sei es in Form
des von Präsident Eisenhower vorgeschlagenen Planes oder als
Teil eines umfassenden Systems der ständigen Überwachung, auch
nicht angenommen hat, so hat sie ihn zumindest auch nicht abgelehnt. Wir unsererseits sind durchaus bereit, in einen Inspektionsplan auch den Begriff der Bodenüberwachung etwa in dem von
der Sowjetunion entwickelten Sinne aufzunehmen. Auch die britische und die französische Delegation haben sehr wertvolle neue
Gedanken hinsichtlich der Inspektion vorgebracht.
6) Wir alle sind uns in dem Wunsche einig, letzten Endes
alle Waffen und alle bewaffneten Streitkräfte zu beschränken und
zu reduzieren.
Mir scheint, es dürfte einer Entwicklung in diesem Sinne
sehr förderlich sein, wenn die Sowjetunion sich unter anderem
dazu verstehen wollte:
1 . Sich der Logik ihrer eigenen Feststellungen hinsichtlich der Unberechenbarkeit der Kernwaffen zu beugen und mit uns
gemeinsam nach neuen Mitteln und Wegen zu suchen, die der Situation.gerecht werden.
2. Mit uns gemeinsam die besten Mittel und Wege zur Verhinderung von Überraschungsangriffen zu suchen und insbesondere
ihre Gedanken über den Plan des Präsidenten und eine Luftinspektion als Teil eines ständigen ÜberwachungsSystems zu entwickeln.

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3. Durch konkrete Maßnahmen auf allen übrigen Gebieten, in
denen noch Uneinigkeit besteht, zur politischen Entspannung der
Weltlage mit beizutragen.
Ich habe bei unseren Zusammenkünften mein Bestes getan, um
c£«n Zielen und Absichten des Volkes und des Präsidenten der Vereinigten Staaten gerecht zu werden. Vieles, was ich sagte, mag
unzulänglich gewesen sein oder durch das Auf und Ab der Diskussion
im Protokoll nicht so klar zum Ausdruck kommen. Damit die Unterlagen, die dem Bericht beigefügt werden, in bezug auf den Plan
des Präsidenten und unsere Politik vollständig sind, werde ich
heute ein Memorandum der amerikanischen Delegation über diesen
Plan vorlegen, den das Sekretariat allen Mitgliedern zur Kenntnis bringen wird.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß die Abrüstungskommission, die Vollversammlung und die Völker der Welt die in
diesem Memorandum dargelegte Stellungnahme"billigen werden.
Meine Herren, zum Schluß darf ich allen meinen Kollegen und
unseren wackeren Mitarbeitern im Sekretariat dafür danken, daß
ich den Vorzug genießen durfte, mit ihnen gemeinsam einer Sache
zu dienen, die sich, des bin ich sicher, als ein fruchtbares
Unternehmen herausstellen wird.
Ich bin gewiß, daß wir alle und die Sache der Menschheit,
der wir dienen, letzten Endes siegen werden. Denn ein Mißlingen
unserer Bemühungen verbietet sich von selbst angesichts der
furchtbaren Alternativen in diesem unserem Atomzeitalter. Nie
zuvor sah sich die Menschheit vor so schicksalhafte äußerste
Entscheidungen gestellt: auf der einen Seite so absolute Verwüstung, wie der menschliche Verstand sie nicht zu fassen vermag,
auf der anderen Seite ein Ausblick in reichere Pülle des Lebens,
als der Mensch sich je träumen ließ«
Da kann es, bei Gott, keinen Zweifel geben, welchen Weg
die Völker wählen werden!

* * * * *

�DULLES ERWARTET "ÄRA DER FRIEDLICHEN VERÄNDERUNGEN"
MIAMI (Florida) — (AD) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede,
die US-Außenminister John Foster Dulles am
10. Oktober 1955 auf dem 37- Jahreskonvent
des amerikanischen Kriegsteilnehmerverbandes
"American Legion" in Miami gehalten hat.
Es ist eine Ehre und ein Privileg, zur Eröffnung Ihres Jahreskonvents zu sprechen. Gerade Sie waren in Zeiten der nationalen Gefahr bereit, Ihr Leben zu opfern, damit unser Land und
seine Prinzipien weiterleben konnten. Und in Friedenszeiten haben Sie durch Ihre Jahreskonvente und Ihre zahlreichen Ausschüsse
sowie Ihre Tätigkeit auf erzieherischem Gebiet den patriotischen Geist gepflegt.
Die Vaterlandsliebe ist eine große Tugend. Sie ist eine
Tugend, von der das Bestehen der freien Gemeinschaften abhängt.
Der Despotismus kann Opfer befehlen. Aber freie Gemeinschaften
können lediglich zu Opfern aufrufen, und der Maßstab für die
Antwort ist der Patriotismus.
Der Patriotismus aber kann zu einer Kraft des Bösen und
des Fanatismus pervertiert werden. In unserem Lande jedoch ist
der Patriotismus im allgemeinen von der Vernunft geleitet worden und hat darauf geachtet, daß unser eigenes Wohlergehen mit
dem der anderen gleichgesetzt wurde. Vielleicht liegt das daran,
daß die Menschen bei uns in Gottesfurcht gelebt und das Gebot
der Bibel beachtet haben, das besagt: "Was ihr wollt, das euch
die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch".
Tatsächlich sind seit den frühesten Tagen unserer nationalen Geschichte Patriotismus und Religion eng miteinander verbunden gewesen. George Washington sagte in seiner Abschiedsbotschaft: "Vergebens würde derjenige den Ruhm des Patriotismus
für sich beanspruchen", der nicht Religion und Moral als die
tragenden Säuler. unserer freien Gesellschaft annimmt.
Dieser Art Patriotismus kann kein rein selbstsüchtiges
Motiv zugrunde liegen. Er sucht den Völkern die Freiheit zu
bringen und strebt nach der Würde des Menschen. Er begrüßt
eine internationale Zusammenarbeit zur Erreichung dieser Ziele
und hat von solch einem Hand-in-Hand-Arbeiten nichts zu befürchten.
Man
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Man sollte sich nirgendwo mit dem Gedanken tragen, daß die
internationalen Ereignisse der jüngsten Zeit so etwa die Genfer
Konferenz auf höchster Ebene, die Vaterlandsliebe und die damit
verbundene Disziplin und Opferbereitschaft weniger notwendig gemacht haben.
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges waren unsere freiheitlichen Institutionen noch immer Gegenstand heftiger Angriffe. Sie
haben diese Angriffe nicht nur überlebt, sie sind dadurch sogar
noch stärker gewordenc Der letzte erbitterte Angriff erfolgte
im vergangenen Frühjahr, als die Kommunisten verzweifelt versuchten, die Schaffung der westeuropäischen Einheit zu verhindern.
Nachdem diese Bemühungen gescheitert waren, haben die sowjetischen Machthaber ihr Verhalten radikal geändert. Zehn Jahre
lang war Unduldsamkeit der Grundakkord. Sie bedrohten alle als
Feinde, die nicht der kommunistischen Linie folgen und die kommunistische Disziplin anerkennen wollten, wie sie von Moskau aus
verlangt wurde.
Nunmehr scheint alles verwandelt. Heute ist es die Politik
der Sowjets, freundlich zu erscheinen und sich mit aller Welt
an einen Tisch zu setzen. Vielleicht haben die Russen ein Sprichwort, das wie das unsere besagt: "Kannst du Sie nicht überwältigen, schließe dich ihnen an".
Aber die Russen als diejenigen, die sich hier "anschließen",
schaffen neue Probleme - für uns und für sich selbst.
Innerhalb des Sowjetblocks läßt die Bevölkerung immer mehr
erkennen, daß sie auch von der Toleranz etwas spüren möchte,
die man anderen in so großzügiger Weise angedeihen läßt. Vielleicht ist ein solches Begehren dazu angetan, den Sowjetblock
mit der Zeit zu einer allseits respektierten Gruppe der Völkerfamilie zu machen.
Außerhalb des Sowjetblocks sind manche Türen, die gewöhnlich
verschlossen waren, jetzt geöffnet - oder zumindest angelehnt.
Und dies ist der Fall, noch ehe jemand etwas Genaues über den
eigentlichen Zweck des sowjetischen "New Look" wissen kann. •
Nach der Lehre des Sowjetkommunismus ist Rückzug und Zickzack-Kurs seit eh und je ein taktisches Manöver gewesen, um die
eigene Sache voranzubringen. So können wir nichts darüber aussagen, ob das, was sich jetzt abspielt, Ausdruck eines echten Gesinnungswandels oder aber nur ein Manöver ist. Wir müssen mit
Plänen aufwarten können, die beiden Möglichkeiten gerecht werden.
Sie dürfen nicht zum Scheitern bringen, was vielleicht die Wandlung sein könnte, auf die die ganze Welt sehnsüchtig'wartet .Andererseits
dürfen wir uns nicht einer möglicherweise tödlichen Gefahr aussetzen.
Unsere Politik stand vielleicht nie zuvor vor einer so
schwierigen und heiklen Aufgabe, Mit Klugheit allein ist es hier
nicht getan. Wir müssen vielmehr auf grundlegende Werte bauen.
Zum Glück verfügen wir über- solche grundlegenden positiven Werte,
sowohl auf materiellem als auch auf moralischem Gebiet. Diese

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Diese Werte sind nicht aggressiver Natur, doch üben sie einen
tiefgreifenden Einfluß auf die internationalen Angelegenheiten aus.
Lassen Sie mich einen kurzen Überblick über diese unsere Aktiv^
posten geben:
Wir haben eine produktive Wirtschaft. Unser Bruttosozialprodukt ist das größte in der Geschichte der Menschheit und. wird
gegenwärtig auf annähernd 400 Milliarden Dollar jährlich geschätzt.
Wieviel das ist, wird uns erst dann klar, wenn wir uns vor Augen
halten, daß es dreimal so groß ist wie das der Sowjetunion mit
ihrer so viel größeren Bevölkerungszahl.
Bedeutsamer noch als die Quantität ist die Zufriedenheit der
Menschen, die mit unserer Produktion einhergeht. Dies ist die
Folge des Prinzips der Freiwilligkeit. Kein Regierungsdekret zwingt
Männer und Frauen zu einer Arbeit, die ihnen zuwider ist. Und da
die Menschen Arbeit verrichten, die sie gerne tun, so suchen sie
sich gegenseitig zu überbieten und streben so nach Wettbewerb und
einer immer größeren Produktivität.
Es ist in gleicher Weise bedeutsam, daß das, was von unserer
Bevölkerung freiwillig produziert wird, nicht nur mengenmäßig gewaltig ist, sondern auch in weitestem Ausmaß verteilt wird, um
einen höheren Lebensstandard herbeizuführen.
Die Arbeit unter Zwang kann natürlich so eingesetzt werden,
daß sie einzelne ins Auge fallende Resultate hervorbringt. Die
Welt ist übersät mit Monumenten des Despotismus der Vergangenheit,
und auch heutzutage werden einige neue derartige Monumente errichtet. Aber die Bewunderung derartiger Gewaltleistungen darf nicht
das Mitleid mit dem menschlichen Elend, das sie verursachen, verdrängen.
Unsere Pflicht und unsere Chance ist es, der Welt das Beispiel einer Wirtschaft zu geben, die auf dem Prinzip der Freiwilligkeit in reichlichem Maße produziert und ihre Produkte in
fairer Weise verteilt. Dies tun wir und müssen wir weiterhin tun
und uns dabei ständig um weitere Verbesserungen bemühen.
Wir sind stark. Aus unserem Volkseinkommen wird ein Teil abgezweigt, um sicherzustellen, daß der Hort der Freiheit nicht eines
Tages ausgeraubt wird.
Wir zweigen nicht gerne menschliche Arbeitskraft für nichtproduktive Aufgaben ab, und wir müssen ein hohes Maß an Pflichtgefühl aufbringen, um, so wie wir es tun, mehr als ein Zehntel
unserer ganzen Produktion für die Verteidigung aufzuwenden. Die
amerikanische Regierung ist bemüht, internationale Bedingungen
zu schaffen, die es uns gestatten, diesen Beitrag für nichtproduktive Aufgaben ohne Gefahr zu verringern.
Wir haben aber keineswegs die Absicht, in dieser Hinsicht'
unvorsichtig zu verfahren.
Wir mußten unsere Rüstung im ersten Weltkrieg überstürzt
aufbauen, und haben sie später verschrottet.
Danny

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Dann, als der zweite Weltkrieg kam, bauten wir die bisher
größte Rüstung der Welt auf, um sie wiederum zu verschrotten.
Und als dann der Koreakrieg kam, mußten wir sie ein drittes
Mal aufbauen. Dieses Mal beabsichtigen wir nicht, uns zu entwaffnen,
solange wir nicht sichergehen, daß andere das gleiche tun.
Wir tun das nicht, weil das amerikanische Volk etwa militaristisch geworden wäre. Gefühlsmäßig ist das amerikanische Volk so
stark wie nur je gegen die Aufrechterhaltung militärischer Einrichtungen eingestellt. Wir tun es vielmehr, weil wir durch bittere
Erfahrungen gelernt haben. Die Sowjetunion selbst war es, die uns
in Korea gelehrt hat, daß Abrüstung, wenn sie sich als einseitig
herausstellt, nicht zum Frieden führt.
Wir würden nur allzu gerne unser Militärbudget reduzieren.
Doch vergessen wir nicht George Washingtons Rat, den er in seiner
Abschiedsbotschaft hinterließ, demzufolge die Staatsfinanzen zwar
in Ordnung zu halten seien, daß aber nichtsdestoweniger "rechtzeitige Ausgaben, um für die Gefahr gerüstet zu sein, weit größere
Ausgaben ersparen, wenn der Gefahr vorbereitet begegnet werden muß"*
Der Terror war schon stets ein Werkzeug der Despoten. Wenn
jene, die keinerlei moralische Skrupel kennen, waffenmäßig überlegen sind, so ist das stets gefährlich.
Aus diesem Grunde müssen wir im eigenen Interesse als auch im
Interesse aller freien Menschen diejenige Stärke aufrechterhalten,
die zur Absehreckung der Aggression erforderlich ist.
Wir haben Grundsätze. Mit unserer Produktivität und unserer
Stärke bezwecken wir nicht, die Welt durcheinander zu bringen.
Diese Kräfte sind durch strenge ethische Grundsätze gebändigt.
Wohl gibt es eine Philosophie, nach der Moral und Außenpolitik
miteinander unvereinbar sind. Das war niemals das amerikanische
Ideal, ist es ebenso heute nicht und wird es, das gebe Gott, auch
in Zukunft niemals sein.
Eine Diplomatie, die sich von der Moral distanziert, trennt
auch die Regierung vom Volk, unser Volk kann politische Maßnahmen
verstehen - und wird sie auch unterstützen -, die nach ethischen
Begriffen erklärt und verstanden werden können. -Eine Politik aber,
die nur auf sorgfältig errechneter Zweckmäßigkeit basiert, ließe
sich nie erklären und würde auch nie verstanden.
Ferner muß eine Nation in unserer Lage eine Politik verfolgen,
von der andere tänder den Eindruck haben können, daß sie fest umrissen und im voraus abzusehen ist. Das ist der Fall, wenn unsere
Politik auf Grundsätzen beruht. Das ist nicht der Fall, wenn unsere
Politik auf dem Flugsand selbstsüchtiger Berechnung basiert.
Als Beispiel der von uns vertretenen Grundsätze nenne ich
das Prinzip, daß zur Erreichung nationaler Ziele keine militärische
Gewalt aggressiv angewendet werden darf.
Stärke, insbesondere große Stärke, ist immer gefährlich, es
sei denn, daß sie selbstauferlegten Beschränkungen unterworfen ist.
Vor

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"AMERIKA DIENST"
Vor kurzem sind wir von den Rotchinesen, die unter Verletzung der koreanischen Waffenstillstandsbestimmungen 15 unserer
Flieger zurückhielten und ins Gefängnis warfen, ernstlich herausgefordert worden, obwohl es in unserer Macht stand, sofortige
und überwältigende Vergeltungsmaßnahmen durchzuführen, taten wir
es nicht, sondern vertrauten auf die Vereinten Nationen und den
von ihnen ausgeübten moralischen Druck. Heute nun befinden sich
alle 15 in Freiheit und sind in ihre Heimat zurückgekehrt.
Wir hoffen, daß die chinesischen Kommunisten dieses Prinzip
der "Entsagung jeglicher Gewaltanwendung" für sich akzeptieren
werden. Bisher haben sie weitgehend mit dem Schwert regiert.
Sie kamen durch eine gewaltsame Revolution an die Macht. Sie
marschierten in Korea ein, um gegen das UN-Oberkommando zu
kämpfen. Sie nahmen Tibet mit Gewalt. Sie verbündeten sich in
Indochina mit der Gewalt. Aber vielleicht beginnen sie jetzt einzusehen, daß ein Beharren auf der Gewaltanwendung sie mit Sicherheit in das Unglück stürzen wird.
Ein weiteres der von uns vertretenen Prinzipien ist, daß
die Produktivität nicht nur rein selbstsüchtigen Zwecken dient.
Wir wollen nicht eine Oase der materiellen Prosperität in einer
Wüste menschlichen Elends sein.
Während der vergangenen zehn Jahre hat unsere Regierung
fremden Staaten schätzungsweise 40 Milliarden Dollar in Form
von Zuwendungen oder Krediten für wirtschaftliche Maßnahmen zur
Verfügung gestellt.
Empfängerstaaten waren im wesentlichen jene unserer Verbündeten, die in hohem Maße unter dem Krieg zu leiden hatten,
oder die mit uns zusammen von einer gemeinsamen Gefahr bedroht
sind und eine gemeinsame Verteidigung aufbauen.
In der gleichen Zeit sind von der privaten Wirtschaft
schätzungsweise 12,5 Milliarden Dollar ins Ausland vergeben
worden, um bei der Entwicklung von Ländern verwendet zu wearden,
die ausländisches Kapital suchen und entsprechende Infrestitionsmöglichkeiten bieten.
So sind wir bemüht, unser großes Bruttosozialprodukt und
unsere große militärische Stärke in Übereinstimmung mit vernünftigen Grundsätzen anzuwenden.
Manche Völker würden es zuzeiten lieber sehen, wenn die
Vereinigten Staaten von ihren Grundsätzen abwichen, um ihnen
bei der Lösung unmittelbar anstehender Probleme zu helfen.
Sie mögen sich, wenn wir uns nicht dazu bereitfinden, zeitweilig von uns abwenden. Aber unter einer solchen oberflächlichen
Unzufriedenheit ist, wie mir scheinen will, ein Gefühl der Achtung für die Vereinigten Staaten spürbar, weil wir zumindest versuchen, nach unseren Grundsätzen zu leben. Sicherlich ist dies
um unseres eigenen Gefühls der Selbstachtung willen notwendig.
Wir leben in Partnerschaft. Die moderne Entwicklung auf dem
Gebiet des Verkehrs- und Nachrichtenwesens hat die Völker, physisch gesehen, viel enger zusammengeführt, so daß heute Dinge,
die den einen angehen, gleichzeitig viele angehen. Es war schon
immer falsch, nach dem Sprichwort zu handeln: "Jeder für sich,
und nach mir die Sintflut." Heute ist es noch töricht dazu.

�"AMERIKA DIENST"

12. Oktober 1955

In unseren Ländern sucht die Bevölkerung Sicherheit auf einer
kollektiven Basis, sie hat ihre Polizei, ihre Feuerwehr und andere
Einrichtungen zum Schutz des Bürgers. Durch Zusammenarbeit erreicht
sie damit einen höheren Grad der Sicherheit bei geringerem Kostenaufwand .
Die Zeit ist gekommen, da auch für die Nationen die Notwendigkeit besteht, sich auf einer solchen Basis des Gemeinwesens zu
vereinen.
Das Ideal wäre natürlich die Erlangung einer kollektiven
Sicherheit auf einer universalen Basis,. Das ist die Idee der Vereinten Nationen. Aber Glaube und Vertrauen existieren bis jetzt
noch nicht auf einer universalen Basis. Daher haben viele Nationen
ihre eigenen kollektiven Sicherheitsorganisationen geschaffen, wie
sie in der Charta der Vereinten Nationen gestattet sind.
Die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig im Rahmen von Sicherheitsabkommen Partner von 44 Nationen. Dadurch soll ein Maß an
Sicherheit geschaffen werden, das kein einzelner, auch der Stärkste
nicht, auf rein nationaler Grundlage erreichen könnte.
Die sowjetischen Machthaber geben vor, diese Entwicklungen als
Gefahr zu betrachten. Sie befürworten - für andere - was sie
"Neutralität" nennen. Damit meinen sie, daß jedes Land so schwach
sein sollte, wie es unvermeidlich sein muß, wenn es auf sich alleine
gestellt ist.
Aber die sowjetischen Machthaber praktizieren - für sich
selbst - etwas, das völlig verschieden von dem ist, was sie anderen predigen. Sie haben sich mit Gewalt einen riesigen Herrschaftsbereich geschaffen. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
ist selbst ein Vielnationalitätenstaat und besteht aus 16 sogenannten Republiken, von denen mehrere einst unabhängige Nationen
waren.
Mehrere andere Länder sind ganz oder teilweise über die sowjetische kommunistische Partei oder durch die Rote Armee an den
Sowjetblock gekettet.
Es besteht eine enge Übereinstimmung mit dem kommunistischen
China, das seinerseits wieder mehrere andere Nationen vollkommen
oder teilweise beherrscht.
Der Sowjetblock stellt demnach eine Verschmelzung von rund
900 Millionen Menschen dar, die unter normalen Verhältnissen mehr
als 20 verschiedene nationale Einheiten bilden würden.
Die Vereinigten Staaten glauben nicht an die Möglichkeit
praktischer Neutralität. Sonderfälle ausgenommen, ist Neutralität
heutzutage ein veralteter Begriff. Es ist dasselbe, als wollte
man die Gemeinden auffordern, ihre Polizei abzuschaffen und es
jedem Bürger überlassen, sein Heim selbst mit dem Gewehr in der
Hand zu verteidigen.
Ebenso glauben wir nicht, daß Nationen oder Völker, die u
abhängig zu sein wünschen, unter die unerwünschte Herrschaft anderer gezwungen werden sollten, allein um einen monolithischen

�"AMERIKA DIENST"

12* Oktober 1955
i

monolithischen Machtblock zu bilden. Wir glauben nicht, daß eine
derartige künstliche Einheit von Dauer ist oder daß sie zu einer
echten Sicherheit führt.
Wir sind der Ansicht, daß Völker, die Vertrauen zueinander
haben, sich im Interesse ihrer gemeinsamen Sicherheit aus freien
Stücken zusammenschließen sollten.
Die Vereinigten Staaten leisten ihren Beitrag, um diese
modernen und richtungweisenden Praktiken zur Anwendung zu bringen,
durch die alle, denen die Freiheit teuer ist, mit größerer Sicherheit dieser Freiheit gewiss sein dürfen.
Wir haben Frieden. Und Friede ist das Ziel, das wir sehnlichst erstreben. Doch wollen wir niemals vergessen, daß der
Friede, den wir heute haben, und der Friede, den wir erhalten
wollen, nicht ein Frieden um jeden Preis ist. Es ist Friede in
Freiheit, errungen von jenen, die bereit waren, für ihn zu
kämpfen und zu sterben.
Im Winter vorigen Jahres, als im Gebiet von Formosa eine
Aggression drohte, hat der Kongreß geschlossen den Präsidenten
ermächtigt, zur Verteidigung der lebenswichtigen Interessen unseres Landes wie unseres Verbündeten in jenem Gebiet die Streitkräfte der Vereinigten Staaten einzusetzen.
Ich glaube, daß diese Maßnahme unermeßlich viel zur Erhaltung des Friedens beigetragen hat.
Vor zwei Jahren sprach ich vor Ihrem Jahreskonvent in
St. Louis. Im Zusammenhang mit der "Kunst des "Friedens" sagte
ich damals: "Wenn Ereignisse sich anzubahnen scheinen, die dazu
führen können, daß wir kämpfen müssen, so wollen wir unsere Absicht von vornherein klar zum Ausdruck bringen, denn dann wird
ein Kampf wahrscheinlich überflüssig". Die Maßnahme des Kongresses war eine Anwendung dieser Doktrin in der Praxis.
Der Friede, zumindest jene Form des Friedens, die zu gewinnen einzig erstrebenswert ist, erfordert eine unerschrockene
Geisteshaltung bei der Verteidigung der Freiheit und Gerechtigkeit. Ohne jenen Geist verlieren die Aggressoren jeglichen Maßstab, bis es schließlich aus lauter Verzweiflung zu Widerstand
und Krieg kommt.
Damit aber niemand das, was ich hier sage, auf irgendeine
Weise oder aus irgendeinem Grund mißverstehen oder falsch wieder
geben kann, möchte ich vor Ihnen erklären, was Sie alle wissen:
Keine Nation der Welt hätte sich mehr und noch umfassender dem
Frieden verschreiben können als die unsere.
Es war einer der großen Gewinne, der Genfer Konferenz auf
höchster Ebene, daß sie Präsident Eisenhower Gelegenheit gab,
die Friedensliebe unseres Volkes zu demonstrieren, die über jeden
Zweifel erhaben ist. Ich verweise hier besonders auf sein spontan vorgebrachtes Angebot, militärische Pläne mit der Sowjetunion
auszutauschen und ihr auf der Basis der Gegenseitigkeit die Erlaubnis zum überfliegen der Vereinigten Staaten zu erteilen. Das
war ein Angebot, das nur aus der Gelassenheit des Geistes der

�12. Oktober 1955

"AMERIKA DIENST"

der Friedensliebe unseres hochverehrten Präsidenten kommen konnte.
Und die Nation hat diesen Vorschlag voll und ganz unterstützt«.
Wir hoffen, daß die sowjetischen Machthaber dies akzeptieren
werden. Wenn sie dies in' ehrlicher Absicht tun, können wir vertrauensvoll zu den internationalen Maßnahmen für eine Reduzierung
und Kontrolle der Werkzeuge des Todes schreiten.
Präsident Eisenhowers jüngstes Angebot bildet eine Portsetzung anderer dramatischer Vorschläge, die für die Verwirklichung des Friedens gemacht wurden. Im Jahre 1946 bot Präsident
Truman an, unser damals bestehendes Monopol auf dem Gebiet der
Atomenergie zu internationalisieren. Im Dezember 1953 schlug
Präsident Eisenhower vor, daß spaltbares Material, damals für
Kriegszwecke bestimmt, der Arbeit für den Frieden dienstbar gemacht werden solle.
Auf diese Weise bekunden die Vereinigten Staaten ihre fried
liehen Absichten. Aber, wie Präsident Eisenhower unlängst erklärte,
»'dürfen wir vom Frieden nicht als einem statischen Zustand' im Weltgeschehen denken ... Und wenn es keinen friedlichen Wandel gibt,
dann muß es zu einer gewaltsamen Veränderung kommen". Und der
Präsident führte als Beispiel für solche eines Wandels bedürfen
den Situationen die Teilung Deutschlands und die Unterwerfung
der einstmals freien Staaten Osteuropas an.
Es gibt verschiedene Skeptiker, die daran zweifeln, daß
ein solcher Wandel auf friedlichem Wege herbeigeführt werden
kann. Die Geschichte rechtfertigt eine solche Überzeugung nicht.
Die vor kurzem erfolgte Befreiung Österreichs kam vor allem zustande, weil die Weltmeinung sie beharrlich als einen Akt elementarer Gerechtigkeit forderte. In der gleichen Weise wird die Meinung der Welt einen Zwang auf die Sowjetunion ausüben, den Griff
um Ostdeutschland zu lockern und eine Vereinigung Deutschlands zu
gestatten.
Ich glaube auch, das die Weltmeinung die Wiederherstellung
der nationalen Unabhängigkeit der unterdrückten Staaten Osteuropas
erzwingen wird. Die Unabhängigkeit muß aber auch für die abhängigen Länder kommen, deren Völker Unabhängigkeit wünschen und in
der Lage sind, sie aufrecht zu erhalten. Den weniger entwickelten
Gebieten sollte dabei geholfen werden, ihrer Bevölkerung ein bes
seres Leben zu geben.
Diese Veränderungen werden sich sicherlich vollziehen. Die
einzige Frage ist, wann und durch wen. Wir können und müssen
praktisch einer Ära friedlicher Veränderungen entgegenblicken.
Wir suchen nichts anderes als Frieden. Aber wir suchen nur einen
Frieden, der heilsam und schöpferisch wirkt.
Die Vereinigten Staaten hegen nicht den Wunsch und haben kein
Mandat erhalten, die Welt zu regieren. Viele Dinge werden auch
ohne unsere Hilfe den rechten Weg gehen und viele Dinge werden
den falschen Weg gehen, ohne daß wir etwas dagegen tun können.
Wir werden nicht immer in der Lage sein, andere vor dem zu bewahren, was wir als einen Fehler für sie erachten, und wir wissen,

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�12. Oktober 1955

»AMERIKA DIENST"

wissen, daß wir manchmal Dinge tun, die nach Ansicht anderer falsch
sind. Aber eines können wir tun, nämlich ein Land sein, das für
das einsteht, wonach alle Menschen trachten.
Das war in der Tat die Mission unserer Nation seit ihrer
Gründung. Wie unsere Gründerväter sagten, "es scheint dem Volk
dieses Landes vorbehalten zu sein, durch sein Vorbild und Beispiel
zu zeigen", daß es den Menschen möglich ist, in voller Freiheit
einen gut funktionierenden Staat zu schaffen; und daß "ein Versagen
seinerseits ein allgemeines Unglück für die Menschheit" wäre. In
all den Jahren, die seit damals vergangen sind, hat unsere Nation
sich dieses Ideals würdig gezeigt. Und diese Mission ist auch heute
noch unsere Aufgabe.
Wenn wir als freies Land eine reiche Produktion haben; wenn
wir über die nötigen Verteidigungskräfte zur Abschreckung von
Aggressionen verfügen; wenn wir unsere militärische und wirtschaftliche Stärke in Übereinstimmung mit hohen sittlichen Prinzipien
einsetzen; wenn wir unsere brüderliche Hand all jenen reichen,
die sie aufrichtig ergreifen wollen; und wenn wir einen Frieden
erstreben, der alle Ungerechtigkeit ausrottet, dann können wir
vertrauensvoll in die Zukunft blicken. So entrichten wir Lebenden
durch unsere Vaterlandsliebe den Toten, die ihr Vaterland liebten,
unseren Tribut.
*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DI?, LAGE IM VORDEREN ORIENT

NEW YORK — (AD) — Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der Sonderbotschafter Präsident Eisenhowers für den
Vorderen Orient, Eric A. Johnston, am 18. Oktober auf einem öffentlichen Diskussionsabend gehalten hat, der von der "New York Herald Tribüne"
veranstaltet wurde.

Ich bin heute morgen hier in New York eingetroffen, nachdem
ich zwei Monate lang-den Vorderen Orient bereist habe - zwei
Monate, während der ich so hart wie nie zuvor in meinem Leben
gearbeitet habe.
Es war dies mein vierter Besuch in diesem Gebiet seit Oktober 1953» als Präsident Eisenhower mich zum ersten Male gebeten
hatte, als sein persönlicher Vertreter dorthin zu reisen, um den
Regierungen von Libanon, Syrien, Jordanien und Israel einen Plan
für die Verteilung und Verwendung des Wassers im historischen
Jordantal zu unterbreiten.
In den Dürregebieten de s Vorderen Orients bedeutet Wasser
Leben - es kann aber auch To d bedeuten. Der Jordan fließt durch
Länder, die sich technisch g esehen im Kriegszustand befinden,
und in deren Grenzgebieten e ine so große Spannung herrscht, daß
man dort in des Wortes wahrs ter Bedeutung den Pinger dauernd am
Abzug hat. Im Grunde genomme n»bestand die mir übertragene Aufgäbe darin, durch friedliche Verhandlungen ein fast unvermeidbar erscheinendes Blutvergie ßen im Bereich dieses so kostbaren
und heißumstrittenen Stroms zu verhindern.
Ich möchte mir die Zeit sparen, n och einmal eine chronologische Übersicht über diese meine Reis en zu geben. Ich begnüge
mich vielmehr mit dem Hinweis, daß auf meiner ersten Reise vor
zwei Jahren allein schon der Vorschlag , daß man nach einer gemeinsamen Basis für eine Verteilung de s Wassers unter den drei
arabischen Staaten und Israel suchen s olle, in einigen von mir
besuchten Hauptstädtsi auf heftige Able hnung stieß. Man hat mich
nicht gerade aufgefordert, sofort wied er abzureisen, man hat mir
aber sehr eindeutig zu verstehen gegeb en, daß meine Bemühungen
einfach eine Zeitverschwendung seien. Irgendwie gelang es mir
- 1 -

�»AMERIKA DIENST"

19. Oktober 1955

mir aber doch, die Türe offen zu halten und die betroffenen vier
Regierungen dazu zu bewegen, den Vorschlag einmal zu erwägen und
mich nach einem halben Jahr nochmals zu hören.
Die arabischen Staaten haben sogar mehr getan als sich die
Sache nur zu überlegen» Sie bildeten eine technische Kommission
aus Ingenieuren, die die Vorschläge in allen Details nachprüfen
sollten. Sie brachten ihrerseits einen Gegenvorschlag vor. Um sich
nicht ausstechen zu lassen, tat Israel ein Gleiches.
Auf meiner zweiten und dritten Reise wurden die in den verschiedenen Vorschlägen enthaltenen Grundgedanken in langwierigen
Verhandlungen mit den arabischen Staaten einerseits und Israel
andererseits in einen neuen Plan eingearbeitet. Das Ergebnis war
die Neufassung des "Jordantalplanes", über den ich in den abgelaufenen beiden Monaten im Vorderen Orient verhandelt habe.
Unmittelbar vor meiner Abreise am vergangenen Freitag schrieb
eine Beiruter Zeitung in einem Artikel über den Verlauf meiner
Verhandlungen: "Er ist sicherlich ein geduldiger Mensch".
Ich bin nicht sicher, daß dies als ein Kompliment gedacht war.
Nach zweijährigen-Verhandlungen hatte die Zeitung aber wohl ein
gewisses Recht, eine solche Bemerkung zu machen - nicht, weil ich
ein geduldiger Mensch bin, sondern weil ich einfach geduldig sein
mußte, wenn ich mit der übernommenen Aufgabe nur irgendwie zu Rande
kommen wollte.
Und was noch-wichtiger ist, auch die Regierung der Vereinigten
Staaten übte Geduld. Der Präsident und der Außenminister haben
mich mit bewundernswerter Nachsicht immer wieder ermutigt, angesichts von oft geradezu unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten, auszuharren. Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles
hätten angesichts der anscheinend gegebenen Unnachgiebigkeit auf
geiten einiger der an dem Vorhaben beteiligten Regierungen,oft
genug allen Grund gehabt, unser Angebot, als Vermittler zu handeln
und wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren, zurückzuziehen.
Der Tatsache, daß sie das nicht taten und daß sie die Vielschichtigkeit der Probleme erkannten, die es auf Seiten einiger Regierungen
im Gebiet des Vorderen Orients zu lösen galt, ist der erzielte Erfolg in mindestens ebenso hohem Maße zuzuschreiben, wie dem, was
ich zu tun in der Lage war.
Wir haben Portschritte erzielt - und zwar sehr bedeutende
Portschritte. Der Auftrag, den mir der Präsident erteilt hat,
wird voraussichtlich schon bald erfolgreich beendet werden können.
Geduld und eine beharrliche Bereitschaft zur Verständigung
haben dazu geführt, daß der anfangs fast allgemein abgelehnte
Jordanplan heute schon nahezu allgemeine Anerkennung findet.
Ich glaube, daß die amerikanische Politik im Mittleren'Osten
aus den von uns gemachten Erfahrungen praktischen Nutzen ziehen
kann«, Wir haben begriffen, welchen Wert der Beharrlichkeit in
einem Gebiet beizumessen ist, in dem sich die Dinge nach amerikanischem Geschmack allzu langsam entwickeln und wo die Bevölkerung
lieber nein sagt, wenn man sie zu einer schnellen Entscheidung
drängt.
.,

�"AMERIKA DIENST"

19- Oktober

1955

Als ich vor nur zwei Tagen aus dem Vorderen Orient abreiste,
bestand nicht der geringste Zweifel darüber, daß Israel und seine
arabischen Nachbarn - libanon, Syrien und Jordanien - den Jordanplan heute als die einzige logische und gerechte Lösung des
Problems der Entwicklung eines Flußsystems anerkennen, das in gewissem Sinne ihnen allen gehört.
Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß sie im großen und
ganzen mit den technischen und konstruktiven Seiten des Planes einschließlich der Aufteilung des Wassers - einverstanden sind.
Sie glauben, daß sich die noch verbliebenen geringen Differenzen
leicht ausgleichen lassen werden. Ich bin überzeugt, daß das der
Pall is.t.
So sind wir nach zwei Jahren nun imstande gewesen, einen Plan
zu entwickeln, den sowohl die arabischen Staaten wie auch Israel
akzeptieren können, weil er beiden Parteien gerecht wird, durchführbar ist und sich mit ihren eigenen nationalen Interessen vereinbaren läßt. Vertreter sämtlicher vier Regierungen haben mir ver&lt;
sichert, daß sie das bereits Erreichte nicht wieder verlieren
wollen; sie haben mir erklärt, daß sie nicht im geringsten daran
dächten, den Plan abzulehnen.
Gewiß gibt es noch manche Dinge zu tun. Auf einer Sitzung,
die ich mit ihnen in Kairo hatte geschlossen die arabischen Länder
einen Zeitaufschub zu-verlangen, um das Projekt nochmals zu prüfen, bevor sie ihm ihre Zustimmung erteilen. Erst in den letzten
Wochen sind in zwei dieser Länder - in Libanon und Syrien - neue
Regierungen gebildet worden. Angesichts zahlreicher schwieriger
Probleme, denen sie in ihren eigenen Ländern gegenüberstehen,
glaubten sie, mehr Zeit zu benötigen, um einen Plan zur Grundlage
ihres Handelns zu machen, der so weitreichende und dauernde Polgen
mit sich bringe. Unter diesen Umständen halte ich ihren Wunsch
nach einem Zeitaufschub nicht für ungerechtfertigt, zumal mir
bedeutet wurde, daß alle drei arabischen Regierungen dem Plan
und seiner schließlichen Annahme günstig gegenüberstehen.
Die Einstellung Israels ist eine ähnliche.
So ist es klar, daß wir der Verwirklichung des Jordanplans
heute näher sind als jemals zuvor.
Tatsächlich ist der Plan bereits eine Realität, die sich
nicht aus der Welt schaffen läßt, und kein politisch begründeter Widerspruch kann es verdunkeln, daß er von Sachverständigen
der arabischen Staaten und Israels gutgeheißen worden ist. Es
ist eine praktische Tatsache, daß heute ein wohldurchdachter
Plan für die Aufteilung und Nutzbarmachung des Jordans und seiner Nebenflüsse zum allgemeinen Wohl der in dem ganzen Gebiet
lebenden Bevölkerung besteht.
Dies ist ein Ergebnis, das all die in den letzten zwei Jahren
gemachten Anstrengungen lohnt.
Trotz der zwischen ihnen bestehenden Spannungen und Reibungen
haben die drei arabischen Staaten und Israel heute tatsächlich
ihre gegenseitigen Interessen in diesem Stromgebiet anerkannt und
in dem Plan eine gemeinsame Grundlage für den Ausgleich dieser
Interessen gefunden.
_„

�"AMERIKA DIENST

19. Oktober 1955

Was aber an diesen Plänen noch bedeutsamer ist, enthüllt
der Umstand, daß sie im Bereich des täglichen Lebens als eine
Manifestation der konstruktiven Politik der Vereinigten Staaten im Orient gelten.
Destruktive Kräfte sind gegenwärtig in diesem Gebiet am
Werk. Überall lauert Gefahr - eine Gefahr, die von den Meistern
der finsteren Kunst der Unruhestiftung heraufbeschworen wird.
Die Sowjetunion scheint sich in ein neues Abenteuer eingelassen zu haben, durch das man die arabischen Völker in eine
Falle führen und aus den freien Völkern Satelliten des sowjetischen Rußlands machen will.
Es liegt offen auf der Hand, daß der Kreml die großen und
strategisch wichtigen Landmassen des Vorderen Orients unter
seine Kontrolle bringen will.
Wenn man die Voraussetzungen kennt, auf denen die Diktatur aufbaut, dann kann diese Tatsache nicht überraschen. Eine
Ausdehnung des Machtbereiches nach außen durch eine politische
Infiltration ist für das sowjetische System so typisch wie die
Wahlen für eine Demokratie. Neue Entwicklungen haben dazu beigetragen, daß sich das diesbezügliche Interesse der Sowjets gegenwärtig auf die arabische Welt konzentriert.
Asien, das einstmals ein fruchtbares Feld für die sowjetischen Expansionsbemühungen war, ist nunmehr zum ausschließlichen Aktionsfeld Chinas, dem neuen kommunistischen Koloß Asiens,
geworden. In Europa, das in der Vergangenheit das Hauptziel der
sowjetischen Ausdehnungspolitik gewesen war, hat der wirksame
Widerstand des Westens den Kommunisten den Weg verlegt.
Nichts also kann für die Sowjets natürlicher sein, als
daß sie die ganzen Energien ihrer.Expansionsbestrebungen auf
den Mittleren Orient und den an Erdschätzen reichen und von
vielen Sorgen heimgesuchten afrikanischen Kontinent konzentrieren.
Etwa die Hälfte aller Erdölvorkommen der Welt liegt in
arabischen Staaten. Die internationalen Luft fahrtVerbindungen
zwischen Europa und dem Fernen Osten gehen über arabische Länder. Ägypten hat die Hand am Pulse einer der wichtigsten Verkehrsadern zur See, dem Suez-Kanal.
Ägypten ist schon ein Teil jenes afrikanischen Kontinentes,
der reich an unerschlossenen natürlichen Hilfsquellen ist, an
der Schwelle zu großen neuen Umwälzungen steht und in dem es
jederzeit zu Unruhen ko'mmen kann. Im Süden Algiers, in BelgischKongo, befinden sich vielleicht die größten Uranvorkommen der
Welt.
Anzunehmen,daß die Sowjets die reich© materielle und politische Beute nicht sähen, die sich hier anbietet, wäre naiv.
Bisher hat man sich damit nicht befaßt, da man andernorts engagiert war. Das ist heute nicht mehr der Fall. Der Kampf um den
Vorderen Orient hat begonnen. .
Und nichts wäre falscher, als die Schritte der Sowjets in
der gleichen Weise zu beurteilen wie die unseren. Dei fcqmmu' - 4 -

�"AMERIKA DIENST"
'
19. Oktober 1955
kommunistische Staat kennt nicht die herkömmlichen moralischen Wertmaßstäbe. Er schafft sich eine eigene Wertskala,
die den jeweiligen Erfordernissen einer Situation angepaßt ist.
Dieser Umstand birgt für uns einen taktischen Nachteil in sich.
Das trifft ganz besonders für den Vorderen Orient zu, wo
das tiefe Regsentiment der arabischen Nationen gegen Israel
einen fruchtbaren Boden für die Agenten des Kremls geschaffen
hat. Der Westen trachtet danach, eine Entspannung herbeizuführen
und den Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn aufrechtzuerhalten. Die Agenten des Kommunismus suchen sich jede Furcht
zunutze zu machen, bestehende Spannungen zu erhöhen und das Vertrauen der arabischen Nationen zum Westen zu erschüttern.
Während der vergangenen zwei Monate habe ich im Vorderen
Orient genug gehört und gesehen, das meine Überzeugung rechtfertigt, daß die in jüngster Zeit seitens der Sowjetunion gemachten Annäherungsversuche an die Staaten dieses Gebietes
nicht nur Demonstrationen der Verbundenheit und der Hilfsbereitschaft sind, sondern vielmehr Anzeichen für eine von langer
Hand geplante Kampagne, um die Staaten dieses Gebietes für den
kommunistischen Machtbereich zu ködern. Hinter den peinlichen
Versprechungen der sowjetischen Diplomaten an die Völker dieses
Gebietes verbirgt sich unverkennbar ein Plan.
Ich befürchte ni'Jht, daß wir uns durch russische Unschuldsbeteuerungen in die Irre führen lassen. Unsere Hauptsorge, so
meine ich, muß es sein, den politischen Führern der Völker dieses Raumes klarzumachen, was sich hinter dieser sanften Miene
verbirgt.
Im Lichte dieser sowjetischen Machenschaften gesehen, gewinnt der Jordanplan eine neue Bedeutung.
Es handelt sich beim Jordanplan um ein Projekt, das den
Menschen zum Wohl gereichen soll. .Für Hunderttausende bedeutet
seine Verwirklichung ein neues Leben, für ganze Völker, die sich
jetzt abmühen, ihrem Lande mit seiner uralten Geschichte die
Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts zu bringen, neuen
Reichtum. Die spärlichen Hilfsquellen dieser Länder werden um
Tausende von Hektar bewässerten fruchtbaren Bodens bereichert
werden können. Neue Industrien werden entstehen, neue Handelamöglichkeiten sich erschließen, die Spannungen sich verringern.
Der Jordanplan verspricht ein besseres Leben, Wachstum und
Fortschritt. Er ist in sehr konkreter Form Ausdruck unserer
Freundschaft; er ist das Spiegelbild unserer Ziele für die
Völker und Nationen des Orients.
Ich hoffe zutiefst, daß sich diese Erwartung im Tal des
Jordans erfüllen wird.
*

*

*

* *

- 5-

�A M E R I K A

D I E N S T

US-VORSCHLAG ZUR ERRICHTUNG EINES ZENTRUMS DER
KERNFORSCHUNG IN ASIEN

Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die John C. Hollister, der
Leiter des US-Amtes für internationale Zusammenarbeit, am 20. Oktober 1955 in Singapur auf der Konferenz der Colomboplan-Staaten gehalten hat.

Herr Vorsitzender,
Seit fünf Jahren nehmen die Vereinigten Staaten an der
Jahreskonferenz des Beratenden Ausschusses teil. Wir sind stolz,
an einer gemeinsamen Aufgabe mitzuarbeiten, die sich auf die
Lösung der Probleme, den Fortschritt und die Möglichkeiten der
wirtschaftlichen Entwicklung dieses wichtigen Raumes konzentriert. Der uns vorliegende Bericht gibt einen kurzen Abriß
über die Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Entwicklung
Asiens in den letzten fünf Jahren.
Anstatt mich jedoch des langen und breiten mit dem Bericht
zu befassen, möchte ich jetzt lieber über ein für uns alle wichtiges Problem und' darüber sprechen, was wir gemeinsam zu seiner
Lösung unternehmen können.
1. Ich möchte zu Ihnen über Atomenergie sprechen und erörtern, was wir im Rahmen des Colomboplanes unternehmen können,
um das Atom für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt
in Asien nutzbar zu machen.
2. Die ganze Welt ist aufgerüttelt worden durch die große
Hoffnung, die eine Anwendung der Atomenergie zum Nutzen und
Wohl des Menschen in sich birgt. Wir' kennen noch nicht die vollen Möglichkeiten dieser gewaltigen Kraft, über die wir heute
gebieten, und wir können auch die einschneidenden Veränderungen
noch nicht voraussehen, die sie in unserem Leben herbeiführt.
Wir haben bereits allen Grund, Vertrauen zu den segensreichen
Möglichkeiten dieser Kraft zu haben - in der ärztlichen Diagnose
und in der Therapie, in der Landwirtschaft, Biologie, in der
Industrie und besonders auf dem Gebiet der Krafterzeugung. Wir
wissen durch die Genfer Atomkonferenz vom August dieses Jahres**
daß Wissenschaftler und Techniker aus vielen Nationen unver_ 1_

�26. Oktober 1955

"AMERIKA DIENST"

unvergleichliche Anstrengungen unternehmen, die Grenzen unseres
Wissens immer weiter zurückzudrängen. Wir sind gewiß, daß als
Folge des Meinungs- und Erfahrungsaustausches in Genf die bereits
erreichten ungeheuer raschen Fortschritte von der Entwicklung
der kommenden Jahre noch in den Schatten gestellt werden.
3. Auf der Genfer Konferenz erfuhren wir, daß in zwei bis
fünf Jahren die ersten großen Atomkraftwerke in Betrieb genommen
und beträchtliche Energiemengen erzeugt werden. Aus den dabei
gemachten praktischen Erfahrungen werden wir mehr über die Wirtschaftlichkeit der Kernkraft und über die Sicherheit und Zuverlässigkeit der verschiedenen Reaktortypen in den einzelnen
Kraftwerken lernen. Wir sind sicher, daß im Lauf der Jahre die
Kernenergie eine immer wichtigere Rolle spielen wird.
4. Die kernphysikalische Forschung,wie auch die praktische
Nutzbarmachung der Atomkraft, hat gewisse Charakteristika, die wir
nicht außer acht lassen dürfen, wenn wir beiden in unserem Leben
immer mehr Raum geben. Am wichtigsten ist hier die Komplexität
der Kernenergie, die nicht einem bestimmten Gebiet der Wissenschaft zuzuordnen ist, sondern die einen bestimmten Weg zur Anwendung vieler Wissenschaften darstellt. Auf dem Gebiet der
Reaktortechnik beispielsweise, gleichgültig, ob es sich um Forschungs- oder Leistungsreaktoren handelt, sind wir auf das
Wissen und Können von Chemikern, Ärzten, Mathematikern, Ingenieuren der verschiedensten Fachrichtungen, Hygienikern, Apparatebauern und vielen Technikern und anderem Fachpersonal angewiesen.
Es muß nicht nur eine ausreichende Zahl dieser Leute aus den verschiedensten Fachrichtungen zur Verfügung, stehen, sondern sie
müssen auch eng zusammenarbeiten, damit die Reaktoren so konstruiert und betrieben werden können, daß ein Höchstmaß an Sicherheit und Leistung gewährleistet ist.
5. Viele Gebiete der Wissenschaft und Sektoren der Industrie
spielen in die praktische Anwendung der Kernenergie herein. Zur
Atomtechnik gehört besonders die Verwendung von Isotopen, die
sich in der medizinischen Forschung und in der Therapie, in der
Agrarforschung, in der Biologie, in den industriellen ÜberwachungS'
und Herstellungsverfahren, in der Sterilisierung von Nahrungsmitteln und auf vielen anderen Gebieten als sehr nützlich erwiesen
haben. Diese Art der Anwendung der Kernenergie dürfte im Lauf
der Zeit durchaus mit der Krafterzeugung aus der gleichen Energiequelle konkurrieren können; aber die Kernenergie wird diese
bedeutungsvolle Rolle überhaupt nur dann spielen, wenn den Fachleuten aus allen einschlägigen Gebieten die Maschinen und Materialien ohne Schwierigkeiten zugänglich gemacht werden.
6. Ein weiteres besonderes Merkmal einer kerriphysikalischen
Forschungs- und Lehrstätte ist die sehr umfangreiche und kostspielige Ausrüstung, die hierfür erforderlich ist. Für viele
Bereiche der Grundlagenforschung und für die Ausbildung auf diesem Gebiet sind nicht nur Kernreaktoren notwendig, die wir gemeinhin als Instrument der Atomforschung anzusehen gelernt
haben, sondern auch Partikelbeschleuniger, die uns schon seit
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

26. Oktober 1955

seit längerer Zeit vertraut geworden sind.
Um ein umfassendes Forschungsprogramm durchführen zu können,
ist es notwendig, mehrere dieser Apparate an einem einzigen Institut zur Verfügung zu haben, damit man für die jeweiligen Aufgaben auch die zu ihrer Bewältigung am besten geeigneten Geräte
zur Verfügung hat. Darüber hinaus sind besondere Apparate und
entsprechende Laboratorien für den Umgang mit radioaktiven Stoffe
notwendig, die gleichfalls in unmittelbarer Nähe des Reaktors
zur Verfügung stehen müssen, um ein wirklich erfolgreiches Arbeiten zu gewährleisten.
7. Auf Grund dieser besonderen Erfordernisse ist es klar,
daß eine vernünftige und tiefschürfende Forschung und Ausbildung
sehr viel Kosten verursacht. In den Vereinigten Staaten erachtet
man es als notwendig, Atomforschungsvorhaben und die Programme
zur praktischen Verwertung der gewonnenen Erkenntnisse auf verschiedene regionale Institute zu verteilen, wo dann jeweils an
einem Ort Wissenschaftler aus*den verschiedensten Spezialgebieten gemeinsam sich der kostspieligen Laboratoriumseinrichtungen
und Apparate bedienen können.
8. Angesichts der Vielschichtigkeit von Atomforschungsvorhaben werden hierfür entsprechend ausgebildete Fachleute in großer
Zahl benötigt. Eines der wesentlichsten Hindernisse für eine
rasche Erschließung aller Möglichkeiten zur Nutzung der Atomenergie für friedliche Zwecke ist im Fehlen entsprechend ausgebildete
Fachleute zu suchen. An allen Orten mangelt es an Wissenschaftlern und Technikern,' die durch eine Sonderausbildung für den Umgang mit spaltbarem Material geschult sind, sowie an tüchtigen
Ingenieuren, die über den Bau und Betrieb von Anlagen Bescheid
wissen, bei denen atomare Brennstoffe Verwendung finden; es fehlt
ferner an Spezialisten, die in der Verwendung von Radioisotopen
über ausreichende Erfahrung verfügen und an wissenschaftlichem
Hilfspersonal, das all jene Arbeiten ausführen kann, die dieser
neue: Forschungszweig mit sich gebracht hat. Wir leben in einem
Zeitalter einer zunehmenden Abhängigkeit von der Wissenschaft
und Forschung. Kein Land kann hoffen, in den vollen Genuß der
Ergebnisse der Atomforschung zu gelangen, das nicht über eine
genügend große Zahl von geschultem Fachpersonal verfügt, das
sicher und erfolgreich mit spaltbarem Material umzugehen vermag.
Das gilt ebenso für die Vereinigten Staaten, wie auch für Asien.
In einer Erklärung, die der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergie-Kommission, Admiral Strauss,, kürzlich vor der amerikanischen Kernforschungsgesellschaft abgegeben hat, heißt es,- daß
die Universitäten und Hochschulen der Vereinigten Staaten nur
etwa halb soviel Techniker und Ingenieure ausbilden können,
wie heute gebraucht werden. Die Frage der Ausbildung von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern nimmt unsere Aufmerksamkeit in zunehmendem Maße in Anspruch, und wenn wir nicht heute
bereits entsprechende Maßnahmen ergreifen, dann wird sich der
Mangel an geeignetem Fachpersonal schon in wenigen Jahren als
hemmender Faktor erweisen.
•
9.

�26. Oktober 1955

"AMERIKA DIENST"

9. Aus diesem Grund auch hat Präsident Eisenhowers Programm
zur Nutzung der Atomenergie für friedliche Zwecke von Anfang an
klar herausgestellt, wie notwendig ein entsprechendes Studium und
das Sammeln von Erfahrungen sind. Die amerikanische Regierung hat
versucht, dieses Problem durch ein drei Phasen umfassendes Programm
zu lösen. Erstens: Wir haben in den Vereinigten Staaten Unterrichtskurse für ausländische Studenten auf dem Gebiet der Verwendung von Radioisotopen und der Reaktortechnik sowie auch in anderen, mit der Atomforschung in Zusammenhang stehenden Fächern
eingerichtet. Zweitens: Wir haben umfangreiche Fachbibliotheken
über Fragen der Kernforschung zusammengetragen und sie Universitäten in fast allen Ländern zur Verfügung gestellt. Drittens: Wir
haben eine ganze Reihe von zweiseitigen Abkommen mit anderen Ländern geschlossen, um diese zum Bau von Forschungsreaktoren anzuregen und ihnen dabei zu helfen. Diese Forschungsreaktoren sind
einerseits ein wichtiges Instrument für Arbeiten auf kernphysikalischem Gebiet und geben andererseits Ingenieuren und Technikern
Gelegenheit, jene Probleme kennenzulernen, denen sie sich auch beim
Betrieb von Reaktoren zur Energieierzeugung gegenübersehen werden.
10. Aber nicht nur wir haben Ausbildungskurse für Angehörige
fremder Staaten ausgeschrieben. Die Schaffung der Internationalen
Atomenergie-Behörde als einer Stelle, die die Erkenntnisse der
Kerntechnik in all ihren Aspekten allen interessierten Ländern
zugängig machen soll, wird von uns sehr begrüßt. Die AtomenergieBehörde soll auch die zentrale Stelle werden, durch die spaltbares
Material für Forschungs- und Lehrzwecke sowie für die Energieerzeugung verfügbar gemacht wird. Die Erfordernisse des neuen
Zeitalters der Atomenergie machen jedoch ein Vorgehen auf breitester Front nötig. Es gilt sowohl auf Landesbasis als auch auf
internationaler Ebene entsprechende Maßnahmen in Angriff zu nehmen.
Darüber hinaus brauchen wir auch regionale Programme. Die Segnungen
der Atomenergie werden der Welt solange nur in geringem Maße zugutekommen, wie es an einer ausreichenden Zahl von ausgebildeten
Fachleuten fehlt, die in allen Fragen der Kernenergie beschlagen
sind und es verstehen, diese nutzbar zu machen.
11. Die Frage, wo man solches hinreichend ausgebildetes Fachpersonal herbekommen kann, stellt uns, die wir hier versammelt
sind, vor eine besondere Aufgabe. Wenn Asien in vollem Maße in
den Genuß der Segnungen gelangen soll, die der Menschheit aus dem
Eintritt in das Atomzeitalter erwachsen können, dann muß diese
Aufgabe gelöst werden. Die Völker Asiens entwickelten ein lebhaftes Interesse daran, sie auf regionaler Basis zu lösen. Einer
der pakistanischen Delegierten zu der letzten Konferenz über die
Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken schlug vor, die
Hilfsquellen Asiens in den Dienst der Lösung des Problems zu
stellen. Wenn es zu einer solchen gemeinsamen Bemühung der asiatischen Völker kommen soll, dann dürfte es das erste Nahziel
sein, so rasch wie möglich das nötige Fachpersonal heranzubilden.
Der logische Auftakt hierzu müßte darin bestehen, im Rahmen des
Colombo-Plans ein kernphysikalisches Lehr- und Forschungsinstitut
aufzubauen. Ich schlage vor,'ein solches regionales Institut zu
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zu errichten, und meine Regierung ist bereit, in größerem Umfang
zu seiner Schaffung beizutragen. Dieses Institut würde die bestehenden Einrichtungen für die Grundausbildung von Ingenieuren,
Chemikern und Physikern auf Hochschulebene ergänzen. Es könnte
Gelegenheit für Ausbildungs- und Forschungsprogramme auf dem Gebiete der Medizin, der Landwirtschaft, der Industrie und der praktischen Anwendung der neuen Verfahren der Kernforschung bieten.
Ein derartiges Institut würde die verschiedenen Laboratorien
und die wichtigsten Apparate, die für Porschungsaufgaben erforderlich sind, zusammenfassen und könnte auch Laboratorien für
den Umgang mit radioaktiven Stoffen und die wichtigsten ForschungS'
instrumente, wie Beschleuniger und Zyklotrone, beherbergen. Dieses
Institut könnte auch dazu beitragen, Lehrpersonal auf dem Gebiet
der Kernforschung und -technik für die Universitäten Asiens heranzubilden. Es scheint auch der geeignete Ort für die Errichtung
einer Krebsforschungsstätte zu sein. Es könnte darüber hinaus
zum Treffpunkt von Regierungsbeamten und Vertretern der Industrie
werden, um dort auf gemeinsamen Tagungen den Platz der Atomenergie
in der Regierungspolitik und in der Industrieplanung festzulegen.
Im Hinblick auf die Vielfalt seiner Einrichtungen könnte es zu
einer Stätte werden, wo Lernende aus den asiatischen Staaten
das im eigenen Land erworbene Wissen ergänzen.
12. In einer solchen Lehr- und Porschungsstätte könnten
Asiens Wissenschaftler auf zahlreichen Fachgebieten ihre Arbeiten
mit der notwendigen Ausrüstung durchführen und so den Anschluß
an die Entwicklung der Wissenschaft in der übrigen Welt gewinnen.
Sie könnten Radioisotope und andere Hilfsmittel der Atomforschung
beim Studium und bei der Behandlung von endemischen Krankheiten
und zur Steigerung der Ernteerträge der wichtigsten Peldfrüchte
verwenden» Wenn die Atomenergie ihren vollen Beitrag auf dem
Gebiet des Gesundheitswesens und der Wirtschaft Asiens leisten
soll, müssen Sie, die Sie Ihre Probleme und Möglichkeiten am ehesten beurteilen können, sich den besonderen Bedürfnissen und Gelegenheiten dieses großen Gebietes anpassen.
13« Wir sind der Ansicht, daß
eine solche Institution,
wenn sie sich kräftig entwickeln und den Bedürfnissen der asiatischen Welt auf diesem neuen Gebiet gerecht werden soll, auf
dem Interesse und der Unterstützung Asiens beruhen muß. Nach unserer Meinung müßte das Lehr- und Forschungszentrum für Studenten
aus dem asiatischen Raum geschaffen werden,und auch der Lehrkörper müßte zum größten Teil aus Wissenschaftlern aus diesem
Gebiet aufgebaut werden. Es müßte einer asiatischen Verwaltung
unterstehen und die Regierungen Asiens müßten es unterstützen.
Die Verantwortung für die Errichtung des Lehr- und Forschungsinstituts, für seine Weiterentwicklung und für die Auswahl des
Lehrkörpers würden die asiatischen Mitglieder des Colombo-Planes
zu tragen haben, und die Ergebnisse dieser Bemühungen würden
Asien zugute kommen.
H . Die Vereinigten Staaten würden als ihren Beitrag Geldmittel zur Finanzierung der -Ausbildung asiatischer Studenten und

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und zur Schaffung von Laboratoriumseinrichtungen und -ausrüstungen
für Forschungs- und Ausbildungszwecke zur Verfügung stellen. Insbesondere sind die Vereinigten Staaten bereit, diesem Lehr- und
Forschungszentrum als einen weiteren Beitrag, einen für Zwecke
der Ausbildung und Forschung geeigneten Kernreaktor zur Verfügung
zu stellen.
15. Wir glauben, daß die Vereinigten Staaten in wenigen Jahren
schon in der Lage sein werden, Leistungsreaktoren zu exportieren.
Wenn es wirklich dahin kommt und wenn die erforderlichen Sicherheiten gegeben werden können, dann würde der amerikanische Beitrag für das Lehr- und Forschungsinstitut auch die Lieferung eines
kleinen Leistungsreaktors einschließen. Hauptzweck dieses Leistungs
reaktors, der auch das Institut.mit elektrischem Strom versorgen
könnte, würde darin bestehen, den Schülern des Instituts Gelegenheit zu bieten, Erfahrungen in der Instandhaltung und im Betrieb
eines bestimmten Typs von Atomkraftwerken und seiner Hilfsanlagen
zu sammeln.
16. Mit Interesse und Dankbarkeit haben wir bemerkt, daß
die Regierung Kanadas der indischen Regierung einen Forschungsreaktor angeboten hat, über dessen Lieferung bereits verhandelt
wird. Wir glauben, daß die amerikanischen und kanadischen Angebote sich gegenseitig ergänzen und daß der Forschung daraus nun
zusätzliche Vorteile erwachsen werden. Das von den Vereinigten
Staaten vorgeschlagene Forschungszentrum.für den Kreis der am
Colombo-Plan beteiligten Staaten,sollte seine Aufgabe darin sehen,
Menschen,insbesondere aus solchen Ländern, die bisher keine eigene
Atomforschung betrieben haben, die hierfür erforderlichen technischen Erfahrungen und Fertigkeiten zu vermitteln. Wir stellen
uns das Forschungszentrum ferner als eine Stätte vor, in der
Techniker und Wissenschaftler aus den Ländern des Colombo-Planes
eine Ausbildung erhalten können, die sie dann befähigt, sich entweder im Bereich der Colombo-Plan-Staaten oder auch in anderen
Ländern weiter fortzubilden.
17. Wir hoffen, daß die Mitglieder des Colombo-Planes diesen
Vorschlag prüfen werden. Sollten sie dann unseren Vorschlägen
näherzutreten wünschen, so würde meine Regierung die zu ihrer
Verwirklichung notwendigen Schritte erwägen und sich auch mit
der Frage befassen, welcher Ort für das Forschungszentrum am
geeignetsten sei. Bei der Suche nach einem geeigneten Ort,
müßten bereits vorhandene örtliche Einrichtungen, günstige
Zugangs- und Verkehrsmöglichkeiten und andere einschlägige Faktoren berücksichtigt werden. Der Leitgedanke muß sein, daß das
Forschungszentrum allen Ländern des Colombo-Planes nach dem
Grundsatz der Gleichberechtigung voll und ganz zur Verfügung
steht.
18. Ein solches regionales Unterfangen könnte sich, wenn
es erst einmal erfolgreich zum Abschluß gebracht worden ist,
als ein bedeutender Meilenstein in den gemeinsamen Bemühungen
der Welt erweisen, sich auf -eine Zukunft vorzubereiten, in der
die Atomenergie zum Heile der Menschheit eine immer wichtigere
Rolle spielt.
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DIE ABRÜSTUNGSFRAGE VOR DEN VEREINTEN NATIONEN

VEREINTE NATIONEN — (AD) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Erklärung, die der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, Henry
Cabot Lodge, am 21. Oktober vor der UNAbrüstungskommission in Antwort auf das
sowjetische Ersuchen um die Einberufung
einer Vollsitzung der Abrüstungskommission
abgegeben hat.
Die Vereinigten Staaten wünschen eine wirkliche Debatte
über die Abrüstungsfrage - eine Debatte, die vor dieser Kommission zu einem möglichst frühen^ Zeitpunkt abgehalten und eine
möglichst umfangreiche Erörterung des gesamten Fragenkomplexes
bringen soll.
Wir stimmen jedoch mit unseren Kollegen aus Peru, Neuseeland, Kanada, Großbritannien und Prankreich darin überein, daß
gegenwärtig nicht der geeignete Zeitpunkt hierfür ist. Die
Voraussetzungen für eine neue Erkenntnisse zutage fördernde
und für alle Teile nützliche Diskussion sind gegenwärtig nicht
gegeben.
Die Mitglieder der Kommission waren nicht in der Lage, den
Bericht . zu studieren. Es wird von uns erwartet, daß wir rund
3000 Seiten Text über 47 Tagungen des Unterausschusses erörtern.
Darüber hinaus steht ein Ereignis bevor, das ganz zwangsläufig
unsere Methode, an diese Probleme heranzugehen, ja sogar das
Problem selbst berühren muß - die Konferenz der Außenminister
in Genf.
Die Mitglieder des Unterausschusses und auch die der Kommission selbst wissen dies. Der sowjetische Vertreter weiß es
gleichfalls. Er machte auch keinerlei Einwände, als die Absicht
zur Sprache kam, erst nach der Tagung der Außenminister wieder
zusammenzukommen. Rein juristisch gesehen, ist Herr Sobolew
natürlich befugt, die Anberaumung einer Sitzung zu fordern. Ein
rein juristisches Vorgehen ist aber nicht notwendigerweise auch
die vernünftigste Art des Vorgehens. In diesem Fall läuft es
darauf hinaus, die Abrüstungskommission zu drängen, es ihren
Mitgliedern nur schwierig zu machen, das zusammengetragene
Unterlagenmaterial gebührend gegeneinander abzuwägen und die
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die Regierungen dabei zu behindern, irgendwelche Entscheidungen
zu treffen. Die Abrüstung berührt aber in unmittelbarer Weise
den Fortbestand aller Völker dieser Erde, und ihre Vertreter sollten deshalb die Möglichkeit erhalten, sich dieser Frage in der
gründlichsten Form anzunehmen.
Nun ist es für uns, Herr Vorsitzender, die wir die sogenannten Großmächte innerhalb der Vereinten Nationen vertreten,
die wir sogenannte: ständige Mitglieder des Sicherheitsrates sind
und auch im Unterausschuß der Abrüstungskommission sitzen, sehr
wichtig, uns daran zu erinnern, daß die meisten Menschen der
Erde in kleinen Staaten leben, oder zumindest in Ländern, die,
auch wenn sie hinsichtlich ihrer Flächenausdehnung oder Bevölkerungszahl nicht als klein bezeichnet werden können, nicht an
diesen besonderen Gremien beteiligt sind.
Für Menschen, die in jenen Ländern wohnen, ist der Friede
und auch die Abrüstung von ebenso entscheidender Bedeutung wie
für jeden anderen Staat.
Es ist deshalb unerläßlich, daß jeder Mitgliedstaat für die
Lösung der Abrüstungsfrage sein Bestes tut.
Aus diesem Grund wenden sidh die Vereinigten Staaten nunmehr,
so wie sie es auch immer tun werden, gegen jeden Versuch, die Mitglieder dieser Kommission und der Vollversammlung, die nicht
gleichzeitig auch dem Unterausschuß angehören, einfach zu überrennen.
Es wurde ein praktisch durchführbarer Zeitplan ausgearbeitet,
nach dem die Abrüstungskommission den Bericht des Unterausschusses
nach Beendigung der Außenministerkonferenz erörtern soll, um anschließend der Vollversammlung einen von der gesamten Kommission
erarbeiteten Bericht zu unterbreiten. Lies ist der ordentliche
Verfahrensweg, und wir sollten an dieser Ordnung festhalten.
Anders zu verfahren, hieße dieser Kommission mit Mißachtung zu
begegnen und sie zu einem reinen Instrument - einem Propagandainstrument - herabzuwürdigen.
Der sowjetische Vertreter hat in seiner Rede den Eindruck
zu erwecken versucht, daß die Vereinigten Staaten ihre bisherige
Stellung revidiert und sich vom Ziele der Abrüstung abgewandt
hätten. Ich glaube, daß es nur recht und billig ist, wenn ich. .
behaupte, daß das der Eindruck ist, den er hervorrufen wollte.
Er zieht diesen Schluß, ehe meine Kollegen im Ausschuß überhaupt
die Möglichkeit gehabt haben, den Bericht zu prüfen.
Lassen Sie mich daher sagen - und ich bitte ausdrücklich
darum, dies in das Protokoll aufzunehmen -, daß diese Schlußfolgerungen recht weit gehen - sie gehen in- der Tat schon viel
zu weit. Ich denke, ich würde es am ehesten wissen, wenn die
Vereinigten Staaten die Abrüstung aufgegeben hätten. Aber ich
weiß nicht nur, daß von einer Aufgabe dieses Zieles nicht die
Rede sein kann, ich weiß auch als Vertreter Präsident Eisenhowers,
für den ich hier spreche, daß es in der Welt keine Frage gibt,die
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die ihm mehr am Herzen liegt und die seine Gedanken mehr beschäftigt als die Frage der Abrüstung. Er hat mir wiederholt erklärt,
daß er jedes Abrüstungsprogramm gutheißen werde, das gerecht und
durchführbar ist und das ein zuverlässiges Inspektionssystem einbezieht.
Die Vereinigten Staaten haben ständige und auch greifbare
Beweise für ihre Absichten gegeben, in dem 3ie ihre bewaffneten
Streitkräfte von der Höchststärke von 12 302 830 Mann während
des Krieges auf 2 935 107 Mann bis zum 30. Juni dieses Jahres
verringerten. Eine weitere Verringerung der Streitkräfte um
75 000 Mann ist bis zum Juni 1956 vorgesehen.
Die entsprechenden Zahlen können Sie, Herr Vorsitzender,
für jedes einzelne Jahr dem vorliegenden Bericht entnehmen.
Weder in diesem noch in einem anderen Bericht werden Sie
aber Angaben über die Stärke der sowjetischen Streitkräfte finden,
sei es für dieses Jahr oder irgendein anderes.
Sie werden darin allerdings einen Bericht darüber finden,
daß die Sowjetunion ihre bewaffneten Streitkräfte verringert hat.
Und wenn Sie wissen wollen, von welchem Stand aus diese Verringerung erfolgen soll, so werden Sie in den Unterlagen keine diesbezüglichen Zahlen finden.
Nun, ich möchte es nicht meinem sowjetischen Kollegen gleichtun und versuchen, diese Debatte voranzutreiben, ehe Sie den
Bericht sorgsam geprüft haben. Ich beschränke mich deshalb auf
Dinge, die seit langer Zeit in der Öffentlichkeit eine Rolle
spielen.
Wenn die Vereinigten Staaten davon sprechen, daß sie eine
gewisse Reserve hinsichtlich bestimmter Positionen wahren wollen,
so sollte sich jedermann folgender Dinge erinnern:
Erstens haben verschiedene Länder seit mehreren Jahren große
Bestände von spaltbarem Material angesammelt. Dieses Material
läßt sich mit den uns heute bekannten wissenschaftlichen Mitteln
nicht nachweisen. Es hat heute einen solchen Umfang angenommen,
daß es, falls ein wesentlicher Teil davon für eine geheime Waffenherstellung verwandet wird, eine große Bedrohung darstellt. Das
ist ein neues Problem - neu gegenüber der Zeit,als die derzeitig
gebräuchlichen Abrüstungstheorien entwickelt wurden. Es setzt
jedem Abrüstungsprogramm neue Grenzen.
Zweitens verlangt diese Situation eine neue Überprüfung der
Frage der Inspektion. Die Vereinigten Staaten haben die Welt über
die von ihnen eingeleitete Prüfung dieses Fragenkomplexes unterrichtet. Vermutlich stellen die Sowjetunion und andere Länder
eine ähnliche Untersuchung an. Wir müssen eben bestimmen, welches
die Möglichkeiten für eine Inspektion sind, inwieweit sie einem
Abrüstungsprogramm förderlich ist.
Drittens haben nicht nur die Wissenschaft sondern auch die
derzeitige weltpolitische Lage - mit einem Wort die Tatsachen des
Lebens - dazu geführt, der Frage der Abrüstung mit einer gewissen
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gewissen Reserve zu begegnen. Ein ganz besonders augenfälliger
Anlaß zu einer solchen Reserve ist die einfache Tatsache, daß
die Mächte sich bisher noch nicht einmal hinsichtlich der ersten
diesbezüglichen Schritte einig werden konnten. Wenn die Vereinigten Staaten deshalb von einer Wahrung gewisser Positionen sprechen,
so ist es nur, um der Welt gegenüber aufrichtig zu sein. Es ist
besser, offen zu" sein, und zuzugeben, ein wie geringer Fortschritt
in den vergangenen Jahren erzielt werden konnte, als heuchlerisch
und mit politischer Raffinesse in Angelegenheiten zu verfahren,
die wie diese - um einmal auf das Wesentliche zu sprechen zu
kommen und nicht in rein technischen Erörterungen zu verweilen eine tief menschliche Frage und nicht Gegenstand politischer
Strategie sind. Und ganz selbstverständlich bedeutet eine Anerkennung der Wahrheit nicht eine Aufgabe des Ziels, sie ist
vielmehr wesentliche Voraussetzung, wenn wir dieses Ziel überhaupt jemals erreichen wollen.
Viertens waren die Vereinigten Staaten bemüht, Mittel und
Wege zu finden, um die bestehenden Hindernisse sowohl auf dem
Gebiet der Wissenschaften als auch dem der Weltpolitik zu beseitigen. Ich glaube, daß ich ohne nähere Ausführungen hier erklären darf, daß wir, während wir so handeln, nach Mitteln zur Sicherung des Friedens Ausschau halten.
:.:
Wir sind überzeugt, daß Präsident Eisenhowers Vorschlag
über eine Inspektion aus der Luft zur Sicherung des Friedens
gerade das ist, was hier vonnöten ist. Wir glauben, daß das
einfache Volk in allen Teilen der Erde, für das mit dem Frieden
alles auf dem Spiele steht, gleichfalls überzeugt ist, daß dieser Vorschlag das Risiko eines Krieges mit Atomwaffen nahezu
restlos ausschließt. Wir danken Mr. Martin (Kanada) für alles
das, was er im Laufe seiner bemerkenswerten Ausführungen Ausführungen, die sicher weitreichende Folgen haben werden und
die wir sehr zu schätzen wissen - zugunsten dieses Plans vorgebracht hat.
Die Vereinigten Staaten wollen die geleistete Arbeit des
Unterausschusses sicherlich nicht verkleinern oder ablehnen, sie
können sie jedoch auch nicht in Bausch und Bogen billigen. Wir
glauben, daß eine solche Haltung aufrichtig und realistisch ist,
jetzt, da wir uns einer neuen technischen Situation gegenübersehen, da neue Vorschläge in Genf vorgebracht werden und da sich
die politische Lage ständig weiterentwickelt.
Wir halten es für ein konstruktiveres Vorgehen, von dem
Versuch abzusehen, die Regierungen zu einer ganzen Reihe von
ins einzelne gehende Maßnahmen zu verpflichten, die ihre nationale
Sicherheit ganz entscheidend berühren, ohne ihnen dabei gleichzeitig durch eine hinreichende Inspektion das Mittel an die Hand
zu geben, sich zu vergewissern, daß diese Maßnahmen von allen in
gleicher Weise ausgeführt werden.
Wir

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Wir haben Ministerpräsident Bulganin bezüglich des Eisenhower-Plans gefragt Präsident Eisenhower hat zum Ausdruck gebracht, daß wir gewisse Teile der sowjetischen Vorschläge bezüglich von Bodenbeobachtern anzunehmen bereit sind. Wir haben
die Präge gestellt, ob die Sowjetunion einer Inspektion aus der
Luft als Teil des Plans des Präsidenten oder irgendeines anderen
Plans zustimmen würde. Der sowjetische Vertreter hat bisher noch
keine Antwort auf diese Präge gegeben.
Ich nehme an, Herr Vorsitzender, daß er hinsichtlich seiner
Position noch die Reserve wahren möchte.
Meine Herrn, Mr. Stassen, der die Vereinigten Staaten im
Unterausschuß vertrat, hat der amerikanischen Regierung berichtet,
daß eines der hoffnungsvollsten Zeichen der Tagungen des Unterausschusses in den Bemühungen auf seiten aller Regierungen zu
sehen sei," die gegenseitige Haltung zu verstehen. Es wäre traurig,
wenn dieser Geist wieder verloren ginge. Wir müssen in jenem Geist
bei allen unseren Beratungen verfahren und den ganzen Fragenkomplex mit dem ihm zukommenden Ernst behandeln.

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D I E N S T

DIE VEREINTEN NATIONEN - EIN WESENTLICHES WERKZEUG
DES FRIEDENS

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede
des Sonderbeauftragten des amerikanischen
Präsidenten für Abrüstungsfragen, Harold
E. Stassen, gehalten im Rahmen der UNFeierlichkeiten anläßlich des zehnten
Jahrestages des Inkrafttretens der Charta
der Vereinten Nationen.
Die Feier fand statt am 23.Oktober
1955 in der New Yorker Kathedrale "St.
John The Divine".

NEW YORK - (AD) - Als vor zehn Jahren Delegierte von
fünfzig Nationen in San Francisco zusammenkamen, um eine
Charta auszuarbeiten, waren es vor allem die tragischen Erfahrungen zweier Weltkriege und einer weltweiten Depression,
die sie bewegten.
In einer einzigen Generation hatten sie erlebt, wie
willkürliche Verschwendung, kalte Grausamkeit und gefühllose Unmenschlichkeit des Krieges der Menschheit einen furchtbaren Zoll' abverlangten.
Sie glaubten, daß ein Weg gefunden werden könne, eine
Wiederholung der Katastrophe zu verhindern, deren Urheber der
Mensch selbst war. Sie waren entschlossen, eine internationale
Organisation zu schaffen, die eine Wiederholung des Krieges
verhindern würde.
In Übereinstimmung mit diese m Gedanken lauteten die einführenden Worte der Charta folgen dermaßen: "Wir, die Völker
der Vereinten Nationen, sind ents chlossen, kommende Generationen vor der Geisel des Krieges zu bewahren ..."
Bezeichnenderweise waren zwe i Monate, bevor die erste
Atombombe explodierte, diese Wort e niedergeschrieben und die
Charta unterzeichnet worden. Hins ichtlich neuer Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie hat ten sich Haltung und Denken
der Delegierten, der Nationen, ja , der ganzen Menschheit, noch
nicht gewandelt.
Eine
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26. Oktober 1955

Eine eingehende Prüfung der noch einmal sorgfältig ausgeschöpften Möglichkeiten der Kernenergie drängt jedem denkenden
Menschen zwei grundsätzliche Schlußfolgerungen auf.
Erstens: ein großer Krieg zwischen irgendwelchen Nationen
würde das leben aller Völker beeinflussen.
Zweitens: wenn die universelle Hoffnung auf ständigen Frieden realisiert worden ist, werden alle Völker zu neuen Höhen konstruktiver Errungenschaften emporgehoben werden.
Gestatten Sie mir, daß ich mich kurz zu diesen völlig gegensätzlichen Alternativen äußere.
Ein Geschwader von Flugzeugen, von denen je eine eine Atombombe trägt, kann heute eine Explosivkraft freimachen, die jene
bei weitem übersteigt, welche von sämtlichen Flugzeugen bei
ihren sämtlichen Flügen auf beiden Seiten im Zweiten Weltkrieg
insgesamt getragen worden ist. Jede Hauptstadt in der ganzen
Welt würde durch nur eine einzige dieser Bomben ganz erheblich
am Lebensnerv getroffen werden.
Dasselbe spaltbare Material, das in solchen Bomben enthalten ist, könnte aber auch zur Erweiterung der Strom- und Energiebedürfnisse dieser Städte nutzbar gemacht werden.
Diese Alternativen, wenn auch sehr extrem aufgezeigt, kann
man nicht länger unbeachtet beiseite schieben.
Dann mag sich die Frage erheben, ob wohl die Vereinten
Nationen dem Menschen, der die Tragödie des Krieges zu vermeiden
sucht, als starke Anwaltschaft des Friedens dienen und der Zukunft das Siegel eines dauerhaften Friedens aufdrücken werden.
Einige Beobachter halten die Tatsache, daß die Vereinten
Nationen nach all den Prüfungen eines stürmischen Jahrzehnts
noch am Leben sind, für deren rühmliche Errungenschaft. Andere
wiederum betrachten die Tatsache, daß jede Nation Mitglied werden und keine ihren Austritt erklären will - zumindest nicht
für immer - für bemerkenswert.
Sicherlich bildet das Problem der Neuaufnahmen für zehn
Jahre einen der Hauptmängel. Mehr als ein Dutzend souveräner
Staaten, die nach den in der Charta festgesetzten Maßstäben
durchaus die erforderlichen Qualifikationen besitzen, sind
durch Mißbrauch des Vetorechts abgelehnt worden.
Doch ich meine, daß die Schwächen angesichts der Erfolgsberichte gar nicht ins Gewicht fallen, wenn auch die Vereinten
Nationen noch kein vollkommenes Instrument sind. In diesen zehn
Jahren haben die Vereinten Nationen immer und immer wieder bewiesen, daß sie mehr sind als ein "Defeattierklub", daß sie mit
außerordentlichem Erfolg große Probleme in die Hand zu nehmen
vermögen.
Sie haben zum Beispiel mehr als 100 Millionen Menschen geholfen, innerhalb dreier neugebildeter, unabhängiger Nationen
die Freiheit zu gewinnen.
Sie haben wirkungsvolle Programme zur Hebung des Lebensstandards, zur Ausweitung wirtschaftlicher Möglichkeiten in den
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"AMERIKA DIENST"
den weniger entwickelten Gebieten geschaffen.
In Korea hat es sich gezeigt, daß die Vereinten Nationen
in der Lage waren und immer sein werden, fest auf der Seite
einer kleinen Nation als Verteidiger zu stehen, um ein großes
Prinzip zu bewahren.
Das alles sind 1 keine Kleinigkeiten.
Und eine kurze Überprüfung der geschichtemachenden Ereignisse in den letzten zwei Jahren erbringt in der Schlußfolgerung
den Beweis, daß die Vereinten Nationen ein wirksames Instrument
zur Erhaltung des Friedens werden können.
Wie Sie wissen, wurde das internationale Programm "Atomefür-den-Frieden" während einer denkwürdigen Ansprache durch
Präsident Eisenhower vor der Vollversammlung der Vereinten
Nationen am 8.Dezember 1953 ins Leben gerufen.
Der Präsident leitete seine Bemerkungen mit der rhetorischen Frage ein: "Kann es überhaupt ein besser geeignetes Publikum als die Mitglieder der Vollversammlung der Vereinten
Nationen geben."
Er fuhr dann mit seiner geschichtemachenden Aufforderung
an alle Nationen fort, sich mit den Vereinigten Staaten in der
Ausführung eines wirkungsvollen Programms zu verbinden, dessen
Ziel es ist, das Atom seiner zerstörenden Fähigkeiten zu entkleiden, "einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare
Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht, sondern
seinem Leben geweiht" werden solle.
Von den Hauptstädten der ganzen Welt kam die enthusiastische Antwort, daß man dieses Ansinnen unterstützen und sich zu
eigen machen wolle. Den meisten Menschen schien es, als habe
ein Strahl der Hoffnung und der Vernunft damit begonnen, die
Schatten der Furcht und der Verzweiflung aufzulösen.
Aber es gab auch Pessimisten, die in umgekehrtem Verhältnis
zu ihrer Zahl übergroßen Lärm erzeugten. Sie gebrauchten Worte
wie "Vision", "Wunschtraum", "Idealisierung", "praktische Undurchführbarkeit". Sie unterstellten, daß wir uns anschickten,
eine Brücke zu überschreiten, die noch gar nicht gebaut war.
Negativistische Klageliedsinger sind gewöhnlich Hindernisse für neue Ideen und große Männer, und der Präsident hatte
es mit einem beträchtlichen Teil von konzentriertem Zynismus
aufzunehmen.
Bei einigen Gelegenheiten sagten die Sowjetführer "Nein".
Aber mit jedem Male verlor ihr "Nein" gegenüber dem letzten
an Schärfe. Inzwischen gingen die Vereinigten Staaten stetig
voran.
Präsident Eisenhower bestimmte, daß den "Atome-für-denFrieden" einfach nichts im Wege stehen dürfe.
Heute haben die Vereinigten Staaten mit 28 Ländern Verträge
über eine Zusammenarbeit zur Errichtung von Forschungsreaktoren
getroffen, die ausschließlich friedlichen Zwecken dienen sollen.
Es

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26. Oktober 1955
Es ist erst eine Woche her, daß an der Akademie für Kernwissenschaft und Kerntechnik des Argonne National Laboratory in
Chicago der erste Lehrgang für junge Wissenschaftler zu Ende
ging, die sich die friedliche Verwendung der Atomenergie als
Arbeitsgebiet gewählt haben. Die Teilnahme von dreißig jungen
Wissenschaftlern aus zwanzig verschiedenen Ländern an diesem
sehr intensiv betriebenen siebenmonatigen Lehrgang fällt unter
das Programm Präsident Eisenhowers, die Erkenntnisse„die aus der
friedlichen Nutzbarmachung der Kernenergie gewonnen werden, auch
anderen zugänglich zu machen.
Heute haben wir durch die vorzüglichen Ergebnisse der von
den Vereinten Nationen nach Genf einberufenen Konferenz über die
Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken allen Grund,
unsere Hoffnungen bestätigt zu sehen; an dieser Konferenz nahmen
über 1400 Wissenschaftler aus 72 Ländern teil, um wissenschaftliche Arbeiten zu diskutieren, Schriften auszutauschen und an Hand
der Ausstellungen sich ein Bild von dem bereits Erreichten machen
zu können.
In nur zwei Jahren ist der Traum "Atome für den Frieden"
eine greifbare Wirklichkeit geworden."
Auch die Sowjets erklärten schließlich mit einem "Ja" ihre
Bereitwilligkeit, einer internationalen Atomenergie-Behörde
kernreaktives Material zur Verfügung zu stellen.
In der vergangenen Woche gaben die Sowjets in den Vereinten
Nationen ferner bekannt, daß sie der Bildung einer internationalen Behörde, die die Durchführung des ,,Atome-für-den-Frieden"Planes Präsident Eisenhowers überwachen soll, "bedingt" zustimmen würden.
Allerdings existieren noch einige Hindernisse,
aber die sowjetischen Führer haben mit eigenen Augen die erstaunlichen Fortschritte in der internationalen Zusammenarbeit in
allem, was die Verwendung der Atomenergie anbelangt, gesehen,
und ich glaube nicht, daß die noch vorhandenen Meinungsverschiedenheiten sich nicht aus der Welt schaffen lassen würden.
Ich bin überzeugt, daß sich als Ergebnis des Vorschlags
Präsident Eisenhowers zum Austausch militärischer Pläne und
der Nachprüfung solcher Angaben durch Luftaufklärung ein ähnlicher Fortschritt herauskristallisieren wird.
Wie jedes Werk der Inspiration, das aus tiefer Menschlichkeit und souveräner Führerschaft geboren wird, ist der Plan
Präsident Eisenhowers so einfach in seiner äußeren Form wie
weitreichend in seinen Folgerungen.
Jede Nation wird gleichzeitig - in aufeinanderfolgenden
Phasen - Pläne von allen militärischen Anlagen der anderen zur
Einsichtnahme zur Verfügung stellen.
Solche Informationen würden genaue Angaben über Waffengattungen, Stärke, Kommandostruktur und Stationierung des Personals,
der Einheiten und der Ausrüstung aller wichtigen Land-, See- und
Luftstreitkräfte einschließen, auch der regulären Reserven, sowie
eine vollständige Liste der militärischen Anlagen, Einrichtungen
und Bauten samt dem jeweiligen Standort.
Jeder

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"AMERIKA DIENST"
Jeder Nation soll es gestattet sein, unbewaffnete Aufklärungsflugzeuge nach jedem beliebigen Gebiet der anderen Macht
zu entsenden.
Dies bedeutet unbeschränkte, aber kontrollierbare Luftaufklärung mit optischen, photographischen und elektronischen
Geräten, Freiheit des Nachrichtenverkehrs, die Anwesenheit von
Vertretern des zu inspizierenden Landes an Bord des betreffenden Aufklärungsflugzeuges und den Einsatz von Beobachtern zu
Lande, um die Nachprüfung der Angaben zu erleichtern.
Jeder Beobachter, ob er nun zur Bodenbeobachtung oder zur
Luftaufklärung gehört, hätte über alles und jedes, was er wahrnimmt, Bericht zu erstatten, und es würden Luftaufnahmen in
beliebiger Zahl gemacht werden.
Auf diese Weise würde es möglich, durch die "Luftwachtposten" große Truppenmassierungen der Gegenseite festzustellen,
wodurch ein großer Überraschungsangriff vermieden werden kann.
Dieser Weg würde die Welt einer Phase menschlichen Bemühens
entgegenführsn, die man vielleicht als Vorspiel zu einem dauerhaften Frieden bezeichnen darf. Alle Nationen können vertrauensvoll eine realisierbare und von allen Teilen gebilligte Rüstungsbeschränkung abwarten, womit sie der Nutzbarmachung der Kernenergie zu friedlichen Zwecken- anstatt zur Herstellung von
Bomben - und damit zum Wohl aller den Weg ebnen.
Der gleiche erfinderische Geist, der uns das Atomzeitalter
gebracht hat, würde dann die Menschheit zu dem Zeitalter des
großen Fortschritts emportragen.
Der Unterausschuß der Vereinten Nationen hat vor kurzem
die vorbereitende Diskussion der Genfer Vorschläge Präsident
Eisenhowers sowie der Pläne und Vorschläge anderer Delegierter
beendet.
Die Sitzungen werden bis zum Abschluß der bevorstehenden
Viermächtekonferenz, die diese Woche in Genf beginnt, ausgesetzt.
Die Besprechungen in dem Unterausschuß geben in fünf Punkten
Anlaß zu der Annahme, daß die Verhandlungen einen hoffnungsvollen
Ausgang nehmen werden.
Erstens wurde klar erkannt, daß die Abrüstung nicht mehr
länger als ein eitler Traum oder als Propagandasprungbrett angesehen werden kann. Jede der Delegationen gab ihrer Überzeugung
Ausdruck, daß eine wechselseitige Verminderung der Rüstungen zu
erstreben sei.
Zweitens kam ganz klar und unverhohlen die gemeinsame Erkenntnis der Gefahr der Vernichtung durch moderne Waffen zum
Ausdruck.
Drittens war man sich einstimmig darüber einig, daß Atomwaffen sehr wohl vor den regelmäßigen Kontrollkommissionen verborgen gehalten werden könnten.
Viertens wurde allergrößter Wert auf die Suche nach Mitteln
gelegt, die Schutz vor einem Überraschungsangriff zu bieten imstande wären.
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Fünftens

�"AMERIKA DIENST"
•
26. Oktober 1955
Fünftens fährten konstruktive Überlegungen dazu, die verschiedenen Vorschläge zur Durchführung der entscheidenden Aufgabe der Überwachung zusammenzufassen und ohne irgend jemanden
zu verletzen, auf einen Nenner zu bringen.
In dieser Hinsicht hat der Präsident durch seine ernsthafte Antwort an Premierminister Bulganin eine weitere bedeutsame Initiative ergriffen, indem er die Bereitwilligkeit der Ver
einigten Staaten ankündigte, die Kontrollen aus der Luft, ähnlich der sowjetischen Vorschläge, durch Kontrollen auf dem Lande
zu ergänzen,
Mögen wir uns auch' noch so bemühen, vorwärts zu kommen,
die Zweifler werden natürlich darauf bestehen, daß wir unser
Ziel nie erreichen,und die Ungeduldigen werden sagen, unsere
Erfolge kämen zu langsam und seien zu geringfügig. Sie werden
unsere großen Anstrengungen verächtlich machen und konkrete
Erfolge bagatellisieren. Und, wie sich das so meistens trifft,
wenn ein großer Schritt vorwärts getan wurde, werden die
Pessimisten die Unternehmungslustigen lächerlich machen,und
die Krittler werden schnell etwa auszusetzen finden. Doch ich
bin der Überzeugung, daß diejenigen, die heute über die Vereinten Nationen spotten, ebenso unrecht haben, wie die, die
vor zweihundert Jahren über die Vereinigten Staaten spotteten.
Und ich glaube ebenso, daß das Prestige der Vereinten Nationen
wachsen und blühen kann, wie ich davon überzeugt bin, daß die
große Idee der menschlichen Freiheit in Gott, wie sie von den
Vereinigten Staaten bewahrt, gelebt und fortgeführt wird, einen
wesentlichen Bestandteil der geistigen Reife ausmachen wird,
die einem dauernden Frieden zugrundeliegen muß.
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D I E N S T

MCCLOT-REDE ZUR WIEDERKEHR DER EINWEIHUNG
DER BERLINER FREIHEITSGLOCKE
BERLIN - (AD ) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen de n Wortlaut einer Ansprache,
die der früh ere amerikanisc he Hochkcmmissar für Deut schland, John J . McCloy am
24.Oktober 1 955 im ;Schöneb erger Rathaus
anläßlich de s fünften Jahrestages der
Einweihung d er Berliner Ere iheitsglocke
gehalten hat und in der er auf die Verbundenheit des amerikanischen und des deutsehen Volkes in dem Willen zur Freiheit
hinwies.
Die Rede McCloys, der heute Präsident der
New Yorker "Chase National Bank" ist, hat
folgenden Wortlaut:
Dr. Suhr, Dr. Tillmans, Botschafter Conant, Bürger
der Stadt Berlin und Freunde!
Vor fünf Jahren hatte ich die Ehre, an dieser Stelle zu
stehen zusammen mit Lucius Clay und Ernst Reuter. Damals
wurde die Freiheitsglocke feierlich eingeweiht.
Nie werde ich den Geist dieser Stunde vergessen, jene
Hunderttausende von Männern und Frauen, die entschlossen
waren, frei zu sein. Anlaß zu dem Ereignis war der erfolgreiche Abschluß der Luftbrücke und die Abwehr des Versuchs,
die Freiheit dieser Stadt zu knebeln. Es war zugleich ein
Symbol des tiefen Interesses, daß die freien Bürger der Vereinigten Staaten allen denen entgegenbringen, die selbst um
ihre Freiheit ringen. Heute wie damals ist die Glocke ein
Wahrzeichen für die Kraft, die Dankbarkeit und die Hoffnung
aller freien Völker der Erde.
General Clay ist leider erkrankt, doch ist er zum Glück
auf dem Wege der Besserung, wenn er auch noch keine Reise
unternehmen kann. Als Hauptfigur in der Verteidigung dieser
Stadt und ihrer Freiheiten ist sein Name so unauslöschlich
in die Annalen Berlins eingetragen, daß sein Fehlen bei diesem feierlichen Akt besonders schmerzlich ist. Ich hatte Gelegenheit, General Clay kurz vor meiner Abreise zu sprechen
und weiß daher, wie tief er bedauert, heute nicht hier sein
zu können.
Ich
- 1 -

�26. Oktober 1955
"AMERIKA DIENST"
Ich habe nunmehr die Ehre, Ihnen eine Botschaft zu übermitteln, von jemandem, der sich ebenfalls glücklicherweise auf
dem Wege der Besserung befindet. Sie kommt aus Denver im Staate
Colorado und ihr Verfasser ist der Präsident der Vereinigten
Staaten. Wir alle kennen das Maß an sorgsamer Umsicht, mit der
seine Genesung behütet wird. Es ist bedeutungsvoll, für seine
Anteilnahme am "Kreuzzug für die Freiheit", daß er mit dennoch
eine Botschaft gesandt hat, damit ich sie Ihnen heute verlese:
"Ich sende meine persönlichen Grüße den Bürgern der Stadt
Berlin, deren unbezwinglicher Mut während der Blockade und
während so mancher anderer schwerer Erfahrungen den Völkern
der freien Welt so viel bedeutet hat. Die Standhaftigkeit der
Stadt und ihrer Bewohner hat immer den wärmsten,Widerhall hervorgerufen in den Herzen des amerikanischen Volkes.
Ich gebe Ihnen die Versicherung der fortdauernden Anteilnahme meines Landes an dem Wohlargehen der Stadt, und die Zusicherung unserer festen Unterstützung der Einheit Berlins und
des gesamten Deutschlands."
Erlauben Sie mir nun meinen persönlichen Dank und den
meiner Frau auszudrücken für die Einladung des Regierenden
Bürgermeisters Dr. Suhr und des Senats von Berlin, dieser Wiederkehr der Einweihung beizuwohnen. Es ist schön, wieder in
Berlin zu sein; wir beide fühlen uns hier sehr zu Hause. Da
Berlin eine Weltstadt ist, in der ein toleranter Geist herrscht,
glaube ich Sie bitten zu dürfen, mir mein schauderhaftes Deutsch
zu verzeihen. Ich hoffe, Sie werden den Geist verstehen, der
mich bewegt, wenn auch nicht unbedingt seine Ausdrucksweise.
Während der letzten zwanzig Jahre habe ich diese Stadt
häufig besucht. Ich war für kurze Zeit hier, als Berlin das
Zentrum der Nazi-Diktatur war. Ich kehrte zurück im Jahre 1945,
als die Ruinen noch rauchten und die Toten noch unbeerdigt dalagen. Ich'war hier in der Luftbrückenzeit und häufig in den
Jahren 1950 bis 1952. So habe ich, wie Sie auch, den Wiederaufstieg der Stadt bis zum heutigen Tage miterlebt. Wer von uns,
der 1945 hier war, hätte das Ausmaß des Aufstiegs voraussagen
können? Zwar sind hier nicht alle Prcduktions- und Wiederaufbaurekorde mancher westdeutscher Städte bereits erreicht.
Vergessen wir jedoch nicht, daß Berlin den Vorkriegsstand seiner Produktion nicht nur erzielt, sondern bereits überschritten
hat. Und wenn man an die vielen Hindernisse denkt, so kann man
das nur als ein Wunder bezeichnen, denn ich kann mich noch sehr
wohl der Zeit entsinnen, als der Stand der Produktion nur 17
Prozent der Vorkriegszeit betrug. Trotz der fortgesetzten Hemmnisse, die ihr diejenigen in den Weg legten, die jetzt den
Frieden und freien Handel predigen, hat sich die Stadt emporgearbeitet, und keine Stadt genießt in den Augen der Welt ein
höheres Maß an Ansehen als Berlin. Die Stadt, die einmal der
Mittelpunkt totalitärer und kriegerischer Macht war, ist zu
einem Weltsymbol geworden für Freiheit und den Widerstand gegen
den willkürlichen Angriff.
*

Diese Wandlung kam zustande in Jahren schwerster Sorgen.
Dennoch, am Maß der Geschichte gemessen, war diese Zeit kurz.
Die
n

�"AMERIKA DIENST"

26. Oktober 1955

Die Wandlung beweist, daß solche abstrakten Begriffe wie Freiheit, Standhaftigkeit und Mut Wirklichkeitswert haben, und daß
sie höchst konkrete Ergebnisse hervorzubringen vermögen. Es wird
viel vom "deutschen Wirtschaftswunder" geredet, doch gibt es noch
wesentlichere Dinge als materiellen Aufstieg. Ich meine den politischen Wiederaufbau, die soziale Neuordnung und die Genesung des
geistigen Lebens, die in dieser Stadt und in Yv'estdeutschland
stattgefunden haben. Dies alles sind wirkliche Erfolge. Sie wären aber nicht erreicht worden, noch hätte die Erholung der
Wirtschaft ein solches Ausmaß angenommen, hätte man Berlin verloren und hätten die Einwohner dieser Stadt nicht standgehalten
in den kritischen Jahren nach dem Kriege. Es gab einfach keine
Stabilität, weder in Westdeutschland noch in Westeuropa, wenn
Berlin damals nachgegeben hätte. Und dies ist eine Rolle, auf
die jede Stadt stolz sein kann.
Ich bin nicht mit der Absicht hergekommen, den Sowjets Vorwürfe zu machen für ihre bisherige Haltung gegenüber Völkern, die
unter ihrer 'Herrschaft stehen. Es sind Anzeichen dafür vorhanden,
daß sie dabei sind, ihre Methoden, wenn auch nicht ihre Ziele,
zu ändern. Aber selbst das ist begrüßenswert. Wir können wahrhaft
dafür dankbar sein, daß deutsche Kriegsgefangene, die bereits vor
Jahren hätten entlassen werden müssen, nun endlich in die Heimat
zurückkehren.
Ich möchte jedoch nicht allzulange bei dem verweilen, was
hinter uns liegt. Die Glocke schlägt für die Zukunft nicht minder als für die Vergangenheit. Was ich jedoch betonen möchte,
ist dies» der Mut und die Standhaftigkeit der Berliner und aller,
die vom gleichen Geist erfüllt sind, einschließlich jener hinter
dem Eisernen Vorhang, werden schließlich die Oberhand behalten.
Mut und Standhaftigkeit waren es, die uns dorthin gebracht haben,
wo wir heute sind. Und wenn wir in den nächsten fünf Jahren ebenso viele Fortschritte machen, wie in den vergangenen, dann wird
•die Wiedervereinigung Deutschlands und Berlins erreicht sein.
Dann werden sich die Hoffnungen der Polen, Tschechen, Ungarn,
Rumänen und Bulgaren erfüllt haben und Europa wird sich einer
wirklichen Sicherheit erfreuen..
Präsident Eisenhower hat in Genf auf das nachdrücklichste
klargemacht, daß der Westen bereit ist, Entgegenkommen mit gleicher Haltung zu erwidern. Nicht wir haben den Eisernen Vorhang
herabgelassen, und wir würden es daher mit Freuden begrüßen, wenn
er sich heben würde. Ich zweifle nicht daran, daß die Russen aus
eigenem Instinkt heraus freundschaftlicher Gefühle fähig sind.
Die Frage ist nur, ob ihre Führer zu Handlungen bereit sind, die
uns der Gerechtigkeit und dem Frieden näher bringen. Wir können
nur hoffen, daß die bevorstehenden Konferenzen wesentliche Fortschritte bringen werden, in der Erlösung der Völker, die heute
in Fesseln liegen. Ich bin jedoch davon fest überzeugt, daß dies
alles nur dann eintreten wird, wenn die freie Welt den Glauben
bewahrt und sich weigert, Kompromisse einzugehen in Fragen, die
die Freiheit betreffen. Es gibt manche Plätze auf der Welt, wo
die Bekundung dieses Glaubens wichtig ist, jedoch nirgends hat
sie so tiefe Bedeutung; wie in Berlin.
Wie

�"AMERIKA DIENST"

26. Oktober 1955

Wie ich höre, gibt es Stimmen, die die Fettigkeit der
Vereinigten Staaten gegenüber Berlin, Deutschland und Osteuropa
in Frage stellen möchten. Die Antwort kann hier nur kurz gegeben werden. Unsere Unterstützung der Freiheit und Einheit ist
fest und unerschütterlich und wird es bleiben. Die Botschaft
von Präsident Eisenhower, die ich Ihnen vor wenigen Minuten
vorgelesen habe, spricht für sich selbst.
Da ich hier nicht in offizieller Eigenschaft, sondern
als Privatmann zu Ihnen spreche, steht es mir nicht zu, politische Richtlinien der Regierung auszulegen. In gewissem Sinne
vertrete ich jedoch die Bürger der Vereinigten Staaten, die die
Freiheitserklärung unterzeichneten, die Glocke nach Berlin
sandten und den Sender Freies Europa unterstützen, der den Bewohnern der Satellitenstaaten Hoffnung bringt. Es waren ihrer
sechzehn Millionen Männer, Frauen und Jugendliche - und seit
jener Zeit sind weitere neun Millionen hinzugekommen. Fünfundzwanzig Millionen Menschen waren ergriffen von der Idee des
Widerstandes gegen die Willkür. Diese Menschen selber oder
ihre Vorfahren kamen nach Amerika aus allen Teilen der Welt,
die Mehrzahl jedoch aus Europa. Sie alle sind wirtschaftlich
vorangekommen durch die Freiheiten, die sie in Amerika genießen.
Sie sind von der Überzeugung erfüllt, daß der Begriff der Freiheit es war, der vor allem anderen ihr Land stark gemacht hat.
Aus diesem Seiet heraus wurde die Glocke nach Berlin gesandt, als Erinnerung an den Kampf dieser Stadt um ihre Freiheit, und als Ansporn zur Bewahrung dieser Freiheit in der
Zukunft. Daß so viele Menschen in den Vereinigten Staaten sich
dieser Bewegung zur Verfügung stellten, ist ebenso bedeutsam,
wie die Tatsache, daß vor fünf Jahren Hunderttausende von Berlinern den Platz und die Straßen vor diesem Rathaus füllten, um
der feierlichen Einweihung der Glocke beizuwohnen. Dieä Phänomen
bedeutet eine Einstimmigkeit der öffentlichen Meinung, eine Ziel'
strebigkeit, die nicht als Propaganda abgetan werden kann. Was
die Vereinigten Staaten betrifft, so bildet diese öffentliche
Meinung eine feste Grundlage, auf der die Regierungsvertreter
ihre politischen Maßnahmen stützen können und stützen werden,
Lucius Clay ging manches Risiko in dieser Stadt ein. In
den Jahren der Dunkelheit und des Zweifels hat er -hier manche
weittragende Entscheidung getroffen, und viele Amerikaner neben
ihm halfen mit an der Wiederaufrichtung der Stadt und ihres
wahren Geistes. Dies sind Tatsachen, die man nicht so leicht
vergessen oder beiseite schieben kann. Ganz gewiß ist es, daß
sie nicht aus der Welt zu schaffen sind durch das freundliche
Lächeln eines Diktators, oder auch zweier Diktatoren. In ganz
erheblichem Maße haben die Berliner die Haltung des amerikan
sehen Volkes hervorgerufen, dadurch daß sie dem Aggressor entgegentraten und das Risiko für ihre Handlungen auf sich nahmen.
Ich habe keine Vorstellung, was sich aus Genf alles ergeben
wird, noch aus irgendwelchen zukünftigen Genfer Konferenzen.
Wir können nur beurteilen, was bereits vorliegt. Ich bin jedoch
der festen Überzeugung, daß, wenn Berlin weiterhin den Mut und
die Entschlußkraft beweist, die es bisher gezeigt hat, Unter-.
«. ij. *.;

�26. Oktober $955

"AMERIKA DIENST"

Unterstützung nicht ausbleiben wird, und daß die Wiedervereinigung in Freiheit dadurch eine starke Forderung erfährt.
Berlin hat sich einen Ruf der Hochachtung und der moralischen Größe geschaffen, wie es ihn nie in der Zeit der größten
Vorkriegsblüte genossen hat. Nicht nur hat es bestätigt, daß
es nach wie vor eine Weltstadt ist, sondern hat darüber hinaus
seine Weltgeltung unermeßlich gestärkt. Indem es dies tat, hat
es jedoch eine große Verpflichtung auf sich genommen. Es steht
weit mehr auf dem Spiele als der eigene Ruf. Die beispielhafte
Standhaftigkeit Berlins ist heute notwendiger als je zuvor,
wenngleich es in diesen Wochen schwer sein mag, die Notwendigkeit dafür einzusehen, denn gewinnende Freundlichkeit kann gefährlicher sein als harter Druck, Die Haltung und Standhaftigkeit
der freien Völker der Welt und die Klarheit ihrer Ziele sind
heute ebenso wichtig als zur Zeit der Blockade.
Die Idee und das Prinzip der Freiheit wird heute auf weiten
Gebieten und unter mehr Völkern in Frage gestellt, als es selbst
im Jahre 1950 der Fall war. Alle diejenigen, die die Freiheit
suchen, werden beeinflußt werden von dem Geiste und der Haltung
der Berliner. Diesem Gedanken gab Berlins großer Bürgermeister
Ernst Reuter Ausdruck, als er vor fünf Jahren an dieser Stelle
sagte:
"Wir denken nicht nur als Deutsche an unsere eigenen Landsleute. Nicht nur Deutschland muß wieder in Freiheit geeinigt
werden, damit Europa und die Welt zum Frieden kommt, auch die
andern Länder hinter dem Eisernen Vorhang müssen zu dem unveräußerlichen Rechte der Freiheit zurückkehren, das den Menschen
erst zum Menschen macht."
Es entspricht der Situation, wenn wir den Jahrestag der
Glockenweihe als eine Erneuerung unserer Verpflichtungen betrachten. Der Westen muß standhaft und stark bleiben, nicht
etwa um den Krieg vorzubereiten, sondern um die Welt davon
zu überzeugen, daß wir nicht zu Kompromissen bereit sind, wenn
es um die Freiheit geht.
Zusammen haben wir in Berlin eine historische Leistung
vollbracht, zusammen müssen wir auf diesem Wege fortfahren,
bis Deutschland wiedervereinigt und alle Völker Europas frei
sind."
*

* *

*

*

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ZUR ERÖFFNUNG DER GENFER KONFERENZ
GENF - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Erklärung des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles
vom 27.Oktober 1955 zur Eröffnung der Genfer
Außenministerkonferenz über die amerikanische
Einstellung zu den zur Debatte stehenden Fragen.
Wir treten hier unter einer schweren Last der Verantwortung zusammen. Im vergangenen Juli bekundeten unsere Regierungschefs hier ihren Wunsch nach einem dauerhaften Frieden und einer
Milderung der Spannungen. Die vier Regierungschefs konnten darin
Übereinstimmung erzielen, daß drei Fragen zur Erreichung dieser
Ziele gelöst werden müssen.
Gleichzeitig traten auf der Konferenz der Regierungschefs
aber auch die tiefen Meinungsverschiedenheiten in bezug auf den
richtigen Weg und die richtigen Mittel zur Erreichung dieser
Ziele eindeutig zutage.
Das Problem ist folgendes: Jede unserer Regierungen ist
sich klar darüber, daß die gegenwärtige Situation keine befriedigende Grundlage für einen sicheren Frieden bildet. Gleichzeitig hat jede ein Interesse daran, daß irgendwelche Änderungen
nicht ihre Sicherheit gefährden. Dies ist nur natürlich.
Die bestehenden Spannungen und das bestehende Mißtrauen
haben tiefe Wurzeln, die nicht so einfach beseitigt werden
können. Wir haben jedoch einen kritischen Punkt erreicht, von
dem aus wir entweder mit einer Reihe von gemeinsamen Maßnahmen
zur Wiederherstellung des Vertrauens voranschreiten müssen,
oder aber die Zukunft wird nicht nur wie die Vergangenheit sein,
sondern noch schlimmer, eine wesentliche Verschlechterung gegenüber der Vergangenheit bringen.
Die Art dieses Problems wird durch die drei Hauptpunkte
auf unserer Tagesordnung illustriert.
Nehmen wir zuerst das Deutschland-Problem. Alle erkennen
an, daß die Teilung Deutschlands ein schweres Unrecht und eine
Quelle der Unsicherheit darstellt. Wir haben alle darin übereingestimmt, daß Deutschland durch freie Wahlen wiedervereinigt
werden soll. Eine Verwirklichung der deutschen Wiedervereinigung zum gegenwärtigen Zeitpunkt setzt aber voraus, daß jeder
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�"AMERIKA DIENST"

2. November 1955

jeder von uns dahingehend zufriedengestellt wird, daß dieser
Schritt unsere Sicherheit nicht gefährdet. In Anerkennung dieser
Notwendigkeit sind die Vereinigten Staaten bereit, sich Garantien im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung anzuschließen, die jedes etwaige Wiederaufleben eines deutschen
Militarismus ausschließen. Diese Garantien, so glauben wir, tragen allen berechtigten Sicherheitsinteressen, einschließlich
derer der Sowjetunion, ausreichend Rechnung und sollten es zulassen, daß umgehend mit der Verwirklichung der längst überfälligen Wiedervereinigung vorangeschritten wird.
Der zweite Punkt, die Abrüstung, wirft ein gleiches Problem auf. Alle erkennen an, daß der gegenwärtige Stand der Rüstungen für die einzelnen Länder eine schwere Last bedeutet und
reduziert werden sollte, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen
sondern auch, weil eine der Sicherheit dienende Rüstung de facto
zum Kriege führen könnte. Es kann jedoch von keinem von uns erwartet werden, daß wir unser, militärisches Potential wesentlich
verringern, es sei denn gleichzeitig mit ähnlichen Reduzierungen
der anderen Länder. Daher hängt jeder Portschritt eindeutig davon ab, daß nicht nur ein Übereinkommen über die Reduzierung an
sich sondern auch eine Garantie gefunden wird, daß die vereinbarte Reduzierung wirklich durchgeführt wird. Andernfalls wird
niemand das Gefühl haben, daß er die vereinbarten Reduzierungen
sicher durchführen kann. Dies ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Prankreich so großen Nachdruck
auf ein ausreichendes Überwachungs- und Kontrollsystem als
Voraussetzung für eine wirkliche Abrüstung gelegt haben. In der
Zwischenzeit könnte der Vorschlag Präsident Eisenhowers für
einen Austausch militärischer Informationen und eine Luftüberwachung eine für einen Portschritt auf diesem Gebiet förderliche
Atmosphäre schaffen.
Und was nun den dritten Punkt - Kontakte - anbetrifft, so
stimmen wir alle darin überein, daß größere Kontakte zwischen
uns der Forderung des gegenseitigen Verständnisses dienlich
wären. Wir können jedoch auch auf diesem Gebiet nicht auf einmal weitreichende Maßnahmen erwarten, die alle Sicherheitserwägungen außer acht lassen. Wir müssen zuerst solche Gebiete
in Angriff nehmen, die einmal die Sicherheit einer Seite nicht
ernsthaft gefährden und die zum anderen beiden Seiten Nutzen
bringen.
Die Vereinigten Staaten kommen auf diese Konferenz in dem
festen Wunsch, geduldig und aufrichtig alle möglichen Wege für
realistische Lösungen dieser Probleme zu erforschen. Wir hoffen,
daß dieser gleiche Geist auch von der anderen Seite gezeigt wird.
Wir werden verschiedene Vorschläge zu diesen Fragen vorbringen,
die den berechtigten sowjetischen Besorgnissen zu genügen suchen.
Unsere Vorschläge zielen darauf ab, die erforderlichen Veränderungen der gegenwärtigen Situation auf einer Grundlage zu ermöglichen, die die Sicherheit keines anderen gefährdet, sondern
vielmehr diese Sicherheit durch die Beseitigung der bestehenden
Quellen der Unsicherheit und der Spannungen wesentlich erhöht.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

2. November 1955

Wir hoffen, daß die Sowjetunion diese Vorschläge so ernsthaft
und wohlwollend erwägen wird, wie sie dies unserer Ansicht
nach verdienen.
Die Hoffnung, die ich zum Ausdruck gebracht habe, ist die
Hoffnung Präsident Eisenhowers, dessen Gedanken mit uns sind,
und ich weiß Ihr Gedenken an ihn zutiefst zu würdigen. Selbst
seit seiner Erkrankung hat er zweimal mit mir die Probleme
eingehend erörtert, denen wir hier gegenüberstehen, und gestern
gab er eine Erklärung in bezug auf unsere Arbeit ab, von der
ich eine Abschrift hier als Konferenz-Dokument zirkulieren
lassen möchte.
Wir hier werden, das weiß ich, uns alle der Tatsache bewußt sein, daß, wie auch Präsident Eisenhower in seiner gestrigen von mir angeführten Erklärung sagte, die Entwicklung in
Genf weitgehend dazu beitragen werden, zu zeigen, ob der "Geist
von Genf" einen echten Wechsel darstellt und ob er wirklich den
friedlichen Portschritt zeitigen wird, nach dem sich die ganze
Welt sehnt.
* # * * *

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�A M E R I K A

D I E N S

WORTLAUT DER AUSFÜHRUNGEN AUSSENMINISTER DULLES' AUF DER
SITZUNG DER GENFER KONFERENZ VOM 9« NOVEMBER 1955

GENF — (AD) — Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Ausführungen des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles
vom 9« November 1955 auf der neunten Sitzung
der Außenministerkonferenz, in denen er. als
erster der drei westlichen Außenminister zu
den Ausführungen Molotows vom Vortage Stellung
nahm.
Gestern gab Herr Molotow, der soeben aus Moskau z urückgekehrt ist, im Namen der Sowjetunion eine Erklärung ab. Diese
hatte so schwerwiegende Implikationen, daß ich um eine Vertagung unserer Sitzung bis heute ersuchte, um diese Erkl ärung
eingehend durchdenken zu können. Ich bin nunmehr in de r Lage,
den Ansichten meiner Regierung Ausdruck zu geben.
Meine erste Feststellung ist, daß die sowjetische Haltung
- wenn sie beibehalten wird - Verhältnisse zu einem Dauerzustand machen will, die eine ständige Gefahr für den Fr ieden
in Europa sind. Meine zweite Beobachtung ist, daß dies e Haltung
jeder Möglichkeit, Beziehungen des Vertrauens zur Sowj etunion
zu entwickeln, einen schweren Schlag versetzt. Herr Vo rsitzender, ich bitte um Ihre Erlaubnis, mich der Reihe nach mit diesen
Punkten auseinandersetzen zu dürfen.
Punkt eins: Die Sowjetunion erklärt in der kategorischsten
Form, daß die Sicherheit Europas am besten gewährleistet sei,
wenn die Teilung Deutschlands beibehalten wird, mindestens solange, bis Deutschland unter Bedingungen wiedervereinigt werden
kann, die Gesamtdeutschland sowjetisieren würden. Herr Molotow
lobte überschwenglich das von der Sowjetunion in der Ostzone
Deutschlands geschaffene Regime, die sogenannte "Deutsche Demokratische Republik" und sagte, daß es "eine große Zukunft" habe,
"weil es sich auf der großen Straße des Fortschritts bewege und
weil es starke und loyale Freunde besitze."
"Es

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�17. November 1955

"AMERIKA DIENST"

"Es ist unmöglich", so sagte er, "eine Wiedervereinigung
Deutschlands zu akzeptieren", die die "große Zukunft" dieses
sowjetisierten Teils von Deutschland in Gefahr bringen könnte.
Die Direktive jedoch, Herr Vorsitzender, die uns hier zusammenführte und uns hier leiten sollte, hat uns nicht den Auftrag
gegeben, ein Urteil über die relativen Verdienste der Sozialsysteme in der Bundesrepublik Deutschland und in der sogenannten
"Deutschen Demokratischen Republik" zu fällen. Sie hat uns beauftragt, Deutschland gemäß seinen "nationalen Interessen" wiederzuvereinen, so daß das deutsche Volk selbst darüber entscheiden
wird, unter welchem System es zu leben wünscht.
Das Problem jedoch, das zu studieren uns unsere Regierungschefs beauftragt haben, bestand darin, wie die europäische Sicherheit und die Wiedervereinigung Deutschlands gewährleistet werden
können, zwei Probleme, die, wie die vier Regierungschefs übereinstimmten, eng miteinander verbunden sind.
Es ist meiner Meinung nach eine faire Interpretation unserer Direktive, wenn wir feststellen, die vier Regierungschefs
haben anerkannt, daß die europäische Sicherheit gefährdet sei,
sofern es nicht zu einer Wiedervereinigung Deutschlands komme.
Dies ist auf jeden Fall die Auffassung der Regierung der Vereinigten Staaten.
Wie Präsident Eisenhower in seiner Rede zur Eröffnung der
Genfer Konferenz im Juli ausführte, fügt die Teilung Deutschlands, die bereits mehr als zehn Jahre andauert, einem Volk
"ein bitteres Unrecht" zu, "das wie andere Völker ein Recht
darauf hat, ein gemeinsames Schicksal gemeinsam zu erfüllen.
Solange diese Teilung fortbesteht, wird sie eine wesentliche
Quelle der Unruhe in Europa darstellen. Unsere Priedensgespräche
haben nur wenig Bedeutung, wenn wir gleichzeitig Verhältnisse
fortbestehen lassen, die den Frieden gefährden".
Und weil unsere Direktive ausdrücklich von uns verlangt,
den engen Zusammenhang zwischen der Wiedervereinigung Deutschlands und den Problemen der europäischen Sicherheit zu berücksichtigen, haben die Westmächte in loyaler Anlehnung an die
Direktive ein Sicherheitssystem vorgeschlagen, das sich auf
einem wiedervereinigten Deutschland begründet. Die von uns gemachten Vorschläge umfassen größere Sicherheiten, als je zuvor.
zur Erhaltung des Friedens ersonnen worden sind. Es gäbe dann
nicht nur bindende Maßnahmen, um sich jeglicher Aggression zu
enthalten, einem Aggressor den Beistand zu versagen und tatsächlich (Garantien gegen die Aggression überhaupt zu schaffen,
sondern es gäbe auch Sicherungen durch Menschen und Material,
die einmal in der Festsetzung eines bestimmten Kontingents der
Streitkräfte bestehen, zum anderen in wirksamen Kontrollen, die
eine Einhaltung der diesbezüglichen Abkommen gewährleisten
sollen. Es gäbe ausreichend zuverlässige Sicherungen gegen das
Wiedererstehen einer bedrohlichen militärischen Macht, an denen
die Sowjetunion, Polen und die Tschechoslowakei teilhätten. Es
gäbe neuartige und wirksame Bestimmungen, um Garantien gegen jede
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�"AMERIKA DIENST»

17. Nobember 1955

t

jede Möglichkeit eines Überraschungsangriffs zu schaffen.
Diese Bestimmungen, die auf einem wiedervereinigten Deutschland basieren,, würden Europa eine Sicherheit geben, wie Europa
sie seit Hunderten von Jahren nicht gekannt hat. Ja, die von uns
unterbreiteten Vorschläge waren offensichtlich so gut, daß die
Sowjetunion nach deren Studium ihrerseits ergänzende Sicherheitsvorschläge unterbreitete, die sich eng an die unseren anlehnten.
Jedoch gehen die Vorschläge der Sowjetunion in dieser Hinsicht wie überhaupt alle von der UdSSR unterbreiteten Pläne - von
der fortgesetzten Teilung Deutschlands aus.
Wie Präsident Eisenhower im vergangenen Juli immer wieder
betont hat, sind "die Sicherheit Europas und die Wiedervereinigung Deutschlands untrennbar miteinander verbunden". Europa
wird keine Sicherheit erhalten, wenn Deutschland nicht wiedervereinigt wird.
Ich erinnere mich, daß Herr Molotow am 31. Oktober 1939
nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges in einer Rede auf die Beziehungen zwischen Deutschland und den anderen westeuropäischen
Staaten während der vorangegangenen zwei Jahrzehnte einging
sowie auf das, was er "die Anstrengungen Deutschlands,die Fesseln
des Versailler Vertrages zu brechen", nannte. "Das ist der Grund",
so sagte er, "warum es schließlich zu dem gegenwärtigen Krieg
in Europa gekommen ist".
Der Versailler Vertrag hat Deutschland bestimmte Fesseln
auferlegt, doch gab es im Versailler Vertrag nichts, was dieser
Teilung Deutschlands durch Abtrennung der Sowjetzone mit 17 Millionen Deutschen an Grausamkeit und Ungerechtigkeit gleichkommt.
Welches Leid diese Teilung bedeutet, geht aus der Tatsache hervor, daß 2 704 680 Deutsche unter großen Opfern und Gefahren aus
der sowjetisch besetzten Zone nach Westdeutschland geflohen sind.
Allein im vergangenen Monat Oktober betrug die Zahl dieser Flüchtlinge 32 784.
Dieser Zustand, der zu so tragischen Ergebnissen geführt
hat, kann nicht ad infinitum beibehalten werden, ohne daß wir damit
ernste Gefahren heraufbeschwören.
Und doch bedeutet es, diese Gefahren zu verewigen, wenn sich
die Sowjetunion gezwungen sieht, die von mir erwähnten so umfassenden und soliden Sicherheitsvorschläge abzulehnen. Sicher
läßt sich eine bessere staatsmännische Entscheidung finden.
Wir legen daher der Sowjetregierung dringend nahe, diese
Ungerechtigkeit der Teilung Deutschlands, die eine ständige
Bedrohung der europäischen Sicherheit darstellt, nicht zu verewigen. Sollten uns nicht die Folgen des Versailler Vertrages
eine Lehre sein? Wir richten diese dringende Bitte an die Sowjetunion, und wir werden sie immer wieder stellen in der Hoffnung,
ja in der Erwartung, daß die Klugheit siegen werde, ehe es zu
spät ist.
Punkt

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1955

Punkt zwei: Ich wende mich jetzt den Auswirkungen des sowjetischen Schrittes auf die internationalen Beziehungen im allgemeinen zu. Ich erinnere daran, daß Marschall Bulganin als Vorsitzender der Konferenz in seiner Eröffnungserklärung im Juli
sagte, daß die Aufgabe der Konferenz darin bestehe:,
"ein Nachlassen der internationalen Spannungen zu erzielen und ein Gefühl
des Vertrauens zwischen den Nationen zu schaffen." In seiner
Schlußansprache erklärte er, daß das, was in Genf geschehen ist,
"ein positives Kennzeichen für das Nachlassen der Spannungen in
den Beziehungen zwischen den Staaten und für die Wiederherstellung des notwendigen Vertrauens ist."
Die Regierungschefs mußten zahlreiche Gegensätze untereinander ausgleichen, ehe sie zu einem Schlußabkommen gelangten,wie es
in der Direktive an uns aufgezeigt ist. Doch stimmte man nach vielem Diskutieren schließlich darin überein, daß "zwischen der Wiedervereinigung Deutschlands und den Problemen der europäischen
Sicherheit eine enge Verbindung" besteht. Ferner bestätigten die
Regierungschefs erneut ihre gemeinsame Verantwortlichkeit "für
die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen, die in
Übereinstimmung mit den nationalen Interessen des deutschen
Volkes und den Interessen der europäischen Sicherheit durchgeführt werden sollten."
Die Regierung der Vereinigten Staaten war der Auffassung,
dieses feierliche Abkommen bedeutete zumindest, daß die Außenminister auf ihrer Zusammenkunft sowohl das europäische Sicherheitsproblem wie auch die Wiedervereinigung Deutschlands ernsthaft erörtern würden.
Eine solche Beratung wurde hinsichtlich des Problems der
europäischen Sicherheit durchgeführt. Man erreichte dabei weitgehende Übereinstimmung über die wichtigsten Faktoren, die eine
unerlässliche Voraussetzung für eine solche Sicherheit sind.
Diese Tatsache wurde sowohl von den Westmächten als auch von der
sowjetischen Delegation mit Befriedigung zur Kenntnis genommen.
Ich glaube, es wurde dabei demonstriert, daß um ein wiedervereinigtes Deutschland ein stabiler Rahmen eines europäischen
Sicherheitssystems gelegt werden kann.
Aber als wir uns dann mit der Wiedervereinigung Deutschlands
befaßten, lehnte die sowjetische Delegation eine Erörterung dieses
Problems ab, entgegen den ausdrücklichen Bestimmungen der Direktive
unter der wir arbeiten. Die sowjetische Delegation weigerte sich,
die Vorschläge der Westmächte, ihre ernsthaften und detaillierten
Vorschläge für eine Wiedervereinigung Deutschlands, zu erörtern.
Die sowjetische Delegation weigerte sich aber auch, ihrerseits
zu dem Problem der Wiedervereinigung Deutschlands irgendwelche
eigenen Vorschläge zu unterbreiten. Der sowjetische Plan für
einen "gesamtdeutschen Rat" gab nicht einmal vor, dem Rat irgendwelche Verantwortlichkeiten hinsichtlich der Wiedervereinigung
Deutschlands zu übertragen. Nein, er war vielmehr so angelegt,
daß er die Teilung Deutschlands verewigen sollte.
Die

�17. November 1955

"AMERIKA DIENST"

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist der Auffassung,
daß die Weigerung der Regierung der Sowjetunion, die Wiedervereinigung Deutschlands auch nur ernsthaft zu erörtern, einen
schweren Bruch des Übereinkommens der vier Regierungschefs darstellt. Dies muß sich unvorteilhaft auf die gesamten Beziehungen
der Sowjetunion zu anderen Mächten, einschließlich der USA,
auswirken.
Ich wäre alles andere als freimütig, wenn ich - soweit es
die Vereinigten Staaten betrifft - nicht klarstellen würde, daß
das, was hier geschehen ist, genes Vertrauen weitgehend zerschlagen hat, das auf der Konferenz der Regierungschefs geschaffen worden war.
Es können selbstverständlich der Friede und ein beschränktes
Maß an arbeitsmäßigen Kontakten weiterbestehen, so wie dies zwischen Völkern der Fall ist, die keinerlei Vertrauen darauf haben,
daß Abmachungen zwischen ihnen - selbst wenn sie auf höchster
Ebene getroffen werden - auch tatsächlich eingehalten werden:
unter solchen Bedingungen müssen sich diese Beziehungen schwierig gestalten und können auch nur beschränkter Natur sein.
Lassen Sie mich das, was ich hier zum Ausdruck bringen will,
durch einen Hinweis auf das illustrieren, was uns auf dieser
Konferenz noch zu erörtern übrigbleibt. Wir haben die Anweisung, jetzt zur Diskussion des Problems der Abrüstung und der
Entwicklung von Kontakten zwischen Ost und West überzugehen.
Ich muß allerdings dazu sagen, wie sehr ich fürchte, daß diese
Erörterungen uns wenig nützen werden, wenn wir das Gefühl hegen,
daß wir keinerlei zuverlässige Abmachungen untereinander treffen
können.
Punkt drei: Herr Vorsitzender, die Völker der ganzen Welt
fassten neue Hoffnung, als die Regierungschefs im vergangenen
Juli in Genf eine Übereinstimmung erzielten. Doch wie Präsident
Eisenhower in seiner Schlußansprache auf dieser Konferenz erklärte, "wird erst die Geschichte den wahren Wert und die richtige Bedeutung dieser Konferenz beweisen. Was nunmehr nach diesem Beginn von seiten unserer Regierungen geschieht, wird entscheidend dafür sein, wie diese Konferenz zu beurteilen ist."
Und er fuhr fort, "die Arbeit unserer Außenminister bei ihren
Bemühungen, unsere Direktive durchzuführen, wird von großer
Bedeutung sein, vielleicht von einer größeren Bedeutung als das,
was wir hier getan haben."
i

Ich hege die große Befürchtung, daß das, was wir hier getan
haben oder um es noch genauer zu sagen, was hier trotz des klaren Wortlauts unserer Direktive nicht getan wurde, in der ganzen
Welt mit großer Enttäuschung und Sorge betrachtet werden wird.
Es ist weder der Wunsch noch die Absicht der Vereinigten
Staaten, soweit das in ihrer Macht steht, zu den Verhältnissen
zurückzukehren, die vor dem Treffen der vier Regierungschefs
im vergangenen Juli bestanden. Wir sind fest entschlossen,
mit allen in unserer Macht stehenden Mitteln für einen gerechten und dauerhaften Frieden einzutreten. Aber ich bedaure den

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�"AMERIKA DIENST*»

17. November 1955

den Rückschlag, den wir hinsichtlich der Sicherheit Europas erlitten haben, und ich bedaure, daß der Geist von Genf durch die
Haltung der Sowjetunion Schaden genommen hat.
Wenn so viel, wie in diesem Falle, auf dem Spiele steht, dann
dürfen wir uns nicht gleich entmutigen lassen. Wir hoffen noch
immer, daß die Sowjetunion, wenn auch nicht gleich, so doch in
der nahen Zukunft, das Abkommen der vier Regierungschefs in loyaler
Weise erfüllen wird, nach dem Deutschland im Wege freier Wahlen
wiedervereinigt werden soll.
Wenn dieser Tag kommt, dann wird Europas Sicherheit gesichert
sein; dann wird der Geist von Genf einen Großteil jener Früchte
tragen, die er der Welt zu bieten schien.
* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DUL1ES UMREISST STANDPUNKT DER USA ZUR
ABRÜSTUNGSFRAGE

Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut einer Rede des amerikanischen
Außenministers John Poster Dulles vom
10. November 1955, in der dieser auf
der Außenministerkonferenz in Genf den
Standpunkt der USA zur Abrüstungsfrage
klar umreißt.
Herr Vorsitzender,
trotz des Verlustes an Vertrauen, der durch die sowjetische Haltung zum Punkt eins herbeigeführt wurde,' beginnen
wir jetzt mit der Behandlung des zweiten Punktes dieser Direktive, nämlich der Abrüstung. Wir tun dies, weil die vier Regierungschefs uns dazu angewiesen haben und weil wir dieser
Anweisung loyal nachzukommen wünschen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten geht an diesen Punkt,
wie auch an die anderen, im Sinne ihrer alles andere überragenden Zielsetzung eines gerechten und dauerhaften Friedens
heran.
Die Abrüstungsdirektive der Regierungschefs setzt drei
Aufgaben für die Außenminister fest: 1 . die Arbeit der Abrüstungskommission zur Kenntnis zu nehmen, 2. die von den vier
Regierungschefs unterbreiteten Ansichten und Vorschläge zu
berücksichtigen, 3« zu erwägen, ob die vier Regierungen irgendeine weitere nützliche Initiative auf dem Gebiete der Abrüstung
ergreifen können.
Die Regierungschefs haben uns nicht beauftragt, detailliert«
Verhandlungen über Abrüstungsvorschläge zu führen. Dies war offensichtlich klug. Unsere Konferenz ist nicht der geeignete
Zeitpunkt und Ort, sich auf komplizierte und technische Verhandlungen über dieses Thema einzulassen. Trotzdem sind unsere
Aufgaben immer noch wichtig.
Wollen wir uns nun als erstes kurz der Arbeit des Unterausschusses der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen
während der von ihm in der Zeit vom 29. August bis zu seiner
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seiner Vertagung am 7. Oktober 1955 in New York abgehaltenen
Sitzungen zuwenden.
Es liegt auf der Hand, daß diese Sitzungen, die in einem
Geist der Zusammenarbeit durchgeführt wurden, nützlich waren.
Es ist ebenso klar, daß sie als vorbereitend und analysierend
angesehen werden müssen. Sie haben noch keine konkreten Ergebnisse gebracht.
Alle unsere Regierungen scheinen die Auswirkungen der beschleunigten Entwicklung der Atomwissenschaft in ihren friedlichen und militärischen Aspekten einer neuen Prüfung zu unterziehen,
um sowohl neue konstruktive Möglichkeiten als auch erhöhte Gefahren in Rechnung zu stellen. Nachdem diese Überprüfung abgeschlossen ist, darf man vernünftigerweise einen rascheren Portschritt in der Arbeit des Unterausschusses der Vereinten Nationen erhoffen.
Im Verlaufe seiner kürzlichen Sitzungen hat der Unterausschuß ausführlich die Vorschläge der vier Regierungschefs geprüft. Die Sowjetunion erklärte, daß sie den Genfer Vorschlag
Präsident Eisenhowers für die Luftaufklärung und den Austausch
militärischer Pläne weiterhin prüft. Die Vereinigten Staaten
brachten ihre Bereitschaft zum Ausdruck, in Übereinstimmung
mit dem Plan des Präsidenten die von Ministerpräsident Bulganin
vorgeschlagenen Inspektionsgruppen zu Lande zu akzeptieren.
Ich will jetzt die von Präsident Eisenhower ergriffene
Initiative näher erläutern. Dies gehört auch zu unserer zweiten
Aufgabe unter der uns gegebenen Direktive.
Als der Präsident seinen Vorschlag hier am 21. Juli unterbreitete, war sein Zweck einfach und klar. Er sollte zur Schaffung von Verhältnissen beitragen, die einen wahren Portschritt
zur Abrüstung ermöglichen würden.
Ein solcher Portschritt wird weitgehend von dem Wiederauflebenden Vertrauen in die friedlichen Absichten der Großmächte
abhängen. So habe ich im Herbst vor der Vollversammlung der
Vereinten Nationen erklärt: "Die lange, Erfahrung zeigt, daß
eine Begrenzung der Rüstungen praktisch nicht erreicht werden
kann, wenn das Moment der Unsicherheit gegeben ist und Waffen
folglich nötig erscheinen. Eine Reduzierung der Rüstungen läßt
sich nur vollziehen, wenn die Furcht zerstreut ist und Waffen
weniger nötig erscheinen."
Der Vorschlag für einen Austausch von militärischen Plänen
und eine Luftinspektion war dazu bestimmt, dieses Problem in Angriff zu nehmen, und eine gesunde Basis für die Inspektion und
Kontrolle sowie die Reduzierung der Rüstungen zu schaffend Eine
Aggression größeren Ausmaßes ist unwahrscheinlich, wenn der Aggressor nicht den Vorteil eines Überrschungsangriffes hat und hoffen
kann, einen Schlag zu führen, der vernichtend ist, weil er unerwartet kommt.
Die

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Die Vorbereitung eines Angriffs von derartigen Ausmaßen
könnte jedoch gegenüber einer Inspektion aus der Luft kaum verborgen bleiben. Dies soll keineswegs heißen, daß eine Luftinspektion alles aufdecken würde oder daß eine Inspektion aus der Luft
ein vollkommenes Mittel der Kontrolle ist.
Eine Luftinspektion würde jedoch die Möglichkeit der Warnung
vor einem größeren Überraschungsangriff bieten. Darüber hinaus
würden zusätzliche Beobachtungsposten auf dem Lande, wie sie von
der Sowjetunion vorgeschlagen und von Präsident Eisenhower in
seinem Schreiben vom 11. Oktober akzeptiert wurden, diesen Schutz
erhöhen und verstärken.
Dieses kombinierte System würde einen entscheidenden ersten
Schritt zur Vermeidung der Möglichkeit eines größeren Überraschungsangriffs darstellen. Die Möglichkeit, den Status, die Stationierung und den Umfang der Streitkräfte und Rüstungen des anderen
Landes zu kennen, würde den überzeugenden Beweis dafür erbringen,
daß unsere zum Ausdruck gebrachten friedlichen Absichten ehrlich gemeint sind. Dies würde die Atmosphäre für Rüstungsbeschränkungen sofort günstiger gestalten.
Die Inspektion aus der Luft würde unser Problem nicht lösen.
Wie Präsident Eisenhower sagte, würde sie kein "Allheilmittel"
für das Abrüstungsproblem sein. Sie würde unsere Arbeit in dieser
Angelegenheit nicht zum Abschluß bringen. Aber sie würde einen
Anfang darstellen. Sie wäre ein erster Schritt, ein erster Schritt,
wie er in der Weltgeschichte noch nie da war, und der insbesondere diesem unserem Atomzeitalter gerecht würde. Er könnte das
Zeitalter des Wettrüstens beenden; er könnte den Beginn des Zeitalters der Reduzierung und Kontrolle der Rüstungen ankündigen.
Die Vereinigten Staaten sahen sich in der Lage, diesen Vorschlag zu unterbreiten, da unsere Ziele friedlich sind. Es ist
unsere feste und unwandelbare Absicht, niemals irgendeine Waffe
oder Rüstung anders anzuwenden als zur Verteidigung gegen einen
Aggressor und in Übereinstimmung mit den Bestimmungen der Charta
der Vereinten Nationen. Wir hoffen, daß sich die Sowjetunion
entschließen wird, diesen ersten Schritt zu akzeptieren.
Ich habe mit Interesse die Ausführungen verfolgt, die der
Leiter der sowjetischen Delegation soeben zu diesem Punkt machte.
Offensichtlich erfordern diese Ausführungen eine eingehendere
Prüfung als ich sie im gegebenen Augenblick vornehmen konnte.
Es ist jedoch mein erster Eindruck, daß die Sowjetunion den
Vorschlag von Präsident Eisenhower nicht als einen ersten Schritt
akzeptiert, sondern Präsident Eisenhowers'Konzeption einer Luftinspektion als einen möglichen späteren Schritt ansieht.
Es ist vorgebracht worden, daß - obwohl die Absichten Präsident Eisenhowers gut gemeint seien - er den Wert seines Vorschlages als einen Anfangsschritt falsch beurteilt habe. Es ist
jedoch weiterhin die Ansicht der Vereinigten Staaten, daß. der von
Präsident Eisenhower unterbreitete Vorschlag in der Tat dazu beitragen würde, die Atmosphäre eines größeren Vertrauens zu schaffen,
die ein wesentlicher Auftakt für ein von uns allen gewünschtes
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gewünschtes praktisches System der Kontrolle und Reduzierung der
Rüstungen ist.
Die Vereinigten Staaten wünschen aus ganzem Herzen, daß
eine solche Reduzierung und Kontrolle der Rüstungen unter angemessenen Sicherheitsgarantien erreicht wird.
Wir wünschen auch von ganzem Herzen, wesentliche Fortschritte
auf dem Wege zu unserem Ziel zu machen, die gegenwärtige Verwendung von menschlichen und wirtschaftlichen Hilfsquellen der Welt
für militärische Zwecke zu verringern. Die Aufrichtigkeit dieses
unseres Zieles wird durch die Geschichte der USA in bezug auf
.Rüstung und Streitkräfte deutlich gemacht. Unsere früheren Maßnahmen in dieser Beziehung sind der beste Beweis dafür, daß die
USA niemals übertrieben große Streitkräfte unterhalten werden.
Unsere Maßnahmen wurden in aller Öffentlichkeit getroffen.
Als der' zweite Weltkrieg zu Ende ging, überstiegen die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten, einschließlich der Armee,
der Marine, der Luftstreitkräfte und des Marinekorps, zwölf
Millionen Mann. Mitte 1946 waren unsere Streitkräfte um insgesamt 70 Prozent drastisch auf 3»3 Millionen Mann reduziert. Bis
Mitte 1947 war diese Mannschaftsstärke erneut um die Hälfte gekürzt worden, so daß riie gesamten Streitkräfte nur noch 1,5 Millionen Mann umfaßten.
Erst als die Aggression in Korea stattfand, wurden unsere
Streitkräfte wesentlich verstärkt. Im Jahre 1952 hatten sie etwa
3,6 Millionen Mann erreicht. Nach dem Waffenstillstand in Korea
wurden sie erneut um etwa 700 000 Mann, also rund 20 Prozent,
•auf 2,9 Millionen reduziert. Unsere Ausgaben für militärische
Zwecke sind*der gleichen allgemeinen Entwicklung gefolgt.
Ich bin mir klar darüber, daß die Sowjetunion seit der
Genfer Konferenz auf höchster Ebene die Frage gestellt hat
und heute erneut stellt, ob ihre Annahme des Vorschlags von
Präsident Eisenhower tatsächlich zu einer Reduzierung.der Rüstungen führen würde oder nicht.
Das Verhalten der Vereinigten Staaten in der Vergangenheit,
die eindrucksvollen Tatsachen, die. ich gerade aufgezählt habe,
und die persönliche Versicherung Präsident Eisenhowers sollten
'als Antwort auf diese Frage genügen. Das amerikanische Volk und
seine Regierung ziehen es unbedingt vor, unsere ungeheure Produktionskapazität für konstruktive und friedliche Zwecke einzusetzen — zur Steigerung des Lebensstandards und für den Genuß
eines erfüllten Lebens. Nur ein starkes Gefühl für die Notwendigkeit der Verteidigung und eine Anerkennung der Pflicht und
Verantwortung führen uns dazu, materielle und menschliche .Hilfsquellen für militärische Zwecke einzusetzen.
Die Tatsache, daß wir im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht einseitig abrüsten, bedeutet daher keineswegs, daß wir eine militaristische Nation geworden sind. Ganz im Gegenteil, es bedeutet,- daß wir auf harte Weise gelernt haben, daß einseitige
Schwäche den Frieden nicht fördert. Deshalb werden wir so lange

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lange stark bleiben, bis die Sowjetunion durch ihre Handlungen
zur Wiederherstellung des Vertrauens beiträgt und sich Maßnahmen anschließt, die es gesund und klug erscheinen lassen, unsere
Rüstungen zu reduzieren.
Wenn sich die Sowjetunion jedoch an der Schaffung dieser
Verhältnisse beteiligen wird, dann gibt es keinen Zweifel, an
der Haltung der Vereinigten Staaten. Unsere Regierung strebt
auch weiterhin als ein Hauptziel ein umfassendes System zur
Reduzierung der Rüstungen im Rahmen einer wirksamen Inspektion
und Kontrolle an. Unter solchen Bedingungen werden wir uns an
Maßnahmen zur sofortigen gemeinsamen Verminderung der Rüstungslasten, der militärischen Ausgaben und des Umfangs der Streitkräfte beteiligen und werden mehr Hilfsquellen in den Dienst
des Wohlergehens der Menschheit stellen.
Unsere dritte Aufgabe unter diesem Punkt der Tagesordnung
ist es, zu erörtern, ob unsere Regierungen eine weitere nützliche Initiative auf diesem Gebiet ergreifen können. Nach unserer Ansicht sollten Verhandlungen und detaillierte Arbeiten
auf dem Gebiet der Abrüstung auch weiterhin in dem Unterausschuß
der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen durchgeführt
werden, wenn auch offensichtlich in einem späteren Stadium die
Zeit kommen wird, in der auch andere Nationen zu dieser Aufgabe
hinzugezogen werden sollten.
Wir, die Außenminister, können hier nach meiner Überzeugung am besten zu dem Erfolg dieser Verhandlungen beitragen, indem wir die Atmosphäre verbessern, in der sie geführt werden.
Wie ich bereits gesagt habe, würde die Annahme des Vorschlags Präsident Eisenhowers diesem Zweck dienen. Sie würde
uns in die Lage versetzen, einen sofortigen und praktischen
Schritt zu unternehmen und an den Kern des Abrüstungsproblems
heranzukommen - das Mißtrauen und die Furcht, die die wesentlichen Ursachen der internationalen Spannungen sind. Wie Präsident Eisenhower in seinem Schreiben an Ministerpräsident Bul-.
ganin vom 11. Oktober 1955 erklärte, war sein Vorschlag von
der Absicht getragen, "von beiden Seiten einen Nichtangriffsgeist zu zeigen und so eine neue Atmosphäre zu schaffen, die
viel von der gegenwärtigen Furcht und dem Mißtrauen zerstreuen
würde. Dies wäre an sich schon Wert, getan zu werden. Dies könnte,
so glaube ich, es eher ermöglichen, Fortschritte im Hinblick
auf umfassende Pläne für eine Inspektion, Kontrolle und Reduzierung der Rüstungen zu machen."
Unsere vier Regierungen können auch noch auf andere Weise
zu praktischen Ergebnissen beitragen. Die Verhandlungen des
Unterausschusses können eine echte Verminderung der Rüstungen
zustandebringen und die Aussichten auf den Frieden verbessern,
wenn sie tatsächlich als ernsthafte Verhandlungen und nicht zu
Propagandazwe-cken geführt werden. Zu diesem Zweck müssen die Besprechungen auf die Grundlage der Tatsachen des Atomzeitalters
gestellt werden. Sie müssen die entscheidenden Bedingungen für
eine echte Reduzierung der Rüstungen voll in Rechnung stellen.
Praktisch

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Praktisch heißt dies die Anerkennung der Tatsache, daß ein
Fortschritt in der Abrüstungsfrage von der Ausarbeitung eines
wirksamen Inspektions- und Kontrollsystems abhängt. Präsident
Eisenhower hat dies hier in der Sitzung vom 21. Juli unterstrichen. "Die Regierung der Vereinigten Staaten", so erklärte
er, "ist bereit, einem vernünftigen und verlässlichen Abkommen
beizutreten, das eine Reduzierung der Rüstungen ermöglicht."
Gleichzeitig wies er darauf hin, daß "ein einwandfreies und verlässliches Abkommen nur dann Zustandekommen kann, wenn es voll
und ganz von einem Inspektions- und Kontrollsystem gestützt wird,
das geeignet ist, jeden Teil des Abkommens zu erfassen. Die Geschichte lehrt uns", so sagte er weiter, "daß Abrüstungsverträge
ohne angemessene gegenseitige Inspektion die Gefahr des Krieges
vermehren und die Aussichten auf Frieden nicht größer machen."
Alle Mitglieder des Unterausschusses der UN-Abrüstungskommission haben darin übereingestimmt, daß die Inspektion und
die Kontrolle der entscheidende Punkt des Abrüstungsproblems
sind. So erklärte Ministerpräsident Bulganin am 4. August 1955
vor dem Obersten Sowjet, daß, "wie der Präsident der Vereinigten
Staaten richtig festgestellt hat, jeder Abrüstungsplan letztlich
auf die Frage der Kontrolle und der Inspektion hinausläuft. Diese
Problem der Inspektion ist überaus ernst, und wir müssen eine
für alle annehmbare Lösung dieser Frage finden".
Alle Mitglieder des Unterausschusses der Abrüstungskommission sind darüber einig, daß es kein gegenwärtig bekanntes Inspektions- und Kontrollsystem gibt, das die Abschaffung der nuklearen Waffen garantieren kann. Ein vernünftiges Abrüstungsprogramm muß - das ist offensichtlich - die gegenwärtige Situation realistisch in Rechnung stellen. Die Vereinigten Staaten
setzen ihre intensive Suche nach Methoden fort, die vielleicht
ein umfassend wirksames Inspektions- und Kontrollsystem für
nukleares Waffenmaterial als Teil eines allgemeinen Abrüstungsprogramms möglich machen. Wir sind der Ansicht, daß jedes Land
ähnliche wissenschaftliche Forschungen bei angemessener Konsultation der Regierungen untereinander fortsetzen sollte.
Wir könnten durchaus wirksame Mittel zur Kontrolle der künftigen Produktion von Ausgangsmaterialien für Atomwaffen, einschließlich der Nebenprodukte von Atomkraftreaktoren und ohne
Rücksicht auf die besonderen Probleme der vollen Rechnungslegung
für die frühere Produktion, finden. Dies wäre von höchster Bedeutung. Unser aller Ziel sollte es sein, die größtmögliche Kontrolle zu entwickeln, die wirksam und zuverlässig wäre. Die Ausbreitung von Atomwaffen ohne Kontrolle oder ausreichendes Verantwortungsbewußtsein könnte die Gefahr eines Atomkrieges wesentlich erhöhen. Es ist möglich, daß die neue internationale Atomenergie-Behörde, die in Kürze gemäß dem Beschluß der Vollversammlung der Vereinten Nationen errichtet werden soll, zur»Kontrolle
auf diesem Gebiet beitragen kann. Dies ist eine dringende Notwendigkeit.
Wenn

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Wenn dies erreicht werden könnte, dann würde dies den besten
gemeinsamen Interessen aller unserer Staaten und der anderen
Staaten der Welt dienen. Wir könnten dem Ziel eines gerechten
und dauerhaften Friedens näher kommen.
Wenn der richtige Geist herrscht, dann besteht Grund zur
Hoffnung auf ein gesundes Abkommen über die offene Kenntnis
der Rüstungen, eine Reduzierung und Begrenzung, die Ausweitung
der friedlichen Anwendung der Atomenergie und die Förderung des
Wohlergehens der Völker.
Eine solche Hoffnung ist jedoch nur gerechtfertigt, wenn wir
die fundamentalen wissenschaftlichen und militärischen Tatsachen
akzeptieren, wenn wir uns von propagandistischen Versuchen zurückhalten, echte friedliche Ziele zum Ausdruck bringen und uns in
einem ernsthaften Bemühen vereinen, zuverlässige Methoden der
Inspektion und Kontrolle zu entwickeln.

*

*

*

*

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D I E N S T

WESTMÄCHTE UNTERBREITEN ABRÜSTUNGSVORSCHLÄGE

GENF — (AD) — Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut eines Entschließungsentwurfs zum zweiten Punkt der Tagesordnung der Abrüstung -, den die westlichen Außenminister am 10. November 1955 auf der Genfer
A\ißenministerkonf erenz vorlegten.

1. Die vier Außenminister stellen fest, daß ihre Vertreter
im Unterausschuß, der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen
im Zuge ihrer Bemühungen zur Schaffung eines zufriedenstellenden Abrüstungssystems der von den vier Regierungschefs am 27.
Juli 1955 in Genf erteilten Direktive gefolgt sind.
2. Sie nehmen Kenntnis von der Arbeit, die der Unterausschuß im Geiste der Konferenz der Regierungschefs auf seinen
New Yorker Sitzungen in der Zeit vom 29« August bis zum 7. Oktober 1955 geleistet hat, und bringen dem Unterausschuß ihre
Anerkennung für -seine Bemühungen zum Ausdruck.
3. Sie bringen zum Ausdruck, daß sie über folgendes Einigung erzielt haben:
a) den Verzicht auf die Anwendung.nuklearer Waffen und
aller anderen Waffen in einer Weise, die mit der Charta der
Vereinten Nationen nicht in Einklang steht;
b) die Notwendigkeit, zu Begrenzungen und Reduzierungen
der Rüstungen und der bewaffneten Streitkräfte zu gelangen;
c) die Notwendigkeit, die materiellen Hilfsquellen, die
durch die Abkommen auf dem Gebiete der Abrüstung frei würden,
sowohl in den Dienst der friedlichen wirtschaftlichen Entwicklung von Nationen zu stellen, um deren Wohlstand zu heben, als
sie auch zur Unterstützung weniger entwickelter Länder heranzuziehen;
d) die Tatsache, daß ein wirksames Inspektions- und Kontrollsystem der Kernpunkt eines jeden Abrüst&lt;ungsprogramms ist,
woraus sich die Notwendigkeit zur Schaffung eines Organs ergibt,
das für die Inspektion und Kontrolle der festgelegten Abrüstung3J
maßnahmen unter wirksamen Sicherheitsgarantien verantwortlich
ist;

*1
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e) die Tatsache, daß es jenseits der Reichweite internationaler Kontrollen Möglichkeiten gibt, um diese Kontrollen zu
umgehen und die heimliche Herstellung atomarer und nuklearer
Waffen zu organisieren, selbst wenn ein formelles Abkommen
über eine internationale Kontrolle vorhanden ist;
f) die Notwendigkeit, daß jeder Staat - bei angemessenen
Konsultationen der Regierungen untereinander - seine wissenschaftliche Suche nach Methoden fortsetzt, die sich aus den fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben könnten, die ein
umfassend wirksames Inspektions- und Kontrollsystem der nuklearen
Waffenmaterialien als Teil eines alle Arten von Rüstungen einschließenden Abrüstungsprogramms möglich machen würden.
4y Sie erklären ihre Absicht, weiterhin Abmachungen über
ein umfassendes Abrüstungsprogramm anzustreben, das mit der
geringstmöglichen Abzweigung der menschlichen und wirtschaftlichen Hilfsquellen der Welt für die Rüstung dem Weltfrieden
und der Sicherheit dienen wird,
5. Sie erkennen an, daß Inspektion, Kontrolle, Begrenzung
und Reduzierung der Rüstungen am besten in einer Atmosphäre
erreicht werden können, die frei ist von Furcht und Mißtrauen.
6. Sie schlagen demgemäß vor, daß als ein Beitrag zu einer.
solchen Atmosphäre und als Einleitung für ein allgemeines Abrüstungsprogramm die interessierten Staaten:
A) sofort übereinkommen, zur Verhinderung eines Überraschungsangriffs baldigst zu verwirklichen:
I. einen Plan für den Austausch militärischer Informationen
und eine luftinspektion auf der Basis des Vorschlags des Präsidenten der Vereinigten Staaten vom 21. Juli 1955; und
II. einen Plan für die Errichtung von Kontrollposten an
Schlüsselpunkten, wie dies in den Vorschlägen des Vorsitzenden
des Ministerrats der UdSSR vom 21. Juli 1955 angeregt wurde;
B) weiter übereinkommen:
I. den Austausch und die' Veröffentlichung von Informationen
hinsichtlich der militärischen Ausgaben und Haushalte in die
Wege zu leiten, wie dies in den Vorschlägen des französischen
Ministerpräsidenten vom 22. Juli 1955 vorgesehen wurde; und
II. zu prüfen, wie eine praktische Erfahrung in bezug auf
das Problem der Inspektion und Kontrolle am besten gewonnen
werden kann, wie dies von dem britischen Premierminister am
21. Juli 1955 vorgeschlagen worden war.
7. Sie weisen ihre Vertreter bei der Abrüstungskommission
der Vereinten Nationen an, den Antrag zu stellen, daß ihr Unterausschuß zu einem baldigen Zeitpunkt erneut zusammentritt und
sich weiter um eine annehmbare Lösung des Abrüstungsproblems
bemüht.
*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BIETET AUSWEITUNG DES EISENHOWERPLANES DER
"OFFENEN HIMMEL" AN

GENF — (AD) —
Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rede des US-Außenministers John Foster Dulles vom 11. November 19 55, in der er in Genf erneut zum
Abrüstungsproblem Stellung nimmt und der
Bereitschaft der USA Ausdruck gibt, den ursprünglich für die USA und die UdSSR gedachten Plan Eisenhowers für den Austausch
militärischer Informationen und eine gegenseitige Luftinspektion auch auf andere
Staaten auszudehnen.

Herr Vorsitzender,
Ich möchte zuerst Bezug nehmen auf die Erklärungen
der sowjetischen Delegation bezüglich Präsident Eisenhowers
Vorschlag für einen Austausch von militärischen Plänen und
eine gegenseitige Luftinspektion.
Die sowjetische Delegation erklärt, daß "sich Präsident
Eisenhower ohne Zweifel von den besten Absichten leiten ließ",
Aber die sowjetische Delegation kommt zu dem Schluß, daß,
während Präsident Eisenhower dachte und erklärte, sein Vorschlag werde zu einer" Verringerung der Gefahr und einer Verminderung der Spannungen führen, die Sowjetunion zu der
Überzeugung gelangte, daß der Vorschlag sich gerade gegenteilig auswirken und die Gefahr und Spannung nur verstärken
würde.
Aufs wesentliche gesehen, erklärte die Sowjetunion, daß
Präsident Eisenhower wohl gute Absichten hege, daß er aber,
was die Frage von Krieg und Frieden angeht, ein schlechtes
Urteil habe. Dieser Behauptung können wir nicht zustimmen,
und wir glauben, daß der größte Teil der Welt ihr ebenfalls
nicht zustimmen wird. Es dürfte nicht leicht fallen, das
Urteilsvermögen eines Mannes zu schmälern, der als der militärische Führer der großen Koalition, die im Westen den
Sieg für die Freiheit gewann, in der ganzen Welt hohes'Ansehen errang.
Als Präsident Eisenhower dem Vorsitzenden Bulganin seit -

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seinen Vorschlag unterbreitete, wurde dieser mit einer Welle
von Beifall in der ganzen Welt begrüßt. Überall auf der Welt
fühlten die Völker instinktiv, daß dieser Vorschlag, wenn er
angenommen würde, praktisch das Ende der Kriegsgefahr zwischen
unseren beiden Ländern bedeuten würde.
Ich glaube, daß dieser Instinkt der Völker der ganzen
Welt richtig war. Ich glaube dagegen nicht, daß sie durch die
von Herrn Molotow gestern vorgebrachten Argumente vom Gegenteil
überzeugt sein werden. Ich will diese Argumente Punkt für
Punkt durchgehen und zu ihnen Stellung nehmen.
1. Es wird erklärt, daß der Zusammenhang zwischen dem
Eisenhowervorschlag und der Abrüstung nicht klar zu ersehen
sei. Der Vorschlag wurde jedoch gerade als eine Einleitung zu
einem Programm für ein gegenseitig zuverlässiges System zur
Verringerung der Rüstungen unterbreitet.
2. Die sowjetische Delegation weist darauf 'hin, daß der
Eisenhowervorschlag sich lediglich auf das Gebiet der Sowjetunion
und der Vereinigten Staaten bezieht und sich nicht auf die Streitkräfte dieser beiden Staaten an anderen Orten oder auf die Streitkräfte unserer Verbündeten erstrecken würde.
Es entspricht den Tatsachen, daß sowohl die Sowjetunion
als auch die Vereinigten Staaten wesentliche Streitkräfte außerhalb ihres Hoheitsgebietes stationiert haben. Die Regierung der
Sowjetunion wird sicherlich nicht bestreiten, daß sie starke
Streitkräfte in Ostdeutschland, Polen9 Ungarn, Rumänien und anderen Ländern und Orten unterhält. Der Hauptteil der Streitkräfte der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten ist jedoch
innerhalb des Hoheitsgebietes dieser Länder stationiert. Der
überwältigende Teil de..' Streitkräfte ,. die unweigerlich bei
einem Angriff eingesetzt würden, befindet sich in beiden Ländern innerhalb des Hoheitsgebietes. Dieses ist also der Ort,
wo man beginnen muß. Dies ist der Raum innerhalb dessen ein sofortiger Anfang gemacht werden kann, da nicht die Entscheidung
zahlreicher souveräner Staaten notwendig wäre oder die Probleme
auftauchen würden, die sich bei der Aushandiung von Abkommen
mit etwa 40 Staaten ergeben.
Die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens haben sich
bereits dem Eisenhowsr-lforschlag angeschlossen. Außerdem aber
wären die Vereinigten Staaten bereit, wenn der Eisenhower-Vorschlag von der Sowjetunion angenommen würde, ihrerseits unverzüglich mit anderen davon betroffenen souveränen Staaten und
mit der Sowjetunion in Verhandlungen über eine zweckmäßige auf
einer gegenseitigen und gerechten Basis fundierten Ausweitung
des Eisenhower-Vorschlags und der Bulganinschen Kontrollposten
in Übersee und bei den Streitkräften anderer Länder zu treten.
Selbstverständlich erkannte Pz-äsident Eisenhower mit aller
Klarheit, daß das, was er damals im Juli vorschlug, nur ein
erster Anfang sein würde. Ich erinnere an den Wortlaut- seiner
Formulierung;; "Was ich vorschlage, so versichere ich Ihnen^
würde lediglich ein beginn sein."
Aber

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Aber es ist der Beginn, der erste bewußte Durchbruch, der
oft entscheidend ist. Wie Präsident Eisenhower betonte, würden
der Geist des Friedens sicherer regieren und Fortschritte in
der Abrüstung mit größerer Sicherheit erzielt werden, wenn gerade zwischen den beiden Ländern ein gegenseitiges Verständnis
und eine wechselseitige Offenheit best und an, die den größten Vorrat an Atomwaffen besitzen.
I

Gerade diesen ethischen Aspekt des Eisenhower-Vorschlags
aber scheint die Sowjetunion voll und ganz übersehen zu haben.
3. Es wird ferner der Einwand gegen die sogenannten "enormen Ausgaben" erhoben, die für die Durchführung der Luftaufnahmen
erforderlich seien.
Es ist wohl wahr, daß erhebliche Kosten entstehen würden
und daß Flugzeuge und technische Anlagen anstatt für Kriegszwecke
für Friedenszwecke abgezweigt werden müßten. Die Vereinigten
Staaten, das kann ich wohl sagen, sind dazu bereit. Ich kann
nicht glauben, daß sich ein anderes Land weigern sollte, einem
großen Friedensprojekt zuzustimmen, weil das eine Abzweigung von
Kriegsmaterial erforderlich machen würde.
4. Es wurde weiter behauptet, daß Präsident Eisenhowers
Vorschlag nicht die Errichtung von "Kontrollposten in Häfen,
Eisenbahn-Knotenpunkten" und ähnlichem vorsieht. Dieses Argument
überrascht mich, nachdem Ministerpräsident Bulganin das Schreiben Präsident Eisenhowers vom 11. Oktober erhalten hat, in dem
Präsident Eisenhower erklärte, und nun zitiere ich: "Ich habe
ihren Vorschlag, der sich auf die Stationierung von. Inspektionsteams an Schlüsselpunkten in unseren Ländern bezieht, nicht vergessen,, und wenn Sie der Ansicht sind, daß dies dazu beitragen
würde, den besseren Geist, auf den ich verwies, zu schaffen,
dann würden wir diesen Vorschlag auch annehmen."
5. Schließlich ist behauptet worden, daß der Eisenhower-Plan
die Kriegsgefahr vergrößern würde, weil er den Ländern Informationen über die militärischen Einrichtungen des jeweiligen
Staates geben und es damit einem Angreifer ermöglichen würde,
einen wirksamen Überraschungsangriff auszuführen.
Ich weiß, daß die Sowjetunion genügend Informationen über
die Vereinigten Staaten sowie über unsere militärischen und
industriellen Einrichtungen hat, und die Vereinigten Staaten
sind auch nicht völlig unwissend im Hinblick auf die Sowjetunion.
Wir beide, so darf ich wohl sagen, kennen genug, was angegriffen
werden könnte. Was fehlt, ist das Abschreckungsmittel für einen
Angriff, was aber gegeben wäre, wenn die Vorbereitungen für einen
Angriff entdeckt werden können, so daß der Angreifer nicht den
Vorteil der Überraschung hat. Auf diese Weise würde der Vorschlag
Eisenhowers mit Nachdruck für den Frieden wirken.
Wir übersehen nicht die Tatsache, daß die Sowjetunion - obwohl sie den Vorschlag Präsident Eisenhowers ablehnte, als er
ihn unterbreitete - durchblicken läßt, daß sie eine Konzeption
der Luftaufklärung als eine der Kontrollformen akzeptieren würde,
die - wie die Sowjetunion sich ausdrückte - "im abschließenden
Stadium der Verwirklichung der Maßnahmen zur Reduzierung der
_ 3 -

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der Rüstungen und zum Verbot der Atomwaffen" erörtert werden
sollten. Wir sehen in dieser Erklärung der Sowjetunion einen
willkommenen Fortschritt gegenüber den früheren sowjetischen
Standpunkten. Dennoch sind wir überaus enttäuscht darüber, daß
die Sowjetunion jetzt den Vorschlag Präsident Eisenhowers als
einen Anfangsschritt zur Verminderung der Spannungen zwischen
unseren Ländern und zur Eröffnung für weitere Inspektions- und
Kontrollmaßnahmen sowie zu einer darauf basierenden Reduzierung
der. Rüstungen ablehnt.
Vielleicht stellt jedoch die Erklärung der sowjetischen
Delegation von gestern noch- nicht das letzte Wort der Sowjetunion
dar.
Ich möchte in diesem Zusammenhang an die zunächst negative
Reaktion der Sowjetunion auf Präsident Eisenhowers Atome-für-denFrieden-Vorschlag erinnern, den dieser im Dezember 1953 vor den
Vereinten Nationen machte. Ich erinnere ferner daran, daß die
Sowjetunion bis zum Juli 1955 so weit war, daß sie diesem Vorschlag im Prinzip zustimmte.
Ich hoffe immer noch, daß eine ähnliche Evolution des sowjetischen Denkens in bezug auf Präsident Eisenhowers Vorschlag über
den Austausch militärischer Pläne und die gegenseitige Luftaufklärung stattfindet, nur daß - so hoffe ich ebenfalls - dies nicht
so lange dauern wird, da die Zeit sehr drängt.
Ich wende mich nun dem Vorschlag zu, der gestern von der
Sowjetdelegation zur Abrüstungsfrage eingebracht wurde, ein Vorschlag, der im großen und ganzen ein Duplikat früher bereits bei
verschiedenen Gelegenheiten gemachter Vorschläge ist. Ich gehe
meinerseits auf diesen Vorschlag nur insoweit ein, als er das
Gebiet der Atomwaffen betrifft. Es sind hier vier Punkte zu erwähnen. Der eine ist, "daß als eine der ersten Maßnahmen für
die Durchführung des Programms einer Rüstungsreduzierung und des
Verbots von Atomwaffen, alle Staaten, die Atom- und Wasserstoffwaffen herstellen, sich feierlich verpflichten, keine weiteren
Tests mit diesen Waffen durchzuführen."
Darf ich hierzu sagen, daß die Vereinigten Staaten bereit
wären, entsprechenden Verboten in bezug auf Tests mit derartigen
Waffen zuzustimmen, sofern ein Abkommen zur Eliminierung oder
Begrenzung nuklearer Waffen unter zweckmäßigen Sicherheitsbestimmungen erzielt werden kann.
Dann sind hier zwei weitere, einander ziemlich gleichende
Punkte zu nennen, von denen der eine vorschlägt, daß die vier
Mächte sich verpflichten sollten, "nicht als erste Atom- oder
Wasserstoffbomben zu benutzen", und der andere besagt, daß sie
sich "verpflichten sollten, keine Atomwaffen zu verwenden."
Diese Vorschläge leiden an dem schweren Fehler, daß sie
lediglich Versprechungen darstellen.
Es ist ein Grundsatz der amerikanischen Politik, die Sicherheit der USA nicht lediglich von Versprechungen abhängig zu machen
oder von Abkommen, die sich als illusorisch erweisen könnten. Wir

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Wir erlebten diese Woche eine schwere Enttäuschung, als wir die
Erfüllung des sowjetischen Übereinkommens anstrebten, daß Deutschland auf Grund freier Wahlen wiedervereinigt werden soll.
Man darf wohl kaum erwarten, daß die Vereinigten Staaten sich
auf Verpflichtungen verlassen würden, die nicht zuverlässig sind
und für deren Durchführung keinerlei zuverlässige Kontrollen
vorgesehen sind.
Wir weisen weiter darauf hin, daß ein Krieg nur dann ausbrechen kann, wenn eine Nation das feierliche Versprechen gebrochen hat, das in der Charta der Vereinten Nationen und in
vielen anderen internationalen Abkommen enthalten ist, nämlich
in den internationalen Beziehungen von der Androhung oder Anwendung von Gewalt - wie dies den Bestimmungen der Charta zuwiderläuft - abzusehen. Wenn eine Nation dieses Versprechen bricht,
wie können wir dann wissen, ob sie sich an ihr Versprechen halten
wird, keine Atomwaffen einzusetzen oder sie nicht als erste
zu benützen? Die Vereinigten Staaten sind übereingekommen, keine
Gewalt gegen die Sowjetunion anzuwenden, wie dies eine Verletzung
der Charta der Vereinten Nationen darstellen würde. Aber wenn
die Sowjetunion nicht glaubt, daß wir dieses Versprechen halten,
warum wünscht sie dann noch weitere Versprechen und vice versa?
In bezug auf den Vorschlag, daß alle Atomwaffen abgeschafft
werden sollen, möchte ich die Aufmerksamkeit auf die eindrucksvolle Erklärung der Sowjetunion lenken, die in ihren Vorschlägen
vom 10. Mai enthalten ist, und in der gesagt wird, daß es keine
Sicherheit über die Abschaffung von Atomwaffen geben kann. Ich
machte hier diese Erklärung zitieren.
"Es bestehen Möglichkeiten, über die Reichweite internationaler Kontrollen hinaus diese Kontrolle zu umgehen und die geheime Herstellung von Atom- und Waöserstoffwaffen zu organisieren,
selbst wenn ein formelles Abkommen über eine internationale Kontrolle besteht. In einer solchen Situation kann die Sicherheit
der Signatarstaaten der internationalen Konvention nicht garantiert werden, da ein potentieller Aggressor die Möglichkeit
haben würde, Bestände an Atom- und Wasserstoffbomben für einen
atomaren Überraschungsangriff auf friedliebende Staaten anzusammeln.
Solange nicht eine Atmosphäre des Vertrauens in den Beziehungen der Staaten zueinander geschaffen ist, kann jedes
Abkommen über die Schaffung einer internationalen Rüstungskontrolle nur dazu dienen, die Wachsamkeit der Völker einzuschläfern. Es wird ein falsches Gefühl der Sicherheit schaffen,
während in Wirklichkeit die Gefahr der Atom- und Wasserstoffwaffenproduktion bestehen wird und damit die Drohung eines
Überraschungsangriffs und die Entfesselung eines Atomkrieges
mit all seinen für die Völker entsetzlichen Konsequenzen."
Es

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17. November 1955

Es ist diese so eindringlich von der Sowjetunion geschilderte Gefahr, die das Problem schafft, mit dem wir hier alle
ringen. Dieses Problem wird, wie wir annehmen, erneut vor den
Abrüstungsunterausschuß der Vereinten Nationen gebracht werden.
Wir sind hier offensichtlich nicht in der Lage, das Problem zu
lösen, noch sind wir bereit, die Schlußfolgerungen vorwegzunehmen, zu denen die mit der Bearbeitung dieser Frage beschäftigten wissenschaftlichen Experten gelangen werden.
Ich möchte daran erinnern, daß wir in dem Vorschlag, den
die drei westlichen Mächte gestern unterbreitet haben, forderten,
"daß jeder Staat - bei angemessenen Konsultationen untereinander seine wissenschaftliche Suche nach Methoden fortsetzt, die sich
aus den fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben
könnten, und ein umfassend wirksames Inspektions- und Kontrollsystem der nuklearen Waffenmaterialien als Teil eines alle
Arten von Rüstungen einschließenden Abrüstungsprogramms möglich
machen würden."
Es kann vernünftigerweise nicht erwartet werden, daß wir
hier einem Verbot der Atomwaffen angesichts der Schwierigkeiten
und Gefahren zustimmen werden, auf die die Sowjetunion selbst
unsere Aufmerksamkeit gelenkt hat und die eine Situation schaffen, in der wir - nach den Worten der Sowjetunion - nicht sicher
sein können, "ehe eine Atmosphäre des Vertrauens in den Beziehunen zwischen den Staaten geschaffen ist". Wir können nur bedauern,
aß die Haltung der Sowjetunion auf dieser Konferenz - was "eine
Atmosphäre des Vertrauens" angeht - keinen Portschritt sondern
einen Rückschritt gebracht hat. Es ist mehr denn je unvermeidlich,
daß sich die Vereinigten Staaten eng an die von Präsident Eisenhower in seiner Rede vom vergangenen Juli aufgezeichnete Position halten:
»Was die Abrüstung anbetrifft, so ist die amerikanische
Regierung der Ansicht, daß ein wirksames Abrüstungssystem nur
dann erreicht werden kann,* wenn ihm ein wirksames System gegenseitiger Inspektion und allgemeiner Überwachung zugrundeliegt,
ein System, dem wir Vertrauen können und bei dem jede Seite
sicher ist, daß sich die andere auch tatsächlich an_ihre Verpflichtungen hält."
Ich habe die Gründe genannt ,* warum die Vereinigten Staaten
keine von der Sowjetunion unterbreiteten Abrüstungsvorschläge
in Erwägung ziehen können, die sich auf gegenseitiges Vertrauen
stützen, das gegenwärtig noch gar nicht existiert. Wir fordern
daher, daß die Sowjetunion in realistischer Weise diese Tatsache
akzeptiert und daß wir so schnell und umfassend wie möglich
durch den Unterausschuß der UN-Abrüstungskommission ein wirksames gegenseitiges System der Inspektion und der allgemeinen
Überwachung ausarbeiten. Dann würden wir tatsächlich eine Basis
für die Reduzierung der Rüstungen haben, die wir alle anstreben
und die es möglich machen würde, daß die Hilfsquellen der Welt
in größerem Ausmaß in den Dienst des Wohlergehens der Menschheit
gestellt werden.

§

* *

�DULLES UMREISST PROBLEME DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK:
CHICAGO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, in der
der amerikanische Außenminister John Foster
Dulles am 8.Dezember 1955 in Chicago vor
Wirtschaftlern dßs Staates Illinois zu Problemen der amerikanischen Außenpolitik
Stellung nahm.
Wir befinden uns, so scheint es, hinsichtlich des Kampfes zwischen dem internationalen Kommunismus und der Freiheit
in einer neuen Phase.
Das erste Jahrzehnt nach Beendigung des Krieges war eine
Phase der Gewaltanwendung und der Drohung mit Gewalt. Damals
war der Nordteil von Persien durch die Sowjets militärisch besetzt, es gab den kommunistischen Guerillakrieg in Griechenland, die sowjetische Blockade Berlins, die kommunistische
Machtergreifung in der Tschechoslowakei durch Androhung eines
bewaffneten Einmarsches, den Krieg gegen Korea, den Krieg gegen Indochina, die kriegerischen Handlungen in der Straße von
Formosa und die Politik der Drohungen gegen Westeuropa, als
sich die deutsche Bundesrepublik den Westmächten anschluß.
Seit dem letzten Frühjahr hat es den Anschein, als hätte
diese Phase der Gewaltanwendung ihren Höhepunkt überschritten.
Wir sollten uns jedoch ins Gedächtnis zurückrufen, daß
eine der von Lenin aufgestellten und von Stalin ständig unterstrichenen Thesen die Notwendigkeit eines Zickzack-Kurses betonte. Wiederholt hat Stalin den Gedanken dargelegt, daß es
genauso wichtig sei zu wissen, wann man den Rückzug anzutreten habe, wann man angreifen müsse, und daß man, wenn ein Weg
blockiert sei, notwendigerweise einen anderen finden müsse.
Stalin ist tot. Aber dreißig Jahre lang waren seine
Schriften das kommunistische Glaubensbekenntnis, und der
Stalinismus übt faktisch, wenn auch nicht dem Namen nach,
noch immer einen mächtigen Einfluß in Rußland aus.
Daher müssen wir klugerweise nach der Voraussetzung
handeln, daß die gegenwärtige sowjetische Politik nicht
einen Wandel der grundlegenden Ziele sondern nur eine Änderung der Taktik darstellt.
Wir
- 1 -

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14. Dezember 1955

Wir wünschen jedoch keineswegs das Wiederaufleben einer
Politik der Gewaltanwendung. Daher ist es nützlich, daß wir
uns klar vor Augen halten, welche Politik der freien Welt die
Sowjetunion veranlaßt hat, von ihrer Taktik der Gewaltanwendung und Einschüchterung abzugehen, da diese sich als unproduktiv herausgestellt hat.
Die freien Nationen haben zwei miteinander verbundene
politische Maßnahmen zur kollektiven Sicherheit ergriffen.
Die erste ist, eine eindeutige Warnung zu geben, daß jede
mit Waffengewalt geführte Aggression auf eine kollektive Gegenmaßnahme stoßen wird. Die zweite ist, bereit zu sein, dieser politischen Warnung mit der notwendigen abschreckanden
Kraft Nachdruck zu verleihen.
Das politische Warnsystem
Die erste größere politische Warnung an die Sowjetunion
fand ihren Ausdruck im Nordatlantikpakt, einem Produkt demokratisch-republikanischer Zusammenarbeit der Jahre 1948 und
1949.
Durch den Nordatlantikpakt gaben die Vertragspartner den
Sowjet-Machthabern zu verstehen, daß die Sowjets es bei einem
Angriff auf einen dieser Partner mit allen zu tun bekommen
würden. Wenn der deutsche Kaiser oder Hitler vorher gewußt
hätten, daß ihre Aggressionen mit Sicherheit die ganze Macht
der Vereinigten Staaten gegen sie ins Feld gerufen haben würden, dann hätten sie ihre Angriffskriege wahrscheinlich niemals begonnen. Beide aber haben sich verrechnet. Der Nordatlantikpakt läßt für solche irrtümlichen Annahmen keinerlei
Raum. Dies, so sagte Senator Vandenberg, war "die zweckmäßigste Abschreckungsmaßnahme gegen den Krieg, die die Klugheit
des Menschen bisher erfunden hat."
Aber der Nordatlantikpakt allein reichte nicht aus. Er
hätte zu dem Schluß führen können, daß wir den Geschehnissen
in anderen Teilen der Welt, vor allem in Asien, verhältnismäßig gleichgültig gegenüberständen. Und so haben die Kommunisten dann tatsächlich knapp ein Jahrj nachdem der Nordatlantikpakt in Kraft getreten war, die Republik Korea angegriffen.
Jetzt aber sind - wenn man von den südostasiatischen Ländern absieht, die sich für einen "Neutralismus" entschieden die Lücken in dem politischen Warnsystem geschlossen. Die
Vereinigten Staaten haben in Zusammenarbeit beider Parteien
gemeinsame Sicherheitsäbkommen mit den Philippinen, mit Japan,
der Republik Korea und der Republik China auf Pormosa geschlossen. Wir sind ferner dem Anzus-Pakt beigetreten, und wir haben
uns mit sieben anderen Staaten im südostasiatischen kollektiven
Verteidigungsabkommen vereint. Außerdem besteht der Balkanpakt
zwischen Jugoslawien, Griechenland und der Türkei und der Bagdadpakt, der den "nördlichen Gürtel", die Türkei, ^Persien, den Irak
und Pakistan, einschließt.
Alle

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14. Dezember 1955

Alle diese Verträge sind so gehalten, daß sie mit dem, wie
es die Charta der Vereinten Nationen nennt, "angeborenen Recht
zur Selbstverteidigung" in Einklang stehen. Zusammen bilden sie
ein weltumspannendes politisches Warnungssystem. Dies soll die
Despoten von der irrigen Annahme abbringen, daß sie die Roten
Armeen dazu verwenden können, die schwächeren Nationen eine
nach der anderen zu unterwerfen.
Es ist jedoch nicht genug, ein politisches WarnungsSystem
zu besitzen. Dieses muß, wenn es eine wirksame Abschreckung bilden soll, entsprechend gestützt sein. Damit aber erhebt sich
ein schwieriges Problem.
"Da mehr als 20 Staaten an dem 32 000 Kilometer langen
Eisernen Vorhang liegen, ist es nicht möglich, statische Verteidigungsstreitkräfte aufzubauen, die jedes einzelne Land von
vornherein gegen jeden möglichen größeren und unvorhergesehenen
Angriff, den Rußland beginnen könnte restlos sichern. Auch nur
den Versuch unternehmen zu wollen, würde darauf hinauslaufen,
nirgends stark und überall bankrott zu sein. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir unser eigenes Verteidigungsgebiet aufgeben sollen ... Glücklicherweise brauchen wir erst gar nicht
zwischen diesen beiden verhängnisvollen Alternativen zu wählen.
Es ist weder notwendig, unsere Stärke über die ganze Welt in
dem fruchtlosen Versuch zu verteilen, überall eine statische Verteidigung aufzubauen, noch haben wir es nötig, uns wie eine
Schnecke in unser Haus zurückzuziehen, in der vergeblichen .
Hoffnung, uns selbst gegen die gesamte übrige Welt verteidigen
zu können .... Was die Möglichkeit eines mit allen Mitteln geführten Angriffs durch die Sowjetunion selbst angeht, so gibt
es dagegen für uns und die anderen nur eine einzige wirksame
Form der Verteidigung. Das ist die Bereitschaft zum Gegenangriff, die das einzige letztlich wirksame Abschreckungsmittel
darstellt... Das Arsenal der Vergeltung sollte alle Formen
des Gegenangriffs bei gleichzeitiger größter Flexibilität einschließen. . . Auf diese Weise erhält die Konzeption der kollektiven Sicherheit einen vernünftigen und wirksamen Inhalt."
Was ich Ihnen eben hier vorgetragen habe, sind Worte,
die ich vor fünf Jahren, am 29.Dezember 1950, in einer Ansprache über das Thema "Wo stehen wir" vor Angehörigen der amerikanischen Gesellschaft für die Vereinten Nationen gesprochen
habe.
Jenes Programm ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Wir
haben mit unseren Verbündeten gemeinsam ein machtvolles kollektives Verteidigungssystem aufgebaut, das sich in flexibler
Weise in jedem Ausmaß einsetzen läßt, das erforderlich erscheint,
um eine Aggression zu einem verlustreichen Unternehmen werden
zu lassen. Unsere Fähigkeit, zurückzuschlagen, muß erheblich
sein - und sie ist es auch -, um vor einer Aggression in jedweder Form abzuschrecken. Wenn wir jedoch gezwungen wären, von dieser unserer Fähigkeit Gebrauch zu machen, dann würden wir dabei
nicht wahllos vorgehen, sondern uns der gegebenen Situation anpassen.
"Um

�"AMERIKA DIENST"

14. Dezember 1955

"Um vor einer Aggression abzuschrecken, ist es von großer
Wichtigkeit, anpassungsfähig zu sein und über so viele Möglichkeiten zu verfügen, daß ganz verschiedene Formen des Zurückschiagens denkbar sind. In vielen Fällen würde ein offener Angriff kommunistischer Streitkräfte nur zum Beginn eines allgemeinen Krieges führen. Die freie Welt muß jedoch über die Mittel verfügen, die, falls dies als zweckmäßig erachtet, ein
wirkungsvolles Zurückschlagen auf selektiver Basis ermöglichen.
Sie darf sich nicht in eine Lage bringen, wo die einzig noch
verbleibende Möglichkeit die des allgemeinen Krieges ist. Das
entscheidende dabei ist, daß ein möglicher Aggressor von vornherein wissen muß, daß er für seine Aggression in einer Form
zur Rechenschaft gezogen werden kann und wird, die die Opfer
auf jeden Fall größer als den möglichen Gewinn scheinen lassen.
Dies macht ein System erforderlich, bei dem die Verteidigungsstärke der einzelnen Staaten durch eine bewegliche, abschreckende Verteidigungsmacht ergänzt wird. Die Methoden werden sich
je nach dem Charakter der verschiedenen Gebiete voneinander
unterscheiden."
Dies führte ich in einem Artikel aus, den ich vor zwei
Jahren in der Aprilnummer 1954 der Zeitschrift "Foreign Affairs"
veröffentlichte und der am 16.März 1954 als Presseverlautbarung
herausgegeben wurde.
Unsere gemeinsamen Sicherheitsvorkehrungen helfen allerorts die Verteidigungsstärke schaffen, die erforderlich ist,
um die internationale Ordnung gegenüber den auf einen Umsturz
abzielenden Taktiken zu bewahren und der Aggression einen
Widerstand zu bieten, der den zum Angriff antretenden, in
höchstem Maße beweglichen Truppen genügend Zeit gibt, an Ort
und Stelle zu gelangen.
Wir haben also eine kollektive Verteidigungspolitik, die
einerseits darauf berechnet ist, vor einer bewaffneten Aggression abzuschrecken und die uns andererseits die Möglichkeit
gibt, sie, wenn es sein muß, unbegrenzt fortzuführen.
Die beiden Elemente, von denen ich gesprochen habe - ein
politisches Warnsystem auf der einen und eine selektive Vergeltungsstärke auf der anderen Seite -, bilden zusammen eine
feste Grundlage für den Frieden. Wenn wir wollen, daß der Friede Bestand hat, müssen wir diese Grundlage intakt halten.
Wir mühen uns ernsthaft um ein zuverlässiges System der
Rüstungsbeschränkung. Solange uns jedoch in diesen Anstrengungen der Erfolg versagt ist, müssen wir und unsere Verbündeten
die Streitkräfte, Waffen und Ausrüstungen beibehalten, die
erforderlich sind, eine bewaffnete Aggression - möge sie nun
umfangreich oder geringfügig sein - abzuschrecken. Das ist der
unerläßliche Preis des Friedens.
Der Kampf um Gerechtigkeit
Aber wir wagen nicht, anzunehmen, daß die einzige Gefahr
die der bewaffneten Aggression sei, und daß wir - wenn wir vor
einer Aggression abschrecken können - in unseren Bemühungen
nachlassen dürfen.
Es

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14. Dezember 1955

Es gibt noch immer schwerwiegende Ungerechtigkeiten, die
Abhilfe verlangen, und ernste Gefahren, die abgewendet werden
müssen.
Präsident Eisenhower wies in einer Rede im August dieses
Jahres darauf hin, daß "das ausschließliche Bestreben, den Krieg
zu vermeiden - wenn wir nur diesen einen Wunsch haben - zu der
offenen oder stillschweigend einbegriffenen Zustimmung führen
kann, gegenwärtige Ungerechtigkeiten oder Fehler für immer bestehen zu lassen. Einer solchen ungerechtfertigten Einstellung dürfen wir uns nicht anschließen. Wir würden damit unser eigenes Gewissen mit Gewalt zum schweigen bringen. In den Augen jener, die
unter der Ungerechtfertigkeit leiden, würden wir so zu den Verbündeten ihrer Unterdrücker. Und im Urteil der Geschichte hätten
wir die Freiheit von Menschen gegen das Linsengericht eines trügerischen Friedens verkauft. Darüber hinaus würde dies die Saat
für künftige Konflikte bedeuten."
Und der Präsident verwies ausdrücklich auf die Teilung
Deutschlands und die Unterwerfung verschiedener Länder als
Beispiele der Ungerechtigkeit, von der er sprach.
Wir werden nicht danach trachten, diese Ungerechtigkeiten
durch Gewaltanwendung unsererseits beizulegen. Aber wir können
und wollen dafür Sorge tragen, daß diese Ungerechtigkeiten stets
im Bewußtsein der Menschen bleiben, und damit die Weltmeinung
mobilisieren, die nach dem Grundsatz "steter Tropfen höhlt den
Stein" in ihrer Weise außerordentlich wirksam ist. Denn keine
Nation, wie mächtig sie auch sei, möchte auf sich die ständig
wachsende moralische Verdammung der Welt herabbeschwören.
Hierin liegt ein wesentlicher Grund für die Befreiung Österreichs. Im Mai dieses Jahres unterzeichnete die Sowjetunion nach
siebenjährigem Zögern den österreichischen Staatsvertrag, die
Rote Armee sog sich zurück und Österreich wurde befreit.
Wir sehen uns einem ähnlichen Problem im Falle der Wiedervereinigung Deutschlands gegenüber.
Die im Juli in Genf abgehaltene Konferenz der vier Regierungschefs waren dort ausdrücklich übereingekommen, "daß die Wiedervereinigung Deutschlands im Wege freier Wahlen zustandegebracht werden soll". Auf der zweiten Genfer Konferenz im vergangenen Monat
jedoch distanzierten sich die Sowjets von diesem Übereinkommen,
obwohl die Westmächte Vorschläge unterbreiteten, die eine Höchstgarantie dafür boten, daß ein wiedervereinigtes Deutschland die
Sicherheit der Sowjetunion und die seiner Nachbarn nicht wieder
gefährden werde. Die Sowjetunion war offensichtlich zu der Erkenntnis gekommen, daß freie gesamtdeutsche Wahlen mit einer Niederlage des von ihr in der Ostzone eingesetzten Marionettenregimes
enden würden. Dies würde sich dann auf den Kranz der Satellitenstaaten auswirken.
Daher hat die Sowjetunion hartnäckig den Standpunkt beibehalten, keinerlei Vorschläge hinsichtlich Deutschlands anzunehmen,
so vernünftig diese auch sein mögen, wenn damit dem deutschen Volk
eine Handhabe gegeben würde, sich der von den Sowjets ausgesuchten Machthaber in der Ostzone zu entledigen.
Daraus
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�"AMERIKA DIENST'1

14. Dezember 1955

Daraus ergibt sich, daß der Westen auch weiterhin durch
die Weltöffentlichkeit einen Druck dahingehend ausüben muß,
daß die derzeitige Ungerechtigkeit, durch die siebzehn Millionen Deutsche von dem großen Volkskörper ihrer Landsleute getrennt werden, beseitigt werde.
Westliche Einheit
Die länder Westeuropas müssen sich auch weiterhin um die
Verwirklichung ihrer eigenen Einheit bemühen, und zwar nicht nur
zu Verteidigungszwecken, sondern auch im Interesse ihres eigenen
Wohlergehens. Denn die Zersplitterung Westeuropas in der Vergangenheit und die ewigen Rivalitäten zwischen diesen Nationen waren
ja die Hauptursache der Kriege und der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse.
Die Nordatlantikpakt-Organisation ist nicht nur zum Schutze
Europas sondern auch zur Entwicklung eines Gefühls der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit von großem Nutzen. Auch ich werde daran teilnehmen, wenn ich nächste Yv'oche zusammen mit Minister
Humphrey und Minister Wilson zur Dezembertagung des NATOMinisterrats nach Paris fahre. Diese Tagungen geben den Außenministern, den Finanz- und den Verteidigungsministern die Möglichkeit, sich zu beraten und die Bande zwischen den 15 NATOMitgliedern fester zu knüpfen. Es sind starke Bande, die schon
manche Belastungsprobe bestanden haben. Die NATO ist mehr als
lediglich eine Organisation zur militärischen Verteidigung.
Denn ihre Mitglieder bemühen sich ständig und mit Erfolg darum,
Mittel und Wege zu finden, ihre enge Verbundenheit und ihre
herzlichen Beziehungen über die militärische Gemeinschaft
hinaus zu demonstrieren.
Es ist jedoch eine Einheit der kontinentaleuropäischen
Länder selbst auf einer sozusagen intimeren Grundlage erforderlich. Die sechs Nationen Prankreich, Deutschland, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg sind bereits an die Schaffung gemeinsamer Institutionen herangegangen, so vor allem der
Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Bei meiner letzten Europareise
konnte ich zu meiner Freude feststellen, daß die Entwicklung in
dieser Richtung einen neuen Auftrieb erfahren hat. Diese Bewegung muß in erster Linie von den betreffenden Völkern selbst getragen werden. Es handelt sich hier jedoch um eine Entwicklung,
an der die Vereinigten Staaten ein tiefes Interesse haben, und
dies zu fördern sie bei gegebener Gelegenheit durchaus bereit
sind.
Diese Bewegung muß im Laufe ihrer Entwicklung notwendigerweise einen starken Einfluß auf die osteuropäischen Länder ausüben. Wenn die westeuropäischen Länder dank ihrer Integration
eine wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung erleben werden, so
wird sich in den Satellitenländern der Drang nach unabhängigen
Regierungen verstärken, die den Bedürfnissen und Bestrebungen
der Bevölkerung Rechnung tragen.
Das mag uns dem Tag näher bringen, an dem die sowjetischen
Machthaber einsehen werden, daß eine dauernde Unterwerfung dieser osteuropäischen Völker eine überlebte, reaktionäre Politik
ist, die ihnen moralische und materielle Kosten auferlegt, Kosten,
die die scheinbaren Vorteile bei weitem übertreffen.
._.

�"AMERIKA DIENST"

14. Dezember 1955

Die weniger entwickelten Länder
Auch in den weniger entwickelten Gebieten der Welt stehen
wir neuen Aufgaben gegenüber. Dort leben hunderte Millionen
Menschen, die an Dingen Mangel leiden, die ihnen gehören könnten und gehören sollten.
Diese Gebiete sind stets ein Ziel des Sowjet-Kommunismus
gewesen.
Heute, wo die sowjetischen Führer daran gehindert werden,
ihren Einfluß gewaltsam auszudehnen, haben sie diese Gebiete
zum Ziel ihrer arglistigen Politik gemacht. Der sowjetischen
Bevölkerung mangelt es an vielen Gütern, die sie zum täglichen
Leben braucht. Insbesondere werden die Satellitenvölker ausgebeutet, und ihr Lebensstandard ist beträchtlich gesunken. Doch
während die sowjetischen Machthaber vorgeben, sich um das Wohl
derjenigen, die sie als "Kolonialvölker und abhängige Völker"
bezeichnen, zu sorgen, deren "Einschluß" in den kommunistischsowjetischen Machtbereich stets ein unverhülltes Ziel der
sowjetischen Politik gewesen ist, denken sie nicht daran,
diese Bedürfnisse zu befriedigen.
Die sowjetischen Machthaber haben als Exponenten einer
materialistischen Weltanschauung ihre pädagogischen Bemühungen auf die Ausbildung von Wissenschaftlern konzentriert.
Heute werden in der Sowjetunion neue Techniker in großer Zahl
ausgebildet. Diese Techniker stehen ihrer Regierung auch stets
zur Verfügung und führen alle Befehl« ihrer Regierung aus. Sie
sind also verfügbar, um als ein Symbol verlockender Versprechungen in andere Länder zu gehen.
Die Tatsache, daß sich der sowjetische Kommunismus heute
in diesem neuen Gewände darstellt, braucht uns nicht in panischen Setrecken zu versetzen» Wir brauchen nicht anzunehmen, wie
das verschiedentlich geschieht, daß die verantwortlichen Staatsmänner der asiatischen Länder sich nicht dieser Gefahren bewußt sind und sich von falschen Versprechungen leicht täuschen
lassen. Diese Staatsmänner verfügen tatsächlich über eine große
politische Erfahrung und haben dazu beigetragen, große politische Erfolge für ihre Länder zu erringen.
Doch die Völker der freien Welt, die technisch nicht hinreichend entwickelt sind, benötigen Hilfe, wie sie die entwickelteren Industrieländer den Ländern mit einer weniger entwickelten Wirtschaft in der Vergangenheit stets gewährt haben.
Der Fluß von Privatkapitel befriedigt teilweise dieses Bedürfnis. Aber die Regierung hat dabei doch auch eine wichtige
Rolle zu spielen. Wir haben ja auch seit Jahren ein von der Regierung durchgeführtes Programm für wirtschaftliche und technische Hilfe, die größtenteils den weniger entwickelten Gebieten zugute kommt. Das Programm wird getragen von einem ausgezeichneten Stab sich aufopfernder Männer und Frauen. Der Kongreß hat erhebliche Mittel zur Finanzierung dieses Programmes
und zur Leistung wirtschaftlicher Hilfe bereitgestellt, und
auch hier kommt ein guter Teil vor allen den weniger entwickelten Gebieten zugute. Wir werden den Kongreß im kommenden Jahr

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14. Dezember 1955

Jahr um die Bewilligung so vieler Mittel, wie sie nach unserer
Ansicht zu einer nützlichen Finanzierung des Programmes erforderlich sind, ersuchen, und wir haben die feste Zuversicht,
daß der Kongreß wie auch schon in den vergangenen Jahren in
einer unserer patriotischen Tradition würdigen Weise auf unser
Ersuchen eingehen wird. Wir werden auch bemüht sein, mehr
Flexibilität in das Programm zu bekommen als in den vergangenen Jahren.
Wir helfen aber auch in anderer Weise. So erkannten beispielsweise unsere Wissenschaftler mit Unterstützung der Wissenschaftler anderer freien Nationen die unerhörten Möglichkeiten, die
die Verwendung spaltbaren Materials in sich birgt. Uns gelang
es als ersten, das Atom zu spalten und die dabei freiwerdenden
Kräfte zu bändigen. Wir sind führend in der Entwicklung des von
Präsident Eisenhower verkündeten Programmes zur Nutzbarmachung
der Atomenergie für friedliche Zwecke.
Abei- die kommenden Jahre werden an uns und unser Volk große
Anforderungen stellen. Sie nur mit Unwillen zu akzeptieren, ist
nicht genug. Die Antwort liegt auch nicht allein in der Bereitstellung größerer öffentlicher Mittel. Eine wirklich positive
Reaktion erfordert das Neuerstehen des Pioniergeistes, der das
amerikanische Volk in der Vergangenheit belebte.
Wir müssen wieder zu dem Geist zurückkehren, der einstmals
unsere Missionäre, Ärzte, Pädagogen und Kaufleute beseelte, die
im vergangenen Jahrhundert in alle Teile der Welt hinauszogen,
um die Segnungen einer neuen Lebensart hinauszutragen. In den
meisten Fällen gingen sie nicht in die Ferne, um für sich Geld zu
gewinnen, obwohl die Aussicht auf materiellen Gewinn als Anreiz
wirkte. Was sie suchten und fanden, war die einzigartige Freude,
die die Frucht schöpferischen Tuns und Teilhaben-Lassens ist.
Es wäre in der Tat eine tragische Entwicklung, wenn unser
Volk, und insbesondere unsere Jugend, sich so sehr von materiellen Gesichtspunkten und von der Versuchung des Geldes locken
ließe, daß sie darüber das Gefühl für ihre Mission und für das
Schicksalhafte verlöre, das bisher unsere Nation von ihren Anfängen an kennzeichnete und sie groß gemacht hat.
Ich denke häufig an das Versprechen der Heiligen Schrift,
daß denjenigen, die in erster Linie das Reich Gottes suchen und
nach Rechtschaffenheit streben, auch materielle Güter zu Teil
werden sollen. Unser Volk war von den frühesten Anfängen an von
religiösen Idealen beseelt. Unsere Vorfahren glaubten an einen
göttlichen Schöpfer, der alle Menschen mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet hat.
Sie glaubten an ein ethisches Gesetz und an die in ihm verankerte: Konzeption von Gerechtigkeit, Liebe und Rechtschaffenheit. Sie hatten das Bewußtsein eines Missionsauftrages in der
Welt und hielten es für ihre Pflicht, den Menschen überall auf
der Erde zu helfen, das zu sein und zu tun, was Gott ihnen heißt.
Sie zeigten Weitblick und waren von einer großen Zielsetzung erfüllt.
Getrieben
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�"AMERIKA DIENST"

14. Dezember 1955

Getrieben von diesem Glauben haben sich seelische, geistige und wirtschaftliche Kräfte entwickelt, wie sie die Welt vorher nie gekannt hat. Diese Kräfte schlössen sich nicht ab. Im
Gegenteil, andere daran teilhaben zu lassen, war ein wichtiges
Moment. Millionen von Menschen aus anderen Ländern wurden mit
offenen Armen aufgenommen, um an den von den Gründervätern und
ihren Erben geschaffenen Möglichkeiten ebenfalls teilzunehmen.
Durch die Tätigkeit der Missionare und die Errichtung von Schulen und Kirchen wurden die Ideale Amerikas der ganzen Welt vermittelt. Unsere Regierung unterstützte diejenigen in der Welt
und stärkte ihre Zuversicht, die sich um die Ausbreitung der
menschlichen Freiheit bemühten.
Inzwischen steigerte sich auch der Wohlstand unseres
Landes. Doch müssen wir uns jetzt hüten, daß diese Nebenerscheinungen großer Bemühungen eine solche Bedeutung erhalten,
daß sie am Ende zum Selbstzweck werden.
Das ist die Gefahr, gegen die wir stets auf der Hut sein
müssen. Dies ist besonders heute der Fall, wo ein riesiger,
vom materialistischen Geist beherrschter Staat wie die Sowjetunion, deren Bemühungen zur gewaltsamen Ausdehnung ihres Machtbereiches durchkreuzt wurden, nunmehr kalt und grausam vorgeht,
um die Bestrebungen der Völker in weniger entwickelten Ländern
für die eigenen selbstsüchtigen Ziele nutzbar zu machen.
Was die Welt an diesem Wendepunkt wissen muß, ist, daß
unsere Nation beharrlich zu ihren historischen Idealen steht
und an ihrem traditionellen Weg festhält, die ideellen, geistigen und materiellen Früchte unserer freien Gesellschaft mit anderen zu teilen; daß sie den Unfreien hilft, frei zu werden,
und den Freien hilft, ihre Freiheit zu erhalten - nicht nur dem
Buchstaben nach, sondern frei im Sinne der Gleichheit der Chancen,
nach dem Glück zu streben im Geist der Unabhängigkeitserklärung
unseres Landes.
Und laßt uns niemals vergessen, daß nach den Worten Lincolns
diese Erklärung nicht nur für uns von Bedeutung war, sondern
daß vielmehr "diese Erklärung etwas enthielt, wodurch nicht
nur unserem Lande die Freiheit sondern der ganzen Welt Hoffnung
für alle kommenden Zeiten gegeben wurde. Hierin lag die Verheißung, daß, wenn die Zeit dafür reif sei, die Lasten von den
Schultern aller Menschen genommen und allen die gleichen Möglichkeiten gegeben werden sollten".
Dies war der Geist, in dem unsere Nation geboren wurde.
Möge es auch der Geist sein, in dem wir leben.

* * * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

AUSSENMINISTER DULLES ÜBER GENF
WASHINGTON - (AD) Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, in der der US-Außenminister John
Poster Dulles dem amerikanischen Volk am 18.
November 1955 über Rundfunk- und Fernsehen über
die Genfer Außenministerkonferenz berichtete.
Während der vergangenen drei Wochen haben die Briten,
die Franzosen und wir mit den Russen in Genf verhandelt. Ich
bin gestern zurückgekehrt und habe dem Präsidenten ausführlich in einem Gespräch berichtet, das gestern abend begann
und heute morgen fortgesetzt wurde. Nunmehr will ich Ihnen
Bericht erstatten.
Ich nehme an, die meisten von Ihnen wissen, daß auf der
Genfer Konferenz keinerlei Abkommen erzielt wurden. Als Folge
davon bleiben zahlreiche Prägen offen. Heißt dies, daß der
sogenannte Geist von Genf tot ist? Bedeutet es, daß die
Kriegsgefahr sich vergrößert hat? Wird der sogenannte Kalte
Krieg mit voller Kraft wieder aufgenommen werden? Werden die
Vereinigten Staaten nunmehr ihre militärischen Pläne und
ihre Programme zur gemeinsamen Sicherheit grundlegend ändern müssen? Bedeutet dies das Ende der Verhandlungen mit
der Sowjetunion?
Ich werde versuchen, all diese Fragen zu beantworten.
Zunächst möchte ich Ihnen jedoch ins Gedächtnis zurückrufen,
wie diese jüngste Genfer Konferenz zustandegekommen ist.
Ich gehe bis zum letzten Frühjahr zurück. Bis dahin
hatte die Sowjetunion eine Politik der Drohung verfolgt.
Das war die politische Linie Stalins. Es sei möglich, so
glaubte er, die freien Nationen zu überrennen.
Nach Stalins Tod setzte sich dieser Trend eine Zeitlang fort. Die Sowjets bemühten sich in intensiver und
lärmender Form, Westdeutschland von den übrigen westeuropäischen Nationen fernzuhalten. Trotzdem trat die Bundesrepublik Deutschland im Mai dieses Jahres der NATO und dem
Brüsseler Pakt bei, aus dem die Westeuropäische Union erwuchs,
Diesem sowjetischen Mißerfolg folgte eine Änderung in
der sowjetischen Haltung. Die Nachfolger Stalins gaben zumindest nach außen hin ihrem Wunsche Ausdruck, Beziehungen
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

.23. November 1955

•

Beziehungen mit den freien Nationen auf der Basis des Zusammenlebens anzuknüpfen. Zu diesem Zweck haben sie wichtige Konzessionen gemacht.
Die Russen hatten sich zum Beispiel acht Jahre lang geweigert, den Vertrag zu unterzeichnen, der Österreich die Freiheit
geben würde. Im vergangenen Mai unterzeichneten sie diesen Vertrag und nahmen die Rote Armee aus Österreich zurück. Sie .schlössen Frieden mit Tito, der sieben Jahre lang das Ziel ihrer heftigsten Angriffe gewesen war, weil er Jugoslawien aus dem sowjetischen Block herausgelöst hatte. Sie mäßigten ihre Propaganda
und ihr ganzes Verhalten. Sie machten klar, daß sie sich zu Gesprächen mit den westlichen Nationen an einen Tisch setzen
möchten.
Die Vereinigten Staaten sind darauf eingegangen, wie sie
immer auf jede Aussicht - und sei sie noch so gering -, den
Frieden gerechter und dauerhafter zu gestalten, eingehen werden.
Diese Haltung wurde praktisch einmütig und auY einer Zweiparteien-Basis unterstützt. So schlössen sich die Vereinigten Staaten Großbritannien und Frankreich an, um'die sowjetischen Führer zu der.Konferenz auf höchster Ebene in Genf einzuladen. Dort
traf Präsident Eisenhower sechs Tage lang mit den Chefs der anderen drei Regierungen in dem Bemühen zusammen, eine bessere
Atmosphäre und neue Impulse für die Lösung der uns trennenden
Probleme zu schaffen.
* Jene Konferenz ließ den auf allen Seiten gehegten Wunsch
erkennen, der Bitterkeit und Härte ein Ende zu bereiten, die
einen Krieg herbeiführen könnten. Ein Krieg - darüber waren
sich alle klar - würde ein Unglück für alle bedeuten.
Darüber hinaus stimmten die Regierungschefs darin überein,
daß ihre Außenminister im Oktober zusammenkommen sollten, um
über das Problem der europäischen Sicherheit und der Wiedervereinigung Deutschlands, die Begrenzung der Rüstungen und den
Abbau der Schranken zwischen dem sowjetischen Block und der
freien Welt zu verhandeln.
Die drei westlichen Regierungschefs waren sich darüber im
klaren, daß der Wert der Konferenz auf höchster Ebene zum großen Teil von den darauffolgenden Ergebnissen bestimmt werden
würde. So erklärte Präsident Eisenhower in seiner Schlußansprache auf der Konferenz: "Aber nur die Geschichte wird über
die wahre Bedeutung und den wirklichen Wert unserer Konferenz
Aufschluß geben. Es wird für die Bewertung dieser Konferenz
entscheidend sein, welchen Kurs unsere einzelnen Regierungen
nach diesem Anfang weiter verfolgen werden."
Nach der Konferenz der Regierungschefs bereiteten sich
die USA in Zusammenarbeit mit Großbritannien, Frankreich und
der Bundesrepublik Deutschland gründlich auf diese bevorstehende Außenministerkonferenz vor.
Wir waren uns der Schwere der Probleme, denen wir gegenüberstanden, vollauf bewußt; Die Konferenz auf höchster Ebene
hatte große Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf die Frage
der deutschen Einheit und europäischen Sicherheit, die Abrüstung
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�23. November 1955

"AMERIKA DIENST"

Abrüstung und freiere Kontakte aufgezeigt. Um annehmbar zu sein,
mußten die Lösungen dieser Probleme die berechtigten Interessen
beider Seiten in Rechnung stellen, vor allem im Hinblick auf die
Sicherheit.
Unsere Vorbereitungen für die Konferenz berücksichtigten
diese grundlegende Tatsache. Die westlichen Vorschläge boten die
Basis für wahre Verhandlungen mit der Sowjetunion.
In meiner Eröffnungserklärung vor der Konferenz brachte
ich diesen gerade von mir unterstrichenen Standpunkt zum Ausdruck.
"Die Vereinigten Staaten", so sagte ich* "kommen auf diese Konferenz in dem festen Wunsch, geduldig und aufrichtig alle möglichen Wege für realistische Lösungen dieser Probleme zu erforschen. "
Trotz aller Bemühungen wurde kein besonderes Abkommen erzielt.
Die Erklärung hj^srfür ist meiner Ansicht nach, diese: die
Sowjetunion scheint in bezug auf die europäische Sicherheit, das
Abrüstungsproblem und die Kontaktaufnahme bestimmte Ergebnisse
zu wünschen. Sie ist jedoch bis jetzt nicht bereit, den zur
Erreichung dieser Ergebnisse erforderlichen Preis zu entrichten.
Und wenn ich von dem Preis spreche, so meine ich dies nicht im
Sinne von Geschäftemachen. Ich meine den Preis, der darin besteht, das zu tun, was an sich notwendig ist, um die Ergebnisse
zu erzielen, die wir - wie wir alle saften - wünschen. Lassen
Sie mich durch eine Schilderung der Vorgänge auf der Konferenz
erläutern, was ich meine.
Wir haben zuerst über die europäische Sicherheit und Deutschland verhandelt. Die Sowjetunion wünschte Sicherheit gegen ein
mögliches Wiederaufleben des deutschen Militarismus. Dies war
verständlich, wenn man berücksichtigt, welche Leiden die Russen
im zweiten Weltkrieg durch die deutschen Armeen erdulden mußten.
Die Westmächte waren in der Tat bereit, der Sowjetunion in dieser
Hinsicht entgegenzukommen.
Wir unterbreiteten Sicherheitsvorschläge, die ernst gemeint
und weitreichend waren. Vielleicht ist der beste Beweis für ihren
Wert die Tatsache, daß die sowjetische Delegation später Sicherheitsvorschläge machte, die viele von unseren Punkten enthielten.
Aber da gab es einen grundlegenden und entscheidenden Unterschied. Unsere Vorschläge basierten auf der Wiedervereinigung
Deutschlands. Wir glauben nicht, daß ein sicherer Friede in
Europa auf der Ungerechtigkeit eines gespaltenen Deutschlands
aufgebaut werden kann. Die 'sowjetischen Vorschläge gründeten sich
dagegen auf das Portbestehen des sowjetischen Marionettenregimes
in der deutschen Ostzone und die Teilung Deutschlands auf unbestimmte Zeit, zumindest solange, bis die sowjetische Kontrolle
auf ganz Deutschland ausgedehnt werden könnte.
Die Sowjetunion hatte auf der Konferenz der Regierungschefs
ausdrücklich versprochen, die Wiedervereinigung Deutschlands auf
Grund freier Wahlen zu erwägen, und hatte ausdrücklich die enge
Verbindung zwischen der Wiedervereinigung Deutschlands und der

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

2 % November 1955

der europäischen Sicherheit anerkannt.
Wir bemühten uns redlich, aber vergebens, die sowjetische
Delegation dahin zu bringen, daß sie das Problem der Wiedervereinigung Deutschlands ernsthaft erörterte.
Als sich die Sowjetunion klar wurde, was dies einschloß,
wich sie aus. Wenn Deutschland durch freie Wahlen wiedervereinigt würde, dann würde dies ganz offensichtlich das Ende der
Marionettenregierung bedeuten, die die Sowjetunion in der
deutschen Ostzone eingesetzt hat. Dies wiederum würde fast.sicher
ernsthafte Auswirkungen auf die anderen Satellitenländer in
Osteuropa haben. Dort sehen sich die sowjetisch-kontrollierten
Regierungen einem wachsenden Druck gegenüber. Viele Kreise innerhalb der Satellitenländer glauben, der Geist von Genf bedeute,
daß sie ein Recht auf größere Toleranz und auf eine Regierung
haben, die den Ansprüchen und Hoffnungen der eigenen Nation mehr
entgegenkommt.
So vertrat die Sowjetunion den Standpunkt, daß sie - obwohl sie an dem Zustandekommen eines europäischen SicherheitBvertrages interessiert war - nicht bereit sein würde, hierfür
das deutsche Ostzonen-Regime zu opfern. Ungeachtet dessen, womit
sie sich auf der Konferenz der Regierungschefs einverstanden erklärt hatten,gaben die Sowjets bekannt, daß sie ihr Regime in
der deutschen Ostzone erhalten wollten, was im klaren Widerspruch
zu den glühenden Wünschen der Ostzonen-Bevölkerung selbst steht.
Einige hatten geglaubt, die Sowjetunion könnte bereit sein,
eine Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen zuzulassen,
wenn sich ein'Wiedervereinigtes Deutschland nicht der Nordatlantikpaktorganisation anschließen würde. In Wirklichkeit jedoch
ließ die sowjetische Delegation keinen Zweifel daran, daß sie
selbst unter diesen Bedingungen nicht bereit sein würde, eine
Wiedervereinigung Deutschlands auf Grund freier Wahlen zuzulassen.
Wir sehen also, daß - obwohl die Sowjetunion ohne Zweifel
ein europäisches Sicherheitssystem wünscht, dem sie selber angehört - sie nicht zur Schaffung der grundlegenden Voraussetzung
bereit ist, nämlich einer Wiedervereinigung in Freiheit.
Das zweite Problem, das wir erörtern mußten, war die Begrenzung der Rüstungen. Die Hauptverantwortung für dieses Gebiet
liegt gegenwärtig bei dem Abrüstungsunterausschuß der Vereinten
Nationen. Die Außenminister waren jedoch angewiesen worden,
wenn möglich, hier zu helfen.
Beide Seiten zeigten den eifrigen Wunsch, eine Begrenzung
der Rüstungen zustandezubringen. Wir wünschen dies sowohl als
eine Unterstützung des Friedens, als auch, um es zu gestatten,
daß die wirtschaftlichen Hilfsquellen in größerem Ausmaß in
den Dienst der Menschheit gestellt werden. Die westlichen Nationen sind jedoch nicht bereit, einer Abrüstung zuzustimmen, wenn
sie nicht sicher sein können, daß beide Seiten das Abkommen auch
ausführen. Deshalb bestehen wir darauf, daß eine Abrüstung wirksam überwacht und kontrolliert wird.

In

�"AMERIKA DIENST"

23. November 1955

In diesem Jahrhundert haben die USA dreimal die Erfahrung
gemacht, daß eine einseitige Rüstungsschwäche praktisch nicht
den Frieden bewahren kann. Die USA haben jetzt nicht die Absicht,
ihre Existenz auf Grund von Versprechungen, die vielleicht nicht
eingehalten werden, aufs Spiel zu setzen.
Die USA wünschen jedoch wie kein zweites land eine gesicherte
Beschränkung der Rüstungen. Um dies der praktischen Durchführung
näher zu bringen, hatte Präsident Eisenhower auf der Genfer Konferenz der vier Regierungschefs der Sowjetunion vorgeschlagen,
die Pläne militärischer Einrichtungen auszutauschen, dann zu
ihrer Verifizierung eine Luftinspektion durchzuführen und dadurch
die Atmosphäre zu verbessern, indem man die Furcht vor den aggressiven Absichten jeder Seite aus dem Wege räumt. Diese Konzeption
Präsident Eisenhowers stieß bei den Sowjets auf Ablehnung, obwohl sie zum erstenmal die Tatsache anerkannten, daß die Luftinspektion zu einem Kontrollsystem gehört.
Aber die Sowjetunion miöst der Überwachung und der Kontrolle
nicht die Bedeutung bei, die wir ihr beimessen. Sie fuhr fort,
Abkommen zu fordern, selbst wenn es keine Möglichkeit gab, in
ausreichender Form zu überprüfen, ob diese Abkommen auch wirklich
erfüllt werden.
So war unsere Erörterung der Abrüstung ohne Ergebnisse. Wir
überließen eine weitere Entwicklung in dieser Frage dem Abrüstungsunterausschuß der Vereinten Nationen.
Es scheint, daß die Sowjetunion sich bis jetzt noch nicht in
der Lage sieht, eine Überwachung und Kontrolle zuzulassen, die
wenn sie ausreichend ist, einen Einblick in.ihre gegenwärtig
noch weitgehend auf Geheimhaltung begründete Gesellschaftsform
geben würde. So ist die Sowjetunion, während die auf der einen
Seite die sich aus einer Reduzierung der Rüstungen ergebenden
großen Segnungen wünscht, noch nicht bereit, sich auch den Garantien zu unterwerfen, die diese ermöglichen würden.
Der dritte und letzte Punkt unserer Tagesordnung war die
Entwicklung von Kontakten zwischen Ost und West. Die Westmächte
haben 17 Vorschläge konkreter Natur unterbreitet. Viele von
ihnen würden zu einem freieren Austausch von Ideen, Informationen und Nachrichten geführt haben. Alle diese Vorschläge
wurden von der sowjetischen Delegation abgelehnt. Sie wäre zu
Kontakten bereit gewesen, die sie in die Lage versetzen würde,
technische Kenntnisse von anderen Ländern zu sammeln. Sie war
bereit, Personen zu entsenden und zu empfangen, aber unter Bedingungen, die sie genau überwachen könnte. Aber sie reagierte
scharf gegen alles, was nach Beseitigung der Schranken für einen
freieren Austausch von Ideen aussah. Sie wandte sich heftig gegen
das Eindringen von Gedanken in den Sowjetblock, die im Widerspruch zu der offiziellen Doktrin der sowjetischen kommunistischen
Partei stehen könnten.
So erzielten wir keine Einigung über diesen Punkt. Der
Grund hierfür ist wiederum klar. Wir sind äer Ansicht, daß menschliche Kontakte nicht Regierungszwecken dienen, sondern daß sie es
den Mitgliedern der menschlichen Familie ermöglichen sollen, das

�"AMERIKA DIENST"

'

23. November

1955

das Verständnis füreinander und das Wissen voneinander zu haben,
das die Grundlage für einen dauerhaften Frieden ist. Aber nachdem
man eine Generation lang die Menschen fanatisch indoktriniert
hat, können sich die sowjetischen Machthaber kaum dazu überwinden,
die bestehenden Gedankenkontrollen zu lockern, um einen freieren
Kontakt mit der freien Welt zu erlauben.
Bei allen diesen in Genf behandelten Fragen versuchten wir
ernsthaft, mit der Sowjetunion zu verhandeln. Wir wünschten, wenn
irgend möglich konstruktive Abkommen zu erreichen. Aber wir waren
nicht bereit, Abkommen auf Kosten der Sicherheitsinteressen der
Vereinigten Staaten oder ihrer Partner zu erreichen, noch waren
wir gewillt, sogenannte "Abkommen" abzuschließen, die praktisch
bedeutungslos waren. Als sich die Sowjetunion nicht gewillt zeigte,
ernsthaft auf dieser Grundlage zu verhandeln, gingen wir ohne
Abkommen auseinander.
Es wäre ein Leichtes gewesen, irgendwelche Scheinabkommen
mit der Sowjetunion abzuschließen - diese wären aber ohne irgendwelchen realen Inhalt gewesen. Sie würden die Illusion eines gedanklichen Übereinkommens gegeben haben, wo ein solches praktisch
nicht existierte. Die drei Westmächte blieben gegenüber einer
derartigen Handlungsweise standhaft. Sie bewiesen damit ihr Vertrauen in ihre eigene Stärke und in die Standhaftigkeit ihrer
eigenen Völker. Daher wird diese Konferenz vielleicht die Aussichten für wirkliche Abkommen in der Zukunft verbessert haben.
Ich möchte nun zu der Beantwortung der Fragen kommen, die
ich zu Beginn gestellt habe:
Erstens: Bedeutet diese zweite Genfer Konferenz das Ende des
sogenannten Geistes von Genf?
Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, was man unter
dem Geist von Genf versteht. Manche waren der Ansicht, daß der
Geist von Genf irgendein Zauberelixier sei, das an sich schon
alle großen Weltprobleme lösen würde. Offensichtlich ist er das
nicht, und jede derartige Ansicht war zur Enttäuschung verurteilt.
Der Präsident und ich haben niemals diese Ansicht vertreten.
Wir haben immer vor einer solchen Auffassung gewarnt. Präsident
Eisenhower hat, bevor er nach Genf ging, erklärt, daß diese Konferenz einen Anfang und nicht ein Ende darstellen würde. In Genf
sagte er, daß der Wert der Konferenz nur danach beurteilt werden
könne,.was nachher geschieht. Nachdem er zurückgekehrt war, erklärte er dem amerikanischen Volk, daß die harte Bewährungsprobe
der Konferenz auf höchster Ebene beim Zusammentreffen der Außenminister beginnen würde.
Diese Probe - soweit sie durchgeführt wurde -• hat nun gezeigt, daß sich die sowjetischen Führer zumindest den Anschein
geben möchten, als ob sie an der Herstellung kooperativer Beziehungen mit den westlichen Nationen interessiert seien. Sie
hat aber auch bewiesen, daß sie bisher nicht bereit sind, die
unerlässlichen Voraussetzungen für einen sicheren Frieden zu
schaffen. Sie haben ferner dem Anwachsen eines jeden Vertrauens
-6 -

�%

"AMERIKA DIENST"

23- November 1955

Vertrauens einen schweren Schlag versetzt, das die freie Welt
den sowjetischen Versprechungen gerechtfertigterweise entgegenbringen kann. Sie taten dies mit ihrer Weigerung, in Verhandlungen über die Frage der deutschen Wiedervereinigung einzutreten, Verhandlungen, zu denen sie sich im Juli bereiterklärt
hatten.
Sie scheinen aber auch nicht mehr zu den früheren Drohungen
und Schmähungen zurückkehren zu wollen. In diesem Sinne lebt
der Geist von Genf noch weiter.
Zweitens: Hat der Ausgang der zweiten Genfer Konferenz die
Gefahr eines allgemeinen Krieges vergrößert?
Präsident Eisenhower hat gesagt, seiner Ansicht nach habe
es die Konferenz auf höchster Ebene weniger wahrscheinlich gemacht, daß es einen offenen Krieg zwischen unseren Ländern geben
würde. Auf der Außenministerkonferenz hat sich nichts ereignet,
was eine Revision dieser Ansicht erfordert. So bleibt dieser
Aspekt des Geistes von Genf ebenfalls weiter bestehen.
Drittens: Bedeuten die Ereignisse der vergangenen drei
Wochen, daß der Kalte Krieg wieder in voller Stärke aufleben
wird? Das Schlagwort "Kalter Krieg" ist sehr dehnbar.
Selbstverständlich bestehen scharfe Unterschiede zwischen
den Zielen der sowjetischen Regierung und unseren eigenen Zielen. Wir glauben an die Gerechtigkeit für alle, an das Recht der
Völker, frei zu sein, und an das Recht des einzelnen, seine ihm
von Gott gegebenen Fähigkeiten, zu denken und zu glauben, im
Einklang mit dem auszuüben, was Verstand und Gewissen diktieren.
Wir werden nicht aufhören, diese Ziele anzustreben, noch werden
wir jemals einen sogenannten Frieden suchen, der sie aufs Spiel
setzt.
Diese großen Zielsetzungen jedoch, die für unsere Nation
seit ihrem Entstehen charakteristisch waren, können und werden
von den USA ohne die Zuflucht zur Gewalt verfolgt werden und
ebenso ohne die Zuflucht zur Anwendung von Haß und Verdrehung
der Wahrheit, die die Charakteristika des Krieges darstellen.
Es ist unser Ziel, weiterhin die Freundschaft und das Verständnis des russischen Volkes als Ganzes anzustreben und die Wahrheit als das Instrument unserer nationalen Politik einzusetzen.
Der Kalte Krieg im Sinne eines friedlichen Wettbewerbes
wird unvermeidlich weitergehen. Der Geist von Genf konnte diese
Tatsache nicht ändern und hat sie nicht geändert. Darüber hinaus
müssen wir von der Annahme ausgehen, daß die Sowjetunion auch
weiterhin ihre Anstrengungen fortsetzen wird, mit allen Mitteln
außer dem Krieg ihrem System Geltung zu verschaffen, wie sie das
in der Vergangenheit getan hat.
Wir dürfen jedoch hoffen, daß dieser Wettbewerb nicht all
die gleiche Feindseligkeit und Animosität mit sich bringen wird,
die die Beziehungen zwischen unseren Ländern in der Vergangenheit
so vergiftet haben.
Viertens:

�"AMERIKA DIENST"

23. November 1955

Viertens: Werden die USA nun ihre Programme für dj*» Verteidigung und gegenseitige Sicherheit in radikaler Weise revidieren müssen?
Die Antwort darauf ist neini Wir haben auf Grund der sowjetischen Versprechungen in unserer Wachsamkeit nicht nachgelassen,
und wir haben dies auch nicht nach der Genfer Konferenz der vier
Regierungschefs getan. Unsere Sicherheitsprogramme, die einen
zweiparteilichen Charakter haben, wurden zu dem Zweck aufgestellt,
einer Gefahr zu begegnen, solange sie anhalten mag. Wir befinden
uns hier auf einer Grundlage, die auf lange Sicht abgesteckt
worden ist. Unsere militärische Stärke muß auf das Potential des
Sowjetblocks abgestimmt sein und kann nicht auf das Lächeln oder
Stirnrunzeln der Sowjets hin geändert werden. Wir werden unsere
eigene militärische Stärke hur dann reduzieren, wenn die Sowjets
in eindeutiger Weise die ihre verringern. Daher verlangt das
Ergebnis der Genfer Konferenz von,uns nicht, daß wir den allgemeinen Umfang unserer Programme verändern. Ihr allgemeines Ausmaß
kann wie geplant beibehalten werden.
Unsere stetige Politik hat ihren Wert bewiesen. Wir sind
der Ansicht, daß man das, was sich als gut erwiesen hat, festhalten und stärken muß.
Fünftens: Bedeutet diese jüngste Genfer Konferenz das Ende
künftiger Verhandlungen mit der Sowjetunion?
Sie braucht kein Ende zu bedeuten, und weder der Präsident
noch ich sind der Ansicht, daß sie das Ende sein wird. Es wäre
natürlich töricht, neue Verhandlungen anzustreben, wenn alles
so bleibt, wie es gewesen ist, als diese jüngste Konferenz zu
Ende ging.
Wir wissen jedoch, daß sich die Bedingungen wandeln werden,
denn der Wandel ist das Gesetz des Lebens.
Auf dieser Genfer Konferenz mußte sich die Sowjetunion in
konkreter Weise über den Preis im klaren werden, den sie dafür
bezahlen mußte, um die größeren Ergebnisse zu erreichen, die
sie bezüglich der europäischen Sicherheit, der Abrüstung und
verstärkter Kontakte zwischen Ost und West nach ihren Erklärungen
erreichen wollte.
Bei dieser Gelegenheit wurden keine positiven Resultate erzielt. Aber ich erinnere daran, daß Präsident Eisenhower nach
seiner Rückkehr aus Genf erklärt hat, daß er "zutiefst von der
Notwendigkeit für uns alle beeindruckt war, eine Enttäuschung
zu vermeiden, nur weil unsere eigenen Vorschläge, unsere eigenen
Lösungsversuche und unsere eigenen Überzeugungen nicht immer
sofort von der anderen Seite akzeptiert werden." Er wies weiter
auf die Schwierigkeit hin, die breite und tiefe Kluft zwischen
der persönlichen Freiheit und der Reglementierung und zwischen
der Konzeption des nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen
und der Konzeption des Menschen als einem bloßen Instrument des
Staates zu überbrücken.
Diese

�23. November 1955

"AMERIKA DIENST

Diese Kluft hat so große Hindernisse geschaffen, d?R sie
auf dieser jüngsten Konferenz nicht überwunden werden konnten.
Das bedeutet jedoch nicht, daß unsere Anstrengungen auf der
Konferenz verschwendet waren. Die von uns vorgebrachten Vorschläge waren in ihren Grundlagen gesund und respektierten die berechtigten Interessen aller. W-enn es zu Lösungen kommt, so werden
diese den Prinzipien Rechnung tragen müssen, die wir anzuwenden
suchten.
Die Sowjets brüsten sich, realistisch zu sein. Sie haben in
der Vergangenheit gezeigt, daß sie ihre Politik den Tatsachen
und Realitäten anpassen werden, sobald sie diese erkannt haben.
Wir glauben, daß die freien Nationen durch Aufrechterhaltung
und Stärkung ihrer Einheit der Sowjetunion demonstrieren können,
daß Lösungen, wie die von uns vorgeschlagenen, in ihrem eigenen
Interesse sind und daß sie aus ihnen mehr Nutzen ziehen wird
als aus den örtlichen und vorübergehenden Vorteilen, denen sie
gegenwärtig eine überragende Bedeutung beizumessen scheint..
Die Sowjets werden ihre Politik natürlich nicht ändern,
wenn sie der Überzeugung sind, daß die freie Welt auseinanderfallen wird. Darum ist die Fortsetzung der gegenwärtigen Partnerschaft der unabhängigen Nationen unerläßlich für eine friedliche Lösung der gegenwärtigen Probleme.
Es ist von entscheidender Bedeutung, daß alle freien Nationen, einschließlich der USA, diese grundsätzliche Wahrheit
klar erkennen.
Ich bin glücklich, über diese Partnerschaft einen guten
Bericht unterbreiten zu können. Wir hatten vor Beginn der Genfer Konferenz in Paris eine nützliche Sitzung des NATO-Rates.
An ihr nahmen praktisch alle Außenminister der fünfzehn Mitgliedstaaten teil. Sie diente dazu, die durch den Rat repräsentierte
Einheit zu festigen.
Während meines Aufenthaltes in Europa führte ich auch mit
den führenden Männern der Bewegung zur Entwicklung einer noch
größeren Einheit Europas Besprechungen. Diese Bewegung wird
erneut aktiv. Ich machte in meinen Besprechungen klar, daß die
Initiative für weitere Schritte zur europäischen Integration
von den Europäern selbst ausgehen müsse, daß die Vereinigten
Staaten jedoch bereit und willens sind, die Verwirklichung dieser großen Idee zu unterstützen.
Ich besuchte Spanien, Italien und Jugoslawien. In jedem
dieser Länder führte ich umfassende und nützliche Besprechungen
über die internationale Lage. Dies hatte, so glaube ich, den
Erfolg, ein besseres -Verständnis und festere Bande der Freundschaft zu schaffen.
Eine sehr wichtige Tatsache ist schließlich; daß es.auf
der Genfer Konferenz zu den engsten persönlichen und arbeitsmäßigen Beziehungen zwischen dem britischen Außenminister MacMillan,
dem französischen Außenminister Pinay und mir gekommen ist. Wir

- 9-

�23. November

"AMERIKA DIENST"

1955

Wir haben auch eng mit dem Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in allen diese betreffenden Punkte zusammengearbeitet.
Dieser Geist der Zusammengehörigkeit, der unsere gemeinsamen
Bemühungen um ein gemeinsames Ziel festigte, gehört zu den wichtigen Ergebnissen der Genfer Konferenz.
Die Erklärung, die ich Ihnen heute abend abgebe, erfolgte
nach einer umfassenden Konferenz mit Präsident Eisenhower. Er
ermächtigte mich, zu sagen, daß er voll und ganz die von mir
über die Genfer Konferenz abgegebene Beurteilung sowie ihre
Auswirkungen auf die amerikanische Politik teilt. Diese Beurteilung resultiert aus dem alles beherrschenden Lebensziel Präsident
Eisenhowers nach einem fairen, gerechten und dauerhaften Frieden
in der Welt, einem Ziel, das ich teile und das ich mit ihm zusammen zu verwirklichen trachte.
Und nun lassen Sie mich abschließend aus meinem Stenogramm
der Konferenz vorlesen, an der ich heute morgen in Gettysburg
teilgenommen habe. Als ich mich zum Gehen anschickte, wandte
sich der Präsident mir zu und sagte:
"Ich weiß, daß kein Rückschlag und kein Hindernis für einen
Portschritt jemals unsere Regierung und unser Volk von dem großen
Versuch abhalten werden, einen gerechten und dauerhaften Frieden
zu schaffen. Der Erfolg wird vielleicht lange auf sich warten
lassen. Aber es gibt keine irdische Kraft, die besser zur Erreichung dieses Zieles beitragen kann, wie die Stärke, die Macht und
der Geist der 165 Millionen freier Amerikaner. In seinem Streben
nach diesem großen Ziel wird dieses Land sich niemals einer Niederlage beugen".

# # * * *

- 10 -

�» A M E R I K A

D I E N S T

DIE AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
(Hintergrundmaterial)

Am 5. Dezember versammelten sich in New-York die Vertreter
von nahezu 16 der insgesamt 17 Millionen organisierten Arbeiter
der USA, um in aller Eorm den Zusammenschluß des amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes "AFL-CIO" zu vollziehen. Etwa eine Million
Arbeitnehmer sind in den "unabhängigen" Gewerkschaften, vornehmlich der Bergbaugewerkschaft und den Eisenbahngewerkschaften, zusammengefaßt. Eine dieser Eisenbahnergewerkschaften dürfte sich
aber in Kürze der neuen Einheitsgewerkschaft anschließen.
Drei Millionen Frauen gehören der organisierten Arbeiterschaft an und 2,5 Millionen Gewerkschaftsmitglieder sind farbige.
Die 140 Gewerkschaften, die sich zu der neuen Einheitsgewerkschaft zusammenschlössen, gehen alle auf eine Handvoll Arbeitnehmerorganisationen mit insgesamt 138 000 Mitgliedern zurück. Diese bildeten im Jahre 1886 den amerikanischen Gewerkschaftsverband AFI. Unter der Führung von Samuel Gompers und
seiner Kollegen Adolph Strasser und Peter J. McGuire kämpfte
die "AFI" für bessere Arbeitsbedingungen, ohne dabei politische
Hintergedanken zu hegen, und formte sich immer mehr entsprechend
dem Vorbild der britischen Gewerkschaften.
Viele Kräfte haben die Gewerkschaftstradition in den USA
mitgestaltet. Kurz vor ihrer Gründung waren Teilverbände des
"Edlen Ordens der Ritter der Arbeit" ("Noble Order of the
Knights of Labor"), eine politisch eingestellte und weniger exklusive Organisation als die AFI, in den Gewerkschaftsverband übergetreten. In dem Maße, in dem die AFI an Boden gewann, verloren
die "Knights of Labor" an Einfluß. Zu Beginn des zwanzigsten
Jahrhunderts gehörten der "AFI" auch Industriegewerkschaften
aus dem Kohlen- und Erzbergbau an. Auch die Arbeiter der Bekleidungsindustrie hatten sich dort eine Vertretung geschaffen.
Namhafte Persönlichkeiten der AFI kamen aus der Evangelischen
Schule des Eugene V. Debs und der Marxistischen.Akademie des
Daniel Deleon. Die "Industriearbeiter der Welt" eine Gewerkschaft die sich auf den "revolutionären Syndikalismus" festgelegt hatte, erhoben sich gegen die harten Regeln der Kollektivverhandlungen. Allerdings konnte sie ihre starke Position nicht
sehr lange halten. Besondere Organisationen, wie die "Vereinigten Deutschen Gewerkschaften", die "Vereinigten Jüdischen Gewerkschaften" und der "Amerikanisch-Italienische Arbeitsrat", leiste- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

H . Dezember 1955

leisteten einen wichtigen Beitrag dazu, die Einwanderer gewerkschaftlich zu erfassen.
Obwohl die Zahl der Mitglieder,von 1886 an bis zum Ende
des ersten Weltkrieges ständig wuchs- - zu diesem Zeitpunkt gab
es fünf Millionen in der AFI organisierte Arbeitnehmer -, waren
doch schwere strukturelle Mängel zu .verzeichnen. Zwei Versuche,
die Arbeiter in der Stahl- und Eisenindustrie zu organisieren,
wurden vereitelt. Auch die Arbeiter der anderen Massengüterindustrien, wie der Kraftfahrzeug-, Elektro- und Ölindustrie, blieben
außerhalb des Einflusses der Gewerkschaften. Sie hatten von allen
größeren Unternehmen nur im Bergbau und bei den Eisenbahnen Fuß
fassen können. Ungelernte Arbeiter und "Arbeitnehmer in Kleinbetrieben waren überhaupt ohne jede Vertretung. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder betrug im Jahre. 1932, als die Depression
ihren tiefsten Punkt erreicht hatte, nicht mehr als drei Millionen.
Als im Jahre 1933 die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung
einsetzte, wurde das "Gesetz über .den industriellen Wiederaufbau"
erlassen, in dem das Recht der Arbeitnehmer zur Organisation und
zur Führung von Kollektivverhandlungen verankert wurde. Zwei Jahre
später kam dann das "Gesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten", das einen entsprechenden Rahmen schuf, durch den diese
Rechte garantiert wurden. Von nun an war es die Politik der Regierung, diesem Fragenkomplex besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
In der Zwischenzeit hatten Hunderttausende von Industriearbeitern Ortsgewerkschaften gegründet, die nach einem Zusammenschluß auf Bundesebene strebten. Innerhalb der AFL kam es daher
zur Gründung des "Ausschusses für Industrieorganisationen" unter
John I. Lewis von der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft",
Sidney Hillman.der "Vereinigten Gewerkschaft der Arbeiter der
Bekleidungsindustrie" und David Dubinsky von der kanadisch-amerikanischen Gewerkschaft der Arbeiter der Damenbekleidungsindustrie.
Auch Charles P. Howard von der Industriegewerkschaft Druck und
verschiedene andere Führer neuer Organisationen waren in dem
Ausschuß vertreten. In dem Maße, in dem dieser Ausschuß von den
Industriegewerkschaften als Führungsgremium angesehen wurde, entstand innerhalb der AFI eine Spaltung, die mit dem Ausschluß
der diesem Ausschuß angegliederten Verbände aus der AFI im Jahre
1937 endete. Die Spaltung war vor allem über der Frage entstanden,
ob man in den Massengüterindustrien die uneingeschränkte Bildung
von Industriegewerkschaften im Gegensatz zu den Facharbeiterver- .
bänden zulassen könne, Die kanadisch-amerikanische Gewerkschaft
der Damenbekleidungsindustrie verblieb in der AFL. Die ausgeschlossenen Verbände bildeten unverzüglich eine neue Gewerkschaft, den
"Congress of Industrial Organizations" (CIO)
Mit Unterstützung des "CIO" wuchs die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in der Elektro-, Automobil und Gummiindustrie schnell
an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurden diese dann auch von
der Industrie als Arbeitnehmerorganisationen anerkannt. Für die
Stahl- und Textilindustrie rief der "CIO" sofort Organisationskomitees ins Leben, die zumeist von alten verdienten Gewerkschaftlern aus dem Bergbau und der Bekleidungsindustrie betreut wurden.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. Dezember 1955

Die vielfach bereits bestehenden Ortsgewerkschaften schlössen
sich in den meisten Fällen mit den Organisationsausschüssen zusammen, aus denen dann selbständige Gewerkschaften erwuchsen.
Obwohl die Gewerkschaftsbewegung in den dreißiger Jahren vor allem
in den Massengüterindustrien an Boden gewann, das heißt also der
"CIO" sehr viele neue Mitglieder aufnehmen konnte, blieb die "AFL"
doch die stärkere der beiden Organisationen. Die Zahl aller gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer belief sich im Jahre 1939
auf insgesamt 9 Millionen.
Die meisten der alten, im"AFL" verbliebenen Verbände versuchten durch Änderung ihrer Satzungen und Aufnahmebedingungen
die Zahl ihrer Mitglieder zu erhöhen. Die Gewerkschaften der Transportarbeiter, Maschinisten, der Elektroindustrie und der Hotelangestellten, wiesen dann auch die gleiche Wachstumsrate wie die
Verbände des CIO auf. Dieser Prozeß hat in den letzten 20 Jahren
denn schließlich auch zur Beseitigung der Basis geführt, die zur
Spaltung führte.
Das Wachstum der Gewerkschaftsbewegung seit 1953 ist aus der
folgenden Gegenüberstellung der Mitgliederzahlen der zehn großen
Gewerkschaften für die Jahre 1929 und 1954/55 zu ersehen:
1929
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.

1954/55
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.

Gewerkschaft
Mitglieder
Zimmerleute (AFL)
Bergleute (AFL)
Eisenbahner (unabh.)
Elektroarbeiter (AFL)
Vereinigte BekleitJungsgew. (unabh.)
Anstreicher (AFL)
Lokomotivheizer (unabh.')
Musiker (AFL)
Straßenbahnfahrer u. -Schaffner (AFL)
Eisenbahnangestellte (AFL)
Insgesamt:
3

Automobilarbeiter (CIO)
Transportarbeiter (AFL)
Stahlarbeiter (CIO)
Maschinisten (AFL)
Zimmerleute (AFL)
Elektroarbeiter (AFL)
Damenkonfektionsarbeiter (AFL)
Hotel- und Gaststättenangestellte (unabh.)
Bergarbeiter (unabh.)
Einfache Arbeiter (AFL)
Alle Gewerkschaften insgesamt
AFL
insgesamt
CIO
insgesamt
Unabhängig

in Tausend
322,0
262,2
183,9
142,0
110,0
108,1
107,2
100,0
99,7
96,9
650,0

1 240,0
1 160,0
1 100,0
850,0
800,0
625,0
440,0
410,0
400,0
400,0
17 000,0
11 000,0
5 000,0
1 000,0
Eine

�»AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

U . Dezember 1955

Eine Mitgliederzahl von etwa 400 000 weisen so alte Verbände
wie die AFL-Eisenbahn- und Dampfschiffahrtsangestellten-Gewerkschaft
sowie die der "CIO" angeschlossenen Gewerkschaften der Bekleidungsarbeiter und die neueren "CIO"-Verbände der Telefon-, Elektro- und
Radioarbeiter, die Gummi- und Textilarbeiter sowie die erst jüngst
gebildete Gewerkschaft der Cl-, Chemie- und Atomarbeiter auf.
Nach der Verschmelzung der beiden großen Verbände "AFI" und
"CIO" wird die Transportarbeitergewerkschaft zweifellos auch weiterhin wachsen. Diese ständig wachsende Organisation hatte einige Jahre
lang Kompetenzstreitigkeiten mit anderen Gewerkschaften, und die
Bestürzung war allgemein groß, als sie sich im Jahre 1954 weigerte,
die Vereinbarung über Nichtabwerbung von Mitgliedern anzuerkennen,
die praktisch sämtliche anderen der "AFL" und "CIO" angeschlossenen Verbände als ersten Schritt zur Vereinigung getroffen hatten.
In den letzten Jahren haben die Transportarbeiter Einzelabkommen
mit einigen der Konkurrenzgewerkschaften getroffen. Durch diese
"Pakte" wurden nicht nur die Kompetenzstreitigkeiten beigelegt,
sondern auch Vorkehrungen für gemeinsame Kampagnen zur gewerkschaftlichen Organisierung der noch nicht erfaßten Arbeiter getroffen.
Bisher wurde jedoch noch keine Verständigung darüber erzielt,
wie man eines der größten Probleme der Gewerkschaftsbewegung zu
lösen gedenke - nämlich die Organisierung der Arbeiter im gesamten
Handel. Sowohl die "AFL" als auch der "CIO" hatten ihre Gewerkschaften in dieser Branche; die der AFL angeschlossene Gewerkschaft
der Einzelhandelsangestellten war dabei auf Bundesebene die größere
der beiden, wogegen die entsprechende CIO-Gewerkschaft auf dem so
wichtigen Sektor des New Yorker Großhandels und der Warenhausangestellten führend war. Auch die Gewerkschaft der Transportarbeiter hat eine Anzahl Angehörige des Handels in ihren Reihen. Die
gewerkschaftliche Organisierung der ständig zunehmenden Zahl der
Arbeiter und Angestellten in diesem Gewerbe wird eine belanglose
Angelegenheit bleiben, solange die Kompetenzfragen hier nicht geklärt sind.
Die Gewerkschaft der öl-, Chemie- und Atomarbeiter, die dieses Jahr durch den Zusammenschluß einiger CIO-Verbände gegründet
wurde, wird der weiteren Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung
ebenfalls fördernd sein. In der Petroleumindustrie gibt es eine
Reihe "unabhängiger" Gewerkschaften, die der neue Verband aufzusaugen hofft, während große Teile der chemischen Industrie bisher
noch außerhalb der Gewerkschaften stehen. Der neue Verband, und
die bereits längere Zeit bestehende AFL-Gewerkschaft der Installateure gewinnen immer mehr Mitglieder in den Atombetrieben.
Die Gewerkschaften der öffentlichen Betriebe dürften auch
bald eine Zunahme ihrer Mitgliedschaft aufweisen. Die aktivste
Gewerkschaft auf diesem Gebiet ist der Verband der staatlichen,
Kreis- und städtischen Angestellten, der der AFL angeschlossen
ist. Die Bundesbeamten sind mit Ausnahme der Postangestellten
nicht allgemein organisiert, wenn auch die Arbeiter solcher
staatlichen Betriebe wie Marinewerften gewöhnlich den starken
AFL-Verbänden angehören. Was die Büroangestellten in Privatbetrieben anbelangt, so ist auch hier die gewerkschaftliche Organisierung
- 4 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
14. Dezember 1955
Organisierung noch im Anfangsstadium, mit Ausnahme einiger weniger Großbetriebe, in denen die "CIO" ihre Industriegewerkschaften
hat. Auch eine Angestelltengewerkschaft der "AFI" hat in jüngster
Zeit ihre Mitgliederzahl vergrößern können.
Eine kürzlich durchgeführte Untersuchung, durch die festgestellt wurde, inwieweit die Belegschaften der einzelnen Industriezweige gewerkschaftlich organisiert sind, erbrachte folgendes
Ergebnis: Die Schwerst- und Schwerarbeiter (Fabrikarbeiter, Bergleute, Eisenbahner, Bauarbeiter und andere) gehören zu 70 fo den
Gewerkschaften an; in den großen Fertigungsindustrien (Auto-,
Flugzeug- und Stahlindustrie, Werften, Glashütten, Papierfabriken
und Herstellerfirmen elektrischer Geräte und andere) sind rund
80 $&gt; aller Arbeiter und unmittelbar in der Produktion Beschäftigten eingetragene Gewerkschaftsmitglieder. Von den 150 Unternehmen,
die 10 000 oder mehr Arbeiter beschäftigen, sind nur drei nicht
von Gewerkschaften erfaßt, während 80 bis 100 $ der Betriebsangehörigen der "großen zehn" amerikanischen Industriekonzerne, Betriebe mit mehr als 100 000 Beschäftigten, innerhalb der Gewerkschaftsbewegung stehen. Alles in allem sind rund 30 fo aller Lohnund Gehaltsempfänger Gewerkschaftsmitglieder.
Inwieweit die amerikanische Arbeiterschaft aus der Arbeit
der Gewerkschaften Nutzen zieht, läßt sich aus Schätzungen ablesen, die das amerikanische Arbeitsministerium kürzlich veröffentlichte. Es handelte sich um das Ergebnis von 306 Arbeitsplatz- und Lohnanalysen, die in elf Indus triezweigenc'durchgeführt
wurden. Sie haben gezeigt, daß die Durchschnittslöhne in Betrieben,
deren Arbeitsbedingungen durch vertragliche Abmachungen mit den
Gewerkschaften festgelegt sind, um 10 bis 20 fo höher liegen, als
in Betrieben, in denen dies nicht der Fall ist. Im Jahre 1955 wurden die Grundlöhne in allen jenen Fällen, in denen neue Tarifverträge von den Gewerkschaften ausgehandelt worden sind, um
10 fo heraufgesetzt. Aber es waren nicht einmal die höheren Löhne,
die vom Arbeitsministerium als das wichtigste Kriterium der unterschiedlichen Stellung der Angehörigen von Betrieben mit oder
ohne gewerkschaftliche Regelung der Arbeitsbedingungen angesprochen
wurden. "Solche höhere betriebliche Leistungen, die nicht im Lohn
enthalten sind, wie bezahlte Feiertage, verbesserte Gesundheitsfürsorge und andere soziale Leistungen sind in Betrieben mit
gewerkschaftlich festgesetzten Arbeitsbedingungen durchgehend
höher als in Betrieben, wo eine solche Regelung nicht besteht",
heißt es am Schluß des genannten Berichts.
Eine weitere Übersicht läßt erkennen, daß sich der Anteil
von Löhnen und Gehältern am Volkseinkommen (ausschließlich des
Einkommens der Landwirtschaft) von 58,2 f&gt; im Jahre 1929 auf 69,1 &lt;fo
im Jahre 1954 erhöht hat. Seit 1946 ist der Lohnindex um doppelt
so viel Punkte gestiegen wie der Index der Lebenshaltungskosten.
Im Jahre 1945 war nur eine halbe Million Arbeiter von betrieblichen oder anderweitigen zusätzlichen Alters- un'3 Krankenversicherungsplänen erfaßt, die als Ergänzung der staatlichen Altersund Hinterbliebenenversicherung gedacht sind. Heute fallen rund
zwölf Millionen Arbeiter unter eine solche zusätzliche Sozialversicherung, die vom Arbeitgeber finanziert wird. Dies ist das
Ergebnis der Entschlossenheit von Gewerkschaften wie der Vereinigten Eergarbeitergewerkschaft und der Gewerkschaften der Automobil- 5 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. Dezember 1955

Automobil und Stahlindustrie, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit verkündet hatten, daß sie die soziale Sicherheit ihrer Mitglieder in gleichem Maße wie Lohnfragen als "Angelegenheit der
Gewerkschaft" ansehen. Mehr als sieben Millionen Arbeiter fallen
unter alle drei Formen der Sozialversicherung, und weiter vier
Millionen unter die Krankenversicherung. Von 1954 an verstärkten
sich die Bestrebungen, die Krankenversicherung auch auf die Angehörigen der Arbeiter auszudehnen, und heute genießen rund fünf
Millionen Familien diesen Schutz. In mehr als 70 # aller KollektivVerträgen sind Bestimmungen über eine oder mehrere Formen der Sozialversicherung enthalten, und 98 $ der Verträge sehen bezahlten
Urlaub und bezahlte Feiertage vor.
Die Stabilisierung des Verhältnisses zwischen den Sozialpartnern, wie sie ihren Ausdruck in Kollektiv-Verhandlungen über
Altersversorgung und Krankenversicherung findet, spiegelt sich auch
in dem steigenden Prozentsatz von Verträgen wider, die Bestimmungen
über "gewerkschaftliche Sozialleistungen" enthalten. Das Arbeitsministerium schätzt, daß 80 $ aller derartigen Verträge heute in
der einen oder anderen Form die Anerkennung des Prinzips der"gewerkschaftlich geregelten Arbeitsbedingungen im Betrieb" durch den
Arbeitgeber einschließen.
Die Forderungen der Gewerkschaften nach größerer sozialer
Sicherheit, die besonders in der Nachkriegszeit immer lauter wurden, sind 1955 auf den "garantierten Jahreslohn" ausgedehnt worden.
Bei über einer Million Arbeiter etwa, hauptsächlich in der Automobilindustrie, ist diese Forderung bereits in den Tarifverträgen
verankert, und in den nächsten Jahren dürfte sie auch in der Dauergüterindustrie Eingang finden. Die Gewerkschaftsführer sind jedoch
der Ansicht, daß dieses Ziel in anderen Fertigungsindustrien und
in den meisten Dienstleistungsbetrieben sowie bei kleineren Unternehmen billiger, nämlich einfach durch eine Verkürzung der 40-Stunden-Woche erzielt werden kann. Hinter dieser Sorge um den garantierten Jahreslohn und eine verkürzte Arbeitszeit steht die Ungewißheit der Gewerkschaften, welchen Einfluß die steigende Automatisierung der Industrie auf die Beschäftigung ihrer Mitglieder
haben wird.
Dieses Bestehen auf eine Sicherung des Lebensstandards während
der Nachkriegszeit, der in den vorangegangenen zehn Jahren durch
das starke Anwachsen der Gewerkschaften und die beträchtlichen
Lohnerhöhungen erschaffen wurde, hat einen deutlichen Einfluß
auf die Form und den Umfang der Kollektivverträge gehabt. Traditionell kleine Unternehmer wie Betriebe des Bau- und Druckereigewerbes sowie der Konfektion haben sich bei Kollektivverhandlungen mit den Gewerkschaften in lokalen Verbänden zusammengeschlossen. Nur im Bergbau und bei den Eisenbahnen wurden teilweise industrieweite Abkommen geschlossen.In der Massengüterindustrie dagegen hat jeder Betrieb getrennt verhandelt, und gelegentlich sind sogar Sonderabkommen mit einzelnen großen Werken
abgeschlossen worden, deren Laufzeit in der Regel ein Jahr betrug.
Als sich jedochoeine Industrie nach der anderen die Gewerkschaften
anerkannte und die Erinnerung an die bitteren Kämpfe in den dreißiger Jahren schwand, haben sich beide Sozialpartner darauf eingestellt, Verpflichtungen von längerer Dauer zu übernehmen. Wo

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. Dezember 1955

Wo heute Abkommen mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr abgeschlossen werden, enthalten sie automatisch entweder Lohnerhöhungen, eine gleitende Lohnskala oder eine Bestimmung, daß über die
Lohnklauseln des Vertrages jedes Jahr neu verhandelt werden muß oder aber sie stellen eine Verbindung dieser Vorschriften dar. So
ist das wirklich Erreichte gesichert und die Unternehmer in der
Lage vorauszuplanen, ohne wesentliche Störungen befürchten zu
müssen.
Gleichzeitig hat sich die Tendenz bemerkbar gemacht, die Lohnverhandlungen mit größeren Unternehmerverbänden durchzuführen.
In einem Gewerbe wie der Bauindustrie und im Straßentransportwesen
geht mit dem Anwachsen der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder die
Anzahl der Sonderabkommen ständig zurück. Im Januar 1955 handelten
die Transportarbeiter für 13 Staaten des Mittelwestens mit 12 000
Transportunternehmen, die 180 000 Fahrer und Hilfspersonal beschäftigen, einen Manteltarifvertrag aus, der 200 örtliche Einzelabkommen ablöste. Nachdem zwischen "Ford" und der "Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft" Übereinstimmung über den "garantierten
Jahreslohn" erzielt worden war, erklärte der Leiter der Fordwerke,
daß er ernsthaft erwäge, seinen Konkurrenten Verhandlungen mit
der Gewerkschaft auf Bundesebene vorzuschlagen.
Die sogenannten "Besprechungen über die Wiedervereinigung"
begannen kurze Zeit nachdem sich die Gewerkschaft gespalten hatte,
"doch wurden Jahre lang nur geringe Fortschritte erzielt, da Präsident William Green von der "AFL" auf einer "organischen Einheit"
bestand, während Präsident Philip Murray vom "CIO" verlangte, daß
dem Zusammenschluß eine Periode "gemeinsamer Aktionen" der beiden
Gewerkschaftsverbände vorausgehen müsse. Als im Jahre 1954 George
Meany und Walter Reuther an die Spitze der "AFL" und des "CIO"
gelangten, wurde ein Nichtabwerbungsabkommen abgeschlossen. Der
Wettbewerb um Mitglieder, der anfangs zweifellos zum Wachstum
verschiedener angeschlossener Gewerkschaften beider Gewerkschaftsverbände beigetragen hatte, hatte sich damals als unproduktiv
erwiesen, und beide Organisationen bemühten sich, ihm ein Ende
zu setzen. Ende 1954 hatten sich der Unterausschuß der beiden
Organisationen über die grundsätzlichen Fragen eines Abkommens
über die "organische Einheit" geeinigt, und im Frühjahr 1955
wurde von den beiden Gewerkschaftsvorständen ein Satzungsentwurf
genehmigt.
Der zusammengeschlossene Gewerkschaftsbund AFL-CIO hat nicht
die Absicht, die Werbung von Gewerkschaftsmitgliedern künftig der
Initiative der einzelnen Gewerkschaften allein zu überlassen.
Einer seiner drei leitenden festangestellten Funktionäre wird
zum Organisationsleiter bestimmt. Der erste Inhaber dieses Amtes
ist der Vizepräsident der Gewerkschaft der Vereinigten Automobilarbeiter (UAW) Walter P. Reuther. Er wird unterstützt von zwei
regionalen Organisationsleitern, die beide fest angestellt und
aus den Reihen der beiden alten Verbände ernannt werden. Sie und
ihre Mitarbeiter werden denjenigen Gewerkschaften zur Verfügung
stehen, die eine Unterstützung benötigen. Die Arbeit der Organisationsabteilung und sämtlicher übrigen Hauptabteilungen des
neuen Gewerkschaftsbundes werden vom Präsidenten, dem Schatzmeister
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. Dezember 1955

Schatzmeister sowie vier Punktionären aus verschiedenen Verwaltungsebenen des Gewerkschaftsbundes überwacht. Zusammen mit sechs
ersten Vizepräsidenten bilden der Präsident und der Schatzmeister
den Bundesvorstand, der alle acht Wochen einmal zusammentritt. Ein
noch wichtigeres für die Politik des Gewerkschaftsbundes entscheidendes Gremium ist der Bundesausschuß, der sich aus den beiden gewählten Punktionären und den 27 Vizepräsidenten der "API" und
des "CIO" zusammensetzt. Anfänglich sollen zehn dieser Vizepräsidenten aus den Reihen des "CIO" und 17 aus der "AFL" bestimmt werden. Der Bundesausschuß tritt alle drei Monate zusammen. Der erweiterte. Bundesausschuß , der von den Mitgliedern des Bundesausschusses und einem Vertreter jeder angeschlossenen Einzelgewerkschaft gebildet wird, tritt einmal im Jahr zusammen. Die oberste
Körperschaft, der Bundeskongreß, in dem jede Gewerkschaft im Verhältnis der Zahl ihrer Mitglieder vertreten ist, wird alle zwei
Jahre einberufen.
Die ursprüngliche Streitfrage, der Gegensatz zwischen Facharbeitergewerkschaften und Industriegewerkschaften, wegen der sich
die AFL und der CIO vor 20 Jahren gespaltet hatten, wird durch
folgende in der Satzung enthaltene Bestimmung beseitigt: "Beide,
die Facharbeiter- wie die Industriegewerkschaften sind gleichwertige
und notwendige Mittel der Gewerkschaftsorganisation, und jede
amerikanische und amerikanisch-kanadische Gewerkschaft hat das
Recht auf den Schutz und die Aufrechterhaltung ihrer Selbständigkeit, ihrer Integrität und ihrer Jurisdiktion". Ein weiterer Abschnitt der Satzung bestimmt, daß die angeschlossenen Gewerkschaften" ermutigt werden sollen,nach Rücksprache mit den zuständigen
Funktionären des Gewerkschaftsbundes Konflikte und bestehende
Doppelgleisigkeiten in der Organisation und Jurisdiktion auf dem
Wege gegenseitiger Verständigung, des Zusammenschlusses sowie
durch andere Maßnahmen zu beseitigen.
Übereinstimmung wurde ferner darüber erzielt, das "Politische
Aktionskomitee" des "CIO" und die "Liga für Politische Erziehung
des Arbeiters", eine Organisation der "AFL" zu vereinigen. Das neue
"AFL-CIO"-Komitee für Politische Erziehung wird technisch ebenso
wie die "Liga für Politische Erziehung" der "AFL" und das "Politische
Aktionskomitee" der "CIO" als halbautonome Körperschaft arbeiten,
die über ihren eigenen Haushalt verfügt. Doch ist der Gewerkschaftsbund selbst verantwortlich für die Wirtschafts- und Sozialpolitik,
und er fällt die Entscheidungen über die Haltung der Gewerkschaften
zu den großen Fragen der amerikanischen Politik. Die angeschlossenen
Gewerkschaften, behalten auch wenn sie die Arbeit des neuen Komitees für Politische Erziehung unterstützen, nach wie vor die Kontrolle über ihre eigenen Ausgaben für politische Zwecke sowie ihr
Recht, die Arbeit des "Komitees für Politische Erziehung" auf dem
Gebiet der Erziehung und bei den Wahlen zu ergänzen.

Einen Monat vor Zusammentritt des AFL-CIO-Kongresses über die
Wiedervereinigung erklärte George Meany, daß die beiden Gewerkschaft!
verbände AFL-CIO "alle Mittel, die uns als Bürger zur Verfügung

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

H . Dezember 1955

Verfügung stehen" anwenden werden, um auf Wahlen und auf die Gesetzgebung Einfluß zu nehmen. "Der Gewerkschaftsbund wird liberale
und fortschrittliche Kandidaten sämtlicher politischer Parteien
unterstützen. Er wird den amerikanischen Arbeiter über die politische Vergangenheit sämtlicher Kandidaten aufklären. Er wird versuchen, die Bürger zu bewegen, sich in die Wahlregister eintragen
zu lassen und ihre Stimme abzugeben."
Meany prophezeite, daß ein immer wichtig werdender Aspekt
der gewerkschaftlichen Tätigkeit politische Aktionen sein werden.
In welchem Grade diese Voraussage erfolgreich verwirklicht werden
würde, hänge von der Bedeutung ab, die der Politik von den angeschlossenen amerikanischen Gewerkschaften beigemessen werde und
von der Energie der einzelstaatlichen und örtlichen Gewerkschaftsausschüsse der "AFL-CIO" und ihren"Komitees für Politische Erziehung1
Den einzelnen Organisationen der beiden alten Gewerkschaftsverbände in den Einzelstaaten und den Städten wird zwei Jahre Zeit
gelassen, um ihren Zusammenschluß durchzuführen. In zahlreichen
Staaten dürften diese Zusammenschlüsse bald erfolgen, während
andere voraussichtlich ein oder zwei Jahre dazu benötigen dürften.

* # # * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

LODGE FORDERT ANNAHME DES LUFTINSPEKTIONSPLANS
EISENHOWERS
NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermittein wir Ihn en den Wortlaut einer
Erklärung, die Botschafter Henry
Cabot Lodge jun ., US-Chef-Delegierter
bei den Vereint en Nationen, am 5« Dezember 1955 vor dem Politischen Ausschuß der UN-Vo llversammlung abgab
und diesen dami t aufforderte, seine
Zustimmung zum "Plan der offenen Himmel", dem Lufti nspektionsplan Präsident Eisenhower s, zu geben.
In den Nachmittagsstunden des 21. Juli 1955 blickte der
Präsident der Vereinigten Staaten, der sich in Genf mit den
Regierungschefs Prankreichs, Großbritanniens und der Sowjetunion zu einer Sitzung zusammengefunden hatte, über den Konferenztisch direkt auf die Sowjetdelegation und sprach die folgenden Worte:
"Ich habe Herz und Verstand durchforscht", erklärte er,
"was ich hier vorbringen könnte und was jeden von der großen
Aufrichtigkeit zu überzeugen vermöchte, mit der die Vereinigten
Staaten an dieses Abrüstungsproblem herangehen.
Ich möchte mich für einen Augenblick hauptsächlich an
die Delegierten der Sowjetunion wenden, da unsere beiden Länder zugegebenermaßen neue und furchtbare Waffen in Mengen besitzen, die die FJurcht und die Gefahr eines Überraschungsangriffs in anderen Teilen der Welt - oder auch gegenseitig heraufbeschwören. Ich schlage deshalb vor, daß wir einen praktisch zu verwirklichenden Schritt tun, daß wir mit einem Abkommen beginnen, sehr schnell, ja was uns selbst anbelangt sofort. Dazu gehört: Jeder soll jedem eine vollständige Blaupause (Blueprint) der militärischen Einrichtungen, von A bis
Z und von einer Landesgrenze bis zur anderen,vorlegen, die Einrichtungen zugänglich machen und einander die Pläne zur Verfügung stellen.
Weiter sollen - innerhalb unserer Länder - dem anderen
Land Möglichkeiten eingeräumt werde.n, Luftaufnahmen zu machen;
wir geben ihnen in unserem Lande Gelegenheit - und zwar ausreichende Gelegenheit -, Lufterkundungen durchzuführen und

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�"AMERIKA DIENST"

7. Dezember 1955

und alle gewünschten Aufnahmen, die Sie zum Studium in Ihr eigenes Land mitnehmen können, zu machen; Sie räumen uns genau die
gleichen Möglichkeiten ein,und wir nehmen die gleichen Prüfungen vor. Durch diesen Schritt wollen wir die Welt davon überzeugen, daß wir, was uns beide betrifft, uns gegen die Möglichkeiten eines großen Überraschungsangriffes schützen und damit
die Gefahr verringern und die Spannung herabsetzen.
Auch würden wir dadurch leichter erreichen, zu einem umfassenden und wirksamen System der Kontrolle und Abrüstung zu kommen, denn was ich ihnen hier vorschlage, wäre, seien Sie dessen
versichert, nur ein Anfang."
Die Völker der Welt, die alles daran setzen, den katastrophalen Atomkrieg zu verhindern, sahen in dem Vorschlag Präsident
Eisenhowers etwas, das mit einem Schlag den toten Punkt in der
Abrüstungsdebatte, auf dem diese angelangt war, überwinden konnte
und eine Sicherung gegen jenen großen Überraschungsangriff bot,
der geeignet wäre, den Untergang der Menschheit einzuleiten.
Lassen Sie mich Ihnen erklären, wie der Plan Präsident
Eisenhowers praktisch aussehen würde: Zu den auszutauschenden
Informationen gehörten zunächst Identifizierung, Stärke, Befehlsstruktur und die Stationierung von Mannschaften, Einheiten und
Ausrüstungen aller wichtigen Waffengattungen zu Lande, zu Wasser
und in der Luft; zweitens eine vollständige Liste von militärischen Bauten, Einrichtungen und Anlagen mit Angabe des Ortes.
Entsprechende Informationen würden gleichzeitig von jedem Teil-*
nehmerland zur Verfügung gestellt. Dabei müßte die ungehinderte
.Nachrichtenübermittlung für das Inspektionspersonal garantiert
werden.
Das Kernstück des Planes ist eine uneingeschränkte, aber
überwachte gegenseitige Luftinspektion durch visuelle, photographische und elektronische Mittel. Vertreter des Landes, das
inspiziert werden soll, können sich dabei an Bord des Plugzeuges
befinden.
Die moderne Luftaufklärung hat phänomenale Möglichkeiten.
Zwei gewöhnliche Düsenaufklärer können in nur zwei Stunden ein
Terrain von fast 800 km Tiefe und nahezu 4400 km Länge photographieren, das wäre das Gebiet zwischen New York und Los Angeles.
Auf diese Weise kann ein Land von der Größe der Vereinigten Staaten oder der Sowjetunion Punkt für Punkt innerhalb von
sechs Monaten genau aufgenommen werden. Die Informationen können Woche für 7/oche auf den neuesten Stand gebracht werden.
Auch bei Nacht und in widrigem Wetter sind überaus genaue Ergebnisse möglich.
Die Kosten eines solchen Unternehmens sind gering im Vergleich zu den Segnungen, die es bewirken würde. Dabei würden die
Ausgaben innerhalb eines Jahres nicht höher sein als die für
zwei bis drei Tage des zweiten Weltkrieges. Und wenn wir in diesen Preis das unendliche Leid, die gescheiterten Zukunftshoffnungen, die Toten und das zerbrochene Lebensglück, die ein neuer
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�"AMERIKA DIENST"

7. Dezember

1955

neuer Krieg mit sich bringen würde, miteinrechnen, dann dürften
uns dafür keine Ausgaben zu hoch sein.
Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, diesen Plan
auch auf andere Nationen und überseeische Stützpunkte auszudehnen, vorausgesetzt, daß die in Frage kommenden Nationen damit
einverstanden sind. Wir haben ferner zugestimmt, daß diese Klausel dem Bulganinvorschlag für eine Bodeninspektion hinzugefügt
wird.
Die Vereinigten Staaten bedauern, daß die Sowjetunion dem
Eisenhowerplan noch immer ihre Zustimmung versagt. Wir geben
aber die Hoffnung nicht auf, daß fortgesetzte Verhandlungen
letztlieh doch zur Anerkennung des Wertes dieses Vorschlages
führen werden.
Anschließend geben wir die Gründe, die zur Aufstellung
des Planes führten:
Hauptpunkte der Inspektion und Kontrolle
Die Inspektion ist dem internationalen Übereinkommen gemäß
das Kriterium des Abrüstungsproblems.
Und zwar die Inspektion, die bestätigt, daß die Abkommen
im einzelnen auch ordnungsgemäß durchgeführt werden.
Eine Abrüstung ohne ausreichende Kontrolle und Überwachung,
wie das in Deutschland und Japan in den Jahren zwischen dem .
ersten und dem zweiten Weltkrieg der Fall war, ist nicht mehr
als ein weltkriegschwangeres Fiasko.
Präsident Eisenhower erklärte in Genf, daß "kein brauchbares und zuverlässiges Abkommen Zustandekommen kann, ohne daß
dies einen vollständigen Plan für ein wirksames Inspektionsund Informationssystem, das jedem Punkt des Abkommens gerecht
wird, einschließt. Die Geschichte hat uns gelehrt, daß Abrüstungsabkommen ohne eine wirksame gegenseitige Inspektion, die
Friedensaussichten nicht nur nicht verbessern, sondern die
Kriegsgefahr erhöhen".
Andere Teilnehmer dieser Genfer Konferenz auf höchster
Ebene haben sich in ähnlicher Weise zu diesen Fragen geäußert.
Und Marschall Bulganin war es, der das ganze Problem in kürzeste Form brachte, als er am 14. August 1955 dem Obersten
Sowjet berichtete: "Jeder Abrüstungsplan ist im Grunde genommen
eine Frage der Kontrolle und Inspektion."
Die Sowjetunion aber meint mit Inspektion und Kontrolle
nicht das gleiche wir wir. Sie stimmt jener zeitlich vorverlegten dauernden und gründlichen Inspektion nicht zu, der sich
zu unterziehen die anderen Mitgliedernationen des UN-Unterausschusses für Abrüstungsfragen bereit erklärt haben und die
notwendig ist, damit die Länder die Rüstungsausgaben verringern
und die Atomenergie ausschließlich der friedlichen Verwendung
zuführen können.
Die

�7. Dezember 1955

"AMERIKA DIENST"

Die verschiedene Auffassung dieses Punktes ist es, die
seit 1946 die Sowjetunion von der überwiegenden Mehrheit der
UN-Mitgliedstaaten trennt und in Sachen der Abrüstung zu keinem
Agreement kommen läßt. In der Zwischenzeit aber hat sdch das
Problem nur verhärtet und an Dringlichkeit zugenommen.
Seit einem Jahrzehnt werden nukleare Waffen hergestellt,
ohne jegliche internationale Kontrolle. Während all dieser Zeit
konnten Atomwaffen insgeheim gestapelt werden. Die verräterische
Radioaktivität spaltbaren Materials läßt sich über den Kontrollbereich augenblicklich bekannter Meßgeräte hinaus in Behältern
abschirmen.
Mit dem anwachsenden Arsenal an Atomwaffen wächst die Gefahr. Da jede Kalkulation mit jedem weiteren Jahre größeren
Irrtümern unterworfen ist, hat sich die Menge der heimlich gestapelten Atomwaffen vergrößert. Die für Irrtümer eingeräumte
Spanne wächst solange, bis sie mit der Zeit den kritischen Punkt
erreicht. Dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen.
Dies sind die wissenschaftlichen Grundlagen des Eisenhowerplanes. Das heißt, daß alle früheren Pläne für eine Atomwaffenkontrolle, die sich auf Kontrolle der Gesamtproduktion solcher
Waffen beschränken, unrealistisch sind.
Die augenblickliche Situation erfordert zwei Dinge: Eine
gründliche Überarbeitung des Inspektionsproblems und einige
radikal neue Konzeptionen, so daß die Welt Zuversicht, Vertrauen
und Zeit gewinnt, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen.
Der Präsident tat einen ersten Schritt, in dem er eine
Reihe unserer besten Physiker, Militärexperten, Industriellen
und Wissenschaftler mobilisierte, die sich unter der Leitung
von Harold E. Stassen mit allen Aspekten dieses Problems zu
befassen haben. Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, .
daß derartige Studien Thema entsprechender Beratungen aller beteiligten Regierungen sein sollten.
Um der zweiten bedeutenden Voraussetzung für eine erhöhte
internationale Sicherheit gerecht zu werden, und als Beweis für
die amerikanische Aufrichtigkeit, unterbreitete der Präsident
dann seine Vorschläge.
Der Plan einer luftinspektion zur Wahrung des Friedens ist
in erster Linie zur Sicherung gegen große Überraschungsangriffe
geschaffen worden. Seit wir uns nicht länger über alle nukleare
Munition auf dem laufenden halten können, liegt der Brennpunkt
des Problems wesentlich mehr bei der Kontrolle der Möglichkeit,
sie im Kriege zur Anwendung zu bringen.
Wenn es uns gelingt, einen Überraschungsangriff weitgehend
auszuschalten, beseitigen wir möglicherweise jede Kriegsgefahr.
In ihren Vorschlägen vom 10. Mai erkennt auch die Sowjetunion
sehr klar die Gefahr von Vorratsbergen in dieser Situation der
technologischen Weiterentwicklung. Sie behauptet ferner, sich
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�7. Dezember 1955

"AMERIKA DIENST"

sich auch der größer gewordenen Notwendigkeit, gegen Überraschungsangriffe auf der Hut sein zu müssen, bewußt zu sein.
Die sowjetischen Vorschläge vom 10. Mai enthalten folgende
Sätze:
"... Es gibt Möglichkeiten über die Reichweite internationaler Kontrolle hinaus, um diese Kontrolle zu umgehen und die
heimliche Herstellung von Atom- und Wasserstoffwaffen nicht erkennen zu lassen, selbst dann, wenn auch ein formales Abkommen
über eine internationale Kontrolle besteht. In einer solchen
Situation kann die Sicherheit der Staaten, die die internationale Konvention unterzeichnet haben, nicht garantiert werden,
da einem Land mit Angriffsabsichten die Möglichkeit offenstehen
würde, Vorräte an Atom- und Wasserstoffbomben für einen Überraschungsangriff auf friedliebende Staaten anzulegen."
Aber die Sowjetunion verschreibt kein neues Rezept, das
dieser klaren Diagnose entsprechen würde. Statt dessen fährt
sie fort, Abrüstungsmaßnahmen zu fordern, die nicht mit der
einzigen Inspektionsart, die sie gestatten würde, in Einklang
zu bringen sind.
Trotz wiederholter Anfragen von Mitgliedern des Unterausschusses gab die Sowjetunion nicht die Zusicherung, daß Inspektoren bereits in den betreffenden Gebieten und zur Durchführung
ihrer Aufgaben bereit sein würden, ehe die Abrüstung erfolge.
Sie weigert sich, im einzelnen zu definieren, welche Objekte
von den Inspektoren überprüft werden dürften. Sie würde Luftinspektionen ganz am Ende des Abrüstungsprogramms gestatten.
Diese sowjetischen Vorschläge sind völlig unzureichend,
um einen Schutz gegen Überraschungsangriffe zu gewährleisten.
Noch sind sie ein ausreichender Beitrag für ein umfassendes
Programm zur Begrenzung der Rüstung.
Nachdem wir die verwirrenden und sich widersprechenden
Vorkommnisse des vergangenen Jahres geprüft haben - ein Jahr
voll abwechselnder Hoffnung und Enttäuschung für den Rest von
uns -, kommt über den sowjetischen Standpunkt hinsichtlich der
Inspektion folgendes heraus:
Die sowjetische Regierung weiß genauso gut wie jede andere,
wie illusorisch die Aussicht auf ein absolutes Verbot von Material für Atomwaffen unter den gegenwärtigen Bedingungen ist.
Trotzdem will sie jedes Land für ein Programm verpflichten,
das von lebenswichtiger Bedeutung für seine nationale Sicherheit ist, aber keinerlei Möglichkeit schafft, sich zu vergewissern,
daß die Bestimmungen eines Abkommens von allen gleichmäßig
durchgeführt werden.
Weiterhin die Vernichtung von nuklearen Waffen, als ein
sofort zu verwirklichendes Ziel, von der V/arte unumgänglicher
wissenschaftlicher Tatsachen aus gesehen, zu fordern, heißt so
viel wie das wesentlichste Prinzip zu übergehen, nämlich, daß
jedes Abrüstungsprogramm in seiner Durchführung durch wirksame
Kontrolle unterstützt werden muß. Wir können uns nicht zu dieser
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7. Dezember 1955

dieser Heuchelei und obskuren Methode hergeben. Eine neue Lösung muß gefunden werden, die den Tatsachen gerecht wird.
Herr Vorsitzender, sicherlich erinnern sich die meisten
von Ihnen an die Geschichte über Fürst Potemkin, dem Günstling
Katharinas der Großen von Rußland, der vor einer Reise der Zarin
zur Besichtigung ihrer Domänen entlang der Fahrtroute ganze
Scheindörfer aufbauen ließ, um den Eindruck zu erwecken, unter
seinem Regime seien ungeheure Reichtümer entstanden. Die Zarin
und ihre Begleitung wurden in aller Eile durch diese Gebiete
durchgeschleust, so daß ihnen keine Zeit für einen Blick hinter
die falschen Fassaden blieb.
Herr Vorsitzender, wir wollen keine Illusionen akzeptieren.
Wir wollen keine Potemkinschen Dörfer in der Abrüstung.
Herr Kusnetzow ist offensichtlich aufgebracht, weil die
läge der Vereinigten Staaten sich weiterentwickelt und nicht
statisch ist. Wir würden Sie gerne in der Überzeugung wissen,
daß die Vereinigten Staaten weniger eifrig auf Abrüstung bedacht
sind, weil sie einige Reserven hinsichtlich einiger der Ideen
besitzen, die wir zu diesen Diskussionen in der Vergangenheit
beigesteuert haben.
Es ist wahr, daß wir im Lichte .wechselnder politischer und
wissenschaftlicher Bedingungen alte Theorien vertreten. Ja, wir
glauben daran, daß bei eventuellen Abmachungen über den Umfang
der Streitkräfte oder über die Reduzierung der herkömmlichen
Rüstung die Frage zu berücksichtigen sein wird, was hinsichtlich
der Atomwaffen getan werden kann. In diesem so komplexen, bewegten und gefährlichen Bereich können wir es uns nicht leisten,
doktrinär zu sein. Jedes Land hat die positive Verpflichtung,
seine Politik dauernd zu prüfen und zu revidieren. Wir glauben,
daß dies eine redliche und folgerichtige Handlungsweise ist.
Doch wenn diese politische Selbstprüfung die Wandlung missen
läßt, lassen Sie uns sehen, inwieweit dies auf die Sowjetunion
zutrifft. Von 1946 bis 1954 forderte die Sowjetunion faktisch
das Verbot und die Abschaffung der Atomwaffen, und zwar auf dem
Boden einer bloßen Erklärung, wobei die Möglichkeit einer Inspektion an zweiter Stelle rangierte. "Weg mit der Bombe, Vertrauen
zu den Russen", war ihre Devise. Aber eine Abrüstung kann nicht
mit Vertrauen allein bewerkstelligt werden. Sie muß überwacht
werden durch rigorose, unablässige und gegenseitige Inspektion
und zwar unter Wahrung strenger, vorher vereinbarter Maßstäbe.
Im Oktober 1954 überraschte der verstorbene Herr Wyschinski
die Vollversammlung mit einem scheinbaren Wechsel der sowjeti- •
sehen Position. Er sagte, daß sein Land die englisch-französischen Vorschläge vom 11. Juni 1954, die eine wirkliche Kontrolle
von Anfang an und in j'eder Phase eines fortschreitenden Abrüstungsprogramms vorsahen, als "Verhandlungsgrundlage" akzeptieren würden.
Aber die Sowjetunion könne nicht sagen, ob diese Inspektion zeitweilig aussetzend oder ununterbrochen, permanent oder periodisch
sein würde, auch nicht, ob sie von Anfang an durchgeführt werden
könnte. Die Londoner Konferenz vom Jahre 1955 stand unter dem
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�AMERIKA DIENST"

7. Dezember 1955

dem Zeichen mysteriöser Vn'andluhgen in der Haltung der russischen
Regierung. Die sowjetische Position hinsichtlich der Abrüstung
befand sich offensichtlich im Flusse. Im Februar eröffnete Herr
Gromyko uns den bemerkenswerten Vorschlag einer direkten Vernichtung aller Atomwaffen, und zwar ohne Kontrolle und ohne ir£endeine Maßnahme, die Herstellung von Kernwaffen praktisch zu stoppen. Dieses Schema hatte keinerlei Beziehung zu der Idee des
Herrn Wyschinski. Das war keine Abrüstung, sondern in Wirklichkeit ein versteckter Vorschlag für ein Atomwaffen-Rennen nur
inszeniert, um den Russen einen Start auf gleicher Höhe zu ermöglichen.
Acht Wochen lang rätselten die anderen Mitglieder des Unterausschusses daran herum, was wohl wirklich dahinter stecken könnte. Dann, Mitte März, schwenkte die Sowjetunion plötzlich wieder
zurück auf die Position Wyschinskis, wobei Gromykos Vorschläge
jedoch weder aufgegeben noch bestätigt wurden. Statt dessen wur-.'
de uns gesagt, daß sie so etwas wie eine "unabhängige Bedeutung"
hätten. Soweit wir wissen, haben sie dies heute noch. Aber was
sie hinsichtlich unserer gegenwärtigen Diskussion oder der wirklichen Abrüstung bedeuten, wissen wir nicht. Dann, über Nacht,
nahm die Sowjetunion am 10.Mai eine Position ein, von der uns
gesagt wird, daß sie die gegenwärtige sei. Ostentativ nahm sie
einige westliche Vorschläge an, die sie noch zwei oder drei
Tage zuvor heftig angegriffen hatte. Doch zu der Kernfrage der
Inspektion gab sie und gibt auch heute noch keine brauchbaren
Einzelheiten darüber, welche Objekte sie zu inspizieren erlauben
würde und welche Rechte, welche Pflichten und welchen Immunitätsschutz die Inspektoren haben würden, oder wann sie mit ihren
aufgaben beginnen könnten. Sie hat noch nicht genau erklärt,ob die
Kontrollteams ambulant arbeiten oder fest stationiert sein würden.
Sie hat noch nicht dargelegt, wie die Inspektoren einen wirksamen
Schutz gegen Überraschungsangriffe aufbauen könnten, wenn sie an
stationäre Kontrollposten gebunden wären.
So, Herr Vorsitzender, hat es bei allem verwirrenden Hin und
Her der sowjetischen Ideen, da sehr wenig Fortschritte gegeben,
wo sie am meisten benötigt werden, nämlich in der lebenswichtigen
Frage der Inspektion und Kontrolle. Die Vereinigten Staaten halten fest an der Überzeugung, daß eine radikale Inspektion notwendig ist. Aber sie sind immer bereit, neue Verfahren zu prüfen,
die den Tatsachen gerecht werden.
Mein schwedischer Kollege, Herr Sandler, brachte kürzlich
die Hoffnung zum Ausdruck, daß unsere, von ihm so benannte "reservierte Haltung" eine Frage von einleitenden Maßnahmen sei,
"die vorgeschlagen wurden, um die Durchführung des Hauptteils der
Abrüstung in der vorgesehenen Zeit zu erleichtern."
Ich versichere ihm gern, daß dies genau der Fall ist. .
Selbst wenn wirkungsvolle Kontrollverfahren gefunden werden
können, wäre es möglich, daß internationales Mißtrauen ihre Anwendung blockiert. Die anderen im Unterausschuß vertretenen Staaten
sehen die Lage ebenso. In ihren Vorschlägen vom 10.Mai erklärt
die Sowjetunion: "Die notwendigen Bedingungen zur Schaffung eines
Kontrollsystems, dem alle Staaten vertrauen und das den Anforderungen der internationalen Sicherheit in jeder Weise gerecht wird,

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�"AMERIKA LIEFST"

7. Dezember 1955

wird, bestehen zur Zeit nicht."
Die Lösung des Problems liegt nicht darin, daß alle Versuche zur Errichtung einer wirksamen Kontrolle aufgegeben werden. Sie liegt vielmehr darin, daß man an den Kern des Problems
herangeht, um zu versuchen, durch vertrauensstärkende Maßnahmen
ein Abkommen zu erzielen und Bedingungen für eine fruchtbarere
Abrüstungsdiskussion zu schaffen. Präsident Eisenhower erklärte
in Genf, "... die Vereinigten Staaten sind bereit, in dem Studium und der Prüfung zuverlässiger Inspektions- und Informationssysteme fortzufahren und, wenn ein System sich als zweckmäßig
erweist, gemeinsam mit allen anderen die Rüstung soweit zu begrenzen, daß das System sichere Resultate bringen wird."
Der Plan des Präsidenten sollte kein Ersatz für ein allgemeines Programm zur Begrenzung und zur Herabsetzung der Rüstungen und bewaffneten Streitkräfte sein. Vielmehr wurde er gefaßt, um eines zu erreichen.
Die Resolution, die wir zusammen mit unsern Kollegen von
Großbritannien, von Frankreich und Kanada unterstützt haben,
demonstriert klar die Bedeutung und Vordringlichkeit, die wir
diesem Ziel beimessen.
Der Plan des Präsidenten würde praktische Erfahrung mit
vielen Kontrollmaßnahmen, die zur Überwachung eines Abrüstungsabkommens notwendig sind, enthalten. Und was noch wichtiger ist,
er würde jenes internationale Vertrauen fördern, das für solch
ein Abkommen unentbehrlich ist.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich zu dieser Sache verpflichtet, und sie wünschen ernstlich und suchen angestrengt
nach einem vernünftigen, fortschrittlichen und durchführbaren
Modus für die Verminderung der Rüstungsausgaben, der Waffen,
der Ausrüstungen und der bewaffneten Streitkräfte unter einer
wirksamen internationalen Inspektion und Kontrolle.
Sie sind der Auffassung, daß diese Reduzierungen so beschaffen und daß die Inspektions- und Durchführungsmechanismen
so wirkungsvoll sein müssen, daß nirgendwo mehr in der Vif"e 11
eine Nation in der Lage ist, einen erfolgreichen Überraschungsangriff gegen irgendeine andere Nation irgendwo in der Welt
durchzuführen. Zu gleicher Zeit muß aber auch jede Nation so
stark sein, um die internationale Sicherheit schützen, ihren
internationalen Verpflichtungen nachkommen und räuberische
Pläne durchkreuzen zu können.
Der Eisenhower-Plan würde prompt und direkt zur Erreichung
all dieser Ziele führen.
Die Vereinigten Staaten glauben weiterhin, daß, wenn ein
Abkommen zur Beseitigung oder Begrenzung von Atomwaffen im Rahmen eines wirkungsvollen Abrüstungssystems und unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen erreicht werden könnte, auch
entsprechende Einschränkungen der Versuche mit solchen Waffen
miteinbezogen sein sollten.
Die Vereinigten Staaten meinen, daß ein allgemeines Abrüstungsabkommen auf breiter Basis angelegt sein und sowohl
Armeestärke wie auch Militärstützpunkte einbeschließen sollte.
o
Dieses

�"AMERIKA DIENST"

7. Dezember 1955

Dieses würde sich auch auf solche Stützpunkte beziehen, die auf
Wunsch und Ersuchen anderer Länder zur Verfügung der Vereinigten Staaten im Ausland angelegt worden sind. Es würde sich ebenso auf die Stützpunkte der Sowjetunion im In- und Ausland beziehen, obwohl die Sowjetunion verkündet, längst keine Stützpunkte mehr im Ausland zu haben, und darauf besteht, daß ihre
militärischen Einrichtungen in anderen Ländern als innerstaatliche Einrichtungen angesehen werden.
Sie werden in dem Dokument konkrete Beweise für die Bereitwilligkeit der Vereinigten Staaten zur Abrüstung finden, wobei
der Wohlstand seiner eigenen Bürger wie auch der seiner Freunde
anderswo in der Welt nicht nur stabil bleibt sondern tatsächlich
weiter zunimmt. Das Dokument enthält die Zahlenangaben über die
Verteidigungsstärke der Vereinigten Staaten aus den Jahresstatistiken seit Ende des Krieges. Ihre Truppenstärke von zwölf
und einer halben Million Soldaten im letzten Jahr des zweiten
Weltkriegs haben die Vereinigten Staaten auf anderthalb Millionen vor dem koreanischen Krieg reduziert.
Sie werden in dem Dokument keinerlei Vergleichszahlen der
sowjetischen Streitkräfte finden. Sie werden daher auch keinerlei Maßstab haben, mit dem sie die von den Sowjets kürzlich berichteten Effektiv-Reduzierungen beurteilen könnten.
Ob die Yereinigten Staaten nun ihre Streitkräfte noch weiter
reduzieren oder in irgendeiner Form ihre Zusammensetzung ändern,
ob das Abrüstungsabkommen früher oder später kommt, die Welt möge
einer Tatsache gewiß sein: Die Vereinigten Staaten werden atomare
oder irgendwelche anderen Waffen - mögen es Kanonen, Tanks, Flugzeuge, Gewehre oder was sonst auch immer sein - nicht zur Anwendung
bringen, es sei denn in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen und zur Verteidigung gegen einen Angriff.
Eisenhowers Konzeption ist ebenso einfach wie kühn. Die
Vereinigten Staaten anerkennen bereitwilligst den Wunsch jeder
Regierung, die Bedeutung dieser Konzeption mit allergrößter Sorgfalt abzuwägen. Jedoch müssen wir uns alle darüber klar sein, daß
die Lösung des Problems um so schwieriger wird, je länger man
seine Inangriffnahme hinauszögert-.
Die Sowjetunion hat durch Herrn Molotow in Genf, durch Herrn
Sobolew in der Abrüstungskommission und durch Herrn Kusnetzow
ihre Einwendungen zu jenem Plan zum Ausdruck gebracht.
Welcher Art sind nun diese Einwendungen?
Zunächst sagt die Sowjetunion, der Plan des Präsidenten habe
mit Abrüstung nichts zu tun. Tatsache ist, daß der Vorschlag, als
erste Phase der Abrüstung gedacht war, nachdem neun Jahre Verhandlungen über andere Methoden keine Lösung gebracht hatten. Die
Resolution, die am 2.Dezember von Großbritannien, von Frankreich,
Kanada und den Vereinigten Staaten eingebracht wurde, enthält
die Bekanntgabe unseres Entschlusses, ein baldiges Übereinkommen
über die Vorschläge des Präsidenten als auch über ausreichende
Sicherheitsmaßnahmen für die Durchführung eines Abrüstungsplans,
insofern sie im Augenblick realisierbar sind, zustande zu bringen.
Wir

- 9-

�7. Dezember 19-55
"AMERIKA DIENST
Wir werden in unseren Bemühungen um ein umfassendes Abkommen
fortfahren.
Zweitens hat die Sowjet-Delegation in Genf den Einwand erhoben, der Plan sei nur auf die Territorien der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion beschränkt. Dies aber ist tatsächlich der
logische Ausgangspunkt. Diese beiden Länder verfügen über ein
Übergewicht an nuklearen Waffen, deren Einsatz in einem Kriege
die Welt fürchtet. Sie unterhalten auch den größten Teil ihrer
Streitkräfte innerhalb ihrer eigenen Grenzen.
Der Präsident sprach, als er seine Vorschläge an die Sowjetunion machte, nur für sein eigenes Land. Aber wir sind bereit,
sowohl mit anderen beteiligten souveränen Staaten als auch mit
der Sowjetunion über die Ausweitung des Eisenhower-Plans und des
Bulganin-Planes für Bodenbeobachtungsstationen auf Überseebasen
und die Streitkräfte anderer Länder zu verhandeln. Es sind souveräne Staaten. Die Entscheidung, sich dazu zu äußern, liegt
bei ihnen. Meine Vermutung ist, daß sie ihre Zustimmung geben
werden.
Drittens sagt die Sowjetunion, der Plan bringe "enorme
Ausgaben" mit sich. Ich habe mich schon mit diesem Punkt befaßt,
und es ist absolut richtig, daß mit einigen Ausgaben gerechnet
werden muß. Wir können sie aufbringen und wir glauben, daß
die Sowjetunion sie auch aufbringen kann. Es ist dies eine geringfügige Prämie auf die Versicherung gegen den Krieg.
Viertens beanstandete die Sowjetunion zu unserer
Verwunderung in Genf wieder, daß der Plan keine Bodeninspektion an Schlüsselpositionen vorsehe. Tatsache ist, daß
Präsident Eisenhower Herrn Bulganin in seinem Brief vom 11.
Oktober erklärte, "... ich habe Ihren Vorschlag bezüglich der
Stationierung von Kontrollteams an Schlüsselpositionen in unsern Ländern nicht vergessen, und wenn Sie das Gefühl haben,
dies würde dazu beitragen, die bessere Atmosphäre zu schaffen,
für die ich mich selber ausgesprochen habe, so würden wir auch
das akzeptieren können."
Schließlich haben Herr Molotow in Genf und Herr Chruschtschew
in Indien behauptet, daß der Eisenhowerplan die Kriegsgefahr erhöhen würde, weil durch ifcP jedem Land militärische Informationen über den anderen zugängig gemacht würden, die möglicherweise
für einen Überraschungsangriff verwertet werden könnten. Tatsache ist aber, wie Außenminister Dulles in Genf betonte, daß ein
Mangel an Informationen Feindseligkeiten nicht unterbindet. Was
fehlt, ist ein Abschreckungsmittel gegen Angriffe, das sich durch
die Annahme dieses Planes ergeben und den Angreifer des Vorteils
der Überraschung berauben würde.
Dieses sind im einzelnen die russischen Argumente gegen die
Vorschläge Präsident Eisenhowers. In aller Aufrichtigkeit, sie
erscheinen nicht gerade eindrucksvoll - noch unwiderlegbar. Das
ist gut so; denn die Aussichten würden in der Tat düster sein,
wenn wir sie als das letzte sowjetische Wort anzunehmen hätten.
Die Aussichten würden aber weitaus freundlicher sein, wenn
die Sowjetunion folgende Fragen beantworten würde:
1

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

7. Dezember 1955

1. Wann wird sich die Sowjetunion unserer Politik der
Offenheit anschließen, durch die die Welt beruhigt und die
Sache der Abrüstung gefördert würde?
2. Warum spricht sich die Sowjetunion auch weiterhin für
das Verbot atomarer Waffen als Nahziel aus, wenn sie der Welt
so eindeutig gesagt hat, daß dieses unmöglich ist?
3. Warum will die Sowjetunion, daß sich die Länder zu einer
Reihe von ihre nationale Sicherheit im besonderen Maße berührenden Maßnahmen verpflichten, ohne daß Mittel für eine Inspektion und Kontrolle geschaffen werden, um festzustellen, daß sie
auch von allen im gleichen Umfang durchgeführt werden?
4* Warum ist die Sowjetunion nicht willens, wenn sie wirklich wegen eines möglichen Angriffs aus dem Westen besorgt ist,
einem praktischen Sofort-Programm beizutreten, durch das Überraschungsangriffe von beiden Seiten geächtet würden?
Wenn es das sowjetische Ziel ist, die Verteidigungsanstrengungen des Westens mit einem Lächeln einzulullen und die Auflösung der westlichen Allianz, die als Antwort auf die sowjetische Nachkriegspolitik und die sowjetischen Handlungen geschaffen wurde, zu fördern, dann würde ein besonderes Abrüstungsprogramm, das eine Inspektion nicht beinhaltet, diesen Absichten dienen. Aber wir sind nicht geneigt, anzunehmen, daß dieses
die Antwort auf unsere Fragen ist. Meine Herren, geben Sie uns
klare Antworten} die Welt bedient sie.
Was sollte getan werden?
Trotz der jüngsten enttäuschenden Entwicklungen sind die
Vereinigten Staaten nicht bereit, trübsinnige melancholische
Schlüsse über die sowjetische Politik zu akzeptieren.
Wir hoffen immer noch, daß auf Grund weiterer Überlegungen
und Diskussionen die Sowjetunion einsehen wird, daß der Eisenhower-Plan in ihrem eigenen und im Interesse der Welt ist.
Wir freuen uns, feststellen zu können, daß zumindest bei
einigen Punkten Übereinstimmung erzielt wurde. Wir sind uns
alle darüber klar, daß man heute erhebliche Mengen atomaren
Materials verbergen kann. Wir sind uns alle einig darin, daß
der Verhütung von Überraschungsangriffen erneut größte Aufmerksamkeit geschenkt werden muß.
Wir stellen fest, daß die Sowjetunion, nachdem sie sich
zehn Jahre lang geweigert hat, einer Luftinspektion zuzustimmen,
nun geneigt ist, ihre Einwilligung zu geben, zumindest "im
Endstadium" eines Abrüstungsprogramms. Wir hoffen, daß sie zustimmen wird, daß eine solche Inspektion, wie sie Präsident
Eisenhower vorgeschlagen hat, als Anfangsmaßnahme erfolgen sollte, nämlich dann, wenn es am notwendigsten ist, die Spannung
zu verringern und den Weg frei zu machen für weitere Maßnahmen
für die Durchführung von Inspektion und Rüstungs-Kontrolle.
Es wäre nicht das erste Mal, daß die Sowjetunion auf neue
Vorschläge lediglich deswegen negativ reagiert, um ihre Denkweise
- 11 -

�"AMERIKA DIENST"

7. Dezember 1955

Denkweise der vorwärtsschreitenden Entwicklung anzupassen.
Wir erinnern uns der positiven V^endung ihrer Ansichten hinsichtlich des Atome-für-den-Frieden-Plans.
Die Vereinigten Staaten hoffen, daß der Delegierte der
Sowjetunion.
das Forum der UN-Vollversammlung wählen wird,
um einen Fortschritt der sowjetischen Denkweise bezüglich dieses Problems kundzutun. Wir glauben, daß sich die Vollversammlung für die im Vorschlag Präsident Eisenhowers enthaltenen
Grundsätze wie auch für die konstruktiven Vorschläge der britischen, französischen und sowjetischen Regierung entscheiden
wird.
Herr Vorsitzender, ich komme zum Schluß:
Am 26.November dieses Jahres erklärte Herr Chruschtschew
in einer Rede: "Stellen Sie sich vor", so wird berichtet, daß
er sagte, "sowjetische Flugzeuge überfliegen die Vereinigten
Staaten" und "US-Flugzeuge überfliegen die Sowjetunion".
Herr Chruschtschew schien diese Vorstellung für phantastisch zu halten.
Wir Amerikaner finden dies gar nicht. Wir glauben, daß es
vielen anderen genauso geht.
Wir glauben, daß diese Vision von "Wächtern des Friedens",
die einander in "den offenen Himmeln" begegnen, etwas ist,
was Millionen Menschen in allen Ländern sich sehr gut vorstellen können.
Dieses Bild wird dasselbe Gefühl der Sicherheit erzeugen
wie der Anblick eines Polizisten auf seinem üblichen Rundgang.
Wir hoffen, daß auch die sowjetischen Führer so viel Vcrstellungsvermögen und so viel staatsmännische Kunst besitzen, um
dies zu erkennen.
Wir hoffen schließlich, daß dieser Ausschuß diesen Luftinspektionsplan befürworten und daß diese Befürwortung seine
baldige Inkraftsetzung zur Folge haben wird. Der Tag, an dem
diese "Wächter des Friedens" zu ihren ersten Flügen starten,
wird bestimmt der glanzvollste Tag in der Geschichte der
Vereinten Nationen sein.

* * * * *

- 12 -

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                <text>&lt;p&gt;A. 12. I.&lt;br /&gt;Eisenhower: Botschaft über die Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 12. I.&lt;br /&gt;Eisenhower: Botschaft über die US-Außenhandelspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 19. I.&lt;br /&gt;Dulles umreißt Friedenskonzeption des Westens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 26. I.&lt;br /&gt;Eisenhower legt neuen Haushalt vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 2. II.&lt;br /&gt;Eisenhower: Jahresbericht über die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 9. II.&lt;br /&gt;Dulles fordert schnellere Ratifizierung des Verteidigungsabkommens mit National-China&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 16. II.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Dulles über die amerikanische Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 23. II.&lt;br /&gt;Lodge: Die Welt muss abrüsten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 23. II.&lt;br /&gt;Eisenhower fordert beschleunigtes Straßenbauprogramm&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 23. II.&lt;br /&gt;Konferenz des Manilapakt-Rates in Bangkok eröffnet&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 9. III.&lt;br /&gt;Dulles berichtet über seine Ostasienreise&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 16. III.&lt;br /&gt;Eisenhower: USA werden weiterhin aktiv an europäischer Verteidigung teilnehmen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 16. III.&lt;br /&gt;Botschafter Patterson zur Eröffnung der Kernreaktorschule in Chicago&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 23. III.&lt;br /&gt;Gruenther: Unsere und unserer Partner Sicherheit sind unlösbar miteinander verbunden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 6. IV.&lt;br /&gt;Ridgway: US-Generäle machen keine Politik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 6. IV.&lt;br /&gt;Dulles: Erklärung zu den Pariser Verträgen vor dem Außenpolitischen Senatsauschuss&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 13. IV.&lt;br /&gt;Dulles: Grundsätze der Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 20. IV.&lt;br /&gt;Eisenhower empfiehlt Beitritt zur Internationalen Zoll- und Handelsorganisation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 27. IV.&lt;br /&gt;Key: Zehn Jahre Zusammenarbeit zum Wohle der Menschheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 20. IV.&lt;br /&gt;Eisenhower legt neues Auslandhilfsprogramm vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 27. IV.&lt;br /&gt;Stassen umreißt Abrüstungspolitik der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;A. 11. V.&lt;br /&gt;Dulles zum Gesetz über die gemeinsame Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 11. V.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Murphy: Die Asienpolitik der USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 11. V.&lt;br /&gt;Stassen: Berlin auch weiterhin das große Symbol der Freiheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 18. V.&lt;br /&gt;Dulles berichtet über die jüngsten Entwicklungen in Europa&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 25. V.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Herbert Hoover Jr.: Wir glauben an das Prinzip der kollektiven Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 25. V.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Dulles: Kommunisten sind sich der Stärke der freien Welt bewusst (Zum Gemeinsamen Sicherheitsprogramm Eisenhowers)&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;A. 1. VI.&lt;br /&gt;General Gruenther vor der Auslandspresse in Bad Godesberg&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 8. VI.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Lewis L. Strauss: Wir haben unsere Zukunft selbst in der Hand&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 15. VI.&lt;br /&gt;Eisenhower schlägt Atomreaktorprogramm für freie Nationen vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 22. VI.&lt;br /&gt;Eisenhower / Sondersitzung der UNO in San Francisco: ".. unser Ziel wird weiterhin der Frieden sein"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 29. VI.&lt;br /&gt;Dulles / Sondersitzung der UNO in San Francisco&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;A. 29. VI.&lt;br /&gt;Robert Murphy: Deutschland in der freien Welt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 29. VI.&lt;br /&gt;Sechster Halbjahresbericht des US-Amtes für Auslandshilfe (Battle Act / Mutual Defense Assistance Control) II. Halbjahr 1954&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 13. VII.&lt;br /&gt;Harold E. Stassen: Der Frieden erfordert ständiges Handeln&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 20. VII.&lt;br /&gt;Eisenhower / Brief an den Kongress: Die UNO wird in Genf nicht vergessen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 20. VII.&lt;br /&gt;Eisenhower umreißt die amerikanischen Ziele auf der Genfer Konferenz (Rundfunk- und Fernsehansprache)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 20. VII.&lt;br /&gt;EIsenhower / Eröffnungsansprache auf der Genfer Konferenz: Den Weg zum Frieden suchen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 28. VII.&lt;br /&gt;Eisenhower / Schlussansprache auf der Genfer Konferenz&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 28. VII.&lt;br /&gt;Eisenhower berichtet über die Genfer Konferenz (Rundfunk und Fernsehansprache)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 10. VIII.&lt;br /&gt;Eisenhower / Botschaft: Die Atomkonferenz - ein Versprechen für die Zukunft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 10. VIII.&lt;br /&gt;Walter S. Robertson: Konferenz über Süd- und Südostasien&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 24. VIII.&lt;br /&gt;Eisenhower vor Anwaltskammer in Philadelphia: Über die amerikanische Konzeption von Frieden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 31. VIII.&lt;br /&gt;Lodge vor der UNO: erläutert Präsident Eisenhowers Abrüstungsvorschlag&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 7. IX.&lt;br /&gt;Stassen: Frieden nur durch Beendigung des Wettrüstens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 21. IX.&lt;br /&gt;Kalijarvi: Die amerikanische Antitrust-Gesetzgebung und der Welthandel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 28. IX.&lt;br /&gt;Dulles vor der UN-Vollversammlung: US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 5. X.&lt;br /&gt;Jacob Blaustein: USA bemühen sich weiterhin um die Lösung des Flüchtlingsproblems&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 12. X.&lt;br /&gt;Stassen: Die von den USA in der Abrüstung verfolgten Ziele&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 12. X.&lt;br /&gt;Dulles erwartet Aera der friedlichen Veränderungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 19. X.&lt;br /&gt;Eric A. Johnston vor dem Forum der NYHT übre Nahostfragen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 26. X.&lt;br /&gt;John C. Hollister: Vorschlag zur Errichtung eines Zentrums der Kernforschung in Asien&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 26. X.&lt;br /&gt;Stassen: Die UN - ein wesentliches Werkzeug des Friedens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 26. X.&lt;br /&gt;John J. McCloy: Zum fünften Jahrestag der Einweihung der Berliner Freiheitsglock&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 2. XI.&lt;br /&gt;Dulles zur Eröffnung der Genfer Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 17. XI.&lt;br /&gt;Dulles: Stellungnahme zu den Ausführungen Molotows&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 17. XI.&lt;br /&gt;Dulles umreißt den Standpunkt der USA zur Abrüstungsfrage&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 17. XI.&lt;br /&gt;Entschließungsentwurf der Westmächte zur Abrüstungsfrage&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 17. XI.&lt;br /&gt;Dulles bietet Ausweitung des Eisenhowerplanes der "offenen Himmel" an&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 23. XI.&lt;br /&gt;Dulles über Genf&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 14. XII.&lt;br /&gt;Dulles umreißt Probleme der US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;W. 14. XII.&lt;br /&gt;Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung (Hintergrundmaterial)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A. 7. XII.&lt;br /&gt;Lodge fordert Annahme des Luftinspektionsplans Eisenhowers&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILUNGEN
Inhaltsverzeichnis
19 5 6

*

1
Arbeitszeit, Urlaubs- und Feiertagsregelung
in der Sowjetunion
Größere soziale Sicherheit für
amerikanische Seeleute
Der Scanlon-Plan
Internationaler Freier Gewerkschaftsbund
verurteilt Zwangsarbeit

2
Arbeiter als Aktionäre ihrer Betriebe
Die Erforschung von Unfallursachen und die
Verwendung der Unfallstatistik
Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften und
Unternehmern bei der Lehrlingsausbildung

�]

�I
Struktur und Mitgliedschaft der
Gewerkschaftsbewegung in USA
Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften und
Unternehmern bei der Lehrlingsausbildung (Schluß)
Arbeitskosten und Mechanisierung
Finanzielle Zusammenarbeit zwischen
Gewerkschaften und Management
Kurznachrichten

i
Struktur und Mitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung
in USA (Schluß)
Wie der amerikanische Automobilarbeiter lebt
Gewerkschaftsführer im Exil berichten über
das Los der Arbeiterschaft in sowjetischen
Satellitenstaaten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

i
Vom Unternehmer finanzierte Pension3- und Gesundheitsprogramme in amerikanischen Tarifverträgen
Strafrechtliche Verfolgung von Verstößen gegen
die Arbeitsdisziplin in der UdSSR
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

��Hr. 6
Reform der Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen
Disziplinarische Maßnahmen der Gewerkschaften
Neue Grenzen der menschlichen Beziehungen
Gewerkschaftliche Kurznachricht

Nr. 7
Wer arbeitet heute in den USA?
2 1/2 Millionen Amerikaner erhielten eine
Lohnerhöhung
Wohin steuert die große neue US-Gewerkschaftsorganisation?

Nr. 8
Arbeitspotential und Lebensstandard in Puerto Rico
24 und 52 Stunden Arbeitszeit in Rotchina
"Westinghouse"-Streik nach 156 Tagen beigelegt

Nr. 9
Wohin steuert die große neue
US-Gewerkschaftsorganisation? (Schluß)
Die Lohnlawine in den USA seit 1940
Mexikanische Gewerkschaften in der
antikommunistischen Front

- 5-

��I .
Hr. 10
Der Aufschwung des Genossenschaftswesens
in den Vereinigten Staaten
Die amerikanische Bundes-ArbeitsaufSichtsbehörde
(National Labor Relations Board)
18 000 Schlafwagenschaffner - eine fortschrittliche
Negergewerkschaft
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter

Nr. 11
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter (Schluß)
Die Lage der Arbeiter in Rot-China
US-Bergarbeitergewerkschaft baute zehn neue
Krankenhäuser für Mitglieder
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Nr. 12
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der
privaten Arbeitslosenunterstützung
Die Freizeit als Faktor im Wirtschaftsleben
/ "Revidierter garantierter Jahreslohn" in der
£—, Praxis
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

-4 -

��Nr. 15
Die Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und ihre
voraussichtliche Weiterentwicklung in den
Vereinigten Staaten
Die Rolle der privaten Sozialprogramme bei
TarifVerhandlungen
Größte Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im
Staate New York
"Todesstoß" für kommunistische
Elektroarbeitergewerkschaft
Transferierbare private Pensionspläne

Nr. 14
Die Umstellung auf Automation im Großbetrieb
Amerikas Gewerkschaften bilden ihren Funktionärsnt
selbst heran
Der Begriff der Produktivität in der
amerikanischen Industrie
Der Lebensstandard der Stahlarbeiter
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

_Nr. l&lt;p
Die Automatisierung und ihre Forderungen an das
Ausbildungswesen
Die Rolle der Gewerkschaften beim Aufbau einer
besseren Welt
Aussichten im Jahre 1956 für den Neuabschluß
von Tarifverträgen
"Revidierter garantierter Jahreslohn" auf
individueller Basis
Henry Ford II. ruft Mitarbeiter auf, sich aktiv
an der Wahl zu beteiligen
Wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen für
Studenten und Arbeiter
Ein interessantes "union shop"-Abkommen

- 5-

��Nr. 16
Steigendes Lohnniveau in den USA
Die amerikanische Streikstatistik
im Jahre 1955
Facharbeiter für ein neues Industriezeitalter
Gewerkschaftliche Kurznachrichten:
Pensionserhöhungen für US-Eisenbahner
Arbeitsfriede im New Yorker Transportgewerbe
für vier Jahre sichergestellt
Trend zu langfristigen Kollektivverträgen
Gewerkschaftsverband AFL-CIO kein Monopol
Hohe Streikziffern im Juli

Nr. 17
Kollektivverhandlungswesen und Gewerkschaften
Arbeitshygiene im Zeitalter der Automatisierung
Versicherungsschutz und Versicherungsleistung
für die Eisenbahner
Die Unterstützungsleistungen eines Wohlfahrtsfonds
Niedrigste Unfallrate im Juni

Nr. 18
U.S.-Senatsausschuß untersuchte private Wohlfahrtsund Pensionspläne
Lebensansprüche und Lebensstandard der arbeitenden
Bevölkerung in den amerikanischen Städten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten:
Neue wichtige Lohnabkommen in der US-Industrie
Bergarbeiter-Sozialfonds legte Leistungsbericht vor
Arbeitszeit nach Wunsch

- 6-

��Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen. Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 1

Mehlem, den 6. Januar 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Arbeitszeit, Urlaubs- und Feiertagsregelung
in der Sowjetunion

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1

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4

Seite

7

Seite

10

Groessere soziale Sicherheit fuer
amerikanische Seeleute .
Der Scanion-Flan

..
&lt;&gt;

Internationaler Freier Gewerkschaftsbund
verurteilt Zwangsarbeit

•••••••••••

Arbeitszeitt Urlaubs- und Feiertagsregelung in der Sowjetunion
Arbeitszeit, Feiertage und Urlaub sind in der Sowjetunion gesetzlioh
festgelegt und nicht, wie in anderen Laendern, Gegenstand von Kollektivverhandlungen. Verschiedene in den USA vorhandene Handbueoher geben einigen Aui'sohluss ueber die dortigen Arbeitsbedingungen, obgleich keine genauen Zahlen ueber die tatsaechliche Arbeitszeit in der sowjetischen Industrie vorliegen.
Arbeitszeit und Feiertage
Die Bestimmungen des Gesetzes vom 26. Juni 1940, die den 8-StundenArbeitstag und die 48-Stunden-Woche als allgemeine Regelung fuer Arbeiter
ueber 16 Jahre festlegen, sind heute noch in Kraft. Waehrend des Krieges
war der 11-Stunden-Arbeitstag obligatorisoh, wobei drei Stunden als Ueberstunden gerechnet wurden. Fuer die meisten russischen Arbeiter galt jedooh ab Sommer 1945 wieder der uebliohe 8-Stunden-Tag} in der Abaenderung
der Verfassung zu Anfang des Jahre» 1947 wurde der 8-Stunden-Tag dann
offiziell wiedereingeführt.1) (Bis zu diesem Zeitpunkt sah die Verfassung
einen 7stuendigen Arbeitstag vor.) In koerperlioh anstrengenden oder
1) Die Verfassung der UdSSR setzte naoh ihrer Abaenderung im Jahre 1947
als Maximum den Aoht-Stunden-Arbeitstag fest (Artikel 119) und gewaehrte fuer koerperlioh anstrengende Berufe auoh eine kuerzere Arbeitszeit; in ihr wird jedoch weder die Zahl der Arbeitstage pro Woche, noch die Zahl der Arbeitsstunden pro Monat erwaehnt.
1 -

�oder gefahrvollen Berufen kann der Arbeitstag nur 7 Stunden oder auoh
weniger betragen, dies haengt ganz von der Art der ausgeuebten Taetigkeit ab. Im Bergbau, der Huetten- und Oelindustrie sind bestimmte Arbeitergruppen nicht verpflichtet, mehr als 6 Stunden am Tag zu arbeiten.
Das Gesetz vom 14* Juli 1942 ist ebenfalls noch in Kraft, das den 6-StundenArbeitstag als Hoechstgrenze fuer junge Lehrlinge in der Industrie zwischen 14 und 16 Jahren (das gesetzliche Mindestarbeitsalter) festsetzt.
In Betrieben, die in drei Sohichten arbeiten, ist die Nachtschicht auf
7 Stunden begrenzt, der Lohn ist jedoch dem einer 8stuendigen Tagesschioht
gleichgesetzt» Im allgemeinen werden 307 Arbeitetage im Jahr (365 minu»
52 Sonntage und 6 Feiertage) oder 25,5 Arbeitstage (204 Stunden) pro
Monat verguetet.
Sonntag ist im allgemeinen ein Ruhetag; an manchen Orten oder in
verschiedenen Betrieben kann jedoch auoh ein anderer Tag hierfuer bestimmt werden. In Notfaellen koennen Arbeiter auch an ihren ueblichen
Ruhetagen zur Arbeit herangezogen werden. Es gibt 6 gesetzliche Feiertaget 1. Januar, 1. und 2. Mai (Feiertage der internationalen Arbeitersohafti 7« und 8. November (Revolutionsfeiertage) und der 5» Dezember
(Tag der Annahme der UdSSR-Verfassung). Faellt der Feiertag auf einen
Sonntag, so hat der Arbeiter keinen Anspruch auf einen anderen freien
Tag. Es ist nioht gestattet an Feiertagen zu arbeiten, es sei denn, es
handelt sich um Tag-und-Naoht-Betriebe oder Notfaelle - Faelle, in
denen eine Unterbrechung der Arbeit aus technisch bedingten Produktionsgruenden unmoeglioh ist, wie zum Beispiel bei der Bedienung von oeffentlichen Verkehrsmitteln, im Nachrichtenwesen, bei dringenden Reparaturarbeiten und bei Verladearbeiten im Eisenbahn- und Wassertransport.
Die Verguetung fuer Ueberstunden und Feiertagsarbeit
Die Ableistung von Ueberstunden ohne "Erlaubnis" der Gewerkschaft
und der zustaendigen Behoerden ist in der Sowjetunion gesetzlich verboten; es werden jedoch haeufig Zuwiderhandlungen gegen dieses Gesetz
gemeldet. ' Das Gesetz verbietet die Ableistung von Ueberstunden und
Naohtarbeit fuer Arbeiter unter 16 Jahren und fuer werdende und stillende Muetter; waehrend der ersten vier Schwangerschaftsmonate ist Ueberstundenarbeit allerdings zulaessig. Wenn Ueberstundenarbeit notwendig
wird, so muss ein Bonus gezahlt werden - gewoehnlich wird fuer die 9«
und 10. Arbeitsstunde das Eineinhalbfache des gewoehnlichen Stundenlohnsatzes verguetet und fuer die 11. und alle folgenden Stunden das Doppelte. In der Bauindustrie liegen die vergleichbaren Verguetungssaetze
fuer Ueberstunden bei dem 1^- bzw. 1-J-fachen Satz.
Fuer Arbeit an den sechs gesetzlichen Feiertagen wird allen Arbeitern die doppelte Zeit verguetet. Es ist nicht statthaft, dass Arbeiter,
die an regulaeren Arbeitstagen Ueberstunden geleistet haben, auf die
Verguetung dieser Ueberstunden verzichten und statt dessen die entsprechende Zeit freinehmen. Diese Moeglichkeit ist lediglich bei Feiertagsarbeit gegeben. Fuer an Sonntagen oder regulaeren Ruhetagen geleistete
Arbeit wird gewoehnlich innerhalb der folgenden zwei Wochen die entsprechende Zeit freigegeben. Falls dies nicht moeglich ist, muss die doppelte Zeit verguetet werden (in der Bauindustrie nur das Eineinhalbfache).
Urlaub
Das sowjetische Arbeitsgesetzbuch des Jahres 1922 legte die vorherrschende Gepflogenheit eines bezahlten jaehrlichen Mindesturlaubs von
zwei Wochen (12 Arbeitstage) fuer alle Arbeiter ueber 18 Jahre fest.
Der Code garantierte Arbeitern unter 18 Jahren einen Mindesturlaub von
2) Dies geht beispielsweise aus der Ausgabe des "Trud" vom 3» September 1955 hervor.
- 2

�einem Monat, aber wie aus einer kuerzliohen Veroeffentliohung hervorgeht, erstreckt sich diese Garantie nur auf Arbeiter unter 16 Jahren.
Falls ein Arbeiter aus Gruenden, fuer die er nicht verantwortlich zu
machen ist, innerhalb eines Jahres seinen vollen Urlaub nicht nehmen
kann (beispielsweise wenn die Betriebsfuehrung bei der laufenden Produktion auf seine Dienste nicht verzichten kann), so kann er im folgenden Jahr einen entsprechend laengeren Urlaub nehmen oder aber der noch
ausstehende Urlaub wird ihm verguetet. Es ist nioht zulaessig, den Urlaub zwei Jahre lang anstehen zu lassen.
Ausser dem zweiwoechigen Mindesturlaub erhalten bestimmte Arbeitergruppen zusaetzlioh bezahlten Urlaub. Das "Handbuoh fuer den Gewerkschaft sfunktionaer", das im Jahre 1949 herausgegeben wurde, enthaelt
eine 61 Seiten lange Liste gefahrvoller Berufe, in denen den Arbeitern
zusaetzlich bezahlter Urlaub gewaehrt wird (fuer gewoehnlich 6 bis 12
Tage; in einigen wenigen Faellen 24 oder }6 Tage).
Die Laenge der Dienstzeit wird ebenfalls duroh laengeren Urlaub
anerkannt. In den Verfuegungen vom 15. Dezember 1930 und 31» Maerz 1937
werden in gewissen Industriezweigen allen Produktivarbeitern mit zweijaehriger Dienstzeit drei zusaetzlioh bezahlte Urlaubstage gewaehrt,
und zwar hauptsaeohlioh im Bergbau, in der Metallverhuettung, der Textilindustrie, der Baustoffindustrie und im Transportwesen,
Da» Recht auf bezahlten Urlaub ist jedooh auoh gewissen Beschraenkungen unterworfen. Die Verordnung vom 28. Dezember bestimmt, dass ein
Arbeiter nur dann seinen Urlaub nehmen kann, wenn er mindestens 11 Monate (vordem 5"^ Monate) ununterbrochen in einem Betrieb taetig gewesen
ist und nur dann fehlte, wenn ein triftiger Grund vorlag. Arbeiter, die
sioh etwas zuschulden kommen Hessen und deswegen zu "Straf"-arbeit an
ihrem alten Arbeitsplatz verurteilt wurden, erhalten keinerlei Urlaub.
Der sowjetische Arbeiter kann seinen Urlaub aufschieben, wenn ihm
vom Betriebsarzt bescheinigt wurde, dass er voruebergehend arbeiteunfaehig ist, einen Staatsauftrag zu erfuellen hat, oeffentliehen Pflichten naohkommen muss oder unter Arrest steht, ferner in einigen anderen
Faellen. Faellt ein solches Ereignis in die Urlaubszeit, so erhaelt der
Arbeiter fuer den entsprechenden Zeitraum automatisch Urlaubsverlaengerung. Eine finanzielle Entschaedigung fuer die ausgefallenen Urlaubstage erhaelt der Arbeiter nur dann, wenn sie im sowjetischen Gesetz oder
in seinem Arbeitsvertrag vorgesehen ist. Falle er krank wird und seinen
Urlaub verlaengern muss, so erhaelt er nur sein regulaeres Urlaubsgeld.
Nationale Feiertage, die auf einen Wochentag waehrend der Urlaubszeit
fallen, werden auf den Urlaub nicht angerechnet.
Die ununterbrochene Dienstzeit, die erforderlich ist, um den Urlaubsanspruoh zu rechtfertigen, bleibt unbeeinflusst durch zeitweilige Unterbrechungen in Form von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit auf Grund eines
Verschuldens des Arbeitgebers oder zeitweiliger Arbeitsunfaehigkeit, waehrend der Ausgleiohsgelder bezogen wurden.
Die Reihenfolge, in der die Arbeiter ihren Jahresurlaub nehmen koennen, wird am 1. Januar eines jeden Jahres festgelegt. Im Falle einer
unerwarteten Produktionsunterbreohung kann die Betriebs- und Sohliohtungskommission, die sich aus Vertretern der Betriebsfuehrung und der
Arbeiterschaft zusammensetzt, die Arbeiter dazu auffordern, ihren Jahresurlaub zu nehmen.
Das sowjetische Regime raeumt einer beschraenkten Zahl von Arbeitern
besondere Urlaubsprivilegien ein, und zwar erhalten sie Ferienplaetze in
Sommerluftkurorten oder Sanatorien, entweder kostenlo« oder zu verbilligten Saetzen. Die Besonderheit dieser Privilegien kommt in einem am 24»
Januar 1947 in der sowjetischen Gewerkschaftszeitung "Trud" erschienenen

- 3-

�Artikel zum Ausdruck«
"Bereohtigungsausweis» fuer den Aufenthalt in Erholungsheimen, Sanatorien und Kurorten sollten vorzugsweise an die Grundkader der Schwerarbeiter und einfachen Arbeiter - den Stachanowisten -, die schwere und
gefahrvolle Arbeit leisten und ihr Arbeitssoll erfuellen, zum Teil sogar
uebersohreiten, ausgegeben werden; ferner an Schwerarbeiter und einfache
Arbeiter mit langer ununterbrochener Dienstzeit innerhalb eines Betriebes;
an Invaliden des "Vaterlaendischen" Krieges sowie an aus den Streitkraeften Entlassene. FZKM's (Betriebs- und Ortsausschüsse) koennen solche
Paesse nur auf Empfehlung der betrieblichen Sozialversicherungskommissionen ausstellen, und zwar mindestens 10 Tage, bevor der Arbeiter seine Urlaubsreise antritt."
Auf Grund einer Analyse der sowjetischen Zahlen ist man zu dem Ergebnis gelangt, dass von zehn Lohn- oder Gehaltsempfaengern jeweils einer
fuer einen solchen kostenlosen oder verbilligten Ferienaufenthalt in Frage kommt. Im Jahre 1949 beispielsweise kamen nur etwa 3»5 Millionen von
insgesamt 35 Millionen Lohn- und Gehaltsempfaengern in den Genuss dieser
Vergünstigung; fuer das Jahr 1953 ergibt sich ungefaehr das gleiohe Verhaeltnis, und zwar obgleich zu Anfang dieses Jahres die Zahl der Arbeiter
auf 42 Millionen gestiegen war. Die erhoehte Bedeutung, die auoh 1955
wieder der Produktion der Schwerindustrie beigemessen wird, sowie die
gleichzeitige Beschraenkung der Ausweitung der Konsumgueter- und Dienstleistungsindustrie duerfte fuer die grosse Mehrheit der Lohn- und Gehaltsempfaenger in dieser Hinsicht wenig Aussicht auf eine Besserung
bringen.
Quelle:

Monthly Labor Review
Vol. 78, No. 10

Groessere soziale Sicherheit fuer amerikanische Seeleute
Die amerikanische Seeleutegewerksohaft - Seafarers' International
Union of North America - SIU - (eine der AFL und der allamerikanischen
Transportarbeitergewerkschaft angeschlossene Organisation) kann mit berechtigtem Stolz darauf verweisen, sioh seit jeher fuer die gewerkschaftlichen Wohlfahrts- und Sozialprogramme eingesetzt zu haben. Unter Wahrung
dieser traditionellen Einstellung konnte die SIU mit Wirkung vom 1. Juni
1955 eine Erweiterung des bestehenden Wohlfahrtsplanes dieser Gewerkschaft
durchsetzen, das heisat ihren Mitgliedern hoehere und zusaetzliohe Sozialleiatungen sichern.
In den folgenden Ausfuehrungen soll auf Einzelheiten des neuen Planes
eingegangen und gleichzeitig ein Abriss ueber die bisherigen Bestrebungen
der Gewerkschaft auf diesem Gebiet gegeben werden.
Das Problem der Sozialleistungen fuer Seeleute - bis dahin in der
amerikanischen Schiffahrt voellig unbekannt - wurde erstmalig auf einer
Konferenz der "Sailors« Union of the Pacific" mit der SIU (Atlantik und
Golfgebiet) im Juni 1949 diskutiert. Man kam damals ueberein, sioh fuer
diese Leistungen bei den kommenden Vertragsverhandlungen mit den Reedern
nachdrueoklioh einzusetzen. Die "Sailors' Union of the Pacifio" (SUP)
verhandelte unter der Leitung von Harry Lundeberg Ende November 1949 mit
den Reedern ueber diese Wohlfahrtsleistungen und schloss mit den Schiffahrt sunt ernehmern der Westkueste einen Vertrag, wonaoh diese pro Arbeitstag und Seemann 25 Cent in einen Wohlfahrtsfonds einzuzahlen hatten.
Kurz darauf schloss auch die "Seafarers1 Union" Anfang Dezember 1949
mit den Schiffahrtsgesellschaften einen Vertrag ab, in dem alle ihre Forderungen anerkannt wurden. Enda Dezember unterzeichneten schliesslich
mehrere grosse Reedereien, deren Personal vorwiegend von der SIU erfasst

-4

�war, ein entsprechendes Memorandtim, womit der "Seafarers1 Weifare Plan"
geboren war*
Duroh dieses mit den Reedern abgeschlossene Abkommen verpflichteten
aloh diese, taeglioh fuer jeden auf ihren Sohiffen arbeitenden Seemann
24 Cent in einen Fonds einzuzahlen, aus dem die Seeleute je nach Bedarf
Zuwendungen erhalten konnten.
Ein aua Gewerkschaftern und Unternehmern gebildeter Treuhandausschuss
wurde zur Ueberwachung aller hinsichtlich des Wohlfahrtsprogramms durchzufahrenden Massnahmen eingesetzt, deren unmittelbare Bearbeitung einem
hauptamtlich taetigen, versierten Verwaltungsangestellten oblag.
Zu den ab 1. Juli 1950 gewaehrten Sozialleistungen gehoerten Sterbegelder und woechentliche Leistungen bei Krankenhausaufenthalt. Sie bedeuteten gegenueber den frueheren, in den alten Satzungen der SIU aufgeführten Leistungen im KrankheitB- oder Sterbefall oder bei Schiffbruch
einen grossen Fortschritt. In den folgenden Jahren wurde der Wohlfahrtsplan noch weiter ausgebaut. Zu den bemerkenswertesten Verbesserungen gehoeren die Unterstuetzungsleistungen bei Mutterschaft und bei Invaliditaet, die ab Juni 1952 gewaehrt wurden.
Eine ausserordentliche Leistung war auch die Schaffung eines Ausbildungsfonds im Oktober 1952, der es Gewerkscnaftsmitgliedern oder ihren
Kindern ermoeglioht, fuer die Dauer von vier Jahren ein Stipendium fuer
den Besuch eines College oder einer Universitaet zu erhalten. .
Fuer die Verwaltung und Versicherung ihres Wohlfahrtsplans trug die
SIU selbst Sorge, ein relativ seltener Fall in den USA, da die meisten
US-Gewerkschaften Vereinbarungen mit Versicherungsgesellschaften treffen.
Auf diese Weise konnte die SIU ihre Ausgaben auf 7»7$ ihrer Einnahmen
beschraenkeni diese Einsparungen wirkten sioh wiederum in verbesserten
Leistungen aus.
Der Treuhandausschuss, der den Wohlfahrtsplan verwaltet, setzt sioh
aus jeweils drei Vertretern der Gewerkschafts- und der Unternehmerseite
zusammen. Sie sind fuer die ordnungsgemässse Durchfuehrung des Planes
und eine gereohte Auszahlung der Leistungen verantwortlich.
Aus den neuesten, am 6. Mai 1955 v o n der SIU veroeffentliohten Zahlen geht hervor, dass seit Inkrafttreten des Planes am 1. Juli 1950 insgesamt 2 333 940 Dollar fuer Sozialleistungen ausgegeben wurden. Seit
1. April 1952 wurden 93 145 Dollar fuer Invaliditaetsleietungen aufgewendet. Die fuer den Plai. zur Verfuegung stehenden Aktiva belaufen sioh
auf insgesamt 2 674 573 Dollar und schliessen Grundbesitz im Werte von
320 895 Dollar und Schatzanweisungen der US-Regierung in Hoehe von
720 697 Dollar ein. Sie umfassen. Chirurgische Behandlung, Erstattung
der Krankenhaus- und Arztkosten fuer Familien, Uebernahme der Entbindungskosten, Invalidenrenten, Sterbegelder, Krankenhausaufenthalt fuer
Seeleute, Stipendien fuer Seeleute (und ihre Kinder), Sonderbeihilfen,
Verpflegungs- und Unterkunftsbeihilfen fuer Seeleute, die auf das Auslaufen ihrer Schiffe warten und Fortbildungsmoeglichkeiten fuer Seeleute.
Ehefrauen und unverheiratete Kinder der SIU-Mitglieder unter 19
Jahren erhalten ein Krankenhaus-Tagegeld von 10 Dollar, und zwar 31 Tage
lang; dazu kommt ein Koechstbetrag von 100 Dollar fuer Krankenhaus-Sonderausgaben, sobald die ersten 50 Dollar ausgegeben wurden.
Weiter werden Angehoerigen der Gewerkschaftsmitglieder waehrend ihres
Krankenhausaufenthalts taeglich vier Dollar fuer aerztliohe Visiten bewilligt, und zwar bis zu 31 Tagen. Ausserdem koennen bei chirurgischen
Eingriffen Zuschuesse bis zu 300 Dollar - je nach der erforderlichen Operation - gewaehrt werden. Die bei Entbindungen faelligen Leistungen von

- 5-

�zweihundert Dollar zuzueglioh einer U.S.Schatzanweisung in Hoehe von
25 Dollar bleiben bestehen.
Fuer die Seeleute selbst erhoehte sich das Sterbegeld von 1000 auf
3500 Dollar; die woeohentliohen Leistungen bei Krankenhausaufenthalt,
die waehrend der gesamten Dauer gezahlt werden, werden von 6 auf 21
Dollar erhoeht. Ausserdem wird die Invalidenrente auf 35 Dollar woechentlioh erhoeht, waehrend die fuer ein vierjaehriges Studium bestimmten
6000 Dollar (fuer Seeleute oder deren Kinder) unveraendert weiter gewaehrt werden.
Ausser diesen im Rahmen des Wohlfahrtsplanes gewaehrten Leistungen
koennen Seeleute, die in den Haefen auf das Auslaufen ihrer Schiffe warten, Kredite in Anspruch nehmen, verbilligte Mahlzeiten erhalten und
Unterkuenfta beanspruchen; dazu steht ihnen die "Andrew Furuseth Training
School" zur Fortbildung zur Verfuegung.
Anlaesslich der Revision und Erweiterung des SlU-Wohlfahrtsplanee
sorgten die Treuhaender gleichzeitig dafuer, dass diese Sozialleistungen
dem berufsmaessigen, in der SIU erfassten Seemann garantiert werden.
Hinsichtlich des Unterstuetzungsanspruchs erfolgten einige Abaenderungen.
Die Berechtigung der Seeleute, bereits nach "einem Tag auf See" Sterbegelder, Krankenhausaufenthalt und Mutterschaftsbeihilfen in Anspruch nehmen zu koennen, wurde beibehalten, allerdings auf der Basis, dass dieser
eine Tag innerhalb der letzten 90 Tage vor dem betreffenden Ereignis lag
und nicht laenger als 90 Tage im letzten Kalenderjahr zurueckliegt. Diesen Vorzug geniessen allerdings nur vollbeschaeftigte, berufsmaessige
Seeleute.
Die erhoehte Invalidenrente setzt eine zwoelfjaehrige Taetigkeit als
Seemann oder einen Aufenthalt von 4380 Tagen auf See voraus, ein Tag
davon muss innerhalb der 90 Tage liegen, waehrend der der Seemann den
Antrag auf Invalidenrente stellt. Dies bietet die Gewaehr dafuer, daas
die Leistungen den aktiven Seeleuten zugutekommen, wobei diejenigen, die
in frueheren Jahren arbeitsunfaehig wurden, von den rueokwirkenden Bestimmungen der urspruenglichen Invalidenleistungen erfasst werden«
Invaliditaet liegt - wie frueher - dann vor, wenn ein Seemann unfaehig
ist, auf See fuer seinen Unterhalt zu arbeiten, wobei das Alter des Seemannes keine Rolle spielt. Stipendien setzen weiterhin eine dreijaehrige
Seefahrt des Seemannes oder des zur See fahrenden Vaters des Stipendienbewerbers voraus.
Die neuen Familienleistungen werden nach folgendem Muster gewaehrt«
Der bei Krankenhausaufenthalt gewaehrte Beitrag von 10 Dollar taeglioh
und der Hoechstbetrag von 100 Dollar fuer Sonderausgaben (Bestrahlungen,
Unkosten bei Operationen, Sonderbetreuung und aehnliches) gelten hinsichtlich der abzugsfaehigen 50 Dollar als eine Leistung, das heisst der
Seemann begleicht die ersten 50 Dollar all dieser Kosten, und der Wohlfahrtsplan kommt fuer den Rest auf.
Durch die Bestimmung, dass die ersten 50 Dollar vom Versicherten
selbst zu tragen sind, koennen grosszuegigere Leistungen gewaehrt werden,
so dass jeder, der durch hohe Krankenhauskosten ausserordentlich belastet
wurde, die Hilfe erhaelt, die er braucht. Sinn dieser Regelung ist, denjenigen zu helfen, die am dringendsten Hilfe brauchen, anstatt die verfuegbaren Mittel durch Begleichung kleinerer Krankenhausrechnungen zu
zersplittern. Der bei Operationen geltende Leistungsplan, der alle Einzelleistungen umfasst, sieht fuer Spezialbehandlungen Leistungen bis zu 300
Dollar vor, darunter auch Bluttransfusionen, fuer die 20 Dollar pro Transfusion gezahlt werden.
Sowohl die bei Operationen als auch bei Krankenhausaufenthalt zu gewaehrenden Leistungen beruhen auf Betraegen, die nach Beratung mit der

- 6-

�"American Medical Association" und anderen medizinischen Fachorganisationen
festgelegt wurden. Die Leistungen entsprechen den durchschnittlich ueblichen Krankenhauskosten auf der Basis: Unterbringung im Zweibettzimmer,
durchschnittliche Sonderausgaben und uebliche Operationsgebuehren.
Nach dem gleichen Grundsatz werden dem im Krankenhaus befindlichen
Patienten taeglioh vier Dollar fuer aerztliche Visiten gezahlt. Diese
Leistung soll die Betreuung auch derjenigen Patienten sicherstellen, die
keiner operativen Behandlung beduerfen. Die Visitengelder werden bis zu
31 Tagen fuer jeden Tag gezahlt, an dem der Patient besucht wird, gleiohgueltig, ob der Arztbesuch ein- oder mehrmal taeglich erfolgt.
Die neuen Leistungen, die in den SlU-Wohlfahrtsplan aufgenommen wurden, stellen einen Meilenstein hinsichtlich der Bestrebungen der Gewerkschaft dar, die bei Unfall oder Krankheit der Seeleute und ihrer Angehoerigen anfallenden Belastungen zu mildern. Allzu oft geschah es frueher,
dass ein Seemann bei schweren Krankheitsfaellen in seiner Familie im
naechsten Hafen von Bord gehen und naoh Hause fliegen musste, um sich
um seine Angehoerigen zu kuemmern. Heutzutage dagegen kann er an Bord gehen in dem Bewusstsein, dass Frau und Kinder durch den Wohlfahrtsplan
weitgehend geschuetzt sind.
Aus: "International Transport Workers1 Journal"

Der Scanlon-Plan
Der gesuchteste Spezialist fuer Arbeitsfragen in d«yn Vereinigten
Staaten ist heute der 56jaehrige Joe Scanion, der ehemalige Preisringer,
Hochofenarbeiter, Kalkulationsbuchhalter in einem Stahlwerk, Gewerkschaftsboss und derzeitiger Dozent fuer Arbeitsbeziehungen am "Massachusetts
Institute of Technology".
Die aeussere Erscheinung und das Auftreten Joe Scanions steht im
krassen Gegensatz zu dem, was er wirklich ist: ein gluehender Prediger
i'uer die gegenseitigen Beziehungen von Gewerkschaften und Management, der
es versteht, wie man beiden Sozialpartnern die Idee "verkauft". Das
Medium hierfuer ist der "Scanlon-Plan", der folgendes beabsichtigt:
1. dem Arbeiter die Moeglichkeit zu geben, sich an den Risiken, Entscheidungen und Gewinnen zu beteiligen, die sich aus erhoehter Produktion
ergeben und 2. der Betriebsfuehrung zu helfen, die Erfindungsgabe der Arbeiter und Angestellten zugunsten einer Produktionsverbesserung zu wecken
und zu foerdern.
Dabei gleicht Scanions Methode weniger einem formellen Plan als
einer Annaeherungsmethode, der drei feststehende Komponenten zugrundeliegen.
Erstens: Gewerkschafts- und Betriebsfuehrung legen eine Produktivitaets"norm" fest, und die Arbeiterschaft erhaelt eine Praemie aus den
Einsparungen, die durch niedrigere Produktionskosten pro Einheit erzielt
werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Lohnanreizplaenen basiert der Scanlon-Plan nicht auf dem Wettbewerbsprinzip, sondern vereinigt, ohne dasB
die Lohnstruktur aus dem Gleichgewicht gebracht wird, alle Mitarbeiter
in ihren Anstrengungen auf ein gemeinsames Ziel anstatt sie gegeneinander
in Opposition zu stellen.
Die zweite Komponente ist ein System von Produktionsausschuessen, in
denen Gewerkschaftsfunktionaere und Betriebsfuehrung gemeinsam ueber die
Herabsetzung der Produktionskosten beraten.
Die dritte und wichtigste Komponente ist jedoch Joe Scanion selbst,

- 7-

�der das ABC der hoeheren Produktivitaet von Grund auf beherrscht.
Der Sohn irischer Einwanderer, Joe Scanion, trat Anfang der zwanziger Jahre nach seiner Dienstzeit in der amerikanischen Marine als Kalkulationsbuchhalter in die "Ohio Steel Company" ein, die spaeter von der
"Republic Steel" uebernommen wurde. Diese Stellung vertauschte er spaeter
mit der eines Hoohofenwartes, waehrend er sich gleichzeitig seine gewerkschaftlichen Sporen als Organisator verdiente, als die der CIO angehoerende Stahlarbeitergewerkschaft im Jahre 1936 ein Organisationskomitee
bildete. Schon damals war er der Ansicht, dass die Arbeiter von sioh aus
zur Erhoehung der Produktion beitragen wuerden, wenn ihnen ein entsprechender Anreiz gegeben wuerde. Diese üeberlegung liess sioh im Jahre 193®
in die Tat umsetzen. Damale war Scanion Vorsitzender einer StahlarbeiterOrt sgewerksohaft, als die Betriebsfuehrung ihm erklaerte, dass das Unternehmen schliessen muesste, wenn es nicht gelaenge, die Rentabilitaet zu
erhoehen. Soanlon fuhr daraufhin mit den leitenden Angestellten des Unternehmens zur Hauptverwaltung der ClO-Stahlarbeitergewerkschaft nach Pittsburgh und arbeitete hier mit ihnen zusammen einen Produktivitaetsplan aus,
duroh den die Firma nicht nur gerettet wurde, sondern auoh eine solide
und rentable Basis erhielt. Dabei mussten beispielsweise fuer einen vom
gemeinsamen Produktionsausschuss gemachten Verbesserungsvoreohlag rund
8000 Dollar fuer Neuausrüstungen aufgewendet werden, aber die Firma erzielte dadurch eine jaehrliohe Einsparung von 150 000 Dollar. Nach dieser
eindrucksvollen Leistung holte Philip Murray, damals Vorsitzender der
Stahlarbeitergewerkschaft, Scanion in die Hauptverwaltung nach Pittsburgh,
um ihn von hier aus in andere, ebenfalls in Schwierigkeiten geratene
Firmen zu schicken.
Im Jahre 1945 konnte Scanion seine inzwischen in zahlreichen Unternehmen gesammelten Erfahrungen auoh bei der "Adamson Company of East
Pal'estine", die geschweisste Stahltanks produziert, nutzbringend anwenden. Der Firmeninhaber klagte Scanloni "Ich habe den Gewerkschaften
saemtliche gestellten Forderungen erfuellt. Trotzdem aber arbeitet das
Werk nicht zufriedenstellend, tun wir uns zusammen und arbeiten wir einen
Plan aus, der uns beiden zum Vorteil gereioht."
Soanlon nahm daraufhin die Firma unter die Lupe, pruefte saemtliche
Buecher und setzte fuer jede Produktionseinheit eine Arbeitskoetennorm
fest. Dann fuehrte er ein System ein, wonach die Arbeiter und das Management je 50$ der Einsparungen erhielten, die duroh niedrigere Produktionskosten erzielt wurden.
Schon bald wurde der neue gemeinsame Gewerkschafts- und Betriebsfuehrungsausschuse mit Verbesserungsvorschlaegen der Arbeiter ueberhaeuft.
SohweisBer, die bisher untaetig herumgestanden hatten, weil sie auf Material warteten, halfen jetzt beim Ausladen. Arbeiter, die sioh frueher
dem unterdurchschnittlichen Leistungsniveau der "Faulpelze" gegenueber
gleiohgueltig verhalten hatten, protestierten jetzt dagegen: "Dadurch
werden unsere Praemien herabgesetzt". Arbeiter und leitende Angestellte
bildeten jetzt eine Einheit, die fuer ein gemeinsames Ziel arbeitete.
Schon nach einem Jahr lag die Rentabilitaetsrate der Firma Adamson um
das Fuenffache hoeher. Selbst nach Aufteilung der Produktivitaetsgewinne
im Verhaeltnis 50 zu 50 verzeichnete die Betriebsfuehrung nooh das Doppelte der frueheren Ertraege. Fuer die Einstellung der Arbeiter ist die
folgende Aeusserung eines alten Gewerkschafters bezeichnend: "Joe, hier
kann ich nicht kaernpfen, denn es waere mein eigener Nachteil."
Ein Jahr spaeter war Scanion in der "Lapointe Machine Tool Company"
in Hudson (Massachusetts) anzutreffen, in der ein Streikausbruch drohte.
Der Erfolg: im Verlauf von 20 Monaten hatte sich die Produktion der Firma
um 61 Prozent erhoent. In einem Bericht der "National Planning Association"
ueber die bei Lapointe durcngefuehrten gemeinsamen Verhandlungen ueber
die Produktionsprobleme heisst es: "Fuer einen Aussenstehenden ist es

- 8 -

�schwierig, zwischen Betriebsfuehrung und Gewerksohaftsvertretung zu unterscheiden."
Wie wuerde sioh der Scanlon-Plan nun aber in einem erfolgreichen
Betrieb auewirken, nachdem er sioh in schwierigen Unternehmen so bewaehrte? Die Antwort hierauf gab die "Parker Pen Company" in Janesville
(Wisconsin). Dieses fortschrittlich eingestellte Unternehmen verfuegte
nicht nur ueber eine tueohtige Betriebsfuehrung und Gewerkschaftsvertretung, sondern auch ueber einen Lohnanreiz- und einen.neuen Rentenplanj
das Werk selbst war mit Klimaanlagen und modernsten Produktionshilfsmitteln, wie Rundfunkanlagen fuer die Arbeiter, ausgeruestet. Dennooh war
die Firma der Ansicht, dass selbst ein guter Anreizplan Schwierigkeiten
bereite. Soanlon, den man in diesem Fall um Hilfe gebeten hatte, schaffte
das alte Lohnanreizsystem ab, naoh dem die Anstrengungen des einzelnen
auf Kosten der Gruppe belohnt wurden. Tagelang verhandelte er mit Finanzsaohbearbeitern und Buchhaltern und setzte sohliesalioh eine Produktivitaetsnorm fuer das Rechnungsjahr (Maerz) 1953/(Februar) 1954 f«st. Er
setzte durch, dass die eingesparten Produktionskosten (die Betraege also,
die unter den auf Jahresbasis festgelegten Produktionskosten lagen - am
Verkaufswert gemessen -) in einen Praemienfonds anzusammeln sind. Ein
Viertel dieser Gelder wurde als Reserve fuer diejenigen Monate abgesetzt,
in denen sioh die Kosten mit der "Norm" deokten oder in denen sogar ein
Defizit zu verzeiohnen war und in denen daher auoh keine Praemien verdient wurden. Der Rest der im Fonds befindlichen Summe wurde aufgeteilt!
die Arbeitnehmer erhielten davon 75 Prozent, die Betriebsfuehrung 25$.
Die Praemie des ersten Monats, die im September 1954 gezahlt wurde und
sioh auf insgesamt 43 199 Dollar belief, entsprach einer Lohnerhoehung von
13)8 Prozent. Im Januar, in dem in der Fuellfeder- und Bleistiftindustrie
gewoehnlioh eine Flaute herrsoht, erzielten die Arbeiter keine Praemie,
allerdings war dies auoh der einzige Monat, in dem dies nioht gelang
(Zahlungen aus dem Reservefonds erfolgen nur am Jahresende). Im September
des naeoheten Jahres dagegen war bereits eine Lohnerhoehung von 27,1$
zu verzeiohnen. Waehrend des genannten Geschaeftsjahres bearbeiteten die
aoht gemeinsamen Produktionsaussohuesse (wobei auf jede Hauptabteilung
ein Ausaohuas kommt) und das aus 17 Mitgliedern bestehende sogenannte
"Screening oommittee" (Pruefungskomitee) - das sioh aus 9 Arbeitern und
8 leitenden Angestellten zusammensetzt - 400 Verbesserungsvorsohlaege,
von denen 240 angenommen wurden, wobei durohsohnittlioh ein Vorschlag auf
zwei Arbeiter kam.
Naoh dem Soanlon-Plan wird jetzt in etwa 60 amerikanischen Betrieben
gearbeitet, gleiohgueltig, ob es sioh um Moebel- oder Stahlfabrikation
handelt, um mit Gewinn oder Verlust arbeitende Firmen, um Unternehmen, in
denen die Arbeitsbeziehungen gut oder sohlecht waren oder wo die Arbeitsproduktivitaet leioht oder praktisoh ueberhaupt nioht zu messen war.
Der Soanlon-Plan laesst sioh allerdings nicht ohne die aufrichtige Zustimmung sowdhl der Betriebsfuehrung als auoh der Gewerksohaftsvertretung
durohfuehren. Er verlangt eine starke Gewerkschaft, die sioh fuer ihre
Mitglieder einsetzen kann. Ausserdem setzt er voraus, dass eine Betriebsfuehrung bereit ist, der Gewerkschaft Einblick in ihre Buecher zu gewaehren und ihre Produktionsgeheimnisse zu lueften. Weiter wird ein Gefuehl
fuer gute Zusammenarbeit zwischen Betriebsfuehrung und Gewerkschaft verlangt, das am haeufigsten denjenigen Firmen abgeht, die Scanions Hilfe
am noetigsten haben. Soanlon lehnt von vornherein jede Mitarbeit ab, wenn
er nioht davon ueberzeugt ist, dass beide Seiten eine gute Zusammenarbeit
erstreben.
Scanion soheut sioh auoh nioht, etwaige Misstaende barsoh und ohne
Umsohweife zu kritisieren. Dies haelt aber niemand davon ab, an seinem
einmal fuer gut erkannten Plan festzuhalten. So erklaerte Leo Beckwith,
der Gesohaeftsfuehrer der "Market Forge Company", einem seit 1947 naoh
den Ideen Soanlons arbeitenden Unternehmen in Everett (Massachusetts)i
"Der Soanlon-Plan ist sioher nicht das Wundermittel, das manohe Leute
in ihm sehen, aber er ist jedenfalls eine gute Sache. Wenn wir ihn aus

-9

�irgendeinem Grunde einmal abschaffen muessten, waeren die Leutt im
Be trieb sehr unglueoklioh, und ioh waere es auoh." Der Vizepresident
einer Firma in Illinois aeusserte sich allerdings nooh begeisterten
"Soanlon ist riohtungweieend fuer die Zukunft des freien Unternehmertums Amerikas."
(Bei Veroeffentlichung folgende Quellenangabe
unbedingt erforderlich)
Nach "Time", dem woechentlioh erscheinenden Nachrichtenmagazin. Copyright 'Time Inc.1 1955

Internationaler Freier Gewerkaohaftabund verurteilt Zwangsarbeit
Der Vorstand des Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes beendete
seinen diesjaehrigen Kongress mit einer Resolution gegen jede Form der
Zwangsarbeit. In dieser Resolution wurde eindeutig festgestellt, dass es
Zwangsarbeit im grossen Masstabe lediglich in der Sowjetunion, ihren
Satellitenlaendern und im Kommunistischen China gibt. Denn die Zwangsarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des sowjetischen Wirtschaftssystems,
wie der IBFG feststellt.
Allerdings gaebe es auoh diesseits des Eisernen Vorhangs einige Formen und Ueberreste der Zwangsarbeit, obwohl sie gesetzlich verboten sei.
Wie der Generalsekretaer des "IBFG", J.H. Oldenbroek, in einem Interview
mitteilte, ist die Zahl der Mitglieder der 110 dem IBFG in 76 Laendern
angeschlossenen Gewerkschaften auf ueber 55 Millionen angestiegen. Von
besonderer Bedeutung sei die Tatsache, dass es erstmalig gelungen ist,
auoh Plantagenarbeiter gewerksohaftlioh zu organisiereni so wurden allein
in Malaya 100 000 Plantagenarbeiter fuer ihren Gewerkschaftsverband gev
worben.
Der Vorstand des "IBFG" habe auch auf seinem diesjaehrigen Kongress
eine leidenschaftliche Resolution angenommen, in der alle Angebote des
kommunistisch gefuehrten Weltgewerkschaftsbundes auf gemeinsames Vorgehen
entschieden abgewiesen wurden. Damit hat der "IBFG" erneut seinen. Standpunkt bekraeftigt, dass es zwischen den freien Gewerkschaften und der
"Arbeitsfrontorganisation" der kommunistischen Laender keine Zusammenarbeit geben koenne. Er hat die ihm angeschlossenen Gewerkschaften angewiesen, keinerlei Einladungen auf Entsendung offizieller Gewerksohaftsdelegationen nach den Laendern des Sowjetbereiohs anzunehmen. Denn derartige
Delegationen koennten keinerlei wirkliche Untersuchungen anstellen und
dienten daher lediglich kommunistischen Propagandazweoken. Oldenbroek betonte, dass die Entsendung derartiger Delegationen nur dann einen Sinn
haette, wenn in den sowjetischen Laendern Redefreiheit und das Recht auf
Bildung freier Gewerkschaften bestehe.
Der "IBFG" werde auoh weiterhin die Bestrebungen der von den kommunistischen Maohthabern versklavten Voelker mit Anteilnahme verfolgen und,
soweit er dazu in der Lage sei, tatkraeftig unterstuetzen, sagte Oldenbroek. "Wir kennen die grossen Schwierigkeiten," meinte Oldenbroek, "mit
denen die sowjetischen Arbeiter zu ringen haben, die dem kommunistischen
Regime ihren passiven und heimlichen Widerstand entgegensetzen. Nur diejenigen, die selbst der Freiheit beraubt wurden, koennen den Wert eines
solchen Widerstandes voll ermessen. Diejenigen unter uns, die unter dem
Naziregime ihre Freiheit verloren, koennen die Gefuehle der Menschen verstehen, die unter der kommunistischen Herrschaft denselben Verlust erlitten,
loh bin jedoch sicher, dass die unterdrueckten Arbeiter ihren heldenhaften
Kampf um ihre Befreiung weiterfuehren werden, und die Arbeiter der freien
Welt werden sie in diesem Kampf unterstuetzen."

- 10 -

�Di« ablehnend« Haltung der Sowjets gegenueber der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands, sagte Oldenbroek, mache die Integration dar
westeuropaeisohen Wlrtsohaft naoh dem Muster der Gemeinschaft fuer Kohl«
und Stahl umso notwendiger.
Der Vorsitzend« dar Kommunistischen Partei der UdSSR, Chruschtschow,
und der sowjetisch« Ministarpraesident Bulganin haatten durch ihre wiederholten Auefaelle gegen Grossbritannien und Amerika erneut den kalten
Krieg gegen die freie Welt heraufbeschworen.
Wortlaut der Resolution das Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes zur Frage der Zwangsarbeit!
"1. Es wird empfohlen, alles Unterlagen- und Informationematarial
uaber Zwangsarbeit, das vom Generalsekretaer des "IBFG" bisher gesammelt
wurde und in Zukunft zusammengetragen werden wird, dem Internationalen Arbeitsamt zu uebergeben und die Arbeitsgruppen der "ILO" staendig auf dam
Laufenden ueber diese Angelegenheit zu halten.
2* Es wird empfohlen, den Generalsekretaer zu beauftragen, die dam
"IBFG" angeschlossenen Organisationen in den fragliohen Laendern sowie das
Berliner Komitee zu ersuchen, moeglichst viele der aus den Laendern das
Sowjetblocks heimgekehrten Gefangenen zu interviewen, um Beweismaterial
aus juengster Zeit ueber die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern
dieser Laendar zur Vorlage beim Internationalen Arbeitsamt zu erhalten.
3. Es wird empfohlen, den Generalsekretaer zu beauftragen, mit Unterstützung der "Force Ouvriftre" einen Bericht ueber das moderne Sklavenwesen zusammenzustellen, ihn der "ILO" vorzulegen und das in diesem Berioht
enthaltene Informationsmaterial einer moegliohet breiten Oeffentliohkeit
zur Kenntnis zu bringen.
4. Dar Internationale Ausschuss zur Bekaempfung des Konzentrationslagerwesens plant, eine Kommission zur Untersuchung des Zwangsarbeitswesens im kommunistischen China einzusetzen und in der ersten Haelfte das
Februar eine Tagung dieser Kommission naoh Bruessel einzuberufen. Diese
Kommission soll aus sechs europaeischen und fuenf asiatischen Mitgliedern
bestehen} der "IBFG" wird ersucht, die asiatischen Mitglieder zu benennen.
Es wird empfohlen, diese Aufforderung anzunehmen und den Generalsekretaer
zu beauftragen, die angeschlossenen Verbaende in Asien hierbei zu Rate zu
ziehen. Es wird weiterhin empfohlen, den Bericht der Untersuchungskommission der "ILO" vorzulegen und die Arbeit dieser Kommission und die erzielten Erfolge in Zusammenarbeit mit den angeschlossenen Organisationen
propagandistisch auszuwerten.
5. Der Chinesische Gewerksohaftsverband hat dem Vorstand einen Vorschlag eingereicht, die vom Internationalen Ausschuss gegen das Konzentrationslagerwesen geplante Untersuchung ueber Zwangsarbeit im kommunistischen China tatkraeftig zu unterstuetzen und saemtliohe angeschlossenen
Verbaende aufzufordern, diesem Unternehmen zur Wahrung der sozialen Gerechtigkeit und Wuerde des Menschen ihre Hilfe zu gewaehren. Es wird empfohlen, den Chinesischen Gewerksohaftsverband von dieser geplanten Aktion zu
verstaendigen*
6. Der Internationale Ausschuss gegen das Konzentrationslagerwesen
beabsichtigt, die Sowjetregierung zu ersuchen, seinen Vertretern die Besichtigung einiger Zwangsarbeitslager zu genehmigen. Es wird empfohlen, den
Generalsekretaer zu beauftragen, diesen Antrag zu unterstuetzen.
7. Bezueglioh der Zwangsarbeit in Kenia wird empfohlen, den Britischen Gewerkschaftsverband aufzufordern, mit der britisohen Regierung die
Frage einer beschleunigten Freilassung der Internierten und der Abschaffung
der Zwangsarbeit in den Eingeborenenreservaten zu eroertern."
- 11 -

�Der Vorstand des IBFG nahm ausserdem folgende Resolution ueber die Beziehungen freier Gewerkschaftsorganieationen zu autoritaeren Laendern an«
"Angesichte der immer intensiveren Bemuehungen der kommunistischen
Laender, einen Austausch von Gewerksohaftsorganisationen mit den Laendern
der freien Welt zu erreichen)
und in der Erkenntnis, dass die kommunistischen Regime einen derartigen Austausch anstreben, um
1. ihren staatlichen Gewerkschaften die
moralisohe Achtung und gesetzliche Anerkennung zu verschaffen, und 2. die
Arbeiter der freien Welt dazu zu verfuehren, diese von der Kommunistischen
Partei beherrschten Organisationen als bona fide Gewerkschaften anzuerkennen, und 3« die kommunistische Infiltration und Wuehlarbeit in der freien
Welt zu erleiohtern, sowie schliesslich 4» die expansionistischen Tendenzen
des Sowjetimperialismus zu foerdernj
wird hiermit ausdrueoklich betont, dass es im Interesse der internationalen Solidaritaet der Arbeiterschaft, die ein lebenswichtiges Element der Freiheit des Menschen in der ganzen Welt darstellt, sowie des
Weltfrieden« nioht angeht, dass freie Gewerkschaftsorganisationen Delegationen austauschen mit Laendern, die 1. ihren Voelkern die grundlegenden Menschenrechte, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen formuliert
wurden, versagen) 2. ihren Arbeitern das Reoht auf freien Zusammensohluss
und Organisierung, das Recht auf echte Kollektivverhandlungen sowie das
Reoht auf Streik versagen:, und 3. die Arbeiter, die fuer freie Gewerkschaften und Demokratie eintreten, bestrafen)
alle angeschlossenen Verbaende werden aufgefordert, dem Generalsekretaer des IBFG von etwaigen Einladungen aus autoritaeren Laendern Mitteilung zu maohen, damit der IBFG sioh ueber die Absichten und Folgen
eines derartigen Vorgehens seitens eines kommunistischen Landes Klarheit
verschaffen und
umso eifriger gegen diese strategischen Feldzuege der
Kommunisten zur Verwirrung und Spaltung der freien Gewerkschaftsbewegung
vorgehen kann."

12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

DC - 2

Mehlem, den 20. Januar 195b

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Arbeiter als Aktionaere ihrer Betriebe

Seite

1

Die Erforschung von Unfallur3aohen und die
Verwendung der Unfallstatistik

Seite

6

Vereinte Bemuehungen von Gewerkschaften und Unternehmern
bei der Lehrlingsausbildung

Seite

11

Alfred G. Larke
Arbeiter als Aktionaere ihrer Betriebe
In den Vereinigten Staaten sind die ArbeitnehmerAktienbeteiligungsplaene - die vielfach mit
Sparprogrammen kombiniert werden und von der
Unternehmerseite Zuschuesse erhalten - im
Ansteigen begriffen.
Im Jahre 1955 erwarben in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich
mehr Arbeiter und Angestellte Aktien ihrer eigenen Arbeitgeber als das
seit den zwanziger Jahren je der Fall war.
Dieser Trend, der einige Jahre nach Beendigung des Zweiten '.Veitkrieges einsetzte, wurde jetzt allerdings durch die im Jahre 1955
durchgeführten Tarifvertragsverhandlungen in der Automobilindustrie
eingedaemmt. Die Automobilarbeitergewerkschaft lehnte naemlich die von
der "General Motors Corporation" und der "Ford Motor Company" als Ersatz
fuer den garantierten Jahreslohn angebotenen Aktienbeteiligungsplaene
ab, wobei diese Plaene fuer die Gehaltsempfaenger in dieser Industrie
allerdings weiterbestehen.
In den bedeutendsten Industrien war es bisher uoblich, den nicht
gewerkschaftlich organisierten 3ueroangestellten die gleichen Lohnerhoehungen und zusaetzliche Sozialleistungen zu gewaehren, die von den
gewerkschaftlich organisierten Stundenlohnempfaengern durchgesetzt
wurden. Dieses Verfahren soll aber jetzt aufgegeben werden. Am 2J.
September 1955 hat die "General Motors Corporation" ihre Aktionaere
1 -

�um die Zustinimung zu einem Spar- und Aktienbeteiligungsplan fuer Gehaltsempfaenger ersucht. Danach 3ollen Angestellte sich mit einem bis zu
10/2 ihres Grundlohnes betragenden Abzug (zuzueglich Lebenshaltungskostenzuschlag) fuer einen Sparfonds einverstanden erklaeren, fuer den
je zur üaelfte Regierungsschatzanweisungen und Stammaktien der "General
Motors" erworben werden sollen. "General Motors" selbst wuerde sich
mit einem Betrag in Hoehe von 50,'J der Angestellten-Einlagen beteiligen,
der fuer den Erwerb von Namensaktien des Unternehmens verwendet wird.
Ein Angestellter, der sich zum Beispiel fuer die Teilnahme an einem
Sparplan entscheidet, kann zwar jederzeit den Plan wieder aufkuendigen das Recht allerdings, auch den Firmenzuschuss ausgezahlt zu bekommen,
erwirbt er nur allmaehlich, und zwar erst im dritten, vierten und
fuenften Jahr seiner Teilnahme in einer Sparklasse. Nach fuenf Jahren
werden ihm Barauszahlungen und Effekten garantiert, die mindestens seinen
Beitraegen plus Zinsen entsprechen, ohne Berücksichtigung des Markwertes der Aktien. Ein Angestellter, der sich an einem Rentenplan
beteiligt, kann die von der Firma erworbenen Gesellschaftsanteile nur
beim Eintritt in den Ruhestand oder bei Beendigung des Arbeitsverhaeltnisses erhalten.
Auch Henry Ford II erklaerte, fuer sein Unternehmen einen aehnlichen Plan durchfuehren zu wollen. Sein der Automobilarbeitergewerkschaft offerierter Plan fuer Gehaltsempfaenger glich praktisch dem von
"General Motors" vorgeschlagenen.
Die zur Zeit bestehenden Aktienbeteiligungsplaene fuer Angestellte
sind im wesentlichen in der Erdoelindustrie und in den Versorgungsbetrieben zu finden. Findet das von "General Motors" und "Ford" gegebene
Beispiel jedoch auch in anderen Unternehmen, die sich ebenfalls Forderungen nach garantierten Loehnen gegenuebersehen, Nachahmung, so
duerfte die Basis der Aktienbeteiligungsprogramme in der gesamten Industrie wesentlich verbreitert werden.
Inzwischen sind bereits zahlreiche Firmen dazu uebergegangen, ihre
Angestellten fuer solche Plaene durch verschiedene Mittel vom einfachen
Ratschlag bis zu umfassenden treuhaenderisch gesicherten P]aenen zu
gewinnen.
Von der "Pacific Telephone Company" wird beispielsweise nur das
"New York Stock Exchange's Monthly Investment Program" veroeffentlicht,
in dem die Angestellten Naeheres ueber die Einrichtung eines Kontos
durch einen Makler erfahren.
Eine andere Firma, die "3assons Industries Corporation" in New York,
vergibt Aktienanteile als einmalige Weihnachtszuwendungen.
Am anderen Ende der Skala steht ein Unternehmen der Oelindustrie
("Standard Oil Company of California"), das einen bestimmten Prozentsatz
des Gewinnes vor Abzug der Steuern in einen Aktienerwerbsfonds abfuehrt,
und zwar im Verhaeltnis von fast 2 Dollar fuer jeden vom Angestellten
ersparten Dollar. In einem anderen kombinierten Spar-, Renten- und
Gewir.nbeteiligungsplan betragen die Firmenbeitraege nach einer gleitenden Skala 5 bis 10,0 der Gewinne ("Sears, Roebuck and Company").
Die Firmenzuwendungen koennen auch in der Form von Geschenken
erfolgen, wie im Fall der "National Container Corporation", deren
Angestellten-Aktionaere langjaehrige verdiente Betriebsangehoerige sind,
die anstelle goldener Uhren zum 25jaehrigen Dienstjubilaeum Aktiengutschriften erhielten. 3ei der "Standard of California" kommen fast
alle 3etriebsangehoerigen (ueber JJfij» aller empfangsberechtigten Angestellten) in den Genuss solcher 2uschuesse. Noch typischer ist der von
der "Inland Steel Company" geschaffene freiwillige Aktienbeteiligungsplan, der im Juli 1955 erneuert wurde. In den ersten drei Jahren, 3eit
- 2

�Anlaufen dieses Planes, beteiligten sich 74,o des Aufsichts- und 40^
des gesamten uebrigen Personals daran.
Unter den drei Haupttypen von Aktienbeteiligungs- und Sparplaenen
spielen die "stock Option plans" (freiwillige Aktienplaene) die unbedeutendste Rolle. Aktienbeteiligungsplaene allerdings, die in den zwanziger Jahren einen Angestellten im voraus verpflichteten, Aktienanteile
zu einem festgesetzten Preis zu erwerben, wurden so umgewandelt, dass
sie inzwischen den freiwilligen Plaenen sehr aehneln. In vielen oder
sogar den meisten Firmen kann der Arbeitnehmer seinen Entschluss aendern und seine Einwilligung zurueckziehen, nachdem er bereits Einzahlungen geleistet hat.
Ebenso zahlreich wie die neuen Aktienbeteiligungsplaene sind die
Angestellten-Huecklagen oder Spar-Systeue, wobei der Hauptunterschied
darin besteht, dass die Unternehmer sich an letzterem mit namhaften
Betraegen beteiligen. Selbstverstaendlich sind hier die 3eitraege der
Angestellten wesentlich hoeher.
Obgleich die Anzahl der Aktienbeteiligung3progranme sich in den
letzten Jahren staendig erhoehte, haben sie noch nicht wieder die Hoehe
der zwanziger Jahre erreicht. Damals waren es etwa drei- bis vierhundert amerikanische Unternehmen, die ihre Arbeiter ermutigten, ihre
Mittel in Aktien der eigenen Firmen zu investieren. Heute sind es etwa
100 bis 125 Firmen. Vor 2j Jahren berichtete da3 "National Industrial
Conference 3oard" - nach Auswertung aller vorhandenen Unterlagen -,
dass es nur 68 freiwillige und andere Aktienbeteiligungsplaene gaebe,
die der grossen Masse der Arbeiter und Angestellten zugaenglich waren.
Von diesen Plaenen waren aber 10 bereits wieder aufgegeben worden,
waehrend 30 nur in einer unzureichenden Form bestanden. Zur gleichen
Zeit bestanden 20 Ruecklage- oder Sparplaene, die Aktienbeteiligungsplaene einschlössen.
Der Grund fuer die in den letzten Jahren von vielen Unternehmern
vorgenommenen Aktienabtretungen an Arbeitnehmer ist weder aus den formellen Erklaerungen oder anderen Mitteilungen an die Arbeitnehmer,
noch aus Unterhaltungen mit den leitenden Persoenlichkeiten der betreffenden Unternehmen zu erkennen. Im allgemeinen jedoch laesst sich
770hl sagen, dass er in einigen oder allen der nachstehend aufgefuehrten
Faktoren zu suchen ist:
1.

Wachsende Erkenntnis der Wichtigkeit guter ArbeitgeberArbeit nehmerbe Ziehungen.

2.

Nachlassen des Misstrauens, das noch immer aus den Misserfolgen frueherer Aktienbeteiligungsplaene resultiert, die auf
Grund der Preisstuerze in den dreissiger Jahren nicht durchgeführt werden konnte.

3.

Die Steuerentwicklungen der letzten Zeit und die Einfuehrung
ausgezeichneter neuer Methoden zum Schutz der Angestellteninvestitionen und Einschraenkung der Verantwortlichkeit der
Unternehmer.

4.

Die Notwendigkeit fuer Massnahmen zur Ergaenzung der auf
Dollarbasis festgelegten Rentenplanleistungen durch eine relativ inflationssichere Anlage des Arbeitnehmer-Kapitals.

5.

Gev/oohnung der Industriearbeiter an Ruecklagen in Form von
Lohnabzuegon waehrend des Krieges und die von der Regierung
durchgefuehrten V/erbeTtiassnahmen zum Erwerb von Schatzanweisungen in der Nachkriegszeit.

- 3-

�6.

Vermehrte Annahme von Gewinnbeteiligungsplaenen in der Nachkriegszeit, deren Ausschüttungen teilweise oder vollstaendig
in Aktiengutschriften anstatt in Bargeld erfolgten.

Die Uebertragung des Aktienkapitals an die eigenen Betriebsangehoerigen dient andererseits folgenden Zielen:
Es soll den Angestellten ermoeglicht werden, Geschaeftsanteile
derjenigen Unternehmen zu erwerben, in denen sie arbeiten;
Foerderung des Verstaendnisses fuer die Unternehmerprobleme und
-methoden und des Unternehmersystems;
Schaffung eines groesseren Verantwortungsgefuehls und Erhoehung
der Arbeitsanstrengung;
Anregung zur Beteiligung an gemeinsam getragenen Rentenplaenen,
indem die Berechtigung zur Teilnahme an einem Aktienbeteiligungsplan von der Beteiligung an einem anderen abhaengt;
die Angestellten zum Sparen anzuregen;
ihnen behilflich zu sein, sich fuer die Zeit ihres Ruhestands
gegen Inflationen zu schuetzen;
Uebertragung des Betriebskapitals auf bewaehrte Angestellte (in
einigen Faellen).
In kleineren Unternehmen sind die Aktienbeteiligungsplaene relativ
selten zu finden. Ilaeufig ist hier das Aktienkapital zu unbedeutend
oder es fehlt an der Uoeglichkeit, den angemessenen Wert der Aktien
festzusetzen, wenn sie nicht auf dem freien Markt gehandelt werden.
Dagegen sind in mittleren und kleinen Unternehmen die Gewinnbetelligungsplaene mit haeufigeren Barauszahlungen - oder mit Auszahlungen beim
Eintritt in den Ruhestand - recht zahlreich. Da die Gewinnbeteiligungsplaene im wesentlichen den gleichen Zielen dienen wie die Aktienanteilplaene, stellen sie fuer die kleineren Unternehmen die natuerliche
Loesung der gleichen Probleme dar, wie sie in umfangreicherem Ausmass
in Grossunternehmen vorhanden sind.
Waeren die Schaffung von Ruecklagen fuer die Zeit des Ruhestands
und die Aufforderung an die Angestellten, sich einen Anteil an dem
industriellen Gewinn zu sichern, die einzigen Ziele der Aktienbeteiligungsplaene, so koennten kleinere Firmen mit nur beschraenktem
Aktienkapital ihren Angestellten nahelegen, ihre Ersparnisse in den
verschiedensten Papieren anzulegen; dies kann auf direktem Wege oder
mit Hilfe des Boersen-Investierungsprogramms oder durch Gehaltsabzuege
geschehen, wie es der Quinby-Plan von Rochester (New York) vorsieht.
Es ist indes so, dass fast alle Unternehmer der Ansicht sind, die
Aktienanteile muessten von der eigenen Firma stammen. Selten wird das
Geld in anderen Wertpapieren angelegt, mit Ausnahme von Regierungsschatzanweisungen. Allerdings bestehen auch hier gewisse Ausnahmen.
Den Angestellten der "Socony Kobil Oil Company, Inc.", in New York
City steht es zum Beispiel frei, ihre Ersparnisse in Regierungsschatzanweisungen, Firmenaktien oder 52 anderen zur Auswahl stehenden
Investment-Gesellschaften anzulegen. Auch die "Purolator Products,
Inc.", in Rahway, New Jersey kuendigte einen Sparplan an, wonach die
Einlagen in Schatzanweisungen, Firmenaktien oder anderen Papieren investiert werden koennen.

-4 -

�Der Gewinnbeteiligungsfond3 der Firma "Sears, Roebuck and Company",
der in vielfacher Hinsicht von den ueblichen Schenata abweicht - nicht
zuletzt deswegen, weil in ihn ueber 26/» de3 Aktienkapitals der Pirna
erfasst sind -, gibt seit 1941 den Firmenangestellten die lloegllchkeit,
sowohl in sonstigen gewinnbringenden Obligationen als auch in eigenen
Firmenaktien zu investieren. In Rahmen dieses Programms beteiligen
sich die Angestellten mit 5/j ihrer Gehaeiter - bis zu hoechstens 500
Dollar jaehrlich - an den Einlagen, und die Firma steuert 5 bis 10/ä ihres
Nettogewinns bei. Eine gleitende Skala hinsichtlich der Firmen-Beitraege - die 3ich mit zunehmendem Dienstalter erhoehen - sieht eine
Bestimmung vor, nach der die Mittel bis zum Eintritt in den Ruhestand
(oder kurz davor) unangetastet bleiben. Zu diesem Zeitpunkt koennen
die Beitraege eingestellt oder als Jahresrente zur Auszahlung gelangen.
Der bei der Firma "E.G. Shinner and Company" - einem KettenlaedenUnternehmen fuer Fleischwaren mit den Ilauptsitz in Chicago (Illinois) bestehende Plan gestattet es seinen Angestellten sogar, sich jede Art
von Eigentun, Grundbesitz, Anlagewerten, einschliesslich Schatzanweisungen, Schuldscheinen, Vorzugs- und gewoehnlichen Aktien und sogar
Hypotheken zu erwerben und zu sichern.
Andere Firnen gestatten nur die Erwerbung eigener Firnenanteile,
und II.D. «uinby jr., der Vater des "Quinby-Plans", fand mit seinem Vorschlag, dass Unternehmen gemischte Investierungen foerdern sollten,
keinen Viiderhall. In keinerlei Beziehung zur "Eastman Kodak Company",
Rochester (New York) stehend, beteiligen sich dennoch zahlreiche Eastman-Angestellte durch Einlagen von 20 Dollar monatlich an einem Aktienerwerbsplan fuer Kodak-Aktien, der von einem Bankinstitut treuhaenderisch verwaltet wird. Der Quinby-Plan besteht seit 1930, und seit
1953 fuehrte -die Eastman Company freiwillige Lohnabzuege fuer die in
ihren Unternehnen Beschaeftigten durch.
Fuer andere Investoren bei der Firna Eastman und ebenso fuer die
Teilnehmer der ^uinby-Plaene in den Firmen "DuPont", "General Motors"
und "Standard Oil" (New Jersey) betragen die üindesteinlagen 25 Dollar
monatlich, und zwar fuer einen Zeitraum von 10 Jahren.
Unter dem Röchester-rrogramm werden dem Teilnehmer sofort ganze
Aktien oder Aktienanteile, Dividenden etc. gutgeschrieben. Das Progrann ist so aufgebaut, dass die Aktionaere, haben sie einmal mit Einzahlungen begonnen, waehrend der gesamten Laufzeit erfasst sind. In
jedem Monat wird schriftlich an die faelligen Einzahlungen erinnert,
und die Quittungen werden versandt. Der Hauptanteil der Gebuehren ist
im ersten Teilnahmejahr faellig; ein spaeteres Ausscheiden wird dadurch
weitgehend verhindert.
Wenn auch die Automobilarbeitergewerkschaft die von "General Motors"
und "Ford" vorgeschlagenen Spar- und Aktienbeteiligungsplaene ablehnte,
so stellen 3ich die Gewerkschaften den Sparplaenen in allgemeinen
selten ablehnend gegenueber. Die "Atlantic Refining Company" stellte
ihren Aktienplan nach Verhandlungen nit den verschiedenen Gewerkschaften,
die die Interessen ihrer Angestellten vertreten, auf und die Mehrzahl
der uebrigen Firnen erfreut sich mindestens der stillschweigenden Zustimmung der Gewerkschaften. Als die "Dow Chemical Company" in Jahre
1948 einen Aktienbeteiligungsplan aufstellte (der jetzt 45,3 der Angestellten erfasst), verhielten sich die Gewerkschaftsfunktionaere zurueckhaltend, als die Gewerkschaftsnitglieder eine offizielle Stellungnahme von ihnen erbaten. Als der Plan spaeter zur Durchfuehrung gelangte, erklaerte die Ortsgewerkschaft ihren Mitgliedern, dass sie
keine Einwaende dagegen habe.

- 5-

�Die "Inland Steel Company" andererseits zog ihren ersten Aktienbeteiligungsplan vor drei Jahren auf Grund des von der Bergarbeitergewerkschaft erhobenen Einspruchs zurueck. Im Jahre 1955 protestierte
die Gewerkschaft allerdings nicht mehr gegen den Plan, so dass er jetzt
Inkrafttreten konnte.
Viele nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Aktienbeteiligungsplaene haben sich sowohl fuer den Unternehmer als auch fuer den Arbeitnehmer, wie das bei zahlreichen in den zwanziger Jahren eingefuehrten
Plaenen auch der Fall war, als unzulaenglich erwiesen. Ein Lebensmittelkonzern beispielsweise annullierte den Aktienplan wieder, als ein
ploetzlicher Rueckgang der Aktienwerte, unmittelbar nach den Investierungen der Angestellten, zu einem Sinken der Arbeitsmoral fuehrte. In
einer Firma der Kichteisen-Industrie fand der Aktienbeteiligungsplan so
wenig Anklang bei den Stundenlohnempfaengern, da3S er mit Ausnahme fuer
die bereits Eingetragenen annulliert wurde. Ein Unternehmen der Elektroindustrie erneuerte einen bestehenden Plan nicht mehr, al3 ein
Boersensturz die Angestellten veranlasste, auf die Teilnahme zu verzichten.
In den jetzt geltenden Aktienbeteiligungsplaenen sind jedoch drei
Hauptvoraussetzungen erfuellt, um die Auswirkungen der Boersenschwankungen zu mildern. Die erste besteht darin, dass die Programme in gewissem Umfang freiwillig sind, das heisst, der Arbeitnehmer kann auf
V/unsch seine Einlagen wieder herausziehen, bevor ein Abschnitt des
Planes zu Ende geht (gewoehnlich 2^- bis 3 Jahre).
Ein weiterer Schutz ist dadurch gegeben, dass bei verschiedenen
Plaenen die Einlagen der Sparer fuer den Erwerb von Sohatzanweisungen
verwendet werden, waehrend nur die Firmenbeitraege in Aktien angelegt
werden.
Das dritte Kittel zur Verhinderung von Preisschwankungen ist eine
Art "dollar cost averaging" (Dollarkostenangleichung), die in Aktienbeteiligungsplaenen durchgefuehrt wird, in denen die Aktienkaeufe monatlich oder halbjaehrlich erfolgen oder in denen die Kosten pro Anteil,
die zu Lasten des Aktienteilhabers gehen, dem durchschnittlichen Betrag
entsprechen, der von der Firma (oder dem Treuhaender) pro Anteil fuer
einen gegebenen Zeitraum gezahlt wurde.
Sind die Preise hoch, so werden fuer eine bestimmte Summe wenige
Anteile erworben. Bei sinkenden Preisen wird der gleiche Betrag investiert, und e3 werden wesentlich mehr Anteile erworben. Der durchschnittliche Preis pro Anteil ist auf diese V/eise niedriger als wenn
jederzeit eine bestimmte Anzahl von Aktienanteilen gekauft wuerde. In
allen Firmen-Aktienbeteiligungsplaenen - selbst dort, wo der Arbeitnehmer die Geaamtkosten fuer die Aktien traegt - erfreuen sich die Angestellten niedriger Llaklergebuehren als Einzelinvestoren, weil der Erwerb
der Aktien gesammelt erfolgt und ihnen die Vorteile von "Sammelauftraegen" zugute kommen, die sich aus dem Erwerb von 100 oder mehr Aktienanteilen ergeben.
Quelle:

"Dun's Review and liodern Industry"

Die Erforschung von Unfallursachen und die Verwendung der Unfallstatistik
Die Fuehrung einer Unfallstatistik, wie sie in dem Artikel "Standardmethode der Erfassung von Unfallursachen in der Industrie* behandelt
wvwde, ist zwar sehr wertvoll, sie reicht jedoch nicht aus. Eine weitere
* Aus "Free Uen at '.York" Juli 1955
- 6 -

�Erforschung jedes Unfalls ist notwendig, um eine Wiederholung aehnlicher
Faelle auszuschalten. Man sollte sich ebenfalls ueber die durch Unfe11
entstandenen Kosten informieren. Schliesslich sollten saemtliche Ermittlungen ueber einen Unfall mit denjenigen anderer Unfaelle auf statistisch einwandfreie 7/eise miteinander kombiniert werden, so dass die
Wirksamkeit eines Unfallverhuetungsprogramm3 in Vergleich gesetzt werden
kann zu aehnlichem statistischem Material aus anderen Quellen.
Untersuchung - Der Zweck der Ermittlung der Unfallursachen besteht
darin, Informationen zu erhalten, die zur Unfallverhuetung beitragen.
Daher muessen die Untersuchungen objektiv, wahrheitsgetreu und ohne
Ruecksicht auf eventuell resultierende disziplinarische Polgen gefuehrt
werden.
Alle Unfaelle sollten untersucht werden, ganz gleich, ob der daraus
resultierende Schaden erheblich oder nur geringfuegig ist. Eine Anhaeufung kleiner Ungluecksfaelle weist unter Umstaenden darauf hin, dass
eine staendige Gefahrenquelle besteht, die ausgeschaltet werden muss.
Selbst wenn ein Unfall kein besonderes Vorkommnis darstellt, koennen die
Ursachen, die dazu fuehrten, mannigfaltig sein, daher kommt es darauf
an, die Unfallursachen zu erkennen und fuer Abhilfe zu sorgen.
'iVenn ein Arbeiter beispielsweise zu Fall gekommen i3t, so muss festgestellt werden, warum er hingefallen ist; ob er selbst etwas falsch
gemacht hat oder ob die Bedingungen an seinem Arbeitsplatz hieran die
Schuld tragen. Geraet einem Arbeiter etwas ins Auge, so ist die Tatsache, dass er keine der vorgeschriebenen Schutzbrillen trug, keine hinreichende Erklaerung. Der Grund, warum der Arbeiter keine Schutzbrille
aufsetzte, muss festgestellt werden.
Die Art und die Schwere des Unfalls ist ausschlaggebend dafuer, wer
die Untersuchungen fuehrt. Der Vorarbeiter sollte natuerlich sofort
einen Unfallbericht abgeben. Ausserdem muss er die noetigen Massnahmen
ergreifen, damit keine Wiederholung de3 Unfalls eintritt.
Der Sicherheitsingenieur oder sein Vertreter sollten zu ihrer
eigenen Information eine Untersuchung jedes wesentlichen Unfalls durchfahren. In den meisten Faellen gibt der Sicherheitsingenieur ohnehin
der Betriebsleitung oder dem allgemeinen Sicherheitsausschuss einen
3ericht ab. Ausbildung und Erfahrung gestatten e3 ihm, den gesamten
Tatbestand, unter Berücksichtigung der moeglicherweise verborgenen
Ursachen, genau und ohne Vorurteil aufzunehmen und im Bericht wiederzugeben.
Einige Firmen besitzen einen betrieblichen Sicherheitsausschuss,
der schwere Unfaelle untersucht und Bericht darueber ablegt. Ein solcher
Ausschuss erweist sich besonders dann als sehr nuetzlich, wenn ein
Arbeiter den Unfall selbst verschuldet hat; ein Bericht des Komitees
ruft einen nachhaltigeren Eindruck bei den 3e3chaeftigten hervor als der
des Vorarbeiters oder des Sicherheitsingenieurs.
Viele Firmen, speziell kleine oder mittelgrosse Betriebe, haben
saemtliche mit der Unfallverhuetung zusammenhaengenden Massnahmen und
Fragen einem allgemeinen Sicherheitsausschuss uebertragen, zu dessen
Funktionen ebenfalls die Unfalluntersuchung gehoert.
3ei der Ermittlung der Unfallursachen ist Fairness von aeusserster
Wichtigkeit, ganz gleich wer die Untersuchungen leitet. Der Wert der
Ermittlungen kann erheblich beeintraechtigt v/erden, wenn der Verdacht
aufkoaat, dass ihr Zweck darin besteht, die Schuld auf jemanden abzuwaelzen oder die Frage nach dem Verantwortlichen zu umgehen.

- 7-

�Schaetzung der durch den Unfall entstandenen Kosten. Die Schaetzung
der durch den Unfall verursachten Kosten'traegt an sich nicht dazu bei,
kuenftige Unfaelle zu verhueten; durch Betonung der Unfallkosten ist
dem Vorarbeiter jedoch unter Umstaenden eine wichtige Handhabe gegeben,
um groessere Sicherheitsmassnahmen durchfuehren zu koennen oder einen
Maschinenwaerter zu beschaeftigen oder den Beistand der Betriebsfuehrung
fuer ein umfassendes Unfallverhuetungsprogramm zu gewinnen.
Die durch Unfaelle in der Industrie entstandenen Kosten unterscheidet man im allgemeinen nach zwei Kategorien: Direkte und indirekte
Kosten, manchmal auch Kosten, fuer die die Versicherung aufkommt und
solche^, die selbst getragen werden muessen. Direkte Kosten sind die
Verguetungen, die an die bei dem Unfall zu Schaden gekommenen Personen
gezahlt werden (einschliesslich aerztlicher Betreuung). Zur Deckung
dieser Kosten tritt der Unternehmer gewoehnlich einer Versicherung bei.
Indirekte, oder solche Kosten, fuer die der Arbeitgeber aufkommen
muss, umfassen zahlreiche Elemente, von denen die meisten nachstehend
aufgefuehrt sind:
1.

Lohnzahlungen fuer ausgefallene Arbeitszeit an Arbeiter, die
durch den Unfall keinen Schaden erlitten. Ein Unfall veranlasst die Arbeiter, die nicht verletzt wurden, haeufig ihre
Arbeit abzubrechen und zuzuschauen, Hilfe zu leisten oder
ueber den vorangegangenen Unfall zu diskutieren. Oftmals
koennen sie auch nicht weiterarbeiten, da ihre Ausruestung
durch den Unfall beachaedigt oder zerstoert wurde oder durch
den Ausfall der Mithilfe bzw. der Produktionsleistung ihres
verletzten Arbeitskollegen.

2.

Material- oder Ausruestungsschaeden. Die hier entstehenden
Auslagen erstrecken sich unter Umstaenden auf die Reparatuxkosten. Sie koennen auch durch Lagerumstellungen oder Aufraeumungsarbeiten verursacht werden, ebenso wie durch zerstoerte
Maschinen. In manchen Faellen empfiehlt es sich, einen Kalkulationsbuchhalter zu beschaeftigen, wenn beispielsweise eine
kostspielige Maschine ersetzt werden muss; fuer gewoehnlich
kann der Sachschaden jedoch ohne weiteres errechnet werden.

3.

Lohnzahlungen fuer ausgefallene Arbeitszeit an den verletzten
Arbeiter (ausser Arbeiterausgleichszahlungen).Hierunter faellt
die ausgefallene Arbeitszeit am Tag des Unfalls und in der
darauffolgenden Zeit, wenn der Unfallverletzte seinen Arbeitsplatz verlassen muss, um sich in aerztliche Behandlung zu begeben. Hierin sind ebenfalls die Leistungen eingeschlossen,
die an den Arbeiter waehrend der Wartezeit, bevor die Arbeiterausgleichszahlungen gewaehrt werden, zur Auszahlung gelangen
oder Zuschuesse zu den Arbeiterausgleichszahlungen.

4.

Extraauslagen fuer Ueberstunden, die durch den Unfall notwendig
wurden. Y/enn der durch den Unfall verursachte Produktionaausfall durch die Ableistung von Ueberstunden wieder wettgemacht wurde, so sollte man bei der Kostenberechnung die Differenz ermitteln zwischen den durch Ueberstundenarbeit entstehenden Kosten und denen bei regulaerer Arbeitszeit. Hinzu
kommen unter Umstaenden noch die hoeheren Verguetungssaetze
und die zusaetzliche Bcschaeftigung von Aufsichtskraeften
3owie die Ausgaben fuer Heizung, Licht, Reinigung und aehnlichem.

5.

Lohnzahlungen an Werkmeister fuer die Arbeitszeit, die sie durch
den Unfall aufwenden mussten. Ein Werkmeister muss gegebenenfalls erste Hilfe leibten oder dafuer sorgen, dass der verletzte
- 8 -

�Arbeiter aerztliche Hilfe erhaelt. Er mus3 eine neue Arbeitseinteilung vornehmen, unter Umstaenden einen Arbeiter neu einarbeiten oder die Aufraeuraungsarbeiten ueberwachen. V/aehrend
dieser Zeit ist der Werkmeister nicht in der Lage, seine
sonstigen Aufgaben zu erfuellen.
6.

Lohnkosten, die auf die verminderte Produktionsleistung des
verletzten Arbeitern bei .Viederaufnahme der Arbeit zurueckzufuehren sind» Durch Hand-, Arm-, oder Rueckenverletzungen muss
der verunglueckte Arbeiter oftmals ein langsameres Arbeitstempo
einhalten oder ist gezwungen, eine einfachere Arbeit auszufahren. Wenn 3ein Lohn sich nicht ohnehin verringert hat und
seine Produktionsleistung um 30^o pro Woche sinkt, sollte der
Unfall mit 30;' eines Wochenlohns in Rechnung gestellt werden.

7.

Kosten fuer die Einarbeitung eines neuen Arbeiters. Falls es
erforderlich wurde, einen neuen Arbeiter fuer den Unfallverletzten einzusetzen, so ist es nur natuerlich, dass sich dies
anfaenglich in einer geringeren Produktionsleistung bemerkbar
macht. Ein solch verringerter Aus3toss geht ebenfalls zu
Lasten des Unfalls und sollte genauso berechnet werden wie in
Absatz 6.

8.

Arztkosten, fuer die die Versicherung nicht aufkommt und die
von der Firma getragen werden muessen. Diese Kosten erstrecken
sich im allgemeinen auf die aerztliche Hilfe, die in der
Betriebs-Unfallstation geleistet wurde.

9.

Kosten fuer aufgewendete Zeit durch leitende Aufsichtskraefte
und Bueroangestellte bei der Unfalluntersuchung oder der
Bearbeitung bzw. Weiterleitung von Ersatzanspruechen. Dieser
Zeitaufwand erfolgt zusaetzlich zu dem des unmittelbaren Vorgesetzten (Absatz 5) ur&gt;d den Untersuchungen, die in erster
Linie der Verhuetung kuenftiger Unfaelle dienen.

10.

Diverse Kosten. Hierunter fallen solche Ausgaben, die weniger
typisch sind; der Leiter der Unfalluntersuchungen muss in jedem
Falle nachweisen, dass sie zu Recht erfolgten. Anerkannt werden
zum Beispiel Haftpflichtansprueche, Leihgebuehren fuer Ersatzausruestung, Gewinnverlust durch die Annullierung von Vertraegen oder Auftraegen, falls der Unfall fein nachhaltiges
Absinken der Verkaufsziffer zur Folge hat, Praemienverluste
der Firma, Unkosten der Einstellung neuer Arbeitskraefte, falls
diese Ausgaben erheblich ins Gewicht fallen, zusaetzliche
Kosten, die durch Fehlleistungen neueingestellter Arbeiter
entstehen sowie Liegegelder. Die vorstehend aufgefuehrten
Kosten werden jedoch nur selten geltend gemacht.

Ein gewisser Teil dieser Kosten ist, je nach Unfall und Art des
Betriebes, verschieden. Es empfiehlt sich in vielen Faellen, erst einmal versuchsweise eine Studie anzufertigen, um eine Kostenanalyse zu
erlangen, so dass man die Kosten schaetzen kann, wenn das vorhandene
Zahlenmaterial nicht ausreicht.
Betriebsunfallraten. Der Hauptzweck der Fuehrung einer Unfallstatistik besteht darin, eine Handhabe fuer die Messung des Unfallproblems zu besitzen und um feststellen zu koennen, ob hinsichtlich der
Reduzierung der Unfallrate Fortschritte gemacht werden oder nicht. Um
dieses Gebot zu erfuellen, muessen die folgenden Fragen beantwortet werden;
1.

Ist die Zahl der Unfaelle hoeher oder niedriger als in anderen
Taetigkeiten, speziell in solchen, die aehnliche Ungluecksfaello

-9 -

�zu verzeichnen haben?
2.

Y/ie schwer sind die Unfaelle und wie sind sie mit denjenigen
in anderen Taetigkeiten vergleichbar?

3.

Nimmt die Unfallziffer zu oder ab?

Da die Beantwortung jeder dieser Fragen einen'Vergleich notwendig
macht, muss grundlegendes statistisches liaterial fuer Vergleichszwecke
gewonnen werden.
Die Standardraethode zur Erfassung von Arbeitsunfaellen definiert
einen Arbeitsunfall als "eine Verletzung, die ein Beschaeftigter in
Ausuebung seines Dienstes erlitten hat..."* Diese Definition umschliesst
alle moeglichen Verletzungen, angefangen von einer geringfuegigen
Quetschung bis zu einem Unfall mit toedlichem Ausgang. Nach der Standardmethode werden saemtliche vorkommenden Unfaelle nach vier Hauptgrupnen unterschieden: Todesfaelle, vollstaendige, bleibende Arbeitsunfaehigkeit, dauernde, teilweise Arbeitsunfaehigkeit und voruebergehende
Arbeitsunfaehigkeit.
Hat sich ein Unfall ereignet, so werden zwei Umstaende in 3etracht
gezogen: Das Gefuhrenmoraent oder die Unfallraoeglichkeit, und der Kontakt
oder das Ausgcset'ztsein des Arbeiters diesem Gefahrenmoment oder der
Unfallmoeglichkeit gegenueber. Diese Stunden, in denen der Arbeiter
diesem Gefahren- oder Unfallmoment ausgesetzt ist, spielen deshalb in
der 3etriebsunfallpraxis eine grosse Rolle. Unfallhaeufigkeitsraten
stellen Messungen des Unfallvolumens dar und werden in Form einer Standardeinheit oder der Stundenzahl, in der der Arbeiter dem Gefahrenbzw. Unfallmoment ausgesetzt war, zum Ausdruck gebracht. Sie geben den
relativen Grad der Sicherheit an, die waehrend eines bestimmten Zeitraums erreicht wurde und gestatten direkte Vergleiche des Unfallvolumens
in verschiedenen Betrieben oder bei verschiedenen Taetigkeiten, wobei
die unterschiedlichen Gefahrenmomente in diesen Unternehmen ausser acht
gelassen werden.
Fuer die Unfallhaeufigkeitsrate gilt folgende Definition:
Die Haeufigkeitsrate stellt die Anzahl der Betriebsunfaelle pro Million Arbeitsstunden dar und wird nach
folgender Formel berechnet:
Unfallhaeufigkeitsrate - Zahl der unfaelle , 1 000 000
°
Arbeitsstunden
Es gibt tatsaechlich keine bestimmte Antwort darauf, wann die
Unfallhaeufigkeitsrate "gut" i3t. Einige Sicherheitsingenieure glauben,
dass keine Rate, die hoeher als 10 ist, noch als gut erachtet werden
kann. Der Test bezueglich der betrieblichen Sicherheit besteht in zwei
Vergleichen: erstens einem Vergleich zwischen der augenblicklichen
Unfallhaeufigkeitsrate und der eine3 frueheren Zeitraums, um festzustellen, inwieweit eine Besserung eingetreten ist, und zweitens, einem
Vergleich der Unfallhaeufigkeitsrate des Betriebs mit denen anderer
Unternehmen, die dieselben Produktionsvorgaenge aufweisen. Dies wird
am besten erreicht durch einen Vergleich der Unfallhaeufigkeitsrate des
Betriebs mit dem Durchschnittswert des Industriezweigs, zu dem er gehoert.
Die vorstehend beschriebene Messung des Unfallvolutaene gibt keinen
voelligen Auf3chluss ueber die Unfallerfahrung. Die Schwere der Unfaelle
Die amerikanische Standardmethode zur Erfassung und Bewertung von
Arbeitsunfaellen wie sie von der "American Standards Association" im
Jahre 1954 anerkannt wurde.
- 10 -

�ist ebenfalls von grosser Bedeutung, denn ein Unfall mit Todesfolge
oder einer erforderlich werdenden Amputation ist ohne Zweifel schwerwiegender als eine ungefaehrliche Schnittwunde oder Quetschung.
Der Standard, der bei der statistischen Erfassung des Arbeitsausfalls zugrundegelegt wird, kommt in Paellen bleibender Arbeitsunfaehigkeit
durch verschiedene zeitliche Anrechnungen zum Ausdruck. Beispielsweise
wird im Todesfalle oder bei bleibender voelliger Arbeitsunfaehigkeit
jeweils ein Ausfall von 6000 Tagen festgelegt, wohingegen der Verlust
eines Arnes mit 4500 Tagen veranschlagt wird. Bei voruebergehenden
Verletzungen, von denen sich der Verunglueckte wieder voellig erholt,
stellt die Zahl der Tage, die der Arbeiter zu seiner Wiederherstellung
benoetigt, ein zufriedenstellendes Mass fuer die relative Schwere des
Unfalls dar. Der Ge3antzeitverlust laesst sich durch die Einzelbewertung
jedes Unfalls und anschliessende Addition berechnen.
Die Rate bezueglich des Arbeitsanfalls wird auf aehnliche ./eise
berechnet wie die der Unfallhaeufigkeit, naemlichi
Gesamter zugrundef~electer Zeitausfall x 1 000 000
Arbeitsstunden
Diese Berechnung ergibt die Rate, In der ein durch Unfaelle bedingter Arbeitsausfall eintritt. Eine Rate von 100 bedeutet, dass
Unfaelle den Verlust von 100 Arbeitstagen pro 1 000 000 geleisteter
Arbeitsstunden zur Folge haben.
Diese Rate stellt lediglich den Gesamtarbeitsausfall dar, ohne
zwischen den Auswirkungen des Unfallvolumens und der Schwere der Unfaelle
zu unterscheiden. So sind 10 Unfaelle mit jeweils einem Tag Arbeitsunfaehigkeit einem Unfall mit anschliessender lOtaegiger Arbeitsunfaehigkeit gleichwertig. Trozdem ist diese Messung fuer Vergleichszwecke
(ohne Angleichung) durchaus annehmbar.
Quelle:

"Free Men at Work"

September 1955

Vereinte Bemuehungen von Gewerkschaften und Unternehmern bei der
Lehrlingsausbildung
Zu 3eginn des Jahres 1947 zeigten sich in der bluehenden Hachkriegswirtschaft Kaliforniens, die durch den betraechtlichen 3evoelker'ungszustrom stark expandiert war, gewisse Krisenerscheinungen. Man zog
fuehrende Wirt3chaftssachverstaendige zu Rate und keiner war ueber die
Diagnose ueberrascht, zu der sie gelangten. Der Patient hat nicht zu
viel gegessen, aber seine Diaet ist falsch. Die Diaet war der allwoechentliche Zustrom Tausender neuer Buerger, durch die zwar eine
groeosere l.Iarktbasis sowohl fuer die Wirtschaft als auch die Industrie
geschaffen wurde, von denen aber nur die wenigsten die erforderlichen
Berufskenntnisse oder die noetigen Handfertigkeiten besassen.
Zum Glueck hatte man ein paar Jahre zuvor diese Entwicklung bereits
vorausgesehen. In Jahre 1539 waren Gewerkschaftsfuehrer und leitende
Industrielle uebereingekommen, eine Loesung anzunehmen, die bereits seit
langen von der organisierten Gewerkschaftsbewegung in Vorschlag gebracht
worden war, naemlich ein gemeinsames Programm von Gewerkschaften und
Management zur Heranbildung von Facharbeitern auszuarbeiten, das unter
der Schirmherrschaft einer koordinierenden Koerperschaft stehen sollte,
die zwar vom Staate finanziert wird, jedoch nach V.oeglichkeit frei von
jeglichen politischen Einfluessen bleiben sollte.

11 -

�Dies wurde durch die Inkraftsetzung des "Shelley-Maloney
Apprenticeship Standards Act" erreicht. Der fruehere Vorsitzende des
Gewerkschaftsverbandes von Kalifornien und jetziges Kongressmitglied
Shelley trug wesentlich dazu bei, eine Atraosphaere zu schaffen, die die
Annahme des Gesetzes ermoeglichte.
In den 16 Jahren, die seit der Einfuehrung des Gesetzes vergangen
sind, hat sich Kalifornien, das heute nicht mehr unter Facharbeitermangel leidet, zu einem der bedeutendsten amerikanischen Industriestaaten entwickelt. Die mit der Verwaltung des "California Apprenticeship Standards Act" betrauten 3eamten waeren jedoch die letzten, die
behaupten wollten, das Gesetz sei ein wirtschaftliches Allheilmittel.
Zumindest zeigten sich die Anfangserfolge im Hinblick auf die kalifornische Wirtschaft erst nach einiger Zeit. Die Ausbildung eines tuechtigen Gesellen erfordert je nach der Art des Handwerkszweiges vier bis
sechs Jahre.
In ihren Anfangsjahren unternahm die "Apprenticeship Division" die
schwierige Aufgabe, die wenigen von Gewerkschaften und Unternehmern
gemeinsam aufgestellten Ausbildungsplaene unter ihre Verwaltung zu
bringen; sie war dabei bestrebt, die bereits vorhandenen gewerkschaftlichen Ausbildungsstaetten den gemeinsam von Gewerkschaftern und Unternehmern geleiteten Ausschuessen zu unterstellen und setzte sich durch
Werbefeldzuege fuer bessere Ausbildungsmoeglichkeiten ein.
Inzwischen ergaben sich fuer die Industrie, allein durch die blosse
Existenz des Gesetzes und auf Grund der Tatsache, dass es ihr erstmalig
einen staendigen Nachschub an ausgebildeten Fachkraeften sicherte, die
Koeglichkeit, Erweiterungsplaene in Betracht zu ziehen.
Heute ist die "Division of Apprenticeship Standards" eine der
groessten und aktivsten Abteilungen des kalifornischen Arbeitsministeriums,
in der die Arbeit der 542 von Gewerkschaften und Unternehmern gebildeten
Ortsausschüsse koordiniert wird. Auf den Listen stehen insgesamt
17 778 in der Ausbildung stehende Lehrlinge in rund 320 verschiedenen
3erufszweigen, von denen rund 3000 ihre Gesellenpruefung bis zum Jahresende abgelegt haben duerften.
Zu den wohl bedeutendsten Merkmalen dieser 542 auf Landesebene
arbeitenden gemeinsamen Ortsausschuesse gehoeren die weitgehende Verankerung des Kollektivverhandlungswesens sowie die Anerkennung der
gewerkschaftlichen Arbeit.
In jedem dieser Ausschue3se verhandeln leitende Mitglieder des
Management, darunter sogar haeufig der Betriebsfuehrer oder der Praesident der Firma selbst, um die Bedingungen der Berufsausbildung mit den
Cewerkschaftsfunktionaeren zu besprechen.
Die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmern bei der
Ausbildung von Fachkraeften hat sich als so erfolgreich erwiesen, dass
man heutzutage ganz Kalifornien bereisen\koennte, ohne auch nur die
leiseste Kritik von eir.et -1er beiden Parteien zu hoeren.
(Schluss folgt)
Quelle:

12

"Labor's Daily"

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 3

Mehlem, den 3 . F e b r u a r 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Struktur und Mitgliedschaft
der Gewerkschaftsbewegung in USA
Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften
und Unternehmern bei der Lehrlingsausbildung (Schluß)
Arbeitskosten und Mechanisierung
Finanzielle Zusammenarbeit zwischen
Gewerkschaften und Management
Kurznachrichten

Seite

1

Seite
Seite

6
7

Seite
Seite

9
10

William Paschell:
Struktur und Mitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung in USA
Das "Handbuch der Amerikanischen und Allamerikanischen Gewerkschaften" für das Jahr 1955,
das vom "Amt für Arbeitsstatistik" im USArbeitsministerium herausgegeben wird, erschien gerade zu jenem Zeitpunkt, als die
beiden großen amerikanischen Gewerkschaftsverbände - die "American Federation of Labor"
und der "Congress of Industrial Organizations"
- den Zusammenschluß zu einer einzigen amerikanischen Gewerkschaft vollzogen. Damit wird
dieses Handbuch zu einem Gradmesser, der die
Größe, Struktur und Zusammensetzung der amerikanischen Gewerkschaften zum Zeitpunkt dieses
historischen Zusammenschlusses erkennen läßt.
Die nachstehende Analyse stellt im wesentlichen
einen Auszug aus diesem Handbuch dar.
Die Gesamtmit-jliederzahl der amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften * ) , die ihren Verwaltungssitz im Gebiet der Vereinigten Staaten haben, betrug zu Beginn des Jahres
*) Auf Grund des Zusammenschlusses einiger Gewerkschaften im Herbst 1955 hat sich die Gesamtzahl der amerikanischen
und allamerikanischen Gewerkschaften, die im gegenwärtigen
Handbuch aufgeführt werden, auf 195 verringert.
- 1 -

�1955 schätzungsweise 18 Millionen. Diese Zahl gliedert sich
nach Berichten der Gewerkschaften beziehungsweise nach Schätzungen des Amtes für Arbeitsstatistik wie folgt: API 10,9
Millionen, CIO 5,2 Millionen und unabhängige Gewerkschaften
1,8 Millionen. Gegenüber den letzten Schätzungen des Amtes
für Arbeitsstatistik aus dem Jahre 1951 ist die Gesamtzahl der
Gewerkschaftsmitglieder um mehr als eine Million gestiegen.
Andererseits ist bemerkenswert, daß die Zahlen von 1954 im
wesentlichen mit denen aus dem Jahre 1953 übereinstimmen, die
gleichfalls in dem genannten Handbuch aufgeführt wurden.
Für das Jahr 1954 führt das "US-Amt für Arbeitsstatistik"
199 amerikanische und allamerikanische Gewerkschaften auf.*)
Diese Zahl schließt auch jene Arbeitnehmerverbände mit einer
Gesamtzahl von etwas mehr als einer Million Mitgliedern ein,
deren Tätigkeitsbereich außerhalb der kontinentalen Vereinigten Staaten - in erster Linie in Kanada.- liegt. Unter Abrechnung dieser Million Mitglieder entspricht die Mitgliederzahl der Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten etwa einem
Viertel der Gesamtzahl der Berufstätigen oder etwa einem Drittel aller Gehalts- und Lohnempfänger in den nichtlandwirtschaftlichen Berufen. Die Gewerkschaften haben drei Millionen
weibliche Mitglieder, das heißt, daß praktisch jede 7. berufstätige Frau in den Vereinigten Staaten gewerkschaftlich organisiert ist.
Die Mitgliederzahlen der hier erfaßten Gewerkschaften bewegen sich in der Größenordnung von weniger als 100 Mitgliedern
bis zu mehr als einer Million. Auf die hier aufgeführten 124
Arbeitnehmerverbände mit weniger als 50 000 Mitgliedern entfallen etwas mehr als 1V2 Millionen der Gesamtzahl. Die sechs
großen Gewerkschaften mit mehr als je 500 000 Mitgliedern zählen zusammen beinahe 6 Millionen, das ist ein Drittel aller
Gewerkschaftsmitglieder überhaupt.
Etwa 77 000 Ortsverbände waren dabei allamerikanischen Gewerkschaften angeschlossen. Mehr als die Hälfte gehörten 19 Gewerkschaften an, die über mehr als 1000 Ortsgewerkschaften besitzen. Einige kleine, besonders stark zentralisierte Gewerkschaften haben keine Ortsverbände. Die Ortsgewerkschaften und
die allamerikanischen Verbände haben insgesamt etwa 125 000
Kollektivverträge ausgearbeitet und ihre Durchführung überwacht.
Diese Zahlen sind das Ergebnis der vierten Untersuchung
des "US-Amtes für Arbeitsstatistik", die in den vergangenen
Jahren durchgeführt wurde und sich mit Mitgliederbewegungen,
dem Wesen der amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften sowie mit Angaben über Spitzenfunktionäre, Verwaltungssitz, Kongreß, Publikationen, Zahl der angeschlossenen
Ortskartelle und ähnlichen Fragen befaßte. Die Untersuchung
schloß sämtliche der AFI und dem CIO angeschlossenen Gewerkschaften ein. Solche Gewerkschaften, die keinem der genannten
großen Verbände angehörten, aber auf Bundesebene tätig waren,
d.h. mit verschiedenen Unternehmen in mehr als einem Bundesstaat Tarifverträge abgeschlossen hatten, wurden ebenfalls in
die Untersuchung einbezogen. Die Informationen stammen aus
Fragebogen, die allen Gewerkschaften durch die Post zugeschickt worden waren, die in dem genannten Sinn als amerikanische oder allamerikanische Gewerkschaften angesehen werden
*) Die Bezeichnung "allamerikanische Gewerkschaften" wird
hier für die sogenannten "international unions" gebraucht, das
sind solche Gewerkschaften, die sich auch außerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten - in erster Linie in Kanada - betätigen.
- 2 -

�konnten. In einigen Fällen wurden die Angaben noch auf Grund
anderen Quellenmaterials, darunter Gewerkschaftspublikationen, Kongreßprotokollen und dem Archiv des Amtes für Arbeitsstatistik vorliegendenTarifabkommen, ergänzt.
Es erscheint an dieser Stelle angebracht, mit Nachdruck
darauf hinzuweisen, daß die in der vorliegenden Abhandlung
angeführten Mitgliederzahlen von den betreffenden Gewerkschaften freiwillig zur Verfügung gestellt worden sind, und
daß das Amt für Arbeitsstatistik die Richtigkeit und Vollständigkeit dieser Berichte nicht an Ort und Stelle überprüft hat. Bei Gewerkschaften, die keine Angaben über ihre
Mitgliedschaft gemacht haben, wurden Schätzungen des Amtes
für Arbeitsstatistik und andere verfügbare Informationen
herangezogen.
Die Struktur der Gewerkschaftsbewegung
Vor rund 20 Jahren kam es auf dem Kongreß der American
Federation of Labor zu einer Kontroverse über die Frage, welche Organisationsform für die Massengüter-Industrien am geeignetsten sei,
die zur Bildung eines "Committee for
Industrial Organization" (.Komitee für Industriegewerkschaften)
führte. Im Jahre 1938 hielt dann die neue Organisation ihre
Gründungsversammlung ab, auf der sie sich den Namen "Congress
of Industrial Organizations" gab. Seit jenem Zeitpunkt haben
die amerikanischen Gewerkschaften, begünstigt durch eine Reihe
von Faktoren, ihre Mitglied er sc haft mehr als verdoppeln können.
Dieses Wachstum war von der zunehmenden gewerkschaftlichen
Erkenntnis ihrer Verantwortung für nationale und internationale Probleme begleitet. Die Bedeutung einer freien Gewerkschaftsbewegung, der gegenwärtig jeder vierte berufstätige
Amerikaner angehört, läßt sich wohl am besten in dem Umfang
und der Resonanz ihrer Tätigkeiten abschätzen. Die Kollektivverhandlungen einschließlich der Verhandlungen zur Festsetzung von Löhnen und Abeitsbedingungen finden von allen
Teilgebieten der gewerkschaftlichen Arbeit die meiste Beachtung. Sowohl auf Bundesebene als auch im rein örtlichen
Bereich war eine aktive und nach vielen Seiten gerichtete
Gewerkschaftstätigkeit zu verzeichnen. Hierzu kommt noch
die Erziehungsarbeit und politische Schulung, die dem Ziele
dienen, die Öffentlichkeit und die Behörden zur Mitarbeit
für die gewerkschaftlichen Ziele zu gewinnen. Die Erkenntnis von der Gemeinsamkeit der Interessen der auf dem Boden
der Demokratie stehenden GewerKscnai'tsbewegungen in aller
Welt hat zu einer immer engeren Zusammenarbeit mit freien
Gewerkschaften anderer Länder geführt. Diese und andere
Schritte sind im Rahmen der nachstenenü erörterten großen
Gewerkschaftsbewegungen unternommen worden.
AFL

und CIO
Die American Federation of Labor, die 108 allamerikanische Gewerkschaften und 50 000 Ortsverbände einschließt, ist
die älteste und größte amerikanische Gewericschaft. Dem Congress
of Industrial Organization gehören 30 allamerikanische Gewerkschaften mit 10 000 Ortsverbänden an. Darüber hinaus haben die
beiden großen Gewerkschaftsverbände noch weitere unmittelbar
angeschlossene Gewerkschaften, die nicht Teil einer der allamerikanischen Gewerkschaften sind. Der AFL waren am 30.Juni
1954 insgesamt 900 auf Bundesebene arbeitende Gewerkschaften
angeschlossen (Federal Labor Unions - FLUs) und dem CIO ge-"
hörten Ende 1954 rund 100 auf regionaler Basis arbeitende
Industriegewerkschaften (Local Industriel Unions - LIOs) an.
- 3 -

�Eine Reihe der FLUs, deren Mitglieder sich in der üblichen Weise aus Arbeitern der Industriebetriebe rekrutieren,
gehören einem der drei Organisationskomitees innerhalb der
AFI an. Hier handelt es sich um einen Gewerkschaftstyp, der
kurz vor der Erreichung des Status einer allamerikanischen
Gewerkschaft steht. Der CIO hat auf vergleichbarer Ebene
zwei Organisationskomitees.
Wesensbestandteil des Aufbaus der AFL sind fünf Abteilungen * ) , von denen 4 aus solchen Gewerkschaften gebildet
werden, die ihre Interessen in mehreren Industriezweigen vertreten. Die andere Abteilung vertritt jene Gewerkschaften, die
den Betrieben das Recht zur Kennzeichnung ihrer Produkte mit
Union Labels oder anderen Emblemen erteilen. Die Forschungsund Erziehungsabteilungen sowie die verschiedenen Sonderausschüsse sowohl der AFL als auch des CIO befassen sich mit Ermittlungsaufgaben, der Verbreitung von Informationen sowie der
Ausarbeitung von Empfehlungen für Maßnahmen, die direkt dem
Wohl der Mitglieder als Arbeiter und Bürger dienen; in ihren
Tätigkeitsbereich fallen ferner Kollektivverhandlungen, Fragen
der sozialen Sicherheit, des Wohnungsbaus, der Atomenergie, des
Mitspracherechts der Öffentlichkeit in staatlichen Dingen sowie
Maßnahmen der Unfallverhütung im Betrieb. Die "Gewerkschaftsliga für politische Erziehung" der AFL (Labor's League for
Politieal Education) und das "Komitee für politische Maßnahmen"
des CIO (Politieal Action Committee) vertreten die Ziele der
Gewerkschaften im politischen Bereich.
Jeder der beiden Gewerkschaftsverbände hält jährlich einen
Kongreß ab, auf dem die Tätigkeitsberichte vorgelegt, die Richtlinien für die künftige gewerkschaftliche Arbeit ausgearbeitet
und die Spitzenfunktionäre gewählt werden. In der Zeit zwischen
den einzelnen Jahreskongressen wird die Arbeit in der AFL vom
Präsidenten, dem Schatzmeister und den 15 Vizepräsidenten bestimmt, die zusammen den Bundesvorstand bilden. In dem CIO besteht ebenfalls ein Bundesausschuß, der sich aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten für Verwaltung, dem Schatzmeister,
8 weiteren Vizepräsidenten und je einem Mitglied der angeschlossenen allamerikanischen Gewerkschaften und der Organisationskomitees zusammensetzt. Die Mitglieder der Bundesvorstände beider Gewerkschaftsverbände werden sämtlich in ihre
Posten gewählt.
Um den Problemen begegnen zu können, die innerhalb der
Einzelstaaten und Gemeinden auftauchen, sind die Organe der
AFL und des CIO nach geographischen Gesichtspunkten gegliedert.
Zu Beginn des Jahres 1955 hatte die AFL in jedem der 48 Bundesstaaten einen Regionalverband und zwei weitere Regionalverbände
in Alaska und Puerto Rico, diese wiederum gliedern sich in 829
Ortsvereine auf. Der CIO unterhält in 44 Bundesstaaten einschließlich des Districts von Columbia Regionalvorstände und
einen Territorialverband für Puerto Rico, diese sind in 296
Kommunal- und Kreisverbände gegliedert.
Es hat den Anschein, als ob der Zusammenschluß von AFL
und CIO zumindestens in der Anfangsphase keine strukturellen
Veränderungen hervorrufen wird. Auch scheint sich an der Zahl
und am Tätigkeitsbereich der Provinzial-, Stadt- und Kreisorgane nichts zu ändern. Nach den Bestimmungen des Entwurfs der
Statuten sollen die allamerikanischen Gewerkschaften die gleichen Organisationskompetenzen beibehalten, wie sie bei dem
*) Baugewerbe, Metallindustrie, Eisenbahnen, Schiffahrt
und Fragen der gewerkschaftlichen Gütemarken (Union Labels)
und Dienstleistungen.
- 4 -

�früheren Anschluß an die AFL oder den CIO abgegrenzt worden
waren. Artikel III. Abschnitt 10 des Entwurfs sieht eine
Regelung von Kompetenzfragen zwischen verschiedenen Gewerkschaften auf frelrilliger Basis v o n
"Die angeschlossenen Gewerkschaften sollen angeregt werden, etwaige Konflikte und Überschneidungen in der Organisation und Jurisdiktion durch entsprechende Vereinbarungen,
Zusammenschluß oder andere Mittel auf Grund freiwilliger
Übereinkünfte und unter gleichzeitiger Konsultation der zuständigen Funktionäre des Gesamtverbandes beizulegen beziehungsweise zu vermeiden."
Nach den gegenwärtigen Plänen soll die Verschmelzung
der Provinzial-, Territorial- und Ortsverbände innerhalb
von zwei Jahren verwirklicht werden.
In Anerkennung des im Entwurf der Statuten dargelegten
Prinzips, demzufolge "sowohl Facharbeiter- als auch Industriegewerkschaften zweckdienliche, gleichberechtigte und notwendige Formen der gewerkschaftlichen Organisation darstellen",
soll innerhalb des AFL/CIO-Verbandes eine weitere Abteilung
für die Industriegewerkschaften errichtet werden.
In Zukunft wird der Gewerkschaftskongreß alle zwei Jahre
- und nicht mehr wie bisher alljährlich - abgehalten werden.
In der Zeit zwischen zwei Kongressen soll der neue Verband
von drei Vollzugsorganen geleitet werden, diese sind:
1. Der Bundesvorstand, als Lenkungsorgan, der sich aus
dem Präsidenten, dem Schatzmeister und den 27 Vizepräsidenten zusammensetzt und mindestens dreimal im Jahr zusammentritt.
2. Der Bundesausschuß, als beratendes Organ, der sich aus
dem Präsidenten, dem Schatzmeister und 6 Vizepräsidenten zusammensetzt und vierteljährlich einmal zusammentritt.
3. Der Vollzugsausschuß, der aus den Mitgliedern des
Vorstands und je einem der Spitzenfunktionäre- aller angeschlossenen amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften besteht und die Entscheidungsbefugnis über Fragen ausübt,
die den einzuschlagenden Kurs betreffen und die ihm vom Bundesvorstand oder Bundesausschuß unterbreitet werden. Der Vollzugsausschuß tritt jährlich mindestens einmal zusammen.
Die Vereinigung der Gewerkschaften der Eisenbahnbediensteten
Die "Vereinigung der Gewerkschaften der Eisenbahnbediensteten" (Railway Labor Executives' Association" - RLEA -)
besteht aus den Vorständen von 19 gewerkschaftlichen Organisationen, von den 16 der AFI und eine der CIO angehören und
zwei unabhängig sind. Zwölf der angeschlossenen Gewerkschaften
vertreten ausschließlich Interessen von Beschäftigten der Eisenbahnen, während die übrigen 7 hauptsächlich als Interessenvertretung anderer Berufsgruppen tätig sind. Abgesehen von dem
Eisenbahnbetriebspersonal, das in 3 nicht der "RLEA" angeschlossenen Gewerkschaften organisiert ist, vertreten die genannten 19 Gewerkschaften den größten Teil aller Beschäftigten der Eisenbahnlinien der Vereinigten Staaten * ) . Die RLEA
ist jedoch kein Dachverband, sie ist vielmehr ein Aktionsausschuß
*) Zwei der nicht dem RLEA angeschlossenen drei Gewerkschaften der Eisenbahnbediensteten haben ihre Absicht bekanntgegeben, vom Jahr 1956 an gleichfalls Vertreter in den Aktionsausschuß zu entsenden.

-5 -

�für Fragen der Arbeitsgesetzgebung und anderen Problemen,
die unmittelbar die Interessen der Eisenbahnbediensteten
berühren.
Quelle:

"Monthly Labor Review"

Vol. 78

No. 11

Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften und Unternehmern
bei der Lehrlingsausbildung (Schluß)
Das bedeutet nicht, daß sich keine Probleme ergeben.
Es gibt sogar eine ganze Menge, und manche sind sogar recht
schwerwiegend. Die meisten Probleme werden auf lokaler Ebene
erörtert. Jeder Ausschuß besitzt völlige Unabhängigkeit bezüglich der Art und des Umfangs des Ausbildungsprogramms.
Taucht ein Problem auf, das nicht zufriedenstellend gelöst
werden kann, so kann der Ortsausschuß die "Division of
Apprenticeship Standards" zu Rate ziehen. Für solche Fälle
setzt die Abteilung einige der insgesamt 48 Experten für
den Außendienst an, die den Ausschüssen dann mit Rat und
Tat zur Verfügung stehen und die über eine reiche Erfahrung verfügen.
Zu den wichtigsten Funktionen der Abteilung gehört es,
Informationen zu sammeln und sie anschließend den im Außendienst stehenden Experten und den gemeinsamen Ausschüssen
zur Verfügung zu stellen. Die Zentrale der Abteilung, in der
alle Fäden zusammenlaufen, liegt in San Francisco. Hier werden auch alle Sitzungsprotokolle und schriftlich getroffenen
Vereinbarungen der verschiedenen Ausschüsse aufbewahrt. Außerdem befinden sich hier sämtliche Unterlagen über die 104 107
Lehrlinge, die die Abteilung seit dem Jahre 1939 registriert
hat.
Das umfangreiche, in viele Aktenschränke eingeordnete
Zahlenmaterial wird mit Hilfe des Hollerithsystems tabelliert. Auf diese Weise läßt sich zum Beispiel in wenigen
Augenblicken ermitteln, wieviel Unternehmer die Ausbildungsprogramme subventionieren oder wieviel Lehrlinge es in dem
jeweiligen Berufszweig gibt.
Im Büro des Leiters dieser Dienststelle sind die Wände
mit graphischen Darstellungen bedeckt. Aus der einen Tafel
kann man das jeweilige Arbeitsgebiet der im Außendienst
stehenden Berater ersehen, andere wiederum zeigen die Beschäftigungslage in den einzelnen Handwerkszweigen oder
stellen die Zahl der in der Ausbildung befindlichen Fachkräfte dem künftigen Bedarf gegenüber.
Die Richtlinien der Abteilung werden vom Rat für das
Lehrlingswesen bestimmt, der sich aus vier Personen zusammensetzt, und zwar je einem Vertreter der Gewerkschaften,
der Betriebsführung, der Öffentlichkeit, sowie dem Leiter
der Division, Charles F. Hanna. Viele der 48 im Außendienst stehenden Berater, die vielleicht die wichtigsten
Funktionen der freiwilligen beruflichen Ausbildungsprogramme erfüllen, sind selbst früher Lehrlinge gewesen,
die dann später als Gewerkschaftsfunktionäre oder leitende
Angestellte Erfahrung in Industriebeziehungen sammelten.

- 6 -

�Obwohl diese Berater hinsichtlich der Standardisierung
der Ausbildungspraktiken innerhalb der einzelnen Tätigkeitssparten ein entscheidendes Wort mitzureden haben, so bestimmt
doch jeder Ausschuß den Inhalt des eigenen Programms, das
ganz auf die lokalen Erfordernisse abgestellt ist.
Die hervorragenden Leistungen der Ausschüsse in bezug
auf die Ausbildung erstklassiger Fachkräfte werden heute allgeoiein anerkannt. In den letzten Jahren haben Lehrlinge, die
an diesen Ausbildungsprogrammen teilgenommen hatten, bei
Leistungswettbewerben hervorragend abgeschnitten und zahlreiche Preise gewonnen.
Nicht jeder Teilnehmer an diesen Ausbildungsprogrammen
besteht die Abschlußprüfung. Mehr als ein Viertel von ihnen
versagt, ändert seine beruflichen Pläne oder wird zur Ableistung der Militärdienstpflicht herangezogen.
Diejenigen, die die Abschlußprüfung bestanden haben,
müssen jedoch noch viel leisten, ehe sie das endgültige
Diplom bekommen. Einige Berufe, w i e zum Beispiel der des
Druckers erfordern eine sechsjährige Ausbildungszeit, die
übrigens unter der Leitung der Allamerikanischen Druckergewerkschaft steht. In einem vier Jahre währenden Kursus
entfallen durchschnittlich 800C Stunden auf den praktischen
Unterricht, weitere 576 Stunden theoretischen Unterrichts
werden in Abendkursen, die zweimal wöchentlich stattfinden,
erteilt.
Cuelle:

"Labor's Laily"

Arbeitskosten und Mechanisierung
Warum produzieren die amerikanischen Arbeiter pro
Arbeitsstunde im Durchschnitt mehr als die Arbeiter in
anderen Industrieländern, obwohl Wissen und handwerkliches Können im allgemeinen in gleichem Maße vorhanden
sind ?
Um diese schwierige Frage beantworten zu können,
führte Dr. Seymour Melman, außerordentlicher Professor
für Industrietechnik an der Columbia-Universität, eine
Studie über Produktionsvorgänge und -methoden in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern durch. Er kam dabei
zu dem Schluß, daß die Entwicklung von Maschinen und Arbeitsmethoden zur Steigerung der Produktivität von dem Verhältnis zwischen Arbeits- und Maschinenkosten abhängt. Mit
anderen Worten, Dr. Melman ist der Ansicht, daß die mit der
Anwendung einer neuen Produktionsmethode verbundenen Kosten
ausschlaggebend für ihre Wahl sind. Historische und kulturelle Faktoren haben dabei den Einfluß hoher oder niedriger
Verhältniszahlen zwischen Lohn- und Maschinenkosten auf die
Bestimmung des Mechanisierungsgrades in der Industrie nicht
verhindert.
Die Auswahl von Produktionsmethoden kann durch ein einfaches Beispiel illustriert werden: das Problem der Beförderung von Fässern von einem Ort zum anderen. Es gibt drei
Transportmöglichkeiten: Mit einem einfachen Handwagen, einem
Elektrokarren oder einem Gabelstapler. Ein Arbeiter kann mit

- 7-

�einem Handwagen pro Stunde 17 Fässer transportieren; mit
dem Elektrokarren 53 Fässer und mit einem Gabelstapler
120 Fässer. Mit Ausnahme des Arbeitslohns fällt die Beförderung mit einem Handwagen finanziell nicht ins Gewicht; die Kosten für einen Transport mit dem Elektrokarren betragen 1,60 Dollar pro Stunde und die Verwendung
des Gabelstaplers 7 Dollar pro Stunde. Bringt man Aufwand
und Menge in ein Verhältnis zu den Arbeitskosten, so ist
es möglich aufzuzeigen, daß an einem bestimmten Punkt die
Arbeitskosten den Aufwand, den eine Mechanisierung des Arbeitsvorganges erfordern würde, übersteigen, so daß eine
Fortführung der manuellen Tätigkeit nicht mehr gegeben ist
und eine Mechanisierung die wirtschaftlichere Lösung darstellt.
Dr. Melman stellte weiter fest, daß in allen Ländern
die Arbeitskosten schneller steigen als die Maschinenkosten. Er glaubt, daß dies zumindest zum Teil darauf
zurückzuführen ist, daß die Firmen, die Industriemaschinen
herstellen, selbst mit steigenden Arbeitskosten zu tun
haben. Aus diesem Grunde haben sie arbeitssparende Produktionsmethoden eingeführt und sind daher in der Lage,
die gleichen Maschinen mit einem geringeren Aufwand an
kostspieliger menschlicher Arbeitskraft herzustellen.
Dr. Melman behauptet, daß ausreichende statistische
Unterlagen vorlägen, um zu beweisen, daß in praktisch jedem
industrialisierten Land nahezu 80$ der Produktivitätsabweichungen auf die Schwankungen des Kostenverhältnisses zwischen
Arbeits- und Maschineneinsatz zurückzuführen sind. Die übrigen 20$ oder mehr erklären sich aus einer Vielzahl sonstiger
Faktoren, von denen einige, wie beispielsweise das Vorhandensein von Elektrizität und Rohmaterial, in den Arbeits- und
Maschinenkosten zum Ausdruck kommen.
Die von dem Autor durchgeführten Werkanalysen innerhalb
eines einzelnen Industriezweiges ergeben, daß bei gleichen
Maschinenpreisen dieser Werke die Produktivität in direkter
Beziehung zu dem Durchschnittsstundenlohn der Produktivarbeiter steht. Solche Betriebe, die im besonderen Maße einem
starken Lohndruck ausgesetzt sind, haben dabei die durchgreifendsten Maßnahmen hinsichtlich der Verwendung arbeitssparender Produktionsmethoden und Maschinen ergriffen. In
den meisten Fällen vollziehen sich jedoch die Wechsel in
der Produktionstechnik nicht von heute auf morgen.
Dr. Melman stellte fest, daß eine Firmengruppe innerhalb
der Fertigungsindustrie etwa fünf Jahre für die Umstellung
ihrer Produktionsmethoden benötigte.
Nach Ansicht Dr. Melmans ist das Froduktivitätsniveau
in den seltensten Fällen das bewußte Ziel von Management
oder Arbeiterschaft; es wird auch nicht einmütig von einer
dieser beiden Gruppen festgelegt. Management und Arbeiterschaft versuchen jeder für sich, mit ihren eigenen Problemen fertig zu werden. Die Auswirkung ihres jeweils ausgeübten Druckes zwingt die Gegenpartei, eine Lösung für die
Probleme zu finden, die der andere verursacht hat. Die Arbeiter sind bemüht, ihren Lebensstandard zu verbessern, indem
sie höhere Löhne fordern. Hierdurch erwachsen der Betriebsleitung Kostenprobleme. Diese Probleme machen eine Revision
der Produktionsmethoden notwendig. So ist die Produktivität

- 8 -

�in erster Linie die Auswirkung des von der Arbeiterschaft ausgeübten Druckes der Forderung nach höheren Löhnen und der Bemühungen des Management, die Kosten zu verringern.
Quelle:

"Free Men at Work", No. 34

Finanzielle Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Management
Gewerkschaftliche Zuschüsse an Fonds, die der Industrie
als Ganzes zugute kommen, sowie direkte Kredite an Unternehmer
sind noch immer so außerordentlich selten, daß sie besonderer
Erwähnung bedürfen. Vor einigen Wochen sind drei solcher Zuwendungen erfolgt. Andere Beispiele dieser Art lassen sich aus den
letzten Jahren anführen, besonders aus der Bekleidungsindustrie,
wo verschiedene Gewerkschaften mit Unternehmern oder Wirtschaftsverbänden zusammenarbeiteten, um den Absatz von Industrieprodukten zu steigern.
Die Schuharbeitergewerkschaft gab zum Beispiel bekannt,
daß sie Jedem von der Schuhindustrie organisierten und unterhaltenen Fonds 100 000 Dollar zukommen lassen werde, damit
ein umfassendes Werbeprogramm zur Förderung des Schuhabsatzes
durchgeführt werden kann.
John J. Mara, der Vorsitzende der Gewerkschaft, erklärte
daß "die Schuharbeitergewerkschaften an dem Gedeihen und der
Ausweitung dieses großen Industriezweigs außerordentlich interessiert sind, denn eine noch stärker prosperierende Industrie bedeutet auch gleichzeitig größere Sicherheit und einen
höheren Lebensstandard für die 250 000 Schuharbeiter Amerikas.
Neue Abnehmerkreise zu gewinnen, ist für die Schuharbeitergewerkschaften von genauso vordringlicher Bedeutung wie für
die 25 000 Schuheinzelhandelsgeschäfte, die 1000 Schuhfabrikanten und die mehreren Tausend Mitgliedsfirmen verwandter
Branchen. Wir alle haben ein gleiches Interesse, dieses Ziel
zu erreichen".
Ein ausführlicher, von der Gewerkschaft ausgearbeiteter
Wirtschaftsbericht wies darauf hin, daß der Schuhverbrauch
pro Kopf im Laufe der letzten 10 Jahre vom Standpunkt des
stetigen Fortschritts aus betrachtet, unbefriedigend und unregelmäßig gewesen sei. Der Absatz an Damenschuhen habe zwar
zugenommen, dafür sei jedoch die Verkaufsziffer für Männerund Knabenschuhe zurückgegangen.
Im "Shoe Workers' Journal" heißt es in einem Leitartikel,
daß an das Angebot der Gewerkschaft keine Bedingungen geknüpft
seinen, außer derjenigen, daß die Zuschüsse "einem unter der
Schirmherrschaft der Industrie stehenden nationalen Fonds zur
Förderung des Schuhabsatzes zufließen sollen, der dazu verwendet werden soll, die amerikanische Öffentlichkeit dazu
anzuregen, mehr Schuhe zu kaufen. Es gibt aber noch andere
Dinge, die ebenfalls von der Industrie getan werden können,
und wo immer unsere Gewerkschaft dazu beitragen kann, die
Prosperität und die Ausweitung der Industrie zu fördern,
sind wir bereit, gewissenhaft und aktiv mitzuarbeiten."

- 9-

�Ein weiteres gemeinsames Förderungsprogramm ist in den
Kollektivvertrag zwischen der Stukkateurortsjewerkschaft
Nr. 224 und dem Stukkateurunternehmerverband von Santa Clara
County in Kalifornien aufgenommen worden. Dieser Vertrag bestimmt, daß jeder Arbeiter von seinem Lohn pro Arbeitsstunde
1V2 Cent in einen Fonds abzuführen hat, in den der Arbeitgeber einen jleichhohen Beitrag abführt und dessen Mittel
für einen Reklamefeldzug zur Hervorhebung der Vorzüge von
Gipsmörtel gegenüber anderen Baumaterialien verwendet werden
sollen.
Ein ähnlicher Plan wurde vor einem Jahr auf rein freiwilliger Basis erfolgreich zur Durchführung gebracht, als
die Gewerkschaftsmitglieder einen Tageslohn an den Fonds
abführten und die Arbeitgeber einen Zuschuß in gleicher
Höhe leisteten. John H. Dunlea, der Vorsitzende der "Builders
Exchange Business Manager" von Santa Clara County-, bezeichnete
diesen Plan als wesentlichen Beitrag zur Förderung besserer
Arbeitsbeziehungen, da er dem Arbeiter das Gefühl der Beteiligung am Betrieb gebe.
Eine andere Form der finanziellen Zusammenarbeit wurde von
den Mitgliedern der"Vereinigten Bekleidungsarbeitergewerkschaft"
(ACW) erfolgreich angewendet. Die über 500 organisierten Beschäftigten der "Hamilton Tailoring Co." in Cincinnati (Ohio)
stellten der Firme leihweise 100 000 Dollar zur Verfügung, um
ihr aus vorübergehenden finanziellen Schwierigkeiten zu helfen,
die durch die kurz vorher erfolgte Neuerwerbung weiterer Schneiderwerkstätten ausgelöst wurden.
Das Geld wurde der Schneidereifirma von dem Leiter des
Vorstandes der Vereinigten Bekleidungsarbeiter in Cincinnati,
Jack Kroll, übergeben. Den Beschäftigten werden dabei 10#
ihres Lohnes als ihr Kreditanteil abgezogen. Hierfür erhalten
sie 3V2prozentige Schuldverschreibungen. Die Firma zahlt der
Gewerkschaft monatlich 10 000 Dollar, bis die Schuld getilgt
ist.
Auf die Frage, warum die Gewerkschaft der Betriebsführung
einen Kredit gewährt, erklärte Mr. Kroll: "Unsere Mitglieder
arbeiten dort, es ist ihre Arbeitsstätte. Das Ziel der Gewerkschaft ist es, die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder zu erhalten.
Wir betrachten uns als Teil der Industrie."
Quelle:

"Free Men at Work", No. 34

Kurznachrichten
"Garantierter Jahreslohn" bereits in 252 Betrieben
Die "Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft" (UAW)
gab bekannt, daß 1 002 098 Arbeiter, das sind zwei Drittel
ihrer Mitglieder, gegenwärtig von Verträgen erfaßt werden,
die Bestimmungen über die Gewährung von zusätzlicher Arbeitslosenunterstützung oder den "Garantierten Jahreslohn" enthalten.
Die Aufnahme dieser Klauseln in Tarifverträge setzte die
Gewerkschaft in weniger als sieben Monaten durch, wohingegen
- 10

�sie für die Aufnahme von Altersversorgungsbestimmungen für
eine Million Mitglieder nahezu zwei Jahre benötigte.
Die Ford Motor Co. war die erste Automobilfirma, die
dem Plan zustimmte; sie unterzeichnete ihn am 8.Juni 1955.
Gegenwärtig gibt es 232 Groß- und Kleinbetriebe, die die
garantierte Jahreslohnklausel in ihre Vereinbarungen mit
der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft aufgenommen
haben.

Neues Lohnabkommen in der Schuhindustrie
Die amerikanische Schuharbeitergewerkschaft (Boot and
Shoe Workers Union) beendete kürzlich ihren vierwöchigen
Streik ge^en zwei Unternehmen, nachdem man sich über die
Bedingungen bezüglich der Beilegung des Streiks geeinigt
hatte, die als die bisher "besten in der Industrie" bezeichnet wurden. 29 000 Arbeiter in 42 Werken der "International
Shoe Company" und der "Brown Shoe Co." im Gebiet v o n
St. Louis waren an diesem Streik beteiligt.
Russell Taylor, der Vorsitzende der Schuharbeitergewerkschaft erklärte, daß die Verhandlungen nur durch eine
sehr enge Zusammenarbeit erfolgreich abgeschlossen werden
können.
Das Abkommen wurde für eine Dauer von zwei Jahren abgeschlossen, mit der Möglichkeit es unter Umständen noch
auf ein drittes Jahr auszudehnen. Die Vereinbarung sieht
unter anderem eine 5prozentige Lohnerhöhung vor, und zwar
rückwirkend ab I.Oktober 1955, sowie Feiertagsvergütung
für den amerikanischen Heldengedenktag (Veterans Day) und
Erntedanktag (Thanksgiving Day). Eine weitere dreiprozentije Lohnerhöhung soll am I.April dieses Jahres wirksam
werden.
Über die Annahme der von den Fabrikanten vereinbarten
Altersversorgungsbestimmungen wird die Gewerkschaft in 18
Monaten entscheiden. Der Gewerkschaft steht dann eine
90tägige Frist zu, während der sie die Pläne der Fabrikanten
annehmen oder verwerfen oder ihre eigenen Vorschläge unterbreiten kann.
Im Sommer werden die Firmen für 14 Tage ihre Produktion
einstellen und Betriebsferien machen. Für diese Zeit erhalten die Arbeiter ihren Lohn im voraus. Diese Regelung ist
bisher einmalig in der Industrie.

Weibliche Arbeitskräfte in den USA
Kürzlich erörterten 21 Abgeordnete führender amerikanischer Frauenorganisationen und Vertreter des "National
Manpower Council" die Probleme, die sich im Zusammenhang
mit dem Einsatz weiblicher Arbeitskräfte in der Industrie
ergeben.
Der "Manpower Council», der durch die Ford-Stiftung unterstützt wird, arbeitet zur Zeit an einer Studie über
- 11 -

�"weibliche Arbeitskräfte in den USA", die im kommenden
Sommer veröffentlicht werden soll.
Nach dem Bericht Dr. Henry Davids, des leitenden
Direktors dieser Organisation, haben die Diskussionen
ergeben, daß die steigende Zahl berufstätiger amerikanischer Ehefrauen den überkommenen Begriff "einer voll und
ganz in ihrem Beruf aufgehenden Frau, die ledig bleibt"
hinfällig werden läßt. David bemerkte, daß etwa 30 Prozent
des amerikanischen Arbeitspotentials aus verheirateten
Frauen besteht.Er fügte "hinzu, daß im Jahre 1890 nur
2Y2 Prozent der berufstätigen Frauen verheiratet waren,
mit Ausnahme der in der Haus- oder Landwirtschaft tätigen Hilfskräfte.

12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wercjen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

II - 4

Mehlem, den 17. Februar 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Struktur und Hitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung
in USA (Schlues)

Seite

1

Wie der amerikanische Automobilarbeiter lebt

Seite

7

Gewerkschaftsfuehrer im Exil berichten ueber das Los
der Arbeiterschaft in sowjetischen Satellitenstaaten ...
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 10
Seite 11

William Paschelli
Struktur und Mitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung in USA (Schluss)
Nlchtangeschlossene oder unabhaengige Gewerkschaften
Ende 1955 waren dem "US-Amt fuer Arbeitsstatistik" 57 allamerikanische Gewerkschaften bekannt, die als sogenannte unabhaengige oder
nichtangeschlossene Gewerkschaften gelten koennen, da sie weder der
AFL noch dem CIO angehoeren. Ihre Gesamtmitgliederzahl betrug im Jahre
1954 schaetzungsweise 1,8 Millionen und war damit gegenueber den Schaetzzahlen von 1951 um 0,7 Millionen zurueckgegangen. Dieser Rueckgang ist
zum Teil auf den Beitrtitt frueherer unabhaengiger Gewerkschaften zur
AFL oder CIO zurueckzufuehren. Zu diesen unabhaengigen Verbaenden gehoeren einige der aeltesten und bekanntesten Arbeitnehmerorganisationen,
wie die vier "Gewerkschaften des Eisenbahnbetriebspersonals" und die
"Vereinigte Bergarbeiter-Gewerkschaft" (United Mine Workers of America UMW). Saemtliche in diese Untersuchung einbezogenen unabhaengigen Gewerkschaften haben, mit Ausnahme der Gewerkschaften der Bundesbediensteten, Kollektivvertraege mit Arbeitgebern in mehr als einem Bundesstaat
abgeschlossen.
Von den 11 Gewerkschaften, die in den Jahren 1949-1950 vom CIO
auf Grund ihrer kommunistischen Tendenzen ausgeschlossen wurden, bestehen
heute nur noch vier, und zwar die "Vereinigte Gewerkschaft der Arbeiter
der Elektro-, Radio- und Maschinenindustrie" (United Electrical, Radio
and Machine Workers of America), die "Allamerikanische Gewerkschaft der

- 1 -

�Arbeiter im Bergbau und Huettenwesen" (international Union of Mine, Hill
and Smelter Workers), die "Allamerikanisohe Gewerkschaft der Hafen- und
Lagerarbeiter" (international Longshoremen's and Warehousemen's Union)
und die "Amerikanische Gewerkschaft fuer das Pernmeldewesen" (American
Communications Association). Ihre Gesamtmitgliederzahl ging auf etwa ein
Drittel des Standes vom Zeitpunkt des Ausschlusses (850 000 bis 900 000)
zurueck. Der Mitgliederschwund laesst sich auf verschiedene Ursachen zurueckfuehren; dazu gehoeren die Uebertritte in die Gewerkschaft der
Elektro-, Radio- und Maschinenmechaniker und in die Vereinigten Gewerkschaften der Arbeiter in der Automobil-, Plugzeug- und Landwirtschaftemaschinenindustrie" (United Automobile, Aircraft and Agricultural Implement Workers - UAW), die Aufloesung mehrerer linksorientierter Gewerkschaften und der Beitritt ihrer Mitglieder zu Gewerkschaften innerhalb
der AFL oder des CIO, der Erwerb des Status einer angeschlossenen Gewerkschaft seitens einiger dieser Arbeitnehmerverbaende durch den Beitritt
zu einem der grossen Verbaende sowie die Gegnerschaft sowohl der fuehrenden Maenner der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung als auch der gesamten
Arbeiterschaft zu den kommunistisch beherrschten Verbaenden.

Die Gesamtmitgliederzahl
Die Berichte von 177 amerikanischen und allamerikaniechen Gewerkschaften, ergaenzt durch die Schaetzungen des "US-Amtes fuer Arbeitsstatistik"
im Falle jener 22 Gewerkschaften, die keine Mitgliederzahlen bekanntgegeben haben, ergaben fuer das Jahr 1954 eine Gesamtzahl von 17,757 Millionen. Unter Hinzurechnung der Mitglieder der der AFL angeschlossenen Gewerkschaften Oeffentliche Dienste (184 000) und der dem CIO angehoerenden
kleineren oertlichen Industriegewerkschaften (15 000) laesst sich die Gesamtmitgliederzahl auf 18 Millionen beziffern. Hiervon entfallen 10,9
Millionen auf die AFL, 5,2 Millionen auf den CIO und 1,8 Millionen auf
die unabhaengigen Gewerkschaften. Etwas mehr als eine Million Gewerkschaftsmitglieder haben ihren Wohnsitz ausserhalb der Vereinigten Staaten.
Die Gesamtmitgliederzahl von 18 Millionen gibt kein genaues Bild von
der Zahl der Menschen, die in den Vereinigten Staaten innerhalb der Arbeiterbewegung stehen. Mindestens 355 000 Mitglieder wurden von verschiedenen Gewerkschaften nicht in ihren Berichten aufgefuehrt, darunter Arbeitslose und Arbeiter, die in irgendwelche Streiks verwickelt waren oder
ihre Dienstzeit bei den Streitkraeften ableisteten, sowie Lehrlinge und
pensionierte Arbeiter. Das sind alle jene Personen, die voellig oder teilweise von der Beitragspflicht befreit waren. Die Mitglieder von nichtangeschlossenen oder unabhaengigen Gewerkschaften, deren Taetigkeitsbereich sich nicht ueber mehrere Bundesstaaten erstreckt, blieben gleichfalls
unberuecksichtigt. Wie aus den vorliegenden Kollektivvertraegen solcher
Gewerkschaften ersichtlich ist, fallen in diese Kategorie mindestens
500 000 Arbeiter.
Mitglieder, die ihren Wohnsitz nicht im Gebiet der Vereinigten Staaten haben
Von den 199 amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften betaetigen sich 132 auch jenseits der Grenzen der kontinentalen Vereinigten
Staaten, so in Kanada, Hawaii, Puerto Rico und in der Panamakanal-Zone.
Von ihnen hatten 73 sich in ihrer Taetigkeit ausserhalb der Vereinigten
Staaten ausschliesslich auf Kanada beschraenkt, weitere 45 betaetigen sich
in Kanada und anderen Gebieten gleichzeitig, waehrend 14 von ihnen sioh
ueberhaupt nicht in Kanada betaetigten. Die Gesamtmitgliederzahl dieser
Gewerkschaften in Gebieten ausserhalb der Vereinigten Staaten belief sich
im Jahre 1954 auf 1,039 Millionen. Der groesste Anteil entfiel dabei auf
Kanada, wo es 118 allamerikanische Gewerkschaften mit 935 000 Mitgliedern
gibt. Auf die uebrigen Gebiete, die praktisch alle Territorien oder Besitzungen der Vereinigten Staaten sind, entfielen rund 105 000 Mitglieder,

- 2 -

�die sioh wie folgt verteiltem Puerto Rico 53 000, Hawaii 33 000, Alaska
16 000 und Panamakanal-Zone 2000. Fast die gesamten organisierten Arbeiter in Puerto Rico und in Hawaii gehoeren je einer Gewerkschaft an, waehrend sich die Mitglieder in Alaska und in der Kanal-Zone auf eine ganze
Reihe von Gewerkschaften verteilen. Weitere 1000 Mitglieder von 5 Gewerkschaften leben in verschiedenen Teilen der Welt.
Entwicklungstendenzen der Mitgliederzahl
Nachdem die staendig ruecklaeufige Entwicklung der Gesamtzahl der
Gewerkschaftsmitglieder zu Beginn der dreissiger Jahre, in der Zeit der
Depression, zum Stillstand gekommen war, begann ein bisher einmaliger Anstieg, der bis Mitte der vierziger Jahre anhielt. Von 1935 bis 1940 stieg
die Mitgliederzahl von 3,5 Millionen auf mehr als 8,5 Millionen und erreichte im Jahre 1945 beinahe 14,5 Millionen. Seitdem ist eine etwas langsamere Aufwaertsentwicklung zu verzeichnen. Die Wachstumsrate wird erst
dann voll ersichtlich, wenn man die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften
in Beziehung zur Gesamtbeschaeftigtenzahl bringt, da das Heer der Werktaetigen das Reservoir darstellt, aus dem die Gewerkschaften ihre Mitglieder
rekrutieren koennen. Wir haben zum Zwecke des Vergleichs zwei Serien von
statistischen Angaben herangezogen: a) die Gesamtzahl der Arbeitsfaehigen,
die sowohl die tatsaechlich Berufstaetigen, als auch Arbeitslose, selbstaendig Berufstaetige und die Angehoerigen der Streitkraefte und so weiter
einschliesst; und b) die Zahl der Berufstaetigen in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben, bei der die Angehoerigen der Streitkraefte, Arbeitslose,
landwirtschaftliche Hilfskraefte und Selbstaendige, unentgeltlich mitarbeitende Familienangehoerige und Dienstpersonal - Personengruppen, die
ohnehin kein besonderes Interesse am gewerkschaftlichen Zusammenschluss
zeigen - angeschlossen sind.
Von 1930 bis 1945 stieg der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der
Gesamtzahl der Arbeitsfaehigen von 7 auf 22 $. Im Jahre 1954 betrug er
nahezu 25 $&gt;, das heisst mit anderen Worten, jeder vierte Arbeiter stand
innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Wenn man die Gesamtzahl der Werktaetigen in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben zugrunde legt, die bekanntlich
den Hauptanteil an den Gewerkschaftsmitgliedern stellen, so kommen wir
auf noch guenstigere VerhaeltniszahDen: hier ist von 1930 Die Kriegsende
1945 «in Anstieg von 12 auf 369t zu verzeichnen. Seit jener Zeit haelt der
Zuwachs an Mitgliedern etwa mit der Zunahme der Beschaeftigten in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben Schritt. So traf im letzten Jahrzehnt
praktisch ein Gewerkschaftsmitglied auf 3 Beschaeftigte in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben.
Auf Jahresbasis angestellte Vergleiche von Gesamtmitgliederzahlen
geben nur unzulaenglich Aufschluss ueber Zuwachs und Abgang innerhalb der
verschiedenen Gewerkschaften. Waehrend beispielsweise die Gesamtmitgliederzahlen von 1953 auf 1954 um 0,5 $&gt; anstiegen, schwankten sie bei ueber
einem Fuenftel der Gewerkschaften, die den Fragebogen des Amtes fuer Arbeitsstatistik ausgefuellt haben, um 10$ und mehr. Zwischen 1951 und 1954
waren bei schaetzungsweise der Haelfte aller Gewerkschaften Abnahmen oder
Zugaenge um 10$ und darueber zu vermerken, und nur bei 3°$ aller Gewerkschaften war eine Fluktuation um weniger als 5$ eingetreten.
Es faellt sehr schwer, jene Faktoren, die zu solchen Veraenderungen
fuehrten, klar aufzuspueren und in ihrer Bedeutung zu erfassen. Einige von
diesen, so etwa die Zunahme der Mitgliederzahl einer Gewerkschaft auf
Kosten einer anderen, und Gewerkschaftszusammenschluesse, bei denen die
gesamte Mitgliederschaft geschlossen in einen anderen Verband uebergefuehrt
wird, bringen keinen echten Mitgliederzuwachs t'uer die Arbeiterbewegung
als Ganzes. Andere Faktoren wiederum, wie der Rueckgang oder die Zunahme
der Beschaeftigtenzahl in Industrien, in denen die Arbeiterschaft stark

- 3-

�gewerkschaftlich orientiert ist, bringen Verluste oder Gewinne mit sich,
die siöh auch auf die Gesamtmitgliederzahlen auswirken koennen. Die Auswirkungen der sogenannten Union-Shop-Vereinbarungen - Vereinbarungen zwischen den Gewerkschaften und Unternehmern ueber die Festsetzung der Arbeitsbedingungen, die den Beitrtitt zur Gewerkschaft als eine Voraussetzung
fuer die Beschaeftigung vorsehen - haben zweifelsohne erheblichen Anteil
an dem Steigen der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in juengerer Zeit,
auch wenn diese Praktiken in einigen Industriezweigen schon seit langem
geuebt werden.
Groe38enordnungen
Sie amerikanische Arbeiterbewegung ist nach wie vor dadurch gehemmt,
dass ein hoher Prozentsatz der Gesamtmitgliederzahl auf einige wenige
Gewerkschaften entfaellt. Fast die Haelfte der Gesamtmitgliederzahl von
199 Gewerkschaften entfaellt auf 13 Verbaende. Sechs Gewerkschaften mit
jeweils ueber 500 000 Mitgliedern vertreten die Interessen von mehr als
5,9 Millionen Werktaetigen, das ist ein Drittel der Gesamtmitgliederzahl.
Die Mitgliederzahl ist jedoch nicht notwendigerweise der Gradmesser fuer
die Staerke einer Gewerkschaft. Die grossen allamerikanischen Verbaende
haben natuerlich groessere Moeglichkeiten, die ihnen angeschlossenen Ortsverbaende finanziell und anderweitig zu unterstuetzen. Andererseits haben
haeufig kleinere Gewerkschaften, die sich in weniger stark besetzten Industrien betaetigen und jene, deren Arbeiter auf Grund der von ihnen ausgeuebten Taetigkeit eine gewisse Schluesselstellung einnehmen, eine Macht,
die aus ihren Mitgliederzahlen nicht ohne weiteres abzulesen ist.
Frauen in der Gewerkschaftsbewegung
Im Jahre 1954 waren etwa 3 Millionen Frauen eingeschriebene Mitglieder allamerikanischer Gewerkschaften. Das heisst, dass etwa ein Sechstel
aller Gewerkschaftsmitglieder Frauen waren. Diese Zahlen stuetzen sich bei
135 Gewerkschaften auf die genannten Fragebogen und im wesentlichen bei
den restlichen 64 Verbaenden auf Schaetzungen noch verfuegbarer Informationen. Ein Vergleich mit den Statistiken ueber die Gesamtzahl der Beschaeftigten ergibt, dass jede siebte berufstaetige Frau einer Gewerkschaft
angehoerte.
Die Berichte der Gewerkschaften und die Schaetzungen lassen erkennen,
dass 1,3 Millionen Frauen auf 22 Gewerkschaften entfallen, bei denen jeweils mindestens die Haelfte aller Mitglieder Frauen waren. Eine fast
gleichgrosse Zahl von Frauen gehoeren weiteren 18 grossen Gewerkschaften
an, die mindestens 25 000 weibliche Mitglieder zaehlten. Demnach entfallen rund 2,5 Millionen Frauen oder fuenf Sechstel der gesamten weiblichen
Gewerkschaftsmitglieder auf insgesamt 40 Gewerkschaften. Bei 61 Gewerkschaften betraegt der Anteil der weiblichen Mitglieder weniger als 10j6,
und 49 Gewerkschaften zaehlen ueberhaupt keine Frauen zu ihren Mitgliedern.
Der groesste Teil der organisierten Frauen gehoert Gewerkschaften an,
die in der Bekleidungsindustrie, im Dienstleistungsgewerbe, im elektrischen
Apparatebau, im Nachrichtenwesen und in den Spinnereien und Webereien
taetig sind.
Funktionen der Gewerkschaften
Die Taetigkeit der Gewerkschaften wird durch die Statuten geregelt,
Die Grenzen zwischen der Zustaendigkeit der Gesamtverbaende und ihrer
Ortsverbaende sind unterschiedlich weit gezogen. Wie immer auch im Einzelfall
die Verantwortungsbereiche gegeneinander abgegrenzt sein moegen, so dient
doch sowohl die Arbeit der Gesamtverbaende als auch die der Ortsverbaende

-4 -

�dem gleichen Zieli den «eiteren-Ausbau der Kollektivvertraege und der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Mitgliederschaft.
Die Ortsgewerkschaften
Im allgemeinen entspricht die Zahl der Ortsverbaende der einzelnen
Gewerkschaften in etwa der Zahl ihrer Hitglieder, das heisst, dass einige
wenige Verbaende mit einer grossen Zahl von Ortsgewerkschaften auch den
gröessten Anteil der Gesamtmitgliederzahl auf sich vereinen. Von den
schaetzungsweise 77 OOO Ortsverbaenden der 199 allamerikanischen Gewerkschaften, die in diese Uebersicht miteinbezogen wurden, entfielen 40 000
oder mehr als die Haelfte auf 19 Gewerkschaften. Dagegen haben 80 Gewerkschaften mit jeweils weniger als 100 Ortsverbaenden zusammengenommen nur
knapp mehr als 3000 Ortsverbaende, das sind nur 4$ der Gesamtzahl.
Zwoelf allamerikanische Gewerkschaften der AFL meldeten insgesamt
rund 25 000 Ortsverbaende oder schaetzungsweise die Baelfte aller AFLOrtsgewerkschaften ueberhaupt. Innerhalb des CIO entfallen nahezu 40$
der insgesamt 10 000 Ortsverbaende auf nur zwei Gewerkschaften. Bei den
unabhaengigen Gewerkschaften sind nahezu 70$ von insgesamt 13 000 Ortsverbaenden fuenf Gewerkschaften angeschlossen.
Die allamerikanischen Gewerkschaften mit grossen Hitgliederzahlen
weisen allgemein auch eine grosse Anzahl von Ortsverbaenden auf. Die
groesste Zahl von Ortsgewerkschaften, 13 000, entfaellt jedoch auf drei
mittelgrosse Gewerkschaften der Postbediensteten mit einer Gesamtmitgliederzahl von nur 250 000.
»
Kollektivvertraege
Den gröessten Raum innerhalb der Gewerkschaftsarbeit nehmen die
Verhandlungen zum Abschluss von Kollektivvertraegen ein. In ihnen finden
die Bemuehungen der Gewerkschaften um eine Verbesserung der Loehne und
Arbeitsbedingungen ihren sichtbaren Niederschlag. Nach zuverlaessigen
Schaetzungen sind zur Zeit mindestens 125 000 Kollektivvertraege in Kraft.
Rund 70 000 wurden von den 135 Gewerkschaften ausgehandelt, die den Fragebogen des Amtes fuer Arbeitsstatistik ausgefuellt haben.
Unter ausschliesslicher Berücksichtigung der Angaben des Fragebogens
ergibt sich folgende Aufteilung! 57 Gewerkschaften haben jeweils weniger
als 100 Kollektivvertraege, 36 zwischen 100 und 500, 12 zwischen 500 und
1000 und 19 mehr als 1000 abgeschlossen. Neun Gewerkschaften, in erster
Linie Gewerkschaften von Bundesbediensteten, hatten keinerlei Kollektivvertraege aufzuweisen. Jene 19 Gewerkschaften mit mehr als 1000 Vertraegen hatten zusammen mehr als 50 000 Kollektivvertraege abgeschlossen.
Gewerkschaftskongresse
Das hoechste Gremium der Gewerkschaftspolitik ist der Kongress. Er
uebt in vielen Gewerkschaften die obersten Entscheidungsbefugnisse fuer
alle Streitfragen aus, die sich aus gewerkschaftlichen Hassnahmen saemtlicher Ebenen ergeben koennen. Die Ortsvereine waehlen ihre Delegierten
zum Kongress aus dem Vorstand, wobei die Staerke der Delegation meist
in einem gewissen Verhaeltnis zur Mitgliederzahl steht. Die Gewerkschaftskongresse von 114 Verbaenden fanden mindestens alle zwei Jahre oder in
noch kuerzeren Zeitabstaenden statt. Bei 71 Gewerkschaften waren zwei
Jahre die Regel.

- 5-

�Festangestelltes Personal
Die Gewerkschaften stuetzen sich in ihrer Taetigkeit in steigendem
Ilasse auf Analysen und Unterlagen, die von Statistikern, Wirtschaftssachverstaendigen und Juristen erarbeitet wurden, um die Argumente, die bei
Kollektivverhandlungen, oeffentlichen Diskussionen und in Fragen der Arbeitsgesetzgebung ins Feld gefuehrt werden, wissenschaftlich zu untermauern. Eine fachliche Beratung ist haeufig auch bei der Fertigstellung
von Entwuerfen von Kollektivvertraegen wuenschenswert, da sich Ausmaas und
Auswirkungen dieser Abmachungen staendig vergroessern. Die Gewerkschaftsvertreter in den Betrieben ersuchen haeufig ihren Verband um Rat in Fragen der Interpretation, der Anwendung und der Durchfuehrung solcher Vertraege. In Anerkennung der Notwendigkeit, eigens fuer diese Zwecke geschultes Personal staendig zur Hand zu haben, richteten die allamerikanischen Gewerkschaften eigene Forschungs- und Erziehungsabteilungen mit
ganz- oder halbtaegig festangestellten Mitarbeitern ein. In juengerer Zeit
kommt hierzu noch die Bestellung von Forschungs- und Erziehungsdirektoren
bei den Gewerkschaftsorganen in den Einzelstaaten.
Ton den 199 allamerikanischen Gewerkschaften, die in diese Untersuchung einbezogen sind, hatten 96 einen Forschungsdirektor und 81 einen
Erziehungsdirektor. Bei 22 der insgesamt 95 einzelstaatlichen Organe der
AFI und des CIO bestand die Stelle eines Forschungsdirektors und bei 29
die eines Erziehungsdirektors.
In den letzten Jahren nahm die Zahl der Kollektivabmachungen ueber
Massnahmen der Kranken- und Altersversicherung sowie ueber die gesundheitliche Betreuung der Betriebsangehoerigen erheblich zu. Den Gewerkschaften erwaechst hieraus eine noch umfassendere Verantwortung fuer die Arbeiterschaft. Um den hier gegebenen Verpflichtungen gerecht werden zu koennen, haben die Gewerkschaften entsprechende Fachkraefte angestellt, die als
Berater in finanziellen, versicherungstechnischen und aehnlichen Fragen
taetig sind. Dies trifft fuer 92 Gewerkschaften zu. Bei 60 Gewerkschaften
von ihnen haben die hierfuer zustaendigen Funktionaere noch andere Aufgaben, sei es als Vorstandsmitglieder, Schatzmeister oder Forschungs- und
Erziehungsdirektoren.
Publikationen
Zweck der gewerkschaftlichen Publikationen ist es, den Kontakt zwischen dem Dachverband und den Mitgliedern in den angeschlossenen Ortsverbaenden aufrecht zu erhalten. Sie unterrichten ihre Leser ueber alle gewerkschaftlichen Belange und andere Fragen, die fuer die schaffenden Menschen von Bedeutung sind. Was ihre Aufmachung angeht, so finden sich
attraktiv aufgemachte Zeitungen und Zeitschriften neben vervielfaeltigten
einseitigen Flugblaettem.
Von den 199 allamerikanischen Gewerkschaften besassen 166 eine eigene
Publikation. Neun Gewerkschaften meldeten zwei Publikationen, so dass sich
die Gesamtzahl auf 175 beziffert. 122 Publikationen erscheinen monatlioh,
15 halbmonatlich, 14 alle zwei Monate, 13 vierteljaehrlich, 7 woechentlich und 4 in unregelmaesslgen Abataenden.
Von den 95 bundesstaatlichen Organen der AFL und des CIO gaben 49
eine eigene Publikation heraus, 3 davon sogar zwei, so dass sich die Gesamtzahl auf 52 belaeuft} 23 erschienen monatlich, 13 woechentlich, 2
halbmonatlich, eine alle zwei Monate, eine vierteljaehrlich, 9 jaehrlich
und 3 in unbestimmten Zeitabschnitten.
Sitz
Im Jahre 1954 hatten 144 von 149 allamerikanischen Gewerkschaften

- 6-

�Ihren Sitz in 10 Stsedten, naemlich in Washington, New York, Detroit,
Indianapolis, Chicago, Cincinnati, Cleveland, St. Louis, Philadelphia
und Milwaukee. Hier nimmt Washington den wichtigsten Platz ein, wo 46
Gewerkschaften mit einer Gesamtmitgliederzahl von 6,5 Millionen ihren
Sitz haben. Washington war ferner Sitz sowohl der AFL als auch des CIO.
New York, Detroit, Indianapolis und Chicago waren Sitz von jeweils
mindestens 5 allamerikanischen Gewerkschaften mit einer Gesamtmitgliederzahl von jeweils mehr als einer Million.
Quelle: "Monthly Labor Review" Vol. 78 No. 11

Wie der amerikanische Automobilarbeiter lebt
Die Einkuenfte des amerikanischen Lohnempfaengers von heute sind
hoeher als die jedes anderen Arbeitnehmers in der ganzen Welt. Er verfuegt ueber ein nicht unerhebliches Eigentum, fuer gewoehnlich ueber
ein Bankkonto sowie ueber eine Menge materieller Annehmlichkeiten.
Er erfreut sich einer relativ grossen Arbeitsplatzsicherheit, und in
der Automobilindustrie wird ihm heute sogar ein ganz nettes Einkommen
zugesichert, selbst wenn er nicht arbeitet - ein bedeutsamer Schritt in
Richtung auf den garantierten Jahreslohn ....
Ein sehr gutes Bild ueber die Lebensweise des amerikanischen Arbeiters bekommt man, wenn man einmal Detroit, das Zentrum der amerikanischen Automobilindustrie besucht. Um dieses Bild noch zu erhellen, stattete ein Wort- und Bildreporter der illustrierten Wochenzeitschrift
"U.S. News and World Report", dem bei der "Ford Motor Co." beschaeftigten Produktionsarbeiter Thomas Paul Brackett an seiner Arbeitsstaette
und in seinem Heim einen Besuch ab.
Mr. Brackett ist 41 Jahre alt. Er besitzt hoehere Schulbildung.
Im Laufe seiner Berufstaetigkeit arbeitete er fuer die Autofirmen
"Hudson", "Dodge", "Kelsey-Hayes Wheel Company" und "Ford". Er erhaelt
2,13-J- Dollar pro Stunde und kommt damit dem in der Automobilindustrie
ueblichen Durchschnitt von 2,10 Dollar und dem in der Dauergueterindustrie
in Hoehe von 1,99 Dollar nahe. Seine Taetigkeit und seine Art zu leben
ist typisch fuer die von Millionen anderer Industriearbeiter von Boston
bis San Francisco, Mr. Brackett ist Induktionsofen-Waerter. Seine Aufgabe besteht darin, die Getriebezahnraeder zu vergueten. Er arbeitet in der
Motorenfabrik seiner Firma in Dearborn, einem der modernsten und nahezu
vollautomatisch arbeitenden Betriebe in der Industrie.
Bei einer 40stuendigen Arbeitswoche wuerde Mr. Brackett 85,40 Dollar
verdienen. Seine Einkuenfte sind jedoch wesentlich hoeher. Die Fordwerke
haben viele Monate lang auf Hochtouren gearbeitet, und Mr. Brackett hat
genau wie seine Arbeitskollegen eine Menge Ueberstunden geleistet. Fuer
gewoehnlich arbeitet er sechs Tage in der Woche; fuer den sechsten Arbeitstag erhaelt er die eineinhalbfache Verguetung; manchmal arbeitet
er auch sonntags. Sein Lohn liegt infolgedessen im Durchschnitt bei 119»56
Dollar pro Woche.
Mr. Bracketts Jahreseinkuenfte lassen einen klaren Rueckschluss zu,
welchen Anteil er an der Prosperitaet der Vereinigten Staaten hatte. Im
Jahre 1952, als er wenig oder gar keine Ueberstunden hatte, betrug sein
Bruttoeinkommen 3730,85 Dollar. Im naechsten Jahr stieg es durch Ueberstunden auf 4579 Dollar. Im Jahre 1954 wuchs sein Einkommen ourch Ableistung einer noch wesentlich groesseren Anzahl Ueberstunden auf 5978

- 7-

�Dollar. Im Jahr« 1954
wesentlich groesseren
zug der Steuern blieb
Es ist moeglich, dass
den arbeiten wird, er
und rechnet mit einem

wuchs sein Einkommen durch Ableistung einer noch
Anzahl Ueberstunden auf 5978 Dollar an, nach AbBrackett noch ein Nettoeinkommen von 5430 Dollar.
er in diesem Jahr nicht ganz so viele Ueberstunhat jedoch inzwischen eine Lohnerhoehung bekommen
Jahreseinkommen von ueber 5000 Dollar.

Mit diesen mehr als 5000 Dollar, die Brackett in diesem Jahr verdienen wird, sind die Leistungen der Firma jedoch noch nicht erschoepft;
Brackett ist in einer Lebens- und Krankenversicherung, fuer die die Ford
Co. einen wesentlichen Beitrag leistet, ,er erhaelt gegebenenfalls Kranken- und Invalidengeld, die Firma kommt fuer seine Altersversorgung
auf und zahlt ihm bei voruebergehender Entlassung Arbeitslosenunterstuetzung.
Die Krankenversicherung uebernimmt die gesamten Krankenhauskosten
fuer den Arbeiter und seine Familie zuzueglich der Arzneimittelkosten,
und zwar fuer die Dauer von 70 Tagen bis zu 5 Dollar pro Tag. Im Krankheits- oder Invaliditaetsfalle erhaelt der Arbeiter 52,80 Dollar pro
Woche, und zwar 26 Wochen lang. Die Lebensversicherungssumme belaeuft
sich auf 4400 Dollar. Die Beitragsleistungen des Arbeiters betragen
8,54 Dollar monatlich oder 102,48 Dollar im Jahr. Die uebrigen 60$ traegt
die Firma. Ausserdem zahlt er 2,50 Dollar im Monat an Gewerkschaftsbeitraegen und gelegentlich gewisse Sonderbeitraege.
Wenn Mr. Brackett bis zur Erreichung seines 65. Lebensjahres bwi
der Ford Co. arbeitet, so hat er Anspruch auf ein Ruhegehalt von 237,05
Dollar monatlich. Bei dieser Summe machen die Leistungen der Sozialversicherung, fuer die der Arbeiter pro Jahr 84 Dollar zahlt, 162,80 Dollar
aus, vorausgesetzt, dass Mann und Frau bezugsberechtigt sind. Ausserdem
zahlt die Firma nach dem augenblicklich geltenden Pensionsplan 74,25
Dollar monatlich.
Fuer den Fall, dass Mr. Brackett voruebergehend entlassen werden
sollte, ist ebenfalls Vorsorge getroffen worden. Er erhaelt dann vom
Staate Michigan Arbeitslosenunterstuetzung und in einem Jahr zusaetzliche
Unterstuetzungsleistungen seiner Firma, mit der die Automobilarbeitergewerkschaft vor kurzem einen Tarifvertrag abschloss. Diese Leistungen
erhaelt er fuer die Dauer von 26 Wochen, und zwar von einer Woche nach
erfolgter Entlassung ab.
Nach diesen Vertragsbestimmungen werden den bei Ford Beschaeftigten
65$ ihres ueblichen Nettolohnes garantiert - fuer die Dauer von vier
Wochen der Lohn fuer eine 40-Stundenwoche (nach Abzug der Steuern) - und
fuer weitere 22 Wochen 60$ ihres Normallohnes. Fuer einen Arbeiter in
der Verdienstgruppe wie Mr. Brackett, belaeuft sich die Unterstuetzungssumme waehrend der ersten vier Wochen auf 53»48 Dollar, spaeter auf
49»37 Dollar. Tatsaechlich wuede sich Mr. Brackett etwas besser stehen,
denn er hat eine grosse Familie - eine Frau und vier Kinder - und der
Staat Michigan wuede ihm 26 Wochen lang woechentlich 54 Dollar zahlen.
Auf dieser Basis koennte Mr. Brackett, falls die Notwendigkeit an ihn
herantritt, sechs Monate lang seine laufenden Ausgaben decken.
Mr. Brackett und die meisten anderen Industriearbeiter sind finanziell gegen die ueblichen Wechselfaelle des Lebens gesichert. Im
Krankheits- oder Ungluecksfall, bei Entlassung oder wenn sie in den Ruhestand treten, ist ihnen ein bestimmtes Einkommen gesichert. Werden sie
einmal krank, so wird der Krankenhausaufenthalt und ein grosser Teil
der Arztkosten oh°ne weiteres erstattet. Sie koennen ihren Lohn nahezu
ausschliesslich fuer die Aufrechterhaltung eines relativ hohen Lebensstandards aufwenden.

- 8 -

�Dir Lebensstandard der Bracketts wuerde zweifellos jeden Industriearbeiter in einen kommunistischen Land in Erstaunen versetzen. Sie bewohnen ein zweistoeokiges Haus mit sechs Zimmern in den Vorort West Dearborn, einer typischen Siedlungsgegend von Industriearbeitern. Alle Haeuser
haben Vorgaerten und weitraeumige Einterhoefe. Ganz in der Naehe gibt es
einen grossen Kinderspielplatz sowie mehrere Schwimmbaeder.
In der Nachbarschaft der Familie Brackett wohnen Arbeiter, Inspektoren, technische Zeichner und Werkzeugingenieure. Sie arbeiten bc1. "Ford",
der"Great Lakes Steel Corporation", der "Detroit , Toledo and Ironton
Railroad" oder fuer verschiedene Werkzeugfabriken.
Bas Haus von Familie Braokett wurde vor dem zweiten Weltkrieg gebaut. Mr. Brackett erwarb es im Jahre 1950 fuer 12 000 Dollar. Von den
Erloes seines frueheren Hauses in Detroit konnte er gleich eine betraeohtliohe Anzahlung leisten. Die seinerzeit aufgenommene Hypothek in Hoehe
von 7500 Dollar, die ihm von der "Federal Housing Administration" gewaehrt
wurde, zahlt er nun in Monatsraten von 61,50 Dollar surueck.
Das Haus ist behaglich eingerichtet und wird durch Naturgas beheizt,
das in der Gegend von Detroit ausserordentlich billig ist. Zu den modernen
Errungenschaften der Bracketts gehoeren Telefon, Eisschrank, Waschautomat,
Staubsauger, Toaster, eine elektrische Kaffeemaschine und ein Grill.
Natuerlich haben sie auch ein Fernsehgeraet und mehrere Radios. Zu den
letzten Neuanschaffungen zaehlt ein Gas-Waeschetrockner und ein neuer
Gasherd. Sie wurden von Ruecklagen, sogenannten "Streikreserven" gekauft,
die nun, da das letzte Tarifabkommen zustandekam, ohne dass ein Streik
notwendig wurde, nicht laenger erforderlich sind.
Das Familienautomobil, ein 1953er Ford, wurde seinerzeit gekauft
und in Raten abbezahlt. Die letzte Rate ist inzwischen getilgt, daher
erklaeren sich auch die Neuanschaffungen, denn wie Mrs. Brackett erklaerti
"Wenn die Raten fuer den Wagen bezahlt sind, wird wieder etwas fuers Haus
angeschafft."
Die Bracketts sind viel mit dem Auto unterwegs. Herr Brackett faehrt
damit zur Arbeitsstaette, sie machen Sonntagsausfluege und Ferienreisen
mit dem Auto. Viele Industriearbeiter fahren mit ihrem Wagen zur Arbeit
und so kommt es, dass auf den Parkplaetzen der Fabriken taeglich Hunderttausende von Autos parken. Im Jahre 1956 will Brackett seinen Wagen gegen
einen neuen eintauschen, vorausgesetzt allerdings, dass er weiterhin
Ueberstunden arbeitet.
Die Bracketts haben ausser dem hohen Lebensstandard, den sie sich
leisten, ehrgeizige Plaene im Hinblick auf die Ausbildung ihrer Kinder.
Mary Elizabeth, die Aelteste, hat kuerzlich eines der 70, alljaehrlich
von der "Ford Motor Co." ausgesetzten Stipendien gewonnen und besucht
jetzt auf vier Jahre das "Bryn Mawr College" in Pennsylvanien. Selbst
ein grosser Teil ihrer Lebenshaltungskosten wird von der "Ford Co." bestritten. Die Bracketts haben vor, auch ihre drei anderen Kinder auf
die Hochschule zu schicken, auch wenn sie kein Stipendium erhalten.
Mit einem Jahreseinkommen von rund
ohne weiteres in der Lage, diese Plaene
sehr sparsam sind und zum anderen viele
die ihnen durch die Firma zugutekommen,
Ruecklagen weitgehend entfaellt.

5000 Dollar sind die Bracketts
zu schmieden, da sie einerseits
soziale Sicherungen geniessen,
wodurch die Notwendigkeit fuer

Mr. Brackett ist ein eifriger Arbeiter. Er fehlt fast nie und arbeitet
so viele Ueberstunden wie nur irgend moeglich, um Bein Einkommen zu erhoehen. Zuhause fuehrt er nahezu alle Reparaturarbeiten selbst aus. Ist
ihm dies nicht moeglioh, so bittet er einen Nachbarn darum, den er bei
naechster Gelegenheit wieder aushilft. Diese Art der Nachbarschaftshilfe

-9

�iat in Industriearbeitersiedlungen weit verbreitet.
Mrs. Brackett kauft in den sogenannten "Supermarkets" billig «in
und naeht alle Kleider fuer sich und die kleineren Kinder selbst}
ausserdem backt und waescht sie fuer die ganze Familie und kocht auch
selbst ein. Ratenkaeufe bleiben auf ein Minimum beschraenkt.
Die Bracketts gehen selten aus. Mr. Brackett ist in einem Kegelklub. Wenn Besuch eingeladen wird, unterhaelt man sich meist mit Kartenspielen. Bas Fernsehprogramm hat die Kinobesuche nahezu voellig ausgeschaltet. Waehrend der zwei Wochen bezahlten Urlaubs, die Mr. Brackett
zustehen, faehrt die ganze.Familie in Erholung.
Obwohl keine direkte Notwendigkeit besteht, legen die Bracketts
etwas Geld zurueck, das fuer Heuanschaffungen und die Ausbildung der
Kinder bestimmt ist. Die Lebensweise von Familie Brackett ist typisch
fuer die des amerikanischen Durchsohnittsbuergers im Arbeitnehmerverhaeltnis.
Aus: "US-News and World Report" - ein unabhaengiges, in Washington, B.C. gedrucktes
und woechentlioh erscheinendes Nachrichtenmagazin.
Copyright 1955 United States News Publishing
Corporation.

Qewerkschaftsfuehrer im Exil berichten ueber das Los der Arbeiterschaft in sowjetischen Satellitenstaaten
Im Exil befindliche Gewerkschaftsfuehrer aus kommunistisch beherrschten Laendern erklaerten Reportern kuerzlich, dass sie bestrebt seien,
die freie Welt ueber die wirkliche Lage der Arbeiter hinter dem "Eisernen Vorhang" laufend informiert zu halten. Die Exil-Gewerkschafter aus
sieben "annektierten" Laendern waren aus ihrem Pariser Hauptbuero nach
Rom gekommen, um sieh mit leitenden Funktionaeren der beiden groessten
freien Gewerkschaften Italiens, dem christlich-demokratischen und dem
sozialdemokratischen Gewerkschaftsbund zu treffen. Die Zusammenarbeit
fand die volle Unterstuetzung des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.
Der Vorsitzende der Exilgewerkschafter und frueherer Sekretaer des
polnischen Gewerkschaftsbundes Franciszek Bialas, Konferenzvorsitzender,
betonte, dass seine Gruppe bestrebt ist, den unterdrueokten Menschen,
die unter kommunistischer Herrschaft leben, zu versichern, dass sie in
ihrer Opposition gegen den Kommunismus unterstuetzt werden. Trotz strenger Kontrollmassnahmen von Seiten der Kommunisten, so erklaerte er, sind
die im Exil lebenden Menschen in der Lage, mit den anti-kommunistisch
eingestellten Arbeitern in ihren Heimatlaendern eine staendige Verbindung aufrechtzuerhalten.
Er berichtete weiterhin, die Exilgewerkschafter haetten festgestellt,
dass die freien italienischen Arbeiter voelliges Verstaendnis fuer die
Probleme der "annektierten" Voelker zeigen. Giulio Pastore, der Generalsekretaer der christlich-demokratischen Gewerkschaftsorganisation habe
vor einiger Zeit auf einer in Rom stattfindenden Konferenz erklaertt
"Diktaturen, ganz gleich ob sie links- oder rechtsorientiert sind, lassen
die Gewerkschaften zu einem Instrument werden, das sie zur weiteren
Staerkung ihrer Macht missbrauchen. Dies bedeute, dass die Gewerkschaften unter dem Kommunismus sehr schnell jegliche Freiheit einbuessen, um

- 10 -

�die Rechte der Arbeiter zu schuetzen.
Der polnische Exil-Gewerkschaftsfuehrer erklaerte, die Konferenz
diene dazu, "unseren Bruedern in Italien und den Gewerkschaftern der
freien Welt die wahren Lebensbedingungen der Arbeiter hinter dem
'Eisernen Vorhang' zu schildern. Dies sollte alle freien Arbeiter vor
der Gefahr des Kommunismus warnen und zur Festigung unseres Prinzips
fuehren, dass Freiheit die Basis fuer uns alle ist." Die Konferenz
in Rom wende sich an die freie Presse und den Rundfunk, die besonders
geeignet seien, die Notwendigkeit einer Hilfeleistung herauszustellen,
um den Widerstand der unterdrueckten Voelker gegen das kommunistische
Regime zu staerken.
Eftimie Gherman, ein rumaenischer Gewerkschafter im Exil, wies
darauf hin, dass der Lebensstandard des rumaenischen Arbeiters noch
niemals so niedrig gewesen sei wie zum gegenwaertigen Zeitpunkt. Nur
wenige Arbeiter seien in der Lage, ihre Familie ausreichend zu versorgen und daher waeren Frauen und Kinder gezwungen, zu arbeiten, selbst
in so gefahrvollen Berufen wie im Kohlenbergbau. Ein Drittel der Arbeitskraefte in Rumaenien, so erklaerte Gherman, setze sich aus Frauen
und Kindern zusammen.
Harry Goldberg, der Vertreter der AFL/CIO in Italien, erinnerte
die Konferenzteilnehmer an das eine grosse Ziel des Kommunismus - die
Welteroberung. Er fuegte hinzu, dass der Kommunismus nicht seine Absichten, sondern lediglich «eine Taktiken aendere.
Goldberg verglich dann den Geist der Genfer Konferenz der Regierungschefs im Juli mit dem Verzoegerungsversuch Molotows auf der Aussenministerkonferenz im Oktober und warnte davor, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.
Giulio Pastore, der Generalsekretaer der christlich-demokratischen
Gewerkschaftsorganisation Italiens, erklaerte auf der Konferenz, die
von den Exilgewerkschaften gelieferten Beweise stellten eine vernichtende Anklage gegen die politische Diktatur dar. Italio Viglianesi von der
sozialistischen Arbeiterorganisation betonte in seiner Rede die Unmoeglichkeit einer politischen Koexistenz. Seiner Meinung nach gaebe es
nur die Wahl zwischen Freiheit oder kommunistischer Diktatur. Der rumaenische Gewerkschafter Gherman betonte abschliessend, es koenne keine
gewerkschaftliche Zusammenarbeit mit den Kommunisten geben, da diese
darauf aus seien, die freien Gewerkschaften zu vernichten.
Quelle« Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Die durchschnittliche Laenge der Arbeitswoche ist in den Vereinigten
Staaten waehrend der letzten Jahre immer mehr zurueckgegangen, ergibt
sich aus einer Analyse des "US-Amtes fuer Arbeitsstatistik". Die Zahl
der Arbeitsstunden pro Woche ist von im Durchschnitt 44 Stunden im Jahr
1947 auf 42 Arbeitsstunden im Jahre 1933 abgesunken.
In der Landwirtschaft verringerte sich die woechentliche Arbeitszeit im Durchschnitt von etwa 33 Stunden im Hai 1947 auf ungefaehr 30
Arbeitsstunden im Mai 1933» In der Industrie (ausser in der Landwirtschaft)
ging die durchschnittliche Arbeitswoche von mehr als 42 Stunden im
Jahre 1947 auf ungefaehr 41 Stunden im Jahre 1933 zurueok.

-, 11 -

�Seit 1947« so heisst es in dem Bericht, ist die 40-Stundenwoohe,
und in einigen Faellen sogar eine noch kuerzere Arbeitszeit, fuer eine
immer groesser werdende Zahl Arbeiter allgemein ueblich geworden.
Bereits 1947 arbeiteten etwa zwei Drittel aller Fabrikarbeiter nur
zwischen 35 und 40 Stunden pro Woche.
Bern Bericht zufolge haben sich seit dem zweiten Weltkrieg in der
Industrie (ausser der Fertigungsindustrie) bedeutende Veraenderungen in
der Arbeitsstundenstruktur ergeben. Diese bestanden einmal in der Erhoehung des Anteils solcher Arbeitskraefte, die zwischen 35 und 40
Stunden arbeiteten und zum anderen im Rueokgang der Ueberstundenarbeit.
Dieser Trend bildete sich in der gewerblichen Wirtschaft und den
Dienstleistungsindustrien "langsam aber stetig" heraus, waehrend er
in der Bauindustrie ziemlich sprunghaft verlief. Im Transport- und Nachrichtenwesen verlief dieser Wechsel zwischen 1949 und 1930 "krass und
dramatisch", und zwar dadurch, dass die Eisenbahner ihre Forderung auf
Einfuehrung der 40-Stundenwoche durchsetzten.

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen. Gewerkschaftsprobleme und alleemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem. Mehlemer Aue
Der Inhalt der ..Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 5

Mehlem, den 2. Maerz 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Vom Unternehmer finanzierte Pensions- und Gesundheitsprogramme in amerikanischen Tarifvertraegen

Seite

1

Strafrechtliche Verfolgung von Verstoessen gegen
die Arbeitsdisziplin in der UdSSR

Seite

8

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 12

Vom Unternehmer finanzierte Pensions- und Gesundheitsprogramme
in amerikanischen Tarifvertraegen
Bei einer Analyse der amerikanischen Tarifvertraege zeigt sich,
dass der amerikanische Arbeiter heute an langfristigen Sozialleistungen genauso stark interessiert ist wie an den unmittelbar zur Auszahlung gelangenden Loehnen.
In vielen Faellen haben die zusaetzlichen Sozialleistungen - wie
Pensionsplaene, Krankenversicherungsprogramme, zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzungsleistungen oder garantierte Jahreslohnplaene - noch
groessere Bedeutung erlangt als Lohnerhoehungen. Diese industriellen
Sozialprogramme stellen zweifello» die wichtigste Neuentwicklung auf
dem Gebiet des amerikanischen Gewerkschaftswesens der Nachkriegszeit
dar. Aus Zahlen des amerikanischen Arbeitsministeriums ergibt sich, dass
zu Beginn des Jahres 1954 mindestens 11 290 000 Arbeiter von Tarifvertraegen erfasst wurden, die wenigstens eine Form des Kranken- oder Lebensversicherungsschutzes oder eine Altersversorgung aufwiesen.
Obgleich die amerikanische Bundesregierung und die der Einzelstaaten heute auf dem Gebiet der Sozialfuersorge mehr leislenals je
zuvor, erachtete die organisierte Gewerkschaftsbewegung diese Leistungen
eine ganze Zeit lang als unzureichend. Die gewerkschaftlichen Forderungen auf Verbesserung des bundesstaatlichen Altersversorgungssystems und
der (von den Einzelstaaten verwalteten) Arbeitslosenunterstuetzungsplaene spielten eine gewichtige Rolle, als der Kongress diese Programme
im Jahre 1950 und 1954/55 liberalisierte.
- 1 -

�I
Zur gleichen Zeit unternahm die organisierte Gewerkschaftsbewegung
einen weiteren Versuch zur Loesung dieses Problems. Zwischen 1942 und
1945» als die Loehne auf Grund der Notstandsklausel "eingefroren" wurden, waren allerdings gewisse Verbesserungen der Wohlfahrtsleistungen
zulaessig. Tatsaechlich beguenstigte eine im Kriege vorgenommene Aenderung der bundesstaatlichen Koerperschaftssteuer die Durchfuehrung von
Wohlfahrtsplaenen seitens der einzelnen Firmen: Die Beitraege zu solchen
Fonds, die vom "Bureau of Internal Revenue" genehmigt sein mussten, konnten von der Steuer abgesetzt werden; in den letzten drei Kriegs jähren
wurden rund 8500 Wohlfahrtsplaene genehmigt.
Im Jahre 1946 wurde dann von den Gewerkschaften eine allgemeine
Kampagne fuer vom Unternehmer finanzierte Pensions- und Krankenversicherungsplaene gestartet. Angefuehrt von den "United Steelworkers of America"
(Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft) forderten die meisten CIO- und
viele AFL-Gewerkschaften fuer ihre Mitglieder eine vom Arbeitgeber getragene Altersversorgung. Zur gleichen Zeit setzten sich die "United Automobile Workers" (Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft) - CIO - fuer
vom Unternehmer finanzierte Krankenhausversicherungsplaene ein. AFL- und
CIO-Gewerkschaften setzten sich daraufhin ebenfalls fuer diese Idee ein.
Die Entscheidung eines Bundesarbeitsausschusses, dass Altersrenten und
sonstige Wohlfahrtsplaene ordnungsgemaesse Punkte fuer Tarifverhandlungen
seien, verstaerkten den Werbefeldzug der Gewerkschaften auf diesem Gebiet.
Ende 1946 wurden nur 1^- Millionen amerikanischer Arbeiter von Wohlfahrtsplaenen erfasst, die entweder von ihren Gewerkschaften oder gemaess
den getroffenen Tarifabkommen verwaltet werden. Die Zahl der auf dem
Tarifverhandlungsweg von Wohlfahrtsplaenen erfassten Arbeiter vergroesserte sich rasch, sie stieg von 3 Millionen Mitte 1948 auf 7»5 Millionen
1950 und auf ueber 11 Millionen zu Beginn des Jahres 1954» dem letzten
Zeitpunkt, fuer den zuverlaessiges Zahlenmaterial verfuegbar ist.
Die Nachkriegsjahre brachten ebenfalls eine beachtliche Zunahme der
ausschliesslich vom Management gefoerderten Wohlfahrtsplaene, d.h. von
Plaenen, die von den Unternehmern freiwillig aufgestellt wurden. Zu Beginn des Jahres 1954 wurden allein ueber 7 Millionen Arbeiter von tarifvertraglich vereinbarten Altersversorgungssystemen und weitere 6 Millionen in freiwilligen Fensionsplaenen der Privatindustrie und der Wirtschaft
beruecksichtigt.
Das "US-Arbeitsministerium" schaetzt, dass zu Beginn des Jahres
1954 etwa T&amp;fo aller in Tarifvertraegen erfassten Arbeiter zumindest Anspruch auf eine Leistungsart hatten. Die Zahl der Versicherungsplaene
erhoehte sich zwischen 1950 und 1954 um 55$» waehrend die Pensionsplaene
eine Zunahme um 40^6 zu verzeichnen hatten. Zur gleichen Zeit wurde ein
grosser Teil der bereits bestehenden Plaene erweitert. Insgesamt legten
etwa 38$ der im Jahre 1954 abgeschlossenen 1200 Tarifvertraege (die jeweils mindestens 1000 Arbeiter erfassen) entweder die verschiedensten
Versicherungsprogramme fest oder aber erweiterten sie.
Obgleich sich in dieser schnellen Ausbreitung der Sozialprogramme
die allgemeine Verbesserung der industriellen Beziehungen in den Vereinigten Staaten widerspiegelt, vollzog sich diese Entwicklung doch nicht
kampflos. Die Stahl-, Berg- und Automobilarbeiter fuehrten in den ersten
Nachkriegsjahren langwierige Streiks zur Durchsetzung der Rechte der
Arbeiter auf diese Sozialleistungen durch.
Diese Leistungen umfassen gewoehnlich u.a.: woechentliche Unfallund Krankengelder; Verguetung des Krankenhausaufenthalts; chirurgische
und medizinische Betreuung sowie Erstattung der Entbindungskosten, Unfallrenten, Sterbegelder, Hinterbliebenen- und Altersrenten oder Pensionen.
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�Obgleich die meisten Programme eine Krankenunfallversicherung und eine
Altersversorgung vorsehen, umfassen doch nicht alle beide Leistungen.
93 Prozent aller Arbeiter sind in einer Lebensversicherung; sie
ist die am meisten uebliche Leistungsform. Von Pensionsplaenen werden
etwa 63$ erfasst. Die uebrigen Leistungen gliedern sich wie folgt aufi
Erstattung der Krankenhauskosten 88$; chirurgische Behandlung 83$; Unfall- und Krankengelder 73$5 Versicherung gegen Unfalltod und Invaliditaet 54$ und Erstattung der Arztkosten 47$.
AItersversorgungsplaene sind dagegen seltener als sonstige Versicherungsprogramme. Dies ist vielleicht darauf zurueckzufuehren, dass
die Pensionsplaene gewoehnlich umfangreicher und kostspieliger sind als
eine Krankenversicherung und haeufig betraechtliche langfristige finanzielle Verpflichtungen mit sich bringen. Zudem ist der Unternehmer
im allgemeinen der alleinige Traeger der hierdurch entstehenden Kosten.
Ungefaehr 85$ aller Pensionsplaene werden ausschliesslich vom Unternehmer finanziert, im Vergleich zu nur 62$ der sonstigen Versicherungsplaene.
Die Kohlenbergbauindustrie war eine der ersten, die ein grosszuegiges Sozialversicherungsprogramm einfuehrte. Langwierige und schwierige
Verhandlungen zwischen Management und den "United Mine Workers" (Vereinigte Bergarbeitergewerkschaft) fuehrten im Jahre 1946 zur Gruendung
eines Wohlfahrtsfonds. Aus diesem erhaelt ein Bergarbeiter zusaetzlich
zu den bundesstaatlichen Sozialversicherungsleistungen eine Pension
von monatlich 100 Dollar. Um Anspruch auf diese Pension zu haben, muss
der Bergarbeiter mindestens 60 Jahre alt sein und 20 Dienstjahre abgeleistet haben. Der Fonds gewaehrt ebenfalls eine finanzielle Unterstuetzung an Koerperbehinderte, traegt die Krankenhauskosten fuer Unfallverletzte bei Bergwerksungluecken und zahlt Witwen- und Hinterbliebenenrenten sowie andere Unterstuetzungen. In den neun Jahren seines Bestehens
erhielten bisher insgesamt 951 769 Bergleute und ihre Familien Unterstuetzungsleistungen in einer üesamthoehe von 756 905 700 Dollar.
Der Plan der Bergarbeitergewerkschaft wird ausschliesslich vom
Arbeitgeber finanziert; fuer jede Tonne gefoerderter Braunkohle werden
40 Cent und fuer Jede Tonne Steinkohle 50 Cent an den Fonds abgefuehrt.
Der Fonds wird von drei Treuhaendern verwaltet. Einer vertritt die
Oeffentlichkeit, einer die Industrie und einer die Gewerkschaft.
In der Automobilindustrie war es das Jahr 1950, das eine starke
Zunahme der Sozialprogramme brachte. Die mit den verschiedenen Automobilproduzenten abgeschlossenen Tarifvertraege sahen fuer Arbeiter mit
25 Dienstjahren, wenn sie das 65. Lebensjahr erreichten, Pensionen bis
zu 125 Dollar monatlich vor, die Kosten trug dabei ausschliesslich der
Unternehmer. Die Finanzierung des Programms zur Deckung der Arzt- und
Krankenhauskosten wurde zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt, ebenso die Beitraege fuer eine Lebensversicherung, die bei Erreichung des Pensionsalters ausgezahlt wird und fuer gewoehnlich zwischen
500 und 1000 Dollar betraegt. Im Falle der "Ford Motor Co." wurde ein
bereits bestehender Pensionsplan erweitert und in den 1950 abgeschlossenen Tarifvertrag uebernommen. Die im Jahre 1950 von der "Vereinigten
Automobilarbeitergewerkschaft" (UAW) ausgehandelten Tarifvertraege gelten fuer die Dauer von fuenf Jahren.
Im Jahre 1955 setzte die "Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft"
eine erhebliche Erweiterung ihrer mit den Autoraobilfirmen getroffenen
Sozialplaene durch. Die Bedeutung der neuen Rentenbestimmungen wurde
dabei allgemiif* weniger stark gewuerdigt als die in den gleichen Vertraegen enthaltenen Abschnitte ueber den "garantierten Jahreslohn".
Obgleich die verschiedenen Vertraege in den Einzelheiten oft stark

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�voneinander abweichen, war der Fordvertrag in seiner Art wegbereitend
fuer die Tarifverhandlungen mit anderen Autofirmen.
Nach der neuen Formel zur Festsetzung der Renten bei Ford werden
2,25 Dollar mit der Zahl der Dienstjahre multipliziert, um die Hoehe
der monatlichen Rentenzahlung festzulegen. Danach erhaelt ein Fordarbeiter mit 30 Dienstjahren, wenn er sich zur Ruhe setzt, 67,50 Dollar pro
Monat und zwar zusaetzlich zur bundesstaatlichen Altersrente. Zur Erbringung eines Rentenanspruches ist eine Mindestbeschaeftigungsdauer
von 10 Jahren erforderlich.
Jeder Arbeiter, der 40 Jahre alt ist und 10 Dienstjahre hat, besitzt ein verbuergtes Anrecht auf eine Pension. Diese "40 und 10"-Klausel
bildet die Grundlage fuer die spaeter zur Auszahlung gelangenden Renten,
auf die im Alter von 65 Jahren ehemalige Fordarbeiter, die das zuvor
erwaehnte Alter und die entsprechende Dienstzeit erreicht haben, Anspruch
haben. Die Formel fuer die Berechnung dieser Renten ist die gleiche»
2,25 Dollar mit der Zahl der Dienstjahre multipliziert ergeben die monatliche Rente.
Diese Bestimmung ueber das verbuergte Pensionsrecht, die inzwischen
in die meisten UAW-Vertraege aufgenommen worden ist, stellt hoechstwahrscheinlich den bedeutendsten Fortschritt dar, der 1955 in der Industrie
im Hinblick auf die Altersversorgung erreicht wurde. Das Fehlen verbuergter Pensionsrechte in den meisten von der Gewerkschaft ausgehandelten
Pensionsabkommen war bisher der Hauptanlass zu schaerfster Kritik an den
industriellen Rentenplaenen. Frueher kam ein Automobilarbeiter nur dann
in den Genuss einer von der Firma gezahlt'en Rente, wenn er bis zum Eintritt in den Ruhestand in der Automobilindustrie beschaeftigt war. Heute
bleiben ihm seine Pensionsrechte auch dann erhalten, wenn er das erforderliche Mindestlebens- und Dienstalter besitzt, selbst wenn er eine andere Taetigkeit ausserhalb der Automobilindustrie annimmt oder ganz aus
dem Arbeitsleben ausscheidet.
Bezueglich der Krankenversicherungsbestimmungen sieht der neue Vertrag die Beibehaltung des bisher ueblichen Programms vor, wobei Krankenhausaufenthalt und aerztliche Behandlung verguetet werden und Arbeitgeber
und Arbeitnehmer sich an den Beitragskosten beteiligen; einige Bestimmungen wurden erweitert. Die Krankenversicherungsbestimmungen erstrecken
sich auch auf die Ehefrau und die Kinder (unter 19 Jahren) des Arbeiters,
soweit sie unverheiratet sind.
Der Wohlfahrtsplan, den die "Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft"
mit der Konservenbuechsenindustrie im Jahre 1955 abschloss, sieht monatliche Rentenzahlungen in Hoehe von 2,50 Dollar fuer jedes Dienstjahr vor.
Ein Arbeiter mit 40jaehriger Dienstzeit wuerde beispielsweise eine Rente
von 100 Dollar im Monat erhalten, zuzueglich der Sozialrente in Hoehe von
108,50 Dollar, was einem Betrag von 208,50 Dollar entspricht. Das Einverstaendnis der Firma vorausgesetzt, ist es ausserdem moeglich, dass ein
Arbeiter bereits im Alter von 60 Jahren oder vor Erreichung des 65. Lebensjahres in den Ruhestand tritt. Er wuerde dann jedoch eine geringere
Rente erhalten bzw. die volle Rente wuerde erst nach Vollendung des 65.
Lebensjahres ausgezahlt. Die Rentenfonds werden ausschliesslich von der
Firma finanziert; ebenso gibt es keine obligatorische Versetzung in den
Ruhestand wegen Erreichung der Altersgrenze.
Die Wohlfahrtsplaene, die die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft
mit den Unternehmen der Stahlindustrie vereinbart hatte, werden im Jahre
1956 erneut ausgehandelt, und viele Beobachter rechnen damit, dass sie
den mit der Blechindustrie getroffenen Abmachungen aehneln werden.
Die zur Zeit bestehenden Wohlfahrtsprogramme mit den Stahlwerken

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�wurden im Jahre 1954 ausgehandelt und richten sich im allgemeinen nach
folgendem Muster: einem Arbeiter, der nach 30jaehriger Dienstzeit im
Alter von 65 Jahren in den Ruhestand tritt, wird ein Mindesteinkommen
von 140 Dollar monatlich garantiert, das sich aus einer von der Firma
gewaehrten Rente und den Leistungen der Sozialversicherung zusammensetzt.
Beschaeftigten mit 15- bis 30jaehriger Taetigkeit werden 110 Dollar pro
Monat garantiert, zuzueglich 2 Dollar monatlich fuer jedes die Dauer von
15 Jahren uebersteigende Dienstjähr. Bei der Berechnung der Rentenleistungen der Firma wird eine Sozialrente von monatlich 85 Dollar angenommen,
obgleich die Sozialversicherungsleistungen in den meisten Faellen hoeher
liegen.
Die Krankenversicherungsplaene der Stahlindustrie werden von den
Arbeitgebern und Arbeitnehmern gemeinsam finanziert, im allgemeinen wird
ein Beitrag von 9 Cent pro Arbeitsstunde geleistet, der zur Haelfte vom
Unternehmer und zur Haelfte vom Arbeiter getragen wird. Da sich die Krankenversicherung auch auf die Familie des Arbeiters erstreckt, zahlen verheiratete Arbeiter in Anbetracht der zusaetzlichen Leistungen etwas mehr
als 4^ Cent pro Stunde und ledige Arbeiter etwas weniger.
Viele der frueheren Rentenplaene wurden gemeinsam von Arbeitgebern
und Arbeitnehmern finanziert. Inzwischen gehen die Bestrebungen jedoch
dahin, dass der Unternehmer allein die Kosten traegt. Etwa 85$ der mit
den Gewerkschaften ausgehandelten und zu Beginn des Jahres 1954 in Kraft
befindlichen Pensionaplaene wurden ausschliesslich vom Arbeitgeber finanziert. Diese Tendenz war bereits im Jahre 1950 ziemlich ausgepraegt;
schon damals machten 75$ der Plaene keine Zuschuesse seitens der Beschaef tigten erforderlich.
Die Frage, ob der Beschaeftigte einen Beitrag zu dem Rentenfonds
leisten sollte oder nicht, wurde zum ersten Mal anlaesslich des Bergarbeiterstreiks im Jahre 1948 akut und wurde 1949 anlaesslich des Streiks
in der Stahlindustrie einer eingehenden Fruefung unterzogen. Die Bemuehungen von Cyrus Ching, dem damaligen Leiter der bundesstaatlichen
Schlichtungsstelle, eine friedliche Loesung herbeizufuehren, scheiterten
gerade an diesem Punkt.
Der Untersuchungsausschuss des Praesidenten (Fact-Finding Board), der
das Prinzip der Beitragsfreiheit fuer den Beschaeftigten vertrat, fuehrte
als Argument an, dass die Sozialleistungen ohne weiteres den ProduktionsKosten zugeschlagen werden koennten und daher keine Beitragsieistungen
seitens der Beschaeftigten notwendig seien.
Durch die Anhaeufung umfangreicher Mittel in den Rentenfonds entstand eine neue wichtige Kapitalquelle fuer Investitionen. Ende 1954
verfuegten die amerikanischen Gesellschaften ueber Rentenfonds in Hoehe
von insgesamt 11,2 Milliarden Dollar, wie einem Bericht der "Wertpapierund Boersenkommission" (SEC) zu entnehmen ist. In dieser Summe sind die
stattlichen Pensionsfonds (schaetzungsweise 9»8 Milliarden Dollar), die
von Versicherungsgesellschaften und Banken verwaltet werden, nicht eingeschlossen. Aus dem SEC-Bericht ergibt sich, dass die Pensionsfonds der
Grossunternehmen in der Zeit von 1951 bis 1954 um mehr als 75$ angewachsen sind.
Dass die Rentenfonds der Grossunternehmen zu einer Hauptinvestitionsquelle geworden sind, zeigt die Aufgliederung der Anlagewerte. Nach dem
Stand von Ende 1954 ergibt sich, dass 6,02 Milliarden Dollar in Schuldverschreibungen von Aktiengesellschaften angelegt waren, 2,085 Milliarden
Dollar in Stammaktien, 2,001 Milliarden Dollar in Staatspapieren, 420
Millionen Dollar in Vorzugsaktien, waehrend kleinere Summen anderweitig
angelegt waren bzw. als Barbestaende gehalten wurden.

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�Die Einkuenfte aus Zinsen und Dividenden im Jahre 1954 deckten dabei
alle zur Auszahlung gelangenden Leistungen und saemtliche Auslagen, wie die
SEC berichtete. Die Einkuenfte beliefen sich auf 379 Millionen Dollar und
die aus den Pensionsfonds geleisteten Zahlungen auf insgesamt 318 Millionen Dollar.
Die Zunahme der Pensionsplaene wirft auch noch andere Fragen auf.
Mehrere private Forschungsgruppen haben verschiedene ausfuehrliche Abhandlungen ueber Pensionen und ihre Auswirkung auf die Wirtschaft verfasst. Eine der gruendlichsten Studien heisst "Industrial Pensions" von
John Dearing; sie wurde 1954 von der "Brookings.Institution" herausgegeben und basiert auf Ermittlungen dieses bekannten Institutes fuer Wirtschaftsforschung.
In seiner Analyse vermerkt Mr. Dearing anerkennend die Fortschritte
auf dem Gebiet der Altersversorgung in der Industrie und macht Vorschlaege fuer eine weitere Ausdehnung der Rentenversorgung. Nach seiner Ansicht
koennen die augenblicklich in der Industrie ueblichen Pensionen lediglich
eine zus.aetzliche Rolle bei der Loesung des nationalen Problems der Altersversorgung spielen. Er schaetzt, dass von einem Arbeitskraeftepotential von insgesamt etwa 68,5 Millionen im Jahre 196O nur etwa 22 Millionen oder 32$ berechtigte Hoffnung haben duerften, von dem bisherigen
System der Industrierenten erfasst zu werden.
Einer den wichtigsten Vorschlaege Mr. Dearings besteht darin, die
bundesstaatlichen Einkommensteuergesetze so abzuaendern, dass durch Einfuehrung von steuerfreien Betraegen fuer gewisse Einkommensparten Betraege fuer die Altersversorgung abgezweigt werden koennen, und zwar
genauso wie es den Unternehmen gestattet ist, die in Wohlfahrtsfonda
eingezahlten Betraege als Betriebsunkosten von der Steuer abzusetzen.
Mr. Dearing sagt u.a.: "Ein Pensionsplan, der auf den Namen des Arbeiters
abgeschlossen wird, erleichtert den Arbeitsplatzwechsel und ermoeglicht
es dem Arbeiter, sich einen gewissen Schutz gegen inflationistische
Kraefte zu verschaffen, da er an der Kapitalvermehrung teilhat. Dieses
System sollte ebenfalls dazu fuehren, ein groesseres Verantwortlichkeitsgefuehl des einzelnen insofern wiederherzustellen, als ihm hierdurch die
Moeglichkeit gegeben wird, den zu erwartenden Rentenbetrag in Beziehung
zu seiner Leistungskraft und seiner Sparbereitschaft in der Zeit, wo er
im Arbeitsprozess steht, zu setzen, ganz gleich, wo er seinen Arbeitsplatz
hat und von wie vielen Arbeitgebern er beschaeftigt wird."
Obgleich eigentlich alle von den Gewerkschaften mit der Industrie
vereinbarten Wohlfahrtsplaene irgendeine Form der Kranken- oder Unfallversicherung vorsehen, haben viele Amerikaner andere Formen zur Verringerung der Krankheits- oder Krankenhauskosten gesucht. Eine der populaersten ist der private Gruppenversicherungsplan. Diese Art der Versicherung kann sich auf die Kosten des Krankenhausaufenthalts oder die
aerztliche oder chirurgische Behandlung erstrecken oder auf beide Leistungen, je nach dem Ermessen des Policeninhabers.
Die am meisten verbreitete Form der Gruppenversicherungsabkommen
sind die "Blue Cross-Plaene. Diese werden von lokalen gemeinnuetzigen Organisationen aufgestellt und von der "American Hospital Association"
gebilligt. Ihr Zweck besteht darin, die Versicherungsteilnehmer dafuer
zu gewinnen, die Kosten der Krankenhausbetreuung auf der Basis einer
Gruppenvorauszahlung zu finanzieren. Die Leistungen erfolgen in den meisten
Faellen in Form einer Krankenhausbetreuung, weniger durch Barverguetung.
Alle Blaukreuzplaene decken die Kosten fuer Unterkunft und Verpflegung. Nach einem Normalplan kann ein Versicherter 21 Tage lang in der 2.
Klasse bei voller Kostendeckung in einem Krankenhaus liegen; fuer weitere
180 Tage hat er dann Anspruch auf den halben Leistungssatz, und zwar gilt

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�diese Regelung fuer jeden Krankheitsfall, der einen Krankenhausaufenthalt
erforderlich macht. Bei allen Plaenen sind die Operationssaal-, Kreissaalgebuehren usw. miteinbegriffen, ebenso die Anlegung von Verbaenden,
die Verabreichung von Medikamenten und die Durchfuehrung von Labortests.
Die meisten erstrecken sich auch auf besondere Diaetkost, Roentgenbestrahlung usw. Die Mitgliedschaft kann im allgemeinen beibehalten werden,
wenn das Mitglied den Wohnort wechselt. Die Monatsbeitraege in Washington,
D.C., betragen 1,70 Dollar fuer Einzelpersonen und 3.70 Dollar fuer Familien mit Kindern unter 19 Jahren (falls diese unverheiratet sind); in
vielen anderen Gebieten liegen die Beitragssaetze etwas niedriger.
Auch aerztliche und chirurgische Behandlung werden durch die Gruppenversicherungsplaene gewaehrt; einige von ihnen sind mit dem "Blue Cross"
verbunden. (Der umfangreichste Plan fuer chirurgische Betreuung ist der
des "Blue Shield".) Die Mitgliedsbeitraege liegen etwas niedriger als
die fuer die "Blue Cross"-Versicherung fuer Krankenhauskosten. Fuer den
in Washington, D.C., geltenden "Blue Shield"-Versicherungsplan werden
Beitraege in Hoehe von monatlich 1,00 Dollar fuer Einzelpersonen und 3*20
Dollar fuer Familien erhoben. Die Verguetungssaetze liegen fest. Bei
einer Bruchoperation werden beispielsweise 100 bis 140 Dollar gezahlt, bei
einer Staroperation 150 Dollar und bei Entbindungen 80 Dollar. Fuer Betaeubungsmittel, Roentgenbehandlung usw. werden zusaetzliche Leistungssaetze gewaehrt. Die auf Grund des Versicherungsabkommens gezahlten Betraege werden von den Chirurgen als volles Honorar anerkannt, es sei denn,
das Familieneinkommen uebersteigt 5500 Dollar im Jahr oder die versicherte
Einzelperson verdient mehr als 3000 Dollar im Jahr.
Es gibt noch weitere Formen von im voraus bezahlten Versicherungen,
die die Kosten fuer Krankenhauseufenthalt und chirurgische und aerztliche
Betreuung uebernehmen. Mehrere Millionen Amerikaner sind durch Versicherungen aerztlicher Verbaende gedeckt, und eine noch groessere Zahl hat Einzelversicherungen abgeschlossen.
Alles in allem sind jeweils etwa zwei von drei Amerikanern in Krankenversicherungen. Das "Health Insurance Council" schaetzt, dass es Mitte
1955 etwa 104 Millionen Krankenversicherte gab. Der Rat stellte ebenfalls die folgenden Zahlen ueber die Erfassung durch eine Krankenversicherung im Jahre 1954 zur Verfuegung:
Gesamtzahl der Personen mit Versicherungsschutz bei Krankenhausaufenthalt -- 101 493 000.
Von diesen waren nahezu 86 Millionen in einer Versicherung, die die
Kosten fuer chirurgische Behandlung uebernimmt.
Nahezu 39 Millionen Arbeiter - 60% des gesamten zivilen Arbeitspotentials - waren gegen Verdienstausfall durch Invaliditaet geschuetzt.
Die Leistungen auf Grund freiwilliger Krankenversicherungsplaene
verteilten sich wie folgt: 56% wurden von Versicherungsgesellschaften gezahlt, 39% von "Blue Cross" und "Blue Shield" und die uebrigen 5% entfallen auf verschiedene unabhaengige Plaene.
Obgleich diese Zahlen darauf hindeuten, dass ein hoher Prozentsatz
des amerikanischen Volkes irgendeine Form des Krankenversicherungsschutzes
geniesst, ist es offensichtlich, dass das Programm weit davon entfernt
ist, vollkommen zu sein. Im Jahre 1954 gaben die Amerikaner ueber 10
Milliarden.}fuer aerztliche Behandlung aus. Nur 25% dieser Summe wurde
durch irgendeine'Form der vorfinanzierten Krankenversicherung gedeckt.
Das bedeutet, dass die Amerikaner etwa 7»5 Milliarden Dollar aus eigener
Tasche fuer Arzt- und Krankenhauskosten, Zahnbehandlung, Kinderschwestern,
Arznei und sonstige aerztliche Hilfsmittel bezahlen mussten. Und wenn

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�man den Umfang des Schutzes in Betracht zieht, der durch die Krankenversicherungsvertraege gewaehrt wird, 80 stellt sich heraus, dass die Durchschnittsperson, die einer Versicherung zur Deckung der Kosten bei Krankenhausaufenthalt angehoerte, im Laufe des Jahres 1953 noch 19$ ihrer
Krankenhausrechnung aus eigenen Mitteln aufbringen musste und die "Durchschnittsperson", die durch eine Versicherung zur Deckung der Arztkosten
erfasst wurde, nur 46$ der entstandenen Unkosten ersetzt bekam.
Die amerikanische Bundesregierung zieht schon seit Jahren in Erwaegung, Krankenversicherungsmassnahmen zu treffen. Der Plan, der augenblicklich groesste Beachtung findet, ist ein "Rueckversicherungs"vorschlag, wobei die Regierung einen 100-Millionen-Dollarfonds bereitstellen wuerde, um einen Teil des Risikos zu tragen. Die Regierungsstelle
wuerde diesen Schutz auf private Versicherungsgesellschaften ausdehnen,
um eine umfassendere und billigere Deckung zu ermoeglichen.
Quelle» Eigenbericht

Strafrechtliche Verfolgung von Verstoessen gegen die Arbeitsdisziplin
in der UdSSR
In den letzten zwei bis drei Jahren hat die sowjetische Regierung
bei der Neuveroeffentlichung der Arbeits-Disziplinargesetze die Bestimmungen ueber die strafrechtliche Verfolgung von Verstoessen der Arbeiter
gegen ihre Arbeitsvertraege, wie unerlaubte Aufgabe des Arbeitsplatzes,
unentschuldigtes Fehlen, Zuspaetkommen oder Bummeln waehrend der Arbeit ausgelassen. Eine ausdrueckliche Aufhebung dieser Bestimmungen ist
jedoch bisher nicht oeffentlich bekanntgegeben worden. Wie zahlreiche
Hinweise erkennen lassen, werden diese Strafen nach wie vor verhaengt.
Somit ist das Vertragsverhaeltnis zwischen dem sowjetischen Arbeitgeber,
das heisst irgendeiner staatlichen Dienststelle oder Organisation, und
dem Arbeitnehmer - um mit dem Ausschuss fuer Strafmassnahmen bei der
Internationalen Arbeitsorganisation zu sprechen - nichts weiter als
"eine Form legalisierter Sklaverei, die der heutigen Vorstellung von
persoenlicher Wuerde und dem Recht des freien Menschen widerspricht."
Sowjetische Arbeitsvertraege
Die Arbeitsvertraege in der Sowjetunion werden muendlich oder
schriftlich abgeschlossen. Gewoehnlich sind es muendliche Vertraege, die
rechtswirksam sind, sobald sich die Leitung eines Unternehmens und der
neue Arbeiter hinsichtlich der zu verrichtenden Arbeit und des Arbeitsplatzes geeinigt haben. Schriftliche Arbeitsvertraege, wie sie fuer Arbeiter und Beamten besonderer Regierungsorgane abgeschlossen werden,
sind allmaehlich auch ueberall dort zur Regel geworden, wo die Annahme
der Arbeit durch den Arbeitnehmer einen Ortswechsel erfordert. Derartige
Vertraege gelten im allgemeinen fuer die Dauer von zwei oder mehr Jahren;
fuer Arbeitnehmer, die nach dem Hohen Norden oder anderen weit entfernten Gebieten gehen, mindestens drei Jahre. Fuer gewisse Saisonarbeiten
koennen kurzfristige Arbeitsvertraege abgeschlossen werden. Nach sowjetischem Recht untersteht der Arbeitnehmer nach Abschluss des Vertrages
saemtlichen Bestimmungen der Arbeits-Strafgesetze.
ßo darf beispielsweise kein Arbeitnehmer ohne Einverstaendnis der
Betriebsleitung seine Stelle aufgeben, gleichgueltig, ob er einen muendlichen oder schriftlichen Arbeitsvertrag abgeschlossen hat. Tatsaechlich
kann das Arbeitsverhältnis und die Verpflichtung zur Arbeit noch ueber
die kontraktlich festgelegte Zeit hinaus verlaengert werden. Wenn die
Betriebsleitung es ablehnt, einen Arbeiter nach Ablauf der kontraktlich
festgelegten Zeit freizugeben, so kann nach dem geltenden Recht "der
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�Fall dem Gericht uebergeben werden". Wenn dieses zugunsten des Arbeiters
entscheidet, so soll die Betriebsleitung angewiesen werden, den Arbeiter
innerhalb einer bestimmten Frist freizugeben, die "auf Grund der jeweiligen praktischen Erfordernisse" festzusetzen ist.
Das Einverstaendnis der Betriebsleitung zur Aufgabe der Arbeitsstelle ist fuer den Arbeitnehmer aeusserst wichtig, wenn er sicher gehen will,
dass er eine neue Stelle findet. Nach dem Erlass vom 20. Dezember 1938»
der noch heute in Kraft ist, duerfen Betriebe in der Sowjetunion "Arbeitnehmer nur bei Vorlage des Arbeitsbuches einstellen". Dieses Arbeitsbuch,
das bis zur Aufloesung des Arbeitsverhaeltnisses bei der Betriebsleitung
bleibt, soll nach dem Gesetz neben saemtlichen Personalangaben auch Eintragungen ueber Bildungsgang und berufliche Schulung, bisher bekleidete
Arbeitsstellen (mit genauen Daten ueber Arbeitsaufnahme und Ausscheiden),
Gruende fuer den Arbeitsplatzwechsel sowie saemtliche Auszeichnungen
fuer hervorragende Arbeit enthalten; Strafen werden in dem Buch jedoch
nicht vermerkt.
Absolventen von Fachschulen sowie von technischen und anderen hoeheren
Lehranstalten muessen die ihnen vom Staat zugewiesenen Arbeitsplaetze
annehmen und sind also auch den Bestimmungen der Arbeitsstrafordnung unterworfen. Im Rahmen des seit dem Jahre 1940 gueltigen Staatlichen Arbeitsreserveprogramms werden alle Absolventen der Fach- und Werkschulen
vom Staat auf vier Jahre dienstverpflichtet und muessen waehrend dieser
Zeit jede ihnen zugewiesene Stellung annehmen. Die Absolventen der 1955
eingerichteten Schulen fuer das Bedienungspersonal landwirtschaftlicher
Maschinen, deren Lehrgaenge von einem halben Jahr bis zu einem Jahr laufen, muessen eine zweijaehrige Dienstpflicht erfuellen. Bis 1955 waren
bereits ueber 7 Millionen junger Maenner und Frauen vom Staat auf bestimmte
Arbeitsplaetze verpflichtet worden. Und auch die Absolventen der hoeheren
technischen Lehranstalten und Universitaeten muessen mindestens drei Jahre auf den ihnen vom Staat zugewiesenen Arbeitsplaetzen verbleiben.
Strafen fuer Verstoesse gegen den Arbeitsvertrag
In den ersten zehn Jahren des Sowjetregimes gab es noch keine Strafbestimmungen gegen eigenmaechtige Aufgabe des Arbeitsplatzes oder unberechtigtes Fernbleiben von der Arbeit. Arbeiter, die sich derartige Verstoesse zuschulden kommen Hessen, wurden schlimmstenfalls entlassen.
Die ersten Strafbestimmungen brachte das Gesetz vom 13. September 1930»
durch das Arbeitern, die ohne Erlaubnis der Betriebsfuehrung den Arbeitsplatz aufgeben, das Recht auf Arbeitslosenunterstuetzung entzogen wurde
und das bestimmte, dass ihre Namen auf den von den Staatlichen Arbeitsaemtern gefuehrten Vermittlungslisten ganz unten aufzufuehren seien.
Ende der dreissiger Jahre, als die Fuenfjahresplaene auf vollen Touren
liefen und Arbeitsstellen leicht zu finden waren, trat ein Mangel an
Arbeitskraeften ein, und es zeigte sich, dass diese Strafbestimmungen
nicht ausreichten. Schaerfere Massnahmen waren daher notwendig. Infolgedessen wurden im Dezember 1938 zwei Erlasse herausgegeben, und zwar der
Erlass vom 20. Dezember 1938, mit dem die oben beschriebenen Arbeitsbuecher eingefuehrt wurden, und der Erlass vom 28. Dezember 1938, der bestimmte, dass "ein Arbeiter, der seine Stelle freiwillig aufgibt, das
Recht auf voruebergehende Krankenversicherungsleistungen verliert und
erst, wenn er ein halbes Jahr eine neue Stelle bekleidet hat, wieder in
den Genuas dieses Rechts kommt". Durch den gleichen Erlass wurde auch
die Urlaubswartezeit nach Neueinstellung von 5^ auf 11 Monate erhoeht.
Weiter bestimmte er: "Ein Arbeiter, der ohne stichhaltige Entschuldigung
zu spaet zur Arbeit kommt, oder zu frueh zum Essen oder nach Hause geht
oder bei der Arbeit troedelt, unterliegt den folgenden administrativen
Strafaassnahmen: Verwarnung oder Massregelung, Versetzung an eine schlechter bezahlte Stelle fuer einen Zeitraum bis zu drei Monaten oder Rueck3tufung."

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�Die schaerfsten sowjetischen Strafmassnahmen wurden jedoch erst zwei
Jahre spaeter eingefuehrt. Als erstes wurde durch das Gesetz vom 26.
Juni 1940 bestimmt, dass Arbeiter in staatlichen, genossenschaftlichen
und kommunalen Betrieben, die ihre Arbeit ohne Erlaubnis aufgeben, vor
Gericht gestellt und mit Haft von 2 bis 4 Monaten bestraft werden. Weiter
schreibt dieses Gesetz vor, dass Arbeiter, die ohne stichhaltige Entschuldigung der Arbeit fernbleiben, zu Arbeitsbesserung verurteilt werden, das heisst, dass sie wohl auf ihrem alten Arbeitsplatz weiterbeschaeftigt werden, aber bis zu 6 Monaten einen Lohnabzug von bis zu 25$
als Busse auferlegt bekommen. Zweitens bestimmte der Erlass vom 18. Januar 1941, dass die im Gesetz vom 26. Juni 1940 vorgesehenen Strafen fuer
Fehlen auch im Falle von Unpuenktlichkeit oder Fernbleiben vom Arbeitsplatz fuer mehr als 20 Minuten oder bei dreimal in einem Monat oder viermal in zwei aufeinanderfolgenden Monaten vorkommender Verspaetung von
weniger als 20 Minuten Anwendung finden sollen. Arbeiter, die betrunken
am Arbeitsplatz erscheinen, unterliegen gleichfalls diesen Strafen.
Nach dem Gesetz vom 19« Oktober 1940 unterliegen Angehoerige gewisser
Berufe, die sich der von einem Ministerium ausgesprochenen Dienstverpflichtung in einen anderen Betrieb oder in eine andere Gemeinde widersetzen, den gleichen Strafbestimmungen wie Personen, die ihre Arbeitsstellen ohne Einwilligung des Arbeitgebers aufgeben. Dieser Personenkreis
schliesst nach dem Gesetz "Ingenieure, Konstrukteure, Konstruktionsplaner,
Techniker, Meister, Zeichner, Buchhalter, Volkswirtschaftler, Finanzund Planungsarbeiter und Facharbeiter" ein.
Die gegenwaertige Handhabung der sowjetischen Arbeitsstrafgesetze
Eine Aufhebung der vorstehend aufgefuehrten Strafgesetze wurde bisher weder bekanntgegeben, noch ist in den juengsten Kommentaren zur sowjetischen Arbeitsgesetzgebung oder anderen uns zugaenglichen sowjetischen
Publikationen eine diesbezuegliche Aeusserung zu verzeichnen. In N.G.
Alexandrows Kommentar "Sowjetskoje Trudowoje Prawo" (Sowjetisches Arbeitsrecht), der 1954 in Moskau erschien, heisst es auf Seite 107, dass nach
dem Kriege gewisse Gesetze aufgehoben wurden, einschliesslich derjenigen
ueber Ueberstundenarbeit und deren Bezahlung anstelle von Urlaubsgewaehrung, sowie des kriegsbedingten Gesetzes zur Arbeitsmobilisierung vom
13. Februar 1942. Von einer Aufhebung der Strafbestimmungen bezueglich
der Aufgabe der Arbeitsstelle und des Fernbleibens vom Arbeitsplatz ist
jedoch nicht die Rede. Darueber hinaus wurden diese Gesetze im "Sprawotschnik Profsojusnowo Rabotnika" (Handbuch des Gewerkschaftsfunktionaers) von
1953 erneut veroeffentlicht, und zwar das Gesetz vom 26. Juni 1940(S. 274)
sowie der Erlass vom 18. Januar 1941 (S. 105-109). Das Gesetz vom 26. Juni
1940 wurde im Jahre 1953 in Auszuegen auch in dem Werk "Osnownyje Sakonodatjelnyje Akty 0 Trude Ratoschich i Slushaschtschich" (Grundlegende
legislative Massnahmen ueber die Taetigkeit der Arbeiter und Angestellten)
(S. 5) vom Staatsverlag fuer juristische Literatur veroeffentlicht.
Bei der Neuveroeffentlichung dieser Gesetze im Jahre 1953 wurden
in den sowjetischen Gesetzbuechern die Abschnitte ueber Strafen ohne
weiteren Kommentar ausgelassen. Derartige Auslassungen bedeuten nicht notwendigerweise eine Aufhebung der Gesetze. Vielleicht darf man daraus aber
auf eine Periode der versuchsweise gelockerten Handhabung oder Suspendierung
der strengen Strafmassnahmen schliessen. Um einen Sonderfall herauszugreifen: So ist zum Beispiel das Gesetz vom 19. Oktober 1940, das die
Dienstverpflichtung von Arbeitern an andere Orte vorsieht, im Handbuch
des Gewerkschaftsfunktionaers fuer 1953 vollkommen ausgelassen; es ist
jedoch nach dem 1954 erschienenen Buch ueber sowjetisches Arbeitsrecht
von N.G. Alexandrow noch in Kraft. Daran ist nichts Erstaunliches, denn
nach der seit 1942 ueblichen sowjetischen Praxis kann der Wortlaut geltender Gesetze auf besondere Anordnung "von der Veroeffentlichung ausgeschlossen
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�werden.
Ganz abgesehen davon, welche psychologischen oder wirtschaftlichen
Vorteile die Auslassung der Abschnitte ueber Strafen bei der Veroeffentlichung bestimmter Gesetze innerhalb der Sowjetunion haben mag, ist diese Tatsache fuer die sowjetischen Delegierten bei internationalen Konferenzen (beispielsweise den Sitzungen der UN-Ausschuesse oder der Internationalen Arbeitsorganisation) von grossem Nutzen, da sie auf diese
Weise leichter ihre Behauptungen unterstuetzen koennen, dass die Arbeiter in der kapitalistischen Welt "versklavt" seien, waehrend die Arbeiter in der Sowjetunion "frei" und "gluecklich" leben.
Obwohl die Sowjetregierung die Frage der Bestrafung bei Aufgabe der
Arbeitsstelle, Fehlen und Unpuenktlichkeit in Unklarheit laesst, zeigt
sich doch deutlich eine gewisse Besorgnis hinsichtlich des tatsaechlichen
Verhaltens der Arbeiter. In seinem Kommentar zur sowjetischen Arbeitsgesetzgebung von 1954 stellt N.G. Alexandrow (S. 221) in bezug auf Verstoesse gegen die Arbeitsdisziplin fest, dass "die Sowjetregierung einerseits die ungesetzlichen Ueberstunden, andererseits aber auch das Fernbleiben vom Arbeitsplatz, Unpuenktlichkeit, vorzeitiges Verlassen des
Arbeitsplatzes, Bummelei und so weiter als unzulaessig betrachtet". Auffaellig bei dieser Aufzaehlung ist, dass die Aufgabe der Arbeit ohne
Einverstaendnis der Betriebsleitung fehlt. Im gleichen Buch heisst es
(S. 297), dass "ein Verstoss gegen die Arbeitsdisziplin nach sowjetischem
Recht in der Regel ein Disziplinarvergehen darstellt, das durch Disziplinarstrafen zu ahnden ist. Nur einige besondere Faelle des Verstosses
gegen die Arbeitsdisziplin stellen eine Gefaehrdung des oeffentlichen
Interesses dar und gelten daher nach sowjetischem Recht als Verbrechen".
Das Buch gibt jedoch keinerlei Aufschluss darueber, ob zu diesen Ausnahmefaellen auch die unerlaubte Aufgabe des Arbeitsplatzes, Fehlen
und wiederholte Unpuenktlichkeit gehoeren, fuer die das Gesetz vom 26.
Juni 1940 und der Erlasa vom 18. Januar 1941 Strafen vorsehen.
Allerdings geht aus Mitteilungen in der sowjetischen Presse in den
Jahren 1954 und 1955 hervor, dass Fehlen und unerlaubte Aufgabe des
Arbeitsplatzes nach wie vor Handlungen sind, die gerichtlich verfolgt
werden muessen. Aus einem Bericht in dem Gewerkschaftsblatt "Trud" darf
man folgern, dass wiederholtes Fehlen, sofern die Betriebsleitung Anzeige
erstattet, gerichtlich geahndet wird, wenn auch Arbeiter, die mehrmals
fehlen, zunaechst nur geruegt werden«
"Abrasumow und Skibin (zwei Jugendliche) stellten sich zur Arbeit
ein, nachdem sie einen Tag gefeiert hatten. Da Sharinsky (der Abteilungsleiter) ueberzeugt war, dass ein Verweis sinnlos sei (da die beiden schon
oefter gefehlt hatten), forderte er Krysin (den Leiter des Werkes) auf,
den Fall dem Volksgericht vorzutragen. Krysin unterschrieb die erforderlichen Dokumente".
Die parteiamtliche Zeitschrift "Der Kommunist" veroeffentlichte
einen Artikel des sowjetischen Justizministers K. Gorschenin zur Frage
der unerlaubten Aufgabe des Arbeitsplatzes, in dem er sagt)
"Der Leiter einer der Bauverwaltungen gab den Auftrag, die gegen
M.A. Filatow erhobene Klage wegen unerlaubter Aufgabe des Arbeitsplatzes
an das Volksgericht zu ueberweisen."
Der Arbeiter wurde jedoch freigesprochen, da das Gericht feststellte, dass der Arbeitgeber gegen den Arbeitsvertrag Verstössen hatte,
indem er dem Arbeiter kein Quartier in dem Gemeinschaftswohnhaus besorgt
hatte. Mit Auffuehrung dieses Falles, durch den der Justizminister zeigen
will, dass die Betriebsleitung nicht berechtigt ist, die kontraktlich
verbuergten Rechte des Arbeiters zu verletzen, hat er unabsichtlich bestaetigt, dass Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz ohne Erlaubnis aufgeben,
- 11 -

�strafrechtlich verfolgt werden.
Dass es auch heute noch im sowjetischen Regime derartige Strafen
gibt, beweist das folgende Zitat aus dem 1954 erschienenen Buch "Wtschom
sostoit kommunistitscheskoje Wospitanije Trudjaschtschichsja" (Worin
die kommunistische Erziehung der Arbeiter besteht) von S. Kowaljow

(S. 47)»
"Fehlen oder Unpuenktlichkeit bei der Arbeit und Verstoesse gegen
die Erzeugungsschlacht selbst durch einzelne Arbeiter schaedigen die
Arbeit aller Arbeiter in speziellen Industrieunternehmen, auf Kolchosen, Sowchosen sowie Maschinen- und Traktoren-Ausleihstationen auf das
schwerste. Die Erfahrung zeigt, dass ein Nachlassen im Kampf gegen mangelnde Disziplin das Fehlen und Zuspaetkommen sofort ansteigen laesst
und infolgedessen der Betrieb oder die Kolchose weniger gute Arbeit zu
leisten vermoegen."
Quelles "Monthly Labor Review",
Vol. 78, No 8

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Auf Grund des neuen Pensionsplanes der "Nationalen Seeleutegewerkschaft" (National Maritime Union) ist es jetzt Seeleuten im Falle der
Vollinvaliditaet moeglich, ohne Ruecksicht auf ihr Alter eine Rente zu
beziehen, vorausgesetzt, dass sie eine Mindestanwartschaft von 12 Jahren
nachweisen koennen. Waehrend sie bisher nur dann rentenberechtigt waren,
wenn 3ie das 55» Lebensjahr erreicht hatten, ist jetzt lediglich die Laenge der Dienstzeit entscheidend.
Ausserdem wurden in dem neuen Rentenplan auch noch einige andere
Qualifikationen geaendert. So ist es jetzt zum Beispiel nicht mehr erforderlich, dass der Betreffende eine bestimmte Zeit vor Eintritt der Invaliditaet beschaeftigt gewesen sein muss. Andere Pensionsplaene sehen zum
Beispiel vor, dass der Seemann vor Eintritt der Invaliditaet zumindest
fuer 90 Tage beschaeftigt gewesen sein muss. Auf Grund des neuen Abkommens sind drei verschiedene Arten von Rentenleistungen moeglich»
1. Die Auszahlung der normalen Fensions bei Erreichung des 65. Lebensjahres, vorausgesetzt, dass der Seemann eine Dienstzeit von 18 Jahren
nachweisen kann; die Rentenleistung betraegt hier 55 Dollar pro Monat,
zusaetzlich zur staatlichen Altersversorgung.
2. Verminderte Rentensaetze fuer solche Seeleute, die das 65. Lebensjahr erreichen, aber nur eine Dienstzeit zwischen 11 und 18 Jahren nachweisen koennen.
5. Pensionsleistungen fuer solche Seeleute, die zwischen dem 60. und
65. Lebensjahr in den Ruhestand treten und wenigstens 11 Dienstjähre
haben.
Die amerikanischen Erdoelgesellschaften haben die Loehne ihrer Arbeiter auf Grund gleichlautender Tarifabkommen um allgemein sechs Prozent oder mindestens 15 Cent pro Stunde - erhoeht, was etwa 26 Dollar und mehr
pro Monat entspricht. Zu denjenigen Gesellschaften, die die Loehne sowohl
fuer ihre gewerkschaftlich organisierten als auch nichtorganisierten Arbeitnehmer erhoehten, gehoeren die "Gulf Oil Corporation", "Esso Standard Oil Company", "Socony Mobil Oil Company" und die "Humble Oil and
Refining Company".

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wcrijen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 6

Mehlem, den 16. Maerz 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Reform der Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen

Seite

1

Disziplinarische Massnahmen der Gewerkschaften

Seite

5

Neue Grenzen der menschlichen Beziehungen

Seite

9

Gewerkschaftliche Kurznachricht

Seite 12

Reform der Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen
Die Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen haben sich vom Sommer
1954 bis zum Sommer 1955 erheblich verbessert, wie aus dem zweiten
Jahresbericht der Hafenkommission fuer den Hafen von New York*) hervorgeht. Die bei der Ausmerzung von Verbrechen und Korruption erzielten
Fortschritte sind weitgehend darauf zurueok zufuehren, dass die Kommission
die Arbeit im Hafen ihres Gelegenheitscharakters entkleidete, die Hafenarbeiter registrierte, ein neues Anheuerungsverfahren einfuehrte und
alles daransetzte, dass das Anheuern von Arbeitern am Pier nicht wieder
zur Regel wurde. Ein weiteres Mittel war die Handhabung der Lizenzierungsvollmachten durch die Kommission.
Eliminierung der Gelegenheitsarbeit im Hafen
Das Deberangebot an Hafenarbeitern war eine der Hauptursachen fuer
die im New Yorker Hafen herrschende Korruption und das Verbrecherunwesen.
Der Bedarf an Hafenarbeitern belaeuft sich im New Yorker Hafen auf
schaetzungsweise 25 000 bis 33 250 Mann. In den Jahreszeitraeumen vor
dem 30. September 1952 beziehungsweise 1953t Q8-s ist also vor Gruendung
*) Die Kommission besteht aus Vertretern der Staaten New York und
New Jersey und wurde auf Grund des Public Law 252 eingesetzt.

- 1 -

�der Kommission, wurden nach den Unterlagen des New Yorker Reederverbandes
'42 000 Mann als Hafenarbeiter entlohnt.
Zur Loesung des wichtigsten Problems, naemlich Angebot und Nachfrage
bei Arbeitskraeften im Gleichgewicht zu halten, stuetzte sich die Kommission auf zwei Bestimmungen des Gesetzes, auf Grund dessen sie errichtet
wurde. Auf Grund dieser Bestimmungen war die Kommission verpflichtet,
1.) jeden Bewerber zu registrieren, sofern er nicht auf Grund von Vorstrafen, seines Eintretens fuer den gewaltsamen Sturz der amerikanischen
Regierung oder der Tatsache, dass seine Gegenwart am Fier Frieden und
Sicherheit dort gefaehrden koennte, ungeeignet ist; und 2.) eine Mindestbeschaeftigungsdauer festzusetzen sowie alle halbe Jahre diejenigen Hafenarbeiter aus ihren Listen zu streichen, die dieses Mindestmass nicht
erfuellten.
Wie erfolgreich diese Massnahmen waren, zeigt die Tatsache, dass
die Zahl der fuer die Arbeit im Hafen in Frage kommenden Personen, das
heisst der bei der Kommission registrierten Hafenarbeiter, bis Mitte
1954 auf 34 469 und bis Juni 1955 auf 31 574 sank. Da die gesetzlich eingefuehrte Registrierungspflicht in diesem Zeitraum zunaechst zu einer
wesentlichen Zunahme der registrierten Hafenarbeiter fuehrte (vergleiche
weiter unten), ist der Rueckgang im Jahre 1955 in erster Linie auf den
ersten, im Januar 1955 begonnenen Angriff auf die Gelegenheitsarbeit im
Hafen zurueckzufuehren. Wie die Statistiken fuer jenen Zeitraum zeigen,
eTfuellten 16 393 der registrierten Arbeiter die Mindestforderung an regelmaessiger Arbeit nicht, das heisst 8 Tage Beschaeftigung oder achtmalige Nachfrage bei den Arbeitsvermittlungsstellen der Kommission pro Arbeitsmonat. All diesen Arbeitern wurde Gelegenheit gegeben, ihr Verhalten
zu begruenden, und 9336 von ihnen baten unter Hinweis auf besondere Umstaende darum, auch weiterhin auf den Registrierungslisten gefuehrt zu
werden. Bei Ueberpruefung dieser Faelle war die Kommission bemueht, diejenigen auf den Listen zu belassen, die in erster Linie auf die Hafenarbeit
als Erwerbsquelle angewiesen waren. Auf diese Weise konnte in 8790 Faellen
zugunsten solcher Personen entschieden werden.
Registrierung der Hafenarbeiter
Auf diese Weise wurden im Laufe des am 30. Juni 1955 endenden Geschaeftsjahres 7603 Arbeiter von den Listen der Kommission gestrichen.
Zu Beginn des Jahres hatte die Kommission 29 7^5 Hafenarbeiter staendig
und 4704 voruebergehend registriert, waehrend 122 abgelehnt worden waren.
Im Laufe des Jahres erhielten weitere 7063 Mann Dauerregistrierungskarten,
waehrend in 507 Faellen die Registrierung abgelehnt oder widerrufen wurde.
Fuer die absolute Abnahme der Zahl der registrierten Hafenarbeiter um insgesamt 2895 bis En.de des Geschaeftsjahres duerfte Saeumigkeit der voruebergehend Registrierten verantwortlich sein.
Die Kommission ueberprueft saemtliche Personen, die um Aufnahme in
die Listen der Hafenarbeiter nachsuchen, sehr sorgfaeltig. Da sie sich
darueber klar ist, welch schlechte Einfluesse Bewerber mit krimineller
Vergangenheit auf ihre Arbeitskollegen haben koennten, gruendet sie in
allen solchen Faellen ihre endgueltige Entscheidung ueber die Registrierung auf die Gesamtdauer der Taetigkeit des Bewerbers als Hafenarbeiter
unter entsprechender Beruecksichtigung etwaiger Anzeichen einer Besserung
und des Grades der Not, der er und seine Familie im Falle einer Ablehnung
ausgesetzt waeren. •
In den zwei Jahren ihres Bestehens hat die Kommission in 629 Faellen
die Registrierung von Bewerbern wegen krimineller Vergangenheit abgelehnt
oder widerrufen und in 288 Faellen die Registrierung nur nach vorheriger
Vernehmung der Bewerber vorgenommen. Um welche Verbrechen es sich in
diesen 917 Faellen handelte, geht aus nachfolgender Aufstellung hervort
- 2 -

�Die Registrierung wurde
abgelehnt oder
widerrufen
vorgenommen
Anzahl der Bewerber mit krimineller
Vergangenheit
Gesamtzahl der Gesetzesverstoesse
davon Verbrechen
Vergehen
Uebertretungen
Leichte Haftatrafen

629

268

3190
630
1402
407
751

1336
213
531
124
468

Dreissig Prozent der zu einer Vernehmung Vorgeladenen erschienen
nicht, obgleich man ihnen mitgeteilt hatte, dass ihr Nichterscheinen eine
Ablehnung der Registrierung zur Folge haben werde. Allerdings hat die
Kommission aus Gruenden der Billigkeit derartige Faelle wieder aufgegriffen, wenn der Bewerber innerhalb einer angemessenen Frist darum nachsuchte.
Neues Einstellungsverfahren
Ein weiterer Versuch der Kommission, die Probleme der "Ungewissheit
der Beachaeftigung der Hafenarbeiter und des Fortbestands der Ringvereine"
in Angriff zu nehmen, bestand in der Einfuehrung eines neuen Einstellungsverfahrens im April 1955» Damit ging die Kommission von der bis dahin geuebten Methode der "vorherigen Beglaubigung" ab und fuehrte stattdessen ein System der Gruppenausschreibung und Gruppeneinstellung ein.
Das Verfahren der "vorherigen Beglaubigung", das die Kommission im
Dezember 1953 einfuehrte, war anstelle des im Hafen ueblichen Schlangeetehena nach Arbeit getreten, bei dem die mehr oder weniger willkuerliche
Verteilung der Stellen durch die Anwerber Verbrechen und Korruption Vorschub leistete. Nach Einfuehrung der vorherigen Beglaubigungspflicht
mussten die Arbeitgeber der Kommission Namenslisten jener Arbeiter einreichen, die sie in der kommenden Woche beschaeftigen wollten. Die Kommission verglich diese Listen mit ihrem Gesamtregister der Hafenarbeiter
und beglaubigte sie. Beglaubigte Listen konnten dann von Woche zu Woche
verlaengert werden. Lediglich die Arbeiter, die sich um Gelegenheitsarbeit bewarben, mussten persoenlich im Vermittlungsbuero der Kommission
erscheinen. Der Erfolg dieses Systems der vorherigen Beglaubigung wurde
jedoch weitgehend dadurch zunichte gemacht, dass die Arbeitgeber es
den Anwerbern und Gewerkschaftsfunktionaeren gestatteten, weit mehr Personen auf die Listen zu setzen als sie tatsaechlich benoetigten. Auf diese
Weise wurde das mit Recht verrufene offene "Schlangestehen" durch ein
ebenso unerwuenschtes heimliches "Anstehen" ersetzt. Das entscheidende
Wort ueber Anstellung oder Nichtanstellung sprach die unabhaengige Allamerikanische Hafenarbeitergewerkschaft (International Longshoremen's
Association - ILA).
Infolgedessen schlug die Kommission ein System vor, bei dem die Arbeit gruppenweise ausgeschrieben und die Leute gruppenweise eingestellt
werden. Es dient dem Ziel, die Einstellung von Schauerteams, Hafenarbeitern, Kontrolleuren und Bueroangestellten durch die Arbeitsvermittlungsbueros der Kommission in der gesetzlich vorgeschriebenen Weise zu regeln,
und diese Vermittlungsbueros in Informationszentralen ueber den Arbeitsanfall im Hafen und verfuegbare Arbeitskraefte umzuwandeln. Die Arbeitgeber
lehnten diese Vorschlaege ab, und die Hafenarbeitergewerkschaft boykottierte eine fuer Oktober 1954 anberaumte oeffentliche Informationssitzung.
Die Kommission verschob weitere Massnahmen bis Januar 1955» da der New
Yorker Reeder- und Speditionsverband (New York Shipping Association) und

�die Hafenarbeitergewerkschaft gerade ueber einen neuen Kontrakt verhandelten. Zu diesem Zeitpunkt gab die Kommission bekannt, dass die Neuregelung ab Maerz 1955 in Kraft treten werde. Die Arbeitgeber wandten
sich erneut gegen diese Regelung. Sie Gewerkschaft lehnte es zunaechst
ab, ueberhaupt Stellung dazu zu nehmen und ging spaeter dazu ueber, Urabstimmungen ueber die Frage vorzunehmen. Unmittelbar vor Inkrafttreten
der Neuregelung ersuchte die Allamerikanische Hafenarbeitergewerkschaft
um Gelegenheit, ihren Standpunkt darzulegen. Die Hafenkommission verschob daraufhin die Inkraftsetzung der Neuregelung bis April 1955« Obgleich die Hafenarbeitergewerkschaft die neuen Einstellungsbestimmungen
spaeter vor Gericht anfocht*)i fuehrten die folgenden Beratungen dazu,
dass erstmals die Einstellungsverfahren fuer einen grossen Teil des Hafengebiets schriftlich festgelegt wurden, so dass es in Zukunft keinerlei Missverstaendnisse auf diesem Gebiet mehr geben kann. Diese formelle
Festlegung der Einstellungsverfahren, durch die die Kontrolle der Hafenarbeit durch die Gewerkschaft weitgehend beschnitten werden konnte, ohne
dass es darueber zu Streiks kam, wird von der Kommission als eine ihrer
wichtigsten Leistungen im zweiten Jahr ihres Bestehens angesehen.
Dieses neue System weist natuerlich gewisse Unterschiede bezueglich
der verschiedenen Arbeiten auf, doch gelten folgende grundlegenden Bestimmungen fuer staendige Schauergangs und Hafenarbeiter gleichermassem
1. Die Namen der staendigen Arbeiter werden der Kommission vom Verlader,
der sie anstellt, bekanntgegeben. 2. Die Namenslisten dieser Arbeiter
werden am Kopf des Piers und in dem zustaendigen Vermittlungsbuero der
Kommission ausgehaengt. 3- Arbeiter werden je nach Arbeitsanfall aus dem
auf der Liste aufgefuehrten Personenkreis am Pier ausgewaehlt und auf
Tagesbasis angestellt. 4* Verlader erstatten dem Vermittlungsbuero der
Kommission taeglich einen Bericht ueber die jeweiligen Einstellungen!
der auf dem schwarzen Brett ausgehaengt wird. Zum Monatsende muessen die
Verlader die Namen aller Arbeiter, die nicht regelmaessig beschaeftigt
wurden, von den Listen streichen. Regelmaessig arbeitende Gangs, die nicht
auf ihrem eigenen Pier arbeiten, sowie zusaetzliche Arbeitsgruppen werden
ebenso wie die Gelegenheits- oder Aushilfsarbeiter ueber das Vermittlungsbuero der Kommission eingestellt.

Andere Aufgaben der Kommission
Neben ihren Bemuehungen, die Einstellungsmethoden und das Arbeitsklima im New Yorker Hafen zu verbessern, hat die Kommission ihre Lizenzierungsbefugnis dazu benutzt, gewisse Normen zu entwickeln, denen die
Verladegesellschaften entsprechen muessen, um die fuer ihre Taetigkeit
im Hafen erforderliche Konzession zu erhalten. Es wird nicht nur ein hoher
Grad an Integritaet von der Leitung der Gesellschaft verlangt, sondern
auch eine einwandfreie Geschaeftsfuehrung, lueckenlose Buchfuehrung und
Rechnungslegung ueber saemtliche Ausgaben gefordert.
Ein weiterer Erfolg der Kommission war die Verschaerfung der Verbotsbestimmungen bezueglich Anheuerns von Gelegenheitsarbeitern am Pier,
das einen "besonderen Fluch" des New Yorker Hafens darstellte. Das Anheuern von Gelegenheitsarbeitern war nach Angaben der Kommission vor dem
Verbot das Monopol "von Maennern, die entweder die Ortsverbaende der Hafenarbeitergewerkschaft in der Hand hatten oder mit deren voller Zustimmung arbeiteten". Infolgedessen nahm die Kommission ganz energisch (wenn
auoh nur in Form eines Gutachtens) gegen die Vorschlaege Stellung, die
*) Die Entscheidung stand zur Zeit der Abfassung des zweiten Jahresberichts der Hafenkommission noch aus.

- 4-

�die Hafenarbeitergewerkschaft bei den Verhandlungen Ende des Jahres
1954 vorgebracht hatte und die darauf hinausliefen, das System des Anheuerns am Pier unter dem Deckmantel einer Vertragsklausel ueber die
Einfuehrung einer neuen besonderen Sparte von Hafenarbeitern wieder
einzufuehren. Die Kommission wies darauf hin, dass die Abschaffung des
frueheren Verfahrens des Anheuerns allen Hafenarbeitern zugute gekommen
sei, die sich ihren Unterhalt beim Auf- und Entladen von Lastwagen auf
den Piers verdienen; heute werden sie mit regulaeren Hafenarbeiterloehnen
eingestellt und haben Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen und
Altersversicherung.
Quellet "Monthly Labor Review"
Vol. 78 No. 9

Disziplinarische Massnahmen der Gewerkschaften
Die Leitung eines Geschaeftsunternehmens oder einer Gewerkschaft
erfordert gewisse Machtbefugnisse, um die Beschaeftigten oder Hitglieder bei Verstoessen gegen die bestehenden Arbeits- oder Mitgliedsbestimmungen zurechtweisen zu koennen. Eine solche Autoritaet kann jedoch
auch missbraucht werden. Die amerikanischen Gewerkschaften sind schon
seit Jahren bemueht, den Machtmissbrauch der Vorarbeiter oder Werkmeister
einzudaemmen. An dem weitgehenden Einbau von Beschwerde- und Schlichtungsverfahrensbestimmungen in die Tarifvertraege mag man den Umfang
sehen, inwieweit Sicherheitsmassnahmen gegen ungerechtfertigte disziplinarische Methoden getroffen worden sind.
Worin besteht die Disziplin innerhalb einer Gewerkschaft? Welchen
Schutz besitzen Gewerkschaftsmitglieder gegen Autoritaetsmissbrauch
seitens der Gewerkschaftsfunktionaere? Um diese und andere Fragen bezueglich der internen gewerkschaftlichen Funktionen zu beantworten, hat Professor Philip Taft, ein bekannter Sachverstaendiger der gewerkschaftlichen
Entwicklung, eine Studie ausgearbeitet, die den Titel traegt: "Struktur
und Leitung der Gewerkschaften".
Die Behandlung, die ein Mitglied erfaehrt, wenn es mit den gewerkschaftlichen Bestimmungen oder den Funktionaeren seiner Gewerkschaft in
Konflikt geraet, oder wenn es sich ueber die Handlungsweise der Ortsgewerkschaft, der Gewerkschaftsvertreter oder ueber etwas beschwert, das
mit seiner Taetigkeit zusammenhaengt, kann als Masstab fuer die von den
Gewerkschaften ausgeuebten disziplinarischen Massnahmen dienen. Die Pruefung mehrerer Hundert Faelle dieser Art fuehrten Professor Taft zu der
Ansicht, dass sowohl die individuellen als auch die lokalen Machtbefugnisse innerhalb der Gewerkschaften strengeren Beschraenkungen unterliegen als in der Oeffentlichkeit allgemein. Dies kommt zum Teil daher, dass
die Gewerkschaften eine homogene Einheit mit fest abgegrenzten und umrissenen Zielen ist. Diese Einheit kann aber durch innere Spaltungen
ernsthaft beeintraechtigt werden.
Professor Taft beschreibt die Grundlage der Disziplin, deren sich
die Mitglieder unterordnen muessen, wie folgt«
Ausser d en Punkten, die die Ausuebung von Rechten innerhalb der
Gewerkschaft betreffen, muessen sich die Mitglieder nach Bestimmungen richten, die ihre berufliche Verhaltensweise vorschreiben.
Mit Zustimmung der Arbeitgeber haben die Gewerkschaften eine Vielzahl solcher Bedingungen erlassen. In manchen Faellen mag ein einzelner in der Lage sein, einen Vorteil daraus zu gewinnen: beispielsweise indem er Ueberstunden ableistet, wenn Ueberstundenarbeit verboten ist oder dass er unter Bedingungen arbeitet, die

- 5-

�den gewerkschaftlichen Prinzipien oder Praktiken zuwiderlaufen.
Dies ist lediglich eine der vielen Variationsmoeglichkeiten,
in denen eine Zuwiderhandlung gegen gewerkschaftliche Bestimmungen nicht nur moeglich ist, sondern wo der Zuwiderhandelnde sogar
einen Vorteil erzielen koennte. Die Gewerkschaften muessen nicht
nur danach trachten, eine solche heimliche Umgehung der von den
einfachen Mitgliedern festgelegten Standardvorschriften zu verhindern, sondern sie muessen auch dafuer sorgen, dass die mit dem
Arbeitgeber eingegangenen Verpflichtungen befolgt werden. Ohne
Verordnungen und die Befugnisse zu ihrer Durchfuehrung koennten
die Gewerkschaften weder ihren eigenen Standard aufrechterhalten,
noch koennten sie die Einhaltung von mit dem Unternehmer vereinbarten Bedingungen zur Auflage machen, wenn einer Minderheit
ihrer Mitglieder die Erfuellung dieser Bedingungen unbillig erscheint.
Die Disziplinarverfahren der Gewerkschaftsorganisationen sind so
beschaffen, dass sie der Gewerkschaft ein wirksames Arbeiten
gestatten. Prozesse und Strafen sind festgelegt worden, um Gehorsam zu erzwingen oder um eine Bestrafung durchzufu-ehren, wenn
die Mitglieder sich einer Verletzung ihrer Pflichten schuldig gemacht haben. Alle Gewerkschaften haben Berufungsgerichte eingesetzt, die die Beschluesse der Ortsgewerkschaften oder ihrer Untersuchungsausschuesse nochmals pruefen. In allen Gewerkschaftsorganisationen gibt es mehr als eine Berufungsinstanz, so dass ein Mitglied, falls es mit der Entscheidung der einen Stelle unzufrieden
ist, den Fall zur naechsten Instanz weiterleiten kann. Die Appellationsgerichte der Gewerkschaftsorganisationen bearbeiten viele
Faelle, in denen ueberhaupt keine Strafmassnahme zur Anwendung
Kommt. Das Appellationsgericht behandelt beispielsweise Zustaendigkeitsstreitigkeiten zwischen Ortsgewerkschaften, die Erhebung von
Umlagen oder Beitraegen, das Verhalten eines Vorsitzenden bei einer
Gewerkschaftsversammlung, die Abhaltung einer Wahl innerhalb der
Ortsgewerkschaft, und viele Punkte aehnlicher Art, die einem Appelationsgericht zur Bearbeitung uebertragen
werden koennen. Gewerkschaftsmitglieder koennen ebenfalls gegen Beschluesse von Funktionaeren, Entscheidungen der Ortsgewerkschaft oder Regelungen beruflicher Angelegenheiten Einspruch erheben. Bei Fragen bezueglich der
Senioritaet, der Mitgliedsbeitraege auf Grund von Gewerkschaftsvertraegen und unzureichender Erledigung von Beschwerden koennen hoehere
richterliche Instanzen der Gewerkschaftsbewegung in Anspruch genommen
werden.
Aus einer fluechtigen Pruefung von Art und Anzahl der Berufungen,
die alljaehrlich den Exekutivausschuessen oder den Leitern von
Gewerkschaftsorganisationen zugehen, kann mit aller Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass diese Gerichte ordentlich und gerecht
verwaltet werden. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die Gewerkschaftsmitglieder so ausgiebig von diesem Berufungsverfahren Gebrauch
machen wuerden, wenn sie glaubten, dass ein solcher Schritt vergeblich
waere. Professor Clyde Summers fand "218 Urteile, in die 86 verschiedene Gewerkschaften verwickelt waren.... in den gedruckten
Gerichtsunterlagen." Die amerikanische Musikergewerkschaft bearbeitete
im Jahre 1949 allein 1688 Faelle, das sind etwa achtmal soviel wie
die in den gesamten Gerichtsakten aufgefuehrten. Fuer eine allamerikanische Gewerkschaft ist es nichts Ungewoehnliches, im Jahr 100 Berufungen zu bearbeiten; der Durchschnitt liegt jedoch fuer gewoehnlich
hoeher. In jedem Jahr gehen oft mehrere Tausend Berufungen von Gewerkschaftsmitgliedern ein, die disziplinarische Fragen betreffen;
noch haeufiger beziehen sie sich jedoch auf wichtige Rechte der Mitmitglieder und der Ortsgewerkschaften. Die Mitglieder leiten zuweilen Streitigkeiten an die ordentlichen Gerichtshoefe weiter, der
Autor hat jedoch den Eindruck, dass die Gerichte in einigen Faellen

- 6-

�da9 Problem, dem sich die Gewerkschaft gegenuebersieht, nicht voll
zu schaetzen wissen.
Die gewerkschaftlichen Satzungen enthalten eine ganze Reihe unzulaessiger Handlungen, die durch Zurechtweisung, Geldstrafe, Suspendierung oder Ausschluss oder irgendeine kombinierte Form dieser
Disziplinarmassnahmen geahndet werden. Den Mitgliedern ist unter
anderem verboten, sich an einer Reihe von Aktionen zu beteiligen.
In manchen Faellen ist das widrige Verhalten ueberhaupt nicht extra
aufgefuehrt; es ist Mitgliedern beispielsweise nicht erlaubt, an
Aktionen teilzunehmen, die sich gegen die Interessen der Gewerkschaft
und ihrer Mitglieder richten. Andere Verbote, die sich haeufig in
gewerkschaftlichen Satzungen finden, erstrecken sich auft die Unterhaltung mit Aussenstehenden ueber geschaeftliche Angelegenheiten
der Gewerkschaft, Bestimmungen und Gesetze der Gewerkschaft oder
ihrer Unterabteilungen; die Nichtbefolgung der Weisungen von Funktionaeren; die Verleumdung eines Funktionaers oder eines Mitglieds;
die Verteilung gedruckten Materials unter die Mitglieder ohne Zustimmung der Gewerkschaftsfunktionaere; die Teilnahme an nichtgewerkschaftlichen Versammlungen, auf denen gewerkschaftliche Angelegenheiten eroertert werden, sowie die Begehung einer unehrenhaften Handlung, die der Gewerkschaftsbewegung oder der Gewerkschaft abtraeglich
ist.
Es waere jedoch eine Misäinterpretierung der ueblichen Handhabung
dieser Angelegenheiten seitens der Gewerkschaften, wenn man annehmen
wollte, dass die vorgebrachten Anklagen allgemeiner'Art seien.
Die Beschuldigung, die Gewerkschaft in schlechten Ruf gebracht zu
haben, ist beispielsweise recht allgemein gehalten. Solche Anschuldigungen sind jedoch gewoehnlich von einer Darlegung begleitet, in
der der spezielle Fall, in dem das Ansehen der Gewerkschaft geschaedigt wurde, genauestens geschildert wird. Die Mitglieder werden also
im allgemeinen nicht auf Grund vager Anschuldigungen zur Rechenschaft
gezogen, sondern auf Grund bestimmter Handlungen, die sie begangen
haben. Dies geht aus den Gerichtsakten und aus der Unterhaltung mit
zahlreichen leitenden Gewerkschaftsfunktionaeren hervor. Bestimmte
Verstoesse, die normalerweise zu der Arbeit und den Aufgaben der
jeweiligen Gewerkschaft gehoeren, werden ebenfalls aufgefuehrt.
Die "National Maritime Union" (amerikanische Seeleutegewerkschaft)
fuehrt beispielsweise bestimmte Verstoesse und die entsprechenden
Strafmassnahmen auf.
•
Anklagen und Prozesse auf lokaler Ebene sind nur die Anfangsmassnahmen
des Gf-richtssystems der amerikanischen Gewerkschaften, das dazu bestimmt
ist, die Rechte der einzelnen Mitglieder zu wahren. Die Mitglieder koennen
sich fuer gewoehnlich ohne weiteres an mehrere Gerichte wenden, die letzte
Instanz endet bei dem Gewerkschaftskongress oder einer Mitgliederabstimmung, wenn dies zu einer endgueltigen Urteilsfällung notwendig ist. Professor Taft aeusserte sich wie folgt ueber die Berufungen und die Schlussfolgerungen, die er aus den Faellen, die er pruefte, zog.
Die Berufungen umfassen, wie ich bereits ausfuehrlich berichtete,
die verschiedenartigsten Punkte. In groben Zuegen koennte man sie,
ihrer Ursache nach, einmal nach dem Verhaeltnis von Mitglied oder
Funktionaer 1) zu seiner Gewerkschaft und
2) zu seiner Taetigkeit
unterscheiden. Berufungen in der zweiten Kategorie koennen disziplinarische Bestrafung nach sich ziehen, und zwar fuer 1. Verletzung
der Arbeitsbestimmungen, 2. Weigerung, den Weisungen des gewerkschaftlichen Vertrauensmannes oder des geschaeftsfuehrenden Gewerkschafters Folge zu leisten bzw. Verstoss gegen die Mitgliedsbestimmungen. Andererseits richten sich Berufungen in dieser Kategorie
unter Umstaenden gegen das Versagen oder die Weigerung der oertlichen

- 7-

�J
Gewerkschaftafunktionaere oder der Gewerkschaft selbst, die Rechte
der Berufung einlegenden Person zu schuetzen. Dieser mag man unter
Umstaenden den rueckstaendigen Lohn nicht gezahlt haben, oder verweigerte ihr Senioritaet, Wiedereinsetzung, eine Vorzugsachicht
oder sonstige Arbeitsrechte. Die Weigerung der oertlichen Gewerkschaf tafunktionaere, die Angelegenheit zu regeln, sei es, weil sich
hinsichtlich der Interpretierung einer Vereinbarung oder eines
Rechts Widersprueche ergeben, koennen zu einer Berufung fuehren,
die tatsaechlich die Forderung eines Mitglieds an die allamerikanische Gewerkschaft darstellt, die Ortsgewerkschaft zur Durchfuehrung
bestimmter Gesetze zu ermaechtigen.
Die Faelle, die im Zusammenhang mit den Staatsbuergerrechten stehen,
sind verhaeltnismaessig selten, obgleich die allamerikanischen Gewerkschaften sich in die Angelegenheiten einer Ortsgewerkschaft
einschalten koennen, wenn die letztere durch Parteigaengertum zerrissen ist und hierdurch ihre Organisations- oder Tarifverhandlungstaetigkeit in Mitleidenschaft gezogen wurde. Auf dem weiten Gebiet
"Staatsbuergerrechte" kann Berufung eingelegt werden beit
1. Durchfuehrung von Wahlen,
2. Verhaltensweise auf Versammlungen,
3. der Abhaltung von Reden verschiedenster Art, 4- Klagen gegen
das willkuerliche Verhalten von oertlichen Gewerkschaf tsfunlctionaeren, 5« Parteilichen Spaltungen innerhalb der Gewerkschaft und
6. Zugehoerigkeit zur kommunistischen Partei oder einer ihrer Organisationen. Viele Gewerkschaften dulden keine Kommunisten in ihren
Reihen. Kommunisten sind im allgemeinen ziemlich aktive Mitglieder
und wenn ihre Parteizugehoerigkeit erkannt worden ist, so werden
sie aus der Gewerkschaft ausgeschlossen. Diese Regelung besteht in
vielen, wenn auch nicht in allen Gewerkschaften.
Hinsichtlich des bei den Berufungen zu bearbeitenden Materials
koennen verschiedene Schlussfolgerungen gezogen werden. Die erste
besteht darin, dass disziplinarische Massnahmen im allgemeinen
bei Zuwiderhandlung gegen gewerkschaftliche Bestimmungen getroffen
werden, und weniger bei solchen Paellen, wie der freien Rede oder
der Veroeffentlichung nicht genehmigten Materials. Puer Aussenstehende ist es schwierig, die Berechtigung dieser Strafmassnahmen zu
ermessen, aus den Informationen geht jedoch hervor, dass sie selten
3treng oder zu Unrecht erfolgen.
Die Berufungsfaelle enthuellen ebenfalls die Unterschiede, die zwischen den einzelnen Ortsgewerkschaften bestehen; ausserdem wird
offenbar, dass die Opposition sich nicht"nur haeufig Gehoer verschaffen kann, sondern daaa aie auch davon Gebrauch macht. Die Tatsache, dass haeufig der Wahlausgang oder das Verhalten und die Entscheidungen eines Punktionaers oder einer Ortsgewerkachaft angezweifelt werden, sind Zeichen dafuer, dass die Gewerkschaften es
nicht nur billigen, dass Meinungsverschiedenheiten bestehen und
ihnen offen Ausdruck verliehen wird, sondern dass auch Mitglieder,
wenn sie von diesen ihren Rechten Gebrauch machen, uneingeachraenkten Schutz geniessen.
Zuerst wird ein Beklagter von seinen Kollegen, die mit ihm zusammenarbeiten, verurteilt; sie zoegern haeufig, ihn mit einer Geldstrafe
zu belegen oder ihn gar aus der Gewerkschaft auszuschliesaen. Falls
ein Mitglied zu einer Geldstrafe verurteilt oder aus der Gewerkschaft
ausgeschlossen wurde, steht es ihm frei, mehrfach Berufung einzulegen; diejenigen, die seinen Fall erneut bearbeiten, haben fuer
gewoehnlich nicht nur ein Interesse daran, dass ein ordnungsgemaesses
Untersuchungsverfahren eingeleitet wird, sondern auch, dass der
Beklagte eine angemessene Strafe erhaelt. Die Gewerkschaften haben
verschiedentlich festgestellt, dass die Tendenz besteht, Mitglieder
- 8 -

�I
einer Ortsgewerkschaft eher mit einer zu milden als einer zu harten
Strafe zu belegen, obgleich letzteres ebenfalls nicht ausgeschlossen
ist.
Professor Taft weist den Vorschlag zurueck, dass die Regierung die Durohfuehrung gewerkschaftlicher Disziplinarmassnahmen ueberwachen sollte.
Im grossen und ganzen bestehen keine Anzeichen dafuer, dass die
Berufungsmaschinerie nicht wirksam arbeitet, oder dass sie nutzlos ist
oder durch Regierungsmassnahmen verbessert werden muesste. In Anbetracht
der speziellen und haeufig sehr komplizierten Probleme, die die Gewerkschaften zu behandeln haben, kann man auf Grund der vorhandenen Informationen sagen, dass ihre disziplinarischen Verfahren im allgemeinen gerecht und wirksam zur Durchfuehrung gelangen.
Quellet "Free Men at Work", No. 35

Neue Grenzen der menschlichen Beziehungen
In den Vereinigten Staaten und wahrscheinlich auch in anderen industrialisierten Laendern richtet sich die Aufmerksamkeit in steigendem
Masse auf den Arbeiter, und zwar nicht - wie so oft - als "Produktionseinheit" oder als "Raedchen einer riesigen Industriemaschinerie", sondern
als einem Einzelwesen, das mit persoenlichen Problemen belastet zur Arbeitsstelle geht und das auf die Vorgaenge im Betrieb oder in der Umgebung seines Arbeitsplatzes eine psychologische Reaktion zeigt. Der
groesste Teil der Arbeit auf diesem Gebiet, zumindest in den Vereinigten
Staaten, wurde vom Management unternommen bzw. gefoerdert, und zwar im
Rahmen eines allgemeineren Versuchs, die Beziehungen zwischen Arbeitern
und Vorgesetzten und unter den Arbeitern selbst zu verbessern (fuer
gewoehnlich als "human relations" bezeichnet).
Das Interesse am Arbeiter als Persoenlichkeit lenkt natuerlich auch
die Aufmerksamkeit des Psychologen auf ihn; infolgedessen hat sich in
juengster Zeit ein Spezialberuf,der "Industrie"-Psychologe herausgebildet. Obgleich sich im allgemeinen nur ein Grossunternehmen die Dienste
solcher hervorragend geschulten Kraefte leisten kann, und sei es auch nur
auf beratender Basis, so ist es doch bemerkenswert, dass in den letzten
Jahren ueber 100 Mitglieder der "American Psychiatric Association" berufliche Erfahrungen in der Industrie sammeln konnten. Die Aufgabe des Psychologen in der Industrie ist, mit einer grossen Ausnahme, der in der Privatpraxis sehr aehnlichi anstatt sich nur mit Einzelpersonen zu befassen,
die seine Hilfe in Anspruch nehmen, versucht er, die "menschliche Atmosphawre" eines ganzen Betriebes zu verbessern. Genau wie der Sicherheitsingenieur arbeitet der Psychologe im Werk, um Gefahrenpunkte zu ermitteln
und auszuschalten - nur mit dem Unterschied, daas seine Bemuehungen auf
das seelische Wohl ausgerichtet sind.
Nach Meinung des Psychologen ist das Versagen des Arbeiters am
Arbeitsplatz eher auf einen Mangel an richtiger persoenlicher Einstellung
als auf irgendeine andere Ursache zurueckzufuehren. Natuerlich liegt ••
im Interesse der Betriebsfuehrung, hier Abhilfe zu schaffen. Dies kann
auf folgende Weise geschehen: erstens durch die verschiedenartigsten
Auswahl- und Eignungstests, um die Intelligenz, die Handfertigkeiten und
die Interessen des Arbeiters festzustellen; zweitens durch die Anpassung
der Maschinen und der Umgebung des Arbeitsplatzes an die physischen
Leistungsgrenzen des Arbeiters bzw. die Gewaehrung der groesstmoeglichen
*/ "Industrial psychiatrist" entspricht unserem "Betriebspsychologen",
setzt in den USA aber ein vollkommenes medizinisches Studium voraus.

- 9-

�[

Erleichterungen und drittens, durch Eingehen auf die persoenlichen
Probleme des Arbeiters.
Die richtige Auswahl und der richtige Einsatz der Arbeiter bedeutet
einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Erreichung guter innerbetrieblicher Beziehungen; auf diesem Gebiet kann der Psychologe jedoch
nur eine relativ geringe Unterstuetzung gewaehren. Sie ueblichen Stellenbewerbungs- oder Eignungsinterviews lassen kaum Rueckschluesse auf die
Intelligenz des Bewerbers zu und ein kompliziertes Pruefungsverfahren
wuerde -zudem seinen eigentlichen Zweck verfehlen. Die beste Hilfe, die
der Psychologe geben kann, besteht darin, die Interviewer auszubilden
und ihnen geeignetes Material fuer die erfolgreiche Durchfuehrung der
Interviews an die Hand zu geben.
Ausser den emotionellen Problemen, die den Arbeiter schon bei Arbeitsantritt bewegen und die ihn auch am Arbeitsplatz nicht loslassen,
gibt es noch andere Probleme, die sich aus der Taetigkeit selbst ergeben.
Ein grosser Teil der Arbeitsvorgaenge in der modernen Industrie wiederholt
sich staendig und erfordert haeufig weniger Geschicklichkeit als der
Arbeiter imstande ist auszuueben; oftmals ist das Produkt noch zu weit
von seiner endgueltigen Form entfernt, als dass der Arbeiter sich mit
seiner Leistung identifizieren koennte. Hierdurch, so sieht es der Psychologe, wird der Stolz auf sein handwerkliches Koennen geschmaelert und es
entsteht ein Gefuehl der Enttaeuschung. In vielen Faellen hat der Arbeiter das Gefuehl, dass er nur solange geduldet wird, bis eine neue Haschine erfunden ist, um ihn zu ersetzen. Ausserdem ist die Betriebsfuehrung fuer ihn einfach nur "sie"; zu gross, zu beschaeftigt und zu weit
entfernt, um sich um den einzelnen Arbeiter zu kuemmern.
Diese im Betrieb entstehenden psychologischen Probleme sind vielfach
in Kreisen des Management etwas spaet erkannt worden. Aber heute werden
immer mehr Werkmeister und leitende Angestellte in "human relations"
geschult. Die Probleme der Arbeitsmoral und der psychologischen Motivierung nehmen ihren Platz jetzt neben denen der Produktion und der Betriebsfuehrung ein. Man erkennt heute ebenfalls, dass ein gesundes Betriebsklima von dem Verstaendnis und der Puehrung der obersten Betriebsleitung abhaengig ist.
Die Bedingungen zur Schaffung eines gesunden Betriebsklimas erfordern, dass der Arbeiter in seiner Arbeit folgender Sinn findet:
1.

Sein eigenes Leben fuehren zu koennen.

2.

Mit Wuerde an der Aufgabe und den Entscheidungen teilzuhaben,
die seine Arbeit betreffen.

3&gt;

Das Bewusstsein, etwas zu sein, fuer etwas zu arbeiten, das
sich lohnt und Anerkennung zu finden.

4&gt;

Ein Gefuehl des schoepferischen Beitrags - selbst etwas zu
geben fuer das Wohlergehen seiner Mitmenschen.

Der Vorarbeiter oder der Werkmeister muss ausserdem noch das Gefuehl
haben, dass seine Stellung als Vorgesetzter anerkannt und gefoerdert
wird, er ueber die entsprechende Autoritaet und den Respekt verfuegt
sowie ein Teil der Betriebsfuehrung ist. Ausser den Bemuehungen, innerhalb
ihres Organisationsbereichs ein gesundes Betriebsklima zu schaffen,
muessen die leitenden Angestellten sehr darauf bedacht sein, dass ihre
persoenlichen Differenzen auf ein Mindestmass beschraenkt bleiben.
Die hervorstechendsten Probleme, die der gesunden Betriebsatmosphaere
entgegenstehen, haben ihre Ursache haeufig ausserhalb des Werkes und
- 10 -

�druecken sich in Fernbleiben von der Arbeit, Dnfaellen und Alkoholismus
'aus. Dies sind Probleme, die sich zumeist ohne weiteres erkennen lassen
und deren Kosten messbar sind. Dr. Nelson Plummer von der "New York
Telephone Co." berichtete beispielsweise kuerzlich, dass das durch
Krankheit bedingte Fernbleiben vom Dienst die Firma jaehrlich 10 Millionen Dollar kostet. Drei Viertel der Abwesenheitszeit entfallen dabei
auf ein Drittel der Arbeitnehmerschaft. Ein Vergleich der Beschaeftigten
mit einer niedrigen und einer hohen Abwesenheitsrate ergab nur geringe
Unterschiede hinsichtlich der Anfaelligkeit fuer organische Krankheiten,
jedoch erhebliche Unterschiede in bezug auf die Anfaelligkeit fuer
funktionelle Leiden oder Stoerungen des Gefuehlssinns, des Denkvermoegenj und des Verhaltens. Etwa 80 bis 90$ der Unfaelle sind menschlichem
Versagen bzw. psychologischen Gruenden zuzuschreiben. Menschen, die
durch grosse Sorgen dem Alkohol verfallen sind, stellen ein eigenes
Problem dar. Alkoholismus schafft ausser einem messbaren Ausfall an
Dienstleistungen statistisch nicht zu erfassende Fehlentscheidungen, verminderte Leistungsfaehigkeit und verursacht Schwierigkeiten mit den Mitarbeitern.
Die Arbeit des Psychologen kann sich bei der Behandlung von mit
Problemen behafteten Menschen oftmals sehr nuetzlich erweisen. Da dies
das eigentliche Betaetigungsfeld des Psychologen darstellt, koennte er
allerdings in den Fehler verfallen, bei der Behandlung einen Uebereifer zu entwickeln oder die falschen Leute zu behandeln.
Wenn der Betriebsleiter den Psychologen beauftragt, seine Beschaeftigten zu kurieren, so kann das bedeuten, dass er von ihm verlangt, sie
von ihren menschlichen Eigenheiten zu befreien. So mancher Betriebsfuehrer hat allerdings eine etwas merkwuerdige Vorstellung von der menschlichen Natur. Bei der Materialbearbeitung richtet sich der Entwurfsspezialist ganz nach der Beschaffenheit des jeweiligen Materials und regt
sich nicht auf, wenn Holz nicht feuerbestaendig ist oder Stahl nicht mit
Zimmermannswerkzeugen bearbeitet werden kann. Ein Betriebsleiter stellt
jedoch Organisationsplaene auf und entwickelt Personalpraktiken, die sich
lediglich bei Wesen seiner eigenen Vorstellungswelt bewaehren wuerden.
Ein Betriebsleiter sagte einmal zu mir» "Wenn wir doch nur Leute finden
koennten, denen Geld sehr viel bedeutet; wir koennten dann einen Anreizplan einfuehren, der sich wirklich lohnen wuerde." Er kam nicht auf die
Idee, die Wirksamkeit des Anreizplanes in Zweifel zu ziehen, sondern er
aergerte sich lediglich darueber, dass die Leute, seiner Meinung nach,
nicht richtig beschaffen sind. Im allgemeinen haben die Menschen eine
bestimmte Vorstellung davon wie andere sein sollten, und wenn die Plaene,
die sie auf diesen Ideen aufgebaut haben, fehlschlagen, so waeren sie nur
zu gluecklich, wenn ein Psychologe daherkaeme und die Leute entsprechend
"umformen"wuerde.
Schliesslich kann sich der in der Industrie taetige Psychologe durch
die "Gruppentherapie" als sehr nuetzlich erweisen, d.h. dadurch, dass
er Arbeitsgruppen zur Diskussion gemeinsamer oder innerhalb der Gruppe
bestehender Probleme oder Konflikte zusammenbringt und sie so einander
naeherbringt. Als Aussenstehender der Gruppe kann der Psychologe besonders dann, wenn er in der Lage ist, die richtigen Fragen zu stellen, Licht
in die bestehenden Spannungen bringen und eine Art der freien Diskussion
in die Wege leiten, die zu einem besseren Verstaendnis und besserer Zusammenarbeit beitraegt. Diese Form der Gruppentherapie hat sich bei vielen
Gruppen leitender Angestellter als besonders wertvoll erwiesen.
Obgleich in den Gewerkschaftspublikationen verhaeltnismaessig wenig
Kommentare ueber diese Entwicklung erschienen sind, hat ein auf dem Gebiet der Betriebsfuehrungspraktiken versierter Gewerkschaftssprecher die
Ziele und die Richtung dieser psychologischen Methoden sehr kritisch beurteilt. Sein Haupteinwand besteht offenbar darin, dass solche Methoden
zu eng auf die Beduerfnisse und Probleme, die von der Betriebsfuehrung
- 11 -

�definiert werden, bezogen sind und, soweit dies den einzelnen Arbeiter
betrifft, dasa sie der Rolle der Gewerkschaften und den Kollektivverhandlungen zu wenig Gewicht beimessen. In einem vor kurzem erschienenen
Artikel hat er die Psychologen und sonstige Personen, die sich mit dem
Studium der menschlichen Beziehungen befassen, dazu aufgefordert, solche
Studien 1. unbeeinflusst von den Problemen und der Logik des Management
durchzufahren} 2. die Rolle aller Institutionen, einschliesslich der
Gewerkschaften, zu studieren und
3« die Interessen des einzelnen und
der Gemeinschaft ohne Berücksichtigung der Erfordernisse bestimmter
Institutionen in Betracht zu ziehen.
Quellei

"Free Men at Work", No. 35

Erhoehung der Mindestlohngrenze beruehrt zwei Millionen Arbeitnehmer
Auf Grund des neuen Mindestlohngesetzea wurden am 1. Maerz 1956
die Stundenloehne von rund 2 Millionen Arbeitnehmern in den Vereinigten
Staaten automatisch auf 1 Dollar erhoeht. Die bisherige Mindestlohngrenze betrug 75 Cent.
In einer Stellungnahme zur jetzt vorgenommenen Erhoehung der Mindestlohngrenze erklaerte der Praesident der neuen "AFL-CI0"-Gewerk3chaft,
George Meany, unter anderem! "Natuerlich sind wir mit dieser Erhoehung
zufrieden, obgleich wir der Ansicht sind, dass die Mindesthoehe fuer
Stundenloehne 1,25 Dollar betragen sollte."

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann u n e i n geschränkt Gebrauch gemacht werejen.
Herausgeber:
A m t für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 7

Mehlem, den 30. Maerz 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H H I S

Wer a r b e i t e t heute i n den USA

Seite

1

2 1/2 Milli onen Amerikaner erhielten eine Lohnerhoehung

Seite

5

Wohin steuert die grosse neue US-Gewerkschaftsorganisation ...

Seite

6

Wer arbeitet heute in den USA
Die von einem fast ununterbrochenen Wirtschaftsboom gekennzeichneten
vergangenen 15 Jahre haben grosse und in verschiedener Hinsicht ueberraschende Veraenderungen in der Berufsstruktur der USA und den Arbeitsgewohnheiten von Millionen Amerikanern im Gefolge gehabt. Die wichtigste
ist zweifellos in der Tatsache zu sehen, dass das Wirtschaftsleben nicht
mehr in dem Masse wie frueher eine Domaene der Maenner ist. (Siehe auch
nachfolgende Uebersicht.) Waehrend naemlich 1940 das Verhaeltnis zwischen
maennlichen und weiblichen Arbeitskraeften etwa J«1 ausmachte, betraegt es
heute nur noch 2*1. Der Anteil der maennlichen Arbeitnehmer wird im Laufe
der Jahre noch weiter zurueckgehen, wenn die weiblichen Arbeitskraefte
weiterhin in dem Umfang in die Wirtschaft und Industrie stroemen wie bisher. Obwohl dieser Trend natuerlich schon seit Jahren offenkundig ist, so
hat sich doch in juengster Zeit die Zahl neuer Arbeitsplaetze fuer weibliche Arbeitnehmer bemerkenswert schnell erhoeht und zum anderen scheinen
die Frauen auch mehr an einem Arbeitsplatz in der Wirtschaft als an ihrer
Taetigkeit als Hausfrau interessiert zu sein.

- 1

�Veraenderungen in der Arbeitsplatzstruktur
Anzahl der Beschäftigtent

1940 - 47 520 000 heute = 64 165 000 Veränderung 1
+ 55 %

Art der Beschäftigten 1
Frauen
11
Männer
35
14-19jährige
3
alte Leute (über 65 Jahre) 2
andere (19-65 Jahre)
41

1940
970 000
550 000
545 000
090 000
885 000

20
43
4
3
56

Heute
728 000
437 000
468 000
221 000
476 000

Veränderung
+ 73 #
+ 22 %
+ 26 %
+ 54 #
+ 55 #

Art der Tätigkeit»
Fabriken
Bauwirtschaft
Transport, öffentl.
Versorgungseinrichtungen
Groß- U.Einzelhandel
Finanzinstitute
persönl.Dienstleistungen
Regierung (Bund, Einzelstaaten, Gemeinden)
Landwirtschaft
Bergbau
Selbständige, andere

10 780 000
1 294 000

16 984 000

+ 58 £

2 596 000

+ 85 i.

3 013 000
6 940 000

4 141 000
11 674 000
2 225 000
5 653 000

1 436 000

3 477 000
4 202 000
9 540 000
5

916 000
922 000

7 545 000
5 884 000
755 000
7 112 000

+
+
+
+

57 /»
6a io
55 %
63 58

+ 7 5 &lt;f&gt;

- 58 $
- 18 +

+ 20 #

In einer im Jahre 1947 von der US-Regierung durchgeführten Untersuchung wurde die Zunahme der Zahl der weiblichen Arbeitskräfte zwischen
1940 und 1950 auf rund 2,5 Millionen veranschlagt. Tatsächlich betrug
die Zunahme aber 5,6 Millionen. Seit 1950 hat sich die Zahl der weiblichen Beschäftigten aber noch um weitere 5&gt;1 Millionen erhöht.
Offensichtlich ist also "Nieten-Rosie", wie es viele Unternehmer und
Wirtschaftler erwarteten, bei der ersten zarten Brise der Nachkriegsrezession nicht an ihren eigenen Herd zurückgekehrt und ebenso könnten
sich wohl viele Familien, die während der Kriegsjahre sich daran gewöhnt hatten, m'it zwei Einkommen zu leben, nicht damit abfinden, künftig
nur noch mit dem Gehalt des Mannes auszukommen. Zum anderen aber hatten
die Unternehmer die Erfahrung während des Krieges gemacht, daß Frauen
durchaus in der Lage waren, auch viele solche Arbeitsplätze auszufüllen,
die sonst nur von Männern besetzt wurden.
Arbeitsplätze für Ältere
Was die Experten ebenfalls verwunderte, war die Arbeitswilligkeit
und -fähigkeit der älteren Leute. Wie aus der Übersicht hervorgeht, hat die
Zahl der Arbeitnehmer über 65 Jahren in den vergangenen 15 Jahren um 54$
zugenommen. Diese Zunahme vollzog sich dabei entgegen der allgemeinen
Annahme, daß auf Grund der verbesserten staatlichen Pensionsleistungen
und der bekannten Abneigung der Unternehmer, ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen, die Zahl der älteren Arbeitskräfte zurückgehen würde. In
einer bekannten, im Jahre 1945 durchgeführten Analyse wurde eine allgemeine Abnahme der Zahl der älteren und jüngeren Arbeitskräfte vorausgesagt. Dieser Voraussage lag die Annahme zugrunde, daß "im Zuge des allgemeinen Trends nach einem früheren Ruhestand und einer längeren Schulausbildung, der Anteil dieser Altersgruppen an der Gesamtbeschäftigtenzahl bfs 1950 stark zurückgehen wird".
Demgegenüber trat aber eine erhebliche anteilmäßige und ziffernmäßige Erhöhung sowohl der ganz jungen als auch der älteren Arbeitnehmer ein.
Wodurch wurden nun diese Voraussagen über den Haufen geworfen?
Der bedeutendste Faktor ist zweifellos der bis dahin noch nicht gekannte
- 2 -

�(
Umfang dea Y/irtschaftsbooms. Die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze war
in den Nachkriegsjahren weitaus größer, als man während des zweiten Weltkrieges noch geneigt war vorauszusagen, zumal seinerzeit noch erhebliche
Zweifel an der Verwirklichung des von Roosevelt angestrebten Zieles, der
Schaffung von 60 Millionen Arbeitsplätzen, bestanden. Dieses Ziel wurde
aber schon 1950 erreicht.
Obgleich in jüngster Zeit verschiedene Entlassungen in der Automobilindustrie und in der Bauwirtschaft vorgenommen wurden, haben viele
unternehmen immer noch erhebliche Schwierigkeiten, all die Arbeiter zu
bekommen, die sie benötigen.
Zu diesem Problem bemerkte ein bekannter Industrieller, der Aufsichtsratsvorsitzende der "United Steel Corporation", Roger M. Blough,
folgendesi "Es wird von Tag zu Tag schwieriger, aufzuzeigen, in welchem
Industriezweig oder Tätigkeitsfeld der Mangel an Arbeitskräften am größten
ist. Vorausblickend betrachtet, sagen wir für die nächsten 25 Jahre,
erscheint die Bereitstellung von geschulten Arbeitskräften immer schwieriger zu werden."
Mit anderen Worten, es ist für Arbeitsuchende, besonders aber für
solche mit Spezialkenntnissen und Erfahrungen, immer leichter geworden,
einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn sie erst einmal eingestellt sind,
brauchen sie keine Furcht mehr vor Entlassung aus Altersgründen zu
haben. Viele Unternehmen ermutigen sogar ihre Arbeiter und Angestellten, auch über ihr Pensionsalter hinaus im Betrieb zu bleiben.
Der Mangel an ausgebildeten Technikern hat bei vielen Firmen schon
dazu geführt, Frauen für Ingenieurarbeiten und andere technische Arbeitsplätze einzustellen.
Mehr Geld und weniger Schweiß
In jüngster Zeit sind die Arbeitsplätze immer attraktiver geworden, so
daß viele, die sonst nicht gearbeitet hätten, ohne Zögern zugreifen.
Die "Knochenarbeit" ist heute selbst in den Schwerindustrien weitgehend
durch die Einführung von automatischen Maschinen auf ein Minimum reduziert
worden. Zum anderen ist die Bezahlung besser denn je, und durch die sogenannten "Lohnfransen", die heute in imner mehr Wirtschaftszweigen eine
Rolle spielen, erhalten die Arbeiter überdies längeren Urlaub, freie Kranken- und Lebensversicherung, sowie in einer ständig steigenden Zahl von
Betrieben eine Beteiligung am Gewinn.
Dieses sind einige der Versuchungen, denen sich die Frauen gegenübersehen, wenn sie erwägen, einen Arbeitsplatz anzunehmen. Zum anderen aber
ist ihr moderner Haushalt mit vielen arbeitsparenden Geräten ausgerüstet,
die es ihnen stärker als in der Vergangenheit ermöglichen, zur Arbeit zu
gehen, besonders natürlich dann, wenn sie keine Kinder haben.
Die Aufwaschmaschine säubert das Frühstücksgeschirr, wenn Mann und
Frau des Morgens auf dem Wege zur Arbeit sind; der kombinierte WaschTrockenautomat reinigt die schmutzige Wäschej die Klimaanlage hält den
Staub aus der Wohnung und damit die Räume sauber und die Einsteilvorrichtung am Elektroherd kann so eingestellt werden, daß der Braten gar ist,
wenn das Ehepaar abends nach Hause kommt. Die vielen Haushaltsgeräte tragen
ebenso dazu bei, daß die restlichen Verrichtungen im Haushalt beschleunigt
erledigt werden können.
Dieses ist der Rahmen, in dem die Prosperität dazu beiträgt, nicht
nur neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern sie auch attraktiv zu gestalten.
Die neuen Arbeitsplätze
Zu denjenigen Arbeitsplatzen, deren Zahl sich am stärksten vermehrte,

- 3-

�gehoeren die sogenannten "leichten" Berufe, die am besten durch das "schwache Geschlecht" oder solche Personen ausgefuellt werden koennen, die den
Zenit ihrer Leistungsfaehigkeit bereits ueberschritten haben.
Seit 1940 wurden mehr als 5 Millionen neue Arbeitsplaetze bei den Behoerden des Bundes, der Einzelstaaten und der Gemeinden geschaffen, in erster
Linie solche, die reine Bueroarbeit umfassen und insbesondere Stenographen,
Schreibkraefte, Lehrer, Wirtschaftler, Rechtsanwaelte und Verwaltungsfachleute umfassen. Auf 4,7 Millionen belaeuft sich die entsprechende Zahl neugeschaffener Arbeitsplaetze in Handelsbetrieben. Die Nachfrage nach Verkauf spersonal fuer den Einzelhandel ist stark angewachsen und ein ernstes
Problem dieses Unternehmerzweiges.
Eine sehnlich starke Zunahme verzeichnen auch die Banken, Spar- und
Versicherungsgesellschaften und andere unternehmen auf dem Finanzsektor,
die seit 1940 insgesamt eine Zunahme der Zahl ihrer Angestellten um 'yOfo
verzeichnen. Das bedeutet wiederum einen groesseren Bedarf an Stenotypistinnen, Buchhaltern und anderen Buerokraeften.
Rund 2,2 Millionen neue Arbeitsplaetze sind ferner seit 1940 in
Waeschereien, Schoenheits- und Friseursalons und anderen Dienstleistungsunternehmen hinzugekommen. Daher sind viele Arbeitsplaetze, die aus der
Prosperitaet heraus geboren wurden, besonders fuer Frauen und junge Maedchen geeignet.
Unerwartete Veraenderungen
Ein Teil dieser Entwicklungen ist von den Experten vor einigen Jahren
noch nicht erkannt worden. In einigen Industriezweigen blieb naemlich
d:.e Zahl neuer Arbeitsplaetze hinter den Erwartungen zurueck, die seinerzeit, bei der Festlegung des Roosevelt-Planes zur Schaffung von 60 Millionen Nachkriegsarbeitsplaetzen gehegt wurden, in anderen Industrien dagegen
liegt die Zahl neuer Arbeitsplaetze weit ueber den damaligen Schaetzungen.
Die Zahl der in den Fabriken beschaeftigten Arbeitnehme.' stimmt in
etwa mit den vor einigen Jahren getroffenen Voraussagen ueberein. Dagegen
ist die Entwicklung im Baugewerbe, in der Landwirtschaft sowie im Bergbau hinter den Erwartungen zurueckgeblieben. Der damalige US-Handelsminister, Henry A. Wallace, glaubte 1945 voraussagen zu koennen, dass bis
1950 immer noch rund 80 Millionen Farmer und Landarbeiter sowie rund 5,5
Millionen Bauarbeiter benoetigt wuerden.
Die Zahl der in der Landwirtschaft Taetigen blieb 1950 zwar nur um
rund eine halbe Million hinter der Voraussage zurueck, aber 1955 wuerden
im Durchschnitt weniger als 7 Millionen in der Landwirtschaft beschaeftigt.
Dem juengsten Bericht zufolge ist aber diese Beschaeftigtenziffer inzwischen
auf weniger als 6 Millionen zurueckgegangen.
Die Bauwirtschaft erzielte zwar neue Rekorde, aber diese wurden mit
weitaus weniger Arbeitskraeften erreicht. Die Zahl der Arbeitsplaetze in
der Bauwirtschaft betrug 1950 - also zu einem Zeitpunkt, in dem mehr
Baubeginne zu verzeichnen waren als in irgendeiner Periode zuvor und
danach - nur 2,3 Millionen, das sind 1,2 Millionen weniger als Wallace
seinerzeit schaetzte. Selbst heute ist die Zahl der Bauarbeiter, trotz
der gewaltigen Zunahme solcher Bauvorhaben wie Strassen-, Schulen-, Geschaefts-, Fabrik- und andere Neubauten, nicht groesser als 2,4 Millionen.
Viele neue Maschinen haben die Arbeit der Heere der ungelernten Arbeiter
uebernommen. Durch die Verwendung von Metallplatten zum Beispiel anstelle
der traditionellen Ziegel- oder Holzverschalungen koennen heute grosse Gebaeude schneller und mit weniger Arbeitskraeften errichtet werden.
Eine Untersuchung der amerikanischen Regierung ueber die Moeglichkeiten
zur Beschaeftigung von 60 Millionen Menschen bezifferte seinerzeit die
Zahl der Arbeitskraefte fuer den Bergbau, die Steinbrueche und Oelfelder

- 4-

�I
auf rund eine Hillion. Demgegenueber zaehlen diese Industriezweige beute
nur noch 750 000 Arbeitsplaetze.
Aus diesem Grunde wuerde die heutige Beschaeftigungsstruktur einige
Bestuerzung hervorrufen, wenn nicht unerwartet neue Arbeitsplaetze auf
anderen Sektoren geschaffen worden waeren. Die Fachleute unterschaetzten
auch damals die Zahl der in Kraftwerken, im Fernsprechwesen und anderen
oeffentlichen Versorgungsunternehmen Beschaeftigten sowie in Laeden, Banken und persoenlichen Diensten Taetigen.
Die Menschen finden heute deshalb Arbeitsplaetze in einer so grossen
Auswahl, weil die Verbraucher mehr Geld fuer Luxusgueter und besondere
Dienstleistungen sowie fuer Automobile, Bekleidung und Geraete jeder Art
aufwenden. Ein neuer Lebensstandard steht hinter diesen neuen Arbeitsplaetzen,
die Arbeitsmoeglichkeiten fuer viele Millionen, einschliesslich Frauen und
aeltere Leute, geschaffen haben.
(Aus "U.S. News &amp; World Report")

2 1/2 Millionen Amerikaner erhielten eine Lohnerhoehung
Am 1. Maerz dieses Jahres erhielten rund 2,1 Millionen amerikanische
Arbeitnehmer eine Lohnerhoehung, und zwar nicht wie allgemein ueblich auf
Grund von Tarifverhandlungen zwischen den Sozialpartnern, sondern durch
Gesetz. Denn mit diesem Tag trat das neue Mindestlohngesetz in Kraft, das
im Sommer vergangenen Jahres vom Kongress verabschiedet und Rechtsgueltigkeit durch die Unterschrift des Praesidenten erhielt. Durch dieses Gesetz
wird der Mindeststundenlohn von bisher 75 Cent auf 1,00 Dollar erhoeht.
Diese 2,1 Millionen Beschaeftigten fallen in Anbetracht einer Gesamtbeschaeftigtenzahl von ueber 63 Millionen kaum ins Gewicht, und zum anderen
verdienen die restlichen 61 Millionen Arbeitnehmer in den USA weit mehr
als einen Dollar pro Stunde. Im Januar zum Beispiel betrug der durchschnittliche Stundenlohn des Fabrikarbeiters 1,88 Dollar.
Da eine Erhoehung der Mindeststundenloehne fuer die ungelernten Berufe
auf einen Dollar aus diesem Grunde alles andere als sensationell ist, so
hat sich doch in der Vergangenheit gezeigt, dass die gesetzliche Festlegung
von Mindestloehnen immer soziale und wirtschaftliche Auswirkungen im Gefolge hatten, die weitaus groesser waren als die unmittelbare Erhoehung selbst.
Seit der ersten Festsetzung einer Mindestlohngrenze im Jahre 1938
(25 Cent) ist diese erheblich angestiegen. Auf Grund verschiedener, durch
das Gesetz festgelegter Bestimmungen, wurde das wirkliche Lohnminimum in
den meisten Industriezweigen auf 40 Cent gebracht. Die naechste Heraufsetzung der Mindestlohngrenze um 35 Cent erfolgte dann 1949«
Obwohl rund 30 Cent der Gesamterhoehungen der Nachkriegsjähre durch
die gestiegenen Lebenshaltungskosten wieder wettgemacht werden, so verzeichnen die Mindestlohnempfaenger doch immer noch einen nicht unerheblichen
Gewinn. Er betraegt - in reiner Kaufkraft ausgedrueckt - 45 Cent pro Stunde, 18 Dollar pro Woche oder 900 Dollar pro Jahr, wobei noch zu beruecksichtigen ist, dass diese Einkommensgruppen so gut wie keine Steuern
zu zahlen haben. (Fuer einen Dollar erhaelt man heute zum Beispiel 5 Brote,
18 Eier, zwei Paar Socken, zwei "Pockef'-Buecher oder zwei Kinokarten.)
Die Hauptnutzniesser der Mindestlohnerhoehung sind die Arbeiter in

�Saegewerken (besonders im Sueden), in Bonbonfabriken, Polstereien, Hemdenund Arbeitskleidungsfabriken sowie in Jutespinnereien.
Bas Gesetz ueber die Festsetzung von Hindestloehnen ist ein Bundesgesetz und bezieht sich auf solche Wirtschaftsunternehmen, die in zwei
oder mehr Bundesstaaten taetig sind. Solche Arbeitsplaetze und Betriebe
auf lokaler Basis wie etwa das Hauspersonal oder Einzelhandelsgeachaefte,
Waeschereien sowie verschiedene andere Typen von Farm- oder Forstarbeit
sind von dieser Regelung ausgeschlossen.
Trotzdem aber haben auch jedesmal diejenigen Arbeitnehmer von den Erhoehungen der Mindestlohngrenze profitiert, die nicht unter dieses "interstate"-Gesetz fielen. Seit 1949 - mit der Erhoehung des Mindestlohnniveaus
von 40 auf 75 Cent - haben viele Bundesstaaten ihre eigenen Gesetze auf
das Bundesgesetz ausgerichtet.
Ausserdem sind in den meisten Betrieben saemtliche Arbeitsplatzeinstufungen ein Teil der Gesamtlohnstruktur, und Erhoehungen in den unteren
Beschaeftigungsgraden ziehen automatisch Lohnaufbesserungen in den hoeheren
nach sich.
Selbst die auf Grund persoenlicher Abmachungen beschaeftigten Arbeitnehmer haben jeweils durch die Erhoehung der Mindestlohngrenze profitiert.
Hausangestellte zum Beispiel erhalten jetzt neben voller Verpflegung und
Erstattung der Fahrtkosten 7 Dollar fuer einen Achtstundentag, und in vielen Staedten haben sich die Verguetungssaetze fuer "baby-sitter" von 50
auf 75 Cent pro Stunde erhoeht.
Dieser allgemeine "Lohnruck nach oben" durch das Mindestlohngesetz
ist auch der eigentliche Zweck dieses ganzen Gesetzeswerkes. Es zielt nicht
nur darauf ab, die Arbeitnehmer zu schuetzen, sondern auch die Kaufkraft
- ein wichtiger Generator fuer das wirtschaftliche Wohlergehen - auf einem
hohen Niveau zu erhalten.
Durch die gegenwaertige Erhoehung zum Beispiel duerfte das Gesamtlohneinkommen des Landes pro Jahr um mehr als 5 Milliarden Dollar angehoben
werden, und zwar ganz abgesehen von den moeglichen Lohnerhoehungen, die
sich auf Grund von Tarifverhandlungen zwischen den Sozialpartnern ergeben
duerften.
Dennoch bleiben zwei Fragen offen: die Kosten und die Durchsetzung.
Die Lohnmehrkosten, die den Unternehmern entstehen, duerften dabei weitgehend durch eine weiter zunehmende Produktivitaet aufgefangen werden.
Im Industriedurchschnitt ergibt sich eine jaehrliche Mehrbelastung von
rund 3 Prozent.
Hinsichtlich der Durchsetzung des Gesetzes ist zu sagen, dass die
Abteilung "Loehne und Arbeitsstunden" des "US-Arbeitsministeriums" gegenwaertig damit beschaeftigt ist, die Zahl ihrer Inspektoren zu verdoppeln.
Das Ziel dieser Bemuehungen ist es, in jedem Jahr rund 75 000 der insgesamt 900 000 Betriebe, die dieser Ueberwachung unterliegen, zu ueberpruefen.
Quelle: Eigenbericht

John Herling:
Wohin steuert die grosse neue US-Gewerkschaft3organisation?
Die Fuehrer der 15 Millionen beitragzahlende Mitglieder umfassenden
amerikanischen Gewerkschaftsverbaende haben nun ihre Kraefte vereinigt, um

_ 6-

�auf Gedeih und Verderb eine einzige geschlossene Dachorganisation zu bilden - die AFL-CIO. Abgesehen von den religioesen Glaubensgemeinschaften
ist der neue Verband die groesste Mitgliederorganisation der Vereinigten
Staaten. Diese Tatsache hat manche Leute erschreckt, andere erfreut und
viele voellig unbeeindruckt gelassen.
Henry Riter III., der kuerzlich sein Amt als Praesidant der "National
Association of Manufacturers" (NAM - amerikanischer Fabrikantenverband)
niederlegte und in den Ruhestand trat, beschwoert ein furchterregendes Bild
der "Grossen Gewerkschaftsbewegung" herauf, die wie ein Koloss das wirtschaftliche, politische und soziale Leben des Landes regiert. Viele andere
Industrielle und Geschaeftsleute betrachten den Zusammenschluss zwar ebenso mit gemischten Gefuehlen, aber nur wenige aeussern ihre Befuerchtungen
laut in der Oeffentlichkeit. Ihr Kommentar heisst "abwarten und sehen, was
kommt".
Selbst die organisierte Arbeiterschaft befuerwortet den Zusammenschluss
nicht hundertprozentig. Abseitsstehender Zuschauer ist auch der "Sturmgott"
der amerikanischen Arbeiterbewegung, John L. Lewis, Vorsitzender der Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft. Er hat vor 20 Jahren den "CIO" aus der
"AFL" abgezweigt. Lewis mahnt die kleineren Gewerkschaften innerhalb des
neuen Verbandes (dem beizutreten, er keine Einladung erhielt), sich vor den
"Launen der fleischfressenden oder leicht kannibalischen Gewerkschaften in
acht zu nehmen, von denen es einige gibt."
AFL und CIO stimmten auf ihren letzten, noch getrennt durchgeführten
Kongressen im November vorigen Jahres mit ueberwaeltigender Mehrheit fuer
den Zusammenschluss. George Meany, der Vorsitzende der neuen AFL-CIO, verkuendete, dass dieser Zusammenschluss die Gewerkschaften in die Lage versetze, "einen groesseren und lebenswichtigeren Beitrag zur Gemeinschaft als
Ganzes und dem Wohlergehen und der Sicherheit unserer Nation zu leisten."
Jedoch waren nicht alle Gewerkschaftsfunktionaere und einfachen Mitglieder
so optimistisch.
Ein Vorsitzender einer allamerikanischen Gewerkschaft, Michael J. Quill,
der Leiter der Transportarbeitergewerkschaft (CIO), stimmte gegen den Zusammenschluss. Er lehnte das Amt eines Vorsitzenden innerhalb des neuen Verbandes ab und erklaerte dabei, er wuerde es nicht annehmen, selbst wenn es
"auf einem silbernen Tablett" angeboten wuerde. Dann erhob Dave Beck, Vorsitzender der AFL-TranBportleutegewerkschaft, lauten Protestr Ihm passe das
schnelle Tempo nicht, mit der das ganze "Merger-Projekt" durchgebracht worden
sei. Auf den Sitzungen des Fusionsausschusses aeusserte er jedoch kein
einziges abfaelliges Wort und stimmte schliesslich fuer den Zusammenschluss.
Tatsaechlich zeigten sich zu einem Zeitpunkt der Fusionsverhandlungen sogar
die gluehendsten Befuerworter des Zusammenschlusses besorgt und wollten die
ganze Angelegenheit wieder fallen lassen. In ihrem Benehmen erinnerten sie
dabei stark an einen werdenden Vater, den kurz vor dem "Ereignis" der Mut
verlaesst.
Doch trotz des ohrenbetaeubenden Laerms und der truebseligen Stimmung
ao mancher mit hitzigen Debatten verbrachten Nacht haben der AFL-Vorsitzende George Meany und der CIO-Vorsitzende Walter P. Reuther die aus ihren
leitenden Funktionaeren bestehenden "Kommandotruppen" sicher durch den
Organisationsbereich und ueber persoenliche Schwierigkeiten gefuehrt. Auf
jeder Konferenz wichen sie sorgfaeltig allen Fussangeln aus, die ihre Fusionsplaene rettungslos zum Scheitern gebracht haetten.
Es ist Tatsache, dass der lange und steinige Weg zum Zusammenschluss
nur ruckweise vonstatten ging, und zwar fast von dem Zeitpunkt an, als die
Teilung der AFL auf dem Kongress in Atlantic City im Jahre 1955 z u r Bildung
des CIO fuehrte. Dieser historische Kongress arehte sich in der Hauptsache
um Fragen, wie man die Industriezweige der Massenproduktion am besten organisieren koennte. Im Laufe der Jahre hatten die Facharbeitergewerkschaften,
die sich aus geschulten Handwerkern zusammensetzten, das Rueckgrat der

- 7-

�Gewerkschaftsbewegung gebildet. Der rasche technologische Fortschritt
brachte es jedoch mit sich, dass sich die traditionellen Grenzen zwischen
den einzelnen Handwerkszweigen verwischten. Es zeichnete sich ein steigender Druck in Richtung auf eine geschlossenere Form der Gewerkschaftsorganisation ab, die auf Industriezweige anstelle einer Vielzahl von Handwerkszweigen basiert. Das Ergebnis war die Bildung des CIO.
Einige Beobachter haben in diesem Zusammenhang immer behauptet, dass
die wirkliche Ursache seinerzeit ein Machtkampf innerhalb der AFL war. Was
Jedoch auch immer die weniger augenfaelligen Motive gewesen sein moegen,
der Streitpunkt Industrie- gegen Facharbeitergewerkschaften als Organisationsinstrument war das sichtbare und aeussere Symbol der Spaltung.
Die Spaltung der AFL setzte auf eindrucksvolle Weise Energien frei zum
Start der groessten Organisierungskampagne, die es je in der Geschichte
der Gewerkschaftsbewegung gegeben hat; sie brachte den Gewerkschaften eine
beispiellose politische Anerkennung und bereicherte das wirtschaftliche,
soziale und politische Leben des Landes um eine weitere Dimension.
George Meany blickt heute als erster Vorsitzender der groessten Gewerkschaftsorganisation der freien Welt auf die.vergangenen 20 Jahre mit einer
groesseren Gelassenheit zurueck, als er seinerzeit als Vorsitzender der
"New York State Federation of Labor" (AFL-Gewerkschaftsverband des Staates
New York) besass. "Das Ausscheiden vieler Gewerkschaftsorganisationen aus
der AFL, um den CIO zu bilden, hatte ein Gutes," so erklaert er heute.
"Ich kann Ihnen versichern, dass es manche Leute in der AFL zur Besinnung
brachte - und das ist erwiesen und nicht bloss Gerede. Von dieser Warte aus
gesehen, war es gut so.
Bis zu einem gewissen Grade ist der Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften miteinander vielleicht ganz gut. Es kommt jedoch eine Zeit, wo
diese Konkurrenz destruktiv sein kann, wenn naemlich Wettbewerb und Rivalitaet denjenigen zum Vorteil gereichen kann - von denen es in diesem Lande
noch immer viele gibt -, die nicht an die Prinzipien und die Ideale der
Gewerkschaftsbewegung glauben. Wir in der AFL und dem CIO gelangten an einen
Punkt, wo wir nicht so sehr miteinander konkurrierten, um zu sehen, wer die
Interessen der Menschen, die wir vertreten, am besten wahrnehmen kann, sondern, um zu sehen, wer die Pro-Kopf-Abgabe - die Beitraege - bekommen wuerde. Das war alles. Ich sehe es nicht als Teil unseres Ziels an, gigantische
Konstruktionen zu errichten - nennen Sie sie Gewerkschaften oder was Sie
wollen -, die die Macht um ihrer selbst willen erlangen."
Obgleich der Einheitsgedanke vielen leitenden AFL- und CIO-Funktionaeren als ausgezeichneter politischer und wirtschaftlicher Schachzug erschien, und zwar nahezu seit Anbeginn der historischen Spaltung, erwiesen
sich private Emotionen, organisatorischer Stolz, die lebhafte Erinnerung des
Misstrauens und des Versagens jahrelang als ein zu grosses Hindernis, um
ueberwunden zu werden. Dann fand der Tod einen Aunweg.
Vor drei Jahren starben innerhalb von zwei Wochen nacheinander der
AFL-Vorsitzende William Green und der CIO-Vorsitzende Philip Murray. Das
Dahinscheiden dieser alten Kaempen beendete ein Kapitel Gewerkschaftsgeschichte. Als Meany die Nachfolge Greens antrat und Reuther das Amt Murrays uebernahm, setzten beide Maenner die "Gewerkschaftseinheit" an den Anfang ihrer
Tagesordnung.
Wie konnte man jedoch einen Wunsch Wirklichkeit werden lassen? Wie
konnte der Grundstein gelegt werden fuer den Zusammenschiuss der beiden Verbaende? Waehrend der darauffolgenden Monate wurde eine ganze Reihe ziemlich
rascher und ungewoehnlicher Massnahmen ergriffen. Der Entwurf der Schluesseldokumente war in der Hauptsache das glaenzende und sichtbare Werk von Arthur
Goldberg, dem Rechtsberater des CIO. Zuerst kam der Nichtabwerbungspakt,
der von den meisten AFL- und CIO-Gewerkschaften gebilligt wurde. Dies fuehrte
- 8 -

�zu der Vereinbarung ueber den Zusammenschluss, die just an dem Tag zustandekam, an dem der Hurrikan "Hazel" im Oktober 1954 Washington heimsuchte.
Daraufhin beauftragten die Exekutivvorstaende der beiden Gewerkschaftsverbaende die mit dem Statut beschaeftigten Gremien, ihre Arbeit in Angriff
zu nehmen. Nach monatelangem, quaelendem Abwaegen, das strukturelle Umschichtungen und Personalveraenderungen mit sich brachte, wurde schliesslich,
als Hoehepunkt des Ganzen, im Dezember vergangenen Jahres der Fusionskongres8 in der Zeughalle des 71. Regiments in New York City abgehalten.
Zum Zeichen des "neuen Beginns" fuer die amerikanische Gewerkschaftsbewegung zieht die AFL-CIO in ein huebsches neues Gebaeude in Washington - nur
einen Steinwurf vom Weissen Haus entfernt und ganz in der Naehe des wuerdigen Baues der US-Handelskammer. Urspruenglich war das neue Gewerkschaftsgebaeude, dessen Grundstein von Praesident Eisenhower im April vergangenen
Jahres gelegt wurde, ausschliesslich fuer die AFL bestimmt, nun jedoch werden die Inschriften "AFL" und "CIO" in die Marmorbioecke ueber dem Eingang
gemeisselt.
Um den Umfang dieses neuen Gewerkschaftsverbandes ganz ermessen zu
koennen, muss man sich den grundlegenden Faktor vergegenwaertigen, naemlich
dass das wirkliche Herz seiner wirtschaftlichen Macht in den 141 wesentlich
autonomen, souveraenen und separaten amerikanischen und allamerikanischen
Gewerkschaften liegt. Diese Organisationen (nicht der Dachverband) fuehren
die Tarifverhandlungen mit den Unternehmern, oftmals ueber die Ortsgewerkschaften. Sie besitzen eine finanzielle Unabhaengigkeit, und ihre Kassen
sind oft viel groesser als die des neuen Verbandes. Ihre Funktionaere werden nach ihren eigenen Satzungen gewaehlt. Die Vorsitzenden der autonomen
Organisationen - angefangen von den kleinen Handwerkerorganisationen, die
nicht mehr als 1000 Mitglieder zaehlen, bis zu den riesigen Arbeitskraeftereservoiren mit Hunderttausenden von Mitgliedern - sind eifersuechtig auf
ihre Rechte bedacht und ueberaus empfindlich, wenn es um den Schutz ihrer
Machtbereiche geht. Sie besitzen eine grosse Macht sowie einen betraechtlichen Einfluss und treffen ihre eigenen Entscheidungen. Der Zusammenschluas
vo"h AFL und CIO aendert nichts an dieser Tatsache.
Ebensowenig beeintraechtigt die Fusion den Status von etwa 57 einzeloder zwischenstaatlichen Gewerkschaften, die der AFL oder dem CIO nicht angegliedert sind, bzw. waren. Nach der letzten Aufstellung des US-Bueros fuer
Arbeitsstatistik belaeuft sich die Mitgliederzahl all dieser Gruppen auf
etwa 1 800 000. Am bekanntesten unter ihnen sind die "United Mine Workers"
(Vereinigte Bergarbeitergewerksohaft) und die Eisenbahnergewerkschaften fuer
das Fahrdienstpersonal. Die Vorsitzenden von zweien dieser Gewerkschaften,
der "Railroad Trainmen" (Zugfuehrer) und der Gewerkschaft "Firemen and Enginemen" (Heizer und Lokomotivfuehrer), waren offizielle Gaeste des Kongresses.
Ausserdem gibt es noch zahlreiche Gewerkschaften, die auf einen Einzelbetrieb, einen Einzelunternehmer oder einen einzelnen Ort beschraenkt sind.
Speziell solche kleinen Gewerkschaften duerften von dem magnetischen
Feld der staerkeren und groesseren Mitgliedergewerkschaften der AFL-CIO
angezogen werden. Andere wiederum werden sich unter Umstaenden den allamerikanischen Gewerkschaften anschliessen, weil sie sich durch Kollektivverhandlungen Vorteile versprechen. Solche Gruppen aeusserten bislang die Befuerchtung, dass sie sich in der "Windmuehle" der AFL- und CIO-Konkurrenz verfangen koennten.
Mindestens 47 der maechtigen einzelstaatlichen und allamerikanischen
Gewerkschaften haben ihren Hauptsitz nach Washington verlegt. (Die allamerikanischen Gewerkschaften umfassen auch Mitglieder ausserhalb der USLandesgrenzen - in Hawaii, Puerto Rico, Alaska und natuerlich auch Kanada.)
Innerhalb der letzten zwei Jahre hat Washington die Errichtung so vieler
neuer Gewerkschaftsbauten gesehen, dass ein Beobachter diese Erscheinung
als einen gewerkschaftlichen "Gebaeudekomplex" bezeichnet.

- 9-

�Bezueglich des Ursprungs der gewerkschaftlichen Macht sollte man auf
jeden Fall die allamerikanischen Gewerkschaften einer genauen Betrachtung
unterziehen.
Was nun glauben diese Gewerkschaften mit Hilfe der neuen Dachorganisation von dem, was sie allein nicht schaffen wuerden, zu erreichen? George
Meany fasst das Ziel des Zusammenschlusses in folgenden klaren und praegnanten Saetzen zusammen! "Durch die Zusammenfassung von 15 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern in einer einzigen Gewerkschaftszentrale hoffen
wir, ein Instrument zu schaffen, das geeignet ist, sich bei der Verteidigung der Interessen der amerikanischen Arbeiter erfolgreich zu bewaehren
und die menschlichen Beduerfnisse mit den Erfordernissen des Geschaeftsund Finanzwesens im modernen Zeitalter auf eine Ebene zu bringen."
Meany weist besonders darauf hin, dass, waehrend die Einzelgewerkschaften sich hinreichend mit ihren eigenen internen Problemen besohaeftigen,
der Verband bestrebt ist, ein uebersichtliches Bild ueber die gesamte nationale Lage zu gewinnen und Plaene auszuarbeiten, die dem neuen Einfluss
entsprechen, den die Fusion unter Umstaenden zeitigen koennte.
Da das grosse Ereignis des Jahres 1956 die Praesidentschaftswahlkampagne
sein wird, erhebt sich die Frage: Was bedeutet die Verschmelzung von AFL
und CIO auf politischem Gebiet? Bedeutet das, die leitenden Gewerkschaftsfunktionaere, die 15 Millionen Arbeiter, die 141 einzelstaatlichen und allamerikanischen Gewerkschaften und die 77 000 Ortsgewerkschaften auf eine
Linie bringen und sie gewisse Kandidaten oder eine Partei oder einen im
voraus bestimmten Praesidentschaftskandidaten waehlen zu lassen?
Nichts ist weniger wahrscheinlich - obgleich man von der Gewerkschaftsbewegung erwartet, dass sie sich an den politischen Kampagnen des Jahres
1956 massgeblich beteiligen wird. Erstens erklaeren die Gewerkschaftsfuehrer,
dass sie eine solche Form der Disziplin nicht anwenden werden. Zweitens
wuerden sie, selbst wenn sie es versuchten, kein Glueck damit haben. Drittens
wuerden sie nicht wagen, es zu versuchen.
Selbst im Jahre 1952, als AFL und CIO beide den demokratischen Kandidaten Adlai Stevenson unterstuetzten, zeigten die Wahlergebnisse, dass der
von den Organisationen bekundete Enthusiasmus fuer Stevenson die Gewerkschaftsmitglieder und ihre Ehefrauen nicht davon abhielt, sich bei der Wahl
fuer den republikanischen Kandidaten, Dwight D. Eisenhower, zu entscheiden.
Die republikanischen Analytiker erklaerten, dass etwa 30$ der Gewerkschaftsmitglieder fuer Eisenhower stimmten. In seiner Rede auf dem vor kurzem stattgefundenen Fusions-Kongress pries Stevenson diese Unabhaengigkeit der Gewerkschaftsmitglieder bei ihrer Wahlentscheidung. "Die Arbeiterschaft ist
keine, einer strengen Disziplin unterstehende Wahlminderheit in diesem Land",
so erklaerte er. "Die Arbeiter waehlen nicht auf Befehl, sondern aus Ueberzeugung.... So verhaelt sich die Sache, und ich glaube, so sollte es auch
sein."
Welches ist nun die jetzige politische Haltung der Gewerkschaften?
Es ist keine ausgesprochene Haltung. Es ist eine ganze Serie politischer
Verhaltensweisen.
Meany gibt folgende Formulierung: "Die organisierte Gewerkschaftsbewegung in Amerika wird sich keiner bestimmten politischen Partei unterordnen. Sie wird aufgeschlossene und fortschrittliche Kandidaten aller
Parteien unterstuetzen. Sie wird den Arbeitern dieses Landes die Unterlagen
aller Kandidaten zur Kenntnis bringen. Sie wird alle Buerger dazu auffordern, sich einschreiben zu lassen und ihr Wahlrecht auszuueben. Auf diese
Weise koennen wir unser Ziel wirksam verfolgen, starke und vorurteilslose
Mehrheiten in den Kongress zu waehlen."
Um die politischen Interessen der AFL-CIO entsprechend zum Ausdruck
- 10 -

�zu bringen, werden die "Labor's League for Political Education" (Gewerkschaftaliga fuer politische Erziehung) der APL und das "Political Action
Committee" (Politische Aktionskomitee) des CIO vereinigt werden, um ihre
Arbeit als eine einzige Organisation weiterzufuehren. Dieses Buero in Washington ist jedoch nur ein kleiner Teil in der politischen Arbeit der Gewerkschaften. Die gleichen selbstaendigen nationalen und allamerikanischen Gewerkschaften, die eifersuechtig ueber ihre Identitaet und ihre Rechtsbefugnisse wachen, weigern sich ebenfalls, ihre politische Arbeit einer zentralen Gruppe
unterzuordnen. Organisationsstolz und die Notwendigkeit, speziellen Problemen
in verschiedenen Orten Rechnung tragen zu muessen, leisten der Verschiedenartigkeit Vorschub.
In Kalifornien beispielsweise hatte die organisierte Gewerkschaftsbewegung den Republikaner Earl Warren regulaer zum Gouverneur vorgeschlagen.
Als Warren zum Obersten Richter ernannt wurde, bemuehtesich Goodwin Knight,
sein republikanischer Nachfolger, energisch um die Unterstuetzung der Gewerkschaften und erhielt sie auch. Um die Bereitschaft der Gewerkschaften,
die Parteigrenzen zu ueberschreiten, besonders hervorzuheben, machten die
leitenden Funktionaere der AFL in Washington und auf der letzten Sitzung des
Chicagoer "Executiv-Rates" ziemlich viel Aufhebens um Knight.
Im AFL-Exekutivrat gelobten zumindest drei Mitglieder - William McFetridge
von der Gewerkschaft der "Building Service Employees", Maurice Hutcheson von
der Zimmerleutegewerkschaft und Dave Beck von der Transportleutegewerkschaft der Republikanischen Partei mehr als einmal die Treue.
Andererseits wurden in Michigan die maechtigen, von hervorragenden
Funktionaeren geleiteten CIO-Automobilarbeiter unter der Fuehrung von Walter
Reuther zu einem entscheidenden Faktor in der Demokratischen Partei. Dies
veranlasste den republikanischen Parteivorsitzenden des Bundesstaates, John
Feikins, zu bitteren Angriffen.
Die Gewerkschaftsfuehrer erkennen tatsaechlich das Vorhandensein von 48
besonderen politischen Situationen an - eine fuer jeden Staat -, und sie
erklaeren, dass sie nicht beabsichtigen, irgendeiner Partei besondere Zugestaendnisse zu machen. Die organisierte Gewerkschaftsbewegung duerfte es jedoch trotzdem schwer haben, einige politische Fuehrer von ihrer Parteilosigkeit zu ueberzeugen.
In diesem Zusammenhang wies Praesident Eisenhower auf dem Fusionskongress
besonders auf die Bedeutung demokratischer Verfahren in gewerkschaftlichen
Organisationen hin: "Das Recht der Minderheiten, die verschiedene soziale,
wirtschaftliche und politische Anschauungen haben, muss sorgsam gewahrt und
ihre Anschauungen genauestens wiedergegeben werden".
Zudem uebten mehrere bedeutende republikanische Sprecher waehrend und
kurz vor dem "Gruendungs-Kongress" scharfe Kritik an den Fuehrern der organisierten Gewerkschaftsbewegung. Senator Barry Goldwater aus Arizona, der
Leiter des "Republican Senate Campaign Committee" (Ausschuss republikanischer
Senatoren fuer Wahlfeldzuege) behauptete, dass "machthungrige Gewerkschaftsbosse" die politische Freiheit der Gewerkschaftsmitglieder bedrohen, indem
sie ihr Geld fuer politische Zwecke verausgabten, ohne dabei ihre eigentlichen
Anschauungen zu beruecksichtigen. Senator William F. Knowland aus Kalifornien,
der Oppositionsfuehrer im Senat, fragte, ob die Leitung der AFL-CIO "von denjenigen verschlungen wuerde, die darauf aus sind, die Gewerkschaftsorganisationen zu einer korrupten Clique auf nationaler Basis werden zu lassen."
Ein anderer republikanischer Senator war jedoch schnell zur Verteidigung
der Gewerkschaften bereit. "Von dem, was ich von der organisierten Gewerkschaftsbewegung weiss," so aeusserte Senator Clifford P. Case aus New Jersey,
"zweifle ich daran, ob es ueberhaupt irgendeine grosse Strategie gibt, die
darauf abzielt, die Kontrolle ueber die Regierung zu erlangen und uns alle
dazu zu zwingen, Beitraege zu zahlen und Streikplakate vor uns her zu tragen.
- 11 -

�Einige behaupten, dass der Zusammenschlugs zwischen AFL und CIO die Eroberung
der Demokratischen Partei bedeuten wird. Ich finde, man kann sich nur sehr
schwer vorstellen, dass ein amerikanischer Gewerkschafter sein sauer verdientes Geld dafuer aufwenden sollte, um die Wiederwahl von Senator Eastland (Miasissipi) oder Gouverneur Talmadge (Georgia) durchzusetzen.
Der republikanische Gouverneur Fred Hall aus Kansas, der in den mit
aller Schaerfe gefuehrten Vorwahlen zu den Gouverneurswahlen als republikanischer Kandidat die Unters tuetzung der Gewerkschaft suchte und auch erhielt,
machte kuerzlich die Republikanische Partei fuer alle Differenzen mit der
organisierten Gewerkschaftsbewegung verantwortlich.
Er behauptete, dass die G.O.P. bereits seit 25 Jahren mit der Gewerkschaftsbewegung in Streit liege. "Unsere Beziehungen haben augenblicklich
einen beklagenswerten Status erreicht," so erklaerte er. "Die republikanische Opposition zu der Reform des Taft-Hartley-Gesetzes", so fuegte er
hinzu, "ist einer der Gruende, weshalb die Republikanische Partei 1954 im
Kongress eine Niederlage erlitt."
Die gewerkschaftlichen Beifallskundgebungen, die Halls Bemerkungen
ausloesten, verstaerkten die Bedeutung dieser ernsten Bewertung der gegenwärtigen Situation durch George Meanyt "Die Opposition, der wir uns heute
gegenuebersehen, ist noch schlimmer als zu Zeiten der Unternehmerspione
und Rowdies, der Schwarzen Liste und des sogenannten "amerikanischen Plans".
Das Schlachtfeld ist nicht laenger die Fabrik oder gar die Streikkette. Es
hat sich in die Kongresshallen und die verfassungsgebenden Versammlungen der
Einzelstaaten verlagert. An diesen Fronten haben wir in den vergangenen Jahren eine Niederlage erlitten, einmal durch die Inkraftsetzung des Taft-HartleyGesetzes und anderer restriktiver Bundesgesetze und neuerdings durch die in
18 Staaten erfolgte Annahme der ihren Namen zu Unrecht fuehrenden "right-towork"-Gesetze. (right to work - das Recht auf Arbeit). Diese Gesetze stellen
geradezu eine Existenzbedrohung der Gewerkschaften dar, da sie auf die Vernichtung der gewerkschaftlichen Sicherheit abzielen."
Als Gouverneur Hall den "right-to-work"-Gesetzentwurf ablehnte, ging
er noch einen Schritt weiter als Meany. Er erklaerte, dass dieses Gesetz
"das Prinzip der TarifVerhandlungen zerstoert haben wuerde."
Trotz der allgemein anerkannten Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung
auf politischem Gebiet behaupten starrkoepfige Gewerkschaftsfunktionaere,
dass Politiker und Unternehmer als erste zu der Einsicht gekommen sind, dass
nur eine zweckmaessige Organisation Fruechte zeitigt. Aus diesem Grunde verdient die Struktur der neuen AFL-CIO besondere Bedeutung.
An der Spitze der neuen Dachorganisation stehen der 6ljaehrige Vorsitzende George Meany und der 52jaehrige Hauptkassierer William F. Schnitzler.
Meany ist wahrscheinlich der bekannteste Klempner der Welt, waehrend Bill
Schnitzler, ein Baecker aus Newark (New Jersey), Vorsitzender der Baeckereiarbeiter-Gewerkschaft (AFL) und spaeter HauptKassierer der AFL war, ehe er
in der neuen Organisation das gleiche Amt uebernahm. (Schluss folgt)
(Aus : "Collier's")

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�)

Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 8

Mehlem, den 13. April 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Arbeitspotential und Lebensstandard in Puerto Rico

Seite

1

24 und 32 Stunden Arbeitszeit in Rotchina

Seite

9

"Westinghouse"-Streik nach 156 Tagen beigelegt

Seite 11

,Samuel Weiss und A.J. Jaffe:
Arbeitspotential und Lebensstandard in Puerto Rico
Das Commonwealth von Puerto Rico ist einmalig in
der politischen Geschichte Amerikas. Es wurde als "neue
Staatsform" bezeichnet. Dieses Commonwealth ist weder
eine Kolonie, noch ein Dominion im Sinne des britischen
Commonwealth, jedoch auch keine separate unabhaengige
Nation. Es ist ebenfalls kein Commonwealth wie es die
Philippinen einst waren und weder ein Mitgliedstaat der
Union, noch ein "incorporated territory", wie es frueher
die meisten Staaten der Union waren. Es besitzt praktisch
die gleiche Autonomie in lokalen Angelegenheiten wie ein
Staat der Union; die amerikanische Bundesregierung geniesst in Puerto Rico die gleiche Autoritaet wie in einem
Staat der Union, Puerto Rico leistet dem US-Schatzamt jedoch nur in ganz geringem Masse finanzielle Abgaben und
besitzt keine Wahlvertretung im Kongress.
Bis vor einigen Jahren war Puerto Rico noch ein typisches unterentwickeltes Land, das sich nicht wesentlich von den vielen heutigen
Gebieten dieser Art unterschied, die dringend wirtschaftlicher Hilfe
beduerfen. Die*Wirtschaft der Insel war in der Hauptsache Von der Erzeugung von Zuckerrohr abhaengig, das fuer den Export angebaut wurde.
Einige andere Frodukte wie Kaffee und Tabak wurden dagegen nur in geringen Mengen erzeugt. Von den wenigen einheimischen, hauptsaechlich
- 1 -

�handwerklichen Fertigungsbetrieben fielen nur solche, die Handarbeiten
herstellten, wirklich ins Gewicht. Da der groesste Teil des Ackerlandes
fuer den Anbau von Zuckerrohr genutzt wurde, musste ein hoher Prozentsatz der fuer die Versorgung der Bevoelkerung notwendigen Nahrungsmittel
importiert werden.
Der Mangel an fruchtbarem Ackerboden (nur etwa die Haelfte des Landes ist anbaufaehig) und die ausserordentlich hohe Bevoelkerungsdichte
(ueber 63O Personen pro 2,6 km2) Hessen die Landwirtschaft zu einer
ausserordentlich unbefriedigenden Basis fuer die Wirtschaft Puerto Ricos
werden. Auf Grund der herrschenden Verhaeltnisse waren die Menschen ziemlich arm und es zeigten sich alle Begleiterscheinungen der Armut, wie
Arbeitslosigkeit, Analphabetentum, eine hohe Sterblichkeitsrate, Wohnraummangel und so weiter.
Mitte der dreissiger Jahre beschaeftigte sich die Regierung von Puerto
Rixo sehr eingehend mit der Frage, wie man die Wirtschaftslage der Insel
verbessern koennte. In diese Zeit fielen dann auch verschiedene wichtige
Foerderungsmassnahmen, wie beispielsweise die starke Ausweitung der Wasserkraftwerke, der Bau einer Zementfabrik, die Erweiterung des Strassensystems und die Durchfuehrung verschiedener finanzieller Massnahmen zur
Unterstuetzung der wirtschaftlichen Entwicklung.
Ein wirkliches wirtschaftliches Entwicklungsprogramm wurde jedoch
erst im Jahre 1940 in Angriff genommen, als die Demokratische Volkspartei
(unter Leitung des jetzigen Gouverneurs Luis Munoz Marin) die Amtsgeschaefte uebernahm. Der zweite Weltkrieg foerderte und behinderte das
Programm zugleich. Projekte, die fuer die Kriegfuehrung der Vereinigten
Staaten von direktem Interesse waren, wurden weiterentwickelt, andere
wurden zurueckgestellt. Nach dem Krieg verstaerkte die Regierung dann
wieder ihre Bemuehungen zur reinen Wirtschaftsfoerderung.
Seit 1940 sind praktisch auf jedem sozial-wirtschaftlichen Gebiet
erhebliche Verbesserungen eingetreten. Gesundheitsfoerderung und die Anwendung moderner Methoden in der oeffentlichen Gesundheitsfuersorge
hatten im Zusammenwirken mit allgemeinen wirtschaftlichen Verbesserungen
ein Absinken der Sterberate von 18,4 pro Tausend im Jahre 1940 auf 7»7
pro Tausend im Jahre 1954 zur Folge. Zur gleichen Zeit stieg die Lebenserwartung von 46 Jahren im Jahre 1940 auf 61 im Jahre 1954 - das bedeutet ueber einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg eine jaehrliche Zunahme um
ein Jahr.
. Die Zahl der Einschreibungen an den Bildungsinstituten in Puerto
Rico stieg von weniger als 300 000 im Jahre 1940 auf nahezu 600 000 im
Jahre 1954« Waehrend des gleichen Zeitraums erhoehten sich die Regierungsaufwendungen fuer Bildung und Erziehung von 7 auf 38 Millionen Dollar
pro Jahr.
Auf dem Gebiet des Wohnungsbaus wurden betraechtliche Fortschritte
durch die Beseitigung der Slums und die oeffentlichen Wohnbauprogramme
erreicht. Die Kraftwerke wurden erheblich erweitert« Zwischen 1940 und
1952 stieg die Elektrizitaetserzeugung von 174 Millionen auf 735 Millionen Kilowattstunden. Ebenso wurden auf dem Transport- und Nachrichtensektor sowie in der Wasserversorgung und Kanalisation grosse Fortschritte
erzielt.
Bevoelkerung und Arbeitskraefte
Auswirkung der Bevoelkerungsschwankungen. Zwischen 1940 und 1954 nahm
das Arbeitspotential im grossen und ganzen im gleichen Verhaeltnis wie
die Zahl der im arbeitsfaehigen Alter stehenden Bevoelkerung zu (i.e.
Angehoerige der Zivilbevoelkerung im Alter von 14 Jahren und darueber
ausschliesslich Anstaltsinsassen). Wie aus den folgenden Zahlen hervorgeht,

- 2 -

�bestand das Arbeitskraeftepotential im April 1940 zu 52% aus Puerto Ricanern im arbeitsfaehigen Alter; im April 1950 waren es 55»696; und im
April 1953
48,6%.
Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter

Arbeitskraef
tepotential

April 1940

1 150 000

598 000

April 1950

1 293 000

719 000

April 1954

1 275 000

631 000

April 1955

1 327 000

644 000

Die Veraenderungen des Arbeitskraeftepotential3 und die Bevoelkerungsveraenderungen verliefen durch Auswanderung und Militaerpflicht
bedingt, nicht genau parallel. Da normalerweise viel mehr Maenner als
Frauen im Arbeitsleben stehen, hatten die Einberufungen zum Militaer
in den 50er Jahren eine Verringerung des Arbeitskraeftepotentials bei
einer gleichzeitigen leichten Zunahme der Erwachsenenbevoelkerung zur
Folge.
Die Zahl der Zivilpersonen im Alter von 14 Jahren und darueber stieg
in Puerto Rico zwischen April 1940 und April 1950 um 143 000 Personen an.
Waehrend dieses 10jaehrigen Zeitraums wanderten etwa 154 000 Personen
(zumeist im arbeitsfaehigen Alter) nach dem Festland ab; das sind etwa
13% der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter von 1940; seitdem betrug
die natuerliche Zunahme der Erwachsenenbevoelkerung nahezu 300 000 pro
Jahrzehnt oder 2^% pro Jahr.
Zwischen April 1950 und April 1954 ging die Zahl der im arbeitsfaehigen Alter stehenden Bevoelkerung von 1 293 000 auf schaetzungsweise
1 275 000 zurueck. Die Zahl der Personen ueber 14 Jahre, die zum Festland
abwanderten, betrug ungefaehr 160 000 oder etwa 12% der im Jahre 1950
in Puerto Rico lebenden Zahl; dies ist ein ungewoehnlich hoher Ausfall.
Ausserdem wurden etwa 36 000 Mann zum Militaerdienst eingezogen. Waehrend
dieser 4 Jahre stieg die Zahl der Erwachsenen jedoch auf 178 000 oder
um ueber 3% pro Jahr.
Die Geburtenrate. Im Vergleich zu den kontinentalen Vereinigten Staaten
verzeichnet Puerto Rico eine sich aus der hohen Geburtenziffer des vergangenen Jahrzehnts ergebende hohe Wachstumsrate seiner im arbeitsfaehigen Alter stehenden Bevoelkerung. Vor 1940 war die Sterbeziffer fuer die
heutigen Verhaeltnisse ebenfalls recht hoch (18,4 pro 1000 im Jahre
1940), waehrend der 40er Jahre fiel sie jedoch rapide. Im Jahre 1950
war sie noch immer ziemlich hoch, etwa 15 pro 1000; bis zum Jahre 1954
war sie jedoch auf 7,7 VTO 1000 abgesunken und unterschied sich somit
nicht wesentlich von der Sterberate auf dem Festland. Der ueberaus rasche
Rueckgang der Sterberate waehrend der 50er Jahre im Vergleich zu den
vorhergehenden 10 Jahren trug zu der erhoehten natuerlichen Wachstumsrate
der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter seit 1950 bei.
Waehrend der letzten 10 Jahre ist die Geburtenrate nicht stark genug
gesunken, um die kuenftige natuerliche Zunahme der Zivilbevoelkerung
im arbeitsfaehigen Alter wesentlich zu veraendern. Waehrend der Zeit von
1939 bis 1941 lag die Rate der Bevoelkerungszunahme bei etwa 184; 10
Jahre spaeter, zwischen 1949 und 1951» etwa bei 224 x ).
x) Im allgemeinen zeigt eine Rate von 100 an, dass Geburten- und Sterberate ungefaehr gleich sind; das heisst, dass sich waehrend einer Generation keine Bevoelkerungszunahme ergibt. Eine Rate von 220 bedeutet, dass
eine konstante Bevoelkerung sich im Laufe einer Generation um etwa 120^&gt;
vermehren wuerde, vorausgesetzt, dass die Geburts- und Sterberaten zu
allen Zeiten unveraendert bleiben.

- 3-

�Im Jahre 1953 und 1954 lag die Rate der Bevoelkerungszunahme etwa bei
220. Diese Rate deutet daraufhin, dass sich die Bevoelkerung von Puerto
Rico in deu. naechsten 25 bis 30 Jahren mehr als verdoppeln koennte. Ob
dies eintreten wird, ist allerdings schwer vorauszusagen, da sich gewisse
Aenderungen der Geburts- und Sterberaten ergeben werden.
Selbst wenn die Geburtenrate in Zukunft zurueckgehen und den Stand
der kontinentalen Vereinigten Staaten erreichen sollte (Bevoelkerungszuwaohsrate von 156 im Jahre 1952), so wird es viele Jahre dauern, bevor solche Rueckgaenge die natuerliche Zunahme der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter zahlenmaessig beeintraechtigen. Dies erklaert sich
aus der Tatsache, dass zwischen der Geburt und der Zeit, in der eine Person das arbeitsfaehige Alter erreicht, ein Zeitraum von 14 Jahren liegt.
Zur Zeit uebersteigt die Geburtenziffer die der Todesfaelle um 65 000
pro Jahr. In 14 Jahren wird der Ueberschuss noch immer etwa 60 000 pro
Jahr betragen, vorausgesetzt, dass keine Auswanderung erfolgt.
Auswanderung, eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die kombinierten
Auswirkungen der frueheren hohen Geburtenraten und der niedrigeren Auswandererzahl machten sich besonders in der Zeit von April 1954 his Maerz
1955 bemerkbar. Die natuerliche Zunahme der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter belief sich in diesem Jahr auf etwa 52 000. Gleichzeitig liess
die Wirtschaftsflaute in den kontinentalen Vereinigten Staaten die Auswanderungsziffer auf etwa 16 000 Zivilisten ueber 14 Jahren zurueckgehen,
im Vergleich zu 36 000 in der Zeit von Maerz 1953 bis Maerz 1954» Ausserdem fuehrte die Verringerung der Streitkraefte dazu, dass etwa 16 000
mehr Maenner ins Zivilleben zurueckkehrten als man urspruenglich erwartet
hatte. Durch die groesseren Entlassungen aus den Streitkraeften wurde
der Verlust an Arbeitskraeften durch Auswanderung wieder ausgeglichen.
Der natuerliche BevoelkerungsZuwachs an arbeitsfaehigen Zivilpersonen betrug 52 000 und stieg bis 1. April 1955 auf ungefaehr 1 327 000. Dies bedeutet eine Zunahme von ungefaehr 4$ innerhalb eines Jahres. Waehrend
des gleichen Jahres stieg die arbeitsfaehige Bevoelkerung der kontinentalen Vereinigten Staaten um etwa 1$.
Innerhalb.eines Jahres wurde also auf Grund des Rueckganges der Auswanderungen der Abwanderungsverlust in den Jahren 1951 bis 1954 durch
die steigende Bevoelkerungsziffer in Puerto Rico mehr als ausgeglichen.
Am 1. April 1955 war die Bevoelkerung, die in den Arbeitsprozess eingeschaltet werden konnte, um etwa 34 000 Personen groesser als am 1. April
1950. Falls die Auswanderung auch weiterhin so stark eingeschraenkt bleiben sollte, waere die Zunahme des Arbeitskraeftepotentials so gewaltig,
dass die Schwierigkeiten in der Beschaffung ausreichender zusaetzlicher
Arbeitsplaetze erheblich vergroessert wuerden. Tatsaechlich waere eine
verstaerkte Auswanderung unerlaesslich fuer eine weitere wirtschaftliche
Entwicklung.
Industrielle Entwicklung
Regierungsmassnahmen. Das Kernstueck der Bemuehungen des Commonwealth
zur Verbesserung der Wirtschaftslage der Insel war das Programm "Operation
Bootstrap" ("Operation Schnuersenkel"), das die Foerderung der industriellen Entwicklung zum Ziele hatte. Die Regierung von Puerto Rico war sich
dabei der Tatsache bewusst, dass eine Produktivitaetssteigerung durch
industrielle Expansion einen wichtigen Faktor im Hinblick auf die Foerderung der puertoricanischen Wirtschaft darstellen wuerde - einer Wirtschaft, deren Rahmen von einer grossen Bevoelkerungsdichte, Mangel an
Naturvorkommen, staendiger Arbeitslosigkeit und einem verhaeltnismaessig
niedrigen Lebensstandard gebildet wird.
Zur Unterstuetzung einer solchen Industrialisierung und um neue Industrien auf die Insel zu ziehen, hat das Commonwealth verschiedene

-4 -

�wirtschaftliche Anreize, wie Steuerbefreiung, Bereitstellung industrieller Dienstleistungen, Bereitstellung von Fabrikgebaeuden und sonstige
Hilfsleistungen geschaffen. Als unmittelbares Ergebnis dieser Bemuehungen
konnten Ende des 2. Weltkrieges und April 1954 287 neue Fertigungsbetriebe ihre Taetigkeit aufnehmen. Im April 1954 beschaeftigten sie ungefaehr 23 000 Personen oder ein Drittel aller Beschaeftigten in der Fertigungsindustrie .
Im allgemeinen sind diese von der Regierung gefoerderten Werke wesentlich groesser als andere puertoricanische Fabriken; sie beschaeftigen durchschnittlich etwa 80 Arbeiter pro Werk, das ist nahezu das .Dreifache des Arbeitspotentials sonstiger Fabriken. Sie verwenden zum groessten
Teil moderne Maschinen und produzieren Gueter, die hinsichtlich Art und
Qualitaet den auf dem Festland erzeugten in nichts nachstehen. Hierzu gehoeren Bekleidung, elektronische Produkte, elektrische Rasierapparate,
Radioersatzteile sowie pharmazeutische Erzeugnisse. Da Puerto Rico zu den
Vereinigten Staaten gehoert, ruht kein Zoll auf den von Fuerto Rico nach
dem Festland ausgefuehrten Waren.
Puerto Ricos industrielles Entwicklungsprogramm hat innerhalb eines
verhaeltnismaessig kurzen Zeitraums eine Strukturveraenderung in der Fertigungsindustrie hervorgerufen. Im April 1946 waren beispielsweise noch
6 von 10 Arbeitern in Fabrikationsbetrieben der Nahrungsmittel- und Tabakindustrie taetig, waehrend es im April 1954 nur noch 4 von 10*) waren.
Die Bemuehungen der Regierung, die Industrie umzustellen, kommen ebenfalls in der Tatsache zum Ausdruck, dass im April 1954 nur 7$ der Arbeiter in von der Regierung gefoerderten Unternehmen mit der Herstellung
von Nahrungs- und Tabakwaren beschaeftigt waren.
Auf lange Sicht gesehen, duerfte der wichtigste Aspekt der Bemuehungen, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, eine gezielte Durchfuehrung des Industrialisierungsprogramms sein. In dem Masse naemlich,
in dem neue und verhaeltnismaessig gute Arbeitsplaetze durch die Unteratuetzung der Regierung geschaffen werden, tendieren sie dazu, eine vielfaeltige Wirkung auszuloesen. Der Bedarf an Verbrauchsguetern, Wohnungen und so weiter ist in stetigem Steigen begriffen. Wenn dieser Trend
noch laengere Zeit anhaelt, wird eine wirtschaftliche Entwicklung im
grossen Stil stattfinden.
Die wechselnde Beschaeftigungsstruktur. Im April 1954 waren 36$
aller Beschaeftigten in Puerto Rico in der Landwirtschaft beschaeftigt,
im Vergleich zu 37$ im April 1950 und 45$ i m April 1940. Die Mehrzahl
dieser Werktaetigen arbeitete in den Zuckerrohrfeldern. Ausserhalb der
Saison arbeitete ein groesserer Teil dieser landwirtschaftlichen Hilfskraefte auf Kaffee- und Tabakfeldern.
Unter den nichtlandwirtschaftlichen Industriezweigen beschaeftigte
der Handel (Gross- und Einzelhandel) im April 1954 die meisten Arbeiter
und Angestellten, etwa 85 000 oder 15$ aller Erwerbstaetigen. Es folgte
die Fertigungsindustrie (ausser Heimarbeit) mit etwa 72 000 Beschaeftigten. Die drittgroesste Gruppe bildeten die verschiedenen Dienstleistungsindustrien, die insgesamt 63 000 Personen beschaeftigten.
Den auffaelligsten Wechsel gegenueber frueheren Zeiten stellt die
steigende Beschaeftigungsziffer in den besser zahlenden und produktiveren Industriezweigen dar. Im Gegensatz dazu steht der Beschaeftigtenrueckgang in den Industriezweigen mit niedrigerer Lohnskala. Besser verguetete
Taetigkeiten finden sich in der Bau-, der Fertigungsindustrie (ausser
) Diese Zahlen wurden Veroeffentlichungen des puertoricanischen Arbeitsministeriums, Buero fuer Arbeitsstatistik, entnommen.

�Heimarbeit) und dem Sektor "Transport", "Nachrichtenwesen" und "oeffentliche Dienste". Staatliche Angestellte, wie Lehrer, Feuerwehrleute,
Polizisten, Aerzte, Krankenschwestern und sonstige Bediensteten der
oeffentlichen Gesundheitspflege sowie Verwaltungsangestellte, gehoeren
ebenfalls zur Gruppe der "Besserbezahlten". Insgesamt stieg die Beschaeftigtenziffer dieser Gruppe in den Jahren 1950 his 1954 um etwa 13 000
an.
Die scnlechter bezahlten und weniger produktiven Arbeitsplaetze finden sich in der Landwirtschaft, in Heimarbeitsbetrieben, den kaufmaennischen Berufen (speziell dem Einzelhandel, zu dem auch fliegende Haendler,
Hausierer und so weiter gehoeren) und dem Dienstleistungsgewerbe (speziell hauswirtschaftliche Hilfskraefte). Die Beschaeftigtenziffer (einschliesslich helfender Familienangehoeriger ohne Bezahlung) in diesen
Industriezweigen ging von 1950 bis 1954 auf 93 000 zurueck. Der bedeutendste Rueckgang war in der Heimarbeitindustrie zu verzeichnen; hier fiel
die Beschaeftigtenzahl von 61 000 auf 25 000 oder von 10$ aller Beschaeftigten auf 4$.
Da die Zahl der Arbeitslosen waehrend dieses Zeitraums abnahm, obwohl
der Anteil der Arbeitslosen am Gesamtarbeitskraeftepotential der gleiche
blieb, scheint es, dass diese Personen nicht von solchen Arbeitsplaetzen
entlassen wurden, die allgemein gefragt sind. Wahrscheinlicher ist, dass
sie entweder in die besser zahlenden Industriezweige abwanderten, nach
den kontinentalen Vereinigten Staaten auswanderten oder aber Soldat wurden. Ausserdem kann angenommen werden, dass einige Frauen und aeltere
Maenner aus dem Arbeitsprozess ausschieden.
Veraenderungen der Arbeitslosenziffer. Im April 1940 betrug die
Arbeitslosenrate fuer Maenner etwa 16,2$. Bis April 1950 war sie auf
10,4$ gefallen und bis April 1954 auf 9»0$. Verschiedene Faktoren, unter
anderem auch die vom Commonwealth ausgehende Foerderung der wirtschaftlichen Entwicklung sowie die seit dem Ende des 2. Weltkrieges auf dem
Festland nahezu erreichte Vollbeschaeftigung und die hohe Auswanderungsziffer - trugen dazu bei, dass die Arbeitslosenrate der Maenner zurueckging.
Die Arbeitslosenrate der weiblichen Arbeitnehmer scheint sich in
den 50er Jahren kaum geaendert zu haben, sie schwankte zwischen 10 und
14$ und liess keinen bestimmten Trend erkennen*/. Nahezu saemtliche erwerbstaetigen Frauen sind in nichtlandwirtschaftlichen Berufen taetig.
Starke saisonale Schwankungen in der Arbeitslosenziffer treten immer
noch in den Zuckerrohrplantagen auf. Zwischen Februar und Mai oder Juni
wird das Zuckerrohr geschnitten und die Beschaeftigtenzahl erreicht dann
ihren Hoechststand. Waehrend dieser Monate sinkt die Arbeitslosenrate
in der Landwirtschaft auf etwa 5$- Ausserhalb der Saison liegt die Arbeitslosenziffer oftmals sogar bei 20$. In den nichtlandwirtschaftlichen
Berufen treten im Gegensatz dazu nur geringe saisonale Schwankungen auf
und die Arbeitslosenrate variiert nur zwischen 10 und 14$»
Trotz des Rueckgangs der Arbeitslosigkeit leidet Puerto Rico noch
immer unter chronischer Arbeitslosigkeit, von der im Durchschnitt ungefaehr 15$ der Arbeitskraefte betroffen werden. Dies ist eines der wesentlichsten Probleme des Commonwealth. Waehrend der vergangenen Jahre hat
sich der Bevoelkerungsdruck durch die in grossem Umfang erfolgte Auswanderung nach dem Festland erheblich verringert. Die hoechste Auswanderungsziffer wurde im Jahre 1953 mit 69 000 erreicht; im Jahre 1954
x) Diese Zahlen schliessen die mit Heimarbeit beschaeftigten Frauen aus,
da hier die Arbeitslosigkeit schwer messbar ist. Vergleichszahlen
fuer das Jahr 1940 liegen nicht vor.

�sank sie auf etwa 22 000.
Wenn ein derartiger Auswanderungshoechststand wie im Jahre 1953
in Zukunft nicht mehr erreicht werden sollte, so wird die Arbeitslosigkeit ein wahrscheinlich noch viel groesseres Ausmass annehmen als bisher, da die Zahl der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter stetig zunimmt und damit auch das Arbeitskraeftepotential. Die Wirtschaft sieht
sich augenblicklich vor die schwierige Aufgabe gestellt, genuegend zusaetzliche und verhaeltnismaessig gut bezahlte Arbeitsplaetze fuer die
zur Zeit Unterbeschaeftigten oder Arbeitslosen zu beschaffen. Der natuerliche Bevoelkerungsanstieg macht es, falls er nicht durch Auswanderung ausgeglichen werden kann, notwendig, dass pro Jahr etwa 2 bis 4$
zusaetzlicher neuer Arbeitsplaetze fuer das steigende Arbeitskraeftepotential zur Verfuegung gestellt werden.
Verbesserung des Lebensstandards
Durch die "Operation Schnuersenkel" konnten seit Ende des 2. Weltkriegs, unterstuetzt durch die starke Auswanderung, betraechtliche
wirtschaftliche Gewinne fuer die Einwohner Puerto Ricos erreicht werden. Die Auwanderung wirkte als Ausgleich der natuerlichen Bevoelkerungszunahme; dadurch brauchten die waehrend dieser Zeit erzielten wirtschaftlichen Gewinne nicht unter eine stetig wachsende Bevoelkerung aufgeteilt zu werden. Stattdessen gelangten sie jedes Jahr an die gleiche
Zahl Personen zur Verteilung, so dass im Durchschnitt gesehen jede Person ihren Lebensstandard verbessern konnte.
Als Folge hiervon stiegen die Einkuenfte von Einzelpersonen und
Familien im Laufe der letzten 15 Jahre weitaus schneller als die Preise
und setzte sie somit in die Lage, mehr Gueter und Dienstleistungen erwerben zu koennen und ihre materiellen Beduerfnisse in staerkerem Masse
als bisher zu befriedigen. Alle in den Hauptwirtschaftssektoren Taetigen
- Lohnempfaenger, Farmer und Geschaeftsleute - hatten an diesem wirtschaftlichen Fortschritt teil. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen
in Puerto Rico ist heute hoeher als in den meisten suedamerikanischen
Laendern, obgleich es bei weitem noch nicht das Pro-Kopf-Einkommen der
am niedrigsten liegenden nordamerikanischen Festlandstaaten erreicht hat.
Hoeheres Familieneinkommen. Das Durchschnittseinkommen einer Arbeitnehmerfamilie in Puerto Rico stieg von 360 Dollar im Jahre 1941 auf
1081 Dollar im Jahre 1952 und auf 1180 Dollar im Jahre 1953x^• Das gestiegene Einkommen machte sich jedoch nicht ausschliesslich in Form einer
hoeheren Kaufkraft bemerkbar. Um einen 80,3prozentigen Anstieg der Lebenshaltungskosten zwischen 1941 und 1953 auszugleichen, haette die
durchschnittliche Arbeitnehmerfamilie ihr Einkommen von 36O Dollar auf
649 Dollar steigern muessen, um ihre Kaufkraft aufrechtzuerhalten.
Die Differenz zwischen diesem Ausgleichspunkt und dem tatsaechlichen
Durchschnitt des Jahres 1953 in Hoehe von 1180 Dollar stellt die Verbesserung des Realeinkommens dar. Diese Erhoehung betrug im Laufe des
12jaehrigen Zeitraums 82$. Auf Jahresbasis umgerechnet, belief sich die
Erhoehung des Realeinkommens auf etwas ueber 5$ pro Jahr. Angefangen
mit jedem beliebigen Jahr würde diese Wachstumsrate das Einkommen im
Laufe von 8 Jahren um 50$ erhoehen und es in ungefaehr 14 Jahren verdoppeln - ein bemerkenswert rascher Fortschritt.

Einschliesslich unregelmaessiger finanzieller Einkuenfte wie beispielsweise Erbschaften oder des Geldwerts von Nahrungsmitteln, die fuer
den eigenen Bedarf produziert wurden. Die Unterlagen fuer 1941 wurden der Publikation "Einkuenfte und Ausgaben der Lohnempfaenger in
Puerto Rico" des puertoricanischen Arbeitsministeriums entnommen;
die Zahlen fuer 195^ und 53 entstammen Einkommens- und Ausgabeuebersichten des puertoricanischen Arbeitsministeriums, Buero fuer Arbeitsstatistik.

- 7-

�Im Laufe der 12 Jahre von 1941 bis 1953 stieg der Prozentsatz der
Arbeitnehmerfamilien mit einem Jahreseinkommen von 1000 Dollar und
darueber von 2,9 auf 52,2 und derjenige der Arbeitnehmerfamilien mit
einem Einkommen unter 500 Dollar .verringerte sich von 80,9 auf 6,9«
Verwendung des Familieneinkommens. Das gestiegene Familieneinkommen hatte eine Verschiebung der Ausgabenstruktur zur Folge. Im Jahre
1952 (Zahlenmaterial ueber Ausgaben im Jahre 1953 ist noch nicht verfuegbar) gaben die Arbeitnehmerfamilien einen verhaeltnismaessig geringeren Teil ihres Einkommens fuer Nahrungsmittel und verhaeltnismaessig
mehr fuer Kleidung und Haushaltsgegenstaende (Moebel usw.) aus als im
Jahre 1941, wie sich aus der folgenden Tabelle ergibt«
Prozentsatz der Ausgabenverteilung
1952

1941

100,0

100,0

51,5

58,0

Miete

9,3

10,2

Einrichtungsgegenstaende

5,9

2,4

13,0

8,3

2,2

5,1

18,1

16,0

Gesamtauslagen
Nahrungsmittel

..

(einschl. alkoholischer Getraenke)

Bekleidung
Aerztl. Behandlung
Sonstiges

Obgleich der Einkommensanteil, der fuer Nahrungsmittel aufgewendet
wurde, zurueckging, ermoeglichte es die Einkommenssteigerung den Arbeitnehmerfamilien, mehr und bessere Nahrungsmittel zu kaufen und trotzdem noch genuegend Geld uebrig zu behalten, um sonstige Waren kaufen zu
koennen. Die Auslagen fuer aerztliche Betreuung sanken von 5,1 auf 2,2$,
und zwar auf Grund der erweiterten medizinischen und Gesundheitseinrichtungen in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Die Durchschnittsarbeitnehmerfamilie kaufte im Jahre 1952 2,7 mal so viel Textilien und 4,2 mal so viel
Moebel wie im Jahre 1941. Diese Aenderungen im Ausgabenschema zeigen deutlich, dass eine Besserung des Lebensstandards eingetreten ist.
Gestiegenes Pro-Kopf-Einkommen. In den vergangenen Jahren konnten
alle wichtigen Sektoren Puerto Ricos bedeutende Gewinne verzeichnen.
An Hand der vom Planungsausschuss Puerto Ricos zusammengestellten Zahlen stieg das Pro-Kopf-Einkommen von 233 Dollar im Jahr 1943/44 auf 431
Dollar im Jahr 1953/54» Waehrend des 10jaehrigen Zeitraums stiegen die
Lebenshaltungskosten um 37,7$; hieraus resultierte eine etwa 34prozentige
Erhoehung des Realeinkommens, das sind 3,1$ pro Jahr im Vergleich zu einer
85prozentigen Erhoehung des Geldeinkommens.
Diese Zahlen weisen darauf hin, dass sich das Einkommen der Arbeitnehmerfamilien (mit einer etwa 5Pr°zentigen Erhoehung des jaehrlichen
Realeinkommens zwischen 1941 und 1953) in etwas schnellerem Masse erhoehte als das Pro-Kopf-Einkommen fuer die Insel als Ganzes. Zwischen
1943 und 1944 und 1953 bis 1954 ergab sich jedoch keine wesentliche Aenderung der Verteilung des Einkommensschemas. Weder die Loehne noch die
Gewinne stiegen auf Kosten des anderen. Die Verguetung der Arbeitnehmer
stieg von 61,2 auf"62,6$ des Gesamteinkommens 5 der Anteil der Nettogeschaeftsgewinne stieg von 30,9 auf 32,6$; die Nettozinsertraege gingen
von 1,9 auf 0,8$ zurueck und das Renteneinkommen sank von 5,6 auf 4,0$.
Von 1939 bis 1949 war die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens in
- 8 -

�Puerto Rico groesaer als in jedem uebrigen Land der westlichen Hemisphaere, fuer das Vergleichszahlen vorhanden sind. In konstanten Preisen gemessen, stieg das pro-Kopf-Einkommen von Puerto Rico waehrend dieses 10jaehrigen Zeitraums um 67$ im Vergleich zu 23$ in Kuba, 37$ in
den kontinentalen Vereinigten Staaten, 48$ in Kanada und 52$ in Mexiko.
Vergleich mit suedamerikanischen Laendern. Obwohl die juengsten in
Puerto Rico erreichten wirtschaftlichen Verbesserungen ausserordentlich
bemerkenswert waren, liegt das Durchschnittseinkommen und der durchschnittliche Lebensstandard doch noch immer erheblich unter demjenigen des
Festlandes. Im Jahre 1952 war das Pro-Kopf-Einkommen in Mississippi mit
826 Dollar (das niedrigste der Vereinigten Staaten) noch immer zweimal
so hoch wie das in Puerto Rico.
Im Vergleich zu den suedamerikanischen Laendern geht es Puerto Rico
jedoch ausgezeichnet. Im Jahre 1952 betrug das Bruttosozialprodukt pro
Kopf (das stets groesser ist als die im Durchschnitt an Einzelpersonen
geleisteten Einkommenszahlungen) 469 Dollar. Dies war hoeher als das
jedes suedamerikanischen Landes mit Ausnahme von Argentinien.

Argentinien

Pro Kopf
Pro Kopf
BruttosozialBruttosozialprodukt
produkt
(Preise d.Jhs.1952)
(Preise d.Jhs.1952)
Dollar
Dollar
Dominik. Republik
189
688
Guatemala

182

Nicaragua

168

Kuba

469
457
454

El Salvador

167

Panama

382

Paraguay

166

Uruguay

382

Honduras

134

Chile

335

Peru

118

Brasilien ..

278

Bolivien

109

Kolumbien ..

231

Ecuador

93

Costa Rica .

203

Haiti

Mexiko

199

Puerto Rico
Venezuela

..

62

Quellet Bericht ueber die wirtschaftliche Lage in Suedamerika,
Foreign Operations Administration, Office of Research, Statistics
and Reports, August 54, Tabelle 1.
Quellet "Monthly Labor Review ",
Dec 55, Vol. 78 No. 12

24 und 32 Stunden Arbeitszeit in Rotchina
Kommunistisches Magazin kritisiert Arbeitspraktiken in der Industrie
Ohne in den meisten Faellen eine Verguetung dafuer zu bekommen,
muessen die Industriearbeiter in Rotchina haeufig 24 und 32 Stunden
arbeiten. Dies geht aus dem rotchinesischen Magazin "Lao Tung" (Werktaetige) hervor, das sich in einem Artikel in einer der letzten Ausgaben
mit den Arbeitsverhaeltnissen und den Praktiken in der Industrie

- 9-

�auseinandersetzt. Wie das Magazin betont, "ist es allgemein an der
Tagesordnung, dass die Arbeiter zur Ableistung von Sonderschichten und
Ueberstunden angehalten" werden. Durch "diese Praktiken aber entstehen
dem "Staat", wie e8 weiter heisst, "grosse wirtschaftliche Verluste".
Desgleichen haetten sie einen "schlechten politischen Einfluss" im Gefolge und fuehrten haeufig zu schweren Unfaellen.
Der Artikel fuehrt dann weiter aus, dass die Arbeiter oft keine
Ueberstundenbezahlung erhielten und die abgeleistete Arbeitszeit als
"freiwillige Sonderschicht", "im voraus geleistete Arbeitszeit", "Nachholung verlorengegangener Arbeitszeit" und so weiter verbucht wuerde.
Der Artikel fuehrt dann einige konkrete Beispiele aus Industriebetrieben der Provinz Lianoningh an« "In der Pressluftwerkzeugfabrik in
Schenjang (Hukden) mussten Arbeiter, die auf Aushilfsposten beschaeftigt
wurden, fuenf -Tage und fuenf Naechte an ihren Arbeitsplaetzen bleiben;
in einem anderen extremen Fall wurden krank geschriebene Arbeiter zurueckgeholt und 32 Stunden ununterbrochen beschaeftigt. In Betriebsversammlungen wurde dann der "lobenswerte Geist" dieser Arbeiter, die an
ihrem Arbeitsplatz fuer zwei Tage und zwei Naechte geblieben waren, von
den Funktionaeren der "Brigaden" oeffentlich gefeiert."
"In dem Anschan-Stahlwalzwerk wurde der Gruppenleiter Chou Schou-Wen,
nachdem er bereits einen ganzen Tag anstrengend gearbeitet hatte, aufgefordert, noch weitere Ueberstunden in der Nachtschicht zu machen. Er
war aber bereits so erschoepft, dass er waehrend der Arbeit ausglitt und
mit einem Starkstromkabel in Beruehrung kam. Er wurde getoetet. Aehnlich
war es auch in der Werkzeugmaschinenfabrik in Schenjang, wo viele Arbeiter, die einen Tag und eine Nacht im Betrieb geblieben waren, bewusstlos umfielen, als sie sich damit abmuehten, schwere Lasten zu bewegen."
"In einem Werk in Huang-sche wurden die Arbeiter 24 Stunden lang
beschaeftigt. Wegen Uebermuedung waren sie dabei nicht mehr in der Lage,
sich voll auf ihre Arbeit zu konzentrieren, so dass in einer Nacht zwei
elektrische Bohrmaschinen und vier Beisszangen zu Bruch gingen."
Hinsichtlich der Nichtbezahlung von Ueberstunden heisst es dann in
dem Artikel des "Lao Tung" woertlich: "In der Maschinenreparaturwerkstatt des Tsai-tun-Bergwerkes in Panschi mussten die Arbeiter innerhalb
von sieben Monaten Ueberstunden in Hoehe von 2000 zusaetzlichen Arbeitstagen ableisten; anstelle von Bezahlung erfolgte hier die Verbuchung der
abgeleisteten Arbeitszeit als "Gutschrift fuer Urlaubstage". In der NEAbteilung der Dairen-Chemiemaschinenfabrik wurden die Ueberstunden als
"im voraus abgeleistete Arbeitszeit" eingetragen und auf der FuschunZeche des Lung Feng-Bergwerkes war es an der Tagesordnung, dass die Kumpels solange unter Tage bleiben mussten, bis sie ihr Tagessoll erfuellt
hatten. Die so entstandenen Ueberstunden wurden als "Ausgleich fuer
verlorengegangene Arbeitsstunden" verbucht.
In der NE-Metall-Verarbeitungsanlage der Fahrradfabrik in Schenjang
wurden die Arbeiter gezwungen, Ueberstunden "als freiwilligen Beitrag
der Gewerkschaften" oder als "Hilfe der Produktionsfront" abzuleisten.
Trotz dieses kritischen Artikels aber setzen die anderen Publikationen, wie die hauptamtliche kommunistische Parteizeitung "Jen Min Jih Pao"
und das offizielle Gewerkschaftsorgan ihre Bemuehungen taeglich fort,
die Arbeiter Rotchinas "zu neuen Anstrengungen" aufzurufen, damit der
erste Fuenfjahresplan "vorzeitig erfuellt wird".
Aehnlich ist auch der Tenor des Senders Peking, der am 28. Februar
1956 folgenden Aufruf verbreitetet "Das Zentralkomitee der Partei hat
uns aufgerufen, mehr zu produzieren und unsere Arbeit schneller, besser
und wirtschaftlicher zu tun.... Die allchinesische Gewerkschaft hat sich
- 10 -

�entschlossen, alle Arbeiter des Landes zu mobilisieren, damit sie dem
Ruf der Partei begeistert nachkommen und der erste Fuenfjahresplan vor
Ablauf der Zeit erfuellt werden kann und die Schaffenden diese Aktion
als ein Geschenk fuer den 8. National-Kongress der Kommunistischen Partei
Chinas betrachten."
Quellei Eigenbericht

"Westinghouse"-Streik nach 156 Tagen beigelegt
Nach einer Gesamtdauer von 156 Tagen konnte der Streik in den
dreissig Betrieben der "Westinghouse Corporation", an dem 45 000 Arbeiter
beteiligt waren, endgueltig durch einen Kompromiss zwischen der "Allamerikanischen Elektriker-Gewerkschaft" (AFL-CIO) und dem Unternehmen
beigelegt werden. Damit wurde der laengste Streik in den Vereinigten Staaten waehrend der vergangenen 20 Jahre beendet, nachdem der 75koepfige
Verhandlungsausschuss der Gewerkschaft mit grosser Mehrheit .dem Schlichtungsvorschlag zustimmte und den Vertrag in Gegenwart des Direktors der
staatlichen Schlichtungsbehoerde, Joseph F. Finnegan, und den Vertretern
des Unternehmens unterzeichnete.
Im Grunde wurde jetzt von den beiden Sozialpartnern der gleiche Vorschlag angenommen, den der Schlichtungsausschuss bereits vor zwei Wochen
unterbreitete, der aber seinerzeit von der Gewerkschaft abgelehnt worden
war.
Die zwei wichtigsten Punkte des ersten Schlichtervorschlags, die die
Ablehnung des Vermittlungsvorschlages durch die Gewerkschaften bewirkten,
war die Frage der Wiedereinstellung von 93 Arbeitern, die waehrend des
Streiks wegen Gewaltanwendung als Streikposten entlassen worden waren
sowie der Einbau einer Sicherheitsklausel in den Tarifvertrag, durch die
eine Umstellung von Praemienlohnarbeitern auf Stundenlohntarife verhindert werden soll.
In dem ersten Vermittlungsvorschlag hatte der Schlichtungsausschuss
die sofortige Wiedereinstellung von 57 Arbeitern vorgeschlagen, waehrend
36 andere Faelle einem Schiedsspruch unterworfen werden sollten. Die Gewerkschaft sah aber in dieser Loesung eine Verurteilung der betreffenden
Arbeiter.
Nach dem erzielten Kompromiss erhalten nun die 36 Arbeiter den Status "Beurlaubung auf unbestimmte Zeit, anstelle von "entlassen". Desgleichen sollen diese Faelle auf Betriebsebene entschieden werden.
Zu dem zweiten strittigen Punkt kam folgender Kompromiss zustande.
In dem neuen Tarifvertrag werden Bestimmungen aufgenommen, die der Gewerkschaft ein Hitspracherecht bei Arbeitsplatzumstellungen beziehungsweise .Neubewertungen geben. Desgleichen wurde die Anzahl derjenigen Arbeiter beschraenkt, auf die neue Produktionsstandards Anwendung finden
koennen.
Der neue Tarifvertrag, der rueckwirkend ab 15. Oktober vorigen
Jahres in Kraft tritt, sieht auch die Wiederaufnahme von TarifVerhandlungen im Jahre 1958 vor, wenn die Gewerkschaft um solche zusaetzlichen Arbeitslosen-VersiCherungsleistungen nachsuchen sollte, wie sie den Arbeitern der Autoindustrie im vergangenen Sommer gewaehrt wurden.
Ausserdem sieht der neue Fuenfjahres-Kontrakt jaehrliche Erhoehungen
- 11 -

�tder Stundenlohnsaetze fuer Facharbeiter zwischen fuenf und zwoelf Cent
vor sowie zusaetzliche Pensions- und Versicherungsleistungen. Nach Ansicht der Gesellschaft duerfte die Lohnerhoehung waehrend der fuenf Jahre im Durchschnitt 24 Cent betragen. Der bisherige Durchschnitts-Stundenlohn betrug 2,10 Dollar.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft, James B. Carey, bezeichnete den
fuenf Monate dauernden Streik eine geschichtemachende Demonstration gewerkschaftlicher Solidaritaet und gewerkschaftlicher Entschlossenheit.
Durch die Aenderungen, so betonte er weiter, sollte unter anderem eine
neue und feste Basis fuer freundschaftliche und erfolgreiche Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern geschaffen worden sein.
Der Vizepresident der "Westinghouse Company", Robert D. Blasier,
erklaerte zur Beilegung des Streiks unter anderemi "Wir hoffen und glauben, dass durch dieses Abkommen eine lange Periode des Arbeitsfriedens
gesichert ist...."
Nach Angaben des Unternehmens betrug der durch den Streik bedingte
Lohnausfall rund 90 Millionen Dollar. Die Umsatzverluste werden dagegen
auf 250 bis 300 Millionen Dollar beziffert.
Quelle« Eigenbericht

i

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 9

Hehlern, den 27- April 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Wohin steuert die grosse neue
US-Gewerkschaftsorganisation

Seite

1

Die Lohnlawine in den USA seit 194O

Seite

7

Mexikanische Gewerkschaften in der
antikommunistischen Front

Seite 11

John Herling:
Wohin steuert die grosse neue US-Gewerkschaftsorganisation? (Schluss)
Die neue Geweri:schaf tsorganisation besteht im wesentlichen aus
drei Spitzengremien:
1. Der Bundesausschuss, der aus den 6 Vizevorsitzenden sowie den
Herren Meany und Schnitzler besteht. 3 der Vizevorsitzenden kommen
von der AFL, 3 vom CIO, das Dreigespann aus der AFL besteht aus dem
67jaehrigen Vizepresidenten Matthew Woll, der seit langen Jahren einer
der fuehrenden politischen Koepfe der AFL war, Harry Bates, dem Presidenten der allamerikanischen Gewerkschaft der Maurer, Bauarbeiter und
Stukkateure, und George Harrison, dem Vorsitzenden der amerikanischen
Gewerkschaft der Angestellten im Transportgewerbe, der mit zu den besonnensten Gewerkschaftsfuehrern gehoert und ueber hervorragendes politisches Fingerspitzengefuehl verfuegt. Bei den Vertretern des CIO im
Bundesausschuss handelt es sich um Walther P. Reuther, den Vorsitzenden
der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft, James B. Carey, den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Elektro-, Radio- und Maschinenmechaniker,
und David J. McDonald, den Vorsitzenden der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft.
2. Der Bundesvorstand besteht aus 27 Vizepresidenten (und den beiden Spitzenfunktionaeren). Er tritt jaehrlich mindestens dreimal zusammen. Die Mitgliederzahl dieses Gremiums verteilt sich auf AFL und CIO
im Verhaeltnis zu deren Gesamtmitgliederzahl zur Zeit des Zusammenschlusses.
Da 10 Millionen AFL-Mitgliedern 5 Millionen CIO-Mitglieder gegenueber-

�}
)

standen, betraegt das Verhaeltnis demnach zwei zu eins.
3. Der Vollzugsausschuss besteht aus den Mitgliedern des Bundesvorstandes und den Praesidenten aller angeschlossenen amerikanischen
und allamerikanischen Gewerkschaften und tagt einmal im.Jahr. In diesem
Zusammenhang sind noch 400 festangestellte Mitarbeiter zu nennen, die
von Washington aus in alle Teile des Landes entsandt werden, um dort
Forschungsaufgaben auszufuehren und organisatorische und gesetzgeberische Fragen zu bearbeiten.
Das sind die Vorschriften, wie sie in den Statuten auf dem Papier
festgelegt worden sind. Ob der neue Verband aber erfolgreiche Arbeit
leisten kann, das wird in hohem Masse von einem anderen Kraeftespiel abhaengen, ueber das jene schriftliche Urkunde nichts enthaelt.
Einige der kleineren Gewerkschaften sehen den neuen Mammutverband
nicht ohne Besorgnis. Sie sind sich schmerzvoll der Tatsache bewusst,
dass die 6 groessten Gewerkschaften eine groessere Gesamtmitgliedschaft
haben als 100 der kleineren Gewerkschaften zusammengenommen, und dass
es gerade die machtvollen Gewerkschaften sind, die, von kleineren Ausnahmen abgesehen, die Spitzenfunktionaere des neuen Verbandes stellen,
genau wie das schon innerhalb der AFL und des CIO der Fall war.
Woodruff Randolph, der Vorsitzende der allamerikanischen Buchdruckergewerkschaft (100 000 Mitglieder), hat dem Standpunkt der in der Minderheit befindlichen kleineren Gewerkschaft kuerzlich Ausdruck verliehen,
als er auf die Befuerchtungen hinwies, dass die neuen Statuten die Rechte
und die Handlungsfreiheit seiner Gewerkschaft, die zu den aeltesten des
Landes gehoert, bedrohe.
"Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort", sagte Randolph, "dass
die grossen Fische die kleinen fressen und dass den kleinen Fischen nur
der Schlamm verbleibt. Wir wollen alles daransetzen, dass innerhalb der
Gewerkschaftsbewegung nicht das gleiche passiert."
George Q. Lynch, der Vorsitzende des Verbandes der Modelltischler,
einer alten Facharbeitergewerkschaft, deren 14 000 Mitglieder eine
Schlüsselstellung im amerikanischen Wirtschaftsleben einnehmen, bezeichnete gleichfalls die "ueblichen Allgemeinplaetze und Schlagworte ueber
die guten Seiten der Einigkeit und der Staerke, die aus der Groesse und
den gemeinsam ausgerichteten Bemuehungen erwachsen", als dummes Geschwaetz.
"Es gibt keine guten oder schlechten Seiten an einer grossen Gewerkschaftsbewegung, die nicht auch jedem grossen Unternehmen, jeder grossen
erzieherischen Institution, jeder grossen politischen Partei und jeder
grossen Sekte anhaften," fuehrte Lynch weiter aus. "Mit ;'er Groesse geht
eine Konzentration der Macht Hand in Hand und mit der Macht kommt auch
der Missbrauch; zu dieser Regel gibt es keine Ausnahme."
Schon vor dem Zusammenschluss hatte Lynch darauf hingewiesen, dass
die Gewerkschaften "mit oder ohne Zusammenschluss" unbedingt eine von
anstaendigen Gesichtspunkten bestimmte Opposition brauchen. "In den
letzten 20 Jahren gab es in keiner einzigen Frage eine wirkliche Diskussion und keine einzige ernste Auseinandersetzung um die Besetzung
eines wichtigen Postens. Das ist genauso schlecht fuer einen Gewerkschaftsverband wie es fuer den US-Kongress oder das britische Parlament schlecht
waere."
Es ist ja auch so, dass kaum einer glaubt, die neue Organisation
werde ein ruhiges Leben fuehren. Dazu ist ihr Interessen- und Taetigkeitsbereich viel zu weit gesteckt und dazu ist sie sich auch viel zu sehr
ihrer Verantwortung und, wie sie glaubt, ihrer grossen Entwicklungsmoeglichkeiten sowohl auf organisatorischem als auch politischem Gebiet
- 2 -

�bewusst. Allen voran ist der neue Verband bemueht, die bisher nichtbrganisierten Arbeiter in die Gewerkschaften zu ziehen, und zwar in einer
Art und Weiset die, wie man hofft, an die Hochzeiten der dreissiger Jahre erinnern wird, als CIO und AFL im guenstigen Klima des New Deal eine
Bluetezeit erlebten. Das Ziel, das man sich auf dem Kongress gesetzt hat,
bei dem der Zusammenschluss vollzogen wurde, heisstt Verdoppelung der
Mitgliederzahl auf JO Millionen. Gerade in diesem Zusammenhang hoffen die
dem CIO angeschlossenen Gewerkschaften eine besondere Rolle zu spielen.
Der Direktor fuer organisatorische Fragen, John W. Livingston, der vormals Vizevorsitzender der Vereinigten Gewerkschaft der Arbeiter in der
Automobil-, Flugzeug- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie war, plant
den hierfuer noetigen Mitarbeiterstab aufzubauen und die notwendigen Geldmittel aufzutreiben.
Welche Industrien dabei in erster Linie erfasst werden sollen, wurde
klar zum Ausdruck gebracht. Reuther fuehrte sie auf dem Kongress an:
"Nehmen wir mal die chemische Industrie", so sagte er, "wir werden
zu DuPont gehen und ihm wie General Motors und anderen grossen Firmen
erklaeren« 'Jetzt gehts bei Ihnen los, wir werden die Arbeiterschaft
in Ihren Betrieben organisieren'". Gegenwaertig sind nur 200 000 von
600 000 Chemiearbeitern Gewerkschaftsmitglieder.
Die Textilindustrie. Die Mitgliederwerbung wird sich hier groesstenteils auf den Sueden konzentrieren, da eine ganze Reihe von Firmen ihren
Betrieb nach den Suedstaaten verlegt haben, um sich die dort gezahlten
geringeren Loehne zunutze zu machen. Die kombinierte gegenwaertige Mitgliederzahl der Textilarbeitergewerkschaften innerhalb des CIO und der
AFL belaeuft sich auf 382 000.
Das Baugewerbe. "Schauen Sie sich einmal in Amerika um," erklaerte
Reuther "und Sie werden sehen, wie viele Bauten von Arbeitern errichtet
werden, die nicht innerhalb der Gewerkschaft stehen."
Die Angestelltenberufe. Nur rund 200 000 von insgesamt 7»5 bi 3 8
Millionen ^ueroangestellten, und nur 500 000 von 8 Millionen Verkaeufern
sind gewerkschaftlich organisiert.
Einzelstaatliche und kommunale Verwaltung. Auf dem Kongress, der
den Zusammenschluss brachte, haben sich die Gewerkschaften verpflichtet,
auf eine Beseitigung derjenigen Gesetzesbestimmungen und Hindernisse hinzuarbeiten, die bisher eine gewerkschaftliche Organisation der Beschaeftigten im oeffentlichen Dienst unmoeglich gemacht haben.
Wie stellt sich die AFL-CIO nun ihre Mitgliederwerbung vor? Reuther
weist mit Nachdruck auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens
hin«
"Sollen wir einen Werbefeldzug veranstalten, bei dem 36 Facharbeitergewerkschaf ten ihre Flugzettel verteilen, waehrend die Industriegewerkschaften am Fabriktor ihrerseits um Mitglieder werben? Nein, kann ich
nur sagen. Wenn wir schon eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung haben,
dann muessen wir auch diese grundlegenden Probleme gemeinsam angehen."
Mehr als je zuvor wird sich das Augenmerk der Gewerkschaften auf die
Suedstaaten richten, jenes Gebiet, in dem die Industrialisierung am
raschesten voranschreitet. Der Prozentsatz der organisierten Arbeiter
ist im Sueden geringer als in jedem anderen Teil des Landes: nur jeder
sechste Arbeiter steht dort innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Daran
liess sich nicht ruetteln, solange die Industrie mehr oder weniger auf
den Norden und Westen des Landes beschraenkt war. Heute, da mehr und
mehr Betriebe im Sueden entstehen, moechte der neue Gewerkschaftsverband
das Schwergewicht seiner Arbeit gerade in dieses Gebiet verlegen.

- 3-

�Natuerlich bebchraenkt sich das Problem, die nicht gewerkschaftlich
organisierten Arbeiter fuer die Mitarbeit in den Gewerkschaften zu gewinnen, nicht auf ein bestimmtes Gebiet. Im Landesdurchschnitt sind nach
den jueng.-ten Feststellungen des US-Amtes fuer Arbeitsstatistik nur rund
35^ der Gesamtzahl der Maenner und Frauen, die in nichtlandwirtschaftlichen Berufen taetig sind, Gewerkschaftsmitglieder.
Die Werbung jener Arbeiter, die heute noch abseits stehen, wird viel
Geld verschlingen. Doch schon am Anfang sieht sich die Hauptkasse des
neuen Dachverbandes, was die Mittel fuer organisatorische Zwecke angeht,
vor einem grossen Manko.
Auf Grund der neuen Statuten erhaelt die Hauptkasse der AFL-CIO von
den angeschlossenen Gewerkschaften 4 Cent pro Mitglied und Monat. Wenn
man der Berechnung eine Gesamtmitgliederzahl von 15 Millionen zugrunde
legt, so gibt das eine Gesamteinnahme von jaehrlich rund 7»5 Millionen
Dollar. Dieser Betrag ist geringer als die Summe der bisherigen Einnahmen
der AFL und des CIO vor dem Zusammenschluss. Dies erklaert sich daraus,
dass der CIO frueher 10 Cent pro Mitglied erhob, waehrend die Umlage bei
der AFL 4 Cent betrug. So konnte der CIO, obwohl er nur halb so viel Mitglieder wie die AFL zaehlte, ein um 5Cfi hoeheres Einkommen verbuchen als
die AFL. Das Jahreseinkommen der beiden Geweikschaftsverbaende betrug
frueher zusammengerechnet 10,3 Millionen Dollar, also 3 Millionen mehr
als dem neuen Verband im ersten Jahr seines Bestehens zur Verfuegung stehen werden.
Somit muessen die Kassen der grossen Gewerkschaften zusaetzliche
Mittel fuer die Mitgliederwerbung bereitstellen. Die Mitgliedergewerkschaften des CIO haben bereits angekuendigt, dass sie 4 Millionen Dollar fuer
Mitgliederwerbung bereitstellen werden. Reuther beschwoert zur Zeit auch
die anderen Gewerkschaften wit seinen Forderungen, groessere Betraege
herauszuruecken, "damit wir eine grossangelegte Kampagne zur Mitgliederwerbung starten koennen."
"Die Geschichte zeigt, dass grosse Bewegungen sich nicht ohne weiteres auf der erreichten Hoehe halten koennen," argumentiert Reuther.
"Solche Bewegungen setzen, wenn sie erst einmal ihren Anfang genommen
haben, grosse emotionelle Kraefte frei. Sie bringen auch grosse dynamische Kraefte in Bewegung. Sie zeigen die Tendenz der Aufloesung von innen
her. Es gilt deshalb immer neue Wege zu finden, diese Kraefte aus sich
selbst heraus zu erneuern, um so eine neue Taetigkeitsgrundlage zu schaffen, neue Begeisterung zu entfachen und den geistigen Impetus zu erhalten,
auf dem eingeschlagenen Weg voranzuschreiten."
In oem neuen, durch den Zusammenschluss entstandenen Gewerkschaftsverband sieht Reuther den Ansatzpunkt, die amerikanische Gewerkschaftsbewegung auf eine noch breitere Grundlage zu stellen. Sind auch die anderen Spitzenfunktionaere seiner Auffassung? David J. McDonald, der Vorsitzende der V.reinigten Stahlarbeitergewerkschaft verweist stolz auf
die Vergangenheit, als seine Gewerkschaft unter der Fuehrung des verstorbenen Philip Murray vielen anderen Gewerkschaften innerhalb des CIO
geholfen hat, sich auf eigene Fuesse zu stellen und von da an ihren Weg
allein zu gehen. (Dabei darf man aber nie vergessen, dass die Geldmittel,
mit deren Hilfe die CIO-Aktion angekurbelt wurde, in erster Linie von
der Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft
unter John L. Lewis aufgebracht
wurden.) Die Frage lautet daher: Wird die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft heute das gleiche tun? Und wieviele der alten AFL-G;werkschaften
werden ihrerseits Gelder fuer einen geneinsamen Fonds zur Kitgliederwerbung bereitstellen?
Hier steht der neue Vorsitzende des GesamtgewerKschaftsverbandes,
George Meany, vor einer grossen Bewaehrunjsprobe. Gerade die Ausweitung
- 4 -

�der Organisation wird den Beweis dafuer liefern koennen, dass die Koeche,
die den Pudding des Zusammenschlusses gekocht haben, ihre Sache gut gemacht haben. Werden den Worten die Taten folgen? Die tiefgreifenden Auseinandersetzungen um Fragen der Zustaendigkeit, die waehrend der gesamten
Geschichte der AFL niemals voellig aufgehoert haben und die einstmals den
Konflikt ausloesten, der zur Spaltung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und Gruendung des CIO fuehrte, koennen in anderer Form von heute
auf morgen wieder ausbrechen.
Die neuen Statuten garantieren jeder allamerikanischen Gewerkschaft,
die durch den Zusammenschluss Teil der AFL-CIO wird, dass sie in ihren
Rechten und in der Organisationsfreiheit nicht beeintraechtigt wird.
Trotz der Warnungen vor einem moeglichen "Kannibalismus", die John L.
Lewis ausgesprochen hat, wird jeder einzelnen Gewerkschaft ausdruecklich
die Zusicherung gegeben, dass sie ihren Hitgliederstand wahren kann.
Sofern sich die Taetigkeitsbereiche zweier Gewerkschaften ueberschneiden,
wird ihnen ein Zusammenschluss nahegelegt. So im Falle der beiden Gewerkschaften in der Textilindustrie, von denen die eine dem CIO, die andere
der AFL angehoert. Das gleiche gilt fuer die drei Gewerkschaften der Papierindustrie, von denen zwei der AFL und eine dem CIO angeschlossen sind,
und auch fuer die beiden Gewerkschaften der Chemiearbeiter, deren eine dem
CIO und deren andere der AFL angehoert. Natuerlich muessen sie sich nicht
zu einem einzigen Verband zusammenschliessen, "freiwillig" soll dies geschehen, wie man allenthalben spricht.
Die Karten werden wohl erst dann auf den Tisch gelegt, wenn man an
zwei miteinander rivalisierende Gewerkschaften das Ansinnen stellt, gemeinsam die Arbeiterschaft eines Industriezweiges zu organisieren. Welche
Gewerkschaft soll nun wieviel neue Mitglieder erhalten? Lokalpatriotismus
und Prestige sind wichtige Begriffe, in den Gewerkschaften ebenso wie in
jedem Betrieb und Gewerbe - das gilt selbst fuers Theater. So bemerkte
vor Jahren einmal Samuel Gompers, der Gruender der AFL, bei einem Festessen, dass sein Freund Guilio Gatti-Casazza, der Direktor der New Yorker
Metropolitan-Oper, ganz in Gedanken versunken vor sich hinbruetete.
"Was ist denn los, Gatti?" fragte Gompers. - "Ach, ich habe Scherereien ueber Scherereien, meine Primadonnen liegen sich gegenseitig in den
Haaren" - "Wieviel Primadonnen hast du denn?" - "Acht", sagte Gatti "Nur acht?" bemerkte Gompers - "Hast du es leicht. Jeder Praesident einer
allamerikanischen Gewerkschaft ist eine Primadonna von eigenen Gnaden und
davon habe ich ein rundes Hundert innerhalb der AFL".
In der neuen AFL-CIO gibt es mindestens 141 solcher Praesidenten,
und es ist Meanys - und des Bundesvorstandes - Aufgabe, eine Atmosphaere
des gegenseitigen Vertrauens unter oftmals wahrlich sehr unguenstigen
Voraussetzungen zu schaffen. Da mag beispielsweise der Vorsitzende der
Stahlarbeitergewerkschaft, David J. McDonald, ein langjaehriger Gegenspieler Walther Reuthers innerhalb des CIO, eines Tages auf den Gedanken
kommen, dass es jetzt nicht mehr noetig sei, aus seinem Herzen eine
Moerdergrube zu machen. Andererseits, und das kann sich sehr positiv auswirken, wird McDonald in allen Dingen Reuther zu uebertreffen suchen.
Das mag dazu fuehren, dass sie sich gegenseitig in ihrer Hilfe fuer den
Feldzug zur Mitgliederwerbung unter der bisher nicht organisierten Arbeiterschaft auszustechen suchen, sei es durch Bereitstellung von groesseren
Geldbetraegen oder mehr Arbeitskraeften. Gegenseitiger Wettstreit ist
oftmals die Triebfeder einer raschen Entwicklung. Solch edler Wettstreit
hat aber wohl noch einige Monate Weile. McDonald wird in Kuerze einen
neuen Kollektivvertrag mit der Stahlindustrie auszuhandeln haben, dann
muss er auf dem naethsten Kongress seiner eigenen Gewerkschaften praesentieren, in der sich eine entschlossene Opposition zu regen beginnt.
Der Vorsitzende der allamerikanischen Transportleutegewerkschaft,
Dave Beck, wird sicherlich mit Nachdruck auf die Tatsache verweisen, dass

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�keine Organisation, die mit 1,25 Millionen Mitgliedern die groesste Gewerkschaft innerhalb der ehemaligen AFL war, etwa 10$ der Mitgliederumlage des neuen Verbandes aufbringt. Nun ist aber inzwischen der Teich
groesser geworden, und so ist Beck heute eben laengst kein so grosser
Frosch mehr wie in den Zeiten der alten AFL. Zwei weitere Gross-Gewerkschaften mit mehr als einer Million Mitgliedern - die Vereinigte Gewerkschaft der Arbeiter in der Automobil-, Flugzeug- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie und die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft - werden
es Beck innerhalb der neuen AFL-CIO einigermassen schwierig machen, mit
seinem Gewicht jeden Widerstand zu brechen. Sie haben selbst einiges Gewicht aufzuweisen.
Hinzu kommt noch, dass Beck innerhalb seiner eigenen Gewerkschaften
mit mancherlei Schwierigkeiten zu kaempfen hat. Sie haengen zum Teil mit
der Person des Vizevorsitzenden James R. (Jimmy) Boffa zusammen. Beck
ist bemueht, sich das Vertrauen des Vorsitzenden der AFL-CIO, Meany, zu
erhalten, um so die Versuche Hoffas, seine ohnehin erschuetterte Position weiter zu schwaechen, leichter abwehren zu koennen. Beck muss sich
im Dezember 1956 seiner Gewerkschaft zur Wiederwahl stellen. Er wird
voraussichtlich auch wiedergewaehlt, aber Hoffa laesst ihn doch nie zur
Ruhe kommen.
In Becks Haltung spiegelt sich die Besorgnis der fuehrenden Maenner
in der Tranaportleutegewerkschaft ueber den Zusammenschluss von AFL und
CIO wider. Man fuerchtet, dass der Organisations- und Taetigkeitsbereich
eingeengt werden koennte. Die Transportleute-Gewerkschaft hat sich bisher konsequent nach einer Richtung entwickelt und verzeichnet in ihrer
ganzen Geschichte keinen Rueckgang ihrer Mitgliederzahl. Unmittelbar vor
dem Kongress der vereinigten AFL-CIO hatte sie ein gegenseitiges Hilfsabkommen mit zwei Gewerkschaften getroffen, die aus ihren frueheren Dachorganisationen ausgeschlossen worden warent mit der allamerikanischen Gewerkschaft der Hafenarbeiter, die von der AFL wegen der Duldung verbrecherischer Elemente in ihren Reihen ausgeschlossen worden war, und mit
der GGwerkschaft der Gruben- und Huettenarbeiter, die der CIO als kommunistisch beherrschte Organisation ausgeschlossen hatte. Die beiden Abmachungen loesten einen Sturm der Entruestung unter den anderen Gewerkschaften aus.
Ein weiteres noch schwelendes Problem, vor das sich die neue Organisation gestellt sieht, ist die Bekaempfung von Erpressertum und
Korruption. Die Statuten der AFL-CIO enthalten Vorschriften ueber ein
Verfahren, nach dem derartige Vorkommnisse untersucht werden sollen:
die Einbringung von Klagen, die Durchfuehrung des Verfahrens und die
Ergreifung von Massnahmen zur Abstellung erwiesener Misstaende. Ueber
die Bedeutung gerade dieser Frage sind sich Meany und Reuther voellig
einig. Im Jahre 1953 schloss die AFL unter Meany die vorstehend genannte
allamerikanische Hafenarbeitergewerkschaft aus. Im CIO spielte unter
Reuthers Fuehrung ein Ausschuss fuer moralisches Handeln eine bedeutende
Rolle als warnendes Organ bei irgendwelchen Uebertretungen. Die neue
Organisation hat ein aehnliches Gremium eingerichtet, das "ueber entsprechende Organe im Innern und Machtbefugnisse verfuegt, die es in die
Lage versetzen, die Durchfuehrung seiner Anweisungen zu erzwingen, um so
die Dachorganisation von jedem Makel der Korruption freizuhalten." An
der Spitze dieses Gremiums steht der als sehr tatkraeftig bekannte Vorsitzende der allamerikanischen Maschinistengewerkschaft, Albert J. Hayes.
Es ist sicherlich mit einer grossangelegten Aktion innerhalb der
AFL-CIO zu rechnen, die dem Zweck dienen soll, "die Arbeiterbewegung sauber zu halten". Fuehrende Gewerkschafter weisen darauf hin, dass dies
keine leichte Aufgabe sein wird, und dass das Zustandekommen eines einheitlichen Gewerkschaftsverbandes allein nicht die Gewaehr fuer einen
automatischen Prozess der Selbstreinigung bieten kann. Wer wuesste dies
besser als David Dubinsky, der Vorsitzende der allamerkanischen Gewerkschaft

- 6-

�I

der Damenoberbekleidungaarbeiter. Er hat Jahre hindurch einen hartnaeckigen Kampf gegen verbrecherische Elemente innerhalb der Gewerkschaften gefuehrt. Wie Reuther erblickt er im Kampf gegen das Verbrechertum "einen
Grund fuer staendige Wachsamkeit".
Der Druck von aussen wird den Bemuehungen der neuen Gewerkschaft,
jede Korruption in ihren eigenen Reihen zu unterbinden, zusaetzlichen
Auftrieb verschaffen. Gegenwaertig laeuft bereits in allen Teilen des
Landes eine Ueberpruefung von Stiftungen zur Foerderung der Volksgesundheit und anderer Wohlfahrtseinrichtungen durch Mitglieder des Senats.
Ein Onterausschuss des Senatsausschusses fuer Arbeit und soziale Fragen
mit dem Demokratischen Senator Paul Douglas an der Spitze hat es unternommen, den gesamten Fragenkomplex der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern zu untersuchen. Douglas hat um Mitarbeit der fuehrenden Maenner
der Gewerkschaft gebeten und von ihnen die entsprechenden Zusicherungen
erhalten. Die Gewerkschafter sind ueberzeugt, dass sich bestenfalls eine
ganz kleine Zahl von Leuten aus ihren eigenen Reihen der in Rede stehenden Vergehen schuldig gemacht haben; sie wissen aber auch, dass die Gegner
der Gewerkschaften nur allzugern bereit sind, auf Grund solcher Vorkommnisse den Vorwurf der Korruption gegen alle Gewerkschaften zu erheben.
All dies scheint darauf hinzudeuten, dass der Zusammenschluss von
AFL-CIO das Interesse der Gewerkschaftsbewegung an den nationalen Fragen
sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf politischem Gebiet nur verstaerken wird. Umgekehrt sind heute die Augen des ganzen Volkes wie noch
nie zuvor auf die Gewerkschaftsbewegung konzentriert, bereit, sich ein
Urteil ueber ihre neue Gestalt zu bilden.
Nach allem, was in den wenigen Wochen, die seit dem Gruendungskongress der neuen AFL-CIO vergangen sind, von den Gewerkschaften und ueber
die Gewerkschaften verlautete, wird sich am Charakter und an der Struktur
der organisierten Arbeiterbewegung kein rascher Wandel vollziehen. In der
Fuehrung wird wohl Einigkeit, nicht aber Konformitaet gegeben sein. Unter
den Gewerkschaftsmitgliedern selbst wird ein Gefuehl fuer die Gemeinsamkeit
der Zielsetzung vorhanden sein, waehrend man sich in der Frage, wie diese
Zielsetzung zu verwirklichen sei, sicherlich nur schwer einig werden duerfte. Mit kurzen Worten, weder der Glueckstraum noch der Alptraum, den manche Kreise von einer voellig einheitlichen Gewerkschaftsbewegung hegen, die
von einigen wenigen Maennern von einem einzigen zentralen Stellwerk aus
gelenkt wird, entspricht einfach nicht den Tatsachen, soweit es sich um
die Gewerkschaftsfuehrer handelt.
Der Zusammenschluss spiegelt jedoch eine weitere Zunahme des Einflusses der Gewerkschaften auf das politische und wirtschaftliche Leben
des Landes wider. Die Fuehrer der Gewerkschaften haben auf dem Kongress,
der den Zusammenschluss besiegelte, zum Ausdruck gebracht, dass sie die
unmittelbare Verantwortung fuer die Lenkung einer der wichtigsten Institutionen Amerikas, deren Taetigkeit sich auf kommunaler Ebene abspielt,
uebernehmen muessen. Ein Gewerkschaftsamt bringt somit wie jedes oeffentliche Amt unweigerlich eine Verpflichtung dem ganzen Volke gegenueber mit
sich.
Quelle:

Aus "Collier's"

Die Lohnlawine in den USA seit 1940
Vor 16 Jahren verdiente der amerikanische Fabrikarbeiter im Durchschnitt 66 Cent pro Stunde. Bergarbeiter erhielten 88 und Textilarbeiter
49 Cent. Heute dagegen betraegt der Durchschnittsstundenlohn fuer
Fabrikarbeiter 1,93 Dollar; Bergarbeiter verdienen 2,68 und Textilarbeiter

7
k

�1,42 Dollar. Die Einkuenfte sind heute also wesentlich hoeher als in der
"guten alten Zeit".
Auch in diesem Jahr werden die amerikanischen Arbeiter genau wie
in jedem anderem Nachkriegsjahr mit einer neuen Lohnerhoehungsrunde
rechnen koennen.
Die Stahlarbeiter, die gegenwaertig im Durchschnitt 2,47 Dollar pro
Stunde verdienen, sind eben dabei, neue Lohnforderungen aufzustellen, die
sie in den kommenden Wochen der Stahlindustrie praesentieren werden, und
in verschiedenen Industriezweigen sind den Arbeitern bereits ab 1. Januar dieses Jahres Lohnerhoehungen zugestanden worden. Sobald die alten
Vertraege abgelaufen sind, wird eine neue Lohnwelle einsetzen.
Hoehere und immer hoehere Lohnaaetze sind in den letzten Jahren zu
einer gewohnten Erscheinung in der amerikanischen Wirtschaft geworden;
und wenn man sich einmal die Lohnstruktur frueherer Jahre anschaut, so
ergeben sich einige wirklich erstaunliche Tatsachen.
Im Jahre 1940, also vor genau 16 Jahren, betrug zum Beispiel der
Durchschnittslohn eines Fabrikarbeiters 66 Cent pro Stunde; heute dagegen ist er nahezu dreimal so hoch, naemlich 1,95 Dollar.
Ein Stahlarbeiter, der augenblicklich 2,47 Dollar pro Stunde verdient, erhielt 1940 84 Cent in der Stunde, also rund ein Drittel seines
heutigen Lohnes. Aber die Stahlarbeiterloehne gehoerten schon seinerzeit
zu den Spitzenloehnen, denn im Vergleich dazu bekam beispielsweise ein
Waeschereiarbeiter damals im Durchschnitt 45 Cent pro Stunde, im Vergleich
zu den 1,02 Dollar, die er heute verdient.
Wie erheblich sich die Loehne in den einzelnen Wirtschaftszweigen
seit 1940 erhoehten, zeigt die folgende Uebersicht»
Loehne

damals
Durchschnittl.
Stundenlohn
1940

und

heute
Durchschnittl
Stundenlohn
heute

Bergarbeiter

88 Cent

2,68 Dollar

Stahlarbeiter

84 Cent

2,47 Dollar

Automobilarbeiter

Cent

2,33 Dollar

Cent

2,28 Dollar

Eisenbahnarbeiter

94
75
75

Cent

1,98 Dollar

Elektroarbeiter

72 Cent

1,95 Dollar

Einzelhandelsangestellte

55
49
45

Cent

1,49 Dollar

Cent

1,42 Dollar

Cent

1,02 Dollar

Bergarbeiter (Erz)

Textilarbeiter
Waeschereiarbeiter

Es gibt aber noch viele andere Beispiele, die in dieser Tabelle nicht
aufgezeigt wurden. Technische landwirtschaftliche Hilfskraefte zum Beispiel
erhielten im Jahre 1940 75 Cent pro Stunde, heute dagegen 2,05 Dollar;
Werftarbeiter, die 1940 einen Stundenlohn in Hoehe von 87 Cent bekamen,
verdienen heute 2,17 Dollar.
Der Stundenlohn fuer Arbeiter der Holzindustrie, der damals 51 Cent
betrug, erhoehte sich inzwischen auf 1,66 Dollar; Arbeiter in Moebeifabriken verzeichneten in der Zeit von 1941 bis heute eine Lohnerhoehung
- 8 -

�von 55 Cent auf 1,64 Dollar.
In der Glasindustrie erhielten die Arbeiter vor 16 Jahren durchschnittlich etwa 75 Cent pro Stunde, heute verdienen sie 1,92 Dollar.
Die Strumpfarbeiter verbesserten sich waehrend dieses Zeitraums von
55 Cent auf 1,50 Dollar pro Stunde, waehrend die Loehne in der Herrenbekleidungsindustrie von 59 Cent auf 1,65 Dollar stiegen.
Wenn diese Lohnerhoehungen in bezug zu den veraenderten Lebenshaltungskosten gebracht werden, sojergibt sich, dass der Durchschnittsarbeiter in diesen 16 Jahren seinen Lebensstandard erheblich verbessern konnte.
Denn obgleich auch die Lebenshaltungskosten waehrend dieses Zeitraums nahezu stetig angestiegen sind, so zogen sie doch weniger stark
an als die Lohnerhoehungen. Der offizielle Index zur Messung der Lebenshaltungskosten zeigt, dass die Lebenshaltungskosten heute knapp doppelt
so hoch liegen wie 1940.
Allerdings ist in diesem Zusammenhang noch zu beruecksichtigen, dass
die Fabrikarbeiter heute jedoch oftmals Einkommensteuer zu zahlen haben,
was im Jahre 1940 nicht der Fall war, so dass die Lohnerhoehungen hierdurch
noch um einiges vermindert werden.
Wenn man aber die Steuerabzuege zusammen mit den veraenderten Lebenshaltungskosten den Lohngewinnen gegenüberstellt, so ergibt sich, dass
der Durchschnittsarbeiter heute noch immer ueber eine Kaufkraft verfuegt,
die eineinhalbmal so gross ist wie vor 16 Jahren.
Mit anderen Worten: mit seinem jetzigen Wochenlohn kann der Arbeiter
im Durchschnitt eineinhalbmal so viel kaufen wie 1940. Er verfuegt heute
zwar ueber nahezu dreimal so viel Bargeld, aber seine Kaufkraft ist nicht
im gleichen Verhaeltnis gestiegen.
Die Aufwaertsspirale der Loehne ist seit 1940 kaum zum Stillstand
gekommen, lediglich das Tempo war gewissen Schwankungen unterworfen.
Ein Blick auf den Trend der Fabrikarbeiterloehne zeigt, was waehrend
dieses Zeitraums geschehen ist, der zwei Kriege und zwei Versuche einer
"Lohnstabilisierung" umfasst.
Im Jahre 1940 erhielt der amerikanische Fabrikarbeiter im Durchschnitt
5 Cent mehr als im Jahre 1939- In darauffolgenden Jahr, als das Verteidigungsprogramm allmaehlich auf volle Touren kam, trat eine Lohnerhoehung
um 7 Cent pro Stunde ein.
Im Jahre 1942 stieg dann der Arbeitslohn um 12 Cent pro Stunde, wodurch die Regierung, die eine Inflation befuerchtete, alarmiert wurde,
und schon Ende 1942 wurden die Loehne, Gehaeiter und Preise einer staatlichen Kontrolle unterworfen. Das "War Labor Board" wurde dabei ermaechtigt, Lohnerhoehungen ganz in seinem Ermessen stattzugeben oder zu verbieten.
Trotz dieser Kontrollen stieg der Durchschnittslohn des amerikanischen
Fabrikarbeiters in der Zeit von 1942 bis 1943 um 11 Cent an, was die Regierung veranlasste, noch schaerfere Massnahmen einzufuehren. Im Jahre
1944 belief sich die allgemeine Lohnerhoehung auf 6 Cent pro Stunde. Zwischen 1944 und 1945 war im allgemeinen keine Lohnerhoehung zu verzeichnen,
und zwar hauptsaechlich auf Grund der kuerzeren Arbeitswoche, die nach
Kriegsende eingefuehrt wurde.
Bei einigen der waehrend des Krieges gewaehrten Lohnerhoehungen
spiegeln sich vorgenommene Hoehereinstufungen von Arbeitsplaetzen wider.
Auch die Ableistung von Ueberstunden, die mit eineinhalbfacher Bezahlung

- 9-

�yerguetet wird, trug zur Erhoehung der Durchschnittseinkuenfte bei.
Nach dem zweiten Weltkrieg traten dann die Gewerkschaften wieder
aktiver auf den Plan und erreichten 1946 mittels grosser Streiks in vielen
Sohluesselindustrien Lohnerhoehungen von etwa 18 Cent pro Stunde.
Einige dieser Lohnerhoehungen wurden aber durch Einschraenkung der
Ueberstundenarbeit waehrend der Nachkriegszeit wieder ausgeglichen.
Von 1945 his 1946 erhielt der Fabrikarbeiter im Durchschnitt eineLohnerhoehung von 6 Cent pro Stunde, im Jahre 1947 waren es sogar 15 und
1948 11 Cent pro Stunde.
Im Jahre 1949 gaben sich einige Gewerkschaften ohne die Bewilligung
von Lohnerhoehungen zufrieden, obgleich sie die Annahme von Pensionsplaenen durchsetzten, durch die sich die Arbeitskosten fuer die Unternehmer erhoehten. Der Durchschnittsarbeiter erhielt in diesem Jahr eine
Lohnerhoehung von 5 Cent.
Fuer das Jahr 1950 ist eine Erhoehung des Fabrikarbeiterlohns um
6 Cent zu verzeichnen. Mit Ausbruch der Feindseligkeiten in Korea verlief
die Lohnbewegung dann aber steil nach oben. Und noch einmal bemuehte
sich die Regierung, Loehne und Preise unter Kontrolle zu bekommen.
Der Durchschnittslohn eines Fabrikarbeiters stieg im Jahre 1951
um 12,5 Cent, 1952 betrug die Erhoehung 8 Cent und 1953 10 Cent.
Die Rezession des Jahres 1954 wirkte allgemein hemmend auf die Forderungen der Gewerkschaften, so dass die Loehne nur um 4 Cent pro Stunde anstiegen. Im Jahre 1955 betrug die allgemeine Lohnerhoehung etwa
7 Cent.
Auch die dem Arbeiter zugestandenen zusaetzlichen Soaizlleistungen
haben sich seit dem Jahre 1940 betraechtlich erhoeht. Im Durchschnitt
erhaelt der Fabrikarbeiter heute etwa 30 bis 35 Cent an zusaetzlichen
Sozialleistungen pro Stunde.
Diese zusaetzlichen Sozialleistungen wurden zwar schon vor dem zweiten Weltkrieg dem Lohn hinzugefuegt, aber erst durch die Lohnkontrollen
waehrend der Kriegszeit traten diese "Extraleistungen" mehr und mehr in
den Vordergrund, zumal die Gewerkschaften in den Zeiten des Lohnstopps
hierin die einzige Moeglichkeit zur Verbesserung der sozialen Lage ihrer
Mitglieder sahen.
Der bezahlte Urlaub war eine der ersten zusaetzlichen Sozialleistungen. Im Laufe der Zeit wurde eine immer groessere Zahl von Feiertagen
verguetet und spaeter noch Lebens- und Krankenversicherungen sowie soniige Sozialleistungen in die Tarifvertraege mit aufgenommen. Anfaenglich
mussten die Arbeiter noch die Haelfte der Kosten tragen, inzwischen aber
hat sich immer mehr die Praxis herausgebildet, dass der Unternehmer fuer
die gesamten Kosten aufkommt.
Im Jahre 1949 wurde dann die Altersversorgung aktuell. Die Automobil- und die Stahlindustrie sowie andere Industriezweige gaben seinerzeit dem Druck der Gewerkschaften nach und erklaerten sich bereit, die
Leistungen der staatlichen Altersversorgung durch zusaetzliche private
Versicherungen zu ergaenzen.
Der "garantierte Jahreslohn" ist das juengste Kind der Gewerkschaften
auf diesem Gebiet. Die Automobilarbeitergewerkschaft machte hier im vergangenen Jahr den Anfang, indem sie vom Unternehmer finanzierte Arbeitslosenunterstuetzungsleistungen in ihren Tarifvertraegen durchsetzen konnte.
Und so wird es weiter gehen. Neue Vorschlaege bezueglioh zusaetzlicher
- 10 -

�Sozialleistungen gehen Hand in Hand mit Forderungen nach weiteren Lohnerhoehungen und die Lohnspirale waechst.

*

(Nachdruck nur dann gestattet, wenn Copyright-Freigabe vom
Amerika Dienst erteilt wird!)
Aus: "U.S. News &amp; World Report", ein
in Washington woechentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin. Copyright 1956
United States News Publishing Corporation.

Marion Wilhelmt
Mexikanische Gewerkschaften in der antikommunistischen Front
Quellenangabe erforderlich!
Waehrend die Kommunisten in Guatemala unter der Regierung Arbenz
die Gewerkschaftsfuehrung an sich reissen konnten und auch in Chile und
Brasilien staendig Unruhen inszenieren, haben die mexikanischen Gewerkschaften in aller Ruhe die Fuehrung im Kampf gegen die kommunistische
Infiltration uebernommen.
Das wichtigste Instrument in diesem Kampf ist der starke Block der
Gewerkschaftseinheit" - der Bloque de Unidad Obrera -, der 93$ der organisierten Arbeiterschaft vertritt. Die Fuehrer dieser Gewerkschaftsunion sind alle entschiedene Gegner des Kommunismus, ein Beweis dafuer,
wie weit die mexikanischen Gewerkschaften sich heute von der einst rein
marxistisch beherrschten Organisation unter Vicente Lombardo Toledano
entfernt haben.
Lombardo ist auch heute noch das Sprachrohr Moskaus; die Arbeiter
Mexikos aber vertritt er nicht mehr. Sprecher der arbeitenden Bevoelkerung Mexikos ist heute Fidel Velasquez, der Mann, der die Gewerkschaftsbewegung zu einer starken Einheitsfront gegen den Kommunismus zusammenschweisste.
Der Bloque de Unidad Obrera wurde unter der Regierung Ruiz Cortines
als schlagkraeftige einheitliche Organisation der mexikanischen Arbeiterschaft innerhalb einer demokratischen Gesellschaft gebildet. Seine
Hauptstuetze ist der "Verband der Arbeiter Mexikos" mit Fidel Velasquez
an der Spitze. Dieser groesste mexikanische Gewerkschaftsverband zaehlt
1,5 Millionen Mitglieder. In ihm sind etwa 20 Gewerkschaften der Textilindustrie, des Transportgewerbes, der Handelsmarine, des Bauwesens, der
Fleischkonservenindustrie, des Hotel- und Gaststaettengewerbes, der Oelindustrie, der Zuckerindustrie und der staatlichen Elektrizitaetswerke
zusammengeschlossen.
Ausserdem gehoeren dem Block noch der "Bezirksverband der Mexikanischen Arbeiter", in dem vor allem Textilarbeiter organisiert sind, der
"Allgemeine Arbeiterverband" und drei grosse unabhaengige Gewerkschaften
der Eisenbahner, der Bergleute und Metallarbeiter und der Telephonbediensteten an.
Auf Anregung der Eisenbahnergewerkschaft, die seihst 21 ihrer Mitglieder wegen kommunistischer Agitation aus ihren Reihen ausgeschlossen
hatte, wurde innerhalb des Blocks ein Unterausschuss zur Bekaempfung des
Kommunismus gebildet- Die Eisenbahnarbeiter, bei denen frueher das
kommunistische Element vorherrschte, sind jetzt in einem starken Landesgewerkschaftsverband zusammengeschlossen.

11 -

�Auch die Bergarbeiter, bis 1949 eine stark kommunistisch beeinflusste
Gewerkschaft, haben sich von der kommunistischen Vorherrschaft befreit,
wenn die Kommunisten auch nach wie vor ihre Agitation innerhalb der Gewerkschaft fortsetzen.
Die Mehrheit der gewerkschaftlich organisierten Landarbeiter gehoert
dem "Nationalverband der Farmarbeiter" an, der ebenfalls dem Einheitsblock
angeschlossen ist; die uebrigen sind Mitglieder des "Verbandes der Arbeiter
Mexikos". Eine unbedeutende Gruppe, der "Allgemeine Verband der Landarbeiter", steht angeblich unter der Fuehrung Vicente Lombardos. Lombardo, ehemals Vorsitzender des "Verbandes der Arbeiter Mexikos", hat seit seinem
Ausschluss aus dieser Gewerkschaft vor 15 Jahren jeglichen Einfluss auf
die mexikanische Gewerkschaftsbewegung verloren, wenn man von zwei oder
drei unbedeutenden Gewerkschaftsgruppen absieht. Der von ihm gefuehrte'Verband der Arbeiter Lateinamerikas", ein Instrument der sowjetischen Politik,
verlor seine letzte starke Stuetze, den "Allgemeinen Arbeiterverband von
Guatemala", bei der antikommunistischen Revolution in Guatemala.
Der Kampf der Arbeiterschaft Mexikos geht heute um die endgueltige
Verwirklichung der Verfassung von 1917, deren Versprechungen zum Teil noch
nicht erfuellt wurden, unter anderem der Artikel ueber die Gewinnbeteiligung. Streikrecht und Arbeitsgerichte hingegen sind inzwischen feste Institutionen in Mexiko. Auch hinsichtlich der Loehne haben die mexikanischen
Arbeiter in den letzten Jahren staendige, wenn auch langsame Fortschritte
erzielt. Dies ist um so bemerkenswerter, als von den insgesamt 6 Millionen
Arbeitnehmern in Mexiko erst etwa ein Drittel gewerkschaftlich organisiert
ist.
Aus» "Christian Science Monitor"
- Quellenangabe erforderlich -

- 12 20 Api 5o

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem. Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen'' ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
IX -

10

Mehlem, den 1 1 . Mai

1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Der Aufschwung des Genossenschaftswesens
in den Vereinigten Staaten
Die amerikanische Bundes-Arbeitsaufsichtsbehoerde
(National Labor Relations Board)
18 000 Schlafwagenschaffner - eine fortschrittliche
Negergewerkschaft
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter
i

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Seite 11

Jerry Voorhis:
Der Aufschwung des Genossenschaftswesens in den Vereinigten Staaten
Aus "The American Federationist"
- Quellenangabe erforderlich 'Im Zeitalter konzentrierter politischer und wirtschaftlicher
Macht besteht die Gefahr, daß der einfache Mann sein Mitspracherecht
an Entscheidungen, die sein Leben betreffen, einbüßt. Geht dieses
Recht verloren, so ist es um Demokratie und Freiheit geschehen. Es
gibt ein Mittel, dieses Recht zu wahren, ein ganz altes Mittel,
dessen sich einfache Menschen zu allen Zeiten bedient haben. Bei
weiser, mutiger und entschlossener Anwendung bewährt es sich stets,
so auch augenblicklich in den Vereinigten Staaten.
Dieses Mittel ist der Zusammenschluß von Menschen nach der
Maxime "Eigene Probleme lassen sich nur dann lösen, wenn auch die
Probleme anderer gelöst werden."
Die Gewerkschaftsbewegung gründet sich auf dieses Prinzip. Es
ist dies die Art, wie rechtlich denkende Bürger Ruhe und Ordnung
innerhalb der Gemeinschaft aufrechterhalten. Es ist der Grund, weshalb sich Menschen aus vielen Bevölkerungsschichten zusammentun
und ihre Ersparnisse in Unternehmen investieren, die sie selbst
organisieren, besitzen, leiten und auf gemeinnütziger Basis betreiben« Die Genossenschaften.
Die Genossenschaften unterscheiden sich von anderen .Virtschaftsbetrieben in mancher Hinsicht.
Erstens« Jeder, der beim Aufbau des Unternehmens mithelfen will,
kann Eigentümer, Aktionär oder Mitglied werden. (Kommunisten ist

�jedoch der Beitritt nicht gestattet, weil die amerikanischen
Genossenschaften auf dem Standpunkt stehen, daß solchen Menschen nicht am Gedeihen solcher Unternehmen gelegen sein kann.)
Zweitens« Genossenschaften schütten nur beschränkte Gewinne
auf die Einlage aus, da sie nach dem Grundsatz verfahren, daß das
Geld für den Menschen, und nicht der Mensch für das Geld zu arbeiten hat.
Drittens: Die Mitglieder bestimmen in der Mitgliederversa-rmlung die Geschicke des Unternehmens. Jedes Mitglied ist
stimmberechtigt und hat nur eine Stimme, ganz gleich wieviel
Anteile es besitzt. Es ist wiederum der Mensch, der zählt, und
nicht das Geld.
Viertens: Im Gegensatz zu den normalen Wirtschaf tsuntemehmen werden die von den Genossenschaften erzielten Gewinne (abzüglich gewisser Rücklagen) den Kunden ausbezahlt, und zwar im
Verhältnis zu ihrer Beteiligung.
Außer den üblichen Steuern zahlen die Genossenschaften auch
noch für ihre Kapitalrücklagen und alles Geld, das sie nicht an
ihre Kunden zurückzahlen, Körperschaftssteuern.
Ziel genossenschaftlicher Betriebe ist es, einen bestimmten
Bedarf einer bestimmten Personengruppe zu decken. Heute finden
sich genossenschaftliche Betriebe in fast allen Wirtschaftszweigen und Lebensbereichen: Kinder kommen in Genossenschaftskrankenhäusern zur '.Veit, und Tote werden durch genossenschaftliche
Beerdigungsinstitute bestattet; die Farmer beziehen ihren Strom
von Elektrizitätsgenossenschaften.und zahlreiche Familien in
der Stadt sind zu Eigenheimbesitzern geworden, weil sie sich
einer Wohnungsbaugenossenschaft angeschlossen haben.
Agrargenossenschaften liefern Düngemittel bester Qualität,
und genossenschaftliche Ölraffinerien und Tankstellen machen
den großen Mineralölgesellschaften Konkurrenz. Einige der modernsten "Supermarkets" der USA - Großwarenhäuser mit Selbstbedienung - sind in der Hand von Genossenschaften. Der beste
Weg, um Geld zu sparen und zu borgen, ist die Beteiligung an
einer Kreditgenossenschaft.
Die meisten Genossenschaften verdanken ihre Existenz der
Entschlossenheit und dem Mut einiger tatkräftiger Menschen, die
bereit sind, um eines gemeinsamen Zieles willen auch einmal
ein beträchtliches Risiko auf sich zu nehmen. Betrachten wir
uns einige dieser Genossenschaften einmal näher.
Im Jahre 1935 waren nur 11$ der amerikanischen Farmbetriebe
an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Alle Bemühungen um eine
Elektrifizierung der Landbezirke schienen zum Scheitern verurteilt: die Elektrizitätsgesellschaften waren aus Rentabilitätsgründen desinteressiert. Sie behaupteten, die Farmer könnten
die Kosten hierfür nicht tragen. Als der Kongreß im Jahre 1935
den"Rural Electrification Act" annahm, rechneten die Befürworter
dieses Gesetzes damit, daß der größte Teil der hierdurch verfügbar gemachten Kredite an kommerzielle Unternehmen vergeben

- 2 -

�würde. Statt dessen stammten nahezu sämtliche Kreditanträge von
landwirtschaftlichen Slektrizitätsgenossenschaften, die sogleich
in allen Teilen des Landes gebildet wurden.
Die Genossenschaftsmitglieder bemühten sich nicht um Almosen der Regierung. Die Farmer erkannten einzig und allein, daß
sie elektrischen Strom für ihre Farmen haben mußten und nahmen
hohe Darlehen auf, um dieses Ziel zu erreichen. Sie haben das
geliehene Geld längst zurückgezahlt, meist vor dem Fälligkeitstermin. Die Regierung hat mit dem Programm zur Elektrifizierung
landwirtschaftlicher Gebiete sogar ein gutes Geschäft gemacht.
Über 90$ der amerikanischen Farmen haben heute elektrischen Strom,
nicht zuletzt dank der Genossenschaften, die den weitaus größten
Anteil an der Verwirklichung des Elektrifizierungsvorhabens bestritten haben. Heute gibt es 1000 landwirtschaftliche Elektrizitätagenossenschaften, die 4 500 000 Mitglieder mit Strom versorgen. Sie haben einen Umsatz von insgesamt 365 Millionen
Dollar - also 1 Million pro Tag.
Jahrelang zahlten die Farmer enorme Preise für Düngemittel.
Der Dünger, den sie kauften, war noch dazu mit unbrauchbaren Stoffen vermengt, die für den entsprechenden Boden gar nicht benötigt
wurden und nur das Gewicht erhöhten und die Transportkosten verteuerten. Dabei konnte die Düngeraittelindustrie noch nicht einmal die Nachfrage decken. Hochwertige Düngemittel gab es so gut
wie überhaupt nicht. So entschlossen sich die Farmer in den
Staaten Ohio und Indiana/ selbst Dünger herzustellen. Sie gründeten deshalb durch Einzahlung kleinerer Beträge Düngemittelgenossenschaften und betätigten sich selbst als Geschäftsleute.
Von Anfang an brachten sie außen an den Säcken eine genaue
Analyse des Düngers an, es hatte ja keinen Zweck, sich selbst
zu betrügen. Man produzierte so viel guten, hochwertigen Dünger
wie nur möglich, um die Knappheit zu beseitigen.
Inzwischen entwickelte sich daraus eine große vielfältige
Industrie» die Kunstdüngergenossenschaften haben in vielen Einzelstaaten einen Marktanteil von 15 bis 25 Prozent. Heute ist es
allgemein üblich, hochwertigen Dünger mit einer genauen Angabe der
chemischen Zusammensetzung zu liefern. Dies ist den Genossenschaften zu danken. Übrigens sind auch die Preise für Kunstdünger erheblich langsamer gestiegen als die anderer landwirtschaftlicher
Bedarfsgüter, und dies, obwohl der Düngemittelverbrauch heute
dreimal so hoch ist als vor zehn Jahren.
Das gleiche gilt für Mineralöl. Auch hier begann man mit der
Bildung kleiner Genossenschaften, die sich im Laufe weniger Jahre
zu großen Unternehmen entwickelt haben. Sie besitzen heute eigene
Ölquellen, Raffinerien, Ölleitungen und Tankstellen und versorgen
2,5 Millionen Mitglieder - meist Farmer - mit Mineralölprodukten.
So haben sich die Farmer ihre eigenen Genossenschaften aufgebaut,
die heute aus den ländlichen Gebieten der USA nicht mehr wegzudenken sind und ihre Mitglieder mit Kunstdünger, Lebensmitteln,
Saatgut, Kohle, Eisenwaren, Mineralölerzeugnissen und Haushaltawaren versorgen. Insgesamt bestehen rund J&gt;000 solcher Genossenschaften, und jede zweite Familie in den Farmgebieten der Vereinigten Staaten hat Anteilscheine einer oder mehrerer von ihnen.
In vielen Fällen werden sie auf rein örtlicher Basis betrieben.
Früher waren Kreditmittel für den einzelnen praktisch nur
um ffucherzinsen zu haben. Schon um das Jahr 1900 herum begann

- 3-

�man deshalb in den Vereinigten Staaten Kreditgenossenschaften
zu bilden. Der Grundgedanke ist ganz einfach. Menschen, die
etwa der gleichen Gewerkschaft angehören oder im selben Betrieb arbeiten, haben auf Jeden Fall zwei wirtschaftliche
Interessen gerneinsamt Erstens Sparrücklagen zu schaffen und
zweitens gegebenenfalls Kredit aufzunehmen. Wenn man nun ein«
große Zahl von Menschen dazu bringen kann, auch nur fünf Dollar
an eine gemeinsame Kasse einzuzahlen, dann entsteht damit «in
großes Kapital, aus dem man die gewünschten Kreditmittel entnehmen kann. Die Zinsen für eventuelle Kredite zahlt man somit
im Grunde an sich selbst.
Die Praxis gab diesen Überlegungen recht. Und so haben
neun Millionen Mitglieder von Kreditgenossenschaften Anteil«
im Gesamtwert von drei Milliarden Dollar erworben.
Wenn auch die Medizin in den letzten Jahrzehnten gewaltige
Fortschritte gemacht hat, so ist auch heute noch eine Arztrechnung für Familien mit durchschnittlichem Einkommen geradezu ein
Alptraum. Nur wenige Menschen können es sich leisten, alle jene
Mittel in Anspruch zu nehmen, die die moderne Medizin für ihre
Heilung zur Verfügung hat. Um hier Abhilfe zu schaffen, entstanden genossenschaftliche Krankenkassen, in denen sich eine
Gruppe von Menschen zur Zahlung monatlicher Beiträge verpflichtet, dafür aber das Geschäftsgebaren bestimmt. Aus den Beiträgen werden zum Teil Ärzte und Krankenpflegepersonal stundenweise
oder ganztägig fest engagiert. Im Laufe der Zeit haben sich ganz
verschiedene Formen der genossenschaftlichen Krankenversicherungen herausgebildet.
Zahlreiche Gewerkschaften haben ihre eigenen Krankendersicherungs- und Wohlfahrtskassen gegründet. Ein Teil der Gewerkschaften unterhält seit Jahren bereits ärztliche Betreuungsstellen für seine Mitglieder. Auch hier ist die Entwicklung
noch in vollem Gange. Das Ziel dieser Bemühungen ist es, sicherzustellen, daß alle Gewerkschaftsmitglieder eine möglichst umfassende ärztliche Betreuung mit dem Schwergewicht auf prophylaktische Fürsorge erhält. Dies läßt sich am besten durch
die ständige Gesundheitskontrolle erreichen. Bei derartigen
genossenschaftlichen Versicherungen bestehen die Versicherungsleistungen in der unmittelbaren ärztlichen Betreuung und nicht
in der Erstattung beziehungsweise teilweisen Erstattung von
Arztrechnungen*
Besondere Schwierigkeiten bereitete die Einführung des
genossenschaftlichen Wohnungsbaues, da hierzu gewaltige Geldmittel notwendig sind, ganz zu schweigen davon, daß gerade auf
diesem Gebiet nur wirkliche Fachleute erfolgreiche Arbeit leisten können. Die Entwicklung wurde allerdings dadurch begünstigt, daß sich größere Organisationen, die Gewerkschaften
zum Beispiel, hinter derartige Vorhaben stellten und sich an
der Mitgliederwerbung beteiligten. Ohne eine solche Mithilf«
lassen sich derartige Großvorhaben kaum durchführen. Ist aber «rat
einmal genügend Kapital vorhanden, haben sich tüchtige Fachleute
gefunden und besteht eine entsprechende Rückendeckung durch dl«
Mithilfe einer größeren Organisation, dann kann der genossenschaft-

4-

�1

genossenschaftliche Wohnungsbau zu einer erheblichen Verbilligung der Mieten, ja zur Einsparung von ein bis zwei Monatsmieten im Jahr führen. Millionen Familien haben so ein eigenes
Heim erwerben können, was ihnen andernfalls nie möglich gewesen
wäre •
Schließlich sind noch die Konsumgenossenschaften zu nennen.
Vor drei und vier Jahren noch war das Bild recht entmutigend.
Heute sind die kleinen, schlechtgeführten und finanzschwachen
Genossenschaften, wie man sie noch vor einem Jahrzehnt allenthalben fand, von der Bildfläche verschwunden. An ihre Stelle sind
Konsumläden getreten, die mit zu den größten und besten Kaufhäusern
der Vereinigten Staaten gehören, auch wenn ihr Gesamtanteil am
Einzelhandel noch relativ gering ist. Tüchtige Geschäftsführer,
ein entsprechendes Kapitalpolster, attraktive Läden und ein«
treue Mitgliedschaft sorgen dafür, daß diesen Läden trotz des
scharfen Wettbewerbs eine Zukunft beschieden sein wird. Die
an die Mitglieder ausgezahlten Vergütungen aus dem Gewinn entsprechen gegenwärtig dem Durchschnitt etwa eines Wocheneinkaufs
pro Jahr.
Zwischen den Genossenschaften und den Gewerkschaften besteht ein enger Zusammenhang. Dies gilt besonders für Westeuropa, wo die Gewerkschaften und die Genossenschaften oftmals
in ihrer Mitgliedschaft identisch sind.
Die genossenschaftlichen Wohnungsbauvorhaben, und zwar
die von der Vereinigten Gewerkschaft der Arbeiter in der Bekleidungsindustrie und der Internationalen Gewerkschaft der
Arbeiter der Damenbekleidungsindustrie haben in aller Welt
Beachtung gefunden. Die Gewerkschaften haben ihrerseits Hunderte von Kreditgenossenschaften ins Leben gerufen. Zahlreiche
der genossenschaftlichen Versicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit stützen sich in erster Linie auf Gewerkschaftsmitglieder. Die größte Konsumgenossenschaft Amerikas hat einen
Gewerkschaftsführer als Generaldirektor. Diese Beispiele ließen
sich beliebig vermehren. Im übrigen haben die Genossenschaften
auch mit ihren eigenen Angestellten Tarifverträge abgeschlossen
und sind auch sonst bemüht, die Arbeitsbedingungen so günstig
wie möglich zu gestalten.
In den genossenschaftlichen Lagerhäusern und Herstellungsbetrieben herrscht heute ein gutes Einvernehmen zwischen Betriebsführung und Gefolgschaft. Überall zeichnet sich im Genossenschaftswesen die Tendenz ab, moderne und zeitgemäße Methoden der Betriebs- und Menschenführung einzuführen. Betriebe, in
denen früher ein ausgesprochen schlechtes Verhältnis zwischen
Betriebsführung und Belegschaft bestanden hat, betrauen heute
erstklassige Fachleute mit der Aufgabe, die Tarife und Arbeitsbedingungen festzulegen, weil man erkannt hat, daß ein auf dem
Genossenschaftsgedanken basierendes Verhältnis zu der gewerkschaftlich organisierten Belegschaft genauso wichtig ist wie
die genossenschaftlichen Beziehungen zu den Mitgliedern. Auf
Tagungen führender Männer genossenschaftlicher Unternehmungen
wird immer wieder auf die Tatsache hingewiesen, daß Lohnerhöhungen fast immer eine Steigerung der Arbeitsproduktivität
mit sich bringen, und daß überdurchschnittliche Löhne weit eher
eine Senkung als eine Erhöhung der Gesamtbetriebskosten bewirken.

- 5-

�Die landwirtschaftlichen Verbände haben die Genossenschaften stets tatkräftig unterstützt, sei es durch Geld
oder durch ihren Rat. Ähnliche Anstrengungen seitens der
Gewerkschaftsbewegung könnten für deren gesamte Mitgliedschaft erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen.
Solche Bemühungen würden sich in zweifacher Hinsicht günstig
auswirken, sie brächten einmal erhebliche Einsparungen im
Familien-Budget mit sich und könnten zum anderen, durch die
Entstehung großer und leistungsfähiger Genossenschaften,
das Gesamtbild der Wirtschaft des Landes günstig beeinflussen.
Zweck der Genossenschaften ist es nicht, die Kontrolle über die Wirtschaft zu erlangen, sondern vielmehr
die Aufstiegsmöglichkeiten für den einzelnen zu verbessern
und die Vollbeschäftigung in einer wirklich freien Wirtschaft
sicherzustellen. Wenn es den Genossenschaften gelingt, ihren
Anteil am gesamten Handel von gegenwärtig 3 bis 4 Prozent
auf 10 bis 15 Prozent auszuweiten, dann würden sie diese
Aufgabe sicher voll erfüllen.
Die Genossenschaften haben in ihrer wirtschaftlichen
Betätigung nur ein einziges Zielt Ihre Mitglieder mit mehr
Waren- und Dienstleistungen zu geringeren Preisen zu versorgen. Diese Form der wirtschaftlichen Betätigung trägt mit
dazu bei, die Gefahr der Arbeitslosigkeit und einer Wirtschaftskrise zu bannen. Leistungsfähige Genossenschaften
können zum stabilisierenden Element der Wirtschaft werden
und zu echter wirtschaftlicher Freiheit und zu größerem
materiellen Wohlstand führen, der nicht nur ihren Mitgliedern, sondern dem ganzen Volk zugute kommen würde.

Aus "The American Federationist"
- Quellenangabe erforderlich -

* * * * *
Die amerikanische Bundes-Arbeitsaufsichtsbehoerde(National
Labor Relations Board)
Im Jahre 1935 *urde im "Wagner Act" den amerikanischen
Arbeitern das Recht auf Kollektivverhandlungen gesetzlich
garantiert und anerkannt. Gleichzeitig mit diesem Gesetz wurde
zu seiner Durchführung und zur Regelung der Beziehungen zwischen
den Sozialpartnern die Bundes-Arbeitsaufsichtsbehörde (National
Labor Relation3 Board - NLRB) eingesetzt, deren Befugnisse dann
später im Jahre 1947 im Gesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten "National Labor Management Relations Act" (TaftHartley-Gesetz ) erweitert wurden.

- 6-

�Das "NLRB" hat die Aufgabe für die ordnungsgemäße Anwendung des Gesetzes vom Jahre 1947 Sorge zu tragen, dessen Zweck
in seiner Präambel zum Ausdruck gebracht wird, nämlich "die
legitimen Rechte sowohl der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber
in ihrem Verhältnis zur '.Virtschaft festzulegen, ordnungsgemäße und friedliche Verfahrensmethoden zu entwickeln, um gegenseitige Eingriffe in die legitimen Rechte beider Parteien
zu verhindern ... und die Rechte der Allgemeinheit in Verbindung mit Arbeitsstreitigkeiten, die sich auf die Wirtschaft
auswirken, zu schützen."
Tatsächlich sichert das Gesetz dem Arbeiter das Recht,
einer Gewerkschaft beizutreten und Kollektivverträge abzuschließen. Es untersagt den Arbeitgebern, die Arbeiter durch
Drohungen oder diskriminierande Methoden an der Ausübung dieses
Rechtes zu hindern. Durch die Einrichtung geheimer Wahlen verschafft es den Arbeitern ferner demokratische Institutionen,
mit denen sie sich Vertreter zum Abschluß von Kollektivverträgen mit den Arbeitgebern wählen können.
Daneben beschränkt das Gesetz aber auch die Gewerkschaften in bestimmten Tätigkeiten. Es verbietet unter anderem den
"closed shop", das heißt den Zwangsbeitritt zu einer Gewerkschaft, um in einem Betriebe arbeiten zu können, und erklärt
gewisse Arten eines mittelbaren Boykotts (secondary boycott)
und bestimmte Streiks für ungesetzlich, während es den Gewerkschaften andererseits das Recht zur Organisierung legaler Streiks bestätigt und die Aufstellung von Streikposten
in der Absicht zuläßt, um im Interesse ihrer wirtschaftlichen
Ziele die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Arbeitsstreitigkeiten zu lenken. Der eigentliche Zweck des Gesetzes
besteht darin, den Sozialpartnern die bestmöglichste Gelegenheit zu geben, auf gleicher Ebene zusammenzutreffen, um
auf friedlichem Wege in ehrenvoller Weise zu einer Beilegung
ihrer Streitigkeiten zu gelangen. Mittler und überparteiliche
Instanz bei der Erreichung dieses Zieles ist die BundesArbeitsaufSichtsbehörde.
Den organisatorischen Aufbau der Behörde hat das Gesetz
wie folgt geregelt. An ihrer Spitze steht ein Präsident und
ein vierköpfiger Lenkungsausschuß, die vom Präsidenten der
USA mit Zustimmung des Senats auf die Dauer von fünf Jahren
ernannt werden. Daneben sieht das Gesetz einen Generalarbeitsanwalt vor, der von den gleichen Instanzen ernannt wird und
dessen Amtsperiode vier Jahre beträgt. Er ist der Anwalt der
Behörde und die oberste Instanz für die Untersuchung von
Beschuldigungen und Beschwerden, und ihm steht ferner die
Erhebung der Anklage vor der Behörde zu. Ihm unterstehen
auch die 28 Außenstellen der Behörde.
Die Tätigkeit der Behörde richtet sich entweder auf die
Prüfung und Beilegung von Fällen, in denen Arbeiter wegen
ihres Glaubens, ihrer Rassezugehörigkeit oder ihrer Hautfarbe
diskriminiert wurden oder auf Fragen, die die 7/ahlen in den
Betriebsräten betreffen.
Die 3ehörde geht gegen alle Personen vor, die diskriminierende oder unerlaubte Methoden im Sinne des Gesetzes an-

�anwenden. Eine Entscheidung der Behörde erfolgt Jedoch nur auf
Antrag, der entweder von einem Arbeitgeber! einem Arbeitnehmer
oder einer Gewerkschaft bei der zuständigen regionalen Arbeitsaufsichtsbehörde als erster Instanz gestellt werden mu8.
Nach ordnungsmäßiger Einreichung der Beschwerde wird die
beschuldigte Partei von dieser in Kenntnis gesetzt und beide
Parteien zur schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Auf
Grund der Akten wird der Sachverhalt sodann von der regionalen Arbeitsaufsichtsbehörde geprüft, die den Fall dadurch zum
Abschluß bringt, daß sie entweder die beschwerdeführende Partei
zur Zurückziehung ihrer Beschwerde auffordert oder aber der
Beschwerde stattgibt oder sie ablehnt.
Falls es zu keiner Einigung der Parteien kommt, findet in
der Regel eine öffentliche Verhandlung statt. Auf Grund des
Beweismaterials verfaßt die Behörde einen Zwischenbericht,
in dem sie den Sachverhalt schildert und ihren Schiedsspruch
begründet.
Wenn innerhalb einer Frist von 20 Tagen von keiner der
beiden Parteien gegen den Schiedsspruch Einspruch erhoben
wird, wird er als Entscheidung der Arbeitsaufsichtsbehörde
rechtskräftig. Wird Einspruch erhoben, dann gelangt der Fall
vor die fünfköpfige Arbeitsaufsichtsbehörde in Washington
als zweiter Instanz zur Entscheidung, nachdem die Parteien
in mündlicher Verhandlung ihren Standpunkt nochmals dargelegt
haben.
Wenn die Entscheidung von einer der beiden Parteien nicht
anerkannt wird, beantragt die Arbeitsaufsichtsbehörde beim zuständigen Bundesgericht einen Vollstreckungsbeschluß, oder
aber die Partei, die sich mit der Entscheidung nicht zufrieden
gibt, ersucht das Gericht um eine Überprüfung der von der
Arbeitsaufsichtsbehörde getroffenen Entscheidung und beantragt deren Aufhebung. Ferner steht beiden Parteien das Recht
auf Berufung beim Obersten Bundesgericht der USA gegen Entscheidungen der Bundesarbeitsaufsichtsbehörde zu.
Die zweite Hauptaufgabe der Arbeitsaufsichtsbehörde besteht in der Durchführung von Betriebratswahlen. Sie werden
auf Antrag eines Arbeitgebers, der Belegschaften oder einer
Gewerkschaft abgehalten und müssen den Nachweis erbringen,
daß mindestens 30 Prozent der Belegschaft eine Vertretung
wünschen. Der Antrag wird bei der Arbeitsaufsichtsbehörde
des Bezirks gestellt, in dem der Betrieb seinen Sitz hat.
Die Betriebsratswahlen erfolgen nach dem demokratischen
Prinzip der Mehrheitsentscheidung und sind geheim. Wenn die
Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf eine bestimmte Gewerkschaft fällt, wird deren Legitimation als ausschließliche
Vertretung der Arbeitnehmer des Betriebes von der obersten
Arbeitsaufsichtsbehörde bestätigt.
Ebenso kann die Behörde nach dem Gesetz auch Betriebsratswahlen durchführen, um einer Gewerkschaft diese Legitimation zu entziehen. In diesem Falle muß sie nachweisen, daß
30 Prozent der Belegschaft mit ihrem gegenwärtigen Betriebsrat unzufrieden soind. Auch bei dieser V/ahl entscheidet die
Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

- 8 -

�Wenn sie die Behörde in Anspruch nimmt, muß eine Gewerkschaft dem Arbeitsminister sowie der Arbeitsaufsichtsbehörde
Abschriften ihrer Satzung mit ihren Ausführungsbestimmungen,
einen Bericht über ihren Jahreshaushalt und eidesstattliche
Erklärungen ihrer führenden Funktionäre darüber einreichen,
daß ihre Gewerkschaft weder kommunistisch ist noch daß sie
den Kommunismus unterstützt. In der Erfüllung ihrer Aufgaben
hat das "NLRB" eine sehr große Arbeitslast zu bewältigen, und
erst in den vergangenen drei Jahren war es ihr möglich, die
unzähligen im Laufe der Zeit aufgelaufenen Anträge aufzuarbeiten. In dem am 30«Juni 1955 abgelaufenen Finanzjahr zum
Beispiel befaßte es sich insgesamt mit 13 600 Fällen. Bei
7442 Eingaben handelte es sich um Anträge zur Abhaltung von
Betriebsratswahlen, während 6171 Eingaben sich mit Fällen
von unfairen Arbeitspraktiken befaßten.
Zahlreiche von der Arbeitsaufsichtsbehörde getroffene
Entscheidungen sind als Präzedenzfälle richtungweisend für
das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern geworden. So
faßte die Behörde vor einiger Zeit den Beschluß, daß ein
Arbeitgeber zur Auskunft über seine finanziellen Verhältnisse verpflichtet ist, wenn er Lohnerhöhungen mit der Begründung verweigert, daß seine Mittel es nicht zuließen.
Sowohl von Arbeitgeber- wie von Arbeitnehmerseite ist
die Behörde verschiedentlich kritisiert worden. Man hat ihr
vorgeworfen, durch ihre Entscheidungen einseitig einen der
beiden Sozialpartner zu begünstigen. Eine Antwort auf diese
Kritik hat einmal ein Mitglied dieser Behörde, Philip Ray
Rodgers gegeben, der erklärte, daß die Behörde ihre Entscheidungen allein nach dem Gesetz trifft, und dieses "ist ein
vernünftiges und gerechtes Gesetz - ein Gesetz, daß in bemerkenswerter Weise einen Ausgleich zwischen mächtigen und
entgegengesetzten Interessen herstellt, indem es übermäßige
Forderungen in Schranken hält, doch keiner der beiden Parteien
Forderungen, soweit sie berechtigt sind, verweigert."

- Quellet Eigenbericht -

• * * * •
18 000 Schlafwagenschaffner - eine fortschrittliche
Negergewerkschaft
In den Statuten des neuen amerikanischen Gewerkschaftsverbandes "AFL-CIO" ist eines der wichtigsten Ziele dieser
neuen Organisation folgendermaßen definiert! "Alle Arbeiter
ohne Unterschied der Rasse, Hautfarbe oder Volksabstammung
sind zu ermutigen, alle Vorteile des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses für sich in Anspruch zu nehmen".
In einer diesbezüglichen Resolution brachte die erste

-9 -

�Generalversammlung des neuen Verbandes ihre Entschlossenheit
zum Ausdruck, stets für die volle Gleichberechtigung aller
Amerikaner einzutreten. Sie ging noch einen Schritt weiter
und wählte zwei verdiente Neger-Gewerkschaftsfunktionäre zu
stellvertretenden Vorsitzenden und Mitgliedern des Vorstandes
dieses 16 Millionen Mitglieder zählenden großen amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes.
Einer der auf diese Weise geehrten Funktionäre ist der
66jährige A. Philip Randolph, der seit der Gründung seiner
Gewerkschaft im Jahre 1925 den Vorsitz der "Bruderschaft der
Schlafwagenschaffner" führt. Bei dem zweiten, zusammen mit
ihm ausgezeichneten Negerfunktionär, handelt es sich um
Willard S. Townsend, den Vorsitzenden der Vereinigten
Transportarbeiter.
Randolph, eine imposante, würdevolle Erscheinung, beeindruckt jeden Gesprächspartner schon bei der ersten Begegnung
durch seinen großen persönlichen Charme. Wer ihn nur nach
seinem gepflegten Redestil und seiner gewinnenden, ruhigen
Art beurteilt, ahnt wenig von seiner Energie, die ihn im
ganzen Lande als kompromißlosen Vorkämpfer gegen die Rassendiskriminierung jeglicher Art bekanntgemacht hat.
Randolphs Leistungen und Verdienste sind ebenso mannigfaltig und außergewöhnlich wie seine berufliche Laufbahn. Er
begann als Zeitungsjunge, Warenhausverkäufer und EisenbahnAngestellter, war kurze Zeit Schauspieler, nahm in zahlreichen Schriften und Vorträgen zum amerikanischen Negerproblem
Stellung und erwarb sich als Gewerkschaftsfunktionär so allgemeine Anerkennung, daß er schließlich mehrfach als Repräsentant der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu internationalen Konferenzen delegiert wurde. Seine Verdienste um die
Gewerkschaften würdigten Regierung und Öffentlichkeit mehrfach
durch ehrende Auszeichnungen. Mehr als jedem anderen einzelnen
Amerikaner hält man ihm seine entscheidende Einflußnahme in der
Frage der Rassentrennung innerhalb der amerikanischen Armee zugute, die zu ihrer Aufhebung führte. Beachtliche Erfolge erzielte er auch bei seinen Bemühungen um eine Angleichung der
Arbeitsbedingungen für Neger in der Privatindustrie.
Der bedeutendste Erfolg Randolphs war jedoch die offizielle
gewerkschaftliche Anerkennung der "Bruderschaft der Schlafwagenschaffner", die erst nach zwölfjährigem Widerstand der Eisenbahn-Gesellschaften erfolgte. Zum erstenmal kam es 1937 zur
Vereinbarung eines Kollektivvertrages, der die Unterschriften
der Arbeitgebervertreter und der Vertreter der Bruderschaft
trug. Auf Grund dieses Abkommens erhöhte sich das Monatsgehalt der Schlafwagenschaffner um 12 Dollar; niemals zuvor war
ihnen eine so beträchtliche Gehaltsaufbesserung gewährt worden.
Von diesem Wendepunkt an konnte die Bruderschaft der
Schlafwagenschaffner unter der Führung Randolphs von Jahr
zu Jahr neuen Boden gewinnen. Heute zählt diese Gewerkschaft
rund 18 000 Mitglieder. Besonders gute Beziehungen unterhält
sie zu der bekannten Pullman-Gesellschaft, mit der sie eines
der vorteilhaftesten Kollektivabkommen der gesamten Branche
zustandegebracht hat. Darüber hinaus ist sie Tarifpartner in

- 10 -

�41 Abkommen
linien, die
Bremser auf
stungen für

mit US-amerikanischen und kanadischen EisenbahnTarifgleichheit für Wagenschaffner und Schaffnerallen zugehörigen Strecken sowie gleiche Sozialleialle vorsehen.

Als Randolph 1925 die Leitung der neugegründeten Bruderschaft
übernahm, erhielt ein Schlafwagenschaffner einen Grundlohn von
67,50 Dollar für eine monatliche Dienstleistung von 300 bis 400
Arbeitsstunden. Heute erhält der gleiche Schaffner bei einer
festen Normdienstleistung von 205 Arbeitsstunden ein Anfangsgehalt von 304,18 Dollar.
Ebenso wichtig wie die wirtschaftlichen Verbesserungen war
für die Schlafwagenschaffner die Hebung ihres Ansehens in der
Öffentlichkeit, das heißt ihre völlige Gleichstellung als .Verktätige und Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft. Im neugeschaffenen Gewerkschaftsverband AFL-CIO erhält Vizepräsident
Randolph erweiterte Aufgaben und vergrößerte Möglichkeiten für
seinen Einsatz zum Wohle seiner Mitmenschen. Dabei darf nicht
vergesseb werden, daß er zeit seines Lebens nicht nur den Kampf
um die Gleichstellung der Minderheiten in den USA im Auge hatte,
sondern gleichzeitig auch ein entschiedener Gegner des Kommunismus gewesen ist. In seinem Bericht über die Geschichte der
Bruderschaft der Schlafwagenschaffner verweist er mit Genugtuung darauf, daß seine Gewerkschaft stets an der Spitze der Auseinandersetzung mit den Kommunisten gestanden hat. Randolph
erklärt unter anderem«
"Im Einklang mit ihrer Praxis, Gewerkschaften und Negerbewegungen unter ihre Kontrolle zu bringen, haben die Kommunisten große Anstrengungen unternommen, um sich in der Bruderschaft der Schlafwagenschaffner festzusetzen. Die Bruderschaft
schlug diese Versuche jedoch zurück und verhinderte jegliche
nennenswerte kommunistische Infiltration. Unsere Gewerkschaft
setzte sich stets mit solcher Entschiedenheit'gegen den Kommunismus zur Wehr, da£ man sie als die wirksamste Abwehrkraft
unter den Negern Amerikas, wenn nicht der ganzen Welt, bezeichnen kann".

- Quelle« Eigenbericht # # # * #
Frank Carey:
Die Gewerkschaft der amerikanischen Druckereiarbeiter
Eine der angesehensten und ältesten Gewerkschaften Amerikas
ist die "International Typographical Union" (ITU), die Internationale Gewerkschaft der Druckereiarbeiter. Ihre Gründung erfolgte bereits vor mehr als 100 Jahren, nämlich am 2.Dezember
1850 anläßlich einer Konferenz in New York, zu der Delegierte
aus ganz USA eingeladen wurden. Sechs große Berufsorganisationen, nämlich die der Setzer von New York, Albany, Trenton,
Philadelphia, Baltimore und Louisville, waren dabei vertreten.
Formell verabschiedet wurden die Statuten der neuen Gewerkschaft
auf dem Kongreß in Cincinnati am 5.Mai 1852.

- 11 -

�\

Aber die Geschichte der Organisation der Druckereiarbeiter
reicht noch viel weiter zurück. Der erste erfolgreiche Streik
wurde von ihnen schon 1776 durchgeführt - in demselben Jahr
übrigens, in dem die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit proklamierten. Schauplatz des Streiks war die damals
noch recht kleine Stadt New York. Zehn Jahre später führten die
Setzer von Philadelphia einen erfolgreichen Lohnkampf durch.
Aber beide Male lösten sich die Gruppen, die den Streik organisiert hatten, nach der Erreichung ihrer Ziele wieder auf.
Die erste dauerhafte Organisation entstand, als die
New Yorker Setzer im Jahre 1795 die "Typographical Society"
gründeten. Vier Jahre später wurde sie neu organisiert und
erhielt den Namen des berühmten, 1790 verstorbenen Buchdruckers und Staatsmannes Benjamin Franklin. Ähnliche Verbände wurden 1815 in Boston, in Albany (der Hauptstadt des
Staates New York), in Bsltimore und in der Bundeshauptstadt
Washington gegründet. Diese Bewegung dehnte sich bald auch
auf andere Städte aus, und es entstanden richtige Hilfsorganisationen, die Sterbegelder, Krankenunterstützung, Arbeitslosengeld und Streikhilfe gewähren konnten. Zu der Konferenz»
in New York im Jahre 1850 kam es, weil die Druckereiarbeiter
schließlich einsahen, daß'man die Löhne und Arbeitsbedingungen auf nationaler Basis regeln müsse.

(Fortsetzung folgt)
- Quelle: Eigenbericht

* « # « »

- 12 -

«

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über ArbeitsbeziehunKen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung- Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem. Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen-' ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 11

Mehlem, den 8. Juni 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter (Schluss)

Seite

1

Die Lage der Arbeiter in Rot-China

Seite

2

US-Bergarbeitergewerkschaft baute zehn neue
Krankenhaeuser fuer Mitglieder
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 9
Seite 10

Frank Careyi
Die Gewerkschaft der amerikanischen Druckereiarbeiter (Schluss)
Schon von ihren ersten Anfaengen an kaempfte die neue Gewerkschaft
fuer hoehere Loehne, und zwar nicht nur fuer ihre eigenen Mitglieder,
sondern fuer alle Arbeiter. Bereits im Jahre 1865 forderte die Gewerkschaft in einer Resolution den Acht-Stunden-Tag - lange, bevor er allgemein durchgesetzt werden konnte. 1869 schlössen sich die kanadischen
Druckergewerkschaften der amerikanischen an, die hierauf ihren Namen
in "International Typographical Union" abaenderte (sie hatte zuerst
"National T.U." geheissen). Auf demselben Kongress wurde auch eine Resolution angenommen, in der "gleiche Bezahlung fuer gleiche Arbeitsleistung" und die Abschaffung aller Arbeitskraefte gefordert wurden.
1870 wurde Augusta Lewis - eine New Yorkerin - zur Schriftfuehrerin der
Gewerkschaft und damit als erste Frau zur Funktionaerin einer amerikanischen Gewerkschaft gewaehlt. Auf die "ITU" gehen auch die ersten Anregungen zur Schaffung der "American Federation of Labor" (1881 gegruendet) zurueck.
Eine vorbildliche Pionierleistung der ITU war die Errichtung ihres
Gewerkschaftsheimes fuer aeltere Mitglieder im Jahre 1892. Das Heim ist
heute eine der Sehenswuerdigkeiten der Stadt Colorado Springs, die wegen
ihrer landschaftlichen Schoenheit beruehmt ist. Die ersten Gebaeude dieses
Komplexes wurden auf einem Stueck Praerie erbaut, das zwei Buerger Philadelphias der Gewerkschaft geschenkt hatten. Zahlreiche Spenden im Gesamtbetrag von 15 889 Dollar, die der Gewerkschaft zugeflossen waren, ermoeglichten den Baubeginn. Heute besteht das Heim aus mehreren ansehnlichen Gebaeuden, die auf dem sogenannten "Nob Hill" inmitten eines
- 1 -

�wundervollen Farks liegen. Im Mittelpunkt der Anlage steht das Altershelm
der Gewerkschaft, das neben zahlreichen kleinen Wohnungen auch Gesellschaf tsraeume und eine grosse Bibliothek enthaelt. Die Patienten des Spitals, das 400 Betten besitzt, und des Sanatoriums auf dem Nob Hill geniessen die besondere Heilwirkung der Sonne und der Klaren Gebirgsluft
Colorados. Die Gewerkschaft beschaeftigt einen eigenen grossen Stab von
Aerzten und Krankenschwestern.
Die Sorge der ITU fuer ihre Mitglieder beginnt schon bei der Lehrlingsausbildung. In den Kontrakten mit den Arbeitgebern wird genau festgelegt, welche Kenntnisse den Lehrlingen in jedem Lehrjahr beigebracht
werden muessen. Kein Lehrling darf in einer Druckerei angestellt werden,
die nicht in der Lage ist, ihm die Taetigkeit in allen Sparten seines
kuenftigen Berufes zu ermoeglichen. Schon 1907 wurde eine Gewerkschaftskommission mit der Aufgabe betraut, einen genauen Lehrplan fuer Setzerlehrlinge auszuarbeiten. Das Resultat ihrer Arbeit war die Schaffung einer
Berufsschule in Chicago, die die Lehrlinge im ganzen Land mit Hilfe von
Korrespondenzicursen unterrichtete. Seit 1924 wird die Berufsschulbildung
fuer Setzerlehrlinge in den USA von Indianapolis aus geleitet und von den
ITÜ-Sektionen in allen Teilen Amerikas auf Grund vorbildlicher Lehrbuecher
der Gewerkschaft durchgefuehrt.
Das Zentralorgan der ITU - die eigentlich ein Dachverband mit zahlreichen Einzelgewerkschaften ist - ist das "Typographical Journal", das
monatlich erscheint und die rund 100 000 Mitglieder der ITU ueber alles
Wissenswerte informiert und immer wieder daran erinnert, dass ihre Staerke in der gewerkschaftlichen Einheit liegt. Denn nur diese Einheit hat
der ITU ihre Erfolge ermoeglichti 1900 betrug der Jahreslohn eines Setzers
nur 894 Dollar; heute erreicht er durchschnittlich eine Hoehe von 5000
Dollar pro Gewerkschaftsmitglied und gehoert zu den hoechsten Loehnen des
Landes. Unter der Leitung des Gewerkschaftsvorsitzenden Woodruff Randolpn befindet sich die ITU auch heute noch in der vordersten Front des
gewerkschaftlichen Kampfes, der mit dazu beigetragen hat, den Lebensstandard der amerikanischen Arbeiter zu einem der hoechsten der Welt zu machen.
Quellet

Eigenbericht

Die Lage der Arbeiter in Rot-China
Die grossangelegte Aktion zur Verstaatlichung von Industrie und Handel, die im kommunistischen China im Januar 1956 durchgefuehrt wurde,
hat fuer die Belegschaften dieser Betriebe zwei sehr unangenehme Auswirkungen gezeitigt. Sie brachte einmal eine allgemeine Lohnkuerzung und
eine Verringerung der Sozialleistungen mit sich, zum anderen eine Verschaerfung der Arbeitsdisziplin und die damit verbundene ruecksichtslose
Ausbeutung der Arbeitskraft. Mit anderen Worten, die Arbeitsbedingungen
haben sich verschlechtert und die Anforderungen an die Leistungsfaehigkeit
sind gestiegen.
In jedem "kapitalistischen" Lande haette allein schon der Gedanke
an eine derartige allgemeine Lohnkuerzung oder Ueberforderung der Arbeitskraft sofort schaerfste Gegenma3snahmen der Gewerkschaften hervorgerufen.
Man wuerde gegebenenfalls einen Streik ausrufen, um das Niveau der Loehne
und Sozialleistungen zu halten.
In Rot-China allerdings werden die rigorosen Massnahmen des kommunistischen Regimes gegen die Arbeiterschaft nicht nur vom Allchinesischen
Gewerkschaftsbund geduldet, sondern sogar noch aktiv unterstuetzt. Wie
bei allen Gewerkschaften in den Laendern des Sowjetblocks hat auch der
2 -

�Allchinesische Gewerkschaftsbund nur die eine Aufgabe, dem Staat, der in
Diktaturen mit dem Arbeitgeber identisch ist, zu dienen, und nicht der
Arbeiterschaft.
Der Vorsitzende des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes, Lai Jo-yu,
laesst darueber keinen Zweifel aufkommen, wenn er am 18. Dezember 1934
in der in Peking erscheinenden "Kung Jen Jih Pao" (Arbeiterzeitung)
schriebt ".... Zweck der Gewerkschaft ist es, auf die Erreichung des von
der (kommunistischen) Partei gesteckten Zieles hinzuarbeiten und die
Aufgaben und Entscheidungen der Partei durchzufuehren
Als Mittler
zwischen der Partei und den Massen und als Organ zur Schulung im kommunistischen Denken ist die Gewerkschaft .... fuer die Verwirklichung der
Politik und der Richtlinien der Partei unerlaesslich."
Die Zahl der Berufstaetigen in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben
(einschliesslich Buerokraefte) belief sich im Jahre 1955 auf schaetzungsweise 15 Millionen. Die Zahl der eigentlichen Industriearbeiter betrug
im Jahre 1955 wahrscheinlich nur 5 Millionen - eine sehr geringe Zahl
bei einer Gesamtbevoelkerung von nahezu 600 Millionen.
Etwa 80$ dieses Personenkreises, der fuer die Mitgliedschaft in den
Gewerkschaften in Frage kommt, gehoeren dem Allchinesischen Gewerkschaftsbund an, der auf Grund des Gewerkschaftsgesetzes vom Jahre 1950 z u m alleinigen Sprecher der organisierten Arbeiterschaft erklaert wurde. Dieses
Gesetz, das kurz nach der Eroberung Pekings durch die Kommunisten in
Kraft gesetzt wurde, besagt in Artikel 12, dass "das hoechste Fuehrungsorgan der Gewerkschaft in der Volksrepublik China der Allchinesische
Gewerkschaftsbund" ist. Und in Artikel 4 heisst es, dass "Organisationen,
die nicht dem Allchinesischen Gewerkschaftsbund angehoeren, nicht die
Bezeichnung Gewerkschaft fuehren duerfen."
Die Hsinhua-Agentur (die offizielle Nachrichten-Agentur Rot-Chinas)
veroeffentlichte am 25* April 1955 die letzten amtlichen Zahlen ueber
die Mitgliedschaft der Gewerkschaften. In der betreffenden Meldung heisst
est "Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder in der Chinesischen Volksrepublik stieg im Jahre 1954 auf 12,45 Millionen .... das entspricht einer
Zunahme von fast 1£ Millionen waehrend eines Jahres. Gegenwaertig bestehen im Lande 200 000 Ortsverbaende der Gewerkschaften. Dem Allchinesischen Gewerkschaftsbund sind 16 auf Landesebene organisierte Industriegewerkschaften angeschlossen, darunter Gewerkschaften der Arbeiter in der
Schwerindustrie, im Maschinenbau, im Kohlenbergbau, der Eisenbahner, der
Arbeiter im Transportgewerbe, bei der Post und im Fernmeldewesen, sowie
die Gewerkschaften der Seeleute, Verkaeufer, Erzieher, Landarbeiter, und
der Wasser- und Forstwirtschaft."
Der Apparat, mit dessen Hilfe die Kommunisten "die Ausfuehrung der
Gewerkschaftsarbeit im Sinne der Partei und der verbindlichen Richtlinien
sicherstellen", wurde im offiziellen Organ der Kommunistischen Partei
Chinas, der in Peking erscheinenden "Jen Min Jih Pao" (Volkszeitung) in
einem Leitartikel vom 10. September 1955 wie folgt beschriebeni "Die
fuehrende Rolle der Partei in der Gewerkschaftsbewegung wird durch Parteiorganisationen und Parteimitglieder innerhalb der Gewerkschaft gewaehrleistet.... Die wichtigste Aufgabe der Partei .... besteht in der Foerderung und Auswahl von Arbeitskadern und deren Zuteilung an die Gewerkschaften. Die Kader bestehen aus Personen, die ueber organisatorische Faehigkeiten verfuegen und der Partei treu ergeben sind. Die Vorsitzenden
der einzelnen Gewerkschaften muessen den Parteikadern angehoeren und die
Befaehigung zur Mitgliedschaft in den Parteikomitees nachweisen. Gleichzeitig sollten Aktivisten, die nicht der Partei angehoeren, aber die Parteianwartschaft besitzen und engen Kontakt mit den Massen unterhalten,
in leitende Stellungen der Gewerkschaftsfuehrung gewaehlt werden, um die
Verbindung zwischen der Partei und den Nichtparteimitgliedern zu staerken...
Die Parteiorganisationen sollten in regelmaessigen Abstaenden die Berichte

- 3-

�der Gewerkschaften ueberpruefen und eroertern... und darueber wachen,
dass die Entscheidungen und Anweisungen genau befolgt werden."
Die erstaunlich grosse Zahl von Aktivisten, die zur Ueberwachung der
Arbeiterschaft notwendig ist, wird aus einer Entscheidung bezueglioh der
"Verstaerkung der Aktivistenarbeit" ersichtlich, die vom Exekutivausschuss
des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes am 10. August 1955 angenommen wurde, und in der es heissts "Es haben sich in China 2,73 Millionen Gewerkschaftsaktivisten gefunden, das sind Personen, die selbst in der Produktion taetig sind und sich in ihrer Freizeit in den Dienst der Gewerkschaftsarbeit stellen, darunter Angehoerige der unteren Ortsausschusses,
der Betriebsausschuesse und der Arbeitsausschüsse der Gewerkschaften sowie auch Vorleute von Arbeitsgruppen." Da« Regime, das diese umfangreiche
Organisation den Arbeitern aufzwingt, ist das einer rigorosen Ausbeutung.
Die Chinesen arbeiten mit anderen Worten nur dafuer, die Stellung des
Staates zu verstaerken, nicht ihren eigenen Lebensstandard zu verbessern.
Dies brachte Li Fu-ch'un, der Stellvertretende Ministerpraesident
der Volksrepublik China, auf der zweiten Sitzung des Nationalen Volkskongresses im Juli 1955 in seinem Bericht ueber den ersten Fuenfjahresplan
unmissverstaendlich zum Ausdruckt "Der Aufbau der Schwerindustrie erfordert grosse langfristige Investitionen.... Deshalb muessen wir strengste
Sparsamkeit walten lassen, ... um alle verfuegbaren Geldreserven voll
auszuschoepfen und den Anforderungen des nationalen Aufbaus gerecht zu
werden und die notwendigen Reserven des Staates zu mehren... Wir koennen
deshalb die Ertraege einer steigenden Produktion und Arbeitsproduktivitaet
nicht fuer eine Hebung des Lebensstandards verwenden..."
Zum gleichen Thema heisst es im ersten Fuenfjahresplan 1 "Zwei Drittel
der wertmaessigen Steigerung der Produktion im Zeitabschnitt von 1952
bis 1957 muessen durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivitaet erzielt
werden; eine Zunahme der Arbeitsproduktivitaet um jeweils 1j6 in den staatlichen Industrien wird innerhalb der naechsten fuenf Jahre einer Wertzunahme der Produktion um 182,82 Millionen Yuan (rund 80 Millionen Dollar
beziehungsweise 336 Millionen DM) entsprechen."
In der westlichen Welt wuerde die Arbeiterschaft auf eine derartige
Ausbeutung mit ihren traditionellen Waffen - Streik und Arbeitsniederlegung - antworten. In Rot-China allerdings sind diese Druckmittel der
Gewerkschaften ebenso wie in allen unter kommunistischer Herrschaft stehenden Laendern als Verstoesse gegen die Arbeitsdisziplin geaechtet und durch
Gesetz verboten.
Artikel 100 der Verfassung der Chinesischen Volksrepublik besagt,
dass "die Staatsbuerger der Chinesischen Volksrepublik verpflichtet sind,
die Verfassung und die Gesetze einzuhalten, und die Arbeitsdisziplin....
zu wahren." Artikel 2 des Gewerkschaftsgesetzes vom Jahre 1950 bestimmt,
dass die Arbeiter im Falle von Arbeitsstreitigkeiten die Produktion weiterfuehren und die Arbeitsdisziplin aufrechterhalten muessen. Deraus erklaert sich die Tatsache, dass alle Streikversuche und jede passive Resistenz seit der Machtuebernahme der Kommunisten im Jahre 1949 vom Staat
systematisch mit Gewalt unterdrueckt worden sind.
Justizminister Shih Liang umriss die Einstellung der rot-chinesischen
Regierung zum Streik am 5«' Oktober 1954 in einer Rundfunkansprache ueber
den Sender Peking wie folgt» "Die Bestrafung von Arbeitern aus der Industrie, dem Bergbau und dem Nachrichtenwesen, die sich an Streiks beteiligt haben oder denen es an dem notwendigen Arbeitseifer fehlte, hat eine
Staerkung der Arbeitsdisziplin mit sich gebracht. Dm diese Aktion unter
der Arbeiterschaft noch zu verstaerken, haben wir laengs der Bahnlinien
und Wasserstrassen Sondergerichte eingerichtet."
Zwischen 1918 und 1926 - noch bevor die Kommunisten, die schon immer

-4 -

�besonders aktiv innerhalb der chinesischen Gewerkschaftsbewegung waren,
durch ihre Hoerigkeit gegenueber den Anweisungen der Komintern Tod und
Vernichtung ueber die Arbeiterschaft in den Staaten brachten und damit
den Gewerkschaften groessten Abbruch taten - waren in China 1200 Streiks
zu verzeichnen, von denen rund 800 mit einem Erfolg der Streikenden endeten. Hsu Chin-chen, Mitglied des Sekretariats des Allchinesischen Gewerkscliaftsbundes, fuehrte zu dieser Frage vor dem 7- Gewerkschaftskongress im Mai 1953 aus, dass "zu jener Zeit alle Lohnkaempfe, die von den
Gewerkschaften gefuehrt wurden, eine politische Bedeutung besassen. Die
heutige Situation ist jedoch ganz anders.... Unter volksdemokratischen
Diktaturen haben die Aufgaben, die Funktionen und die Politik der Gewerkschaften einen grundlegenden Wandel durchgemacht."
Welch bittere Ironie in diesem "grundlegenden Wandel" fuer die
Arbeiterschaft liegt, laesst sich aus einem Leitartikel in der Pekinger
"Volkszeitung" vom November 1954 erseheni "Es gibt noch immer Menschen,
denen der Begriff der Arbeitsdisziplin unklar ist. Sie glauben, dass sie
(durch den Kommunismus) zu Herren der Wirtschaft geworden sind und heute
voellige Handlungsfreiheit besitzen. Dieser Standpunkt ist irrig. Unsere
Form der Arbeitsdisziplin... ist ein maechtiges Instrument zur Aufrechterhai tung der Produktion; langsames Arbeiten und die Nichtbefolgung von
Anweisungen ist Sabotage."
Am 10. September 1955 kommentierte die "Volkszeitung": "Im Interesse
der Arbeitsdisziplin muessen gegen eine kleine Anzahl von.Arbeitern und
Angestellten, die sich wiederholt Verstoesse gegen die Arbeitsdisziplin
zuschulden kommen lassen, Zwangsmassnahmen angewandt werden.... Solche
Angestellte und Arbeiter werden mit Disziplinarstrafen einschliesslich
der Entlassung bedroht."
Die Strafen, die im Falle von Verstoessen gegen die Arbeitsdisziplin
verhaengt werden, sind in den Beschaeftigungsbedingungen staatlicher
Unternehmen aufgefuehrti 1. Verwarnung, 2. Tadel, 3- schwerer Tadel,
4. Versetzung auf einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz oder Rueckstufung und 5* Entlassung und gesetzliche Bestrafung. Arbeiter, die auf
Grund der gesetzlichen Bestimmungen abgeurteilt werden, koennen mit
Zwangsarbeit bestraft werden - mit "Erziehung zur Arbeit", wie ea im
Sprachgebrauch des kommunistischen Chinas heisst.
Die mildere Form der Bestrafung, die einfache Entlassung, ist im
Grunde genommen Kaum weniger schwerwiegend, da die von ihr betroffenen
Arbeiter auf Urund der bestehenden Bestimmungen kaum mehr in einem anderen Betrieb ankommen werden.
Die Beschaeftigungsbedingungen schreiben vor, dass Arbeiter bei
einer Neueinstellung ihr Arbeitsbuch vorlegen muessen, das Eintragungen
ueber ihre Fuehrung an frueheren Arbeitsplaetzen enthaelt. Findet sich
darin nun eine unguenstige Beurteilung, so Kann der entsprechende Arbeiter kaum einen neuen Arbeitsplatz finden und faellt damit automatisch
unter die Strafbedingungen fuer Kurzarbeiter und Bummelanten. Darueber
hinaus werden Arbeitslose zwangsweise im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen eingesetzt, mit deren Hilfe die kommunistische Regierung die
grosse Zahl der Arbeitslosen in den Staedten zu verringern sucht. Im
Rahmen dieser Massnahmen kann auch die zwangsweise Umsiedlung arbeitsloser Industriearbeiter verfuegt werden. Im allgemeinen werden die Arbeitslosen jedoch zur Urbarmachung unfruchtbarer Gebiete oder zum industriellen Aufbau in abgelegenen Teilen des Landes herungezogen, sofern
man sie nicht einfach zu Zwangsarbeit verurteilt.
Die Arbeitsbestimmungen aus dem Jahr 1954 verfuegen ferner, dass
Arbeiter, die "ein Ueberinass an Ausschuss produzieren oder Eigentum,
Werkzeuge und Betriebsmittel beschaedigen, teilweise oder restlos fuer

- 5-

�den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden. Die fuer diese Wiedergutmachung erforderlichen Geldbetraege, ueber deren Hoehe die Betriebsverwaltung (die kommunistische Betriebsfuehrung also) befindet, kann
vom Monatslohn des betreffenden Arbeiters einbehalten werden."
Der Vorsitzende des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes, Lai Jo-yu,
hat in einem Bericht an den Exekutivausschuss Einzelheiten darueber mitgeteilt, welche Massnahmen zur Aufrechterhaltung der Arbeitsdisziplin
angewandt werden. Lai Jo-yu erklaerte am 30. August 1955 nach einer Meldung der rotchinesischen Agentur Hsinhua in diesem Bericht woertlichi
"Einige Betriebe entliessen willkuerlich Arbeitskraefte oder schuechterten die Arbeiterschaft durch Androhung der Entlassung ein, andere Betriebe haben Arbeiter, die gegen die Arbeitsdisziplin Verstössen haben,
festgesetzt und im Personalbuero eingesperrt, damit sie in sich gehen und
sich bessern. In einigen Betrieben kam es zu Demonstrationen gegen Arbeiter, die bei der Ausfuehrung von Aufgaben im Dienste der Oeffentlichkeit
Unfaelle erlitten hatten; man forderte diese Arbeiter auf, ein Gestaendnis
darueber abzulegen, wie es zu ihrer Verletzung kam, wobei man ihnen lediglich gestattete, subjektive Ursachen und nicht den objektiven Hergang zu
berichten. An diesen Praktiken beteiligten 3ich auch Kader der Gewerkschaften."
Bis zum Jahre 1955 war es wohl allen chinesischen Arbeitern klar geworden, wie ratsam die strikte Einhaltung der Arbeitsdisziplin sei, und so
begann der Allchinesische Gewerkschaftsbund sich einer neuen Aufgabe zuzuwenden, wie sie fuer Gewerkschaften unter einer kommunistischen Diktatur typisch ist: Eine Kampagne fuer eine Forcierung des Arbeitstempos, die
die Kommunisten als "Arbeiter- oder sozialistischen Wettbewerb" bezeichnen.
Lai Jo-yu schrieb zu dieser Frage am 30. April in der in Peking erscheinenden "Kung Jen Jih Pao" (Arbeiterzeitung): "Nach der Gruendung der
chinesischen Volksrepublik machten die Gewerkschaften eine neue Entwicklung
durch.... Waehrend der vergangenen Jahre haben die Gewerkschaften die arbeitenden Massen in China systematisch dazu erzogen, ihre Einstellung zur
Arbeit zu aendern, die Arbeitsdisziplin gefestigt... und einen Wettstreit
unter den Massen propagiert. Durch solche Massnahmen war es der breiten
Masse moeglich ... einen Grad der Arbeitsproduktivitaet zu erreichen, wie
er in der Geschichte Chinas bisher einmalig ist."
Bei diesem sogenannten Wettstreit wird die Arbeitsleistung des besten
Arbeiters in qualitativer und quantitativer Hinsicht als Norm fuer die
ganze Arbeitsgruppe festgelegt. Es wird dann erwartet, dass die uebrigen
Arbeiter diese Norm erreichen und die Bestarbeiter eine neue hoehere Norm
aufstellen, die dann die uebrige Arbeitsgruppe wiederum einholen muss.
Arbeiter, die als Schrittmacher dieser Forcierung des Arbeitstempos aus
diesem Wettstreit hervorgehen, werden mit roten Fahnen und dem Titel
"Musterarbeiter" ausgezeichnet.
Die Rolle der Gewerkschaften bei dieser Kampagne zur Steigerung
des Arbeitstempos wurde von Lai Jo-yu am 18. Dezember 1954 in einem Artikel
der "Arbeiterzeitung" wie folgt umrissen: "Die Gewerkschaft hat die Aufgabe, die Anweisungen der Partei im Bereich der Produktion durchzufuehren...
sie muss deshalb den Wettstreit unter den Arbeitern organisieren, damit
langsame Arbeiter sich dem gesteigerten Tempo anpassen".
Der Vorstand des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes fuehrte ferner
aus: "Eben wegen dieser Ausrichtung der Gewerkschaftsarbeit auf die Produktion wurde im vergangenen Jahr und auch schon davor die innerhalb der
Gewerkschaftsorganisation bestehende Tendenz zum Oekonomismus wiederholt
kritisiert. Wenn wir dieser Tendenz nicht entgegentreten... wird es uns
nicht gelingen, (die Arbeiter) zur aktiven Teilnahme an den Arbeiterwettstreiten

- 6-

�zu bewegen. Dies erklaert sich daraus, dass der Oekonomismus eine nichtpolitische Tendenz ist.... und das Interesse der Masse zu foerdern sucht,
ohne dabei die Interessen des Staates zu beruecksichtigen."
Die Theorie des Oekonomismus besagt, dass sich die Arbeiterschaft
auf die Foerderung ihrer eigenen Interessen konzentrieren muesse; die
Bestrebungen zur Weiterentwicklung der kommunistischen Revolution wuerden
dadurch natuerlich erst an die zweite Stelle ruecken. Radio Peking wetterte am 8. Februar 1956 in einer Sendung gegen die "Arbeiterparteien und
die Sozialisten des rechten Fluegels, die eine sozialistische Demokratie
erstreben, die sich «uf die anti-marxistischen Lehren des Oekonomismus
stuetzt."
Was die Kommunisten in China unter dem Arbeiterwettstreit in der
Praxis verstehen, umriss Lai Jo-yu in der "Arbeiterzeitung" vom 20. Februar 1955« "Der Verlaengerung der Arbeitszeit sind keine Grenzen gesetzt.
Einzelne Arbeiter haben fortgesetzt 72 Wochenstunden in Sonderschichten und
Ueberstunden gearbeitet. Einzelne Fabriken haben von ihren Arbeitern verlangt, dass sie 10 Monate im Jahr selbst am Sonntag zur Arbeit erscheinen...
Die uebergrosse Beanspruchung fuehrte zu Erschoepfung und brachte ein Ansteigen der Zahl der Erkrankungen und Betriebsunfaelle mit sich. Es liegen
eine ganze Reihe von Berichten vor, nach denen Arbeiter infolge voelliger
Erschoepfung zusammenbrachen, Blutstuerze bekamen und starben. In einem
Betrieb, in dem in einem Jahr durch Sonderschichten und Ueberstundenarbeit
insgesamt 260 000 Arbeitsstunden zusaetzlich geleistet wurden, betrug der
Arbeitsausfall wegen Erkrankung fast ebensoviel, naemlich 220 000 Stunden.
Hinzu kommt, dass die Ueberbeanspruchung der Arbeiter ein Absinken der
Qualitaet der Erzeugnisse mit sich gebracht hat, so dass das Plansoll nicht
erreicht werden konnte".
Das volle Ausmass der geplanten verstaerkten Ausbeutung der Arbeiterschaft zeigte sich im Juli 1955» als der erste Fuenfjahresplan ueber die
Entwicklung der Volkswirtschaft der Chinesischen Volksrepublik auf der
Tagung des Nationalen Volkskongresses bekanntgegeben wurde. In dem Fuenfjahresplan heisst es, dass "der Wettstreit unter der Arbeiterschaft da3
regulaere und wirksame Mittel zur Steigerung der Produktivitaet der Arbeit
ist und noch erheblich verschaerft werden muss."
Dieser Gedanke wurde am 10. September 1955 ii einem Leitartikel der
Pekinger "Volkszeitung" noch weiter ausgefuehrt, in dem eine Revision der
Lohnskala im Sinne des Stueckzeit-Systems gefordert wird: "Lohnskalen,
die sich auf dem Grundsatz einer Entlohnung nach der geleisteten Arbeit
stuetzen, gestatten es den arbeitenden Massen, sich vom Standpunkt ihres
eigenen materiellen Interesses aus um eine Steigerung der Produktivitaet
zu bemuehen. Das ist das Gesetz der sozialistischen Wirtschaft. Aus diesem Grund muss das System der Entlohnung und Belohnung reorganisiert
werden. Die materielle Belohnung muss Hand in Hand gehen mit politischer
Erziehung, um (das politische Gewissen der Massen zu wecken und) ihre
Aktivitaet zu verstaerken."
Dass das Lohnniveau im rotchinesischen "Arbeiterparadies" niedriger
ist als in den freien Laendern Asiens, wird erhellt aus Zahlen, die die
chinesische Presse und fuehrende Maenner des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes bekanntgaben. Auch die Behauptung der kommunistischen Machthaber
Chinas, dass die Produktion Ende des Jahres 1955 gegenueber dem Stand vom
Jahr 1952 um 62$ zugenommen hatte, waehrend die Loehne im gleichen Zeitabschnitt nur um ^^fo gestiegen sind, beweist, wie fragwuerdig der "Fortschritt" fuer den chinesischen Arbeiter ist.
Liu Ning-i, der Stellvertretende Vorsitzende des Allchinesischen
Gewerkschaftsbundes, erklaerte im August 1954 vor einer Delegation der
britischen Labour Party in Peking, dass der durchschnittliche Monatslohn

�der Industriearbeiter in China zwischen 50 000 und 60 000 Yuan betrage.
Das entspricht nach dem offiziellen Umrechnungskurs, der noch dazu in
der Praxis nicht gezahlt wird, da der Yuan gegenueber dem US-Dollar viel
zu hoch veranschlagt ist, rund 21 bis 25 Dollar, das sind rund 88 bis
105 DM. Ungelernte Arbeiter erhielten im Jahr 1954 sogar nur den Gegenwert von 42 bis 63 DM pro Monat.
Im freien China, in Formosa, erhalten ungelernte Arbeiter dagegen
den Gegenwert von 80 bis 109 DM und Industriearbeiter von rund 122 DM.
Der Durchschnittslohn der japanischen Fabrikarbeiter verschiedener Industrien betrug im Jahre 1954 rund 210 DM und stieg im Jahre 1955 aul&lt;
fast 225 DM.
Die "Volkszeitung" warnte am 10. September 1955 die Arbeiterschaft
in einem Leitartikel (»vor, dass "eine Hebung des materiellen Wohlstandes
und eine Verbesserung des kulturellen Lebens nicht zu bald, zu rasch
und in zu grossem Umfange gefordert werden duerfte." Umgekehrt, so fuehrte
die Zeitung weiter aus, "muessen die arbeitenden Massen in dem Geist
bestaerkt werden, den Kampf entschlossen zu fuehren, die Ansprueche zurueckzustecken und alle Schwierigkeiten zu ueberwinden."
Die wahre Bedeutung des kommunistischen Wortes vom "Zurueckstecken
der Ansprueche der arbeitenden Massen" wurde den Arbeitern in der Privatindustrie im kommunistischen China im Januar 1956 klar, als private
Unternehmen in Industrie und Handel in sogenannte "gemischte staatlichprivate Unternehmen" umgewandelt, das heisst also verstaatlicht wurden.
Dieses Vorgehen entsprach ganz offensichtlich nicht den Wuenschen
der Arbeiterschaft, denn die "Volkszeitung" sah sich am 17. Januar 1956
in einem Leitartikel gezwungen, der Arbeiterschaft gut zuzureden. In
sehr vorsichtiger Form versuchte man darin der Arbeiterschaft die Notwendigkeit von Lohnverkuerzungen in diesen Betrieben klar zu machen:
"Einige Arbeiter in der privaten Wirtschaft", so heisst es in dem Leitartikel, "befuerchten, dass sie nach der Umwandlung dieser Betriebe in
gemischt staatlich-private Unternehmen geringere Loehne und Sozialleistungen erhalten werden als bisher, und dass eine Verschaerfung der Arbeitsdisziplin bevorsteht. Aus diesem Grunde stehen sie der Umwandlung in
staatliche-private Gemeinschaftsunternehmen mit Skepsis gegenueber....
Es ist deshalb in erster Linie notwendig, ihnen klar zu machen, dass
die Loehne und Sozialleistungen in einigen Betrieben der Privatwirtschaft
zu hoch waren und dass dies eine Methode der Kapitalistischen Unternehmer
War, die Arbeiterschaft zu koedern. Eine vernuenftige Angleichung der
Loehne und der Sozialbetreuung ist deshalb heute unerlaesslich. Gleichzeitig gilt es, der Arbeiterschaft in der Privatwirtschaft zu erklaeren,
dass die gemeinschaftliche Fuehrung der Betriebe durch den Staat und die
Unternehmer.... eine staendige Steigerung der Produktivitaet und Verbesserung der Betriebsfuehrung mit sich bringen wird, so dass diese
Unternehmen fortan dem Staat weit besser zu dienen vermoe^en...."
Am Rande sei hier noch bemerkt, dass der Sender Peking seinen auslaendischen Hoerern zum gleichen Zeitpunkt glauben machen wollte," dass
es anlaesslich der Verstaatlichung der Privatindustrie zu begeisterten
Ovationen fuer das kommunistische Regime gekommen sei.
Radio Peking berichtete, dass von Begeisterung erfuellte Arbeiter
sich vor den oertlichen Gewerkschaftszentralen zusammenfanden, rote
Fahnen mit sich fuehrten und begeisterte Kundgebungen cbhielten.
Wenn die Arbeiterschaft in einem kapitalistischen Land unter aehnlichen Umstaenden vor den Gewerkschaftszentralen aufmarschierte, dann
wuerde dies mit Sicherheit dazu fuehren, dass die alten Loehne weiterbezahlt

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�und die Kuerzungen in der Sozialleistung rueckgaengig gemacht werden.
Im kommunistischen China, wo die Gewerkschaften lediglich das Werkzeug
des Staates sind, fuehrten diese Demonstrationen der Arbeiterschaft zu
folgender Resolution, die am 28. Februar 1956 ueber den Sender Peking an
die Arbeiterschaft des Landes gerichtet wurde:
"Das Zentralkomitee der Partei erwartet von uns, dass wir mehr produzieren und schneller, besser und wirtschaftlicher arbeiten... Der
Allchinesische Gewerkschaf'tsbund ist entschlossen, die Arbeiterschaft des
Landes zu mobilisieren, damit sie der Forderung des Zentralkomitees mit
Begeisterung nachkommt, und sie wird darueber hinaus den sozialistischen
Wettbewerb mit allen ihr zur Verfuegung stehenden Mitteln foerdern, damit
der erste Fuenfjahresplan noch vorzeitig erfuellt wird. Dieses tatkraeftige Mandeln soll das Geschenk der Gewerkschaften zum 8. Kongresa der
Kommunistischen Partei Chinas sein.
Quelle»

Eigenbericht

US-BerKarbeitergewerkschaft baute zehn neue Krankenhaeuser
fuer Mitglieder
Als erstes von insgesamt zehn neuen Krankenhaeusern, die von der
Gewerkschaft der Vereinigten Bergarbeiter (UMW) zur "eit im Kohlenrevier
des Appalachenplateaus gebaut werden, wurde kuerzlich das Hospital in
Middlesboro feierlich eingeweiht.
Die aus Geldern des Pensionsfonds gebauten Krankenhaeuser sollen
sowohl den Gewerkschaftsmitgliedern als auch ihren Angehoerigen kostenlos fuer saemtliche aerztlichen und chirurgischen Taetigkeiten zur Verfuegung gestellt werden. Darueber hinaus aber will man auch, soweit Betten vorhanden, den uebrigen Bewohnern der Staedte und Gemeinden, in denen die neuen Krankenhaeuser errichtet werden, Aufnahme und Behandlung
zu den ueblichen Saetzen gewaehren.
Die nach den modernsten Gesichtspunkten der Technik entworfenen Gebaeude sind in ihrer Kombination von Beton, Stahl und Glas nicht nur
ungemein zweckmaessig angelegt sondern sie wirken dazu auch noch nach
aussen hin sehr attraktiv.
Die zweifellos wichtigste Neuerung dieser zehn Krankenhaeuser liegt
jedoch auf verwaltungstechnischem Gebiet. Obgleich raeumlich sehr weit
auseinander gelegen - sechs Krankenhaeuser liegen in Kentucky, drei in
West-Virginia und eines in Virginia -, bilden sie eine einzige Verwaltungseinheit. Das heisst, die gesamte Planung und saemtliche mit der Verwaltung zusammenhaengenden Fragen, wie Einkauf, Lagerung und aehnliches,
werden zentral gesteuert. Ebenso der Einsatz und die Dispositionen ueber
Aerzte und Hilfspersonal. Da die Krankenhaeuser durch ein Fernschreibnetz
miteinander verbunden sind, kann zum Beispiel ein Spezialist sehr schnell
in dasjenige Krankenhaus gerufen werden, wo er dringend benoetigt wird,
oder aber es koennen auf diese Weise ploetzlich auftauchende medizinische
und andere Fragen ohne Zeitverlust zwischen den Aerzten geklaert werden.
Die grossen Krankenhaeuser in Williamson, Beckley und Harlan werden dabei
als "Stuetzpunkte" fungieren und ueber all diejenigen Einrichtungen verfuegen, die in den kleineren Krankenhaeusern nicht vorhanden sind.
Auch die Versorgung der einzelnen Krankenhaeuser erfolgt zentral.

- 9-

�Waehrend saemtliche eingekauften Waren in Williamson gelagert und von
dort aus verteilt werden, erfolgt die Belieferung der einzelnen Hospitaeler mit Arzneien von einer Zentralapotheke aus.
Ebenso will man auch die Fachkraefte einheitlich ausbilden. Eine
Schule fuer Krankenschwestern, in der Junge Maedchen in dreijaehrigen Kursen alles das erlernen sollen, was in der modernen Krankenpflege benoetigt
wird, soll in Harlan errichtet werden, wo sich bereits eine Schule fuer
ausgebildete Schwestern befindet.
Neu ist in den einzelnen Krankenhaeusem auch der organisatorische
Aufbau. So wird unter anderem nur eine Hauptkrankenkartei gefuehrt werden,
in der die Schwestern all das in die Krankenpapiere eintragen koennen,
was die Aerzte ueber Telefone, die an automatisch arbeitende Diktatgeraete
angeschlossen sind, hinsichtlich Diagnose oder Krankheitsverlauf aussagen.
Auch die Krankenpflege wird in den neuen Krankenhaeusem, die insgesamt 1040 Betten - zwischen 50 und 200 - haben werden, durch verschiedene moderne Einrichtungen erheblich erleichtert. So koennen die Schwestern
jederzeit, ohne ihren Raum verlassen zu muessen, ueber ein audio-visuales
System sich mit den Patienten verstaendigen, und zur Behandlung stehen
ihnen "Verbandskarren" zur Verfuegung, die taeglich mit allen fuer die
Krankenpflege, zur Behandlung oder Erneuerung der Yerbaende benoetigten
Sachen aufgefuellt werden und somit zeitraubende und anstrengende Caenge
fuer das Personal ersparen helfen.
Quelle: Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Ein Unternehmer hat eine Tarifverhandlung mit der Gewerkschaft dann
nicht im Sinne von "Treu und Glauben" gefuehrt, wenn er die von der Gewerkschaft geforderte Lohnerhoehung mit dem Hinweis ablehnt, dass diese
wirtschaftlich nicht tragbar sei, und er gleichzeitig eine Einsichtnahme
in die Geschaeftsbuecher durch die Arbeitnehmerorganisation verweigert.
Diese Entscheidung faellte der Oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten, der damit mit sechs zu drei Stimmen ein Urteil des
"National Labor Relations Board" (NLRB) bestaetigte, durch das der "Truitt
Manufacturing Company" in Greensboro (Nord-Karolina) auferlegt worden war,
der Gewerkschaft der Bruecken- und Eisenkonstruktionsarbeiter (BSOIW) die
entsprechenden Unterlagen ueber die wirtschaftliche Lage des Unternehmens
zugaengig zu machen.
Diese Entscheidung wurde vom NLRB gefaellt, nachdem die Truitt Company die von der Gewerkschaft geforderte Lohnerhoehung von 10 Cent pro
Stunde mit der Begruendung abgelehnt hatte, dass nur eine Erhoehung um
2,5 Cent wirtschaftlich tragbar sei und die Gewericschaft daraufhin eine
Einsichtnahme in die Geschaeftsbuecher forderte, die aber ebenfalls verweigert wurde.
Dieser Spruch des NLRB wurde dann spaeter durch den Appelationsgerichts
hof in Richmond (Virginia) aufgehoben und in dem Urteil betont, dass der
Abschnitt im Taft-HartleyrGesetz ueber "Treu und Glauben" bei Kollektivverhandlungen eine Einsichtnahme in die Geschaeftsbuecher nicht vorsehe.
In dem Urteil des Obersten Gerichtshofes wird allerdings ausdruecklich
betont, dass diese Entscheidung nicht allverbindlich sei. In der Urteilsbegruendung erklaerte der Richter Hugo L. Black im Namen der Mehrheit,

10

�&gt;
dass die wirtschaftlichen Moeglichkeiten des Unternehmens hinsichtlich
Lohnerhoehungen bei Tarifverhandlungen allgemein beruecksichtigt wuerden
und des oefteren schon Lohnforderungen der Arbeitnehmer auf Grund der
schwierigen wirtschaftlichen Lage zurueckgestellt worden seien. Desgleichen seien Faelle bekannt, in denen die Arbeiter und Angestellten freiwillig Lohnherabsetzungen auf Grund der schlechten finanziellen Lage des
Unternehmens beantragt haetten.
Aus diesem Grunde sei es bei in "Treu und Glauben" gefuehrten Kollektivverhandlungen auch durchaus erforderlich, dass die vorgebrachten Argumente aufrichtig seien. Wenn solch ein Argument wichtig genug sei, um
bei den TarifVerhandlungen zur Sprache zu Kommen, dann sei es auch wichtig genug, den Beweis dafuer zu erbringen.

Die zunehmende Bedeutung der industriellen Wohlfahrts- und Pensionsprogramme fuer die soziale Sicherheit der amerikanischen Arbeitnehmer
zeigt eine Studie auf, die vom Senatsunterausschuss fuer Arbeitsfragen
jetzt fertiggestellt wurde.
Danach werden zur Zeit rund 75 Millionen Amerikaner - das ist fast
die Haelfte der Bevoelkerung - von solchen ganz oder teilweise von den
Unternehmern finanzierten Flaenen erfasst. Im einzelnen sind es 2$ Millionen Arbeitnehmer mit etwa 46 Millionen Angehoerigen, die gegen Krankheit,
Unfall, Invaliditaet und (oder) Alter versichert sind.
Nach Angaben des Vorsitzenden des Senatsunterausschusses, Senator
Paul H. Douglas, werden jaehrlich in diese V rsicherungsfonds, die gegenwaertig eine Gesamthoehe von etwa 25 Milliarden Dollar aufweisen duerften,
rund 7 Milliarden Dollar eingezahlt. Die Gesamtzahl der zur Zeit in Kraft
befindlichen Plaene,. die saemtlich auf Grund von Kollektivverhandlungen
zwischen den Sozialpartnern geschaffen wurden und von denen die ueberwiegende Zahl nur Beitragsleistungen durch den Arbeitgeber vorsieht, liegt
nach Angaben von Senator Douglas bei etwa 500 000.
In einem kuerzlich veroeffentlichten Bericht hatte der gleiche Ausschuss schon gefordert, dass all diese Flaene durch bundes- und.einzelstaatliche Gesetze geschuetzt werden sollten. Nach Ansicht der Ausschussmitglieder sei dies deshalb notwendig, da, "obwohl die ueberwiegende
Mehrzahl dieser Fonds ordnungsgenaess und richtig verwaltet wird, in
einigen Faellen die Rechte und Anteile der Mitglieder in unverantwortlicher
Weise gefaehrdet werden." In anderen Faellen wiederum wuerden die Mittel
dieser"Fonds vergeudet" oder von "Skrupellosen als Jagdgruende" betrachtet.
Ausserdem wies der Ausschuss in seinem Bericht darauf hin, dass die
gesamte Verwaltung dieser Mittel auf Grund der gewaltigen Zunahme dieser
Programme seit Beendigung des letzten Krieges ungemein kompliziert geworden und teilweise nicht mehr mit den derzeitigen Gesetzen und staatlichen Kontrollen in Einklang zu bringen sei. Aus diesem Grunde solle
ein Gesetz geschaffen werden, das die oeffentliche Eintragung solcher
Programme zur Pflicht mache. Solche Fonds, die mehr als 100 Mitglieder
umfassen, sollten zudem zur Abgabe detaillierter Geschaeftsberichte und
- soweit erforderlich - zur regelmaessigen Buchpruefung verpflichtet werden.
In einer Stellungnahme zu den Vorschlaegen des Senatsunterausschusses erklaerte der 1. Vorsitzende des grossen amerikanischen Gewerkschaftsverbandes "AFL-CIO", George Meany, dass die unparteiische und objektive
Art, mit der der Ausschuss seine Untersuchung durchgefuehrt habe, volle
Anerkennung verdiene. Auch der Abschlussbericht sei konstruktiv und
- 11 -

�informativ. Meany forderte den Kongress auf, sich unverzueglich mit den
Empfehlungen des Ausschusses auseinanderzusetzen und ein entsprechendes
Gesetz zu verabschieden.

Einen neuen Weg in der medizinischen Betreuung ihrer Gewerkschaftsmitglieder ist jetzt die bekannte "Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter" ("International Ladies Garment Workers Union" - ILGW -) gegangen, indem sie eine Flotte von 12 motorisierten Ambulanzstationen ausruestete, die fuer den Einsatz in den Fabriken gedacht sind.
Diese fahrbaren Ambulanzen sind als Ergaenzung zu den insgesamt 17
sogenannten "health centers" (Gesundheitsbetreuungsstellen) der Gewerkschaft gedacht, die sich ge^enwaertig in den groessten amerikanischen
Staedten befinden und durch die rund drei Viertel der insgesamt 440 000
Mitglieder betreut werden. Sie sollen dabei in erster Linie in abgelegeneren Gebieten eingesetzt werden.
Die Gesamtkosten fuer die Ausruestung dieser "fliegenden" Ambulanzen
wurden vom ersten Vorsitzenden der ILGW, David Dubinsky, mit rund 500 000
Dollar veranschlagt. Die einzelnen Fahrzeuge will man genauso ausruesten
wie die Versuchseinheit, die bereits seit einem Jahr im Staate Pennsylvanien eingesetzt ist und die 55 000 Dollar kostete. Neben der medizinischen Betreuung der Gewerkschaftsmitglieder sollen sie auch in Katastrophen
und Notfaellen, wie erst kuerzlich bei den schweren Ueberflutungen und Orkanen in Pennsylvanien, Verwendung finden.
Die rund 10 Meter langen und 2,60 Meter breiten "Motorisierten Kliniken" enthalten neben einem Empfangs- und Behandlungsraum zwei UmKleidekabinen, je einen Roentgenraum sowie ein komplett eingerichtetes Laboratorium. Weiterhin sind die Fahrzeuge mit einer Klimaanlage, Behaeltern
fuer Kalt- und '.Varmwasser sowie zur Aufnahme der Abwaesser ausgeruestet.
Neben einem Arzt gehoeren eine ausgebildete Krankenschwe-ster und ein Techniker zur Besatzung.
Der Vorteil dieser motorisierten Kliniken besteht darin, dass sie
direkt zu den Arbeitern in die Fabrik fahren koennen, so dass in Vereinbarung mit den Unternehmen regelmaessig Reihenuntersuchungen durchgei'uehrt
werden koennen. Diese Reihenuntersuchungen, die neben der normalen Betreuung durchgefuehrt werden sollen, schlieasen ausser einer vollkommenen
Roentgenuntersuchung die Messung des Blutdruckes, die Anfertigung eines
Elektro-Kardiogramms sowie Ohren-, Nasen-, Augen- und Halsuntersuchungen
ein.
Es versteht sich am Rande, dass saemtliche Untersuchungen fuer die
Mitglieder der Damenoberbekleidungsgewerkschaft natuerlich kostenlos durchgefuehrt werden.

- 12 •. JUN &gt;•

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material Aber ArbeitsbeziehunKen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wercjen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mchlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 12

Mehlem, den 22. Juni 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der
Seite 1
privaten Arbeitslosenunterstuetzung
Seite

8

Die Freizeit als Faktor im Wirtschaftsleben
Seite 11
"Revidierter Garantierter Jahreslohn" in der Praxis
Seite 12
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

ffohn V. HoConnel,
Professor der Soziologie an der Cornell-Universitaet, USA:
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der privaten Arbeitslosenunterstuetzung
Die Abkommen fuer einen "garantierten Jahreslohn", die im letzten
Sommer in der Autoindustrie realisiert wurden, unterscheiden sich erheblich von den urspruenglich von den Gewerkschaften vorgeschlagenen Plaenen.
Diese neuen, als zusaetzliche Arbeitslosenversicherung bezeichneten Plaene, bilden dabei eine gute Basis fuer eine Diskussion ueber den garantierten Jahreslohn in seiner derzeitigen Form. Bei den Leistungen aus der
zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung handelt es sich um variable Leistungen, die neben der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung aus einem vom
Arbeitgeber finanzierten und unter Treuhandverwaltung stehenden Fonds an
entlassene Arbeiter gewaehrt werden.
Die Plaene der Firmen "Ford", "General Motors" und der Automobilarbeitergewerkschaft sind in der Oeffentlichkeit des langen und breiten diskutiert worden. Doch gibt es auch noch andere Formen einer zusaetzlichen
Arbeitslosenversicherung wie zum Beispiel die Plaene, die von der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft mit den zwei groessten amerikanischen Konservendosenfabriken - der American und der Continental Can Company - ausgehandelt wurden sowie die Abkommen zwischen Tafelglasherstellern und
der Glas- und Keramikarbeitergewerkschaft. Ebenso hat die Gewerkschaft der
Damenoberbekleidungsarbeiter (ILGW) mit einer Gruppe von Industriebetrieben in Allentown (Pennsylvanien)
eine zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung in Hoehe von 2 Dollar taeglich fuer Arbeiter und Angestellte
mit sechsmonatiger Betriebszugehoerigkeit ausgehandelt.
- 1 -

�Gemeinsame Fonds oder individuelles Sparen
Der Plan der Glasarbeiter laeuft tatsaechlich auf nichts anderes als
auf ein Zwangssparen hinaus. Es ist nicht das erste Mal, dass Flaene fuer
individuelles Zwangssparen in den USA als Ersatz fuer Arbeitslosenunterstuetzungen ernsthaft vorgeschlagen wurden. Von Vertretern der Arbeitgeberverbaende sind sie dabei als eine "typisch amerikanische Methode zur Erreichung wirtschaftlicher Sicherheit" schon oft befuerwortet worden.
Die Kernfrage, welchem System der Vorzug zu geben ist, dreht sich dabei in
erster Linie darum, wie das Risiko am besten getragen werden kann. In den
Diskussionen ueber das im Jahre 1935 erlassene Sozialversicherungsgesetz
wurde das individuelle Sparen und die Einrichtung von Fonds zur Arbeitslosenunterstuetzung durch die einzelnen Arbeitgeber von denjenigen befuerwortet, die zwischen der Arbeitslosenversicherung und der Invaliditaetsversicherung eine Farallele zogen. Das Gesetz ueber die Sozialversicherung
sieht daher private Unterstuetzungskassen des Arbeitgebers und Massnahmen
zur Sicherung des Arbeitsplatzes vor, weil die Arbeitslosigkeit damals allgemein und ihr Ende nicht abzusehen war, und nur gemeinsame Fonds die geeignete Form fuer Arbeitslosenunterstuetzungen zu sein schienen. Die Frage,
gemeinsame Fonds oder individuelles Sparen der Betriebe, steht immer noch
zur Debatte - doch sie ist heute von geringerer Bedeutung als vor 20 Jahren,
da die vom Bund und den Einzelstaaten getragene Arbeitslosenversicherung
dem einzelnen ein Existenzminimum sichert. Trotz ihrer UnzulaenglichKeiten
bilden die staatlichen Massnahmen eine Grundlage, auf der sich eine zusaetzliche Arbeitslosenversicherung aufbauen laesst. Die Frage, ob diese zusaetzlichen Unterstuetzungen durch individuelles Sparen oder durch gemeinsame Fonds aufgebracht werden sollen, sollte man daher ruhig den beiden
Sozialpartnern ueberlassen. Die einzelnen Industriezweige moegen sich dabei fuer das eine oder das andere System entscheiden, je nach den Erfahrungen, die sie hinsichtlich der Beschaeftigungsschwankungen gemacht haben, wobei die Wuensche ihrer Belegschaften zu beruecksichtigen sind und
gewaehrleistet sein muss, dass die wirtschaftliche Sicherheit der Arbeiter
auf weite Sicht gesehen nicht gefaehrdet wird.
Individuelle Fonds sind als Mittel vorgeschlagen worden, um verschiedene Einwaende zu entkraeften, die gegen die zusaetzliche Arbeitslosenunters tuetzung in Form von gemeinsamen Unterstuetzungsfonds vorgebracht
wurden.
Die Vorzuege des individuellen Fonds werden damit begruendet, dass
sie
1. fuer diejenigen Angestellten und Arbeiter wirtschaftlich vorteilhafter sind, die schon laengere Zeit im Betrieb beschaeftigt sind und die
kaum mit einer Entlassung zu rechnen haben, und sie die Vorteile aufwiegen gegenueber den seit kuerzerer Zeit im Betrieb beschaeftigten Arbeitern und Angestellten, die aus der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
unterstuetzt werden.
2. die Inanspruchnahme des Fonds sowohl im Falle der Arbeitsunfaehigkeit wie bei Eintritt der Arbeitslosigkeit gestatten.
3. dem einzelnen Arbeiter oder Angestellten einen Anspruch auf den
Arbeitgeberanteil gewaehren. Wenn, was wahrscheinlich ist, dieser. Anteil
mehr als ausreichend ist, um die Unterstuetzungsleistungen an die Arbeitslosen nach ihrem gegenwaertigen Stand zu finanzieren, kann sich der Arbeiter beziehungsweise dessen Familie den ueberschuessigen Betrag bei seinem
Ausscheiden aus dem Betrieb, bei seiner Pensionierung oder im Falle seines
Todes auszahlen lassen.
i

4* die formelle Genehmigung durch die Regierung des Einzelstaates
bei der Auszahlung von Unterstuetzungen nicht erforderlich machen, obwohl
der Anspruch neben der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung ausgezahlt
wird.
- 2 -

�.Verschiedene Aspekte der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
Die Bedingungen fuer die Gewaehrung von Unterstuetzungen sind bei
der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung strenger als bei der staatlichen
Arbeitslosenversicherung. Die Bezugsberechtigung setzt die ununterbrochene
Be3Chaeftigung in einem einzigen Betrieb voraus, und die Beschaeftigungsdauer betraegt nach den zwischen der Automobilindustrie der Automobilarbeitergewerkschaft aufgestellten Plaenen ein Jahr, waehrend die von den
Konservendosenfabriken und der Stahlarbeitergewerkschaft aufgestellten
Flaene eine Beschaeftigungsdauer von drei Jahren voraussetzen. Zum Bezug zusaetzlicher Arbeitslosenunterstuetzungen fuer die Dtiuer einer Woche ist berechtigt, wer wenigstens zwei Wochen voll gearbeitet hat. Die
staatliche Arbeitslosenversicherung setzt dagegen mindestens 20 Wochen
Vollarbeit voraus, unabhaengig davon, wie oft der Unters tuetzungsempfaenger
in dieser Zeit seinen Arbeitsplatz gewechselt hat, und haeufig sind die
Voraussetzungen zum Bezug der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung auch
dann gegeben, wenn die Bedingungen ueber die Hoehe des Arbeitseinkommens
bei einer kuerzeren Arbeitszeit erfuellt werden. Die zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung wird nur gewaehrt, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes
durch eine Handlung des Arbeitgebers bedingt ist und nicht auf Grund disziplinarischer Massnahmen erfolgte sowie ferner nicht die Folge war von
a) Streiks, Sitzstreiks, Betriebsstillegungen, der Besetzung eines
Werks durch Streikposten (unabhaengig davon, ob sie von der Belegschaft
selbst aufgestellt wurden oder nicht), oder gemeinsamer Aktionen in einem
oder mehreren Industriebetrieben, oder Streitigkeiten jeder Art, in die
Arbeiter oder Angestellte verwickelt werden, sei es innerhalb oder ausserhalb ihres Betriebes, oder
b) einem schuldhaften Verhalten des Antragstellers selbst; oder
die Folge war c) von kriegerischen oder feindlichen Handlungen seitens einer fremden Macht (nicht jedoch als Folge damit verbundener staatlicher Massnahmen oder Kontrollen) oder
d) von Sabotage oder Aufruhr, oder wenn
e) sie auf Grund hoeherer Gewalt erfolgten (Vertrag zwischen Ford
und der Automobilarbeitergewrrkschaft, Art. V., Abschn. 2/4.)
Die meisten Einzelstaaten nehmen dagegen in diesen Faellen (ausser
bei Streiks) unverzueglich beziehungsweise kurze Zeit nach Eintritt des
Versicherungsfalls die Zahlungen zur Arbeitslosenversicherung auf.
Obgleich die Automobilarbeitergewerkschaft vor Abschluss ihrer Verhandlungen mit den Automobilwerken in der Oeffentlichkeit klär zum Ausdruck brachte, dass sie mit ihren Forderungen nach einem garantierten
Jahreslohn den Zweck verfolgte, das Verlangen der Arbeitgeber nach zusaetzlichen Ausschliessungsgruenden bei der Gewaehrung der Arbeitslosenunterstuetzung zu neutralisieren, duerfte es verfehlt sein, anzunehmen,
dass die Arbeitgeber, es sei denn unter starkem Druck, jemals der Zahlung von Arbeitslosenunterstuetzungen zustimmen wuerden, wenn die Ursache der Arbeitslosigkeit allein auf ein Verschulden des Arbeiters oder
auf andere Gruende als Arbeitsmangel zurueckzufuehren ist. Durchaus annehmbar waere dagegen der Vorschlag, die Unterstuetzungen nach dem Vorbild
der staatlichen Sozialversicherungen zu leisten, wenn die Arbeitslosigkeit auf soziale Ursachen zurueckzufuehren ist, wie etwa bei Stoerungen
des Wirtschaftslebens durch Kriegseinfluesse. Veit schwerer laesst sich
die Forderung begruenden, die Arbeitgeber im Rahmen privater Programme
fuer Verluste aufkommen zu lassen, fuer die sie selbst in keiner Weise
verantwortlich sind.

- 3 -

�In den zwischen den Automobilarbeiter- und Stahlarbeitergewerkschafien und den Automobil- beziehungsweise Konservendosenfabriken vorgesehenen
Vertraegen werden die Unterstuetzungsleistungen auf 60 beziehungsweise
65 Prozent vom Einkommen nach Abzug der Steuern festgesetzt. Diese Formel
wirkt sich dabei dahingehend aus, die grossen Unterschiede in der Staffelung der Saetze, wie sie heute bei verschiedenen Systemen der Arbeitslosenunterstuetzung in den einzelnen Staaten bestehen, zu verringern, eine
Frage, die auch von den an den verschiedenen Plaenen beteiligten Werken
bcgruesst wird. Der Abschluss von Kollektivvertraegen mit Industriewerken,
die ueber mehrere Einzelstaaten verstreut sind, hat bereits die Unterschiede in der Staffelung der Lohnsaetze in der gleichen Industrie, wie
sie zwischen den Einzelstaaten bestanden, weitgehend vermindert. Die zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung verringert heute auch die Unterschiede der gestaffelten Unterstuetzungssaetze der Arbeitslosenversicherung, die zwischen den Einzelstaaten bestanden hatten.
In den Flaenen der Xonservendosenfabriken und der Stahlarbeiter sind
auch Familienunterstuetzungen vorgesehen. In die Plaene fuer die Arbeiter
der Automobilindustrie wurden diese Leistungen jedoch nicht aufgenommen,
statt dessen die Unterschiede in den gestaffelten Saetzen der Arbeitslosenversicherung zwischen den ledigen und verheirateten Arbeitern mit Familie in denjenigen Staaten verringert, die Familienunterstuetzungen oder
variable Hoechstsaetze gewaehren. Zum Beispiel werden durch die zusaetzliche Arbfitslosenunterstuetzung in Michigan die gestaffelten Unterstuetzungssaetze fuer ledige Fordarbeiter, die 1,75 Dollar in der Stunde
verdienen, gegenueber Arbeitern mit einer vierkoepfigen Familie um 40 Prozent verringert. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, die gestaffelten
Unterstuetzungssaetze betragen bei ledigen Arbeitern, die einen Stundenlohn
von 2,18 Dollar erhalten, 6 Dollar gegenueber 14 Dollar fuer verheiratete
Arbeiter mit dem gleichen Stundenlohn.
Ob und in welcher Weise hohe Unterstuetzungssaetze einen Arbeitsanreiz bilden, laesst sich heute noch nicht genau beurteilen. Bisher ist das
Tatsachenmaterial noch zu gering, um Licht auf dieses Froblem werfen zu
koennen.
Die Forderung nach gleichen Sozialaufwendungen der Betriebe ist einer
der Hauptgrundsaetze, die die meisten Gewerkschaften gewoehnlich in den
Tarifverhandlungen stillschweigend voraussetzen. Die Anwendung dieses Prinzips in der Frage des garantierten Jahreslohns, der zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzung oder der Altersversorgung bei so unterschiedlichen
Industriekonzernen wie Ford und General Motors einerseits und American Motors andererseits, ist durchaus nicht leicht gewesen. Doch wurde bei den
Verhandlungen ueber die zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung fuer die
Automobilindustrie dieser Zweck scheinbar ganz automatisch durch die folgenden Bestimmungen erreicht«
1. Die Zahlung gleicher Beitraege von 5 Cent pro Arbeiter und
Arbeitsstunde.
2. Waehrend der Dauer des Abkommens werden von saemtlichen Betrieben
entsprechend der Zahl ihrer Belegschaftsmitglieder die gleichen Beitragsraten gezahlt bis nach Ablauf von fast vier Jahren (in denen keine Unterstuetzung gezahlt wird) der Fonds auf eine Summe angewachsen ist, dass
sich weitere Beitragsleistungen eruebrigen.
3. Dxe Unterstuetzungsleistungen werden
der gleichen Formel berechnet, doch sind die
und die Gesamthoehe des Unterstuetzungsfonds
und richten sich je nach deren betrieblichen

fuer saemtliche Betriebe nach
Dauer der Beitragsleistungen
der Betriebe verschieden
Gegebenheiten.

Daher duerften, trotz der Gleichheit der Vertraege, die unterschiedlichen betrieblichen Gegebenheiten der einzelnen Firmen waehrend der

- 4-

�dreijaehrigen Laufzeit der Vertraege ueberhaupt keinen Einfluss auf die
Betriebskosten haben, desto staerker aber duerften sich die betrieblichen
Gegebenheiten der einzelnen Firmen im Laufe der Zeit auf ihre Beitragsleistungen auswirken.
Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der zusaetzlichen
Arbeitslosenunterstuetzung
Wie wird sich nun diese zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung in
wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht auswirken? Bezeichnenderweise sind
diese Plaene weder von den Arbeitgebern noch von der Fachwelt so kritisch
wie die im Jahre 1949 in Tarifverhandlungen zustande gebrachte Altersversorgung aufgenommen worden. Im allgemeinen waren die Beurteilungen ueber
die moeglichen Auswirkungen der zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzung
auf verschiedene Teile der amerikanischen Wirtschaft trotz unterschiedlicher Auffassungen gewoehnlich sachlich und objektiv und boten keine Gelegenheit zu lebhaften Auseinandersetzungen.
Die Frage der wirtschaftlichen Auswirkungen wird natuerlich in hohem
Grade davon bestimmt, wie schnell die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung
auch in der uebrigen amerikanischen Wirtschaft Eingang findet und auf wie
viele Arbeiter und Industriezweige sie schliesslich ausgedehnt wird.
Schaetzungsweise werden heute etwas ueber eine Million Arbeiter von der
zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung erfasst. In drei Jahren werden
vielleicht die Haelfte oder drei Viertel aller gewerkschaftlich organisierten Arbeiter - soweit ihre Organisationen heute noch daran interessiert
sind - zum Bezug zusaetzlicher Arbeitslosenunterstuetzung berechtigt sein.
Bei folgenden Gewericschaften duerfte das der Fall sein« bei der Gewerkschaft der Automobilarbeiter, der Eisen- und Stahlarbeiter, der Glas- und
Keramikarbeiter, der Internationalen Gewerkschaft der Elektroarbeiter,
der Gewerkschaft ameriKanischer Seeleute, vermutlich auch bei der Internationalen Gewerkschaft der Transportarbeiter, der Internationalen Gewerkschaft der Arbeiter der Damenoberbekleidungsindustrie und der Internationalen Maschinistengewerkschaft mit insgesamt etwa 4,7 Millionen Mitgliedern. Auf Grund des kuerzlich mit der Firma "General Electric" auf 5
Jahre abgeschlossenen Tarifvertrages kann die Gewerkschaft der Elektroarbeiter in dieser Liste nicht aufgefuehrt werden.' Im Gegensatz zur privaten Altersversorgung duerfte jedoch die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung in der amerikanischen Wirtschaft im allgemeinen keine so schnelle
Verbreitung finden, weil sie nicht dringend notwendig ist, da die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung nicht wie die Altersversorgung mit
der Personalpolitik der Betriebe so eng verlcnuepft ist und weil die nicht
in Vrrbaenden zusammengeschlossene Arbeitgeberschaft kaum geneigt sein
duerfte, Beitraege fuer eine zusaetzliche Arbeitslosenversicherung zu zahlen. Anders als bei der Altersversorgung wird die weitere Entwicklung
voraussichtlich nur in verhaeltnismaessig beschraenktem Umfange erfolgen und in den naechsten drei Jahren duerfte die Zahl von 3 bis 5 Millionen
Arbeitern vermutlich nicht ueberschritten werden. Der staerkste Widerstand gegen eine Ausdehnung der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
duerfte vermutlich von den Justiznunistern und den gesetzgebenden Koerpe-'schaften der E.nzelstaaten ausgehen, die sich weigern werden» eine Integrierung der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung in die staatliche
Arbeitslosenversicherung zu legalisieren, dann aber auch besteht in den
Gewerkschaften selbst Uneinigkeit in dieser Frage zwischen Gewerkschaftsmitgliedern, die bereits lange in ihrem Beruf taetig sind und solchen,
bei denen das nicht der Fall ist.
Die Frogramme der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzungen
Auf Grund der Erfahrungen, die bei der im Jahre 1949 eingeführten
und auf der staatlichen Alters- und Hinterbliebenenfuersorge aufgebauten
privaten Altersversorgung gesammelt wurden, nimmt man an, dass die im

- 5-

�Aufbau begriffene private Arbeitslosenversicherung zu einer Liberalisierung der staatlichen Arbeitslosenversicherung fuehren wird. In gewissem Masse scheinen die im vergangenen Jahr in mehr als 30 Einzelstaaten gezahlten hoeheren Unterstuetzungssaetze zum Teil auf die gewerkschaftlichen Forderungen auf Gewaehrung des garantierten Jahreslohnes zurueckzufuehren zu sein. Doch herrschte allgemeine Unzufriedenheit wegen verzoegerter Auszahlungen der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzungen, und dem Wunsche nach verbesserten Leistungen wurde von
lraesident Eisenhower auch formell Ausdruck gegeben, als er im Januar
1954 einen Ausbau und die Verbesserung der staatlichen Arbeitslosenversicherung forderte. Trotz dieser Einfluesse werden die Unternehmer im
allgemeinen jedoch gegenueber erhoehten Leistungen der staatlichen Arbeitslosenversicherung eher als gegenueber den Leistungen aus der Alters- und Hinterbliebenenversicherung aus finanziellen Gruenden Widerstand entgegensetzen, da die gesamten Kosten sowohl fuer die staatliche
wie fuer die private Arbeitslosenversicherung von ihnen allein aufgebracht
werden mue^.sen, waehrend bei der Alters- und Hinterbliebenenversicherung
die Haelfte der Bcitraege von den Arbeitnehmern getragen wird. Zahlreiche
Arbeitgeber werden nur dann erhoehten Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung zustimmen, wenn die Bedingungen verschaerft werd«n, die zum
Bezug der Unterstuetzung berechtigen, beziehungsweise nur unter der
Voraussetzung, dass eine andere Gegenleistung erfolgt. An dieser Einstellung gegenueber der staatlichen Arbeitslosenversicherung duerfte auch die
private Arbeitslosenversicherung nichts aendern.
Der Forderung der Gewerkschaften nach einer Revision der Gesetze
ueber die staatliche Arbeitslosenversicherung duerfte ebensowenig Erfolg
beschieden sein wie in der Vergangenheit. Ihre Schlappe anlaesslich der
vom "Congress of Industrial Organizations" (CIO) im November 1955 in
Ohio beantragten Abstimmung, in der die Erhoehung der Arbeitslosenunterstuetzung auf 50 Dollar woechentlich, die Erweiterung der Bezugsdauer auf
39 Wochen und der Einbau der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung in
die staatliche Arbeitslosenversicherung gefordert wurden, und in der sie
mit 2 zu 3 unterlagen, ist ein extremes Beispiel fuer den Widerstand,
auf den die Gewerkschaften bei ihrem Eintreten fuer eine erweiterte staatliche Arbeitslosenversicherung stossen. An der grundsaetzlichen Einstellung der Arbeitgeberverbaende sowohl wie der Gewerkschaften bei ihren Verhandlungen ueber Fragen der staatlichen Arbeitslosenversicherung, aus
denen die Arbeitgeberverbaende gewoehnlich als Sieger hervorgingen, wird
sich auch durch die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung nichts aendern.
In den gesetzgebenden Koerperschaften der Einzelstaaten ist der Einflussder
nicht in Verbaenden organisierten kleinen Unternehmer, Farmer und Angehoerigen der freien Berufen in den kleinen Staedten, die alle nur indirekt von der privaten zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung beruehrt
werden, sehr stark. Eine Revision der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung duerfte vermutlich nur durch einen Kompromiss zwischen ihrer
Einstellung einerseits und der der Grossbetriebe und der Gewerkschaften
anderseits Zustandekommen.

Die Auswirkungen auf die Beschaeftigungspolitik der Industriebetriebe
In diesem fruehen Entwicklungsstadium lassen sich die Auswirkungen
der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung auf die Beschaeftigungspolitik
der Industriebetriebe noch nicht vorausbestimmen. Professor Sumner H.
Slichter erklaerte in dieser Frage, dass cie Auswirkungen nur gering sein
wuerden, da die Einfluesse der Maerkte, von denen der Unternehmer in
seinen Handlungen bestimmt wird, verglichen mit der geringen Summe, die
er fuer die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung aufbringen muss, weit
staerker sind. Jedoch ist das Ansteigen der Ueberstundenarbeit im Industriebez.irk von Detroit das ganze vergangene Jahr hindurch ein, wenn
auch nicht voellig ueberzeugender, Beweis dafuer, dass man bemueht ist,

- 6-

�die Zahl der Arbeitskraefte in der Automobilindustrie im Hinblick auf
kuenftige, nach dem Inkrafttreten der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung eintretende moegliche Produktions-Einschraenkungen knapp zu
halten.
Durch die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung duerfte eine ganze
Reihe unrentabler Betriebe zur Liquidation gezwungen werden. Diese Auswirkung haengt aber weniger mit der Groesse eines Betriebes zusammen,
als mit der Leistungsfaehigkeit des Unternehmens oder mit dem temporaeren
Trend im gesamten Industriezweig. Die Statistik zeigt, dass in New York
der Beschaeftigungsstand der mittelgrossen Betriebe (weit geringer als
bei den kleinen Unternehmen) am wenigsten stabil ist. Daher wird sich
die zusaetzliche Aibeitslosenversicherung vermutlich weniger nachteilig fuer die kleinen Unternehmer auswirken als allgemein angenommen wurde. Die in dem zwischen der Automobilindustrie und der Automobilarbeitergewerkschaft abgeschlossenen Abkommen enthaltene Bestimmung, nach der
die Belegschaftsmitglieder jede ihnen von ihrem Betrieb angebotene Arbeit im Räume Detroit annehmen muessen, gewaehrleistet durch eine Verschiebung der Arbeitskraefte innerhalb des Betriebes die Stabilitaet des Beschaef tigungsstandes. Die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung duerfte,
wenn der Fonds seinen Hoechststand erreicht hat, dem Unternehmer finanziell einen bescheidenen Anreiz bieten, seinen Belegschaftsmitgliedern
ihre Arbeitsplaetze zu erhalten. Bis dahin muessen jedoch die finanziell
starken wie die finanziell schwachen Betriebe den gleichen Satz von 5
Cent pro Mann und Arbeitsstunde an die Fonds abfuehreh.
Das Verhaeltnis der Sozialpartner zueinander
Die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung koennte sich auch in bezug
auf einen der wichtigsten Grundsaetze der amerikanischen Gewerkschaftspolitik bedeutsam auswirken, das Senioritaetsprinzip. Die Industriegewerkschaften haben sich seit Jahren staendig darum bemueht, dem irinzip
der Senioritaet Geltung zu verschaffen und sein Anwendungsgebiet zu erweitern. Zwar wird heute auch bei der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung auf die Dauer der beruflichen Taetigkeit Gewicht gelegt, doch
ist der Wert der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung fuer die laenger
im Beruf stehenden Arbeiter immer noch umstritten, weil deren Arbeitsplaetze bereits weitgehend,infolge ihrer langen Berufstaetigkeit, gesichert sind. Wird eine zusaetzliche. entweder durch erhoehte Unterstuetzungssaetze oder durch eine Verlaengerung der Bezugsberechtigung
verbesserte Arbeitslosenversicherung nicht die Senioritaet der seit langem in ihrem Beruf beschaeftigten Arbeiter in ihrem Wert mindern?
Die geringere Bedeutung, die infolge der Einfuehrung der zusaetzlichen
Arbeitslosenversicherung der Seftioritaet als Grundlage zur Sicherung des
Arbeitsplatzes zukommt, spricht fuer eine Revision der Senioritaetsklauseln in den Tarifvertraegen, weil sie den Arbeitgebern beim Einsatz
und bei der Verteilung der Arbeitskraefte freiere Hand laesst. Wuerde es
zum Beispiel nicht moeglich sein, die die Senioritaet einschraenkenden
Bestimmungen bei voruebergehenden Arbeitseinstellungen abzuaendern, um den
Unternehmern die Weiterbeschaeftigung der tuechtigsten Arbeitskraefte
statt derjenigen zu gestatten, die auf eine laengere berufliche Taetigkeit zurueckblicken?
Personalpolitik
Die Bemuehungen der Personalabteilungen und der Abteilungen fuer
innerbetriebliche Schulung grosser Firmen, ihre Arbeiter gruppenweise
einzustellen und auszubilden, kann durch die Einfuehrung der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung einen maechtigen Antrieb erhalten. Die
Methode, Arbeitsgruppen zusammenzustellen, die nach ihrer Auswahl und
Ausbildung eine Elite darstellen, entstand aus der Notwendigkeit, eine

- 7-

�'f

bewegliche und vielseitig einsatzfaehige Belegschaft zu erhalten und Einsparungen bei der Ausbildungszeit und bei den Auswahlverfahren zu erzielen. Ein fester Arbeiterstamm, der auf das sorgfaeltigste ausgewaehlt
und mit den verschiedensten miteinander verwandten, die Arbeitsmoral
staerkenden Fertigkeiten ausgebildet ist, wird sich durch eine groessere
Wirtschaftlichkeit und Leistungsfaehigkeit des Betriebes bezahlt machen.

Folgen fuer das Wirtschaftsleben
Seit der grossen Wirtschaftskrise haben sich in bestimmten Kreisen
Eroerterungen einer grossen Beliebtheit erfreut, welchen Einfluss die
Kaufkraft - sei es positiv oder negativ - auf den Konjunkturzyklus ausuebt. So wurde behauptet, dass sich die volle Aus3choepfung der Produktionskapazitaet und die Vollbeschaeftigung nur dann aufrecht erhalten
Hessen, wenn genuegend Geld unter den Leuten sei, das sie ausgeben koennten. Doch bedeutet Kaufkraft nicht lediglich Geld in den Haenden der
Arbeiter. Sie ist Einkommen aller Art - Miet- und Pachteinnahmen, Zinsen, Geschaeftsgewinne sowohl wie Loehne und Gehaeiter. Auch bedeutet
Kaufkraft nicht lediglich den Besitz von Geld, das ausgegeben werden kann.
Zwischen finanziellen Einkuenften der verschiedensten Art und dem Stand
der Preise besteht ein bestimmtes Verhaeltnis. Die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung kann in einem beschraenkten Grade einen Beitrag zur
Wirtschaft leisten, doch darf kein Zweifel darueber bestehen, dass der
Konjunkturzyklus ein viel zu kompliziertes Problem ist, das sj.ch nicht
einfach durch eine Erhoehung der Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung loesen laesst.
Die geplante zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung wird die Fluessigmachung der verfuegbaren Reserven erfordern. In Zeiten eines allgemeinen Konjunkturrückgangs wird sich der zwangsweise erfolgte Verkauf von
Wertpapieren auf das Wirtschaftsleben depressiv auswirken und daher in
gewissem Grade die auf Grund der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
erhoehte Kaufkraft wieder aufheben. Falls die aus der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung stammenden Reserven jedoch ausschliesslich in Staatspapieren angelegt werden, kann die Regierung durch Ankauf dieser Papiere
eine unmittelbar ruecklaeufige Entwicklung der Wirtschaft verhindern.
Quelle: "Monthly Labor Review"
Bd. 79, Nr. 3

David M. Potter»
Die Freizeit als Faktor im Wirtschaftsleben
Dieser Artikel, der in der amerikanischen Zeitschrift
"Challenge Magazine" erschienen ist, beschaef t.i gt
sich mit prinzipiellen Aspekten der Freizeit und
Freizeitgestaltung, so dass er seine Geltung im
wesentlichen auch dort beibehaelt, wo die Arbeitszeit von 40 Stunden noch nicht erreicht ist. Die
wirtschaftlichen Schlussfolgerungen des Autors verdienen Beachtung, auch wenn sie hier noch nicht in
vollem Umfang anwendbar sein moegen.
- Quellenangabe erforderlich Die Verlaengerung der Freizeit ist eine der wichtigsten Entwicklungen
im modernen Leben. Eine zweite Errungenschaft ist das Mehrangebot an
- 8

�JConsumguetern, und letzten Endes sind beide, die Fieizeitverlaengerung
wie die Konsumguetervermehrung, ein Produkt des technischen Fortschritts.
Das Wesen einer technischen Verbesserung besteht ja darin, dass sie entweder eine gesteigerte Produktion bei gleichem Arbeitsaufwand ermoeglicht
oder gleichbleibende Erzeugung bei reduzierter Arbeitszeit. Sie fuehrt
in der Praxis meist zu beiden: hoeherer Lebensstandard und vermehrte Freizeit sind, wie sich gezeigt hat, nur die zwei verschiedenen Aspekte der
gleichen Sache.
Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede in der Art und Weise, wie
diese beiden Bestandteile des gleichen Ganzen in unserer Gesellschaftsordnung aufgeteilt werden. Das Einkommensniveau und damit der Lebensstandard haengen bekanntlich vom "Wirtschaftswert" des Betreffenden ab, denn
sein Lohn oder Gehalt spiegelt zumeist seine Erfahrung, seine Ausbildung,
seine Tuechtigkeit wider. So verdienen also manche Menschen mehr als andere und kommen dementsprechend zu einem groesseren Anteil an den verfuegbaren Waren als jene. Das war immer schon so, wenn auch in der Vergangenheit viel ausgepraegter als heute.
Waehrend also die direkte Entlohnung stets verschieden hoch war, ist
die indirekte Entlohnung in Form der Gewaehrung von Freizeit fuer jede
Taetigkeit ungefaehr gleich. Freizeit wird nicht auf Grund der wirtschaftlichen Bedeutung des Betreffenden tewaeni"t» sondern eher entsprechend dem
Alter und dem Geschlecht« Verbot vcn Kinderarbeit, Schutzbestimmungen fuer
Jugendliche, Mutterschaftsurlaub, Altersfuersorgeprogramme und so weiter
regulieren sie.
So beginnt heute das erwerbsfaehige Alter in der Regel spaeter und
endet frueher als vor etwa einem Jahrhundert. Rund 40 bis 50 Jahre seines
Lebens ist der Mensch heute berufstaetig, wobei seine Arbeitsbelastung,
in Arbeitszeit ausgedrueckt, ziemlich unveraendert bleibti jeweils 40, 44
oder 48 Stunden von den 168 Stunden, die eine Woche hat. Arbeitszeit und
Freizeit wechseln in einem regelmaessigen Rhythmus ab.
Auch die Frau hat an der neu errungenen Freizeit Anteil. Sofern sie
berufstaetig ist,, in der gleichen Weise wie ihre maennlichen Arbeitskollegen, sofern sie Hausfrau ist, vorwiegend durch arbeitsparende Geraete und
Erfindungen - von den Konserven ueber den Staubsauger bis zur Waschmaschine.
Was aber verblueffend erscheinen mag, ist die Tatsache, dass die Freizeit nicht etwa das Vorrecht einer privilegierten Klasse geblieben ist,
sondern jedermann gleich zugute kommt. Ja, es ist sogar so, dass diejenigen,
die wirtschaftlich und gesellschaftlich vielleicht am besten gestellt sind,
wie etwa fuehrende Geschäeftsleute und Angehoerige freier Berufe, am
wenigsten in den Genuas der verlaengerten Freizeit kommen. Dieses Paradoxon erklaert sich daraus, dass die Technik zwar dem manuellen Arbeiter
einen grossen Teil seiner Last abgenommen hat, nicht aber dem Rechtsanwalt, dem Arzt, dem Firmenchef, dem Funktionaer, die alle sehr haeufig
abends in ihrer Aktentasche noch eine erhebliche Portion Arbeit mit nach
Hause nehmen.
Bisher waren es zumeist die Soziologen, die sich mit den Problemen
der Freizeit und ihrer Gestaltung auseinandergesetzt haben. Die Wirtschaftswissenschaftler haben sich wenig mit ihr beschaeftigt - offenbar von
dem Gedanken ausgehend, dass Freizeit wesenhaft unproduktiv ist und daher
ausserhalb ihres Betrachtungsgebietes liegt. Bei naeherem Hinsehen erweist sich freilich, dass die Freiaeit auch mit der Wirtschaftswissenschaft sehr viel zu tun hat.
Beginnen wir einmal mit der Grundbedeutung von "Freizeit". Das Wort
hat an sich durchaus keinen positiven Aussagewert» es ist leere, "freie"
Zeit, ein negativer Zeitbegriff - Zeit, die nicht mit Arbeit erfuellt ist.
Es ist ein mehr oder minder langes Intervall, das mit irgendeiner Taetigkeit

�erfuellt «erden muss. Geschieht das nicht, dann kommt man zu einem der
unangenehmsten Gefuehle, denen ein Mensch ausgesetzt sein kann - der
Langeweile, der voelligen Leere.
Wie laesst sich nun die Freizeit ausfuellen? Hunderte Moeglichkeiten
stehen dafuer zur Verfuegung, darunter die verschiedensten Sportarten
und Spiele, ferner Reisen, kulturelle Darbietungen und so weiter. Aber
die Freizeit ergibt sich groesstenteils nur in schmalen Fortionen am Ende
eine? arbeiterfuellten Tages, und so wird ein grosser Teil in einer Weise
zugebracht, die wenig Anstrengung erforderti man liest Zeitungen oder
Zeitschriften, hoert Radio oder Schallplatten, sieht sich
eine Fernsehsendung an oder geht ins Kino.
Vom Standpunkt der Wirtschaft betrachtet, bedeutet das aber, dass
diese Freizeit, die als "unproduktiv" gilt, in Wirklichkeit einen Konsum
darstellt - nicht nur im Sinne eines Erwerbs von "Dienstleistungen" der
mitwirkenden Kuenstler und so weiter, sondern vor allem auch indirekt
durch die Wirkung der Werbeankuendigungen, Reklamesendungen, Inserate und
aehnlichem. Hit anderen Worten: durch die Verkuerzung der Arbeitswoche
haben die Menschen ihre wirtschaftliche Taetigkeit in der Weise verschoben, dass sie ihre Produktionszeit verkuerzt, ihre Konsumzeit hingegen
verlaengert haben.
Nun ist es natuerlich schwer, genau zu messen oder zu errechnen,
wieviel von der tatsaechlichen Konsumerhoehung auf das Konto der Freizeit
geht, in der konsumwerbende Parolen wirkten. Es laesst sich nicht feststellen, ob und in wie vielen Faellen es eine Kinowerbung oder ein Zeitschrifteninserat war, das den Ankauf einer neuen Couch oder eines Sommermantels veranlasste oder mitveranlasste. Wohl aber gibt es einige Konsumformen, die vollkommen von der Freizeit abhaengen, so dass auf diese Weise
die wirtschaftliche Bedeutung der Mussezeit klar nachgewiesen werden kann.
Diese Waren des echten Freizeitkonsums findet man vor allem auf dem
Gebiet von Sport und Spiel. Die Sportartikelerzeugung der Vereinigten
Staaten hat derzeit einen Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Dollar,
der sich auf Angelgeraete, Jagdausruestungen, Aussenbordmotore, Golf- und
Tennisausruestungen und so weiter verteilt (dabei sind in dieser Summe
nicht die enormen Betraege inbegriffen, die fuer den Eintritt zu Sportveranstaltungen bezahlt werden).
Ein anderer eindeutiger "Freizeitartikel" ist das Reisen. Ganze Gebiete, ja zuweilen ganze Staaten, sehen im Fremdenverkehr ihre Haupteinnahmequelle. Allein die amerikanischen Touristen in Europa haben im vergangenen Jahr rund 750 Millionen Dollar ausgegeben - ein Viertel des Gesamtbetrages, den Europa aus seinen Exporten nach Kanada und den USA erzielte!
Ferner kann man die "Unterhaltungsindustrie" vom Konzert ueber Kino
bis Zirkus und "juke-box" als vollkommen von der Freizeit abhaengig ansehen. Sie bietet, nicht nur Schauspielern, Saengern, Artisten, Autoren und
Regisseuren eine Erwerbsquelle, sondern auch zahllosen Arbeitern und Angestellten in der Rundfunk-, Fernseh- und Filmindustrie.
Dabei wird hier unter anderem etwas deutlich, das wir von anderen
Lebensbereichen schon kennen« der schnelle Verschleias. Ein üchlagerlied,
ein sensationeller Film - sie sind unendlich kurzlebiger als in der Vergangenheit etwa eine Liebesmelodie oder ein gutes Theaterstueck. Sie
werden ebenso rasch "unmodern" wie ein Auto, das, jedermann kenntlich,
sein Baujahr ersehen laesst. Und uns allen ist auch die Klage gelaeufig,
dass Moebel, Haeuser oder Kleidungsstuecke heute nicht mehr so haltbar
sind wie zur Zeit unserer Grosseltern. Das ist nicht verwunderlich, denn
die Konsummoeglichkeit und der Verschleiss sind groesser, und man liebt

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�heute Wechsel und Aenderung - im persoenlichen Besitz wie in der Unterhaltung.
Schon aus diesen Andeutungen ist zu erkennen, welche Rolle die vermehrte Freizeit in der Gesamtwirtschaft spielt. Nichts aber kann die
ueberragende Wichtigkeit hinreichend deutlich machen, die die Freizeitverlaengerung fuer das amerikanische Wirtschaftssystem heute hat. In
einem Zeitpunkt, da die Gefahr besteht, dass das Gleichgewicht zwischen
Produktion und Konsum verloren geht und zur schwersten Bedrohung der
Wirtschaftsstruktur werden koennte, hat die Freizeitverlaengerung als
steuernder Ausgleich fuer den technischen Fortschritt gewirkt und wesentlich dazu beigetragen, Produktion und Konsum im Gleichgewicht zu halten.
In einer Zeit, da die Produktionskapazitaet den Konsum zu ueberholen
droht, weil ein Arbeiter mehr erzeugt als mehrere Verbraucher konsumieren
. koennen, hat die Freizeit ein neues Ventil geschaffent sie hat die "Erholungsproduktion" auf den Plan treten lassen, die uns dann "beliefert",
wenn wir unproduktiv sind. Wenn hoeherer Lebensstandard und vermehrte
Freizeit urspruenglich auch nur ein Nebenprodukt technischen Fortschritts
gewesen sein moegen, so sind sie heute wesentliche Faktoren bei der Aufrechterhai tung des modernen, hochtechnischen Wirtschaftssystems.
Aus "Challenge Magazine"
(Quellenangabe erforderlich)

"Revidierter Garantierter Jahreslohn" in der Praxis
Viele Tausend entlassener Automobilarbeiter haben in den letzten
Wochen mit Ungeduld und Erwartung den 1. Juni herbeigesehnt. Denn an
diesem Tag trat das sogenannte "Revidierte Garantierte Jahreslohn-Abkommen" in Kraft, das im letzten Sommer zwischen der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) und den Betrieben der Autoindustrie abgeschlossen wurde. Auf Grund dieses Abkommens erhalten sie naemlich zusaetzlich
zu der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung einen Ausgleichsbetrag,
der ihnen 65 Prozent ihres bisherigen Arbeitslohnes waehrend der ersten
vier und 60 Prozent waehrend der naebhsten 22 Wochen sichert.
Allerdings ist der Unterstuetzungsplan gegenwaertig noch nicht fuer
alle entlassenen Arbeiter wirksam geworden und auch die vorgesehenen Zusohuesse koennen noch nicht in der vorgesehenen Hoehe gezahlt werden, da
die Fonds, aus denen die zusaetzlichen Unterstuetzungen gezahlt werden,
nur erst zum Teil (22 96) aufgebaut sind. Diese Fonds werden bekanntlich
durch die Unternehmer gespeist, die 5 Cent pro geleistete Arbeitsstunde
hieran abfuehren. Erst nach vier Jahren werden diese Fonds die vorgesehene Hoehe erreicht haben.
Von den gegenwaertig rund 150 000 entlassenen Automobilarbeitern
werden daher nur diejenigen eine zusaetzliche Unterstuetzung erhalten,
die nach dem 2. Mai entlassen und seitdem auch noch nicht wieder eingestellt wurden. Massgebend fuer die Dauer der Unterstuetzung ist die Senioritaet des Arbeiters; die Anwartschaft ist dabei nach einem Jahr Besohaeftigung gegeben. Der groesste Teil der nach dem Produktionsrückgang Entlassenen waren jedoch Aushilfsarbeiter mit weniger als einem
Jahr Beschaeftigungsdauer.
Was wird nun aber ein jetzt entlassener Automobilarbeiter mit Anwartschaft auf zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung an Leistungen zu
erwarten haben? Nach einer Uebersicht der Automobilarbeitergewerkschaft
kann ein Verheirateter mit zwei Kindern, der bisher einen Nettowochenlohn
von 72 Dollar hatte, mit Zusatzleistungen in Hoehe von 13 Dollar rechnen.
Insgesamt wuerde er also bei 33 Dollar an staatlicher Unterstuetzung 46
Dollar pro Woche erhalten. Nach 4 Wochen wuerden die 13 Dollar um ein

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�eringes gekuerzt, da dann fuer die naechaten 22 Wochen nicht mehr 65
ondern 60 Prozent des bisherigen Einkommens "garantiert" werden. Allgemein betrachtet, ist aber zu sagen, dass gegenwaertig noch alles im Fluss
ist und genaue Zahlen erst dann zur Verfuegung stehen werden, wenn die
ersten Schecks an die entlassenen Arbeiter ausgezahlt worden sind.
Quelle: Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Ein ueber zwei Jahre laufender Tarifvertrag wurde jetzt zwischen
der "Western Union Telegraph Company" und den beiden Gewerkschaften abgeschlossen, die rund 34 000 Arbeiter und Angestellte in den Betrieben
der "Western Union" vertreten.
Auf Grund des neuen Kollektivvertrages werden saemtliche Arbeitnehmer
eine Aufbesserung der Stundenloehne um 13 Cent erhalten. Weitere 5 Cent
rueckwirkend vom 1. Januar dieses Jahres werden ferner solche Mitarbeiter
bekommen, deren Arbeitsplatz neu eingestuft wurde. Gleichzeitig wurden
die Pensionen von 60 auf 100 Dollar heraufgesetzt und die zusaetzlichen
Sozialleistungen erhoeht.
Der bisher gueltige Kontrakt zwischen der "Western Union" und den
beiden Gewerkschaftenfder "Commercial Telegraphers Union" (AFL-CIO) und
der unabhaengigen "American Communications Association"-Gewerkschaft,
war am 3 1 • Mai ausgelaufen.
Die "Commercial Telegraphers"-Gewerkschaft vertritt rund 30 000 und
die "Association" etwa 4000 Angestellte und Arbeiter der "We3tern Union".

Ein neuer Lohnanreizplan fuer im Stundenlohn Beschaeftigte, der fuer
die meisten der davon betroffenen Arbeiter hoehere Loehne bedeutet,
wurde zwischen der "Bethlehem Steel Company" und der "Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft" (USA) jetzt abgeschlossen.
Das neue Abkommen, das mit sofortiger Wirkung in Kraft tritt, hat
keinerlei Beziehung zu den derzeitigen Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie, die gegenwaertig in New York zwischen der Stahlindustrie und
der Gewerkschaft gefuehrt werden.
Wie die Gesellschaft, der zweitgroesste Stahlerzeuger der USA, weiter betont, beabsichtigt sie im Laufe der Zeit mit Zustimmung der Gewerkschaft, saemtliche Lohnanreizplaene auf eine Standard-Stundenlohnbasis
umzustellen, wie es auch bereits in den anderen Betrieben der Stahlindustrie der Fall ist.
Waehrend der Uebergangszeit will das Unternehmen den in Frage kommenden Arbeitnehmern zu ihren Normalbezuegen einen Angleichungsbetrag
zahlen, der einen bestimmten Satz der Einkommen waehrend des ersten
Quartals 195^ ausmacht. Der Angleichungsfaktor betraegt auf der Basis
1 Cent pro Stunde dabei zwischen 1 und 5 Prozent des Stundengrundlohnes.
Rund 60 Prozent der insgesamt 80 000 Arbeitnehmer der "Bethlehem Steel
Company" werden nach Angaben der Stahlarbeitergewerkschaft durch Lohnanreizplaene erfasst, aber nicht alle diese Arbeiter werden durch das
neue Abkommen beruehrt werden.

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsproblcme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mchlcm, Mchlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
Ix

- 15

Mehlem, den 6. Juli 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und
ihre voraussichtliche V/ei terentwicklung in
den Vereinigten Staaten

Seite 1

Die Rolle der privaten Sozialprogramme bei
Tarif Verhandlungen
Größte Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im
Staate New York
'Todesstoß" für kommunistische
Elektroarbeitergewerkschaft

Seite 10

Transferierbare private Pensionspläne

Seite 10

Seite

7

Seite

9

Die Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und ihre voraussichtliche
Weiterentwicklung in den Vereinigten Staaten
von John S. Bugas, Leiter der Abteilung Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen bei der Ford Motor Co.
Die Entstehung einer dem Mittelstand zuzurechnenden Schicht von Industriearbeitern in den USA gehört mit zu jenen unwägbaren Ereignissen,
die auf die weitere Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen
einen wesentlichen Einfluß ausüben dürften. Sie ist natürlich das Ergebnis verschiedener Faktoren: unseres Erbes der politischen Freiheit,
unseres umfassenden freien Erziehungssystems, der anhaltenden Prosperität
und des steigenden Lebensstandards. Die wichtigste Voraussetzung zu dieser
Entwicklung war das ständige und sich über einen langen Zeitraum hin
erstreckende Ansteigen der Produktivität in der Industrie. Der amerikanische Arbeiter unserer Tage hat ein lebhaftes Interesse an der Erhaltung der bestehenden Ordnung - ein offensichtliches Interesse, das er
in früheren Zeiten sicherlich nicht haben konnte.
Seit längerer Zeit hat sich die Industrie mit immer größerem Geschick darum bemüht, im ganzen Volk das Verständnis dafür zu wecken,
in welcher Weise unser Wirtschaftssystem zu einer Besserung des Loses
aller beiträgt. Das zunehmende Verständnis für diese Fragen wird den Arbeiter auch in der Erkenntnis bestärken, daß eigenes Geschick eng mit
dem Geschick seines Betriebes verknüpft ist.
Dies mag vielleicht wie eine etwas voreilige Folgerung klingen, bei
der der Wunsch der Vater des Gedankens ist; zahlreiche Anzeichen deuten
aber doch darauf hin, daß wir eine Zeit des Wachstums eines gesunden
Konservativismus und der Reife im wirtschaftlichen Denken der Industriearbeiter durchmachen. Dieser gleiche zunehmende Konservativismus findet
- 1 -

�sich auch auf Seiten der iiegierung, der Industrie und vielleicht sogar
der Gewerkschaften und liefert den bunten Hintergrund fuer die Weiterentwicklung der Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen in Amerika.
Die Uebernahme weitergehender Verantwortung
Im Jahre 1955 war eine erhebliche Abnahme der Faelle von Lohnstreitigkeiten, soweit es sich dabei um ausgedehnte und sich ueber einen laengeren Zeitraum erstreckende Auseinandersetzungen handelte, zu verzeichnen.
Es ist ganz bezeichnend, dass in einigen, allerdings etwas ungewoehnlichen
Faellen, Gewerkschaften und Arbeiter sogar freiwillig die in vergangenen
Auseinandersetzungen errungenen Vorteile in dem Bemuehen preisgaben, ihren
Betrieben eine bessere Wettbewerbsbasis zu schaffen. Was mir als Fachmann
fuer Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen besonders erfreulich
erscheint, sind nicht so sehr der Rueckgang der Zahl der Arbeitsstreitigkeiten und das Nachlassen der Schaerfe, mit der sie gefuehrt werden, als
vielmehr die Gruende, die zu dieser neuen Entwicklung fuehrten.
Der Arbeitsfriede an sich ist noch kein Zeichen fuer eine gesunde
Wirtschaft. Wenn er nur das Ergebnis eines Ausspielens uebermaechtiger
Staerke gegen Schwaeche ist, dann ist er sogar ein Symptom fuer das Bestehen einer hoechst gefaehrlichen Situation. Die in den USA zu verzeichnende Verbesserung der Arbeitgeber-Arboitnehmerbeziehungen ist aber zu
einem erheblichen Teil dem zunehmenden Verataendnis bei den Sozialpartnern
fuer die wirkliche Funktion von Xjllektivverhandlungen und Q er daraus erwachsenden Verantwortung zu danken. Sie ist ferner das Ergebnis des in
zunehmendem Masse auf beiden Seiten des Konferenztisches bewiesenen Verhandlungsgeschicks und der groesseren Einsicht in die Gesamtzusammenhaenge.
Sowohl die Gewerkschaften und Arbeitnehmer als auch die Unternehmer
haben sich offenbar sehr realistisch mit der Frage auseinandergesetzt, bis
zu welchem lunkt man gehen darf, ohne alles zu gefaehrden und den Boden der
Vernunft zu verlassen. Man war bemueht, jenen Punkt zu erkennen, von dem an
ein-Sieg nur ein Pyrrhus-Sieg waere - und zwar im voraus zu erkennen und
nicht erst hinterher. Man ist sich offenbar der Tatsache bewusst geworden,
dass eine Streikwelle das Ende der Prosperitaet bringen koennte, an deren
Fortdauer beiden Seiten gelegen ist. Wenn es darum ging, den harten Realitaeten am Verhandlungstisch ins Auge zu sehen, dann zeigte sich doch
mancher Gewerkschaftsführer bereit, aile Schlagworte beiseite zu lassen
und die Verhandlungen im Geiste der Verantwortung zu fuehren, und es verbreitete sich die Erkenntnis, dass die- Ruecksichtnahme auf das Interesse
des ganzen Volkes auf lange Sicht gesehen auch im eigenen Interesse liegt.
Zurueckhaltung seitens der Regierung
Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass dieser Fortschritt in unmittelbarem Zusammenhang mit der neuen Politik der Bundesregierung steht,
ein Eingreifen in Arbeitsstreitigkeiten auf ein Mindestmass zu beschraenken. Wir von den Fordwerken haben immer die Auffassung vertreten, dass
sich ein noch so gut gemeintes Eingreifen der Regierung in Arbeitsstreitigkeiten im Sinne einer Vermeidung oder Beendigung von Streiks in jedem
Fall abtraeglich auf den Verlauf von Tarifverhandlungen auswirken muss.
Es bewirkt nur eine Verhaertung der Standpunkte, und es behindert die
Ausbildung des Gefuehls fuer die eigene Verantwortung und der Bereitschaft,
die Verantwortung fuer die Folgen eigener Handlung zu uebernehmen einschliesslich der Folgen von Fehlern in der Beurteilung der Lage. Die Ereignisse aus dem vergangenen Jahr duerften wohl als eine Bestaetigung
dessen gelten. Hier wurde der Beweis geliefert, dass ein Eingreifen der
Regierung sich praktisch von selbst verbietet, erhoeht es doch die Streikgefahr, statt sie zu vermindern.

- 2 -

�Die AFL-CIO
Der vor einigen Monaten erfolgte Zusammenschluss der beiden amerikanischen Gewerkschaftsverbaende AFL und CIO ..ird sich natuerlich auf die
weitere Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen auswirken.
Er kann beispielsweise zu einer verstaerkten Zusammenarbeit der sogenannten internationalen Gewerkschaften untereinander fuehren, die wiederum
deren Verhandlungsposition verbessern duerfte. Die Verschmelzung der beiden Verbaende laes3t ferner erkennen, dass sich das politische Bewusstsein innerhalb der Gewerkschaften mehr und mehr regt und seinen Niederschlag auch in der Gewerkschaftsarbeit findet; sie wird ferner voraussichtlich verstaerkte Bemuehungen ausloesen, alle bisher ausserhalb der Gewerkschaft stehenden Arbeiter zu organisieren.
Alles in allem duerfte sich der Zusammenschluss fuer die Gewerkschaften sehr guenstig auswirken und somit auch die Aussichten auf die
Wahrung des Arbeitsfriedens weiter verbessern. Als eine weitere Erscheinungsform der Zentralisierung von Fuehrerschaft und Macht sollte
man dem neuen Dachverband genauso viel Aufmerksamkeit widmen, wie man
bisher anderen Machtzentren innerhalb unserer Wirtschaft zuwandte. Der
Zusammenschluss musste die fuehrenden Maenner der Gewerkschaftsbewegung
- sofern sie die Lehren der Geschichte richtig begriffen haben - zur Vorsicht gemahnen und zu einer konservativen Einstellung veranlassen. Er
koennte alles in allem genommen dazu beitragen, dass es in Zukunft noch
seltener zu Anwendung von Kara^fmassnahmen kommen wird und auf diese Weise
eine groessere Stabilitaet in den vor uns liegenden Jahren bewirken. Die
Tatsache bleibt aber bestehen, dass grosse Macht eine grosse Versuchung
bedeutet, und die Oeffentlichkeit wird deshalb gut daran tun, die weitere
Entwicklung wachsam zu verfolgen.
Die Industrie muss im Augenblick sich ernster als je zuvor mit der
Frage auseinandersetzen, ob es nicht im Interesse des ganzen Volkes und
in ihrem eigenen liege, dass auch auf ihrer Seite des Verhandlungstisches
eine groessere Konzentration der Kraefte erfolge.
Die kuenftige Entwicklung der Wirtschaft
Die kuenftige wirtschaftliche Entwicklung ist ein weiterer Faktor,
der die Umweltbedingungen, unter denen Arbeitgeber-Arbeitnehmerverhandlungen gepflogen werden, entscheidend beeinflussen kann.Fast ausnahmslos
prophezeien uns unsere fuehrenden Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftler ein Jahrzehnt des raschen wirtschaftlichen Fortschritts mit
einer bis zu 50prozentigen Steigerung des Bruttosozialproduktes. Wenn auch
manche Industriezweige eine langsamere Entwicklung erfahren und gelegentlich Schwankungen auftreten duerften, so geht doch die Gesamtwirtschaft
einer weiteren Bluete entgegen, die auch eine weitere Hebung des Lebensstandards der amerikanischen Arbeiter in der Industrie mit 3ich bringen
wird. Das vor uns liegende Jahrzehnt wird voraussichtlich staendig von
einer angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt begleitet sein. Die Bevoelkerung und der Bedarf werden schneller wachsen als die Gesamtzahl der
Schaffenden. Wenn diese Voraussetzungen eintreten, wird sich die Industrie
voraussichtlich sehr eifrig darum bemuehen muessen, die vorhandenen
Arbeitskraftreserven so zweckmaessig wie nur moeglich einzusetzen und die
Produktivitaet noch erheblich zu steigern, um der Nachfrage gerecht werden
zu koennen. Wir sind noch lange von jenem Zeitalter entfernt, in dem - sofern es ueberhaupt hereinbricht - der technische Fortschritt und die durch
ihn erzielte Froduktivitaetssteigerung so gross sein werden, dass wir uns
ernste Gedanken darueber machen muessen, wie wir die verfuegbaren Arbeitsstunden aufteilen sollen.

-3 "

�Der weitere Weg
Somit werden sich die Leiter der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen
in der Industrie, so wie die Dinge sich heute - im Jahre 1956 - abzeichnen,
in Zukunft wohl auf laengere Zeit in ihrer Arbeit auf eine Situation einstellen muessen, die von folgenden Pakten und Gesichtspunkten bestimmt
sein wirdi Fortdauernde Prosperitaet und hoher Beschaeftigungsstand;
immer staerkerer Rueckgriff auf die Technik, um den Beduerfnisaen einer
wachsenden Bevoelkerung gerecht werden zu koennen; und, so darf man wohl
hoffen, eine vernuenftigere und verantwortungsbewusstere Gewerkschaftsfuehrung im Verein mit einer Beibehaltung der aeusserst erfolgreichen
Regierungspolitik der strikten Beschraenkung von Eingriffen in Kollektivverhandlungen.
Die Hauptrichtung, in die sich der Druck seitens der Gewerkschaften
auswirken duerfte, laesst sich relativ leicht bestimmen, weil die Gewerkschaftsarbeit groesstenteils ihre konsequente Fortfuehrung finden
wird. Man darf wohl annehmen, dass die Gewerkschaften zusaetzliche soziale Forderungen geltend machen werden: Verbesserung der Sozialleistungen und irhoehung der sozialen Sicherheit innerhalb der naechsten zwei
oder drei Jahre. In der darauffolgenden Zeit, beginnend etwa 1958t wird
man im Laufe der naechsten Serie von Tarifverhandlungen mit der Automobilindustrie damit rechnen duerfen, dass die Bestrebungen JLT Erreichung
einer weiteren Verkuerzung der Arbeitszeit an Staerke gewinnen werden,
da sowohl die AFL als auch der CIO ihr Interesse an dieser Frage bereits
bekundet haben.
Die Betriebsfuehrung muss sich bewusst sein, dass sie die Verantwortung dafuer traegt, dass die Fruechte der steigenden Produk*tivitaet
unserer Industrie in fairer Weise unter allen interessierten Teilen unserer Gesellschaft verteilt werden, und dass die Basis fuer eine weitere
Expansion und fuer die Staerke unserer Wirtschaft unangetastet bleibt.
Man wird unter anderem auch weiterhin tatkraeftig auf eine Ausweitung
der Arbeitslosenversicherung in der einen oder anderen Form draengen.
Wir von den Fordwerken sind der Auffassung, dass unsere Form der Arbeitslosenversicherung ihren Zweck voll erfuellt, und dass sie sowohl im Interesse der Arbeitnehmer als auch der Firma liegt. Sie unterscheidet sich
grundsaetzlich von den Plaenen der Gewerkschaft bezueglich des garantierten Jahreslohnes. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Arbeitslosenversicherung bei Ford nur eine beschraenkte Zahlungsverpflichtung mit genau vorher bestimmbaren Hoechstaufwendungen vorsieht, dass sie
sich an die staatliche Arbeitslosenversicherung anschliesst und diese
ergaenzt, dass sie finanziell gesichert ist, dass sie in ihren Auswirkungen einer Depression entgegenwirkt, und dass sie unseren gesamten Geschaeftsgang nicht mehr und nicht weniger beeinflusst wie jede andere Erhoehung der Arbeitskosten um 5 Cent.
Wir begruessen diese Form der Versicherung auch deshalb, weil wir
glauben, dass sie die soziale Sicherheit unserer Arbeitnehmer sowohl in
materieller als auch in psychologischer Hinsicht erheblich festigt und
auf diese Art und Weise zu einer Verbreitung jenes Optimismus beitraegt,
der zu dem weiteren Fortschritt und dem Anhalten der Prosperitaet ao notwendig ist.
Angesichts dieser Tatsache sehen wir mit einiger Verwunderung die
Bemuehungen von Organisationen in den verschiedenen Einzelstaaten, die
darauf abzielen, eine Einbeziehung der privaten Arbeitslosenzusatzversicherung in das staatliche Arbeitslosenversicherungssystem zu hintertreiben und somit zu verhindern, dass die Arbeitslosenversicherung ihrer
Aufgabe voll gerecht wird. Die Plaene ueber die private Arbeitslosenversicherung werden faelschlicher Weise so interpretiert, dass sie gerade

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�,jene Bedingungen heraufbeschwoeren, die man durch sie vermeiden moechte.
Im einzelnen hoert man folgende Einwaendei
"Die Einbeziehung wird es uns gestatten, die Kosten fuer unser staatliches Arbeitslosenversicherungssystem auf andere Arbeitgeber abzuwaelzen."
Das ist keineswegs der Fall. Unsere Arbeiter werden der staatlichen Arbeitslosenversicherung nicht laenger auf der Tasche liegen als zuvor.
Unsere eigene, auf Erfahrung beruhende Veranschlagung, die gegenwaertig
noch erheblich unter dem Hoechstsatz liegt, wird auch weiterhin die Hoehe
der Aufwendungen im Rahmen unserer Arbeitslosenversicherung bestimmen und
bietet die Gewaehr dafuer, dass auch wir selbst an einem Fortbestand der
derzeitigen Verhaeltnisse interessiert bleiben.
"Der Anreiz zur Arbeit wird erlahmen". Auch diese Auffassung ist irrig.
Einer der wichtigsten Grundsaetze, um dessentwillen wir sogar bereit waren, es gegebenenfalls zu einem Streik kommen zu lassen, war der, dass
die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung keinen voelligen Ausgleich zwischen regulaerem Lohn und Arbeitslosenunterstuetzung bringen darf, damit
der Anreiz, wieder einen festen Arbeitsplatz zu erlangen, erhalten bleibt.
Es wurden auch andere Einwaende laut, die sich unserer Ansicht nach
auf ein Missverstaendnis unserer Arbeitslosenzusatzversicherung stuetzen,
und einen Versuch darstellen, abtraegliche Auswirkungen auszumalen, die
kuenftige Plaene der privaten Arbeitslosenversicherung zeitigen koennten die die Arbeitslosenversicherung bei Ford aber nicht gezeitigt hat. So
uebersieht man haeufig, dass die Ablehnung eines Antrags auf Arbeitslosenunterstuetzung aus der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung zwangslaeufig die Ablehnung eines Antrags auf Unterstuetzung aus der Zusatzversicherung nach sich zieht.
Wir sind fe3t davon ueberzeugt, dass man schlecht beraten waere und
kurzsichtig handelte, wenn man die Einbeziehung von Arbeitslosenzusatzversicherungen der Art, wie wir sie geschaffen haben, in die allgemeine
Arbeitslosenversicherung verhindern wuerde. Die ganze Wirtschaft haette unter einem solchen Schritt zu leiden. Wir gehen mit den Gegnern der Einbeziehung darin ueberein, dass eine restlose und unbegrenzte Ergaenzung
der Unterstuetzung aus der staatlichen Arbeitslosenversicherung sowohl die
staatliche Arbeitslosenversicherung schaedigen als auch dem Interesse der
gesamten Oeffentlichkeit zuwiderlaufen werde. Dieser Grundsatz findet in
vielen Einzelbestimmungen der Arbeitslosenzusatzversicherung bei Ford
'einen Niederschlag. Weder die Abschaffung der privaten Arbeitslosenversicherung noch eine Trennung ihrer Leistungen von denen der staatlichen
Versicherung bietet eine Loesung. Eine gesunde und realistische Loesung
besteht darin, dass der Gesetzgeber genaue Kriterien fuer die Einbeziehung
der privaten Arbeitslosenzusatzversicherung in die staatliche Arbeitslosenversicherung aufstellt, die jeglichen Missbrauch in Zukunft ausschliessen. Es waere ein schwerer Fehler, die Entwicklung mehr oder weniger
zweckmaessiger Formen der Zusatzversicherung zu beguenstigen, die sich
nicht eng an das staatliche Arbeitslosenversicherungssystem anschliessen
und die automatisch in demselben Masse an Wert verlören, als die staatliche Arbeitslosenversicherung ihre Leistungen erhoeht.
Gerade die eifrigsten Verfechter der strengen Trennung zwischen privater Arbeitslosenzusatzversicherung und der eigentlichen Arbeitslosenversicherung schenken letzterem Punkt viel zu wenig Beachtung. Vor knapp
einem Jahr war man in Wirtschaftsicreisen ziemlich uebereinstimmend zu der
Auffassung gelangt, dass die Unterstuetzung von Arbeitslosen ohne Berücksichtigung der Leistungen der bestehenden Arbeitslosenversicherung die
staatliche Arbeitslosenversicherung gefaehrden, den Unternehmern nicht
uebersehbare Lasten aufbuerden, Mammutverwaltungen schaffen und auch anderweitig sehr nachtraegliche Auswirkungen zeitigen wuerde. Es war von groesster
'Dichtigkeit, dass kein derartiger Praezedenzfall geschaffen wuerde. Wir

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�teilten diese Auffassung und gestalteten daher unsere Arbeitslosenzusatzversicherung so, dass diese Gefahr vermieden wurde.
Es wirkt deshalb sehr befremdend, dass in der Fublizistik zu diesen
Fragen, soweit sie auf eine Verhinderung der Einbeziehung der Zusatzversicherung in die staatliche Arbeitslosenversicherung abzielt, immer wieder
das Argument zu finden ist, dass die Unternehmer, sofern sie ihren Arbeitern im Falle einer Ausstellung eine Unterstuetzung gewaehren wollen,
dies durchaus von sich aus tun sollen, sich dabei aber nicht auf die
staatliche Arbeitslosenversicherung stuetzen duerfen und sich zu diesem
Zweck ein eigenes, voellig anderes und restlos unabhaengiges System der
Arbeitslosenversicherung schaffen muessten. Solche Praezedenzfaelle waeren
heute genauso schaedlich wie sie es vor einem Jahr gewesen waeren. Ein
Praezedenzfall hat deshalb nicht weniger Gewicht, weil er nicht auf das
staatliche Arbeitslosenversicherungssystem ausgerichtet ist.
Welche Haltung empfiehlt sich fuer die Betriebsfuehrung?
Die Anforderungen, die sich aus dieser Entwicklung fuer die Leiter
der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen und ihre Mitarbeiter ergeben,
koennen eine gewisse Verlagerung des Schwerpunktes ihrer Arbeit und auch
eine Umorganisation innerhalb der zustaendigen Bueros bedingen.
Erstens« Die Zeiten, in denen wir uns ebenso wie die gesamte Betriebsfuehrung in unserer Arbeit auf unser Fingerspitzengefuehl verlassen konnten,
sind vorbei. In den meisten Betrieben werden seit langem schon Fachleute
mit der Entwicklung und Durchfuehrung von Maasnahmen betraut, wie sie im
Betrieb aus dem Verhaeltnis Arbeitnehmer-Arbeitgeber erwachsen. In demselben Masse, in dem die Gewerkschaften ihre Sache sowohl am Verhandlungstisch
als auch vor der Oeffentlichkeit mit zunehmendem Geschick vertreten, muessen auch die Betriebsfuehrungen Fachkraefte und Forschungseinrichtungen
zur Verfuegung haben, um die Haltung der Arbeitgeber in diesen Fragen klar
herauszuarbeiten und ihren Standpunkt zu verfechten. Je zivilisierter und
vernuenftiger sich das Verhaeltnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
gestaltet, um so groesserer Bedeutung kommt der Vorausplanung und der
Forschung bei der Erarbeitung von Entscheidungen innerhalb der Betriebsfuehrung zu und um so wichtiger wird auch die geachickte und von vernuenftigen Argumenten untermauerte Darstellung der eigenen Sache am Verhandlungstisch.
Zweitens» Angesichts des immer weitergehenden Ausbaus der freiwilligen Sozialleistungen der Betriebe werden sich die Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen auch auf die immer kompliziertere Aufgabe der Durchfuehrung
der diesbezueglichen Abmachungen erstrecken muessen.
Drittens: Auf Unternehmerseite muss man sich mehr als bisher mit der
Frage auseinandersetzen, auf welche Weise sich ein Gegengewicht fuer die
politische Aktivitaet der Gewerkschaften finden laesst.
Viertens: Es gilt, schoepferische neue Methoden zu finden, um den
menschlichen Problemen und Wuenschen der Arbeitnehmer in einer Form gerecht zu werden, die im Einklang mit den Erfordernissen des Betriebes
steht.
Fuenftensi In unserer Zeit des raschen technischen Fortschritts
muessen sich die Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen auch immer mehr auf
Fragen der Ausbildung, Erziehung und Beschaffung von Arbeitskraeften
erstrecken.
Abschliessend moechte ich noch einen Hinweis geben, den Leiter der
Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und ihre Mitarbeiter an der Schwelle
des vor uns liegenden Jahrzehnts beherzigen sollten.

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�I

Es kann kein Zweifel darueber bestehen, dass die arbeitende Bevoelkerung
in den Vereinigten Staaten aus dem industriellen Fortschritt unmittelbaren und reichen Nutzen gezogen hat. Die Industrie hat von sich aus dafuer gesorgt, dass die gesteigerten Ertraege auch der Arbeiterschaft zugute kommen. Die Industrie ist auch keineswegs der Auffassung, dass wir
bereits am Ende des Weges zum sozialen Fortschritt angelangt seien. Der
industrielle Fortschritt steckt noch immer in den Kinderschuhen. Ein weiteres Voranschreiten auf diesem Weg wird fuer uns alle gewinnbringend sein.
Die amerikanischen Arbeiter koennen darauf zaehlen, dass ihr Lebensstandard ueber lange Jahre hinweg weiter steigen wird. Wer moechte bezweifeln,
dass wir in 10, 20 oder 30 Jahren Schritt fuer Schritt ein immer hoeheres
Einkommen und eine groessere soziale Sicherheit erlangen werden?
Jene Maenner in der Betriebsfuehrung, die fuer Fragen der Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen zustaendig sind, duerfen keineswegs in
eine negative Haltung des Nein-Sagens und des Sichentgegenstemmens gegen
die Entwicklung verfallen. Wir duerfen nicht den "Kampf gegen die Gewerkschaften" zu unserer Parole machen. Die Vernunft und nicht die Gewalt
sollte das bestimmende Element bei Tarifverhandlungen sein. Wir sollten
in Verhandlungen mit einer klaren Vorstellung davon eintreten, was wir wollen und was wir nicht wollen. Wir sollten uns ebenso viel Gedanken darum
machen, wie weit wir zu gehen beabsichtigen, als darum, von welchem Punkt
an wir kaempfen werden, um die Stellung zu halten. Wir sollten all unsere
schoepferische Phantasie aufwenden, um das Los unserer Arbeiterschaft zu
verbessern, und wir sollten allen Ideen und Erkenntnissen, von welcher
Seite sie auch kommen moegen, aufgeschlossen gegenuebertreten. Wenn eine
Idee aus den Reihen der Gewerkschaften kommt, so bedeutet das fuer uns
keineswegs, dass sie deshalb nicht gut sein kann. Unsere Haltung sollte
auf der Ueberzeugung beruhen, dass wir dem sozialen Fortschritt dann am
besten dienen, wenn wir unseren Betrieb und die Wirtschaft gesund, leistungsfaehig und gewinnbringend erhalten.
Quellei "Monthly Labor Review", Vol. 79 No. 4

Die Rolle der privaten Sozialprogramme bei Tarifverhandlunpien
Waehrend sich das Interesse der Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen
frueher in erster Linie auf die Erhoehung der Loehne und Gehaeiter konzentrierte, sind es heute die sogenannten "fringe benefits", die zusaetzlichen Sozialleistungen oder "Lohnfransen", die bei den Verhandlungen
zwischen den Sozialpartnern eine immer groessere Rolle spielen. Dies trifft
in besonderem Masse fuer die amerikanischen Gewerkschaften zu, die in den
Nachkriegsjahren auf diesem Gebiet eine sehr grosse Aktivitaet entfalteten
und eine Reihe von Sozialprogrammen wie Kranken-, Alters- und Invaliditaetsversicherungen sowie zusaetzliche Leistungen bei Erwerbslosigkeit
("garantierter Jahreslohn") in ihren abgeschlossenen Kollektivvertraegen
durchbringen konnten. Anfang 1954 wurden, wie aus einer Studie des "Amtes
fuer Arbeitsstatistik" im US-Arboitsministerium zu entnehmen ist, rund
11 Killionen Arbeitnehmer (das sind mehr als Zweidrittel aller durch Gewerkschaf tsvertraege erfassten Werktaetigen) von Sozialprogiammen aller
Art beruehrt. Gegenueber 1950 bedeutet das eine Zunahme um 55 Prozent.
Dieser Vergleich zeigt schon, welch grosse Bedeutung die freiwilligen Sozialprogramme heute bei den Tarifverhandlungen in den USA spielen
und wie erheblich die Zunahme derartiger Plaene in den vergangenen Jahren
gewesen ist. Aber noch ein anderer Trend ist in diesem Zusammenhang von
besonderem Interesse» die immer' groesser werdende Zahl solcher Irogramme,
die ausschliesslich vom Unternehmer finanziert werden. So wurden - wie
aus der gleichen Studie hervorgeht - 1954 bereits 62 irozent aller Krankenversicherungsplaene allein von den Arbeitgebern finanziert.

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�Die bedeutendste Rolle unter den derzeitigen Sozialprogrammen nehmen die
Krankenversicherungsplaene ein, die, als erste eingefuehrt, heute rund
93 Prozent aller Arbeitnehmer erfassen. Ihrer Bedeutung nach folgen dann
Krankenhaus(88$)-, 0perationskosten(83$)-, Unfall-Krankheits(73$)-, Lebens-Invaliditaets(54)- und Arzneikosten-Versicherungen (47$). Von Bedeutung ist hier noch die Tatsache, dass die verschiedenen Programme in
den vergangenen Jahren weitgehend liberalisiert und auch teilweise auf
die Familienmitglieder der Arbeitnehmer ausgedehnt wurden. Hund 70 Prozent der Arbeitnehmer werden heute von derartigen Plaenen erfasst. Etwa
die Haelfte von ihnen traegt dabei zusammen mit dem Arbeitgeber (im Verhaeltnis 50*50) die Versicherungskosten, waehrend bei 38 Prozent der Unternehmer allein die Kosten traegt. Zu den juengsten Bestrebungen der
Gewerkschaften auf diesem Gebiet gehoert auch die Ausdehnung dieser Versicherungsleistungen auf die Pensionaere. Den juengsten Ziffern zufolge
duerften heute etwa Zweidrittel der im Ruhestand lebenden Arbeitnehmer
bereits von diesen Plaenen erfasst werden.
Einen sehr guten üeberblick ueber den derzeitigen Stand der verschiedenartigsten Sozialprogramme, ihre Gliederung sowie die Art und die
Dauer der einzelnen Leistungen gibt eine Uebersicht, die kuerzlich vom
"Amt fuer Arbeitsstatistik" im US-Arbeitsministerium herausgegeben wurde
und der 100 bedeutende Kollektivvertraege zugrunde liegen.
Arzneikostenversicherung;
Von den 100 Plaenen sehen 31 Maximalleistungen zwischen 100 und 250 Dollar
pro Krankheitsfall vor, 9 Zuwendungen ueber 250 Dollar, 3 einen Jahresmaximalbetrag, waehrend 5 keine Maximumgrenze festlegen und 43 keine
Deckung aufweisen.
Unfall- und Krankenversicherung;
21 Plaene umfassen hier Zahlungen zwischen 18 und 40 Dollar pro Woche
fuer einen Zeitraum zwischen 13 und 26 Wochen pro Krankeitsfall; 38 legen
die Einkuenfte als Leistungsbasis zugrunde; 22 gruenden die Leistungen
auf andere Faktoren und 19 sehen keine Deckung vor.
OperationskostenverSicherung»
91 Plaene sehen eine Maximalkostenerstattung zwischen 50 und 350 Dollar
vor, 79 vergueten dabei die Leistungen unabhaengig davon, ob die Operation
im Krankenhaus oder an einem anderen Ort durchgefuehrt wurde, ein Ilan
sieht die Deckung saemtlicher Kosten vor, waehrend 6 keine Deckung vorsehen.
Krankenhausversicherung»
In 60 Plaenen werden hier Maximal-Tagessaetze zwischen 5 und 15 Dollar
verguetet, 59 davon sehen dabei die Zahlung der Maximalleistung fuer
einen Zeitraum zwischen 31 und 120 Tagen vor, wobei der haeufigste Satz
31 Tage betraegt; 32 Plaene gestatten die Unterbringung im Krankenhaus in
halbprivaten Stationen fuer einen Zeitraum zwischen 21 und 120 Tagen,
waehrend 2 die Laen^e der Krankenhaus Zahlungen von der Senioritaet des
Arbeitnehmers abhaengig machen. Ein Flan sieht schliesslich die Erstattung saemtlicher Ausgaben ohne zeitliche Begrenzung vor, und 4 weisen
keine Deckung auf.
Entbindungskosten und Wochengelder»
62 der 100 zu dieser Uebersicht herangezogenen Sozialplaene sehen
Leistungen fuer Entbindungskosten (im Krankenhaus) in Hoehe zwischen 50

- ß-

�und 840 Dollar vor, 75 gewähren zusätzliche Operationskosten (50 his
125 Dollar), 8 Pauschalleistungen (50 bis 150 Dollar), einer deckt sämtliche entstehenden Entbindungskosten, während 4 keine Leistungen in
diesem Fall vorsehen.
Unfall- und Invaliditätsversicherung
34 Pläne sehen bei Betriebsunfällen mit tödlichem Ausgang Zahlungen
zwischen 1000 und 5000 Dollar sowie Leistungen zwischen 500 und 2500
Dollar bei Beschädigung oder Verlust einzelner Körperteile und zwischen 1000 und 5000 Dollar bei Verlust mehrerer vor, 13 legen den Leistungen die Einkünfte und 6 die Seniorität, die Art der Beschäftigung,
das Alter und die Einkünfte, zugrunde, während 47 keine Unfall- und
Invaliditätsdeckung enthalten.
Lebensversicherung;
23 der Pläne nehmen die Einkünfte des Versicherten als Leistungsbasis,
wobei die Vergütungen zwischen 12 000 und 13 000 Dollar betragen; 52
sehen Leistungen zwischen 400 und 5000 Dollar vor, 7 legen die Beschäftigungsdauer zugrunde, 6 das Lebensalter und die Einkünfte, und 12
solche Faktoren wie Alter, Seniorität, Einkommen, Geschlecht und Zugehörigkeit zur Gewerkschaft.
Wer sind nun die Träger der Versicherungskosten? Wie aus der Übersicht
hervorgeht, sehen 64 der 100 Pläne die alleinige Finanzierung durch den
Unternehmer vor, während 36 gemeinsam von Unternehmer und Arbeitnehmer
finanziert werden. 49 der Pläne, die auch die Familienangehörigen der
Arbeitnehmer umschließen, werden allein durch den Unternehmer finanziert, während bei 31 die Kosten gemeinsam getragen werden. In 17 der
Fälle ist der Arbeitnehmer der alleinige Kostenträger. Von den Plänen,
die auch Leistungen für Pensionäre vorsehen, werden 28 von den Unternehmen allein finanziert, 24 gemeinsam und nur 3 durch die Arbeitnehmer.
Anwartschaft:
Bei 16 der für die Untersuchung herangezogenen 100 Pläne tritt der
Versicherungsschutz sofort oder am ersten Tag des nächsten Monats ein;
bei 42 Plänen liegt der Versicherungsbeginn zwischen 30 Tagen und einem
Jahr; 23 sehen eine verschiedene Länge der Beschäftigungsdauer zur
Erringung der Anwartschaft in den einzelnen Sozialprogrammen vor, und 19
legen andere Faktoren zur Erringung der Anwartschaft zugrunde.
Quelle: Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Größte Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im Staate New York
Der Staat New York weist von allen amerikanischen Bundesstaaten die
größte Zahl gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer auf, obwohl
er hinsichtlich der Gesamtzahl aller Arbeiter und Angestellten erst
an 15- Stelle rangiert. Dies geht aus einem Artikel des Gewerkschaftsblattes "Labors Daily" hervor, der sich auf eine Untersuchung des
"Nationalen Büros für Wirtschaftsforschung" ("National Bureau of
Economic Research") über die Mitgliederbewegung in den amerikanischen
Gewerkschaften zwischen 1939 und 1953 stützt.
Danach entfallen mehr als 2/3 der Mitgliederzugänge während der vergangenen 14 Jahre allein auf zehn Bundesstarten, nämlich New York,
Pennsylvanien, Kalifornien, Illinois, Ohio, Michigan, New Jersey,
Indiana, Massachusetts und Missouri. Von diesen zehn Staaten wies

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�Michigan mit fast 4OO/0 den stärksten prozentuellen Anstieg auf. Die
Zahl der organisierten Arbeitnehmer stieg hier von 269 000 im Jahre
1939 auf 1,062 Millionen im Jahr 1953 an, während im Staate New York
eine Zunahme von 959 000 auf 2,051 Millionen (113»9/0 Gewerkschaftsmitglieder zu verzeichnen war.
Wie aus der Studie weiter hervorgeht, betrug die Gesamtzahl der
Gewerkschaftsmitglieder in den Vereinigten Staaten im Jahre 1953
16,217 Millionen gegenüber 6,518 Millionen im Jahre 1939»
Quelle: Eigenbericht

"Todesstoß" für kommunistische Elektroarbeitergewerkschaft
Ihre Auflösung in den stark industrialisierten Gebieten von New York
und New Jersey hat die ehemals sehr mächtige und wegen ihrer kommunistischen Durchsetzung 1949 aus dem CIO ausgeschlossene "Vereinigte
Elektroarbeitergewerkschaft" (UEWU} beschlossen. In der Bekanntmachung
der Gewerkschaftsführung wird den rund 18 000 Mitgliedern der Gewerkschaft empfohlen, sich der "International Union of Electrical Workers"
(HIE) anzuschließen.
Die IUE-Gewerkschaft wurde im Jahre 1949 als Gegenorganisation zu der
kommunistisch beherrschten Elektroarbeitergewerkschaft gegründet.
Unter der Führung ihres ersten Vorsitzenden James B. Carey entwickelte
sie sich sehr schnell aus kleinen Anfängen heraus zu einer großen
Gewerkschaft mit gegenwärtig rund 364 000 Mitgliedern. Die Mitgliederzahl der kommunistisch beherrschten "UE)VU"-Gewerkschaft ging im
gleichen Zeitraum bis auf etwa 60 000 zurück.
Carey bezeichnete den Auflösungsbeschluß der Gewerkschaftsvorsitzenden in New York und New Jersey als den "Todesstoß" für die "UEWU"Gewerkschaft.
Einen weiteren schweren Schlag erlitt die UEWU-Gewerkschaft in der
vergangenen Woche, als 13 Ortsverbände in anderen Distrikten des
Staates New York beschlossen, sich der "International Association
of Machinists" anzuschließen. Diese 13 Ortsverbände zählen rund
8000 Mitglieder.
Quelle: Eigenbericht

Transferierbare private Pensionspläne
Ein Nachteil der vielen in den letzten Jahren in die Tarifverträge
eingebauten privaten Pensionspläne war die Unmöglichkeit der Versicherungsberechtigten, ihre Ansprüche auch bei einem Arbeitsplatzwechsel aufrechtzuerhalten. Die meisten dieser Pläne, die zum
größten Teil allein vom Unternehmer finanziert werden, sind nämlich
auf betrieblicher Basis aufgebaut. Aus diesem Grunde war es das besondere Bestreben der Gewerkschaften in den vergangenen Jahren
gewesen, mehrere solcher Pläne in einem zentralen, möglichst industrieweiten Fonds zusammenzulegen, damit die Arbeitnehmer bei einem
Wechsel des Arbeitsplatzes ihre oft nicht unerheblichen Ansprüche
beibehalten.
Einen neuen Erfolg in dieser Richtung konnte jetzt die "Gewerkschaft
der Arbeiter der Konservenindustrie (eine Tochtergewerkschaft der
"Brotherhood of Teamsters") für rund 1500 Arbeiter durch Abschluß
eines neuen Tarifvertrages mit der "McNeill and Libby Company"
durchsetzen, wodurch den Arbeitnehmern ihre Pensionsansprüche

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�gesichert bleiben, solange sie Gewerkschaftsmitglied sind.
Auf Grund des neuen Vertrages wird das Unternehmen 10 Cent pro Stunde
und Arbeitnehmer an einen zentralen Pensionsfonds abführen, der von
der Finanzabteilung der "Transportarbeitergewerkschaft" verwaltet
werden wird. Nach Abzug von 1 Prozent für Verwaltungsunkosten wird
dann die Restsumme im Rahmen eines Gruppenversicherungskontraktes
der "Prudential Insurance Company of America" zugeführt werden. Der
Plan selbst steht unter Aufsicht von 14 Treuhändern - je sieben aus
Gewerkschafts- und Unternehmerkreisen.
Wie aus Gewerkschaftskreisen weiter verlautet, soll der jetzt neu
abgeschlossene sogenannte "Mobile Pension-Plan" als Muster für die
bevorstehenden weiteren Kollektivverhandlungen dienen, damit nach
erfolgreichem Abschluß rund 300 000 ihrer Mitglieder in den Genu3
von transferierbaren Pensionsansprüchen kommen können.
Der erste Pensionsplan dieser Art wurde in den USA von der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft" (UMW) ausgehandelt. Er ermöglicht
einen Transfer der privaten Pensionsansprüche eines Arbeiters bei
Arbeitsplatzwechsel, und zwar solange er in der Kohlenindustrie tätig
ist.
Quelle: Eigenbericht

Angestelltengehälter stärker als Industriearbeiterlöhne angestiegen
Der durchschnittliche Wochenverdienst der Büroangestellten ist in
den letzten Jahren schneller als der der Fabrikarbeiter gestiegen,
geht aus einer Übersicht des "Amtes für Arbeitsstatistik" im USArbeitsministerium hervor.
Als Grund für die stärkere Zunahme der Einkünfte bei den Büroangestellten, die in den letzten fünf Jahren um 27 Prozent gegenüber nur
19»6 Prozent bei den Fabrikarbeitern anstiegen, führt das Amt die
große Nachfrage nach Bürofachkräften und Hilfspersonal an.
Eine Stenotypistin verdient gegenwärtig in New York 63 Dollar pro
Woche gegenüber 49»50 Dollar im Jahre 1951» Bei Sekretärinnen liegt
der durchschnittliche Wochenverdienst heute bei 78,5° Dollar, was
eine Zunahme von 14 Dollar in den vergangenen fünf Jahren bedeutet.
Bei reinen Schreibkräften beträgt der Wochenverdienst, wie aus der
Übersicht des Amtes für Arbeitsstatistik weiter zu ersehen ist,
53t50 Dollar gegenüber 41 Dollar im Jahre 1951«
Quelle: Eigenbericht
Sieben.jahres-"No Strike"-Kontrakt
Ein bemerkenswerter Tarifvertrag, der eine "Nichtscreikklausel" enthält
und eine Laufzeit von sieben Jahren vorsieht, wurde jetzt von vier
Ortsverbänden der "Transportleute-Gewerkschaft" (international
Brotherhood of Teamsters) mit der "Coca Cola Bottling Company" in
New York abgeschlossen.
Das neue Abkommen, von dem rund 1500 Arbeitnehmer erfaßt werden, sieht
die Beilegung aller auftauchenden Arbeitsstreitigkeiten einschließlich
der Meinungsverschiedenheiten über Lohnerhöhungen durch Schiedsverfahren vor.
...
_.
, ...
n
Quelle: Eigenbericht
Bemerkenswerter Tarifvertrag in der Textilindustrie
Zwischen der Textilarbeitergewerkschaft (AFL-CIO) und der "American
Viscose Corporation" wurde jetzt Übereinstimmung über einen neuen
Tarifvertrag mit dreijähriger Laufzeit erzielt, der eine Erhöhung
sämtlicher Löhne und Gehälter um 4 Prozent sowie verbesserte Pensionsleistungen ab 1. Juni 1957 vorsieht.
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�Bemerkenswert an dem neuen Vertrag, der noch der Zustimmung der
großen Tarifkommission der Gewerkschaft bedarf, um rechtskräftig
zu werden, ist die beträchtliche Erhöhung der Pensionsleistungen
sowie die Tatsache, daß die Arbeitnehmer in Zukunft keinerlei Beiträge für die Altersversicherung mehr zu zahlen brauchen. Diese
beiden Punkte des Vertrages sollen rückwirkend vom 1. Januar 1956
an in Kraft treten.
Wie das Unternehmen und die Gewerkschaft in einer gemeinsamen Erklärung über die Erhöhung der Altersrenten und die Übernahme der
Pensionsleistungen durch die Gesellschaft betonen, entspricht diese
Regelung einer Lohnerhöhung um 11 Cent pro Stunde für 1956.
Die Rentenleistungen für die 1176 Pensionäre des Unternehmens, die
dem Pensionsfonds angehören, sollen bereits ab 1. Juni dieses Jahres
erhöht werden. Die vorgesehenen vier Prozent Lohnerhöhungen belaufen
sich zwischen fünf und neun Cent pro Stunde, so daß der Durchschnittsstundenlohn ab 1. Juni 1957 1,86 Dollar betragen wird.
Quelle! Eigenbericht

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�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wercjen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlcm, Mchlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 14

Mehlem, den 1. August 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Umstellung auf Automation im Grossbetrieb

Seite 1

Amerikas Gewerkschaften bilden ihren Funktionaersnachwuchs selbst heran

Seite 10

Der Begriff der Froduktivitaet in der
amerikanischen Industrie

Seite 12

Der Lebensstandard der Stahlarbeiter

Seite 13

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 15

Die Umstellung auf Automation im Großbetrieb
Exakte Vorausplanung bezüglich aller technischen Fragen und auf
dem Gebiet der Personalpolitik sowie eine geschickte Wahl des Zeitpunktes bei gebührender Berücksichtigung der allgemeinen Wirtschafts- und
Geschäftslage des Unternehmens haben es zwei amerikanische Firmen ermöglicht, große Teile ihres Betriebes auf vollautomatische Verfahren
umzustellen, ohne daß es dabei zu nennenswerten Anpassungsschwierigkeiten kam. Die Art und Weise, wie dieser Übergang bewerkstelligt wurde,
ist Gegenstand zweier getrennter Untersuchungen, die das "Amt für
Arbeitsstatistik" im "US-Außenministerium" in Zusammenarbeit mit diesen
Betrieben durchgeführt hat. E B handelt sich dabei einmal um eine große
Herstellerfirma von Rundfunk- und Fernsehgeräten, die die 55er-Modelle
ihrer Fernsehapparate erstmals mit gedruckten Schaltbildern bestückte
und gleichzeitig zur teilautomatisierten Fertigmontage überging, und
zum anderen um die Zentralverwaltung einer großen Versicherungsgesellschaft, die eine elektronische Großrechenanlage installierte, um die
bisher mit Hilfe von Lochkarten bewältigte Betriebsbuchhaltung zu führen.
Diese beiden Einzelfälle sind sehr aufschlußreich, wenn sie sich
auch nicht verallgemeinern lassen. Auch lassen sich aus den beiden Untersuchungen keine allgemeinen Schlüsse auf die Auswirkungen automatischer
Produktionsverfahren auf den Arbeitsmarkt ziehen.
Was die Beschäftigungslage angeht, so hat der Übergang zum automatischen Verfahren in diesen Betrieben jedoch einige bemerkenswerte Aufschlüsse gebracht. So wurden zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen,
deren Besetzung, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen", nur eine sehr
kurzfristige Umschulung unmittelbar am Arbeitsplatz erforderte. Neue
- 1 -

�Abteilungen wurden eingerichtet, um die Verwendung automatischer
Ausrüstungen vorauszuplanen, solche Anlagen zu installieren und nach
Inbetriebnahme für ihre Wartung zu sorgen. Zum Teil bedingte die
Automatisierung die Einstellung von Personal mit Spezialkenntnissen,
die bisher für die entsprechenden Arbeiten nicht erforderlich waren.
In keiner der beiden Firmen haben die Maschinen Arbeiter von ihren
Arbeitsplätzen verdrängt, die mit Aufgaben betraut waren, die ein
hohes Maß an Urteilskraft erfordern. Die Automatisierung brachte
darüber hinaus keineswegs die völlige Ausschaltung jeder Handarbeit.
Das betreffende Werk der Radio- und Fernsehindust.rie gelangte zu
der Erkenntnis, daß die menschliche Arbeitskraft überall dort unentbehrlich sei, wo diffizile Handgriffe zu leisten sind und wo zerbrechliche Stoffe verwendet werden. Bei dieser Firma brachte die
Übertragung größerer Verantwortung im Verein mit einigen (nicht
genannten) Veränderungen der Arbeitsbedingungen nach der Umstellung
auf automatische Produktionsverfahren Lohnerhöhungen für die Arbeitskräfte an den Automaten mit sich. Der erhöhte Ausstoß, das Ergebnis
einer Steigerung der Produktivität, dürfte dazu führen, daß eine
eventuelle Verringerung der Beschäftigungszahl in gewissen Abteilungen durch Vergrößerung anderer Abteilungen ausgeglichen wird. Bei
der Versicherungsfirma zeigte sich eine ähnliche Auswirkung der
Automatisierung auf die Löhne: Die Arbeitskräfte, denen die Ausübung der neuen Funktionen übertragen war, haben heute im Durchschnitt
ein höheres Jahresgehalt als diejenigen Arbeitskräfte, die die vergleichbaren Betriebsvorgänge früher nach dem herkömmlichen Verfahren
bewältigt hatten.
Allerdings war ein Rückgang des Anfalls an Arbeiten zu verzeichnen, die bisher von ungelernten Kräften bewältigt wurden. Gerade die
Frauen, die einen großen Prozentsatz der Belegschaft beider Firmen
stellen und im allgemeinen mit jenen Aufgaben betraut waren, die sich
auf automatische Maschinen übertragen lassen, wurden von der Umstellung am stärksten betroffen.
Gewisse Erscheinungen traten bei beiden Betrieben gleichermaßen
auf. In beiden Betrieben besteht die Arbeit zu einem großen Teil aus
Routine und sich stets wiederholenden Arbeitsgängen, die in erster
Linie von Frauen ausgeführt werden. Die neuen Anlagen wurden im Zeitraum mehrerer Jahre und im Rahmen von langfristigen Programmen installiert, die eine Verbesserung der Wettbewerbstätigkeit (sowohl hinsichtlich der Qualität als auch des Leistungsstandes) zum Ziel haben. Die
Automatisierung soll es diesen Betrieben ermöglichen, mit der allgemeinen Wirtschaftsausweitung Schritt zu halten und die hohe Fluktuationsrate unter den weiblichen Beschäftigten zu senken. Beide Firmen
tragen sich mit dem Gedanken einer noch weitergehenden Automatisierung,
wollen dabei allerdings erst die Ergebnisse der ersten Phase der Umstellung abwarten und die so gesammelten Erfahrungen berücksichtigen.
In der Unterrichtung ihrer Belegschaften über den geplanten Übergang
zu automatischen Methoden noch vor Inangriffnahme der betrieblichen
Umstellung gingen die beiden Firmen verschiedene Wege. Die diesbezügliche Mitteilung der Versicherungsgesellschaft an ihre Mitarbeiter
enthielt wesentlich detailliertere Angaben als die entsprechende Ankündigung der Rundfunkapparatebaufirma. Die Versicherungsgesellschaft
unterrichtete sämtliche Mitarbeiter bis in Details über ihre Pläne
zur Aufstellung einer Elektronenrechen- und Buchungsanlage. Die Rundfunk-Herstellerfirma informierte lediglich die Werkmeister und Gewerkschaftsfunktionäre über diesen Schritt; die übrigen Betriebsangehörigen erfuhren von diesen Plänen nur gerüchteweise und aus zweiter Hand. Die Versicherungsfirma hat von Anfang an darauf hingewiesen, daß der Übergang zu automatischen Maschinen keine Entlassungen

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�Entlassungen oder Rückstufungen nach 3ich ziehen wird.
Die bei der Versicherungsgesellschaft betroffenen Angestellten
waren nicht gewerkschaftlich organisiert. Bei der Herstellungsfirma
von Rundfunk- und Fernsehgeräten zeigten sich die Vertreter der Gewerkschaften in erster Linie daran interessiert, ihren Mitgliedern
durch höhere Löhne und verbesserte Sozialleistungen einen Anteil an
den Gewinnen aus der gesteigerten Produktion zu sichern.
Die Automatisierung in einem Werk des Hochfrequenzapparatebaus
Die erste Untersuchung betrifft eine der größten amerikanischen
Herstellerfirmen für Rundfunk-, Fernseh- und Tonwiedergnbegeräte. Die
in diesem Betrieb anfallende Arbeit ergibt sich größtenteils aus der
Konstruktion und Herstellung verschiedener Modelle der genannten Geräte
sowie aus der relativ geringen Fertigung von Funkausrüstungen für militärische Zwecke. Das Werk bezieht sämtliche Teile von Zulieferfirmen,
montiert sie und setzt die fertigen Chassis dann in die im Werk hergestellten Gehäuse ein. Die bisher angewandten Montagemethoden erforderten den Umgang mit Hunderten von Einzelteilen und die Verlötung unzähliger Verdrahtungen.
Montage am Fließband mit einer weitgehenden Spezialisierung
hatten bisher das Produktionsprogramm in der Fernsehabteilung bestimmt.
Die Einzelteile wurden nach ihrer Prüfung auf die Lagerregale entlang
dem Fließband verteilt. Zuvor wurden sämtliche Metallteile, wie Röhrensockel und so weiter, auf dem Chassis vernietet und die komplizierten
Verdrahtungen zwischen den einzelnen Montageelementen hergestellt. An
jeder Seite eines rund 100 Meter langen Tisches waren die Arbeiter,
meist Frauen, mit Werkzeugen beschäftigt, wobei sie im großen und ganzen
immer nur die gleichen Handgriffe auszuführen hatten: Verdrahten, Verlöten und Einsetzen von Teilen in die dafür vorgesehenen Fassungen und
so weiter. Die fertiggestellten und restlos bestückten Chassis gingen
dann über Transportbänder zu einem Fließband, wo nur noch die Röhren
eingesteckt wurden. Im Anschluß daran wurden die fertigen Chassis geprüft und in die Gehäuse eingebaut. Die fertigen Apparate wurden nach
einem letzten praktischen Test verpackt und zum Versand gebracht. Noch
vor wenigen Jahren mußten nahezu 60$ der direkten Arbeitszeit, die die
Herstellung eines Fernsehgerätes erfordert, auf die Herstellung der
Verdrahtung und die Montage der Einzelteile verwendet werden.
Die Gesellschaft ging 1952 erstmals dazu über, gedruckte Schaltbilder, die auf photo-chemischem Wege hergestellt werden, iffl Rundfunk
zu verwenden, und zwar in der Fertigung eines 5-Röhren-Koffergerätes.
Diese gedruckten Schaltbilder machen die so mühsame Verdrahtung überflüssig. Die Montageteile werden in das Chassis eingesetzt und dann die
gesamte Unterseite des Chassis in flüssige Lötmasse getaucht. Im Jahre
1954 ging die Gesellschaft dazu über, gedruckte Schaltbilder auch bei
dem 55er-Modell zu verwenden und bei denen des Jahres 1956 sind im
Durchschnitt 75 bis 80$ aller Verdrahtungen auf photo-chemischem Wege
auf die Isoliermassen aufgetragen. Im Jahre 1953 begann die Firma,
ihren Maschinenpark auf eine automatische Montage der Bauelemente umzustellen. Im nächsten Jahr schon wurde eine Maschine installiert, die
sechs Chassis pro Minute automatisch zu bestücken vermochte. Eine in
der Zwischenzeit installierte Maschine schafft zwölf Chassis pro
Minute. Seit 1953 ist es durch andere Verbesserungen möglich, Bauelemente ganz verschiedener Größe zu verwenden. Diese Vervollkommnung der
Fertigungsmethoden brachte eine große Leistungssteigerung und eine Verbesserung der Qualität der hergestellten Apparate mit sich.

- 3

�Nachdem die gedruckten Schaltbilder bearbeitet und bestückt worden
sind, laufen sie nach dem neuen Produktionsverfahren zur Fertigmontage,
wo am Fließband die letzten 20 bis 25/ij der Verdrahtung ausgeführt, die
noch fehlenden Teile eingesetzt, die fertigen Schaltbilder auf das
Chassis aufgesetzt und die Bildröhren eingebaut werden.
Der Übergang zu dem neuen Fertigungsprozeß führte zu einer
Verringerung der Zahl der mit der Hand zu leistenden Arbeitsgänge,
brachte jedoch keine völlige Ausschaltung der Handarbeit. Das Vernieten der Fassungen und Sockel, das Einsetzen der Röhren, der Einbau
ins Gehäuse, die technische Prüfung und Abstimmung sowie das Verpacken
wurden nur indirekt von dieser Entwicklung berührt. Diese Arbeiten
werden auch weiterhin größtenteils von der Hand erledigt. Die Umstellung in der Montage brachte es mit sich, daß die Zahl der Handverdrahter und Montagekräfte - größtenteils Frauen - verringert wurde.
Der Übergang bedingte andererseits die Neueinstellung von Wartungspersonal für die Maschinen, das allerdings keiner besonderen
Fertigkeiten bedurfte. Deshalb war für diese Gruppe, abgesehen von
einer zweiwöchigen Schulung, keine zusätzliche Ausbildung notwendig.
Mehrere neue maschinelle Arbeitsgänge wurden eingeführt, für die etwas besser bezahlte Arbeitsplätze sowie einige höher qualifizierte
Positionen neu geschaffen werden mußten. So verdoppelte sich beispielsweise die Zahl der gelernten Montagearbeiter, die mit Entwicklungsarbeiten, Reparaturen und der Wartung von Maschinen betraut waren.
Das gleiche gilt für die technischen Angestellten in derFertigung;
die Zahl der Maschinisten und Elektrotechniker hat sich mehr als verdoppelt und auch das Zahlenverhältnis zwischen Ingenieuren und Arbeiternin der Produktion hat sich zugunsten ersterer vorschoben.
Einige Arbeitsplätze für ungelerntes Personal wurden überflüssig,
dennoch wurde nach Mitteilung der Betriebsleitung niemand im Zusammenhang mit der Betriebsumstellung entlassen. Einige Arbeiter mußten den
Arbeitsplatz wechseln und wurden der Endmontage, der Prüfstelle, der
Versandabteilung und so weiter zugeteilt, soweit sie nicht an den
neuen automatischen Maschinen weiterbeschäftigt werden konnten. Da
die Verwendung gedruckter Schaltbilder gewöhnlich zu einer Verringerung des Gewichtes der Fernsehapparate führte, konnte die Zahl der
Frauen der Versandabteilung vergrößert werden.
Die Löhne für die Arbeiter an den automatischen Maschinen stiegen um 5 bis 15$ gegenüber den Sätzen für ungelernte Montagearbeiter,
da die Umstellung zum Teil eine Veränderung der Arbeitsbedingungen
und größere Verantwortung mit sich brachte. Für die Arbeiter, die die
gedruckten Schaltbilder soweit fertigstellen, daß sie der automatischen Montageanlage zugeführt werden können, wird gegebenenfalls eine
Leistungszulage gewährt, ebenso wie für einige Arbeiter am Endmontageband. Für die übrigen Arbeiter wurde eine auf Gruppenbasis zu berechnende Leistungszulage eingeführt. Die Arbeiter an den automatischen
Bestückungsmaschinen blieben von der Leistungszulage ausgeschlossen.
Etwa zwei Wochen vor der Umstellung auf die neuen Produktionsverfahren berief der Direktor für Produktionsfragen die Vorarbeiter zu
sich, um sie über die bevorstehenden Änderungen zu informieren. Auch
die Gewerkschaftsfunktionäre wurden im voraus davon unterrichtet,
welche Maßnahmen die Betriebsführung zur Modernisierung der Produktionsverfahren einzuführen beabsichtigt. Die übrigen Betriebsangehörigen erfuhren von den geplanten Änderungen nur indirekt.
Die bei dieser Firma gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin,
daß sich der Übergang auf automatische Produktionsverfahren ohne größere

- 4-

�Schwierigkeiten bewerkstelligen läßt, sofern das Verhältnis zwischen
Gewerkschaft und Betriebsführung gut ist. Der gegenwärtig gültige
Tarifvertrag, der Ende des Jahres 1954 - also drei Monate nach der
Umstellung - in Kraft trat, enthält keinerlei ausdrücklich auf die
Umstellung bezügliche Bestimmungen. Nach den gegenwärtig gültigen
Arbeitsverträgen fallen Veränderungaam Arbeitsplatz, die auf :rund
der technischen Entwicklung notwendig werden, unter die allgemeinen
Bestimmungen bezüglich technischer Veränderungen. Das gleiche gilt
übrigens auch für die früheren diesbezüglichen Verträge. Neugeschaffene
Arbeitsplätze wurden am Schwarzen Brett bekanntgegeben und die Bewerber
durch die Werkmeister unter Berücksichtigung der Zeit der Betriebszugehörigkeit und der persönlichen Eignung ausgewählt. Männliche Betriebsangehörige wurden im allgemeinen stärker berücksichtigt als Frauen.
Der Übergang wurde dadurch wesentlich erleichtert, daß die neuen
Maschinen zu dem gleichen Zeitpunkt installiert wurden, zu dem die
neuen Modelle aufgelegt wurden und die Gesamtbelegschaft ohnehin zunahm. Die Gesellschaft plant gegenwärtig, zusätzlich zu den bereits
aufgestellten vier automatischen Fertigungsanlagen zwei weitere anzuschaffen.
Die Automatisierung bei einer Lebensversicherungs^esellschaft
Die zweite Untersuchung betraf eine große Lebensversicherungsgesellschaft, die nebenher auch noch verschiedene andere Risiken versichert. Der Arbeitsanfall in diesem Betrieb wächst ständig und erfordert dementsprechend ein immer größeres Maß an routinemäßigen
Büroarbeiten. Seit 15 Jahren hat die Firma Schwierigkeiten, geeignete
Arbeitskräfte in genügender Zahl zu finden. Ein großer Teil der Angestellten in der Zentrale bestand aus Absolventinnen der Mittelschulen,
die meist nur kurze Zeit bei der Firma verblieben, so daß innerhalb
von fünf Jahren die Zahl der Neueinstellungen ebenso hoch war wie die
Gesamtzahl der Betriebsangehörigen, das heißt also, daß theoretisch
die gesamte Belegschaft innerhalb dieses Zeitraums erneuert werden
mußte. In mehreren Abteilungen wurden Schüler und Studenten stundenweise beschäftigt.
In den ersten Nachkriegs jähren arbeitete die Gesellschaft noch
mit den herkömmlichen Büromaschinen. Im Jahre 1954 installierte sie
für die Arbeiten, die die Klassifizierungsbüros der Abteilung X zu
bewältigen haben, eine große Elektronenrechenanlage. Abteilung X
beschäftigte rund 800 Mitarbeiter, von deren 198 auf die Klassifizierung entfallen. Die Automatisierung sollte es unter anderem ermöglichen, einen großen Teil der Angestellten dieser Abteilung für
andere Arbeiten frei zu bekommen. Die Klassifizierungsbüros verwalten sämtliche in Krnft befindliche Policen und haben im I.;onat
rund 850 000 Buchungen vorzunehmen. Die Mitrirbeiter erhalten die
Arbeitsunterlagen von anderen Büros in Torrn von Lochkarten. Ihre
Aufgabe ist es, alle darin enthaltenen Angaben zu sortieren, zu klassifizieren und die entsprechenden Rechenarbeiten auszuführen. Diese Arbeiten wurden mit Hilfe von 125 Kollerithmaschinen (die Lochmaschinen
nicht gezählt) ausgeführt, für die eine Jahrestniete von rund 235 000
Dollar aufzuwenden war. Der Durchschnittslohn der Arbeiter an diesen
Maschinen, die monatlich etwa 3,25 Millionen Lochkarten bearbeiten,
betrug (siehe Tabelle) rund 3700 Dollar. Die Arbeiten erforderten
einen häufigen Austausch der Kartensätze und den Unterhalt einer
großen Registratur.
Die Aufstellung der Elektronenrechenanlage ermöglichte eine
rund 50/&lt;&gt;ige Kosteneinsparung in den Klassif izierunysbüros, das

- 5-

�entspricht 9&gt;° der Gesamtbetriebskosten der Abteilung X. Die Arbeiten
in der Klassifizierung konnten nunmehr von 21 Hollerithmaschinen mit
85 Arbeitskräften mit einem Durchschnittslohn von jährlich 4200 Dollar
bewältigt werden. Die Mieten für die Hollerithmaschinen verringerten
sich auf 19 000 Dollar. Durch die Umstellung wurden 170 qin Bürofläche
frei. Eine weitere Ersparnis wurde dadurch erzielt, daß nach der Umstellung J,5 Millionen Lochkarten im Monat weniger benötigt wurden.
Alle wichtigen Angaben über die rund 850 000 Versicherungspolicen
wurden in 71 Magnetbändern gespeichert. Die Firma schaffte insgesamt
1000 Magnetbänder an, die ja noch dazu den Vorteil bieten, daß sie
nach der Löschung wieder verwendet werden können. Die Notwendigkeit
der Aufrechterhaltung einer Registratur zur Verwahrung der Aktenvorgänge entfiel von nun an. Den Einsparungen steht auf der anderen
Seite der Aufwand für die Miete für die Elektronenrecherunaschine
gegenüber, sowie die Wartungskosten und Zeitverluste (etwa 4/J)» die
durch Betriebsstörungen in der Rechenanlage bedingt waren. Die Gesellschaft rechnet damit, daß sich die Investition in rund vier Jahren amortisieren wird.
Die durch Installierung der Großrechenanlage ermöglichte Verringerung der Zahl der Bürokräfte erstreckte sich größtenteils auf
Abteilungen, deren Arbeitsanfall im wesentlichen aus einer einfachen
routinemäßigen Wiederholung ein und desselben Arbeitsgsnges besteht
und sich damit am besten für die Übertragung an vollautomatischen
Maschinen eignen. Unberührt hiervon blieben alle übrigen Angestellten,
deren Arbeit berufliche Erfahrung und eigenes Urteilsvermögen voraussetzt. Die Firmenleitung wies darauf hin, daß die Verringerung des Arbeitsanfalles gerade für ungelernte Bürokräfte die Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze bedingte, die eben jene höheren Qualifikationen
voraussetzen. Auch in den übrigen Abteilungen des Betriebes brachte
die Installierung der Elektronenrechenanlage keinerlei Verringerung
der Arbeitsplätze mit sich, die Erfahrung und Urteilsfähigkeit erfordern.
Die Versicherungsgesellschaft versuchte durch eine umfassende
Vorausplanung, allen personellen und technischen Veränderungen, die
durch die Umstellung bedingt waren, gerecht zu werden. Die von der
Umstellung berührten Betriebsangehörigen wurden im voraus von den
bevorstehenden Veränderungen in Kenntnis gesetzt und dabei besonders auf die in der Klassifizierung notwendig werdenden personellen
Veränderungen sowie auf die dadurch bedingte Einführung anderer Arbeitsmethoden hingewiesen. Die einzelnen Angestellten wurden in persoenlichenAussprachen mit Angehörigen der Betriebsführung gefragt,
ob sie die Versetzung in eine andere Betriebsabteilung oder an einen
bestimmten Arbeitsplatz wünschten. Abgesehen von der normalen Arbeitsfluktuation ließen sich für sämtliche Betriebsangehörige andere Arbeitsplätze innerhalb der Gesellschaft finden, gibt es doch allein in der
Zentrale 15 andere Büros, in denen Hollerithmaschinen verwendet werden.
Bei Fertigstellung der Untersuchung, die diesen Ausführungen zugrunde
liegt, war die personelle Umstellung des Betriebes noch nicht restlos abgeschlossen. Die Betriebsführung war aber darauf bedacht, daß
die Einführung verbesserter technischer Methoden nicht zur Entlassung
oder Rückstufung von Mitarbeitern führte.
Ein leitender Angestellter der Abteilung X unterhielt schon lange
vor der Betriebsumstellung engsten Kontakt mit dem Personalbüro, um
alle auftauchenden Personalfragen, besonders was die Versetzung von
Belegschaftsangehörigen auf andere Arbeitsplätze angeht, im voraus
zu klären. Im April 1954» kurz vor der Umstellung, berief der Abteilungsleiter sämtliche Angehörige der Klassifizierungsabteilung zu einer

- 6-

�D h R

ZAHL

Durchschnittl.
Jahreslohn

urspruengl.
freigestellAibeitskraefte ten Arbeitsd.Klaasifizie- kraef te
rungsbueros
inaenni. weibl.

inaenni. weibl.

a.d.Elektronenrechenmaschine weiter
verwendeten
Arbeitskraefte
maennl. weibl.

Arbeitskraefte
in den Klassifizierungsbueros
nach der Umstellung ' /
maennl. weibl.

Dollar
2500
2800
3000
3200
3400
36002)
3700
4000
4300
4600
5000
5400
5800
6700
7200
7600
8100
8500
9000 u. nehr

V

4
6
35
35
52

30
28

34

3
4
9
3

9
1

16
8
12

11

1

7

3

1

1
1
1

3
1
2

1

1
1

Zusammen

. 9

4
5
5

1

1
1

1

1

1

8
18

1

1

3

1

2
1
1
2
1

3
1

5
9
5
2

5
2

3

2
1
2

2
2
2

1

2

1

189

126

7

12

8

14

71

1)

Einschliesslich 56 Arbeitskraeften, die mit Aufgaben betraut
sind, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Elektronenrechenanlage stehen und 9 Mitarbeitern der Arbeitsplanungsgruppe.

2)
Technisches Personal

- 7

�zwanglosen Aussprache zu sich, hei der er die Installierung der
Großrechenanlage sowie die Gründe für diesen Schritt bekanntgab
und seinen Mitarbeitern versicherte, daß der Betrieb nach wie vor
an dem alten Grundsatz festhalten werde, daß die Einführung neuer
Arbeitsmethoden für die einzelnen Betriebsangehörigen keine Entlassung oder gehaltliche Rückstufung mit sich bringen darf. Die
Tatsache, daß viele Mitarbeiter der Firma vor der Notwendigkeit
stehen würden, ihren Arbeitsplatz mit einem anderen zu vertauschen,
erregte selbstverständlich große Besorgnis unter der Belegschaft;
dennoch war die allgemeine Reaktion günstig und ließ großes Interesse und Verständnis erkennen.
Während des eigentlichen Erprobungszeitraums vom Juni bis
Oktober 1954» in der Zeit also, in der die neue Elektronenrechenund Buchungsmaschine in der Datenverarbeitung getestet wurde,
brachten die werkseigenen Publikationen, die an die Mitarbeiter
in der Zentrale und in den Außenstellen verteilt wurden, laufend
Berichte über alle mit der Umstellung zusammenhängenden Fragen.
In diesen Artikeln wurden die Möglichkeiten und Grenzen der Verwendung von Elektrohenanlagen aufgezeigt, die notwendigen personellen Veränderungen in den Klassifizierungsbüros bekanntgegeben
und immer mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß kein Betriebsangehöriger im Zuge der Umstellung seinen Arbeitsplatz verlieren werde.
Um das nötige Bedienungspersonal für die neue Elektronenanlage heranzubilden, wurden acht besonders tüchtige Mitarbeiter zu
ein- bis sechsmonatigen Lehrgängen im Betrieb der Herstellungsfirma
der Rechenanlage entsandt. Die übrigen für den Betrieb der Großrechenanlage benötigten Mitarbeiter wurden an Ort und Stelle ausgebildet,
wobei man sich auf die Erfahrungen mit der Ausbildung der erwähnten
acht Betriebsangehörigen für die Schlüsselpositionen in dieser Abteilung stützen konnte. Bei dieser Auswahl war die Betriebsleitung
darauf bedacht, so weitgehend wie nur möglich Angestellte zu berücksichtigen, die bereits früher in der Klassifizierung gearbeitet haben.
Für einige der in diesem Zusammenhang neugeschaffenen Arbeitsplätze
waren allerdings Qualifikationen erforderlich, die keiner der bisherigen Mitarbeiter aufzuweisen hatte. Als Kriterien für die Auswahl des
Bedienungspersonals für die Elektronenrechen- und Buchungsanlage
wurden gewertet: Bisherige Erfahrung, mathematische Begabung und
akademische Vorbildung (die allerdings nur als wünschenswert und
nicht als absolut notwendige Voraussetzung angesehen wurde). Von dem
insgesamt 20 Mann starken Bedienungspersonal wurden 9 aus der Klassifizierung, 5 aus anderen Büros der Abteilung X, 5 v o n anderen Abteilungen der Firma ausgewählt. Ihnen wurde ein Hochfrequenzingenieur
beigegeben, der bisher nicht Betriebsangehöriger war. Für die Elektronenrechen- und Buchungsanlage werden somit an Personal benötigt:
1 Abteilungsleiter (Fachingenieur)
2 Automatenführer und 2 Hilfsautomatenführer (männlich)
für den Betrieb der Rechenanlage in zwei Schichten
1 Magnetband-Bibliothekarin
1 Vormann für die Betreuung der Zusatzgeräte
1 Gruppenleiterin für die Tabellierer
1 Obertabelliererin
1 Hilfstabellierer
3 Tabelliererlehrlinge (männlich)
1 Locherin
1 Lochkarten- und Bandverwalter
1 Arbeitsverteiler
1 Oberkontrolleurin
1 Kontrolleurin
2 Hilfskontrolleurinnen
- 8

�Diejenigen Angestellten, die nicht fuer die Weiterverwendung in
der Klassifizierung in Frage kamen, wurden nach einer persönlichen
Rücksprache mit der Betriebsführung und eingehender Überprüfung
ihrer sachlichen und persönlichen Eignung in andere Abteilungen
versetzt. Bei der persönlichen Aussprache hatte jeder Betriebsangehörige Gelegenheit, irgendwelche Wünsche bezüglich seines neuen
Arbeitsplatzes zu äußern. Eine niedriger bezahlte Stellung wurde
in keinem Falle als Ersatz angetragen. Jeder wurde auf einen Arbeitsplatz versetzt, den er nach kurzer Ausbildung an Ort und Stelle ohne
Schwierigkeiten ausfüllen konnte, wobei die Abteilungsleiter der für
die Weiterbeschäftigung in Frage kommenden Abteilungen vor der Versetzung konsultiert wurden» Sie erhielten Gelegenheit zu einer Aussprache mit dem betreffenden Mitarbeiter und zeigten sich bisher
von den Leistungen der neuzugeteilten Arbeitskräfte voll befriedigt.
Innerhalb der Klassifizierungsbüros hatten si6h sechs Gruppenleiter im Laufe der ^eit großes Geschick im Umgang mit dem Personal
erworben. Vier von ihnen, die großes Interesse für eine Weiterbeschäftigung an der Elektronenanlage bekundet hatten, verblieben in
der Klassifizierung: Drei gehören zum eigentlichen Bedienungspersonal der Rechenanlage und der vierte ist mit Fragen der Arbeitsplanung
für die Anlage befaßt. Von den beiden verbleibenden Gruppenleitern
nahm der eine einen gleichwertigen Arbeitsplatz in einer anderen
Abteilung an, und der andere übernahm einen besser bezahlten, allerdings untergeordneten Posten.
Der Arbeitsstab, der mit der Planung der Umstellung auf automatisches Verfahren der Datenverarbeitung beauftragt war, bestand ursprünglich aus 14 Personen. Bis zum Juni 1956 wurden allerdings 10 Angehörige dieser Abteilung in die neugeschaffene Abteilung für elektronische Anlegen versetzt.
Diese Abteilung war am 1. Januar 1955 neu geschaffen worden, um
die Verwendungsmöglichkeit von elektronischen Rechen- und Buchungsanlagen zu studieren und gewissermaßen ein Reservoir an Fschkräften
für die Bedienung solcher Maschinen heranzubilden. Der Leiter dieser
Abteilung stand an der Spitze der Studiengruppe, die vor Jahren die
Verwendbarkeit von Elektronenanlagen für die Aufgaben der Gesellschaft
untersucht hatte, und deren Empfehlungen schließlich zur Aufstellung
der ersten derartigen Anlage führten. Das achtköpfige Stammpersonal
dieser Abteilung hatte bereits eine gewisse Erfahrung auf diesem Gebiet aufzuweisen. Später wurde die Abteilung um 21 Personen, darunter
8 Bürokräfte, erweitert. Die übrigen 13 hatte man auf Grund ihrer
früheren Erfahrungen in der Bewältigung besonderer Aufgaben innerhalb
des Betriebes ausgewählt.
Im Juni 1955 wurden die Personalakten der Zentrale mit dem Ziel
überprüft, alle Personen festzustellen, die ebentuell auf Grund ihrer
Erfahrungen und ihres Bildungsganges in der Abteilung für elektronische
Anlagen verwendet werden könnten. Diese Überprüfung ergab zunächst einmal, daß mehr als 250 Betriebsangehörige eventuell für eine solche Tätigkeit in Frage kämen. Eine abermalige Überprüfung führte dann bis zum
September 1955 zur Auswahl von 30 Personen, die aus allen Abteilungen
des Betriebes herausgezogen wurden. Als Kriterien für diese Auswahl
galten (in der hier zitierten Reihenfolge): Erfahrung innerhalb des
Betriebes, Betriebszugehörigkeit und Lernfähigkeit. Von den 60 Angehörigen der Abteilung für elektronische Anlagen verfügt der weitaus
größte Teil heute über besondere Fertigkeiten auf dem Gebiet der
Programmierung, der Vorpusplanung des Einsatzes elektronischer Betriebsmittel und anderer innerbetrieblicher Vorgänge. Einige unter
ihnen werden demnächst eine Sonderausbildung mit dem Ziel durchmachen,
später selbst als Automatenführer für noch zu beschaffende Elektronen-

- 9-

�und-buchungsmaschinen eingesetzt zu werden.
Bis gegen Ende 1954 war sich die Firma restlos darüber klar
geworden, daß sich Elektronenrechen- und-buchungsanlagen für die im
Versicherungswesen anfallenden Aufgrben besonders eignen. Bald schon
wurde dann die erste derartige Anlage aufgestellt. Die Umstellung
wurde durch mehrere Faktoren begünstigt: 1. Die allgemeine Ausweitung
der Geschäftstätigkeit des Unternehmens, die eine Betriebserweiterung
erforderlich machte. 2. Die relativ hohe Arbeitsfluktuation, die von
einer Verknappung besonders an weiblichen Bürokräften in der Zentrale
begleitet war. 3« Die große Ähnlichkeit im Arbeitsanfall der verschiedenen Abteilungen innerhalb des Betriebes, die einer Versetzung von
Arbeitskräften entgegenkam.
Die Betriebsleitung ist gegenwärtig dabei, 22 innerbetriebliche
Vorgänge im Rahmen eines auf drei bis fünf Jahre veranschlagten Programms auf die Möglichkeit zur Automatisierung zu untersuchen. Nach
ihren Schätzungen sind ein bis eineinhalb Jahre dazu nötig, die Pläne
für eine Umstellung eines bestimmten Arbeitsgpnges auszuarbeiten und
weitere ein bis fünf Jahre, um diese Umstellung vorzunehmen und den
Betrieb sich soweit einspielen zu lassen, daß keinerlei größere Pannen
mehr auftreten können.
Quelle: "Monthly Labor Review"
Vol. 79, No. 1
* * * * *

Amerikas Gewerkschaften bilden ihren Funktionaersnachwuchs selbst heran
Immer mehr Lehrgaenge und Seminare zur Schulung und Weiterbildung von
Gewerkschaftsfunktionaeren und einfachen Mitgliedern fuehren die amerikanischen Gewerkschaftoalljaehrlich durch. Diese Programme, die als Ferienkurse waehrend der Urlaubszeit in den Sommermonaten begannen, haben sich
zu einer feststehenden Einrichtung mit umfassenden Lehrplaenen waehrend der
Monate vom Fruehjahr bis in den spaeten Herbst hinein entwickelt. Allein
im Jahre 1955 wurden in den verschiedenen Teilen des Landes ueber 100 derartige Lehrgaenge durchgefuehrt.
Eines der umfassendsten Bildungsprogramme hat die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft von Amerika (USA) mit 33 Seminaren und Lehrgaengen an 25
Universitaeten in verschiedenen Einzelstaaten geboten. Ueber 6000 Gewerkschaf tsfunktionaere, Betriebsfunktionaere und Schlichter haben an diesen
Lehrgaen en teilgenommen. Weitere 15 000 Mitglieder haben die Gelegenheit
zur Weiterbildung an den von einigen Universitaeten eingerichteten besonderen Kursen wahrgenommen.
Auf diesen Schulen und Lehrgaengen der Gewerkschaften, die gewoehnlich
ein bis zwei lochen dauern, wird ein reichhaltiger Lehrplan, je nach den
besonderen Beduerfnissen der veranstaltenden Gewerkschaft;geboten. So mag
das Schwergewicht einmal auf der Heranbildung von Betriebsvertrauensleuten,
auf Zeitstudien, Gewerkschaftsverwaltung, Gemeindearbeit und Politik liegen.
Ein andermal werden Arbeitsrecht, internationale Beziehungen, Frauenfragen
oder Presse und Publizistik im Mittelpunkt stehen.
Die Lehrplaene sind keineswegs immer auf die reine Gewerkschaftssphaere
beschraenkt; in den meisten Faellen stehen auch Fragen von umfassenderem,
allgemeinem Interesse auf dem Programm. So wurden in einem Gewerkschaftsseminar an der Staatlichen Universitaet von Pennsylvanien Themen wie die

- 10 -

�•
Erziehung des einzelnen unter besonderer Beruecksichtigung der kulturellen
Paktoren oder die Auswirkungen der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung,
insbesondere der Atomforschung, auf den einzelnen und die Gemeinschaft behandelt.
Die Ausbildung von Gewerkschaftsfunktionaeren ist heute von wesentlich
groesserer Bedeutung als vor 20 oder 30 Jahren. Grundvoraussetzung ist natuerlich nach wie vor, dass der Gewerkschafter benau orientiert ist, wie
hoehere Loehne, kuerzere Arbeitszeit und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen sind. Inzwischen ist aber eine Fuelle neuer Aufgaben und Probleme
hinzugekommen.
Ein Gewerkschafter von heute muss mit der Arbeitsgesetzgebung und
Einzelentscheidungen der Arbeitsgerichte, soweit sie den von ihm vertretenen Industriezweig betreffen, vertraut sein. Er muss die wirtschaftlichen
Verhaeltnisse kennen, Einsicht in die Produktionsmethoden haben und ueber
Produktionskosten Bescheid wissen. Schon heute muss er sich Gedanken darueber
machen, welch tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Folgen etwa durch
die Automatisierung heraufbeschworen werden koennen. Kurz, er muss von vielen Dingen etwas wissen, von der Aushandlung von Kollektivvertraegen bis
zur Rolle der Gewerkschaften in der Weltpolitik.
So ist es nur natuerlich, dass sich die von den Gewerkschaften gebotenen Kurse und Seminare zur Weiterbildung bei all jenen, die den Beruf
des Geweikschaftsfunktionaers erwaehlt haben oder erwaehlen wollen, eines
zunehmenden Interesses erfreuen, und dass die Besucherzahlen staendig
steigen. Manche Kursteilnehmer bestreiten die Kosten aus eigener Tasche,
andere werden von den Gewerkschaften zur Teilnahme ausgewaehlt und erhalten
saemtliche Auslagen verguetet. Nach welchen Gesichtspunkten und auf welche
Weise diese Auswahl vor sich geht, ist aus einer Untersuchung ersichtlich,
die in Lakeport im Staate Michigan in einem von der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft organisierten Lehrgang durchgefuehrt wurde.
Danach war jeder sechste Teilnehmer an einem Lehrgang aus den Reihen
der Mitgliedschaft vorgeschlagen und gewaehlt worden. Jeweils ein gleicher
Prozentsatz von Kursteilnehmern ist auf folgende Weise bestimmt worden:
1. Namhaftwachung durch hoehere Gewerkschaftsfunktionaere.
2. Automatische Entsendung auf Grund der Tatsache, da3s der Betreffende einen bestimmten Posten bekleidet, etwa den des Vorsitzenden eines
Verhandlungs- oder Bildungsausschusses.
3- Auf T.rund verdienstvoller praktischer Gewerkschaftsarbeit und des
guten Abschneidens auf frueheren Schulungskursen.
Weiter zeigte die Untersuchung, dass die Kursteilnehmer meistens
reifere Leute mit guter Vorbildung im Alter zwischen 30 und 40 Jahren waren, die in der Gewerkschaft taetig sind und sich das fuer die Uebernahme
groesserer Aufgaben und verantwortungsvollerer Posten in der Gewerkschaft
noetige Wissen aneignen wollen.
Quellei Eigenbericht

- 11 -

�Walter K. Bailey,
Praesident der Warner &amp; Swasey Company, Cleveland (Ohio)i
Der Begriff der Produktivitaet in der amerikanischen Industrie
Wenn wir Amerikaner von der Produktivitaet der Industrie sprechen,
so verbinden wir diesen Begriff stets mit Produktions Steigerung, Verbesserungen oder neuen Erfindungen. Wir nehmen es als selbstverstaendlich an, dass jedes Produkt bald schon besser, billiger und in groesseren
Mengen hergestellt werden wird.
Dies scheint mir eine ausgesprochen amerikanische Haltung zu sein.
Wir glauben, dass sich Gueter und Dienstleistungen in unbegrenzter Menge
und Mannigfaltigkeit erzeugen lassen. Voraussetzung ist nur, dass sie
zu einem Preise hergestellt werden, der fuer eine moeglichst grosse Zahl
von Konsumenten erschwinglich ist.
Unserer Meinung nach sind die Absatzmaerkte praktisch unbegrenzt
ausweitungsfaehig, waehrend doch in Europa die Ansicht vorherrscht, dass
der Markt fuer jedes Produkt ganz bestimmte Grenzen hat und dass sich die
verschiedenen Hersteller der entsprechenden Ware in ihn teilen muessen.
Die amerikanischen Fabrikanten wetteifern staendig miteinander,
immer mehr Menschen immer bessere Waren zu immer niedrigeren Preisen anzubieten. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass unser gesamtes Wirtschaftssystem darauf abgestellt ist, den Lebensstandard des ganzen Volkes zu heben.
Dies erreichen wir durch staendige Erhoehung der Produktivitaet.
Sollte ich definieren, was Produktivitaet ist, so wuerde ich sie als
"die pro Zeit- oder Energieeinheit des Arbeiters erzeugte Produktionsmenge oder erzielte Wertsteigerung" bezeichnen. Wir haben uns laengst
daran gewoehnt, das Wort "Produktivitaet" im Geist mit dem V/ort "gesteigert" zu verbinden.
In der Werkzeugmaschinenindustrie zum Beispiel bemessen wir die
Produktivitaet einer neuen Werkzeugmaschine nach der Steigerung des
Ausstosses pro Arbeiter und Arbeitsstunde. Das heisst, wir erwarten von
einer neuen Maschine stets, dass sie pro Stunde mehr erzeugt als die
alte.
Man kann das Produktionsvolumen erhoehen, indem man mehr Arbeiter
einstellt oder laenger arbeitet; die Produktivitaet jedoch kann nur dadurch gesteigert werden, dass die Erzeugung pro Mann und Stunde erhoeht
wird.
Bis zu einem gewissen Grade ist dies durch intensivere Arbeit zu
erreichen. Intensivierung der Arbeit aber ist sicherlich nicht die Loesung. Natuerlich kann ein Farmarbeiter zweimal B O schnell Kartoffeln
hacken wie ein anderer; die wirkliche Steigerung der Produktivitaet
aber brachte erst die motorisierte Kartoffelhackmaschine.
Wir haben die Produktivitaet in den Vereinigten Staaten durch Forschungsarbeit, durch neue Erfindungen und durch die Erschliessung von
Kraftquellen gesteigert - ausgehend von der 'Vasserkraft und der tierischen Kraft ueber die Dampfkraft bis zur Verwendung von Erdoelprodukten und der Elektrizitaet. Eine weitere Steigerung der Produktivitaet
brachte die Verwendung immer besserer Maschinen und Ausruestungen sowie
eine Verbesserung der Produktionsplanung.
Wir Amerikaner neigen dazu, all diese Dinge als Selbatverstaendlichkeiten hinzunehmen; aber schliesslich ist das alles ja nicht wie von
ungefaehr geschehen. Die Sache begann in England mit einem Maschinenbauer
- 12 -

�namens Wilkinson, dem es gelang, einen Kolben in einen Zylinder so genau
ednzuschleifen, dass er Dampf nicht ausliess. Dieser Kolben erst ermoeglichte James Watt den Bau der ersten Dampfmaschine. Das war der Beginn der
Werkzeugmaschinenindustrie.
Durch die Werkzeugmaschinen lernte der Mensch, Metall so genau zu
schneiden und zu formen, dass die Verwendung genormter Maschinenteile
moeglich wurde. Ohne dieses Prinzip der Normung oder Austauschbarkeit von
Maschinenteilen waere die Produktivitaet, wie wir sie heute kennen, absolut unmoeglich.
Die Bedeutung der Austauschbarkeit von Einzelteilen ist ueberhaupt
nicht zu ueberschaetzen. Mir scheint es sehr bedauerlich, dass unsere
amerikanischen Geschichtsbuecher in diesem Zusammenhang nur von Eli
Whitney als dem Erfinder der Baumwoll-Egreniermaschine berichten, die natuerlich fuer die Landwirtschaft eine ganz grosse Sache war.
Eli Whitneys wirklich grosse Leistung fuer unser heutiges Leben aber
war, dass er als erster den Beweis erbrachte, dass saemtliche Teile eines
Gewehrs auf der Basis der Austauschbarkeit, das heisst normiert, hergestellt werden koennen. Er machte dem amerikanischen Kongress den Vorschlag,
10 000 Flinten aus restlos genormten Teilen herzustellen, so dass sich
fuer jedes schadhaft gewordene Teil sofort ein Ersatzteil verwenden liesse.
Diese Erfindung, die uebrigens aus einem militaerischen Beduerfnis erwuchs,
hat Amerika den Weg zu immer groesserer Steigerung der Produktivitaet eroeffnet.
In den Voreinigten Staaten hat man dieses Prinzip der Steigerung der
Produktivitaet so weit entwickelt wie nirgends sonst auf der Welt, und
dies ist ein Verdienst unserer freien Wettbewerbswirtschaft. "Wenn wir
die Menge der erzeugten Waren steigern koennen, dann koennen wir die Kosten
senken", argumentierten und argumentieren unsere Fabrikanten.
Unsere Industriellen sind ataendig bestrebt, neue und bessere Waren
herzustellen und neue und bessere Produktionsmethoden zu entwickeln. So
wurden Forschung, Entwicklung und neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der
Technik zur eigentlichen Grundlage der Aufwaertsentwicklung unserer gesamten Wirtschaft.
(Nachdruck nicht gestattet)
Quelle: Eigenbericht

Der Lebensstandard der Stahlarbeiter
Allenthalben hoert man heute vom Jedermanns-Kapitalismus in den
Vereinigten Staaten, und vieles stand auch schon darueber zu lesen, was
der Jedermanns-Kapitalismus sei. Vom rein menschlichen her interessiert
aber auch» wer ist nun eigentlich der Jedermanns-Kapitalist und wie lebt
er?
Betrachten wir einmal das Leben des Stahlarbeiters James Edward
Barnes, der seit 1953 als Giesser bei den Fairless-Werken in Morrisville
im Staate Pennsylvanien, einem Zweigbetrieb der United Steel Corporation,
beschaeftigt ist. Er ist ein typischer Vertreter eben jener in den Vereinigten Staaten im Entstehen begriffenen neuen sozialen Schicht der Jedermanns-Kapitalisten.
Er verdient 6000 Dollar im Jahr, eine Summe, die ausreicht, um die
wirtschaftliche Existenz der Familie zu sichern und ihm, gleich Millionen
- 13 -

�seiner Landaleute, eine Lebensfuehrung gestattet, die ihn in jene neue
«soziale Klasse einreiht.
Die Vermoegenswerte, ueber die diese neue Gesellschaftsklasse verfuegt, und die ihre wirtschaftliche Grundlage bilden, setzen sich zusammen aus Lebensversicherungen, Sparkonten, Anspruechen auf Altersversorgung und einer kleineren Zahl von Industrieaktien, wie sie fast jeder
Amerikaner heute besitzt.
Waehrend noch um die Jahrhundertwende die amerikanische Wirtschaft
zum groessten Teil von einigen wenigen Grossbanken finanziert wurde, sind
es heute gerade die Ersparnisse der "kleinen Leute", die in Form von
Investitionen in die amerikanische Industrie fliessen und die Voraussetzung fuer die staendige Steigerung der Produktion und des Einkommens
der am Produktionsprozess Beteiligten schaffen.
Der Anteil am Besitz des Industrievermoegens macht den einzelnen
zum Kapitalisten, und auf Grund seiner Ansprueche auf diesen Besitz und
seines Einkommens gehoert auch der Eisengiesser Barnes zu der grossen
Schicht dieser kleinen Kapitalisten, die sich im Verlauf der letzten Jahre in den USA herausgebildet hat.
Die Lebensfuehrung der Familie wird von der Arbeitsleistung des
Familienoberhauptes bestimmt. Mit seiner Haende Arbeit verschafft Barnes
seiner Familie, die ausser ihm und seiner Frau noch aus einem Sohn und
zwei Toechtern besteht, ein sorgenfreies Leben, und sein Fleiss sichert
ihre Zukunft.
Ed, wie ihn seine Freunde nennen, kann sich bei seinem Verdienst
auch ein Eigenheim leisten. Er entschied sich fuer ein Fertighaus aus
Sperrholzteilen, wie es von der United Steel Homes Inc. hergestellt wird.
Der Bau ging sehr rasch, stand das Haus doch an einem Tage fertig montiert an Ort und Stelle. Es enthaelt fuenf Raeume und ist mit allem modernen Komfort ausgestattet, von der elektrischen Waschmaschine mit
Trockenschleuder bis zur Garage fuer das Familienauto. Moderne Kuechengeraete - Tellerspuelmaschine, Mixer, Abfallwolf im Spuelbecken und Backrohr - erleichtern Mrs. Barnes die Haushaltfuehrung. Das Fertighaus kostete ohne Baugrund 12 000 Dollar, die in monatlichen Raten Schritt fuer
Schritt getilgt werden. Hierfuer muss Mr. Barnes zur Zeit noch 17$ seines
gesamten Lohnes aufwenden.
Im uebrigen verteilt sich das Einkommen auf folgende Posten« 29$
fuer Lebensmittel, 2$ fuer Walser und Strom, 5$ fuer Versicherungen und
Gewerkschaftsbeitraege, 7$ fuer Einkommensteuer, 14$ fuer den Unterhalt
des Autos, 6$ fuer Bekleidung, 10$ fuer Erholung sowie persoenliche Beduerfnisse und 2$ fuer verschiedene Nebenausgaben. Die verbleibenden
10$ des Einkommens werden als Ersparnisse zurueckgelegt.
Das Leben der Familie Barnes verlaeuft in ruhigen und friedlichen
Bahnen und unterscheidet sich in nichts von dem von Millionen anderer
Amerikaner. Die Abende und das zweitaegige Wochenende verbringt Barnes
im Kreise seiner Familie. Zahlreiche Arbeiten verrichtet der Hausherr
in Haus und Garten selbst. Er maeht den Rasen und hilft seinen Kindern
bei ihren Schularbeiten. Die Teilnahme am Leben der Gemeinde ist fuer die
Familie ebenso selbütverdtaendlich wie der sonntaegliche Kirchgang. Den
Urlaub verbringt man gemeinsam in den nahegelegenen Bergen, wo sich Gelegenheit zum Fischen und Schwimmen bietet. (Nachdruck nicht gestattet)
Quelle: Eigenbericht

- 14 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Die Lohnstruktur in der chemischen Industrie der USA
Die hoechsten Stundenloehne in der chemischen Industrie der Vereinigten Staaten werden in dem texanischen Golfgebiet und die niedrigsten in den Suedostgebieten der USA gezahlt. Die organisierten Arbeiter
dieses Industriezweiges verdienen dabei im Durchschnitt 17 Cent mehr
als die gewerkschaftlich nicht erfassten. Diese Angaben sind in der Juniausgabe von "Facts and Trends", einer Monatszeitschrift, enthalten, die
von der Gewerkschaft der Oel-, Chemie- und Atomarbeiter herausgegeben wird.
Die grossen Unterschiede in der Lohnstruktur werden in dem Bericht
auf verschiedene Faktoren zurueckgefuehrt. Die hoechsten Stundenloehne in
Hoehe von 2,36 Dollar, die im texanischen Golfgebiet gezahlt werden, resultieren zum Beispiel aus der Tatsache, dass hier die chemischen Werke
in sehr enger Beziehung zu der benachbarten Oelindustrie stehen, die allgemein ein sehr hohes Lohnniveau aufweist. In Charleston (West-Virginia),
wo die zweithoechsten Stundenloehne in der chemischen Industrie gezahlt
werden (2,34 Dollar), ist es die Konzentrierung vieler chemischer Unternehmen, die alle sehr hohe Loehne zahlen, die hier die hohen Lohnsaetze
bedingt. Da es sich dabei in der Regel um bluehende und sehr wohlhabende
Betriebe handelt, ist dieses Gebiet auch das einzige der gesamten Vereinigten Staaten, in dem die Loehne der nicht organisierten Arbeiter hoeher sind als die der gewerkschaftlich organisierten.
In den Suedostgebieten der USA, die das niedrigste Lohnniveau aufweisen, liegt der Durchschnittsstundenlohn bei 1,76 Dollar. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter erhalten dort im Durchschnitt 1,80
Dollar und die nicht organisierten 1,70 Dollar pro Stunde.
Auch die Groease der einzelnen chemischen Betriebe hat auf die Lohngestaltung einen Einfluss, wie aus der gleichen Uebersicht hervorgeht.
Die Werke an der Texas-Golfkueste, die eine durchschnittliche Beschaeftigtenzahl von 1016 Arbeitern aufweisen, zahlen im Durchschnitt Stundenloehne in Hoehe von 2,36 Dollar, waehrend im Charleston-Gebiet, wo die
durchschnittliche Beschaeftigtenzahl bei 1477 liegt, der Stundenlohn im
Durchschnitt 2,34 Dollar betraegt. In den Suedoststaaten jedoch, die mit
1,75 Dollar die niedrigsten Chemiearbeiterloehne der USA aufweisen,
betraegt die durchschnittliche Zahl der Betriebaangehoerigen 262.

"... erscheinen 13 Dollar so viel wie 1000"
Ein Name und ein Scheck ueber 13,93 Dollar werden zweifellos spaeter
noch haeufig als ein Markstein in der Geschichte der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zitiert werden. Bei dem Namen handelt es sich um den
Autoarbeiter Anthony Mannino und bei dem Scheck um die erste Ueberweisung
der zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzung ueberhaupt, die die arbeitslosen amerikanischen Automobilarbeiter jetzt auf Grund des im Vorjahr zwischen der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) und den Unternehmen der Autoindustrie ausgehandelten sogenannten "revidierten garantierten Jahreslohnes" erhalten.
Mannino, der seit dem 4. Mai arbeitslos ist, bekommt also jetzt
neben der normalen staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung in Hoehe von
33 Dollar pro Woche einen Zuschuss, der aus einem Fonds gezahlt wird, in
den die Unternehmer 5 Cent pro Arbeiter und geleisteter Arbeitsstunde
einzahlen. Damit belaeuft sich seine gesamte Unterstuetzung in der Woche
auf 46,93 Dollar, was 65 Prozent seines bisherigen Lohnes entspricht.
- 15 -

�Bis zu seiner Entlassung war Mannino, der jetzt 29 Jahre alt ist,
als Montagearbeiter am Fliessband des "Jefferson Kercheval"-Y&lt;erkes der
"Chrysler Corporation" in Detroit beschaeftigt. Sein Stundenlohn betrug
2,11 Dollar. Zu dem Scheck meinte er: "Diese Summe ist zwar nicht sehr
hoch und zweifellos werden spaeter einmal, wenn die Gewerkschaft den
Unterstuetzungsplan weiter ausgebaut hat, die Schecks groesser ausfallen,
aber wenn man ohne Arbeit ist, dann erscheinen einem diese 13 Dollar
wie 1000."

Durchschnittswochenlohn der Industriearbeiter leicht zurueckgegangen
Der durchschnittliche Wochenlohn des amerikanischen Industriearbeiters ging zwischen April und Mai infolge einer kuerzeren Arbeitswoche
um 46 Cent zurueck, berichtet das "US-Arbeitsministerium" in seinem
juengsten Lagebericht ueber die Entwicklung am amerikanischen Arbeitsmarkt.
Das Durchschnitts-Wochenlohneinkommen eines Arbeiters mit drei Familienangehoerigen belief sich im Mai auf 71»95 Dollar, waehrend ein
Arbeitnehmer ohne Pamilienangehoerige es auf 64,62 Dollar brachte. Trotz
dieses Rueckganges jedoch bedeuten beide Ziffern einen Hoechststand fuer
Mai, sie liegen gegenueber dem gleichen Monat des Vorjahres um rund 2,5
Prozent hoeher.

Mit Beginn dieser Ausgabe erscheinen
die "Internationalen Arbeitsmitteilungen"
jeweils am 1. eines Monats.
Die Hedaktion

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlcm, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
IX

' 1^

Mehlem, den 1. September 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Automatisierung und ihre Forderungen an das
Ausbildungswesen
Die Rolle der Gewerkschaften beim Aufbau einer
besseren Welt
Aussichten im Jahre 1956 für den Neuabschluß von
Tarifverträgen
"Revidierter garantierter Jahreslohn" auf
individueller Basis
Henry Ford II. ruft Mitarbeiter auf, sich aktiv an
der Wahl zu beteiligen
Wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen für
Studenten und Arbeiter
Ein interessantes "union shop"-Abkommen

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Dael Wolfe, Mitglied der Amerikanischen Gesellschaft
zur Förderung der Wissenschaften 1
Die Automatisierung und ihre Forderungen an das Ausbildungswesen
In den Diskussionen über die Automatisierung wird uns häufig
eine Zukunft ausgemalt, in der bei der Verarbeitung der Werkstoffe
nicht nur die physische Arbeit von Maschinen geleistet wird, sondern auch der Transport der teilweise fertiggestellten Erzeugnisse
maschinell erfolgt, die verschiedenen Arbeitsprozesse auf automatischem Wege kontrolliert sowie programmiert und Fehler korrigiert
werden, die im Verlauf des gesamten Produktionsprozesses vorkommen.
Diese Ausblicke haben sowohl Begeisterung hervorgerufen wie Befürchtungen erweckt - Begeisterung über die zu erwartende hohe Produktivität und Furcht vor den Folgen, die sich sowohl für die Arbeiter wie
für die Gesellschaft insgesamt ergeben können.
Trotz der Tatsache, daß die Wurzeln der Automatisierung auf
frühere technische Entwicklungen zurückgehen, wird sie doch auf
Grund der Anwendung im großen Maßstab den Charakter zahlreicher
Industrien stark verändern. Einzelne Arbeitsprozesse werden durch
automatische Kontrollsyateme miteinander verbunden werden, die die
Erzeugnisse überprüfen, Stücke minderer Qualität ausscheiden, fehlerfreie Stücke an die Maschine weiterleiten, die den nächsten
Arbeitsvorgang durchführt, das Endprodukt verpacken, die geleistete
- 1

�Arbeit registrieren, und Fehler, die aich in verschiedenen Teilen
des technischen Prozesses ereignen, durch eine Wiederholung des
Produktionsprozesses korrigieren. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß solche automatisch« Betriebe eine beträchtliche
Umschichtung im Bedarf an menschlichen Arbeitskräften bewirken
werden.
Doch ebenso sicher ist, daß sich diese Umschichtungen nur
graduell vollziehen werden. Eine gewisse Zeit wird notwendig
sein, um die entsprechenden automatischen Geräte zu entwickeln.
Selbst wenn die Umstellungen der Fabriken auf automatische Maschinen auf weite Sicht gesehen die Produktionskosten senken
werden, die für die Errichtung neuer oder den Umbau bereits vorhandener Produktionsstätten notwendig sind, werden es die hohen
Kapitalinvestitionen im allgemeinen verhindern, daß eine Umstellung der konventionellen Unternehmen auf automatischen Betrieb in großem Umfange erfolgt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Arbeitsvorgänge, die sich für eine solche Umstellung
schlecht eignen; und selbst wenn wir mit einem starken Anwachsen der Automatisierung rechnen, so ist doch anzunehmen, daß
zahlreiche Tätigkeiten auch weiterhin in der herkömmlichen Art
bewältigt werden. Schließlich werden auch die von den begeisterten Propheten der Automatisierung vorausgesehenen Veränderungen
den Widerstand der Arbeiterschaft und der in unserer Gesellschaft
vorhandenen konservativen Kräfte zu überwinden haben. Aus diesen
verschiedenen Gründen müssen wir eher mit allmählichen als plötzlichen Veränderungen rechnen, und wir können uns daher überlegen
und uns in gewissem Grade ausrechnen, was für Folgen diese Veränderungen bezüglich des Bedarfs an Arbeitskräften haben werden
und welche Konsequenzen wir in erzieherischer Hinsicht daraus
ziehen müssen.
Die Automatisierung wird den Bedarf an Ingenieuren, technischem Personal und Facharbeitern, die imstande sind, die automatischen Kontrollvorrichtungen zu konstruieren, zu bauen und
zu bedienen, steigern. Dementsprechend wird durch die Automatisierung der Bedarf an Arbeitern reduziert werden, die heute
noch für den innerbetrieblichen Materialtransport, für einfache
Kontroll- und Überwachungsarbeiten und zur Bedienung einfacher
Maschinen benötigt werden. Die steigende Kachfrage nach gründlich
ausgebildeten Facharbeitern und der sinkende Bedarf an Personal,
das keine speziellen Fachkenntnisse besitzt, sind Teil einer
Entwicklung, die sich bereits seit Jahrzehnten vollzieht.
Offensichtlich wird die Automatisierung nicht den plötzlichen und unmittelbaren Verlust von Arbeitsplätzen größeren
Ausmaßes zur Folge haben. Vielmehr glaube ich, daß sich die
Umstellung der Fabriken auf automatischen Betrieb ohne erhebliche Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt durchführen läßt,
und in der Zeit des Übergangs kann die Anwerbung der Arbeitskräfte für die neuen Betriebe schrittweise erfolgen, je nach
dem Tempo, in dem alte durch neue Fabriken ersetzt werden.
Mit der Entwicklung der Automatisierung ist jedoch ein Rückgang in der Zahl der Arbeitskräfte zu erwarten, die eine bestimmte
Arbeit verrichten, während die Zahl derjenigen ansteigen wird,
die eine andere Tätigkeit ausüben; überraschende mit Entlassungen größeren Ausmaßes verbundene Veränderungen dürften jedoch

- 2 -

�nicht stattfinden. Daß die Entwicklung stetig verlaufen wird,
wird durch die Tatsache illustriert, daß noch im Jahre 1900 auf
250 Industriearbeiter ein Ingenieur entfiel, während heute auf
50 Arbeiter ein Ingenieur kommt. Die Automatisierung bietet die Aussicht, daß die weitere Entwicklung eine ähnliche Tendenz aufweisen
wird. Im Hinblick auf die in der Bevölkerungszahl erfolgenden
Veränderungen und bei der Aufstellung von Erziehungs- und Ausbildungsplänen kann man mit gutem Grund annehmen, daß dies der
Fall sein wird.
Das auffälligste Merkmal in der Bevölkerungsentwicklung der
Vereinigten Staaten ist die hohe Zahl der Geburten, die während
und unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg anzusteigen begann und
die unvermindert anhält. Die Bevölkerung vermehrt sich so schnell,
daß sich bei den Überprüfungen früherer Schätzungen stets höhere
Zahlen ergeben als ursprünglich angenommen wurde. Nach den vom
Statistischen Bundesamt (am 20.Oktober 1955) veröffentlichten
Schätzungen ist mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die
Vereinigten Staaten im Jahre 1960 eine Bevölkerungszahl von etwa
178 Millionen und 1970 von vielleicht 205 Millionen aufweisen
werden. Ohne Zweifel wird eine so starke Bevölkerung mehr Güter
als unsere heutige Bevölkerung konsumieren. Außerdem wird bei den
wachsenden Erkenntnissen der Medizin über die Möglichkeiten einer
Verlängerung der Lebensdauer ein beträchtlicher Prozentsatz der
Bevölkerung die normale Zeitspanne, die sie im Arbeitsprozeß steht,
überschritten haben. Man muß daher damit rechnen, daß sich sowohl
die Gesamtzahl der Bevölkerung erhöhen und auch die Zahl der aus
dem Arbeitsprozeß ausgeschiedenen Bevölkerungsteile anwachsen wird.
Wenn wir außerdem neben der Tatsache einer steigenden Bevölkerung
noch ferner berücksichtigen, daß auch der Verbrauch pro Kopf der
Bevölkerung ständig steigt, können wir mit gutem Grund annehmen,
daß im Vergleich zu heute der Bedarf an Gütern und Dienstleistungen in 10 oder 20 Jahren erheblich höher sein wird. Diese Entwicklungsmöglichkeiten bestärken uns in dem Glauben, daß der Bedarf an Arbeitskräften in Zukunft ständig beträchtlich größer sein
wird als heute.
Andererseits steigt die Produktivität nach wie vor um drei
Prozent jährlich an. Eine bestimmte Anzahl von Arbeitskräften ist
also imstande, wesentlich mehr Güter zu produzieren als noch vor
wehigen Jahren. Beim Anhslten dieser Entwicklung wird eine bestimmte Zahl von Arbeitern im Jahre 1970 50 Prozent mehr Güter
produzieren als im Jahre 1955«
Vorausgesetzt, daß alle übrigen Umstände die gleichen bleiben,
verringert die Steigerung der Produktivität den Bedarf an Arbeitern,
während die steigende Bevölkerungszahl und der steigende Konsum-den
Bedarf an Arbeitskräften,erhöhen. Die tatsächliche Auswirkung dieser
Entwicklung wird für die einzelnen Berufsgruppen verschieden sein.
So ist zum Beispiel die Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeiter so gestiegen, daß wir heute mit viel weniger Farmern auskommen können als zuvor. Um ein weiteres Beispiel anzuführen 1
Die steigende Kinderzahl und unsere erhöhten Erwartungen, die wir
heute in die Erziehung setzen, haben den Bedarf an Lehrern wesentlich erhöht, und dieser Bedarf wird noch weiter steigen, wenn es
uns nicht gelingt, bessere Methoden zu entwickeln, die es einem
Lehrer ermöglichen, eine größere Anzahl von Schülern zu betreuen
als es bisher allgemein für wünschenswert gehalten wurde.

- 3-

�Der Mangel an Arbeitskräften ist verschiedener Art und auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Es besteht ein ernster Mangel an
hochqualifizierten Kräften auf fast allen Arbeitsgebieten. Doch den
hat es immer gegeben. "An der Spitze ist immer Platz", ist eine alte
Weisheit. Ein Arbeitgeber weiß hochbefähigte Arbeitskräfte immer zu
schätzen und ist bereit, sie in Positionen zu berufen, die außerordentliches Können verlangen.
Ein zweiter Mangel besteht an Männern und Frauen, deren Hauptinteresse sich auf die theoretischen Wissenschaften richtet. Es wird
allgemein behauptet, daß die Vereinigten Staaten zwar zahlreiche hervorragende Ingenieure, doch nur wenige Pioniere auf dem Gebiet der
Grundlagenforschung hervorgebracht haben; daß sie zwar bei der praktischen Verwertung wissenschaftlicher Entdeckungen mit an erster
Stelle stehen, daß sie aber an den Entdeckungen selbst keinen direkten Anteil gehabt haben. Wahrscheinlich werden wir der Grundlagenforschung in Zukunft erhöhte Bedeutung beimessen müssen, denn die
europäischen Laboratorien haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten beträchtliche Verluste erlitten und aus Europa hört man, daß
sich auch dort, ebenso wie in Amerika, junge Wissenschaftler in
wachsender Zahl lieber der angewandten als der Grundlagenforschung
oder dem Lehrberuf zuwenden wollen.
Dritten? besteht ein Mangel an Arbeitskräften, die in neuentwickelten Arbeitsgebieten über Erfahrungen verfügen. In den letzten
Jahren fehlten uns Fachkräfte für Fremdsprachen und solche, die die
Gebräuche anderer Länder kennen; es bestand ein Mangel an Hochfrequenz ingenieuren und an Männern und Frauen, die sich auf dem weiten
Felde der Kernenergie auskennen. In Zukunft werden vermutlich auch
auf dem Gebiet der Automatisierung Arbeitskräfte fehlen. Doch dürften diese Löcher gestopft werden, wenn erst einige Erfahrungen gesammelt und entsprechende Ausbildungsprogramme erfolgreich besucht
worden sind; in den Anfangsstadien einer Entwicklung muß stets mit
einem Mangel an Arbeitskräften gerechnet werden.
Schließlich besteht ein Mangel an Arbeitskräften in solchen
Industriezweigen, die wegen der geringen Vorteile, die sie bieten,
nur eine geringe Anziehungskraft besitzen. Bei dem im allgemeinen
starken Bedarf an Arbeitskräften haben diejenigen Berufe am wenigsten Aussicht, Arbeiter zu bekommen, bei denen die Arbeitsbedingungen am ungünstigsten sind.
Die in der Industrie und in der Bevölkerung sich vollziehenden
Entwicklungen könnten theoretisch in einigen Industrien zu einem
Mangel an Arbeitskräften und in anderen zu einem Überschuß führen.
Tatsächlich gibt es aber keinen Überschuß von erheblicher Bedeutung.
Eine Arbeitslosigkeit geringen Ausmaßes ist vorhanden, und der Arbeitsmarkt ist in einigen Teilen des Landes nicht so stark angespannt
wie in anderen; im großen*und ganzen jedoch ist die Zahl der Arbeiter,
die infolge der in der Industrie oder der Bevölkerung erfolgten Veränderungen ihre Arbeitsplätze verloren haben, nur gering.
Dieser Umstand ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß
der amerikanische Arbeiter sich nicht scheut, in einen anderen Beruf
überzuwechseln. Die große Bereitwilligkeit, in einem anderen Beruf
zu arbeiten, ist eine der Ursachen, daß sich die amerikanischen Arbeiter in der Vergangenheit so leicht den durch die Technik bewirkten Veränderungen angepaßt haben. Sie ist vermutlich einer der wichtigsten Faktoren der schnellen Veränderungen unserer Technik und
unserer hohen Produktivität.

-4 -

�Diese Mobilität ist ein charakteristisches Merkmal sowohl der
Wissenschaftler, der Ingenieure und anderer gehobener technischer
Berufe, wie auch der niederen Berufsarten. Die dramatische Entwicklung
der Kerntechnik ist ein Beispiel aus jüngster Zeit. In den zehn Jahren,
seit in Alamogordo die erste Atombombe zur Explosion gebracht wurde,
haben die reichlich zur Verfügung stehenden Geldmittel zusammen mit
der Bereitwilligkeit zahlreicher Wissenschaftler und Ingenieure, auf
dieses interessante neue Gebiet überzuwechseln, zu den gewaltigen
und einzigartigen Fortschritten beigetragen - Fortschritten, die sich
nicht nur auf die Herstellung von Bomben beschränken, sondern die sich
auch auf das in schneller Entwicklung befindliche Gebiet der friedlichen
Verwendung der Atomenergie erstrecken.
Im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Automatisierung besteht
kein Grund zur Befürchtung, daß dieses leichte Überwechseln von einem
Beruf zum anderen aufhören wird, für die amerikanische Arbeiterschaft
charakteristisch zu sein. Zahlreiche neue Arbeitsplätze werden geschaffen und andere überflüssig werden, und mit der Besetzung dieser neuen
Arbeitsplätze brauchen wir nicht zu warten, bis von den Universitäten
geschulte Kräfte entlassen werden, die sich auf die Automatisierung
spezialisiert haben, noch ist es notwendig, sämtliche Arbeiter aus
Berufen, die überflüssig geworden sind, zu pensionieren. Die berufliche Mobilität der amerikanischen Arbeiterschaft bietet Gewähr dafür,
daß die Anpassungen reibungslos vonstatten gehen werden.
Als Grundlage für eine Diskussion werden nachstehend sieben
verschiedene Entwicklungstendenzen kurz aufgeführt, aus denen Folgerungen gezogen werden müssen:
1. Wie die Entwicklung gezeigt hat, ist der Prozentsatz derjenigen
Arbeitskräfte, die in solchen Berufen beschäftigt sind, die eine akademische, eine Fachschul- oder eine hochspezialisierte Ausbildung verlangen, in ständigem Anstieg begriffen. Die weitere Entwicklung der
Automatisierung dürfte diese Tendenz nur noch verstärken und jedenfalls nicht grundsätzlich verändern. Es muß daher damit gerechnet werden, daß künftig in jeder Generation sogar ein noch höherer Prozentsatz an Arbeitskräften für technische und wissenschaftliche Berufe
sowie für leitende Positionen in der Wirtschaft und vielleicht für
weitere hochspezialisierte Arbeitsgebiete ausgebildet werden muß.
2. Die Bevölkerungsentwicklung weist eindeutig darauf hin, daß
der Bedarf an Lehrpersonal steigen wird - ein Bedarf, der den heutigen weit übersteigen dürfte, wenn die Lehrmethoden nicht grundlegend geändert werden, um die Anzahl der für eine bestimmte Schülerzahl notwendigen Lehrkräfte zu verringern. Um das gegenwärtig bestehende zahlenmäßige Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern in
den Grundschulen und höheren Schulen aufrecht zu erhalten, wären
in den nächsten zehn Jahren über die Hälfte aller Absolventen sämtlicher amerikanischen Hochschulen und Universitäten erforderlich.
Um das gegenwärtige Verhältnis an den Hochschulen und Universitäten
aufrecht zu erhalten, müßte die Zahl der Fakultäten in den nächsten
fünfzehn Jahren verdoppelt werden.
3. Infolge der Verschiebungen in der Zahl der von den verschiedenen Industriezweigen benötigten Arbeitskräfte und des ständig
steigenden Bedarfs an hochspezialisierten Facharbeitern wächst
die Verantwortung der Schulen, ihren Schülern eine so gute Erziehung
und Fachausbildung zu geben, wie nur irgend möglich.

- 5-

�4. Das Tempo, in dem neue technische Gebiete erschlossen werden,
setzt die Fähigkeit voraus, neue Probleme zu erkennen und sich neuen
Bedingungen anzupassen. Die Universitäten und Fachschulen haben daher
die Pflicht, die geistige Beweglichkeit und berufliche Mobilität
ihrer Schüler im Unterricht zu berücksichtigen.
5. Die Entwicklung der Automatisierung, der steigende Bedarf an
Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern, und die Tatsache, daß
auch andere Gebiete - wie die Wirtschaft und die Psychologie - immer
mehr Verwendung für tüchtige Mathematiker und Statistiker haben, steigert ferner den Wunsch zahlreicher Arbeiter, sich gründliche Kenntnisse in der Mathematik anzueignen, die die Grundlage für Wissenschaft
und Technik bildet. Das Studium der Mathematik, das eine Vielfalt beruflicher Möglichkeiten erschließt, und die Schulung im mathematischen
Denken in früher Jugend bedeuten, daß sich alle Schulgattungen mit dem
Problem auseinandersetzen müssen, wie sie den Mathematikunterricht verbessern können.
6. Wegen der Wichtigkeit, die in sozialer und in technischer Hinsicht den Fortschritten sowohl in der Grundlagenforschung wie in der
theoretischen Wissenschaft zukommt, gewinnen diejenigen Arbeitskräfte
steigende Bedeutung, die für eine schöpferische Tätigkeit auf dem Gebiet der Forschung die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Sowohl unsere Schulen selbst wie auch das geistige Klima, das in ihnen herrscht,
könnten mehr als zuvor für die Entwicklung dieser Voraussetzungen förderlich sein und diejenigen ermutigen, sich der Forschung oder der
Wissenschaft zu widmen, die dazu qualifiziert sind.
7. Der wirtschaftliche Wettbewerb wirft das soziale Problem auf,
wie dieee hochqualifizierten Kräfte auf die verschiedenen Arbeitsgebiete verteilt werden sollen. Die Lösung dieses Problems schließt
auch die Frage der Berufsberatung, der verschiedenen Möglichkeiten,
Stipendien zu erhalten, die Anstellungsmöglichkeiten, die Frage des
Gehalts und sämtliche Faktoren ein, die bei einer Berufswahl im allgemeinen berücksichtigt werden. Die Wahrung der persönlichen Freiheit
einerseits und der optimale Einsatz der Intelligenz andererseits
schaffen ein Problem, dessen Lösung sich die besten Pädagogen und
Soziologen angelegen lassen sein sollten.
Quelle: Eigenbericht
# # * »
Jacob S. Potofsky, 1. Vorsitzender der Vereinigten TextilarbeiterGewerkschaft:
Aus: "AFL-CIO Federationist "
- Quellenangabe erforderlich Die Rolle der Gewerkschaften beim Aufbau einer besseren Welt
Das Ziel der Gewerkschaftsbewegung ist die Schaffung friedlicher
und freiheitlicher Verhältnisse und die Steigerung des Lebensstandards
der arbeitenden Klassen in der ganzen Welt. Im Internationalen Bund
Freier Gewerkschaften haben wir uns brüderlich zusammengeschlossen,
um uns der Aufgabe zu widmen, die Menschheit bei der Erreichung der
Ziele zu unterstützen, die der Schaffung der Gewerkschaftsbewegungen
im 20. Jahrhundert zugrunde lagen. Als freie Menschen versuchen wir,

- 6-

�den Unterdrückten zu helfen. Wir, denen es gelungen ist, eine mächtige
Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen, ergreifen jede Gelegenheit,
um die Arbeiter in allen Teilen der Welt bei der Errichtung ähnlich
starker Gewerkschaften zu unterstützen.
Der Beitrag der freien Gewerkschaften zur Erreichung eines
höheren Lebensstandards für die Bevölkerung Nordamerikas ist bekannt.
Wir begrüßen jede Entwicklung, die zur Bildung starker freier Gewerkschaften in anderen Teilen der Welt führt, damit sich auch dort die
Arbeiter eines Friedens in Freiheit und Sicherheit erfreuen können.
Wir wissen nur zu gut, daß ohne Freiheit und Sicherheit jeder Friede
ohne Sinn ist.
Damit will ich keineswegs behaupten, daß wir in den USA das
goldene Zeitalter erreicht haben. Immer noch gehören Millionen von
Arbeitern keiner Gewerkschaft an, sie genießen die Vorteile nicht,
die ihnen die Gewerkschaft bietet, und die Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer eigenen materiellen und geistigen Lebensbedingungen
und der ihrer Kinder werden ihnen vorenthalten. Das ist einer der
Gründe, weshalb der Zusammenschluß zwischen den beiden großen amerikanischen Gewerkschaftsverbänden, der "American Federation of Labor"
und des "Congress of Industrial Organizations" von der amerikanischen
Arbeiterschaft begrüßt wurde.
Unser Ziel ist, die Gewerkschaften zusammenzuschließen, sie zu
festigen und ihre Arbeit wirksamer zu gestalten. Wir sehen darin eine
günstige Gelegenheit, die Gewerkschaftsbewegung auch auf Millionen
unorganisierter Arbeiter auszudehnen.
Der Zusammenschluß der beiden Gewerkschaftsverbände erfolgte
nicht nur im Interesse der Gewerkschaftsmitglieder, sondern auch im
Interesse der entsprechenden Organisationen, in denen wir tätig
sind. Die Gewerkschaften identifizieren sich mit den Interessen
der gesamten Arbeiterschaft und bemühen sich, die Interessen aller
Arbeiter nach besten Kräften zu vertreten. Die Arbeit der Gewerkschaften betrifft Fragen und Probleme nationaler und internationaler Natur, die uns alle angehen.
Als erstes Ergebnis des Zusammenschlusses soll eine gewaltige
Werbekampagne einsetzen, um denjenigen Arbeitern, die sich gegenüber mächtigen Industriegruppen in schwacher Position befinden,
Sprecher zur Verfügung zu stellen, die ihnen helfen werden* ihre
soziale Lage zu verbessern.
Auf diesem Gebiet haben wir noch große Aufgaben zu lösen.
Wenn wir um uns blicken, sehen wir betrübliche Dinge, wie Diktaturen, Hungersnöte, Analphabetentum und unbeschreibliche Armut,
In weiten Gebieten der Erde leben unzählige Millionen, deren tägliche Nahrung aus nur einer Handvoll Reis oder Korn besteht, die
ein elendes und menschenunwürdiges Dasein führen und die an der
Zukunft verzweifeln. Diese Menschen streben nach vielen Dingen,
die für uns eine Selbstverständlichkeit sind. Auch die Einführung
demokratischer Methoden in der Politik und ihre nationale Unabhängigkeit liegt ihnen sehr am Herzen.
Gerade die enttäuschten Hoffnungen dieser Millionen von
Männern, Frauen und- Kindern sind es gewesen, auf denen die totalitären Diktaturen ihre Herrschaft errichten konnten, die sie jetzt
auch auf die übrige freie .Veit auszudehnen versuchen.

- 7-

�Was ist nun unsere Haltung gegenüber diesen Fragen? Die freien
Gewerkschaften haben neben anderen eine Lösung für diese Probleme,
diese besteht in der Verwendung der Atomenergie zum Wohle der Menschheit - ihre Nutzbarmachung, nicht um menschliches Leben zu vernichten,
sondern zum Wohle der Menschen und des menschlichen Fortschritts.
Vor einigen Monaten hielt der Internationale Bund Freier Gewerkschaften eine Konferenz über die friedlichen Verwendungsmöglichkeiten
der Atomenergie ab. Die Konferenz forderte großzügige finanzielle
und technische Hilfe für die wirtschaftlich unterentwickelten Gebiete,
um dort Atomindustrien aufzubauen, die friedlichen Aufgaben und der
Hebung des Lebensstandards dieser Länder dienen sollten.
Wenn wir uns vorstellen, daß wir durch die Spaltung des Atoms
Wüsten in fruchtbares Ackerland, reißende Ströme in schiffbare Flüsse
verwandeln, daß wir unbegrenzten Wohlstand in Gebieten erzeugen können,
in denen heute unbeschreibliches Elend und Not herrschen - wie es vor
allem in den unterentwickelten Ländern der Fall ist -, dann rufen wir
die Welt auf, diese Aufgaben kühn, energisch und mit Phantasie in
Angriff zu nehmen und die Schatten zu vertreiben, die über uns schweben
und die uns bedrücken und die die echten Grundlagen unserer demskratischen Institutionen untergraben.
Ein bloßes Überleben der Menschheit betrachten die freien Gewerkschaften als ein unzureichendes Ziel. Wenn bloßes Überleben unser
Hauptziel wäre, gäbe es keine Gewerkschaftsbewegung. Es gibt sie, weil
wir uns ein besseres Leben vorstellten; weil wir ständig dem Volke
Ziele wiesen, die unerreichbar erschienen, haben wir Fortschritte
gemacht und unsere Ziele erreicht - den Achtstundentag, ein Sozialprogramm, das die Menschen gegen Krankheit und im Alter sichert,
den garantierten Jahreslohn und vor allem die Anerkennung des Prinzips
von der Würde des arbeitenden Menschen.
Auf dem eingeschlagenen Wege müssen wir fortschreiten. Wir
müssen die große Friedensorganisation der Vereinten Nationen und ihre
Sonderorganisationen stärken. Wir müssen nach wie vor stark in der
Verteidigung sein. Diese Stärke ist zur Erhaltung des Friedens notwendig.
Ebenso müssen wir auch die Stärke der freien Gewerkschaften
aufrecht erhalten. Freie Gewerkschaften bedeuten eine freie Welt.
Die freien Arbeiter der Welt sind die Verpflichtung eingegangen,
eine bessere und friedliche Welt aufzubauen. Die Verwüstungen des
Krieges und die Folgen der Wirtschaftsdepression haben wir überwunden und Neues geschaffen. Den Diktaturen haben wir Widerstand
geleistet und die Demokratien gestärkt. Der Menschheit haben wir
eine Freiheitscharta und Ideale geschenkt, nach denen sie ihr
Leben ausrichten kann und die wir überall in der Welt verbreiten
wollen. Wir Angehörige der amerikanischen Gewerkschaften haben uns
die Aufgabe gestellt, diese Ziele noch in unserer Zeit zu verwirklichen.
(Aus: "AFL-CIO Ameri can Federationist")
- Quellenangabe erforderlich -

- 8 -

�Guy Farmer,
ehemaliger Vorsitzender der amerikanischen Bundesarbeitsaufsichtsbehörde:
Aussichten im Jahre 1956 für den Neuabschluß von Tarifverträgen
(Auszüge aus einer Rede, gehalten auf der Sonderkonferenz der Amerikanischen Gesellschaft für Betriebsführung- American Management Association - in Chicago;
Bei der Frage, welche Möglichkeiten sich in diesem Jahr für den
Neuabschluß von Tarifverträgen bieten, müssen wir zunächst einen Blick
in die Vergangenheit werfen. Dabei bilden eine Reihe im Jahre 1955
abgeschlossener Verträge, die eine Kündigung für die Dauer von zwei,
drei oder fünf Jahren ausschließen, einen wichtigen Faktor.
Sowohl in der Automobilindustrie und zahlreichen größeren Betrieben der Autozubehörindustrie, den großen Werken der Elektroindustrie, der Landwirtschaftsmaschinen- und der Tafelglasindustrie
als auch in wichtigen Zweigen der Bauindustrie und im Fernlastverkehr
sind daher keine neuen Tarifverhandlungen zu erwarten.
Alle diese Verträge sehen automatische Lohnerhöhungen im Laufe
des Jahres 1956 vor - ab Juni um 2,5 Prozent in der Automobilindustrie,
im Herbst um 3 Prozent bei General Electric und Westinghouse und so
weiter. Im Durchschnitt betragen diese Lohnerhöhungen 6 Cent pro Stunde.
In der Tafelglasindustrie beträgt die Lohnerhöhung 5 Cent, die nach
Vereinbarung der beiden Vertragspartner entweder zugunsten des Fonds
für die zusätzliche Arbeitslosenunterstützung, für sonstige Sozialleistungen oder aber für eine allgemeine Erhöhung der Löhne verwendet
werden sollen. Verschiedene im Fernlastverkehr und in der Bauindustrie
abgeschlossene Verträge sehen für das Jahr 1956 sogar die automatische
Erhöhung der Löhne um 10 Cent vor.
In gewöhnlichen Zeiten könnte man damit rechnen, daß Lohnerhöhungen in der Automobil-, der Landwirtschaftsmaschinen- und der Elektroindustrie um 6 Cent pro Stunde gleichzeitig die Grundlage und äußerste
Grenze für alle übrigen Lohnverhandlungen in diesem Jahr bilden würden anders gesagt, daß sie bei den Lohnverhandlungen im Jahre 1956 als
"Muster" dienen würden.
Ich brauche Ihnen aber nicht erst zu sagen, daß wir in keinen gewöhnlichen Zeiten leben. Die wichtigsten Lohnverhandlungen im Jahre 1956
fanden zuerst in der Ölindustrie statt, und die Gewerkschaften nahmen
den Vorschlag der Gesellschaften an, die Löhne um 6 Prozent, das heißt
um 15 Cent pro Stunde,zu erhöhen. Den Verhandlungen in der Ölindustrie
folgten solche mit verschiedenen Firmen der Flugzeugindustrie, deren
Ergebnis eine Steigerung der Löhne um 6 Cent pro Stunde war. An der
Westküste vereinbarten die North American Aviation Company mit der Automobilarbeitergewerkschaft und die Douglaswerke mit der Gewerkschaft der
Maschinisten Lohnerhöhungen, die sich zwischen 7 und 15 Cent pro Stunde
bewegen, durchschnittlich also 11 Cent betragen. Die Convairwerke einigten sich mit der Maschinistengewerkschaft auf Lohnsteigerungen von
4 bis 6 Prozent.
Nach amtlichen Schätzungen betrug die Steigerung sämtlicher auf
Grund neu abgeschlossener Tarifverträge vereinbarter Löhne im ersten
Quartal 1956 durchschnittlich 8,7 Cent pro Stunde; dies entspricht

- 9-

�genau der Steigerung im vierten Quartal des Jahres 1955 und liegt
höher als in jedem anderen Quartal des Jahres 1955« *m April war
die Steigerung im Durchschnitt sogar noch höher. Damit ist der
Beweis erbracht, daß sich die in der Automobilindustrie aufgeschobenen Lohnerhöhungen keineswegs auf die Erhöhung der Löhne in anderen Industriezweigen nachteilig auswirken.
Von ausschlaggebender Bedeutung für den Abschluß neuer Tarifverträge in der gesamten amerikanischen Industrie sind natürlich
die Lohnbewegungen in der Stahlindustrie. In den eisen- und stahlerzeugenden Industrien laufen die wichtigsten Tarifverträge Ende
Juni ab. Das gleiche ist der Fall mit den Verträgen, die zwischen
den großen Hüttenbetrieben für Nichteisenmetalle - zum Beispiel
zwischen Kennecott Copper und Anaconda und den Gewerkschaften der
Berg- und Hüttenarbeiter und der Bauarbeiter - abgeschlossen wurden.
Die Verträge mit den großen Aluminiumgesellschaften laufen im Juli
ab. Und für August sind Verhandlungen zwischen einigen der größten Stahl- und Aluminiumverwertungsgesellschaften wie Timken
Roller Bearing und der Gewerkschaft der Eisen- und Stahlarbeiter,
Tale and Towne, der California Metal Trades Association sowie zahlreichen weiteren Gesellschaften und der Gewerkschaft der Maschinisten vorgesehen.
Im September läuft der Tarifvertrag in der Braunkohlenindustrie
ab, und Ende September sollen zwischen der Konservenindustrie und
der Stahlarbeitergewerkschaft, die im vergangenen Jahr ein Abkommen
über zusätzliche Leistungen zur Arbeitslosenunterstützung abgeschlossen hatten, neue Lohnverhandlungen stattfinden.
Diese Verhandlungen werden sämtlich vom Ergebnis der kommenden
Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie stark beeinflußt werden.
Außerhalb der unmittelbaren Einflußsphäre der Stahlindustrie stehen
weitere wichtige Tarifverhandlungen im Sommer und Herbst bevor.
Im Juni sollen neue Lohnverhandlungen mit der Papierindustrie
der Westküste stattfinden. Die Tarifverträge mit der Konservenindustrie laufen im September ab,und Verhandlungen über einen neuen
Tarif sind jederzeit zu erwarten. Das gleiche gilt für die vier
großen Gummikonzerne. Und schließlich kann auch über die mit den
Eisenbahnergewerkschaften abgeschlossenen Tarifverträgen jederzeit
neu verhandelt werden.
Wenn man die statistischen Angaben nur unter allgemeinen Gesichtspunkten betrachtet, sieht es so aus, als ob die Verhandlungspartner von dem hohen Roß heruntersteigen müßten, auf dem sie in
den letzten
Monaten gesessen haben. Die Wirtschaftstätigkeit
ist nach ihrer stetigen Aufwärtsentwicklung im Jahre 1955 im allgemeinen etwas zurückgegangen. Es sind Arbeiter entlassen worden, und
die Rate der Neueinstellungen ist niedriger als im vergangenen Jahr.
Das Geld ist knapp, und fast alle Industriezweige haben Sorgen, weil
die hohen Selbstkosten die Verbraucherpreise unter .Umständen anheben
könnten.
Hinzu kommt, daß in diesem Jahr die Löhne in der Autonobilund der Elektroindustrie automatisch um 6 Cent steigen werden und
dabei ziemlich weit unter dem Stand der übrigen kürzlich ausgehandelten Lohnerhöhungen liegen werden, und es ist zu erwarten,
daß die Verhandlungen über einen angemessenen Lohnanteil im Jahre
1956 erheblich schwieriger sein werden als im Vorjahr.

- 10 -

�Doch der Schein mag trügen. Es ist wohl richtig, daß die Wirtschaft in diesem Jahr nicht eine gleiche, alle Geschäftsbereiche
mit einbeziehende Hochkonjunktur erlebt wie 1955« Heute weht der
Wind aus einer anderen Richtung, würden die Männer der Wirtschaft
sagen. Doch es ergibt sich, daß gerade in denjenigen Industriezweigen, die am wenigsten an der Konjunktur teilhaben, wie die
Automobilindustrie und die Autozubehörindustrie, keine TarifVerhandlungen stattfinden werden. Dagegen werden zwei der von der
Konjunktur am meisten begünstigten Industriezweige, die Stahlund Papierindustrie - die in ihrer Kapazität voll ausgelastet
waren - mit der unverminderten Auslastung ihrer Kapazität rechnen
können. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die im Jahre 1956 für
die Wirtschaft entscheidenden Verhandlungen von Industrien geführt
werden dürften, die auf vollen Touren arbeiten.
Eines ist sowohl für Unternehmer als auch für Gewerkschaften
in diesem Wahljahr sicher. Vorausgesetzt, daß sich keine neue internationale Krise ernsteren Ausmaßes entwickelt, sind Eingriffe in die
Verhandlungen von außen nicht zu erwarten. Die Bundesregierung wird
sich lediglich darauf beschränken, unparteiisch zu vermitteln und
sich um einen echten Ausgleich der Interessen zu bemühen.
Diese Politik ist von der Regierung Eisenhower ständig verfolgt worden, und ich bin überzeugt, daß ihr Einfluß auf die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den vergangenen drei Jahren sehr konstruktiv gewesen ist. Die Politik der
Nichteinmischung in Arbeitskonflikte ist verschiedentlich einer
harten Probe ausgesetzt gewesen. Die erste war der Streik im Düsenmotorenwerk Evendale der General Electric Company in Ohio im Jahre
1953« Die zweite war der sieben Wochen dauernde Streik in den NorthAmerican-Aviation-Werken im Jahre 1953» Die dritte war der Streik,
der vor kurzem bei Westinghouse stattfand.
In all diesen Fällen beschloß die Regierung, und meiner Ansicht
nach mit Recht, daß den nationalen Interessen am besten gedient sei,
wenn sie sich jedes Eingreifens enthalte t obwohl durch die Streiks
die Produktion von Rüstungsmaterial direkt beeinflußt war.
Vermutlich würde ein sich auf die gesamte amerikanische Stahlindustrie erstreckender Streik diese Politik auf eine noch härtere
Belastungsprobe stellen, da er sich schließlich auf das gesamte Verteidigungsprogramm auswirken würde. Doch gerade die Tatsache, daß
die Regierung bisher an ihrer Politik der Nichteinmischung festgehalten hat, bietet eine gewisse Gewähr dafür, daß mit einem Streik
der Stahlarbeiter von längerer Dauer nicht zu rechnen ist.
Im März hielt der Ausschuß für Lohnfragen der Stahlarbeitergewerkschaft in Chicago eine Sitzung ab, auf der das Programm für die
kommenden TarifVerhandlungen festgelegt wurde. Aus den Berichten
über die Sitzung ist zu ersehen, daß die Stahlarbeiter in den diesjährigen Verhandlungen vier Dinge erreichen wollen:
1. Die Gewährung zusätzlicher Arbeitslosenunterstützungen nach
dem Vorbild der zwischen den Stahlarbeitern und den American Can und
Continental Can im vorigen Jahr abgeschlossenen Abkommen.
2. Eine "substantielle" Erhöhung der Löhne, eine Forderung, die
periodisch jedes Jahr wiederkehrt. Nach alter Tradition legt sich
die Stahlarbeitergewerkschaft niemals auf bestimmte Zahlen fest,
wenn sie in den Verhandlungen i'nre Forderungen 'bekanntgibt. Die

- 11 -

�Die TarifVerhandlungen in zahlreichen anderen Industriezweigen würden
reibungsloser vonstatten gehen, wenn auch dort die Gewerkschaften die
gleichen Methoden anwenden würden.
3. Fordert die Gewerkschaft eine Anzahl von Verbesserungen auf
dem Gebiet der Sozialversicherung, insbesondere eine Herabsetzung der
Arbeitnehmerbeiträge, die heute 4,5 Cent pro Stunde betragen sowie
eine Erhöhung der gegenwärtig 40 Dollar in der Woche betragenden Kranken- und Unfallversicherung.
4. Schließlich - und es ist interessant, daß diese Forderung bei
dem Ausschuß, der das Programm aufstellte, den stärksten Widerhall
fand - verlangt die Gewerkschaft, daß Arbeitnehmer für Sam3tagsarbeit
50 i» und für Sonntagsarbeit 100 f&gt; Lohnaufschlag erhalten.
Ich bilde mir nicht ein, die Einstellung der Stahlgesellschaften
zu diesen Fragen zu kennen. Man kann sich aber schwer einen Kompromiß
vorstellen, der für beide Seiten befriedigend ist, zumal in einer Zeit,
in der die Stahlindustrie hundertprozentig ausgelastet ist. Vorstellbar
wäre eine Lösung, bei der sich beide Parteien darauf beschränken würden,
das Problem erst einmal während der Laufzeit des nächsten Tarifvertrages eingehend zu studieren. Erwähnen möchte ich hierbei, daß bestimmte
Überlegungen darüber angestellt wurden, ob die Stahlfirmen sich nicht
bereit erklären könnten, über ihr erst 1957 ablaufendes Abkommen über
die Altersversorgung bereits früher neu zu verhandeln, und, statt höhere
Prämien für Wochenendarbeit zu zahlen, ihre Sozialleistungen den im
letzten Jahr in der Automobilindustrie abgeschlossenen Verträgen anzugleichen.
Jedenfalls wird die Frage der privaten Altersversorgung auch bei
den in diesem Sommer und Herbst in anderen Industriezweigen stattfindenden Tarifverhandlungen eine große Rolle spielen. Im vergangenen Jahr
errangen die Automobilarbeiter einen großen Erfolg, als sie in den Plänen zur Altersversorgung, bei denen die Arbeitnehmer nicht beitragspflichtig sind, den Gedanken eines anerkannten Rechts (Erwerb eines
dauernden Rechtsanspruchs) durchsetzten. In den Tarifverträgen mit
Ford und General Motors besitzen die Arbeitnehmer einen anerkannten
Rechtsanspruch auf Altersversorgung, wenn sie 40 Jahre alt und 10 Jahre
im gleichen Betrieb beschäftigt sind. In den Verträgen mit American
Motors sind solche Altersgrenzen nicht enthalten.
Ferner ist zu erwarten, daß die Gewerkschaften sehr stark darauf
drängen werden, daß die private Altersversorgung von der staatlichen
Sozialversicherung getrennt wird; daß die zum Bezug der Altersversorgung erforderlichen Berufsjahre wegfallen; daß die Arbeitnehmerbeiträge
zur Altersversorgung, wo diese noch geleistet werden müssen, nicht mehr
länger zu zahlen sind und jede Altersgrenze beim Ausscheiden aus dem
Berufsleben infolge voller Arbeitsunfähigkeit beseitigt wird. Es ist
interessant festzustellen, daß ein Aufgeben der Altersgrenze beim Ausscheiden aus dem Berufsleben infolge voller Arbeitsunfähigkeit voraussichtlich nur geringe Kosten verursachen wird. Eine vor kurzem von der
Universität Princeton veröffentlichte Studie zeigt, daß nur eine Person
von 10 000 Beschäftigten unter 50 Jahren dauernd und voll arbeitsunfähig
ist. Andererseits kann sich die Beseitigung der Höchstgrenze der Berufsjahre für die Altersversorgung auch als sehr kostspielig auswirken.
In dem Tarifabkommen mit Ford vom Jahre 1955, in dem die Grenze der
Berufsjahre aufgegeben wurde, wurden im Januar 248 Anträge auf Altersversorgung genehmigt. Unter diesen konnten 136 Antragsteller auf eine

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�Berufstätigkeit von über 30 Jahren zurückblicken. Der älteste hatte
49 Jahre im Beruf gestanden, und er wird im Rahmen der Altersversorgung der Firma Ford monatlich 110,25 Dollar erhalten; dazu kommt die staatliche Sozialversicherung.
Ich bin gefragt worden, in welchem Maße das zustandekommende
Tarifabkommen in der Stahlindustrie den im Jahre 1956 stattfindenden
TarifVerhandlungen anderer Industriezweige als Muster dienen könnte.
Zweifellos wird sein Einfluß groß sein. Doch den Unternehmern in ihrer Gesamtheit, die sich auf die in diesem Sommer und Herbst stattfindenden Tarifverhandlungen vorbereiten, dürfte sich vermutlich
gerade in diesem Jahr, wenn überhaupt jemals, die Gelegenheit bieten,
sich bei den Verhandlungen nicht nach einem Vorbild richten zu müssen,
allein schon wegen der unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse, von
denen ich bereits gesprochen habe und die jedes starre Festhalten
an dem von den führenden Industrien gegebenen Muster besonders riskant
machen.
Dann aber sind die Verhandlungsziele der verschiedenen Gewerkschaften untereinander verschieden - sie lassen sich in kein einheitliches Schema pressen, wie es sonst der Fall war. Die Gewährung von
zusätzlichen privaten Arbeitslosenunterstützungen wird auch weiter ein
ernsthaftes Verhandlungsprojekt der Automobil- und der Stahlarbeiter
sein. Für andere Gewerkschaften ist sie unwichtig oder wird von ihnen
lediglich als Druckmittel benutzt, um von den Unternehmern andere
Konzessionen zu erzwingen. Die Gewerkschaft der Konservenarbeiter
und der entsprechenden Zulieferindustrien sowie verschiedene andere
Gewerkschaften drängen energisch auf eine Verkürzung der Arbeitszeit.
Andererseits sprechen die Gummiarbeiter in Akron bereits wieder davon,
daß die Arbeitswoche wieder von 36 auf 40 Stunden heraufgesetzt werden
müßte.
Der einsichtige und praktisch denkende Unternehmer hat zuletzt
doch begriffen, daß es für das Wohl und das ständige Waahstum seines
Betriebes wesentlich ist, einen Modus vivendi zu finden, der es ihm
gestattet, mit der Gewerkschaft und seiner Belegschaft offen und ehrlich zu verhandeln, während er gleichzeitig selbst nach freiem Gutdünken seine Entscheidungen im Betrieb trifft, sein Unternehmen leistungsfähig erhält und einwandfrei leitet. Diese Einsicht brachte ihn
dazu, sich mehr um diejenigen Bestimmungen seines Tarifabkommens zu
kümmern, die nicht ausgesprochen wirtschaftlicher Natur sind und die
die Beziehungen zwischen der Gewerkschaft und der Betriebsführung
betreffen - Bestimmungen über das Beschwerdeverfahren im Betrieb, die
Verantwortungsbefugnisse der Betriebsführung, über die Anschaffung
neuer Maschinen und über neue Produktionsmethoden.
Eine stärkere Konzentrierung auf die Bestimmungen nichtwirtschaftlicher Natur, deren Ziel es ist, eine vernünftige Basis für das Zusammenleben von Unternehmer und Gewerkschaft abzugeben, ein Modus vivendi,
bei dem die Rechte und Zuständigkeiten der Betriebsführung und der Gewerkschaft in einem richtigen Verhältnis zueinander stehen, wird auf
lange Sicht gesehen sowohl den Interessen des Unternehmers wie der
Gewerkschaften am besten dienen und sicherstellen, daß das Wirtschaftsleben der USA gesund bleibt.

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�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
"Revidierter garantierter Jahreslohn" auf individueller Basis
Ein neuartiger Typ eines zusätzlichen Arbeitslosenunterstützungsplanes wurde jetzt vom Amt für Arbeitslosenunterstützung des Staates
Ohio gebilligt. Der von der "Eaton llanufacturing Company" in Cleveland
aufgestellte Plan, der in seinen Grundzügen den im vergangenen Jahr
zwischen der Automobilarbeitergewerkschaft und den Großunternehmen
der Autoindustrie ausgehandelten Abkommen über zusätzliche Unterstützungsleistungen bei Entlassung ähnelt, sieht die Errichtung
eines aus Unternehmerbeiträgen finanzierten Trustfonds vor, in
dessen Rahmen jeder Angestellte über ein eigenes Gutschriftkonto
verfügt. Für jede von ihm geleistete Arbeitsstunde werden ihm dabei
3 1/2 Cent auf sein Konto überwiesen. Der anlaufende Gesamtbetrag
des Kontos verbleibt in der Verfügungsgewalt des Inhabers.
Im Falle von Entlassung oder bei vorübergehender Arbeitslosigkeit kann der Arbeitnehmer dann Geld von seinem Konto abziehen. Bei
Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses kann er den Gesamtbetrag seines Kontos abheben, und bei Todesfall geht das angesammelte Vermögen
auf seine Angehörigen über.
Der am 1. Juli 1955 unterzeichnete Kontrakt sieht die Aufnahme
der Zahlungen durch den Unternehmer vom 1. Juli dieses Jahres an vor.
Jeder Mitarbeiter des Unternehmens, der am 1. Juli 1955 eine Seniorität von über einem Jahr besaß, ist teilnahmeberechtigt.
Der Vorteil dieses Einkommenssicherungsplanes ist gegenüber den
viel diskutierten sogenannten "garantierten Jahreslohnplänen" im
Staate Ohio der, daß die Leistungen aus dem Fonds nicht von der staatlichen Arbeitslosenunterstützung abgezogen werden.
Da der Unternehmer hier, weil es sich um Individualzuschüsse
handelt, auch für die in den Fonds eingezahlten Beträge - genauso,
wie für die gezahlten Löhne - Arbeitslosenversicherungsabgaben entrichten muß, kommen die Leistungen dem Begünstigten in voller Höhe
zugute, ganz im Gegensatz zu den "garantierten Jahreslohnplänen",
bei denen die Beträge in einen Zentralfonds abgeführt werden, ohne
daß der Unternehmer dafür Arbeitslosenversicherungsbeiträge zu leisten hat. Aus diesem Grunde hat der Staat Ohio entschieden, daß die
aus diesen Fonds gezahlten Beträge von der staatlichen Arbeitslosenunterstützung abzusetzen sind. Dadurch sind die sogenannten "garantierten Jahreslohnpläne" in Ohio nicht durchführbar, obgleich sie
von anderen Bundesstaaten anerkannt werden.
Nach Ansicht offizieller Vertreter des Staates Ohio dürfte dieser neue Plan weitreichende Auswirkungen auf dem Labor-ManagementSektor haben und auch in anderen Bundesstaaten zur Bildung ähnlicher
Pläne führen.
* # »
Henry Ford II. ruft Mitarbeiter auf, sich aktiv an der Wahl zu beteiligen
In einem Brief an sämtliche Mitarbeiter des Unternehmens fordert
der Präsident der "Ford Motor Company", Henry Ford II., die Belegschaft
auf, sich an den kommenden Präsidentschaftswahlen aktiv zu beteiligen
und die "Partei ihrer Wahl" finanziell zu unterstützen.
Henry Ford begründet seine Aufforderung und seinen ungewöhnlichen
Appell mit folgenden Argumenten: "Das Recht, einen Präsidenten zu wählen und in einem der kritischen Zeitpunkte der Weltgeschichte zu ent-

- 14 -

�entscheiden, welche Partei mit der Regierungsverantwortung betraut
werden soll, legt allen Mitbürgern eine ernste Verantwortung auf.
Jeder muß hierbei wissen, um was es geht. Es ist unsere Pflicht,
uns aktiv und bewußt mit den einzelnen Kandidaten zu beschäftigen
und die von ihnen vertretene politische Auffassung kritisch zu würdigen. Aber die bloße Informierung, damit wir unsere Stimme bewußt
abgeben können, sollte nicht die einzige Aufgabe als Staatsbürger
sein. Der Einsatz, um den es geht, ist zu groß, als daß wir abseits
stehen könnten. Wenn wir einer Partei und ihrem Kandidaten vertrauen,
dann sollten wir auch die Partei und den Mann mit all unseren Kräften
unterstützen.
Sowohl die Republikanische als auch die Demokratische Partei brauchen Unterstützung, damit sie ihre Ansichten der breiten Öffentlichkeit
darlegen können. Sie benötigen willige und interessierte Mitarbeiter,
die-Kraft und Zeit dafür einsetzen können, Millionen Amerikaner zur
Ausübung ihres Wahlrechts zu ermutigen. Beide Parteien müssen Gelder
aufbringen, um die Kosten für die Wahlkampagne im Radio, Fernsehen
und in anderen Formen der Propaganda bestreiten zu können.
Ich fordere hiermit alle Mitarbeiter der 'Ford Motor Company'
auf, sich selbst und der gesamten Nation während der nächsten Wochen
zu dienen, indem sie zumindest einen Teil ihrer verfügbaren Zeit der
Partei ihrer Wahl zur Verfügung stellen. Desgleichen fordere ich Sie
auf, Ihre Partei mit Geldmitteln jeder Höhe und in dem Ihnen möglichen
Rahmen zu unterstützen. Der eigentliche Betrag Ihrer Wahlspende ist
dabei weniger bedeutend als Ihre Bereitschaft, zu dokumentieren, wo
Ihr Standort zu den wichtigsten politischen Gegenwartsfragen ist.
Die beiden großen Parteien in unserem politischen System sind
das Bollwerk 'einer Nation, der Unteilbarkeit und der Freiheit und
Gerechtigkeit für alle'. Sie verdienen die Unterstützung von allen
von uns - jeder nach seinen Möglichkeiten und seiner politischen
Überzeugung."
* * *
Wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen für Studenten und Arbeiter
Der Yeshiva-Universität von New York ist von der Sidney-Hillman-Stiftung ein besonderer Zuschuß gewährt worden, um einen Lehrauftrag für Wirtschaftswissenschaften erteilen zu können, wie in
einer gemeinsamen Erklärung der Universität, der Stiftung und der
Gewerkschaft der Vereinigten Bekleidungsarbeiter Amerikas bekanntgegeben wurde.
Die von der Sidney-Hillman-Stiftung 1955 ins Leben gerufene
öffentliche Vorlesungsreihe sollte es den führenden Universitäten
der Vereinigten Staaten ermöglichen, bedeutende Persönlichkeiten
und Universitätslehrer für Vorlesungen vor Studenten und der breiteren Öffentlichkeit zu gewinnen. Die Tätigkeit der Lehrkräfte im
Rahmen der Stipendien der Hillman-Stiftung schließt auch das Abhalten von Seminaren sowie das Beraten von einzelnen Studenten ein.
Die in Form von zwei Kursen stattfindenden Vorlesungen an der
Yeshiva-Universität werden von Dr. Robert Lekachman, außerordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften am Barnard-College,
abgehalten werden. Der erste Kurs, der im September beginnt, befaßt
sich mit einem "Vergleich der Wirtschaftssysteme", während der Frühjahrskurs "Die Wirtschaftsgeschichte Amerikas" behandelt.

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�Die Yeshiva-Universität in New York wurde 1886 gegründet, zählt
rund 2000 eingeschriebene Studenten und verfügt über ungefähr 150
Lehrkräfte. Der Direktor der Universität ist Samuel Belkin, der die
gemeinsame Erklärung mit unterzeichnete.
* * •

Ein interessantes "union shop"-Abkommen
Einen besonderen organisatorischen Erfolg konnte die "Vereinigte
Automobilarbeitergewerkschaft"(UAW) auf Grund eines Abkommens mit der
"Waterbury Companies Ine," verzeichnen, durch den das Unternehmen der
Einführung eines vollständigen "union shop" unter der Vorbedingung
zustimmte, daß ein Teil der gewerkschaftlichen Aufnahmegebühren und
Mitgliederbeiträge für Wohlfahrtseinrichtungen zur Verfügung gestellt
wird.
Vorgesehen ist in diesem Abkommen, wie das Gewerkschaftsblatt
"Labors Daily" berichtet, daß ein Teil der einkommenden Aufnahme- und
Mitgliederbeiträge in den nächsten zwei Jahren einem Krankenhaus für
körperlich behinderte Kinder zugeführt wird, während gleichzeitig in
diesem Zeitraum der Gewerkschaft der "union shop" erhalten bleibt.
Zum Abschluß dieses außergewöhnlichen Vertrages kam es so: die
UAW-Gewerkschaft verhandelte mit dem Unternehmen über die Einführung
des vollständigen "union shop". Die "Waterbury Companies" lehnten
den "union shop" in'der von der Gewerkschaft vorgeschlagenen Form
ab und legten ihrerseits einen Kompromißvorschlag vor. Dieser sah
unter anderem vor, daß diejenigen Beschäftigten des Unternehmens,
die bei Abschluß des Vertrages nicht der Gewerkschaft angehören,
der Gewerkschaft nicht beizutreten brauchen. Das Unternehmen begründete diesen Vorschlag mit dem Hinweis, daß einige seiner Mitarbeiter aus prinzipiellen Erwägungen nicht bereit seien, Beiträge
an eine Gewerkschaft zu zahlen.
Daraufhin brachte die Gewerkschaft einen Gegenvorschlag ein,
der vorsah, daß solche Mitarbeiter des Betriebes, die keine Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen wünschen, aber ihre Zustimmung zum
regelmäßigen Abzug eines Betrages in Höhe des Gewerkschaftsbeitrages geben, Gewerkschaftsmitglieder werden und die von ihnen geleisteten Beträge dem Kinderkrankenhaus zugeführt werden.
Von diesem Abkommen werden rund 350 Arbeitnehmer erfaßt. Die
monatliche Höhe der Beiträge beläuft sich auf 2,50 Dollar.

* * •

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeltsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
A | n t f ü r Arbeltsinformationen
USIS Press Division
Meblem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
IX

"

Mehlem.den 1. Oktober 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Steigendes Lohnniveau in den USA

Seite

1

Die amerikanische Streikstatistik im Jahre 1955

Seite

4

Facharbeiter für ein neues Industriezeitalter

Seite

11

Gewerkschaftliche Kurznachrichten!
Pensionserhöhungen für US-Eisenbahner

Seite

14

für vier Jahre sichergestellt

Seite

15

Trend zu langfristigen Kollektivverträgen

Seite

15

Gewerkschaftsverband AFL-CIO kein Monopol

Seite

16

Hohe Streikziffern im Juli

Seite

16

Arbeitsfriede im New Yorker Transportgewerbe

Steigendes Lohnniveau in den USA
Das Lohnniveau in den Vereinigten Staaten ist bereits in diesem
Jahr erheblich angestiegen und wird auch noch weiter ansteigen. Es
besteht somit keine Gefahr, daß die Aufwärtsentwicklung, die seit
1954 anhält, eine Unterbrechung erfährt. Das Ausmaß der Steigerung
läßt sich bereits heute aus der Tatsache ersehen, daß eine Reihe von
großen Firmen mit rund 2,7 Millionen Betriebsangehörigen Tarifverträge
mit den Gewerkschaften abgeschlossen haben, in denen stufenweise Lohnerhöhungen noch im Verlaufe dieses Jahres vorgesehen sind. Diese Abmachungen betreffen vor allem die Automobil- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie, den Elektroapparatebau, die Flachglasindustrie,
den Bitumenkohlenbergbau, das Straßentransportgewerbe, die Atomindustrie und das Baugewerbe.
Abgesehen vom Kohlenbergbau haben diese Verträge eine Laufzeit
von 3 bis 5 Jahren mit festgelegten jährlichen Lohnerhöhungen und
in vielen Fällen vierteljährlicher Angleichung an die Lebenshaltungskosten. Die für 1956 vertraglich vorgesehenen Lohnerhöhungen belaufen
sich im Bitumenkohlenbergbau auf durchschnittlich 10 Cent pro Stunde,
im Straßentransportgewerbe auf 8 Cent, in der Atomenergieindustrie
auf 7 Cent, in der Automobil- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie
sowie im Elektroapparatebau auf 6 Cent und in der Flachglasindustrie
schließlich auf 5 Cent.
1 -

�Im Laufe von 22 Jahren hat sich der Stundenlohn für Fabrikarbeiter im Durchschnitt um 32Cy£ auf 1,85 Dollar erhöht (einschließlich Nachtzuschläge, aber ohne bberstundenzuschläge). Ein Ende dieser Aufwärtsentwicklung ist vorläufig noch nicht abzusehen.
Der Abschluß langfristiger Tarifverträge, die jährliche Lohnerhöhungen in vorher festgesetzter Höhe vorsehen, ist ein verhältnismäßig neues Moment bei den Kollektivverhandlungen.
Der Stundenlohn in den Fertigungsindustrien ist seit 1948
durchschnittlich um 39 Cent angestiegen. Im gleichen Zeitraum haben
sich die Stundenlöhne in der Automobilindustrie allein auf Grund der
in den Tarifverträgen vorgesehenen jährlichen Erhöhungen und der Angleichung an die steigenden Lebenshaltungskosten um insgesamt 63 Cent,
in der stahlerzeugenden Industrie um 60 Cent, im Elektroapparatebau
um 59,5 Cent erhöht.
Die Gesamtzunahme der durchschnittlichen Stundenlöhne betrug
jedoch im gleichen Zeitraum in der Automobilindustrie nahezu 73 Cent
und in der Stahlindustrie 88,5 Cent, das heißt sie sind über die ausgehandelten Erhöhungen hinaus angestiegen. Die Erhöhung des Stundenlohns im Elektroapparatebau ist andererseits aber um 5415 Cent hinter
der vertraglich vorgesehenen jährlichen Steigerung zurückgeblieben.
Diese. Differenz zwischen den bezahlten Stundenlöhnen in den
genannten Industrien und der vertraglich vorgesehenen jährlichen
Erhöhung ist, zumindest zu einem Teil, auf eine Zunahme der Zahl
der hochqualifizierten und daher besser bezahlten Positionen, die
größere Häufigkeit von Nachtschichten und die Erhöhung der Zuschläge
für Nachtarbeit, die Versetzung von Arbeitern auf besser bezahlte
Arbeitsplätze im Zuge der Produktionssteigerungen in der Autoindustrie und in anderen Wirtschaftszweigen und die Gewährung von Arbeitsanreizen und Prämien - vor allem in der Stahlindustrie - zurückzuführen.
In denjenigen Industrien, in denen die Löhne von Jahr zu Jahr
ausgehandelt werden, spiegeln Lohnerhöhungen meist eine Zunahme der
Geschäftstätigkeit wider. In Zeiten der Hochkonjunktur, so 1955» ist
es durchaus möglich, daß die ausgehandelten Löhne die eingebauten
alljährlichen Erhöhungen übersteigen; umgekehrt kann ein Rückgang des
Geschäfts dahin führen, daß die Löhne hinter den erwarteten Erhöhungen zurückbleiben.
Theoretisch sollen die eingebauten jährlichen Erhöhungen der
Entwicklung der Produktivität entsprechen, wobei die erhöhte Produktivität die höheren Lohnkosten aufwiegen muß. Die Arbeitsproduktivität stieg in den Jahren von 1947 bis 1953 im Durchschnitt um
3 bis 5,6/j, und in den Jahren 1954 und 1955 um schätzungsweise 5/^
jährlich an.
Nach Ansicht des "Bundesamtes für Arbeitsstatistik" ist allerdings ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Löhnen und Produktivität nur schwer festzustellen. Das auslösende Moment bei Lohnerhöhungen ist vielmehr wirtschaftliche Prosperität bei hohem Beschäftigungsstand. In Zeiten einer Flaute oder aber in Industrien, die einen
Rückgang der Geschäftstätigkeit zu verzeichnen haben, dürfte es für
die Arbeiter sehr schwer sein, Lohnerhöhungen durchzusetzen, selbst
wenn die Löhne in anderen Industriezweigen ansteigen sollten.

- 2 -

�Der Lebenshaltungskostenindex ist in den vergangenen drei Jahren
bei einer maximalen Schwankung von knapp 2)o stabil geblieben. Die Löhne
dagegen, zum Beispiel in der verarbeitenden Industrie, sind im gleichen
Zeitraum um über IC70 angestiegen. Das heißt, jede Erhöhung der Löhne
brachte eine echte Erhöhung der Kaufkraft der Arbeiter.
Die Stabilität der Einzelhandelspreise während der letzten drei
Jahre ist weitgehend auf den ständigen Rückgang der Preise für Lebensmittel und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse seit 1950 zurückzuführen. Durch diese Preissenkungen wurden die anziehenden Kosten für
Mieten und Dienstleistungen fast völlig ausgeglichen.
Es gibt aber auch Stimmen, die ausdrücklich vor einer Kopplung
von Produktivität und Löhnen warnen. So gibt Dr. Jules Backmann, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der New Yorker Universität,
zu bedenken, daß man bei den eingebauten vorher festgesetzten jährlichen Lohnerhöhungen von der durchaus nicht in jedem Falle, zutreffenden Annahme ausgehe, die Produktivität steige konstant weiter.
Es ist ein fragwürdiges Unternehmen, so folgert Professor Backmann, einheitliche jährliche Lohnsteigerungen vornehmen zu wollen,
bei denen man sich auf die einheitliche Steigerung der Produktivität
stützt, die in Wirklichkeit aber gar nicht gegeben ist, sondern lediglich dadurch vorgetäuscht wird, daß beide Trends oftmals über eine
Reihe von Jahren hinweg in dieselbe Richtung verlaufen und etwa dieselbe Größenordnung aufweisen. Eine wirklich enge Relation zwischen
Löhnen und Produktivität über kürzere Zeiträume hinweg ist aber zu
leugnen.
Dies läßt sich an einigen Abweichungen in der Lohn-ProduktivitätsRelation, wie sie in einer freien //irtschaft häufig vorkommen, leicht
beweisen.
Im Jahre 1949 blieb eine allgemeine Lohnerhöhung in den Hauptindustriezweigen aus, während andererseits im vergangenen Jahr Lohnerhöhungen ausgehandelt wurden, die im allgemeinen über die Produktivitätszuwachsrate hinausgingen.
Die Verfechter langfristiger Lohnabkommen weisen darauf hin, daß
sie eine ungehinderte Produktion und Planung auf lange Sicht ermöglichen und damit zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Stabilität
beitragen. Nach Ansicht des Präsidenten der "Southern Coal Producers'
Association" sind langfristige Tarifverträge Ausdruck eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen den Sozialpartnern und werden mit zunehmendem
Verständnis für die Lohnpolitik und dem immer stärkeren Übergang von
Privatbesitz zur Verwaltung des Betriebes durch Fachleute in wachsendem Umfange in der Industrie Anwendung finden.
Die ersten langfristigen Lohnabkommen in der Automobilindustrie
wurden 1948 bei "General Motors" als "stabilisierender Faktor nicht
nur für den eigenen Betrieb, sondern für die Gesamtwirtschaft der
Vereinigten Staaten" eingeführt. Dieses Abkommen erstreckte sich auf
zwei Jahre und sah eine jährliche Lohnerhöhung um 3 Cent pro Stunde
"zur Hebung des Lebensstandards der Arbeiter" sowie eine - zu jener
Zeit ganz neuartige - Angleichung an die Lebenshaltungskosten "zum
Schutze der Arbeiter vor den ansteigenden Verbraucherpreisen" vor.
Diese jährliche Lohnerhöhung bei "General Motors" soll die steigende Produktivität widerspiegeln und ist von 3 Cent pro Stunde auf

- 3-

�4,5 und zur Zeit 6 Cent pro Stunde angestiegen. Sie entspricht in etwa
dem durchschnittlichen Anstieg der Produktivität von 2 bis 3$ im Laufe
der letzten 40 Jahre. Die Gewerkschaften erklärten sich als Gegenleistung für die Lohnerhöhungen bereit, die durch diese entstehenden
höheren Lohnkosten durch entsprechende erhöhte Arbeitsproduktivität
auszugleichen - ein Punkt, dem manche andere Betriebe, die ähnliche
Kontrakte abschlössen, übersehen haben.
"General Electric" unterzeichneten den ersten langfristigen Tarifvertrag mit stufenweisen Lohnerhöhungen und regelmäßigen Angleichungen
an die Lebenshaltungskosten in der zweiten Hälfte des Jahres 1955«
Der Vertrag hat eine Laufzeit von 5 Jahren, bis i960 also, und sieht
eine Lohnerhöhung von 3$, mindestens aber um 4,5 Cent je Stunde, in
den Jahren 1955, 1956 und 1957 vor.
Langfristige Lohnabkommen ermöglichen Arbeitgebern wie Arbeitnehmern eine Planung auf lange Sicht. Dem Unternehmer geben sie die
Gewißheit, daß er während der Laufzeit des Vertrages vor etwaigen
Arbeitseinstellungen wegen erneuter Lohnforderung sicher sein kann.
Dem Verbraucher garantieren sie eine reibungslose und regelmäßige
Versorgung mit den Waren und Dienstleistungen, die er von der Wirtschaft erwartet.
(Aus "Nations Business")
Copyright - 1 956

N. J. Herlihy und Herbert T. Moede, Amerikanisches Bundesamt für
Arbeitsstatistik:
Die amerikanische Streikstatistik im Jahre 1955
Die günstige Wirtschaftslage im Verein mit einer wesentlich verstärkten Gewerkschaftsaktivität in TarifVerhandlungen bildeten die
Ursache für die Zunahme der Streiks im Jahr 1955« Die Zahl der Arbeitsniederlegungen lag um 25$ über der des Jahres 1954, war aber
dennoch erheblich niedriger als in anderen Jahren starker Streiktätigkeit. Desgleichen lag auch die Zahl der in diese Streiks verwickelten Arbeiter und Angestellten sowie der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitsstunden höher als im Jahr 1954, wobei der Arbeitszeitausfall größer war als 1951 und 1954, im übrigen aber geringer
als in den Nachkriegsjähren.
Im Verlauf des Berichtsjahres brachen 4320 Streiks aus, an denen
sich insgesamt 2,6 Millionen Arbeiter und Angestellte beteiligten.
Diese Streiks hatten zusammen mit den Arbeitsniederlegungen, die sich
aus dem Jahre 1954 bis in das Jahr 1955 hinein fortsetzten, den Verlust von insgesamt 28,2 Millionen Arbeitstagen zur Folge, das sind
0,25 i&lt;&gt; der gesamten im Verlauf des Jahres geleisteten Arbeitstage.
Die Streiks, die im Jahr 1955 beigelegt wurden, dauerten im Durchschnitt 18,5 Tage, das heißt, sie waren, abgesehen von 1951, kürzer
als in den sonstigen Nachkriegsjähren.
Die größere Zahl von Kollektivverhandlungen ist nicht nur auf
den erhöhten Beschäftigungsstand und die steigende Produktion zurückzuführen (wobei die Beschäftigung in nicht-landwirtschaftlichen Betrieben

-4 -

�gegenüber 1954 um 2,3^ und das Bruttosozialprodukt um 6,2$ stiegen),
sondern auch auf die Tatsache, daß eine Reihe langfristiger Tarifverträge ausliefen. Die wichtigeren Tarifverträge aus dem Jahr 1955
brachten - und dies ist geradezu typisch für sie - Löhne und Sozialleistungen, die über dem im Jahr 1954 ausgehandelten Niveau liegen.
In zahlreichen Industriezweigen wurden die neuen Tarifverträge
ohne Streiks oder mit nur ganz kurzfristigen Unterbrechungen der
Arbeit ausgehandelt. So kam es bei den Auseinandersetzungen in der
Stahl- und Automobilindustrie oftmals zu einer Regelung strittiger
Fragen noch ehe ein Tag über den durch solche Meinungsverschiedenheiten ausgelösten Streik vergangen war. Auch die Streiks, die sich
auf ganze Industriezweige erstreckten, dauerten nicht länger als
1 bis 2 Tage. Die Notstandsbestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes
wurden in keinem Fall angewandt. Allerdings wurden gemäß den Bestimmungen des Eisenbahnarbeitergesetzes fünf Dringlichkeitsausschüsse eingerichtet.
Wenn auch die TarifVerhandlungen im allgemeinen einen ruhigen
und ungestörten Verlauf nahmen, so kam es doch in einigen Fällen
zu bemerksnwert heftigen Auseinandersetzungen. Der 47tägige Streik,
zu dem es im Zusammenhang mit Lohnverhandlungen der Gewerkschaften
mit Unternehmen aus der NE-Metallbranche kam, führte zur Schließung von 3 der 4 größten Betriebe und hatte damit schon fast den
Charakter eines allgemeinen Streiks der Arbeiter in dieser Sparte.
Im Verlauf des Sommers waren ferner 3 große Firmen in der Landwirtschaf tsmaschinenindustri« durch getrennte Streiks ihrer Belegschaften
zu einer zeitweiligen Schließung ihrer Betriebe gezwungen.
Die Großstreiks
Einige wenige Streiks hatten die Schließung beziehungsweise
teilweise Schließung von Großbetrieben über einen größeren Zeitraum
hinweg zur Folge. Von den Großstreiks (das heißt Arbeitsniederlegungen durch 10 000 oder mehr Arbeiter), die im Jahr 1955 beendet
werden konnten, dauerten 3 länger als 50 Tage: Die Auseinandersetzungen zwischen der "Amerikanischen Gewerkschaft für das Fernmeldewesen" und der"Southern Bell Telephone und Telegraph Co." (72 Tage);
der Streik von 10 AFL-Gewerkschaften, die als Interessenvertreter der
Eisenbahnbediensteten mit Ausnahme des Zug- und Betriebspersonals
handelten, bei der "Louisville and Nashville Railroad" (58 Tage);
und der Streik von Mitgliedern der Gewerkschaft der Amerikanischen
Textilarbeiter (CIO) in der Textilindustrie in den Neuenglandstaaten, der der längste größere Streik im Jahr 1955 überhaupt war (in
einigen Fabriken 90 Tage). Bei letzterem konnte allerdings eine Reihe
von Meinungsverschiedenheiten bereits in den ersten Tagen des Streiks
beigelegt werden. Bei der "Westinghouse Electric Corporation" traten
54 000 Mitglieder der "Internationalen Gewerkschaft der Elektro-,
Radio- und Maschinenmechaniker" und der unabhängigen Gewerkschaft
der Elektroarbeiter in den Ausstand. Dieser Streik, der am 17. Oktober 1955 begann und bis Jahresschluß noch nicht beendet war, erfaßte
insgesamt 70 000 Arbeitskräfte. Die Durchschnittsdauer der Großstreiks,
die im Verlauf des Jahres 1955 beigelegt werden konnten, betrug 23,2
Kalendertage. An diesen Streiks, die den Verlust von 12,3 Millionen
Arbeitstagen verursachten, beteiligten sich 1,2 Millionen Lohn- und
Gehaltsempfänger; damit entfallen auf sie zwei Fünftel der Gesamtzahl der Streikenden und der verlorenen Arbeitstage des Jahres 1955.

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�Die wichtigsten Streitfragen
Auseinandersetzungen um Löhne und Sozialleistungen waren 1955
wie in allen bisherigen Nachkriegsjähren die Ursache für den größten Teil der Arbeitsniederlegungen; auf sie entfallen rund die Hälfte
aller Arbeitseinstellungen, mehr als zwei Drittel aller Streikenden
und zwei Drittel der Arbeitszeiteinbußen. Zusammen mit Streitigkeiten
um die Vertretungsbefugnisse der Gewerkschaften waren sie die Ursache
von weiteren 16$ des Arbeitszeitverlustes, während auf Streitfragen
um das Vertretungsrecht allein 10$ des Arbeitszeitverlustes entfallen.
Bei 18 von insgesamt 26 Großstreiks ging es ausschließlich um Löhne,
Arbeitszeit und Sozialleistungen. In zwei weiteren Fällen waren diese
Streitfragen noch mit Auseinandersetzungen um das Vertretungsrecht
gekoppelt, während das Vertretungsrecht allein (insbesondere die Stärkung der Position der Gewerkschaften bei Kollektivverhandlungen) das
auslösende Moment zweier solcher Streiks bildete.
Die meisten Streiks, die aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus
geführt wurden, drehten sich um Lohnfragen. Zusätzliche Sozialleistungen standen oft gleichfalls im Mittelpunkt und waren in einigen Fällen
sogar die Hauptursache für die Auseinandersetzungen. So wurde beispielsweise der 58 Tage lange Streik bei der "Louisville and Nashville Railroad" durch Meinungsverschiedenheiten ausgelöst, die sich
im Zusammenhang mit der betrieblichen Krankenversicherung und anderen Sozialleistungen ergeben hatten. Sechs Tarifverträge, die im
Anschluß an Großstreiks abgeschlossen worden sind, brachten die
Einrichtung einer zusätzlichen, betrieblichen Arbeitslosenhilfe,
ohne daß es über diese Frage zu ernsthaften Auseinandersetzungen gekommen wäre. Die meisten sogenannten wirtschaftlichen Streiks wurden
um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen geführt; nur bei einer kleinen Anzahl von Streiks, so beim Ausstand der Textilarbeiter in Neuengland, waren beabsichtigte Kürzungen der Löhne und Sozialleistungen
das auslösende Moment.
Um das Vertretungsrecht der Gewerkschaften
Das Vertretungsrecht beziehungsweise die Position der Gewerkschaften in Tarifverhandlungen (und umgekehrt die Rechte der Betriebsführung) stand bei zwei der Großstreiks dieses Jahres im Mittelpunkt, nämlich in dem Streik bei der "Bell Telephone and Telegraph Co." und der "Westinghouse Electric Corporation". Auf sie entfallen rund 18$ des gesamten Arbeitszeitverlustes durch Streiks in
diesem Jahr. Der langwierige und schwer überschaubare Streik bei
Westinghouse entwickelte sich aus den Meinungsverschiedenheiten über
die Wiederaufnahme der Kollektiv-Verhandlungen nach Beginn der zweiten
Hälfte der Laufzeit des Vertrages, der bis Oktober 1956 gelten sollte.
Gegenstand der Auseinandersetzungen waren die Laufzeit des Vertrages,
der Umfang der Lohnsteigerungen, die von der Gesellschaft geplanten
Zeitstudien (einschließlich der Methoden, die bei der Milderung von
Härten anzuwenden seien, die sich aus den Folgen der genannten Untersuchungen ergeben könnten) und eine Änderung im Verfahren der Lohnauszahlung. Bereits im August und September war es über der Frage
der Zeitstudien zu einem Streik gekommen. Er wurde durch eine Vereinbarung zwischen der Betriebsleitung und der Gewerkschaft beigelegt,
derzufolge die Frage der Zeitstudien im Rahmen späterer Verhandlungen
auf Landesebene behandelt werden sollte. Je länger sich die Arbeitsniederlegung in den Westinghouse-Betrieben im ganzen Land hinzog, und

- 6-

�sie zog sich bis ins Jahr 1956, umso schwieriger wurde es, diese
Meinungsverschiedenheiten beizulegen und die Frage nach der Behandlung jener Streikenden zu lösen, die unter der Beschuldigung gewaltsamer Handlungen entlassen worden waren.
Die viertägige Arbeitsniederlegung bei der "Caterpillar Tractor
Co." im August 1955 wurde durch Lohnstreitigkeiten und Fragen des
Union Shop ausgelöst - jene Form der Bindung eines Betriebs an die
Gewerkschaft, die nur die Beschäftigung organisierter Arbeiter zuläßt. In einer Reihe kleinerer, dafür aber relativ länger und gelegentlich mit besonderer Erbitterung geführter Streiks kam nur
unter großen Anstrengungen eine Einigung über die Anerkennung der
Gewerkschaft oder über die Frage des Union Shop zustande; auch hier
spielten in einigen Fällen Lohnforderungen mit eine Rolle. Die Anerkennung der Vertretungsbefugnis der Gewerkschaft war der wichtigste
strittige Punkt in dem ein Jahr währenden Streik bei der "Buffalo
Arms Corporation" in Akron (N.Y.), der im Juni 1955 zu Ende ging,
und im 32tägigen Streik im Werk St. Joseph (Michigan) der "Whirlpool Corporation". Um die gleiche Frage ging es auch in dem Hotelstreik in Miami, der im April begann und sich bis ins Jahr 1956
hinzog, desgleichen bei dem 76 Tage dauernden Streik der "Berne
Hat Co.", einer Hutfabrik in Baltimore (Maryland), der mit dem
Konkurs der Firma endete.
Der Streit um den Union Shop bildete im Falle des 129 Tage
langen erbitterten Streiks der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft in den Werken der "Perfect Circle Corporation" in
Indiana das größte Hindernis für eine Einigung; auch hier standen
Lohnfragen mit zur Debatte. Auch der 127 Tage dauernde Streik bei
der "W. T. Smith Lumber Co." in Alabama und die 22tägige Arbeitsniederlegung bei der "New York Air Brake Co." in Watertown (N.Y.)
hatten ihre Ursache in Auseinandersetzungen um die Frage des
Union Shop.
Fragen der Sicherheit am Arbeitsplatz, Arbeitsbedingungen,
Personalpolitik und Überforderung der Arbeiter sowie Proteste gegen
richterliche Verfügungen oder Verwaltungsmaßnahmen staatlicher Stellen
haben im Verlauf des Jahres 1955 in etwas geringerem Maße als in vorausgegangenen Jahren Anlaß zu Streiks gegeben. Auf sie entfallen etwa ein
Fünftel aller Streiks und Streikenden, dagegen nur ein Zehntel aller
durch Streiks verlorenen Arbeitsstunden. Sie lösten vier Großstreiks
mit über 10 000 beteiligten Arbeitern aus, von denen aber nur 2 einen
ganzen Tag dauerten; bei dem einen, bei der "Chrysler Corporation"
in Detroit im April 1955 ging es um die Entlassung eines Mitarbeiters,
und im Falle des Streiks der Schauerleute an der Westküste war der
Prozeß gegen"Harry Bridges" der Anlaß. Die beiden anderen Großstreiks
dauerten je 8 Tage; der eine Streik erfolgte als Protest gegen Maßnahmen der Hafenkommission der Staaten New York und New Jersey und
der andere betraf das Werk der "Westinghouse Electric Corporation"
in East Pittsburgh.
Inner- und zwischengewerkschaftliche Streitigkeiten (die sich
auf Rivalitäten der Gewerkschaften untereinander, Auseinandersetzungen
über Fragen der Zuständigkeit und Sympathie-Streiks erstreckten) entsprachen der üblichen Praxis und machten nur einen relativ geringen
Prozentsatz aller Streiks im Berichtszeitraum aus. Auf sie entfallen
I/o der Gesamtzahl der Streiks und "\/ö des Arbeitszeitverlustes. Diese
Zahlen decken sich im wesentlichen mit denen des Jahres 1954.

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�Wo wurde gestreikt?
Die Streikentwicklung im Jahre 1955 war insofern etwas ungewöhnlich,
als zwei der längsten und größten Streiks im Süden des Landes
zu verzeichnen waren. Die langwierigen Arbeitsniederlegungen bei der
"Louisville and Nashville Railroad" und der "Southern Bell Telephone"
zu Beginn des Jahres ließen die Zahl verlorener Arbeitsstunden in den
meisten Südost-Staaten relativ hoch ansteigen, wobei Georgia und
Tennessee die größten Arbeitszeitverluste seit 1946 meldeten.
Die Arbeitszeitverluste in Florida erreichten auf Grund des
Telephon-Streiks und de langwährenden Arbeitsniederlegungen im
Hotelgewerbe in Miami und in den Phosphatgruben einen absoluten
Höchststand. Auf diese 3 Streiks entfallen vier Fünftel des gesamten
Arbeitszeitverlustes von 885 000 Arbeitstagen im Staat Florida.
Auch im Staat Maine erreichten die Arbeitszeitverluste infolge
des Textilarbeiterstreiks eine Rekordhöhe. Desgleichen hat der Streik
in der NE-Metallindustrie ein Ansteigen der Zahl der verlorenen Arbeitstage im Staat Nevada auf einen bisherigen Höchststand bewirkt und auch
in Arizona dazu geführt, daß diese Zahl im Berichtszeitraum höher lag
als in den vorausgegangenen Jahren.
Auch in diesem Jahr entfällt der größte Anteil an den Arbeitszeitverlusten auf die hochindustrialisierten Staaten. Pennsylvanien stand
1955 ebenso wie schon 1954 in dieser Hinsicht an der Spitze, entfielen
doch 11,9$ sämtlicher durch Streiks verlorenen Arbeitsstunden auf diesen Staat. Bemerkenswert dabei ist, daß über die Hälfte des in diesem
Staat eingetretenen Arbeitszeitverlustes dem eintägigen Streik in der
Rohstahlindustrie und den 3 Streiks in den Werken der "Westinghouse
Electric Corporation" zuzuschreiben sind. In Ohio entfällt mehr als
die Hälfte der Arbeitszeiteinbuße auf 10 Streiks, in denen jeweils
mehr als 50 000 Arbeitstage verlorengingen. Ohio rangierte mit einem
Anteil von S,1c/&gt; am Gesamtarbeitszeitverlust unmittelbar hinter Pennsylvanien.
In welchen Industrien wurde gestreikt?
Die allgemeine Zunahme der Streiktätigkeit erstreckte sich auf
fast sämtliche Industriezweige. Das Baugewerbe stellte hinsichtlich
des allgemeinen Trends die bemerkenswerteste Ausnahme dar. Aber auch
in der Holz- und Gummiindustrie sowie im Handel gingen 1955 weniger
Arbeitsstunden durch Streiks verloren als 1954. Die Zahl der Streiks
und der verlorenen Arbeitsstunden stieg in den Fertigungsindustrien
um etwa 4O/0; in den übrigen Industrien lag die Zahl der Streiks
um &amp;fo und die der Arbeitszeitverluste um b^&gt; höher als im vorausgegangenen Jahr.
Im Baugewerbe sind der Rückgang der Zahl der streikenden Arbeiter
und die niedrigeren Arbeitszeitverluste darauf zurückzuführen, daß es
gegenüber den Vorjahren zu weniger Großstreiks kam. Im Jahr 1955 waren
nur 2 größere Streiks mit insgesamt 28 000 beteiligten Arbeitern zu
verzeichnen gegenüber 7 Streiks mit 141 000 Streikenden im Vorjahr.
Der Arbeitszeitverlust in den Sägemühlen und holzverarbeitenden
Betrieben wies im Jahr 1955 den geringsten Stand in der Nachkriegszeit auf. Auch im Handel waren die Arbeitszeitverluste durch Streiks

- 8 -

�wesentlich niedriger als 1954, zur Zeit der Streiks der Warenhausangestellten in Pittsburgh. Trotz der Zunahme der Streiks in der
gummiverarheitenden Industrie war hier ein Rückgang der Zahl der
verlorenen Arbeitstage zu verzeichnen. Lediglich in einem einzigen
Fall hatten mehr als 10 000 Lohn- und Gehaltsempfänger die Arbeit
niedergelegt, und zwar im Streik bei den "US Rubber Co:'. Diese Tatsache erklärt ein Absinken der Arbeitszeitverluste auf weniger als
ein Drittel des Standes von 1954, als zwei relativ lange Großstreika
die Zahl der verlorenen Arbeitsstunden auf den höchsten Stand in den
letzten Jahren hatten ansteigen lassen.
In zwei Zweigen der Fertigungsindustrien kurzlebiger Verbrauchsgüter, in der Textilindustrie sowie in der Leder- und Lederverarbeitungsindustrie, nahm der Arbeitsausfall gegenüber 1954 insbesondere
auf Grund des Textilstreiks in den Heuenglandstaaten und des 26tägigen
Streiks von 23 000 Arbeitern und Angestellten der "International Shoe
Co." und der "Brown Shoe Co." erheblich zu. Auf den letztgenannten
Streik, der mit einer Vereinbarung über die erste allgemeine Lohnerhöhung bei diesen Firmen seit 1952 endete, entfällt etwa die Hälfte
des Arbeitszeitverlustes, der in der Leder- und lederverarbeitenden
Industrie im Jahr 1955 zu verzeichnen war.
Eine unverhältnismäßig starke Zunahme der Streiktätigkeit in
der chemischen Industrie ließ den Arbeitszeitverlust in dieser Branche
auf nahezu das Vierfache der Höhe des Jahres 1954 steigen, ohne daß
Jedoch der bisherige Höchststand der Nachkriegs jähre erreicht wurde.
Etwa 60$ der Arbeitsausfälle sind dabei auf acht Lohnstreiks zurückzuführen .
Auf die drei Streiks bei der "Westinghouse Electric Corporation"
entfällt der größte Anteil an der Zunahme der Streikenden und des
Arbeitsverlustes im elektrischen Apparatebau, der im Berichtszeitraum den höchsten Stand seit 1946 erreichte. Die Auseinandersetzungen bei Westinghouse sind im Verein mit den drei Großstreiks in
der Landwirtschaftsmaschinenindustrie auch für das Ansteigen der
Streiktätigkeit in der Maschinenindustrie verantwortlich. In den
Gesamtzahlen für die letztgenannte Industrie sind auch die Streiks
in den Werken der "Ex-Cell-o Corporation" in Ohio und Michigan,
bei der "Maytag Co." in Iowa und der "Avco Manufacturing Co." in
Indiana enthalten, an denen relativ wenig Arbeiter teilnahmen, die
sich dafür aber ziemlich lange hinzogen. Einige Großstreiks, zu denen
es im Verlauf von TarifVerhandlungen gekommen war, führten dazu, daß
die Zahl der Streikenden in der Transportausrüstungsindustrie auf
rund das Vierfache der Vergleichszahl vom Jahre 1954 stieg. In ähnlicher Weise brachte die kurze Arbeitseinstellung im Zusammenhang
mit den auf Landesebene geführten Tarifverhandlungen in der Rohstahlindustrie sowie ein Streik bei der "Tennessee Coal und Iron Co.",
der durch Forderungen der Eisenbahnangestellten dieser Firma aus
dem Tarifvertrag ausgelöst wurde, die Gesamtzahl der Streikteilnehmer in der Rohmetallindustrie auf einen höheren Stand als 1954,
ohne daß jedoch der Höchststand vom Jahr 1952 erreicht wurde.
Im Apparate- und Instrumentenbau entfällt mehr als die Hälfte
der Gesamtzahl der Streikenden und des Verlustes an Arbeitsstunden
auf zwei Streiks: den fünf Wochen langen Streik bei "Sperry Gyroscope
Co." und den 92 Tage währenden Streik von 3000 Mitarbeitern der

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�Arma Division der "American Bosch Corporation". Der Verlust an
Arbeitsstunden war in diesem Industriezweig höher als in den übrigen
der Nachkriegszeit.
Im Transportgewerbe, im Fernmeldewesen und in den öffentlichen
Versorgungsbetrieben hat sich gegenüber dem Jahr 1954 kaum etwas
verändert. Allerdings entfallen sieben der Großstreiks des Jahres 1955
auf diesen Wirtschaftssektor,wobei der Arbeitszeitverlust mit 0,47$
der Gesamtzahl der in diesen Betrieben geleisteten Arbeitsstunden
den höchsten Stand seit 1947 erreichte. Die zwei längsten und in
der Öffentlichkeit meist beachteten Streiks in diesem Sektor waren
der bei der "Southern Bell Telephone and Telegraph Co." und bei der
"Loui3ville and Nashville Railroad Co.". Im Straßentransportgewerbe
kam es zu zwei großen Streiks; der eine erstreckte sich über Neuengland und andere östliche Staaten und dauerte 44 Tage, der andere
betraf 12 Staaten des Westens und dauerte 24 Tage. Beide führten zum
Abschluß langfristiger Tarifverträge, mit denen Lohnunterschiede
innerhalb der betreffenden Gebiete ausgeglichen, die Arbeitszeit
herabgesetzt und die Löhne und Sozialleistungen erhöht wurden. Mitglieder dreier Telephonarbeitergewerkschaften bestreikten die "Pacific
Telephone and Telegraph Corporation" etwa zwei Wochen lang. Bei zwei
weiteren Streiks an der Ost- beziehungsweise Westküste legten über
10 000 Hafenarbeiter die Arbeit nieder.
Im Bergbau nahm die Zahl der Streiks, der davon betroffenen
Arbeiter und der verlorenen Arbeitsstunden gegenüber 1954 ebenfalls
zu, wobei die Zahl der Streikenden die relativ geringste Zunahme
aufwies. Im Vergleich zu den meisten Nachkriegsjähren war die
Streiktätigkeit im Kohlenbergbau gering, wobei allerdings die Zahl
der Arbeitsniederlegungen im Bitumenbergbau etwas höher lag als 1954«
Im Erzbergbau kam es 1955 zu einer größeren Zahl von Auseinandersetzungen und, bedingt durch drei Großstreiks im NE-Erzbergbau sowie
weitere drei kleinere langwierige Streiks, zu erhöhten Arbeitszeiteinbußen. Ein Streik von 1700 Arbeitern und Angestellten der Kupferminen in Michigan dauerte 112 Tage und zog sich von Mai bis in den
August hinein. Sechzehn Gesellschaften im Coeur d1Alene-Gebiet in
Idaho wurden 161 Tage lang bestreikt. Einige hundert Bergleute einer
Zinkgesellschaft in New Jersey stellten am 22. August 1955 die Arbeit
ein und setzten ihren Streik bis in das Jahr 1956 hinein fort. Ein
122 Tage währender Streik in den Phosphatgruben in Florida bewirkte
einen Anstieg der Zahl der verlorenen Arbeitsstunden im NE-Bergbau
über das Maß von 1954 hinaus.
Im Dienstleistungsgewerbe verfünffachte sich die Zahl der verlorenen Arbeitsstunden in erster Linie in Auswirkung des Hotelstreiks
in Miami.
Welche Gewerkschaften streikten?
Etwas mehr als die Hälfte aller Streiks wurde von Mitgliedgewerkschaften der "American Federation of Labor" (AFL) geführt;
der Anteil der AFL-Mitglieder an den Streikenden lag bei 23$ und
am Arbeitsausfall bei rund 34$. Etwa ein Viertel dieser Streiks
entfallen auf das Baugewerbe. Mitgliedgewerkschaften des "Congress
of Industrial Organization" (CIO) bestritten fast ein Drittel sämtlicher Streiks im Berichtsjahr, wobei drei Fünftel der Streikenden
und zwei Fünftel des Arbeitszeitverlustes auf ihre Mitglieder entfallen.
Der Schwerpunkt der Streiktätigkeit der unabhängigen Gewerkschaften lag wie in früheren Jahren im Bitumenkohlenbergbau, wo
- 10 -

�ea zu kurzen und örtlich begrenzten Arbeitsniederlegungen durch ihre
Mitglieder kam. Zusammengerechnet entfiel auf die unabhängigen Gewerkschaften ein geringer Anteil an der Gesamtzahl der streikenden Arbeiter und verlorengegangenen Arbeitsstunden als in den meisten Nachkriegsjahren.
Bei den Großstreiks beläuft sich der Anteil der Mitgliedgewerkschaften der AFL und CIO auf $Ofi aller streikenden und der
verlorengegangenen Arbeitszeit. Unabhängige Gewerkschaften beteiligten sich oftmals an Streiks von Mitgliedgewerkschaften der
AFL oder CIO, während die beiden Hafenarbeiterstreiks von einer unabhängigen Gewerkschaft allein geführt wurden. In dem langwierigen
Streik bei Westinghouse wurden etwa 15/° der Streikenden von der
unabhängigen Elektroarbeitergewerkschaft vertreten.

Quelle: "Monthley Labor Review"
Vol. 79 Nr. 5

Rocco C. Siciliano, Unterstaatssekretär im US-Arbeitsministerium:
Facharbeiter für ein neues Industriezeitalter
Ein neues Industriezeitalter steht vor der Tür. Wissenschaftler
und Techniker entwickeln neue und aufsehenerregende Geräte und Maschinen und die Industrie entfaltet sich nach allen Richtungen hin.
Im Zuge dieser Entwicklung tauchen große neue Probleme für die Menschheit auf. Eines unter ihnen, die Ausbildung und Schulung von Fachkräften für diese neue industrielle Welt, möchte ich hier im folgenden erörtern.
In den Vereinigten Staaten, deren Geschichte so viele umwälzende
Veränderungen des wirtschaftlichen und technischen Lebens aufweist,
ist man bemüht, sich rechtzeitig auf die neue Entwicklung einzustelllen.
Den Erziehern, die den Nachwuchs an Fachkräften heranbilden sollen,
erwachsen hieraus besondere Aufgaben. Denn wir müssen uns darüber
klar sein, daß Forschung, Technik und fachliches Können nicht nur
für den weiteren Fortschritt, sondern für den Forthestand unserer
Kultur und Gesellschaft überhaupt von größter Bedeutung sind.
Die rasche technische Entwicklung dürfte aller Voraussicht nach
die Entstehung neuer Industrien begünstigen. Heute bereits befassen
sich über 1000 Firmen in den USA mit der Fabrikation automatischer
Kontrollgeräte. Noch größere Erwartungen darf man aber vielleicht
hinsichtlich des Entstehend zahlreicher bisher unbekannter Sparten
im Dienstleistungsgewerbe hegen. Der Aufschwung der Automobilindustrie löste die Nachfrage nach Hunderttausenden von Auto-Schlossern,
Tankwarten und Autoverkäufern aus. Die Verbreitung von Rundfunk und
Fernsehen führten zum Entstehen des Radiohandels und -reparaturgewerbes. Und so darf man wohl mit Recht annehmen, daß weitere technische Neuerungen ähnliche Auswirkungen zeitigen werden.
Im allgemeinen wurden technische Veränderungen in den Vereinigten
Staaten stets freudig begrüßt; denn wir wissen, daß eine größere Produktivität uns allen mehr und bessere Güter, höhere Einkommen und
damit einen höheren Lebensstandard bringt. Andererseits aber können
technische Neuerungen auch ernste wirtschaftliche und soziale Probleme
auf werfen. '.Vie wir aus Erfahrung wissen, führt die Aufstellung arbeitszeitsparender Maschinen oftmals zur Entlassung von Arbeitskräften. Es
- 11

�ist ganz natürlich, daß Veränderungen wie die Einführung neuer
Arbeitsverfahren, neuer Werkzeuge, Apparate, Rohstoffe und neuer
Produkte ihre entsprechenden Auswirkungen auf eine ganze Reihe
von Berufen haben. Die ümorganisierung des Betriebes, die dem einen
neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet, mag für den anderen den Verlust
des Arbeitsplatzes bedeuten, da sein Können und seine Fähigkeiten
plötzlich nicht mehr gefragt sind. In einer freien Wirtschaft sind
derartige Verluste der unumgängliche Preis des Fortschritts. Andererseits sollten wir alles tun, um die nachteiligen Auswirkungen
für den einzelnen so weit wie möglich einzuschränken.
Zum Glück sind sich heute Betriebsführer, Gewerkschaftler
und Regierung darüber klar, daß bei allen technischen Neuerungen
nicht nur die finanzielle und technische Seite sondern auch die
menschlichen Aspekte in Betracht zu ziehen sind. Ist das Verhältnis
zwischen den Sozialpartnern gut, so wird man sich bemühen, die ungünstigen Auswirkungen auf die Arbeiterschaft möglichst im voraus.zu
erkennen und durch sorgfältige Planung und Einteilung den Verlust
von Arbeitsplätzen auf ein Mindestmaß herabzudrücken«
Es hat übrigens ganz den Anschein, als ob es sehr viel schwieriger sein wird, die für Bau, Pflege und Bedienung der neuen technischen Ausrüstungen erforderlichen Fachkräfte zu stellen als die
Arbeitskräfte wieder unterzubringen, die durch die neue Entwicklung
von ihrem Arbeitsplatz verdrängt werden. Im neuen Industriezeitalter
werden wir mit ziemlicher Sicherheit höher qualifizierte Arbeitskräfte benötigen. Präsident Eisenhower hat erst kürzlich aus führenden Bürgern des Landes einen Ausschuß zur Förderung wissenschaftlichen
und technischen Nachwuchses gebildet, der sich um die Heranbildung
der hochqualifizierten technischen Facharbeiter kümmern soll. Dieses
Problem besteht nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in
allen Ländern.
Die Automatisierung, bei der elektronische Geräte, die Programmierung, die Instrumentierung und andere Präzisionsarbeiten
eine bedeutsame Rolle spielen, dürfte zwangsläufig viele neue
Arbeitsplätze, vor allem für Techniker, schaffen. Diese Spezialisten,
die gleich nach den Wissenschaftlern und Ingenieuren rangieren, sollen
die Routinearbeiten übernehmen, so daß erstere sich auf die schöpferische Arbeit konzentrieren können. Da Techniker eine geringere Ausbildung als Wissenschaftler oder Ingenieure benötigen, lassen sie
sich rascher und in größerer Zahl heranbilden. Für Facharbeiter besteht kaum die Gefahr, daß sie durch die fortschreitende Automatisierung brotlos werden. Manche Anzeichen deuten darauf hin, daß die
Betriebe, die sich auf Automatisierung umstellen, sogar mehr Facharbeiter bereits vorhandener Sparten benötigen als bisher. So war
zum Beispiel ein großes Motorenwerk, das heute komplette Motorblöcke
in vollautomatischer Produktion herstellt, nicht in der Lage, die
nötige Anzahl gelernter Arbeitskräfte zur Erstellung und Pflege der
erforderlichen neuen Ausrüstungen zu bekommen. Die Firma sah sich
deshalb gezwungen, ihr Lehrlingsausbildungsprogramm entsprechend
auszubauen. Es scheint also möglich, daß die Nachfrage nach Elektrikern, Einrichtern, Werkzeugmachern, Maschinenschlossern und vielen
anderen Facharbeitern nicht nur proportional zur allgemeinen Zunahme
der Beschäftigungsziffer, sondern sogar darüber hinaus ansteigen wird.
Das bedeutet, daß die Lehrlingsausbildung und die Berufsförderung
der Gesellen in verstärktem Maße weiterbetrieben werden müssen.

- 12 -

�Außerdem müssen wir die möglichen indirekten Auswirkungen der
Automatisierung auf die Anforderungen an das fachliche Können der
Arbeiterschaft berücksichtigen. Mit steigender Produktivität pflegt
auch das Einkommen je Kopf der Bevölkerung zu steigen und dies wiederum führt zu einer verstärkten Nachfrage nach Gütern des gehobenen
Bedarfs, die meist nur von verhältnismäßig hochqualifizierten Fachkräften hergestellt werden können. Somit wird auch als indirekte
Auswirkung einer steigenden industriellen Produktivität der Bedarf
an Facharbeitern weiter steigen.
Die Verantwortung für die Ausbildung und eventuelle Umschulung
der Arbeitskräfte liegt in erster Linie bei den Firmen selbst. Denn
nur sie können beurteilen, woran es fehlt. Die für den Bau, die Bedienung und die Wertung der neuen Ausrüstungen erforderlichen Arbeitskräfte sind nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden.
Die Kosten für die Ausbildung dieser hochqualifizierten Arbeitskräfte werden aber durch die vermindertai Herstellungskosten im vollautomatischen Betrieb voll aufgewogen. Wesentlich dabei ist vor
allem, den künftigen Bedarf an Arbeitskräften richtig abzuschätzen
und mit ihrer Ausbildung bereits vor Installierung der neuen Ausrüstung zu beginnen. Für die Unternehmer dürfte es sich empfehlen,
die hierbei gewonnenen Erfahrungen untereinander auszutauschen.
Die Schulen und Colleges sollten heute schon ihre Lehrpläne
auf diese künftigen Entwicklungen abstimmen und Lehrgänge einrichten, die auf die neue Art der Lehrlings- und Gesellenausbildung
hinführen. Mathematik, Physik und Chemie sind in den Vordergrund
zu stellen und die hierfür begabten Schüler müssen besonders gefördert werden. Auch die Berufsberatung muß ausgebaut und verbessert
werden, um sicherzustellen, daß junge Menschen eine ihren Fähigkeiten
entsprechende Ausbildung und Stellung erhalten.
Das US-Arbeitsministerium ist an den Auswirkungen der Automatisierung auf die Gesamtwirtschaft des Landes und das Wohl der
Arbeiterschaft außerordentlich interessiert. So werden gegenwärtig
von dem ihm unterstehenden Bundesamt für Arbeitsstatistik eine
Reihe von Untersuchungen in Betrieben durchgeführt, die in irgendeiner Form bereits die Automatisierung eingeführt haben. Auf diese
Weise soll möglichst viel Material über die mit der Planung, Einrichtung und Bedienung der neuen Geräte verbundenen Umstände zusammengetragen werden. Aus zwei bereits abgeschlossenen Untersuchungen
geht hervor, daß durch sorgfältige Planung und echte Sorge um das
Wohl der Arbeitnehmer die gefürchteten nachteiligen Folgen, insbesondere größere Entlassungen, vermieden werden konnten.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich, daß neben einer
sorgfältigen Planung eine langfristige Ausbildungs- und Schulungsarbeit dem Übergang zum automatischen Betrieb vorangehen muß. Unter
Berücksichtigung dieser Erkenntnis hat der Bundesausschuß für das
Lehrlingswesen in Zusammenarbeit mit den zuständigen staatlichen
Stellen folgende Richtlinien und Unterlagen für erfolgversprechende
Schulungsprogramme zusammengestellt:
1. Das Mindestalter für Lehrlinge sollte mindestens 16 Jahre
betragen.
2. Eine Zusammenstellung der Arbeitsverfahren, in die der
Lehrling unmittelbar am Arbeitsplatz eingeführt werden soll.

- 13 -

�3. Regelmäßiger Unterricht in jenen technischen Fächern, die
mit der Arbeit des Lehrlings in Zusammenhang stehen. Die
Mindestzahl der Unterrichtsstunden im Jahr wird mit 144
angegeben.
4. Eine progressiv ansteigende Lohntabelle.
5. Sachgemäße Überwachung der Ausbildung am Arbeitsplatz sowie
Bereitstellung der zur Schulung von Lehrlingen geeigneten
Einrichtungen.
6. Regelmäßige Überwachung der von den Lehrlingen sowohl auf
praktischem als auch auf theoretischem Gebiet erzielten
Fortschritte und Führung von Beurteilungsbogen.
7. Pflege der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer .
8. Anerkennung und Würdigung der erfolgreich abgeschlossenen
Lehre.

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Pensionserhöhungen für US-Eisenbahner
Präsident Eisenhower unterzeichnete kürzlich ein Gesetz, das
eine zehnprozentige Pensionserhöhung an aus dem Dienst ausgeschiedene Bahnarbeiter vorsieht. Das Gesetz tritt rückwirkend mit dem
1. Juli 1956 in Kraft.
Eisenhower sagte bei der Unterzeichnung der Gesetzesvorlage,
er sei davon überzeugt, daß der US-Senatsausschuß für Arbeit und
öffentliche Wohlfahrt sowie die Eisenbahnergewerkschaften in der
nächsten Sitzungsperiode des US-Kongresses zufriedenstellende Vorschläge zur Deckung der durch die zehnprozentige Erhöhung der Ruhestandsgelder entstehenden Mehrausgaben machen würden.
Das BundesSozialprogramm für Bahnarbeiter und deren Familien,
das durch das Ruhestandsgesetz der Eisenbahner ermöglicht wurde,
unterscheidet sich von dem allgemeinen und obligatorischen Bundessozialprogramm dadurch, daß seine Beiträge urtd Leistungen entschieden höher liegen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen zum Beispiel
je 6,25?o Beitrag auf Einkommen bis zu 350 Dollar pro Monat, während
der Beitrag für das obligatorische Bundessozialprogramm je 2$ von
der Lohnsumme ausmacht.
Bereits jetzt weist das Ruhestandsgeldsystem der Eisenbahner ein
Defizit auf, und man erwartet, daß die durch das neue Gesetz zusätzlich entstehenden Kosten noch einmal 83 Mio. Dollar pro Jahr betragen
und das Gesamtdefizit auf 169 Mio. Dollar pro Jahr steigern werden.
Die Höchstzahlungen auf Grund des neuen Gesetzes kommen insgesamt
298 000 pensionierten Bahnarbeitern zugute, deren Monatsbezüge sich
damit von durchschnittlich 104,4 Dollar auf durchschnittlich 114,7
Dollar erhöhen. Witwen und sonstige Hinterbliebene, die bereits im
Rahmen der allgemeinen und obligatorischen Sozialgesetzgebung Unterstützung empfangen, bleiben von dieser Maßnahme ausgeschlossen.

- 14 -

�Arbeitsfriede im New Yorker Transportgewerbe für vier Jahre
sichergestellt
Der New Yorker Ortsverband der Transportarbeitergewerkschaft
stimmte mit einem Verhältnis von nahezu 2:1 für Gesamt-Lohnerhöhungen von 18,5 Cent pro Stunde. Man hofft, daß der Lohnvertrag, der
von den Beauftragten der 10 000 gewerkschaftlich organisierten Lastwagenfahrer und 1250 Arbeitgebern für einen Zeitraum
von vier Jahren ausgehandelt und unterzeichnet wurde, den Arbeitsfrieden im New Yorker Transportgewerbe für diese Zeit sicherstellt.
Bei der Wahl stimmten 1356 Stimmberechtigte für und 756 gegen den
am 1. September 1956 in Kraft tretenden Vierjahresvertrag.
Der Gesamtbetrag der Erhöhung-um 18,5 Cent pro Stunde setzt
sich aus folgenden Einzelposten zusammen: 9 Cent an direkter Lohnerhöhung, 5»5 Cent an Zuschüssen für einen Pensions- und 4 Cent für
einen ärztlichen Betreuungsplan. Im übrigen konnten bei den Vertragsverhandlungen auch für die Arbeitnehmer günstigere Senioritäts- und Urlaubsbedingungen erzielt werden.
Der jetzt eingeführte Tarif sieht Stundenlöhne von 1,97 bis
2,41 Dollar vor. Das bedeutet, daß ein Zugmaschinenfahrer auf Grund
der neuen Bedingungen mindestens 100 Dollar pro 40-Stunden-Woche
verdient und einen Anspruch auf Pensionszahlungen in Höhe von 100
Dollar pro Monat erwirbt.
Die neuen Abmachungen enthalten unter anderem auch einen Passus
wonach neue Lohnverhandlungen frühestens 1958 wieder aufgenommen
werden können.

Trend zu langfristigen Kollektivverträgen
In den Vereinigten Staaten ist mehr und mehr der Zug zur Unterzeichnung langfristiger Kollektivverträge wahrzunehmen, was sich
zugunsten beider Tarifpartner auswirken dürfte. Die Arbeitgeber
können langfristig planen und größere Projekte in Angriff nehmen,
und die Arbeitnehmer wissen ebenfalls, was ihnen in absehbarer Zeit
an Lohnerhöhungen und außerordentlichen Zulagen zasteht und können
auf diese Weise gleichfalls eine wirtschaftlichere Planung treiben.
Ein derartiger Kollektivvertrag, dessen Laufzeit drei Jahre beträgt, ist vor einigen Tagen wieder von der Unabhängigen Stahlarbeitergewerkschaft und der Weirton Company in West-Virginia abgeschlossen worden. Der Vertrag sieht unter anderem vor, daß die StundenLöhne sowohl für produktive als auch für unproduktive Arbeitskräfte
in den nächsten drei Jahren um je 10 Cent je Jahr angehoben werden.
Die Abmachungen wurden rückwirkend mit dem 1. Juli in Kraft gesetzt
und betreffen 11 000 Arbeiter.
Die Weirton Company, ein Stahlwerk, war von dem letzten Stahlstreik in den Vereinigten Staaten nicht betroffen. Das Unternehmen
ist überhaupt seit mehr als 23 Jahren sowohl von Streiks als auch
von Arbeitsniederlegungen infolge von Arbeitsstreitigkeiten verschont
geblieben.

- 15 -

�Gewerkschaftsverband AFL-CIO kein Monopol
Der Vorsitzende der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft, David
McDonald, wies in einer Radioansprache den Gedanken als falsch zurück,
daß mit dem Zusammenschluß der beiden großen amerikanischen Gewerkschaften American Federation of Labor (AFL) und Congress of Industrial Organizations (CIO) ein Monopol geschaffen worden sei.
McDonald sprach über den von dem Ortsverband Chicago der AFL unterhaltenen Sender WCFL.
Der Vorsitzende der Stahlarbeitergewerkschaft erklärte bei
dieser Gelegenheit, daß es sich bei der AFL-CIO um eine Vereinigung
von 141 autonomen Gewerkschaften mit insgesamt 60 000 Ortsverbänden
handele. Die einzelnen Gewerkschaften würden frei von zentraler Weisung Kollektiwerhandlungen führen und Verträge abschließen, während
der Dachverband AFL-CIO weder Streiks ausrufen noch in die Maßnahmen
der angeschlossenen Gewerkschaften eingreifen könne.
Die AFL-CIO wolle dazu beitragen, sagte McDonald ferner, den
Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen neuen Auftrieb zu verleihen und
den Nöten und Wünschen der breiten Masse allgemeinverbindlichen Ausdruck zu geben. Die AFL-CIO sei nicht zuletzt eine Organisation mit
der Aufgabe, die Korruption zu bekämpfen und die Arbeitsstreitigkeiten auf friedliche Weise beizulegen.

Hohe Streikziffern im Juli
Die Zahl der im Ausstand befindlichen Arbeitskräfte war im
Juli 1956 rund dreimal so hoch wie im Juni 1956, und zwar in erster
Linie auf Grund des Stahlarbeiterstreika, geht aus einer Mitteilung
des US-Arbeitsministeriums hervor.
Der gleichen Quelle zufolge befanden sich in diesem Monat insgesamt 710 000 Arbeitnehmer im Streik gegenüber 235 000 im Juni und
776 000 im Vergleichsmonat des Vorjahres. Die höchste Anzahl Streikender in einem der Nachkriegs jähre wurde mit 866 000 im Jahr 1952
registriert.
Die Zahl der durch Streik verlorengegangenen Arbeitstage war
im Juli die höchste in allen Nachkriegsjähren. Sie betrug - ebenfalls
als Folge des Stahlstreiks - 13 600 000. Der bisher höchste Ausfall
an Arbeitstagen wurde im Jahre 1952 registriert, als ebenfalls ein
Stahlstreik stattfand.

- 16 17. SEP SS - 06 16«- 7.4 H

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiten in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
für Arbeitsinformationen
Amt
United States Information Service
Mehlem, Mehlemer Aue, Tel. 3457
Der Inhalt der „Arbeitsmittellungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 17

Mehlem, den 1.November 1956
INHALTSVERZEICHNIS

Kollektiwerhandlungswesen und Gewerkschaften

Seite

1

Arbeitshygiene im Zeitalter der Automatisierung

Seite

9

Seite

13

Die Unterstützungsleistungen eines Wohlfahrtsfonds ... Seite

15

Niedrigste Unfallrate im Juni

15

Versicherungsschutz und Versicherungsleistung
für die Eisenbahner

Seite

H. M. Douty, US-Bundesamt für Arbeitsstatistik:
Kollektivverhandlungswesen und Gewerkschaften
Zwischen Kollektivverhandlungen und dem Status der Lohn- und
Gehaltsempfänger innerhalb der Wirtschaft besteht ein enger Zusammenhang. Der amerikanische Publizist Bronsilaw Malinowski hat in
seinem Buch "Freedom and Civilization" (Freiheit und Kultur) die
Feststellung getroffen, daß die Entwicklung der Gesellschaft "nicht
durch irgendeine Gemeinschaft als Ganzes und auch nicht durch den
Einzelmenschen bestimmt wird, sondern durch kleinere organisierte
Gruppen, das heißt Institutionen, die so organisiert und festgefügt sind, daß sie die Gemeinschaft formen." Die Gewerkschaftsbewegung ist jene institutionelle Form, durch die Lohn- und Gehaltsempfänger versuchen, die ihnen in den einzelnen Firmen und Industriezweigen gebotenen Arbeitsbedingungen mitzubestimmen.
Die Gewerkschaften haben im Laufe ihrer Geschichte manchen
Wandel durchgemacht und unterscheiden sich heute in vieler Hinsicht
ganz wesentlich von den Arbeitnehmerverbänden, wie sie noch vor

1

�25 Jahren bestanden haben. Hier sei nur auf das gewaltige Anwachsen
der Kitgliederzahl und den damit verbundenen Machtzuwachs hingewiesen. Macht aber wirft unfehlbar die Frage nach ihrem Gebrauch auf.
Die grundlegenden Ideen, die die wichtigsten und stärksten Gruppen
innerhalb der Gewerkschaftsbewegung bestimmen, haben sich in den
letzten Jahrzehnten zum Teil wohl als Folge des MRChtzuwachses und
zum Teil auch bedingt durch die wirtschaftliche und politische Weiterentwicklung ganz beträchtlich gewandelt.
Stärke und Einfluß der Gewerkschaften
Es gibt im Grunde genommen keinen Maßstab, mit dem man die
wahre Stärke der Gewerkschaftsbewegung messen könnte; einen gewissen
Ansatzpunkt bietet der Mitgliederstand. Die Gesamtmitgliedszahl der
Gewerkschaften in USA stieg von 3»2 Millionen im Jahr 1929 auf
schätzungsweise 17 Millionen Anfang 1955» das heißt sie hat in den
letzten 25 Jahren um mehr als 500/" zugenommen. Im gleichen Zeitraum
erhöhte sich die Beschäftigtenzahl in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben von rund 31 auf 48,3 Millionen, das heißt um 56^» In diesen
Betrieben war im Jahre 1929 jeder zehnte und im Jahre 1954 jeder
dritte Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.
Ein weiterer Hinweis auf die tatsächliche Stärke der Gewerkschaften läßt sich daraus gewinnen, inwieweit die Arbeiterschaft
in den Schlüsselsektoren der .Virtschaft gewerkschaftlich organisiert ist. Im Jahre 1929 gehörte mehr als die Hälfte aller Mitglieder zwei Industriezweigen an: Dem Baugewerbe und dem Transport- und Fernmeldewesen. In der letzteren Gruppe lag der Schwerpunkt bei den Eisenbahnen und im Güternahverkehr. In der Fertigungsindustrie stellten die Bekleidungsindustrie und das Druckereigewerbe
den größten Anteil an Gewerkschaftsmitgliedern. Im Bergbau waren
lediglich die Kumpels in den Kohlengruben in nennenswertem Maße
gewerkschaftlich organisiert. Hier ist der Gegensatz zwischen 1929
und 1955 besonders drastisch. 1955 standen die in der Produktion
beschäftigten Arbeiter in den wichtigen Zweigen der Fertigungsindustrien größtenteils innerhalb der Gewerkschaften,und auch in
den übrigen Industrien bestanden starke Gewerkschaftsorganisationen.
In den Angestelltenberufen halten sich' die Bürokräfte und festbezahlten Angehörigen akademischer Berufe weitgehend den Gewerkschaften fern. Auch in einigen Sektoren der Fertigungsindustrie, so beispielsweise in der baumwoll- und kunstfaserverarbeitenden Industrie
sowie vielfach im Einzelhandel, in der Finanzwirtschaft, in vielen
Zweigen des Dienstleistungsgewerbes und des öffentlichen Dienstes
waren die Gewerkschaften im Jahre 1955 noch relativ schwach.
Die Arbeiterbewegung stellt sowohl hinsichtlich ihrer absoluten
Mitgliederzahl als auch im Hinblick auf das Verhältnis der Zahl der
Gewerkschaftsmitglieder zu der Gesamtzahl der Arbeitskräfte in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben und die Schwerpunktsbildung in den
wichtigsten Industriezweigen eine ganz bedeutsame Kraft im amerikanischen Wirtschaftsleben dar. Der Einfluß der Gewerkschaften - sei
es am Verhandlungstisch, bei der Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten,
bei der Organisierung von Streiks und auch am Arbeitsplatz selbst wirkt sich auf die Arbeitsbedingungen von Millionen von Lohn- und
Gehaltsempfängern in vielen Wirtschaftssektoren aus. Dieser Einfluß
erstreckt sich indirekt weit über das eigentliche Tätigkeitsgebiet
der Gewerkschaften und den Verhandlungsbereich bei Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern hinaus.

- 2

�Betriebsführunp und Gewerkschaft
Bei der Führung eines Unternehmens tauchen ganz zwangsläufig
immer wieder neue Probleme nuf, für die es Lösungen zu finden gilt.
Dabei werden, grob gesagt, zwei Arten von Entscheidungen zu treffen sein: Erstens: Entscheidungen bezüglich der generellen Führung
des Unternehmens, so beispielsweise Fragen der Kapitalbeschaffung,
der Lohnpolitik und der Preisgestaltung; und zweitens: Entscheidungen mehr oder weniger administrativen Charakters, wie sie die
tägliche Arbeit des Betriebes mit sich bringt. In Firmen aller
Größenordnungen verteilen sich diese Entscheidungen fast immer und es kann gar nicht anders sein - auf eine ganze Reihe von leitenden Angestellten.
Zweck jedes Wirtschaftsuntemehmcns ist es, Waren oder Dienstleistungen zu produzieren, die die Verbraucher zu kaufen wünschen.
Der Preis muß debei so gehalten sein, daß er einmal die Kosten
deckt und zum anderen einen normalen Ertrag sicherstellt. Alle
Entscheidungen der Betriebsführung müssen auf diese Forderungen
abgestellt sein, da sonst die wirtschaftliche Existenz des Betriebes gefährdet wird. Diese Entscheidungen erstrecken sich aber
auch auf eine Menge von Angelegenheiten, die die Arbeiterschaft
des betreffenden Betriebes unmittelbar mitbetreffen, so beispielsweise auf Löhne, Arbeitszeit, Gestaltung des Arbeitsplatzes, Betriebssicherheit, technische Neuerungen und Personalpolitik. Gerade
die Personalpolitik einer Firma und ihre Handhabung sind für das
persönliche Wohlergehen des Arbeiters und auch für seine Leistungen
im Betrieb von entscheidender Bedeutung.
Die grundlegende Aufgabe der Gewerkschaften ist es nun, als
Mittler zwischen den Sozialpartnern dafür zu sorgen, daß alle jene
Entscheidungen, die das Wohl und die soziale Stellung des Arbeiters unmittelbar berühren, nicht vom Unternehmer beziehungsweise
der Betriebsleitung allein, sondern gemeinsam mit den Betroffenen
gefällt werden.
Kollektivverhandlungen sind das Mittel, dessen sich die Gewerkschaft bei der Lösung dieser Aufgabe bedient. Die Ergebnisse
solcher Kollektivverhandlungen finden gewöhnlich ihren Niederschlag
in den Tarifverträgen, mit denen die Beschäftigungsnormen für das
entsprechende Unternehmen für einen bestimmten Zeitraum - die Laufzeit des Vertrages - aufgestellt werden. Sie bilden den Rahmen,
innerhalb dessen die von Tag zu Tag notwendig werdenden Entscheidungen bezüglich der Betriebsangehörigen getroffen werden können.
Die Gewerkschaften versuchen an sich nicht, in Kollektivverhandlungen ein System von Regeln bezüglich der Stellung und Behandlung der Arbeitnehmer zu schaffen. Jedes Unternehmen, ganz gleichgültig wie groß es sein mag, steht angesichts der Streuung der Verantwortlichkeit innerhalb der Betriebsleitung vor der Notwendigkeit,
mehr oder weniger allgemein gehaltene Regeln und Verfahren für
die Menschenführung im Betrieb aufzustellen. Die Gewerkschaft hat,
zumindest im ursprünglichen Sinne, nichts anderes zu tun, als diese
Regeln, die die Betriebsführung aus der praktischen Arbeit heraus
entwickelt hat, auf eine feste Formel zu bringen und ein Verfahren
für die Behandlung von Beschwerden zu schaffen, die sich aus der
Handhabung dieser Bestimmungen ergeben können. Darüber hinaus wird
die Gewerkschaft von Zeit zu Zeit versuchen, diese Arbeitsregeln die Arbeitsbedingungen - zu verbessern und gegebenenfalls durch

- 5-

�neue und für die Arbeiter und Angestellten günstigere Regeln zu ersetzen. So hat beispielsweise die heute weitverbreitete Gepflogenheit,
Arbeitern eine gewisse Mindeststundenzahl zu vergüten, wenn sie sich
an ihrem Arbeitsplatz einfinden und es an Arbeit für sie fehlt, ihren
Ursprung größtenteils in Kollektivverträgen.
Die Bedeutung, die die Formulierung solcher Regeln und ein Mitspracherecht in ihrer Handhabung für den einzelnen Arbeiter hat,
wächst mit der Größe der Firma. Im Januar 1951 gab es in den Vereinigten Staaten über 4 Millionen Firmen, von denen etwa 3200 das sind noch nicht einmal 0,1$ der Gesamtzahl - mehr als 1000
Arbeitskräfte beschäftigten. Der Anteil dieser Firmen an der Gesamtzahl der Lohn- und Gehaltsempfänger beläuft sich aber auf 37/a«
Die Tatsache, daß ein so hoher Prozentsatz der Arbeitskräfte
auf relativ wenige Großbetriebe entfällt, ist eine der Ursachen für
das Wachstum der Gewerkschaften. In Großfirmen hört ganz zwangsläufig der persönliche Kontakt zwischen Betriebsführung und Belegschaft auf. Die Streuung der verantwortlichen Funktionen innerhalb
des Betriebes auf einen großen Personenkreis, insbesondere auch
der Entscheiduhgsbefugnisse über Angelegenheiten, die die Belegschaft unmittelbar betreffen, verleiht Fragen von Recht und Billigkeit eine besondere Schärfe. Bei den Arbeitnehmern hat sich angesichts dieser Sachlage die Tendenz herausgebildet, ihre Rechte
kollektiv und nicht einzeln zu verfechten und ihre vereinte Stärke
dafür zu benutzen, faire Arbeitsbedingungen auszuhandeln.
Das Verfahren der Kollektivverhandlungen
Kollektivverhandlungen sind das Mittel, durch das die Entscheidungen, die das Beschäftigungsverhältnis der Arbeiter und Angestellten angehen, in gemeinsamen Erörterungen zwischen den Unternehmern
beziehungsweise deren Vertretern und den Vertretern der organisierten Arbeiterschaft getroffen werden. Kommt es zu keiner Einigung
über die Regelung des Verhältnisses zwischen den beiden Verhandlungspartnern, so einigt man sich meist auf die Anrufung einer
Schieds- und Schlichtungsinstanz. Kommt es dennoch zu keiner
Einigung, nimmt die Arbeiterschaft gegebenenfalls ihre Zuflucht
zum Streik, der entweder mit einem Nachgeben einer der beiden
streitenden Parteien oder aber mit einem Kompromiß in den Streitfragen endet. Der Streik oder die Aussperrung sind Kampfmaßnahmen, die bei Kollektivverhandlungen nur im äußersten Fall angewandt werden.
Unabhängig von der Größe des Betriebes beziehungsweise der
Zahl der betroffenen Werke oder Unternehmen ist des Verfahren der
Kollektivverhandlungen im wesentlichen das gleiche. Die Arbeitsbedingungen werden in solchen Verhandlungen beziehungsweise durch
die daraus resultierenden Abmachungen gewöhnlich für einen gewissen Zeitraum festgelegt. Sowohl auf Unternehmer- als auch auf
Gewerkschaftsseite wird auf Grund der gegebenen Sachlage und der
jeweiligen Beurteilung der derzeitigen wirtschaftlichen Situation
und der künftigen Entwicklung im allgemeinen und des Betriebes
im besonderen verhandelt.
Kollektivverhandlungen bergen die Gefahr, daß die Gewerkschaft
sich selbst oder den Unternehmer ruiniert, dann nämlich, wenn sie
versucht, Löhne oder Arbeitsbedingungen herauszuhandeln, die angesichts der gegebenen wirtschaftlichen Situation untragbar sind.

-4 -

�Solche Fälle hat es gegeben, sie sind aber keineswegs als typisch
anzusprechen. Bei den meisten Arbeitgeber- Arbeitnehmerverhandlungen verhalten sich beide Seiten durchaus realistisch und sind
sich der Grenzen, innerhalb derer eine Einigung möglich ist,
von vornherein bewußt. Daß dies so ist, geht allein schon aus
der Tatsache hervor, daß die meisten Kollektivverträge ohne vorhergehende Streiks Zustandekommen. Die Unternehmer werden nur einer
sehr wichtigen sozialen Funktion gerecht, wenn sie Forderungen
der Gewerkschaften ablehnen, die auf eine Gefährdung der Existenz
der Firma oder auch nur eine erhebliche Einschränkung ihrer Handlungsfähigkeit in dem entsprechenden Geschäftsbereich hinauslaufen. Umgekehrt sind die Kollektivverhandlungen ein ausgezeichnetes Mittel, im Unternehmer das Bewußtsein der Notwendigkeit
einer scharfen Kalkulation sowie ständiger technischer Neuerungen
in jeder Form wach zu erhalten.
Eine Abgrenzung dessen, was in den Bereich der Kollektivverhandlungen fällt, ist schwer möglich. Die geschichtliche Entwicklung zeigt, daß es dabei um vLöhne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen" geht, wenngleich nicht feststeht, was diese drei
Begriffe in einzelnen alles einschließen. Die betriebliche
Altersversicherung hätte beispielsweise noch vor wenigen Jahren
sicher nicht
zum Bereich der Kollektivverhandlungen gehört.
Der Bereich der Kollektivverhandlungen
Im folgenden sei der Versuch unternommen, die wichtigsten
Bereiche von Kollektivverhandlungen zu umreißen und ein Bild
davon zu geben, worum es geht.
1. Löhne und Sozialleistungen
Ist die Arbeiterschaft eines Betriebes nicht organisiert,
liegt die Entscheidung über die Höhe der Löhne allein bei der
Betriebsleitung. Diese Entscheidung wird dann unter Berücksichtigung der Grenzen getroffen, die durch innere und äußere Einflüsse gezogen sind und die Lohnposition der Firma bestimmen.
Die Betriebsführung wird im allgemeinen in ihrer Lohnpolitik
auf den jeweiligen Arbeitsmarkt Rücksicht nehmen, und Fragen
der Arbeitsmoral und die Wünsche der Belegschaft, soweit diese
überhaupt genau feststellbar sind, mit in ihre Berechnungen
einbeziehen. Die umorganisierte Arbeiterschaft hat jedoch von direkten Vorstellungen einzelner abgesehen - kein Sprachrohr, das ihr gestattet, ihre Ansichten über Fragen der Lohnpolitik der Betriebsführung darzulegen.
Allen Entscheidungen der Betriebsführung bezüglich der
Löhne kommt im Hinblick auf die Auswirkungen der Löhne auf
die Gestehungskosten größte Bedeutung zu. Von mindestens ebenso großer Wichtigkeit sind sie für die Angestellten und Arbeiter selbst, da ja Löhne und Gehälter in den meisten Fällen ihre
einzige Einkommensquelle darstellen. Die Gewerkschaften haben
nun die Aufgabe, den Arbeitern über ihre Vertreter Gelegenheit
zu verschaffen, die Forderung nach einem entsprechenden Anteil
an den Erträgen des Unternehmens bei der Betriebsführung geltend
zu machen und gegebenenfalls durchzusetzen. Erst die Organisierung der Arbeiterschaft ermöglicht die Anmeldung solcher
Forderungen, die aber durch eine entsprechende Analyse der
Gesamtloge und durch Darlegung sonstiger Gesichtspunkte untermauert sein müssen. Überredung oder gegebenenfalls der Hinweis

- 5-

�auf die Möglichkeit eines kollektiven Fernbleibens der Belegschaft
von der Arbeit sind die Mittel, mit denen diese Forderungen verwirklicht beziehungsweise durchgesetzt werden.
Es ist wohl ohne weiteres ersichtlich, daS diese Form der
Beteiligung der Arbeiterschaft an der Festsetzung ihrer Löhne
zahlreiche Konsequenzen nach sich zieht und sich auf viele Gebiete erstreckt. So erhebt sich beispielsweise die Frage, wie
eine allgemeine Lohnerhöhung oder auch Lohnsenkung auf die einzelnen Arbeiter innerhalb des Betriebs verteilt werden soll.
Eine Lohnerhöhung kann aber auch in der Weise erfolgen, daß
die Löhne nur um ein Geringes heraufgesetzt, dafür aber gleichzeitig andere Sozialleistungen, die den allgemeinen Betriebsunkosten zuzurechnen sind, erhöht werden. Dabei handelt es sich
um eine gekoppelte Erhöhung von Lohn- und Sozialleistungen "Package Deal" genannt -,eine Regelung, die gerade in der Zeit
nach dem zweiten Weltkrieg immer häufiger angewendet wurde. So
ist es beispielsweise undenkbar, daß die betriebliche Unfall-,
Kranken- und Altersversicherung in den letzten Jahren einen so
gewaltigen Aufschwung genommen hätte, wenn solche Sozialleistun£en nicht zum festen Bestandteil von TarifVerhandlungen geworden
wären. Ein weiteres Beispiel aus der jüngsten Zeit ist die Einführung einer privaten Arbeitslosenzusatzversicherung in der
Automobilindustrie sowie in einigen anderen Wirtschaftszweigen.
Die Konzeption von "Löhnen und Gehältern" ist um vieles komplizierter geworden seit die Gewerkschaften den Versuch unternommen
heben, der Arbeiterschaft durch Maßnahmen, die auf der Kostenseite des Betriebs zu verbuchen sind, einen größeren Anteil an
den zur Verfügung stehenden Waren und Dienstleistungen (durch
höhere Löhne nämlich und Leistungsprämien), mehr Freizeit zum
Genießen des durch ein höheres Realeinkommen gewährleisteten
besseren Lebensstandards (bezahlte Feiertage und erweiterte
Urlaubsgelegenheiten) und größere Sicherheit gegen unverschuldete
Not (Altersversorgung) zu verschaffen.
Neben der Frage nach der reinen Lohnhöhe ergeben sich in
der täglichen Praxis aber auch noch andere Probleme bezüglich
der Durchführung der Lohnpolitik. Zu ihrer Lösung werden im
Rahmen der Kollektivverhandlungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern eine große Zahl von Regeln festgelegt.
2. Arbeitsbedingungen
Es besteht keine eindeutige Trennung von den "Löhnen"
(einschließlich der zusätzlichen Sozialleistungen) und den
"Arbeitsbedingungen". Viele dieser Arbeitsbedingungen betreffen
in einer oder anderer Form die Höhe des Arbeitsentgeltes. Zum
Teil aber sind sie ihrem Charakter nach völlig außerhalb des
Bereichs rein wirtschaftlicher Fragen.
Schon immer war die Definition des Begriffs Arbeitszeit
neben den reinen Lohnfragen eines der dringendsten Anliegen
bei Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Arbeitszeit und Löhne stehen selbstverständlich in einem ganz
engen Zusammenhang,und so ist es ganz natürlich, da 1 sie oftmals gemeinsam erörtert werden. Im Wirtschaftsleben unserer
Tage ist der Begriff Arbeitszeit sehr vielfältig . Er erstreckt
sich nicht nur auf die Zahl der täglich und wöchentlich zu

- 6-

�zu leistenden Arbeitsstunden sowie auf Arbeitsbeginn und -ende,
sondern auch auf Fragen wie Überstunden, Spätschichten, Sonntagsund Feiertagsarbeit, Mittagszeit und auf Verrichtungen, die nichts
mit der eigentlichen Produktion zu tun haben, so beispielsweise
Pausen, Arbeitsvorbereitung, Säuberung des Arbeitsplatzes, Wechsel
der Berufskleidung und Weg zur Arbeitsstätte.
Ein weiteres Gebiet sind die vielfältigen Regeln zur Gewährung
der Betriebssicherheit. Hierher gehören ferner Fragen wie Feierschichten und Wiederaufnahme der Arbeit, Beförderung, Arbeitsdisziplin, Versetzungen auf andere Arbeitsplätze innerhalb des Betriebes und Entlassung. Um ein reibungsloses Arbeiten des Betriebes
sicherzustellen, ist eine allgemeine Regelung dieser Fragen unerlässlich und um des Betriebsklimas willen müssen diese Regeln und
ihre Handhabung im Einklang mit Recht und Billigkeit stehen. So
ist beispielsweise die Betriebsführung zur Aufrechterhaltung der
Arbeitsmoral gezwungen, mit Disziplinarmaßnahmen gegen Belegschafts
angehörige vorzugehen, die sich von der Arbeit drücken, die Sicherheitsvorschriften verletzen, sich aufsässig gegen ihre Vorgesetzten
verhalten oder unkollegial handeln. Solche Maßnahmen werden sich
aber nur dann fördernd auf das Betriebsklima auswirken, wenn dabei
von allgemein anerkannten Regeln ausgegangen wird. Ist ein Betrieb
etwa gezwungen, Feierschichten einzuführen, so erhebt sich die
Frage, welche Arbeiter aus der Belegschaft davon betroffen werden
sollen. Diese Dinge werden oftmals von der Öffentlichkeit kaum
beachtet, für die Arbeiter im Betrieb aber sind sie eine ständige
Sorge,und so erwachsen den Gewerkschaften und Arbeitgebern bei
Kollektivverhandlungen oftmals größte Schwierigkeiten bei dem
Versuch, eine praktisch durchführbare Regelung für all diese
Fragen zu treffen.
Viele Fragen der Lohnpolitik und ihrer Handhabung - die
Festsetzung der Löhne für neugeschaffene Arbeitsplätze, Neueinstufung bei Änderung der Tätigkeit, Beförderung beziehungsweise
Aufbesserung der Löhne, Gewährung von Arbeitsanreizen und Leistungslöhnen und so weiter - werden in zunehmendem Maße auf dem
Weg über Kollektivverhandlungen von beiden Sozialpartnern gemeinschaftlich entschieden.
5. Arbeitskonflikte
Im Zusammenhang mit der Durchführung der
Personalpolitik
kommt es unvermeidlich immer wieder zu teils begründeten und teils
unbegründeten Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen.
Deshalb ist die Festlegung eines zweckmäßigen Verfahrens zur Beilegung solcher Meinungsverschiedenheiten unerläßlich. Die meisten
Tarifverträge enthalten deshalb Bestimmungen über die Auslegung
des Vertrages, die von den beteiligten Parteien überprüft und
beigelegt werden können. In der Praxis ist es so, da2 sich die
meisten Arbeitsstreitigkeiten mit Hilfe dieses Verfahrens aus
der Welt schaffen lassen. Sollte es zu keiner Einigung kommen,
so sehen die meisten Tarifverträge die Anrufung eines unparteiischen Schlichters vor. Meist läßt sich so selbst bei ernsten
und schweren Meinungsverschiedenheiten der Ausbruch eines Streiks
verhindern. Auf Grund der guten Erfahrungen mit dem Schiedsverfahren wurden in der jüngsten Zeit in die Tarifverträge häufig
sogenannte Nicht-Streikbestimmungen eingebaut, die Streiks für
die Laufzeit des Vertrages ausschließen.

-7 -

�Kollektivverhandlungen haben dem Arbeiter ein Mitspracherecht
bei der Pestsetzung der Löhne und Arbeitsbedingungen und, über die
sogenannten Streitverfahren, zum Teil auch bezüglich der praktischen
Durchführung der Arbeitsregeln gegeben.
Kollektivverhandlungen und die soziale Stellung des Arbeiters
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Gewerkschaftsbewegung, und das ist ihr historisches Verdienst, die Stellung des
Arbeiters innerhalb der Gesellschaft verbessert hat. Betriebsangehörige sind nicht mehr wie zur Zeit unmittelbar nach der industriellen Revolution anonyme Größen, sondern haben ihren Status
als respektierte Einzelwesen wiedergewonnen, und zwar auf dem Weg
über die Selbstorganisierung. Sie haben ein Mitspracherecht bei
der Festlegung der Arbeitsregeln innerhalb des Betriebes und sind
sicher vor willkürlichen Maßnahmen, die ihren Status als Belegschaftsangehörige beeinträchtigen könnten.
Der Einfluß der organisierten Arbeiterschaft auf Arbeit und
Beschäftigung sowie auf die Einstellung auch der Unternehmer zu
diesen Fragen geht weit über die eigentliche Gewerkschaftsarbeit
hinaus. In den letzten Jahren hat sich auch auf seiten des Unternehmertums ein immer stärkeres Verantwortungsgefühl für ihre Mitarbeiter als Menschen herausgebildet, das sie dazu veranlaßte,
sich eingehend mit jenen Faktoren zu befassen, die die Einstellung
des arbeitenden Menschen gegenüber seiner Arbeit und dem Betrieb
beeinflussen. Das Wissen um diese Dinge erst erlaubt der Betriebsführung, ein Betriebsklima zu schaffen, das: die Arbeit befriedigender und die menschlichen Bestrebungen produktiver gestalten
hilft.
Was hier über die Bedeutung der Kollektiwerhandlungen für die
Festlegung des sozialen Status der Arbeiter gesagt wurde, darf aber
nicht dahingehend ausgelegt werden, daß das Unternehmertum beziehungsweise die Betriebsführung, sei es nun in Betrieben mit organisierter
oder nichtorganisierter Arbeiterschaft, heute eine geringere Verantwortung gegenüber der Arbeiterschaft und der Gesamtheit trage.
Und noch ein letzter Punkt: Gewerkschaften und TarifVerhandlungen sind Mittel, nicht Selbstzweck. Sie dienen dem Ziele,
den Lohn- und Gehaltsempfängern ein Mitsprecherecht bei den Entscheidungen zu verschaffen, die ihren Status und ihr Wohlergehen
innerhalb der Wirtschaft betreffen. Wie andere Institutionen können auch die Gewerkschaften Fehler begehen; sie laufen dann Gefahr, daß sie ihrer eigentlichen Verantwortung nicht mehr gerecht
werden. Für die Gewerkschaften ergibt sich somit die Notwendigkeit,
auf die Auffassungen ihrer Mitglieder Rücksicht zu nehmen und ihnen
Gehör zu verschaffen. Schon im Interesse der Arbeiterschaft müssen
die Gewerkschaften ihre Macht bei Kollektivverhandlungen dazu benutzen, wirtschaftliche Normen und Arbeitsbedingungen zu schaffen,
die den Betrieben genügend Spielraum für eine ordnungsgemäße Führung der Geschäfte lassen und ein gesundes Wachstum der Wirtschaft
gewährleisten.
Quelle: Monthly Labor Review,
Vol 79 No. 6

�Arbeitshygiene im Zeitalter der Automatisierung
Automatisierung ist nicht nur eine Umschreibung
für neue technische Verfahren zur mechanischen
Verrichtung von Arbeiten in unseren '.Verkstätten
und Büros. Automatisierung bedeutet auch eine
neue Lebensform mit spezifischen biosozialen und
technischen Wertbegriffen. Sie wird sowohl das
Leben und die Arbeit der Menschen als auch die
Lehrpläne unserer Schulen verändern und unseren
Lebensstandard auf neue Höhen führen. Der vorliegende Artikel, der einem Referat von Dr. C.
Richard '.Valmer, Direktor der "Industrial Hygiene
Foundation" entnommen ist, beschäftigt sich mit
den neuen Aufgaben, die der Arbeitshygiene in den
Industriebetrieben durch die Automatisierung erwachsen.
Die Bedeutung der Gesundheitsüberwachung im Betrieb
Der Gesundheitszustand eines Menschen wird weitgehend durch
seine Anpassung an die Umwelt bestimmt. V/enn diese Umwelt sich verändert, empfindet der Mensch ein gewisses Unbehagen. Ein solches
psychisches Unbehagen auf Seiten der Arbeitnehmer ist im Zeitalter
der Automatisierung eines der unweigerlich auftauchenden menschlichen Probleme, die in engem Zusammenhang mit der Gesundheit und
dem Wohlbefinden der Arbeiter stehen. Andere Aspekte der Automatisierung werden sich sogar noch unmittelbar auf das physisc'ne
Wohlbefinden des Arbeiters auswirken. Die Gesamtsumme aller physischen und psychischen Faktoren bestimmt dann erst den Allgemeinzustand eines Menschen.
Diese Dinge zu erkennen und in ihre Planungen einzubeziehen,
ist für die Industrie ebenso wichtig wie die Konstruktions- und
Baupläne oder die Untersuchungen hinsichtlich der wirtschaftlichen
Möglichkeiten eines eventuellen Übergangs zur Automatisierung eines
Betriebes. Arbeiter und Angestellte bilden seit je den wichtigsten
Aktivposten eines Unternehmens, und dies wird sich auch im Zeitalter der Automatisierung nicht ändern. Man wird den Arbeitern und
Angestellten noch mehr Verantwortung als bisher übertragen. Da
mehr technisches Personal zur Pflege und Instandhaltung der komplizierten Maschinen und zum Betrieb der automatischen Apparate
benötigt wird, wird der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften
steigen und folglich eine bessere Ausbildung und Schulung der
Arbeiter eine Grundvoraussetzung werden. Die leitenden Angestellten
werden bedeutsame Entscheidungen zu treffen haben, wobei etwaige
Irrtümer und Fehler sich in Zukunft als weit kostspieliger als
bisher erweisen werden.
Hinzu kommt, daß in einem automatisierten Unternehmen für
jeden Arbeitsplatz eine höhere Kapitalinvestition erforderlich ist.
So betrug zum Beispiel im Jahre 1954 die Kapitalinvestition je
Arbeitsplatz in der chemischen Industrie, die bereits in hohem
Grede automatisiert ist, das Doppelte der entsprechenden Aufwendungen in der gesamten Industrie, nämlich 26 G00 Dollar; in einigen
Fabriken ist sie noch erheblich höher. In den Kraftwerken, die
nahezu vollautomatisch arbeiten, übersteigt die Kapitalinvestition
Je Arbeitsplatz den Betrag von 106 000 Dollar.

- 9-

�In einem automatisierten Betrieb ist also die Gesundheit der
Arbeitnehmerschaft für den Betrieb von sehr viel größerer Bedeutung als bisher. Denn die Erkrankung eines Arbeiters bedeutet
nicht nur eine Störung der Produktion während seiner Abwesenheit,
sondern führt auch zu einem Absinken seiner Leistungsfähigkeit,
wenn er sich bei Anwesenheit am Arbeitsplatz nicht wohl fühlt.
Vorbeugende medizinische Maßnahmen
In jedem Unternehmen hat sich die vorbeugende Medizin noch
immer als das beste Mittel zur Erhaltung der Gesundheit der Arbeitnehmer erwiesen. Dabei geht es um das gesamte Befinden des
Arbeiters auf körperlichem wie auf seelischem Gebiet, und zwar
sowohl im Betrieb als auch zu Hause. Durch die neuzeitlichen
Methoden zur Gestaltung des Arbeitsplatzes ist es möglich geworden, Betriebsunfälle und Berufskrankheiten weitgehend zu reduzieren. Wie eine der "Stiftung für Industrie-Hygiene" angeschlossene Firma berichtet, sind die Betriebsunfälle bei ihr in den
letzten fünf Jahren um 6y/ö zurückgegangen. Das ist keine Ausnahme.
Und die Automatisierung wird Betriebsunfälle und Berufskrankheiten
noch weiter zurückdrängen." Neunzig Prozent der Arbeitsausfälle
entfallen auf andere Krankheiten und Unfälle außerhalb des Betriebes.
Selbst das umfassendste arbeitshygienische Programm wird ein
Unternehmen immer noch weniger kosten als Arbeitsausfälle infolge
Krankheit mit den daraus resultierenden höheren Betriebskosten
durch Einsatz von weniger oder gar nicht geschultem Personal, Verschlechterung der Qualität der Erzeugnisse, höhere Invalidenrenten
und steigende Aufwendungen für Beiträge zur Krankenkasse sowie vieles andere mehr. Die betriebsärztliche Betreuung der Arbeitnehmer
bedeutet keinen Eingriff in die Arbeit der freien Ärzteschaft. Im
Gegenteil, im Rahmen dieser Betreuung werden häufig Schäden und
Krankheiten festgestellt, die andernfalls gar nicht bemerkt und
behandelt worden wären, und diese Fälle werden stets dem Hausarzt
überwiesen.
Arbeitshygiene im automatisierten Betrieb
Wir wollen einmal die arbeitshygienischen Maßnahmen, wie wir
sie bereits in vielen großen Firmen finden, betrachten und dabei
untersuchen, inwieweit sie den Gegebenheiten eines vollautomatisierten Unternehmens entsprechen, welche Änderungen eventuell vorzunehmen und wie diese durchzuführen sind. Allerdings ist dabei zu
beachten, daß wir vorläufig nur über sehr geringe Erfahrungen
hinsichtlich der besonderen Anforderungen an die Arbeitshygiene
verfügen.
ümweltbedingungen
In einem vorbildlichen Betrieb wird die Luft ständig auf
etwaige Verunreinigungen untersucht, und alle Betriebe, in denen
die Arbeiter durch Staub, giftige Dämpfe oder Gase bedroht sind,
unterstehen der laufenden Überwachung der Industriehygieniker.
Etwaige gesundheitsschädigende Eigenschaften aller im Fabrikationsprozeß verwendeten Rohstoffe werden durch biologische Tests
ermittelt. Der Betriebsarzt ist über alle in seinem Werk möglichen
Gefahren für die Gesundheit der Arbeiter genau unterrichtet. Bei
der Konstruktion der Maschinen und der Einrichtung des Lüftungssystems und der Klimaanlage wird streng auf die Einhaltung der
für die Gesundheit des Menschen erforderlichen Normen geachtet.

- 10

�Ebenso wird größte Sorgfalt darauf verwendet, Lärmschäden zu vermeiden und ein optimales Wärmeklima zu schaffen. Wo schädliche Einflüsse nicht ganz ausgeschaltet werden können, sind Schutzkleidung
und Schutzausrüstung für jeden Arbeiter eine Selbstverständlichkeit.
Mit der Automatisierung werden sich viele derartige Probleme
von selbst lösen. Die Arbeiter werden keinerlei giftigen Beimengungen in der Luft mehr ausgesetzt sein, da der Fabrikationsproze2 unter Abschluß von der Außenwelt vor sich geht. Die im Steuerraum tätigen Arbeiter sind von den Räumen, in denen die eigentliche
Fabrikation vor sich geht, vollkommen isoliert, so daß Lüftung,
Temperatur, Feuchtigkeitsgrad und Lärm für sie unerheblich werden.
Auch der Umgang der Arbeiter mit den Rohstoffen entfällt bei der
Automatisierung weitgehend, so daß die Verwendung von Materialien
möglich wird, die bisher wegen der Gefahr chronischer Vergiftung
der Arbeiter nicht benützt werden konnten.
Wenn auch die Automatisierung diese Gefahrenmomente weitgehend
reduziert, da die Arbeiter nicht mehr wie bisher tagtäglich mit giftigen Stoffen zu tun haben, besteht doch nach wie vor die Gefahr
schwerer gesundheitlicher Schädigungen infolge Unterbrechungen im
Fließbandbetrieb oder durch, den Kontakt mit giftigen Substanzen
bei Reparaturarbeiten. In derartigen Fällen ist eine sofortige
Spezialbehandlung erforderlich.
Auch wird es nach wie vor notwendig bleiben, neuartige Erzeugnisse, ehe sie auf den Markt gelangen oder möglichst schon
im Entwicklungsstadium, auf etwaige Giftstoffe zu untersuchen.
Sofern gesundheitsschädigende Eigenschaften nicht ganz ausgeschaltet werden können, müssen besondere Vorschriften für den
Umgang und den Gebrauch derartiger Artikel erlassen werden.
Unfallverhütung
Die Automatisierung wird im allgemeinen zur Steigerung der
Betriebssicherheit führen. In einem vollautomatisierten Betrieb
kommen die Arbeiter hur selten, wenn überhaupt, mit den Maschinen
in Berührung. Auch die Beschickung der Maschinen mit schweren
Materialien wird durch Automaten erfolgen, so daß es nicht mehr
zu körperlicher Überanstrengung und zu Verletzungen, wie Quetschungen und so weiter,kommen kann. In den vollautomatisierten
Abteilungen der "Ford Motor Company" ist beispielsweise die Zahl
der Erkrankungen an Leistenbrüchen um 85,5, zurückgegangen.
Neue Aufgaben der betriebsärztlichen Betreuung
Wichtigste Voraussetzung für eine, sorgfältige Gesundheitsüberwachung in der Industrie ist die Untersuchung durch den Arzt.
Die Gesundheitsbetreuung beginnt mit einer eingehenden Untersuchung
vor Zuweisung des Arbeitsplatzes und schließt regelmäßige Kontrolluntersuchungen und notfalls besondere Einzeluntersuchungen ein.
Die erste eingehende Untersuchung soll nicht nur etwa vorhandene
körperliche Schäden aufdecken, die bei rechtzeitiger Entdeckung
behandelt und ausgeglichen werden können, sie soll auch die geistigseelischen Fähigkeiten des Arbeitnehmers ermitteln, so daß jeder
Arbeiter den seinen körperlichen Fähigkeiten und geistigem Können
entsprechenden Arbeitsplatz erhält.
Die anatomischen oder physiologischen Voraussetzungen, die zur
Arbeit im automatisierten Betrieb erfüllt werden müssen, können
sich natürlich ändern. Sicherlich wird die rein physische Kraft
eine geringere Rolle spielen, so daß es möglich sein wird, zahl- 11 -

�zahlreiche körperbehinderte und ältere Personen wieder in den
Produktionsprozeß einzuschalten.
Regelmäßige KontrollunterBuchungen
Besondere Aufmerksamkeit wird man in Zukunft dem Problem der
Gesundheitsschädigung infolge nervöser Überlastung durch den Beruf
schenken müssen. Bisher haben die Betriebsärzte die auffälligsten
Symptome nervlicher Überbeanspruchung, wie Herzkrankheiten, Hypertonie und Magengeschwüre, meist unter den "Managern" gesucht.
Im Zeitalter der Automatisierung wird die Zahl der hochqualifizierten und akademisch gebildeten Arbeitskräfte erheblich ansteigen. Durch die regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen während der
Anfangsstadien der Automatisierung können die Werksärzte sehr
wertvolles Material über die Belastungen sammeln, denen die Arbeiter gerade in den automatisierten Betrieben ausgesetzt sind. Diese
Untersuchungen bieten die Möglichkeit, hinsichtlich der sich ständig
wandelnden Probleme auf dem Gebiet der Arbeitshygiene auf dem laufenden zu bleiben und die vorbeugende Medizin immer weiter auszubauen.
Der Arbeiter wird in Zukunft keine schmutzigen und schweren
Arbeiten unter unerfreulichen Bedingungen mehr leisten müssen;
die monotonen Verrichtungen, wie sie zum Beispiel in den hochspezialisierten Fabriken am Fließband üblich sind, werden fortfallen.
Andererseits muß er bereit sein, die Anforderungen auf sich zu
nehmen, die höher qualifizierte Aufgpben, wie Unterhalt und Pflege
der Maschinen oder AufSichtsarbeiten, mit sich bringen. Dies wird
sich für manche als eine große Belastung erweisen; doch wird vielen
Arbeitern der Übergang durch Umschulung und Fortbildungslehrgänge
zu erleichtern sein.
Medizinische Aufklärung und Beratung
Eine weitere Aufgabe wird den Betriebsärzten auch aus der
Notwendigkeit erwachsen, die Arbeiter und Angestellten über Unfallverhütung im häuslichen Bereich, Ernährungsfragen und allgemeine
Hygiene aufzuklären, um Krankheiten überhaupt und Unfälle auch
außerhalb des Betriebs zu reduzieren.
Mit der zunehmenden Bedeutung der vorbeugenden Medizin ist
es unbedingt notwendig, daß die medizinischen Fakultäten sich
eingehender mit den Problemen der Arbeitshygiene und der betriebsärztlichen Betreuung der Arbeitnehmer beschäftigen und die zukünftigen Werksärzte auf ihre Aufgaben bei der Durchführung entsprechender Programme in den Betrieben vorbereiten.
"Human Engineering"
Im, Zeitalter der Automatisierung werden sämtliche Mediziner,
Werksärzte wie freiberufliche Ärzte, sich sehr viel eingehender
mit dem Problem der Kräftebeanspruchung durch den Beruf und der
konstitutionellen Leistungsfähigkeit des Menschen beschäftigen
müssen. Die automatischen Maschinen müssen entsprechend den
physiologischen Fähigkeiten des Menschen konstruiert werden.
Zusammenfassung
Die Automatisierung wird dem Menschen einen besseren Platz
in der technischen Welt unserer Tage verschaffen. Der Arbeitsplatz
wird zweifellos sicherer, ungefährlicher und gesünder sein, und

- 12 -

�viele Gefahren wird man vollkommen ausschalten können. Neu auftauchende medizinische Probleme lassen sich lösen, wenn man sich
an die Grundsätze der vorbeugenden Medizin hält und dabei die
Kenntnisse und Methoden der Fachleute auf allen einschlägigen
Gebieten berücksichtigt.
IJuel'e: Monthly

Labor Review
Vol. 79 No. 7

Versicherungsschutz und Versicherungsleistung für die Eisenbahner
Seit Bestehen der staatlichen Alters- und Arbeitslosenversicherung, die im Rahmen des umfangreichen Sozialgesetzwerkes der
Regierung Roosevelt im Jahre 1955 vom US-Kongreß verabschiedet
wurde, haben die Angestellten und Arbeiter der amerikanischen
Eisenbahngesellschaften sowie ihre Familien Unterstützungsleistungen in einer Gesamthöhe von mehr als 5 Milliarden Dollar erhalten. Von dieser Gesamtsumme entfallen auf die Altersversorgung
3,7 Mrd. Dollar, auf die Hinterbliebenenrenten 663 Mio. Dollar,
auf die Arbeitslosenunterstützung 654 Mio. Dollrr und auf Krankengeld- und Geburtenbeihilfen 280 Mio. Dollar.
Diese Zahlen sind in dem letzten Geschäftsbericht des "US.
Railroad Retirement Board" (Verwaltungsbehörde für die Altersversicherung der Eisenbahner) enthalten, der sich nicht nur mit den
finanziellen Leistungen im Geschäftsjahr 1954/55 befaßt, sondern
auch einen interessanten Überblick über die Entwicklung der einzelnen Sozialversicherungssparten und der Versicherungsleistungen seit
1937 gibt.
Bekanntlich sahen die 1935 vom Kongreß verabschiedeten und
1937 revidierten Sozialgesetze zuerst nur Rentenleistungen für
solche Arbeitnehmer vor, die das 65. Lebensjahr erreicht hatten
oder Invalide waren. Später, und zwar im Jahre 1939» wurde dann
die Arbeitslosenversicherung mit einbezogen und 194&amp; der Versicherungsschutz auch auf die zeitweilig nicht Arbeitsfähigen (auf
Grund von Krankheit, Unfall oder Mutterschaft) ausgedehnt. Desgleichen wurden damals die Pensionsleistungen auch auf die Familienmitglieder des Versicherten (Frau, abhängige Kinder oder
Eltern) erweitert.
Während im ersten Jahr der Leistungsaufnahme (1937/38) insgesamt 117 000 Eisenbahner 83 Mio. Dollar an Pensionen erhielten,
waren es im Finanzjahr 1954/55» wie aus der Aufstellung des
"Retirement Board" hervorgeht, über eine Million Versicherte,
die zusammen 755 Mio. Dollar an Renten oder Arbeitslosenunterstützung
erhielten. Von dieser Summe entfielen allein 550 Mio. Dollar auf
Alters- und Hinterbliebenenrenten.
Aber nicht nur die Zahl der Versicherten hat seit der Einführung
der Altersversicherung ständig zugenommen, auch die Leistungssätze
haben sich in diesem Zeitraum bedeutend erhöht. Wä'hrend der durchschnittliche monatliche Unterstützungssatz 1937/38 65 Dollar (nach
Erreichung des vollen Pensionsalters) betrug, machte er im FinanzJahr 1954/55 110 Dollar aus. Diese erhebliche Zunahme ist einerseits durch die beträchtliche Ausweitung des Programms seit 1937
- 13 -

�und andererseits durch die höheren Durchschnittseinkommen der Versicherten bedingt. Von den 1937 in die staatliche Altersversorgung
überführten 48 500 Eisenbahner sind heute, wie aus der Übersicht
weiter hervorgeht, noch 3200 am Leben. Ihre monatliche Durchschnittsrente beträgt 79.17 Dollar.
Eine weitere Erhöhung der Versorgungsleistungen ist am 7« August
dieses Jahres eingetreten, als Präsident Eisenhower das vom Kongreß
verabschiedete verbesserte Rentengesetz unterschrieb, durch das die
Einkünfte von rund 400 000 der insgesamt 65O 000 Versorgungsberechtigten des "Railroad Retirement Board" um 10/S erhöht werden.
Auch die Leistungen aus der 1947 aufgenommenen HinterbliebenenVersicherung haben sich ähnlich wie die Rentenleistungen in den letzten
8 Jahren erheblich erhöht. Sie lagen 1955 um 57 Dollar über den Sätzen
von 1947 (24 Dollar gegenüber 1950). Die höchste Unterstützungssumme, die im Rahmen dieser Versicherung ausgezahlt wurde, belief
sich auf 200 Dollar (195C - 108 Dollar).
VJas für die beiden eben erwähnten Versicherungsarten gesagt
wurde, trifft auch weitgehend für die Arbeitslosenversicherung zu.
Gegenüber den durchschnittlichen wöchentlichen Unterstützungsleistungen im Jahre 1939/40 lagen die Sätze im Finanzjahr 1954/55 rund
viermal so hoch. Die höchste Zahl der Arbeitslosenunterstützung
empfangenden Eisenbahner wurde mit 47O 000 1949/50 verzeichnet,
die niedrigste mit 5000 im Kriegsjahr 1943/44«
'«Veniger Schwankungen unterworfen dagegen war die Zahl der
Krankengeld empfangenden Eisenbahner. Der Spitze von 151 000 (1948/49)
steht das Tief von 130 000 im Jahre 1951/52 gegenüber. Desgleichen
blieb die Zahl der Wochenbeihilfen für weibliche Arbeitnehmer in
all den Jahren ziemlich konstant. Sie bewegte sich bei rund 4000
pro Jahr.
Zum Schluß noch einige Hinweise über die verschiedenen Sozialleistungen, wie sie im "Railroad Retirement Act of 1937" festgelegt
wurden.
Danach erhalten die bei den amerikanischen Eisenbahngesellschaften angestellten Arbeitnehmer eine Altersrente, wenn sie
1) das 65. Lebensjahr erreicht und eine Mindestdienstzeit von
10 Jahren nachweisen;
2) 60 Jahre alt sind und 30 Jahre tätig waren;
3) Vollinvalide sind.
Die Rentenhöhe errechnet sich nach der Zahl der Dienstjahre und
des Durchschnittsverdienstes des Versicherten, der bis zum 30. Juni
1954 bis zu einer Höhe von 300 Dollar (Versicherungspflichtgrenze)
und danach bis zu 350 Dollar pro Monat in Anrechnung gebracht wird.
Der höchste Rentensatz, für den eine Dienstzeit seit 1. Januar 1937
bis Juni 1954 erforderlich ist, beträgt dabei 165,60 Dollar monatlich.
Die Mittel für die Altersversicherung werden durch gleichhohe
Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebracht, die zusammen
6,25/^ der Gesamtlohnsumme (bis zu 350 Dollar im Monat) abzuführen
haben. Die Arbeitslosenversicherung dagegen wird ausschließlich von
den Unternehmern finanziert.

- 14 -

�Beide Programme werden durch das "Railroad Retirement Board"
verwaltet, das 1935 durch Gesetz geschaffen wurde. Es setzt sich
aus drei vom Präsidenten ernannten Mitgliedern zusammen.
Quelle: Eigenbericht

Die Unterstützungsleistungen eines Wohlfahrtsfonds
Welch eine Bedeutung die privaten, in der Regel ausschließlich
vom Unternehmer finanzierten Wohlfahrtspläne in den Vereinigten Staaten heute auf sozialpolitischem Gebiet erreicht haben, zeigt eine
Aufstellung der Maschinistengewerkschaft über die im vergangenen Jahr
an ihre Mitglieder ausgezahlten Unterstützungsleistungen.
Danach erhielten die 6220 anspruchsberechtigten Mitglieder
des Gewerkschaftsbezirkes 9 (St. Louis) 1955 insgesamt 1 300 242
Dollar ausgezahlt. Für bisher noch nicht angemeldete Forderungen
wurden ferner noch 310 471 Dollar bereitgestellt.
Der Wohlfahrtsplan dieser Gewerkschaft umfaßt insgesamt
15 022 Mitglieder, die in 90 Prozent der insgesamt 1290 Betriebe
dieses Gebietes beschäftigt sind.
Y/ie aus der übersieht weiter hervorgeht, wurden im vergangenen
Jahr für die Verwaltung des V/öhlfahrtsfonds nur 1 ,88 Prozent des gesamten Fondskapitals aufgewendet. Das dürfte, nach Ansicht der- Treuhänder, die diesen Bericht zusammenstellten, der niedrigste Satz in
den gesamten USA sein.
Vom besonderen Interesse ist auch die Gliederung der verschiedenen Leistungen, die durch den Fonds im vergangenen Jahr aufgebracht
wurden. Danach wurden 1955 261 895 Dollar für Unfall- und Krankheitsbeihilfen bereitgestellt, 610 790 Dollar für Krankenhausaufenthalt,
224 594 Dollar für Operationskosten und 122 000 Dollar für Lebensversicherungen ausgegeben. Der Rest verteilt sich auf verschiedene
Leistungen.
Quelle: Eigenbericht

Niedrigste Unfallrate im Juni
Die bisher niedrigste Unfallrate überhaupt wurde in der amerikanischen Fertigungsindustrie im Juni dieses Jahres erzielt. Auf
jede Million geleisteter Arbeitsstunden kamen dabei nur 12 Unfälle,
wie das Amt für Arbeitsstatistik im US-Arbeitsministerium in seiner
jüngsten Übersicht über die Unfallhäufigkeit in der amerikanischen
Industrie mitteilte.
Die Durchschnittsrate für das zweite Vierteljahr 1956 verminderte
sich damit auf 11,9 Unfälle je eine Million Arbeitsstunden und ist
dadurch ebenfalls die niedrigste, die bisher in diesem Monat verzeichnet wurde. Obwohl auch für die ersten seChs Monate dieses Jahres

- 15 -

�eine Durchschnittsrate von nur 11,9 Prozent festgestellt wurde, liegt
diese im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres etwas höher.
Wie aus der Übersicht weiter zu entnehmen ist, lag die industrielle Unfallrate am 1. Juli dieses Jahres bei 106 von insgesamt
155 Industriezweigen entweder auf oder unter dem Vorjahrsniveau.
Bei 38 dieser Branchen ging die Unfallhäufigkeitsrate dabei gegenüber dem ersten Halbjahr 1955 UI&amp; einen vollen Punkt oder mehr zurück. Nur aus 29 Industriezweigen wurden im Vergleich zu 1955 erheblich höhere Unfallraten gemeldet.
Die größten Fortschritte in der Unfallbekämpfung wurden in diesem
Jahr bisher von der Sperrholzindustrie verzeichnet, die einen Rückgang der Unfallhäufigkeit von 31,1 Unfälle auf je eine Million Arbeitsstunden im Jahre 1955 auf 22,6 im ersten Halbjahr 1956 aufweist. Ebenso eindrucksvoll ist auch der Rückgang in der Druckund Flüssigkeitsgasindustrie, wo eine Abnahme von 13 auf 5,4 eintrat.
Zu den 19 Industriezweigen (im Vorjahr 14) mit einer extrem
niedrigen Unfallrate (unter fünf) gehören dem Bericht des US-Arbeitsministeriums nach insbesondere die Chemifaserindustrie, die Hersteller
von Nachrichtengeräten aller Art, die Fabriken zur Herstellung synthetischen Kautschuks, die Flugzeug-, Radioröhren- und die AutoelektroZubehörindustrie.
Quelle: Eigenbericht

- 16 -

I I OCT • • • 0 1 1 0 t • 7 . 4 U

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
A m t f f l r Arbeitsinformatlonen
USIS Press Division
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 18

Mehlem, den 1. Dezember 1956
INHALTSVERZEICHNIS

U.S.-Senat8ausachuß untersuchte private Wohlfahrtsund Pensionspläne

Seite

1

Lebensansprüche und Lebensstandard der arbeitenden
Bevölkerung in den amerikanischen Städten

Seite

7

Neue wichtige Lohnabkommen in der ÜS-Industrie....

Seite

15

Bergarbeiter-Sozialfonds legte Leistungsbericht
vor

Seite

16

Arbeitszeit nach Wunsch

Seite

16

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

U.S.-SenatsauBschuß untersuchte private Wohlfahrts- und Pensionapläne
Ein Bundesgesetz, das die Unternehmer zur Erteilung von Auskünften
über die private betriebliche Sozial- und Altersversicherung verpflichtet
und so die berechtigten Intereaaen der veraicherten Arbeiter wahren hilft,
wurde vom 0nterau8achuß dea Ü.S.-Senata für SozialverBicherungafragen
in einem Bericht an den Senat gefordert. Dieaer Bericht faßt die Ergebnisse einer zweijährigen Unterauchung zusammen, in der geklärt werden
8ollte, wie die private betriebliche Sozial- und Alteraveraicherung
gehandhabt wird. Der Unterauaschuß betont in seinem Bericht mehrmala,
daß die meiaten derartigen Veraicherungapläne Zeugni8 für daa Verantwortung8bewußt8ein der Unternehmer ablegen und in Übereinstimmung mit
den Grundsätzen von Recht und Billigkeit verwaltet werden. Der Unterausschuß wies aber auch darauf hin, daß kaum damit zu rechnen aei, daß
die featgeatellten Mißbräuche, Schwierigkeiten und Schwächen von den
entsprechenden Betrieben von sich aua abge8tellt werden.
Umfang der Versicherung
Ende 1954 waren rund 75 Millionen Menschen - 29 Millionen Arbeiter
mit ihren rund 46 Millionen Angehörigen - in der einen oder anderen Form

�durch eine betriebliche Sozial- und Alteraversicherung gedeckt.
Wie groß der Personenkreis ist, der bei den verschiedenen Sparten
der betrieblichen Sozialversicherung erfaßt wird, ist aus der nachstehenden Tabelle ersichtlich:
Arbeitnehmer
Zahl
(in Mill.)

Prozents.
sämtlicher
Werktätiger

Angehörige
(in Mill.)

Insgesamt

Sozialversicherung:
Lebens- und Sterbegeldversicherung

29,5

Unfalltod- und
Invaliditätsvers.

14,0

Vorübergehende
Invaliditätsvers.

23,2

43,6

Krankenhauskostenversicherung

31,3

59,0

44,3

75,,6

Operationskostenversicherung

28,3

53,0

39,0

67,3

Arztkostenvers.

17,3

52,0

21,4

38:,7

Altersvers.

12,5

23,0

55,0

1,1

30,,6

^^

14,,0
23,,2

Seit 1940 und vor allem seit 1945 hat die Zahl dieser privaten
Wohlfahrts- und Altersrentenversicherungspläne ganz erheblich zugenommen. Etwa 60';'o der von der Altersversicherung und etwa 40% der
von der Sozialversicherung in ihren verschiedenen Formen erfaßten
Arbeitnehmer verdanken diesen zusätzlichen Versicherungsschutz den
von Unternehmern und Gewerkschaften gemeinsam ausgehandelten Tarifverträgen.
Im Jahre 1954 beliefen sich die Unternehmerbeiträge zu allen
derartigen Versicherungsprogrammen auf insgesamt 4,5 Milliarden
Dollar, die Beiträge der Arbeitnehmer auf insgesamt 2,3 Milliarden.
Die Reserven der betrieblichen Altersversicherungen bewegten sich
zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar.
Umfang der Untersuchung
Die Untersuchung des Senatsausschusses wurde durch Präsident
Eisenhower in seiner Kongreßbotschaft vom 11. Januar 1954 ausgelöst
und begann im Mai 1954 mit einer eingehenden Oberprüfung von 29 privaten Versicherungsplänen, die durch Kollektivverträge geschaffen
worden waren und von beiden Sozialpartnern gemeinsam verwaltet werden.
Das bei den Informationssitzungen vom März und April 1955 gesammelte
Material und die in den ersten Stadien der Untersuchung gesammelten
Erfahrungen veranlaßten den Ausschuß, seine Untersuchungen auch auf
die Altersversicherung und die von jeweils nur einem der beiden

- 2 -

�Sozialpartner verwalteten Sozialprogramme auszudehnen sowie außerdem
industrieweite und auch andere Arten von Versicherungsplänen zu untersuchen.
Die Überprüfung erstreckte sich auf Sozial- und Altersversicherungsprogramme in der Stahl- und Automobilindustrie, im Kohlenbergbau, in der Bekleidungsindustrie, in der Elektroindustrie und
im Kraftwagentransportgewerbe.
Verschiedene Bundesbehörden wurden ferner um Auskunft ersucht,
inwieweit sie auf Grund bestehender Bundesgesetze eine Aufsichtsbefugnis über betriebliche Sozial- und Altersversicherungen ausüben.
Die einschlägigen Gesetze des Bundes und der Einzelstaaten wurden
daraufhin untersucht, inwieweit sie auf private Sozial- und Altersversicherungen anwendbar sind und eine ordnungsgemäße treuhänderische
Verwaltung, versicherungsstatistisch gerechtfertigte Geschäftspraktiken und den Schutz der Arbeitnehmer sicherstellen.
Der Ausschuß untersuchte ferner eine Reihe derartiger Versicherungen auf ihre Organisationsform, wobei drei Typen - vom Betrieb
verwaltete, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gemeinsam verwaltete
und von den Gewerkschaften verwaltete Versicherungen - zu unterscheiden sind. Das weiteren wurde das Geschäftsgebaren von Versicherungsgesellschaften und Banken überprüft, die als Träger und Verwalter
von Gruppenversicherungen und Altersversicherungsfonds auftreten.
Darüber hinaus interviewten die Mitarbeiter des Unterausschusses
zahlreiche Vertreter der Industrie, der Gewerkschaften, des Versicherungs- und Bankwesens sowie anderer Wirtschaftszweige.
Folgerungen
Der Unterausschuß kam zu dem Schluß, daß die immer größere
Verbreitung solcher privater Sozial-, Kranken- und Altersversicherungen
und die Frage nach der Verwendung dieser steuerfreien Gelder der Regierung eine große Verantwortung aufbürde. Sie müsse deshalb für eine
ordentliche Verwaltung dieser Versicherungsfonds Sorge tragen und
die Rechte und Interessen sowohl der Versicherungsnehmer als auch der
Öffentlichkeit schützen.
Der Unterausschuß zeigte sich nicht überrascht, daß die Untersuchungen Anbetracht der großen in den Fonds angesammelten Summen und
wegen des Fehlens einer entsprechenden Aufsicht Beweise dafür brachte,
daß eine kleine Minderheit skrupelloser Menschen sich derartige Geldmittel aneignete, und daß eklatante Formen des Mißbrauchs aufgedeckt
wurden.
Daß die größte Zahl derartiger Programme korrekt verwaltet wird,
stellt keinerlei Entschuldigung für die festgestellten Mißbräuche, Unregelmäßigkeiten und anderen Unzulänglichkeiten dar. Die Tatsache, daß
es überhaupt zu Veruntreuungen und Betrügereien hat kommen können, zeigt,
daß das gegenwärtige Fehlen entsprechender Kontrollen Mißbräuche begünstigt."
Auf Grund seiner Untersuchungen gelangte der Unterausschuß ferner
zu dem Schluß, daß "diese Arbeitgeber-Arbeitnehmerversicherungen ...
wirklich im Einklang mit der gegenwärtigen Gesetzgebung auf der Basis
verwaltet werden, daß die vom Betrieb geleisteten Beiträge ihrem
Wesen nach Teil des Arbeitsentgeltes sind oder, um es einmal anders
zu fassen ..., daß die Lohnkosten für den einzelnen Arbeitnehmer
größer sind als die an ihn ausbezahlte Lohnsumme ... Nach unseren
Untersuchungsergebnissen hat man aber daraus nicht die Folgerung
gezogen, daß die Arbeitnehmer demgemäß auch ein Anrecht haben, zu
erfahren, welche Kosten das Programm verursacht, wie die Mittel
verausgabt, die Rücklagen sichergestellt und die ganzen Programme
verwaltet werden ..."

- 5-

�Bei zahlreichen der schlimmsten Mißbrauche, die der Unterausschuß in der Verwaltung solcher Versicherungsfonds feststellte, ist
die Ursache in gewissen Versicherungspraktiken zu suchen: hohe
Kommissionen, übermäßige Verwaltungsgebühren, hohe Rückstellungen
seitens der Versicherungsgesellschaften, ungleichmäßige Behandlung
der Versicherungsnehmer und skrupelloses Geschäftsgebaren der Versicherungsmakler und -agenten.
Mittel aus der Sozial- und Altersversicherung wurden auch durch
eine unfähige Verwaltung zum Teil vorsätzlich und zum Teil fahrlässig verschwendet. In vielen Fällen wurden versicherungsmathematische Grundsätze und die Frage nach der Anlagemöglichkeit dieser
Gelder nicht genügend beachtet, Dinge, ohne die sich eine solche
Versicherung niemals mit Erfolg betreiben läßt.
Empfehlungen
Gesetzliche Offenlegungspflicht
Der Unterausschuß kam zu der Auffassung, daß der Erlaß eines
Bundesgesetzes über die Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse betrieblicher Sozial- und Altersversicherungen notwendig sei.
In dem Bericht des Ausschusses heißt es unter anderem: "Erstes Ziel
ist die Sicherstellung der Stabilität privater Sozial- und Altersversicherungen nicht nur für die Gegenwart, sondern auf lange Sicht,
ohne daß sie dadurch ihres freiwilligen Charakters entkleidet oder
aus den Kollektivverträgen herausgelöst werden."
Zu diesem Zweck untersuchte der Unterausschuß, welche Möglichkeiten für einen Schutz der Rechte der Versicherungsnehmer gegeben
sind. Er nannte drei solche Möglichkeiten:
1. Eine Regelung durch neue einzelstaatliche Gesetze}
2. eine gesetzliche Auflage, die es den betreffenden Verwaltungen
zur Pflicht macht, ihre Bücher regelmäßig "überprüfen zu lassen und
sämtlichen Versicherungsnehmern Bericht zu erstatten; und
J. eine vollkommene Überwachung aller einschlägigen Versicherungsfonds durch die Bundesregierung.
Was den ersten Lösungsvorschlag angeht, gelangte der Unterausschuß zu der Ansicht, daß nicht damit zu rechnen sei, daß sämtliche
48 Staaten innerhalb absehbarer Zeit einheitliche Gesetze erlassen
würden, die die Interessen und Rechte dieser Versicherungsnehmer
zu schützen geeignet sind.
Eine amtliche Registrierung aller derartiger Versicherungsfonds
bei einer Bundesaufsichtsbehörde und eine regelmäßige Berichterstattung an diese wurde als der einfachste Weg bezeichnet, die gegebenen Mißstände abzustellen, wobei es den Einzelstaaten überlassen
bliebe, den Aufgabenbereich der Treuhandverwaltung abzustecken und
im übrigen verschärfte Versicherungsbestimmungen zu erlassen und
durchzuführen.
Der Unterausschuß schlägt deshalb ein Bundesgesetz über die
Registrierung, Berichterstattung und Offenlegung vor, unter das
sämtliche Formen der privaten Sozial- und Altersversicherung fallen
sollen. Nach dem Vorschlag des Unterausschusses sollte das Gesetz

-4 -

�zunächst auf drei Jahre begrenzt sein. Die Aufsichtsbehörde würde
nach diesem Vorschlag dem Kongreß nach Abschluß der ersten beiden
Jahre ihrer Tätigkeit einen Bericht über die gesammelten Erfahrungen
unterbreiten, der auch Empfehlungen über die Beibehaltung, Vereinfachung oder Modifizierung des entsprechenden Gesetzes enthalten
soll, so daß der Kongreß noch vor Auslaufen des Gesetzes entsprechende Maßnahmen ergreifen kann.
Nach dem Gesetz wären sämtliche Sozial- und Altersversicherungen,
an denen 25 oder mehr Arbeiter und Angestellte beteiligt sind, verpflichtet, sich innerhalb 90 Tage nach Inkrafttreten beziehungsweise der
Neueinrichtung registrieren zu lassen. Bei der Registrierung sind Auskünfte über Größe und Art der Versicherung und darüber, ob sie auf
Grund von Kollektiwereinbarungen eingerichtet wurde, zu erteilen.
Bei allen derartigen Versicherungen mit mehr als 100 Versicherungsnehmern, gleichgültig, ob es sich um die Privatversicherung eines einzelnen Betriebs, um Versicherungen, die auf einer gemeinsamen Basis
mit anderen derartigen Versicherungen betrieben werden (etwa über eine
gemeinsame Zentrale oder Verwaltung) oder um gewerkschaftlich verwaltete Versicherungsfonds handelt, werden detaillierte Jahresberichte
über die Finanzlage mit Angaben über Zahlungseingänge, Ausgaben, Leistungen und Rückstellungen sowie über die Beitragseingänge seitens
der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gefordert. Diese Jahresberichte sollen
sich "auf eine Buchprüfung gemäß den allgemein anerkannten Normen für
Rechnungsprüfungen stützen, den Versicherungsnehmern zugängig gemacht
werden und von einem staatlich bestellten Bücherrevisor beglaubigt sein."
Versicherungen mit mehr als 25, aber weniger als 100 Versicherungsnehmern würden nach dem Gesetz gezwungen sein, der Aufsichtsbehörde
im Jahr einmal oder in noch größeren Zeitabständen, so wie diese dies
zur Erreichung der Zielsetzungen des Gesetzes für notwendig erachtet,
Bericht zu erstatten.
Zusätzlich zu den Informationen über das Finanzgebaren sollte
den Jahresberichten auch eine Namensliste sämtlicher Treuhänder und
Verwaltungsbediensteter mit Angaben darüber angeschlossen werden, ob
sie als Vertreter der Betriebsführung, der Belegschaft oder Gewerkschaften bestellt sind. Desgleichen soll der Bericht eine Aufstellung über die bezahlten Löhne und Vergütungen enthalten, aus der zu
entnehmen ist, welche Beträge für welche Zwecke und an wen ausbezahlt wurden.
Sofern die betriebliche Versicherung über eine private Versicherungsgesellschaft abgewickelt wird, sollen in dem Bericht auch
Angaben über Tarife, entrichtete Beiträge, Gesamtforderungen und
Dividenden enthalten sein, sowie Ausgaben über Kommissionen und
Vergütungen, die an Vermittler und Agenten ausgezahlt wurden.
Für Sozialversicherungen und Treuhand-Altersversicherungen
wären folgende Informationen zu fordern:
1. Höhe der angesammelten Gelder und Art ihrer Anlage mit
Angaben über die ursprünglich investierten Beträge beziehungsweise
des gegenwärtigen '.Vertes der entsprechenden Investitionen sowie eine
Aufschlüsselung der Gesamtinvestitionen, aus der der Prozentsatz
jeder einzelnen Investition aus den angesammelten Mitteln des Fonds
hervorgeht;

- 5-

�2. ähnliche Angaben wie unter 1. im Falle von Investitionen in
Wertpapieren oder Immobilien, sofern diese 5?o der angesammelten
Mittel übersteigen; und
3. ursprüngliche Aufwendungen, derzeitiger Wert und Prozentsatz
der hierfür verwendeten Mittel des Gesamtfonds im Falle von Investitionen in Wertpapieren oder Immobilien eines der Beteiligten.
Von Altersversicherungen, die aus einem Fonds bestritten werden,
sind in dem Bericht Angaben über Art und Rechtsgrundlage des Fonds,
die Gesamthöhe der von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern geleisteten
Beiträge, die bisherigen und derzeitigen Verbindlichkeiten aus
fälligen Leistungen, die versicherungsmathematischen Grundlagen
sowie die Zahl der erfaßten Arbeitnehmer - sowohl der noch berufstätigen als auch der bereits pensionierten - zu machen. Im Falle
einer Pauschalversicherung bei einem gewerblichen Versicherungsunternehmen müßte der Bericht Angaben bezüglich der angesammelten
Reserven sowie über Art und Rechtsgrundlage der Finanzierung und so
weiter geben.
Im Falle einer Altersversorgung, die nicht Versicherungscharakter trägt und nicht durch regelmäßige Beiträge aufgebracht wird, soll
Auskunft über die während des Berichtszeitraums geleisteten Zahlungen
an pensionierte ehemalige Mitarbeiter, die Zahl der pensionierten
Personen, Höhe der Rückstellungen in der Bilanz, statistische Grundlage vertraglicher Verbindlichkeiten und die Finanzlage der Gesellschaft beziehungsweise des Arbeitgebers während des letzten Finanzjahres erteilt werden.
Bei Verwirklichung dieser Empfehlungen ist mit einem Eingang
von schätzungsweise 40 000 Jahresberichten zu rechnen, eine Zahl,
in der Betriebe aus fast allen Sektoren der Wirtschaft eingeschlossen wären und die sich von der einzusetzenden Aufsichtsbehörde durchaus bewältigen ließe.
Der Unterausschuß weist in seinen Empfehlungen nachdrücklich
darauf hin, daß die Angaben aus den Jahresberichten auch den Versicherungsnehmern zugänglich gemacht werden. Die Jahresberichte sollten
bei der Aufsichtsbehörde zur freien Einsichtnahme aufgelegt und
darüber hinaus in zusammengefaßter Form allen Versicherungsnehmern
persönlich überreicht oder durch die Post zugestellt werden.
Strafbestimmungen
Nach Auffassung des Unterausschusses sind strenge Strafbestimmungen notwendig, um "gesetzwidrige und vorsätzliche Abzweigung
von Mitteln aus solchen Sozialversicherungsfonds"sowie auch "vorsätzliche Verletzung oder Nichtbeachtung der Bestimmungen des Gesetzes oder vorsätzliche falsche Erklärungen, Darstellung oder Auslassungen sachdienlicher Informationen" ahnden zu können.
Die Aufsichtsbehörde
Der Unterausschuß hat sich nicht klar darüber ausgesprochen,
welche Behörde als Aufsichtsbehörde fungieren solle, scheint es
aber für das günstigste zu halten, die "Bundeseffekten-Börsenaufsichtsbehörde im Hinblick auf ihren organisatorischen Aufbau und

- 6-

�ihre anerkannten Erfolge in der Verwaltung von Gesetzesbestimmungen,
die eine Offenlegung fordern",mit dieser Aufgabe zu betrauen.
Er stellte aber auch eine Übertragung dieser Befugnisse an das
Arbeitsministerium, das Ministerium für
Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen, die Bundessteuerverwaltung oder an
eine neu zu schaffende Behörde zur Diskussion.
Beirat
Der Unterausschuß unterbreitete ferner eine Empfehlung ütjer
die Schaffung eines aus 13 Personen zu bildenden Beirates, der
der Aufsichtsbehörde bei der Verwaltung des Gesetzes zur Seite
stehen solle. Im einzelnen würden dem Beirat angehören: 3 Arbeitnehmer-Vertreter, 2 Arbeitgeber-Vertreter, ein Vertreter des
Versicherungsgewerbes, ein Vertreter des Bankwesens, 3 Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben sowie kraft ihres Amtes
der Arbeitsminister, der Minister für Gesundheits-, Erziehungsund Sozialfragen und der Leiter der Bundessteuerverwaltung.

(Aus "Monthly Labor Review")
Vol. 79 Wo. 7

» • • • «
Faith M. Williams, Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftsfragen im
Bundesamt für Arbeitsstatistik
Lebensansprüche und Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung
in den amerikanischen Städten
Der erhebliche Anstieg der Einkommen der Lohn- und Gehaltsempfänger in den amerikanischen Großstädten seit Ende der drei-_
ßiger Jahre und der damit verbundene große Wandel in den Verbrauchergewohnheiten sind seit langem schon Gegenstand eingehender
Untersuchungen und Analysen. Bis in die jüngste Zeit hinein allerdings hat es an einem Maßstab für die Beurteilung ihres spezifischen Einflusses auf die Kaufgewohnheiten gefehlt. Eine eingehende
Untersuchung der Ausgaben von Lohn- und Gehaltsempfängern in den
Großstädten im Jahre 1950» deren Auswertung inzwischen vorliegt,
gestattet nunmehr einen Vergleich der Aufwendungen in jenem Jahr
mit denen aus der Zeit von 1934/36. Hieraus lassen sich wiederum
Schlüsse auf den Wandel der Lebensansprüche sowie auf die Löhne
und Beschäftigungsbedingungen ziehen.
Ursachen und Auswirkungen des Anstiegs des Arbeitsverdienstes
Im Durchschnitt lagen die Gesamtarbeitsverdienste und damit
auch die Kaufkraft der Lohn- und Gehaltsempfänger in den Städten
im Jahre 1954 etwa doppelt so hoch wie 1939« Bei Familien, die
in ihrem Unterhalt ausschließlich auf Arbeitsverdienste angewiesen
sind, lag die Kaufkraft 1954 sogar noch etwas über dem Doppelten
der Vergleichszahl von 1939« Somit konnten die Lohn- und Gehaltsempfänger insgesamt eine erhebliche Steigerung ihres tatsächlichen
Lebensstandards verzeichnen.

- 7-

�Hinzu kommt noch eine Verkürzung der Arbeitszeit; arbeitet doch
heute der größte Teil der städtischen Bevölkerung fünf Tage in der
Woche. Die Mehrzahl der Arbeiter hat Anspruch auf eine Woche bezahlten Urlaub, ein erheblicher Prozentsatz sogar auf zwei oder mehrere
Wochen. Der Anstieg des Lebensstandards in der Gruppe der Lohn- und
Gehaltsempfänger brachte diesem Personenkreis nicht nur zahlreiche
Annehmlichkeiten ein, sondern wirkte sich auch sehr günstig auf den
Gesundheitszustand aus.
Dieser Anstieg der Arbeitsverdienste seit Ende der dreißiger
Jahre hat verschiedene Ursachen. Zu Beginn des Vergleichszeitraums
wurden die Arbeitsverdienste noch stark durch schwankende Beschäftigungszeiten beeinträchtigt. Im Jahre 1939 waren durchschnittlich
17 afi sämtlicher Arbeitskräfte arbeitslos oder im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Regierung beschäftigt. Nach 1950 ist die
Arbeitslosigkeit nie über einen Jahresdurchschnitt von 5 i° hinausgegangen, und die Regierung brauchte keinerlei derartige Notstandsprogramme einzurichten. Dabei hat der prozentuale Anteil der Arbeitskräfte an der Gesamtbevölkerung inzwischen sogar noch zugenommen, da die Nachfrage nach Arbeitskräften sowohl für ganztägige als
auch stundenweise Beschäftigung einen größeren Prozentsatz an Jugendlichen unter 19 und an Frauen über 35 zum Eintritt ins Berufsleben
veranlaßt hat. Eine weitere Ursache liegt darin, daß eine Verlagerung
in der Güternachfrage im Verein mit dem technischen Fortschritt eine
Umschichtung in der Beschäftigtenzahl in den verschiedenen Wirtschaftsgruppen ausgelöst hat, in deren Verlauf ein weit größerer Prozentsatz
von Arbeitskräften nach Industrien mit höheren Lohnsätzen abwanderte.
Ohne diese Verschiebung in der Verteilung der Arbeitskräfte auf die
verschiedenen Wirtschaftsgruppen in der Zeit von 1939 bis 1954 wäre
der Durchschnittslohn 1954 um mindestens 5$ hinter dem tatsächlich
erreichten Satz zurückgeblieben.
Die Stundenlöhne sind in diesem Zeitabschnitt weit stärker gestiegen als die Preise, die die arbeitende Bevölkerung für 'Aaren
und Dienstleistungen bezahlen muß. Die Zunahme der Kaufkraft des
Nettowochenlohns eines verheirateten Arbeiters mit zwei Kindern in
der Fertigungsindustrie gegenüber 1939 betrug im Jahre 1955 bei
Berücksichtigung des Anstiegs der Verbraucherpreise, der Bundessteuern und -abgaben sowie der Aufwendungen für Sozialversicherung

55£.
Diese erhöhte Kaufkraft ist die Folge der bemerkenswerten Steigerung der Produktivität in der gesamten Wirtschaft. Das Bundesamt
für Arbeitsstatistik vertritt die Auffassung, daß die technische
Entwicklung als eine der Hauptursachen für die rund dreißigprozentige
Steigerung des Warenausstoßes pro Arbeiter und Stunde von 1939 bis
1953 anzusehen ist. Nach seinen Schätzungen stieg die Produktivität
in den Jahren 1954 und 1955 Um weitere 10$. Sofern die Entwicklung
nicht durch einen Krieg in eine andere Richtung gedrängt wird, ist
mit einer weiteren Zunahme des Ausstoßes pro Mann und Stunde zu
rechnen, die zwar nicht so groß sein dürfte wie 1954/55» aber doch
mindestens dem Durchschnitt der Jahre von 1939 bis 1953 entsprechen
wird.
Es erhebt sich die Frage, ob die zu erwartende Steigerung der
Produktivitätsrate der arbeitenden Bevölkerung mehr Freizeit bringen
oder sich lediglich dahingehend auswirken wird, daß noch mehr Waren
und Dienstleistungen gekauft werden. Aus dem Zahlenmaterial des

- 8

�Bundesamtes für Arbeitsstatistik über die Verlagerung der Verbraucherkäufe geht hervor, daß Lohn- und Gehaltsempfänger in der ersten
Hälfte des Jahres 1950 einen mindest ebenso hohen Anteil ihres Einkommens für den Erwerb von Waren und Dienstleistungen aufgewendet
haben wie während der dreißiger Jahre, wobei zu berücksichtigen ist,
daß ihre Arbeitsverdienste im allgemeinen höher lagen.
George Meany, der erste Vorsitzende des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO,hat einmal darauf hingewiesen, daß die Gewerkschaften bis zum Jahre 1980 eine Herabsetzung der Arbeitszeit
auf wöchentlich 30 Stunden erstreben. Bei Kollektivverhandlungen
haben die Gewerkschaften in der Nachkriegszeit wohl die Forderungen
der Arbeiterschaft nach längerem bezahlten Urlaub geltend gemacht,
im allgemeinen aber mehr Nachdruck auf eine Erhöhung des Nettoeinkommens als auf eine Reduzierung der Arbeitsstunden auf weniger
als 40 Stunden pro Woche gelegt.
Der Wandel der Lebensansprüche
Die erhöhten Lebensansprüche gegenüber 1939 sind auf eine
Vielzahl von Veränderungen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet
zurückzuführen und haben ihrerseits wiederum die Wirtschaft und die
sozialen Verhältnisse beeinflußt. Die rasch voranschreitende technische Entwicklung hat dem Verbraucher nicht nur viele neue Gebrauchsgüter beschert, sondern auch dazu geführt, daß viele Waren, die früher
nur begüterten Schichten erschwinglich waren,nunmehr auch von Lohnund Gehaltsempfängern erworben werden können. Mit zunehmender Verbreitung der Bildung auch unter der Masse der Werktätigen erwachte
auch in diesen Kreisen der Wunsch nach besseren Wohnverhältnissen.
Die Lebensansprüche des Arbeiters wurden ferner von der in den
dreißiger Jahren allmählich wieder einsetzenden Landflucht beeinflußt. Die Landarbeiter, die bis dahin in verhältnismäßig strenger
Isolation gelebt hatten, begannen in zunehmender Zahl aus den Agrargebieten nach den Städten abzuwandern, die ein höheres Durchschnittseinkommen und ganz andere Verbrauchergewohnheiten aufwiesen. Darüber
hinaus brachte es der zweite Weltkrieg mit sich, daß viele Frauen
erstmals in Fabriken und Büros arbeiteten, dort die Lebensgewohnheiten anderer Menschen kennenlernten und daraufhin ihre eigenen
Lebensgepflogenheiten änderten, in der '//eise nämlich, daß sie selbst
höhere Ansprüche bezüglich der Ernährung, Kleidung sowie des Wohnens
und der Ausstattung des Haushalts zu stellen begannen.
Der Anstieg des durchschnittlichen Realeinkommens der städtischen Familien, die ihren Lebensunterhalt aus dem Arbeitsverdienst
bestreiten, hat die Lebensansprüche, die Vorstellung nämlich davon,
was und wieviel an Verbrauchsgütern zum "normalen" Leben nötig ist,
heraufgeschraubt. Der Zusammenhang zwischen höheren Reallöhnen und
höheren Lebensansprüchen und deren Auswirkungen auf den Sparwillen
geht aus einer Untersuchung über die Spartätigkeit in den Vereinigten
Staaten von 1897 bis 1952 hervor, die Dorothy S. Brady unter dem
Titel "Family Savings in Relation to Changes in the Level of Distribution of Income"*)(Die Spartätigkeit und ihre Zusammenhänge mit den

1}
Enthalten in "Studies in Income and Wealth", Band 15, National
Bureau of Economic Research, New York, 1952.

-9 -

�Veränderungen der Einkommenshöhe und -Verteilung) veröffentlichte.
Aus dieser Arbeit geht hervor, daß in den 55 Jahren von 1897 bis
1952, in denen sich das verfügbare Personaleinkommen pro Kopf (ausgedrückt in Dollars konstanter Kaufkraft) nahezu verdreifacht hat, ein
ständig steigendes Nominal-, oder Realeinkommen pro Haushaltmitglied
die Voraussetzung für jegliche Spartätigkeit war. Anders ausgedrückt
war in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein ständig steigender
"Realverbrauch" die Bedingung für eine Fortführung der Spartätigkeit.
Die Lebensansprüche - unsere Vorstellungen davon, was der Verbraucher an Waren und Dienstleistungen beanspruchen, was er in seiner
Freizeit unternehmen und welche Arbeitsbedingungen er fordern kann gehörten in den Vereinigten Staaten stets zu den Faktoren, die die
Dynamik der Wirtschaft mitbestimmten. Die Auswirkungen eines Anstieges der Lebensansprüche auf die Gesamtwirtschaft wurden nie so deutlich wie in der letzten Nachkriegszeit. Schon Anfang 1946 ließ sich
ganz klar erkennen, daß sich die Lebensansprüche in den USA seit
der Wirtschaftskrise und in der Folgezeit - nicht zuletzt in den
Kriegsjahren - erheblich gewandelt hatten. Im Verlauf dieses Zeitabschnittes, in dem es vielen Familien aus verschiedenen, jeweils
zeitbedingten Gründen heraus unmöglich war, die erstrebten Verbrauchsgüter zu erwerben, haben sich neue »Vertmaßstäbe herausgebildet.
Ende 1949 zeigte sich dann, daß sich die meisten amerikanischen
Familien nicht nur höhere Lebensansprüche zu eigen gemacht hatten,
sondern auch andere Vorstellungen darüber, welche finanzielle Risiken tragbar seien. Trotz einer starken Zunahme der Arbeitslosigkeit
und eines Absinkens des Personaleinkommens lagen in diesem Jahr die
Verbraucherausgaben in gegenwärtigen Dollars ausgedrückt ebenso hoch
wie 1948 und in konstanten Dollars ausgedrückt sogar noch etwas höher.
Zahlreiche Familien machten ihre Ersparnisse flüssig oder stellten
mindestens die Spartätigkeit ein, um jenen Lebensstandard beibehalten
zu können, an den sie sich inzwischen gewöhnt hatten. Sie ließen
sich dabei offenbar von dem Vertrauen leiten, daß die Wirtschaftsflaute nur von vorübergehender Dauer sein werde. Nach dem Ausbruch
des Koreakrieges im Jahre 1950 kam es verschiedentlich zu Angstkäufen, die durch die noch sehr lebendige Erinnerung an die Warenverknappung während des zweiten Weltkrieges ausgelöst worden war.
Die Befürchtungen einiger Wirtschaftler, daß sich eine ausreichende
Verteidigungsproduktion bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer
den hohen Ansprüchen genügenden Verbrauchsgüterproduktion
nicht
sicherstellen lasse, erwiesen sich als gegenstandslos. So konnte
sich der Absatz an Verbrauchsgütern und Dienstleistungen pro Kopf
der Bevölkerung seit 1950 ständig auf großer Höhe halten. Im Jahr
1955 lag er etwa 13/° über dem des Jahres 1949»
Die Arbeitsverdienste der Lohn- und Gehaltsempfänger haben
nicht in dem Maße zugenommen, das nötig wäre, um den tatsächlichen
Verbrauch dieser Bevölkerungsgruppe restlos mit den gesteigerten
Lebensansprüchen in Einklang zu bringen. Es sieht im Augenblick auch
gar nicht so aus, als ob dies bald der Fall sein werde. Es entspricht
aber durchaus den amerikanischen Gepflogenheiten, daß die Lebensansprüche der einzelnen Bevölkerungskreise etwas höher liegen als
der tatsächliche Verbrauch in den unteren Schichten der entsprechenden Einkommensgruppen. In der Frühzeit der Kolonisation wurde den
Angehörigen der handwerklichen Berufe der Kauf "extravaganter"
Kleider durch Gesetz untersagt. Mit Einsetzen der raschen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung im späten 17• und 18. Jahrhundert wurden

- 10 -

�diese Gesetze widerrufen oder nicht mehr angewandt. Man bestärkte
die Menschen in der Auffassung, daß auch die Söhne und Töchter
weniger begüterter Familien nach einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage streben sollen. Die Unterschiede hinsichtlich
der Verbrauchergewohnheiten, wie sie zwischen den verschiedenen
Berufsgruppen bestehen, verwischten sich mit der allmählichen
Nivellierung der Löhne und der zunehmenden Verbreitung der Bildung
auch unter der arbeitenden Bevölkerung. In den letzten beiden
Jahrzehnten, in denen ein allgemeiner Anstieg des Einkommens
zu verzeichnen war, stieg die Nachfrage nach Dienstleistungen
noch weit mehr als die Nachfrage nach Gütern. Insbesondere war
ein verstärkter Andrang zu den Schulen sowie eine erhöhte Inanspruchnahme von Ärzten zu verzeichnen. So erklärt sich auch, daß
die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe seit 1940
erheblich mehr zunahm als in den Verbrauchsgüterindustrien. Dennoch
besteht netürlich nach wie vor ein großer Bedarf an Waren, die für
eine gesunde und gesellschaftlich erstrebenswerte Lebensführung
in den Städten als notwendig erachtet werden; das beste Beispiel
dürfte hier der Wunsch nach einer Verbesserung der Wohnverhältnisse sein.
Der Wandel des Lebensstandards
Wenden wir uns zunächst einmal den beiden Untersuchungen über
die Wirtschaftsrechnung von Arbeiterfamilien in Großstädten zu.
Die Verlagerung der Schwerpunkte bei den Verbraucherkäufen städtischer Lohn- und Gehaltsempfänger in der Zeit von 1934 bis in die
jüngste Zeit hinein läßt sich aus den Zahlen ablesen, die das
Bundesamt für Arbeitsstatistik von 1934/36 und 1950 bezüglich der
Haushaltausgaben in dieser Bevölkerungsgruppe zusammengetragen hat.
(siehe Tafel i ) . Weitere Vergleichszahlen stehen leider nicht zur
Verfügung, da solche Ermittlungen nicht regelmäßig durchgeführt
werden. Im Jahre 1950 waren die Verbraucherpreise im Durchschnitt
um 75$ höher als 1934/36. Die Lebensmittelpreise wiesen dabei
die größte Zunahme auf, gefolgt von Bekleidung und Wohnungseinrichtungen. Die geringste Zunahme wiesen die Mieten auf, in erster Linie wegen der Beibehaltung der Mietpreiskontrollen bis in
das Jahr 1950 hinein. Die Familienausgaben 1934/36 wurden unter
Heranziehung des Lebenshaltungskostenindex, des heutigen Verbraucherpreisindex, des Bundesamtes für Arbeitsstatistik auf den Dollarwert von 1950 umgerechnet.
Vergleiche zwischen den Angaben von 1934/36 und 1950 unterliegen
gewissen Einschränkungen, die größtenteils auf die vorstehend aufgezeigten Unterschiede hinsichtlich der Lage auf dem Arbeitsmarkt
zurückzuführen sind. Die erstere Untersuchung lief gegen Ende 1934
an, zu einer Zeit also, als etwa ein Fünftel der Gesamtzahl der
Arbeitskräfte entweder arbeitslos oder im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingesetzt war. Die Untersuchungen der Jahre
1934/36 dienten dem Zweck, eine neue Basis für die Aufstellung
des damaligen Lebenshaltungskostenindex zu gewinnen, mit dem Ziel,
die unregelmäßigen Ausgaben der nur im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsprogrammen beschäftigten Arbeiter sowie überhaupt aller unregelmäßig beschäftigten Arbeitskräfte, deren Käufe in keiner //eise
als typisch für langfristige Verbrauchergewohnheiten angesehen
werden können, auszuschließen. Die Untersuchung wurde deshalb auf
jene Einkommensschichten begrenzt, die als typisch für den Personenkreis der Lohn- und Gehaltsempfänger gelten durften. Diese Beschränkung des Personenkreises brachte es mit sich, daß bei der

- 11

�Umfrage in erster Linie Arbeiter und Angestellte berücksichtigt
wurden, die im Durchschnitt älter und weit regelmäßiger beschäftigt waren als die große Masse der Gehalts- und Lohnempfänger
der Jahre 1934/36.
Die Lohn- und Gehaltsempfänger, die bei der Untersuchung des
Jahres 195C herausgegriffen wurden, stellten einen echten repräsentativen Querschnitt aus dieser Bevölkerungsgruppe dar. Die Untersuchung erstreckt sich auf ein Jahr, in dem anfangs eine erhebliche
Arbeitslosigkeit und gegen Ende - bedingt durch den Ausbruch des
Koreakrieges - in vielen Gebieten eine echte Verknappung der Ar*beitskräfte zu verzeichnen war. Dabei wurden im Gegensatz zu den
Untersuchungen der Jahre 1934/36 auch Familien, die irgendwelche
Zuschüsse oder"Beihilfen aus öffentlichen Mitteln erhielten, in
die Befragung einbezogen; sie fallen ohnehin nicht besonders ins
Gewicht, da sie nur einen geringen Prozentsatz der Gesamtzahl
ausmachen. Man hatte somit einen repräsentativen Querschnitt aus
allen Schichten der arbeitenden Bevölkerung in den Städten für
diese Untersuchung herangezogen, um ein möglichst wirklichkeitsnahes Ergebnis zu erzielen. Trotz der Unterschiede hinsichtlich
der bei den Umfragen von 1934/36 und 1950 benutzten Querschnitte
gewährt ein Vergleich der Einkünfte (abzüglich Steuern) und Ausgaben aus den beiden Untersuchungszeiträumen wichtige Aufschlüsse
über den Wandel der Lebensansprüche und des Lebensstandards.
Ein Wandel ist auch in der Zusammensetzung der Familienausgaben eingetreten. Nach Umrechnung der 1934/36 ermittelten Ausgaben
auf das Preisniveau von 1950 zeigt eine Gegenüberstellung, daß die
Gesamtkäufe an der für den unmittelbaren Verbrauch bestimmten Waren
und Dienstleistungen bei der im Jahre 1950 befragten Gruppe um fast
60 'fr höher lagen als bei dem 1934/36 erfaßten Personenkreis. Die
Abweichungen auf der Ausgabenseite verteilen sich auf die einzelnen
Gruppen von Waren und Dienstleistungen in einer Weise, die den bereits seit langem offenkundigen Verbraucherneigungen entspricht,
wobei sich allerdings das Bild durch Preisänderungen und andere
Faktoren, die das Wirtschaftsklima in der zweiten Hälfte des Jahres 1950 beeinflußt haben, etwas verschiebt.
Diese Verschiebungen sind in Tafel II der Größenordnung nach
aufgeführt. Am auffälligsten ist der Anstieg der Aufwendungen für
Eigenheime. In scharfem Gegensatz hierzu sind im Falle der Wohnauslagen und der kleineren Ausgaben für Beheizung, Beleuchtung
und A'asser nur relativ geringe Abweichungen eingetreten, ein Umstand, der sich vielleicht aus der Tatsache erklärt, daß sich der
Anteil der Mietwohnungen, bei denen letztere Dienstleistungen
nicht pauschal mit der Miete abgegolten werden, erheblich verringert hat.
Die weit größeren Aufwendungen für Anzahlungen zum Erwerb von
Eigenheimen beziehungsweise die Tilgung von Hypotheken auf Eigenheime im Jahre 1950 erklären sich zum Teil aus der Tatsache, daß
der Prozentsatz der Eigenheimbesitzer erheblich angestiegen ist,
betrug er doch 1934/36 nur 30, 1950 jedoch 45$. Hinzu kommt,
daß Mitte der dreißiger Jahre zahlreiche Familien, deren Hausbesitz mit Hypotheken belastet war, keine Tilgungszahlungen leisten
konnten. Im Erhebungszeitraum 1934/36 entrichteten nur knapp zwei
Drittel der Eigentümer belasteter Eigenheime über die Zinszahlungen
hinaus Tilgungsraten oder leisteten irgendwelche Anzahlungen auf
ein neues Eigenheim.

- 12 -

�T A F E L

I

Durchschnittliche Wirtschaftsrechnung von Haushaltungen von
Lohn- und Gehaltsempfängern gemäß den Untersuchungen au3
den Jahren 1954/36 und 1950
1954/36
Zahl der erfaßten Haushalte

14 469

5 994

3,6

3,3

Personen je Haushalt
Durchschnittseinnahmen

1950

Untersuchungen in Dollars von 1950

Bruttoarbeitseinkommen

2 661

4 299

Bruttoarbeitseink. abzügl.
Steuern

2 659

4 005

4

ü

2 663

4 038

Andere Einkommen
Gesamteinkünfte (abzügl.
Steuern)

Durchschnittsausgaben für
Waren u. Dienstleistungen insges. 2 564

4 076

Nahrungsmittel und Getränke

1 030

1 335

Kleidung

309

473

Reine Wohnauslagen (Miete,
Hypothekenzinsen, Grundsteuern u. Instandsetzung)

356

448

Heizung u. Beleuchtung,Wasser

158

153

80

167

119

281

150

457

Andere Verkehrsausgaben

57

81

Gesundheitspflege

88

213

Persönliche Ausgaben

55

93

Erholung u. Unterhaltung

67

191

Lesestoff

27

36

Bildung

11

19

Tabakwaren

46

80

Wohnungsunterhalt
Wohnungseinrichtung u. Hausgeräte
Kraftfahrzeuge, Erwerb u.
Unterhalt

Versch. Waren u. Dienstleistungen

49

(wie Beerdigungskosten, Alimente uswJ 11
Geschenke und Zuwendungen

74

Personenversicherungen

149

Überschuß bzw. Verbindlichkeiten

- 124

Aufwendung f. Hypothekentilgung
u. Anzahlung f. Eigenheime
Ausgaben-Einnahmenausgleich

+ 37
0
13

136
183
-192
+ 211
- 165

�T A F E L

II
Veränderung der Durchschnittsausgaben der
Lohn- und Gehaltsempfänger im Jahr 1950
gegenüber 1934/36 (Zu- oder Abnahme in
Prozent von 1936)

Waren und Dienstleistungen

Zu- oder Abnahme

Hypothekentilgung und Anzahlung
für Eigenheime

470

Verschiedene 7/aren und Dienstleistungen

345

Kraftfahrzeug, Erwerb und Erhalt
Erholung und Unterhaltung

205
185

Gesundheitspflege

142

Wohnungseinrichtung und Hausgerät

136

Wohnungsunterhalt

109

Geschenke und Zuwendungen

84

Tabakwaren

74

Bildung

73

Persönliche Ausgaben

69

Laufende Gesamtausgaben für
Waren und Dienstleistungen

59

Kleidung

53

Wohnung (Miete, Heizung, Beleuchtung,
Wasser, Hypothekentilgung, Anzahlung
für Eigenheime, Hypothekenzinsen,
Instandsetzung)

47

Andere Verkehrsausgaben

42

Lesestoff

33

Nahrungsmittel und Getränke

30

Reine Wohnauslagen (Miete, Hypothekenzinsen, Grundsteuern und Instandsetzung)

26

Personenversicherungen
Heizung, Beleuchtung und Wasser

23
3r2

(Fortsetzung in der Januarausgabe 1957)

- 14 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Neue wichtige Lohnabkommen in der US-Industrie
Nachdem die großen Industriezweige wie die Stahl- und Gummiindustrie im Sommer die neue Runde der Lohnerhöhungen eröffneten,
haben in den vergangenen Wochen zahlreiche Tarifvertragsverhandlungen stattgefunden, die alle mit zum Teil erheblichen Aufbesserungen der Löhne und Sozialleistungen endeten. Auch in der
letzten Zeit
wurden wieder zahlreiche Neuabschlüsse in den verschiedensten Wirtschaftszweigen bekannt.
Werftarbeiter erhalten 18 Cent mehr
Ein wichtiges Tarifabkommen, das zweifellos als Grundlage für
weitere Abkommen in der Schiffsbauindustrie dienen wird, wurde zwischen der Werftarbeitergewerkschaft und der "Todd Shipyards Corporation" abgeschlossen. Der Vertrag, der eine Laufzeit von drei Jahren
hat, sieht dabei eine Stundenlohnerhöhung für Facharbeiter um 18 Cent
rückwirkend vom 4. September 1956 und eine weitere Erhöhung um neun
Cent ab 1. August 1957 vor. Damit beträgt der gegenwärtige Durchschnittsstundenlohn der Werftarbeiter 2,45 Dollar. An zusätzlichen
Sozialleistungen gewährt der neue Vertrag eine Krankenhausversicherung,
einen zusätzlich bezahlten Feiertag sowie Urlaubsgeld.
10 Cent Stundenlohnerhöhung für 600 000 Textilarbeiter
Eine Erhöhung der durchschnittlichen Stundenlohnsätze für rund
600 000, zum größten Teil nichtorganisierte Textilarbeiter gaben
jetzt drei große Textilkonzerne bekannt, die zusammen über 153 Textilfabriken in den Südstaaten verfügen. Während "J.P. Stevens and
Company" bereits mitteilte, daß es sich hierbei um eine Anhebung
der Stundenlöhne um 10 Cent handele, erklärten die beiden anderen
Unternehmen, daß sie nähere Einzelheiten erst nach Festlegung der
neuen Sätze bekanntgeben würden. Es kann aber damit gerechnet werden, daß sich beide Firmen dem allgemeinen gegenwärtigen Lohnniveau
anpassen werden.
Nach Bekanntwerden der neuen Lohnerhöhung durch die drei Textilkonzerne hat die Textilarbeitergewerkschaft der AFL-CIO, die rund
35 000 Arbeitnehmer in Baumwollspinnereien der Südstaaten vertritt,
den organisierten Betrieben bereits mitgeteilt, daß sie in Kürze
neue Lohnverhandlungen aufnehmen wolle.
Fleiachpacker erhalten 25 Cent mehr - Auch im Fernmeldewesen
Lohnerhöhungen
Der zehntägige Streik zweier Gewerkschaften der Fleischkonservenindustrie, an dem rund 25 000 Arbeitnehmer der "Swift and Company"
in 26 Bundesstaaten teilnahmen, endete mit dem Abschluß eines neuen
Tarifvertrages, der sich über drei Jahre erstrecken wird. Neben einer
Anzahl von neuen zusätzlichen Sozialleistungen werden die Fleischpacker eine Stundenlohnerhöhung um 25 Cent erhalten. Die Forderung
der Gewerkschaft nach Einführung des "union shop" wurde dagegen
abgelehnt.
Auch die "Bell Telephone Company" hat in den vergangenen Wochen
insgesamt sieben neue Tarifverträge mit der Gewerkschaft der Angehörigen des Fernmeldewesens abgeschlossen, durch die rund 50 000
Arbeitnehmer berührt werden. Die Lohnerhöhung beträgt hier rund
10 Cent die Stunde.

- 15 -

�Bergarbeiter-Sozialfonds legte Leistungsbericht vor
Die Gesamtguthaben des Wohlfahrtsfonds der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft von Amerika" (UMW), einer der ältesten in den USA
und der größte private Sozialfonds der Welt, betrugen am Ende des
Finanzjahres 1955/56 (30. Juni) 130,1 Mio. Dollar. Gegenüber dem
gleichen Zeitpunkt des Vorjahres bedeutet das eine Zunahme von mehr
als 26 Millionen Dollar. Die Gesamteinnahmen des Fonds im abgelaufenen
Finanzjahr beliefen sich, wie aus dem jetzt veröffentlichten Geschäftsbericht weiter zu entnehmen ist, auf insgesamt 154»2 Mio. Dollar,
während die Ausgaben eine Höhe von 127,6 Mio. Dollar erreichten.
In dieser Summe sind Leistungen an die 206 919 Unterstützungsempfänger des Fonds in Höhe von 123,9 Mio. Dollar (97»1^ der Gesamtaufwendungen) enthalten; der Rest von 2,9/= verteilt sich auf Verwaltungskosten und den Unterhalt der zehn Gesundheitszentren des Fonds.
Wie aus der Übersicht weiter zu ersehen ist, beliefen sich die
Pensionszahlungen im abgelaufenen Finanzjahr allein auf 73»1 Mio.
Dollar. Am 30. Juni waren es insgesamt 61 546 Pensionäre, die monatliche Rentenleistungen in Höhe von 100 Dollar zusätzlich zur staatlichen Altersversorgung erhielten. Das Durchschnittsalter dieser ehemaligen Bergarbeiter, die im Durchschnitt 32,3 Jahre unter Tage gearbeitet haben, beträgt 63,8 Jahre.
Der nächste größere Ausgabeposten im Finanzjahr 1955/56 mit
47»5 Mio. Dollar erstreckt sich auf Krankenversicherungsleistungen
für insgesamt 89 513 Versicherte; darunter sind Krankenhauskosten
für über 1,5 Mio. Tage enthalten. An Bestattungskosten und Hinterbliebenenzuwendungen wurden aus dem Fonds 1955/56 insgesamt 3,1 Mio.
Dollar ausgegeben, während 69 807 Dollar als Familienbeihilfen für
im vergangenen Jahr tödlich verunglückte Bergleute bereitgestellt
wurden.
In den zehn Jahren seines Bestehens hat der Wohlfahrtsfonds
der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft" bisher Unterstützungsleistungen in einer Gesamthöhe von 880,8 Mio. Dollar an 972 004 Mitglieder des Fonds ausgezahlt. Die Gesamteinnahmen in diesem Zeitraum
betrugen 1,03 Milliarden Dollar.
*
Arbeitszeit nach Wunsch
Die Gewerkschaften würden im Jahre 1970 den Schwerpunkt bei den
Tarifverhandlungen mit den Unternehmern auf die Festsetzung von flexiblen
Beschäftigungsplänen legen, die sich entweder auf eine durchgehende Arbeitszeit von acht Tagen mit anschließenden sechs Ruhetagen oder eine
Normalarbeitszeit mit zwei Monaten Urlaub im Jahr oder aber einer täglichen Teilarbeitszeit (vor- oder nachmittags) erstrecken würden.
Dieses erklärte Dr. Clark Kerr, Rektor der Universität Kalifornien
und früherer Direktor des "Instituts für Arbeitsfragen". Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, daß sich die durchschnittliche Länge der
Arbeitswoche in den Vereinigten Staaten in der Vergangenheit während
einer Zehnjahresperiode um rund drei Stunden verringerte und diese Rate
wahrscheinlich auf etwa 2,5 Stunden zurückgehen wird, wenn sich die
Gewerkschaften bei den Kollektivverhandlungen mehr um eine Erhöhung
des Lebensstandards ihrer Mitglieder als um eine Verkürzung der Arbeitszeit bemühen würden.
(Quelle: Eigenbericht)
* * « * *
- 16 -

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D I E N S T

Vi'AIILJ/-ire 1956

Teil

II:
Der Kongreß d e r V e r e i n i g t e n
Die R o l l e d e r
i n den USA

Staaten

Seite

1

Seite

5

Staatsgouverneure

�"AMERIKA DIENST

9. Mai

1956

DER KONGRESS DER VEREINIGTEN STAATEN
( 110 seilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Herrschaft des Volkes in den Vereinigten
Staaten beruht auf dem Rächt der Bevölkerung, über politische Fragen
und Kandidaten frei abzustimmen und mit den führenden Persönlichkeiten der Exekutive und Legislative auch den jeweiligen Kurs auf innenwie außenpolitischem Gebiet selbst zu wählen.
Deshalb ist 1956» im Jahr der Präsidentenwahl, die Wahl von Mitgliedern des amerikanischen Kongresses ebenfalls von eminenter Bedeutung, da diese Mitglieder ja die direkten Vertreter des Volkes in
jener Körperschaft sind, die die Gesetze erläßt und ihre Durchführung
ermöglicht.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten setzt sich aus zwei Körperschaften zusammen - aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus. Diese
Zusammensetzung, die durch die Verfassung vorgeschrieben wird, ist
dazu bestimmt, für eine vollständige und gerechte Volksvertretung
jedes der 48 Staaten zu sorgen. Der Zweck dieser Vorschrift wird
durch ein System erreicht, das jedem Staat als Ganzem ebenso wie
dem Lokalbereich eine seiner Bevölkerungszahl angemessene Vertretung
gewährleistet.
Der Senat hat 96 Mitglieder, das heißt zwei aus jedem Staat,
ohne Rücksicht auf dessen Ausdehnung oder Bevölkerungsdichte; jeder
der Senatoren wird auf sechs Jahre gewählt. Im Repräsentantenhaus dagegen sind die Staaten gemäß ihrer Einwohnerzahl vertreten. Die 435
Sitze, über die es verfügt, sind unter den 43 Staaten auf Grund der
bei der jeweils letzten Volkszählung ermittelten Zahlen prozentual
aufgeteilt. So entsendet zum Beispiel der Staat New York mit seinen
15 Millionen Einwohnern 43 Abgeordnete; die dünnbesiedelten Staaten
Delaware, Nevada, Vermont und Wyoming wiederum sind nur durch je einen
Abgeordneten vertreten. Das Mandat für das Repräsentantenhaus erstreckt
sich über zwei Jahre.
Ein Kandidat für den Senat muß mindestens 30 Jahre alt sein, wenigstens neun Jahre lang die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen und

- 1 -

�9. Mai 1956

"AMERIKA DIENST"

und seinen Wohnsitz in dem Staat haben, für den er aufgestellt werden
will. Die Mitglieder des Repräsentantenhauses aber müssen mindestens
25 Jahre alt und seit sieben Jahren Bürger der Vereinigten Staaten
sein. Es ist die Regel, daß die Kongreßabgeordneten ihren Wohnsitz in
dem von ihnen vertretenen Staat beziehungsweise Wahldistrikt haben.
Die Mandatsbezirke selbst sind Unterteilungen, die innerhalb der
Staaten nach rein politischen Gesichtspunkten vorgenommen und als
"aneinandergrenzende und zusammenhängende Gebiete mit möglichst gleicher Einwohnerzahl" definiert werden. Jeder Bezirk, dessen Grenzen
durch den betreffenden Staat gesetzlich festgelegt sind, erfaßt durchschnittlich 318 000 Personen.
Die sechs Jahre, die das Mandat eines Senators währt, geben diesem Zeit genug, sich eine reiche Arbeitserfahrung anzueignen und sich
mehrere Jahre voll und ganz öffentlichen Angelegenheiten zu widmen,
ohne bis kurz vor Ablauf des Mandats sich um eine eventuelle Wiederwahl bemühen zu müssen. Diese Faktoren tragen weitgehend zur Stabilität und Kontinuität der für die Gesetzgebung maßgeblichen Kammer bei
und erfüllen damit genau den Zweck, den die Urheber der Verfassung
durch diese Maßnahme ja auch beabsichtigten.
Die Kontinuität der Senatsarbeit ist ferner durch das System gewährleistet, nach dem die Senatoren gev/ählt werden und ihr Amt ausüben. Nach Ablauf von zwei Jahren erlischt jeweils ein Drittel der
Mandate, so daß bei jeder Kongreßwahl, die alle zwei Jahre stattfindet, J2 Senatoren neu gewählt werden müssen. Wird jedoch durch Tod
oder Krankheit eines Senators ein Mandat vorzeitig frei, so wird durch
den Gouverneur des betreffenden Staates ein Ersatzmann ernannt, der
so lange dieses Amt ausübt, bis das zuständige Parlament die Abhaltung
einer Wahl verfügt.
Da der Senat demgemäß eine kontinuierliche Körperschaft ist, von
der etwa zwei Drittel der Mitglieder mindestens zwei Jahre, meistens
aber sogar noch länger, ständig zusammen gearbeitet haben, gewinnen
gewisse Präzedenzfälle und Traditionen für die zu treffenden Entscheidungen im Lauf der Jahre eine zunehmende Bedeutung.
Die Wahl der Mitglieder des Repräsentantenhauses erfolgt nach
einem anderen System. Da ihre Amtszeit bereits nach zwei Jahren abläuft

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�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

abläuft, können beziehungsweise müssen sich die Abgeordneten am Ende
dieser Periode in ihrem jeweiligen Distrikt erneut den Wählern stellen,
die durch Stimmenabgabe über deren Wiederwahl entscheiden. Die Wahlen
sowohl für die Senatoren als auch für die Mitglieder des Repräsentantenhauses finden jeweils in Jahren mit geraden Endziffern - beispielsweise 1956, 1958 - statt.
Diese in der Verfassung festgelegte Wahlperiode von nur zwei
Jahren für die Mitglieder des Repräsentantenhauses soll den Wählern
möglichst häufig Gelegenheit geben, ihre Zustimmung oder Mißbilligung
in bezug auf die von der Mehrzahl der direkt gewählten Volksvertreter
geleistete Arbeit auf entscheidende Weise auszudrücken. Zu der Zeit,
als die amerikanische Verfassung schriftlich niedergelegt wurde, war
man sogar überzeugt, daß "die Abschaffung jährlicher Neuwahlen den
Anfang der Gewaltherrschaft bedeute."
Ein solches Verfahren, bei dem sich jeder Volksvertreter schon
nach zwei Jahren erneut den Wählern stellen muß, bewährt sich sowohl
auf innen- wie auf außenpolitischem Gebiet heute nicht minder als in
früherer Zeit; es garantiert, daß der Wille des Volkes allein die
fundamentale Macht hinter der Regierung bleibt.
Bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen stimmt der Wähler
gleichzeitig auch für "seine" Kandidaten zum Senat und zum Repräsentantenhaus. Er ist dabei - wie bei allen Wahlen in den Vereinigten
Staaten - jedoch keineswegs verpflichtet, sich für die Kandidaten
nur einer Partei zu entscheiden. Es bleibt vielmehr seinem Ermessen
überlassen, ob er den Bewerber um den Senatorenposten aus der einen
und den Kandidaten für das Repräsentantenhaus aus der anderen Partei
nimmt. Die Abstimmung ist völlig geheim, und deshalb weiß außer ihm
auch niemand, für wen er seine Stimme tatsächlich abgegeben hat.
Deshalb ist es auch weiter kein Grund zur Überraschung, wenn zum
Beispiel ein Staat einen republikanischen und einen demokratischen
Senator nach Washington zusammen mit republikanischen und demokratischen Abgeordneten ins Repräsentantenhaus schickt. Obgleich die
Parteizugehörigkeit im allgemeinen ein bedeutender, einflußreicher
Paktor für die Stimmenabgabe ist und daher den Ausgang vieler Wahlkämpfe entscheidend bestimmt, stellen Wähler wie Kandidaten oft einen
Grad von Unabhängigkeit zur Schau, der manchmal an sich schon determinierend ist.

,

„.
,
Niemand

�9. Mai

"AMERIKA DIENST"

1956

Niemand aber kann einen Amerikaner - gleich welcher Parteirichtung - zwingen, einen Kandidaten in ein bestimmtes Amt zu wählen.
Ebensowenig ist der in ein Amt gewählte Kandidat gezwungen, sich blind
an die von der Führung seiner Partei gegebenen Richtlinien zu halten.
Y/enn es gar um Probleme von nationaler oder internationaler Bedeutung geht, arbeiten häufig Senatoren und Abgeordnete als die Vertreter beider Parteien auf überparteilicher Grundlage zusammen, soweit
sie dies im nationalen Interesse für notwendig halten. Dieses Verfahren ist besonders in den letzten Jahren immer üblicher geworden.
Angesichts der gespannten weltpolitischen Lage, wie sie durch die
kommunistische Aggression verursacht wurde, und der daraus sich
ergebendai Notwendigkeit für entschlossenes und gemeinsames Handeln
haben sowohl Gesetzgeber als auch '/Zähler ihre Bereitschaft gezeigt,
selbst in wichtigen Dingen ihre Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen und zum Wohle aller zusammenzuarbeiten.

* * * * *

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�"AMERIKA DIEEST"

9. Mai 1956

DIE ROLLE DER STAATSGOUVERNEURE IN DEN USA
(85 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Im Jahr der amerikanischen Präsidentschaftswahlen konzentriert sich das Interesse der Wähler erklärlicherweise
hauptsächlich auf die von den Republikanern und Demokraten nominierten
Kandidaten für das Präsidenten- und das Vizepräsidentenamt.
Trotzdem ist auch das Interesse am Ergebnis der gleichzeitig
stattfindenden Wahl der otaatsgouverneure natürlich außerordentlich
groß, da diese Männer - oder Frauen - die höchste Amtsgewalt der jeweiligen Staaten verkörpern. Sie sind politisch völlig unabhängig von
jedermann, selbst vom Präsidenten der Vereinigten Staaten - bloß nicht
von ihren eigenen Wählern. In nationalen Angelegenheiten können sie daher einen großen Einfluß ausüben, und tun es auch oft; ganz abgesehen
davon, daß ihr Amt zu einem Sprungbrett für das des Präsidenten werden
kann. 3o ist allein seit Beginn dieses Jahrhunderts, also in 56 Jahren,
da« Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten insgesamt nicht w*iiger
als 32 Jahre lang in den Händen ehemaliger Staatsgouverneure gewesen.
In diesem Jahre werden die Gouverneure von 30 Staaten sowie zahllose Staats-, Kreis- und Kommunalbeamte gewählt. Im Augenblick stehen
27 der Demokratischen Partei angehörende Gouverneure 21 republikanischen
Gouverneuren gegenüber. Dieses Verhältnis kann sich natürlich völlig
ändern, sobald die jetzt fälligen Wahlen in den 15 zur Zeit demokratisch
und 15 zur Zeit republikanisch regierten Staaten vorüber sind.
Die Grundbedingungen, die ein Bewerber um den Posten eines Staatsgouverneurs erfüllen muß, sind höchst einfach. Er muß Einwohner des betreffenden Staates, Bürger der Vereinigten Staaten und (mit Ausnahme
ganz weniger Staaten) mindestens 30 Jahre alt sein. Frauen können ebenfalls kandidieren und wurden auch schon mehrfach gewählt.
Dennoch ist der Gouverneur eines Staates keineswegs nur eine
Repräsentationsfigur. Als Träger der Amtsgewalt obliegt ihm unter
anderen verantwortungsvollen Aufgaben auch die, die Politik, die von
der, ebenfalls vom Volke gewählten gesetzgebenden Versammlung bestimmt
wird, durchzusetzen. Diese oft nicht bequeme oder gar angenehme Pflicht
wird ihm aber dadurch erleichtert, daß, zum mindesten in den meisten
Staaten, ein Gouverneur ausschließlich infolge schwerwiegender Vergehen
im Amte vor Ablauf seines Mandates abgesetzt werden kann. In der ganzen

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�"AMERIKA DIENST"

9. Jfai ^ 5 6

ganzen Geschichte der Vereinigten Staaten ist ein derartiger Fall
bisher jedoch erst zvvölfmal vorgekommen.
In einigen Staaten aber ist es gesetzlich möglich, die Abberufung eines Gouverneurs oder anderer Beamten mittels einer Petition,
die von einer bestimmten Anzahl von wahlberechtigten Personen unterzeichnet sein und gleichzeitig eine Sonderwahl fordern muß, auch aus
ganz anderen Gründen zu erreichen. In diesem Fall werden mehrere Kandidaten nominiert; erhält einer von ihnen mehr Stimmen als der bisherige
Gouverneur, dessen Rücktritt gefordert wird, dann muß er sein Amt an den
Sieger einer solchen Wahl abgeben, der es jedoch nur bis zum Abschluß
des ursprünglichen Mandats behält. Entsprechendes gilt auch für die
vorzeitige Abberufung anderer Beamten.
Diese Maßnahmen bieten die Gev/ähr dafür, daß es über einen Gouverneur keinerlei Kontrolle gibt außer der, die durch das Volk des von ihm
selbst regierten Staates ausgeübt wird.
In denjenigen Staaten, in denen die Gouverneurskandidaten in Vorwahlen direkt nominiert werden, kann jedes wahlberechtigte ordentliche
Mitglied einer politischen Partei ohne Mittelsmann für denjenigen aus
seiner Partei stimmen, den er - ganz gleich aus welchen Interessen als Gegenkandidat der anderen Partei zu sehen wünscht. In anderen Staaten
wiederum wird der jeweilige Kandidat für die Gouverneurswahlen bei einem
Konvent der Parteiorganisation des betreffenden Staates aufgestellt.
Die Amtsdauer der Gouverneure ist in den Verfassungen der verschiedenen amerikanischen Staaten nicht einheitlich festgelegt. V/ährend
das Mandat in einigen Staaten vier Jahre läuft, währt es in anderen wenigstens vorläufig - »»» *wei. Aber auch in diesen Staaten neigt man
immer mehr dazu, die Amtszeit auf vier Jahre heraufzusetzen. In der Regel kann ein Staatsgouverneur auch beliebig oft wiedergewählt werden;
nur in einigen amerikanischen Staaten ist verfassungsmäßig eine unmittelbare Wiederwahl des jeweiligen Gouverneurs nicht zulässig.
Die Wahl der meisten Staatsbeamten ist natürlicherweise eine Angelegenheit von mehr kommunalem denn von nationalem Interesse. Aber Staatsgouverneure sind Beamte von großer innenpolitischer Bedeutung, und daher
wird ihre Wahl auch häufig von rein innenpolitischen Erwägungen beeinflußt. So ist beispielsweise die Agrarpolitik der amerikanischen Bundesregierung und die wirtschaftliche Lage der Farmer geeignet, die Entscheidung für oder gegen einen Gouverneurskandidaten der Regierungsnartei in Washington zu bestimmen. Das gleiche gilt für die Interessen

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�"AMERIKA DIENST"

9. Kai 1956

Interessen der Arbeiterschaft, der Geschäftswelt und der Industrie.
Umgekehrt kann ein Gouverneur seinen Einfluß natürlich auch auf
bundespolitische Entscheidungen ausdehnen. Denn obgleich in den Weststaaten zum Beispiel alle derartigen Projekte zur Hochwasserbekämpfung,
künstlichen Bewässerung, Errichtung von Wasserkraftwerken und anderen
hauptsächlich von der Bundesregierung finanziert und durchgeführt
werden, sind solche Großunternehmen - vor allem im Planungsstadium größtenteilr ja auf die Mitarbeit der Einzelstaaten angewiesen.
Gelegentlich kommt es selbstverständlich auch zu scharfen
Meinungsverschiedenheiten über einzelne, solche Vorhaben betreffenden
Fragen in den Staaten selbst. In diesen Fällen liegt es in erster Linie
am Gouverneur, die Entscheidung der Bundesregierung in Washington
durch eine entsprechende Stellungnahme zu beeinf lusssn.
Infolge der zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen der
Bundesregierung und den Regierungen der Einzelstaaten auf Grund gemeinsamer Interessen besonders an sozialen Maßnahmen dürften die Gouverneurswahlen in diesem Herbst ein Spiegelbild der amerikanischen öffentlichen
Meinung in Angelegenheiten von keineswegs nur lokaler, sondern allgemein
innenpolitischer Bedeutung sein und eine dementsprechende Tragweite
besitzen.

* * * * *

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�A M E

K A D

WAHLJAHR

1956

E N S T

�WAHLJAHR 1956

III
Di

Rol e

er p

itischen Parteien in den USA

Seite

Die Bundes-Parte konvente in den Vereinigten
Staaten
Der V/ah I

dzug

Seite
Seite

Der geschieh liehe Werdegang der amerikanischen
Parteien
Die R M l e der Minderheitsparteien im
politischen Leben Amerikas
Politische Parteien u d offentli he

Seite
Seite

Meinung in den USA

Seite

Der Primat der Außenpolitik

Seite

Bildmaterial:

a)

Dwight D. Eisenhower während der großen
Wahlkampagne des Jahres 1952

b)

Adlai Stevenson, der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, während
des Wahlfeldzugs des Jahres 1952

c)

Vier amerikanische Bürger aus dem Mil ionenheer freiwilliger Helfer

d)

Auch die Jugend arbeitet mit

* * *

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE ROLLE DER POL ..TISCHEN PARTEIEH TN DEN USA
WASHINGTON - (AD) - Die hundert Millionen wahlberechtigter
Manne
star

und Fr uen in den Ver '.n'.g en Staaten sind ein ungeheuer
r po'it scher Fak\or. Dies

bedeutende politische Macht, die

sie v rkörper , bedeute e je och wenig
sche

ohne die von den amerikani-

Parteien in wichtigen Fragen der Innen- und Außenpolitik immer

wieder an den Tag gelegte Einigk it. Obwohl die amerikanischen Parteien
kein anderes Mittel als iie
•ich zu gewinnen, sind sie d

berzeugung.^kraft haben, um die Wähler für
h diejenige

Instanz in den USA, die

Mei ung und Zielse zung der Bevölkerung auf innen- und außenpolitisch

, militärisch m

syn t,ne-isiert und im

nd sozia" irtschaftlichem Gebiet analysiert,
ah pr gramm vertritt. Sie sind der Beweis dafür,

daß ein demokratisches V &gt;lk sicr sowohl der politischen und persön1 c tu Freiheit als auch einer ordentlichen Regierung erfreuen k a m .
Sc kam es, daß die Masse der amerikanischen Wähler am Tage d r
Vo ksentscheidung ihre S imme meist einer der großen Parteien gegeben
ha•. Zwar gab es in der

it nach 1826 verschiedene unabhängige poli-

tiche Bewegungen, die praktisch einer dritten Partei gleichkamen,
d'Ch fanden diese in den meisten Fällen immer nur wenige Anhänger.
D es geht auch aus der Parteienstatistik hervor, die besagt, daß in
d n Jah:en von 1928 bis 1948 keine der kleineren Parteien bei Präsident
schaf -swahlen nie mehr als 0,5 bis 2,5 Prozer.t der abgegebenen Stimmen
für sich buchen konnte, wenngleich sie auch mitunter stark genug waren,
um auf den Ausgang der Wahlen nicht ohne Wirkung zu bleiben.
Es "regiert" in den USA immer eine Partei, und sie trägt damit
die volle .'erantwortung für alles politische, wirtschaftliche und
soziale Geschehen, während U e andere bereitsteht, die gleiche Funktion
ebenso gewissenhaft und in ähnlicher Form zu übernehmen, wenn sie durch
die Wahl dazu berufen wird.
Mit die vielleicht wichtigsten Aufgaben der Parteien sind, das
amerikanische Volk über Gesetzesvorlagen, die dem Kongreß unterbreitet
werden, auf dem laufenden zu halten und es dazu anzuhalten, an den
Wahltagen tatsächlich und voll seiner staatsbürgerlichen Pflichten
zu genügen.

Dre Vorlage von Gesetzentwürfen durch die verschiedenen
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 19^6

verschiedenen politischen Parteien gibt der Wählerschaft Gelegenheit, die
be:derseitigen Standpunkte zu höre/ und daraus die eigene Meinung zu bilden.
Die Parteien der USA formulieren nicht nur die Wünsche und Forderungen ihrer Wählerschaft und stellen Regierungsprogramme auf, sondern wählen
und nominieren aus ihren Reihen auch Kandidaten für Ämter im öffentlichen
Diens'. Wird ein Kandidat für eine solche Aufgabe eingesetzt, gilt die
Partei, die ihn in Vorschlag gebracht hat, als Garant dafür, daß die
Ausübung dieses Amtes ordnungsgemäß und zur allgemeinen Zufriedenheit
geschieht, darüber wachen sowohl die Partei, die zur Zeit "am Ruder"
ist, als auch die, deren Ziel es ist, aus der nächsten fahl als Sieger
hervorzugehen.
Eine außerordentliche Bedeutung für die Vereinigten Staaten haben
die politischen Parteien auch dadurch, daß sie Millionen Menschen der
verschiedensten Rassen, Religionen, Kulturen und Berufsgruppen zusammenhalten .
Hinter jeder der amerikanischen Parteien stehen vier Gruppen von
Anhängern. Einmal sind es Personen, die einen großen Teil ihrer Zeit
der Parteiarbeit widmen

- Parteiführer und Organisatoren. Sie sind

ehrenamtliche und bezahlte Helfer sowie Anwärter und Inhaber von Ämtern
im öffentlichen Dienst. Dann folgt die zahlenmäßig stärkere Gruppe der
Mitglieder, die sich genau an die Parteilinie hält und sich aktiv einsetzt, wenn immer die Möglichkeit sich bietet. Die dritte Gruppe besteht
aus den Anhängern, die im allgemeinen mit den Auffassungen und der Arbeit
der Partei übereinstimmen, manchmal aber auch abweichender Ansicht sind,
kritisieren und gelegentlich sogar für den Kandidaten der Gegenpartei
stimmen. Schließlich gibt es noch die Wahlberechtigten, die eine Partei
zwar manchmal aktiv unterstützen, aber sich nicht an sie gebunden fühlen
wollen und daher als "Unabhängige" gelten.
Kein Bürger der Vereinigten Staaten, der das Stimmrecht besitzt,
kann in irgendeiner Form gezwungen werden, sich einer dieser vier Gruppen
anzuschließen oder sich parteipolitisch zu betätigen. Die Parteien erheben keine Mitgliedsbeiträge, und niemand kann ausgeschlossen werden, es
sei denn, man sieht sich dazu veranlaßt, nach außen hin zu bekunden, daß
die Partei nicht länger gewillt ist, für den Inhaber eines öffentlichen
Amtes als "Garant" einzutreten.
Die meisten Amerikaner sind entweder Republikaner oder Demokraten,
aber wie viele Anhänger jede der beiden großen Parteien tatsächlich
hat, kann lediglich geschätzt werden, da es keine Mitgliedskarteien
gibt.
* * * * *
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE BUNDES-PARTEIKONVENTE TN DEN VEREINIGTEN STAATEN
WASHINGTON -(AD) - Es war vor 124 Jahren, als auf dem Bundeskonvent einer der beiden großen amerikanischen Parteien der Plan
entstand, aus den Reihen der Teilnehmer Kandidaten für die höchsten,
durch Wahl zu besetzenden Ämter in den Vereinigten Staaten von Amerika
zu nominieren.
Der Vorschlag fand die allgemeine Zustimmung der Delegierten, und
so kam es auf diesem Bundeskonvent, der im Mai 1832 von den Demokraten
in Baltimore durchgeführt wurde, zum ersten Mal in der Geschichte der
USA zu einer Nominierung von Präsidentschaftskandidaten durch eine
Parteiversammlung. Einstimmig entschieden die Partei-Delegierten,
Andrew Jackson für eine zweite Amtsperiode als US-Präsident aufzustellen und als Vizepräsident Martin van Buren zu benennen. Damals
betrug die Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten nicht wie heute
167 Millionen, sondern nur 13 Millionen Einwohner.
Dieses System der Kandidatenaufstellung ist seit jener Zeit beibehalten worden, und auch in diesem Jahr werden die beiden großen Parteien in den USA ihre Kandidaten für die am 6.November stattfindenden
Präsidentschaftswahlen wieder auf ihren Bundeskonventen nominieren,
die für die Republikaner am 20.August 1956 in San Francisco und für
die Demokraten am l3«August 1956 in Chicago abgehalten werden.
Die Einberufung und Durchführung der Konvente ist ausschließlich
Sache der Partei und in keiner V/eise an irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen gebunden. Auch die Unkosten werden zum größten Teil von den
Parteien selbst bestritten? allerdings helfen die Städte gerne mit
einer finanziellen Unterstützung, wenn solche Veranstaltungen in ihren
Mauern stattfinden.
Es sind immerhin 10 000 bis 15 000 Amerikaner und Amerikanerinnen,
die an einem Bundes- Parteikonvent teilnehmen. Sie alle versammeln sich
in einem riesigen Saal, der mit Fahnen, Spruchbändern und Bildern ausgeschmückt ist. Es gibt in den USA kaum eine andere große festliche Zusammenkunft oder Tagung, auf der man noch farbenfrohere Dekorationen,
noch mehr spannungsvolle Erwartung findet als auf den Bundeskonventen.
Nach der offiziellen Eröffnung durch den Parteivorsitzenden folgt
ein kurzes Gebet mit der Bitte um Gottes Segen für die wichtige Ent-

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Entscheidung, die getroffen werden muß. Danach singen alle Anwesenden die amerikanische Nationalhymne "The Star Spangled Banner", und
anschließend wählen die Delegierten unter den vom Bundesausschuß der
Partei vorgeschlagenen Mitgliedern einen Vorsitzenden für die gesamte
Dauer des Konvents. Die Aufstellung des engeren Mitarbeiterstabes
dieses Vorsitzenden erfolgt durch Ernennung.
Nachdem die einzelnen Partei-Ausschüsse Bericht erstattet haben
und allgemeine Fragen erörtert worden sind, geht der Konvent zu einem
der wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung über» die Vorlesung des
Partei-Programms. Durch diese öffentliche Erklärung über die Prinzipien und Ziele der Partei erhält jeder Wähler vor seiner Stimmenabgabe im November Gelegenheit, sich über die Stellungnahme der Partei
in innen- und außenpolitischen Fragen sowie über die von der Partei
vorgesehenen Maßnahmen zum Wohle der Allgemeinheit zu informieren.
Unmittelbar nach der Verlesung des Parteiprogramms kommt es
zum Höhepunkt des Konvents, der Nominierung der Kandidaten für das
Amt des Präsidenten und das Amt des Vizepräsidenten der Vereinigten
Staaten.
Gewöhnlich bringen die Delegierten in einzelnen Gruppen, die
sich in beliebiger Zahl zusammengefunden haben, je einen Kandidaten
zum Vorschlag. Aus den Reihen dieser Anwärter wird dann der endgültige
Kandidat der Partei gewählt, und zwar dadurch, daß die Leiter der
Delegationen der Einzelstaaten in alphabetischer Reihenfolge die
Hand erheben und angeben, wie viele Stimmen von ihrer Delegation
für jeden einzelnen Vorgeschlagenen abgegeben werden. Der Abstimmungsvorgang wird so lange wiederholt, bis einer der Delegierten eine klare
Stimmenmehrheit erhält. Meistens erfolgt dann die endgültige Nominierung
des Präsidentschaftskandidaten einstimmig, um nach außen die innere Einheit der Partei zu demonstrieren.
Der von der Partei für das Amt des Vizepräsidenten der USA aufgestellte Kandidat wird im allgemeinen durch führende Parteimitglieder ausgewählt, nachdem sie darüber mit dem eben gewählten Kandidaten für das
Amt des US-Präsidenten beraten haben. Diese Nominierung muß sowohl die
Billigung des Kandidaten für das Präsidentschaftsamt als auch der Partei
selbst finden, da die beiden höchsten Ämter in den USA durch einen Wahlgang besetzt werden und die Partei auch den Wahlkampf für ihre beiden
Kandidaten gemeinsam führt. Zum Abschluß des Konvents wird die Entscheidung
über den Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten von allen Delegierten
gemeinsam gebilligt, und noch über einzelne Fragen von geringerer Bedeutung beraten. Die Bundeskonvente beider Parteien finden alle vier Jahre",
jeweils im Jahr der Präsidentschaftswahlen, statt.
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956
DER WAHLFELDZUG

(AD) - Schon ist die Kampagne zur Wahl des Präsidenten, des Vizepräsidenten und der Kongreßmitglieder für das Jahr 1956 in Amerika im
Gange. Ihren eigentlichen Impetus jedoch wird sie erst erhalten, wenn
die beiden großen Parteien, die Demokraten und die Republikaner, auf
ihren Partei-Konventen die Kandidaten für das Amt des Präsidenten sowie des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten aufgestellt haben.
Diese Konvente tagen im August, und im November findet dann die Wahl statt.
Immer mehr Bürger der Vereinigten Staaten neigen zu der Ansicht, daß
die Wahlkampagne, die sich von der Benennung der Kandidaten bis zur Wahl
über mehrere Monate erstreckt, eine zu starke Belastung für die Anwärter
auf die öffentlichen Ämter darstellt. Denn oftmals gehen die von den Parteien zur Nominierung ausersehenen Kandidaten schon lange vor dem Konvent
auf Wahlreisen, so daß sie nahezu ein Jahr ständig unterwegs sind. Das
bedeutet besonders für diejenigen', lie gegen eine starke Opposition antreten, daß sie in Hunderten von öffentlichen Versammlungen, über den
Rundfunk und im Fernsehen sprechen müssen.
So hat zum Beispiel General Eisenhower in der Präsidentschaftskampagne des Jahres 1952 insgesamt 228 Ansprachen gehalten und annähernd
80 000 Kilometer zurückgelegt; und Gouverneur Stevenson ist mit 203 Reden und 52 000 Kilometer nicht weit hinter ihm zurückgeblieben. Dazu
kommen noch die sogenannten "whistle-stop Speeches" (Bahnsteigreden),
die beide Kandidaten in zahllosen kleineren Städten und Orten, die
sie auf ihren Wahlreisen passierten, sozusagen aus dem Stegreif halten
mußten.
Wohl wird der Kampf der beiden Kandidaten um das Amt des Präsidenten mit größter Leidenschaft geführt und mit gespanntester Aufmerksamkeit vom ganzen Volke verfolgt. Doch darf man nicht vergessen,
daß gleichzeitig Tausende von Kommunal-, Kreis- und Staatsbeamten
30wie ein Drittel der Senatoren und sämtliche

Mitglieder des Reprä-

sentantenhauses neu gewählt werden.
Die Wahlkampagne in Amerika ist zweifellos eine aufreibende
Angelegenheit. Aber sie dient auch manchem guten Zweck. Hier lernt der
Staatsbürger die von ihm mit einem öffentlichen Amt zu betrauenden Persönlichkeiten kennen. Hier stellt sich heraus, ob es Männer - oder
Frauen - mit einer echten, gefestigten politischen Überzeugung sind,

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6. Juni 1956

sind, fähig, den Rat anderer anzuhören, und sich doch eine eigene
Meinung zu

ilden; ob es Persönlichkeiten mit Mut, klarem Verstand

und einwa dfrei m Charakter sind.
Unter den mannigfaltigen Anforderungen und Belastungen der
Wahlkampagne zeigt es sich, aus we . ehern tlolz ein Kandidat geschnitzt
ist. Mag er sich nun um das Amt des Präsidenten, eines Senators oder
eines Abgeordneten bewerben - von allen Seiten dringt man auf ihn ein,
seine Ansichten über innenpolitische und internationale Fragen zu
äußern. Er muß sich mit der Außenpolitik, mit wirtschaftlichen und
sozialen Problemen befassen. Er muß den Standpunkt der führenden
Männer seiner Partei kennen. Er muß bereit sein, die traditionelle
Politik seiner Partei abzulehnen, wenn sie den Angehörigen seines
Wahlbezirkes nicht genehm ist und seiner eigenen Überzeugung widerspricht. Auf seinen Reisen durch seinen Wahlbezirk, seinen Staat oder
das ganze Land darf er sich nicht nur mit Politikern und führenden
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterhalten, sondern muß
versuchen; mit möglichst vielen einfachen Bürgern in Kontakt zu kommen,
um ihre Ansichten, ihre Sorgen und Nöte, die Schwierigkeiten ihrer
Heimatgemeinden kennen zu lernen.
All dies stürmt auf den Kandidaten während der Wahlkampagne ein.
Er muß diese Dinge verarbeiten und Stellung dazu nehmen. Und wenn er
die Punktion des von ihm angestrebten politischen Amtes richtig versteht, so wird er sich in seinem Denken und Handeln stets sowohl von
eigenen Erkenntnissen als auch von der Meinung des Volkes leiten
lassen - denn er ist sowohl Vertreter des Volkes als auch Führer.

* * * * *

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�AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DER GESCHICHTLICHE WERDEGANG DER AMERIKANISCHEN PARTEIEN

(AD) - Im Laufe der 180jährigen Geschichte der Vereinigten
Staaten haben die "beiden großen amerikanischen Parteien, deren An*
fange auf die Gründungszeit der Republik zurückreichen, sehr unterschiedliche Bezeichnungen geführt.
In den achtziger Jahren des 1 S.Jahrhunderts entwickelten sich
unter den Articles of Confederation - dem obersten Gesetz, das sich
die 13 amerikanischen Staaten vor der späteren Verfassung gegeben
hatten - zahlreiche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Handel und Gewerbe verlangten deshalb nach einer starken Zentralregierung. Sie bezeichneten sich selbst als Föderalisten im Gegensatz zu den Farmern
und Pflanzern, die Anti-Föderalisten. Die letzteren waren ganz zufrieden mit dem losen Zusammenschluß von Staaten, wie er unter den
Articles of Confederation bestand und wendeten sich deshalb gegen
eine Ratifizierung der Verfassung, die eine Stärkung der Zentralgewalt vorsah. Als sie mit ihrer Auffassung nicht durchdringen konnten
und in der diesbezüglichen politischen Auseinandersetzung den kürzeren
gezogen hatten, fanden sie sich schließlich mit der Verfassung ab und
lösten sich als politische Gruppe auf.
Die Föderalisten übten dann zwölf Jahre hindurch, während der
beiden Amtsperioden Washingtons und der von John Adams, die Kontrolle
über die Regierung aus; in diesem Zeitabschnitt konsolidierte sich
die Zentralregierung.
Bei der Landbevölkerung stießen die Föderalisten mit ihrem Regierungsprogramm auf wenig Gegenliebe. Die Farmer hatten das Gefühl
einer großen Benachteiligung durch das von den Föderalisten entwickelte Steuersystem. Aus diesem Grund scharte sich die Landbevölkerung um
Thomas Jefferson, der später cer dritte Präsident der Vereinigten
Staaten werden sollte, und gründete die (Jeffersonsche) Republikanische Partei. Diese Kreise drängten auf buchstabentreue Einhaltung der
Verfassung und wandten sich gegen ihre sehr freizügige Auslegung im
Sinne einer Verstärkung der Befugnisse des Bundes.
Im Jahre 1798 erließen die Föderalisten Gesetze, die die Deportation "gefährlicher Ausländer" gestatteten und die Kritik an der Re-

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6. Juni 1956

Regierung untersagten. Die Republikaner lehnten diese Gesetze als
verfassungswidrig ab and konnten bei den Präsidentschaftswahlen im
Jahre 1801 mit ihrer Parole von der Notwendigkeit einer Stärkung
der Rechte der Einzelstaaten ihren Kandidaten Thomas Jefferson
durchbringen. Das war der Anfang vom Ende der Föderalisten, deren
politischer Einfluß bald völlig aufhörte.
Mehr als ein Jahrzehnt lang nach dem Krieg gegen England
von 1812 bestand so etwas wie eine Einparteien-Regierung unter den
Republikanern. Doch bald bildeten sich innerhalb der Republikanischen Partei zwei Flügel heraus - die "alten Republikaner", die
an dem ursprünglichen Grundsatz einer strengen Begrenzung der Befugnisse der Bundesregierung festhielten und die "jungen Republikaner", die eine stärke* Bundesregierung erstrebten.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1824 stand die Republikanische Partei allein im Wahlkampf, in dem sich vier ihrer führenden
Männer um die Präsidentschaft bewarben. John Quincy Adams behielt die
Oberhand über Andrew Jackson, der ebenfalls über eine starke Anhängerschaft verfügte. Aus diesem Wahlkampf entwickelte sich in den
zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein rechter Flügel,
die National-Republikaner (die Anhänger von Adams und späteren Whigs)
und ein linker Flügel, die sogenannten Demokratischen Republikaner
unter Jackson, die man bald nur noch die Demokraten nennen sollte.
Die Demokratische Partei unserer Tage stammt also aus der Zeit
der Wahl Jacksons zum Präsidenten im Jahr 1828, wenngleich ihre ersten
Anfänge und politischen Grundsätze auf Jefferson zurückgehen, den die
Demokraten den politischen Vater ihrer Partei nennen.
In den Jahren nach 1830 entwickelte sich aus den Reihen der
National-Republikaner die Partei der Whigs, die als Vertreter der
Interessen des Handels und des Gewerbes in Opposition zu Jackson trat.
In den Jahren 1840 und 1848 stellten die Whigs den Präsidenten. Über
der Sklavenfrage, die in den Jahren nach 1850 immer mehr in den Vordergrund trat, kam es dann zur Spaltung dieser Partei und zur schließlichen Auflösung.
Das Kansas-Nebraska-Gesetz vom Jahre 1854 erlaubte die Haltung
•- nördlichen Trans-Mississippi-Territorium. Dieses Gesetz
Auseinandersetzungen, und so zog im Jahre

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6. Juni 1956

Jahre I854 eine Mehrheit von Parteilosen in den Kongreß ein, die
allgemein nur als Anti-Nebraska-Leute bezeichnet wurden und ihre
Aufgabe darin sahen, das genannte Ersetz zu Fall zu bringen.
Zusammen mit Whigs, die sich ebe Calla gegen die Sklaverei wandten,
bildeten sie: die Republikanische Partei und wählten Abraham Lincoln
zum Präsidenten.
Als si h im Jahre 1861 die Nord- und Südstaater. über der Sklavenfrage entzweiten und der Süden im Sezessionskrieg die Loslösung von
der Union erstrebte, schlössen sich viele uniontreue Demokraten aus
dem Norden mit dön Republikanern in der sogenannten "Verfassungs- und
Unions-Partei" (Constitutional Urion Party) zusammen, die allerdings
schon bald nach dem Krieg zu besteh-n aufhörte, da sich ihre Mitglieder den Republikanern oder Demokraten anschlössen.
Nacli

em Jahre 1826 kam es zur ""ründung mehrerer kleinerer Partei-

en, die zum Teil sogar eine wichtige Rolle in der örtlichen, regionalen
und nationalen Politik gespielt haben. Die meisten dieser Parteien bestanden aber nur kurze Zeit; dennoch ist ihr Einfluß nicht zu unterschätzen, sind ihre Mitglieder doch häufig den beiden großen Parteien
beigetreten und haben deren Politik mitgestaltet. In manchen Fällen ist
es kleineren Parteien sogar gelungen, so viel Stärke zu gewinnen, daß
sie die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen beeinfluSBani konnten.
Das Programm einer solchen kleineren Partei - der Populist Party wurde im Jahre I896 zum bestimmenden Element der amerikanischen Innenpolitik und lebt noch heute in der Demokratischen Partei weiter. Die
Demokraten haben damals ihren Kurs radikal geändert und sich die Auffassung der Populisten in

er Frage eines staatlichen Eingreifens in

die V/irtschaft im Interesse des gesamten Volkes zu eigen gemacht.
In Wahljahren leg n die großen Parteien der Bevölkerung des Landes
ihr Wahlprogramm vor, ine rMärung bezüglich der Grundsätze und Vorhaben, für die sie im Falle p m e s Wahlsieges einzutreten beabsichtigen.
Diese 7/ahlproGramme ur.terso:" ..den sich meist in innerpolitischen Fragen,
in den großen außenpolitische. Fragen sind sie jedoch im allgemeinen
ähnlich, gelegentlich s igar -ollig gleich.
Alles in allem genomme: , stellen die mehr als 100 Mill .7/ähler in den
USA eine gewaltige Macht dar. Diese Macht aber würde zersplittert und durch
das Gegeneinander zahlreicher Kräfte wirkungslos werden, gäbe es nicht die
Parteien,die sie organisieren and auf ein Ziel ausrichten. Die Parteien
sind der Kristallisationspun't. um den sich die Wähler scharen, um ihrem
politischen Wi.ien Ausdruck und Geltung zu verschaffen. Die Beleuchtung
der politiachen Tagesi'ragen uur-h die "precher der Parteien ermöglicht es
dem Wähler, seine auf Ke.intms der politischen Fakten beruhende freie
Entscheidung zu treffen«
* * * * *

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AMERIKA DIENST"
DIE ROLLE DET MINDERHEITSPARTEIEN IM
POLITISCHEN LEBEN AMERIKAS

(AD) —

Wohl ist das Zwei-Parteien-System in den Vereinigten

Staaten seit den frühesten Tagen der jungen Republik fester Bestandteil der amerikarischen Regierungsform, und der Wille der Mehrheit best mmt den politi chen Kurs des Landes. Daneben aber hat es im Laufe der
Geschichte e ne ganze Reihe von Minderheitsparteien gegeben, die bei
den großen nationalen Wahlen die Unterstützung des Volkes für ihre
Wünsche und Ansichten zu gewinnen suchten, und so haben auch die Minderheiten von jeher einen starken formenden Einfluß auf das öffentliche
Leben Amerikas ausgeübt.
Bei diesen Minderheitsparteien handelte es sich niemals um ethnische, rassische oder religiöse Gruppen. Sie entstanden vielmehr stets
als Verfechter bestimmter praktischer Interessen und Grundsätze. Ihre
politische Skala reichte von d„r "ußersten Rechten bis zur äußersten
Linken. Aus ihren Namen ist oft .ch n zu ersehen, wofür sie eintreten:
da gab es die Freimarrergegner, die Frei-Land-Bewegung, die Prohibitionisten, die Sozialisten, die Populisten und Kommunisten, die Arbeiterund die Arbeiter- und Bauernpart 1.
Die bedeutendste dieser kleinen Parteien war die Partei der Populisten, auch V lkspartei genannt, sie wu de an äßl'ch der Wahlkampagne
des Jahres 1892 ins Leben gerulen, besta d et a ein Jahrzehnt und verschwand dann wioder von der Bildfläche. An''aß zu ih er Entstehung war
die Unzufriedenheit der Landbevölk rung mi; der Wi t chaftspolitik
der beiden großen Parteien. Ihre Ziele wäre

f ei

und unbegrenzte

Prägung von Gold- und Silbermünzen, b schl u igte St igerung des Geldumlaufs, um den Anforderungen der wachsenden Indus r'e zu gen"gen,
Überführung von Eisenbahnen, Telegraph, Telephon und La. htversorgung
in öffentlichen Besitz sowie unmittelbar

Wahl der S natoren durc

die

Wähler.
Dieses Programm fand einen überraschend starken W:'.de.hall in der
Bevölkerung. Bei den Präsidentenwahlen 1892 erh elten die Populisten

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Populisten reichlich eine Million Stimmen. Vier Jahre später bildeten
sie einen gemeinsamen Block mit den Demokraten und konnten nahezu 6,5
Millionen Stimmen für sich erringen. Ihr Verschwinden ist im wesentlichen auf drei Ursachen zurückzuführen: den zunehmenden Wohlstand der
Farmer nach 1900, das Bündnis mit den Demokraten und vor allem auf
die Erfüllung der meisten ihrer Forderungen.
Die 1869 gegründete Prohibitionspartei konnte sich am längsten
behaupten. Sie kämpfte gegen die Legalisierung des Alkoholhandels,
die sie als "einen Verstoß gegen die obersten Pflichten einer Regierung" bezeichnete. Ihren größten Erfolg errang diese Partei im Jahre
1892, als der von ihr aufgestellte Kandidat General Bidwell 270 000
Stimmen für sich buchen konnte.
Bisher ist es noch keiner Minderheitspartei gelungen, ihren Präsidentschaftskandidaten durchzubringen.
Ihr eigentliches Ziel ist es auch meist gar nicht, den Präsidenten
zu stellen; sie suchen vielmehr möglichst weite Kreise für ihre Ideen
zu gewinnen, und zwingen so die beiden großen Parteien, ihr Programm
weitgehend zu übernehmen, da sie auf die Stimmen der unabhängigen
Wähler nicht verzichten können. Auf diese Weise ist es diesen kleinen
Parteien oftmals gelungen, zumindest einen gewissen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen.
Aber nicht nur auf dem 7/ege über politische Parteien suchen die
Minderheiten in den USA ihren Einfluß geltend zu machen. Die Amerikaner
haben von dem in den ersten zehn Zusatzartikeln zur Verfassung - der
Bill of Rights - verankerten "Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Mißständen
zu ersuchen" seit jeher weitgehend Gebrauch gemacht. Manche Bewegung,
die von einer kleinen Gruppe ausging, hat schließlich so weite Kreise
erfaßt, daß sie die gesetzliche Verankerung der von ihr angestrebten
Ziele erreichen konnte. Man denke nur an die Bewegung für das Frauenwahlrecht, das Recht der Arbeiter auf gewerkschaftlichen Zusammenschluß,
das Verbot der Kinderarbeit sowie die Bestimmungen über den Verkauf
•
unverfälschter Lebensmittel und Medikamente.

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Gelegentlich arbeiten kleinere Gruppen, die die Verwirklichung
politischer Ziele anstreben, innerhalb der großen politisc-en Parteien.
Ein Beispiel hierfür waren die "Abolitionisten' , die Gegner der Sklaverei,
die im vergangenen Jahrhundert über die Republikanische Partei die Abschaffung der Sklaverei anstrebten und erreichten. Oft genug aber besitzt eine ihrer Natur nach unpolitische Interessenvertretung genug
Stoßkraft, um in ihrem Sinne auf die öffentliche Meinung ei zuwirken
und üoer diese wiederum die Gesetzgebung ihres Einzelstaates oder der
Union zu beeinflussen. Zu den bekanntesten Vereinigungen die er Art
gehören unter anderem der Amerikanische Bauernverband, der Amerikanische
Landwirtschaftliche Zentralverband, die erst kürzlich zusammengeschlossenen Gewerkschaftsverbände AFL und CIO, der Amerikanische Ärzteverband, der Verband Amerikanischer Bankiers, der Amerikanische Verband
für Bürgerrechte und der Rat der Christlichen Kirchen Amerikas.
So ist fast jede soziale, politische und wirtschaftliche In eressengruppe in den Vereinigten Staaten durch eine Gesellschaft ode^ einen
Verein vertreten. Diese Gruppen unterrichten die breite Öffentlichkeit
durch Versammlungen, Publikationen und Tagungen über die von ihnen vertretenen Ideen. Sie lassen Petitionen zirkulieren und regen die Öffentlichkeit an, zu den in Vorbereitung befindlichen Gesetzen Stellung

u

nehmen und den Kongreß über ihre Ansichten zu informieren.
Viele dierer Vereinigungen haben auch ihre bezahlten Agenten, iie
sogenannten "Lobbyisten', die in den Wandelhallen (Lobby) des Kongreßgebäudes die Abgeordneten oder Senatoren für ihre Sache zu gewinnen
suchen. Die Tätigkeit dieser Lobbyisten, ihre Befugnisse und Rechte,
sind gesetzlich genau festgelegt. Sie werden häufig auch vor Kongreßausschü se geladen, um sachdienliche Auskünfte zu den ge &gt;1 mten gesetzgeberischen Maßnahmen zu machen. Sie versorgen die Kongreßmitglieder
gegebenenfalls mit dem Tür den Er aß - oder die Unterbindung - ei es
Gesetzes erforderlichen Tatsachenmaterial.
Dieses wechselseitige Kräftespiel der verschiedenen Verbände und
Gesellschaften, die jeweil

über einen starken Rückhalt in den einzel-

nen Bevölkerungsschichten ve -fügen, trägt wesentlich zur Sicherung und
Erhaltung der demokratischen Staa sform in den USA bei.

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

POLIT.3CHE PARTEIEN UND ÖFFENTLICHE MEINUNG IN DEN USA

(AD) —

In

eder

'emokr-- ie stellt die öffentliche Meinung die

Macht dar, die hinter de. R gie- ng steht. In den Vereinigten Staaten
jedoch ist wegen d^s Umfangs der B

erung so

e der großen Zahl der

in ihrer Haltu g stark vo ei ander abwei henden Gruppen und verschiedenartige'

teressen

&gt;r j

e

ige Standpunkt der Öffentlichen Mei-

1

nung nich , leich

rora s ahzu chätz n.

Die pol t-seh'

Pa te

sind in den

ere'nigten Staate1- aus dem

Bestreben der Staatsbü'ger erwa h en, gern 1 sar e Grundlagen herauszu'nden, auf dener
s

'ie v e n n v rs hi'ed1 n n Gruppen zu einer uberein-

mmung gelangen m d damit d e

eg-erung durch die Zustimmung der

Reg:' ^rten sichern kr mer .
In der amer'kanischen Ve" fas^ung werder pol't -che Parteien überhaup

nicht erwähnt. Dennoch ha en s'e stets

in? wichtige Rolle in der

dem'k atischen Entwi klung dtr Ve einigt n Staa en gespi lt. Denn es
erw es sich als notwendig, der öff&gt;ntlich' n Mein
keiten

u verschaffen, sich zur Geltung zu

Gestal - ng der Regierungspolitik prak
Lücke

g geregelte Möglich-

r n.en, un" ihr bei dir

sehen Einfluß einzuräumen. Diese

ü lten die Parteien aus.
1

Di - älteste der heute noch bestehe' den amerikan s~hen Pa teien,
d'e Demo ratische Partei, ist die politische Erbin einer Bewegung, die
in den sr. " en
Jeffers n a

790er Jahren von dem dama igen

z Präsidenten.Thomas

dem Gefühl heraus ins Li-ben gerufen wur'e, daß die Grund-

sätze der Föceralisten, der zu jener Zeit herrsche de

Par e , ni ht

mit der Verfassu g vereinbar seien. Bei den Wahler des Jahres 1800
untp br-1t ter Jefferson und seine Anhänger diese F^age den Abstimmender, mi. dem Ergebnis, daß er, Jef erson, zum Prä'identen gewählt
wurde.
Was Je fers'n und seine Partei im Jahre 1800 taten, stellt eine
der gro: n u d wecentlichen Funktionen e ner politisc
jeder Demokra ie dar - nämlich die Aufgabe, das Interesse

Par .ei in
er öffent-

lichen Meining auf einen Brennpu kt zu kon entrieren und die Parolen

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"AMERIKA DIENST"

Parolen für die Volkswahl vorzubereiten. In den Vereinigten Staaten
sind die politischen Parteien und die öffentliche Meinung eng miteinander verknüpft.
Amerikas Wählerschaft, mit ihren zwei großen politischen Parteien,
setzt sich aus vielen auseinanderstrebenden Gruppen zusammen. Die Aufgabe der politischen Parteien besteht nun darin, diese unendlich verschiedenen rassischen und sozialen Gruppen, wirtschaftlichen, lokalen
und partikularistischen Interessen für die Zwecke des repräsentativen
Regierungssystems zusammenzufassen. Auf diese V/eise wird der öffentlichen Meinung eine Richtung gegeben und ihr Ausdruck verliehen.
Alle vier Jahre, im Sommer vor dem Wahltag im November, tritt
jede politische Partei zu einem Konvent zusammen, um eine Wahl-Plattform auszuarbeiten - das heißt eine Erklärung über die Parteipolitik
in bezug auf die großen zur Entscheidung stehenden Fragen und über die
leitenden Grundsätze überhaupt, welche die Partei zu vertreten verspricht -, eine Plattform, die für die verschiedenartigen Elemente,
aus denen sich die Partei zusammensetzt, möglichst gleichermaßen annehmbar ist. Das ermöglicht den Wählern, sich auf Grund der Politik und der
Programme der beiden Parteien für die eine oder die andere zu entscheiden.
Nachdem man sich in beiden Lagern über die Plattform geeinigt hat,
wird diese im Laufe eines sehr intensiven Wahlfeldzuges, der von den
Männern und Frauen, die sich um ein Amt bewerben, geführt wird, den
Wählern immer v/ieder eingehämmert. Jeder Kandidat legt seiner Wahlkampagne die Grundsätze des von seiner Partei aufgestellten Programms zugrunde. Den Wählern werden d-&gt;e Argumente für jedes der beiden Parteiprogramme wieder und wieder dargelegt, und dann treffen diese ihre Entscheidung.
Da der Wähler häufig nicht alle Konsequenzen, die sich aus seiner so oder so getroffenen Entscheidung ergeben, von vornherein zu übersehen vermag, bemühen sich die pol tischen Parteien, durch ihre Wahlkampagne zur Aufklärung der politischen Meinung auch in dieser Hinsicht
beizutragen. Indem sich der Wähler, nachdem die Parteien alle zur Debatte stehenden Fragen kritisch erörtert haben, für die Republikaner
oder die Demokraten entscheidet, bestimmt er damit, welcher Aktionsrichtung er den Vorzug gibt; und durch die Stimmabgabe für einen
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

einen Präsidentschaftskandidaten und einen Kongreß, welche diese Richtung vertreten, gibt der Bürger zugleich seine politischen Wünsche bekannt. Es liegt dann in der Verantwortlichkeit der gewählten Partei das heißt des Präsidenten u.d der Kongreßmitglieder dieser Pa 'te_ -,
die bei der Abstimmung zutage getretenen Wünsche der öffentlichen Meinung nach Möglichkeit zu verwirklichen, (in vielen Fälle., allerdin s,
vor allem in auswärtigen Angelegenheiten, verfolgen der Präsident und
beide Parteien - in überparteilicher Aktion - eine gemeinsame Politik,
um ein von allen gleichermaßen erstrebtes Ziel zu erreichen.)
Demgemäß obliegen der politischen Partei drei Hauptfunktionen:
1. die öffentliche Meinung zu lenken; 2. den Sieg bei der Wahl zu erringen, und 3« dafür zu sorgen, daß die Wünsche der Wähler Gesetzeskraft
erhalten.
Zuweilen ist es in der amerikanischen Politik vorgekommen, daß ein
erheblicher Teil der öffentlichen Meinung nicht mit der Art und Weise
zufrieden war, in der die beiden großen Parteien sich einer von ihr
für wichtig gehaltenen Frage gegenüber verhielten. Bei einigen dieser
Anlässe trat dann eine dritte Partei auf. Solche kleineren Parteien
bilden sich, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre Anschauungen zu lenken, in der Hoffnung, daß die öffentliche Meinung dann die
eine oder die andere der beiden großen Parteien oder gar beide zwingen
wird, ihren Standpunkt sich zu eigen zu machen. Tritt dieser Fall ein,
dann löst sich meist die dritte Partei ebenso schnell wieder auf, wie
sie entstand, da ihr Zweck erfüllt ist.
Die gegenwärtige Republikanische Partei war ehemals auch eine
dritte Partei. Sie wurde 18 54 ins Leben gerufen, um in der Hauptfrage
der damaligen Zeit - der Frage der Sklaverei - ihr Votum in die Waagschale zu werfen. Da die beiden großen Parteien in jenen Jahren, die
Demokraten und die Whigs, in dieser Frage von innen her gespalten
waren, war keine von ihnen in der Lage, hier einen festen Standpunkt,
dafür oder dagegen, einzunehmen. So gewannen die Republikaner aus beiden Parteien die Unterstützung von Gegnern des Sklavensystems, und anstatt die eine oder die andere zu zwingen, sich ihre Haltung in dieser
Frage zu eigen zu machen, erhielten sie genügend Unterstützung aus der
Wählerschaft, um eine ständige politische Partei zu bilden. Im Jahre
1860 wählte die Bevölkerung Abraham Lincoln zum Präsidenten, und die
Republikanische Partei wurde fortan zu einer der großen Parteien.
Innerhalb des traditionellen "Zwei-Parteien"-Systems der Vereinigten Staaten weisen die Parteien, welche den engsten Kontakt mit der
öffentlichen Meinung haben, auch die längste Lebensdauer auf.
******
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�"AMERIKA DIETTST"

6. Juni 1956
DER PRIMAT DER AUSSENPOLITIK

(AD) - Das heute in Amerika bestehende Parteiensystem macht es
möglich, alle lebenswichtigen, insonderheit politisch strittigen
Fragen vor das Forum der Wähler zur Entscheidung zu bringen und dadurch selbst die tiefsten Gegensätze, die sich auf dieser Ebene manchmal im Volke zeigen, zu überwinden. Denn nachdem dieses gesprochen
hat, wird die Nation sich stets zusammentun, um die Politik, die die
Billigung der Mehrheit gefunden hat, auch wirklich durchzusetzen.
Nicht selten sind die Fragen, die bei den Wahlen zum Austrag
kommen, von fundamentaler, den Gang der nachfolgenden Außen- und
Innenpolitik unmittelbar bestimmender Bedeutung. In solchen Fällen
wird das ganze Land aufgerüttelt. Politische Instinkte werden entfesselt, die Leidenschaften schlagen hoch - doch die Parteien verstehen gewöhnlich, sie in die richtige Bahnen zu lenken.
Nur ein einziges Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten
ist es nicht gelungen, mit den friedlichen Mitteln der Politik eine
vom ganzen Lande anerkannte Entscheidung herbeizuführen. Die Frage
nach Abschaffung oder Beibehaltung der Sklaverei teilte die amerikanische
Union in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in zwei Lager; es kam zum
Bürgerkrieg, der nach fünf Jahren erbitterten Kampfes die Nation letzten
Endes nur enger zusammenschloß.
In anderen grundsätzlichen Fragen, derentwegen es ebenfalls zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war, brachten jedoch die Wahlen
die Entscheidung. Hierzu gehörten beispielsweise die Auseinandersetzungen über Schutzzölle, die fast hundert Jahre lang die Präsidentenwahlen überschattet und eine tiefe Kluft zwischen den beiden großen
Parteien aufgerissen hatten. Zu einer anderen, nicht weniger tiefgreifenden Streitfrage wurde das Problem der Währung, die nach dem Willen
der einen auf Gold, nach dem der anderen jedoch auf Silber basiert werden sollte. Und schließlich stritten sich die Parteien nach dem ersten Weltkrieg auch über die Frage, ob die USA Mitglied des Völkerbundes werden
sollten oder nicht. Die politischen Leidenschaften, die von den Befürwortern und Gegnern dieser Alternativfrage entwickelt wurden, erreichten - vi« schon oft - den Siedepunkt. Zu guter Letzt jedoch kam es auf
Grund vernünftiger Erwägungen noch immer zu einem Übereinkommen, das
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

das vielleicht den Charakter eines Kompromisses zwischen den Parteien trug, aber sich noch stets als das praktisch Klügste und auch
das Beste herausstell e.
Am wirksamsten aber hat sich die politische Disziplin über alle
Parteigegensätze hinweg immer dann erwiesen, wenn es galt, das Bemühen
der Union um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu unterstützen.
Vor allem, wenn es sich um die Beilegung internationaler Krisen handelte,
haben die Amerikaner sich besonders eng zusammengeschlossen und vorbehaltlos hinter ihre aus freier Wahl hervorgegangenen Regierung gestellt.
Ein geradezu klassisches Beispiel dafür bildete das Verhalten Wendeil
Willkies, des republikanischen Kandidaten für die Präsidentenwahl von
1940, der sofort nach seiner Wahlniederlage seinen großen Einfluß dazu
gebrauchte, die Unterstützung der Republikaner für die Außenpolitik
der demokratischen Regierung zu gewinnen. Das erkannte auch Präsident
Franklin D. Roosevelt an, als er einmal ausdrücklich feststellte, daß
die Vereinigten Staaten "jedenfalls weder das Pacht- und Leihgesetz,
das Dienstpflichtgesetz noch Jine ganze Menge anderer Dinge hätten, wenn
es keinen Wendell Willkie gegeben hätte. Er wurde in dem Augenblick,
als wir seiner am meisten bedurften, zu einem wahren Segen für dieses
Land."
Im Verfolg einer solchen Politik war es nur natürlich, daß sich die
Führer der großen Parteien immer häufiger zusammensetzten, Abstriche von
den eigenen Forderungen machten und auf diese V/eise nach und nach eine
politische Linie entwickelten, die im Grunde überparteilich ist. Das
zeigte sich nicht zuletzt darin, daß bei internationalen Anlässen den
amerikanischen Regierungsmissionen auch Mitglieder der bei der Wahl
unterlegenen Partei zur Unterstützung beigegeben wurden.
So wurde beispielsweise John Foster Dulles, Außenminister der
gegenwärtigen republikanischen Regierung, selbst ein alter Republikaner,
schon unter dem demokratischen Präsidenten Truman der amerikanischen
Delegation zu den Vereinten Nationen als beratendes und später sogar als
ordentliches Mitglied beigeordnet. Außerdem fungierte er im Kabinett
Präsident Trumans als Sonderberater im Außenamt und war als solcher auch
der eigentliche Schöpfer des japanischen Friedensvertrages.
Aber es gibt wohl keinen Namen, der noch enger mit der völligen Unparteilichkeit der amerikanischen Außenpolitik verbunden wäre als der

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�"AMERIKA PIEKST"

6. Juni 1956

der Arthur H. Vandenbergs, des - verstorbenen - republikanischen
Senators vom Staate Michigan. Vandenberg hatte noch während des zweiten
Weltkrieges seine Überzeugung, daß Am-rika eine isolationistische Politik betreiben müsse, über Bord geworfen und war statt dessen zum leidenschaftlichen Verfechter interparteilicher Zusammenarbeit auf dem Gebiet
der Außenpolitik geworden. Einen der beachtlichsten Beiträge, die er als
Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses und Mitglied verschiedener Delegationen geleistet hatte, bildete die sogenannte Vandenberg-Resolution zum Artikel 51 der UN-Charta, der Vorkehrungen zur Erhaltung einer regionalen Kollektivsicherheit vorsieht und zur eigentlichen Grundlage der Nordatlantikpaktorganisation wurde.
Ganz gleich, welcher Meinung hierzu und zu anderen lebenswichtigen
Fragen die Parteien im einzelnen waren und heute sind, ganz gleich auch,
wie hart die politischen Gegensätze gelegentlich einer Wahl aufeinanderprallen und mit welcher Erbitterung die Kämpfe gegeneinander geführt
werden - bis auf ganz wenige Ausnahmen hat sich bisher noch immer erwiesen, daß die Amerikaner durchaus in der Lage sind, dort, wo es um
wirklich fundamentale Dinge geht, die notwendige Einigkeit über parteipolitische Differenzen zu stellen.

* * * * *

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�WORTLAUT DER REDE DEo ERSTEN SEKRETÄRS DER KPdSU
KIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DELi XX. PARTEIK0K0RS5S IM IoÜJKAU

�WORTLAUT DER REDE DES ERSTEN SEKRETÄRS DER KPdSU
NIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DEM XX.PARTEIKONGRESS IN MOSKAU

Das amerikanische Außenministerium hat am
4.Juri 1956 die in Washington vorliegende
Version der Rede des Ersten Sekretärs der
KPdSU veröffentlicht, die dieser am 25.Februar 1956 vor dem XX.Parteikongreß in Moskau gehalten hat.
Das amerikanische Außenministerium gab dazu
folgende Erklärung ab»
"Das amerikanische Außenministerium hat kürzlich aus einer vertraulichen Quelle ein Exemplar eines Dokuments erhalten, das offenbar eine
Version der Rede des Ersten Parteisekretärs
Nikita Chruschtschow ist, die er auf dem XX.Parteikongreß der KPdSU am 25.Februar 1956 hielt.
Zu der Sitzung waren nur die Delegierten aus
der UdSSR zugelassen.
Das Dokument wird auf Grund zahlreicher Anfragen veröffentlicht. Die vorliegende Version ist
dem Vernehmen nach als Anleitung für die Parteiführerschaft einer kommunistischen Partei außerhalb der Sowjetunion ausgearbeitet worden. Das
amerikanische Außenministerium kann sich für
die Authentizität des Dokuments nicht verbürgen
und möchte mit seiner Veröffentlichung es für
sich selbst sprechen lassen".
Die vorliegende Rede hat folgenden Wortlaut!
Genossen! Im Bericht des Zentralkomitees der Partei an den
XX.Parteikongreß, in einer Anzahl von Reden der Parteikongreßdelegierten und schon zuvor auf den Plenarsitzungen des ZK der KPdSU
ist vieles über den Persönlichkeitskult und seine schädlichen Folgen gesagt worden.
Nach dem Tode Stalins leitete das ZK der Partei eine Aufklärungspolitik ein, um mit zwingender Konsequenz nachzuweisen, daß
es unzulässig und dem Geiste des Marxismus-Leninismus zuwider ist,
eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen,
der
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�Die große Bescheidenheit des Genius der Revolution, Wladimir
Iljitsch Lenin, ist bekannt. Lenin betonte immer die Rolle des Volkes
als Schöpfer der Geschichte, die leitende und organisatorische Rolle
der Partei als eines lebendigen und schöpferischen Organismus und
ebens. die Rolle des Zentralkomitees.
Der Marxismus negiert aber nicht die Rolle der Führer der Arbeiterklasse bei der Leitung der r volutionären Befreiungsbewegung.
Während er der Rolle Jer Führer und Organisatoren der Hassen große
B«»deitung beimaß, brand narKte Lenin gleichzeitig schonungslos jede
Äußerung des Person!icrtkejtskults, bekämpfte unerbittlich die dem
Marxismus fremden Auffass ngen üter den 'Helden" und die "Menge'
usd verwahrte s.ch g€gen jeden Verbuch, den Massen und dem Volk einen
•ielden" gegenüberzustellen.
Lenin lehrte, daß die Stärke deJf Partei auf ihrer unauflöslichen
Ve.Dundenheit mit den Massen b ruht, dar&gt;uf, daß hinter der Partei das
\rolk steht - die Arbeiter, die Bauern und die Intelligenz. "Nur der
wird die Macht erringen und behalten'', sagte Lenin, "der an das Volk
glaubt, der untertaucht in dem Brunnen der lebendigen Schöpferkraft
des Volkes."
Lenin sprach mit Stolz von der bolschewistischen Kommunistischen
Partei als der Führerin und Lehrerin des Volkes. Er verlangte, daß
alle wichtigen Fragen den bewußten Arbeitern und ihrer Partei zur
Kenntnis gebracht und in diesem Kreise zur Diskussion gestellt werden
sollten. Er sagte: "Wir glauben an sie, wir sehen in ihr die Weisheit,
die Ehre und das Gewissen unserer Epoche."
Lenin wandte sich entschieden gegen jeden Versuch, die leitende
Rolle der Partei im Gefüge des Sowjetstaates zu bagatellisieren oder
zu schwächen. Er entwickelte die bolschewistischen Prinzipien der
Parteiführung und die Normen des Parteilebens, wobei er die Kollegialität als Richtschnur der Parteiführung betonte. Schon in den
Jahren vor der Revolution bezeichnete Lenin das Zentralkomitee der
Partei als ein Führungskollektiv, als den Hüter und Interpreten der
Paiteiprinzipien. "Im Intervall zwischen den Parteitagen", erklärte
Lenin, 'hütet und interpretiert das Zentralkomitee die Parteiprinzipien". Die Rolle und Autorität des Zentralkomitees der Partei kennzeichnete Wladimir Iljitsch mit den Worten: "Das Zentralkomitee konstit ierte sich als streng zentralisierte und höchst maßgebende Gruppe".
Zu Lenins Lebzeiten war das Zentralkomitee der Partei der echte
Ausdruck der kollektiven Führung der Partei und der Nation. Als aktivistischer, revolutionärer Marxist, der in Prinzipienfragen allzeit
unbeugsam blieb, drängte Lenin seinen Mitarbeitern doch niemals ge-,
waltsam seine Ansichten auf. Er versuchte vielmehr, sie zu überzeugen;
geduldig erklärte er anderen seine Auffassung. Stets war Lenin sorgsam darauf bedacht, daß die Normen des Parteilebens verwirklicht,
daß die Bestimmungen des Parteistatuts befolgt, daß die Parteitage
und die Plenarsitzungen des Zentralkomitees regelmäßig abgehalten
wurden.
Abgesehen

- 3-

�Ich möchte diese Dokumente Jetzt zur Verlesung bringen.
"Lew Borisowitach!
'.Vegen eines kurzen Briefes, den ich in den V/orten niedergeschrieben hatte, die mir Wladimir Iljitach mit ärztlicher Erlaubnis diktierte,
gestattete sich atalin gestern mir gegenüber eine ungewöhnlich grobe
Ausfälligkeit. Ich bin nicht erst seit einem Tage Parteimitglied, aber
in all diesen dreißig Jahren habe ich niemals von irgendeinem Genossen
• in grobes Vfo^t gehört. Die Sache der Partei und Iljitschs ist mir
nicht weniger teuer als Stalin. Ich muß im Augenblick ein Höchstmaß von
Selbstbeherrschung aufbieten. Was man mit Iljitsch besprechen kann
oder nicht, weiß ich besser als jeder Arzt, weil ich weiß, was ihn
nervös macht und was nicht. Auf jeden Fall weiß ich es besser als
Stalin. Ich wende mich an Dich und an Grigorij als den Gen-ssen,
die W.I. viel näher stehen, und ich bitte Euch, mich vor solchen
rücksichtslosen Einmischungen in mein Privatleben, vor so gemeinen
Beleidigungen und Drohungen zu schützen. Ich habe keinen Zweifel,
wie die einmütige Entscheidung der Kontrollkommission ausfallen wird,
mit der Stalin mir drohen zu müssen glaubte; doch habe ich weder genügend Kraft noch Zeit, um sie auf diesen dummen Streit zu verwenden.
Ich bin schließlich ein lebendiger Mensch, und meine Nerven sind bis
zum Äußersten angespannt.
N. Krupskaja."
Nadeahda Kon8tantinowna schrieb diesen Brief am 23.Dezember 1922.
Zweieinhalb Monate später, im März 1923» sandte Lenin folgenden Brief
an Stalins
"An Genossen Stalin.
Abschriften an Kamenew und Sinowjew.
Lieber Genosse Stalin!
Du hast Dir erlaubt, meine Frau in grober Form ans Telephon zu
zitieren und sie sehr grob zu tadeln. Obwohl sie Dir gesagt hat, sie
wolle Deine Bemerkungen vergessen, haben Sinowjew und Kamenew dennoch
durch sie von der Sache erfahren. Ich habe nicht die Absicht, etwas
ao leicht zu vergessen, was gegen mich gerichtet ist, und ich brauche
hier wohl nicht zu betonen, daß ich alles als gegen mich gerichtet
betrachte, was meiner Frau angetan wird. Ich ersuche Dich deshalb,
sorgfältig zu prüfen, ob es Dir lieber ist, Deine Worte zurückzunehmen
und Dich zu entschuldigen, oder ob Du den Abbruch der Beziehungen
zwiachen una vorziehst..
5.März 1923

Lenin."
(Bewegung im Saale)

Genossen! Ich möchte diese Dokumente nicht kommentieren. Sie sprechen beredt genug für sich selbst. Wenn Stalin sich zu Lenins Lebzeiten
so benehmen konnte, wenn er Nadeshda Konstantinowna Krupakaja so behandeln konnte, die die Partei kennt und schätzt als treue Gefährtin Lenina
und

�was passiert wäre, wenn sich 1928/29 die politische Linie der
Rechtsabweichler bei uns durchgesetzt hätte, oder die Orientierung
auf die "Kattun-Industrialisierung", oder jene auf die Kulaken usw.
Dann hätten wir heute keine mächtige Schwerindustrie, wir hätten
keine Kolchosen, wir befänden uns waffenlos und schwach inmitten
der kapitalistischen Einkreisung.
Eben aus diesem Grunde führte die Partei einen unerbittlichen
ideologischen Kampf und klärte alle Parteimitglieder sowie die parteilosen Massen darüber auf, wie schädlich und gefährlich die antileninistischen Vorschläge der trotzkistischen Opposition und der
rechten Opportunisten waren. Und diese gewaltige Aufklärungsarbeit
über die Parteilinie trug Früchte* sowohl die Trotzkisten als auch
die rechten Opportunisten wurden politisch isoliert.} die überwiegende
Mehrheit der Partei erklärte sich für die leninistische Linie. Es
gelang der Partei, die werktätigen Hassen wachzurütteln und zu organisieren, um sie für die leninistische Parteilinie und den Aufbau des
Sozialismus zu gewinnen.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß selbst während dieses erbitterten ideologischen Kampfes gegen die Trotzkisten, Sinowjewisten,
Bucharinisten und andere Gruppen noch keine radikalen Unterdrückungsmaßnahmen angewandt wurden, da sich der Kampf auf ideologischer Grundlage abspielte. Erst einige Jahre später, als die Fundamente des Sozialismus in unserem Land gelegt, die ausbeutenden Klassen im allgemeinen
liquidiert waren, als sich die soziale Struktur der Sowjetunion von
Grund auf geändert hatte und die soziale Basis für parteifeindliche
Gruppen und Bewegungen entscheidend eingeengt war, als die ideologischen
Gegener der Partei politisch längst geschlagen waren, da erst setzten
die gegen sie gerichteten Unterdrückungsmaßnahmen ein.
In dieser Periode, von 1933 bis 1938, begann die Ifassenunterdrückung
durch den Regierungsapparat. Sie richtete sich zunächst gegen die Feinde
des Leninismus - die Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten -,
nachdem diese von der Partei längst politisch besiegt worden waren.
In der Folge griff sie aber auch auf zahlreiche aufrechte Kommunisten
über, auf diejenigen Parteikader, die die schwere Last des Bürgerkriegs, der ersten und schwierigsten Jahre der Industrialisierung
und Kollektivisieming getragen, auf Männer, die aktiv gegen die
Trotzkisten und die Rechten für die leninistische Parteilinie gekämpft hatten.

Von

�Es is- jedermann bekannt, wie unversöhnlich Lenir gegenüber den
ideologischen Feinden des Marxismus und gegenüber denjenigen war, die
von der korrekten Parteilinie abwichen. Aber Lenin hat gleichzeitig,
wie aus dem erwähnten Dokument hervorgeht, in seiner Praxis der Parteiführung den engsten Parteikon+akt zu Leuten gefordert, bei denen trotz
gewisser Schwankungen oder zeitweiliger Abweichungen von der Parteii.'nie noch immer die Möglichkeit bestand, daß sie auf den Weg der
Partei zurückfanden. Lenin empfahl, diese Leute geduldig zu erziehen,
ohne extreme Methoden anzuwenden.
Lenins Weisheit in» Umgang mit Menschen trat in seiner Kaderarbeit
klar zJtage.
Ganz anders war dagegen die Einstellung Stalins zu seiner Umgebung. Lenins charak4eris"isehe Eigenschaften - geduldige Arbeit mit
den Menschen im Interesse ihrer unablässigen und gew,ssenhaften Schulung, seine Fähigkeit, die Menschen für sich zu gewinnen, so daß sie
ihm ohne Zwang, lediglich unter dem ideologischen Einfluß des gesamten
Kollekt vs folgten - waren Stalin vollkommen fremd. Stalin gab die
leninistische Methode der Überzeugung und Erziehung auf, er vertauschte
die Meth de des ideologischen iL mpfes mit der der adminis rativen
Gewaltanwendung, der Masse Unterdrückung und des Terrors. Er stützte
sich bei seinen Aktionen in zunehmendem Maße und mit wachsendem Starrsinn auf die Straforgane und verletzte dabei häufig alle bestehenden
Normen der Moral und des sowjetischen Rechts.
Die Willkür des einen war zugleich Ansporn und Freibrief für
die Willkür der anderen. I«ia senverhaftungen und Verschickungen, die
Tausende von Menschen betrafen, Hinrichtungen ohne ordnungsgemäßes
Untersuchungs- und Gerichtsverfahren schufen Unsicherheit und verbreiteten Furcht, ja sogar Verzweiflung.
Das förderte natürlich nicht die Einigkeit innerhalb der Partei
und alier Schichten der werktätigen Bevölkerung - im Gegenteil, es
hatte zur Folge, daß loyale, aber Stalin unerwünschte Arbeiter vernichtet beziehungsweise aus der Partei ausgeschlossen wurden.
Unsere Partei kämpfte für die Verwirklichung der Pläne Lenins,
für den Aufbau des Sozialismus. Das war ein ideologischer Kampf.
Wären Lenins Grundsätze im Verlauf dieses Kampfes befolgt werden,
hätte man die Prinzipientreue der Partei geschickt mit lebhafter
und eifriger Sorge um die Menschen gepaart, wären die Menschen nicht
zurückgestoßen und vergeudet, sondern auf unsere Seite gezogen worden,
dann wäre es bestimmt nicht zu so brutalen Verstößen gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit gekommen,und viele Tausende wären nicht den
Terrormethoden zun Opfer gefallen. Außergewöhnliche Maßnahmen hätte
man dann nur gegen
ergriffen, die wirklich verbrecherische Handlungen gegen itto Sovsjetsystem begangen hatten.

In

- 9-

�Allerdings brauchte er sie nur gegen tatsächliche Klassenfeinde,
nicht aber gegen Leute, die nur einen Fehler gemacht, die sich geirrt
hatten, also gegen diejenigen, die man möglicherweise durch ideologische
Einflußnahme leiten und sogar in der Führung behalten konnte. Lenin
benutzte harte Methoden nur im äußersten Notfall, solange die ausbeutenden Klassen noch existierten und der Revolution heftigen Widerstand
leisteten, das heißt, wenn der Kampf um den Fortbestand seine schärfsten
Formen angenommen hatte, die sogar den Bürgerkrieg einschlössen.
Stalin dagegen griff zu radikalen Methoden und zu Ma senunterdrückungen in einer Zeit, als die Revolution schon siegreich und der
Sowjetstaat gefestigt war, ä'ls nach der Liquidierung der ausbeutenden
Klassen die sozial stischen Produktionsverhältnisse in allen Zweigen
der Volkswirtschaft bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatten, als unsere
Partei politisch gefestigt»zahlenmäßig gewachsen und ideologisch erstarkt
war. Es ist klar, daß Stalin sich hier in einer ganzen Anzahl von Fällen als intolerant und brutal erwies und daß er seine Macht mißbrauchte.
Anstatt seine" politische Korrek heit zu beweisen und die Massen zu
mobilisieren, schlug er oft den Weg der Unterdrückung und physischer
Vernichtung ein, und zwar n'cht nur gegen tatsächliche Feinde sondern
auch gegen Personen, die keine /erbrechen gegen die Partei und die
Sowjetregierung begangen hat en. Hier ist keine Weisheit, sondern
nur die Demonstration brutaler Gewalt festzustellen, die schon Lenj.n
so sehr beunruhigt hatte.
In letzter Zeit, zumal nach der Entlarvung der Beri ja-Bande, mußte
sich das Zentralkomitee mit einer Reihe von Fälschungen befassen, die
auf diese Bande zurückgingen. Dalei am ein sehr häßliches Bild brutaler
Eigenmächtigkeiten zum Vorschein, und zwar wiederum in Zusammenhang mit
dem unkorrekten Verhalten Stalins. D e Tatsachen beweisen, daß sich Stalin auf Grund seiner unbegrenzten Macht viele Übergriffe erlaubte.
Dabei berief er sich auf das Zentralkomitee, ohne dessen Mitglieder,
ja nicht einmal die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees, um
ihre Meinung zu befragen. Oft unterr'chtete er diese nicht einmal über
seine persönlichen Entscheidungen in sehr wichtigen Partei- und Regierungsangelegenheiten.
Bei der Behandlung der Frage des Persönlichkeitskults müssen wir
zuerst jedem einzelnen klarmachen, welcher Schaden dieser Kult den
Interessen der Partei zufugte.
Wladimir Iljitsch Lenin hatte stets d e Rolle und Bedeutung der
Partei ei der Leitung der sozialistischen Arbeiter- und Bauernregierung b tont; hierin sah er die wesentliche Vorbedingung für einen
erfolgr i hen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande. Lenin verwies auf
die gr ße Verantwortung der Bolschewistischen Parte' als der regierenden Pa tei m Sowjetstaat und forderte eine peinlich genaue Beachtung
aller Normen des Parteilebens; er forderte die Verwirklichung der Prinzipien der Kollegialität in der Führung von Partei und Staat.
Die

- 11 -

�Während in den ersten Jahren nach Lenins Tod Parteitage und
Sitzungen des ZK-Plenums mehr oder weniger regelmäßig stattfanden,
wurden diese Grundsätze später, als Stalin seine Macht immer mehr
mißbrauchte, in brutaler Weise verletzt. Das zeigte sich besonders
während seiner letzten fünfzehn Lebensjahre. Kann man noch von normalen Verhältnissen sprechen, wenn zwischen dem XVIII. und dem XIX.
Parteikongreß dreizehn Jahre verstrichen, Jahre, in denen unsere Partei
und unser Land so viele wichtige Ereignisse durchmachten? Diese Ereignisse verlangten kategorisch nach Parteibeschlüssen über die Landesverteidigung während des Großen Vaterländischen Krieges und über den
friedlichen Wiederaufbau nach Beendigung des Krieges. Selbst nach
Kriegsende dauerte es sieben Jahre, bis wieder ein Parteikongreß stattfand.
Es wurden kaum noch ZK-Plenarsitzungen einberufen. Man braucht
nur zu erwähnen, daß während des ganzen Großen Vaterländischen Krieges keine einzige Sitzung des Plenums des Zentralkomitees stattgefunden
hat.
Zwar wurde im Oktober 1941 der Versuch unternommen, das gesamte
Zentralkomitee einzuberufen, als die Hitglieder des Zentralkomitees
aus der ganzen Sowjetunion nach Moskau beordert wurden. Aber sie warteten
zwei Tage lang vergeblich auf die Eröffnung des Plenums. Stalin wünschte
nicht einmal,die Mitglieder des Zentralkomitees persönlich zu sprechen.
Diese Tatsache zeigt, wie demoralisiert Stalin in den ersten Kriegsmonaten war und mit welcher Überheblichkeit und Verachtung er die Mitglieder des Zentralkomitees behandelte.
In der Praxis setzte sich Stalin über die Normen des Parteilebens
hinweg und trat den leninistischen Grundsatz der kollektiven Führung
mit Füßen. Stalins Eigenmächtigkeit gegenüber der Partei und ihrem
Zentralkomitee trat nach dem XVII. Parteitag, der 1934 abgehalten wurde,
voll und ganz in Erscheinung.
Das ZK, das sich im Besitze zahlreicher Unterlagen über die brutale und willkürliche Behandlung der Parteikader befindet, hat eine
Parteikommission eingesetzt, die unter der Kontrolle des Präsidiums
des Zentralkomitees steht. Die Kommission wurde beauftragt, Untersuchungen darüber anzustellen, wieso Massenunterdrückungen gegen die
Mehrheit der Mitglieder und Kandidaten des ZK, die auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (B) gewählt worden waren, möglich gewesen sind.
Die Kommission hat umfangreiches Material aus den NKWD-Archiven
und andere einschlägige Dokumente gesichtet und in zahlreichen Fällen
festgestellt, daß Anklagen gegen Kommunisten konstruiert, falsche
Anschuldigungen erhoben und schamlose Mißbräuche mit der sozialistischen Gesetzlichkeit geduldet wurden - was zum Tode unschuldiger
Menschen führte. Es hat sich erwiesen, daß viele Aktivisten der Partei,
der Sowjets und der Wirtschaft, die in den Jahren 1937 bis 1938 zu
"Volksfeinden" gestempelt worden waren, in Wirklichkeit niemals Feinde,
Spione, Schädlinge und so weiter waren, sondern immer nur aufrechte
Kommunisten. Sie wurden nur als Feinde gebrandmarkt und bezichtigten
sich oft selbst, weil sie die barbarischen Folterungen nicht länger

- 13 -

�Dies war das Ergebnis des Machtmißbrauchs Stalins, der nun mit
den Mitteln des Massenterrors gegen die Parteikader vorzugehen begann.
Wie ist es zu erklären, daß nach dem XVII. Parteitag die Massenrepressalien gegen Aktivisten immer mehr zunahmen? Stalin hatte sich
damals derart über Partei und Nation erhoben, daß er fortan weder
auf das Zentralkomitee noch die Partei Rücksicht nahm. Während Stalin
vor dem XVIII. Parteitag noch mit der Meinung des Kollektivs rechnete,
mißachtete er nach der restlosen politischen Liquidierung der Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten - nachdem die Partei durch
diesen Kampf und die Siege des Sozialismus ihre Einheit erreicht
hatte - in zunehmendem Maße die Meinung der Mitglieder des Zentralkomitees und selbst der Mitglieder des Politbüros. Stalin glaubte,
er könne alles allein entscheiden und brauche nur noch Statisten.
Er behandelte alle andern so, daß sie ihm nur noch zuhören und Beifall klatschen durften.
Die Massenunterdrückungen und brutalen Verstöße gegen die
sozialistische Gesetzlichkeit begannen nach dem Meuchelmord an
S. M. Kirow. Am Abend des 1. Dezember 1934 unterzeichnete der Sekretär des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees, Jenukidse, auf
Veranlassung Stalins(ohne die Genehmigung des Politbüros, die beiläufig erst zwei Tage später erteilt wurde) folgende Weisung;
"1. Die Untersuchungsorgane werden angewiesen, die Fälle der
wegen Vorbereitung beziehungsweise Ausführung von Terrorakten Angeklagten beschleunigt zu behandeln.
2. Die Gerichtsorgane werden angewiesen, die Vollstreckung der
wegen Verbrechen dieser Kategorie ausgesprochenen Todesurteile nicht
im Hinblick auf eine eventuelle Begnadigung aufzuschieben, da;- das
Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR die Entgegennahme
von Eingaben dieser Art nicht für möglich erachtet.
3« Die Organe des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten
(NKWD) werden angewiesen, die Todesurteile gegen Verbrecher, die der
oben angeführten Kategorie angehören, unmittelbar nach der Urteilsverkündung zu vollstrecken."
Diese Weisung war die Grundlage für den massiven Mißbrauch der
sozialistischen Gesetzlichkeit. In zahlreichen arangierten Gerichtsverfahren wurden die Angeklagten "der Vorbereitung" von Terrorakten
beschuldigt; dadurch waren sie jeder Möglichkeit beraubt, ihre Fälle
überprüfen zu lassen, selbst wenn sie vor Gericht aussagen, ihre
"Geständnisse" seien erpreßt worden oder wenn sie in überzeugender
Weise die gegen sie erhobenen Anschuldigungen entkräften konnten.
Es muß festgestellt werden, daß die Umstände der Ermordung
Kirows bis auf den heutigen Tag in vielen Punkten ungeklärt und
mysteriös sind, so daß sie noch einer gründlichen Überprüfung be
dürfen. Der Verdacht scheint begründet, daß der Mörder Kirows,
Nikolajew, von jemanden unterstützt wurde, dessen Pflicht es gewesen

- 15 i

�Die damaligen Massenunterdrückungen erfolgten unter der Loaung
dea Kampfea gegen die Trotzkiaten. 7/aren denn die Trotzkiaten zu Jener Zeit tataächlich eine aolche Gefahr für unaere Partei und den
Sowjetstaat? In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß
1927» kurz vor dem XV.Parteitag, nur ungefähr 4000 Stimmen für die
trotzkiatisch-sinowjewistische Opposition, gegenüber 724 000 für die
Parteilinie abgegeben wurden. Im Verlauf der zehn Jahre vom XV.Parteitag bia zum Februar-März-Plenum des Zentralkomitees wurde der Trotskismus völlig entwaffnet. Viele Trotzkisten hatten ihre ehemaligen Ansichten geändert und arbeiteten in verschiedenen Sektoren am Aufbau
dea Sozialiamus mit. Ea ist doch klar, daß zu dieser Zeit des Sieges
des Sozialismus kein Anlaß zum Massenterror in unserem Lande bestand.
Stalina Bericht auf der Plenartagung des Zentralkomitee8 im
Februar und März 1937 über "Mängel in der Parteiarbeit und Methoden
für die Liquidierung von Trotzkiaten und anderen Doppelzünglern"
stellte den Versuch einer theoretischen Rechtfertigung der Politik
des Massenterrors unter dem Vorwand dar, daß der Klassenkampf sich
angeblich im Fortschreiten auf dem Wege zum Sozialismus zunehmend
verschärfen müsse.
Stalin veraicherte, diese Erkenntnis aua der
Geschichte und Lenins Werken abgeleitet zu haben.
Lenin lehrte aber'tatsächlich, daß die Anwendung revolutionärer
Gewalt durch den Widerstand der Ausbeuterklassen notwendig werde, und
er bezog sich dabei auf die Zeit, da diese Ausbeuterklassen noch bestanden und über Macht verfügten. Als sich aber die politische Lage
des Landes gebessert hatte, nachdem nämlich die Rote Armee im Januar
1920 Roatow eingenommen und damit einen höchst bedeutsamen Sieg über
Denikin errungen hatte, wies Lenin Dsershinskij an, Massenterror einzustellen und die Todesstrafe abzuschaffen. Lenin begründete dieaen
wichtigen politischen Schritt des Sowjetstaatea in seinem Bericht
vor dem Allunions-Zentralexekutivkomitee am 2.Februar 1920 folgendermaßen t
"Der Terror, den die Entente ausübte, als starke Weltmächte ihre
Horden auf uns losließen, die vor nichts zurückschreckten, zwang uns
unsererseits zur Anwendung von Terror. Wir hätten uns keine zwei Tage
behaupten können, hätten wir diese Versuche von Offizieren und WeißgsrdiBten nicht mit rücksichtslosen Maßnahmen beantwortet, das heißt
mit der Anwendung von Terror, der uns aber er8t durch die Terrormethoden
der Entente aufgezwungen wurde.
Sobald wir aber einen entscheidenden Sieg errungen hatten, al8o
schon vor Kriegsende unmittelbar nach der Einnahme Rostows, schafften
wir die Todesstrafe ab und lieferten damit den Beweia, daß wir un8er
Programm in der versprochenen Form durchzuführen beab8ichtigten. Wir
erklären, daß die Anwendung von Gewalt der Entschlossenheit entsprang,
die Ausbeuter zu vernichten, die Großgrundbeaitzer und Kapitalisten}
ala dies erreicht war, verzichteten wir auf alle außergewöhnlichen
Methoden. Dafür haben wir den praktischen Beweis erbrscht."
Stalin wich von diesen klaren und unmißverständlichen Richtlinien
Lenins ab. Stalin benutzte die Partei und das NKtfD für die Ausübung
des Massenterrors zu einer Zeit, als die Ausbeuterklaasen in unserem
- 17 -

�Es ist bekannt, daß brutale Willkür gegen viele der Parteiarbeiter angewandt wurde. Die vom XVII. Parteitag gebilligten Parteistatuten stützten sich auf die leninistischen Grundsätze, wie sie auf
dem X. Parteitag zum Ausdruck gebracht worden waren. In ihnen heißt
es, daß extreme Maßnahmen wie der Parteiausschluß gegen ZK-Mitglieder,
ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission nur angewandt
werden können, wenn vorher "das Plenum des Zentralkomitees einberufen
und auch alle ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission
zu dieser Plenarsitzung eingeladen worden sind"; nur wenn zwei Drittel
der Mitglieder einer solchen Generalversammlung verantwortlicher Parteiführer dies für notwendig erachten, kann ein ZK-Mitglied oder ein
ZK-Kandidat ausgeschlossen werden.
Die meisten der ZK-Mitglieder und -Kandidaten, die auf dem XVII.
Parteitag gewählt und 1937/38 verhaftet wurden, hat man durch brutalen
Mißbrauch der Parteistatuten widerrechtlich aus der Partei ausgeschlossen, da die Frage ihres Ausschlusses nie vom Plenum des Zentralkomitees erörtert worden ist.
Als nunmehr die Fälle einiger dieser sogenannten "Spione" und
"Saboteure1 untersucht wurden, hat sich gezeigt, daß diese Fälle
restlos erfunden waren. Die Schuldgectändnisse vieler Personen, die
verhaftet und volksfeindlicher Tätigkeit bezichtigt wurden, waren
mit Hilfe grausamer und unmenschlicher Folterungen erpreßt worden.
Gleichzeitig hat Stalin, wie uns inzwischen von damaligen
Mitgliedern des Politbüros berichtet wurde, ihnen die Erklärungen
vieler angeklagter politischer Aktivisten vorenthalten, in denen diese
ihre Geständnisse vor dem Militärtribunal widerrufen und eine objektive Untersuchung ihrer Fälle gefordert hatten. Es gab zahlreiche
derartige Erklärungen, und Stalin kannte sie genau.
Das Zentralkomitee hält es für absolut notwendig, den Parteikongreß über viele derartige konstruierte "Fälle" gegen Mitglieder
des Zentralkomitees der Partei, die auf dem XVII. Parteitag gewählt worden waren, zu unterrichten.
Ein Beispiel niederträchtiger Provokation himmelschreiender
Entstellung und verbrecherischer Verstöße gegen die revolutionäre
Gesetzlichkeit ist der Fall des ehemaligen Politbüro-Kandidaten,
des hervorragenden Funktionärs der Partei und der Sowjetregierung,
Genosse Eiche, der seit 1905 der Partei angehörte.
Genosse Eiche wurde am 29. April 1938 auf Grund verleumderischen
Materials und ohne Genehmigung des Generalstaatsanwaltes, die schließlich nach 15monatiger Haft eintraf, verhaftet.
Die Untersuchung des Falles Eiche wurde in einer Weise durchgeführt, die einen äußerst brutalen Verstoß gegen die sowjetische
Gesetzlichkeit darstellte, wobei Willkür und Fälschungen stark ins
Gewicht fielen.
Eiche

- 19 -

�Ich könne jetzt zu dem schändlichsten Tun meines Lebens und
meiner wirklich schweren Schuld gegenüber der Partei und Ihnen. Es
ist dies mein Geständnis konterrevolutionärer Arbeit ... Die Sache
liegt folgendermaßen: Da ich die Folterungen durch Uschakow und
Nikolajew - insbesondere den ersteren -,die wußten, daß meine
gebrochenen Rippen noch nicht geheilt waren und mir große Schmerzen
bereiteten, nicht ertragen konnte, habe ich unter Zwang mich selbst
und andere beschuldigt.
Mein Geständnis ist zum größten Teil von Uschakow erfunden oder
diktiert, der Rest besteht aus von mir selbst rekonstruiertem NKWBMaterial aus West-Sibirien, für das ich volle Verantwortung übernommen hatte. Wenn ein Detail der von Uschakow fabrizierten und von mir
unterzeichneten Geschichte nicht zusammenpaßte, wurde ich gezwungen,
eine andere Fassung zu unterschreiben. So war es mit Ruchimowitsch,
der mir zuerst als Mitglied des "Reservenetzes1 benannt wurde, dessen
Name aber später nicht mehr auftauchte, ohne daß mir dies mitgeteilt
wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem Leiter des angeblich von
Bucharin im Jahre 1935 geschaffenen 'Reservenetzes' . Zuerst setzte
ich meinen Namen ein, dann sagte man mir, ich solle den von Meshlauk
einsetzen. Solche Dinge kamen öfters vor.
... Ich ersuche und bitte Sie, meinen Fall nochmals zu überprüfen,
nicht etwa, um mich zu retten, sondern um die niederträchtige Provokation
zu enthüllen, die jetzt infolge meiner erbärmlichen und verbrecherischen
Verleumdung zahlreiche Personen wie eine Schlange umstrickt. Nieraals habe
ich Sie oder die Partei verraten. Ich weiß, daß ich auf Grund der niederträchtigen uhd gpmeinen Arbeit der Feinde der Partei und des Volkes,
die diese Provokation gegen mich inszenierten, umkommen werde."
Man sollte meinen, eine so wichtige Erklärung sei einer Untersuchung
durch das Zentralkomitee wert gewesen. Dies geschah jedoch nicht, und die
Erklärung wurde an Berija weitergeleitet, während die fürchterliche
Mißhandlung des Politbürokandidaten, Genosse Eiche, weiterging.
Am 2.Februar 1940 wurde Eiche vor Gericht gestellt. Hier gab er
keinerlei Schuld zu und sagte folgendes»
"In all meinen sogenannten Geständnissen habe ich mit Ausnahme
meiner Unterschrift unter die von mir erpreßten Protokolle auch nicht
einen einzigen Buchstaben geschrieben. Ich habe unter dem Druck des Untersuchungsrichters, der mich von Beginn meiner Verhaftung an folterte, Aussagen gemacht. Danach begann ich dann, all diesen Unsinn zu schreiben ...
das Wichtigste für mich aber ist, dem Gericht, der Partei und Stalin zu sagen, daß ich nicht schuldig bin. Ich habe mich nie einer Verschwörung schuldig gemacht. Icn werde sterben in dem Glauben an die Richtigkeit der Politik
der Partei wie. ich das mein Leben lang geglaubt habe."
Am 4.Februar wurde Eiche erschossen. (Entrüstung im Saal.) Heute ist
einwandfrei erwiesen, daß der Fall Eiche fabriziert wurde'} Eiche wurde posthum rehabilitiert.
Genosse Rudsutak, Politbürokandidat und Parteimitglied seit 1905. der
10 Jahre in einem zaristischen Verbannungslager schmachtete, hat vor Gericht
die von ihm erzwungenen Geständnisse voll und ganz widerrufen. Das SitzungsProtokoll des Kollegiums des Obersten Militärgerichts enthält folgende
Äußerung Rudsutakst
Seine
M&gt;
- 21 -

�"Zur Illustration", erklärte Rpsenblum, "zählte mir Sakowskij
verschiedene mögliche Varianten des Organisationsschemas dieser
Gruppe und ihrer Unterabteilungen auf. Nachdem er mich über die
Organisation im einzelnen aufgeklärt hatte, sagte mir Sakowskij,
das NKDW würde den Fall in die Hand nehmen und fügte hinzu, das
Gerichtsverfahren werde öffentlich sein.
Gegen vier oder fünf Mitglieder dieser Organisation sollte
Anklage erhoben werden, nämlich Tschudow, Ugarow, Smorodin, Posern,
Frau Schaposchnikowa (Tschudows Frau) sowie gegen weitere Personen
und außerdem gegen zwei oder drei Mitglieder der Unterabteilungen
dieser Gruppe ...
...''Der Fall der Leningrader muß fest untermauert sein und aus
diesem Grunde werden Zeugen benötigt. Die soziale Herkunft des Zeugen
(die ursprüngliche natürlich) und seine Stellung in der Partei werden
dabei keine geringe Rolle spielen.
Sie persönlich', erklärte Sakowskij, 'brauchen garnichts zu erfinden. Das NKWD wird für Sie genaue Unterlagen über alle Unterabteilungen der Gruppe zusammenstellen; Sie brauchen diese nur sorgfältig
zu studieren und müssen sich sämtliche Fragen und Antworten einprägen,
die das Gericht an Sie stellen kann. In vier bis fünf Monaten oder
vielleicht in einem halben Jahr wird dieser Fall zur Verhandlung kommen.
Während dieser ganzen Zeit müssen Sie sich entsprechend vorbereiten,
damit sie weder die Untersuchungen gefährden noch sich selbst bloßstellen. Vom Verlauf der Gerichtsverhandlungen und ihrem Ergebnis hängt
Ihre eigene Zukunft ab. Wenn Sie auf Lügen oder falschen Aussagen ertappt werden, haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Wenn es
Ihnen gelingt, durchzuhalten, retten Sie Ihren eigenen Kopf, und wir '
werden für Sie bis an Ihr Lebensende auf Regierungskosten sorgen'."
Auf diese niederträchtige Weise wurden die Dinge damals gehandhabt.
(Bewegung im Saale)
Noch verbreiteter waren die Rechtsbeugungen in der Provinz. Das
NKWD-Kommando des Gebiets Swerdlowsk "entlarvte" den sogenannten "Auf-!Standsstab Ural" - ein Organ des "Blocks der Rechten, Trotzkisten, Sozialrevolutionäre und Kirchenführer" -»dessen angeblicher Leiter der
Gebietssekretär von Swerdlowsk, ZK-Mitglied der KPdSU, Kabakow, gewesen
sein soll, der seit 1914 der Par/tei angehörte. Das Untersuchungsmaterial
aus dieser Zeit zeigt, daß in fast allen Regionen, Gebieten und Republiken
"Spionage-, Terror-, Diversions- und Sabotageorganisationen und Zentren
der Rechten und Trotzkistfen" bestanden und daß die Führer dieser Organisationen - aus keinem ersichtlichen Grunde - gewöhnlich Erste Parteisekretäre von Gebieten oder von den Zentralkomitees der Republiken waren.
Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten kamen infolge
dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugungen ums Leben,weil jedes noch so verleumderische "Geständnis" akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpreßte. In gleicher Weise wurden die "Fälle" gegen hervorragende Parteiund Staatsfunktionäre wie Kossior, Tschubary, Postyschew, Kosarjew und andere
fabriziert.
In
- 23 -

�Wir haben die Fälle untersucht und Kosior, Rudsutak, Postyschew,
Kosarjew und andere rehabilitiert. Auf Grund welcher Verfehlungen wurden sie verhaftet und verurteilt? Eine Prüfung des Beweismaterials
zeigt, daß es keine Gründe dafür gab. Wie so viele andere wurden auch
sie ohne Wissen des Staatsanwaltes verhaftet. In einer solchen Situation
bedurfte es auch keiner Bestätigung, denn welche Art von Bestätigung
hätte es denn auch geben können, wenn Stalin alles allein entschied?
Er war selbst der Generalstaatsanwalt in diesen Fällen. Stalin
genehmigte nicht nur Haftbefehle, sondern er stellte sie auch selbst
aus. Wir müssen den Delegierten des Kongresses dies sagen, damit sie
sich damit auseinandersetzen und ihre .eigenen Schlüsse daraus ziehen
können.
Die Tatsachen zeigen, daß Mißbräuche auf Stalins Befehl und
unter Mißachtung der Parteinormen und der sowjetischen Gesetzlichkeit
erfolgten; Stalin war ein sehr argwöhnischer, krankhaft mißtrauischer
Mensch; wir wußten das aus unserer gemeinsamen Arbeit. Er konnte einen
Menschen ansehen und fragen: "Warum flackern Deine Augen heute so?"
oder, "Warum wendest Du Dich heute immer ab und vermeidest es, mir in
die Augen zu sehen?" Der krankhafte Argwohn erzeugte in ihm ein allgemeines Mißtrauen selbst gegenüber hervorragenden Parteifunktionären,
die er seit Jahren kannte. Überall und in allem sah er "Feinde",
"Doppelzüngler" und "Spione".
Da er eine unbegrenzte Macht besaß, war er im höchsten Maße
selbstherrlich und drückte jedermann physisch und moralisch an die
Wand. So entstand eine Situation, in der man seinen eigenen Willen
nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte.
Wenn Stalin befahl, daß dieser oder jener zu verhaften sei, dann
mußte man es eben in gutem Glauben hinnehmen, daß der Betreffende
wirklich ein "Volksfeind" war. Inzwischen überschlug sich dann die
Berija-Bande, die die Staatssicherheitsorgane beherrschte, die Schuld
des Verhafteten und die Echtheit der von ihr gefälschten Unterlagen
zu beweisen. Und welche Beweise legte man vor? Die "Geständnisse" der
Verhafteten - und die Untersuchungsrichter akzeptierten sie! Und wie
ist es möglich, daß ein Mensch Verbrechen zugibt, die er gar nicht begangen hat? Nur auf eine V/eise, nämlich auf Grund der Anwendung physischer Gewalt zur Geständniserpressung - indem man ihn bis zur Bewußtlosigkeit foltert und ihn seiner Urteilsfähigkeit und seiner menschlichen Würde beraubt. Auf diese Weise kamen die "Geständnisse" zustande.
Als die Welle der Massenverhaftungen im Jahre 1939 zurückging und die '
örtlichen Parteiführer begannen, das NKWD und seine Zwangsmethoden
gegenüber den Verhafteten anzuprangern, schickte Stal-in am 20. Januar
1939 ein chiffriertes Telegramm an die Parteisekretäre der Gebiete und
Regionen, an die Zentralkomitees der Republiken, an die NKWD-Kommissare
der Republiken und an die Leiter der NKWD-Sonderorganisationen. Das
Telegramm hatte folgenden Wortlaut: "Das ZK der KPdSU(ß) stellt klar,
daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 auf Grund einer Genehmigung des ZK der KPdSü(B) zulässig ist ... Es ist bekannt, daß alle
bourgeoisen Geheimdienste Methoden der physischen Beeinflussung gegenüber Vertretern des sozialistischen Proletariats anweriden, und zwar in

- 25 -

�Die in den Händen einer einzigen Person, nämlich Stalins, angehäufte
Macht hatte ernste Folgen während des Großen Vaterländischen Krieges.
Wenn man viele unserer Romane, Filme und historischen "wissenschaftlichen Studien" betrachtet, dann hat man den Eindruck, daß Stalin während
des Großen Vaterländischen Krieges eine höchst unwahrscheinliche Rolle
spielte. Stalin hatte danach alles vorausgesehen. Die Sowjetische Armee
befolgte auf der Grundlage eines schon lange vorher von Stalin vorbereiteten strategischen Planes die Taktik der sogenannten "aktiven Verteidigung", das heißt eine Taktik, die, wie wir wissen, die Deutschen an Moskau
und Stalingrad herankommen ließ. In Anwendung dieser Taktik ging die sowjetische Armee später, angeblich wiederum nur dank der genialen Konzeption
Stalins, 'zur Offensive über und überwältigte den Feind. Den heldenhaften
Sieg,«ier von der bewaffneten Macht des Sowjetlandes, von unserem heroischen Volke errungen wurde, schreiben Romane, Filme und "wissenschaftliche Studien" dieser Art, voll und ganz dem strategischen Genie Stalins
zu.
Wir müssen diese Angelegenheit sorgfältig analysieren, weil sie eine
ungeheure Bedeutung nicht nur vom historischen, sondern besonders auch
vom politischen, erzieherischen und praktischen Gesichtspunkt aus besitzt.
Wie verhält es sich nun mit den Tatsachen in dieser Angelegenheit?
Vor dem Kriege waren unsere Presse und unsere gesamte politische Erziehungsarbeit charakterisiert durch ihren prahlerischen Ton» Wenn ein
Feind den heiligen Sowjetboden verletzt, dann werden wir jeden Schlag
des Feindes mit drei Schlägen beantworten, wir werden den Kampf gegen
den Feind in seinem eigenen Lande führen und ohne großen Schaden für
uns selbst den Sieg davontragen. Aber-diese optimistischen Erklärungen
stützten sich nicht überall auf konkrete Vorkehrungen, die geeignet gewesen wären, die Unverletzlichkeit unserer Grenzen wirklich zu garantieren.
Während des Krieges und danach brachte Stalin die These auf, die
Tragödie, die unsere Nation während der ersten Kriegsphase erlebte, sei
das Ergebnis des "Überraschungsangriffs" der Deutschen auf die Sowjetunion gewesen. Aber, Genossen, das ist vollkommen unwahr. Sobald Hitler
in Deutschland zur Macht kam, stellte er sich selbst die Aufgabe, den
Kommunismus zu liquidieren. Die Faschisten sagten dies ganz offenj sie
machten keinerlei Hehl aus ihren Plänen.
Um diesen aggressiven Endsweck zu erreichen, wurden Pakte und Blocks
aller Art geschmiedet, wie die berühmte Achse Berlin-Rom-Tokio. Zahlreiche
Tatsachen aus der Vorkriegsperiode zeigten klar, daß Hitler darauf ausging,
einen Krieg gegen den Sowjetstaat anzufangen, und daß er starke bewaffnete
Verbände einschließlich Panzereinheiten in der Nähe der sowjetischen
Grenzen konzentriert hatte.
Aus Dokumenten, die jetzt veröffentlicht wurden, geht hervor, daß
Churchill am 3.April 1941 Stalin durch den englischen Botschafter in der
UdSSR, Cripps, persönlich warnen ließ, daß die Deutschen mit einer Umgruppierung ihrer Streitkräfte begonnen hätten, in der Absicht, die Sowjetunion anzugreifen. Selbstverständlich hat Churchill dies nicht etwa aus
Freundschaft für die sowjetische Nation getan. Er hatte dabei seine eigenen
imperialistischen Ziele im Auge: Er wollte Deutschland und die Sowjetunion
in einen blutigen Krieg verwickeln, um dadurch die Position des britischen
Imperiums zu stärken. Genau derselbe Churchill bestätigte in seinen Schriften
- 27 -

�dort neu zu installieren und unsere Streitkräfte mit allem zu versorgen, was wir zur Vernichtung des Feindes brauchten.
Wäre unsere Industrie rechtzeitig und systematisch mobilisiert
worden, um die Armee mit dem notwendigen Material zu versorgen, so
wären unsere Kriegsverluste entschieden geringer gewesen. Die Mobilisierung wurde jedoch nicht rechtzeitig begonnen. Und bereits in den
ersten Tagen des Krieges stellte sich heraus, daß unsere Armee schlecht
bewaffnet war und nicht über genügend Artillerie, Panzer und Flugzeuge
verfügte, um den Feind zurückzuwerfen.
Die sowjetische Wissenschaft und Technik hatte vor dem Kriege
ausgezeichnete Modelle von Panzern und Geschützen entwickelt. Aber
die Massenproduktion war noch nicht angelaufen, und so begannen wir
tatsächlich erst am Vorabend des Krieges, unsere militärische-Ausrüstung zu modernisieren. 3o verfügten wir zur Zeit des feindlichen
Angriffs gegen das Sowjetland weder über genügend alte Produktionsmittel - da diese aus der Rüstungsproduktion bereits herausgenommen
waren - noch über genügend neue Maschinen, da deren Einführung in
die Rüstungsproduktion noch im Stadium der Planung steckte. Besonders
schlecht war es mit der Flak bestellt, und auch die Produktion von
Panzerabwehrgranaten war nicht organisiert. Als der Angriff begann,
zeigte sich, daß viele befestigte Sperrzonen nicht verteidigt werden
konnten, weil die alten Waffen zurückgezogen, neue aber hoch nicht verfügbar waren.
Dieser Mangel herrschte aber leider nicht nur bei Panzern,
Artillerie und Flugzeugen. Bei Ausbruch des Krieges standen uns nicht
einmal genügend Gewehre zur Verfügung, um die mobilisierten Verbände
zu bewaffnen. Ich erinnere mich, daß ich in jenen Tagen den Genossen
Malenkow von Kiew aus anrief und ihm sagte: "Es haben sich viele Freiwillige für die neue Armee gemeldet und verlangen nach Waffen. Ihr
müßt uns die Waffen schicken."
Malenkow antwortete mir: "Wir können Euch keine Waffen schicken.
Wir schicken alle Waffen nach Leningrad, und Ihr müßt Euch selbst
bewaffnen." (Bewegung im Saal)
Das war der Stand der Rüstung.
In diesem Zusammenhang können wir zum Beispiel folgendes nicht
vergessen: Kurz vor der Invasion der Sowjetunion durch die Hitlerarmee
schrieb Kirponos, der Leiter des Militärbezirks Kiew, der später an
der Front gefallen ist, an Stalin, die deutsche Armee stehe am Bug,
bereite einen Angriff vor und werde wahrscheinlich sehr bald mit einer
Offensive beginnen. In diesem Zusammenhang schlug Kirponos vor, eine
starke Verteidigung zu organisieren, JOO 000 Menschen aus den Grenzgebieten zu evakuieren und dort Befestigungen mit Panzergräben, Unterständen und so weiter anzulegen.
Moskau

- 29 -

�Die Politik, Repressalien in großem Maßstab gegen militärische
Kader zu ergreifen, führte auch zur Untergrabung der militärischen
Disziplin, da Offiziere aller Dienstgrade und sogar einfache Soldaten
in den Partei- und Komsomolzellen jahrelang angehalten wurden, ihre
Vorgesetzten als verkappte Feinde zu "entlarven" .(Bewegung im Saal.)
Natürlich übte dies einen negativen Einfluß auf die militärische
Disziplin in der ersten Phase des Krieges aus.
Wie Sie wissen, hatten wir vor dem Krieg hervorragende militärische Kader, die der Partei und dem Vaterland fraglos treu ergeben
waren. Hier genügt der Hinweis, daß sich diejenigen von ihnen, die
die schweren Folterungen in den Gefängnissen überlebten, von den ersten
Kriegstagen an als wahre Patrioten erwiesen und heldenhaft für den
Ruhm des Vaterlands gekämpft haben. Ich denke dabei an Genossen wie
Rokosowskij, der bekanntlich im Gefängnis saß, Gorbatow, Marezkow,
der diesem Parteikongreß als Delegierter angehört, Podlas, der als
hervorragender Truppenführer an der Front fiel, und viele, viele
andere. Zahlreiche Kommandeure kamen jedoch in Lagern und Gefängnissen
um, und die Armee sah sie nie wieder.
All dies führte zu den Verhältnissen, die bei Kriegsbeginn
herrschten und die unser Vaterland aufs schwerste gefährdeten.
Man darf auch nicht vergessen, daß Stalin nach den ersten
schweren Niederlagenund Rückschlägen an der Front glaubte, daß
dies das Ende sei. In einer seiner Reden sagte er damals: "Alles,
was Lenin geschaffen hat, haben wir für immer verloren."
Stalin leitete danach lange keine militärischen Operationen mehr
und tat überhaupt nichts. Die aktive Führung übernahm er erst wieder,
als ihn einige Mitglieder des Politbüros aufsuchten und ihm erklärten,
es sei notwendig, gewisse Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage
an der Front einzuleiten.
Die drohende Gefahr, der unser Vaterland in der ersten Kriegsphase ausgesetzt war, resultierte deshalb hauptsächlich aus den verfehlten Methoden, mit denen Stalin sowohl die Nation als auch die Partei leitete. Hier ist jedoch nicht nur vom Kriegsbeginn die Rede, der
eine bedrohliche Desorganisation unserer Armee und bedeutende Verluste
mit sich brachte. Auch nach dem eigentlichen Kriegsbeginn zeigte Stalin
Anzeichen von Nervosität und Hysterie, die, da er sich laufend in die
militärischen Operationen einmischte, unserer Armee ernstlichen Schaden
zufügten.
Stalin hatte nicht das geringste Verständnis für die wirkliche
Situation, die sich an der Front entwickelte. Dies war nur natürlich,
denn er hat während des ganzen Vaterländischen Krieges niemals einen
Frontabschnitt oder eine beffeite Stadt be.sucht, wenn man von einer
kurzen Fahrt auf der Moshaijsker Rollbahn bei ruhiger Frontlage absieht.
Dieser Episode wurden später viele phantasievolle literarische Werke
jeglicher Art sowie viele Gemälde gewidmet. Stalin mischte sich gleich-:
zeitig in Operationen ein und erteilte Befehle, die die wirkliche Situa- 31 -

�Und was war das Resultat? Das Schlimmste, was wir befürchteten.
Die Deutschen schlössen unsere Truppenmassierungen ein, und wir verloren so Hunderttausende unserer Soldaten.
Das war Stalins "Feldherrngenie", und das hat es uns gekostet.
(Bewegung im Saal)
Gelegentlich einer Zusammenkunft Stalins mit Mitgliedern des
Politbüros nach dem Kriege äußerte Anastasj Iwanowitsch Mikojan,
Chruschtschow habe damals doch wohl recht gehabt, als er seinerzeit
wegen der Charkow-Operation anrief»und es sei ein Unglück gewesen,
daß man auf seinen Vorschlag nicht gehört habe.
Sie hätten Stalins Zornesausbruch sehen müssen! Wie konnte zugegeben werden, daß er, Stalin, nicht recht gehabt hatte! Schließlich
war er ein "Genie", und ein Genie hat immer recht. Jeder kann irren,
nur Stalin glaubte, daß er niemals irrte und daß er immer recht hatte.
Er gab niemals zu, daß er einen Fehler gemacht hatte, weder einen großen
noch einen kleinen, und zwar ungeachtet der Tatsache, daß er nicht wenig
Fehler machte - sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Nach dem
Parteikongreß werden wir wahrscheinlich viele militärische Operationen
des letzten Krieges neu bewerten und im Lichte der Tatsachen darstellen
müssen.
Die Taktik, auf deren Durchführung Stalin ohne die elementarsten
Kenntnisse der Kriegsführung bestand, kostete uns viel Blut,bis wir
den Gegner zum Stehen gebracht hatten und selbst zur Offensive übergehen konnten.
Die Militärs wissen, daß Stalin Ende 1941» statt bereits damals,
großangelegte Umfassungsmanöver im Rücken des Feindes einzuleiten,
pausenlose Frontalangriffe und die Einnahme von einer Ortschaft nach
der anderen verlangte. Dafür mußten wir mit großen Verlusten bezahlen,
bis unsere Generale, auf deren Schultern die ganze Last der Kriegsführung ruhte, die Umstellung auf eine beweglichere Kampfesweise erringen
konnten, was dann sofort bedeutende und für uns günstige Veränderungen
an der Front mit sich brachte.

Um

- 33 -

�Damit erhebt sich die Frage: Wo bleiben die Militärs, auf deren
Schultern die ganze Last des Krieges ruhte? Sie sehen wir in dem
Film nicht; wenn Stalin auf der Bildfläche erscheint, ist kein Raum
mehr für sie.
Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenmütige Armee, ihre begabten Führer und tapferen
Soldaten, das ganze Sowjetvolk - sie sind es, die uns den Sieg im
Großen Vaterländischen Krieg sicherten. (Stürmischer und anhaltender
Beifall)
Die Mitglieder des Zentralkomitees,, Minister, unsere V/irtschaf tsführer, die führenden Männer der Sowjetkultur, die Leiter der regionalen Partei- und Sowjetorganisationen, Ingenieure und Techniker - jeder
auf seinem Arbeitsplatz setzte seine ganze Kraft und sein ganzes Wissen
ein, um uns den Sieg über den Feind zu sichern.
Ganz besonderes Heldentum bewies der Kern unseres Volkes - ruhmgekrönt ist unse.re ganze Arbeiterklasse, unsere.Kolchosbauernschaft,
die Sowjetintelligenz, die unter der Führung der Parteiorganisationen
unerhörte Entbehrungen ertrugen und, die Lasten des Krieges auf sich
nehmend, ihre ganze Kraft für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzten.
Große und tapfere Taten vollbrachten auch unsere sowjetischen
Frauen im Kriege, die auf ihren Schultern die schwere Last der Arbeit
in den Fabriken, auf den Kolchosen und auf den verschiedensten Gebieten unseres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens trugen; viele
Frauen standen im Großen Vaterländischen Krieg unmittelbar an der
Front; unsere tapfere Jugend hat an der Front und in der Heimat
Unermeßliches für die Verteidigung des sowjetischen Vaterlandes und
die Vernichtung des Feindes geleistet.
Unsterblich sind die Verdienste der Sowjetsoldaten, unserer
Kommandeure und politischen Funktionäre; nach dem Verlust eines beträchtlichen Teils der Armee in den ersten Kriegsmonaten haben sie
nicht den Kopf verloren, sondern brachten es fertig, noch während
der Kämpfe die Streitkräfte zu reorganisieren; im Verlaufe des Krieges schufen sie eine starke und heroische Armee, die sich immer mehr
festigte, und hielten nicht nur dem Druck des starken und heimtückischen Feindes stand, sondern warfen ihn zu Boden.
Die herrlichen, heroischen Taten von Hunderten von Millionen
Menschen in Ost und West im Kampfe gegen die schreckliche Gefahr einer
Unterwerfung durch die Faschisten werden durch die Jahrhunderte und
Jahrtausende in der Erinnerung einer dankbaren Menschheit fortleben.
(Donnernder Applaus)
Die Hauptrolle bei der siegreichen Beendigung des Krieges spielten
unsere Kommunistische Partei, die Streitkräfte der Sowjetunion und die
Millionen von unserer Partei geschulten Sowjetmenschen. Ihnen gebührt
das Hauptverdienst. (Donnernder und anhaltender Beifall)
Genossen,

- 35 -

�Nach Beendigung des Vaterländischen Krieges sonnte sich das
Sowjetvolk im Stolz auf die durch große Opfer und gewaltige Anstrengungen errungenen herrlichen Siege. Das Land erlebte eine Zeit allgemeiner politischer Begeisterung. Die Partei ging aus dem Kriege
einiger denn je hervor; ihre Kader waren durch das Feuer des Krieges
gestählt und gefestigt. Unter diesen Umständen hätte niemand an die
Möglichkeit einer Verschwörung innerhalb der Partei auch nur gedacht.
Und in eben jenem Zeitpunkt wurde die sogenannte "Leningrader
Affäre" ausgeheckt. Wie wir jetzt festgestellt haben, ist dieser
Fall nichts anderes als eine Erfindung. Zu denen, die unschuldig ihr
Leben lassen mußten, gehören die Genossen Wosnesenskij, Kusnezow,
Rodionow, Popkow und andere.
Bekanntlich waren Wosnesenskij und Kusnezow hervorragende und
begabte Führer. Sie standen einst Stalin sehr nahe. Es genügt, daran
zu erinnern, daß Stalin Wosnesenskij zum ersten Stellvertreter des
Vorsitzenden des Ministerrates machte, und daß Kusnezow zum ZK-Sekretär gewählt wurde. Allein die Tatsache, daß Stalin Kusnezow mit der
Überwachung der Staatasicherheitsorgane betraute, beweist, welches
Vertrauen dieser genoß.
Wie kam es, daß diese Personen als Volksfeinde gebrandmarkt und
liquidiert wurden?
Die Tatsachen beweisen, daß die "Leningrader Affäre" ebenfalls
der Willkür Stalins gegenüber den Parteikadern entsprang.
Wenn im ZK und im Politbüro des ZK normale Verhältnisse geherrscht
hätten, dann wären Angelegenheiten wie diese nach der regulären Parteipraxis überprüft und alle einschlägigen Tatsachen ermittelt worden,
folglich wären derartige Dinge überhaupt nicht passiert.
Wir müssen aber feststellen, daß die Lage nach dem Kriege sogar
noch komplizierter wurde. Stalin wurde, wenn möglich, noch launischer,
reizbarer und brutaler; vor allem sein Mißtrauen wuchs. Sein Verfolgungswahn erreichte unglaubliche Ausmaße. Er sah es förmlich vor Augen,
wie seine Mitarbeiter zu seinen Feinden wurden. Und so entfernte Stalin
sich nach dem Kriege noch weiter vom Kollektiv. Alles entschied er
selbst, ohne auf irgend jemand oder irgend etwas Rücksicht zu nehmen.
Dieses unglaubliche Mißtrauen machte sich der erbärmliche Provokateur
und niederträchtige Feind Berija, der Tausende Kommunisten und loyale
Sowjetbürger hingemordet hatte, geschickt zunutze. Die Rangerhöhung
Wosnasenskijs und Kusnezows ließ Berija aufhorchen. Wie sich inzwischen
herausgestellt hat, war es Berija selbst, der Stalin "vorschlug", ihn und
seine Komplizen mit der Beschaffung von Material in Form von Erklärungen»
anonymen Briefen, allerhand Gerüchten und Indiskretionen zu beauftragen.
Das

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�Die Industrieproduktion der Georgischen Republik ist heute
27mal so groß wie vor der Revolution. Es sind zahlreiche neue Industrien in Georgien entstanden, die es vor der Revolution dort
überhaupt nicht gabt Eisengießereien, Erdölindustrie, Maschinenbau
und so weiter. Seit langem schon gibt es in Georgien keine Analphabeten mehr, während vor der Revolution 78$ der Bevölkerung Analphabeten waren.
Konnten die Georgier, wenn sie die Lage in ihrer Republik mit
der bedrängten Lage der werktätigen Massen in der Türkei verglichen,
einen Anschluß an die Türkei wünschen? Im Jahre 1955 betrug die
Stahlproduktion Georgiens pro Kopf der Bevölkerung das löfache der
türkischen. Georgien erzeugt pro Kopf der Bevölkerung neunmal so
viel Strom wie die Türkei, Wie die Volkszählung aus dem Jahre 1950 zeigt,
sind 65$ der Gesamtbevölkerung und 80$ der weiblichen Bevölkerung der
Türkei Analphabeten. In Georgien bestehen 19 akademische Lehranstalten
mit inagesamt 39 000 Studenten. Auch der Wohlstand der werktätigen Bevölkerung Georgiens ist unter der sowjetischen Herrschaft gewaltig angestiegen.
Es ist klar, daß die Quelle, aus der der bourgeoise Nationalismus
seine Kraft schöpft, in dem Maße versiegt, in dem Wirtschaft und Kultur
aufblühen und das sozialistische Bewußtsein der werktätigen Massen
Georgiens wächst.
Wie sich herausstellte, hat es in Georgien keine nationalistischen
Organisationen gegeben. Tausende unschuldiger Menschen wurden das Opfer
von Willkür und Rechtlosigkeit. All dies geschah unter der "genialen"
Führung Stalins, des "größten Sohnes des georgischen Volkes" wie die
Georgier selbst Stalin gern bezeichneten.
(Heiterkeit im Saal)
Die Willkür Stalins zeigte sich nicht nur in seinen Entscheidungen
zu innenpolitischen Fragen, sondern auch in den Beziehungen der Sowjetunion zum Ausland.
Das Juli-Plenum des ZK untersuchte die Gründe für die Entstehung
des Konfliktes mit Jugoslawien in allen Einzelheiten. Stalin.hat dabei
eine schändliche Rolle gespielt. An der "Jugoslawienaffäre" war nichts,
was sich nicht durch Parteidiskussionen unter Genossen hätte regeln
lassen. Es lag kein ernsthafter Grund vor, um daraus eine "Affäre" zu
machen; es wäre durchaus möglich gewesen, den Abbruch der Beziehungen
mit diesem Land zu verhindern. Das bedeutet jedoch nicht, daß die führenden Männer Jugoslawiens keine Fehler begangen hätten oder frei von
Unzulänglichkeiten waren. Diese Fehler und Unzulänglichkeiten wurden von
Stalin aber in monströser Art und Weise aufgebauscht, so daß es darüber
zum Abbruch der Beziehungen zu diesem befreundeten Staat kam.
Ich erinnere an die ersten Tage des Konfliktes zwischen der
Sowjetunion und Jugoslawien, als man diese Angelegenheit künstlich
aufzubauschen begann. Gerade aus Kiew nach Moskau gekommen wurde ich
damals zu Stalin bestellt, der mir die Kopie eines soeben an Tito abgeschickten Briefes zeigte und fragtet "Hast Du dies gelesen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort 1 "Ich brauche nur meinen
kleinen Finger zu rühren - und schon wird es keinen Tito mehr geben.
Er wird fallen."
Wir

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�Stalin berief den Untersuchungsrichter zu sich, erteilte ihm
Instruktionen und gat Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden; U e a « Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und nochmal schlagen.
Kurz nach der Verhaftung der Ärzte erhielten wir Mitglieder dea
Politbüros die Protokolle über ihre Schuldgeständnisse. Nachdem die
Protokolle verteilt waren, erklärte uns Stalim "Ihr seid blind wie
junge Katzen; was werdet Ihr ohne micht.machen? Unser Land wird zugrunde
gehen, weil Ihr es nicht versteht Feinde zu erkennen."
Der Fall wurde uns so dargestellt, daß niemand die Tatsachen nachprüfen konnte, auf denen die Untersuchungen beruhten. Es gab keine
Möglichkeit einer Nachprüfung der Tatsachen dadurch, daß man etwa
versuchte, mit denen in Verbindung zu treten, die ein Schuldbekenntnis abgelegt hatten.
Wir hatten jedoch das Gefühl, daß der Fall der verhafteten irzte
nicht ganz stimme. Verschiedene dieser Leute waren uns persönlich
bekannt, weil sie uns früher einmal behandelt hatten. Als wir nach
Stalins Tod diesen "Fall" untersuchten, stellten wir fest, daß er von
Anfang bis Ende erfunden war.
Dieser schändliche "Fall" war von Stalin konstruiert worden;
doch hatte er keine Zeit mehr, ihn ganz zu Ende zu führen - zu einem
Ende in seinem Sinne -, und daher sind die Ärzte noch am Leben. Heute
sind sie sämtlich rehabilitiert; sie kehrten an ihren alten Arbeitsplatz zurück; sie behandeln hervorragende Persönlichkeiten, darunter
auch Mitglieder der Regierung; sie besitzen unser volles Vertrauen,
und sie erfüllen ihre Pflicht so gut wie zuvor.
Bei der Inszenierung der verschiedenen schmutzigen und beschämenden Fälle hat der tollwütige Gegner unserer Partei und Agent eines
ausländischen Spionagedienstes, Berija, der sich Stalins Vertrauen
erschlichen hatte, eine sehr üble Rolle gespielt. Wie war es möglich,
daß dieser Provokateur eine solche Stellung in der Partei und im
Staate erlangte, daß er Erster Stellvertretender Vorsitzender des
Ministerrats der Sowjetunion und Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees werden konnte? Es steht heute fest, daß dieser Schurke über
unzählige Leichen zu den höchsten Regierungsämtern emporgestiegen ist*
Gab es irgendwelche Anzeichen dafür, daß Berija ein Feind der
Partei war? Sicher gab es die. Bereits im Jahre 1937 erklärte der
ehemalige Volkskommissar für das Gesundheitswesen Kaminskij vor dem
ZK-Plenum, Berija habe für den Mussavat-Nachrichtendienst gearbeitet. Doch unmittelbar nach Beendigung des ZK-Plenums*wurde Kaminskij
verhaftet und anschließend erschossen. Hat Stalin die Erklärung
Kaminskijs nachgeprüft? Nein, Stalin vertraute Berija, und das
genügte ihm. Und wenn Stalin zu einer Person oder Sache Vertrauen
hatte, konnte niemand etwas vorbringen, was seiner Meinung widersprach. Jeder, der gewagt hätte, eine gegenteilige Ansicht zu äußern,
hätte das gleiche Schicksal wie Kaminskij erlitten.
Es
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�Es war allgemein bekannt, daß seit langem zwischen Kartwelischwili
und Berija Spannungen bestanden, die aus der Zeit datierten, da Genosse
Sergo im Transkaukasus tätig war; Kartwelischwili war Sergos engster
Mitarbeiter gewesen. Die gespannten Beziehungen bewogen Berija, gegen
Kartwelischwili einen "Fall" zu konstruieren.
Bezeichnenderweise wurde Kartwelischwili in diesem "Fall" eines
Terrorakts gegen Berija beschuldigt.
Die Anklageschrift gegen Berija enthält eine Darstellung seiner
Verbrechen. Man sollte sich jedoch einige Dinge ins Gedächtnis zurückrufen, da möglicherweise nicht alle Delegierten des Parteikongresses
dieses Dokument gelesen haben. Ich möchte daran erinnern, mit welchen
bestialischen Methoden Berija die Fälle Kedrow, Golubiew und der Adoptivmutter Golubiews, Baturina,erledigte, als diese das Zentralkomitee über
Berijas verräterische Tätigkeit zu informieren beabsichtigten. Sie
wurden ohne jede Gerichtsverhandlung erschossen, und das Urteil wurde
erst post factum nach der Hinrichtung gefällt.
Hören Sie,was der alte Kommunist, Genosse Kedrow, durch Vermittlung des Genossen Andrejew (Genosse Andrejew war damals ZK-Sekretär) an das Zentralkomitee schrieb:
"Ich rufe Euch aus einer düsteren Zelle des Lefortorskij-Gefängnisses um Hilfe an. öffnet Eure Ohren meinem Schreckensschrei; bleibt
nicht taub; nehmt mich in Euren Schutz; bitte, helft diesen Alpdruck
der Verhöre von mir zu nehmen und zeigt, daß alles ein Irrtum ist.
Ich leide unschuldig; bitte, glaubt mir. Die Zeit wird die Wahrheit erweisen. Ich bin kein Agent-Provokateur der zaristischen Ochrana;
ich bin kein Spion; ich bin nicht Mitglied einer antisowjetischen
Organisation, v/as man mir auf Grund von Denunziationen vorwirft. Ich
habe mich auch keiner anderen Verbrechen gegen die Fartei und die Regierung schuldig gemacht. Ich bin ein alter Bolschewik, frei von jedem
Makel; ich habe fast vierzig Jahre lang ehrenhaft in den Reihen der
Partei für das '.Vohl und das Gedeihen des Landes gekämpft....
.... Heute bedrohen die Untersuchungsrichter mich, einen 62 Jahre
alten Mann, mit noch schärferen, grausameren und erniedrigenderen
Methoden der körperlichen Folter. Sie - die Richter - sind gar nicht
mehr imstande, ihren Irrtum einzusehen und zu erkennen, daß ihre Art
der Behandlung meines Falles ungesetzlich und unzulässig ist. Sie versuchen, ihr Tun dadurch zu rechtfertigen, daß sie mich als einen verhärteten und wütenden Feind hinstellen und fordern noch größere Repressalien. Aber laßt die Partei wissen, daß ich unschuldig bin und
daß es nichts gibt, was einen treuen Sohn der Partei in ihren Gegner
verwandeln könnte, selbst bis zu seinem letzten Atemzuge nicht.
Aber für mich gibt es keinen Ausweg mehr. Ich kann die neuen
furchtbaren Schläge, die ich kommen sehe, nicht von mir abwenden.
Alles aber hat seine Grenzen. Meine Qualen haben das äußerste
erreicht. Meine Gesundheit ist zerrüttet, meine Kraft und Energie

- 43 -

�Wir brauchen hier keine Beispiele für die widerwärtige
Beweihräucherung zu geben, die dieses Buch füllt. Wir brauchen
nur zu sagen, daß Stalin personlich alles billigte und selbst
redigierte und manches sogar eigenhändig in das Manuskript einfügte .
Was hielt Stalin für so wesentlich, daß er es selbst in dieses
Buch schrieb? Wollte er den Eifer seiner Schmeichler ein wenig abkühlen, die seine "Kurze Biograp': ie" zusammenstellten? Nein, er
strich ausgerechnet jene Stellen an, wo seine Verdienste seiner Ansicht nach nicht genügend gerühmt wurden.
Hier sind einige charakteristische Beispiele für Stalins Verbesserungen, die er mit eigener Hand eingefügt hati
"In diesem Kampf gegen die Skeptiker und Kapitulanten, die Trotzkisten, Sinowjewisten, Buchariristen und Kamenewisten wurde nach dem
Tode Lenins der Führerkader der Partei endgültig zusammengeschweißt...
der das große Banner Lenins hochhielt, die Partei um Lenins Wort
scharte und das Sowjetvolk auf die breite Bahn der Industrialisierung
des Landes und der Kollektivisierung der Landwirtschaft führte.
Führer dieses Kaders und leitende Kraft der Partei und des Staates
war Genosse Stalin."
So schreibt Stalin selbst. Und dann fügt er hinzut
"Obgleich er seine Aufgabe als Führer der Partei und des Volkes
mit vollendeter Kunst meisterte und die uneingeschränkte Unterstützung
des ganzen Sowjetvolkes genoß, ließ Stalin es niemals zu, daß seine
Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut
oder Eigenlob beeinträchtigt wurde,"
Wo und wann konnte ein führender Politiker sich selbst so loben?
Ist das eines Führers marxistisch-leninistischen Typs würdig? Nein.
Gerade dagegen haben sich Marx und Engels so entschieden verwahrt.
Und auch '/Vladimir Iljitsch Lenin hat dies immer aufs schärfste verurteilt.
In dem Manuskript seines Buches taucht folgender Satz auft
"Stalin ist der Lenin unserer Tage." Dieser Satz erschien Stalin zu
schwach. So änderte er ihn eigenhändig um, so daß er nunmehr lautet i
"Stalin ist der würdige Fortsetzer von Lenins ?.erk oder, wie &lt;JB in
unserer Partei heißt, Stalin ist der Lenin unserer Tage." Da sehen
Sie nun selbst, nicht das Volk sagte es, sondern Stalin.
Man könnte viele derartige selbstverherrlichende Urteile von
Stalins eigener Hand in diesem Manuskript finden. Mit besonders großzügigem Lob bedenkt er sein Feldherrngenie und seine strategische Begabung.
Ich möchte noch eine Einfügung Stalins zitieren, die sich auf das
militärische Genie Stalins bezieht.
"Die fortschrittliche sowjetische Militärwissenschaft wurde", so
schreibt er, "in den Händen des Genossen Stalin weiter entwickelt. Genosse

- 45 -

�Nun erhebt sicri die berechtigt' Fra. : Wenn Stalin der Verfasser
dieses Buches ist. warum hatte er es dv \ nötig, gerade die Person
Stalins so sehr zu loben und die gesaiM-e geschichtliche Entwicklung
unserer glorreichen Kommunistischen f :tei in der Periode nach der
Oktoberrevolution 1-diglich m eine ^.-.tion d~j "genialen Stalin"
umzudeuten?
Spiegelte dieses Buch in zutreffender Weise die Anstrengungen
der Partei bei der sozialistischen Umgestaltung des Landes, beim
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, bei der Industrialisierung
und Kollektivisierung des Landes und alle anderen Maßnahmen der
Partei wider, die unbeirrbar den von Lenin gewiesenen Weg weiterverfolgte? Dieses Buch spricht hauptsäch'ich von Stalin, von seinen Reden, von seinen Berichten. Alles, ohne die geringste Ausnahme, wird
mit seinem Namen verknüpft.
Und wenn Stalin in eigener Person versichert, daß er den "Kurzen
Lehrgang der Geschichte der KPdSU(ß)" selbst geschrieben habe, dann
ist das zumindest höchst verwunderlich. Kann ein Marxist-Leninist
derart über sich selbst schreiben, indem er seine eigene Person zum
Himmel erhebt?
Oder greifen wir einmal die Stalinpreise auf. (Bewegung im Saal.)
Nicht einmal die Zaren stifteten Preise, denen sie ihren eigenen
Namen gaben. Stalin wählte als besten Text für die sowjetische Nationalhymne ein Elaborat aus, das kein einziges Wort über die kommunistische
Partei enthält; dafür aber die folgende, beispiellose Lobpreisung
Stalins: Stalin erzog uns in Treue zum Volk - er beflügelte uns zu
großen Werken und Taten."
In diesen Zeilen der Hymne wird die ganze erzieherische, leitende und anspornende Punktion der großen leninistischen Partei Stalin
zugeschrieben. Und das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei. Wir möchten zu Ihrer Unterrichtung hinzufügen,
daß das Präsidium des Zentralkomitees bereits einen Beschluß übur
die Abfassung eines neuen Textes der Hymne gefaßt hat, der die Rolle
des Volkes und die Rolle der Partei richtig wiedergibt. (Lauter,
anhaltender Beifall)
Und ist es ohne Stalins Wissen gescheher., daß viele der f roßt«
Betriebe und Städte nach ihm benannt wurden? Und ist es ohne btalins
Wissen geschehen, daß überall im Lande Stalindenkmäler errichtet
wurden - diese "Gedenksteine des Lebenden?" Es ist eine Tatsache,
daß Stalin selbst am 2. Juli 1951 einen Beschluß des Ministerrats
der UdSSR unterzeichnete, der die Errichtung eines eindrucksvollen
Stalindenkmals am Wolga-Don-Kanal betraf. Am 4. September des gleichen
Jahres ordnete er selbst die Bereitstellung von 33 Tonnen Kupfer für
die Errichtung dieses imposanten Monuments an. Ein jeder, der Stalingrad besucht hat, muß die riesige Statue gesehen haben, die dort gebaut wird und zwar an einer Stelle, die kaum besucht wird.
Zu

- 47 -

�All dieses muß gründlich revidiert werden, damit die Geschieht«,
die Literatur und die bildende Kunst die Rolle Lenins, die großen
Leistungen unserer Kommunistischen Partei und des sowjetischen Volkes,
des schöpferischen Volkes, im richtigen Lichte würdigen. (Beifall)
Genossen! Der Persönlichkeitskult hat zur Anwendung falscher
Prinzipien in der Parteiarbeit und in der Wirtschaft geführt; er
hatte grobe Verstöße gegen die innerparteiliche und Sowjetdemokratie
steriles Administrieren, Abweichungen aller Art, Vertuschung von
Fehlleistungen und Schönfärberei zur Folge. Unsere Nation brachte
viele Schmeichler und Spezialisten für Zweckoptimismus und Augenwischerei hervor.
Wir sollten aber nicht vergessen, daß auf Grund der Verhaftung
zahlreicher Partei-, Sowjet- und Wirtschaftsführer viele Funktionäre
in ihrer Arbeit unsicher und übervorsichtig wurden, alle Neuerungen
und schließlich ihren eigenen Schatten fürchteten und dadurch immer
weniger Initiative entwickelten.
Nehmen wir zum Beispiel die Partei- und Regierungsbeschlüsse.
Sie kamen routinemäßig, oft ohne Berücksichtigung der konkreten Situation, zustande. Dies ging so weit, daß Parteifunktionäre, selbst in
den kleinsten Sitzungen, ihre Reden ablasen. Daraus ergab sich für
die Partei- und Regierungsarbeit die Jefahr des Formalismus und der
Bürokratisierung des gesamten Apparates.
Stalins Lebensfremdheit und die Tatsache, daß er über die wahren
Zustände in der Provinz nicht Bescheid wußte, ergibt sich aus seiner
Landwirtschaftspolitik.
Jeder der sich auch nur im geringsten um unser« Situation kümmert«,
sah die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft - Stalin aber sah sie
nie. Haben wir Stalin informiert? Ja, das haben wir getan, aber er
unterstützte uns nie. Warum? Weil Stalin niemals reist«, nie Arbeiter
in den Städten oder auf den Kolchoser besuchte; er war nie über die
wahre Lage im Lande informiert.
Er kannte das Land und die Landwirtschaft nur aus Filmen. Und
diese Filme waren frisiert und gaben ein rosiges Bild der Lage der
Landwirtschaft. In diesen Filmen über das Kolchosenleben bogen sich
die Tische vielfach unter der Last der Truthähne und Gänse. Offensichtlich
glaubte Stalin, daß dies die Wirklichkeit sei. Wladimir Iljitsch Lenin
dagegen betrachtete das Leben anders; er war dem Volk immer nahe, er
empfing Bauerndelegationen und sprach oft auf Betriebsversammlungen, er
pflegte auch in die Dörfer zu gehen und mit den Leuten zu reden.
Stalin schloß sich vom Volk ab und ging nie irgendwo hin. Das war
so Jahrzehnte lang. Zum letzten Mal besuchte er im Januar 1928 eine Stadt
als er wegen der Getreideerfassung eine Sibirienreise unternahm. Woher
konnte er also wissen, wie es im Lande aussah?
Als er einmal in einer Diskussion darauf aufmerksam gemacht wurde,
daß die Lage auf dem Lande schwierig und daß es besonders schlecht um die
Viehzucht und Fleischproduktion bestellt sei, wurde eine Kommission gebildet,
und mit der Abfassung eines Beschlusses über "Wege zur Weiterentwicklung der
Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen" beauftragt. Wir machten einen entsprechenden Entwurf. Natürlich berücksichtigten unsere damaligen Vorschläge noch nicht alle Möglichkeiten, aber wir zeigten Mittel, und Wege, um

- 49 -

�Genossen!
Wenn wir heute den Persönlichkeitskult, der zu Stalins Lebzeiten
so verbreitet war, scharf kritisieren, und wenn wir über die vielen
negativen Erscheinungen sprechen, die durch diesen Kult, der dem Geist
des Marxismus-Leninismus so fremd ist, ervorgerufen wurden, mag mancher fragen: Wie konnte das geschehen? Stalin stand JO Jahre lang an
der Spitze der Partei und des Landes, und viele Siege wurden zu seinen
Lebzeiten errungen. Können wir dies abstreiten? Meiner Meinung nach können
so nur Leute fragen, die durch den Persönl-'chkeitskult hoffnungslos
verblendet und hypnotisiert sind, die das Wesen der Revolution und des
Sowjetstaates nicht begreifen, und die Rolle der Partei und der Nation
bei der Entwicklung der sowjetischen Gesel schaft nicht im Sinne Lenins
erfassen.
Die sozialistische Revolution wurde von d r Arbeiterklasse und
der Dorfarrnut mit teilweiser Unterstützung der Mittelbauern durchgeführt. Sie wurde vom Volke durchgeführt unter der Führung der Bolschewistischen Partei. Lenins große Leistung bestand darin, daß er eine
militante Partei der Arbeiterklasse schuf, aber dazu besaß er das
marxistische Verständnis der Gesetze der sozial n Entwicklung und war
gewappnet mit der Wissenschaft vom Siege des Proletariats im Kampf
gegen den Kapitalismus; und er härtete diese Pa tei im Feuer des revolutionären Kampfes der Volksmassen. In diesem Kampf verteidigte die
Partei kon-equent die Interessen des Volkes und führte die Massen als
•erfahrene Führerin zur Macht und zur Errichtung des ersten sozialistischen Staates. Sie erinnern sich wohl der weisen Worte Lenins, daß der
Sowjetstaat deshalb so stark ist, weil die Massen sich der Tatsache
bewußt sind, daß Geschichte von Millionen und aber Millionen von
Menschen gemacht wird.
Unsere historischen Siege wurden erzielt dank der organisatorischen Arbeit der Partei, ihrer vielen regionalen Gliederungen, und
dank der aufopfernden Arbeit unseres großen Volkes. Diese Siege sind
das Ergebnis des großen Arbeitselans der Nation und der Partei in
ihrer Gesamtheit; sie sind keineswegs die Frucht der persönlichen Führung Stalins, wie dies während der ganzen Periode des Persönlichkeitskults
dargestellt wurde.
Wenn wir diese Angelegenheit als Marxisten-Leninisten betrachten,
müssen wir eindeutig feststellen, daß die Führungspraxis, die sich in
den letzten Lebensjahren Stalins herausgebildet hat, zu einem ernsthaften Hindernis auf dem Wege der sowjetischen Gesellschaftsentwicklung
geworden ist.
Stalin ließ oft außerordentlich wichtige Fragen des Partei- und
Staatslebens monatelang in der Schwebe, obwohl ihre Lösung eigentlich
nicht aufgeschoben werden durfte. Während Stalins Herrschaft wurden
unsere friedlichen Beziehungen zu anderen Nationen oftmals bedroht,
weil sich aus den Ein-Mann-EntScheidungen große Komplikationen ergeben konnten - wie dies auch oft der Fall war.

Als

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�Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer. Ein
typisches Beispiel hierfür bietet der Sturz des Genossen Postyschew.
Stalin brachte in einer seiner Reden seine Unzufriedenheit mit
Postyschew zum Ausdruck und fragte ihn; "Was sind Sie eigentlich?"
Postyschew antwortete unmißverständlich: "Ich bin Bolschewik, Genosse
Stalin, ein Bolschewik".
Biese Entgegnung wurde zunächst als Respektlosigkeit gegenüber
Stalin angesehen; später machte man daraus einen Schädlingsakt, der
dann Postyschews Beseitigung und grundlose Anprangerung als "Volksfeind" zur Folge hatte.
In der damaligen Situation habe ich oft mit Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin gesprochen; als wir einmal zu zweit im Auto fuhren,
sagte er: "Es kann passieren, daß jemand einer Einladung Stalins als
Freund Fölgf leistet; und wenn er dann mit Stalin zusammensitzt, weiß er
nicht, ob er anschließend nach Hause oder ins Gefängnis geschickt wird."
Es ist klar, daß solche Verhältnisse jedes Hitglied des Politbüros in eine sehr schwierige Situation brachten. Wenn wir dazu noch
in 'Betracht ziehen, daß das ZK-Plenum in den letzten Jahren nicht mehr
einberufen wurde, und daß Politbürositzungen nur nooh gelegentlich
von Zeit zu Zeit stattfanden, dann wird verständlich, wie schwierig
es für die Politbüromitglieder war, sich gegen die eine oder andere
ungerechte oder unkorrekte Maßnahme
gegen schwere Irrtümer und Unzulänglichkeiten in der Führungspraxis aufzulehnen.
Wie bereits dargelegt, wurden viele Entscheidungen entweder überhaupt nur von einer Person oder aber hintenherum und ohne Diskussion
im Kollektiv getroffen. Das traurige Schicksal des Politbüromitglieds,
Genossen Wosnesenskij, der ebenfalls den Repressalien Stalins zum
Opfer fiel, ist allen bekannt. Es ist bezeichnend, daß der Beschluß
über seine Ausstoßung aus dem Politbüro niemals diskutiert worden ist,
sondern auf irreguläre Art zustande kam. Das gleiche gilt für den
Beschluß über die Amtsenthebung Kusnezows und Rodionows.
Die Stellung des Politbüros des Zentralkomitees wurde geschwächt
und seine Arbeit durch die Sohaffung verschiedener Politbüroausschüsse der sogenannten "Fünfer-", "Sechser-", "Siebener-" und "Neunerkommissionen" - desorganisiert. Hier sei als Beispiel ein Beschluß des Politbüros vom 3. Oktober 1946 angeführt:
"Stalins Vorschlag:
1. Die Kommission für auswärtige Angelegenheiten des Politbüros
(Sechserkommission) soll sich in Zukunft zusätzlich zu außenpolitischen
Fragen auch mit Angelegenheiten des inneren Aufbaues und der Innenpolitik befassen.
2. Die

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�Es ist anzunehmen, daß er damit zugleich auf die spätere Vernichtung der alten Mitglieder des Politbüros hinarbeitete, um sämtliche
von ihm begangenen schändlichen Handlungen zu kaschieren, jene Handlungen, mit denen wir uns heute befassen.
Gerossen! Damit sich die ir der Vergangenheit begangenen Irrtümer
nicht wiederholen, hat sich das Zentralkomitee energisch gegen jeden
Persönlichkeitskult ausgesprochen* Wir sind der Ansicht, daß Stalin
in übertriebenem Maße herausgestellt wurde. Andererseits hat Stalin
in der Vergangenheit der Partei, der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung zweifellos auch große Dien5te geleistet.
Dieses Problem wird dadurch kompliziert, daß alles, was wir soeben
erörtert haben, zu Lebzeiten Stalins,unter seiner Führung und mit seiner Billigung geschah; Stalin war überzeugt, daß dies alles im
Interesse der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen die Anschläge der
Feinde und gegen die Angriffe des imperialistischen Lagers notwendig.
gewesen sei. Er betrachtete diese Dinge unter dem Gesichtspunkt der
Interessen der Arbeiterklasse, der Interessen der Werktätigen, des
Sieges des Sozialismus und Kommunismus. Wir dürfen nicht sagen, daß
dies Handlunger. eines vom Sch.vindel befallenen Despoten gewesen seien.
Nach seiner Ansicht lagen diese Handlungen im Interesse der Partei,
der werktätigen Massen, der Sicherung der Errungenschaften der Revolution. Hierin liegt die ganze Tragödie!
Genossen! Lenin hat oft betont, daß Bescheidenheit ein unerlässliches Merkmal jedes echter. Bolschewisten ist. Lenin selbst war die
lebendige Verkörperung höchster Bescheidenheit. Wir können nicht sagen,
daß wir diesem Beispiel Lenins in jeder Hinsicht, gefolgt sind. Es genügt idarauf hinzuweisen, daß zahlreiche Städte, Fabriken und Industriebetriebe »Kolchose und Sowchose, Sowjet-, und Kulturinstitutionen,
so als ob sie - mit Verlaub zu sagen - unser Privateigentum wären,
mit dem Namen dieses oder jenen führenden Regierungs- oder Parteifunktionärs bedacht würden, der noch im Amt ist und sich bester Gesundheit
erfreut. Viele von uns machten mit, wenn es galt, Städte, Rayons, Industriebetriebe und Kolchose nach uns zu benennen. Das müssen wir abstellen.

Dies

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�Wir müssen in unserer gesamten ideologischen Arbeit zu den wichtigsten Thesen der marxistisch-leninistischen Wissenschaft vom Volk
als der bewegenden Kraft der Geschichte und dem Schöpfer aller materiellen und geistigen Güter der Menschheit, von der entscheidenden
Rolle der marxistischen Partei im revolutionären Kampf für die Umwandlung der Gesellschaft, vom Siege des Kommunismus zurückkehren
und sie in die Praxis- umsetzen.
Was dies anbelangt, so werden wir viel tun müssen, um die mit
dem Persönlichkeitskult verlundeien weitverbreiteten irrigen Ansichten auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung, der Philosophie,
der Volkswirtschaft und anderer Wissenschaften sowie in der Literatur
und den bildenden Künsten von marxistisch-leninistischen Standpunkt
kritisch zu untersuchen und
richtigzustellen. Vor allem ist es nötig, daß wir bereits in allernächster Zukunft ein ernst zu
nehmendes Lehrbuch über die Geschichte unserer Partei ausarbeiten,
das mit wissenschaftlich-marxistischer Objektivität verfaßt ist,
ein Lehrbuch über die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft, ein
Bach, das den Ereignissen des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges gerecht wird.
Zweitens müssen wir systematisch und konsequent die Arbeit fortführen, die das Zentralkomitee der Partei in den letzten Jahren geleistet hat, eine Arbeit, die sich durch die genaueste Beachtung der leninistischen Grundsätze der Parteiführung in sämtlichen Parteiorganisationen, von den Grundeinheiten bis zur Spitze,auszeichnete, vor allem
aber durch Befolgung des wichtigsten Grundsatzes der kollektiven Führung, durch die Beachtung der in den Parteistatuten festgelegten Normen des Parteilebens, sowie schließlich durch umfassende Kritik und
Selbstkritik.
Drittens müssen wir den leninistischen Grundsätzen der sowjetischsozialistischen Demokratie, wie sie in der Verfassung der Sowjetunion
niedergelegt sind, wieder volle Geltung verschaffen und die Willkür
einzelner Personen bekämpfen, die ihre Macht mißbrauchen. Die üblen
Polgen aller Verstöße gegen die revolutionäre sozialistische Gesetzlichkeit, die sich im Laufe der Jahre infolge des schädlichen Einflusses des Persönlichkeitskults häuften, müssen restlos beseitigt werden.
Genossen!
Der XX. Parteikongreß der KPdSü(B) war ein erneuter kraftvoller
Beweis für die unerschütterliche Einheit unserer Partei, ihrer Verbundenheit mit dem Zentralkomitee, ihres entschlossenen Willens, die
große Aufgabe des Aufbaus des Kommunismus zu vollbringen. (Tosender
Beifall.) Und die Tatsache, daß wir die mit der Überwindung des dem
Marxismus-Leninismus fremden Persönlichkeitskults verbundenen Grundprobleme in all ihren Formen und auch das Problem der Liquidierung seiner
lästigen Folgen dargelegt haben, ist ebenfalls ein Beweis für die große
moralische und politische Kraft unserer Partei. (Langanhaltender Beifall)
Wir

- 57 )

�A M E R I K A

D I

N S T

JOHN FOSTER DULLES: AUCH DER FRIEDEN HAT SEINEN PREIS

AME3 (Iowa) - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die
der Außenminister der Vereinigten Staaten,
John Foster Dulles, am 9» Juni 1956 anläßlich
der Verteilung der Abschlußzeugnisse vor dem
Iowa State College in Arnes (Iowa) gehalten hat.

Sie gehen heute hinaus in eine Welt, in der Sie die Segnungen
der Freiheit in Frieden zu genießen hoffen. Es ist dies jene Welt,
die zu schaffen die Vereinigten Staaten durch ihre Außenpolitik anstreben.
Heute haben wir Frieden; kein Land befindet sich zur Zeit mit
den Vereinigten Staaten im Kriegszustand.
Und wir genießen mancherlei Gutes. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den meisten Ländern der Welt. Weder fürchten wir sie, noch
müssen sie uns fürchten. Wir unterhalten Handelsbeziehungen und ähnliche Verbindungen mit ihnen, alles zu gegenseitigem Nutzen und
beiderseitiger Freude.
Für diesen Frieden und das Gute, dessen wir uns erfreuen, können
wir aus tiefstem Herzen dankbar sein.
Aber all dies fällt uns nicht in den Schoß. Vor Ihnen sind
bereits andere mit hochgespannten Hoffnungen in die Welt hinausgezogen. Ihre Hoffnungen aber fanden auf dem Schlachtfeld ein rasches
Ende, und die daheim geblieben waren, fühlten ihre Herzen schwer
werden. Reiche Mittel, die zum Aufbau wirtschaftlichen Wohlstandes
hätten verwendet werden können, wurden im Kriege verschleudert.
Dieser Preis, der in der Münze des Krieges entrichtet wird,
wird immer zu zahlen sein, wenn die Menschen nicht bereit sind,
bereits in Friedenszeiten für die Erhaltung des Friedens zu zahlen.
Aber anscheinend lernen die Menschen das nicht. Denn die Vorstellung ist nicht auszurotten, daß man sich den Frieden nur zu
wünschen brauche, um ihn zu bekommen. Wenn dies zuträfe, dann wäre

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�"AMERIKA DIENST"

20. Juni

1956

wäre der Krieg schon vor vielen Jahrhunderten abgeschafft worden.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer, ja noch schwerer ist, den Frieden
zu erhalten wie einen Krieg zu gewinnen. Kriege wurden schon viele gewonnen. Einen dauernden Frieden zu erringen, ist bisher noch nie gelungen. Um den Krieg endgültig zu besiegen, sind Planung und Taten
erforderlich, die Voraussicht, kluge Berechnung, Mut und gelegentlich
Opfer erfordern. Und zwar werden diese Opfer unter weniger dramatischen
und anscheinend weniger dringenden Umständen gefordert als im Kriege.
Wir werden niemals einen dauernden Frieden haben, solange die Menschen
ihre edelsten Geistesgaben in den Dienst des Krieges stellen. Denn auch
der Frieden hat seinen Preis.
Ich möchte Ihnen dies am Beispiel einer unserer Bemühungen um den
Frieden, die wir zur Zeit unternehmen, deutlich machen. Man könnte diese
Bemühungen auch als eine Art Versicherung auf den Frieden bezeichnen,
für die wir etwa 40 Milliarden Dollar jährlich zahlen müssen.
Unsere Friedensversicherung
Die Grundelemente dieser Friedensversicherung leiten wir von den
ersten erfolgreichen Anfängen der amerikanischen Außenpolitik her.
Lassen Sie mich also auf die Zeit der Monroe-Doktrin verweisen.
Im Jahre 1823 erklärte Präsident Monroe der unter Führung des
zaristischen Rußland stehenden despotischen Allianz, daß "wir jeden
Versuch ihrerseits, ihre Regierungen auf irgendein Gebiet der westlichen Hemisphäre zu übertragen, als eine Bedrohung unseres Friedens
und unserer Sicherheit betrachten" und "ein solches Eingreifen, in
welcher Form es auch geschehen möge, nicht gleichgültig mit ansehen"
werden.
Es beweist tatsächlich Voraussicht und Kühnheit, daß unsere junge
Nation so ihr eigenes Interesse mit der Freiheit und Unabhängigkeit
von Ländern verknüpfte, die viele Tausend Kilometer entfernt liegen.
Die Verkündigung dieses Grundsatzes aber wurde, wie Webster berichtet,
"mit einhelligem Jubel" begrüßt.
Dieser Grundsatz ist in unseren Tagen noch erweitert worden.
Seine umfassendste Anwendung finden wir in der Charta der Vereinten
Nationen. Da aber auf Grund des Vetorechts kein unbedingter Verlaß
auf ein Eingreifen seitens der UN besteht, haben sich viele Nationen
miteinander in Verträgen zusammengeschlossen, die auf dem Prinzip der
Monroe-Doktrin beruhen. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben die
Vereinigten Staaten mit Zustimmung beider Parteien derartige Verträge
mit 42 Ländern in Amerika, in Europa und Asien abgeschlossen.
Durch diese Verträge wird1 zwischen den Partnerstaaten der Grundsatz der Neutralität abgeschafft, demzufolge ein Land seine Sicherheit
am ehesten dadurch wahren kann, daß es sich dem Schicksal anderer Länder gegenüber gleichgültig verhält. Diese Konzeption jedoch wird in
steigendem Maße als veraltet empfunden, und sie ist auch, außer unter
ganz besonderen Umständen, eine unmoralische und kurzsichtige Politik.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

20. Juni 1956

Die freie Welt ist heute stärker und der Friede gesicherter, weil so
viele freie Nationen tapfer die bereits erwiesene Tatsache anerkennen,
daß ein Angriff auf die Freiheit eines anderen Landes ihre eigene
Sicherheit und ihren Frieden gefährden würde.
Indessen ist es angesichts der heutigen Verhältnisse nicht genug,
wenn die freien Nationen lediglich ihre Absicht verkünden, zueinanderstehen zu wollen. Wir brauchen Streitkräfte, um diesen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen.
Beim Ausbruch des ersten wie des zweiten Weltkrieges verfügten
die Vereinigten Staaten nur über geringe militärische Kräfte. Auch
im Falle des Koreakrieges reichten unsere Streitkräfte zunächst nicht
aus. In diesen Fallen jedoch waren die Kriegsumstände so geartet, daß
wir genügend Zeit hatten, unsere Militärmacht auszubauen.
Seit jenen Tagen aber haben die dem Menschen zu Gebote stehenden
zerstörenden Kräfte sich plötzlich in einem Maße vergrößert, das unser
Fassungsvermögen übersteigt. Heute kann eine einzige Bombe zerstörende Kräfte von gleicher Intensität entwickeln, wie sämtliche in den
fünf Jahren des zweiten Weltkrieges geworfenen Bomben. Ein etwaiger
Gegner könnte,sofern er nicht bereits im allerersten Anfang auf Widerstand stößt, in kürzester Zeit größte V rheerunge
anrichten, so daß
wir das Hasardspiel nicht wagen dürfen, unsere volle militärische
Stärke erst nach erfolgtem Angriff zu entwickeln. Um einen Gegner von
Aggressionen abzuschrecken und Fehlkalkulationen auszuschließen, sind
Warnungen nicht genug; hinter diesen Warnungen .müssen vielmehr Streitkräfte stehen, die über die nötige Schlagkraft für Vergeltungsoperationen verfügen. Das macht unsere Versicherungspolitik für den Frieden so
teuer.
Die Kosten für den Unterhalt der amerikanischen Streitkräfte im
In- und Ausland belaufen sich auf jährlich etwa 36 Milliarden Dollar.
Das sind fast 9O/0 der Gesamtaufwendungen für unsere Friedensversicherung,
die jährlich etwas mehr als 40 Milliarden Dollar betragen.
Die restlichen zehn Prozent, grob gerechnet also 4 Milliarden
Dollar, dienen dem Aufbau der Militärkräfte anderer Länder im Rahmen
unseres Programms für gemeinsame Sicherheit. Auf dieses Programm möchte
ich jetzt näher eingehen und Ihnen darlegen, warum es ein Bestandteil
unserer Friedensversicherung ist.
Ich werde dabei die zu erwartenden Aufwendungen zugrunde legen.
Um aber das derzeitige Tempo beibehalten zu können, muß der Kongreß
für das nächste Jahr mehr als die vorgesehenen Aufwendungen bewilligen,
denn bereits in diesem Jahr liegen die tatsächlichen Aufwendungen um
rund 1 Milliarde Dollar über den Bewilligungen.
Der Ferne Osten
Die größten Ausgaben im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit entfallen auf den Pazifischen Raum und den Fernen Osten.
Diese Aufwendungen dienen dem Ausbau der militärischen Stärke von

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�"AMERIKA DIENST"

20. Juni 1956

von Ländern, mit denen wir kollektive Verteidigungsverträge geschlossen haben. Dieses Gebiet ist zur Zeit eindeutig einem feindlichen
Druck ausgesetzt.
In Korea herrscht Waffenstillstand. Aber die chinesischen Kommunisten sind noch nie ernstlich zu einem Frieden bereit gewesen, der
eine Wiedervereinigung Koreas durch freie, unter der Kontrolle der
Vereinten Nationen abgehaltene Wahlen bringen würde. So stehen sich
in Korea feindliche bewaffnete Streitkräfte an der durch den Waffenstillstand geschaffenen Demarkationslinie gegenüber.
Taiwan (Formosa), heute Sitz der Regierung der Republik China,
steht unter ständiger Bedrohung des Krieges. Das kommunistische China
lehnt es hartnäckig ab, eine klare Verzichterklärung hinsichtlich dieses Gebiets abzugeben.
Weiter ist da Vietnam, in dem ebenfalls Waffenstillstand herrscht,
aber noch kein offizieller Friede geschlossen wurde.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in Form von Verträgen feierlich erklärt haben, daß ein bewaffneter Angriff in diesen Gebieten auch eine Gefahr für unseren eigenen Frieden und unsere eigene
Sicherheit darstelle.
Der Kongreß hat gegen nur vier Stimmen den Präsidenten ermächtigt, die Streitkräfte der USA zur Verteidigung Taiwans (Formosas)
einzusetzen, falls er es für notwendig erachten sollte. Allerdings
wünschen wir nicht, daß es notwendig werde, um die Erhaltung der
Freiheit in diesen Gebieten zu kämpfen. Unser Ziel ist es, den Krieg
zu vermeiden. Aus diesem Grunde gewähren wir den freien Regierungen
dort militärische und finanzielle Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, eigene Streitkräfte in einer Stärke zu unterhalten, die sie
und wir angesichts der bestehenden Gefahr einer Aggression und unserer genau aufeinander abgestimmten Pläne zur Verhinderung einer solchen Aggression als angemessen betrachten.
Wir wenden im kommenden Jahr voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar
für Militär- und Verteidigungshilfe in diesem Gebiet auf. Der größte
Teil dieser Gelder wird der Republik Korea, Nationalchina und den drei
indochinesischen Ländern zugute kommen. Geringere Beträge gehen an die
übrigen Verbündeten in diesem Gebiet - die Philippinen, Thailand und
Japan.
Der Nahe Osten
Ich möchte mich nun dem Nahen Osten zuwenden. In diesem Gebiet wird
das für die Industrien Westeuropas und die Streitkräfte der NATO erforderliche Erdöl gefördert. Ein Stocken der Öllieferungen wäre für
die Erzeugerländer ein großes Unglück, da sie weitgehend auf die Einnahmen aus der Erdölförderung angewiesen sind. Außerdem müßten wir uns
dann mit Europa in die Ölreserven unserer westlichen Hemisphäre teilen,
das heißt, wir hätten Mangel an Erdöl statt des bisherigen Überflusses.
Aus

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�20. Juni 1956

"AMERIKA DIENST

Aus diesem Grunde unterstützen wir die vier Länder des Nahen
Ostens, die das Tor zum Süden bilden, wo sich die Ölreserven befinden;
und unmittelbar dahinter liegt das Tor nach Afrika. Die Aufwendungen
für die Militärhilfe an diese Länder dürften im kommenden Jahr schätzungsweise bei 800 Hillionen Dollar liegen.
Die NATO
Und nun Westeuropa. Dort wachen die Streitkräfte der NATO über
die reichsten Industrien und größten Militäranlagen, über die die freie
Welt verfügten - die der Vereinigten Staaten ausgenommen. Dieses Gebiet
halten wir für so wichtig, daß die Vereinigten Staaten dort allein annähernd sechs Divisionen stationiert haben. Ich hoffe, die westeuropäischen Mitglieder der NATO werden selbst weitgehend zur Verteidigung
dieses Gebiets beitragen. Immerhin unterstützen wir auch sie durch
Lieferung bestimmter Waffentypen, deren Kosten im Budget unseres Programms für gemeinsame Sicherheit enthalten sind.
Wir unterstützen Westberlin als ein Symbol der Freiheit hinter
dem Eisernen Vorhang. Wir arbeiten an der Errichtung von Stützpunkten
in Spanien, die einen beträchtlichen Kostenaufwand erfordern. Wir halten es auch für klug, Jugoslawien zu helfen, solange es entschlossen
ist, seine volle Unabhängigkeit zu wahren. Jugoslawien hat eine Gesellschaftsordnung, die uns nicht gerade gefällt. Aber Marschall Tito hat
Moskau die Stirn geboten und sich behauptet. Und selbst wenn dieser
Streit heute beigelegt ist, stellt Jugoslawien doch ein bemerkenswertes
Beispiel für die nationale Unabhängigkeit eines Landes in Osteuropa dar.
Die uns im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in
Europa erwachsenden Kosten werden im kommenden Jahr schätzungsweise eine
Milliarde Dollar betragen.
Diese von mir aufgezählten Aufv/endungen sind dazu bestimmt, mit
einem Mindestkostenaufwand unsererseits den Fortbestand von Landern zu
gewährleisten, deren Sicherheit Teil unserer eigenen Sicherheit ist.
In diesem weitgespannten und enggeknüpften Netz unseres Sicherheitssystems verfügen wir auf diese V/eise als wertvolles Nebenergebnis über
eine große Reihe von Basen überall auf der Erde, von denen aus wir und
unsere Verbündeten Gegenschläge gegen einen etwaigen Aggressor führen
könnten. Die Mannigfaltigkeit ist gerade in diesem Zusammenhang von
größter Bedeutung; denn wenn die Start- und Abschußbasen auf ein einziges Gebiet beschränkt wären, so könnten sie bereits beim ersten Angriff des Gegners vernichtet werden. Auch gibt das derzeitige Verteidigungssystem die Möglichkeit, billigere Flugzeuge mit kürzerem Aktionsradius mit Aufgaben zu betrauen, die sonst den Einsatz sehr viel kostspieligerer Maschinen erfordern würden.
So dienen diese Aufwendungen der Erhaltung unseres Friedens und
unserer Sicherheit.
Wirtschaftshilfe
Es bleiben also 700 Millionen Dollar oder rund 2$ der Gesamtkosten
für unsere Friedensversicherung. Diese werden für die sogenannte

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�"AMERIKA DIENST"

20. Juni 1956

sogenannte "Wirtschaftshilfe" verwendet. Hauptzweck dieser Wirtschaftshilfe ist es, jenen Nationen, die erst kürzlich ihre Unabhängigkeit
erlangt haben, sowie den unterentwickelten Ländern zu helfen, ihre
Unabhängigkeit ungeachtet der Verschwörungen des Weltkommunismus zu
wahren.
Wie-in der Caracas-Resolution in bezug auf die westliche Hemisphäre
betont wurde, sind Friede und Sicherheit auch andernorts bedroht, wenn
der Weltkommunismus in irgendeinem der Länder der westlichen Hemisphäre
die politische Macht an sich reißt. Mit diesem Teil unseres Programms
für gemeinsame Sicherheit soll den Bemühungen feindlicher Kräfte begegnet werden, ihre Macht durch den Zugriff auf neue Reserven an
Menschenkraft und materielle Güter sowie durch die Schaffung neuer
strategischer Positionen zu vergrößern. Die Wirtschaftshilfe wird
aber noch durch viele andere Dinge gerechtfertigt.
Die Vereinigten Staaten verfügen bei weitem über die höchstentwickelte Wirtschaft der Welt. Die Produktivität unserer Wirtschaft
ist beinahe doppelt so hoch wie die der übrigen Länder.
Seit jeher haben wirtschaftlich hochentwickelte Länder den
wirtschaftlich rückständigeren Gebieten beim Ausbau ihrer Wirtschaft
geholfen. Uns half Europa,als wir begannen, diesen Kontinent wirtschaftlich zu erschließen. Es ist dies eines der Gesetze innerhalb
der menschlichen Gesellschaft, und wir können nur bei Gefahr unseres
Unterganges dagegen verstoßen.
Die uns damit auferlegten Lasten werden dadurch erleichtert,
daß unsere Wirtschaftshilfe zu einem ansehnlichen Teil in der Belieferung anderer Länder mit überschüssigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen besteht. Darüber hinaus werden alle Hilfeleistungen, die 200
Millionen Dollar übersteigen, in Form von rückzahlbaren Darlehen,
also nicht als Schenkungentgegeben.
Die Bedeutung dieses wirtschaftlichen Teils unserer Friedensversicherung wird durch die Tatsache unterstrichen, daß die Sowjetunion jetzt ebenfalls dazu übergegangen ist, ihre Interessen durch
Kreditgewährung an andere Länder zu fördern.
Die neue Taktik der Kommunisten verlangt gebieterischer denn je,
daß wir die Wirtschaftshilfe im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit fortführen, ja vielleicht noch ausbauen sollten. Es wäre
wirklich eine Ironie, wollten wir ausgerechnet in jenem Augenblick
unsere Tätigkeit auf diesem Gebiet einstellen, da die Sowjetunion
mit derartigen Vorhaben beginnt.
Die von mir hier kurz beschriebenen Aufwendungen - 36 Milliarden
Dollar, plus 3»3 Milliarden Dollar plus 700 Millionen Dollar - belaufen
sich auf insgesamt rund 40 Milliarden Dollar und sind der Preis, den
wir jährlich für unsere Friedensversicherung entrichten müssen. Was die
zur Unterhaltung unserer eigenen Streitkräfte benötigten 36 Milliarden
Dollar anbetrifft, so sind die Auffassungen darüber, in welcher Weise

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�"AMERIKA DIENST

20. Juni 1956

Weise diese Summe zu benutzen sei, geteilt. Aber nur wenige meinen,
es sollte über aupt nicht soviel Geld dafür ausgegeben werden. Mehr
Auseinandersetzungen gibt es dagegen über die 4 Milliarden Dollar, die
wir im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in der von
mir eben beschriebenen Weise verwenden.
Was dies anbelangt, möchte ich noch einige Fragen beantworten.
Auslandshilfe keine "Schenkung"
Vor allem die eine Frage: Ist die Auslandshilfe eine "Schenkung";
um derentwillen man den Amerikanern höhere Steuern auferlegt, nur um
dem Ausland zu helfen?
Die Antwort hierauf ist ein glattes "Nein". Ich hoffe, daß dies
bereits aus meinen Ausführungen klar geworden ist. Es ist durchaus richtig, daß die im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit ausgegebenen Gelder anderen Ländern helfen sollen. Doch kann man eine Hilfsaktion nicht deshalb als eine "Schenkung" bezeichnen, weil anderen damit
geholfen wird. Denn oft genug helfen wir mit der anderen Ländern gewährten Hilfe uns selbst mehr als wir es in irgendeiner anderen Weise
tun könnten. Das trifft auch auf unser Programm für gemeinsame Sicherheit zu. Es trägt zur Sicherung unserer eigenen Freiheit bei, da es
die Freiheit in unserer Umwelt fördert. Das entscheidende Motiv bei
jedem einzelnen Posten unserer Aufwendungen im Rahmen des Programms für
gemeinsame Sicherheit ist unser wohlverstandenes Eigeninteresse.
Mit allem Nachdruck möchte ich zu diesem Punkt der Begründung
betonen, daß nicht ein einziger Dollar im Rahmen dieses Programms ausgegeben wird, der nicht amerikanischen Interessen dient. Bereits in
den ersten Jahren ihres Bestehens war die amerikanische Nation überzeugt, daß die Freiheit in anderen Teilen der Welt für den Frieden
und die Sicherheit unserer eigenen Nation von lebenswichtiger Bedeutung
ist. Wenn ein Krieg diese Freiheit bedrohte, haben wir in diesen Krieg
eingegriffen, um sie zu retten. Das ist die kostspieligste Methode,
uns zu schützen. Heute hegen wir die Hoffnung, uns mit weniger kostspieligen Methoden schützen zu können. Das ist der Zweck des Programms
für gemeinsame Sicherheit.
Wir versuchen nicht, uns die Dankbarkeit anderer zu erkaufen.
Vergeuden wir unsere Auslandshilfe, weil die Empfänger nicht dankbar genug sind oder weil sie unsere Ansichten nicht widerspruchlos
teilen? Nein, wir verlangen von ihnen weder Dank noch Gefügigkeit.
Wir wissen, daß sich Dankbarkeit niemals erkaufen läßt, und wir geben
das Geld des Steuerzahlers nicht für solche Torheiten aus. Wir wollen
und verlangen keine Unterwerfung. Unsere Politik wird von weiten
Kreisen des Auslandes respektiert, weil sie gut ist. Doch muß der
Erfolg unseres Auslandshilfeprogramms nicht nach der Dankbarkeit oder
Unterordnung unter uns beurteilt werden, sondern danach, ob sie der
Freiheit in anderen Ländern förderlich ist und damit die Freiheit in
unserem eigenen Lande festigt. Das ist der Prüfstein für unser Programm.
Genau

�}

"AMERIKA DIENST"

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20. Juni 1956

Genau kalkulierte Summen
Da also die Notwendigkeit für das Programm für gemeinsame Sicherheit gegeben ist, erhebt sich die weitere Frage, ob sich die angeforderten Beträge auch in vernünftigen Grenzen halten. Wir sind überzeugt, daß das'der Fall ist. Selbstverständlich läßt sich nicht von
vornherein feststellen, ob diese oder jene Aufwendung das Zünglein
an der Waage zwischen erhöhter Gefahr und erhöhter Sicherheit oder
zwischen Krieg und Frieden bildet. Wenn es uns aber gelingt, Sicherheit
und Frieden zu wahren, so läßt sich immer leicht einwenden, daß wir
alles wesentlich billiger hätten haben Tonnen. Dagegen läßt sich auch
kein Gegenbeweis führen. Nur an den Fehlschlagen erkennt man, daß
die Aufwendungen zu niedrig gewesen sind. Doch ist es dann zu spät.
Ich versichere Ihnen, daß wir alle, die wir an 1 iesem Programm
mitarbeiten, bestrebt sind, unserem Vaterlande zu ditnen und die Ausgaben so niedrig zu halten, wie sich mit unseren nal 1 .ualen Interessen
vereinbaren läßt. Unsere Vorschläge stützen sich auf Informationen,
die wir aus allen Teilen der Welt erhalten und die uns helfen, die
Stärke und die Absichten uns feindlicher Elemente in der ganzen Welt
und das Widerstandsvermögen der uns befreundeten Mächte zu beurteilen.
Fehlbeurteilungen sind daher natürlich nicht ausgeschlossen und abweichende Meinungen werden, sofern sie ehrlich sind, berücksichtigt.
Unsere Maßnahmen werden jedoch mit großer Sorgfalt durchgeführt und
von zahlreichen Regierungsstellen überprüft. Das endgültige Ergebnis,
wie es dem Kongreß unterbreitet wird, spiegelt die Meinung wider, die
sich'der Präsident und der Nationale Sicherheitsrat nach bestem Vermögen gebildet haben. In der Frage der Sicherheit und des Friedens für
die amerikanische Nation bedeutet es ein Risiko, um den Preis zu
feilschen. Ein geringer Preis bedeutet nicht immer eine Ersparnis bringt aber wohl eine Erhöhung des Risikos eines Krieges mit sich.
Werden die Beträge von der Regierung richtig verwendet?
Es erhebt sich die Frage, ob diese Summen richtig verwendet werden.
Erfüllen die von uns im Interesse des Friedens und der Sicherheit gemachten Aufwendungen auch ihren Zweck? Die Antwort hierauf ist, daß
ein Teil dieser Ausgaben als Verlust abgebucht werden muß. Wie viele
der im zweiten V/eltkrieg abgeschossenen Granaten mögen ihr Ziel getroffen haben? Sicher nur ein geringer Prozentsatz.
Trotzdem haben wir niemals gezögert, unsere kämpfende Truppe
mit Munition zu versorgen. Nicht alle Ziele eines gestellten Programms
werden ganz erreicht. Es ist der Preis, den wir für menschliche Unzulänglichkeiten zahlen müssen. Wir sind ständig bemüht, unsere Leistungen zu steigern. Doch der Mangel an vollkommener Treffsicherheit ist
kein Grund, die erforderliche Dollarmunition zu verweigern, die benötigt wird, um den Frieden zu gewinnen.
Sind die nationalen Streitkräfte anderer Länder notwendig? Es
wird des weiteren die
Frage erhoben, ob nicht die abschreckende
Macht und Schlagkraft der US-Streitkräfte den Unterhalt nationaler
Streitkräfte seitens der einzelnen Länder überflüssig mache, so daß
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20. Juni 1956

daß sich die Kosten für diese einsparen lassen. Gewiß ist die Notwendigkeit für den Unterhalt nationaler Streitkräfte in den einzelnen
Ländern angesichts unserer Streitmacht geringer. Es wäre tatsächlich
unpraktisch, in allen Staaten rings um den sowjetischen Machtbereich
nationale Streitkräfte von einer Stärke zu unterhalten, die ausreichte,
einen etwaigen Angriff abzuschlagen. Doch dürfen wir uns nicht völlig
auf die an zentralen Punkten bereitstehenden strategischen Streitkräfte
verlassen. Bedrohte Nationen halten es für zwingend notwendig, sich
selbst zu verteidigen. Tatsächlich würden sie, wenn sie dieses Gefühl
nicht hätten, weder unsere Unterstützung verdienen noch würde diese einen
Zweck haben. Des weiteren sind nationale Streitkräfte, die ihrer Regierung treu ergeben sind, zur Verhinderung von kommunistisch unterstützten Umsturzversuchen im Inneren notwendig.
Aber nicht nur unsere militärische Stärke stellt ein Abschreckungsmittel gegen eine Aggression dar, sondern auch die Gewißheit, daß ein
offener bewaffneter Angriff sofort auf tapferen und organisierten
Widerstand stoßen würde. Dieser würde, verstärkt durch die Einlösung der
vertraglichen Verpflichtungen bezüglich Kollektivaktionen, Konsequenzen
nach sich ziehen, über die ein Angreifer keine Kontrolle hätte und die
er nicht beschränken könnte.
Ist ein' Ende abzusehen?
Schließlich wird die Frage gestellt, ob diese Kosten denn für eine
unbegrenzte Dauer getragen werden sollen. Ist denn kein Ende für diese
gewaltigen Ausgaben von insgesamt 4-0 Milliarden Dollar im Jahr, die als
Versicherungsprämie zur Erhaltung des Friedens zu zahlen sind, abzusehen?
Die Antwort hierauf ist, daß wir die Kosten für die Abwendung
dieser Gefahr solange aufbringen müssen als diese Gefahr besteht.
Die sowjetischen Machthaber unternehmen gegenwärtig gewaltige Anstrengungen, um ihr militärisches Potential zu erhöhen und ihren Herrschaftsbereich auszuweiten. Sie unterhalten eine Militärmacht, die der
unsrigen etwa entspricht, und sie scheuen keine Kosten, uns zu überflügeln. Rotchina und den ihnen verbündeten osteuropäischen Satelliten
gewähren sie militärische Unterstützung. Dabei handelt es sich um
Summen, die in die Milliarden Dollar gehen. Auch die Völker der freien
Welt werden von ihnen mit Kreditangeboten für die Beschaffung wirtschaftlicher und militärischer Güter umworben. Kredite in einer Gesamthöhe von 500 Millionen Dollar sind von ihnen bereits vergeben worden,
und weitere Kreditangebote über mehrere Hundert Millionen liegen vor.
Fast 500 Millionen Dollar werden von ihnen jährlich für Zwecke der
Auslandspropaganda ausgegeben.

für
tet
wie
für

Fast 20 Prozent ihres Bruttosozialprodukts wendet die Sowjetunion
militär- und außenpolitische Maßnahmen auf, die gegen uns gerichsind. Solange sie an einer solchen Politik festhält, müssen wir,
es heute geschieht, etwa 10 Prozent unseres Bruttosozialprodukts
Zwecke der Friedenssicherung ausgeben.
Wir

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20. Juni 1956

Wir können diese Opfer bringen und dabei gleichzeitig unseren
Lebensstandard erhöhen. Der Beweis dieser Tatsache hat einen gewaltigen
Einfluß auf die internationale Politik ausgeübt.
Niemals wird eine verantwortungsbewußte Regierung ihr Vertrauen
in Friedensbeteuerungen und Bezeugungen des guten Willens setzen, die
auf keiner verläßlichen Grundlage beruhen^ die die Nation der Isolierung in der Welt aussetzen oder sie der Möglichkeit zum Zurückschlagen
berauben würao, das zur Abwendung eines überraschenden Angriffs notwendig ist.
Doch gibt es Anzeichen dafür, daß ein neuer Tag anbrechen kann.
Die sowjetischen Machthaber geben heute vor, sie haben der Doktrin
abgeschworen, daß Gewalt ein notwendiger Bestandteil ihrer Außenpolitik sei. Sie reißen Stalin herunter, den sie 25 Jahre lang als Halbgott verehrt haben. Seine Schriften, die seit 25 Jahren das Glaubensbekenntnis des Kommunismus bildeten, werden jetzt eingezogen. Zum ersten
Mal seit der bolschewistischen Revolution wird in diesem Jahr die
Bibel in Rußland wieder gedruckt und an die Bevölkerung verkauft. Dem
russischen Volk wird eine größere persönliche Sicherheit zugestanden,
und die Arbeiterschaft erhält größere Freiheit in der Wahl des Arbeitsplatzes .
Offensichtlich verlangen die geknechteten Nationen nach größerer
Unabhängigkeit und die unterworfenen Völker innerhalb und außerhalb
Rußlands nach größerer Freiheit von Furcht und nach einem höheren
Anteil an den Früchten ihrer Arbeit, statt daß diese Früchte für eine
Politik verwendet werden, die allein der Machterweiterung des Staates
dient. Diese Forderungen werden im Volke allgemein und in steigendem
Maße laut. Das allein erklärt die außerordentlichen Anstrengungen der
sowjetischen Machthaber, den Anschein zu erwecken, daß grundlegende
Veränderungen eingetreten sind. Auf Grund dieser Entwicklung könnte zwar nicht in diesem oder im nächsten Jahr - doch eines Tages eine
Regierung gebildet werden, die den berechtigten Wünschen d-es Volkes
Rechnung trägt und die alle expansionistischen Ziele aufgibt.
Zahlreiche Ereignisse bestärken uns in unserem Vertrauen, daß
diese Politik fortgesetzt wird, wenn wir stark bleiben, wenn wir uns
für die Freiheit einsetzen, und die Segnungen, die die Freiheit mit
sich bringt, klar und deutlich herausstellen.
Es wird niemals eine Zeit geben, in der wir beruhigt unsere
Pläne und unsere Arbeit im Interesse des Friedens aufgeben können
und keine weiteren Opfer für den Frieden mehr zu bringen brauchen.
Doch läßt sich erkennen, daß, sofern wir standhaft bleiben, eine Zeit
kommen wird, in der die Gefahr geringer sein wird und auch unsere Kosten entsprechend reduziert werden können. Doch bis dahin ist es unsere
patriotische Pflicht, an dem festzuhalten, was sich als gut bewährt hat.

* * * * *

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�A M E R I K A

DULLES:

D I E N S T

FREIE WELT MUSS WACHSAM BLEIBEN
SAN FRANCISCO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede des US-Außenministers John Foster Dulles, gehalten am 21.Juni
1955 in San Francisco vor der "Kiwanis International" -Vereinigung. Dulles geht darin auf die
neuerlichen Friedensbeteuerungen der Sowjets ein
und beleuchtet die augenblickliche Situation der
Weltpolitik.

"Ihre Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf internationaler Ebene intelligente, aufgeschlossene und pflichtbewußte
Bürger au erziehen. Ich weiß, daß Sie daher an der heutigen Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotismus außerordentlich
interessiert sind.
Es ist ja wohl nichts Neues, daß sich Despotismus und Freiheit
bekämpfen. Dies war schon seit Urzeiten so. Heute aber hat diese
Auseinandersetzung ein Ausmaß und eine Intensität erreicht, die für
unser Zeitalter charakteristisch geworden sind.
Die Kräfte des Despotismus sind besser organisiert als je
zuvor. Sie beherrschen bereits ein Drittel der ganzen Menschheit
und sie propagieren ganz offen ihr Ziel, ihr System auf die ganze
Welt auszudehnen.
Bisher haben sie ihre Erfolge durch die Anwendung oder die
Androhung von Gewalt erzielen können. Während der Ära Stalins wurden
15 Nationen ganz oder zum großen Teil mit Gewalt der sowjetkommunistischen Herrschaft
unterworfen, über die freien Nationen sind
gegenüber der Gefahr wach geworden. Sie haben ihre Abwehrkraft aufgebaut und sich in Maßnahmen zur kollektiven Verteidigung zusammengeschlossen. Der sowjetische Kommunismus konnte nicht mehr länger
eine Nation nach der andern einzeln herausgreifen.
Jetzt sagen die Sowjetmachthaber, daß sie künftig auf Gewaltanwendung verzichten werden. Aber sie erklären zugleich, daß sie
weiterhin damit rechnen, daß ihr System sich in der Welt durchsetzen wird, weil es so gut ist, daß alle Menschen es wünschen
werden.
Wir begrüßen diese Entwicklungen und werden sie unterstützen.
Es_
- 1 -

�AMERIKA DIENST"

27- Juni 1956

Es wäre jedoch töricht, wollte man annehmen, daß die Gefahr nunmehr vorüber ist und daß wir unsere Politik der gemeinsamen Sicherheit, die die alten sowjetischen Taktiken vereitelte, aufgehen
können. Die Sowjetmachthaber behalten weiterhin eine Position, die
es ihrer, ermöglicht, schnell zu ihren alten Gewalt- und Zwangsmethoden
zurückzukehren, und sie würden gewiß versucht sein, dies zu tun,
wenn die freien Nationen jemals ihre Politik des Zusammenstehens
aufgäben. Denn die klassische und naür'icne Taktik des SowjetKommunismus, wie er nicht nur von Stalm sondern auch von Lenin
gelehrt wird, igt die Gewalt. Die sovuetische Industrie arbeitet
auf Hochtouren, um immer stärkere At m- und Kernwaffen zu produzieren. Die thermonuklearen /ersuche in der Sowjetunion werden in
größerer Zahl darchgefünrt. Sie arbeite unermüdlich daran, die
Mittel für den Einsatz neuer Waffen dvtrc h Bomber, InterkontihentalRaketen und Unterseeboote zu vermehren.
Sie entwickeln auch neue Techni en der indirekten Aggression.
Sie versuchen zum Beispiel, ihre Age te : in ardere Länder zu schleusen - Männer, die Techniker sind, aoer auch gleichzeitig dem politischen Apparat des internationalen Kommunismus angehören. Sie versuchen Länder, die der Hilfe bedürfen, mit wirtschaftlichen Versprechungen zu umgarnen. Sie bereite, sich auf die Möglichkeit
vor, andere Regierungen gegen den Willen, ja ohne Wissen der jeweiligen Völker zu unterwandern.
Es ist daher von lebenswichtiger Bedeutung, daß die freien
Nationen auf der Hut bleiben und an ihrer Politik der Sicherung
des Friedens festhalten - wozu in unserem Falle auch das Programm
der gemeinsamen Sicherheit gehört, das jetzt dem Kongreß vorliegt.
Auf der anderen &gt;eite nehmen wir jedoch voller Zuversicht die
Herausforderung der sowjetischen Kommunisten an, unsere Systeme
einem Vergleich zu stellen.
Wir stellen zuerst einmal die Frage: Wenn der Kommunismus so
gut ist, daß - wie seine Führer sagen - die anderen ihn um seiner
Verdienste willen aus freien Stücker akzeptieren v/erden, warum sollte
man dann nicht denen die erste Wahl lassen, die ihn am besten kennen?
Das russische Volk hat jetzt 39 Jahre Zeit gehabt, um die Qualitäten
des sowjetkommunistischen Systems schätzen zu lernen. Die osteuropäischen Völker hatten zehn und mehr Jahre Zeit, um dieses System
zu bewerten. Wenn der Kommunismus auf Grund seiner eigenen Verdienste
den Sieg davontragen kann,und zwar unter den Bedingungen einer wahrhaft freien Wahl, warum stellen seine Verfechter dies nicht den Ländern unter Beweis, wo er heute an der Macht ist?
Die sowjetischen Machthaber versprachen auf der Konferenz auf
höchster Ebene im vergangenen Juli, daß sie dem deutschen Volk freie
Wahlen zugestehen wollten. Rund 17 Millionen der Deutschen kennen den
Kommunismus sozusagen aus erster Hand, und die meisten anderen kennen
Augenzeugenberichte. Warum sagt die sowjetische Regierung nun, wie sie es
im November vergangenen Jahres in Genf erklärt hatte und immer noch wiederholt, daß sie die versprochenen freien Wahlen nicht gestatten wird, weil
sie fürchtet, das deutsche Volk würde sich von den sogenannten 'sozialen
Errungenschaften' abwenden, die das kommunistische Regime Ostdeutschland
auferlegt hat?
- 2 Dürfen

�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Dürfen die freien Völker nicht mit Recht annehmen, daß an einem
System, das von keinem Volk bisher freiwillig akzeptiert wurde und das
die sowjetischen Machthaber selbst nicht dem Urteil jener Völker unterwerfen wollen, die es am besten kennen, grundsätzlich etwas falsch sein
muß?
Wir wollen aber nicht nur auf der Basis dieser Annahme argumentieren, so einleuchtend sie auch ist. Wir wollen das sowjetische System
einmal näher beleuchten.
Sicher scheint die Diktatur in einem engbegrenzten Bereich das
vorteilhaftere System zu sein. Sie gestattet einen opportunistischen
Kurs. Sie ermöglicht eine Beweglichkeit im Handeln, wie sie Regierungssystemen abgeht, die auf dem Grundsatz der Demokratie basieren. Despotische Herrscher können heute eine Richtung einschlagen und schon am
anderen Tage eine Schwerkung um 180 Grad vornehmen, ohne ihren Zickzackkurs der Öffentlichkeit erklären oder vor ihr rechtfertigen zu müssen.
Sie sind weder an Anweisungen eines Parlaments noch an einen festen
Haushaltsplan gebunden. Sie können die Erziehung ihres Volkes jeweils
dem Gebot der Stunde anpassen, und sie haben die Möglichkeit, nach ihrem
eigenen Gutdünken Menschen zu zwingen, im In- und Ausland für die Regierung zu arbeiten. Die kommunistischen Diktaturen, die sich vom
Atheismus und Materialismus leiten lassen,.können darüber hinaus die
menschliche Arbeitskraft wie eine Ware behandeln, die dazu da ist, um
für die Glorifizierung des Staates aufgebraucht zu werden. Und sie tun
es auch.
Auf Grund dieser Machtbefugnisse können Diktatoren Dinge bewerkstelligen, die andere Regierungen, die ihre Macht von der Zustimmung
des regierten Volkes herleiten, nicht zu vollbringen vermögen.
Viele despotisch regierte Völker haben in der Vergangenheit bemerkenswerte Denkmäler hervorgebracht - Pyramiden, Kolosseen, Paläste
und Tempel -, die von Sklaver: in mühevoller Arbeit errichtet wurden,
um Könige und Potentaten zu glorifizieren, die den Staat personifizierten. Der Sowjetstaat kann ähnliche Errungenschaften für sich verbuchen. Durch die rücksichtslose Ausbeutung von Zwangsarbeitern haben
die Diktatoren moderne Monumente in Gestalt von Industrieanlagen, Elektrizitätswerken und ähnlichem geschaffen. iie haben ihr Wirtschaftssystem einem erzwungenen und unausgeglichenen Wachstum unterworfen und
mit Hilfe reicher natürlicher Hilfsquellen und unter der Gunst eines
•gemäßigten Klimas die Industrialisierung und die Ausbildung von technischen Fachkräften rasch vorangetrieben.
All diese Erfolge werden von der Sowjet-kommunistischen Propaganda
herausgestrichen. Aber auch diese Medaille hat ihre Kehrseite.
Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, sämtliche übel des
sowjet-kommunistischen Despotismus aufzuzählen. Ich möchte allerdings
Ihre Aufmerksamkeit auf die Enthüllungen lenken, die Herr Chruschtschow,
der derzeitige Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, in
seiner zunächst geheimgehaltenen Rede vor dem XX. Parteikongreß der

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

der KPdSU gehalten hat. Diese Rede ist die schlimmste Verdammung
des Despotismus, die je aus dem Ifunde eines Despoten gekommen
ist. Sie allein sollte allen freien Völkern Anlaß genug sein, jene
Form des Despotismus zu meiden, so wie sie vor der Pest fliehen
würden.
Chruschtschow hat aus verständlichen Gründen versucht, seine
Rede geheimzuhalten.
'Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den
Reihen der Partei, insbesondere nicht in die Presse dringen lassen1,
so sagte er. '.... Wir dürfen dem Feind keine Munition liefern, und
wir sollten unsere schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen'.
Inzwischen ist Chruschtschows Rede bekannt geworden. Man sollte
sie in allen Teilen der Welt lesen und sorgfältig studieren.
7/as hat Chruschtschow gesagt? Er hat erklärt, daß eben jener
Mann, der für Jahre hindurch an der Spitze der Kommunistischen Partei
der Sowjetunion und der Sowjetregierung stand, der als ein Halbgott
dargestellt wurde, und dessen Schriften de::i Kommunismus in aller Welt
als bindende Richtschnur galten, in Wirklichkeit, was seine Lehre
anging, ein 'Abweichler' warj daß er sich als Führer des Staates
den Gefahren gegenüber, die dem Staat drohten, so blind gezeigt
habe, daß seine Handlungsweise schon fast ao Verrat grenze; und
daß er als Mensch in seinem Charakter so brutal und sadistisch gewesen sei, daß er einem der übelsten der römischen Kaiser, Caligula,
den Rang streitig mache. Darüber hinaus - und das ist der wichtigste
Punkt - stellte Chruschtschow die Unfähigkeit des sowjet-kommunistischer. Systems bloß, sich seiner eigenen schlechten Führung zu entledigen, da ja eben diese schlechten Führer es waren, die die höchste
Macht besaßen, andere zu liquidieren.
Ich darf Ihnen hier kurz einige der wichtigsten Punkte der langen
Rede Chruschtschows aufzählen.
Chruschtschow erklärte nach einem Hinweis auf verschiedene der
Schriften Stalins: 'Das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei.'
Chruschtschow erklärte weiter, daß Stalin vor Hitlers Angriff auf
Rußland hinreichend gewarnt worden war, daß aber 'trotz dieser überaus
ernsten Warnungen nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen worden sind, um eine Verteidigungsbereitschaft des Landes sicherzustellen
und es vor Überraschungsangriffen zu bewahren.'
Chruschtschow erklärte, daß die Furcht vor Stalin so groß gewesen
sei, daß diejenigen Männer, die mit der Sammlung und Auswertung von
Nachrichten beauftragt waren, ihrer Aufgabe nur mit Zittern und Zagen
nachkamen, auf daß nicht das, was sie berichteten»Stalin aufrege und
damit ihr eigenes Leben gefährden könne. Er erklärte wörtlich 'wegen
der Voreingenommenheit der Führung gegen solche Nachrichten, war man
ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.'
Chruschtschow

�AMERIKA DIENST"

27. Juni

1956

Chruschtschow gab an, daß Stalin, um seinen Sadismus zu befriedigen, immer wieder die Anwendung von Folterungen verlangte, um falsche
Geständnisse zu erpressen, die dann zur Grundlage von Justizmorden gemacht wurden. Er befahl 'lange Folterungen1 und hat gewöhnlich selbst
'den Untersuchungsrichter zu sich gerufen, um ihm Instruktionen zu erteilen und Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden
zu geben; diese Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und
nochmal schlagen'. Chruschtschow führt Fall um Fall der Anwendung
der Folter auf.
Chruschtschows Rede beschwört ein abscheuliches Bild herauf.
Man kann diese Rede nicht ohne Grauen und Abscheu lesen. Doch dürfen
wir nicht bei dieser instinktiven gefühlsmäßigen Reaktion verweilen.
Wir müssen weitergehen und die grundlegende Frage stellen: Warum wurden
diese Dinge nicht zu Stalins Lebzeiten aufgedeckt? und nicht erst
ganze drei Jahre nach Stalins Tod?
Chruschtschow versucht, dies zu begründen. Er verweist auf Berija
als Stalins wichtigsten Handlanger bei Folter und Mord, und erklärt:
'Hier erhebt sich die Frage, warum Berija, der Zehntausende von
Parteimitgliedern und Sowjetfunktionären liquidiert hatte, nicht zu
Lebzeiten Stalins entlarvt wurde. Er wurde nicht früher entlarvt, weil
er sehr geschickt Stalins Schwächen auszunutzen verstand; indem er
Stalins Mißtrauen ständig neue Nahrung gab, half er ihm in allen
Dingen und handelte mit Stalins Unterstützung.'
Kurz, das kommunistische Regime in der Sowjetunion bietet keinerlei Sicherungen selbst gegen so extremen Mißbrauch der Macht, wie
Chruschtschow ihn schildert. Es gibt keinerlei Schranken und Gegengewichte. Das System ist, wie selbst Lenin es ausdrückte, ein System
der 'unumschränkten Macht, die sich auf Gewalt, und nicht auf das
Recht gründet 1 . Alles vollzieht sich im Dunkel. In diesem System gibt
es keine Handhabe, den Herrscher durch einen anderen zu ersetzen.
Wird diese Herrschaft mißbraucht, so bringen nur Tod oder Gewalt das
sichere Ende dieses Mißbrauchs; und selbst der Tod gibt noch keine
Gewähr dafür, denn Berija, den Chruschtschow noch schlimmer als Stalin
nennt, wäre wahrscheinlich Stalins Nachfolger geworden, wenn er nicht
in dem nach Stalins Tode einsetzenden Kampf um die Macht beseitigt
worden wäre.
Die heute führenden Persönlichkeiten des politischen Lebens in
Rußland waren sämtlich Freunde Stalins und wußten ganz genau, was
vor sich ging. Chruschtschow und Bulganin waren Stalins enge Mitarbeiter und, weiß Gott, die Nutznießer seiner Säuberungen innerhalb der
Partei. Und heute müssen sie zugeben, daß es kein Mittel gibt, selbst
den größten Mißbrauch der Macht zu verhindern, wenn das von ihnen
verfochtene System erst einmal in einem Lande Fuß gefaßt hat.
Auch ist zu beachten, daß zwar die kommunistischen Führer der
Sowjetunion heute unter sich über Stalins Verbrechen sprechen und
sich in der Öffentlichkeit von Stalin distanzieren wollen und anscheinend wirklich hoffen, eine Wiederholung dieser Schreckensherrschaft
zu vermeiden, daß aber in der kommunistischen Partei Chinas, die versucht, das System ihres Landes auf ganz Asien auszudehnen, und deren
Führer Stalins eifrigste und ergebenste Nachahmer waren, nicht

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

nicht einmal diese Einsichten zu erkennen sind. Mao Tse-tung erklärte in einem Artikel über Stalin nach dessen Tode: ".Vir scharten
uns um ihn, baten ihn ständig um seinen Rat und sogen ideologische
Kraft aus seinen Werken'. Der Delegierte der Kommunistischen Fartei
Chinas auf dem XX.Parteikongreß in Moskau, auf dem Chruschtschow seine
Rede hielt, rühmte 'die Festigkeit und Unbesiegbarkeit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Lenin geschaffen und Stalin großgemacht hat.
Ja, die chinesischen Kommunisten haben sogar versucht, Stalin
an Brutalität noch zu übertreffen. Und wehrend Stalins Nachfolger
in Rußland zumindest vorgeben, auf dem Gebiet der internationalen
Politik keinerlei Gewalt anzuwenden, lehnen die chinesischen Kommunisten dies nach wie vor ab. Wir haben geduldig versucht - und versuchen dies noch immer - sie dazu zu bringen, sich eindeutig gegen
alle Gewaltmaßnahmen zu erklären, insbesondere was das Gebiat von
Formosa anbelangt; aber leider bisher ohne jeden Erfolg.
So sehen wir nun das System unverhüllt vor uns, von dem Bulganin
und Chruschtschow sagten, sie hofften, daß die freier. Völker der Welt
es freiwillig akzeptieren würden. Es ist ein System, das wieder einmal
die Wahrheit von Lord Actums Ausspruch beweist, daß 'Macht die Tendenz
hat, die Menschen zu korrumpieren; und absolute Macht bedeutet absolute
Korruption'. Es ist ein System, in dem Mißbräuche unvermeidlich sind
und das keinerlei Handhabe bietet, diese Mißbräuche abzustellen.
Und diesem System steht das System der freien Gesellschaftsordnungen gegenüber, wo die Regierung mit Wissen und Zustimmung der
Regierten ihre Aufgaben erfüllt, und wo die Regierung abgesetzt wird
und eine neue an ihre Stelle tritt, wenn die Regierten es wünschen.
Der größte Vorwurf der sowjetischen Kommunisten gegen diese Gesellschaftsordnungen ist der, daß sie reaktionär seien, Gesellschaften,
in denen der 'Status quo' herrsche. Aber wie sieht es in diesen Gesellschaften aus?
Es ist eine schöne Sitte der freien Gesellschaft, Selbstkritik
zu üben und ihre Mängel offen zu bekennen. Aber hin und wieder ist es
angebracht, einmal eine Bestandsaufnahme der ungeheuren positiven
Wandlungen vorzunehmen, die in den Ländern mit einer echten Volksvertretung erreicht wurden. Dies ist um so notwendiger, als friedliche Wandlungen selten die Aufmerksamkeit der Menschen in dem
gleichen Maße auf sich ziehen wie jene Veränderungen, die durch
Gewalt herbeigeführt werden.
Lassen Sie uns also die friedliche Evolution betrachten, die
sich in unserer amerikanischen Gesellschaft seit 1917 vollzogen hat,
als die 'revolutionären' Bolschewisten in Rußland die Macht ergriffen.
Unsere freie Gesellschaft erhält ihren Hauptimpuls von
giösen Charakter, von dem sie bestimmt wird. Wir glauben an
ge Natur des Menschen und an die Menschenwürde als Ergebnis
sache, daß der Mensch seinen Ursprung in Gott hat, der sein
bestimmt.

dem relidie geistider TatSchicksal
Ein

�"ALIERIKA PIEKST"

27. Juni 1956

Ein solcher Glaube ist ein ständiger und mächtiger Antrieb, die
Welt mit friedlichen Mitteln zu verändern und eine bessere Welt zu
schaffen.
In dem Zeitraum, von dem ich spreche, haben gewaltige Veränderungen
stattgefunden.
Die rechtliche Benachteiligung, die seit Jahrhunderten das Los
der Frau gewesen war, wurde beseitigt, und heute unterscheidet sich
ihre politische, wirtschaftliche und soziale Stellung völlig von der,
die sie vor 40 Jahren besessen hatte.
Wenn auch noch nicht völlig beseitigt, so ist die Rassendiskriminierung doch rasch im Verschwinden begriffen. Die heutigen Verhältnisse
lassen sich nicht mit denen vor 40 Jahren vergleichen.
In steigendem Maße wurden Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit eingeführt. Die Kindersterblichkeit r:ing um 75 Prozent zurück. Zahlreiche
gefährliche Krankheiten wurden ganz ausgerottet.
Die Wissenschaft vollbringt Wunder. Wissenschaftler der freien
Welt haben als erste das Atom gespalten und gewaltige neue Möglichkeiten des Fortschritts auf den Gebieten der Wirtschaft und der Medizin
eröffnet. Durch internationale Abmachungen werden diese Möglichkeiten
in der ganzen Welt greifbar, und wir erwarten als Folge von Präsident
Eisenhowers 'Atome-für-den-Frieden'-Vorschlag vor den Verein-en Nationen
die baldige Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde.
Die amerikanische Produktivität hat sich in den vergangenen 40 Jahren etwa verdreifacht.
Der Lebensstandard der Arbeiterschaft ist gestiegen. Ihre Löhne
sind höher, die Arbeitszeit wurde verkürzt, der Arbeitsplatz ist gesicherter und die Altersversorgung ausgebaut. Die Löhne sind hoch und
die Arbeitszeit kurz. Im Jahre 1916 betrug der durchschnittliche Arbeitslohn bei einer Arbeitszeit von 49 Stunden in der Woche, gemessen an
der Kaufkraft des Dollars im Jahre 1955» etwa 32 Dollar. Heute beträgt
er etwa 76 Dollar bei einer 41 ständigen Arbeitswoche. Der Unterschied
zwischen dem Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters und eines
leitenden Angestellten ist in den Vereinigten Staaten geringer als in
der Sowjetunion.
In den vergangenen 40 Jahren ist aber der Lebensstandard nicht
nur beträchtlich gestiegen, sondern gerade die unteren Einkommensschichten waren daran verhältnismäßig am stärksten beteiligt.
In den letzten Jahren erhöhte sich das Bruttoeinkommen im obersten
Fünftel der Einkommensskala um 33 Prozent, während das Bruttoeinkommen
des untersten Fünftels um 125 Prozent anstieg. Ferner werden die Einkommen- und Erbschaftssteuern,im Gegensatz zu der Zeit vor 40 Jahren,
wo diesen fast keine Bedeutung zukam, heute zum großen Teil von den
höheren Einkommensgruppen im Interesse des Allgemeinwohls getragen.
Dadurch erhöht sich der Anteil der niedrigeren Einkommen am Sozialprodukt noch weiter.
Das

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�'AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Das Miteigentum an den Produktionsmitteln, das 1917 noch sehrgering war, ist heute weit gestreut, über acht Millionen sind heute
Besitzer von Aktien amerikanischer IndustrlegeSeilschaften, über 22
Millionen Familien besitzen ein eigenes Haus, während es vor 40 Jahren
nur sieben Millionen waren.
Die Ausbildungsmöglichkeiten sind selbst auf dem Gebiet des höheren
Schulwesens erheblich erweitert. Heute besuchen 37 Prozent der jungen
Menschen im Alter von 18 bis 21 Jahren Lehranstalten, während es im
Jahre 1920 lediglich 8 Prozent waren.
All diese und viele weitere Fortsc ritte sind im Rahmen unserer
freien Gesellschaftsform erzielt worden.
Auf internationalem Gebiet ist gleichfalls ei- um '• -send, r \7ech«
sei eingetreten. Ein großer Fortschritt wurde hinsichtlich der Entwicklung von kollektiven Sicherheitssystemen gemacht. Dies Ist der
Weg der Vernunft. In einer entwickelten und vernunftre^i rten Gesellschaft bekämpft man das Verbrechen durch ein kol_ektives ...olizeisystem,
bekämpft das Feuer mit einer gemeinsamen Feuerwehr und die Krankheit
durch öffentliche Gesundheitsdienste. Dieses Prinzip ein., kollektiven
Anstrengung tritt jetzt auf internationaler Ebene hervo-. Seine Initiatoren waren die freien Nationen, einmal im Rahmen der Organisation
der Vereinten Nationen, zum anderen durch die kollektiven Sicherheitsverträge. Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit mit 42 anderen Nationen
durch solche Verträge verbunden. Diese Entwicklung ist eine Anwendung
des großen Moralprinzips, daß 'wir alle Glieder einer großen Familie
sind und einer für den anderen da ist.'
In gleicher V/eise ist der Grundsatz der Menschenwürde auf das
Kolonialproblem angewandt worden. In einer Zeit, in der der internationale Kommunismus mit Gewalt seine Herrschaft über mehr als 65O Millionen Menschen ausdehnte und die Unabhängigkeit von 15 Nationen vernichtete oder beschnitt, gewährten die freien Nationen 17 Ländern mit
einer Bevölkerung von rund 65O Millionen Menschen die Unabhängigkeit.
Damit wird der gewaltigste Gegensatz zwischen dem dynamischen Liberalismus freier Gesellschaften und dem brutalen Rückschritt jener, die
die Gewalt anbeten, deutlich. Ob wir also die Entwicklung auf nationaler
oder auf internationaler Ebene betrachten,
so sehen wir den ungeheuren und wohltuenden V/andel, den der Prozeß
der Freiheit hervorgebracht hat.
Aber wir dürfen uns nicht einfach zufriedengeben und der Meinung
sein, daß unsere Vergangenheit automatisch unsere Zukunft sichert.
Es ist wesentlich, daß der dynamische und liberalisierende Einfluß
der Freiheit ständig zum Tragen gebracht wird, und zwar nicht nur mit
Worten, sondern durch Taten.

In

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

In jedem Wettstreit mit dem Despotismus sind die freien Gesellschaften, wie es mitunter scheint, in mancher Hinsicht im Nachteil. Sie decken ihre Schwächen und Mängel auf, während die Despoten
sie in der Regel verbergen. Die freien Gesellschaften erscheinen
daher oft schlechter als sie sind, und die Despoten können zuweilen
besser erscheinen als sie in Wirklichkeit sind.
Es geschieht nicht oft, daß der Despotismus öffentlich entlarvt
werden kann wie durch die Publikation der Chruschtschowrede. Um diesem
Vermögen des Despotismus, sich selbst zu maskieren, die Wirkung zu
nehmen, müssen die freien Gesellschaften ihre eigene beständige Hingabe an die liberalen Prinzipien des friedlichen Wandels über allen
Zweifel klar herausstellen.
Zu beweisen, daß der Despotismus vom Übel ist, ist nicht genug.
Es ist genauso notwendig, daß man wieder und wieder beweist, daß die
Freiheit gut ist. Sofern die freien Völker das nicht tun, wird der
Despotismus siegen und sei es nur aus dem Grunde, weil die in Not
lebenden Völker, wie zum Beispiel in den neuaufstrebenden Ländern,
leicht durch die Aussicht auf einen raschen wirtschaftlichen Wandel
verführt v/erden können, worauf die sowjetischen Machthaber spezialisiert sind.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen weihen.
Wenn wir weiterhin die Freiheit als eine dynamische, liberalisierende
Kraft aufzeigen können, dann brauchen wir die Ergebnisse eines friedlichen Wettstreits, den die Sowjetmachthaber anzubieten vorgeben,
nicht fürchten. Vielmehr können wir hoffen, daß die derzeit innerhalb
der Sowjetunion und in den von den Sowjets geknechteten Völkern am
Werk befindlichen Kräfte fordern werden, daß diejenigen, die herrschen, sich in zunehmendem Maße an die Prinzipien der Freiheit halten.
Day bedeutet, daß sie in zunehmendem Maße die Würde des Einzelmenschen
anzuerkennen haben, daß sie die Wünsche und Hoffnungen des Volkes immer
mehr zufriedenstellen und daß sie sich selbst immer stärker einem
friedlichen Wandel gemäß dem Willen der von ihnen regierten unterstellen. Auf disse Weise wird eine weitweite Ära eines wahren
Liberalismus ihren Anfang nehmen.
Diese Möglichkeit ist jetzt zum ersten Mal seit vielen Jahren
klar ersichtlich. Sie sollte uns zu wachsender Anstrengung anspornen. Nunmehr können wir die Zuversicht haben, daß es unserer
Generation möglich sein könnte, am Aufbau einer solchen Welt teilzunehmen, die wir mit S-tolz unseren Kindern hinterlassen können."

* * * * *

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�A M E R I K A

ZIEL DER USA:

D I E N S T

FREIHEIT IN EINER V/ELT DES FRIEDENS

MIAMI (Florida) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Ansprache,
die der Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 30.Juni 1956 vor der 39»Jahresversammlung der Lions International in Miami
(Florida) gehalten hat.

Ich habe mir für heute ein Thema ausgesucht, das meiner festen
Überzeugung nach die bedeutsamste und lebenswichtigste*Fragestellung
unserer Zeit überhaupt betrifft. Ich darf es Ihnen vielleicht in Form
einer Frage vorlagen: Welche Politik seitens der Vereinigten Staaten
ermöglich"!: uns am ehesten die Erreichung jenes Zieles, das wir um unserer selbst willen und im Interesse anderer erstreben - die Freiheit
in einer V/elt des Friedens?
Lassen Sie mich drei Dinge von vornherein klarstellent
Diese Fragen lassen sich nur in völliger Unparteilichkeit behandeln. Keine politische Partei hat ein Monopol auf den Patriotismus oder
auf le Hingabe an die grundlegenden Zielsetzungen, die alle Amerikaner
teilen, nämlich unser Land stark, das Volk frei und der Welt den Frieden
zu erha'ten.
Unter Menschen, die sich gleicherweise von den besten Absichten
leiten lassen, bestehen d ennoch oftmals verständliche und ehrenhafte
Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Politik wir in dieser unserer Zeit verfolgen soll ten. Der eine vertritt die Auffassung, wir
gebe; zu viel, der andere , wir geben zu wenig für die Verteidigung
aus. Der eine mag meinen, wir sollten unsere Auslandshilfe verstärken,
der andere, wir sollten s ie kürzen. Der "eine argumentiert, daß wir
angesichts der jüngsten E reignisse der kommunistischen Welt gegenüber
eine zu unnachgiebige Hai tung einnehmen, während ein anderer behauptet, daß wir zu nachgiebi g verfahren.
Der dritte Punkt, den ich klarstellen möchte, ist der, daß ich
für meinen Teil keineswegs eine Unfehlbarkeit oder Allwissenheit auf
diesem Gebiet in Anspruch nehme. Ich unterbreite Ihnen keine geheimen
Informationen - auch keine Zauberformel. Ich möchte Ihnen vielmehr
ein Bild aufzeigen von den Problemstellungen, denen sich die Männer
in Washington gegenübersehen, die unseren politischen Kurs bestimmen,
und ich möchte dabei so objektiv verfahren, wie ich nur vermag. Darüber
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�k
"AMERIKA DIENST"

11. Juli 1956

Darüber hinaus möchte ich Ihnen zu erkennen geben, wie wir diese
Probleme anpacken können.
Der amerikanische Standpunkt
Lassen Sie mich zuerst den Standpunkt der Vereinigten Staaten
gegenüber dieser großen Frage untersuchen.
Die Friedenssehnsucht ist tief im Herzen jedes einzelnen Amerikaners verwurzelt und findet auf jedem Blatt der Geschichte unseres
Landes ihren Niederschlag. Die Scharen von Einwanderern, die unseren
Staat groß gemacht haben, kamen hierher, um dem Zank und Hader in
ihrer alten Heimat zu entgehen und hier einen Hort der Freiheit und
ein Land des Friedens zu finden.
Wir stehen aber in unserem Streben nach Erhaltung des Friedens
nicht allein da. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erheben
Millionen von Menschen in einem Land nach dem anderen ihre Stimme,
um ein Ende des Krieges und des Blutvergießens zu fordern.
Der Krieg war für diejenigen Männer, die aktiv an ihm teilnehmen
mußten, noch niemals eine Verlockung. Der Kitzel und die Erregung der
Schlacht und auch die Freude des Triumphes sind Gefühle, die gelegentlich den Zuschauer befallen mögen, der den Krieg nur aus der Ferne
erlebt. In Romanen und Theaterstücken wird der Krieg oftmals als der
Weg zum Ruhm dargestellt. Das sind aber nicht die Gedanken jener, die
in der Mitte des Kampfgetümmels stehen. Der todmüde Soldat, eine ihrer
Söhne beraubte Mutter und die Witwen und Waisen - sie alle können in
der rauhen Wirklichkeit der Zerstörung und des Todes keine Verlockung
und keinen Kitzel sehen.
Diese Rücksichtnahme auf die Grundforderungen menschlicher Anständigkeit, spiegelt sich in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten
wider. Wir wurden zum Krieg gezwungen, und nur mit Zögern griffen wir
zu den Waffen. Wenn wir kämpften, so nicht deshalb, weil wir plötzlich
den Wert des Friedens gering achteten, sondern weil wir das Gefühl
hatten, daß die Freiheit das wichtigere sei. Es ist kein Zufall, daß
die großen führenden amerikanischen Staatsmänner, die den Krieg aus
eigener Anschauung kennengelernt haben, angefangen von unserem ersten
Präsidenten George Washington bis in unsere Tage zu Präsident Eisenhower,
verzweifelt darum gerungen haben, der Menschheit ein zweckloses Gemetzel
zu ersparen.
Die Vereinigten Staaten begehren nichts, was anderen Völkern gehört, und wir wollen keine anderen Länder beherrschen. Wir erstreben
eine Welt, in der die unermeßlichen Energien des Atoms und die anderen
großen Entdeckungen der modernen Wissenschaft für Zwecke des Aufbaus und
nicht der Zerstörung benutzt werden. Die einzigen Feinde, gegen die wir
ankämpfen, sind Armut, Krankheit, Unwissenheit und Furcht. Wir hoffen,
daß die gesamte Welt einschließlich jener Völker, die gegenwärtig unter
kommunistischer Herrschaft leben, eines Tages teilhaben werden an der
Prosperität und Freiheit, die wir zu unseren Errungenschaften zählen.
Dieses Streben nach Frieden und einer weltweiten Prosperität ist das
Ziel der offiziellen Politik der Vereinigten Staaten. Es wurde von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles immer und immer wieder dar~„-iQ~-iDer
gelegt.
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11. Juli 1956

Der Kampf für den Frieden wird aber nicht einfach dadurch gewonnen, daß wir uns für den Frieden erklären. Kein Allheilmittel,
keine Formel und kein Schlagwort kann diese Schlacht entscheiden,
nur harte, langwierige, erschöpfende und hingabevolle Arbeit vermag uns an dieses Ziel zu führen. Aus diesem Grund dürfen wir uns,
meiner Meinung nach, glücklich schätzen, daß wir diese kritische
Zeit unter der weisen, erfahrenen und inspirierenden Führung eines
Mannes durchleben, der den Krieg kennt und. in aller Welt als ein
Symbol des Friedens gilt» Präsident Eisenhower.
Das Problem, wie wir unsere friedlichen Zielsetzungen erreichen
können, ist auch dann schwer zu lösen, wenn wir wissen, in welcher Lage
wir uns befinden. Es ist aber noch weit schwieriger, wenn Uneinigkeit i
in der Beurteilung des Wesens und der Größe der Bedrohung des Friedens
herrscht. Wir befinden uns heute in einer solchen mißlichen Lage, wenn
wir versuchen, eine Antwort auf die Frage zu findent Welche Politik
betreiben die Sowjetunion und die in ihr Lager gehörigen kommunistischen Staaten im gegenwärtigen Augenblick?
Die kommunistische Politik im Wandel
Die sowjetischen Führer haben die Möglichkeit einer friedlichen
Koexistenz zwischen den kommunistischen Staaten und der übrigen Welt
proklamiert und den Stab über einige der politischen Praktiken Stalins
gebrochen. Sie haben Reisen nach verschiedenen Ländern unternommen, um
Bündnisse mit neutralen Staaten zu schließen. Sie haben des weiteren
den sozialistischen Parteien in aller Welt die Freundeshand dargeboten
und behauptet, daß nunmehr eine Zusammenarbeit für die gleichen Ziele
möglich sei.
Noch mehr überraschte aber, daß Anzeichen für einen Wandel in der
inneren Verwaltung der kommunistischen Staaten bestehen. Es ist vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß die Feuerzeichen der
Freiheit entzündet worden sindj immerhin wurde der rigorose Terror
früher Jahre zumindestens auf Zeit teilweise gelockert.
Was bedeuten diese Schritte? Die sowjetischen Führer sprechen
vom Frieden. Stehen ihre Handlungen aber im Einklang mit ihren Worten?
Wir sollten diese Frage ohne Zynismus und ohne Bitterkeit stellen. Wenn
wir sicher sein könnten, daß die Sowjetführer dazu bereit sind, in
aller W.elt für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Freiheit einzutreten, dann sollten wir bereit sein, den Alptraum der vergangenen
40 Jahre zu vergessen und Gott dafür danken, daß wir zum Wohle aller
zusammenarbeiten können.
Wir befinden uns in einem schmerzlichen Zwiespalt. Wenn wir die
sogenannten "Friedensschritte" der Sowjets zurückweisen, dann besteht
die Gefahr, daß uns manche Völker für Kriegstreiber halten. Nehmen wir
diese Angebote jedoch kritiklos an, dann schwächen wir damit vielleicht
unsere Bündnissysteme und beschwören damit gerade jenen Krieg herauf,
den wir so sehr vermeiden wollen.
Wie können wir diesem Dilemma entgehen? Meiner Meinung nach am
einfachsten und ehrenhaftesten dadurch, daß wir, so wie wir dies schon
getan haben, vor der ganzen Welt unsere Bereitschaft bekunden, auf

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11. Juli 1956

auf Worte des Friedens zu hören, daß wir aber nur dann handeln werden,
wenn diesen Worten auch Taten folgen. Manche Kreise wenden dagegen ein,
daß eine solche Politik zu fest und zu starr sei. Eine feste Politik
wird jedoch den Kreml nicht entmutigen, wenn er wirklich den Frieden
sucht. Die Führer Rußlands sind Realisten, und sie wissen, daß angesichts
der Geschichte der vergangenen Jahre die Beweislast auf ihnen ruht. In
nahezu 40 Jahren gab es in der sowjetischen Politik zahlreiche Veränderungen und Wendungen. Die Ereignisse haben aber immer gezeigt, daß diese
Wandlungen trügerisch waren. Sie zielten darauf ab, die freie Welt
irre zu führen - allzu oft sogar mit Erfolg.
Man kann uns sicherlich nicht beschuldigen, wir verhielten uns der
Sache des Friedens gegenüber gefühllos und gleichgültig, wenn wir dieser
Tatsachen eingedenk bleiben. Ich bin sicher, daß uns die gleichen kommunistischen Machthaber, die den Frieden und die Koexistenz proklamieren,
als Schwachköpfe verachten würden, wenn wir nicht ganz eindeutige Beweise
forderten, daß sich die Verhältnisse in der kommunistischen Welt tatsächlich geändert haben.
Die sowjetische Politik in der Vergangenheit
Lassen Sie mich in dieser Hinsicht zunächst einmal einen Blick auf
die Geschichte werfen. In den letzten 35 Jahren hat es in der sowjetischen Politik acht völlige Kehrtwendungen gegeben.
Im Jahre 1920 gewährte die Sowjetunion den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen - die Unabhängigkeit, um sie im Jahre 1940
dann zu annektieren.
Im Jahre 1921, also nicht allzu lange nach Gründung der Sowjetunion,
stieß Lenin sein eigenes Programm um, Rußland in kurzer Frist eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu geben. Statt dessen ermutigte er das
private Unternehmertum im eigenen Lande und förderte selbst ausländische
Ingenieure und Techniker auf, am Aufbau der sowjetischen Industrie mitzuwirken.
Im Jahre 1929 verfiel Stalin gerade auf das Gegenteil; er zerschlug
die private Wirtschaft und zwang die Bauern zur Kollektivierung ihrer
Höfe, wobei er Millionen verhungern ließ oder ins Gefängnis warf, die
sich diesen Maßnahmen widersetzten.
Sechs Jahre später wies Stalin, gebannt von der Furcht vor Hitler,
sämtliche kommunistische Parteien in der Welt an, eine neue Politik einzuschlagen. Sie sollten sich fort-an a.htbarer Methoden bedienen und mit
allen Nichtkommunisten in der Einheitsfront gegen die Faschisten zusammenarbeiten.
Im Jahre 1959 aber reichten sich die beiden grausamen Diktatoren,
Stalin und Hitler,die blutigen Hände zu einem hastig geschlossenen
Freundschaftspakt. Dieser sicherte Hitlers Ostfront und führte damit
zum zweiten Weltkrieg.
Als sich Hitler im Jahr 1941 gegen seinen Partner wandte, verkündete
Stalin abermals seine Hingabe an die Sache der Freiheit und Demokratie.
Unter dem Einfluß dieser Politik erklärte Earl Browder (der damalige
Führer der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten), daß Kapitalismus

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"AMERIKA DIENST"

11. Juli 1956

Kapitalismus und Kommunismus nach dem Krieg nebeneinander bestehen können.
Zwei Jahre später wurde Browder ausgebootet, als man die eiserne
Faust wieder zeigte und die sowjetischen Truppen sich anschickten, hilflose Völker in Europa und Asien unter ihre Gewalt zu zwingen.
Heute sind die Kommunisten wieder zur These Earl Browders aus dem
Jahre 1943 zurückgekehrt.
Die Geschichte ist ein großer Lehrmeister, und in diesem Fall
mahnt sie uns sicherlich zur Vorsicht.
Wie Außenminister Dulles vor neun Tagen erst erklärt hat, ist es
einer Diktatur, wie die Tatsachen zeigen, durchaus möglich, einen politischen Kurs vor der öffentlichkeit zu vertreten und eine andere, ja
sogar völlig gegenteilige Politik in der Praxis zu betreiben. Eine
Diktatur ist durchaus so gestaltet, daß sie Unbedachte zu täuschen vermag, da sie über alle ihre Handlungen einen eisernen Vorhang der Zensur
breiter, kann. Sie ist niemanden für ihre politische Handlungsweise verantwortlich. Im Umgang mit der übrigen Welt kann sie, ganz wie sie das
wünscht, alles enthüllen und alles verbergen. Solange dieser eiserne
Vorhang nicht hochgezogen wird, können wir nicht sicher sein, daß
hinter den honigsüßen Worten auch Realitäten stehen.
Erprobung der sowjetischen Absichten
Gibt es demnach überhaupt irgend etwas, was wir mit Sicherheit
über die kommunistische Welt und ihre Taktik und Strategie in der vor
uns liegenden Zeit wissen? Lassen Sie uns einmal untersuchen, was in
der Öffentlichkeit über die derzeitigen Pläne der Sowjets auf militärischem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet und bezüglich umstürzlerischer Umtriebe bekannt ist. Lassen Sie mich in dieser, vier Bereichen
einmal die Worte der Kommunisten mit ihren Taten vergleichen. Das wird
uns allen ein größeres Verständnis für die Außenpolitik unseres eigenen
Landes in diesen verwirrenden Zeiten vermitteln.
Die militärische Stärke
Auf militärischem Gebiet haben die sowjetischen Machthaber eine
Verringerung ihrer Streitkräfte um 1,2 Millionen Mann, die Verschrottung einiger Flotteneinheiten und andere Maßnahmer. bekanntgegeben,
die scheinbar den Schluß zulassen, daß nunmehr geringerer Nachdruck
auf militärische Bereitschaft gelegt wird.
Das mindestens behaupten die sowjetischen Führer. Untersuchen
wir einmal, was dies in der Praxis bedeutet, wobei wir von der Annahme
ausgehen wollen, daß'die angekündigte Verringerung der sowjetischen
Streitkräfte tatsächlich erfolgt ist» Die militärische Stärke wird
davon in ihrem Kern nicht berührt. Die Sowjetunion ist eine der stärksten Militärmächte der Welt. Um mit Außenminister Dulles zu sprechen«
"Die sowjetische Industrie arbeitet auf Hochtouren, um immer stärkere
Atom- und Kernwaffen zu produzieren." Die Sowjetunion verfügt über eine
hervorragende und starke Luftwaffe, eine große und schlagkräftige Armee
und eine Marine mit Hunderten der modernsten und besten Unterseeboote.
Die Forschungsarbeiten, die dort hinsichtlich des Einsatzes ferngelenkter Geschosse durchgeführt wurden, scheinen sich jetzt bezahlt zu machen.
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Ein

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11 . Juli 1956

Ein echtes Abrüstungsprcgramm muß sich besonders auf drei Arten
von Offensivwaffen erstrecken - Atomwaffen, Bomber und Fernlenkwaf-'en
sowie auf U-Boote mit e: nem großer Aktionsradius. Solange in diese •
Beziehung keine konkreten Maßnahmer ergriffen werden - Maßnahmen, die
durch ein entsprechendes Uberwachungssystem nachgeprüft werden können solange läßt sich nicht sagen, daß in dieser Phase der sowjetischen
Friedensoffensive den Worten Taten gefolgt sind.
Diplomatie und Politik
Im Bereich der Diplomatie und P lit~k sind die Führer der Sowjetunion äußerst aktiv gewesen, um Allianzen zu bilden und Freunde zu gewinnen. Innerhalb des kommunistischer Rav.mes wurden die Bezierungen zu
Jugoslawien verbessert, und zum ersten Mal wurde vom Kreml einer kommunistischen Nation die politische Unabhängigkeit zugestanden. Mit den
raffiniertesten Methoden werden sogenannte neutrale Nationen umworben.
Zahlreiche! Ländern gegenüber, die heate in Defensivbündnissen gegen
•ine kommunistische Aggression zusammengeschlossen sind, macht man
freundliche Gesten. Ministerpräsident Bulganin und Herr Chruschtschow
scheuten keine Mühe, zahlreiche Nationen von dem sowjetischen V/uns che
nach einer friedlichen Koexistenz zu überzeugen.
Auf der anderen Seite jedoch beobachten wir Handlungen, die beunruhigend sind und die im Widerspruch zu den Friedensbeteuerungen stehen.
Die Waffentransporte nach dem Mittlerer Osten verstärkten die Möglichkeiten eines kriegerischer. Konfliktes in diesen Krisengebieten. Die
sowjetischen Machthaber haben sich hartnäckig geweigert, die unnatürliche Teilung Deutschlands eu b-ender. Auch weigerten sie sich, Frankreich bei der Schaffung friedlicher Verhältnisse in Nordafrika lu unterstützen. Während Außenminister Schepilow in Ägypten /erkündet, daß
die Sowjets jeden Kolonialimperia i s m s ablehnten, gaben sie doch keinen
Fußb -it Boden aufs den sie sich in den letzten 15 Jahre: mit Gewalt
an&lt;-ig: eten, ausgenommen eines kiei:-&gt;n Teil von Finnland und das von
ihner übel ausgeplünderte Ös + erreioh. Wie der Aufstand 1 Po an, t n
aem j-tz: die Presse berichtete; so sinnfällig zeigt, wi-d kein Wortscnw-il die Schreie von Mi "ionen versklavter Menschen ersticken, die
unter dieser modernen Form des v n den Kommunisten auferlegten Kolonialimperialismus leiden,
iit anderen Werten bedienen sich heute die Sowjets einer zweifachen
Taktik in der Diplomatie. Einmal der Politik der leichten Hand, die sie
anwenden, um Nationen zu umwerben., die erst vor kurzem ihren Kolonialen
Status verloren haben. Zu dieser. Politik gehört auch die Förderung von
Handelsbeziehungen, wenn dies im Interesse der Sowjetunion liegt. Sie
verfolgen aber ebens auch einen harten, beinahe rücksichtslosen Kurs,
wie sie ihn gegenüber Deutschland, Frankreich oder jeder anderen Nation
einschlagen, die versucht, von ihnen konkrete und brauchbare Friedenszusi-herungen zu erhalten. Ist es angesichts dieser Politik ungerecht,
wenn wir uns fragen, ob der sowjetische Wunsch nach einer friedlichen
Koexistenz echt ist oder ob sie diese Taktik nicht lediglich als ein
Mittel benutzen, um Verbünde+e zu finden und neutrale Staaten für sich
zu gewinnen?
Wirtschaftspolitik

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�"AMERIKA PIEKST"

11 . Juli 1956

Wirtschaftspolitik
Als drittes wollen wir ihr Verhalten im Welthandel untersuchen.
Es werden entschlossene Anstrengungen unternommen, um den Warenaustausch
mit anderen Ländern zu erhöhen, insbesondere mit Nationen, die erst anfangen, ihre natürlichen Hilfsquellen zu erschließen. Zahlreichen Nationen werden Kredite angeboten, oder es werden ihnen Techniker und Ingenieure zur Verfügung gestellt, damit sie die Expansion ihrer Wirtschaft vorantreiben können.
Geschähe dies in einer friedlichen Welt, so würden wir diese
Ausweitung des Handels von Herzen begrüßen. Wir würden uns besonders
darüber freuen, daß die Unterstützung Nationen gewährt wird, deren
Lebensstandard im Vergleich zu dem unsrigen so niedrig ist.
Doch die früheren sowjetischen Handelsprogramme haben sich für die
betreffenden Partner nicht vorteilhaft ausgewirkt. Die Beweggründe für
diese Programme waren viel zu sehr politischer Natur. Manchmal stellten
sie einen Versuch dar, die Wirtschaft eines Landes so eng an die der
Sowjetunion zu binden, daß es schließlich auch politisch in völlige Abhängigkeit geriet. In anderen Fällen wiederum bezweckten sie, Agitatoren
und politische Agenten zu decken, die im Gastlande den inneren Aufruhr
schürten.
Mit anderen Worten trugen diese Programme nicht den Charakter rechtmäßiger Maßnahmen innerhalb des Welthandels. Vielmehr waren sie in verschleierter Form Ausdruck eines wirtschaftlichen Imperialismus, der im
vergangenen Jahrhundert die so berechtigte Ablehnung hervorrief. Wir
können nicAit umhin, uns die Frage zu stellen, ob dieser Handel dazu
bestimmt ist, anderen Nationen zu helfen oder aber sie wirtschaftlich
zu Satelliten der Sowjetunion zu machen.
Politische Wühlarbeit
Ein echter Prüfstein für die friedlichen Absichten der Sowjets ist
die Frage der politischen Wühlarbeit innerhalb der freien Nationen.
Kommunistische, im Auftrag Moskaus arbeitende Agenten sind seit langer
Zeit in fast allen Ländern der Erde tätig. In weiten Gebieten Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas bilden sie heute eine ernste Gefahr. Es sind
noch keine 14 Tage her, daß unsere Presse Berichte über Schwierigkeiten
in Brasilien brachte, die auf die Aktivität der Kommunisten zurückzuführen waren.
Burma und die malaiischen Staaten sind von Bürgerkriegen heimgesucht,
die von den Kommunisten angezettelt wurden. Und die Vorgänge in China,
Korea und Indochina sind uns ja allen bekannt.
Erneut müssen wir, wenn wir die Politik der friedlichen Koexistenz
mit der tatsächlichen kommunistischen Praxis zu vergleichen suchen, feststellen, daß verhältnismäßig nur wenige Beweise für einen grundlegenden
Wandel vorliegen. Gewiß haben, wie Außenminister Dulles bereits Anfang
der Woche ausführte, die großen kommunistischen Parteien in Frankreich
und Italien an der sowjetischen Führung, Kritik geübt. Zweifellos hat die
Verdammung Stalins starke innere Spannungen" hervorgerufen und innerhalb
dieser Parteien manchen zum Nachdenken veranlaßt.
Doch

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�"AMERIKA PIEKST"

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Doch trotz all dieser Schwierigkeiten halten sie an den Grundsätzen von Marx und Lenin fest. In ihren Auseinandersetzungen geht
es eher um ihre Beziehungen untereinander, nicht aber um ihre grundlegenden Überzeugungen, die nach wie vor materialistisch und gottlos
sind. Während wir nun diese Anzeichen für Unstimmigkeiten im kommunistischen Lager begrüßen sollten, dürfen wir doch nicht glauben, daß
die kommunistische Wühlarbeit nachlassen wird. Selbst wenn diese Parteien bis zu einem gewissen Grade auch die alten Formen der unumschränkten Kontrolle seitens Moskaus abschütteln sollten, werden ihre Prinzipien und Ziele doch nach wie vor denen der freien Welt entgegengesetzt
sein.
Diese vier Sektoren also - militärische, politische und wirtschaftliche Programme der Sowjetunion sowie Versuche eines politischen Umsturzes
- bilden Prüfsteine für das tatsächliche Verhalten im Sinne der sowjetisch-kommunistischen Politik neuesten Stils. Gerade an Hand dieses Prüfsteins aber sehen wir keine Garantien, die es uns erlauben würden, in
unseren Verteidigungsanstrengungen nachzulassen. Diejenigen, die von uns
verlangen, unsere gegenwärtigen Programme aufzugeben und eine sogenannte
"kühne Außenpolitik" einzuschlagen, vergessen, daß der Hang der Sowjets
zum Bösen noch immer besteht und daß ihre Absichten nicht reiner geworden
sind. Falls sich die Lage in der Weise ändert, daß Kräfte liberaleren
Charakters am Werke sind, dann ist das zum großen Teil auf die von der
freien Welt befolgte Politik zurückzuführen.
Bedeutet das nun, daß wir den von den sowjetischen Machthabern
eingeschlagenen neuen Kurs völlig ignorieren? Keineswegs. Doch es bedeutet, daß wir ein Programm, das sich zur Eindämmung der kommunistischen
Expansion als erfolgreich erwiesen und die Machthaber im Kreml gezwungen
hat, eine neue Taktik anzuwenden, nicht aufgeben.
Die politische Haltung Amerikas
Die von uns einzuschlagende Politik ist damit klar.
Unsere militärische Stärke müssen wir aufrecht erhalten, und wir
müssen auch in Zukunft unseren Verbündeten in der freien Welt helfen,
die ihrige ebenfalls zu bewahren, bis weitere konkrete Beweise dafür
vorliegen, daß die sowjetischen Machthaber ihr militärisches Potential
verringern.
Was den wirtschaftlichen Sektor anbetrifft, so müssen wir uns
darüber klar sein, daß die Männer im Kreml eine neue Front aufgebaut
haben. Damit tragen sie in Wirklichkeit nicht nur den Erfolgen unserer
Programme Rechnung, die die militärische Schlagkraft der freien Welt erhöhten, sondern auch den Erfolgen unseres Marshallplanes, des PunktVier- Programms und anderer wirtschaftlicher Hilfsprogramme. Was uns betrifft, so haben wir uns nicht dazu hinreissen lassen, die sowjetischen
Machthaber durch eine Politik der Aggression oder durch Förderung eines
politischen Umsturzes herauszufordern. Sie dagegen haben sich veranlaßt
gesehen, uns herauszufordern, und zwar mit den Mitteln unseres eigenen
Wirtschaftssystems, im Wettbewerb der Möglichkeiten des Kommunismus einerseits und der freien Wirtschaft andererseits in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
Es
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�"AMERIKA DIENST"

H.

Juli

1956

Es wäre dumme Überheblichkeit, würden wir diese Herausforderung
ignorieren. '.Vir müssen ständig nach neuen Mitteln und Wegen suchen, um
unser Wirtschaftsprogramm wirksamer zu gestalten, wenn wir der neuen
sowjetischen Taktik gewachsen sein wollen. Ich kenne die Argumente der
Ungeduld, die von wohlmeinenden Leuten im ganzen Lande gegen diese Programme vorgebracht werden. Sie bringen zum Ausdruck,' daß man die Programme
als unnütze Verschwendung betrachtet, daß unsere Hilfe von den Empfängern
nicht gewürdigt werde und daß diese in den internationalen Organisationen
unsere Politik nicht unterstützten.
Der Zweck der Wirtschaftshilfe
Lassen Sie uns, was diesen Punkt betrifft, die Ziele untersuchen,
die wir mit unsern wirtschaftlichen Auslandshilfsprogrammen verfolgen.
Wir beabsichtigen damit nicht, die Freundschaft anderer Völker zu erkaufen. Das wäre töricht und auch gar nicht zu verwirklichen. Sie zielen
nicht darauf ab, uns überall in der Welt gehorsame wirtschaftliche
Satelliten zu schaffen, wie es bei den sowjetischen Wirtschaftsprogrammen
der Fall ist.
Was aber, ist danr unsere Absicht? Wir wissen, daß ein Volk, das
wirtschaftlich stark genug ist, um seine Unabhängigkeit und Freiheit zu
bewahren, dem Druck seitens einer Despotie; jeder Art, einschließlich der
kommunistischen Despotie, zu widerstreben vermag. Und ein Programm, das
irgendeinem Lande die Unabhängigkeit, erhalten hilft, hilft damit allen
Ländern, die gewillt sind, die ihre zu bewahren.
Jegliche subversive Tätigkeit der Kommunisten in unserem eigenen Lande,
müssen wir fair, vernünftig und wirksam bekämpfen. Mit der naiven Idee,
es gäbe so etwas wie eine amerikanische kommunistische Partei, sollte
ein für allemal aufgeräumt werden. Womit wir uns aber auseinandersetzen
müssen, ist eine vom Ausland her gesteuerte, umstürzlerische kommunistische Organisation in den Vereinigten Staaten. Ihre Mitglieder und Anhänger schulden den Vereinigter. Staaten keine Treuepflicht,und deshalb sollten sie auch entsprechend den diesbezüglichen Gesetzen unseres Landes behandelt werden.
Unser Informationsprogramm muß noch mehr intensiviert werden, und
wie ich vor einigen Wochen bereits im Lafayette College erklärte, ist es
von besonderer Bedeutung, daß wir unsere Austauschprogramme für Studenten
und führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus anderen Ländern
erweitern. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, daß unsere Gäste
von heute die Botschafter des guten Willens von morgen sind. Aus persönlicher Anschauung erkennen sie, welche Früchte Freiheit und Demokratie bringen. Sie wissen, daß wir ein friedliebendes Volk sind und keinem anderen
Yolk gegenüber Böses im Schilde führen.
Austausch mit kommunistischen Nationen
Besonders wichtig ist es, keine Gelegenheit zu versäumen, um den
Austausch von Personen zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern
hinter dem Eisernen Vorhang zu erweitern. Jede Aufforderung zu einem
ehrlichen Meinungsaustausch sollten wir akzeptieren. Das sollte geschehen nicht weil wir den naiven Gedanken hegen, daß sich alles gewandelt hat, daß
alles über Nacht besser werden wird, sondern einfach deshalb, weil wir ehrliche Verfechter des Friedens sind.
Wir

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�"AMERIKA DIENST"

11. Juli 1956

Wir können freundschaftliche Beziehungen unterhalten, ohne einen
einzigen Abstrich von unseren Prinzipien der Freiheit und der Demokratie zu machen. Mit dem russischen Volke und den Völkern der übrigen
kommunistischen Länder können wir von Mensch zu Mensch sprechen, doch
mit dem kommunistischen System selbst können wir keine Kompromisse
schließen. Gewiß sind nai^e und mit den Verhältnissen nicht vertraute
Personen in der Vergangenheit durch solche Besuche häufig getäuscht
worden. Icn hin aber der Meinung, daß gut informierte und kompetente
Persöniichkeiten aus den Vereinigten Staaten, die das System des Kommunismus kennen und verstehen, diese Gelegenheiten nutzen könnten, um
sich aufrichtig und ehrlich mit ihren Partnern von der anderen Seite
des Eisernen Vorhangs auszusprechen. Auf diese Weise könnten wir die
Ideer. von der Freiheit und Gerechtigkeit verbreiten, die schließlich
ihre Früchte tragen würden.
Was die Bürger kommunistischer Länder anbetrifft, die die
Vereinigten Staaten besuchen, so sollten wir begreifen, daß Informationsmittel wie Rundfunkberichte, Broschüren, die Veröffentlichung
von Nachrichtenmaterial und so weiter heute weniger auf die Menschen
hinter dem Eisernen Vorhang wirken als früher. Von ihren eigenen politischen Führern ist ihnen erst in jüngster Zeit gesagt worden, daß
praktisch alles, was sie in den vergangenen 29 Jahren unter der Herrschaft Stalins gehört und gelesen hatten, zumindest ungenau, schlimmstenfalls aber ausgesprochene Lüge war. Infolgedessen dürften die
Menschen hinter dem Eisernen Vorhang heute vor allem davon beeindruckt
werden, was sie sehen, nicht aber davon, was sie lesen oder hören.
Aus diesem Grunde ist hier der Personen-Austausch von so überragender
Bedeutung.
Mit einer solchen Politik können wir in die Verwirrung und die
Ungewißheit, die der sowjetische "New Look" in zahlreichen Kreisen
bewirkt hat, eine Bresche schlagen. Unsere Politik muß einfach sein,
und sie muß ein positives Ziel haben. Wenn die Taten der Sowjets mit
ihren Friedensbeteuerungen nicht übereinstimmen, müssen wir unsere
militärische, politische und wirtschaftliche Stärke aufrechterhalten,
die das einzig sichere Abschreckungsmittel gegen einen Krieg ist. Und
wo immer sich die Möglichkeit bietet, die Segnungen der Freiheit zu
verkünden, müssen wir für den Glauben eintreten, der Amerika groß
gemacht hat.
Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut, das jedem einzelnen am
Herzen liegt, unbeschadet seiner materiellen Armut oder seiner niedrigen sozialen Stellung. Sie liegt auch den Völkern der Sowjetunion und
der Satellitenländer am Herzen. Sie wird in Indien und in Indonesien
geachtet. Wie ein Feuer hat sie sich unter den Kolonialvölkern Afrikas
verbreitet. Wir glauben an die Freiheit. Wir leben in einer Welt der
Freiheit. Wir wünschen sie für uns selbst ebenso wie für die ganze
übrige Welt.
Mit dieser unserer Botschaft können wir in einer Auseinandersetzung
mit der Versklavungsphilosophie des Kommunismus niemals unterliegen.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

USA UM EIN PROGRAMM ZUR BESCHRANKUNO DER
KERNWAFFEN BEMÜHT

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Im folgender, übermitteln wir den V/ort laut
der am 1?.Tali v ^n dem amerikanischen Vertreter in der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen, James Yvädsworth, abgegebenen
Erklärung:

Ich möchte meine Aufmerksamkeit heute morgen einige Augenblicke dem Thema Atomwaffenvers'iche zuwenden.
Gestern nachmittag wurde dieser Kommission die Auszeichnung
zuteil, zwei bemerkenswerte Ansprachen zu hören: die erste von
dem Vertreter Indiens, Krishna iVienon, die zweite von dem Vertreter
Frankreichs, Jules Moch. Ich will versuchen, soweit ich kann, nicht
die Punkte zu wiederholen, die M. Moch in seinem Bestreben herausgestellt hat, die von Mr. Menon in seiner auße. ordentlich beredten
Darstellung vorgebrachten Punkte näher zu beleuchten.
Lassen Sie mich zuerst damit beginnen, festzustellen, daß die
Versuche mit diesen neuen Waffen tatsächlich große Sorgen in der
"«Veit hervorgerufen haben. Eine allgemeine Unruhe über diese Versuche ist nur natürlich, da wir es mit einer Kraft zu tun haben,
die weitgehend unbekannt ist und die Menschheit gezwungen hat,
neue Maßstäbe anzulegen.
Dennoch glaube ich, daß der Kern des Problems einfach ist.
Y/ir befinden uns in einem Wettstreit um die Entwicklung einer
neuen und schrecklichen Waffe. Aber jede Seite weiß, so hoffe ich,
sehr gut um die Gefahren, die in der Entwicklung dieser Waffe liegen Gefahren, die so viel größer sind als jene, die die Entwicklung jeder
andere1- Waffe der Geschichte begleitet haben.
Aus Gründen, die ich noch niher erklären werde, ist es der Wunsch
meiner Delegation, sich ganz entschieden dem Standpunkt anzuschließen, ren gestern nachmittag der Vertreter Frankreichs eingenommen
hat. Er hatte unterstrichen, daß es nach seiner Ansicht und nach
Ansicht meines Landes die einzig verläßliche Maßnahme sei, die
Yteffe selbst und ihre Liefermöglichkeiten internationalen Sicherungen und Begrenzungen zu unterwerfen, und zwar im Rahmen eines Prograrms., das in gleicher Y/eise auf alle beteiligten Nationen anwend- 1 -

�'AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

anwendbar wäre.
Da es kein solches Übereinkommen gibt, sind die Vereinigten
Staaten gezwungen, die Waffe für ihre eigene Sicherheit und die
ihrer Freunde in der Welt zu entwickeln. Wir werden uns wie in der
Vergangenheit auch weiterhin für ein Übereinkommen über die Kontrolle
der thermonuklearen Bedrohung einsetzen, in dem die Beschränkung der
Versuche ein wesentlicher Bestandteil sein muß. Und in der Zwischenzeit werden wir gewiß alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, daß die Strahlung aller Strahlungsquellen einschließlich
der Atomversuche, nicht über ein tragbares Maß hinausgeht.
Eier, Herr Vorsitzender, stimmen wir mit Mr. Menon überein, daß
keine Nation das Recht hat, Leben in der Luft, auf der Erde und in
den Meeren unmöglich zu machen oder die Erbmasse zu zerstören. Das
haben die Vereinigten Staaten nicht getan, und wir werden es auch
nicht tun. Wir sind um das Wohlergehen unseres Volkes und seiner
künftigen Generationen ebenso besorgt wie zum Beispiel die Regierung
Indiens um ihr Volk, wie Großbritannien um seine Untertanen oder wie
jede cndere Regierung um ihr Volk besorgt ist.
Gestern hat M. Moch, der von uns allen am besten Qualifizierte,
gezeigt, und zwar, wie ich glaube, umfassend, daß Versuche bei Beachtung aer notwendigen Sicherheitsifcorkehrungen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit und Sicherheit darstellen. Ich möchte seine Bemerkungen
n'.ch mit einigen Erkenntnissen ergänzen, die in Studien und Erfahrungen
der Vereinigten Staaten gewonnen wurden.
Die Regierung der Vereinigten Staaten und Präsident Eisenhower
persönlich sind von tiefer und ernster Sorge um das Problem der atomaren
Bedrohung erfüllt, das auf der Welt lastet. Kaum eine Angelegenheit,
mit der sich die Regierung befassen muß, ist intensiveren und auf höherer
Ebene durchgeführten Studien und Erwägungen unterworfen.
Auf Grund dieser sorgfältigen Erwägungen glauben die Vereinigten
Staaten, daß die Frage der Versuche mit Atomwaffen notwendigerweise mit
der größeren Frage eines Übereinkommens über ein wirkungsvolles Abrüstungsprogramm verbunden ist. Diese Fragen sind tatsächlich nicht voneinander
zu trennen, wenn wir uns mit den wirklich damit zusammenhängenden Problemen
befassen wollen. Die Beschränkung der Versuche mit Atomwaffen ist, vom
Standpunkt der Sicherheit aus, nur logisch,zwangsläufig und richtig" als
integraler Teil eines Abrüstungsprogramms,in dem wir übereingekommen sind,
die atomare Gefährdung selbst zu mindern. So führen unsere Überlegungen
zu zwei Folgerungen:
1) daß richtig durchgeführte Atomversuche keine Gefahr für die
menschliche Gesundheit und Sicherheit bilden;
2) daß, solange kein Übereinkommen über die Ausschaltung oder Begrenzung von Atomwaffen unter angemessenen Sicherungen besteht,
die Fortführung der Versuche für unsere nationale Verteidigung
und die Sicherheit der freien Welt wesentlich ist.
Lassen Sie mich nun eine kurze Erklärung zu diesen beiden Schlußfolgerungen geben.
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�"AMERIKA PIEKST"

18. Juli 1956

Im vergangenen Jahr machten die Vereinigten Staaten den Vorschlag,
daß die Vereinten Nationen das Wissen der Welt über die Auswirkungen
der atomaren Strahlungen auf die menschliche Gesundheit in Berichten
zusammenfassen sollten. Im Dezember gründete die Vollversammlung einen
wissenschaftlichen Sonderausschuß, der die von den Regierangen empfangenen Berichte über die Strahlungen und die die Wirkung der Strahlung
betreffenden wissenschaftlichen Beobachtungen sammelt, auswertet und
verteilt.
Die Vereinigten Staaten arbeiten mit diesem Komitee hinsichtlich
der Sammlung und Verbreitung von Angaben zu diesem Gegenstand in größtmöglicher Weise zusammen. Wir glauben, der erste Schritt bei der Beschäftigung mit irgendeinem wissenschaftlichen Problem ist es, alle
Quellen zu mobilisieren, das zu nutzen, was bekannt ist, und auf das
hinzuweisen, was noch getan werden muß. Wir glauben, daß die Arbeit
dieses Sonderausschusses kompetente Autoritäten zu weiterem Studium
anreizen, den internationalen Austausch von Informationen ermutigen
und jede Nation mit Angaben in einem Ausmaße versehen wird, die es
ihr ermöglichen, eigene Schlußfolgerungen in der Angelegenheit zu
ziehen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften, die aus der Mitarbeit
und der Erfahrung einer großen Anzahl der bestqualifizierten und international anerkannten Experten schöpft, gab am 12.Juni einen Bericht
über ihr jahrelanges Studium heraus. Und dieser Bericht enthielt diese
unantastbare Schlußfolgerung: "Die Atomwaffenversuche haben die weltweite Strahlung nicht auf ein biologisch gefährliches Maß erhöht. Dies
wird auch nicht der Fall sein, wenn die Versuche sich im gleichen Rahmen
halten wie bisher."
Seit undenklichen Zeiten empfangen die Menschen ständig eine
mittlere Strahlungsmenge aus natürlichen Quellen» aus dem Weltraum,
der Erdrinde und, wie M. Moch gestern ausführte, selbst von ihren .
eigenen Körpern. Der Medizinische Forschungsrat von Großbritannien
stellte, wie schon aufgezeigt worden war, im vergangenen Monat fest,
daß, wenn man die natürliche Strahlung mit derjenigen vergleiche'» die
von den Versuchsexplosionen ausgehe, die Radioaktivität - falls die
Kernwaffenversuche im gleichen Umfange wie in den vergangenen Jahren
für unbestimmte Zeit fortgesetzt würden - in einem Zeitraum von hundert
Jahren allmählich eine Höhe erreichen würde, welche den Durchschnittsmenschen für die Dauer von 50 Jahren einer Strahlungsmenge aussetze,
die weniger als ein Prozent dessen betrage, was er während des gleichen
Zeitraums aus natürlichen Quellen empfange.
Nun, Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten und Großbritannien
geben der Öffentlichkeit volle Informationen über den Beginn und den
Ort ihrer Versuche. Diese Regierungen verbinden sich auf der Grundlage
der Zusammenarbeit mit anderen Regierungen bei der Entwicklung und Ausführung umfassender Sicherheitsmaßnahmen. Wir glauben, daß diese Art
des Vorgehens größeres Interesse an der Sicherheit der Allgemeinheit
zeigt als die Methode, unangekündigte, geheime Explosionen in den abgelegenen Teilen der eurasischen Landmasse auszuführen. Ich betone dat
die Vereinigten Staaten durch ihre eigenen wissenschaftlichen Studien,
durch ihre Unterstützung der Studien der Vereinten Nationen auf diesem
Gebiet und die ausgedehnten Vorsichtsmaßnahmen, unter denen sie ihre
Versuche durchführen, gezeigt haben, daß sie sich ihrer Verpflichtung

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�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Verpflichtung gegenüber den eigenen Bürgern und der Menschheit zur
genügenden Sicherung gegen die schädlichen Wirkungen der Strahlung
aus jeder nur möglichen Quelle vollauf bewußt sind.
Wir versuchen nicht zu sagen, daß es keine Gefahr gäbe; aber
wir sagen, daß diese Gefahr unter Kontrolle gehalten werden kann.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich fest verpflichtet, und ich
wiederhole diese Verpflichtung, keine Kernwaffen oder irgendwelche
anderen Waffen in irgendeiner mit der Charta der Vereinten Nationen
nicht übereinstimmenden Weise zu benutzen.
Wie dem aber auch immer sei, die Vereinigten Staaten haben eine
Verpflichtung nicht nur ihrem eigenen Volke, sondern allen Völkern der
freien Welt gegenüber, ihre Kapazität zur Selbstverteidigung und zur
Abschreckung einer Aggression aufrechtzuerhalten. Durch solches Tun
tragen sie zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit bei, die die Grundziele der Charta darstellen .
Die Grundlage aber für die Fähigkeit der Vereinigten Staaten,
sich selbst zu verteidigen und abschreckend gegen eine Aggression
zu wirken, bildet eine dementsprechende Waffenkapazität. Aber im
Zeitalter eines voranstürmenden wissenschaftlichen Fortschritts ist
eine solche Kapazität nicht etwas, das man einmal erreichen und dann
ohne weitere Bemühungen beibehalten kann. Das wird angesichts der
kürzlichen sowjetischen Prahlereien hinsichtlich der Überlegenheit
ihrer Kernwaffen und ihrer Erklärung, diese so schnell zu entwickeln,
wie es ihnen ihre Quellen und ihre Technik erlauben, besonders deutlich.
Solange es kein wirksames Sicherheitsabkommen zur Begrenzung dieser
Waffen gibt, sind ständige Bemühungen um ihre Verbesserung unerläßlich.
Wie Präsident Eisenhower kürzlich erklärte, bezwecken wir mit den
Atomversuchen nicht die Entwicklung einer noch vernichtenderen Waffe.
Angesichts der technischen Möglichkeiten wissen wir, daß wir sie haben
könnten. Unsere Absicht aber ist, wie der Präsident weiter ausführte,
"Mittel und Wege zu finden, diese Waffe zu begrenzen, sie für Verteidigungszwecke dienstbar zu machen, beispielsweise zur Abw-ehr gegen
einen Massenangriff von Flugzeugen, ihre radioaktiven Aschenregen zu
reduzieren und ihr mehr den Charakter einer militärischen Abwehrwaffe,
denn den einer Waffe zur Massenvernichtung zu geben.
Es ist eine Binsenweisheit, daß,solange es keine Rüstungskontrolle
gibt und sich ständig neue Entwicklungen anbahnen, die verschiedensten
Waffen erforderlich sind, um sich mit der nötigen Schlagkraft und
Elastizität gegen eine Aggression verteidigen zu können - wann, wo und
wie immer sie geführt werden mag. Keine Nation, Herr Vorsitzender,
deren Vertreter hier sitzt, würde ernstlich den Vorschlag machen oder
akzeptieren, daß sie von sich aus, ohne das Vorhandensein irgendeines
Abkommens oder irgendwelcher Sicherungen, sämtliche Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten und beispielsweise auch jegliche Erprobung; von
Militärflugzeugen einstellen sollte. Und meiner Ansicht nach ist die
Notwendigkeit, jede Beschränkung der Forschung und Entwicklung von Kernwaffen mit dem Zustandekommen eines mit Garantien versehenen Abkommens
zu verbinden, ebenso klar.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Wenn ein Abrüstungsabkommen erreicht werden kann - und wir
wünschen dies sehnlichst -, um an Hand ausreichender Sicherungen
die Kernwaffen zu beschränken, dann wären natürlich auch die Vereinigten Staaten bereit, Beschränkungen hinsichtlich der Versuche
mit solchen Waffen zuzustimmen. Der Vertreter der USA in dem in
London tagenden Unterausschuß hat diese Absicht voll bestätigt.
Präsident Eisenhower hat in seinem Brief vom 1.März an Marschall
Bulganin einen Vorschlag unterbreitet, wie man die Lösung des Grundproblems anpacken könnte. Ich möchte hier einen Absatz aus diesem
Brief zitieren. Der Präsident, erklärtet
"Meiner Ansicht nach müssen unsere Bemühungen vor allen Dingen
darauf gerichtet sein, die atomare Bedrohung unter Kontrolle zu bringen.
Als eine wichtige Maßnahme in dieser Hinsicht und unter Zugrundelegung
eines zufriedenstellenden Funktionierens unseres Systems der Luft- und
Bodenüberwachung wären die Vereinigten Staaten bereit, zusammen mit
anderen Nationen geeignete und sichere Vereinbarungen zu treffen, um
zu verhindern, daß die künftige Produktion von spaltbarem Material in
der ganzen Welt nicht mehr dazu verwendet wird, die Arsenale von
Explosivwaffen zu vergrößern. Damit könnte auch mein Vorschlag vom
8.Dezember 1953 kombiniert werden, 'nun damit zu beginnen und in Zukunft
fortzusetzen, gemeinsame Zuwendungen aus den vorhandenen Beständen an
natürlichem Uran und spaltbaren Materialien an eine internationale
Atombehörde zu machen 1 . Diese Maßnahmen würden, werden sie entsprechend
verwirklicht, die gegenwärtig die Welt beherrschende Tendenz, die
nuklearen Kampfmittel ständig zu vermehren, in ihr Gegenteil verkehren."
Der Delegierte Indiens hat freundlicherweise das Wort "in ihr
Gegenteil verkehren" besonders betont.
"Ich hege letztlich die Hoffnung", so fuhr damals Präsident
Eisenhower fort, "daß die gesamte Produktion an spaltbarem Material
in der ganzen Welt ausschließlich für friedliche Zwecke verwendet werden
wird."
Die Vereinigten Staaten warten noch immer darauf, daß die Sowjetunion den Brief des Präsidenten beantwortet.
Wir sind also überzeugt, Herr Vorsitzender, daß diese Vorschläge
den Kern einer Lösung für das große Problem in sich bergen, mit dem
wir uns alle auseinanderzusetzen haben - des Problems nämlich, die
Atomgefahr unter Kontrolle zu bringen. Das Streben nach Seelenfrieden,
nach Sicherheit angesichts ein-r ungeheuerlichen, aber viel zu wenig
verstandenen Bedrohung,hat eine fast spontane Anstrengung zur Folge
gehabt, das Böse zu verdammen und zu unterdrücken - und ich meine,
Herr Vorsitzender, daß wir hier den vielen hilfreichen und inhaltsvollen Reden unseren Tribut zollen sollten, die von den Mitgliedern
dieser Kommission, besonders von jenen, die nicht dem Unterausschuß
angehören, gehalten worden sind. ,
Gleichzeitig sind wir aber auch überzeugt, daß der richtige Weg
wäre, das Übel an den Wurzeln zu packen und durch intensive diplomatische Bemühungen ein Programm zur Beschränkung der Kernwaffen und zur

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�18. Juli 1956

"AMERIKA DIENST"

zur Förderung der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie zu
entwickeln, in dem die Beschränkung der Atomversuche eine wichtige
Rolle spielt. Mögen wir mit Gottes Hilfe bald den Tag erleben,
an dem dies der Fall ist.
Dieser Aufgabe, Herr Vorsitzender, widmen wir unsere ganze Kraft,

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

LODGE FORDERT ERNEUT KONTROLLIERTE ABRÜSTUNG

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut
einer Erklärung, die der Vertreter der Vereinigten Staaten, Botschafter Henry Cabot
Lodge jr., am 16.Juli 1956 vor der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen abgegeben hat.

Sämtliche Mitglieder unserer Kommission haben jetzt mindestens
einmal das Wort ergriffen. Die Unterlagen sind daher nahezu vollständig, und wir sind in der Lage, Schlußfolgerungen aus dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen zu ziehen.
Die Abrüstungskommission hat die Aufgabe, sich mit dem Ergebnis der Verhandlungen des Unterausschusses zu befassen, das Problem
deutlich herauszuarbeiten und den Weg für eine mögliche Lösung der
Probleme frei zu machen.
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Denn schon taucht das
Problem der weitreichenden Fernlenkgeschosse vor uns auf. Gehören
sie erst einmal zu den Standardwaffen, dann hat keine Nation mehr
als eine Viertelstunde Zeit, um sich auf ihre Verteidigung einzurichten und den Gegenschlag zu führen.
Die Zeit ist heute nicht mehr fern, wo verschiedene Nationen
über Atomwaffen verfügen, Atomgeschütze zur normalen Ausrüstung
einer Armee gehören und der kleinste militärische Zusammenstoß,
der sich irgendwo in der Welt ereignet, einen nuklearen Weltbrand
auszulösen vermag.
Wir müssen handeln, ehe diese tödlichen Geschosse im geheimen
für den Einsatz bereit gehalten werden und das Problem der atomaren
Kontrolle für eine Behandlung allzu verschwommen wird und überhaupt
nicht mehr faßbar ist.
Die Vereinigten Staaten sind daher überzeugt, daß es dringend
notwendig ist, ein wirksames System zu schaffen, das auf internationaler Basis eine Regelung und Beschränkung sämtlicher Rüstungen und
Streitkräfte gewährleistet. Wie wir bereits verschiedentlich erklärt
haben, sind wir der Meinung, daß ein solches System unter folgenden
Bedingungen geschaffen werden kahni
Erstens
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�f
"AMERIKA DIENST"

25. J u l i

1956

Erstens sollte unter wirksamer internationaler Kontrolle und
ohne Verzug eine beträchtliche Reduzierung der Streitkräfte, der Rüstungen und der militärischen Ausgaben auf einen Stand vorgenommen
werden, wie er unter Berücksichtigung der gegenwärtigen instabilen
Weltlage angebracht erscheint.
Zweitens müssen we.tere Beschränkungen stufenweise erfolgen, sobald sich die internationale Lage bessert una die Möglichkeiten zu einem
befriedigenden Abschluß jeder einzelnen Phase erwiesen sind. Wir sind
der Meinung, daß vorDerei beaäe, zunächst versuchsweise durchgeführte
Maßnahmen von Nutzen -ein könnten.
Drittens glauben wir ferner, daß die Hauptgefahr für die Sicherheit der Welt die atomare Bedrohung ist und daß dringende Maßnahmen erforderlich sind, um sie unter Kontrolle zu bringen. Am I.März 195&amp; hat
Präsident Eisenhower a i Ministerpräsident Bulganin ein Schreiben gerichtet, in dem er solche -"aßnahmen vorschlägt.
Viertens glauben wir, daß eine zuverlässige Methode internationaler
Überwachung, einschließlich einer Luftüberwachung, unbedingt notwendig ist,
um einem Überraschungsangriff vorzubeugen und zu gewährleisten, daß vertraglich eingegangene Verpflichtungen auch gewissenhaft eingehalten werden.
Diese Grundhaltung der Vereinigten Staaten in der Abrüstungsfrage
wird auch in einer von Mr. Nutting am 3.Juli eingebrachten Resolution,
die unsere volle Unterstützung hat, zum Ausdruck gebracht.
Nach unserer Meinung verdienen diese Vorschläge,von jedem unterstützt zu werden, der ar einer Abrüstung ernsthaft interessiert ist.
Bedauerlicherweise hat sich die Sowjetunion bisher nicht in der Lage
gesehen, hierzu ihre Zustimmung zu erteilen.
Herrn Gromykos Rede vom 12.Juli erweckt in uns einige Zweifel hinsichtlich der Haltung der Sowjetunion gegenüber einigen dieser Vorschläge,
und sie zeigt deutlich die noch immer negative Einstellung zu anderen
Punkten.
Jedoch ist nach der Erklärung des sowjetischen Vertreters seine
Regierung heute anscheinend bereit, als ersten Schritt einer zahlenmäßigen Begrenzung der Streitkräfte der UdSSR und der USA auf-je 2,5 ...
Millionen Mann und der Streitkräfte Frankreichs sowie Großbritanniens
auf je 750 000 Mann zuzustimmen. Wenn man es tatsächlich so gemeint hat,
wie es den Anschein erweckt, dann ist das eine erfreuliche Nachricht.
Ich sage dies deshalb, weil die sowjetische Bereitschaft zu einer Begrenzung der Streitkräfte auf 2,5 Millionen Mann dem von Mr. Harold
Stassen in London gemachten Vorschlag in etwa entspricht.
Wir hoffen, daß damit die Sowjetunion ihrer Erkenntnis Ausdruck
gibt, daß die Reduzierung in diesem Maßstab den Realitäten der gegenwärtigen Weltlage entspricht und dem internationalen Vertrauen wie auch
einem umfassenderen Abrüstungsabkommen förderlich wäre.
Als verantwortungsbewußte Männer müssen wir uns jedoch darüber
klar sein, daß die Sowjetunion einer mit den modernsten Mitteln durchzuführenden wirksamen internationalen Überwachung, einschließlich einer
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�"AMERIKA DIENST"

25- Juli 1956

einer gewissen Luftüberwachung, bisher noch nicht zugestimmt hat. Wir
wissen daher nicht, ob die neue sowjetische Erklärung ein ernstgemeinter Vorschlag oder nur leeres Gerede ist.
Ferner möchte die Sowjetunion anscheinend die Streitkräfte aller
übrigen Länder, einschließlich einiger äußerst wichtiger Bundesgenossen
der freien Welt, auf 250 000 Mann beschränken.
Diese Sitzungen der Abrüstungskommission haben es ferner deutlich
gemacht, daß die Sowjetunion auf ihre früher verfolgte Politik, nämlich
die Abschaffung der Atomwaffen zur Voraussetzung eines jeglichen Abrüstungsprogramms zu machen, zurückgegriffen hat. Das heißt mit anderen V/orten,
"ächtet die Bombe und vertraut der Sowjetunion".
Es ist ferner klar geworden, daß die Sowjetunion immer hoch an dem
von Ministerpräsident Bulganin im vergangenen Monat gemachten Vorschlag
bezüglich einer Reihe von einseitigen, nicht nachprüfbaren Abrüstungsbeschränkungen bei verscniedenen Staaten ohne das Vorhandensein eines
Abkommens und einer Überwacnung festhält.
Man könnte sich vorstellen, daß gegen eine einseitige Abrüstung an
sich nichts einzuwenden wäre, vorausgesetzt, daß sie auch wirklich erfolgt.
Da sie jedoch ohne Überwachung erfolgt, bietet sie keine sichere Gewähr,
und sich auf etwas Falsches zu verlassen, könnte verheerende Folgen haben.
Diese einseitigen Abrüstungsbeschränkungen erwecken nicht den Anschein, daß sie eine Verminderung der Schlagkraft der sowjetischen Streitkräfte bedeuten. Marschall Schukow stellte die Situation richtig dar, als
er vor dem Kommunistischen Parteikongreß erklärte, daß
"die großen Leistungen der Schwerindustrie die Neubewaffnung unserer
Armee, Flotte und Luftstreitkräfte mit erstklassiger militärischer Ausrüstung ermöglicht haben." Auch können uns die Berichte keine große Befriedigung geben, die besagen, daß die Sowjets 30 000 Mann aus Deutschland
abgezogen haben - ebensowenig die propagandistisch stark ausgeschlachtete
Nachricht von einer Verlegung veralteter Flugzeuge nach neuen, nur verhältnismäßig wenige Kilometer zurückgelegenen Stützpunkten. Die auf deutschem Gebiet stehenden sowjetischen Streitkräfte würden - selbst nach
Vornahme der Reduzierungen - immer noch stärker sein als diejenigen sämtlicher übriger Länder zusammengenommen. Notfalls könnte das Vielfache,
ihrer Zahl auf dem raschesten Wege wieder nach Deutschland zurückgebracht
werden. Sie brauchen nicht erst, wie ich es zweimal erlebt habe, einen
fast 5000 Kilometer breiten, von U-Booten wimmelnden Atlantischen Ozean
zu überqueren, um Europa vor einer Aggression retten zu helfen.
Was tatsächlich geschieht, ist folgendest Die Sowjetunion geht jetzt
erst daran, ihre Streitkräfte auf eine Stärke zu reduzieren, die die Vereinigten Staaten schon vor einiger Zeit erreicht haben - eine begrüßenswerte, doch reichlich verspätete Maßnahme.
Jahr für Jahr veröffentlichen die Vereinigten Staaten detaillierte
Zahlen über die Stärke ihrer Streitkräfte. Ich habe sie häufig genannt.
Die Sowjetunion aber denkt trotz mehrfacher Aufforderung nicht daran,
ein Gleiches zu tun.
Trotzdem

�/

"AMERIKA DIENST"

25. Juli 19^6

Trotzdem erhebt Herr Gromyko in seinen beiden Reden den Anspruch,
daß die von den sowjetischen Streitkräften seit dem zweiten Weltkrieg
vorgenommenen Rüstungsbeschränkungen "bei weitem die Rüstungsbeschränkungen der bewaffneten Streitkräfte der festmachte übertroffen haben".
Wir sind natürlich nur auf Vermutungen angewiesen, doch sind wir überzeugt, daß diese Behauptungen den Tatsachen nicht entsprechen.
Ich komme jetzt zur zweiten Frage - dem Zeitplan und den einzelnen
Phasen eines Abrüstungsprogramms: Herr Gromyko hat versucht, den Eindruck hervorzurufen, daß das, was er den "Westen" nennt, nicht daran
denke, eine Beschrankung der Rüstungen vorzunehmen, bis "zuvor strittige
internationale Probleme geregelt worden sind".
Herr Vorsitzender diese Erklärung ignoriert einfach, was ich bereits
betont habe, nämlich: daß die Vereinigten Staaten bereit sind, bei entsprechender Bescnränkung der Rüstungen und der militärischen Ausgaben der
ganzen Welt, so wie sie sich heute darbietet, oder in einer der heutigen
ähnlichen Weltsituation, die Zahl ihrer Streitkräfte auf 2,5 Millionen
Mann zu reduzieren, ohne Rücksicht auf die bestehenden politischen Gegensätze - vorausgesetzt, daß eine angemessene Überwachung geschaffen wird,
einschließlich einer Luftüberwachung. Und dieses Angebot ist von uns im
vergangenen Frühjahr gemacht worden) von der Sowjetunion wurde es abgelehnt.
Unser Vorschlag, sofort, ungeachtet politischer Regelungen, die
atomare Bedrohung zu vermindern, beschränkt sich nicht nur auf das Gebiet
der konventionellen Waffen. Präsident Eisenhower schlug beispielsweise
am 8.Dezember 1953 vor, "sofort und auch in Zukunft gemeinsame Beiträge
aus den vorhandenen Beständen gewöhnlichen Urans und spaltbarer Materialien an eine internationale Atomenergiebehörde zu leisten".
Wir machten diese Angebote, weil wir glauben, daß sie zur Beilegung
politischer Spannungen beitragen, was wiederum eine weitergehende Abrüstung erlauben und so einen Zyklus auslösen würde, der allen zum Segen
gereicht. Herr Gromyko zieht es jedoch vor, zu betonen, "daß Abrüstung
und die Lösung offenstehender politischer Probleme 'ganz verschiedene
Dinge sind1, um ihn hierzu wörtlich zu zitieren, und daß sie miteinander
zu verbinden weiter nichts bedeuten würde als sie einfach in einen Topf zu
werfen' und beide noch mehr zu komplizieren".
Ich habe zwei Vorschläge erwähnt, die die Vereinigten Staaten vorgebracht haben» 1) Beschränkungen in den herkömmlichen Waffen, und 2) Zeitplan. Unser dritter Vorschlag bezieht sich auf die Kontrolle und Beschränkung der atomaren Bedrohung. Jeder Sprecher hat sich dafür eingesetzt, daß
sich ein Abrüstungsplan mit der atomaren Bedrohung befassen müsse, daß es
nicht genüge, auf ältere Waffen zu verzichten oder mehr Infanteristen in
das Reserveheer einzureihen.
Herr Belaunde als Vertreter Perus hat darauf hingewiesen, wie absurd
es sei, eine Beschränkung bei älteren Waffentypen einzuführen und "gleichzeitig dem tragischen Rüstungswettrennen mit nuklearen V/affen freien Lauf
zu lassen".
Herr Brilej als Vertreter Jugoslawiens traf den Kern der Sache, als
er erklärte, daß "gegenwärtig zwar unüberwindbare Hindernisse für die

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�AMERIKA DIENST"

25. Juli 1956

die Errichtung eines wirksamen Kontrollsystems hinsichtlich der Abschaffung der atomaren Waffen bestehen", daß aber "die Überwachung von Maßnahmen in bezug auf den völligen Produktionsstop bei nuklearen Waffen
keineswegs unmöglich ist." Er hat völlig recht, wenn er sagt, daß
"erste Vereinbarungen sowohl eine wirksame Reduzierung der herkömmlichen
Waffen und bewaffneten Streitkräfte als auch gewisse Maßnahmen in bezug
auf nukleare Waffen sowie ein angemessenes Kontrollsystem vorsehen sollten."
In seinem Brief vom I.März 1956 erklärte Präsident Eisenhower, daß
die Vereinigten Staaten bereit seien, zusammen mit anderen Nationen "geeignete und sichere Vorkehrungen zu schaffen, so daß spaltbares Material
nirgends auf der Welt weiterhin zur Verstärkung der Vorräte an Explosivwaffe:
verwendet werden kann". Er schlug ferner vor, diese Maßnahmen mit dem Programm der Beisteuerung atomaren Materials aus vorhandenen Beständen an
die Internationale Atomenergiebehörde zu verbinden, sobald diese einmal
besteht. Auf diese Weise hofft der Präsident, "die die ganze Welt beherrschende Tendenz, den Bestand an nuklearen Waffen beständig zu vermehren,
in ihr Gegenteil zu verkehren".
In ihren Vorschlägen vom 27.März 1956 und in den Briefen Ministerpräsident Bulganins vom 6.Juni 1956 empfiehlt die Sowjetunion keinerlei
Maßnahmen zur Bekämpfung der nuklearen Bedrohung. Sie behauptet nur, daß
eine Reduzierung der konventionellen Streitkräfte die Abschaffung der
nuklearen Waffen erleichtern würde und schlägt vor, Militärstreitkräfte
in Deutschland nicht mit Atomwaffen auszurüsten.
Am 3.Juli jedoch brachte Herr Gromyko eine Resolution ein, in der
ein bedingungsloses Verbot der Verwendung von Atomwaffen gefordert wurde;
und in seiner Rede vom 12.Juli sprach er von der Vernichtung aller Atombombenvorrate.
In der Rede von Herrn Gromyko findet man keinerlei Hinweis darauf,
daß eine Bestandsaufnahme der nuklearen Materialien, besonders solcher,
die in der Vergangenheit produziert worden sind, irgendwelche besonderen
Schwierigkeiten bereitet. In Wahrheit aber ist es niemand anderes als
die Sowjetunion selbst gewesen, die in ihrer Note vom 10.Mai 1955 klipp
und klar erklärte, Reserven nuklearen Materials könnten der internationalen Kontrolle entzogen und dazu verwendet werden, insgeheim die Herstellung von Atom- und Wasserstoffbomben zu organisieren.
Die Resolution der Sowjetunion gründet sich auf das Verbot - entweder
Verbot überhaupt oder Verbot der Verwendung.
Unter den gegenwärtigen Umständen jedoch läßt sich nicht auf die
Realisierung eines gegebenen Versprechens, nämlich des Verbots von
Atomwaffen, dringen. Und wie bei allen undurchführbaren Gesetzen wird
die Herrschaft des Rechts, in diesem Fall das Völkerrecht, in Mißkredit
gebracht.
Der sowjetische Delegierte hat außerdem andere Länder kritisiert, daß
sie sich weigerten, das Versprechen zu geben, niemals Atomwaffen zu verwenden oder als erste zu verwenden, und daß sie die sowjetische Auffassung
nicht akzeptieren, in Deutsahland stationierte militärische Streitkräfte
nicht mit nuklearen Waffen'.-auszurüsten.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

25- Juli 1956

Dies muß unsere Aufmerksamkeit des weiteren auf die Tatsache lenken,
daß ein Verbot des Einsatzes, wie es die Sowjetunion vorschlägt, für
einige Parteien ungerecht und nachteilig wäre - in diesem Fall für die
freien parlamentarischen Demokratien und ihre Verbündeten.
Dieser gleiche Punkt wurde auch im vergangenen Jahr vom Politischen
Ausschuß der UN-Generalversammlung vor der Annahme seiner an uns gerichteten Direktive vom 16.Dezember 1955 gründlich erforscht.
Wie der Delegierte Belgiens damals dem Ausschuß erklärte, würden
"solche Unternehmungen, falls es einen potentiellen Aggressor in der
Welt gibt, bewirken, daß dieser über die Konsequenzen der von ihm geplanten Handlung beruhigt sein kann und folglich ermutigt wird, die
aggressive Handlung zu begehen".
Die Vereinigten Staaten schließen sich dieser Analyse voll an. Wir
glauben nicht, daß kleineren Ländern in strategisch besonders wichtiger
geographischer Lage und mit großen Reserven an Menschen und Atomwaffen
das wichtigste Mittel der Verteidigung und Abschreckung gegenüber einer
Aggression vorenthalten werden sollte. Wenn diese gleichen Länder echte
Demokratien sind, die gerade aus der Natar ihrer Institutionen heraus nicht
dazu neigen, den ersten Kriegsstreich zu tun, könnte jegliche Übereinkunft
der Art, wie Herr Gromyko sie vorschlägt, Selbstmord bedeuten.
Die Vereinigten Staaten werden getreu ihren Verpflichtungen im Rahmen
der UN-Charta niemals Atomwaffen oder andere Waffen - Kanonen, Bomben,
Schiffe oder Flugzeuge - einsetzen, es sei denn zur Abwehr und Niederschlagung einer verbrecherischen Aggression. Aber sie geben sich auch
nicht dazu her, den Verfechtern der Freiheit die Hände zu binden, wenn
sie gegen die Aggression kämpfen müssen.
Aus diesem Grunde erheben wir Einspruch gegen die Resolution, die der
Vertreter der Sowjetunion am J).J\il± 1956 eingebracht hat.
Ich komme schließlich zu FCage Nr. 4, der überaus wichtigen Frage
der Inspektion. Wir freuten uns, daß wir im Vorschlag der Sowjetunion
vom 27«März zum erstenmal eine, wenn auch sehr einschränkende Liste
darüber vorfanden, was im Rahmen des Planes inspiziert werden könnte;
wir waren und sind aber erstaunt darüber, daß in dem Brief Ministerpräsident Bulganins an Präsident Eisenhower vom 6.Juni 195^ von einem Inspektionsplan überhaupt nicht die Rede ist.
Es ist für mich enttäuschend, daß die Sowjetunion anscheinend ihre
ablehnende Haltung gegen Präsident Eisenhowers Plan der "offenen Himmel"
verstärkt hat. Wir sind überzeugt, daß letzten Endes die Weltmeinung auf
die Verwirklichung dieses Planes dringen wird.
Der Plan der offenen Himmel, Herr Vorsitzender, erlegt der Sowjetunion keine Bürde auf, die nicht auch wir zu tragen bereit wären.
Er beabsichtigt nicht irgendein dunkles Unternehmen aus Spionagegründen; er iät vielmehr unabdingbarer Bestandteil eines Abrüstungsplanes.
Herrn

�"AMERIKA DIENST"

25': Juli 1956

Herrn Gromyko sind in seiner Erklärung zur Haltung cor vier
Mächte in der Frage der Inspektion zwei seltsame Fehler unterlaufen.
Er sagt erstens, die Sowjetunion habe ein "sehr detailliertes
Kontrollsystem" unterbreitet, und zwar in der Form des Bulganin-Planes,
der die Stationierung von Beobachtern in Schwerpunkten militärischer Anlagen vorsieht, daß jedoch die '«Vestmächte 'die ganze Angelegenheit auf
die Durchführung von Luftaufnahmen zusammendrängen wollen...".
Sicherlich ist Herrn Gromyko bekannt, daß auch vir den Bulganin-Plan
akzeptieren. Er weiß ferner, daß die Luftinspektoren nicht einfach blind
durch die Gegend fliegen, sondern die ausgetauschten Informationen
überprüfen.
Zweitens behauptet er, daß die Frage der Durchführung vor Luftaufnahmen über außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika gelegenen Gebieten 'in den Vorschlägen der Vereinigten Staaten völlig fehlt".
Sicherlich kann er die Versicherungen nicht übersehen haben, die wir
immer und immer wieder gegeben haben, daß dieser Plan auf Stützpunkte
ausgedehnt werden könnte, die die Vereinigten Staaten außerhalb ihres
Territoriums mit Zustimmung der betreffenden Nationen benutzen.
Hinsichtlich der Frage der Inspektion scheint daher die Sowjet nion
ein oder zwei Schritte vorangekommen zu sein, wenn sie die zu inspizierenden Objekte identifiziert und den Bulganin-Plan vorlegt, um jedoch
gleichzeitig wieder ein oder zwei Schritte zurück zu tun, indem sie ihre
Haltung gegen die Luftaufklärung versteift und unsere Vorschläge verdreht
darstellt.
Die Meinung der Mitglieder dieser Kommission steht, so glaube ich,
bereits fest. Sie wollen festgestellt wissen, daß ein gewisser Fortschritt erreicht wurde. Es wird aber auch an jeden ttaat der Appell geä=l
richtet, so schnell wie möglich Maßnahmen zu ergreifen, um alles Erdenkliche im Rahmen einer angemessenen Kontrolle zu unternehmen, noch bevor ein umfassendes Programm erarbeitet wird; die Kommission wünscht
eine daran anschließende Abrüstung, die für jeden Staat stufenweise
durchgeführt wird, die jedoch auf einem zufriedenstellenden Verhalten
der einzelnen beruht und mit einem zunehmenden Vertrauen in den internationalen Beziehungen eng verbunden ist;sie wünscht ferner Maßnahmen zur
Kontrolle sowohl der herkömmlichen als auch der nuklearen Y/affen; sie
setzt große Hoffnungen in die vorbereitenden und Teilmaßnahmen zur
Überwindung des toten Punktes; sie ist fest von der Notwendigkeit einer
gründlichen Inspektion, von Vorkehrungen gegen einen umfassenden Überraschungsangriff und Sicherheiten dafür überzeugt, daß die Verpflichtunge
getreu eingehalten werden.
'iVenn ich hier diese einfachen, aber zwingenden V/ünsche noch einmal
zitiere, unterstreiche ich damit, daß sie alle in dem Resolutionsentwurf
enthalten sind, den Mr. Nutting am 3.Juli eingebracht hat. Ich bin mir
auch bewußt, daß sie den '«Vünschen der Menschlichkeit in aller 'fielt entsprechen .
* * * * *
&gt;.

�Dokumente:
Lenin über Stalin

�Von: US State Department, Washington, 30. Juni 1956

Dokumente: Lenin über Stalin
Das US-Außenministerium erhielt kürzlich aus
vertraulicher Quelle verschiedene Dokumente, die
vermutlich am 25. Februar 1956 unter den Delegierten des XX. Parteitages der KPdSU verteilt
worden sind, sozusagen als ergänzendes Material
zur Rede des Ersten Parteisekretärs N. S. Chruschtschow, deren Text das US-Außenministerium
am 4. Juni 1956 veröffentlichte.* Es handelt sich um
18 Dokumente zur sowjetischen Innenpolitik der
Jahre 1922/23, die vom US-Außenministerium inzwischen auf ihre etwaige frühere Veröffentlichung
oder Erwähnung überprüft worden sind.
Angesichts der Tatsache, daß die KPdSU am
30. Juni 1956 einen Teil der Dokumente dieser
Reihe der Öffentlichkeit übergab, hat sich das USAußenministerium entschlossen, die in seinem
Besitz befindlichen Dokumente im Interesse der
wissenschaftlichen Forschung und der historischen
Einordnung der Ereignisse der Jahre 1922/23 ebenfalls bekanntzugeben.
Nachstehend eine Liste der Dokumente mit Anmerkungen über deren Erstveröffentlichung.
1. Protokoll über Notizen Lenins, ausgefertigt am
18. Mai 1924 von N. K. Krupskaja (Lenins Frau)
und Kamenew. Unveröffentlicht.
2. Notizen einer Kommission des ZK-Plenums
über die Notizen Lenins, ausgefertigt am 19. Mai
1924. Unveröffentlicht.
3. Lenins „Brief an den Parteitag" vom 23. Dezember 1922 über die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
4. Lenins Ergänzungen zu diesem Brief vom
24. und 25. Dezember 1922 und Nachschrift vom
4. Januar 1923 (bekannt als Lenins „Testament").
Veröffentlicht u. a. in L. Trotzkij, „The Real Situation in the Soviet Union", S. 320 bis 323.
5. Notizen Lenins vom 26. Dezember 1922 über
die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
6. Notizen Lenins vom 27. Dezember 1922 zur
Übertragung legislativer Funktionen an die
Gosplan-Kommission. Unveröffentlicht; Auszüge
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
5. 76, und Max Eastman, „Since Lenin Died", S. 15.
•Vgl. O-P 8. Jahr, S. 867 ff.

7. Dasselbe, Fortsetzung vom 28. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
8. Dasselbe, Fortsetzung vom 29. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
9. Notizen Lenins vom 29. Dezember 1922 über
die Erhöhung der Zahl der ZK-Mitglieder. Unveröffentlicht.
10. Memorandum vom 16. April 1923 an die Mitglieder des ZK im Zusammenhang mit der Übermittlung der folgenden Dokumente. Unveröffentlicht.
11. Schreiben Trotzkijs vom 16. April 1923 an
Stalin und die ZK-Mitglieder zu einem Artikel
Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht; Inhaltsangabe bei M. Eastman, „Since Lenin
Died", S. 23.
12. Lenins Artikel über die Nationalitätenfrage
vom 30. und 31. Dezember 1922. Abgedruckt bei
R. Pipes, „The Formation of the Soviet Union,
Communism and Nationalism, 1917-1923", S. 273
bis 274.
13. Schreiben Lenins vom 5. März 1923 an
Trotzkij über Bedenken Lenins wegen der Einstellung Stalins zur Lage in Georgien. Abgedruckt
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
S. 81.
14. Mitteilung der Sekretärin Lenins an Trotzkij
vom 5. März 1923. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 91.
15. Schreiben von L. Fotijewa, einer der Sekretärinnen Lenins, vom 16. April 1923 an Kamenew
und Trotzkij zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 82.
16. Empfangsbestätigung Kamenews vom 16. April
1923 über den Eingang des Schreibens der Fotijewa.
Unveröffentlicht.
17. Schreiben der Fotijewa vom 16. April 1923 an
Stalin zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.
18. Erklärung Stalins vor den ZK-Mitgliedern
am 16. April 1923 zur Übersendung des LeninArtikels über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.
3

�Ich glaube, daß unter diesem Gesichtspunkt der
Schlüssel zur Festigung bei ZK-Mitgliedern wie Stalin
und Trotzkij liegt. Die Art der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen enthält nach meiner Meinung
den größeren Teil der abzuwendenden Spaltungsgefahr; diese Gefahr kann meiner Ansicht nach, abgesehen von anderen Gründen für diese Maßnahme,
am besten dadurch gebannt werden, daß man die
Mitgliederzahl des ZK auf 50 oder 100 Personen
erhöht.
Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär
geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen Händen
vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er
es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen. Auf der anderen
Seite besitzt Genosse Trotzkij, wie sich in seinem
Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für das Verkehrswesen zeigte, nicht
nur ausgezeichnete Fähigkeiten — persönlich ist er
vermutlich der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK
—, sondern gleichzeitig auch ein Übermaß an Selbstbewußtsein und einen übergroßen Hang zur rein
administrativen Regelung der Probleme.
Diese beiden Charakterzüge der beiden begabtesten
Führer des gegenwärtigen ZK könnten ganz gegen
deren Willen zu einer Spaltung führen; und wenn
unsere Partei keine Maßnahmen dagegen ergreift,
kann diese Spaltung ganz unerwartet eintreten.
Ich will nicht weiter versuchen, die persönlichen
Eigenschaften der anderen ZK-Mitglieder zu charakterisieren. Ich will nur daran erinnern, daß Sinowjews
und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall
war, daß man dies aber ebensowenig gegen sie ins
Treffen führen darf wie gegen Trotzkij die Tatsache,
daß er früher kein Bolschewik war.
Zu den jüngeren ZK-Mitgliedern übergehend, möchte
ich einige Worte über Bucharin und Pjatakow sagen.
Diese sind nach meiner Meinung die fähigsten Kräfte
unter diesen Jüngsten, doch ist dabei folgendes zu beachten: Bucharin ist nicht nur ein sehr wertvoller und
sehr prominenter Parteitheoretiker, sondern er kann
recht eigentlich als der Favorit der ganzen Partei betrachtet werden; trotzdem dürfen seine theoretischen
Ansichten nur mit größtem Vorbehalt als restlos
marxistisch angesehen werden, denn es steckt in ihm
ein Stück von einem Scholastiker (er hat die Dialektik
nie studiert und, wie ich glaube, auch niemals ganz verstanden).
Nun zu Pjatakow; er ist ein zweifellos willensstarker
und sehr begabter Mann, der jedoch viel zu sehr dem
Verwaltungswesen, der rein administrativen Seite
der Dinge ergeben ist, als daß man sich in einer
wichtigen politischen Frage auf ihn verlassen könnte.
Selbstverständlich bezieht sich die erste wie die
zweite Bemerkung nur auf die Gegenwart, aber beide
sind gerade für den Fall gemacht worden, daß diese
beiden fähigen und loyalen Mitarbeiter nicht imstande
sein sollten, gelegentlich ihr Wissen abzurunden und
ihre Einseitigkeit zu überwinden.
25. 12. 1922
Lenin
Niederschrift durch M. W.

Nachschrift

zum Brief

vom 24. Dezember

1922

Stalin ist zu grob, und wenn dieser Fehler auch in
unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns
Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs.
Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu
finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen
und dafür einen anderen Mann auszuwählen, der sich
aber in jeder Beziehung nur dadurch von Stalin
unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht
so launisch usw. Diese Dinge mögen wie unwichtige
Kleinigkeiten erscheinen. Ich glaube jedoch, daß sie
unter dem Blickwinkel der Verhinderung einer Spaltung und meiner Bemerkungen über die Beziehungen
zwischen Stalin und Trotzkij keine Kleinigkeiten sind,
oder wenn doch, daß es Kleinigkeiten sind, die entscheidende Bedeutung gewinnen können.
4. Januar 1923
Lenin
Niederschrift durch L. F.
5. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

26. 12. 1922

III. Die Erhöhung der Mitgliederzahl des ZK auf
50 oder sogar 100 soll, wie ich es sehe, einem zweioder dreifachen Zweck dienen; je mehr Mitglieder
das ZK zählt, um so mehr Personen werden die
Arbeit des ZK kennen lernen und um so geringer
wird die Gefahr einer Spaltung infolge einiger unbedachter Schritte sein. Die Berufung zahlreicher
Arbeiter in das ZK wird es unseren Arbeitern ermöglichen, die Leistungsfähigkeit unseres Apparats* zu
erhöhen, der viel zu wünschen übrigläßt. Praktisch
haben wir ihn von dem alten Regime übernommen, da
es für uns vollkommen unmöglich war, ihn in so kurzer
Zeit völlig zu reorganisieren, vor allem in einer Zeit
des Krieges, der Hungersnot usw. Aus diesem Grunde
kann man den „Kritikern", die in geringschätziger oder
sarkastischer Weise die Mängel unseres Apparats hervorheben, die klare Antwort geben, daß sie keine
Ahnung von den Bedingungen haben, unter denen sich
unsere gegenwärtige" Revolution vollzieht. Eine wirksame Reorganisation des Apparats binnen fünf Jahren
war völlig unmöglich — besonders in der Revolutionsperiode. Es ist genug, daß es uns in den fünf Jahren
gelungen ist, eine Regierung neuen Typs zu schaffen,
in der die Arbeiter an der Spitze der Bauern gegen
die Bourgeoisie stehen, und das zu einer Zeit, da wir
von einer Welt von Feinden eingekreist sind. Das war
eine ungeheure Leistung. Dieses Bewußtsein sollte
uns jedoch nicht blind gegenüber der Tatsache machen,
daß es praktisch der alte Apparat ist, den wir übernommen haben, der Apparat des Zaren und der Bourgeoisie, und d"aß nunmehr, nachdem wir den Frieden
errungen und unsere Mindestbedürfnisse befriedigt
haben, alle unsere Anstrengungen darauf konzentriert
werden müssen, die Leistungsfähigkeit des Apparats
zu verbessern. Ich male mir das so aus: Setzt man
mehrere Dutzend Arbeiter in die Maschinerie des ZK,
so werden sie besser als alle anderen imstande sein,
sich mit der Kontrolle, der Leistungssteigerung und der
•Gemeint ist offenbar der Regierungs- bzw. Verwaltungsapparat. (O-P)

5

�fallen, diese Seite den wissenschaftlichen Kenntnissen,
der Fähigkeit zum Begreifen der umfassenden Realitäten, dem Führertalent usw. gleichzustellen.
Jede Regierungsinstitution und besonders der Gosplan bedarf der glücklichen Kombination dieser beiden
Eigenschaften. Als mir deshalb Genosse Krshishanowskij berichtete, es sei ihm gelungen, Pjatakow für
die Arbeit im Gosplan zu interessieren und daß zwischen ihnen ein Einvernehmen über die Arbeitsteilung
bestehe, habe ich, als ich meine Zustimmung gab, auf
der einen Seite in meinem Innern gewisse Zweifel
gehabt, auf der anderen Seite aber die Möglichkeit
erkannt, vielleicht auf diese Weise die gewünschte
Kombination der beiden Typen des leitenden Regierungsfunktionärs zu verwirklichen. Ob meine Hoffnung sich realisiert hat, müssen wir abwarten. Im
Laufe der Zeit müssen wir dies in der Praxis überprüfen; im Prinzip — glaube ich — können wir jedoch
nicht daran zweifeln, daß die ordnungsgemäße Funktionsweise der Regierungsinstitutionen eine derartige
Kombination von Charakteren und Typen (von Männern, Eigenschaften) absolut erforderlich macht. Nach
meiner Ansicht ist übertriebenes „Administrieren"
ebenso schädlich wie jede Übertreibung schlechthin.
Der Leiter einer Regierungsinstitution sollte ein
Höchstmaß von Führertalent besitzen und dazu solide
wissenschaftliche und technische Kenntnisse in dem
Umfang, der für die Überwachung der Arbeit anderer
notwendig ist. Das ist wichtig. Ohne dies kann wirkliche Arbeit nicht geleistet werden. Auf der anderen
Seite muß der Betreffende sich auch auf die Verwaltung
verstehen, und er bedarf zu diesem Zweck eines geeigneten Gehilfen oder sogar mehrerer Gehilfen. Es
ist zweifelhaft, ob wir die Kombination dieser beiden
Eigenschaften in einer Person vereinigt finden werden;
es ist ebenfalls zweifelhaft, ob eine derartige Kombination notwendig ist.
Niederschrift durch L. F.
28. 12. 22

Lenin

8. Dokument
Fortsetzung
der Notizen, 29. Dezember 1922
VI. Der Gosplan ist anscheinend im Begriff, sich restlos in eine Kommission von Fachleuten zu verwandeln.
An der Spitze dieser Institution sollte ein Mann stehen,
der große und umfassende Erfahrungen auf technischem
Gebiet besitzt. Administrative Fähigkeiten sollten hier
nur eine nützliche Beigabe sein. Der Gosplan muß
zweifellos bis zu einem gewissen Grade unabhängig
und selbständig sein, mit dem einzigen Vorbehalt, daß
die Mitarbeiter dieser Institution ehrlich und aufrichtig
bemüht sind, unseren Plan des wirtschaftlichen und
sozialen Aufbaus zu verwirklichen.
Die letztgenannte Eigenschaft ist heute natürlich nur
in Einzelfällen zu finden, da die große Mehrzahl der
Wissenschaftler, aus denen sich die Gosplan-Kommission naturgemäß zusammensetzt, mit bourgeoisen Ansichten und Vorurteilen nur allzu sehr belastet ist. Die
Überwachung dieser Leute in dieser Hinsicht sollte
Aufgabe mehrerer Personen sein, die das GosplanPräsidium bilden könnten; sie müssen Kommunisten
sein und im Ablauf der Arbeit täglich feststellen, in
welchem Maße die bourgeoisen Wissenschaftler der
Sache ergeben sind, ob sie ihre bourgeoisen Vorurteile
ablegen und auch, ob sie sich allmählich den sozialisti-

schen Standpunkt zueigen machen. Diese Zweigleisigkeit — wissenschaftliche Kontrolle in Verbindung mit
rein administrativer Arbeit — ist das Ideal, das den
leitenden Gosplan-Funktionären vorschweben sollte.
Ist es zweckmäßiger, die Gosplan-Aufgaben in einer
Reihe von Einzeldirektiven aufzuspalten, oder sollten
wir umgekehrt die Schaffung eines ständigen Spezialisten-Gremiums anstreben, das einer systematischen
Kontrolle durch das Gosplan-Präsidium untersteht, das
seinerseits Entscheidungen über die Gesamtheit der in
den Gospldn-Aufgabenbereich
fallenden
Probleme
fällen könnte? Nach meiner Auffassung ist das zweite
vernünftiger, und wir sollten uns bemühen, die Zahl
der brennenden und wichtigen Einzelprobleme zu
begrenzen.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
9. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

29. Dezember

1922

Zum Thema
E r h ö h u n g der Anzahl der ZK-Mitglieder
VII. Bei der Erhöhung der Anzahl der ZK-Mitglieder
ist es meiner Ansicht nach nötig, wahrscheinlich als
allererstes das Problem der Kontrolle und Leistungssteigerung unseres Apparats zu lösen, der überhaupt
nichts taugt. Für diesen Zweck sollten wir die Dienste
hochqualifizierter Spezialisten in Anspruch nehmen; die
Aufgabe, diese Spezialisten verfügbar zu machen, fällt
in den Bereich der Arbeiter- und Bauerninspektion.
Wie die Arbeit dieser Kontrollspezialisten, die auch
ausreichende Kenntnisse besitzen müssen, mit der
Arbeit der neuen ZK-Mitglieder zu koordinieren ist,
sollte die Praxis entscheiden. Mir scheint, daß die
Arbeiter- und Bauerninspektion (infolge ihrer Entwicklung und auch infolge von Zweifeln hinsichtlich
dieser Entwicklung) in ein neues Stadium eingetreten
ist, wie wir jetzt beobachten können, nämlich in ein
Stadium des Übergangs von einem besonderen Volkskommissariat zur Beauftragung von ZK-Mitgliedern
mit Sonderaufgaben. Dieser Übergang bedeutet die
Abkehr von einer Einrichtung, die absolut alles beaufsichtigt — die Abkehr von einer Gruppe, die nur aus
wenigen Mitgliedern besteht, welche allerdings erstklassige und deshalb hochbezahlte Inspektoren sind
(dies ist geradezu unerläßlich in unserer Zeit, wo man
alles bezahlen muß, und in einer Situation, da die Inspektoren nur in den Behörden arbeiten, die ihnen
bessere Bezahlung bieten).
Wenn die Anzahl der ZK-Mitglieder in angemessener
Weise erhöht wird und wenn sie alljährlich an einem
Verwaltungslehrgang für Regierungsarbeit teilnehmen,
wobei ihnen hochqualifizierte Spezialisten und Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion zur Hand
gehen, die auf allen Arbeitsgebieten gut beschlagen
sind, dann, meine ich, werden wir dieses Problem erfolgreich lösen, das so lange ungelöst geblieben ist.
Daher zusammenfassend: ungefähr 100 ZK-Mitglieder
und nicht mehr als 400 bis 500 Gehilfen, die in ihrer
Eigenschaft als Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion weisungsgemäß die Kontrolle ausüben.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
7

�Möglichkeit hatten, ihn unter Bedingungen, da das
„Kriegsgeschäft" und der Kampf gegen die Hungersnot
wichtiger waren, und ohne die Hilfe unserer Republiken
in seine Schranken zu weisen.

Hier kommen wir zu einer ganz grundsätzlichen
Frage: Was verstehen wir unter Internationalismus?
Lenin

Unter solchen Bedingungen ist es ganz natürlich, daß
sich der Punkt vom „Recht der Loslösung von der
Union", mit dem wir uns rechtfertigen, als ein Fetzen
Papier erweisen wird, der keineswegs ausreicht für den
Schutz fremder Völker in Rußland gegen die Übergriffe
des Russen schlechthin, des Großrussen, des Chauvinisten, ja des Schurken und Plünderers, der der typische
russische Bürokrat nun einmal ist. Es steht außer
Zweifel, daß der unbedeutende Prozentsatz sowjetischer
und sowjetisierter Arbeiter in diesem chauvinistischen
Meer großrussischer Schuftigkeit ertrinkt wie eine
Fliege in der Milch.

Fortsetzung der Notizen, 31. Dezember 1922
Über die nationale Frage oder die „Autonomie"
In meinen Arbeiten, die die nationale Frage behandeln, habe ich bereits dargelegt, daß eine abstrakte
Konzeption vom Nationalismus vollkommen wertlos
ist. Man muß zwischen dem Nationalismus eines
herrschenden Volkes und dem Nationalismus eines
beherrschten Volkes, zwischen dem Nationalismus eines
großen Volkes und dem Nationalismus eines kleinen
Volkes unterscheiden.

Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens wird vorgebracht, daß die Volkskommissariate, die sich mit
Fragen der nationalen Eigenart, der nationalen Erziehung befassen, autonom sind. In diesem Zusammenhang erhebt sich jedoch die Frage, ob es möglich ist,
die Volkskommissariate völlig losgelöst vom Zentrum
zu halten, und dazu die zweite Frage, ob wir mit der
nötigen Umsicht Maßnahmen zum Schutz fremder
Völker gegen den generellen, den typischen russischen
„Dershimorda"*ergriffen haben. Meiner Meinung nach
haben wir derartige Maßnahmen nicht ergriffen, obgleich wir dies tun konnten und getan haben sollten.
Ich glaube, daß die Eile und das administrative Ungestüm Stalins und auch seine Verbohrtheit in den
berühmten „Sozial-Nationalismus" hier eine verhängnisvolle Rolle spielten. In der Politik gibt es im allgemeinen und in der Regel nichts Schlimmeres als
solche Verbohrtheit.
Ich fürchte auch, daß sich Genosse Dzierzynski, als
er zur Untersuchung der „Verbrechen" dieser „SozialNationalisten" in den Kaukasus ging, durch seine
typisch russische Einstellung auszeichnete (es ist allgemein bekannt, daß russifizierte Angehörige anderer
Nationalitäten stets zur Übertreibung neigen, wenn es
sich um das typisch russische Verhalten handelt)**; die
Objektivität, mit der er sich seines gesamten Auftrags
entledigte, ist durch die „Leistungen" Ordshonikidses
gekennzeichnet. Ich bin der Meinung, daß diese
Heldentaten der Russen aus keinerlei Provokationen
und Beleidigungen gerechtfertigt werden können und
daß Genosse Dzierzynski nicht wieder gutzumachendes
Unheil anrichtete, als er diese Vorkommnisse bagatellisierte.
Alle Bewohner des Kaukasus betrachteten Ordshonikidse als Regierungsvertreter. Ordshonikidse hatte
kein Recht zu dem impulsiven Vorgehen, mit dem er
und Dzierzynski sich später zu entschuldigen suchten.
Ganz im Gegenteil: Ordshonikidse war zu größerer
Selbstbeherrschung verpflichtet als jeder einfache Bürger, von jenen Bürgern gar nicht zu reden, die eines
„politischen" Verbrechens bezichtigt waren. Die „SozialNationalisten" waren jedenfalls Bürger, die eines politischen Verbrechens beschuldigt waren, und alle Umstände der Anklage besagten genau dasselbe.
•Brutal-arroganter Gendarm aus Gogols Komödie
„Der Revisor". (O-P)
••Dzierzynski war Pole. (O-P)

Über den Nationalismus der zweiten Art ist zu sagen,
daß wir, die Angehörigen eines großen Volkes, uns
fast immer in der Geschichte unzähliger Gewalttätigkeiten schuldig machen und — was noch schlimmer
ist — es nicht einmal bemerken, daß wir zahllose Gewalttaten und Mißbräuche begehen; ich brauche nur
von meinen eigenen Erfahrungen im Wolgagebiet zu
berichten, um klarzumachen, mit welcher Verachtung
wir die Nichtrussen behandelten; ein Pole ist bei uns
immer ein „Polack", ein Tatar wird sarkastisch als
„Graf", ein Ukrainer als „Chochol", ein Georgier und
andere Angehörige der Kaukasus-Völker als „Kaukasier" bezeichnet.
Aus diesem Grunde sollte der Internationalismus des
herrschenden Volkes oder des sogenannten „großen"
Volkes (selbst wenn es nur in seinen Gewalttaten groß
ist, groß, wie eben nur ein Herrscher „groß" sein kann)
nicht nur durch die formale Wahrung der Gleichheit
unter den Völkern, sondern auch durch die Wahrung
jener Ungleichheit bestimmt sein, durch die das herrschende Volk, das große Volk, die tatsächlich im Leben
bestehende Ungleichheit kompensieren würde. Wer
das nicht begreift, begreift nicht die echt proletarische
Einstellung zur nationalen Frage, vertritt in Wirklichkeit noch immer kleinbürgerliche Ansichten und muß
daher notwendigerweise auf die bürgerliche Position
abgleiten.
Was ist für einen Proletarier wichtig? Für einen
Proletarier ist es nicht nur wichtig, sondern sogar eine
zwingende Notwendigkeit, daß ihm andere Nationalitäten ein Maximum an Vertrauen im proletarischen
Klassenkampf schenken. Welcher Voraussetzung bedarf
es hierzu? Vom Proletarier wird mehr als die Wahrung
einer nur formalen Gleichberechtigung gefordert. So
oder so muß er durch seine Haltung oder durch Zugeständnisse gegenüber anderen Nationalitäten das
Mißtrauen, den Argwohn und die Mißstände kompensieren, die diese in der historischen Vergangenheit unter dem Regime des „Großmachf-Volkes zu erdulden hatten.
Ich glaube, für Bolschewiken und Kommunisten bedarf es keiner weiteren Erklärung. Ich glaube, daß
der vorliegende Fall, der Fall des georgischen Volkes,
ein typisches Beispiel ist, das von uns bei wirklich
proletarischer Einstellung besondere Behutsamkeit,
Einsicht und Konzessionsbereitschaft erfordert. Ein
Georgier, der diese Seite der Angelegenheit auf die
leichte Schulter nimmt, der leichtfertig über die Beschuldigung des „Sozial-Nationalismus" daherredet
(während er selbst nicht nur ein waschechter „Sozial9

�13. Dokument

16. Dokument

Lieber Genosse Trotzkij!
Ich bitte Dich dringend, im ZK der Partei die Verteidigung in der Georgien-Affäre zu übernehmen. Stalin und Dzierzyhski haben sich gegenwärtig diesen
Fall „aufs Korn genommen", und ich kann bei ihnen
nicht mit Objektivität rechnen. Eher mit dem Gegenteil.
Ich wäre beruhigt, wenn Du Dich einverstanden erklären würdest, die Verteidigung in dieser Affäre zu
übernehmen. Könntest Du Dich dazu aus irgendeinem
Grunde nicht bereit finden, so sende mir bitte alle Unterlagen zurück. Das wird für mich das Zeichen Deiner
Ablehnung sein.
Niederschrift durch M. W.
Herzliche Parteigrüße,
5. März 1923
Lenin
Für die Richtigkeit: M. Woloditschewa

A n t w o r t des Genossen K a m e n e w an das
ZK-Sekretariat
Soeben, 35 Minuten nach 5, erhielt ich von Genossin
Fotijewa die beigefügte Notiz. Ich übersende diese
Notiz dem ZK, da sie nichts enthält, was mich persönlich betrifft. Nach meiner Meinung sollte das ZK die
Frage, ob Wladimir Iljitschs Artikel zu veröffentlichen
ist, sofort positiv entscheiden.
16. 4. 1923
L. Kamenew
5.45 Uhr
Für die Richtgkeit: E. Lepeschinskaja.
17. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa
Genosse Stalin!

14. Dokument
An Genossen Trotzkij!
Wladimir Iljitsch bat mich, Ihnen zusätzlich zu dem
Brief, dessen Inhalt Ihnen bereits telefonisch durchgegeben wurde, mitzuteilen, daß Genosse Kamenew am
Mittwoch nach Georgien reist; Wl. II. möchte wissen,
ob Sie nicht etwas von sich selbst dorthin mitzugeben
haben.
5. März 1923
M. Woloditschewa
15. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa an
Genossen Kamenew, Abschrift an Genossen Trotzkij
Lew Borisowitsch!
Ich teile Ihnen als kommissarischem Vorsitzenden
des Politbüros ergänzend zu unserem Telefongespräch
folgendes mit:
Wie ich Ihnen bereits am 31. 12. 1922 mitteilte, hat
Wladimir Iljitsch einen Artikel über die Nationalitätenfrage diktiert.
Er war an dieser Frage sehr interessiert und bereitete
sich darauf vor, diese Frage auf dem Parteitag selbst
zur Sprache zu bringen.
Kurz vor seiner letzten Erkrankung teilte er mir mit,
daß er diesen Artikel veröffentlichen wolle. Aber danach wurde er krank, ohne eine letzte Weisung erteilt
zu haben.
W. I. betrachtete seinen Artikel als richtungweisendes
Dokument und hielt ihn für sehr wichtig. Auf Anordnung Wladimir Iljitschs wurde dieser Artikel Genossen Trotzkij zugesandt, dem W. I. die Verteidigung
seines Standpunktes in dieser Frage auf dem Parteitag
anvertraut hatte, da beide in dieser Angelegenheit einer
Meinung waren.
Die einzige Abschrift dieses Artikels, die ich besitze,
ist auf W. I.'s Anordnung in seinem Geheimarchiv aufbewahrt.
Ich übersende sie Ihnen zu Ihrer Information.
Ich konnte dies nicht früher erledigen, weil ich nach
längerer Krankheit erst heute die Arbeit wieder aufgenommen habe.
Privatsekretärin des
16. 4. 1923
Genossen Lenin
L. Fotijewa
Für die Richtigkeit: E. Lepeschinskaja

Ich habe mich heute von Marija Iljinischna in der
Frage beraten lassen, ob der Artikel Wladimir Iljitschs,
den ich Ihnen zusandte, veröffentlicht werden soll, da
Wladimir Iljitsch die Absicht geäußert hatte, ihn im
Zusammenhang mit einer Rede zu veröffentlichen, die
er auf dem Parteitag halten wollte.
Marija Iljinischna meinte, der Artikel sollte nicht gedruckt werden, da W. I. keine klare Anweisung für
seine Veröffentlichung gegeben hat; sie erlaubt lediglich, den Artikel den Delegierten dieses Parteitages zur
Kenntnis zu bringen.
Von meinem Standpunkt aus brauche ich nur hinzuzufügen, daß W. I. die Form seines Artikels noch nicht
für endgültig und druckreif hielt.
16. 4. 1923
L. Fotijewa
21 Uhr
18. Dokument
E r k l ä r u n g des Genossen Stalin
(allen ZK-Mitgliedern
zugestellt)
Ich bin sehr überrascht, daß Genosse Trotzkij es für
zulässig hält, die Artikel des Genossen Lenin, die
zweifellos grundsätzliche Bedeutung haben und die
er schon am 5. März dieses Jahres erhalten hat, über
einen Monat lang als sein persönliches Geheimnis zu
behandeln und ihren Inhalt dem Politbüro oder dem
ZK-Plenum bis zum Vortage des XII. Parteitags vorzuenthalten. Wie mir heute die Parteidelegierten mitteilten, ist das Thema dieser Artikel Gegenstand von
Diskussionen, Gerüchten und Gesprächen unter den
Delegierten; diese Artikel sind, wie ich heute erfuhr,
Personen bekannt, die mit dem ZK nichts zu tun
haben; die ZK-Mitglieder selbst müssen ihre Informationen diesen Gerüchten und Erzählungen entnehmen, während es auf der Hand liegt, daß der Inhalt
dieser Artikel zuerst dem ZK hätte mitgeteilt werden
müssen.
Ich bin der Meinung, daß die Artikel des Genossen
Lenin in der Presse veröffentlicht werden sollten. Es
ist nur zu bedauern, daß diese Artikel — wie aus dem
Brief der Genossin Fotijewa klar hervorgeht — offenbar nicht veröffentlicht werden können, weil sie der
Genosse Lenin nicht noch einmal durchgesehen hat.
22 Uhr
16. 4. 1923
J. Stalin
11

�A M E R I K A

D I E N S T

WORTLAUT DES SCHREIBENS PRÄSIDENT EISENHOWERS AN
MINISTERPRÄSIDENT BULGANIN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut eines Schreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower an den
Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Bulganin,
das am 7« August 1956 von dem amerikanischen Botschafter in Moskau, Charles E. Bohlen, überreicht
wurde und womit Eisenhower das Schreiben Bulganins
vom 6. Juni 1956 beantwortete.
"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Ich nehme hiermit auf Ihr Schreiben vom 6. Juni Bezug, mit dem
ich mi ch eingehend beschäftigt habe.
E s bestätigte Ihre Bekanntgabe vom vergangenen Mai, daß Sie
planen , die Stärke Ihrer bewaffneten Streitkräfte etwas zu reduzieren. I ch begrüße eine derartige Reduzierung. Sie würde den Handlungen
der am erikanischen Regierung entsprechen, die seit Ende des zweiten
Weltkr ieges - mit lediglich einer Ausnahme während der Zeit des Korea«
kriege s - die Stärke ihrer bewaffneten Streitkräfte ständig reduziert
hat.
Ich b ezweifle jedo ch, ob derartige Reduzierungen dieser besonderen Art, wie sie unse re Regierungen in ihrem jeweiligen nationalen Intere sse durchführ en mögen, an der Beseitigung der Furcht sowie
der durch die nationale Rüstung entstandenen hohen Kosten wirksam
beitragen können. Es be steht eine offensichtliche Notwendigkeit zur
Schaffung von internati onalen überwachungsmechar.ismen und Kontrollen,
die zu grö ßeren Reduzie rungen ermutigen. Ich bedauere, daß wir in
dieser Hin sieht einen s o geringen Fortschritt erzielt haben.
Vor einiger Zeit habe ich Ihrem Vorschlag für eine Bodeninspektion unter der Voraussetzung zugestimmt, daß Sie gleichfalls
meinem vor einem Jahr in Genf gemachten Vorschlag für eine Luftkontrolle und einen militärischen Informationsaustausch zustimmen würden.
Wie ich höre, haben Sie diesen Vorschlag bisher aus dem Grunde abgelehnt, weil er in das Gebiet des Geheimdienstes fallen würde. Was ich
vorschlug, sollte mit einem vollständigen Austausch militärischen

- 1

�8. August 1956

"AMERIKA DIENST"

militärischen Informationsmaterials eingeleitet werden, und hatte den
Zweck, den anderen jeweils davon in Kenntnis zu setzen, daß keiner
von uns einen plötzlichen massiven Angriff plant und daß jeder von uns
solche "übereinkommen achten wird, die wir, wie ich zuversichtlich
glaube, auf dem Gebiet der Abrüstung zu erreichen imstande sein werden.
Sicherlich ist diese Art von Informationen wünschenswert und notwendig und liegt im Interesse des Friedens und des internationalen Vertrauens, Können wir hierin keinen Fortschritt erzielen?
Ich verweise ferner auf mein Schreiben an Sie vo.u 1. Harz 1956,
in dem ich vorschlug, daß von einem noch zu vereinbarenden Zeitpunkt
an die Produktion von spaltbarem Material in aller Welt nicht länger
mehr zur Vergrößerung der Lager an Sprengwaffen verwendet werden sollte.
Ich hatte gehofft, daß dieser Vorschlag, der mir von erheblicher Bedeutung zu sein schien, von Ihnen als ein wichtiger Schritt dahingehend angesehen würde, die Atoragefahr unter Kontrolle zu bringen. Sie
haben jedoch niemals auf diesen Vorschlag geantwortet und Ihr Schreiben vom 6. Juni nimmt auf die Kontrolle der Atomwaffen nicht Bezug.
Darf ich Sie erneut nachdrücklich ersuchen, dieser Frage'und insbesondere meinem Vorschlag vom vergangenen März sorgfältige Beachtung
zu schenken.
Sie gehen in Ihrem Schreiben auf eine mögliche Reduzierung unserer beiderseitigen Streitkräfte in Deutschland ein. Es ist ganz
offensichtlich, daß das Problem der Streitkräfte in Deutschland nicht
als eine isolierte Frage behandelt werden kann. In dieser Hinsicht
muß ich bekennen, daß ich durch die Entwicklungen stark beunruhigt
bin, die seit unserem Treffen in Genf im vergangenen Jahr eingetreten
sind. Wir stimmten dort überein, daß die Wiedervereinigung Deutschlands der gemeinsamen Verantwortung der vier in Genf zusammengekommenen Regierungen unterliegt, und wir stimmten ferner überein, daß
Deutschland durch freie Wahlen wiedervereinigt werden sollte, die in
Einklang mit den nationalen Interessen des deutschen Volkes und den
Interessen der europäischen Sicherheit durchgeführt werden. Es ist
dies nicht nur nicht geschehen, sondern ich höre auch von Erklärungen von Ihrer Seite, die anzudeuten scheinen, daß Ihre Regierung entschlossen ist, die Teilung Deutschlands auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten.
Ich muß gestehen, daß ich mir eigentlich nicht vorstellen kann,
wie wir konstruktiv zusammenarbeiten sollen, wenn Vereinbarungen, die
auf höchster Ebene nach umfassendster Prüfung ausgehandelt worden
sind, nicht verläßlich zu sein scheinen.
Es ist nichtsdestoweniger meine aufrichtige Hoffnung, daß wir
Mittel und Wege finden werden, um hinsichtlich einer sinnvollen Rüstungskontrolle Fortschritte zu machen; dies ist eine Hoffnung, die,
wie ich glaube, nicht nur von uns sondern auch von den Völkern der
ganzen Welt geteilt wird.
Meine Mitarbeiter und ich haben niemals aufgehört, dieser ganzen
Angelegenheit einer Rüstungsbegrenzung und vor allem der Beseitigung
der wachsenden Bedrohung durch die Kernwaffen und modernen Kampfmittel

2 -

�"AMERIKA DIENST"

8. August 1956

Kampfmittel ur.sere größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie zu prüfen.
Wenn sich aus dieser Prüfung weitere Möglichkeiten internationaler
Maßnahmen ergeben sollten, wovon ich fest überzeugt bin, dann werde
ich sie Ihnen entweder direkt oder durch die zuständigen Organe der
Vereinten Nationen mitteilen. In diesem Zusammenhang muß ich erklären,
daß ich Ihre Ansicht über die Tätigkeit des Unterausschusses der UNAbrüstungskommission nicht teile. Die dort geführten Diskussionen
haben wesentlich dazu beigetragen, Licht auf dieses schwierige Problem
zu werfen und, wie ich hoffe, die zwischen unseren Ansichten bestehende
Kluft einzuengen.
Können wir nicht, Herr Ministerpräsident, mehr zur Realisierung
der Hoffnungen tun, die durch unser Treffen in Genf wachgerufen wurden? Wir machten damals Versprechungen, besonders in bezug auf Deutschland, die mit äußerster Dringlichkeit erfüllt werden müssen. Wir
verpflichteten uns feierlich zu Abrüstungsanstrengungen, aus denen für
die gesamte Welt Gutes ersprießen würde, wenn wir uns nur über Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen einigen könnten, die realisierbar
sein sollten, wenn keiner von uns irgend etwas Feindseliges zu verbergen hat. Wir suchten einen Y/eg zur Entwicklung von Kontakten, die
unsere Völker in die Lage versetzen würden, durch besseres Wissen
über das andere Land ihre Freundschaft zu stärken, die ein wertvolles
Bollwerk für den Frieden bilden kann.
Wir erkennen an, daß in Ihrem Lande Bestrebungen im Gange sind,
einen Teil der Untaten einer vergangenen Epoche aus der Welt zu schaffen. Wir begrüßen dies. Aber ich hoffe, daß Sie und Ihre Mitarbeiter
diese Anstrengungen nicht nur auf diese Untaten beschränken werden,
wie sie in Ihrem Lande und Ihrer Partei zutage getreten sind. Diese
Untaten wirkten sich auch auf internationaler Ebene aus. Selbst heute
noch stellen sie ein ernstes Hindernis dafür dar, daß die Dinge geschehen, die, wie wir beide übereinstimmten, getan werden müßten.
Diese Situation muß also durch einen neuen Geist gebessert werden,
um den ich aufrichtig an Sie appelliere.

Ihr sehr ergebener
Dwight D. Eisenhower"

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLE3 PRÄZISIERT WESTLICHEN SUEZPLAN

LONDON - (AD) - Der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles präzisierte am 20. August 1956 auf der
Londoner Suezkonferenz den Plan, der von westlicher
Seite zur Lösung des Problems vorgeschlagen wird.
Der amerikanische Suezplan hat folgenden Wortlaut:
"Die an der Londoner Suezkanalkonferenz teilnehmenden Regierungen, die diese Erklärung billigen, haben sich, besorgt über die ernste
Lage in bezug auf den Suezkanal; in dem Streben nach einer friedlichen Lösung in Übereinstimmung mit den Zielen und Zwecken der Vereinten Nationen; und in Anerkennung der Tatsache, daß eine befriedigende Lösung auf der einen Seite den souveränen Rechten Ägyptens,
einschließlich seinem Recht auf eine gerechte und faire Entschädigung
für die Benutzung des Kanals, Rechnung tragen und zum andern den
Suezkanal in Übereinstimmung mit der Suezkanalkonvention vom 19«
Oktober 1888 als eine internationale Wasserstraße sichern muß, zu
folgender Darlegung ihres Standpunktes entschlossen:
1. Sie unterstreichen, daß, wie in der Konvention von 1888 festgelegt, 'ein definitives System' ausgearbeitet werden soll, 'das geeignet ist, zu allen Zeiten und für alle Mächte die freie Benutzung
des Suez-Schiffahrtkanals zu garantieren.'
2. Ein solches System muß sicherstellen:
a) die reibungslose und zuverlässige Inbetriebhaltung, Erhaltung
und Entwicklung des Kanals als eine freie, offene und sichere internationale Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der
Konvention von 1888}
b) die Heraushaltung des Betriebs des Kanals aus dem Einfluß der
Politik irgendeiner Nation;
c)

die Respektierung der Souveränität Ägyptens;

d) einen Erlös für Ägypten aus der Benutzung des Kanals, der
fair und gerecht und mit der Ausweitung der Kapazität und des Verkehrs steigen sol];

ei
- 1 -

�22. August

"AMERIKA DIENST

1956

e) die Zahlung solcher Summen an die allgemeine Suezkanalgesellschaft, wie sie im Sinne einer gerechten Entschädigung als angemessen
betrachtet werden.
f) die Festsetzung der Kanalgebühren auf einen so niedrigen Stand,
wie er zur Erfüllung der obengenannten Bedingungen erforderlich ist
und mit Ausnahme des obengenannten Absatzes d) keinen Gewinn bringt.
Um diese Ergebnisse auf einer dauerhaften und zuverlässigen Grundlage zu erreichen, soll durch eine Konvention folgendes vereinbart werden:
A) Institutionelle Abmachungen über die Zusammenarbeit Ägyptens
und anderer interessierter Nationen in dem Betrieb, der Erhaltung und
der Entwicklung des Kanals und zur Abstimmung und Sicherung ihrer jeweiligen Interessen am Kanal. Zu diesem Zweck würde der Betrieb, die
Erhaltung und die Entwicklung des Kanals sowie sein Ausbau zur Steigerung des Verkehrsvolumens im Interesse des Welthandels und Ägyptens
der Verantwortlichkeit eines Suezkanalamtes obliegen. Ägypten müßte
diesem Amt alle Rechte und Einrichtungen übertragen, die für dessen hier
umrissene Funktionen notwendig sind. Außer Ägypten würden Mitglieder
dieses Amtes andere Staaten sein, die nach einem Verfahren gewählt
werden, über das sich die Signatarstaaten der Konvention einigen, wobei
der Umfang der Benutzung, die Art des Handels und die geographische
Lage entsprechend zu beachten wären. Die Zusammensetzung müßte dergestalt sein, daß sichergestellt ist, daß das Amt seine Aufgaben einzig
im Hinblick auf die bestmöglichen Betriebsergebnisse und ohne politische Motivierung zugunsten oder zum Nachteil irgendeines Kanalbenutzers erfüllt. Das Amt müßte in regelmäßigen Zeitabständen den Vereinten Nationen Bericht erstatten.
B) Eine Schiedskommission zur Regelung irgendwelcher Streitigkeiten bezüglich der gerechten Erlöse für Ägypten oder der fairen Entschädigung der allgemeinen Suezkanalgesellschaft oder anderer sich aus
dem Betrieb des Kanals ergebender Fragen.
C) V/irksame Sanktionen gegen jede Verletzung der Konvention
durch eine Signatarmacht oder irgendeine andere Nation,einschließlich
von Bestimmungen über Maßnahmen bei der Anwendung oder Androhung von
Gewalt zur Störung der Benutzung oder des Betriebes des Kanals als
einer Bedrohung des Friedens und einer Verletzung der Ziele und Zwecke
der Charta der Vereinten Nationen.
D) Bestimmungen über eine zweckentsprechende Assoziierung
mit den Vereinten Nationen und eine Revision, wie sie als notwendig
angesehen werden könnte."

* * *

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�• "AMERIKA DIENST"

22»August 1956

Bei der Unterbreitung des Suezplanes machte der amerikanische
Außenminister folgende Ausführungen:
"Nachdem wir nunmehr den Teil, den man als 'allgemeine Debatte'
bezeichnen kann, beendet haben, erhebt sich naturgemäß die Frage«
Was tun wir jetzt? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zum
großen Teil aus dem Wesen dieser Konferenz. Diese Konferenz ist manches
nicht; sie ist nicht eine Konferenz, um Entscheidungen zu fällen, die
diejenigen binden, die nicht ihre Zustimmung geben. Unsere 'vVirksamkeit
steigert sich in dem Maße, wie wir ein Übereinkommen zeigen, und ganz
gewiß sollten wir danach streben. Aber keine noch so große Majorität
kann eine Minorität, und sei sie noch 30 gering, binden. Dies ist auch
keine Konferenz, um mit Ägypten zu verhandeln, denn Ägypten ist nicht
anwesend. Wenn Ägypten die Einladung zur Konferenz angenommen hätte,
dann hätte die Konferenz wohl einen anderen Aspekt angenommen. Da
Ägypten es jedoch für richtig befand, der Konferenz fernzubleiben,
wird die Konferenz, wie sie sich jetzt zusammensetzt, automatisch
daran gehindert, eine Verhandlungsbasis mit Ägypten darzustellen.
Dies ist ferner keine Konferenz, durch die ein Ultimatum in irgendeiner Form an Ägypten gerichtet werden kann. Niemand von uns hier
würde auch nur für einen Augenblick ein derartiges Ziel verfolgen.
Wozu wir meiner Ansicht nach hier sind, ist, zu der größtmöglichen
Übereinstimmung zu gelangen, auf welche V/eise der Suezkanal am besten
und zuverlässigsten seinem ursprünglichen Zweck dienen kann, den freien
und sicheren Güteraustausch zwischen den Ländern der Welt zu fördern und
vor allem ein sicheres Verbindungsglied zwischen Asien und Europa zu sein.
Diese Verbindung darf nicht getrennt werden. Wir schulden es der
Welt und uns selbst, in dieser Frage eine nüchterne Ansicht zu äußern.
Ich meine, daß irgendwelcher Ausdruck unserer Meinung nicht auf
solchen Spekulationen beruhen sollte, ob die ägyptische Regierung zustimmt oder nicht zustimmen wird. Wir sollten vielmehr in aller Ehrlichkeit eine Ansicht über die Maßnahmen äußern, die Vertrauen für die
Zukunft schaffen und zur gleichen Zeit den souveränen Rechten Ägyptens
Rechnung tragen. Soweit dies die Vereinigten Staaten betrifft, beruht
die von uns vorgetragene Meinung auf unserer Einschätzung der tatsächlichen Lage. Wenn es die Regierung der Vereinigten Staaten auf außen-«
politischem Gebiet für opportun erachten würde, nicht irgendwelche
neuen Garantiemaßnahmen anzustreben, so würde jene politische Entscheidung faktisch keine Gewähr dafür bieten, daß unsere privaten Staatsbürger In Zukunft irgendwelche Pläne für die Schiffahrt oder für die
Erschließung von Absatzmärkten für ihre Produkte oder Lieferungsquellen
entwickeln können in der Annahme, daß die Durchfahrt durch den Kanal
auf Grund vernünftiger Bedingungen und verläßlich gewährleistet sein
würde. Zweifelsohne sind andere Regierungen in der gleichen Lage.
Nach Ansicht der amerikanischen Regierung ist es hier unsere Aufgabe, so klar wie möglich und mit der größtmöglichen Einmütigkeit die
wahren Bedingungen niederzulegen, die den Millionen von Menschen, deren
wirtschaftliche Bemühungen bewußt oder unbewußt durch eine verläßliche
Durchfahrt durch den Suezkanal berührt werden, eine wirtschaftliche Sicherheit geben. Eine politische Entscheidung, die weniger als das fordert,
was für dieses Ziel nötig :'st, würde irreführen und der Sache, der wir hier
dienen wollen, abträglich sein. Wollte man mehr verlangen

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�"AMERIKA DIENST"

22. August 1956

verlangen, dann würde dies in gleicher Weise falsch und der Sache,
der wir hier dienen wollen, ebenfalls abträglich sein. Die hier geäußerten Ansichten, die dann schließlich auf einfache Bestimmungen
reduziert wurden, sollten daher der ägyptischen Regierung unterbreitet werden, so daß diese dann entscheiden kann, was sie in diesem
Zusammenhang
zu tun wünscht.
'ü
'.Venn Ägypten diese Ansichten als eine Verhandlungsbasis für
einen Vertrag oder eine Konvention allgemein akzeptabel findet,
dann würde es die Aufgabe sein, einen Vertrag zwischen Ägypten und
denjenigen zu formulieren, die sich mit diesen Ansichten einverstanden erklären. Falls Ägypten andererseits nicht bereit ist, auf
einer Basis zu verhandeln, die den Ländern, welche in erster Linie
den Kanal benutzen und auf ihn angewiesen sind, unerläßlich scheint,
dann, so meine ich, wird dadurch eine neue Situation geschaffen, die
von unseren Regierungen zum gegebenen Zeitpunkt erörtert werden muß.
In diesem Fall wird es vielleicht - oder vielleicht aach nicht weitere gemeinsame Entscheidungen zwischen allen oder einigen Teilnehmern an dieser Konferenz geben. Das müßte von den Regierungen gemäß den entsprechenden Umständen entschieden werden.
Aus dieser Sicht heraus hat die amerikanische Delegation ein
Dokument vorbereitet und in Umlauf gebracht, in dem gewisse Ansichten
niedergelegt sind, wie der zukünftige Betrieb des Suezkanals auf eine
sichere Basis gestellt werden kann. Dieses Dokument trägt den Meinungen Rechnung, die auf dieser Konferenz geäußert worden sind.
Die große Mehrheit derjenigen, die hier gesprochen haben und
die jene Nationen vertreten, welche bei weitem am meisten auf den
Kanal angewiesen und seine größten Benutzer sind, scheint der Ansicht zu sein, daß die in diesem Dokument vorgeschlagenen Sicherungen die erforderliche Garantie geben, die notwendig ist, wenn sie
und ihre Landsleute auf eine verläßliche Durchfahrt durch den Kanal
rechnen wollen. Wenn wir alle oder die meisten von uns eine wesentliche
Einigung über eine Erklärung dieser Art erzielen, dann wird dies, so
meine ich, in erheblichem Ausmaße zu einer friedlichen Lösung des gegenwärtigen ernsten Problems beitragen. Ich bin der Überzeugung, daß
Ägypten die erörterten und gemeinsamen Ansichten jener Länder kennen
sollte, die im Vertrauen auf den Vertrag aus dem Jahre 1888 und das
bisher vorherrschende System ihre 'Virtschaften und ihren Handel entwickelt haben, wobei sie sich auf den Kanal als auf einen internationalen V/asserweg verließen.
Es mag vielleicht keine vollständige Einigkeit über diesen Punkt
herrschen, meiner Ansicht nach ist es aber wichtig, den größtmöglichen
Grad von Einijkeit zu erzielen. Wenn es andere hiervon abweichende Ansichten gibt, dann sollten sie ebenfalls niedergelegt und Ägypten mitgeteilt werden. Der Plan der Vereinigten Staaten stellt angesichts der auf
dieser Konferenz gemachten Bemerkungen ein ehrliches Bemühen dar, das
aufzuzeigen, was, wie es scheint, von den meisten von uns als die notwendigen Forderungen der Situation angesehen wird. Genauso wie ich glaube,
daß niemand aus politischen Gründen mehr verlangen sollte als praktisch
von den harten Tatsachen des '.Virtschaftslebens gefordert wird, so glaube
ich nicht, daß wir auf Grund von Spekulationen hinsichtlich dessen, was
Ägypten annehmen wird, weniger verlangen sollten.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

22. August 1956

Die Souveränität Ägyptens ist hier nicht mißachtet worden. Was
vorgeschlagen worden ist, war daß Ägypten einen Vertrag machen sollte,
'während jeder Vertrag eine gewisse Aufgabe der souveränen Rechte "bedingt, ist der Abschluß eines Vertrages an sich ein Akt der höchsten
Souveränität. Was wir vorschlagen, geht dahin, Ägypten in höflicher
V/eise über gewisse Tatsachen zu informieren und es zu fragen, ob es
bereit ist - oder nicht -, in Verhandlungen zum Abschluß einer Konvention einzutreten, die diesen Tatsachen Rechnung trägt. V.'enn es
dies tun will, dann übt es seine Souveränität in einer Lage aus, der
ein großes internationales Interesse entgegengebracht wird. Durch
diesen Weg werden wir einer Pflicht genügen, die uns als Signatarmächte des Vertrages von 1888 oder als wichtige Benutzer des Suezkanals auferlegt worden ist. Wir können hoffen, daß Ägypten mit
gleicher Einstellung seine Verantwortlichkeit einsehen und so eine
faire und konstruktive Lösung ermöglichen wird, die die gesamte
Welt mit Spannung erwartet."

*

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTEN ZUM LABOR DAY 1956
5. September 1956

�'AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

BOTSCHAFTEN ZUM LABOR DAY

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen Botschaften führender Männer des amerikanischen
öffentlichen Lebens zum amerikanischen "Tag der Arbeit

Die Labor Day-Botschaft des amerikanischen Arbeitsministers,
James P. Mitchell, hat folgenden Wortlaut:
"Heute sind Hammer und Säge
maschine steht still. Kein Rauch
Schreibmaschinen sind stumm. Die
Verkaufsabschluß. Die Nation und

im Werkzeugkasten, die Produktionssteigt aus den Fabrikschloten. Die
Registrierkassen verzeichnen keinen
ihre 66 Millionen Arbeiter ruhen aus.

Was ist die Ursache dafür, daß die produktive Kraft der Nation
ruht und ihre Arbeitskraft das Werkzeug niedergelegt hat?
Es ist der Tribut, den wir den Männern und Frauen zollen, die
mit Herz, Geist und Händen die Güter und Dienstleistungen unserer
Nation schaffen. Auf diese Weise sagen wir der amerikanischen Arbeiterschaft Dank für die gute Arbeit.
Es ist eine Gelegenheit, bei der wir daran denken, daß Arbeit
die Mühe wert ist, daß die Gewerkschaften für Produktion und Fortschritt wesentlich sind, und daß die Arbeiter der Nation die Stärke
der Nation sind.
Wie geht es unseren arbeitenden Männern und Frauen? Wie leben
sie 1956? Sie haben einträglichere Anstellungen denn je zuvor. Sie
verdienen höhere Löhne, und sie können mit diesen Löhnen mehr für sich
und ihre Familien kaufen. Kurz, es geht ihnen besser als zu irgendeiner Zeit in der Geschichte unserer Nation.
Dies ist so, wie es sein sollte. Da mehr und mehr Menschen ein
eigenes Heim besitzen und an den Früchten ihrer Arbeit teilhaben, erkennen die Amerikaner in immer steigender Zahl das wahre Erbgut dieses großen Landes. Es besteht zumindest Grund zu der Hoffnung, daß
alle Amerikaner eines Tages den Traum erfüllt sehen, der die Menschen
über die unsicheren Wasser aus allen vier Himmelsrichtungen der ganzen Welt in unser Land führte.
Es ist unser aller - ob wir uns zur Arbeiterschaft, Betriebsführung oder Regierung rechnen - Verantwortlichkeit, sicherzustellen,
daß der amerikanische Traum für eine ständig wachsende Zahl unserer
Bevölkerung Wirklichkeit wird; daß die Früchte unserer Arbeit immer
weiter verteilt werden, und daß die Mußezeit, die dem Körper Gesundheit und dem Geist Frieden bringt, immer reichlicher zur Verfügung
steht."
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson
erklärte:
"Dies ist der erste Labor Day seit der historischen Fusion von
zwei der größten Organisationen arbeitender Männer und Frauen auf der
ganzen Welt.
Neuerworbene Stärke bringt neue Verantwortlichkeiten und neue Möglichkeiten mit sich - Möglichkeiten für eine Führungsaufgabe, auf daß
in diesem Zeitalter der Fülle alle einen gerechten Anteil an dem Reichtum, den sie schaffen, haben mögen.
Angemessene Wohnungen, gute Schulen, gleiches Recht für alle, mehr
Freiheit für den einzelnen, Schutz gegen die unnötige Not im Alter, bei
Arbeitslosigkeit und Krankheit - diese Ziele braucht Amerika heute diese und Frieden in der Welt.
Ich bin zuversichtlich, daß die Gewerkschaften, die heute mächtiger denn je zuvor sind, in dem amerikanischen Bemühen um ein besseres
Leben den Weg weisen werden."
Der Fraktionsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, John
W. McGormack, sagte:
"Im vergangenen Jahre ist in unserem Lande die Einheit der Arbeiter eine Realität geworden. Das positive und konstruktive Programm
der organisierten Arbeiter hat nicht nur die Arbeitsbedingungen der Gewerkschaftsmitglieder im ganzen Lande verbessert, sondern gleichzeitig
das Wohlergehen der 65 Millionen arbeitenden Menschen im Lande erhöht."

*

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

George L'eany. der Vorsitzende, des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO:
"Die arbeitenden Männer und Frauen Amerikas haben guten Grund, den
diesjährigen Labor Day zu feiern,denn die geeinte Arbeiterbewegung
ist kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit.
Es ist nicht meine Gewohnheit, große Voraussagen zu machen. Ich
habe jedoch die feste Zuversicht, daß die fusionierte Gewerkschaftsbewegung im Zusammenwirken mit ihren 15 Millionen Mitgliedern in den
kommenden Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen wird.
Was erwarten die Gewerkschaften? Welches sind ihre Ziele? Ständig
höre ich diese Fragen. Und es scheint mir, daß der Labor Day ein guter
Anlaß ist, über diese Dinge zu sprechen.
Wir wollen zu allererst einen gerechten Anteil an dem, was wir
produzieren helfen. Das heißt, mehr als den reinen Lebensunterhalt.
Das heißt, ein Einkommen, das ausreicht, um anständig und angenehm
leben zu können, es heißt, die Möglichkeit haben, um den Kindern des
Arbeiters eine gute Erziehung angedeihen und sie in einer gesunden
Umwelt aufwachsen zu lassen. Das heißt, Sicherung gegen mögliche Unglücksfälle und Sicherheit für das Alter. Das sind jene Ziele, die
in der Sprache der Gewerkschaftsbewegung die 'Brot- und Butterziele'
genannt werden.
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß wir diese Vorteile nicht
für uns allein anstreben. Wir bemühen uns darum, Millionen unorganisierter Arbeiter zu organisieren, so daß auch sie bessere Bedingungen
erhalten können. Ja, wir versuchen, den Lebensstandard aller Amerikaner zu erhöhen.
Jeder, der die Gewerkschaftsbewegung richtig verstehen möchte,
sollte sich darüber im klaren sein, daß sie ebenso viel Wert auf das
Geben wie auf das Nehmen legt. Wir sind entschlossen, unseren Teil zum
Aufbau besserer Gemeinden und einer stärkeren Nation beizutragen. Wir
sind ebenso entschlossen, einen echten Beitrag zur Schaffung von Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Menschen der ganzen Welt zu leisten.
Die Gewerkschaft hat ein großes und vorausschauendes Programm.
Sie ist durch Opposition und zeitweilige Rückschläge nicht zu entmutigen,und sie ist sich ihrer Verantwortlichkeit hinsichtlich der eigenen Disziplin voll bewußt. Sie hat ein Programm, das mit der freien
und demokratischen Lebensart vollständig übereinstimmt.
Wenn ich die wesentlichen Punkte des Gewerkschaftsprogramms zusammenfasse, möchte ich die wichtigsten Dinge an den Anfang stellen.
Wir können nicht leben und Fortschritte erzielen ohne Frieden. Wir
die wir im Atomzeitalter leben, wissen, daß ein Krieg eine gewaltige Katastrophe wäre, durch die ganze Nationen ausgelöscht und
durch die über Nacht alles zerstört werden würde, wofür wir Jahrhunderte lang gekämpft haben.
Es

3

"

�•"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

Es gibt nur eine Macht auf der Erde, die stark genug und bedenkenlos genug wäre, die Welt in einen solchen Krieg zu stürzen - Sowjetrußland. Der geschickte Propagandafeldzug des Kreml - seine wiederholten Hinweise auf seine friedlichen Absichten, seine kürzliche Verurteilung der Verbrechen Stalins -, keines dieser Manöver kann die
zentrale und unumgängliche Tatsache verdecken, daß das Ziel der Kommunisten noch immer die Beherrschung der Welt ist, und daß sie sich nie
mit weniger zufrieden geben werden.
Das ist der Kernpunkt, dem sich Amerika in seiner führenden Rolle
in der freien Welt entgegenstellen muß. Wir müssen einen sorgfältigen
Kurs steuern, um den Frieden zu erhalten, ohne dabei die Freiheit irgendeiner Nation, die der kommunistischen Aggression ausgesetzt ist,
zu gefährden oder zu opfern. Wir müssen ein starkes nationales Verteidigungsprogramm und eine klare außenpolitische Linie entwickeln, die
den Krieg durch das einzige Abschreckungsmittel, das die Kommunisten
respektieren,mit größtmöglicher Sicherheit verhindern können: die Machtüberlegenheit.
Die freie, amerikanische Gewerkschaftsbewegung wird sich niemals
durch das Süßholzgeraspel von Diktatoren täuschen lassen, die durch
Massenunterdrückung regieren und mit Zwangsarbeit ihren Militärapparat
stärken.
Aber wir sind uns darüber im klarenj da.3 verzweifelte Menschen
in weit entfernten Ländern, die keine Hoffnung sehen, um ihrem gegenwärtigen Elend zu entkommen, dem Kommunismus auf Grund falscher Versprechungen von Brot und Sicherheit verfallen können. Das ist bereits
geschehen. Es kann wieder geschehen. Die Kommunisten unternehmen gewaltige Anstrengungen, die Herrschaft über die arbeitenden Massen in
Europa, Asien, Afrika und Südamerika zu gewinnen. Sie haben gezeigt,
daß sie in dem Augenblick, da sie die Arbeiterbewegung eines Landes
in der Hand haben, sie auch die politische Macht in die Hand bekommen
und den Eisernen Vorhang vorverlagern können, ohne zu militärischen
Mitteln greifen zu müssen.
Dies ist der Kampfplatz, auf dem die freien Gewerkschaften unter
dem Banner des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften ihren
größtmöglichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens und der Freiheit
der Menschheit zu leisten entschlossen sind. In den letzten sieben
Jahren ist jeder Versuch der Kommunisten, durch Infiltrierung weiter
vorzudringen, vereitelt worden. Der Einfluß der Kommunisten in den Gewerkschaftsbewegungen der freien Nationen ist eingedämmt worden. Die
freien Gewerkschaften haben die Absicht, einen immer wirksameren Feldzug auf diesem lebenswichtigen Gebiet zu führen.
Was die Lage in Amerika selbst anbelangt, so sehen die Gewerkschaften die Notwendigkeit einer fortschreitenden Stärkung der amerikanischen Wirtschaft ein, was letztlich dem Handel, den Farmern und
Industriearbeitern in Form von größeren Einkünften zugute kommt. Wir
haben ständig darauf beharrt, daß eine höhere Kaufkraft der Massen der
Schlüssel zu einer dynamischen Wirtschaft und wachsendem Wohlstand ist.
Aber die Verbrauchsrate muß mit der ständig wachsenden Produktionskapazität Amerikas Schritt halten. Andernfalls werden wir mit Überschüssen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29." August 1956

Überschüssen überschwemmt, die tödliche Gefahren in sich bergen. So
ist der Druck der Gewerkschaften, durch den auf dem Wege über Kollektivverhandlungen höhere Löhne erzielt werden sollen, im öffentlichen
Interesse.
Ebenso unser Bemühen, unorganisierte Arbeiter zu organisieren,
denn sie werden bessere Kunden, wenn sie nach Gewerkschaftstarifen
bezahlt werden. Der amerikanische Lebensstandard kann, solange die
Räder seiner Produktionsmaschine laufen, nicht einfrieren.
Natürlich erschrecken manche kurzsichtigen Menschen bei dem
Gedanken an eine fortwährende Expansion. Sie fürchten, daß der Fortschritt nicht unbegrenzt andauern kann. Tatsache ist, daß die Grenzen
des amerikanischen Fortschritts noch nicht abzusehen sind. Es gibt noch
viel in unserem Land zu tun, was leider zu lange vernachlässigt worden ist - umfassende Projekte, die nur von der Bundesregierung geplant
und durchgeführt werden können.
Das ist zum Beispiel der Mangel an Schulen. Alles in allem stellt
das Schulwesen des ganzen Landes einen dringenden Notstand dar. Die
Einzelstaaten und Gemeinden haben nicht das Geld, um genug Schulen
zu bauen und durch bessere Bezahlung den Lehrberuf für mehr Menschen
attraktiver zu gestalten. Die einzige Lösung ist nach Meinung unparteiischer Experten eine Hilfe durch den Bund - die der Kongreß bisher
noch nicht zur Verfügung gestellt hat.
Die Gewerkschaften sind über die Schulkrise so besorgt, daß sie
die Forderung eines angemessenen Programms des Bundes für das Schulwesen an die Spitze ihres Legislativprogramms gestellt haben. Wir
setzen uns außerdem für ein großzügiges Wohnungsbauprogramm auf Bundesebene ein, um die Slums und ungesunden Viertel aus unseren Städten
verschwinden zu lassen und Menschen der niedrigen und mittleren Einkommensklassen und älteren Personen angemessene 7/ohnungen zu beschaffen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Amerika Fortschritte in Richtung auf
eine verbesserte Sozialversicherung gemacht. Aber immer noch klafft
eine Lücke in dem Schutzwall, den wir .errichtet haben. Es existiert
noch kein angemessenes Versicherungsprogramm, um die Kosten ärztlicher
Behandlung zu decken, eine Tatsache, die für die Durchschnittsfamilie
unselige Folgen haben kann. Der AFL-CIO tritt für eine Krankenversicherung auf Bundesebene ein, die die Freiheit der Patienten und Ärzte
in gleicher Weise garantiert.
Unser Legislativprogramm sieht schließlich noch ein Gesetz zur
Regelung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen vor, das beiden Seiten des Konferenztisches gerecht wird und gleichzeitig das öffentliche
Interesse schützt. Führer der beiden großen politischen Parteien haben
ihre Hilfe für die Beseitigung der offensichtlichen Ungerechtigkeiten
zugesichert, die das Taft-Hartley-Gesetz den ainerikanisehen Arbeitern
auferlegt. Aber nichts ist getan worden. Ebenso gibt es in 17 Staaten
immer noch die sogenannten 'Recht-auf-Arbeit'-Gesetze, die auf die
völlige Zugrunderichtung der Gewerkschaftsverbände ausgerichtet sind
und die schleunigst aufgehoben werden sollten.
TT

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

Um mit seinem Legislativprogramm Erfolg zu haben, sah sich der
AFL-CIO genötigt, politisches Gebiet zu betreten. Wir sind überzeugt,
daß Amerika - um weiter zu kommen - eine fortschrittlichere und vorausblickende Regierung braucht. Unser politisches Aktionsprogramm ist einfach. Wir appellieren an alle unsere Mitglieder und ihre wahlberechtigten Familienangehörigen, sich für die Wahl registrieren zu lassen und
ihrer Wahlpflicht zu genügen. Wir beschaffen ihnen Material über die
Kandidaten und ihre Einstellung zu den wichtigsten Problemen, so daß
sie mit Überlegung wählen können. Wir versuchen weder, eine der politischen Parteien zu dirigieren, noch uns von einer beherrschen zu lassen. Unsere Haltung ist unabhängig, bester amerikanischer Tradition gemäß .
In diesem Wahljahr ist es für jeden arbeitenden Mann und für jede
arbeitende Frau in Amerika zwingender denn je, sich registrieren zu lassen und ihrer Wahlpflicht zu genügen. Ich kann diese Staatsbürgerpflicht
gar nicht genug betonen.
In dieser Botschaft zum Labor Day habe ich eine Reihe künftiger
Ziele bekanntgegeben. Jetzt, da die Gewerkschaftsbewegung geeint ist, befindet sie sich in einer weit besseren Lage, diese Ziele zu erreichen.
Natürlich erwarten wir nicht, über Nacht Wunder zu vollbringen. Aber mit
Geduld, stetigem Bemühen, in der Verfolgung der hohen Grundsätze der Begründer unserer Bewegung und im Zusammenstehen gegen die Hindernisse auf
unserem Weg können und werden wir einen wesentlichen Fortschritt erzielen.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter und Angestellten des
amerikanischen Fernmeldewesens und Vorsitzende des Ausschusses der AFLCIO für die im öffentlichen Dienst Beschäftigten, Joseph A.Beirne.
erklärte:
"Wenn sich die amerikanischen Arbeiter an diesem Labor Day des
Wohlstandes und der Freiheit erfreuen, so darum, weil wir stark genug
sind, für diese beiden Güter das ganze Jahr über zu kämpfen. Der Tag,
an dem wir fett und träge werden sollten, würde den Beginn der Zeit bedeuten, da wir beide verlieren würden.
So lange Gewerkschaften und andere die Freiheit sichernde Institutionen von der eisernen Faust irgendwelcher Art von Totalitarismus
niedergehalten werden,kann es keinen echten Frieden geben.Wir müssen deshalb die Gewerkschaften der freien Welt erhalten und ihre weitere Entwicklung fördern.
Hier in unserem Lande hat die organisierte Arbeiterschaft in den
42 Millionen Amerikanern, die sich keiner Organisation angeschlossen
haben, eine schwere Last mitzuschleppen. Wir alle sind es uns selbst
schuldig, etwas zur Behebung dieses mangelnden Gleichgewichts zu unternehmen, wenn wir unseren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten gerecht
werden wollen - in der Heimat und auch draußen im Ausland."
George M. Harrisonf der Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten und Leiter des Bildungsausschusses der AFL-CIO, gab folgende Erklärung ab:
"Das neue Abzeichen der AFL-CIO zeigt zwei Hände, die sich über
dem nordamerikanischen Festland zusammenschließen. An diesem Labor Day
habe ich den Wunsch, diese selbe Art des Händedrucks auf alle anderen
Gewerkschaftsangehörigen auszudehnen, nicht nur i_n
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

in Nordamerika, sondern rings in der ganzen Welt.
Es ist die Hand eines Freundes, die ich ausstrecke. Wenn ihr je
ihrer bedürfen solltet, dann hoffe ich, daß sie sich hilfreich erweisen wird. Und wenn dies der Fall ist, dann haben wir nur die Bitte, daß
auch ihr wiederum die gleiche helfende Hand allen anderen Mitgliedern
der Gewerkschaftsbewegung entgegenstreckt."
0. A. Knierht, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter der
Erdöl-, chemischen und Atomkraftindustrie Amerikas und Mitglied des
Ausschusses für inter-amerikanische Angelegenheiten der AFL-CIO,
führte aus:
"An diesem Labor Day, dem ersten seit der Schaffung des Gewerkschaftsverbandes 'American Federation of Labor and Congfess of Industrial Organizations', erscheint es vielleicht angebracht, festzustellen,
daß die organisierte Arbeiterschaft ihre historische Aufgabe, zum bestp.x
der Interessen aller Amerikaner zu wirken, auch weiterhin durchgeführt
hat, ungeachtet der Kassandra-Warnungen, welche die Geburt der AFL-oIO
von manchen Seiten her begleiteten.
Und da wir uns jetzt der ersten Präsidentenwahl seit unserem Zusammenschluß zu einer gemeinsamen Körperschaft nähern, dürfte es auch
angemessen sein, darauf hinzuweisen, daß wir in unserer politischen
Tätigkeit denselben Kurs weiterverfolgen wie bisher.

was
Wir
für
gen
das
gen

Las bedeutet, daß wir auch künftig für alles das eintreten werden,
recht ist, selbst dann, wenn es unpopulär sein sollte, so zu handeln.
werden fortfahren, die Interessen zu verteidigen, die lebenswichtig
die Wohlfahrt unseres Landes sind. Und wir werden nicht zögern, gejegliches Sonderinteresse zu kämpfen - und unbarmherzig zu kämpfen -,
versucht, seine eigenen beschränkten Zwecke auf Kosten aller übrivon uns zu fördern.

Diesem Geiste weihen wir uns, unter nochmaliger Bekräftigung der
Grundsätze., für die wir uns stets eingesetzt haben, an diesem Labor
Day von 1956 aufs neue."
James B. Carey, der Vorsitzende der internationalen Gewerkschaft
der Arbeiter der Elektro-, Radio- und Maschinenindustrie und Leiter des
Ausschusses für staatsbürgerliche Rechte der AFL-CIO, betonte:
"Die Gewerkschaftsbestrebungen und die Vertretung der Rechte des
Staatsbürgers hängen eng miteinander zusammen. Das eine kann keine
Fortschritte machen, wenn nicht auch das andere gefördert wird. Und
ebenso kann auch keines von beiden gehemmt werden oder Schaden erleiden,
ohne daß zugleich das andere dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird.
Seit den frühen Tagen der dreißiger Jahre haben sich sowohl die Gewerkschaften als auch die Rechte des Staatsbürgers nicht solch vielfältigen
und großen Aufgaben gegenübergesehen.
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEITER

29. August 1956

Der Versuch, die Bevölkerung Amerikas und der Welt nach ihrer
Hautfarbe aufzuteilen, stellt uns vor eine große Bewährungsprobe. Früher
war es die Religion, zu anderen Zeiten waren es Nationalismus, Regionalstolz oder irgend etwas anderes, das dem Zweck dienen sollte, die amerikanischen Werktätigen untereinander zu spalten und sie von den Arbeitern des Auslandes zu isolieren.
Das ist der Feind, um den man sich kümmern muß. Lächerlich ist es
jedoch, anzunehmen, daß jemand allein durch den Beitritt zu einer Gewerkschaft sozusagen automatisch seine ganze frühere Haltung abstreifen, die Vorurteile, die ihm ein ganzes Leben lang anhafteten, verlieren wird. Zahlreiche neue Gewerkschaftsmitglieder kennen nicht die Lektion, welche die Gewerkschaftsbewegung auf ihrem schweren Weg gelernt
hat: daß wir von Zeit zu Zeit immer wieder die Waffen des Vorurteils
und des Hasses in Anwendung gebracht sahen, um die Werktätigen voneinander zu trennen, wobei das Endergebnis die Schwächung der Gewerkschaft,
die Verfolgung einiger weniger und das allgemeine Leiden vieler war.
Teilung unter dem Gesichtspunkt der Rasse, der Hautfarbe, der Religion oder der nationalen Abstammung, das ist unsere größte Tragödie,
unsere stärkste Bedrohung. Sobald jeder Werktätige diese Wahrheit begreift, haben wir nichts zu fürchten. Dann können wir alle vorwärts
schreiten, um der reichen Verheißung teilhaftig zu werden, die Amerika
stets den kommenden Generationen geboten hat."
"Ein reicheres und friedlicheres Leben für alle ungeachtet Rasse
und Glauben sei die Hoffnung der amerikanischen Arbeiterschaft, die
in der neugeeinten Arbeiterbewegung erstarkt ist", sagte A. Philip
Randolph, Vorsitzender der Gewerkschaft der Schlafwagenschaffner,
in einer Sonderbotschaft zum Labor Day. "Dieser Labor Day", fuhr Randolph fort, "ist ein wichtiger und bedeutender Markstein im Leben
der amerikanischen Arbeiterbewegung; denn es ist der erste Labor Day
seit dem Tage der historischen Verschmelzung der American Federation of
Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO).
Die^Tatsache, daß die Arbeiterschaft in Amerika vereinigt ist,
verleiht ihr eine moralische Autorität, die sie in die Lage versetzen
wird, nicht nur dem Ziele der Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiter und ihrer Familien erfolgreicher zu dienen, sondern gleichzeitig
ein großes Bollwerk amerikanischer Demokratie gegen die totalitären
Mächte des Kommunismus und des Faschismus zu sein.
Sämtliche Arbeiter der amerikanischen Arbeiterbewegung haben ein
Recht darauf, hinsichtlich der Arbeit unserer großen Bewegung für
gesunde wirtschaftliche, politische, ethische und internationale
Grundsätze, zu denen die Vollbeschäftigung, ein reicheres Leben, Sicherung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, Demokratie und Weltfrieden gehören, voller Glaube und Hoffnung in die Zukunft zu schauen".

In

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

In einer Botschaft zum amerikanischen Labor Day erklärte der Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation, David A. Morse:
"Dieser Labor Day fällt in ein für die demokratische Gewerkschaftsbewegung außerordentlich bedeutsames Jahr und stellt den Anfang zu etwas dar, was eine Ära noch größerer Errungenschaften für die amerikanischen Arbeiter zu werden verspricht.
Da ich immer an die Einheit der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung geglaubt habe, grüße ich Sie, die Sie in den vergangenen zwölf
Monaten die große und bedeutungsvolle Fusion der American Federation
of Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO) vollzogen haben, mit tiefer Befriedigung.
Sicherlich ist dieser Schritt ein Zeichen für künftige größere
Dinge. Seine zu erwartendai Vorteile scheinen mir an diesem Labor Day
unbegrenzt zu sein.
In ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in allen Teilen der
Welt zollt die Internationale Arbeitsorganisation heute den Problemen
der Zwangsarbeit, der Rechte der Gewerkschaften, der ArbeitgeberArbeitnehmer-Beziehungen und der Diskriminierungen am Arbeitsplatz viel
Aufmerksamkeit. Erhebliche Arbeit wird auch auf eine Studie über die
Probleme der Automation aufgewandt.
Diese und andere Bemühungen sind zusammen mit den Bestrebungen
einer wiedervereinten und gestärkten amerikanischen Gewerkschaftsbewegung unter der Voraussetzung eines dauerhaften Friedens in der Welt
dazu angetan, zu einer besseren Zukunft für uns alle zu führen."
*
Der Leiter der National Catholic Weifare Conference, Monsignore
George G. Higgins, sagte in einer Botschaft zum amerikanischen Labor
Day, die vereinte Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten sei
"das Symbol einer neuen Är^r auf dem Gebiet der betrieblichen Beziehungen" .
"Sie symbolisiert", so sagte Monsignore Higgins, "die Tatsache, daß
die organisierte Arbeiterschaft in den Vereinigten Staaten mündig geworden ist und sich nunmehr auf ihre wesentliche Rolle im wirtschaftlichen Leben der Nation konzentrieren kann, nämlich als ebenbürtiger
Partner unter Anwendung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit mit
der Betriebsführung zusammenzuarbeiten. Früher war die organisierte
Arbeiterschaft dazu gezwungen gewesen, unverhältnismäßig viel Zeit und
Energie auf die Verteidigung des Rechts der Arbeiter, sich zu organisieren und kollektiv zu verhandeln, zu verwenden.
Während

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Während die Organisierung der Arbeiter noch nicht abgeschlossen
ist und wahrscheinlich in einer Generation noch nicht abgeschlossen
sein wird, ist das Recht auf Organisierung und Kollektivverhandlungen
heute doch so fest begründet, daß es niemals wieder ernstlich in Frage
gestellt werden kann, außer natürlich, wenn es eine Spaltung der nationalen Einheit und Lahmlegung der Volkswirtschaft herbeiführen würde.
Es scheint aber - wenn überhaupt - wenig Furcht vor einer solchen
Katastrophe zu herrschen, denn glücklicherweise hat die Mehrheit der
wirklich einflußreichen amerikanischen Wirtschaftsführer weitgehend
ihre Bereitschaft gezeigt, die Vergangenheit zu vergessen und in Zusammenarbeit mit der organisierten Arbeiterschaft ein neues und konstruktiverem Bild der Wirtschaftspolitik und industriellen Probleme
zu entwickeln.
Diesen weitsichtigen Unternehmern und ihren Gegenspielern in der
Gewerkschaftsbewegung sollte alle gebührende Anerkennung für ihre
staatsmännische V/irtschaftspolitik gezollt werden...
Natürlich wird es - wie in der Vergangenheit auch in der Z1 .^unf t viele Meinungsverschiedenheiten zwischen Gewerkschaften und Management
geben. Das steht zu erwarten. Dennoch besteht, wie wir bereits angedeutet haben, Grund zu der Annahme - und sie scheint die Zustimmung
aller Experten auf diesem Gebiet zu finden -, daß wir in eine neue Ära
treten, in der Gewerkschaften und Betriebsführung es dann möglich finden
werden, harmonischer denn je zuvor zusammenzuarbeiten, und zwar nicht
nur zu ihrem gegenseitigen Vorteil, sondern zum Besten der ganzen
Nation."

* * *

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�A M E R I K A

S T

EISENHOWER: DAS GESPRACH VON VOLK ZU VOLK FÖRDERN

WASHINGTON - (AD) - Im folgenden geben wir den
Text der Ausführungen Präsident Eisenhowers vor.
der Konferenz über eine Intensivierung der Völkerverständigung in Washington am 11 . September
bekannt:

"Ich trete mit etwas gemischten Gefühlen vor diese Versammlung,
Unter den Anwesenden sind so viele meiner Freunde, die meiner Meinung
nach zu dieser Zusammenkunft wie zu einer Art Familientreffen mit den
gleichen freudigen Empfindungen gekommen sind, wie wir sie alle bei
derartigen Anlässen kennen.
Wenn ich auf diese Versammlung kluger und fähiger amerikanischer
Männer und Frauen blicke - einige von Ihnen haben gerade auf jenen Gebieten, über die ich hier sprechen will, reiche Erfahrungen gesammelt so muß ich schon sagen, daß mich eine gewisse Scheu, ja ein Gefühl der
Befangenheit erfaßt.
Und doch erkühne ich mich hier vor Ihnen zu sprechen, da der Zweck
dieses Treffens das höchste und lohnendste Ziel unserer heutigen Welt
darstellt: mitzuhelfen einen Weg zum Frieden zu suchen, mitzuhelfen
einen Weg zu dauerndem Frieden zu finden.
Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, entspringt zu einem Teil
der Annahme, daß kein Volk als solches den Krieg wünscht - daß alle
Völker Frieden wollen.
Wir wissen, daß diese Annahme zutrifft; wir wissen aber auch,
daß man in gewissen Teilen unserer Erde nicht dieser Ansicht ist.
Manchen Völkern erzählt man - und sie können sich ja kein eigenes
Urteil bilden -, daß andere Völker, und damit sind auch wir gemeint,
den Krieg wünschen: daß wir kriegslüstern sind, daß wir materialistisch sind, daß wir in Wahrheit nur auf eine Katastrophe dieser Art
hoffen, damit - wie sie sagen - einige wenige aus dem Elend der Welt
ihren Nutzen ziehen.
Was mich anbetrifft - und ich bin ja nicht erst von heute und
weiß daher mehr oder weniger Bescheid über alle Kriege, die die Vereinigten Staaten geführt haben - ich meinerseits kann zu Ehren des

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�12. September 1956

'AMERIKA DIENST"

des amerikanischen Geschäftsmannes nur sagen, daß ich noch keinen getroffen habe, der vom Kriege nicht anders als mit Bedauern gesprochen
und der Hoffnung Ausdruck gegeben hätte, daß es nie wieder Krieg geben
möge.
Wenn wir die von uns als zutreffend angenommene Tatsache, daß alle
Menschen den Frieden wünschen, richtig nutzen wollen, dann geht es
also um das Problem, daß die Menschen sich zusammenfinden und ihre Regierungen dazu bringen - wenn nötig unter Umgehung der Regierungen nicht nur einen Weg, sondern tausend '.Yege ausfindig zu machen, wie die
Völker allmählich ein wenig mehr voneinander erfahren und übereinander
lernen können.
Es geht dabei um folgende Fragen: Was können wir gegen die Unwissenheit tun? Wie legen wir unsere eigene Sache klar? Wie stärken wir
die Bande der Freundschaft? Wie erfahren wir etwas von anderen Völkern? Das sind die Probleme, die wir zu lösen haben.
Die Kommunisten unterwerfen natürlich alles der Kontrolle des
Staates, und wenn sie ein großangelegtes Propagandaprogramm starten,
istim voraus schon alles bis ins einzelne festgelegt - und jeder fügt
sich. Sie tun dies in allen Lebensbereichen, in allen Dingen. Und eine
Zeitlang hat es auch wirklich den Anschein, als ob sie damit augenfällige Erfolge erzielten.
Natürlich ist ihre große Schwäche die, daß in Zeiten starker Belastungen, wenn zum Beispiel im Volke die Liebe zur Freiheit stärker
wird als die Angst vor der Pistole im Nacken, die Diktatur stürzt. Im
Kriege war es ja tatsächlich so, daß die Heere der Diktatoren Auflösungserscheinungen zeigten, als die Angst vor dem Maschinengewehr des
Feindes stärker war als die Angst vor der Maschinenpistole im Genick.
Wir gehen da einen anderen Weg. Wir rekrutieren die Kräfte der
Initiative, des unabhängigen Handelns und unabhängigen Denkens von
168 Millionen Menschen. Manchmal erweckt.dies den Anschein der Langsamkeit und Ungeschicklichkeit - den Anschein von Schwäche. Da wir
aber allen Krisen gemäß dem Willen der großen Mehrheit begegnen, ist
es tatsächlich so, daß mit zunehmenden Schwierigkeiten die Verbundenheit des Volkes und damit seine Schlagkraft wächst.
Wir stehen heute vor dem bereits von mir erwähnten Problem: nämlich, das Verständnis der Völker füreinander zu wecken. Hier sind
Menschen, die, so hoffen wir, uns führen werden. Die Regierungen können nicht mehr tun als den Weg weisen und auf technisch-sachlichem
Gebiet Erleichterungen schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit amtlich zu unterrichten.
Aber ich spreche hier über den Austausch von Professoren, Studenten und führenden Männern, der Bereitstellung technischer Unterstützung
und von den gewöhnlichen Auslandsreisenden. Ich spreche von Ärzten,
die an der Bekämpfung von Krankheiten mitwirken, von unseren freien
Gewerkschaften, die anderen Völkern Einblick in ihre Arbeit geben, die

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"AMERIKA DIENST"

12. September

1956

die zeigen, was der Amerikaner verdient, wie er sein Geld verdient und
was er sich dafür leisten kann.
Kurzum, wir müssen jeden auch noch so kleinen Spalt im Eisernen
Vorhang erweitern und die Familie der russischen Völker oder jedes
andere Land hinter dem Eisernen Vorhang, das sich um eine Besserung des
Loses seiner Kinder bemüht - wie es ja Menschen in der ganzen Welt tun mehr in unseren Kreis einbeziehen. Wir wollen ihnen zeigen, wie wir leben,
und dann uns mit ihnen zusammensetzen und uns fragen 'Was können wir
tun, um unser beider Los zu bessern'?
Dies ist, so meine ich, wohl der sicherste Weg zum Frieden. Alles
andere, was wir unternehmen, sind nur Augenblickslösungen oder dazu bestimmt, die eingeschlagene Linie zu halten, während konstruktive Kräfte
dieser Art allmählich zum Zuge kommen.
Jede Bombe, die wir fabrizieren können, jedes Flugzeug, jedes
Schiff, jede Kanone - sie alle dienen, auf die Dauer gesehen, nur einem
negativen Zweck - wir wollen damit Zeit gewinnen, den andern davon abzuhalten, einen Krieg vom Zaune zu brechen, da wir selbst, und das
wissen wir genau, diesen nie beginnen würden.
Die Wirksamkeit der Milliarden Dollar, die wir für diese Sache
aufwenden, sollte durch eine große Anstrengung des ganzen amerikanischen
Volkes noch unterstützt werden, eine positive und konstruktive Anstrengung, die \ms unmittelbar dahin bringt, wohin wir alle wollen; Zu einem
echten und bleibenden Frieden.
Wenn ich mich nun an Sie wandte, dann aus dem Wunsch heraus trotz der Scheu, von der ich bereits gesprochen habe - Ihnen zu sagen,
daß es nach Ansicht meiner Regierung keine wichtigere Aufgabe gibt
als die, an der mitzuwirken wir Sie bitten. Kein Problem, dem sich das
amerikanische Volk, ja die ganze Welt heute gegenübersieht, bestimmt
derartig unser Tun, unser Denken und unser Handeln wie das, den Frieden
zu wahren und für unsere Sicherheit zu sorgen.
Mag dieses Problem heute Suez und morgen wieder anders heißen,
es gibt nichts, was unseren Alltag mehr berühren könnte. Es diktiert
schon beinahe die Höhe unserer Steuern. Es färbt gewissermaßen jede
Frage, mit der wir uns zu Hause auseinandersetzen müssen.
Wenn Sie nun mit Ihrer Arbeit beginnen, wenn Sie Kontakt mit den
Regierungsvertretern aufnehmen, die mit Ihnen zusammenarbeiten, dann
werden Sie verstehen, daß es hier um eine Sache geht, die sowohl der
Regierung als auch jedem einzelnen in Amerika - und wir yind sogar überzeugt, Ler ganzen Welt - sehr am Herzen liegt, mit Ausnahme jener wenigen, Li« entgegen Recht und Zuständigkeit ihre Herrschaft anderen
aufzwi ng- n wollen.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES UNTERBREITET PLAN FÜR EINE
VEREINIGUNG DER KANALBENUTZER
Die Erklärung des US-Außenministers auf der Londoner Suez-Konferenz

Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
unterbreitete am 19. September auf der zweiten Londoner Suez-Konferenz, an der die 18 Nationen teilnahmen, die dem auf der ersten Konferenz ausgearbeiteten Vorschlag für eine internationale Suezkanalbehörde zustimmten, einen Plan für die Errichtung
einer ständigen Vereinigung, die provisorische Abmachungen für einen befriedigenden Betrieb des Kanals treffen soll, während eine endgültige Lösung
ausgearbeitet wird. Bei der Darlegung des französisch-britisch-amerikanischen Planes schlug Dulles
vor, daß die zu gründende Vereinigung mit einem nicht
zu großen Arbeitsfonds ausgestattet werde, einen kleinen Stab unter der Leitung eines Verwaltungsbeauftragten einstellen und ein Direktorium zur Durchführung des Planes wählen soll.
Die Erklärung des amerikanischen Außenministers auf
der Eröffnungssitzung der zweiten Londoner Suez-Konferenz hat folgenden Wortlaut:
"Unsere hiesige Zusammenkunft im vergangenen Monat gab Anlaß zu
der festbegründeten Hoffnung, daß das Suezkanalproblem gelöst werden
könnte. Achtzehn von uns waren zu einer Übereinkunft gelangt. Wir repräsentieren Nationen aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika. Die Schiffe unserer Länder machten über 90 Prozent des gesamten Suezkanal-Verkehrs aus.
Unter uns waren Länder, deren Handel eine unterschiedliche,
allerdings wesentliche Abhängigkeit von dem Kanal aufweist. Es war
kein geringer Erfolg, daß trotz dieser Unterschiedlichkeit ein Übereinkommen erzielt wurde. Dies war nur möglich, weil unter uns ein
Geist der Versöhnlichkeit und ein Gefühl für die Dringlichkeit vorherrschte, geboren aus dem Ernst der Lage, vor die uns die ägyptische
Regierung gestellt hatte.
Wir einigten uns auf ein Programm, durch das für immer in wirksamer und zuverlässiger Form Betrieb, Unterhaltung und Ausbau des

�"AMERIKA DIENST"

19. September 1956

des Suezkanals im Einklang mit dem Vertrag aus dem Jahre 1888 sichergestellt werden sollte.
Dieses Programm respektierte die Souveränität Ägyptens aufs
genaueste. Die ägyptische Regierung hat es jedoch, wie unser Fünferausschuß uns soeben berichtet hat, regelrecht abgelehnt, unseren Vorschlag als eine Verhandlungsgrundlage zu betrachten. Sie machte keinen
Gegenvorschlag.
Diese Haltung Ägyptens hat eine neue und schwierige Situation
geschaffen. Während wir uns die Zurückhaltung auferlegen, zu der uns
die Charta der Vereinten Nationen verpflichtet, suchen wir weiterhin
mit friedlichen Mitteln eine Lösung dieses schwierigen Problems zu
erreichen. Bestimmte Dinge sind, so glaube ich, klar:
Erstens: Die Konvention aus dem Jahre 1888 gibt unseren Schiffen
das Recht, zu jeder Zeit den Suezkanal als eine freie und offene
Wasserstraße zu passieren.
Zweitens: Diese Rechte werden durch den Schritt der ägyptischen
Regierung gefährdet, durch den sie die allgemeine Suezkanalgesellschaft
an der Ausübung ihrer Funktionen, so wie dies vereinbart war, hinderte
und selbst alle diese Funktionen widerrechtlich an sich riß.
Es trifft zu, daß die ägyptische Regierung, obwohl sie einseitig
die Konzession der allgemeinen Suezkanalgesellschaft aufgehoben hat,
die Teil des oben erwähnten Systems war und durch die Konvention aus
dem Jahre 1888 ins Leben gerufen wurde, erklärt, daß sie sich trotzdem
an die Konvention halten und einen fairen und gerechten Betrieb des
Kanals gewährleisten will. Der Prüfstein aber ist, ob die ägyptische
Regierung es akzeptiert, daß die Partner und Nutznießer der Konvention
aus dem Jahre 1888 wirklich über die Einrichtungen verfügen, die ihnen
die Ausübung ihrer Rechte gewährleisten. Wenn die ägyptische Regierung
darauf besteht, daß die Schiffskapitäne qu.asi Entrechtete sind, die
den Kanal niemals durchfahren können, es sei denn unter solchen Bedingungen, wie sie die ägyptische Regierung von Zeit zu Zeit erläßt,
dann besteht keine Garantie mehr für eine freie und sichere Durchfahrt,
wie sie die Konvention aus dem Jahre 1888 fordert.
Ich weiß, daß die ägyptische Regierung argumentiert hat, sie
könne jederzeit durch die Anwendung von Gewalt den Verkehr durch den
Kanal unterbrechen und die Passage müsse daher von dem guten Glauben
und dem guten Willen Ägyptens abhängen. Es gibt jedoch zahlreiche Sanktionen gegen eine offene und gewaltsame Unterbrechung der freien Durchfahrt. Das gilt aber nicht, wenn eine einzige Regierung alle Phasen des
Betriebs beherrscht und kontrolliert.
Der Betrieb des Suezkanals ist eine überaus komplizierte und heikle
Angelegenheit. Er bietet unendliche Möglichkeiten für heimliche und versteckte Verletzungen, sowie die Praxis verschleierter Bevorzugungen
und diskriminierender Maßnahmen. Mangel an Tüchtigkeit kann zu einer
ernsten Gefahr werden. Gegen solche Risiken können - und ich meine sollten sich die Benutzer bei der Ausübung ihrer Rechte im Rahmen des

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�"AMERIKA DIENST

19. September 1956

des Vertrages aus dem Jahre 1888 schützen. Das wirtschaftliche Wohlergehen zahlreicher Nationen und Völker steht auf dem Spiel, und es gibt
keine angemessenen Sanktionen gegen die von mir aufgezeigten Gefahren.
Drittens: Als dritten Punkt möchte ich folgendes anführen: Wenn
lebenswichtige Rechte bedroht sind, ist es nur natürlich und elementar,
daß man sich zusammenschließt, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen.
Die ägyptische Regierung hat uns vor einem Zusammenschluß in einer
Vereinigung gewarnt. Es ist nur natürlich, daß Ägypten es vorzieht,
wenn die Kanalbenutzer nicht organisiert und gespalten sind. Ich erinnere daran, daß sich die ägyptische Regierung in ihrem Memorandum vom
zehnten September 1956 an den Generalsekretär der Vereinten Nationen
und an zahlreiche Regierungen um die Bildung eines Verhandlungsgremiums bemüht hat, das gegensätzliche Ansichten widergibt.
Für jene, die sich in Gefahr sehen, ist es jedoch ein elementares
Recht, zusammenzukommen und ihre Ansichten in Einklang zu bringen ein Recht, auf das nicht verzichtet werden kann. Worum bemühen wir uns
denn? Es ist nichts, was sich gegen Ägypten richtet oder ihm schadet.
Lassen Sie mich kurz den Vorschlag für eine Vereinigung erläutern,
so wie die Regierung der Vereinigten Staaten ihn versteht.
1) Er bedeutet vor allem andern, daß wir unseren gegenwärtigen
Zusammenschluß beibehalten sollten, und zwar nicht, damit irgendeiner oder eine Gruppe von uns den andern Mitgliedern die eigenen
Ansichten aufzwingt. Die einzige Basis für einen Zusammenschluß ist
ein gemeinsamer Wille, der in einem freien Meinungsaustausch zustandekommt. Es ist auch nicht unser Ziel, auf Ägypten einen Zwang auszuüben.
Es ist lediglich so, daß die Erfordernisse der Situation einen fortdauernden Zusammenschluß für uns und für alle, die auf den Kanal angewiesen sind, zweckmäßig machen. Eine derartige Vereinigung wird auch
im Interesse Ägyptens sein, wenn es tatsächlich bereit ist, sich mit
jenen Ländern in konstruktiver Weise um eine Lösung zu bemühen, die
in erster Linie betroffen sind. Es liegt auch im Interesse des Weltfriedens, wenn wir fest zusammenstehen.
2) Wir sollten - so meine ich - auch weiterhin an unserer gemeinsamen Erklärung vom 23. August 1956 als Verhandlungsbasis für eine
endgültige Lösung festhalten.
3) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, über einen kleinen
Betriebsstab zu verfügen, der bereit steht, um unseren Schiffen sowie
den Schiffen, die unsere Länder bedienen, bei der Durchfährt durch den
Kanal zu helfen. Wir brauchen dabei, so glaube ich, nicht die Möglichkeit auszuschließen, auf der Basis einer provisorischen De-facto-Arbeitsregelung ein gewisses Maß an Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden zu finden, selbst wenn Ägypten vielleicht zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nicht bereit ist, einer ständigen Regelung in Vertragsform
zuzustimmen.
Ein

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�"AMERIKA DIENST"

19. September 1956

Ein solcher Stab könnte, so schlage ich vor, einem Verwaltungsbeauftragten unterstehen, der in Schiffahrtsfragen erfahren ist und
der, falls dies gewünscht wird, im Auftrage der Schiffe unserer Mitglieder handeln könnte. Er könnte die Schiffe unserer Mitglieder
insofern unterstützen, als er Vorkehrungen für ihre reibungslose
Eihgliederung in den Kanalverkehr trifft. Er könnte bei der Koordinierung der Schiffahrtsrouten durch den Kanal oder in der Nähe des
Kanals, falls dies letztere sich als erforderlich erweisen sollte,
helfen. Er könnte ermächtigt werden, als Beauftragter der Schiffseigentümer zu handeln sowie solche Geldbeträge einzuziehen und auszuzahlen, wie dies im Zusammenhang mit der Unterhaltung des Kanals und
des Verkehrs durch den Kanal sowie der Erfüllung seiner anderen Verpflichtungen angemessen ist.
4) Es würde, 80 denke ich, für unsere Vereinigung nützlich sein,
wenn sie ein kleines aus unseren Reihen gewähltes Direktorium hat,
das uns hinsichtlich der weiteren Entwicklungen auf dem laufenden
hält, uns, wenn immer ein Anlaß hierzu besteht, zusammenruft, den
Verwaltungsbeauftragten ernennt und seine Vollmachten sowie die Richtlinien festlegen könnte, die die von ihm im Namen der Vereinigung
ergriffenen Maßnahmen umreißen und bestimmen würden.
Es ist unvermeidbar, so glaube ich, daß die an dem Passagierund Frachtverkehr zwischen dem Osten und dem Westen sowie an der
Produktion von Erdöl und anderen Gütern für diesen Verkehr Interessierten nunmehr auf lange Sicht an Alternativen zu dem Suezkanal denken
sollten.
Es wird augenblicklich viel von größeren Tankern gesprochen, die
bei größerer Wirtschaftlichkeit um das Kap der Buten Hoffnung fahren
könnten als die gegenwärtig den Kanal durchfahrenden kleineren Tanker.
Es wird von neuen Ölleitungen geredet.
Ich möchte annehmen, daß das Direktorium der Vereinigung der Kanalbenutzer alle diese Projekte weiter verfolgen und die Mitglieder
über alle bedeutsamen Entwicklungen unterrichtet halten würde, die
unser Wirtschaftsleben wesentlich beeinflussen könnten.
5) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, wenn die Vereinigung
über ein bescheidenes Betriebskapital verfügt, das zunächst von den
Mitgliedsstaaten vorgeschossen und ihnen später aus den durch die
geleisteten Dienste eingenommenen Geldern zurückerstattet wird.
6) Die Mitgliedschaft in der Benutzervereinigung würde nicht die
Übernahme irgendwelcher Verpflichtungen seitens der einzelnen Mitglieder
bedeuten. Man darf jedoch hoffen, daß die Mitglieder der Vereinigung in
bezug auf ihre Schiffe:: und die Bezahlung der Kanalgebühren freiwillig
solche Maßnahmen ergreifen werden, die die Arbeit der Vereinigung
erleichtern sowie ihr Prestige und ihre Autorität stärken und damit auc
ihre Zweckdienlichkeit' fördern.
Dies

�• "AMERIKA DIENST"

19. September 1 956

Dies könnte in groben Umrissen die Vereinigung sein, die wir aufbauen wollen. Das Ausmaß ihres wirklichen Nutzens hängt natürlich,
wenn auch nicht völlig, von der Haltung Ägyptens ab. Ab'r unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer praktisch durchführbaren Basis zusammenzuarbeiten, ist eine erneute Demonstration unseres Wunsches, in
dem Bemühen um eine Lösung dieses ernsten, und praktisch die ganze
Welt konfrontierenden Problems., .keinen vernünftigen Schritt unversucht
zu lassen.
Unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer provisorischen De-facto
Betriebsbasis zusammenzuarbeiten, kann vielleicht auch zu einer provisorischen Lösung führen, die die Vereinten Nationen vielleicht al3
nützlich erachten könnten, während die Suche nach einer dauerhaften
Lösung andauert.
Es ist, wie ich weiß, die Ansicht vieler von uns, daß von den
Diensten der Vereinten Nationen Gebrauch gemacht werden s o l l e , wenn
die Hauptparteien der am Suezstreitfall beteiligten nicht in der Lage
sind, durch Mittel ihrer eigenen Wahl eine Lösung zu finden.
Die Vereinigten Staaten sind der Überzeugung, daß Maßnahmen auf
der hier vorgeschlagenen Linie die Möglichkeiten für eine friedliche
und konstruktive Lösung in nützlicher Weise vergrößern werden."
Zum Schluß der Nachmittagssitzung ergriff der amerikanische
Außenminister erneut das Wort und unterstrich, daß eine friedliche
Lösung des Suezproblems, so erstrebenswert sie an sich sei, allein
nicht ausreiche, wenn sie nicht im Einklang mit dem Völkerrecht und
der Gerechtigkeit stehe. Der amerikanische Außenminister appellierte
gleichzeitig an die Delegierten, bei der friedlichen Lösung des Problems entsprechend der im einzelnen von ihm auf der Vormittagssitzung
erläuterten Vereinigung der Kanalbenutzer zusammenzustehen.
Bei der Diskussion des Dreimächteplanes wurden gegensätzliche
Meinungen laut. Zu den Befürwortern des Planes gehören Australien,
Neuseeland, die Bundesrepublik Deutschland, Prankreich, die Niederlande und Großbritannien. Zwei Nationen - Dänemark und Pakistan lehnten das Projekt ab. Norwegen sprach sich für eine vorläufige Annahme
des Planes aus, während das ganze Problem sofort der UN vorgelegt werden
solle. Von dänischer Seite war darauf hingewiesen worden, daß ohne
Mitwirkung Ägyptens der Plan nicht funktionsfähig sei. Der pakistanische
Außenminister Malik Firoz Khan Noon forderte erneute Bemühungen, um
zu Verhandlungen mit Ägypten zu gelangen.
Angesichts der Meinungsverschiedenheiten warnte der amerikanische
Außenminister davor, in der Annahme» die Gefahr sei vorüber, auseinanderzulaufen. "Wir würden uns damit einen schlechten Dienst erweisen",
sagte er.wörtlich.
Das Problem, um das es hier gehe, sei mehr als die Frage, ob ein
Schiff den Kanal passieren könne oder nicht. Man befasse sich in London
mit einem der wichtigsten Aspekte des Nachkriegslebens, sagte Dulles
weiter. "Wir alle wünschen eine Welt, in der es keine Gewaltanwendung
gibt, aber das ist nur die eine Seite meines Anliegens. Wir müssen auch

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19. September 1956

auch eine Welt haben, in der eine gerechte Lösung von Problemen,
wie wir sie jetzt vor uns haben, erreicht werden kann."
Dulles fügte hinzu, daß es bei der Suche nach einer Lösung einen
Ersatz für die Gewaltanwendung geben müsse, da andernfalls die Welt
in "Anarchie und Chaos" zurückfallen würde. In der Charta der Vereinten Nationen werde nicht nur gesagt, daß die V/elt in Frieden leben
müsse, sondern die Mitgliedsstaaten der Weltorganisation seien darüberhinaus verpflichtet, auf friedliche Weise und in Übereinstimmung mit
den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts Lösungen zustandezubringen.
Der amerikanische Außenminister erklärte, man fördere nicht die
Sache des Friedens, wenn man nicht erkenne, daß man genau so eine Lösung in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts anstreben müsse, v/ie man sich bemühen müsse, die Anwendung von Gewalt zu verhindern.
Wenn man sich nur auf einen Aspekt der Angelegenheit, nämlich
auf die Gewalt, konzentriere, so sagte Dulles weiter, dann wären
alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Man sei vor ein Problem
von großer Gefahr gestellt, das durch Gewalt hätte gelöst werden
können. Angesichts dieser großen Gefahr sei große Zurückhaltung geübt
worden. Dies könne in Zukunft nur dann fortgesetzt werden, wenn man
sich weiterhin mit allen Kräften um eine friedliche Lösung bemühe.
Der amerikanische Außenminister ging dann auf Fragen ein, die
in der Nachmittagssitzung gestellt worden waren. Im Zusammenhang
mit den Vorschlägen, die Angelegenheit den Vereinten Nationen zu
unterbreiten, sagte Dulles, die 18 Mächte würden gegenüber der Weltorganisation eine Pflicht erfüllen, wenn sie sich zunächst um eine
Lösung außerhalb der Vereinten Nationen bemühten.
Auch von den Befürwortern des Planes war die Anrufung der Vereinten Nationen bei einer weiteren Ablehnung Nassers als letzter Ausweg akzeptiert worden.

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

AUSSENMINISTER DULLES AUF DER SUEZKANAL-KONFERENZ
AM 19.SEPTEMBER IN LONDON

LONDON - (AD) - Im folgenden geben wir auszugsweise die Äußerungen wieder, die der
amerikanische Außenminister, John Foster
Dulles, auf der Londoner Konferenz am 19September 1956 über den Suez-Konflikt aus
dem Stegreif zu dem Problem machte;
"Wie ich bereits heute vormittag andeutete, wird der Vorschlag
auf Schaffung einer kooperativen Vereinigung, die ein wenig beständiger ist als unsere ad hoc-Konferenz. den Weg zu konstruktiven
Maßnahmen in den Vereinten Nationen w-möglich ebnen. Es scheint
doch notwendig, die Angelegenheit vor dieses Forum zu bringen, da
die von uns in Aussicht genommenen Maßnahmen womöglich zum Scheitern verurteilt w ren.
Die Vereinten Nationen sind nicht allmächtig, ihre Machtbefugnisse sind sorjfä"tig definiert. Anläßlich unserer letzten Beratung haben die 1- ier vertretenen Nationen Ägypten ihre Vorschläge für eine reue ;n , wie wir hofften, dauernde Lösung des
Suezproblems un er reitet, und wir hatten Ägypten vorgeschlagen,
einen neuen Vertrag zu schließen. Aber so große Vorzüge unser
Vorschlag auch gehabt h« en mag, die Vereinten Nationen sind nicht
befugt, den Abschluß eines neuen Vertrages von einer Nation zu verlangen.
Wie ich die Charta e r Vereinten Nationen verstehe, geht dies
vielleicht über die Korr/oet enzen des Sicherheitsrates hinaus. Er
kann wohl verlange , daß b ereits bestehende Verträge eingehalten
werden. Er kann die Partei en auffordern, provisorische Maßnahmen
anzuerkennen 5 ich glaube jedoch nicht, daß der Sicherheitsrat, geschweige denn die Generalv ersammlung berechtigt sind, etwas zu erzwingen, was wir durch fre iwillige Vereinbarungen bei unserem
letzten Zusaume: sein zu erreichen hofften, näm". ich den Abschluß
eines neuen Vertrages, in dem die Rechte beider Parteien neu festgelegt werden und in dem d iese Frage endgültig geklärt wird.
So richtig also unser Vorschlag auf unserer letzten Tagung
auch war, so entspricht e:- doch nicht der Verfahrensweise und den
Befugnissen der UN, weder jenen des Sicherheitsrates noch viel
weniger denen der Generalversammlung, die in jedem Falle nur Emp- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Empfehlungen machen kann. Ich glaube daher, Herr Vorsitzender,
daß die Gründung unserer Vereinigung hier an Ort und Stelle etwaige Schritte der UN wesentlich erleichtern würde, wenn es denn
notwendig erscheint, die Sache zum Zwecke einer endgültigen Lösung
vor diese Körperschaft zu tragen, sofern unsere eigenen Maßnahmen
fehlgeschlagen sind.
Die Angelegenheit wird in zweierlei Hinsicht für die UN erleichtert» Erstens ist es eine Tatsache, daß mit der Festigung unserer
Position die beiden Parteien in diesem Streitfall in einem gewissen
Sinne klar herausgestellt werden. Wohl trifft es zu, daß gewissermaßen jedes Land der Welt an einer Lösung des Suezkanal-Problems
interessiert istj aber gerade die Größe der Aufgabe macht sie praktisch unlösbar, wenn wir sie von dieser Seite aus angehen.
Wenn wir sie auf praktisch durchführbare, lösbare Maße reduzieren wollen, so muß sie in vernünftige Proportionen gebracht
werden. Die 18 Anwesenden hier repräsentieren jene Länder, die für
sich, und in gewisser Hinsicht als typische Vertreter der an dem
Kanal interessierten Länder gemeinsam mit Ägypten eine Lösung finden
könnten, die, sofern Ägypten und wir sie akzeptieren, meiner Ansicht
nach von der ganzen Welt angenommen werden würde. Wir vertreten hier
über 90$ der Kanalbenutzer. Wir vertreten Länder aus aller Welt. Wir .
vertreten verschiedene Formen des Handels. Wir vertreten Gruppen, die,
sofern sie zusammenhalten und eine Einheit bilden, den Vereinten Nationen etwas an die Hand geben würden gegenüber Ägypten. Wenn wir uns
aber spalten und schließlich ganz auseinanderfallen, dann vermag ich
nicht, so ohne weiteres zu sehen, wie das Problem durch die Vereinten
Nationen zu lösen ist.
Zweitens sind die Vorschläge, die wir hier für eine praktisch
durchführbare provisorische Lösung machen, etwas, womit die Vereinten
Nationen etwas anfangen können. Ich zweifle sehr, ob die Vereinten
Nationen von irgendeinem souveränen Staat verlangen können, einen
Vertrag anzunehmen, in dem seine künftigen Rechte und Pflichten festgelegt werden. Vielleicht ist es möglich, aber es ist ganz sicher
zweifelhaft, und so, wie ich die Charta der UN verstehe, kann ich in
ihr keinerlei Anhaltspunkte dafür finden.
Was die Vereinten Nationen tun können, ist, praktische Möglichkeiten zur Lösung des Problems vorzuschlagen, provisorische Lösungen in
Vorschlag zu bringen, die kein neues Vertragsverhältnis zum Inhalt haben, die kein Land verpflichten, Rechte aufzugeben oder Rechte anderer
zu übergehen. Was wir hier anregen, ist ein Vorschlag zu einer provisorischen Lösung der Art, wie sie genau dem Rahmen der Vereinten Nationen
entspricht, während sie mit dem Vorschlag, den wir bei unserem AugustTreffen machten, nichts hätten anfangen können.
Wir sehen in den Vereinten Nationen nicht lediglich ein Mittel,
dieses Problem auf die lange Bank zu schieben, um es loszuwerden,
damit wir uns nicht weiter damit abzuquälen brauchen. Wenn wir nur
daran interessiert wären, die Verantwortung von uns abzuwälzen und
das Problem als unlösbar an die Vereinten Nationen abzuschieben, dann
bedarf es natürlich keinerlei vorbereitender Arbeiten mehr.
Ich
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�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Ich glaube nicht, daß dies in der Absicht irgendeiner der hier
vertretenen Regierungen liegt. Ich glaube, wenn wir die Absicht haben, dieses Problem den Vereinten Nationen zu unterbreiten, dann
wollen wir es diesem Forum vortragen nicht als ein Mittel, es los
zu werden, nicht als ein Mittel, es auf die lange Bank zu schieben,
sondern als: ein Mittel, es zu einer echten Lösung zu führen. Wenn
es also das Ziel ist, Umstände zu schaffen, die eine tatsächliche
Lösung des Problems durch die UN gestatten, dann scheint es mir
als erstes erforderlich, unsere Position zu festigen, um sozusagen
eine verhandlungsfähige Körperschaft gegenüber Ägypten zu haben und
um zu zeigen, daß «umindist wir bereit sind, eine provisorische
Lösung anzunehmen, die eine Überbrückung der gegenwärtigen Schwierigkeiten darstellt, ohne daß irgend jemand von uns seine Rechte aufgeben muß.
Ich möchte versuchen, ein wenig die großen Zusammenhänge darzulegen, in denen zumindest die Vereinigten Staaten diese unsere
Tagung betrachten. Bei dieser Tagung geht es um weit wichtigere
Dinge als nur um die Frage, ob ein Schiff durch den Kanal kommt
oder nicht, ja selbst ob der Verkehr im Kanal zum Erliegen kommt.
Wir haben es hier mit einer.der bedeutsamsten Erscheinungen unserer
Nachkriegszeit zu tun. Die Frage, ob wir tatsächlich dabei sind,
eine friedliche Welt aufzubauen, hängt, meiner Meinung nach, weitgehend davon ab, was wir in diesem Falle tun. Dies ist die volle Bedeutung des Problems, mit dem wir es hier zu tun haben. Warum sage
ich das? Ich sage dasf weil wir alle eine Welt wünschen, in der es
keine Gewaltanwendung gibt. So wahr dies ist, es ist nur die eine
Seite der Medaille. Wenn wir eine Welt wollen, in der es keine Gewalt gibt, so müssen wir auch eine Welt haben, in der Probleme dieser
Art eine gerechte Lösung finden können.
Es ist mir gleichgültig, was alles in der Charta der Vereinten
Nationen über die Nichtanwendung von Gewalt geschrieben steht; wenn
es in der Praxis nicht eine Form des Friedens gibt, die eine gerechte
Lösung derartiger Probleme auf die eine oder andere Weise ermöglicht,
wird die Welt doch unweigerlich wieder in Anarchie und Chaos zurückfallen.
Und ich möchte weiter darauf hinweisen, meine verehrten Herren
Delegierten, daß es in der Charta der Vereinten Nationen nicht einfach
heißt 'es soll Friede herrschen'. Wie heißt es denn dort? Im allerersten Artikel der Charta der Vereinten Nationen heißt es bereits,
Zweck und Ziel der UN sei es, Konflikte durch 'friedliche Mittel und
in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des
Internationalen Rechts' beizulegen. Und wenn man diesen Teil der
Charta vergißt, so wird man den ersten TeiJ ganz sicherlich ignorieren.
Und wenn wir es mit Fragen dieser Art zu tun haben, so müssen wir
uns darüber klar sein, daß wir letztlich der Sache des Friedens nicht
dienen - selbst nicht der Erhaltung des Friedens für uns selbst, die
wir dem Problem, um das es hier geht, scheinbar so fern stehen -, wenn
wir nicht wissen, daß wir ebenso sehr verpflichtet sind, nach einer
Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und
des Internationalen Rechts' zu suchen, wie wir verpflichtet sind, die

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�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

die Anwendung von Gewalt tunlichst zu vermeiden. Wenn wir nur die
eine Seite des Problems sehen und die andere vergessen, dann werden
alle unsere Bemühungen zum Scheitern verurteilt sein, und ebenso die
Bestrebungen, wie sie in dieser Charta der Vereinten Nationen ihren
Ausdruck finden.
Wir haben es hier mit einer Frage zu tun, die eine große Bedrohung für die großen Nationen darstellt.
Ich glaube, niemand kann diese Tatsache hinwegdisputieren. Es
ist eine Bedrohung, die sie ohne weiteres beseitigen könnten, wenn
sie sich der Methoden bedienten, die vor der Annahme dieser Charta
als Recht anerkannt waren. Dann säßen wir nicht hier - und vielleicht
würde jemand anders auch nicht dort sitzen, wo er sitzt. Diese Zeiten
aber sind hoffentlich vorbei, und angesichts einer so großen Gefahr hat
man sich große Zurückhaltung auferlegt und hält sich auch weiterhin im
Zaume. Aber man kann nicht erwarten, daß dies nun in alle Ewigkeit so
weitergeht, wenn nicht diejenigen von uns, die das Problem in seinem
ganzen Umfang erkennen und daran teilhaben, alles daran setzen, eine
Beilegung des Konfliktes zu finden, nicht nur eine friedliche Lösung;,
sondern eine Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts.'
Manch einer mag denken, ich glaube allerdings nicht, daß dies für
irgend jemanden in diesem Kreise gilt - doch könnte wohl ein Volk, das
nicht unmittelbar von dem Konflikt betroffen ist, so denken -, das
einzige, was ihn an diesem Streitfall interessiert, ist die Frage des
Friedens« Wenn der gesichert sei, so brauche man sich um alles andere
nicht mehr zu kümmern. Das ist jedoch nur der eine Teil der Angelegenheit! dieses Problem kann aber nicht durch halbe Maßnahmen gelöst
werden, die nur den Frieden betreffen und bei denen nicht unsere ganze
Kraft darauf verwendet wird, eine Lösung zu finden, die unserer Ansicht nach in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des Internationalen Rechts, steht.
Nun, wir sind uns darüber einig geworden, was unserer Ansicht nach
die Grundsätze der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts in bezug
auf diese Angelegenheit sind. Unsere Schlußfolgerungen haben ihren Niederschlag gefunden in der Erklärung, auf die wir uns im August einigten.
V/ir sind hier vor allem versammelt, um jene achtzehn Nationen zu vertreten, die nicht nur selbst großes Interesse an der Sache haben, sondern
auch weil wir uns über die Grundsätze des Internationalen Rechts und der
Gerechtigkeit im Hinblick auf diesen Fall einig sind. Ich glaube, wir
sind es uns selbst und allen an diesem Problem beteiligten Nationen
schuldig, gemeinsam zu versuchen, diese Sache zu einem Ende zu bringen,
und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung des Friedens,
sondern so zu Ende zu führen, daß eine gerechte Lösung in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen gefunden; wird.
Mir scheint, wenn wir das nicht tun, wenn wir zulassen, daß die Einstellung an Boden gewinnt, das Problem sei gelöst, weil die Kriegsgefahr
vielleicht ein wenig vermindert erscheint, dann haben wir uns selbst
meiner Meinung nach einen schlechten Dienst erwiesen.
„,

�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Was wir in dieser Hinsicht tun - sofern wir uns so verhalten, wie ich eben ausführte - » würde auf uns selbst zurückfallen
und uns in alle Zukunft heimsuchen. Darum gage ich, lassen Sie uns
gemeinsam an diesem Vorschlag festhalten und weiterhin nicht fiür
für 'den Frieden' arbeiten, sondern für einen Frieden 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts*."

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�USA FORDERN WELTWEITE SICHERHEITSMAS5NAHMEN BEI DER
FRIEDLICHEN NUTZBARMACHUNG DES ATOMS

VEREINTE NATIONEN (New York) -(AD)- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede,
die Botschafter James J. Wadsworth, amerikanischer Vertreter auf der gegenwärtig in New York
stattfindenden Konferenz zur Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde, am 24. September 1956 bei der ersten Arbeitssitzung hielt

"Wir stehen jetzt vor den letzten Maßnahmen zur Gründung der
internationalen Atomenergiebehörde, die Präsident Eisenhower hier an
dieser Stelle am 8. Dezember 1953 vorgeschlagen hat. Wenn unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind - wie ich hoffe und glaube -, dann
wird diese bedeutsame Konferenz von 81 Nationen ihre Arbeit nicht beenden, bevor sie die Statuten für diese Behörde in ihrer endgültigen
Form angenommen hat. Damit werden wir einen entscheidenden Schritt
zur Verwirklichung des Wunschbildes getan haben, das uns alle angespornt hat - des Bildes einer internationalen Zusammenarbeit auf
atomarem Gebiet.
Zahlreiche Nationen haben im Laufe der letzten drei Jahre an
diesem schöpferischen Bemühen teilgehabt, Nationen aus allen Teilen
der Welt. Die Arbeit der Diplomatie in den letzten zehn Jahren hat was Umfang und den konstruktiven Geist anbetrifft - wohl kaum ihresgleichen. Es mag daher angebracht sein, einen kurzen Überblick über
den Weg zu geben, den wir zurückgelegt haben.
Als Präsident Eisenhower die Gründung dieser Behörde vorschlug,
schwebten ihm zwei Hauptziele vor, die beide die Stärkung des Weltfriedens zum Inhalt hatten. Das erste Ziel war, nukleare Materialien
aus nationalen Beständen einer neuen internationalen Behörde zur Verfügung zu stellen und damit den Anfang zu - um mit den Worten Präsident Eisenhowers zu sprechen - 'einer Verminderung der potentiellen
Vernichtungskraft der atomaren Vorräte auf der Welt' zu machen. Das
zweite Ziel war die Ausarbeitung von Maßnahmen, durch die spaltbares
Material zum Nutzen der friedlichen Bestrebungen der Menschheit bereitgestellt wird.

Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Die Vereinigten Staaten haben sich von Anfang an von diesen
beiden Zielsetzungen leiten lassen. Wir waren uns seit jeher darüber
im klaren, daß keines dieser Ziele von einer Nation allein, oder selbst
einer kleinen Staatengruppe, erreicht werden kann, sondern daß wir es
hier vielmehr mit einem wahren internationalen Unterfangen zu tun haben. Aus diesem Grunde nahen wir uns bei diesem Vorhaben immer wieder
an die Vereinten Nationen gewandt, und aus diesem Grunde haben sich
unsere Verhandlungen selbst auch auf einen immer größer werdenden
Kreis erstreckt. Es mag nützlich sein, die Hauptmaßnahmen im Zuge
dieser Verhandlungen noch einmal zu skizzieren.
Erstens: Anfang 1954 kam eine aus acht Nationen bestehende Arbeitsgruppe zusammen, um einen ersten Statutenentwurf für die vorgeschlagene Behörde vorzubereiten.
Zweitens: Dieses Thema wurde 1954 in Anwesenheit von 60 Nationen
in der neunten UN-General-Versammlung ausführlich behandelt.
Drittens: Am 22. August 1955 wurde der Statutenentwurf in seiner
damaligen Form in Umlauf gebracht, um die Ansichten aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen oder ihrer Sonderorganisationen mithin die Ansichten von 84 Staaten - zu erfahren.
Viertens: Dieses Thema wurde auf der zehnten General-Versammlung
im Jahre 1955 erneut erörtert; es wurde einstimmig eine Resolution
angenommen, in der die Bemühungen der Verhandlungsgruppe gutgeheißen
wurden.
Fünftens: Die Arbeitsgruppe, die durch die Hinzuziehung Brasiliens, der Tschechoslowakei, Indiens und der Sowjetunion inzwischen
auf zwölf Nationen angewachsen war, traf am 27. Februar dieses Jahres
erneut in Washington zusammen. Nahezu zwei Monate lang arbeitete diese
Gruppe an einer Revision des Statutenentwurfes, wobei sie durch eine
Resolution der General-Versammlung der Vereinten Nationen ermutigt
und geleitet wurde. Die Gruppe hat bei ihrer Arbeit nicht nur die Ansichten und Vorschläge der vier neuen Mitglieder, sondern auch anderer Nationen aus aller Welt, von denen Stellungnahmen eingingen,
eingehend erörtert und vielfach angenommen.
Sechstens: Der aus diesen Beratungen resultierende Entwurf, der
von der aus zwölf Nationen bestehenden Arbeitsgruppe am 18. April
einstimmig angenommen wurde, liegt nunmehr dieser Konferenz zur endgültigen Beschlußfassung vor.
Herr Präsident, sie - der Sie in so fähiger Weise als Leiter
der brasilianischen Delegation auf der Konferenz dieser Arbeitsgruppen gewirkt haben - werden mit mir sicherlich darin übereinstimmen,
daß dies ein eindrucksvoller Erfolg gewesen ist. Wir stellten fest,
daß die Meinungsverschiedenheiten oft groß waren. Größer aber war noch
der Wille, diese Unterschiede der Meinungen zu überbrücken. Alle Delegationen zeigten ohne Ausnahme eine der Bedeutung der Aufgabe entsprechende Geduld und Ausdauer. Als Ergebnis dieser Einstellung wurde
der uns heute vorliegende Statutenentwurf einstimmig angenommen. Diese
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�'AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Diese Einmütigkeit ist in einer durch zahlreiche politische Meinungsverschiedenheiten zerrissenen Welt überaus vielversprechend für diese
Konferenz. Wenn auch zu besonderen Punkten einige Einwendungen gemacht
worden sind, so werden wir doch durch die Tatsache ermutigt, daß die
noch zu lösenden Fragen - im Vergleich zu den Meinungsverschiedenheiten,
auf die wir im Verlaufe unserer gemeinsamen Bemühungen trafen und die
wir überwinden konnten - nicht groß erscheinen.
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten waren eine jener Nationen,
die zusammen mit anderen eins-immig und vorbehaltlos den Statutenentwurf gebilligt haben. In dem Entwurf gibt es Teile, von denen wir wünschten, daß sie anders lauteten. Ich bin sicher, daß keiner der Befürworter die Statuten von seinem eigenen und besonderen Standpunkt aus als
vollkommen erachtet.
In gleicher Weise bin ich jedoch sicher, daß alle Befürworter des
Entwurfes mit uns der Ansicht sind, daß er die Grundlage für eine
Behörde legt, die arbeitsfähig ist und gute Arbeit leisten wird - eine
Behörde, der wir voller Hoffnung und Zuversicht unsere ganze Unterstützung geben können. Die Vereinigten Staaten sind bereit, diese Statuten zu unterstützen. Wir haben gegenwärtig nicht die Absicht, irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu machen - außer dem einen, gemeinsam
befürworteten Zusatz, der die Funktionen der vorbereitenden Kommission
klären würde, wie sie im Anhang Nummer I vorgesehen ist.
Gleichzeitig kommen wir zu dieser Konferenz in der vollen Bereitschaft, allen unterbreiteten Zusätzen eine gebührliche Erörterung
zuteil werden zu lassen. Wir werden jene Vorschläge unterstützen, die
nach unserer Ansicht die Statuten verbessern und ihre Annahme fördern.
Wir werden uns jedoch gegen jene stellen, die nach unserer Meinung
diese Funktion nicht erfüllen würden - vor allem gegen jene, die eine
volle Unterstützung von seiten irgendeiner spezifischen Staatengruppe
schwierig oder unmöglich machen könnten.
Ich möchte meinen, daß dies eine vernünftige Einstellung ist. Der
Statutenentwurf spiegelt in einem großen Ausmaß eine Angleichung der
Ansichten von zahlreichen Staaten wider. Jede vorgeschlagene Änderung
sollte daher sorgfältig geprüft werden, um nicht nur sicherz stellen,
daß sie tatsächlich, eine Veränderung zum Besseren ist, sondern aach
um zu gewährleisten, daß sie nicht das bisher erreichte Gleichgewicht
der Ansichten gefährdet.
Herr Präsident, es ist jetzt nicht die Zeit, ein Bild der materiellen Segnungen zu entwerfen, die der Menschheit durch die volle Nutzbarmachung des Atoms für den Frieden zuteil werden könnte. Die geradezu ./underbaren Möglichkeiten der A .omtechnik sind aller Welt bekannt.
Die Atomenergiebehörde wird die friedliche atomare Revolution entscheidend vorantreiben. Sie wird die der Menschheit zu Diensten stehende
Energie auf mannigfache Weise vervielfachen, die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln und den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse
fördern. Der uns vorliegende Statutenentwurf würde unserer Ansicht nach
die Behörde in den Stand setzen, dieses hohe Ziel zu verwirklichen, und

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

und rechtfertigt daher eine großzügige Unterstützung von seiten der
Vereinigten Staaten.
Zusätzlich zu der Forderung, daß die Statuten die Behörde befähigen, die friedliche Verwendung der Atomenergie voranzutreiben,
ist es unerlässlich, daß es eine wirkliche Garantie dafür gibt, daß
die Tätigkeit dieser Behörde die Anwendung der Atomenergie für militärische Zwecke nicht fördert und die Gesundheit oder die Sicherheit
nicht gefährdet. Die Atomenergie ist einzigartig gefährlich, genauso
wie sie einzigartig verheißungsvoll ist. Der Brennstoff für einen
Reaktor kann zum Explosivstoff einer Bombe werden; die Strahlung,
welche heilt, kann genauso gut töten.
Die Vereinigten Staaten haben dem Problem des Schutzes und der
Sicherheit mit allen seinen Auswirkungen große Aufmerksamkeit geschenkt.
Dieses Problem war ebenfalls ein ernstes Anliegen für andere Staaten.
Wir erinnern an den ursprünglich von der Sowjetunion vertretenen Standpunkt, daß die Förderung der friedlichen Entwicklung der Atomenergie
überall auf der Welt die Unsicherheit vergrößern werde, weil dadurch
die Vorräte an jenen. Materialien wachsen würden, aus denen nukleare
Waffen hergestellt werden können. Wir stellen mit Freude fest, daß
die Sowjetunion nunmehr genau wie wir der Ansicht ist, daß die richtige Lösung in der Anwendung angemessener Sicherheitsmaßnahmen und
nicht in der Beschneidung der friedlichen Entwicklung liegt.
Die Bestimmungen, die in dem Statut im Hinblick auf Sicherheitsmaßnahmen enthalten sind, sollen eine friedliche Entwicklung der Atomenergie ohne Gefährdung des Schutzes und der Sicherheit der Welt gestatten. Herr Präsident, ich darf zunächst auf Artikel II verweisen,
in dem die Grundziele der Behörde niedergelegt sind. Er lautet wie
folgt:
'Die Behörde soll sich um einen beschleunigten und vergrößerten
Beitrag der Atomenergie für den Frieden, die Gesundheit und das Wohlergehen der Welt bemühen. Sie soll dafür Sorge tragen - soweit ihr dies
möglich ist -, daß die von ihr oder auf ihr Ersuchen hin oder unter
ihrer Aufsicht und Kontrolle gewährte Unterstützung nicht so angewandt wird, daß dadurch irgendein militärischer Zweck gefördert wird' .
Damit das letztere Ziel erreicht werden kann, sind in Artikel
XII definitive Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen. Die Anwendung dieser
Sicherheitsmaßnahmen würde ein gemeinsames Bemühen unter internationaler Beteiligung sein müssen. Die Statuten würden die Behörde außerdem
in den Stand setzen, diese Sicherheitsvorkehrungen auf bilaterale oder
multilaterale Abmachungen zu erweitern, die sonst nicht in den Bereich
ihrer Überwachung oder Kontrolle fallen würden, falls die Vertragspartner dies wünschen. Die Vereinigten Staaten hoffen, daß die Partner
in bilateralen Abmachungen überall auf der Welt von dieser Bestimmung
Gebrauch machen werden und so zur schließlichen Schaffung eines einheitlichen Systems von Schutzmaßnahmen auf weltweiter Ebene beitragen.
Wenn dies der Fall ist, Herr Präsident, dann können die Vereinigten
Staaten die Behörde zum Grundpfeiler ihrer internationalen Tätigkeit
auf dem Gebiete der Atomenergie machen.
Wenn

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Wenn die Vereinigten Staaten diese Sicherheitsmaßnahmen unterstützen, so sind sie sich völlig im klaren darüber, daß das Ziel begrenzt ist, selbst wenn alle 'außerhalb' der Behörde stehenden bilateralen Abmachungen letztlich unter diese Sicherheitsmaßnahmen fallen
würden. Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewußt, daß ein großer Teil
der militärischen Gefahr des Atoms außerhalb des Bereichs dieser Maßnahmen und damit auch außerhalb der Reichwe"te der Behörde oelbst liegt.
Wir wissen, daß der Statutenentwurf nichts enthält, was die einzelnen
Staaten hindern könnte, ihre nul earen Waff'en aus eigenen Hilfsquellen
aufzubauen. Wir wissen auch, dal der Statutenentwurf in kein, r V/eise
jene Staaten, die heute nukleare Waffen produzieren, an der Fortsetzung
dieser Produktion hindern kann. Aber . ..e Tatsache, daß die Behörde
nicht das ganze und ungeheure internationale Problem der Kontrolle
nuklearer. Waffen lösen kann, halt uns '. cht davor, zurück, alles in
unseren Kräften Stehende zu tun, um Fi c die Schaffung von vollen Sicherheitsvorkehrungen für den eigenen Tätigkeitsbereich der Behörde Sorge
zu tragen.
Ich darf meine Mitdelegierten daran erinnern, daß der Präsident
der Vereinigten Staaten vor kurzem einen Vorschlag unterbreitet hat,
wonach die zukünftige Produktion spaltbaren Materials ticht mehr für
eine Vergrößerung der Vorräte an explosiven Waffen benutzt werden soll.
'Meine letzte Hoffnung', so sagte er, 'ist, daß die gesamte Produktion
an spaltbarem Material überall in der Welt ausschließlich friedlichen
Zwecken zugeführt wird 1 . Die Annahme dieses amerikanischen Vorschlages
würde bedeuten, daß die Sicherheitsmaßnahmen auf die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Großbritannien und andere Länder angewendet werden, die in der Lage sind, Atomwaffen herzustellen. Diese Maßnahmen
müßten sicherlich umfassender und durchgreifender sein als diejenigen,
die im Rahmen dieser Statuten für die Empfängerstaaten vorgesehen sind.
Wir werden uns weiterhin mit allen Kräften um ein Abkommen bemühen,
das den Vorschlag Präsident Eisenhowers in die Y/irki
eit umsetzt.
Was wir in der Zwischenzeit tun, um die Arbeit innerhalb der neuen
Behörde zu sichern, ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege zu diesem
Ziel. Die internationale Atomenergiebehörde kann durch ihre eigenen
Sicherheitsmaßnahmen das gegenseitige Vertrauen fordern, sowie die
technischen und politischen Erfahrungen liefern, die uns a.;f .lern Wege
zu unserem noch ehrgeizigeren Ziel, nämlich einer Welt, in der das
Atom ausschließlich dem Frieden dient, von Nutzen sind.
Herr Präsident, ich bin in der Frage der Sicherhe' ;&gt; ! maßnahmen in
Einzelheiten gegangen, um zu unterstreichen, was die internationale
Atomenergiebehörde tun kann, ja tun muß, um einem zerstöre.:sehen
Mißbrauch Einhalt zu gebieten. Der noch grundlegendere Zwec : der Behörde ist die positive und schöpferische Entwicklung des atomaren Zeitalters für das Gedeihen und das Wohlergehen der Menschheit. Wir wollen
uns keinen Illusionen hingeben: Es muß noch viel getan und viel gelernt werden, bevor das Atom in großem Ausmaß und auf wirtschaftlicher
Grundlage für die Energiegewinnung verwendet werden kann. Es ist die
Pflicht der Behörde, diese Arbeit und dieses Lernen zu beschleunigen.
Gegen

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Gegen Ende dieser Konferenz sollte, sobald dies praktisch durchführbar ist, die in den Statuten vorgesehene vorbereitende Kommission
zusammentreten, um mit den für die Errichtung der Behörde notwendigen
Arbeiten zu beginnen. Eine der ersten Fragen, die die vorbereitende
Kommission erörtern muß, wird der Sitz der Behörde sein. In diesem
Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten Wien befürwortet - eine
Stadt, die ein großes Kulturzentrum ist und nach unserer Ansicht einen
idealen Sitz für die Behörde abgeben würde.
Die allgemeine Konferenz der Behörde sollte einberufen werden,
sobald genug Ratifikationen vorliegen, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Wir treten ferner dafür ein, daß die vorbereitende Kommission
in der Zwischenzeit ein realistisches, vertrauenerweckendes und praktisches Arbeitsprogramm zur Erörterung und Billigung durch die erste
allgemeine Konferenz und das Direktorium der Behörde ausarbeitet.
Auf diese V/eise sollten .vir innerhalb eines Jahres die internationale Atomenergiebehörde in voller Arbeit sehen, bestrebt, einen
entscheidenden Beitrag zu einer friedlichen und stabilen Welt zu leisten.
Herr Präsident, die Statuten, die wir hier erörtern, existieren
lediglich auf Grund der unbeirrbaren Entschlossenheit eines jeden der
zwölf Länder, die an ihrer Formulierung teilhatten. Diese Länder mit
all ihren nachdrücklich vertretenen und verschiedenen Ansichten waren
sich in einer Sache einig, in dem Willen, zu einer Übereinstimmung zu
gelangen.
Wir haben bereits die Verwirklichung eines glühenden, von Präsident
Eisenhower am 8. Dezember 1953 geäußerten Wunsches erlebt - des Wunsches,
daß sein Vorschlag einen 'neuen Weg für eine friedliche Diskussion"
öffnen möge. Dieser Weg ist heute offen. Ich, Herr Präsident, bin der
Überzeugung, daß er offen bleiben wird, weil jede hier vertretene
Delegation, dessen bin ich sicher, denselben Glauben und dieselbe Entschlossenheit, zum Erfolg zu gelangen, hat.
Die im vergangenen Jahr abgehaltene Atomen°rgip-Konferenz in Genf
hat eine neue Atmosphäre für den Austausch wissenschaftlicher und technischer Informationen und Kenntnisse geschaffen - eine Atmosphäre, die
Offenheit und Gemeinsamkeit an die Stelle von Geheimhaltung und Abgeschlossenheit setzte. Die Aufgabe unserer Konferenz - und das ist zugleich eine der großen Aufgaben unserer Zeit schlechthin - ist, ob wir
den gleichen Wechsel in der internationalen politischen Atmosphäre
zustandebringen können, ob wir Einrichtungen ins Leben rufen können,
die es gestatten, daß die eindrucksvollste wissenschaftliche Errungenschaft der Menschheit für ihr Wohlergehen eingesetzt wird.
Die Welt von Morgen wird in hohem Maße davon abhängen, was mit der
Atomenergie geschieht. Und was mit der Atomenergie geschieht, wird wiederum weitgehend von dem Ergebnis dieser Konferenz abhängen. Wir wollen
hoffen, daß wir in einigen Wochen zu unseren Mitmenschen sagen können:
Wir haben hier etwas erreicht, was dazu beiträgt, daß ihr und eure Kinder ein Leben in Frieden führen könnt«"
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

MURPHY VOR DER ERNST-REUTER-GESELLSCHAFT

BERLIN - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rede, die der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium, Robert Murphy, am 4.Oktober 1956 vor der
Ernst-Reuter-Gesellschaft in Berlin gehalten
hat.

Gestern hatte ich die Ehre, an der Grundsteinlegung zur Kongreßhalle im Tiergarten teilzunehmen, und ich erwähnte dort, wie
sehr es mir angebracht erscheint, daß dieses Gebäude dem Gedenken
Benjamin Franklins geweiht sein soll; ist es doch einer der Vertreter jenes großen Zeitabschnittes der Aufklärung, dem wir so viel
an gemeinsamen Wissen und an geistigen Werten verdanken.
Heute sind wir hier versammelt im Gedenken an einen der größten
Bürger Berlins, Bürgermeister Ernst Reuter. Wenn wir uns den Mut
ins Gedächtnis zurückrufen, mit dem Ihre und unsere Vorfahren um
die Schaffung unserer beiden Länder gerungen haben, dann werden wir
auch an Ernst Reuter erinnert, seinen Geist, seine Willenskraft und
seine Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich selbst hatte
die Ehre, ihn in seinem Wirken in jenen harten Jahren aus der Nähe
zu beobachten. Er war nie schwankend und niemals verzweifelt. Er
war uns allen Vorbild. Dieser Mann, der selbst so viel gelitten
hat, der von Tyrannen des Landes verwiesen worden war, und der in
eine Stadt zurückkehrte, die restlos in Trümmern lag, um ihren Wiederaufbau unter den ungünstigsten Umständen, denen sich je ein
großes Volk gegenübersah, in Angriff zu nehmen - dieser Mann symbolisiert den unbezwingbaren Geist der Bevölkerung dieser großen
Stadt und ihren Glauben an die Freiheit.
Zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Volk bestehen
zahlreiche gemeinsame Bande. Der Glaube der Amerikaner an die Zukunft eines freien, unabhängigen und geeinten Deutschlands ist angesichts von Männern wie Ernst Reuter nur um so stärker.
In meiner gestrigen Rede anläßlich der Grundsteinlegung der
Kongreßhalle bin ich auf jene dunklen Tage in der Berliner Geschichte
- T -

�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Geschichte eingegangen, als vor 150 Jahren die Gegenwarts- und
Zukunftsaussichten so düster waren und die Menschen in Verzweiflung und Mutlosigkeit lebten.
Vor 150 Jahren war Berlin von fremden Truppen besetzt und
Deutschland aufgespalten und schwach. Die Geschichte aber, das
vergrö&amp;rte Spiegelbild des menschlichen Lebens, ist wie dieses
selbst oft von überraschenden Entwicklungen gekennzeichnet und
nicht voraussagbar. Welch größere Überraschung hat sie gebracht,
als das Wiedererwachen der Lebenskraft, wie sie das Berlin des
19«Jahrhunderts erlebte? Die Hauptstadt eines kleinen Staates,
dessen Territorium andere untereinander aufgeteilt hatten, sollte
100 Jahre später Hauptstadt eines großen Landes sein, eine der drei
oder vier größten Städte der Erde, Mittelpunkt des geistigen Lebens und einer gewaltigen Wirtschaft.
Wenn wir die Jahre zwischen 1806 und 1871 näher betrachten,
dann bekommen wir eine Vorstellung von dem Glauben, dem Willen und
der Beharrlichkeit, die auch bei dem langsamen Prozeß der Errichtung eines geeinten Landes am Werke waren.
Für uns liegt die Lehre jener Jahre in dem Erfolg, in der
Tatsache nämlich, daß ein geeinter deutscher Staat schließlich
Wirklichkeit wurde. Es war dies ein Erfolg, der die Bemühungen
eines Volkes krönte, das entschlossen war, frei zu sein und seine
Einigung zu vollziehen. Wir können aber auch noch eine andere
Lehre aus jenem halben Jahrhundert der Hoffnungen und Anstrengungen
ziehen, eine Lehre, der wir stets eingedenk bleiben sollten, da sie
von größter Bedeutung ist« Man kann Menschen weder die Freiheit noch
die nationale Einheit vorenthalten, wenn geistige Stärke und Entschlossenheit gleichzeitig gegeben sind.
Wir Amerikaner teilen diese Erkenntnis mit Ihnen. Wir machten
von 1763 bis 1788 ebenfalls 25 Jahre des Kampfes um unsere Eigenstaatlichkeit durch. Dies waren Jahre häufiger Enttäuschungen, und
selbst während des Unabhängigkeitskrieges machten wir Zeiten bitterster Verzweiflung durch. Mehir als einmal war es nur noch der Glaube
unserer Vorfahren und ihr fester Wille, einen geeinten freien Staat
zu gründen, der sie in ihren Bemühungen fortfahren ließ.
Deutschland weiß ebenso wie die Vereinigten Staaten, was solche
Jahre der Entmutigung bedeuten können - beide Länder haben solche
Zeiten durchgemacht und wissen, daß Glauben und Willenskraft letzten
Endes unüberwindbar sind. Heute haben Sie und wir diesen Glauben und
Willen gemein. Wir wissen, daß der geeinte Wille freier Menschen
sich durchsetzen und der Tag kommen wird, an dem ein vereinigtes,
unabhängiges und freies Deutschland seinen ihm gebührenden Platz
in der Familie der Völker wieder einnehmen wird, wenn auch noch so
große Opfer und noch so aufreibende Anstrengungen hierzu erforderlich sein mögen.
In den seit Ende des Krieges vergangenen elf Jahren sahen wir
uns in der freien Welt einer Bedrohung unserer Existenz gegenüber.
In Reaktion auf diese Bedrohung kam es zur Evolution einer neuen
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�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

neuen Politik unter den freien Völkern, die unsere Kinder und Kindeskinder vielleicht einmal als eine der bedeutsamsten historischen
Entwicklungen überhaupt ansehen werden.
Diese Periode zeichnete sich dadurch aus, daß die freien
Nationen der Welt sich in zunehmendem Maße der Gemeinsamkeit
ihrer Interessen bewußt wurden. Wir Völker der freien Welt haben
eine Bedrohung unserer nackten Existenz erlebt, die Gefahr, unsere
Unabhängigkeit und Freiheit zu verlieren, wenn wir nicht schleunigst unsere Hilfsquellen und Kräfte in einer gemeinsamen Anstrengung zusammenschließen.
In diesen elf Jahren hat eine Macht, die eine Mischung aus
altem russischen Expansionismus und aggressiven Kommunismus darstellt, die einst unabhängigen Länder Osteuropas durch Einschüchterung, Drohungen und Gewalt auf den Stand unseliger Satelliten
herabgedrückt. Diese Macht hat die Massenaufstände in Griechenland
geleitet. Sie hält Ostdeutschland in Fesseln; sie hat versucht,
sich ganz Berlin zu unterwerfen; asiatische Länder hatten unter
gegenseitigen, vom Kommunismus entfachten Aggressionen zu leiden;
Norwegen, Dänemark, die Türkei und vor allem die Bundesrepublik
Deutschland mußten sowohl Schmeicheleien als auch Drohungen über
sich ergehen lassen, als sie sich der Nordatlantikpaktorganisation
anschlössen; und in Korea tobte der Krieg.
Diese ununterbrochene Serie der verschiedenartigsten Manöver
im Laufe der Nachkriegsjähre hat es den meisten Völkern der freien
Welt auf unbarmherzige Weise klar gemacht, daß sie ständig der Gefahr einer Unterwerfung durch den sowjetischen Kommunismus ausgesetzt waren. Sie haben erkannt, daß sie ihre eigene Sicherheit nur
erhalten können, wenn ein System der gemeinsamen Sicherheit geschaffen wird.
Wir Amerikaner sind uns klar darüber, daß uns auf Grund unserer
Stellung und unserer Stärke ein besonderes Maß an Verantwortung beim
Aufbau dieses Sicherheitssystems in Gemeinschaft mit unseren Freunden
auferlegt ist.
Unsere Verbündeten und die Vereinigten Staaten haben die Nordatlantikpaktorganisation, die Südostasienpaktorganisation, den
ANZUS-Pakt mit Australien und Neuseeland sowie den Riopakt mit
unseren Nachbarn der westlichen Hemisphäre geschaffen. Insgesamt
haben die Vereinigten Staaten mit etwa 42 Nationen Verträge über
die gemeinsame Sicherheit, geschlossen.
Diese, auf dem Grundsatz der kollektiven Sicherheit basierende
Politik der freien Völker hat sich als erfolgreich erwiesen.. Sie
sieht die Schaffung eines geeinten Europas vor. Dem Expansionsstreben
der Sowjetunion wurde Halt geboten• Es wurden allgemein günstigere
Bedingungen geschaffen, die schließlich zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO und zur Wiederherstellung der Souveränität
Japans führten; diese beiden letztgenannten Erfolge ließen sich nur
gegen den eisernen Widerstand der Sowjetunion erringen.
Noch

�"AMERIKA MENST"

3. Oktober 1956

Noch ist die Bedrohung unserer Lebensform nicht vollständig
beseitigt. Doch lassen wir uns durch diese Bedrohung weder im Denken
noch im Handeln beeinträchtigen und lähmen. Präsident Eisenhower sagte
einmal, die Politik unseres Landes müsse "nicht nur auf einen Augenblick, sondern auf eine ganze Epoche der Bedrohung" abgestimmt sein}
und das trifft für die gesamte freie Welt zu.
Uns verbinden die gleichen Interessen und der Glaube an die
gleichen Werte. Wir glauben an ethische Werte und lassen uns nicht
durch einen primitiven Materialismus beeindrucken. Der Begriff des
Präventivkrieges ist für die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten nicht annehmbar. Solange die Kommunisten uns den Krieg nicht aufzwingen, müssen wir uns zur Erhaltung unserer Sicherheit auf unsere
gemeinsame strategische Planung verlassen.
Wir stehen vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe, die je eine
Gruppe verbündeter Nationen zu lösen unternommen hat. Wir müssen unsere
Einigkeit, erhalten und gleichzeitig einen Gegner von Grund aus umstimmen, um ihn im Laufe der Zeit dazu zu bringen, seine expansionistische Politik aufzugeben und vernünftig und verantwortungsbewußt
in weltpolitischen Fragen mitzuarbeiten, und wir sind entschlossen,
dieses Ziel zu erreichen, ohne zum Mittel des Krieges zu greifen.
Die freien Nationen können es nicht dulden, daß wir ewig in der
Vorstellung einer geteilten und ständig gefährdeten Welt leben, in
der der Friede lediglich auf der durch den Gleichstand der atomaren
Rüstung bedingten Furcht beruht. Wir Angehörigen der atlantischen
Gemeinschaft sind ganz besonders verpflichtet, alle unsere materiellen
Reserven und unsere geistigen Kräfte in dem unermüdlichen Bestreben zu
sammeln, eine Silfcuation zu schaffen, die ein Nebeneinander verschiedener Wirtschaftssysteme und Ideologien ermöglicht, ohne daß grundlegende Prinzipien oder Werte geopfert werden müssen, eine Situation,
in der der Friede gewährleistet wird durch feststehende und notfalls
erzwingbare Garantien gegen einseitige und aggressive militärische
Handlungen seitens irgendeines Staates oder einer Staatengruppe.
Es ist richtig, daß wir heute stärker sind als je zuvor. Bisher
hat es auf der Welt noch kein Bündnis so vieler verschiedener Länder
mit so unterschiedlichen Kulturen gegeben. Doch steht uns ein gewaltiger feindlicher Länderblock gegenüber, der auf die Weltherrschaft
erpicht, ist. In unserer heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Verflechtungen auf lebenswichtigen Gebieten bilden Raum und Zeit keine
absolut sicheren Bollwerke mehr.
Wir leben heute in einer Zeit, die weise Führung und feste Nerven,
Zielsicherheit und Sparsamkeit, unbeirrbare Entschlossenheit und Wendigkeit in der Wahl des einzuschlagenden Weges erfordert.
Wir Amerikaner wollen unsere eigene Stärke bewahren. Wir bilden
den Kern der Bündnisse innerhalb der freien Welt, und Festigkeit und
Stärke des Kerns lassen sich durch nichts ersetzen.
Das System der kollektiven Sicherheit, das in den Nachkriegsjahren aufgebaut wurde, wird beibehalten werden und eine weitere
Stärkung erfahren.
Wir

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3. Oktober 1956

Wir müssen darauf bedacht sein, daß sich der Bereich der Freiheit
noch mehr erweitert und daß die Nationen, die jetzt unbeteiligt beiseite stehen, sich ihrer Zugehörigkeit zur freien Welt bewußt werden.
Außenminister Dulles hat erklärt» "Es genügt nicht, zu beweisen,
daß Despotismus etwas Schlechtes ist, vielmehr ist es ebenso notwendig, immer und immer wieder zu beweisen, daß die Freiheit, etwas Gutes
ist.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen verschrieben haben. Wenn wir auch weiterhin die Freiheit als eine dynamische,
dem Geist des Liberalismus dienende Kraft aufzeigen können, dann brauchen wir die Resultate des friedlichen Wettbewerbs, den die sowjetischen
Machthaber nach ihrer eigenen Aussage anbieten, nicht zu fürchten. Ja,
wir können sogar hoffen, daß die Kräfte, die jetzt innerhalb der Sowjetunion und in den Satellitenstaaten am Werke sind, die Herrschenden veranlassen, in zunehmendem Maße sich den Grundsätzen der Freiheit zu unterwerfen."
Seit dem Tode Stalins, und besonders seit dem Frühjahr 1955» zeigt
der kommunistische Block eine merkliche Veränderung in seinem außenpolitischen Verhalten. Er., legt seitdem auf Druck und Gewalt weniger Wert
und hat militärische Operationen und politische Wühlarbeit in Korea,
Indochina, in den Malaienstaaten und auf den Philippinen eingestellt.
Er hat sich um eine Normalisierung seiner Beziehungen besonders zu
seinen Nachbarn bemüht und hat die militärische Besetzung Österreichs
beendet. Er hat in zunehmendem Maße Anlehnung an die traditionellen
diplomatischen Beziehungen gesucht. Staatsbesuche wurden empfangen und
Gegenvisiten arrangiert, Wirtschaftskredite wurden erweitert, Waffenverkäufe wurden offen getätigt und nicht mehr insgeheim vorgenommen,
und das kulturelle Austauschprogramm wurde mehr als verdoppelt.
Im besonderen haben die Kommunisten der Pflege der Beziehungen
von Regierung zu Regierung neue Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt kaum
ein Land, dem gegenüber nicht irgendeine liebenswürdige sowjetische
Geste gemacht wurde. Kurzum, sie haben versucht, ein völlig neues Bild
von der UdSSR in den Augen der Weltöffentlichkeit zu schaffen, das Bild
eines achtbaren, friedliebenden, aufgeschlossenen, wohlmeinenden Landes,
das stark ist, das aber niemand fürchten braucht.
Diese Wandlung im Verhalten der Sowjets mag schon zu Lebzeiten
Stalins erwogen worden sein, sein Tod beschleunigte sie jedenfalls.
Nach dem Tod Stalins konnten die sowjetischen Machthaber daran gehen,
die Weltlage nach völlig neuen Gesichtspunkten zu beurteilen. Bei dieser Beurteilung scheinen säe zu folgenden vier Schlüssen gekommen zu
sein t
. 1) Ein Krieg mit Kernwaffen, speziell in einer Zeit, in der die
sowjetischen Kräfte denen des Westens unterlegen sind, dürfe unter
keinen Umständen stattfinden.
2) Di« von Stalin allgemein verfolgte Taktik habe einen Punkt
erreicht, an dem sie immer weniger einbringe und wo ihre weitere Anwendung möglicherweise ein unnötiges Risiko bedeute.
3) Die enormen Kosten einer Rüstung mit modernen Waffen, einschließlich der Luftverteidigung, verstärkten noch die binnenwirtschaftlichen
Probleme und verzögerten die innere Entwicklung.
.\

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3. Oktober 1956

4) Trotz der politischen Probleme, die isä.«&amp; Stalins fEod bei der Regelung
der nachfolge gntstohenraroßtÄfc, , und trotz der mit einer raschen Industri%lisierung verbundenen wirtschaftlichen Probleme sah die Sowjetunion keinen zwingenden Grund, eine endgültige Regelung mit der freien
Welt zu suchen.
Hinsichtlich der von der sowjetischen Politik einzuschlagenden Richtung bedeuteten diese Schlußfolgerungen offenbar die Vermeidung von Extremen. Auf der einen Seite war es gefährlich, einen Kurs zu wählen, der
möglicherweise zu einem Weltkrieg hätte führen können. Auf der anderen
Seite war es angesichts der sowjetischen Stärke, einschließlich der erfolgreichen thermonuklearen Versuche, unnötig, sich damit zu befassen,
nach echten Lösungen in den Streitfragen mit der freien Welt zu suchen.
Daher blieb als einzige Alternative die "friedliche Koexistenz". Diese
Konzeption ist jedoch keineswegs passiver Natur. Die letzten achtzehn
Monate - eine der dynamischsten Phasen in der Geschichte der Sowjetdiplomatie - zeugen davon, daß die sowjetischen Machthaber die "Koexistenz"
als eine aktivistische Politik mit neuen günstigen Gelegenheiten zur Förderung der internationalen Ziele der Sowjets betrachten.
Gerade das Neuartige an einigen der jüngsten sowjetischen Aktionen
hat Aufmerksamkeit und in gewissen Teilen des Auslandes. Hoffnungen erweckt, daß die Sowjetunion sich im Stadium der Umorientierung zu einem
neuen Kurs befinde. Gewiß können die Veränderungen, die sich vollzogen
haben, nicht einfach von der Hand gewiesen werden. Sie verlangen eine
sorgfältige Beurteilung und ständige Beobachtung.
Ferner ist es von größter Bedeutung, diejenigen Elemente in der
UdSSR aufmerksam zu beobachten, die sich bisher nicht verändert haben.
Zunächst einmal ist die Sowjetunion nach wie vor eine Diktatur.
Die Macht Stalins ist auf ein Kollektiv übergegangen, in dem Chruschtschow einen unverhältnismäßig hohen Anteil hat; jedoch die Ersetzung
eines einzelnen Machthabers durch einen Exekutivausschuß ändert nichts
an dem diktatorischen Charakter des Systems. Die Verurteilung des sogenannten Persönlichkeitskulta muß erst einmal durch die Einführung von
Schranken und Gegengewichten gegen das Erscheinen eines anderen Despoten
ergänzt werden. Die Entscheidungsgewalt - die Befugnis, die gewaltigen
Hilfsquellen der Sowjetunion in jeder gewünschten Richtung einzusetzen ist nach wie vor das ausschließliche und absolute Recht einiger weniger,
die weder durch Gesetz noch durch demokratische Institutionen oder moralische Überlegungen in Schranken gehalten werden.
Zweitens bleibt die Sowjetunion nach wie vor mit einer uns feindlichen
Ideologie verbunden. Gewiß haben die sowjetischen Machthaber das Thema von
der "friedlichen Koexistenz" neu aufgegriffen, doch haben sie sich nicht
gescheut, seine wahre Bedeutung zu verbergen. "Die Tatsache, daß wir eine
Politik der friedlichen Koexistenz unterstützen ...", erklärte Chruschtschow
vor dem 20.Kongreß der KPdSU, "bedeutet nicht, daß wir in unserem Kampfe
gegen die bürgerliche Ideologie nachlassen werden ..." In Indien drückte
er sich offen und fantasievoll aus: "Den Herren, die damit rechnen, daß
die Sowjetunion ihr politisches Programm ändern wird!, erklären wir: 'Da
werden Sie warten bis die Schweine fliegen können'."
Drittens

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Drittens hält die Sowjetunion nach wie vor einen gewaltigen
militärischen Apparat aufrecht» Es erübrigt sich, im einzelnen auf
die ständige Entwicklung des sowjetischen militärischen Potentials
auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft einzugehen. Die sowjetischen
Streitkräfte sind nicht mehr länger ausschließlich zum Einsatz für
Massenschlachten auf dem eurasischen Kontinent bestimmt. Besondere
Betonung wurde auf die Entwicklung nuklearer Waffen gelegt. Es ist
uns bekannt, daß das sowjetische Programm für ferngelenkte Beschösse
weit fortgeschritten ist. Moskaus so laut in die Welt posaunte Reduzierung seiner Streitkräfte findet keine Parallele in einer Beschränkung der Entwicklung und Produktion modernster Waffen.
Viertens forciert die Sowjetunion nach wie vor die Entwicklung
der Schwerindustrie. Wirtschaftliche Macht und nicht das Wohl der
Menschen ist noch immer das oberste Ziel. Das nachstalinische Regime
hat sich um eine Verbesserung der Bedingungen in den bisher vernachlässigten Wirtschaftssektoren - besonders in der Landwirtschaft bemüht; das Hauptgewicht der industriellen Entwicklung liegt aber nach
wie vor auf der Schwerindustrie.
Abschließend können wir feststellen, daß trotz der verschiedenen
inzwischen in der Sowjetunion erfolgten Veränderungen, die wichtigsten
Elemente, die die UdSSR zu einer Bedrohung unserer Sicherheit machen,
nach wie vor unverändert geblieben sind.
Um dieser neuen Situation zu begegnen, müssen wir, wie Präsident
Eisenhower es ausdrückt, dynamische und elastische Mittel anwenden,
um nicht nur die sowjetische Taktik zu bekämpfen, sondern auch um unsere eigenen Ziele zu fördern.
Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wird bestimmt von unveränderlichen und grundsätzlichen Prinzipien, über die sich alle Amerikaner, welcher politischen Partei sie auch angehören mögen, einig sind.
Sie in Berlin kennen alle diese grundsätzlichen Prinzipien. Es sind:
Die Aufrechterhaltung der Stärke und Einigkeit der freien Welt und die
Entwicklung der Institutionen, die ein Ausdruck dieser Stärke und Einigkeit sind, sowie die Fortführung unserer Opposition gegen eine durch
Willkür- und Despotismus bestimmte Herrschaft bis au einem Punkt - und
wir sind überzeugt, daß dieser Punkt erreicht wird -, wo die sowjetischen
Machthaber schließlich einsehen, daß ihre Beurteilung der Weltsituation
und besonders ihrer eigenen Deutschlandpolitik falsch ist und einer
Änderung bedarf.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß eine Stärkung der
atlantischen Gemeinschaft von größter Bedeutung ist. Dies läßt sich
zum Teil durch die Entwicklung der Methoden für eine engere europäische
Zusammenarbeit und zum Teil durch eine Stärkung der Nordatlantikpaktorganisation erreichen.
In der Zusammenarbeit der europäischen Länder sind seit dem Kriege
Fortschritte, erzielt worden. Die machtpolitische Entwicklung des feindlichen Sowjetblocks seit 1945 hat die westlichen Nationen, die sich durch
ihre Geschichte und ein gemeinsames Erbe verbunden fühlen, in dem Bewußtsein bestärkt, daß sie durch gemeinsame Interessen und Bedürfnisse zusammengehören und ein gemeinsames Schicksal haben.
Dieses

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AMERIKA DIENST

Dieses Gefühl der Geraeinschaft hat sich im zweiten Weltkrieg
und in den darauf folgenden Jahren noch vertieft. Unabhängig von der
sowjetischen Bedrohung sind die Völker Europas nach \945 zu der Erkenntnis gelangt,, daß ihr künftiger Wohlstand und sogar ihre Existenz
nur durch gemeinsames politisches und wirtschaftliches Handeln und nicht
durch eine ausschließlich nationale Politik und nationale Maßnahmen gesichert werden können. Aus dieser Notwendigkeit heraus sind die verschiedensten Organisationen auf der Basis der internationalen Zusammenarbeit
entwickelt, worden, die die europäischen Nationen miteinander verbinden
und die auf die Lösung gemeinsamer1 Probleme gerichtet sind. Verschiedene
dieser Organisationen, wie der Europarat, der Europäische Wirtschaftsrat
und die Montanunion haben auf dem Wege zur Integration Europas, bedeutsame Fortschritte erzielt. Und kürzlich erst haben wir zwei bedeutende
Schritte auf dem Wege zur Integration Europas erlebt, nämlich die ernsthaften Erörterungen über die Schaffung von Euratom und einen "gemeinsamen
Markt."
Im Februar 1955 sagte Präsident Eisenhower: "Ich kann die Bedeutung, einer stärkeren wirtschaftlichen, industriellen und sozialen
Verbindung und schließlich sogar einer stärkeren politischen Verbindung zwischen den Nationen eines freien Europa gar nicht stark genug
unterstreichen."
Ein anderer Faktor von grundlegender Bedeutung für die Festigung
der atlantischen Gemeinschaft ist die ständige Weiterentwicklung der
Schlagkraft der Nordatlantikpaktorganisation. Dies wird stets eines
der wichtigsten und vordringlichsten Elemente in unserer Planung bleiben.
Die politischen Funktionen der NATO sollten dementsprechend! erweitert
werden. Solange die sowjetische Politik in ihren Grundzügen die gleiche
bleibt, wie heute, muß die militärische Kraft der NATO erhalten und
weiter ausgebaut werden. Wir Amerikaner sind entschlossen, alles zu tun,
um dieses; Ziel zu erreichen. Wir haben bereits außerordentlich viel zum
Erfolg unserer gemeinsamen Verteidigungabemühungen beigetragen und werden
das auch in Zukunft tun.
Ich möchte die Bedeutung der NATO als eines gemeinsamen Unternehmens
zu unserer Verteidigung hervorheben, eines Unternehmens, zu dem jedes
Mitglied der NATO entsprechend seinen Kräften und seiner geographischen
Lage beitragen muß. Mit Hilfe dieser Beiträge der einzelnen Länder
soll eine wohlausgewogene und wendige Verteidigungsmacht aufgebaut werden, die für den Einsatz in allen militärischen Lagen geeignet ist. Das
gilt ebenso für die militärische Planung der Vereinigten Staaten wie
für die NATO selbst. In Anbetracht der so verschiedenartigen geschichtlichen Entwicklung und der unterschiedlichen Institutionen in den Vereinigten Staaten und den anderen Mitgliedstaaten der NATO, war diese
Organisation ein außerordentlich brauchbares Instrument, das uns gute
Dienste dabei leistete, anderen Mitgliedern im Rahmen der gmeinsamen
Verteidigungsbestrebungen zu helfen. Ich kann mir nur schwer vorstellen,
wie wir ohne sie eine ebenso wertvolle Hilfe hätten leisten können. Wie
Sie wissen, ist der wichtigste Grundsatz der NATO die Einigkeit, die aus
dem gegenseitigen Verständnis, und der freiwilligen Zusammenarbeit ihrer
Mitglieder erwächst; in allen unseren gemeinsamen Unternehmungen waren wir
stets erfolgreich; wenn aber Angehörige der NATO gegen diesen Geist der
Zusammenarbeit verstoßen haben, so hatte die gesamte Organisation; darunter
zu leiden*
x .
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"AMERIKA DIENST

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es eines der wichtigsten
Ziele der Vereinigten Staaten ist, ihren Widerstand ge^en eine von
Willkür und Despotismus bestimmte Herrschaft fortzusetzen.
Bezüglich derjenigen Nationen, die einst freie Mitglieder der
europäischen Völkerfamilie waren und die ihre Freiheit einbüßten:,
haben wir wiederholt klar- und deutlich ausgesprochen, daß wir uns
niemals mit ihrer Versklavung einverstanden erklären und keine Verträge schließen werden, die den Status quo bestätigen oder sanktionieren. Außenminister Dulles erklärte hierzu im vergangenen Jahr:
"Wir werden niemals, den Versuch unternehmen, dieses Unrecht durch
Anwendung von Gewalt wiedergutzumachen. Wir können und wollen aber das
Wissen um dieses Unrecht im Bewußtsein der Menschheit wach erhalten und somit
die Macht der Weltmeinung zur Geltung bringen, die durch ständiges Bemühen
zum Ziele führen wird. Denn keine Nation, wie mächtig sie auch immer sei,
möchte sich in ständig steigendem Maße einer Verurteilung durch die Welt
ausgesetzt sehen.
Die Welt muß wissen, daß die amerikanische Nation an diesem Kreuzweg der Geschichte nach wie vor an ihren Idealen festhält, nämlich andere an den Erkenntnissen sowie geistigen und materiellen Früchten unserer freien Gesellschaft teilnehmen zu lassen, den Geknechteten zu
helfen, wieder frei zu werden, und den Freien, ihre Freiheit zu wahren."
Sie werden sich vielleicht daran erinnern, wie Winston Churchill
in einem denkwürdigen Wort eine bestimmte Phase des zweiten Weltkrieges
umriß, als er erklärte: "Wir stehen nicht am Ende und auch nicht am
Anfang vom Ende, sondern am Ende vom Anfang." Je mehr wir von dem
heute in der Sowjetunion und in ihrem Satellitenblock vor sich gehenden Gärungsprozeß hören, um so mehr hat es - wenigstens für mich - den
Anschein, daß wir an einem ähnlichen Kreuzweg in den Beziehungen zwischen
der freien Welt und dem Sowjetblock stehen.
Vieles läßt darauf schließen, daß die Sowjetführer zum mindesten
für eine gewisse Zeit auf Gewaltmittel in außenpolitischen Angelegenheiten weniger Wert legen und im eigenen Lande, eine gewisse. Toleranz zulassen. Vielleicht hatte auch unsere eigene Politik Einfluß auf diesen
bedeutungsvollen Fortschritt. Es ist noch zu früh, etwas darüber auszusagen, ob die bis heute gefaßten Entscheidungen der Sowjets den Charakter
des Unabänderlichen tragen; die Elemente, bei denen die Staatsgewalt im
sowjetischen System ruht, sind auch heute noch größtenteils unkontrolliert
durch gesetzliche Sicherungen oder die Macht einer echten öffentlichen
Meinung;. Aber wir haben es jetzt zum ersten Mal mit einer sowjetischen
Gesellschaft zu tun, die den Kinderschuhen entwachsen ist, und die Sowjetführer müssen sich endlich mit den dem Kommunismus eigenen Widersprüchen
auseinandersetzen;
- wie soll man eine neue Klasse von Wissenschaftlern, Managern und
Beamten heranziehen, die frei genug für eine fortschrittliche Weiterentwicklung, aber auch Sklave genug sind, um das abgegriffene Dogma eines
aus dem 19»Jahrhundert stammenden Rezepts für eine despotische Staatsform
zu akzeptieren?
- wie lassen sich die gegensätzlichen Forderungen vereinbaren, einerseits Machtpolitik zu betreiben und zum andern weniger mit Zwang und Druck

_9 .

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AMERIKA DIENST

Druck zu arbeiten, den Verbrauch auch weiterhin beschränkt zu halten
und die Hilfsquellen in zunehmendem Maße für die Schwerindustrie und
die militärische Technik zu nutzen?
- wie soll man verläßliche kommunistische Bewegungen in den
Entwicklungs-Ländern aufrechterhalten und gleichzeitig so tun, als
wünsche man diese Staaten darin zu unterstützen, ihre Unabhängigkeit
zu stärken und ihren gemäßigten, nichtkommunistischen Regierungen zum
Erfolg zu verhelfen?
Diese und andere ihrem System innewohnenden Widersprüche, zu,,
denen wir auch die Tatsache rechnen' müssen, daß es keine geregelte
Nachfolge in der Führung kennt - und dies wird sich vielleicht noch
einmal als ein verhängnisvoller Fehler erweisen -, lassen den Sowjets
nicht viel Spielraum bei ihren Entscheidungen und binden ihnen die Hände.
Wir unsererseits haben eine wichtige Bedingung zu erfüllen. Wir dürfen
den Sowjetführern keine Siege überlassen. Die freie Welt muß mit Geschick
und Entschiedenheit verhindern, daß die Sowjets mittels Gewalt oder List
weitere Eroberungen machen. Nur auf diese Weise wird man sie allmählich
dahin bringen können, sich verantwortungsbewußt an der Lösung internationaler Fragen zu beteiligen. Wir müssen sie durch eine feste und
kraftvolle Haltung zu der Erkenntnis zwingen, daß sie sich ihrer Gewaltmethoden nicht ungestraft bedienen können. Und durch unsere politische
Haltung müssen wir ihnen zeigen, daß sie sich in die Welt des 20.Jahrhunderts einpassen und den Forderungen nach Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle Völker gerecht werden müssen. Diese politischmilitärische Haltung zu wahren, ist unser aller Aufgabe.
Wir Amerikaner glauben, daß diese Ziele durchaus realistisch und
erreichbar sind. Wir glauben,'daß diese Aufgabe zu erfüllen ist.
Wenn sie erfüllt wird und die Deutschen in Ost- und Westdeutschland,
ihrem Entschluß, ein freies und geeintes Volk zu sein, treu bleiben,
dann, so glauben wir fest, können wir eine allmähliche Wandlung der
sowjetischen Führer in ihrer Gesamteinstellung und eine Revision
ihres Standpunktes in der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands
in Freiheit herbeiführen.

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ERLÄUTERT AMERIKANISCHE POLITIK HINSICHTLICH
DER ATOMWAFFENVERSUCHE
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung über
die amerikanische Politik hinsichtlich der
Atomwaffenversuche, die Präsident Eisenhower
am 5.Oktober 1956 abgegeben hat.

"Die Politik der amerikanischen Regierung hinsichtlich der
Erprobung großer nuklearer Waffen ist in dem gegenwärtigen politischen Wahlkampf zu einem Streitpunkt gemacht worden.
Ich bedaure dies. Die Art und Weise, in der diese Frage aufgeworfen wurde, kann nur zu Verwirrung in den USA und zu Mißverständnissen im Ausland führen. Es gibt nichts Schwierigeres als
die Erörterung dieser Frage vor dem Auditorium der gesamten Welt,
das naturgemäß auch die einschließen muß, die uns feindlich gegenüberstehen. Es gibt kein TJhema, für das die amerikanische Bevölkerung ein einheitlicheres Verständnis haben sollte - ein Verständnis, das frei von Verwirrung oder parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten ist.
Ich spreche als Präsident, der im Rahmen der Verfassung mit
der Verantwortung für die Verteidigung und Sicherheit unserer
Nation betraut ist.
Ich muß daher die folgenden entscheidenden Punkte unserer
nationalen Politik unterstreichen*
Erstens: Die Erprobung von Atomwaffen ist bis heute ein unerläßlicher Teil unseres Verteidigungsprogramms gewesen und wird
es auch weiterhin sein. Die Entwicklung dieser Waffen war ein
wesentliches, wenn nicht gar ein entscheidendes Mittel der Abschreckung für die kommunistische Aggression in den vergangenen
Jahren. Und wie wichtig es ist, daß wir auf diesem besonderen
Gebiet stark sind, wird durch die zahlenmäßige Überlegenheit der
kommunistischen Welt nachdrücklich unterstrichen.
Zweitens« Gleichzeitig hat die amerikanische Regierung als
Teil eines allgemeinen Abrüstungsprogramms immer wieder ihre Bereitschaft, ja ihren entschlossenen Willen bestätigt und bekräftigt,
sowohl die Erprobung als auch die Anwendung nuklearer Waffen im
Rahmen eines spezifischen und überwachten internationalen Abrüstungsabkommens zu beschränken und zu kontrollieren. Diese Tatsache ist
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ist allen Regierungen der Welt bekannt. Sie kann auch kaum den informierten amerikanischen Bürgern unbekannt sein.
Drittens* Was das Waffenentwicklungsprogramm der USA anbetrifft,
so sind besondere Regierungsbeamte - vor allem die Mitglieder der
Atomenergiekommission und des gemeinsamen Stabes der US~-Streitkräf te
sowie der Präsident - dafür verantwortlich, zu allen Zeiten genau abzuwägen, welcher Nachdruck und Schwerpunkt auf die verschiedenen Waffentypen und -großen, auf ihre Erprobung und Entwicklung gelegt werden
soll. Ein solcher Schwerpunkt muß zwangsläufig immer wieder von neuem
festgelegt und überprüft werden. Diese spezifische Angelegenheit kann
natürlich - aus verständlichen Sicherheitsgründen - nicht Gegenstand
einer ins einzelne gehenden öffentlichen Diskussion sein.
Auf Grund dieser unserer Politik muß ich auf bestimmte Vorschläge
eingehen, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten unterbreitet wurden.
Ich muß in diesem Zusammenhang auf folgende Fakten hinweisen»
Erstens: Es wurden mehr als ein Vorschlag unterbreitet. Diese Vorschläge unterschieden sich voneinander. Diese Unterschiede haben Verwirrung hervorgerufen.
Am 21 .April wurde vorgeschlagen, daß 'wir der Einstellung der
Wasserstoffbombenversuche sofortige und ernsthafteste Aufmerksamkeit
schenken sollten'. Dies wäre eine so einseitige amerikanische Maßnahme
gewesen, daß hinzugefügt wurde, 'wir könnten unsere Politik ja überprüfen', wenn andere Länder diesem Beispiel nicht folgten. .
Am 5«September bezog man sich auf meinen 'Vorschlag vom vergangenen Frühjahr, die weitere Erprobung großer nuklearer Waffen einzustellen
unter der Bedingung, daß auch die anderen Atommächte eine ähnliche
Politik einschlagen'.
Am 20.September wurde in einer neuen Formel gefordert, daß die
USA 'Bei dem Vorhaben, die Begrenzung der Wasserstoffbombenversuche
aller Nationen zu fördern, die Führung übernehmen sollten'.
Zweitens« Die Unklugheit einer solchen, ohne wirkliche internationale Sicherheitsmaßnahmen durchgeführten Aktion wurde sofort von
dem demokratischen Vorsitzenden des gemeinsamen Atomenergieausschusses
des Kongresses, Senator Clinton Anderson, unterstrichen. Er sagte:
'Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Rußland seine Versuche einstellen
würde. Unter diesen Umständen glaube ich nicht, daß wir unsere Versuche abbrechen können.'
Die Stellungnahme eines so .verantwortlichen Demokraten macht
klar, daß es sich hierbei nicht - wie es auch nicht der Fall sein
sollte - um eine parteipolitische Frage, sondern um einen Punkt
handelt, der von einer Einzelperson aufgeworfen wurde.
Drittens: Die Vorschläge berücksichtigen in keiner Weise, was
das Ergebnis der Einstellung unserer Versuche sein würde. Die Versuche
mit großen Waffen, von welcher Nation sie auch immer vorgenommen werden,
können zwar, sobald sie erfolgen, registriert werden. Einem jeden dieser
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�AMERIKA LIEFST"

10. Oktober 1956

dieser Versuche gehen jedoch zahlreiche Monate der Forschung und der
Vorbereitung voraus. Dies bedeutet, daß umfassende Versuche von anderen
Nationen ohne unser Wissen vorbereitet werden könnten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir davon erführen, könnte unsere gegenwärtige eindrucksvolle
Führung auf dem Gebiet der Kernwaffen reduziert oder gar überholt sein.
Auf diese Weise würde unsere Fähigkeit, über den Frieden zu wachen, gemindert werden.
Viertens: Die gemachten Vorschläge ignorieren einige wesentliche
Gründe für die Versuche.
a) Unsere jüngsten Versuche waren dergestalt, daß sie zu dem
Wissen beigetragen haben, wie wir Waffen herstellen können, die nicht
in erster Linie größere Vernichtungswaffen, sondern Waffen zum Schutz
unserer Städte vor einem feindlichen Luftangriff sind.
b) Ein wichtiges Ergebnis unserer jüngsten Versuchsreihe war, daß
wir gelernt haben, Waffen herzustellen, bei denen der radioaktive Niederschlag auf ein Minimum begrenzt wird und deren Vernichtungskraft auf
militärische Ziele konzentriert werden kann.
Fünftens: In der sprachlichen Verwirrung, die diese Vorschläge
umgab, wurde der Versuch gemacht, große internationale Persönlichkeiten,
ja selbst seine Heiligkeit Papst Pius XII., zu zitieren, die 'ähnliche
Vorschläge1 gemacht hätten. Alle diese Persönlichkeiten - wie auch die
Mitglieder der amerikanischen Regierung, alle verantwortungsbewußten
und bedachten Politiker der freien Welt, Staatsmänner oder Kirchenführer - sind aufrichtig um ein internationales Abkommen bestrebt, das
eine wirkungsvolle Kontrolle aller Rüstungen - der nuklearen, wie der
herkömmlichen - gestattet.
Der Papst hat in seiner letzten Weihnachtsbotschaft an die Welt
gefordert, den nuklearen Waffenversuchen durch ein internationales
Waffenabkommen Einhalt zu gebieten. Er erklärte, daß ein solcher Schritt
drei Stufen einschließe: Den Verzicht auf Versuche mit Atomwaffen, den
Verzicht auf die Anwendung solcher Waffen und eine allgemeine Kontrolle
der Rüstungen. Und er forderte, daß alle diese drei Vorsichtsmaßnahmen
gemeinsam durchgeführt werden.
Sechstens: In der letzten Woche ist jedoch noch ein weiterer Vorschlag unterbreitet worden. Dieser Vorschlag kritisierte das 'Beharren'
der Regierung auf einer 'vollkommenen' oder 'narrensicheren' Überwachung
der Abrüstung und bezeichnete diese als eine 'Gefahr', die ein mögliches
internationales Abkommen gefährdet.
Ich muß in feierlicher Form erklären, daß ich damit nicht übereinstimme. Ich werde auch weiterhin beharrlich dabei bleiben, solange
mir die höchste Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes übertragen ist.
Die Gefahr liegt genau in der anderen Richtung. Sie liegt in der
vergeblichen Hoffnung, daß bereits irgend etwas, was nicht so weit geht

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"AMERIKA DIENST"

geht wie sichere Garantien, eine Verminderung des Potentials zu
unserer eigenen Verteidigung, zur Verteidigung unserer Verbündeten und zur Verteidigung der freien Welt rechtfertigen würde.
Und schließlich unterstreiche ich erneut die feste Absicht
meiner Regierung, sich unablässig um eine Verringerung der
Rüstungslasten nicht nur für einige wenige Länder, sondern
für alle Völker der V/elt zu bemühen."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLE3: FRIEDEN UND GERECHTIGKEIT SJND UNTEILBAR

WILLIAMSTOWN (Massachusetts) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede über Probleme
des Friedens, die der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles am 6. Oktober 1956 vor dem Williams College
in Williamstown in Massachusetts gehalten hat und in der
er sich für eine friedliche und gerechte Lösung des SuezKonfliktes einsetzte.

"Ich möchte heute zu Ihnen über einige Probleme des Friedens
sprechen. Ich weiß, daß dies ein altbekanntes Thema ist, aber es ist
auch ein sehr akutes Thema.
Quincy Wright führt in seiner 'Studie des Krieges1 278 Kriege
an, die zwischen 1480 und 1941 ausgetragen wurden. Mehrere dieser
Kriege, darunter auch der zweite Weltkrieg, wurden geführt, nachdem
der Völkerbund geschaffen worden war und nachdem der Vertrag von
Paris alle Nationen zur Ächtung des Krieges verpflichtet hatte. Auch
nach der Gründung der Vereinten Nationen im Jahre 1945 sind verschiedene Kriege geführt worden, dazu gehören der Korea-Krieg, der Krieg
in Indochina und der israelisch-arabische Krieg. In verschiedenen
Teilen der Welt sind Kriege heute bedrohlich in den Bereich des
Möglichen gerückt.
Es ist eine Tatsache, daß der Krieg solange eine immerwährende
Gefahr sein wird, bis es besser entwickelte Institutionen des Friedens, wie eine angemessene Körperschaft des Völkerrechts und eine
internationale Polizeimacht, gibt und eine Reduzierung der Rüstungen erfolgt ist. '/Vir leben heute - und ich fürchte-noch für lange
Zeit - unter der Drohung des Krieges. Nur wenn wir uns dieser Tatsache voll und ganz bewußt sind, werden wir die Anstrengungen unternehmen können, die zur Verhinderung des Krieges notwendig sind. .
Ich möchte also wieder einmal über den Frieden sprechen.
Zunächst einmal muß man sich darüber im klaren sein, daß Kriege
nicht allein dadurch verhindert werden, daß man den Krieg haßt und
den Frieden liebt. Seit Menschengedenken haben die Völker der Welt
den Krieg gehaßt und sich nach Frieden gesehnt. Doch dadurch wurde
der Frieden nicht erreicht. Es hat sich immer wieder erwiesen, daß
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�"AMERIKA DIENST

10. Oktober 1956

daß die Wahrscheinlichkeit des Friedens nicht an der Intensität der
Friedensbeteu ungen gemessen werden kann. Dafür ist die S ockholmer
Friedensresolvtion ein Beispiel. Durch diesen Trick haben die Sowjets
versucht, den weltweiten Wunsch nach Frieden für ihre eigenen Zwecke
auszunutzen. Diese Resolution hat nichts zum Frieden beigetragen.
Selbst ein so aufrichtiges Bemühen wie der Vertrag von Paris zeigte,
wie vergeblich der Versuch ist, den Krieg zu ächten, wenn nicht gleichzeitig angemessene und wirksame Institutionen geschaffen werden, die
den Krieg als Mittel der Politik ersetzen.
Es ist eine Tatsache, daß die Friedensliebe allein noch niemals
ausreichte, um vor einem Krieg abzuschrecken.
Einer der großen Fortschritte unserer Zeit ist die Erkenntnis,
daß einer der Wege zur Verhütung des Krieges darin besteht, den Willen
und die Macht zu haben, zur Bestrafung eines Aggressors Gewalt anzuwenden. Dabei bedarf es innerhalb der Völkerfamilie der Bemühungen,
das gleiche Prinzip anzuwenden, das zur Abschreckung von Gewalttaten
innerhalb einer Gemeinde angewandt wird. Hier in der Gemeinschaft
werden Gesetze erlassen, die die Verbrechen und ihre Bestrafung definieren. Damit wird ein mächtiges Bollwerk gegen Gewalttaten errichtet.
Dieses Prinzip der Abschreckung funktioniert jedoch selbst in den
bestgeordnetsten Gemeinden nicht hundertprozentig. Aber es wird als
brauchbar und wirksam angesehen und kann also zweckmäßigerweise auf die
Völkerfamilie ausgedehnt werden. Dieses Prinzip wurde in die Charta
der Vereinten Nationen aufgenommen. Artikel 44 ermächtigt den Sicherheitsrat, Gewalt anzuwenden, und die Mitglieder sind verpflichtet,
die Streitkräfte zur Verfügung zu stellen, die zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig sind. Diese Bestimmungen
der Charta sind jedoch auf Grund 'des sowjetischen Vetos niemals angewandt worden. Der Grundsatz der Abschreckung mußte daher seinen Ausdruck in kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung finden, wie
sie im Artikel 51 der Charta erlaubt sind.
Die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig mit 42 anderen Staaten
durch solche kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung verbunden.
Diese Abmachungen dienen dem Zweck, jedem potentiellen Aggressor im
voraus klarzumachen, daß ein Angriff auf ein einzelnes Land zu einer
Reaktion vieler Länder^ darunter der Vereinigten Staaten, führen würde,
die darauf gerichtet wäre, den Aggressor so hart zu bestrafen, daß sich
eine Aggression nicht mehr lohnen würde.
Senator Vandenberg hat dies dargelegt, als er im Senat für den
Nordatlantikpakt eintrat;
•Die unüberwindliche Kraft für den Frieden, die in diesem Vertrag
liegt, ist die abschreckende Tatsache, daß jeder Aggressor gegen die
Nordatlantische Gemeinschaft von vornherein weiß, daß er in demselben
Augenblick, in dem er angreift, einer solchen geballten Stärke dieser
verbündeten Staaten gegenübersteht, wie diese nach ihrem eigenen Ermessen für notwendig erachten, um ihn auf die Knie zu zwingen und Frieden
und Sicherheit wiederherzustellen. '
Durch

�AMERIKA DIENST

10. Oktober 1956

Durch die Weiterentwicklung dieser 'Warnung vor einem k.o.', um
mit Vandenberg zu sprechen, ist ein nicht zu übersehender Schutzwall
gegen den Krieg errichtet worden. Es wäre jedoch töricht anzunehmen,
daß die Warnung allein schon ein unüberwindliches Hindernis für einen
Krieg darstellt. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, daß innerhalb der
zusammengeschlossenen Gruppe von Ländern ständig sowohl der Wille als
auch die Macht vorhanden ist, im Falle einer Aggression wirksam zu
handeln. Das militärische Programm der Vereinigten Staaten, einschließlich der sogenannten 'Auslandshilfe1 bildet die Kosten für diese Art
der Friedensversicherung. Es handelt sich hier um eine notwendige,
wenn auch zugegebenermaßen nur um eine Teilversicherung.
Ein weiterer Aspekt des Problems liegt darin, daß es auf lange
Sicht niemals einen echten Frieden geben kann, wenn nicht Hecht und
Gerechtigkeit herrschen. Auch heute noch bestehen schwere Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel die Knechtschaft der sowjetischen Satelliten und die Teilung Deutschlands. Aber selbst wenn einmal die vollkommene Gerechtigkeit erreicht würde, dann wäre dies nicht automatisch
ein ewiger Zustand. Der Wandel ist das Gesetz des Lebens,und es entstehen immer wieder neue Verhältnisse, die nach einer Lösung verlangen,
wenn es nicht neue Ungerechtigkeiten geben s'oll .Solche Ungerechtigkeiten neigen dazu, immer wieder letztlich zur Anwendung von Gewalt zu
führen, wenn nicht andere Mittel existieren.
Dieser Punkt wird durch einen Geschichtsatlas unterstrichen.
Ich denke, keiner wird der Ansicht sein, daß die politische Aufteilung
der Welt, wie sie etwa vor 50» 100 oder 500 Jahren bestand, hätte verewigt werden sollen. Und doch war fast die einzige Möglichkeit der
Veränderung die Anwendung von Gewalt. Innerhalb einer Nation oder
einer Völkerfamilie ist die Gewalt unvermeidlich, wenn es keine friedlichen Möglichkeiten gibt, etwa auftretende Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Diese Beziehung zwischen Frieden und Gerechtigkeit wurde häufig
erörtert, als die Charta der Vereinten Nationen formuliert wurde.
Die Charta setzte in ihrer ursprünglichen, in Dumbarton Oaks ausgearbeiteten Form keinen Maßstab für den Begriff der Gerechtigkeit fest.
Der Nachdruck wurde ausschließlich auf den Frieden gelegt, als ob
ein ständiger Friede unabhängig von der Gerechtigkeit erreicht werden
könnte.
Ich erinnere an meine Forderung vom März 1945» als ich erklärte,
'daß diese Organisation von ethischen Werten, dem Geist der Gerechtigkeit, erfüllt sein sollte'. Ferner sagte ich damals wörtlich:
'Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren, daß der Begriff 'Gerechtigkeit' nicht leicht zu definieren ist. Er hat für verschiedene Menschen verschiedene Bedeutungen. Aber für alle hat er irgendeine
Bedeutung, und zwar eine sehr entscheidende. Die Charta sollte von
der neuen Organisation verlangen, daß sie als ersten Punkt der Geschäftsordnung die schwierige, aber entscheidende Aufgabe in Angriff
nimmt, eine Konzeption der Gerechtigkeit zu entwickeln, von der sie
geleitet wird. Nur auf diese Weise wird die Organisation bestehen
können.'
.

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10. Oktober 1956

Auf der Konferenz von San Franzisco wurde diese Ansicht allgemein
akzeptiert. Die Charta wurde entsprechend abgeändert. Die wichtigste
Änderung kann in dem ersten Artikel der Charta gefunden werden. Ursprünglich bezeichnete es der Artikel 1 als das Ziel der Vereinten
Nationen, 'auf friedliche V/eise Schlichtungen oder Lösungen internationaler Streitfälle oder Situationen herbeizuführen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten.' In San Franzisco wurde erklärt, daß die
friedliche Lösung in 'Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts' erreicht werden müßten.
Wenn sich also die Vereinten Nationen mit dem Problem der Schlichtung und Lösung von Streitfällen und Situationen befassen, die den Frieden gefährden könnten, dann ist es erforderlich, daß die Weltorganisation als ein Forum der Unparteilichkeit fungiert, wobei die Prinzipien
der Gerechtigkeit so angewandt werden, wie sie für die jeweiligen tatsächlichen Gegebenheiten relevant sind.
Dies ist nicht immer leicht. Die öffentliche Meinung der Welt
lehnt zwar bereitwillig die Gewalt ab. Sie unterstützt jedoch nicht
genauso leicht die 'Gerechtigkeit', die oft nur eine vage und strittige
Konzeption ist. Dennoch müssen diejenigen, welche den Frieden lieben
und ihn wünschen, sich darüber im klaren sein, daß sie keinen Frieden
haben werden, wenn sie sich nicht genauso nachdrücklich für die Gerechtigkeit einsetzen wie für den Frieden. Der Friede ist eine Münze,
die zwei Seiten hat. Die eine Seite ist der Verzicht auf die Gewalt,
die andere Seite die Anerkennung der Gerechtigkeit.
Frieden und Gerechtigkeit sind unteilbar.
Ein praktisches Beispiel für die gegenseitige Abhängigkeit von
Frieden und Gerechtigkeit ist das gegenwärtig akute Suezproblem. Hier
hat die ägyptische Regierung plötzlich die alleinige Kontrolle des
Betriebs dieser Wasserstraße an sich gerissen, die seit ihrem Bau von
einer internationalen Gesellschaft verwaltet wurde. Die ägyptische
Regierung nahm diese Handlung unter Bedingungen vor, die ihre Absicht
erkennen lassen, diese Kontrolle nicht im allgemeinen Interesse auszuüben, sondern der sogenannten ''Größe' Ägyptens dadurch zu dienen, daß
man in der Lage ist, auf andere Länder einen wirtschaftlichen Druck
auszuüben und Tribute von ihnen zu fordern.
Es gibt viele Länder, für die der Suezkanal im wahrsten Sinne
des Wortes eine Lebensader darstellt. Ihr wirtschaftliches Gedeihen
hängt davon ab, daß ihnen der Kanal zur Verfügung steht und technisch
in einwandfreiem Zustand ist. Es darf hier kein Risiko einer offenen
oder versteckten Diskriminierung unter den Benutzern geben, denen
die freie und unbehinderte Durchfahrt durch den Vertrag aus dem Jahre
1888 für ewige Zeiten zugestanden wurde. Es kann keiner Nation zugemutet werden, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert' zu leben.
Auf der ganzen Welt war man dagegen, daß diese Situation durch
die Anwendung von Gewalt gereinigt wird. Das ist nur natürlich und
richtig. Aber diejenigen, die um den Frieden besorgt sind, sollten in
gleicher Weise auch um die Gerechtigkeit besorgt sein. Ist es Rerecht

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gerecht oder auch nur erträglich, daß große Nationen, die im Rahmen
des Vertrages aus dem Jahre 1888 Rechte habai und deren Wirtschaften
von der Benutzung des Kanals abhängen, eine exklusive Kontrolle dieses
internationalen Wasserwegs durch eine Regierung akzeptieren, die aus
ihrer bitteren Feindseligkeit kein Hehl macht? Das ist die Frage, die
nunmehr dem Weltsicherheitsrat vorliegt, und sie stellt dieses Gremium
vor eine entscheidende Probe.
Lassen Sie mich als letzten Punkt betonen, daß der Frieden niemals gewonnen wird, wenn man sich nicht genauso unermüdlich für die
Erreichung dieses Zieles einsetzt, wie man in Kriegszeiten mit allen
Kräften nach dem Siege strebt. Wir haben gesehen, daß man durch die
Jahrhunderte hindurch den Frieden gewünscht hat, daß es aber dennoch
Kriege gab. Wir können auch durch die Jahrhunderte hindurch verfolgen,
daß in Kriegszeiten nicht denen der Erfolg zufällt, die den Sieg wünschen,
sondern denen, die die Fähigkeiten und die Opferbereitschaft zeigen,
wie sie zu einem Siege notwendig sind. Andererseits sieht man gemeinhin
in dem Frieden eine Zeit des Ausspannens, in der keine besonderen Anstrengungen und keine besonderen Opfer erforderlich sind.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer ist, dem Frieden zu dienen
zu führen. Das erstere erfordert fast die gleichen Fähigkeiten wie das letztere und zumindest ein gewisses Maß an Opfern. Die
Vereinigten Staaten bringen heute in ihrem Feldzug für den Frieden
beträchtliche Opfer. Diese lassen sich mit dem Militärdienst unserer
Jugend messen, mit der Ausgabe von rund zehn Prozent unseres Bruttosozialproduktes für Verteidigungszwecke, mit der Gewährung von militärischer und wirtschaftlicher Hilfe an solche Länder, die bedroht
sind und den Willen zum Widerstand haben, und schließlich mit den
aufopfernden Bemühungen vieler einzelner nicht nur auf militärischem
Gebiet, sondern auch vor allem in unserem diplomatischen Dienst.
Aber diese Opferbereitschaft reicht noch nicht aus. Immer wieder
bittet die amerikanische Regierung um die Dienste besonders geeigneter Personen für wichtige Aufgaben, die im Rahmen des Feldzuges für
den Frieden gelöst werden müssen. In Kriegszeiten würden die so aufgerufenen Personen keinen Augenblick zögern. In Friedenszeiten finden
sie mancherlei Gründe, den Ruf auszuschlagen. Die Gründe mögen echt
sein, aber sie spiegeln die allgemeine Einstellung wider, daß der
Friede nicht die Opfer erfordert, die man in Kriegszeiten ohne Zögern
bringen würde.
twi.a,Krieg

Die Menschheit wird niemals einen dauerhaften Frieden erringen,
solange die Menschen ihr volles Können nur für die Aufgaben des Krieges einsetzen. Die Aufgaben des Friedens erfordern die gleichen Anstrengungen, die erforderlich sind, um einen großen Krieg zu gewinnen.
Warum sollten wir diese Anstrengungen nicht vollbringen? Die furchtbaren Schrecken eines dritten Weltkrieges vermag niemand zu schildern.
Warum sollten wir nicht, um den Frieden zu gewinnen, die Fähigkeiten
entwickeln und einsetzen, die sonst aufgebracht würden, um einen Krieg
zu gewinnen? Dies ist eine Frage, die auf nationaler Ebene beantwortet werden muß, wenn wir danach streben, den Frieden zu einem Dauerzustand zu machen. Es ist aber auch eine Fr?ge, die jeder für sich
selbst beantworten muß. Sie oder manche von Ihnen mögen eines Tages
aufgerufen werden, diese Frage damit zu beantworten, was Sie aus Ihrem
eigenen Leben machen. Wenn Sie und andere das für den Frieden tun, was
Sie für den Krieg tun würden, dann dürfen wir hoffnungsvoller in die
ukunf t blicken •"
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES LEGT STANDPUNKT DER USA ZUM SUEZ-KONFLIKT DAR

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut
einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Poster Dulles am 9»0ktober
1956 vor dem Weltsicherheitsrat hielt.

"Wenn sich unsere allgemeine Aussprache nunmehr dem Ende nähert,
ist es wichtig, erneut einige Grundsätze aufzuzeigen:
Erstens: Wir sind hier, um uns mit einer Lage zu.befassen, die
die Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt gefährdet. Dies wird von allen Beteiligten zugegeben.
Zweitens: Die Länder der Welt und im besonderen die f6 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben uns, die wir diesen Rat
bilden, die Hauptverantwortung für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit übertragen.
Drittens: Wir müssen bei der Ausübung dieser Pflicht im Einklang mit den Zielen und Prinzipien der Vereinten Nationen handeln,
und das bedeutet, daß wir mit friedlichen Mitteln und im Einklang
mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, und des Völkerrechts eine Bereinigung dieser gefährlichen Situation herbeiführen.
Unsere Aufgabe ist klar. Sie besteht darin, durch friedliche
Mittel eine Lösung zu suchen, die mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht. Wir haben damit eine
zweifache Verantwortung; ihr einer Aspekt betrifft den Frieden, der
andere die Gerechtigkeit und die Beachtung von Recht und Gesetz.
Lassen Sie uns diese beiden Aspekte unserer Aufgabe betrachten.
Welche Möglichkeiten bestehen dafür, eine Lösung durch friedliche Mittel zu erzielen? Die Chancen dafür sind gut.
Fast zweieinhalb Monate sind vergangen, seitdem Ägypten am
26.Juli von der allgemeinen Suezkanalgesellschaft Besitz ergriffen
und sie damit de facto daran gehindert hat, die Pflichten auszuüben,
die ihr im Jahre 1868 bis zum Jahre 1968 übertragen worden waren.
Die durch diese Maßnahme tief gekränkten und gefährdeten Nationen haben darauf mit keinerlei Gewaltmaßnahmen reagiert. Sie
haben sich aufs genaueste an ihre auf Grund der Charta übernommene
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�AMERIKA DIENST"

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übernommene Verpflichtung gehalten, zuerst einmal auf der Verhandlungsbasis oder durch andere friedliche Mittel eine Lösung zu suchen.
Am I.August 1956&gt; vier Tage nach der Besitzergreifung der Suezkanalgesellschaft durch Ägypten, traten die Regierungen Frankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten zusammen und beschlossen,
daß eine Lösung zunächst durch Einberufung einer Konferenz der 24 in
erster Linie betroffenen Nationen gesucht werden sollte. Das war der
erste Friedensschritt. Vom 16. bis zum 24.August fand diese Konferenz
statt. Ägypten lehnte eine Teilnahme ab. Aber es waren alle sieben der
unbestreitbar noch existierenden Unterzeichnerstaaten des Vertrages
von 1888 vertreten sowie sieben weitere Staaten, die die Hauptbenutzer
des Kanals sind und acht andere Staaten, deren '.Virtschaft in stärkstem
Maße von dem Kanal abhängt.
Diese Konferenz führte zu einem Übereinkommen, in dem sich
18 der 22 Konferenzteilnehmer auf eine Lösungsformel einigten, die
nach ihrer Ansicht sowohl für Ägypten als auch für die Nationen, die
den Kanal benutzen oder von ihm wirtschaftlich abhängig sind, akzeptabel sein sollte. Das war der zweite im Sinne des Friedens unternommene
Schritt.
Auf dieser Konferenz wurde ein aus fünf Ländern bestehender
Ausschuß unter dem Vorsitz des australischen Ministerpräsidenten
gebildet, um die Ansichten der 18 Teilnehmerländer an Ägypten weiterzug»ben und herauszufinden', ob diese als Verhandlungsgrundlage für
akzeptabel gefunden würden. Dabei wurde eine Zusammenkunft in Genf
vorgeschlagen. Die ägyptische Regierung gab jedoch zu verstehen, daß
sie nur in Kairo selbst mit dem Ausschuß zusammenzukommen geneigt sei.
Der aus einem Ministerpräsidenten, drei Außenministern und einem stellvertretenden Außenminister bestehende Ausschuß reiste daher in seiner Suche
nach dem Frieden nach Kairo. Dies war der dritte Friedensschritt.
Der Ausschuß hielt sich vom 3. bis 9«September in Kairo auf und
legte den Vorschlag der 18 Nationen dar und erläuterte ihn. Dies war
der vierte Schritt in der Suche nach dem Frieden.
Die ägyptische Regierung lehnte die Vorschläge der 18 Nationen
selbst als Verhandlungsgrundlage ab und unterbreitete keine Gegenvorschläge. Dessen ungeachtet kamen die 18 Nationen am 19»September erneut zusammen, um nach weiteren Möglichkeiten einer friedlichen Regelung zu suchen. Sie überprüften und bestätigten ihre Vorschläge vom
August als eine faire Grundlage für eine friedliche Lösung des Suezkanalproblems, die den Interessen der Benutzernationen ebenso gerecht würde
wie den Interessen Ägyptens.
Sie suchten weiter praktische Mittel und Wege einer Zusammenarbeit
mit Ägypten zu finden. Sie waren der Auffassung, daß Ägypten vielleicht
zu diesem Zeitpunkt nicht bereit wäre, einer endgültigen Lösung zuzustimmen, daß aber vielleicht irgendeine praktische Verbindung zwischen
den Kanalbenutzern und der ägyptischen Kanalbehörde geschaffen werden
könnte. Sie entschlossen sich daher, eine kooperative Vereinigung zu
gründen, die in ihrem Auftrage handelnd mit den ägyptischen Kanalbjehörden
über diese Fragen verhandeln könnte. Dies war der fünfte Friedensschritt.
Die
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10. Oktober 1956

Die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens ergriffen dann
Maßnahmen, um das Augenmerk dieses Rates auf die Situation zu lenken.
Das war der sechste Schritt»
Angesichts dieser Gegebenheiten kann wohl keiner, so meine ich,
zu Recht die friedlichen Bestrebungen derjenigen in Frage stellen,
die von der ägyptischen Maßnahme betroffen worden waren. Wohl kaum
wurden jemals vergleichbare Anstrengungen unternommen, um eine Frage
von solch gefährlichen Ausmaßen auf friedliche Weise zu lösen. Der
Rat weiß sehr wohl, daß er es nicht mit Regierungen zu tun hat, die
sich der Anwendung von Gewalt verschrieben haben. Selbst die am
meisten Betroffenen,, haben den Wunsch zum Ausdruck gebracht, auf
friedlichem Wege eine gerechte Lösung zustandezubringen.
Wir wenden uns jetzt dem zweiten Aspekt unseres Problems zu
- das heißt, der Suche nach einer Lösung, die sowohl den Grundsätzen
der Gerechtigkeit als auch des Völkerrechts entspricht. Hier wiederum ist der Weg klar.
Wir stehen oftmals Situationen gegenüber, für die es kein verbindliches Instrument des Völkerrechts gibt. Aber für die gegenwärtige Situation gibt es einen verbindlichen Vertrag, nämlich die
Konvention aus dem Jahre 1888. Sie sieht vor, daß die Schiffe aller
Nationen für alle Zeiten das Recht auf freie und gleichberechtigte
Durchfahrt durch den Suezkanal haben. Sie fordert ein 'genau festgelegtes System', das ein solches Benutzungsrecht garantieren soll,
und sie schließt durch direkten Hinweis die der allgemeinen Suezkanalgesellschaft erteilte Konzession des Jahres 1868 ein, die die
Gewähr für ein solches System bietet.
Es ist viel über die Notwendigkeit gesagt worden, die 'Souveränität' Ägyptens in bezug auf den Kanal zu respektieren.
«
Souveränität besteht dort, wo ein Staat tun kann, was er will.
Allgemein gesprochen, kann eine Nation innerhalb ihres eigenen Gebietes tun und lassen, was sLer will. Und allgemein ausgedrückt, hat
kein Staat auf dem Gebiet eines anderen souveränen Staates irgendwelche Rechte.
Der Kanal führt selbstverständlich durch ein Gebiet, das jetzt
zu Ägypten gehört, und in diesem Sinne ist der Kanal 'ägyptisch'.
Aber der Kanal ist keine interne Angelegenheit Ägyptens und ist
dies niemals gewesen, so daß Ägypten etwa tun könnte, was es will.. ':..
Er bildete immer - schon vom Tage seiner Eröffnung an - eine internationale Wasserstraße, die für die freie Durchfahrt der Schiffe
aller Länder offenstand. Sein Charakter als ein internationaler
und frei benutzbarer Verkehrsweg wurde für alle Zeiten durch die
Konvention von 1888 garantiert. Ägypten kann rechtmäßig keinem
Schiff oder Frachtgut den Durchgang durch den Kanal verwehren. Und
wenn die Benutzer dieses freien Verkehrswegs daran die Sicherstellung der Beachtung ihrer Rechte knüpfen, so ist dies keine Verletzung der ägyptischen Souveränität, sondern eine eindeutige Ausübung
der durch das Völkerrecht, nämlich die Konvention von 1888. zugestandener Rechte.
Ägypten

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Ägypten hatte diesen Rechtsstandpunkt an sich akzeptiert und ihn
sogar vor diesem Rat erläutert.
Am 5.August 1947 sprach der Vertreter Ägyptens vor dem Sicherheitsrat über die Situation, die bestand, als Großbritannien vertraglich gesicherte Rechte in an den Kanal angrenzenden Ländern hatte. Er wies darauf
hin, daß die Freiheit der Kanaldurchfahrt damit nicht von Großbritannien
abhängig wurde. Im Verlauf seiner Ausführungen erklärte er«
'Der Status des Suezkanals ist völlig verschieden von dem anderer
künstlicher Wasserwege, die als Hauptadern des internationalen Verkehrs
dienen, denn er ist durch jenes mehrseitige internationale Abkommen
festgelegt, auf das ich soeben Bezug genommen habe. (Die Konvention
von Konstantinopel aus dem Jahre 1838). Der Suezkanal war von Anbeginn
an ein internationales Unternehmen, und schon wenige Jahre nach Eröffnung
des Kanals traten die Großmächte Europas mit dem ottomanischen Reich, das
für Ägypten handelte, zusammen, um Bestimmungen über den Kanalverkehr,
sowie die Neutralität und die Verteidigung des Kanals zu treffen'.
(Sicherheitsrat, 175.Sitzung, P. 1756).
Am 14- Oktober 1954 erklärte der ägyptische Vertreter, der zum
Bat Galim-Fall vor dem Sicherheitsrat das 7/ort ergriff, unter anderem:
'.... Die Kanalgesellschaft, die die Durchfahrt kontrolliert, ist
eine internationale Gesellschaft, die von Stellen geleitet wird, die
weder ägyptisch noch notwendigerweise von einer bestimmten anderen
Nationalität sind. Sie ist eine allgemeine Gesellschaft, die funktioniert, und die Dinge werden auch in Zukunft weiterhin in dieser V/eise
gehandhabt werden'. (Sicherheitsrat, 682.Sitzung, P. 31 )•
Soviel über die rechtliche Seite des Falles.
Ferner ist da die Frage der Gerechtigkeit. Was ist in diesem Falle
gerecht? Der Sicherheitsrat sollte meiner Ansicht nach, den Ergebnissen
großes Gewicht beimessen, zu denen die 18 Nationen gelangten, die sich
im vergangenen August in einer Darlegung ihrer Standpunkte vereinten.
Zu diesen 18 Staaten gehörten alle noch existierenden Signatarmächte der
Konvention von 1888 mit einer Ausnahme. Sie vertreten über 90 Prozent
des gesamten Kanalverkehrs, und außerdem befinden sich unter ihnen
Länder, deren Wirtschaft weitgehend vom Kanal abhängt. Unter diesen
18 Nationen waren Länder aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika.
Diese Länder bekräftigten erneut ihre Ansicht, daß, wie in der
Präambel der Konvention aus dem Jahre 1888 festgelegt ist, ein 'genau
festgesetztes System* geschaffen werden soll, 'das für alle Zeiten
und für alle Mächte die freie Benutzung des Suez-Schiffahrtskanals
garantiert'.
Sie stellten vier Grundprinzipien heraus, die unter angemessener
Berücksichtigung der Souveränitätsrechte Ägyptens durch ein solches
System ihren Ausdruck finden sollten. Diese waren:
1 . Einen wirksamen und zuverlässigen Betrieb des Kanals sowie
seine Unterhaltung und seinen Ausbau als einer freien, offenen und
sicheren internationalen Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Konvention aus dem Jahre 1888.
2.

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2. Der Kanalbetrieb soll frei von dem Einfluß der Politik
irgendeiner Nation gehalten werden.
3« Ägypten soll Einnahmen aus dem Betrieb des Suezkanals haben,
die fair und gerecht sind und mit der Ausweitung der Durchfahrtskapazität und der Benutzung stäigen.
4. Die Kanalgebühren sollen so niedrig festgesetzt werden, wie
dies mit den vorgenannten Erfordernissen zu vereinbaren ist, und abgesehen von dem Anteil Ägyptens soll kein Gewinn entstehen.
Wie kann wohl jemand diese Grundsätze anfechten? Nur eines dieser
Prinzipien wurde auf der Konferenz im August in Frage gestellt und ernsthaft nur von der Sowjetunion angegriffen. Es handelte sich dabei um den
zweiten vorhin genannten Grundsatz, daß nämlich der Betrieb des Kanals
von dem Einfluß der Politik irgendeines Landes frei gehalten werden sollte.
Aber ist das nicht gerade der springende Punkt? Wir haben es hier
mit einem Wasserweg zu tun, der, wie die ägyptische Regierung selbst erklärt hat, 'von Anfang an ein internationales Unternehmen war'. Die
Wirtschaft von 20 oder mehr Nationen in Europa, Asien und Afrika hängt
entscheidend vom Suezkanal ab. Wenn ein solcher Wasserweg von irgendeiner Regierung, die ihn faktisch kontrolliert, als ein Instrument der
nationalen Politik benutzt werden kann, dann wird er notwendigerweise
ein internationaler Zankapfel werden. Dann kann sich keine Nation, die
von dem Kanal abhängt, sicher fühlen. Alle außer der kontrollierenden
Nation sind dann dazu verurteilt, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert' zu leben. Das würde die Konvention von 1888 zunichte machen und
eine Verletzung von Recht und Gesetz bedeuten.
Wenn wir uns - wie die Charta es verlangt - um Gerechtigkeit
bemühen, dann müssen wir darin übereinstimmen, daß der Betrieb dieses
internationalen Wasserweges getrennt von der Politik eines jeden Landes
sein muß.
Ich bin der Überzeugung, daß der Sicherheitsrat die von den 18 Nationen dargelegten Grundsätze als Prinzipien der Gerechtigkeit akzeptieren kann.
Die 18 Staaten gingen dann daran, einen Mechanismus auszuarbeiten,
durch den diese Grundsätze zum Tragen kommen können. Sie schlugen vertragliche Abmachungen für eine Zusammenarbeit zwischen Ägypten und anderen interessierten Ländern sowie die Schaffung einer Suezkanal-Behörde
vor, in der Ägypten und andere Länder vertreten sein würden. Diese Behörde, so lautete der Vorschlag, sollte mit den Vereinten Nationen assoziiert
sein und der Weltorganisation in regelmäßigen Abständen Bericht erstatten.
Sie schlugen ferner vor, daß Einigung über ein Schiedsgericht, erzielt
werden sollte, das Streitfälle beizulegen habe, und daß wirksame Sanktionen gegenüber denen ergriffen werden sollten, die das Abkommen verletzen.
Natürlich gibt es eine große Anzahl von Möglichkeiten, mit deren
Hilfe die von den 18 Nationen formulierten Grundsätze verwirklicht werden
könnten. Ich glaube nicht, daß irgendeines dieser Länder die von ihnen
vorgeschlagenen, besonderen Abmachungen als unantastbar ansieht. Und ich
bin der Ansicht, daß der Sicherheitsrat sich nicht irgendeinem Alternativvorschlag, der gemacht werden könnte, verschließen sollte.
Aber

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10. Oktober 1956

Aber was die Grundprinzipien anbetrifft, so vermag ich nicht
zu verstehen, wie sie von diesem Rat außer/'Acht gelassen werden
können, wenn die Grundsätze der Gerechtigkeit zur Frage stehen.
Das Problem, dem wir gegenüberstehen, liegt daher nicht in der
Zügelung aggressiver Nationen, die einen Krieg wünschen. Es geht auch
nicht darum, ein neues Instrument des Völkerrechts zu schaffen oder
Gerechtigkeit zu üben, wo das Prinzip der Billigkeit nicht klar erkennbar ist. Der Friede wird von allen erstrebt, und die Grundsätze der
Gerechtigkeit und des Völkerrechts sind klar. Wir sehen uns dem Problem
gegenüber, uns gleichzeitig mit dem Frieden und der Gerechtigkeit zu
befassen, so wie dies in unserer Charta gefordert wird.
Keine Nation aber hat der Korrelation von Frieden und Gerechtigkeit
beredter Ausdruck verliehen als die ägyptische Regierung.
Man wird sich erinnern, daß unsere Charta, so wie sie in Dumbarton Oaks von den drei Großmächten entworfen wurde, keine Bezugnahme
auf die Gerechtigkeit enthält. Sie forderte lediglich den Frieden einen Frieden, der voraussichtlich von Bestand sein würde, nicht weil er
gerecht ist, sondern weil er durch die Macht einiger weniger Großmächte
erzwungen wurde.
Dieser Entwurf wurde in San Francisco abgelehnt. Hier wurde die
gegenseitige Abhängigkeit von Frieden und Gerechtigkeit anerkannt und
Artikel 1 unserer Charta umgeschrieben, so daß er an diese Organisation
die Forderung stellt, sich darum zu bemühen, 'mit friedlichen Mitteln
und in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts einen Ausgleich oder eine Beilegung der internationalen
Streitigkeiten oder solcher Situationen zu suchen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten'. Und es wurde gefordert, daß dieser Sicherheitsrat bei der Erfüllung seiner vornehmsten Pflicht - der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit in Einklang mit diesem Artikel handeln solle.
In San Francisco war Ägypten gerade die Nation, die für diesen Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit am glühendsten, am nachdrücklichsten und mit beredten V/orten eintrat. Ich möchte hier einen Ausschnitt
aus einer der Erklärungen zitieren, die damals von dem Vertreter Ägyptens
abgegeben wurde :
'... Wir sind der Überzeugung, daß der Rat, der Sicherheitsrat, tatsächlich die Rolle des politischen Gerichtshofes spielen wird, und es unerläßlich ist, daß die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit immer bei
seinen Beratungen gelten. Das letzte Argument, mit dem wir uns auseinanderzusetzen hatten, war, daß es die Bürde für die Organisation schwerer
machen würde, und insbesondere die Last der Mächte, die für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit hauptsächlich verantwortlich sind,
wenn wir den Sicherheitsrat auffordern, die Gerechtigkeit und das Völkerrecht zu achten.
Ich bin der Überzeugung, daß solche zusätzliche Bürden, wie sie
aus der Annahme unseres Abänderungsvorschlages resultieren würden,
nicht groß wären gemessen an den Opfern, die wir alle gebracht haben und
alle erneut für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit in der
Welt zu bringen bereit sind. Wenn wir nur den Frieden und die Sicherheit
bewahren wollten, dann würden wir uns nicht sehr von Hitler unterscheiden,
der

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10. Oktober 1956

der dies auch versuchte und der tatsächlich teilweise Erfolg hatte.
Der Unterschied liegt jedoch darin, daß wir den Frieden und die Sicherheit in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Völkerrechts und der
Gerechtigkeit aufrechterhalten wollen'.
So sprach damals Ägypten, und wir können, so glaube ich, alle
diesen Gedankengängen zustimmen.
Man kann die Bedeutung dieses Problems wohl kaum übertreiben. Unser
Rat erfreut sich auf der einen Seite eines deutlich zum Ausdruck gekommenen Wunsches nach Frieden für alle Beteiligten. Auf der anderen Seite
wird die Lage durch Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit bestimmt,
wie sie selten so deutlich zutage traten. Wenn unter diesen günstigen Bedingungen und bei all diesen positiven Gegebenheiten unser Rat nicht in
der Lage ist, eine Regelung mit friedlichen Mitteln in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts sicherzustellen,
dann wäre unser Versagen ein Unglück von ungeheurem Ausmaß.
Dies scheint von denen erkannt zu v/erden, die hier in diesem Raum
gesprochen haben. Die allgemeine Debatte ist im großen und ganzen gemäßigt und konstruktiv gewesen.
Ich sage 'im großen und ganzen', denn es gab Ausnahmen. Eine
solche Ausnahme war die von dem sowjetischen Außenminister gegebene
Darstellung der sogenannten 'amerikanischen Monopolisten', die - wie er
sagte - in 'Unschuldsgewändern' gekleidet und mit 'gierigem Appetit'
durch die Welt streifen und überall neue Opfer suchen.
Eine weitere Ausnahme war der Vorschlag des sowjetischen Außenministers, daß wir das Problem an einen Ausschuß überweisen sollten,
von dem der sowjetische Außenminister sagte: 'Das wichtigste Erfordernis
ist, daß die Zusammensetzung des Ausschusses so ausgeglichen ist, daß
das Vorherrschen eines bestimmten Standpunktes verhindert wird 1 . Offenbar hält er es für unglücklich, daß sich 18 Nationen, die mehr als
90 Prozent des Verkehrs und eine Vielfalt von Benutzerinteressen repräsentieren, über eine Lösung einigen könnten. Er möchte daher einen neuen
Beginn durch die Einsetzung eines Ausschusses machen, der so beschaffen
ist, dal- man im voraus wissen kann, er wird niemals zu einer Einigung gelangen.
Es ist nicht das erste Mal, daß eine Regierung glaubt, sie könne
durch die Verewigung eines Streites nur gewinnen. Wir kennen das Sprichwort vom 'Fischen im Trüben'. Im allgemeinen ist es zwar üblich, einen
solchen Zweck zu verschleiern. Kaum jemals ist jedoch wohl das Vorhaben,
Meinungsverschiedenheiten zu verewigen, so klar enthüllt worden.
Die ägyptische Regierung hat in einem konstruktiveren Schritt vorgeschlagen, daß wir ein Verhandlungsgremium schaffen, welches sich von
einer Reihe von Arbeitsprinzipien sowie, im Auge zu behaltenden und zu
erreichenden Zielen leiten lassen soll. Dies war genau der Gang der
Dinge, den wir auf der Londoner Konferenz vom vergangenen August einzuhalten suchten, auf der - wie wir gesehen haben - eine Reihe von Grundsätzen ausgearbeitet und gewisse Ziele umrissen worden sind. Der Kern des
Problems, so scheint es uns, ist die Annahme des Prinzips, daß ein System
existieren muß, welches die Gewähr dafür bietet, daß der Kanal von keinem
Land als ein Instrument seiner nationalen Politik benutzt werden kann.
Wenn

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1Q. Oktober 1956

Wenn Ägypten dieses einfache und elementare Prinzip der Gerechtigkeit akzeptiert, dann glaube ich, daß die untergeordneten Probleme gelöst werden können. Wenn dieses Prinzip jedoch verworfen wird,
dann läßt sich nur schwer voraussehen, welche nützliche Rolle einem
Verhandlungsgremium zukommen sollte. Ja, unter solchen Umständen ist
es schwierig, überhaupt irgendeine Lösung vorauszusehen, die mit den
Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht.
Wenn aber dieser Fall nicht so gelöst werden kann, dann wird das
gesamte System de» Friedens in Gerechtigkeit unterminiert sein, das
durch diese Charta geschaffen werden sollte.
Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Ich bin davon überzeugt,
daß keine Kation hier andere als freundschaftliche Beziehungen mit
Ägypten zu unterhalten wünscht. Tatsächlich würde denn auch die von
den Kanalbenutzerstaaten, die zu über 90 Prozent an dem gesamten Kanalverkehr beteiligt sind, vorgeschlagene Lösung den Wohlstand Ägyptens
fördern. Eine friedliche und unparteiische Lösung dieses Problems würde
einen neuen hoffnungsvollen Ausblick für ein Gebiet der Welt eröffnen,
das unter Kriegsalarmen und den wirtschaftlichen Lasten der Kriegsvorbereitung schwer zu leiden hat. Gleichzeitig aber können wir der
gesamten Menschheit neue Hoffnung geben, die begonnen hat, ihr Vertrauen
in die Fähigkeit dieser Organisation zur Sicherung des Friedens und der
Gerechtigkeit zu verlieren.
Wenn man die Möglichkeiten, die wir haben, klar überdenkt, wer
kann dann noch zweifeln, welche Wahl wir treffen werden?
Herr Präsident, die britisch-französische Resolution verkörpert
die grundlegenden Prinzipien, auf die wir Bezug genommen haben. Sie
wird diesen Rat in die Lage versetzen, eine Wahl zu treffen, die,
wie wir zuversichtlich erwarten können, den Frieden in Gerechtigkeit
erhalten wird. Sie wird die Autorität und das Prestige dieser Organisation aufrechterhalten. Daher beabsichtigen die Vereinigten Staaten,
wie ich am vergangenen Freitag sagte, für diese Resolution zu stimmen."

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

DIE POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN UND DIE ZUKUNFT DER NATO
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der
stellvertretende Unterstaatssekretär für
europäische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Burke Eibrick, am 5«Oktober
1956 auf der 8.Jahrestagung der "Konferenz
über Welthandelsfragen" in Old Point Comfort
(Virginia) gehalten hat.

Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihrer Einladung Folge
zu leisten, um an den Diskussionen über die NATO und ihr Verhältnis
zu verschiedenen Problemen und Möglichkeiten teilzunehmen, die uns
Amerikanern auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen erwachsen.
Ich möchte mit Ihnen gemeinsam die Probleme erörtern, die sich
aus unserer Stellung innerhalb der atlantischen Gemeinschaft ergeben,
Ihnen die bisher erzielten Erfolge aufzeigen, und ich möchte insbesondere Ihr Interesse auf die zwischen unseren europäischen Verbündeten
und uns bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen lenken und kurz auf
die Rolle eingehen, die die NATO und unsere Beteiligung an ihr in der
amerikanischen Außenpolitik spielt.
In Ermangelung einer treffenderen Bezeichnung hat sich der Name
"Atlantische Gemeinschaft" für dieses Bündnissystem eingebürgert, das
Kanada, die Vereinigten Staaten und die Länder Westeuropas einschließt,
einen Raum, der ein großes gemeinsames Erbe und eine gemeinsame Geschichte besitzt, die gekennzeichnet ist von dem Streben nach Gerechtigkeit und individueller Freiheit.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich betonen, daß die Aufrechterhaltung der Einigkeit und die Zusammenarbeit mit denjenigen
Ländern Westeuropas, mit denen wir durch enge wirtschaftliche und
kulturelle Bande verbunden sind, seit 1945 eines der unveränderlichen
Ziele der amerikanischen Außenpolitik gewesen ist. Das gemeinsame
Erbe, das wir mit den Völkern Westeuropas teilen, ist sowohl für sie
wie für uns ein Band von größter Bedeutung. Darüber hinaus verfügt
Westeuropa über 25 bis 30 Prozent der gesamten Industriekapazität,
Hilfsquellen und qualifizierten Arbeitskräfte der Welt. Auf Grund
dieser Tatsachen allein ist es absolut notwendig, daß Westeuropa im
Kampfe gegen die von Moskau gesteuerten despotischen Kräfte der
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�AMERIKA DIENST"

17. Oktober 1956

der kommunistischen Weltverschwörung unser Verbündeter bleibt.
Wir sind uns dessen bewußt, daß die Politik des "Teilens und
Herrschens" zu den Manövern der Kommunisten zählt, mit deren Hilfe
sie die Weltherrschaft zu erreichen suchen. Das ist einer der Gründe
dafür, daß wir der Einigkeit unter den Staaten und Völkern, die gleich
uns die Prinzipien der menschlichen Freiheit und Recht und Gesetz
achten, so große Bedeutung beimessen.
Wie könnte diese heute so feste Verbundenheit unter den Mitgliedern
der atlantischen Gemeinschaft erzielt werden, und wie läßt sie sich
weiter aufrechterhalten und stärken?
Die einzige Körperschaft, durch die die Regierungen der Atlantikanliegerstaaten auf allen Gebieten - politisch, militärisch, wirtschaftlich und kulturell - zusammenarbeiten können, ist die Nordatlantikpaktorganisation. Das soll nicht etwa heißen, daß alle unsere Beziehungen
zu unseren europäischen Freunden ausschließlich über die NATO abgewickelt werden müssen, sondern daß wir in der NATO ein erprobtes und
elastisches Instrument besitzen, das den Ländern der atlantischen Gemeinschaft die Zusammenarbeit in jedem von ihnen gewünschten Maße gestattet und ermöglicht.
Auf dieser Tagung sind heute verschiedene Formen der militärischen
Zusammenarbeit diskutiert worden, wie sie durch die NATO ermöglicht wurden. Der Einfluß dieser Zusammenarbeit auf die Moral der Völker Westeuropas, die im Jahre 1949 der Bedrohung durch eine eventuelle sowjetische Aggression fast wehrlos gegenübergestanden hatten, kann nicht
hoch genug veranschlagt werden.
Die NATO hat sich zum mächtigsten und schlagkräftigsten kollektiven Verteidigungsinstrument entwickelt, das jemals in Friedenszeiten
von freien Nationen geschaffen worden ist. Sie hat Europa in den Jahren,
als es von Gefahr bedroht war, den Frieden erhalten. Seit ihrer Gründung
hat der Kommunismus in Europa keine territorialen Eroberungen mehr gemacht, sondern im Gegenteil sogar verschiedene vorgeschobene Positionen
aufgegeben. Innere Unruhen, politische Streiks und andere Erscheinungsformen der Zwietracht und der Unordnung, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren von den Kommunisten mit beträchtlichem Erfolg gefördert
wurden, haben zum großen Teil aufgehört. Inzwischen ist es den europäischen Völkern gelungen, hinter dem Verteidigungsschild der NATO ihre
im Kriege zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen, ihren Handel zu erweitern und ihren Lebensstandard zu erhöhen.
Die Erfolge, die die NATO aufzuweisen hat, sind in der Tat beträchtlich. Wir alle wissen jedoch, daß wir in einer Welt leben, die
es nicht zuläßt, daß wir auf unseren Lorbeeren ausruhen. Rasten heißt
rosten. Lorbeeren haben die unangenehme Eigenschaft, sich gelegentlich
in Dornen zu verwandeln. Die Existenz und die Weiterentwicklung der atlantischen Gemeinschaft - und der gesamten freien Welt - wird nicht
durch Leistungen gesichert, die wir in der Vergangenheit erzielt haben,
sondern wird davon abhängen, wie wir mit den Problemen der Zukunft
fertig werden.
M e s e

�"AMERIKA DIENST"

17. Oktober 1956

Diese Probleme sind zahlreich und kompliziert. Im Rahmen des
heutigen Vortrages aber möchte ich mich mit vier großen Problemkreisen auseinandersetzen. Der erste betrifft die Aufrechterhaltung
einer starken und der technischen Entwicklung angepaßten Verteidigung.
Der zweite betrifft die Schaffung gesunder und entwicklungsfähiger
Wirtschaftssysteme in den Ländern der freien Welt. Der dritte ist die
Förderung der Einheit unter den europäischen Nationen selbst. Und
der vierte betrifft die künftige Entwicklung der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes mit dem Ziel, die Zusammenarbeit auf allen Gebieten
menschlicher Tätigkeit zu fördern und die dauernde Solidarität der
westlichen Kulturländer zu sichern.
Das erste große Problem der atlantischen Gemeinschaft liegt so
klar zutage, daß man manchmal fast geneigt ist, es überhaupt zu übersehen. Seit einiger Zeit hören wir viel von einem Wechsel der sowjetischen Taktik, einem Übergang von militärischen zu nichtmilitärischen
Eroberungsmethoden. Manche Leute haben daraus den voreiligen Schluß
gezogen, daß der militärischen Verteidigung nicht mehr die erste Stelle
gebühre. Dieser Schluß ist ebenso gefährlich wie falsch. Wenn auch nicht
bestritten werden soll, daß sich tatsächlich ein Wechsel in der sowjetischen Taktik vollzogen hat, und wenn es auch stimmt, daß wir unsere Aufmerksamkeit in steigendem Maße den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und psychologischen Aspekten der weltpolitischen Auseinandersetzung zuwenden müssen, so bedeutet das keineswegs, daß wir unsere
militärische Verteidigung vernachlässigen dürfen. Wir müssen uns vor
Augen halten, daß sich die militärische Bedrohung durch die wirtschaftlich-politische Offensive der Sowjets nicht etwa verringert, sondern
eher erhöht hat. Nach wie vor unterhalten die Sowjetunion und ihre
Satelliten gewaltige Streitkräfte, die in der Lage sind, sowohl eine
örtlich begrenzte als auch eine allgemeine Aggression durchzuführen.
Diese Streitkräfte werden ständig verstärkt durch die zunehmende Anhäufung nuklearer Waffen, durch Luftstreitkräfte mit einem immer größeren Aktionsradius, durch verbesserte elektronische Geräte und ähnliche
moderne Kriegsgeräte. Wenn wir auch die begründete Hoffnung hegen, daß
die vernichtenden Vergeltungswaffen der amerikanischen und alliierten
Streitkräfte den kommunistischen Block auch künftig davon zurückschrecken
lassen werden, das Risiko eines Krieges einzugehen, so haben wir doch
keine Gewähr dafür, daß dies der Fall sein wird. Es ist daher unerläßlich, -unsere Sicherungen gegen Agressionen ständig zu verbessern.
Man darf auch nicht vergessen, daß es sich hier nicht um eine Art .
Versicherungspolice handelt, die je "abgedeckt" werden könnte. Militärwissenschaft und Technik sind nicht statisch. Jedes Jahr bringt Neuerungen auf dem Gebiet der Waffenkonstruktion und der militärischen Technik,
die man noch wenige Jahre zuvor als phantastisch bezeichnet hätte. Daher
kommt es nicht nur dafauf an, unsere Streitmacht zu erhalten, sie muß
vielmehr auch ständig dem neuesten Stand der Entwicklung angepaßt werden.
Das ist für uns Amerikaner wie für unsere Alliierten eine recht kostspielige Angelegenheit. Tun wir es aber nicht, so heißt das womöglich,
unsere Vernichtung heraufbeschwören.
Es mag immer noch Amerikaner geben, die das Problem der Verteidigung
unseres Landes rein vom nationalen Standpunkt aus betrachten und die Bedeutung eines kollektiven Vorgehens, wie es die NATO darstellt, in ihrer
Bedeutung unterschätzen. Sie glauben wohl, daß unsere eigenen Vorräte an_
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17. Oktober 1956

an Atomwaffen, unsere strategische Luftwaffe, unsere große industrielle
Kapazität und die anderen Hilfsquellen unseres Landes für die Verteidigung der Vereinigten Staaten ausreichen und daß die Beiträge unserer
Alliierten nur geringen Wert nahen.
Diese Auffassung zeugt jedoch von großer Kurzsichtigkeit. Europa
hat vieles zu bieten. Es geht nicht ohne die jährlich 12 Milliarden
Dollar, die unsere europäischen Verbündeten im Rahmen der gemeinsamen
Verteidigungsanstrengungen aufwenden - das sind grob gerechnet 6 Dollar
auf jeden Dollar, den sie in Form unserer Militärhilfe erhalten. Wir
brauchen ihre Soldaten, deren sie mehr haben als wir. Wir brauchen Europas
Flotten- und Luftstützpunkte, die für eine wirksame Verteidigung und für
Vergeltungsmaßnahmen im Falle einer Aggression von lebenswichtiger Bedeutung sind. Wir brauchen Europas Fabriken und Bergwerke, die der atlantischen Gemeinschaft zusammen mit unseren eigenen nahezu 70$ der Industriekapazität der Welt sichern. Wir brauchen Europas Wissenschaft und Technik,
die bei der Herstellung der ersten Atombombe eine so unersetzliche Rolle
spielten und die nach wie vor eine unschätzbare Ergänzung zu Amerikas
wissenschaftlichen Möglichkeiten darstellen. Gemeinsam verfügen Nordamerika
und Europa über die Mittel, sich gegen jede erdenkliche Kombination feindlicher Mächte zu verteidigen} für einen von ihnen allein könnte sich diese
Aufgabe leicht als. zu schwierig erweisen.
Aus dem eben Gesagten geht eindeutig hervor, daß die Verteidigungskraft eines Landes weitgehend eine wirtschaftliche Frage ist und daß wir
uns eine derartige militärische"Versicherungspolice" in angemessener
Höhe letzten Endes nur dann leisten können, wenn die Mitgliedstaaten
eine gesunde und gut funktionierende Wirtschaft haben. Und ebenso trifft
es zu, daß wir im Rahmen des weltumspannenden Ringens mit dem kommunistischen Block auf nichtmilitärischem Gebiet nur dann konkurrieren können das heißt also, andere Nationen und Völker für unsere Sache gewinnen und
uns ihre Gefolgschaft erhalten können -, wenn unsere Wirtschaft stabil
ist und weiter ausgebaut wird.
Und damit sind wir bei dem zweiten großen Problem, das ich bereits
erwähnte. Ungeachtet der aufgezeigten gewaltigen Aktivposten, über die
Europa verfügt, haben unsere Alliierten mit ernsten Wirtschaftsproblemen
zu kämpfen. Einkommen und Lebensstandard sind in Westeuropa im Durchschnitt noch nicht einmal halb so hoch wie in Amerika. Die europäischen
Länder sind in weit stärkerem Maße vom Außenhandel und von Auslandsinfrestitionen abhängig als wir, und ihre Wirtschaft kann durch gegenläufige
Entwicklungen in anderen Teilen der Erde sehr leicht aus dem Gleichgewicht
gebracht werden. Sie haben unter ständigen Devisenschwierigkeiten zu leiden.
Hinzu kommt, daß die Wachstumsrate der Wirtschaft in Europa zur Zeit nur
halb so hoch ist wie die der Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Diese
Tendenz ist sehr beunruhigend, ungeachtet der Tatsache, daß die Sowjets
auf einem sehr viel niedrigeren Stand zu beginnen hatten als Westeuropa.
Ein erfreuliches Zeichen ist jedoch, daß die Rate de* wirtschaftlichen
Wachstums in Westeuropa in jüngster Zeit eine starke Steigerung erfahren
hat. Tatsächlich war das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung der westeuropäischen Länder in den letzten Jahren schneller als in den Vereinigten
Staaten.
Wir Amerikaner können Europas Wirtschaftsprobleme nicht lösen. Das
müssen die Europäer selbst tun. Doch sind diese Probleme großenteils nur

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"AMERIKA DIENST"

nur in Verbindung mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in der ganzen Welt zu lösen. Es ist klar, daß unsere eigene Wirtschaftspolitik die gesamte Weltwirtschaftslage weitgehend beeinflußt.
Welche Außenhandelspolitik haben die Vereinigten Staaten in bezug
auf diese Entwicklungen in Europa verfolgt?
So unabhängig Amerika in früheren Jahren von der übrigen Welt gewesen sein mag, so wissen wir heute nur allzu genau, daß auch für uns
kein Verlaß auf Friede und Sicherheit ist, solange in irgendeinem anderen Teile der Erde Hunger, Armut und Unruhe herrschen. Diese Zustände
lassen sich nur mildern, wenn wir selbst und die übrigen Länder der
Erde den Handel ständig erweitern, unsere Wirtschaft ausbauen und unseren Lebensstandard heben.
Angesichts der großen Wirtschaft ichen Kraft und Stabilität der
Vereinigten Staaten fallt es uns manchmal schwer, uns vorzustellen,
wie mühsam nicht nur die kleineren Lander, sondern selbst verhältnismäßig
große und hoch indust-^ alisierte Lände wi - Großbritannien, Frankreich
und Deutschland ihr wirtschaftliches G e'chgewicht wahren. Die Stärke
und Stabilität unserer Wirtschaft hängt v n der Ausweitung unseres Handels ab, doch müssen wir ständig nach Mitteln und Wegen suchen, wie wir
eine Ausweitung des Handels ermöglichen und fördern können, ohne befreundete Nationen, deren Wirtschaft nicht so stark und elastisch wie
unsere ist, nachteilig zu beeinflussen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft an ihrer bisherigen
Politik festhalten, die eine Beseitigung der Handelsschranken zwischen
den einzelnen europäischen Ländern und der gesamten freien Welt zum
Ziel hat. Wir machen den unabhängigen souveränen Staaten Europas keinerlei Vorschriften, und wir sind uns klar darüber, daß sie ihre verschiedenen wirtschaftlichen Probleme selbst lösen müssen; wir können sie aber
wohl darauf hinweisen, daß die Prosperität unseres Landes zu einem nicht
geringen Maße daher rührt, daß wir in unseren 48 Staaten keinerlei
Handels- und Devisenbeschränkungen kennen.
Es ist nicht nötig, die gewaltigen Fortschritte, die die westeuropäischen Länder seit 1945 i m Aufbau ihrer Wirtschaft, der Ausweitung ihres Handels und der Hebung ihres Lebensstandards erzielten, hier
nochmals aufzuzählen. Natürlich hat die Hilfe der Vereinigten Staaten
bei dieser erstaunlichen Entwicklung keine geringe Rolle gespielt; doch
sind noch viele schwierige Probleme zu lösen.
Die Kommission für Außenhandelspolitik, die sogenannte RandallKommission, hat in ihrem Bericht vom Jahre 1954 in dem Bestreben, den
Kurs für die künftige Wirtschaftsentwicklung festzulegen, einige Richtlinien ausgearbeitet, die ich der Erwähnung wert finde. In diesem
Bericht heißt es: "Die freie Welt muß ihre Zukunft aufbauen; und zwar
nicht mit ungewöhnlich starken Hilfeleistungen seitens der Vereinigten
Staaten, sondern mit den eigenen Hilfsquellen und der Arbeitskraft der
Menschen der einzelnen Länder selbst. Daß die Grundlagen für eine derartige internationale Wirtschaft bereits.gelegt sind, ist unbestreitbar,
und man darf mit Recht hoffen, daß es bei gegenseitiger Unterstützung
und bei gegenseitigem Verständnis gelingen wird, ein lebensfähiges Handels- und Zahlungssystem für die Zukunft zu schaffen. Vieles

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Vieles deutet darauf hin, daß wir am Beginn einer Epoche der
allgemeinen Ausweitung des Welthandels stehen. Die Industrieländer
benötigen immer mehr Rohstoffe, die ihnen die weniger entwickelten
Länder liefern können. Und diese wiederum benötigen immer mehr Maschinen, Industriegüter und hochveredelte Konsumgüter, die das Merkmal einer entwickelten Industrie sind. Die Zeit scheint gekommen, in
der Völker der Segnungen eines zunehmenden internationalen Handels
teilhaftig werden.
Um dieses Wachstum zu erreichen, muß die freie Welt jedoch viele
Hindernisse beseitigen, die noch immer dem freien Verkehr von W a r M ,
Kapital und Devisen im Wege stehen. Alle beteiligten Länder müssen
durch eine gesunde Finanz- und Steuerpolitik zu einer größeren Stabilität der 7/irtschaft beitragen. Sie müssen zeigen, daß sie Vertrauen
in ihre Fähigkeit besitzen, auf eigenen Füßen stehen zu können. Viele
der betroffenen Länder müssen ihre eigenen Bemühungen stärker als bisher intensivieren, sie müssen mithelfen, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
das sowohl ihren eigenen Bürgern als auch dem ausländischen Kapital einen
Anreiz für Kapitalinvestitionen bietet, und sie müssen die Restriktionen
aufheben, die den internationalen Zahlungsverkehr in seiner Bewegungsfreiheit behindern.
In all diesen Dingen müssen die Vereinigten Staaten die Führung
übernehmen und mit Weisheit ausüben. Dabei müssen wir uns stets der
Tatsache bewußt bleiben, daß das Bündnis der freien Welt auf Vereinbarungen zwischen souveränen Staaten beruht.
Wenn auch die wirtschaftliche Position Westeuropas eng mit der
Wirtschaftslage in der gesamten freien Welt verknüpft ist, so ist es
doch auch richtig, daß gewisse W'rtschaftsprob eme allein für E ,ropa
zutreffen. Daß es den europäischen Nationen i den vergangenen Jahren
nicht gelang ihre Einheit zu verwirklichen . hat ^ e Entwickl ng ein r
dynamischen europäischen Wirtschaf ' sehr behindert. Aus diesem Grundwar die Förderung der Einheit Europas eines der Hau:&gt;tz-ele der amerikanischen Politik.
Europas Produktion und Märkte sind in viele kleine Teile aufgespalten,
die häufig wirtschaftlich schwach sind. In der langen Geschichte \er
es europäischen Länder sind viele Bräuche, Vorurteile und 1&gt;ka:e Interessen
erstarrt, die einst aus Selbstschutz entstanden* sie b'lden nu sc were
Hindernisse für einen freieren Handelsverkehr. Die Kartelle, Zollschranken
und andere Handels- und Währungsbeschränkungen die vor vielen Jahren errichtet worden sind, behindern die Entwicklung, d e mit den modernen Methoden der Produktion, des Vertriebs und der Finanzierung erreicht werden kö nte •
Als Europa sich nach dem zweiten Weltkrieg langsam erholte, wurde
vielen Staatsmännern und Wirtschaftlern klar, daß die alteingeführten
Wirtschaftsformen durch einen freieren Handel und engere Zusammenarbeit
oder einen Zusammenschluß ersetzt werden müssen, wenn Europa in dieser
Epoche eines ständig expandierenden Handels erfolgreich mit den anderen
Ländern konkurrieren will.
Im Jahre 1947 beschlossen Belgien, Luxemburg und die Niederlande, den
ersten Schritt zu einer Wirtschaftsunion zu tun. Sie beseitigten sämtliche

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sämtliche Zollschranken im Warenverkehr untereinander und einigten
sich auf einheitliche Zollsätze für die Importe aus anderen Ländern.
Zweck der Benelux-Zollunion war es, eine Wirtschaftseinheit zu schaffen,
die groß genug ist, um den Teilnehmerstaaten auf dem Weltmarkt einen
erfolgreichen Wettbewerb mit den größeren Wirtschaftsländern zu ermöglichen. Noch sind nicht alle zur Schaffung einer vollkommenen
Wirtschaftseinheit erforderlichen Maßnahmen durchgeführt, aber der
bisher erzielte Erfolg ist doch sehr vielversprechend.
1947 wurde die Wirtschaftskommission für Europa (ECE) errichtet,
um ein Zusammengehen der Länder beim Wiederaufbau zu erreichen, die
Wirtschaftstätigkeit im allgemeinen zu beleben und die wirtschaftlichen Beziehungen unter den europäischen Mitgliedern der Vereinten
Nationen und mit den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt zu erhalten und zu festigen.
Ein wichtiger Schritt zur europäischen Einheit war die Unterzeichnung des Brüsseler Paktes im Jahre 1948, der eine engere Zusammenarbeit
auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet sowie in der
Frage der gemeinsamen Verteidigung zwischen Frankreich, Belgien, Luxemburg,
den Niederlanden und Großbritannien vorsah.
Als der Kongreß 1948 das Gesetz über den Wiederaufbau in Europa
erließ, das wir unter dem Namen Marshall-Plan kennen, wurde die Organisation für die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OEEC) gegründet,
um eine Zusammenarbeit der 16 europäischen Mitgliedstaaten bei ihrem
wirtschaftlichen Aufbau zu gewährleisten, der eine Ausweitung von Produktion und Handel, die Modernisierung der Industrie, der Stabilisierung des Finanzwesens und die Beseitigung zahlreicher Handelsschranken
einschließen sollte. In Verbindung mit ihrer Zweigstelle, der Europäischen
Zahlungs-Union zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten, hat sich die OEEC als eine sehr nützliche Organisation bei der
Behandlung einiger recht verzwickter europäischer Wirtschaftsprobleme
erwiesen.
Und noch ein weiterer Schritt Europas auf dem Wege zu seiner wirtschaftlichen Integration ist erwähnenswert. Die Europäische Gemeinschaft
für Kohle und Stahl, die auf Initiative des ehemaligen französischen
Außenministers Robert Schuman im Jahre 1952 von Frankreich, Deutschland,
Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gegründet wurde, um die
nationalen Hindernisse für den Handel mit Kohle und Stahl unter diesen
Ländern aus dem Wege zu räumen und restriktive Abmachungen über Produktion und Absatz dieser Grundstoffe zu beseitigen.
Mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Integration unter den
europäischen Staaten in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde es
immer klarer, daß eine engere politische Zusammenarbeit erforderlich
ist, wenn nennenswerte Fortschritte in der Lösung der Wirtschaftsprobleme in Europa erzielt werden sollen. Die Folgen zweier Weltkriege in
diesem Jahrhundert haben allzu deutlich gezeigt, welch furchtbare Folgen
ein zügelloser Konkurrenzkampf und zügelloser Nationalismus haben können.
Ich erwähnte den Brüsseler Pakt, durch den im März 1948 ein Zusammenschluß von Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien zum Zwecke einer engeren Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem.

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wirtschaftlichem, ..socialem und kulturellem Gebiet und zur gemeinsamen
Verteidigung erfolgte. Der Y/unsch nach stärkerer Einheit, dem der Pakt
entsprungen war, führte ein Jahr später zur Gründung des Europarates
durch die fünf Teilnehmerländer des Brüsseler Abkommens sowie Italien,
Irland, Norwegen, Dänemark und Schweden, dem sich später auch Island,
die Bundesrepublik Deutschland, Griechenland, die Türkei und das Saargebiet anschlössen. Der Europarat hat nur die Befugnis, den angeschlossenen Regierungen gewisse Empfehlungen zu erteilen} er bildet aber immerhin ein brauchbares Forum, um gewisse Maßnahmen auszulösen und die öffentliche Meinung auf die großen europäischen Probleme hinzuweisen.
Von außerordentlicher Bedeutung für den Gedanken der europäischen
Einheit war der Plan zur Schaffung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, in deren Rahmen die sechs Mitgliedstaaten der Europäischen
Gemeinschaft für Kohle und Stahl ihre Streitkräfte in eine einzige
übernationale Streitmacht zusammenschließen sollten. Es war ein schwerer Schlag für die Europabewegung, daß dieser Plan nicht verwirklicht
wurde ; allerdings konnten einige wesentliche Elemente dieses Planes
durch die Schaffung der Westeuropäischen Union gerettet werden, die
sich auf den ursprünglichen Brüsseler Pakt stützt. Ungeachtet dieses
Rückschlages ist die Idee eines geeinten Europa nach wie vor sehr
lebendig. Zur Zeit pirüfen die Regierungen der europäischen Länder
die Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen bei der Erzeugung und
Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken sowie Vorschläge für
einen großen gemeinsamen Markt. Obwohl einer Realisierung dieser Vorschläge viele Hindernisse im Wege stehen und es noch zu früh ist, das
Endergebnis vorauszusagen, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß
viele führende Politiker in Europa nach wie vor entschlossen sind,
diesem Kontinent die Kraft und Stabilität zu geben, die ihm allein
die Einheit zu bringen vermag.
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird auch weiterhin alle
auf die Einheit Europas gerichteten praktisch durchführbaren Maßnahmen
fördern, da wir uns darüber klar sind, daß die Integration Europas wesentlich zur Stärke und Solidarität der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes
beitragen kann. Während diese Entwicklung weiter voranschreitet, müssen
wir unser Augenmerk auf ein zweites Ziel richten - die Ausweitung und
Festigung des atlantischen Bündnisses selbst. Insbesondere müssen wir
Mittel und Wege prüfen, die NATO als ein Instrument der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit sowie als Verteidigungssystem weiter zu entwickeln.
Die neue sowjetische Taktik der politischen, wirtschaftlichen und
psychologischen Durchdringung läßt es mehr denn je notwendig erscheinen,
die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten der NATO zu vertiefen. Die Gefahren der neuen sowjetischen Politik sind nicht zu unterschätzen. Die Russen sind Meister einer Propaganda, die die Tatsachen
zu verschleiern weiß. Sie verfolgen die unvermeidlichen Reibungen zwischen den freien Nationen mit größter Aufmerksamkeit und zögern nicht,
dj.ese für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Sie werden jede Möglichkeit
Orgreifen, Zwietracht zu säen und die freie Welt zu schwächen. Ergänzt
Wird diese Strategie durch einen geschickt getarnten wirtschaftlichen
Brück und verlockende Angebote. Weil die russische Wirtschaft völlig
vom Staat kontrolliert wird, kann sie ohne weiteres - wie dies ja auch
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auch häufig genug der Fall ist - für rein politische Ziele benutzt
werden. Angebote bezüglich sowjetischer Absatzmärkte und Rohstoffe erscheinen bedrängten Westeuropäern oftmals verlockend genug, auch wenn
sie die ihnen unterliegenden Beweggründe erkennen. Für die Vereinigten
Staaten ist es leicht, die wirtschaftlichen Angebote der Sowjets zu
ignorieren, unsere europäischen Freunde sind aber dazu nicht immer in
der Lage. In Erkenntnis der Gefährlichkeit des sowjetischen Werbens
werden die westeuropäischen Staaten weitere Schritte zur Integrierung
ihrer Wirtschaft, zur Erhöhung ihrer Produktivität und zur Beseitigung
der Handelsschranken unternehmen, so daß die Sowjets sich eines Tages
gezwungen sehen werden, ihre Wirtschaftsoffensive, mit deren Hilfe sie
im Grunde genommen nur die Einheit der atlantischen Gemeinschaft zu
zerbrechen suchen, wieder abzublasen.
Welche Politik sollen wir nun befolgen, um die NATO zu stärken
und dieser Bedrohung zu begegnen?
Soll die NATO versuchen, die Außenpolitik ihrer Mitglieder aufeinander abzustimmen?
Soll sie versuchen, die Probleme zu lösen, die mit den wirtschaftlichen Angeboten der Sowjets an die Länder der freien Welt zusammenhängen?
Soll die NATO als Forum dienen, auf dem die zwischen ihren Mitgliedern bestehenden politischen Fragen entschieden werden?
Soll die NATO einen Informations- und Kulturaustausch organisieren, mit dem Ziel, die Einigkeit unter ihren Mitgliedern zu vertiefen?
Diese sowie zahlreiche weitere Probleme sind Gegenstand eines
Fragebogens, der sämtlichen NATO-Mitgliedstaaten vorgelegt worden ist.
Ein unter dem Namen die "Drei Weisen" bekannter Ausschuß ist gegenwärtig
dabei, die Antworten auszuwerten. Wir sind sicher, daß das Ergebnis dieser Untersuchung seinen Niederschlag in den Richtlinien über die künftige
Entwicklung dieser Organisation finden wird.
Wenn diese Untersuchung auch noch nicht völlig abgeschlossen ist,
so zeichnen sich doch bereits bestimmte Grundzüge ihrer Ergebnisse ab.
Es ist klar, daß sich kein Land irgendeine Art von "übernationaler
Regierung" wünscht - worum wir uns alle bemühen,ist eine wirksamere
Zusammenarbeit auf der Basis der Freiwilligkeit. Allgemeine Übereinstimmung herrscht ferner darüber, daß sich die NATO nicht in die Funktionen
anderer internationaler Organisationen, wie die Vereinten Nationen und
die OEEC, einmischen beziehungsweise gleichlaufende Funktionen ausüben
soll. Auch wollen wir nicht, daß die NATO als Organisation Funktionen
übernimmt, die die einzelnen Regierungen selbst viel besser ausüben
können. Trotz dieser Einschränkungen gibt es unserer Ansicht nach zahlreiche Möglichkeiten, um zu einer besseret Zusammenarbeit zwischen den
Mitgliedstaaten der NATO zu gelangen. Durch eine erweiterte und verstärkte
gegenseitige Konsultation über politische und wirtschaftliche Fragen hoffen
wir, zu einem engeren und dauerhafteren Zusammenhalt zu gelangen und auch
zu einer größeren Einigkeit in der Zielsetzung und im Handeln, als sie
jemals zuvor zwischen Staaten bestanden hat.
Welche

�AMERIKA DIENST

17- Oktober 1956

Welche Veränderungen aber auch immer vorgeschlagen werden mögen,
um die Organisation und die Punktionsfähigkeit der NATO zu verbessern,
so besteht die grundlegende Aufgabe nach Ansicht der Vereinigten Staaten doch darin, die Einigkeit zwischen^den Mitgliedstaaten der atlantischen Gemeinschaft zu erhalten und zu stärken. Statt unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die uns drohenden Gefahren zu konzentrieren,
müssen wir unsere Gedanken in steigendem Maße auf die sich bietenden
Möglichkeiten richtän sowie auf Methoden, wie wir unsere politische,
wirtschaftliche und geistige Stärke mehren-.Können. Solche Bemühungen
könnten, wenn sie erfolgreich sind, sowohl in materieller als auch in
anderer Hinsicht günstige Möglichkeiten bieten, die weit über die bloße
Einigkeit hinausgehen, wie sie für unsere Verteidigungsanstrengungen
erforderlich sind.
Die Schaffung einer einigen und aufstrebenden atlantischen Gemeinschaft würde allen Mitgliedern der NATO, einschließlich der Vereinigten
Staaten, sehr zum Vorteil gereichen.
Abschließend darf ich noch bemerken, daß die Vereinigten Staaten
und die übrigen Nationen der atlantischen Gemeinschaft meiner Meinung
nach über die materiellen Hilfsquellen, die organisatorischen Institutionen und die Fähigkeiten verfügen, die andere vor einer Aggression
zurückschrecken lassen, die sie auch in die Lage versetzen, gesunde und
fortschrittliche wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und eine starke,
dauerhafte und in sich einige Gemeinschaft der freien Völker zu entwickeln.
Notwendig hierfür ist die Entschlossenheit, diese Hilfsquellen und Fähigkeiten in noch größerem Maße als bisher für die Lösung der Probleme einzusetzen, die aus der historischen Entwicklung der politischen, wirtschaftlichen und geistigen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der NATO selbst
und der Verwirrung unter ihnen entstanden sind, die der sowjetische
Kommunismus zu stiften versuchte.

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�A M E R I K A

D I E N S T

KANONEN SIND MACHTLOS GEGEN FREIHEITLICHE GEDANKEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen eine Rede Präsident
Eisenhowers vom 23.Oktober 1956 vor der
dem AFL-CIO angeschlossenen Gewerkschaft
amerikanischer Zimmerleute und Tischler.

"Die Vorläufer Ihrer Gewerkschaftsbewegung waren sich darüber
im klaren, daß die industrielle Revolution neue Probleme geschaffen
hatte, die eine neue Haltung, einen neuen Weg zur Lösung auf seiten
des Arbeiters wie des Unternehmers erforderten - eine Haltung, die
zum Ausdruck bringt, daß Arbeiterschaft und Unternehmer die gleiche
Würde und die gleiche Verantwortung tragen.
Deshalb tritt heute auch Ihre Organisation ein fürs die
Freiheit sich zu organisieren, die Freiheit zum Aushandeln von
Lohnabkommen, die Freiheit zu streiken - vor allem aber für die
Freiheit der völlig unabhängigen Wahl. Man sagte mir, daß dies
eine der ersten Resolutionen war, die vor 75 Jahren Ihre Vorgänger
in der Zimmermanns- und Tischlergewerkschaft einbrachten.
Indem sie für all diese Dinge eintreten, tragen Sie dazu bei,
den Bereich der Freiheit des Menschen immer mehr zu erweitern und
unserer Vorstellung von dieser Freiheit einen immer weiteren Horizont zu geben.
Andere, Männer wie Marx und Lenin, sahen die neuen Probleme,
die die industrielle Revolution schuf, in einem ganz anderen Licht
und in einem ganz anderen Rahmen. Die Antwort, die sie für ihre
Lösung bereit hatten, war eine völlig andere und setzte an die
Stelle einer freien Arbeiterschaft und eines freien Unternehmertums den allmächtigen Staat.
Die Welt in unserem Industriezeitalter ist in zwei Lager getrennt - in eines, das die Idee der Freiheit verficht, und in das
andere, in dem das Leben unter der kommunistischen Weltanschauung
streng reglementiert ist.
Ich möchte zu Ihnen kurz darüber sprechen, wozu der kommunistische Imperialismus führt, wie wir dies heute täglich aus den Satellitenländern erfahren. Lassen Sie mich ein Land als Beispiel herausgreifen .
Den
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�AMERIKA DIENST"

24. Oktober 1956

Den Polen als Volk ist die Freiheit wohlbekannt.
Daraus erklärt sich auch, daß Männer wie Kosciuszco,- Pulaski
und zahllose andere an der Freiheit Amerikas mitgebaut haben. Und
ein nach Hunderttausenden zählendes Heer von Menschen polnischer
Abstammung war am Aufbau des industriellen Amerikas und der freien
Arbeiterbewegung beteiligt.
Aber seit nunmehr 17 Jahren ist das polnische Volk das Opfer
zweier aufeinanderfolgender Diktaturen.
Keine von beiden duldete die Freiheit.
Und das polnische Volk erhob sich gegen beide, denn die Liebe
zur Freiheit war und ist sein stärkster Wesenszug.
Einem Volk wie den Polen, das einmal die Freiheit kennengelernt
hat, kann nicht in alle Ewigkeit die nationale Unabhängigkeit und die
persönliche Freiheit vorenthalten werden. Und dies gilt für jedes
Volk in Osteuropa, das einmal in Unabhängigkeit und Freiheit gelebt
hat.
Diese Wahrheit mag für eine gewisse Zeit überschattet sein. Der
Tyrannei mag es für eine gewisse Zeit gelingen, eine trügerische
Fassade materieller Errungenschaften aufzurichten. Aber diese Illusion
ist kein Ersatz für die Freiheit, wie sie Männer und Frauen meinen, die
ihre Kinder in der Liebe zur Familie erziehen, sich nach eigenem Ermessen ihren Arbeitsplatz, ihre Freunde und Kollegen aussuchen und die
ihre Religion ohne Furcht ausüben.
Schl*ßlich ist, wie wir dies heute am Beispiel der Satellitenländer sehen, der Preis, den ein einstmals stolzes und unabhängiges
Volk dafür zu zahlen hat, höher als der Wert der Monumente oder Fabriken - oder Gefängnisse -, die unter der Diktatur errichtet worden
sind.
In solchen Ländern sind die Früchte des Imperialismus Unzufriedenheit, Unruhe oder Aufstände an dem einen Ort und Demonstrationen
am anderen, bis entweder die Tyrannei zerbricht oder die Machthaber
verjagt sind.
Wo durch das Eingreifen bewaffneter Streitkräfte Protestaktionen
zu selbstmörderischen Handlungen werden, mag der Tag d%r Befreiung auf
Später verschoben werden. Die Weltgeschichte legt jedoch Zeugnis ab
dafür, daß die Freiheit nicht durch Furcht vor Kanonen aus dem Gedächtnis zu tilgen ist, und daß die Liebe zur Freiheit größere Lebenskraft
hat als die Macht der Tyrannei. Es ist aber unbedingt notwendig, daß der
Geist der Freiheit und die Annehmlichkeiten, deren sich diejenigen erfreuen, die die Freiheit besitzen, den Unterdrückten zur Kenntnis gelangen .
In diesem Lichte betrachtet haben wir als Volk eine Aufgabe, eine
Mission als Vorkämpfer der menschlichen Freiheit zu erfüllen. Sie
lautet l
Erstens:

�"AMERIKA DIENST"

24. Oktober 1956

Erstens« In all unseren internationalen Beziehungen dürfen
wir niemals das Grundprinzip gefährden, daß alle Völker, die einmal den Beweis ihrer Fähigkeit zur Selbstregierung erbracht haben,
auch das Recht auf eine unabhängige Regierung ihrer eigenen, völlig
freien V/ahl besitzen.
Zweitens« Wir müssen den freiheitliebenden Völkern, die unsere
Hilfe brauchen, sie wünschen und nutzbringend verwerten können, in
einer V/eise helfen, daß sie Fortschritte in ihren Bemühungen um wirtschaftliche Unabhängigkeit erzielen und die Sicherheit und den Frieden
der freien Welt zu stärken vermögen.
Drittens: Wir müssen unsere Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern so gestalten, daß wir in einer echten Partnerschaft des Handels verbunden sind, und eine stetig wachsende, von allen geteilte Prosperität fördern, die ein Schutzschild gegen alle Propaganda und politische Wühltätigkeit ist.
Viertens : Wir müssen hier bei uns ein Beispiel für die Entfaltungsmöglichkeiten des einzelnen, den Lohn für gut getane Arbeit, für all die
Errungenschaften eines freien Systems geben, damit die Welt erkennt, daß
die Freiheit des Menschen der einzig sichere Weg zum Guten ist.
Wenn wir auf diese
weiten können, wo freie
den dazu beitragen, daß
genutzt und Regierungen
werden.

Ziele hinarbeiten, werden wir den Bereich ausMenschen, freie Regierungen gedeihen. Wir werdie Grenzen der Bereiche, in denen Menschen ausgestürzt werden können, immer enger gezogen

Bei der Erfüllung dieser Mission dürfte wohl niemand eine wichtigere Rolle spielen als die freie amerikanische Arbeiterschaft. Und die
Welt wird ihre Stimme hören. Denn Ihre Worte haben Gewicht, Sie gehören
zur arbeitenden Bevölkerung Amerikas.
Und Sie sind vor allem im Kampf zwischen der Sache der Freiheit
und der Sache des Kommunismus der lebendige Beweis dafür, daß Marx
Unrecht hatte.
Die freie amerikanische Arbeiterschaft hat an der Entwicklung aller
Lebensbereiche in stetig wachsendem Maße teilgenommen - sie hat Teil am
gesamten Volksbildungswesen und verfügt über mehr Freizeit für Erholung
und kulturelle Dinget sie hat gewonnen an Würde und Geist
aber nicht dadurch, daß sie sich etwa in einen Klassenkampf einließ;
nicht dadurch, daß sie zugunsten des Staates auf Freiheiten und
Verantwortungen verzichtete ;
nicht dadurch, daß sie irgendein Eecht oder eine Pflicht freier
Menschen gegen ein Linsengericht von Staatsgarantien verschacherte;
sondern durch freiwilligen Zusammenschluß mit dem Ziel zu verhandeln und zu Tarifabkommen zu gelangen;
sie hat erkannt, daß eine gedeihliche Entwicklung von Landwirtschaft

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�"AMERIKA DIENST"

24. Oktober 1956

Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft nur auf der Basis
der Gemeinsamkeit zu erreichen ist;
sie hat in der Fabrik, auf Gewerkschaftsversammlungen und in
der Öffentlichkeit zu erkennen gegeben, daß das Amerikanertum
mit seinen Freiheiten und Verpflichtungen auf dem festen Glauben
an die Gleichheit in der Würde und in den Rechten aller Männer
und Frauen basiert.
Deshalb bin ich als amerikanischer Bürger und als Präsident
der Vereinigten Staaten stolz und glücklich, heute abend hier stehen
zu können und mit Ihnen den 75«Jahrestag der Gründung der "United
Brotherhood of Carpenters and Joiners of America", der Vereinigten
Gewerkschaft amerikanischer Zimmerleute und Tischler, festlich zu
begehen.
Die Gewerkschaft hat sich in ihrer Geschichte als ein echter
Repräsentant der freien amerikanischen Arbeitersrchaft, als eine
dynamische Kraft im Aufbau der freien amerikanischen Gesellschaft
erwiesen."

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�^ M E R I K A

D I E N S T

JOHN FQSTER DULLES SPRICHT ZUR GEGENWÄRTIGEN WELTLAGE

DALLAS (Texas) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vom 27. Oktober 1956, in der er
in Dallas vor dem Rat für Internationale Angelegenheiten in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen 'Weltlage Stellung nahm.

Ich erinnere mich, daß ich fast genau vor vier Jahren hier
weilte. Wenige Tage darauf wurde ich zum Außenminister des neuen
Kabinetts ernannt, und seitdem war ich stets sehr beschäftigt. Ich
bin jedoch froh, daß ich es ermöglichen konnte, hierher nach Dallas
zurückzukehren und an den Feierlichkeiten des fünften Jahrestages
Ihres Rates für Internationale Angelegenheiten teilzunehmen.
Als ich das letzte Mal hier weilte, sprachen wir über einige
der vor uns liegenden Probleme. Ich schlage vor, daß wir das gleiche
heute abend tun werden, wobei wir zunächst einmal die Bedeutung
einiger großer Prinzipien betrachten wollen. Dies sind keine von
einer einzelnen Partei getragenen Prinzipien. Sie sind vielmehr
zum großen Teil das Ergebnis der überparteilichen Beratungen zwischen
der Exekutive und dem Kongreß.
*

Dann werde ich auf das. Suezproblem zu sprechen kommen. Es ist
dies ein spannungsgeladenes Drama, das noch nicht seinen Abschluß
gefunden hat und das jene oft als "Kampf um den Frieden" bezeichnete Bemühungen illustriert, die noch für viele Jahre und in vielen
Fragen Tag um Tag notwendig sein werden, solange wir einen gerechten
und dauerhaften Frieden erstreben.
Lassen Sie mich zuerst von unserer militärischen Stärke sprechen,
denn mit der moralischen Stärke allein ist es nicht getan, Wären wir
in bezug auf die gewaltige Militärmächt, die in den Händen skrupelloser Menschen liegt, relativ schwach, dann wären wir nicht Herr unseres eigenen Schicksals.
Während es nun verhältnismäßig einfach ist, sich für militärische Stärke zu entscheiden, ist es doch schwierig, die Entscheidung zu treffen, wie diese Stärke erreicht werden soll. Es gibt
viele Wege - Luftwaffe, Armee, Kriegsmarine - konventionelle und

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AMERIKA DIENST

und Atomwaffen, Defensive oder Offensive. Wir können nicht auf all
diesen Gebieten immer und überall in der gleichen Weise stark sein,
ohne uns eine untragbare Last aufzubürden.
Zum Glück brauchen die Vereinigten Staaten nicht allein die gesamte militärische Macht zu besitzen, die notwendig ist, um gegenüber
dem Sowjetblock das Gleichgewicht zu halten. Wir haben Verbündete,
und sie tragen einen Teil zu der gemeinsamen Verteidigung bei. Auf
uns ruht allerdings eine besondere Verantwortung. Wir allein besitzen
die wirtschaftliche und finanzielle Stärke und das praktische Wissen,
um zu verhindern, daß die Welt von den Atom- und Kernwaffen beherrscht
wird, die die Sowjetunion fieberhaft entwickelt. Wir müssen die Fähigkeit besitzen, Vergeltungsmaßnahmen in solcher Stärke durchführen
zu können, die ausreichen, um vor jeder bewaffneten Aggression abzuschrecken. Wir müssen diese Fähigkeit besitzen, nicht weil wir damit
rechnen, sie anwenden zu müssen, sondern weil wir sie wahrscheinlich
niemals anzuwenden brauchen, sofern wir sie besitzen.
Aber es könnte örtlich begrenzte Aggressionen geben, eine Art
Aushöhlungsversuche, bei denen nicht sogleich die stärksten Waffen
aufgeboten werden. Wir und unsere Alliierten sollten unter uns über
die Fähigkeit verfügen, mit solchen Fällen fertig zu werden, ohne daß
durch unsere Aktion ein allgemeiner Kernwaffenkrieg ausgelöst wird.
Außerdem wäre es jedoch auch unvorsichtig, wollte man alles auf eine
Form der Rüstung setzen, da niemand mit Sicherheit voraussagen kann,
welche Anforderungen ein künftiger Krieg stellen wird.
Daher sollten wir und unsere Alliierten zusätzlich zu einer
starken nuklearen Macht über konventionelle Streitkräfte verfügen,
die zur Verteidigung der freien Welt beitragen können. Die kombinierte militärische Stärke der freien Welt muß genügend ausbalanciert,
anpassungsfähig und so formiert sein, daß sie sowohl große wie kleine
Aggressionen abschrecken oder sie zunichte machen kann.
Selbstverständlich ist ein Friede, der auf der abschreckenden
Wirkung einer militärischen Macht beruht, kein idealer Friede. Es
müßte eine kontrollierte Rüstungsbegrenzung geben. Die Erreichung
dieses Zieles aber gehört wohl zu den schwierigsten Aufgaben des
Friedens. Wenn die Schwierigkeiten vielleicht auch groß sind, so ist
die Notwendigkeit, sie zu überwinden, nicht weniger groß. Lassen
Sie uns Sorge tragen, daß unsere Maßnahmen den Glauben widerspiegeln,
daß das, was getan werden muß, getan werden kann.
Ich wende mich nun einem zweiten großen Gebiet zu, das unsere
Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: Die Erhaltung und Stärkung unserer
kollektiven Sicherheitsabmachungen.
Die Vereinigten Staaten unterhalten gegenwärtig mit 42 anderen
Nationen Sicherheitsabkommen. Die wichtigsten Verträge sind hier
der Rio-Pakt der amerikanischen Republiken, der Nordatlantikpakt und
der Südostasienpakt.
Alle

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Alle diese Vereinbarungen sind in ihrer gegenwärtigen Form
das Ergebnis eines Gefühls der Gefahr, das aus der aggressiven
und heftigen Außenpolitik machthungriger Diktatoren erwuchs - zunächst einmal Hitler, dann die kommunistischen Machthaber in der
Sowjetunion und in China.
Heute jedoch ist dieses Gefühl der Gefahr etwas schv/ächer geworden. Die Sowjetunion hat zwar ihre Anstrengungen zur Erlangung
der militärischen Vormachtstellung mit gleicher Intensität fortgesetzt, sie war aber auch - mindestens bis zu dieser Woche - bestrebt, den Eindruck eines friedliebenden Staates zu erwecken. Aus
dieser Tatsache entwickelte sich, ob zu Recht oder zu Unrecht bleibe
dahingestellt, weithin das Gefühl, daß die Gefahr eines allgemeinen
Krieges geringer geworden sei. Das einende Band der Furcht war wohl
stark genug, uns zusammenzubringen, erscheint aber nicht stark genug,
uns zusammenzuhalten.
Das ist unlogisch, denn die grundlegende Gefahr besteht nach
wie vor: eine unerhörte militärische Macht in den Händen einer
Diktatur, die in ihrer Handlungsfreiheit nicht von ethischen Grundsätzen eingeengt wird. Wir sollten deshalb an dem festhalten, was
uns allen größere Sicherheit eingebracht hat. Wir können aber die
Tatsache nicht außer acht lassen, daß Menschen, sobald die Gefahr
nachläßt, immer die Tendenz haben, den Zusammenhalt aufzugeben - es
sei denn, sie finden eine Grundlage für die Einigkeit, die sich als
noch stärker erweist als jenes Gefühl der Gefahr.
Dies trifft vielleicht am ehesten auf den Fall der Organisation
der amerikanischen Staaten (OAS) zu. Diese Vereinigung hat eine
würdige Tradition. Ihr Ziel ist es nicht nur, eine eventuelle Aggression von außen her zurückzuschlagen, sondern auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den amerikanischen Republiken zu beseitigen. Auf
der letzten Konferenz in Panama wurde eine Vereinbarung getroffen,
daß in Zukunft mehr Nachdruck auf den Ausbau der wirtschaftlichen
und kulturellen Beziehungen gelegt werden soll. Gegenwärtig ist man
deshalb allenthalben bemüht, diese Konzeption in die Tat umzusetzen.
Dem gleichen Problem sehen wir uns auch in bezug auf die Nordatlantikpaktorganisation gegenüber. Ihre Mitgliedstaaten sind im
Augenblick dabei, die Möglichkeiten zu einer Vertiefung der nichtmilitärischen Bindungen zu überprüfen. Senator Walter George ist
der Bevollmächtigte der Vereinigten Staaten für diese Fragen und
seine großen Erfahrungen und sein Können werden ihm bei dieser
Aufgabe sehr zustatten kommen.
Im Falle unserer Bündnisse im pazifischen und asiatischen Raum
ist die Problemstellung etwas anders geartet, weil dort das kommunistische China die Furcht lebendig erhält. Es bedroht weiterhin die
Republiken Korea und Vietnam mit militärischer Macht. In periodischen
Abständen verkündet das kommunistische China die Absicht, Formosa mit
Gewalt zu erobern, und es hat auch bereits Teile von Burma mit seinen
Streitkräften besetzt.
Im

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Im Fernen Osten ist es klar erkenntlich, daß die Gefahr nach wie
vor besteht, wenngleich auch dort das kommunistische China gelegentlich den Versuch macht, durch gleißnerische Versprechungen Freunde zu
gewinnen. Somit können wir noch nicht einmal dort voll auf die einigende Wirkung der Furcht vertrauen. Gesündere Bindungen zu finden,
wird deshalb eine der Aufgaben der Außenminister der Staaten der Südostasienpakt-Organisation auf ihrer nächsten Tagung im Frühjahr nächsten
Jahres sein.
Wir wollen dabei selbstverständlich die Vereinten Nationen nicht
vergessen. Sie wurden mit dem Ziel gegründet, allen Völkern eine kollektive Sicherheit zu geben sowie eine stärkere wirtschaftliche und
soziale Zusammenarbeit herbeizuführen. Die Vereinten Nationen leisten
in dieser Hinsicht, ebenso wie in der Vergangenheit, auch heute ausgezeichnete Dienste. Allerdings blieb das bisher Erreichte hinter den
gesteckten Zielen zurück. Die Stärkung der Vereinten Nationen ist deshalb eine weitere lebenswichtige Phase der gemeinsamen Anstrengungen
zur Festigung von Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.
Ein drittes wichtiges Problem bilden die 700 Millionen Menschen
in den 18 jungen Staatswesen, die in der Zeit seit Ende des zweiten
Weltkrieges ihre volle Unabhängigkeit erlangt haben.
Diese neuen Nationen unterscheiden sich in vieler Hinsicht sehr
deutlich voneinander. Aber sie gleichen sich insofern, als sie alle
von Nationalbewußtsein und Patriotismus durchdrungen sind, die ihnen
die Freiheit eingebracht haben. Ebenso huldigen sie dem Fortschritt,
von dem sie sich eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage erhoffen.
Ein Teil dieser erst seit kurzer Zeit unabhängigen Staaten ist
sich darüber im klaren, daß ihre Unabhängigkeit am besten durch
kollektive Sicherheitsvereinbarungen, wie wir sie dargelegt haben,
gewährleistet wird. Wir sind stolz darauf, mit diesen Nationen verbunden zu sein, und sind fest entschlossen, das in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Es gibt auch junge unabhängige Nationen, die es vorziehen, sich
nicht irgendwelchen kollektiven Sicherheitspakten anzuschließen. Wir
respektieren natürlich vollauf ihre Entscheidungsfreiheit.
Wir haben ein außerordentliches Interesse an der Unabhängigkeit
all dieser jungen Nationen und sind bereit, ihnen durch einen Beitrag
aus unseren Erfahrungen und Hilfsquellen zu helfen, eine solide Grundlage für ihre Freiheit zu schaffen.
Dies ist für die freie Welt Problem und Aufgabe zugleich. Denn
auf die Dauer gesehen sind politische Unabhängigkeit und wirtschaftliches Wohlergehen voneinander abhängig. Vieles ist bereits getan
worden und wird gegenwärtig getan, um diesem Problem gerecht zu werden.
Aber dies war nur eine schrittweise Entwicklung. Die Suche nach zufriedenstellenden und verlässlichen Methoden dauert noch immer an.
Die

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Die freie Welt ist sehr wohl in der Lage, die Gewehr dafür zu
geben, daß ein Volk, das sich der Freiheit verschrieben hat, nicht
gezwungen ist, zwischen kommunistischer Versklavung und wirtschaftlicher Not zu wählen.
Eine weitere wesentliche Sorge unserer Außenpolitik gilt den
in Unfreiheit lebenden Völkern der Welt. Wir hatten den zweiten Weltkrieg als einen Befreiungskrieg betrachtet. Die Atlantik-Charta und
die Deklaration der Vereinten Nationen verpflichten alle Alliierten, die
Souveränitätsrechte und die Selbstregierung allen jenen zurückzugeben,
denen sie gewaltsam genommen worden waren, und das Recht aller Völker
anzuerkennen, sich selbst die Regierungsform zu wählen, unter der sie
leben wollen. Leider sind diese feierlichen Versprechen verletzt worden,
und in Osteuropa ist eine Art der Unterjochung nur durch eine andere
abgelöst worden.
Aber patriotischer Geist und die Sehnsucht der Menschen nach Gedanken- und Gewissensfreiheit und nach dem Recht, sich ihr Leben selbst
zu gestalten, sind Kräfte, die an den eisernen Banden der Sklaverei
nagen und sie schließlich zerbrechen.
Wir erleben heute dramatische Beweise für diese Wahrheit. Das
polnische Volk lockert nunmehr den sowjetischen Griff um das Land,
das 63 liebt. . Und die heldenhafte Bevölkerung Ungarns bietet dem
mörderischen Feuer der Panzer der Roten Armee Trotz. Für diese Patrioten
bedeutet die Freiheit mehr als das Leben. Und alle, die sich der Freiheit in Frieden erfreuen, haben die feierliche Pflicht, mit allen geeigneten Mitteln danach zu trachten, daß die Menschen, die jetzt für
die Freiheit sterben, ihr Leben nicht umsonst gegeben haben.
Die Schwäche des sowjetischen Imperialismus hat sich deutlich
gezeigt. Diese Schwäche ist nicht militärischer Natur, auch beruht
sie nicht auf einem Mangel an materieller Macht. Er ist schwach, weil
er versucht, durch Unterdrückung menschlicher Wünsche, die sich nicht
dauernd unterdrücken lassen, und durch Verschleierung von Wahrheiten,
die sich nicht dauernd verheimlichen lassen, eine unnatürliche Gewaltherrschaft aufrecht zu erhalten.
Nach außen erwecken die imperiaistischen Diktaturen oft einen
furchterregenden Eindruck. Eine Zeitlang erscheinen sie hart, glänzend
und unwiderstehlich. Tatsächlich aber erweisen sie sich "wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind
sie voller Totengebein und Unflat." Sie haben verwundbare Stellen,
die nicht leicht erkennbar sind.
Von Anfang an ist die amerikanische Nation überall in der Welt
für politische Unabhängigkeit und menschliche Freiheit eingetreten.
Von unserer Unabhängigkeitserklärung sagte Lincoln, daß sie "nicht
nur den Menschen dieses Landes die Freiheit, sondern auch der Welt
Hoffnung für alle Zukunft" gebe. In der Zeit, als unsere Nation gegründet wurde, befand sich der Despotismus auf einem Höhepunkt. Doch

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Doch unsere freie Gesellschaft und die großen Erfolge, die sie zeitigte, wurden überall in der Welt bekannt und tragen dazu bei, die Unterdrückten Völker der damaligen Zeit dafür zu begeistern, Möglichkeiten
zu fordern und zu erlangen, um ihr eigenes Schicksal in die Hand zu
nehmen. Heute setzt unsere Nation ihre historische Aufgabe fort. Bei
den unterworfenen Völkern soll kein Zweifel darüber bestehen, daß sie
in uns einen aufrichtigen und selbstlosen Freund besitzen, der ihre
Hoffnungen teilt. Sie müssen wissen, daß sie während der Zeit des
Umstellungsprozesses ihrer Wirtschaft, def unvermeidlich ist, wenn sie
ihre produktiven Bemühungen in den Dienst ihres eigenen Volkes und
nicht mehr in den Dienst ihrer Unterdrücker stellen, von unserem Überfluß erhalten können. Auch stellen wir nicht die Bedingung, daß wirtschaftliche Bindungen zwischen uns von der Annahme irgendeines bestimmten Gesellschaftssystems abhängig sind.
Lassen Sie mich folgendes aussprechen, was über jeden Zweifel erhaben ist» In ihrem Wunsche, die Satellitenländer frei zu sehen, verfolgen die Vereinigten Staaten keine hintergründigen Absichten. Wir
haben den aufrichtigen Wunsch, daß diese Völker, die so viel zu unserem eigenen nationalen Leben beigetragen haben, ihre Souveränität wiedererhalten und daß sie Regierungen nach eigener freier Wahl bilden können.
Wir betrachten diese Nationen nicht als potentielle militärische Verbündete. Wir betrachten sie als Freunde und als Teil eines neuen befreundeten und nicht mehr länger geteilten Europas. Wir bauen darauf, daß ihre
Unabhängigkeit, wenn sie ihnen unverzüglich gewährt wird, außerordentlich
zur Festigung des Friedens in ganz Europa, im Westen und im Osten, beitragen wird.
Ich möchte hierbei noch ein Wort über die künftigen Beziehungen
mit den Völkern hinzufügen, aus denen sich die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammensetzt. Auch sie dürfen hoffen. Mit
der zunehmenden Bildung der breiten Massen und der Entwicklung der
Industrie entstand ein wachsendes Verlangen nach geistiger Freiheit,
nach größerer gesetzlich geschützter persönlicher Sicherheit und
nach der Möglichkeit, die schönen Dinge des Lebens zu genießen.
Diesen Forderungen ist in gewissem Maße stattgegeben worden.
Es besteht Grund zu der Annahme, daß sich diese. Entwicklung
als unwiderruflich erweisen wird. Sie mag eines Tages dazu führen,
daß das amerikanische Volk mit dem russischen Volke die Beziehungen der Freundschaft unterhalten kann, die es sich wünscht und die
Regierungen unserer Länder als Freunde miteinander verhandeln können»

Ich

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Ich habe nur die allgemeinen Punkte berührt. Daneben gibt es die
speziellen Probleme. In einer Welt, die so deutlich die menschlichen
Leidenschaften und Unzulänglichkeiten widerspiegelt, werden ständig
besondere Situationen entstehen, die den Frieden oder die guten Beziehungen zwischen den Nationen bedrohen. Die Geschichte weist eine
lange Reihe solcher Probleme auf; es gibt sie heute und wird sie in
Zukunft geben. Ich will kurz auf eines davon eingehen - den Streit um
den Suezkanal. Ich greife gerade dieses Problem heraus, weil es von
unmittelbarer und großer Bedeutung ist, und weil es das ständig gegenwärtige Problem des "Kampfes für den Frieden" deutlich macht.
Der Suezkanal ist die wichtigste künstliche Wasserstraße der
Welt. Sie ist durch Vertrag internationalisiert. Seit ihrer Eröffnung
vor 90 Jahren wurde sie von der unter Beteiligung der ganzen Welt gegründeten Suez-Kanal-Gesellschaft betrieben. Am 26. Juli 1956 hat die
ägyptische Regierung aus nationalen Erwägungen heraus das Vermögen der
Gesellschaft beschlagnahmt und den Betrieb des Kanals in eigene Regie
übernommen.
Die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten traten unmittelbar darauf zu einer Konferenz zusammen,
um darüber zu beraten, welche Schritte unternommen werden könnten.
In einigen Kreisen vertrat man die Auffassung, daß man auf der Stelle
Gewaltmaßnahmen ergreifen solle, um die Verhältnisse wiederherzustellen,
wie sie vor dem ägyptischen Schritt bestanden hatten. Unsere drei Regierungen kamen jedoch überein, die 24 unmittelbar betroffenen Staaten,
darunter auch Ägypten, zu einer Konferenz einzuladen.
Das war "Friedensbemühung Nummer eins".
Diese Konferenz fand in London im August statt. Nur zwei der
eingeladenen Staaten, darunter Ägypten, erschienen nicht auf der
Konferenz. Auf dieser Konferenz formulierten 18 Staaten aus Europa,
Asien, Afrika, Australien und Amerika, auf die zusammen 90 Prozent
des gesamten Schiffsverkehrs durch den Suezkanal entfallen, einen
Vorschlag, dessen Ziel es war, einen erfolgreichen und zuverlässigen
Betrieb sowie den Unterhalt und den weiteren Ausbau des Kanals gemäß
der Konvention von 1888 sicherzustellen.
Diese Londoner Konferenz war "Friedensbemühung Nummer zwei" .
Im Anschluß daran entsandten die 18 Staaten, die dem erwähnten
Vorschlag beipflichteten, eine aus Vertretern von fünf Ländern gebildete Mission nach Kairo, an deren Spitze der australische Ministerpräsident Menzies stand und die die Aufgabe hatte, dem ägyptischen
Staatschef Nasser ihren Vorschlag zu unterbreiten.
Diese Mission nach Kairo war "Friedensbemühung Nummer drei".

Als

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Als Staatschef Nasser diesen Vorschlag zurückwies, traten die
18 Staaten im September abermals in London zu einer Konferenz zusammen. Sie arbeiteten dort einen Plan bezüglich der Schaffung einer
kooperativen Vereinigung zur Vertretung der Interessen der foli!«
benutzer aus. lies geschah in der BeffhUAft daß di**? IfafiifliÄ&amp;ftjh
die zunächst auf eine provisorische Arbeitsbasis gestellt wurde, in
ausreichendem Maße zu einer Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden gelangen möge.
Diese Konferenz vom September war "Friedensbemühung Nummer vier".
Während die Vereinigung der Kanalbenutzer noch im Begriff stand,
sich zu konstituieren, brachten Großbritannien und Frankreich die
Suez-Frage vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Nach neuntägigen Beratungen billigte der Sicherheitsrat sechs
Grundsätze für die Lösung des Suez-Problems. Diese sechs Grundsätze
waren im wesentlichen die gleichen, die von den 18 Benutzerstaaten auf
der Londoner Konferenz vom August angenommen worden waren.
Frankreich und Großbritannien schlugen ferner Maßnahmen vor,
die eine Verwirklichung dieser Grundsätze beschleunigen sollten.
Dieser Teil der entsprechenden Entschließung erhielt neun von insgesamt elf Stimmen, wurde allerdings auf Grund des Vetos der Sowjetunion angenommen.
Dieses Vorgehen des Sicherheitsrates war "Friedensbemühung Nummer
fünf".
Während die formellen Erörterungen im Sicherheitsrat noch im
Gange waren, kam es zu einem inoffiziellen privaten Meinungsaustausch
zwischen den Außenministern Großbritanniens, Frankreichs und Ägyptens,
der durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen angeregt worden
war.
Diese privaten und inoffiziellen Besprechungen waren "Friedensbemühungen Nummer sechs".
Man hofft jetzt, daß es zwischen den drei genannten Regierungen
zu einem weiteren Gedankenaustausch kommt. Diese Konferenzen wären,
wenn sie Zustandekommen, "Friedensbemühung Nummer sieben".
Ich bin überzeugt, daß diese Aufzählung Sie nicht ermüdet hat.
Ich kann Ihnen versichern, daß die praktischen Bemühungen selbst,
wenn sie auch hohe Anforderungen stellten, für die vielen Menschen
aus den zahlreichen Ländern keineswegs ermüdend waren, die auf diese
Weise versuchten, eine friedliche und gerechte Lösung für eine Situation zu finden, wie sie durch die Beschlagnahme einer Einrichtung von
großer internationaler Bedeutung seitens der ägyptischen Regierung
entstanden ist.
Unter

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Unter den Verhältnissen in der Welt, wie sie vor der Annahme der
Charta der Vereinten Nationen bestanden, wäre es mit größter Wahrscheinlichkeit binnen kurzem zum Krieg gekommen. Wir sehen noch nicht klar,
wie sich die künftige Entwicklung gestalten wird. Aber seit drei Monaten bemüht man sich nahezu unaufhörlich, eine Lösung auf dem Verhandlungswege zu erzielen. Der Kampf um den Frieden ist mit Intensität und
Einfallsreichtum geführt worden. Die nächste Phase, die vielleicht entscheidend sein wird, hängt in erster Linie von den drei am unmittelbarsten betroffenen Regierungen ab - den Regierungen Frankreichs,
Englands und Ägyptens -, wobei auch der Generalsekretär der Vereinten
Nationen eine wichtige Rolle spielt.
Wir glaubten von Anfang an, daß jede Lösung, wie sie auch ausfallen würde, zwei Grundtatsachen berücksichtigen müsse. Das eine
Prinzip ist, daß ein internationaler Wasserweg wie der Suezkanal, der
stets einen internationalen Status hatte, rechtens nicht zum Instrument
der Politik irgendeiner Regierung werden darf, was bedeuten würde,
daß das gleiche Recht aller auf Durchfahrt von der Gunst dieser Regierung abhängig gemacht werden kann. Ägypten braucht sich deshalb
nicht der Rechte zu begeben, die ihm als einem souveränen Staat, durch
dessen Hoheitsgebiet dieser internationale Wasserweg führt, normalerweise zustehen. Dies bedeutet aber, daß es Ägypten nicht möglich
sein darf, offen oder versteckt nach eigener Willkür den Betrieb dieses
internationalen Wasserwegs zu regeln, so daß die Staaten, die auf ihn
angewiesen sind, in Wahrheit ständig unter einem wirtschaftlichen
Damoklesschwert leben. Das wäre ein unerträglicher Zustand. Er wäre
unvereinbar mit den Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen,
die besagen, daß solche Situationen in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts gelöst werden müssen.
Der zweite wichtige Grundsatz ist, daß die gegenseitige Abhängigkeit Europas, Asiens und Afrikas in wirtschaftlicher Hinsicht, die
den Suez-Kanal so unentbehrlich macht, durch Zwang und Gewalt nicht
aufrechterhalten werden kann.
Wenn die Verwirklichung dieser beiden Grundsätze im Geiste der
Aufrichtigkeit angestrebt wird, dann kann eine Vereinbarung auf dem
Verhandlungswege zustande kommen.
Ich kann nicht voraussagen, wie sich die Dinge weiterentwickeln
werden. Die Situation ist ernst. Es gibt mehrere störende und die
Dinge noch komplizierende Faktoren, die nichts mit der Kanalfrage
selbst zu tun haben. Wenn jedoch die Regierungen der am meisten
betroffenen Staaten, die Regierungen also von Frankreich, Großbritannien und Ägypten, mit Hilfe der Vereinten Nationen zu einem Übereinkommen gelangen sollten, dann haben sie dem jahrhundertealten Kampf
um einen gerechten und dauerhaften Frieden ein ermutigendes Kapitel
hinzugefügt. Sie werden dann jenes Lob verdienen, das die öffentliche
Meinung in aller Welt und die Geschichte ihnen bestimmt zuerkennen
werden.
Was

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"AMERIKA DIENST"

Was ich hier über die Suezfrage gesagt habe, läßt vielleicht
auch den Schluß zu, daß sich keine der allgemeinen Richtlinien bezüglich der einzuschlagenden Politik, wie ich sie im ersten Teil meiner
Rede aufgezeigt habe, in die Tat umsetzen lassen wird, ohne daß sich
dabei eine Vielzahl von Hindernissen auftut, die es zu überwinden gilt.
Wir alle kennen die Hindernisse, denen sich Menschen in Zeiten
des Krieges gegenübersehen und die sie überwinden, um den Sieg zu
erringen. Man scheint dagegen nicht zu erkennen, daß es in Zeiten
des Friedens vergleichbarer Anstrengungen bedarf, um den Frieden zu
erhalten. Der Friede wird so lange nicht gewonnen werden, wie die
Menschen ihr Bestes nur im Krieg zu leisten bereit sind. Auch der
Friede muß erkämpft werden, genauso wie Kriege durchgekämpft werden,
und Menschen und Völker haben tatkräftig und opferbereit darauf hinzuarbeiten, der Bedrohungen von Frieden und Gerechtigkeit Herr zu
werden.
Ich sehe keinen Grund dafür, daß dies nicht möglich sein sollte.
Der Friede ist sicherlich ein Ziel, dessen Erringung die gleiche Hingabe verdient, wie die Erringung des Sieges im Kriege. Heute ist dies
wichtiger denn je zuvor, da wir in einer Welt leben, bei der es im
Falle eines Krieges vielleicht noch nicht einmal einen Sieger geben
wird.
Ich vertraue darauf, daß die von mir hier aufgezeigte Geisteshaltung dem Denken des amerikanischen Volkes und seiner politischen
Führung, gleichgültig welcher Partei diese angehört, entspricht. Wenn
die Völker und Führer anderer Länder sich zu der gleichen Geisteshaltung aufschwingen, dann können wir einer Zukunft entgegengehen,
die uns trotz vielfältiger verwirrender Phänomene hoffnungsvoll zu
großen schöpferischen Taten aufruft.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E

EISENHOV/ER; VERTRAUEN UND VERSTÄNDNIS UNTER ALLEN
VÖLKERN SCHAFFEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 23. Oktober 1956, in
der er auseinandersetzt, warum die USA die H —
Bombenversuche fortsetzen werden.
Der Präsident gab diese Erklärung im Rahmen
eines Berichtes über die nukleare Abrüstung,
der auf Informationen des US-Außen- und des
US-Verteidigungsministeriums und der US-Atomenergie-Kommission basiert und vom Weißen Haus
nunmehr veröffentlicht wurde.

"Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es im öffentlichen Interesse
liegen würde, wenn ich vor Ihnen, dem amerikanischen Volk, und vor der
Welt einen umfassenden und klaren Überblick über die Politik und die
Maßnahmen unserer Regierung in bezug auf die Entwicklung und Erprobung der nuklearen Kampfmittel gebe, soweit diese unsere nationale
Verteidigung, unser Streben zur Herbeiführung einer Weltabrüstung
und unseren Wunsch nach einem sicheren und gerechten Frieden für alle
Nationen betreffen.
Bei diesem Dienst am Weltfrieden darf eine Tatsache niemals außer
acht gelassen werden. Es ist diese: Das kritische Problem besteht
nicht darin, Kernwaffen zu prüfen, sondern darin, ihre Anwendung in
einem Atomkrieg zu verhindern. Amerika hat wiederholt seine Bereitschaft, ja den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck gebracht, alle nuklearen Kampfmittel für dauernd abzuschaffen, die Erprobungen derartiger Waffen einzustellen, einen Teil unserer gewaltigen Rüstungsausgaben in den wichtigeren Dienst der Förderung des Wohles der Menschheit zu stellen - alle diese Dinge zu tun, wann immer und sobald dem
einen grundlegenden Erfordernis Genüge getan ist, dem Erfordernis
nämlich, daß wir als Nation und alle anderen Völker vor einem Angriff
sicher sind.
Aus diesem Geiste und dieser Erkenntnis heraus haben wir als
Nation zwei Aufgaben zu erfüllen. Einmal müssen wir - und wir tun
das auch - unermüdlich danach streben, mit anderen Nationen Abkommen zu treffen, die Vertrauen und Verständnis unter allen Völkern

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Völkern schaffen. Zweitens müssen wir zur gleichen Zeit und bis zu dem
Zeitpunkt, wo das internationale Vertrauen endgültig sichergestellt
ist, darauf achten - und wir tun dies -, daß die Qualität und Quantität unserer militärischen Waffen einen derartigen Respekt gebieten, daß
sie jede Nation von der Versuchung
abhalten, eine Aggression zu beginnen.
Deshalb entwickeln wir Waffen, nicht um Krieg zu führen, sondern
um ihn zu verhindern. Nur im hellen Lichte dieser größeren Wahrheit
können wir die untergeordnetere Frage der Erprobung unserer Kernwaffen
korrekt prüfen.
Ich habe in der vergangenen Woche in dieser Angelegenheit die
zuständigen Ministerien und Stellen unserer Regierung angewiesen, mir
eine Zusammenfassung aller wichtigen Fakten aus ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich zu unterbreiten. Dieses Material umfaßt die Zeitspannen der letzten elf Jahre - seit der ersten Atomexplosion, die bei
einem Versuch in Neu-Mexiko stattfand. In diesem Zusammenhang mag die
Feststellung angemessen sein, daß ich mich in diesen elf Jahren in fast
ununterbrochener Folge persönlich mit diesen Dingen befaßt habe, nämlich in meiner Eigenschaft als Stabschef der Armee, als Berater des
Verteidigungsministers, als Oberster Befehlshaber der alliierten Truppen in Europa und seit 1953 als Ihr Präsident und als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte.
Die Liste der von Ihrer Regierung getroffenen politischen Schritte
und Maßnahmen wird hiermit der Öffentlichkeit übergeben
soweit dies
ohne die nationale Sicherheit zu gefährden - möglich ist. Sie umfaßt
Fakten aus dem Bereich der nationalen Verteidigung, der wissenschaftlichen Entwicklung und der diplomatischen Bemühungen. Dieses Material
spiegelt in klarer und konsequenter Weise die beständigen, friedlichen
Zielsetzungen unserer Nation wider.
Ich halte es in diesem Überblick für angemessen, auf die wichtigsten Fakten des anliegenden Berichtes hinzuweisen.
Erstens: Unsere Regierung hat in ihren Bemühungen nicht nachgelassen, die Rüstungslasten in der gesamten Welt zu erleichtern, eine
wirkungsvolle internationale Kontrolle der Erprobung und Anwendung
aller Kernwaffen zu schaffen und die internationale Anwendung der
Atomenergie für friedliche Bedürfnisse und Ziele zu verwirklichen.
Die sichtbaren Beweise dieser Anstrengungen erstrecken sich vom Beginn unserer Regierung bis auf heute:
a) meine Rede vom 16. April 1953» in der ich bereits diese besonderen Zielsetzungen zur Verwirklichung empfahl;
b) das im Dezember gleichen Jahres unterbreitete "Atome-für-denFrieden"-Programm;

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c) die Ernennung eines Sonderbeauftragten für Abrüstungsfragen
mit Ministerrang, um unsere Abrüstungsbemühungen zu entwickeln und zu
koordinieren;
d) mein während der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli
1955 unterbreiteter Vorschlag, den Austausch militärischer Pläne zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie eine gemeinsame
Luftihspektion durch die Formel der "Offenen Himmel" unverzüglich zu beginnen;
e) die Annahme des sowjetischen Vorschlags für die Schaffung von
Bodeninspektionsgruppen, sofern diese mit der Luftinspektion gekoppelt
sindj
f) die i n dieser Woche erfolgte Annahme der Statuten für die Internationale Atomenergiebehörde, an deren friedlichen Zielsetzungen
sich 81 Nationen beteiligen; und
g) unsere fortgesetzte konstruktive Beteiligung an der Arbeit der
UN-Abrüstungskommission.
Tatsachen, wie die hier aufgeführten, haben meiner Erklärung
vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 8. Dezember 1953
Inhalt und Gültigkeit gegeben. Damals sagte ich:
'Die Vereinigten Staaten geloben vor Ihnen und damit vor aller
Welt, daß sie entschlossen sind, das furchtbare, durch das Atom geschaffene Dilemma zu lösen - und daß sie all ihre Kräfte des Herzens
und des Verstandes daran setzen worden, einen Weg zu finden, damit des
Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht,
sondern seinem Leben geweiht wird.'
Zweitens: Das unerlässliche Prinzip, auf dem wir bestanden haben,
war die Gewährleistung wirksamer Maßnahmen und Kontrollen in einem
jeden Abrüstungsprogramm. Unsere Bereitschaft, mit einer Abrüstung im
Rahmen solcher Sicherheitsmaßnahmen zu beginnen, ist in den letzten
dreieinhalb Jahren immer wieder bestätigt und bekräftigt worden. Auf
der Genfer Außenministerkonferenz vom vergangenen Herbst hat der amerikanische Außenminister diese Bereitschaft unter besonderer Bezugnahme
auf die nuklearen Waffen und ihre Erprobung erneut bestätigt.
Es gibt nur einen einzigen Grund, warum bis jetzt kein sicheres
Abkommen getroffen worden ist: die Weigerung der Sowjetunion, irgendein verlässliches System gegenseitiger Sicherheitsgarantien anzunehmen. Allein in den letzten beiden Jahren hat die Sowjetunion nicht
weniger als 14 amerikanische Vorschläge zur Abrüstung und Kontrolle
nuklearer Waffen abgelehnt.
Drittens: Angesichts dieser Tatsachen hat unsere Regierung ihre
Bestände an Kernwaffen ständig vergrößert und die Entwicklung und
Erprobung der modernsten nuklearen Kampfmittel fortgesetzt. Die Macht
dieser Waffen zur Abwehr einer Aggression und zur Wahrung des Weltfriedens könnte verloren gehen, wenn wir es versäumen, unsere Überlegenheit

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Überlegenheit hinsichtlich dieser Waffen aufrecht zu erhalten. Und
die Bedeutung unserer Stärke auf diesem speziellen Gebiet der Waffentechnik wird nachdrücklich durch die unumstößliche Tatsache unserer
zahlenmäßigen Unterlegenheit gegenüber den Kommunisten unterstrichen.
Viertens: Die Fortdauer der gegenwärtigen Rate von Wasserstoffbombenversuchen stellt nach dem ganz nüchternen und verantwortungsbewußten Urteil der Wissenschaft keine Gefährdung der Gesundheit der
Menschheit dar. Was die Menge des aus diesen Versuchen resultierenden
radioaktiven Niederschlages einschließlich des Strontium 90 anbetrifft,
so kommt wohl dem darüber von der unabhängigen Nationalen Akademie der
Wissenschaften abgegebenen Urteil die größte Autorität zu. Sie berichtete im vergangenen Juni im Anschluß an eine von 150 der namhaftesten
Wissenschaftler durchgeführte Studie, daß die Menschen auf Grund aller
bisherigen Waffenversuche und bei Fortdauer der gegenwärtigen Rate
dieser Versuche nur einem Bruchteil der Strahlungen ausgesetzt sind,
die sie normalerweise während ihres Lebens auf Grund natürlicher Strahlenquellen und medizinischer Röntgenstrahlen aufnehmen.
Fünftens: Andererseits zeitigt die Fortsetzung dieser Versuche
zwei wichtige segensreiche Resultate.
Einmal geben uns die jüngsten Versuche nunmehr die Möglichkeit,
unsere Waffen genauer und wirksamer zu gestalten und zu kontrollieren,
den radioaktiven Niederschlag drastisch zu reduzieren und diese Waffen
so zu bauen, daß sie sich - wenn sie je eingesetzt werden sollten leichter auf militärische Ziele konzentrieren lassen. Man rechnet zuversichtlich mit weiteren Fortschritten in dieser Richtung.
Zum anderen haben diese jüngsten Versuche uns bei der Entwicklung
von Waffen geholfen - Waffen, die nicht in erster Linie eine größere
Zerstörungskraft haben, sondern für die Verteidigung unseres Volkes
gegen jeden etwaigen Angriff bestimmt sind - sowie Kenntnisse vermittelt, die für unser gesamtes ziviles Verteidigungsprogramm von entscheidender Wichtigkeit sind.
Sechstens: Radioaktiver Niederschlag, auch radioaktives Strontium
90 tritt nach allen Kernwaffenversuchen - gleich welcher Größe - auf.
Allerdings ist der radioaktive Niederschlag von der Art der Waffe und
ihrer Größe abhängig. Ein solcher Niederschlag kann nicht - wie gesagt
worden ist - durch die Begrenzung der Versuche auf kleinere Waffen vermieden werden. Niederschlag von Strontium 90 ist eine Folge des Atomspaltungsprozesses. Die Atomspaltung aber ist sozusagen das Grundphänomen aller kleineren Waffen. Somit beruht der Gedanke, daß wir
'die Ausstreuung dieses gefährlichen Materials in die Luft beenden
können', indem wir uns auf kleinere durch Atomspaltung wirksame Waffen
konzentrieren, auf einer anscheinenden Unkenntnis dieser Tatsachen.
Siebtens: In bezug auf die Sowjetunion ist folgendes zu sagen:
Es ist unbestreitbar, daß die Sowjetunion mit dem Gedanken einer
Einstellung der H-Bombenversuche sympathisiert. Dieser Gedanke spiegelt lediglich das seit der Erörterung des Baruch-Planes im Jahre

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�31 . Oktober 1956

"AMERIKA DIENST"

Jahre 194&amp; wiederholt gezeigte Beharren der Sowjetunion wider, daß
alle Abrüstungspläne auf einfachen, freiwilligen Abkommen basieren
sollen. Diese Formel sieht heute, genauso wie früher, keinerlei Sicherheitsmaßnahmen, keine Kontrollen und keine Inspektion vor.
Achtens: Man kann ein einfaches Abkommen zur Einstellung der
H-Bombenversuche nicht als etwas ansehen, das sich automatisch Geltung
verschafft, indem man von der durch nichts bestätigten Annahme ausgeht,
daß derartige Versuche sofort und auf sichere V/eise entdeckt werden
können. Es stimmt zwar, daß Versuche mit sehr großen Waffen vermutlich
in dem Augenblick registriert werden können, wo sie durchgeführt werden.
Wir sind der Ansicht, daß wir praktisch alle bisher erfolgten derartigen Versuche entdeckt haben. Es ist jedoch in Anbetracht der ungeheuren sowjetischen Landmasse, durch die eventuelle zukünftige Versuche
abgeschirmt werden können, unmöglich, eine absolut positive Gewißheit
hinsichtlich einer solchen Registrierung zu haben, ausgenommen im Falle
eines Versuches mit den größten Waffen. Es ist auch nicht möglich, unmittelbar, nachdem ein in weiter Entfernung erfolgter Versuch entdeckt
worden ist, den Umfang und die Art dieses Tests zu bestimmen.
Neuntens: 'Wenn unsere Regierung die Forschungs- und Vorbereitungsarbeiten für Versuche und auch die Versuche selbst einstellen sowie
derartige Vorbereitungen erst nach Kenntnisnahme der Tatsache wiederaufnehmen sollte, daß eine andere Nation eine weitere Wasserstoffbombe
zur Explosion gebracht hat, so würden wir vielleicht feststellen müssen,
daß unsere gegenwärtige eindeutige Führung auf dem Gebiet der thermonuklearen Waffen verlorengegangen oder sogar ins Gegenteil verkehrt worden
ist.
Zehntens: Wenn unsere Regierung lediglich die Versuche einstellen,
Vorsichtshalber jedoch Forschung und Vorbereitungsarbeiten fortsetzen
sollte, sofern dies überhaupt durchführbar ist, dann könnten wir noch
immer einen schwerwiegenden militärischen Nachteil erleiden. Um derartige Versuche wie jene, die auf unserem Versuchsgelände im Pazifischen
Ozean durchgeführt wurden, vorzubereiten und durchzuführen, benötigt
man mindestens ein Jahr.
Diese Tatsachen führen zwangsläufig zu zwei Schlußfolgerungen:
Einmal müssen wir unsere Stärke hinsichtlich der modernsten Waffen
im Interesse unserer eigenen nationalen Sicherheit, im Interesse aller
freien Nationen und im Interesse des Friedens selbst solange weiter
entwickeln, bis internationale Abkommen mit angemessenen Sicherheitsgarantien erreicht werden können.
Zum anderen müssen und werden wir unablässig danach streben,
keine illusionäre, sondern eine wirkliche Abrüstung in der Welt zu
erreichen. Die Illusion kann in diesem Fall zwei Formen annehmen. Sie
kann bedeuten, daß man Abkommen ohne Sicherheitsgarantien vertraut.
Oder sie kann in der Annahme bestehen, daß eine einfache Einstellung
unserer Atomversuche, ohne dabei sichere Kenntnis von den Aktionen der
anderen Mächte zu besitzen, einen Fortschritt und keine Gefahr bedeutet.
In

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�51 . Oktober

AMERIKA DIENST

1956

In der Nachkriegsgeschichte gibt es nichts, was die Ansicht rechtfertigen würde, wir sollten bei irgendwelchen Abrüstungsvereinbarungen
etwas akzeptieren - oder könnten dies auch nur wagen - w a s weniger
darstellt als gesunde Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen.
Ich habe auch weiterhin die feste Hoffnung, daß wir die Verwirklichung einer bedeutsamen internationalen Abrüstung erleben werden,
wenn wir stark und unbeirrt bleiben.
Wir haben allen Grund zu glauben, daß die Länder der Welt über
ein System verlässlicher, die Abrüstung bestimmender Kontrollen Einigung erzielen können, wenn auf allen Seiten eine aufrichtige und friedliche Zielsetzung vorhanden ist. Wir werden niemals aufhören, dieses
Ziel anzustreben."

* * * * *

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�\ M E R I K A

US-BEITRAG ZUR WELTATOMBEHÖRDEt

D I E N S T

5000 KILOGRAM URAN 235

VEREINTE NATIONEN (NEW YORK) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Botschaft des US-Präsidenten Dwight D.
Eisenhower&gt; vom 26.Oktober 1956, in der er erklärt, daß die Vereinigten Staaten der neuen
Internationalen Atombehörde, die ihren Sitz
voraussichtlich in Wien haben wird, 5000 kg
Uran 235 und darüber hinaus bis I.Juli i960
die gleiche Menge spaltbaren Materials zur
Verfügung stellen wird wie alle anderen Mitgliedstaaten zusammen.
Die Botschaft wurde vom Vorsitzenden der USAtomenergiebehörde auf der Schlußsitzung der
internationalen Konferenz für die neue Weltatomenergiebehörde in New York verlesen.
"Herr Präsident, meine Herren Delegierten der Konferenz über
das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde 1
Fast drei Jahre sind vergangen, seit ich die Ehre hatte, auf
eine Einladung hin vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. Bei diesem Anlaß schlug ich im Namen der Vereinigten Staaten vor, daß die Atomkraft - die größte Kraft, die die
Wissenschaft jemals in die Hände der Menschen gelegt hat - der
Arbeit für den Frieden dienstbar gemacht werden sollte.
Im einzelnen zielte mein Vorschlag darauf ab, daß erstens
die Regierungen damit beginnen und darin auch fortfahren, aus
ihren für Kriegszwecke angelegten Atommaterialvorräten gemeinsame Beiträge an eine internationale Behörde zu entrichten und
daß zweitens diese Behörde dafür verantwortlich sein sollte, Verfahren auszuarbeiten, wie diese Atommaterialien für die Nöte der
Landwirtschaft, der Medizin sowie andere friedliche Aufgaben der
Menschheit dienstbar gemacht werden können.
Die Vereinigten Staaten gaben dann ein feierliches Versprechen
ab, alle ihre Kräfte des- Herzens und des Verstandes daran zu setzen,
einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe
nicht zu seiner Vernichtung gebraucht, sondern seinem Leben geweiht
wird.
Das
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31. Oktober 1956

Das Atom wurde im Jahre 1953 als eine furchtbare Waffe des
Krieges betrachtet. Seit der ersten Explosion im Jahre 1945 hatten
die Menschen in furchtbarer V/eise seine Zerstörungskraft vervielfacht. Die Menschen wußten, daß ein einziges Kampfgeschwader eine
Bombenladung von einer größeren Vernichtungskraft mit sich führen
könnte, als sie alle die Bomben zusammen besaßen, die während des
zweiten Weltkrieges über England abgeworfen wurden. Mehrere Nationen
hatten es gelernt, atomare Waffen herzustellen und diese schnell über
Ozeane und Kontinente zu transportieren. Vielen Menschen schien der
Untergang der Zivilisation in einem Atomkrieg unvermeidlich. Wenn sie
vorwärts blickten, so sahen sie keine Hoffnung für eine friedliche Zukunft mehr.
Der im Jahre 1953 von den Vereinigten Staaten gemachte Vorschlag
bot anstelle der Apathie Handeln, anstelle von Verzweiflung Hoffnung
und anstelle des Strudels eines allgemeinen Krieges einen Weg in den
Hafen eines künftigen Friedens.
Von dem Augenblick an, da dieser Vorschlag gemacht war, habe
ich mit glühender Erwartung das Ergebnis all der Arbeit verfolgt,
die von den den Vorschlag unterstützenden Mächten und von den Arbeitsgruppen geleistet wurde, die in den Debatten der Generalversammlung und schließlich von dieser das Werk krönenden Konferenz
verrichtet wurde. Das Planen und das Entwerfen des Rahmens für die
Internationale Atomenergiebehörde hat zahlreiche Monate geduldiger
und verständnisvoller Bemühungen erfordert. Diese Arbeiten sämd nunmehr mit der Billigung des Statuts durch die Konferenz zu einem Abschluß gebracht worden.
Ich beglückwünsche die Konferenz zu dem, was sie erreicht hat.
Das Statut und die internationale Behörde, für die es geschaffen ist,
geben der Welt eine neue Hoffnung auf Frieden.
Seit die Vereinigten Staaten im Jahre 1953 ihren Vorschlag unterbreiteten, ist die Zerstörungskraft des Atomes erneut, erheblich vervielfacht wor*den. Zu ihrer eigenen Rettung stehen die .Menschen unter
einem nicht abzuleugnenden Zwang, diese furchtbare, gewaltige Kraft
statt für die Zerstörungen des Krieges für die konstruktiven Ziele
und Taten des Friedens nutzbar zu machen. Dies ist auch der Grund,
warum die Welt eine neue ffoffnung braucht - eine neue Chance für das
Zusammenwirken der Menschen, um die Enttäuschungen und die Hoffnungslosigkeit der Vergangenheit zu beseitigen.
Dies ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten niemals aufhören werden, nach zuverlässigen Abkommen zu suchen, unter denen alle
Nationen zusammenarbeiten können, um eine Atomabrüstung zu erreichen.
Um das Kommen dieses Tages zu beschleunigen, haben die friedliebenden Völker auf die Verwirklichung der friedlichen Anwendungsmöglichkeiten des Atoms zum Wohle und Segen der Menschen gedrängt. In
dem Maße, wie das erweiterte Wissen die Kraft des Atoms immer furchtbarer macht, bringt sie auch die Verwirklichung der in ihm wohnenden
Kräfte für das Gute mit sich. Aus der Zusammenarbeit der Völker kann
Frieden ersprießen. Wenn die Völker eine gemeinsame Sache und ein ge- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

gemeinsames Interesse haben, so werden sie durch dieses Band enger miteinander verbunden.
Wir - als eine der friedliebenden Nationen - waren bestrebt, unser
Wissen um das Atom und unsere atomaren Materialien mit anderen zu teilen. Im vergangenen Februar haben wir angeboten, befreundeten Ländern
für friedliche Zwecke 20 000 Kilogram nuklearer Materialien zur Verfügung zu stellen - eine Menge, die der entspricht, die innerhalb der
Vereinigten Staaten für die gleichen Zwecke zugewiesen wurde. Und
wir haben mit 37 auf dieser Konferenz vertretenen Ländern Abkommen
abgeschlossen - mit weiteren 14 laufen Verhandlungen -, um mit ihnen
beim Bau ihrer eigenen Atomreaktoren - Reaktoren aller Typen und
Größen - für friedliche Zwecke zusammenzuarbeiten.
Die Völker haben ihren Wissensdrang nach einem Verständnis der
verwickelten Geheimnisse der neuen Atomwissenschaft gezeigt. Wir
haben versucht, diesen Drang zu befriedigen, Türen aufzubrechen,
die das von ihnen erstrebte Wissen verschlossen, indem wir große
wissenschaftliche Kongresse anregten und indem wir Bibliotheken,
Lehrgänge und Schulen zur Verfügung stellten. Wir waren glücklich,
unser Wissen über die Möglichkeiten einer friedlichen Nutzbarmachung
des Atoms anbieten zu können - der Möglichkeiten, wie die Atomisotopen
in der Behandlung und Heilung von Kranken, in der Landwirtschaft und in
der Industrie verwendet werden können. Da die '.Vissenschaft keine Grenzen
kennt, kann das gemeinsame Wissen und die friedliche Anwendung dieser
neuen Wissenschaft uns allen helfen, einander besser zu verstehen.
Bei all diesen Dingen, die wir als Regierung tun, erstreben die
Vereinigten Staaten weder Herrschaft noch Kontrolle oder Gewinn. Wir
werden dies auch niemals tun.
Es steht nunmehr bei den Nationen, die hier auf dieser Konferenz
versammelt sind, das Statut offiziell anzunehmen.
Ich schlage daher im Namen der Vereinigten Staaten folgendes vor«
Erstens, ich werde Sorge tragen, daß das Statut beim Wiederzusammentreten des amerikanischen Kongresses zur offiziellen Ratifizierung durch
den amerikanischen Senat gemäß unserer Verfassung vorgelegt wird und
daß um die notwendige Kongreßvollmacht ersucht wird, der Internationalen Atomenergiebehörde besonderes IfceinBaktives Material zu übergeben.
Ich habe den Wunsch, daß mein Land unter den ersten ist, die durch
eine offizielle Maßnahme das von Ihrer Konferenz Geleistete Anerkennen.
Zweitens, um die Internationale Atomenergiebehörde nach ihrer
Errichtung durch die entsprechenden Maßnahmen der Regierungen in die
Lage zu versetzen, die Atomforschungs- und Atomkraftprogramme unverzüglich zu beginnen, werden die Vereinigten Staaten der Internationalen
Behörde unter Bedingungen, die mit der Behörde noch abzusprechen sind,
5000 kg Uran 235 als Kernbrennstoff von den insgesamt 20 000 kg dieses
Materials zur Verfügung stellen, die von den Vereinigten Staaten im
Februar für friedliche Zwecke befreundeter Nationen bereitgestellt wurden.
Drittens, zusätzlich zu den oben erwähnten ersten 5000 kg Uran 235

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31. Oktober 1956

Uran 235 werden die Vereinigten Staaten der Internationalen Atomenergiebehörde weiteres kernreaktives Material verfügbar machen, das in seiner
Menge dem Gesamtquantum derartiger Materialien entsprechen wird, die in
ähnlicher Weise und unter vergleichbaren Bedingungen von allen anderen
Mitgliedern der Internationalen Behörde für den Zeitraum zwischen der
Errichtung der Behörde und dem I.Juli i960 zur Verfügung gestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dieses kernreaktive Material auf Ersuchen der Atomenergiebehörde für die von der Behörde gebilligten Projekte
ausliefern.
Unter der Voraussetzung, daß alle auf der Konferenz vertretenen
Nationen - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - entsprechende Schritte ergreifen, können wir gemeinsam die vor uns liegenden Hindernisse überwinden und den Beweis erbringen, daß internationale Kontrollen nicht
nur durchführbar, sondern auch allgemein als ein Weg zur Erreichung
des Friedens annehmbar sind.
Ein rasches und erfolgreiches Arbeiten der Behörde kann der Beginn
sein für die Nutzbarmachung der zahllosen Verwendungsformen der Atomenergie
zum Aufbau eines besseren Lebens in unserem Heim, am Arbeitsplatz, für
unsere Reisen und unsere Muße.
Gegenwärtig erblicken wir lediglich die ersten Früchte dieser atomaren Expansion. Atomkraft-Anlagen, die in diesem und verschiedenen
anderen Ländern geplant oder bereits im Bau sind, werden in wenigen
Jahren Energie für den zivilen Bedarf liefern - werden die Räder der
Fabriken treiben und Licht für unzählige Häuser liefern.
Wir wollen bei den Menschen nicht die Erwartung wecken, daß das
Atomzeitalter sozusagen über Nacht da sein wird. In vielen Ländern wird
es langwieriger und geduldiger wissenschaftlicher Versuche und Erprobungen bedürfen, ehe aus der Atomenergie Elektrizität gewonnen werden kann,
die mit der aus der verfügbaren Kohle, aus Öl, Gas oder Wasserkraft erzeugten zu konkurrieren vermag. Aber in der Zwischenzeit wird die Internationale Atomenergiebehörde alle derartigen wissenschaftlichen Arbeiten
und Forschungen unterstützen, um damit die Herankunft des ersehnten Tages
zu beschleunigen.
Viele der Segnungen, die aus der Nutzbarmachung des Atoms für
friedliche Zwecke unserem täglichen Leben erwachsen werden - mehr und
billigere Elektrizität, Beleuchtung, Bewässerung VLOÜ Dürregebieten,
billigere Transportmöglichkeiten, Aufbau von Industrien in Gebieten,
die bislang keine Möglichkeit dazu hatten - viele dieser Segnungen kommen
langsamer zum Tragen als wir es eigentlich wünschen. Aber es gibt etwas,
was wichtiger ist als diese Materiellen Vorteile. Ich meine jene Wege, die
zu ausgeglichenen und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern führen.
Die Menschen haben seit langem nach einem Weg für friedliche Erörterungen gesucht. Die Internationale Atomenergiebehörde bietet einen solchen
Weg. Während der vergangenen drei Jahre, in denen über ihre Errichtung
und ihre Tätigkeit beraten wurde, ist dieser Weg offengehalten worden.
Es wird das Ziel der Vereinigten Staaten sein, diesen V/eg zu verbreitern
und alle zu seiner Benutzung aufzufordern.
Eines

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51. Oktober 1956

Eines Tages, so hoffen wir inständig, wird die Vernunft Herr
über den Hang des Menschen zur Zerstörung werden. Jbnrti kann die
Welt ihre Schwerter in Pflugscharen verwandeln. Alle Nationen können
dann ihre Anlagen, die kemreaktives Material herstellen, ausschließlich für den zivilen Bedarf arbeiten lassen, und die Kernenergie, die
in den aufgespeicherten Kernwaffen ruht, kann gleichfalls für die
Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen verwandt werden. In
dieser glücklichen Zeit kann der Gigant der Atomenergie, anstatt
ein Schreckensbild des Zerstörungskrieges zu sein, zu einem gehorsamen Diener in einer blühenden und friedlichen Welt werden.
Die große Vision einer Atomzukunft liegt nicht so sehr in dem
materiellen Überfluß, den sie schließlich für des Menschen Bequemlichkeit und Lebenskomfort bringen dürfte, sondern sie liegt darin,
daß man durch das gemeinsame Teilhaben an diesem Überfluß einen Weg
findet, um die Nationen der Welt zu freundlich miteinander verkehrenden Nachbarn der gleichen Straße zu machen."

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�M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENHOWER ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower
nahm am ^.Oktober 1956 in einer Rundfunkansprache zu den jüngsten Entwicklungen im
Mittleren Osten und in Osteuropa Stellung,
die folgenden Wortlaut hat :

"Heute Abend berichte ich Ihnen als Ihr Präsident. Wir alle
sind uns der Tatsache bewußt, daß wir gegenwärtig mitten in der
alles umfassenden und völlig offen geführten Debatte eines politischen Wahlkampfes in den USA stehen. Aber die Ereignisse und die
Probleme, die ich Ihnen heute abend vortragen möchte, stehen in
keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen parteipolitischen Fragen.
Sie gehen jeden Amerikaner - sein gegenwärtiges Leben und seine
Zukunft an.
Ich möchte Ihnen daher in einem Bericht die notwendigen Tatsachen geben, damit Sie sich - gleichgültig ob Sie einer der beiden
großen Parteien angehören oder nicht - auf Grund Ihrer Überlegungen
und der Tatsache ein wohlfundiertes Bild über diese sich schnell ändernde Weltlage machen können.
Diese Änderungen, von denen ich hier spreche, sind in zwei Gebieten der Welt - in Osteuropa und im Mittleren Osten - eingetreten.
In Osteuropa scheint die Morgenröte eines neuen Tages angebrochen zu sein. Ihr Kommen hat lange auf sich warten lassen und ist
nicht leicht erfolgt.
Nach dem zweiten Weltkrieg benutzte die Sowjetunion ihre Militärmacht, um den osteuropäischen Staaten* Regierungen nach sowjetischer
Wahl aufzuzwingen, die Diener Moskaus waren.
Die Vereinigten Staaten haben sich in ihrer Politik - unabhängig
von Parteirichtungen - Konsequent darum bemüht, diese Situation zu beenden und das im Krieg gegeben* Versprechen der Vereinten Nationen zu
erfüllen, daß diese Länder, die von den Kriegsarmeen überrannt wurden,
einmal wieder zu Souveränität und Selbstregierung kommen sollten.
Wir konnten eine solche Politik natürlich nicht durch Zufluchtnahme zur Gewalt verwirklichen. Eine solche Gewaltanwendung wäre in
gleicher Weise den wahren Interessen der osteuropäischen Völker wie
den unverrückbaren Grundsätzen der Vereinten Nationen zuwider gewesen,
Aber wir halfen, die Hoffnung dieser Völker auf Freiheit am Leben zu
erhalten.
.
Darüber

�AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Darüber hinaus bedurften diese Völker von uns keiner Unterweisung über den Wert der nationalen Freiheit und der persönlichen Unabhängigkeit, denn zur Zeit der amerikanischen Revolution waren gerade aus diesen Ländern viele nach Amerika gekommen, um unserer Sache
beizustehen. Nun ist der Druck des Willens dieser Völker zu nationaler Unabhängigkeit immer stärker und nachdrücklicher geworden.
Vor einigen Tagen hat das polnische Volk - mit seiner stolzen
und unsterblichen Preiheitsliebe - sich angeschickt, einen friedlichen Übergang zu einer neuen Regierung zu vollziehen. Und diese Regierung wird, wie es den Anschein hat, sich ehrlich bemühen, dem
polnischen Volke zu dienen.
Dann hat die gesamte Welt mit Aufmerksamkeit die dramatischen
Ereignisse in Ungarn verfolgt, wo dieses tapfere Volk, wie so oft in
seiner Vergangenheit, sein Leben für die Unabhängigkeit von fremder
Herrschaft eingesetzt hat. Heute scheint ein neues Ungarn aus diesem
Kampf zu erstehen, ein Ungarn, das wie wir aus tiefstem Herzen hoffen,
seine volle und freie nationale Existenz erlangen wird.
Wir haben mit Freude diese historischen Ereignisse verfolgt.
Erst gestern hat die Sowjetunion eine bedeutsame Erklärung über
ihre Beziehungen zu allen Ländern Osteuropas abgegeben. In dieser Erklärung wurde die Notwendigkeit einer Revision der sowjetischen Politik
und einer Änderung dieser Politik anerkannt, um der Forderung des Volkes nach größerer nationaler Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit
gerecht zu werden. Die Sowjetunion erklärte ihre Bereitschaft, den
Abzug der sowjetischen 'Berater' in Erwägung zu ziehen - die in Wahrheit
die herrschende Macht in den sowjetisch besetzten Ländern darstellten und auch den Abzug der sowjetischen Truppen aus solchen Ländern wie
Polen und Ungarn zu erwägen.
Noch wissen wir nicht, ob diese bekanntgegebenen Absichten auch
wirklich durchgeführt werden.
Zwei Dinge sind jedoch klar geworden.
Zum ersten sind die Leidenschaft dieser Völker und die von ihnen
im Namen der Freiheit gebrachten Opfer an sich schon ein echtes Versprechen, daß bald wieder das Licht der Freiheit in ihrem Dunkel
scheinen wird.
Wenn zum zweiten die Sowjetunion wirklich getreulich so handeln
wird, wie sie es versprochen hat, dann wird die Welt Zeuge des größten
Schrittes nach vorwärts auf dem Wege zu Gerechtigkeit, Vertrauen und
Verständigung unter den Nationen während unserer Generation werden.
Dies sind die gegebenen Tatsachen. Wie hat nun unsere Regierung
darauf reagiert?
Die Vereinigten Staaten haben ihre Bereitschaft klar zum Ausdruck
gebracht, den neuen und unabhängigen Regierungen dieser Länder wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren. Wir stehen bereits - seit einigen Tagen •
in dieser Frage 'in Kontakt mit der neuen polnischen Regierung. Wir haben
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7. November 1956

haben weiter bereits öffentlich erklärt, daß wir von diesen Regierungen
nicht die Einführung irgendeiner speziellen Gesellschaftsform als Bedingung für unsere Wirtschaftshilfe verlangen. Das einzige, was uns
dabei bewegt, ist, daß sie frei sind - frei um ihrer selbst willen und
frei um der Freiheit willen.
Wir haben weiter - im Hinblick auf die Sowjetunion - alle falschen
Ängste und Befürchtungen eindeutig zu zerstreuen gesucht, daß wir neue
Regierungen in diesen osteuropäischen Ländern als mögliche militärische
Verbündete betrachten könnten. Wir verfolgen keinerlei derartige Zwecke
und Ziele. Wir betrachten diese Völker als Freunde, und wir wollen ganz
einfach nur, daß sie Freunde sein sollen, die frei sind.
Ich wende mich nun jenem anderen Teil der Welt zu, wo in diesem
Augenblick eine sehr düstere Lage besteht. Ey ist dies keine Lage, die
Anlaß zu übertriebener Furcht oder Hysterie gibt. Sie erregt allerdings
unsere ernste Besorgnis.
Ich spreche natürlich vom Mittleren Osten. Dieses Gebiet, in dem sich
in der Geschichte die Wege der Völker kreuzten, stand, wie wir alle wissen,
lange Zeit unter einer Kolonialherrschaft. Diese endete nach dem zweiten
Weltkrieg, als alle Länder in diesem Raum ihre völlige Unabhängigkeit
gewannen. Aus dem Mandatsgebiet Palästina wurde der neue Staat Israel
gebildet.
Dieser historische Wandel konnte jedoch die in Jahrhunderten gewachsenen Animositäten nicht mit einem Schlag auslöschen. Israel und
seine arabischen Nachbarn fanden sich bald! in einen gegenseitigen Krieg
verstrickt, und die arabischen Völker gaben fortlaufend ihre Verärgerung
über ihre früheren Kolonialherrn, insbesondere über Großbritannien und
Frankreich, zu erkennen.
Die Vereinigten Staaten haben in den Jahren seit Beendigung des
zweiten Weltkriegs unermüdlich darauf hingearbeitet, Frieden und Stabilität in diesem Gebiet zu sichern.
Wir haben es als eine Grundsatzfrage der amerikanischen Außenpolitik
betrachtet, den neugegründeten Staat Israel zu unterstützen und gleichzeitig unsere Bindungen sowohl zu Israel als auch zu den anderen arabischen
Staate!) zu festigen. Aber die Leidenschaft drohte in diesem Gebiet unglücklicherweise all diese Jahre hindurch die Oberhand über friedliche
Bestrebungen zu gewinnen, und so gab es hier in der einen oder anderen
Form ständig Kampf.
Die Situation wurde in jüngster Zeit unnötigerweise durch das Vorgehen Ägyptens erschwert, das unter anderem eine Wiederaufrüstung mit
von den Kommunisten gelieferten Waffen einschloß. Wir vertraten unsererseits die Auffassung, daß die ägyptische Regierung in dieser Politik
nicht gut beraten sei. Der Staat Israel seinerseits empfand wachsende
Besorgnis für seine Sicherheit. Und Großbritannien und Frankreich begannen mehr und mehr zu fürchten, daß die ägyptische Politik den Suez-Kanal
bedrohe, «den sie als ihre 'Lebensader' ansehen.
Die Dinge spitzen sich zu, bis es am 26.Juli dieses Jahres zu einer
Krisis kam, als die ägyptische Regierung die internationale Suez-Kanal-

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7. November 1956

Suez-Kanal-Gesellschaft beschlagnahmte. 90 Jahre lang, seit der Einweihung des Kanals, hatte diese Gesellschaft größtenteils unter der
technischen Aufsicht von Engländern und Franzosen den Kanal betrieben.
Einige unserer Verbündeten drängten auf eine sofortige Reaktion
auf dieses Vorgehen mit Gewalt. Wir dagegen traten beharrlich für ein
anderes Vorgehen ein und konnten uns mit unserem Wunsch auch durchsetzen, auf einer langen Reihe von Konferenzen und Verhandlungen nämlich,
die sich über Wochen und Monate hinzogen und unter Mitwirkung der Vereinten
Nationen durchgeführt wurden. Und so schien es noch vor ganz kurzer Zeit,
daß wir dort auf der Basis anerkannter Grundsätze zu einer annehmbaren
Übereinkunft gelangen könnten.
Aber die direkten Beziehungen Ägyptens sowohl zu Israel als auch
zu Frankreich verschlechterten sich immer mehr und erreichten schließlich einen Punkt, an dem zunächst Israel und dann Frankreich und auch
Großbritannien zu der Feststellung gelangten, daß ihre lebenswichtigen
Interessen ohne Zuflucht zu gewaltsamen Maßnahmen nach ihrer Beurteilung der Lage nicht geschützt werden können.
Nach dieser Entscheidung überstürzen sich die Ereignisse. Am Sonntag ordnete die israelische Regierung die Totalmobilmachung an. Am Montag drangen israelische Streitkräfte tief in Ägypten ein und stießen
bis in die Nähe #es Suezka'nals vor,"1 der etfs ~tl?ö km jenseits der israelischen Grenze liegt. Und am Dienstag stellten die britische und französische Regierung Israel und Ägypten ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum, auf das nunmehr ein bewaffneter Angriff gegen Ägypten folgte.
Die Vereinigten Staaten wurden während keiner Phase dieser Aktionen
in irgendeiner Weise konsultiert und sie wurden auch nicht im voraus
über diese Schritte unterrichtet.
«
Es ist das offenkundige Recht jeder dieser Staaten, solche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen, und es ist umgekehrt unser gutes Recht,
wenn unsere Beurteilung der Dinge solches von uns erheischt, hier eine
abweichende Haltung einzunehmen. Wir sind der Auffassung, daß man, als
diese Maßnahmen ergriffen wurden, in einem Irrtum befangen war. Denn wir
billigen nicht die Anwendung von Gewalt als einem vernünftigen oder geeigneten Mittel zur'Lösung von internationalen Streitigkeiten.
Wenn ich dies in diesem besonderen Falle ausspreche, so geschieht
es keineswegs in der Absicht, unsere Freundschaft mit diesen Staaten
herabzusetzen, oder unsere Entschlossenheit zu verkleinern, diese zwischen uns bestehenden Bande aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Wir wissen sehr wohl um die großen Besorgnisse auf seiten Israels,
Großbritanniens und Frankreichs. Wir »issen, daß sie immer wieder schweren Provokationen ausgesetzt waren.
Die gegenwärtige Sachlage scheint nichtsdestoweniger klar» Did ergriffenen Maßnahmen lassen sich kaum mit den Grundsätzen und Zielsetaungen
der Vereinten Nationen in Einklang bringen, denen wir alle unsere Zustimmung gegeben haben. Und darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, selbst zu
bezweifeln, ob die Zuflucht zu einem Krieg auf lange Sicht den ständigen
Interessen der angreifenden Staaten dienlich ist.
Jetzt

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7. Novem.^ 1956

Jetzt müssen wir unseren Blick auf die Zukunft richten.
Angesichts der von mir aufgeführten Umstände,, wird es zu keinem
Eingreifen der Vereinigten Staaten in die darzeitigen Feindseligkeiten
kommen. Ich habe deshalb auch nicht die Afcsicht, den Kongreß zu einer
Sondersitzung einzuberufen. Selbstverständlich werden wir auch weiterhin in ständigem Kontakt mit den führenden Männern beider Parteien im
Kongreß bleiben.
Gleichzeitig ist und bleibt es das erklärte Ziel unserer Regierung,
alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um die Kampfhandlungen gu lokalisieren und den Konflikt zu beenden.
Den ersten Schritt in dieser Hinsicht haben wir gestern unternommen. Wir wendeten uns an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
mit der Forderung, daß die Streitkräfte Israels sich auf ihr eigenes
Land zurückziehen und die Feindseligkeiten in diesem Gebiet eingestellt
werden sollen. Dieser Vorschlag wurde wegen des Vetos Großbritanniens
und Frankreichs nicht angenommen.
Die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen sind jedoch noch
nicht erschöpft. Es ist unser Wunsch und Wille, daß diese Angelegenheit
vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen gebracht werden möge.
In diesem Gremium - wo es kein Veto gibt - kann die Meinung der Weltöffentlichkeit sich fruchtbringend für unsere Suche nach einer gerechten Lösung dieses beunruhigenden Problems auswirken. In den vergangenen
Jahren haben die Vereinten Nationen bewiesen, daß sie Wege zu finden vermögen, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen. Wir sind überzeugt, daß
sie dies auch in diesem Falle tun können und tun werden.
Meine Mitbürger, wenn ich den Ablauf der Ereignisse auf der Welt
in den letzten Jahren überblicke, so festigt sich meine Überzeugung,
daß die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen noch weiter
ausgebaut und fester verankert werden müssen. Ich spreche hier insbesondere davon, ihre Befugnisse zu erweitern, Gerechtigkeit im
Rahmen des Völkerrechts zu gewährleisten.
Bei all den jüngsten Wirren im Mittleren Osten haben nun tatsächlich
alle darin verwickelten Völker Ungerechtigkeiten erlitten. Ich glaube
aber nicht, daß ein anderes Instrument des Unrechts - der Krieg - diesen
Schaden heilen kann.
Ohne Gesetz kann es keinen Frieden geben. Und es kann kein Gesetz
geben, wenn wir einen Kodex über das Verhalten der Völker für diejenigen aufstellen, die anderer Ansicht wie wir sind, und einen anderen
für unsere Freunde.
Die Völkergemeinschaft hat lange gebraucht, ehe sie Mittel fand,
um diese Wahrheit in die Praxis umzusetzen.
Aber das leidenschaftliche Verlangen nach Frieden, das auf seiten
aller Völker besteht, zwingt uns, unsere Suche nach einem neuen und
wirksameren Instrument der Gerechtigkeit zu beschleunigen.
Der

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�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Der Friede, den wir suchen und brauchen, bedeutet mehr als
das bloße Nichtvorhandensein eines Krieges. Er bedeutet die Anerkennung des Rechts und die Förderung der Gerechtigkeit in der ganzen
Welt.
Wir müssen fest zu den Grundsätzen stehen, die uns in diesem
Bemühen leiten. Auf diese Weise können wir den Hoffnungen aller Menschen auf eine Welt entsprechen, in der ein wahrer und gerechter
Friede herrschen wird."

* * * * *

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�A&gt;M

E R I K A

D I E N S T

RESOLUTION "EINIGKEIT FÜR DEN FRIEDEN" ERNEUT VOR DEN UN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am
I.November 1956 auf der außerordentlichen Sitzung der UN-Generalversammlung in New York gehalten hat.
Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Mitdelegierte,
Ich möchte bezweifeln, daß je ein Delegierter von diesem Pult
aus mit so schwerem Herzen gesprochen hat, wie ich heute abend. Wir
sprechen über eine Angelegenheit von lebenswichtiger Bedeutung, in
der 'sich die Vereinigten Staaten nicht in der Lage sehen, die Ansicht
von drei Nationen zu teilen, mit denen sie eine enge Freundschaft
verbindet, für die sie Bewunderung und Achtung hegen und von denen
zwei unsere ältesten, vertrauenswürdigsten und verläßlichsten Verbündeten sind.
Die Tatsache, daß wir anderer Ansicht sind als diese unsere
Freunde, hat uns veranl aßt, unsere Haltung nochmals mit größter Sorgfalt zu überdenken und abzuwägen, und dies ist auf höchster Regierung:
ebene geschehen. Nach d ieser nochmaligen Abwägung kamen wir aber wiederum zu dem Schluß, da ß sie anderer Meinung sind. Da es uns scheint,
daß diese Meinungsversc hiedenheit Grundsatzfragen in sich schließt,
die über die unmittelba re Streitfrage weit hinausgehen, sehen wir uns
gezwungen, unseren Stan dpunkt hier von Ihnen und durch Sie der ganzen
Welt klar zu machen.
Es ist dies das erste Mal, daß diese Versammlung gemäß den Bestimmungen der im Jahr 1950 angenommenen Resolution "Einigkeit für
den Frieden" zusammentritt. Ich war damals Mitglied der Delegation
der Vereinigten Staaten und trug die Hauptverantwortung für die Behandlung dieses Vorschlages im Ausschuß und vor der Generalversammlung. Wir erlebten damals den kommunistischen Angriff auf die Republik
Korea, und wohl kaum einer hätte damals daran gedacht, daß diese Resolution zum ersten Mal in einer Situation zitiert wird, wie wir sie
jetzt erleben.
Welche Tatsachen sind es, die uns hier zusammenführen?
Da ist zunächst die Tatsache, daß am Monatg dieser Woche israelische Streitkräfte weit nach Ägypten vorzudringen begannen. Dann folgte
sehr rasch auf dieses Vorgehen die Aktion Frankreichs und Groß- t

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7. November 1956

Großbritanniens, die Ägypten zunächst ein auf 12 Stunden befristetes
Ultimatum stellten, und dann einen bewaffneten Angriff begannen, der
gegenwärtig aus der Luft mit dem erklärten Ziel geführt wird, zeitweilig die Kontrolle über den Suez-Kanal zu erlangen, um, wie man
annehmen darf, eine erhöhte Sicherheit des Kanals zu gewährleisten.
Als dritte Tatsache ist hier zu erwähnen, daß man versuchte, die
Angelegenheit, nachdem sie dem Sicherheitsrat vorgelegt worden war,
durch eine Resolution beizulegen, gegen die Großbritannien und Frankreich ihr Veto einlegten, und zwar als die einzigen, die gegen die
Resolution stimmten.
Daraufhin wurde die Angelegenheit gemäß den Bestimmungen der Resolution "Einigkeit für den Frieden" auf Antrag des Generalsekretärs
der Vereinten Nationen hier vor die Generalversammlung gebracht. Dieser Antrag war von einem Beschluß von sieben Mitgliedern des Sicherheitsrates ausgelöst worden, der eine Einberufung der Generalversammlung zu einer außerordentlichen Sitzung innerhalb von 24 Stunden gefordert hatte .
Herr Präsident und verehrte Mitdelegierte, die Vereinigten
Staaten sind sich voll bewußt, daß die Tatsachen, die ich hier angeführt habe, nicht die einzigen einschlägigen Fakten zu dieser Situation darstellen. Eine lange und traurige Kette von Reibereien und
Provokationen ging voraus. Es kam zu Verletzungen des Waffenstillstands seitens Israels und gegen Israel. Es kam seitens Ägyptens
zu Verletzungen des Vertrages von T888 über die Verwaltung des SuezKanals und zu einer Mißachtung der Resolution des Sicherheitsrates
von 1951&gt; die die Abfertigung israelischer Schiffe und Frachten im
Suez-Kanal regelte. Es kam zu einer schweren Wiederaufrüstung Ägyptens unter ziemlich ominösen Umständen. Da war ferner die plötzliche
Beschlagnahme der Internationalen Suez-Kanal-Gesellschaft durch
Ägypten, die den Suez-Kanal, größtenteils unter britischer und französischer Leitung, seit seiner Eröffnung vor 90 Jahren verwaltete.
Es kam wiederholt eine feindselige Haltung der Regierung Ägyptens
gegenüber anderen Regierungen zum Ausdruck, mit denen sie dem Namen
nach freundschaftliche Beziehungen unterhielt, beziehungsweise hätte
unterhalten aollen.
Herr Präsident, wir sind nicht blind gegenüber der Tatsache, daß
das, was in den letzten zwei oder drei Tagen geschah, aus einer düsteren Vergangenheit erwuchs. Wir sind aber zu dem Schluß gekommen,
daß diese Provokationen, so ernst sie auch sind, dennoch den Einsatz
von bewaffneten Streitkräften, zu dem es in den letzten zwei und drei
Tagen gekommen ist und der auch heute abend noch weitergeht, nicht
rechtfertigen.
Es ist richtig, die Vereinten Nationen haben vielleicht nicht
alles getan, was sie hätten tun sollen. Ich habe des öfteren, vor
allem in den letzten Wochen, darauf hingewiesen, daß die Charta der
UN in Artikel 1, Absatz 1, die Regelung dieser Dinge in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen
Rechts fordert; dieser Artikel fordert also nicht nur eine friedliche
Regelung,sondern eine gerechte Lösung. Die Vereinten Nationen waren
in der Behandlung der zahlreichen Ungerechtigkeiten im Zusammenhang
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7» November 1956

Zusammenhang mit den Verhältnissen in Nahost vielleicht ein wenig
langsam, ein wenig schwach. Aber ich bin der Auffassung, wir sollten
und werden uns vielleicht bei der nächsten regulären Tagung der Generalversammlung eingehend und ernsthaft mit der Frage beschäftigen, was wir
unternehmen könnten, um in diesem Falle den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen Rechts Gültigkeit zu verschaffen. Wir haben
in dieser Hinsicht nicht alles getan, was wir hätten tun sollen, und
insofern geht ein Teil der Verantwortung für die derzeitigen Ereignisse
auf unser Konto.
Wenn wir hingegen, Herr Präsident, zu dem Schluß kommen sollten, die
in der Walt herrschende Ungerechtigkeit, die unsere Organisation bisher
noch nicht beseitigen konnte, bedeute, daß der Grundsatz des Verzichts
auf jede Gewaltanwendung nicht -lehr geachtet wird und daß eine Nation,
die da glaubt, es sei ihr Unrecht widerfahren, nach wie vor das Recht
hat, zur Behebung dieses Unrechts auf das Mittel der Gewalt zurückzugreifen - damit, Herr Präsident, wäre, so fürchte ich, die Charta der
Vereinten Nationen in Fetzen gerissen und die Welt abermals der Anarchie
ausgeliefert. Und all die kühnen Hoffnungen, die wir auf diese unsere
Organisation und unsere Charta gesetzt haben, wären damit zunichte gemacht. Wir ständen wieder da, wo wir bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges
standen, und hätten eine tragische Enttäuschung mehr anstelle der von
uns erhofften - und noch immer zu erhoffenden - Schutzwehr gegen den
Ausbruch eines Weltkrieges, der, wie es in der Präambel unserer Charta
heißt, "zweimal im Laufe unseres Lebens unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,"
Dieses Problem des Suez-Kanals, Herr Präsident, das vielleicht
weitgehend den jetzt unternommenen Gewaltmaßnahmen zugrunde liegt, ist
im Laufe des letzten Vierteljahres bei vielen Anlässen und in mancherlei Art und Weise behandelt worden. Ich wage zu bezweifeln, ob im Laufe
der Geschichte schon einmal mit so viel Ernst und Ausdauer versucht
worden ist, eine gerechte und friedliche Lösung für ein Problem zu
finden.
Als die ägyptische Regierung am 26.Juli sich unvermittelt der
Internationalen Suez-Kanalgesellschaft bemächtigte, war sich die ganze
Welt darüber klar, daß damit eine Krise ungeahnten Ausmaßes ausgelöst
worden war. Innerhalb von drei Tagen, glaube ich, traten die Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs in
London zur Beratung darüber zusammen, was angesichts dieser Situation
zu unternehmen sei. Schon damals wurden Stimmen laut, daß man sofort
mittels Gewalt versuchen sollte, den Status, wie er vor der Beschlagnahme durch Ägypten bestanden hatte, wiederherzustellen. Aber alle
drei Regierungen kamen zu dem Schluß daß kein Grund zur Gewaltanwendung vorliege, zumindest sicherlich nicht unter den damaligen Umständen, und daß erst eine friedliche und gerechte Lösung angestrebt werden
solle.
Die drei Regierungen kamen überein, in diesem kritischen Augenblick
keinerlei Gewalt anzuwenden, sondern statt dessen eine Konferenz der
wichtigsten Benutzer des Suez-Kanals einzuberufen - der 24 Nationen,
die einwandfrei als Nachfolger der Signatarmächte der 1888 geschlossenen
Konvention anzusehen sind, darunter acht Länder, auf die der Hauptanteil

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7» November 1956

Hauptanteil des Verkehrs durch den Kanal entfällt und acht weitere
Länder, die in ihrem Handel besonders auf den Kanal angewiesen sind.
Und von diesen 24 Nationen nahmen 22 an der Konferenz teil. Ägypten
lehnte eine Teilnahme ab. Von den 22 Konferenzteilnehmern einigten sich
18 auf ein Vergehen, das ihrer Ansicht nach vernünftigen Grundsätzen
für eine friedliche Lösung entsprach, die gerecht und anständig gewesen
wäre und die freie Benutzung dieses Schiffahrtsweges für die Zukunft
hätte gewährleisten können.
Diese Vereinbarung der 18 Länder wurde Präsident Nasser in Kairo
als Lösungsvorschlag unterbreitet. Er lehnte jedoch ab.
Daraufhin traten die 18 Nationen abermals in London zusammen und
berieten erneut über einen Vorschlag, einen Verband, eine Vereinigung
der Kanalbenutzer zu schaffen.
Wir glaubten, dieser Verband könnte auf praktischer Grundlage mit den
ägyptischen Kanalbehörden eine für beide Teile annehmbare Regelung ausarbeiten, um den weiteren Betrieb des Kanals auf einer freien und unparteiischen Grundlage zu gewährleisten. Dann, während die Benutzervereinigung
organisiert wurde, brachten Frankreich und Großbritannien die Angelegenheit vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. In diesem Gremium
wurden sechs Grundsätze einstimmig angenommen und auch von Ägypten.gebilligt, das an den Verhandlungen teilnahm, obgleich es nicht im Sicherheitsrat vertreten ist. Diese Grundsätze deckten sich im wesentlichen
mit den Grundsätzen, die von den 18 Konferenzteilnehmern in London gebilligt worden waren. Die vom Sicherheitsrat angenommene Resolution hatte
noch einen zweiten Teil, der sich mit der Verwirklichung dieser Grundsätze
befaßte. Dieser zweite Teil wurde nicht angenommen, und zwar auf Grund
eines Vetos der Sowjetunion.
Aber trotz dieser Tatsache fand auf Anregung des Generalsekretärs,
dem ich für seinen diesbezüglichen großen Beitrag zu einer gerechten und
friedlichen Lösung Dank und Anerkennung aussprechen möchte, ein Meinungsaustausch darüber statt, wie diese sechs Grundsätze praktisch verwirklicht
werden könnten. Meiner Meinung nach ist es keine Übertretung*, wenni$hh
hier erkläre - und ich glaube, er würde mir darin beipflichten -, daß erhebliche Fortschritte erzielt worden sind. Es schien, als ob eine gerechte,
friedliche und für alle Parteien annehmbare Lösung in greifbare Nähe gerückt wäre, und so durfte man hoffen, daß diese Verhandlungen fortgesetzt
werden würden.
Ich erinnere an meine Erklärung am Schluß der 74«Sitzung des Sicherheitsrates, der sämtliche Mitglieder beipflichteten oder ihir stillschweigendes Einverständnis gaben und die besagte, daß sich der Sicherheitsrat
auch weiter mit dem Problem befassen solle und daß zu hoffen sei, die Erörterungen und der Meinungsaustausch zwischen dem Generalsekretär und den unmittelbar betroffenen drei Ländern - Ägypten, Frankreich und Großbritannien turnen fortgesetzt.
Sie wurden nicht fortgesetzt, obwohl mir kein unüberwindbares Hindernis
für ihre Fortsetzung bekannt ist. Statt dessen kam es zu den von mir erwähnten Ereignissen - Gewaltanwendung zunächst von Seiten Israels und anschließend
von seiten Frankreichs und Großbritanniens -, die zu einer nochmaligen Behand-

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�7 . November 1956

"AMERIKA DIENST

Behandlung der Frage vor dem Sicherheitsrat führten und die angesichts
des eingelegten Vetos zur Folge hatten, daß das Problem heute abend
vor diesem Forum diskutiert wird.
Wir können wohl mit Recht behaupten, daß die Anwendung friedlicher Mittel, wie sie die Charta von jedem Mitglied fordert, nicht
völlig ausgeschöpft worden ist. Selbst im Falle Israels, das auf Grund
der Tatsache, daß sich Ägypten niemals an die Resolution des Sicherheitsrates vom Jahre 1951 bezüglich des Rechtes Israels auf die Benutzung des Suezkanals gehalten hat, berechtigten Anlaß zur Klage hat selbst in diesem Falle bestanden günstigere Aussichten, da die vom Sicherheitsrat unter Billigung Ägyptens angenommenen Grundsätze die Abfertigung von Schiffen und Schiffsladungen im Kanal ohne jede Bena
Ligung einzelner Länder verlangten und (bestimmten, daß der Kanal nicht für
die nationalen Zwecke irgendeines Landes, einschließlich Ägyptens, gebraucht oder mißbraucht werden dürfe.
Herr Präsident und meine Herren Mitdelegierten, Kräfte für eine
friedliche Lösung schienen also am Werk, die, wie ich schon sagte,
mindestens unserer Auffassung nach, nicht völlig genutzt worden sind.
Und, Herr Präsident, während ich der letzte bin, der behaupten wollte,
daß niemals Umstände eintreten könnten, die die Anwendung von Gewalt
rechtfertigen würden - und gewiß ist eine Anwendung von Gewalt für
Zwecke der Verteidigung nach Artikel. 51 möglich - erscheint es uns,
daß unter den von mir- aufgezeigten Umständen die Zuflucht zur Gewalt,
ein gewaltsamer bewaffneter Angriff durch drei unserer Mitglieder auf
ein vierte.s, als nichts anderes als ein schwerer Irrtum behandelt werden kann, der im Widerspruch zu den Grundsätzen und Zielen der Charta
steht und der, falls er fortgesetzt werden sollte, unsere Charta und
diese Organisation aushöhlen würde.
Die Frage ist nun:

Was sollen wir tun?

Es erscheint uns dringend geboten, daß etwas geschieht, weil die
in offensichtlichem Widerspruch zu unserer Charta erfolgten Handlungen
noch nicht so weit gediehen sind, daß sie dieser Organisation einen
nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt odee sie gar «rschlagen
haben. Unsere Resolution "Einigkeit für den Frieden" zielte tatsächlich
darauf ab, Situationen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der geeinte
Wille dieser Organisation kann noch immer einen maßgebenden Einfluß
auf die Lage, ausüben, der vielleicht in der ganzen Welt spürbar werden
kann. Nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern zum Wohle der
kommenden Geschlechter sollte gezeigt werden, daß hier ein Anfang gemacht wurde, um der Welt eine Ordnung zu geben. Wir alle leben nicht
in Gesellschaftssystejnen, in denen sich keine Verstöße gegen die Ordnung
ereignen.
Wir alle leben vielmehr in Gesellschaftssystemen, in denen
bei solchen Verstößen die Obrigkeit Maßnahmen ergreift, um mit ihnen
fertig zu werden. Im gegenwärtigen Augenblick stellen wir hier die Obrigkeit dar. Und wenn uns auch auf Grund der Charta keine Handlungsbefugnis
zukommt, so haben wir doch die Befugnis, Empfehlungen zu erteilen, eine
Befugnis, die - sofern sie das moralische Urteil der Welt, die Weltmeinung
widerspiegelt - meiner Meinung nach die gegenwärtige Situation zu beeinflussen vermag.
Angeregt

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7. November 1956

Angeregt durch derartige Überlegungen haben die Vereinigten
Staaten eine Resolution eingebracht, die ich Ihnen, Herr Präsident,
vorlesen möchte:
"Die Generalversammlung
nimmt Kenntnis davon, daß die Partner der israelisch-arabischen
Waffenstillstandsabkommen aus dem Jahre 1948 bei zahlreichen Gelegenheiten die Bestimmungen dieser Abkommen mißachtet haben und
daß die Streitkräfte Israels unter Verletzung des allgemeinen
Waffenstillstandsabkommens zwischen Ägypten und Israel tief in
ägyptisches Gebiet eingedrungen sind;
nimmt Kenntnis davon, daß die Streitkräfte Frankreichs und Großbritanniens militärische Operationen gegen ägyptisches Gebiet
führen;
bringt ihre ernste Besorgnis über diese Entwicklung zum Ausdruck
und
fordert 1) mit größter Dringlichkeit., daß alle gegenwärtig
in die Feindseligkeiten in diesem Raum verwickelten Parteien einer
sofortigen Feuereinstellung zustimmen und als Teil dieser Maßnahme
die Truppenbewegungen und den Einsatz von Waffen in diesem Gebiet
beenden;
fordert 2) die Partner der Waffenstillstandsabkommen auf,
unverzüglich alle Streitkräfte hinter die Waffenstillstandslinie
zurückzunehmen, sich aller Angriffe über die Waffenstillstandslinien in benachbartes Gebiet hinein zu enthalten und die Bestimmungen
der Waffenstillstandsabkommen strikte zu befolgen;
empfiehlt 3)» daß alle Mitgliedstaaten davon Abstand nehmen,
militärisches Material in das Kampfgebiet zu liefern, und darüber
hinaus sich aller Maßnahmen enthalten, die die Verwirklichung dieser Resolution verzögern oder verhindern könnten;
fordert 4)» daß nach Wirksamwerden der Feuereinstellung Schritte
unternommen werden, um den Suezkanal wieder zu öffnen und die Freiheit der Schiffahrt wiederherzustellen;
ersucht 5) den Generalsekretär1 der Vereinten Nationen, die
Einhaltung dieser Resolution zu überwachen und dem Sicherheitsrat
sowie der Generalversammlung darüber unverzüglich zu berichten, damit
weitere Schritte unternommen werden können, wie sie der Sicherheitsrat und die Generalversammlung in Übereinstimmung mit der UN-Charta
für angebracht halten;
beschließt 6 ) , daß die Sondersitzung solange andauert, bis
diese Resolution verwirklicht ist."
Dies, Herr Präsident, ist also der Vorschlag der Delegation der
Vereinigten Staaten.
Ich bin mir wohl darüber im klaren, daß eine Empfehlung, die lediglich eine Feuereinstellung zum Ziele hat sowie eine Zurücknahme der Landstreitkräfte in Ägypten - unseres Wissens nach bis heute also lediglich

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lediglich die Streitkräfte Israels - auf die Waffenstillstandslinie,
eine Einstellung der Luftangriffe und eine Verhinderung der Entsendung
weiterer Streitkräfte in dieses Gebiet und dann eine alsbaldige Wiederinbetriebnahme des Suezkanals,- daß also eine Resolution, die den Nachdruck in erster Linie auf diese Dinge legt, keine ausreichende oder umfassende Form der Behandlung dieser Angelegenheit darstellt. Wir alle,
so meine ich, möchten hoffen, daß diese Tragödie ein besseres Ergebnis
zeitigen wird, als lediglich die Wiederherstellung jener Verhältnisse,
aus denen diese Tragödie erst erwuchs. Wir müssen zu einer besseren
Lösung als dieser gelangen. Diese Organisation hat sicherlich die Verpflichtung, mit allen Kräften auf eine solche bessere Lösung hinzuarbeiten.
Wenn wir aber nur dies tun, dann hätten wir noch immer sehr nachlässig
gehandelt und nur eine Seite des Problems angepackt.
Ich habe schon einmal gesagt, und ich bin von der Richtigkeit nach
wie vor fest überzeugt, daß der Friede eine Münze mit zwei Seiten ist,
deren eine die Vermeidung von Gewaltanwendung und deren andere die Schaffung gerechter Verhältnisse darstellt. Und auf lange Sicht ist das eine
ohne das andere nicht möglich.
Ich möchte durch die Form dieser Resolution keineswegs den Anschein
erwecken, daß ich etwa die Auffassung vertrete, diese Situation ließe
sich allein schon durch die Schritte, wie sie in der Resolution vorgeschlagen werden, bereinigen. Wir müssen etwas Besseres schaffen als jHue
unruhigen Verhältnisse, wie sie durch die seit nunmehr acht Jahren zwischen
Israel und den arabischen Nachbarländern bestehenden Waffenstillstandsabkommen herbeigeführt wurden. Das Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit
hinsichtlich eines freien und gleichberechtigten Betriebs des Kanals muß
noch fester werden als es seit der Zeit ist, als Präsident Nasser vor drei
Monaten die Suezkanal-Gesellschaft beschlagnahmte. Ich glaube, daß diesen
Dingen größte Bedeutung zukommt.
Wenn wir aber, Herr Präsident, und meine verehrten Mitdelegierten, uns
die Auffassung zu eigen machen, daß die Kämpfe ruhig fortdauern können, bis
diese Schwierigkeiten beigelegt und die damit zusammenhängenden komplizierten
Fragen geregelt worden sind, dann wird damit meiner Meinung nach eine Situation geschaffen, in der eine solche Regelung überhaupt nicht mehr möglich
sein wird, in der der Krieg an Heftigkeit zunehmen kann und sich vielleicht
weiter ausbreiten wird, eine Situation auch, in der die Welt durch neue
Bitterkeit gespalten sein wird und in der die Grundlagen des Friedens in
tragischer Weise, in Scherben geschlagen sein werden.
Diese Maßnahmen, von denen ich hier sprach, müssen ergriffen werden.
Ich glaube, daß man bereits, dabei ist, sie zu ergreifen, denn der Sicherheitsrat ist bereits mit diesen Fragen befaßt und hat in konstruktiver
Weise auf eine Lösung hingearbeitet. Ich glaube aber, wir müssen den wichtigsten Schritt.zuerst tun. Dieser wichtigste Schritt besteht meiner
Auffassung nach darin, daß zunächst einmal die Kampfhandlungen so schnell
wie möglich beendet werden, damit aus ihnen nicht eine Feuersbrunst wird,
die uns alle gefährden würde - und das liegt keineswegs jenseits des Bereicha
des Möglichen,
Wie

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"AMERIKA DIENST

Wie Präsident Eisenhower vergangenen Abend erklärt hat, ist es
das Wichtigste,die Kampfhandlungen zu beschränken und einzustellen,
und zwar soweit dies, und so seh: eil dies nur irgend möglich ist.
Ich hoffe deshalb, Herr Präsident und meine Mitdelegierten, daß
dieser Gesichtspunkt, der auch in unserer Resolution zum Ausdruck
kommt, allgemeine Billigung finde: wird.
Ich fürchte, daß, falls wir nicLt handeln und zwar sofort handeln
und mit hinreichender Einmütigkeit handeln, auf daß unsere Empfehlungen
auch wirklich von Einfluß sind, die große Gefahr besteht, daß sich das,
was man nun einmal angefangen und eine Polizeiaktion genannt hat, zu
etwas entwickeln wird, was Veit ernster wäre. Aber selbst wenn das
nicht der Fall ist, dann kann durch die offensichtliche Unfähigkeit
dieser Organisation, diese Angelegenheit erfolgreich zu behandeln,
ein Präzedenzfall geschaffen werden, der andere Staaten veranlassen könnte^
die Lösung dessen, was sie als ihnen angetanes Unrecht erachten, in die
eigene Hand zu nehmen.
Als wir in San Francisco im Jahre 1945 die Charta der Vereinten
Nationen verfaßten, glaubten wir, daß wir das Schlimmste, was ein Krieg
mit sich bringen kann, erlebt hätten, und wir glaubten, daß es unsere
Aufgabe sei, eine nochmalige V/iederholung dessen, was sich zuvor ereignet
hatte, zu verhindern. Und was sich damals abgespielt hatte, war tragisch
genug. Heute aber wissen wir, daß das, was in Zukunft noch geschehen
kann, noch unendlich tragischer wäre als das, was wir im zweiten Weltkrieg erlebten.
Ich glaube, daß wir es in dieser kritischen Stunde uns selbst,
unseren Völkern und der Nachwelt schuldig sind, Maßnahmen zu ergreifen,
die ein Gewähr dafür bieten, daß sich das Feuer, das man entzündet hat,
nicht ausbreitet, sondern rasch erstickt wird. Dann werden wir uns mit
erneuter Tatkraft der Beseitigung der Ungerechtigkeiten zuwenden,
aus denen heraus sich diese Schwierigkeiten ergeben haben.

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�A M E R I K A

HENRY CABOT LODGE ZUR LAGE IN UNGARN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut der Ausführungen, die der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen,
Henry Cabot Lodge jr., am 4. November 1956 vor der
UN-Generalversammlung zur Lage in Ungarn machte.

Herr Präsident,
Im Morgengrauen des heutigen Tages eröffneten sowjetische Truppen in Ungarn das Feuer in Budapest und im ganzen Lande. Wir erfahren aus Wien, daß sowjetische Artillerie Wohnviertel mit Phosphorgranaten belegen. Diese Granaten setzen Gebäude in Brand und verbrennen Frauen, Kinder und andere Zivilisten, die mit den Kampfhandlungen nichts zu tun haben.
Ministerpräsident Nagy hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten, und ich muß sagen, dafür haben wir volles Verständnis. Nach
den unheilvollen Meldungen der letzten Tage ist die Lage in Ungarn
nunmehr allzu klar geworden. Es enthüllt sich uns ein übelkeiterregendes Bild der Doppelzüngigkeit und des Doppelspieles. Während die
Regierung der UdSSR diese Brutalität größten Stils beging, hat der
sowjetische Delegierte hier in diesem Saale den Frieden gerühmt,
seine: Abscheu vor der Aggression bekundet und seine Hände über das
Blutvergießen im Nahen Osten gerungen. Wir alle, die wir hier mit
jeder Faser unseres Seins um den Frieden in Nahost ringen, werden
diesen unaussprechlichen Zynismus niemals vergessen können.
In den letzten Tagen wurde laufend von sowjetischen Truppenverschiebungen nach Ungarn berichtet. Zur gleichen Zeit, als wir diese
Berichte hörten, versicherten die Sowjets den Vereinten Nationen und
der ungarischen Regierung, daß die sowjetischen Truppen in Ungarn
nicht verstärkt worden seien und auch in Zukunft nicht verstärkt
werden würden. Die gemeldeten Truppenbewegungen stellte man als
eine Umgruppierung der in diesem Lande stationierten Sowjettruppen
hin.
Noch
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7. November

1956

Noch um zehn Uhr gestern abend begannen V rtreter der Sowjetunion
Verhandlungen - oder das, was sie als Verhana ungen bezeichneten mit Vertretern der ungarischen Regierung angeb ich über den Rückzug
sowjetischer Truppen auf Grund der ungarischen Entscheidung, aus dem
Warschauer Pakt auszutreten.
Die Sowjetunion hat in jüngster Zeit ihr Bestreben, Ungarn durch
die Macht ihres Militärapparates zu beherrschen, kaum verschleiert.
Noch kurz vorher sprach sie von einem neuen Verhältnis zu ihren Satellitenstaaten, das auf voller Souveränität und Gleichheit, auf Unabhängigkeit und absoluter Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Länder aufgebaut sein sollte* Sie sprach von Verhandlungen im Rahmen des Warschauer Paktes über den Abzug ihrer Streitkräfte aus einigen dieser Länder, so insbesondere aus Ungarn, wo, wie
sie selbst einräumte, das weitere Verbleiben ihrer Truppen nur "Anlaß
zu einer weiteren Verschlechterung der Lage bilden" könne - eine
Verschlechterung der Lage, die nun auf so tragische Weise eingetreten
ist.
Welch ein betrügerisches Schauspiel rollte hier vor unseren
Augen ab!
Als Ministerpräsident Nagy seine Regierung bildete, schrieb
selbst die "Prawda", das sowjetische Regierungsorgan, am 28. Oktober
wie folgt über die Regierung Nagy: "Heute verkündete Radio Budapest
die Bildung einer neuen nationalen Regierung der ungarischen Volksrepublik auf einer breiten demokratischen Grundlage durch den Genossen
Imre Nagy. Die neue Regierung hat ihre Arbeit unverzüglich aufgenommen.
Geleitet von dem Wunsche, nicht einen einzigen Angehörigen dieses
aufrechten, aber mißgeleiteten Volkes zu bestrafen, verkündete die
ungarische Regierung eine Amnestie für alle, die freiwillig ihre
Waffen niederlegen." Am 30. Oktober berichtete Radio Moskau, das
natürlich wie in allen totalitären Staaten die offizielle Rundfunkstation der Regierung ist - etwas, was wir hier gar nicht kennen seinen Hörern in Europa, daß "unter der Führung der Regierung Imre
Nagys glücklicherweise «.. das Leben allmählich wieder in normale
Bahnen zurückkehrt"; und am gleichen Tage berichtete Radio Moskau
dem eigenen Volk: "Die arbeitende Bevölkerung Ungarns hat mit Befriedigung die gestrige Erklärung Imre Nagys, die von der ungarischen
Arbeiterpartei gebilligt ist und in der Nagy das Aktionsprogramm der
Regierung bekanntgab, zur Kenntnis genommen."
So sprachen Radio
Moskau und die "Prawda" damals. Heute hingegen bezeichnete die "Prawda"
den ehemaligen "Genossen" Nagy als "einen Komplicen reaktionärer
Kräfte".
Andere benachbarte Völker, die die Bedeutung des Kampfes des
ungarischen Volkes voll zu würdigen verstehen, äußerten sich ebenfalls über die Regierung Nagy. Hier einige Beispiele:
Die kommunistische "Vereinigte Polnische Arbeiterpartei" veröffentlichte am 29. Oktober eine Erklärung, in der sie das Programm
der neuen Regierung Nagy begrüßte und darlegte, daß es ganz im Sinne

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"AMERIKA DIENST"

Sinne der ungarischen Kommunisten und im Interesse der Sache des Friedens gehalten sei. Das kommunistische Parteiorgan "Tribuna Ludu" erklärte
am gleichen Tage Polens "tiefempfundene Solidarität" mit Ungarns neuer
Führung und versprach die Unterstützung ihres Programms. Dieses Programm, so meinte das polnische Blatt, "ist ganz ähnlich gehalten wie
unser eigenes und entspricht, wie auch unser eigenes Programm, dem
tiefsten Wunsch der Massen". Das ist die Meinung eines der kommunistischen -Hachbarländer.
Am 29. Oktober schickte Staatspräsident Tito einen Brief an die
Ungarn, in dem er seine Überzeugung ausdrückte, daß sie "unter ihrer
neuen Führung" alle Schwierigkeiten meistern würden. Er sprach von
seiner tiefen Bewunderung für all jene "fortschrittlichen Männer in
dem uns benachbarten Ungarn, die in den letzten Tagen all ihre Kräfte
dafür einsetzten, diesen tragischen Kampf in eine Zeit der Wiedergeburt
umzuwandeln". Das jugoslawische Volk, sagte Tito, "begrüßt einstimmig
die Bildung der neuen Staatsführung und einer neuen politischen Führung sowie die Erklärung der ungarischen Regierung vom 28. Oktober."
Präsident Tito schloß sein Schreiben mit den V/orten, er wünsche Nagy
"Erfolg in seinen Bemühungen".
Am 29. Oktober sandte auch die tschechoslowakische Regierung eine
Botschaft an die Regierung Nagy, in der sie die großen Bemühungen
der ungarischen Regierung zur Errichtung des Friedens in diesem Lande
"aufrichtig begrüßte",-Bemühungen, die, wie es in der Botschaft hieß/
"mit den fundamentalen Interessen des gesamten ungarischen Volkes
übereinstimmen," Die tschechoslowakische Regierung gab ihrer festen
Überzeugung Ausdruck, daß "die ungarische Regierung, gestützt auf die
Anerkennung des Volkes und die Kraft der sozialistischen Demokratie,
die Erfüllung der ihr gestellten Aufgaben erfolgreich gewährleisten
werde" .
Am 29. Oktober sandte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei eine Botschaft an die ungarischen Kommunisten, in der es hieß,
Ministerpräsident Nagy sei selbst ein Kommunist, der versuche, sein
Land aus der sowjetischen Versklavung zur Freiheit zu führen und in
der es ferner hieß, daß sie Nagys Bemühungen "um den Fortschritt" und
zur "Vertiefung der sozialistischen Demokratie" unterstützten. So
sprachen sie am 28. und 29« Oktober.
Nun, wodurch hat sich die Lage in so kurzer Zeit verändert? Durch
den Wunsch Ministerpräsident Nagys ,Ungarn im Interesse der Ungarn zu
regieren? Fürchtete sich die Sowjetunion davor? Die ständige heimliche
Verstärkung der Sowjettruppen in Ungarn in diesen schicksalsschweren
Tagen beweist, daß sie es tat.
Aus zuverlässiger Quelle wird jetzt berichtet, Herr Präsident,
daß Sowjettruppen das Parlamentsgebäude in Budapest besetzt haben.
Ministerpräsident Nagy und andere Mitglieder seiner Regierung befinden sich in Haft. Pal Maleter, der Verteidigungsminister und heldenhafte Verteidiger der Maria-Theresia-Kaserne gegen die sowjetischen
Angriffe, der erst gestern Verhandlungen mit sowjetischen militärischen

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7. November

1956

militärischen Vertretern über einen Abzug der Truppen führte, ist ebenfalls verhaftet. Die Sowjets stellten ei,n bis zum Mittag befristetes
Ultimatum, das die Kapitulation Budapests verlangte und drohten, die
Stadt zu bombardieren, falls sie nicht kapituliere.
Wie ich in der Sitzung des Sicherheitsrates heute morgen um 4 Uhr
bekanntgab, haben Kardinal Mindszenty und sein Sekretär in der amerikanischen Gesandtschaft in Budapest Zuflucht gesucht. Deshalb ist es,
glaube ich, am Platze, hier eine Rundfunkansprache zu zitieren, die
Kardinal Mindszenty erst gestern über Radio Budapest gehalten hat.
Ich möchte gerne einen Abschnitt daraus wörtlich anführen, weil dies
die letzten von Kardinal Mindszenty in der Öffentlichkeit gesprochenen
Worte sind, die wir haben: "Nationales Empfinden sollte nie wieder
eine Ursache zum Kampf zwischen Ländern werden, sondern Anlaß zur
feierlichen Verpflichtung sein, Gerechtigkeit und friedliche Zusammenarbeit zu üben. Laßt das nationale Bewußtsein in aller Welt auf dem
Felde gemeinsamer Kultur blühen und gedeihen. So wird der Fortschritt
des einen Landes weitergetragen werden zum anderen Land, von einer
Nation zur anderen, die nach den Gesetzen der Natur immer mehr auf
einander angewiesen sind,. Wir Ungarn wollen als Bannerträger der Völkerfamilie der europäischen Nationen leben und handeln. Laßt Zusammenarbeit,
die echte Freundschaft zwischen Nationen bedeutet, die Basis sein.
Und indem wir unser Auge in die Ferne schweifen lassen, äußern wir,
die kleine Nation, den Wunsch, mit den großen Vereinigten Staaten
von Amerika und dem mächtigen russischen Reich gleichermaßen in Freundschaft und gegenseitiger Achtung zu leben, in guten nachbarlichen
Beziehungen auch mit Prag, Bukarest, Warschau - und in diesem Zusammenhang darf ich nicht unerwähnt lassen, daß jedem Ungarn Österreich durch
sein brüderliches Mitempfinden unserer gegenwärtigen Leiden lieb und t
teuer geworden ist."
Dies, Herr Präsident, so wie es Kardinal Mindszenty geäußert hat,
ist etwas, was wahrlich im besten Sinne des Wortes als ein Ausdruck
des Geistes der friedlichen Koexistenz, bezeichnet werden könnte.
Aber die sowjetische Heuchelei hat diesen Begriff seiner ganzen Glaubwürdigkeit beraubt.
Wir dürfen uns durch diesen zynischen und willkürlichen Akt der
Aggression gegen das ungarische Volk und seine Regierung nicht täuschen lassen. Eine kleine Gruppe sowjetischer Strohmänner ließ in dem
Augenblick, in dem die sowjetischen Truppen ihren Angriff begannen,
verlauten, daß sie von sich aus eine Regierung gebildet hätte. Wir
haben keinen Übergang der Regierungsgewalt von einer ungarischen Regierung auf eine andere erlebt, sondern nur das Entstehen einer
Marionettenclique und den Sturz einer liberalen sozialistischen Regierung, die sich in ihrem Wunsch nach Abzug der Truppen dem Willen
des Volkes beugte. Zwei Stunden nach Beginn des Angriffes appellierte
die neue Gruppe von Strohmännern an die Sowjetunion, ihr zu Hilfe
zu kommen. Die Behauptung kann deshalb nicht aufrechterhalten werden,
daß die sowjetische Aktion auf Grund irgendeines Hilfeersuchens unternommen wird. Die "Hilfe", und ich gebrauche dieses Wort ausdrücklich
in Anführungszeichen, erschien lange vor dieser Aufforderung auf dem
Plan.
Parteisekretär

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7. November

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Parteisekretär Janos Kadar, die kommunistische Marionette, der
heute morgen auf Grund der sowjetischen militärischen Intervention
eingesetzt wurde, war es, der anläßlich der Regierungsübernahme von
Ministerpräsident Nagy sagte: "Ich stimme aus vollem Herzen mit Nagy
überein, meinem alten Bekannten und Freund, meinem hochgeschätzten
und geachteten Genossen." Ein wundervoller Freund - er ging mit ihm
durch dick und dünn.
Wir müssen hier in dieser Versammlung drastische und entscheidende
Maßnahmen ergreifen, um den Appell der ungarischen Regierung zu beantworten. Die Delegation der Vereinigten Staaten unterbreitet deshalb
einen Resolutionsentwurf, über den unserer Ansicht nach sofort abgestimmt werden sollte. Ich möchte hiermit die Resolution vorlesen:
•M)ie Generalversammlung fordert:
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß sich die Vereinten Nationen auf dem Prinzip der souveränen Gleichberechtigung all
ihrer Mitgliedstaaten gründen;
daß die Gewährung der Menschenrechte und der fundamentalen Freiheiten in Ungarn ausdrücklich durch den Friedensvertrag zwischen
Ungarn und den alliierten und assoziierten Mächten, der am 10.
Februar 1947 unterzeichnet wurde, garantiert worden ist, und daß
die allgemeinen Grundsätze dieser Rechte und Freiheiten in der
Charta der Vereinten Nationen bestätigt worden sind;
in der Überzeugung, daß die jüngsten Ereignisse in Ungarn den
Wunsch der ungarischen Bevölkerung klar zu erkennen geben, ihre
fundamentalen Rechte und Freiheiten sowie ihre Unabhängigkeit
auszuüben und voll zu genießen;
in der Verurteilung der Tatsache, daß sowjetische Streitkräfte
eingesetzt worden sind, um die Anstrengungen des ungarischen
Volkes zur Wiedererlangung seiner Rechte zu unterdrücken;
unter Hinweis auf die Erklärung der sowjetischen Regierung
vom 30. Oktober 1956, in der sie eine Politik der Nichteinmischung
in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten gelobte;
unter Kenntnisnahme der Mitteilung der ungarischen Regierung
an den Generalsekretär vom 1. November 1956 in bezug auf Forderungen, die jene Regierung der Regierung der UdSSR auf unverzügliche und sofortige Zurückziehung der sowjetischen Truppen
gestellt hat;
fernef unter Hinweis auf die Mitteilung vom 2. November 1956, die
die ungarische Regierung an den Generalsekretär gerichtet hat
und worin sie den Sicherheitsrat ersucht, die Regierungen der
Sowjetunion und Ungarns zu einem sofortigen Beginn der Verhandlungen über die Zurückziehung der sowjetischen Streitkräfte anzuhalten;
unter

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�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

unter Hinweis darauf, daß die Intervention der sowjetischen militärischen Streitkräfte in Ungarn zu schweren Verlusten und zu einem
großen Blutvergießen unter der ungarischen Bevölkerung geführt hat;
und unter Hinweis auf den Rundfunk-Appell des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy vom 4« November 1956
erstens die Regierung der UdSSR auf, sich aller militärischen Aktionen gegen die ungarische Bevölkerung sowie jeder Form der Intervention,
insbesondere der bewaffneten Intervention, in die inneren Angelegenheiten
Ungarns unverzüglich zu enthalten;
sie fordert zweitens die UdSSR auf, den Einmarsch weiterer Streitkräfte nach Ungarn zu unterbinden und alle ihre Streitkräfte unverzüglich von ungarischem Boden abzuziehen;
sie bekräftigt drittens das Recht des ungarischen Volkes auf eine
Regierung, die auf seine nationalen Aspirationen eingeht und die sich
für seine Unabhängigkeit und seinen Wohlstand einsetzt;
sie ersucht viertens den Generalsekretär, die durch die ausländische Intervention in Ungarn heraufbeschworene Situation zu untersuchen, die Lage durch von ihm ernannte Vertreter direkt zu beobachten
und die Generalversammlung zum frühesten Zeitpunkt darüber zu unterrichten und so schnell wie möglich Methoden zur Beendigung der krassen
ausländischen Intervention in Ungarn in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen vorzuschlagen;
sie fordert fünftens die Regierungen.Ungarns und der Sowjetunion
auf, den vom Generalsekretär bestimmten Beobachtern die Einreise in
das ungarische Gebiet zu gestatten, ihnen dort volle Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu geben, ihre Ergebnisse dem Generalsekretär zu berichten;
sie fordert sechstens alle Mitglieder der Vereinten Nationen auf,
mit dem Generalsekretär und seinen Vertretern bei der Ausübung ihrer
Pflichten zusammenzuarbeiten;
sie ersucht siebtens den Generalsekretär, nach Rücksprache mit
den leitenden Vertretern der UN-Sonderorganisationen unverzüglich
Erhebungen über den dringendsten Bedarf des ungarischen Volkes an
Nahrungsmitteln, Medikamenten und ähnlichen Lieferungen anzustellen
und darüber der Generalversammlung so schnell wie möglich zu berichten;
sie ersucht achtens alle Mitglieder der Vereinten Nationen und die
nationalen und internationalen karitativen Organisationen, bei der Bereitstellung solcher Lieferungen zusammenzuarbeiten, wie sie von dem
ungarischen Volk benötigt werden können."
Das ist der Inhalt unserer Resolution. Sie hat das Ziel, sicherzustellen, daß schnell gehandelt wird, um der ernsten Situation begegnen zu können. Wir glauben nicht, daß es genügt, die Sowjetunion lediglich aufzufordern, sich eines weiteren Eingreifens in die inneren Angelegenheiten Ungarns zu enthalten und unverzüglich ihre sämtlichen Truppen zurückzuziehen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

7. November 195&amp;

Wir stellen ferner das dringende Ersuchen, daß der Generalsekretär der Vereinten Nationen unverzüglich die Situation in Ungarn von
sich aus überprüft und sobald wie möglich der Generalversammlung hierüber Bericht erstattet. Wir fordern die Sowjetunion und Ungarn auf,
Vertretern des Generalsekretärs die Einreise in ungarisches Gebiet
zu gestatten, haben sie doch ihrerseits, wenn sie nichts zu verbergen
haben, von dem Besuch unparteiischer Beobachter nichts zu befürchten.
In diesem Zusammenhang möchte ich den sowjetischen Vertreter daran
erinnern, daß die Sowjetunion vorgibt, für bestimmte grundlegende Prinzipien einzutreten, die von der Bandungkonferenz im April 1955 &amp; ls
allgemein verbindliche, internationale Verhandlungsmaßregeln angenommen
worden waren.
Man hatte dort zehn Grundsätze für die Herbeiführung
einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Nationen aufgestellt.
Fünf von ihnen betreffen, soweit mir bekannt ist, die sogenannte friedliche Koexistenz, für die sich die Sowjetunion wohl in Reden, aber nicht
durch Handlungen eingesetzt hat. Diese Prinzipien, die von den sowjetischen Führern anläßlich ihrer Besuche verschiedener asiatischer Länder
ausdrücklich bekräftigt worden sind, treffen auf die Situation in Ungarn
zu. Was die Sowjetunion in den letzten Stunden in Ungarn getan hat, beweist, wie nichtssagend diese sowjetischen Äußerungen des Lobes über die
Bandungerklärung sind.
Wir richten an die Mitglieder dieser Versammlung die Frage:
Hat die Sowjetunion bei ihrer Aktion in Ungarn "die fundamentalen
Menschenrechte und die Ziele und Prinzipien der Charta der Vereinten
Nationen respektiert"?
Hat sie "die Souveränität und die territoriale Unverletzlichkeit
aller Nationen respektiert"?
Und diese Fragen sind von wörtlichen Zitaten aus der BandungDeklaration abgeleitet;
Hat sich die Sowjetunion des "Eingreifens und der Einmischung in
die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes" enthalten?
Hat sie sich "der Aggressionshandlungen oder -drohungen oder der
Anwendung von Gewalt gegenüber der territorialen Unverletzlichkeit im
Interesse der politischen Unabhängigkeit eines Landes" enthalten?
Ich habe mich bei diesen Fragen der Sprache der Bandungkonferenz
bedient, die Tatsachen jedoch sprechen für sich selbst.
Wir können nicht untätig zusehen, wenn die Ungarn wieder gewaltsam
unterjocht werden, gerade zu einem Zeitpunkt, als sie dabei waren, ihre
Freiheit und Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Die in der Charta der
Vereinten Nationen niedergelegten Prinzipien stehen auf dem Spiel. Das
immer wieder von dieser Versammlung bekräftigte grundsätzliche und fundamentale Recht der Selbstbestimmung ist schwer bedroht. Wenn wir nicht handelnj wäre das ein gemeiner Verrat gegenüber dem ungarischen Volke, das
uns um Hilfe gebeten hat.
Das

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�"ABERIKA DIENST"

7. November 195*

Das ungarische Volk darf sicher sein, daß die -'ereilten Nationen
seine Sache zu ihre: ei- nen machen werden.
Es kann ferner s'.ch r sein, daß die Vere"nten Nationen alle ihr
zu Gebote stehenden Mittel aufbieten werden, um sicherzus'el'e: , daß
das ungarische Volk, as in d'.esen furchtbaren Tagen so leidenschaftlich für seine Unabhängi -keit und Freiheit gekämpft hat, ein hilfreiches Echo bei ...
Soeben erhalte i -h on Präsident Eisenhower eine Botschaft, die
ich Ihnen gern zur Kenntnis geben möchte. Sie ist nur sehr kürzt
"Ich bin der Ansicht, daß die Weltmeinung, die noch vor wenigen
Tagen angesichts der Nachricht über den beabsichtigten Abzug der Truppen der Sowjetunion aus Ungarn so viel neue Hoffnung schöpfte, heute
in gleichem Maße über den sowjetischen Angriff aaf das Volk und die
Regierung Ungarns bestürzt und entsetzt ist.
Ich suchte heute Außenminister Dulles im Walter-Peed-Krankenhaus
auf und konferierte später mit dem stellvertretenden Außenminister,
um Mittel und Wege zu erörtern, die den Vereinigten Staaten zur Erreichung folgender Ziele zur Verfügung stehen:
1.

Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn

2.

Gewährleistung des Rechtes Ungarns auf Selbstbestimmung
und auf Wahl serner Regierung

Ich habe an Ministerpräsident Bulganin eine dringende Botschaft
bezüglich dieser Fragen -esandt.
Die Lage im Mittleren Osten und die Maßnahmen, die gegenwärtig
von den Vereinten Nationen unternommen werden, um den Frieden in diesen Gebiet wiederherzustellen sowie den Boden für eine konstruktive
Lösung der dort gegebenen Probleme zu bereiten, wurden in gleicher
Weise einer gründlichen Überprüfung unterzogen."
Herr Präsident, wir müssen heute nachmittag hier Schritte unternehmen, damit die Vereinten Nationen ihre Hilfsquellen mobilisieren,
um sicherzustellen, daß das ungarische Volk, das in diesen furchtbaren
Tagen so leidenschaftlich um seine Unabhängigkeit und Freiheit gekämpft hat, hilfreiches Echo bei den Völkern jener Länder findet,
die das Glück haben, diese kostbaren Güter zu besitzen, auf daß
sie ihm materielle Hilfe und Trost bringen und seine Leiden und
sein Unglück zu lindern helfen.

* * * * *

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�HOOVER:

UN SOLLEN INITIATIVE IN UNGARN ERGREIFEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der stellvertretende
US-Außenminister Herbert Hoover jun. am
16.November 1956 vor der UN-Generalversammlung hielt.

"Herr Präsident,
Außenminister Dulles hat mich gebeten, Ihnen sein tiefes Bedauern darüber auszusprechen, daß er nicht hier sein kann, um diese
Ansprache selbst zu halten. Ich möchte ferner dem neuen Präsidenten
der Generalversammlung, unserem hochverehrten Freund aus Thailand,
die Glückwünsche des Außenministers übermitteln.
Die Vereinten Nationen und die gegenwärtige Krise
Die Generalversammlung tritt zu einem Zeitpunkt zusammen, da
zahlreiche Probleme auf die Völkergemeinschaft der Welt einstürmen.
Einige dieser Probleme sind äußerst bedrohlich. In der kurzen Spanne
weniger Wochen sahen wir uns zwei Bedrohungen des Weltfriedens gegenübergestellt .
Die Vereinten Nationen haben in den kritischen Ereignissen der
vergangenen Wochen in Europa und im Mittleren Osten eine entscheidende
Rolle gespielt. Sie haben schnell gehandelt, um die betreffenden Streitfragen in den Brennpunkt der Weltmeinung zu stellen. Sie haben gerechte
und praktische Vorschläge für friedliche Lösungen unterbreitet. Die
Welt kann nicht anders als den moralischen Kräften für den Frieden ihre
Aufmerksamkeit zu schenken, die die Vereinten Nationen in diesen letzten
Wochen demonstriert haben. Die Vereinten Nationen haben ihre Hingabe an
die Prinzipien ihrer Charta sowie ihre Fähigkeit bewiesen, zur Verteidigung dieser Prinzipien schnell zu handeln.
Präsident Eisenhower hat in seiner Ansprache an das amerikanische Volk am 31.Oktober erklärt: 'Wenn ich die Entwicklung der internationalen Ereignisse der letzten Jahre überdenke, bin ich noch stärker davon überzeugt, daß die Fortschritte der Vereinten Nationen die
gesündeste Grundlage für den Frieden in der Welt darstellen.'
Das
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�AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Das Grundziel der Charta ist Frieden in Gerechtigkeit. Die
Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, daß die Vereinten Nationen
das beste Mittel zur Erreichung dieses Zieles sind. Der Friede "allein
genügt nicht. Denn ohne Gerechtigkeit ist der Frieden nur eine Täuschung und von begrenzter Dauer. Auf der anderen Seite würde die Gerechtigkeit ohne Frieden von den grenzenlosen Ungerechtigkeiten eines
Krieges fortgeschwemmt werden.
Die Vereinten Nationen haben in den letzten Wochen unverzüglich
gehandelt, um den Frieden in Gerechtigkeit zu bewahren. Ihre Bemühungen können jedoch nicht lediglich auf Grund ihrer Resolutionen beurteilt werden. Die Bewährungsprobe besteht darin, daß ihre Resolutionen
zum Tragen kommen.
In Osteuropa sind die Beschlüsse der Vereinten Nationen, die sich
mit der tragischen Situation in Ungarn befassen, immer noch unbeachtet
geblieben. Die sowjetischen Streitkräfte sind nicht zurückgezogen worden. Wir hören jetzt bestürzende Berichte, wonach das ungarische Volk
die Barbarei der Massendeportationen erdulden muß.
Wir können nicht ruhig bleiben,, während ungarische Männer, Frauen
und Kinder unter Anwendung von Gewalt deportiert werden, nur weil sie
es gewagt haben, den sowjetischen Unterdrückern zum Trotze ihren patriotischen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Deshalb sind die USA der Ansicht,
daß die Vereinten Nationen unverzüglich die Initiative ergreifen müssen,
um dieser tragischen Situation abzuhelfen.
Herr Präsident, diese Frage erfordert die dringende Aufmerksamkeit
der Generalversammlung. Die USA werden alle Änderungen in der Tagesordnung der Generalversammlung unterstützen, die notwendig werden mögen, damit diese unerhört wichtige Angelegenheit mit Vorrang behandelt
werden kann.
Die Forderung des UN-Generalsekretärs nach Zulassung von UNBeobachtern in Ungarn ist abgelehnt worden. Dies bedeutet, daß wir
unsere Unterstützung seiner Bemühungen verdoppeln müssen. Gleichzeitig müssen wir mit Vorrang die nächsten Schritte erörtern, die die
Vereinten Nationen unternehmen können. Die brutale Unterdrückung der
Freiheit durch die Fremdherrschaft wird sich in dem Gewissen der fielt
unauslöschlich einprägen.
Im Mittleren Osten begrüßen wir die Erklärungen der Zusammenarbeit,
die dort auf die Forderungen der Vereinten Nationen hin abgegeben wurden, die militärischen Operationen einzustellen, die bewaffneten Streitkräfte zurückzuziehen und die Streitmacht der Vereinten Nationen einzusetzen.
Es ist auch davon gesprochen worden, sogenannte 'Freiwillige'
nach dem Mittleren Osten zu bringen. Eine derartige Maßnahme würde in
klarem Widerspruch zu der am 2.November angenommenen Resolution stehen,
die von 64 Mitgliedern dieser Versammlung unterstützt wurde. Es ist die
eindeutige Pflicht aller, einschließlich derer, die in Feindseligkeiten
verwickelt sind, davon Abstand zu nehmen, daß außer der Polizeitruppe der
Vereinten Nationen noch andere Streitkräfte in das Gebiet der jüngsten
Keil
Kampfe entsandt werden.
_?
i.

�'AMERIKA DIENST"

22.November 1956

Kein Land sollte die Schwierigkeiten der Vereinten Nationen bei
der Wiederherstellung des Friedens vergrößern. Wenn ausländische Streitkräfte in das Kampfgebiet gebracht würden, dann würde dies bestimmt
die Bemühungen erschweren, die gegenwärtig gemacht werden, ja, dies
würde eine Bedrohung für die Streitkräfte der Vereinten Nationen darstellen, die gegenwärtig in das Gebiet einrücken. Die Vereinten Nationen
würden dann die Verpflichtung haben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Präsident Eisenhower:hat angekündigt, daß die USA derartige Maßnahmen voll und ganz unterstützen würden.
Als die USA am 1. November ihre Resolution zur Feuereinstellung
einbrachten, erklärte Außenminister Dulles hier an dieser Stelle, daß
die Waffenruhe allein sowie die Rückkehr zu dem ehemaligen Zustand
nicht genügen würden. Er wies darauf hin, daß die Gewaltanwendung aus
einer in höchstem Maße verworrenen und in vieler Hinsicht provozierenden
Situation heraus erfolgte, sowohl im Hinblick auf den Suezkanal als
auch auf den Waffenstillstand in Palästina. Er unterstrich, daß weder
der Friede noch die Gerechtigkeit gesichert werden könnten, wenn wir
nicht mehr erreichten als die alte und unruhige Lage von früher wiederherzustellen.
Die Vereinten Nationen haben ihre Fähigkeit, die öffentliche Meinung der Welt gegen die Anwendung von Gewalt zu mobilisieren, unter
Beweis gestellt. Es ist viel schwerer, die Meinungen in dem gleichen
Maße für die Beseitigung der Ungerechtigkeiten zu mobilisieren, die
den Nährboden für die Gewaltanwendung bilden. Solange wir jedoch nicht
bis zu den Wurzeln dieser Spannungen vorstoßen, können wir nur begrenzte
Fortschritte auf dem Wege zur Lösung der Probleme eines dauerhaften
Friedens machen.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten am 3« November der
Sondersitzung der Generalversammlung zwei Resolutionen unterbreitet,
die das Ziel hatten, sich mit den Ursachen der Krise im Mittleren
Osten auseinanderzusetzen. Die erste bezieht sich auf den Suez-Kanal.
Am 13. Oktober nahm der Sicherheitsrat eine Entschließung an, die sechs
Leitgedanken enthielt, die das Ziel hatten, die Grundlage für eine Lösung zu schaffen, die das internationale Vertrauen und eine wirksame
Inbetriebhaltung gewährleistet. Nichts ist geschehen, was die Grundvoraussetzung geändert hat, wonach den Benutzern des Kanals unter
Wahrung der Souveränität Ägyptens die Zusicherung einer freien Durchfahrt ohne jede Diskriminierung gegeben werden muß, und zwar unter
verlässlichen und voraussagbaren Bedingungen, die von der Politik eines
jeden Landes unabhängig sind. Was nun not tut, ist die Verwirklichung
dieser.fundamentalen Grundsätze. Wir haben daher eine Resolution vorgelegt, die auf die Ausarbeitung von Maßnahmen zur Wiederinbetriebnahme des Kanals abzielt, sowie auf die Entwicklung eines Planes, um
in Übereinstimmung mit den interessierten Ländern seine Inbetriebnahme und Inbetriebhaltung vorzubereiten und die freie Durchfahrt
durch den Kanal gemäß der Konvention von 1088 zu gewährleisten. Wir
glauben, daß ein derartiger Ausschuß unverzüglich gebildet werden und
daß er seine Arbeit sobald als möglich aufnehmen sollte.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Die Vereinigten Staaten haben ferner eine Resolution unterbreitet,
die die Errichtung eines Ausschusses vorsieht, der die Partner eines
Waffenstillstandsabkommens beraten und Empfehlungen hinsichtlich einer
Lösung der großen, zwischen den arabischen Staaten und Israel stehenden
Probleme machen soll.
»Vir haben sofort Maßnahmen ergriffen, um uns mit der durch den
Ausbruch der Feindseligkeiten entstandenen dringlichen Lage zu befassen. Die Ankunft des ersten Kontingents der UN-Pol'izeitruppe sollte es
möglich machen, nunmehr ohne irgendwelche Verzögerung die übrigen
Empfehlungen dieser Generalversammlung zu verwirklichen, besonders diejenigen, die sich auf den Abzug der Truppen beziehen.
Wir müssen nunmehr mit der gleichen Schnelligkeit und Einmütigkeit
handeln, um eine Lösung der Probleme zu erreichen, die zu dieser dringlichen Lage führten.
Auch zur Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme in diesem Raum sind neue Anstrengungen nötig. Die dortige Krise hat unsere
Bemühungen von der Aufgabe, für die Zukunft zu sorgen, abgelenkt. Es
gibt vieles, was wir tun können, damit die Völker in diesem schwer
heimgesuchten Gebiet jenen wirtschaftlichen und sozialen Lebensstandard
erreichen, nach dem sie sich so sehr sehnen.
Wir brauchen nicht auf die endgültigen Lösungen zu warten, ja,
es wäre falsch, würden wir warten. Eine Zusammenarbeit auf solchen
Gebieten wie Wasserwirtschaft und Handel sowie gut geplanten Entwicklungs- und Modernisierungsprojekten könnte wesentlich dazu beitragen,
die Grundlagen für den Frieden zu legen.
Wir haben jetzt die Chance für einen neuen Beginn., unser Ziel
sollte sein, die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden und die
Stabilität in diesem Gebiet zu legen.
Im August vergangenen Jahres umriß Außenminister Dulles einige
Vorhaben, die unbedingt erforderlich sind. Er erwähnte mehrere spezielle
Projekte, die durchgeführt werden sollten, und erklärte wörtlich:
•Wenn diese Vorhaben Lasten mit sich bringen, dann würden sich die USA
an diesen Lasten beteiligen.' Ich kann heute die Bereitschaft der USA,
zur Unterstützung eines gesunden Programmes voll und ganz beizutragen,
erneut bekräftigen.
Andere Probleme der elften Sitzungsperiode
Ich möchte ferner kurz über zwei weitere Punkte sprechen, die vor
diese Sitzung der Generalversammlung kommen werden.
Der erste Punkt ist die Internationale Atomenergiebehörde. Wir
können ermutigt sein, daß das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde, das in diesem Saale vor wenigen Wochen von über 70 Ländern
unterzeichnet wurde, nunmehr in das Stadium der Ratifizierung getreten
ist. Dies bedeutet einen großen Fortschritt für die internationale

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22. November 1956

internationale Völkergemeinschaft, der durch Gespräche und Verhandlungen
erreicht worden ist. Dieser Fortschritt bringt den Tag näher, an dem
das Atom als ein wirklich internationaler Diener der Menschheit arbeiten
kann.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß ein Ausschuß dieser
Generalversammlung mit der neuen Behörde Verhandlungen über den Entwurf
eines Abkommens aufnehmen sollte, um ein geeignetes Verhältnis zwischen
dieser Behörde und den Vereinten Nationen herzustellen.
Zweitens wird der Generalversammlung das Problem der Abrüstung
unterbreitet werden, wenn die Abrüstungskommission ihren Bericht über
die erreichten Fortschritte vorlegt. Die Verhinderung eines Atomkrieges
ist das Anliegen jeder Nation und jedes Menschen. Und doch wird die
Produktion nuklearer Waffen fortgesetzt, und noch immer schwebt die
fürchterliche Drohung eines Atomkrieges über der Menschheit.
Wenn eine Einigung in dieser Frage bisher nicht erzielt werden
konnte, so sind die Vereinten Nationen hierfür nicht direkt verantwortlich. Diese Tatsache ist aber auch kein Grund, die Hoffnung aufzugeben oder in unseren Bemühungen nachzulassen. Wir müssen danach trachten, soweit uns das möglich ist, Fortschritte auf allen Gebieten zu erzielen. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin jede Gelegenheit ergreifen, um ein echtes Abkommen zu erreichen. Wir dürfen uns aber nicht dabei
ertappen lassen, leere Versprechungen mit echten Vorschlägen zu verwechseln.
Der Kern des Problems ist auch weiterhin die Frage der Schaffung
eines wirksamen Inspektions- und Kontrollsystems. Jeder Abrüstungsplan
ist unbefriedigend, wenn er nicht gleichzeitig von Maßnahmen begleitet
wird, mit deren Hilfe festgestellt werden kann, daß die Vertragspartner
ihren Versprechungen auch tatsächlich nachkommen.
Die Sowjetunion hat sich bisher immer gescheut, sich einem wirksamen System der Inspektionen und Kontrollen zu unterstellen. Die
Vereinigten Staaten hingegen haben einem derartigen System zugestimmt.
T
ene Länder, die über das Potential für eine nukleare Kriegführung verfügen, haben die große Verantwortung, diese Gefahr im Rahmen der Autorität der Vereinten Nationen zu beseitigen. Herr Präsident, die Vereinigten Staaten bezeugen hiermit erneut ih^e Hingabe an diese große Aufgabe.
Die vor uns liegenden Aufgaben
Die Aufgaben, die vor den Vereinten Nationen liegen, sind ungeheuer» In ihrer Suche nach einem Frieden in Gerechtigkeit müssen sie
wef^e finden, die zu einem friedlichen Wandel führen.
Dia Vereinten Nationen müssen dazu beitragen, daß rechtmäßige Veränderungen stattfinden. Aber sie müssen auch dafür Sorge tragen, zu
verhindern, daß diese Veränderungen den Frieden erschüttern oder die
legitimen Interessen der anderen verletzen. Die wachsende Abhängigkeit
der Nationen untereinander ist genauso eine Tatsache des internationalen
Lebens geworden wie der Drang nach einer Änderung. Es ist die Aufgabe

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�22. November

AMERIKA DIENST

1956

Aufgabe der Staatsmänner, dieses Streben sowohl in friedliche wie auch
in gerechte Bahnen zu lenken.
In unseren Bemühungen,einander entgegenstehende Ansprüche und
Interessen miteinander auszugleichen, werden wir oftmals nur langsam
Fortschritte erzielen. In einigen Fällen werden wir vielleicht vorübergehende oder Teillösungen annehmen müssen. '.Vir dürfen nicht entmutigt
werden, wenn wir für den gegenwärtigen Zeitpunkt bestenfalls nur eine
Einstellung der Kampfhandlungen oder einen Waffenstillstand erreichen
können. Wir müssen unsere Probleme mit einem Gefühl für das Mögliche
und einer Entschlossenheit, das Mögliche zu finden, angehen.
Die wachsende Stärke der Vereinten Nationen
Die Vereinten Nationen gehen an diese Aufgaben mit wachsender
Stärke und Vitalität heran. Die kürzliche Aufnahme von 19 Mitgliedern
hat der Weltorganisation neue Kraft und einen größeren Wirkungsbereich
verliehen. Vor allem möchte ich die Delegierten Marokkos, Tunesiens
und des Sudans begrüßen, die erst in jüngster Zeit in unsere Reihen
getreten sind.
Es gibt jedoch noch andere Länder, vor allem im Fernen Osten,
die in gleicher Weise qualifiziert sind und hier vertreten sein sollten.
Japan ist durch die Stimme eines einzigen Landes ausgeschlossen worden.
Wir hoffen, daß baldige Maßnahmen getroffen werden können, die den Weg
für die Aufnahme Japans zum frühestmöglichen Zeitpunkt ebnen. Die Republik
Korea und die Republik Vietnam verdienen gleichermaßen die Zulassung und
sollten ohne weitere Verzögerung in die Vereinten Nationen aufgenommen
werden.
Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin der Aufnahme der
Vertreter des rotchinesischen Regimes widersetzen, eines Regimes, das
von den Vereinten Nationen als Angreifer verurteilt worden ist, das
seine Mißachtung für diese Organisation bei zahlreichen Anlässen bewiesen und auch sonst entgegen der Charta gehandelt hat.
Die Ausweitung der Organisation von 60 auf 79 Mitglieder hat sich
auf den Umfang solcher wichtigen Körperschaften wie des Sicherheitsrates
und des Wirtschafts- und Sozialrates nicht ausgewirkt.
Die asiatischen Länder sind im Weltsicherheitsrat noch nie ausreichend vertreten gewesen. Nach der Aufnahme von weiteren sechs asiatischen
Ländern sollte dieser Mangel unverzüglich abgestellt werden. In ähnlicher
Weise würden die zehn neuen europäischen Staaten eine verstärkte Vertretung für den europäischen Bereich rechtfertigen. Nach den obwaltenden
Umständen würde es wünschenswert scheinen, dem Sicherheitsrat zwei neue
nichtständige Sitze hinzuzufügen. Es wäre gleichfalls vernünftig, die
Mitgliederzahl im Wirtschafts- und Sozialrat vielleicht um vier Sitze
zu erhöhen.
Das

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�i

"AMERIKA DIENST"

.

22. November 1956

Das vergangene Jahr brachte ferner eine bedeutende Ausweitung
der Rolle des Generalsekretärs. Durch beständige und unermüdliche
Bemühungen hat er auf vielerlei V/eise zur Lösung ernster Streitfragen
beigetragen. Die Rolle, die er, besonders im Mittleren Osten, gespielt
hat, zeigt, in welch hohem Maße der Generalsekretär zum Weltfrieden
beitragen kann. Die Vereinigten Staaten möchten hiermit ihren Dank
an Generalsekretär Hammarskjöld zu Protokoll geben, sowohl für seine
Hingabe an diese Aufgabe wie auch für seine persönlichen Fähigkeiten
als Mann des Friedens und ihn hierzu beglückwünschen.
In den vergangenen Wochen haben die Vereinten Nationen erneut
ihre Daseinsberechtigung erwiesen, indem sie neue Instrumente für den
Frieden schufen. Ein historischer Schritt wurde mit der Aufstellung
einer Polizeitruppe der Vereinten Nationen getan, die die Einstellung
der Feindseligkeiten im Mittleren Osten gewährleisten und überwachen
soll.
Die Polizeitruppe der Vereinten Nationen mußte auf schnellstem Wege
ins Leben gerufen werden. Die Erfahrungen, die bei der Bildung und dem
Einsatz dieser Truppe gesammelt wurden, werden von unschätzbarem Wert
für die Zukunft sein. Dies unterstreicht aber auch die Notwendigkeit,
einen kollektiven Mechanismus zu entwickeln, der zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig ist.
Die Entwicklungsfähigkeit, die die Vereinten Nationen bei der
Beantwortung konkreter Herausforderungen bewiesen haben, hat auch die
Kraft der UN als Institution gezeigt. Die Aufgabe, diese Fähigkeit
zur friedlichen Lösung von Streitfällen und zur Förderung eines gerechten Wandels auf friedlichem Wege zu steigern, hört niemals auf. Wir
haben ganz gewiß noch nicht alle Möglichkeiten der Charta für diese
Zwecke erschöpft.
Beispielsweise steht ein ausreichender Apparat zur Verfügung,
um die internationalen Rechtsstreitigkeiten richterlich zu entscheiden.
Doch wird diese Maschinerie selten verwandt. Nur 33 Staaten haben die
verbindliche Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofes angenommen. Andere Länder haben sich im allgemeinen geweigert, ihre Meinungsverschiedenheiten gerichtlich entscheiden zu lassen, wenn sie dazu
angehalten worden sind. Wenn die Herrschaft des Rechts geschaffen werden
soll, dann müßte es auch zur allgemein akzeptierten Norm werden, daß
man sich an dieses Recht, wie es in der Urteilsfindung eines unabhängigen
Gerichtshofs zum Ausdruck kommt, hält.
Zusammenfassung
Herr Präsident, wir leben gegenwärtig in ernsten Zeiten. Sie
fordern von allen Nationen äußerste Zurückhaltung sowie ein gutes
Urteilsvermögen. Sie fordern schöpferische neue Versuche, um das alte
Problem eines gerechten und dauerhaften Friedens einer Lösung zuzuführen.
Unser

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�22. November 1956

"AMERIKA DIENST"

Unser Ziel muß eine Welt sein , in der die Nationen und Völker Seite an
Seite nebeneinander leben können, ohne Rücksicht auf ihre innerpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, ohne Furcht und mit
echter Hoffnung auf Erfüllung unserer Ziele. Die Vereinten Nationen
können als Organisation von unschätzbarem Wert sein, um die Arbeit
in Richtung auf dieses Ziel zu unterstützen. Wir dürfen nicht fragen,
ob sie bei dieser ihrer Aufgabe Erfolg haben werden; wir müssen vielmehr dafür sorgen, daß sie Erfolg haben.
Nichts könnte einleuchtender sein als die Tatsache, daß eine
wirkungsvollere Organisation der Vereinten Nationen den Interessen
jeder einzelnen Nation dient. Wir müssen danach streben, Institutionen
zu entwickeln, mit deren Hilfe die Rechte aller Nationen respektiert
werden können und die Gerechtigkeit auf friedlichem Wege gewährleistet
werden kann. So wollen wir uns hier vereinen, um eine Brücke von der
Vergangenheit in die Zukunft zu bauen, über die wir gemeinsam in einem
neuen Geiste des Vertrauens wandeln können.
Ich versichere Ihnen, daß die Vereinigten Staaten unermüdlich an
dieser Aufgabe arbeiten werden."

•

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LQDGE ZUR LAGE IN ÄGYPTEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut der Erklärung,
die der Chefdelegierte der USA bei den Vereinten
Nationen, Botschafter Henry Cabot Lodge, am 24.
November vor der UN-Generalversammlung abgegeben
hat.

Der UN-Generalversammlung liegt der Bericht des Generalsekretärs
über die Stationierung und die Aufgaben der UN-Polizeitruppe in Ägypten sowie die Räumung der Hindernisse aus dem Suez-Kanal vor. Wir
billigen seine Erklärung und seinen Bericht.
Der Generalsekretär hat in seinem Bericht die Generalversammlung
um die Vollmacht ersucht, sich um praktisch wirksame Maßnahmen zu bemühen und über die erforderlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Räumungsarbeiten im Suezkanal zu verhandeln. Wir sind der Auffassung,
daß die Generalversammlung diese Vollmacht sofort erteilen sollte.
Die Vereinigten Staaten sind ferner der Auffassung, daß das
Aide-memoire des Generalsekretärs über die UN-Streitkräfte ( A / 3 3 7 5 )
von der Generalversammlung gebilligt werden sollte.
Die praktische Verwirklichung der von der Generalversammlung
festgelegten allgemeinen Grundsätze hinsichtlich Wesen und Aufgabe
der UN-Polizeitruppe ist im vorliegenden Fall eine sowohl heikle als
auch dringliche Angelegenheit. Die Vereinigten Staaten sind ferner
der Auffassung, daß die dringlichen Besprechungen zwischen dem UNGeneralsekretär und den direkt betroffenen Regierungen fortgeführt
werden sollen, um diese Angelegenheiten in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen der Generalversammlung zu regeln. Der Generalsekretär
hat in bezug auf die Weiterführung dieser Gespräche unser volles
Vertrauen.
Was den Bericht des UN-Generalsekretärs betrifft, so haben
die Vereinigten Staaten drei weitere Feststellungen zu treffen:
Erstens: Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die
Räumung der Hindernisse aus dem Kanal durch die Vereinten Nationen,
sobald wie dies praktisch und technisch möglich ist, in Angriff genommen werden sollte. Wir können der Auffassung nicht beipflichten.

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�"AMERIKA DIENST"

28. November 1956

1 beipflichten, daß der Abzug der ausländischen Streitkräfte erst nach
l Abschluß der Räumungsarbeiten im Kanal erfolgen solle. Umgekehrt
' glauben wir nicht, daß dem Beginn der Aufräumungsarbeiten der Abzug
der Truppen vorausgehen müsse. Die Vorkehrungen des Generalsekretärs
für die Räumungsarbeiten sollten sofort beginnen, und er kann
sie
unserer Meinung nach auf Grund der einschlägigen Entschließungen
der Generalversammlung ohne irgendwelche Verzögerungen der Räumungsarbeiten treffen. Mit jedem Tag, den der Kanal noch weiter für die
Schiffahrt . geschlossen bleibt, vergrößert sich der materielle Schaden,
den zahlreiche Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bereits erlitten
haben und gewinnt somit die Wiederinbetriebnahme des Kanals nur eine
um so lebenswichtigere Bedeutung.
Zweitens: Es ist von gleich entscheidender Bedeutung, daß weitere
UN-Polizeikräfte sobald wie möglich in dieses Gebiet verbracht werden
und zwar in hinreichender Stärke. Es sollten alle nur möglichen Schritte
unternommen werden, um die Verlegung dieser Truppen zu beschleunigen.
Der Aufbau und die Entsendung der UN-Polizeitruppe ist eine Ange1 legenheit von höchster Dringlichkeit. Wenn auch bereits vieles getan
| wurde, so sollten doch alle Beteiligten in ihren Bemühungen fortfahren,
eine rasche Verbringung der UN-Streitmacht in dieses Gebiet sicherzustellen.
Drittens: Wir vertreten die Auffassung, daß der Abzug der französischen, britischen und israelischen Streitkräfte ohne Verzug vonstatten gehen müsse. Wir hoffen, daß sich die Verlautbarungen über bereits
im Gang befindliche Rückzugsbewegungen von Verbänden, die von Seiten
Großbritanniens, Frankreichs und Israels erfolgt sind, als ein gutes
Vorzeichen für eine rasche Befolgung der Entschließung der Generalversammlung bezüglich des Abzugs aller nichtägyptischen Streitkräfte erweisen werden.
Viertens: Lassen Sie mich Ihnen noch einmal die Erklärung ins Gedächtnis zurückrufen, die wir in Erläuterung unserer Stimmabgabe zur
Entschließung vom 7« November abgegeben haben: "Wie wir die Dinge sehen,
wird also der Abzug Zug um Zug mit dem alsbaldigen Eintreffen der internationalen UN-Truppe vollzogen. Wir hoffen, daß diese schrittweise
Operation, wie sie in der Entschließung vorgesehen ist, sobald wie
möglich und je eher je besser anläuft."
Wir sind somit auch weiterhin der Auffassung, daß der Abzug der
französischen, britischen und israelischen Truppen rasch und Zug um
Zug mit dem Eintreffen der UN-Polizeitruppe voranschreiten wird.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß jeder Fortschritt
in der Bereinigung von Fragen mit grundsätzlicher Bedeutung, die uns
so sehr angehen und im Hinblick auf die wir die beiden gegenwärtig
zur Beschlußfassung vorliegenden Resolutionen unterstützen, von einer
restlosen und unverzüglichen Befolgung der Empfehlungen der Generalversammlung abhängt. Wir werden auch weiterhin darauf drängen, daß alle

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�"AMERIKA DIENST"

28. November 1956

alle nur möglichen Mittel und Wege zu einer beschleunigten Lösung dieses
Konfliktes erwogen werden. Das ist ein weiterer Grund, warum jede nur
mögliche Anstrengung unternommen werden muß, um mit diesen Dingen voranzukommen.
Die Lage ist nach wie vor prekär. Wenn irgendeine der beteiligten Regierungen entgegen der von den Vereinten Nationen verfolgten Politik handelt, wird sich die Lage weiter verschärfen. Die
ganze Angelegenheit unterliegt der Kollektivverantwortung der UNGeneralversammlung. Keine Regierung kann allein auf sich gestellt die
Bedingungen für ihre Lösung diktieren. Aber wenn wir auf dem eingeschlagenen Weg fortfahren, uns getreu an die betreffenden Entschließungen der Generalversammlung halten und dem Generalsekretär unsere
uneingeschränkte Unterstützung gewähren, dann können Frieden und Sicherheit einziehen. Lassen Sie uns also mit Optimismus und Vertrauen an die
Arbeit gehen und nicht unnötig Zeit verlieren, indem wir darauf bestehen,
daß erst alles bis aufs I-Tüpfelchen festgelegt werde.
Unserer Ansicht nach wurde bisher folgendes erreicht*
Erstens, das Feuer ist eingestellt worden.
Zweitens, die Vereinten Nationen haben die Aufstellung einer
Polizeimacht beschlossen, um die Feuereinstellung zu erreichen
und zu überwachen. Diese Polizeimacht befindet sich bereits in
dem Gebiet und wird von Tag zu Tag verstärkt.
Drittens, die ägyptische Regierung hat die Vereinten Nationen
um ihre Hilfe bei den Aufräumungsarbeiten im Gebiet des Suezkanals gebeten.
Viertens, ziehen sich die israelischen Streitkräfte, Berichten
zufolge, aus der Kanalzone, und zum Teil sogar überhaupt aus
ägyptischem Gebiet zurück. Meldungen über eine gänzliche Zurücknahme hinter die Waffenstillstandslinie liegen noch nicht vor.
Fünftens, Frankreich hat den Beginn des Abzugs seiner Truppen
angekündigt.
Sechstens, Großbritannien hat Pläne für den Rückzug eines
Bataillons seiner Truppen angekündigt.
Wir begrüßen diese Verlautbarungen. Ganz besonders begrüßen wir
auch alles, was der sehr verehrte Herr Außenminister Mr. Lloyd gestern
hier äußerte, nämlich daß seine Regierung den Wunsch hegt, mit den
Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit wird sicherlich in hohem Maße zu einer Lösung dieser ernsten Probleme beitragen.
Aus den oben dargelegten Gründen werden wir für die SechsmächteEntschließung stimmen, die wir gemeinsam mit anderen Nationen eingebracht
haben (Dokument Nr. A/3386). Die in Dok. A/3385 enthaltene Resolution bringt
Gedanken zum Ausdruck, die sich in jeder Beziehung mit unserer Politik
decken, und wir werden daher auch für diese Entschließung stimmen, obgleich wir sie nicht unbedingt für erforderlich halten.
* * * * *

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ERKLÄRUNG VON BOTSCHAFTER LQDGE VOR DER
UN-GENERALVERSAMMLUNG

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung
über die Deportation ungarischer Staatsbürger, die
der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten
Nationen, Henry Cabot Lodge jun., auf der Vollsitzung der UN-Generalversammlung am 19. November 1956
abgegeben hat.

"Die Erklärungen, die heute morgen von den Persönlichkeiten abgegeben wurden, die angeblich hier für Ungarn sprechen, müssen alle
im Lichte der sehr einfachen Tatsache gesehen werden, daß die Behörden
dort keine freien Wahlen zulassen werden - sondern höchstens inszenierte
Wahlen nach kommunistischer Art, Ganz offensichtlich würden freie Wahlen zu dem schnellen Verschwinden des kommunistischen Regimes führen.
Genauso offensichtlich ist dies auch der Grund, warum das kommunistische
Regime keine freien Wahlen zuläßt. Wo es keine Freiheit gibt, da kann
es auch nur sehr wenig Wahrheit geben, Und ich glaube wirklich, daß
dies auch für die Reden zutrifft, die von den beiden Vertretern des
kommunistischen Ungarn heute morgen gehalten wurden.
So möchte ich mich denn dem zuwenden, was der sowjetische Vertreiter sagte. Er sprach erstens über die Legislative in den Vereinigten
Staaten. Die Gesetzgebung und die Taten der Vereinigten Staaten hinsichtlich der osteuropäischen Völker sind nicht ganz so, wie er das
darstellt. Wie ich neulich abends erklärte, suchen die Vereinigten Staaten, was die osteuropäischen Völker anbetrifft, deren Magen mit Lebensmitteln zu füllen, während die Sowjets ihn mit Blei füllen. Das
ist der einzige Unterschied.
Der sowjetische Vertreter möge ferner zur Kenntnis nehmen, und
dies ist, was die Amerikaner anbetrifft, von grundlegender Bedeutung,
daß das amerikanische Volk, das über seinen Kongreß handelt, jede
Unterdrückung ablehnt, wo immer dies auch sein mag. Dies hat für
dieses Land schon immer - von Anbeginn seiner Geschichte an - gegolten. Abraham Lincoln erklärte, als er über die Unabhängigkeitserklärung - das zur Zeit der amerikanischen Revolution erlassene grundlegende Dokument der amerikanischen Verfassung - sprach, daß dieses
Dokument nicht nur dem amerikanischen Volke die Freiheit brachte,

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28. November

1956

brachte, sondern auch der gesamten Welt für alle künftigen Zeiten
Hoffnung gab. Abraham Lincoln betrachtete die Ideale der Freiheit
nicht als etwas, das man einfach hinnimmt und in seinem Herzen trägt,
sondern als etwas, das man anderen zu bringen wünscht.
Dieser Geist nun liegt der Gesetzgebung zugrunde, auf die sich
der sowjetische Vertreter bezog.
Selbstverständlich waren die sowjetischen Anschuldigungen gegen
die amerikanische Gesetzgebung schon verschiedentlich auf früheren
Sitzungen dieser Generalversammlung zu hören, andere sowjetische Vertreter haben sie in Entschließungen vorgebracht. Den diesbezüglichen
Entschließungen wurde jedoch niemals von der Generalversammlung stattgegeben. Was nun die Erklärung anbetrifft, wir hätten den Eindruck
zu erwecken gesucht, daß es seitens der Vereinigten Staaten militärische Hilfe in Ungarn geben würde, so erkläre ich mit allerhöchster Vollmacht - und dies ist sehr genau nachgeprüft worden -, daß
niemand jemals in irgendeiner Weise - sei es durch Rundfunksendungen
oder auf irgendeinem anderen Wege - von den Vereinigten Staaten zur
Rebellion aufgerufen worden ist.
Der Rest der sowjetischen Rede widerspricht natürlich, wie wir
alle wissen, den allgemein bekannten Tatsachen. Es war das typische
sowjetische Aneinanderreihen von Zeitungsausschnitten, die nur der
eigenen Sache dienten. Ich hörte der Rede sehr sorgfältig zu, aber
es ist durchaus möglich, daß ich hier oder dort ein Wort überhört
habe. Aber soweit ich der Rede folgte, habe ich nicht ein einziges
direktes Wort vernommen, durch welches in Abrede gestellt wurde, daß
diese Deportationen aus Ungarn tatsächlich erfolgten. Ich habe nur
etwa ein Drittel der Rede gelesen, aber während ich ihr zuhörte, habe
ich nicht eine einzige eindeutig klare Zurückweisung dieser Behauptungen
vernommen. Die Rede war ihrem Ton nach defensiv und brachte praktisch
nichts Neues. Genauso wie seine Vorgänger, bestritt der sowjetische
Vertreter kurz und bündig die sowjetischen Untaten. Ja, er weigerte
sich, Beobachtern der Vereinten Nationen die Einreise in dieses Land
zu gestatten, um die Wahrheit festzustellen. Sicherlich, Herr Präsident,
würde der sowjetische Vertreter, wenn er seinen eigenen Erklärungen wirklich G.lauben schenken würde, eine unparteiische Untersuchungskommission
der Vereinten Nationen begrüßen. Indem er jedoch Beobachter der Vereinten
Nationen ablehnte, hat sich Außenminister Schepilow in die wohl schwächste Position gebracht, in die sich ein Sprecher vor einem öffentlichen
Forum auch nur bringen konnte. Praktisch hat er zu dieser Generalversammlung gesagt, 'ich glaube selbst nicht, was ich soeben gesagt habe.'
Nun, die Tatsachen sind durchaus nicht mysteriös. Seit über zwei
Wochen hat die Welt die ungarische Tragödie beobachtet - das Drama
eines großen Volkes, das sich erhob, um die Ketten der Unterdrückung
zu brechen, und dessen Erhebung durch die Strategie der Doppelzüngigkeit und des Terrors von der Sowjetunion zunichte gemacht wurde.
Herr

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28. November

1956

Herr Präsident, hier handelte es sich um eine Erhebung der Arbeiter, der Bauern, der Studenten - der jungen Menschen. Dies ist auch der
Grund, warum die Arbeiter in allen freien Leandern empört sind. Die Aufmärsche der arbeitenden Menschen, diese Demonstrationen in aller Welt
fanden nicht statt, weil etwa einige alte Faschisten sich plötzlich erhoben hatten. Sie fanden statt, weil man vielmehr erkannt hatte, daß
es sich hier um eine echte Erhebung der Arbeiter und der 'Jugend handelte.
Die Welt erlebte zuerst eine massive Konzentration sowjetischer
Panzer und Truppen, die um Budapest und in ganz Ungarn mobil gemacht
worden waren. Uns wurde erzählt, daß Verhandlungen im Gange seien, um
den Abzug dieser Truppen sicherzustellen. Dann enthüllte die Sowjetunion
ihre wahren Absichten. Diese Truppenbewegungen waren keine Ablösung, wie
die Sowjets behauptet hatten, sie erfolgten im Rahmen eines Planes, um
die sowjetische Kontrolle über das ungarische Volk wiederherzustellen,
getarnt durch einen abgekarteten 'Hilferuf der ungarischen Behörden.
Die sich anschließenden Ereignisse enthüllten die wirkliche Lage, die
ich als den notwendigen Hintergrund für die jüngsten Ereignisse kurz
schildern werde.
Im Morgengrauen des 4« November begannen sowjetische Truppen ihren
Angriff auf das ungarische Volk und dessen Regierung. Zwei Stunden später suchte eine Gruppe von Männern, die sich seitdem als die Regierung
Ungarns bezeichnet hat, diesem Akt der Aggression eine rechtliche Grundlage zu geben, indem sie einen Hilferuf an die sowjetischen Truppen gegen
das ungarische Volk erließ. Seit diesem Zeitpunkt ist uns immer wieder
erzählt worden, daß die sowjetischen Truppen auf Grund dieses Hilferufes
in Aktion traten, und daß sie ihre Aktion auf Ersuchen der ungarischen
Regierung durchführen. Wie der hochverehrte Außenminister von Belgien,
Monsieur Spaak, neulich so treffend erklärt hat, muß die Sowjetunion
denken, daß wir alle Toren sind, weil wir dieser Propaganda angesichts
des gegenteiligen konkreten Beweismaterials glauben.
Der Mut und die Entschlossenheit des ungarischen Volkes sind ein
anspornendes Beispiel für alle freien Länder. Auch jetzt noch liegen
Berichte von Kämpfen, Streiks oder weiterem Widerstand vor - so groß
ist die Liebe zur Freiheit im Herzen dieses Volkes.
Die Sowjetunion hat sich bisher allen Bitten der Vereinten Nationen
gegenüber taub gezeigt. Sie hat ihre Truppen nicht zurückgezogen. Den
Vertretern des Generalsekretärs ist die Einreise nach Ungarn zur Prüfung
der Lage verweigert worden. Unserem hochverehrten Generalsekretär selbst
mit all dem ihm auf Grund seines Amtes und seiner eigenen persönlichen
Fähigkeiten zustehenden Prestige ist nicht einmal die einfachste Höflichkeit erwiesen worden, die ihm von einem Mitglied der Vereinten
Nationen gebührt. Sein Angebot, nach Budapest zu gehen, wurde mit einem
Vorschlag beantwortet, daß er mit einem Vertreter Ungarns an einem Platz
zusammentreffen sollte, der weit entfernt von den Ereignissen liegt, die
uns hier so große Sorge bereiten. Als Höhepunkt dieser Geschichte des
Terrors führt die Sowjetunion nunmehr Massendeportationen von ungarischen Staatsbürgern durch. Wir verfügen über Tatsachenmaterial, das die
zahlreichen in der Presse erschienenen Berichte noch erhärtet. Die der

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28. November 1956

der amerikanischen Regierung vorliegenden Informationen zeigen, daß
bis zum 14« November wenigstens 16 000 Menschen allein aus Budapest
deportiert wurden. Am 13« November zum Beispiel fuhren den Berichten
zufolge wenigstens drei Züge mit je 60 Güterwagen, in die jeweils
50 bis 60 Menschen hineingepfercht worden waren, auf der Strecke MonorSzolnok-Debrecen nach Osten. Am 9• November wurde gemeldet, daß sich
ein Zug mit 1500 Männern, Frauen und Kindern in Debrecen befand; ein
gleicher Bericht liegt für den 11. November vor.
Aus diesen Zügen wurden Zettel geworfen, auf denen die Finder
gebeten wurden, die Verwandten zu benachrichtigen.
Unsere Berichte zeigen, daß diese Deportationen immer noch andauern. Wir erhielten die Bestätigung, daß ein Zug mit jungen Ungarn,
die in plombierten Güterwagen transportiert wurden, sich über Cluj,
Predeal und Ploesti in Rumänien auf die sowjetische Grenze zu bewegt.
Und Menschen in Rumänien, die sie sahen, erzählten, daß die Ungarn sie
um Hilfe zur Flucht baten.
Herr Präsident, soweit ich weiß, ist die Witterung in Ungarn zu
dieser Jahreszeit noch recht mild, aber es ist bereits in Rußland und
in Sibirien sehr kalt. Es ist ganz unvermeidlich, daß viele der Menschen
in diesen Güterwagen, zumal es sich um offene Güterwagen handelt, an
Kälte und Entbehrungen sterben werden - so wie die unglücklichen Opfer
der Nazi-Konzentrationslager auf den Güterwagen starben. Wie ich es
mit meine» eigenen Augen im Jahre 1945 überall in der Gegend des furchtbaren Nazilagers in Dachau sah.
Dies sind alle Informationen, die der amerikanischen Regierung
vorliegen. Keine dieser Information rührt aus Presseberichten her.
Um jedoch eine weitere Bestätigung zu geben, zitiere ich die folgende
Sendung des offiziellen ungarischen Rundfunks. Am 14« November um
16.00 Uhr brachte der Budapester Rundfunk in seiner Ungarn-Sendung
folgende Nachricht: 'Im Bezirk Svolnok ist mit der Wiederaufnahme der
Arbeit in den vergangenen Tagen begonnen worden. Etwa 40 bis 50 Prozent
der Arbeiter sind wieder in den Fabriken und Betrieben. Der Eisenbahnbetrieb ist zu einem gewissen Maß wieder aufgenommen worden. Den jüngsten Berichten zufolge sind jedoch Gefangene in plombierten Güterwagen
von Budapest nach Osten befördert worden. Angeblich haben die Eisenbahner daraufhin den Streik wieder aufgenommen. Diese Nachricht wurde
an die verschiedenen Fabriken weitergegeben und immer mehr Arbeiter
verließen daraufhin ihre Arbeitsplätze.'
Während der vergangenen 24 Stunden haben die Vereinigten Staaten
weiteres zuverlässiges Beweismaterial erhalten. Am 16. November wurde
eine Gruppe junger Menschen in der Nähe des Budapester Südbahnhofs von
sowjetischen Soldaten umringt. Ebenfalls am 16. November holten sowjetische Soldaten eine Anzahl verwundeter Jugendlicher aus einem Krankenhaus in der Peterfy Sandor Utca ab. Am 17» November wurde beobachtet, wie sowjetische Soldaten Jugendliche aus einer Schule an der
Varesmarty Utca abholten. Das ist erst in allerletzter Zeit geschehen.

Auf

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28. November 1956

Auf Grund dieser Berichte begrüßen die Vereinigten Staaten die
von der kubanischen Delegation ergriffene Initiative. Diese Berichte
verleihen der Notwendigkeit neue Dringlichkeit, den Resolutionen der
Generalversammlung vom 4» u n d 9« November nachzukommen, in denen der
Abzug aller sowjetischen Truppen aus Ungarn und die Entsendung von
Beobachtern durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen nach
Ungarn gefordert werden.
Während wir heute nachmittag hier sitzen, fahren die mit diesen
unglücklichen Menschen vollgepferchten Güterwagen weiter in die
sibirische Kälte hinein. Wir fordern die Sowjetunion dringend auf, der
Weltmeinung eine angemessene Achtung entgegenzubringen, diese Deportationen umgehend einzustellen und die Ungarn sofort wieder in ihre
Heimat zurückzubringen, die bereits in das Exil entführt worden sind.
Wir ersuchen die ungarischen Behörden nachdrücklichst, den Bestimmungen der UN-Charta und des Friedensvertrages von 1947 nachzukommen, die sie auffordern, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, daß sich alle Menschen 'der Menschenrechte
und der grundlegenden Freiheiten, darunter der Freiheit der Rede,
der Presse, der Publikation, der Religionsausübung, der politischen
Meinungsäußerung und der öffentlichen Versammlung erfreuen können.1
Lassen Sie mich den Vertreter Ungarns daran erinnern, daß er
erst neulich, als er von diesem Rednerpult sprach, die feierliche
Versicherung abgab, daß seine Regierung die Charta der Vereinten
Nationen einhalten wird.
Herr Präsident, es bedeutet vielleicht nicht viel, über diese
Resolution abzustimmen, aber es ist doch etwas. Dadurch werden
natürlich die Toten nicht wieder zum Leben zurückgerufen. Aber einige
Worte werden vielleicht durchsickern und den tapferen Männern und
Frauen in Ungarn Gewißheit geben, daß sie nicht vergessen sind. Die
Worte dieser Resolution werden selbstverständlich in allen Teilen
der freien Welt umlaufen und das Ausmaß der Verdammung noch erhöhen,
die bereits dem internationalen Kommunismus einen solch schweren
Schlag versetzt hat«
Die Verabschiedung dieser Resolution kann angesichts der tapferen
Toten bestehen, deren Opfer es fordert, daß wir alle in unseren
Kräften stehenden Schritte unternehmen. Herr Präsident, angesichts
dieses riesigen Ausmaßes der von Menschen gegenüber Menschen begangenen Unmenschlichkeiten bedeutet die Verabschiedung dieser Resolution nicht viel. Aber sie bedeutet doch immerhin etwas, und wir
sollten sie daher ohne jede Verzögerung verabschieden.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

NIXON ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 6. Dezember 1956 vor
dem Verband Amerikanischer Automobilfabrikanten in New York gehalten hat.

Nichts in unserem Wirtschaftsleben kennzeichnet unser ständiges
Streben nach Vollkommenheit und Fortschritt besser als die jährlich
stattfindende Automobil-Ausstellung, auf der immer neue, starke und
komfortable Modelle gezeigt werden. Wenn wir unsere Wagen von heute
mit den langsamen^ unschönen Modellen von vor 50 Jahren vergleichen,
sehen wir nicht nur, was amerikanischer Erfindungsgeist und amerikanische Leistungsfähigkeit in der Vergangenheit hervorgebracht haben,
sondern wir sehen dann auch, daß unserer ständigen wirtschaftlichen
Entwicklung eine fast atemberaubende Zukunft bevorsteht.
/
Wenn die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, lediglich
wirtschaftlicher Natur wären, könnten wir bezüglich der künftigen
Entwicklung beruhigt, ja sogar selbstzufrieden sein. Der Umstand,
daß die 60 Millionen Amerikaner stolze Besitzer solcher Autos oder
ähnlicher älterer Modelle sind, kann an sich bereits als ein Zeichen
eines Wohlstandes gewertet werden, an dem tatsächlich alle Schichten
unserer Gesellschaft teilhaben. Zum ersten Mal in der Geschichte
nähern wir uns einem Zustand, in dem Armut und wirtschaftliche Ausbeutung in einem großen Industriestaat abgeschafft werden.
Doch in der Welt von heute ist kein Platz für Selbstgefälligkeit,
wieviel Anlaß auch immer zu einer solchen Haltung gegeben zu sein
scheint. Keiner unter uns kann sich der Tatsache verschließen, daß
über unsern Häuptern eine düstere Wolke schwebt, eine Wolke der
Sorge, ja sogar der Furcht. Sie erscheint uns als eine pilzförmige
Wolke, die eine ernste Warnung ausspricht - die Warnung nämlich,
daß dieser Wohlstand in einem einzigen Augenblick durch das furchtbare Aufflammen eines Krieges mit thermo-nuklearen Waffen hinweggefegt werden kann.

Aus

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�AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Aus diesem Grunde halte ich es für angebracht, am heutigen Abend
auf die großen Ereignisse der letzten 40 Tage einzugehen, die einen
so gewaltigen Einfluß auf unsere Zukunft haben werden.
Von verschiedenen Beobachtern der internationalen Politik sind
zum Teil recht niederschmetternde und alarmierende Kommentare zu diesen Ereignissen geliefert worden. Die Kritiker der Verzweiflung und
die Propheten des Untergangs verkünden uns, daß alles verloren ist.
Aus den entmutigenden Schlußfolgerungen, die wir in der letzten Zeit
gehört und gelesen haben, greife ich folgende heraus:
Die Sache der ungarischen Freiheit hat durch die Macht der Sowjets
ein für allemal den Todesstoß erhalten.
Im Vorderen Orient sind die Kräfte der Diktatur stärker denn je
zuvor, und die Sowjetunion hat in diesem Teil der Welt einen gewaltigen
Sieg errungen.
Das atlantische Bündnis ist unwiderruflich zerstört, und der
Bruch zwischen den Vereinigten Staaten und seinen europäischen Verbündeten und Freunden läßt sich niemals mehr heilen.
Und schließlich, Schuld an dieser unheilvollen Entwicklung
trägt in erster Linie die Politik der Vereinigten Staaten.
Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere Außenpolitik nicht zum
Gegenstand der Kritik werden dürfe. Die Unterstützung, die unsere
Politik von beiden politischen Parteien genießt - und sie wurde sowohl im Senat wie im Repräsentantenhaus großzügig und aus patriotischem Geist heraus gewährt - bedeutet keine automatische und hundertprozentige Billigung jeder Regierungsmaßnahme, und gewiß ist es in
einer Demokratie die Aufgabe der Presse, die Öffentlichkeit auf diesem
wie auf anderen Gebieten ungehindert zu informieren und freie Kritik
zu üben.
Bei aller Fairness bin ich jedoch überzeugt, daß einige unter den
Kritikern die Probleme unter kurzsichtigen und von Unreife zeugenden
Gesichtspunkten betrachten. Kurzsichtig deshalb, weil sie über augenscheinlichen unmittelbaren Vorteilen schwerwiegende künftige Nachteile
übersehen. Und die Forderung nach einer amerikanischen Politik, die unmittelbare und glänzende Erfolge aufweisen müsse, ist der Beweis für
eine gefährliche Unreife.
In dieser komplizierten und unvollkommenen Welt müssen wir immer
mit Schwierigkeiten und sogar mit gelegentlichen Rückschlägen rechnen.
Das beste, was wir erhoffen können, ist, daß die Basis unserer politischen Grundhaltung ihrem Kern nach richtig ist und daß sie sich schließlich
durchsetzt. Ich schlage daher vor, daß wir die Ereignisse der vergangenen
Wochen in diesem Sinne analysieren.
Vor sechs Wochen standen wir an einem Wendepunkt in der Geschichte.
Am Sitz der Vereinten Nationen in New York waren alle Augen der Welt auf
den Sprecher der Vereinigten Staaten gerichtet. Ich bitte Sie, sich
die Dramatik dieser Situation vorzustellen.

Hier
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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1 956

Hier stand eine Nation, die einstmals eine isolationistische
Politik betrieb, und die sich nunmehr zur Idee der kollektiven Sicherheit bekennt. Wir, die wir einst den Völkerbund ablehnten, gehören zu
den Völkern,die die Vereinten Nationen gründeten und unterstützen.
Wir, die wir uns noch vor 60 Jahren unserer offenkundigen Sendung in Asien und Lateinamerika rühmten, haben dem Kolonialimperialismus abgeschworen und uns verpflichtet, die Nationen zu unterstützen,
die früher einmal Kolonien der Großmächte waren.
Wir haben uns gewandelt, doch viele Menschen in der Welt zweifelten daran, daß wir uns wirklich gewandelt hätten. Zahlreiche Nationen Asiens und Afrikas wollten im Kalten Kriege lieber als Neutrale abseits stehen, bis sie sicher sein können, daß wir es mit unserer Versicherung der Freundschaft und Achtung gegenüber allen Völkern und Staaten, wie groß oder stark sie auch immer seien, aufrichtiger meinen als die Sowjetunion. Die uns befreundeten Nationen Lateinamerikas, die uns heute vertrauen, hatten noch beunruhigende
Erinnerungen an die frühere Kanonenbootdiplomatie.
Dann kam die Stunde der Prüfung. Unsere Freunde und Verbündeten
hatten die Vereinten Nationen übergangen und zur Regelung einer politischen Auseinandersetzung der Vereinten Nationen direkte militärische
Maßnahmen ergriffen. Gewiß sind sie schwer provoziert worden. Nach
den noch vor 50 Jahren allgemein anerkannten internationalen Maßstäben; hätte sich ihre Aktion verteidigen, wenn nicht sogar rechtfertigen lassen.
&amp;
Aber eine neue Kraft ist in Erscheinung getreten, die moralische
Kraft der Vereinten Nationen, deren sämtliche Mitgliedstaaten sich
verpflichtet haben, ihre Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem
Wege zu regeln.
Bei allen Delegationen der Vereinten Nationen stellte man sich
die Frage: Werden die Vereinigten Staaten für die von ihnen verkündeten Prinzipien eintreten oder so tun als sei nichts geschehen? An
diesem Wendepunkt der Geschichte erschien Außenminister Dulles persönlich vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, um unsere
Haltung zu umreißen, eine Haltung, die von der überwältigenden Mehrheit
der Nationen der Welt geteilt wurde.
Unser Standpunkt war klar und einfach. Wir verurteilten die
Anwendung von Gewalt, sofern sie nicht durch den Zwang zur Selbstverteidigung oder durch ein Mandat der Vereinten Nationen gerechtfertigt ist. In der anschließenden Debatte legten unsere Freunde
ihr Veto ein und verhinderten eine Aktion seitens des Sicherheitsrates.
Für uns gab es kein Zögern. Wir ersuchten um Einberufung einer Sondersitzung der Generalversammlung, die kein Vetorecht kennt. Auf dieser
Sitzung wurde unsere Haltung von praktisch allen Ländern der Welt gutgeheißen.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinigten Staaten hatten ihre Bewährungsprobe vor der Geschichte bestanden. Der Fortbestand der Vereinten Nationen war gesichert. Recht und Gesetz hatten sich durchgesetzt - gleiches Recht
und Gesetz für die Mächtigen und Starken wie für die Schwachen und
V/ehrlosen.
Man hat behauptet, daß wir einen falschen Kurs eingeschlagen
hätten, weil durch unsere Handlungsweise die Position eines Diktators gestärkt, die Gefahr einer Ausbreitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten erhöht und unser Bündnis mit unseren engsten Freunden geschwächt worden sei.
Lassen Sie uns aber einmal untersuchen, welche Alternative wir
hatten. Wenn wir in dieser Situation nicht an den Prinzipien festgehalten hätten, die unseren Kurs und unser Handeln bestimmten, dann
wäre der Zweck der Vereinten Nationen hinfällig geworden. Die Welt
wäre zu den gleichen Maßstäben für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zurückgekehrt, wie sie vor den beiden Weltkriegen
angewendet wurden. Und unsere moralische Position gegenüber der Welt
wäre hoffnungslos kompromittiert gewesen.
Nach Meinung des größten Teils der Y/elt wäre unsere Position wenig
besser gewesen als die der kommunistischen Staaten, die in ihrer Außenpolitik ständig nach dem Grundsatz gehandelt haben, daß der Zweck die
Mittel heilige, daß die Anwendung von Gewalt immer dann gerechtfertigt
ist, wenn die eigenen Ziele damit gefördert werden, und daß den Geboten der
Vereinten Nationen nmr dann Folge zu leisten ist, wenn der betroffene Staat
der Meinung ist, ein solches Verhalten diene seinen nationalen Interessen. Die strahlende Hoffnung, daß die Nationen eine bessere
Methode als die Gewaltanwendung zur Regelung internationaler Streitfälle finden könnten, wäre zunichte gemacht worden ,und die Welt hätte
sich in zynische und mißtrauische Machtblöcke aufgelöst, um deren
Gunst sich dann eine triumphierende Sowjetunion beworben hätte, die
die Methoden von Zuckerbrot und Peitsche anwenden würde, ganz wie die
Gelegenheit es erfordert. Und eines Tages hätte die Sowjetunion dann
den Sieg davongetragen.
Wenn wir unsere Freunde und Verbündeten, Großbritannien
und Frankreich, in Ägypten unterstützt hätten, wäre ihnen vermutlich in diesem Gebiet ein militärischer Sieg zugefallen. Doch sie selbst
und auch wir hätten die moralische Unterstützung der ganzen Welt verloren.

Weil

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinigten Staaten hatten ihre Bewährungsprobe vor der Geschichte bestanden. Der Fortbestand der Vereinten Nationen war gesichert. Recht und Gesetz hatten sich durchgesetzt - gleiches Recht
und Gesetz für die Mächtigen und Starken wie für die Schwachen und
V/ehrlosen.
Man hat behauptet, daß wir einen falschen Kurs eingeschlagen
hätten, weil durch unsere Handlungsweise die Position eines Diktators gestärkt, die Gefahr einer Ausbreitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten erhöht und unser Bündnis mit unseren engsten Freunden geschwächt worden sei.
Lassen Sie uns aber einmal untersuchen, welche Alternative wir
hatten. Wenn wir in dieser Situation nicht an den Prinzipien festgehalten hätten, die unseren Kurs und unser Handeln bestimmten, dann
wäre der Zweck der Vereinten Nationen hinfällig geworden. Die Welt
wäre zu den gleichen Maßstäben für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zurückgekehrt, wie sie vor den beiden V/eltkriegen
angewendet wurden. Und unsere moralische Position gegenüber der Welt
wäre hoffnungslos kompromittiert gewesen.
Nach Meinung des größten Teils der Y/elt wäre unsere Position wenig
besser gewesen als die der kommunistischen Staaten, die in ihrer Außenpolitik ständig nach dem Grundsatz gehandelt haben, daß der Zweck die
Mittel heilige, daß die Anwendung von Gewalt immer dann gerechtfertigt
ist, wenn die eigenen Ziele damit gefördert werden, und daß den Geboten der
Vereinten Nationen nmr dann Folge zu leisten ist, wenn der betroffene Staat
der Meinung ist, ein solches Verhalten diene seinen nationalen Interessen. Die strahlende Hoffnung, daß die Nationen eine bessere
Methode als die Gewaltanwendung zur Regelung internationaler Streitfälle finden könnten, wäre zunichte gemacht worden ,und die Welt hätte
sich in zynische und mißtrauische Machtblöcke aufgelöst, um deren
Gunst sich dann eine triumphierende Sowjetunion beworben hätte, die
die Methoden von Zuckerbrot und Peitsche anwenden würde, ganz wie die
Gelegenheit es erfordert. Und eines Tages hätte die Sowjetunion dann
den Sieg davongetragen.
Wenn wir unsere Freunde und Verbündeten, Großbritannien
und Frankreich, in Ägypten unterstützt hätten, wäre ihnen vermutlich in diesem Gebiet ein militärischer Sieg zugefallen. Doch sie selbst
und auch wir hätten die moralische Unterstützung der ganzen V/elt verloren.

Weil

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

V/eil wir aber eine andere Haltung einnahmen, wissen die Völker
Afrikas und Asiens heute, daß wir moralisch an ihrer Seite stehen und
daß wir für Rechtsnormen eintreten, die für den Westen und den Osten
gleichermaßen gelten. Sie wissen auch, daß sich die Vereinigten Staaten keinen Illusionen über die "Bürde des weißen Mannes" oder die
"Überlegenheit der Weißen" hingeben.
Wenn wir die schwere Bewährungsprobe aber bestanden haben, die die
Geschichte uns in den vergangenen sechs Wochen auferlegt hat - und ich
glaube, daß wir diese Bewährungsprobe bestanden haben -, dann schuldet
unsere Nation Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles ewigen Dank.
Die Entscheidung, die sie zu treffen hatten, wäre zu jeder Zeit schwer
gewesen. Sie war zehnfach schwerer angesichts der Verwirrung und Uneinigkeit, wie sie im Endstadium eines Wahlkampfes herrschen. Männer geringeren Formates würden am Vorabend einer Wahl Lösungen angestrebt haben,
die ihnen auf leichte Weise Stimmen zugeführt hätten. Sie aber entschieden sich für staatsmännisches Handeln und für die Grundsätze der
Moral.
Es ist leicht, seine Feinde zu verurteilen, wenn sie im Unrecht sind;
doch es gehört Mut dazu, seine Freunde zu verurteilen. Es ist verlockend, ein geringfügiges Unrecht zu übersehen, um sich das zu sichern, was als das höhere Ziel erscheinen mag. Der Grundsatz aber,
daß die Mittel den Zweck ehiligen, ist unvereinbar mit der Moral.
Wir wußten, daß unsere Freunde unter einer schweren Provokation handelten und daß ihre Geduld fast bis zum äußersten auf die Probe gestellt worden war. Es wäre einfach gewesen, den Blick von diesen
Dingen abzuwenden und jede Handlung so lange hinauszuzögern, bis es
zu spät gewesen wäre. Doch der einfache Weg ist nicht immer der rechte
Weg.
Der militärische Sieg unserer Freunde im Nahen Osten hätte das
Problem nicht gelöst. Dauerhafte Lösungen lassen sich selten nach
einem Krieg mit all seinen Zerstörungen erzielen,und der Friede, um
den wir uns im Vorderen Orient bemühen, muß von Dauer sein. Die Geschichte wird einmal unserem Präsidenten und unserem Außenminister
ewigen Dank dafür zollen, daß sie den schweren Weg des Festhaltens
an den Grundsätzen der Moral und nicht den einfachen Weg des geringsten Widerstandes beschritten haben. Heute steht es uns als Mitglieder der neu belebten Vereinten Nationen frei, uns um einen gerechten
und dauerhaften Frieden in diesem Gebiet zu bemühen.
Lassen Sie uns jetzt die Ereignisse untersuchen, die sich in
Ungarn abgespielt haben. V/eil wir entschlossen gegen die Anwendung von
Gewalt in Ägypten eingetreten sind, hatten wir die moralische Berechtigung, das rücksichtslose und barbarische Vorgehen der Sowjets gegenüber diesem tapferen Volke zu verurteilen. Ohne zu zögern und ohne
zynische Hintergedanken konnten wir die moralischen Kräfte der Welt
gegen dieses ungeheuerliche Unrecht mobilisieren.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinten Nationen verfügen über keine Armeen, die sie den
heldenhaften Freiheitskämpfern in Ungarn hätten zu Hilfe senden können.
Es bestanden keine Verträge, auf Grund deren die freien Völker bewaffnete Hilfe hätten leisten können. Die einzige Waffe, die uns hier
zur Verfügung stand, war die moralische Verurteilung, da die einzige
Alternative ein Eingreifen unsererseits war, das den dritten und
sicherlich letzten Weltkrieg hätte auslösen können.
Es gibt Leute, die erklären, daß moralische Kraft ohne gleichzeitige militärische Aktionen, die ihr Geltung verschaffen, nichts
zu bedeuten habe. Wir sollten aber niemals die Kraft der moralischen
Verurteilung der Welt unterschätzen. Sogar die Sowjetunion sieht sich
gezwungen, dies anzuerkennen. Auch sie kann nicht vor die Welt treten,
wenn sie für die Knechtschaft, den kommunistischen Kolonialimperialismus und Gewaltanwendung eintritt, die Wesensbestandteile der kommunistischen Doktrin sind. Wie verbrecherisch ihre Taten auch immer
sind, sie sieht sich doch gezwungen, mit Begriffen wie Freiheit des
Individuums, Unabhängigkeit der Völker und Weltfrieden zu operieren.
Die Tatsache, daß sich die Machthaber im Kreml im vollen Scheinwerferlicht der Weltkritik zu bewegen haben, mag das ebenso heldenhafte polnische Volk davor bewahrt haben, das Schicksal Ungarns zu
erleiden. Polen besitzt heute ein wenigstens beschränktes Maß an
Unabhängigkeit.
Welche Auswirkungen werden die ungarischen Ereignisse auf die
internationalen Auseinandersetzungen hervorrufen? Nur zu viele kurzsichtige und oberflächliche Beobachter vertreten die Auffassung, daß
die Kommunisten in Ungarn einen großen Sieg errungen haben. Doch bei
einer nüchternen, realistischeren Beurteilung kommt man zu der Einsicht, daß die Kommunisten, wenn sie auch die Auseinandersetzung um
die Herrschaft in Ungarn gewonnen haben mögen, damit den Krieg um
die Beherrschung der Welt, den sie mit so viel Fanatismus zu gewinnen
suchen, verloren haben. Ich bin überzeugt, daß sich die Ereignisse in
Ungarn als ein wichtiger Wendepunkt im Kampf um die Niederringung des
Weltkommunismus ohne Krieg erweisen werden.
Lassen Sie uns untersuchen, in welcher Lage sich die Männer im
Kreml zur Zeit befinden. Vor dem ungarischen Zwischenfall hatte die
Sowjetunion selbst den Schiffbruch der stalinistischen Methoden zugegeben. Während der vergangenen zwei Jahre versuchten die sowjetischen Führer, durch einen Feldzug des Lächelns das zu gewinnen, was
sie durch nackte Gewalt und zügellosen Terror nicht erobern konnten.
Sie haben versucht, sich mit ihren Satellitenstaaten auf freundschaftlicher Basis zu einigen. Ihre Handlanger der Sklaverei versuchten,die
neutralen Nationen für sich zu gewinnen, indem sie für Frieden, wirtschaftlichen Fortschritt, Unabhängigkeit und die Gleichberechtigung
aller Völker eintraten. Der Eiserne Vorhang war ein wenig angehoben
worden, damit etwaige Besucher sich selbst davon überzeugen konnten,
daß die Sowjetunion die kritischen Blicke Außenstehender nicht zu
scheuen brauche .
Auf

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12. Dezember 1956

Auf diese V/eise machten sie anscheinend recht beunruhigende
Fortschritte; aber wie stehen sie heute da? Die Lehren des ungarischen Aufstandes haben sich tief in das Denken und Fühlen der Menschen eingegraben. Infolge dieser Ereignisse brechen die kommunistischen Parteien in allen Ländern der V/elt auseinander. Die Sowjets
können sich nicht auf die Loyalität eines einzigen Satellitenlandes,
ja nicht einmal auf die ihrer eigenen Truppen verlassen. Ihr Feldzug
zur Gewinnung der neutralen Länder ist geplatzt.
Kann man denn im Ernst annehmen, irgendein Land der V/elt würde
heute noch den Schlächtern von Budapest Glauben schenken? Die Geschehnisse in Ungarn sind eine ernste Warnung an alle Staatsmänner, daß
jeder, der sich mit den Kommunisten einläßt, das gleiche wüste Massaker
riskiert, das über die ungarischen Freiheitskämpfer hereinbrach.
Diese wissen, daß die Kommunisten nicht Unabhängigkeit, Freiheit,
wirtschaftlichen Fortschritt und Frieden bringen, wie sie es versprechen, sondern Kolonialismus kommunistischer Provenienz, Sklaverei,
wirtschaftliche Ausbeutung und Krieg.
Gleichzeitig aber haben die Ereignisse in Ungarn unseren noch
schwankenden Freunden eindringlich vor Augen geführt, warum die Vereinigten Staaten so fest von der Richtigkeit des Prinzips der kollektiven Sicherheit überzeugt sind. Wir sind nur darum militärisch stark,
weil wir wissen, daß dies heute zur Erhaltung des Friedens unbedingt
notwendig ist. Wir lehnen die Anwendung von Gewalt zur Beilegung von
Streitigkeiten ab, sind uns aber gleichzeitig darüber im klaren, daß
starke Streitkräfte solange zur Selbstverteidigung unerläßlich sind,
wie der kommunistische Block an seiner Politik der Weltherrschaft
durch Macht und Gewalt festhält.
Wir schließen Bündnisse, um schwächere Nationen vor einem ähnlichen Schicksal wie das der Ungarn zu bewahren. Niemand wird heute
, noch meinen, Ungarn, Rumänien, die Tschechoslowakei oder andere sowjetische Satelliten seien frei oder unabhängig. Hingegen konnten diejenigen
Länder, die sich mit den Vereinigten Staaten in Verträge über die gemeinsame Sicherheit zusammenschlössen,
feststellen,
daß ihre
Unabhängigkeit durch dieses Bündnis in keiner Weise beeinträchtigt
worden ist.
Bei einem Überblick über die Ereignisse der letzten 40 Tage'im
Nahen Osten und in Ungarn müssen wir meiner Ansicht nach zwangsläufig
zu folgendem Schluß kommen! Wir können und dürfen nicht einen Augenblick lang die ungarische Tragödie unterschätzen, und wir müssen der
Tatsache eingedenk bleiben, daß die Lage im Nahen Osten nach wie vor
äußerst prekär bleibt und daß unser Bündnis mit unseren Freunden in
Europa einer schweren Belastung ausgesetzt ist. Aber mögen wir auch einige Rückschläge erlitten haben, es wurde doch ein festes Fundament gelegt
für den Aufbau einer auf Recht und nicht auf Gewalt beruhenden Weltordnung sowie für die Bezwingung des Kommunismus ohne das Mittel des
Krieges.
Wir werden dieses Ziel aber nur erreichen, wenn wir den Dingen
nicht ihren Lauf lassen, wenn wir als führende Nation
klug und einsichtig sind und wenn wir über ein reifes Urteilsvermögen verfügen.
Mir

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Mir scheint, die Grundsätze, auf denen unsere Politik beruhen
sollte, hat Präsident Eisenhower im Laufe der letzten Wochen unmißverständlich formuliert. Am 31 .Oktober sagte er in einer Fernseh-Ansprache : "Der Friede, den wir erstreben und brauchen, ist sehr viel
mehr als lediglich das Fehlen des offenen Kriegszustandes. Er bedeutet Anerkennung des Rechts und Förderung der Gerechtigkeit in der
ganzen Welt ... Ohne Recht kann es keinen Frieden geben. Und es
kann kein Recht geben,wenn wir für unsere Freunde und unsere Feinde
verschiedene Rechtsnormen für die Gestaltung der internationalen Beziehungen anwenden."
Einen Tag später sagte er anläßlich einer Rede in Philadelphia*
"In wenigen Jahren sind wir vom Isolationismus, der jeden Gedanken:
an kollektive Sicherheit ablehnt, zu einer Politik der unbedingten
Unterstützung der Vereinten Nationen übergegangen, und an die Stelle
des Gefühls, unser Land könne sich selbst absolut Genüge sein und
habe mit anderen Nationen nichts zu schaffen, trat die lebendige Erkenntnis, daß unser obdrstes Ziel - ein gerechter und dauernder
Friede - nur zu erreichen ist, wenn alle übrigen Nationen diesen
Frieden mit uns gemeinsam genießen."
Wir wollen diese Grundsätze auch auf die Probleme anwenden,
denen wir uns gegenwärtig gegenübersehen.
Zunächst einmal müssen wir uns in bezug auf unsere Verbündeten
unbedingt darüber klar werden, daß die Geschichte dereinst vielleicht
einmal zu dem Spruch gelangen könnte, daß weder wir selbst noch unsere
Verbündeten in unseren Reaktionen auf die Ereignisse, die uns in die
derzeitige Krise führten, frei von Schuld waren. Unsere Freunde sind
der Meinung, wir hätten das Ausmaß der Provokationen, die sie zu ihrem
Vorgehen veranlaßte.n, nicht ganz erkannt und wir seien unserer Verantwortung mit Bezug auf die Lösung der grundlegenden Fragen in diesem
Gebiet nicht voll gerecht geworden.
Wir andererseits waren der Meinung, wir hätten ein gewisses
Recht, ihr Vorgehen zu diesem Zeitpunkt zu kritisieren.
Mir scheint es an der Zeit, zu erkennen, daß gegenseitige Beschuldigungen zu nichts führen können. Es hieße der Sache des Friedens einen
schlechten Dienst erweisen, wollten wir es zulassen, daß diese Ereignisse oder irgendein anderes Geschehen einen Keil zwischen uns und unsere
Verbündeten treibt.
Als politisch reife Völker wissen wir ganz genau, daß. wir nicht in
allen Dingen mit unseren Freunden stets einer Meinung sein können. Die
wahre Feuerprobe eines jeden Bündnisses und jeder Freundschaft sind
immer die schlechten Zeiten, nicht die guten. Überlebt aber eine Freundschaft oder ein Bündnis solche Krisenzeiten, dann werden sie daraus
immer nur gestärkt hervorgehen.
Wir sind stolz auf unsere Verbindung mit Frankreich und .England und
auf unser gemeinsames Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit, das uns
im ersten wie im zweiten Weltkrieg zusammenschweißte.
Wir
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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Wir sind uns klar darüber, daß sie eine Reihe aggressiver Aktionen,
die bis an die Grenze der Gewaltanwendung reichten, zu erdulden hatten;
hinzu kam eine bedrohliche militärische Aufrüstung in einem Lande, das
ihrer Ansicht nach ihre vitalsten Interessen gefährdete. In diesem Niemandsland zwischen Krieg und Frieden ist die Entscheidung über den zu
steuernden Kurs sehr schwierig.
Es wird ihnen immer zur Ehre gereichen, daß sie sich dem Beschluß
der Vereinten Nationen fügten, als sie der Feuereinstellung zustimmten
und ihre Streitkräfte zurückzogen, obgleich dieser Entschluß ihrer
Meinung nach ihren Interessen zuwiderlief. Sie verzichteten darauf,
ihre überwältigende militärische Überlegenheit zur Erreichung ihrer
Ziele einzusetzen,, und das zu einem Zeitpunkt, als ihnen der vollständige Sieg sicher schien. Sie haben die Befriedung im Nahen Osten der
internationalen Polizeimacht der UN anvertraut.
Vergleichen Sie dieses Verhalten mit dem eines anderen Mitgliedstaates der Vereinten Nationen, der Sowjetunion. Die sowjetischen Führer
spotteten der Entscheidung der Vereinten Nationen, mit der ihre Aggression in Ungarn verurteilt wurde. Angesichts einer echten Krisis kehrten
die Kommunis ten zu ihren alten Methoden zurück und offenbarten damit
aller Welt die grenzenlose Grausamkeit und die zynische Verachtung
der grundlegenden Menschenrechte, die ihrem System innewohnen.
Nun, da unsere Verbündeten ihrer Ansicht nach die Interessen ihres
Landes dem Schiedsspruch der Vereinten Nationen untergeordnet haben,
ist es unsere heilige Verpflichtung, ein Programm der Vereinten Nationen zu entwickeln und zu unterstützen, das eine friedliche Lösung
aller Probleme gewährleistet, durch die der bewaffnete Konflikt in
diesem Gebiet heraufbeschworen wurde.
Wenn die aggressive Gewalt als Mittel der nationalen Politik für
ungesetzlich erklärt werden soll, dann müssen andere Mittel und Wege
gefunden werden, um die berechtigten Interessen von Staaten zu schützen,
die mit Mitteln bedroht werden, die hart an die Grenze der Gewalt reichen.
Über das unmittelbare Problem hinaus, die Wiederinbetriebnahme
des Suez-Kanals unter Modalitäten zu beschleunigen, die diese wichtige
Lebensader nicht erneut der Gefahr einer willkürlichen Schließung aussetzen, geht es darum, die moralischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte der Vereinigten Staaten und der Vereinten Nationen zu mobilisieren, um folgende Ziele im Nahen Osten zu
erreichen:
Die absolute Garantie der Souveränität aller in diesem Gebiet
liegenden Länder und eine gerechte Lösung aller offenen Streitfragen.

Eine

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12. Dezember 1956

Eine allmähliche Rüstungsbegrenzung seitens der Länder in diesem
Gebiet.
Eine großzügige Unterstützung dieser Länder bei der Lösung ihrer
sehr realen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, damit diese Völker aus
Armut und Krankheit zu einem besseren Leben aufsteigen können.
Wir, die wir selbst soviel besitzen, dürfen die Bedeutung der
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht übersehen, die einige Nationen für
die Sirenentöne aus Moskau anfällig gemacht haben. Wir sollten niemals
so in den Fragen der Tagespolitik aufgehen, daß wir darüber unser Ziel
auf lange Sicht vergessen, nämlich die Förderung von Frieden und Wohlstand in allen Ländern der Welt.
Früher haben die Staaten im Nahen Osten, die nach unseren Maßstäben gemessen arm sind und schwer um ihre wirtschaftliche Existenz zu
ringen haben, ihre spärlichen Hilfsquellen dafür verwendet, ihre militärische Stärke zu mehren. Heute haben wir die einzigartige Gelegenheit, ihnen zu zeigen, was erreicht werden kann, wenn diese Hilfsquellen
in den Dienst der Gesundheit und des Wohls ihrer Völker gestellt werden,
statt sie für die unfruchtbaren Zwecke der Aufrüstung zu verwenden. Wir
wollen nicht zu dem bewaffneten Waffenstillstand der letzten acht Jahre
zurückkehren. Wir wollen einen echten und dauerhaften Frieden als die
Grundlage einer neuen Xra des wirtschaftlichen Wohlstandes dieser stolzen und achtbaren Völker.
Solange noch Millionen Menschen in anderen Ländern in Armut und
Not leben, solange ist unser eigener wirtschaftlicher Wohlstand fragiwürdig. Auch unsere moralische Position wäre dann fragwürdig, denn !
wir könnten uns als gottesfürchtiges Volk kaum wohlfühlen, wenn wir
nicht versuchten, jenen zu helfen, die Mangel selbst an lehensnotwendigen Dingen leiden, während wir uns des Luxus erfreuen. Auch unsere
militärische Position wäre fragwürdig, denn Unruhe und Unzufriedenheit führen zu internationalen Spannungen. Spannungen aber können wiederum zum Kriege führen. Und selbst ein begrenzter Krieg könnte sich
plötzlich jeder Kontrolle entziehen und sich zu dem großen, endgültigen Krieg der gesamten Menschheit auswachsen, dem so gefürchteten
Atomkrieg.
Ein unmittelbares Problem, das sich uns infolge der Krise im Nahen
Osten stellt, ist die schlechte Finanzlange unserer Freunde in Großbritannien. Mir scheint es sowohl in unserem eigenen als auch in ihrem
Interesse zu liegen, wenn wir ihnen in dieser schweren Stunde beistehen,
und ich bin überzeugt, daß älne solche Hilfeleistung^die"Billigung der
Vertreter beider Parteien im Kongreß finden wird.
Um nochmals auf die Lage in Ungarn zurückzukommen, so müssen wir
auch weiterhin in der Bereitstellung einer sicheren Zuflucht für jene
tapferen Menschen, die sich der sowjetischen Tyrannei zu widersetzen
wagten, beispielgebend voranschreiten.
In den Vereinten Nationen wie bei jeder anderen sich bietenden
Gelegenheit müssen wir immer wieder vor dem Forum der Weltmeinung nicht

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

nicht nur auf die vergangenen Ereignisse hinweisen, sondern auch
darauf, daß sowohl die ungarische Marionettenregierung als auch
die Regierung der Sowjetunion es ablehnen, sich dem Beschluß der
überwältigenden Mehrheit der Vereinten Nationen zu beugen.
Wir dürfen Unterdrückung oder Sklaverei niemals und in keinem
Teil der Welt ruhig hinnehmen.
Wir müssen die friedliche Befreiung der versklavten Völker in
jeder nur möglichen Weise unterstützen- und zu ihr ermutigen.
Y/enn wir diese Politik konsequent und rückhaltlos verfolgen,
kann sie letzten Endes nur das eine Ergebnis zeitigen - die unumgängliche Lockerung der Sklavenfesseln, die heute noch so vielen
Millionen Menschen auferlegt sind.
Man pflegt heute gern zu sagen, Amerika habe die Führung in
allen weltpolitischen Fragen übernommen. Unsere militärische und
wirtschaftliche Stärke hat uns diese furchtbare Verantwortung eingebracht, ob wir wollen oder nicht. Unsere politische Macht und
die damit verbundene Verantwortung haben aber angesichts der Ereignisse der jüngsten Zeit noch zugenommen.
Wir sind nunmehr sowohl in moralischer als auch in militärischer
und wirtschaftlicher Hinsicht die führende Nation. Und die an unsere
Generation gestellte Forderung lautet, daß wir uns den Erwartungen
der Geschichte in dieser Stunde der Entscheidung gewachsen zeigen
müssen. Heute ergeht der Ruf nach Weitblick und Größe nicht nur
an die Regierung, sondern an jedem einzelnen Amerikaner, gleichgültig
welcher Schicht des Volkes er angehört.
Heute geht es darum, auch auf dem Gebiet der internationalen
Politik Fortschritte zu erzielen, ebenso augenfällige Fortschritte,
wie wir sie bei unseren Automobilen sehen können. Ob wir wollen oder
nicht, die Diplomatie des 19«Jahrhunderts ist heute ebenso überlebt
wie die Automodelle von vor 50 Jahren. Im Zeitalter der Atomenergie
ist kein Platz mehr für militärische Aggression, koloniale Ausbeutung
oder Machtimperialismus. Diese Methoden waren sowiesro niemals moralisch
zu rechtfertigen; heute aber sind sie noch weit gefährlicher als je
zuvor. Ein Land, das heute einen kleinen Krieg beginnt, kann damit
eine Kettenreaktion auslösen, die unsere gesamte Kultur und Zivilisation vernichten könnte.
Im Interesse der Zukunft der gesamten Welt und der Sicherheit unserer Kinder und Kindeskinder willen müssen wir uns stärker als je
zuvor für einen auf Gesetz und Recht beruhenden Frieden einsetzen.
Ein auf alle Völker der Erde gleich anzuwendender Rechts- und Sittenkodex muß die Grundlage dieses Friedens bilden.
Das Gerüst dieses Friedens bilden militärische und wirtschaftliche
Stärke. Und Architekt dieses Friedens müssen die Vereinten Nationen
sein, die ihrem Bemühen, Recht und Gerechtigkeit überall auf unserer
Erde Geltung zu verschaffen, die volle Unterstützung unseres Landes
genießen.
Wenn
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�"AFRIKA DIENST"

12.

Dezember 19

Wenn wir untrer Verartwortu^g gegenüber der Welt gerecht
werden wollen, sc erfordert d^et, nicht nur wohldurchdachte Grundsätze und eine geschickte Diplomatie auf seiter dei Regi-xurg,
sondern auch Mut, Hingabe and Opfer auf seiten andres Volkes«
Der Ausgang des Ringens um die Gefolgschaft der Welt wird letzte
Endes davon abhängen, was aus jenen Millionen Menscnen wirJ, die
sich zar Zeit neutral ^halten und zu einer Entscneidung da-aber
zu gelangen suchen, ob sie si.ch den kommunistischem Landern ödender freien ffelt anschließen aollen«
Was wir als Regierung ihnen sagen, ist außerordent .ich wichtig;
was wir aber als Vclk darstellen, ist vielleicht sogar nooh wichtiger.
Unsere Regierung kann ihren sa^en, daß wir für das, was sie arstrehe ,
voll und ganz eintreten! Unabhängigkeit, Freiheit, wirtschaftlicher
Fortschritt und Anerkennung ihrer Menschenwürde. Aber so beredt wir
auch sprechen mögen, unsere Sache wird auf sehr viel sichererer
Füßen stehen, wenn wir im e.'genen Lande das verwirklichen, was wir
anderen Völkern predigen.
Daher ist es von so ungeheurer Bedeutung, daß wir einen erfolgreichen Kampf gegen die vereinzelt noch in einigen Gebieter, unseres
eigenen Landes anzutreffende Armut führen.
Und aus dem gleichen Grunde ist es von größter Wichtigkeit, daß
wir auch weiterhin entscheidende Fortschritte in der Beseitigung der
letzten Überreste früherer Diskriminierung und Vorurteile, die sioh
noch in den Vereinigten Staaten finden und die die Feinde der Frei^
heit in anderen Ländern so erfolgreich gegen uns auszuschlachten verstehen, erzieler. So wie wir die Gleichheit aller Völker der Erde
vor dem Recht auf unser Banner geschrieben haben, so müssen wir für
die Gleichheit aller Menschen in den Vereinigten Staaten vor dem
Gesetz eintreten, welcher Rasse sie auch angehören oder welcher Abstammung sie aucn sein mögen.
Amerika hat sich schon vor manche Bewährungsprobe gestellt gesehen und sich ihr gewachsen gezeigt. Keate stehen wir der vielleicht
größten Aufgabe in unserer Geschichte gegenüber. Wenn wir an diese
Aufgabe mit dem gleichen Geist, dem gleichen Schwung und der gleichen Entschlossenheit herangehen wie einst an den Aufbau unserer,
gewaltigen Industrie- and Wirtsciaftsmacht, wie sie sich in der •
von ihnen vertretenen großen Industrie offenbart, so werden wir
uns aach dieser Aufgabe gewachsen erweisen nd den Kampf um Frieden und Freiheit für die gesamte Menschheit gewinnen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSS UNTERBREITET VORSCHLAGE ZUR AUSWEITUNG
UND BESCHLEUNIGUNG DES ENTWICKLUNGSPROGRAMMS
FÜR LEISTUNGSREAKTOREN IN DEN USA

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergie-Kommission,Lewis L. Strauss, am
11. Dezember 1956 vor der Amerikanischen Gesellschaft
für Kernforschung und Kerntechnik in Washington gehalten
hat.

"Es ist mir ein Vergnügen, heute abend unter Ihnen weilen und
an dieser Zusammenkunft der ersten und einzigen Berufsvereinigung
amerikanischer Wissenschaftler und Ingenieure teilnehmen zu können,
die auf dem Gebiet der Kernenergie tätig sind.
Ich halte es für angemessen, Ihnen zunächst einen mir vorliegenden Brief Präsident Eisenhowers zur Kenntnis zu bringen; dieser
Brief hat folgenden Wortlaut;
'Ich bitte Sie, den offiziellen Vertretern und den Mitgliedern
der Amerikanischen Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik
mein aufrichtiges Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, daß es
mir nicht möglich ist, an dieser Zusammenkunft am Dienstag abend
in Washington teilzunehmen. Wohl keine zweite Gruppe von Menschen
in unserem Land trägt eine größere Verantwortung für unseren Fortschritt und die Wahrung unserer technisch führenden Position in
der friedlichen Weiterentwicklung dieser großen wissenschaftlichen
Entdeckung, die zu unseren Lebzeiten gemacht worden ist. In voller
Würdigung der überaus wichtigen Rolle, die den Mitgliedern der Gesellschaft zukommt, übermittle ich anläßlich dieser ersten Wintertagung der Gesellschaft meine herzlichsten Glückwünsche; möge der
Organisation weiterhin voller Erfolg für eine aktive und konstruktive Arbeit beschieden sein.
gez. Dwight D. Eisenhower.'

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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

In allernächster Zeit begehen Sie den zweiten Jahrestag der Gründung Ihrer Gesellschaft, und somit dürften Sie die jüngste unter den
wissenschaftlich-technischen Verein'gungen Amerikas überhaupt sein.
Man könnte vielleicht sagen, daß Ihre Gesellschaft gerade zu einem
Zeitpunkt ins Leben gerufen wurde, an dem das Zeitalter der Kernforschung den Kinderschuhen entwachsenrfar..Genau sechzig Jahre sind vergangen, seit Becquerel durch Zufall das Phänomen der Radioaktivität
entdeckte, und fünfzig Jahre, seit Einstein seine berühmte Formel
über das Maß-Energie-Äquivalenzprinzip niederschrieb. Auch wenn es
uns heute so vorkommen mag, als wäre es erst gestern gewesen, sind
es doch schon fünfundzwanzig Jahre her, seit Chadwick das Neutron
entdeckte, und in der vergangenen Woche waren es vierzehn Jahre,
daß an einem Dezembernachmittag in Ch.cago Enrico Fermi das Zeichen
gab, die Regelstäbe aus dem ersten Atommeiler herauszuziehen und damit die gesteuerte Kettenreaktion in Gang zu setzen. Zum ersten Mal
hatte der Mensch erkannt, daß er in der Lage ist, einen Teil der im
Atomkern gebundenen Energie zu nutzen^.
Aber abgesehen von den durch den Krieg bedingten fieberhaften
Bemühungen^ auf Grund dieser Entdeckungen eine Atombombe zu konstruieren, hatten die auf dem Gebiet der Kernforschung erzielten Fortschritte zum großen Teil nur akademischen Charakter. Erst in den
allerletzten Jahren ist diese Wissenschaft aus der Abgeschiedenheit
der Laboratorien in das Licht der Öffentlichkeit getreten.
Als die Amerikanische Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik vor zwei Jahren gegründet wurde, gab es immer noch Leute, die
bedenklich den Kopf schüttelten und die Meinung vertraten,'daß diese
Sache niemals zu einem praktischen Erfolge gebracht werden würde 1 ,
oder zumindest viele Jahre hindurch große Anstrengungen nötig sein
würden, um auf kommerzieller Basis Atomenergie praktisch nutzbar
zu machen •Ich erwähne diese noch gar nicht so lange zurückliegenden Kommentare nicht, um hier Vergangenes wieder hervorzuholen, sondern um
deutlich zu machen, einen wie weiten Weg wir in so kurzer Zeit in
unseren Bemühungen um die Nutzbarmachung der Atomenergie zurückgelegt
haben.
So haben nun also die Schwarzseher und Propheten der Verzweiflung in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren das Feld räumen müssen.
Die Menschheit nimmt die Versprechungen bezüglich der friedensmäßigen Nutzung der Atomenergie nicht nur einfach hin, sondern erwartet
mit einer gewissen Ungeduld ihre baldige und umfassende Verwirklichung.. Und aus diesem Grund behaupte ich, daß Ihre Gesellschaft in
der seit ihrer Gründüng im Januar 1955 verflossenen Zeit Zeuge des
Heranreifens der Kernwissenschaft zu einem unabdingbaren Bestandteil
unserer Zeit und der Zukunft der Menschheit geworden ist.
Viele unter Ihnen, meine verehrten Zuhörer, haben selbst zu
diesem Prozeß der Reife maßgeblich beigetragen und arbeiten auch
heute noch im gleichen Sinne weiter, sei es nun durch die Weiterentwicklung der Technik in den Laboratorien, deren Mitarbeiterstab Sie
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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Sie angehören,
, oder sei es durch die experimentellen und kommerziellen Projekte Ihrer Firmen.
Ein großer Teil der Projekte, an denen Sie arbeiten, hat selbstverständlich die Erzeugung von elektrischem Strom aus Kernbrennstoffen
für kommerzielle Zwecke zum Ziel; und gerade 'hierüber möchte ich
heute abend zu Ihnen sprechen.
Unsere bisherigen Erfolge in der Nutzung der Atomenergie sind
bemerkenswert. Sie haben viele exjst drei oder vier Jahre zurückliegende
Vorhersagen von Fachleuten längst übertroffen, und ich vertraue darauf,
daß sich im Rahmen der weiteren Zusammenarbeit zwischen Regierung und
Industrie sowohl das Ausmaß als auch das Tempo des Fortschritts in
den vor uns liegenden Monaten und Jahren noch steigern wird.
Es ist bedauerlich, daß das Verständnis der Öffentlichkeit für
die Erfolge, die wir bereits in der Nutzung der Atomenergie erzielt
haben, zum Teil durch Meinungsverschiedenheiten überschattet wurde,
die über der Frage entstanden, welche Rolle die Regierung und welche
Rolle die private Wirtschaft bei den Bemühungen spielen solle , um Verfahren zur Nutzung der Atomkraft für die Energiegewinnung beschleunigt
zu entwickeln.
Um sich ein Urteil in dieser Frage bilden zu können, muß man bedenken, daß die Entwicklung der Kernenergie bis zum 30« August 1954
in allen ihren Phasen striktes Regierungsmonopol war. Privatfirmen
und öffentlichen Versorgungsbetrieben war es durch Gesetz verboten,
Leistungsreaktoren in eigener Regie zu bauen oder zu betreiben. Das
neue Atomenergiegesetz vom Jahre 1954 brachte hier eine grundlegende
Wandlung. Durch dieses Gesetz wurde die Zwangsjacke des Regierungsmonopols beseitigt und weiten Kreisen des Volkes Gelegenheit zur Mitarbeit an der Erschließung der Kernenergie gegeben; damit wurde auch
auf diesem Gebiet das Tor zu einer Entwicklung aufgestoßen, wie sie
der Tradition der amerikanischen Wirtschaft und des technischen Fortsähritts angemessen ist.
In seinen Einleitungsbestimmungen verkündete das neue Gesetz seinem Geist und seinem Zweck entsprechend - folgendes (und ich zitiere hier aus dem Gesetz):
'Entwicklung, Nutzung und Kontrolle der Atomenergie sollen so
gelenkt werden, daß diese dem Weltfrieden und dem allgemeinen Wohl
diene, zur Steigerung des Lebensstandards beitrage und den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke'.
Den Satz 'den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke'
möchte ich besonders hervorheben, weil das Programm der AtomenergieKommission zur Entwicklung von Leistungsreaktoren sich auch an dieses
Ziel gebunden hielt, das der Kongreß meiner Ansicht nach in kluger
Erkenntnis der Dinge in dem Gesetz von 1954 verankerte. Wir sind infolgedessen eine Art Partnerschaft mit der Industrie eingegangen. Der

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�AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Der Industrie wurde Gelegenheit gegeben, ihre auf Kostenersparnis
ausgerichtete Initiative und ihren Wettbewerbsgeist für die Lösung
der mit der Erzeugung von Atomstrom verbundenen Probleme einzusetzen das heißt für die^Crschließung einer Energiequelle, die mit den herkömmlichen Energiequellen zur Stromerzeugung auch wirklich konkurrieren
kann - und ihr Geld in derartigen Unternehmen zu investieren.
Solange noch das Regierungsmonopol gültig und nicht durch das Gesetz
von 1954 durchbrochen war, konnte die Entwicklung von Atomkraftanlagen
für kommerzielle Zwecke in unserem Lande nur geringe Fortschritte erzielen. Es war ja nicht nur die Industrie aus diesem Geschäft geschlossen,
sondern auch die Regierung selbst hatte ein sehr vorsichtiges Programm
für die Erforschung der Möglichkeiten zur Schaffung einer Kernenergiewirtschaft aufgestellt. Unser einziges größeres Versuchsunternehmen auf
diesem Gebiet war kurz nach dem Krieg im Knolls-Laboratorium der Kommission
in Schenectady angelaufen, aber 1950 wieder eingestellt worden. Zwei
sehr viel kleinere Versuchsobjekte mit Leistungsreaktoren waren von der
Kommission in den Kernforschungsinstituten Argonne und Oak Ridge in Angriff genommen worden. Ehe wir uns aber diesen recht begrenzten Versuchen
gegenüber kritisch äußern, sollten wir uns doch daran erinnern, daß damals eine ganze Anzahl von Atomwissenschaftlern jeden Vorschlag zu einem
Entwicklungsprogramm für wirtschaftlich rentable Kraftreaktoren sehr
skeptisch betrachteten.
Diese Einstellung der Wissenschaftler änderte sich auch im Laufe des
Jahres 1952 nicht, wie aus dem Bericht zu ersehen ist, den der gemeinsame
Atomenergieausschuß des Senats und des Repräsentantenhauses im Dezember
des genannten Jahres herausgab und in dem bezüglich der Einstellung des
Projekts in den Knolls-Laboratorien folgender Passus enthalten ist«
'Seit dem Frühjahr 1950 gibt es kein großes Projekt zur Entwicklung
eines Reaktors, der unmittelbar der Erzeugung von elektrischer
Energie für industrielle Zwecke dient.1
Im Jahr 1955 setzte jedoch eine rege Tätigkeit auf diesem Gebiet
ein, und Anfang 1954 ließ die Kommission ihr FünfJahresprogramm zur
Entwicklung von Leistungsreaktoren anlaufen. Dieses Programm, das vor
Erlaß des neuen Gesetzes in Angriff genommen wurde, war in bezug auf
seinen Umfang zwangsläufig durch das alte Gesetz beschränkt, denn das
Regierungsmonopol war noch unangetastet. Dieses Programm stützte sich
in erster Linie auf staatliche Initiative und auf staatliche Gelder,
und der Industrie war jeder Weg zu einer nennenswerten Beteiligung
versperrt.

Das

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19. Dezember 1 956

Das erste Atomkraftwerk, das im Rahmen dieses Programms fertiggestellt und an das Stromnetz angeschlossen wird, ist das Werk in
Shippingport ( Pennsylvanien). Diese Anlage, die in Zusammenarbeit von
Regierung, der Duquesne Light Company und der Westinghouse Company
gebaut wird, nähert sich ihrer Vollendung und wird im neuen Jahr in
Betrieb genommen; sie soll zunächst 65 000 Kilowatt, später 100 000
Kilowatt Strom für den Haushalts- und Industriebedarf im Gebiet um
Pittsburgh liefern. Ungeachtet anderslautender Berichte wird es das
erste Atom-Großkraftwerk der '.Veit sein, das ausschließlich zivilen
Bedürfnissen dient, denn das dort anfallende Plutonium ist ein reines
Nebenprodukt. Es handelt sich hier um ein Kraftwerk.
Der nächste Schritt nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes im
Sommer 1954 bestand darin, der Industrie - das heißt den privaten Versorgungsbetrieben, den Kraftwerken in öffentlichem und genossenschaftlichen Besitz sowie den Herstellerbetrieben - den Weg frei zu machen,
um eigene Kraftwerke zu bauen und zu betreiben, die natürlich den
allgemeinen Sicherheitsbestimmungen und so weiter unterworfen sein
müssen, aber im übrigen frei von den Beschränkungen sind, wie sie
Unternehmen in staatlicher Regie nun einmal anhaften.
Dieser Prozeß wurde beschleunigt durch ein Entwicklungs- und
Versuchsprogramm für Leistungsreaktoren. Private wie öffentliche Unternehmen wurden aufgefordert, Vorschläge für den Bau von Leistungsreaktoren verschiedenster Typen und Größen einzureichen und die Regierung
zu ersuchen, in bestimmten Fällen sich an den Kosten für Forschungsund Entwicklungsarbeiten zu beteiligen, die eine - für alle Interessierten zugängliche - Reaktortechnik fördern.
Die erste Aufforderung an die Industrie im Rahmen des Leistungsreaktors-Entwicklungsprogramms erging im Januar 1955» und acht Monate
später folgte die nächste Ausschreibung, die sogenannte "zweite Vorschlagsaktion" - durch letztere sollte das Interesse an Kraftwerken
mit einer elektrischen Leistung zwischen 5000 und 40 000 Kilowatt
geweckt werden. Im ganzen gingen zehn Vorschläge für Atomkraftwerke
mit einer Gesamtkapazität von 400 000 Kilowatt ein.
Die Erfolge, die im Rahmen dieses Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in knapp zwei Jahren erzielt wurden, lassen indessen nur zu
einem Bruchteil erkennen, welche verheißungsvollen Aussichten wir in
den Vereinigten Staaten in den nächsten fünf bis sechs Jahren auf diesem Gebiet haben. Denn hinzu kommen noch mindestens sieben andere
Atomkraftwerke, die amerikanische Unternehmen vollkommen aus eigenen
Mitteln, ohne unmittelbare finanzielle Hilfe seitens der Regierung,
erstellen wollen. Diese Industriefirmen sind so von dem zwangsläufigen
Siegeszug der Atomkraft überzeugt, daß sie bereit sind, Summen in Höhe
von 250 bis 300 Millionen Dollar in diesen sieben Atomkraftwerken zu
investieren, die eine Gesamtkapazität von 900 000 bis eine Million
Kilowatt besitzen sollen.

Alles

�"AMERIKA DIENST'

19. Dezember 1956

Alles in allem, das heißt einschließlich des Entwicklungsprogramms
für Leistungsreaktoren mit seinen Partnerschafts- und Kostenaufteilungsplänen, den eigenen Projekten der Industrie und der Reaktoren, die
im Rahmen des Versuchsprogramms der Regierung gebaut werden sollen wozu auch das '.Verk in Shippingport zählt -, existieren Pläne in den
verschiedensten Entwicklungsstadien für den Bau von wenigstens 18 Atomkraftwerken für zivile Zwecke in Amerika, die bis 1962 in Betrieb genommen werden sollen. Diese 18 '.Verke stellen ein Investitionskapital
von reichlich 65O Millionen Dollar'dar, die zu einem großen Teil von
der Privatwirtschaft selbst aufgebracht werden sollen.
Seit Anlaufen dieses Programms zum Bau von Kraftwerksreaktoren
in Übereinstimmung mit dem Gesetz von 1954 war die Kommission bestrebt,
die Entwicklung zu be chleunigen, indem sie sich um die Freigabe der
wichtigen technischen 'nformationen für den Bau von Atomkraftreaktoren
bemühte - mit Ausnahme solcher Fälle, wo die Freigabe die militärische
Sicherheit der USA gefährden könnte. Immer mehr derartiges Material
wird laufend freigegeben und veröffentlicht.
Dieser Prozeß einer ordnungsgemäßen und vorsichtigen Freigabe
wichtigen Informationsmaterials ist seit 2 1/2 Jahren im Gange, und
wir hoffen, bald einen weiteren wichtigen Schritt in dieser Richtung
tun zu können. Auf Grund der jüngsten Besprechungen zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Kanadas über
neue Richtlinien für die drei Mächte bezüglich der Freigabe von Geheimmaterial ist damit zu rechnen, daß zusätzlich umfassende technische Datön, die sich auf die Konstruktion, den Bau und den Betrieb von
industriellen Kraftwerksreaktoren beziehen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und damit nicht mehr unter die Geheimhaltungsvorschriften fallen.
Abgesehen von dieser Freigabe technischer Informationen haben wir
in den letzten Jahren der amerikanischen Industrie und unseren Freunden
im Ausland die Zusicherung gegeben, daß sie ausreichende Lieferungen
von Kernbrennstoff für den Betrieb solcher Reaktoren erhalten werden,
und wir haben ihnen das für die Errechnung der Kosten erforderliche
Unterlagenmaterial zur Verfügung gestellt.
Im Februar dieses Jahres hat Präsident Eisenhower unsere Empfehlung, 40 000 Kilogramm Uran-235 zur friedensmäßigen Nutzung zur Verfügung zu stellen, begrüßt. Von dieser Menge wird die Hälfte den uns
befreundeten Nationen und der neugegründeten Internationalen Atombehörde zur Verfügung gestellt werden, sobald diese Behörde ihre Tätigkeit aufgenommen und der US-Senat bis dahin die Statuten dieser Behörde
akzeptiert hat. Die gleiche Menge Uran-235 ist zur Verwendung in den
Vereinigten Staaten selbst vorgesehen, in erster Linie natürlich für
Atomkraftwerke. Die Kommission wird in Zukunft dem Präsidenten von
Zeit zu Zeit Vorschläge auf zusätzliche Zuteilung von Kernbrennstoff
zur Förderung der Atomkraftwerksprogramme in den USA und im Ausland
unterbreiten. Wir hoffen, mit diesen Zuteilungen die ausreichende
Versorgung mit Kernbrennstoff für eine Zeitdauer gewährleisten zu
gönnen, die für die Amortisierung der Investitionen in Atomkraftwerken unerlässlich ist.
T

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�AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Im vergangenen Monat hat die Kommission bekanntgegeben, welche
Preise die US-Regierung für Atombrennstoff berechnen und was sie für
Plutonium zahlen würde, das als Nebenprodukt in den von den USA mit
Kernbrennstoff versorgten Atomkraftwerken des Auslands anfällt.
In diesem Zusammenhang darf ich hinzufügen, daß die Kommission
ihr Forschungsprogramm zur Entwicklung von Verfahren, die die Verwendung von Plutonium als Brennstoff für Kraftreaktoren ermöglichen
soll*n, intensiv weiter verfolgt. Es ist Ihnen wohl allen bekannt, daß
das gesamte bei uns zur Zeit gewonnene Plutonium - mit ausnähme der für
Forschungszwecke er*orderlichen Mengen - im lahmen unseres Rüstungsprogramms verbraucht wird. '.Vie fest wir mit einer erfolgreichen Durchführung dieses Forschungsprogramms rechnen, bezeugt schon die von uns gegebene Versicherung, daß in Zukunft das gesamte Plutonium, das im Rahmen
unserer Abkommen mit befreundeter Latio en über eine friedliche Nutzung
der Atomenergie aufgekauft wir , -sschließlich zu friedlichen Zwecken
Verwendung findet»
Die AEC-Maßnahmen der letzten drei Jahre, also seit Aufnahme eines
klar umrissenen Programms zum Aufbau einer Atomenergiewirtschaft, haben,
was die Aussichten auf eine reichliche und rentable Erzeugung von Atomstrom betrifft, eine erfolgreiche Entwicklung gebracht.
Aber da wir nun einmal v^n den außerordentlichen, segensreichen
Möglichkeiten zur Gewinnung vom Atomstrom überzeugt sind, können wir
uns mit den erreichten Fortscnritten, so wesentlich diese auch sein
v
mögen, nicht zufrieden geben.
Unser Ziel ist es nicht, « ill'..ürlich eine Anzahl von Atomkraftwerken
zu bauen oder eine bestimmte Leistung an Kilowattstunden zu erreichen.
Unser Ziel, das uns gleichzeitig klüger und konstruktiver erscheint, ist
es vielmehr, die Konstruktionstec mik für Leistungsreaktoren der verschiedensten Typen und Größen so weit zu vervollkommnen, daß sie mit
den bisherigen Verfahren der Stromerzeugung konkurrieren können.
Um aber die hierzu erforderlichen technischen und wirtschaftlichen
Kenntnisse zu sammeln, brauchen w'r in Amerika ein umfangreiches Programm für den Bau von Kraftwerksreaktoren. Das heißt, wir müssen
Atomkraftwerke bauen, um die im Laboratorium gesammelten Erfahrungen
und Erkenntnisse in der Praxis zu rufen und auszuwerten. Es bleibt
uns kein anderer 'Heg,
Aus unserem Entwicklungsprogramn für Leistungsreaktoren, das wir
seit zwei Jahren durchführen, haben wir vertvolle Erkenntnisse und
Richtlinien für die Zukunft gewönne . Unter anderem haben wir durch
dieses Programm erfahren, daß wir unser Partnerschaftsprogramm zwischen
Regierung und Privatwirtschaft sowohl elastischer gestalten als auch
weiter ausbauen müssen.
Ich bin daher der Meinung, da3 es im Interesse weiterer und größerer
Fortschritte auf dem Wege zu einer Lösung des Problems der Erzeugung von
Atomstrom gut wäre, wenn wir eine Reihe von Verbesserungen durch die
Abänderung unseres Atomstrom-Entwicclungs-Programms in Betracht zögen,
insbesondere was die "Grundregeln' unseres Entwicklungsprogramms für
Leistungsreaktoren angeht.
_.

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Ich kann hier und in diesem Augenblick von derartigen Änderungen
nicht im Namen der Kommission sprechen; ich muß sie daher nur in meiner
Eigenschaft als Mitglied dieser Kommission erörtern. Ich empfehle den
Mitgliedern der Kommission jedoch ein neues Achtpunkte-Programm; denn
nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß ein
derartiges Programm die Entwicklung künftiger Kernreaktoren zur Erzeugung von Kraftstrom beschleunigen dürftel
Ich hoffe, daß noch in diesem Monat oder Anfang Januar die USAtomenergie-Kommission in der Lage sein wird, dieses erweiterte Programm
.in Erwägung zu ziehen und vielleicht sogar einmütig zu unterstützen, und
daß der Kongreßausschuß für Fragen der Atomenergie.fl'der gleich uns von
den vielversprechenden Möglichkeiten der Kernkraft für die Energiegewinnung
überzeugt ist - auch seinerseits das Projekt befürwortet und unterstützt.
Das eigene Versuchsprogramm der amerikanischen Regierung, das im
Jahr 1954 aufgestellt worden war und zunächst fünf verschiedene Reaktortypen vorsah, wurde inzwischen um weitere vier Typen erweitert; ich
empfehle daher, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um den Bau von
mindestens zwei weiteren großen und drei kleinen Leistungsreaktoren
für den zivilen Gebrauch bis spätestens 30.Juni 1962 zu gewährleisten.
Diese Anlagen würden sich hinsichtlich Typ und Konstruktion völlig von
den für eine kommerzielle Verwendung bestimmten Leistungsreaktoren unterscheiden, die gegenwärtig geplant oder im Bau sind. Sie könnten vielleicht
Prototypen von Reaktoren sein, deren Entwicklung Teil des Versuchsprogramms
der US-Regierung ist.
Dieses umfassende Ziel würde im Rahmen des von mir vorgeschlagenen
Achtpunkte-Programms erreicht, das folgende Maßnahmen in sich schließt»
Erstens« Ich schlage vor, daß die Atomenergie-Kommission so rasch
wie möglich in einer dritten Aktion zur Einreichung von Vorschlägen im
Rahmen des Programms zur Entwicklung von Leistungsreaktoren auffordert,
allerdings mit folgender bedeutsamen Abweichung von dem bisherigen Verfahren» Jeder unterbreitete Vorschlag wird einzeln und sofort nach Eingang bei der Kommission behandelt. Darüber hinaus würde, im Gegensatz zur
jetzigen Gepflogenheit, ein besonderer Termin als Einsendeschluß für
derartige Vorschläge fortfallen. Es wäre damit ein fortlaufendes und
ständig überprüftes Programm geschaffen, das schnellste Durchführung.,
sowie die bestmöglichen Chancen für eine Revision oder Ausweitung, wie
es die Umstände gerade erfordern, garantiert. Aber nur solche Vorschläge
werden in Erwägung gezogen, die die Fertigstellung der betreffenden Anlage vor dem 30.Juni 1962 versprechen.
Zweitens: Weder für die Größe noch den Typ der Atomkraftwerke, für
die Konstruktionspläne eingereicht werden, sind irgendwelche Begrenzungen
vorgesehen. Entscheidend ist nur, ob sie dazu geeignet sind, billig,
reichlich und gefahrlos Atomstrom zu liefern. Die neu eingereichten Vorschläge würden, ebenso wie im Fall der ersten und zweiten Ausschreibung, .
ohne irgendwelche Diskriminierung der Einsender angenommen und in Erwägung
gezogen werden, gleichgültig ob sie von Einzelfirmen oder Firmengruppen
als den Vertretern privater Versorgungsbetriebe, von genossenschaftlich
oder öffentlich verwalteten Versorgungsbetrieben oder von Firmen kommen,
die die erforderlichen Ausrüstungen liefern.
Drittens t
- 8 -

�AMERIKA DIENST"

19- Dezember 1956

Drittens: Bei der Prüfung der eingereichten Vorschläge wurde
die Kommission dpei spezielle Reaktortypen bevorzugt gemäß dieser
Reihenfolge erörtern: an erster Stelle eine mit natürlichem Uran
und Schwerem Wasser als Moderator arbeitende Groß-Reaktoranlage
deren elektrische Leistung mindestens 100 000 Kilowatt beträgt;
an zweiter Stelle ein Groß-Reaktorsystem mit flüssigem Reaktorbrennstoff, der auf wässerigen Lösungen und (bzw. oder) Aufsohwimmungen
von uran- und (bzw. oder) thoriumhaltigen Stoffen basiert und ebenfalls eine Mindestleistung von 100 000 Kilowatt besitzt; und an
dritter Ste]le drei neuartige kleine Reaktorprojekte verschiedener
Konstruktion.
Viertens: Unter diesen Punkt fällt das Angebot der Atomenergie
Kommission, hinsichtlich des Baues dieser Leistungsreaktoren der Industrie den Vorrang einzuräumen. Sollten jedoch in bezug auf alle
genannten Typen nicht innerhalb eines annehmbaren Zeitraums brruchbare Vorschläge eingereicht werden, so würde die Kommission von sich
aus prompte und positive Schritte zum Bau solcher Reaktoren unternehmen.
Für alle auf staatliche Initiative errichteten Anlagen gilt ebenalls
der 30.Juni 1962 als Endtermin.
Fünftens: Wir müssen und können jetzt rascher voranschreiten nicht nur was den tatsächlichen Bau von Versuchs- und Modell-Atomkra-ftwerken im natürlichen Maßstab, sondern auch was die Ausweitung unserer
wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse durch eine umfassend-.re Fo-schung und Entwicklung anbetrifft. Ich schlage deshalb vor, daß die
AEC die vorha. denen Möglichkeiten für eine von der Regierung in dieser
Hinsicht gewährte Unterstützung wesentlich erweitert, indem sie, deutlich
unterschieden von den tatsächlichen Baukosten, einen größeren Anteil an
den Kosten der Forschung und Entwicklung übernimmt. Diese Ausweitung
der staatlichen Hilfe - zu der noch die eigenen Versuchsprojekte 8er AEC
hinzukommen - würde sich nicht nur auf Vorschläge erstrecken, die bei
der dritten Ausschreibung im Rahmen des Demonstrationsprogramms von
Leistungsreaktoren akzeptiert werden, sondern auch auf Projekte, die
nach der ersten und zweiten Ausschreibung bereits in Angriff genommen
wurden. Ich bin überzeugt, daß eine solche Unterstützung von Forschung
und Entwicklung seitens der Regierung der gesamten Kernindustrie einen
gewaltigen Auftrieb geben wird. Sie würde nicht nur die Konstruktionstechnik von Reaktoren selbst fördern, sondern auch eine Verbesserung der
Baustoffe, die Entwicklung billigerer und ergiebigerer Brennstoffelemente, die Weiterentwicklung der Reaktorphysik, der Methoden der Wärmeübertragung, der Strömungslehre, der chemischen Verfahren und der Verfahren der Abfallbeseitigung, der Sicherungseinrichtungen am Reaktor
und vieler anderer Dinge, bewirken, die für die billige, reichliche
und ungefährliche Erzeugung von Atomstrom eine wichtige Rolle spielen.
Sechstens
werde ich mich im Rahmen meines Vorschlags dafür e nsetzen, weitere Unterstützung in der Form zu gewähren, daß die von der
Kommission bei der Verpachtung von Brennstoffelementen zum kommerziellen
Betrieb von Reaktoren erhobenen Benutzungsgebühren reduziert oder schrittweise überhaupt aufgehoben werden, und daß ferner die Kommission im Zusammenhang mit der Schwerwasser-Beschickung eines mit natürlichem Uran
arbeitenden Reaktors, dem Schweres Wasser als Moderator dient, auf die
Dauer von fünf Jahren überhaupt keine Gebühren erhebt.
qi h t _g.

�"AMERIKA DIENST" -

19. Dezember 1956

Siebtens: Ich schlage der Kommission vor, sehr bald Schritte
zur Pestsetzung der Gebühren zu unternehmen, zu denen sie nach bindenden Vereinbarungen die chemische Aufbereitung von KernbrennstoffElementen in staatseigenen Anlagen übernehmen will.
Achter und letzter Punkt: Die neue und viel elastischere Partnerschaft der Atomenergie-Kommission mit der Industrie - die sich zwar in
erster Linie auf die Errichtung von Atomkraftwerken erstrecken soll müßte auch breit genug angelegt sein, um Reaktorprojekte für andere
kommerzielle Verwendungszwecke, beispielsweise für Heizanlagen, chemische Herstellung oder Behandlung; von Kunststoffen oder irgendwelche
anderen Vorhaben aus der ständig wachsenden Zahl der Anwendungsmöglichkeiten von Reaktorwärme zu ermöglichen, die gegenwärtig noch von Wissenschaftlern und Ingenieuren geprüft werden.
Ich bin der Meinung, daß ein derart erweitertes Programm für die
Reaktorentwicklung, wie ich es eben hier dargelegt habe, für den Fall,
daß es angenommen wird, von Jahr zu Jahr von der Kommission neu überprüft und, wenn erforderlich, modifiziert werden sollte, um stetige
rasche Fortschritte zu garantieren. Diese Überprüfung würde jeweils im
Herbst stattfinden, so daß das entsprechende Programm in den Haushaltsplan aufgenommen werden kann, der in seiner endgültigen Form gewöhnlich
im November oder Dezember ausgearbeitet wird, um im Januar dem Kongreß
unterbreitet zu werden.
Mit diesen Vorschlägen habe ich nur die Möglichkeiten zu einer Ausweitung und Beschleunigung des Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in den Vereinigten Staaten umrissen, und ich habe dabei die wesentliche Hilfe, die wir anderen Ländern beim Aufbau eigener AtomenergieProgramme leisten, nur kurz gestreift.
Ich möchte jedoch gerne noch hinzufügen, daß diese Vorschläge - so
wie ich mir ihre Verwirklichung denke - weitgehend auf unser Hilfsprogramm für befreundete Nationen wie auch das gesamte Programm zur Erzeugung
von Atomstrom hier in den Vereinigten Staaten anwendbar wären. Wir
würden damit den Fortschritt in der weiteren Erschließung der Atomkraft
unter allen friedliebenden Völkern fördern. Amerikanische Konstrukteure
und Herstellerfirmen von Industrie-Reaktoren und deren Zubehör bekämen
dadurch bessere Chancen, mit dem Ausland, insbesondere mit jenen Ländern
ins Geschäft zu kommen, die mehr auf die Erzeugung von Atomstrom angewiesen sind als - gegenwärtig - die Vereinigten Staaten.
Ich habe hier nicht viel mehr tun können, als diesen Programmvorschlag zur Ausweitung und Beschleunigung der Entwicklung von Atomkraftwerken zu umreißen; viele Details müssen noch in diesen Rahmen hineingearbeitet werden. Aber ich bin überzeugt, daß er vieles enthält, was
ihn einer ernsthaften Erwägung und der Unterstützung seitens der Atomenergie-Kommission, der Industrie und auch von Ihrer Seite wert macht, die
Sie als Kernwissenschaftler und Ingenieure die Fachleute auf diesem Gebiet sind und die verschiedenen, von mir hier erwähnten interessierten
Kreise fachmännisch beraten.
Ein für den Aufbau einer gesunden und entwicklungsfähigen Atomindustrie unerläßliches Erfordernis habe ich nicht in mein Achtpunkte- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Achtpunkte-Programm einbezogen, obgleich ich es im Augenblick für
dringlicher halte als jede andere Maßnahme.
Ich meine die Schwierigkeiten, die infolge des Fehlens angemessener Versicherungsbestimmungen über die Haftpflicht der Initiative
der Privatindustrie, Atomkraftwerke zu bauen, im Wege stehen. Eine
diesbezügliche Gesetzesvorlage war zwar vom Kongreßausschuß für
Fragen der Atomenergie während der letzten Sitzungsperiode des
Kongresses gebilligt worden, wurde jedoch nicht zur Entscheidung
in den Kongreß selbst eingebracht.
Es ist dringend notwendig, daß der neue Kongreß sich umgehend
mit dieser Angelegenheit befaßt, um das größte Hindernis für die
beschleunigte Durchführung eines Leistungsreaktor-Programms in den
Vereinigten Staaten zu beseitigen."

* * * * *

- 11 -

�EMBAS3Y OF THE UNITED STATES
Office of Economic Affairs
Bonn-Bad Godesberg
November 1956

ÜBERSICHT ÜBER DEN OST-WEST-HANDEL II. HALBJAHR 1955

Achter Halb Jahresbericht an den U.S.-Kongress über die Durchführung
des Gesetzes zur Überwachung der Gegenseitigen Verteidigungshilfe
(Mutual Defense Assistance Control Act) vom Jahre 1951-

�INHALTSVERZEICHNIS

Seite
Gestaltung des Handels
Handelsvolumen

,

West-Europas Handel mit dein Roten Block
Ausfuhren der COCOII-Staaten nach dem
Roten Block
Rot-Chinas Handel mit der freien Welt
Der Handel der Vereinigten Staaten mit den
ouropaeischen Laendern im Roten Block
Die Vereinigten Staaten und ihre Handelssperre
gcgenueber Rot-China
Handel Lateinamerika - Roter Block
Sonstige Handelsbeziehungen
Handelsabkommen

1
4
5
5
6
7
8
8

Die Zeit der Handelskontakte und de3 landwirtschaftlichen Delegationsaustauscnes
Die Genfer Besprechungen

10

Landwirtschaftliche Delegationen besuchen
die Vereinigten Staaten
Sowjetisch-amerikanischer Handel und
US Senatoren
Konferenz der UH Wirtschaftskommission fuer
Europa ueber Wirtschaftsfragen

11
12
12

Industriemessen als Instrument der Aussenpolitik
des Roten Blocks
Haeufigkeit, Kosten, Schwerpunktgebiete
Ziele ,.
Die Beteiligung des Roten Blocks
Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Das "essenrogramm der Vereinigten Staaten

'.

13
16
17
17
19

�KAPITEL
IV.

Ccite
Rote V,:irtscliaf ts-"Diplor.atic" in den entricklungs'ooduerf tigon Staaten.
Marx und seine Apostel

20

Grundlagen der Ilandelsoff ensive

21

Hintergruende der Ilandelsoff ensive
Ilandelsvertraege und Kredite

25

Propaganda gchoert dazu

24

Vorstoesse in den "ahen Osten

25

Kanonen fuor Paurnvolle

26

Dulganins und Chruschtschevrs Poise
nach Gued-Asien

27

Der Pcis als '.Yaife

28

Der Klingende Rubel

29

PubeII:leenge i n L a t e i n a n e r i k a

50

,','ie wird der Herausforderung "begegnet?

32

�Seit
Rote ".Virtschafts-"Diplor,atic" in den entricklungs"beduerftigen Ztaaten.
Marx und seine Apostel

20

Grundlagen der Ilandelsoffensive

21

Hintergruende der Ilandelsoffensive
Handelsvertraege und Kredite

23

Propaganda gchoert dazu

24

Vorstoesse in den Ilahen Osten

25

Kanonen fuor Baumvolle

26

Bulganins und Chruschtschows Reise
nach Gued-Asien

27

Der Reis als V/affe

28

Der Klingende Rubel

29

Rubelklaenge in Lateinanerika

30

V.'ie wird der Herausforderung "begegnet?

32

�KAPITEL I

G E S T A L T U N G

DES

H A N D E L S

Handelsvolumen
Der Warenaustausch zwischen der freien Welt und dem Roten Block*)
betrug im Jahre 1955 wertmaessig insgesamt 4,46 Milliarden Dollar, wie
nachstehende Zahlen und Darstellung I zeigen. Das sind gegenueber 1954
mit seinen 3»6 Milliarden Dollar 24$ mehr.
Gesamtwert des Handels der freien Welt mit dem Roten Block
in den Jahren 1954 und 1955
(In Millionen US Dollars)
Roter Block
Europaeischer
Rotinsgesamt
SowjetblocR
China
1955 (vorlaeufig)
125J

4.461,4
?. 5,99,8

3.646,0
2.923.4

805,8
662A

Waehrend die Ausfuhr nach dem Roten Block im Jahre 1954 1»76
Milliarden Dollar betrug, stieg sie im Jahre 1955 um 15$ auf schaetzungsweise 2,03 Milliarden Dollar (Darstellung I I ) . Die Einfuhr aus dem Roten
Block im Jahre 1955 erhoehte sich mit circa 2,43 Milliarden Dollar um 32$
gegenueber 1,83 Milliarden Dollar im Jahre 1954« Die Ausfuhr der freien
Welt nach dem Roten Block stieg also nicht im gleichen Masse an wie die
Einfuhr von dort. Damit erfuhr die Lage gegenueber dem Jahre 1954 eine
Umkehrung.
Die Ausweitung der Ausfuhr der freien Welt nach dem Roten Block
ergibt sich in erheblichem Masse aus erhoehten Exporten nach den eurorpaeischen Satellitenstaaten, hauptsaechlich nach der Tschechoslowakei,
Ungarn und Polen. An den erhoehten Bezuegen der freien Welt aus dem Roten
Block sind fast alle Rotblockstaaten beteiligt, voran die Sowjet-Union,
gefolgt von Rot-China, der Tschechoslowakei und Polen.
Dem weiteren Anstieg des Handels der freien Welt mit dem Roten
Block entsprach das Anwachsen des Handels innerhalb der Gemeinschaft
der freien Voelker. Die beschleunigte Entwicklung der Handelstaetigkeit ist in erster Linie dem anhaltenden Aufschwung der Wirtschaft in
den Vereinigten Staaten und Westeuropa und der sich gleichfalls fortsetzenden allgemeinen Besserung der Wirtschaftslage in der ganzen Welt
zuzuschreiben. Dabei hat sich der Anteil des Roten Blockes an dem
Handelsvolumen der freien Welt im Jahre 1955 prozentmaessig nur um
einen Bruchteil'gegenueber 1954 erhoeht, und zwar von etwa 2,3$ auf
etwa 2,6$.

*) Zum Roten (Sowjetisch-Chinesischen)Block gehoeren die SowjetUnion, die europaeischen Satelliten, Rot-China (einschl. Innere
Mongolei, Mandschurei und Tibet), Nord-Korea, Aeussere Mongolei
und Nord-Vietnam.

1

�Darstellung I
GESAMTVOLUMEN DES HANDELS DER FREIEN WELT MIT DEM ROTEN BLOCK

1954 und 1955 (vorlaeufig)
f

(S) - 1 Milliarde Dollar

I

j. E U ROPÄi S CH E R JjCOTET - B LOCK:

•c

($)($)($). 2,9

!1954

i/f95|5"JyoVifg 5 ($) 0,8 §
1954
/SOWJET-BLOCK INSGESAMT
1955 (vorläufig) $ 4,5 Milliarden
1954

Q

$ 3,6

Roter Block Insgesamt:
1955:(vorlaeufig) S 4,5 Milliarden
1954
S 5,6
Darstellung II
Ausfuhr der freien V/elt nach dem Roten Block in den Jahren
1954 und 1955
(in Millionen Uli Dollars)
Roter Gesamt Europaeische Sowjet«
Block
Satelliten
Union
1955:
ErstesHalbjahr
Zweites Halbjahr
(vorläufig)
1954:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

Rot-China

958,0
1.094,7
2.0^2 4 7

549,3
599,6
1.14849

242,5
328,2

146,2
166,9

891,5
872.7
1.764,2

417,4
479,5
896,7

356,7
236.8
573,5

157,4
156,6
294,0

�Darstellung I
GESAMTVOLUMEN DES HANDELS DER FREIEN WELT MIT DEM ROTEN BLOCK
1954 und 1955 (vorlaeufig)
($) - 1 Milliarde Dollar

Roter Block Insgesamt:
1955:(vorlaeufig) $ 4,5 Milliarden
1954
S 3,6
Darstellung II
Ausfuhr der freien V/elt nach dem Roten Block in den Jahren
1954 und 1955
_mmmt
(in Millionen US Dollars)
Roter Gesamt Europaeische SowjetBlock
Satelliten
Union
rir

Rot-China

1955:
ErstesHalbjahr
Zweites Halt Jahr

(vorläufig)

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1,094.7

549,3
599,6

242,5
328,2

..2*822*2

..Iii42i2

ZlZiI

891,5
872.7
1.764,2

417,4
479.3
896,7

336,7
236.8
573,5

146,2
166.9

-21hl——

1954 t
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

137,4
156.6
294,0

�Warenbezüge der freien Welt aus dem Roten Block in den Jahren 1954 und 1955;
(in Millionen Dollar)
Roter Gesamt
Block ;

Europäische
Satelliten:

Sowjetunion:

RotChina ;

255,5
388,3
643,8

240,4
252,3
492,7 2'

1955:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr
(vorläufig)

1.095,2
1 »353.5
2.428,7 1 '

1954*
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

806,3
1.029.3

433,7
519,0

193,3
307,2

175,4
200,0

1.835,6 1 ^

952,7

500,5

375,4

595,7
686,9
1.282,6

Dagegen erreichte der Handel Afghanistans, Ägyptens, Finnlands, Hongkongs,
Islands, Irans, der Türkei und Jugoslawiens mit dem Roten Block mehr als 10$
des gesamten Außenhandelsvolumens dieser Länder.
Die Handelsziffern des Roten Blocks für 1955 waren gegenüber 1954 kaum
verändert. Es entfielen also wieder rund 80$ auf den Handel innerhalb des
Roten Blocks und 20$ auf den Handel mit der freien Welt. Rot-China als RotBlock-Staat für sich allein betrachtet, weist hinsichtlich seines Handels
etwa das gleiche Zahlenverhältnis auf. Die Entwicklung des Handels des Roten Blocks wurde in den Ausführungen über "Sowjetische Hindernisse für
eine Ausweitung des Welthandels" behandelt (siehe 7.Halbjahrsbericht,
Kapitel I und Kapitel III).
Am Ende der Dekade 1946 bis 1955 betrug das Gesamt-Handelsvolumen der
zentral-gelenkten kommunistischen Wirtschaftssysteme untereinander mehr als
das Zweieinhalbfache des Standes vor dem Zweiten Weltkrieg. Dagegen erreichte ihr Handel mit der übrigen Welt noch nicht die Hälfte des Vorkriegsstandes. Das geht aus der "Übersicht über die Weltwirtschaft im
Jahre 1955" der Vereinten Nationen hervor. Die Ausweitung des Außenhandels der Sowjetunion im Jahre 1954 war besonders hervorstechend. Sie betrug mehr als das Vierfache des Vorkriegsstandes. Der starke Anstieg des
Handels der Rot-Blockstaaten untereinander ist ein Teilergebnis des immer
weiter fortschreitenden allgemeinen Integrationsprozesses innerhalb des
gesamten Roten Blockes. Bei diesem Zusammenwachsen spielte der Wille zur
Schaffung und Weiterentwicklung einer unabhängigen und praktisch autarken
Ilandelssphäre die entscheidende Rolle.

1) Äußere Mongolei und Nord-Korea sind zahlenmäßig, aber nicht geographisch zum kommunistischen Gesamtblock hinzugerechnet. Werte für 1954
und 1955» 7 bzw. 9,6 Millionen Dollar.
2) Die Warenbezüge der freien Welt aus Rot-China erscheinen etwas vermehrt
infolge doppelter Zählung von Wiederausfuhren aus Hongkong.
Quelle» U.S. Handelsministerium

- 3-

�V.-'e st -Suropas Handel mit den Roten Block.
Waehrend der gesamten ersten 10 Jahre nach dem Zweiten V/eltkrieg
war es vor--iegend das nichtkommunistische '.'.Osteuropa nit den die europaeischen Laender im Roten Block Handel trieben. Besonders auffallend
war die warenmaessige Gestaltung des ITachkriegshandels der osteuropaeischen Laender. Er "bestand naenlich in erhoehtem Export von Haschinen und Ausruestungsgegenstaenden. Demgegenueber und im Vergleich zur
Vorkriegsdekade sind die ITahrungsnittele::porte fast aller dieser Laender gesunken.
Der Handel der europaeischen Laender im Roten Block mit Westeuropa wurde im Jahre 1955 in ungefaehrdem gleichen Tempo ausgeweitet,
wie 1954,1 Im Jahre 1955 aber bestand der eigentliche Anstieg
in höheren Ausfuhren Osteuropas nach Westeuropa. Diese Entwicklung
war der des Jahres 1954 direkt entgegengesetzt. Damals lieferte Westeuropa mehr nach Osteuropa. Ausser den traditionellen Waren, die die
europaeischen Laender im Roten 31ock nach Westeuropa lieferten - also
Weizen und andere Lebensmittel, Hohle, Erdoel und Holz - kamen in zunehmenden Hasse Industriegüter , u.a. Maschinen und Ausruestungen,
in einigen westeuropaeischen Laendern auf den Harkt. Auch Roheisen und
Baumwolle wurden in erheblichen Hengen an den Westen verkauft.
Die ausnehmend grossen Butter - und Fleischexporte Westeuropas
nach osteuropaeischen Laendern im Jahre 1954 wurden 1955 stark eingeschraenkt. Dagegen wurden die Getreidelieferungen fortgesetzt, und in
Bezug auf die Sowjetzone und Polen rechnete man sogar mit einer Portsetzung der Lieferungen trotz der guten Ernte des Jahres 1955« Die Gesamteinfuhren Osteuropas aus Westeuropa nahmen weiterhin in schnellem
Tempo zu und zwar z.T. infolge der erheblichen Zunahme der Haschinenund Ausruestungslieferungen. Weitere Bezuege groesseren Umfangs bestanden in Chemikalien, Rohwolle, Kupferdraht und Gummi.
Die Bundesrepublik Deutschland, Grcss-Britannien und Frankreich
verzeichneten fuer 1955 jeweils doe groesste Zunahme ihrer Umsaetze
im Handel mit dem Roten Block. Das Handelsvolumen der Bundesrepublik
Deutschland stieg um 154 Hio Dollar, das Grossbritanniens um 147 Hio
Dollar und das Frankreich« um 70 Hio Dollar.
Wertnaessig fuehrend waren im Aussenhandel der Bundesrepublik
Deutschland : Chemikalien - 44,2 Hio Dollar; Eisen- und Stahlerzeugnisse - 17»4 Hio Dollar; Schiffe(seegehende und Kuestenfahrzeuge)
- 16,3 Hio Dollar; Kupferdraht - 12,7 Mi© Dollar und Haschinen (ausgenommen elektrische) - 10,7 Mio Doilar. In dem Wert dieser Waren, die
nicht auf der Verbotsliste standen, ist jedoch der Handel mit der
deutschen Sowjetzone nicht enthalten.
Ihrem Werte nach rangierten die von Grossbritannien im Handel mit
der. Roten Block hauptsaechlich exportierten Waren wie folgt: ungewickel
ter Draht und Kupferkabel - 28,8 Hio Dollar; reexportierter Rohgummi
(einschliesslich synthetischen und regenerierten Gummis) - 20,5 Mio
Dollar; Kammzuege - 20,1 Hio Dollar; Wiederausfuhren von Schaf- und
Lanmwolle (roh) - 14 Mio Dollar und Textilmaschinen nebst Zubehoer 12,9 Hio Dollar (durchweg Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen).
Frankreichs Hauptausfuhren dem Werte nach waren: Eisen- und Stahlhalbzeug sowie Stahlwaren - 30,4 Mio Dollar; Weichweizen 29,9 Hio Dollar;
Chemikalien 11,5 Hio Dollar; Weizenmehl 8,9 Hio Dollar; Rindfleisch 7,4 Hio Dollar; Huebenzucker(roh) - 5,3 Hio Dollar. Auch hier handelte
e s sich ausschliesslich um Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen,
mA m

�Auch Finnland und Oesterreich wiesen eine "bedeutende Steigerung ihres
Handels nit dem Roten Block, naemlich um 35 "bzw. 37 Hlo Dollar auf. Die
Steigerung im Falle Jugoslawiens um das Fuenffache auf ueber 58 Millionen Dollar, ergab eich au3 der Wiederherstellung politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und Jugoslawien auf
der Grundlage der Belgrader Deklaration vom 2. Juni 1955» Dagegen sank
Daenemarks Handel r.it dem Hotcn Block um 27 Millionen Dollar beziv. etwa

255*.
Ausfuhren der CCCOM-Staaton nach dem Roten Block
Das Cocrr.thandclcvolur.cn der 15 CCCOH-Staaten*) r.it dem Roten Block
stieg von 1,C I illiardcn Dollar im Jahre 1954 um etwas ueber 406 Millionen Dollar e.uf nahezu 2,3 Milliarden Dollar im Jchre 1955« Die Exporte
der COCOM-Tacnder nach der. Roten Block waren mit ueber 905 Millionen
Dollar im Jahre 1955 um circa 150 Millionen Dollar hocher als im Vorjahre(835 Millionen Dollar).
4
Rot-Chinas Handel mit der Freien WeJ.t
Im Handel Rot-Chinas r.it der freien Welt ist - ccgcnueber dem Jahre
1954 mit 669,4 Mio Dollar - im Jahre 1955 ein Anwachsen des Ceochacftsvolumens auf 30518 Mio Dollar zu verzeichnen. Die 16 in der CEEC zusammengeschlossenen Laender varen daran mit 28/' und Japan r.it etwa 14,^ beteiligt.
Der V/ert der Exporte "Hot-Chinas nach den nichtkonnunistischen Lacndern belief sich im Jahre 1955 Wrf etwa 493 Mio Dollar-") und liegt damit um 117 I.Ü.C Dollar hoeher, als im Jahre 1954» Die Ausfuhren nichtkommunistischer Laender nach Aot-CHina erreichten 1955 etwa 313 Mio Dollar L
gegenueber 294 : io Dollar in Jahre 1954» 207 Mio Dollar im Jahre 1953 und
273 Mio Dollar im Jahre 1952.
In Vergleich zu 1954 wuchs der V/ert direkter Exporte aus Westeuropa
nach Rot-China im Jahre 1955 um nahezu 25/' an. Jedoch wurde diese ^teiecrung
reichlich ausgeglichen durch geringer« Exporte aus Hongkong. Da die ausfuhren aus Hongkong grosccnteils im Umschlag von Erzeugnissen aus West curopa bestanden spiegeln diese Angaben in erster Linie Aendcrungcn in
der Versandart und weniger dc,3 Handelsvolumen wider. Hach steilem Anwachsen in der zweiten JaiiresHaelfte 1954 hielt sich der Export Ja. ans
nach Rot-China in Jahre 1955 Hurchweg unveraendert auf gleicher IIoeHe.

*) Im COordinating COMnittee (Ostwesthandelsausschuss) in Paris, in dorn
sich eine Reihe von Staaten zusammenfand, um in der Frage der Ueber«
wachung der Exporte strategisch wichtiger Gueter zusammenzuarbeiten,
sind vertreten: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Dacncmark,
Frankreich, Griechenland, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg. J.ic ITiedorlande, Horwegen, Portugal, die Tuerkei, Gross-Britannien und die
Vereinigten Staaten.
*•) Diese Zahl schliesst Ausfuhren nach Hongkong im Werte von 157 Mio
Dollar ein, die zum grossen Teil reexportiert wurden und ein zweites Hai als Bezuege aus Rot-China erfasst sind.

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�Industriegueter waren die i.auptausfuhrartikel Westeuropas,
Japans und Hongkongs nach Rot-China. Chemische Erzeugnisse, u.a.
Duengemittel, Farbstoffe, Medikamente und Chemikalien fuer die Industrie
waren die Hauptartikel der Lieferungen. Einen erheblichen Prozentsatz der Lieferungen bildeten auch Textilfasern und Gewebe, Metalle
und Manufakturwaren.
Die Warenbezuege Rot-Chinas aus Asien(ausschliesslich Japans
und Hongkongs) Ozeanien und dem Nahem Osten bestanden dagegen grossenteils in Agrarerzeugnissen. Aus Pakistan und Aegypten kam ueberwiegend Rohbaumwolle, aus Ceylon in der Hauptsache Rohgummi. ,irnp
lieferte vor allem Reis (siehe S. ( ) , Indonesien und die Malaiischen Inseln Kopra und Kokosnussoel, .Australien '.Volle und Kammzuege
und Indien Jutesaecke und Rohbaumwolle.
Rot-China lieferte an nichtkommunistische Laender in der Reihenfolge
dos Anteils der Waren am Gesamtvolumen: Nahrungsmittel(u.a. Reis und
andere Naehrrait'-el &lt;- Rohstoff e , rf lanzenoele fuer Speisezwecke, Eier,
Obst, Gemuese, Huelsenfruechte und Tee); Celsaaten un^l andere Agrarrohstoffe(Textilfasern, aetherische Oele, Felle und Rauchwaren, Tungoel sowie diverse Rohstoffe fuer Destillationszwecke and schliesslich
eine Anzahl Gueter verschiedener Art(insbesondere Erze, Mineralien
und Erzeugnisse der Leichtindustrie).
Der Handel der Vereinigten Straten mit den Europaeischen
Laendern im Roten Block.
Der Wert der Ausfuhren der Vereinigten Straten nech den europaeischen Laendern im Roten Block im Jahre 1955 ist mit 7»3 Mio
Dollar zu veranschlagen. Das sind 18J» mehr als der Gesamtausfuhrwert
fuer 1954 Bit seinen 6,1 Mio Dollar_
Allerdings sind in den Zahlen fuer 1954 und 1955 die im Rahmen
des Ueberschwemmungshilfsprogramms des Praesidenten der Vereinigten Staaten fuer das Donaubecken an Ungarn, die Tschechoslowakei
und die Sow-jetzone Deutschlands gelieferten Mengen Getreide fuer
die menschliche Ernaehrung, Insektenvertilgunr;smittel und Medikamente mit 4,7 Mio Dollar enthalten. Die Exporte der Vereinigten
Staaten nach der Sowjet-Union und seinen europaeischen '. asallen
im Jahre 1955, hatten, ausschliesslich der vorerwaehnten Gratislieferungen, einen Gesamtwert von 5»7 Mio Dollar, also einen etwa
doppelt so hohen Wert wie im Jahre 1954(2,9 Mio Dollar). Diese
Exportmengen blieben erheblich hinter den Gesamtmengen der Jahre
1947 und 1948 zurueck. Damals betrug der Wert der Lieferungen der
Vereinigten Staaten nach den europaeischsn Laendern im Roten Block
359,9 Mio bezw. 123,2 Mio Dollar.
Unter den von den Vereinigten Staaten an die Sowjet-Union
und seine europaeischen Vasallen in den letzten Jahren hauptsaechlich gelieferten 'waren stehen Wollabfaelle im Jahre 1955mit
etwa JO 7&gt; der Gesamtausfuhr an erster Stelle. Es folgen Mais
(nicht fuer Saatzwecke) mit etwa 20$ und danach Iiaeute und Felle
sowie Talg fuer industrielle Zwecke.
Die Warenbezuege der Vereinigten Staaten aus den europaeischen Laendern im Roten-Block erreichten 1955- gegenueber 1954 mit 42,4 Mio
Dollar - einen Gesamtwert von 55»5 Mio Dollar, das entspricht

- 6 -

�einer Zunahme von 31$. In erster Linie wurden importiert: Delikatessschinken-Xonserven, Speck, Daerm« zur Y/urstbereitungim Wert«
von 19»8 Mio Dollar; Pelze und Manufakturwaren in Y/erte von 8,4
I.Iio Dollar; Benzol im Y/erte von 6,5 Mio Dollar; Duengenitt«l und
Duengemittelrohstoffe im W«rte von 2,3 Mio Dollar; photographisch«
Artikel im Y/erte von 2 Mio Dollar; Glasuraren im Y/ert« von 1 ,7 Mio
Dollar und Borsten im Y/ert« von 1,3 Mi« Dollar.
Am 3» Hovember 1955 verkuendete des Handelsministerium der Vereinigten Staaten, es beabsichtige die Herausgabe einer Liste mit einer Auswahl strategisch unwichtiger Y/aren,*), die m die europaeischen Laender im Roten Block im Rahmen einer allgemein gueltigen
Ausfuhrgenehmigung geliefert v/erden koennen; d.h. also, s sollte keine fuer einen Einzelfall gueltige Genehmigung mehr benoetigt werden.
Diese Lockerung sollte dem von Praesident Bisenhower auf der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli 1955 als mit allen. Mitteln erstrebenswert herausgestellten Ziel dienen, "Bedingungen zu
schaffen, die geeignet sind,in allen Staaten das Inter«ss« an einem
weltweiten Austausch ziviler Gueter zu foerd«rn."
Die Vereinigten Staaten und ihre Handelssperre
nefeenuebor Rot-China
Y/ie schon in frueheren Berichten ausgefuehrt, erliessen di« Vereinigten Staaten sofort nach den Einfall in Sued-Korea am 25. Juni
1 950 ein allgemeines Verbot fuer die Ausfuhr von Y/aren nach ITordIlorea. Die allgemeine Ausfuhrsperre gegenueber Rot-China und der
Mandschurei wurde am 3» Dezember 1950 verhaengt, als Rot-China in dem
Krieg in llorea eintrat. Die Ausfuhrsperre wurde strikt durchgefuehrt
und besteht noch heute. Y/arenbezuege aus Rot-China und Hord-Korea sind
ebenfalls verboten, sofern sie nicht vom Amerikanischen Einanzministerium genehmigt sind, und Genehmigungen.zu Einfuhren aus diesen Gebieten werden nicht erteilt. Y/arenlieferungen seitens der Vereinigten Staaten an Rot-China bezw. ITord-Horea heben seit der Ausfuhrsperre nicht stattgefunden, ausgeno r.cn die Lieferung zweier fuer die
diplomatische Vertretung einer befreundeten ilation in Rot-China bestimmter Personenkraftwagen im Gesamtwerte von 6.000 Bollar cowie die
Lieferung von Zeitschriften und anderen Druckerzeugnissen, die auch
sonst allgemein verkaeuflich sind, im Y/erte von 2.530 Dollar. Im dritten Vierteljahr 1955 genehmigte das Amerikanische Handelsministerium
einen Antrag zur Ausfuhr ei .es Personenkraftwagens. im Y.'erte von 1.000
Dollar und von Autoersatzteilen im Y/erte von 60 Dollar. Beides war
fuer diplomatische Vertretungen befreundeter Laender bestimmt. Die
Lieferung von Zeitschriften und sonstigen Druckschriften, fuer die
keine Geheimhaltungspflicht besteht, erfolgte im vierten Yuartal 1955
im Rahmen eines allgemein gueltigen Genehmigungsverfahrens, wonach
wissenschaftliche Schriften und Schriften fuer Bildungs- und Erziehungsfragen unterschiedslos nach allen Laendern versandt werden koennen.
*) Die Liste mit ueber 700 auf etwa 57 Y/arengruppen verteilten Positionen v/urde am 26. April 1956 veroeffentlicht. Bio sich daraus
ergebende Vereinfachung des Genehmigungsverfahrens bei Lieferungen
an die curopaeischen Jtcaten im Roten Block wird erst im neunten
Bericht uober die Gestaltung des Ost-Y/est Handels im ersten Halbjahr 1956 behandelt v/erden.

7-

�Handel Lateinanerika - Roter Block
Der Handel Latein-Anerikas nit dem Roten Block erreichte im Jahre
1955 einen neuen Rekord mit einem auf 340 I.Iio Dollar geschaetzten Volumen, das damit die 254 Mio Dollar des Jahres 1954 um etwa 34$ uebersteigt.
Dengegenueber betraegt das Gesamtvolumen des Handels der Vereinigten
Staaten mit Lateinamerika mit etwa 7 Milliarden Dollar ungefaehr das 20fache.
Argentinien und Brasilien waren auch im Jahre 1955 die Hauptpartner im Handel Lateinamerikas mit den Staaten in Roten Block. Das Volumen
des Handels zwischen dem Roten Block und Argentinien im Jahre 1955 » d*r
zu einem erheblichen Guthabensaid© gegenueber der Sowjet-Union fuehrte,
erreichte einen Wert von 193 Mio Dollar. In Handel mit Brasilien wurden hei einer Steigerung um 42 Llio Dollar, d..h. un das Doppelte gegenueber 1954» 85 I.Iio Dollar erreicht. .Uruguay, das im Handel nit dem Roten Block 1954 an dritter Stelle stand, wurde 1955 infolge erhoehter
Bczuege kubanischen Zuckers seitens der Sowjet-Union von Kuba ueberfluegelt.
Die Exporte Lateinamerikas nach den Roten Block wuchsen im Jahre
1955 um circa 20$ auf schaetzungsweise 169 Mio gegenueber 142 Llio Dollar im Jahre 1954 an. Diese Ausweitung ergab sich hauptsaechlich durch
die erhoehten Ausfuhren aus Kuba und Brasilien. Der Versand von 500,000
t kubanischen Zuckers nach der Sowjet-Union im Werte von 37»4 Mio Dollar und die erhoehten Ausfuhren Brasiliens, insbesondere an Kaffee,
wurden durch den Rueckgang der Exporte Uruguays nach dem Roten Block
um 13»3 llio Dollar teilweise ausgeglichen. Dieser Rueckgang der Exporte Uruguays um etwa 50$ war die Polge geringerer Warenbezuege durch
die Sowjet-Union.
Der Wert der Warenbezuege Lateinanerikas aus dem Roten Block stieg
1955 auf 171 Llio Dollar an. Gegenueber 1954 mit 112 Llio Dollar bedeutet das eine Zunahme um 53$« Die LIehrzahl der Staaten Lateinamerikas
erhoehten ihre Importe aus dem Roten Block. Besonders hervorzuheben
sind Argentiniens erweiterte Einkaeufe im Jahre 1955 im Werte von
120 Mio Dollar, verglichen mit 83 Mio Dollar im Jahre 1954, sowie die
Brasiliens mit 38 Mio Dollar im Vergleich zu T9 Mio Dollar in Jahre
1954» Zum grossen Teil.erstreckten sich diese Einkaeufe auf Fabrikerzeugnisse und Rohstoffe fuer die Industrie,
Obgleich der Anteil der Laender des Roten Blocks an Gesantaussenhandel Lateinanerikas im Jahre 1955 genau wie 1954 nur 2$ betrug, gewann der Handel mit dem Roten Block fuer einzelne Staaten dennoch
wachsende Bedeutung. Im Falle Argentiniens betrug der Anteil des Roten Blocks am Gesamtaussenhandel dieses Landes 1955 9$» im Falle Brasiliens 1,3$ und im Falle Kubas etwa 1$. Uruguays Handel nit dem Roten
Block dagegen sank von 5$ seines gesamten Auosenhandelsvolumens im Jahre
1954 auf 3$ im Jahre 1955.
Sonstige Handelsbeziehungen
Australiens Handel mit dem Roten Block blieb 1955 wertmaessig um
nahezu 18 Mio Dollar oder um 25$ hinter dem 1954 erreichten Volumen
zurueck. Dieser Rueckgang ergab sich aus einem Absinken der Ausfuhren
nach der Sowjet-Union infolge der Verschlechterung der 'politischen Beziehungen zwischen den beiden Laendern auf Grund der im April 1954 erfolgten aufsehenerregenden Enthuellung , dass die Sowjetische Botschaft
in Canberra ein Spionagenetz unterhielt.
Das Volumen des Handels zwischen dem Roten Block und Japan bzw. der Tuerkeistieg um 56 bzw. 60 Llio Dollar an. In Kapitel IV dieses Berichtes
v.ird der Handel des Roten Blocks nit den entwicklungsbeduerftigen Laendern besprochen.
.

�Händelsabkommen
Etwa 65$ des Handels des Roten Blocks mit der freien Welt im Jahre
1955 entfielen auf den Warenaustausch mit solchen Ländern, mit denen
der Rote Block zweiseitige Handelsabkommen getroffen hat. Im vergangenen
Jahr bestanden 174 gültige Handels- und Zahlungsabkommen zwischen dem
Roten Block und der freien Welt.[
„ ) Fünf weitere im Jahre
1955 abgeschlossene Abkommen sollten erst 1956 in Kraft treten. Mit 29
der somit insgesamt 179 Abkommen *) wurden früher bestehende freie Vereinbarungen über zu tätigende Kompensationsgeschäfte und andere geschäftliche Transaktionen durch formgerechte ersetzt. Nur sechs der
neuen Abkommen wurden mit westeuropäischen Ländern abgeschlossen, die
fast durchweg schon seit der ersten Nachkriegszeit Handelsabkommen mit
Staaten im Roten Block hatten. Die übrigen wurden mit entwicklungsbedürftigen Ländern getroffen, d.h. mit 13 im Nahen Osten, 8 in Südostasien und 2 in Lateinamerika.
Diesseits des Eisernen Vorhangs war Jugoslawien hinsichtlich des Abschlusses von Handelsabkommen sehr rührig. Es schloß nämlich deren acht
ab. Es stellte seine wirtschaftlichen Beziehungen zu allen europäischen Staaten im Roten Block völlig wieder her, die es infolge seines
Zerwürfnisses mit dem Kominform im Jahre 1948 abgebrochen hatte. Das
vorläufige 194 Mio.Dollar-Kreditabkommen, das es mit der Sowjetunion
am 1.9« 1955 abschloß, war die beachtlichste der von Belgrad erzielten Vereinbarungen. Im Rahmen dieses Abkommens erhielt Jugoslawien Kredite in Höhe von schätzungsweise 110 Mio.Dollar zum Bau von Düngemittelfabriken und verwandten Betrieben sowie für den Wiederaufbau dreier
kleiner Bergwerke und andere geplante Vorhaben; weitere 54 Mio.Dollar
für den Bezug von Kohle, Öl und Baumwolle aus der Sowjatunion und 30
Mio.Dollar in Gold oder gleichwertigen Devisen für die Jugoslawische
Staatsbank. Es heißt, daß alle diese Kredite eine Laufzeit von 10 Jahren bei einer Verzinsung von 2% haben. Im November gewährte Polen Jugoslawien einen Kredit von 20 Mio.Dollar zum Ankauf von Bergwerksausrüstungen und Ausrüstungen zur Nahrungsmittelherstellung sowie von
Eisenbahnfahrzeugen.

*)Zu den Abkommen zählen alle von Regierung zu Regierung abgeschlossenen Handels- bzw. Zahlungsabkommen im Verkehr zwischen Ost
und West sowie halbamtliche Abkommen, auf Grund derer sich die Handelstätigkeit im Jahre 1955 noch eine Zeitlang vollzog. Die halbamtlichen Abkommen wurden in ihrer Mehrzahl von besonderen Handelskontoren
- die von Ländern der freien Welt, welche das kommunistische Regime
nicht anerkennen, eingerichtet sind - mit den Handelsbehörden der
Sowjetzone Deutschlands getroffen. In der Praxis unterscheiden sich
diese Abkommen nicht wesentlich von den Abkommen von Regierung zu
Regierung. In fast allen Abkommen werden Mengen oder Wertquoten festgelegt, die, wenn auch nicht bindend, so doch ungefähr den Umfang andeuten, in welchem die betr. Regierung bereit ist, für die in Betracht
kommenden Waren Ein- und Ausfuhrgenehmigungen zu erteilen. Es besteht
im allgemeinen die Möglichkeit, die Quoten jeweils nach vorheriger
Vereinbarung zwischen den Kontrahenten zu erhöhen oder sonstwie zu
ändern.

- 9-

�Es folgt Griechenland mit den Abschluss von sieben Abkommen mit
europaeischcn Laendern im Roten Block. Die Tuerkei, Island und Argentinien
brachten es auf je sechs und Kolumbien auf eines. Birna schloss neue Abkommen mit fuenf Laendern im Roten Block und erneuerte ein Abkommen
aus dem Jahr 1954 Bit Rot-China. Der Sudan und Syrien unterzeichneten
je zwfci. Der Sudan und Kolumbien trafen erstmalig ein Handelsabkommen
mit dem Roten Block.
i

Zu den erwaehnenswerten Abkommen gehoert auch das zwischen der
Sowjet-Union und Oesterreich nach Abschluss des Staatsvertrags getroffene.
Bulgarien unterzeichnete vier neue Vertraege und fuehrt damit vor anüere
Rotblock-Staaten. Das komnunistische ITord-Vietnam traf mit seinem Vertrag
mit Prankreich sein erstes Handelsabkommen mit der freien V/elt.
Anzahl und Umfang aller dieser Handelsvertraege verdeutlichen die in
der Ausweitung der Handelsplanung des Roten Blocks liegenden Absichten.
KAPITEL II
DIE ZEIT DER HAITDELSKOHTAKTE UND DES DELEGATIONSAUSTAUSCHES
Die Genfer Besprechungen
Im Siebenten Bericht(Seite 1und 2) wurden in kurzen Umrissen die erfolglosen 3emuehungen der Vereinigten Staaten, Gross-Britanniens und Prankreichs auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs im Juli 1955 un-d gelegentlich des Treffens der Aussenminister daselbst in Oktober/llovember skizziert, mit der Sowjet-Union zu einer Vereinbarung ueber die allmaehliche
Beseitigung von Hindernissen zu gelangen, die einem friedlichen Handelsverkehr entgegenstehen. Die Unterhaendler der Sowjet-Union orklaerten sich,
wie in dem erwaehnten Bericht ausgefuehrt wird, auf der Konferenz im Herbst
lediglich bereit, ueber eine Beendigung der Ueberwachung des Handels mit
kriegswichtigen Guetern zu diskutieren. Die Vertreter der V.'estnaechte erhielten auf ihre Bereitschaft, etwaige Vorschlaege der Sowjetischen Delegation im Interesse einer fuer beide Seiten erspriesslichen und dem Frieden
dienlichen Entwicklung der Handelsbeziehungen wohlwoMend zu pruefen, keine
positive Antwort. Die Vereinigten Staaten, Grossbritannien und Frankreich
legten der Sowjet-Union nahe, die Schwierigkeiten abzubauen, mit denen Kaufleute aus dem Y/esten zu kaempfen haben, die die Sowjet-Union besuchen und sich
dort niederlassen wollen. Ferner wurden sie ersucht, wirtschaftlichen Eigentumsrechten, u.a. Patenten, angemesseneren Schutz zu gewaehren und in groesserem Hasse Produktions- und Handelsstatistiken zu veroeffentlichen. Die
westlichen Delegierten betonten, dass die ueberwachten, strategisch wichtigen Exporte, am Gesamtvolumen des Handels gemessen, nur einen geringen Prozentsatz ausmachten und dass sich der Sowjet-Union ausreichende I.Ioeglichkeiten zur Beteiligung am Handel mit zivilen Guetern boeten, wenn sie ihre
autarkischen Bestrebungen aufgaebe.
Am 31. Oktober 1955 entschloss sich Aussenminister Dulles im Interesse
der Foerderung des Handels mit zivilen Guetern zu einer wirklich versoehnlichen Geste, indem er ankuendigte, dass die Regierung der Vereinigten
Staaten "nach und nach" gewisse Vereinfachungen in den fuer Exporte nach
den europaeischcn Laendern im Roten Block angewandten Verfahrensweisen
herbeifuehren wolle. (Vergl. Seite 7)»
In einer 14 Tage spaeter abgegebenen Erklaerung lehnte es der sowjetische Aussenminister I'olotow ab, auf das Problem der Ausweitung des
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�Handels mit zivilen Guetern einzugehen? er forderte stattdessen
die Beseitigung der Ueberwachung des Handels mit strategisch wichtigen
Guetern. Er sagte t
"seit einiger Zeit werden von einer Anzahl Laender des Westens, besonders den Vereinigten Staaten, Massnahmen ergriffen, die sich auf
den Handel mit der Sowjet-Union und anderen Staaten nachteilig auswirken. Die Beendigung dieser Benachteiligung und Beseitigung der dem
internationalen Handel in letzter Zeit in den Weg gelegten Hindernisse und Erschwerungen waere fuer beide Seiten, Ost und West, von
Nutzen. Ohne die Beseitigung dieser Hindernisse koennen sich keine
normalen Beziehungen zwischen Ost und West entwickeln."
Landwirtschaftliche Delegationen besuchen die Vereinigten
Staaten.
Die Fuehlungnahme der freien Welt mit den europaeiechen Laendern im
Roten Block wurde in der zweiten Haelfte des Jahres 1955 verstaerkt.
Der auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs ausgesprochene Wunsch
nach staerkerem Kontakt zwischen den Voelkern in Ost und West fuehrte
zum Austausch einer Reihe von Delegationen. Auch die Sowjet-Union erleichterte die Einreise von Privatpersonen. Dagegen stellte sie ihre
ins Ausland reisenden Staatsangehoerigen weiterhin zu "gelenkten"Abordnungen zusammen, anstatt ihnen zu gestatten, sich als Einzelreisende
frei zu bewegen. Die Sinnesaenderung der Sowjets in der Frage der Einreisegenehmigung fuer auslaendische Abordnungen und Privatreisende
fuehrte dazu, dass sich die Zahl der nach der Sowjet-Union reisenden
Amerikaner - sowohl Privatpersonen als auch solche in amtlichem Auftrage - erhoehte.
Bis zu einem gewissen Grade benutzte die Sowjetregierung das Austauschprogramm als Mittel zur Verbesserung der Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten. Zum Beispiel besuchte eine vom amtierenden Landwirtschaftsminister Wladimir Maskewitsch gefuehrte 12-koepfige Abordnung im
August 1955 die USA, um dort die landwirtschaftliche Praxis, insbesondere die Schweinehaltung auf der Grundlage der Maisfuetterung zu studieren.
Die sowjetischen Landwirte waren stark am Kauf grosser motorisierter
Maehmaschinen, von Radschleppern aller Groessen und Neuballenpressen
interessiert. Waehrend ihres Aufenthalts in den USA kaufte die Abordnung 15 Bullen zur Verbesserung der Wirtschaftsrassen in der SowjetUnion .
Gegen Ende NoTember besuchte eine zweite, fuenfkoepfige landwirtschaftliche Delegation aus Sowjet-Russland unter Puehrung von Ilja
Emeljanow, stellvertretendem Direktor der wissenschaftlich-technischen
Abteilung des Sowjetischen Landwirtschaftsministeriums, die Vereinigten Staaten, um Hybrid-Saatmais und die zu dessen Pflanzung , Pflege
und Ernte notwendigen Geraete einzukaufen, wofuer dem Vernehmen nach
ein Gesamtpreis von 1 Mio Dollar gezahlt wurde. Der Generaldirektor
einer Saatzuchtfirma des mittleren Westens, deren Spezialitaet HybridSaatmais ist, hatte die Sowjet-Union und Rumaenien vorher besucht und
die sowjetrussischen Fachleute eingeladen.
Als erster Vasallenstaat im Roten Block entsandte Rumaenien eine dreikoepfige Handelsdelegation nach den Vereinigten Staaten. Ihr gehoerte
der stellvertretende Landwirtschaftsminister Dr. Virgil Gligor an. Sie
folgte, ebenso wie die zweite sowjetische Abordnung, einer Einladung
der vorerwaehnten Firma und traf am 27. November zu einem einmonatigen Besuch in New York ein.

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�Die rumaenische Delegation verfolgte den gleichen Zweck wie die
zweite sowjetische Abordnung: Sie war gekommen, um Hybrid-Saatmais
und Geraete zu kaufen. Sie erklaerte hei ihrer Ankunft, dass Rumaenien
die Handelsbeziehungen mit den USA wieder aufzunehmen wuensche und beabsichtige, 500,000 bis 1 Mio Dollar fuer den Ankauf von Hais zu Saatzwecken und 10 Satz Landwirtschaftsgeraet in bar auszugeben. Es wurde
versichert, dass weitere Kaeufe getaetigt wuerden, sofern man mit dem
Saatgut und dem Geraet zufrieden sei.
Sow.ietisch-Amerikanischer Handel und US-Senatoren
Hikita S. Chru8tschew, der Erste Sekretaer der Kommunistischen
Partei der Sowjet-Union, erklaerte in einem Interview mit fuenf USSenatoren am 12. September, dass die Sowjet-Union aus den Vereinigten Staaten Maschinen und lendwirtschaftliche Erzeugnisse beziehen
wolle. Er Hess durchblicken, dass Koskau im Austausch gegen amerikanische WarenKangan und andere strategisch wichtige Rohstoffe anbieten wuerde und meinte, eine Ausweitung des Sowjetisch-Amerikanischen Handels wuerde zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen
den beiden Laendern fuehren. Chrustschew ruegte, waehrend Uinisterpraesident beifaellig nickte, die üeberwachungsmassnahmen der Vereinigten Staaten bezueglich des Handels mit kriegswichtigen Guetern
und forderte deren Beendigung. Dann erklaerte er rund heraus: "Wir
begruessen den Warenaustausch weniger aus wirtschaftlichen Gruenden,
als vielmehr aus politischen Erwaegungen heraus als ein Mittel, zwischen unseren beiden Laendern bessere Beziehungen zu schaffen." Die
politischen und wirtschaftlichen Ziele der sowjetischen Handelspolitik wurden im Kapitel III des Siebenten Berichtes behandelt und
untersucht.
,
...
Konferenz der U1T Wirtschaftskommission fuar Europa ueber
Wirt schaft sfragen
Vom 26. September bis 14. Oktober, also zu einer Zeit, da der versoehnliche"Geist von Genf" noch lebendig war, kamen Vertreter von 26 Laendern zur vierten Sitzung des Hancelsausschusses der Uli Wirtschaftskommission fuer Europa. (SCE) in Genf zusammen, ur. ueber den Ost-West
Handel und seine "Wachstumsschwierigkeiten" zu konferieren. Achtzehn
Laender '..Osteuropas und die Sowjet-Union sowie ihre Vasallenstaaten
sandten Abordnungen. Ebenso waren die Vereinigten Staaten und Kanada
vortreten. Ausser den genannten Lcender-Delegationen entsandte der fuer
den Osten zustaendige, im Januar 1949-, zur Erweiterung der "wirtschaftlichen Zusammenarbeit" zwischen der Sowjet-Union und den europaeischen
Laendern im Roten Block ins Leben gerufene Ausschuss fuer gegenseitige
Wirtschaftshilfe (CEMA) seinen General-Sekretaer, A.A. Pav;low(SowjetUnion), der in zwangloser Form Verbindungen zum ECE-Sekretariat herstellen sollte.
Der Ausschuss eroerterte die Punkte der Tagesordnung in einer
freundlichen Atmosphaere. Ausser einer allgemeinen Aussprache ueber den
Umfang des Handels zwischen Ost und V/est, die Moeglichkeiten einer Erweiterung dieses Handels und die Handelsbeziehungen zwischen bestimmten Laendern, befa:..ste sich der Ausschuss auch mit sich aus der Erweiterung des Ost-West Handels ergebenden Einzelfragen, wie z.B. mit der
Uotwendigkeit, Vereinbarungen ueber die Kontenabrechnung zu treffen.
Waehrend der Konferenz fanden 120 zweiseitige Handelsgespraeche
statt. Sie wurden aber im allgemeinen mit Zurueckhaltung gefuehrt und
waren entsprechend unergiebig. Waehrend dieser Gespraeche tauschten die
Ilandelssachverstaendigen besondere Listen ueber Waren aus, die sie
- 12 -

�*ueri3Cht«nIm Laufe der Ausschussberatungen wiederholten die europaeischsowjetischen Blockstaaten die Behauptung, dass das Haupthindernis
fuer eine Erweiterung des Handels ihre Benachteiligung durch die Laender des Westens sei. Als Beispiel dafuer, wie sie benachteiligt wuerden, fuehrten die Rotblock-Staaten das Liberalisierungsprogramm des
Westens an, das, wie sie behaupteten, gegen den Grundsatz der Ileistbeguenstigung Verstösse, weil seine Vorteile nicht allen Laendern zugute kaemen. Die Ueberwachung des Handels mit kriegswichtigen Guetern
wurde nicht ausdruecklich erwaehnt, aber fast alle Vertreter aus Osteuropa spielten darauf an, indem sie von "unzulaessigen Geschaeftsnethoden" sprachen, die den Export aus restlichen Laendern behinderten.
Die europaeisch-sowjetischen Laender stellten fest, dass dieses Geschaeftsgebahren das fuer den Welthandel notwendige, gegenseitig« Vertrauen zerstoere und den Grundsatz der i'eistbeguenstigung verletze.
Immerhin fassten sie sich in der Bekanntgabe ihrer diesbezueglichen
Ansichten im allge einen kurz und trugen dies in einer dem freundlichen
Konferenzklima gemaessen Weise vor.
Die Beratungen des Ausschusses brachten keine Aufhebung von I.lassnahmen zur Verhinderung der Ausweitung des Handels zwischen dem Westen
und dem Sowjetblock, da der Ausschuss nicht err.-.aechtigt war, die Handelspolitik der Regierungen zu aendern. Das wesentlichste Ergebnis des
Treffens war vielleicht eine Besserung der psychologischen Voraussetzungen fuer die Behandlung von Händelsfragen und Fragen der Handelspolitik.
Die Abgesandten des europaeisch-sowjetischen Blocks befürworteten allgemein eine weitere Verstaerkung des Handels zwischen dem
Westen und ihrem Block und betonten die Moeglichkeiten, die sich ihrer
Meinung nach fuer einen erhoehten Warenaustausch boeten. Auch mehrere
Laender des Westens bekundeten ihr Interesse an verstaerkten Handelsbeziehungen zum europaeisch-sowjetischen Block. Gunnar Myrdal., Verv.-altungssekretaer der ECE, bezeichnete die Ergebnisse der Besprechungen
als "nicht gerade grossartig", prophezeite jedoch vorsichtig eine langsame, wenn auch stetige Zunahme des Handels zwischen dem europaeischsowjetischen Block und dem uebrigen Europa.

KAPITEL III
I1TDU3TRIEMESSE1T ALS INSTRUMENT DER.
AUSSEHPOLITIK DES ROTEN BLOCKS
Haeufigkeit, Kosten und Schwer-mnktgebiete
Mit dem Ziele, kommerzielle, politische und propagandistische Absichten miteinander zu verknuepfen, beteiligte sieh, der Rote Block im
Jahre 1955 an 149 Industrie-Hessen und Ausstellungen in 41 Laendern. Wi
die umstehende Darstellung zeigt, war also die Beteiligung staerker
als in den vier vorhergehenden Jahren»

�Übersicht über die Beteiligung des Roten Blocks an internationalen
Industriemessen und Ausstellungen in den Jahren 1951 - 1955
Anzahl der Länder, in
denen der Rote Block
sich beteiligte

Anzahl der Messen
und Ausstellungen
mit Rotblockbeteiligung

Freie V/elt

Roter Block

6
13
21
23
32

2
2
2
3
9

Beteiligung der
Rotblock-Länder
nach Anzahl eigcner lesse., tände

4

1951
1952
1953
1954
1955

8
20
58
60
149

20
92
120
125
288

Im Jahre 1954 hatte der Rote Block seine Erzeugnisse auf 60 Ausstellungen in 26 Ländern gezeigt und dazu schätzungsweise 10 Mio Dollar aufgewendet. Die Ausstellungskosten im Jahre 1955 betrugen etwa 38 Mio
Dollar, also beinahe das Vierfache dessen, was 1954 aufgewendet wurde*).
Ein eindrucksvolles Merkmal dieser bedeutsamen, zunehmend verstärkten
systematischen Beteiligung des Roten Blocks an Messen war die etwa
130^ige Zunahme der Anzahl der gezeigten Artikel von 125 im Jahre 1954
auf 288 im Jahre 1955«
Obgleich Westeuropa das Haupthandelsgebiet des Roten Blocks in der freien Welt ist, waren dessen Aufwendungen für Industriemessen in Westeuropa im Jahre 1955 etwas geringer, als für Ausstellungen in den entwicklungsbedürftigen Ländern Asiens und des Nahen Ostens, auf die in
zunehmendem Maße der Rote Block seine handelspolitischen Anstrengungen
konzentriert und wofür er dementsprechend auch mehr und mehr seine Geldmittel verwendet (Vergl. Übersicht IIl) . Teure und oft geradezu luxuriöse Ausstellungsstücke wurden unter heftiger Anpreisung in Zeitungen,
Zeitschriften und über Lautsprecher in 16 der sich neu entfaltenden
Ländern, wie z.B. Indien, Pakistan, Indonesien, Ägypten und Syrien,
gezeigt.
Der Rote Block gab für Industriemessen in Indien mehr Geld aus als in
irgend einem anderen nichtkommunistischen Lande; er beteiligte sich
ebenfalls stark an Messen in Jugoslawien, der Türkei, Griechenland,
Österreich, den Niederlanden und Schweden sowie in geringerem, jedoch
noch beachtlichem Maße in Argentinien, Island und Französisch-Marokko.
Im Dezember hieß es, daß der Rote Block im Jahre 1956 noch stärker auf
Industriemessen vertreten sein wolle, daß die Planung besser und die
Anzahl der ausgestellten Erzeugnisse größer und eindrucksvoller sein
werde als in vergangenen Jahren.

Die angegebenen 38 bezw. 10 Mio Dollar sind auf Grund der von den
Vereinigten Staaten vergleichsweise für Messezwecke gemachten
Aufwendungen geschätzt.

- 14 -

�Uebersicht III
Teilnahme des Roten Blocks an Industriemessen, Ausstellungen und
Sonderschauen ausserhalb seiner politischen Einflusssphaere
im Jahre 1 955
Land, wo
Hessen, Ausstellungen
oder Sonderschauen stattf.

Beteiligung des Roten Blocks * )
Tschecho Sow Z one Un- Po Ru- Bul- RotAnzahl UdSSR Slowakei Deuts Chi. garn len maen .gar.China

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Australien
Oesterreich
Belg. Kongo
Belgien
Bolivien
Burma
Kanada
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Daenemark
Ecuador
Aegypten
Aethiopien
Finnland
Frankreich
Franz. I'arokko
DeutschOundesRepublik
Gro ss-I;ritannien
Griechenland
Island
Indien
Indonesien
Italien
Japan
Libanon
Niederlande
Pakistan
Portugal
Schweden
Schweiz
Syrien
Tibet
Tunis
Tuerkei
Ver.Staaten
Jugoslawien

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*) Die Kreuze in der Aufstellung bedeuten, dass das betreffende kommu nistische Land mindesten« auf einer Lesse, Ausstellung oder Sonderschau der angegebenen Laender, aber nicht unbedingt auf allen dort
veranstalteten vertreten war.

-15

�Ziele
Kapitel I des Sechsten Halbjahresberichtes nit der Ueberschrift
"Die Wirtschaft als Waffe Moskaus" handelte von der Art und V/eise, in
welcher der Rote Block seit 1952 die Industriemessen dazu "benutzt, um
auch in den entwicklungsbeduerftigen Laendern Einfluss zu gewinnen, und
kam zu dem Ergebnis, dass mit dieser Politik"viel weiter gesteckte Ziele
als nur die Absatzfoerderung" verfolgt werden. Kurzum der Rote Block
brauche eine"LIehrzweck-Waffe" , um damit gleichzeitig Handel, Politik
und Propaganda treiben zu koennen. Entsprechend der Entwicklung der aussenwirtschaftlichen Politik und Programmgestaltung des Roten Blocks und
insbesondere mit zunehmender sowjetrussischer Leistungsfaehigkeit und
Lieferbarkeit von exportfaehigen Kapitalguetern wurden Industrienessen
zu einem Instrument, dessen sich der Rote Block bediente, um seine Handelsbeziehungen zu "normalisieren" und auszuweiten."Sie dienten seitdem
ferner zur Verwirklichung der Handelspolitik des Roten Blocks in seiner
Gesamtheit und wurden zu einem integrierenden Bestandteil eines offenbar
abgesprochenen Programms, das den Abschluss von Handelsabkommen und Kompensationsgeschaeften mit ueberschuessigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die Gewaehrung von Krediten fuer den Ankauf von Kapitalguetorn
durch die entwicklungsbeduerftigen Laender und die Behandlung der Frage
der Niederla ssung staendiger Vertreter am Platzevumfasst«. In Jahre 1955
gab es Anzeichen fuer ein anpassungsfaehigeres Geschaeftsgebahren der
Rotblock-Staaten auf Industriemessen und fuer eine groessere Bereitschaft,
zur Sicherung ihres Ausstellungserfolges von frueheren Geschaeftsnethoden
abzugehen. In frueheren Jahren ist es vorgekommen, dass Aussteller aus
Rotblock-Staaten nicht in der Lage oder nicht geneigt waren, Auskuenfte
ueber Preise, technische Einzelheiten, Lieferzeiten, Ersatzteile, Vertreter und Verkaufsstellen zu erteilen. Es zeigte sich ferner haeufig,
dass sie fuer die Herstellung einer grossen Anzahl der ausgestellten
Erzeugnisse zu Sxportzweckcn nicht eingerichtet waren. Dennoch wurden
1955 cnsehnlicUfc. Vertraege und Händelsabkonnen auf Ausstellungen abgeschlossen, und soweit Geschaefte nicht zustande kanen, wurde die Grundlage fuer spaetere Verhandlungen geschaffen. Berichten zufolge waren
europaeische Satellitenstaaten auf Grund von vorbereiteten Verkaufsprogranmen fuer exportfaehige Gueter in der Lage, an Ort und Stelle Auftraege entgegenzunehnen. In einigen Faellen waren Ausstellungsartikel dem
Gastland entweder zum Verkauf oder als Geschenk angeboten worden.
Auch in Jahre 1955 war die Propaganda wieder ein Hauptmoment bei
der Beteiligung des Roten Blocks an den Industrienessen. Flugblaetter
wurden auf den Ausstellungen verteilt und Reden wurden von RotblockFunktionaeren gehalten, in denen die sowjetische Version einer "friedlichen Koexistenz" empfohlen und auf eine "weltweite Entspannung", die
"Wiedervereinigung Deutschlands" und die "Beseitigung von Handelssperren"
gedrungen wurde. Die Groesse der Ausstellungspavillons des Roten Blocks,,
sowie die Anzahl und Vielfalt der ausgestellten Erzeugnisse sollten die
Besucher beeindrucken und ihnen sowohl die technische Vervollkommnung
als auch das Wirtschaftspotential und damit die unter den Konmunismus
genachten Fortschritte vor Augen fuehren und so die Anziehungskraft
des Kommunismus verstaerken und das Prestige des Roten Blocks erhoehen.

- 16 -

�Die Beteiligung des Roten Blocks.
In 18 Leonder gingen im Jahre 1955 die Ausstellungsstuecke der wesentlichsten sov;jetrussischen Industrieerzeugnisse; zwei Drittel
wurden nach nichtkonnunistischen Staaten verschickt. Im Vergleich
zu 1954 war die Sowjetunion in Jahre 1955 &amp;uf Industriemessen elfmal
vertreten. Zur Ueberraschung der Gastlaender sagte die Sowjetunion
im Vorjahr ihre Teilnahme an 11 bedeutenden Ausstellungen ab. El
wurden zwar keine besonderen Gruende angegeben, doch ist es moeglich,
dass die Absagen erfolgten, weil die Sowjets den Wettbewerb mit den
Vereinigten Straten , die sich in verstaerktem Masse an Ausstellungen
beteiligen, scheuten oder weil die Veranstalter der Ausstellungen
absichtlich oder aus Unfaehigkeit nicht genuegend Platz fuer eine
grosse sowjetische Standardschau geschaffen hatten.
Anlaesslich der Genfer Konferenz im Sonmer ueber die Verwendung der
Atomkraft zu friedlichen Zwecken , hatte die Sowjetunion eine
interessante Schau vercnstaltet. üeberhaupt bildeten Aucstellungsgegenstaende zur Demonstration der I.Ioeglichkeiten fuer eine friedliche Verwendung der Atomenergie einen Hauptanziehungspunkt ruf
1 955-er Hessen.
Die Entwicklung des Ausstellungswesens in Jahre 1955 ist gekennzeichnet durch des Erscheinen Rot-Chinas als bedeutendes Ausstellungsland und durch die fuehrenden Stellungen, die die Tschechoslowakei
und die Sorjetzone Deutschlands eingenommen haben, '..'aehrend Rot-China
im Jehre 1954 a n drei Industrienessen teilnahm, waren es im Jahre 1955
24. Im Jahre 1955 war die Tschechoslowakei, was die Beschickung von
Ausstellungen zur Foerderung des Außenhandels anbetrifft, der ruehrigste Re^raesentant des Roten Blocks. Sie war auf 30 Ausstellungen in
allen Teilen der V,relt vertreten. Auch Polen war sehr aktiv. Die Tschechoslowakei und die uebrigen Laender il| Roten Block konzentrierten ihre 3emuehungen hauptsaechlich auf Ausstellungen in entwicklungsbeduerftigen
Laendern, um ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diesen zu verbessern.
Die Politik der Sowjetzone Deutschlands zur Foerderung des Außenhandels
war u.a. wesentlich auf die Teilnahme an internationalen Industrieausstellungen gerichtet. Im Jahre 1955 beschickte die Sowjetzone Deutschlands 16 bedeutende Industrieausstellungen ausserhalb des Roten Blocks.
Sowjetzonen-Funktionaere stellten sehr kuehnc Behauptungen ueber das
erfolgreiche Abschneiden ihrer Zone auf Ausstellungen auf. Es ist zuzugeben, dass die Sowjetzone Deutschlands propagandistische und kommerzielle Erfolge erzielt hat. Diese Erfolge fanden ihren Ausdruck
nicht nur in der Verleihung der Goldenen Medaille an die Sowjetzone
anlaesslich der Messe in Damaskus, und zwar in Anerkennung der "vorbildlichen Aufmachung ihres Pavillons", sondern auch in der Reaktion
westdeutscher Hersteller, die bedauerten dass ihre Regierung, die
sich durch Teilnahme an derartigen Ausstellungen bietenden Moeglich!:eiten nicht in gleichem Masse wahrnehme.
Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Die Ausstellungen des Roten Blocks in Heu-Delhi und Buenos-Aires
im Jahre 1955 gehoeren zu den mit den lautesten Fanfarenstoessen
in nichtkommunistischen Laendern veranstalteten. Die Indische Industriemesse in Heu-Delhi fand im Hovember/Dezember statt und wurde
schaetzungsweise von 3 Millionen Menschen besucht. Ihre Beteiligung
an dieser Messe benutzte die Sowjetunion zu heftigen Bemuehungen
um die Foerderung des Absatzes ihrer Industrieausruestungen auf jenem
Markt t der nach ihrem Dafuerhalten besonderen Vorrang verdient« und
um ihre industrielle Leistungsfaehigkeit zu beweisen. Sie zeigte

�Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen, Lastwagen, Traktoren, Fahrraeder,
optische Artikel, Druckereimaschinen u.a.m. Die Tschechoslcwakei zeigte eine Auswahl von technischen Erzeugnissen und Oelbohrgeraete. Was
die Blockstaaten auststellten, sollte offensichtlich das Interesse von
Regierungsvertretern und Geschaeftsleuten auf sich lenken, die nach
Lieferquellen zur Ausweitung ihres Fabrikationsprogranms Ausschau hielten. Die Vertreter der Tschechoslowakei "behaupteten, Auf traege im Y/erte
von 7 Mio Dollar gebucht zu haben. Auch die Sowjetpresse meldete, dass
eine Reihe von Geschaeftsahschluessen fuer die Lieferung von Werkzeugmaschinen, Traktoren und Bohranlagen zustande gekommen sei.
Der sowjetische Pavillon auf der Ausstellung in Heu-Delhi beanspruchte
eine Flaeche von 2.000 qm. Dazu benoetigte die Sowjet-Union noch eine
Freiflaeche von 2.500 qm. Um ihrer Aufmachung noch ein besonderes Gepraege zu geben und auch das allgemeine Besucherpublikum anzulocken,
zeigte die Sowjet-Union Einiges, das nicht zum eigentlichen Ausstellungsgeschaeft gehoert, wie z.B. ein erleuchtetes Schaubild, welches das Y/asserkraftwerk in Kuibyschew veranschaulichte, die Darstellung einer im
Bau befindlichen, grossen Fabrik an der Wolga, das.Modell eines Hochofens,
wie er von sowjetischen Technikern in dem propagandistisch schon ausreichend ausgewerteten Stahlwerk in Bhilai/Indien aufgestellt wird, sowie ein in Betrieb befindliches Fernsehaufnähmegeraet.
Auf der Industrieausstellung in Bombay im Februar zeigten zwoelf tschechische Exportorganisationen Waren im Werte von ueber 2 Millionen Dollar,
vorwiegend technische Erzeugnisse und Flugzeuge. Nach Presseberichten
fand dasauf dem tschechoslowakischen Stand Gezeigte bei amtlichen indischen Stellen eine sehr guenstige Aufnahme.
Der Umfang und die luxurioese Aufmachung der Staende der Sowjets und
anderer Rotblockstaaten sowie die viele Reklame, die fuer sie gemacht
wurde, alles dies haette leicht den Eindruck entstehen lassen koennen,
dass der Rote Block eine bedeutende Stellung in Indiens Aussenhandel
einnaehme. Tatsaechlich aber war der Rote Block im Jahre 1955 an Indiens Einfuhren nur mit 1,7$ und an dessen. Ausfuhren nu* mit 2,^.beteiligt.
Die Hesse in Buenos Aires wurde am 21. Mai eroeffnet und dauerte 40
Tage. Dort wurden zum ersten Mal - und damit in Lateinamerika ueberhaupt - russische Y/aren gezeigt. Eine grosse Auswahl an Industrieerzeugnissen war von den Sowjets ausgestellt. Berichten zufolge haben
rund 2,3 Millionen Menschen einschliesslich einer grossen Zahl von Leuten aus lateinamerikanischen Hachbarlaendern diesen Stand besucht. Es
war ganz offensichtlich, dass die sowjetische Schau, die eine Flaeche
von 20.000 qm beanspruchte, dazu dienen sollte, die Geschaeftswelt Argentiniens mit Industrieerzeugnissen bekannt zu machen, die die Sowjets
nach Argentinien liefern koennen. Es gab auch Anzeichen dafuer, dass
der argentinischen Regierung-ihrerseits daran gelegen war, das Vertrauen und Interesse bezueglich sowjetischer Maschinen fuer Fabrikationsanlagen zu staerken, schon allein, weil sie glaubte, dass dies der
von ihr selbst im August 1953 in aller Form uebernommenen Verpflichtung ,
sich im Zuge ihrer Bestrebungen zur Entwicklung einer Anzahl eigener Industrien fuer die"Einfuhr sowjetischer Maschinen einzusetzen, nur dienlich sein koenne.
Die Ausstellung der Sowjets auf der Zagreber Messe nach Aussoehnukg
mit der Tito-Regierung war mit grosser Sorgfalt vorbereitet und durchgefuehrt worden. Die UdSSR zeigte die besten Modelle ihrer Maschinen
fuer die Schwerindustrie - Turbogeneratoren, Dieselmotoren, Bergwerks - 18 -

�und elektrische Ausruestungen, Lastwagen und Traktoren. Zur Unter haltung des Besucherpublikums zeigten die sowjetischen Aussteller
eine fahrbare Fernsehanlage.
Auf der Internationalen Industrienesse in Toronto in Pai und
Juni war als einziges Land im Roten Block die Tschechoslowakei vertreten. Sie war der Hauptaussteller aus dem Ausland und benoetigte
ueber 10$oder circa 20.000 qm messenden, an auslaendische Teilnehmer
vermieteten Gesamtflaeche.
In einem Bericht ueber die Hesse in Djakarta im August r.einte
die"ITew York Times", der Stand der Tschechoslowakei sei nicht nur
sehr eindrucksvoll, sondern auch dreimal so gross, wie der Stand
der Vereinigten Staaten gewesen.
'Penn die Teilnahme Polens an Industriemessen in der freien
'.Veit auch in erheblich kleinerem Umfang erfolgte, als die der
Tschechoslowakei, so haben die polnischen Behoerden dennoch nicht
verabsaeumt, sich gelegentlich der Posener Hesse 1955 um verstaerkte Handelsbeziehungen zu den Laendern der freien Welt zu bemuehen. Die vom 3. bis 24. Juli dauernde Hesse wurde von 15 Laendern diesseits und 8 Staaten jenseits des eisernen Vorhangs beschickt.
Der polnische Stand war der groesste, gefolgt von sowjetischen .
Nach Aussagen polnischer Hessebeanten schlössen die Teilnehmerstaaten Paufvertraege im Gesamtwert von 115 Hio Dollar ab.
Die Gowjetzone Deutschlands hatte weder Kosten noch Puehe gescheut, um die Leipziger Hesse wieder zur fuehrenclen Ausstellung
Buropas und zu einem zentralen Handelsplatz fuer Ost und West zu
machen, und war dabei nicht einmal gana erfolglos. Seit Wieder«
einfuehrung der Fruehjahrs- und Herbstmessen in Leipzig ist jedesnal
die Zahl der Aussteller und Besucher aus Ost und West gestiegen.
Sehr sorgfaeltig waren die Vorbereitungen zu den Hessen des Jahres
1956, und die Ausstellungsleitung sprach die Hoffnung aus, dass sie
einen neuen Besucherrekord und eine noch groessere Anzahl von Ausstellern, insbesondere aus entwicklungsbeduerftigen Laendern, wie
beispielsweise Indien und Aegypten, wuerde verzeichnen koennen.
Im Jahre 1955 erkannte nan, dass das Hesseprogranm des Roten
Blocks sich wirtschaftlich positiv auswirke und geeignet sei, zur
Verbesserung der Aussichten fuer die Handelsausweitung des Roten
Blocks beizutragen. Mit Hilfe seiner Ausstellungen konnte der
Pote Block seine kommerziellen und politischen Beziehungen zu vielen Laendern, vor allen zu den entwicklungsbeduerftigen Staaten ,
verbessern und festigen . Pls wichtige und nuetzliche Waffe der
kommunistischen Diplomatie dienten Ausstellungen, um den Roten
Block zu Einfluss und fuehrender Stellung in der Welt zu verhelfen.
Das Pesseprogramm der Vereinigten Straten
Die Betaetigung auf den Gebiet der dessen im Jahre 1955 war natürlich .nidr: ueberwiegend oder gar ausschliesslich der. Roten Block
vorbehalten. Das in Zusammenarbeit mit der eigenen Industrie aufgestellte Programm der Regierung der Vereinigten Staaten fuer die
Beschickung internationaler Hessen und Ausstellungen wird inner
umfangreicher und wirkungsvoller. Das Programm dient nach den 'Porten Praesident Pisenhowers dazu, "beredtes Zeugnis abzulegen von der
freien Wirtschaft in unseren Lande und soll wirkean zur Poerderung
des Welthandels beitragen. " .
Die erste

- 19

�Ausstellung, an der die Vereinigten Staaten in Rahmen des neuen Regierungsprogramms teilnahmen, war die Hesse in Bangkok vom 7. "bis 16.
Dezenter 1954. Seit der Hesse in Bangkok und "bis Ende Dezember 1955
waren die Vereinigten Staaten auf 2J Ausstellungen in Asien, Buropa,
Ilahost und Lateinanerika vertreten.*)
KAPITEL IV

ROTE "BIRTSCBAFT3-DI"L0LLVFIE" I E SEIT
EBTBICKLUUGS3BDUBRFTIGFJT LAERDER1T

Harx und seine Apostel
Ein entwicklungsbeduerftiges Land ist nach der Definition des Volkswirtschaftlers und Leiters des Forschungsinstituts in Stanford"Dr.
Eugene Staley", gekennzeichnet 1) durch staendige und nicht etwa durch
eine voruebergehende Katastrophe hervorgerufene allgemeine Armut unter
der Bevoelkerung: 2) durch eine veraltete gewerbliche Technik und gesellschaftliche Struktur. Die Armut ist demnach nicht allein eine Folge des Bangeis an Baturschaetzen, sondern koennte durch Ergreifung von
I'assnahmen, die sich bereits in anderen Laendern bewaehrt haben, gemildert werden, **) Entsprechend dieser Definition gehoeren zur Kategorie der entwicklungsbeduerftigen Laender alle Staaten Asiens und
Afrikas, fast alle Laender Lateinamerikas und einige Buropas. Bach Dr.
Staley betraegt die Gesamtzahl der Benschen in diesen entwicklungsbeduerftigen Laendern etwa 1,6 Ililliarden. Das sind also zwei Dritt oel
der 2,4 Billiarden zaehlenden Gesamtbevoelkerung der Erde. Im Bahnen
dieses Kapitels jedoch beschraenken sich die Ausfuehrungenueber die .
Ausdehnung der "Rubeldiplomatie" auf die entwicklungsbeduerftigen Laender
des Bähen Ostens, Suedasiens und Lateinamerikas. **«)
In den Schriften von Karl I.Iarx bzv/. seinen Betrachtungen und Voraussagen hinsichtlich der Unvermeidbarkeit eines toedlichen Konfliktes
zwischen Kapital und Arbeit spielen die entwicklungsbeduerftigon Gebiete keine besondere Rolle. I'arx glaubte, dass dieser entscheidende
Kampf sich innerhalb der hochentwickelten industrialisierten
*) Weitere Einzelheiten ueber dies Programm sind den ersten 6 Vierteljahreberichten ueber den besonderen Bilfsfonds des Praesidenten
den sogenannten "Emergency Fund for Participation in International
Affair»", fuer den Seitraum August 1954/Dczonber 1955.und dem Artikel "U.S. Bxhibits win Acclain at International Trade Bairs" im
"Foreign Commerce Beekly" von 9« Januar 1956 zu entnehmen. .
**) Eugene Staley : "The Future of Bnderdeveloped Countries, (3. 13),
herausgegeben 1954 "von Barper'; Brothers, Bew York, fuer den
Council on Foreign Relations.
»»•) Genauere Ausfuehrungen ueber die in dieser Binsicht entfaltete
Taetigkeit enthaelt die Abhandlung "Soviet Technical Acsistance",
Staff Study Ho. 7, July 12, 1956, Senate Foreign Subconmittee on
Technical Assistance Brograms, 84th Congress, 2nd Session, United
States Government Brinting Office, Washington 1956.

- 20 -

�Gesellschaft abspielen wuerde und dass das Vorhandensein "zurueckgebliebener"Gebiete sich aus der Tatsache erigebe, dass andere Staaten
sich auf der Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickelt haetten. Es blieb den Aposteln des Ilarxismus, einem Lenin, Stalin und Mao-Tse-tung vorbehalten, die ungeheuere Bedeutung entwicklungsbeduerftiger Gebiete zu erkennen und auf sie in Theorie und Praxis aufmerksam zu machen.
Grundlagen der Handelsoffensive
Die Wirtschaftsplaner des Roten Blocks sind zweifellos der Ansicht, dass
innerhalb der roten Sphaere nunmehr die vier grundlegenden Voraussetzungen fuer ein erfolgreiches Vordringen des Roten Blocks in die wichtigsten
Gebiete Asiens, des TTahen Ostens, Afrikas und Lateinamerikas - naemlich
ausreichende Wirtschaftskraft, kulturelle Grundlagen, technisches Personal und innere Ordnung und Stabilitaet - gegeben sind. In den erwaehnten Gebieten beginnt also jetzt das weltweit wirkende Spiel der
Wirtschafts-"Diplomatie". Die erste Voraussetzung, eine ausreichende
wirtschaftliche Grundlage, hat die Sowjet-Union nach und nach erarbeitet, und sie wird in Bezug auf industrielle Erzeugung zur Zeit nur von
den Vereinigten Staaten uebertroffen. In allen kommunistischen Laendern
stieg im Jahre 1955 die Industrieproduktion . Nach der von den Vereinten Rationen herausgegebenen"Uebersicht ueber die Weltwirtschaft im Jahre
1955" und dem "Wirtschaftsstatistischen Handbuch fuer Europa, 1955", herausgegeben von der UN Wirtschaftskommission fuer Europa (ECE) erhoehte sich die Gesamterzeugung in der Sowjet-Union um 12^, waehrend
bei einer getrennten Betrachtung von I'roduktionsguetern und Verbrauchsguetern fuer erstere ein Anwachsen um 16;$ und fuer letztere um y?o zu
verzeichnen war. Das Plan-Soll wurde ueberschritten beispielsweise bei
elektrischen Ausruestungen, Ausruestungen fuer das Verkehrswesen sowie
Ausruestungen fuer die Schwerindustrie, ferner bei der Oelfoerderung,
Stromerzeugung, hei Chemikalien und Motorfahrzeugen. Bei den Verbrauchsguetern wurden die Planziffern ungefaehr erreicht, aber es gab
auch eine Uebererfuellung des Solls beispielsweise bei den so wichtigen
Textilien, Schuhwaren, Uolkereierzeugnissen und Pflanzenoel. Andererseits waeren auch Beispiele fuer Richterfuellung angekuendigter SollZahlen anzufuehrenj dazu gehoeren Eisenbahnfahrzeuge, Roheisen, Schwefelsacure u.a. Erzeugnisse.
In der Mehrzahl der Laender hat die Agrarerzeugungerheblich aufgeholt.
Die Getreideernte in der gesamten Sowjet-Union war 1955 22^ hoeher als
im schlechten Srntejahr 1954» 2ur Erhoehung der landwirtschaftlichen
Erzeugungin den Laendern des Roten Blocks trugen bessere Wetterbedingungen und Massnahmen zur Besserstellung der Landwirtschaft bei; z.B.
eine erhebliche Steigerung in der Belieferung.mit Duengenitteln, landwirtschaftlichen Maschinen, Geraeten und Baumaterialien, die Senkung
von Steuern und des Ablieferungssolls, hoehere regierungsseitig vorgeschriebene Preise fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse und ein erhoehtes Angebot in technischen Verbrauchsguetern auf dem Lande. Die SowjetUnion erhoehte nicht nur ihre Wirtschaftskraft, sondern verstaerkte auch
ihren technischen Nachwuchs durch Erweiterung der Ausbildung von Ingenieuren und Technikern, die damit zum Einsatz in den entwicklungsbeduerftigen Laendern und auch im eigenen Lande zur Verfuegung standen, bzw.
stehen. Run, da die Sowjet-Union anscheinend ueber dieses wachsende
Wirtschaftspotential verfuegt, wird sie noeglicherweise ansehnliche
Mengen an Maschinen und Rohstoffen exportieren
und

- 21 -

�ausgebildete Techniker in Laender der freien Welt entsenden koennent
ohne dadurch die Erfuellung ihres intern-wirtschaftlichen Investitionsprogramms zu gefaehrden.
Hintergruende der Handelsoffensjve.
Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass die Herrscher Russlands schon immer gehofft und davon getraeumt haben, in Ilahost und
Suedasien festen Fuss fassen zu koennen. Das trifft auch auf die
kommunistischen Machthaber zu. Ihre Taktik ist es, die einheimisehen
Zustaende in den entwicklungsbeduerftigen Gebieten, also z.B.die Wellen des llationalismua und den Drang nach Unabhaengigkeit, ausgedehnte
Armut, soziale Unzufriedenheit sowie andere sich aus der "Revolution
der sich steigernden Erwartungen" ergebenden Uomente fuer ihre Zwecke
auszunutzen. Diese Momente und die Taktik der Kommunisten stellen die
freie Welt vor eine grosse Anzahl unheimlich verwickelter Problem*.
Ü8 war das unverhuellte Ziel des Roten Blocks im Jahre 1955»
die kommunistischen Einflussgebiete politisch, wirtschaftlich und
kulturell zu erweitern. Das Endziel, die ganze Welt kommunistisch
zu beherrschen und zu unterjochen, bleibt das gleiche. Eine verstaerkte Ilandelsoffensive, verbunden mit einer regen diplomatischen
Aktivitaet und Propaganda, war das Hauptmerkmal der 1955er Kampagne
in den entwicklungsbeduerftIgen Laendern. Auf dem Umweg ueber Handelsbeziehungen, Kreditgewaehrung, technischen Beistand und Industrieausstellungen war der Rote Block bestrebt, das noetige Interesse auf sich
zu lenken und in det entwicklungsbeduerftigen Laender Eingang zu finden, um die Machtsphaere des Roten Blocks auszudehnen. Andererseits
suchte er unter Ausnutzung politischer Spannungen, wie z.B. des Konflikts zwischen den Arabern und Israel, Zwietracht zu saeeen und. den
Westen zu spalten, und legte es mehreren Laendern dringend nahe, eine
neutrale Haltung einzunehmen bezw. zu bewahren.
Naturprodukte machen etwa vier Fuenftel der Gesamterzeugung
entwicklungsbeduerftiger Laender aus. Euer Reis, Gummi, Baumwolle,
Zucker, Jute, Getreide und andere in diesen Laendern ueber den Eigenbedarf hinaus erzeugten Naturerzeugnisse waren die freien Weltmaerkte nicht ausreichend aufnahmefaehig. Diese Situation bot einen
Anreiz zu Kompensationsgeschaeften mit dem Roten Block und fuehrte
zum Austausch von llaturprodukten aus entwicklungsbeduerftigen Laendern gegen Industrieerzeugnisse einschliesslich ganzer Fabrikanlagen
aus dem Roten Block. Ob diese Art des Tausches sich auf die Dauer
vorteilhaft fuer die entwicklungsbeduerftigen Staaten auswirken
wird, bleibt abzuwarten.
Wiewohl es sich im allgemeinen und an Weltmassstaeben gemessen
nur um kleine Mengen handelte, hatten diese dennoch ihre Bedeutung
fuer einzelne Laender, wie z.B. Birma, Aegypten, Afghanistan. Die
mit diesen Laendern und auch mit Indien, Indonesien und Syrien abgeschlossenen Handelsvertraege sahen die Lieferung ganzer Industrieanlagen durch die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, die Sowjetzone
Deutschlands und Polen vor. Dieser neue Zug in der Entwicklung des

-22-

�Handels mit dem Roten Block, der sich erheblich auf den Welthandel
auswirken kann, wurde zurückgeführt.
1. auf allgemeine taktische Überlegungen auf kommunistischer
Seite,
2. auf den wachsenden Bedarf der Rotblock-Länder an Rohstoffen
und ihren steigenden Ausstoß von Kapitalgütern,
5. auf den Bedarf der entwicklungsbedürftigen Länder an Kapitalgütern und die sich in den auf die Ausfuhr ihrer Agrarerzeugnisse angewiesenen Ländern stauenden Überschüsse.
Diese großen Überschüsse, die auf die Preise drückten oder auch
zu Preisschwankungen führten, veranlaßten die erwähnten Länder, auf
die handelspolitischen Avancen des Roten Blocks einzugehen. In einer
Anzahl von Fällen erbot sich der Rote Block zur Zahlung von Überpreisen für solche Waren, die die entwicklungsbedürftigen Länder
auf den Märkten des Westens nur schwer absetzen konnten.

Handelsverträge und Kredite
Wie im Kapitel I ausgeführt, ergab sich Umfang und Gestaltung
des Hanaels zwischen dem Roten Block und den Ländern der freien Welt
in erster Linie aus den abgeschlossenen Handels- und Zahlungsabkommen.
67 der Ende 1955 in Kraft gewesenen 174 Handelsverträge bestanden
zwischen dem Roten Block und entwicklungsbedürftigen Ländern in Nahost, Afrika, Asien und Lateinamerika. Sechs dieser Abkommen, und zwar
zwischen der UdSSR und Birma, zwischen der Tschechoslowakei und Ceylon,
zwischen Polen und Birma bezw. Paraguay sowie zwischen Rotchina und
Ägypten bezw. Syrien, wurden im Laufe der zweiten Hälfte 1955 abgeschlossen. Im gleichen Halbjahr und mit dem Ziel einer Inkraftsetzung
ab 1956 schloß Syrien neue Verträge mit der Sowjetunion, der Sowjetzone
Deutschlands und Polen ab, während Ceylon und Polen zu Vereinbarungen
gelangten. In Nahost hatte Ägypten die meisten Handelsabkommen abgeschlossen, nämlich sieben. In Süd- und Südostasien führte Indien mit
acht, gefolgt von Indonesien mit sieben. Es scheint, daß die RotblockStaaten im allgemeinen ihre Waren in zufriedenstellender Qualität geliefert und die Bedingungen der Handelsverträge erfüllt haben.
Die wirtschaftsdiplomatische Aktivität des Roten Blocks zeigte
sich vielleicht am augenfälligsten in der erheblich erweiterten Verwirklichung der roten Vorstellungen von einer "wirtschaftlichen und
technischen Hilfeleistung** . In keinem Falle war diese Hilfestellung
mit finanziellen Leistungen verbunden, abgesehen von kleinen Beiträgen
zum technischen Hilfsprogramm der Vereinten Nationen. Während vor
1955 noch wenige Kredite gegeben wurden, erweiterten die Sowjetunion
und die Tschechoslowakei ihre Planung für 1955 i n materieller Hinsicht und konzentrierten ihre Bemühungen auf die unterentwickelten
Länder. Die mit diesen Ländern im Laufe des Jahres 1955 getroffenen
Kreditabkommen lauteten auf insgesamt nahezu 600 Mio Dollar. Den
überwiegenden Anteil erhielten Jugoslawien, Ägypten, Afghanistan und
Indien. Über zwei Drittel der Gesamtkreditsumme stellte die Sowjetunion. Im Rahmen der Bedingungen beträgt der Zinssatz 2 bis 2 1/2 $j
die Rückzahlungsfristen können verlängert werden, und in bestimmten
Fällen

- 25 -

�ist die Rueckzahlung in Landeswaehrung oder in Landeserzeugnissen
moeglich.
Bis zum Sommer 1953 hatte der Sowjetblock die technischen Hilfsprogramme der Vereinten Nationen mit der Begruendung boykottiert, dass
damit bezweckt werde, die unterentwickelten Laender zu "Rohstofftraban ten" der Vereinigten Staaten und anderer Westmaechte zu machen. Am 15.
Juli 1955 verkuendete die Sowjetregierung, sie werde sich mit 4 Mio
Rubel(nach dem offiziellen Umrechnungskurs etwa 1 Llio Dollar am Fonds
zur Finanzierung technischer Hilfsprogramm« der Vereinten Nationen beteiligen. Der Beitrag wurde 4 Monate spaeter auf einer Besprechung
ueber die Unterstuetzung der technischen Ililfsprogramme amtlich zugesagt. Auf dieser Konferenz sagte ferner. Polen 75»000 Dollar, Y/eissrussland 50.000 Dollar, die Ukraine 125.000 Dollar zu. Die Tschechoslowakei erklaert«, sich 1954 beteiligen zu wollen.
Diese Zusagen liessen erkennen, dass die neue Politik in einem
gemeinsamen Vorgehen der Sowjetblock-Laender bestand und auffallend
mit einer allmaehlich verstaerkten Hinwendung zu kommerzieller und
technischer Hilf« fuer die entwicklungsbeduerftigen Laender einherging.
Als Beweggruende wurde allgemein angenommen, dass die UdSSR einmal die
nachteilig« propagandistische Wirkung ihres Abseitsstehens erkannte,
zum anderen auf dem Umweg ueber die Vereinten Nationen den kommunistischen Einfluss in den entwicklungsbeduerf tigen Laendem verstaerken
wollt«, indem sie sowjetrussische Techniker ins Ausland entsandte und
Stipendien an sowjetrussischen Universitaeten gewaehrte, und ferner
danach strebte, die entwicklungsbeduerftigen Nationen fuer den Abschluss
vonllandelsvertraegen zu gewinnen und Rohstoff« von ihnen zu beziehen.
Propaganda gehoert dazu
Die Bemuehungen des Sowjetsblock», in den entwicklungsbeduerftigen Laendern vorzudringen, waren von honigsuessen Erklaerungen des
Parteichefs der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union Ghruschtschew
und seiner Genossen begleitet. Danach seien die Beziehungen des Sowjetsblocks zu den genannten Laendern auf den Grundsaetzen friedlicher
Koexistenz, der Gleichberechtigung und Achtung der Rechte Aleiner Voelker, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Voelker und Abstandnahme von Angriffshandlungen sowie der gegenseitigen Beguenstigung aufgebaut. Das Verlockendste an diesen Freundschaftsbeteuerungen waren die Hinweise auf gemeinsame Interessen, auf die moegliche
Ausweitung internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit , auf die
Aussichten fuer einen riesigen Absatzmarkt im Sowjetblock und schliesslich auf die Hoeglichkeit der Frlangung nationaler Unabhaengigkeit , de*
wirtschaftlichen Weiterentwicklung durch schnelle Industrialisierung
und des sozialen Fortschritts. Nach den abgegebenen Versicherungen seien
die technischen Ililfsprogramme der Sowjets rein geschaeftlicher Natur,
d.h. es seien keine politischen Ziele damit verknuepft, wohingegen die
Programme der Vereinigten Staaten nach sowjetischen Behauptungen die
Forderung nach Unterstuetzung des "agressiven Militarismus" Amerikas beinhalteten. Kit diesen Behauptungen vrarder. die "kapitalistischen Firmen"
so hingestellt, als ob sie versuchten, alle Uaerkte mit ihren Waren
zu ueberschwemmen, waehrend «s die Politik des Sowjetblocks sei, jtter
die Erzeugnisse zu liefern, die die entwicklungsbeduerftigen nicht gut
selbst herstellen

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�koennten. Vertreter des Sowjetblocks erklaerten nachdruecklich, dass
ihre Anleihebedingungen guenstiger seien, als die der Laender der
freien Welt, und die entwicklungsbeduerftigen Staaten nicht zur Unfreiheit verurteilten, wie es die Bedingungen der kapitalistischen Laender taeten.
Im Rahmen ihrer Handelspolitik, ihrer Plaene fuer die Gewaehrung
technischen Beistandes und ihrer Propaganda verlegten sich die Staaten
im Sowjetblock aus psychologischen und Reklamegruenden teilweise auf die
Durchfuehrung von Vorhaben sichtbaren und bleibenden Wertes (wie z.B.
die Pflasterung der Strassen von Kabul) und fanden damit Anklang bei
den Empfaengerstaaten. Der Sowjetblfcck sorgte ferner fuer den beschleunigten Abschluss von Vertraegen uebcr die Gewaehrung technischer Hilfe,
und ungefaehr einen Llonat nach Vereinbarung des technischen Beistandes
erschienen gewoehnlich die roten Techniker zur Aufnahme ihrer Arbeit an
den jeweiligen Vorhaben. Technische Vertretungen foerderten nicht nur
den Verkauf von Ausrüstungen aus den Sowjetblock-Laendern, sondern
sorgten auch fuer eine Ausweitung und Staerkung des kommunistischen
Einflusses. IIach bis heute vorliegenden Einzelheiten scheinen die technischen Beistand aus den Laendern im Sowjetblock in Anspruch nehmenden
Staaten nit der geleisteten Arbeit und dem erzielten Fortschritt zufrieden zu sein, und die neutralen und "ungebundenen" Laender scheinen
die laufende wirtschaftliche und technische Hilfe des Sowjetblöcks als
fuer ihre Unabhaengigkeit ungefaehrlich anzusehen.
Vorstoesse in den Uahen Osten.
Im Jahre 1955 konzentrierte der Rote Block (also einschliesslich Rote»
Chinas) 3eine Bemuehungen auf den Uahen Osten. Seine "Offensive" bis nach
ITordafrika bestand in der Anknuepfung von Handelsbeziehungen, in der
Gewaehrung von Waffenhilfejwirtschaftlichen und technischen Beistandes
sowie in der Anbahnung kultureller Beziehungen. Bei einer Beyoel'zerung
von ueber 100 Hillionen Koepfen foerdert der Nahe Osten 20$ der Weltproduktion an Rohoel und Erdgas. Er verfuegt, soweit festgestellt, ueber
zwei Drittel der gesamten Rohoelreserven der Erde. Der liehe Osten macht
einen Wandlungsprozess durch} er umfaest ein Gebiet von zunehmender
wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung. Die ungeklaerte politische
Lage und der wachsende arabische Nationalismus.bieten dem Konmunismus
verlockende Gelegenheiten zu Manoevern und zur Wahrnehmung, eigener
Vorteile.
Das Gesamtvolumen des Handels zwischen dem Roten Block und dem
Nahen Osten stieg im Jahre 1955 wertmaessig mit 85 Mio Dollar deutlich
an, und es ist zu erwarten, dass die Aufwaertsbewegung anhalten wird.
Auffallend war die Verlagerung des Handels mit Hahost in den Jahren
1954/55 von der freien Welt nach dem Roten Block. Der ITahosthandel
Nordamerikas und Westeuropas ging in diesen. Jahren zurueck. Das lag dem
Bericht der Vereinten Nationen ueber die "Wirtschaftliche Entwicklung
im Vorderen Orient, 1954 und 1955"(Economic Development in the I.Iiddl«
East") zufolge zum Teil an Absatzschwierigkeiten fuer groessere Posten
der jeweiligeil landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse und demgemaess
an einer Zunahme der Kompensationsgeschaefte (ueberschuessige Naturprodukte gegen Ha«ohinen) r.iit der kommunistischen Welt. Da die Laender
in Hahost keine preisguenstigen Haerkte fuer ihre Erzeugnisse in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Kanada fanden, schalteten sie auf

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�den Handel mit dem Roten Block um.
Dem Beispiel anderer Hahostlaender (ausser Israel) folgend, "bauten
die Tuerkei und der Iran - beide Laender sind Mitglieder des antikommunistischen Bagdad-Takts - ihre Handelsbeziehungen zum Roten Block
systematisch aus. Der Umsatz der Tuerkei im Handel mit den Roten Block
stieg 1955 nit einer wertmaessigen Erhoehung um 60 Mio Dollar merklich
an, In Laufe der Jahre 1953 "bis 1955 erhoehte sich der Anteil der 3ezuege der Tuerkei aus den Rotblocklaendern an ihrer Gesamteinfuhr um
dae Dreifache, und zwar von 5»5$ auf 18,3$. Die Exporte der Tuerkei
nach dem Roten Block - es handelte sich dabei hauptsaechlich um Tabak,
Baumwolle. Viehfutter und ITuesse, also um Waren, die keiner Sperre unterliegen - erreichten 1955 einen Gesamtwert von 68,6 Mio Dollar gegenueber 55»1 Hio Dollar im Jahre 1954. Gegenueber 16,5$ im Jahre 1954 erhoehte sich der Anteil der Exporte der Tuerkei nach dem Roten Block an
ihrem Exporthandel mit der gesamten Welt im Jahre 1955 auf 21 ,8$.
Israel zeigte augenscheinlich keine Neigung, seine Handelspolitik
auf den Roten Block umzustellen, sondern zog es vor, seinen Handel mit
Finnland, Jugoslawien und der Tuerkei auszuweiten. Dagegen war Syrien
sehr an Geschacftsverbindungen mit dem Roten Block gelegen. Es schloss
daher im November einen Handelsvertrag nit der Sowjetunion ueber Lieferungen von syrischer Baumwolle, Trockenobst, Oelfruechten, Tabak,
Kunstseide u.a.m. gegen Fabrikausruestungen, landwirtschaftliche Geraete,
Lastwagen usw.
Kanonen fuer Baumwolle
Auf Aegypten konzentrierten sich 1955 das Interesse und die Bemuehungen des Roten Blocks. Zu seinen Schritten wurde er ermutigt, durch
Aegyptens Staatspraesident Gamal Abdel Hasser, der bei verschiedenen Gelegenheiten erklaert hatte, dass Aegypten kommerzielle, wirtschaftliche
und technische Hilfe von kommunistischen Laendern annehmen werde, wenn
dies in seinem nationalen Interesse laege.
Aegyptens Umsaetze im Handel mit dem Roten Block stiegen 1955 um
etwa 59 Mio Dollar. Der Anteil des Roten Blocks an Aegyptens C-ecantausfuhr
betrug etwa 27$. Im Laufe der Jahre 1953-1955 verdoppelte Aegypten den
Anteil seiner Exporte nach dem Roten Block. Zum Teil ist diese Ilandelsausweitung dem Abschluss von sieben Handelsabkommen zwischen Aegypten
und Rotblock-Staaten im Jahre 1955 zuzuschreiben. Rot-China hatte
wachsenden Anteil an den sich ausweitenden Handel, angeblich auf Grund
der Besprechungen, die Staatspraesident Hasser mit dem Ministerpraesit
denten Rot-Chinas, Tschu En-Lai, auf der asiatisch-afrikanischen Konferenz in Bandung im April 1955 fuchrte.
Baumwolle bildet die Grundlage der aegyptischen Wirtschaft. Sie
ist der Ilauptposten im Volkseinkommen und Aögyptens Ilauptdevisenbringer.
Von jeher bestand der Gesamtexport Aegyptens zu mehr als 80$ aus Baumwollieferungen. Mitte 1955 war die Lage auf dem Weltmarkt infolge grosser Baumv/ollueberschuesse beunruhigend flau und man fuerchtete in Kairi
dass die Baumwollpreise weiter sinken wuerden. Den Rotblock-Staaten,
die sich unbedingt eine BrueckenkopfStellung am.ITil schaffen wollten,
kamen die Baumwollueberschuesse und Aegyptens Befuerchtungen sehr ge-

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�legen, un Abkommen mit Aegypten lieber den Austausch von Reis und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und Waffen zu treffen.
Mitte Juli 1955 unterzeichneten Aegypten und die Tschechoslowakei
ein Handels- und Zahlungsabkommen, Am 22, August folgte ein Dreijahresabkommen mit Rot-China. Ein Tauschgeschaeft - Baumwolle gegen Erdoel wurde mit der UdSSR vereinbart, und im ITovember kam ein Handelsvertrag
mit der Sowjetzone Deutschlands zustande. Auf Grund der verschiedenen
Handelsvertraege erhoehte sich der Anteil der kommunistischen Laender
an Aegyptens Baumwollausfuhr, der waehrend der Jahre 1946-1954 im Durchschnitt 1JjG betragen hatte, auf 217S im ersten Halbjahr 1955 und auf 40$
im zweiten Halbjahr 1955« Einige Rotblock-Staaten haben angeblich ueber
der. Weltmarktpreis liegende Preise fuer Aegyptens langfaserige Baumwolle
gezahlt.
Im September erklaerte Staatspraesident Hasser, der einen Tlonat vorher eine Einladung zum Besuch der Sowjet-Union erhalten hatte, cB cei
ein von den Sowjets vermitteltes Geschaeft eingegangen, wonach er tschechische Waffen im Werte von angeblich 100 bis 250 Mio Dollar erhalte,
die mit Baumwolle zu bezahlen seien. Vor amtlicher Bekanntgabe des Tauschgeschaefts, uebor das schon mehrere Wochen lang Geruechte in Umlauf.gewesen waren, hatten Vertreter Aegyptens erklaert, iass Aegypten sowjetische Waffenlieferungsangebote annehmen muesse, falls sein Land keine
Waffen aus dem Westen erhalten koenne. Ar. 20. Oktober lief der sowjetische Frachter "Stalingrad" mit der ersten Waffonladung aus der Tschecho Slowakei in Alexandria ein. Die Ladung bestand aus 153 Kisten; damit soll
zum ersten Mal ueberhaupt ein kommunistisch regierter Staat Waffen an ein
arabisches Volk geliefert haben.
Bulganins und Chruschtschews Reise nach Suedasien
Im ITovember/Dezember machten I.Iinisterpraesident 3ulganin und
Chruschtschew eine triumphale "Freundschafts"-Rundreise durch Indien,
Birma und Afghanistan. Die einmonatige Reise, die am 17. ITovember in
I.'oskau begann, wurde in der Sowjet-Union als ein gewaltiger Schritt in
Richtung auf die Srfuellung des ehrgeizigen Wunsches vor. Generationen
von Staatsmaennern Russlands, Einflussgebiete in Suedasien zu gewinnen,
angesehen. Der aeussere Anlass der Reise war der Wunsch, die vorangegangenen Besuche Pandit Nehrus und U ITus, des I.ünisterpraesidenten von Birma,
zu erwidern. Der wahre Zweck aber war der, durch Festigung der"Freundschaft" und durch Foerderung der Handelsbeziehungen sowie als Gegengewicht
gegen die von Westen gestuetzte Suedostacien-Pakt-Organisation (die 3EAT0)
die neutralen Voelker Asiens zu einer Front zu vereinigen. Dem Besuch der
beiden Sowjetpolitiker gingen Bemuehungen voraus, Indien, Birma und Afghanistan handelspolitisch an den Roten Block zu binden - man denke z.B. nur
an das Abkommen ueber den Bau eines Stahlwerks im Herzen Indiens(Vgl. Bericht VI, Kapitel 1).
Das in wirtschaftlicher Hinsicht Bemerkenswerteste an diasa- Bu*i£aeh
bedeutsamen Reise durch Indien war das am 13« Dezember herausgegebene gemeinsame Kommunique, .mit dem der Abschluss eines Handelsvertrags bekannt
gegeben wurde. Danach kauft Indien der Sowjet-Union im Laufe von 3 Jahren
gereohnet ab 1956, 1 Mio t. Stahl und verschiedene Ausfuehrungen von Bohrund Bergwerksausruestungen sowie andere Geraete ab. Dafuer erklaerte sich
die UdSSR bereit, Rohstoffe und Fertigwaren im entsprechenden Gegenwert

27 -

�von Indien zu beziehen. Der Vertrag sieht ferner die Einrichtung von
Dampferlinien vor, die von indischen und sowjetischen Schiffen "befahren
werden sollen, um die Transporte in beiden Richtungen zu "bewerkstelligen. Indien und die UdSSR kamen ueberein, baldigst Abordnungen auszutauschen, um Zahlungs- und Lieferbedingungen zu eroertern und um zu
wirtschaftlichen Abmachungen zu gelangen, die die Erreichung de3 groesstnoeglichen Volumens im Handel zwischen den beiden Laendern sicher
stellen sollten. Es wurde so gerechnet, dass das Inkrafttreten des Handelsvertrages zeitlich mit dem Anlaufen des zweiten indischen Puenfjahresplan im April 1956 zusammenfallen solle.
aoü
Mit dem Besuch von Bulganin und Chrutschew erreichte die "Bearbeitung" Indiens durch die Sowjets ihren Hoehepunkt. Die Sowjet-Union
konnte als Ergebnis erhebliche propagandistische Gewinne buchen. Weitere
Momente»die sich fuer die Stellung der Sowjet-Union guenstig auswirkten,
waren 1) ihr Angebot, Indien ihre mit der friedlichen Verwendung der Atomenergie und dem Bau von Fabrikanlagen gewonnenen Erfahrungen zur
Verfuegung zu stellen; 2) der Eingang von Lieferungen zur Ausruestung
des Stahlwerks und die Ankunft von Fachleuten in Indien; 3) das Angebot, Indien in allen Bereichen der Schuerfarbeiten, der Oelgewinnung
und der Oelraffinerie Hilfe zu gewahren; 4) der Eingang der "eraetschaften fuer ein 15.000 Korgen grosses Staatsgut, deren Lieferung dem Mlnisterpraesidenten ITehru bei seinem Besuch in Moskau zugesagt worden war.
Die Cesamtunsaetze im Handel zwischen dem Roten Block und Suedasien sowie dem Fernen Osten erhoehtej sich 1955 ura etwa 120 Mio Dollar.
Indiens Handel mit dem Roten Block stieg v/ertmaessig um ueber 18 Mio
Dollar. Bis Ende 1955 hatte Indien acht Handelsvertraege mit RotblockStaaten abgeschlossen. Dennoch war der Rote Block an Indiens Einfuhr
nur mit 1,77= und an dessen Ausfuhr nur mit 2,1fa beteiligt. Die Umsaetze
im Handel zwischen dem Roten Block und Indonesien, mit welchem sieben
Handelsabkommen bestanden, stiegen 1955 um etwa 50 Ilio Dollar, im Falle
Ceylons dagegen gingen sie um J&gt;6 Ilio Dollar zurueck.
Der Reis als ""äffe.
Reis ist das landwirtschaftliche Haupterzeugnis und bildet die
Hauptnahrung der Bevoelkerung in allen Laendern Asiens. Bei seinen Bestrebungen, in Birma Einfluss zu gewinnen, operiert der Rote Block
hauptsaechlich mit dem Aufkauf von Reis, einer Ware, die Birma mit
sehr erheblichen Ucberschuessen erzeugt und daher stark exportieren
nuss, um seine wirtschaftliche Stabilitaet zu erhalten. Der Anteil des
Reishandels an Birmas Exporterloesen betraegt 70 bis 80Jo»und die Staatseinnahmen haengen stark vom Reishandel ab. Da Birma Schwierigkeiten
mit dem Absatz des Reises auf seinen traditionellen Harkten hatte, fanden die Rotblock-Staaten mit ihren im Jahre 1955 staendig zunehmenden
Reisaufkaeufen die geeignete Einbruchstelle, um die Wirtschaft Birmas
von sich abhaengiger machen zu'koennen.
Im Jahre 1955 stieg der Wert der im Handel zwischen Birma und dem
Roten Block umgesetzten Waren nach vorlaeufigen Schaetzungen um ueber
23 Mio Dollar. Mit '\2?o war der Rote Block 1955 an Gesamtexport Birmas
beteiligt gegen weniger als 1$ v/aehrend des Seitraums 1950-54« Fuenf
neue Handelsvertraege schloss Birma mit Rotblock-Staaten ab, und zwar
mit der UdSSR, der Tschechoslowakei, der Sowjetzone Deutschlands, Un-

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�garn und Polen; es erneuerte einen Vertrag mit Rot-China aus den Jahre
1954» In Rahmen dieser Vertraege wurden Reis, Uineralien, Gummi, Hol«
und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und einige Verbrauchs{jueter
ausgetauscht. Reis war das Haupthandelsobjekt. Die Reismengen, die Birma
ausfuehrte, stiegen von 1,5 Mio in Jahre 1954 auf 1,7 Tonnen im Jahre
1955 an. 2y/o davon nahmen die Rotblock-Staaten ah. Die kommunistischen
Abnehmerstaaten verwendeten den Reis nicht ausschliesslich fuer sich,
sondern lieferten ihn teilweise weiter an ITordvietnam und Ilordkorea.
Einige Mengen wurden sogar an Laender der freien Y/elt v/eiterverkauft.
.'.ls I.Iinisterpraesident U !!u Ende Oktober Moskau besuchte, dankte
er der UdSSR fuer die Befreiung seines Landes von einer Y/irtschaf tskrise
durch Abnahme seiner Reisueberschuesse und sprach den Y/unsch aus, fuer
den Reis Fabrikausruestungen und Maschinen sowie Techniker aus der SowjetUnion zur Verfuegung gestellt zu erhalten. Am 22..Februar 1955 hatte er
angekuendigt, dass die Sowjet-Union in Baelde 200.000 t Reis aus Birma
beziehen und Birma im Austausch mit Industrieausruestungen beliefern
wuerde.
Am 7» Dezember trugen Bulganin und Chruschtschew ihre "Reis-Offen3ive"
vor, indem sie mit Birma ein Wirtschaftsabkommen schlössen. Danach
nimmt Birma die Hilfe der Sowjets fuer seine landwirtschaftliche Y/eiterentwicklung, fuer den Bau von Berieselungsanlagen und die Errichtung
von Industrieanlagen in Anspruch. Die Sowjet-Union versprach auch den
Bau einer technischen Hochschule in Rangun und die Lieferung des daffctr
notwendigen Inventars als Geschenk an das birmesische Volk. Das Abkommen sieht vor, dass Birma die fuer seine Landwirtschaft und Industrie
gewaehrte Hilfe mit Reis bezahlt und dass die Sowjet-Union mit einem
Zahlungsaufschub einverstanden ist, wenn nicht genuegend Reis zur Verfuegung steht.
Der klingende Rubel
Die Ruehrigkeit, mit der die Sowjets versuchen, Afghanistan ihren
"technischen Beistand" angedeihen zu lassen, geht auf ihre Bcmuehungen
um die Erweiterung ihrer Handelsbeziehungen zurueck. Es scheint jedoch,
dass eher strategische Interessen auf lange Sicht im Spiele sind, als
das Bestreben, aus Einfuhren aus Afghanistan unmittelbar nutzen zu
ziehen.
Bis Mitte ITovember 1955 waren als Ergebnis der Werbung Moskaus
um Afghanistan Pressemeldungen zufolge 500 sowjetische Techniker an
Ort und Stelle, um den Afghanen beim Bau von Oeltanklagern, Getreidesilos und der Ausfuehrung sonstiger Grossbauvorhaben zu helfen.
Zeitungskorrespondenten meldeten "glaenzende Erfolge". Als Folge seiner
heftigen Anstrengungen zur Foerderung der Handelsbeziehungen zu
Afghanistan war der Sowjet-Block im Jahre 1955 vermutlich zu etwa 50$
am gesamten ..ussenhandel dieses Landes beteiligt. Das YAirken der Sowjets in Afghanistan wird noch unterstuetzt und ergaenzt durch die
Satellitenstaaten, besonders durch die Tschechoslowakei, die eine
Zementfabrik baut. Im An3chluss an die Meldung des afghanischen Rundfunks, dass Afghanistan der Einladung, eine Militaermission nach der
Tschechoslowakei zur Besichtigung des modernsten
Kriegsmaterials

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�Kriegsmaterials zu entsenden, Folge leisten v/erde, war im ITovember
aus Zeitungsberichten zu entnehmen, dass Afghanistan ein Y/affenlieferungsangebot der Tschechoslowakei anzunehmen beabsichtige.
"inisterpraesident Bulganin und Chruschtschew besuchten zum
Abschluss ihrer Reise durch Suedasien Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Den Iloohepunkt des Besuches bildete am 18. Dezember
die Erklaerung, dass die Sowjet-Union Afghanistan einen langfx.siegen 1 CO Kio Dollar-Kredit zur landwirtschaftlichen Weiterentwicklung, zun Bau von V.'asserkraf twerken, Berieselunganlagen,
Autoreparaturwerkstaetten und zum ".'Wiederaufbau des Plughafens
von Kabul einraour.en werde; Die beiden Staaten kftmen ferner ueber
ein, die freundschaftlichen Beziehungen politisch und kulturell
auszubauen V.aeh£end ihr.es Bocuches machten die Sowjetfuohrer
Afghanistan: ein Krankenhaus, mit einhundert Betten sowie der Stadt
::abul 15 Omnibusse zum Geschenk. Diese grossangelegto Hilfeleistung
erfolgt - so wird das jedenfalls gedeutet - im Rahmen eines Klans
der Sowjets, ihre Stellung in Afghanistan zu festigen und dessen
dauernde Keutralitaet sicherzustellen, sowie als Gegengewicht zur
Freundschaft der Vereinigten Staaten mit der Tuerkei, dem Iran und
Pakistan.
Rubelklaenge in Lateinamerika
Kur drei Staaten Suedamerikas, naemlich Argentinien, Uruguay
und Kexiko, unterhalten diplomatische Beziehungen zur Sowjet-Union,
waehrend mehrere andere Laender derartige Beziehungen zu sonstigen
Straten im Sowjetblock haben. Der Anteil des Roten Blocks (unter
Einschluss Rot-Chinas) am Gesamtaussenhandel Suedamerikas oetrug
1955» wie auf Seite 8 erwaehnt, nur 2cp, Innerhin sind die Bemuehungen des Roten Blocks um eine Ausweitung seiner Handelsbeziehungen
zu Suedanerika seit 1953 nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Die
Geschaeftsleute in den Vereinigten Staaten unterschaatzen keineswegs die Bedeutung des handelspolitischen Vordringens des Roten
Blocks mit der damit verbundenen Aussicht auf schaerfere Konkurrenz und den sich fuer die kommunistischen Karteien in. den einzelnen Laendern ergebenden Vorteile.
In Verlauf der roten "Friedensoffensive" 1954/55 bekam Lateinamerika das sowjetische Draengen nach Koexistenz und nach engeren
wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu spueren. Es wurden
allerdings keine direkten Angebote bezueglich technischen Beistandes
gemacht.
Im Jahre 1955 bemuehte sich der Sowjetblock eifrig, die Zahl
der zv/eiseitigen Handelsvertraege mit lateinamerikanischen Staaten
zu vermehren und sie auf eine breitere Grundlage zu stellen, .'.uf der
Konferenz der UH V/irtschaftskor.mission fuer Lateinanetika (ECLA) in
Bogota im August piaedierten polnische und tschechische Beobachter
fuer einen erweiterten Handel zwischen Suedanerika und den Laendern
hinter den Eisernen Vorhang und wiesen dabei auf die Hoeglichkoit
fuer Suedanerika hin, sich neue und bleibende Absatznaerkte dort
zu schaffen.
An 31. Dczenber 1955 waren 18 Handelsvertraege zwischen lateinamerikanischen Staaten und europaeischen Laendern in Sowjetblock

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�in Kraft. Dem Beispiel ihrer Vasallenstaaten folgend, hatte sich
auch die Sowjet-Union ein eigenes System direkter Verträge mit südamerikanischen Staaten geschaffen. Die 18 Handelsverträge mit ihren
großzügigen Kreditbedingungen sehen einen jährlichen V/arenauatausoh
im Betrage von 500 Mio Dollar vor. Im Vergleich au 1954 mit eine.»
Handelsvolumen im Werte von 200 Mio Dollar und au 1953 mit 70 Mio
Dollar ist das eine imponierende Zahl. Im ganzen sind die Ausfuhren
aus Südamerika auf verhältnismäßig, wenige Warensorten beschränkt.
Argentinien liefert Leinöl, Häute und Fleisch; Brasilien Kaffee,
Baumwolle, Kakao und Wolle; Uruguay Gefrierfleisch und '.Volle und
Mexiko Kaffee. Die Gegenlieferungen des Sowjetblocks umfassen landwirtschaftliche Maschinen, Fabrikausrüstungen, öl, Rohstoffe,
Schienen, Zement und Spiegelglas. Wie auf Seite 8 ausgeführt, bewirkten
größere Ankäufe von Zucker und Kaffee durch Sowjotblock-Staaten im Jahre
1955 eine Erhöhung der Exporte Südamerikas nach dort um 20/«.
Im Herbst 1955 erschienen Berichte, wonach der 3owjetblock seinen
handelsvertraglichen Verpflichtungen gegenüber Argentinien, Brasilien,
Uruguay, Mexiko und anderen Staaten nicht voll nachkomme, so daß erhebliche Salden zugunsten der südamerikanischen Staaten entstanden
seien. Nach amtlich nicht bestätigten Schätzungen blieb die Erfüllung
der Verträge zwischen den Sowjctblock-Staaten und Argentinien im Jahre
1954 um etwa 545« un&lt;l J-cr Verträge zwischen Brasilion und den SowjotblockBtaaten um 4 ^ hinter den eingegangenen Verpflichtungen zurück, Wiewohl
der Umfang der gegenseitigen Lieferungen hinter den Erwartungen zurückblieb, erfüllten die lateinamerikanischen Staaten im allgemoinon die
Verträge dennooh besser, als die Sov/jotblookstaaten. Eo wurdo Klage darüber geführt, daß die Lieferungen an Argentinien mengenmäßig nioht nur
nicht den gemachten Zusagen entsprochen hätten, sondern daß auoh die
Qualität der Werkzeugmaschinen und ähnlicher Erzeugnisse im Vorgloioh
zu entsprechenden USA-Erzeugnisson mindorwortig und voraltot (5-15 Jahr»
alte Modelle) gewesen seien.
Der Sowjetblock richtoto seinen wirtschaftepolitischon Vorstoß
im Jahre 1955 in erster Linie auf Argentinien und Uruguay. Im Laufe
des Jahres hatte Argentiniens Handel mit dem Jowjotblock einen starken
Aufschwung genommen, und am Jahroocndo boatandon zwischen Argentinien
und kommunistischen Ländern sechs Handelsverträge. Der wichtigste in
Kraft befindliche Vortrag war mit der Sowjot-Union am 5» August 1953
abgeschlossen worden und sah ursprünglich wortmäßig ein Handelsvolumen
von 150 Mio Dollar sowie einen sowjetischen 30 Mio Dollar-Kredit zum
Ankauf von Investitionsgütern vor. In einom für 1955 gültigen Handelsprotokoll wurde der 30 Mio Dollar-Kredit auf 4 Llio Dollar horabgesetat|
aber dennoch in keiner 'Weise von Argentinien in Anspruch genommen*
Im Spätjähr 1955 erklärte der argentinische Gesandte in Moskau,
die Beziehungen seines Landes zur Sowjet-Union trügen zur Festigung
des argentinischen Handels bei, solange Argentinien auf den riesigen
sowjetrussischen Markt Absatzmöglichkeiten habe, und fügte hinzu,
daß Argentinien seinerseits sowjetische Fertigwaren zum Aufbau seiner
Industrie zu kaufon beachsichtige.

31 -

�Unbestaetigto Meldungen in Juli deuteten darauf hin, dass die
Sowjet-Union Brasilien, dessen fi nanziello Lage damals "bedenklich war,
verlockende Handelsvorschlage gemacht habe. Dazu gehoerte angeblich
des Angebot, Brasilien zunaechst einmal 1.000 t Kaffee und 20.000 t
Zucker abzukaufen. Beim Kaffee handelte es sich um eine unbedeutende
I'engej sie betrug nur 0,1$ der Durchschnittsekaffeeernte in Brasilien.
Die Zuckerankaeufe dagegen hatten schon groessere Bedeutung, zumal Brasiliens hohe Zuckerpreise auf dem Y/cltmarkt nicht konkurrenzfaeuig .waren.
Y.'aehrend der Praesidentenwahlen in Brasilien im Spaetsommer und
Herbst 1955 hatten die drei Ilauptkandidaten ihren V/illen bekundet,
wenigstens Handelsbeziehungen zu allen Staaten zu unterhalten. Die
zunehmende Stimmungsmache fuer die Aufnahme kommerzieller und diplomatischer Beziehungen zur Sowjet-Union und ihren Vasallenstaaten
wurde mehr mit wirtschaftlichen als mit politischen üeberlegungen
begruendet, denn Brasilien war auf der Suche nach neuen Absatzmaerkten
und auskoemmlichen Preisen fuer seine Erzeugnisse, vor allem fuer seinen
Kaffee.
Im Dezember besuchte der sowjetische Gesandte In Mexiko Ekuador.
Der Praesident und der Aussenminister empfingen ihn zu einem offiziellen Fruehstueck. Seit dem Besuch hat die Regierung von Ekuador immer
wieder in der Presse erschienene Geruechte dementiert, nach denen ueber
einen Vertrag zur Gewaehrung technischen Beistandes durch die Sowjets
und ein Angebot zur Lieferung von Y/affen an Zkuador verhandelt worden
sei.
Gegen Ende 1955 war in ganz Suedamerika ein wachsendes Interesse
an der Ausweitung der Handelsbeziehungen zum Sowjotblock feststellbar,
wenn auch die roten Avancen immer noch mit einiger Skepsis beobachtet
wurden.
W'c wird der Herausforderung begegnet?
.".it Ablauf des Jahres 1955 ging eine neue Zeitspanne zuende,
waehrend welcher die Staatsmaenner des Y/estens verfolgen konnten, wie
sich die wirtschaftliche und politische Offensive des Roten Blocks in
den politisch nicht gebundenen und entwicklungsbeduerftigen Gebieten
immer mehr verstaerkte. Der kalte Krieg war in eine neue Phase getreten, in der der Zote Block offenbar weniger mit militaerischen Drohungen, politischer Y'uehlarbeit und Hetzpropaganda operierte, als vielmehr mit dem Angebof'eines ITebeneinanderbestehens in friedlichem Wettbewerb" und "wirtschaftlich-technischer Hilfe" fuer die entwicklungsbeduerftigon Staaten. Massgebende Leute in der freien Veit hatten die
von den Sowjets betriebene Politik von jener Zeit an, als man noch kaum
davon sprechen konnte, dass den Sowjets an einem wirtschaftlichen Wohlergehen der sich neuerdings entwickelnden Laender gelegen war, da sie
diese beim wirtschaftlichen Aufbau praktisch garnicht unterstuetzte,
bis zur Propagierung des Aussenhandels als "einesintegrierenden Bestandteils des sozialistischen V/'irtschaftssyotens und sowjetischer Aussenpolitik"*), beobachtet. Eine in der sowjetischen Presse im Juli 1955
*) Diese Zitate aus einer Vcroeffentlichung ueber den sowjetischen Aussenhandel sind der"3oviet Technical Assistance"aaO., 3. 4, entnommen.

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�erschienene Notiz, worin zum erstenmal von einer "Hauptverwaltung fuer
wirteohaftliohe Beziehungen" die Rede war, blieb nioht unbemerkt. Es
handelt sich hior um eine selbetaendige Behoerde, die dem Llinisterat
dar Sowjet-Union unmittelbar untersteht und offenbar fuer die Gesantkoordinierung und Lenkung der Massnahmen der Sowjets zur Gewaohrung
wirtsohaftlioh-teohnisoher Hilfe verantwortlich 4st". Bio Einrichtung dieser Behoerde sprioht dafuer, welohe Bedeutung die.Sowjetregierung neuerdings den Wirtschaftshilfsprogrammen beimisst.
Die Nordatlantikpakt-Organisatlon (NATO) erklaerte in einem am
16. Dezember herausgegebenen Konmunique, mit ihrem Vorgehen in ITahost
und ihrer wachsenden militaerischon Staerke "fordere die Sowjet-Union
die freie Welt erneut heraus". Bie Vereinigten Staaten begegnen dieser
Herausforderung mit ihren Hilfsprogrammen zur Gewaohrloistung gemeinsamer Sicherheit. Sie erhoehen damit die Wirtschaftskraft und die militaerisohe Sicherheit ihrer Partner in der freien Welt. Im Neunten
Halbjahresbericht ueber das Programm fuer die Gemeinsame Sicherheit
fuer die Zeit vom 1. Juli bis 31» Deaember 1955 bfisst est
"An bereits ersielte Fortschritte anknuepfend setiton die Vereinigten
Staaten die den freien Voelkern in aller Welt gewaehrte Hilfe fort. Bie
eigenen und gemeinsamen Anstrengungen dieser Voelker zur Sicherheit ihrer Unabhaengigkeit und zur Weiterfuehrung ihrer Massnahmen fuer eine
Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Bedingungen wurden damit weiterhin wirksam untorstuetzt
Hit den Sicherheitshilfsprogrammen, in
deren Rahmen die Vereinigten Staaten mit den in der wirtschaftlichen
Entwicklung becriffenen Laondem in dem Bemuehen, deren Wirtschaftslage
zuYer bessern, zusammenzuarbeiten, ist man v/aehrend der in Rede stehenden
soohs I.'onate ebenfalls vorangekommen. "*)

*) Aus dem "Report to Congress on the Mutual Seourity Program" fuer das
zweite Halbjahr 1955t S* 1*

Xftt G$i COlli T«t ECU

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�BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die nachfolgende Artikelserie, die von führenden Fachleuten geschrieben ist, befaßt sich mit den wirtschaftlichen
technischen, sozialen sowie anderen Problemen der Automatisierung.
1) Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von Kalifornien
2) Die
und
Von
der

Bedeutung der "Automation" für die U3-',Virtschaft
die US-Autoindustrie
Robert T. Keller, Vizepräsident
"Chrysler Corporation"

3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den V/elthandel
Von Dr. V/eldon B. Gibson, Direktor der Abteilung
für '.Virtschaftsforschung, "Stanford Research Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe
Von Paul V/ishart, Präsident
der "I.Iinneapolis-Honeywell Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis, Vizepräsident und Leiter
der Registraturabteilung der "Metropolitan Life
Insurance Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von V/.K. Scott, "U3-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours Company"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Von Frederick K. Leisch, "A.G. Nielsen Company"
1 0) "Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M.E. Salveson, "General Electric Corporation"

* * * * *

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
WIRTSCHAFTSREPORTAGE

4. Januar 1956

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die unter diesem Titel in den folgenden Ausgaben von
"Amerika Dienst, Wirtschaft und Arbeit" erscheinende und von
führenden Fachleuten geschriebene Artikelserie befaßt sich
mit den wirtschaftlichen, technischen, sozialen sowie anderen
iroblemen der Automatisierung. Die einzelnen lArtikel werden
sich dabei mit den folgenden Themen befassen:
1) Die Automatisierung und der Mensch, von L.M.K. Poelter.
Universität von Kalifornien
2) Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie, von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel, von Dr. Weldon B. Gibson, Direktor der Abteilung für Wirtschaftsforschung, "Stanford Research
Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe,
von Paul Wishart, Präsident der "Minneapolis-Honeywell
Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben,
von Malvin E. Davis, Vizepräsident und Leiter der Registraturabteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb, von Nathaniel
Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie, von W.K.
Scott, "US-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie, von
V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours ne^crünv"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik, von Frederick K. Leisch, "A.G. Mielsen Company"
10)"Automation"und industrielle Betriebsführung, von M.E.
Salveson, "General Electric Corporation"

*

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEIT UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (i)
Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von
Kalifornien
( 250 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die überall feststellbare Neigung,
Maschinen und ganze Arbeits- und Produktionsprozesse zu automatisieren, ja schließlich alle Betriebsmittel voll automatisch zu betreiben, wurde einmal durch das Streben gefördert,
jegliche Plackerei so weitgehend wie nur möglich auszuschalten
und zum anderen durch die Konstruktion immer besserer mechanie
scher und elektronischer Kontroll- und Steueranlagen.
Die Weitergabe von Energie, Material und Wissen sowie
deren Umwandlung innerhalb dieser Dreiteilung der Natur oder
ihre Überleitung von der einen in die andere Gruppe beschäftigten den Geist des Menschen von Anbeginn. Im Laufe der Zeit
lernte der Mensch in seiner lenkenden und überwachenden Funktion immer größere Kräfte in der Hand des einzelnen zu vereinigen. Es sei hier an den gruppenweisen Einsatz von Menschen
etwa als Ruderer auf Schiffen, an die Nutzbarmachung der Kräfte desfWindes durch Segel und die Zähmung etwa des Pferdes als
Last- und Zugtier erinnert. Der Mensch bewies seine Fähigkeit,
sich fremde Kräfte planmäßig zunutze zu machen und sie zu kontrollieren.
Er fand immer neue Medien für die Umwandlung und Weitergabe: das Rad, das Feuer, die Wasserkraft und anderes. Die
Überwachung und Lenkung aber fand ihre Limitation in den Grenzen des menschlichen Nervensystems. So kann man die Automatisierung unserer Tage als die Befreiung des Menschen von gewissen Kontrollaufgaben und ihre Übertragung auf "äußere"
mechanische und elektronische Geräte bezeichnen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der erste Schritt
in der Mechanisierung die Befreiung des Menschen von einem
Teil seiner krafterzeugenden Funktion brachte. Der zweite
Schritt soll den Menschen von einem Teil seiner geistigen
Aufgaben und der damit zusammenhängenden physischen Belastung
entbinden.
»
Den Menschen von irgendwelchen Aufgaben (und damit auch
von Verantwortung) zu befreien, kann nicht unbedingt als eine
Wohltat angesehen werden. Es lassen sich aber andererseits
viele Prozesse, insbesondere sich stets wiederholende Vorgänge, soweit schematisieren und dann auf Maschinen übertra-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

übertrafen, daß der Mensch Zeit und Kraft für ein reicheres
und erfüllteres Leben zu gewinnen vermag.
Die Funktionen des Überwachens und Lenkens sind mit denen
der produktiven Betätigung sowohl physiologisch als auch psychologisch eng verknüpft. In dieser Tatsache finden verschiedene seltsame Entwicklungsformen auf dem Weg zur Automatisierung
ihre Erklärung.
Es sei hier verwiesen auf die Peitschenhalter bei den
ersten Automobilen, auf die Roboter, denen man die Gestalt
des Menschen zu geben suchte, und auf die erste maschinelle
Anlage zur Herstellung der Glaskörper von Glühbirnen, bei der
man die Arbeitsweise der Glasbläser bis ins einzelne kopierte.
Bei der Automatisierung in ihrer höchstentwickelten Form
werden sämtliche Arbeitsgänge von der Anlieferung der Rohstoffe
an bis zum Versand des Fertigproduktes ohne jegliche menschliche Arbeit oder Überwachung automatisch ausgeführt. Der Mensch
hat lediglich den Fertigprozeß sowie die dazu erforderlichen
Maschinen zu entwerfen, die Maschinen in Gang zu setzen oder
zu stoppen und ihre Wartung und Instandsetzung zu besorgen.
Wie Cledo Brunetti, der Leiter der Abteilung technische Forschung und Entwicklung der General Mills, Inc., in Minneapolis
vor der 82.Landeskonferenz für Sozialarbeit vom 29.Mai bis
30.Juni 1955 in San Francisco ausführte, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, daß die Entwicklung uns eines Tages zu einer
völlig von Menschen entblößten Fabrikationsweise führen wird.
Arbeiter werden immer nötig sein. Brunetti gibt dafür zwei
Gründe an: 1. wichtige administrative Entscheidungen werden
immer dem Menschen vorbehalten bleiben und 2. der Mensch kann
bei bestimmten Arbeitsgängen - wenn man die Kosten für Arbeitskraft und Maschinen miteinander vergleicht und unter der Voraussetzung, daß die betreffende Arbeit keine Gefährdung der Gesundheit mit sich bringt - mehr leisten, als die Maschine.
Die erwähnten wichtigen Entscheidungen werden in erster
Linie deshalb vom Menschen zu treffen sein, weil er allein durch
seinen Verstand über die Fähigkeit verfügt, verschiedene Daten
zueinander in Beziehung zu setzen, für die eine rationale Formel noch nicht existiert oder die zu schaffen einfach zu kostspielig wäre. Was Brunettis zweiten Punkt angeht, so werden
oftmals Zeitdruck und Raummangel es als zweckmäßig erscheinen
lassen, sich bei Prozessen der Umwandlung und Überleitung der
menschlichen Arbeitskraft zu bedienen. Die Verwendung der
menschlichen Kraft ist naturgemäß und zweckmäßig, wobei man
immer die Grenzen beachten muß, die dem Menschen auf Grund
seiner physiologischen und psychologischen Struktur und seiner
Individualität und Umwelt erwachsen.
Die Methode der Erfassung der Verhaltensmerkmale von technischen Systemen wird Betriebsforschung oder Betriebsanalyse
genannt. Das Entwerfen solcher Systeme und die Sammlung und
Auswertung der hierfür erforderlichen Daten ist Aufgabe der
sogenannten Systeme-Technik. Die hierbei angewendeten Methoden
und Praktiken sind nicht immer Forschungsgegenstand und Lehr- 3 -

�"AMERIKA PIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Lehrstoff der Technischen Hochschulen. Die Technik hat sich
in den vergangenen fünfzig Jahren weitgehend mit den Komponenten oder Elementen solcher Systeme, kaum aber mit den
Systemen selbst befaßt.
Ein Teilgebiet der Systeme-Technik ist die Bestimmung des
optimalen Wirkungsgrades innerhalb eines jeden Arbeitsganges
und seiner Beziehung zu dem gesamten Produktionsprozeß unter
den Gesichtspunkten der Kostenrechnung, der Zeit, des Materials
und der Arbeitskraft. Diese Bestimmung des optimalen Wirkungsgrades kann in bezug auf den Menschen nicht analytisch erfolgen;
sie darf aber dennoch beim Entwurf von Systemen nicht außer
acht gelassen werden. In der Planung für ein automatisiertes
System müssen seine Rückwirkungen auf alle Menschen, die unmittelbar in es verwickelt sind - die Belegschaft, die leitenden Angestellten, die Aktionäre und die Kunden sowie ihre
Familien -, und auch deren Beziehungen zu diesem System in
ähnlicher Weise nach ihrer optimalen Wirkung untersucht werden,
wie dies für nichtautomatisierte Systeme üblich ist.
Pie Automatisierung, die Norbert Wiener in seinem Buch
"The Human Use of Human Beings, Cybernetics and Society" (Per
Einsatz der menschlichen Arbeitskraft unter menschlichen Bedingungen, Kybernetik und Gesellschaft) als eine zweite industrielle Revolution bezeichnet, wurde von Brunetti in dem
schon einmal erwähnten Vortrag als ein sich Schritt für Schritt
vollziehender und bereits seit langem währender Prozeß bezeichnet, der seine Wurzel im Nervensystem des Menschen hat. Pie
Auswirkungen der Automatisierung aber auf die Belegschaft und
Betriebsführung sowie auf deren Familien und die gesamte Gesellschaft werden je nach dem Tempo des Übergangs zum automatischen Betrieb günstig oder abträglich sein. Sie werden ferner bestimmt von einer entsprechenden Rücksichtnahme auf bestehende Sitten, Bräuche, Gesetze und anderes, vom Vorliegen
geeigneter langfristiger Pläne und schließlich auch noch davon,
inwieweit es gelingt, die breite Masse durch entsprechende Aufklärung auf die bevorstehende Entwicklung vorzubereiten.
Um nur ein Beispiel zu geben: die Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln, ist typisch für die moderne Gesellschaft.
Piese freie Beweglichkeit tendiert dahin, die Familien- und
Gruppenbande zu schwächen und sie kann und wird, wenn sie zu
weit getrieben wird, das Gefüge des Staates erschüttern.
Pieses Faktum müßte man bei der Einführung der Automatisierung
berücksichtigen, insbesondere, wenn sie größere Bevölkerungsteile zwingen sollte, sich nach einem neuen Arbeitsplatz an
anderen Orten umzusehen.
.."enn die Automatisierung nun aber einen gleichen oder noch
höheren Beschäftigungsstand zu bringen verspricht, dabei aber
zahlreiche Arbeitnehmer zwingt, ihren Arbeitsplatz oder Beruf
zu wechseln, dann müßte man heute schon eine entsprechende
Periode der Umschulung und Anpassung einplanen. Ein Wechsel
von einer rein physischen Arbeit auf eine Aufsichtstätigkeit
wird oftmals eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Anpassung vom einzelnen erfordern, und seine Reparatur- und Wartungs-

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Wartungsarbeiten werden oftmals als weniger reizvolle Beschäftigung angesehen werden als ein unmittelbares Mitwirken an der Schaffung neuer Produkte. Andererseits erfordern
gerade Reparaturarbeiten ein hohes Maß an Findigkeit und
Einfühlungsvermögen, und damit logisches Denken, so daß
viele Menschen hier ein weit gemäßeres Betätigungsfeld finden dürften als am Fließband mit seinen rein routinemäßig
immer wiederkehrenden Handgriffen.
Es scheint auch angebracht, sich über die Frage heute
schon Gedanken zu machen, inwieweit die Automatisierung sich
nachteilig auf die Erziehung auswirken könnte. Schon der
Schüler in der Grundschule mag auf den Gedanken kommen, daß
Rechnen für ihn doch völlig unwichtig sei, da alle Rechenoperationen ja von Maschinen ausgeführt werden.
Nach Auffassung des Verfassers braucht es aber zu keinerlei physiologischen, psychologischen oder pädagogischen
Schwierigkeiten zu kommen, wenn man auf allen Sektoren des
gesellschaftlichen Bereichs bei der Verwirklichung der Automatisierung entsprechend umsichtig verfährt.
Die Automatisierung bietet auch die Möglichkeit, sorgsamer mit unseren Rohstoffquellen umzugehen, sei es auch nur
deshalb, weil 6ie die zunehmende Entropie eines Systems stark
abschwächt. Eine weitgehende Analyse aller Lebensbereiche,
wie sie Voraussetzung für die Automatisierung ist, wird dazu
beitragen, die Erkenntnis zu verbreiten, wie beschränkt unsere
Rohstoffvorräte und wie unersättlich die Nachfrage angesichts
der stets wachsenden Bevölkerungszahl der Erde sind.
Die Verteilerfunktion und die mit ihr zusammenhängende
und ihr nachgeordnete Service-Funktion unserer Industrie geben
das Bild einer sich mit großer Geschwindigkeit und in wirksamer Form vollziehenden Operation; wenn man sie jedoch beispielsweise vom Standpunkt der Konzentration heterogener Komponente sowohl von Material und Zeit aus betrachtet, so zeigt
sich, daß hier noch eine wesentliche Verbesserung möglich ist.
Las Verhältnis zwischen Einzelhandelspreis und Gestehungskosten läßt erkennen, ein wie großer Fortschritt hier möglich
ist. Während man im allgemeinen davon ausgeht, daß eine Automatisierung in erster Linie für die Produktion in Frage komme,
so dürfte sich doch schon bald erweisen, daß sie selbst bei
einer noch so elementaren Anwendung auch in der Verteilung
hervorragende Dienste zu leisten vermag.
Ein erster Beitrag der Automatisierung zur Verteilerfunktion könnte in einer verbesserten Informierung bestehen.
Die Schaffung eines Systems der Informationszirkulation müßte
von drei Gesichtspunkten ausgehen;
a) Eine möglichst weitgehende Verringerung der zu speichernden oder zu übermittelnden Informationen in Verbindung mit einer entsprechenden Auswahl.
b) Zeitliche Abstimmung der Übermittlung solcher Information.
c) Größtmögliche Genauigkeit in der Übermittlung (und somit eine möglichst geringe Entropie).
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

Die Tendenz, allzuviele Informationen zu sammeln und zu
speichern, ist so alt, wie die Verwendung von elektronen Geräten selbst. Es gilt hier also erst noch entsprechende Kriterien zu schaffen. Wenn es darum geht, erst einmal zu bestimmen, was unter den Begriff der "unentbehrlichen Informationen" fällt, so versagen die früher verwendeten Verfahren
der Auswahl. Die Verteilung von Informationen ist übrigens
gleichfalls eine Angelegenheit auf Gegenseitigkeit. Sowohl
in den einzelnen Betrieben als auch auf allen Lebensbereichen
muß man sich darum bemühen, allen denjenigen, die gestaltend
an der Entwicklung teilhaben, möglichst weitgehende Informationen an die Hand zu geben.
Das Transportwesen - die Beförderung von Menschen und
Gütern - muß gleichfalls als ein Problem der Systeme-Technik
aufgefaßt werden, um hier zu Zeiteinsparungen und Kostensenkung bei gleichzeitiger Erhöhung des Wirkungsgrades gelangen zu können.
Es sei hier auch darauf verwiesen, wie wichtig es ist,
für den Fall irgendeiner örtlichen Betriebsstörung einen Ersatzprozeß vorzubereiten, um den Gesamtbetrieb aufrechterhalten zu können. Die Planung solcher Systeme, bei der auch
wirtschaftliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind und
die solche Ersatzlösungen von vornherein einbeziehen muß,
verdient eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung,
damit alle Auswirkungen auf die Produktion und die Verteilung
erfaßt werden.
Große Summen werden bei zunehmender Automatisierung für
die Umstellung der Arbeits- und Produktionssysteme auf den
automatischen Betrieb aufgebracht werden müssen. Der erforderliche Energieaufwand pro Arbeiter dürfte die Investitionen so
hoch treiben, daß sich eine Automatisierung in gewissen Fällen
vielleicht von selbst verbietet. Bereits heute deuten gewisse
Anzeichen darauf hin, daß erhebliche Kräfte einem rationellen
"Fortschritt oder Wandel" auf dem Gebiet der Massenproduktion
entgegenstehen.
Schlußbetrachtung
Jede technische Entwicklung läßt sich sowohl zum Guten
wie zum Bösen verwenden. Es gibt graduelle Unterschiede, die
sich durch die Art der Ausnutzung der entsprechenden Entwicklung bestimmen.
Die Art und Weise ihrer Verwendung und das Tempo ihrer
Übernahme in die Praxis erfordern weitreichende Entscheidungen,
die nur nach eingehenden Stadien getroffen werden können.
Allgemein gesprochen, erfordern diese Entscheidungen angesichts
der umfassenden Auswirkungen der Automatisierung "horizontale"
und oft wohl nur kurzlebige Organisationen innerhalb deren
alle beteiligten Personen und Gruppen an der Sammlung der
Daten und Informationen sowie an ihrer Analyse und Verteilung
mitwirken.
Die
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UITD ARBBIT

4. Januar 1956

Die prophezeite "zweite industrielle Revolution" wird dann
zu einer Schritt für Schritt verlaufenden und allgemein gebilligten Evolution werden, deren wichtige Anfangsphase wir gegenwärtig
durchmachen. Dies kann der Lauf der Dinge sein, wenn wir mit Überlegung handeln und unsere Entscheidungen auf die in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen - insbesondere auf die Erfahrungen
der ersten industriellen Revolution - stützan und dann unsereSchlußfolgerungen unter gebührender Berücksichtigung aller Faktoren ziehen, die das Gesicht der Gesellschaft heute formen.

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (II)
Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie
Von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
los Angeles (Kalifornien)
1. Die Automatisierung und ihre Auswirkungen
auf die Wirtschaft
^

Wenn man in der Frage der Automatisierung ein
klares Bild gewinnen will, dann darf man sie
nicht nur vom Standpunkt des Produzenten aus
sehen. Aus diesem Grunde will der Verfasser
im Rahmen dieses Aufsatzes versuchen, nicht
nur am Beispiel der Automobilindustrie zu zeigen, welche praktischen Ergebnisse die Automatisierung in der Wirtschaft bisher gebracht
hat, sondern auch einen Überblick über die
möglichen Auswirkungen der Automatisierung
auf die Gesellschaft zu geben.

(200 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Welche Bedeutung die schnell voranschreitende Automatisierung für den einzelnen hat und welchen
Einfluß sie auf die gesamte Wirtschaft und auf die Gesellschaft
ausüben wird, sind Fragen, auf die die Industrie der Allgemeinheit eine befriedigende Antwort geben muß. Für viele Menschen
ist die Automatisierung - oder das, was unter ihr verstanden
wird - ein Schreckgespenst. Dabei wird häufig übersehen, einen
wie hohen Lebensstandard und welchen Wohlstand sie bei richtiger
Anwendung dem Menschen verspricht. Ängstliche Menschen sehen nur,
daß die alte Ordnung sich ändert und fürchten Folgen, die dieser
Wandel für ihre berufliche Existenz und ihre Sicherheit haben kann,
Die Geschichte hat aber meiner Auffassung nach ziemlich überzeugende Beweise dafür geliefert, daß man sich vor den Auswirkungen
des Fortschritts keineswegs zu fürchten braucht.

Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Im Jahre 1830 erfand ein armer französischer Schneider die
erste brauchbare Nähmaschine. Dieser große Fortschritt rief so
starke Befürchtungen hervor, daß der Mob, der die wirkliche Bedeutung der Maschine verkannte, den Laden des Schneiders stürmte
und den Erfinder beinahe ermordet hätte. Als der berühmte Nähmaschinenproduzent Isaac Singer seine Maschine patentieren lassen
wollte, suchte ihn seine Frau von diesem Plane abzubringen, weil
sie eine Massenarbeitslosigkeit befürchtete.
Heute lächeln wir über solche Befürchtungen. Die Nähmaschine
hat Millionen von Stunden harten Mühens eingespart. Ihre allgemeine Verwendung brachte eine erhöhte Produktion, eine steigende
Beschäftigtenzahl in der Bekleidungsindustrie und ein größeres
Warenangebot. Die Automatisierung verspricht der Menschheit ähnliche Vorteile, Vorteile, wie man sie sich bisher nicht einmal
erträumen konnte.
Es ist oft behauptet worden, die Automatisierung sei.nichts
Neues, sondern lediglich eine Weiterführung des Prinzips des
Fließbandes und der Massenproduktion, wie wir sie seit Jahren
kennen. In gewissem Sinne trifft das auch zu. Die Automatisierung ist tatsächlich eher ein evolutionärer Vorgang. Aber diese
Evolution hat in den vergangenen Jahren ein sehr schnelles Tempo angenommen und die durch sie bedingten veränderten Methoden
der Produktion, der Konstruktion, der Planung und sogar des
Absatzes haben neue Wünsche und Bedürfnisse geschaffen.
Die Automatisierung, wie wir sie heute kennen, hat uns gerade zur rechten Zeit erreicht. Dies gilt mindestens für die
Vereinigten Staaten. Ohne sie wären wir nicht imstande, de*
amerikanischen Volk immer neue und bessere Erzeugnisse anzubieten, immer neue Erfindungen auf den Markt zu bringen und
den erreichten Lebensstandard zu halten, der der höchste in
der Geschichte der Menschheit schlechthin ist.
Eine Leistungssteigerung in ddr Produktion führte bisher
noch immer dazu, daß sich neue und bessere Arbeitsplätze auftaten. Es erhebt sich heute somit die Frage, ob genügend Männer
und Frauen zur Verfügung stehen, um die neuen Arbeitsplätze besetzen zu können.
Hier liegt eine große Chance für die Arbeiter in den Betrieben, ein höheres Einkommen zu erlangen. Wer heute sein berufliches Können erweitert und sich jene Fertigkeiten erwirbt,
die in den automatisierten Betrieben verlangt werden, kann auf
ein gutes Fortkommen rechnen. Ein besonders hoher Bedarf besteht bei Elektrikern, Werkzeugmachern und Mechanikern, die die
automatischen Maschinen bauen und instandhalten können.
Es zeigt sich heute schon, daß die Automatisierung viele
neue technische Fertigkeiten fordern wird, von denen man bisher
niemals etwas gehört hat. Weitsichtige Unternehmen warten nicht
erst, bis außerbetriebliche Stellen entsprechenden Nachwuchs
heranbilden. Sie helfen ihren Arbeitern, sich die Fähigkeiten
in Spezialschulen und Kursen anzueignen.
Ohne Zweifel lassen sich bei manchen Arbeitsvorgängen
o
durch

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNI; ARBEIT

11. Januar 1956

durch die Verwendung automatischer Ausrüstung Arbeitskräfte
einsparen. Dennoch wird auch die Automatisierung, wie jedes
Verfahren zur Beschleunigung der Produktion, zu einem Ansteigen der Beschäftigtenzahl in der Industrie und in den Dienstleistungsbetrieben führen.
Die wirkliche Gefahr, die heute droht, ist nicht eine allgemeine Arbeitslosigkeit sondern ihr gerades Gegenteil. In den
vor uns liegenden zwei Jahrzehnten werden sich die Vereinigten
Staaten aller Wahrscheinlichkeit nach einer steigenden Verknappung an Arbeitskräften gegeniibersehen. In diesem Zusammenhang darf ich auf die Feststellungen verweisen, die der bekannte
Soziologe und Publizist Peter Drucker in einem sehr informativen
Aufsatz in "Harper's Magazine" über die voraussichtliche Entwicklung Amerikas in den nächsten 20 Jahren getroffen hat. Da
die Männer und Frauen, die in 5, 10, 15 und 20 Jahren an der
Spitze unserer Wirtschaft stehen oder als Arbeiter und Angestellte in den Fabriken tätig sein werden, bereits geboren sind,
kann man mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, was uns in der
näheren Zukunft an Arbeitskräften zur Verfügung stehen wird.
Die Bevölkerungsstatistiken lassen erkennen, daß sich die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten in den nächsten zehn Jahren
von heute 165 Millionen auf ungefähr 190 Millionen und bis zum
Jahre 1975 auf mindestens 220 Millionen erhöhen wird.
Die Gesamtzahl der Beschäftigten wird aber keineswegs im
selben Ver ältnis zunehmen. Es wird vielmehr ein starkes Anwachsen der sogenannten "unproduktiven Altersgruppen" zu verzeichnen sein. Einer Zunahme der Gesamtbevölkerung um fast
30 Millionen innerhalb der nächsten zehn Jahre wird eine Zunahme der Jahrgänge zwischen 20 und 65 - also die Altersgruppen,
aus denen sich unsere arbeitende Bevölkerung rekrutiert - um
nicht mehr als sieben Millionen gegenüberstehen. Von diesen
sieben Millionen werden wiederum nur etwa vier Millionen tätig
sein, während die anderen drei Millionen auf Hausfrauen, Arbeitsunfähige, Studenten und andere entfallen werden. Andererseits müssen wir damit rechnen, daß wir sechs Millionen mehr
Menschen über 65 und 16 Millionen mehr Jugendliche unter 20 Jahren haben werden als heute.
Daraus ergibt sich für die Wirtschaft die Folgerung, daß
unser Lebensstandard nur dann in gleichem Maße wie in den vergangenen 25 Jahren weiter steigen wird, wenn es uns gelingt,
unsere Produktion in den nächsten zehn Jahren um 40 Prozent
zu erhöhen.
Angesichts dieser Tatsachen können wir dankbar sein, daß
wir dank der Automatisierung heute an der Schwelle eines neuen
Industriezeitalters stehen. Die erhöhte Produktivität, die sie
uns verheißt, wird uns helfen, mit diesen Problemen fertig zu
werden.
Bei zunehmender Automatisierung der Betriebe wird auch die
Zahl der Beschäftigten in jenen Berufen steigen, die man heute
meist als unproduktiv bezeichnet: ich meine das Instandsetzungspersonal und die technischen Spezialisten, die sich mit der nie
endenden Aufgabe der Wartung der Maschinen und der Verbesserung

�"AZEF.IKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Verbesserung und Verfeinerung der technischen Methoden beschäftigen.
Was die beruflichen Aussichten anbetrifft, so eröffnen
sich ungeahnte Möglichkeiten für diejenigen, die bereit sind,
ein neues Handwerk und neue Arbeitsmethoden zu erlernen.
Würde man die sich bietenden Gelegenheiten nicht erkennen und
ergreifen, so könnten sich daraus sehr abträgliche Folgen für
die gesamte Wirtschaft ergeben. Wenn der einzelne die Sicherheit, die sein gegenwärtiger Beruf bietet, jedem Vorwärtskommen und Aufstieg vorziehen wollte, so könnte sich ein solches
Verhalten als der größte Hemmschuh für die Automatisierung und
alles, was dieser Begriff im Sinne einer erhöhten Produktivität und einer steigenden Verbesserung des Lebensstandards in
sich schließt, erweisen. Ohne Facharbeiter und entsprechend
geschultes Personal kann man weder Maschinen konstruieren und
arbeiten lassen, noch sie instandhalten und kontrollieren.
Deshalb muß jeder von uns bereit sein, sich den neuen
Arbeits- und Denkmethoden anzupassen. Dabei drängt die Zeit.
Wer nämlich nicht mit der Entwicklung Schritt hält, muß damit
rechnen, daß seine Arbeitsplätze von einem anderen besetzt
werden, der mehr Weitblick und eine größere Anpassungsfähigkeit besitzt. Das gleiche gilt auch für die Betriebe. Auch
hier ist die Bereitschaft erforderlich, Umstellungen vorzunehmen, und neue Erfindungen zu machen und aufzugreifen.
Jeder einzelne ist daher verpflichtet, seine Fähigkeiten
voll zu entwickeln. Darüber hinaus sind die Unternehmer es
ihrem Lande und ihren Betrieben schuldig, ihre Angestellten
und Arbeiter in die Lage zu versetzen, sich die Kenntnisse und
Fertigkeiten anzueignen, die in den Fabriken von Morgen gebraucht
werden. Sie müssen ihren Belegschaften und Nachwuchskräften
Schulungsmöglichkeiten bieten und die Mittel für die Ausbildung
bereitstellen.
Es gilt ein dem Studium günstiges Klima zu schaffen, ein
Klima, das die schöpferischen Kräfte in den jungen Menschen zur
Entfaltung kommen läßt.
Die Automatisierung wird somit zu jenen Kräften zählen,
die unsere Welt von Morgen und damit auch die gesamte Wirtschaft formen werden. Die Aufgaben vor die wir gestellt sind,
sind große. Ich bin daher überzeugt, daß die amerikanische
Industrie und das amerikanische Volk diese Aufgaben mutig und
mit aufgeschlossenem Sinn in Angriff nehmen werden. Die Automatisierung gehört zu den Werkzeugen, mit denen wir an einer
großen Zukunft bauen werden.

Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der Automobilindustrie"
* * * * *

- 4-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar

1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER
AUTOMATISIERUNG ( I I )
Die B e d e u t u n g d e r " A u t o m a t i o n " f ü r d i e U S - W i r t s c h a f t
und d i e U S - A ~ u t ö i n d u s t r i e
Von R o b e r t T. K e l l e r ,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"

2 . Die A u t o m a t i s i e r u n g

in der

Automobilindustrie

(180 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Automatisierung ist ein faszinierendes Thema. Es ist heutzutage kaum möglich, eine Wirtschaftsoder Fachzeitschrift aufzuschlagen, die nicht mindestens einen
Aufsatz über die Automatisierung bringt. Wenn man aber nach einer
genauen Definition des Begriffs sucht, zeigt sich, daß sich jeder darunter etwas anderes vorstellt und davon spricht, wie der
Blinde von der Farbe. Der Elektroingenieur wird unter Automatisierung etwas anderes verstehen als ein Mechaniker, und der
Werksingenieur wird noch eine andere Definition bereithalten.
Ich möchte ihnen ein Bild der Automatisierung entwerfen,
wie ich sie vom Gesichtspunkt eines Automobilproduzenten aus
sehe. Soweit ich dies vermag, werde ich versuchen, die Automatisierung als ein Ganzes zu beurteilen, um ein Bild davon zu
entwerfen, welche Wirkung sie auf unsere Wirtschaft ausübt,
welche Probleme sie mit si-ch bringt und welches Versprechen
sie für die Zukunft birgt.
Wenn ein Unternehmen Klarheit darüber zu gewinnen sucht,
in welchem Ausmaß und in welcher Form es den Betrieb oder
einzelne Arbeitsgänge automatisieren kann, dann muß es sich
insbesondere drei sehr wichtige praktische Fragen vorlegen:
1. Welche Investitionen sind notwendig?
2. Welche Ausrüstungen sind auf dem Markt erhältlich oder
können eigens für den gedachten Zweck entwickelt werden?
3. Welche Einsparungen ermöglicht die Automatisierung des
Betriebs und welchen tatsächlichen Nutzen bringt sie
demnach?
Erfahrungsgemäß
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Erfahrungsgemäß sind die Anschaffungskosten automatischer
Betriebsmittel beträchtlich. Das Gute fällt einem nicht in den
Schoß. Dabei sollte man berücksichtigen, daß als eigentliche
Kosten der Automatisierung eigentlich nur der Differenzbetrag
anzusprechen ist, der sich aus dem Vergleich der Aufwendungen
für den Einbau und den Betrieb automatischer Anlagen mit den
Kosten des Einbaus und der betriebsherkömmlichen Ausrüstung
ergibt. Dieses Bild ist jedoch nicht ganz vollständig.
Es gilt auch zu berücksichtigen, daß ein Unternehmen, das
die Automatisierung aus Furcht vor den hohen Anschaffungskosten
unterläßt, Gefahr läuft, wegen seiner veralteten Ausrüstung
von der Konkurrenz überflügelt zu werden.
Gerade die Automobilhersteller wissen, was die Kosten für
Betriebsmittel bedeuten, sind sie doch gezwungen in jedem Jahr
ein neues und verbessertes Modell auf den Markt zu bringen,
und so müssen sich viele unserer teuren Werkzeugmaschinen oft
in einem einzigen Jahr amortisieren. Sie können sich denken,
was für Probleme das mit sich bringt. Dieser Zwang hat sich
aber schließlich doch für uns zum Vorteil ausgewirkt, indem
er uns zu Fortschritten in der Technik der Automatisierung
anspornte. Er hat zur Entwicklung von Maschinen geführt, die
eine jahrelange vielfältige Verwendung gestatten. Abgesehen
von größeren Werkzeugmaschinen haben wir in steigendem Maße
sogenannte "mechanische Produktionshilfen" im Betrieb installiert. Ich denke dabei an elektronische Steueranlagen, Spezialtransportbänder, Hebe- und Krananlagen, Kippeinrichtungen
und Greifwerkzeuge. Sie bilden in gewisser Hinsicht das Gerüst
für die Automatisierung des Betriebs. Da sie äußerst anpassungsfähig sind, lassen sie sich auf Jahre hinaus verwenden. Auf
diese Weise kann die Amortisierung auf acht, zehn,ja unter
Umständen sogar auf zwölf Jahre ausgedehnt werden.
Der Wert oder Unwert der Automatisierung hängt von der Zuverlässigkeit der Maschinen ab. In den Anfangsstadien der
Automatisierung bestand die Tendenz, immer größere und kompliziertere Maschinen zu bauen. Doch bald schon war der Punkt
erreicht, wo die tatsächlichen Ergebnisse hinter den errechneten Leistungen zurückblieben. Die Maschinen wurden so schwerfällig und unhandlich, daß sie schnell veralteten. Die Wartung
dieser Maschinen war äußerst schwierig, und wenn ein einziger
kleiner Maschinenteil ausfiel, stand oft der ganze Betrieb
still. Deshalb geht heute die Tendenz dahin, was wir bei
Chrysler "integrierte Automatisierung" nennen.
Was wir brauchen,sind kleine, schnell arbeitende, einfach
konstruierte Maschinen, die durch mechanische Produktionshilfen zu vielfältig verwendbaren automatischen Anlagen verbunden
werden. Mit ihnen konnten eindrucksvolle Produktionsergebnisse
erzielt werden. Die"Chrysler Corporation" hat ihr neues Motorenwerk in Plymouth nach diesen Gesichtspunkten aufgebaut. Die
Anlage dürfte, wenn sie in wenigen Monaten den Betrieb voll
aufnehmen wird, die am stärksten automatisierte Motorenwerkanlage in der Welt sein. Dieses neue Werk wird das Dreifache der
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18. Januar 1956

der heutigen Produktion an V8-Motoren für Plymouthwagen liefern.
An zwei parallellaufenden Transportbändern mit einer Länge von
400 m werden von 70 Maschinen 157 Arbeitsvorgänge zur Herstellung von Zylinderblöcken geleistet. Liese Bänder sind so entwickelt, daß die Blöcke nach Bedarf in jedem Stadium der Bearbeitung von einem Band auf das andere versetzt werden können.
Reparaturen und das Auswechseln von Kopfstücken sind bequem
durchzuführen. Lie ganze Anlage ist so gehalten, daß sich auch
jede einzelne Maschine leicht auswechseln läßt, falls Änderungen im Produktionsvorgang dieses notwendig machen oder falls
bessere Maschinen verfügbar werden.
Eine Überprüfung unserer Erzeugnisse auf ihre Qualität
ist eines unserer Hauptanliegen. Das trifft besonders für die
Produktion von Zylinderköpfen ZM, wo an vier getrennten Bändern
von je 120 m Länge 67 Arbeitsvorgänge stattfinden. An unserem
rund 800 m langen Kurbelwellenband werden mit Hilfe von 70
hochmodernen Maschinen Kurbelwellen von einer bisher unerreichten Gleichförmigkeit hergestellt.
Das Plymouth-Werk wird auch, was
Sicherheit des Personals und Betriebshygiene anbetrifft, zu den modernsten Motorenwerken der Automobilindustrie gehören, da jede Maschine
mit den modernsten Sicherheitseinrichtungen ausgestattet worden ist.
Während man sich heute allenthalben darüber klar ist, wie
sehr eine erfolgreiche Automatisierung von der sachgemäßen
Konstruktion der Maschinen abhängt, scheint die Bedeutung,
die einer entsprechenden Ausrichtung der Konstruktionsentwürfe
der Produktion auf den Maschinenpark zukommt, allgemein unterschätzt zu werden. Die Konstrukteure müssen, um brauchbare Entwürfe liefern zu können, mit dem Wesen der automatischen Fertigung vertraut sein. Ob beispielsweise an einer Flansch-Karosserie eben ein Flansch so konstruiert ist, daß er nach außen
statt nach innen gebogen werden muß, kann bei Übertragung des
Entwurfs auf das Fließband den Unterschied zwischen manueller
und automatischer Arbeit ausmachen. Auf diese Weise können oft
Millionen verschwendet oder eingespart werden.
Was die Frage der durch Automatisierung möglichen Einsparungen angeht, so gibt es zunächst verschiedene Mißverständnisse
und Irrtümer klarzustellen.
Bei der Beurteilung der möglieben finanziellen Gewinne und
eventuellen Einsparungen muß man folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
1. Einsparungen an erforderlicher Bodenfläche,
2. Betriebssicherheit,
3. Steigerung des Ausstoßes und
4. Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse.
Die Raumfrage ist für viele Betriebe von größter Bedeutung.
Und gerade hier bietet die Automatisierung erhebliche Vorteile.

Im

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18. Januar 1956

Im Dodge-Werk in Detroit zum Beispiel werden heute auf
einem mit automatischen Maschinen ausgerüsteten Fließband täglich 2400 V8-Motoren in denselben Werkshallen gebaut, in denen
früher nur 1500 Sechszylindermotoren pro Tag hergestellt werden
konnten.
Noch wichtiger ist aber der weit größere Schutz für Leben
und Gesundheit, den die Automatisierung gegenüber dem bisherigen
Betrieb bietet. Ich möchte nur ein Beispiel hierfür anführen.
Vollautomatisierte Ziehpressen sind mit automatischen Ein- und
Ausführvorrichtungen ausgestattet, so daß die die Maschinen bedienenden Arbeiter niemals mit den Händen in die Presse zu
fassen brauchen.
Die Erhöhung der Betriebssicherheit bringt aber auch noch
sekundäre Vorteile. Durch Verminderung der Anzahl und Schwere der
Unfälle verringern sich die Schadenersatzforderungen der Arbeiter
gegen die Firma sowie die Arbeitsausfälle.
Die Verwendung mechanischer Produktionshilfen gestattet eine
90prozentige Ausnutzung der Kapazität der Maschinen, da die Werkstücke im Arbeitsrhythmus der Maschinen auf das Band versetzt werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Automatisierung.
Hierbei ist zu beachten, daß diese Steigerung des Produktionstempos keine arbeitsmäßige Mehrbelastung des Bedienungspersonals
mit sich bringt. Im Gegenteil, automatische Versetzmaschinen, mechanische Produktionshilfen und automatische Kontrolleinrichtungen
verringern die physische Belastung des einzelnen Arbeiters ganz
erheblich.
Ein weiteres, zwingendes Argumentr das für die Automatisierung spricht, ist die durch sie erreichbare erhebliche Steigerung
der Qualität.
Wenn ein Werkstück von einer automatischen Maschine bearbeitet wird, die nur eine einzige Möglichkeit für die Verrichtung des
entsprechenden Arbeitsvorgangs kennt, wird das Endprodukt immer
gleichförmiger sein als bei manueller Fertigung. So gewährleistet
die Automatisierung eine gleichbleibende hohe Qualität der Ware.
In unserem Zeitalter des Wettbewerbs dürfen und können die
Unternehmen nicht erwarten, mit veralteten Qualitätsmaßstäben davonzukommen. Unsere Zeit fordert eine ständige qualitative Verbesserung der Produkte. Die sich aus dftp Automatisierung ergebende
Qualitätsverbesserung kann ein entscheidender Faktor für die Stellung eines Unternehmens in einer Wettbewerbswirtschaft sein.
Die Automatisierung bildet den Schlüssel zur Zukunft, sie
muß aber begriffen und verwirklicht werden, wenn wir die Tore zu
einer reichen und blühenden Wirtschaft aufstoßen wollen. Sie ist
keine gebrauchsfertige Lösung für alle unsere Probleme. Sie schafft
aber auch neue Probleme, von denen viele so gewaltig und so kompliziert sind, daß sie unsere ganze Energie, unsere Vorstellungskraft

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18. Januar 1956

Vorstellungskraft und unsere gesamten Fähigkeiten in Anspruch
nehmen werden.
Die Automobilindustrie hat durch die Automatisierung gewaltige Portschritte erzielt. Dennoch muß noch vieles getan
und versucht werden. Die Entwicklung von Maschinen für die automatische Fertigung, die ein Vielfaches der Probleme der herkömmlichen Fertigung aufwirft, steckt noch immer in den Kinderschuhen. Auf dem Gebiet der automatischen Fließbandmontage hat
unsere Industrie bereits schöne Anfangserfolge erzielt, wir
sind aber noch weit davon entfernt, ganze Wagen automatisch
zusammenzusetzen.
Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel"

* * * * *

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25. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (III)
Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel
Von Dr. Weldon B. Gibson,
Direktor der Abteilung Wirtschaftsforschung am
"Stanford Research Institute"
( 90 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die von der Industrie in Auftrag gegebene
Vertragsforschung dient auf lange Sicht in erster Linie der Steigerung des Umsatzes. Deshalb ist es Aufgabe der angewandten
Wirtschaftsforschung, die Grundlagen für Entscheidungen hinsichtlich neuer Investitionen in Anlagen und Betriebsmitteln zu schaffen. In diesem Zusammenhang sieht der Verfasser die Automatisierung der Produktion insofern als einen bedeutsamen Vorgang an,
als hierbei größere Geldbeträge der Firmen in Betriebsmitteln
angelegt werden, die dem jüngsten technischen Fortschritt Rechnung tragen.
Man muß dabei die Tiefen- und Breitenwirkung in Betracht
ziehen, die jede technische Neuerung grundlegender Art auf die
Wirtschaft und auch auf die Menschen hat, die am Produktionsprozeß beteiligt sind und als Verbraucher auftreten. Zwei Aspekte
scheinen dabei von besonderem Interesse zu sein:
1. Wie wird sich die zunehmende Automatisierung auf die
nicht von dieser Neuerung betroffenen Sektoren der Wirtschaft auswirken? und
2. Welchen Einfluß wird die Steigerung der Produktion, die
bei einer Umstellung auf ein vollautomatisches Herstellungsverfahren zu erwarten ist, auf den Welthandel haben?
Unter den von der Automatisierung nicht betroffenen Sektoren
wird man jene Wirtschafts- und Industriezweige zu verstehen haben,
bei denen keine überdurchschnittliche Zuwachsrate in der Produktivität zu erwarten ist.
Welche
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25. Januar 1956

Welche Wirtschaftszweige sich auf Automatisierung umstellen
werden und in welchem Tempo sich diese Umstellung vollziehen
wird, läßt sich nicht mit Bestimmtheit voraussagen. Es läßt sich
aber bereits so viel sagen, daß die Verwendung von elektrischen
Rechen-, Buchungs- und Büromaschinen stark zunehmen wird. Auch
die Produktion von gleichförmigen Massengütern wird in zunehmendem
Maße automatisiert werden. Indessen dürfte in naher Zukunft kaum
mehr als ein Viertel der Gesamtindustrie von der Automatisierung
erfaßt werden.
Jene Industriezweige, die bereits heute gleichförmige Massengüter herstellen, sind mit der Erforschung und Entwicklung
von Verfahren und Maschinen zur automatischen Produktion verhältnismäßig weit fortgeschritten. In diesen Industriezweigen
darf man von der Umstellung auf eine automatische Produktion
eine erhebliche Steigerung der Produktivität erwarten, und es
scheint sehr wahrscheinlich, daß ein Teil der hier beschäftigten
Arbeitskräfte in andere Industrie- und Wirtschaftszweige abwandern wird, die nicht von der Automatisierung betroffen sind.
In gewissen Grundindustrien zeigt sich bereits heute bei steigender Produktion eine Abnahme der Zahl der unmittelbar im Produktionsprozeß stehenden Arbeitskräfte.
Wenn die gegenwärtigen Schemata gültig bleiben, so darf der
in einem automatisierten Betrieb verbleibende Arbeiter darauf
hoffen, daß ihm 40% der sich aus einer erhöhten Produktivität
ergebenden Vorteile in Porm von Freizeit zugute kommen worden.
Die restlichen 60% werden sich etwa zu gleichen Teilen in Form
von Preissenkungen und Lohnerhöhungen bemerkbar machen. Es könnte
sich somit so etwas wie eine Aristokratie der Arbeiterschaft,
die in der automatisierten Industrie Beschäftigten, herausbilden.
Was geschieht in den anderen Wirtschafts- und Industriezweigen? Wer wird die Initiative ergreifen, um die Mittel für die
Erforschung der Möglichkeiten einer Automatisierung im Handel
im Bank- und Versicherungswesen in den Dienstleistungsbetrieben,
in der Landwirtschaft und in der Bauindustrie zur Verfügung zu
stellen? Wenn sich diese Segmente der Wirtschaft einer Erneuerung
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Erneuerung ihrer Produktionsmethoden und -verfahren verschließen,
dann ist es durchaus möglich, daß sie hinsichtlich des Produktivitätszuwachses bald gegenüber jenen Teilen der Wirtscha ft ins
Hintertreffen geraten, die sich erfolgreich auf die Automatisierung umgestellt haben.
Was den Welthandel angeht, so haben die Vereinigten Staaten
heute einen relativen Vorsprung in der Erzeugung vieler Güter.
Dieser Vorsprung ist zum größten Teil auf die höhere Produktivität
zurückzuführen. Wird eine vollautomatisierte Produktion auch die
Absatzmöglichkeiten für andere Industriegüter vermehren? Wird
sie Preissenkungen gestatten und könnte man an die Schaffung
von Massenmärkten, ähnlich wie in den USA, auch in anderen Ländern denken? Gewisse Kreise glauben, daß die Entwicklung diesen
Verlauf nehmen wird. Aber das Hauptproblem lautet nach wie vor:
Welche Güter können jene anderen Länder produzieren, um in ähnlicher Weise einen solchen relativen Vorsprung zu gewinnen? Von
einer befriedigenden Lösung dieses Problems wird es abhängen,
ob alle Völker an den Früchten einer Automatisierung teilhaben
werden.
Ein anderes Problem, das die internationale Fachwelt interessiert, besteht darin, ob es möglich sei, in wirtschaftlich
unterentwickelten Gebieten Fabriken mit vollautomatischen Produktionsverfahren zu erstellen. Man denkt dabei besonders auch
an solche Fabrikationsanlagen, die ihren Energiebedarf aus Atomkraftwerken decken. Wenn man von der Voraussetzung ausgeht,
daß die wenigen zur Bedienung einer solchen vollautomatischen
Produktionsstätte erforderlichen Techniker vorhanden sind,
dann rückt es durchaus in den Bereich des Möglichen, die Produktion unter Umgehung eines Zwischenstadiums von der primitiven
Fertigung direkt auf den modernsten Stand zu bringen. Sofern die
erforderlichen Rohstoffe verfügbar sind und entsprechende Massenmärkte offenstehen, können solche Unternehmen sicherlich wirtschaftlich rentabel arbeiten.
* * * * *

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1. Februar 1956

WISTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMAT IS IERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 1)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
(

32 ZeiLen)
WASHINGTON - (AD) - Der Einfluß der Automatisierung auf die
Wirtschaft ist eine Frage, die heute die amerikanische Geschäftswelt, insbesondere aber die Klein- und Mittelbetriebe atark
beschäftigt.
Die automatisierte Produktion und ihr frühreifes Kind,
die "Automation", basiert im wesentlichen auf einer immer
stärkeren Verwendung automatischer Kontrollvorrichtungen.
Meine Firma, die "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
gehört seit 1885 zu den Herstellern solcher Maschinen und
Anlagen. Seit dieser Zeit haben wir uns um den technischen
Fortschritt auf diesem Gebiet bemüht und großen Anteil an
der schnellen Entwicklung der Automatisierung, nicht nur in
der Industrie und Landwirtschaft, sondern auch in zahlreichen
anderen Gebieten gehabt.
Wenn unsere Firma Erfolg haben soll, müssen wir also nicht
nur mit den Aufgaben in unserem eigenen Betrieb fertig werden,
sondern auch unsere Kundschaft zufriedenstellen.
Wir versuchen, mit denselben Methoden und automatischen
Kontrollvorrichtungen und -anlagen, die wir für unsere Kunden
entwickeln, auch unsere eigenen Betriebe zu automatisieren und
die Qualität unserer Erzeugnisse zu verbessern. Vor fünf Jahren
noch hatten nur drei unserer 16 Betriebe eine Belegschaft von_
über 500 Arbeitern und Angestellten - und waren somit als Kleinbetriebe anzusprechen. Selbst heute liegt die Beschäftigungszahl
von sieben unserer Betriebe unter dieser Zahl.
Der Begriff "Automatisierung" wird von mir in einem etwas
weiten Sinne angewendet. Im allgemeinen versteht man darunter
heute die ständig steigende Verwendung von immer leistungsfähigeren Maschinen und Anlagen, besonders solcher, die mit automatischen Kontrollmechanismen arbeiten. In Kreisen der Wissenschaft setzt man Automatisierung gleich mit der Verwendung von
Denkmaschinen - absolut zuverlässig arbeitenden Denkmaschinen.
Es
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1. Februar 1956

Es ist verständlich, wenn manche Kreise der Automatisierung,
angesichts des ständigen vielen Geredes über sie, mißtrauisch
gegenüber stehen. Sie als Wirtschaftler übersehen zu wollen,
wäre aber töricht.
Wenn wir uns heute mit der Automatisierung und ihrem Einfluß auf das Wirtschaftsleben beschäftigen, dann geschieht das,
weil eine größere Zahl von kapitalkräftigen Firmen dort automatische Betriebsmittel einsetzt, wo sich dies lohnt, und weil andere Unternehmen den Wettbewerb derjenigen zu spüren bekommen,
die ihre Betriebe stärker automatisiert haben.
Besonders kleinere Unternehmen müssen damit rechnen, daß
ihre Entwicklung durch die steigende Automatisierung beeinflußt
wird. Diese kleineren Betriebe stehen nun vor der Wahl, sich von
der Entwicklung überraschen zu lassen und das Feld zu räumen,
oder aber, durch ein sorgfältiges Studium der sich abzeichnenden
Entwicklung der Wirtschaft und ihres speziellen Geschäftszweiges,
den Verlauf der Dinge vorauszusehen und ihre Betriebs- und Produktionsplanung bereits heute auf die künftigen Erfordernisse abzustimmen.
Von den schätzungsweise 28 Milliarden Dollar, die die amerikanische Wirtschaft im Jahre 1955 für die Beschaffung von Betriebsmitteln ausgegeben hat, entfällt ein wesentlicher Teil auf kleinere Betriebe. Das läßt den Schluß zu, daß gerade die Klein- und
Mittelbetriebe in steigendem Maße zur Automatisierung übergehen.
Die kleineren Betriebe haben offensichtlich ein ebenso großes Interesse an der Automatisierung wie die großen Gesellschaften,
und die Banken haben sie durch die bereitwillige Gewährung von
Krediten in ihrer Absicht nur bestärkt.
Mein Thema schließt auch die Frage ein, inwieweit die Automatisierung die Wettbewerbsbedingungen der Kleinbetriebe günstig
oder ungünstig beeinflußt. Meiner Meinung nach kann und wird
der Kleinbetrieb auch in einer automatisierten Welt gedeihen,
wenn er sein Arbeitsprogramm sorgfältig genug wählt.
Ob ein Zubehörteil im Betrieb selbst hergestellt oder von
einer anderen Firma bezogen werden soll, ist für viele große
Werke eine wichtige Frage. Von ihrer Antwort hängt in jedem einzelnen Fall viel für die Kleinbetriebe ab. Hier liegt aber auch
die große Chance der kleineren Unternehmen, wenn sie sich ihrer
günstigeren Position in bezug auf Kosten und Qualität bewußt
sind.
Bei Gütern, die in großen.Serien hergestellt werden, und bei
denen Konstruktions- oder Formänderungen im Rahmen des automatisierten Prozesses vorgenommen werden können, wird der Großbetrieb
dem Kleinbetrieb gegenüber noch mehr als bisher im Vorteil sein.
Andererseits müssen gerade die Großbetriebe mit ihren hochspezialisierten und aufeinander abgestimmten automatischen Maschinen auf
große Serien bedacht sein und können kaum auf Kundenwünsche bezüglich Konstruktions- und Formänderungen eingehen. Jede Änderung
bedingt zeitraubende Umstellungen des Betriebes. Hier liegt eine
eindeutige Chance des Kleinbetriebs.
Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

Es ist klar, daß der kleine Unternehmer angesichts seiner
beschränkten finanziellen Mittel nicht in jedem beliebigen Gebiet mit den großen Industriekolossen in Wettbewerb treten kann.
Wir lesen heute zum Beispiel viel über Transistoren und Dioden.
Wenn das, was die Ingenieure uns erzählen, zutrifft - nämlich
daß die bei der Herstellung von Halbleitervorrichtungen verwendeten Materialien bei Berührung durch die menschliche Hand jene
spezifischen Eigenschaften verlieren, auf die es gerade ankommt -, so scheint die vollautomatische Verarbeitung eine unerlässliche Notwendigkeit. Dazu sind jedoch Investitionen in Höhe
vieler Millionen Dollar unvermeidlich. Wenn ein Unternehmen diese
nicht vornehmen will oder kann, dann sollte es sich lieber ein
anderes Tätigkeitsfeld aussuchen. Einige der besten Beispiele
für die Vorteile der Automatisierung bieten heute die Zulieferbetriebe, denen sie im Verein mit einer weitgehenden Spezialisierung und Erfahrung sowie mit einem beschränkten Produktionsprogramm zu hervorragenden Erfolgen verholfen hat.
Eine der am vollständigsten automatisierten Abteilungen
der Firma Honeywell beschäftigt gleichzeitig auch die geringste
Zahl von Arbeitern und Angestellten. Gerade dieser Betrieb hat
mit einem beschränkten vollautomatischen Werkzeugpark von grundsätzlich einfacher Konstruktion und ohne große Aufwendungen ganz
hervorragende Leistungen vollbracht.
Auch auf dem Gebiet der leichtverderblichen Nahrungsmittelerzeugnisse, wie Brot, Milch, Speiseeis usw., ist der Kleinbetrieb eher Regel als Ausnahme, und doch sind diese Betriebe,
wie Sie alle wissen, gewöhnlich sehr stark automatisiert.
Außerdem hängen bestimmte weiterverarbeitende Betriebe,
besonders die Ölraffinerien und die chemische Industrie, weitgehend von hochentwickelten technischen Werkzeugen ab. Das
trifft für Groß- und Kleinbetriebe gleichermaßen zu. Ganze Arbeitsvorgänge in den einzelnen Stadien des Fabrikationsprozesses
werden hier von automatischen Meßapparaten und Melde- und Kontrollvorrichtungen überwacht.
Eine erhöhte Ausstattung der Industrie mit technischer Ausrüstung - die Automatisierung also - bietet günstige Gewinnaussichten. Wir sind auf Grund unserer eigenen Verkaufserfahrungen
überzeugt, daß dies nicht nur für Großunternehmen, sondern auch
für eine große Anzahl von Kleinbetrieben gilt, wo die Ausstattung mit technischen Ausrüstungsgegenständen eine Modernisierung
des Betriebes bewirken kann, zu einer Senkung der Preise und
gleichzeitiger Verbesserung der Qualität führt.
Hier erhebt sich nun die Frage: "Wie kann der einzelne Unternehmer sich erfolgreich der Automatisierung bedienen?' Ich
möchte den Unternehmern empfehlen, sich die Erfahrungen anderer
Betriebe zunutze zu machen, technische Berater zuzuziehen, Verbesserungsvorschläge aus den Reihen der Belegschaft zu prämieren
und sich eingehend mit der einschlägigen Fachliteratur zu befassen.
Besondere

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AR3EIT

1. Februar 1956

Besondere Aufmerksamkeit verdient die sehr sachliche Abhandlung von James R. Bright "How to Evaluate Automation" (Wie läßt
sich die Automatisierung auswerten?), die in der "Harvard Business
Review" erschienen ist. Der Verfasser zeigt darin an Hand von
Tabellen und Übersichten auf, welche Möglichkeiten die Automatisierung großen und kleinen Betrieben bietet.

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�"iilflEKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 2)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
( 170 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Ich möchte bei dieser Gelegenheit
feststellen, daß die zunehmende Automatisierung voraussichtlich erhebliche Veränderungen in der organisatorischen Struktur vieler Unternehmen mit sich bringen wird.
Die Anforderungen an das berufliche Können der technischen
Angestellten werden infolge der schnellen Entwicklung in Wissenschaft und Technik in Zukunft ständig steigen. Die Verwendung
der neuesten und nur sehr schwer verständlichen Ergebnisse der
Wissenschaft und Technik bringt schwerwiegende technische Entscheidungen ganz spezieller Natur mit sich, die oftmals die
gesamte Entwicklung des Betriebes beeinflussen.
Daher wird ein auf einem bestimmten Gebiet ausgebildeter
Techniker immer weniger imstande sein, eine technische Entscheidung eines seiner Untergebenen zu beurteilen, dessen spezielles
Können auf einem anderen Gebiet liegt. Ein nicht sachkundiger
Betriebsinhaber befindet sich sogar in einem noch größeren
Nachteil. Ohne Frage muß der einzelne Ingenieur heute Entscheidungen treffen, für die eigentlich die Betriebsleitung zuständig ist, und er muß daher als Vertreter der Betriebsführung betrachtet werden, ebenso wie der Werkführer oder Vorarbeiter auf
Grund der ihm übertragenen Entscheidungen der Betriebsleitung
zugehörig betrachtet werden muß.
Nach Auffassung mancher Kreise werden bei zunehmender Verwendung automatischer Dokumentations- und ^uswertungssysteme
verschiedene neuerer Methoden der Betriebsführung wie Betriebsforschung für Fließbandplanung eine so große Bedeutung erlangen,
daß bald schon die in diesen Methoden bewanderten Fachleute die
Betriebsführer alten Stils ablösen werden.
Meiner Ansicht nach ist das eine unrealistische Vorstellung.
Die Stellung des Betriebsführers wird unter dem integrierenden
Einfluß einer gesteigerten Automatisierung einerseits kompli- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

komplizierter und andererseits allgemeiner werden. Die traditionellen Qualifikationen eines erfolgreichen Betriebsführers
werden vielmehr nach wie vor gefordert werden müssen. Die organisatorische Struktur eines Betriebes allerdings wird sich
dahingehend verändern, daß der Betriebsführer entsprechend
ausgebildete Fachleute als Berater zur Seite haben wird, die
es ihm ermöglichen, auch in hochspezialisierten technischen
Fragen die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Während zahlreiche der größeren Unternehmen bereits über
umfangreiche Stäbe kompetenter Techniker verfügen, die Automatisierungsprogramme planen und vorschlagen, können sich die
kleineren Betriebe den Luxus solcher Abteilungen nicht leisten.
Sie genießen aber einen anderen, bemerkenswerten Vorteil.
Die wachsende Zahl von Herstellern von automatischen Ausrüstun
gen sind natürlich daran interessiert, ihren Produkten einen
großen Absatzmarkt zu sichern. Nun ist es eine Tatsache, daß
die Zahl der Betriebe mit einer Belegschaft von weniger als
1000 Beschäftigten überwiegt, und daß gerade diese Unternehmen
als wichtigste Käufer der Erzeugnisse der Herstellerfirmen von •
elektronischen Geräten in Frage kommen. Sie werden daher bestrebt
sein, ihre Produktion soweit als möglich auf die Bedürfnisse
dieses Käuferkreises abzustimmen.
Ich möchte damit nicht sagen, daß automatische Ausrüstungen für alle denkbaren Betriebsvorgänge zu irgendeinem Zeitpunkt
so quasi "auf Abruf" bereitstehen werden. Doch bin ich überzeugt,
daß das Interesse der Herstellerfirmen an der Marktausweitung
zahlreichen kleinen und nicht sehr kapitalskräftigen Unternehmen
hilft, die in einem gewissen Umfange an der Automatisierung profitieren wollen, Aufwendungen für die Planung einer automatisierten Produktion zu ersparen.
Vermutlich werden wir in zehn Jahren einmal erstaunt sein,
welchen großen Auftrieb die Automatisierung durch das Angebot
von standardisierten automatischen Ausrüstungen auf dem offenen
Markt erhalten hat, die entwickelt wurden, um den auf einen
gemeinsamen Nenner gebrachten Bedürfnissen von Tausenden kleiner
und mittlerer Betriebe zu entsprechen.
Sehr wichtig ist auch die Frage, welchen Einfluß die Automatisierung auf die Qualität der Erzeugnisse ausübt. Die bisher
gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin, daß sie unabhängig
von der Größe des Unternehmens im allgemeinen nur zu einer Verbesserung der Qualität führt. Darauf weisen sämtliche von uns
gesammelten Erfahrungen hin.
Die Konstruktion automatischer Maschinen setzt eine noch
gründlichere Kenntnis des Produkts und der Produktionsvorgänge
voraus, als sie schon der mechanisierte Betrieb erforderte. Das
bedeutet, daß dem Material, den Werkzeugen, dem innerbetrieblichen Transport und allen übrigen Einzelheiten größere Aufmerksamkeit gezollt werden muß, damit die erwarteten Abweichungen in
der automatischen Vorrichtung, dem Arbeitsvorgang oder der Art
des Betriebes voll berücksichtigt werden können.
Ich
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�"AMERIKA DIENST1' - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

Ich gebe zu, daß die Automatisierung eine Anpassung an neue
Verhältnisse nötig macht und jede Betriebsführung vor große Aufgaben stellt, und ich weiß, daß eine erhöhte Automatisierung
auch ein erhöhtes Risiko mit sich bringen wird, und zwar insbesondere auch für die kleinen Betriebe. Dies wird aber dem
Wettbewerb nur förderlich sein.'
Tn diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, daß sich
jeder einzelne Klein- und Mittelbetrieb darüber klar wird, von
welcher Seite ihm die schwersten Gefahren der Konkurrenz drohen.
Hier gilt es zu berücksichtigen, daß ein weitsichtiges
Automatisierungsprogramm ein einzelnes Unternehmen - fast über
Nacht - in die Lage versetzen kann, den gesamten Markt auf
seinem Produktionsgebiet in Aufruhr zu versetzen. Vor dieser
Gefahr müssen heute sämtliche Betriebe auf der Hut sein.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein technische
Frage, die man an irgendeine Abteilung innerhalb des Betriens
delegieren kann. Die wichtigen Fragen der Betriebspolitik werden nach wie vor von der Betriebsführung - den Besitzern oder
Direktoren - entschieden. Ich meine damit die großen grundsätzlichen Entscheidungen: die Positionsbestimmung des Unternehmens
innerhalb der eigenen Industrie, die Entscheidung darüber, ob
das Produktionsprogramm vielschichtig gehalten sein soll oder
ob man sich auf nur ein oder einige wenige Erzeugnisse beschränken soll, und ähnliches.
Angesichts dieser Sachlage scheint es notwendig, die Begriffe Statistik und Forschung neu zu interpretieren, da sie
die Zukunft eines Betriebes, des großen wie des kleinen, auf
weite Sicht bestimmen. Heute ist eine Betriebsführung gezwungen, nur alle jene Faktoren in ihre Planung einzubeziehen, die
die Entwicklung des Betriebes oder seine Existenz schlechthin
berühren.
Vieles was heute mit dem Begriff Automatisierung bezeichnet wird, ist tatsächlich nichts anderes als eine vervollkommnete Technisierung.
Ich meine den Ersatz einer Maschine oder eines Produktionsverfahrens durch eine bessere Maschine oder ein besseres Produktionsverfahren. Wenn das jedoch alles wäre, würde sich die ganze
Diskussion um die Automatisierung erübrigen.
Die Automatisierung ist weit mehr, sie ist eine gewaltige
neue Kraft, die alle Möglichkeiten zum Guten oder Bösen enthält, wie sie großen Veränderungen innewohnen.
Was wir bei der Beurteilung der Möglichkeiten, die die
Automatisierung bietet, am meisten brauchen, ist der Wille, den
Tatsachen ins Gesicht zu sehen und harte geistige Arbeit zu
leisten, um die notwendigen Gleichungen zu lösen, deren einzelne Größen die Stärke, die Schwächen, der geschäftliche Ehrgeiz
und das Bankkonto des einzelnen Betriebes sind.
Wir dürfen uns in die Frage der Automatisierung nicht von
halben Wahrheiten in die Irr« führen lassen. Man hört häufig die
Behauptung,'daß der Mensch durch die Maschine verdrängt wird.
_ ^ _
Dem

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

Dem ist entgegenzuhalten, daß sich bisher im großen und ganzen
in jeder Industrie, die ihre Investitionen pro Arbeitsplatz erhöht hat, auch die Zahl der Beschäftigten erhöhte. Die Stahlund Automobilindustrie, die Unternehmen der Fernmeldetechnik
und die chemische Industrie bewiesen dies ganz eindeutig. So
führt der einzigartige Anstieg des amerikanischen Lebensstandards, das Ergebnis unseres Systems der freien Marktwirtschaft,
zwangsläufig zu dem Schluß, daß die Automatisierung, weit entfernt, eine Gefahr für die Industriebetriebe jeder Größe zu
sein, von wesentlicher Bedeutung für die künftige Entwicklung
unserer Wirtschaft ist.
Ihre Entwicklung ist eine evolutionäre und keine revolutionäre. Sicherlich wird der kleine Unternehmer nur selten in
den Schlagzeilen der Zeitungen als Beispiel für eine wirksame
Automatisierung genannt werden. Er wird aber auf jeden Fall
Nutzen aus der gesteigerten Betriebsleistung, den geringen Produktionskosten und den größeren Gewinnmöglichkeiten ziehen,
sofern er gewillt ist, der veränderten Lage Rechnung zu tragen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Automatisierung
(Teil- oder Vollautomatisierung) dazu beitragen kann, die Freise
zu senken, die Qualität der Produkte zu verbessern und auf diese
Weise mehr Waren von verbesserter Qualität auf den Markt zu bringen. Selbst die pessimistischsten Wissenschaftler bezweifeln
nicht, daß das Bruttosozialprocukt in den Vereinigten Staaten
bis zum Jahre 1965 auf 500 Milliarden Dollar steigen wird. Dies
entspricht einer Zunahme von über 30 Prozent, dem ein Bevölkerungszuwachs von 14 Prozent gegenüberstehen dürfte. Natürlich
•
ist eine solche Entwicklung des Bruttosozialproduktes nur durch
eine ständige Steigerung der Produktivität zu erreichen. Die
Automatisierung kann hierzu beitragen und sie darf deshalb,
trotz aller Probleme, die sie aufwirft, und aller Risiken, die
sie einschließt, als ein Prozeß angesehen werden, der für das
Wachstum und den Wohlstand der Vereinigten Staaten von größter
Bedeutung ist.

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�"ÜMERIKA

DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(1 .Teil)
(145 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Es ist nun etwa 4V2 Jahre her, seit das
Statistische""Bundesamt der Vereinigten Staaten die erste große
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine für die Ausführung aller
erdenklichen Berechnungen und Büroarbeiten in Betrieb genommen
hat. Heute werden die Verwendungsmöglichkeiten derartiger Maschinen nebst ihrer Zusatz-Aggregate bereits in weiten Kreisen der
Wirtschaft, insbesondere auch im Versicherungswesen, geschätzt.
Die "Metropolitan Life Insurance Company" hat beispielsweise bereits vor mehr als einem Jahr die erste derartige Maschine in Betrieb genommen. Eine Untersuchung der Gründe, die unsere
Firma zu diesem Entschluß bewogen haben, gewährt mancherlei Aufschlüsse über die vielfältigen Aspekte der Automatisierung im
Versicherungswesen.
Den Ausschlag gab wohl die Tatsache, daß Bürokräfte nur
noch sehr schwierig zu beschaffen sind, und daß in nächster Zukunft kaum mit einer Besserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu
rechnen ist.
Im Februar 1948 gründete die Gesellschaft eine Untersuchungskommission, um die Möglichkeit zur Verwendung elektronischer Rechen- und Buchungsmaschinen im eigenen Betrieb zu untersuchen.
Die Ergebnisse fielen so aus, daß wir im August 1953 eine erste
derartige Versuchsanlage in Auftrag gaben, die im Jahre 1954
geliefert wurde. Es handelt sich um eine Magnetband-Elektronenrechenmaschine mit Zubehör, wie Band-Lochkarten- und LochkartenBand -Übertrager, Schreibautomat und ähnliche Geräte. Die Gesellschaft entschloß sich hierzu, obwohl die Untersuchung gezeigt
hatte, daß diese Elektronengeräte noch nicht den denkbar höchsten Grad der technischen Vollkommenheit erreicht haben.
Welche Eigenschaften dieser neuen Geräte haben nun die Versicherungsunternehmen veranlaßt, sie in so kurzer Zeit in so hohem Maße in ihren Betrieb einzubeziehen? Was können sie leisten?
Und inwieweit bedingen sie Änderungen des gesamten Betriebsablaufs?
Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Im Versicherungswesen bedeutet die Automatisierung die
Einführung neuer elektronischer Maschinen zur Bewältigung von
Aufgaben, die bisher von Bürokräften oder Hollerithmaschinen
beziehungsweise von beiden gemeinsam ausgeführt wurden. Elektronische Geräte haben die Fähigkeit, Büroarbeiten in außergewöhnlich kurzer Zeit zu bewältigen und benötigen bei der
Ausführung selbst mehrerer Arbeitsgänge hintereinander kaum
irgendwelcher Überwachung durch Menschen.
Um die Bedeutung vollautomatischer Buchungsmaschinen im
Versicherungswesen würdigen zu können, ist es notwendig, zunächst einmal eine klare Vorstellung von normalen Betriebsablauf solcher Unternehmen zu gewinnen.
Die heutige Arbeitsweise entwickelte sich aus der durch
das ständige Wachstum der Versicherungsunternehmen bedingten
Trennung und Unterteilung der verschiedenen Funktionen innerhalb des Betriebes. Diese Methode der immer weitergehenden Unterteilung der Büroarbeit brachte das Entstehen eines vielschichtigen Systems eng miteinander verflochtener Abteilungen und Unterabteilungen mit sich, von denen jede einzelne nur einen ganz
bestimmten engbegrenzten Arbeitsbereich hat. Auf Grund dieser
Arbeitsteilung mußte fast jede Abteilung eine eigene Aktenablage einrichten, und so ist es heute nicht selten, daß ein und
derselbe Akt in zehn verschiedenen Registraturen steht. Dies bedeutet selbstverständlich gewaltige Mehrarbeit und viel Leerlauf.
Vor der Einführung elektronischer Büromaschinen war die
Mechanisierung in der Büroarbeit durch die Verwendung von "Maschinen für nur einen Arbeitsgang" - die Schreibmaschine, die
Rechenmaschine und die Hollerithmaschine beispielsweise - gekennzeichnet. Sie brachten eine weitgehende Spezialisierung
mit sich und gliederten den Arbeitsablauf in einer Weise, die
der Serienfertigung am laufenden Band vergleichbar ist. Sie
führte einerseits zu einer Senkung der Betriebskosten, erforderte aber andererseits eine große Zahl von AufSichtskräften,
um die Arbeit in den verschiedenen Abteilungen zu koordinieren und die einzelnen Abteilungen doch als ein zusammenhängendes Ganzes funktionieren zu lassen.
Um ein Beispiel aus der lebensversicherungspraxis zu geben, so muß ein Antrag auf Zahlung der Versicherungssumme bei
Fälligkeit erst einmal zur Registratur laufen, wo der erste
Antrag auf Aufnahme in die Versicherung aufbewahrt wird. Zusammen mit diesem Schriftstück geht der Akt zu der Inkassoabteilung, um die Höhe der vom Versicherungsnehmer geleisteten Beiträge festzustellen und von dort zu einer dritten Abteilung,
wo nachgeprüft wird, ob bereits irgendwelche Zahlungen auf die
Police zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt sind und so weiter.
Erst wenn der Akt alle einschlägigen Abteilungen durchlaufen
hat, kann schließlich die Auszahlungsanweisung ausgefertigt
werden.
Wenn alle Angaben bezüglich der betreffenden Versicherung
in Elektronen-Buchungsmaschinen gespeichert sind, dann vollzieht
sich der ganze vorstehend geschilderte Prozeß in einem einzigen
Arbeitsgang, an einem Ort und zu einem Zeitpunkt. Die wichtigste
Möglichkeit, die sich deshalb für die Verwendung von Elektronen-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Elektronengeräten abzeichnet, ist die Einführung eines zentralen automatisierten Arbeitsganges für mehrere Arbeitsgänge verschiedener Abteilungen. Somit wird die mehrfache Aufbewahrung
ein und desselben Aktes überflüssig.
Die sich hieraus ergebenden Konsequenzen werden gegenwärtig vom Versicherungsgewerbe eingehend geprüft. Die Gesellschaft
der Registraturangestellten hat hierzu bereits zwei größere
Studien fertiggestellt, die eine Fülle von Informationen zu
diesem Fragenkomplex enthalten*). Die Versicherungsunternehmen
sind bei ihren Untersuchungen zu dem Schluß gelangt, daß die
vorstehend aufgezeigten Möglichkeiten die Verwendung solcher
Maschinen bereits restlos rechtfertigen. Inzwischen haben auch
bereits mehrere Versicherungsunternehmen solche Maschinen in
Auftrag gegeben oder in Betrieb genommen.
Der Übergang von der bisher geübten Praxis auf die Verwendung von Elektronenmaschinen macht selbstverständlich eine grundlegende Reorganisierung des gesamten Betriebsablaufes erforderlich. Hierfür lassen sich nach den bisher gesammelten-Erfahrungen folgende Gesichtspunkte aufstellen:
Erstens: die Automatisierung muß auf den ganzen Arbeitsprozeß ausgedehnt werden, sie darf sich also nicht auf einzelne
Abteilungen beschränken.
Zweitens: kleinere Arbeiten müssen mit anderen zusammengelegt werden, um jenes Arbeitsvolumen zu schaffen, das erst
den lohnenden Einsatz von Elektronengeräten ermöglicht.
Drittens: die verschiedenen Aktenablagen müssen durch
eine einzige Registratur ersetzt werden, in der alle Angaben
in der für Elektronengeräte erforderlichen Form "gespeichert"
werden.
Viertens: alle zu erledigenden Arbeiten müssen in einem
Arbeitsgang durch die Elektronenmaschine bewältigt werden (wobei ein mehrmaliges Passieren etwa eines Magnetbandes durchaus
als ein Arbeitsgang anzusehen ist).
Fünftens: bei der Ausarbeitung des zu wählenden Verfahrens müssen Arbeiten wie das Aufsuchen von Akten und Angaben
sowie das aktenmäßige Erfassen des Vorganges so weitgehend wie
nur möglich durch arithmetische und logische Operationen ersetzt werden.
Sechstensj das verwendete System muß ausreichende Kontrollorgane besitzen, damit sich eine mühsame Überwachung und Fehlerkorrektur erübrigt.
Wenn diese Grundsätze befolgt werden und wenn man das Wesen
und den Sinn der bisher üblichen Methoden gebührend würdigt und
*) Der zweite der beiden Berichte wurde von der Gesellschaft
der Registraturangestellten (Society of Actuaries, 208 South la
Salle Street, Chicago 4, 111.) in gedruckter Form veröffentlicht
und kann zum Preis von 2 Dollar durch sie bezogen werden.

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�A'.'-'RIKA DIENST" - '.7IRT3CHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

und berücksichtigt, dann dürfte sich die Umstellung auf elektronische
Maschinen mit Erfolg bewerkstelligen lassen.
Der letztere der beiden vorstehend erwähnten Berichte der Gesellschaft der Registraturangestellten bringt eine Übersicht über
die Pläne von acht großen amerikanischen Versicherungsgesellschaften,
die eine Umstellung auf elektronische Verfahren beabsichtigen. Die
Gesellschaften sind übereinstimmend der Auffassung, daß eine solche
Umstellung möglich und zweckmäßig sei, wenngleich angesichts der Größe
der zu bewältigenden Aufgaben bisher keine von ihnen die Umstellung
wirklich vorgenommen hat.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von '"Automation" in Versicherungsbetrieben
(2.Teil)
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(175 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Ein gut Teil des Arbeitsanfalls bei den
Versicherungsgesellschaften erwächst aus der regelmäßigen Benachrichtigung der Versicherungsnehmer bezüglich der Fälligkeit
von Beiträgen, Versicherungsleistungen sowie aus der Beantwortung
von Anfragen. Hierbei sind im wesentlichen folgende Arbeiten zu
verrichten:
Erstens: die Auswertung der Angaben der Unterlage, die den
Vorgang auslöst.
Zweitens: die Auswertung der Angaben aus den vorliegenden
Akten.
Drittens: die Bearbeitung der Auswertung,sergebnisse zur
Schaffung neuer Informationen.
Viertens: die Ausfertigung der Dokumente, die für die Ausführung der sich daraus ergebenden Transaktion
notwendig sind.
Fünftens: die aktenmäßige Erfassung der ausgeführten Transaktionen in der Registratur und Rechnungsstelle.
Y»'enn ein Versicherungsnehmer beispielsweise seine Adresse
ändert, so werden nur die Vorgänge 1 und 5 ausgelöst, bei Fälligkeit einer Versicherung müssen dagegen alle fünf Vorgänge ausgeführt werden. Andererseits entfällt für eine ganze Reihe von
Transaktionen Vorgang 1.
Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen sowie ihr Zubehör
sind universell verwendbar. Sie bearbeiten Informationen Jeder
Form, stellen Auszüge aus Akten her, kombinieren nach mathematischen und'logischen Gesichtspunkten Angaben, um neue Informationen zu schaffen, fertigen Dokumente aus und so weiter. Sie
lassen sich praktisch auf allen Teilgebieten der Büroarbeit verwenden.
Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß es auch eine ganze
Reihe von Arbeiten gibt, für die sie nicht zu gebrauchen sind.
Dies gilt insbesondere für Arbeiten, die ihrem Wesen nach nicht
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

nicht eine Wiederholung eines einmal festgesetzten Arbeitsablaufs sind, oder die ein gewisses Maß an Urteilskraft erfordern.
Von den fünf erwähnten Vorgängen läßt sich Vorgang 3 - die
Schaffung neuer Informationen aus bekannten Angaben - am besten
mit Elektronengeräten erledigen. Gerade diese Arbeiten verursachen bei dem bisher üblichen Verfahren gewöhnlich den größten
Kostenaufwand. Die Zusatzgeräte zu den elektronischen Rechenund Buchungsmaschinen lassen sich auch mit günstigen Ergebnissen
für die Vorgänge 4 und 5 verwenden, das heißt also für die Ausfertigung von Dokumenten und für die aktenmäßige Erfassung erfolgter Transaktionen. Was Vorgang 2 angeht, so ermöglichen
Elektronengeräte hier insbesondere die Vermeidung von Doppelarbeit durch mehrfache Aktenhaltung. Für Vorgang 1, die Auswertung der Angaben aus der Unterlage, die die Transaktion auslöst, scheinen sich wenige, wenn nicht sogar überhaupt keine
Vorteile zu ergeben, mindestens nach dem derzeitigen Stand der
Entwicklung.
Insgesamt erweist sich die Verwendung von Elektronengeräten der bisher entwickelten Typen auf zwei Sektoren als nicht
befriedigend.
Als erstes ist hier die Umwandlung neu hinzukommender Angaben und Informationen in die "Sprache" und Form, wie sie Elektrunenmaschinen erfordern, zu nennen. Hier ist noch immer die
menschliche Arbeitskraft unentbehrlich. Allerdings ist die Industrie bereits dabei, sogenannte "Intelligent Readers" zu entwickeln, das sind Geräte, die gedruckten Text - etwa dem Rasterverfahren vergleichbar - erfassen, automatisch kopieren und in
die "Sprache" von Elektronenmaschinen umsetzen können.
Ein weiterer Arbeitsgang, bei dem Elektronengeräte bisher
keine wesentliche Beschleunigung des Arbeitstempos versprechen,
ist die Aussortierung eines bestimmten Komplexes von Informationen aus einer Vielzahl solcher Informationen - beispielsweise etwa das Aussortieren der Karteikarte für eine bestimmte
Police etwa aus einer Registratur mit 100 000 solcher Karten.
Doch auch hier ist die Industrie bemüht, entsprechende.«Geräte
zu entwickeln.
Die Automatisierung der Arbeitsvorgänge im Versicherungswesen wird jedoch nicht nur zu einer erheblichen Kostensenkung
fahren, sondern auch erhebliche organisatorische Umstellungen im
Betrieb erfordern. Dies wird nicht ohne Schwierigkeiten abgehen».
Von besonderer Bedeutung dürfte die Tatsache sein, daß bei
Verwendung von Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen und ähnlichen Apparaten die gesamte Arbeit von ein oder zwei wichtigen
Schlüsselgeräten abhängt. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit,
diese Maschinen ständig in betriebsbereitem Zustand zu halten und
eventuell auftretende Mängel raschestens festzustellen und zu beheben, um einen Stillstand des gesamten Betriebes zu vermeiden.
Da dies sehr schwierig sein dürfte, scheint der einzige mögliche
Ausweg darin zu bestehen, jeweils Austauschmaschinen in Reserve
zu halten.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß die Ar-*
beitsplanung für die Maschine und die Festlegung des Arbeitsab- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

Arbeitsablaufs eine sehr schwierige und zeitraubende Aufgabe
darstellt. Doch auch hier, ist die Industrie bemüht, entsprechende Maschinen und Verfahren auszuarbeiten, daß die "Arbeitsprogramme" künftig mit Hilfe elektronischer Maschinen festgelegt
werden können.
Zu der großen Abhängigkeit vom Funktionieren der Maschinen und den Schwierigkeiten der Festlegung des Arbeitsprogrammes der Maschinen kommt eine unerwünschte Abhängigkeit von bisher
ohnehin schwer zu beschaffenden Fachkräften. Zum Betrieb einer
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine sind an sich nur zwei Arbeitskräfte notwendig; sollten sie jedoch aus irgendeinem Grunde
ausfallen, so läuft der ganze Betrieb Gefahr, ins Stocken zu geraten. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß eine Doppelbesetzung
der entsprechenden Positionen notwendig wird. Damit kommt ein
völlig neues Element in die Lohnpolitik, da hier nicht mehr die
Arbeit honoriert wird, die eine Arbeitskraft leistet, sondern
das, was sie gegebenenfalls zu leisten vermag.
Sehr bedenklich scheint auch die Tatsache, daß die Direktoren und leitenden Angestellten, die den Bürobetrieb überwachen,
höchstens in Ausnahmefällen mit elektronischen Geräten vertraut
sein dürften. Auf die Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse der
Betriebserfordernisse, die gerade diese Menschen sich in Jahren
und Jahrzehnten erworben haben, kann man jedoch keinesfalls verzichten. Es besteht hier die Gefahr, daß sie, wenn es ihnen an
einem entsprechenden Verständnis für die Möglichkeiten und Begrenzungen elektronischer Maschinen mangelt, in eine unerwünschte Abhängigkeit vom rein technischen Personal kommen. Aus diesen Erwägungen heraus ist eine entsprechende Schulung des leitenden Personals eine unerläßliche Notwendigkeit.
Die Mechanisierung aller Arbeitsvorgänge ist innerhalb des
Versicherungswesens ein seit Jahrzehnten bekannter betrieblicher
Vorgang. Sie brachte eine allmähliche Verringerung des Büropersonals mit sich. Allerdings konnten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, für jene Kräfte, deren Positionen überflüssig geworden
waren, jeweils andere Arbeitsplätze gefunden werden, die ihnen
mindestens den gleichen, wenn nicht sogar einen höheren Lohn
sicherten. Wie sich durch zahlreiche Beispiele beweisen läßt,
hat die Mechanisierung in vielen Fällen sogar zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze geführt und vielen Angestellten eine höhere gehaltliche Einstufung eingebracht. Bei der Automatisierung scheint
sich eine ähnliche Entwicklung anzubahnen.
Solange man auf Seiten der Arbeitgeber den Grundsatz anerkennt, daß man für überflüssig werdende Arbeitskräfte entsprechend neue Arbeitsplätze schaffen muß, und daß dadurch entstehende Mehrkosten in der Praxis dem Kaufpreis der Maschinen zuzuschlagen sind, wird die Umstellung auf den automatischen Betrieb keine ernste Situation auf dem Arbeitsmarkt heraufbeschwören. So betrachtet, ist die Automatisierung praktisch nur ein
weiterer, wenn auch sehr folgenschwerer Schritt der Mechanisierung, die schon seit Jahrzehnten betrieben wird.
Zusammenfassung
Die Automatisierung kann im Versicherungswesen als die Verwendung von Maschinen zur automatischen Erledi0ung sämtlicher

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

sämtlicher Arbeitsgänge aufgefaßt werden. Sie bedingt eine Reorganisation des gesamten Betriebes, in deren Zug sich die Zahl
der verschiedenen Abteilungen erheblich verringern läßt. Nerventötende Routinearbeiten werden dem einzelnen abgenommen werden
können. Pas Ergebnis der Automatisierung im Versicherungswesen
dürfte eine erhebliche Einsparung an Betriebs- und Verwätungskosten und damit eine Senkung der Beitragsleistungen sein. Sie
wird auch eine erhebliche Entlastung des stark angespannten Arbeitsmarktes mit sich bringen.
Die Anpassungsfähigkeit eines mit elektronischen Maschinen
ausgestatteten Unternehmens an die sich ändernden Geschäftserfordernisse ist wesentlich größer als bei einem nach alten Verfahren arbeitenden Betrieb. Der derzeitige Betriebsablauf, der
mehr oder weniger dem Fließbandverfahren gleicht, ist seinem
ganzen Wesen nach ziemlich starr, da jede Änderung des Verfahrens eine entsprechende Umschulung von Hunderten, wenn nicht
sogar Tausenden von Arbeitskräften erfordert. Da elektronische
Geräte nur ganz wenig Bedienungspersonal benötigen, wird eine
Betriebsumstellung viel einfacher und rascher vor sich gehen
können. Die bisherigen Erfahrungen, die die "Metropolitan Life
Insurance Company" in rund eineinhalb Jahren mit dem Betrieb von
elektronischen Rechen und Buchungsmaschinen sammeln konnten,
waren sehr befriedigend. Gegenwärtig arbeiten diese Maschinen in
zwei Schichten. Die Kosten für den Betrieb mit elektronischen
Geräten sind etwa nur halb so hoch wie die'bei der Verwendung moderner Hollerithmaschinen. Die Gesellschaft hofft, daß sie schon
in Kürze das Arbeitstempo der Elektronenmaschinen verdoppeln
kann, so daß sich die zweite Schicht erübrigt.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten begünstigt die Umstellung vom mechanisierten auf den automatisierten Betrieb. Die Verknappung von Bürokräften einerseits
und die starke Expansion der Industrie andererseits schaffen
denkbar günstige Voraussetzungen.
Elektronische Rechen- und Buchungsmaschinen können praktisch sämtliche Arbeitsgänge an einem Ort und gleichzeitig sowie in jeder gewünschten Kombination und Variante bewältigen.
Ihre Verwendung erfordert jedoch höchstes fachliches Können und
eine geistige Wendigkeit, wie sie hisher praktisch nur von wissenschaftlich geschultem Personal verlangt wurden.
Angesichts des Gesagten dürfte es kaum verwundern, daß sich
gerade die Versicherungsunternehmen besonders für die Möglichkeiten der Verwendung elektronischer Geräte interessieren. Sie
sind sich dabei durchaus im klaren, daß es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden gilt, ehe die Möglichkeiten, die diese Maschinen bieten, voll ausgeschöpft werden können. Sie unterschätzen die Probleme, die die Umstellung des Betriebes auf automatische Verfahren mit sich bringt, keineswegs. Sie wissen aber auch,
daß ihnen die Automatisierung, sobald erst einmal das Entwicklungsstadium überstanden ist, eine erhebliche Verbesserung der
Arbeit im Betrieb und des Dienstes am Kunden gestatten wird.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb")
w

•

Jfr •

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#

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (VI)
Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
,
(Teil I)
l 120 Zeilen)
WASHINGTON - (.aD) - Jedes publizistische Unternehmen erstrebt
eine möglichst weitgehende Verbreitung seines Druckerzeugnisses in
Form von Wort und Bild. Der Erfolg hängt wesentlich von der Schnelligkeit ab, die aber nicht die vom Leser und Anzeigengeber erwartete Qualität hinsichtlich des Druckes und der redaktionallen Zusammenstellung beeinträchtigen darf. Wenn man die für eine Veröffentlichung vorgesehenen Nachrichten und Artikel und die aufgegebenen Annoncen als das Eingabematerial bezeichnet, die Funktionen der Redaktion, Auswählen, Umschreiben und Aufteilen, mit
der Tätigkeit einer auswertenden Rechenmaschine gleichsetzt und
die gedruckte und ausgelieferte Zeitung als das Ausgan^smaterial
definiert, dann ist das publizistische Gewerbe hauptsächlich ein •
Dokumentationsbetrieb. Das heißt mit anderen Worten, daß das
publizistische Erzeugnis nicht in Tonnen Papier und Kanister
Druckerschwärze gemessen werden kann, sondern als die Summe von
Informationen. Eines sei hier von vornherein klargestellt, nämlich daß die Funktionen der Redaktion wohl immer von Menschen
ausgeübt werden müssen und sollen.
Ein genaues Studium der periphären Tätigkeiten eines publizistischen Betriebs, nämlich die Absatzförderung, die Abonnentenwerbung, der Verkauf von Platz für Werbezwecke und die Massenproduktion und -Verteilung der fertigen Zeitschrift, zeigt sofort,
daß die Verhältnisse hier völlig anders geartet sind. Hier müssen
wir mit unseren Überlegungen ansetzen, wie wir das Verhältnis
zwischen Arbeitsstunden pro Kopf und Arbeitsstunde pro Maschine
noch besser gestalten können, damit wir ein besseres Erzeugnis
zu einem niedrigeren Preis herstellen und verteilen können.
Die Material- und Herstellungskosten, die bei der Erzeugung
und Verteilung einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift mit
hoher Auflage entstehen, sind mit der größte Unkostenfaktor im
Zeitschriften-Betrieb. Der Erfolg einer Zeitschrift hängt weitgehend von folgenden Gesichtspunkten ab: Kosten, Qualität,
Schnelligkeit und Aktualität. Nichts ist wertloser als beispiels- 1 -

�"iiMERIfct IIENST" - WIRTSCHAFT UNI ARBEIT

29- Februar 1956

beispielsweise ein Nachrichtenmagazin, das nicht aktuell ist und
über alle wichtigen Geschehnisse berichtet.
Man bemüht sich allenthalben bereits um die Entwicklung
schnellerer und vielseitigerer Druckmaschinen, automatischer
Falz- und Bindemaschinen, die Herstellung besseren und billi-r
geren Papiers und einer schnelleren und qualitätsmäßig verbesserten Klischierung. Die immer weitergehende Verwendung von
automatischen Kontrollvorrichtungen für Schnellpapiermaschinen,
Pressen und Bindemaschinen ist eine heute bereits feststehende
Tatsache. Hiervon darf man sich wesentliche Verbesserungen hinsichtlich der Qualität, der Kostenrechnung und der Schnelligkeit
versprechen. Die Herstellung eines Krückstockes, das Setzen, Umbrechen der Seiten und Zusammensetzen der Bogen verschlingt noch
viel Zeit und verursacht relativ hohe Kosten. Die Lösung dieses
Problems liegt in einer Presse, die automatisch für den Druckvorgang durch eine Beschickung mit Daten vorbereitet werden
kann, so daß die Presse sozusagen von vornherein weiß, was gedruckt wird. Darüber hinaus müssen aber noch Mittel und Wege
gefunden werden, um das redigierte-Druckmateriäl in eine Form
zu bringen, daß man es auf elektrischem Wege übermitteln und
sofort in die Presse geben kann.
Vielleicht wird die Richtung, in der sich die Entwicklung
aller Wahrscheinlichkeit nach bewegen wird, noch deutlioher,
wenn wir hier einmal ein Idealsystem - so wie wir es eines Tages erhoffen - beschreiben. Es soll auf Produktionsverfahren
fußen, die teilweise bereits heute angewandt werden, teilweise
erst in unserer Vorstellung existieren, dabei aber durchaus im
Bereich des Möglichen liegen.
Das zum Druck eingehende Material (Werbetexte, Annoncen,
Nachrichten, Leitartikel und andere Artikel) wird bis zur Umbruchkorrektur fertiggestellt. Der Korrekturbogen entspricht genau
der Zeitschrift, wie sie dem Leser ausgeliefert wird. Nachdem
die Redaktion ihre Billigung erteilt hat, gern- dieser Bogen zur
Produktionsabteilung. Hier wird er in Analogzeichen oder Digitzahlen umgesetzt und allen Druckhäusern übermittelt. Diese müssen
das Material speichern, um etwaige Fehler, die bei der Weiterverarbeitung auftreten, berichtigen zu können. Gleichzeitig
wird das Material in einen Umsetzungsmechani'smus geschleust,
von wo aus die Pressen für den Druck vorbereitet werden. Nachdem die Druckmaschinen vorbereitet sind, kann der eigentliche
Druckvorgang beginnen. Nach-Abschluß des Druckvorganges werden
die "Gedächtnisse" oder Druckzylinder der Pressen getilgt und
damit die Maschinen wieder für den nächsten Druckauftrag frei.
Es liegt auf der Hand, daß die heute üblichen Methoden der
Vorbereitung der Druckplatten für Hoch-, Flach- und Tiefdruck-,
pressen für ein solches System ungeeignet sind. Die Druckereitechnik macht jedoch in der Verwendung der neuesten Erkenntnisse der Elektrostatik, Elektromagnet.ik und Elektrochemie so
große Fortschritte, daß man sich ruhig in Spekulationen über
die zukünftige Entwicklung ergehen kann.
Wenn

�"AMERIKA LIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29- Februar 1956

;.enn diese Möglichkeiten erst einmal Realitäten geworden sind - und wir sind fest davon überzeugt, daß dies bald
schon der Fall sein wird-, dann wird das, was wir heute unter schneller Herstellung und Verteilung verstehen, wie ein
Schneckentempo anmuten. Freilich ist es durchaus wahrscheinlich, daß die Zahl der Druckereien, die am Ausdruck einer
Zeitung oder•Zeitschrift beteiligt sind, erheblich steigen
wird, damit der Leser auch wirklich in den Genuß der Zeitverkürzung zwischen Redaktionsschluß und Auslieferung kommen
kann.
Obwohl die Frobleme, die beim Druok und der Auslieferung
einer Zeitschrift auftreten, eher in das Gebiet der automatisierten Erzeugung als in das Gebiet der Dokumentation mit mechanischen Mitteln fallen, sollen hier jedoch beide Aspekte
behandelt werden, da sie für den Herausgeber einer Zeitschrift
gleichermaßen wichtig sind. Wenden wir uns daher nunmehr der
betriebstechnischen und kaufmännischen Seite in dem Bestreben
zu, eine Auflagenerhöhung durch einen vermehrten Absatz herbeizuführen und den Kreis der Abonnenten weiter zu ziehen.
In beiden Fällen würde sich die Verwendung von Maschinen der
automatischen Dokumentation sehr günstig auswirken, wobei zu
bemerken ist, daß die Kostenfragen hier eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen als technische Frobleme.
Y.enn man vom Beispiel der Zeitschriften "Time" und "Life"
ausgehen darf, so ist zu sagen, daß die Anstrengungen, eine
Auflagenerhöhung herbeizuführen, auf einen vermehrten Umsatz
an Kiosken, in Buchläden und eine Vermehrung der festen Abonnenten £erichtet sind. Der Verkauf an Kiosken gehört mit zu
den wichtigsten Problemen des Vertriebs. Eine Verkaufssteigerung wird allgemein durch zweierlei .arten der Werbung erreicht: einmal durch Nutzung der Mittel der Masseninformation, wie Radio, Fernsehen, Film und Fresse, und zum anderen
durch ein individuelles Ansprechen potentieller Käufer in
Form von Briefen. Hier nun erschließen sich zahlreiche Möglichkeiten für die Verwendung automatischer Dokumentationsmaschinen.

(Teil II folgt in Nr. 10/C vom 7.3.1956)
* * * * * *

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�"Al/.ERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VI )

Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
(Teil

II)

( 125 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Werbung neuer Käufer durch Postsendungen
setzt voraus, daß man im Besitze einer Adressenliste ist. Schnell arbeitende Dokumentationsapparate würden es ermöglichen, im .Sinne der
Werbung wirksamere Listen zusammenzustellen, indem sie nämlich von
vornherein jene Kreise ausschlössen, die auf Grund vorliegender Forschungsergebnisse gar nicht als potentielle Käufer anzusprechen sind.
Zugleich könnten hier mühelos jene Personen aus der Liste ausgeschieden werden, die bereits feste Abonnenten sind. Das würde bedeuten, daß
die Zahl der von vornherein aussichtslosen Werbesendungen erheblich
kleiner wird und der Werbeaufwand pro neuen Abonnenten wesentlich günstiger zu liegen käme als heute.
Im Falle des Absatzes an Kiosken und in Buchläden ist es durchaus
denkbar, daß das verzwickte Problem der richtigen Verteilung bei Vermeidung von Unter- oder l'berbelieferung durch eine weitgehende Verwendung
automatischer Dokumentationsmittel gelöst werden kann. Ob dabei alle
Einzelhändler individuell erfaßt werden müssen oder nur die Grossisten
in den einzelnen Vertriebsgebieten, ist eine nicht so absolut wichtige
Frage; entscheidend allein bleibt, daß man zu einer Verteilerliste kommt,
die einen möglichst hohen Absatz bei einer möglichst geringen Zahl von
Remittenden garantiert. Zu beachten sind in diesem Falle ferner die
nicht unbedeutenden jahreszeitlich bedingten Absatzschwankungen. Die
Bevölkerungszahl von Nantucket Island (Badeort) schwankt zum Beispiel
während der Sommersaison zwischen 350^) und 35 000. Das sind ungefähr
die Schwankungen, die ein Dokumentationsapparat in den Versandlisten erfassen müßte, und je umfangreicher die verwendbaren Angaben sind, um so
erfolgreicher wird diese Arbeit sein.
Die
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�"AMERIKA DI EH ST" - '.VIRTSC HAFT UND ARBEIT

7. März 1956

Die weitaus größte Zahl der Kaufer von "Time" und "Life" sind feste
Abonnenten. Inwieweit der Kunde wirklich befriedigt wird, hängt nicht
nur von der journalistischen Qualität des

Erzeugnisses(sondern auch

davon ab, wie schnell dieses Erzeugnis an jeden vom Kunden gewünschten
Ort ausgeliefert werden kann. In einem weiteren Sinne handelt es sich bei
Presseunternehmen bei der Erfüllung der Abonnentenwünsche um eine Dokumentationsarbeit großen Ausmaßes.
Das Interesse an weiteren Verbesserungen ist deshalb so groß,
weil wir uns von einer technisch verfeinerten Anlage der mechanischen Dokumentation ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen
Arbeitsstunde pro I.Iann und Arbeitsstunde pro Maschine erhoffen. Ein
günstigeres Verhältnis würde bei gleichbleibenden Kosten einen besseren
und schnelleren Kundendienst bedeuten. Bisher lagen jedoch die Kosten
für die Beschaffung und Verwendung elektronischer Maschinen viel zu
hoch. Der Grund hierfür ist in dem Umstand zu suchen, daß mit den bisher
erhältlichen elektronischen Anlagen die Aufgaben, die ein zufriedenstellender Kundendienst mit sich bringt, nicht bewältigt werden können.
Das wird verständlich, wenn wir einmal den Aufgabenbereich der
Vertriebszentrale von "Life" und "Time" in Chicago näher untersuchen.
Es werden hier täglich zwischen 30 000 und 80 000 Postsendungen geöffnet
und registriert. Der größte Teil dieser Postsendungen stammt von neuen
oder alten Abonnenten. Die Kartei der 7 Millionen Abonnenten der Zeitschriften "Time", "Life" und "Sports Illustrated" müssen ständig auf dem
laufenden gehalten werden. Jede Woche werden für die drei Hauptverteilstellen 7 Millionen Klebeadressen gedruckt und ausgeliefert. Unter Anleitung der 7/erbeabteilung werden darüber hinaus wöchentlich rund eine
Million V/erbe Sendungen gedruckt und versandt. Eine weitere Aufgabe
dieser Stelle ist es, die Konten der alten und neuen Abonnenten laufend
zu überwachen und Statistiken für die V/erbe- und Rechnungsabteilung sowie
die Redaktion auszuarbeiten.
In diesem Falle wären die Posteingänge als Eingabematerial zu bezeichnen. Sie müssen allerdings erst in eine für das kodifizierte Registratursystem verwendbare Form gebracht werden. Da die Verlagsleitung
nun aber keinen Einfluß darauf hat, in welcher Form der Kunde seine
Wünsche vorbringt, müssen alle Eingänge sofort in entsprechende Symbole

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�"ALIERIKA DIEUST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

Symbole übersetzt v/erden. Heute werden die Posteingänge geöffnet, gelesen, nach Sachgebieten sortiert und anschließend alle darin enthaltenen
Angaben von 70 Locherinnen auf Lochkarten übertragen. Diese Leute arbeiten sehr angestrengt, da sie mit dem Tempo der Posteingänge unbedingt
Schritt halten müssen.
Da Lochkarten nur eine begrenzte Speicherkapazität haben und
die Geschwindigkeit in der Bearbeitung von Lochkarten und Unterlagen
in der Registratur nicht unbegrenzt zu steigern ist, müssen wir gegenwärtig mit zwei Ablage- und Registratursystemen arbeiten. Es lohnt sich
daher, einmal die Aussichten näher zu untersuchen, die eine Einführung
automatischer Dokumentationsmittel verspricht.
Wir gehen bei unseren Betrachtungen von der Annahme aus, daß eine
Registratur mit gegenwärtig 7 Millionen und später 10 Millionen Aktenvorgängen für den Betrieb erforderlich ist. Für unsere Zwecke genügen 200
Symbole pro Aktenvorgang. Der Aktenumschlag pro Jahr beträgt gemessen
am Gesamtbestand der Registratur 112 Prozent. Um einen Akt zu bearbeiten,
muß das gesamte Lochkartenmaterial durch die Maschinen laufen. Die Einführung von mechanischen Dokumentationsmitteln lohnt sich deshalb nur,
wenn dadurch sichergestellt wird, daß nur noch jene Aktenstücke bearbeitet werden müssen, die wirklich einer Bearbeitung bedürfen. Die Lösung für dieses Problem liegt unserer Ansicht nach in der beschleunigten
Entwicklung eines für die Eingäbe auf die einfachste Formel gebrachten
leistungsfähigen Speichersystems. Mit einem solchen System ließe sich bei
dem heutigen Stand der Elektronentechnik bereits eine Methode zur Bewältigung unserer Aufgaben entwickeln, die uns unsere Arbeit wesentlich
erleichtern würde. Es Wäre dann nicht mehr notwendig, den täglichen
Arbeitsablauf nach Sachgebieten geordnet anzusetzen; die Post könnte
dann einfach in der Reihenfolge des Eingangs aufgearbeitet werden.
Derartige maschinelle Dokumentationsmittel haben für uns nur dann
einen Zweck, wenn die Speicherkapazität groß genug, ein schneller Zugang zu den einzelnen Vorgängen gesichert und eine Höhe der Betriebskosten gewährleistet ist, die ein wirtschaftliches Arbeiten ermöglicht.
Für uns genügt ein Speichersystem, mit dem man wöchentlich 250 000 Abonnenten erfassen kann, wobei pro Abonnent 200 Symbole und für die V/ahl
eines Aktenvorganges höchstens 5 Sekunden veranschlagt sind. Wir sind der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

p

7. März 1956

der Auffassung, daß sich solche Dokumentationsmittel herstellen lassen,
«nd daß sich wirtschaftlich mit ihnen arbeiten läßt.
Wir sind um so mehr davon überzeugt, weil die "Time Incorporated"
in ihren Springdale-Laboratorien bereits Versuche durchführt, die darauf
abzielen, einen Prototvp solch eines Gerätes zu entwickeln und seine
Leistungsfähigkeit im Chicagoer Verlagshaus unter Beweis zu stellen.
Außerdem unterstützen wir die Bemühungen eines anderen Laboratoriums,
das sich zwar mit dem gleichen Problem befaßt, es aber von einer anderen
Seite her lösen will. Dies alles schließt aber nicht aus, daß wir auch
andere Lösungen in Betracht ziehen würden, sofern sie technisch vernünftig und wirtschaftlich tragbar erscheinen.
Nicht nur ein Redakteur muß ein ausgeprägtes Gefühl für die menschlichen Probleme haben, sondern auch der Techniker. Wenn wir uns um eine
Verbesserung des Verhältnisses zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde pro Maschine bemühen, dann dürfen wir uns nicht von einer vielleicht
im Augenblick eintretenden Verdrängung von Arbeitskräften täuschen lassen,
••Odern müssen auf längere Sicht hinaus planen. Bei einer sachlichen
Analyse dieses Fragenkomplexes zeigt sich nämlich, daß die Einführung
automatischer Dokumentationsmittel wesentlich zur Stabilisierung des
Arbeitsmarktes gerade in jenen Industrien führen kann, deren Ausstoß
stärkeren Schwankungen unterworfen ist. Rein menschlich gesehen ist es
doch besser, wenn Maschinen nicht voll ausgelastet sind, als wenn Arbeiter
in Zeiten eines schlechten Geschäftsganges entlassen werden müssen. Und je
günstiger das Verhältnis zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde
pro Maschine ist, desto stabiler wird die Lage. Warum also das Sträuben
gegen eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten läßt? Die industrielle
Revolution hat immer weiteren Bevölkerungskreisen einen Lebensstandard geibracht, wie wir ihn in der ganzen Geschichte der Menschheit nicht kennen. Die
Automatisierung des Produktionsprozesses wird diesen Kreis noch weiter
ziehen und den Lebensstandard noch höher heben, und damit verspricht sie
uns größere soziale Gerechtigkeit und Sicherheit als je zuvor.
(Dieser Artikel wurde stark gekürzt. Auf Wunsch kann der volle Wortlaut
zur Verfügung gestellt werden)
Nächster Artikel dieser Serie:
"Die Automatisierung in der Stahlindustrie"
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VII)

Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von W» K. Scott, leitender Ingenieur der
Columbia-Geneva Steel Division der United States Steel Corporation
San Francisco (Kalifornien)

( 200 Zeilen)
„AJHINGTON - (AD) - Bei einem Rückblick auf die Entwicklung der
Stahlindustrie in den letzten Jahrzehnten fällt sofort ins Auge, daß
hier seit dem Jahre 1920 erstaunliche Veränderungen eingetreten sind.
Die Arbeitslast des Arbeiters ist ständig geringer geworden; komplizierte und teure Maschinen verrichten heute, einzeln oder in Gruppen
zusammengefaßt, die schwere und ermüdende Arbeit, die dem Arbeiter der
Stahlindustrie aus den früheren Jahren noch bekannt ist. Heute hat
der Arbeiter eine kürzere Arbeitszeit, verdient im Durchschnitt etwa
dreimal soviel wie früher, und sein Lebensstandard ist erheblich höher,
da er hochwertige Waren in erstaunlicher Auswahl zu geringeren Preisen
kaufen kann.
Wie war dies möglich? Erstens durch die einzigartige amerikanische
Art, den Wunsch, mehr und bessere Waren bei geringerem Kostenaufwand
herzustellen. Zweitens dank dem amerikanischen Erfindergeist in Verbindung mit einem ausgeprägten Sinn für das Praktische, der zuverlässig
arbeitende automatische Maschinen erfand und damit die feste Grundlage für die Automatisierung der Betriebe legte, auf der wir heute
weiterbauen.
Diese Entwicklung hat im Laufe der Zeit mancherlei Namen, wie
Mechanisierung, automatische Bedienung, vollautomatische Fließbandfertigung und so fort erhalten. Diese sich überschneidenden Begriffe
werden jeweils sehr umfassend verstanden, Wenn man diese Begriffe
miteinander vergleicht, so kann man erkennen, wie sich im Laufe der
Jahre eine immer umfassendere Konzeption dessen herausgebildet hat,
was wir heute als "Automatisierung" bezeichnen. Die Probleme der einfachen Mechanisierung des Arbeitsprozesses sind weitgehend gelöst;
heute sind es die erstaunlichen Möglichkeiten der Automatisierung
der Betriebe, die die Phantasie der fortschrittlich denkenden Menschen
beschäftigen.
Wie die meisten derartigen neuen Entwicklungen, hat man auch
hier zunächst einmal jeden Fortschritt als einen revolutionären Umschwung bezeichnet. Rückschauend darf aber wohl gesagt werden, daß
der evolutionäre Charakter des Übergangs von der Handarbeit zur
mechanischen Fertigung und nunmehr zum automatischen Betrieb ganz
eindeutig ist.

In
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14. März 1956

In der Stahlindustrie waren diese Bemühungen zu einer Verbesserung
der Qualität und Steigerung der Produktivität in der Anfangsphase dieser
Entwicklung auf die Mechanisierung gerichtet, das heißt die Übertragung anstrengender Arbeiten auf Maschinen. Der nächste logische Schritt
war dann die "automatische Bedienung", bei der eine Maschine so gebaut
ist, daß sie mehrere eng miteinander verknüpfte Arbeitsgänge hintereinander ausführt. In jüngster Zeit ging man dann zur "kontinuierlichen
Fließbandfertigung" über. Hier nun sind mehrere automatische Maschinen
durch automatisch arbeitende Transportbänder, Kräne und ähnliche Produktionshilfen miteinander verbunden, die das V/erkstück von Maschine zu
Maschine weiterleiten. Vielfältige elektronische Geräte haben jene
mannigfaltigen Kontrollfunktionen übernommen, die einstmals der Mensch
mit seinen Sinnesorganen ausübte.
Die vollautomatische Fließbandfertigung in den Stahlwerken war
das geeignete Mittel zur Erhöhung des Produktionstempos und zur Verbesserung der Qualität. Sofern allerdings Te^mpo und Exaktheit der Arbeit nicht richtig aufeinander abgestimmt oder diese Abstimmung nicht
auch beibehalten werden konnte, erwies sich die vollautomatische Fließbandfertigung meist als eine Methode, große Mengen Ausschuß zu produzieren. Da die Bedienung der Maschinen vom Personal bei "Entscheidungen"
und im "Handeln" sowohl Schnelligkeit als auch•Exaktheit verlangt und
die Beibehaltung der genauen Abstimmung große Aufmerksamkeit erfordert,
besteht hier die Gefahr, daß sich die Arbeitslast für den Arbeiter
sogar erhöht. Der kritische Punkt war erreicht, wenn die Leistung der
Maschine das Reaktionsvermögen des bedienenden Arbeiters übertraf, so
daß dieser die Abstimmung nicht mehr rasch genug vornehmen konnte und
damit erhöhter Anfall von Ausschuß auftrat. So ging man dazu über, auch
die bisher den Menschen vorbehaltenen Funktionen der Überwachung und
Abstimmung der Maschine gleichfalls durch automatische Vorrichtungen
zu ersetzen. Damit wurde dem bedienenden Arbeiter eine Reihe rasch zu
treffender Entscheidungen abgenommen, so daß er seine ganze Kraft und
Aufmerksamkeit auf die schwierigen Entscheidungen konzentrieren konnte,
die Urteilsvermögen und verstandesmäßige Überlegungen erfordern. Und
damit sind wir bei der "Automatisierung" angelangt, wie wir sie heute
verstehen, das heißt bei einem Betriebsablauf, bei dem sich Maschinen
oder Gruppen von miteinander gekoppelten Maschinen in einem fortlaufenden Produktionsprozeß selbst nach einem vorher festgelegten elastischen Schema bedienen, und dabei gleichzeitig imstande sind, sich
selbst in ihrer Arbeit zu korrigieren, wenn ihre Kontrollorgane eine
Abweichung feststellen.
Daher ist die Automatisierung etwas viel Umfassenderes als die
einfache Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft durch Maschinen.
Heute gibt es in der Stahlindustrie Maschinen, die so konstruiert
sind, daß sie wie der Mensch ständig den Produktionsprozeß verfolgen,
Vergleiche anstellen, Routine-Entscheidungen treffen und notfalls
Korrekturen vornehmen, sofern irgendwelche Abweichungen von der Norm
eintreten. Das entscheidende Merkmal der Automatisierung ist, daß eine
Maschine durch eine andere kontrolliert wird. Durch diese Kontrolle
werden die verschiedenen Funktionen wie Materialbereitung, Einrichten
der .Maschinen, Überwachen sowie die Sammlung und Verarbeitung statistischer Daten unter Umständen in einem einzigen Arbeitsgang zusämmenge-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

In modernen, vollautomatisierten Warmwalzwerken wird der Stahl
in einem durchgehenden Prozeß entzundert,kalt reduziert, zwischengeglüht, angelassen und abgeschert. Das Walzgut wird nicht mehr plattenweise bearbeitet, sondern durchläuft den Prozeß als ein unendliches
Band. Eine solche V/alzenstraße bearbeitet je Schicht 10 000 t Stahl,
wobei für die Bedienung der Öfen und der V/alzenstraße, von den Rohlingen
bis zum fertigen Stahlblech also, nur 25 bis 28 Arbeiter und Techniker
erforderlich sind. Die Dicke des Walzgutes wird an mehreren Stellen
röntgenographisch gemessen und am Steuerpult registriert; ein mit
infraroten Strahlen arbeitendes Meßgerät kontrolliert laufend die
Breite des Walzstromes und stellt sicher, daß die zulässigen Toleranzen
nicht überschritten werden. Eine Fernsehanlage am Rolltisch läßt die
jeweilige Position des Walzgutes und eventuelle Verwindungen sofort
erkennen, so daß Verstauchungen an den Bandführungsrollen vermieden
werden.
Die Automatisierung kann für die Lösung von mindestens zwei Problemen, denen sich die Stahlindustrie heute gegenüber sieht, von entscheidender Bedeutung sein: Senkung der Produktionskosten je Werkstück
auf ein Minimum bei gleichzeitig größtmöglicher Verbesserung der Qualität.
Da andere Baumaterialien auf dem Markt mit Stahl konkurrieren,
gilt es die Produktivität der Stahlwerke noch weiter zu steigern, um
die Gestehungskosten so niedrig wie möglich zu halten. Hierbei erweist
sich die Automatisierung als ein wertvolles Instrument, da die Produktivität einer Gruppe von Maschinen durch die Automatisierung beträchtlich erhöht werden kann, ohne daß dem Bedienungspersonal eine wesentliche körperliche oder geistige Mehrbelastung erwächst.
Darüber hinaus ist eine weitere qualitative Verbesserung der
Erzeugnisse der Stahlindustrie auch im Hinblick auf die steigenden
Ansprüche der Abnehmer unbedingt erforderlich, die ihrerseits wieder
eine Folge des ständigen technischen Fortschritts in der Verwendung
von Stahlprodukten ist. Auch hierbei erweist sich die Automatisierung'
als ein vorzügliches Hilfsmittel. Denn der vollautomatisierte Betrieb
bietet eine größere Gewähr für gleichbleibend hohe Qualität der Erzeugnisse, da der Mensch mit all seinen Schwankungen und seiner Unzulänglichkeit als Kontrollorgan weitgehend entfällt. Die Uniformität der Erzeugnisse wird durch die vollkontinuierliche Bandstraße verbessert, da
bei gleichbleibendem Tempo und dem daraus sich ergebenden gleichmäßigen Materialstrom die Abstimmung auf die verschiedenen Komponenten des
Bandes und damit genauere Ergebnisse gesichert werden können. Eine
sich wiederholende derartige Angleichung dürfte die Wahrscheinlichkeit
eines kontinuierlichen Ausstoßes uniformer Erzeugnisse noch erhöhen.
Die Automatisierung begünstigt einen grundlegenden Wandel in der
Stahlindustrie. Bis vor kurzem wurde die Qualität der Stahlerzeugnisse
und in geringerem Grade auch das Produktionstempo durch das Können und
die Urteilsfähigkeit des einzelnen Arbeiters bestimmt. So kam es, daß
vollkommen gleiche Maschinen eyie verschieden hohe Produktivität aufwiesen. Und ebenso schwankte die Qualität der Erzeugnisse je nach der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

der Geschicklichkeit des bedienenden Arbeiters. Heute wird die Herstellung bei zahlreichen Stahlwaren mehr und mehr zu einem Wissenschaft*
liehen denn handwerklichen Prozeß. Gerade darin dürfte der stärkste
Einfluß der Automatisierung auf die Industrie bestehen. Wo Produktivität und Qualität im wesentlichen vom handwerklichen Können abhängen,
wird der Fertigungsprozeß uneinheitlich sein, da er in erster Linie
vom Menschen und dessen schwankendem Arbeitstempo und Können bestimmt
wird. Hier kann sich die Automatisierung als ein wertvolles Werkzeug
erweisen, indem sie den Produktionsprozeß zu einem wissenschaftlichen
Verfahren macht, bei dem die Normen hinsichtlich Tempo und Qualität
vorher festgesetzt und ständig beibehalten werden können.
Für den rentablen Betrieb vollkontinuierlicher Bandstraßen ist
es von entscheidender Bedeutung, daß der Stillstand von Haschinen,
insbesondere der nicht beabsichtigte Stillstand, auf einem Minimum
gehalten wird. Die Maschinen und Anlagen müssen so konstruiert sein,
daß jeder Arbeiter mit durchschnittlichem Können in der Lage ist,
sachgemäße Reparaturen vorzunehmen. Das hierfür erforderliche Können
solLte mit nicht allzu großem Aufwand an Zeit, Kosten und Anstrengung
auf Seiten sowohl des einzelnen Arbeiters als auch des Unternehmers
erworben werden können. Wenn es an qualifizierten Arbeitskräften fehlt,
die für den Betrieb, die Wartung und Reparatur vollautomatischer Anlagen unerlässlich sind, können derartige Anlagen zu einem erheblichen
finanziellen Fiasko führen.
Da ein zuverlässiges und reibungsloses Arbeiten der Maschinen und
der übrigen Komponenten beim vollautomatisierten Betrieb eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Produktion ist, sollten die
einzelnen Komponenten einer vollkontinuierlichen Bandstraße in Konstruktion und Arbeitsweise vollkommen aufeinander abgestimmt sein.
Das Ziel ist, eine vollkommen integrierte Produktionsanlage zu
schaffen, in der Reparaturen und das Auswechseln von Maschinen so weitgehend von vornherein in die Planung einbezogen sind, daß ein Stillstand im Produktionsablauf so gut wie ausgeschlossen ist. Die Kette
ist so stark wie ihr schwächstes Glied; das heißt die Leistungsfähigkeit einer Bandstraße ist so groß wie die ihrer schwächsten Komponente.
Die Aufwendungen für Automatisierung sollten sich ebenso bezahlt
machen wie die Aufwendungen für irgendwelche anderen Produktionssysteme.
Die Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens läßt sich, wie die Erfahrung
zeigt, mit den konventionellen Methoden ermitteln, die man gewöhnlich
bei der Analyse von Kapitalaufwendungen anwendet.
Auf Grund der bei der Konstruktion oder dem Betrieb automatisierter
Produktionsanlagen gesammelten Erfahrungen können sich Veränderungen
auch des Erzeugnisses als notwendig erweisen. Wenn man vom Standpunkt
der Form allzu sehr am Althergebrachten festhält, besteht die Gefahr,
daß die Möglichkeiten der Vollautomatisierung nicht ganz und gar ausgeschöpft werden. Bei den Eisen- und Weißblechen ist die Stahlindustrie
beim rohen Werkstück von einer Reihe kurzer Stücke zu einem einzigen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

einzigen langen Stück übergegangen, das erst im letzten Arbeitsgang
zu einzelnen Stücken-zerschnitten wird.
Die Automatisierung bringt auch Veränderungen organisatorischer
Art mit sich. Beispielsweise steigt die Zahl der nur mit hochqualifizierten Kräften zu besetzenden Arbeitsstellen, und viele einfache
Arbeiter steigen zu Automatentechnikern auf, zum Bedienungspersonal
elektronischer Geräte. Andere einfache Arbeiter werden Maschinenwarte.
oder Techniker für die Herstellung von Austauschaggregaten. Diese wiederum müssen von höherer Qualität sein, weil die Herstellung qualitativ
besserer Waren immer größere Präzision erfordern wird.
Manche Komponenten werden sich auf Grund des verschärften Produktionstempos schneller abnutzen. Die letztgenannten Faktoren machen den
steigenden Bedarf an höher qualifiziertem Arbeitspersonal - Ingenieuren,
Technikern und technisch geschultem Bedienungspersonal - besonders
deutlich. Ebenso verlangt die Planung und Abstimmung der Produktion ein
größeres Maß an Können und Leistungsfähigkeit.
Wie in vielen anderen Industriezweigen so gibt es auch in der
Stahlindustrie bestimmte Arbeitsgänge oder Gruppen von Arbeitsgängen,
die sich besser als andere zur Automatisierung eignen. Im allgemeinen
sind der praktische Anwendungsbereich der Automatisierung und die ihr
gesetzten Grenzen unschwer zu erkennen. Bei manchen Arbeitsgängen erweist sich ein Übermaß rasch als unrentabel. Die Automatisierung wird
immer dann zweckmäßig sein, wenn die für die Automatisierung vorgesehenen
Arbeitsgänge mit den gegebenen Kontrollanlagen in Einklang gebracht
werden können. Die Stahlindustrie ging bei der Automatisierung von dem
Gesichtspunkt aus, daß eine logisch bedingte Gruppierung von Arbeitsgängen unter Berücksichtigung der gegebenen Möglichkeiten der automatischen Kontrolle erstrebenswert sei.

(Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der chemischen Industrie")

* * * * *

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21. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VIIl)

Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik der
Firma E.I. du Pont de Nemours &amp; Company, Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil I)
(100 Z*il«n)
WASHINGTON - (AD) - Ich will mich in diesem Aufsatz nicht mit jenem
sagenhaften Wunder befassen - einer vollautomatisierten Fabrik mit einem
Netz von Rohrleitungen und Transportbändern, fabelhaften Schalträumen und
wunderbaren automatischen Rechen- und Fakturieranlagen, einer Produktionsanlage, die den Rohstoff ohne menschliches Zutun in das fertige Produkt
verwandelt. Ebensowenig möchte ich jedoch den Eindruck erwecken, als sei
eine derartige Fabrik lediglich eine Ausgeburt der Phantasie. Ich habe
noch nie ein Werk gesehen, das alle diese Wundereinrichtungen besessen
hätte. Ich habe allerdings schon Fabriken besichtigt, wo ich buchstäblich
Kilometer durch Werkshallen wanderte, ohne einen einzigen Arbeiter zu sehen.
In diesen Fabriken wurden sämtliche Koordinierungs- und Steuerungsfunktionen
in einem zentralen Schaltraum mit ein oder zwei Automatenführern zusammengefaßt. Genau besehen, handelte es sich bei diesen beiden nicht um Automatenführer im strengen Sinn, sondern um Kontrollingenieure, denn die Bedienung
erfolgt ja auch automatisch und kann bei derartigen Fabriken mit Rücksicht
auf die komplizierten Arbeitsgänge nur automatisch sein.
Das bedeutet nun nicht notwendigerweise, daß die Tage der Fabriken
alten Stils gezählt seien. Denn der Grad der Automatisierung wird sowohl
durch wirtschaftliche als auch durch technische Erwägungen bestimmt. In
kleineren Betrieben macht sich zum Beispiel ein Maschinenpark, wie er zur
Fertigung kleiner Serien üblich ist, durchaus bezahlt. Vollautomatisierung
eines solchen Betriebes wäre wahrscheinlich reiner Wahnsinn. Großbetriebe
jedoch, die billige Massenprodukte herstellen, müssen weitgehend automatisiert werden, wenn sie rentabel arbeiten sollen.
Die wirtschaftlichen Erfordernisse
In der chemischen Industrie macht sich die Tatsache recht schmerzlich
bemerkbar, daß im Laufe des letzten Jahrzehnts die Preise für Rohmaterialien
um das Doppelte und die Löhne um mehr als 150 Prozent angezogen haben, während der Verkaufspreis für chemische Fertigprodukte lediglich um 30 bis 40/1
Das
gestiegen ist.
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�"AMERIKA DIENST" - 7/IRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

Das Faktum, daß nicht sämtliche chemischen Werke unter diesen Umständen Bankrott gemacht haben, legt den Gedanken nahe, daß eine technische Evolution stattgefunden hat. Und das ist auch tatsächlich der
Fall. Die Automatisierung trägt nun einen sehr beträchtlichen Anteil an
dieser Evolution. Wir sprechen häufig von der Automatisierung, als sei
dies ein neuer Begriff. Tatsächlich aber begann unsere Gesellschaft beispielsweise bereits im Jahre 1802, nämlich bei ihrer Gründung, mit einem
derartigen Programm, einer "Automatisierung" des Betriebs. In jener Zeit
war das Bestreben, Unfälle bei der Fabrikation von Schwarzpulver zu vermeiden, das treibende Moment für die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft
durch Maschinen. Auch heute noch - im Zeitalter der Automatisierung - ist
das Sicherheitsraoment in den chemischen Betrieben ein bestimmender Faktor
einer immer ausgedehnteren Verwendung von Maschinen anstelle menschlicher
Arbeitskraft.
Es kommen natürlich noch andere Motive hinzu, unter anderem betriebswirtschaftliche Erwägungen. Wichtiger jedoch ist die Tatsache, daß die
Fabrikation vieler Erzeugnisse, die noch vor zehn Jahren in rein manueller
Fertigung nicht hätten hergestellt werden können, erst durch die Automatisierung möglich geworden ist. Auch die technische Weiterentwicklung der
automatischen Maschinen, Servosysteme, elektronischer Apparate und verwandter Instrumente, die im Kriege entwickelt wurden, hat weitgehend zu
dieser Evolution in der chemischen Industrie beigetragen.
Mannigfaltigkeit der chemischen Erzeugnisse
Die chemische Industrie stellt heute eine Vielzahl an Waren her, die
man zum größten Teil gar nicht mehr als Chemikalien in engerem Sinne ansprechen kann. Unsere Gesellschaft und ihre Tochterbetriebe zum Beispiel
fabrizieren so unterschiedliche Artikel wie Schwerchemikalien, Kunstdünger,
Parfüms, Farben, Zahnbürsten, Filme und Textilfasern, um nur einige zu
nennen. Von den echten chemischen Produkten erreichen nur sehr wenige den
Verbraucher in der Form, in der sie unsere Werke verlassen. Wenn ich also
ein umfassendes Bild der Automatisierung in der chemischen Industrie geben
wollte, müßte ich ein riesiges Gebiet bearbeiten.
Automatisierung in der chemischen Industrie
Für uns umfaßt die Automatisierung alle jene Maßnahmen, durch die
sich die Produktivität erhöhen und die Kosten senken lassen. Unter anderem
gehören dazu sowohl sämtliche Bearbeitungsmaschinen, der innerbetriebliche
Materialtransport, die zweckmäßige bauliche Ausgestaltung der Werksanlage,
als

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

als auch die automatischen Maschinen und Instrumente. Meist setzt man
aber in unserem Industriezweig die Automatisierung gleich mit der Verwendung automatischer Apparate, Geräte und Steueranlagen, die eine sorgfältige Überwachung des Fertigungsprozesses ermöglichen. Und auf diesem
Gebiet wurden auch ganz gewaltige Fortschritte erzielt, die ihrerseits
wiederum einen erheblichen Einfluß auf die Gestaltung moderner Werksanlagen und auch auf die Herstellungsverfahren ausüben. Diese Auswirkungen
sollen Gegenstand der nachstehenden Ausführungen sein.
Das Kontrollverfahren jedes einzelnen Fertigungsprozesses läßt sich
auf folgende einfache graphische Formel reduzieren»
Materialeingang
'Förderanlage

(

Fertigungsprozeß

-, l Kommandogerät f •„

«•

Fertigprodukt

Prüfgerät

Stellt das Prüfgerät eine Abweichung des Fertigprodukts von der Norm
fest, so tritt das Kommandogerät in Aktion und bestimmt, was zu tun ist,
um den Materialeingang über die Förderanlage, etwa eines mechanischen Ventils, so zu justieren, daß der Ausstoß wieder der gesetzten Norm entspricht.
Dies nennt man die "direkt wirkende" Kontrolle.
Die Verwendung von Servomechanismen hat sich bei der Bestimmung des
dynamischen Ablaufs des Fertigungsprozesses und der Steuerung sehr bewährt.
Es ist auf diese Weise gelungen, ein Höchstmaß an Kontrolle zu erreichen.
Allerdings sind die meisten Autoren durch die Erfolge geblendet, die man mit
der Methode der mathematischen Berechnung durch Servomechanismen bei der Ermittlung des dynamischen Verhaltens der im Fertigungsprozeß verwendeten Geräte und Kontrollanlagen erzielt hat, daß sie die Begrenzungen nicht erkennen

wollen, die uns durch ein Element unseres obigen Schaubildes auferlegt werden:
Das Prüfgerät. Es wird nämlich allzu häufig einfach als eine unter vielen Maschinen betrachtet, während ja doch von ihm Erfolg oder Versagen des gesamten
Kontrollaystems abhängt. Meines Wissens ist das Versagen des Kontrollsystems
meist auf Unzulänglichkeiten des Prüfgeräts zurückzuführen. Im allgemeinen
erklärt sich das Versagen daraus, daß man eine Eigenschaft des Fertigprodukts
an Hand der für eine andere Eigenschaft ermittelten Meßwerte kontrollieren

wollte .
Früher mußten wir uns auf Kontrollverfahren beschränken, bei denen man
von Temperatur, Druck, Flüssigkeitsspiegel, Strömung und einigen anderen mit
den üblichen Meßgeräten zu ermittelnde Grundwerten ausging.
Heute werden Instrumente angeboten, mit denen praktisch jede bekannte
Variable zu messen und zu kontrollieren ist. So verwenden wir beispielsweise
Instrumente, mit denen wir Drücke von 1 0 _ 1 U bis zu 10 000 at, Temperaturen vor
absoluten Nullpunkt 1-273°)
bis zu mehreren Millionen Grad, und Strömung von
wenigen Millilitern bis zu Tausenden von Litern in der Minute messen können.
C
# # # (Teil II folgt in Nr.15/ » 28.3.1956)

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28. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (VIIl)
Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V. F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik
der Firma E. I. du Pont de Nemours &amp; Comp. Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil 2)
(120 Zeilen)
Fortschritte in der Meßtechnik
Wenn auch diese Variablen des Fertigungsprozesses sehr wichtig
sind und den größten Teil der Kontrollelemente beim automatischen Fertigungsprozeß erfordern, so erkannten wir doch bald, daß eine laufende
Messung auch anderer Variablen des Fertigungsprozesses noch weitere
Verbesserungen sowohl der'Maschinen und Apparaturen als auch der
Qualität des Fertigproduktes ermöglichen würde. Zu diesen Variablen
gehören unter anderem chemische Zusammensetzung, Farbe, Molekulargewicht
sowie die Viskosität. Weitere Verbesserungen wären die laufende Messung
des Gewichts per Längeneinheit bei Garnen und Fasern, der Dicke von
Filmen und Scofi'en und des molekularen Aufbaus bei Filmen und Fasern.
Meßinstrumente für solche laufende Kontrollen gab es aber noch nicht.
Wir waren uns klar darüber, daß die Hersteller von Meßinstrumenten
derartige komplizierte Geräte nicht liefern konnten, da die Entwicklungekosten sehr hoch liegen und der Markt verhältnismäßig klein ist.
Hierzu kommt noch, daß sie jene Probleme, die wir gerne gelöst hätten,
gar nicht genügend kannten.
Daher haben viele chemische Werke und Ölgesellschaften ihre eigenen Forschungslaboratorien und Konstruktionsbüros eingerichtet, um sich
die für ihre besonderen Zwecke nötigen Geräte selbst zu bauen. In
vielen Fällen erhielten die Herstellerfirmen von Meßgeräten eine
Lizenz, die in diesen Laboratorien und Konstruktionsbüros entwickelten
Geräte für die gesamte Industrie herzustellen. Ein auf diese Weise heute
allgemein erhältliches neues Instrument, durch das eine ganze Reihe
neuer Arbeitsgänge möglich wurde, ist der kontinuierlich arbeitende
Gasstrom-Analysator. Vor zehn Jahren noch gab es nur ganz wenige

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28. März 1956

wenige Instrumente zur laufenden Bestimmung der Gaszusammensetzung,
durch die der Fertigungsprozeß hätte automatisch gesteuert werden
können. Heute haben wir Verfahren zur Analyse jedes beliebigen Gasstroms
an der Hand, mit deren Hilfe sich Gase in einer Konzentration von
millionstel Bruchteilen bis zu 100$ nachweisen lassen. Diese neuen Instrumente reagieren so schnell, daß sie sich bei Koppelung mit einer
Kontrollvorrichtung zur automatischen Steuerung des Fertigungsprozesses
verwenden lassen. Die vielseitigsten dieser Instrumente arbeiten nach
dem Prinzip der Lichtabsorption. Außerdem gibt es neuartige Instrumente,
die die Fertigprodukte auf Dicke, Form, Farbe, Dichte, Viskosität oder
andere meßbare physikalische Eigenschaften prüfen. Gegenwärtig wird an
der Entwicklung von Instrumenten gearbeitet, die eine laufende Analyse
von Flüssigkeiten und festen Stoffen ermöglichen. Einige dieser Instrumente sind regelrechte Chemiewerke en miniature, um die zur Ermittlung zuverlässiger analytischer Werte erforderliche Empfindlichkeit
zu sichern.
Diese Erfindungen haben nicht nur einen entscheidenden Einfluß
auf die Gestaltung neuer Werke, sie können auch ganz wesentlich zur
Kostensenkung bei den bisher üblichen Fertigungsverfahren beitragen.
Es läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß es in unserer Industrie keinen
Fertigungsprozeß gibt, der nicht durch einige dieser modernen Instrumente verbessert werden könnte, es sei denn, man verwendet bereits
moderne Apparate, die einen Ertrag von 100$ oder darüber abwerfen und
einen Aufwand an Arbeitskosten verursachen, der gleich Null ist.
Einrichtung eines mit modernsten Instrumenten gesteuerten
Fertigungs-ProGramms
Damit ergibt sich die Frage, was die chemische Industrie tun
könne, um diese neuen Erfindungen praktisch auszunutzen. Die Betriebsingenieure sind im allgemeinen so überlastet mit Routinearbeiten,
daß sie häufig jeder Änderung eines eingespielten Produktionsverfahrens geradezu feindlich gegenüberstehen. Im allgemeinen sind sie mit
dem üblichen Produktionsablauf und dem vorhandenen Maschinenmaterial
zufrieden, solange der Ausstoß der gesetzten Norm entspricht. Dies
trifft vor allem für Ingenieure zu, die bereits einige Jahre auf ihrem
Posten arbeiten. Daher muß die oberste Betriebsleitung die Initiative
ergreifen, wenn ein Automatisierungsprogramm erfolgreich sein soll.
In
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28. März 1956

In den einzelnen Fertigungsabteilungen sollten Forschungsstäbe
für den Einsatz von Instrumenten gebildet werden, um die Anwendbarkeit
neuer Meß- und Kontrollmethoden auf bestehende Fertigungsverfahren zu
prüfen. Sodann sollten gewinnversprechende Anlagen eingebaut werden,
um den Betriebsingenieuren die Möglichkeit zu geben, aus erster Hand
die Vorteile des Arbeitens mit Instrumenten kennenzulernen, die ein
genaues Bild vom jeweiligen Stand der Fertigung geben und ein rechtzeitiges korrigierendes Eingreifen gestatten.
Der springende Punkt hierbei ist lediglich, wo man das technisch
geschulte Personal für diese Arbeit findet. Hierzu sind nämlich Kenntnisse auf den Gebieten der Chemie, des chemischen Apparatebaus, des
Elektroapparatebaus, der Physik, der Instrumentenkunde und so weiter
erforderlich. Die Absolventen der Colleges sind zwar nicht, wenn ich
so sagen darf, das von uns gewünschte "Fertigfabrikat", sie sind jedoch
ausgezeichnetes "Rohmaterial". Hier helfen unsere Fortbildungskurse
weiter, bei denen begabten Nachwuchskräften

in praktischer Arbeit und

unter Anleitung erfahrener Ingenieure Gelegenheit geboten wird, das
erforderliche Fachwissen zu sammeln. Wir brauchen aber auch sachkundiges Personal für Pflege und Unterhalt der Maschinen. Der "Meßingenieur"
alten Stils wird sich diesen neumodischen Erfindungen zunächst widersetzen. Daher muß man ihm Männer zur Seite geben, die etwas von Elektronengeräten und Optik verstehen, Männer, die einen Lötkolben oder
eine Federzange statt eines Schweißbrenners und einer Rohrzange zu
handhaben wissen.
Bei dem heutigen Stand der Technik lassen sich mit den auf dem
Markt angebotenen Geräten etwa 80 bis 90 c/o aller jener Probleme lösen,
die mit der Automatisierung durch Verwendung neuer Apparate verknüpft
sind. Die Modernisierung der heute üblichen Fertigungsverfahren durch
solche Apparate wird sich reichlich bezahlt machen. Die großen Herstel*
lerfirmen derartiger Instrumente verfügen auch über Verkäufer, die das
nötige Fachwissen mitbringen und bei der Lösung dieser Probleme helfen
können. Es ist dies ein Gebiet, auf dem die betrieblichen Forschungsstäbe von den bisher gesammelten Erfahrungen profitieren können. So
werden sie auf gar nicht so kostspielige Art das Fachwissen erwerben,
das sie in die Lage versetzen wird, allmählich schwierigere Probleme der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

der Automatisierung zu meistern. Diese Erfahrungen werden dann die
Grundlage für Forschungsprojekte bilden, die die künftigen Erfordernisse des Werkes im voraus bestimmen sollen.
Schlußbemerkungen
Während die Investitionen für Instrumente und Geräte vor zehn
Jahren etwa 1 bis 2c/o des Anlagevermögens ausmachten, ist ihr Anteil
bei den Werken, die in den letzten vier bis fünf Jahren gebaut wurden,
auf 7 bis 10^ angestiegen. Diese verstärkte Ausrüstung mit Apparaten
wird voraussichtlich so lange zunehmen, als sich die Gesamtaufwendungen für Investition und Betriebskosten durch die Verwendung kleinerer Apparaturen - das Ergebnis der schnelleren und exakteren Kontrolle - senken lassen. Es gibt viele verlockende Möglichkeiten, die
Gesamtbetriebskosten zu senken, indem man die im Fertigungsprozeß
benutzten Apparate mit den Kommandogeräten koppelt, um den Materialfluß zu steuern und zu überwachen und buchhaltungstechnisch

zu erfassen«

Viele der großen Gerätebaufirmen versuchen, die Industrie für Apparate
zu interessieren, die diese Kopplung ermöglichen. Dies wird das letzte
Glied der Kette zur Verwirklichung des vollautomatisierten Chemiewerkes bilden. Bis es so weit seinwird, muß die chemische Industrie
auch weiterhin Pionierarbeit bei der Entwicklung jener vielen Spezialapparate leisten, die eine laufende Kontrolle über jede Phase
des Produktionsprozesses ermöglichen. Sie müssen ihren eigenen Mitarbeiterstab heranbilden, der eine erfolgreiche Arbeit auf diesem Gebiet gewährleistet. Diesem Stab müssen qualifizierte Apparatemechaniker, Apparatebauer sowie Physiker für Forschung und Entwicklung
angehören. Die oberste Betriebsleitung muß sich darüber informieren,
welchen Gewinn ein Automatisierungsprogramm verspricht. Sofern es
rentabel erscheint, wird es nur zu verwirklichen sein, wenn sie sich
uneingeschränkt dafür einsetzt.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Bedeutung der
Automation für die Betriebsstatistik")
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(IX)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Möglichkeiten zur Verwendung automatischer Dokumentationsmittel in der
Marktforschung
Von Frederick K. Leisch
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil I)
( 134 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Art und Weise, wie angebliche Wirtschaftsfachleute in den letzten Jahren zur Frage der Automatisierung Stellung nahmen, erinnert sehr an jenen Straßenpassan.ten, der einem Bagger bei
Ausschachtungsarbeiten zusieht und in den Ruf ausbricht: "Diese Maschine macht 100 Schachtarbeiter brotlos." Was Wunder, wenn ihm jemand
zur Antwort gibt: "Nein, sogar 5000 Arbeiter, denn man könnte ja auch
mit Teelöffeln graben lassen."
Wir dürfen nicht den Rückschritt predigen, sondern müssen den
Weg für den weiteren Fortschritt ebnen. Das gilt auch für die Automatisierung.
In Wahrheit ist die Automatisierung nichts anderes als die Fortsetzung eines Entwicklungsprozesses, der bereits in der Steinzeit einsetzte, als der Mensch sich die ersten Werkzeuge schuf: Knüppel, Hammer,
Hebel, Rad und so weiter.
Wir beschleunigen heute lediglich einen Entwicklungsprozeß, der
den Menschen geistig befreien wird, so wie die sogenannte industrielle
Revolution ihm physisch befreit hat.
Diese Entwicklung muß allein schon deshalb gefördert werden, weil
sonst die notwendige rasche Expansion unserer Wirtschaft angesichts
des nur geringfügig zunehmenden Arbeitspotentials»nicht möglich ist.
Überblick
Soviel zur Notwendigkeit der Automatisierung. Ich will nunmehr
versuchen, einen allgemeinen Überblick über die Gründe zu geben, die
die "A.C. Nielsen Company" nach eingehenden Erwägungen veranlaßt haben, elektronische Rechenmaschinen zu verwenden. Zunächst einmal darf
ich einiges über die Tätigkeit unserer Gesellschaft sagen. Seit 1953
haben wir uns mit der Erforschung von Massenmärkten und dem Einfluß
der Massenwerbungsmedien Rundfunk und Fernsehen auf den Absatz befaßt. Unsere Marktforschung richtet sich hauptsächlich auf Arzneiund Lebensmittel.
• Alle

�".:.. ERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1 9^6

Alle zwei Monate werden durch 200 Angestellte unseres Außendienstes die Kassenbelege und Lagerlisten von über 3000 Lebensmitteleinzelhandelsgeschäften, Drogerien und Apotheken erfaßt. Auf Grund des
so gewonnenen statistischen Materials wird in unserer Zentrale in
Chicago der Nielsen-Lebens- und Arzneimittelindex zusammengestellt,
der insgesamt 150 Warengattungen umfaßt. Die Zentrale und unsere
Kundendienst-Außenstellen in Chicago, New York und San Francisco beschäftigen insgesamt 1100 Angestellte. V/eitere 1000 Mitarbeiter sind
in acht kleineren Auslandsfilialen tätig.
Das zusammengetragene Material besteht in erster Linie aus Zahlenangaben, die handschriftlich in besondere Formblätter eingetragen
wurden. Diese Formblätter zeigen für jede Warengattung und jeden zu
beobachtenden Artikel, eventuell unter Berücksichtigung der jeweiligen Abpackung, eine gesonderte Spalte, in die - für jeden erfaßten Betrieb gesondert - der Umsatz während der vorausgegangenen zwei Monate
und andere einschlägige Angaben für jeden einzelnen angeführt v/erden.
Die Eintragungen zeigen:
1. Die früheren und die gegenwärtigen Lagerbestände und die in
den Lagerbeständen eingetretenen Veränderungen in Wareneinheiten;
2."die Käufe des Einzelhändlers in Wareneinheiten und Dollars;
3. den Absatz in 'Wareneinheiten, errechnet auf Grund der Ab- und
Zugänge des Lagers;
4. die Verkaufspreise der erfaßten Waren, nach denen sich der
Dollarwert der Umsätze bei den einzelnen Warengattungen berechnen
läßt; und schließlich
5« Angaben über die Absatzentwicklung, aus denen sich die Auswirkungen besonderer Kaufanzeigen, wie etwa Ausstellungen, Sonderangebote und Rabatte, ersehen läßt.
Alle zwei Monate senden unsere Außenstellen fast 350 000 Formblätter mit den oben beschriebenen Daten an unsere Chicagoer Zentrale,
diese Formblätter enthalten etwa 1,5 Millionen Spalten mit Zahlenangaben« Nach vorsichtigen Schätzungen werden in unserer "Zahlenfabrik"
in Chicago also alle zwei Monate etwa 150 Millionen Zahlen verarbeitet.
Nach gründlicher manueller Aufbereitung durch einen Stab von 180
Angestellten wird jede einzelne Ziffer aus den Unterlagen -auf eine
80-spaltige Lochkarte übertragen. Im allgemeinen wird dabei jede
Spalte der vom Außendienst eingereichten Formblätter auf eine sogenannte Einzelkarte gelocht. Unsere Lochabteilung, die mit IBM-Lochern des Typs 024 ausgerüstet ist und 22 Locherinnen beschäftigt,
stellt also alle zwei Monate mindestens 1,5 Millionen solcher Kar'
her.
Der nächste Schritt ist das sogenannte Tabellieren. Hierbei werden gleiche Angaben von samtlichen erfaßten Geschäftsbetrieben zusammengestellt, nach den Ergebnissen der Repräsentativerhebung wird dann

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�"AMERIKA DIENST" - V. J IITJCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

dann mathematisch der Gesamtindex für jeden Artikel für die zwei Monate
des Berichtzeitraums errechnet.
Ende des Jahres 1954 beschäftigte die Abteilung, die die eingeg a n g e n Unterlagen in der geschilderten Weise auswertet, 67 Angestellte«.
Sie waren mit einem 16 OOO-Punkte-I.BM-Maschinensatz ausgerüstet, der
aus Sortiermaschinen vom Typ 082, Kartenmischern vom Typ 077, Kartendopplern vom Typ 51 3, Tabelliermaschinen vom Typ 416 und Rechenlochem
der Typen 604 und 607 bestand.
In der ersten Phase des Tabellierens wurden die anderthalb Millionen
Einzelkarten nach den einzelnen 7/arengattungen und Artikeln aussortiert.
Dann werden die Karten je Artikel in etwa 125 sogenannten "Sollzahlgruppen" unterteilt. In den Sollzahlgruppen werden die Auswertungsergebnisse nach Art, Größe und geographischer Lage der Geschäftsbetriebe,
von denen die ursprünglichen Unterlagen stammen, zusammengefaßt.
Mit Hilfe der so gewonnenen 125 "Ausweitungsfaktoren" werden nach
dem Verfahren der arithmetischen Projektion die Angaben der erfaßten
Betriebe bezüglich ihrer Einkäufe, Verkäufe und des Inventars zum
Beispiel für die Beurteilung der Absatzmöglichkeiten in einem bestimmten
Gebiet verallgemeinert. Eine zweite Variable der Projektions-Kontrollgleichung ist der Faktor der "verflossenen Tage", der automatisch die
Veränderungen berücksichtigt, die zwischen dem Tag der Ausfüllung der
Formblätter und dem Stichtag für den Index verstrichen sind.
Die bearbeiteten Daten gelangen schließlich in die Berechnungs-,
Prüfungs- und Vervielfältigungsabteilung. Hier werden von etwa 100
ganztägig beschäftigten Mitarbeitern die Endergebnisse ermittelt und
festgehalten. Für diese Arbeiten lassen sich nach dem gegenwärtigen
Stand der Technik nur halbautomatische Büro- und Rechenmaschinen
verwenden.
Entwicklung der Arbeits- und Materialkosten
Für die hier aufgezeigten Arbeiten beschäftigen wir etwa 370
Angestellte. Für Gehälter, Maschinenmieten und Materialkosten wendeten
wir im Jahre 1954 in diesem Teil unseres Betriebes insgesamt 1,59
Millionen Dollar auf.
Dies ist ein relativ niedriger Stand, wenn man berücksichtigt,
daß wir bei den soeben beschriebenen Arbeitsvorgängen, in dem verhältnismäßig kürzen Zeitraum von 5 Jahren, von 1950 bis einschließlich 1954,
eine 28prozentige Steigerung der Arbeitsleistung, ein Ansteigen der
Zahl der Beschäftigten um nur 10$ (von etwa 340 auf insgesamt 370),
Gehaltserhöhungen von durchschnittlich 43 $ (gegenüber einem
allgemeinen Anstieg der Löhne und Gehälter in Chicago um 35;u) sowie
eine SSprozentige Erhöhung der Mieten der Tabuliermaschinen und
der Preise für Lochkarten zu verzeichnen hatten.
Dem steht ein nur 60prozentiges Steigen der direkten Kosten von
knapp 1 Million Dollar auf die genannten 1,59 Mill.
Dollar gegenüber.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

Diese Zahlen erfüllen mich mit Stolz, zeigen sie doch, daß unsere
Rationalisierungsfachleute Mittel und V/ege gefunden nahen, die es uns
durch Verwendung mechanischer Betriebsmittel gestatten, bei einer nur
geringfügigen Erweiterung einer besser ausgebildeten und besser bezahlten Belegschaft eine weit größere Arbeitslast zu bewältigen.
Hätten wir an den Methoden des Jahres 1949 festgehalten, dann
wären wir gezwungen gewesen, im Jahre 1954 435 statt 370 Personen
zu beschäftigen.
Eine so große Einsparung an Personal ist selbstverständlich von
Bedeutung. Die nachfolgend genannten Tatsachen sind kaum von geringerer
Bedeutung.
1. Diese Einsparungen sind einzig und allein von unseren eigenen
Rationalisierungsfachleuten in Zusammenarbeit mit den Vertretern der
Kundendienste der Firmen erzielt worden, die uns die Ausrüstung geliefert haben.
2. Die Verbesserungen der letzten fünf Jahre krönen eine fast
sechzehnjährige evolutionäre Entwicklung innerhalb unseres Betriebes.
J. Die gesamte mit dieser Entwicklung zusammenhängende Mechanisierung wurde bis zum Jahre 1954 ausschließlich mit den üblichen
Lochkarten-Tabelliermaschinen und
lochkartengesteuerten Rechenmaschinen bewirkt.
Diese Tatsachen berechtigen, meiner Ansicht nach, zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung darstellt, die bereits seit sehr langer
Zeit unter anderer Bezeichnung vonstatten geht.

(Teil II folgt in Nr. 15/C vom 4.4.1956)

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(ix)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Von Frederick K. Leisch
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil II)
In dem ersten Teil des Artikels geht Leisch
auf die Entwicklung der Automation ein und
berührt dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten, sich schon im Jahre 1946 eingehend
mit diesem Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufs und der Rationalisierungs-Maßnahmen während der letzten Jahre
kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung ist.
(150 Zeilen)
Untersuchung der Verwendungsmöglichkeiten elektronischer
Rechenmaschinen
Schon im Jahre 1946 begannen wir, ein aktives Interesse für elektronische Rechenmaschinen zu zeigen. Unsere Gemüter erhitzten sich bei
dem Gedanken, daß wir bei all den geschilderten Arbeitsgängen mit einer
Investierung von nur 350 000 Dollar jährlich 600 000 Dollar einsparen
können.
Im Jahre 1950 aber begann sich unsere Begeisterung zu legen. Wir
hatten nach vierjährigen Untersuchungen der Verwendungsmöglichkeiten
elektronischer Rechenmaschinen gelernt, uns mit der unvermeidlichen Tatsache abzufinden, daß sich eine entsprechende Umstellung unseres Betrie-bes wirtschaftlich nicht rechtfertigen ließe.
7ie sich später herausstellte, war unser voreiliger und scheinbar
unfruchtbarer Vorstoß in das Gebiet der elektronischen Rechenmaschinen
doch nicht so ergebnislos. Einmal hatte sich gezeigt, daß wir im eigenen
Betrieb über Leute verfügten, die wohl imstande waren, alle jene Fragen
zu lösen, die im Zusammenhang mit der Verwendung von Elektronenrechenmaschinen auftauchen könnten. Wir hatten ferner gelernt, daß es unseren
Leuten gegebenenfalls leichter sein werde, ihre Kenntnisse von den Rechenmaschinen zu vervollkommnen, als betriebsfremden Spezialisten eine
klare Vorstellung von unseren Betriebserfordernissen zu geben.
Unsere Untersuchungen in den Jahren 1946 bis 1950 haben sich übrigens sehr vorteilhaft auf die von uns angewandten herkömmlichen Methoden
der Datenbearbeitung ausgewirkt. Nachdem wir unsere Studien im Jahre 1950
mit einem scheinbaren Mißerfolg abgebrochen hatten, machten wir uns ernsthaft ans Werk, um das Äußerste aus den herkömmlichen Methoden herauszuholen, mit denen wir uns, wie es damals schien, noch lange Zeit wurden
begnügen müssen.
Dennoch
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11 . April 1956

Dennoch waren wir, als sich im Herbst 1952 neue Aussichten boten,
nach wie vor bereit, uns abermals mit der Frage der Elektronenrechenmaschinen zu beschäftigen. Wir hatten damals erfahren, daß inzwischen
einige der Unzulänglichkeiten dieser Maschinen, die uns vor zwei Jahren
veranlaßt hatten, von der Umstellung abzusehen, behoben worden waren.
Wir zogen deshalb drei der am besten qualifizierten Leute, die bereits von 1946 bis 1950 unserem Untersuchungsstab angehört hatten, aus
dem Arbeitsprozeß heraus und setzten sie im September 1952 wieder für
Arbeiten am Projekt der elektronischen Rechenmaschine an. Es war ihre
Aufgabe:
1. Die Konstruktionsmerkmale und Kapazitäten aller auf dem Markt
erhältlichen und bereits praktisch erprobten Elektronenrechenmaschinen
nach folgenden Gesichtspunkten zu überprüfen: Verwendbarkeit für unsere Aufgaben, Betriebsbereitschaft im Hinblick auf unsere notwendigerweise termingebundene Arbeit, Zuverlässigkeit und Möglichkeiten der
Fehlerkontrolle, Arbeitstempo und Lieferbarkeit.
2. Kostenvorschläge für diejenigen Maschinen oder Maschinenanlagen,
die diesen Voraussetzungen entsprechen, entweder für den gesamten Betrieb oder für die in Frage kommende Abteilung anzufertigen. Zu diesem
Zweck mußten'- unter Berücksichtigung unserer gegenwärtigen Betriebskosten und der Zeitpläne - die Verteile der verschiedenen Maschinen
gegeneinander abgewogen werden. Auch galt es zu untersuchen ob solche
Maschinen gemietet, gepachtet oder erworben werden sollten.
Die einzelnen Phasen dieser Untersuchungen zu schildern würde zu
weit führen. Ich beschränke mich deshalb auf eine Darstellung der Ergebnisse sowie auf die daraus resultierenden Entscheidungen und deren
praktische Durchführung.
Gesammelte Erfahrungen
Das wichtigste Ergebnis war vielleicht die Bestätigung unserer
schon in den Jahren 1946 bis 1950 gesammelten Erfahrungen, daß es
keine Patentlösung oder auch nur eine leicht verallgemeinernde Antwort auf irgendein spezifisches Problem der Verwendung von elektronischen
Rechenmaschinen gibt.
Die Untersuchungen sowie die Abfassung des Berichtes und der Vorschläge, wie sie von der Betriebsleitung schließlich angenommen wurden,
nahm 16 Monate in Anspruch.
Die Programmierung des Arbeitsablaufes sowie die Ausbildung von
Programmern, Ködern und Automatentechnikern füllte die ganzen 12 Monate
aus, die von der Erteilung des Auftrags bis zur Inbetriebnahme der
ersten Maschine verstrichen.
Wir benötigten also insgesamt 28 Monate vor Beginn der Untersuchungen bis zur Arbeitsaufnahme der ersten Maschine. Die Kosten für die
durchgeführten Studien beliefen sich auf 51 000 Dollar.
Jeder Bericht über die Erfahrungen, die wir im Verlauf unserer
Untersuchungen machten, muß notwendigerweise unter der strikten Voraus- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Voraussetzung gegeben - und entgegengenommen - werden, daß diese Beobachtungen in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, auf die Dokumentationsarbeit in unserem eigenen Betrieb zutreffen.
Im einzelnen sind wir zu folgenden Erkenntnissen gelangt.
1. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine elektronische Rechenmaschine für wissenschaftliche Aufgaben oder in einem Betrieb verwendet
wird. Bei wissenschaftlichen Problemen wird normalerweise mit relativ
wenigen Eingabedaten und Endresultaten gearbeitet, die oftmals ziemlich
komplizierte mathematische Berechnungen erfordern. In einem Betrieb fallen
gewöhnlich - und ganz besonders in unserem Falle - erhebliche Mengen an
primären Daten und entsprechend viele Resultate an, die meist durch relativ einfache arithmetische Berechnungen gewonnen werden können.
2. Es hat wenig Sinn, bei der Verarbeitung der Daten ein phantastisch
schnelles Tempo zu erreichen, wenn nicht auch die Eingabe der Daten entsprechend rasch erfolgen kann.
3« Eine große Speicherfähigkeit ist immer dann ein kostspieliger
Luxus, wenn diese nicht wirklich dringend benötigt wird und wenn sich
beliebige Einzeldaten nicht durch einfache Programmierung rasch und
prompt herausziehen lassen.
4« Die Lochkarten bieten, wenigstens in unserem Falle, auch weiterhin erhebliche Vorteile als externes Speichermedium, sofern ein Betriebsvorgang umfangreiche Sortierarbeit einschließt. Die Arbeit mit Lochkarten
gestattet überdies die Verwendung relativ billiger Zusatzgeräte für die
Eingabe und den Ausstoß an Daten.
5. Besondere Bedeutung kommt der Durchführung von Vorversuchen zu.
In unserem Falle wäre es sehr riskant gewesen, von der Programmierung
auf dem Papier sofort zum automatischen Betrieb überzugehen, ohne vorher
sowohl die Maschinen als auch den programmierten Betriebsablauf praktisch
zu erproben.
Angesichts der Tatsache, daß unser Index und unsere Berichte auf jeden
Fall termingemäß herauskommen müssen, wäre eine Automatisierung des Betriebes
für uns völlig undenkbar gewesen, wenn uns die Lieferfirma nicht bereits
vorher eine gleiche oder ähnliche Maschine für Versuchszwecke hätte überlassen können.
6. Die Umstellung von einem Betriebssystem auf das andere muß ohne
Beeinträchtigung der laufenden Arbeiten erfolgen. In unserem Falle wäre
es vollkommen unmöglich gewesen, den Betrieb von einem Tag zum anderen
umzustellen. Wir standen deshalb vor der Wahl, einen längeren Zeitraum
hindurch beide Betriebsmethoden gleichzeitig anzuwenden oder aber uns
für eine Rechenmaschine zu entscheiden, die sich ihrer Konstruktion und
Arbeitsweise nach eher für eine evolutionäre als für eine revolutionäre
Umstellung des Systems eignet. Das war für uns nicht so sehr eine Frage der
Kostensenkung der Umstellung als der Einhaltung der Ablieferungstermine
für unsere Berichte.
7. Maschinen von geringerer Kapazität mögen unter Umständen größeren
beziehungsweise schnelleren Typen in der Praxis sogar überlegen sein.
Das traf aus zweierlei Gründen in unserem Falle zu.
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Der erste dieser Gründe war der, daß sich unser Betrieb - wie
schon gesagt - viel besser für eine schrittweise als für eine plötzliche Umstellung eignet.
Die zweite Überlegung, die für die Verwendung von Rechenmaschinen
geringerer Kapazität sprach, war das Argument, daß man eben nicht alles
auf eine Karte setzen soll. Man darf von einem Elektronengerät von solcher Kompliziertheit niemals erwarten, daß es ständig betriebsbereit
ist. Infolgedessen bietet die Verwendung mehrerer kleinerer Einheiten
größeren Vorteil.
8. Auch Personalfragen sollten bei der Auswahl von Elektronenrechenmaschinen berücksichtigt werden. Die Art unserer Tätigkeit bringt
es mit sich, daß wir eine intensive innerbetriebliche Schulung unseres
Personals betreiben müssen. So bilden wir nun unseren Nachwuchs für gehobene Positionen selbst heran. Im vorliegenden Falle bedeutete das,
daß wir logischerweise einer Rechenmaschine den Vorzug geben mußten,
die die besten Umschulmöglichkeiten für unser Personal bieten würde.
9. '«Vas den eventuellen Erwerb solcher Maschinen angeht, so galt es
schließlich noch die Frage zu überlegen, in welchem Zeitraum wir die
Kapitalabschreibung vornehmen konnten. '.Vir kamen gegen Ende des Jahres
1953 zu dem Schluß, daß Maschinen auf Grund der raschen Entwicklung auf
dem Gebiet der Elektronentechnik sehr bald veralten würden. Dieser Umstand und das statistische Material über die voraussichtlichen Betriebskosten und Einsparungen führten mit zu unserer -"Entscheidung, die Rechenanlagen zu mieten und nicht käuflich zu erwerben.

* * * * *

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�"ALIERIKA DIENST" - .7IRTSCHAFT UND ARBKIT

18. April 1956

'•VIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IX)
Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik (Teil III
und Schluß)
Von Frederick K. Leisch,
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Company
(Quellenangabe erforderlich)

( 130 Zeilen)
In den beiden ersten Artikeln geht Leisch auf
die Entwicklung der Automation ein und berührt
dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten,
sich schon im Jahre 1946 eingehend mit diesem
Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufes und der Rationalisierungsmaßnahmen
während der letzten Jahre kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich
eine Fortsetzung einer evolutionären Entwicklung
ist. Der Verfasser beschreibt dann im einzelnen
die tec' nisehen Verwendungsmöglichkeiten von
elektronischen Rechenmaschinen und führte die
gemachten Erfahrungen seines Unternehmens an.

Die Realisierung unserer Pläne
Die von mir soeben geschilderten Überlegungen führten dahin,
daß wir im Februar 1954 einen früher erteilten vorläufigen Auftrag
für einen Satz von fünf IBM-Magnettrommel-Rechenmaschinen Typ 65O,
Modell 2, bestätigten.
Bei diesem Typ handelt es sich um eine numerische, dezimale
Magnettrommelmaschine. Das Modell 2 besitzt die hohe Kapazität von
20 000 Dezimalziffern bei einer durchschnittlichen Reaktionszeit
von 2,4 tausendstel Sekunden. Eingabe und Ausgabe der Karten erfolgen
mit einer Geschwindigkeit von 200 beziehungsweise 100 pro Minute.
Die Maschine vermag in der Sekunde 80 bis 200 Rechenoperationen auszuführen.
Vier dieser Anlagen sollen bei der Zusammenstellung des NielsenLebensmittelindexes und die fünfte für unsere Meinungsforschung beim
Rundfunk- und Fernsehpublikum verwendet werden.

1

T

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND A

10. April 1956

Im Hinblick auf die geplante schrittweise Umstellung des Betriebs
erklärten wir uns damit einverstanden, daß die erste Anlage im Januar
1955 und die übrigen Maschinen zwischen September 1955 und September
1956 in etwa dreimonatigen Abständen geliefert werden.
Bisher konnte dieser Zeitplan eingehalten werden. Die erste
Ivlaschinenanlage wurde am 14» Januar 1955 aufgestellt und eine V/oche
später in Betrieb genommen. Die zweite Maschine traf im Herbst ein.
Alle vorbereitenden Programmierungsarbeiten waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits abgewickelt.
Bei einem so komplizierten Umstellungsprozeß, der sich noch
dazu über so viele Monate erstrecken mußte, ist es natürlich viel
zu früh, die erzielten Kosteneinsparungen abschätzen zu wollen. Ich
kann im Augenblick nur soviel sagen, daß die erste Anlage unsere Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen hat - und zwar in so hohem
Grade übertroffen hat, daß unsere Techniker an vorläufigen Kostenund Rentabilitätsrechnungen im Augenblick völlig desinteressiert sind.
Y/enn wir sämtliche vier Anlagen vom Typ 650, die für die Zusammenstellung des Lebensmittelindexes vorgesehen sind, in Betrieb genommen
haben und wenn sie, wie geplant, 1 1/3 Arbeitstage für die Datenbearbeitung tätig sind, erwarten wir eine Kostensenkung von sieben bis
acht Prozent gegenüber dem bisherigen Auswertungsverfahren. '.Vir hatten
uns, von der Aufstellung der ersten Anlage an gerechnet, eine Frist '
von 21 Monaten für die völlige Umstellung des Betriebes auf vier
elektronische Anlagen gesetzt, um die höheren Anfangskosten wieder
hereinzuholen. Unsere vorläufigen Schätzungen zeigen, daß wir Einsparungen über diese beiden Ziele hinaus erreichen können.
Regelmäßige halbstündige Pflege und Wartung vor jedem Einsatz
bieten die Gewähr für ein im wesentlichen störungsfreies Arbeiten der
Anlage. Etwa 15 Prozent der Betriebszeit werden gegenwärtig noch für
Programmierung und Versuchsarbeiten aufgewendet; wir schaffen damit
jetzt schon die Voraussetzungen für die restlose Umstellung des Betriebs auf elektronische Dokumentationsmittel nach Lieferung sämtlicher Anlagen.
Yv'as die Exaktheit anbetrifft, so wurden alle unsere Erwartungen
weit übertrofi'en. In den ersten Betriebsmonaten ist der Maschine nicht

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�"AMERIKA DIENST" -

«/liiUGHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

nicht ein einziger Fehler unterlaufen.
Neben der ständigen Betriebsbereitschaft und der Exaktheit in
der Datenverarbeitung ist für einen Betrieb wie den unseren der Faktor
Geschwindigkeit von ausschlaggebender Bedeutung. Ein frühzeitiges
Erscheinen unseres Gesamtberichts wird selbstverständlich erst m.' t
der Inbetriebnahme sämtlicher elektronischer Anlagen möglich sein.
Lr konnten jedoch dank der Verbesserungen der Arbeitsmethoden,
die auf Einführung der ersten Anlage zurückzuführen sind, bereits
die Herausgabe verschiedener Veröffentlichungen beschleunigen und
unsere Kundendienstbüro, in New York und in San Francisco mit vollständigerem Material beliefern.
Die Vollständigkeit der Angaben, die das Elektronengerät I
65O in Lochkartenform von sich gibt, und die automatische Projektion
der Zwischensummen auf das voraussichtliche Gesamtresultat - also auf
den Landesindex - gestatten es uns, unsere Tabuliermaschinen der Type
416 mit dreiteiligen "durchschlagpapierfreien" Kopierformblättern zu
speisen und die auf der Ausgabenseite anfallenden Kopien an unsere
Kundendienst-3tellen zu verteilen.
Die praktische Durchführung unserer Entscheidung
Da die aufgezeigten bisherigen Erfolge nicht etwa das Ergebnis
bloßer Zufälle, sondern die Früchte einer sachlichen, vernünftigen
Planung sind, darf ich noch darauf hinweisen, welche Probleme auftauchen und gelöst wurden, nachdem wir im Februar 1954 unseren Auftrag über die Lieferung von 5 Elektronenrechenmaschinen erteilt hatten.
Bei unseren vorbereitenden Arbeiten mußten wir unsere Aufmerksamkeit auf drei große Fragenkomplexe richten:
1.

Für welche Arbeit soll die erste Anlage eingesetzt werden?

2.

Nach welchen Gesichtspunkten soll das Betriebspersonal
ausgesucht werden?

3.

V/ie können 'wir unsere gesamte Belegschaft am besten über
unsere Entscheidungen und deren Auswirkungen informieren?

Die Frage, für welche Arbeit die Maschine eingesetzt werden sollte,
dürfte für ein größeres Publikum uninteressant sein. Grundsätzlich mußten
wir uns entscheiden, ob die erste Anlage ein Viertel der Warenkategorien selbständig bearbeiten oder an allen Arbeitsgängen zu einem Viertel

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Viertel beteiligt werden sollte.
Wir entschieden uns für den zweiten Weg, weil die routinemäßigen Arbeiten sämtlicher Abteilungen ohne größere Unterbrechungen
fortgeführt werden konnten. Wir gewannen so auch Zeit für die Programmierung und Kodifizierung der Arbeit der später zu liefernden Anlagen
und konnten dann noch feststellen, daß dies das am wenigsten kostspielige Umstellungsverfahren war.
Paradoxerweise stieg unsere gesamte Arbeitslast von Beginn des
Jahres 1955 an so stark, daß wir unsere herkömmliche Tabulierungsausrüstung sogar noch ergänzen mußten, statt sie, wie wir anfänglich
planten, zu reduzieren. Die der ersten elektronischen Anlage zuzuschreibenden Einsparungen fanden ihren Niederschlag also nur in einer Senkung der Kosten für die Erstellung des Indexes, nicht aber in einer
direkten Senkung der Gesamtausgaben.
Von Anfang an wurde der Auswahl des Personals größte Bedeutung
beigemessen. Im April 1954 wurde innerhalb unseres eigenen Betriebs
ein Ausbildungskurs für die Programner und Köder eingerichtet. Gleichzeitig wurden erfahrene Industriepsychologen beauftragt, Tests für
den Eignungsnachweis für Automatenführer und -techniker auszuarbeiten.
Heute verfügt unsere Organisation über zwei beratende Techniker,
die dem Produktionschef unserer Lebensmittelindexabteilung beigegeben
sind sowie zwei Programmer, zwei Köder und fünf Automatenführer, die
dem Leiter der Tabellierungsabteilung für den Lebensmittelindex unterstehen.
Ehe wir unsere erste elektronische Rechenanlage in Betrieb nahmen, haben wir ein umfassendes und sorgfältig geplantes Orientierungsprogramm für unsere gesamte Belegschaft gestartet.
Es begann im Grunde genommen bereits im Jahre 1946, als wir bezüglich unserer ersten Vorstudien über die Verwendung elektronischer
Rechenmaschinen eine, wenn ich so sagen darf, Politik der offenen
Tür betrieben.
Diese freimütige Behandlung der Fragen, die uns, die Betriebsleitung, beschäftigten, setzten wir auch im Jahre 1952 fort. Und daran
hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert.
Im

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Im September 1954 - etwa drei Monate, ehe die erste Maschine eintreffen sollte - wurden die Herren der Geschäftsleitung, die Abteilungsleiter und die Betriebsingenieure zu einer Besprechung zusammengerufen, um ihnen einen ersten umfassenden Überblick über den Stand unserer Automatisierungsplane zu geben.
In kleineren Besprechungen wurden in den folgenden zwei Monaten
die betreffenden Herren dann über die theoretischen Möglichkeiten zur
Verwendung elektronischer Rechenmaschinen unterrichtet. Sie gewannen
so schon im voraus ein Bild davon, was die Maschinen leisten und was
sie nicht leisten konnten.
In diesen Besprechungen wurden unsere Betriebsingenieure darauf
hingewiesen, wie richtig eine enge Zusammenarbeit zwischen allen betroffenen Abteilungen gerade während der Umstellung sei. Sie

wurden

ferner aufgefordert, ihren Untergebenen alle nur denkbaren Informationen
zu geben.
Letzten Endes war das alles nichts anderes als eine Fortsetzung
der erwähnten Politik der offenen Tür. Sie erwies sich aber als ein
hervorragend geeignetes Mittel, um während der Periode des Übergangs
ein Absinken der Arbeitsmoral oder ein Nachlassen der Produktivität
zu vermeiden.Daß dies gelang, ist zweifellos mindestens zum Teil darauf
zurückzuführen, daß unsere gesamte Belegschaft seit langem schon mit
einem unablässigen Auswechseln alter Maschinen durch neue vertraut ist.
Unsere Belegschaft weiß so gut wie wir selbst, daß der Erfolg
unseres Unternehmens zum großen Teil von dieser Art Evolution abhängt.
Und ob der einzelne Angestellte dieses Phänomen nun mit diesem Wort
umreißen würde oder nicht, so hat er doch sicher das Bewußtsein,
daß auch die Automatisierung nichts weiter ist als die beschleunigte
Fortsetzung einer uns bekannten und notwendigen Entwicklung.

(Quellenangabe erforderlich)

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

Y/IRTSCHAETSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(x)

"Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M. E. Salveson, Management Consultation Services
(Kundenberatungsdienst)
General Electric Company

- Quellenangabe erforderlich -

( 220 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Bis gegen Ende des Jahres 1955 hatten Privatfirmen in den USA mehr als 40 Großrechenanlegen der Typen UNIVAC,
IBM 702 sowie einige Hundert kleinerer elektronischer Dokumentationsanlagen, wie etwa die UNIVAC-Registratur-Rechenmaschine oder die
IBM 65O, installiert oder in Auftrag gegeben.
Kein Wunder, daß man angesichts solcher Zahlen sehr optimistische
Prognosen über den Siegeszug der Automatisierung zu hören bekommt.
Einschränkend muß ich aber aus meiner eigenen langjährigen Erfahrung
hinzufügen, daß viele Firmen die sehr kostspieligen automatischen
Dokumentationsanlagen nur deshalb erwerben, damit "sie nicht hinter
der Konkurrenz zurückbleiben". Vielfach ist bei einer solchen Auftragserteilung die Frage der Wirtschaftlichkeit derartiger Geräte
bei Verwendung in dem betreffenden Betrieb noch gar nicht hinreichend
geklärt und oft ist dann die Enttäuschung groß und der Mißerfolg
eklatant. Die Entwicklung und der Übergang zu einer wissenschaftlich
fundierten Betriebsplanung worden durch derartige Experimente nicht
gefördert, sondern eher gehemmt.
Im folgenden seien einige jener Erkenntnisse zusammengefaßt,
die der Verfasser auf Grund jahrelanger eigener Forschungen und in
der Zusammenarbeit mit Firmen sammeln konnte, die teils mit Erfolg,
teils aber auch mit enttäuschenden Ergebnissen ihren Betrieb auf
automatische Dokumentationsmittel umgestellt haben.
I. Der Betrieb soll die Art der zu verwendenden Dokumentationsmittel bestimmen und nicht umgekehrt.
Das mag eine Binsenweisheit sein. Nur allzuoft aber wird nicht
berücksichtigt, daß die heute verfügbaren elektronischen Geräte an

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�"AhiERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April 1 956

an sich für ganz spezifische Zwecke, so etwa wissenschaftliche Berechnungen, gebaut wurden; hier nur arbeiten sie wirtschaftlich. Aber die
Arbeitsgänge bei wissenschaftlichen Rechnungen sind nicht notwendigerweise die gleichen wie bei der im Betrieb zu bewältigenden mechanischen
Dokumentation. Einer Entscheidung darüber, welche elektronischen
Anlagen in einem Betrieb verwendet werden können und sollen, muß
daher zunächst einmal eine genaue Analyse des gesamten Arbeitsanfalls
vorangehen. Dabei ist sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Analyse des zu bewältigenden Arbeitskomplexes unerlässlich.
Eine wesentliche Schwierigkeit, die Elektronentechnik den Anforderungen der modernen Betriebsführung anzupassen, liegt in dem Umstand,
daß wir uns bisher bei solchen Untersuchungen weitgehend auf qualitative Schätzungen verlassen mußten. Infolgedessen ist das verfügbare
quantitative Material - das heißt Angaben in Dollar und Cent ausgedrückt -, auf Grund dessen entsprechende Dokumentationsmittel entwickelt und von den Betrieben ausgewählt werden könnten, auch entsprechend gering. Wir müssen daher folgende Fragenkomplexe genau analysieren:
1)

Kontakte zur Außenwelt: Quellen und Häufigkeit der der Betriebsleitung zufließenden Informationen, Art und Weise,
wie diese Informationen gesammelt und für innerbetriebliche
Zwecke verwandt und ausgewertet werden.

2)

Innerbetriebliche Informationen: Quellen, Verfügbarkeit und
Koordination der Informationen, Niveau der zu treffenden
Entscheidungen, Terminerfordernisse, Häufigkeit und Größenordnung der Entscheidungen.

Sind alle diese Fragen beantwortet, so erscheint der Betrieb
als "System", und wir haben nunmehr eine feste Grundlage für-die Beurteilung, ob sich die Einführung elektronischer Dokumentationsmittel
auch wirtschaftlich lohnt. Auf diese Weise wird der Betrieb zum Modell,
und wir können im voraus bestimmen, welche Auswirkungen ein Eingriff
in den Arbeitsablauf - etwa die Aufstellung einer neuen Maschine auf den Gesamtbetrieb haben wird. Dieses Wissen erleichtert die Entscheidung über die später zu verwendenden Anlagen.
II. Die Verwendung von Elektronenrechenmaschinen für die Ausführung von Büroarbeiten kann deren Einsatz für Aufgaben der Betriebsführung unmöglich machen.
Gemeinhin wird die Anschaffung kostspieliger mechanischer Dokumentationsmittel immer mit dem Hinweis auf die hohen Einsparungen
an Personal und Arbeitszeit in den Büros begründet. Soweit die Kapazität solcher Anlagen nicht voll ausgelastet ist, denkt man an ihre
Verwendung für Aufgaben der Betriebsplanung und -leitung. Die Hoffnung
auf eine doppelte Verwendbarkeit wird einer genauen Nachprüfung nicht
in allen Fällen standhalten.
Die Hauptschwierigkeit liegt in den unterschiedlichen Anforderungen an die Maschinen und in Überschneidungen bei Terminarbeiten. Die
verwaltungstechnischen Arbeiten in der Betriebsführung (Buchhaltung,
LohnbuchhaitungjBestandskontrolle) müssen oftmals kontinuierlich abgewickelt werden und laufen vielfach nebeneinander her. Sie erfordern
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�"aLiERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

erfordern in den meisten Fällen lediglich ganz einfache arithmetische
Berechnungen. Deshalb eignen sich für diese Aufgaben einfache und nicht
sehr kostspielige Moduleinheiten am besten, die so kombiniert werden
können, daß sie den jeweiligen Anforderungen genügen. Andererseits
benötigt man, wenn das Ziel eine Verbesserung der Entscheidungen der
Betriebsleitung auf Grund wissenschaftlicher Analysen ist, komplizierte,
hochleistungsfähige und schnellarbeitende Großrechenanlagen. Die hier
zu leistenden Arbeiten - Zusammenstellung und Auswertung von Statistiken und die Ausführung schwierigster mathematischer Berechnungen sind ebenso schwierig und komplex wie die Aufgaben in Wissenschaft und
Technik.
Entschließt sich nun ein Betrieb zur Anschaffung von Elektronengeräten, die sich sowohl für Büroarbeiten als auch die betriebliche
Planung verwenden lassen, so besteht die Gefahr, daß Zeitschwierigkeiten auftreten. V/ährend die Rechenanlage beispielsweise routinemäßige Rechenarbeiten, wie etwa die Lohnabrechnungen, erledigt, wird
sie von der Betriebsführung für die Ermittlung wichtiger Daten benötigt. So blockieren an sich weniger wichtige Aufgaben die Maschine
für die Betriebsplanung, und der Betriebsführung geht auf diese V/eise
notfalls wichtige und kostbare Zeit verloren.
Aber auch psychologische Erwägungen sprechen gegen die heute allgemein vorgebrachten Rechtfertigungsgründe für die Anschaffung derartiger Geräte. Der Kaufpreis beziehungsweise die Mieten für solche Geräte
sind derartig hoch, daß die Senkung der übrigen Bürokosten - Personaleinsparungen und ähnliches - als unerlässliche Vorbedingung für die
Automatisierung erscheint. Man wird sich also mit unverhältnismäßig
großem Nachdruck der Mechanisierung einzelner Arbeitsgänge zuwenden
und dabei Gefahr laufen, darüber die Verbesserung des Gesamtbetriebes
zu vernachlässigen. Vielfach wird man auch versucht sein, alle nur erdenklichen Arbeitsgänge von den elektronischen Geräten ausführen
zu lassen, nur um sie auszulasten. Dies führt dann gelegentlich dazu,
daß eine Elektronenanlage, deren Betriebsstunde 300 Dollar kostet,
mit Arbeiten beschäftigt wird, die sich anderweitig für 3 Dollar je
Stunde verrichten ließen.
Diese Einstellung zur Automatisierung ist aber auch noch aus
einem anderen Grunde völlig falsch. Sie räumt den Planungs- und Entscheidungsfunktionen der Betriebsleitung nicht den bedingungslosen
Vorrang ein, der ihr unbedingt zukommt. Obwohl schon Taylor mit
Nachdruck auf diesen wichtigen Gesichtspunkt verwiesen hat, wird er
auch heute oftmals noch übersehen.
III. Elektronenanlagen sind Werkzeuge des Menschen, nicht
Selbstzweck.
Auf Grund des ungeheueren Arbeitstempos und der beträchtlichen
Anschaffungskosten nehmen die elektronischen Dokumentationsmittel
innerhalb des Betriebs oftmals eine beherrschende Stellung ein.
Wenn es sich dabei auch nur um eine passive dominierende Rolle handelt,
so können sich daraus doch sehr nachteilige Folgen ergeben. Es sei hier
als Beispiel auf die Tendenz verwiesen, jedwedes Problem mit Hilfe der
Anlage zu lösen, gleichgültig ob sie dafür nun das geeignetste Instruaent ist oder nicht,
„ .
Bei

- 3 -

�"AMERIKA DIENST" - „•lRTo'.-tlAFT UNI) A.

25.'April 1956

Bei meinen Untersuchungen der Frage, wie elektronische Rechenanlagen, Zusatzgeräte und das Bedienungspersonal an besten in die Gesamtstruktur eines Betriebes eingeordnet werden können, bin ich zu
völlig neuen Ergebnissen gekommen. Die wesentlichste Erkenntnis scheint
mir zu sein, daß Konstruktion, Typenauswahl und Anwendung elektronischer
Rechenanlagen, was die Bewältigung von Aufgaben einer modernen Betriebsführung angeht, eng mit der Anwendung entsprechend moderner Methoden
wissenschaftlicher Forschung und betriebswirtschaftlicher Analysen verbunden sind, wenn nicht sogar von ihr abhängen. Die Verwendung von
Rechenanlagen als wissenschaftliche Instrumente ist nur dann sinn- und
zweckvoll, wenn sie für betriebswirtschaftliche Ziele und nach Methoden
und Ideen eingesetzt werden, die nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen erarbeitet werden.
Dies wiederum setzt natürlich das Vorhandensein eines Stabes
wissenschaftlich geschulten Personals voraus. Das sind unsere Betriebswissenschaftler. Sie werden zu einer wichtigen Komponente
innerhalb des Betriebsgefüges. Sie sind für die wissenschaftliche
Analyse der Ziele, Pläne und die Festsetzung der Größenordnungen, mit
denen der Gesamtbetrieb arbeitet, sowie für eine Koordinierung der
betriebswirtschaftlichen Methoden innerhalb der einzelnen Abteilungen
verantwortlich. Die Planung, die Methoden und die Größenordnungen der
einzelnen Abteilungen wie Fertigung, Verkauf und Buchhaltung sind
der Gesamtplanung untergeordnet.
Großrechenanlagen oder andere größere elektronische Systeme,
die in erster Linie für die Betriebsführung arbeiten sollen und dem
Zweck dienen, durch Auswertung statistischen Materials die Planung
für den Gesamtbetrieb aufzustellen, sollten den Betriebswissenschaftlern als Hilfsmittel beigegeben und ihnen nicht nur zeitweilig etwa
von der Buchhaltung überlassen werden.
Ehe ein Betrieb also eine Elektronenrechenmaschine aufstellt,
muß sich die Betriebsführung Klarheit darüber verschaffen, für welche
Aufgaben sie eingesetzt werden soll und an welcher Stelle im Betrieb
sie den größten Nutzeffekt zeitigen wird. Vor allem muß man sich
fragen, soll durch ihren Einsatz eine Automatisierung oder Beschleunigung des Arbeitsablaufes oder eine Verbesserung der betrieblichen
Gesamtplanung erreicht werden?
Die dringende Notwendigkeit, eine Antwort auf diese Fragen
zu finden, läßt erkennen, wie genau man die Möglichkeiten zu einer
wissenschaftlichen Untersuchung der gesamten Betriebstätigkeit im
voraus studieren muß und wie v/ichtig es ist, daß diese Untersuchungen
von den richtigen Leuten innerhalb des Gesamtunternehmens durchgeführt werden.
Es gibt genügend Gründe, die für ein solches Vorgehen sprechen.
Auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Analyse sind viele neue Methoden entwickelt worden, die heute für eine Betriebsführung nach wissenschaftlichen Grundsätzen unerlässlich sind. Elektronische Rechenund Dokumentationsgeräte werden eine besonders wertvolle Kilfe sein,
dem Betriebsleiter und Betriebswissenschaftler neue Einsichten in
das V/esen und die Funktion seines Betriebes zu vermitteln. Diese
neuen Einsichten werden sich aber nur dann voll und ganz verwirklichen

- 4-

�"AMERIKA DIENST" - .VIRTSCHAFT UND AH

25. April 1956

verwirklichen lassen, wenn alle an der Ausarbeitung beteiligten Personen auf das engste mit der Betriebsleitung und den Abteilungsleitern zusammenarbeiten.
IV. Die bildungsmäßigen Anforderungen an Angehörige der Betriebsführung werden einen Wandel erfahren
Es ist wohl klar ersichtlich, daß diese Entwicklung eine Veränderung der Ausbildungsmethoden für die leitenden Angestellten .in der
Wirtschaft nach sich ziehen muß. Die neuen Positionen, die geschaffen
werden, erfordern ein kompetentes, gut ausgebildetes und in den •
Methoden der wissenschaftlichen Analyse erfahrenes Personal, das
gleichzeitig die Funktionen und das Wesen des Betriebes als System
zu verstehen gelernt hat.
Der Hauptunterschied zwischen den heute üblichen Ausbildungsmethoden und denen der Zukunft ist S" her darin zu suchen, daß die
Grundlage für die Ausbildung bisher im allgemeinen die Geisteswissenschaften bildeten, wohingegen nunmehr die Naturwissenschaften, insbesondere die Mathematik, diese Stelle einnehmen werden. Bisher haben
nur wenige Universitäten in den Vereinigten Staaten ihren Lehrplan
darauf eingerichtet, Studierenden eine Ausbildung und Schulung angedeihen zu lassen, die ihn im Verein mit der späteren praktischen
Erfahrung durch die Tätigkeit im Betrieb auf eine Laufbahn in der
modernen Betriebsführung vorbereitet.
Solange solche Nachwuchskräfte noch nicht zur Verfügung stehen,
muß das vorhandene Personal auf die neuen Aufgaben umgeschult v/erden.
Die Auswahl der hierfür in Frage kommenden Personen soll auf der
Grundlage ihrer Kenntnis in der Betriebsleitung und ihrer verstandesmäßigen und analytischen Anlagen erfolgen. Gewöhnlich wird es sich
um Ingenieure handeln, die in gehobene Positionen in der Betriebsleitung aufgerückt sind. Es können aber auch Verwaltungsfachleute sein,
die ihr mathematisches, statistisches und naturwissenschaftliches
Wissen weiter vervollkommnet haben.
Zusammenfassend darf also gesagt werden:
Die Art des Betriebes muß den Typ der zu verwendenden elektronischen Geräte bestimmen. Elektronische Geräte sind Mittel, nicht
Zweck.
Man muß sich von vornherein darüber im klaren sein, was mit der
Anschaffung erreicht werden soll. Will man die gegenwärtigen Verfahren beschleunigen beziehungsweise weiter mechanisieren, oder will
man ein Mittel an die Hand bekommen, mit dessen Hilfe man eine genaue
wissenschaftliche Analyse über das Wesen des Betriebes erarbeiten kann,
um auf ihr die v/eitere Planung aufzubauen.
Hierbei muß man vor allem die Möglichkeiten der wissenschaftlichen
Analyse des Betriebs und seine Fähigkeit richtig einschätzen. Eine
solche Analyse kann Klarheit darüber schaffen, wo ein wirklicher Bedarf an elektronischen Geräten besteht und in welcher Weise diese angewendet werden sollten.
Derartige Analysen setzen voraus, daß der Betrieb über die erforderlichen Fachkräfte verfügt, die in Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung dann die neuen Entscheidungen formulieren, auf Grund deren der
Betrieb wirtschaftlicher und rationeller arbeiten kann.
- Quellenangabe erforderlich
* * * * * *

�</text>
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A.

9.

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16.

I

16.
A.

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23.
30.

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A.

6.

II

A.

6.

II

20.

I •

.

20.
20.

II.
II.

27.

II.

A.

27.

II.

A.
A.

Praesident Eisenhower berichtet ueber die
Lage der Nation
Botschafter Lodge legt dem UN-Abruestungsausschuss den neuen Abruestungsplan der USA vor.

6. I I I .

18. XII. 1956
5. I.
7» I.

10. I.
14» I»

''ortlaut der Ansprache Praesident Eisenhowers
bei Antritt seiner zweiten Amtsperiode

21. I.

Iraesident Eisenhower legt die Wirtschrftsbotscheft vor.

23. I.

General Lauris Norstad: NATO - Abschreckungsmittel und Schutzschild
29. I
Sonderbotschpft Praesident Eisenhowers ueber die
Revision der Einwenderungsgesetzgebung
31« I«

II. Botsch'fter Lodge antwortet den russischen Beschuldigungen gegen die USA in den Vereinten
Nationen

A.

A.

Wortlaut der Pressekonferenz von Aussenminister
Dulles
Eisenhower fordert Vollmachten zum Schutze der
Mittelost-Staaten (Eisenhower-Doktrin)
Aussenminister Dulles erleeutert den Plan des
Praesidenten
Vizepresident Nixon "berichtet ueber die Lage
der ungarischen Fluechtlinge

Jahresbericht Praesident Eisenhowers zu Fragen
betreffend die Revision der US-Handelsabkommen
Thurston V. Kalijaveri: Aufgaben und Stellung
der USA in der 'Weltwirtschaft

12. II.
11. II.
12. II.

Fraeädent Eisenhower: Israel muss sich den Beschluessen der Vereinten Nationen beugen.
20. II.
Praesident Eisenhower anlaesslich des 15« Jahrestages der Stimme Amerikas: "Amerika wird sich
immer fuer den Frieden einsetzen".
25. II.

Botschrfter L^dge: Amerika het Osteuropa nicht
v rgessen.
28. II.
6.
6. IIII.
I I . Botschefter Lodge: Die USA und die Raeumung des
Gaza-Streifens
1. III.
6.
6. :
I I II.
. V/alter S. Robertson auf der Konferenz der Kolombo-Plan-Maechte: "Gemeinsame Anstrengungen zum
Wohle aller"

1957

�Aussenminister Dulles auf der Tagung des SeatoRates in Canberra: "Die SEATO - ein Bollwerk
des Friedens".
Aussenminister Dulles in Canberra: "Die USA halten en ihrer bisherigen China-Politik fest"

12. III.

Kommuniquft zum Abschluss der SEATO Tagung

13. III.

Gordon Gray: Die NATO ist der Grundstein fuer
das Bündnissystem des Westens.
Vorwort yur Neuauflage des Buches von John foster
Dullesi Krieg oder Frieden
Dr. Gabriel Hauge: Konjunkturprobleme in den
USA
Botschrfter Perkins: Die Vereinigten Staften
und die Atlantische Allianz
Robert D. Murphy: Internationaler Kulturaustausch
und Passbeschraenkungen
Robert D. Murphy: Die Wiedervereinigung Deutschlands ist ein Eckpfeiler des Friedens.
Aussenminister Dulles fordert die Schaffung eines
Anleihefonds.

11. III.

4« IV.

11. III.
27. III.
4» IV.
4. IV.
8. IV.

,p

rancis 0. Wilcox: Die Vereinten Nationen haben
positive Arbeit geleistet.
Aussenminister Dulles: Die USA stehen fuer Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit ein.

12. IV.
22. IV.

Sonderbotscbeft PraesL&amp;ent Sisenhowers an den Congress ueber Plaene zur Verbesserung des Luftv rkehrswesens
Dr. Libby antwortet Dr. Sc weitzer euf seinen Appell zur Einstellung der Atomwaffenversuche

25. IV.

Harold S. Vance, AECi USA befuerworten internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Atomforschung

25. iv.

Thorston V. Kali^jarvi: Die kuenftige amerikanische
Aussenhandelspolitik

25. IV.

11. IV.

Fraesident Eisenhower: Das .'«uslandshilf eprogramm
dient der Sicherheit der USA
Aussenminister Dulles ersucht den Kongress um
Zustimmung zum Beitritt der USA in die Internationale Atombehoerde

10. V.

Willard F. Libbyl Kuenstliche Radioaktivitaet
als Folgen von Kernwaffenversuchen

26. IV.

1. V.

�I

A.

A.
A.

A.
A.
A.

A.

29. V.

Praesident ^isenhower ersucht den Kongress um
Bewilligung von $ 3f8 Milliarden fuer die Auslands hilfeprogramme

21. V.

5« Tl. Eleanor L. I*ulles$ Berlin und die Methoden der
Sowjets in Deutschland.

22. V.

19. VI. Ungarn-Ausschuss der Vereinten Nationen legt
Bericht ueber den ungarischen Freiheitskampf
vor.
J. VII. Aussenminister Dralles umreisst die China-Politik der USA

28. VI.

10. VII. Francis 0. Wilcox: Amerika strebt die Er' altung
des Weltfriedens an.

2J, VI.

17» VII. Christian A. Herter: Die Herrscheft des Rechts
muss an die Stelle der Herrschaft des Krieges
treten.

15. VII.

24. v i i . Aussenminister Mulles erleeutert die juengsten
Abru stungsvorschlaege der USA

A.
A.

7. V I I I . Aussenminister Dulles legt den westlichen Plan
eine Luft- und Bodeninspektion dar
7. V I I I . Iraesident ^isenhower: Die Uahost-Resolution hat
zur Verringerung der Spannungen Beigetragen.

A.

4.

ix.

A.

11.

IX.

:'.
A.

18.

25.

25.
A.

20. VI.

2.

Die Abruestun~svorschlaege der ''estmaechte

Robert Murphy: Probleme der US Ausrenpolitik
*\Vuerdigung von Dr. Suhr*
I X . Die staatsrechtlichen Aspekte der Spannungen
in Little Rock
i x . Aussenminister Mulles fordert vertrauensvolle
Atmosphaere als Grundlage fuer ein Abruestunrsabkommen.

22. VII.
2. VIII.
5« VIII.
29. VIII.
9» IX.
18. 12 .

19. IX.

IX. Praesident Eisenhower: Zehn Jahre Gesetz ueber
die Nationale Sicherheit
'

23. IX.

X. Botschaft Praesident Eisenhowers und Ansprache
von Admiral Lewis L. Strauss zur Eroeffnung
der ersten Konferenz der Internationalen Atomenergiebehoerde

1. X.

�X. Botschrfter Lodge: USA wird an dem Problem der Veltreumkontrolle mitarbeiten
X« Vizepresident Nixonj ".Veitwirtschaftsprobleme
X. Arthur H. Compton: Die Zivilisation steht auf dem
Spiel.
X« Abschlusskoir.munique zu den Britisch-Amerikanischen Verhandlungen
XI. Jemes J. Y'adsworth: Auswirkungen atomarer Strahlung
XI. Praesident Eisenhower umreisst Verteidigungsaufgeben der freien Walt
XI. Praesident Eisenhower unterbreitet ein FuenfFunkte-Programm fuer Forschung und .'issenschsft

10. X.
15« X«
24. X.
25. X.
7. XI.
13« XI.
7« XI.

XI. Soziale Sicherheit in den USA
XII. Fraesident Eisenhower fordert gemeinsame Massnahmen zur Foerderung des Friedens

16. XII

�KULTUR

• POLITIK

• WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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ALLGEMEINES

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AMERIKADIENST

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FÜR DIE FRAU

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FÜR DIE JUGEND

�2. Janua
INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFT
Rückschau und Ausblick auf die Außenhandelspolitik der USA 1956-1957
Von Guy Sims Pitch
(90 Zeilen)
Die amerikanische Wirtschaftshilfe
im Jahre 1956
(72 Zeilen)
Jahresbericht der amerikanischen
Atomindustrie
(65 Zeilen)
ERZIEHUNG

- WISSENSCHAFT

Seite

Seite

Seite

- KULTUR

Brücken des Wissens und der Verständigung
- Das Austauschprogramm der USA (70 Zeilen)
.
Die Internationale der Wissenschaft
An der Schwelle des Internationalen
Geophysikalischen Jahres
(93 Zeilen)
Amerikanische Literatur 1956
Die erfolgreichsten Bücher des Jahres
(100 Zeilen)
Amerikanische Wissenschaft und Forschung
im Jahre 1956
(100 Zeilen)
DIE TOTEN DES JAHRES 1956

Seite

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* * * * *

�"AMERIKA DIENST"

2. Januar 1957

RÜCKSCHAU UND AUSBLICK AUF DTE AUSSENHANDELSPOLITIK DER USA

1956/57
Von Guy Sims Fitch
(90 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Richtigkeit der liberalen Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten ist von der Entwicklung der letzten
Wochen voll bestätigt worden. Zunächst einmal hat Präsident Eisenhower
eine Empfehlung der US-Zollkommission bezüglich einer Erhöhung der Zölle
auf Fischfilets zurückgewiesen. Daraufhin hat die Kommission selbst
einen Vorschlag des Landwirtschaftsministeriums abgelehnt, eingeführte
Feigen und Feigenpasten mit Zoll zu belegen.
Bemerkenswert ist dabei, daß in beiden Fällen die Entscheidung
nicht in enger Anlehnung an den Buchstaben des Gesetzes getroffen wurde.
Sie gründete sich vielme.hr auf eine großzügige liberale Auslegung des
Gesetzes - eine Auslegung, die sowohl dem wirtschaftlichen Wohl der befreundeten exportierenden Länder als auch den Interessen der betreffenden amerikanischen Industriezweige voll Rechnung trug. Der Präsident
hat im Zusammenhang mit der Bekanntgabe seiner Entscheidung erneut betont, wie sehr es ihm widerstrebt, irgendwelche Zollbeschränkungen zu
verfügen, solange sie nicht von entscheidender Bedeutung für die Gesamtwirtschaft der Vereinigten Staaten sind oder bestimmten Wirtschaftszweigen, die eindeutig gerade einer derartigen Unterstützung bedürfen,
eine wesentliche Hilfe versprechen.
Auf Grund dieser beiden Entscheidungen sind Sachverständige zu
dem Schluß gelangt, daß Präsident Eisenhower in seiner zweiten Amtsperiode eine ebenso liberale Handelspolitik verfolgen werde wie in der
ersten. Wohl selten, wenn überhaupt jemals, wurde eine liberale Außenhandelspolitik mit einem derartigen Eifer verfochten wie dies in den
letzten vier Jahren der Fall war - eine Tatsache, die gelegentlich dadurch überschattet wurde, daß die wenigen Fälle, in denen der Präsident
einer Erhöhung der Zollsätze zustimmte, durch die Presse stark herausgestellt wurden.
Das Interesse der Vereinigten Staaten an einer Ausweitung ihrer
Handelsbeziehungen mit den übrigen Ländern der Welt war bereits in der
Tatsache zum Ausdruck gekommen, daß der Kongreß im Jahre 1956 einer vom
Präsidenten vorgeschlagenen umfassenden Vereinfachung der Zollverfahren

�"AMERIKA DIENST"

2. Januar 195?

Zollverfahren zugestimmt hat. Diese nach einem Jahr eingehender Debatten
ergriffene Maßnahme brachte eine gewisse Klärung und manche Erleichterungen hinsichtlich der Einfuhrbestimmungen für ausländische 7/aren. Im Endergebnis wird sie in vielen '.Varengattungen eine Senkung der bestehenden
Zölle mit Sich bringen - eine Tatsache, über die sich der Kongreß bei
Erlaß dieser gesetzlichen Bestimmung voll im klaren war.
Diesem Beschluß des Kongresses, der einen neuen Meilenstein in
der Außenhandelsgesetzgebung der Vereinigten Staaten darstellt, ging
eine Ausweitung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen voraus,
mit dem der Präsident ermächtigt wurde, mit anderen Ländern Vereinbarungen über die allmähliche Beseitigung der Handelsschranken auf der Basis der
vegenseitigkeit zu treffen. Seit 1934 wurden die Handelsbeziehungen der Ver
einigten Staaten mit der übrigen Welt nach diesem Gesetz geregelt.

Es

hat den Kongreß der Notwendigkeit enthoben, für jede einzelne Warengattung
- und es gibt deren Tausende - auf gesetzlichem Wege eigene Zollsätze
festzulegen.
Dieses Gesetz hat die Aushandlung von Handelsabkommen mit anderen
Ländern erleichtert und die amerikanischen Zollvorschriften vor einem
allzu starken Druck protektionistischer Kreise geschützt. Im Laufe der
letzten 22 Jahre sind die amerikanischen Zölle für zollpflichtige Importe
von über 50fo auf durchschnittlich etwa 12$ gesenkt worden.
Das Verlängerungsgesetz von 1955 brachte einige recht bedeutsame zusätzliche Regelungen:

Die Verlängerung wurde auf einen Zeitraum von drei

Jahren ausgedehnt, um eine größere Kontinuität der amerikanischen Handelspolitik sicherzustellen, die Befugnisse des Präsidenten zur Senkung der
Zollsätze wurden erheblich erweitert. All dies ebnete den Weg für eine
umfassende Beteiligung der Vereinigten Staaten an den ZollSenkungen, die
Anfang dieses Jahres in Genf im Rahmen des GATT, dem die Vereinigten Staaten seit seiner Gründung im Jahre 1947 angehören, auf multilateraler Basis
ausgehandelt wurden.
Dieses Interesse dor Vereinigten Staaten an einer Verbesserung der
internationalen Handelsbeziehungen im Verein mit einem allgemeinen
Wirtschaftsaufschwung in der ganzen Welt war einer der Hauptfaktoren
für die bemerkenswerte Ausweitung des Welthandels. In den letzten vier
Jahren nahm sein Volumen - einschließlich der Länder dos kommunistischen
Blocks, aus dem zuverlässiges Unterlagenmaterial kaum zu erhalten ist Im

um über 15$ zu.
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

2. Januar 1957

Im gleichen Zeitraum hat der Außenhandel der Vereinigten Staaten
sogar eine noch stärkere Ausweitung erfahren. Die Einfuhr stieg um
17$» während die Ausfuhr - die Hilfslieferungen der Regierung nicht
eingerechnet - um etwa 35$ zugenommen hat. Im Jahre 1956 werden die
Einfuhren und Ausfuhren der Vereinigten Staaten die erstaunliche
Rekordsumme von insgesamt annähernd 13 Milliarden Dollar beziehungsweise 17 Milliarden Dollar erreichen.
An dieser Entwicklung des amerikanischen Außenhandels haben alle
Länder der Welt und praktisch alle Arten von Waren teil.

Seit 1953

sind die Einfuhren der USA aus Afrika auf 6$ gestiegen, aus Südamerika
auf 7$&gt; aus anderen Ländern des nordamerikanischen Kontinents auf 17$»
aus Asien und Ozeanien auf 23$ und aus Europa ebenfalls auf 23$.
Die Tatsache, daß die Einfuhr von Fertigwaren, die zu einem großen
Teil qualitativ mit den amerikanischen Erzeugnissen konkurrieren können,
seit 1953 um rund 40$ gestiegen ist, läßt darauf schließen, daß die
Amerikaner in zunehmendem Maße Erzeugnisse anderer Länder kaufen.
Die Einfuhr von Rohstoffen für die amerikanische Industrie beläuft
sich auf 18$.
Die Fachleute des amerikanischen Außenhandels rechnen in den
kommenden Jahren mit einer noch stärkeren Ausweitung des Außenhandels.
Sie stützen diese Ansicht nicht nur auf die zu erwartende weitere Intensivierung der Wirtschaft, sondern auch auf die Bereitschaft der
Vereinigten Staaten, bei dem allmählichen Abbau der noch bestehenden
Handelsschranken beispielgebend voranzuschreiten.

* * * * *

- 3-

�'AMERIKA DIENST

2. Januar

1957

DIE AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTSHILFE IM JAHRE 1956

( 72 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Der Schwerpunkt der Programme des US-Amtes
für internationale Zusammenarbeit (iCA) , der für die amerikanische
Wirtschaftshilfe zuständigen Behörde, lag auch im Jahre 1956 wieder
auf der Wirtschaftshilfe für Asien und dem Nahen Osten. Während die
Wirtschaftshilfe für Asien in den vergangenen Jahren gewaltig gesteigert wurde, ist die wirtschaftliche Unterstützung, die die USA den
europäischen Ländern gewährten, auf Grund der wirtschaftlichen Erholung Europas auf rund 100 Millionen Dollar im Finanzjahr 1956 abgesunken, gegenüber 3»4 Milliarden Dollar im Jahre 1950. Im Augenblick
ist die US-Wirtschaftshilfe für Europa auf zwei Länder, Spanien und
Jugoslawien, beschränkt.
Zu den Ländern des Nahen und Fernen Ostens, die in erster Linie
mit amerikanischer Wirtschaftshilfe bedacht wurden, gehören Korea,
Vietnam, Pakistan, Formosa, Persien, die Türkei, Indien, Laos,
Kambodscha und Thailand. Zweidrittel dieser Hilfe entfielen auf Korea,
Vietnam, die Türkei, Pakistan, Formosa und Persien.
Neben der amerikanischen Wirtschaftshilfe, die im Rahmen des
gemeinsamen Sicherheitsprogrammes der USA gewährt wird, überwacht das
US-Amt für internationale Zusammenarbeit auch die militärische Phase
dieses Programms, für die an sich das US-Verteidigungsministerium zuständig ist. Nach den bisher vorliegenden Informationen belief sich
die Militärhilfe der USA im Rahmen des gemeinsamen Sicherheitsprogramms im Jahre 1956 auf insgesamt 1,9 Milliarden Dollar, von denen
der größte Teil an europäische Länder ging. An nächster Stelle stehen
Asien und der pazifische Raum, Nach den Angaben des US-Verteidigungsministeriums bestanden über 50 Prozent der militärischen Lieferungen
aus Flugzeugen sowie anderen militärischen Ausrüstungsgegenständen
für die Luftstreitkräfte. Weitere 40 Prozent der Gesamtsumme entfielen
auf Lieferungen von Munition, Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Artillerie und anderen Ausrüstungsgegenständen für die Bodentruppen. Der Rest
der Summe wurde für Kriegsschiffe, Marineflugzeuge sowie ähnliche Güter

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2. Januar 1957

Güter aufgewendet.
Bis Mitte 1956 hatten die USA seit Anlaufen dieses Programmes im
Jahre 1950 militärische Ausrüstungsgegenstände sowie Nachschubgüter
im Werte von insgesamt 14»2 Milliarden Dollar an die mit ihnen befreundeten Länder geliefert.
Die Wirtschaftshilfe der USA gliedert sich in die Verteidigungsunterstützung (worunter Wirtschaftshilfe für Länder verstanden wird,
die ebenfalls militärische Hilfe der USA erhalten), Entwicklungsunterstützung (Wirtschaftshilfe für Länder, die keine Militärhilfe bekommen)
und die technische Unterstützung, in deren Rahmen den neu aufstrebenden
Ländern amerikanische Hilfe gewahrt wird. Ferner fallen unter die USWirtschaftshilfe auch die Beträge, die die USA für den Kinderhilfsfonds
der Vereinten Nationen, für den Zwischenstaatlichen Ausschuß für die
Auswanderung aus Europa sowie für andere ähnliche Projekte aufwenden.
Für das Finanzjahr 1957 stehen zur Verfügung:
1,16 Milliarden Dollar für die Verteidigungsunterstützung;
250 Millionen Dollar für die Entwicklungsunterstützung; 127 Millionen
Dollar für die technische Unterstützung; 193 Millionen Dollar für die
verschiedenen Fonds der Vereinten Nationen sowie für andere Hilfsprojekte .
Ferner verfügt Präsident Eisenhower über einen Sonderfonds, mit
dem besondere Vorhaben finanziert werden. So wurde dieser Fonds beispielsweise für die den Ungarnflüchtlingen gewährte amerikanische Hilfe
herangezogen.
V/ährend des vergangenen Jahres verfügte Präsident Eisenhower, daß
die amerikanische Wirtschaftshilfe für Jugoslawien fortgesetzt werden
soll; ferner wurde Ceylon auf die Liste derjenigen Länder gesetzt,
die Wirtschaftshilfe von den USA erhalten können.
Zu den Sonderprojekten des US-Amtes für internationale Zusammenarbeit gehörten im Kalenderjahr 1956 auch die zur Errichtung des asiatischen Atomforschungszentrums gewährte Hilfe, verschiedene Spezialvorhaben in Korea und auf Formosa sowie mehrere Anleihen für Pakistan und
Afghanistan, mit denen diese Länder Bewässerungs- sowie Transportprojekte

finanzieren wollen.

_ ..,
Darüber

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2. Januar

1957

Darüber hinaus wurden verschiedene wirtschaftliche und technische
Programme mit Indien abgewickelt, die das Ziel haben, die Durchführung
des neuen indischen Fünfjahresplanes zu fördern. Bis zum Juli 1956 betrug
die Gesamthilfe der USA für Indien seit 1951 rund 520 Millionen Dollar,
wovon 272 Millionen Dollar als Anleihen gewährt wurden.
Ferner verkaufte die amerikanische Regierung verschiedenen Ländern
größere Mengen aus ihren landwirtschaftlichen Überschußbeständen gegen
Landeswährung. Dieser Erlös wurde wiederum für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder aufgewendet. So wurden im Verlaufe der letzten
beiden Jahre landwirtschaftliche Güter im Gesamtwert von 1,5 Milliarden
Dollar verteilt.

* * * * *

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2. Januar 1957

JAHRESBERICHT DER AMERIKANISCHEN ATOMINDUSTRIE
( 65 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Das amerikanische Industriekuratorium für
Atomenergie (Atomic Industrial Forum) veröffentlichte einen Jahresrückblick über den Anteil der amerikanischen Privatindustrie und
-Wirtschaft an der Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche
Zwecke, aus dem die bedeutende Steigerung der wirtschaftlichen Aktivität in den USA auf allen Gebieten der Atomenergieentwicklungsprogramme während des vergangenen Jahres hervorgeht.
Der Bericht des Industriekuratoriums, dem über 270 amerikanische
Privatfirmen angehören, hebt hervor, daß die amerikanische Atomindustrie
während des Jahres 1956 Bauaufträge über 59 neue Atomreaktoren abgeschlossen hat und mit der Konstruktion eines Teils dieser Anlagen bereits begonnen wurde. Bei dreißig dieser Reaktoren handelt es sich um
Forschungs- oder Materialprüfungsanlagen, bei den übrigen 29 um Kraftreektoren.
Die Forschungs- und Materialprüfungsreaktoren wurden von privater
amerikanischer Seite, von der US-Regierung und ausländischen Käufern
bestellt. Die Kraftreaktoren sind für den Antrieb von Kriegs- und
Handelsschiffen sowie als Modellanlagen für die US-Atomenergie-Kommission
(AEC) und für kleinere Elektrizitätswerke in den Vereinigten Staaten
bestimmt.
Außer den 59 Bauaufträgen, so heißt es in dem Bericht weiter, hat
die amerikanische Atomindustrie im vergangenen Jahr den Bau von 17 anderen Reaktoren weitergeführt, die bereits früher in Auftrag gegeben
worden waren. Dazu gehören sieben Reaktoren oder Reaktormodelle für
den Antrieb von Kriegsschiffen; drei Kraftreaktoren, die von der USRegierung bestellt wurden - darunter die 65 OOO-Kilowatt-Anlage für
das Elektrizitätswerk in Shippingport, die bis 1958 fertiggestellt
werden soll; vier Kraftreaktoren, die von privater Seite in Auftrag gegeben worden waren; zwei Forschungsreaktoren für die AEC und ein weiterer für eine Universität.
Zwei von der "Armour Research Foundation" in Chicago und dem
"Battle Memorial Institute" in Columbus bestellte Forschungsreaktoren
für industrielle Aufgaben wurden im vergangenen Jahr fertiggestellt.
Bis

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Bis zum Jahre 1956, so geht aus dem Bericht hervor, hatte die
amerikanische Atomindustrie 28 von verschiedenen Stellen der amerikanischen Regierung in Auftrag gegebene Reaktoren gebaut. In dieser Zahl
sind die von der AEC gebauten Atomkraftanlagen und -reaktoren nicht
enthalten.
Die im vergangenen Jahr von privater amerikanischer Seite erteilten Bauaufträge für Kraftreaktoren kommen zum Teil von kleineren
Elektrizitätsgesellschaften und Städten. So haben sich drei Elektrizitätsgesellschaften aus Florida zusammengeschlossen, um eine Atomkraftanlage von 200 000 Kilowatt zu bauen, die voraussichtlich bis
1963 fertiggestellt werden soll.
Die 14 ExTDortaufträge für Porschungs- und Testreaktoren wurden
der amerikanischen Atomindustrie von folgenden Ländern erteilt:
Italien, Holland, Schweden, Kanada, Bundesrepublik Deutschland, Japan,
Brasilien, Dänemark, Spanien und Venezuela.
".'eitere neun Forschungsreaktoren werden, wie der Bericht betont,
im Auftrage der amerikanischen Regierung getaut und sind für das Atomflugzeug-Entwicklungsprogramm und die medizinische Forschung bestimmt.
Außerdem hat die amerikanische Industrie im vergangenen Jahr Kontrakte für den Bau von acht Uranerzaufbereitungswerken, fünf Anlagen
für die Herstellung von Kernbrennstoffen und einer Reihe anderer für
die Grundstoffe der Atomindustrie notwendiger Werke abgeschlossen.
V/eitere 134 amerikanische Firmen haben, wie es in dem Bericht
heißt, im vergangenen Jahr zum ersten Mal Radioisotope für ihre experimentellen Entwicklungsarbeiten verwendet, womit die Gesamtzahl der
amerikanischen Firmen, die Abnehmer für Radioisotopen sind, sich auf
1121 erhöhte. Außerdem haben 20 US-Industriegesellschaften im vergangenen Jahr größere Strahlenforschungslaboratorien gebaut oder mit deren
Bau begonnen.
Der Bericht hebt außerdem als besonders bedeutungsvoll die Tatsache hervor, daß sich im vergangenen Jahr private amerikanische Versicherungsgesellschaften zu drei Syndikaten zusammengeschlossen haben,
die für die verschiedenen Atomanlagen und die in ihnen beschäftigten Arbeiter Versicherungen in der Gesamthöhe von über 110 Millionen Dollar
abgeschlossen haben.
* * * * *

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BRÜCKEN DES WISSENS UND DER VERSTÄNDIGUNG
Über 10 500 Personen besuchten 1956 auf Einladung der USRegierung die Vereinigten Staaten
( 70 Zeilen)
VASHIJJGTOH - (AD) - Im Rah-nen der Austauschprogramme der Regierung der Vereinigten Staaten haben im Jahre 1956 über 10 500 Personen
die Vereinigten Staaten besucht. Sie kamen aus 77 Ländern der freien
Welt, auf welche die USA diese Programme zur Pflege der gegenseitigen
kulturellen Beziehungen und zum Austausch von wirtschaftlichen, technischen und pädagogischen Erfahrungen ausgedehnt haben. Im gleichen
Jahr finanzierte die amerikanische Regierung die Auslandsbesuche von
rund 4 600 amerikanischen Wissenschaftlern, Technikern und Studenten.
Seit dem Jahre 1943, in dem die Austauschprogramme im nennenswerten Maße anliefen, haben damit bisher insgesamt 82 000 Personen als
Gäste der amerikanischen Regierung die Vereinigten Staaten besucht.
Das Amt für internationale Zusammenarbeit (iCA), das für die
Durchführung des Programms für die gemeinsame Sicherheit und der
technischen Hilfe zuständig ist, hat bekanntgegeben, daß im Jahre 1956
ungefähr 6 500 Personen in die Vereinigten Staaten kamen, um hier ihre
Ausbildung zu vervollkommnen oder Einrichtungen der Industrie, der Erziehung und des Staates kennenzulernen. Im Rahmen derselben Aktion
reisten mehr als 2600 amerikanische Spezialisten in die diesem Programm
angeschlossenen Länder.
Das amerikanische Außenministerium, welches das kulturelle und
erzieherische Austauschprogramm durchführt, berichtet, daß 4050 Studenten, Wissenschaftler, Politiker, Vertreter der Y/irtschaft und des Sozialwesens im Jahre 1955 nach den Vereinigten Staaten eingeladen wurden,
während 2000 Amerikaner Studienreisen außerhalb Amerikas unternahmen.
Im Jahre 1956 studierten 36 494 Studenten aus rund 80 Ländern an
amerikanischen Colleges und Universitäten.

16 950 von ihnen taten dies

auf eigene Kosten, etwa 10 400 wurden von privaten Organisationen in
den Vereinigten Staaten oder in ihre-n Heimatlande unterstützt. Die
amerikanische Regierung finanzierte das Studium von 1800 dieser Studenten, das Studium von 1750 Studenten wurde mit öffentlichen Mitteln ihrer
Heimatländer durchgeführt.

Andere

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Andere Studenten erhalten die Studiengelder aus mehreren Quellen,
so von der US-Regierung und privaten Organisationen innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten oder auch von ihren Heimatländern und privaten Organisationen.
Die US-Regierung kam im Jahre 1956 ferner für das Studium von 1200
Ausländern auf, die Äußerhalb der Vereinigten Staaten in anderen als ihren
Heimatländern ausgebildet werden. In diese Zahl nicht eingeschlossen sind
etwa 1000 Personen, die unter der Schirmherrschaft des Amtes für Internationale Zusammenarbeit (iCA) weniger als 30 Tage in anderen Ländern (ausschließlich USA) ausgebildet wurden. Hier handelte es sich meist um die
Teilnahme an Seminaren, Konferenzen, Diskussionen oder
Ausstellungen. Diese sogenannten "Dritten-Länder-Programme" ermöglichen
es '.Yisr-enschaftlern, Technikern und Regierungsbeamten, Studienreisen in
andere Länder (ausschließlich USA) zu unternehmen, und dort Einrichtungen
zu studieren, die in ihren eigenen Ländern übernommen werden könnten. So
gingen zum Beispiel Spezialisten aus Indien nach Japan und ein Beamter aus
Pakistan nach Belgien.
Eine der meistversprechenden Entwicklungen innerhalb des technischen
Hilfeprogramms ist die Bereitschaft der amerikanischen Universitäten und
Colleges, das ihre dazu beizutragen, in den sich neu entwickelnden Ländern
wertvolle Arbeit zu leisten. Bisher haben 50 amerikanische Universitäten
und andere pädagogische Einrichtungen mit entsprechenden Instituten in anderen Ländern 81 verschiedene Verträge abgeschlossen, die den Austausch von
Mitgliedern der Lehrkörper vorsehen und die heute bereits für beide Seiten
außerordentliche Ergebnisse gezeigt haben.
Die amerikanische Atomenergie-Kommission hat im vergangenen Jahr mehr
ihrer Mitglieder in andere Länder geschickt und mehr ausländische Techniker
in den USA ausgebildet als je r.uvor. Ungefähr 200 Wissenschaftler und Techniker aus den verschiedensten Ländern haben in Aufenthalten von drei Monaten bis zu einem Jahr die Anlagen und Einrichtungen studiert, die der USAtomenergie-Kommission unterstehen und sind dort ausgebildet worden. Des
weiteren haben über 700 Wissenschaftler, Politiker und Techniker aus anderen Ländern kürzere Besichtigungs- und Informationsreisen unternommen. Seit
dem Jahre 1953 hat die US-Atomenergie-Kommission 46 Bibliotheken mit Literatur über die Atomenergie an 43 Länder verteilt.
Unter den Auspizien des internationalen Austauschprogramms für die
bäuerliche Jugend, das von der Fordstift inj m d anderen privaten Organisationen getragen wird, kamen im Jahre I956 181 junge Bauern und Bäuerinnen in die Vereinigten Staaten, um hier mit amerikanischen Farmerfamilien
zu leben und zu arbeiten, während 125 amerikanische Jugendliche in 41
verschiedene Länder gingen.
* * * * *

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DIE INTERNATIONALE DER WISSENSCHAFT
An der Schwelle zum Internationalen Geophysikalischen Jahr

( 93 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - über zwei Jahre lang sind außer den Vereinigten
Staaten auch einige wenige Länder der übrigen Welt dabei, die notwendigen Vorbereitungen für die Durchführung des Internationalen Geophysikalischen Jahrs (IGJ) zu treffen. Es ist in dieser Hinsicht schon außerordentlich viel getan worden, man braucht hierbei nur an solche Unternehmen wie die "Operation Deepfreeze" in der Antarktis und an all die
anderen Expeditionen und Vorkommandos zu erinnern, die im Norden und
Süden der Erde, auf Inseln im Pazifik und wo überall sonst eingesetzt
sind, um Stützpunkte, Beobachtungsstationen und Abschußbasen für Raketen
zu bauen, beziehungsweise auszurüsten.
Aber was bisher auch getan wurde, waren letztlich nur Vorarbeiten
fürr das IGJ, das am 1, Juli dieses Jahres beginnt und bis zum 31. Dezember 1958 währen soll. Wirklich wichtig ist darum weniger, was bis jetzt
in dieser Beziehung geschah, als das, was während dieses wissenschaftlichen Großunternehmens geschehen soll, an dem sich über 5000 Fachwissenschaftler und einige Tausend Mann technischen Personals von mehr als
50 Ländern beteiligen.
Es ist dies das erste Mal in der Geschichte, daß solche Forschungen ganz systematisch durchgeführt und mit Hilfe eines internationalen
Arbeitsprogramms auch tatsächlich koordiniert werden können, obgleich
man sie auf weltweiter Ebene betreibt und auch betreiben muß. Mit Rücksicht hierauf ist eben auch die strenge Koordinierung der Arbeiten erforderlich, da die zu untersuchenden Erscheinungen zu einem großen Teil
ja Beobachtungen voraussetzen, die sich nicht nur über den ganzen Erdball erstrecken, sondern auch gleichzeitig vorgenommen werden müssen.
Außerdem umfassen sie eine solche Menge von Einzeluntersuchungen, daß
es schon darum notwendig ist, sie nach genau bestimmten Gesichtspunkten
auszurichten, um sie überhaupt richtig auswerten zu können und zu wirklich brauchbaren Ergebnissen zu kommen.
"Des
11,

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"Des Krieges und der Zwietracht müde, haben Menschen aller Nationen
gemeinsam sich wieder der Mutter Erde, das heißt einer Aufgabe zugewandt,
die es ihnen nicht schwer macht, sich zu einigen", sagte Dr. L.V.'
Berkner, der amerikanische Präsident des Internationalen Forschungsrates
in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des Sonderausschusses für das IGJ.
Und tatsächlich dürfte die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern so
vieler Länder an der Lösung einer Aufgabe, die sich mit Fakten, Erscheinungen und Vorgängen nicht nur der Erde und ihrer Atmosphäre, sondern
auch des interplanetarischen Raumes befaßt\, die Menschen schneller zusammenbringen und bis zu einem gewissen Grade auch enger zusammenschließen,
als wenn das Objekt die Menschen selbst und den Ausgleich ihrer verschiedenen Interessen beträfe. Das IGJ aber stellt alle Forscher, gleich welcher Nationalität, vor Aufgaben, die für alle dieselben und vor allem
von ganz demselben Interesse sind.
Was sind beispielsweise die Ursachen des sich dauernd ändernden
Wetters? Diese und ähnliche Fragen, die wohl täglich gestellt werden,
kann man aber nur beantworten, wenn man die größeren Zusammenhänge kennt.
Diese wiederum werden bestimmt durch Faktoren wie Sonneneinstrahlung,
Luft- und Bodentemperaturen, Feuchtigkeit, Luftdruck in den verschiedenen atmosphärischen Schichten, Luftströmungen, Elektrizität und so
fort - alles Erscheinungen, die einzeln und insgesamt Gegenstand der
Untersuchungen im IGJ sein werden. Zu ihrer Durchführung werden außer
den arktischen, antarktischen Gebieten und der Äquatorlinie fünf Längengrade besonders dicht mit Stationen besetzt, die mit Hilfe von Spezialgeräten und hochempfindlichen Instrumenten alle wichtigen Daten über
die Bewegungen, Gesetzmäßigkeiten und Wechselwirkungen in den verschiedenen Höhen des Luftozeans sowie über Auftreten und Ablauf von solaren
und atmosphärischen Störungen samt den Einwirkungen kosmischer

Erschei-

nungen und den damit verbundenen unsichtbaren Strahlen sammeln sollen.
Es werden Tausende von Ballonen und Hunderte von Raketen aufgelassen,
die mit entsprechenden Instrumenten ausgerüstet sind und automatisch
die verschiedenen Meßwerte in Höhen zwischen 100 und 320 Kilometern
registrieren. Die USA verwenden zu diesem Zweck hauptsächlich "AerobeeHI"-Raketen, die bei einer Länge von rund sechs Metern etwa
gramm wiegen.

562,5 KiloEine

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Eine besondere Rolle bei diesen Untersuchungen werden die künstlichen Erdsatelliten spielen, die - von Mehrstufenraketen in die äußeren
Schichten der Atmosphäre transportiert - eine gewisse Zeit den Erdball
mit einer Stundengeschwindigkeit von etwa 28 000 Stundenkilometern umkreisen und laufend wissenschaftlich wichtige Daten zur Erde funken.
Andere Studienobjekte von Bedeutung sind: Die Erdrinde, ihre Mächtigkeit und ihr Aufbau, Zusammensetzung und besondere Merkmale des Erdinnern, Erdbeben, Vereisung der Erde, Schwankungen des erdmagnetischen
Feldes, Tiefsee, Meeresbiologie und Klimaforschung. Eine überaus starke
Beachtung wird man außerdem der Physik und Chemie der Ionosphäre, das
heißt also den atmosphärischen Höhenlagen zwischen 80 und 400 Kilometern,
den Leuchtphänomenen der Luft und Polarlichtern sowie den damit verbundenen Störungen im internationalen Funkverkehr widmen. Als besonders praktisch für den Flugverkehr der Zukunft dürfte sich schließlich die genaue
Erforschung der sogenannten Jetstreams, also jener Strahlströme erweisen,
die in großen Höhen in einem verhältnismäßig schmalen Bereich Windgeschwindigkeiten von mehr als 500 Stundenkilometern erreichen. Man hofft,
durch die Ergebnisse all dieser Untersuchungen Unterlagen für wesentliche
Verbesserungen des Funkverkehrs auf große Entfernungen, der Wettervorhersage, Erdbebenwarnung und des internationalen Flugverkehrs zu erzielen.
Und da man in der Antarktis, dem größten Eis- und Kältereservoir
der Erde, einen der wichtigsten Faktoren für den Wetterablauf auf dem
gesamten Planeten sieht, machen vor allem die Vereinigten Staaten die
größten Anstrengungen, um den noch weitestgehend unbekannten weißen Kontinent selbst und das Ausmaß seiner klimatischen und atmosphärischen Auswirkungen zu erforschen. Die USA haben in den letzten Monaten in diesem
Raum neben einer Reihe von Stützpunkten allein sechs ständig besetzte
Beobachtungsstationen errichtet, von denen die eine direkt am Südpol liegt.
Das gigantische Unternehmen des IGJ, das Präsident Eisenhower ein
"überwältigendes Beispiel für die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den Völkern der Erde" bezeichnete, trägt in bedeutsamer Weise bei,
mit Hilfe der immer fortschreitenden Forschung nicht nur das Äußerliche
der Welt, in der wir leben, besser zu verstehen, sondern ebenso die materiellen wie immateriellen Werte der anderen Menschen vollauf würdigen zu
können.

# # #

_

„ „
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AMERIKANISCHE LITERATUR 1 956
Die erfolgreichsten Bücher des Jahres

(

100 Zeilen)
(AD) - Fast gleichzeitig mit der immer stärkeren Verlagerung des

politischen und wirtschaftlichen Schwergewichts der westlichen Hemisphäre
nach den Vereinigten Staaten, hat sich auch auf dem Gebiete der Wissenschaft und - wenn auch in ungleich geringerem Umfange - auf dem der
Literatur eine ähnliche Entwicklung vollzogen. Man kann sagen, daß
seit etwa drei Jahrzehnten die amerikanische Literatur über ein Maß
an Weltgeltung verfügt, wie sie es niemals zuvor besessen hat, ungeachtet der Tatsache, daß bereits früher einzelne ihrer Autoren, wie
beispielsweise Cooper, Edgar Allan Poe, Hawthorne, Melville, Walt
Whitman, Emerson, Bret Harte, Mark Twain und andere, ihre begeisterten
Bewunderer und Leser in der ganzen Welt hatten. Der Wirkungsradius
englisch geschriebener Bücher ist sowieso dank der weiten Verbreitung
des Englischen als Weltsprache erheblich größer als der anderer; dazu
kommt, daß in allen in Frage stehenden Ländern ein Heer von Übersetzern
sich bereit hält, alles, was auch nur einigermaßen auf die Beachtung
ihrer Landsleute rechnen kann, diesen durch eine Übertragung in deren
Muttersprache zugänglich zu machen.
Auch im nun vergangenen Jahre wartete der amerikanische Büchermarkt mit einer Reihe von Neuerscheinungen auf, die im Ausland auf
starkes Interesse stießen und die zum Teil auch bereits ins Deutsche
übersetzt worden sind. Literarische Welterfolge von der Art, wie sie
in den vergangenen Jahren die Romane eines Hemingway, Faulkner, Thomas
Wolfe oder die dramatischen Schöpfungen eines O'Neill, Thornton Wilder,
Saroyan und Tennessee Williams darstellten, gab es allerdings nicht,
wenn man nicht etwa die mit dem Pulitzer-Ereis für das beste Theaterstück ausgezeichnete Dramatisierung des "Das Tagebuch

der Anne Frank"

durch das Schriftstellerehepaar Frances und Albert Hackett als solchen
rechnen will. Denn dieses auf den schlichten, ergreifenden Aufzeichnungen eines dreizehnjährigen jüdischen Mädchens aufgebaute Stück ist nicht

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nicht nur in den Vereinigten Staaten selbst, sondern auch in Deutschland
und anderen Ländern bereits über unzählige Bühnen gegangen und erobert
sich täglich neue, überall die Menschen aufs tiefste erschütternd.
In diesem Zusammenhang mögen gleich die übrigen Empfänger der
vorjährigen Pulitzer-Preise für Literatur und deren Werke genannt werden.
Den Preis für den besten Roman erhielt MacKinlay Kantor für seine im
amerikanischen Bürgerkrieg spielende Geschichte "Andersonville", deren
eigentlicher Wert vor allem in der geradezu minutiösen Wiedergabe des
historischen Details liegt, das Kantor in zwanzigjähriger mühseliger
Forschungsarbeit zusammengetragen hat. Der Preis für das beste Gedichtwerk wurde der Lyrikerin Elizabeth Bishop für ihre "Poems: "North and
South - Cold Spring" ("Gedichte: Nord und Süd - Kalter Frühling")
zuerkannt. Empfänger des Preises für ein "hervorragendes Werk über die
Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika" schließlich war der
Professor an der Columbia-Universität Richard Hofstadter mit seinem
Buche "The Age of Reform" ("Das Zeitalter der Reformen") das die einschlägigen politischen und sozialen Verhältnisse und Reformbestrebungen
in den USA in den Jahren zwischen 1890 und 1940 behandelt.
Überhaupt standen in dem verflossenen Jahre die zeitgeschichtlichen
und politischen Bücher in Amerika fast mehr im Vordergrund des Interesses
als die schöngeistigen. Allerdings befand sich unter diesen auch ein
posthumer O'Neill mit dem Titel "Long Day's Journey into Night" (Eines
langen Tages Reise in die Nacht").Aber auch an diesem nachgelassenen
Stück des großen amerikanischen Dramatikers, das bereits über einige
deutsche Bühnen gegangen ist, interessiert eigentlich mehr das Historische, Persönliche. Denn es ist im wesentlichen eine Autobiographie
des 1953 verstorbenen Dichters, in die Form eines Bühnenstückes gekleidet .
Unter den sonstigen Werken der amerikanischen Schönen Literatur
erwies sich im vergangenen Jahre Edwin O'Connors Roman "Last Hurrah"
("Das letzte Hurrah") als eines der erfolgreichsten. Es gibt die Geschichte eines amerikanischen Politikers irischer Abstammung wieder,
der jahrzehntelang als Bürgermeister mit Umsicht und Erfolg, zugleich
jedoch auch mit einer harten, aber sicheren Hand die Geschicke seiner
Heimatstadt lenkt und auch zweimal zum Gouverneur seines Staates gewählt

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gewählt wird, aber schließlich, als er sich noch einmal aufstellen läßt,
seinem jungen Gegenkandidaten, dem Repräsentanten einer neuen Zeit, unterliegt. Nicht unerheblich dürfte zu dem großen Erfolg des Buches in den
USA die im Mittelpunkt stehende spannungsreiche Schilderung einer amerikanischen Wahlkampagne beigetragen haben.
Ein sehr lustiges Buch, das in Amerika großen Anklang gefunden hat,
ist William Brinkleys "Don't go near the water" ("Gehe nicht zu nahe
ans Wasser heran"). Es ist echtes, rechtes Seemannsgarn, das in diesem
unterhaltenden, humoristischen und satirischen Roman gespannen wird, der
von amerikanischen Blättern als eines der drolligsten Bücher über die
Männer der US-Kriegsmarine im zweiten Weltkrieg bezeichnet wird.
Zu den meistgelesenen belletristischen Neuerscheinungen des vergangenen Jahres in Amerika gehörte ferner der Roman von John Hersey
"A Single Pebble" (Ein winziges Steinchen"). Er erzählt von einem jungen
amerikanischen Ingenieur, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Wasserkräfte des Yangtse-Stromes nutzbar zu machen, und zu diesem Zwecke in
einer Dschunke stromaufwärts fährt, um festzustellen, wo ein Staudamm
errichtet werden könnte. Auf dieser Reise findet er sich selbst. Der
Roman, mit seltenem Feingefühl und in einem ausgezeichneten Stil geschrieben, offenbart ein ungewöhnliches Verständnis für die Gefühle der
Menschen eines fremden Volkes, die nicht über die steilen felsigen Uferwände des Yangtse hinauszublicken vermögen.
Zum Biographischen, Historischen hinüber leiten die gegen Ende des
vergangenen Jahres von Elizabeth Nowell herausgegebenen Briefe des
verstorbenen großen amerikanischen Romanciers Thomas Wolfe. In diesen
Briefen, die von der Schulzeit des Dichters in Nord-Karolina bis zu
seinem letzten Aufenthalt im Krankenhaus reichen, tritt uns der glänzende Schriftsteller noch einmal in seiner ganzen Vielseitigkeit und
Liebenswürdigkeit entgegen.
Zu den Büchern, die stärkste Beachtung nicht nur in den interessierten militärischen Kreisen, sondern auch beim großen Publikum gefunden
haben, gehört General Bedell Smiths Buch "Eisenhower1s Six Great
Decisions: Europe, 1944-45" ("Eisenhowers sechs große Entscheidungen:
Europa 1944-45")- Bedell Smith, der Generalstabschef des alliierten
Expeditionskorps in Europa war, legt in dem Buch an Hand von Dokumenten

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Dokumenten die großen Entscheidungen von dem Befehl zur Invasion in der
Normandie bis zu den Kämpfen an der Elbe dar, die Eisenhower eine wahrhaft erdrückende Verantwortung auferlegten.
Neben dem Soldaten hat auch der Staatsmann und Politiker Eisenhower
seinen Historiographen gefunden in dem Buch von Robert J. Donovan
"Eisenhower: The Inside Story". Was die Darstellung Donovans, der Korrespondent der "New York Herald Tribüne" für das Weiße Haus ist, besonders
bemerkenswert macht, ist der Umstand, daß sie sich auf die Originaldokumente und Aufzeichnungen aus dem Weißen Hause selbst stützt, die dem
Korrespondenten für seine Arbeit zur Verfügung standen.
Die letzten sechs Jahre vor der Amtszeit Eisenhowers behandelt
der zu Anfang des verflossenen Jahres - auch in deutscher Übersetzung erschiedene zweite Band der "Memoirs by Harry S. Truman" ("Memoiren von
Harry S. Truman"), dem der frühere amerikanische Präsident den Untertitel "Years of Trial and Hope" ("Jahre der Prüfung und Hoffnung")
gegeben hat. Die Darstellungen Trumans liefern wertvolles Material
für die Beurteilung jener Nachkriegs jähre mit ihrer verwirrenden Fülle
von oft einander widersprechenden Einzelereignissen und werfen auf
viele Dinge ein ganz neues Licht.
Die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion, die durch
die Vorgänge in Ungarn und andere Ereignisse der letzten Zeit wieder
stark in den Vordergrund des Interesses gerückt sind, bilden das Thema
eines auf vier Bände berechneten historischen Werkes des ehemaligen
amerikanischen Botschafters in Moskau und Beraters im US-Außenministerium George F. Kennan. Der 1956 im Verlag der Princeton University
Press herausgekommene erste Band bietet eine Studie über die bolschewistische Machtergreifung im November 1917 bis zur Unterzeichnung des
Friedens von Brest-Litowsk im März 1 91 Q•
Als ein außerordentlich wertvolles Buch wurde von der amerikanischen
Kritik Samuel Lubells "Revolt of the Moderates" ("Aufruhr der Gemäßigten")
gerühmt. Es behandelt, vornehmlich vor dem Hintergrunde der Präsidentschaft General Eisenhowers, den Aufstieg der amerikanischen Mittelklasse
in der Politik seit dem zweiten Weltkrieg.
Einen

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Einen großen Leserkreis fanden auch John F. Kennedys "Profiles in
Courage". Der Autor, der die Lebensgeschichte bedeutender amerikanischer
Politiker von John Quincy Adams bis zu Robert A. Taft verfolgt, ist
beeindruckt von dem sittlichen Mut dieser Männer, mit dem sie sich
häufig gegen die größten Schwierigkeiten durchzusetzen hatten und den er
für die wesentlichste Tugend eines Politikers hält.
Zum Schluß dieser - naturgemäß nur sehr unvollständigen - Aufzählung wichtiger Neuerscheinungen des vergangenen Jahres möge noch ein
',Verk der Literaturkritik Erwähnung finden. Es handelt sich um die
"Essays in Literary Criticism" des im Jahre 1952 verstorbenen amerikanischen Philosophen George Santayana, die von Irving Singer herausgegeben wurden. Die Sammlung enthält unter anderem die großen Essays über
Dante und Goethes "Faust", daneben kleinere, aber ebenso bedeutende
Arbeiten über Cervantes, Shakespeares "Hamlet", Shelley, Leopardi,
Dickens, Emerson und Proust. In allen bewundert man den geistreichen
und glänzenden Stil, das ausgewogene Urteil des Philosophen und Literaturkritikers und freut sich seiner überall durchschimmernden, tief in seinem Wesen verwurzelten Humanität,.

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AMERIKANISCHE 'WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG IM JAHRE 1956

(100 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - In dieser Zeit wird soviel von Wundern auf allen
möglichen Gebieten gesprochen, daß sie selbst dort, wo sie wirklich geschehen, kaum noch als solche empfunden werden. Die Höhe der erreichten
technischen Zivilisation macht das Wunder alltäglich, indem sie jeden
daran teilhaben läßt und dadurch sogar das schöpferisch Große verkleinert. Es ist bezeichnend für diese Zeit, daß jeder in der Lage ist, durch
den Druck auf irgendeine Taste die verwickeisten und wahrhaft wunderbarsten Vorgänge auszulösen, ohne eine Vorstellung von dem zu haben, was
da geschieht. Die breite Masse der zivilisierten Völker ist Nutznießer,
gleichsam Konsument eines Geistes, der sie in Wirklichkeit gar nicht
oder nur wenig bewegt.
Die Presse eines Jahres bringt zahllose Berichte über Neuerungen,
wesentliche Verbesserungen oder sogar

Erfindungen, die nicht selten noch

vor kurzer Zeit als unmöglich erschienen. Sie wurden dadurch wirklich,
daß eines Menschen Geist neue Wsge ging oder zum mindesten sah, was
jedem anderen Auge verborgen blieb. Aber das berührt die Mehrzahl der
Menschen nicht, da sie es sowieso nicht begreift und ja auch nicht zu
verstehen braucht, was über kura oder lang Teil ihres Alltags wird.
Deshalb wird ja auch immer wieder die Überlegung angestellt,
ob die Neuerungen, die auf so vielen Gebieten "präsentiert" wurden, wirklich Erfindungen sind oder nicht bloß Früchte, die am Wege der ganzen
Entwicklung gelegen sind und geradezu darauf gewartet haben, aufgehoben
zu werden. Und dennoch! Wenn sie nämlich tatsächlich darauf "gewartet"
hätten, so mußte es auch noch Manschen geben, die sie fanden, aufnahmen
und den anderen in einer auch für sie brauchbaren Form weiterreichten.
Denn darauf kommt es ja an: einer Entwicklung, die - alles in allem vielleicht gar nicht einmal aufgehalten werden könnte, die für den
Menschen beste und ersprießlichste Form und Richtung zu geben. Selbst
wenn dies gewissermaßen nur am Rande geschieht, auch nur am Rande jenes
Weges, dessen Tiefen und Höhen durch Marksteine des Geistes gekennzeichnet sind. Und in dieser Beziehung ist im nun vergangenen Jahr, dem Jahre

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2. Januar

1957

Jahre 1956, allein in den Vereinigten Staaten so viel geschehen, daß
es unmöglich ist, hier mehr als nur ein paar Beispiele anzuführen.
Im Bereich der Medizin und Physiologie drängen sich dem Rückschauenuen selbstverständlich sofort drei Namen auf, und zwar die Namen jener
drei Ärzte, die im vorigen Jahr für ihre bahnbrechenden Arbeiten zur
Verbesserung der diagnostischen Technik bei Herzkrankheiten und krankhaften Veränderungen des Kreislaufsystems durch "Kathetisierung des Herzens"
mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden sind. Vielleicht werden die drei
Mediziner - es handelt sich um den Deutschen Dr. Werner Forssmann sowie
die beiden Amerikaner Dr. Andre

F. Cournand und Dr. Dickinson ff«

Richards, Professoren an der Columbia-Universität - im Rahmen solcher
Jahresrückschauen größtenteils überhaupt nicht genannt, da das, was
sie geleistet haben, ja nicht die "Erfindung" eines Jahres, sondern
die Arbeit vieler Jahre ist.
Aber das ist, besonders in der Medizin, ja eigentlich stets der
Fall, selbst dann, wenn es heißt, daß es durch Anwendung eines außerordentlich gewagten herzchirurgischen Verfahrens zum ersten Mal in der
Geschichte der Medizin gelungen ist ... beispielsweise durch Einführung eines konisch geformten Stöpsels aus gepreßtem Kunststoff in die
äußere Wand einer Herzkammer einen lebensgefährlichen Riß der Gefäßwand zu verstopfen und dadurch das sich ständig wiederholende Zurückströmen des Blutes in die rechte Herzkammer zu unterbinden. Die Ärzte,
die dieses Kunststück zuwege brachten, arbeiten in einer Klinik des
bekannten amerikanischen Instituts für Herzkrankheiten in Bethesda
in Maryland. Dieses Bravourstück wäre ihnen jedoch nicht geglückt,
wenn sie sich nicht einer schon vor Jahren entwickelten "Technik"
hätten bedienen können, nämlich der Operation des Patienten in einem
Kälteschlaf mit so starker Unterkühlung, daß der Blutbedarf des
Körpers weit genug vermindert ist, um eine Unterbrechung des Kreislaufs wenigstens für einige Minuten zu ermöglichen. Aber diese Herzoperationen im Kälteschlaf haben oder - wie man heut vielleicht schon
sagen darf - hatten bisher ihre besondere Gefahr, das sogenannte
schnelle Herzkammerflimmern, das bei Anwendung von Hypothermie häufig
auftritt und einen völligen Ausfall der normalen rhythmischen Herzmuskel-

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2. Januar

1957

Herzmuskelbewegungen mit nachfolgendem Herzstillstand zur Folge hat.
Diese Gefahr scheint jetzt so gut wie behoben zu sein, und zwar "ganz
einfach" durch Novocain-Injektionen in den oberen Aurikularanhang - ein
Verfahren, das ebenfalls von zwei amerikanischen Ärzten entwickelt und,
nachdem es sich im Tierversuch bewährt hatte, im vorigen Jahr bei vielen
Herzoperationen angewendet worden war.
Warum aber kommt es überhaupt zu so vielen Schädigungen des Herzens
und des gesamten Kreislaufsystems? Nun, der Feind Nr. 1 ist nach systematisch durchgeführten und im Vorjahr beendeten Versuchen dreier Ärzte
eines Chicagoer Krankenhauses zweifellos eine komplexe Störung im
Hormon- und Ernährungsgleichgewicht durch Aufnahme von zuviel "leeren"
Kalorien, Fetten und Cholesterin gegenüber viel zu wenig Proteinen,
Vitaminen und Mineralien. Die Folge davon sind in der Hauptsache Koronarerkrankungen, Atherosklerose und Aortaschaeden aller Art.
Wohl das am meisten Aufsehen erregende Arbeitsergebnis amerikanischer
Forscher auf diesem Gebiet war die - ebenfalls in Bethesda - gelungene
"Dressur" bestimmter Viren mit tumorauflösender Wirkung auf Krebsgeschwülste. Diese Art der Krebsbekämpfung, die allerdings eine eingehende
Vorbehandlung der Viren erfordert, scheint nach allen Erfahrungen in
dieser Hinsicht die meistversprechende zu sein, obgleich sie systematisch bisher erst im Tierversuch erprobt wurde, aber eben mit Hilfe
von Krebsgeweben, die vom Menschen auf die Versuchstiere übertragen
worden sind.
Die Auseinandersetzung um den Salkschen Impfstoff gegen Kinderlähmung ist im Vorjahr zugunsten dieses Vakzins entschieden; es hat
alle Erwartungen erfüllt, die Zahl der Neuerkrankungen ist außerordentlich zurückgegangen. Und daraufhin haben auch eine ganze Reihe anderer
Staaten regelmäßige Impfungen mit dem ihnen von den Vereinigten Staaten überlassenen Salkschen Vakzin aufgenommen. Trotzdem ist - auch in
den USA - die Suche nach einem noch besseren, vor allem länger wirksamen Mittel gegen die Kinderlähmung weitergegangen. Und tatsächlich ist
es - wie Ausgang des Sommers aus der Medizinischen Hochschule in Cincinnatti gemeldet wurde - gelungen, einen Stoff zu entwickeln, der,
im Gegensatz zum Salkschen Vakzin, lebende Viren enthält und angeblich
eine vieljährige, möglichenfalls sogar lebenslängliche Immunität

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2. Januar

1957

Immunität erzeugten;es braucht nicht injiziert zu werden, sondern wird
in flüssiger Form eingenommen. Ob es alle die ihm zugesprochenen Eigenschaften auch wirklich besitzt, kann jedoch erst die Erfahrung zeigen.
Verbesserte Augenlinsen für Starerkrankte, neue Brillensysteme,
die einem bestimmten Kreis von Teilerblindeten fast das volle Sehvermögen wiedergeben, und eine große Anzahl von Spezialgeräten, die den
Vollerblindeten Leben und Arbeit erleichtern - auch in dieser Hinsicht
ist im Vorjahr vieles entwickelt worden, was geeignet ist, den Schwerstbetroffenen unter uns zu helfen.
Aber mit diesen Neuerungen beziehungsweise Erfindungen befinden
wir uns schon mehr auf technischem Gebiet. Und gerade auf diesem ist so
viel geleistet worden, daß es unmöglich ist, hier mehr als ein paar
Beispiele zu geben von Neuerungen, die der großen Masse nur indirekt
dienstbar sind, aber angetan, auch ihre Phantasie zu erregen. Hierher
gehört etwa das Radioteleskop, das in Kalifornien errichtet wird und
der Bestimmung der von unbekannten Quellen ausgehenden elektromagnetischen Strahlungen aus großen Entfernungen, nämlich der Lokalisierung
von sogenannten Radiosternen, dient. Die beiden nach jeder Richtung
schwenkbaren Parabolspiegel dieses Geräts haben einen Durchmesser von
je JO Meter. Da sie fahrbar sind und nach Bedarf mehrere Hundert Meter
voneinander stationiert werden können, haben sie denselben Nutzeffekt
wie ein einziger Antennenspiegel von etwa 1200 Metern Durchmesser.
Das sogenannte "Lumicon" dagegen, das von zwei Wissenschaftlern
der Johns-Hopkins-Universität entwickelt wurde, kann, in die Apparatur
eines Teleskops eingebaut, alle auf die Kamera einwirkenden Lichtimpulse um das 50 OOOfache verstärken; dadurch werden Aufnahmen von
Objekten ermöglicht, die "normalerweise" überhaupt nicht sichtbar sind.
In diesen selben Bereich gehört ein Gerät, das von der V/estinghouse Electric Corporation konstruiert wurde. Es ist im Grunde genommen weiter nichts als ein Bildverstärker, nicht größer als eines
Menschen Faust und dennoch imstande, die Lichtstärke des größten Spiegelteleskops der Welt um das Hundertfache zu erhöhen. Man soll damit
Sternenhaufen Photographieren können, die drei bis sechs Milliarden
Lichtjahre von der Erde entfernt sind.
Unvorstellbare

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2. Januar

1957

Unvorstellbare Weiten, unbegreifliche Welten - und dennoch vom
Menschengeist nicht nur entdeckt, sondern in gewisser Beziehung auch
bezwungen. Man denke nur an die sich geradezu überstürzende Entwicklung auf dem Gebiet der Atomforschung, als deren neuestes Ergebnis gerade
jetzt die Entdeckung eines neuen atomaren Fusionsprozessee gemeldet
wurde. Bei dem neuen Prozeß wird die Fusion von schweren und normalen
Wasserstoffkernen zu einem Heliumatom durch negative Mesonen ausgelöst;
dazu sollen keine solchen Auslösungsenergien beziehungsweise ungeheuere
Temperaturen erforderlich sein, wie sie für die bisher bekannten thermonuklearen Reaktionen unumgänglich sind. Sollte es möglich sein, den
neuen Prozeß auch wirtschaftlich nutzbar zu machen, was infolge der
unvorstellbaren "Kurzlebigkeit" der negativen Mesonen allerdings noch
sehr fraglich ist, so käme der Mensch dadurch vielleicht wirklich in die
Lage, den uralten Traum der Wissenschaftler von einer praktisch überhaupt nicht mehr zu erschöpfenden Energiequelle erfüllt zu sehen.

x * * * *

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�'ALIERIKA DIENST"

2. Januar

1957

DIE TOTEN DES JAHRES 1956

3.

Januar

5.

n

William S. Haas, 72, deutschbürtiger Orientalist,
in New York
Christopher LaFarge, 58, Dichter und Schriftsteller,
in Providence, R.I.

13.

11

Lyonel Feininger, 84, Maler und ehemaliger Professoram Bauhaus, in New York, N.Y.

24.

11

Oscar Karlweiss, 60, Österreich-gebürtiger Schauspieler,
in New York, N.Y.

29.

ti

Henry Louis Mencken, 75, Kritiker und Schriftsteller,
in Baltimore, Md.

28.

Februar

Harley M. Kilgore, 63, demokratischer Senator von
V/est-Virginia, in 7/ashington, D.C.

18.

März

Louis Bromfield, 59, Schriftsteller, in Columbus, Ohio.

30.

April

25.

Juni

Alben Barkley, Senator, ehemals Vizepräsident der USA,
78 Jahre
Admiral Ernest Joseph King, 77 Jahre, ehemals Befehlshaber der US-Kriegsmarine während des zweiten '.Veitkrieges

16.

August

Vizeadmiral Lynde D. McCormick, 1952-54 Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte der NATO

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES-PRESSEKONFERENZ YOM 18. DEZEMBER

1956

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut der Pressekonferenz, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am 18. Dezember 1956 in'Washington
abgehalten hat.

Frage: Herr Außenminister, es sind eine Unmenge Spekulationen
angestellt worden über die Möglichkeiten einer positiven Reaktion
auf einen Punkt in der Abrüstungsnote, die Ministerpräsident Bulganin am 17« November über die Reduzierung der Streitkräfte in
Europa übersandte. Soviel ich weiß, sprach er erstens von einer
Reduzierung, zweitens von einem schließlichen Abzug aller Streitkräfte. Können Sie sagen, welche Art Antwort es auf diesen Vorschlag
geben könnte, oder welche Schritte überhaupt auf diesem Gebiet möglich sind?
Antwort: Nun, ich kann Ihnen heute natürlich nicht voraussagen,
wie die Antwort, die Präsident Eisenhower Ministerpräsident Bulganin
geben wird, im einzelnen ausfallen wird. Ich glaube, die vorgeschlagene Antwort wird gegenwärtig vom Ständigen Militärausschuß der NATO
erwogen, was unserer Politik des Meinungsaustausches mit den unmittelbar betroffenen Verbündeten Mächten entspricht. Ich glaube, soviel
sagen zu können, daß kein solcher Plan existiert, und ich glaube, die
Antwort wird nichts dahingehend enthalten, daß unsere Stärke in
Europa reduziert wird. Wir haben diese Angelegenheit ziemlich eingehend auf der NATO-Konferenz besprochen sowie in unserer Diskussion
über die an unsere Militärbehörden herauszugebende neue Direktive
behandelt. Dabei wird von der Voraussetzung ausgegangen, daß die
militärische Stärke der Vereinigten Staaten in Europa beibehalten
wird. Das bedeutet nicht, daß nicht etwa eine gewisse Angleichung oder
Anpassung der dort stationierten Divisionen vorgenommen werden könnte,
denn hier handelt es sich um ein Programm, das vom Verteidigungsministerium in bezug auf alle unsere Divisionen, wo sie auch stationiert
sein mögen, im Rahmen unserer Bemühungen um eine größere Beweglichkeit und bessere Anpassung unserer Truppen an die moderne Kriegführung und die neuen Waffen ausgearbeitet wird. Doch werden zur Zeit
keinerlei Pläne über eine Reduzierung der Stärke der Vereinigten
Staaten in Europa erwogen.
„
Frage:
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9. Januar

1957

Frage: Herr Außenminister, könnte ich die Frage vielleicht folgendermaßen formulieren: Sie vertreten seit langen, den Standpunkt, daß
in der Sowjetunion sehr viel im Gange ist, una es gibt genügend Beweise
dafür, daß dies auch für die Satellitenstaaten zutrifft, anscheinend
hat sich auch die Einstellung hier insofern gewandelt, daß sich die
Situation in den Satellitenländern geändert hat - das militärische
Kräfteverhältnis -, da die Russen bei einem Konflikt mit dem Westen
nicht mehr mit den Truppen der Satellitenländ^r: rechnen können. Ist
dies vielleicht eine Gelegenheit, nach einem neuen Weg zu einer politischen Bereinigung der europäischen Frage zu suchen und, sofort) dies
zutrifft, wäre damit eine Änderung der militärischen Pos tion beide^.
Seiten verbunden?
Antwort: Ich sollte meinen, wenn die weitere Entwicklung innerhalb
der Satellitenländer so verläuft, daß sie wirklich unabhängige Nationen
werden, so würde das eine allgemeine Iberprüfu ig der Lage rechtfertigen.
Die Vereinigten Staaten haben keinen Zweifel darüber gelassen - ich
habe dies in meiner Rede in Dallas, ich glaube es war Ende Oktober,
zum Ausdruck gebracht, und Präsident Eisenhower Scg*e das gleiche kurz
darauf -, daß die Vereinigten Staaten in keiner .Veise die Abs cht habe.:,
diese Satellitenländer Z J ihren Verbündeten zu machen, das heißt, wir
haben nicht die Absicht, einen Ring feindlicher Staaten um die Sowjetunion zu schaffen und damit den sogenannten Cordon sanitaire wieder
ins Leben zu rufen, der nach dem ersten Weltkrieg hauptsächlich von
den Franzosen geschaffen wurde in der Absicht, die Sowjetunion d. rch
feindliche Mächte einzukreisen. Wir haben in dieser Beziehung unsere
Politik eindeutig klargelegt in der Hoffnung, auf diese Weise einer
Entwicklung der Satell tenländer - einer friedlichen Entwicklung - zu
echter Unabhängigkeit den Weg zu ebnen. Bisher lat es hierauf noch
keine Reaktion gegeben, die eine grundlegende Revidierung der militärischen Position gerechtfertigt hätte. Es ist natürlich absolut
richtig, daß die Situatxor sich geändert hat - da sich das militärische
Kräfteverhältnis geändert hat -.insofern anlich, als vor einer Reihe
von Jahren die Sowjetunion, und vielleicht auch wi selbst glaubten, die
UdSSR könne a^f 60 oder me r Divisionen aus den Satellitenländern rechnen, die auf ihrer Seite kämpfen werden, während es heute so aussieht,
als kennte die Sowjetunion nicht mehr darauf rechnen, daß sie an ihrer
Seite kämpfen.
S~e könnten womögLichdie Gewehre umkehren, man mußre also gewisse ibstriche an der Zahl der Streitkräfte der Sowjetunion vornehmen,
um diesen Fa tor auszugleichen. Immerhin ist selbst unter Berücksichtigung dieses Umstandes die potentielle militärische Stärke der Sowjets
in Saropa so groß, daß selbst unter Berücksichtigung dieses Umstandes,
wie ich schon sagte, das Problem des Gleichgewichts der militärischen
Kräfte es meiner Meinung nach - und auch nach Ansicht unserer militärischen Berater - noch nicht gestattet, irgendwelche Reduzierungen
in er Stärke der NATO-Streitkräfte in Europa vorzunehmen.
Frage:

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�AMERIKA DIENST"

9. Januar 1957

Frage: Herr Außenminister, wollen Sie damit also sagen, daß die
Beibehaltung der Teilung Deutschlands und die vollständige Unabhängigkeit aller Satellitenländer die Vorbedingungen für die Annahme eines
alleuropäischen Sicherheitapaktes durch die Amerikaner ist?
Antwort: Nun, dazu möchte ich folgendes sagen: Wenn die Satellitenländer wirklich unabhängig wären, so würde das meiner Ansicht nach ganz
sicherlich eine Revidierung in der Art, wie sie angeregt wurde, erleichtern. Desgleichen würde ich sagen, daß wir nicht bereit sind, die
militärische Situation auf dem europäischen Kontinent auf der Basis
einer Trennungslinie mitten durch Deutschland und damit der Beibehaltung der Teilung Deutschlands einer Überprüfung zu unterziehen.
Frage: Herr Außenminister, haben Sie nach Ihrem Pariser Besuch
den Eindruck, daß wieder so etwas wie ein gutes Einvernehmen, das vor der
Suezkrise zwischen uns und unseren Verbündeten bestand, im Entstehen
begriffen ist?
Antwort: Ich glaube, es kann überhaupt kein Zweifel darüber bestehen, daß die Beziehungen wieder besser sind als vor meiner Reise
nach Paris zu den Besprechungen im NATO-Rat und mit anderen Stellen.
Ich würde allerdings nicht so weit gehen zu sagen, daß nicht noch gewisse Narben geblieben sind - daß keinerlei Differenzen mehr bestehen
über gewesene Dinge. Aber das beste Mittel, die Vergangenheit zu vergessen, ist das Planen in die Zukunft. Diese Regel gilt meiner Ansicht
nach für das Leben überhaupt, auch für die internationalen Beziehungen.
Wenn wir uns mit der Zukunft beschäftigen und gemeinsame Pläne für die
Zukunft machen, dann beginnen die alten Wunden zu heilen, und ich habe
den Eindruck, daß dieser Prozeß bereits im Gange ist.
Frage: Herr Außenminister, man spricht davon, daß der Amerikabesuch des Ministerpräsidenten Nehru vielleicht unter anderem eine Beilegung der Schwierigkeiten in Nahost mit sich bringen werde. Können Sie
uns irgend etwas darüber sagen oder einen Hinweis geben, in welcher
Richtung die Gespräche verlaufen dürften?
Antwort: Nein, leider bin ich nicht in der Lage, Ministerpräsident Nehrus Besuch in den Vereinigten Staaten zu kommentieren, solange
dieser Besuch noch nicht abgeschlossen ist. Ich habe bisher noch keine
Möglichkeit gehabt, den Präsidenten zu:sprechen, da er sich jetzt erst
auf dem Rückweg aus Gettysburg befindet und ich nicht weiß, was sich
dort ereignet hat. Am Sonntag nachmittag habe ich Ministerpräsident
Nehru selbst gesprochen. Da aber die Gespräche noch weitergehen, möchte
ich lieber keinen Kommentar dazu abgeben.
Frage: Herr Außenminister, in welchem Maße sind die Vereinigten
Staaten durch ihre in Paris eingegangenen Verpflichtungen gebunden,
ihre Verbündeten zu konsultieren, und inwieweit sind sie nicht verpflichtet, sich mit ihren Verbündeten über internationale Probleme
zu besprechen?
Antwort:

�AMERIKA DIENST"

9. Januar

1957

Antwort: Nun, ich habe in Paris deutlich zum Ausdruck gebracht,
daß wir, was die gegenseitige Konsultierung anbetrifft, bereit sind,
uns mit unseren Verbündeten über alle unsere Probleme und politischen
Maßnahmen in der gesamten Welt zu besprechen. Ich erklärte, daß unsere
Politik bekannt ist, daß es hierbei keine Geheimnisse gibt, und daß
wir sie gerne diskutieren, erklären würden, und daß wir gerne jeden
Vorschlag unserer Verbündeten in Erwägung ziehen. Und ich erklärte
ferner, daß dies für unsere Politik in bezug auf den Fernen Osten ebenso gelte wie für den Vorderen Orient oder die amerikanische Hemisphäre.
Ich brachte dann jedoch einen anderen Punkt zur Sprache, nämlich
den, daß wir in diesen Gebieten vertraglich verpflichtet sind, unter
bestimmten Voraussetzungen aktiv einzugreifen. Dasralles ist bereits
bekannt. Es ist zum Beispiel bekannt, und ich habe darauf auch in Paris
hingewiesen, daß wir gegenüber der nationalchinesischen Republik auf
Formosa vertraglich verpflichtet sind, sie im Falle eines Angriffs bei
der Verteidigung Formosas und der Pescadoren zu unterstützen. Falls
ein solcher Angriff erfolgen sollte, müssen wir unsere vertraglichen
Verpflichtungen einhalten. Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt,
diese Politik zu erörtern, falls die andere Seite dies wünscht, und
ich habe sie vor einem Jahr mit dem Außenministerrat der NATO ja auch
tatsächlich schon erörtert. Wir sind daher bereit, mit den anderen
Staaten über unsere Politik in allen Teilen der V/elt zu diskutieren
und uns mit ihnen zu beraten. Doch wenn wir handeln müssen, können wir
uns nicht darauf einlassen, die Erfüllung vertraglicher Verpflichtungen
gegenüber anderen Verbündeten auszusetzen. Wir können nicht im Rahmen
eines solchen Vertrages erforderliche Maßnahmen verschieben, um sie
dann in dieser Phase mit den NATO-Verbündeten zu diskutieren.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich hier noch etwas zur Sprache
bringen, da, wie ich in Paris feststellte, zur Frage der Konsultierung
erhebliche Mißverständnisse bestehen. Es wird allgemein angenommen,
daß unsere Kritik gegenüber der britischen und französischen Haltung
in erster Linie darin besteht, daß sie es unterließen.weder uns noch
den NATO-Rat zu konsultieren. Das ist nicht der Fall. Es stimmt wohl,
daß der eigentliche Angriff ohne unser Wissen erfolgte und daß er uns
vollkommen überraschte. Es wurdan allerdings seit nahezu drei Monaten
Konsultationen in dieser Angelegenheit gepflögen.
Die Auffassung der Vereinigten Staaten war hinreichend bekannt,
und es war auch bekannt, aus welchen Gründen wir ein solches Vorgehen
ablehnen. Wir haben dies während der drei Besuche erörtert, die ich
London abgestattet habe, und zwar bereits anlässlich meines ersten
Besuchs Ende Juli. Dies wurde auch bei unserem Zusammentreffen mit den
britischen und französischen Ministern anlässlich der Sitzung des
Sicherheitsrates diskutiert. Die ganze Frage ist gründlich erörtert
worden; unsere Meinung war ihnen bekannt; sie wußten, warum wir ein
solches Vorgehen ablehnten. Und unser Vorwurf geht nicht dahin, daß
keine Erörterungen über diese Frage gepflogen worden sind, auch nicht
dahin, daß wir keine Gelegenheit hatten, unsere Ansichten darzulegen es ging vielmehr darum, daß wir einen solchen Angriff unter den

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�"AMERIKA DIENST"

9. Januar 1957

den gegebenen Umständen als eine Verletzung der Charta der Vereinten
Nationen und einen Verstoß auch gegen Artikel 1 des Nordatlantikpaktes
ansahen, der alle Vertragspartner verpflichtet, auf die Anwendung von
Gewalt zu verzichten und Streitigkeiten auf friedlichem 7/ege zu regeln.
Unser Vorwurf richtete sich mithin dagegen, daß der Vertrag verletzt
wurde, nicht daß keine Konsultation stattgefunden hat. Und wir ließen
keinen Zweifel daran, daß wir für unseren Teil den vertraglichen
Verpflichtungen, wie wir sie verstehen, getreu nachzukommen wünschten.
-Vir sind bereit, diese Verpflichtungen im einzelnen auseinanderzusetzen
und unsere Auffassung dazu darzulegen, damit jedermann verstehen kann,
welche Politik wir betreiben. Wenn wir aber vertraglich verpflichtet
sind, etwas zu tun, oder wenn wir vertraglich verpflichtet sind, etwas
zu unterlassen, dann sind wir willens, uns an diese Verträge zu halten.
Diese Verträge an sich stehen nicht in dem Sinne zur Diskussion, daß
wir den Ministerrat der NATO anrufen müssen, ob wir unsere vertraglichen
Verpflichtungen erfüllen sollen oder nicht.
Frage: Herr Minister, es wird allgemein angenommen, daJ die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europas proportional zur Dauer der Blockierung des Suezkanals für die Schiffahrt zunehmen werden. Es bestehen
gegenwärtig bestimmte Schwierigkeiten bezüglich der Räumung der Fahrrinne des Kanals, die besonders Ägypten, die Vereinten Nationen, Großbritannien und Frankreich angehen. Besteht eine von uns gesetzte Frist,
bis zu der der Kanal geräumt sein muß, und was geschieht seitens der
Vereinigten Staaten - gleichgültig ob nun eine solche Frist gesetzt
ist oder nicht -, um Herrn Nasser in dieser Angelegenheit zur Zusammenarbeit zu bewegen?
Antwort: Soweit mir bekannt ist, gibt es keine derartige Frist,
mit der ein bestimmter Zeitpunkt für den Abschluß der Räumungsarbeiten
im Kanal festgesetzt worden wäre. Es wäre ganz unmöglich, eine solche
Frist festzusetzen, weil die mit dem Studium dieser Probleme beschäftigten Techniker bisher selbst noch keine klare Vorstellung von
Art und Umfang der Hindernisse haben und deshalb auch nicht wissen
können, wieviel Zeit die Beseitigung der Hindernisse erfordern wird.
Eine Frist für den Abschluß der Räumungsarbeiten wäre daher praktisch
und technisch ein Unding. Nun sind wir natürlich stark daran interessiert, daß der Kanal sobald wie möglich wieder voll in Betrieb genommen
wird. Das ist eine Frage, an der die europäischen Nationen ebenso wie
die asiatischen Staaten wirtschaftlich und finanziell interessiert sind,
ebenso die Vereinigten Staaten, die einen Teil der finanziellen Lasten
dieser Unterbrechung des Verkehrs tragen. Es liegt daher in unserem
eigenen nationalen Interesse und auch im Interesse unserer Außenpolitik,
daß der Kanal so schnell wie möglich wieder in Betrieb- genommen wird.
Damit hängt eine große Zahl praktischer und psychologischer Probleme
zusammen, und wir sind überzeugt, daß wir dieses Ziel am ehesten erreichen, wenn wir den Generalsekretär der Vereinten Nationen unterstützen,
dem die oberste Verantwortung für diese Frage übertragen wurde. Ihm
stehen bewährte Ratgeber zur Seite. 7/ir stehen ihm mit unserem Rat
jederzeit zur Verfügung, wenn er ihn brauchen kann. Jedenfalls unterstützen wir Mr. Hamm«rskjöld in dieser Angelegenheit, da wir dies für

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�"AMERIKA DIENST"

9. Januar 1957

für den besten Y/eg halten, die Aufgabe zu bewältigen.
Frage: Herr Außenminister, nach Berichten westlicher Korrespondenten und Diplomaten in Moskau läßt sich die sowjetische Regierung anscheinend erneut von dem Gedanken leiten, daß die amerikanische Regierung in
Y'/ashington ein Wiederaufleben des Kalten Krieges wünscht und beabsichtigt.
Y/ürden Sie bitte darlegen, welche Politik die amerikanische Regierung
in dieser Frage tatsächlich verfolgt?
Antwort: Nun, ich kann ganz entschieden erklären, daß die Vereinigten Staaten kein "Y/iederauf leben des Kalten Krieges" wünschen. Selbstverständlich hat dieser Ausdruck "Kalter Krieg" einen etwas zweideutigen
Sinn, und ich glaube nicht, daß Sie eine Definition des Begriffs im
Webster oder im Oxford Dictionary finden werden. Es kommt also immer
auf die Definition an, wenn unklare Ausdrücke dieser Art benutzt werden.
Jedenfalls ist die Veränderung der Atmosphäre, die nach der Genfer Konferenz eingetreten ist, nicht auf irgendeinen mir bekannten Schritt der
Vereinigten Staaten zurückzuführen; sicherlich nicht auf einen Wunsch
unsererseits. Sie ist allein auf die Politik der Sowjets zurückzuführen.
Die Sowjets haben versucht, im Vorderen Orient Unruhe zu stiften; bei
den Suez-Konferenzen haben sie versucht, eine Regelung der Nah-Ostprobleme zu verhindern. Das Vorgehen des sowjetischen Außenministers
zielte offensichtlich stets darauf ab, eine Einigung zwischen Ägypten
und den Engländern und Franzosen nach Möglichkeit zu hintertreiben^
Und immer wenn man anscheinend kurz vor einer Einigung schien, war es
die sowjetische Regierung, die in dön arabischen Ländern einen Propagandafeldzug startete, in dem sie das geplante Abkommen bekämpfte und
diskreditierte und es damit für die arabischen Länder tatsächlich sehr
schwer machte, die Regelung zu akzeptieren. Und dann kennen wir ja alle
die tragischen Ereignisse, die sich in Ungarn abspielten. Ich darf wohl
noch hinzufügen, daß auf der Gipfelkonferenz in Genf eine eindeutige
Einigung erzielt wurde, daß Deutschland auf der Grundlage freier ..ahlen
wiedervereinigt werden solle. Die Vereinbarung wurde gebrochen. All
dies hat der. Eindruck erweckt, daß die Politik der Sowjets mit de;.;,
sie in Genf glauben machten, nicht recht in Einklang zu bringen
ist. Wenn man sieht, was in bezug auf die Genfer Abmachungen über Deutschland getan wurde, und wenn man die Politik im Nahen Osten und das Vorgehen in Ungarn betrachtet, dann sieht es nicht so aus, als wünschten
die Sowjets wirklich die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen
mit der freien Welt. Die Verantwortung hierfür aber trägt meiner Meinung
nach die Sowjetunion, denn wir haben unsererseits dies weder gewünscht
noch durch irgendwelche Machenschaften zu erreichen versucht.
Frage: Herr Außenminister, hat Großbritannien den Vereinigten
Staaten erklärt, daß es beabsichtigt, seine Truppenverpflichtungen für
die NATO um etwa 50 Prozent zu kürzen?
Antwort: Sowohl auf der NATO-Konferenz in Paris als auch anläßlich
einiger Besprechungen in engerem Kreise, die in Zusammenhang mit der
Tagung des NATO-Rates stattfanden, war davon die Rede, daß die gegenwärtige Lage eine Überprüfung der Stärke der von Großbritannien auf

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�•'AMERIKA DIENST"

9. Januar

1957

auf dem europäischen Kontinent stationierten Streitkräfte erfordere,
Sie werden sich vielleicht erinnern, daß damals, als die Briten diese
Zusagen bezüglich jener Streitkräfte machten, das heißt zur Zeit der
Londoner und Pariser Abmachungen und des Abschlusses oder besser der
Revision des Brüsseler Paktös, die Zusicherungen der Briten einen Hinweis auf gewisse finanzielle Erwägungen enthielten,die eine Überprüfung
dieser Zusicherungen rechtfertigen könnten. Und mir scheint, es besteht
die Auffassung, daß die finanzielle Lage Großbritanniens im gegenwärtigen Augenblick eine gewisse Überprüfung seiner Verpflichtung durchaus
rechtfertige. Diese Überprüfung wird zur Zeit vorgenommen. Bisher ist
aber noch keine Entscheidung darüber getroffen worden, was geschehen
wird.
Frage: Herr Außenminister, wir wissen, daß Frankreich und Großbritannien Roh- und Heizöl brauchen, und wir wissen, daß sie an Benzinmangel leiden. V/ir sind bereit, ihnen alles zu geben, was sie brauchen, und wir verfügen zur Zeit auch über überschüssigen Tankschiffräum
für den Transport. Warum haben sie nun unserer Regierung erklärt, daß
sie kein Benzin von uns nehmen wollen, obwohl bei ihnen Mangel daran
besteht?
Antwort: Nun, da kann ich ihnen sagen, daß Sie besser unterrichtet
sind als ich. ICh wußte bisher nicht, daß sie uns eine derartige Mitteilung gemacht haben.
Frage: Nun, wenn Sie nichts davon wissen, dann haben sie es vielleicht
auch nicht getan.
Antwort: Ich erhebe nicht den Anspruch, allwissend zu sein. Es geschehen eine Menge Dinge, von denen ich nichts weiß.
Frage: Man hat uns bei anderen Pressekonferenzen, die Vertreter
der Regierung abhielten, erklärt, Großbritannien und Frankreich wollten
kein Benzin.
Antwort: Es mag sein, daß sie in erster Linie Rohöl haben wollen.
Frage: Herr Außenminister, heute und vielleicht in diesem Augenblick soll Japan das 80. Mitglied der Vereinten Nationen werden.
Hätten Sie irgend etwas zu Japans künftiger Mitgliedschaft in der UNO
zu sagen?
Antwort: Ich erhielt eben die Mitteilung, daß Japan mit 77 Stimmen
bei keiner Gegenstimme Mitglied der Vereinten Nationen geworden ist.
Dies ist ein Ereignis, das die Vereinigten Staaten freudig begrüßen.
Wir haben dies seit einigen Jahren angestrebt. Der Weg war lang und
steinig, wegen des Vetos der Sowjetunion, das Japans Aufnahme lange
Zeit verhindert hat. Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß ich ein ganz
besonders reges Interesse für Japan hegej habe ich doch an der Aushandlung des Friedensvertrages mit Japan teilgenommen. Wir gaben damals
unserer Hoffnung Ausdruck, daß Japan schon bald in die Vereinten Nationen aufgenommen werde. Denn Japan hat ganz sicherlich ein Recht, seinen

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�"AMERIKA DIENST"

9. Januar 1957

seinen Platz in dieser Institution der Völkerfamilie einzunehmen. Wir
sind zuversichtlich, daß Japan durch seine Anwesenheit die Vereinten
Nationen stärken und daß es einen konstruktiven Beitrag leisten wird.
Somit ist es nicht nur ein Gewinn, auf den die Japaner einen Anspruch
haben und über den wir uns von Herzen freuen; es ist auch ein Gewinn für
die Vereinten Nationen, auf den diese einen Anspruch haben, und auch dies
ist etwas, worüber wir uns freuen.
Frage: Herr Außenminister, was halten Sie von dem jüngsten Vorschlag der Sowjetunion bezüglich der Aufnahme Rotchinas in die Vereinten Nationen?
Antwort: Nun, ich wünschte, dies wäre eine rein akademische Frage.
Die Vereinigten Staaten lehnen eine Aufnahme Rotchinas in die Vereinten
Nationen strikt ab. Ich glaube, ich brauche hier nicht alle Gründe
für diese Haltung anzuführen, doch scheint mir, es gibt ihrer eine
ganze Menge. Sie wurden bereits in der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebracht, und wir haben unsere Ansicht
zu diesem Punkt nicht geändert.
Frage: Herr Außenminister, können Sie uns etwas Bestimmtes darüber sagen, welche Art Auslandshilfeprogramm zur Zeit erwogen wird, und
darüber, welche Bewilligungsanträge in diesem Zusammenhang dem Kongreß in seiner kommenden Sitzungsperiode zugeleitet werden sollen zum Beispiel wird es irgendeine Möglichkeit einer 'tfirtichaftshilfe
für Polen geben? Ist eine Bewilligungsvorlage für eine Art kleinen
Marshallplan für Westeuropa geplant?
Antwort: Ich bin nicht in der Lage, irgend etwas über den in
Vorbereitung befindlichen künftigen Haushaltsplan zu sagen. Es besteht
für sämtliche Ministerien ein striktes Verbot, sich zum Haushaltsplan zu äußern, solange er nicht vom Präsidenten gebilligt wurde und
den Mitgliedern des Kongresses bekanntgegeben werden kann. Soviel sei
aber hier gesagt, daß - abgesehen von den Einzelheiten des Haushaltsplanes und der Ausgabenpolitik der Regierung - es meiner Ansicht nach
allgemein bekannt ist, daß die Vereinigten Staaten mit der neuen
polnischen Regierung Verbindung aufgenommen haben, um festzustellen,
ob es irgendein für beide Seiten annehmbares Programm gibt, mit dem
wir Polen Unterstützung gewähren können , die zur Erhaltung seiner
zunehmenden Unabhängigkeit beizutragen vermag. Doch ist es unwahrscheinlich, daß der hierfür in Frage kommende Betrag den zur Zeit
in Ausarbeitung befindlichen Haushalt besonders belasten wird. Soviel
ich weiß, gibt es keinen Plan, der zur Zeit ausgearbeitet wird und
der so etwas wie einen "kleiner Marshallplan" darstellt.
Frage: Herr Außenminister, wollen Sie bitte versuchen, einen
Punkt hinsichtlich der militärischen Stärke in Europa zu klären. Sie
sagten heute morgen, daß wir gegen eine Reduzierung unserer militärischen Stärke sind und eine derartige Reduzierung auch nicht in Betracht
ziehen und daß wir die Trennungslinie durch Deutschland nicht hinnehmen
werden, daß aber diese Dinge eine mögliche Angleichung oder Anpassung

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�"AMERIKA DIENST"

9. Januar

1957

Anpassung der Streitkräfte nicht ausschließen. Bedeutet dies aber,
daß wir auch einen Absug der Streitkräfte beider Seiten aus Deutschland mit dem Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands nicht in Erwägung ziehen?
Antwort: Ich sehe zur Zeit nicht die geringste Wahrscheinlichkeit,
daß sich eine derartige Frage in der Praxis erheben könnte.
Frage: --Herr Außenminister, würden Sie einen Besuch Marschall Titos
in den Vereinigten Staaten in der nächsten Zukunft begrüßen?
Antwort: Nun, mir scheint, ein Besuch Marschall Titos wäre sehr
zweckdienlich. Es gibt Dinge, die dann mit Aussicht auf Erfolg besprochen
werden könnten. Wie Sie wissen, fuhr ich selbst im November vor einem
Jahr nach Brioni und sprach dort mit Marschall Tito, und wie ich feststellte, hat sich die Unterredung durchaus gelohnt. Es hat sich jjezeigt,
daß es sehr nützlich war, über manche Dinge zu sprechen und daß Marschall
Tito viele Probleme der Satellitenländer versteht, was dann durch die
folgenden Ereignisse bestätigt wurde. Meiner Ansicht nach war diese
Unterredung sehr nutzbringend, und ich glaube, daß sich solche Besprechungen auf höchster Ebene als ebenso nutzbringend erweisen würden.
Frage: Ist bereits eine Entscheidung über eine Einladung an Marschall Tito getroffen worden?
Antwort: Nun, eine derartige Einladung wird zur Zeit mit Wohlwollen erwogen, doch ist es bisher noch nicht zu einer formellen Einladung zu einem festen Zeitpunkt gekommen, und wir wissen auch nicht,
ob dieser Gedanke sich je verwirklichen wird. Im derzeitigen Stadium
ist, könnte man sagen, in bezug auf den Besuch Marschall Titos alles
noch im Fluß.
Frage: Herr Außenminister - in Europa scheint das Gefühl noch immer
nicht ganz geschwunden zu sein, wir hätten auf die Engländer, Franzosen
und Israelis einen sehr starken Drück ausgeübt, daß sie sich den Beschlüssen der Vereinten Nationen fügen, während wir die Ägypter nicht
ebenso unter Druck gesetzt hätten, damit sie an der Lösung des Kanalproblems auf weite Sicht und an der Frage der Beseitigung der Hindernisse im Kanal konstruktiv mitarbeiten. Was können äie speziell zu diesem Punkt sagen, und welchen Standpunkt nimmt die Regierung der Vereinigten Staaten in der Frage ein, ob die Räumungsarbeiten im Kanal
noch vor Beendigung des Abzugs fremder Truppen aus Ägypten in Angriff
genommen werden sollen?
Antwort: Nun, was den letzten Punkt betrifft, so würde ich sagen,
daß in gewissem Sinne die Aufräumungsarbeiten am Kanal bereits im
Gange sind. Sie sind natürlich schon seit einiger Zeit in jenem Teil
des Kanals im Gang, der unter britischer und französischer Kontrolle
steht beziehungsweise stand. Auch in dem anderen Teil des Kanals haben
sie begonnen, denn dort werden jetzt die technischen Vorarbeiten geleistet, die den eigentlichen Aufräumungsarbeiten vorausgehen müssen.
Man weiß jetzt, wo sich die Hindernisse befinden, welcher Art diese

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diese Hindernisse sind, man ist daran gegangen, Pläne auszuarbeiten,
wie man sie aus dem Wege zu räumen gedenk't, ob sie ganz zu entfernen
oder nur beiseite zu räumen sind, kurzum,was überhaupt geschehen soll.
Eine gewisse Planung muß unbedingt der praktischen Inangriffnahme des
Problems vorausgehen. In dieser Phase befinden wir uns jetzt, und die
Leitung hat General Wheeler. Und ich glaube, daß die Arbeit dann nach
Beendigung des Abzugs ddr- Engländer und Franzosen ohne Unterbrechung
weitergehen wird.
Die Frage, ob britische Einheiten dort eingesetzt werden oder
nicht, ist ein höchst kompliziertes Problem; aber ich glaube nicht,
daß es zu einer ernstlichen Unterbrechung der Arbeiten kommt, da, wie
ich schon sagte, zunächst einmal diese vorbereitenden technischen
Erkundungen und Planungen duröhgeführt werden müssen.
Frage: Herr Außenminister, Sie haben heute vom militärischen Kräfteverhältnis gesprochen, von der geplanten Antwort der amerikanischen Regierung auf den Brief Bulganins sowie von den Beratungen mit unseren
NATO-Verbündeten in Paris. Werden, wir jetzt zu diesem nach Ansicht mancher Leute für die freie Welt günstigen Zeitpunkt die Initiative ergreifen oder sind irgendwelche aufsehenerregenden neuen Vorschläge in
Vorbereitung?
Antwort: Nun, ich möchte unsere Pläne nicht gerade als aufsehenerregend oder neu in diesem Sinne bezeichnen. Die Dinge nehmen ihren
Lauf. Wir sind sehr zuversichtlich, daß die Entwicklung zu einer bedeutsamen Veränderung der weltpolitischen Lage führen wird. Ich bezweifle, daß diese von uns erhoffte Änderung durch irgend etwas Aufsehenerregendes vorweggenommen werden könnte.
Ich habe schon angedeutet, daß die Vereinigten Staaten sehr aufgeschlossen allen Vorschlägen gegenüber stehen, die hinsichtlich der
Stellung der Satellitenländer - sei es nun deren Neutralisierung oder
etwas anderes - vorgebracht werden und die, so möchte ich hoffen, dazu
angetan sind, alle Befürchtungen der Sowjetunion zu zerstreuen, daß
sie sich selbst materiell oder militärisch gefährdet, wenn sie dieser
Entwicklung zur Unabhängigkeit Vorschub leistet.
Dies ist nun eine grundsätzliche politische Einstellung, zu der
sich Präsident Eisenhower und ich schon seit längerer Zeit bekennen.
Sie wurde nicht weiter entwickelt, da sie keinen besonderen Widerhall
gefunden hat. Aber ich hoffe doch, daß wir vielleicht durch diese
Gedankengänge irgendwann einmal dazu beitragen können, eine Situation
zu schaffen, die für alle, auch für die Sowjetunion, günstiger ist.
Ich glaube, es war vor etwa sechs Monaten, als ich mit einem der
führenden Männer in Europa sprach, der die Situation in den Satellitenländern sehr gut zu beurteilen vermochte. Und er sagte mir damals:
"Es ist sehr wichtig, daß sich die Lage in den Satellitenstaaten so
entwickelt, daß die Sowjetunion von ihr freundlich gesinnten Ländern
umgeben ist." Barauf erklärte ich: "Wir wollen durchaus nicht, daß die
Sowjetunion Länder zu Nachbarn hat, die ihr nicht freundlich gesinnt
sind". "Aber", so fuhr ich fort, "dies ist nicht eine Angelegenheit, die

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die wir entscheidend beeinflussen könnten, ebensowenig wie dies die
Sowjetunion kann". Weiter sagte ich: "Wenn sie nicht bald etwas tut,
wird sie feststellen müssen, daß sie von immer mehr ihnen unfreundlich gesonnenen Völkern und daher schließlich auch von ihnen unfreundlich gesonnenen Regierungen umgeben ist. Sie muß schnell handeln, andernfalls wird sie von den Ereignissen überrumpelt werden".
Das sagte ich vor sechs Monaten. Und so ist es dann auöh gekommen, aber nicht deshalb, weil die Vereinigten Staaten dies so gewollt hätten. Wir hätten lieber eine vollständigere und geordnetere
Entwicklung gesehen, und wir sind jederzeit bereit, so klar wie
irgend möglich zum Ausdruck zu bringen, daß die Vereinigten Staaten
nicht den Wunsch haben.aus dieser Situation im Rahmen irgendeines
gegen die Sowjetunion gerichteten Programms Kapital zu schlagen.
Frage: Darf man also aus Ihren Äußerungen bezüglich der Satellitenländerr schließen, Mr. Dulles, daß die Regierung der Vereinigten
Staaten der Ansicht ist, es handle sich hier im wesentlichen um ein
ausschließlich sowjetisches Problem, daß wir nicht bereit sind, #it
den Russen über die Stellung der Satellitenländer öder ihrer Streitkräfte in bezug auf die Streitkräfte der Westmächte in Westeuropa
zu sprechen?
Antwort: Die Sowjetunion hat immer die Meinung vertreten, daß
sie mit dieser Angelegenheit allein fertig werden könnte, und daß
dies keine Sache sei, die sie mit uns zu besprechen gedächte. Sie
werden sich erinnern, daß auf der Konferenz der Regierungschefs
Präsident Eisenhower dieses Problem in seiner Eröffnungsansprache
anschnitt, und Bulganin als Vorsitzender in seiner Antwort seinerseits
erklärte: "Dies ist eine Angelegenheit, mit der wir allein fertig
werden, und wir lassen uns darüber mit niemanden in irgendwelche
Diskussionen ein". So hat
sie sich selbst entschieden. Falls die
Sowjetunion einmal eine detailliertere offizielle Darlegung unserer
Ansichten wünschen sollte, so würden wir diese jederzeit gerne geben.
Frage: Aber in dem Bulganin-Brief, im letzten Brief Bulganins,
wurde doch auf die Möglichkeit eines Zusammenhanges zwischen dem System
des Warschauer Paktes und der NATO hingewiesen. Würden Sie darin eine
Verhandlungsgrundlage sehen?
Antwort: Nicht in dem Sinne, daß Warschauer Pakt und NATO gleicht
gesetzt werden, nein. Dies ist nicht der Rahmen, in dem meiner Ansicht
nach das Problem besprochen werden sollte; da der Warschauer Pakt etwas völlig anderes ist als die NATO, möchten wir diesen Warschauer
Pakt, der in Wirklichkeit gar kein Mittel zur Schaffung einer gemeinsamen Sicherheit für diese Länder, sondern vielmehr ein Mittel zur
Verewigung der sowjetischen Kontrolle über diese Länder ist, nicht
anerkennen oder den Anschein erwecken, daß wir ihn sanktionieren.

Fraget

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•

"AMERIKA DIENST"

,

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1957

y

— ^ Frage: Herr Außenminister, besteht Ihrer Ansicht nach in absehbarer
Zeit "'fitaffnung auf -eine friedliche Regelung zwischen Israel und seinen
arabische^ Nachbarn, besonders Ägypten, angesichts der konstanten Weigerung dieser Nachbarstaaten, die Souveränität Israels anzuerkennen;
wenn ja, v'ie könnten die Vereinigten Staaten eine friedliche Entwicklung
fördern?
V

Antwort: Sicherlich hoffen die Vereinigten Staaten auf eine Lösung der
politischen Probleme, der wirtschaftlichen Probleme, der Flüchtlingsprobleme und ähnlicher Fragen in diesem Raum. Unsere Grundeinstellung
bleibt dasei im wesentlichen dieselbe - das heißt, ich glaube, ich
kann sagen, *%ie bleibt dieselbe - wie ich zu diesem Thema bereits in
meiner Rede 4n: 26. August vergangenen Jahres (1955) ausgeführt habe.
Natürlich fragen unsere Hoffnungen durch die Ereignisse in der Zwischenzeit eine ziemliche Dämpfung erfahren. Und im Augenblick ist die Atmosphäre,
so fürchte i0;h, auch nicht gerade dazu angetan, in Bälde eine derartige
Lösung zu ef3-eichen. Jedenfalls werden die Vereinigten Staaten ihre
Bemühungen i^rtsetzen, eine Lösung in der in meiner Erklärung vom 26.
August angedeuteten Richtung herbeizuführen.

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER FORDERT VOM KQKGRESS VOLLMACHTEN ZUM
SCHUTZ DER MITTELOSTSTAATEN

DULLES ERLÄUTERT MITTELOSTPLAN PRÄSIDENT EISENHÜ.

�V M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER FORDERT VOLLMACHTEN ZUM SCHUTZ DER MITTELOSTSTAATEN

Washington - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der
Mittelost-Botschaft, die Präsident
Eisenhower am 5 • Januar 1957 d-ern amerikanischen Kongreß in einer Sondersitzung unterbreitete.

"An den Kongreß der Vereinigten Staaten
Zunächst darf ich Ihnen allen meinen tiefen Dank dafür zum
Ausdruck bringen, daß Sie mir trotz mancher für Sie entstehender Unbequemlichkeiten so entgegengekommen sind und mir eine
so baldige Gelegenheit geben, mich in einer Angelegenheit an
Sie zu wenden, die nach meiner Überzeugung von ernster Bedeutung für unser Land ist.
In meiner bevorstehenden Botschaft über die Lage der Nation
werde ich die internationale Situation im allgemeinen umreißen.
Wir dürfen mit einigem Recht große Hoffnungen haben; es gibt
aber auch eine weltweite Verantwortung, die wir übernehmen müssen,
um sicher zu gehen, daß die Freiheit - einschließlich der unsrigen - gesichert wird.
Im Mittleren Osten existiert jedoch eine besondere Situation, die ich Ihnen, wie ich glaube, gerade jetzt darlegen sollte.
Ehe ich dies jedoch tue, sollten wir uns daran erinnern,
daß das grundsätzliche Ziel, das wir in der Weltpolitik verfolgen, weiterhin der Friede bleibt - ein auf Gerechtigkeit gegründeter Weltfriede. Ein derartiger Friede muß alle Gebiete
und alle Völker der Welt umspannen, wenn er von Dauer sein soll.
Es gibt keine Nation, groß oder klein, mit der wir nicht in
beiderseitigem guten Glauben, mit Geduld und der Entschlossenheit,
ein besseres Verständnis zwischen uns zu gewährleisten, verhandeln würden. Aus einem solchen Verständnis heraus muß und wird
am Ende Zutrauen und Vertrauen erwachsen, die unerläßlich für
ein Programm df Friedens und für alle Pläne sind, die Last der
kostspieligen Rüstungen von uns allen zu nehmen. Um diesen Zielen
näher zu kommen, arbeitet unsere Regierung unermüdlich, Tag für
Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Aber bis unsere Bemühungen
von einem gewissen Maß an Erfolg gekrönt sind, das allen Nationen eine friedliche Existenz sichern wird, müssen wir im Interesse des Friedens selbst wachsam, auf der Hut und stark bleiben.
Der
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9. Januar 1957

Der Mittlere Osten hat in seiner langen und bedeutsamen Geschichte ganz plötzlich ein neues und kritisches Stadium erreicht.
Zahlreiche Länder in diesem Gebiet wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht völlig selbstregiert. Andere Nationen übten dort beachtliche Vollmachten in dieser Hinsicht aus, und die Sicherheit des Gebietes wurde weitgehend auf ihrer Stärke aufgebaut. Seit dem ersten
Weltkrieg jedoch fand eine stetige Evolution zur Selbstregierung und
Unabhängigkeit statt. Die Vereinigten Staaten haben diese Entwicklung
begrüßt und ermutigt. Unser Land unterstützt rückhaltlos die völlige
Souveränität und Unabhängigkeit jeder einzelnen Nation im Mittleren
Osten.
Die Evolution in Richtung auf die Unabhängigkeit wickelte sich
im wesentlichen als ein friedlicher Prozeß ab. Allerdings wurde dieses
Gebiet häufig von Unruhen heimgesucht. Ständiges gegenseitiges Mißtrauen und Furcht voreinander sowie Überfälle über die Landesgrenzen
hinaus haben in einem großen Teil des Mittleren Ostens zu einem hohen
Maß an Unsicherheit geführt. Erst vor kurzem kam es zu Feindseligkeiten, in die auch Westeuropäische Länder verwickelt waren, die einst
einen großen Einfluß in diesem Gebiet ausübten. Ferner hat der verhältnismäßig großangelegte Angriff Israels im Oktober die grundlegenden Differenzen zwischen diesem Land und seinen arabischen Nachbarn
verschärft. Diese ganze Unsicherheit wurde durch den internationalen
Kommunismus noch vergrößert und zeitweilig wesentlich genährt.
Seit langem haben die russischen Machthaber danach getrachtet,
den Mittleren Osten zu beherrschen. Das galt von den Zaren und trifft
ebenso auf die Bolschewisten zu. Die Gründe hierfür sind unschwer zu
finden. Sie betreffen nicht die Sicherheit Rußlands, da niemand die
Absicht hat, den Mittleren Osten als eine Basis für einen gegen Rußland gerichteten Angriff zu benutzen. Nicht einen Augenblick lang
haben die Vereinigten Staaten einen derartigen Gedanken gehegt.
Die Sowjetunion hat von den Vereinigten Staaten weder im Mittleren Osten noch sonstwo in der Welt überhaupt etv/as zu befürchten,
solange ihre Machthaber nicht als erste einen Angriff auslösen.
Ich gebe diese Erklärung mit aller Eindringlichkeit und Feierlichkeit ab. Der Wunsch Rußlands nach einer Beherrschung des Mittleren Ostens entspricht auch nicht seinem eigenen Wirtschaftsinteresse in diesem Gebiet. Rußland benutzt weder den Suezkanal in
nennenswertem Umfang noch hängt es von ihm ab. Im Jahre 1955 betrug
der sowjetische Anteil an dem gesamten Durchgangsverkehr durch den
Kanal nur drei Viertel Prozent. Die Sowjets Brauchen aber auch weder
die Erdölquellen, die den wichtigsten natürlichen Reichtum dieses
Gebietes darstellen, noch können sie dafür einen Absatzmarkt bieten.
Vielmehr ist die Sowjetunion selbst ein bedeutender Exporteur von
Erdölprodukten«
Der Grund für das Interesse Rußlands am Mittleren Osten liegt
vielmehr einzig in der Machtpolitik» Zieht man das von Moskau verkündete Ziel der kommunistischen Weltherrschaft in Betracht, so
ist seine Hoffnung auf eine Beherrschung des Mittleren Ostens leicht
zu verstehen.
Dieses
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9. Januar 1957

Dieses Gebiet ist immer der Knotenpunkt der Kontinente in der
östlichen Hemisphäre gewesen. Der Suezkanal ermöglicht den Nationen
Asiens und Europas, den Handel zu treiben, der notwendig ist, wenn
diese Länder eine wohlausgeglichene und florierende Wirtschaft aufrechterhalten wollen. Der Mittlere Osten schlägt eine Brücke zwischen
dem europäischen Kontinent und Afrika.
Er birgt rund zwei Drittel der gegenwärtig bekannten Erdölvorkommen in der Welt und befriedigt den normalen Erdölbedarf zahlreicher
Nationen in Europa, Asien und Afrika. Vor allem die europäischen
Länder sind von diesen Lieferungen abhängig, und diese Abhängigkeit
trifft sowohl auf den Transport wie auf die Produktion zu. Dies ist
seit der Schließung des Suezkanals und einiger Ölleitungen besonders
deutlich geworden. Wenn notwendig, können andere Transportwege und
sogar andere Energiequellen entwickelt werden. Aber diese Alternativen
lassen sich nicht in naher Zukunft verwirklichen.
Diese Dinge unterstreichen die ungeheuere Bedeutung des Mittleren
Ostens. Wenn die Nationen dieses Gebietes ihre Unabhängigkeit verlieren sollten, wenn sie von ausländischen, ihrer eigenen Freiheit
feindlich gegenüberstehenden Kräften beherrscht würden, so würde dies
sowohl für dieses Gebiet als auch für die zahlreichen anderen freien
Nationen eine Tragödie bedeuten, deren Wirtschaftsleben dann nahezu
abgewürgt werden könnte. Westeuropa wäre so gefährdet, als ob es
keinen Marshallplan, keine Nordatlantikpaktorganisation gegeben hätte.
Die freien Nationen in Asien und Afrika wären ebenfalls ernsthaft gefährdet. Und die Länder des Mittleren Ostens würden die Absatzmärkte verlieren, von denen ihre Volkswirtschaften abhängig sind. Alles dies
würde äußerst abträgliche, wenn nicht gar verheerende Auswirkungen
auf das Wirtschaftsleben unseres eigenen Landes und auf die politischen
Zukunftsaussichten haben.
Aber es gibt noch andere Faktoren, die über das Materielle hinausgehen. Der Mittlere Osten ist die Geburtsstätte dreier großer Religionen
- der mohammedanischen, der christlichen und der jüdischen. Mekka und
Jerusalem sind mehr als lediglich Orte auf der Landkarte. Sie symbolisieren Religionen, welche lehren, daß der Geist über der Materie
steht und daß das Individuum Würde besitzt und Rechte hat, die keine
despotische Regierung ihm unter irgendeinem Rechtsanspruch rauben
kann. Es wäre unerträglich, wenn die heiligen Stätten des Mittleren
Ostens einer Herrschaft unterworfen würden, die den atheistischen
Materialismus verherrlicht.
Natürlich

�"AMERIKA DIENST"

9. Januar

1957

Natürlich versucht der internationale Kommunismus, seine Herrschaftsziele dadurch zu maskieren, daß er Erklärungen des guten Willens abgibt
und auf den ersten Blick verlockende Angebote auf politische, wirtschaftliche und militärische Hilfe macht. Aber jede freie Nation, die den
sowjetischen Verlockungen ausgesetzt ist, sollte in elementarer Klugheit sehen, was hinter dieser Maske steckt.
Erinnern wir uns an Estland, Lettland und Litauen. Im Jahre 1959
schloß die Sowjetunion gegenseitige Beistandspakte mit diesen unabhängigen Ländern ab, und im Oktober 1939 erklärte der sowjetische Außenminister auf der fünften Sondersitzung des Obersten Sowjet feierlich vor
aller Öffentlichkeit, daß 'wir für die gewissenhafte und genaue Einhaltung der Pakte auf der Grundlage völliger Gegenseitigkeit eintreten,
und wir erklären, daß das ganze unsinnige Gerede über die Sowjetisierung
der baltischen Staaten nur im Interesse unserer gemeinsamen Feinde
und aller antisowjetischen Provokateure liegt.1
Doch im Jahre 1940 wurden Estland, Lettland und Litauen mit Gewalt in die Sowjetunion eingegliedert.
Die sowjetische Kontrolle über die Satellitenstaaten Osteuropas
wurde trotz feierlicher gegenseitiger Versprechen, die während des
zweiten Weltkrieges gegeben wurden, weiterhin mit Zwang aufrechterhalten.
Stalins Tod gab Hoffnung, daß sich dieses Schema ändern würde.
Wir lasen das feierliche, im Warschauer Pakt vom Jahre 1955 gegebene
Versprechen, daß die Sowjetunion in den Satellitenstaaten ' Die Grundsätze der gegenseitigen Achtung ihrer Unabhängigkeit und Souveränität
und der Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten1 beachten
würde. Aber wir wurden gerade erst Zeuge der Unterjochung Ungarns
durch nackte Waffengewalt. Als Folge dieser ungarischen Tragödie
sind die Achtung der Welt für und ihr Glauben an die sowjetischen
Versprechen auf einen neuen Tiefstand gesunken. Der Weltkommunismus
braucht und sucht einen sichtbaren Erfolg.
Wir stehen also folgenden einfachen und unzweifelhaften Tatsachen gegenüber:
Erstens: Der Mittlere Osten, der immer von Rußland begehrt worden
ist, würde heute mehr denn je zu einer Beute des internationalen
Kommunismus werden.
Zweitens: Die sowjetischen Machthaber zeigen weiterhin, daß sie
keine Skrupel haben, jedes Mittel zur Erreichung dieses Ziels einzusetzen.
Drittens: Die freien Länder im Mittleren Osten benötigen zusätzliche Stärke, damit sie ihre Unabhängigkeit weiterhin sicherstellen
können, und die meisten von ihnen wollen dies auch.
Unsere

�9. Januar

"AMERIKA DIENST

1957

Unsere Gedanken wenden sich ganz folgerichtig den Vereinten
Nationen als einem Beschützer der kleinen Nationen zu. Ihre Charta
überträgt der Weltorganisation die Hauptverantwortung für die Erhaltung
des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit. Unser Land hat
den Vereinten Nationen, was die Feindseligkeiten in Ungarn und in
Ägypten anbetrifft, seine volle Unterstützung gegeben. Die Vereinten
Nationen konnten eine Feuereinstellung und einen Abzug der feindlichen
Truppen aus Ägypten erreichen, weil sie es hier mit Regierungen und
Völkern zu tun hatten, die der Weltmeinung, wie sie in der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Ausdruck kam, einen angemessenen
Respekt zollten. Im Falle Ungarns jedoch war die Lage anders. Die Sowjetunion legte gegen Beschlüsse des Sicherheitsrates, den Abzug der bewaffneten sowjetischen Streitkräfte zu fordern, ihr Veto ein. Und sie zeigte
sich den Empfehlungen der Generalversammlung, ja sogar ihrem Tadel gegenüber, empfindungslos und indifferent. Die Vereinten Nationen können
immer Hilfe bringen, sie können jedoch nicht ein völlig zuverlässiger
Beschützer der Freiheit sein, wenn die ehrgeizigen Zielsetzungen der
Sowjetunion im Spiele sind»
Aus all den Umständen, die ich Ihnen hier dargelegt habe, erwächst
jetzt eine größere Verantwortung für die Vereinigten Staaten. Wir haben
in unmissverstähdlicher Weise unser Eintreten für den Grundsatz deutlich gemacht, daß auf internationaler Ebene die Gewalt nicht für irgendeinen aggressiven Zweck angewandt werden darf und daß die Integrität
und die Unabhängigkeit der Staaten des Mittleren Ostens unverletzlich
sein müssen. Selten in der Geschichte ist die Hingabe einer Nation an
ein Prinzip so schweren Prüfungen unterzogen worden wie die unsrige
während der vergangenen Wochen.
Sowohl im Mittleren Osten als auch andorswo wird allgemein anerkannt, daß die Vereinigten Staaten weder eine politische noch eine
wirtschaftliche Beherrschung irgendeines Volkes anstreben.
Unser Wunsch ist eine Welt, die in Freiheit und nicht in Sklaverei
lebt. Andererseits sind viele - wenn nicht alle - Nationen des Mittleren Ostens sich über die Gefahr im klaren, die von dem internationalen Kommunismus ausgeht, und begrüßen eine engere Zusammenarbeit mit
den Vereinigten Staaten, damit für sie die von den Vereinten Nationen
proklamierten Ziele der Unabhängigkeit, des wirtschaftlichen Wohlstandes
und des geistigen Wachstums verwirklicht werden.
Wenn der Mittlere Osten seine geographische Rolle bewahren soll,
den Osten und Westen mehr zu einigen als zu trennen, wenn seine ungeheueren wirtschaftlichen Hilfsquellen der Wohlfahrt der dort lebenden
Völker wie der anderen Nationen dienen sollen, und wenn seine Kulturen
und Religionen sowie heiligen Stätten für die geistige Erbauung der
Völker erhalten werden sollen, dann müssen die Vereinigten Staaten ihre
Bereitschaft, die Unabhängigkeit der freiheitsliebenden Nationen in dem
Gebiet zu unterstützen, noch deutlicher formulieren. Unter diesen Umständen halte ich es für erforderlich, um die Mitarbeit des Kongresses
zu ersuchen. Denn nur durch diese Zusammenarbeit können wir die Zusicherungen geben, die für eine Abschreckung vor einer Aggression notwendig

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9. Januar

1957

notwendig sind, nur so können wir jenen Mut und Vertrauen einflößen,
die sich der Freiheit verschrieben haben, und nur so können wir daher
eine Kette von Ereignissen verhindern, die die gesamte freie Welt in
ernsthafte Gefahr bringen würden.
Die Vereinigten Staaten haben in bezug auf den Mittleren Osten
verschiedene Regierungserklärungen abgegeben. Da ist einmal die
Dreimächteerklärung vom 25. Mai 1950» der dann die Zusicherung des
Präsidenten an den König von Saudi-Arabien vom 31. Oktober 1950
folgte. Ferner ist zu nennen die am 9» April 1956 vom Präsidenten
abgegebene Erklärung, daß die Vereinigten Staaten im Rahmen ihrer
verfassungsmäßigen Bestimmungen jeder Aggression in diesem Gebiet
Widerstand entgegensetzen würden, außerdem unsere Erklärung vom
29. November 195^, daß eine Bedrohung der territorialen Integrität
oder der politischen Unabhängigkeit Persiens, des Irak, Pakistans
oder der Türkei von den Vereinigten Staaten als außerordentlich ernst
angesehen werden würde.
Trotzdem bringen die Schwächen in der derzeitigen Situation
und die wachsende Gefahr, die vom internationalen Kommunismus ausgeht, mich zu der Überzeugung, daß die grundsätzliche amerikanische
Politik nunmehr ihren Ausdruck in einer gemeinsamen Aktion des Kongresses und der Regierung finden sollte. Weiterhin sollte unser gemeinsamer Entschluß so formuliert werden, daß daraus klar hervorgeht,
daß hinter unseren Worten, wenn notwendig, auch Taten stehen werden.
Es ist nichts Neues, wenn der Präsident und der Kongreß gemeinsam
feststellen, daß die nationale Integrität der übrigen freien Nationen
in direktem Zusammenhang mit unserer eigenen Sicherheit steht.
Wir handelten gemeinsam, um das Sicherheitssystem der Vereinten
Nationen aufzubauen und zu unterstützen. Wir haben das kollektive Sicherheitssystem der Vereinten Nationen durch eine Reihe kollektiver
Verteidigungsvereinbarungen noch verstärkt. Wir haben heute Sicherheitspakte mit 42 anderen Nationen, die zur Einsicht gelangt sind, daß
Frieden und Sicherheit für sie und für uns untrennbar miteinander verbunden sind. Wir handelten gemeinsam, um entscheidende Maßnahmen in
bezug auf Griechenland und die Türkei und in bezug auf Formosa zu
ergreifen.
Auf diese Weise haben die Vereinigten Staaten durch gemeinsame
Maßnahmen des Präsidenten und des Kongresses oder im Falle von Verträgen des Senates in zahlreichen gefährdeten Gebieten ihre Ziele manifestiert, freie und unabhängige Regierungen - und den Frieden - gegen
die Bedrohung von außen, vor allem gegen die Bedrohung durch den inter
nationalen Kommunismus, zu unterstützen. Hierdurch haben wir mit dazu
beigetragen, in einer Zeit großer Gefahren Frieden und Sicherheit zu
erhalten. Es ist nunmehr unerlässlich, daß die Vereinigten Staaten
durch gemeinsame Maßnahmen des Präsidenten und des Kongresses ihre
Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, den Nationen im Gebiet des
Mittleren Ostens zu helfen, die diese Hilfe begehren.
Die von mir vorgeschlagenen Maßnahmen würden auf folgendes hinauslaufen:
0.

�9* Januar 1957

"AMERIKA DIENS..

I
Sie würden in erster Linie die Vereinigten Staaten ermächtigen,
mit jedem einzelne:;. Lana una jeder Gruppe von Ländern im Gebiet des
Mittleren Ostens bt
Lern Aufbau ei ner wirtschaftlichen Stärke zusammen»
zuarbeiten, Wie sie für die Erhaltung der nationalen Unabhängigkeit
notwendig isi
Sie wür^ e n &amp;wei .os iie Regierung ermächtigen, in diesem Raum
Programme uer mili*
sehen UrteTstützung und Zusammenarbeit mit
jedem Staate ""i^r j j?r Star.tt ,'•• pe durchzuführen, di« eine : lche
Hixfe wünschen.
Sie würden dritten;; die E rn scitigung enthalten., daß eine solche
Unterstützung v.ind Zusammen,, bei t &lt;. en Einsatz der Streitkräfte der
Vereinigten ^ aaten zur Sicherung und zum Sc) M
.-jr territorialen Inten
grität und &lt;ier politischen Una • ht: igigkeit a ler ei . derartige Hilfe
anforderndem Nationen vor einem offenen bev,afj;r.
:i Angriff seitens
irgendeines vom internationalen Kommunisn o '
jllierten Staates
einschließt,
Diese Maßnahmen würden mit den vertraglichen Verpflichtungen
der Vereinigten S -aaten, einschließlich der Cnarta der Vereinten
Nationen, sowie mit den Beschlüssen oder Empfehlungen der Weltorganisation übereinstiiZimen müssen.
Sie würden außerdem im ISallt. sines bewaffneten Angriffs der
Zustimmung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen als oberster Autorität in Übereirts/timmung mit uer UN-Charta unterliegen.
Der gegenwärtige Vc&amp;rsohiag würde viertens den Präsidenten ermächtigen, für wirtschatftliche sowie auf die Verteidigung ausgerichtete militärische/Zwecke Geldmittel einzusetzen, die im Rahmen des
Gesetzes über die gemeinsame Sicherheit vom Jahre 1954 in seiner erweiterten Form zur Verfügung stehen, una zwar ohne Rücksicht auf bestehende Begrenzungen.
Die gesetzgeberische Maßnahme, um die hier ersucht wird, sollte
jedoch nicht die Ermächtigung oder Bewilligung von Mitteln einschließen,
da ich glaube, laß unter den von mir genannten Bedingungen die zur Zeit
bewilligten Geldmittel für den Rest des derzeitigen Haushaltsjahres,
das am 30. Juni endet, ausreichen. Ich werde jedoch in einer weiteren
Gesetzesvorlage um die Ermächtigung von 200 Millionen Dollar ersuchen,
die für jedes der beiden Haushaltsjahre 1958 und 1959 zur Verfügung
gestellt und nach Ermessen in diesem Gebiet verwendet werden sollen,
und zwar zusätzlich zu d.en anderen gemeinsamen Sicherheitsprogrammen
für das Mittelostgebiet, die vom Kongreß künftig vorgesehen werden.
Dieses Programm wird nicht alle Probleme des Mittleren Ostens
lösen. Es stellt auch nicht die Gesamtheit unserer Politik für jenen
Rau"i n a r. Da sind das Problem Palästinas und der Beziehungen zwischen
Tsra J und den arabischen Staaten sowie das Problem der Zukunft der
ar ,^i sehen Flüchtlinge und das Problem, welchen Status der Suezkanal
in Zukunft erhalten soll. Diese Schwierigkeiten werden durch den
internatiora^-u Kommunismus vergrößert, sie würden jedoch auch ohne
diese Bedrohung bestehen. Es ist nicht der Zweck des von mir vorgeschlagenen Gesetzes, sich mit diesen Problemen direkt auseinanderzusetzen. Die Vereinten Nationen haben sich in all diese Dinge aktiv

�\

"AMERIKA DIENST"

9. Januar 1957

aktiv eingeschaltet, und wir unterstützen die Vereinten Nationen.
Die Vereinigten Staaten haben vor allem in der Rede von Außenminister
Dulles am 26. August 1955 klargemacht, daß wir bereit sind, die
Vereinten Nationen 1 ei der Lösung der grundlegenden Probleme Palästinas
tatkräftig ?u unte - .ützei ,
Das vorgesc*-". ,.,. ,fe C-esetz soll sich in erster Linie mit der
Möglichkeit ei -1" ' -:L .istischen Aggression, der direkten wie auch
der indirekten, L-vj ..-srn. Es besteht die zwingende Notwendigkeit
für einen Ausgl ich j^der etwa fehlenden Stärke in diesem Gebiet,
nicht durch ausi ndische oder fremde Macht, sondern durch vermehrte
Stärke und Siehe. it der unabhängigen Nationen dieses Gebietes.
Die Erfahrung zeigt, daß eine indirekte Aggression selten, wenn
überhaupt jemals Erfolg hat, sofern eine annehmbare Sicherheit vor
einer direkten Aggression besteht, sofern die Regierung über loyale
Sicherheitsstreitkräfte verfügt und sofern die wirtschaftlichen Bc=
dingungen dergestalt sind&gt; daß sie den Kommunismus nicht zu einer
attraktiven Alternative- irachen. Das von mir vorgeschlagene Programm
befaßt sich mit allen drei Aspekten diec"r' Problems und somit auch
mit dem Problem der indirekten Aggr?ssior .
Ich glaube und ho ffe, gerade ^ e Ta;sache
.•
Jhse"rV ^ZTeTLSetzungen bekanntgemac;ht werden, wie die lia uese^tzesvorlage vor=
schlägt, wird dazu die/nen, jeder geplanter fu^gre-ssion Einhalt zu
gebieten. V/ir werden d
..ue Pai-ioten ermutigen, die sich der
Unabhängigkeit ihrer Nationen verschrieben ha"« ~n,,. Sie werden
nicht das Gefühl habe ., &gt;-^ _-;.-- angesichts dfx "jrohung einer
Großmacht alleinsteheu, fTipr r -v'- -oh hin z vi «gen, daß der Patriotismus
gerade in diesem ges£Q'ct'• •••^n;;, mächtigen Gefühlsfaktor darstellt. Es i
'«ihr, 3-*'ß i_~
häufig ein echtes patriotisches Gefühl
zu Fanatismus eulölö'Ht und a.Li- Möglichkeit ' egünstigt, von außen
kommenden gefährlichen Lockung n 7U erlieft » Wenn aber jene Furch*
gemildert werden ka&gt;ln&gt; dann wii..&lt;i e j. n Klima entstehen, das die Verwirklichung würdiger nationaler Zi&lt;yie begünrstigt.
Es wird ferner, wie ich bt&gt; reits --gedeutet
habe, für uns notwendig sein, wirtschaftlich z u r Stärkimg der Länder oder Ländergruppen beizutrage-., &lt;i»re^ ?Ag erunger sich eindeutig zur Erhaltung
der Cnabhäng kei' ur.j
_.,_ ,_i/ia ge gen eine Subversion bekannt
haben. Derartige Maßnahmen wjrde" die größte Sicherheit gegen
Übergriffe der K o i r m n n i s t e n b i e t
-\'crte allein sind nicht genug.
Lassen Sie m c ü h erneut auf o.ie beantragte Ermächtigung zurückkommen, die bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten dafür
einzusetzen, um iiv Verteidigung der territorialen Integrität
und der politischen Unabhängigkeit jedes einzelnen Landes in diesem
Gebiet gegen eine bewaffnete kommunistische Aggression zu unterstützen.
Von einer derartigen Ermächtigung würde nur Gebrauch gemacht werden,
w e m if angegrifft ,- r ,.i dies wünscht. Darüber hinaus hoffe ich zutief'
- ß v ü u a±e jer Ermächtigung überhaupt niemals Gebrauch gemacht
werden muß.
Um dies zu gfcwäi.rleio 1-fü .
. t-s unbedingt notwendig, daß unsere
Politik in be^.ug s,,f ^
if»i1i6iH.p-.,. g dieses Gebietes unverzüglich
. 8 -

�"AMERIKA DIENST

9. Januar 1957

unverzüglich und klar festgelegt und zum Ausdruck gebracht wird.
Auf diese Weise werden die Vereinten Nationen und alle befreundeten
Regierungen und natürlich auch die Regierungen, die nicht freundlich
gesonnen sind, wissen, wo wir stehen.
Wenn - entgegen der von mir gehegten Hoffnung und Erwartung sich eine Situation ergeben sollte, die eine militärische Anwendung
der Politik erforderlich machen sollte, die ich den Kongreß gemeinsam
mit mir su proklamieren ersuche, dann würde ich natürlich von Stunde
zu Stunde mit dem Kongreß, falls er tagt, in Kontakt bleiben. Wenn
der Kongreß jedoch gerade nicht tagen sollte und die Situation schwerwiegende Konsequenzen in sich trägt, dann würde ich selbstverständlich
den Kongreß sofort zu einer Sondersitzung einberufen.
Angesichts der gegenwärtigen Lage besteht das größte Risiko - wie
dies häufig der Fall ist - darin, daß sich ehrgeizige Despoten einer
Täuschung hingeben könnten. Wenn die machthungrigen Kommunisten entweder fälschlicherweise oder richtigerweise der Ansicht sein sollten,
daß der Mittlere Osten nicht ausreichend verteidigt ist, dann könnten
sie der Versuchung erliegen, zu Mitteln des offenen bewaffneten Angriffs
zu greifen. Wäre dies der Fall, dann würde es eine Kette von Umständen
auslösen, die fas«t mit Sicherheit militärische Maßnahmen der Vereinigten Staaten zur Folge haben würden. Meiner Überzeugung nach liegt die
beste Garantie für die Ausschaltung einer derartig gefährlichen Möglichkeit darin, schon jetzt unsere Bereitschaft klarzustellen, daß wir
mit unseren Freunden im Mittleren Osten voll und ganz auf Wegen zusammenarbeiten, die mit den Zielsetzungen und Grundsätzen der Vereinten Nationen in Einklang stehen. Ich habe die. Absicht, unverzüglich
eine Sondermission in den Mittleren Osten zu entsenden, um die Zusammenarbeit zu erläutern, die wir durchführen wollen.
Die von mir umrissene Politik bringt gewisse Lasten und Allerdings auch Risiken für die Vereinigten Staaten mit sich. Was ich vorgeschlagen habe, wird denen, die es nach diesem Gebiet gelüstet, nicht
gefallen. Aber auch schon früher haben Amerikaner die lebenswichtigen
Interessen unserer Nation und die menschliche Freiheit bedroht gesehen
und ihre Stärke und Entschlossenheit war der Krise stets gewachsen,
gleichgültig in welch feindseliger Weise unsere V/orte, unsere Motive
und Taten entstellt worden sind.
Ja schon die Opfer, die das amerikanische Volk seit Ende des
zweiten Weltkrieges für die Sache der Freiheit gebracht hat, zählen
nach vielen Milliarden Dollar und Tausenden der kostbaren Leben unserer Jugend. Diese Opfer, durch die große Gebiete der ".Veit für die
Freiheit erhalten blieben, dürfen nicht vergeblich gewesen sein.
In diesen bedeutsamen Epochen der Vergangenheit haben sich der
Präsident und der Kongreß ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit
zusammengeschlossen, um den lebenswichtigen Interessen der Vereinigten
Staaten und der freien Welt zu dienen.
Es

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�9. Januar 1957

"AMERIKA DIENST"

Es ist nunmehr der Zeitpunkt für uns gekommen, erneut unsere
nationale Einigkeit in der Unterstützung der Freiheit zu manifestieren
und unsere tiefe Achtung vor den Rechten und der Unabhängigkeit einer
jeden Nation, wie groß oder klein sie auch immer sein mag, zu zeigen.
Wir suchen nicht Gewalt, sondern Frieden. Diesem Ziele müssen wir jetzt
unsere Kräfte, unsere Entschlossenheit, ja uns selbst weihen.

gez.: Dwight D. Eisenhower
Im Weißen Haus, 5. Januar 1957."

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

DULLES ERLÄUTERT MITTELOSTPLAN PRÄSIDENT EISENHOWERS

Washington - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der
Erläuterungen des US-Außenministers
John Foster Dulles zum Mittelostplan
Präsident Eisenhowers. Dulles sprach
am 7 • Januar 1957 vor dem Außenpolitischen Ausschuß des amerikanischen
Repräsentantenhauses•

I.
"Seit dem zweiten Weltkrieg mußten die Vereinigten Staaten
durch starke Maßnahmen, die sich auf die Einheit der Nation stützten, einer Anzahl kritischer Situationen entgegentreten.
Im Jahre 1947 verabschiedete der Kongreß ein großes militärisches und wirtschaftliches Hilfsprogramm für Griechenland und die
Türkei, die damals durch die kommunistische Aggression bedroht
wurden»
Im Jahre 1948 billigte der Kongreß das Wiederaufbauprogramm
für Europa (Marshallplan), um in Europa Freiheit und Unabhängigkeit zu erhalten.
1949 traten wir der Nordatlantikpakt-Organisation bei.
1950 kämpften die Vereinigten Staaten in Korea gegen die bewaffnete Aggression der Kommunisten.
1953 schlössen wir ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen
mit der Republik Korea ab.
1954 unterstützten wir die Deklaration von Caracas, die zu
Maßnahmen gegen den internationalen Kommunismus in der westlichen
Hemisphäre aufrief.
1954 unterzeichneten wir den südostasiatischen kollektiven
Verteidigungsvertrag.
1955 bevollmächtigte der Kongreß den Präsidenten, die Streitkräfte der Vereinigten Staaten zum Schutz Formosas und der Pescadores-Inseln sowie der dazugehörigen Gebiete einzusetzen, und später
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�"AMERIKA DIENST"

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später in diesem Jahr ratifizierten wir einen gemeinsamen Verteidigungsvertrag mit der Republik China.
Dies sind einige der entscheidenden Maßnahmen, die aie Vereinigten
Staaten während der vergangenen zehn Jahre ergriffen haben, nachdem
ein Gebiet nach dem anderen durch direkte und indirekte Aggression der
Kräfte des internationalen Kommunismus bedroht wurde.

II.
Den Gefahren ist in verschiedener Weise entgegengetreten worden,
wie es die jeweiligen Umstände diktierten. In einigen Fällen geschah dies
durch Wirtschaftshilfe allein. In anderen Fällen trat zu der Wirtschaftshilfe die Militärhilfe hinzu. In noch anderen Fällen befaßten wir uns
nur mit dem militärischen Aspekt des Problems. In einigen Fällen verabschieuete der Kongreß auch entsprechende Gesetze. In einigen weiteren
Fällen wuraen entsprechende Verträge abgeschlossen, und in wieder anderen Fällen handelte die Regierung mit stillschweigendem Einverständnis
des Kongresses.
Aber obwohl die Erfordernisse und die verfassungsmäßigen Maßnahmen
verschieden waren, so waren doch die zugrunde liegenden Faktoren im
wesentlichen die gleichen.
In jedem Falle gingen wir von der Prämisse aus, daß, wie Präsident
Truman es in seiner Botschaft an Griechenland und die Türkei ausdrückte,
•totalitäre Regime, die freien Völker; durch direkte oder indirekte
Aggression aufgezwungen werden, die Grundlagen des Weltfriedens und
damit auch die Sicherheit der Vereinigten Staaten untergraben' .
Darüber hinaus zielten alle unsere Verträge und gesetzgeberischen
Maßnahmen darauf ab, den Frieden zu fördern, indem wir unsere Stellung
von vornherein klar zum Ausdruck brachten, um dadurch vor einer Aggression
abzuschrecken und gefährliche Fehlkalkulationen möglicher Aggressoren
auszuschalten.
In jedem dieser Fälle war die zum Ausdruck gebrachte Entschlossenheit auf Grund der dahinter stehenden nationalen Einheit eindrucksvoll.
Wir haben in jedem Falle, in dem wir so handelten, auch tatsächlich
die Freiheit gerettet.

III.
Heute befassen wir uns mit dem Mittleren Osten. Kaum jemand von
uns wird daran zweifeln, daß es eine gewaltige Katastrophe für die
Nationen und Völker des Mittleren Ostens, ja für die ganze Welt bedeuten würde, wenn dieses Gebiet dem Würgegriff des internationalen
Kommunismus anheimfallen würde.
Für die Nationen des Mittleren Ostens würde dies eine politische
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�"AMERIKA DIENST"

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politische Katastrophe bedeuten, da diese Nationen dann wie uie
europäischen Satelliten ihre Unabhängigkeit verlieren würden, die
sie so glühend wünschen und uie sie jetzt gerade anfangen, in
vollem Maße auszuüben.
Dies würde auch eine wirtschaftliche Katastrophe für sie bedeuten, denn das wichtigste wirtschaftliche Kapital dieses Gebietes
ist das Erdöl, für das nur die freien Nationen einen aufnahmebereiten
Markt bieten können.
Es wäre für die Völker des Mittleren Ostens ein großes Unglück,
wenn sie das Schicksal anderer religiöser Völker erleiden würden,
die unter die Herrschaft des atheistischen materialistischen Kommunismus geraten sind, denn es handelt sich hier um tief religiös empfindende Völker und ihr seelisches Leid wäre entsetzlich.
Dieses Unheil würde sich weit über die Grenzen des Mittleren
Ostens hinaus ausbreiten. Die Volkswirtschaften zahlreicher Länder
der freien Welt sind direkt abhängig von den Rohstoffen des Mittleren
Ostens und von den Transportwegen durch den Mittleren Osten. Und indirekt ist die gesamte Wirtschaft der freien Welt betroffen. Westeuropa
ist in besonderem Maße abhängig vom Mittleren Osten. Die großen
Opfer, die die Vereinigten Staaten für den Wiederaufbau und die militärische Verteidigung Europas gebracht haben, würden praktisch umsonst gewesen sein, wenn der Mittlere Osten unter die Kontrolle des
internationalen Kommunismus fiele.

IV.
Schließlich würde ein kommunistischer Durchbruch im Mittleren
Osten die sowjetischen Machthaber ermutigen, überall zu einer aggressiv
veren Politik überzugehen. Er würde die innerhalb der sowjetischen
Welt bestehende Forderung nach einer liberaleren Politik wesentlich
abschwächen. Er würde einen schweren Schlag für die hart ringenden
Völker Ungarns und Polens beueuten, die so tapfer um eine größere Unabhängigkeit kämpfen. Er würde überall in der Welt viele der Vorteile
aufheben, die die hier angeführten früheren Maßnahmen für uns brachten.
Aus all diesen Gründen müssen die Vereinigten Staaten alles in
ihren Kräften Stehende tun, um die Nationen des Mittleren Ostens bei
der Aufrechterhaltung ihrer Unabhängigkeit zu unterstützen.
Die Frage, was zu tun ist, ist außerordentlich schwierig. Das
Gebiet ist in sich weitgehend unterteilt. Es besteht ein hohes Maß
an Uneinigkeit zwischen den arabischen Staaten und Israel - ein
Gegensatz, der durch die kürzlichen militärischen Aktionen Israels in
Ägypten nur noch verschärft wurde. Aber auch unter den arabischen
Staaten selbst existiert ein starkes Maß an Uneinigkeit. Weiter besteht gegenüber jeder von außen herantretenden Macht ein Mißtrauen, es
könnte sich um Versuche handeln, den Kolonialismus wieder einzuführen.
Dieses Mißtrauen wurde durch die jüngsten Ereignisse noch verstärkt die die gegenseitigen Beziehungen zwischen dca Mittleren Osten und

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und Europa in Frage stellten. Ferner existiert das Problem des Suezkanals .
Es ist wohl unmöglich, eine ganz einfache Antwort auf die Frage zu
finden, wie die Vereinigten Staaten dazu beitragen können, die Freiheit
dieses Gebietes zu erhalten. Es ist schwer, auf der einen Seite zu helfen, ohne auf aer anderen Mißtrauen hervorzurufen. All die Probleme des
Kittleren Ostens werden nicht mit Hilfe einer einzigen Formel gelöst
werden können. Diese Probleme werde.i auf verschiedenen Wegen angegangen
werden müssen, so wie wir dies schon immer versucht haben und auch
weiterhin tun werden. Aber der Verlauf der Ereignisse zwingt uns jetzt,
ein neues Element zum Tragen zu bringen, um unseren sonstigen Maßnahmen in diesem Gebiet mehr Gewicht zu verleihen.

V.
Nach der gründlichsten Prüfung ist Präsident Eisenhower zu der
Ansicht gelangt - und hat dem Kongreß empfohlen -, daß Maßnahmen ergriffen werden, die es zu allererst unmißverständlich klar machen, daß
es die vom Kongreß und vom Präsidenten erklärte Politik ist, mit den
Nationen des Mittleren Ostens zur Bewahrung ihrer Unabhängigkeit zusammenzuarbeiten .
Zweitens würden diese Maßnahmen den Präsidenten ermächtigen,
jedes Land oder jede Gruppe von Ländern in jenem Gebiet beim Aufbau der
wirtschaftlichen Stärke zu unterstützen, durch die die nationale Unabhängigkeit aufrechterhalten werden soll.
Drittens würden diese Maßnahmen den Präsidenten ermächtigen, mit
jedem Land oder mit jeder Gruppe von Ländern Programme der militärischen Unterstützung durchzuführen, wenn diese eine solche Hilfe wünschen.
Diese Maßnahmen würden den Präsidenten viertens ermächtigen, die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten zur Sicherheit und zum Schutz der
territorialen Integrität und politischen Unabhängigkeit aller eine derartige Hilfe anfordernden Länder oder Gruppen von Ländern vor einem
offenen bewaffneten Angriff seitens irgendeines vom internationalen
Kommunismus kontrollierten Staates einzusetzen.
Um den Präsidenten in die Lage zu versetzen, die wirtschaftlichen
und militärischen Hilfsprogramme besser durchzuführen, wird vorgeschlagen,
daß von den bereits im letzten gemeinsamen Sicherheitsgesetz bewilligten
Geldern bis zu 200 Millionen Dollar nach dem Ermessen des Präsidenten
für den Mittleren Osten verwendet werden können und daß diese Ermächtigung zusätzlich zu der ihm bereits auf Grund bestehender Gesetze übertragenen besonderen Vollmachten ausgesprochen werden soll. Dies schließt
nicht die Bewilligung oder Bereitstellung irgendwelcher zusätzlicher
Gelder ein. Wir streben vielmehr eine größere Flexibilität hinsichtlich
der schon bereitgestellten Mittel an, damit die vom Kongreß bereits zur
Verfügung gestellte 'Munition des Friedens1 freier und wirksamer in
einem Gebiet eingesetzt werden kann, das seit dem vergangenen Juni einen
größeren Bedarf an Hilfe hat, als ursprünglich angenommen worden war. Die

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Die Frage der Mittel für künftige Haushaltsjahre wird später behandelt
werden, wie uies in der Botschaft des Präsidenten dargelegt worden ist«
Die Vollmacht zum Einsatz der Streitkräfte der Vereinigten Staaten
soll in Fällen einer offenen bewaffneten Aggression zum Tragen kommen,
die von irgendeinem 'durch den internationalen Kommunismus kontrollierten Land'ausgeht. Dieser Begriff ist dem Gesetz über die gemeinsame Siehe
heit entnommen. Jeder Einsatz der Streitkräfte würde mit der Charta der
Vereinten Nationen sowie den anderen vertraglichen Verpflichtungen der
Vereinigten Staaten übereinstimmen, vor allem mit der in der Charta der
Vereinten Nationen und in unseren Sicherheitsverträgen festgelegten Bestimmung, wonach wir uns in unseren internationalen Beziehungen jeder
Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung gegen die territoriale Integrität
oder die politische Unabhängigkeit eines jeden Staates enthalten sollen.
Darüber hinaus würde eine derartige Anwendung von Gewalt unter Artikel
51 der Charta der Vereinten Nationen fallen, der das jedem zustehende
Recht auf kollektive Selbstverteidigung im Falle eines Angriffs anerkennt, der aber auch besagt, daß die Ausübung dieses Rechtes der Selbstverteidigung in keiner V/eise die Autorität und Verantwortlichkeit des
Sicherheitsrates berühren darf, solche Maßnahmen zu ergreifen, die der
Rat zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und
der internationalen Sicherheit für angebracht hält. Eine Koordinierung
mit den Vereinten Nationen würde ferner durch eine Bestimmung gewährleistet sein, welche besagt, daß jeder Einsatz der Streitkräfte der
Vereinigten Staaten in Übereinstimmung mit den Maßnahmen und Empfehlungen
der Vereinten Nationen stehen muß.
Die vorgeschlagene Gesetzgebung ist nach Auffassung unseres
Präsiuenten notwendig, um der Gefahr Herr zu werden.
Die Gefahr kann in dieser oder jener Form auftreten. Es besteht
die Möglichkeit einer bewaffneten Aggression. Es besteht die Möglichkeit der Subversion - eine Gefahr, die noch großer wird, wenn ein Gefühl der Unsicherheit vorhanden wäre. Es besteht weiter die Gefahr, daß
die existierenden wirtschaftlichen Verhältnisse den Kommunismus als
einen verlockenden Ausweg erscheinen lassen könnten. Jedes den Verhältnissen gerecht werdende Programm muß so ausgearbeitet sein, daß es
allen dreien dieser Gefahren sowie jeder Kombination dieser Gefahren
Rechnung trägt. Wir können diesen Anforderungen unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur dann gerecht werden, wenn wir jetzt in bezug auf
den Mittleren Osten klarstellen, was wir bezüglich so vieler anderer
Gebiete eindeutig dargelegt haben, daß nämlich einem bewaffneten
kommunistischen Angriff wenn notwendig mit den Streitkräften der Vereinigten Staaten entgegengetreten werden muß.
Besteht denn in der Tat irgendein Zweifel daran, daß die Vereinigten Staaten früher oder später mit Gewalt reagieren würden, wenn kommunistisch kontrollierte Regierungen offene Gewalt anwenden sollten, um den
Mittleren Osten zu erobern? Wäre es dann nicht offensichtlich, daß die
Vereinigten Staaten selbst in Gefahr zu geraten drohten? Aber wenn dem
so ist, dann ist es jetzt und heute an der Zeit, unsere Entschlossenheit
klarzumachen. Nur dadurch können wir wirklich der Sache der Freiheit
und des Friedens dienen.
Sie

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Sie mögen ebenso wie ich der Überzeugung sein, daß in der Tat
kein Zweifel darüber bestehen kann, was der Kongreß unternähme, wenn
der internationale Kommunismus sich daran machen würde, die «Veit Stück
um Stück durch Krieg zu erobern. Aber solange der Kongreß nicht tatsächlich gesprochen hat, kann es im Mittleren Osten Zweifel geben,
und ebenso könnte man in der Sowjetunion Zweifel hegen. Wenn diese
Zweifel nicht zerstreut werden, dann dauert die Gefahr an und wird
nur noch größer. Wenn wir uns entschließen, abzuwarten, um uns zu
entscheiden, wenn es soweit ist, dann wird diese Wartezeit die Verletzbarkeit sowohl gegenüber einem direkten Angriff mit überlegenen
Kräften als auch gegenüber einer indirekten Aggression außerordentlich
vergrößern. Wir werden dann nicht vor einer Aggression abgeschreckt
haben.
Nur wenn der Kongreß alle diese Zweifel rasch zerstreut, nur
wenn er den Stempel der Bewilligung auf ein abgerundetes Programm
der wirtschaftlichen und militärischen Hilfe und der Versicherung
für den Mittleren Osten drückt, dann wird er das Maximum dessen getan
haben, -was er tun kann, um Frieden und Freiheit zu erhalten.
Der Zweck der vorgeschlagenen Resolution ist nicht der Krieg,
sondern der Friede. Der Zweck ist wie in den anderen Fällen, in
denen der Präsident und der Kongreß gemeinsam gehandelt haben, um
dem internationalen Kommunismus entgegenzutreten, den dritten .Veitkrieg zu beenden, noch bevor er überhaupt angefangen hat."

Dulles beantwortet Fragen der Ausschußmitglieder
Anschließend an seine Erklärung beantwortete der amerikanische
Außenminister Fragen der Ausschußmitglieder und gab dabei seiner
festen Überzeugung Ausdruck, daß praktisch alle Nationen des Mittleren Ostens die Politik Präsident Eisenhowers hinsichtlich dieses
Gebietes begrüßen werden. Gleichzeitig wandte sich Dulles gegen
Berichte, daß das Programm des Präsidenten den guten '.Villen und das
Ansehen zunichte machen würde, die die Vereinigten Staaten in den
Vereinten Nationen während der Suezkrise für sich aufbauen konnten.
Die vorgeschlagene Politik, so sagte der Außenminister, stelle praktisch lediglich eine Bekräftigung der amerikanischen Haltung in den
UN dar - daß nämlich der Anwendung von Gewalt gegen die territoriale
Integrität einer Nation entgegengetreten werden müsse.
Dulles erklärte wörtlich vor dem Ausschuß» "Vv'ir müssen dieses
Gebiet stärken. '.Vir wollen es keineswegs beherrschen und unser feierliches Versprechen, daß wir dies nicht wollen, liegt in der Charta
der Vereinten Nationen begründet."
Dulles gab in der Diskussien erneut seiner Überzeugung Ausdruck,
daß das kombinierte wirtschaftliche und militärische Hilfsprogramm
des Präsidenten die Nationen im Mittleren Osten in die Lage versetzen
werde, jeder Bedrohung durch den Kommunismus erfolgreich zu widerstehen.
Dulles

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Dulles teilte weiter mit, die USA seien nur dann zum Einsatz
ihrer Streitkräfte in diesem Gebiet bereit, wenn einwandfrei feststehe,
daß die Vereinten Nationen und der Sicherheitsrat nicht mehr in der
Lage wären, mit einer etwa, entstehenden Situation fertig zu werden.
Er erinnerte den Ausschuß daran, daß die Sowjetunion möglicherweise
im Sicherheitsrat ihr Veto einlegen und damit die UN praktisch handlungsunfähig machen könnte.
Er sei überzeugt, so betonte Dulles, daß die Stellung der führenden Patrioten in den Mittelost-Staaten gestärkt, der Aufbau loyaler
Streitkräfte und Polizeitruppen in diesen Ländern gefördert und die
wirtschaftliche Lage der dortigen Völker verbessert würde, wenn die
USA durch die vorgeschlagene Resolution den Nationen im Mittleren
Osten die Gewißheit des Schutzes im Falle eines offenen bewaffneten
Angriffes geben. Die Schaffung einer solchen starken Position würde
jede Möglichkeit auf ein Minimum beschränken, daß der Kommunismus durch
einen offenen bewaffneten Angriff oder durch Subversion die Regierung
dieser Länder übernehmen könnte.
Im weiteren Verlauf der Diskussion hob Dulles hervor, daß die Regierung bei der Behandlung von Problemen, die zu einem Krieg führen
könnten, zum gegenwärtigen Zeitpunkt vor allem eine größere Freizügigkeit bei der Verwaltung von Mitteln und dem Einsatz bereits erteilter
Vollmachten brauche. In diesem Zusammenhang teilte der Außenminister
mit, daß die USA nicht beabsichtigen, im Rahmen der vorgeschlagenen
Programme den Assuan-Staudamm in Ägypten zu finanzieren.
Auf die Frage, ob er, Dulles, an den Einsatz der UN-Polizeistreitkräfte auf einer ausgedehnteren Basis im Mittleren Osten denke, erinnerte der Außenminister daran, daß sich die USA bereits vor einigen
Jahren in den Vereinten Nationen für die Schaffung einer ständigen
UN-Polizeitruppe eingesetzt haben. Dieser Vorschlag sei jedoch damals
nicht durchgeführt worden. Jetzt, da für einen Notfall eine solche
Streitmacht geschaffen worden sei, so fügte Dulles hinzu, hoffe er,
daß sie auch in anderem Zusammenhang und zur Lösung anderer Probleme
eingesetzt werden könne.
Dulles unterstrich weiter erneut, daß die USA niemals an eine
einseitige Maßnahme im Mittleren Osten dächten. Amerikanische Streitkräfte würden nur dann gegen eine Aggression eingesetzt, wenn das
Ersuchen eines anderen Landes gestellt werde.
Dulles bemerkte, daß der sowjetische Einfluß im Mittleren Osten
schon seit langem beobachtet worden sei, es sei jedoch nicht anzunehmen,
daß der internationale Kommunismus tatsächlich bereits die Kontrolle
in irgendeinem Land dieses Gebietes an sich gerissen habe.
"Dieses Programm", so unterstrich der Außenminister, "soll gerade
verhindern, daß dies geschieht, oder wenn es geschehen ist, daß irgendein andereB Land einer Aggression zum Opfer fällt".
Der

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Der US-Außenminister betonte nachdrücklich, daß die USA weder im
Mittleren Osten noch sonst irgendwo irgendwelche aggressiven Ziele
verfolgen und daß das vorliegende Programm ausschließlich darauf abziele, einen Krieg zu verhüten und die Sache des Friedens zu stärken.
"Kein Land der Welt", so sagte Dulles, "will vom internationalen
Kommunismus beherrscht werden". Die Länder des Mittleren Ostens seien
sich der kommunistischen Gefahr besonders bewußt, da die Völker dort
tief religiös seien und von jeder Beherrschung durch eine fremde
atheistische und materialistische Macht frei sein wollten.
Er nehme nicht an, so führte Dulles abschließend aus, daß die
Sowjetunion dem amerikanischen Programm durch Angebote einer ausgedehnten Wirtschaftshilfe für die Länder des Mittleren Ostens entgegenwirken werde. Im übrigen hätten die Sowjets in dieser Richtung "noch
nicht sehr viel getan".

* * * * *

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�M E R I K A

NIXON ÜBER DIE LAGE DER UNGARNFLb'CHTLINGE

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut das Berichts, den Vizepräsident Nixon dem Präsidenten der Vereinigten Staaten über den Stand der Hilfsaktionen für die ungarischen Flüchtlinge unterbreitet hat.

Einführung
Dieser Bericht behandelt nur ein Symptom des Flüchtlingsproblems,
nicht das Problem selbst. Ungeachtet dessen, wie wir für die Opfer
der Unterdrückung sorgen mögen, die Schuld derjenigen, die sie von
Haus und Hof vertrieben, die ihre Landsleute ermordeten und heute
die Menschen ihrer Heimat in Sklaverei halten, darf darüber niemals
vergessen werden.
Der Aufstand des tapferen ungarischen Volkes gegen seine Unterdrücker ist eines der bedeutsamsten Ereignisse in der Geschichte der
Menschheit. Ohne daß dieser Aufstand geplant oder organisiert worden
war, erhob sich das Volk in äußerster Qual gegen die Unterjochung und
die an ihm verübten Grausamkeiten. Was diese Menschen taten und noch
immer tun, war nicht umsonst, denn mit ihren Taten haben sie, aller
Welt vernehmlich, die Totenglocken für den internationalen Kommunis- .
mus eingeläutet.
Wir sind uns darüber klar, daß wir in einem Bericht, der sich
wie dieser auf die gegenwärtige Not der ungarischen Flüchtlinge beschränkt, in keiner Weise die grundlegende Frage behandeln können,
wie Ungarn die Freiheit zu geben sei. Denn die einzig mögliche und
bleibende Lösung dieses Problems sowie aller Schwierigkeiten, mit
denen das ungarische Volk zu kämpfen hat, wäre die Anerkennung der
Resolution der Vereinten Nationen über den Abzug der sowjetischen
Truppein aus Ungarn seitens der UdSSR. Alle Lösungen, die diese
Forderung nicht erfüllen, müssen als zeitweiliger Notbehelf, als
im Grunde unbefriedigende Lösungen gelten.
Auf Grund von Erhebungen, die in direktem Kontakt mit den ungariseheji Flüchtlingen von dem Augenblick ihres Übertritts über die
Grenze1 nach Österreich bis zum Verlassen des Auffanglagers Camp
Kilmer angestellt wurden, unterbreite ich hiermit folgende Ergebnisse
und Empfehlungen.
Anzahl
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Anzahl und Art der Flüchtlinge
Zwischen dem 25« Oktober 1956 und dem 1. Januar 1957 haben annähernd 155 000 Flüchtlinge die österreichische Grenze überschritten.
Gegenwärtig kommen im Tag durchschnittlich etwa 800 Personen über die
Grenze.
Diese aus Ungarn geflohenen Menschen gehören zu den wertvollsten
des ungarischen Volkes. Zum größten Teil standen sie bei dem Kampf um
die Freiheit in vorderster Front und flohen erst, als sie nur noch
die Wahl hatten zwischen Tod oder Deportation durch die fremden Eindringlinge oder aber vorübergehende Flucht ins Ausland, um dort die
Befreiung Ungarns, die eines Tages kommen muß, abzuwarten. Es sind in
der großen Mehrheit junge Menschen - Studenten, Techniker, Handwerker
und Angehörige der freien Berufe. Auch zahlreiche Familien sind unter
den Flüchtlingen mit vielen Kindern,
Die" meisten der befragten Flüchtlinge erklärten, daß sie Ungarn
aus Furcht vor Liquidierung oder Deportation verlassen hätten. Die
Zahl derjenigen, die als "Treibsand" des Flüchtlingsstromes mitkommen
sowie derjenigen, die Ungarn aus rein wirtschaftlichen Gründen verlassen haben, ist verhältnismäßig gering.
Die Mehrheit der bisher Befragten hat den Wunsch geäußert, im
Falle eines Regierungswechsels nach Ungarn zurückzukehren, sofern sie
dies ohne Gefahr tun können.
Das Problem der Überprüfung der Flüchtlinge aus Gründen der politischen Sicherheit ist in diesen Fällen nicht so schwierig als sonst,
da neben dem vorliegenden Unterlagenmaterial auch andere Flüchtlinge,
die die Spitzel und Agenten in ihren Ortschaften genau kennen, bereitwillig diesbezügliche Aussagen und Angaben machen.
Ich bin überzeugt, daß bei Beibehaltung des derzeitig angewandten
Untersuchungsverfahrens die in die Vereinigten Staaten aufgenommenen
ungarischen Flüchtlinge kein irgendwie nennenswertes Risiko für die
innere Sicherheit unseres Landes darstellen werden.
Unter Berücksichtigung aller oben erwähnten Faktoren glaube ich
sagen zu dürfen, daß die Länder, die diese Flüchtlinge aufnehmen, feststellen werden, weniger eine Verpflichtung übernommen als vielmehr
einen Gewinn erzielt zu haben. Wie Mr. Herbert Hoover am 27« Dezember
vorigen Jahres erklärte, haben "die ungarischen Flüchtlinge durch ihren Mut und ihre Opferbereitschaft bewiesen, daß sie ganz und gar zu
jener Sorte Menschen gehören, die gute Amerikaner werden".
Die derzeitige Lage der Flüchtlinge
Bis zum 1. Januar 1957 wurden von den 155 000 Flüchtlingen 88 000
in Ländern außerhalb Österreichs aufgenommen. Von diesen 88 000 gingen
15 000 nach den Vereinigten Staaten, die restlichen 73 000 nach anderen

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9. Januar 1957

Von den 67 000 zur Zeit in Österreich sich aufhaltenden Flüchtlingen können, wie die österreichische Regierung andeutete, schätzungsweise 30 000 von der österreiehischen Wirtschaft assimiliert werden,
vorausgesetzt, daß Österreich für den Bau von Unterkünften und anderen
Anlagen für die Unterbringung der Flüchtlinge während der Übergangsperiode
eine gewisse Unterstützung erhält.
Das heißt, daß sich gegenwärtig mindestens 57 000 ungarische Flüchtlinge in Österreich "befinden, für die noch in anderen Ländern eine neue
Heimat gefunden werden muß.
Ausblick auf die weitere Entwicklung
Wie lange der Flüchtlingsstrom aus Ungarn nach Österreich noch anhalten wird, hängt von den weiteren Ereignissen in Ungarn ah. Falls es
zu Veränderungen in der ungarischen Regierung in der Weise kommt, daß dem
ungarischen Volk ein gewisses Maß an Freiheit gewährt wird, so dürfte es
keine Frage sein, daß die Zahl der Flüchtlinge aus Ungarn wesentlich zurückgehen und viele derjenigen, die Ungarn verlassen haben, in ihre Heimat zurückkehren würden.
Es besteht auch die Möglichkeit, daß die ungarische Regierung beschließt, noch schärfere Maßnahmen zur Sperre der Landesgrenzen zu ergreifen, und auch in diesem Falle würde die Zahl der Flüchtlinge aus
- Ungarn wesentlich zurückgehen.
Ein weiterer Faktor, den man bei einer Untersuchung des Gesamtproblems berücksichtigen muß, ist die Tatsache, daß ein Teil der 73 000
Ungarnflüchtlinge, die in andere Länder gegangen sind, dies in der Annahme taten, es handle sich nur um eine vorübergehende Unterbringung,
und sie letztlich doch die Möglichkeit erhielten, in die Vereinigten
Staaten einzuwandern.
Präsident Eisenhower hat erklärt, daß die Vereinigten Staaten
diejenigen, die in dieser Annahme in andere Länder gingen, aufnehmen
würden.
Die Gesamtzahl der Flüchtlinge in den oben erwähnten Kategorien
kenn man wohl überhaupt nicht mit Gewißheit abschätzen - aber in jedem
Fall gibt es nur eine einzige Schlußfolgerung. Die Vereinigten Staaten
wie auch die anderen freien Nationen müssen eine wesentlich größere
Anzahl von Ungarnflüchtlingen aufnehmen, als sie bisher zugestanden
haben.
Empfehlungen für künftige Maßnahmen der Vereinigten Staaten
betreffs der Aufnahme von mehr Flüchtlingen
Es wurde angeregt, die Vereinigten Staaten sollten bereits jetzt
bekanntgeben, daß sie eine bestimmte Anzahl zusätzlicher Flüchtlinge
aufnehmen werden.
Weiter

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1957

Weiter wurde angeregt, die Vereinigten Staaten sollten sich bereit
erklären, einen bestimmten Prozentsatz aller sich gegenwärtig noch in
Österreich befindlichen sowie der womöglich noch aus Ungarn nach Österreich einströmenden ungarischen Flüchtlinge aufzunehmen.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß es für die Vereinigten
Staaten nicht klug wäre, sich an einen festen Prozentsatz öder an eine
feste Zahl zu binden.
Unsere Politik sollte es sein, gemeinsam mit anderen Nationen der
freien Welt den der kommunistischen Gewaltherrschaft entronnenen Flüchtlingen ohne zahlenmäßige Einschränkung Aufnahme zu gewähren.
Im Rahmen der Maßnahmen, die wir in Erfüllung unserer traditionellen Mission, Opfern der Gewaltherrschaft eine Zufluchtsstätte zu geben,
treffen werden, sollten wir keine Höchstgrenze festsetzen. Infolge der
unklaren Lage in Ungarn ist es uns überdies gar nicht möglich, genaue
Angaben darüber zu machen, in welcher Höhe eine solche Zahl festzusetzen
sei.
Es wäre auch unrealistisch, wenn wir uns auf einen bestimmten Prozentsatz bei der Aufnahme der Flüchtlinge festlegen würden. Die Verhältnisse innerhalb der verschiedenen Länder, die den Flüchtlingen eine
Heimat bieten, können sich ändern, und unsere Politik muß elastisch
genug sein, um solchen Änderungen Rechnung zu tragen.
Unsere Politik sollte auf folgenden Grundsätzen fußen*
1) Sämtliche freien Nationen sollten sich im Rahmen der ihnen zu
Gebote stehenden Möglichkeiten in die Verantwortung teilen, die Flüchtlinge wieder anzusiedeln. Die Regierung der Vereinigten Staaten sollte
sich sowohl über die Vereinten Nationen wie über die normalen diplomatischen Beziehungen bemühen, dieses Ziel verwirklichen zu helfen. Im
Hinblick auf dieses Ziel sollten das amerikanis che Flüchtlingshilfsprogramm, der Zwischenstaatliche Ausschuß für die Auswanderung aus
Europa (iCEM) und der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für das
Flüchtlingswesen, die sich alle in der einen oder anderen Phase mit der
Umsiedlung von Flüchtlingen befassen, von uns unterstützt werden.
2) Bis zum Erlaß entsprechender Gesetze durch den Kongreß sollte
die Aufnahme von Ungarn in die Vereinigten Staaten weiterhin gemäß
den gegenwärtig in Kraft befindlichen Sondergenehmigungen erfolgen.
Die Mehrzahl dieser Aufnahmegenehmigungen müßten auch in Zukunft
solche Ungarn erhalten, die sich gegenwärtig in Österreich aufhalten,
um so den Druck von diesem Land etwas zu nehmen. Ein Teil der Genehmigungen jedoch sollte den Ungarn vorbehalten sein, die in westeuropäischen Ländern außerhalb Österreichs vorübergehend Asyl gefunden
haben, aber von vornherein überzeugt waren, schließlich die Einreise
nach den Vereinigten Staaten zu erhalten. Bei dieser letztgenannten
Gruppe sollten au* gegenwärtigen Zeitpunkt vor allem diejenigen bevorzugt behandelt werden, die Verwandte in den Vereinigten Staaten besitzen; mit diesem Ziel vor Augen sollten nun die Anträge von Flücht-

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�&gt;

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Flüchtlingen aus Ländern außerhalb Österreichs bearbeitet werden. Die
diplomatischen Vertreter der USA in Staaten, die Ungarnflüchtlingen
gegenwärtig Asyl gewähren, sollten wo immer möglich Abmachungen treffen,
denen zufolge an die Stelle derjenigen Flüchtlinge, die aus diesen
Ländern von den Vereinigten Staaten zur 'Viederansiedlung übernommen
werden, solche aus Österreich nachrücken können.
J&gt;) Dem Kongreß sollte zur sofortigen Beratung eine Abänderung des
Einwanderungs- und Naturalisierungsgesetzes (Immigration and Nationality
Act) vorgelegt werden, die
a) den Status der Ungarnflüchtlinge regelt, die auf Grund der Ausnahmegenehmigungen in die Vereinigten Staaten kamen, und die vorsieht,
daß
b) unter großzügiger Auslegung der Gesetze einer zusätzlichen Zahl
von Ungarn sowie von anderen vor der kommunistischen Verfolgung geflohenen Personen die Einwanderung durch die Ausgabe von Visa, die nicht
unter die Einwanderungsquoten fallen, im Rahmen eines jährlichen Höchstsatzes gestattet wird.
Derartige Bestimmungen sollten auch Flüchtlinge berücksichtigen,
die vor Oktober 1956 Ungarn verlassen haben, sowie solche Personen aus
anderen osteuropäischen Ländern, die eine Bevorzugung verdienen, jedoch
wegen des Ablaufs des Flüchtlingsprogramms und des Fehlens entsprechender
anderer gesetzlicher Bestimmungen für eine Einwanderung noch keine neue
Heimat in den Vereinigten Staaten finden konnten.
c) Ich befürworte dringend die Verabschiedung der vom Präsidenten
dem 84. Kongreß vorgeschlagenen Änderungen zum Einwanderungs- und Naturalisierungsgesetz. Solche Änderungen würden unserer Einwanderungspolitik
eine angemessene Elastizität verleihen und unserer Verantwortung der
Welt gegenüber besser Rechnung tragen. Beispielsweise würden Maßnahmen
dieser Art auch die Berücksichtigung von Personen gestatten, die zwar
ebenfalls vor dem Kommunismus geflohen sind, aber aus anderen als aus
osteuropäischen Ländern kommen; zu dieser Gruppe würden auch chinesische
Nationalisten gehören, die vor dem kommunistischen Regime in ihrer Heimat
flüchten müssen.
4.) Man hat behauptet, daß keine Änderung des Gesetzes notwendig
sei und das ganze Problem der Flüchtlinge aus kommunistischen Ländern
in hinreichendem Maße im Rahmen der Sonderbestimmungen des zur Zeit
geltenden Gesetzes behandelt werden könnte. Obwohl durch den Justizminister die Sonderbestimmungen in einer Weise ausgelegt wurden, daß
sie auf die bis jetzt aufgenommenen 15 000 Ungarn angewendet werden
konnten, und obwohl ich der Ansicht bin, daß die Einwanderungsanträge
zusätzlicher ungarischer Flüchtlinge auch weiterhin im Sinne dieser Bestimmungen bearbeitet werden sollten, bis sich der Kongreß mit Abänderungen zum Gesetz befassen kann, sollte der Kongreß doch die Umstände
und die Beschränkungen für die künftige Anwendung dieser Bestimmung genau
darlegen.
Wie

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"AMERIKA DIENST"

9. Januar

1957

Wie der Justizminister erklärte, sollte weder er selbst noch ein
anderer Verwaltungsbeamter unbeschränkte Vollmachten besitzen, um
Ausländern auf Grund von Ausnahmebestimmungen die Einwanderung in die
Vereinigten Staaten zu ermöglichen. Es liegt auf der Hand, daß solche
Befugnisse, wenn sie willkürlich angewandt werden, zu einer völligen
Umgehung des Einwanderungsgesetzes nach seinem eigentlichen Sinn und
Zweck führen können.
Wirtschaftliche Unterstützung durch die Vereinigten Staaten
Die Beiträge unserer Regierung zur Betreuung und zum Unterhalt
der ungarischen Flüchtlinge wurden zum Teil über die Vereinten Nationen
geleitet. Wir sollten uns auch weiterhin gemeinsam mit den übrigen freien
Nationen an der Hilfsaktion beteiligen, um eine möglichst wirksame
Kombination unserer Hilfsquellen zu gewährleisten. Doch wird es außerdem auch nötig sein, mit der österreichischen Regierung und den Hilfsorganisationen unmittelbar über die verschiedenen Maßnahmen zu verhandeln, so insbesondere über alle diejenigen, die eine Belastung der
österreichischen Wirtschaft darstellen.
Hinsichtlich einer etwaigen wirtschaftlichen Unterstützung an
Österreich muß darauf hingewiesen werden, daß die der österreichischen
Regierung bisher erwachsenen Kosten ganz beträchtlich sind. Österreich
ist ein verhältnismäßig kleines Land mit nur rund sieben Millionen
Einwohnern. Es herrscht dort Wohnungsnot. Sein wirtschaftlicher Wiederaufbau, so bemerkenswert er auch ist, war durch die lange Besetzung
des Landes, die erst 1955 endete, erheblich behindert. Der Staatshaushalt ist bereits reichlich belastet. Schon ehe dieser neue Flüchtlingsstrom aus Ungarn einsetzte, unterhielt Österreich ein umfassendes
Flüchtlingshilfeprogramm, und die hierfür zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten waren zum größten Teil überfüllt. Die Beköstigung eines
einzigem Flüchtlings kostet ungefähr einen Dollar täglich; daneben müssen beträchtliche Summen für die Verbesserung oder Renovierung der vorhandenen Unterkünfte und anderer Baulichkeiten, für Transporte, Einrichtungsgegenstände, ärztliche Betreuung und ähnliches aufgebracht
werden .
Die Flüchtlinge besitzen nichts außer dem, was sie auf dem Leibe
tragen, und sie müssen zunächst mit Kleidungsstücken und den lebensnotwendigsten Dingen versorgt werden. Obgleich die karitativen Organisationen, vor allem das Rote Kreuz, reichlich Geldmittel zur Verfügung
gestellt haben und noch viel mehr von ihnen zu erwarten ist, bleibt
doch die Tatsache bestehen, daß die gesamte restliche finanzielle
Last von der österreichischen Regierung zu tragen ist. Dies macht nun
wieder die Hilfe anderer Regierungen, einschließlich unserer eigenen,
dringend erforderlich.
Die Liga der Rot-Kreuz-Gesellschaften, der auch das Amerikanische
Rote Kreuz angehört, hat die Verantwortung für die Betreuung und den
Unterhalt von 35 000 Flüchtlingen in den großen Lagern in Österreich
übernommen. Die Gelder, die wir den Vereinten Nationen überwiesen

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9. Januar

1957

überwiesen haben (fünf Millionen Dollar), wurden der österreichischen
Regierung und der Rot-Kreuz-Liga entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen zugeteilt. Doch "braucht die Rot-Kreuz-Liga weitere finanzielle
Unterstützung durch die Vereinten Nationen, die ihr unbedingt gegeben
werden sollte.
Weiter wird empfohlen, daß die in Präge kommenden amerikanischen
Regierungsstellen sich über die bestmögliche Verwendung überschüssiger
landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowohl für die Ernährung der Flüchtlinge als auch zur Ansammlung von Gegenwertmitteln informieren; aus
letztwen könnten teilweise die erforderlichen Barmittel für die Flüchtlingshilfe aufgebracht werden.
Die von unserer Regierung zur Verfügung gestellten Bargeldmittel
wurden bisher zum größten Teil dem gemäß Paragraph 401 des Gesetzes über
die gemeinsame Sicherheit bereitgestellten Sonderfonds für Dringlichkeitsfälle entnommen. Nach den derzeitigen Schätzungen werden die zur
Zeit bewilligten Mittel ausreichen, um die im Rahmen des Ungarn-Hilfsprogramms in diesem Haushaltsjahr voraussichtlich entstehenden Kosten
bis zum 1. Juli 1957 zu decken.
Die freiwilligen Hilfsorganisationen der Vereinigten Staaten werden womöglich im gleichen Zeitraum in beschränktem Umfange eine finanzielle Unterstützung seitens der Regierung benötigen, um ihre Aufgaben
im Rahmen des Ansiedlungsprogramms für ungarische Flüchtlinge erfüllen
zu können. Unter gewöhnlichen Umständen wäre eine solche Unterstützung
nicht erforderlich; aber der plötzliche Zustrom ungarischer Flüchtlinge
stellt an manche dieser Organisationen besonders hohe finanzielle Anforderungen, denen sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden freiwilligen
Spenden nicht gerecht zu werden vermögen. Wo die freiwilligen Spenden
nicht ausreichen, bleibt kein anderer Weg, als diese Organisationen aus
staatlichen Mitteln zu unterstützen.
Die Koordinierung der Tätigkeit der freiwilligen Hilfsorganisationen
und der mit der Ansiedlung der Flüchtlinge befaßten Bundesdienststellen
sollte auch weiterhin Aufgabe des Ungarnhilfsausschusses des Präsidenten
bleiben. Dieser Ausschuß, der unter der bewährten Leitung von Mr. Tracy
Voorhees steht, hat hier bereits Hervorragendes geleistet.
Allgemeine Bemerkungen
In diesem Bericht sollen nicht alle Aspekte des Flüchtlingsproblems
behandelt werden. Ein ausführlicher Bericht wurde dem Präsidenten bereits mündlich vorgetragen, und weitere Unterlagen über die wirtschaftliche Hilfe werden von Mr. Hollister noch vorgelegt werden. Nach sorgfältiger Überprüfung der Maßnahmen zur Weiterleitung, der Flüchtlinge
vom Auffanglager Camp Kilmer bin ich überzeugt, daß die amerikanische
Wirtschaft die in den Vereinigten Staaten aufgenommenen ungarischen
Flüchtlinge ohne Frage leicht unterzubringen vermag, so daß diese für
sie sogar einen Gewinn darstellen.
Der

�"AMERIKA DIENST"

9. Januar

1957

Der Vollständigkeit halber darf die Arbeit der freiwilligen Hilfsorganisationen, die ein leuchtendes Beispiel privater Hilfsbereitschaft
nach bester amerikanischer Tradition gegeben haben, nicht unerwähnt
bleiben. Sie waren sofort zur Stelle, als der Flüchtlingsstrom aus
Ungarn einsetzte. Sie sorgten in den ersten chaotischen Tagen für
Essen und Kleidung und kümmerten sich um die Flüchtlinge. Sie sorgen
für die V/eiterleitung dieser Menschen von Österreich aus nach anderen
Ländern, und wir erwarten von diesen Organisationen außerdem, daß sie
die Flüchtlinge aus Ungarn und anderen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, die nach den Vereinigten Staaten und anderen Ländern gehen,
glücklich in ihrer neuen Heimat unterbringen. Sie haben daher ein
Recht auf eine laufende und großzügige finanzielle Unterstützung des
gesamten amerikanischen Volkes.
Ebenso möchte ich den Beamten der amerikanischen Regierungsstellen
meinen Dank aussprechen, die in den vergangenen zwei Monaten so bereitwillig und tatkräftig im Rahmen der Flüchtlingshilfe gearbeitet haben.
Der amerikanische Botschafter in Österreich und seine Mitarbeiter,
die Angestellten des Bundesamtes für Einwanderungs- und Naturalisierungsfragen, des öffentlichen Gesundheitsdienstes und des Arbeitsministeriums sie alle haben in diesen Wochen Ausgezeichnetes geleistet. Auch die USStreitkräfte haben mit der Einrichtung und Durchführung der Luft- und
Seebrücke einen Beitrag geleistet, der mit der Tradition der Waffengattungen in bestem Einklang steht. Nirgends habe ich ein so eindrucksvolles Beispiel für die großzügige Hilfsbereitschaft Amerikas gesehen
als in der Arbeit der Frauen unserer Soldaten, die an den verschiedenen
Stationen, die die Flüchtlinge auf ihrem Wege nach den Vereinigten
Staaten passieren mußten, alles getan haben, um sie mit besonderer Sorgfalt zu betreuen.
Auch die von den Frauen der amerikanischen Regierungsstellen in
Wien eingerichtete Suppenküche, in der täglich 3000 bis 4000 Flüchtlinge beköstigt werden, ist ein schönes Beispiel tätiger Nächstenliebe.
Dies sind nur einige Beispiele für die Hilfsaktionen an den verschiedenen Stellen, wo amerikanische Angestellte und Angehörige der USStreitkräfte mit Aufgaben im Rahmen der Flüchtlingshilfe betraut wurden.
Abschließend möchte ich noch mit besonderem Nachdruck (darauf
hinweisen, daß wir in unserer notwendigen und verständlichen Sorge um
die Lösung des unmittelbaren Problems, nämlich der Linderung der
Flüchtlingsnot, nicht die historische Bedeutung dieser Massenauswanderung aus einer Welt der Sklaverei in die Welt der Freiheit übersehen dürfen. Die kommunistische Führung glaubte, eine neue Ordnung
in Ungarn zu errichten. Statt dessen hat sie lediglich dem völligen
Versagen des internationalen Kommunismus ein Monument gesetzt, das für
immer in der-Geschichte erhalten bleiben wird. Und die Menschen in
und außerhalb Ungarns, die den Mut besaßen, durch ihre Taten diese
Ideologie in ihrer ganzen Schändlichkeit bloßzustellen, verdienen alle
Dankbarkeit und Hilfe, die wir Menschen der freien Welt ihnen heute
von Herzen gerne gewähren.
* * * * *

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�In der gegenwärtigen Wtlt wird die anwachsende und verständlicheff«11« des Nationalismus durch weitverbreitete Aufstände und
Revolten gegen die Tyrannei, die Ungerechtigkeit, die Ungleichheit
und die Armut gekennzeichnet. Als Einzelpersonen, denen die Sehnsucht nach Freiheit gemeinsam ist, stellen Männer, Frauen und sogar
Kinder Kanonen und Panzern ihren Geist entgegen. Auf breiterer
Basis lösen die Völker in einem vielleicht noch hartnäckigeren
Streben nach der von echter Souveränität und der für die nationale
Unabhängigkeit notwendigen wirtschaftlichen Grundlage ausgehenden
Selbstachtung ihre alten Bande, suchen neue Bündnisse und experimentieren in ihrem Kampfe - manchmal in gefährlicher Weise -, um
dieses menschliche Trachten zu erfüllen.
Diese Tendenz hat besonders im letzten Jahr die Haltung und
Einstellung von Millionen von Menschen verändert. Die bereits verwirklichten Änderungen lassen eine V/elt erahnen, die durch den
Geist der Freiheit verwandelt ist. Dies ist keine ferne und fromme
Hoffnung.' Die gegenwärtig in den Seelen und Herzen der Menschen

�AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

Menschen arbeitenden Kräfte werden in vielen Jahren nicht aufgezehrt sein. Im großen und ganzen sind die nationalen Gefühle, wie
sie sich heute manifestieren, in ihrem geistigen Fundament ein
Spiegelbild des Freiheitskampfes unserer Vorväter.
Unsere Republik kann sich von diesen Ereignissen nicht distanzieren, die von einer neuen Ära der Menschheitsgeschichte künden.
Unser feierlich verpfändetes '"'ort, unser vernünftiges Eigeninteresse, unser Charakter als Kation legen uns in der Außenpolitik
eine hohe Verpflichtung auf: Die Rolle einer energischen Führung,
einer immer einsatzbereiten Stärke, eines wohlwollenden Verständnisses .
Bei der Eröffnung des 85.Kongresses beweist die Lage der Nation
erneut die Klugheit und Richtigkeit der Grundsätze, auf denen unser
-taatsgefüge beruht. Niedergelegt in der Verfassung unseres Landes
und in zahlreichen historischen Dokumenten und in religiösen Über- .
Zeugungen demütig wurzelnd, verkünden diese Prinzipien:
eine wache Sorge um die menschliche Freiheit; ein kluges SichKümmern um das menschliche Wohlergehen; ein unermüdliches Streben
nach Forderung des menschlichen Fortschritts.
Unsere Treue diesen Grundsätzen gegenüber hat uns in unseren
Beziehungen zu den anderen Völkern neue Freundschaft gebracht und
damit unsere Chance vergrößert, der Völkerfamilie unsere Dienste angedeihen zu lassen. Der von diesen Grundsätzen ausgehende Ruf richtet
sich 8n alle, und läßt in den Herzen aller Menschen eine leuchtende
Flamme auflodern. Wir werden diese Grundsätze weiterhin aufrechterhalten gegen diejenigen, die sie negieren - und in gemeinsamem Rat
mit unseren Freunden.
In unserem eigenen Lande hat die Anwendung dieser Grundsätze
auf die verzweigten Probleme unseres staatlichen Lebens uns zu
einer einmaligen Höhe wirtschaftlichen Wohlstandes gebracht und
den unvergänglichen Werten des menschlichen Geistes und Herzens
exemplarisch in unserer amerikanischen Lebensform Ausdruck
verliehen.
Während der vergangenen vier Jahre haben diese Grundsätze das
Gesetzgebungsprogramm geleitet, das dem Kongreß von der Regierung
unterbreitet worden ist. Bei dem Versuch, diese Prinzipien auf die
gegenwärtigen Verhältnisse sowohl in innen- als auch in außenpolitischer Hinsicht anzuwenden, müssen wir das vielfältige Ganze in
Rechnung stellen, das die Vereinigten Staaten von Amerika bilden,
sowie berücksichtigen, was dieses Ganze gefährdet und was es stärker
machen kann.
Die sichtbare Struktur dieses Ganzen ist die amerikanische Wirtschaft selbst. Nach mehr als 150 Jahren der konstanten Expansion verfügt diese '.Virtschaft immer noch in reichhaltigem Maße über eine Vielfalt natürlicher Hilfsquellen. Was das fachtechnische Können der Bevölkerung anbetrifft, steht die amerikanische Wirtschaft an erster
Stelle unter den Ländern der Welt. Sie erzeugt weitaus mehr Lebens- 2 -

�AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

Lebensmittel und Industrieprodukte als wir benötigen. Sie gibt all
unseren Bürgern die lohnende Möglichkeit, zu verdienen, ihre Ziele
zu verwirklichen und sich frei zu entfalten. Wir sind reich gesegnet
mit Bildungsstätten sowie mit kulturellen und religiösen Einrichtungen. Unser Wirtschaftssystem ist von unerhörter Dynamik in seiner unbegrenzten Initiative und Bereitschaft, das zu wagen, was ein freies
Unternehmertum charakterisiert. Unsere Wirtschaft bringt einen Wohlstand hervor, an dem weiteste Kreise Anteil haben.
Unsere Wirtschaft ist stark, sie weitet sich ständig aus und
ist in ihren Fundamenten gesund. Aber bei einer realistischen Bewertung wird selbst der optimistische Analytiker anerkennen, daß in einer
Zeit der Prosperität die Hauptgefahr für ein wirksames Funktionieren
einer freien Unternehmerwirtschaft die Inflation ist. fix blicken auf
vier Jahre der Prosperität zurück,, in denen die Preise, die Lebenshaltungskosten relativ stabil blieben - das heißt, der Inflation wurde
Einhalt geboten. Es ist jedoch klar, daß die Gefahr stets gegenwärtig
ist, besonders wenn die Regierung in ihren Ausgaben verschwenderisch
werden sollte oder private Gruppen alle die möglichen Auswirkungen
ignorieren sollten, die unkluge Kämpfe um unmittelbare Gewinne auf
unsere Wirtschaft haben könnten.
Diese Gefahr erfordert den festen Entschluß, daß die Bundesregierung nur einen vernünftigen Teil der Hilfsquellen der Nation einsetzen
darf, daß sie sich im Rahmen ihrer verfügbaren Mittel bewegen soll,
wobei sie andere Vorschläge, die erneute Ausgaben vorsehen, sorgfältig
gegen die Bedürfnisse abwägen muß.
In den kommenden vier Jahren werde ich weiterhin darauf bestehen,
daß die Ministerien und Regierungsbehörden nach neuen Mitteln und Wegen
Ausschau halten, um Geld und Arbeitskräfte einzusparen. Ich ersuche den
Kongreß, ebenfalls sein Augenmerk auf diese Angelegenheit zu richten.
Wir verpflichten uns feierlich, daß die Regierung weiterhin das
Ihre dazu tun wird, um über die Integrität des Dollars zu wachen. Die
Bemühungen der Regierung allein reichen jedoch nicht aus, um den Feldzug gegen die Inflation zu führen. Die Inflation ist der Dieb, der den
einzelnen des Wertes seiner Renten und sozialen Sicherheit berauben kann,
welche er sich während seines Arbeitsreichen Lebens verdient hat. Um Erfolg zu haben, müssen die Anstrengungen der Regierung mit der Einstellung
und den Maßnahmen des Einzelbürgers Hand in Hand gehen.
Ich habe oft von de"? Ziel dieser Regierung - dem Dienst an dem
nationalen Interesse von 170 Millionen Menschen - gesprochen. Das
nationale Interesse muß über allen temporären Vorteilen stehen, die
von bestimmten Gruppen auf Kosten des ganzen Volkes erlangt werden
könnten.
In diesem Zusammenhang fordere ich von den führenden Vertretern
des Unternehmertums und der Arbeiterschaft, wirklich an ihre Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk zu denken. Zusammen mit allen
anderen Teilen unserer Gesellschaft sind sie der Nation gegenüber zu ständiger Wachsamkeit gegen alle inflationistischen Tendenzen verpflichtet,
die in einer dynamischen Wirtschaft mit einem so hohen Stand wie dem gegenwärtigen stets am Werk sind. Sie können durch ihre Lohn- und Preis-

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Preispolitik mit dazu beitragen, solchen Tendenzen machtvoll entgegenzuwirken oder sie zu verstärken.
Die Wirtschaft sollte in ihrer Preispolitik alle unnötigen Preiserhöhungen vermeiden, besonders zu einem Zeitpunkt wie dem gegenwärtigen, da die Nachfrage auf so vielen Gebieten zu einem starken Brück
auf die knappen Vorräte führt. Ein angemessener Gewinn ist für neue
Investitionen unbedingt notwendig, durch die in einer sich ständig ausweitenden* Wirtschaft mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Aber die
Maßgebenden Männer der 'Wirtschaft müssen im nationalen Interesse eifrig
bedacht sein, solche Preiserhöhungen zu vermeiden, die nur auf Grund
des lebenswichtigen oder ungewöhnlichen Bedarfs des gesamten Landes
möglich wären.
Wenn unsere Wirtschaft gesund bleiben soll, müssen Lohnerhöhungen
und die Verbesserung anderer Zuwendungen an die Arbeitnehmer, wie sie
zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ausgehandelt werden, zu dem
Produktivitätszuwachs in einem angemessenen Verhältnis stehen. Nur
solche Erhöhungen sind von Nutzen, denn sie bringen den Lohnempfängern
eine größere Kaufkraft ein. Mit Ausnahme der Fälle, in denen die Korrektur offensichtlicher Ungerechtigkeiten notwendig ist, sind alle Lohnerhöhungen, die über den Produktivitätszuwachs hinausgehen, inflationär.
Sie führen zu höheren Preisen für die Öffentlichkeit im allgemeinen und
zu besonderen Härten für diejenigen, deren Wohlergehen von der Kaufkraft
ihrer Pensionen und Ersparnisse abhängig ist. Lohnverhandlungen sollten
auch dem Recht der Öffentlichkeit im allgemeinen Rechnung tragen, an
den Segnungen der technischen Errungenschaften teilzuhaben.
Die Freiheit ist als die Gelegenheit zur Selbstdisziplin definiert
worden. Liese Definition ist in einer freien Wirtschaft im besonderen
auf die Gebiete der Lohn- und Preispolitik anzuwenden. Sollten wir ständig dabei versagen, Selbstdisziplin zu halten, so würde schließlich auf
die Regierung ein wachsender Druck ausgeübt werden, diesen Fehler auszu=
gleichen. Dadurch würde aber die Freiheit Schritt für Schritt verschwinden. Keinem Punkt auf dem Gebiet der Innenpolitik sollte die Besorgnis d
Freunde der arbeitenden amerikanischen Männer und Frauen und der freien
Wirtschaftsunternehmen mehr gelten als den Kräften, die zu einer ständigen Minderung des Wertes unseres Geldes zu führen drohen.
Was die Entwicklungen auf einem anderen entscheidend wichtigen
Sektor unserer Wirtschaft anbetrifft, nämlich der Landwirtschaft, so
bin ich dankbar, daß dem seit langem anhaltenden Rückgang fie* landwirtschaftlichen Einkommen Einhalt geboten worden ist und daß eine
weitere Verbesserung in Aussicht steht. Lies ist ein ermutigender
Fortschritt. Drei von uns entwickelte Maßnahmen - der stärkere Absatz
überschüssiger Agrarerzeugnisse, die verbesserten Preisstützungsgesetze
sowie die Bodenbank - tragen zum Abbau der auf die Preise drückenden
Regierungsbestände an Agrarprodukten bei. Unsere Fürsorge für das Wohlergehen unserer Farmerfamilien erfordert es, daß wir ständig nach neuen
Wegen suchen, wie diese in stärkerem Maße an unserer noch nie zuvor dagewesenen Prosperität teilhaben können. Gesetzesempfehlungen auf dem
Gebiet der Landwirtschaft werden in der Haushaltsbotschaft enthalten
sein .
Unsere natürlichen Hilfsquellen, wie landwirtschaftliche Nutzflächen, Wasserkräfte, Mineralvorkommen, der Wald- und Wildbestand und

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�'1AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

und das Fischereiwesen werden erhalten und in wirksamerer Weise verbessert. Die Erhaltung und Weiterentwicklung dieser Hilfsquellen ist
für die derzeitige und künftige Stärke der Nation von entscheidender
Bedeutung. Dies aber darf nicht nur eine der Bundesregierung obliegende
Aufgabe sein, sondern auch die Einzelstaaten und kommaer sollten ermutigt werden, an derartigen Projekten teilzunehmen.
Ich möchte vor allem die Programme für eine optimale Nutzung
der Wasserreserven erwähnen, die sich rasch zu unserer wertvollsten
natürlichen Hilfsquelle entwickeln und die - wenn sie vernachlässigt
werden - genauso rasch zu einem Zerstörer sowohl des Lebens wie des
Wohlstands werden können. Ein umfassender Bericht über die Wasserreserven, in dem alle Phasen dieses speziellen Problems Berücksichtigung
finden, ist von einem Kabinettsausschuß zusammengestellt und veröffentlicht worden.
Im Lichte dieses Berichtes gibt es meiner Meinung nach zwei Punkte,
die wir ständig im Auge behalten sollten. Der erste ist, daß jedes unserer großen Stromtäler als Ganzes betrachtet werden muß. Einzelmaßnahmen, die sich in dem engen Rahmen eines Kanalisationsgebietes von
geringerer Größenordnung bewegen, können zum Scheitern verurteilt sein
oder sich zumindest als unnötig kostspielig erweisen. Der zweite ist,
daß der inländische und industrielle Wasserbedarf bei weitem schneller
ansteigt als unsere Bevölkerung.
Das gesamte Problem besteht darin, wie man jeden Wassertropfen von
dem Augenblick an, wo er unseren Boden berührt bis er den Ozean erreicht,
am besten ausnutzt; solche Zwecke der Bewässerung, der Flußregulierung,
der Energieerzeugung sowie des inländischen und industriellen Bedarfs
machen die engste und umfassendste Zusammenarbeit und Partnerschaft
zwischen den Kommunen, Bundesstaaten und der Bundesregierung erforderlich. Durch die Mitarbeit der Behörden des Bundes der Staaten und
Gemeinden an diesen gewaltigen Vorhaben können wir eine sparsame und
wirkungsvolle Entwicklungsarbeit leisten, die sich aus einem wachen
Sinn für kommunales Verantwortungsgefühl ergibt.
Solange nicht eine ordentliche und vernünftige Basis für eine
solche Partnerschaft geschaffen ist, wobei Zuständigkeit, Verantwortung und Kosten geteilt werden, wird unser Lind weder einen vollen
produktiven Nutzen aus den Wasserkräften ziehen können, wie dies
offensichtlich notwendig ist, noch vor verheerenden Überschwemmungen
sicher sein.
Wenn wir hier versagen, können die zahlreichen Aufgaben, die in
Amerika getan werden müssen, nur unter großen zusätzlichen Kosten,
unter dem Wachsen einer erdrückenden Bürokratie und unter Umständen
unter einem gefährlichen Maß zentraler Kontrollen über unser nationales
Leben durchgeführt werden.
In allen innerpolitischen Fragen, so glaube ich, wird das amerikanische Volk von uns wirksame Maßnahmen erwarten, um vergangene Fehler
in entscheidend wichtigen Fragen wieder gut zu machen.
Das Gesetz über den Schulbau sollte mit Vorrang behandelt werden.
Es kommt den Kindern aller Rassen überall in den USA zugute - und die
Kinder aller Rassen benötigen diese Schulräume jetzt. Das Bauprogramm,

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�"AMERIKA LIEBST"

16. Januar 1957

Bauprogramm, das der großen Schulraumnot abhelfen soll, sollte ohne
Verzögerung verwirklicht werden. Ich hoffe, daß dieses Programm um
seiner selbst willen durchgeführt werddn kann und nicht durch Bestimmungen kompliziert wird, die sich mit den komplexen Problemen der
Integration befassen. Ich fordere daher die Bevölkerung in allen Teilen
des Landes auf, an diese Probleme mit Ruhe und Vernunft heranzugehen,
mit gegenseitigem Verständnis und gutem Willen sowie in der amerikanischen Tradition der tiefen Achtung vor dem ordnungsmäßigen Prozeß von
Recht und Gerechtigkeit.
Ich darf an dieser Stelle darauf hinweisen, daß wir guten Grund
haben, auf den Fortschritt stolz zu sein, den die amerikanische Bevölkerung im Hinblick auf ein gegenseitiges Verstehen - die Hauptstütze der Menschen- und Bürgerrechte - macht. Wir nähern uns beständig dem Ziel einer gerechten und gleichen Behandlung aller Bürger ohne Rücksicht auf Rasse oder Hautfarbe. Leider muß in dieser
Hinsicht jedoch noch vieles getan werden.
Die Regierung hat dem Kongreß im vergangenen Jahr ein Vierpunkteprogramm zur Stärkung der Bürgerrechte unterbreitet. Dieses Programm
sah vor:
Erstens: Die'.Bildung einer überparteilichen Kommission, die
engebliche Verstöße gegen die Bürgerrechte untersuchen und entsprechende Empfehlungen unterbreiten soll.
Zweitens: Die Bildung einer Abteilung für Bürgerrechte im
Justizministerium unter der Leitung eines Staatssekretärs.
Drittens: Die Verabschiedung von neuen Gesetzen durch den
Kongreß, die zur Sicherung der Ausübung des Stimmrechts beitragen
sollen.
Und viertens: Eine Änderung der Gesetze, die es der Bundesregierung gestattet, bei den zivilen Gerichtshöfen um eine vorbeugende Rechtshilfe in Bürgerrechtsfällen nachzusuchen.
Ich fordere den Kongreß dringend auf, diese Gesetzgebung zu
verabschieden.
Wichtig für das von uns angestrebte stabile Wachstum unserer
Wirtschaft ist ein System von änpassungs- und leistungsfähigen finanzinstituten. Meiner Ansicht nach ist der Zeitpunkt gekommen, auf
nationaler Basis eine umfassende Untersuchung über die Art, Leistung
und Zulänglichkeit unseres Finanzsystems durchzuführen, wobei sowohl
seine dienende Leitfunktion für die Gesamtwirtschaft als auch seine
Funktion als derjenige Mechanismus untersucht werden soll, durch den
die Geld- und Kreditpolitik verwirklicht wird. Ich glaube, der Kongreß sollte seine Ermächtigung für die Bildung einer Kommission von
befähigten und qualifizierten Bürgern erteilen, um diese lebenswichtige
Aufgabe durchzuführen. Auf Grund ihrer Untersuchungsergebnisse und
Empfehlungen würde die Regierung entsprechende gesetzgeberische Vorschläge ausarbeiten, die zur Verbesserung unseres Finanzierungsapparates vielleicht erforderlich sein könnten und würde diese dann dem
Kongreß unterbreiten.
Es_

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"AMERIKA DIENST"

Januar 1957

Es erscheint mir nicht notwendig, in dieser Botschaft die unsere
innenpolitischen Angelegenheiten betreffenden Empfehlungen zu wiederholen, die dem Kongreß während der vergangenen vier Jahre zugeleitet
wurden, die aber in einigen Fällen nicht das Stadium einer vollkommen
zufriedenstellenden Gesetzgebung erreichten.
Die Regierung wird in künftigen Botschaften - entweder durch mich
direkt oder die Leiter der Ministerien und einzelnen Behörden - dem
Kongreß Empfehlungen über unsere finanziellen und fiskalischen Angelegenheiten, unsere militärische und zivile Verteidigung, die Justiz, unsere
Landwirtschaft, den Binnen- und Außenhandel, die dringend notwendige
Erhöhung unserer Postgebühren, die Entwicklung unserer natürlichen
Hilfsquellen, unsere Arbeitsgesetzgebung einschließlich der Gesetzgebung über die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern und die wichtigen Fragen des Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesens unserer
Nation vorlegen. Weiterhin werden besondere Empfehlungen über Fragen
wie die der Atomenergie, der Förderung der öffentlichen Arbeiten und
der Fortführung der Bemühungen um Ausschaltung jeder Konkurrenz der
Regierung mit der Erwerbstätigkeit der steuerzahlenden Bürger unterbreitet werden.
Eine Reihe von gesetzgeberischen Empfehlungen wird im einzelnen
in meiner bevorstehenden Haushaltsbotschaft Erwähnung finden, die
Ihnen binnen einer Woche zugehen wird. In dieser Botschaft wird auch
die Bereitstellung der für die Durchführung der vorgeschlagenen Maßnahmen notwendigen Finanzmittel empfohlen werden.
Die Existenz einer Waffenstarken imperialistischen Diktatur
stellt für die Sicherheit und den Frieden der freien Welt und damit
für die Sicherheit und den Frieden unserer eigenen Nation eine ständige Bedrohung dar. Man muß sich in diesem Zusammenhang gewisse Wahrheiten vergegenwärtigen.
Erstens, ein isoliertes Amerika kann allein und auf sich gestellt
nicht einmal seine eigene Sicherheit gewährleisten. Uns muß die Fähigkeit und Entschlossenheit der Nationen, die sich als zuverlässige Verteidiger der Freiheit erwiesen haben, zur Seite stehen. Sich von ihnen
zu isolieren, heißt einen Krieg herauszufordern. Unsere Sicherheit
wird außerdem durch das nicht meßbare Interesse vergrößert, das uns
mit all den Völkern verbindet, die daran glauben, daß der Friede in
Gerechtigkeit erhalten werden muß und daß Aggressionskriege Verbrechen
gegen die Menschlichkeit sind.
Eine weitere Wahrheit besteht darin, daß unser nationales Sein
oder Nichtsein in der heutigen Welt von einer modernen, ausreichenden
und verläßlichen militärischen Macht abhängt. Unsere Nation hat weitreichende Schritte unternommen, um eine moderne Verteidigung sicherzustellen, die so mit neuen Waffen ausgestattet, so eingesetzt und ausgerüstet ist, daß unsere Sicherheitsstreitmacht heute die mächtigste
darstellt, über die wir je in Friedenszeiten verfügt haben. Sie kann
Jeden Gegner, der uns anzugreifen wagt, schwer bestrafen. Sie stellt
eine wesentliche Abschreckung vor einem Krieg dar.
•
Durch unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten entstehen ständig
bessere Waffen - von denen einige eine erstaunliche Wirkung aufweisen.
Diese

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�•AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

Diese lebenswichtigen Bemühungen werden wir fortsetzen. Wir dürfen
uns aber nicht der Selbsttäuschung hingeben, daß sich die Sicherheit
notwendigerweise verstärkt, wenn sich die Ausgaben für militärische
Forschungszwecke oder die Streitkräfte erhöhen. Ja, wenn über einen
gewissen vernünftigen und vertretbaren Rahmen hinaus - der sich ständig
ändert und laufend geprüft wird - Geld für Waffen ausgegeben wird, dann
kann der Fall eintreten, daß dieses Geld für totes Metall oder auf Grund
überhöhter Preise vergeudet und dadurch die Sicherheit und Stärke, die
wir anstreben, gerade geschwächt wird.
Die nationale Sicherheit erfordert weitaus mehr als lediglich
militärische Stärke. Wirtschaftliche und moralische Faktoren spielen
hier eine unerläßliche Rolle. Jedes Programm, das unsere Wirtschaft
gefährdet, kann uns eine Niederlage bereiten. Jede Schwächung des
Willens und der Entschlossenheit unserer Nation, jede Verminderung
der Kraft und Initiative unserer einzelnen Bürger würde einen Schlag
gegen des Herz unserer Verteidigung führen.
Die beste militärische Einrichtung, die wir schaffen können, muß
eng mit den Kräften unserer Freunde zusammenarbeiten. Unser System regionaler Pakte, das im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen entwickelt
wurde, dient gleichzeitig der Erhöhung unserer eigenen Sicherheit und
der Sicherheit der anderen Nationen iDieses System ist erst in jüngster Zeit in unserem '.Veitbild aufgetaucht. Es bringt zahlreiche und schwierige Probleme mit sich, da es
die Gleichheit zwischen seinen Mitgliedern fordert und einige Nationen
zueinander in Beziehungen bringt, die traditionelle Gegner waren. In
den vergangenen Moneten ist immer wieder der Zusammenbruch dieser regionalen Bündnisse vorausgesagt worden, In der Tat waren sie zeitweise
schweren Beanspruchungen unterworfen. Aber trotzdem haben sich unsere
regionalen Bündnisse als dauerhaft und stark und die düsteren Prognosen
in bezug auf ihre Auflösung als völlig falsch erwiesen.
Im Bunde mit anderen freien Nationen sollten wir mit Nachdruck
Maßnahmen treffen, die die gemeinsame Stärke, die gemeinsame Prosperität und das gemeinsame Wohlergehen innerhalb der freien Welt fördern
werden. Stärke ist zwangsläufig das Produkt einer gesunden Wirtschaft
und sozialen Wohlstandes. Infolgedessen müssen wir, auch während wir
unsere militärischen Hilfsprogramme fortführen, unsere Freunde beim
Aufbau noch produktiverer Volkswirtschaften und bei Maßnahmen, die die
natürlichen Forderungen ihrer Bevölkerung nach Fortschritt besser zufrieden stellen, tatkräftig unterstützen. Dabei werden wir auf dem
Wege zu einer friedlichen Welt ein großes Stück vorankommen.
Ein auf vernünftigen Prinzipien beruhendes und gesichertes Abkommen
der Offenen Himmel, unbewaffnete Luftpatrouillenflüge und eine verminderte Rüstung würden einen wertvollen Beitrag zu einem dauerhaften Frieden in den vor uns liegenden Jahren leisten. Wir haben in unseren auf die
Erreichung eines solchen Abkommens hinzielenden Bemühungen nicht nachgelassen. Wir sind bereit, weitere Vorschläge vor den Vereinten Nationen
zu unterbreiten. Wir sind gewillt, jedes verläßliche Abkommen einzugehen, das die Tendenz zur Entwicklung immer verheerenderer Kernwaffen
umkehrt, das gegenseitigen Schutz gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffes bietet, die Entwicklung von künstlichen Erdtrabanten
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�"AMERIKA TIEFST"

16. Januar 1957

Erdtrabanten und Raumraketen unter gemeinsame Kontrolle bringt, eine
Herabsetzung der Rüstung und der Stärke der Streitkräfte ermöglicht
und damit die Last der militärischen Ausgaben vermindert. Unsere andauernden Verhandlungen auf diesem Gebiet bilden einen wesentlichen
Bestandteil unseres Strebens nach Frieden und Vertrauen in diesem
Zeitalter des Atoms.
Dieses Streben setzt ebenso eine konstruktive Einstellung aller
Nationen der freien Veit gegenüber einer Ausweitung von Handel und
Investitionen voraus, die uns allen die Gelegenheit bietet, auf eine
wirtschaftliche Besserung hinzuarbeiten.
^in unerläßlicher Schritt auf diesem Gebiet ist die Schaffung
einer Verwaltungsorganisation, die eine ordnungsgemäße und reibungslose Durchführung der bestehenden Vereinbarungen gewährleistet, auf
Grund deren der multilaterale Handel gegenwärtig abgewickelt wird.
Aus diesem Grunde ersuche ich um eine Ermächtigung des Kongresses,
damit die Vereinigten Staaten der vorgeschlagenen Organisation für
eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Handels (OTC) beitreten können eine Maßnahme, die eine Beseitigung der Diskriminierungen unseres
Exporthandels beschleunigen würde.
Wir begrüßen die Bemühungen einer Anzahl unserer europäischen
Freunde, eine integrierte Gemeinschaft für die Schaffung eines gemeinsamen Marktes zu erreichen i Wir begrüßen in gleicher Weise ihre
Bemühungen um eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Atomenergie.
Um erneut unser unwandelbares Ziel zu demonstrieren, das Atom zu
einem friedlichen Diener der Menschheit zu machen, werde ich den Kongreß
in Kürze um die Ermächtigung für den Beitritt der USA als Vollmitglied
zu der Internationalen Atomenergiebehörde ersuchen.
Die internationalen Ereignisse haben sowohl die Aufgaben als
auch die Möglichkeiten des US-Informationsamtes (USIA) vergrößert.
Da gerade in den jüngsten Moneten die Stimme des Kommunismus in beträchtlichem Maß an Kraft verloren hat und unsicher geworden ist,
muß sich die Stimme der Wahrheit stärker Gehör verschaffen. Um es
unserem Informationsamt zu ermöglichen, diesen neuen Aufgaben und
Möglichkeiten Rechnung zu tragen, ersuche ich den Kongreß, die Zuwendungen für dieses Programm beträchtlich zu steigern und gesetzgeberische Maßnahmen zur Schaffung einer eigenen Laufbahn für die im
Auslandsdienst tätigen Beamten dieser Behörde zu treffen.
Die jüngsten geschichtlichen Ereignisse in Ungarn gebieten,
daß slle freien Nationen sich ihren Möglichkeiten entsprechend .
an der Aufgabe beteiligen, den Opfern der kommunistischen Verfolgung
Asyl zu gewähren.
Ich ersuche den Kongreß um unverzügliche Verabschiedung eines Gesetzes, das den Status der unter dem Paroleverfahren
nach den Vereinigten Staaten gebrachten Ungarn-Flüchtlinge regelt. Ich
werde in Kürze in einer Sonderbotschaft an den Kongreß Abänderungen
unserer Einwanderungsgesetze vorschlagen, die ich angesichts unserer
globalen Aufgaben und Verantwortungen für notwendig erachte.
Wir

�AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

'.Vir müssen den für den Frieden zu zahlenden Preis kühn und
furchtlos entrichten; abgesehen von den finanziellen Aufwendungen
gehören dazu Änderungen unserer gewohnten Einstellungen, das Aufgeben alter Vorurteile, ja sogar das Opfer eines gewissen Teils
scheinbaren Et#8»interesses•
Erst vor fünf Tagen habe ich Ihnen gegenüber die ernste Sorge
der Regierung über die Drohung einer sowjetischen Aggression im
Mittleren Osten zum Ausdruck gebracht. Ich habe den Kongreß um die
Ermächtigung ersucht, einen Beitrag für die Abwehr einer solchen
Drohung zu leisten. Ich erkläre erneut, daß diese Angelegenheit von
lebenswichtiger und unmittelbarer Bedeutung für die Sicherheit unserer Nation und der freien Welt sowie die Aufrechterhaltung des
Friedens ist. Durch unsere vorgeschlagenen Programme für den Mittleren
Osten hoffen wir zur Schaffung eines Klimas beizutragen, in dem konstruktive und dauerhafte Lösungen für die grundlegenden Probleme in
jenem Raum gefunden werden können.
Von Zeit zu Zeit werden dem Kongreß Gesuche für weitere gesetzgeberische Maßnahmen auf dem weiten Gebiet der Außenpolitik unterbreitet werden. Alle Gesuche werden das feste Ziel unserer Regierung
zum Ausdruck bringen, einen auf Gerechtigkeit basierenden Frieden anzustreben. Obwohl hierbei in einigen Fällen die Einzelheiten andere
sind, werden die zugrunde liegenden Absichten und Zielsetzungen dieselben bleiben.
Alle von der Regierung auf diesem Gebiet gemachten Vorschläge
gehen von der Einigkeit der freien Welt aus. Diese Einigkeit wird vielleicht nicht unmittelbar offensichtlich sein, sofern wir nicht Glied für
Glied die Kette der Beziehungen prüfen, die uns mit jedem einzelnen Gebiet und mit jedem einzelnen Land verbinden. Auf geistigem Gebiet ist
die freie Welt eins, weil ihre Völker das Recht aller Nationen auf
eine unabhängige Existenz bejahen. Ich habe bereits auf ihre gegenseitige Abhängigkeit in wirtschaftlicher Hinsicht hingewiesen.. Aber
ihre gegenseitige Abhängigkeit voneinander erstreckt sich auch auf
das Gebiet äer Sicherheit.
Zunächst einmal wird wohl kein klar denkender Mensch die absolute
Notwendigkeit in Zweifel stellen, daß unsere amerikanischen Nachbarn
Wohlstand und Sicherheit haben müssen. Ihre Sicherheit und ihr Wohlstand sind untrennbar mit den. unsrigen verbunden. Und wir sind tatsächlich bereits durch feierliche Versprechen mit diesen Nachbarn verbunden.
Kein klar denkender Mensch wird ferner ableugnen, daß Freiheit,
Wohlstand und Sicherheit Westeuropas von entscheidender Bedeutung für
unseren eigenen Wohlstand und unsere eigene Sicherheit sind. Sollten die
Institutionen, das technische Können, das Menschenpotential dieser Völker unter die Herrschaft eines aggressiven Imperialismus geraten, dann
würde diese gewaltsame Änderung im Gleichgewicht der Weltkräfte sowie
im Gefüge des Welthandels nicht völlig durch irgendwelche Maßnahmen
seitens der USA, sei es auf militärischem oder auf wirtschaftlichem
Gebiet, kompensiert werden können.
Aber diese Völker, deren wirtschaftliche Stärke in hohem Maße von
einem freien und unbehinderten Transport des Erdöls aus dem Mittleren
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16. Januar 1957

Mittleren Osten abhängig ist, können nicht blühen, ja ihre Volkswirtschaften würden sogar hart getroffen werden, wenn dieses Gebiet
von einem Gegner kontrolliert würde und der Transport des Erdöls
areinen Entscheidungen unterworfen wäre«
Und weiter im Osten haben asiatische und fernöstliche Völker in
jüngster Zeit die Unabhängige Kontrolle ihrer eigenen Angelegenheiten
wiedergewonnen oder befinden sich gegenwärtig in einem Stadium des Übergangs zu einem souveränen Staat. Ihre potentielle Stärke gibt neue
Gewißheit für Stabilität und Frieden in der Welt, sofern sie sich ihre
Unabhängigkeit erhalten können. Sollten sie die Freiheit verlieren und
von einem Aggressor beherrscht werden, dann würden die weltweiten Auswirkungen die Sicherheit der freien Welt gefährden.
Kurz gesagt, die 'Veit ist so zusammengeschrumpft, daß alle freien
Nationen unsere Nachbarn sind. Ohne Nachbarn, die mitarbeiten, können
die Vereinigten Staaten sich nicht ihre eigene Sicherheit und ihren
eigenen Wohlstand erhalten, weil»
erstens die lebenswichtigen Interessen Amerikas weltweiter
Natur sind und beide Hemisphären sowie jeden Kontinent umfassen;
zweitens wir mit jedem einzelnen Land innerhalb der freien Welt
eine Interessengemeinschaft haben;
Qrittens das gegenseitige Voneinanderabhängen der Interessen eine
angemessene Achtung der Rechte und des Friedens aller Völker voraussetzt.
Diese Grundsätze sind das Motiv für unsere Handlungen innerhalb
der Vereinten Nationen. Dort wollen wir durch unsere Loyalität ihnen
gegenüber und dadurch, daß wir diese in die Praxis umsetzen, voe aller
Welt danach streben, einen Maßstab zu schaffen, an den sich alle halten
können, die die Gerechtigkeit suchen und nach Frieden hungern.
Lassen Sie uns alle hier in unserem eigenen Land, in unserem
Regierungssitz, unseren großen und kleinen Städten und auf den Farmen
Amerikas diese Grundsätze durch persönliches Eintreten und persönliche
Hingabe unterstützen. Auf diese Weise kann jeder von uns an der Schaffung
einer sicheren Weltordnung mitwirken, in der allgemein günstigere Bedingungen für Freiheit und Gerechtigkeit herrschen und wo die jetzt für
Kriegsrüstungen vergeudeten Mittel für das Leben und Gedeihen der gesamten
Menschheit etgesetzt werden können.
Als unsere Vorväter das unsterbliche Dokument ausarbeiteten, das
unsere Unabhängigkeit proklamiert, haben sie den Standpunkt verfochten,
daß jeder einzelne von seinem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen
Rechten ausgestattet worden ist. Werfen wir unsere Blicke auf die Geschichte und auf jenes Datum zurück, so ist es klar, daß unsere Nation
danach gestrebt hat, gemäß dieser Deklaration zu leben, indem sie diese
gegenüber Nationen wie Einzelmenschen anwandte.
Heute weisen wir stolz darauf hin, daß sich die Regierung der
Vereinigten Staaten bei ihren Maßnahmen im In- und Ausland noch immer
diesen- Konzeption verschrieben hat.
-p.
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16. Januar 1957

Das Ziel ist göttlichen Ursprungs, seine Verwirklichung dem
Menschen anheimgestellt.
Unser Land und unsere Regierung haben Fehler, menschliche
Fehler begangen. Sie entsprangen unserem Denken, nicht unserem
Herzen. Und es ist noch immer wahr, daß die große Konzeption von
der Würde aller Menschen, die alle nach dem Bilde des Allmächtigen
geschaffen worden sind, der Kompaß gewesen ist, nach dem wir unseren
Kurs zu steuern suchten und auch heute steuern wollen.
Solange wir uns diesem Kompaß weiter envertrauen, werden wir
in den menschlichen Angelegenheiten bei uns und bei denen,mit denen
wir zusammenarbeiten, wirkliche Fortschritte machen.
Ein noch getreueres Festhalten an diesem Kurs ist, so glaube ich,
unseres Strebens wert, wenn wir in diesen Tagen zur ersten Sitzungsperiode des 85»Kongresses zusammenkommen."

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�nen können darauf vertrauen, daß er sich mit Nachdruck für die
Schaffung eines dauerhaften und gerechten Friedens einsetzen wird.
Er wird auch fortan unserem Lande vorangehen in seinem erneuten
Bemühen, einen ",'eg zu finden, um die Hilfsquellen der Menschheit
mehr für einen Frieden in Yohlstand als für Rüstungen und Streitkraft« einsetzen zu können ; um die Spannungen zu vermindern und
das Vertrauen unter den Völkern durch die Schaffung eines verläßlich kontrollierbaren niedrigen Rüstungsstandes zu heben, und um
die Gefahr eines Kriegsausbruches durch die Ausschaltung der Gefahr einer großen Überraschungsangriffes herabzusetzen.
In seinem kürzlichen Schreiben an Marschall 3ulganin vom
31.Dezember 1956 hat Präsident Eisenhower erneut seine Ansicht
zum Ausdruck gebracht, daß 'die Beratungen im Rahmen der Vereinten
Nationen in dem äußerst komplizierten Abrüstungsproblem soweit gediehen sind, daß ein Schritt vorwärts höchst wahrscheinlich' sei.
Ein
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�"A'^TKA DIENST"

16. Januar 195?

Ein Abkommen ohne eine -virksame Inspektion würde sich sofort
als Quelle von Zweifeln und Verdächtigungen, von Mißtrauen und
Schmähungen, von Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen erweisen.
Ein derart ungesundes Abkommen würde die Spannungen verschärfen
und die Kriegsgefahr vergrößern.
So fest, wie wir von der Wünschbarkeit eines verläßlichen
Abkommens und von den Gefahren bei dem Eehlen eines solchen Abkommens überzeugt sind, so sind wir nichtsdestoweniger zu dem
Schluß gekommen, daß ein schlechtes Abkommen der Sache des Friedens weniger dient als überhaupt kein Abkommen. Ein Abkommen ohne
Inspektionsmöglichkeit oder ein Abkommen ohne ausreichende Kontrollmsßnahmen oder ein einseitiges Abkommen würde ein schlechtes Abkommen darstellen. Es würde dem Ziel des Friedens nicht dienen.
'.Vir sind der Ansicht, daß erneute Verhandlungen die folgenden
Ziele anstreben sollten:
erstens, die Tendenz der Anlegung von größeren Vorratslagern
an Kernwaffen in ihr Gegenteil zu verkehren und die künftige Atoradrohung zu reduzieren;
zweitens, Vorkehrungen gegen einen umfassenden Überraschungsangriff zu treffen und dadurch die Gefahr eines Weltkrieges zu verringern ;
drittens, die Rüstungslasten zu reduzieren und einen erhöhten
Lebensstandard zu ermöglichen;
viertens sicherzustellen, daß die Forschung und Entwicklung
von Geschossen, die in den Weltenraum eindringen,ausschließlich
wissenschaftlichen und friedlichen Mitteln dienen;
fünftens, die Spannungen zu vermindern und die Regelung schwieriger politischer Fragen zu erleichtern.
Um diese Ziele zu erreichen, machen die Vereinigten Staaten die
folgenden Vorschläge. Spezifische Einzelheiten sind im Rahmen der Verhandlungen in dem Unterausschuß auszuarbeiten;
Erstens: Die Vereinigten Staaten schlagen ein Abkommen vor,
im Rahmen dessen unter einer wirksamen internationalen Inspektion
zu einem baldigen Zeitpunkt die gesamte künftige Produktion an
spaltbarem Material ausschließlich für unter internationaler Überwachung stehende., friedliche Zwecke verwendet oder eingelagert werden soll. Die Mitglieder dieser Versammlung sowie die Wissenschaftler in aller Welt wissen, daß es unmöglich ist, das gesamte in der
Vergangenheit produzierte spaltbare Material oder die gesamten bestehen
den Atomwaffenvorräte mit der notwendigen Sicherheit festzustellen oder
durch die der Wissenschaft bisher bekannten Mittel aufzuspüren. Es ist
nicht möglich,hinsichtlich der Entdeckung und Entwicklung des Atoms
die Uhr zurückzudrehen oder das Atomzeitalter rückgängig zu machen.
Etwas, was getan werden kann, und was daher die Vereinigten Staaten
zum Heil der Menschheit vorschlagen, ist die Errichtung einer wirk-

�'AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

wirksamen internationalen Kontrolle der künftigen Produktion spaltbaren Materials sowie die gegenseitige feste Zusicherung, die künftige Produktion ausschließlich für nichtkriegerische Zwecke einzusetzen .
'A'enn diese Verpflichtungen eingehalten würden, dann wäre es
uns möglich, auf verläßliche '.Veise an die Reduzierung der bestehenden
Kernwaffenvorräte heranzugehen. Wenn die künftige Erzeugung kontrolliert wird, sollte es leichter sein, die voraussichtliche Menge des
früher hergestellten spaltbaren Materials einigermaßen genau festzulegen, als dies auf Grund der jetzt verfügbaren Informationen möglich ist, so daß eine gerechte und angemessene Übertragung weiterer
aufgestockter Bestände aus der früheren Produktion für die Zwecke
der international überwachten nationalen oder internationalen friedlichen Verwendung derartigen Materials durchgeführt werden könnte.
Die Mitglieder dieser Versammlung werden erkennen, daß dieser Vorschlag die logische '.Veiterführung und Verwirklichung der von Präsident Eisenhower in seiner Botschaft vor der UN-Generalversammlung am
8.Dezember 1953 herausgearbeiteten Konzeption darstellt, als er das
"Atome-für-den-Frieden"-T"rogra-im vorschlug. Der Vorschlag wird von
denselben Motiven inspiriert, die durch die Mitarbeit der Nationen
der V/elt zur Schaffung der Internationalen Atomenergiebehörde führten.
Im Rahmen dieses Programms würden die Vereinigten Staaten ihrerseits großzügig und in zunehmendem Maße spaltbares Material solchen
Verbrauchern überlassen, die dieses für friedliche Zwecke verwenden,
genau wie sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt ihre Absicht bekanntgegeben haben, zu der Internationalen Atomenergiebehörde beizusteuern.
Die USA werden euch weiterhin fortfahren, die einzelnen Nationen zu
ermutigen, ihren vollen Beitrag zu den konstruktiven Verwendungszwecken
der Atomenergie zu leisten.
Im Rahmen eines derartigen Programms könnte vielleicht die gesamte
künftige Entwicklung gewandelt werden. Die Entwicklung des Atoms wird
in ihrem weiteren Verlauf eine segensreiche Richtung einschlagen und
dann nicht zu einem bösen Ende führen.
Zweitens l Wenn eine derartige Vereinbarung zur Kontrolle der
künftigen Produktion ausgehandelt und in Kraft gesetzt werden kann,
dann würde es möglich sein, alle Atomwaffenversuche auf sichere Weis
Lse
zu begrenzen und schließlich einzustellen. Die Vereinigten Staaten
schlagen vor, daß dies geschieht. Unabhängig von den Verhandlungen
über ein derartiges Abkommen sind die Vereinigten Staaten ferner bereit, sofort Methoden auszuarbeiten, um im voraus Atomwaffenversuche
bekanntzugeben sowie diese zu registrieren, wie dies von der norwegischen Delegation vorgeschlagen worden ist. Derartige Methoden könnten
einen wirksamen Vorläufer für ein umfassendes Abkommen zum Banne der
Atomgefahr an sich und der Versuche im besonderen darstellen.
Drittens: Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß wir unter
angemessener Inspektion an die Verwirklichung der ersten Phase der Reduzierung der herkömmlichen '.Vaffen und Streitkräfte herangehen, wobei
für die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten als Bemessungsgrundlage
je 2,5 Millionen Mann und 750 000 Mann für Großbritannien vorgesehen

�AMERIKA DIENST"

16. Januar 1957

vorgesehen worden sind. Hierin scheinen die in dem Unterausschuß
vertretenen Länder übereinzustimmen. Die Vereinigten Staaten schlagen
vor, daß wir diesen Schritt vorwärts im Zuge eines schrittweisen Aufbaues eines wirksamen Inspektionssystems tun, der mit derartigen Reduzierungen einhergeht. Ein wirksames! Inspektionssystem würde angemessene Luftinspektiorrorgane sowie Bodentruppen erforderlich machen.
Die Vereinigten Staaten erkennen die Notwendigkeit an, über die Luftinspektion hinaus Beobachter an wichtigen Bodenpunkten zu stationieren,
wie dies von "arschall Bulganin allgemein vorgeschlagen wurde. Die
vorgeschlagene erste Phase der Reduzierung kann unter der Voraussetzung
verwirklicht werden, daß es alle Seiten mit der Schaffung eines Inspektionssjrstems, das faktisch verifizieren kann, daß alle ihren Verpflichtungen nachkommen, ehrlich meinen.
Es würde ferner auch für die übrigen Nationen angebracht erscheinen,
wenn sie sich für den Fall, daß die Durchführung solcher für die erste
Phase vorgesehener Reduzierungen in den kommenden Verhandlungen des
Unterausschusses sichergestellt werden kann, Gedanken über das Verhältnis zwischen ihren eigenen Streitkräften und den für die erste Phase
vorgesehenen Truppenstärken machen.
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Ansicht, daß weitergehende
Reduzierungen, als sie für die erste Phase vereinbart sind, durchgeführt
werden kennen, solange nicht hinsichtlich einer Lösung der großen politischen Streitfragen, die gegenwärtig die Welt trennen, gewisse Fortschritte erzielt worden sind. Die Durchführung der für die erste Phase
vorgesehenen Reduzierungen würde jedoch unbedingt das Klima für die
Verhandlungen über derartige politische Lösungen verbessern.
Viertens: Die Wissenschaftler zahlreicher Nationen arbeiten gegenwärtig daran, Objekte in den Weltenraum zu schießen und in die weiten
Räume außerhalb der Erdatmosphäre vorzustoßen. Der Umfang dieser Experimente klingt in Begriffen 'Erdsatelliten', 'Interkontinentalraketen1,
'unbemannte Fernwaffen' und 'Weltraumstationen' in vielfältiger Weise
an. Niemand kann mit Sicherheit voraussagen, was sich aus dem Vorstoß
der Menschheit in dieses neue Gebiet ergeben wird. Es ist jedoch klar, daß
die Bemühungen aller Nationen in den Bereich eines verläßlichen Rüstungskontroll-Systems gerückt werden müssen, wenn dieser Vorstoß ins Unbekannte ein Segen und kein Fluch sein soll.
Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß der erste Schritt in
Richtung auf die angestrebte Garantie, daß die künftigen Entwicklungen
in bezug auf den Weltenraum ausschließlich friedlichen und wissenschaftlichen Zielen dienen werden, sein müßte, die Erprobung solcher Objekte
unter internationale Inspektion und Beteiligung zu bringen. Der Erdsatellit der Vereinigten Staaten, dessen Auflassen gegenwärtig für
das Internationale Geophysikalische Jahr geplant ist, bietet ein Beispiel für ein offen durchgeführtes Projekt, das ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken dient und mit Wissen und Billigung der Wissenschaftler aller Nationen, die sich am Internationalen Geophysikalischen
Jahr beteiligen, entwickelt wird. In dieser Angelegenheit - wie auch
in anderen Fragen - sind wir zur Beteiligung an einem fairen, ausgewogenen und verläßlichen Kontrollsystem bereit.
Fünftens:

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Fünftens: Die Vereinigten Staaten weisen erneut darauf hin,
•vie wichtig es ist, Maßnahmen gegen die MHglichkeit eines umfasser.den '.. berraschungsangrif fes zu treffen. Dies ist kein unwichtiger oder nebensächlicher Vorschlag. Die modernen Waffen sind so
beschaffen, daß, wenn sich alle vatior.en gegen einen umfassenden
'Jberraschungsangriff abgesichert haben, eine weit geringere Wahrscheinlichkeit besteht, da? im Atomzeitalter ein vorbereiteter
'"eltkrieg ausgelöst werden könnte. Tn ähnlicher V/eise würden derartige gegenseitige Zusicherungen, keinen umfassenden Überraschungsangriff zu beginnen, wesentlich dazu beitragen, alle Nationen in
bezug auf die gegenseitigen Absichten an einer falschen Einschätzung der Lage zu hindern.
Je großer das Tempo eines abglichen Angriffs und je vernichtender die Schläge sind, die ausgeteilt werden können, um so größer
ist die Gefahr, daß ängstliche Vorstellungen, die sich aus der Unkenntnis der Dläne und Absichten anderer Nationen ergeben, die Entscheidungen der Nationen nachteilig und gefährlich beeinflussen
könnten•
Es liegt im Interesse eines jeden einzelnen Landes, genau zu
wissen, daß andere Länder keinen großangelegten Überraschungsangriff auf es vorbereiten, und ebenso im Interesse dieser anderen
Länder, sicher zu sein, daß kein großangelegter Überraschungsangriff gegen sie geplant ist. Heute kennen zahlreiche Länder die
genaue Lage der Schlüsselpunkte, der strategisch wichtigen Gebiete
und der militärischen Konzentrationen in anderen Ländern. Diese
Informationen würden für die Führung eines Vernichtungskrieges ausreichen. Aber solange nicht ein zuverlässiges Inspektionssystem geschaffen ist, mit einer Überwachung der Himmel, der Häfen und der
Schlüsselpunkte, wird jedes einzelne Land nicht über ausreichende
genaue und zuverlässige Informationen verfügen, wie sie notwendig
sind, um eine sichere Basis für einen dauerhaften Frieden zu bilden. Die Vereinigten Staaten schlagen daher vor, schrittweise
Inspektionssysteae zu errichten, die Schutz gegen die Möglichkeit
eines großangelegten Überraschungsangriffes bieten. Die Vereinigten
Staaten sind bereit, den gesamten von Präsident Eisenhower auf der
Genfer Konferenz auf höchster Ebene unterbreiteten Vorschlag durchzuführen .
Wie auch immer die ersten Schritte beschaffen sein mögen, so
ist es klar, daß eine Kontrollmethode, eine Organisation zur Überwachung und ein Mechanismus für die Durchführung erforderlich sein
werden. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß die Schaffung
einer derartigen internationalen Behörde für die Regelung und Überwachung der Rüstungen mit dem Beginn des Programms Hand in Hand
gehen sollte. Diese kann inmitten der grausamen Auswirkungen, die
sich aus der Vernichtungsgewalt der modernen Waffentechnik ergeben,
ein Strahl der Hoffnung sein. D-?rf ich bei der Unterbreitung dieser
neuen Vorschläge noch einmal betonen, daß die Vereinigten Staaten
weiterhin zu den Vorschlägen und Plänen stehen, die sie auf der
Konferenz BUf höchster Ebene in Genf und auf den Sitzungen des Abrüstungsunterausschusses seit jener Zeit gemacht haben»
Sie

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�"A»«3PTKA DI3NST"

15. Januar 1957

Sie werden in dem Bericht des Unterausschusses Vorschläge
finden, die von den Vereinigten Staaten in London im Mai 1955
unterbreitet wurden und die die ersten Schritte für eine Demonstration der Uberwachungsmethoden, für gemeinsame technische
Studien sowie für die Festlegung eines Anfangsstandes der reduzierten Rüstungen vorsehen. Ich will Sie nicht mit einer '"iederholung der Einzelheiten belasten. Das Sitzungsprotokoll liegt
Ihnen vor. Wir haiton un*; daran und wir unterbreiten unsere neuen
Vorschläge im Geiste eifrigen Bemühens, den Ansichten der übrigen
Länder zu entsprechen. Wir versuchen ein Abkommen zu erreichen,
wobei wir lediglich voraussetzen, daß ein derartiges Abkommen entsprechend vertrauenswürdig und wirksam ist.
Wir sind uns voll und ganz über das Ausmaß der Zerstörungen
im klaren, die ein dritter Weltkrieg, sollte es zu einem solchen
Kriege kommen, über die Welt bringen würde. Wir sind der Ansicht,
daß es im Interesse aller Nationen ist, weitreichende Maßnahmen zur
Verringerung dieser Gefahr zu treffen. Wir sind überzeugt, daß ein
Abkommen über die Kontrolle der Rüstungen, das für beide Seiten
fair ist und das genau überwacht wird, so daß sich keinerlei Zweifel
hinsichtlich seiner Durchführung ergeben, praktisch wie theoretisch
möglich ist. Ein derartiges Übereinkommen sollte politisch erreichbar sein, wenn die Regierungen der Welt diesem Problem unverzüglich ihre aufrichtige und eingehende Aufmerksamkeit schenken.
Dies isl der Geisl, in dem ich heute im Namen der Vereinigten
Staaten sureche."

x x x * x

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�M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT SISENHOWEB STELLT SEINE ZWEITE AMTS PERIODE
IN DEN DIENST DES FRIEDENS

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut der Rede
Präsident Eisenhowers vom 21.Januar 1957
zum Antritt seiner zweiten Amtsperiode.

"'.Vir eP'&lt; - heute, wie vor vier Jahren, wieder hier zusammen, und wie damals wurden Sie Zeuge meines feierlichen Eides,
Ihnen zu dienen. Und auch ich erscheine hier heute als Zeuge,
der sich in Ihrem Namen zu den Grundsätzen und Zielen bekennt,
denen wir uns als Volk verschrieben haben.
Vor allem anderen erbitten wir als Lohn unserer gemeinsamen Arbeit als Nation den Segen des allmächtigen Gottes, und
aus der Hoffnung unserer Herzen kommen die innigsten Gebete unseres Volkes.
Mögen wir dem Pfad des Rechtes folgen, ohne selbstgerecht
zu werden. Mögen wir Einigkeit gewinnen, ohne alles in eine Form
zu pressen.
Mögen wir in unserer Stärke wachsen, ohne hochmütig zu werden.
Mögen wir in unseren Verhandlungen mit allen Völkern der Erde
immer die Wahrheit sprechen und der Gerechtigkeit dienen.
Und so soll Amerika sich - vor allen Menschen guten Willens den ehrenhaften Zielsetzungen getreu erweisen, die uns als Volk
in dieser Zeit der Prüfungen, durch die wir schreiten, verbinden
und leit.en.
Wir leben in einem Lande der Fülle, aber die Erde hat wohl
kaum jemals solchen Gefahren gegenübergestanden wie heute.
In unserer Nation gibt es Arbeit und Wohlstand übergenug.
Unsere Bevölkerung ist im Wachsen. Handel und Wendel blühen auf
unseren Flüssen, Straßen und Schienenwegen, in den Lüften und in
unseren Häfen. Unser Boden ist fruchtbar, unsere Landwirtschaft
produktiv. Die Luft hallt von dem Gesang unserer Maschinen wider,
dem Lärm der Walzwerke, der Hochöfen, Dynamos und Fließbänder das Lied Amerikas ist vielstimmig.
Dies
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�"AMERIKA DIENST"

25. Januar 1957

Dies ist unsere Heimat - es ist ober nicht unsere ganze Welt.
Denn unsere Walt ist dort, wo sich die Gesamtheit unseres Schicksals
erfüllt - im Zusammenleben mit den Menschen aller Völker und Nationen,
die frei sind oder frei sein wollen. Für sie wie für uns ist keine
Zeit, zu ruhen und zu rasten.
Zu viele Gebiete der Erde gibt es, wo Armut, Uneinigkeit und
Gefahren herrschen. Neue Kraft« und neue Nationen, die aufgetaucht
sind und auf der Erde um Einfluß ringen, haben die Macht, durch ihr
Schicksal für die Zukunft der freier. Welt viel Gutes oder viel Böses
zu bringen. Von den T.Yüsten Nordafrikas bis zu den Inseln des Südpazifik ist ein Drittel der gesamten Menschheit in die historische Phase
eingetreten, für eine neue Freiheit zu kämpfen; die Freiheit von bedrückender Armut, l'ber alle Kontinente hinweg suchen fast eine Milliarde Menschen bisweilen verzweifelt danach, sich die beruflichen Fertigkeiten und das Wissen anzueignen und die Hilfe zu erhalten, durch die
sie aus ihren eigenen Hilfsquellen Nutzen ziehen können und mit denen
sie ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen können, die der gesamten
Menschheit gemeinsam sind.
Keine Nation, wie alt oder groß sie auch sein mag, kann sich
diesem '.Virbel der Veränderungen und Umwälzungen entziehen. Einige,
die verarmt aus dem letzten "Veitkrieg hervorgingen, versuchen, sich
die Mittel für ihre Existenz wieder zu schaffen. Im Herzen Europas
liegt Deutschland, das in tragischer Weise geteilt ist - und so ist
der gesamte Kontinent, ja sogar die gesamte Welt geteilt.
Die Kraft, die diese Teilung bewirkt, ist der internationale
Kommunismus und die Macht, über die er gebietet.
Das Vorgehen dieser Macht, so dunkel ihre Absichten im einzelnen
sind, ist in der Praxis ganz klar. Sie versucht das Schicksal der von
ihr Unterjochten ein für allemal zu besiegeln. Sie versucht die Bande,
die die freien Menschen miteinander verbinden, zu zerreißen. Sie versucht außerdem alle auf eine Veränderung der Welt zielenden Kräfte für
sich zu gewinnen - und sie für ihr eigenes Machtstreben auszunutzen -,
besonders aber die Nöte der Hungrigen und die Hoffnungen der Unterdrückten .
Und doch ist die Welt des internationalen Kommunismus in sich
selbst durch eine starke und mächtige Kraft erschüttert worden:
die Bereitschaft der Menschen, die die Freiheit lieben, ihr Leben
für sie einzusetzen. In der Nacht ihrer Knechtschaft hat der unbezwingbare Wille von Helden so schnell und scharf zugeschlagen wie
ein Blitz. Budapest ist nicht länger mehr lediglich der Name einer
Stadt ; von nun an ist es ein neues und strahlendes Symbol für das
Streben der Menschen nach Freiheit.
So weht überall auf dem Erdball gegenwärtig der scharfe Wind des
7/andels. Und wir - so gut es das Schicksal auch mit uns meinen mag wissen, daß wir nie-nals ihm unseren Rücken zukehren können.
Wir blickten auf diese in ihren Grundfesten erschütterte Welt
und erklären, daß es unser klares und festes Ziel ist, einen Frieden
in Gerechtigkeit in einer Welt aufzubauen, in der das Gesetz der Moral
herrscht.
Der

�"AMERIKA DIENST"

23. Januar 1957

Der Aufbau eines solchen Friedens ist ein kühnes und hohes Ziel.
Es zu proklamieren, ist leicht. Ihm zu dienen, ist schwer. Und um
ihn zu erhalten, müssen wir uns seiner vollen Bedeutung bewußt sowie bereit sein, den vollen Preis hierfür zu entrichten. Wir wissen
genau, was wir suchen und warum wir dies suchen. Wir suchen den Frieden und wir wissen - wie dies die Menschen in allen Jahrhunderten gewußt haben -, daß-Frieden eine Atmosphäre der Freiheit bedeutet. Heute
wie in keinem anderen Zeitalter suchen wir den Frieden, weil wir durch
die Gewalt moderner Waffen warnend darauf hingewiesen worden sind, daß
nur der Frieden das einzig mögliche Klima für das Leben der Menschheit
ist.
Dieser Friede, den wir suchen, kann jedoch nicht allein aus Furcht
geboren werden: er muß tief in dem Leben der Völker verwurzelt sein.
Ea muß eine Gerechtigkeit herrschen, die alle Völker verstehen und an
der alle teilhaben, denn ohne Gerechtigkeit kann auf der V/elt nur ein
gespannter und unsicherer Waffenstillstand herrschen. Es muß ein Gesetz
geben, das stets gleichmäßig angewandt und von allen Nationen respektiert
wird.
Denn ohne Gesetze verheißt die Welt nur wenig Gerechtigkeit, in dem
Maß nämlich, wie sie die Starken den Schwachen aus Mitleid zukommen lassen.
Das Gesetz jedoch, von dem wir sprechen, umfaßt die Werte der Freiheit
und bekräftigt die Gleichheit aller Nationen, ob groß oder klein.
So schön die Segnungen eines solchen Friedens sein können, so hoch
werden auch seine Kosten sein - wobei die Härten geduldig getragen, die
Hilfe ohne Hintergedanken gewährt und die Opfer ruhig gebracht werden
müssen.
Wir sind aufgerufen, den Preis für diesen Frieden zu entrichten.
Um der Bedrohung durch diejenigen zu begegnen, die mit Gewalt zu herrschen suchen, müssen wir die Kosten für unsere eigene notwendige militärische Stärke sowie die Hilfe tragen, die für den Aufbau der Sicherheit der anderen erforderlich ist.
Wir müssen unser Können und Wissen und manchmal unsere Substanz
einsetzen, um den enderen zu helfen, sich aus dem Elend zu erheben,
ganz gleich wie weit der Schauplatz ihres Leidens von unseren Grenzen
entfernt liegt. Denn wo immer in der Veit ein Volk verzweifelte Not
leidet, muß es zumindest einen Funken der Hoffnung geben, der Hoffnung
auf Fortschritt - oder es werden mit Sicherheit schließlich Konflikte
aufflammen.
"Vir wissen um unser eigenes tiefes Verbundensein mit dem Schicksal aller Menschen auf der Welt, und wir entziehen uns dem nicht. Wir
haben uns demgemäß feierlich verpflichtet, die Autorität der Vereinten
Nationen zu achten und anzuerkennen und alles zu tun, um sie zu stärken,
denn in dieser Körperschaft ruht die beste Hoffnung unserer Zeit, daß
das Gesetz, das allen Nationen die Möglichkeit gibt, in Würde zu leben,
Anerkennung findet.
Außer diesem allgemeinen Entschluß aber ergeht an uns die Forderung,
eine verantwortungsbewußte Holle in den großen, die Welt bewegenden Fragen oder Konflikten zu übernehmen - gleichgültig"ob es die Angelegen-

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�'AMERIKA DIENST"

23. Januar 1957

Angelegenheiten eines weiträumigen Gebietes betrifft oder das
Schicksal einer Insel im Pazifik oder die Benutzung eines Kanals
im Mittleren Osten. Nur indem wir die Hoffnungen und auch die Kulturen
der anderen respektieren, werden wir das Prinzip der Gleichheit aller
Nationen in die Tat umsetzen.
Nur wenn wir den '.Villen und die Klugheit besitzen, Ratschläge zu
erteilen und Ratschläge entgegenzunehmen, nur wenn '.vir bereit sind,
die Lasten mitzutragen, werden wir das Werk des Friedens weise durchführen .
Denn eine Wahrheit muß alles beherrschen, was wir glauben und tun.
Kein Volk kann auf sich allein gestellt leben. Die Einigkeit aller, die
in Freiheit leben, ist ihre einzige Sichere Verteidigung. Die wirtschaftlichen Bedürfnisse aller Nationen, die in gegenseitiger Abhängigkeit
leben, machen die Isolierung zu einer Unmöglichkeit: nicht einmal der
Wohlstand Amerikas könnte lange erhalten bleiben, wenn die anderen Nationen nicht auch blühen und gedeihen. Keine Nation kann länger eine
einsame, starke und sichere Festung sein. Und jedes Volk, das diesen
Schutz für sich allein sucht, wird heute nur sein eigenes Gefängnis
bauen.
Vir werden immer für diese Grundsätze eintreten und ihnen verschrieben bleiben, weil wir fest daran glauben, daß sie richtig sind.
Wir fürchten uns nicht vor dieser sich ändernden Welt. Amerika
ist vieles von dem Geist dieser Welt nicht fremd. Überall sehen wir
die Anfänge desselben Wachstums, das Amerika selbst durchgemacht hat.
Das amerikanische Experiment hat durch Generationen hindurch die Leidenschaft und den Mut von Millionen anderswo auf der Welt angeführt,
die nach Freiheit, Gleichheit und gleichen Chancen für alle gesucht
haben. Das amerikanische Beispiel des materiellen Fortschritts hat
mitgeholfen, daß das Sehnen aller notleidenden Völker nach Befriedigung ihrer menschlichen Wünsche Auftrieb erhielt. Wir können dazu beitragen, daß diese Hoffnungen, die wir inspirieren halfen, sich erfüllen.
Aus dieser Überzeugung heraus sprechen wir offen und klar zu allen
Völkern.
Wir pflegen unsere Freundschaft mit all den Nationen, die frei
sind oder frei sein wollen. .Vir respektieren genauso sehr ihre Unabhängigkeit. Und wenn sie in Zeiten der Not oder Gefahr uns um Hilfe
bitten, so werden sie diese ohne Hintergedanken erhalten; denn wir
versuchen genauso wenig ihre Souveränität zu kaufen wie wir selbst
unsere eigene verkaufen würden. Die Souveränität ist uniter freien
Menschen keine Sache eines Geschäfts.
Wir ehren die Hoffnungen und Bestrebungen aller der Nationen,
die jetzt noch unterdrückt sind und sich nach Freiheit sehnen. Wir
suchen weder ihre militärische Allianz noch wollen wir, daß sie unsere
Gesellschaftsform in irgendeiner künstlichen Weise imitieren. Sie dürfen
der Herzlichkeit und Wärme des sie erwartenden Willkommens gewiß sein,
wenn sie - wie es einmal der Fall sein muß - erneut in die Reihen der
freien Völker eintreten.
In

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�"AMERIKA DIENST"

23. Januar 1957

In dieser gespaltenen Welt achten wir das russische Volk nicht
weniger, als wenn wir in einer nicht so zerrissenen 7/elt lebten.
Wir fürchten die von dem russischen Volk gemachten Fortschritte auf
erzieherischem und industriellem Gebiet nicht, wir begrüßen sie sogar.
Wir wünschen ihm bei seiner Forderung nach größerer geistiger Freiheit,
nach größerer Sicherheit ihren eigenen Gesetzen gegenüber Erfolg, und
begrüßen es, wenn ihre Forderung nach besserem Lohn ihrer Mühen verwirklicht wird. Denn in dem Maße, wie jene Dinge verwirklicht werden,
wird um so gewisser jener Tag heraufdämmern, an dem sich unsere beiden
Völker in Freiheit und Freundschaft begegnen können.
So geben wir unserer Hoffnung und unserem Glauben Ausdruck, daß
wir mit dazu beitragen können, die Spaltung dieser Welt zu heilen.
Auf diese V/eise könnten die Nationen aufhören, zitternd und zagend
vor der Drohung der Gewalt zu leben. Dann könnten die Lasten der Furcht
und die Bürden der Rüstung von den gekrümmten Schultern der Menschheit
genommen werden.
Dies und nichts Geringeres ist das Werk, zu dem wir aufgerufen
werden und dem unsere Stärke geweiht ist.
Und so gehen die Gebete unseres Volke weit über unsere eigenen
Grenzen hinaus in die große Welt unserer Pflichten und unseres Schicksals. Möge das Licht der Freiheit in alle gegenwärtig dunkle» Lande
kommen und dort hell aufleuchten - bis es schließlich kein Dunkel
mehr gibt.
Mögen die Unruhen unseres Zeitalters zu einer wirklichen Zeit
des Friedens führen, in der Menschen und Völker so miteinander leben,
daß die Würde jedes einzelnen von ihnen und die brüderliche Gemeinschaft aller geachtet wird."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER LEGT WIRTSCHAFTSBOTSCHAFT VOR
1) Wortl aut des Begleitbriefes Präsident
Eisenhowers zur Wirtschaftsbotschaft

2) Auszüge aus der Wirtschaftsbotschaft

* * *

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30. Januar 1957

PRÄSIDENT EISENHOWER LEGT WIRTSCHAFTSBOTSCHAFT VOR

(AD) - Präsident Eisenhower hat dem amerikanischen Kongreß
am 23. Januar 1957 den Wirtschaftsbericht übersandt,
der einen umfassenden Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung der USA während des letzten Jahres
gibt. Dem Bericht ist als erster Teil ein Begleitschreiben (Letter of Transmittal) beigefügt, der
die wesentlichsten Aspekte des Berichts zusammenfassend herausstellt und der folgenden Wortlaut hat*

"An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Ich lege hiermit meinen Wirtschaftsbericht vor, wie dies auf
Grund des Paragraphen 3 (A) des Arbeitsgesetzes von 1946 gefordert wird.
Bei der Ausarbeitung dieses Berichtes hat mir der Wirtschaftsbeirat mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Ferner haben mich die
Leiter der einzelnen Ministerien und unabhängigen Regierungsämter
beraten.
Nachstehend unterbreite ich - wobei im wesentlichen der Bericht
selbst zitiert wird -, was nach meiner Ansicht die wesentlichsten
Schlußfolgerungen und Empfehlungen dieses Dokumentes sind.
Gleiche Chancen und Verantwortung in einer freien Wirtschaft
Die gewaltige Produktionskapazität der amerikanischen Wirtschaft
wurde im Jahre 1956 erneut in Form eines Rekord-Bruttosozialproduktes
von 412 Milliarden Dollar unter Beweis gestellt.
Über die Schaffung dieser materiellen Basis für ein besseres
Leben hinaus gewährt unser freies Wirtschaftssystem unserer Form des
politischen Lebens eine gewaltige Unterstützung und bietet dem .einzelnen im Hinblick auf die persönliche Berufswahl und seine Entwicklung einmalige Möglichkeiten.
Hand in Hand mit diesen Möglichkeiten geht aber auch eine große
Verantwortung. Diese Verantwortung wird zum Teil von der Regierung
getragen. Aber auch der einzelne muß sie sowohl in seiner eigenen
wirtschaftlichen Tätigkeit als auch im Zusammenwirken mit anderen
auf sich nehmen.
Die Regierung muß alle geeigneten Mittel anwenden, um einen
hohen Produktions- und Beschäftigungsstand zu erreichen, und sie
muß ferner dazu beitragen, damit ein sich ausweitendes Nationaleinkommen gewährleistet wird, an dem viele teilhaben und das in
Dollar von stabiler Kaufkraft verdient wird. Die Regierung muß eine

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30. Januar 1957

eine Politik verfolgen, die den Unternehmergeist unseres Volkes fördert
und den Anreiz zur Arbeit, zum Sparen und zur Kapitalinvestierung
schützt v Sie muß hinsichtlich ihrer Ausgaben eine harte Disziplin üben
und es vermeiden, das Einkommen der Einzelpersonen sowie die Geschäftsgewinne zu stark zu besteuern. Sie muß danach streben, Wettbewerbsmärkte zu stärken und die in einer dynamischen Wirtschaft notwendigen
Änderungen und Anpassungen zu erleichtern.
Aber sogar noch dringender sind die Aufgaben und die Verantwortung
der Einzelpersonen und Wirtschaftsgruppen. Die Unternehmer sollten ihre
Pläne so ausarbeiten und durchführen, daß sie zu einem ständigen Wachstum unserer Wirtschaft beitragen. Sie müssen auch das große Interesse
der Öffentlichkeit an den für ihre Erzeugnisse und Dienstleistungen
festgesetzten Preisen in Rechnung stellen.
Sowohl Arbeitgeber wie Arbeitnehmer sollten die Restriktionen
in bezug auf die Betätigung auf Wettbewerbsmärkten fallen lassen und
damit die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft an wechselnde Verhältnisse
erhöhen. Von besonderer Bedeutung in einer florierenden Wirtschaft ist
die den führenden Vertretern der Industrie und der Arbeiterschaft obliegende Aufgabe, in bezug auf die Löhne und Sozialzuwendungen zu
tbereinkommen zu gelangen, die mit der Produktivitätsentwicklung und
der Erhaltung der Dollarstabilität in Einklang stehen.
Das Vertrauen in die Stabilität des wirtschaftlichen Wachstums
kann nicht allein auf die Finanz- und Währungspolitik der Regierung
gestützt werden. Eine erfolgreiche Erhöhung der Prosperität bei stabilen Preisen fordert eine gemeinsame Anstrengung, bei der die Maßnahmen der einzelnen und der Wirtschaftsgruppen und aller Regierungsstellen aufeinander abgestimmt sind und sich gegenseitig stärken.
Wachstum und Fortschritte der Wirtschaft in den Jahren 1955/56
Die Möglichkeiten, die unsere freie Wirtschaft für die Hebung
des Wohlstandes bietet, werden durch die Entwicklungen der letzten
vier Jahre eindeutig aufgezeigt. Die zivile Beschäftigungsziffer
stieg um 3,7 Millionen an. Das Personaleinkommen pro Kopf der Bevölkerung und nach Abzug der Steuern nahm - in konstanter Währung gemessen - um zehn Prozent zu. Rund fünf Millionen Wohnungen wurden
neu gebaut,und die Zahl der Eigentumswohnungen und Eigenheime nahm
ständig zu. Die steigenden Einkommen ermöglichten es den Verbrauchern,
in immer stärkerem Maße Güter aller Art zu kaufen und somit hinsichtlich ihrer eigenen Vorsorge für eine finanzielle Sicherheit wesentliche Fortschritte zu erzielen. Die Teilnahme an und die Unterstützung
von religiösen, kulturellen, erzieherischen und anderen privaten Einrichtungen und Vorhaben nahm wesentlich zu.
Hinsichtlich der Expansion und Verbesserung der Produktionseinrichtungen des Landes wurden große Fortschritte gemacht. Wirtschaft
und Landwirtschaft wendeten über 150 Milliarden Dollar für diesen
Zweck auf. Diese Aufwendungen für Investitionszwecke verheißen ein
weiteres Ansteigen des Bruttosozialproduktes sowie eine höhere Lebenshaltung in den kommenden Jahren.
_.

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Die Landwirtschaft sah sich während dieses Zeitraumes schwierigen
Problemen gegenüber, die im wesentlichen auf das Anhalten der Tendenz
zurückzuführen sind, daß die Produktion die Nachfrage auf den Absatzmärkten überstieg. Es wurden jedoch Fortschritte in Richtung auf einen
besseren Ausgleich der landwirtschaftlichen Erzeugung erzielt, und in
der letzten Zeit zeigte sich hinsichtlich der landwirtschaftlichen
Einkommen eine gewisse Verbesserung. Die Erfahrung zeigt, daß, um ein
Anhalten der Fortschritte in der Landwirtschaft zu ermöglichen, auch
weiterhin ein ständiger Nachdruck auf die Verwirklichung der grundlegenden Zielsetzungen der vergangenen vier Jahre gelegt werden muß unsere Farmer müssen in ihren Betriebsdispositionen, was die geschäftliche Seite anbetrifft, größere Freiheit haben; in bezug auf die Bestellung der landwirtschaftlichen Nutzfläche muß ein angemessener und
zweckentsprechender Wechsel erfolgen; das Stützpreissystem muß weiter
verbessert werden, und zur Entwicklung neuer Produkte und «ur Erschließung
neuer Absatzmärkte und neuer Verwendungsmöglichkeiten müssen Forschungsprogramme durchgeführt werden.
Dieser Zeitraum wurde durch einen wirtschaftlichen Aufschwung
in der freien Welt und durch eine bemerkenswerte Expansion des Welthandels und des internationalen 'Geldwesens, einschließlich unserer
eigenen Exporte und Importe, gekennzeichnet. Unsere Exporte nach
Industrieländern mit einem hohen Einkommen pro Kopf der Bevölkerung
sowie nach anderen Ländern, deren wirtschaftliche Expansionsrate
schnell wächst, sind stark angestiegen. Dies zeigt, daß eine Prosperität in anderen Teilen der Welt die Märkte für die Produkte unserer
eigenen Farmen, Bergwerke und Fabriken ausweitet.
Die Beiträge, die die Regierung zur Erreichung eines stabilen
wirtschaftlichen Wachstums leisten kann, sind während der letzten
vier Jahre evident geworden.
Das Experiment der Jahre 1953/54 bewies, daß - wenn das Vertrauen
des Verbrauchers und der Wirtschaft vorhanden ist - eine rechtzeitige
öffentliche Politik dazu beitragen kann, alle rückläufigen Tendenzen
aufzufangen. Die Politik, die die Regierung in den Jahren 1955 und 1956
verfolgt hat, trug mit dazu bei, daß die ansteigende Tendenz der Preise
abgeschwächt und eine Situation verhindert wurde, die die wirtschaftliche Stabilität gefährdet hätte.
Die Wirtschaft im Jahre 1956
Das Bruttosozialprodukt unseres Landes lag 1956 um 21,5 Milliarden Dollar höher als 1955» obwohl in einigen Sektoren unserer Wirtschaft, vor allem auf dem Gebiet der Autoproduktion und des Wohnungsbaus,eine verminderte Aktivität festzustellen war. Die hohen Ausgaben
der Wirtschaft für neue Anlagen und Ausrüstungen, die Steigerung des
Außenhandels und erhöhte Kapitalinvestierungen, die hohen Verbraucherausgaben und die erhöhten Ausgaben der Staats- und Kommunalbehörden
haben zu dieser Expansion beigetragen« Rund die Hälfte dieser Zunahme
war einer Erhöhung der tatsächlichen Gütererzeugung, der Rest den
mäßig gestiegenen Preisen zuzuschreiben.
. .

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Auf wichtigen Gebieten unserer Wirtschaft wurde eine wesentliche
Erhöhung der Beschäftigtenzahl erreicht; für das Jahr im ganzen gesehen
war gegenüber dem Vorjahr in der Gesamtzahl der Beschäftigten ein Zuwachs
von 1,8 Millionen festzustellen. Bei allen wichtigen Gruppen der Gehaltsund Lohnempfänger stieg das Einkommen an.
Im Verlauf des Jahres haben sich auch die landwirtschaftlichen Einkommen verbessert. Ebenso ist der Wert des Farmlandes und der Nettowert
des landwirtschaftlichen Besitzes sowie der landwirtschaftlichen Exporte
weiter angestiegen. Die technische Entwicklung in der Landwirtschaft
ist weiter vorangeschritten.
Der Kapitalmarkt und die Preise waren einem ständigen Druck ausgesetzt. Die Zinssätze stiegen, da die Kreditnachfrage im Verhältnis
zu dem Kapitalangebot weiterhin sehr groß war. Die ungewöhnlich starke
Nachfrage der Wirtschaft führte zu einer Erhöhung der Preise für Kapitalgüter und damit in Beziehung stehender Waren. Die hohen Rohstoffpreise und die Lohnsteigerungen, die den kleinen Produktivitätszuwachs
des Jahres zu überflügeln drohten, waren entscheidende Faktoren für «ine
Erhöhung der Preise.
Der im Jahre 1956 auf den Preisen, Kosten und finanziellen Hilfsquellen lastende Druck machte eine Fortführung der auf die Abwehr inflationistischer Tendenzen abzielenden Politik erforderlich. Der Haushaltsüberschuß der Bundesregierung trug diesem Ziel genauso Rechnung
wie die von dem Federal Reserve-Bankensystem verfügten Kreditrestriktionen. Die Ereignisse des Jahres haben indessen gezeigt, daß bei einem
hohen Produktions- und Beschäftigtenstand die Erhöhungen im Lohn- und
Preisgefüge der wichtigen Industriezweige einen kostenerhöhenden und
preissteigernden Druck hervorrufen können, und daß die Finanz- und
Steuerpolitik der Regierung von entsprechenden Maßnahmen der Privathand unterstützt werden muß, um eine hohe Wirtschaftstätigkeit wie auch
stabile Preise zu gewährleisten.
Die Ausweitung des wirtschaftliche-n Fortschritts.
Dieser Bericht umreißt die gesetzgeberischen Vorschläge, mit deren
Hilfe die im Arbeitsgesetz zum Ausdruck gebrachten Zielsetzungen verwirklicht werden sollen. Diese Vorschläge enthalten Maßnahmen zur Stärkung unseres Wirtschaftssystems, zur Vergrößerung unserer nationalen
Hilfsquellen und zur Verbesserung unseres Lebensstandards.
Die Regierung kann unsere Wirtschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt
durch die Erhaltung eines ausgeglichenen Haushaltes stärken. Dementsprechend sollte der Kongreß an den Steuersätzen in ihrer gegenwärtigen
Höhe festhalten, und die Ausgaben des Bundes sollten genau begrenzt
sein.
Unser Wirtschaftssystem würde auch durch gesetzgeberische Maßnahmen
zur Unterstützung der Kleinbetriebe und zur Förderung des Wettbewerbs
eine Stärkung erfahren. Diese Maßnahmen, zu deren Prüfung der Kongreß
dringend aufgefordert wird, umfassen eine Erweiterung des Gesetzes zur

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zur Förderung der Kleinbetriebe; einen leichteren Zugang zum Kapitalmarkt für die kleinen und mittleren Unternehmen; solche Steuerangleichungen, die mit einem Minimalverlust an Einnahmen erfolgen können,
sowie eine Reduzierung des von der Regierung eingeführten Verwaltungsaufwandes. Ferner wird der Kongreß dringend ersucht, Vorsorge für die
erforderlichen Verbesserungen der Antitrust-Gesetzgebung sowie der den
Durchführungsorganen zur Verfügung stehenden Mittel und Wege zu treffen.
Die jüngsten Veränderungen in unserer Finanzstruktur und unseren
Finanzpraktiken machen eine sorgfältige Untersuchung darüber erforderlich, ob die bestehenden Einrichtungen noch ausreichend sind, um dem
Kapital- und Kreditbedarf unseres Landes Rechnung zu tragen; weiter
sollen hierbei die Mittel und Wege zur Ausübung ausreichender Kreditkontrollen geprüft werden. Wie bereits in der Botschaft über die Lage
der Nation dargelegt wurde, sollte der Kongreß seine Zustimmung für
die Bildung einer Währungs- und Finanzkommission zur Durchführung
dieser wichtigen Aufgabe geten.
Unsere Wirtschaft würde ferner aus der Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten in der Organisation für die Zusammenarbeit auf dem
Gebiete des Handels (OTC) und in der Internationalen Atomenergiebehörde
sowie aus der Weiterführung der Wirtschaftshilfe einschließlich der
Verteidigungsunterstützung im Rahmen des gemeinsamen Sicherheitsprogramms Nutzen ziehen.
Zum Ausbau und zur Verbesserung unserer nationalen Hilfsquellen
sind weitere zusätzliche Maßnahmen notwendig. Dem Prinzip der Partnerschaft, durch das die örtlichen Stellen ermutigt werden, die Initiative zu ergreifen und sich an der Entwicklung von Wasser- und Kraftquellen zu beteiligen, sollte auch weiterhin im Rahmen der laufenden
Ermächtigungen und Bewilligungen eingehende Beachtung geschenkt werden.
Um den Anpassungsprozeß in der Landwirtschaft zu unterstützen,
werden dem Kongreß Empfehlungen für eine verbesserte Landaufteilung
und ein Stützpreisprogramm für Mais sowie für Maßnahmen vorgelegt
werden, die sich mit den Problemen der Landbestellung und der Wasserverknappung befassen, die durch die jüngste Dürre noch vergrößert
wurden. Eine Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Absatzes 1 des
Gesetzes über die Entwicklung und Förderung des Handels mit Agrarprodukten um ein weiteres Jahr sowie eine begrenzte Erhöhung der
zulässigen Verluste würden eine nützliche kurzfristige Maßnahme darstellen, die zum Abbau der Überschußbestände an landwirtschaftlichen
Erzeugnissen beiträgt.
Der Kongreß wird erneut ersucht, ein Programm zu verabschieden.^
durch das die wirtschaftliche Grundlage jener örtlich begrenzten Gebiete mit Bundesunterstützung gestärkt werden soll, in denen ständige
Arbeitslosigkeit herrscht.

Von

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Von all den Vorschlägen zur Vergrößerung unserer nationalen Hilfsquellen kommt wohl keinem größere Bedeutung zu als dem zur Beseitigung
der kritischen Schulraumnot mit Unterstützung des Bundes. Der Kongreß
wird um die Verabschiedung eines Programms gebeten, welches dazu beitragen würde, diesen Rückstand innerhalb von vier Jahren aufzuholen.
Danach soll die volle Verantwortung für den Bau von Schulen wieder den
Regierungen der Einzelstaaten und den Kommunalbehörden zufallen.
Weitere Portschritte in bezug auf den Lebensstandard sollen durch
Maßnahmen ermöglicht werden, um den Wohnungs- und Gesundheitsstand
unseres Volkes zu heben sowie die Existenzsicherheit defl einzelnen zu
stärken. Wohnungsbau und der Bau von Eigentumswohnungen und Eigenheimen
würden durch eine Anpassung gefördert werden, durch die der Höchstzinssatz der Wohnungsbaukredite den auf den freien Markt üblichen Sätzen
stärker angeglichen würde; sie sollten weiter durch eine Erhöhung der
Mittel für die Bundes-Hypotheken-Anstalt zur Vergebung zweitstelliger
Hypotheken sowie durch eine Ausweitung des freiwilligen Hypothekenprogramms für den Wohnungsbau unterstützt werden.
Die Volksgesundheit würde durch gesetzliche Maßnahmen zur Unterstützung freiwilliger Gesundheitspläne sowie durch ein Programm zur
Bereitstellung von Geldmitteln für den Bau medizinischer und zahnärztlicher Ausbildungsstätten gefördert werden.
Die Sicherheit des einzelnen würde ferner erhöht werden, wenn die
Arbeitslosenunterstützung auf die Angestellten kleiner Firmen und gewisse andere Gruppen erweitert würde, indem das Gesetz über den Mindestlohn so umfassend gemacht wird, daß es weitere Arbeiter, die dieses
Schutzes bedürfen, einschließt; sowie durch die Forderung, daß die
privaten Pensions- und Versicherungsfonds beim Bund registriert werden
und ihm Rechenschaft ablegen; und letztlich durch ein Programm der
technischen Hilfe und einer begrenzten finanziellen Unterstützung der
Einzelstaaten bei ihren Maßnahmen zur Sicherung der Arbeitsplätze.
Schlußfolgerungen
Es besteht durchaus Grund zur Zuversicht, daß die Gesamtprosperität
des Landes in den kommenden Monaten weiter ansteigen wird. Eine mäßige
Zunahme der Kapitalaufwendungen der Wirtschaft zeichnet sich bereits
ab. Die Aufwendungen auf dem Bausektor sowie der Außenhandel und die
Investitionen werden auch weiterhin eine wirtschaftliche Expansion begünstigen. Die Gesamtausgaben der Bundesregierung, der Einzelstaaten
und der Kommunen werden höher sein. Die Verbraucherausgaben werden
durch die günstige Beschäftigungslage und die guten Einkommen weiterhin
eine Zunahme erfahren»
Die wirtschaftliche Lage weist jedoch stets Unsicherheitsfaktoren
und Probleme auf, die sorgfältige Beachtung erfordern. Hierunter fallen
die gegenwärtige internationale Lage, die steigende Tendenz der Kosten
und Preise, die die Kapitalaufwendungen der Wirtschaft beeinträchtigenden

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beeinträchtigenden Faktoren sowie die Gewährleistung eines ausreichenden
Zuflusses neuer Spargelder, damit der voraussichtliche starke Geldbedarf gedeckt werden kann.
Diese und andere Unsicherheitsfaktoren und Probleme, die eine
dynamische Wirtschaft nun einmal mit sich bringt, machen es erforderlich, daß jeder einzelne, alle Wirtschaftagruppen und die Regierung
auf ihrem jeweiligen Gebiet die Verantwortung für die Aufrechterhaltung
eines stabilen wirtschaftlichen Wachstums tragen. Wenn alle die ihnen
zukommende Verantwortung auf sich nehmen, dann wird die Fähigkeit unserer
Wirtschaft, den hohen Beschäftigten- und Produktionsstand sowie die
Kaufkraft beizubehalten - wie es im Arbeitsgesetz vorgesehen ist und im
großen und ganzen im vergangenen Jahr auch erreicht wurde - auch weiterhin gestärkt."

* -.-.

AUSZÜGE AUS DER WIRTSCHAFTSBOTSCHAFT
Rechte und Pflichten in einer freien Wirtschaft
Das Jahr 195&amp;» i n dem die Gesamterzeugung von Gütern und Dienstleistungen einen Wert von 412 Milliarden Dollar erreichte, zeigte erneut, über welche gewaltigen Produktivkräfte die amerikanische Wirtschaft verfügt. Diese ungeheure und ständig zunehmende Produktion gibt
uns die Mittel an die Hand, die Sicherheit unseres Landes zu wahren,
unseren derzeitigen Bedarf zu decken sowie unsere Produktionskapazität
auszuweiten. Darüber hinaus bringt diese hohe Produktion dem einzelnen
mehr Zeit und Muße, die er sowohl zu seiner Weiterbildung als auch zu
einem intensiveren Genuß der materiellen Güter verwerten kann. Somit
bietet unsere freie Wirtschaft dem amerikanischen Volk die Möglichkeiten für ein besseres Leben in jeglicher Hinsicht.
An diesen Erfolgen ist wohl abzulesen, welch brauchbares und wertvolles Instrument die freie Wirtschaft für die Organisierung und Ausweitung von Produktion und Konsum ist; doch sie offenbart an sich nicht
die Vorzüge, die eine freie Gesellschaft sowohl dem einzelnen als auch
der Gesamtheit in sozialer Hinsicht zu bieten vermag.
Da wären unter anderem zu nennen der unbehinderte Zugang zu Erziehung und Ausbildung, die freie Berufswahl aus einer Vielfalt von
Möglichkeiten in abhängiger oder selbständiger Position, das Recht auf
die Früchte der eigenen Arbeit und die vollkommene Freiheit, über den
eigenen Verbrauch und da.p Verwendung der Mittel nach eigenem Ermessen
zu verfügen. Darüber hinaus bildet unsere freie Wirtschaft eine unerlässliche Stütze für die von uns verfochtene Form des politischen Lebens.
Es

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Es gibt sehr aufschlußreiche Parallelen zwischen unseren politischen
und wirtschaftlichen Institutionen. Keine andere Staatsform bietet dem
einzelnen mehr Möglichkeiten zur Mitsprache, und keine andere Staatsform beruht in so starkem Maße auf dem Vertrauen in die Führungsqualitäten und die Integrität des einzelnen. Und ebenso bietet kein anderes Wirtschaftssystem dem einzelnen größere Erfolgsmöglichkeiten
oder überträgt ihm ein so hohes Maß an Verantwortung. So klar die
durch ein solches Wirtschaftssystem gebotenen Möglichkeiten auch zutage liegen, die Verpflichtungen des einzelnen, auf denen es beruht,
sind weniger klar erkennbar, und so werden sie oftmals nicht restlos
richtig verstanden.
Diese Verpflichtungen, die in erster Linie die Notwendigkeit der
Erhaltung und Festigung der Institutionen der freien Wettbewerbswirtschaft betreffen, trägt zu einem Teil die Regierung. Erstens muß die
Regierung eine Politik verfolgen, die den Geist des freien Unternehmertums konstruktiv fördert, und die wesentlichen Anreizmittel zu
arbeiten, zu sparen und zu investieren, schützen. Bei Konzipierung
dieser Politik dürfen nicht nur ihre unmittelbaren Auswirkungen auf
die Lebenskraft und Elastizität der Wirtschaft in Betracht gezogen,
es muß auch ihre Wirkung auf lange Sicht berücksichtigt werden. Zweitens muß die Regierung in ihrer Haushaltspolitik strenge Disziplin
wahren und darf das Einkommen des einzelnen und der Unternehmen nicht
höher besteuern als unbedingt erforderlich. Drittens"muß die Regierung
alle monopolitischen Tendenzen eindämmen und Wirtschaftsverhältnisse
anstreben, die dem einzelnen und auch neuen Verfahren und Erzeugnissen
die Möglichkeit bieten, sich im freien Wettbewerb zu bewähren. So
wie unsere Vorväter vor der Aufgabe standen, eine vernünftige Aufteilung der politischen Macht sicherzustellen, so obliegt es heute unserer Regierung, eine ebenso vernünftige Aufteilung der wirtschaftlichen Macht zu garantieren. Viertens muß die Regierung eine Politik
verfolgen, die die für eine dynamische Wirtschaft so wesentliche Anpassung an die fortschreitende technische Entwicklung und die sich
ständig wandelnden Konsumentenwünsche erleichtert. Maßnahmen, die diese Angleichung erschweren, muß sie vermeiden. Schließlich muß sie eine
Politik verfolgen, die dazu beiträgt, einen hohen Produktions- und
Beschäftigungsstand sicherzustellen und die Wirtschaft dem Ziele näherbringt, das Volkseinkommen bei stabiler Kaufkraft des Dollars zu erhöhen und möglichst allen Bevölkerungskreisen einen gerechten Anteil
an dieser Erhöhung zukommen zu lassen.
Doch kann die Regierung weder die ausschließliche Verantwortung
für ein reibungsloses Funktionieren unseres freien Wettbewerbssystems
übernehmen noch eine ununterbrochene Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft
garantieren. Selbst ein Versuch in dieser Richtung würde ein Eingreifen des Staates in einem Ausmaße mit sich bringen, das mit dem grundsätzlichen Wesen unserer freien Wettbewerbswirtschaft unvereinbar ist;
denn diese beruht auf der Überzeugung, daß bei einem Mindestmaß an staatlicher Einmischung der einzelne seine Kräfte und Begabungen am besten
zu entfalten und dadurch zur wirtschaftlichen Entwicklung beizutragen
vermag. In einer so gearteten Wirtschaft trägt der einzelne in seiner
eigenen Wirtschaftstätigkeit und in seinem Zusammenwirken mit anderen
große Verantwortung für ein erfolgreiches und gleichmäßiges, Funktionieren von Produktion und Absatz.
Eine

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Eine besonders schwere Verantwortung fällt den leitenden Männern
der Großbetriebe zu, insbesondere wenn es sich um Firmen mit umfassendem Tätigkeitsbereich an den verschiedensten Orten handelt; sie
müssen mit ihrer Arbeit zur Vermeidung von Wirtschaftsschwankungen
und -Störungen beitragen. Daß die Privatwirtschaft sich in zunehmendem Maße dieser ihrer Verantwortung bewußt wird, geht daraus hervor, daß sie immer mehr zu einer Planung auf weite Sicht übergeht
und in ihrer Tätigkeit auf die Erfordernisse einer größeren Stabilität des Beschäftigtenstandes Rücksicht nimmt. Dennoch war unsere
Wirtschaft gelegentlich schweren Belastungsproben ausgesetzt, da die
Unternehmer hinsichtlich der Ausrüstung der Betriebe, dem Ausbau der
Anlagen und insbesondere der Aufnahme von Krediten gelegentlich nicht
genügend Maß zu halten verstanden. Die Unternehmer haben eindeutig
die Verpflichtung, in ihrem eigenen und im Interesse des Landes sich
jeder Maßlosigkeit zu enthalten und ihre Pläne so auszuarbeiten und in
die Praxis umzusetzen, daß damit zu einer ständigen und allmählichen
Wirtschaftsausweitung beigetragen wird.
Desgleichen haben die Arbeitgeber, ebenso wie die Arbeitnehmer
und Gewerkschaften die Verpflichtung, alle Beschränkungen des freien
Wettbewerbs zu beseitigen und für eine größere Anpassung der Wirtschaft
an die neuen technischen Errungenschaften und Markterfordernisse Sorge
zu tragen. Und einsichtige führende Männer der Landwirtschaft werden
nicht den Versuch machen, die wirtschaftliche Lage auf diesem Sektor
mit Mitteln zu verbessern, die die so wichtige Anpassung an die sich
verändernden Marktverhältnisse vereiteln würden. Wettbewerbsmärkte
und die Möglichkeit, sich innerhalb der durch die persönliche Veranlagung, technischen Erfordernisse und Marktbedürfnisse gesetzten
Grenzen auf jedem Wirtschaftsgebiet zu betätigen, sind wichtige Vorbedingungen einer starken freien Marktwirtschaft.
Eine weitere Verantwortung der leitenden Männer auf Seiten der
Arbeitgeber und Arbeitnehmer erwächst aus der Tatsache, daß sie auf
Grund der Machtkonzentrationen in der Lage sind, Maßnahmen zu treffen,
die infolge der hohen Empfindlichkeit unseres Wirtschaftssystems die
Nation als Ganzes entscheidend beeinflussen.
Unternehmer und Gewerkschaftsführer haben insbesondere die
Pflicht, nur solche Vereinbarungen über Löhne und andere Sozialleistungen zu schließen, die sowohl den unmittelbar Beteiligten
als auch den übrigen Bürgern gerecht werden. Die ausgehandelten
Lohnerhöhungen und Sozialleistungen sollten auf die voraussichtliche Entwicklung der Produktivität und die Erhaltung einer stabilen
Dollarwährung abgestimmt sein. Und die Unternehmen müssen sich darüber im klaren sein, daß die breite Öffentlichkeit an den für ihre
Erzeugnisse und Dienstleistungen festgesetzten Preisen interessiert ist.
Eine Inflation der Preise zu verhüten, die in einer expandierenden
und an die Grenze ihrer Kapazität operierenden Wirtschaft eine stets,
gegenwärtige Gefahr bildet, läßt sich durch eine regulierende Finanzund Steuerpolitik der Regierung allein nicht bewerkstelligen. Wollte
man sich ausschließlich auf Regierungsmaßnahmen verlassen so würde man
das Risiko eingehen, daß im Gefüge unserer Wirtschaft und in unserem
Wirtschaftsleben Wirkungen hervorgerufen werden, die in den kommenden

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kommenden Jahren den freien Wettbewerb daran hindern könnten, sich frei
zu entfalten. Und wollte man sich andererseits weigern, die Verantwortung zu übernehmen, die eine freie Wirtschaft mit sich bringt, so
würden bald schon Forderungen laut werden, diese Verantwortung der Regierung zu übertragen, was stärkere Eingriffe des Staates in das Wirtschaftsleben und den Verlust an Freiheit zur Folge haben würde die
ein solches Vorgehen zwangsläufig nach sich ziehen müßte. Die erfolgreiche Ausdehnung der Prosperität bei gleichzeitiger Erhaltung der
Preisstabilität muß das Ziel der vereinten Bemühungen jedes Amerikaners,
aller Wirtschaftsgruppen und sämtlicher Regierungsbehörden sein, wobei
alle Schritte aufeinander abgestimmt und so geartet sein sollten, daß
sie sich gegenseitig ergänzen ...
Verstärkte wirtschaftliche Beziehungen mit anderen Ländern
Es bleibt auch weiterhin eines der wichtigsten Ziele der Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten, den internationalen Güter- und
Kapitalaustausch auf einer Grundlage zu ermöglichen und zu verstärken,
die jede Diskriminierung gegenüber anderen ausschließt. Da unser Einfuhrvolumen und die Verfügbarkeit von Kapital für Auslandsinvestitionen
aus privaten Quellen von der Prosperität unserer Binnenwirtschaft abhängen, bildet eine stabile und expandierende amerikanische Wirtschaft
eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Welthandelsgefüge. Doch
sind positive Maßnahmen zur Unterstützung anderer Nationen erforderlich, damit diese an der wirtschaftlichen Expansion und der Prosperität der freien Welt teilnehmen können. In den vergangenen vier Jahren
sind beträchtliche Fortschritte in dieser Richtung erzielt worden, doch
bieten sich gerade auf diesem Gebiet immer noch große Möglichkeiten.
Durch den Abbau von Handelsschranken auf der Basis der Gegenseitigkeit haben die Vereinigten Staaten den internationalen Güteraustausch ohne diskriminierende Einschränkungen gefördert, ohne jedoch
dabei ihr Recht aufzugeben, die einheimische Industrie vor ernstlichem
Schaden zu bewahren. Die der Regierung ursprünglich im Gesetz über
Gegenseitige Handelsabkommen vom Jahre 1934 erteilten Befugnisse wurden,
mit bestimmten Abänderungen, durch das im Jahre 1955 erlassene Ergänzungsgesetz zum Gesetz über Gegenseitige Handelsabkommen bis zum 30«
Juni 1958 verlängert. Das Ergänzungsgesetz von 1955 erweiterte die
Befugnisse des Präsidenten in mancher Hinsicht. Insbesondere ermächtigte es ihn, auf der Basis der Gegenseitigkeit Zollsenkungen bis zu
fünf Prozent'jährlich für die Dauer von drei Jahren vorzunehmen und
es ermöglicht ferner die jahresweise zu staffelnde Senkung der über
50 Prozent des Wertzolls betragenden Zollsätze auf 50 Prozent. Auf
Grund dieses Gesetzes wurden im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) mit 21 Ländern Abmachungen über gegenseitige Zollzugeständnisse getroffen, von denen amerikanische Aus- und Einfuhren
im Werte von 1 Milliarde Dollar betroffen werden. Im Jahre 1955» noch
vor Annahme des Ergänzungsgesetzes, schlössen die Vereinigten Staaten
gemeinsam mit 16 weiteren Ländern im Rahmen des GATT mit Japan wichtige
Zollabkommen, die dieses Land wirtschaftlich enger an die freie Welt
banden. Die im Gesetz über Gegenseitige Handelsabkommen enthaltenen
"Rücktrittsklauseln" und "Gefahrenpunktbestimmungen", die den Zweck

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Zweck haben, die einheimische Industrie gegenüber größeren Benachteiligungen zu schützen, wie sie aus Zollkonzessionen resultieren könnten,
bieten d«r amerikanischen Wirtschaft nach wie vor ausreichende Sicherheiten, ohne dabei die Liberalisierung des Handels im großen und ganzen
zu beeinträchtigen.
Beim Abbau von Handelsschranken und in der Beseitigung diskriminierender Beschränkungen gegenüber amerikanischen Exportfirmen haben die
im Rahmen des GATT geführten mehrseitigen Verhandlungen größere Erfolge
gezeitigt als die zweiseitigen Verhandlungen. Um GATT zu einem noch
wirksameren Instrument zur Beseitigung von Diskriminierungen gegenüber
unsere!" Exporthandel 'zu machen, ist eine Verwaltungsbehörde - die Organisation für Gemeinsamen Handel - notwendig. Um die von GATT heute
bereits gebotenen Vorteile noch zu erhöhen, wird der Kongreß ersucht,
ein Gesetz zu verabschieden, das den Beitritt der Vereinigten Staaten
zur Organisation für Gemeinsamen Handel genehmigt...
Die Vereinigten Staaten haben in Form staatlicher Zuwendungen
und Kredite sowie privater Investitionen beträchtliche Summen aufgebracht, um andere Länder bei der Entwicklung ihrer Wirtschaft zu unterstützen. In den drei letzten Wirtschaftsberichten ist bereits nachdrücklich darauf hingewiesen worden, wie wünschenswert die Förderung privater
Investitionen in Ländern sei, die sich um einen schnellen Aufbau ihrer
Wirtschaft bemühen. Private Investitionen sind im allgemeinen mit der
Bereitstellung von technischem und leitendem Personal verbunden, das
ebenso notwendig wie das Kapital selbst, aber oft schwerer zu beschaffen
ist. Gegenwärtig werden die in anderen Ländern gebotenen steuerlichen
Anreize für Investitionen mitunter dadurch wieder aufgehoben, daß die
von den Regierungen der Empfängerländer gewährten steuerlichen Erleichterungen bei der Berechnung der von den Firmen in den Vereinigten
Staaten zu zahlenden Einkommensteuer unberücksichtigt bleiben. Private
Auslandsinvestitionen würden durch'Steuerabkommen, in denen die Gesetze
anderer Länder zum Anreiz von Neuinvestitionen ausländischer Kapitalgeber unter Wahrung der als notwendig erachteten Sicherungsvorkehrungen
entsprechend berücksichtigt werden müßten, wesentlich gefördert werden.
Die von der amerikanischen Regierung gewährten Zuwendungen und
Kredite haben die wirtschaftliche Entwicklung in den Ländern der
freien Welt erheblich begünstigt. Im Rahmen des Programms für Gemeinsame Sicherheit wurden im laufenden Haushaltsjahr 1,8 Milliarden
Dollar für nichtmilitärische Hilfsprogramme bewilligt, einschließlich wirtschaftlicher Verteidigungshilfe und Aufbauhilfe sowie des
Programmes bezüglich der technischen Zusammenarbeit und anderer Formen
der Unterstützung. Dem Kongreß werden Empfehlungen zugeleitet werden,
die die Weitergewährung dieser Unterstützung und Maßnahmen zum Gegenstand haben, die darauf abzielen, diese Programme elastischer zu gestalten, damit sie den Erfordernissen der sich schnell ändernden internationalen Situation angepaßt werden können.

Die

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Die Export-Importbank hat beträchtliche Summen in Form von
Krediten zur Finanzierung amerikanischer Exporte und zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung anderer Länder zur Verfügung gestellt. An diesen Krediten war vielfach auch privates Kapital beteiligt, was eine verstärkte Tätigkeit der Bank ermöglichte.
Die bis 30.Juni 1958 befristete Befugnis der Export-Importbank zur
Gewährung von Krediten sollte daher verlängert werden.
Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, die beide
größtenteils aus Kapitaleinlagen und Garantien der amerikanischen
Regierung gespeist beziehungsweise gedeckt werden, haben ihre Dollartransaktionen im Jahre 1956 in bemerkenswerter Weise erweitert.
Die von der Weltbank vergebenen Kredite tragen zu einer gesunden wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Mitgliedstaaten bei. Der Internationale Währungsfonds unterstützt die ihm angehörenden Länder dabei,
vorübergehende Schwierigkeiten in den Zahlungsbilanzen zu beheben
und fördert eine gesunde internationale Finanzpolitik sowie den
freien Währungsaustausch. Vor kurzem erst stellte er Mittel zur
Stärkung der Währungsposition Großbritanniens zur Verfügung.
Die amerikanischen Zollverfahren wurden vereinfacht und bestehende
Härten durch die im Jahre 1953 und 1956 erlassenen Gesetze beseitigt.
Auf Grund des Gesetzes vom Jahre 1953 wurden verschiedene Verwaltungsvorschriften erlassen, die die Rechnungslegung bei Einfuhren vereinfachten.
Das Gesetz über die Vereinfachung des Zollwesens vom Jahre 1956
verfolgt den Zweck, die für die Wertzollfestsetzung für Einfuhrgüter
angewandten Verfahren zu vereinfachen und lästige Verzögerungen und
bestehende Ungewißheiten zu beseitigen. Auf Grund weiterer Gesetze
werden zur Zeit von der Zollkommission Mittel und Wege geprüft, um das
gegenwärtige System der Warenkategorien und die Zolltarife zu verbessern.
Zwei vielversprechende Projekte, die gegenwärtig geprüft werden,
würden die wirtschaftliche Integration Westeuropas fördern. Das eine
ist die Schaffung eines gemeinsamen Marktes und die Beseitigung der
nationalen Zollschranken zwischen den sechs kontinentalen Ländern,
die zusammen die Montanunion bilden. Das andere ist ein Zusammengehen
Großbritanniens mit dieser Staatengruppe und anderen kontinentalen
Ländern zwecks Bildung eines gemeinsamen Freihandelsgebiets. Diese Projekte dürften, falls sie zu einem positiven Abschluß gebracht werden, wesentlich zum wachsenden wirtschaftlichen Aufschwung und zum politischen
Zusammenschluß Europas beitragen und würden sich sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für die gesamte freie Welt vorteilhaft auswirken.
Die fortschreitende Industrialisierung Westeuropas und eines großen
Teils der übrigen Welt erfordert den Ausbau wirtschaftlich rentabler Energiequellen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle
und Stahl planen zur Zeit gemeinsame Maßnahmen auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Atomenergie. Der Kongreß sollte daher die erforderlichen
Schritte unternehmen, um die Vereinigten Staaten zur uneingeschränkten
Teilnahme an der Arbeit der Internationalen Atomenergiebehörde der Vereinten Nationen zu ermächtigen, damit wir unsere Bemühungen, auch andere
Nationen der freien'Welt an den Segnungen einer friedlichen Nutzung der
Atomenergie teilnehmen zu lassen, weiter verstärken können.
Die

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30. Januar 1957

Die gegenwärtige Wirtschaftslage
Die Wirtschaftstätigkeit hatte Ende 1956 einen hohen Stand erreicht.
Die Investitionen der Wirtschaft haben ständig an Umfang zugenommen.
Die Zahl der Beschäftigten und die tatsächlich gezahlten Löhne in den
nichtlandwirtschaftlichen Betrieben sind angestiegen; die Arbeitslosigkeit war gering. Der Umsatz im Einzelhandel hat während des letzten
Quartals des vergangenen Jahres zugenommen. Der Außenhandel sowie die
Auslandsinvestitionen hielten sich auf einem hohen Stand, und die Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse war besonders hoch. Die Aufwendungen der einzelstaatlichen und kommunalen Verwaltungen nahmen weiterhin stetig zu, und auch die Ausgaben der Bundesregierung haben in bescheidenem Umfang zugenommen.
Andererseits sanken die Ausgaben für den Wohnungsbau sowie der
Ausstoß einiger dafür erforderlichen Industrieerzeugnisse weiterhin
ab, obgleich die Zahl der in den letzten Monaten des Jahres in Angriff
genommenen Neubauten einer Jahresrate von mehr als 1 Million entspricht.
Durch den ständigen und heftigen Druck der Konkurrenz haben die Hersteller einiger der wichtigsten Haushaltsgeräte Produktionsanpassungen
vorgenommen. Auf dem Kapitalmarkt war die Nachfrage im Verhältnis zum
Angebot im allgemeinen sehr groß, und die Großunternehmen und Finanzinstitute waren auf Grund der hohen finanziellen Anforderungen während
des ganzen Jahres weniger liquide.
In den letzten Monaten des Jahres 1956 haben die Warenbestände
zugenommen, was sich vor allem in den erhöhten Lagerbeständen der
Automobilhändler und der Herstellerfirmen zeigt, in weiteren Anschaffungen seitens der Maschinenausrüstungsindustrie, deren Produktion
und Umsatz angestiegen sind, sowie schließlich in der Auffüllung der
Lagerbestände bei der stahlverarbeitenden Industrie im allgemeinen. Im
ganzen jedoch waren die Bestände im Verhältnis zum Absatz nicht übermäßig hoch.
Wie die Wirtschaftstätigkeit sich in den kommenden Monaten entwickeln wird, kann man nicht mit Sicherheit voraussehen; doch lassen
einige bereits bekannte Tatsachen Rückschlüsse auf die mögliche Entwicklung von Ausgaben iiuuiL-Nachfrage in gewissen wichtigem Kategorien
zu. Erstens deutet einiges darauf hin, daß die Kapitalaufwendungen in
den kommenden Monaten leicht ansteigen werden. Die Ordern für Anlagegüter sind seit einiger Zeit höher als das Produktionsvolumen, so daß
der Auftragsbestand,insbesondere für industrielle und elektrische
Maschinen, weiterhin zugenommen hat. Auch Untersuchungen über geplante
Kapitalaufwendungen der Wirtschaft im Jahre 1957 deuten auf ein weiteres Anwachsen über den derzeitigen Stand hinaus hin. Allerdings
dürfte die Zuwachsrate niedriger sein als im Jahre 1956. Einige der
außergewöhnlich umfangreichen Ausbauprogramme, die vor ein oder zwei
Jahren in Angriff genommen wurden, sollen in diesem Jahre abgeschlossen werden. Demgegenüber wurden andere Projekt« auf Grund finanzieller
Erwägungen zunächst zurückgestellt. Und ein weiteres Ansteigen der
Produktion von Anlagegütern wird zwangsläufig durch die Tatsache" begrenzt werden, daß einige der Herstellerfirmen selbst ihre Produktionskapazität bereits voll oder nahezu voll ausgenutzt haben.
Zweitens

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30. Januar 1957

Zweitens kann damit gerechnet werden, daß die bereits seit langer
Zeit ständig anwächsenden Ausgaben der einzelstaatlichen und kommunalen
Verwaltungen - rund 3 Milliarden Dollar jährlich - in den letzten Jahren
auch weiterhin ansteigen werden, da diese Stellen bestrebt sind, den
rasch ansteigenden Anforderungen durch Ausbau ihrer Einrichtungen und
Dienstleistungsbetriebe gerecht zu werden. Auch die Ausgaben der Bundesregierung dürften im Kalenderjahr 1957 auf Grund der Aufwendungen
für Verteidigungszwecke und der für wichtige zivile Dienstleistungen
sich ergebenden Verpflichtungen um einiges höher liegen.
Drittens dürften auf Grund der in Aussicht genommenen Projekte
der öffentlichen Hand im Verein mit den hohen Kapitalaufwendungen der Privatwirtschaft und der zunehmenden Zahl der Verwaltungsbauten die Gesamtaufwendungen für Neubauten in den kommenden Jahren beträchtlich
ansteigen. Im Wohnungsbau scheint sich hingegen die angespannte Lage
auf dem Hypothekenmarkt in der kommenden Bausaison eindämmend auszuwirken, obwohl die jüngst von der Regierung ergriffenen Maßnahmen
die Auswirkungen der angespannten Kreditlage im Wohnungsbauwesen etwas
mildern sollten. Das verminderte Angebot an neuen Wohnungen dürfte
Marktbedingungen schaffen, die einer zusätzlichen Bautätigkeit günstig
sind.
Viertens hat es den Anschein, daß trotz der äußerst komplexen und
mannigfaltigen Faktoren, die unsere Auslandsmärkte beeinflussen, die
Außenhandels- und die Investitionsvolumen weiterhin ihren derzeitig
hohen Stand beibehalten werden.
Schließlich künden die positiven Faktoren in der derzeitigen
Wirtschaftslage einen hohen Beschäftigtenstand an, was im Verein mit
gutem Verdienst eine Steigerung des Konsums in den kommenden Monaten
bewirken dürfte. Das Vertrauen des amerikanischen Volkes in die Stärke
unserer Wirtschaft ist unverändert groß und begünstigt auch in Zukunft
hohe Verbraucherausgaben. Das beharrliche Drängen unserer Bevölkerung
nach einer ständigen Steigerung des Lebensstandards und ihre Bereitschaft,
zur Erreichung dieses Zieles hart zu arbeiten, sind sowohl für die wirtschaftliche Entwicklung in der allernächsten Zukunft als auch für die
Lebenskraft unseres Wirtschaftssystems auf weite Sicht von großer
Bedeutung.
Allerdings gibt es immer gewisse Unsicherheitsfaktoren, die wir
in Rechnung stellen müssen. Einer der bedeutsamsten dieser Faktoren
ist die gegenwärtige weltpolitische Lage. Ein anderer ergibt sich aus
den Preisbewegungen. Zwar dürfte die geringe Aufwärtstendenz der Preise
noch kaum ihr Ende erreicht haben, doch können der erhöhte Ausstoß, die
gesteigerte Produktivität und der lebhafte Wettbewerb, unterstützt durch
entsprechende öffentliche und private Maßnahmen, dieser Entwicklung
zu höheren Preisen entgegensteuern.
Ein drittes Element der Unsicherheit ergibt sich aus den verschiedenen Faktoren, die die Vornahme neuer Kapitalaufwendungen seitens
der Privatwirtschaft bestimmen. Obgleich gegen Ende des Jahres 1956
manches auf eine günstigere Entwicklung der Situation hindeutete, sind

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

50. Januar 1957

sind sowohl die Gewinnspannen als auch die Gesamtgewinne in vielen Industriezweigen infolge der steigenden Herstellungskosten gesunken. In
manchen Fällen bewirken sinkende Gewinne eine Beschleunigung der Kapitalaufwendungen, da die Unternehmer versuchen, die Betriebskosten
durch die Anschaffung leistungsfähiger und produktiverer Anlagen und
Maschinen zu senken; in anderen Fällen wiederum zeigen sich gegenteilige Auswirkungen auf die Kapitalaufwendungen, da mit dem Rückgang
des Gewinns auch der Anreiz und die finanzielle Möglichkeit, die
Aufwendungen auf gleicher Höhe zu halten oder gar zu steigern, zurückgehen. Und obgleich schließlich der für Investitionszwecke verfügbare
Zustrom an neuen Spareinlagen auch weiterhin erheblich sein dürfte,
werden die zu erwartenden hohen Anforderungen der Privatwirtschaft
sowie der einzelstaatlichen Regierungen und Kommunalverwaltungen nach
wie vor Probleme hinsichtlich der zeitlichen Koordinierung und des
Gleichgewichts auf dem Kapitalmarkt stellen.
Diese und andere Faktoren der Unsicherheit und die sonstigen
Probleme, die zwangsläufig in einer dynamischen Wirtschaft auftauchen,
verpflichten die Regierung, den einzelnen und die verschiedenen Gruppen innerhalb der Wirtschaft, in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich
für eine stetige und gleichmäßige wirtschaftliche Entwicklung zu sorgen.
Wenn alle diesen Verpflichtungen gerecht werden, dann dürfen wir mit
Recht darauf vertrauen, daß die Prosperität, deren unser Land sich
erfreut, auch in den kommenden Monaten anhält, und daß unsere Wirtschaft
in noch stärkerem Maße als bisher in der Lage sein wird, den mit dem
Employment Act in Aussicht genommenen hohen Stand der Beschäftigung,
der Produktion und der Kaufkraft zu fördern. Ein eingehendes und wohlwollendes Studium des im folgenden Abschnitt umrissenen Wirtschaftsprogramms durch den Kongreß dürfte uns diesem Ziele um ein wesentliches
näher bringen.
Künftige Aufgaben
Die unterbreiteten Vorschläge ... sind so formuliert worden, daß
in erster Linie die Erfordernisse der unmittelbaren Zukunft Berücksichtigung finden; die Regierung ist jedoch auch verpflichtet, für die
fernere Zukunft vorzusorgen, obgleich dies nur unvollkommen getan
werden kann. Selbst bereits seit langem klar ausgeprägte Trends können
sich ändern, und es gibt vieles, was sich überhaupt nicht voraussehen
läßt. Bestimmte Faktoren aber, die unsere Wirtschaft in den kommenden
Jahren beeinflussen werden, sind schon mit gewisser Deutlichkeit zu
erkennen. Zwei der wichtigsten davon sind die Zunahme unserer Bevölkerungszahl und die Veränderungen in der Alterspyramide.
Vor dem zweiten Weltkrieg und kurz danach hatten die Fachleute
errechnet, daß die Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten immer langsamer wächst, in ein paar Jahrzehnten einen Gipfelpunkt erreichen und
dann allmählich abnehmen werde. Tatsächlich betrug der Faktor für die
Bevölkerungszunahme in den letzten zehn Jahren mehr als das Doppelte
dessen der dreißiger Jahre. Es sind auch merkliche und ganz unterschiedliche Veränderungen in der Zunahme der Bevölkerungszahl in den einzelnen Bevölkerungselementen unserer Nation vor sich gegangen. Diese
Veränderung und die Zunahme der Gesamtbevölkerungszahl haben unsere
Wirtschaft bereits nachhaltig beeinflußt. Neue Aufgaben ergeben sich

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30. Januar 1957

sich für die Zukunft, wenn der starke Anstieg der Geburtenziffer seit
den vierziger Jahren, besonders seit 1946, in den Zahlen für die
wichtigen Altersgruppen spürbar werden wird. Die Zahl der jungen
Menschen, die das 18. Lebensjahr vollenden,wird zwischen 1970 und
1980 fast doppelt so hoch sein wie im Jahr 1956. Es ist zu erwarten,
daß die Zahl der Jugendlichen im College-Alter 1970 etwa Sofo höher
liegt als heute; gleichzeitig erwartet man aber, daß im Jahr 1970
die Einschreibungen für die regulären Lehrgänge an den vorhandenen
Fach- und Hochschulen mehr als doppelt so hoch sein werden als heute.
Die Zahl erster Eheschließungen, die ihren Niederschlag auch in der
Zahl der Hausstandsgründungen findet, wird wahrscheinlich um 1965 höher
als jetzt und Ende der sechziger Jahre und in den siebziger Jahren
sogar erheblich höher sein. Die tatsächliche Höhe der Beschäftigtenzahl wird so sehr von der persönlichen Entscheidung des einzelnen
bestimmt, sich eine Arbeit zu suchen oder nicht zu suchen,
daß
hierüber keinerlei Voraussagen gemacht werden können. Obgleich über
die Zahl der Personen, die nur in den Arbeitsprozeß eingegliedert
werden, im voraus keine bestimmten Angaben gemacht werden können,
so läßt sich doch mit Sicherheit sagen, daß sie im Verhältnis zu
heute wesentlich höher sein wird.
Diese wenigen Beispiele für die zu erwartende Entwicklung aus
der Zunahme und der veränderten Alterspyramide unserer Bevölkerung
lassen zum Teil die Aufgaben erkennen, die in den kommenden Jahren
von öffentlicher und privater Seite gemeistert werden müssen ...
Das Ausmaß, in dem sich das Bruttosozialprodukt infolge der
wahrscheinlichen Erhöhung der Bevölkerungszahl vergrößern wird,
hängt im wesentlichen davon ab, ob es uns gelingt, einen hohen
Beschäftigungsstand und unsere Produktivitätszuwachsrate zu erhalten.
Der Ausstoß pro Mann und Arbeitsstunde hat sich über lange Zeit hinweg durchschnittlich um etwa 2 % jährlich erhöht; seit dem zweiten
Weltkrieg beträgt (ier Steigerungsfaktor weit über 3 c/o im Jahr. Die
Produktivität dürfte sich auch weiterhin in dem gewohnten Umfang
oder in dem Ausmaß der jüngsten Zeit erhöhen, jedoch kann ein solcher Faktor nicht als automatisch vorhanden oder als sichere Größe
ohne Relation zu anderen Faktoren angesehen werden. Ein erheblich
größeres Angebot an fachlich geschulten Arbeitskräften, Energie,
Rohstoffen und Anlagegütern wird erforderlich sein, wenn die Chancen, die uns der technische Fortschritt bietet, wahrgenommen und
die Erfordernisse einer rasch anwachsenden Bevölkerung bei einem
verbesserten Lebensstandard befriedigt werden sollen. Eine solche
Aufwärtsentwicklung setzt eine gesteigerte Spar- und Investitionstätigkeit voraus. Die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für
unsere freie Wirtschaft sind für die nächsten 25 Jahre - selbst

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30. Januar 1957

selbst bei vorsichtiger Schätzung - außerordentlich groß. Ebenso
groß ist aber auch die Verantwortung, die Regierung und Staatsbürger tragen müssen. Hauptziel der Regierung muß es sein, ein ausgewogenes und fest fundiertes Wachstum der Wirtschaft zu fördern, und
zwar in einer Atmosphäre, die dem Geist des freien Unternehmertums
dienlich ist. Dieses Bemühen muß durch private Maßnahmen gestützt
werden, die ihrerseits mithelfen, die Lebenskraft der freien Wettbewerbswirtschaft und eine ständige Erweiterung des wirtschaftlichen
Volumens ohne Preisinflation zu gewährleisten. Gelingt es uns, dieser
Verantwortung gerecht zu werden, so haben wir damit viel dazu beigetragen, unserem Volk eine weitere gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung zu sichern,und dies wiederum kann sich außerordentlich segensreich auf den Frieden und den Fortschritt der ganzen Welt auswirken.

* * * * *

�Allg./6.2.1957
DIE NATO - ABSCHRECKUNGSMITTEL UND SGHUTZSCHILD

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut einer Rede, die General Lauris Norstad, der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa, am
29. Januar 1957 vor der Amerikanischen NATO-Gesellschaft
anlässlich eines Festessens im Waldorf-Astoria-Hotel in
New York gehalten hat.
Ich überbringe Ihnen die Grüße der in Europa stationierten
amerikanischen Streitkräfte. Diese Grüße sollen Sie daran erinnern,
daß sie dort zusammen mit ihren Kameraden aus anderen Ländern auf
Wache stehen, um den Frieden der Welt zu wahren. Ich sagte ausdrücklich "in Europa", weil Europa in meinen Verantwortungsbereich fällt.
Lassen Sie mich nachdrücklich feststellen, daß ich den Oberbefehl
lediglich über einen Teil der NATO-Streitkräfte innehabe. Admiral
Wright, der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte im Atlantik
und Admiral Creasy, der Oberbefehlshaber im Kommandobereich Ärmelkanal, tragen eine ähnliche Verantwortung. Daneben gibt es noch die
Befehlshaber der nationalen Streitkräfte, deren Truppen gemeinsam
mit unseren das gewaltige Kräftereservoir ausmachen, das die Nordatlantikpakt-Organisation darstellt. Patrouillenboote unter griechischer Flagge, ein Zug der norwegischen Gebirgstruppen, ein französisches Pionier-Bataillon und eine kanadische Düsen-Staffel sie alle sind Teil der NATO und eng miteinander verbunden.
Ich wiederhole: eng miteinander verbunden. Das Bündnis ist
für jedes seiner 15 Mitglieder von lebenswichtiger Bedeutung, und
ebenso ist jedes Mitglied für das gesamte Bündnis von lebenswichtiger Bedeutung. Ob ein Mitgliedstaat soweit ab von der Sowjetunion
liegt wie die Vereinigten Staaten oder an sie angrenzt wie die
Türkei - sie alle sind gleichermaßen bedroht.
Schon oft haben Menschen Streitkräfte dazu benutzt, den Frieden wieder herzustellen; die NATO jedoch ist das schönste Beispiel
ihrer Verwendung um der Erhaltung des Friedens willen. Der Geist
dieses Unternehmens kommt in der Präambel des Nordatlantikpaktes,
der am 4« April 1949 unterzeichnet worden ist, zum Ausdruck.
"Die vertragschließenden Parteien ... sind zur Wahrung der
Freiheit, des gemeinsamen Kulturerbes ihrer Völker, entschlossen,
die auf die Prinzipien der Demokratie, die Freiheit des einzelnen
und die Grundsätze des Rechts gegründet ist ...
q.

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�6. Februar

"AMERIKA DIENST

1957

Sie sind entschlossen, ihre Bemühungen um eine gemeinsame Verteidigung und zur Erhaltung von Frieden und Sicherheit zu vereinigen."
Diese Zielsetzungen, die so klar zum Ausdruck kommen und Zeichen
des Vertrauens sind, bilden die Grundlage der in der NATO vereinigten
militärischen Befehlsgewalt. Sie stellen eine Zusammenfassung alles
dessen dar, was den Sinn unseres Bündnisses ausmacht. Und was noch
wichtiger ist, diese Zielsetzungen werden auch in die Tat umgesetzt.
Die Prinzipien der NATO haben sich nicht nur als brauchbar erwiesen,
sondern auch bereits ganz unverkennbare Auswirkungen gezeigt. Die
Reaktion der Sowjets beweist das ganz deutlich. Gehört es doch zu
den augenfälligsten Zielen Rußlands, dieses Bündnis zu zerschlagen,
das ihm jenseits der empfindlichsten und der am schärfsten zutage
tretenden politischen Trennuhgslinien zwischen Ost und West gegenübersteht .
Man braucht kein Politiker und kein Stratege zu sein, um zu begreifen, warum sich die Sowjets so gewaltige Mühe geben, die NATO zu unterminieren. Man braucht sich nur der Atmosphäre der Furcht zu erinnern,
die das Frühjahr 1951 charakterisierte. In Korea tobte ein fürchterlicher Krieg. In Westeuropa, das sich eben erst vom zweiten Weltkrieg
zu erholen begann, lautete die Fragestellung damals: Welches Land wird
als nächstes unter die Herrschaft der Sowjetunion geraten und nicht ob,
sondern wann ein dritter Weltkrieg beginne.
Damals wurde General Eisenhower wieder zurückberufen, um in Paris
das Oberkommando der Alliierten Streitkräfte in Europa - SHAPE - aufzubauen, das uns heute allen ein fester Begriff ist. Die Berufung dieses Mannes mit seinem unerhörten Prestige gab der NATO Auftrieb. Die
Furcht begann zu schwinden und die Hoffnung stieg. Die Menschen in Westeuropa maßen selbst völlig beiläufigen Handlungen eine Bedeutung zu, die
ihnen oftmals gar nicht zukam. Als ich beispielsweise meine Dienstgeschäfte in Wiesbaden aufnahm, konnte ich so quasi Seufzer der Erleichterung hören und spüren, wie die Spannung nachließ. Warum? Einfach deshalb, so sagte man mir, weil ich meine Frau und meine kleine Tochter
mitgebracht hatte - für die Deutschen ein Beweis dafür, daß offizielle
Kreise der Auffassung waren, die Gefahr eines Krieges sei geringer geworden.
Als wir dann damit begannen, unsere Verteidigung zu organisieren,
nachgeordnete Befehlsstellen einrichteten, militärische Ausrüstungen
nach Europa brachten und die Ausbildung mit verstärkten Kräften betrieben, wuchs die Erkenntnis, daß sich der Westen verteidigen ließe
und auch verteidigt werden würde.
Die Gefahr schien für den Augenblick nachzulassen. Daß es offensichtlich gelungen war, der sowjetischen Bedrohung der Jahre 1951/52
Einhalt zu gebieten, war keineswegs der einzige Vorteil, der auf das
Konto des Kräftereservoirs der NATO kommt. Aus dem neugewonnenen Gefühl
eines gemeinsamen Zweckes und aus der Erfahrung einer Partnerschaft,
die sich in einer Zeit der Gefahr so erfolgreich aufgetan hatte, erwuchs

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�'AMERIKA DIENST

6. Februar 1957

erwuchs ein neuer Geist, der ganz Westeuropa verwandelte. Ein außergewöhnlich großer wirtschaftlicher Aufschwung folgte dem nach. Diese
Entwicklung wäre kaum so schnell vor sich gegangen und so weit fortgeschritten, wenn nicht jene Sicherheit gegeben gewesen wäre, die die
NATO bot.
Heute zeigt sich diese Gefahr wiederum in scharfen Umrissen. Die
Offensive des Lächelns, die Chruschtschow und Bulganin gestartet haben,
hat sich in Nichts aufgelöst. Und wieder hören wir aus dem Osten den
vertrauten Chor der Tatsachenverdrehung und Entstellungen. Der massive
Vorstoß sowjetischer Panzer in Ungarn hat den Beweis geliefert - sofern
es überhaupt eines weiteren Beweises bedurfte -, daß die Zielsetzungen
des Kreml die gleichen geblieben sind, und daß die Gewalt nach wie vor
das bevorzugte Mittel seiner Politik ist. Und wieder einmal wurde damit
für die Amerikaner und darüber hinaus für alle Völker der freien Welt
die Bedeutung der Stärke der NATO unterstrichen.
Nur wenn wir auf die Vergangenheit zurückblicken, können wir erfassen, was bereits geleistet worden ist. Es gab auch Augenblicke des
Zweifels. So im vergangenen Herbst, als die Ereignisse in Osteuropa und
im Mittelmeer einigen ein Durcheinandergeraten, wenn nicht sogar den
restlosen Zusammenbruch unseres Bündnisses anzukünden schien. Solche
düsteren Vorhersagen basierten ebenso wie ähnliche Prognosen aus der
Zeit vorher und nachher auf einer falschen Beurteilung der Stärke der
NATO. Ich habe das Vertrauen nie verloren. Dies erinnert mich an die
Geschichte jener beiden Männer, die jeder ein Glas Wein vor sich
stehen haben, und von denen der Melancholiker sagte: "Mein Glas ist
halb leer", während der andere sagt: "das meine ist noch halb voll".
Im Vergleich zu dem, was im NATO-Glas angesichts der gewaltigen Hilfsquellen der Atlantikpakt-Gemeinschaft sein sollte, kann man es in der
Tat als nur halb voll bezeichnen. Wir haben aber die Möglichkeit, noch
nachzugießen und es bis zum Rande anzufüllen.
Im Zeitpunkt der Planung der NATO, vor mehr als acht Jahren also,
wurde die Konzeption dessen entwickelt, was man später als AbschreckungsStrategie bezeichnen sollte. Diese Strategie - und einige der hier anwesenden hohen Gäste gehören mit zu ihren Vätern - konzentriert sich
auf die Schaffung von Streitkräften, die nicht so sehr auf die Erringung
eines Sieges im Kriegsfalle, als vielmehr auf die Verhinderung des
Ausbruchs eines Krieges überhaupt zugeschnitten sein sollten. Kurz gesagt, es sollte ihre Aufgabe sein, abzuschrecken, und dieses Abschrekkungsmittel müßte, um wirksam zu sein, mehrere eng miteinander verbundene Elemente einschließen.
Es mußte innerhalb der NATO militärische Streitkräfte von hinreichender Stärke und Vielseitigkeit geben, um sicherzustellen, daß
ein Angriff auf sie nicht erfolgreich sein könne.
Es mußte allenthalben innerhalb der NATO der Wille bestehen, diese
Streitkräfte immer dann zum Einsatz zu bringen, wenn dies notwendig
sein sollte.
Schließlich

�'AMERIKA DIENST"

6. Februar 1957

Schließlich mußte den potentiellen Aggressoren klar gemacht
werden, daß die NATO sowohl über diese Streitkräfte als auch über
den genannten Willen verfüge.
Das also waren die Grundelemente unserer Strategie der Abschrekkung. Wir erkannten von Anfang an, daß Stärke allein, so groß sie
auch immer sein mochte, nicht ausreicht, einen entschlossenen Gegner
einzuschüchtern. Sie würde ihn nur dann einschüchtern, wenn er zu
der Überzeugung gelangte, daß sein auserwähltes Opfer bereit ist,
sie immer dann einzusetzen, wenn man ihren Einsatz herausforderte.
Diese Strategie hat sich als wirksam erwiesen. Heute jedoch, wo
wir den Kragen hochschlagen gegen den eisigen Wind, der von neuem aus
dem Osten weht, mögen wir uns alle fragen, ob sich die NATO auch in
Zukunft bewähren wird. In den vergangenen Jahren sind wir Zeuge zahlreicher Veränderungen auf militärischem Gebiet und im Kräfteverhältnis der Nationen gewesen. Sind unsere Mittel ausreichend und ist
unsere Entschlossenheit stark genug? Und haben wir unsere Haltung
einem unbarmherzigen Gegner, dessen Ziel nach wie vor unsere Vernichtung ist, klar genug zu verstehen gegeben?
Ich bin überzeugt, daß sich die Russen bezüglich der Stärke und
der Entschlossenheit der Nordatlantik-Gemeinschaft keinen Illusionen
hingeben. Ich habe bereits erklärt, daß die in nordsüdlicher Richtung
verlaufende, rund 65OO km lange Linie, die die NATO von den Ländern
des Sowjetblockes trennt, die politisch empfindlichste Trennungslinie
auf diesem Erdball überhaupt ist. Niemals in der Geschichte der kollektiven Sicherheitsbemühungen hat eine Gruppe von Großmächten eine so
scharfe Trennungslinie gezogen. An keiner anderen Trennungslinie sind
die Partnerstaaten des Westens so feste und unzweideutige Verpflichtungen eingegangen. Das ist den Russen bekannt. Letzten Endes ist es
das Vorhandensein dieser Linie gewesen, das sie von Westeuropa ferngehalten hat.
Und wie steht es um die militärischen Machtmittel? Das Rückgrat
der westlichen militärischen Stärke bilden Streitkräfte, die für die
Führung eines VergeltungsSchlages ausgerüstet sind. Ihr stärkster
Arm ist das dem Gemeinsamen Stab der US-Streitkräfte unterstehende
Strategische Bomberkommando. Bei einer Verletzung dieser NATO-Trennungslinie, bei einem Angriff auf unsere Allianz, würde das mächtige Instrument des Strategischen Bomberkommandos ebenso wie das britische Bomberkommando sofort eingesetzt werden.
Hinzu kommen noch, unmittelbar unter meinem Kommando als Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa, die von den Mitgliedstaaten der NATO zugeteilten Streitkräfte. Bei diesen handelt es sich
um Landstreitkräfte, die mit den modernsten Waffen, einschließlich
Raketen und Fernlenkwaffen, ausgerüstet sind, um Seestreitkräfte insbesondere die im Mittelmeer stationierte sechste Amerikanische
Flotte; und um Luftstreitkräfte, die sowohl für die Verteidigung als
auch für die Offensive ausgerüstet sind. Diese Streitkräfte sind umfangreich und stark - viel stärker, möchte ich meinen, als allgemein

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�"AMERIKA DIENST"

6. Februar 1957

allgemein angenommen wird. Ihrer Zahl nach sind sie vier- bis fünfmal
stärker als noch vor fünf Jahren, auch ihre Kampfkraft hat sich vervielfacht.
Und diese Kampfkraft wird noch immer weiter gesteigert. Das Oberkommando der Alliierten Streitkräfte in Europa verfügt selbst über ein
beträchtliches Potential an Atomwaffen. Sollte es jemals notwendig werden, daß wir uns verteidigen, dann kann und wird das Oberkommando die
ihm übertragene Rolle bei der Vernichtung des Angreifers voll und ganz
erfüllen. Natürlich würden unsere Operationen mit denen des Strategischen Bomberkommandos und des britischen Bomberkommandos koordiniert
werden.
Bezüglich unserer Fähigkeit, einen Vernichtungsschlag zu führen,
hege ich keinerlei Zweifel. Die Gültigkeit des Prinzips der Abschrekkung hängt nicht von der Stärke der Luftflotte der Sowjets oder der
Zahl ihrer Fernlenkwaffen ab. Auch wenn die diesbezügliche Stärke des
Gegners 80, 90 oder sogar 100 Prozent unserer eigenen betragen sollte,
werden wir immer noch über genügend V/affen, genügend Flugzeuge, die diese
Waffen zum Einsatz bringen können, und genügend Stützpunkte für diese
Flugzeuge verfügen, um den Feind zu vernichten. Er könnte uns keineswegs daran hindern. Zudem wird die Wahrscheinlichkeit eines sowjetischen
Angr'ffes, in welcher Form er auch erfolgen mag, gleichgültig ob mit
Atomwaffen oder herkömmlichen Waffen, um ein vielfaches dadurch verringert, daß die Streitkräfte der NATO auf ihren vorgeschobenen Basen in
Europa stehen.
Diese unsere Fähigkeit zur Führung eines Vernichtungsschlages und diese Fähigkeit können wir erhalten, wenn wir die Einheit und
Stärke der NATO wahren - führt mich zu dem zweiten Element der Abschreckung, nämlich unserem Willen, diese Kräfte auch zum Einsatz zu
bringen, falls dies notwendig sein sollte. Heute besteht dieser Wille.
Er ist jedoch mehr als unser anderer Aktivposten der Gefahr ausgesetzt,
zu zerbröckeln. Er läßt sich nicht wie Waflen produzieren und stapeln.
Vielmehr bedarf er wie eine Pflanze oder ein Lebewesen ständiger
Pflege. Nichts könnte dem Geist, der die NATO bisher erfüllt hat,
mehr schaden, als der Verdacht, und sei er noch so schwach, daß sich
einige ihrer Mitglieder hinter ihre eigenen Grenzen zurückziehen und
sich zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der Kräfte allein auf
ihre weittragenden "Waffen verlassen könnten.
Bündnisse gewinnen erst durch beispielgebende Vorbilder und
durch die Bereitschaft zur Übernahme eines gerechten Anteils an den
Risiken und nicht nur an den Vorteilen wirkliches Leben. Deshalb
ist es für die Stärkung dieses Bündnisses von größter Bedeutung,
daß die Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien Truppenkontingente in ausreichender Stärke auf dem europäischen Festland stationieren. Darüber hinaus wird die Anwesenheit dieser Truppen auf
europäischem Boden - ihre physische, sichtbare und spürbare Gegenwart
Seite an Seite mit den Land- und Luftstreitkräften der europäischen
Nationen - den Russen ständig vor Augen halten, daß jede Aggression
mit einem sofortigen Gegenschlag der gesamten verbündeten Streitkräfte
beantwortet werden würde.
.
m

�"AMERIKA DIENST"

6. Februar 1957

Trotz der für einen Vergeltungsschlag bereitstehenden Streitkräfte
besteht aber nach wie vor die Möglichkeit, daß es zu einem-Krieg kommt,
sei es weil der Gegner die Lage falsch beurteilt oder unbesonnen oder
opportunistisch handelt. Weil wir jederzeit mit einer solchen Möglichkeit - beziehungsweise einem solchen Unglück - rechnen müssen,
dürfen wir an keinem Punkt unserer östlichen Verteidigungslinie die
uns durch die sowjetische Bedrohung auferzwungene Verteidigungsfront
schwächen oder verdünnen. Denn wenn die Front nicht lückenlos verteidigt wird, dann könnte der Feind sehr leicht unter irgendeinem
Vorwand den Versuch machen, sie zu überschreiten. In einem solchen
Falle würden wir nicht nur vor vollendete Tatsachen gestellt werden,
sondern uns auch einem Dilemma gegenübersehen* Wenn wir nicht sofort
handeln, kommen wir unseren Bündnisverpflichtungen nicht nach; wenn
wir handeln, beginnen wir einen Krieg.
Wenn umgekehrt diese Trennungslinie mit genügend starken Kräften
besetzt ist, und der Gegner dies ganz zweifelsfrei weiß, dann würde
ihn ein eventuell beabsichtigtes Überschreiten dieser Trennungslinie
vor die furchtbare Entscheidung stellen, ob er den Funken in das Pulverfaß schleudern und damit den dritten Weltkrieg entfachen will, der
ihm die sichere Aussicht auf seine eigene Vernichtung bietet. Unsere
entlang der Ostgrenze aufgestellten Streitkräfte sind somit ein wichtiges Element unserer Abschreckungsmittel.
Ihrem eigentlichen Wesen nach ist es demnach Aufgabe der NATO,
jetzt und in Zukunft als Abschreckungsmittel zu wirken, und dies in
einer Belastungsprobe von unbekannter Dauer. Sollten wir dieses unser
erstes Ziel nicht erreichen, so müssen wir uns darauf einrichten, uns
zu verteidigen und den Feind zu schlagen. Ich bediene mich der beiden
Ausdrücke "verteidigen" und "schlagen", weil die Streitkräfte, die erforderlich sind, um den Feind zu schlagen, nicht notwendigerweise mit
denen identisch sind, die zur Verteidigung benötigt werden. Es ist
vorstellbar, daß wir dem Gegner von weit abliegenden Stützpunkten aus
einen vernichtenden Schlag beibringen können, allerdings niemals so
schnell, daß er nicht vorher weite Gebiete der NATO-Mitgliedstaaten
uberrannt hätte. Zwischen dem feindlichen Angriff und unserer Vergeltungsaktion würde eine gewisse Zeitdifferenz klaffen. Während dieser
Zeitspanne würde ein großer Teil der freien Welt in höchster Gefahr
schweben. Aus diesem Grunde müssen Streitkräfte zur Verteidigung
Europas zur Verfügung stehen.
Ich meine keine symbolischen Streitkräfte, sondern Streitkräfte,
die einen Schutzschild bilden, die zahlenmäßig stark sind und deren
entscheidende Mission darin besteht, das gesamte Gebiet der NATOMitgliedstaaten und ihre Bevölkerung zu verteidigen. Nur so kommen
wir den im Rahmen des Nordatlantikpaktes eingegangenen gegenseitigen
Verpflichtungen nach. Eine Verteidigung, die unsere europäischen Verbündeten nicht vor einer Invasion bewahren könnte, wäre überhaupt
keine Verteidigung.
Diese

�'AMERIKA DIENST"

6. Februar 1957

Diese Abschirmstreitkräfte haben noch eine weitere Aufgabe zu
erfüllen; sie müssen die Stützpunkte halten, von denen aus die Vergeltungsstreitkräfte operieren. Bei einem Verlust dieser Stützpunkte
würden die Luftoperationen der NATO in gefährlicher Weise an Durchschlagskraft einbüßen.
Solange also die sowjetische Bedrohung fortbesteht, so lange bedarf die NATO dieses festen Schildes. In Wirklichkeit ist dieser Schild
jedoch immer noch nicht ötark genüg. Unser Luftverteidigungssystem
weist immer noch eindeutige Schwächen auf. Auch unsere Landstreitkräfte sind nicht das, was sie sein sollten. Wir sind dabei, diese
Mängel zu beseitigen. Und ich bin in der glücklichen Lagef Ihnen
sagen zu können, daß die deutsche Regierung uns davon in Kenntnis
gesetzt hat, daß sie noch in diesem Jahr dem gesteckten Ziel - Seestreitkräfte, 12 Heeresdivisionen sowie eine Luftstreitmacht von 1500
Flugzeugen zur NATO beizutragen - einen großen Schritt näherkommen
wird.
Ich selbst bin Amerikaner, aber ich habe die Pflicht, als Befehlshaber einer internationalen Streitmacht zu denken. Und hier bereitet
mir etwas große Sorge. Es sind dies die Unterschiede, die zwischen
uns Amerikanern und unseren Verbündeten hinsichtlich der Bewaffung
bestehen. Ich denke dabei besonders an die Ausrüstung der Einheiten
für nukleare Waffen.
Daß die Vereinigten Staaten Waffen herstellen können, die die
Kampfkraft des einzelnen auf dem Schlachtfeld um ein vielfaches erhöhen,
mehrt die Gesamtstärke des Bündnisses. Denn was die Stärke eines der
NATO-Partner erhöht, erhöht die Stärke aller. Und wir Amerikaner sind
gut beraten, wenn wir uns immer wieder daran erinnern, daß unsere
Allianz auch eine Partnerschaft von gleichberechtigten Menschen ist.
Und als solche fordert sie Achtung vor den elementaren Gesetzen von
Recht und Billigkeit, Die Soldaten, die an der NATO-Linie stehen, seien
sie nun Amerikaner, Franzosen, Türken, Deutsche oder Dänen, haben etwas ganz Wichtiges gemeinsam: jeder kann nur ein Leben für die Verteidigung der Freiheit hingeben.
Worin sich der europäische Soldat am augenfälligsten vom amerikanischen unterscheidet, ist die Schlagkraft der Waffen in seiner Hand.
Und ich spreche immer noch als Befehlshaber einer internationalen
Truppe, wenn ich sage, daß ich den Vereinigten Staaten für die Maßnahmen dankbar bin, mit denen sie diese Ungleichheit zu beseitigen
suchen.
Bis hierher habe ich mich ausschließlich mit den.militärischen
Aspekten des NATO-Bündnisses befaßt. Aber die NATO bedeutet heute
ein gut Teil mehr als nur einen Schlachtenplan, eine Strategie, eine
aus der Not geborene Mächtekoalition, die andernfalls uneins wäre.
Teil des NATO-Gedankens war auch die Konzeption von einem Sichfinden,
vieler Nationen,, die weitgehend die gleichen Ideale, die gleiche Geschichte und auch die gleichen politischen und wirtschaftlichen Interessen haben, in einem neuartigen und fruchtbaren Bündnis.
In

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�"AMERIKA DIENST"

6. Februar 1957

In den letzten Monaten sind unsere Hoffnungen erheblich gedämpft
worden. Zweifel ergaben sich bezüglich vieler Dinge, die für selbstverständlich gehalten worden waren. Die Partnerschaft wurde einer harten
Belastungsprobe unterworfen, man sagte ihren Zusammenbruch voraus, ja
man verkündete ihren Tod.
Es ist dies nicht das erste Mal, daß die NATO ihre eigene Grabrede anhören mußte. Erst vor eineinhalb Jahren, als sich der Kreml
vom Stalinismus abzuwenden schien, fragten sich viele, ob unsere Allianz
überhaupt noch notwendig sei. Die Tage der jüngsten Zweifel gehen zu
Ende, aber ich wage zu behaupten, daß wir in ein oder zwei Jahren sicher
abermals Grabreden zu hören bekommen werden.
Die Allianz lebt. Und dennoch können wir diese immer wieder auftauchenden Zweifel nicht einfach mit einem Achselzucken abtun. Es ist
eben einfach eine Tatsache, daß es keine natürliche Geburt war, als
die NATO im Jahre 1949 das Licht der Welt erblickte. Es war kein höheres Gesetz, das ihr diesen Zeitpunkt bestimmt hatte. Sie war das Ergebnis unnatürlichen Drucks. Die NATO wurde geschaffen, weil sich
gleichgesinnte Nationen darin einig waren, daß durch sie ihr Land,
ihre Kultur und ihre Freiheit am besten zu schützen waren. Aber was
unter ("dem . Zwang der Furcht entstand, hat sich in acht Jahren zu einer
Gemeinschaft entwickelt, in deren Schutz 450 Millionen Menschen leben,
in einem Grade geeint und gelenkt von gemeinsamen Absichten, wie dies
in den Beziehungen moderner Völker zuvor noch niemals der Fall war.
Diese Situation ist ein Resultat der Unterstützung, die die NATO
durch ihre Mitglieder erfährt. Sie braucht diese Unterstützung heute
genauso wie bisher. Sie braucht sogar noch tatkräftigere Unterstützung.
Ja ich möchte sagen, vieles muß erst einmal wiedergutgemacht werden.
Wir müssen mit Geduld zu Werke gehen. Und da die NATO-Idee für uns
alle - ob wir nun Amerikaner oder Europäer sind - von so großer Bedeutung ist, verdient diese Aufgabe unsere ganze geistige Kraft und unsere
größten Anstrengungen.
Die ungarische Tragödie hat uns in. der Überzeugung bestärkt, daß
die NATO für uns der einzige Schutzwall ist. Wir müssen zusammenstehen
und fest stehen. In einer Allianz wahrhaft freier Nationen, wie wir es
sind, kann die Einheit - und der Wille, von dem ich so oft gesprochen
habe - nur erlangt werden, wenn ihrer Aufgabe bewußte Bürger gemeinsam
handeln.
Obgleich unser Bündnis die Basis für die Außen- und Verteidigungspolitik aller Partner ist, herrscht lunter "der 'Bevölkerung der einzelnen
NATO-Jiitgliedstaaten eine weitgehende Unkenntnis der Ziele und Fortschritte dieses Bündnisses. Es ist aber überaus wichtig, daß sie darüber
gut informiert ist. Aus diesem Grunde können freiwillige Organisationen
wie die Amerikanische NATO-Gesellschaft unermesslich wertvolle Dienste
leisten.
Herr

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�"AMERIKA DIENST

6. Februar 1957

Herr Vorsitzender, ich wünsche Ihrer Organisation allen nur erdenklichen Erfolg für ihre Arbeit. Sie sollen wissen, das wir im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa dankbar für
das sind, was Sie geleistet haben, und große Hoffnungen in Ihre künftige Arbeit setzen. Mit unserem Bündnis ist bereits vieles erreicht
worden. Durch Ihre Hilfe können wir noch mehr erreichen. Denn wir sind
überzeugt, daß die NATO-Idee, wenn sie ständig genährt und aufrichtig
unterstützt wird, einen starken Einfluß zum Guten in der vor uns liegenden aufgabenreichen Zeit ausüben kann.
Abraham Lincoln sagte einmal von einer anderen großen Union zu
einem Zeitpunkt, der ebenfalls kritisch war:
"Die Welt ist sicher, daß wir wissen, wie sie zu retten ist.
Wir - und sogar wir hier - haben es in der Hand und tragen die Verantwortung. Der Weg ist einfach, friedvoll, fruchtbar, gerecht - ein Weg,
dem die Welt - wird er erst beschritten - immer Beifall zollen wird,
und ein Weg, den Gott immer segnen wird. "

* * * *• *

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�In bezug auf die Revision und Verbesserung des Gesetzes sind
unverzügliche Maßnahmen des Kongresses notwendig.
Im Oktober vergangenen Jahres hat sich das ungarische Volk
aus spontanem Antrieb heraus und gegen eine gewaltige Übermacht
ankämpfend erhoben und hat gegen die kommunistische Herrschaft revoltiert. Als es sich herausstellte, daß es erbarmungslosen Deportationsmaßnahmen oder seiner Vernichtung entgegengehen würde, setzte
eine Massenflucht nach Österreich ein. Um ihr Leben zu retten, haben
Zehntausende von Menschen die österreichische Grenze überschritten
und in jenem Land um Asyl nachgesucht. Trotz seiner eigenen großen
wirtschaftlichen Probleme hat Österreich selbstlos und ohne 2ögern
diese verzweifelten Flüchtlinge aufgenommen. Über zwanzig Nationen
haben ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, einen großen Teil
dieser Menschen bei sich aufzunehmen.
Am

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�6. Februar 1957

"AMERIKA DIENST"

Am 8. November gab ich die Anweisung, außergewöhnliche Maßnahmen
zu ergreifen, um die Bearbeitung von 5000 ungarischen Visumanträgen
gemäß den Bestimmungen dec Flüchtlingsgesetzes zu beschleunigen. Am
19« November reisten die ersten dieser Gruppe von Wien nach den Vereinigten Staaten ab. Bis zum 29. November war es dann jedoch klar geworden, daß die Flucht der Männer, Frauen und Kinder aus Ungarn in die
Freiheit immer größere Ausmaße annahm.
Am 1. Dezember gab ich die Anweisung, daß über die nach dem
Flüchtlingshilfsgesetz zur Verfügung stehenden Visa hinaus ? es handelte sich um insgesamt rund 65OO - 15 000 weiteren Ungarn unter einer
Notstandsklausel Aufnahme in den USA gewährt werden sollte, indem der
Justizminister von der ihm gemäß Abschnitt 212 (ü) (5) des Einwanderungs- und Nationalitätengesetzes zustehenden Ermessensvollmacht Gebrauch machte, und daß nach Erschöpfung dieses Kontingents die Lage
einer erneuten Prüfung unterzogen würde.
Am 12. Dezember bat ich den Vizepräsidenten, Österreich zu besuchen, damit er an Ort und Stelle die tragische Lage prüfen möge, der
sich die Flüchtlinge dort gegenübergestellt sahen. Ich rief ferner einen
Ausschuß zur Koordinierung der ungarischen Flüchtlingshilfe ins Leben,
der die Arbeit der freiwilligen Hilfsorganisationen untereinander sowie
mit den zahlreichen zuständigen Regierungsorganen zusammenfassen sollte.
Am 1. Januar 1957 überzeugte sich der Vizepräsident nach seiner
Rückkehr in die USA persönlich von dem Zustand unseres Sammellagers
in Camp Kilmer und teilte mir anschließend]seine Resultate und Empfehlungen mit. Er berichtete, daß die aus Ungarn geflüchteten Personen
zum großen Teil zu jenem Kreis von Menschen gehörten, die in dem Kampf
um Freiheit in vorderster Reihe standen. Er erklärte zusammenfassend,
daß 'die Länder, welche diese Flüchtlinge aufnehmen, zu der Feststellung
kommen werden, daß sie damit eher einen wertvollen nationalen Zuwachs
erhalten haben als daß sie ein Risiko eingegangen sind'.
Die Mehrzahl der nach den Vereinigten Staaten gekommenen Flüchtlinge wurde nur vorübergehend und auf der Grundlage eines bestehenden
Notstandes aufgenommen. Einige von ihnen werden sich vielleicht dafür
entscheiden, daß sie sich einmal anderswo endgültig niederlassen möchten. Viele von ihnen jedoch werden für immer in den Vereinigten Staaten zu bleiben wünschen. Die Aufnahme in den USA im Rahmen des Paroleverfahrens erlaubt es ihnen jedoch nicht, einen festen Wohnsitz in
den USA zu nehmen oder die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben.
Nach meiner Ansicht sollte ihnen diese Möglichkeit im Rahmen eines
Gesetzes gegeben werden, das sich sowohl auf das derzeitige Flüchtlingsproblem als auch auf jedes andere, ähnlich gelagerte Notstandsproblem anwenden läßt, dem die freie Welt sich später womöglich einmal
gegenübersehen könnte.
Ich empfehle erstens, daß der amerikanische Kongreß ein Gesetz erläßt, das dem Präsidenten das Recht gibt, den Justizminister zu ermächtigen, unter dem Paroleverfahren und unter von ihm festgesetzten Bedingungen Flüchtlinge für eine begrenzte Zeit in den Vereinigten Staaten

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6. Februar 1957

Vereinigten Staaten aufzunehmen, die vom Außenminister ausgewählt wurden
und die vor der kommunistischen Tyrannei und Verfolgung geflohen sind
oder in Zukunft fliehen werden. Die Zahl derjenigen, denen ein solches
Paroleverfahren zugestanden werden kann, sollte in keinem einzelnen
Jahr die durchschnittliche Zahl der Ausländer überschreiten, denen
während der vergangenen acht Jahre durch Sondergesetze des Kongresses
die Erlaubnis zur Einreise nach den Vereinigten Staaten außerhalb des
allgemeinen Einwanderungssystems gegeben wurde.
Zweitens ersuche ich den Kongreß, unverzüglich gesetzgeberische
Maßnahmen zu verabschieden, die dem Justizminister die erforderliche
Ermessensvollmacht erteilen, den im Rahmen des Paroleverfahrens nach
den USA gekommenen Ausländern das Recht auf ständigen Wohnsitz zu gewähren, wenn diese in den USA bleiben wollen. In Übereinstimmung mit
den bestehenden Verfahren sollten Vorkehrungen getroffen werden, um diese
Fälle dem Kongreß zu unterbreiten, damit nicht solche Ausländer einen
ständigen Wohnsitz erwerben, bei denen nach Ansicht des Kongresses
ein solcher Status nicht angemessen ist. Gesetzgeberische Maßnahmen
dieser Art würden das Problem der bereits in den USA eingetroffenen
ungarischen Flüchtlinge wirksam lösen und darüber hinaus ein Mittel
an die Hand geben, um jene Fälle zu klären, unter die bestimmte koreanische Waisen, adoptierte Kinder und andere Ausländer fallen, welche im
Rahmen einer Notstandsklausel in den USA aufgenommen wurden und nun
hier in einem ungeklärten Status leben. Diese gesetzgeberischen Maßnahmen sollten für alle Zeit gültig sein, so daß es den Verwaltungsorganen
ermöglicht werde, bei der Behebung von Notständen, die sich in Zukunft
ergeben könnten, sofortige und zweckdienliche Schritte zu ergreifen.
Das Einwanderungs- und Nationalitätengesetz vom Jahre 1952, im
wesentlichen eine Kodifizierung des bestehenden Gesetzes, behielt das
für die enzelnen Nationalitäten im Jahre 1924 festgesetzte Quotensystem
bei. DieE rfahrungen des seitdem vergangenen ViertelJahrhunderts haben
jedoch gezeigt, daß die in dem Gesetz für die Aufnahme von Ausländern
niedergelegte Methode einer Überprüfung bedarf. Ich weiß, daß der Kongreß seine eigenen Untersuchungen der dargelegten Probleme weiterführen
und dabei die Bedürfnisse und die Aufgaben der Vereinigten Staaten
berücksichtigen wird. Es gibt jedoch bestimmte Interimsmaßnahmen, die
sofort ergriffen werden sollten, um die offensichtlichen Mängel des
derzeitigen Quotensystems zu beseitigen.
Erstens sollte für die Festlegung der Quoten die Volkszählung vom
Jahre 1950 und nicht die des Jahres 1920 zugrunde gelegt werden. Unter
Zugrundelegung der Volkszählung vom Jahre 1920 liegt das Maximum der
jährlichen Einwanderungsquote jetzt bei 154 857« Ich glaube, daß die
wirtschaftliche Entwicklung während der letzten dreißig Jahre und
die derzeitigen Wirtschaftsverhältnisse eine Erhöhung der Quoten um
rund 65 000 rechtfertigen.
Zweitens sollten die zusätzlichen Quoten gerecht verteilt werden.
Unter dem gegenwärtigen Quotensystem weisen zahlreiche Länder beträchtliche unausgenutzte Quoten auf, während andere Länder ihre Quoten in
der Regel überzogen haben. Ich empfehle, daß die Zusätzlichen Quoten auf

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"AMERIKA DIENST"

6. Februar

1957

auf die verschiedenen Länder verteilt werden und zwar im Verhältnis
zur tatsächlichen Einwanderung in die Vereinigten Staaten seit Einführung des Quotensystems im Jahre 1924 und bis zum 1. Juli 1955«
Drittens sollten die im Verlauf eines Jahres unausgenutzten
Quoten auch im nächsten Jahre zur Verfügung stehen. Nach den bestehenden
gesetzlichen Vorschriften verliert eine während des Jahres nicht ausgenutzte Quote ihre Gültigkeit. Meiner Ansicht nach sollte der Kongreß
die nicht ausgenutzten Quoten gebietsweise für Europa, Afrika, Asien
und den Raum des Pazifischen Ozeans zusammenfassen. Jene Quoten sollten
innerhalb von zwölf Monaten auf der Basis des 'Wer zuerst kommt, wird
zuerst bedient' ohne Rücksicht auf das Heimatland innerhalb des betreffenden Gebietes ausgenutzt werden. Ich empfehle jedoch, daß diese
nicht ausgenutzten Quoten nur denjenigen Ausländern zugute kommen, die
auf Grund der bestehenden gesetzlichen Vorschriften einen bevorrechteten
Status genießeni- es sind solche Personen, die über berufliche Fachkenntnisse verfügen oder Verwandte in den USA haben.
Viertens sollte die sogenannte Anrechnung auf Quoten, die sich aus
der Ausstellung von Visa im Rahmen des Gesetzes über Verschleppte Personen und andere Sondergesetze ergibt, abgeschafft werden. Visa, die
unter diesen Gesetzen ausgegeben wurden, mußten bisher gegen die regulären Einwanderungsquoten verrechnet werden, was dazu führte, daß die
Quoten in einzelnen Fällen bis weit in die Zukunft hinein im voraus belastet sind. Ich empfehle, daß diese so geschaffenen Vorausbelastungen
gestrichen werden in Übereinstimmung mit der vom amerikanischen Kongreß
bei Verabschiedung des Flüchtlingshilfsgesetzes vom Jahre 1955» das
spzielle, nicht unter die Quoten fallende Visa vorsah, getroffenen
Maßnahme.
Fünftens sollte der Kongreß in unsere Einwanderungsgesetze Bestimmungen einarbeiten, um die alljährliche Aufnahme von Waisen zu
ermöglichen, die von amerikanischen Bürgern adoptiert wurden oder
adoptiert werden sollen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die unter einem
früheren Sondergesetz aufgenommenen Waisenkinder sich gut in das amerikanische Familienleben eingefügt haben. Sie hat ferner gezeigt, daß viele
Amerikaner gerne ausländische Kinder adoptieren möchten.
Die große und ständig anwachsende Zahl von Einwanderungsvorlagen
zur Beseitigung von Härtefällen für Ausländer stellt weiterhin eine
unnötige Belastung für den Kongreß und den Präsidenten dar. Die in den
letzten Jahren verabschiedeten Einwanderungsgesetze für Privatpersonen
haben über ein Drittel aller öffentlichen und privaten Gesetzesmaßnahmen
ausgemacht. Wie bei jeder anderen gesetzlichen Maßnahme muß jeder Einzelfall für sich durchgearbeitet und vom Kongreß und vom Präsidenten auf
seinen Wert hin geprüft werden. Das Problem besteht in der Regel darin,
darüber zu entscheiden, ob die in dem besonderen Fall vorliegenden
Härten,und-anderen Faktoren eine Ausnahme von den gewöhnlichen Vorschriften der Einwanderungsgesetze gestatten. Diese Entscheidungen könnten
auch ohne Zuhilfenahme gesetzgeberischer Prozeduren getroffen werden,
wenn die nötigen Verwaltungsvollmachten vorhanden sind. Ich empfehle,
daß der Justizminister die etwaigen Sicherheitsbestimmungen des Kongresses

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�I
"AMERIKA DIENST"

6. Februar 1957

Kongresses unterliegende Vollmacht erhält, den Ausschluß und die Ausweisung von solchen Ausländern aufzuheben, die nahe Verwandte in den
USA haben, Kriegsteilnehmer oder Beauftragte von religiösen Organisationen sind. Dies sind im allgemeinen die Fälle, die wegen der damit
verbundenen Härten eine wohlwollende Beurteilung durch den Kongreß
erfahren haben.
Die mit dem derzeit bestehenden Einwanderungsgesetz gemachten
Erfahrungen haben gezeigt, daß außer einer Revision der Quotenbestimmungen, eine Reihe von weiteren Abänderungen im Einwanderungs- und
Nationalitätengesetz von 1952 vorgenommen werden sollten. Einige der
Bestimmungen schaffen unnötige Einengungen und Beschränkungen bei
Reisen in die Vereinigten Staaten, während andere für die davon betroffenen Ausländer große Härten mit sich bringen. Ich habe eine Reihe
von Abänderungsvorschlägen gemacht. Ich unterbreite mit einigen kleineren
Modifikationen diese Empfehlungen erneut und ich verweise besonders auf
einige davon.
Eine der Schwierigkeiten für den Reiseverkehr und ein Hindernis
für den freien Ideenaustausch und die Freiheit des Handels ist die
unter dem gegenwärtigen Gesetz bestehende Bestimmung, daß von jedem
Ausländer, der ein Visum beantragt oder der nach den USA ohne Visum
kommt, aber sich länger als 30 Tage hier aufhalten will, Fingerabdrücke
genommen werden müssen. In einigen Ländern wird die Abnahme von Fingerabdrücken mißbilligt. Da diese Maßnahme nicht wesentlich zu der Erhöhung
der Sicherheit unseres Landes beiträgt, sollte das Gesetz dahingehend
abgeändert werden, daß auf das Erfordernis von Fingerabdrücken bei Ausländern, die vorübergehend nach den Vereinigten Staaten kommen, verzichtet wird.
Ich empfehle ferner eine Änderung des Gesetzes, die es Ausländern,
welche von einem Land in ein anderes reisen und dabei die Vereinigten
Staaten lediglich berühren, gestattet, unser Land zu passieren, ohne
daß sie sich einer Inspektion und Überprüfung unterziehen müssen und
die üblichen Zulassungsbestimmungen auf sie Anwendung finden. Dies würde
manche Härte für den Reisenden beseitigen, das gute Einvernehmen erhalten und den Verkehrsgesellschaften viele Ausgaben ersparen.
Das Gesetz sollte weiterhin geändert werden, damit für die Einwanderungsbehörden die Notwendigkeit entfällt, alle Gründe für die
Ablehnung des Wunsches von Ausländern, von Alaska und Hawaii aus den
Boden der Vereinigten Staaten zu betreten, zu prüfen und in Betracht
zu ziehen. Diese Territorien sind ein Teil der Vereinigten Staaten,
und die Ausländer, die in diese Gebiete eingereist sind und sich darin
aufhalten, fallen unter die gesamten Bestimmungen des Gesetzes. Wenn
bei dem Ausländer ein Grund für die Ausweisung bestanden hat, bevor
er den Boden des amerikanischen Festlandes betrat, dann bleibt dieser
Grund auch weiterhin bestehen.
Ich empfehle ferner die Aufhebung jener Vorschrift des Gesetzes,
wonach Ausländer bei der Beantragung eines Visums ihre rassische und
ethnische Zugehörigkeit angeben müssen.
Eine

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6. Februar 1957

Eine große Zahl von Flüchtlingen - wahrscheinlich Tausende - haben,
als sie vor einigen Jahren ihre Visa erhielten, falsche Angaben über
ihre Identität gemacht, um auf diese V/eise einer zwangsweisen Repatriierung
in die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs zu entgehen. Derartige
Fälschungen machen aber eine Ausweisung zur Pflicht. In bezug auf diese
unglücklichen Menschen sollte der Kongreß einigen Lockerungen der gesetzlichen Bestimmungen zustimmen. Auch die ungerechten Bestimmungen
des Einwanderungsgesetzes in bezug auf den Status von Ehegatten asiatischer Herkunft sowie von adoptierten und anderen Kindern sollten aufgehoben werden.
Ausländische Angehörige und Veteranen unserer Streitkräfte, die
zumindest eine dreijährige Dienstzeit hinter sich haben, können keinen
Naturalisierungsantrag stellen, wenn sie den Beweis eines ständigen
Wohnsitzes nicht erbringen können. Ich empfehle, daß diese Vorschrift
in derartigen Fällen wegfällt, und daß das für solche Personen anwendbare Naturalisierungsgesetz vollständig überholt wird.
Während das derzeitige Gesetz es bestimmten Ausländern ermöglicht,
einen Status zu erlangen, der zu dauerndem Wohnsitz in den USA berechtigt, wirkt es sich in unnötiger Weise beschränkend für mit amerikanischen
Staatsbürgern verheiratete Ausländer aus. Die Gewährung eines ständigen
Wohnsitzes ist dann untersagt, wenn der Ausländer sich vor der Heirat
weniger als ein Jahr in den USA aufgehalten hat. Dies führt zu einer
Trennung der Familie und bedeutet unnötige Ausgaben für den Ausländer,
der gezwungen wird, die USA zu verlassen, um ein Visum außerhalb der
Quote zu erhalten. Ich empfehle, daß die Forderung einer einjährigen
Anwesenheit in den USA vor der Heirat fallengelassen wird.
Ich habe die Aufmerksamkeit des Kongresses schon früher auf die
Notwendigkeit gelenkt, unsere Gesetzgebung in bezug auf diejenigen
Ausländer zu stärken, die zu wiederholten Anträgen auf Überprüfung
der rechtlichen Bestimmungen Zuflucht nehmen aus dem einzigen Grund,
um dadurch ihre gerechtfertigte Ausweisung aus den USA hinauszuzögern.
Welches auch immer der Grund für eine Deportation sein mag, so hat jeder
Ausländer das Recht, die von der Regierung getroffene Entscheidung
über seine Ausweisung durch legale Verfahren anzufechten. Dies sollte
auch so sein. Aber das starke Anwachsen der Fälle, in denen eine Verzögerungstaktik besonders von solchen Ausländern angewandt wird, die sich
als Verbrecher oder als Rauschgifthändler oder als subversive Elemente
erwiesen haben, macht die Notwendigkeit für eine Einschränkung der gesetzgeberischen Möglichkeiten und eine sorgfältige Definition der Prozessordnung dringlich.
Ich habe daher den Justizminister beauftragt, dem Kongreß gesetzgeberische Vorschläge zu unterbreiten, die diese Empfehlungen in die
Tat umsetzen werden."
* * * * *

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�A M E R I K A

1) I

K N

S T

Allg./20.2.1957
HENRY CABOT LODGE ANTWORTET KUSNETZOW

NEW YORK -(AD)
Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Erklärung, die Botschafter Henry Cat&gt;ot Lodge, der Chefdelegierte der
Vereinigten Sta aten bei den Vereinten Nationen,
am 12. Februar 1957 vor dem Lenkungsausschuß der
UN-Generalversa mmlung zu dem sowjetischen Antrag
abgegeben hat, eine Debatte der von der Sowjetunion gegen die USA erhobenen Beschuldigungen
auf die Tagesor dnung der Generalversammlung zu
setzen.

Manches wäre zu den Umständen zu sagen, unter denen die
Sowjetunion die Aufnahme dieses Punktes vorgeschlagen hati
Etwa die einzigartige grobe Unhöflichkeit, mit der dies zunächst
der Weltpresse und erst später den Mitgliedern dieses Ausschusses
bekanntgemacht wurde, und andere Tatsachen, die über die Motive
des Antragstellers keinen Zweifel lassen. Vieles ließe sich darüber sagen, welch große Ähnlichkeit das alles mit den mitternächtlichen Propagandamanövern hat, die die Sowjetdelegation hier in der
Ära des inzwischen verstorbenen Herrn Wyschinski zu inszenieren
pflegte. Aber was diese Dinge betrifft, so will ich es damit bewenden lassen und nunmehr auf die Anwürfe in dem beigefügten Memorandum eingehen.
1. Als allererstes bitte ich zu beachten, wie der Punkt
überschrieben ist, nämlich: "Frage aggressiver Handlungen der
Vereinigten Staaten von Amerika", und so fort. Die Vereinigten
Staaten von Amerika sind in jedem großen Krieg, an dem sie irgendwie beteiligt waren, entweder selbst angegriffen worden oder
dem Opfer der Aggression zu Hilfe gekommen - selbst der Sowjetunion zu Hilfe gekommen, wenn ich das hier bemerken darf, und zwar
war dies erst vor 15 Jahren.
Unsere Tradition und unsere Regierungsform machen es uns Amerikanern praktisch unmöglich, aggressive Handlungen zu begehen. Niemals würde die öffentliche Meinung in unserem Land so etwas unterstützen, selbst wenn eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens
dies vorschlagen würde. Und wer in den Vereinigten Staaten im
öffentlichen Leben steht, ist - ebenso wie das amerikanische Volk aus dem ganz einfachen Grund dagegen, weil wir den Krieg hassen
und Frieden wollen.
2.
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20. Februar 1957

2. Die sowjetische Erklärung bezieht sich auf "herrschende
Kreise" in den Vereinigten Staaten. Es gibt überhaupt keine "herrschenden Kreise" in den Vereinigten Staaten. Niemand herrscht in
diesem Land, es sei denn, man meint die 62 Millionen Staatsbürger,
die bei unseren letzten Wahlen ihre Stimme abgegeben haben. Dies
ist ein Land einer permanenten friedlichen Revolution. Diejenigen,
die in der Regierung sind, herrschen nicht. Sie sind die Diener der
Allgemeinheit; das ist natürlich etwas - und dessen bin ich mir
völlig bewußt -, was ein sowjetischer Funktionär unmöglich verstehen
kann. In unserem Land ist die Regierung dazu da, dem Volk als Ganzem, •
ob arm oder reich, zu dienen, oder vielmehr weder reich noch arm,
denn die große Mehrheit unseres Volkes gehört nicht zu diesen Extremen. Es gibt bei uns nicht die Frage eines Superstaates, der die
Menschen reglementiert und als Kanonenfutter behandelt, wie es täglich in der Sowje union geschieht. Deshalb ist schon allein die
Formulierung, irgendeiner amerikanischen herrschenden Gruppe sei
der VolkswilZe gleichgültig, eine phantastische Verdrehung der Wahrheit, ein Gespenst der kommunistischen Ideologie, an das niemand
glaubt. Ich bezweifle sogar, ob die Urheber dieser Behauptung, die
Herren im Kreml, überhaupt selbst daran glauben, und ich bin ganz
sicher, daß Herr Kusnetzow nicht daran glaubt. Denn er ging hier in
Amerika zur S-hule und er arbeitete in diesem Land} und so weiß er
sehr wohl über die wahren Verhältnisse Bescheid.
5. In dem Antrag heißt es, die Vereinigten Staaten unternehmen Schritte, um die internationalen Beziehungen zu belasten. Dabei
waren es die Vereinigten Staaten von Amerika, die die Initiative ergriffen, um die Angelegenheit des Angriffs auf Ägypten vor den Sicherheitsrat zu bringen. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren es,
die, nachdem dagegen im Sicherheitsrat das Veto eingelegt worden war,
die Angelegenheit vor die UN-Generalversammlung brachten. In all diesen Monaten, in denen die Lage im Nahen Osten diskutiert wurde, haben
sich die Vereinigten Staaten immer wieder mit Kanada, mit Indien, mit
vielen anderen Mitgliedstaaten, die guten Willens sind, zusammengesetzt und immer wieder die Initiative ergriffen mit dem einen Ziel,
eine faire und friedliche Lösung zu finden. Und wir werden auch weiterhin alles tun, was wir nur irgend tun können, um den Krieg zu verhindern, um den Frieden herbeizuführen. Jedermann hier weiß, daß dies
die '.Yahrheit ist, einschließlich der streitenden Parteien.
Durch völlige Verdrehung der Wahrheit wird überhaupt nichts gewonnen - höchstens das eine, daß derjenige, der dies tut, seinem Ruf
als Verfechter der Wahrheit außerordentlich schadet.
Das Verhalten der Vereinigten Staaten war so, wie ich es hier
geschildert habe. Demgegenüber hat die Sowjetunion ein Verhalten an
den Tag gelegt, das nur zu sehr an die schlimmste Zeit in der Ära
Stalin erinnert.
Als die Vereinigten Staaten im Politischen Ausschuß der Vereinten
Nationen einen ernst gemeinten ehrlichen Vorschlag zur Abrüstung präsentierten, speiten die Sowjets Gift und Galle, und diese Ausbrüche
entmutigten die Vertreter aller Nationen, die anwesend waren.
A,
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�AMERIKA DIENST"

20. Februar 1957

Als das erschreckende Verha'ten der Sowjets in Ungarn angeprangert wurde, setzten sich die Sow' s auch in diesem Fall darüber hinweg, und diese Mißachtung se v. s der Sowjetunion war derart
zügellos, daß die dadurch ausgelöste Empörung schließlich zu einer
Resolution in der UN-Generalversamm ng führte, in der der Sowjetunion formell die Schuld dafür u erantwortet wurde, was dem armen ungarischen Volk angetan worden war.
In all den vielen Monaten, in denen diese Frage erörtert wurde,
hat die Sowjetunion keinen einzigen konstruktiven Schritt untern mmen.
Der Sachverhalt ist völlig klar, /an möchte fast den Schluß ziehen
daß es ihr ganz gleichgültig ist, ob im Nahen Osten gekämpft wir , b
Soldaten ihr Leben lassen müssen and cue Zivilbevölkerung von Haus
und Hof vertrieben wird, wenn nur die Sowjetunion dabei gewinnt.
In der sowjetischen Erklärung heißt es "man hätte erwarten
müssen, daß im Anschluß an die Maßnahmen, die gegen die anglofranzösisch-israelische Aggression in Ägypten und die Beendigung
der Feindseligkeiten im Nahen Osten getroffen wurden, die Vereinigten Staaten von Amerika zusammen mit anderen Staaten weitere Schritte
unternehmen würden, um die Weltsituation zu normalisieren." Genau
das ist geschehen, und zwar ohne auch 'ur die geringste Hilfe seitens
der Sowjetunion.
Da wir schon einmal bei der Frage der Aggression sind, möchte ich
gegenüber den Konferenzteilnehmern hier u d gegenüber der Öffentlichkeit ganz allgemein darauf hinweise , daß die Sowjetunion es war, die
bisher den von der UN-Generalversammlung mit überwältigender Mehrheit
unterstützten Plan zur Inspektion milit ri eher Einrichtungen mit
Hilfe von Luftaufnahmen abgelehnt hat. Di s st ein Plan, der einen
massiven Überraschungsangriff unmöglich mac en würde. Er vereinigt
Vernunft und Einfachheit. Welchen Grund K T n e wohl ein Land haben,
diesen Plan abzulehnen, außer den, daß es s lbst aggressive Handlungen
vorhat? Im Lichte dieser Erwägung möchte ich die Mitglieder des Lenkungsausschusses darauf aufmerksam machen, daß die Sowjetunion keine
reine Weste hat und wohl als allerletzte hier irgend jemanden anderen
beschuldigen darf, aggressive. Handlungenzu egehen oder aggressive Absichten zu haben. Und wenn sie keine Aggression plant, nun, so soll
sie doch, wie wir es getan haben, dem Plan der Luftinspektion für ihr
Land zustimmen.
4. Das sowjetische Schriftstück nim t da n Bezug auf die Botschaft Präsident Eisenhowers vom 5« Januar an den Kongreß und behauptet, daß diese Botschaft "dazu bestimmt ist, die direkte Einmischung der Vereinigten Staaten in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten im Nahen und Mittleren Osten zu bewirken."
Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Nahost-Politik
Präsident Eisenhowers bezweckt. Seine Politik ist eine Politik zur
Verhinderung der Aggression. Es ist eine Politik, die auf den Frieden gerichtet ist. Es ist eine Politik, die nur mit der Zustimmung
der beteiligten Länder geführt werden kann. Es ist eine Politik, die
die Erhaltung der nationalen Souveränität und Unabhängigkeit kleiner
Staaten bezweckt und eine Einmischung von außen in deren Angelegen-

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20. Februar 1957

Angelegenheiten verhindern soll. Sie ist darauf gerichtet, die
Wirtschaft, die militärische Verteidigung dieser Länder und die
Entschlossenheit der Patrioten dort zu stärken, sich kommunistischen Unterwanderungsversuchen zu widersetzen. Es ist eine Politik, die darauf abzielt, zu verhindern, daß souveränen Staaten im
Nahen Osten das gleiche Schicksal blüht wie Litauen, Estland, Lettland, der Tschechoslowakei, Polen, Bulgarien, Rumänien und Albanien,
von Nordkorea und Nordvietnam ganz zu schweigen. Dies ist zweifellos
der Grund, weshalb die Sowjetunion sich dagegen sträubt.
Die Nahost-Politik Präsident Eisenhowers ist ein Programm zur
Stärkung und Stützung der Vereinten Nationen.
Das, Herr Vorsitzender, ist die Wahrheit über die Botschaft
Präsident Eisenhowers. Die Beschuldigungen der Sowjetunion hinsieht
lieh einer Einmischung der Vereinigten Staaten in diesem Raum, h m
sichtlich sogenannter imperialistischer Pläne der Vereinigten Staaten,
geheimer Absichten der Vereinigten Staaten, den Nahen Osten als Ausgangspunkt für eine Aggression gegen die Sowjetunion zu benutzen
dies alles sind glatte Lügen. Die Sowjets wären es, die derart handeln würden, wenn sie könnten, und die deshalb solche Handlungswelsen uns zuschreiben.
5- Das Schriftstück nimmt ferner Bezug auf Stützpunkte, die in
Westeuropa, der Türkei, Persien, Japan und so weiter errichtet wurden.
Es gibt keinen einzigen der von den Vereinigten Staaten benutzten
Stützpunkte, der nicht mit dem Einverständnis des Landes, auf dessen
Territorium er sich befindet, benutzt wird. Es ist dies anders als
bei den sowjetischen Stützpunkten, die versklavten und unter Druck
leidenden Völkern einfach aufgezwungen werden. Unsere Stützpunkte
sind Teil der freien und freiwilligen gemeinsamen Maßnahmen der
Vereinigten Staaten und ihrer Alliierten. Wäre dies nicht so, dann
würde die Bevölkerung dieser Länder mit Recht sehr rasch laut dagegen protestieren - sie kann das ohne weiteres, denn schließlich sind
diese Menschen ja Bürger der freien Welt und nicht Opfer kommanisti
scher Unterdrückung.
Ehe ich das Thema Stützpunkte verlasse, möchte ich noch bemerken,
daß die Sowjetunion in einer Reihe von Ländern militärische Stütz
punkte unterhält, und daß nach den letzten Schätzungen, die ich gesehen habe, die sowjetischen Truppen von sowjetischen Stützpunkten
in Ungarn aus 25 000 Ungarn im Verlauf der Wiederversklavung des ungarischen Volkes getötet haben. Amerikanische Truppen m überseeischen
Stützpunkten führen keinen Krieg gegen die Länder, in denen sie statio
niert sind, und der sowjetische Delegierte ist der letzte - oder sollte
vielmei» der letzte sein -, der moralisierende Reden über Stützpunkte
oder über Versklavung halten könnte.
6. In der sowjetischen Erklärung heißt es ferner, Ziel der Vereinigten Staaten sei, "im Fall des Ausbruches eines Atomkrieges, der
von den herrschenden Kreisen der Vereinigten Staaten vom Zaun gebrochen
wird, den Hauptvergeltungsschlag von den Vereinigten Staaten abzuhalten",
und so fort. Dies ist ein ganz charakteristisches Stück durchsichtigster

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"AMERIKA DIENST"

20. Februar 1957

durchsichtigster kommunistischer Demagogie. Es ist die ungeschminkte
Demagogie von Männern aus einem Land, in dem es keine Volksregierung
gibt, und die damit auch dem Volk die Denkfähigkeit absprechen. In
allen Ländern gibt es Demagogen, Herr Vorsitzender, aber sie treiben
keine so ungeschminkte Demagogie, wie es diese hier ist. Die ganze
Welt weiß, daß in Wahrheit der schrecklichste Krieg der letzten zehn
Jahre durch Befehl der Sowjetunion in Korea vom Zaun gebrochen worden
war, obgleich es Koreaner und Chinesen, aber nicht Russen waren, die
dort in den Tod geschickt wurden. Es ist eine Binsenwahrheit, daß für
den Fall, das Unheil eines dritten Weltkrieges bräche jemals über uns
herein, kein Land außerhalb der Reichweite der großen Bomber liegt,
insbesondere nicht die Vereinigten Staaten. Auf keinen Fall sind die Vereinigten Staaten mit von der Partie, wenn ein Atomkrieg oder irgendein
anderer Krieg vom Zaun gebrochen wird.
Der Hinweis auf Westdeutschland und die Erklärung, daß es zwangsweise militarisiert wird, ist gleicher-maßen absurd. Die NATO ist eine
Verteidigungsorganisation. Einzig und allein wegen der deutlich aggressiven Drohung der Sowjetunion wurde sie geschaffen. Wäre die Sowjetunion eine friedliebende Demokratie, dann wäre die NATO überhaupt nicht
erforderlich. Die Bundesrepublik Deutschland ist der NATO aus freiem
Entschluß beigetreten. Niemand hat sie dazu gezwungen. Der einzige
Zwang war der Zwang der Umstände, die Sie in der Sowjetunion geschaffen haben.
Die Bezugnahme auf den Verteidigungsetat der Vereinigten Staaten
steht auf der gleichen Stufe mit den anderen falschen Behauptungen.
Der Verteidigungsetat der USA würde sich sehr rasch verkleinern, wenn
der aggressive Druck seitens der Sowjetunion ein Ende nähme. Selbst
unser gegenwärtiger Verteidigungsetat ist wahrlich kfein im Vergleich
zu unserer gesamten Volkswirtschaft - wohingegen die ganzen sowjetischen Anstrengungen darauf abzielen, einen Militärstaat zu schaffen.
Sie sind nicht darauf gerichtet, das Los der breiten Masse in Rußland
zu verbessern. Sie machen nicht den Versuch, diese Menschen mehr an
den Annehmlichkeiten des Lebens teilhaben zu lassen. Sie versuchen,
die Stahlerzeugung auszubauen. Sie versuchen, die Schwerindustrie auszubauen. Und mit Hilfe dieser Schwerindustrie versuchen Sie, eine
große Militärmaschine auf die Beine zu stellen. Sie sind auch noch
stolz darauf. Sie brüsten sich damit. Ich habe es selbst gehört.
Was wir für militärische Zwecke aufwenden, tun wir mit Murren und
nur deshalb, weil wir bereit sind, Opfer zu bringen, um das freie
Leben und das freie Denken zu erhalten, das Sie uns nehmen wollen.
Sie wissen genau, daß dies die Wahrheit ist. Die Welt weiß, daß die
Dinge in Wahrheit so liegen.
Damit, Herr Vorsitzender, bringe ich Ihnen unsere Reaktion auf
dieses jüngste Bemühen, die internationalen Spannungen zu mildern,
zur Kenntnis. Es ist eine offenkundige und dumme Wortverdrehung
von A bis Z. Es ist eine gigantische Lügengeschichte.
Wir werden uns jedoch der Aufnahme dieses Punktes in die Tagesordnung nicht widersetzen, da wir dies stets so gehalten haben, wann
immer ein solches Ansinnen - und mag es noch so dumm und niederträchtig gewesen sein - gestellt wurde, speziell wenn es sich gegen die
Vereinigten Staaten richtet. Wir sind uns natürlich bewußt, daß andere

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andere hierüber vielleicht anders denken. Wir haben nichts dagegen,
wenn jemand dem Glauben nachhärgt, daß die Mitgliedschaft in den Ver
einten Nationen jeder Mitgliedregierung das Recht gibt sich selbst zum
Narren zu machen, wenn sie will und daß die Sowjetunion in diesem
Fall von diesem Recht im vollen Umfange Gebrauch gemacht hat.
Wenn wir wollten, könnten wir jetzt eine für die Sowjetunion
vernichtende Angelegenheit zur Diskussion stellen - nämlich die
Unterdrückung der Satellitenstaaten, die Diskriminierung der Christen,
'.'.amraedaner und Juden in der Sowjetunion, das Schüren der Aggression
in Korea und die blutigen Untaten in Lngarn. Wir halten jedoch nicht
viel davon, mit solchen Dingen zu argumentieren. Das Forum der Vereinten Nationen für die Propaganda des Kalten Krieges zu benutzen
ist eine sowjetische Spezialitat. Wir werden aber, Her* Vorsitzender
jederzeit solchen Argumenten, wenn sie gegen uns gerichtet sind, den
Garaus machen- Wir werden nicht zögern, das Iorum der Vereinten Na
tior.en zu benutzen, um sowjetische Verdrehungen richtigzustellen und
die 'Vahrheit in aller Öffentlichkeit zu verkünden.
Herr Präsident, ich will Ihnen sagen, was der sowjetische Vorschlag wirklich ist. Er ist ein schlecht getarnter Angriff zu einem
mit Vorbedacht gewählten Zeitpunkt auf die Nahost-Politik Präsident
Eisenhowers, da diese Politik eine sowjetische Unterminierung der
Souveränität all der kleinen Staaten im Nahen Osten verhindern würde.
Er zielt darauf ab, die Verwirklichung der Politik Präsident Lisenhowers
zu unterbinden. Mit seiner Erklärung hat nun der sowjetische Vertreter
die Katze aus dem Sack gelassen.
Nun, Herr Präsident, wir nehmen diese Herausforderung an. Wir be
fürworten es, daß diese Debatte stattfindet. Wir sind überzeugt daß die
Sowjets keine einzige Anschuldigung halten können.
Wir warten darauf, daß diese Angelegenheit debattiert wird, um
es mit all den vielen ritualistischen Plumpheiten und pathetischen
Lügen aufnehmen und sie als das entlarven zu können was sie in Wahrheit sind.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

W1./20.2.1957
JAHRESBERICHT DES AMERIKANISCHEN PRÄSIDENTEN ZU FRAGEN DER
REVISION DER US-HANDELSABKOMMEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut des ersten Jahresberichts über das Handelsabkommen-Revisionsprogramm, den Präsident Eisenhower am 11. Februar 1957 dem Kongreß unterbreiten
ließ.

Be^lei tbrief
Dies ist mein ers ter Jahresbericht über die Durchführung des
Handelsabkommen-Revi sionsprogrammes. Ich unterbreite ihn dem Kongreß jjemäß Abschnitt 350 (E) (i) des Zollgesetzes vom Jahr 1930
in der durch Abschni tt 3 (D) des Ergänzungsgesetzes vom Jahr 1955
zum Gesetz über gege nseitige Handelsabkommen geänderten Fassung»
Das Handelsabkommen-Revisionsprogramm leitet sich aus den Bestimmungen, des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen vom Jahr
1934 und den verschi edenen Xnderungs- und Ergänzungsgesetzen hier«
zu ab.
Unsere gege nwärtigen Außenhandelsziele, die ich in meiner
Sonderbotschaft über die Außenhandelspolitik vom 30. März 1954
dargelegt habe, wurden auf Grund einer Untersuchung des von beiden Parteien bes chickten Ausschusses für Fragen der Außenhandelspolitik formulie rt, der im Jahr 1953 gemäß Public Law 215 (öffentlich-rechtliches Gesetz) des 83. Kongresses gebildet worden war.
Die meisten Empf ehlungen des Ausschusses wurden gebilligt und
in die Tat umgesetzt. Der vorliegende Bericht umreißt die Schritte,
die unternommen worden sind, um diese Ziele unserer Außenhandelspolitik zu verwi rklichen.
Der größte Teil unserer Bemühungen der letzten Jahre konzentrierte sich zunächst auf die Verbesserung des bestehenden Handelsvertragssystems und auf seine Handhabung. Die diesbezüglichen Maßnahmen sind in Abschnitt I des Berichtes aufgeführt. Sie richteten sich in erster Linie auf eine grundlegende Revision des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT). Diesq Überprüfung hatte
die Ausarbeitung von Vorschlägen für die Verbesserung wichtiger

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20. Februar 1957

wichtiger Bestimmungen des Abkommens und eines Vertrags über die
Errichtung der Organisation für gemeinsamen Handel (OTC) zur Folge.
Ich habe den Kongreß ersucht, seine Zustimmung zum Beitritt der
Vereinigten Staaten zu dieser Organisation zu erteilen. Die Schaffung der Organisation für den gemeinsamen Handel ist eine der wich
tigsten Voraussetzungen dafür, daß unser Handelsabkommen-Revisionsprogramm im Interesse der amerikanischen Industrie und Landwirtschaft
sowie der arbeitenden Bevölkerung wirksam durchgeführt werden kann.
Die Regierung der Vereinigten Staaten war im Sinne der vom Kongreß erteilten Befugnisse bemüht, bestehende Handelsschranken durch
gegenseitige Zollabkommen Schritt für Schritt zu beseitigen. Di»
jüngsten derartigen Verhandlungen fanden im Einklang mit den neuen
Vollmachten statt, wie sie mit Public Law 86 des 84. Kongresses eteilt worden sind. Die zum Schutze der heimischen Industrie notwedigen Sicherungen sind in Form der Rücktrittsklausel und der Gefahrenpunktbestiramungen dieses Gesetzes sowie der auf Grund dieses
Gesetzes erlassenen Verwaltungsvorschriften gegeben. Eine detaillierte
Darstellung dieser Verhandlungen findet sich in Abschnitt II.
Die Vereinigten Staaten waren über das GATT mit Erfolg bemüht, .
eine Reduzierung oder völlige Beseitigung von Einfuhrquoten anderer
Länder zu erreichen, die den amerikanischen Ausfuhrhandel bisher
stark behinderten.
In Abschnitt IV dieses Berichtes werden die Maßnahmen dargelegt, die auf Grund einzelner Gesetzesbestimmungen getroffen worden
sind und die Durchführung des Handelsabkommen-Revisionsprogrammes
berühren» Die Rücktrittsklausel und die Änderungsbestimmung bezüglich der Gewährleistung der nationalen Sicherheit.
Im Schlußteil des Berichtes, in Abschnitt V, werden kurz alle
jene Entwicklungen zusammengefaßt, die unsere Handelsbeziehungen
mit Ländern betreffen, die selbst nicht Mitglied des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens sind, mit denen die Vereinigten Staaten
jedoch zweiseitige Handelsverträge geschlossen haben.
Da dies der erste Bericht des Präsidenten über ein Programm
ist, das bereits seit einer Reihe von Jahren läuft, beschränkt er
sich nicht auf das Kalenderjahr 19&amp;6, sondern schließt auch weiter
zurückliegende Entwicklungen ein, soweit sie dazu nötig sind, die
Ereignisse der jüngeren Zeit in der richtigen Perspektive erscheinen
zu lassen. Eine ins einzelne gehende Übersicht über die verschiedenen Schritte, die im Rahmen des Handelsabkommen-Revisionsprogramms
unternommen worden sind, enthält der Jahresbericht der Bundeszollkommission an den Kongreß.
Der Ausfuhr- und Einfuhrhandel ist für die wirtschaftliche Stärke
und die Wohlfahrt des gesamten Volkes sehr wichtig. Der internationale
Warenaustausch bringt der Gemeinschaft der Völker Nutzen und fördert
die Schaffung eines gerechten und dauerhaften Friedens in der Welt.
unsere Außenhandelspolitik, die darauf gerichtet ist, ein ständiges
Wachstum eines für alle Teile gewinnbringenden Welthandels zu begünstigen, liegt somit im doppelten Sinne im Eigeninteresse der

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- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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der Vereinigten Staaten; sie fördert die Prosperität unseres Landes
und stärkt die nationale Sicherheit.

gez.: Dwight D. Eisenhower

Abschnitt I
Die Konsolidierung der Erfolge, die im Rahmen des
Handelsabkommen-RevisionsProgramms hinsichtlich
der Neugestaltung des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens erzielt worden sind

Im Jahre 1954 verfügten die Vereinigten Staaten und die anderen
Partnerstaaten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) bereits
über eine mehr als sechsjährige Erfahrung im Umgang mit seinen Bestimmungen. Man war sich allgemein darüber einig, daß sich dieses Multilaterale System für die Behandlung von Außenhandelsfragen im großen und
ganzen gut bewährt hatte und jedem streng bilateralen System weit überlegen war. Man war sich aber auch darüber einig, daß das Abkommen im
Lichte der gesammelten Erfahrungen überprüft werden müßte. Die Vereinigten Staaten vertraten gleichfalls diese Auffassung. Der Präsident
hatte darüber hinaus auf eine Neufassung der rein organisatorischen
Bestimmungen des Abkommens gedrängt und angekündigt, daß er die in solchen Verhandlungen etwa ausgearbeiteten organisatorischen Vorschläge
dem Kongreß zur Billigung unterbreiten werde.
Demzufolge kam man überein, die 9« Arbeitstagung des GATT zu
einer Überprüfung des Abkommens zu benutzen. Sie fand vom 28. Oktober
1954 bis 7. März 1955 in Genf statt.
Die Ausarbeitung der Instruktionen für Delegationen der Vereinigten Staaten zu Tagungen der vertragschließenden Parteien war schon
immer Aufgabe des Interministeriellen Ausschusses für Handelsabkommen,
eines Ausschusses aus Vertretern des Außen-, Handels-, Landwirtschafts-,
Verteidigungs-, Finanz-, Innen- und Arbeitsministeriums sowie des Amtes
für Internationale Zusammenarbeit und einem Mitglied der Bundeszollkommission. Die Hinzuziehung dieser Behörden gibt die Gewähr, daß die
Interessen der amerikanischen Landwirtschaft, der Arbeitnehmerschaft
und der Wirtschaft bei der Festlegung einer Haltung, die den Interessen
unseres Landes am besten zu dienen geeignet scheint, gebührend berücksichtigt werden. Die von den einzelnen Regierungsorganen in den Aus- .
schuß für Handelsabkommen entsandten Mitglieder gelten als offizielle
Vertreter ihrer Behörden. In besonderen Fällen, so beispielsweise bei
den Vorbereitungen auf jenen Teil der $. Arbeitstagung, der einer
Überprüfung des GATT-Abkommens vorbehalten war, wird ein interministerieller Arbeitsstab aus Unterstaatssekretären oder sogar auf noch
höherer Ebene gebildet» d e r grundlegende Fragen bezüglich der einzu-

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einzunehmenden Haltung erörtert. Ehe der Präsident den Chef der Vereinigten Staaten zur Unterzeichnung der auf der 9« Arbeitstagung zustande gekommenen Vereinbarungen ermächtigte, wurden diese Dokumente
von einem derartigen Sonderausschuß no.h einmal gründlich geprüft.
Alle interessierten privaten Gruppen und Personen wurden entweder
mündlich oder schriftlich aufgefordert, ihre Ansichten bezüglich der
am Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen vorzunehmenden Änderungen ;m
Verlauf einer Öffentlichen Informationssitzung, die im September 1954
stattfand, bekanntzugeben. Die bei dieser Gelegenheit vorgebrachten
Meinungen zeigten, daß der Gedanke eines multilateralen Vorgehens im
Sinne des amerikanischen Handelsabkommen-Revisionsprogramms und der
Schaffung eines wirksameren Allgemeinen Abkommens die Unterstützung
weiter Kreise besaß.
Der Delegation der Vereinigten Staaten zur 9« Arbeitstagung gehörten auch 6 beratende Mitglieder an, die nicht von Behörden der Exekutive bestellt worden waren. Es handelte sich um 4 Kongreßabgeordnete
und 2 Männer aus der Wirtschaft. Vom Senat wurden die Senatoren Frank
Carlson und Albert Gore und vom Repräsentantenhaus die Abgeordneten
Jere Cooper und Richard Simpson bestellt. Bei den beiden Mitgliedern,
die nicht im Dienste der Regierung stehen, handelte es sich um die
Aufsichtsratsvorsitzenden Lamar Fleming jun. der Anderson, Clayton
and Company, und Cola G. Parker von der Kimberly-Clark Corporation.
Mit Ausnahme eines einzigen Mitgliedes, das durch anderweitige Verpflichtungen in Washingtonfestgehalten wurde, verbrachten diese Berater mehrere Wochen in Genf, wo sie unmittelbar mit der amerikanischen Delegation zusammenarbeiteten. Sie trugen erheblich zu dem Erfolg bei, den
die Vereinigten Staaten bei diesen Verhandlungen erzielt haben.
Die wesentlichsten Ziele, die die Vereinigten Staaten auf der 9»
Arbeitstagung verfolgten, waren: Erstens, eine wirksamere Organisation
für die Durchführung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens zu
schaffen; zweitens, eine kontinuierliche Anwendung jener Zollkonzessionen sicherzustellen, die im Rahmen des Abkommens bereits ausgehandelt worden sind und gleichzeitig den Regierungen genügend Spielraum
für eine Modifizierung einzelner Konzessionen zuzusichern; drittens,
die Bestimmungen über die Anwendung von Einfuhrbeschränkungen, die
mit der Zahlungsbilanz gekoppelt sind, zu vereinfachen und zu verschärfen; viertens, gewisse Normen für die Gewährung von Ausfuhrbeihilfen im Sinne der von den Vereinigten Staaten geübten Praxis aufzustellen; und fünftens, die Bestimmungen, die gewisse Sondermaßnahmen
um der Entwicklung der eigenen Wirtschaft willen gestatten, zu revidieren.
Es war des weiteren unser Ziel, unsere Partnerstaaten zu dem Zugeständnis zu bewegen, daß Maßnahmen, die die Vereinigten Staaten
auf Grund Abschnitt 22 des Gesetzes über die Angleichung der Landwirtschaft treffen, um eine Beeinträchtigung der landwirtschaftlichen Programme im eigenen Lande zu verhindern, nicht als den Verpflichtungen
dpr Vereinigten Staaten aus dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen
zuwiderlaufend angesehen werden. Bei den Verhandlungen über eine

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eine get" ennte Abmachung bezüglich einer 0 gan sati n für gern
samen
Ha el (OTC) suchten die Vereinigten Staaten zu e'ner . eremb r ng zu
ge angen die eine kontinuierliche und bessere Durchführu g de sub
sta tiellen Bestimmungen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens
gestatten würden.
Di-1 Ergebnisse der 9« GATT-Tagung waren für die Ver^ini^t n
Staaten höchst befriedigend. Abänderungen des Abkommens so len u
einer g ößeren Stabilität in den bereits existierenden V r inba ungen über Zolltarifkonzessionen führen. Es wurden w rksamere n
einfachere Bestimmungen über den Ausgleich der Z a h u gsbilanzen ausgear e tet darunter Sonderbestimmungen, die den spe iellen Bedirf
niss n junger Staaten Rechnung tragen. Diese revidiert n Be c t nmungen
treten in Kraft, sobald sie von den Partnerstaaten d^s GATT akzeptiert worden sind.
Darüber hinaus wurde ein Abkommen über die Organisa l
für
gemeinsamen Handel vorbereitet. Dieses Abkommen ist dem ong eß der
Vereinigten Staaten zur Billigung unterbreitet worden Ha ptzweck
der Organisation soll die Verwaltung d s Allgemeinen Z I - und Hände sabkommens sein. Die Funktionen der Organisation si d in hren
Statuten definiert.
Ausführliche Einzelheiten über die Ergebnisse der 9« Tagung
sowie der 8. Tagung, in deren Verlauf der Vorschlag z r Revidier ng
des GATT-Abkommens eingebracht worden war, finden sich in den Berichten
des Leiters der amerikanischen Delegation.
Abschnitt II
Zolltarifverhandlungen über die Beseitigung von Handelsschranken
sowie Angleichungen in den bestehenden Konzess onen
Zu den wichtigsten Ereignissen der jüngeren Ze t im nternati nalen Hände gehört die Aufnahme Japans in die Gemeinschaft der GATT-Länd
im September 1955. Japan hatte bereits bei der 8. Tagung der GATT-Lander hospitiert'., Die Aufnahme Japans war ein bedeutsamer Schritt auf
dem Wege zur Wiedereingliederung Japans in die Weitgemeinschaft de
handeltreibenden Völker.
Wenn Japan eine gesunde Wirtschaft haben und auf e genen Füßen
stehen soll, s muß ihm Gelegenheit für eine verst rkte Einschal+ung
in den internationalen Handel geboten werden, so w e dies durch d
Aufnahme in den GATT-Vertrag geschehen wird* Die B-teiligung an diesem
Abkommen mit den Aussichten auf größere Handelschan en für Japan verringert nicht nur d.e Gefahr, daß Japan immer mehr uf das von den
Kommunisten beherrschte asiatische Festland angewiesen ist, sondern
erweitert auch die Zahl der den Japanern offenstehe den Märkte der
freien Welt. Die Verhandlungen über die Aufnahme Jap ns begannen am
21. Februar 1955 in Genf, und am 7. Juni 1955 wurde -ch l-ßlich die
Urkunde zur Unterzeichnung aufgelegt. Siebzehn Lände , die alle Partnerstaaten des GATT sind, verhandelten mit Japan. Dies*- Länder waren

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waren Burma, Chile, Dänemark, die Dominikanische Republik, Finnland,
Deuts hland, Griechenland, Indonesien, Italien, Kanada, Nikarag a.
Norwegen, Pakistan, Peru, Schweden, Uruguay und die Vereinigten Staaten. Die dabei ausgehandelten Konzessionen wurden im einzelnen vom
US Außenministerium am 1. Juni 1955 mit Drucksache Nr. 588 veröffentlicht .
Eine Anzahl von Ländern, die ebenfalls Mitgliedstaaten des GATT
sind, machten unter Berufung auf Artikel XXXV des GATT von hr-m Recht
Gebrauch nicht an den Verhandlungen teilzunehmen und gegenübe Japan
die GATT-Verpflichtungen, darunter auch die Bestimmung zur Einräumung
der Meistbegünstigungs-Klausel nicht anzuerkennen. Die Vereinig en
Staaten haben diese Länder immer wieder dazu zu bewegen versuch , ihre
Entscheidung zu revidieren und die Beziehungen mit Japan im vollen
Umfange der GATT-BeStimmungen aufzunehmen. Etwa die Hälfte dieser
Länder gesteht aber Japan jetzt schon de facto die Meistbegünstigung
zu, obgleich keine juristische Verpflichtung hierzu besteht.
Die Delegation der Vereinigten Staaten wurde bei den Verhandlu
gen über die Handels- und Zollbestimmungen von folgenden Persönlichkeiten beraten:
Allan B. Kirne, Western Spring (Illinois), ehemaliger Präsident
des Amerikan sehen Bauernverbandes;
Bert Seidman, Washington D.C. Wirtschaftssachverständiger des
amerikanischen Gewerkschaftsverbandas AFL;
Russell G. Smith, San Francisco, Vizepräsident und Leiter der
Ausländsabteilung der Bank von Amerika;
Lawrence F. Whittemore, Concord (New Hampshire), Aufsichtsratsvorsi!zender der Brown Company (Holzschliff- und Papierfabrikation).
Die Genfer Zollkonferenz von 1956
In den ersten Monaten des Jahres 1956 nahmen die Vereinigten
Staaten an weiteren multilateralen Zollverhandlungen im Rahmen des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens teil. Dieses Mal verhande ten
die Vereinigten Staaten auf Grund der Vollmachten, die dem Präsidenten
mit dem Ergänzungsgesetz von 1955 zum Gesetz über gegenseitige Handelsabkommenerteilt worden waren. Dieses Gesetz ermöglichte es dem Präsidenten, bestehende Zolltarife um insgesamt 15 Prozent in drei aufeinanderfolgenden Jahren zu senken. Ferner ermächtigte es den Präsidenten,
die über 50 Prozent des Warenwertes liegenden Zölle allmählich auf
50$ ad valorem zu reduzieren.
Die Verhandlungen, die auf dieser Ermächtigung basierten, führten zum Austausch von Zollkonzessionen auf der Basis der Gegenseitigkeit mit 21 Ländern (Australien, Belgien,
Bundesrepublik Deutschland, Chile, Dänemark, Dominikanische Republik, Finnland, Frankreich,
Haiti, Italien, Japan, Kanada, Kuba, Luxemburg, Niederlande, Norwegen,

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Norwegen, Österreich, Peru, Schweden, Türkei und Großbritannien). Die
Teilnahme der Hohen Behörde der Mortanunion an den Verhandlungen war
ein bemerkenswertes neues Charakteristikum. Hinsichtlich der Zölle
für Stahl und Eisen war die Köhe Behörde ermächtigt, als Vertreter
der sechs Mitgliedstaaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien,
Luxemburg und Niederlande) zu fungieren. Einzelheiten dieser Verhandlungen sind im Juni 1956 in Drucksache Nr. 63^8 des US-Außenministeriums
veröffentlicht worden.
Während dieser Zollverhandlungen fungierten als private Berater
der Delegation der Vereinigten Staaten:
Ellott V. Bell, Herausgeber und Verleger von "Business Week" lind
Generaldirektor der McGraw-Hill Publishing Company, Inc.;
Homer L. Brinkley, Vizepräsident des Nationalrates der Farmergenossenschaften ;
Bryant Essick, Präsident der Essick Manufacturing Company,, Los
Angeles, Kalifornien;
Stanley H. Ruttenberg, Leiter der Forschungsabteilung der Vereinigten Gewerkschaftsverbände AFL-CIO.
Angleichung bestehender Zollkonzessionen
Seit Anfang 1955 sind von den Vereinigten Staaten mit verschiedenen Ländern weitere Zollverhandlungen mit dem Ziel geführt worden,
bestehende Zollkonzessionen, die im Rahmen des GATT vereinbart worden
waren, zum Teil rückgängig zu machen. Diese Verhandlungen wurden auf
Grund der Bestimmungen von Artikel XXVITI des GATT und gemäß den in
der Deklaration vom 10.März 1955 festgelegten Verfahrensweisen geführt. Hierbei kamen die Partnerstaaten überein, auch in Zukunft die
bestehenden GATT-Tarife anzuwenden. Die Verhandlungen wurden so geführt, daß der allgemeine Stand der Zollkonzessionen durch Gewährung
neuer Konzessionen für abgeänderte Vereinbarungen erhalten wurde.
Im Rahmen dieser Bestimmungen haben die Vereinigten Staaten
Vereinbarungen mit 21 Ländern getroffen. Diese Länder sind Italien,
Peru, die Südafrikanische Union, die Türkei, Indien, die Niederländischen Antillen, Neuseeland, Nikaragua, Pakistan, Österreich; Ceylon,
Kuba, die Niederlande, Schweden, die Dominikanische Republik, Finnland,
Frankreich, Belgien, Kanada, Griechenland und die Bundesrepublik
Deutschland. Mit drei Ausnahmen (das heißt in den Verhandlungen
mit Kuba, den Niederländischen Antillen und Peru) stand in den Verhandlungen jeweils nur eine sehr geringe Anzahl von Artikeln zur Debatte. In jedem Fall wurde für eine zurückgezogene Konzession eine
andere gewährt.
Ein Widerruf bestehender Konzessionen erfolgte bei zirka 225 Artikeln, die für die Vereinigten Staaten von direktem Interesse sind.
Darüber hinaus waren die Vereinigten Staaten hinsichtlich eines Teiles der anderen Konzessionen, die in Verhandlungen zwischen anderen

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anderen Ländern abgeändert worden sind, auf Grund wesentlicher Handelsinteressen an den in Frage stehenden Artikeln indirekt betroffen.
Da die im Zusammenhang mit diesen Verhandlungen vorgelegten Handelsstatistiken entsprechend dem Jahr, das den Verhandlungen zugrunde
gelegt wurde, variierten, kann hinsichtlich des Gesamt-Dollarwertes
des von den zurückgezogenen oder modifizierten Konzessionen betroffenen
Handelsvolumens keine exakte Angabe gemacht werden. Schätzungen ergeben,
daß der gesamte von den Abänderungen betroffene Handel - unter Zugrundelegung der Zahlen für 1954 - dreißig Millionen Dollar nicht übersteigt
und daß sich die neuausgehandelten Ausgleichskonzessionen in etwa der
gleichen Höhe bewegen. Am 1. Oktober 1956 machten die Vereinigten Staaten von einem Recht Gebrauch, das sie sich bei den ersten GATT-Verhandlungen von 1947 vorbehalten hatten, als sie die damals ausgehandelten
reduzierten Zollsätze für Wollgewebe in jedem Kalenderjahr auf eine
Importmenge beschränkten, die fünf Prozent der durchschnittlichen einheimischen Jahresproduktion entsprechender Gewebe, errechnet aus den
drei vorangegangenen Kalenderjahren, entspricht. Auf Grund des neuen
Verfahrens werden auch weiterhin in jedem Jahr Einfuhren bis zu einer
gewissen Menge (die nach der genannten Formel jährlich neu errechnet
und bekanntgegeben werden muß) nach den seit Anfang 1948 in Kraft befindlichen ermäßigten Tarifen importiert, während auf alle Einfuhren,
die über der genannten Menge liegen, die höheren, in der Vorbehaltsklausel spezifizierten Tarife erhoben werden. Für das vierte Quartal
1956 war die Quote auf 3,5 Millionen Ib. festgesetzt worden, den vierten Teil der Menge, die ihrerseits nicht weniger als fünf Prozent der
durchschnittlichen einheimischen Jahresproduktion entsprechender Gewebe
in den Vereinigten Staaten in den Jahren 1953 bis 1955 ausmacht. Innerhalb dieser Quote wurde keine weitere Kontingentierung etwa nach Jahreszeit, Ländern oder anderen Gesichtspunkten vorgenommen.
Abschnitt III
Reduzierung beziehungsweise Beseitigung von
Handelsschranken
Während der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und in verstärktem Maße nach dem zweiten Weltkriege haben zahlreiche Länder zum Schutze
ihrer Zahlungsbilanz und aus verschiedenen anderen Gründen ihre Zuflucht
zu Devisenkontrollen und einer mengenmäßigen Einfuhrbeschränkung genommen. Als sich die Zahlungsbilanzen dieser Länder in den vergangenen
Jahren besserten, verstärkten die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen
um eine Reduzierung beziehungsweise Beseitigung dieser Handelsschranken.
Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen hat sich als ein brauchbares Instrument für diese Bemühungen erwiesen. Mit dem Beitritt zu
diesem Abkommen verpflichteten sich die einzelnen Länder, die zum Schutze
ihrer Zahlungsbilanz eingeführten Beschränkungen zu lockern und schließlich ganz aufzuheben, wenn sich ihre Zahlungsposition festigen sollte
und wenn ihre Gold- und Dollarreserven zunehmen würden. Diese internationalen Verpflichtungen bilden eine Diskussionsgrundlage bei den Tagungen
der im GATT zusammengeschlossenen Vertragsp'a'rtner. . Außerdem fallen sie

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sie ins Gewicht, wenn die Vereinigten Staaten über die traditionellen
diplomatischen Kanäle bei anderen Ländern in dieser Frage vorstellig
werden.
Das hatte zur Folge, daß die mengenmäßigen Beschränkungen für
amerikanische Güter erheblich reduziert wurden. Auch auf Seiten jener
Länder, die mit Schwierigkeiten im Hinblick auf den Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz zu kämpfen haben, ist die erfreuliche Tendenz zu beobachten,
ihre Außenhandelsbilanz nicht mehr allein durch mengenmäßige Einfuhrbeschränkungen, sondern vornehmlich durch andere geeignete Maßnahmen ausgleichen zu wollen. So ergriff zum Beispiel Großbritannien in dem Bestreben, seine internationalen Zahlungsschwierigkeiten auszugleichen,
in den vergangenen Jahren zu inneren währungs- und finanzpolitischen
Maßnahmen, um den inflatorischen Druck zu verringern, der die Zahlungsbilanz und Devisenlage des Landes ungünstig beeinflußt hatte. Als der
Sterlingkurs infolge der Suezkrise erneut erschüttert zu werden drohte,
bewies Großbritannien wiederum seine Entschlossenheit, neue quantitative
Beschränkungen des Handels zu vermeiden. Im Dezember 1956 erhielt Großbritannien vom Internationalen Währungsfonds eine Kreditzusage mit
einem Limit von 1,5 Milliarden Dollar. Bei Bekanntgabe dieser Vereinbarung wies der Internationale Währungsfonds darauf hin, daß bei der
Einräumung eines Kredits in solcher Höhe der britische Entschluß,
keine neuen Handelsbeschränkungen einzuführen, eine wichtige Rolle
gespielt habe.
Die Arbeitstagungen des GATT als Mittel zur Reduzierung quantitativer
Einfuhrbeschränkungen
Drei verschiedene Verfahren stehen den Vereinigten Staaten bei
ihren Bemühungen, auf den Arbeitstagungen des GATT eine Reduzierung
oder gänzliche Beseitigung der den amerikanischen Handel behindernden
Restriktionen zu erreichen, zur Auswahl:
1. Formelle mehrseitige Konsultationen zwischen den Partnerstaaten mit dem Ziel, die Zahlungsposition eines Landes unter dem Gesichtspunkt seiner finanziellen Lage zu überprüfen und Mittel und
Wege zu finden, wie sich die dem Handel mit anderen Ländern auferlegten Beschränkungen am besten in ihren Auswirkungen mildern lassen.
Früher mußten nur diejenigen Länder, die auf Grund einer Ermessensbestimmung des Abkommens an den diskriminierenden Handelsrestriktionen
festhielten (im Jahre 1956 waren es Australien,Caiylon, Großbritannien,
Neuseeland und die Zentralafrikanische Union), einmal im Jahr an solchen Konsultationen teilnehmen, während sich die übrigen Länder nur
dann gegenseitig zu konsultieren brauchten, wenn sie irgendwelche
Handelsbeschränkungen zu verschärfen beabsichtigten. 'Wenn jedoch die
bereits fixierten Änderungen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens in Kraft treten, müssen alle Länder, die im Interesse ihrer
Zahlungsbilanz irgendwelche Beschränkungen beibehalten, sich gegenseitig regelmäßig konsultieren - und zwar die industriell entwickelten
Länder jährlich und die wirtschaftlich rückständigen Länder alle
zwei Jahre. In der Zwischenzeit wird als Überbrückungsmaßnahme im
Jahre 1957 ein erheblich erweitertes Programm gegenseitiger Konsultationen durchgeführt werden. Die Vertragspartner haben deshalb auf

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auf ihrer 11. Tagung einem amerikanischen Vorschlag zugestimmt, der
dahin geht, daß Länder, die aus finanziellen Gründen immer noch an
Einfuhrquoten festhalten, aufgefordert werden sollen, noch vor Beendigung der nächsten Tagung in Konsultationen einzutreten.
2. Die Vereinigten Staaten führen auf jeder dieser Tagungen aus
eigener Initiative zweiseitige Beratungen mit einer bestimmten Gruppe
von Ländern; solche Verhandlungen wurden durch die Anwesenheit von
Wirtschaftsexperten dieser Länder auf der Tagung und die dort allgemein herrschende günstige und wohlwollende Atmosphäre begünstigt.
Bei diesen zweiseitigen Konsultationen geht es nicht um generelle Fragen, wie etwa die Entwicklung auf finanziellem Gebiet. Vielmehr haben
sie das Ziel, die Auswirkungen solcher Restriktionen auf den Handel
mit bestimmten Erzeugnissen, an denen den Vereinigten Staaten besonders
gelegen ist, zu überprüfen und die Aussichten für einen verstärkten
Handel mit diesen Erzeugnissen zu bessern.
3. Das im GATT-Vertrag vorgesehene "Beschwerdeverfahren". Im
Rahmen dieses Verfahrens können die Vereinigten Staaten gegen ein Land,
das dem amerikanischen Handel unzulässige Beschränkungen auferlegt, Beschwerde führen und versuchen, von den Vertragspartnern eine Empfehlung
bezüglich eines Vorgehens zu erwirken, das dazu beitragen kann, diese
Beschränkungen zu lockern oder ganz zu beseitigen. Normalerweise werden
die Vereinigten Staaten sich erst dann dieses Verfahrens bedienen, wenn
diplomatische Vorstellungen oder die anderen vorstehend genannten Verfahren zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt haben.
Die Maßnahmen, die auf der 10. und 11. Tagung der GATT-Länder
(27. Oktober bis 3- Dezember 1955 beziehungsweise 11. Oktober bis 17.
November 1956) getroffen worden sind, um eine Lockerung der zum Schutze
einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz festgesetzten Einfuhrbeschränkungen
herbeizuführen, zeigen, wie diese drei Verfahren praktisch gehandhabt
werden.
Auf diesen Tagungen fanden multilaterale Beratungen mit Australien, Ceylon, Großbritannien, Neuseeland und der Zentralafrikanischen
Union statt, den fünf au jährlichen Konsultationen verpflichteten Ländern. Diese Beratungen wurden im Sinne der im Jahre 1955 niedergelegten
Richtlinien geführt, die sich als wesentlich geeigneter erwiesen, um
die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die den exportierenden Ländern aus den
Handelsbeschränkungen erwachsen und Klarheit darüber zu gewinnen, ob
eine vollständige Aufrechterhaltung der bestehenden Einfuhrbeschränkungen tatsächlich notwendig ist. Auf der 11. GATT-Tagung konnten sämtliche
Länder über gewisse Fortschritte hinsichtlich einer Lockerung der Restriktionen im Handel mit Dollarwaren berichten. Insbesondere Ceylon
hat praktisch sämtliche diskriminierenden Maßnahmen aufgehoben.
Während der 10. Tagung erörterte die amerikanische Delegation in
bilateralen Verhandlungen mit den Delegationen von neun anderen GATTLändern bestimmte Außenhandelsprobleme, die sich durch die Handhabung
der Einfuhrquoten ergeben hatten. Auf der 11. Tagung wurden mit 13
Ländern ähnliche Besprechungen geführt. Diese Diskussionen erwiesen
sich als äußerst nützlich, um die Aufmerksamkeit anderer Regierungen auf

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auf die Probleme zu lenken, die die Aufrechterhaltung der Einfuhrbeschränkungen für einzelne amerikanische Industrien mit sich bringt,
und um feste Zusicherungen zu erhalten, daß Maßnahmen zu einer Lockerung
dieser Beschränkungen getroffen oder erwogen werden.
Auf der 10. Tagung erörterten die Vertragspartner eine Beschwerde
der Vereinigten Staaten gegen die Bundesrepublik Deutschland, der vorgeworfen wurde, daß gewisse von ihr erlassene Vorschriften eine Beschränkung der amerikanischen Kohleneinfuhren bewirkt hätten. Die Beschwerde war bereits auf der 9» Tagung vorgebracht und dann bis zur
nächsten Tagung zurückgestellt worden, Schon kurz nach Beginn der
10. Tagung zogen die Vereinigten Staaten ihre Beschwerde zurück, nachdem Deutschland die Importrestriktionen auf amerikanische Kohle erheblich gelockert hatte. Im Juni 1956 wurde Kohle auf die DollarFreiliste gesetzt und kann seitdem nach Deutschland ohne jegliche Beschränkung eingeführt werden.
Eine wirksame Handhabung der sich bietenden Verfahren zusammen
mit einer Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in vielen Teilen
der Welt haben zu einer wesentlichen Lockerung der mengenmäßigen Beschränkungen amerikanischer Einfuhren geführt. Insbesondere gilt das
für die Zeit nach 1955»
Abschnitt IV
Besondere gesetzliche Vorschriften: "Rücktrittsklausel" und die
"Bedürfnisse unserer nationalen Sicherheit"
Unter den Fällen aus jener Zeit, bei denen es um die Anwendung
der Rücktrittsklausel ging, stand bei der Klage der Fahrradindustrie
am meisten auf dem Spiele. Die Zollkommission hatte in ihrer Mehrheit
festgestellt, daß die amerikanische Fahrradindustrie durch ausländische
Importe geschädigt werde; der Präsident schloß sich dieser Auffassung
an, setzte allerdings den Zoll nicht soweit herauf, wie dies beantragt
worden war. Der Präsident wies im Zusammenhang mit diesem Fall darauf
hin, daß neben den Feststellungen der Zollkommission und ihren Empfehlungen auch andere Faktoren zu berücksichtigen seien, es gelte auch
erstens den amerikanischen Konsumenten gegen unnötige und ungerechtfertigte Preiserhöhungen zu schützen; zweitens den Erzeugnissen der
amerikanischen Landwirtschaft, unserer Industrie und dem Bergbau neue
Märkte zu erschließen; drittens das im Hinblick auf unsere eigene
nationale Sicherheit bestehende Interesse an der wirtschaftlichen
Stärke anderer Länder zu wahren und viertens den Verpflichtungen bezüglich der Kompensierung anderer Staaten im Falle der Annullierung
bestehender Konzessionen nachzukommen, die wir im Allgemeinen Zollund Handelsabkommen eingegangen sind.
Am 18. Januar 1956 legte die Zollkommission einen Bericht über
die Lage jener Betriebe vor, die Flußspat für Säuregewinmmg verarbeiten. In dem Bericht wurden gegenteilige Meinungen zum Ausdruck gebracht. Drei Mitglieder der Kommission vertraten die Ansicht, daß
die einheimische Industrie durch Einfuhren ernsthaft geschädigt werde,
und empfahlen eine Erhöhung der Zollsätze von 2,10 auf 5»6 Dollar pro
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pro Longton; die drei anderen Mitglieder der Kommission erblickten
dagegen in derartigen Einfuhren keine ernsthafte Schädigung der einheimischen Industrie. Bei Stimmengleichheit in der Zollkommission bestimmt das Gesetz, daß
der Präsident nach eigenem Ermessen jede
der beiden Feststellungen als Auffassung der gesamten Kommission ansehen kann. In diesem Falle entschied sich der Präsident für die Feststellung, daß die heimische Industrie zur Verarbeitung von hochwertigemFlußspat durch erhöhte Importe nicht ernsthaft geschädigt werde.
Der Antrag auf Anwendung der "Rücktrittsklausel" im Falle von Flußspat ist nicht identisch mit dem Ersuchen um Abhilfe, das die heimische
Industrie an das Amt für Verteidigungshilfe gemäß den Abänderungsbestimmungen bezüglich der Gewährleistung der nationalen Sicherheit aus
dem Jahre 1956 zum Ergänzungsgesetz zum Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen gerichtet hat.
Im Falle von Leinendrell-Handtüchern kam die Bundeszollkommission
zu dem Schluß, daß die heimischen Herstellerfirmen durch Einfuhren gefährdet seien. Sie empfahl daher, daß der Zoll auf Handtücher aus
Flachs, Hanf und Nessel, die nach Absatz 1010 des Zollgesetzes vom
Jahr 1930 zollpflichtig sind, von 10 auf 40$ ad valorem erhöht wird,
um dieser Gefährdung der einheimischen Wirtschaft zu begegnen. Diese
Empfehlung wurde angenommen.
Am 14. Juni 1956 gab die Zollkommission einen Bericht bezüglich
der Paraaminosalizylsäure und deren Salze ab, in dem gegenteilige
Meinungen zum Ausdruck kamen. Drei der Mitglieder der Kommission vertraten die Auffassung, daß amerikanische Firmen durch Importe gefährdet seien und empfahlen, daß der Zoll von 3/5 Cent pro Pfund
plus 25&gt; ad valorem auf 5 Cent pro Pfund zuzüglich 35/° ad valorem
erhöht wird. Die anderen drei Mitglieder der Kommission sahen dagegen
eine Gefährdung der heimischen Industrie als nicht gegeben an. Der
Präsident schloß sich am 10. August 1956 der Auffassung an, daß die
heimische Industrie keine Schädigung erleide.
Am 13. November 1956 wies der Präsident eine Empfehlung der
Zollkommission zurück, mit der eine Erhöhung des Zolls auf Ferrocer
(für Feuerzeuge) und alle anderen metallischen Cerverbindungen um
]QQa/c angestrebt wurde. Der Präsident brachte in einem Schreiben an
die Vorsitzenden des Senatsausschusses für Haushalts- und Finanzfragen beziehungsweise des Ausschusses für Haushalts-, Steuer- und
Finanzfragen des Repräsentantenhauses zum Ausdruck, daß er keinerlei
hinreichende Beweise dafür als gegeben erachte, daß die Schwierigkeiten der einschlägigen amerikanischen Industrie auf Einfuhren zurückzuführen seien.
Am 12. Oktober 1956 empfahl die Zollkommission dem Präsidenten
die Zölle für Seefischfilet, soweit sie gegenwärtig 1 7/8 Cent pro
Pfund betragen,auf 2,8125 Cent pro Pfund und soweit sie 2 1/2 Cent
pro Pfund betragen,auf 3»75 Cent pro Pfund heraufzusetzen. Am 10.
Dezember 1956 wies der Präsident unter Hinweis auf die seitens der
Bundesregierung getroffenen Maßnahmen zur Unterstützung der Fischfilet-Verarbeitungsbetriebe den Antrag der Zollkommission zurück und

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20. Februar 1957

und gab seinen Zweifeln Ausdruck, daß eine Zollerhöhung die grundlegenden Probleme dieses Industriezweiges zu lösen vermöchte. Er verwies auch auf die Tatsache, daß die davon betroffenen Staaten eng mit
uns befreundet sind, und daß ihre wirtschaftliche Stärke für uns in
dem fortgesetzten Ringen gegen die Bedrohung des Weltkommunismus von
strategischer Bedeutung sei.
Am 24. Oktober 1956 traf die Kommission die Feststellung, daß die
Einfuhr an Baumwollsamt die heimische Industrie erheblich schädige.
Die Kommission empfahl, daß der Zoll auf ungemusterten Baumwollsamt
von 25% ad val'orem auf 46 7/8/0 erhöht und der Zoll auf gemusterten
Baumwollsamt von gegenwärtig 25 Cent pro Quadratyard bei mindestens
22 l/2%, aber höchstens 30% ad valorem auf 56 1 /A/e ad valorem erhöht
wird. Eines der Mitglieder der Kommission vertrat eine abweichende
Meinung und schlug eine Erhöhung auf 44% ad valorem für beide Baumwollsamtarten vor. Am 21. Dezember 1956 teilte der Präsident den
Vorsitzenden des Senatsausschusses für Haushalts- und Finanzfragen
beziehungsweise des Ausschusses für Haushalts-, Steuer- und Finanzfragen des Repräsentantenhauses mit, daß die Exekutive den Bericht
der Zollkommission eingehend überprüfen werde, daß hierzu jedoch im
Hinblick auf die besondere Lagerung dieses Falles der übliche Zeitraum
von 60 Tagen nicht ausreichen werde.*
Neben den vorstehend erwähnten Fällen sind gegenwärtig noch weitere 5 Anträge auf Anwendung der Rücktrittsklausel anhängig. Sie
beziehen sich auf Geigen und Bratschen, Gingham-Baumwollstoffe **,
Nadeln, Sicherheitsnadeln und bestimmte Juteerzeugnisse.
Das Gesetz sieht vor, daß Maßnahmen auf Grund der Rücktrittsklausel solange in Kraft bleiben sollen, als dies für die Vermeidung
beziehungsweise Beseitigung von Schwierigkeiten erforderlich ist.
Der Präsident hat die Zollkommission in einem Erlaß angewiesen, die
Entwicklung im Falle von Waren, bei denen Maßnahmen im Sinne der
Rücktrittsklausel verfügt worden sind, laufend zu beobachten und in
periodischen Abständen über sie zu berichten. Nach dem 1. Juli 1955
hat die Zollkommission solche Berichte über Damen-Felbelhüte und
Hutstumpen, Hutpelzbesatz, getrocknete Feigen sowie Uhren und Uhreneinzelteile vorgelegt. Die Kommission kam in jedem einzelnen Falle
zu der Feststellung, daß sich eine erneute Überprüfung der bezüglich dieser Waren getroffenen Maßnahmen nicht rechtfertige; der
Präsident schloß sich dieser Auffassung an.
Nationale
*

Am 22. Januar 1957 gab der Präsident bekannt, daß er sich im Hinblick
auf die Ankündigung Japans über eine zu errichtende eingehende Kontrolle der japanischen Ausfuhren an Baumwollstoffen nach den Vereinigten Staaten entschlossen habe, hinsichtlich der Empfehlung der
Zollkommission bezüglich der Anwendung der Rücktrittsklausel auf
Baumwollsamt weiter nichts mehr zu unternehmen.
**

Die Zollkommission gab am 29. Januar 1957 bekannt, daß sie ihre Erhebungen im Falle von Gingham-Baumwollstoffen auf Ersuchen der Antragsteller eingestellt habe.
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20. Februar 1957

Nationale Sicherheit und Expansion des Außenhandels
Abschnitt 7 des Ergänzungsgesetzes vom Jahr 1955 zum Gesetz über
gegenseitige Handelsabmachungen weist den Direktor des Amtes für
Verteidigungsmobilisierung an, dem ffräsidenten davon Mitteilung zu
machen, falls er zu der Auffassung gelangen sollte, daß irgendeine
Ware in Mengen nach den Vereinigten Staaten eingeführt wird, die geeignet scheinen, die nationale Sicherheit zu gefährden. Gelangt der
Präsident nach einer Untersuchung der Angelegenheit zu der Auffassung,
daß tatsächlich eine solche Bedrohung vorliegt, so ist er ermächtigt/
"ihm geeignet erscheinende Maßnahmen zu ergreifen, um die entsprechenden Einfuhren auf einen Stand zu bringen, der eine Gefährdung der nationalen Sicherheit ausschließt."
Am 26. Februar 1955» also vor dem Erlaß des Ergänzungsgesetzes
von 1955 zum Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen, hatte der Beratungsausschuß des Präsidenten für Fragen der Energiewirtschaft,
dessen Vorsitz der Direktor des Amtes für Verteidigungsmobilisierung
führt, dem Präsidenten Vorschläge bezüglich der Einfuhren von Rohöl
und Schwerölen unterbreitet. Der Direktor des Amtes für Verteidigungsmobilisierung hatte damals angeregt, daß Ölimporteure von sich aus
ihre Einfuhren freiwillig auf der yom Ausschuß empfohlenen Höhe halten
sollen. Der Beratungsausschuß bestätigte am 17- Oktober 1956 die im
Jahr 1955 festgesetzten Einfuhrmengen.
Auf Grund eines Antrages, dem eine Gruppe von Erdölfirmen gemäß
Abschnitt 7 des Gesetzes gestellt hatte, hielt das Amt für Verteidigungsmobilisierung am 22. Oktober 1956 eine öffentliche Informationssitzung zur Frage der öleinfuhr ab. Am 4« Dezember 1956 teilte der
Direktor des Amtes für Verteidigungsmobilisierung mit, daß er angesichts der Lage im Nahen Osten die weitere Behandlung des Antrags der
Erdölindustrie ausgesetzt habe. Er wies in der diesbezüglichen Mitteilung darauf hin, daß die Einfuhrprogramme der Importfirmen, wie
sie dem Amt für Verteidigungsmobilisierung unterbreitet worden sind,
erkennen lassen, daß die Pläne, die die Importfirmen für das Jahr
1957 aufgestellt hatten, im Falle ihrer Durchführung als den Empfehlungen des Ausschusses zuwiderlaufend hätten angesehen werden müssen.
Sie hätten damit eine Bedrohung der nationalen Sicherheit dargestellt,
so daß ihm keine andere Wahl geblieben wäre, als dem Präsidenten
gemäß Abschnitt 7 des Ergänzungsgesetzes vom Jahr 1955 zum Gesetz
über gegenseitige Handelsabmachungen hierüber Mitteilung zu machen.
Am Jahresende lagen dem Amt für Verteidigungsmobilisierung Anträge auf Einfuhrbeschränkungen vor, gemäß der Zusatzklausel über die
Gewährleistung der nationalen Sicherheit, von Seiten amerikanischer
Herstellerfirmen von Seilerwaren, steingelagerten Uhren, Weckern und
Wanduhren, körnergelagerten Uhren, Analysen-Waagen, Fieberthermometern, Wollfilz, Wollstoffen und Holzbooten. Im Falle der Seilererzeugnisse wurde eine öffentliche Informationssitzung abgehalten.
Zur Frage der Einfuhr von steingelagerten Uhren, Weckern und Wanduhren sowie körnergelagerten Uhren wurde eireInformations sitzung
auf den 7. Januar 1957 anberaumt. Eine Inlormationssitzung im Falle
von Flußspätwurde auf Ersuchen der einschlägigen Industrie abgesagt.
Abschnitt V
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20. Februar 1957

Abschnitt V
Die Entwicklung auf Grund bilateraler Handelsverträge
Die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Argentinien, Honduras, Persien, Island, Paraguay, Salvador, Schweiz und
Venezuela, die sämtliche nicht der GATT angehören, wurden auch weiterhin über bilaterale Handelsverträge abgewickelt, die gemäß der Gesetzgebung über Handelsverträge abgeschlossen worden sind.
Am 8. Juni 1955 wurde mit der Schweiz ein Zusatzabkommen zum Handelsvertrag abgeschlossen. Es sah zusätzliche Zollkonzessionen seitens
der Vereinigten Staaten vor, um die Schweiz für die Erhöhung der Zollsätze auf die Einfuhren bestimmter Uhren und Uhrwerke nach den Vereinigten Staaten zu entschädigen. Diese Erhöhung der Zollsätze trat am
27. Juli 1954 in Kraft und geht auf eine Entscheidung des Präsidenten
bezüglich einer Empfehlung der Zollkommission über die Anwendung der
Rücktrittsklausel zurück.
Ein Notenwechsel mit Island vom 5« und 6. März 1956 hatte eine
Vereinbarung zum Inhalt, die Sparte "Büchsenthunfisch in Salzlauge"
von den amerikanischen Zollkonzessionen auf Fische in Dosen,die mit
dem Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern vom Jahre 1943 eingeräumt worden waren, auszunehmen. In ähnlicher Weise machten die Vereinigten Staaten von dem Recht Gebrauch, das sie sich bei den Verhandlungen mit Japan zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Landes in die GATT
im Jahre 1955 ausbedungen hatten, den Zoll auf Einfuhren von Büchsenthunfisch in Salzlauge zu erhöhen, soweit diese 20$ der heimischen
Produktion an Thunfischen in Dosen überschreiten. In Zukunft wird
der Zolltarif auf Büchsenthunfisch in Salzlauge immer dann automatisch
von 12,5$ auf 25$ ad valorenr. erhöht werden, wenn die Einfuhren eines
Jahres 20$ der heimischen Produktion an Büchsenthunfisch aus dem Vorjahr erreichen.
Ein zweiseitiges Handelsabkommen mit Guatemala wurde am 14» Oktober 1955 in gegenseitigem Einverständnis aufgehoben. Guatemala hatte
größere Schwierigkeiten, den Verpflichtungen aus dem Abkommen voll
nachzukommen. Zum Zeitpunkt der Aufhebung erklärte die guatemaltekische Regierung, daß sie einen Anschluß an die GATT in Erwägung ziehe
und eine diesbezügliche Untersuchung einleiten werde.
Ein zweiseitiges Handelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und Ekuador wurde gleichfalls mit gegenseitigem Einverständnis zum
16. Juli 1956 außer Kraft gesetzt. Der Grund für die Kündigung dieses
Abkommens ist in der Tatsache zu sehen, daß Ekuador nicht in der Lage
war, die Zollsätze aufrechtzuerhalten, die es im Rahmen dieses Abkommens zugestanden hatte.
Gemäß Abschnitt 6 des Ergänzungsgesetzes von 1951 zum Gesetz
über gegenseitige Handelsabkommen führten die Vereinigten Staaten
Verhandlungen mit anderen Ländern mit dem Ziel, bestehende Handelsabkommen um Bestimmungen im Sinne der Rücktrittsklausel zu erweitern

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20. Februar 1957

erweitern und somit den Verpflichtungen aus dem genannten Abschnitt
des Gesetzes gerecht zu werden. Nach Kündigung des Handelsvertrags
mit Ekuador bestehen nur noch 2 amerikanische bilaterale Handelsabkommen, die keine Rücktrittsklausel beinhalten .Es sind dies die Handelsabkommen mit Honduras und Salvador. Wie in dem Bericht des Präsidenten über die Rücktrittsklauseln in Handelsverträgen an den Kongreß (10. Juli 1952) angekündigt, wurden im Hinblick auf die beiden
genannten zweiseitigen Handelsabkommen keine weiteren Schritte unternommen. Es wäre nämlich bei jedem diesbezüglichen Schritt damit zu
rechnen gewesen, daß der Versuch gemacht werden würde, die Handelsverträge voll neu auszuhandeln,' damit hätte man eine Situation heraufbeschworen, die noch weit weniger befriedigend wäre als die gegenwärtige.

* * * * *

�WJ./20.2.1957
AUFGABE UND STELLUNG DER USA IN DER WELTWIRTSCHAFT

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der amtierende stellvertretende Staatssekretär für
Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium,Thorston
V. Kalijarvi, am 12. Februar 1957 vor der 4« Bundeskonferenz für Fragen der Internationalen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Washington gehalten hat.

In unregelmäßigen Abständen flackert bald hier, bald da die
Flamme der Krisis auf und beleuchtet dann bald diese, bald jene gefährliche weltpolitische Situation. Und in ihrem hellen Licht begreifen dann wohl die meisten beobachtenden Zuschauer, daß sie nicht nur
Zeuge einer politischen, sondern auch einer wirtschaftlichen Entwicklung sind. Die Suezkrise zum Beispiel zeigt, welch -enger Zusammenhang
zwischen öl, Schiffahrtsrouten und Bewässerungsproblemen einerseits
und Fragen der nationalen Würde, des persönlichen Prestiges, der
nationalen Sicherheit und des Kolonialgeistes andererseits bestehen
kann.
Es ist sehr bedauerlich, daß manche Menschen wohl einen klaren
Blick für die wirtschaftlichen Aspekte großer Umwälzungen und Krisen
besitzen, daß ihr Blick aber immer dann unscharf wird, wenn es darum
geht, die in der Tagespraxis bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen beispielsweise den gegenseitigen Handelsaustausch und die technische
Hilfe - in ihrer Bedeutung richtig einzuschätzen.
Die feste Grundlage, die die Tagespraxis der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit und der damit verbundene segensreiche Wandel ohne das
lähmende Chaos der Zerstörung geschaffen hat, ist eine unabdingbare
Notwendigkeit für unsere Sicherheit und unsere Wohlfahrt in einer
Welt, die in atemberaubendem Tempo von einer Änderung zur anderen
hastet. In der Welt von heute ist eine wirtschaftliche "Festung
Amerika" ebenso wenig mit unseren nationalen Interessen vereinbar,
wie irgendeine andere Art "Festung Amerika". Unser Land kann sich
weder militärisch, noch politisch oder wirtschaftlich allein auf
sich selbst verlassen, denn wir haben heute eine völlig veränderte
Welt vor uns.
Wer

1

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20. Februar 1957

Wer unter Ihnen das Buch "The Education of Henry Adams" (Die Erziehung des Henry Adams), die Autobiographie eines Großenkels des Präsidenten John Adams, gelesen hat, wird sich vielleicht daran erinnern,
daß Henry Adams zu der Schlußfolgerung gelangt, der Westen sei in der
Zeit vom 12. Jahrhundert bis 1900 auf einem ununterbrochenen Weg und
mit sich ständig steigerndem Tempo von einer einheitlichen Gesellschaft
zu einer multiplen Gesellschaft übergegangen, Adams, der sein Buch im
ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts geschrieben hat, führte aus, daß
die Kohlenförderung der Welt beziehungsweise die aus ihr gewonnene
Energie sich von 1840 bis 1900 von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verdoppelt
habe. Eine ähnliche Entwicklung sei auf dem Sektor der Energiegewinnung
aus chemischen Umsetzungen, der elektrischen Energie und anderer Energiequellen zu verzeichnen. Sowohl die zur Verfügung stehenden Energiequellen als auch die Komplexität der geistigen Entwicklung übersteigen
jedes bisherige Maß. Adams vertrat die Überzeugung "je mehr die Natur
die verborgenen Energien entwickelt, je mehr zeigen sie die Tendenz,sich
zerstörend auszuwirken", und er fährt fort, daß der Mensch "hilflos
stöhnte, aufschrie und zurückschauderte und dennoch die Entwicklung
nicht eine Sekunde anhalten konnte."
Adams war überzeugt, daß sich die Schwierigkeiten im Erziehungsund Bildungswesen im Rhythmus des Anstiegs der Kohlenförderung verdoppelt haben. Er erklärte, daß die Entwicklung in Richtung auf eine multiple
Gesellschaft, sofern sie sich noch eine weitere Generation mit gleicher
Beschleunigung fortsetzt, "ein neues soziales Denken notwendig machen
werde". Und nun kommt das Entscheidende; die Entdeckung des Radiums veranlaßte Adams zu der Feststellung, daß der Mensch eine völlig neue
Energieform gefunden habe, daß die menschliche Erkenntnis" in eine neue
Phase eingetreten sei, die neuen Gesetzen unterliege", und daß das
Denken, sofern es erfolgreich auf diese Entwicklung reagieren soll,
"einen Sprung machen müsse".
Diese Worte, die uns so modern anmuten, wurden vor 50 Jahren geschrieben, Ich muß es den Philosophen und vielleicht auch den Theologen
überlassen, die Gültigkeit der Geschichtstheorie von Henry Adams zu beurteilen, und nur sie können eine Voraussage darüber machen, wohin uns
das Gesetz der Beschleunigung, sofern es hier gültig ist, eines Tages
noch führen wird. Wir müssen aber auf jeden Fall zugeben, daß diese Beschleunigung mit Bezug auf die
Entwicklung der Energiequellen und
hinsichtlich der wachsenden Vielschichtigkeit des Lebens im 20.Jahrhundert angehalten hat, und daß dadurch die politischen Probleme noch
verschärft worden sind. Wenn Adams schon die Entwicklung des 19.Jahrhunderts
mit Schrecken verfolgte, was würde er zu der Welt von 1957» zu Atomkraft,
Düsenflugzeugen und Elektronenrechenanlagen, sagen?
Ich habe Henry Adams erwähnt, um die Dynamik der modernen Geschichte
zu illustrieren. Wir können dem nationalen Interesse nicht damit dienen,
daß wir uns selbst glauben machen, das Leben auf diesem Planeten sei noch
das gleiche wie vor 100 Jahren oder auch nur wie vor 10 Jahren. Und wir
wissen ferner, daß der Wandel weitergehen wird und voraussichtlich sogar
noch schneller als gegenwärtig.
Es ist nicht damit getan, daß wir uns mit der Unvermeidbarkeit des
Wandels abfinden. Wir müssen uns in unserem Denken auf diesen Wandel
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20. Februar 1957

Wandel einstellen. Wir verzweifeln nicht an ihm, denn wir vertrauen
auf die Fähigkeit des Menschen, den Gang des Wandels zu beeinflussen.
Es ist richtig, wir haben nicht denselben zweifelfreien Glauben an den
automatischen und unausweichlichen Fortschritt, den die meisten Amerikaner im 19«Jahrhundert besessen haben. Das heitere und rosige Bild,
das wir uns von der Zukunft gemacht hatten, wurde zerschlagen; und vielleicht ist das sogar gut, sofern wir uns unseren Mut,unsere Tatkraft und
unsere Prinzipien als unverlierbaren Besitz erhalten können. Wir wissen
heute, daß sich der Mensch den Fortschritt sauer verdienen muß - und
unter Fortschritt verstehe ich die Entwicklung des menschlichen Denkens
in einer Weise, die es uns gestattet, jener Kombination von physischen
und menschlichen Kräften Herr zu werden, die uns zu verschlingen droht.
Das ist sowohl die Aufgabe als auch das Risiko, denen sich die Völker
dieser Erde gegenübersehen.
Worin besteht nun die eigentliche Hoffnung des Menschen, dieser
Kräfte Herr zu werden? Wenngleich niemand eine vollständige Antwort
auf diese Frage zu geben vermag, so kann man doch wohl mit Sicherheit
sagen, daß Völker, die ihren Weg allein für sich gehen wollen, dieser
Kräfte nicht Herr werden können. Vielleicht hat das menschliche Denken
noch nicht jenen "Sprung" getan. Es hat aber wohl erfaßt, daß es notwendig ist, gemeinsam Hand an diese Aufgabe zu legen. Und so ist es auf
weltpolitischem Gebiet heute doch ein sehr ermutigender Tatbestand, daß
das stärkste Land der Erde seine Außenpolitik auf eine internationale
Zusammenarbeit abgestellt hat.
Wenn ich über die Wandlungen spreche, die sich in der uns umgebenden Welt vollziehen, dann darf ich wohl sicher sein, daß Sie meine,Zuhörer, wissen, daß ich mich nicht nur auf Dinge und Ereignisse in anderen Kontinenten beziehe, auch wenn die dortigen Ereignisse von größter
Tragweite sind. Auch unsere Welt ist im Wandel begriffen,und Sie, die
Sie hier versammelt sind, haben mit zu diesem Wandel beigetragen. Unter
den historischen Veränderungen globalen Ausmaßes unserer Zeit gehören die
sprunghafte Expansion der Wirtschaft der Vereinigten Staaten und das
daraus resultierende Vorrücken unseres Landes auf eine dominierende Position in der Weltpolitik mit zu den bedeutendsten Entwicklungen.
Während der letzten beiden Jahrzehnte haben die Amerikaner erkannt,
daß ihr Land eine Weltmacht geworden ist und damit auch die Verantwortung für die Welt mittragen muß. Und sie haben Zug um Zug einsehen gelernt, daß ein Land unserer Stärke angesichts seiner Tradition der Achtung vor dem einzelnen seinen großen Einfluß nur unter völliger Anerkennung des Grundsatzes geltend machen darf, daß alle Menschen mit den
gleichen Rechten und mit der gleichen Würde ausgestattet sind und den
gleichen Wert besitzen - unabhängig davon, ob sie in den Vereinigten
Staaten oder sonstwo auf dieser Erde leben. Die Amerikaner haben begriffen, daß ohne Anerkennung dieser Wahrheiten jede echte Zusammenarbeit unmöglich ist, und daß sich ohne sie die Probleme der Menschheit
nicht lösen lassen.
Die meisten unter uns gehensich aber mit diesen großen, festgefügten und unverpflichtenden Verallgemeinerungen zufrieden; die Schwierigkeiten setzen immer dann ein, wenn solche Verallgemeinerungen der harten

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20. Februar 1957

harten Belastungsprobe der Realität ausgesetzt werden. Und unglücklicherweise gibt es unter uns viele, die in ihrem Denken auf halbem Wege
stehen geblieben sind und deshalb gelegentlich so handeln können, als
sei die Zusammenarbeit eine restlos einseitige Angelegenheit.
So befürworten sie beispielsweise eine Ausweitung unseres Exports
und sträuben sich gegen jede Erhöhung unserer Einfuhr.
Sie begreifen die lebenswichtige Bedeutung einer Expansion des
Handelsvolumens für die Sicherheit und das Wohlergehen unseres Landes,
aber sie gehen darin nicht so weit, die Schaffung eines leistungsfähigeren internationalen Apparates für den gemeinsamen Handel zu unterstützen.
Sie glauben, daß Freiindschafts-, Handels- und Schiffahrtsverträge
eine feine Sache sind, insofern als sie die Rechtstellung unserer Bürger
gewährleisten; sie scheinen aber der Auffassung zu sein, daß irgend
etwas nicht stimme, wenn solche Verträge die Waren eines anderen Landes
gegen jegliche Diskriminierungen auf unseren eigenen Märkten schützen.
Sie verlangen von anderen Ländern, daß sie das Klima für amerikanische private Auslandsinvestitionen günstiger gestalten, aber sie
stellen sich hinter Gesetze der Einzelstaaten, die ausländischen Privatfirmen das Recht untersagen können, auf amerikanischem Boden einen
Zweigbetrieb zu errichten«
Sie haben es versäumt, sich den Grundsatz zu eigen zu machen, daß
unser Programm zur gemeinsamen Sicherheit - einschließlich des wirtschaftlichen Teiles - sowohl unserer eigenen Sicherheit und Prosperität
als auch der Unabhängigkeit und dem Wohl anderer Staaten zu dienen habe.
Deshalb glauben sie, sobald sich irgendein Land als nicht besonders
dankbar erweist, dieses Programm sei ein völliger Fehlschlag und sollte
am besten restlos über Bord geworfen werden.
Wir alle pflichten der Auffassung bei, daß eine freie Wirtschaft
mehr produzieren und den Menschen einen höheren Lebensstandard verschaffen kann, als eine Wirtschaft, die monopolistischen Praktiken,
Handelsbeschränkungen und übermäßigen Regierungskontrollen unterliegt.
Deshalb ist es die Politik der Vereinigten Staaten, die freie Wirtschaft
überall in der freien Welt zu fördern. Aber andere Länder haben das
Recht, selbst darüber zu entscheiden, welche Wirtschaftsform sie sich
zu geben wünschen. Wir wollen lediglich die anderen Völker in ihrem
Vertrauen darauf bestärken, daß auch sie die Fähigkeit besitzen,über
freie eigene Institutionen am allgemeinen Fortschritt teilzuhaben.
Ich sage mit Absicht "eigene" Institutionen, weil es Leute gibt, die
diesen Unterschied noch nicht bemerkt haben, und die es als eine unverzeihliche Sünde ansehen, wenn andere Völker sich unser Wirtschaftssystem nicht von heute auf morgen und ohne jegliche Rücksichtnahme
auf ihre eigene politische und wirtschaftliche Situation zu eigen
machen.

Es

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20. Februar 1957

Es ist gelegentlich so, daß Menschen die Realitäten einer internationalen Zusammenarbeit klar erkennen, mit Ausnahme der Realitäten in
jenem kleinen toten Gesichtswinkel, in dem ihre eigenen privaten Interessen liegen.
Aber all diese Privatinteressen, die in dem toten Gesichtswinkel
des einzelnen liegen, summieren sich zu einem gewaltigen Faktor, der
einen erheblichen Druck ausübt und geeignet ist, unsere Außenpolitik
zu schwächen und den Einfluß der Vereinigten Staaten auf das Weltgeschehen zu verringern.
Nun, es sind nicht nur wir in den Vereinigten Staaten, die einen
solchen toten Blickwinkel haben, auch in anderen Teilen der freien
Welt gibt es Menschen, die in ihrem Denken noch nicht jenen Sprung getan haben, der sie die Realitäten einer Zusammenarbeit auf der Basis
der Gegenseitigkeit voll begreifen ließe. Da gibt es Menschen im Ausland, die glauben, daß ihre Regierungen den Vereinigten Staaten einen
großen und einmaligen Gefallen damit tue, wenn sie uns Stützpunkte
innerhalb ihrer Grenzen einräumen - Stützpunkte, die sowohl sie als
auch uns schützen. Dann gibt es jene, die nur unsere große wirtschaftliche Stärke wahrhaben und einfach nicht einsehen wollen, daß auch wir
unsere Probleme haben. Und wieder glauben welche, in jeder kleinen Änderung unserer Zolltarife gleich einen Umschwung unserer gesamten Außenhandelspolitik, in unserer Prosperität einen hemmungslosen Materialismus und in einer unvermeidbaren Weigerung unsererseits, ihnen Hilfe
in jedem gewünschten Ausmaß zu gewähren, eine brutale Mißachtung ihrer
eigenen Rechte erblicken zu müssen. Wir wollen frank und frei zugeben,
daß wir hier im eigenen Lande auf genau die gleiche Einstellung treffen
können, wie sie sich auch in anderen Ländern findet. Die Existenz einer
solchen Auffassung ist aber noch lange kein gültiges Argument zur Rechtfertigung einer einseitigen Einstellung unsererseits.
Wir müssen beharrlich und geduldig am Prinzip der Gegenseitigkeit,
der Zusammenarbeit mit anderen festhalten; wir müssen inmitten einer
Welt, die von Krisen bedroht ist und in der sich Veränderungen in
immer rasdherer Geschwindigkeit abspielen, schon im eigenen nationalen
Interesse so handeln.
Glücklicherweise setzt sich aber die Erkenntnis durch, daß es
ebenso klug wie vorteilhaft ist, unbeirrbar für eine wirtschaftliche
Zusammenarbeit einzutreten. Das zeigt sich nirgendwo besser als bei
der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der technischen Hilfs- und Austauschprogramme r an denen die Länder der freien Welt beteiligt sind. Die
Vereinigten Staaten gehören auf Grund der Bemühungen der privaten Wirtschaft, ihrer bilateralen Abmachungen mit freien Partnerstaaten und
ihrer Mitarbeit an internationalen Organisationen zu den eifrigsten
Befürwortern eines Austausches von Informationen und technischen Erfahrungen.
In der Antrittsrede zu seiner zweiten Amtsperiode erklärte Präsident Eisenhower: "... das amerikanische Beispiel des materiellen
Fortschritts hat mitgeholfen, daß das Sehnen aller notleidenden Völker

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20. Februar 1957

Völker nach Befriedigung ihrer menschlichen Wünsche Auftrieb erhielt.
Wir können dazu beitragen, daß sich diese Hoffnungen, die wir inspirieren halfen, erfüllen."
Beim Aufbau ihrer eigenen Wirtschaft haben sich die Vereinigten
Staaten ausländischer Erfindungen, Erzeugnisse, Verfahren und auch
Gelder bedient, Kapital aus Frankreich und später aus Großbritannien,
den Niöderlanden und verschiedenen anderen Herkunftsländern wurde dazu
benutzt, den imposanten Bau, den unsere Wirtschaft heute darstellt,
aufzurichten. Noch im 20. Jahrhundert wurden verschiedene ausländische
Vieh- und Pflanzenrassen in den Vereinigten Staaten heimisch gemacht.
Wissenschaftler und Forscher aus der Alten Welt haben einen unermesslichen
Beitrag zu unserem Erziehungs- und Bildungswesen sowie zu unserer Wissenschaft geleistet, nicht nur in der Weise, daß Leistungen der Vergangenheit mit unserem gemeinsamen Kulturerbe auf uns überkommen sind,
sondern auch durch immer neue Beiträge in jeder Generation bis auf den
heutigen Tag, Unsere gesamte Atomforschung, die fortschrittlichste der
ganzen Welt, ist das gemeinsame Werk amerikanischer und ausländischer
Wissenschaftler. Diese Tatsachen werden leider nur allzuoft vergessen.
In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg befanden sich die Vereinigten Staaten, deren Industrie gerade einen Aufschwung erlebte, und
deren Land von jeglichen Zerstörungen verschont geblieben war, in der
einzigartigen Lage, ihre Methoden anderen Völkern jenseits ihrer nationalen Grenzen anbieten zu können. Über die Beihilfen und Anleihen
hinaus, die wir anderen Ländern gewährt haben, führten wir auf Wunsch
fremder Regierungen mehrere technische Hilfsprogramme durch. Wir erklärten uns dazu in dem Bewußtsein bereit, daß technische Fertigkeiten
nicht von allen in dem gleichen raschen Tempo erworben werden können,
so dringend sie auch gebraucht werden.
Wenn wir Amerikaner unser technisches Wissen mit den Entwicklungsländern geteilt haben, so geschah dies aus humanitären Überlegungen
heraus. Man verwechsle dies nicht mit Wohltätigkeit, denn wir verfolgen
eine Politik, die auf der Überzeugung beruht, daß sich eine solche
Zusammenarbeit auf lange Sicht gesehen für uns als auch für die Empfängerländer als vorteilhaft erweisen wird.
Ich habe heute weder die Zeit noch die Absicht, einen umfassenden
Überblick über die weltweiten Programme zur technischen Zusammenarbeit
zu geben, ganz zu schweigen von einer Würdigung unseres gesamten Auslandshilfeprogramms und dem verdienstvollen Wirken verschiedener privater Organisationen und Stiftungen auf diesem Gebiet.
In der mir noch zur Verfügung stehenden Zeit möchte ich statt
dessen auf zwei Dinge näher eingehen.

Als

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20. Februar 1957

Als erstes möchte ich die Tatsache hervorheben, daß die Vereinigten Staaten - auch unabhängig von dem lebenswichtigen politischen Problem der Bekämpfung des Kommunismus - ein grundlegendes,
tiefverwurzeltes und bleibendes Interesse am wirtschaftlichen Wachstum
anderer Länder haben. Es sind heute fast zehn Jahre vergangen, seit der
ehemalige amerikanische Außenminister Henry L. Stimson die folgenden
Sätze niederschrieb.
"Ich habe nicht die Absicht, die Aufgaben zu bagatellisieren, vor
die wir uns angesichts des Kommunismus gestellt hehen. Ich möchte vielmehr darlegen, daß wir es mit einem Problem von wesentlicher Bedeutung
zu tun haben, das wir auch dann lösen müßten, wenn es überhaupt keinen
Kommunismus gäbe« Können wir Freiheit und Wohlstand zu einer Realität
unserer Welt von heute machen? Gelingt uns dies, dann stellt der Kommunismus keine Bedrohung mehr dar. Gelingt uns dies nicht, dann würde unsere Zivilisation schließlich mit oder ohne Kommunismus untergehen."
Diese Sätze Außenminister Stimsons haben auch heute noch ihre Gültigkeit. Wir bemühen uns,die Lebensbedingungen der Menschen zu bessern,
nicht um irgend etwas zu bekämpfen, sondern um etwas Positives zu
leisten.
Die Besserung der Lebensbedingungen der Menschen ist nicht nur
für die betreffenden Menschen selbst etwas Positives, sondern auch
für uns und für die gesamte Menschheit. Sie hilft den sogenannten
unterentwickelten Ländern ebenso wie den industriell hochentwickelten. Sie fördert den friedlichen Handelsaustausch, erschließt die
von uns benötigten Rohstoffquellen und begünstigt das Zusammenleben
der-Völker und das so notwendige gegenseitige Verständnis zwischen
ihnen.
Die alte, in früheren Jahrhunderten vorherrschende Auffassung,
eine hochentwickelte Volkswirtschaft könne es sich nicht erlauben,
die Entstehung anderer hochentwickelter - und damit angeblich mit ihr
in Wettbewerb tretender - Volkswirtschaften zu fördern, ist ebenso überholt wie die alte Pferdebahn.
Als zweites möchte ich noch einiges zur Teilnahme der Vereinigten
Staaten an multilateralen Programmen zur Verbreitung des technischen
Wissens bemerken. Mit diesen meinen Ausführungen über den Geist multilateraler Abmachungen möchte ich jedoch keineswegs die konkrete Bedeutung unserer bilateralen Programme für wirtschaftliche und technische
Zusammenarbeit verkleinern. Ich spreche über die multilateralen Programme,
weil die zweiseitigen Programme von anderen Rednern Ihrer Tagung ohnehin
eingehend erörtert werden.
Ich tue das auch in dem Bewußtsein, daß
bestimmte multilaterale Programme gerade gegenwärtig von den Vereinten
Nationen erörtert werden. Ich möchte mich hier auch auf jene Gruppe
von Programmen beschränken, mit denen wir bereits langjährige Erfahrungen sammeln konnten: die multilateralen technischen Hilfsprogramme .
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Februar 1957

Die Vereinigten Staaten haben sich an der Verbreitung des technischen Wissens beteiligt, wie sie von den Vereinten Nationen über Sonderorganisationen wie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation,
der Weltgesundheitsorganisation, des Internationalen Arbeitsamtes und
der Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur versucht wird.
Wir gehören ferner noch weiteren internationalen Organisationen an,
deren Tätigkeit hauptsächlich auf die Förderung der wirtschaftlichen
Entwicklung durch Zusammenarbeit auf technischem Gebiet gerichtet ist.
Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, die gleichfalls
Sonderorganisationen der Vereinten Nationen sind, entfalten auf diesem
Gebiet ebenfalls eine rege Tätigkeit. Die Organisation für die Wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa, die Organisation der amerikanischen Staaten und der Colomboplan dienen gleichfalls dem Ziel, die
technische Zusammenarbeit zu fördern.
Niemals zuvor sind die Hilfsmittel so vieler Länder für ein
wirklich weltumspannendes Projekt internationaler Zusammenarbeit mobilisiert worden, wie im Falle des erweiterten technischen Hilfsprogramms der Vereinten Nationen. In den seit Anlaufen des Programms
verstrichenen sechs Jahren wurden Sachverständige aus 77 Ländern für
die Aufgabe gewonnen, technische Kenntnisse und Erfahrungen auf den
verschiedensten Gebieten zu vermitteln.
Ich glaube, daß die meisten unter Ihnen wissen werden, welche
außerordentliche! Leistungen im Rahmen dieser Programms in allen Teilen der Welt erzielt wurden. Viele unter Ihnen haben selbst jene Länder besucht, auf die äich~das-Programm erstreckt und konnten sich von
den Vorteilen überzeugen, die es den Völkern dort bringt.
Auf Grund Ihrer eigenen persönlichen Erfahrungen, werden Sie
selbst Beispiele für solche Leistungen anführen können: Ausrottung
von Seuchen, Verbesserung des Erziehungswesens, erfolgreiche. Bekämpfung
des Analphabetentums,
• Steigerung der landwirtschaftlichen und industriellen Produktivität sowie Verbesserang der Staatsverwaltung und
des Straßen-, Eisenbahn- und Lufttransportwesens.
Es dürfte sich wohl erübrigen, ein Programm zu rühmen, das
allgemein als eine der erfolgreichsten Leistungen der Vereinten Nationen gilt; ich will daher lieber auf verschiedene Aspekte eingehen,
die unsere eigene Teilnahme an diesem Programm betreffen.
In den ersten sechs Jahren des Bestehens des erweiterten technischen Hilfsprogramms haben die Vereinigten Staaten eine führende Rolle
gespielt und sich beharrlich für eine uneingeschränkte Weiterführung
eingesetzt. Wir haben in diesen Jahren etwa 55 Prozent der insgesamt
143 Millionen Dollar, die diesem Programm freiwilliger Beiträge zugeflossen sind, aufgebracht. Wir haben übrigens unseren Anteil allmählich von 60 auf 50 Prozent reduziert. Unsere Zusicherungen für das
Kalenderjahr 1957 betragen 15»5 Millionen Dollar unter der Voraussetzung, daß die übrigen Staaten ihren Verpflichtungen voll nachkommen; es ist damit zu rechnen, daß unser Anteil im Jahre 1957 etwas
unter 50 Prozent sinken wird.
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Februar 1957

Im Bewilligungsgesetz zum Programm für gemeinsame Sicherheit vom
Jahre 1957 bestimmte der Kongreß, daß der amerikanische Beitrag zum
technischen Hilfsprogramm im Jahre 1958 nicht mehr als 35 1/5 Prozent
der Gesamtaufwendungen betragen dürfe. Die Frage, wie die einzelnen
Länderbeiträge zu bemessen sind, ist nicht leicht zu lösen. Natürlich war damit zu rechnen, daß die hohen Beiträge, die die Vereinigten
Staaten in der Anlaufzeit des Programms geleistet haben, allmählich
verringert und der Anteil der übrigen Länder etwas erhöht werden würden.
Doch darum geht es hier nicht. Es geht vielmehr um folgende Fragen:
Wie rasch läßt sich unser Beitrag reduzieren, ohne daß das Programm
einen Rückschlag erleidet? Wie hoch soll unser Beitrag schließlich sein?
Und welcher Schlüssel ist für die Bestimmung des angemessenen Anteils
eines jeden Landes anzuwenden? Auf diese Fragen ist bisher keine endgültige Antwort gefunden worden.
Ich freue mich, daß Sie noch im Laufe dieses Tages Fragen des wirtschaftlichen Fortschritts, also Fragen der Zukunft behandeln und das Urteil hervorragender Sachverständiger zu diesem Thema hören werden. In
diesem besonderen Zusammenhang möchte ich auf einen Untersuchungsbericht
verweisen, der im vergangenen Mai von der Aufsichtsbehörde für das
technische Hilfsprogramm herausgegeben und im letzten Sommer vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen erörtert worden ist. Der
Generalsekretär der Vereinten Nationen hat alle am erweiterten Programm
beteiligten Regierungen um Stellungnahme zu diesem Bericht gebeten, der
weitreichende Folgen für die künftige Entwicklung des Programms haben
kann. Wir sind daran interessiert, zu erfahren, zu welchen Folgerungen
Sie im Hinblick auf dieses unerquickliche Thema gelangen werden.
Ein anderer Aspekt des erweiterten UN-Programms, der unsere ständige Aufmerksamkeit verdient und mehr oder weniger auch erfährt, ist
der Aufbau des Programms und seine Durchführung. Wir betrachten das
Programm nicht als etwas Statisches, und wir sind jederzeit bereit, konstruktive Vorschläge über notwendig erscheinende Verbesserungen zu prüfen. Wir sind dabei der Auffassung, daß das gegenwärtige System der frei
willigen Beiträge die geeignetste und wirksamste Finanzierungsmethode
ist. Die jetzige Methode der Ausarbeitung des Programms auf Grund der
Anträge der Empfängerländer, die damit selbst bestimmen können, was
ihnen für ihre wirtschaftliche Entwicklung als vordringlich erscheint,
hat sich bewährt und dient den Interessen sowohl aller beteiligten
Länder als auch der zuständigen Sonderorganisationen der Vereinten
Nationen. Wenn wir auch nicht glauben, daß wir hier - oder auf irgendeinem anderen Gebiet - etwas Vollkommenes geschaffen haben, so müssen
wir doch Änderungsvorschläge sorgfältig prüfen, um sicherzustellen, daß
es sich um konstruktive Änderungen handelt.
Wie im Falle der Frage der bilateralen und multilateralen Abmachungen über die technische Zusammenarbeit handelt es sich auch hier
nicht um ein "Entweder-oder", sondern um ein "Sowohl-als-auch". Es
geht um die Fragen: Wem, wie, in welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt geholfen werden soll.
Ganz

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Februar

1957

Ganz davon abgesehen aber hat das Prinzip, unsere technischen
Fertigkeiten mit anderen zu teilen, einen festen Platz in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten gefunden.
Es liegt nicht in unserer Macht, dem Wandel Einhalt zu gebieten.
Die Welt verändert sich ganz von selbst. Es liegt jedoch in der Hand
des Menschen, ob wir im Laufe des sich vollziehenden Wandels in ein
Chaos gestürzt werden, oder ob wir begreifen, daß wir unseren Weg Hand
in Hand gehen müssen.
Hierin sehe ich das wichtigste Problem, das wir zu lösen haben,
und wir wollen unsererseits nach Kräften zu seiner Lösung beitragen.
* * * * *

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I) I E N S T

Allg./27.2.1957

EISENHOWERt ISRAELI MUSS BESCHLÜSSEN DER
VEREINTEN NATIONEN NACHKOMMEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache Präsident Eisenhowers vom 20» Februar
1957»in der er zu der gegenwärtigen kritischen
Lage im Mittleren Osten Stellung nahm.

"Ich trete heute erneut vor Sie hin, um über die Situation im
Mittleren Osten zu sprechen. Die Zukunft der Vereinten Nationen und
der Friede im Mittleren Osten stehen vielleicht auf dem Spiel.
In den vier Monaten, seit ich zuletzt über die Krise in diesem
Raum zu Ihnen sprach, haben die Vereinten Nationen beträchtliche
Fortschritte bei der Lösung einiger dieser schwierigen Probleme gemacht. Wir sehen uns heute jedoch vor einem schicksalsschweren Augenblick, da Israel sich weigert, seine Streitkräfte hinter die Waffenstillstandslinien zurückzuziehen, wie dies in den Resolutionen der
Vereinten Nationen zu dieser Frage vorgesehen ist.
Ich habe heute bereits mit den führenden Vertretern beider
Parteien im Senat und im Repräsentantenhaus konferiert, und wir
hatten einen überaus nützlichen Meinungsaustausch. Auf dieser Konferenz herrschte allgemein die Ansicht vor, daß ich die Situation
vor dem amerikanischen Volk darlegen sollte.
Bevor ich nun zu Ihnen über einzelne spezifische Fragen, um
die es geht, spreche, möchte ich klarstellen, daß es sich dabei
nicht um etwas weit Abliegendes und Abstraktes handelt, sondern um
Fragen, die die Zukunft eines jeden von uns in entscheidender
Weise berühren.
Der Mittlere Osten stellt eine Landbrücke zwischen dem eurasischen und dem afrikanischen Kontinent dar. Millionen von Tonnen
an Handelswaren gehen jährlich durch dieses Gebiet. Seine eigenen
Produkte, insbesondere das Erdöl, sind für Europa und die westliche

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�"AMERIKA DIENST"

27. Februar 1957

westliche Welt von entscheidender Bedeutung.
Die Vereinigten Staaten haben keine Ambitionen oder Wünsche in
bezug auf dieses Gebiet, die über den Wunsch hinausgingen, daß jedes
der dortigen Länder seine Unabhängigkeit aufrechterhalten und im
Innern sowie mit seinen Nachbarn in Frieden leben und durch eine
friedliche Zusammenarbeit mit anderen seine eigenen geistigen und
materiellen Hilfsquellen erschließen kann. Aber daß dies geschieht,
ist für den Frieden und unser aller Wohlergehen unerlässlich, dies
ist unser heutiges Anliegen.
Soomöchte ich Ihnen heute abend über die schwebenden Streitfragen berichten und die nach meiner Ansicht notwendige Haltung der
Vereinigten Staaten darlegen.
Als ich Oktober vergangenen Jahres zu Ihnen sprach, habe ich betont, die Vereinigten Staaten hätten voll und ganz eingesehen
daß
die militärischen Maßnahmen gegen Ägypten schweren und
wiederholten Provokationen entsprangen. Ich habe aber auch gesagt,
daß die Anwendung von militärischer Gewalt zur Lösung internationaler
Streitfragen nicht mit den Grundsätzen und Zielen der Vereinten Nationen, denen wir alle angehören, in Einklang gebracht werden kann.
Ich fügte hinzu, unser Land könne nicht die Überzeugung teilen, daß
der Ausweg zur Gewalt und zum Krieg auf lange Sicht den dauernden
Interessen der angreifenden Nationen - Großbritannien, Frankreich
und Israel - dienen würde.
So versprach ich damals, daß die Vereinigten Staaten durch die
Vereinten Nationen den Konflikt beizulegen suchen würden, um dann
einen Abzug der Invasionsstreitkräfte zu bewirken und erneute und
ernsthafte Anstrengungen durch die Weltorganisation machen zu können,
um für alle Beteiligten im Rahmen des Völkerrechtes die Gerechtigkeit
sicherzustellen.
Seit jener Zeit ist viel erreicht worden, und viele der durch
die Lage bedingten Gefahren konnten gebannt werden. Die Regierungen
Großbritanniens und Frankreichs haben ihre Streitkräfte aus Ägypten
abgezogen. Sie bewiesen damit ihre Achtung vor der öffentlichen Meinung der Welt, wie sie fast einstimmig durch die 80 Mitglieder der
Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebracht worden war.
Ich möchte der Klugheit dieses Handelns unserer Freunde und Verbündeten meine Achtung zollen. Sie haben einen ungeheuren Beitrag zur
Ordnung der Welt geleistet. Sie haben damit auch die anderen Nationen
der Welt vor die ernste Verpflichtung gestellt, darauf zu achten,
daß diese beiden Länder auf Grund ihrer Befolgung der Resolutionen
der Vereinten Nationen keine Nachteile haben. Dies gilt meiner Ansicht nach insbesondere für ihre vertraglichen Rechte in bezug auf
die Durchfahrt durch den Suezkanal, der durch den Vertrag aus dem
Jahre 1888 zu einem internationalen Wasserweg gemacht wurde.
Der
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27. Februar

1957

Der israelische Ministerpräsident versicherte mir Anfang November
in Beantwortung eines persönlichen Schreibens, daß Israel seine Streitkräfte bereitwillig zurückziehen würde, falls eine Polizeitruppe der
Vereinten Nationen ins Leben gerufen und in das Suezkanalgebiet einrükken würde. Diese Streitmacht wurde geschaffen und ist in das Kanalgebiet
einmarschiert.
In der Folge wurden daher die israelischen Streitkräfte aus einem
großen Teil des von ihnen besetzten ägyptischen Gebietes zurückgezogen.
Aber es befinden sich immer noch israelische Truppen außerhalb der Waffenstillstandslinien - vor allem an der Einfahrt zum Golf von Akaba, die
ungefähr 160 Kilometer von dem amnächsten gelegenen israelischen Gebiet
entfernt ist, und im Gaza-Streifen, der laut Waffenstillstandsabkommen
von Ägypten besetzt werden sollte. Diese Tatsachen schaffen die gegenwärtige Krise.
Wir nähern uns dem schicksalsschweren Augenblick, wo wir entweder
anerkennen müssen, daß die Vereinten Nationen zur Wiederherstellung des
Friedens in diesem Raum nicht in der Lage sind, oder wo die Vereinten
Nationen mit vermehrter Kraft ihre Anstrengungen erneuern müssen, um
einen Rückzug Israels zustande zu bringen.
Es sind wiederholte - bisher allerdings erfolglose - Anstrengungen
gemacht worden, um Israel zu einem freiwilligen Rückzug zu bewegen.
Diese Anstrengungen wurden sowohl von den Vereinten Nationen als auch
von den Vereinigten Staaten und anderen Mitgliedstaaten unternommen.
Darüber hinaus wurden ebenso ernste Anstrengungen zur Schaffung
von Verhältnissen gemacht, die eine größere Sicherheit und Ruhe für
Israel gewährleisten sollen, falls Israel sich in Übereinstimmung mit
den wiederholten Aufforderungen der Vereinten Nationen zurückzieht.
Dies bedeutet, daß die Vereinten Nationen mit Entschlossenheit dafür
Sorge tragen würden, daß im Mittleren Osten mehr Gerechtigkeit herrscht
und das Völkerrecht in höherem Maße befolgt wird, als dies vor den Ereignissen vom Oktober und November des letzten Jahres der Fallvwar.
Die Polizeitruppe der Vereinten Nationen ist mit Ägyptens Zustimmung in ägyptisches Gebiet eingerückt, um zur Aufrechterhaltung der
Waffenruhe beizutragen, die die Vereinten Nationen am zweiten November
gefordert hatten. Der Generalsekretär, der in fähiger und hingebungsvoller Weise den Vereinten Nationen dient, hat eine Anzahl von Maßnahmen empfohlen, die von der Weltorganisation und ihrer Polizeitruppe
ergriffen werden könnten, um zukünftige kriegerische Handlungen von beiden
Seiten zu verhindern.
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat am 2. Februar
mit überwältigender Mehrheit eine Resolution angenommen, in der es hieß,
daß nach dem völligen Rückzug Israels vom Golf von Akaba und dem GazaStreifen die Poliezeistreitmacht der Vereinten Nationen an die ägyptischisraelischen Waffenstillstandslinien verlegt werden sollte, um die genaue Einhaltung des Waffenstillstandsabkommens sicherzustellen. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen forderte ferner die Durchführung

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AMERIKA DIENST"

27. Februar

1957

Durchführung weiterer, vom Generalsekretär vorgeschlagener Maßnahmen.
Diese anderen Maßnahmen sahen unter anderem den Einsatz der UN-Polizeistreitkräfte am Eingang des Golfes von Akaba vor, um alle Feindseligkeiten in diesem Gebiet auszuschalten.
Die Vereinigten Staaten gehörten zu den Mächten, die diese Resolution in den Vereinten Nationen eingebracht haben. Damit suchten die
Vereinigten Staaten sicherzustellen, daß Israel in Zukunft seiner Rechte
im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens und des Völkerrechtes zuteil
würde.
Angesichts der hochgeschätzten freundschaftlichen Beziehungen,
die die Vereinigten Staaten zu Israel unterhalten haben, schrieb ich
am 3» Februar an Ministerpräsident Ben Gurion. Ich erinnerte ihn an
seine am 8. November mir gegenüber abgegebene Erklärung, daß die israelischen Streitkräfte unter bestimmten Bedingungen abgezogen würden,
und -forderte ihn dringend auf, daß Israel im Hinblici auf die Resolutionen der Generalversammlung vom 2. Februar diesen Abzug seiner
Truppen zum Abschluß bringen sollte.
Der Ministerpräsident vertrat in seiner Antwort jedoch den Standpunkt, daß Israel seine Streitkräfte nicht aus dem Gaza-Streifen zurückziehen würde, solange es nicht die zivile Verwaltung und die Polizeihoheit in diesem Gebiete übertragen bekäme. Dies würde im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen stehen. In der Antwort hieß
es weiter, daß Israel seine Streitkräfte nicht aus dem Golf von Akaba
zurückziehen würde, solange die freie Durchfahrt durch die Meerenge
nicht gesichert sei.
Es war für uns eine schwere Enttäuschung, daß sich die israelische
Regierung trotz der Entscheidung der Vereinten Nationen weigerte, ihre
Truppen abzuziehen.
In einem weiteren Versuch, den Ansichten Israels in dieser Hinsicht entgegenzukommen, hat dann Außenminister Dulles auf meine Anweisung der israelischen Regierung am 11. Februar eine Erklärung über
die amerikanische Politik überreicht. Diese Erklärung ist jetzt veröffentlicht worden. In ihr wurde festgestellt, daß weder die Vereinigten
Staaten noch die Vereinten Nationen die Vollmacht haben, den Vertragschließenden eine wesentliche Änderung des Waffenstillstandsabkommens
aufzuzwingen, das von Israel und Ägypten freiwillig unterzeichnet wurde.
Die Vereinigten Staaten, so hieß es in der Erklärung, würden trotzdem
als Mitglied der Vereinten Nationen eine Stationierung der UN-Polizeistreitkräfte anstreben, die sicherstellen würde, daß der Gaza-Streifen
nicht länger als Ausgangsbasis für eine bewaffnete Infiltration und
Vergeltungsangriffe benutzt werden kann.
Der Außenminister hat den israelischen Botschafter in den Vereinigten Staaten mündlich davon in Kenntnis gesetzt, daß die Vereinigten Staaten, mit ägyptischer Zustimmung, gerne auch eine gewisse Beteiligung der Vereinten Nationen an der Verwaltung des Gaza-Streifens
fordern und unterstützen würden. Die Bevölkerung des Gaza-Streifens
besteht in der Hauptsache aus etwa 200 000 arabischen Flüchtlingen, die

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27. Februar 1957

die im wesentlichen von der Wohltätigkeit der Vereinten Nationen und
ihrer Mitglieder abhängen.
In bezug auf die Einfahrt in und die Durchfahrt durch den Golf
von Akaba haben wir die Überzeugung zum Ausdruck gebracht, daß der
Golf ein internationales Gewässer darstellt und daß kein Land das
Recht hat, eine freie und friedliche Durchfahrt durch den Golf zu
verhindern. Wir haben erklärt, daß die Vereinigten Staaten bereit seien,
dieses Recht selbst auszuüben und gemeinsam mit anderen Ländern eine
allgemeine Anerkennung dieses Rechtes sicherzustellen. Die israelische
Regierung hat die weitgehende Resolution der Vereinten Nationen vom
zweiten Februar sowie die wichtige Erklärung über die Politik der Vereinigten Staaten, die unser Außenminister am elften Februar abgegeben
hat, noch nicht als angemessene Gewährleistung ihrer eigenen Sicherheit nach erfolgtem Rückzug anerkannt.
Israel will jedoch mehr. Es besteht auf festen Garantien als
einer Bedingung für den Rückzug seiner Invasionstruppen.
Damit erhebt sich eine grundlegende Prinzipienfrage: Sollte es
einer Nation, die trotz der Mißbilligung der Vereinten Nationen fremdes
Gebiet a.ngreift und besetzt, gestattet werden, Bedingungen für seinen
Rückzug aufzuzwingen?
Wenn wir zustimmen, daß durch einen bewaffneten Angriff die
Ziele des Angreifers zu Recht erreicht werden, dann, so fürchte ich,
stellen wir damit die Uhr der internationalen Ordnung zurück. Damit
hätten wir praktisch die Anwendung von Gewalt als ein Mittel zur Lösung internationaler Meinungsverschiedenheiten und zur Sicherung nationaler Vorteile gutgeheißen.
Ich für meine Person sehe nicht, wie dies mit der Charta der
Vereinten Nationen in Übereinstimmung gebracht werden könnte. Die
grundlegende Verpflichtung aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen besteht doch darin, daß sie ihre internationalen Streitfälle
durch friedliche Mittel beilegen und keine Gewalt gegen die territoriale Integrität eines anderen Staates anwenden.
Wenn die Vereinten Nationen auch nur einmal zugestehen, daß internationale Streitfälle durch die Anwendung von Gewalt gelöst werden
können, dann werden wir das Fundament der Organisation und damit unsere beste Hoffnung auf die Schaffung einer wahren Weltordnung zerstört haben. Das wäre eine Katastrophe für uns alle.
Ich glaube, ich würde den Anforderungen des hohen Amtes, für
das Sie mich gewählt haben, nicht gerecht, wenn ich den Einfluß der
Vereinigten Staaten zugunsten des Vorschlages in die Waagschale werfen würde, daß eine Nation, die in das Gebiet einer anderen eingedrungen ist, die Möglichkeit erhalten sollte, Bedingungen für ihren
Abzug zu stellen.
Selbstverständlich

�"AMERIKA DIENST"

27. Februar 1957

Selbstverständlich müssen wir und alle anderen Mitglieder der
Vereinten Nationen die Gerechtigkeit und die Einhaltung des Völkerrechts
unterstützen. Der erste Artikel der Charta besagt, daß es Zweck und
Ziel der Vereinten Nationen ist, 'Aggressionshandlungen und andere Verletzungen des Friedens zu unterdrücken und mit friedlichen Mitteln sowie
in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit und dem Völkerrecht eine Beilegung oder Lösung internationaler Streitfragen zu erreichen'. Aber dabei ist zu beachten, daß die Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit und
dem Völkerrecht durch 'friedliche Mittel' herbeigeführt werden soll.
Wir können die bewaffnete Invasion und die Besetzung eines anderen
Landes nicht als 'friedliche Mittel' oder als geeignete Mittel ansehen,
um Gerechtigkeit und Übereinstimmung mit dem Völkerrecht herzustellen.
Wir sind jedoch der Überzeugung, daß die Vereinten Nationen und
ihre Mitglieder über die Unterdrückung der gegenwärtigen Aggressionshandlung und der Verletzung des Friedens hinaus umfassendere Bemühungen
anstellen sollten, um die Gerechtigkeit und die Übereinstimmung mit dem
Völkerrecht zu sichern. Friede und Gerechtigkeit sind die beiden Seiten
der gleichen Münze.
Die Völkergemeinschaft der Welt hat es vielleicht versäumt,
dieser Wahrheit genügend Beachtung zu schenken. Die Vereinigten Staaten ihrerseits werden mit allen Kräften Lösungen für die Probleme dieses Gebietes anstreben, die in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit
und dem Völkerrecht stehen. Wir werden in diesem großen Bemühen die
Mitarbeit anderer gleichgesinnter Nationen suchen, die wie wir erkannt
haben, daß auf lange Sicht Frieden und Gerechtigkeit untrennbar sind.
Aber die Vereinten Nationen stehen jetzt vor dem Problem, was als
nächstes zu tun ist. Wenn sie nichts unternehmen, wenn sie die Ignorierung ihrer wiederholten Resolutionen, in denen der Rückzug der Invasionsstreitkräfte gefordert wurde, akzeptieren, dann geben sie damit
ihr Versagen zu. Dieses Versagen würde der Autorität und dem Einfluß
der Vereinten Nationen in der Welt und den Hoffnungen, die die Menschheit in die Vereinten Nationen als Mittel zur Erreichung eines Friedens
in Gerechtigkeit gesetzt haben, einen schweren Schlag versetzen.
Dieses Versagen würde auf lange Sicht gesehen auch Israel schädlich sein; es würde über den damit der Weltorganisation zugefügten Schaden hinaus die Aussichten für die friedliche Lösung der Probleme des
Mittleren Ostens in Frage stellen. Dies könnte unseren Freunden, ja,
auch selbst unserem Land unübersehbares Übel bringen. Es würde die
Verwirklichung der Ziele, die ich in meiner Mittelostbotschaft vom
fünften Januar an den Kongreß darlegte und die auf die Stärkung dieses
Gebietes gegen einen kommunistischen Angriff, sei er direkt oder indirekt,
abgestellt sind, unendlich schwieriger machen.
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Die Vereinten Nationen dürfen nicht versagen. Ich bin der Überzeugung, daß die Vereinten Nationen im Interesse des Friedens keine andere
Wahl haben, als Druck auf Israel auszuüben, damit es den Resolutionen
über einen Abzug nachkommt. Natürlich hoffen wir immer noch, daß die
israelische Regierung einsehen wird, daß ihre besten Interessen .jetzt

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�"AMERIKA DIENST"

27. Februar 1957

jetzt und später darin liegen, den Vereinten Nationen zu entsprechen
und auf die Resolutionen der Weltorganisation sowie die Erklärung der
Vereinigten Staaten im Hinblick auf die Zukunft zu vertrauen.
Ich bin nicht der Ansicht, daß Israels Weigerung ignoriert werden
sollte, weil die Vereinten Nationen nicht in der Lage waren, ihre Resolutionen, in denen die Sowjetunion für die bewaffnete Unterdrückung
des ungarischen Volkes verurteilt wurde, wirksam auszuführen. Vielleicht
ist dies ein Fall, auf den das Sprichwort: 'Neues Unrecht schafft kein
Recht' zutrifft.
Niemand bedauert die Tatsache, daß die Sowjetunion die Resolutionen der Vereinten Nationen ignoriert, mehr als ich. Die Vereinigten
Staaten sind mehr als jede andere Nation darauf bedacht, einen moralischen Druck auf die Sowjetunion auszuüben, die auf Grund ihrer Größe
und ihrer Macht sowie ihres Vetorechtes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegenüber Sanktionen anderer Art r'.elativ unempfindlich
ist.
Die Vereinigten Staaten und andere freie Nationen stellen mit
allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln das Unrecht des sowjetischen
Verhaltens in Ungarn heraus. Es wäre in der Tat ein schwarzer Tag, wenn
die Vereinigten Staaten jemals zur Überzeugung gelangen müßten, daß sie
Israel dem gleichen moralischen Druck aussetzen müßten, wie er auf die
Sowjetunion ausgeübt wird.
Man kann natürlich eine Nation wie Israel nicht mit der Sowjetunion gleichstellen. Die Bevölkerung Israels gehört wie die Bevölkerung
in den Vereinigten Staaten einem religiösen Glauben an und ist von
moralischen Werten überzeugt. Wir dürfen von einem solchen Volk der
freien Welt einen Beitrag zur Weltordnung erwarten - und erwarten ihn
auch -,den wir von einer von atheistischen Despoten beherrschten Nation leider nicht erwarten können.
Es ist vorgeschlagen worden, daß kein Druck hinter die Maßnahmen
der Vereinten Nationen gegen Israel gesetzt werden sollte, da Ägypten
in der Vergangenheit das WaffenstilDs tandsabkommen und das Völkerrecht
verletzt hat. Es stimmt, daß sowohl Ägypten als auch Israel vor dem
Oktober vergangenen Jahres in Vergeltungsangriffe verwickelt waren,
die eine Verletzung des Waffenstills tandsabkommens darstellten, und
daß Ägypten durch Ausübung des Kriegsrechts in bezug auf die israelische
Schiffahrt im Suezkanal und im Golf von Akaba die Vereinten Nationen
ignoriert hat. Derartige Verletzungen stellen jedoch keine Rechtfertigung für die bewaffnete Invasion Ägyptens durch Israel dar, die die
Vereinten Nationen jetzt auszuheben suchen.
Ägypten hat sich durch die Annahme der im Oktober vergangenen Jahres vom Sicherheitsrat in bezug auf den Suezkanal gebilligten sechs
Grundsätze verpflichtet, den freien und ungehinderten Durchgangsverkehr durch den Kanal ohne Diskriminierung zu gestatten, und hat dem
Grundsatz zugestimmt, daß der Betrieb des Kanals von der Politik eines
jeden Landes isoliert werden soll.
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27. Februar 1957

Wir dürfen nicht annehmen, daß Ägypten nach dem Rückzug Israels
die israelische Schiffahrt im Suezkanal oder im Golf von Akaba verhindern wird. Wenn Ägypten danach unglückseligerweise das Waffenstillstandsabkommen oder andere internationale Verpflichtungen verletzt,
dann sollte sich die Gemeinschaft der Nationen entschlossen damit befassen.
Die gegenwärtigen Entwicklungen sind ernst, aber wir hoffen, daß
Vernunft und Recht die Oberhand behalten werden. Seit den Ereignissen
vom vergangenen Oktober und November ist in Einklang mit der Charta
der Vereinten Nationen ein solider Fortschritt erzielt worden. Die
Kampfhandlungen sind eingestellt, die britischen und französischen
Truppen abgezogen worden, die israelischen Streitkräfte haben sich
teilweise zurückgezogen, und die Räumung des Suezkanals steht vor dem
Abschluß. Wenn Israel seinen Rückzug beendet hat, wird damit ein entscheidendes Hindernis für einen weiteren Fortschritt beseitigt sein.
Ist dieses Hindernis beseitigt, dann werden die Vereinten Nationen
ernste und schöpferische Aufgaben zu bewältigen haben. Das Recht Israels
auf nationale Existenz und innere Entwicklung muß respektiert werden. Es
werden komplizierte Bestimmungen, die eine wirksame internationale Benutzung des Suezkanales, sicherstellen, in allen Einzelheiten ausgearbeitet werden müssen. Das Problem der arabischen Flüchtlinge muß gelöst werden. Wie ich bereits in meiner Sonderbotschaft an den Kongreß
vom 5« Januar sagte, muß sichergestellt werden, daß der gesamte Mittlere
Osten von jeder Aggression und Infiltration freigehalten wird.
Schließlich sollten alle, die die Freiheit lieben, darunter auch
wir, den Nationen des Mittleren Ostens helfen, ihr berechtigtes Streben nach Verbesserung des Wohlstandes ihrer Völker zu verwirklichen.
Worüber ich heute abend zu Ihnen gesprochen habe, ist lediglich
ein Schritt in einem langen Prozeß, der Geduld und Sorgfalt erfordert.
Aber im Augenblick ist dies die kritische Frage, von der ein künftiger
Fortschritt abhängt. Es ist eine Streitfrage, die nur gelöst werden
kann, wenn wir die Prinzipien der Vereinten Nationen zur Anwendung
bringen.
Und aus diesem Grunde, meine amerikanischen Mitbürger, weiß ich
auch, daß es Ihr Wunsch ist, wenn die Vereinigten Staaten auch weiterhin ihren größten Einfluß dafür zum Tragen bringen, daß diese Prinzipien als der Welt größte Hoffnung auf Frieden erhalten bleiben."

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

Allg./

27.2.1957

EISENHOWER; USA WERDEN SICH IMMER FÜR DEN FRIEDEN
EINSETZEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache,
die Präsident Eisenhower am 25. Februar 1957
aus Anlaß des 15jährigen Bestehens der
"Stimme Amerikas" gehalten hat.
"Fünfzehn Jahre lang hat die Stimme Amerikas nunmehr den Menschen in aller Welt die Tatsachen über internationale Ereignisse
und über die amerikanische Politik in bezug auf diese Ereignisse
übermittelt.
Dies ist daher eine passende Gelegenheit, um auf einige Aspekte
der amerikanischen Außenpolitik einzugehen. Der Leitgedanke unserer
Außenpolitik ist dieser: Wir sind der Überzeugung, daß unser Land
auf die Dauer nur blühen und gedeihen und sich eines dauerhaften
Friedens nur erfreuen kann, wenn alle Völker sich gedeihlich entwickeln und des Friedens erfreuen.
Wenn ich jetzt hierüber zu Ihnen spreche, so möchte ich dies
nicht in abstrakten Begriffen tun, sondern ich möchte lieber ein
klares Bild aufzeichnen. Und zwar handelt es sich im wesentlichen
um das Bild einer Welt, wie wir sie für uns und unsere Kinder gerne
sehen möchten und von der wir glauben, daß sie die meisten Menschen
für sich und für ihre Kinder wünschen.
Dieses Bild hat zwei Seiten. Die eine Seite betrifft den
Aufbau der einzelnen Länder und die Förderung ihrer Menschen.
Es ist die entscheidende Tatsache dieses Jahrhunderts, daß
Dutzende neuer Nationen in Erscheinung getreten sind. Diese Nationen führen gemeinsam mit den älteren Nationen - jede auf ihre
eigene Art - einen Kampf um die Verbesserung des Loses ihrer Menschen durch einen höheren Lebensstandard, durch eine vielseitigere
Industrie und eine rationeller arbeitende Landwirtschaft, durch
eine Erhöhung der politischen Stabilität und durch die Verwirklichung der kulturellen und religiösen Traditionen, die manchmal
Tausende von Jahren alt sind.
Die

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�AMERIKA DIENST"

27. Februar 1957

Die erste Aufgabe dieses neuen Zeitalters besteht darin, sicherzustellen, daß sich der großartige Fortschritt zu einem besseren Leben - sowohl für den einzelnen wie für die Nationen - in allen diesen Ländern so rasch und sicher wie möglich vollzieht.
Die Vereinigten Staaten haben den meisten dieser Nationen zur
Seite gestanden, während sie ihre großen Fortschritte auf dem Gebiet
der Erziehung, der landwirtschaftlichen Methoden, der Kontrolle der
Krankheiten, der Errichtung von Krankenhäusern, Straßen, Schulen,
des Baues von Dämmen und Bewässerungsanlagen und der Verbesserung
des politischen Gefüges, der Gesetzgebung und der Beziehungen zwischen
Arbeitgebern und Arbeitnehmern machten.
Aber dieses Bild hat noch eine andere Seite. Gesetzt den Fall,
es gelänge uns, eine Welt gesunder, freier und souveräner Nationen
zu schaffen, dann stünden wir immer noch vor dem Problem: Wie sollen
sie die zwischen ihnen bestehenden Interessenunterschiede ausgleichen?
Verschiedenheiten der Interessen aber wird es immer geben, und es muß
daher irgendein Prinzip der internationalen Ordnung bestehen.
Eine wichtige Stütze der Ordnung in.der Welt - und eine, die
einen allgemeinen Rahmen geben kann - sind die Vereinten Nationen.
Und so wie wir die lebendige und kraftvolle Unabhängigkeit
der zahlreichen einzelnen Nationen, die es heute gibt, unterstützen,
so treten wir auch mit dem gleichen Nachdruck für die Praxis ein, die
unvermeidlichen Streitigkeiten zwischen diesen Nationen gemäß den
Prinzipien und Verfahrensregeln der Vereinten Nationen beizulegen.
Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist die eines Kampfes
um das Recht der Selbstbestimmung und der menschlichen Würde. Unsere
Geschichte beginnt mit einer Deklaration, die einen weiten Widerhall
gefunden und Millionen freier Menschen in allen Teilen der Welt begeistert hat, daß 'alle Menschen ... von ihrem Schöpfer mit bestimmten
unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen Leben, Freiheit
und das Streben nach Glück gehören.' Aber diese gleiche Deklaration
erklärt auch, daß wir zusammen mit dieser Selbstbestimmung 'der Meinung
der Menschheit eine angemessene Achtung' entgegenbringen müssen.
In weltpolitischer Hinsicht hat unsere Nation stets danach gestrebt, diese edlen und hohen Begriffe zu bekräftigen und ihnen Bedeutung zu verleihen. Durch all die Jahre haben wir den neuen Staaten
geholfen, ihre politische und wirtschaftliche Stärke zu erlangen. Die
Art und Weise, wie wir die S uez krise und ihre Auswirkungen in den
Vereinten Nationen behandelten, stellte gleichfalls in der Praxis
unsere Überzeugung unter Beweis, daß jede internationale Harmonie mit
einer 'gebührenden Achtung vor der Meinung der Menschheit' beginnt.
Vor kurzem legte ich dem amerikanischen Kongreß Vorschläge in
bezug auf den Mittleren Osten vor, die dazu bestimmt sind, diesem
von Unruhen heimgesuchten Gebiet Stabilität zu geben. Ich möchte Ihnen

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�"AMERIKA DIENST"

27. Februar 1957

Ihnen zeigen, wie diese Vorschläge mit dem übereinstimmen, was ich
soeben als unsere Ziele beschrieben habe.
Ich bin der Ansicht, daß das Wohlergehen der Völker des Mittleren
Ostens von den Ländern dieses Gebietes den Aufbau und die Stärkung ihrer Wirtschaften und ihrer Institutionen erfordert. Wir möchten einen
derartigen Portschritt gerne sehen. Meine Vorschläge werden diesem
Ziel völlig gerecht, denn sie sehen zwei Dinge vor.
Erstens: Damit sich eine solche konstruktive Arbeit in diesen
Ländern abwickeln kann, müssen sie frei von der Bedrohung durch den
internationalen Kommunismus sein, der ihre schwer errungenen Erfolge
über Nacht zunichtemachen könnte. Daher geben wir diesen Ländern die
Zusicherung,daß -wenn eine derartige Gefahr entsteht und die Vereinten
Nationen sich mit dieser Gefahr nicht befassen können und ein bedrohtes
Land uns um Hilfe anruft - dieses Land auf unsere Unterstützung rechnen kann. Hinter dem Schutzschild dieser Zusicherung kann also die
aufbauende Arbeit des Fortschrittes vorangetrieben werden, und um
diese schöpferische Arbeit zu beschleunigen, beinhalten meine Vorschläge zweitens ein besonderes Maß an wirtschaftlicher Unterstützung
für diesen Raum.
Wir müssen uns der Tatsache bewußt sein, daß - während wir versuchen, eine Welt der Freiheit und der Gerechtigkeit zwischen souveränen
Völkern mit aufzubauen - die Machthaber des internationalen Kommunismus sich ständig bemühen, eine solche Welt niederzureißen.
Der Kommunismus muß nach dem Zeugnis seiner eigenen Führer ein
System internationaler Kontrollen und des Konformismus sein. Damit
ist er aus seinem eigensten Wesen heraus der völlige Gegensatz und
der Feind jeder Art des Nationalismus. Sein erklärtes Programm besteht darin, die Religion, die Regierungen, die Institutionen und
Traditionen der christlichen Welt, der buddhistischen, der islamischen,
der jüdischen, ja, der Welt jeder Religion und Kultur gänzlich zu zerstören. Die kommunistischen Machthaber schlagen vor, dafür ein völlig
neues Gedanken- und Kontrollsystem an ihre Stelle zu setzen, das von
der kommunistischen Parteizentrale diktiert wird. Sie glauben, daß
einige wenige Theoretiker und Machthaber wissen, was für jeden einzelnen am besten ist, und sie sind entschlossen, jeden in diese Welt
hineinzutreiben.
Ein kleines Land nach dem anderen wurde von dem internationalen
Kommunismus verschluckt. Sie alle haben ihre Freiheit verloren, ihr
Nationalstolz wurde zerstört, ihre Religion zertreten, und ihre Wirtschaften werden von der Rußlands aufgesogen. Wenn sie aber etwa versuchen, ihre traditionelle Freiheit wieder zu erringen, dann wird ihr
Volk zu Tausenden hingemordet. Das Zeugnis liefert Ungarn.
Ich möchte gerne einige besondere V/orte an die Menschen richten,
die gegenwärtig unter der Tyrannei des internationalen Kommunismus
leben:
Wir

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�"AMERIKA DIENST"

27. Februar 1957

Wir wollen Ihre Freundschaft. Wir halten an den Bindungen fest,
die uns in der Vergangenheit verbunden haben. Wir wünschen Ihnen bei
Ihrem Streben nach Freiheit alles Gute. Denn wir wissen, daß - welche
Ziele auch immer die machthungrigen Herrscher verfolgen mögen - tief
in dem Herzen jedes einzelnen diese gleiche von Gott gegebene Sehnsucht brennt, frei sein eigenes Schicksal zu bestimmen.
Und allen Menschen in aller Welt möchte ich feierlich das versichern: Gemeinsam mit Ihnen blicken wir einer Welt entgegen, die sich
auf Gerechtigkeit begründet, und wir werden niemals aufhören, darauf
hinzuarbeiten. Möge unser aller Gott Sie beschützen und diesen Tag schnell
herbeiführen."

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�Allg/ 6.5.1957

AMERIKA HAT OSTEUROPA NICHT VERGESSEN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
den Wortlaut einer Erklärung, die der Chefdelegierte der Vereinigten Staaten bei den Vereinten
Nationen, Botschafter Henry Cabot Lodge, am
28.Februar 1957 vor der Generalversammlung der
Vereinten Nationen abgab und mit der er zu dem
Bericht des zweiten Politischen Ausschusses über
einen von der Sowjetunion eingebrachten Resolutionsentwurf Stellung nahm, in dem die Vereinigten Staaten der Einmischung und umstürzlerischen Tätigkeit
in kommunistischen Staaten beschuldigt wurden.

7/enn wir uns hier vor dem Forum der Vereinten Nationen auch
fast ausschließlich mit Fragen und Ereignissen beschäftigen, bei
denen große Schwierigkeiten auftreten, so dürfen wir doch die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, daß die Menschheit, auf ihrem
Weg in die Zukunft voranschreitet und daß alle Völker die Fähigkeit besitzen, ihr eigenes Los zu bessern.
Wenn ich von dieser Fähigkeit der Völker spreche, dann
schließe ich dabei selbstverständlich auch das russische Volk
ein, für das wir Amerikaner Gefühle aufrichtiger Freundschaft
hegen.
Es finden sich, Herr Präsident, allenthalben in der Welt
Anzeichen dafür, daß auch die Regierungen eine solche Fähigkeit
zu ihr»r eigenen Perfektionierung besitzen. Wenn wir nun aber
das zur Erörterung stehende Opus der Sowjetpropaganda betrachten,
dann kann man auf seiten der Sowjetregierung leider nicht viel
von dieser Fähigkeit zur eigenen Perfektionierung bemerken.
Es versteht sich meiner Meinung nach wohl von selbst, daß
sich dieser erfolglose Versuch, die Vereinigten Staaten zu verleumden, nicht auf die 7/ahrheit stützt und daß er nichts Neues
darstellt. Es sei hier ausdrücklich festgestellt, daß er noch nicht
einmal sehr geschickt ist. Und selbst seine Formulierungen entsprechen nicht dem angestrebten Zweck. Er ist noch nicht einmal
zur Verwendung eis unwahre kommunistische Propaganda geeignet.
Und wenn ich dies hier sage, so sage ich damit eine ganze Menge.
Wenn
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�AMERIKA DIENST"

6. März 1957

Wenn die Sowjets endlich damit aufhörten, sich vom Schwall
ihrer eigenen Reden umnebeln zu lassen und den nüchternen Tatsachen
ins Angesich.t sehen wollten, dann würden sie auch jene bedeutsame
Entwicklung erkennen, die sich gerade in dieser Sitzungsperiode der
Generalversammlung vollzogen hat, daß nämlich auch jene Völker, die
in der Vergangenheit die friedlichen Absichten der Sowjets nicht
bezweifelten, über die Berichte über das sowjetische Vorgehen in
Ungarn so bestürzt waren, daß sie heute in der Sowjetregierung den
meuchlerischen Mörder der Menschenrechte sehen. Die Haltung zahlreicher Länder gegenüber der Sowjetunion hat sich während der letzten vier bis fünf Monate hier vor den Vereinten Nationen geradezu
in das Gegenteil verkehrt - das ist eine weit wichtigere Tatsache
als all die alten Walzen, die man uns hier wieder vorgesetzt hat.
Und diese Länder werden darin no'ch durch ein natürliches Mißtrauen bestärkt, das eine Folge beispielsweise der Ablehnung des
Planes des offenen Himmels, der Luftüberwachung militärischer Einrichtungen, durch die Sowjetunion ist. So fragen sich diese Länder
selbst - und einige ihrer Vertreter fragten mich -, warum lehnt die
Sowjetunion diesen so segensreichen und den Frieden fördernden Plan
ab, wenn sie wirklich bereit ist, auf die Möglichkeit zur Führung
eines Überraschungsangriffs zu verzichten? Dies ist eine sehr vernünftige Frage, eine Frage, auf die bisher noch keiner der Sprecher
der Sowjetunion eine zufriedenstellende Antwort gegeben hat.
Herr Präsident, ich erwähne diese beiden Beispiele, denen ich
noch beliebig viele andere hinzufügen könnte, um klarzustellen, daß
die Vereinigten Staaten - wären wir nicht der Auffassung, daß die
Zeit zu schade hierzu ist - hier vor der Generalversammlung so schwere
Angriffe gegen die Sowjetunion führen könnten, daß Ihnen, auch wenn
wir uns restlos auf klar erwiesene Tatsachen beschränken, die Haare
zu Berge stehen würden. Sine solche Handlungsweise liegt uns aber fern.
Die sowjetische Vorlage wirft aber noch eine andere Frage auf,
eine sehr ernste Frage sogar, die ich hier kurz noch erläutern möchte.
Es ist dies die tragische Situation in Osteuropa. Wie sich diese
Situation entwickelt hat, ist eine sehr traurige Geschichte, die
allerdings für uns alle, gleichgültig aus welchem Land der Erde wir
kommen, höchst lehrreich ist.
Vor nahezu vierzig Jahren riß eine kleine Gruppe von Verschwörern
mit Gewalt und List die Macht im größten Staat Osteuropas an sich das ist eine in der Geschichte erwiesene Tatsache. Liese Verschwörer
nahmen dann sogleich ein auf lange Sicht bemessenes Programm in Angriff,
das darauf abzielt, die gesamte Welt unter ihre Herrschaft zu bringen.
Zu diesem Zweck schufen sie einen auf dieser Welt einmaligen Apparat
für direkte und indirekte Propaganda, für umstürzlerische Umtriebe und
Sabotage. Ich kenn mit vollem Recht behaupten, daß jedes einzelne der
in diesem Saal vertretenen Länder schon die Auswirkungen dieser Maschinerie des Weltkommunismus zu spüren bekommen hat.
Die Geschichte lehrte jedoch, daß dieser Apparat nicht ausreichte,
um den kommunistischen Verschwörern jenen Erfolg zu verschaffen, den sie

�"AMERIKA DIENST"

6. März 1957

sie sich so sehnlich wünschten. Sie haben lediglich dann Fortschritte
auf ihrem Weg erzielt, wenn sie ihre gewaltige Rote Armee ins Treffen
führen konnten. So gelang es der Sowjetunion unter Verletzung feierlich
bekräftigter Vereinbarungen, einschließlich der in der Charta der Vereinten Nationen niedergelegten Verpflichtungen, zehn kleinere Länder
in Europa in ihren Machtbereich einzubeziehen, wobei sie einige einfach
annektierten, anderen ein Marionettenregime aufzwangen.
Im Anschluß daran gingen sie zur systematischen Ausbeutung
ihrer Opfer über und zwar mit dem klar ersichtlichen Ziel, das Imperium
Moskaus aufzurichten. Um dieses Ziel zu erreichen, mußten sie ihre Zuflucht zu zügelloser Gewalt, Terror und Unterdrückung nehmen, die so oft
schon kennzeichnend für die russische Geschichte waren. Man kann ohne
Übertreibung sagen, daß die Machthaber der Sowjetunion seit Jahren in
einem erbitterten Kampf mit ihrem eigenen Volk und den Völkern der unterworfenen Länder liegen. Es ist diesen Völkern zu verdanken, das muß
hier gesagt werden, Herr Präsident, daß der Ausgang dieses Kampfes noch
immer offen ist.
Eines der unabdingbaren Elemente dieser Art Kampf ist, vom sowjetischen Standpunkt aus, die Kontrolle - die Kontrolle über das Denken der
unterjochten Völker. Jahrhundertealte Wurzeln des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens müssen herausgerissen und alte Bande der Freundschaft
zerschnitten werden. Der religiöse Glaube muß unterdrückt oder, sofern
dies nicht gelingt, gelenkt werden. An die Stelle jener Begriffe muß
eine mechanistische Weltanschauung des blinden Gehorsams gegenüber Befehlen von oben treten. Gerade dieses Bedürfnis der Kommunisten, eine
lückenlose psychische und physische Kontrolle über die Menschen im
Sinne einer im höchsten Maße materialistischen Denkweise zu errichten,
erklärt die Tatsache, daß die Sowjetunion in Osteuropa so unüberwindliche Schranken gegen die Gedanken- und Informationsfreiheit errichtet
hat: strenge Zensur, Störung von Rundfunksendungen, Überwachung des
Reiseverkehrs, Grenzkontrollen, das Umschreiben der Geschichtsbücher
und die Verfälschung von Nachrichten.
Das sind die Bedingungen, wie sie in Osteuropa im allgemeinen anzutreffen sind. Und diese Bedingungen sollte die übrige Welt, so wünschen es jedenfalls die Sowjets, übersehen und vergessen. Die vorliegende sowjetische Beschwerde richtet sich, ebenso wie alle vergleichbaren Beschwerden der Sowjets aus früheren Zeiten, in ihrem Kern dagegen, daß sich das amerikanische Volk und die übrigen Völker der freien
Welt weigern, diese Bedingungen zu vergessen und zu übersehen.
Das amerikanische Volk - das möchte ich hier ausdrücklich sagen,
Herr Präsident - kann die Lage, die die Sowjets in Osteuropa geschaffen
haben, nicht mit Gleichgültigkeit oder Apathie hinnehmen. Wir können uns
nicht mit diesen rücksichtslosen Angriffen auf die Würde und Freiheit
des Menschen abfinden. Ich hoffe, daß man sich darüber keinerlei Täuschungen hingibt.
Wie alle zivilisierten Länder haben auch die Vereinigten Staaten
Anteil an dem Kulturerbe Osteuropas. Zahlreiche Bürger unseres Landes
kommen aus diesem Gebiet. Es ist ganz natürlich, daß wir an Osteuropa
interessiert sind und uns um das Schicksal seiner Menschen kümmern.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

6. März 1957

'.Vir wünschen, daß sie sich frei und unabhängig fühlen und daß sie die
Möglichkeit nahen, ihr eigenes Leben zu führen und ihr Geschick selbst
in die Hand zu nehmen. Wenn ich unabhängig sage, so meine ich damit
unabhängig von der Kontrolle der Sowjets, unabhängig von der Kontrolle
der Amerikaner und unabhängig von jeglicher Kontrolle.
Solange sich diese Unabhängigkeit aber nicht herstellen läßt und
solange sich die Sowjetunion weiter in die Angelegenheiten dieser
Völker einmischt, können und werden wir weder schweigen noch unsere
Proteste einstellen. '.Vir haben gar keine Veranlassung hierzu. Wir
werden tun, was wir können, und zwar immer im Einklang mit den Zielen
und Grundsätzen der Vereinten Nationen, um diesen unglücklichen Opfern
der Sowjets zu zeigen, daß sie nicht vergessen und aufgegeben sind.
Wir werden gemeinsam mit anderen Völkern der freien Welt die Aufgabe
erfüllen, diesen Völkern dabei zu helfen, ihre geistigen und kulturellen
Traditionen zu wahren. Wir werden auch weiterhin diesen Menschen die
Wahrheit über unsere Welt und auch über ihre Welt sagen. Wir werden ihnen
bei jeder Gelegenheit versichern, daß die alten Bande des Blutes und
der Freundschaft, ungeachtet all dessen, was sie von ihren gegenwärtigen Machthabern hören, nicht zerschnitten sind und daß das, was sie
heute durchmachen, nur eine lange Nacht ist, an deren Ende die Morgendämmerung anbrechen wird.
Das, was ich hier sage, entspringt keinerlei dunklen Beweggründen
und hat nichts mit Umsturz zu tun. Wir rufen nicht nach Gewalt, wir
ermuntern nicht zum Umsturz, und wir hetzen nicht zur Sabotage. Noch
niemals wurde auch nur ein Mensch durch irgendeine Handlung der Vereinigten Staaten zur Anwendung von Gewalt bewogen. Wir planen keine
Aggression gegen die Sowjetunion oder gegen irgendein anderes Land.
Eine solche Handlung wäre unserer Natur zuwider und mit unserem demokratischen System unvereinbar. Wir haben keine territorialen Ambitionen, weder in Osteuropa noch anderswo. Und wir versuchen auch nicht,
anderen unsere Auffassungen zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen
aufzuzwingen. In diesem Zusammenhang kann ich nichts Besseres tun als
die feierlichen Worte zu wiederholen, die Präsident. Eisenhower anläßlich des Antritts seiner zweiten Amtsperiode vor kurzer Zeit erst, im
Januar, gesprochen hat:
"'.Vir ehren die Hoffnungen und Bestrebungen aller der Nationen,
die jetzt noch unterdrückt sind und sich nach Freiheit sehnen. Wir
suchen weder ihre militärische Allianz noch wollen wir, daß sie unsere Gesellschaftsform in irgendeiner künstlichen Weise imitieren.
Sie dürfen der Herzlichkeit und Wärme des sie erwartenden Willkommens
gewiß sein, wenn sie - wie es einmal der Fall sein muß - erneut in die
Reihen der freien Völker eintreten."
Das also ist, Herr Präsident, die Politik, die alle unsere Handlunge
gegenüber Osteuropa bestimmt. Diese Politik ist alles andere als unvereinbar mit den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen, ja ganz im
Gegenteil, sie sucht diese Grundsätze in jeder möglichen Form zu fördern.
Denn wir sind überzeugt, daß in dem Augenblick, in dem Freiheit, Unabhängigkeit und Achtung vor den Menschenrechten wieder in diesem lebenswichtigen Teil Europas hergestellt worden sind, eine der wichtigsten
Quellen internationaler Spannungen zu bestehen aufgehört hat und daß die
Welt damit einen gewaltigen Fortschritt in Richtung auf den von uns allen
erstrebten Frieden gemacht haben wird.
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Allg./6.3.1957
CABOT LODGE JR. ZUR RÄUMUNG DES GAZA^STREIFENS

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung
des amerikanischen Chefdelegierten Henry
Cabot Lodge jr., abgegeben am 1. März
1957 vor der UN-Generalversammlung in
New York.

Während der langen Wochen, in denen die Generalversammlung der
Vereinten Nationen sich mit der ernsten Situation im Nahen Osten beschäftigt hat, haben die Vereinigten Staaten sich um eine Lösung bemüht, die auf Gerechtigkeit beruht und die den legitimen Interessen
aller Parteien Rechnung trägt.
Die Haltung der Vereinigten Staaten wurde von Anfang an durch
ihre im Sicherheitsrat eingebrachte Entschließung offenbar, in der
Israel zum Rückzug aufgefordert wurde und die im Falle einer Weigerung Israels die Einstellung der Unterstützung an Israel verlangte.
Die Ansichten der Vereinigten Staaten in dieser Angelegenheit sind
unverändert. Sie wurden erst vor kurzer Zeit und von maßgeblicher
Stelle durch Präsident Eisenhower in seiner Rede vom 20. Februar
dargelegt. Wir haben festgestellt, daß es für ein Mitglied der UN
mit den Grundsätzen der Charta und mit der Mitgliedschaft bei den
Vereinten Nationen unvereinbar ist, politische' Vorteile durch die
Anwendung von Gewalt erlangen zu wollen oder etwas zum Handelsobjekt zu machen, das mit den Mitteln der Gewalt erlangt worden ist.
Es hat den Anschein, daß die Bemühungen der Generalversammlung, in diesem Gebiet nach den Feindseligkeiten vor vier Monaten
den friedlichen Zustand wiederherzustellen, nun Früchte tragen werden. In ihrem allerjüngsten Bestreben um eine Lösung hat die Generalversammlung am 2. Februar zwei Entschließungen angenommen. Die
erste wiederholte die früher an Israel ergangene Aufforderungen,
sich hinter die Waffenstillstandslinie zurückzuziehen. In der zweiten Entschließung wird der Generalsekretär aufgefordert, sobald
der Rückzug erfolgt ist, die Maßnahmen zu ergreifen, die in seinem
Bericht vom 24. Januar vorgeschlagen werden. Die Durchführung dieser
Maßnahmen wäre ein großer Fortschritt in Richtung auf einen dauerhaften Frieden in diesem Gebiet, und die Vereinigten Staaten sind der

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�"AMERIKA DIENST"

6. März 1957

der Auffassung, daß alle diese Maßnahmen, die von der Generalversammlung gutgeheißen wurden, ohne Verzögerung ergriffen werden sollten.
Israel gibt nun bekannt, daß es sich in Übereinstimmung mit der
ersten Resolution vom 2. Februar 1957 vollständig und schnell hinter
die Waffenstillstandslinie zurückziehen will. Die Vereinigten Staaten
begrüßen diese Verlautbarung. Die Vereinigten Staaten interpretieren
diese Erklärung dahin, daß der Rückzug sofort erfolgen wird.
Die Vereinigten Staaten nehmen außerdem von den Feststellungen
Kenntnis, die in der Erklärung des Vertreters von Israel gemacht worden sind. Wir sind nicht der Meinung, daß diese Feststellungen den
Rückzug Israels von Bedingungen abhängig machen. Der größte Teil dieser Erklärung ist nach unserer Auffassung eine Wiederholung dessen,
was bereits von dieser Versammlung oder von dem Generalsekretär in
seinen Berichten gesagt wurde, oder es sind Hoffnungen und Erwartungen, die uns im Licht der vorhergegangenen Maßnahmen dieser Versammlung nicht unvernünftig erscheinen.
Hinsichtlich der Maßnahmen der Vereinten Nationen, die für den
Gaza-Streifen beabsichtigt sind, haben die Vereinigten Staaten von
der Erklärung des Generalsekretärs vom 22. Februar Kenntnis genommen.
Er sagte darin:
"Es ist der Wunsch der ägyptischen Regierung, daß die Übernahme
von Gaza aus der militärischen und zivilen Kontrolle Israels - wie
bereits früher zuerst ausschließlich durch die Polizeitruppe der Vereinten Nationen - ordnungsgemäß und sicher erfolgt, wie es an anderer
Stelle bereits geschehen ist. Mit gleicher Zuversicht kann hinzugefügt
werden, daß die ägyptische Regierung in Anerkennung der gegenwärtigen
besonderen Probleme und Schwierigkeiten im Gaza-Gebiet und im Hinblick
auf die seit langem bestehende Verantwortlichkeit der Vereinten Nationen
für die Unterstützung der arabischen Flüchtlinge sowie unter Berücksichtigung der Verpflichtungen und der Ziele des Waffenstillstandsabkommens, den Willen und die Bereitschaft hat, mit den Vereinten Nationen und einigen ihrer Hilfsorganisationen, wie der UN-Hilfsbehörde
für Palästina und der Polizeitruppe der UN, besondere und nützliche
Abmachungen zu treffen. So sollte zum Beispiel die Übereinkunft über
den Einsatz der Polizeitruppe der UN an der Waffenstillstandslinie am
Gaza-Streifen die wirkungsvolle Stellung dieser Truppe zwischen den
Armeen von Israel und Ägypten sicherstellen. In gleicher Weise würde
die Unterstützung der Vereinten Nationen und ihrer Hilfsorganisationen
zur endgültigen Beendigung aller Überfälle und Angriffe über die Grenze
hinaus und von jeder Seite beitragen.
Für die Übergangszeit können ferner mit den Vereinten Nationen
solche Vereinbarungen getroffen werden, die dazu beitragen, durch die
Stellung eines wirksamen und leistungsfähigen Polizeischutzes das Leben und das Eigentum in diesem Gebiet zu schützen, eine gute zivile
Verwaltung zu garantieren, ein Maximum von Unterstützung für das Flüchtlingsprogramm der Vereinten Nationen zu gewährleisten und die wirtschaftliche Entwicklung dieses Gebietes und seiner Bevölkerung _z_u

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6. März 1957

"AMERIKA DIENST
zu begünstigen und zu schützen."

Es ist die Ansicht der Vereinigten Staaten, daß vom rechtlichen
Standpunkt aus die Zukunft des Gaza-Streifens im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens ausgearbeitet werden muß, wie der Generalsekretär sagte.
Natürlich sind diese Dinge nicht von den Vereinigten Staaten allein
zu entscheiden, aber ich glaube, die Vereinigten Staaten können mit
Recht die Hoffnung hegen, daß die Vereinten Nationen und ihre entsprechenden Nebenorganisationen, eine so segensreiche Rolle wie sie der
Generalsekretär beschrieben hat, nutzbringend fortsetzen könnten, bis
eine endgültige Lösung für den Gaza-Streifen gefunden oder irgendeine
endgültige allgemeine Übereinkunft zwischen den Parteien getroffen ist.
Bezugnehmend auf die Lage im Gebiet am Golf von Akaba und die
Straße von Tiran erklärte ich am 28. Januar und erneut am 2. Februar,
daß "es wesentlich ist, daß Einheiten der UN-Polizeitruppen an der
Straße von Tiran stationiert werden, um dort für eine Trennung der
ägyptischen und israelischen Land- und Seestreitkräfte zu sorgen. Diese
Trennung ist wichtig, bis erwiesen ist, daß die Nichtausübung jeglicher
von den kriegführenden Parteien beanspruchten Rechte die friedlichen
Bedingungen geschaffen hat, unter welchen die Schiffahrt auf Wasserstraßen von derartig internationalem Interesse vor sich gehen muß. All
dies würde natürlich nicht eine endgültige Entscheidung präjudizieren,
die über rechtliche Fragen hinsichtlich des Golfs von Akaba getroffen
werden mögen."
Es ist zu diesem Zeitpunkt angemessen, sich die Haltung der Vereinigten Staaten zu der Schiffahrt durch die Straße von Tiran und den
Golf von Akaba zu vergegenwärtigen. In einem am 17. Februar veröffentlichten Memorandum vom 11. Februar 1957 erklärte die amerikanische
Regierung:
"Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß der Golf internationale Gewässer umfaßt und daß keine Nation das Recht hat, die freie
und friedliche Schiffahrt im Golf und durch die den Eingang dazu bildende Straße zu verhindern. Wir denken dabei nicht nur an die kommerzielle Benutzung, sondern auch die Durchfahrt von Pilgern in religiösen
Missionen, die voll respektiert werden sollten.
Die Vereinigten Staaten erinnern, daß das ägyptische Außenministerium am 28. Januar die Vereinigten Staaten davon in Kenntnis gesetzt
hat, daß die Besetzung der beiden Inseln Tiran und Sanafir am Eingang
zum üolf von Akaba durch Ägypten nur den Zweck verfolge, die Inseln
vor möglichem Schaden oder Gewalt zu bewahren und daß diese Besetzung
in keiner Weise in einem Geiste erfolge, der die friedliche Schiffahrt
durch die Wasserstraße, die diese beiden Inseln von der ägyptischen
Küste von Sinai trennt, behindert. Es folgt, daß diese Durchfahrt die einzig möglich - in Übereinstimmung mit internationalen Praktiken
und den anerkannten Prinzipien des Völkerrechts, wie in der Vergangenheit frei sein wird.
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"AMERIKA DIENST"

6. März 1957

Da vom Internationalen Gerichtshof keine gegenteilige Entscheidung getroffen worden ist, sind die Vereinigten Staaten bereit, für
Schiffe unter amerikanischer Plagge von dem Recht der freien und friedlichen Durchfahrt Gebrauch zu machen und sich mit anderen Staaten zu
verbinden, um diesem Recht allgemeine Anerkennung zu sichern."
Diese Ansichten sind im Sinne der hierauf anwendbaren Teile des
Berichts der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen über die
Arbeit der Kommission während ihrer 8. Sitzungsperiode - vom 23. April
bis 4« Juli 1956 - zu verstehen.
In Zusammenhang mit der Dauer des Einsatzes der UN-Polizeitruppen
in diesem Gebiet erhob sich die Frage, ob der Generalsekretär die
Generalversammlung über eine bevorstehende Zurückziehung der Polizeitruppen in Kenntnis setzen würde. Wir haben die Erklärung des Generalsekretärs in seinem Memorandum vom 26. Februar zur Kenntnis genommen,
derzufolge "das für den Generalsekretär angezeigte Verfahren es wäre,
den Beratungsausschuß der UN-Polizeitruppen zu informieren, der dann
entscheiden würde, ob die Angelegenheit vor die Versammlung gebracht
werden sollte" .
Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, wie außerordentlich notwendig es ist, daß sowohl Israel als auch Ägypten ihren
internationalen Verpflichtungen einschließlich des Waffenstillstandsabkommens unverzüglich und in vollem Umfange nachkommen. Eingedenk
ihrer Verpflichtungen durch die Charta der Vereinten Nationen, sollten
Israel und Ägypten die absolute Einhaltung der Waffenstillstandsbedingungen zur Grundlage ihrer Beziehungen machen. Die Generalversammlung hat in ihren verschiedenen Entschließungen, die sich mit diesem
Problem befassen, diese Notwendigkeit klar anerkannt. Ja, in ihrer
ersten Entschließung vom 2. November 195&amp; hat die Versammlung festgestellt, daß die so häufige Nichtbeachtung der Waffenstillstandsbedingungen seitens der beiden beteiligten Länder bereits die Feindseligkeiten vorbereitete, die dann Ende Oktober zum Ausbruch kamen.
Hat Israel erst einmal gemäß den Entschließungen der Generalversammlung den Abzug seiner Truppen beendet, so hat angesichts der von
den Vereinten Nationen zur Beilegung der Schwierigkeiten ergriffenen
Maßnahmen keine der beiden Parteien des Waffenstillstandsabkommens
mehr irgendeinen Anlaß, zu kriegerischem Vorgehen.
Die Vereinigten Staaten haben von Anfang an ihrer Überzeugung
eindeutig Ausdruck verliehen, daß nach dem Abzug der britischen, der
französischen und der israelischen Streitkräfte andere Verhältnisse
in diesem Raum zu schaffen seien. Wie Außenminister Dulles am 1. November 1956 vor der Generalversammlung erklärte: "Es muß etwas Besseres
an die Stelle der unsicheren V/affenstill Standsabkommen treten, auf die
sich in den letzten acht Jahren die Beziehungen Israels zu seinen arabischen Nachbarn gründeten" •
Die

�"AMERIKA DIENST*

6. März 1957

Die Vereinigten Staaten sähen es daher gerne, daß, sobald dies
irgend durchführbar erscheint, eine endgültige Regelung des PalästinaProblems vorgenommen wird - nämlich die Schaffung eines Friedens, wie
er in den Waffenstillstandsabkommen vorgesehen ist. In realistischer
Erkenntnis der Sachlage müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, daß
dies im Augenblick nicht zu erreichen ist. Daher ist es eine unserer
vernehmlichsten Aufgaben, in diesem Gebiet friedliche Verhältnisse und
Ruhe zu schaffen, indem wir jede Art der Aggression verhindern. Wenn
auch im gegenwärtigen Zeitpunkt eine endgültige Regelung durch einen
formellen Friedensvertrag nicht zu erreichen ist, so sind wir doch
der Ansicht, daß wir uns mit allen Kräften bemühen sollten, Ruhe und
Sicherheit in diesem Gebiet herzustellen, um eine möglichst baldige
friedliche Regelung vorzubereiten; in der Zwischenzeit haben sowohl
Israel als auch Ägypten ihren internationalen Verpflichtungen strikt
nachzukommen.
Sofern nach dem Abzug der israelischen Streitkräfte erneut Feindseligkeiten aufflammen sollten oder eine der beiden Parteien ihre internationalen Verpflichtungen einschließlich des Waffenstillstandsabkommens verletzen sollte, so müßten die Vereinten Nationen sich
mit der dadurch entstandenen neuen Situation befassen. Die Vereinigten
Staaten würden sich mit anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen
dahingehend beraten, welche geeigneten Maßnahmen sie oder die Vereinten Nationen ergreifen könnten, um Frieden und harmonische Verhältnisse in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des internationalen Rechts wiederherzustellen.
In derartig schwierigen Fragen haben die Vereinten Nationen
die in unserer Charta niedergelegte fundamentale Verpflichtung, Aggressionsakte aller Art oder andere Verstöße gegen den Frieden im Keime
zu ersticken, um auf friedlichem Wege und in Übereinstimmung mit den
Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen Rechts Streitigkeiten zwischen verschiedenen Ländern und alles, was zum Bruch des
Friedens führen könnte, beizulegen und wieder einzurenken. Wir wissen
auch, daß nach Artikel 2 der Charta die Mitgliedstaaten, sofern sie
in den Genuß der ihnen aus der Mitgliedschaft erwachsenden Rechte und
Vorteile gelangen wollen, nach bestem Wissen und Gewissen die ihnen
durch die Charta auferlegten Verpflichtungen erfüllen müssen, und daß
zu diesen Verpflichtungen auch die friedliche Beilegung etwaiger Streitigkeiten untereinander gehört, und daß sie von jeder gewaltsamen
Verletzung der territorialen Integrität anderer Staaten Abstand zu
nehmen haben.
Wir stehen heute an einem Wendepunkt in den langjährigen Bemühungen der Vereinten Nationen, in diesem unruhvollen Gebiet in Nahost Ruhe
und Ordnung zu schaffen. Wir haben soeben alle Israels Erklärung zur
Kenntnis genommen, daß es der Aufforderung der Generalversammlung
zum Abzug seiner Truppen Folge leisten wird. Nunmehr obliegt es allen
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, und insbesondere den unmittelbar betroffenen, sich uneingeschränkt an der Durchführung der vom Generalsekretär in seinem Bericht vom 24. Januar vorgeschlagenen und
von der Generalversammlung am 2. Februar gebilligten Maßnahmen zu beteiligen.
Erlauben

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"AMERIKA DIENST"

6. März 1957

Erlauben Sie mir auch darauf hinzuweisen, daß Ägypten in diesen
aufreibenden Wochen eine vorbildliche Geduld in der Behandlung der
Streitfragen an den Tag gelegt hat, denen wir uns heute gegenübersehen.
Wir vertrauen darauf, daß Ägypten auch in Zukunft in diesem Geiste handeln wird.
Desgleichen geben die Vereinigten Staaten ihrer aufrichtigen
Hochachtung für die unermüdlichen Bemühungen des Generalsekretärs
und seiner unmittelbaren Mitarbeiter zur Erreichung der in den Entschließungen der Generalversammlung formulierten Ziele Ausdruck.
Unsere Organisation hat das große Glück', an ihrer Spitze einen
Staatsmann und Diplomaten zu haben, der seine große Tatkraft und seine
ganze Klugheit tagaus tagein in den Dienst des Friedens stellt.
Aber Mr. Hammarskjoeld wird noch größere Aufgaben zu bewältigen
haben. Doch sind wir dessen gewiß, daß seine Weisheit und seine Geduld
uns auch in Zukunft helfen werden.
Wenn wir guten Willens und entschlossen sind, den in der Charta
der UN niedergelegten Zielen zu dienen, dann können wir auf dem Wege
zu einer friedlicheren, reicheren und glücklicheren Welt bedeutsame
Fortschritte machen.

* * * * *

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Allg./6.3.1957
GEMEINSAME ANSTRENGUNGEN ZUM WOHLE ALLER

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der Unterstaatssekretär für Fernost-Angelegenheiten im
US-Außenministerium, Walter S. Robertson, anlässlich einer Konferenz der Colombo-Plan-Staaten
ten gehalten hat.
Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute unter Ihnen weilen
zu können. Eine Ehre deshalb, weil meine Regierung stolz darauf ist,
mit dem Colombo-Plan schon seit den ersten Phasen des Aufbaus verbunden zu sein. Und ich freue mich, die Freunde wiederzusehen, die
ich und die übrigen Mitglieder meiner Delegation durch diese Verbindung nun schon seit geraumer Zeit Freunde nennen können.
Der Colombo-Plan ist eine bemerkenswerte Einrichtung. Seine Lebenskraft und Stärke ergeben sich, so glaube ich, aus der Einzigartigkeit des Zieles, das er verfolgt. Jedes Jahr kommen wir zusammen,
um miteinander zu beraten, Erfahrungen auszutauschen und Fortschritte
zu untersuchen, die in den dazwischenliegenden Monaten gemacht worden
sind.
Unsere Tagesordnung ist einfach und nicht mit Einzelproblemen
überlastet. Uns obliegen keine politischen oder militärischen Aufgaben in dieser unruhigen Zeit. Was uns zu enger Partnerschaft verbindet, ist die Tatsache, daß wir uns zum Ziele gesetzt haben, dem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt den Weg zu ebnen und in den
betreffenden Ländern einen höheren Lebensstandard zu erreichen.
Sie alle sind sich der Probleme bewußt, denen wir uns gegenübersehen. Ich werde nicht versuchen, die Probleme hier im einzelnen
darzulegen. Ich.möchte vielmehr gemeinsam mit Ihnen die geistige
Einstellung und die Ideen meines Landes erörtern, die es für diese
Konferenz und für diese Partnerschaft mitbringt.
Präsident Eisenhower brachte im März vergangenen Jahres in seiner Kongreßbotschaft über die amerikanische Auslandshilfe deutlich
zum Ausdruck, wie sehr er sich diesem Programm verpflichtet fühlt;
er sagte damals wörtlich:

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

6. März 1957

"Einer noch weniger fortgeschrittenen Nation bei ihren ersten
Bemühungen um den Aufbau einer Wirtschaft zu helfen, die Freiheit
und Unabhängigkeit zu erhalten und eine Gelegenheit zu bieten, den
Lebensstandard zu erhöhen, kann für unser Land die Aufschiebung wünschenswerter Projekte bedeuten. Wir müssen auch weiterhin zu solchen
Opfern bereit sein, denn was wir dafür im Interesse des Friedens gewinnen, ist den Preis wert."
Das amerikanische Hilfeprogramm für das laufende Haushaltsjahr
beläuft sich auf annähernd eindreiviertel Milliarden Dollar. Von diesen
1,75 Milliarden gehen etwa zwei Drittel nach Asien. Diese Tatsache gibt
ebenso wie auch die Jahresberichte des Colombo-Plans seit seiner Gründung bis auf den heutigen Tag Zeugnis davon, daß die Stärkung der
Wirtschaft in Asien eines der Hauptziele der amerikanischen Politik
geworden ist. Außenminister Dulles hat nur den Gedanken und dem Verantwortungsbewußtsein aller Ausdruck gegeben, wenn er sagte:
"Die Zeit ist vorbei, in der die Völker Asiens eine Führung
dulden, die sie wirtschaftlich und sozial auf dem toten Punkt hält
und bei der jede Generation auf dem Existenzminimum ein kümmerliches
Dasein fristet, ein Dasein, in dem die Lebenserwartung niedrig ist
und in dem die nächste Generation nichts Besseres zu erwarten hat."
Unser eigener Wunsch, diese Lebensaussichten zu verbessern, hat
seinen Ursprung in einer der am tiefsten verwurzelten amerikanischen
Traditionen. Wir sehen in den Bestrebungen vieler asiatischer Völker
ein Spiegelbild unserer eigenen Hoffnungen und unserer eigenen Geschichte. Wir erkennen in ihren Problemen viele der gleichen Probleme
wieder, vor die wir uns selbst gestellt sahen und die wir in der Zeit
unserer Gründerväter und des Ringens um den Aufbau einer neuen Republik
überwunden haben.
Auch auf wirtschaftlichem Gebiet gibt es da eine Verbindung zu
der Vergangenheit unseres Volkes. Für lange Zeit in unserer Geschichte
hatten wir, ebenso wie die Länder Asiens, eine Wirtschaft, deren Hauptaufgabe in der Produktion von Nahrungsmitteln für den Verbrauch im
eigenen Land und im Export von Rohstoffen für die Industrieländer der
übrigen Welt bestand. Es gibt heute noch viele Amerikaner, die sich
sehr wohl an diese Epoche in unserer Geschichte erinnern können. So
ist es auch verständlich, weshalb Amerikaner fasziniert von der Aussicht für die Völker Asiens sind, die jetzt versuchen, für sich ein
besseres und lohnenderes Leben zu schaffen, wie auch wir uns darum
gemüht haben und noch immer mühen. Die Völker Asiens werden von den
gleichen Grundsätzen geleitet - mögen sie sich auch dem Wortlaut nach
in den verschiedenen Sprachen unterscheiden -, nämlich "Leben, Freiheit
und Streben nach Glück" - die das Fundament unserer Unabhängigkeit sind.
Wir erkennen gemeinsam die über allem stehende Würde und den Wert
des Individuums an, und wir sind bestrebt, ihm dabei zu helfen, diese
ihm von Gott gegebenen Rechte zu erlangen und zu erhalten.
Wir

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

6. März 1957

Wir sehen ferner in den Bestrebungen der asiatischen Völker zur
Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage das Anbrechen eines neuen
Tages für alle Völker; denn wir wissen sehr wohl, daß eine stetig
wachsende Wirtschaft in einem Teil der Welt eine entsprechende Ausweitung in der übrigen Welt verlangt.
Oft wird die Frage gestellt: Welchen zwingenden Grund hat die
Regierung der Vereinigten Staaten, den Ländern Asiens wirtschaftliche
Hilfe anzubieten? Hierzu ist grundsätzlich folgendes zu sagen:
Bei der Durchführung unserer Programme setzen wir uns manchmal
Mißverständnissen aus. Im besonderen übt man manchmal an uns Kritik
für etwas, was als unnötige Komplizierung und Schwerfälligkeit in den
angewandten Verfahren betrachtet wird. Es heißt, diese Verfahren führten nicht nur zu Verzögerungen in der Durchführung, sondern könnten hie
und da sogar in die inneren Angelegenheiten des betreffenden Landes
eingreifen.
Manchmal werden diese Verfahren als "Gängelband" bezeichnet. Es
wäre viel einfacher für die betreffenden Regierungen, von allen Formularen und Berichten befreit zu werden. Aber es gehört nun einmal zu
den Aufgaben einer repräsentativen Demokratie, daß die Regierung für
die staatlichen Ausgaben verantwortlich zeichnet.
Das amerikanische Volk ist an den Ergebnissen dieser Programme
sehr interessiert. Eine Million Dollar mag in einer Zeit, in der Milliardenbeträge ausgegeben werden, eine verhältnismäßig kleine Summe sein.
Aber eine Million Dollar bedeutet eine Collegeausbildung für mehrere
Hundert Amerikaner oder die Anschaffung von Traktoren für 500 amerikanische Farmer. Die amerikanischen Bürger, die diese Million Dollar in
Form von Steuern aufbringen, bestehen darauf, daß die Verwendung dieser
Million Dollar für die vorgesehenen Zwecke gewährleistet wird. Dieser
Umstand macht die Verfahren erforderlich, die manchmal so kompliziert
erscheinen. Sie sind notwendig, um unseren Kongreß voll und ganz über
die Verwendung der von ihm bewilligten Gelder zu informieren.
Totalitäre Regierungen kümmern sich nicht um dieses Problem. Sie
haben ihrem Volk für keine ihrer Handlungen Rechenschaft abzulegen aus
dem einfachen Grund, weil ihr Volk nicht das geringste Mitspracherecht
besitzt.
Wir sind bemüht, unsere Verfahren zu vereinfachen und dennoch den
Forderungen des Kongresses nach allen wichtigen Informationen, die ihm
im Zusammenhang mit diesen Programmen zustehen, gerecht zu werden. Wir
wissen sehr wohl, daß ein Auslandshilfeprogramm, das zu Ressentiments
führt, falsch ist, gleichgültig, was damit sonst erreicht werden mag.
Lassen Sie mich dies noch etwas anders formulieren.
Die Art des Einvernehmens zwischen Asien und dem Westen, das ich
meine, umfaßt ganz speziell die Erkenntnis unsererseits, daß wir in
bezug auf irgendein Land gar nichtBanderes tun können als daß das, was

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

6. März 1957

was wir zu tun versuchen, im Sinne der Bevölkerung des betreffenden
Landes liegt. Nur die Asiaten selbst können bestimmen, welche Art
Hilfe sie von uns und den anderen Nationen wünschen, deren Vertreter
hier an diesem Tisch sitzen. Nur die Asiaten selbst können uns in
die Lage versetzen, mehr Verständnis für ihre Erfordernisse aufzubringen.
Andererseits hoffen wir, daß auch die Asiaten unsere Absichten
und Motive verstehen. Wir erwarten nicht, daß alle unsere Freunde mit
uns einer Meinung sind, aber wir Amerikaner hoffen zutiefst, daß man
uns versteht.
Dies gilt für die Gemeinschaft ebenso wie für den einzelnen. Soll
der elementare Wunsch eines Menschen von seinen Mitmenschen verstanden
werden, dann gilt dies gewiß auch für ganze Nationen, die weiter nichts
sind als die Summe der Einzelmenschen, die ihnen angehören.
Hierin unterscheiden wir uns in keiner Weise von anderen.
Aber da gib^t es ein weiteres Gebiet, auf dem die Bande, die die
hier anwesenden Nationen miteinander verknüpfen, sehr fest und stark
sind. Es ist dies unsere gemeinsame Liebe zur Freiheit für den einzelnen wie für die Nationen. Und, als Gegenstück zu dieser Liebe, ein
tiefverwurzelter und ewiger Haß gegen die Tyrannei in jeder Form.
Das eine steht fest, daß, solange es die Tyrannei und ihren Blutsbruder, den Krieg - oder die Drohung des Krieges - in der Welt gibt,
es keine echte Stabilität, keine Prosperität von Dauer geben kann.
Auch noch so sorgfältig ausgearbeitete kollektive Pläne für eine neue
Welt von Nationen, die in Frieden und Prosperität leben, die ihre Waren
und Dienstleistungen zum Wohle aller untereinander austauschen, sind
zum Scheitern verdammt, wenn nicht die Integrität und Unabhängigkeit
aller Nationen, ob große oder kleine, gewährleistet werden kann.
Gewiß sind wir uns alle darüber einig, daß die edlen Absichten
und friedlichen Ziele solcher kollektiver Anstrengungen, zu denen beispielsweise der Colombo-Plan gehört, scheitern müssen, wenn der Welt
nicht die Schrecken eines neuen Weltkrieges erspart bleiben. Die Anwesenheit eines jeden einzelnen von uns hier ist Beweis genug für unsere Überzeugung, daß der Krieg verhindert werden kann und muß. Selbst
wenn wir hinsichtlich der Wirksamkeit der Mittel nicht immer einer Meinung sind , so sind wir uns doch über das Ziel und im Glauben einig.
Und so kommen wir fast unweigerlich zu einem Thema, bei dem sich
die schlimmsten Befürchtungen der Menschheit mit ihren hochfliegendsten
Träumen vereinen. Es ist dies das Thema Atomkraft.
Auf der Konferenz der Colombo-Plan-Staaten in Singapur vor einem
Jahr machte die Delegation der Vereinigten Staaten den Vorschlag, daß
die asiatischen Länder sich gemeinsam darum bemühen, die Fachkräfte
heranzubilden, die, für die volle Ausschöpfung der Möglichkeiten einer
friedlichen Nutzung der Atomenergie unerlässlich sind. Meine Regierung

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6. März 1957

Regierung wies darauf hin, daß die Errichtung einer Zentralstelle für
Kernforschung und Ausbildung mit Förderung des Colombo-Plans ein logischer Anfang wäre. Die Vereinigten Staaten deuteten an, daß sie bereit wären, einen wesentlichen Beitrag zur Errichtung eines solchen Zentrums zu leisten.
Ich möchte nunmehr einen kurzen Fortschrittsbericht über die Maßnahmen geben, die im vergangenen Jahr' zur Förderung dieses Projekts
unternommen worden sind. Gleichzeitig möchte ich über weitere Maßnahmen sprechen, die eventuell unternommen werden, um es sobald wie nur
irgend möglich Wirklichkeit werden zu lassen.
Sie werden sich erinnern, welch freundliche Aufnahme dieser Vorschlag im vergangenen Jahr erfahren hat. Die erste Entscheidung, die
nach der Konferenz getroffen werden mußte, betraf den Ort, an dem dieses
Forschungszentrum errichtet werden sollte. Nachdem die Vereinigten Staaten hatten wissen lassen, daß ein solches Projekt ihr Interesse fände,
erklärte man sich von verschiedener Seite zur Aufnahme dieses Zentrums
bereit. Sie alle werden verstehen, wie schwierig es ist, hier die endgültige Wahl zu treffen. Nach sorgfältigem Abwägen aller Faktoren wurde
schließlich Manila, die Hauptstadt der Philippinen, gewählt.
Es gab noch viele Fragen, für die eine Antwort gefunden werden
mußte. Dazu gehörten auch die Art des ganzen Aufbaus einer solchen Institution, ihre Ziele und Erfordernisse, wenn sie den Bedürfnissen
dieses Raumes in zufriedenstellender Weise Rechnung tragen sollte.
Das Verfahren der Finanzierung und die Probleme, mit denen in den
Phasen der Gründung und des Aufbaus gerechnet werden mußte, machten
ebenfalls vordringliche Untersuchungen notwendig. Man war sich von Anfang an darüber klar, daß das Forschungszentrum Wegbereiter für die
Anwendung der Kernenergie bei der Lösung regionaler Probleme in Landwirtschaft, Medizin und Industrie sein müsse.
"Wenn eine solche Institution Lebenskraft haben und den Bedürfnissen der asiatischen Welt auf diesem neuen Gebiet gerecht werden
soll", so erklärte im vergangenen Jahr Mr. John Hollister, der Direktor de» US-Amtes für Internationale Zusammenarbeit, "dann muß sie fest
in den Interessen und in der Unterstützung Asiens verankert sein. Das
Forschungszentrum, so wie wir es uns vorstellen, würde für Studenten
aus diesem Räume errichtet, an ihm würden in der Hauptsache Wissenschaftler aus diesem Räume unter der Direktion einer Easiatischen Verwaltung und mit Unterstützung von Regierungen aus dem asiatischen Raum
arbeiten. Den asiatischen Mitgliedstaaten des Colombo-Planes würde es
obliegen, das Zentrum aufzubauen und zu unterhalten und den Arbeitsstab zu stellen. Die Früchte dieser Bemühungen würden ebenfalls Asien
zufallen."
Als bester Weg, über die erste Reaktion Asiens auf dieses Programm Klarheit zu gewinnen und den Umfang der damit verbundenen Probleme
abzuschätzen, schien uns eine Untersuchung an Ort und Stelle. Die Regierung der Vereinigten Staaten veranlaßte daher das Brookhaven National

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National Laboratory, eine von neun bekannten amerikanischen Universitäten getragene nichtstaatliche Organisation, eine Gruppe führender
Kernwissenschaftler in die hier vertretenen asiatischen Länder zu entsenden. Ihre Aufgabe war es, mit einheimischen Wissenschaftlern und
Regierungsbeamten Fühlung zu nehmen und ein Gutachten über die Errichtung des geplanten Forschungszentrums auszuarbeiten.
Ein Bericht der Brookhaven-Gruppe ist inzwischen der amerikanischen
Regierung unterbreitet worden. Kopien davon sind nunmehr verfügbar und
wurden jeder Delegation zugeleitet.
Meine Regierung hofft, daß wir jetzt rasch zur Realisierung dieses
Planes schreiten können. Hinsichtlich der Bildung einer Arbeitsgruppe,
die die im Brookhaven-Bericht angeschnittenen Probleme erörtert und
allen beteiligten Regierungen besondere Empfehlungen zur Lösung dieser
Probleme unterbreitet, sind wir gerne bereit, in Konsultationen mit
jedem von Ihnen detailliertere Vorschläge zu machen.
Daß es noch eine Anzahl wichtiger Probleme gibt, für deren Lösung
Gruppe nempfehlungen erforderlich sind, ist aus dem Bericht klar ersichtlich.
In dem Bericht heißt es unter anderem wörtlich: "Um die gesteckten
Ziele erreichen zu können, muß das Forschungszentrum über bestqualifizierte Mitarbeiter der verschiedensten Fachrichtungen verfügen. Die
Verpflichtung qualifizierter Wissenschaftler wird eines der Hauptprobleme
sein, und es ist zu erwarten, daß der Mitarbeiterstab mit der Erweiterung des Programms wesentlich wächst. Wenn auch schließlich der wissenschaftliche Mitarbeiterstab sich aus den beteiligten asiatischen
Ländern rekrutieren soll, so wird man doch in der ersten Zeit auf Fachleute aus den westlichen Ländern zurückgreifen müssen.
Ein leistungsfähiges Forschungszentrum muß über Laboratorien und
Forschungseinrichtungen in den wichtigsten Wissenschaftszweigen ebenso
verfügen wie über allgemeine Einrichtungen der kernphysikalischen Forschung, beispielsweise über einen Forschungsreaktor, ein Strahlenlaboratorium, Strahlungsquellen und ein Isotopenlaboratorium, ferner über
umfangreiche Spezialanlagen für die angewandte Forschung in Medizin,
Landwirtschaft und Industrie.
Angesichts des überaus großen Mangels an geschultem Fachpersonal
muß ein Lehr- und Ausbildungsprogramm in Angriff genommen werden. In
den ersten Jahren würde das Schwergewicht auf die Ausbildung und die
unmittelbare Anwendung kernphysikalischer Verfahren zur Lösung regionaler Probleme gelegt werden. Es liegt der Plan für ein Studenten-Ausbildungsprogramm vor, mit dessen Durchführung unmittelbar nach Genehmigung des Forschungszentrums begonnen werden soll. Für eine Sonderausbildung der zur Mitarbeit vorgesehenen Wissenschaftler müßte ebenfalls
sobald wie möglich Sorge getragen werden.
Auf

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Auf dieser Grundlage", so heißt es abschließend in diesem Bericht,
"wird die Schaffung eines asiatischen Kernforschungszentrums als durchaus möglich erachtet. Ein solches Zentrum dürfte auch in hohem Maße
zur wissenschaftlichen und technischen Entwicklung in diesem Gebiet
beitragen."
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist nach einer sorgfältigen
Untersuchung der finanziellen Implikationen des Brookhaven-Berichtes
bereit, etwa 20 Millionen Dollar für die Errichtung dieses Kernforschungszentrums zur Verfügung zu stellen. Diese Summe ist als Beitrag für die
Errichtung und den Betrieb der Anlagen in der Anlaufzeit gedacht. Dieser Beitrag wird unter der Voraussetzung gewährt, daß eine befriedigende Vereinbarung mit den übrigen Teilnehmerstaaten zustande kommt.
Der Bericht läßt auch erkennen, daß die Colombo-Plan-Staaten voraussichtlich auf Jahre hinaus nicht von sich aus in der Lage sind, die für
den Betrieb des Forschungszentrums benötigten wissenschaftlichen Fachleute und Verwaltungskräfte zu stellen. Deshalb, so wird in dem Bericht
gefolgert, müßten die Vereinigten Staaten bereit sein, dafür Sorge zu
tragen, daß die für die Besetzung der Spitzenpositionen benötigten Fachkräfte von außerasiatischen Ländern herangeholt werden. Besonders in
der Anfangsphase wird es von größter Bedeutung sein, ein erfolgreiches
und nutzbringendes Arbeiten des Forschungszentrums zu gewährleisten.
Meine Regierung, die während dieser Phase damit rechnet, einen erheblichen Beitrag in Form von Fachkräften, Geld, Material und technischem
Wissen leisten zu müssen, hat größtes Interesse daran, daß diese im
gemeinsamen Interesse so nutzbringend wie nur möglich eingesetzt werden.
Wir werden zur Lösung dieser Frage Vorschläge unterbreiten, die nach
unserer Ansicht alle Beteiligten zufriedenstellen, und wir werden sie
Ihren Regierungen zu gegebener Zeit zuleiten. Dann sind da weitere Fragen im Zusammenhang mit Personal, Finanzierung und Organisation, die
von gemeinsamem Interesse sind, über die aber unsere Meinungen noch
nicht in vollem Umfange festliegen. Überdies läßt die Vielschichtigkeit
dieser Angelegenheiten ratsam erscheinen, sie statt auf einer Konferenz
wie dieser im einzelnen zu erörtern.
Aus dem Studium des Brookhaven-Berichtes ergibt sich eindeutig,
daß dieses Projekt nur durch uneingeschränkt kooperative Maßnahmen
zu dem Erfolg gelangen kann, den es seiner Bedeutung nach erreichen
muß.
Meine Regierung ist überzeugt, daß dieser Gemeinschaftsplan für
die friedliche Nutzbarmachung der Kernenergie in Asien Möglichkeiten
ohne Grenzen eröffnet. Wir sehen in diesem ersten kernphysikalischen
Ausbildungszentrum in Asien einen Schrittmacher für Lehrstätten auf
dem Gebiet dieser technischen Wissenschaft, die von allen, die die
Menschheit bis jetzt kennt, am weitesten vorstößt und bisher bestehende
Grenzen einfach niederreißt.
Wenn das Forschungszentrum sein hohes Ziel zu erreichen vermag, wird
dies eine der wichtigsten Errungenschaften des Colombo-Plans überhaupt
sein. Kühn und konstruktiv wird es der Welt demonstrieren, aus welchem
Geist der Plan geboren wurde und seine wachsende Lebenskraft erhält:
den Geist des gemeinsamen Bemühens zum Wohl aller.
(Diese Rede wurde am 5« Dezember 195&amp; gehalten)
* * * * *

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DIE SEATO

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EIN BOLLWERK DER FREIEN WELT

CANBERRA - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der
amerikanische Außenminister, John Poster
Dulles, am 11.März 1957, anläßlich der Eröffnung der Tagung des SEATO-Rates in der
australischen Hauptstadt Canberra gehalten
hat.
Es ist mir eine große Genugtuung, daß ich heute zum dritten
Male als Vertreter der Vereinigten Staaten an einer Jahrestagung
des SEATO-Rates teilnehmen darf. Es ist durchaus angebracht, daß
wir uns hier versammeln, um uns Rechenschaft über unsere Stärke
im Bereich des Südostasien-Paktes zu geben, der von lebenswichtiger
Bedeutung für uns ist. Wir schätzen uns glücklich, daß diese Zusammenkunft in dem so gastfreundlichen Land Australien stattfindet.
Während der drei Jahre, die seit der Unterzeichnung unseres
Verteidigungsbündnisses verstrichen sind, hat sich die Südostasienpakt-Organisation als ein starkes Bollwerk erwiesen. Sie
hat in hohem Maße dezu beigetragen, daß alle Mitgliedstaaten
im wesentlichen in Frieden und Sicherheit leben konnten. Die
SEATO ist ein wirksames Instrument gegen Aggression und umstürzlerische Kräfte.
Diese Tatsache hat konstruktive Entwicklungen auf den verschiedensten Gebieten begünstigt. Die Verhältnisse im Bereich des
SEATO-Paktes haben sich, wie man überall sehen kann, sehr stabilisiert. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist die Einheit und
Stärke, die ein Land wie die Republik Vietnam entwickelt hat. Ein
ernstes Problem stellt aber nach wie vor Laos dar, wo der Weltkommunismus in Mißachtung des Genfer Waffenstillstandsabkommens
nach wie vor die aufrührerischen Kräfte des Pathet-Lao unterstützt.
Die Republik Korea, Japan und die Republik China liegen zwar
außerhalb des Vertragsgebietes, es besteht jedoch eine enge Bindung
zu ihnen insofern, als die Vereinigten Staaten Kollektivverteidigungsverträge mit diesen anderen freien Nationen Asiens geschlossen haben.
Deshalb sei hier die Feststellung erlaubt, daß auch diese drei freien
Staaten zunehmend an Stärke gewinnen.
Der
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"AMERIKA DIENST"

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195?

Der politische Fortschritt im Bereich des SEATO-Paktes läßt
sich auch an der Tatsache ablesen, daß der Malaiische Staatenbund
bald seine völlige Unabhängigkeit erhalten wird. Bezüglich Singapur
sind gegenwärtig freundschaftliche und fruchtbringende Gespräche
im Gange.
In der Zeit des Bestehens der SEATO haben die freien Staaten in
diesem Gebiet ordnungsgemäße Wahlen auf Landesebene durchgeführt} es
war ihnen auch möglich, ihre Vorstellungen vom allgemeinen Wahlrecht
und von freien Wahlen in die Tat umzusetzen. Sämtliche Mitgliedstaaten
konnten erhebliche Fortschritte auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet erzielen.
Ein lebhafter Austausch offizieller Besuche zwischen den freien
asiatischen Staaten hat mit dazu beigetragen, daß neue Bande der
Freundschaft und des gegenseitigen Verständnisses geknüpft werden konnten. Ein nützlicher Austausch fand auch zwischen den freien asiatischen
Völkern und dem Westen statt. Erst kürzlich hatte ich das Vergnügen,
in meinen Diensträumen den tausendsten thailändischen Besucher zu
empfangen, der im Rahmen des technischen Ausbildungsprogrammes des
Amtes für internationale Zusammenarbeit (iCA) nach den Vereinigten
Staaten gekommen war.
Durch einen solchen Austausch zwischen den Ländern lernt das
amerikanische Volk die alte Kultur und die derzeitigen Aspirationen
der freien asiatischen Völker kennen. Ich hoffe, daß diese Menschen
umgekehrt auch wertvolles Wissen sammeln, das ihnen sowohl in ihrer
persönlichen Laufbahn zugute kommen als auch zum Glück und zur Wohlfahrt
ihrer Völker beitragen wird.
Die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und ihren
asiatischen Bündnispartnern wird auch weiterhin über bilaterale Abmachungen über wirtschaftliche Hilfe, technische Unterstützung und
einen Kulturaustausch fortgeführt. Hierzu rechnet auch das von uns
kürzlich in Angriff genommene Programm der SEATO-Kulturbeihilfen.
Von großem Nutzen sind auch unsere Teilnahme am Colombo-Plan und
der UN-Wirtschaftskommission für Asien und den Fernen Osten (ECAFE)
sowie unsere zweiseitigen Abkommen über den Austausch von Informationen und Materialien im Zusammenhang mit den Bemühungen um die friedliche Nutzung der Atomenergie.
Die Colombo-Plan-Staaten prüfen gegenwärtig die Pläne für die
Errichtung eines asiatischen Atomforschungszentrums in Manila, für
das die Vereinigten Staaten die Bereitstellung erheblicher technischer und finanzieller Hilfe zugesichert haben. Unsere gegenseitigen
Sicherheitspakte, zu denen auch der SEATO-Pakt gehört, sind weitere
Manifestationen derselben Absichten. Niemand, weder Freund noch
Feind, sollte daran zweifeln, daß sich das amerikanische Volk in
dem Entschluß einig ist, den aus diesen Verträgen erwachsenden Verpflich
tungen voll nachzukommen und daß entsprechende Machtmittel - an geeigneter Stelle postiert - hinter dieser Entschlossenheit stehen.
Wir
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15. M ärz 1957

Wir müssen aber unseren Blick noch über die Grenzen des Bereichs des
SEATO-Paktes hinaus schweifen lassen. Die Ereignisse in anderen Teilen
der Welt verliefen dramatisch und sind sehr lehrreich. Seit wir zum
letzten Mal zusammengekommen sind, wurde uns mit einer jeden Zweifel
ausschließenden Deutlichkeit demonstriert, daß die materialistische
Herrschaft des Kommunismus niemals die Ziele und Wünsche zu erfüllen
vermag, mit denen der Mensch von seinem Schöpfer ausgestattet worden
ist.
Die Machthaber in der Sowjetunion mußten dem Kommunismus Stalinscher Prägung abschwören. Sie sahen sich sogar genötigt, ihrem Volk,
wenn auch langsam, mehr persönliche Sicherheit, größere Gedanken- und
Gewissensfreiheit und einen höheren Anteil an den Früchten seiner
Arbeit zuzugestehen.
In Polen und Ungarn reichten 12 Jahre der geistigen Durchdringung
nicht aus, die Jugend glauben zu machen, daß das sowjetische System
ihren nationalen oder individuellen Wünschen entspreche. Im gesamten
Gebiet der Satellitenstaaten regt sich der Widerstand gegen den brutalen Kolonialimperialismus und die Ausbeutungspolitik der Sowjets.
Wir können daraus mit Sicherheit schließen, daß es sich beim
internationalen Kommunismus, dem gegenwärtig viele Völker Asiens
unterworfen sind, um eine vorübergehende und nicht um eine ständige
Erscheinung handelt. Auf der anderen Seite haben die Entwicklungen in
anderen Teilen der Welt einen Charakter angenommen, der es uns geraten
scheinen läßt, weiter auf der Hut zu bleiben. Als es den in Ungarn
stehenden Einheiten der Roten Armee nicht gelang, den Volksfiufstand
zu unterbinden, fielen sowjetische Divisionen einfach in das Land ein
und brachen jeden Widerstand. Unter dem Schutz von Panzern metzelten
sie das ungarische Volk brutal nieder, das seinem Verlangen nach Freiheit Ausdruck gegeben hatte.
Dieses Vorgehen der sowjetischen Machthaber erfolgte im Widerspruch zu den wiederholten Aufforderungen der Vereinten Nationen, sich
eines bewaffneten Angriffs gegen einen Mitgliedstaat zu enthalten.
In Verletzung der Charta der Vereinten Nationen haben die
sowjetischen Machthaber ständig versucht, im Nahen Osten Unruhe
zu stiften. Wenn immer es den Anschein hatte, daß sich die in diesem
Gebiet bestehenden-Schwierigkeiten auf friedlichem Wege würden lösen
lassen, haben sich die Sowjets eingemischt und durch eine hinterhältige Propaganda und große Waffenlieferungen versucht, die Völker
dieser Gebiete aufeinander zu hetzen. Diese Handlungen stehen ebenfalls im klaren Widerspruch zu den von ihnen eingegangenen Verpflichtungen, sich um eine Regelung internationaler Strei4
auf friedlichem Wege und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des Völkerrechts zu bemühen.
Wir müssen uns ein für allemal darüber klar sein, daß der WeltKommunismus keine Rücksicht auf Legalität oder Humanität oder auf die
moralischen Kräfte der Weltmeinung nimmt, wie sie in der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Ausdruck kommen. Aus diesen Gründen ist er bestenfalls nur eine vorübergehende, wenn auch schmerzliche
Episode in der Geschichte der Menschheit.
Die

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13• März 1957

Die offene Unterstützung, die Rotchina dem sowjetischen
Kolonialismus und Imperialismus gewährt und die Art, wie dieses
Land die sowjetische Herausforderung gegenüber den Vereinten
Nationen unterstützt, wirken sich für alle freien Nationen unheilvoll aus. Diese Politik ist eine ernste Warnung für uns und
zeigt den wahren Charakter des rotchinesischen Regimes.
Diese Politik unterstreicht auch, welch bleibende Bedeutung
der militärischen Seite der SEATO - der Arbeit unserer Militärberater und unseren gemeinsamen militärischen Planungen -, zukommt.
Diese haben sich insgesamt als sehr wirksam erwiesen.
Vor einem Jahr habe ich in Karatschi erklärt, daß die Erfolge
unserer Handelspolitik und unserer wirtschaftlichen uni kulturellen
Austauschprogramme Nachahmer finden würden. Diese Nachahmer, so
sagte ich, würden solche Programme für völlig andere Zwecke verwenden. Unsere Absicht ist, diese freien Völker im Aufbau zu unterstützen. Ihr Ziel dagegen ist die Vernichtung der Freiheit und
Unabhängigkeit der Völker.
Ich habe ferner vorausgesagt, daß die führenden Persönlichkeiten der freien asiatischen Länder, die bei der Gewinnung der Unabhängigkeit ihrer Länder so hohe politische Fähigkeiten entwickelt haben, ohne Schwierigkeit zwischen Freiheit und Unterdrückung zu unterscheiden vermögen. Sie würden die Unterdrücker
erkennen, selbst wenn sie sich in den gestohlenen Mantel der
Freiheit hüllen.
Ich glaube nicht, daß sich auch nur einer der Führer Asiens
hat täuschen lassen. Einige unter ihnen mögen sich nicht voll und
ganz der Gefahr bewußt sein, die ihnen von den zahlreichen dunklen
Kräften droht, deren sich die kommunistischen Verschwörer aus alter
Tradition zu bedienen pflegen.
Loch liegen bereits Beweise dafür vor, daß die Regierungen verschiedener freier Länder Asiens Maßnahmen ergreifen werden, um der
kommunistischen Durchsetzung der Schulen, der Gewerkschaften und
der Minderheiten zu begegnen. Damit ist ein hoffnungsvoller Anfang
gemacht, um einer großangelegten und ständig wachsenden Gefahr entgegenzutreten.
Wir als Mitglieder der SEATO können, wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen, über die gefährdeten Gebiete hinaus unsern Einfluß erweitern. Zuerst jedoch wollen wir einmal unser eigenes
Haus in Ordnung bringen. Wir wollen den Köder der Kommunisten
nicht schlucken und nicht in die Falle gehen, die sie uns mit
Handels- und Hilfsangeboten stellen. Lassen Sie uns gemeinsam
die kommunistische Technik der Unterminierung klar anprangern.
Lassen Sie uns gemeinsam auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet
fortschreiten. Lassen Sie uns unser Erziehungswesen ausbauen.
Lassen Sie uns unsere Minderheiten gerecht behandeln und ihnen
Schutz gewähren. Lassen Sie uns tüchtige Gewerkschaftsführer ausbilden. Auf solche Weise können wir viel tun, um anderen freien
Nationen zu beweisen, wie sich die traditionellen Kanäle kommunistischer Infiltration wirksam verstopfen lassen.
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13. März 1957

Von den verschiedenen Ausschüssen der SEATO sind großangelegte
Planungen durchgeführt worden, um ihre Mitgliedstaaten bei der
Erreichung dieses Zieles zu unterstützen. Ich beglückwünsche all
diejenigen, die dabei mitgeholfen haben, den Grundstein für diese
Aktivität der SEATO sowie die Zusammenarbeit auf zahlreichen anderen Gebieten zu legen. In den kommenden Monaten und Jahren werden
wir diese Pläne verwirklichen und erweitern müssen. Ich bin überzeugt, daß wir durch diese Konferenz hier in Canberra einen großen
Beitrag zur Verwirklichung dieser Zielsetzungen leisten werden.

* * * * *

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A1U./13.5.19-57

DULLES:

USA HALTEN AN BISHERIGER CHINA-POLITIK FEST

CANBERRA - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Erklärung des US-Außenministers John Foster Dulles vom 12.März 1957
auf der SEATO-Konferenz in Canberra zur amerikanischen Chinapolitik.

"Die Vereinigten Staaten halten weiterhin entschlossen an den
drei Hauptaspekten ihrer China-Politik fest, das heißt, sie erkennen die Republik China an, sie erkennen die sogenannte Volksrepublik China nicht an, und sie widersetzen sich der Aufnahme
dieser 'Volksrepublik' in die Vereinten Nationen als akkreditierten Repräsentant der - wie es in der Charta heißt - 'Republik
China'.
Diese Politik ist nicht allein ein Ausdruck der gefühlsmäßigen Abneigung gegenüber dem chinesischen Kommunismus; obwohl das Credo und die Praktiken der chinesischen Kommunisten
uns in der Tat widerwärtig sind.
Auch will unsere Politik nicht lediglich eine gefühlsmäßige Loyalität gegenüber der Republik China zum Ausdruck
bringen; obwohl wir gegenüber einer Regierung, die sich selbst
in den dunkelsten Tagen des zweiten Weltkrieges der Sache der
Alliierten gegenüber treu verhielt, eine Loyalität empfinden.
Unsere Politik wird in erster Linie durch Erwägungen von
nationalem und, wie wir glauben, von internationalem Interesse
bestimmt.
In erster Linie stellen wir uns die Frage: Wird den Interesse© der Vereinigten Staaten durch diplomatische Anerkennung
des kommunistischen Regimes in China gedient? Die Antwort hierauf
ist unserer Ansicht nach eindeutig negativ.
Die diplomatische Anerkennung: des kommunistischen Regimes
in China durch die Vereinigten Staaten würde keinen nationalen
Zwecken dienen, jedoch die gegen uns und unsere Verbündeten gerichteten feindseligen Einflüsse stärken und ermutigen sowie
weiter Länder gefährden, deren Unabhängigkeit in Beziehung zu
unserem eigenen Frieden ufid unserer eigenen Sicherheit steht.

In

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13. März 1957

In diesem Zusammenhang weisen wir darauf hin, daß Millionen
von ausgewanderten Chinesen aus allen Schichten der Bevölkerung
in den freien asiatischen Ländern leben. Auch heute noch stehen
viele, vielleicht sogar die meisten von ihnen, der Republik China
loyal gegenüber, die gegenwärtig ihren Sitz auf Pormosa hat und das
China symbolisiert, das sie kennen. Wir können nur Nachteile und
keinen Gewinn in Maßnahmen sehen, die diese im Ausland lebenden
Chinesen geneigter machen würden, der subversiven Politik des
kommunistischen Regimes in China zu dienen.
Wenn wir diese Frage vom Standpunkt der Vereinten Nationen
aus untersuchen, so kommen wir zu einem ähnlichen Schluß. Die
Vereinten Nationen würden nicht gestärkt werden, wenn die Kommunisten China dort repräsentieren würden, und wir können nicht einsehen, daß sie irgendein Recht hierzu haben.
Die UN-Charta will, daß sich die Mitglieder nur aus friedliebenden Regierungen zusammensetzen, die in der Lage und gewillt sind,
ihre unter der Charta übernommenen Verpflichtungen durchzuführen.
Es liegen keine Anzeichen .dafür vor, daß das chinesische kommunistische Regime China in einem Geiste vertreten würde, wie ihn die
Charta fordert.
Die chinesischen Kommunisten haben die Vereinten Nationen in
Korea bekämpft und stehen immer noch als Aggressor gegen die Vereinten Nationen verurteilt da. Sie haben Tibet mit Gewalt besetzt.
Sie haben den Krieg in Indochina gefördert. Sie haben sich geweigert, in bezug auf Formosa und die Pescadores jeglicher Zufluchtnahme zu einem Krieg als Instrument ihrer Politik zu entsagen.
Ihr Verhalten gegenüber anderen Nationen und deren Bürgern weist
nicht die Toleranz und die gutnachbarlichen Beziehungen auf, die
von Mitgliedern der Vereinten Nationen erwartet werden.
Wenn es dem kommunistischen Regime erlaubt würde, die Republik China in den Vereinten Nationen zu vertreten, so würde es
wahrscheinlich auch als Ständiges Mitglied und mit Vetorecht ausgestattet einen Sitz im Weltsicherheitsrat erhalten. Dieser
Sicherheitsrat ist das Gremium, dem die Charta die Hauptverantwortung
für die Erhaltung von Frieden und Sicherheit im Einklang mit den
Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts übertragen hat.
Es würde grotesk sein, wenn diese hohe Verantwortung einem Regime
übertragen würde, das selbst als bewaffneter Aggressor gegen die
Vereinten Nationen verurteilt dasteht und das selbst am stärksten
gegen die Gerechtigkeit und das Völkerrecht verstoßen hat.
Die Vereinten Nationen sehen sich einer immer größer werdenden Verantwortung gegenüber. Wir können uns nicht sträflicher
dieser Verantwortung entziehen, als daß wir den chinesischen Kommunisten eine Gelegenheit einräumen, dort Unheil anzustellen.
Wir glauben, daß diese Politik der Vereinigten Staaten nicht nur
in unserem eigenen Interesse und im Interesse der freien Welt, sondern
daß sie auch im Interesse des chinesischen Volkes selbst ist, zu dem
das amerikanische Volk historische Bande der Freundschaft hat."
* * * # *
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KOMMUNIQUE DER SEATO-RAT-TAGUNG IN CANBERRA

CANBERRA - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut des Kommuniques über die
dritte Jahrestagung des Rates der SüdostasienOrganisation (SEATO), das am 13.März 1957 in
der australischen Hauptstadt Canberra veröffentlicht wurde.

Die Pläne zur Konsolidierung und weiteren Beschleunigung des
Portschrittes, der in der Wahrung der Freiheit aller Länder in Südostasien erzielt worden ist, wurden vom Rat der Südostasien-Organisation (SEATO) auf seiner dritten Tagung gebilligt, auf der
R.G. Casey, der Außenminister Australiens, den Vorsitz führte.
Diese Pläne sehen vorl
Die Aufrechterhaltung der Verteidigungskapazität der Mitgliedstaaten des Vertrages, um einer bewaffneten Aggression wirksam entgegentreten zu können.
Die Ausweitung der Bestrebungen, jede von außen gelenkte umstürzlerische Tätigkeit aufzudecken, in ihrem gesamten Ausmaß zu
erkennen, bloßzustellen und zu bekämpfen.
Die Entwicklung der wirtschaftlichen Hilfsquellen der Signatarmächte, insbesondere der asiatischen Mitgliedstaaten, durch
Maßnahmen innerhalb und außerhalb der SEATO.
Verteidigungspläne - Die Minister sind der Auffassung, daß
die Kräfte des Weltkommunismus nach wie vor auf ihr eigentliches
Ziel der Weltherrschaft hinarbeiten, auch wenn die unmittelbare Bedrohung des Friedens in Südostasien geringer geworden ist.
Der
Asien in
ist. Die
vietnams

Rat stellte fest, daß die sogenannte Friedensfront in
Wirklichkeit eine Front von Millionen bewaffneter Männer
militärische Stärke des kommunistischen Chinas und Nordwird fortlaufend erhöht.

Unter den gegebenen Umständen kam der Rat überein, daß die
SEATO nicht in ihrer Wachsamkeit nachlassen dürfe und ihre Kapazität zur Abschreckung vor einer Aggression und zu ihrer Abweisung
beibehalten müsse. Angesichts der Bedrohung, die ihrerseits nicht
statisch ist, mehren die SEATO-Mitgliedstaaten durch gemeinsame
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13. März 1957

gemeinsame Anstrengungen fortlaufend und in Anpassung an die jeweiligen Umstände ihre Kapazität, um ihrer Herr zu werden. Wenn
sich die Kommunisten nunmehr aus taktischen Erwägungen heraus
dazu entschlossen haben, ihren Druck im gegenwärtigen Zeitpunkt
durch andere als militärische Mittel zur Geltung zu bringen, so
bedeutet das nicht, daß sie nicht versuchen werden, jede Schwäche in
der militärischen Bereitschaft der SEATO für sich auszubeuten, sofern sich ihnen eine Gelegenheit hierzu bieten sollte.
Als Ergebnis der Arbeit der militärischen Berater im Verlaufe
des vergangenen Jahres sind die SEATO-Regierungen einer Meinung
hinsichtlich der Natur der kommunistischen Drohung in dem von dem
Vertrag erfaßten Raum sowie der Art der militärischen Maßnahmen,
die zu seiner Verteidigung erforderlich wären.
Die militärische Planung ist ein kontinuierlicher Prozeß und
wird durch die Errichtung eines ständigen militärischen Planungsamtes in Bangkok, in dessen Stab alle Mitgliedstaaten vertreten sind,
unterstützt.
Die enge Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften der Mitgliedstaaten wird durch Ausbildungsübungen unter kriegsmäßigen Bedingungen gefördert, die von den militärischen Beratern der SEATO angesetzt werden.
Bekämpfung umstürzlerischer Tätigkeit - Der Rat ist der Ansicht,
daß die militärische Bedrohung des Raumes schon allein durch die
Existenz der SEATO und des kollektiven Verteidigungssystems, wie es
die Partnerstaaten der Organisation repräsentieren, in Schach gehalten wird. Das Schwergewicht kommunistischer und kommunistisch inspirierter Taktiken in dem betreffenden Gebiet muß sich deshalb weiterhin von offener Drohung mit Gewalt auf elastischere Taktiken der Infiltration ohne direkte Gewaltanwendung und der ünterminierung nichtkommunistischer Staaten verlagern, was in manchen Fällen mit bewaffneten Aufständen einhergeht.
Da der Rat der Auffassung ist, daß die Kenntnis dieser Tatsachen in der Öffentlichkeit - nämlich wie und wo der Tatbestand
umstürzlerischer Tätigkeit gegeben ist - eine wesentliche Voraussetzung für wirksame Gegenmaßnahmen darstellt, kam er überein, seine
zivile Organisation anzuweisen, die Arbeit hinsichtlich der Aufdeckung und Klarstellung aller Phasen umstürzlerischer Taktiken zu
intensivieren, die Ergebnisse dieser Arbeit den Mitgliedregierungen
bekanntzugeben und sie durch die öffentliche Meinung nachprüfen zu
lassen.
Damit hat der Rat ganz spezifische Projekte zur Entlarvung solcher Tätigkeit gutgeheißen. Das Unterlagenmaterial für diese Projekte
werden Analysen des Sachverständigenausschusses für Sicherheitsfragen
und Informationen bilden, die die Untersuchungszentrale der SEATO
sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten zur Verfügung stellen.
Der Rat war sich bewußt, daß die Bekämpfung der Wühltätigkeit in
erster Linie Aufgabe jeder einzelnen Regierung ist, die dabei, wenn
nötig, von den befreundeten Staaten unterstützt wird. Die Arbeit der
SEATO kann aber in diesem Zusammenhang eine wichtige Ergänzung darstellen,
und Entscheidungen des Rates auf seiner gegenwärtigen Konferenz werden
diese Rolle noch wirksamer gestalten.
Wirtschaftlicher
.

9 m

�AMERIKA DIENST"

13- März 1957

Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt - Der Rat befaßte
sich mit den Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiet gemäß Artikel 3
des Vertrages. Die Vertreter Pakistans, der Philippinen und Thailands verwiesen auf die wirtschaftlichen Probleme ihrer Länder,
die ein gemeinschaftliches Vorgehen mit anderen Mitgliedstaaten
erforderlich machen, und der Rat suchte zu ergründen, welche Maßnahmen am geeignetsten sind, um diese Probleme zu lösen.
Die Sachverständigen-Ausschüsse der SEATO haben spezifische
Maßnahmen vorgeschlagen, die geeignet erscheinen, die wirtschaftliche Belastung durch die Verteidigung zu verringern und zu einer
Fortsetzung der wirtschaftlichen Entwicklung hinter dem Schutzschild der SEATO beizutragen. Die Mitglieder des Rates erklärten
sich bereit, die Ausführung dieser Empfehlungen zu erwägen.
Der Rat nahm mit Befriedigung von dem Fortschritt Kenntnis,
der hinsichtlich der Entwicklung der Wirtschaft in den asiatischen
Mitgliedstaaten erzielt worden ist. Der Rat nahm ferner zur Kenntnis, daß eine Reihe von Ländern, insbesondere die Vereinigten Staaten,
auf der Basis der Zweiseitigkeit erhebliche Wirtschaftshilfe als
direkten Beitrag zur Erreichung der Vertragsziele gewähren. Über
diese bilateralen Programme hinaus wird Unterstützung in kleinerem
Maße auch unmittelbar im Rahmen der SEATO gewährt. So stellt beispielsweise die australische Regierung in diesem Rahmen 2 Millionen
Pfund Sterling zur Verfügung.
Der Rat entschied, daß die Förderung und Intensivierung des
kulturellen Lebens in den einzelnen Mitgliedataaten in die kulturellen Maßnahmen einzubeziehen seien. Er forderte die Regierungen
der Migliedstaaten auf, den zweiseitigen Kulturaustausch innerhalb
der SEATO-Gemeinschaft zu fördern.
Der Rat billigte darüber hinaus eine Reihe von Multilateralen
Vorhaben auf dem Gebiet der kulturellen Beziehungen.
Dies ist eine neue und vielversprechende Entwicklung, die den
Geist der Freundschaft stärken wird, der die Beziehungen zwischen
den 8 Mitgliedstaaten ohnehin kennzeichnet. Eines der wichtigsten
Kulturprogramme, desseO Inangriffnahme gebilligt wurde, ist die Errichtung eines SEATO-Stipendiums, durch das Wissenschaftler aus den
SEATO-Staaten angeregt werden sollen, sich in einem Fachstudium jene
Kenntnisse zu erwerben, die für die SEATO von besonderer Wichtigkeit
sind.
Ein weiteres wichtiges Vorhaben, das auf der Tagung gebilligt
wurde, ist die Einberufung einer Round-Table-Konferenz zur Erörterung
von zivilisatorischen und kulturellen Problemen Asiens, die in einem
der asiatischen Mitgliedstaatten stattfinden und mit hervorragenden
Experten beschickt werden soll.
Der

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13. März 1957

Der Rat nahm ferner einen französischen Vorschlag an, demzufolge die zuständigen Organe der SEATO das Problem der Unterstützung des Erziehungswesens im Geltungsbereich des Vertrages
erörtern und Maßnahman empfehlen sollen, die auf diesem Gebiet
im Rahmen der SEATO getroffen werden können.
Ständige Organisation und Finanzierung - Der Rat erörterte
die Stärkung der ständigen zivilen Organisation in Bangkok und entschied1 sich schließlich dafür, einen Generalsekretär und einen stellvertretenden Generalsekretär zu ernennen. Er wies die Ministervertreter an, die Kompetenzen dieser Beamten und den Zeitpunkt ihrer
Ernennung zu bestimmen sowie Nominierungen, die von den Regierungen
der Mitgliedstaaten für diese Ämter unterbreitet werden, zu erwägen
und darüber zu berichten.
Der Rat genehmigte einen Etat von 787 145 Dollar für die 15 mit
dem 30.Juni 1958 zu Ende gehenden Monate, um die für das ständige
zivile und militärische Hauptquartier in Bangkok erwachsenden Kosten
zu decken und gewisse gemeinsame Programme zu finanzieren.
Schlußbetrachtungen - Zu den Themen, die von dem Rat erörtert
worden siKä, gahöüfe äUöll älfi Frage des Neutralismus. Mit Besorgnis
wurde festgestellt, daß einige Regierungen mehr oder weniger ausgeprägt eine Linie aktiver Opposition gegenüber kollektiven Sicherheitsübereinkommen wie beispielsweise der SEATO, die mit der Charta
der Vereinten Nationen voll im Einklang steht, eingeschlagen haben.
Es wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß im Laufe der Zeit,
wenn der Wert der SEATO immer mehr erkannt würde, ihr schließlich
auch jene zustimmen, die sie heute kritisieren. Die SEATO ist keine
exklusive Organisation, sondern steht allen Ländern in Südostasien
offen, die bereit sind, die daraus erwachsenden Vorteile und Pflichten zu teilen. Die Mitglieder des Rates möchten betonen, daß echte
Besorgnis um die Sicherheit des Gebietes der Beweggrund für ihren
freiwilligen Zusammenschluß in der SEATO war und alle Völker in diesem Raum, ob sie nun Mitglied der SEATO sind oder nicht, von dem
Schutz profitieren, den die kollektive Stärke der SEATO gewährt.
Die Mitglieder des SEATO-Rates gaben ihrem Abscheu gegenüber
dem Einsatz sowjetischer Streitkräfte zur Erstickung des Kampfes des
ungarischen Volkes um seine Unabhängigkeit Ausdruck. Sie stellten fest
daß das sowjetische Vorgehen von Rotchina gebilligt und unterstützt
wurde. Sie nahmen ferner zur Kenntnis, in welch lebhaftem und bezeichnendem Gegensatz hierzu die politische Haltung mehrerer der Mitgliedstaaten der SEATO steht, die verschiedenen früher einmal abhängigen
Gebieten ihre volle Unabhängigkeit bereits eingebracht hat oder in
Kürze einbringen wird. Die Konferenz fand in einer Atmosphäre herzlicher Freundschaft, gegenseitigen Verständnisses und Vertrauens statt
Angesichts des Eintretens der SEATO in eine neue Phase verstärkter
Aktivität sind die Mitglieder des Rates entschlossen, dafür Sorge zu
tragen, daß die Organisation in Übereinstimmung mit den Grundsätzen
und Zielen der Charta der Vereinten Nationen für die Bereicherung und
Verteidigung von Leben und Freiheit arbeitet.
Auf

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13. März 1957

Auf der dritten Tagung des SEATO-Rates waren vertreten:
Australien durch R.G. Casey; Frankreich durch Pierre de
Nelice; Neuseeland durch T.L. MacDonald; Pakistan durch
S. Amjad Ali; die Philippinen durch den Vizepräsidenten
Carlos P. Garcia; Thailand durch Rak Panyarachun; Großbritannien durch den Earl of Home und die USA durch
John Foster Dulles.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

A1U./27.5.1957
DIE NATO IST DER GRUNDSTEIN DER BÜNDNISSYSTEME
DES WESTENS

. BOSTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Leiter des US-Amtes für Verteidigungsmobilisierung, Gordon Gray, am 23.März 1957 anläßlich des NATO-Tages in Boston (Massachusetts)
gehalten hat. Der NATO-Tag wurde von der
Bostoner Regionalkonferenz für Fragen der
Nordatlantikpakt-Organisation, die am
4»April 1957 acht Jahre besteht, durchgeführt .

Gestatten Sie mir bitte, auch wenn es mir eigentlich nicht
zukommt, daß ich allen jenen meinen Glückwunsch ausspreche, die
am Zustandekommen dieser großen Veranstaltung zu Ehren der militärischen Vertreter der NATO Anteil haben. Diese Veranstaltung
ist von großer Wichtigkeit und ein sehr verdienstvoller Versuch.
Ich darf wohl zu Recht annehmen, daß Ihre Anwesenheit hier in
diesem Raum es unnötig macht, daß ich - und insbesondere zu so vorgerückter Stunde - meine eigenen Auffassungen von Freiheit und
kollektiver Sicherheit darlege. Man hat mich nun aber einmal aufgefordert, hier zu sprechen und so möchte ich hier zunächst zwei
Fragen aufwerfens Dürfen wir davon ausgehen, daß die Sowjetunion
und der Weltkommunismus in unserer Zeit eine Bedrohung aller jener
Dinge darstellen, die wir vor anderen als erstrebenswert ansehen?
Und was sehen wir eigentlich als erstrebenswert an?
Wünschen wir nicht für uns, unsere Familie, unsere Gemeinde,
unseren Staat, ja sogar für alle Völker der Erde Frieden und Freiheit, die in gewisser Hinsicht untrennbar voneinander sind? Sehnen
wir uns nicht alle wirklich nach echter Ruhe und nach einem gottgefälligen Leben?
Ich für meinen Teil möchte der Welt nur ein Rezept geben,
das sich in einem Wort zusammenfassen läßt: verantwortungsbewußte
Freiheit.
Das heißt: Recht, auf Selbstregierung; Freiheit der Rede
und Kritik - und selbst des Lobes, wenn wir es ernst meinen;
Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit und das Recht, eingegangene
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27. März 1957

eingegangene Bindungen wieder zu lösen; das Recht, seinen Glauben
offen und freudig zu bekennen; Garantie des Besitzes und Schutz
vor Enteignung; das Recht auf den Ertrag des eigenen persönlichen
Fleißes - oder auf die zweifelhaften Früchte der eigenen Faulheit,
für den, dem dies der gegebene Weg scheint; Gewährleistung der Unantastbarkeit der Familie; und das Recht, unseren Nächsten zu lieben und von ihm geliebt zu werden.
Dies sind die Antithesen der Praktiken des sowjetischen
Kommunismus, was auch immer seine Wortführer predigen mögen. Diese
Begriffe umreißen einen Lebensstil - unseren Lebensstil. Wir können
aber nicht auf einfache Begriffe bauen, auch wenn wir nach ihnen
leben wollen.
Man ist versucht, die Feststellung zu treffen - auch wenn sie eine
allzu grobe Vereinfachung ist -, daß wir genau für jene Dinge eintreten, gegen die sich die Sowjetmachthaber wenden. Zweifellos wollen
auch sie den Frieden - aber nur zu den von ihnen diktierten Bedingungen. Wir tun gut daran, einmal die Frage zu untersuchen, welches die
besonderen Motive für ihr Handeln sein mögen.
Lassen Sie mich zunächst einmal die NATO herausgreifen« auch
hier stehen die Sowjets in der Opposition. Und dabei gibt es meiner
Meinung nach so etwas wie eine kollektive Verantwortung; ich darf
dafür die Senfer Konferenz der Regierungschefs als Beweis nennen,
die so viel dazu beitrug, einige der großen Fragen unserer Epoche
herauszustellen und in den Brennpunkt des Interesses zu rücken.
Das wichtigste außenpolitische Ziel, das die Sowjets auf den
Genfer Konferenzen verfochten haben, war die Auflösung der NATO und
der gleichzeitige Abzug der amerikanischen, britischen und kanadischen
Truppen vom europäischen Festland sowie die Aufgabe der US-Stützpunkte
in den der Sowjetunion benachbarten Gebieten. Es ist von besonderer
Bedeutung, daß die Sowjetunion eben diese Haltung gegenüber der
NATO einnimmt, denn die Stärke, die wir sowohl auf politischem als
auch militärischem Gebiet im Laufe der Jahre aufgebaut haben, ist
tatsächlich beachtlich. Zum ersten Mal seit Beginn der Geschichtsschreibung haben wir im Frieden eine brauchbare politische und militärische Organisation aufgebaut, die sich auf den Gedanken der
kollektiven Sicherheit und nicht ausschließlich auf die Leistungsfähigkeit einzelner Staaten gründet. Die NATO ist der Grundstein
unserer verschiedenen Verteidigungsbündnisse. Deshalb können wir
es nicht zulassen, daß diese Institution zerschlagen oder geschwächt
wird. Wir müssen vielmehr jede nur mögliche Anstrengung unternehmen,
ihre Stärke in allen Bereichen - im politischen, militärischen und
wirtschaftlichen Bereich - zu mehren.
Seit der Gründung der NATO hat die Sowjetunion eine ganze
Reihe verschiedener Vorschläge bezüglich der europäischen Sicherheit, der Wiedervereinigung Deutschlands und der Abrüstung gemacht,
von denen sie hoffte, daß sie, sofern sie angenommen werden sollten,
die Solidarität der NATO zerstören oder ihr doch erheblich Abbruch
tun würden. Sie haben - in verschiedenen Kombinationen - Vorschläge
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27» März 1957

Vorschläge über eine Beschränkung der Streitkräfte, entmilitarisierte Zonen, neutralisierte Gebiete und eine Inspektion und
Überwachung von Waffen vorgebracht.
Keiner ihrer Vorschläge hat aber eine Anerkennung jener Grundvoraussetzung gebracht, die der Westen als wesentlich erachtet i die
Wiedervereinigung Deutschlands. Die drei westlichen Regierungschefs
haben 1955 in Genf eine Reihe von militärischen Zusicherungen im Zusammenhang mit der Frage der europäischen Sicherheit und der Wiedervereinigung Deutschlands angeboten. Der Westen ging sogar so weit,
den Sowjets eine Zusicherung gegenseitigen Beistands im Falle eines
Angriffs auf die Sowjetunion anzubieten. Diese Verpflichtung sollte
dann in Kraft treten, wenn ein wiedervereinigtes Deutschland sich
der NATO anschließen sollte« Ich möchte ausdrücklich betonen, daß
das wiedervereinigte Deutschland die freie Wahl haben sollte, ob
es der NATO beitreten wolle oder nicht.
Die Sowjets aber zogen es vor, die Bemühungen des Westens,
ihren früheren Vorschlägen entgegenzukommen, zu bagatellisieren.
Es hat sich gezeigt, daß die Sowjetunion keine militärischen Zusicherungen und keine Vereinbarungen über die europäische Sicherheit in Verbindung mit der Wiedervereinigung Deutschlands durch
freie Wahlen wünschte:;
sie haben vielmehr den Fortschritt auf
diesem Gebiet aus rein politischen Erwägungen heraus - und nicht
aus Gründen der Sicherheit - gehemmt.
Wenn die NATO ihre Stärke aufrechterhalten und noch an Gewicht
gewinnen soll, dann müssen wir unablässig bemüht bleiben, eine echte
Lösung für jene beiden Probleme zu finden, die unserer Auffassung
nach bisher eher unzufriedenstellend gelöst und für die westliche
Welt besonders gefährlich sind. Neben der Frage der Wiedervereinigung
Deutschlands, ohne die es keine echte Stabilität in Europa geben kann,
steht die Frage der osteuropäischen Satellitenstaaten, die die Sowjetunion seit Ende des zweiten Weltkrieges in einem Abhängigkeitsverhältnis zu sich selbst hält. Im Verlauf der letzten zwei Jahre sind
viele Entwicklungen eingetreten, die uns Hoffnung auf einen günstigen Wandel der Verhältnisse in Osteuropa geben.
Es gibt zwei Theorien darüber, was sich seit 1955 in den Satellitenstaaten abgespielt hat. Die eine besagt, daß unter dem Druck der
sowjetischen Gesellschaft selbst eine Tendenz zur Liberalisierung der
sowjetischen Politik erzwungen wurde, die nicht mehr aufzuhalten ist.
Dieser Druck, so nimmt man an, geht vom Volk aus, in dem durch zunehmen
de Verbreitung der Bildung und die voranschreitende Industrialisierung
der Wunsch nach größerer Handlungsfreiheit in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten geweckt wurde. In manchen Kreisen glaubt
man, daß diese augenscheinliche Liberalisierung dem Westen in zunehmendem Maße die Möglichkeit bieten wird, mit der Sowjetunion ins Gespräch zu kommen.
Die andere Theorie geht dahin, daß die Satellitenstaaten nach wie
vor der strengen Kontrolle der Sowjetführung unterliegen, die den politischen Kurs von einem Augenblick zum anderen ändern kann., Ich

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27. März 1957

Ich persönlich glaube, wir sollten von der Annahme ausgehen, daß
diese Theoria eher den Tatsachen entspricht und daß wir uns von
dieser Erwägung leiten lassen sollten, bis wir mehr Grund zu der
Auffassung haben, die sowjetische Kontrolle über die Satellitenstaaten habe sich tatsächlich gelockert und sei nicht mehr länger
durchführbar und aufrechtzuerhalten.
In den Satellitenstaaten ist es zu Ausbrüchen eines angestauten
Hasses gegen die Fremdherrschaft gekommen. Dieser Haß wurde noch
verstärkt durch den langsamen Portgang der wirtschaftlichen und
sozialen Entwicklung, die in keiner Weise geeignet war, der extremen
Armut und der Unterdrückung der bürgerlichen Rechte in diesem Gebiet ein Ende zu bereiten. Der Westen darf ferner nicht in seinen
Bemühungen nachlassen, die Sehnsucht dieser Völker nach Freiheit
durch die Pflege kultureller Beziehungen und durch wirtschaftliche
Durchdringung zu nähren. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir sicher
sein können, daß die Deutschen die Wiedervereinigung in Freiheit
vollziehen können und daß die östlichen Satellitenstaaten Gelegenheit erhalten, unter einer von ihnen selbst gewählten Regierungsform zu leben und damit alle jene Freiheiten zu genießen, die dies
impliziert, wird man uns kaum dazu bewegen können, eine Aufgabe
jener Stärke in Erwägung zu ziehen, die wir mit so großen Anstrengungen in der NATO aufgebaut haben. Wir dürfen in unseren Bemühungen, zu einer Verständigung mit den Sowjets zu gelangen, nicht nachlassen; wir können uns aber um eine solche Verständigung nicht um
einen Preis bemühen, der unseren demokratischen Lebensstil aufs
Spiel setzt.
Die NATO sah sich in den letzten Jahren manchen sehr realen
Problemen gegenüber. In der Zeit nach der Genfer Konferenz wurden
von den meisten NATO-Mitgliedstaaten manche Wunschvorstellungen genährt, die dann die Forderung nach einer Verringerung der Verteidigungslasten entstehen ließen. Die NATO-Streitkräfte wurden durch
eine Verlegung von französischen Einheiten in außerhalb des B reichs
der NATO gelegenes Gebiet reduziert. Großbritannien hat seine Absicht bekundet, seinen Beitrag zum NATO-Schutzschild etwas zu v rringern. Der deutsche Beitrag realisiert sich nur sehr sehr s'h'eppend.
Zu diesen Schwierigkeiten, denen sich die NATO gegenübersah ka^en
noch die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Su.zkrise,
die uns ernste Schwierigkeiten im Verhältnis zu unseren alten Freunden und hochgeschätzten Verbündeten eingebracht haben.
Außer diesen besondere?) Belastungen zeigen die Erfahrungen,
die wir mit unseren NATO-Verbündeten gemacht haben, daß ei.:ar erfolgreichen Politik der kollektiven Sicherheit bestimmte Grenzer
gesetzt sind. Verschiedene Nationen, die gegenüber der s^w -tischen
Bedrohung die gleiche Haltung wie wir selbst einnehmen, vertreten
anderen Problemen gegenüber Auffassungen, die sich von den unseren stark
unterscheiden. So ist es jederzeit möglich, daß unsere NAT' Verbündeten
im Interesse ihres Landes unsere gemeinsamen Probleme andere bewerten als
wir. Wenn die sowjetische Gefahr für manche Mitgliedstaater anscheinend
an Gewicht verliert, treten für sie andere Probleme in den Vordergrund,
die nicht für alle Verbündeten die gleiche Bedeutung haben.
während

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Während diese Schwierigkeiten und auseinanderstrebenden Interessen
geeignet scheinen, das NATO-Bündnis zu schwächen, bewirken andere und
stärkere Kräfte wiederum einen engeren Zusammenschluß als jemals zuvor.
Vielleicht ist die stärkste bindende Kraft die so klar während der Suezkrise in Erscheinung getretene Erkenntnis, daß keine der NATO-Mächte von
sich aus allein handeln kann, ohne daß sich möglicherweise die ernstesten Konsequenzen daraus entwickeln könnten. Mit anderen Worten, wir sind
aufeinander angewiesen. Von unserem Standpunkt aus gesehen, verfügt
Europa über vieles, was wir benötigen. Wir benötigen zum Beispiel den
großen militärischen Beitrag unserer europäischen Verbündeten, den sie
in Höhe von 12 Milliarden Dollar jährlich für ihre gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen leisten, das heißt sie selbst geben ungefähr 6
Dollar für jeden Dollar aus, den sie von uns in Form amerikanischer Unterstützung erhalten. Wir brauchen ferner ihre Landstreitkräfte und ihre
See- und Luftstützpunkte, die für uns unbedingt notwendig sind, um
unsere Abschreckungsstreitkräfte wirksam einsetzen zu können. Wir benötigen den materiellen Beitrag, den uns ihre Industrien und Bergwerke
liefern, und der es zusammen mit unserem eigenen Beitrag der atlantischen Gemeinschaft ermöglicht, über fast 70 Prozent der Industrieproduktion der Welt zu verfügen. Ihre Wissenschaft und ihre Technik sind
uns unentbehrlich. Unsere NATO-Verbündeten ihrerseits benötigen unsere
feste Zusicherung, daß wir sie unterstützen werden. Die grundlegende
strategische Konzeption des NATO-Bündnisses verlangt die Unterstützung
durch die starke Waffe unseres Strategischen Bomberkommandos. Innerhalb
der NATO sind unsere Bedürfnisse im wesentlichen die gleichen.
Diese Erkenntnis hatte zur Folge, daß eine beträchtliche Aktivität
entwickelt wurde, um die Solidarität innerhalb der NATO zu stärken. Im
Dezember 1956 stimmte der Nordatlantikrat den Empfehlungen der Drei
Weisen über gegenseitige politische Konsultationen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten zu. Wir sind gegenwärtig dabei, die durch die Suezkrise entstandenen Probleme zu überwinden und arbeiten auf eine engere Zusammenarbeit zwischen uns und unseren NATO-Verbündeten auch auf nichtmilitärischem Gebiet hin. Die
hoffnungsvollen Entwicklungen der jüngsten Zeit, so die Schaffung solcher
Einrichtungen wie Euratom und des Gemeinsamen Marktes, werden von uns
unterstützt und gefördert.
Auf militärischem Gebiet machen sämtliche in Technik und Wissenschaft eingetretenen Veränderungen eine Überprüfung der Strategie und
Taktik der NATO notwendig. Bei der NATO wird eine solche Überprüfung
zur Zeit vorgenommen, und es wird nach Mitteln und Wegen gesucht, um
die Streitkräfte der NATO den Bedingungen der Atomkriegführung anzupassen und dabei zugleich die als Schild benötigten konventionellen
Verteidigungsstreitkräfte beizubehalten. Beträchtliche Fortschritte
sind im Hinblick auf eine Integrierung der NATO-Luftverteidigung erzielt worden, die einen Teil der gesamten koordinierten Verteidigungsstruktur bildet und mit der sich die NATO-Kommandobehörden routinemäßig
beschäftigen. Im Zusammenhang damit verfügen wir über einen gemeinsamen
Oberbefehl, ein sich über ganz Europa erstreckendes, gemeinsam finanziertes Stützpunktsystem und den Vorteil der strategisch günstigen
geographischen Lage. Damit besitzen wir eine gemeinsame militärische

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27. März 1957

militärische Verteidigungsorganisation, wie sie keiner der in diesem
Bündnis zusammengeschlossenen Staaten für sich allein aus eigener Kraft
aufzubauen in der Lage wäre. Nach wie vor verfolgen die Vereinigten
Staaten eine Politik, die sich auf ihre eigene Kraft und auf Bündnisse
stützt.
Unsere Verbündeten haben beim Wiederaufbau ihrer vom Kriege zerstörten Wirtschaft, die die Sowjets so gerne für ihre eigenen Zwecke
ausgenutzt hätten, große Fortschritte erzielt. Gegen diese stets gegenwärtige Bedrohung müssen sie auch weiter gewappnet sein. Sie sowohl als
auch wir selbst dürfen uns nicht selbstgefällig in dem Glauben wiegen,
daß wir an einem Punkt angelangt sind, wo wir uns gehen lassen dürfen.
Es ist richtig, daß unsere vereinte militärische Stärke die Kommunisten
von einer Aggression abgeschreckt hat und daß die Sowjetunion seit
Gründung der NATO in deren Bereich keinerlei Gewinne mehr erzielen
konnte. Wirtschaftlich ist der Westen den Ländern des Sowjetblocks
immer noch weit überlegen, doch wenn wir in unserer ständigen Wachsamkeit gegenüber der wachsenden Herausforderung der Sowjetunion nachlassen, können wir sehr wohl in die Lage kommen, daß wir unzureichend
vorbereitet sind und die Freiheit nicht verteidigen können.
Ich möchte um Ihre Nachsicht bitten, wenn ich abschließend noch
einen Augenblick dabei verweile, ganz allgemein über moralische Grundsätze und über Waffen, über Gewissen und über Abrüstung zu sprechen.
Ich zitiere hier ein paar Worte, die ich noch vor den Ereignissen der
jüngsten Zeit in Ungarn niedergeschrieben habe.
Wir müssen, selbst auf die Gefahr hin, übermäßig zu vereinfachen,
uns die Fragen stellen: Ist die Entwicklung von Waffen etwas Amoralisches
Ist ständiges Rüsten gewissenlos? Ist die Aufrechterhaltung einer umfassenden militärischen Stärke unvereinbar mit den geistigen und ethischen Grundlagen gerade der Gesellschaft, die wir zu erhalten trachten zerstören wir sie nicht sogar damit? Auf diese Fragen kann eine Antwort
nur im Zusammenhang mit unseren Zielen und Absichten in einer vom Meinungsstreit zerrissenen und unheilschwangeren Welt gegeben werden.
Wir müssen mit der Möglichkeit einer aggressiven militärischen
Aktion der Sowjetunion und ihres Satellitenblocks rechnen. Wir wissen,
daß wir niemals Feindseligkeiten beginnen würden. Wir streben nach einer
Welt des Friedens, in der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Redhtschaffenheit herrschen und in der der Würde des Menschen der erste Platz
eingeräumt &lt;frlrd - sowohl innerhalb der einzelnen Länder als auch in den
Beziehungfen der Völker untereinander. Wir haben den Wunsch, diese Absicht durch friedliche Mittel zu verwirklichen. Aber während wir an
diesem Werk arbeiten, müssen wir gleichzeitig die militärische Überrumpelung der freien Welt durch ein feindliches System verhindern,
das die Vernichtung unserer elementaren Ideale und Konzeptionen anstrebt.
Deshalb bin ich überzeugt, daß die Wahrung unserer Verteidigungs- und
Abjschreckungsstärke mit den ethischen Werten, die wir zu erhalten suchen und die das moralische Fundament unserer Gesellschaft darstellen,
voll vereinbar ist.
Mit

�"AMERIKA DIENST"

27- März 1957

Mit der überaus raschen Entwicklung der sowjetischen Industrie,
Technik, Wissenschaft und Wirtschaft schwinden die äußerlich greifbaren Unterschiede zwischen ihrem und unserem System immer mehr. Die
Sowjetunion scheint entschlossen zu sein, uns auf jedem Sektor der
Stärke und Überlegenheit in die Schranken zu fordern. Die wesentlichen Unterschiede in den Systemen bleiben jedoch bestehen. Sie sind
die geistige und moralische Grundlage unserer Gesellschaft - die
Quelle aller Freiheit« . Und diese Unterschiede im Geist und in der
Wahrheit sind es auch, die der freien Welt den Sieg einbringen werden.
Da sich die moralischen Kräfte, von denen ich gesprochen habe, behaupten werden, können wir der Abrüstung und Reduzierung von Streitkräften mit allen Folgerungen, die diese Maßnahmen haben werden, in
aller Ruhe entgegensehen. Denn wenn die Sowjets uns. die Gewähr geben,
daß wir uns auf die von ihnen eingegangenen Verpflichtungen verlassen können - wenn also wirklich einmal Wahrheit und Integrität in
Erscheinung treten -,dann können wir uns den höchsten Zielsetzungen
der vQn Friedenssehnsucht erfüllten Menschen zuwenden. Schon die
Anerkennung der einfachen, ohne Schwierigkeit zu praktizierenden
Fairness, die Zustimmung zu einem System, das eine angemessene Inspektion und Kontrolle von Waffen und deren Entwicklung vorsieht,
wäre ein wichtiger Schritt in dieser Richtung - wahrlich, ein
Schritt mit Siebenmeilenstiefeln auf dem Wege zum Frieden.
Wir erinnern uns an das Lied aus dem zweiten Weltkrieg! "Lobe
den Herrn - und reich die Munition". Ich hoffe nicht, daß Sie mich
für frivol oder kriegslüstern halten. Aber irgendwie charakterisiert
dieses Lied unsere Situation, unterstreicht und rechtfertigt unser
gegenwärtiges Dilemma in bezug auf Gewissen und Waffen. Wir können
und müssen auf der Würde und Bruderschaft der Menschen unter Gott
bestehen, sowohl in unseren Handlungen als auch in unserer Bereitschaft, diese Ideale und Ideen zu verteidigen.
Ich bin überzeugt, daß der moralische Kern unserer Außen- und
Militärpolitik klar und deutlich sichtbar ist. Wir sind weder
aggressiv noch wollen wir uns etwas erraffen. Wir leben in den
Freiheiten, die uns Gott gegeben und die zu bewahren er uns geholfen hat; und wir wollen weiter nichts als daß alle Völker
der Welt an diesen segensreichen Dingen teilhaben.
Meiner Ansicht nach müssen wir die NATO unterstützen. Meiner
Ansicht nach müssen wir Toleranz und Verständnis für einander aufbringen und zu Stärke und Einigkeit entschlossen sein. Wenn wir
das tun, dann wird, so bin ich überzeugt, die Geschichte zeigen,
daß wir uns der großen Aufgabe unserer Zeit würdig erwiesen haben.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./5.4.1957

FRIEDE UND GERECHTIGKEIT LASSEN SICH NUR IN
GEMEINSAMER ANSTRENGUNG ERRINGEN

WASHINGTON - (AD) - Im Vorwort zu einer Neuauflage
seineS Anfang 1950 erschienenen Buches "Krieg oder
Frieden" geht der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles auf die internationale Entwicklung
der letzten sieben Jahre ein. Er kommt zu dem
Schluß, daß die Erfahrungen im großen und ganzen
seinen bereits damals vertretenen Ansichten Recht
gegeben haben. Die Aufgabe der Gegenwart und Zukunft aber, Frieden und Gerechtigkeit zu gewinnen,
erfordere die höchsten Anstrengungen und bedürfe
der Unterstützung nicht nur eines jeden Landes,
sondern jedes einzelnen von uns.

Das Vorwort zu der Neuauflage yon "Krieg oder Frieden" hat
folgenden Wortlaut:
Es erfüllt mich mit Genugtuung, daß "Krieg oder Frieden" weiterhin in verschiedenen Sprachen erscheint. Dieses Buch wurde in
den ersten Wochen des Jahres 1950 geschrieben. Es versuchte die
Gefahr des Krieges zu skizzieren und die politischen Maßnahmen wie
auch die geistige Haltung darzulegen, die für die Erringung des
Friedens notwendig sind. Während ich nun, sieben Jahre später,
dieses Vorwort schreibe, finde ich, daß nur wenig von dem damals
Gesagten an Aktualität verloren hat. Aber in der Zwischenzeit hat
sich manches ereignet, was einer Erörterung bedarf.
In Kapitel II, das den Titel trägt: "Erkenne deinen Feind",
werden in erster Linie die Schriften Stalins zitiert, vor allem
seine "Fragen des Leninismus". Stalin ist in den Ländern des sowjetischen Blocks in der Zwischenzeit etwas in Ungnade gefallen. Der
Sowjetkommunismus hält sich jedoch noch immer an die zitierte
Stalindoktrin.
Kapitel VI erörtert die von den Vereinten Nationen getroffenen
Maßnahmen zur Schaffung der Republik Korea. Es wird darauf hingewiesen, daß bis zu der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, das

�"AMERIKA DIENST"

3. April 1957

das heißt also bis Anfang 1950» der Einfluß" der Weltmeinung, wie sie
sich durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen repräsentierte, eine kommunistische Invasion vom Norden her wirksam verhindert hat. Aber "es wäre natürlich voreilig", so schrieb ich damals,
"zu prophezeien, daß diese Situation ewig andauern wird". Sie war
in der Tat nicht von Dauer. Im Juni 1950 holten die Kommunisten
unter Mißachtung der Vereinten Nationen mit einem bewaffneten Überfall zum Schlag gegen die Republik Korea aus.
Die Reaktion der Vereinten Nationen ist allgemein bekannt und"
ein historisches Faktum. Sie kennzeichnet eine wichtige Phase in
der Entwicklung dieser Weltorganisation. Denn welcher Art auch immer
die Gründe gewesen sein mochten, die die Kommunisten veranlassten,
zu glauben, sie könnten ihren Angriff ungestraft und ohne jegliche
Opposition führen - Tatsache ist, daß es sehr wohl eine Opposition
gab, eine wirksame Opposition, und daß die Aggressoren noch hinter
ihre Ausgangslinie zurückgeworfen wurden. Es ist dies das erste Mal
in der Geschichte, daß eine bereits bestehende Organisation der Völker mit vereinter Kraft der Aggression entgegengetreten ist und sie
geahndet hat.
Diese Episode wirft jedoch noch ein besonderes Licht auf das
Problem der Weltorganisation, das in Kapitel XVI behandelt wird. Die
rasche Reaktion der Vereinten Nationen auf die Aggression in Korea
war nur möglich, weil gerade zu diesem Zeitpunkt die Sowjetunion
den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen "boykottierte" und so versäumte, von ihrem Vetorecht Gebrauch zu machen.
Die Lehre, die aus diesem Vorfall gezogen wurde, hat zu einer
bemerkenswerten Entwicklung des Systems regionaler Bündnisse geführt,
wie es in den Kapiteln VIII und XVI beschrieben wird. Zu Beginn des
Jahres 1950 existierten als einzige kollektive Verteidigungsmaßnahmen die Vereinbarungen aus dem 1947 geschlossenen Pakt von Rio de
Janeiro und dem 1949 geschlossenen Nordatlantikpakt. In der Zwischenzeit ist der Nordatlantikpakt durch den Beitritt Griechenlands,
der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland erweitert worden.
Außerdem sind in bezug auf Asien mehrere Sicherheitspakte neu zustandegekommen, nämlich der Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten
und den Philippinen vom 30. August 1951» der Vertrag zwischen den
Vereinigten Staaten, Australien und Neuseeland (ANZUS-Pakt) vom
1. September 1951» das amerikanisch-japanische Sicherheitsabkommen
vom 8. September 1951» der Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und der Republik Korea vom 1. Oktober 1953» der am 8. September
1954 geschlossene südostasiatische Sicherheitspakt (SEATO) , dem
Australien, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland, Pakistan, die
Philippinen, Thailand und die Vereinigten Staaten angehören und der
dem Protokoll zufolge auch die Gebiete von Kambodscha, Laos und der
Republik Vietnam einbezieht, sowie der Sicherheitsvertrag zwischen
den Vereinigten Staaten und der Republik China vom 2. Dezember 1954«
Die

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3. April 1957

Die Vereinigten Staaten sind nunmehr mit 42 anderen Ländern
im Rahmen kollektiver Sicherheitsverträge gemäß Artikel 51 der
Charta der Vereinten Nationen verbündet.
Die unerwartet rasche Entwicklung solcher Bündnisse, die inzwischen einen Schutz für die meisten Länder der Welt darstellen,
ist eine direkte Folge der kommunistischen bewaffneten Aggression
gegen die Republik Korea wie auch der Befürchtung, daß im Falle
einer weiteren derartigen Aggression infolge des sowjetischen Vetorechts eine wirksame Reaktion der Vereinten Nationen nicht mehr
möglich sein könnte.
Solche Verträge sind jedoch nicht die einzige Alternative
zum Veto im Sicherheitsrat. Die Generalversammlung der Vereinten
Nationen unternahm im Herbst 1950 entsprechende Schritte zur Annahme
von Resolutionen und Verfahren, die im Falle eines bewaffneten Angriffs, bei dem der Sicherheitsrat infolge des Vetos eines oder mehrerer seiner ständigen Mitglieder handlungsunfähig ist, eine schnelle
Reaktion erlauben. Dieses Vorgehen der Generalversammlung fand seinen Niederschlag in der Resolution "Einheit für den Frieden", die
auch bei dem bewaffneten Eingreifen im Nahen Osten im Oktober/November 1956 herangezogen wurde. Die Generalversammlung der Vereinten
Nationen hat damit eine neue Position gewonnen.
Kapitel XII, das die "Bilanz aus den letzten fünf Jahren" zieht,
hat einen etwas pessimistischen Ausklang. Es wird darin der Leitartikel der "Iswestija" vom 1. Januar 1950 zitiert, der all die Länder aufführt, die der Herrschaft des Sowjetkommunismus unterworfen
wurden; ausdrücklich wird auf den Schluß des Leitartikels verwiesen, der lautet: "Der Kommunismus wird triumphieren! Ein glückliches Neues Jahr, Genossen, ein recht glückliches Neues Jahr!"
Es ist jedoch zu beachten, daß seit der Zeit, in der jener
prahlerische Leitartikel geschrieben wurde, das "Lager der Demokratie und des Sozialismus", wie es die "Iswestija" nennt, nicht
wesentlich erweitert werden konnte. Tibet kam in die Gewalt der
chinesischen Kommunisten; und in Vietnam setzte eine kommunistische
Infiltration von Norden nach Süden ein. Aber der Süden Vietnams
ist von den kommunistischen Elementen gesäubert worden; die Republik
Vietnam scheint sich zu behaupten, obgleich der Norden unter dem
Regime der sogenannten "Volksrepublik" steht. Die von den freien
Nationen ergriffenen kollektiven Maßnahmen haben, allgemein gesehen,
wesentlich dazu beigetragen, dem weiteren Vordringen des Kommunismus,
wie er von der "Iswestija" am 1. Januar 1950 vorausgesagt wurde,
Einhalt zu gebieten. Und in Guatemala, Persien und Österreich ist
die kommunistische Macht weitgehend erloschen.
Abschnitt IV befaßt sich damit, "Was getan werden muß". Manches
davon ist bereits getan, und die Tatsache, daß es getan wurde, hat
einem großen Teil der Welt die Freiheit erhalten und manchen Gebieten die Freiheit gebracht. Die Weltorganisation ist bis zu einem

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"AMERIKA DIENST"

einem gewissen Grade so ausgebaut worden, wie es in Kapitel XVI befürwortet wird. Die Vereinten Nationen haben mit nunmehr 80 Mitgliedstaaten weiter an Einfluß in der Welt gewonnen.
In der ersten Ausgabe von "Krieg oder Frieden" wies ich darauf
hin, daß es wünschenswert sei, ein Stimmrecht nach der Art der Verhältniswahl einzuführen. Das Anwachsen der Mitgliederzahl in der Folgezeit unterstreicht nur noch die Unzulänglichkeit der Abstimmungsverfahren sowohl in der Generalversammlung als auch im Sicherheitsrat.
Unter den gegebenen Umständen ist eine Überprüfung der Stimmrechte
sogar noch dringlicher geworden.
Die Generalversammlung hat sich im Prinzip damit einverstanden
erklärt, eine Konferenz zur Revision der UN-Charta einzuberufen, wie
dies in Kapitel XVI empfohlen wird; aber es ist immer noch zweifelhaft, ob eine solche Konferenz tatsächlich Zustandekommen wird.
Nach wie vor bin ich von der Nützlichkeit einer Konferenz überzeugt, die auf eine Überprüfung der Charta abzielt. Vielleicht erlaubt zum Zeitpunkt des Zusammentretens einer solchen Konferenz die
internationale Atmosphäre eine formelle Abänderung und Anpassung
der Charta an die Erfordernisse des Atomzeitalters. Jedenfalls würde
eine Untersuchung der von den Vereinten Nationen erzielten Fortschritte
von Nutzen sein und die Frage klären helfen, auf welche Weise sich
die Charta zu einem wirksameren Instrument im Interesse des Weltfriedens entwickeln ließe.
In Kapitel XVI des Buches wird zwecks Erzielung einer größeren
"Universalität" die Möglichkeit einer Aufnahme Rotchinas in die Vereinten Nationen behandelt. Es wird jedoch darauf hingewiesen, daß
"ein Regime, das den Anspruch erhebt, durch einen Bürgerkrieg an die
Macht gekommen zu sein, nicht anerkannt werden sollte, solange es nicht
über einen angemessenen Zeitraum hinweg der Prüfung und Beobachtung
unterzogen wurde."
Diese Prüfung und Beobachtung hat ergeben, daß sich das kommunistische Regime bisher an der Macht zu halten vermochte - allerdings
mit Hilfe rücksichtsloser polizeistaatlicher Methoden. Ebenso ist
erwiesen, daß das Regime nicht die Voraussetzungen erfüllt, um das
Recht für sich beanspruchen zu können, China in den Vereinten Nationen
zu vertreten, und zwar weder in der Generalversammlung und noch viel
weniger im Sicherheitsrat, der von sämtlichen Mitgliedstaaten ermächtigt ist, "die Hauptverantwortung für die Aufrechterhaltung von
Frieden und Sicherheit in der Welt" zu tragen.
Seit der Zeit, in der das Buch "Krieg oder Frieden" geschrieben
wurde, hat das rotchinesische Regime eine Anzahl bezeichnender Aktionen
durchgeführt. Es hat an der bewaffneten Aggression gegen Korea teilgenommen. Auf Grund dieser Aktion wurde das rotchinesische Regime durch
die Vereinten Nationen verurteilt, und die Aktion selbst löste wirtschaftliche Sanktionen gegen dieses Regime aus. Diese Sanktionen sind

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sind von der Generalversammlung der Vereinten Nationen bisher nicht
aufgehoben worden. Diese Maßnahme der Vereinten Nationen völlig
mißachtend, hält das rotchinesische Regime den nördlichen Teil Koreas
militärisch besetzt. Ferner hat es Tibet gewaltsam unterjocht. In
Indochina hat es den Krieg aktiv gefördert. Es drohte, sich Formosas
gewaltsam zu bemächtigen, und hat es abgelehnt, auf die Anwendung
von Gewalt in diesem Gebiet zu verzichten, dies steht im Widerspruch
zu dem in der Charta niedergelegten Prinzip, das von allen Mitgliedern fordert, sich der Anwendung von Gewalt zu enthalten, es sei
denn, sie würden damit nicht gegen die Prinzipien der Charta verstoßen. Es ist mit Truppen in Burma eingefallen. Es hat das koreanische Waffenstillstandsabkommen verletzt, indem es Militärpersonen
der Vereinten Nationen gefangen hält; und entgegen seinen eigenen
formellen Zusicherungen hat es amerikanische Zivilpersonen zu Gefängnisstrafen verurteilt«
Solange die UN-Charta als der Maßstab für die Mitgliedschaft
in den Vereinten Nationen gilt (vergl. Artikel 4»5 und 6 der Charta)
und solange das rotchinesische Regime die Charakteristika1 beibehält,
wie sie eben dargelegt wurden, sollte ihm nicht gestattet werden, in
den Vereinten Nationen vertreten zu sein.
Abschließend möchte ich die grundsätzliche These des Buches
"Krieg oder Frieden" nochmals hervorheben, daß der Friede nur dann
gewonnen werden kann, wenn man sich um seine Erhaltung ständig bemüht. Jedes Nachlassen in diesen Bemühungen ist gefährlich.
In seiner "Study of War" (Studie über den Krieg) führt Q,uincy
Wright aus, daß zwischen 1480 und 1941 insgesamt 278 Kriege geführt
worden sind. Das heißt durchschnittlich alle 5 Jahre 3 Kriege. Verschiedene dieser Kriege, darunter der zweite Weltkrieg, fanden statt,
nachdem der Völkerbund gegründet worden war und nachdem sich sämtliche Nationen im Kellogg-Pakt zur Abschaffung des Krieges verpflicht
hatten. Auch seit Gründung der Vereinten Nationen im Jahre 1945 sind
verschiedene Kriege geführt worden.
Unter diesen sind zu nennen der Koreakrieg, der Krieg in Indochina und die Kriege zwischen Israel und den arabischen Ländern.
Ferner haben Großbritannien und Frankreich gegen Ägypten militärische
Aktionen unternommen. Und heute besteht in verschiedenen Teilen der
Welt die Gefahr, daß ein Krieg ausbrechen könnte.
Tatsächlich stellt der Krieg eine ständig drohende Gefahr dar,
solange es keine besseren Institutionen gibt, um den Frieden zu sichern, was zum Beispiel durch einen anerkannten Kodex des internationalen Rechts, eine internationale Polizeimacht und die Beschränkung der nationalen Rüstungen geschehen könnte. »Vir leben heute im
Schatten des Krieges, und ich fürchte, das wird noch für lange Zeit
der Fall sein. Nur wenn wir uns dieser Tatsache voll und ganz bewußt
sind, werden wir die notwendigen Anstrengungen unternehmen, um den
Krieg zu verhindern.
Wir

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Wir müssen uns darüber klar sein, daß Kriege sich nicht lediglich dadurch verhindern lassen, daß man sie haßt und den Frieden liebt.
Seit Urbeginn haben die Völker den Krieg gehaßt und den Frieden geliebt. Das hat ihnen jedoch nicht den Frieden eingebracht. Selbst
eine aus so aufrichtiger Gesinnung heraus unternommene Bemühung wie
der Kellogg-Pakt hat bewiesen, daß alle Versuche, den Krieg abzuschaffen, fehlschlagen, wenn nicht gleichzeitig an seine Stelle geeignete und wirksame andere Einrichtungen treten.
Tatsächlich hat bloße Friedensliebe allein niemals genügt, um
einen Krieg zu verhindern.
Einer der großen Fortschritte unserer Zeit ist die Erkenntnis,
daß eine Möglichkeit, Kriege zu verhindern, darin besteht, den Angreifer abzuschrecken, indem man sich entschlossen und stark genug
zeigt, ihn zu bestrafen. Dazu gehört, daß sich die Völkergemeinschaft um die Anwendung des gleichen Prinzips bemüht, das die einzelnen Völker zur Verhinderung von Gewaltakten innerhalb ihrer
eigenen Gemeinschaft anwenden. Dort werden Gesetze angenommen, die
die Verbrechen und ihre entsprechende Bestrafung definieren. Es
wird eine Polizei und ein Justizsystem geschaffen. Auf diese V/eise
wird ein machtvolles Instrument der Abschreckung gegen Gewaltverbrechen geschaffen. Dieses Abschreckungsprinzip hat sich selbst in
den bestgeordnetsten Gemeinwesen nicht als hundertprozentig erfolgreich erwiesen. Doch wird im allgemeinen zugegeben, daß es seine
Wirkung nicht verfehlt und geeignet erscheint, auch auf die Gemeinschaft der Nationen ausgedehnt zu werden. Wie wir gesehen haben,
hat sich das Prinzip tatsächlich schon in eindrucksvoller Weise
erwiesen.
Daß ohne Recht und Gerechtigkeit auf die Dauer gesehen niemals
wirklicher Friede herrschen wird, ist ein weiterer Aspekt des Problems. Selbst während ich diese Zeilen niederschreibe, gibt es
große Ungerechtigkeiten in der Welt, beispielsweise die Versklavung
der sowjetischen Satellitenländer und die Teilung Deutschlands,
Koreas und Vietnams. Und selbst wenn es uns gelänge, diese Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen, würde die Lage, die daraus resultierte, auch nicht ewig währen. Veränderung ist das Gesetz des Lebens. Es entstehen ständig neue Situationen, die nach Veränderung
verlangen, wenn dem Recht Genüge getan werden soll. Unrecht bewirkt,
daß die Völker schließlich zur Gewalt ihre Zuflucht nehmen, wenn es
keine anderen Möglichkeiten gibt, um Veränderungen herbeizuführen.
Wer den Frieden liebt und für friedliche Verhältnisse in der
Welt eintritt, muß begreifen, daß er weder den Frieden gewinnen
noch der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wird, wenn er nicht
selbst nach dem Frieden ebenso energisch strebt wie nach dem Sieg
und sich für die Gerechtigkeit nicht ebenso energisch einsetzt wie
für den Frieden. Er wird weder Frieden noch Gerechtigkeit verlangen.
Wie jede Münze hat auch der Friede seine zwei Seiten. Die eine Seite
ist der Verzicht auf Gewalt, die andere das Handeln im Geiste der

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der Gerechtigkeit. Friede und Gerechtigkeit lassen sich nicht voneinander trennen. Das kommt auch in Artikel 1 der Charta der Verein+e.: Natio •: m Ausdruck.
D
A;fgabe, den Frieden zu gewinnen und der davon nicht zu trennenden
rechtigkeit zum Siege zu verhelfen, ist die höchste Aufgab ,
die ins allen gestellt wird. Jede einzelne Nation muß ihren Beitrag
dazu leisten, wie es auch unser Bemühen ist, den Frieden zu einer Art
Institution zv machen, ihn fest zu verankern. Der Friede hängt überdies -.o
e • stre-.gungen jedes einzelnen ab, der sich remüh", die
Politik se'n' • Nation mitzuformen, und der zu dem einen ode:1 anderen
der ?ahVose" Aspekte der internationalen Politik einen direkten Beitrag leistet«
Bisher hat es :i stetigen und opfervollen Bemühungen des einzelnen wip der Völker gemangelt, ohne die die Welt nicht v r Kriegen
zu bewahre- ist« Da- ist gewiß eine Unzulänglichkeit, die gerade
heute, angesichts der Tatsache, daß sich ein Krieg zu einer furchtbaren und 'unausdenkbaren Katastrophe ausweiten kann, beseitigt werden muß.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

W1./3.4.1957
KONJÜNKTURPROBLEME IN DEN USA

DETROIT - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
Auszüge aus einer Rede, die der Wirtschaftsberater
des amerikanischen Präsidenten, Dr. Gabriel Hauge,
am 11. März 1957 vor dem Wirtschaftsklub in Detroit
zu Konjunkturfragen in den USA gehalten hat.

Kürzlich las ich das Protokoll einer öffentlichen Informationssitzung eines Unterausschusses des Ausschusses für Haushalt, Steuerund Finanzfragen des Repräsentantenhauses, die gegen Ende des vergangenen Jahres zu dem stets faszinierenden Thema "Geld" stattfand. Im
Verlaufe des lebhaften Wortgefechtes zwischen den Ausschußmitgliedern
und den geladenen Zeugen kamen viele Probleme zur Sprache: der Druck,
den die starke Nachfrage nach Kapital und Krediten auf das Warenangebot ausübt, der dadurch bedingte Anstieg der Zinssätze, die erfolglosen Bemühungen von Kreditsuchenden - Einzelpersonen, Privatfirmen sowie staatliche und kommunale Stellen - um Fremdkapital und natürlich
auch die Versuche des Zentralbankensystems, der Aufwärtsbewegung der
Preise durch Kreditrestriktionen entgegenzuwirkeno
Gegen Ende der J^formationssitzung rief ein Mitglied dem im
Saal anwesenden Vertreter des Zentralbankensystems mahnend zu, daß
ein gesundes Volk wichtiger sei als eine gesunde Währung.
Diese Mahnung ging mir lange nicht aus dem Kopf und ließ mir
keine Ruhe. Wenn wir wirklich schon so weit gekommen sein sollten,
daß wir zwischen einem gesunden Volk und einer gesunden Währung zu
wählen haben, wie es jener Kongreßabgeordnete ausdrückte, dann kann
bei uns in Amerika etwas nicht mehr stimmen.- Denn eines lehrt uns
die Geschichte ganz eindeutig - und die Geschichte hat einen noch

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noch größeren Einfallsreichtum aufzuweisen als der Mensch -, daß eine
gesunde Wirtschaft, ein gesunder Staat und ein gesundes Volk den gleichen Weg gehen wie eine gesunde Währung - und nicht etwa einen anderen
Weg.
Je länger ich über den angeblichen Widerspruch zwischen einem gesunden Volk und einer gesunden Währung nachdachte, um so mehr scheint
er mir ein Ausdruck der Verwirrung zu sein, die uns angesichts der neuartigen Probleme befallen hat, vor die wir uns, wie die Untersuchung
verschiedener Aspekte der derzeitigen Prosperität durch den genahnten
Kongreßausschuß gezeigt hat, heute gestellt sehen.
Diese Fragen scheinen uns vor allem deshalb auch so seltsam und
verwickelt, weil wir uns seit mehr als einem Menschenalter mit gerade
entgegengesetzten Problemen befassen mußten: den Problemen einer Depression und Deflation.
Unsere derzeitige Konjunktur ist im wesentlichen Ausdruck der Prosperität unserer privaten Wirtschaft, die von den Ausgaben von Privatleüten für private Zwecke lebt, und zwar in einem allgemeinen Wirtschaftsklima, das durch eine ausgeglichene Haushaltspolitik der Regierung und
eine restriktive Kreditpolitik des Zentralbankensystems bestimmt wird.
Das ist also die Wirtschaft, von der ich spreche, wenn ich nunmehr
auf die Probleme unserer derzeitigen Hochkonjunktur eingehe...
Es ist eine bekannte Tatsache, daß heute in Amerika mehr Menschen
in Arbeit stehen und mehr produzieren und öauen als je zuvor in der Geschichte unseres Landes. Wir sind darüber sehr froh, denn auf diesen
Fels gründet sich unser Verteidigungssystem und von da stammen jene
Dinge, die wir alle als die Annehmlichkeiten des Lebens empfinden. Ich
brauche also wohl nicht erst extra zu betonen, daß wir diese Prosperität als das Instrument zu erhalten suchen, mit dessen Hilfe wir unserem
gesamten Volk immer bessere Lebensbedingungen schaffen können.
Wenn ich davon spreche, daß wir diese Prosperität aufrechterhalten
wollen, dann möchte ich aber ausdrücklich vorausschicken, daß ich nicht
in der Illusion befangen bin, unsere Wirtschaft ließe sich in eine Art
Förderband verwandeln, das ununterbrochen zu neuen Rekorden in Produktion und Beschäftigtenstand führt.
Gegenwärtig erleben wir beispielsweise ein Nachlassen des gewaltigen Drucks, der sich innerhalb unserer Wirtschaft gegen Ende des
vergangenen Jahres herausgebildet hatte. Solange die Entscheidung über
den Fortgang der Wirtschaft bei Millionen von Farmen und Betrieben liegt,
wie dies in unserer dem Zentralismus abholden Gesellschaft der Fall
ist, solange werden wir auch ein Auf und Ab in der Wirtschaft erleben.
In einer freien Wirtschaft ist es eben nicht möglich, den Konjjunkturzyklus zu umgehen. Wir können aber durchaus versuchen, unserer Prosperität durch vernünftiges Handeln sowohl seitens der privaten Wirtschaft
als auch des Staates ein kontinuierliches Wachstum zu sichern, das
Schwankungen, wie sie 1948-49 und 1953-54 auftraten, auszugleichen
vermag. Es besteht Grund zu der Annahme, daß man heute mehr Verständnis

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3. April 1957

Verständnis für die Hintergründe wirtschaftlicher Veränderungen aufbringt als früher, daß somit weit mehr Möglichkeiten für eine Regulierung durch Vernunft bestehen - eine Regulierung, deren Notwendigkeit
allgemein anerkannt wird - und daß das Vertrauen in die Zukunft, das
für die weitere Expansion der Wirtschaft unerlässlich ist, wiederhergestellt ist.
Die beste Methode, unsere Prosperität in dem genannten Sinne aufrecht zu erhalten, ist meiner Meinung nach, unsere Wirtschaft gesund zu
erhalten. Um sie aber gesund erhalten zu können, müssen wir
1. die Gefahr bannen, daß die Konjunktur sich unter dem Druck inflatorischer Tendenzen selbst überschlägt und damit der Boden für einen
späteren ernsten Rückschlag bereitet wird;
2. der Versuchung widerstehen, im Namen einer Verbesserung ohnehin
guter Zeiten Eingriffe in das Marktgefüge vorzunehmen; und
3. die Notwendigkeit einsehen, den Sparwillen als Voraussetzung
einer gesunden Wirtschaftsexpansion zu heben.
Das erste Problem ist genau das gleiche, das der Präsident in
seinen beiden letzten Wirtschaftsberichten an den Kongreß meinte, als
er von der Aufrechterhaltung der Prosperität bei gleichzeitiger Stabilität der Preise sprach. Die Gefahr, die hinter diesem Problem lauert
ist gerade in jüngerer Zeit mehrmals deutlich in Erscheinung getreten.
Nach einer vier Jahre währenden bemerkenswerten Stabilität haben die
Großhandelspreise im vergangenen Jahr um tyfo angezogen, während die
Verbraucherpreise im Durchschnitt um yfo stiegen. Die Zinssätze - der
Preis des Geldes - sind gleichfalls gestiegen. Und die angespannte
Lage auf dem Arbeitsmarkt hat zu einer Erhöhung der Löhne um das
Doppelte der Produktivitätszuwachsrate geführt.
In den letzten 25 Jahren haben wir tatsächlich kaum irgendwelche
Erfahrungen in bezug auf die Schaffung einer Konjunktur bei gleichzeitiger Stabilität der Preise unter normalen Bedingungen sammeln können.
Diese Tatsache mag manche Kreise zu der Überzeugung geführt haben,
daß unsere Bemühungen um die Erreichung jenes Zieles zu einer Deflation, zu einer Unterbindung des wirtschaftlichen Wachstums und zu
Arbeitslosigkeit führen werden. Für Menschen dieser Denkart ist die
Prosperität noch immer ein vorübergehender und anomaler Zustand, ein
sehr angenehmes, aber eben doch zerbrechliches Ding - sie sind der
Auffassung, daß selbst die geringsten Versuche eines Eingreifens die
Gefahr in sich bergen, daß die gesamte Wirtschaft wieder in eine
Depression gestoßen wird.
Es ist richtig, in der Wirtschaft weiß man nie, was der nächste
Augenblick bringen wird. Aber jede Beibehaltung von Maßnahmen zur Bekämpfung inflatorischer Tendenzen,selbst nach dem Einsetzen einer entgegengesetzten Entwicklung wäre fehl am Platze, ebenso wie es falsch
wäre, aus Furcht vor einer Depression den inflatorischen Tendenzen
einfach freien Lauf zu lassen. Wir sollten weder im einen noch im

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3. April 1957

im anderen Falle doktrinär handeln. Wir müssen vielmehr bereit und
willens sein, uns der deflatorischen Kälteschauer ebenso zu erwehren
wie des inflatorische,n Fiebers, Was die Gestaltung der Wirtschaftspolitik angeht, ergeben sich deshalb für die Regierung sehr ernste Probleme, deren Lösung viel Urteilskraft und auch Geschick in der Wahl
des Zeitpunktes für eventuelle Maßnahmen erfordert.
Ich bezweifle, daß eine planmäßig betriebene Politik der schleichenden Inflation Befürworter in nennenswerter Zahl findet. Kein Mensch
argumentiert heute, wie dies noch vor einigen Jahren der Fall war, daß
die Wirtschaft eben ohne "erhöhte Temperatur" nicht gesund sei. Manche
Kreise sehen dagegen in der schleichenden Inflation den unumgänglichen,
aber erträglichen Preis für die Vermeidung einer Arbeitslosigkeit und
anderer Schwierigkeiten,
Es ist mir bekannt, daß es in den Vereinigten Staaten mächtige
Wirtschaftskreise gibt, die die Auffassung zu vertreten scheinen, sie
könnten der schleichenden Inflation durch eine über die Erhöhung der
Gestehungskosten hinausgehende Erhöhung der Preise entgehen. Ich gebe
zu, daß ein Dollar in der Lohntüte von heute dem einzelnen weit mehr
als Realität vorkommen mag als der durch die inflatorische Entwicklung
bedingte Wertschwund der Ersparnisse von morgen. Ich weiß auch, daß
eine expansionistische Preispolitik den meisten Farmern als die einzig
vernünftige Lösung erscheint, während doch gerade die Landwirtschaft
heute mit am schwersten unter der Kosteninflation zu leiden hat und
eine Inflation in Zeiten eines Überangebotes mit Sicherheit die Gestehungskosten der Landwirtschaft mehr ansteigen läßt als ihre Verkaufspreise. Ich weiß ferner, daß auch in Industrie und Handel der
Glaube weit verbreitet ist, dieses Verhalten mit den Preisen gegenüber
den Gestehungskosten werfe höhere Gewinne ab.
Ich bin aber überzeugt, daß all diese Gruppen und auch alle anderen Amerikaner eine kontinuierliche Prosperität bei stabilen Preisen
noch viel lieber sähen. Arbeiter und Angestellte sind sich darüber im
klaren, daß Lohnerhöhungen parallel zu steigenden Lebenshaltungskosten
fiktiv und nicht echt sind. Die Bauern haben in den letzten Jahren die
Auswirkungen steigender Preise für Industrieprodukte am eigenen Leib
zu spüren bekommen. Und in der Wirtschaft spricht man mehr und mehr
von einer "profitlosen Prosperität" und dem Fehlen hinreichender Abschreibungsreserven im Angesicht der heutigen Preissituation. Die
Wirtschaft fürchtet also, mit anderen Worten, daß sie in dem Wettrennen zwischen Kosten und Preisen den kürzeren ziehen wird. Ich bin
der Auffassung, daß die meisten Amerikaner den negativen Auswirkungen
einer Inflation aus dem Weg gehen möchten, sofern sie dafür nicht
den Preis einer Depression entrichten müssen.
Im Hinblick auf unsere Konzeption von Prosperität scheint es
mit unsere Aufgabe zu sein, den engen Bereich zwischen Inflation und
Deflation auszuweiten. Wir dürfen die angestrebte Konjunktur nicht
so eng definieren, daß darin kein Platz mehr für gelegentliche Perioden
der Angleichung ist. Wenn wir jede Wirtschaftsbewegung, die keinen
inflatorischen Charakter hat, gleich als deflatorisch bezeichnen und

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und glauben wollten, daß alle Wirtschaftszweige ständig bis an die
Grenze ihrer Kapazität ausgelastet sein müssen und daß der Verkäufermarkt das unabänderliche Ziel zu sein habe, dann müßten wir die Inflation als Bestandteil unseres nationalen Lebens hinnehmen. Wir sollten
uns vielmehr zu der Erkenntnis durchringen, daß Hochkonjunktur und maxi»
male Expansion auf lange Sicht nicht identisch zu sein brauchen mit Hochkonjunktur und maximaler Expansion im Augenblick.
Da das vor uns liegende Jahrzehnt, so scheint es mir jedenfalls,
eher eine Überbeanspruchung denn eine Unterbeanspruchung unserer Wirtschaft und damit eher eine Verknappung denn ein Überangebot an Arbeitskräften mit sich bringen dürfte, müssen wir zur Erreichung des Zieles
einer Prosperität bei stabilen Preisen von Zeit zu Zeit vorsichtige Konjunkturbremsen entwickeln und anwenden, und zwar immer dann, wenn eine
Konjunkturüberhitzung zu einem allgemeinen Anstieg des Preisniveaus zu
führen droht. Diese Konjunkturbremsen, die unserem Wirtschaftssystem
angemessen sein müssen, sollten so allgemeiner Natur sein, daß dem
einzelnen noch ein Höchstmaß an freiem Spielraum gewährleistet bleibt.
Das heißt mit anderen Worten, sie sollten über den Marktmechanismus
zur Anwendung kommen. Zu diesen restriktiven Maßnahmen zählen die generelle Währungskontrolle, die die Kosten und das Angebot von Kapital
beeinflußt, und die staatliche Finanzpolitik, die sich über das Ausgaben-, Steuer- und Schuldengebaren der öffentlichen Hand auswirken. ...
Ich bin mir darüber klar, daß Kreditrestriktionen ihrerseits wieder besondere Probleme aufwerfen: es ist dann einfach nicht genügend
Geld verfügbar. Es ist bedauerlich» daß mancher Industriezweig darunter
zu leiden haben wird. Solche Maßnahmen werden zwangsläufig den einen mehr
und den anderen weniger treffen, wie dies bei allen Wirtschaftsbewegungen der Fall ist. Ich halte es" durchaus für angebracht, daß die Regierung, so wie dies ohnehin der Fall ist, durch besondere Maßnahmen die
Klein- und Mittelbetriebe, die Landwirtschaft und den Wohnungsbau unterstützt - allerdings nur unter der Voraussetzung, daß mit der Rationierung
des Geldmarktes nicht unzureichende Mittel eingesetzt und damit die gesamte restriktive Politik ausgehöhlt wird. Ich glaube auch, daß wir
ständig uns darum bemühen sollten, Mittel und Wege für eine Verbesserung
des Apparates zu finden, dem die Ausführung der Währungspolitik anvertraut ist. Hier könnte die vom Präsidenten vorgeschlagene nationale
Währungskommissianein dankbares Arbeitsgebiet finden.
Was die Finanzpolitik der öffentlichen Hand angeht, so ist es klar,
daß die Ausgaben und Käufe in Zeiten der Konjunkturüberhitzung, die sich
am Preisthermometer ablesen läßt, auf ein Maß reduziert werden müssen,
das von der Notwendigkeit der Gesunderhaltung der Gesamtwirtschaft diktiert wird; die Einnahmen sollten in solchen Zeiten die Ausgaben übersteigen, und die öffentliche Hand sollte die Lage auf dem Kapitalmarkt
nicht durch Aufnahmen von Anleihen weiter verschärfen und damit dem
Kapitalmarkt Investitionsmittel entziehen.
Eines der wichtigsten Ziele der gegenwärtigen Regierung bei Übernahme ihrer Funktionen vor vier Jahren war es deshalb auch, den Staatshaushalt wieder unter Kontrolle zu bringen. Im abgelaufenen Finanzjahr

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3. April 1957

Finanzjahr wurde der Haushalt ausgeglichen. Er wird auch in diesem Finanzjahr ohne Defizit abschließen, und auch der Haushaltsvoranschlag
für das Finanzjahr 1958 ist in Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen.
Die Regierung ist darüber hinaus um eine Verringerung der Steuerlast
bemüht, damit jeder einzelne einen größeren Anteil seines Einkommens
zur Deckung seines eigenen Bedarfes oder für Zwecke des Sparens übrigbehält .
Wenn diese Währungs- und Finanzkontrollen auch zur Schaffung eines
Wirtschaftsklimas geeignet scheinen, das die Erreichung des Zieles der
Prosperität bei stabilen Preisen begünstigt, so muß aus Gründen der
Fairness doch auch gesagt werden, daß hierzu auch noch einige Mithilfe
in Gestalt anderer Maßnahmen notwendig ist. Wie bereits erwähnt, sollte
man sich diese Hilfe nicht von Lohn-, Preis- und Rohstoffkontrollen erhoffen. Wollten wir von ihnen unser Heil erwarten, dann käme dies dem
Eingeständnis gleich, daß uns unser Wirtschaftssystem nicht zu dem erstrebtön Ziel zu bringen vermag. Wir sollten Hilfe vielmehr von jener
Seite erwarten, auf die der Präsident in seinen Kongreßbotschaften vom
Januar verwiesen hat.
Es sei daran erinnert, daß er die Unterstützung der Gewerkschaften
und des Unternehmertums für die Bemühungen zur Eindämmung des inflatorischen Druckes steigender Kosten zu gewinnen suchte. Er verwies die
führenden Männer unserer industrialisierten Wirtschaft auf die Auswirkungen ihres Verhaltens bei Lohnverhandlungen auf die gesamte Wirtschaft
und ermahnte sie, durch ihre Entscheidungen nicht die Lohn-Preisspirale
in Bewegung zu setzen. Er forderte sie auf, sich von ihren langfristigen
und nicht von ihren Tageszielen leiten zu lassen.
Dieser Appell des Präsidenten erhielt keinen ungeteilten Beifall.
Er wurde als naiv, praktisch undurchführbar und phantastisch bezeichnet.
Vielleicht ist das auch richtig, ich allerdings wage dies zu bezweifeln.
Immerhin wurden dadurch eine sehr nützliche Diskussion in der breiten
Öffentlichkeit sowie eingehende Untersuchungen über die Zusammenhänge
zwischen Produktivität und Löhnen, Gestehungskosten und Preisen ausgelöst. Die große Masse, die am Ende des Weges vom Rohstoff zum fertigen
Produkt steht und die Preise für es zu zahlen hat, dürfte in Zukunft
bei Lohnverhandlungen in den Schlüsselindustrien als stiller Partner
durchaus etwas besser vertreten sein. Und schließlich glaube ich auch,
daß der Präsident manchen Amerikaner dazu veranlaßt hat, sich etwas
mehr Gedanken darüber zu machen, daß nicht nur die Regierung, sondern
jeder' einzelne für die Entwicklung der Wirtschaft mitverantwortlich
ist. Wir können unser Ziel nur dann erreichen, wenn die Erkenntnis
Verbreitung findet, daß das Gesamtproblem der Stabilisierung der Wirtschaft nicht einfach der Regierung in die Schuhe geschoben werden kann«
Ein weiteres mit der Aufrechterhaltung der Konjunktur eng zusammenhängendes Problem ist die Tendenz, nach Regierungseingriffen in
das Marktgefüge zu rufen, um diesem oder jenem Industriezweig eine
Teilnahme an der allgemeinen konjunkturbedingten Aufwärtsentwicklung
der Wirtschaft zu sichern. Gerade der Wettbewerb aber ist eine der
wichtigsten Kräfte, auf die wir uns in unseren Bemühungen um die Fortdauer einer gesunden Konjunktur stützen können. Jeder Versuch, den

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J. April 1957

den Wettbewerb irgendwie einzuschränken, ist daher für die Gesamtwirtschaft höchst gefährlich. Solche Tendenzen sind natürlich durchaus
verständlich, weil in einer Periode der Hochkonjunktur ein Nachhinken
eines Wirtschaftszweiges oder einer Firma hinter der Gesamtentwicklung
sehr leicht von den Betroffenen als Krisenzeichen und von Außenstehenden
als schwacher Punkt der Prosperität angesehen werden kann. Ich bin
tief beeindruckt davon, daß mir in meiner amtlichen Funktion in unserer
gegenwärtigen Zeit der Wirtschaftsblüte von allen möglichen Seiten recht
eigenartige Vorschläge gemacht werden, wie Senkung dieser oder jener
Steuer, Förderung des Kapitalmarktes durch die Bereitstellung von Mitteln oder Übernahme von Garantieverpflichtungen durch die Regierung,
Einschränkung des freien Wettbewerbs, Ankauf von Waren zu höheren als
den Marktpreisen durch die Regierung und andere, künstliche Stützmaßnahmen
für die von der Konjunktur weniger begünstigten Wirtschaftszweige. Bei
Betrachtung dieser Vorschläge gewinnt man fast den Eindruck, daß manche
Kreise glauben, die Regierung solle bei jeder auftretenden rückläufigen Tendenz auf irgendeinem Wirtschaftssektor gleich mit einer Bereitstellung zinsgünstiger Kredite reagieren. Eine derartige Einstellung
ist im Grunde genommen natürlich eine Negierung der Wirksamkeit des
Systems der freien Marktwirtschaft und sollte deshalb mit größter Vorsicht behandelt werden. Das gleiche gilt für die Auffassung, daß jedes
Wirtschaftsunternehmen, gleichgültig welcher Art und unabhängig von den
sonstigen Umständen ein Recht auf Erfolg habe.
Eine freie und dynamische Wirtschaft muß elastisch genug sein, um
konjunkturbedingte Schwankungen in den einzelnen Wirtschaftsbereichen
auszugleichen. Sie kann von sich aus die unterschiedlichen Belastungen,
die sich aus Verlagerungen in der Nachfrage und dem technischen Fortschritt ergeben, laufend auspendeln. Sollte die Regierung von ihrer
Aufgabe ablassen, die Voraussetzungen für einen gesunden Wandel und
eine laufende Anpassung an die jeweiligen Umstände zu schaffen und
statt dessen dazu übergehen, spanische Wände gegen den frischen Wind
eines echten Wettbewerbs zu errichten, dann leistet sie unseren Hoffnungen auf ein gesundes Wachstum der Wirtschaft sowohl im gegenwärtigen
Augenblick als auch in Zukunft einen sehr schlechten Dienst.
Das amerikanische Bruttosozialprodukt in konstanten Dollars stieg
im Jahre 1955 gegenüber dem Vorjahr um 27 Milliarden. In allen größeren Sparten - abgesehen von den Regierungskäufen - war eine entsprechende Zunahme zu verzeichnen, die bei den Aufwendungen für langlebige
Verbrauchsgüter und Neubauten prozentual am höchsten lag. Im Jahre
1956 dagegen gingen die Aufwendungen für langlebige Verbrauchsgüter
und Neubauten und hier insbesondere die Aufwendungen für den Erwerb
von Kraftfahrzeugen und im Wohnungsbau zurück. Trotz dieses Rückganges
war bei den Ausgaben für die Beschaffung von Produktionsmitteln eine
Verdoppelung der Zuwachsrate des Vorjahres zu verzeichnen, und so
stieg das Bruttosozialprodukt 1956 dennoch um weitere 2,5$. Dies ist
ein Beispiel für eine echte Elastizität der Wirtschaft, die die Möglichkeit schafft, ein Nachlassen der Geschäftstätigkeit in einem Wirtschaftssektor durch verstärkte Tätigkeit in einem anderen auszugleichen.
Sie bietet die Gewähr für ein ununterbrochenes starkes Wachstum der
Gesamtwirtschaft.
„.

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. April 1957

Ein Gegenbeispiel bildet die Landwirtschaft, die sich innerhalb
der letzten eineinhalb Jahrzehnte zweimal vor die Notwendigkeit gestellt
sah, einen kriegsbedingten erhöhten Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu decken. Die anschließende Umstellung der Landwirtschaft auf
die normalen friedenswirtschaftlichen Marktverhältnisse war ein sehr
schmerzlicher Prozeß. Eine endgültige Anpassung wird sich aber nie vollziehen, wenn die Entwicklung auf diesem Sektor durch unrealistische
und umfassende Preisstützungsgesetze von den Einflüssen der Märkte isoliert wird, wo die Verbraucher ihre Wünsche zum Ausdruck bringen. Wir
müssen uns der marktregulierenden Kräfte bedienen und dürfen sie nicht
lahmlegen, wenn die Landwirtschaft einen Ausweg aus ihrer gegenwärtigen
Zwangslage finden soll.
Ein drittes Problem, das wir im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung unserer Prosperität lösen müssen, ist die Förderung der Spartätigkeit. Denn allein durch eine rege Spartätigkeit können die für
ein gesundes Wachstum der Wirtschaft erforderlichen finanziellen Mittel
beschafft werden. Voraussetzung hierzu ist aber das Abrücken von der
aus der Zeit der großen Wirtschaftskrise herrührenden Vorstellung, daß
die Schwierigkeiten unserer Wirtschaft auf eine zu lebhafte Spartätigkeit
und einen zu geringen Verbrauch zurückzuführen seien. Trotz des gegenwärtigen Rekordsparvolumens reichen in den Vereinigten Staaten die vorhandenen Ersparnisse nicht aus, um den Investitionsbedarf voll befriedigen zu können; dies läßt sich ganz deutlich an den steigenden Zinssätzen und an der Tatsache ablesen, daß viele kreditwürdige Firmen die
benötigten Mittel nicht erhalten können. Wir wollen aber dennoch die
zwischen Spareinlagen und Investitionsbedarf klaffende Lücke nicht durch
übermäßige Gewährung von Bankkrediten überbrücken.
Um eine Lösung für dieses Problem finden zu können, müssen wir zunächst einmal begreifen lernen, daß einige unserer Steuergesetze, die
in den dreißiger Jahren mit dem Ziel erlassen worden sind, den Verbrauch
zu fördern und die Spartätigkeit zu beschränken, inzwischen restlos
unzeitgemäß geworden sind. Wir sollten uns beim Erlaß neuer Steuergesetze darüber im klaren sein, daß die Zeiten vorüber sind, in denen man
ein Loch zustopfen konnte, indem man ein anderes aufriß. Wir müssen die
Spartätigkeit fördern, um die für das weitere Wachstum unserer Wirtschaft
benötigten Mittel zu beschaffen. Ich kann den Leuten, die die Rolle der
Spareinlagen für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft unterstreichen
nur recht geben, denn gerade die Ersparnisse sind von entscheidender
Bedeutung für die Mehrung unserer materiellen Hilfsquellen. Wir Amerikaner täten gut daran, uns das Motto der Sparbewegung in England zu eigen
zu machen: "Gib nicht in einer Woche das ganze Geld aus, das du in
einer Woche verdient hast."
Diese richtige Einschätzung der Bedeutung der Spartätigkeit macht
aber auch eine Rückkehr zur Vernunft bei den Erörterungen um die Zinssätze notwendig. Unter allen Preisen, die von unserer Wirtschaft gefordert und bezahlt werden, sehen manche Kreise gerade in den Zinssätzen etwas Schädliches. Trotz der Tatsache, daß die meisten Ersparnisse heute in Industrieaktien und Obligationen gesteckt werden und

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. April 1957

und die noch verbleibenden Beträge größtenteils vertraglich auf längere Zeit festgelegt werden und damit dem Einfluß von Zinsänderungen
nur in geringem Maße unterliegen, ist dennoch mit Sicherheit anzunehmen, daß eine höhere Verzinsung der Ersparnisse dem Sparwillen neuen
Auftrieb verleihen dürfte. Wer in den Zinsen lediglich Kosten erblickt,
sollte sich auch einmal überlegen, daß sie eben der Lohn für das Sparen
sind. Wenn wir uns zu keinem besseren Verständnis dieser Grundtatsache
durchringen, so schaffen wir damit ein sehr ernstes Hindernis für ein
weiteres gesundes Wachstum unserer Wirtschaft.
Unsere Generation steht vor neuen großen Aufgaben und Möglichkeiten. Es bietet sich uns die Chance, einen weiteren gewaltigen Schritt
auf dem Weg zu wirtschaftlichem Aufstieg aller Angehöriger unseres
Volkes vorwärts zu tun. Wir haben ein Produktions- und Verteilungssystem, das seinesgleichen sucht, ein System, das die Unterstützung
des gesamten amerikanischen Volkes genießt. Die breite Masse in Amerika
ist der Treuhänder dieses Wirtschaftssystems, und sie erntet die Früchte
der gegenwärtigen Prosperität. Wir müssen die Wirtschaft gesund erhalten,
damit sie unseren Bedürfnissen und denen nachfolgender Generationen
auch in Zukunft gerecht zu werden vermag. Wir müssen unsere freie Marktwirtschaft erhalten und das Wettbewerbssystem, auf das sie sich gründet. Wir müssen allen Wunderdoktoren und Kurpfuschern das Handwerk legen,
denn ihre noch so wohlmeinenden Bemühungen würden unsere Wirtschaft auf
den Weg der Mittelmäßigkeit drängen. Diese Aufgabe fordert von uns sowohl die Bereitschaft, unser System durch Beseitigung von Schwächen
immer mehr zu vervollkommnen als auch die Entwicklung des Gefühls dafür, wo seine Belastungsgrenze liegt. Welche große Forderungen aber
diese Aufgabe auch an uns stellen mag, es lohnt sich, sie auf sich
zu nehmen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./3.4.1957
DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE
ATLANTISCHE ALLIANZ

PARIS - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Ansprache, die der Ständige
Vertreter der Vereinigten Staaten bei der Nordatlantik-Pakt-Organisation, Botschafter George
Perkins, am 27. März in Paris vor der französischen NATO-Gesellschaft in Anwesenheit ihres
Präsidenten, des ehemaligen französischen Außenministers George Bidault, gehalten hat.

Ich freue mich darüber, daß man mich gebeten hat, heute hier
vor Ihnen über das Thema "Die Vereinigten Staaten und die atlantische
Allianz" zu sprechen. Es ist immer ein Vergnügen, ein Thema zu behandeln, für das man selbst begeistert ist. Ich darf an den Beginn
meiner Rede das bemerkenswerte Ergebnis einer demoskopischen Umfrage in den Vereinigten Staaten stellen, bei der sich zeigte, daß
mehr als BOjk aller Amerikaner für eine Teilnahme der USA an der
NATO und für eine Unterstützung dieser Organisation eintreten. Sie
werden sich sicher darüber im klaren sein, daß dies ein sehr hoher
Prozentsatz für ein Land ist, das in seiner bisherigen Geschichte
einen isolationistischen Kurs verfolgt hat.
Um aber die gegenwärtige Einstellung der Vereinigten Staaten
zur NATO völlig verstehen zu können, muß man sich einmal überlegen,
wie sich diese Haltung herausgebildet hat. Ich sage dies, weil ich
restlos davon überzeugt bin, daß das gegenwärtige Interesse der
Vereinigten Staaten an der NATO weit über die ursprünglichen Absichten hinausgeht, die wir zur Zeit der Unterzeichnung des Nordatlantik-Paktes hatten.
Ich war zu dem Zeitpunkt, als der Nordatlantik-Pakt ausgehandelt wurde, nicht in Washington. Ich gehörte damals gerade zur USMission beim Europäischen Wirtschaftsrat (OEEC) hier in Paris, an
deren Spitze Mr. Harriman stand, und befaßte mich im Zusammenhang
mit der Durchführung des Marshall-Plans mit Fragen des industriellen Wiederaufbaus. Auf Grund meiner in der Folgezeit gesammelten
Erfahrungen bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß die Vereinigten Staaten vor allem an der in den Vertrag einbezogenen Erklärung

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�"AMERIKA DIENST

3. April 1957

Erklärung interessiert waren, die besagt: "Die vertragschließenden
Staaten kommen dahingehend überein, daß ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein
Angriff gegen alle anzusehen ist," In dem betreffenden Artikel heißt
es ferner, daß jeder Partnerstaat im Falle eines solchen Angriffs
dem Angegriffenen mit solchen Maßnahmen - unter Einschluß des Einsatzes bewaffneter Streitkräfte - zur Hilfe kommen wird, die er als
notwendig erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Raumes
wiederherzustellen und zu wahren. Ich bin sicher, daß die Vereinigten Staaten der Auffassung waren, diese Formulierung würde j§&lt;iem
möglichen Aggressor eindeutig zu verstehen geben, daß er sich im
Falle eines Angriffs der kombinierten Stärke sämtlicher Signatarmächte gegenübersehen werde. Um ganz klarzustellen, warum die Vereinigten Staaten dieser Erklärung soviel Gewicht beigemessen haben,
müssen Sie mir gestatten, noch etwas weiter in die Geschichte zurückzugehen. Ich brauche wohl nicht erst daran zu erinnern, daß die
Vereinigten Staaten erst spät in die beiden V/eltkriege eingegriffen
haben. In den Vereinigten Staaten setzte sich in der Zwischenzeit
allmählich die Überzeugung durch, daß es besser gewesen wäre, wir
hätten früher gehandelt. Man gewann ferner, so will es mir scheinen,
die Überzeugung, daß es im Falle eines solchen frühzeitigen Handelns
sogar möglich gewesen wäre, diese furchtbaren Konflikte überhaupt
zu vermeiden. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, so
hätte doch ein rascheres Handeln unsererseits diese Kriege viel frühzeitiger und unter geringeren Verlusten an Gut und Blut beenden können. Man war also, in kurzen Worten ausgedrückt, zu der Schlußfolgerung gelangt, daß eine Politik der Neutralität für ein Land, das
zwangsläufig früher oder später in einen etwaigen Krieg verwickelt
werden würde, nicht als eine konstruktive Politik gelten dürfe.
Diese Gedankengänge wurden in den Vereinigten Staaten erstmals im
ersten Weltkrieg vorgebracht. So kann ich mich selbst noch an einen
Vorfall erinnern, der sich zur Zeit des ersten Weltkrieges noch vor
dem Eingreifen der Vereinigten Staaten abspielte. Mein Vater nahm
mich eines Tages mit zu Ex-Präsident Theodore Roosevelt, der ihn
zum Essen eingeladen hatte. Theodore Roosevelt war, wie Sie sicher
alle wissen werden, ein Mann mit einer sehr festen Meinung und zögerte auch nicht, diese unverblümt auszusprechen. Während des Essens
vertrat Roosevelt die Auffassung, daß er den Krieg, falls er im Zeitpunkt seines Ausbruchs noch Präsident gewesen wäre, sicherlich hätte
verhindern können. Auf erstaunte Einwände erwiderte Roosevelt, er
hätte dem deutschen Kaiser mitteilen lassen, daß die Vereinigten
Staaten für den Fall, daß Deutschland einen Krieg beginne, den
Alliierten zur Hilfe eilen werden. Ob eine solche Erklärung einen
Krieg hätte verhindern können oder nicht, bleibt fraglich; es steht
aber meiner Meinung nach fest, daß das amerikanische Volk heute sehr
für jene Handlungsweise eintritt, für die sich Roosevelt bei jenem
Essen aussprach.
Solche Erwägungen ließen im Winter 1948/49 di e Vereinigten
Staaten zu der Einsicht gelangen, wie recht die Signatarstaaten des
Brüsseler Paktes gehandelt hatten, als sie sich für Zwecke der Verteidigung zusammenschlössen. Die Vereinigten Staaten kamen ferner

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�"AMERIKA DIENST"

3. April 1957

ferner zu dem Schluß, daß sie sich diesen Bestrebungen anschließen
sollten, und daß die entsprechenden Bemühungen womöglich noch erheblich verstärkt werden sollten. Das Ergebnis war der Abschluß des
Nordatlantik-Paktes, der am 4» April 1949 v ° n 12 Staaten in Washington unterzeichnet wurde.
Um meine These noch zu untermauern, daß Artikel V des Vertrags
für die Vereinigten Staaten von größtem Interesse war, darf ich hier
nochmals auf meine eigenen Erfahrungen zu sprechen kommen. Im Sommer
1949 wurde ich nach Washington beordert, um das Amt eines Unterstaatssekretärs für europäische Angelegenheiten im US-Außenministerium zu
übernehmen. Die Ratifikationsurkunden des Nordatlantik-Paktes wurden
kurz darauf, Anfang September, in Washington hinterlegt, und die
erste Tagung des Nordatlantikrates wurde zum 17. September einberufen.
Es war einer meiner ersten Aufträge nach Antritt meines neuen Amtes
im Außenministerium, den Vorsitz in einem internationalen Arbeitsstab zu führen, der den im Nordatlantik-Pakt vorgesehenen Apparat
aufbauen sollte. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich mir damals
als erstes zunächst den Vertragstext kommen lassen mußte, da ich
ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gelesen hatte. Inzwischen habe ich das aber mehr als nachgeholt.
Der internationale Arbeitsstab machte sich sogleich an seine
Aufgabe. Der Vertrag sah bestimmte, allerdings nicht genau umrissene
ständige Einrichtungen vor, vor allem auf militärischem Gebiet. Wir
stellten die diesbezüglichen Pläne fertig, einigten uns dabei aber
darauf, den Apparat so klein wie möglich zu halten. '.Vir kamen ferner
zu dem Ergebnis - und das wird sicherlich Herrn Bidault besonders
interessieren -, daß diese Probleme für die Außenminister zu schwierig und auch zu sehr technischer Natur seien, und daß wir deshalb
die von ihnen auf dieser Tagung zu fassenden Entschlüsse in allen
Einzelheiten vorbereiten sollten. Wir stellten ein Programm auf,
das man schon fast als eine vollständige Regieanweisung bezeichnen
kann, in der die Rolle eines jeden Ministers genau festgelegt war.
Das Ergebnis war eine Tagung, die man vielleicht als einen Triumph
der Organisationskunst bezeichnen könnte. Zwölf Außenminister kamen
zur Erörterung wichtiger Probleme zusammen und trafen alle notwendigen
Entscheidungen - einschließlich des Kommuniques - in einer knappen
Stunde. Wir haben niemals den Versuch gemacht, einen solchen Triumph
ein zweites Mal zu erringen, weil wir uns sehr schnell darüber klar
wurden, daß die Außenminister nicht nur selbst den Wunsch hatten,
sich frei untereinander auszusprechen, sondern es auch wünschenswert sei, daß eine solche Aussprache stattfindet.
Wie ich bereits ausführte, lag das Schwergewicht im organisatorischen Aufbau zunächst auf militärischem Gebiet. Aber auch hier gab
es keine wirklich internationale Organisation.
Es wurden Ausschüsse gebildet, aber auch diese setzten sich
wiederum aus Landesvertretern zusammen. Und im nichtmilitärischen
Bereich gab es überhaupt keinerlei Organisation. Man nahm es allgemein einfach als Tatsache hin, daß alle Funktionen, wie sie ein

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3. April 1957

ein internationales Sekretariat normalerweise ausübt, von meiner
Dienststelle im US-Außenministerium ausgeübt werden. In praxi wurde
ein einziger Beamter mit der Ausführung dieser Aufgaben betraut,
und auch er verwandte nur die Hälfte seiner Zeit auf NATO-Fragen.
Heute haben wir in der Zivilorganisation im Palais Chaillot einen
internationalen Stab mit rund 600 Mitarbeitern, zu denen noch die
Angehörigen der Delegationen der Mitgliedstaaten hinzuzurechnen sind.
Die Vereinigten Staaten waren zunächst einmal mit diesem Mindestmaß an organisatorischem Aufbau einverstanden, während einige der Mitgliedstaaten die Auffassung vertraten, daß man damit nicht auskommen
könne. Ich erinnere mich, daß besonders Frankreich die Auffassung
vertrat, daß weit mehr getan werden müsse, wenn die Wiederaufrüstung
Europas Wirklichkeit werden solle. Die Vereinigten Staaten hatten
jedoch ihren Militärhaushalt drastisch gekürzt und waren wenig geneigt, ein rascheres Tempo einzuschlagen. Diese Darstellung dürfte
meiner Meinung nach ausreichen, unsere ursprünglichen Intentionen
verständlich zu machen.
Im Verlauf des Winters 1949/50 zeigte sich, daß die lockere Organisation, die ich eben geschildert habe, unzureichend war und daß
sie einer Stärkung bedurfte. So gehörten die Vereinigten Staaten auf
der Londoner Konferenz vom Mai 1950 zu den Ländern, die sich für die
Schaffung des Rates der Stellvertreter einsetzten. Die USA wurden
aufgefordert, den Vorsitzenden dieser Körperschaft zu bestellen, ein
Ersuchen, dem sie gerne nachkamen. Noch immer aber gab es keine
wirklich internationale Organisation. Die gesamte Arbeit wurde von
Vertretern der einzelnen Länder ausgeführt, die in den verschiedenen
Ausschüssen saßen. Dennoch hatten wir damit schon ein beachtliches
Stück Weges zurückgelegt; hatten die Vereinigten Staaten doch nunmehr statt jenes einen Beamten in meiner Dienststelle ebenso wie
andere Länder eine richtige Delegation in London bei der NATO.
Dann begann der Korea-Konflikt. Die Haltung sämtlicher NATOMitgliedstaaten erfuhr in diesem Augenblick eine ganz einschneidende
Veränderung. Militärische Fragen rückten stark in den Vordergrund.
Die Streitkräfte der einzelnen europäischen Mitgliedstaaten der NATO
waren damals noch sehr schwach. Sie mußten verstärkt, bewaffnet und
zu einer einheitlichen schlagkräftigen Streitmacht zusammengefaßt
werden. Das Gebiet, in dem Europa zu verteidigen war, zog sich entlang der Ostgrenzen Deutschlands hin. Wie hätte dieses Problem ohne
eine Beteiligung Deutschlands gelöst werden sollen? Die Wiederbewaffnung Deutschlands warf aber natürlich für Frankreich und viele andere
Staaten ein ernstes Problem auf. Wir alle hegen größte Bewunderung
für die Art und Weise, wie Frankreich sich auf dieses Problem eingestellt hat und auch dafür, wie es die Frage seiner Beziehungen zu
Deutschland gelöst hat.
Nach Beginn des Korea-Konfliktes verstärkten die Vereinigten
Staaten ihre Aktivität innerhalb der NATO weiter. Wir erhöhten das
militärische Potential in Europa. Wir stimmten im Dezember 1950 in

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3. April 1957

in Brüssel der Schaffung einer internationalen Befehlsstruk^ur zu
und ernannten auf Ersuchen General Eisenhower zum Oberbefehlshaber.
Seit jener Zeit haben wir unsere Streitkräfte hier belassen und
große Mengen an Ausrüstungsmaterial nach Europa gesandt, um den europäischen Staaten bei der Aufrüstung zu helfen. Diese Hilfe wird noch
fortgesetzt.
Auf dem zivilen Sektor setzten wir uns auf der Lissabonner Konferenz Tom Februar 1951 tatkräftig für die Schaffung eines wirklich
internationalen Stabes ein, der in den vergangenen fünf Jahren von
Lord Ismay so hervorragend geleitet worden ist. Wir bedauern es, daß
er sich veranlaßt sieht, dieses Amt aufzugeben und freuen uns aufrichtig darüber, daß ein Mann wie Paul Henry Spaak sein Nachfolger sein
wird. Die Vereinigten Staaten haben auch hier, wie gesagt, bereitwillig
mitgearbeitet und sind auch weiterhin zur Mitarbeit bereit; wir erwarten, daß auch die anderen NATO-Mitgliedstaaten ihren vollen Beitrag
leisten. Nach dieser kurzen und zusammenfassenden Erörterung des
Interesses und der Beteiligung der Vereinigten Staaten an der NATO
werden Sie wohl, wie ich hoffe, verstehen, was ich damit meinte, als
ich erklärte, daß das gegenwärtige Interesse der USA an der NATO über
unsere ursprünglichen Intentionen hinausgeht.
Was die Vereinigten Staaten getan haben, kann man als Illustration
ihres Interesses an der NATO werten. Noch wichtiger für einen Ausblick
auf die künftige Entwicklung ist aber vielleicht das Warum. Es ist
nicht leicht, die Gründe für unser Handeln zu analysieren. Sie leiten
sich aus einer Vielzahl sehr verwickelter Motive und Erwägungen her.
Es dürfte aber ganz nützlich sein, einige der für unser Denken wichtigsten Faktoren hier zu erörtern.
Zunächst einmal ist sich das amerikanische Volk meiner Meinung
nach restlos darüber klar geworden, daß es nicht für sich allein auf
der Welt existieren kann, auch wenn unser Land noch so stark und kräftig ist. Die wissenschaftliche und technische Entwicklung hat uns im
Verein mit der Produktionskapazität unserer gewaltigen Industrie einen
Lebensstandard eingebracht, von dem man früher noch nicht einmal zu
träumen wagte. Dieselbe Entwicklung hat aber auch Zeit und Raum so
sehr zusammenschrumpfen lassen, daß sie aufgehört haben, eine Art
Schutzschild für unseren Kontinent zu bilden. Und in Auswirkung eben
dieser Entwicklung können wir den Rohstoffbedarf unserer Industrie
nicht mehr ausschließlich aus unserem eigenen Lande decken; wir
decken ihn vielmehr in zunehmendem Maße aus anderen Teilen der freien
Welt. Diese Dinge haben sehr dazu beigetragen, daß wir viel von unserer Unabhängigkeit von der übrigen Welt verloren haben.
Aber selbst wenn wir in keinem solchen Abhängigkeitsverhältnis
zu anderen stünden, würden wir uns doch wohl kaum von der übrigen
Welt zurückziehen. Wir glauben an Begriffe wie Demokratie, Freiheit
und Gerechtigkeit. Wir würden nicht zusehen wollen, wie andere Teile
der Welt, die frei sind, diese ihre Freiheit verlieren, während wir

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3. April 1957

wir untätig dabeisitzen.
In diesem Gesamtzusammenhang wird unser besonderes Interesse an
der NATO sicherlich leicht verständlich. Fast alle Bewohner der Vereinigten Staaten sind europäischer Abstammung, und wir teilen uns in
das kulturelle und religiöse Erbe. Natürlich gibt es zwischen uns auch
einige Meinungsverschiedenheiten. Dabei handelt es sich aber um Unstimmigkeiten, wie sie im Familienkreis vorkommen; und wie bei allen
Familienstreitigkeiten ist es für Außenstehende unklug, sich einzumi sehen.
Auf der rein praktischen Seite verfügen die europäischen NATQMitgliedstaaten über eine große Produktionskapazität, ein Heer an
Facharbeitern und zahlreiche führende Köpfe in praktisch allen Lebensbereichen. Es ist undenkbar, daß sich die freie Welt ohne ein tatkräftiges Mitwirken Europas zusammenhalten ließe.
Die Vereinigten Staaten sind zu der Überzeugung gelangt, daß
der einzige mögliche Weg, einen weiteren Weltkrieg zu verhindern,
darin besteht, bereit zu sein und bereit zu bleiben. Wir wissen, was
mangelnde Bereitschaft bedeutet, und wir wissen auch, daß wir uns
nicht länger erst dann auf einen Krieg vorbereiten können, wenn dieser bereits angefangen hat. Obwohl wir über eine leistungsfähige Industrie verfügten und seit Jahren schon gewarnt waren, mußten unsere
Truppen im Jahre 1918 das hervorragende französische 7»5-cm-Geschütz'
benutzen, da wir nicht in der Lage waren, unsere Truppen rechtzeitig
mit geeigneten Geschützen auszustatten. Dies weiß ich aus eigener
Erfahrung, war ich doch in jenen Tagen selbst Artillerist hier in
Frankreich.
Die Entwicklung der modernen Waffen macht eine ganz andere Art
militärischer Bereitschaft erforderlich. Die Kernwaffen allein stellen
schon eine revolutionäre Entwicklung dar. Darüber hinaus werden beständig neue und immer schnellere Mittel entwickelt, diese Waffen
zum Einsatz zu bringen. Das bedeutet, daß wir ständig vorbereitet
sein müssen: die Männer müssen geschult und das Gerät stets bereit
und an Ort und Stelle verfügbar gehalten werden, damit sie von einem
zum anderen Augenblick eingesetzt werden können. Dieses Vorbereitetsein auf jederzeitiges blitzschnelles Handeln läßt keinen Raum mehr
für halbe Maßnahmen.
Noch sind die NATO-Streitkräfte nicht so stark, wie sie sein
sollten; wir sind aber alle ständig um die Erreichung des Ziels bemüht, an Ort und Stelle genügend Menschen und Waffen verfügbar zu
halten, die jederzeit bereit zum Einsatz sind. Wir haben auch Fortschritte auf unserem Weg zu diesem Ziel gemacht. Die Vereinigten
Staaten haben selbst große Anstrengungen unternommen und auch die
Bemühungen ihrer Alliierten unterstützt, entsprechende Streitkräfte
aufzustellen. Sie schlagen vor, daß diese Bemühungen fortgesetzt
werden.
Ein

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�"AMERIKA DIENST"

3. April 1957

Ein weiterer Grund, der uns in unserem Glauben an die NATO
bestärkt, ist die Überzeugung, daß sie eine entwicklungsfähige
Organisation ist. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß vieles
noch geschehen muß, ehe wir uns in dem Gedanken zufrieden geben
können, wir wären nunmehr stark genug, den Ausbruch eines weiteren
Krieges zu verhindern; dies ist unser eigentliches Ziel. Ein Blick
auf die Vergangenheit zeigt uns, daß bereits beträchtliche Fortschritte in dieser Richtung erzielt worden sind. Zunächst verfügen
wir seit fünf Jahren über ein gut eingespieltes internationales
Kommandosystem; dergleichen hat es niemals zuvor in Friedenszeiten
gegeben. Dieses Kommandosystem wird noch ständig verbessert, und
auch die Schlagkraft der diesem Kommando unterstehenden Truppen
nimmt noch immer zu. Die Streitkräfte haben gelernt, gemeinsam^
zu operieren, und sie stellen heute tatsächlich eine internationale
Kampftruppe dar. Die Streitkräfte unterstehen aber nicht nur einem
internationalen Kommando - auch das Sekretariat der NATO ist international. Der internationale Stab arbeitet als ein einheitliches
Ganze auf das erfolgreichste.
Ferner ist auf die Erfolge zu verweisen, die hinsichtlich der
Infrastruktur erzielt wurden. Im Rahmen dieses Programms wurden
errichtet: 150 Flugplätze, ein noch im weiteren Ausbau befindliches
Netz von Nachrichtenmitteln und ein Radarfrühwarnsystem, das eng
mit dem Nachrichtennetz verbunden ist; ein Ölleitungssystem - von
9000 km Länge mit allen dazugehörigen Lageranlagen, das in diesem
Jahr seiner Vollendung entgegengeht sowie Befehlsstände, Marinestützpunkte und zahlreiche andere militärische Einrichtungen. Heute wurde
bekanntgegeben, daß weitere beträchtliche Summen bewilligt worden
sind, um diese Anlagen weiterzuentwickeln.
Alle diese Einrichtungen der Infrastruktur stehen allen Mitgliedern der NATO zur Verfügung und werden sämtlich aus einem gemeinsamen Fonds finanziert, zu dem jedes Land seinen entsprechenden Teil
beiträgt. Vielleicht sollte ich bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen, daß jedes Land seinen Anteil für größer hält als er
tatsächlich ist und daß alle übrigen Länder ihn wiederum als für zu
niedrig erachten. Aber vielleicht muß das so sein. Hier zeigt sich
wiederum die einzigartige Form einer internationalen Zusammenarbeit
in Friedenszeiten.
Die Mitgliedstaaten der NATO haben sich in der Zusammenarbeit
hervorragend bewährt. Der Nordatlantik-Pakt sieht auch keir.e anderen
Methoden vor. Theoretisch ist wohl Einstimmigkeit für jede Beschlußfassung notwendig, praktisch jedoch benötigen wir nur Einstimmigkeit
in bestimmten Fragen. Über kleine und große Fragen sind ständig Entscheidungen zu treffen. Wir alle haben in der uns übertragenen Stellung gelernt, uns nicht gegenüber Vernunftsgründen zu verschließen,
so daß Entscheidungen leichter fallen. Ich glaube, das die in der
NATO vertretenen Länder ausnahmslos mitunter Zugeständnisse gemacht
haben, die mit ihren eigenen Interessen nicht mehr ganz im Einklang
standen. Die von uns in der NATO angewandten Verfahren bilden also
keinen Hemmschuh für den Fortschritt. Sie haben sich vielmehr zu

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�"Ai.IERIKA DIENST"

3. April 1957

zu einer
l.'ethodik entwickelt, die die Gewähr dafür bietet,
daß wir unseren Weg guten Willens jene ins am fortsetzen v/erden.
Die Entwicklung der NATO hat ferner gezeigt, daß sie eine ungewöhnliche Fähigkeit besitzt, Rückschläge zu überwinden. Es hat unter den NATO-IIitgliedern Unstimmigkeiten gegeben, die meistens Fragen
außerhalb der NATO betrafen, und verschiedene dieser Unstimmigkeiten
sind ernster Natur gev/er:en und konnten erst nach lan;;er Zeit überwunden werden. Doch hat keine dieser Unstimmigkeiten in irgendeiner
Weise die Arbeit des NATO-Rates, seiner zahlreichen Ausschüsse oder
des internationalen Stabes beeinträchtigt. Wir konnten stets in kameradschaftlichem Geiste zusammenarbeiten. Ich glaube, daß die Existenz
der NATO und die Tatsache, daß ihr alle so große Bedeutung beimessen,
uns wirklich dabei geholfen hat, auftretende Schwierigkeiten zu verringern und dem Gedanken Geltung zu verschaffen, daß sich die I.Iitglieder der NATO über gemeinsame Probleme öfter gegenseitig konsultieren.
In den im vergangenen Dezember veröffentlichten Bericht der drei Weisen wurde dieser Gedanke besonders hervorgehoben. Auch in der Frage
der gegenseitigen Konsultationen über politische Fragen sind Fortschritte erzielt worden, und die Zukunft wird sicher weitere Fortschritte bringen. Es ist jedoch klar, daß das von uns erstrebte Ziel
schwer zu erreichen ist und daß es zahlreiche Hindernisse zu überwinden gilt. Zeitliche Begrenzungen und anderweitige Verpflichtungen
innerhalb und außerhalb der NATO machen es äußerst schwierig, die
von den NATO-I.lit~liedern gewünschten Konsultationen auch immer ganz
durchzuführen. Wir müssen daher die mit dem Problem zusammenhängenden
Schwierigkeiten berücksichtigen und für die bisher erzielten Fortschritte dankbar sein.
Zum Schluß möchte ich noch ein 'Tort zu dem Verhältnis der Vereinigten Staaten zur NATO sagen. Ich weiß, daß unsere NATO-Partner,
oder wenigstens einige unter ihnen, mitunter den Eindruck haben, als
kümmerten sich die Vereinigten Staaten mehr um andere Teile der Welt
als um die NATO. Wenn es auch den Anschein haben mag, daß diese Ansicht
berechtigt ist, sind wir uns doch der Bedeutung bewußt, die die NATO
für uns besitzt, und ich kann Ihnen versichern, daß unsere Interessen
in anderen Teilen der Welt - Interessen, die mit der Verantwortung,
die wir übernehmen mußten, gewachsen sind - uns nicht von dem Bündnis abbringen werden, das den Eckpfeiler unserer westlichen Politik
bildet, wie Präsident Eisenhower es auf den Bermudas ausdrückte.
In dieser kurzen Zeit habe ich Ihnen einige persönliche und
sachliche Eindrücke skizziert - in einer Sprache, die nicht meine
Muttersprache ist -, die Amerikas Interesse an der NATO beweisen»
Ich hoffe, daß es mit meinen Ausführungen gelungen ist, Ihnen klar
zu machen, daß die Vereinigten Staaten ein echtes und bleibendes
Interesse sowohl an Europa als auch an der NATO haben. 'Venn ich
nicht deutlich L;enug herausgestellt haben sollte, wie notwendig und
von welch unersetzlichem Wert die NATO für die Vereinigten Staaten
ist, dann liegt das daran, daß ich mich schlecht ausgedrückt habe.

Die

�3. April 1957

"AMERIKA DIENST"

Die von der NATO geleistete Arbeit habe ich sowohl in Washington
wie in Paris beobachtet. Besonders beeindruckt hat mich die bereitwillige Mitarbeit Frankreichs in der NATO, für die sich gerade Ihre
Gesellschaft so stark einsetzt. Mehr denn je bin ich davon überzeugt,
daß wir in der atlantischen Geneinschaft die gleichen Vorstellungen
von unserer Aufgabe haben, und wenn wir auch nicht die gleiche Sprache
sprechen, so sind doch unsere Ziele die gleichen.

* # * *

9 -

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Allg./ 10.4.57

MURPHY ZUR FRAGK

DER PASSBESCHRÄNKUNGEN UND DES

INTERNATIONALEN KULTURAUSTAUSCHES

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung, die Robert D. Murphy, der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium, am 4« April vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Senats abgegeben hat.

Es ist mir eine besondere Ehre, hier vor Ihnen erscheinen zu dürfen und mit Ihnen die Frage der Beschränkungen, die das
US-Außenministerium in bezug auf Auslandsreisen amerikanischer
Staatsbürger verhängt hat, sowie gewisse verwandte Probleme zu
überprüfen, die sich auf den Personenaustausch zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern auswirken.
Auf Ihren ausdrücklichen Wunsch hin, Herr Vorsitzender, werde ich die Frage des Reiseverbots für amerikanische Journalisten
nach Rotchina ebenfalls behandeln und michmitdan politischen Aspekten der Beschränkungen von Auslandsreisen amerikanischer Bürger
und eines Kulturaustausches im allgemeinen befassen.
Es ist eine lange Tradition, die maßgeblich und exakt bestimmt,
was ein Paß . ist und welche Rechte Bürger haben, die im Besitz eines
Passes sind. Das erste Paßgesetz geht auf das Jahr 1856 zurück,
obgleich Pässe bereits seit der Gründung des Landes vom Außenministerium ausgegeben wurden. Schon in den Jahren 1803 und 1815 wurde
in Gesetzen, die der Kongreß erließ, ausdrücklich die Tatsache festgestellt, daß dem Außenminister die Ausgabe von Pässen im Rahmen
seiner allgemeinen Vollmachten zur Pflege der auswärtigen Beziehungen obliegt.
Im Jahre 1856 wurde vom Kongreß ferner anerkannt, daß der
Präsident für den Schutz der amerikanischen Bürger im Ausland verantwortlich sei. Durch besonderen Kongreßbeschluß vom 27. Juli
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�"AMERIKA DIENST"

10. April 1957

Juli 1868 wurde später diese Verantwortung dem Präsidenten offiziell
übertragen, wodurch der Präsident ermächtigt wurde, geeignete Maßnahmen
- "die nicht bis zu kriegerischen Handlungen gehen dürfen" - zu ergreifen, um die Freilassung jedes amerikanischen Bürgers zu gewährleisten,
der "auf Veranlassung oder kraft der Gerichtbarkeit der Behörden irgendeines fremden Landes unrechtmäßig seiner Freiheit beraubt ist".
Obgleich der Kongreß die Verantwortlichkeit des Präsidenten anerkennt,
amerikanische Bürger im Ausland zu schützen und ihre Freilassung zu
sichern, falls sie von fremden Regierungen unrechtmäßig in Haft gehalten
werden, hat der Kongreß immer wieder die Vollmacht des Außenministers zur
Ausgabe von Pässen gutgeheißen. Nicht zuletzt geht dies auch aus dem
Kongreßbeschluß vom 3» Juli 1926 hervor. Dieser sieht vor, daß der Außenminister oder sein offizieller Vertreter "unter solchen Bestimmungen,
wie sie der Präsident für die Vereinigten Staaten im Interesse dieses
Landes bestimmen und vorschreiben wird", Pässe genehmigen und ausgeben
kann .
Von jeher entschied also der Außenminister, welche Bürger einen
Paß bekommen und für welches Land dieser gelten soll. Nach Abschnitt
51.135 der Dienstvorschriften des Außenministeriums laut Abänderung
vom 1.0. Januar 1956 werden an Mitglieder der Kommunistischen Partei
und gewisse andere Bürger, die die kommunistische Bewegung unterstützen,
keine Pässe ausgegeben. Darüber hinaus behandelt Abschnitt 51*136 die
Ausgabe von Pässen an gewisse andere Personen. Diese Verfügung lautett
"Zum Schutze der Interessen der Vereinigten Staaten wird - die
direkte und sofortige Rückkehr nach den Vereinigten Staaten ausgenommen einer Person die Inanspruchnahme der mit dem Paßbesitz verbundenen Einrichtungen verweigert, wenn für den Außenminister hinreichend Grund zu
der Annahme besteht, daß das Verhalten und die Tätigkeit des oder der
Betreffenden 1) gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstößt,
2) der ordnungsgemäßen Aufrechterhaltung von Auslandsbeziehungen oder
3) anderweitig den Interessen der Vereinigten Staaten abträglich sein
würde" .
Neben der in sein Ermessen gestellten Kontrolle darüber, an welche
Personen Pässe ausgegeben werden, kann der Außenminister auch entscheiden,
welche Länder besucht werden dürfen-. Dies wird mit dem Gültigkeitsstempel
im Paß zum Ausdruck gebracht, der genau anführt, welche Länder besucht
und welche nicht besucht werden dürfen. Verfahrensentscheidungen darüber,
welche Länder in das Verbot einbezogen werden sollen, unterliegen, entsprechend der laufenden Entwicklung, einer ständigen Überprüfung. In
Kriegszeiten gelten Pässe nur für verhältnismäßig wenig Länder, und es
wird ständig nachgeprüft, welche Gebiete von Amerikanern sicher bereist
werden können. Beispielsweise hatte der amerikanische Paß während des
zweiten Weltkrieges eine Gültigkeitsdauer von nur sechs Monaten, und
bei der Rückkehr in die Vereinigten Staaten mußte der Bürger seinen Paß
an der Grenze wieder abgeben.
Allgemein gesprochen werden die Vereinigten Staaten die Gültigkeit
eines Passes für den Besuch von Ländern, mit denen wir keine diplomatischen

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diplomatischen Beziehungen unterhalten, nicht anerkennen. Amerikaner,die
in solche Länder reisen, können nicht in den Genuß des für amerikanische
Bürger und amerikanisches Eigentum im Ausland von unseren ausländischen
Botschaften und Konsulaten gewährten Schutz kommen. Gegenwärtig trägt
jeder amerikanische Paß folgenden gedruckten Vermerk»
"Dieser Paß gilt nicht für Reisen nach Gebieten, die unter der Kontrolle oder Verwaltung von folgenden Ländern stehen, mit denen die
Vereinigten Staaten keine diplomatischen Beziehungen unterhalten«
Albanien, Bulgarien und die kommunistischer Kontrolle unterliegenden
Teile Chinas, Koreas und Vietnams."
Neben der Ungültigkeitserklärung des Passes für Länder, mit denen wir
keine diplomatischen Beziehungen unterhalten, kann der Außenminister von
Zeit zu Zeit darüber entscheiden, ob die Sicherheit amerikanischer Bürger
in gewissen Ländern noch voll gewährleistet ist. Dies ist einer der Gründe für das gegenwärtige Verbot von Reisen nach Ungarn und das kürzlich
verfügte Reiseverbot nach den vier Ländern Israel, Ägypten, Jordanien und
Syrien im Mittleren Osten. Der Außenminister behält sich, wenn er es für
ratsam hält, die Pässe beispielsweise für Reisen nach Ungarn für ungültig
zu erklären, dennoch das Recht vor, bestimmte Personengruppen, deren Reise
in die genannten Gebiete im Interesse der Vereinigten Staaten läge, von
dem Verbot auszunehmen.
Bei Angehörigen des Roten Kreuzes und von Wohlfahrtsverbäriden, bei
Geistlichen, Missionaren und Pressevertretern werden häufig derartige
Ausnahmen gemacht.
Wenn der Außenminister der Ansicht ist, daß in dem oder jenem Land
sich die Lage wieder stabilisiert hat, kann er das Reiseverbot entweder
für bestimmte Personengruppen oder für alle amerikanischen Staatsbürger
aufheben. Seit gestern - um hier das aktuellste diesbezügliche Ereignis
anzuführen - wird die Lage im Mittleren Osten als ausreichend stabil angesehen, so daß das Reiseverbot nach den vier Ländern wieder aufgehoben
werden konnte.
Neben Erwägungen, die der persönlichen Sicherheit des Reisenden gelten,
ist auch einer der Gründe, weshalb amerikanischen Staatsbürgern die Reise
nach bestimmten Ländern verwehrt wird, der auf ein bestimmtes Land möglicherweise auszuübende psychologische Druck, wenn Amerikaner von ihrer Regierung
nicht die Erlaubnis erhalten, es zu betreten. Beispielsweise unterbanden
die Vereinigten Staaten den Reiseverkehr nach der Tschechoslowakei, nachdem dort ein amerikanischer Journalist, William Oatis, inhaftiert worden
war. Der unfreundliche Ton, mit dem die Auslandspresse den Tschechen begegnete, und ihr Wunsch, daß amerikanische Presseleute und Touristen die
Tschechoslowakei besuchen, haben zweifellos zu der Freilassung von Mr.
Oatis beigetragen. Ein solcher Druck wäre nicht möglich gewesen, wenn
der Außenminister nicht die Befugnis besäße, Reisen nach der Tschechoslowakei zu unterbinden.
Vielleicht wünscht der Ausschuß als Beispiel eines besonderen Falles
eine kurze Analyse der politischen Gründe dafür, daß Amerikanern nicht

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nicht erlaubt wird, Rotchina zu bereisen - abgesehen davon, daß wir keine
diplomatischen Beziehungen zu Rotchina unterhalten. Die Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit konzentriert sich darauf, daß Journalisten die Reiseerlaubnis verweigert wurde, aber ich möchte hier klar herausstellen, daß
dies auch für alle anderen Staatsbürger gilt.
Vielen anderen Personengruppen - Missionaren, Gelehrten, Pädagogen,
Behördenvertretern, Angehörigen von in Haft gehaltenen Amerikanern wurde ebenfalls kein Paß für eine Reise nach Rotchina ausgestellt. Vielleicht darf ich dies so formulieren: Die besonderen, mit der Erteilung
der Reiseerlaubnis für irgendeine Personengruppe verbundenen Vorteile
oder Nachteile waren nicht maßgebend. Die getroffene Entscheidung - und
die Gründe hierfür - war gleichermaßen für alle Amerikaner bindend.
Und vielleicht darf ich hier noch einen Punkt herausstellen, ehe ich
auf die eigentlichen Gründe eingehe: Das Können und die Unparteilichkeit
amerikanischer Korrespondenten standen niemals zur Debatte. Man ist
sich sehr wohl bewußt, wie wichtig eine vollständige Informierung über
die Verhältnisse auf dem chinesischen Festland ist.
Der Grund für die Verweigerung der Reisegenehmigung, der sich aus
den allgemeinen Grundsätzen der amerikanischen Außenpolitik ergibt,
läßt sich etwa folgendermaßen skizzieren:
1) Die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen einerseits und
Rotchina andererseits befinden sich im Stadium eines noch ungelösten
Konflikts. Der im Jahr 1953 unterzeichnete Waffenstillstand sollte bis zu
einer politischen Regelung Gültigkeit haben. Infolge der Weigerung der
chinesischen Kommunisten, irgendwelche für die Vereinten Nationen annehmbaren Bedingungen auch nur in Erwägung zu ziehen, ist es bisher noch zu
keiner derartigen Regelung gekommen. Der nationale Notstand, der vom
Präsidenten zum Zeitpunkt des ersten kommunistischen Angriffs in Korea
verkündet wurde, ist noch immer in Kraft. Nach amerikanischen Gesetzen
und Verfügungen sind alle Handelsgeschäfte und finanziellen Transaktionen
mit dem kommunistischen China verboten. In dem gegenwärtigen Stadium des
nationalen Notstandes ist eine Reise nach Rotchina ebenfalls untersagt.
2) Die rotchinesische Bedrohung der Republik China, mit der die
Vereinigten Staaten einen Beistandspakt geschlossen haben, ist weiterhin
eindeutig und akut. Die rotchinesischen Vorbereitungen auf dem Formosa
gegenüberliegenden Festland werden weitergeführt. Die Kommunisten haben
sich im besonderen geweigert, auf irgendeine Vereinbarung einzugehen, in
der sie auf die Anwendung von Gewalt im Raum von Formosa verzichten.
Unter derartigen Verhältnissen halten die Vereinigten Staaten es für
unklug, daß ihre Bürger das chinesische Festland bereisen.
3) Da die Vereinigten Staaten, wie ich schon sagte, das chinesische
kommunistische Regime nicht anerkennen, kann der übliche diplomatische
und konsularische Schutz nicht auf Reisen amerikanischer Staatsbürger in
dieses Gebiet ausgedehnt werden. Diese Situation wird noch durch die Tatsache in ein besonderes Licht gerückt, daß die chinesischen Kommunisten
politische Geiseln festgenommen haben und noch immer in Haft halten. Hier

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Hier dokumentiert sich ganz besonders die Notwendigkeit eines solchen
Schutzes. Selbst wenn ein amerikanischer Bürger, der einen Paß beantragt, auf sein Recht auf diesen Schutz verzichtet, ist die Regierung
doch verpflichtet, ihm diesen bis an die Grenzen des Möglichen angedeihen zu lassen.
4) Das rotchinesische Regime, das durch einen bewaffneten Aufstand
an die Macht gelangte, hat diese Macht durch eine Reihe ungesetzlicher
Aktionen konsolidiert. Zu diesen gehören der Einfall in Nordkorea und
der Angriff auf die Streitkräfte der Vereinten Nationen in diesem Gebiet
sowie die unrechtmäßige Inhaftierung amerikanischer Staatsbürger ohne
jegliches Gerichtsverfahren. Zu ihnen zählt ferner die flagrante Verletzung des koreanischen Waffenstillstandsabkommens durch die Einführung
neuer Waffen und Plugzeuge in Nordkorea und, wie wir gesehen haben, die
stetig fortschreitende Aufstellung von Truppenverbänden auf dem Formosa
gegenüberliegenden chinesischen Pestland. In allen diesen Fällen wurde
die Meinung der übrigen Welt zynisch mißachtet. Rotchina scheint es nunmehr für notwendig zu halten, von der Familie der Völker respektiert und
in diese aufgenommen zu werden. Eines der Erfordernisse einer solchen
Respektierung ist die Aufnahme von Handelsbeziehungen und eines kulturellen
Austausches mit den Vereinigten Staaten. Die Voraussetzung ist also eine
Lockerung der von der amerikanischen Regierung verhängten Reisebeschränkungen.
Der Wunsch der chinesischen Kommunisten nach größerer Respektierung
ist in einer Reihe von Konferenzen in Genf zwischen dem amerikanischen
Botschafter U. Alexis Johnson und dem rotchinesischen Botschafter Wang
Ping-nan, die am 1. August 1955 aufgenommen wurden, bestätigt worden.
In diesen Gesprächen erklärte man sich auf rotchinesischer Seite auch
einverstanden, allen amerikanischen Staatsbürgern in Rotchina, die den
Wunsch hätten, nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren, diese Rückkehr zu erlauben und Schritte zur Erleichterung der Rückkehr einzuleiten.
Trotz dieser eindeutigen Zusicherung vom 10. September 1955 werden noch
immer acht amerikanische Staatsbürger in Haft gehalten. Botschafter
Johnson steht auf dem Standpunkt, daß Kulturaustausch und Besuche von
Journalisten, wie dies jetzt von den chinesischen Kommunisten gewünscht
wird, nicht in Betracht gezogen werden können, solange amerikanische
Staatsbürger noch in Haft gehalten werden. Andernfalls würde man womöglich
die letzte Chance dieser Menschen, ihre Freiheit wiederzuerlangen, zerstören, und man würde höchstwahrscheinlich einer Art Erpressung nachgeben.
Natürlich ist außerdem zu prüfen, wie unsere Freunde und Verbündeten
reagieren würden, wenn die Vereinigten Staaten einem solchen Druck nachgäben.
Das Vertrauen in unsere Entschlossenheit, aggressiven Absichten des Kommunismus Widerstand entgegenzusetzen, würde geschwächt. Die Führerstellung,
die Amerika übernommen hat, würde ernstlich untergraben werden. Es wäre
äußerst schwierig für uns, andere Länder, von denen viele zum Teil auf
unsere Stärke angewiesen sind, zu veranlassen, sich furchtlos und energisch
gegen die kommunistische Bedrohung zur Wehr zu setzen. Es ist allgemein
bekannt, daß sich diese Bedrohung häufig in Form eines Vordringens in
den wirtschaftlichen und kulturellen Bereich äußert.
Wie Außenminister Dulles kürzlich auf einer seiner Pressekonferenzen erklärte, wird die gesamte Frage der Reisen von Pressevertretern nach Rotchina ständig überprüft. Falls sich Mittel und Wege

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Wege finden, die es gestatten, über die dort herrschenden Verhältnisse berichten zu können, ohne daß Amerikaner deshalb für ihr Leben
fürchten müssen und ohne daß man, nur um des lieben Friedens willen,
einer Art Erpressung nachgeben muß, würden wir das nur begrüßen.
Was die verwandte Frage des Kulturaustausches mit anderen kommunistischen Ländern und die Beschränkungen, dem dieser unterliegt, betrifft, so möchte ich einige Punkte klar herausstellen: Erstens bestehen keine Austauschprogramme irgendwelcher Art mit Ländern, die von
uns nicht anerkannt werden - d.h. mit Albanien, Bulgarien, Ostdeutschland, Nordvietnam und Nordkorea, ebensowenig wie mit Rotchina.
Sowohl offizielle als auch private Austauschvorhaben mit Ungarn
sind zur Zeit ausgesetzt. Amerikanische Pässe haben zur Zeit für Ungarn
keine Gültigkeit - von bestimmten Personengruppen abgesehen, wie wir
bereits wissen.
Seit geraumer Zeit hat das amerikanische Außenministerium keine
Initiative mehr entwickelt, um den Kultur- und Personenaustausch mit
der UdSSR zu fördern. Dagegen findet mit Polen ein lebhafter und umfangreicher Austausch statt, und in geringerem Maße auch mit der
Tschechoslowakei und mit Rumänien. Zwei polnische Delegationen, von
denen die eine über Kohlenlieferungen, die andere über Wirtschaftshilfe
verhandelt, befinden sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten. Eine
private amerikanische Gruppe, die sich über Fragen des Wohnungsbaus
informieren will, wird, hoffe ich, im Juni nach Polen reisen können,
um den Besuch einer polnischen Gruppe in den Vereinigten Staaten im
November vergangenen Jahres zu erwidern. Drei rumänische Beobachter
hielten sich, wie Sie wissen, im vergangenen November anläßlich der
Präsidentschaftswahlen in den USA auf, und wir hoffen, daß in Kürze
ein Gegenbesuch in Rumänien durch eine Gruppe amerikanischer politischer Sachverständiger und Wissenschaftler zustande kommen wird.
Die Weigerung der kommunistischen Länder, unsere Bestimmungen
betreffs der Erteilung von Visa anzuerkennen und die Vornahme von
Fingerabdrücken bei Staatsangehörigen dieser Länder zu gestatten,
hat den Kulturaustausch wesentlich eingeschränkt. Es ist klar, daß
wir eine Schauspielertruppe nicht als Vertreter der Regierung betrachten können. Die Erteilung von Einreisevisa ist daher zur Zeit
gewissermaßen blockiert. Falls die Bestimmung über die Abnahme von
Fingerabdrücken bei nicht-amtlichen Personen gesetzlich nicht aufgehoben wird, ist zu erwarten, daß der Sowjetblock diesen Umstand auch
weiter als Vorwand für seine Propaganda benutzen wird, daß wir einen
eigenen Eisernen Vorhang aufgerichtet hätten. Ferner gibt es ihnen
wegen des scheinbaren geringen Entgegenkommens unsererseits die Möglichkeit, Vertretern amerikanischer kultureller Institutionen die
Einreisevisa zu verweigern.
Dieser so bescheidene Kulturaustausch mit bestimmten kommunistischen Ländern, so hoffen wir, nur eine vorübergehende Erscheinung
ist.
Der

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Der Außenminister unterzieht dieses Problem gegenwärtig einer
Überprüfung,und zwar mit dem Gedanken an eine eventuelle Ausweitung
des Programms. Wir glauben, daß der Austausch von Menschen aus den
verschiedensten Berufen und Bevölkerungsschichten die Verständigungsbereitschaft und das gegenseitige Verständnis zu fördern vermag. Unser
eigenes internationales Austauschprogramm auf dem Gebiet des Erziehungswesens, das wir für Länder außerhalb des Eisernen und des Bambusvorhangs
entwickelt haben, ist zu einer blühenden und erfolgreichen Einrichtung
geworden, so daß wir den Eindruck haben, daß es bei unseren Verbündeten
und den übrigen Ländern der freien Welt ein stetig wachsendes Verständnis
für Amerika weckt, und wir haben allen Grund zu der Annahme, daß es dazu
beitragen wird, das Ausland mit unserem amerikanischen Lebensstil vertraut zu machen.
Ein aktuelles Beispiel dafür, wie dieses sich auf die ganze freie
Welt erstreckende Programm funktioniert, ist die erhebliche Ausweitung
der Austauschpläne für die afrikanischen Länder. Der Zug zur Erlangung
der politischen Unabhängigkeit bei früheren Kolonien und den unter Treuhänderverwaltung stehenden Gebieten dominiert auch weiterhin, sobald
diese für die Übernahme der Regierungsverantwortung reif geworden sind.
Die vorgesehene Erweiterung unseres Programmes für das Haushaltsjahr
1958 »zielt besonders auf ,den Ausbau der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen für Afrika und eine Ausweitung des Sonderprogramms für führende
Persönlichkeiten und Spezialisten ab. So hoffen wir beispielsweise,
die Zahl der Studienplätze im Rahmen des Austauschprogramms für Angehörige des erst kürzlich unabhängig gewordenen Staates Ghana von 13
auf 40 erhöhen zu können.
Wenn darüber hinaus weitere Gründe für die Notwendigkeit eines verstärkten gegenseitigen Verstehens der Völker notwendig wären, so genügte
wohl der Hinweis, daß seitens der Kommunisten ein bemerkenswert großes
Interesse an diesen jungen Nationen besteht und in der Form einer Bereitstellung von Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten für die jetzigen und
künftigen Führerpersönlichkeiten Afrikas zum Ausdruck kommt . Und ebenso
ist auch das Interesse, das die Kommunisten an anderen Ländern nehmen,
nach wie vor das gleiche. Nach der Rückkehr von seiner kürzlichen Afrikareise unterstrich Vizepräsident Nixon z.B. die Bedeutung, die dem Austauschprogramm als solchem mit den afrikanischen Ländern wie auch den
Auswirkungen auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet beizumessen ist.
Wenn wir daher überzeugt sind - und keiner von uns zweifelt daran -,
daß unsere Lebensform wahrhaftig, die der Kommunisten aber verlogen ist,
dann bin ich überzeugt, daß ein lebhaftes und erfolgreiches Austauschprogramm, das die amerikanische Lebensform und die der freien Welt zu
vermitteln vermag, in dem ständigen Ringen um Gefolgschaft eine absolute
Notwendigkeit ist.
* * * * *

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MURPHY: WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS, EIN
ECKPFEILER DES FRIEDENS

BOULDER (Colorado) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die
der stellvertretende Staatssekretär im USAußenministerium, Robert D. Murphy, anläßlich
der zehnten, von der Universität Colorado veranstalteten Jahrestagung über internationale
Angelegenheiten am 4» April in Boulder (Colorado)
gehalten hat.

Die Tagungen der Universität Colorado über internationale Angelegenheiten haben als Institution Berühmtheit erlangt. Hervorragende Vertreter des Auslandes weilen unter uns. Ich habe hier viele Bekannte getroffen, und ich freue mich besonders, daß es auch Botschafter Yang und
Botschafter Facio möglich war, von Washington hierher zu kommen, um an
diesen anregenden Gesprächen teilzunehmen und die Schönheiten von Boulder kennenzulernen.
Ich habe schon immer die US-Luftstreitkräfte um ihre strategische
"Stationierung" in Colorado Springs beneidet. Falls das Außenministerium
eines Tages eine Diplomatenschule einrichten sollte, könnte ich mir keinen schöneren Platz denken als diesen Teil Colorados. Und wir hätten
manche Gelegenheit zu lernen - durch den Kontakt mit den Lehrern dieser großen Universität ebenso wie aus deren Lehrplänen.
Als ich das Programm für diese einwöchige Konferenz überflog, war
ich beeindruckt von der Vielfalt und dem schöpferischen Geist, mit dem
hier aktuellen Problemen zu Leibe gegangen wird. Der Mittlere Osten,
Mitteleuropa und Asien sind Weingärten, in denen wir im Außenministerium uns redlich abmühen. Es wäre gewiß sehr anregend, an Ihren Arbeitsgruppen über "Wirkungsbereich und Aufgaben des schöpferischen Denkens in unserer Zeit" und "Die Krisis im amerikanischen Erziehungswesen"
teilnehmen zu können.

In
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In Anbetracht des breitangelegten Programms für diese Tagung
halte ich es für nützlich, mit Ihnen einige Grundaspekte unserer
Außenpolitik und einige wichtige Probleme zu erörtern, denen wir
uns heute auf der internationalen Bühne gegenübersehen.
Die Welt steht am Beginn des zweiten Jahrzehnts seit Beendigung des zweiten Weltkrieges. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren eine Menge gelernt. In Europa, Asien und Afrika sind einschneidende Veränderungen vor sich gegangen. Unsere auswärtigen Beziehungen
haben zum mindesten drei wichtige Phasen durchlaufen: im Jahr 1947
war es der Marshall-Plan, in den Jahren 194ö/50 die Berliner Luftbrücke, der kommunistische Angriff in Korea und die Schaffung der
NATO, und im Jahr 1953 die Entscheidung, daß unser nationales Kräftereservoir in unserem Ringen mit dem Weltkommunismus auf einen großen
Zeitraum verteilt werden müsse.
In unseren Planungen für das kommende Jahrzehnt müssen wir die be
stimmenden Kräfte und Trends, die am Werke sind, klar erkennen und
verstehen. Dann müssen wir sicherstellen, daß unsere politischen Maßnahmen so berechnet sind, um mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln
diese Kräfte so sinnvoll wie nur irgend möglich ansetzen zu können.
Wir müssen uns darüber klar sein, daß unsere Mittel nicht ausreichen,
um diesen Kräften ein "Halt" entgegenzusetzen oder sie in ihr Gegenteil zu verkehren; unser Ziel muß es vielmehr sein, sie in bestimmte
Kanäle zu lenken, sie eventuell auch abzulenken und so zu dirigieren,
daß sie mit unseren Interessen vereinbar sind.
Zum mindesten drei dieser Kräfte und Trends sind von überragender
Bedeutung - die feindselige Sowjetmacht, die rasch voranschreitende
militärisch-technische Entwicklung und der Aufbruch der Völker Asiens
und Afrikas. Diese Kräfte verdienen in den kommenden Jahren unsere
allergrößte Aufmerksamkeit.
Die größte Bedrohung unserer Sicherheit wie auch der Sicherheit
der anderen freien Nationen liegt in der feindseligen Haltung und
Stärke des internationalen Kommunismus. Es ist unser Bestreben, dieser
Bedrohung zu begegnen, ohne fundamentale Werte und Institutionen der
amerikanischen Tradition zu zerstören oder der amerikanischen Wirtschaft zu schaden.
Der kommunistische Block verfügt über ein wohlausgewogenes militärisches Aufgebot, das von sehr umfangreichen bewaffneten Streitkräften bis zu einem beträchtlichen Arsenal an Kernwaffen und modernen
Abschußbasen reicht. Seine Ideologie ist kompromißlos feindselig. In
den Händen einiger weniger konzentriert sich die absolute politische
Macht. Er wendet auch weiterhin einen hohen Prozentsatz seiner Hilfsquellen für die Entwicklung militärischer Stärke und den Ausbau der
Schwerindustrie auf.
Gleichzeitig sehen sich die sowjetischen Machthaber sowohl innenals auch außenpolitisch einem starken Druck ausgesetzt, der nach Änderungen und einer Lockerung der straffen Kontrollen verlangt. Das

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Das Entstalinisierungsprogramm - die gärende, treibende Kraft bei
der sowjetischen Intelligenz und den Repräsentanten der Kultur wie auch die Vorgänge in den Satellitenlähdern reflektieren alle
diesen Druck und die Bemühungen der sowjetischen Führung, ihm
nachzugeben.
Die erstaunliche Entwicklung der Kriegstechnik läßt sich durch
ein paar konkrete, harte Tatsachen aufzeigen. Fachleute haben eine
eingehende Untersuchung der Zunahme der Zerstörungskraft seit der
Erfindung des Schießpulvers vorgenommen. Der von ihnen als "Explosivkraft-Index" bezeichnete Faktor ist vom Wert eine im Mittelalter
auf den Wert acht am Vorabend von Hiroshima angewachsen. Dieses Verhältnis ist dann buchstäblich über Nacht auf 1 : 10 000 emporgeschnellt.
Mit der Entwicklung der Wasserstoffbombe erreichte es 10 000 000. Die
militärische Zerstörungskraft hat sich somit, vergleicht man sie mit
dem Stand-von 1945 vor dem Abwurf der ersten Atombombe, um den Faktor 1 000 000 vervielfacht. Mit der Entwicklung der Fernlenkwaffen
steht überdies die Möglichkeit, diese furchtbare zerstörerische Kraft
zur Anwendung zu bringen, an der Schwelle einer atemberaubenden Potenz ierung.
Der Aufbruch der jungen Staaten Asiens und Afrikas ist ein verheißungsvoller Zug in den Entwicklungen der Nachkriegszeit. Seit dem
Ende des Krieges haben 19 junge Staaten mit einer Gesamtbevölkerung
von über 700 Millionen Menschen ihre Unabhängigkeit erlangt. Und schon
in den nächsten Jahren werden es noch eine ganze Reihe mehr sein. Diese
Nationen sind durchdrungen von Patriotismus und dem Wunsch nach wirtschaftlichem Fortschritt. Sie möchten ihre Länder möglichst"schnell
in moderne Staatsgebilde umwandeln. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, sind tatsächlich ungewöhnlich
groß, da in den jungen Staaten - pro Kopf der Bevölkerung gerechnet durchschnittlich nur über etwa den zehnten Teil des Sozialproduktes
der fortgeschrittenen Länder verfügt wird. Moskau und Peking versuchen nun, diese jungen Nationen für ihre eigenen Interessen auszunutzen, sie auf falsche Ziele zu lenken und ihr Mißtrauen gegenüber
den sogenannten Kolonialmächten zu nähren.
In gewisser Hinsicht wird sich unser Staat in dem vor uns liegenden Jahrzehnt wesentlich anderen Aufgaben und Anforderungen gegenübersehen als in den vergangenen zehn Jahren. Doch die grundsätzlichen Gesichtspunkte der amerikanischen Politik werden auch in Zukunft die gleichen bleiben und auf die gleichen Ziele gerichtet sein.
Zunächst einmal müssen wir selbst stark bleiben, da unsere Stärke
für die freie Welt von wesentlicher Bedeutung ist.
Zweitens müssen wir unsere Bündnisse stark und einsatzfähig erhalten, und zwar aus Gründen, die sowohl mit den geistigen Zielen unseres Volkes als auch mit den strategischen Erfordernissen dieses
technischen Zeitalters im Einklang stehen.
Und

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Und schließlich müssen wir auf eine enge Verbindung und Zusammenarbeit zwischen denjenigen Ländern, die sich keinem der beiden großen Machtblöcke angeschlossen haben, und den jungen Nationen
mit der aktiven Gemeinschaft der freien Welt hinwirken, damit der
Bereich der Freiheit größer, nicht aber kleiner werde.
Diese drei grundsätzlichen Aufgaben sind konstante Ziele der
amerikanischen Politik seit Ende des zweiten Weltkrieges gewesen.
Sie waren zehn Jahre lang die dominierende Kraft in all unseren Bemühungen seit jener kurzen Zeitspanne, in der wir große Hoffnungen
in eine ehrliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion setzten, die
dann an der ehrgeizigen stalinistischen Expansionspolitik scheiterten. Sie waren charakteristisch für die Zeit bis zum offenen Ausbruch des kalten Krieges - für das Programm zur Unterstützung Griechenlands, das Auslandshilfsprogramm und die Gründung der NATO. Sie
kennzeichneten die Jahre des heißen Krieges in Korea und Indochina
und die immer neuen Krisen im Fernen Osten. Sie lagen der weiten
Entwicklung der großen kollektiven Sicherheitssysteme ebenso zugrunde
wie unseren Verhandlungzielen mit den auf Stalin folgenden Führern
der kommunistischen Welt.
Unter dem Gesichtspunkt der Erfordernisse unserer nationalen
Strategie, auf die Kräfte und Entwicklungen, die in der Welt am Werke
sind, Einfluß zu nehmen, lohnt es sich vielleicht,einen Blick auf die
für die internationale Politik wichtigsten Räume zu werfen.
Europa ist der Raum, an den wir geschichtlich die engsten Bindungen haben. Die meisten unserer Grundkonzeptionen sind Produkte europäischen Geistes. Unsere sozialen Institutionen, die bei uns vorherrschenden Glaubensrichtungen und unser Kulturerbe haben Europäer nach
Amerika gebracht, deren Nachkommen heute den Großteil unserer Bevölkerung bilden.
Man kann wohl behaupten, daß die Vereinigten Staaten in Friedenszeiten noch nie enger mit Europa verbunden gewesen sind als heute.
Gemeinsam mit ihren Verbündeten stehen amerikanische Truppen bereit,
das freie Europa zu verteidigen. Die Handelsbeziehungen, die wir mit
Westeuropa unterhalten, haben einen noch nie dagewesenen Höchststand
erreicht. Wie nie zuvor in der Geschichte war der Gedankenaustausch
mit unseren europäischen Freunden über politische Fragen so lebhaft
wie in den letzten paar Jahren. Die kürzlich in Bermuda erfolgreich
abgeschlossene Konferenz bietet ein gutes Beispiel für diese Konsultationen mit einem unserer wichtigsten Verbündeten. Als Folge einer
vor kurzem getroffenen Entscheidung bildet der Nordatlantikrat für
seine 15 Mitgliedstaaten eines der wichtigsten Foren für den Gedankenaustausch über politische Probleme, wie er auch ein hervorragendes
Beispiel für kollektive Verteidigungsanstrengungen bietet. Es entspricht
ganz der Absicht der Vereinigten Staaten, ebenso wie ihrer Verbündeter,
die NATO in Zukunft als geeignetes Forum für eine fruchtbare Erörterung
internationaler Probleme weiter zu stärken.
In

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In Westeuropa sind Schritte unternommen und Abkommen abgeschlossen worden, die noch vor zehn Jahren auf Ablehnung gestoßen und als
phantastisch abgetan worden wären. Dazu gehört unter anderem die Entwicklung der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Diese beiden Länder arbeiten heute in der Montanunion sowie als Mitglieder der NATO
im Interesse ihrer gemeinsamen Verteidigung zusammen, und es ist ihnen gelungen, auf freundschaftlicher Basis die äußerst schwierige
Saarfrage zu regeln. Vor kurzem erst haben sie sich zusammengetan, um
gemeinsam mit anderen Nationen ein Abkommen über die Europäische
Atomgemeinschaft und den Gemeinsamen Markt abzuschließen.
Diese beiden Abkommen, über die kürzlich viel in der Presse
berichtet wurde, möchte ich hier kurz erörtern.
Der Begriff "Gemeinsamer Markt" umfaßt ein Abkommen, das vor
kurzem zwischen Belgien, Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland,
Italien, Luxemburg und den Niederlanden abgeschlossen wurde. Damit
ist im wesentlichen die Beseitigung der zwischen diesen Ländern bestehenden Handelsschranken und die Errichtung eines gemeinsamen
Zollsystems gegenüber Ländern verbunden, die dem Gemeinsamen Markt
nicht angehören. Großbritannien hat dem Wunsch. Ausdruck gegeben, sich
im Rahmen einer Freihandelszone diesem Gemeinsamen Markt anzuschließen.
Die Unterstützung der europäischen Vorschläge über die Schaffung
eines Gemeinsamen Marktes und einer Freihandelszone seitens der Vereinigten Staaten beruht auf zwei Grundsätzen, von denen die amerikanische Politik seit jeher bestimmt wird} Förderung jeder Initiative
und Maßnahme zur Erhöhung der politischen und wirtschaftlichen Stärke
und der Integration Westeuropas innerhalb einer stetig sich ausweitenden atlantischen Gemeinschaft, und die traditionelle Bereitschaft
zur Förderung jeden Fortschritts in Richtung auf einen freien, multilateralen Handel ohne jegliche Diskriminierung sowie auf eine freie
Konvertierbarkeit der Währungen.
Die Europäische Atomgemeinschaft - Euratom - soll die technischen und industriellen Hilfsquellen Europas zur Erzeugung von Atomkraftstrom erschließen, um den steigenden Energiebedarf dieses Gebiets zu decken. Gleichzeitig würde diese Gemeinschaft eine politische
Einheit darstellen, die in der Lage und fähig ist, die erforderlichen
Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und umfassende und praktisch durchführbare Abmachungen mit der Regierung der Vereinigten Staaten zu
treffen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten begrüßt diese Initiative,
die eine kühne und mannigfaltige Anwendung der Kernenergie ermöglicht,.
und wir erwarten eine tätige Verbindung mit der Europäischen Atomgemeinschaft .
Was Osteuropa betrifft, so haben im letzten Jahr dort aufsehenerregende Ereignisse stattgefunden.
Es

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Es kann gar kein' Zweifel darüber bestehen, daß die Geschehnisse
in Ungarn im Oktober und November vergangenen Jahres den Kreml vor
ernste und schwere Probleme stellten. Damit waren die sowjetischen
Herrscher vor die Wahl gestellt, entweder die von ihnen gegebenen
Versprechungen zu erfüllen oder mit brutalen Mitteln ihr Kolonialreich zu erhalten. Sie wählten das letztere. Eiligst wurden Truppenverstärkungen nach Ungarn geworfen, und innerhalb eines Monats blutiger Kämpfe wurden die Ungarn mit Zustimmung einer von Janos Kadar geführten Marionettenregierung wieder in die Knie gezwungen. Damit aber
waren sowohl die kommunistische Ideologie als auch die kommunistischen
Methoden in der ganzen Welt diskreditiert. Denn die Sowjets haben mit
ihrer Beschuldigung, daß es sich um "eine von amerikanischen und anderen westlichen Agenten angezettelte Konterrevolution" handle, außerhalb des sowjetischen Machtbereichs niemanden und innerhalb der Grenzen dieses Machtbereichs wohl nur sehr wenige irreleiten können.
Haben die Ereignisse in Ungarn nun zu einer Rückkehr der Sowjets
zu ihrer harten Politik geführt? Diese Frage läßt sich bisher noch
nicht mit Sicherheit beantworten. Immerhin gibt es einige Anhaltspunkte.
Dazu gehört die gegenüber Großbritannien, Norwegen und Dänemark ausgesprochene Drohung einer Vergeltung mit Atomwaffen. Weiter die zornigen
Ermahnungen gegenüber Schweden und Finnland, wie sie sich zu verhalten
haben, wenn sie es vermeiden wollen, mit den Sowjets in Feindschaft
zu geraten. Und drittens die Ablehnung der Theorie von "den vielen
Wegen zum Sozialismus" seitens der Sowjets und der Satellitenländer.
Hingegen hören wir in zunehmendem Maße, daß es nur einen einzigen
Weg gebe, daß so etwas wie "Nationalkommunismus" nicht existiere und
daß alle kommunistischen Länder (die gesamte kommunistische Bewegung)
"unter der großen Führung der Sowjetunion stehen müsse". Und schließlich erleben wir die immer schärfer werdenden Unterdrückungsmaßnahmen
in Ungarn ja in allen von den Sowjets besetzten Ländern. Jugoslawien,
die Geburtsstätte des "Nationalkommunismus", scheint abermals kurz vor
seiner Exkommunikation als Ketzer zu stehen.
Gomulka in Polen führt einen äußerst heiklen Balanceakt durch, der
vielleicht sein Bestreben veranschaulicht, seine Experimente durch das
nötige Maß an kommunistischer Orthodoxie auszugleichen. Polens wirtschaftliche Lage ist äußerst angespannt, und die polnische Regierung
bemüht sich um eine Milderung der Not, indem sie Verhandlungen mit verschiedenen westlichen Ländern aufgenommen hat.
Präsident Eisenhower hat die Haltung der Vereinigten Staaten wie
folgt umrissen:
"Wir ehren die Bemühungen jener Nationen, die unter dem Joch nach
Freiheit verlangen. Wir erstreben weder ein militärisches Bündnis mit
ihnen noch eine künstliche Nachahmung unserer Gesellschaftsform durch
sie. Und sie können einer herzlichen Aufnahme gewiß sein, wenn sie,
wie es eines Tages kommen muß, wieder in die Reihen der freien Völker
zurückkehren.
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Und wir ehren auch in dieser geteilten Welt, nicht weniger als
wir dies in weniger schrecklichen Zeiten tun, das russische Volk. Wir
fürchten die Fortschritte nicht, die es auf den Gebieten des Wissens
und der industriellen Entwicklung macht - ja wir begrüßen sie vielmehr.
Wir wünschen ihm, daß seine Forderungen nach größerer geistiger Freiheit, größerer Rechtssicherheit, nach einem reicheren Genuß der Früchte
seiner Arbeit, von Erfolg gekrönt sein mögen. Denn je mehr diese Dinge
sich verwirklichen, um so sicherer wird auch der Tag kommen, an dem
unsere beiden Völker einander in Freundschaft entgegentreten."
In jeder Diskussion über die von den Sowjets besetzten Gebiete
gebührt Deutschland besondere Aufmerksamkeit. In der Ostzone werden
17 Millionen Deutsche immer noch gegen ihren Willen durch die sowjetische Armee und eine von Moskau gelenkte Marionettenregierung in Unfreiheit gehalten. So wie die Ungarn haben auch diese Deutschen ihre
bitteren Erfahrungen mit sowjetischen Panzern und Waffen gemacht. Sie
und ihre Brüder in der Bundesrepublik wünschen ein freies, wiedervereinigtes Deutschland mit einer auf freien Wahlen gegründeten Regierung.
Seit Jahren schon drängen die Vereinigten Staaten darauf, daß ihnen
diese Möglichkeit geboten werde. Gemeinsam mit den anderen unmittelbar
interessierten Ländern werden die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen
um die Wiedervereinigung Deutschlands weiterhin fortsetzen. Wir sind
überzeugt, daß dies einer der Eckpfeiler ist, auf dem der Friede in
Europa ruht.
Ein anderes Gebiet, das Anlaß zu ernster Besorgnis gibt, ist der
Mittlere Osten. Obgleich die Vereinten Nationen in der Beseitigung der
Gefahren, die den Weltfrieden bedrohten, erhebliche Fortschritte erzielten, ist in der Behebung der grundlegenden Ursachen, die zum Ausbruch der Feindseligkeiten führten, bisher nur wenig Positives erzielt
worden.
Die beiden ungelösten Probleme, die zu der Explosion im vergangenen Oktober und November geführt haben, sind die arabisch-israelische
Frage und das Problem des Suez-Kanals.
Die Geschichte der arabisch-israelischen Frage in den sieben Jahren
zwischen 1949 u nd 1956 ist ein trauriges Kapitel der Nichtbeachtung von
Beschlüssen der Vereinten Nationen und beiderseitigen Verletzungen des
Waffenstillstandsabkommens. Die Araber waren verstimmt und fühlten sich
betrogen, besonders im Hinblick auf die Tatsache, daß etwa 900 000 ihrer
arabischen Brüder Heimat und Eigentum verloren haben und als Flüchtlinge in Lagern entlang der Grenze des neuen Staates Israel ein erbärmliches Dasein fristen. Die Israelis andererseits waren enttäuscht und
verzweifelt darüber, daß es ihnen nicht gelang, die Anerkennung ihrer
Nachbarn zu erlangen oder mit ihnen die Handels- und Verkehrsverbindungen herzustellen, die allein ihnen eine sichere Zukunft garantieren
konnten.
Die

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10. April 1957

Die Ereignisse im letzten Oktober und November ließen bei den
Mitgliedern der Vereinten Nationen die Entschlossenheit reifen, den
Ursachen, die eine Lösung des Problems bisher verhindert hatten, bis
an die Wurzel nachzugehen. Dieser Entschluß wurde ohne Zweifel irgendwie aus der Erkenntnis heraus geboren, daß die Bedrohung des Weltfriedens durch die mit Explosivstoff geladene Situation bisher nicht genügend beachtet und nicht fester auf die Befolgung der UN-Beschlüsse
bestanden worden sei.
In ähnlicher V/eise ist die Suezkanalfrage nach einer entmutigenden Geschichte von Provokationen und Gegenprovokationen, die die
Aussichten für eine Lösung verringert hatten, vor die Vereinten Nationen gebracht worden. Unter der Ägide der Vereinten Nationen einigte
man sich am 13« Oktober im Weltsicherheitsrat auf sechs Grundsätze,
die von den am meisten betroffenen Parteien, den Briten, Franzosen
und Ägyptern,als Basis für eine gerechte Lösung ausgearbeitet worden
waren. Die Ereignisse im November zerstörten gleichfalls den Versuch,
die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken; zur Zeit aber ist die
Situation wieder so, daß wir annehmen, dieses Problem nunmehr auf
dem Verhandlungswege angehen zu können.
Im Laufe der Monate unmittelbar nach dem Ausbruch der Unruhen
im Oktober-November wurde klar, daß im ganzen gesehen im Hinblick
auf dieses Gebiet noch eine weitere Schwierigkeit besteht. Das unverantwortliche und rücksichtslose Verhalten der Sowjetunion, die in
diesem Streit um des politischen Vorteils willen mit einseitiger
Intervention drohte, ließ klar erkennen, daß die zersetzende und umstürzlerische Tätigkeit der Sowjetunion alle Bemühungen um Stabilität
und Ruhe in diesem Gebiet zunichte machen würde, wenn es nicht mit
einer Art Schutzschild versehen würde.
Da die Vereinten Nationen nicht in der Lage sind, sich mit diesem letzten Problem zu befassen, hat die Regierung der Vereinigten
Staaten eine Doktrin für den Mittleren Osten formuliert, die der
Präsident dem Kongreß am 5» Januar dieses Jahres vorgelegt hat. Ihr
Ziel ist, den Ländern dieses Gebiets, die es wünschen, wirtschaftliche
und militärische Hilfe zu gewähren, um so in Zusammenarbeit mit den
Vereinigten Staaten die sowjetischen Eingriffe abzuwehren und die
wirtschaftliche Stabilität und die innere Sicherheit sowie eine angemessene nationale Selbstverteidigung zu fördern, die diesen Staaten
mehr Selbstvertrauen und ein größeres Sicherheitsgefühl geben könnten.
Die Regierung der Vereinigten Staaten unterrichtete die Sowjetunion und die Welt davon, daß wir unsere militärische Kraft gebrauchen
würden, um eine offene Aggression gegen einen der Staaten in diesem
Gebiet der unsere Hilfe wünscht, zu verhindern oder abzuwehren. Dieses Programm wird von einer US-Mission durchgeführt, die unter der
fähigen Leitung von Botschafter Richards, dem früheren Kongreßabgeordneten aus Süd-Karolina und Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses im Repräsentantenhaus, steht, der nun die Länder in diesem
Gebiet besucht. Seine Bemühungen in diesem Gebiet Stabilität und
Ruhe einkehren zu lassen - von denen wir glauben, daß sie wesentliche

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wesentliche Friedensgarantien sind - machen gute Fortschritte.
In ihrem weiteren Bemühen, das Gebiet des Mittleren Ostens gegen
einen möglichen Angriff zu verteidigen, gaben die Vereinigten Staaten
kürzlich ihre Bereitschaft bekannt, sich an der Arbeit des Militärausschusses der fünf im Bagdad-Pakt zusammengeschlossenen Mächte zu
beteiligen. Diese Aktion findet statt im Rahmen einer vom Kongreß
am 9« März gebilligten gemeinsamen Resolution.
Unsere Erfahrungen, die wir im Fernen Osten gemacht haben, geben
uns weiteres Vertrauen in die kollektive Sicherheit als wirksames Mittel gegen Aggression und Krieg. Unter dem Druck der offenen Aggression
durch die chinesischen Kommunisten, die von der Sowjetunion unterstützt
wurden, hat sich die kollektive Verteidigungsmaschinerie in diesem Gebiet schnell und schlagkräftig entwickelt.
Die vor kurzem stattgefundene Konferenz der SEATO in Canberra stand
im Zeichen der kollektiven Verteidigung im Fernen Osten.
Die dort vertretenen acht Länder waren einstimmig der Ansicht, daß
ihre Verbindung zum Zwecke des Widerstandes gegen die kommunistische
Bedrohung sich sowohl als ein wirkungsvolles Abschreckungsmittel als
auch als eine wirkliche Kraft des Friedens und der Sicherheit in diesem
Gebiet erwiesen habe. So verbuchte der Rat zum Beispiel als Positivum
die nationale Entwicklung von neuen asiatischen Staaten, wie etwa die
Republik Vietnam, und die in Aussicht stehende Unabhängigkeit für Malaya.
Wie Außenminister Dulles feststellte, hat die zunehmende Stärke
und Einigkeit und der eindeutig bekundete Widerstandswille es den chinesischen Kommunisten nicht ratsam erscheinen lassen, weiterhin Gewaltmethoden zur Erreichung ihrer Ziele anzuwenden.
Wohl dürfen die Erfolge der SEATO und anderer kollektiver Sicherheitsabkommen wie des ANZUS-Paktes (durch den wir mit Australien und
Neuseeland verbündet sind) und unserer bilateralen Abkommen mit der
Republik Korea, mit Japan, Nationalchina und den Philippinen uns zuversichtlich stimmen, doch dürfen wir uns damit keinesfalls zufriedengeben.
Die Unterstützung des sowjetischen Vorgehens in Ungarn durch die
chinesischen Kommunisten und ihre ständige Herausforderung der Vereinten'
Nationen können ernste Folgen für die freien Nationen Asiens mit sich
bringen. Die Gefahr einer offenen Aggression liegt nach wie vor wie ein
Schatten über dem Fernen Osten, und die freien Nationen haben keine andere Wahl, als ihre militärische Stärke auf nationaler und kollektiver
Basis aufrechtzuerhalten.
Es steht außer Frage, daß die Kommunisten die Kontrolle über ganz
Asien weiterhin als eines ihrer vornehmlichsten Ziele auf dem Wege zur
Weltherrschaft betrachten, und an allen Fronten stoßen sie immer weiter
vor, indem sie mit einer Mischung aus subversiver Tätigkeit, Handelsund Hilfeangeboten, Kulturaustausch und Drohungen arbeiten^ wie immer
sind sie eifrig dabei den Mantel nach dem Wind zu drehen.
Während

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10. April 1957

Während sie ihre Streitkräfte in Nordkorea unter Verletzung
ihrer Waffenstillstandsverpflichtungen verstärken, bemühen sie sich
mit lächelndem Gesicht und ausgestreckter Hand um Japan, das, wie
sie wissen, dringend darauf angewiesen ist, seinen Handel auszubauen
und der Versorgung des Landes eine breitere Grundlage zu geben.
Während sie die militärischen Kräfte der Vietminh in Nordvietnam
stärken und die Herausforderung der königlichen Regierung von Laos
durch die Pathet-Laos-Bewegung unterstützen, bieten sie dem benachbarten Kambodscha Hilfe und technische Unterstützung an. 'Während sie
immer wieder drohen, Formosa notfalls mit Gewalt zu nehmen, sprechen
sie behaglich von Frieden und Freundschaft.
Die Sicherheit unseres Landes hängt davon ab, daß wir dieser
Taktik gegenüber wachsam bleiben, wo immer sie angewandt wird, und
vor allem, daß wir geeint und stark bleiben. Wir unterstützen jene
Nationen Asiens, die unsere Hilfe wünschen, oder werden sie unterstützen.
Dies geschieht durch Stärkung ihrer Hilfsquellen und ihrer Stabilität,
so daß sie dem Ansturm des Kommunismus begegnen und die Abwehrkraft der
freien Welt stärken können.
Es ist klar, daß die Völker Asiens und Afrikas eine Zeit revolutionären Wandels durchmachen. Das Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung und einem besseren Leben ist weit verbreitet und stark. Wohl
werden viele Elemente die Zukunft dieser Nationen beeinflussen, einer
der entscheidenden Faktoren ihrer Stabilität und gesicherten Freiheit
aber wird es sein, wieweit ihr Wunsch nach wirtschaftlicher Entwicklung
sich der Erfüllung nähert.
Es kann jedoch kein Zweifel darüber bestehen, daß die Förderung
des wirtschaftlichen Aufbaus in jenen Ländern, die Unterstützung brauchen, eine nützliche Verwendung amerikanischer Mittel im Interesse unseres eigenen Landes ist. Ich darf vielleicht auf Indien als prominentes Beispiel hinweisen, und zwar als Beispiel eines Landes, dessen Wettlauf mit Rotchina um die wirtschaftliche Entwicklung wichtige Folgerungen für uns hat.
Wir können insofern einen Anreiz für eine gesunde Entwicklung
bieten, daß die Geldmittel kontinuierlich und in Anpassung an die jeweilige Lage verfügbar gemacht werden. Wenn es möglich ist, unter den
von uns unterstützten Projekten eine schärfere Auswahl zu treffen und
die besten von ihnen laufend zu unterstützen, so können wir die um
Unterstützung Nachsuchenden dazu bringen, die bestmöglichen Projekte
zu entwerfen. Außerdem können wir den Empfängerländern bei der Entwicklung besserer Projekte behilflich sein und gleichzeitig die private
Investitionstätigkeit anregen, wenn wir nicht nur bei der Durchführung
von Programmen, sondern auch bei deren Ausarbeitung unsere technische
Unterstützung zur Verfügung stellen.
Wir

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Wir sind uns völlig darüber im klaren, daß der Kongreß in diesem
Frühjahr die Auslandshilfe scharf unter die Lupe nehmen wird. Das ist
gut so, und wir hoffen, daß die gegenwärtig angestellten Untersuchungen
eine bessere Durchführung unserer Auslandshilfe ermöglichen werden.
Der kürzlich veröffentlichte Bericht des Beratungsausschusses des Präsidenten unter dem Vorsitz von Benjamin Pairless bestätigte weitgehendi
die Ansicht, daß unsere allgemeinen Auslandshilfeprogramme notwendig
und nutzbringend sind.
Hier in unserer westlichen Hemisphäre geben die amerikanischen
Republiken der übrigen Welt ein Vorbild für internationale Zusammenarbeit. Die Stärke und Kameradschaft der Organisation der Amerikanischen Republiken (OAS), die sich aus den Vereinigten Staaten und den
20 benachbarten Republiken zusammensetzt, ist nicht nur eine hemisphärische, sondern eine globale Macht. Die Unterstützung, die der freien
Welt von den amerikanischen Völkern und ihren Regierungen gewährt wird,
ist - das ist eine reale Tatsache - ein unerlässliches Bollwerk des
Friedens, das wir um keinen Preis mehr aufgeben.
Die Organisation der Amerikanischen Republiken bildet den Rahmen
unseres interamerikanischen Systems. Durch sie und in dem größeren Rahmen der Verßinten Nationen suchen die amerikanischen Republiken ihre
gemeinsamen Interessen zu fördern. Wie es in der Panama-Deklaration
heißt, die gemeinsam von den Präsidenten der amerikanischen Republiken
bei ihrem historischen Zusammentreffen im Juli vorigen Jahres herausgegeben wurde, ist es das Ziel der amerikanischen Völker, "eine Kultur
zu schaffen, die dem Begriff der Freiheit des Menschen einen greifbaren Inhalt geben wird."
Eines der unmittelbaren Ergebnisse der Panama-Konferenz war die
Bildung des Interamerikanischen Komitees aus Vertretern der Präsidenten, das Methoden zur Bekämpfung von Armut, Krankheit und Unwissenheit
in der gesamten Hemisphäre studieren und der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) auf wirtschaftlichem, finanziellem, sozialem und
technischem Gebiet Empfehlungen unterbreiten wird.
Geographie, Geschichte,und Wirtschaft haben die individuell unabhängigen Völker dieser Hemisphäre kollektiv voneinander abhängig gemacht. Unsere 21 Republiken haben eine Gesamtbevölkerung von über
380 Millionen Menschen in einem Gebiet von etwa 28 490 000 Quadratkilometer. Südamerika hat, übrigens, die am schnellsten wachsende Bevölkerung, der Erde: 2,5 Prozent jährlich gegenüber der durchschnittlichen Zuwachsrate der Erdbevölkerung von 1 Prozent.
Es liegt auf der Hand, daß unsere wirtschaftlichen Beziehungen
zu diesem Gebiet, das sowohl hinsichtlich seiner Bevölkerung als auch
territorial gewaltige Ausmaße besitzt, notwendigerweise einen der
Hauptfaktoren sowohl unserer als auch seiner Wirtschaft darstellen.
Etwa ein Fünftel unseres Exports geht nach Lateinamerika. Und wir
erhalten von Lateinamerika ungefähr ein Fünftel dessen, was wir insgesamt importieren. Wir versorgen die lateinamerikanischen Republiken
mit zirka 47 Prozent ihrer Importe und übernehmen 43$ ihres Exports.
In
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In anderen Worten heißt das, daß rund 44$ des lateinamerikanischen
Handels über uns gehen. Das private Unternehmertum der Vereinigten
Staaten beweist gegenwärtig seinen Glauben an die Zukunft Lateinamerikas durch Direktinvestitionen von annähernd 7 Milliarden Dollar.
Die Auswirkungen dieses starken Kapitalzustroms spiegeln sich in der
gesamten Entwicklung der Hemisphäre wider: im höheren Lebensstandard,
in dem verbesserten Gesundheits- und Erziehungswesen, in der vielschichtigen Struktur der Landwirtschaft, in der erhöhten Industrialisierung und in den immer reicheraa Lebensmöglichkeiten.
Die jüngsten Monate haben eindringlich bewiesen, welch ein wertvolles Instrument zur Förderung des Rechtsgedankens in den Beziehungen
der Völker untereinander die Vereinten Nationen darstellen. Wir haben
erlebt, wie sehr dem Frieden gedient wird, wenn die Länder die Ansichten der Vereinten Nationen achten und stützen, besonders dann, wenn
eine überwältigende Übereinstimmung hinsichtlich konstruktiver Maßnahmen besteht. Meine Regierung verfolgt die Politik, die Vereinten
Nationen bei ihrer legitimen Aufgabe, den Weltfrieden durch Gerechtigkeit zu fördern, zu stärken.
In den jüngsten außerordentlichen Sitzungen der Generalversammlung und der regulären elften Sitzungsperiode haben sich neue Ausblicke für die Tätigkeit der Vereinten Nationen eröffnet und neue
Kraftquellen für sie erschlossen. Im Mittleren Osten wurde die Feuereinstellung und die Rückziehung der Truppen aus dem Kampfgebiet erreicht.
Die Aufstellung und der Einsatz der UN-Streitkräfte stellt ein in der
Geschichte der Menschheit bisher einmaliges Ereignis dar.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

W1./17.4.1957
AUSSENMINISTER DULLES. FORDERT SCHAFFUNG EINES ANLEIHEFONDS

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung, die
der US-Außenminister John Foster Dulles am
8. April 1957 vor dem Sonderausschuß des
amerikanischen Senats für das US-Auslandshilfeprogramm abgegeben hat und in der er
die Schaffung eines neuen Anleihefonds forderte, aus dem den Ländern der freien Welt
Mittel für den Aufbau ihrer Volkswirtschaften
zur Verfügung gestellt werden sollen.

Ich freue mich, der Aufforderung des Ausschusses nachzukommen,
um mit Ihnen gewisse Aspekte des Programms für gemeinsame Sicherheit
zu diskutieren.
Bevor ich mich den besonderen Fragen zuwende, möchte ich vorangehend den fundamentalen Zweck herausstellen, dem, wie ich glaube,
dieses Gesetz dienen soll. Diese Ziele geben dabei die beste Anleitung für die Entscheidung, welche Form das Gesetz haben sollte.
Diese Überlegungen sind!

Die Sicherheit und der Wohlstand der Vereinigten Staaten sind
auf das engste mit dem Fortbestand der Sicherheit und des Wohlergehens von anderen freien Völkern verbunden. Die Entwicklung in
internationalen politischen Angelegenheiten, im Wirtschaftsleben
und am meisten von allen in der militärischen Technik bindet unser
Schicksal noch enger an das der anderen Mitglieder in der Gemeinschaft der freien Völker. Unsere Politik muß diese fundamentale
Tatsache widerspiegeln. Wenn das nicht der Fall ist, dann werden
wir uns einer Gefahr gegenübersehen, wie wir sie noch niemals gekannt haben.
Zur

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17. April 1957

Zur Begegnung dieser Gefahr haben wir zahlreiche Maßnahmen ergriffen, die ineinandergreifen und sich gegenseitig stärken. Vielleicht
ist das auch die Ursache, daß sie etwas verwirrend geworden sind.
Man kann
Programms zur
Möglichkeiten
Ansichten des

vom Kongreß nur dann die Unterstützung eines ständigen
Schaffung von Sicherheit, Stärke und wirtschaftlichen
in Übersee erwarten, wenn dieses den grundsätzlichen
amerikanischen Volkes entspricht.

Ein Gesetz wie das vorliegende, das für das Wohlergehen des
amerikanischen Volkes so lebenswichtig ist, sollte eine Form haben,
die allen verständlich ist und vor allen mit Überzeugung unterstützt
werden kann.
II
Die Gewährleistung der Sicherheit des Volkes ist die erste Aufgabe der Regierung. Das ist ein Aspekt, und zwar ein Hauptaspekt,
unserer Außenpolitik.
Wir sind bemüht, unter den freien Völkern eine gemeinsame Verteidigung aufzubauen, die größere Sicherheit bieten wird, als sie
von einem Volk allein erlangt werden kann.
Der Begriff einer "gemeinsamen Verteidigung" ist unserem Volk
nicht fremd. Unser Staat wurde in der Hauptsache zu dem Zweck gegründet, eine gemeinsame Verteidigung zu schaffen, und unsere Verfassung
bezeichnet dieses als eines der Hauptziele.
Dieselben Überlegungen, die unsere Staaten im Jahre 1787 dazu
führten, die Notwendigkeit einer gemeinsamen Verteidigung anzuerkennen,
bewegen heute auch die Völker der freien Welt, eine gemeinsame Verteidigung zu suchen.
Der internationale Kommunismus kontrolliert heute fünfmal mehr
Menschen als in den Vereinigten Staaten leben. Er hat große Möglichkeiten, die modernsten Massenvernichtungsmittel zu schaffen. Er kontrolliert Gebiete, die als Bereitstellungsräume für den Angriff von
weit größerer Mannigfaltigkeit und von viel größerem strategischen
Wert sind als die Gebiete unter der Souveränität der Vereinigten Staaten.
Unter diesen Umständen wäre es eine Torheit, sich nicht um eine
gemeinsame Verteidigung mit anderen Völkern zu bemühen. Diese Torheit würde erlauben, daß immer mehr Menschen, immer mehr natürliche
Hilfsquellen und immer mehr strategisch wichtige Gebiete unter die
Herrschaft derjenigen fallen, die uns und unseren demokratischen
Einrichtungen so feindselig gesonnen sind.
Wir haben viele Verträge und Kongreßbeschlüsse, die proklamieren,
daß es für die Sicherheit und für den Frieden der Vereinigten Staaten
gefährlich wäre, wenn andere freie Völker dem Zugriff des internationalen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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internationalen Kommunismus erliegen würden. Wir haben kollektive Verteidigungsverträge mit 42 anderen Staaten geschlossen, und die vor kurzem gebilligte Resolution über den Mittleren Osten erlaubt eine weitere
Ausdehnung des Gebietes für eine gemeinsame Verteidigung.
Auf diesen politischen Grundlagen bauen wir die militärische Verteidigung auf. Andere tragen viel dazu bei. Aber auch wir müssen unseren
Beitrag leisten, wenn das Ganze ausreichend sein soll. Denn viele Staaten sind nicht in der Lage, diejenigen militärischen Einrichtungen zu
unterhalten, die im gemeinsamen Interesse auf ihrem Gebiet bestehen
sollten.
Die gemeinsame Verteidigung, die die Vereinigten Staaten mit anderen Ländern verbindet, nützt nicht nur diesen, sondern auch uns.
Ich darf in diesem Zusammenhang an die Ausführungen des Chefs des
gemeinsamen Stabes der US-Streitkräfte erinnern:
"Das militärische Hilfeprogramm ist ein wesentlicher Bestandteil
des Programms des US-Verteidigungsministeriums, Die Ausgaben in Übersee
zur Unterstützung unserer Bündnisse unterscheiden sich in Zweck, Ziel
und Möglichkeiten nicht von unseren eigenen militärischen Aufwendungen."
Es ist das wohlüberlegte Urteil des Präsidenten und seiner militärischen Berater, daß das System der gemeinsamen Verteidigung, für das
unser militärischer Beistand wichtig ist, gleichfalls das wirksamste
Mittel für die Verteidigung der Vereinigten Staaten darstellt. Dieses
System durch eine Kürzung unseres Beitrages zu schwächen, wäre keine
Ersparnis für die Vereinigten Staaten. Im Gegenteil, das würde ein
weit kos tspieligeres Verteidigungsprogramm hier bei uns daheim erfordern. Selbst dann wären wir weniger sicher.
Unser Volk trägt die militärischen Lasten als eine elementare
Notwendigkeit und nicht aus Machterweiterungsdrang. Ich zweifle nicht,
daß das amerikanische Volk damit fortfahren wird, aus dieser Notwendigkeit heraus das Verteidigungsprogramm der gemeinsamen Sicherheit zu
unterstützen.
III
Die Programme der militärischen Verteidigung allein jedoch können
noch keine Sicherheit dafür bieten, daß die freie Welt unversehrt bleibt.
Auch in Zukunft ist die Freiheit und Unabhängigkeit dort bedroht, wo
gemäßigte Staatsmänner verzweifeln, weil es ihnen nicht gelingt, ihre
Völker aus einer hoffnungslosen Armut und Stagnation herauszuführen.
Dazu sagte Präsident Eisenhower in seiner Rede anläßlich des
Antritts seiner zweiten Amtsperiode:
"Zu viele Gebiete der Erde gibt es, wo Armut, Uneinigkeit und
Gefahren herrschen. Neue Kräfte und neue Nationen, die aufgetaucht
sind und auf der Erde um Einfluß »ringen, haben die Macht, durch ihr

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ihr Schicksal für die Zukunft der freien Welt viel Gutes oder viel
Böses zu bringen. Von den Wüsten Nordafrikas bis zu den Inseln des Südpazifiks ist ein Drittel der gesamten Menschheit in die historische Phase
getreten, für eine neue Freiheit zu kämpfen; die Freiheit von bedrükkender Armut. Über alle Kontinente hinweg suchen fast eine Milliarde
Menschen bisweilen verzweifelt danach, sich die beruflichen Fertigkeiten
und das Wissen anzueignen und die Hilfe zu erhalten, durch die sie aus
ihren eigenen Hilfsquellen Nutzen ziehen können und mit denen sie ihre
materiellen Bedürfnisse befriedigen können, die der gesamten Menschheit
gemeinsam sind."
Es liegt in unserem direkten Selbstinteresse, daß diese neuen Staaten in diesem historischen Daseinskampf den Erfolg haben werden, von
dem der Präsident sprach.
Unsere Anteilnahme resultiert aus der historischen Auffassung des
amerikanischen Volkes von seiner Rolle in der Welt.
Das amerikanische Volk glaubt an ein moralisches Gesetz und daran,
daß Menschen und Staaten an dieses Gesetz gebunden sind. George Washington sagte in seiner Abschiedsrede: "Religion und Moral sind unentbehrliche Gebote für unsere freie Regierung. Und von allen Geboten der Moral
und der Religion ist das der Brüderlichkeit eines der wichtigsten."
Daher hat unser Volk auch niemals den Versuch unternommen, Amerika
inmitten einer Weltwüste des menschlichen Elends zu einer Oase des
Wohlstands zu machen.
Ein anderer Punkt unseres Glaubensbekenntnisses ist das Vertrauen
in die Würde und den Wert jeden menschlichen Lebens. Alle Menschen, so
sagt unsere Unabhängigkeitserklärung, haben die unveräußerlichen Rechte
auf ein Leben in Freiheit und auf ein Streben nach Glück.
Aus diesem Grunde hassen wir ein System, das die Menschen lediglich wie Objekte behandelt, als ob sie Zahnräder einer überdimensionalen
Staatsmaschinerie wären. Daher fordern wir die Freiheit für alle Menschen, und deshalb sind wir bereit, die Freiheit zu verteidigen, wo sie
erhalten blieb, und darum wollen wir sie dort wiederhergestellt sehen,
wo sie verloren gegangen ist.
Die Gründer unseres Staates betrachteten ihre Aufgabe nicht als
selbstsüchtiges Unternehmen. Sie hatten den Mut, ihre Prinzipien in
die Welt zu tragen. Was sie taten, wurde in der Welt als das "große
amerikanische Experiment" bekannt. Abraham Lincoln sagte von unserer
Unabhängigkeitserklärung, sie bedeute "nicht nur Freiheit für unser
Volk, sondern auch Hoffnung für die Welt für alle Zukunft. Sie gibt
die Hoffnung, daß zu gegebener Zeit die Lasten von den Schultern aller
Menschen genommen werden."
Wir

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

17. April 1957

Wir stehen immer noch zu dieser Interpretation unserer Aufgabe
und sind daher darauf bedacht, daß andere Länder und andere Völker
die Segnungen der Freiheit kennenlernen - sollen.

IV
Daraus sollten wir, so glaube ich, erkennen, daß das sogenannte
Programm für gemeinsame Sicherheit unter modernen Bedingungen der Ausdruck für zwei Notwendigkeiten ist:
1) Die Notwendigkeit für eine gemeinsame Verteidigung mit anderen
freien Völkern, die gewillt sind, mit uns die Lasten und die Vorteile
dieser Verbindungen zu teilen und 2) die Notwendigkeit für eine realistische Offenbarung des Glaubens, der unser Land seit Anbeginn erfüllt,
ein Glaube, der unser Land im besten Sinne dieses oft mißbrauchten Wortes groß gemacht hat.
Und lassen Sie mich hinzufügen, daß die Unterdrückung und die Beschränkung der Offenbarung dieses Glaubens uns schlecht bekommen würde.
Keine Gesellschaft kann lange ohne einen Geist bestehen, der dynamisch
und schöpferisch ist, und der auch andere erfaßt. Wenn jemals der Tag
kommen sollte, an dem unsere Nation nicht mehr für die lebensspendenden
Eigenschaften empfänglich ist, die sich in der fortschreitenden Entwicklung unseres Programms zeigen, dann wird das der Anfang von unserem Ende
sein.

I
Ich komme nun zu der Frage, welche größeren Änderungen in der
diesbezüglichen Gesetzgebung erforderlich sind, damit sie ihrem doppelten Zweck besser gerecht wird.
Es scheint, als stamme die Verwirrung wenigstens teilweise daher,
daß man alle Arten der wirtschaftlichen Beihilfen für Länder, deren
militärische Programme wir unterstützen, als"Verteidigungshilfe" bezeichnet. Eine solche Verwirrung kann und sollte man beenden.
Unsere Unterstützung für jene Länder besteht aus drei Grundformen:
1) Hilfe durch Lieferung tatsächlicher militärischer Güter, der sogenannten "Fertigfabrikate"; 2) Unterstützung der Volkswirtschaften
bis zu jenem Punkte, der erforderlich ist, um diese Länder zum Tragen
der wirtschaftlichen Lasten zu befähigen, die ihnen die Existenz der
bewaffneten Streitkräfte aufbürdet, welche für die allgemeine Verteidigung notwendig sind, worin sowohl sie als auch wir übereinstimmen.
Und dann 3) die Programme zur wirtschaftlichen Entwicklung einschließlich der technischen Hilfe, in welchen wir uns ungeachtet unserer militärischen Bindungen engagiert haben.
Unserer

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17. April 1957

Unserer Ansicht nach soll die sogenannte "Verteidigungshilfe"
künftig nur so hoch sein, daß sie jene durch die militärische Verteidigung entstehenden wirtschaftlichen Lasten, die das betreffende
Land selbst nicht tragen kann, aufwiegt. Bewilligungen für die Militärhilfe und für diese neu definierte Kategorie der Verteidigungshilfe
würden dann laufend gebilligt und in Zukunft jährlich vom Präsidenten
im Rahmen der Bewilligungen für das Verteidigungsministerium angefordert werden.
Wir glauben, daß die Behandlung der Militärhilfe auf eine solche
Weise, wie sie übrigens durch viele kürzlich vollendete Studien zu diesem Gegenstand empfohlen wird, das Mißverständnis draußen und zu Hause
weitgehend dadurch verhindern würde, daß wir zeigen, wie groß unser
Wunsch ist, durch unsere Hilfe der militärischen Verteidigung zu dienen.
II
Ich wende mich nunmehr dem Aspekt der wirtschaftlichen Entwicklung
innerhalb des Programms zu.
Wir sind der Ansicht, daß die gesamte wirtschaftliche Entwicklung
einschließlich jener, welche die Länder betrifft, mit denen uns ein
gemeinsames Verteidigungsprogramm verbindet, als Ganzes betrachtet
werden sollte. Wir sind weiter der Meinung, daß mehr Nachdruck auf eine
langfristige Entwicklungshilfe gelegt werden sollte.
Es ist wahr, daß unsere Wirtschaftshilfe nicht mehr sein kann
als ein kleiner Beitrag zu den Entwicklungsbemühungen irgendeines
Landes. Dennoch kann dieser Beitrag bedeutsam und unter Umständen
entscheidend sein. Er kann Zahlungsbilanzschwierigkeiten überwinden
helfen, und er kann für ein Land zum Stimulans für ein wirkungsvolleres eigenes Entwicklungsprogramm werden. Wenn unsere Entwicklungsbeihilfe diese Wirkung haben soll, müssen wir zwei Dinge tun:
1) Mit dem Zyklus der jährlichen Bewilligungen brechen und
2) die Vorausbewilligungen für die Einzelländer abschaffen.
Die wirtschaftliche Entwicklung ist ein kontinuierlicher Prozeß
und kein jährlich wiederkehrendes Ereignis. Die gegenwärtige Art der
jährlichen Bewilligungen hat zu Verfahren geführt, die es weder uns
noch den empfangenden Ländern erlauben, den wirkungsvollsten Gebrauch
von den Mitteln zu machen, die wir bereitstellen.
Der beste Weg zur Erreichung einer größeren Wirkung ist die
Errichtung eines wirtschaftlichen Entwicklungfonds aus dem Anleihen
unter günstigeren Bedingungen bereitgestellt werden können als es auf
Grund der bestehenden Einrichtungen möglich ist. Für solch einen Fonds
brauchte man, um ihn wirkungsvoll zu verwenden, eine sich über einen
längeren Zeitraum erstreckende Ermächtigung und Bereitstellung der
Mittel, die dann, wenn es notwendig wird, erneuert werden müssen.
Ein

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Ein solcher Fonds könnte für besondere Programme oder Projekte,
die von einem Bewerberland unterbreitet werden, eine erweiterte Hilfe
bedeuten. Jede Bitte um eine Anleihe aus diesem Fonds sollte von gewissen Bedingungen abhängig gemacht werden. Es müßte ausdrücklich klar
gemacht werden, daß 1) die Finanzierung aus anderen Quellen nicht möglich ist, 2) daß das fragliche Projekt technisch durchführbar ist,
3) daß es einen direkten oder indirekten Beitrag zur Erhöhung der Produktivität einer Nation zu leisten verspricht.
Der Fonds könnte bei der Finanzierung besonderer Projekte auf
nützliche Weise die Arbeit solcher Institutionen wie der Weltbank
oder der Export-Import-Bank ergänzen. Mit Hilfe dieses Fonds könnten
diese Banken in die Lage versetzt werden, ihre Tätigkeit durch Unterstützung von Projekten zu erweitern, die in ihrer Gesamtheit keine
Qualifikation für Anleihen hätten. Um nicht andere Kreditquellen auszuschalten, sollten Anleihen aus dem Entwicklungsfonds auf einer den
Ansprüchen der Weltbank, der Export-Import-Bank und privater Kreditinstitute untergeordneten Basis rückzahlbar sein.
Um die Entwicklungshilfe wirtschaftlich und hochwirksam einzusetzen, müssen wir geschäftsmäßig abwickeln. Und ich bin der Meinung,
daß der weiter oben erklärte Geschäftsgang diese Wirkung erreichen wird.
III
Zusätzlich zu den für die Auslandshilfe, die Militärprogramme und
die Anleihen zur wirtschaftlichen Entwicklung benötigten Mittel sind
ohne Zweifel noch weitere Mittel für nichtrückzahlbare Auslandsfinanzhilfen notwendig.
Der internationale Kommunismus führt gegen uns einen Kampf, den
man allgemein als "kalten Krieg" bezeichnet. Er kann ohne Rechenschaft
über seine Haushaltsmittel und ohne parlamentarische Billigung Gelegenheiten zu seinem Vorteil ausnutzen, die sich ihm durch seine eigene subversive Tätigkeit, durch die Fehler noch nicht auf solider Basis stehender, freier Regierungen oder durch Naturkatastrophen eröffnen.
Deswegen ist es notwendig, daß unsere Regierung ebenfalls beschränkte,
aber frei verfügbare Mittel besitzt, so daß wir und nicht nur der internationale Kommunismus allein in solchen entscheidenden Situationen beweglich sind. Ohne diese Fähigkeit würden wir dem Despotismus einen
Vorteil einräumen, aus welchem er großen Nutzen zu ziehen vermag.
Wir haben bereits einen besonderen Fonds zur Verfügung des Präsidenten durch Teil 401 des Gesetzes bewilligt, um mit seinen Mitteln
Dringlichkeits- und Notfällen begegnen zu können. Ein Fonds, der diesen
Zwecken dient, soll bestehen bleiben.

IV

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'AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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IV
Technische Unterstützung ist ein erprobtes und außerordentlich
wirksames Verfahren, anderen Ländern die Erschließung ihrer Hilfsquellen
zu ermöglichen. Unserer Ansicht nach sollte die technische Unterstützung,
sowohl unmittelbar als auch im Rahmen des technischen Hilfsprogramms
der Vereinten Nationen, weitgehend auf der gegenwärtig gültigen Basis
fortgesetzt werden.
V
Was die Verwaltung des revidierten Programms anbelangt, so sollte
unserer Meinung nach die Militärhilfe durch Lieferung von Waffen und Geräten auch weiterhin der Überwachung durch das Verteidigungsministerium
unterstehen, während die Wirtschaftshilfe in den von mir beschriebenen
verschiedenen Formen nach wie vor durch das Amt für Internationale Zusammenarbeit verwaltet werden sollte.
Wir glauben nicht, daß es klug wäre, auch die Verwaltung der allgemeinen Militärhilfe dem Verteidigungsministerium zu übertragen. Dies
würde eine überflüssige Parallelarbeit innerhalb der Abteilung für Verteidigungshilfe in der so gut funktionierenden wirtschaftlichen Organisation der ICA erfordern. Außerdem würde damit die Verantwortung für die
Verwaltung der Wirtschaftsprogramme auf zwei verschiedene Dienststellen
aufgeteilt werden: diese Programme aber müssen eng koordiniert bleiben,
wenn sie erfolgreich und zufriedenstellend geleitet werden sollen.
Wir sind daher der Ansicht, das Amt für Internationale Zusammenarbeit sollte fortgeführt werden, und zwar in seiner derzeitigen Form,
nämlich als eine halbautonome Dienststelle.
Wir sind der Meinung, daß unser Programm für gemeinsame Sicherheit
in allen seinen Aspekten der erfolgreichen außenpolitischen Lenkung
durch den Präsidenten und den Außenminister unterstellt werden sollte.
Dies ist auf Grund der Machtbefugnisse des Präsidenten als Leiter der
Exekutive zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, brauchen dem Außenministerium nicht erst neue große Verpflichtungen auferlegt zu werden.
VI
Ich komme nunmehr zur Frage der Größenordnung unserer verschiedenen
Programme:
1. Vorausgesetzt, daß das derzeitige Klima in den internationalen
Beziehungen auch weiterhin anhält,, so würden sich meiner Schätzung nach
die Aufwendungen für militärische Zwecke im Rahmen der bewilligten Hilfeleistungen noch einige Jahre in etwa der derzeitigen Höhe halten müssen.
In einigen Fällen kann die Stärke der örtlichen Streitkräfte, die mit
Mitteln des Programms für gemeinsame Sicherheit unterstützt werden,
vielleicht .unne größeres politisches oder militärisches Risiko vermindert werden. Das wüjpele eine Senkung unserer Ausgaben bedeuten. Andererseits

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Andererseits könnte es nötig werden, die Streitkräfte unserer Verbündeten zu reorganisieren und mit moderneren Waffen auszurüsten. Das
würde wiederum steigende Kosten bedeuten. Vielleicht gleichen sich diese
beiden Posten einigermaßen aus.
2. Vorausgesetzt, daß in Zukunft die wirtschaftliche Entwicklung
mit Hilfe von Darlehen und nicht durch Zuwendungen ermöglicht wird, so
würde dies einen Entwicklungsfonds erfordern, aus dem Darlehen bis
zu einer Höhe von schätzungsweise 750 Millionen Dollar nicht nur für
das Haushaltsjahr 1958» sondern für die kommenden Jahre überhaupt geleistet werden können. Die von uns vorgeschlagenen Verfahren sollten
wesentliche Einsparungen in Form geringerer Verwaltungskosten mit
sich bringen und die Möglichkeit bieten, mit weniger Mitteln mehr zu
erreichen. Andererseits könnte die Notwendigkeit zu derartigen Aufwendungen noch zwingender werden.
3. Hinzu kommen die von mir bereits erwähnten laufenden Hilfsaufwendungen in begrenztem Umfange zur Deckung der durch unvorhergesehene
Ereignisse und zwingende Notwendigkeiten entstehenden Kosten, die durch
Darlehen nicht ausreichend befriedigt werden können. Außerdem laufen ja
noch die technischen Hilfsprogramme mit gegenwärtig 150 Millionen Dollar
jährlich.
VII
Abschließend möchte ich noch an den Bericht des Außenpolitischen
Senatsausschusses vom Juni vorigen Jahres hinsichtlich des Programms
für gemeinsame Sicherheit erinnern. In dem Bericht des Ausschusses
hieß es: "... Die kommenden Jahre dürften in mancher Beziehung schwieriger werden als die letzten. Die Probleme werden diffiziler und komplexer. Das Programm für gemeinsame Sicherheit muß den neuen Umständen
angepaßt werden."
Wir sind der Ansicht, daß die von mir heute Vormittag umrissenen
Vorschläge "den neuen Umständen angepaßt" sind. Sie fußen auf den von
Ihnen angeforderten eingehenden Untersuchungen sowie auf den von der
und für die Exekutive durchgeführten Studien.
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen stimmen vielfach weitgehend
nicht nur darin überein, daß unsere anderen Ländern gewährte militärische
und wirtschaftliche Hilfe auch für uns selbst von Nutzen ist, sondern
auch hinsichtlich der Änderungen unseres Programms für gemeinsame Sicher
heit, durch die es schon im Interesse unseres eigenen Landes noch wirksamer gestaltet werden soll.
Wir übernehmen wohl die volle Verantwortung für unsere Vorschläge,
beanspruchen jedoch nicht das alleinige Verdienst für ihre Ausarbeitung.
Wir betrachten sie vielmehr als das Ergebnis sowohl der Arbeit des Kongresses als auch der Bemühungen der Exekutive. Unserer Überzeugung nach
sind sie in ihren groben Umrissen vernünftig. Wir sind uns durchaus klar
darüber, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, diese grob umrissenen
Vorschläge im einzelnen zu formulieren. Wir bitten Sie daher um Ihre
Stellungnahme und eine eingehende Beratung über die besten Mittel und
Wege, diese Vorschläge so zu formulieren, daß sie zu einem möglichst
wirksamen Instrument unserer Politik werden.
* * * * *

- 9-

�A M E R I K A

1)1

Allg./

WILCOX:

I

S

T

24-4-1957

VEREINTE NATIONEN HABEN POSITIVE ARBEIT GELEISTET

PITTSBURGH (Pennsylvanien) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede
von Francis 0. Wilcox, Unterstaatssekretär im
US-Außenministerium, die dieser am 12.April 1957
vor der Gesellschaft für Außenpolitik in
Pittsburgh gehalten hat.

Ich freue mich, wieder einmal in Pittsburgh zu sein und an dem
siebenten öffentlichen Jahresforum über Fragen der Weltpolitik teilnehmen zu können. Ich erinnere mich mit Vergnügen an den Besuch, den
ich dieser Stadt vor einigen Jahren als Mitglied des Außenpolitischen
Senatsausschusses abgestattet habe.
In meiner heutigen Rede möchte ich mir erlauben, Ihre Aufmerksamkeit auf die veränderte Zusammensetzung und Größe der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu lenken. Es ist nicht weiter erstaunlich, daß die Generalversammlung im Brennpunkt unseres Interesses
steht. Denn wenn v/ir die Ereignisse der letzten zehn Jahre kurz überblicken, so gewinnen wir den Eindruck, daß die Vereinten Nationen
heute eine etwas andere Organisation darstellen als sie einst in
San Francisco geplant wurde.
Im Jahre 1945 erhoffte man vom Sicherheitsrat, er werde den
Frieden wiederherstellen und erhalten. Dieses Gremium war eine geschickte Kombination von Macht und Verantwortung. Aber die zehn Jahre
kalten Krieges, scharfer Gegensätze zwischen dem sowjetischen Machtbereich und der freien Welt und insbesondere des immer wiederholten
Mißbrauchs des Vetorechts durch die UdSSR, haben den Sicherheitsrat
in eine Rolle von zweitrangiger Bedeutung gedrängt. Heute ist der
Sicherheitsrat, der ja nach wie vor existiert, vor allem in solchen
Situationen von größtem Wert, die die Möglichkeit in sich tragen,
daß Ost und West eine gemeinsame Plattform finden. In anders gelagerten Situationen jedoch wurde von dieser Institution immer
seltener Gebrauch gemacht.

Im

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24. April 1957

Im Gegensatz dazu ist die Generalversammlung in eine Rolle hineingewachsen, die alle von den Verfassern der UN-Charta in sie gesetzten
Erwartungen weit übertroffen hat. Denn ursprünglich sollte die Generalversammlung das mit geringeren Vollmachten ausgestattete Organ sein.
Es war vorgesehen, daß sie alljährlich zu regelmäßigen Sitzungen zusammentritt. Sie war nicht, wie der Sicherheitsrat, zu Entscheidungen, sondern
lediglich zu Empfehlungen befugt. Ihre Hauptwaffen waren Diskussion und
Aussprache. In diesem Gremium waren Macht und Verantwortung nicht den
wirklichen Verhältnissen entsprechend auf die einzelnen Mitglieder verteilt r- die Stimme eines kleinen Staates besaß das gleiche Gewicht wie
die einer Großmacht. Wenn die Entwicklung des Sicherheitsrates durch
seine immer seltenere Anrufung gekennzeichnet ist, so trifft für die
Generalversammlung genau das Gegenteil zu.
Wenn "das Gewesene erst der Anfang" ist, dann dürfte es wohl angebracht erscheinen, sich einmal zu vergegenwärtigen, welche Folgen für
die Zukunft aus der Tatsache erwachsen, daß die Generalversammlung soviel größer geworden ist und daß diese Körperschaft in den vergangenen
Jahren soviel umfassendere Verantwortlichkeiten übernommen hat. Es sind
dies Veränderungen, die den Vereinten Nationen ganz neue Dimensionen
verleihen und daher ihre Mitglieder vor ganz neue Probleme und, ich
glaube, auch vor ganz neue Möglichkeiten stellen.
In den letzten anderthalb Jahren ist die Zahl der Mitglieder der
UN von 60 auf 81 gestiegen. Dabei ist es interessant festzustellen,
daß diese Zunahme vorwiegend auf die Aufnahme neugeschaffener souveräner
Staaten in Afrika umd dem Nahen und Fernen Osten - gewöhnlich als
"Afro-Asien" bezeichnet - zurückzuführen ist.
Im letzten Halbjahr hat die Generalversammlung unter der im Jahre
1950 im Anschluß an die kommunistische Aggression in Korea gefaßten
Resolution "Einheit für den Frieden" bisher einmalige Aufgaben übernommen und erfüllt. Von der durch diese Resolution geschaffenen Möglichkeit wurde erstmals Gebrauch gemacht, als der Sicherheitsrat durch
das Veto einiger seiner ständigen Mitglieder nicht in der Lage war, sich
mit der Nah-Ost- und der Ungarn-Krise zu befassen.
Die immer bedeutsamere Rolle, die die Generalversammlung und ihre
um soviel größer gewordene Mitgliedschaft spielen, bereiten einigen
Mitgliedern der Vereinten Nationen und manchen erfahrenen Kennern und
Kritikern der Weltpolitik Sorgen. Einige unserer zuverlässigsten Verbündeten fragen sich, ob die Generalversammlung bedrohlichen Streitfällen, die den Frieden gefährden oder erschüttern, tatsächlich gewachsen sei.
Ich glaube, es wäre angebracht, auf einige dieser Befürchtungen
und Warnungen näher einzugehen. Vielleicht können wir uns dann ein Urteil bilden, ob die Generalversammlung tatsächlich Gefahr läuft, sich
zu einem Ungeheuer a la Frankenstein auszuwachsen, das drauf und dran
ist, sich selbst zu vernichten, wie manche uns glauben machen wollen.
Erstens,

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Erstens, so wird behauptet, wird es in der Generalversammlung
immer mehr Brauch, en bloc abzustimmen, wobei die Loyalität gegenüber
dem Block den Vorrang vor jedem echten Versuch hat, Streitfragen objektiv
und ihrem Wert entsprechend zu klären. Dies wird als eine unverantwortliche, ja gefährliche Entwicklung betrachtet, wenn der afro-asiatische
Block allein bei einer en-bloc! -Abstimmung über ein Drittel der Stimmen
für sich beanspruchen kann.
Zweitens wird der Vorwurf erhoben, es bestehe die wachsende Tendenz,
Resolutionen zu verwässern, um so eine Zweidrittel-Mehrheit für die Resolution zu gewinnen, wenn wichtige Streitfälle zur Diskussion stehen.
Durch diese Tendenz, so wird behauptet, entstehen blutleere Resolutionen,
die wenig Kraft und Wirksamkeit besitzen.
Drittens ist der Grundsatz der Gleichberechtigung souveräner Staaten,
demzufolge jeder Staat eine Stimme besitzt, erneut kritisiert worden,
da er der relativen Macht und dem Einfluß der verschiedenen Staaten in
internationalen Fragen nicht in realistischer und klarer Weise gerecht
werde. Ist es richtig, so fragt man, daß bei der Stimmenzählung ein
kleines, wirtschaftlich und politisch schwaches Land das gleiche Gewicht
besitzt wie ein großer und starker Staat; wird dadurch nicht die Tendenz
bestärkt, sich gegenüber den größeren Staaten "zu verbünden"?
Viertens wird geltend gemacht, daß die Generalversammlung eine
doppelte Moral und Rechtsprechung habe; eine für diejenigen Länder,
die sich an ihre Empfehlungen halten, eine andere für diejenigen
Staaten, die sich dem widersetzen. Damit erhebt sich gleichzeitig die
Frage, ob es nicht falsch sei, die UN in Streitfällen anzurufen, die
zu lösen sie nicht die Macht besitzen, was zu Enttäuschungen oder gar
zum Verlust des Glaubens an die Organisation selbst führen könnte.
Diese Anwürfe sind ernster Natur und verdienen unsere sorgfältige
Erwägung. Ich glaube, ein Blick in das Protokoll über die elfte Generalversammlung wird uns helfen, festzustellen wieweit sie berechtigt
sind. Ich möchte in bezug auf alle diese Anwürfe die allgemeine Feststellung treffen, daß sie eine größere Autorität und Macht voraussetzen,
als die Generalversammlung sie tatsächlich besitzt. Die Zusammensetzung
und die Rolle der Generalversammlung mag dem Wechsel unterworfen sein;
aber ihre in der Charta festgelegten Pflichten bleiben unverändert.
Sie ist eine Körperschaft, die Empfehlungen gibt und deren Einfluß von
der freiwilligen Mitarbeit ihrer Mitglieder abhängt.

Nehmen

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Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Blockbildung bei Abstimmungen.
Die einzig wirklich feste Blockbildung bei Abstimmungen in der Generalversammlung ist die durch die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten,
und sie wird mit monotoner Regelmäßigkeit durchgeführt. Aber dies ist
seit langem Brauch und daher kein neues Phänomen. Die derzeit geäußerten Befürchtungen gehen dahin, daß die afro-asiatische Nationengruppe
sich geeinigt haben könnte, geschlossen abzustimmen und damit das Vorgehen der Generalversammlung in wichtigen Angelegenheiten entgegen unserem Interesse zu bestimmen. Meiner Ansicht nach ist dies jedoch eher
eine mathematische Möglichkeit als eine logisch begründete Erwartung
oder Gewißheit. Die mathematischen Fakten sind folgende:
Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Generalversammlung sind
zur Beschlußfassung in Fragen, deren Entscheidung eine ZweidrittelMehrheit erfordert, 54 Stimmen nötig, sofern sich alle 81 Mitglieder
an der Abstimmung beteiligen. Ylenn sich alle afro-asiatischen Staaten
zusammenschlössen, brächten sie eine "blockierende Minderheit" von
28 Stimmen zusammen, die ausreicht, die Beschlußfassung in allen, eine
Zweidrittel-Mehrheit erfordernden Fragen zu verhindern und ihnen eine
wichtige Stimme bei der Entscheidung über alle bedeutsamen Angelegenheiten zu geben. Im Gegensatz dazu verfügen in der "neuen" Versammlung
die südamerikanischen Staaten nur über 24$» das nichtkommunistische
Europa über 19$* der Sowjetblock über 11$ und die Länder des alten
britischen Commonwealth über 5$ der Stimmen.
Wie dem auch sei, in der Praxis stimmt die afro-asiatische Gruppe
nicht regelmäßig als Block. Wenn sie es jedoch tut, geschieht dies
meist in solchen Fällen, in denen die überwiegende Mehrheit auch der
Staaten außerhalb des afro-asiatischen Gebiets sie unterstützt. Ich
glaube, wir sollten abermals einen Blick in die Protokolle der letzten
Generalversammlung werfen.
Nehmen wir zuerst die Abstimmung über die wichtigen Resolutionen
hinsichtlich der Nahostkrise. Hier hätte man mit Sicherheit ein solidarisches Vorgehen der afro-asiatischen Länder erwarten können. Dennoch
stimmte dieser Block geschlossen nur für zwei von den 11 der zwischen
dem I.November 1956 und dem 2.Februar 1957 angenommenen wichtigen Resolutionen. Und in diesen beiden Fällen stimmten ohnehin insgesamt 74 für
die Annahme, während bei zwei Stimmenthaltungen zwei Gegenstimmen abgegeben wurden. In der Tat konnte allgemein beobachtet werden, daß die
afro-asiatische Gruppe eine beachtliche Einigkeit bei der Zustimmung
zu den Resolutionen an den Tag legte, die von einer eindrucksvollen
oder überwältigenden Mehrheit angenommen wurden. Das heißt in anderen
Worten, sie traf nicht als verantwortungslose Splittergruppe in
Opposition zum Willen der Mehrheit auf.
Die Abstimmungsergebnisse in der Ungarnfrage zeigten weniger Einmütigkeit, obgleich sich unter allen Mitgliednationen, einschließlich
der des afrikanisch-asiatischen Raums, eine wachsende Tendenz bemerkbar
machte, das brutale Vorgehen der Sowjets um so schärfer zu kritisieren,
je mehr darüber bekannt wurde. Ich darf wohl bemerken, daß wir in dieser
Angelegenheit eine feste afro-asiatische Blockabstimmung-begrüßt hätten.
Aber nur drei von den zehn Resolutionen erhielten mehr als 20 afro-

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20 afro-asiatische Stimmen, und diese Resolutionen betrafen die weniger strittigen Fragen der Hilfe für die ungarischen Flüchtlinge. Bei
den Abstimmungen über die sieben übrigen Resolutionen zeigte es sich,
daß innerhalb des Blocks große Divergenzen bestehen. Der Punkt, den
ich betonen möchte, ist die Tatsache, daß sich die afro-asiatische
Gruppe nicht als monolithischer Block darstellt.
Natürlich besteht bei Staaten mit gemeinsamen Interessen und Problemen die Tendenz, gemeinsam zu stimmen, wenn sie der Ansicht sind,
so diesen Interessen zu dienen. V/o immer derartige Tendenzen auftreten,
stellen sie Probleme für alle diejenigen dar, die wünschen, daß internationale Angelegenheiten ihren Werten entsprechend behandelt werden.
Gleichzeitig jedoch sollten wir weder die Bedeutung einer solchen Blockabstimmung noch die praktischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben,
übertreiben.
Lassen Sie mich nun die so häufig erwähnte "Verwässerung" von Resolutionen untersuchen. Nun, es ist richtig, daß eine Resolution im
Ausschuß selten in der Form angenommen wird, in der sie unterbreitet
worden ist. Würde dies so sein, wäre es nicht nur für die Generalversammlung, sondern für jede politische beratende Körperschaft eine bemerkenswertes Ereignis. Wir brauchen uns zum Beispiel nur den umständlichen
Gang einer Gesetzesvorlage oder der Verabschiedung einer einfachen Resolution in unserem eigenen Kongreß anzusehen.
Dieser Prozeß des Kompromisse-Schließens ist ganz gewiß ein demokratischer Prozeß. Er ist der Versuch, eine gemeinsame Basis zu finden und
der größtmöglichen Unterstützung sicher zu sein. Es ist eine Maßnahme
von entscheidender Bedeutung, wenn die Generalversammlung der Bestimmung
der Charta, die Meinungen und Handlungen der Nationen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, gerecht werden soll. Dadurch wird das Vorgehen
der einzelnen Nationen gemildert, während vernünftige Maßnahmen, die
nicht das Interesse kleiner Gruppen, sondern umfassenderer Kreise widerspiegeln, in den Vordergrund gerückt werden.
Ein gutes Beispiel für die Weisheit und Wirksamkeit dieses Prozesses ist die Behandlung der Algerienfrage durch die Generalversammlung. Sie werden sich erinnern, daß Frankreich vor einem Jahr, als die
Algerienfrage auf die Tagesordnung gesetzt wurde, seine Delegation zurückgezogen hat. In diesem Jahr, in der 11. Generalversammlung, bestritt Frankreich zwar nach wie vor die Zuständigkeit der Generalversammlung, widersetzte sich aber nicht länger der Aufnahme dieses Punktes auf die Tagesordnung. Dann, als diese Angelegenheit im Februar 1957
vor den Politischen Ausschuß kam, wurde eine von 18 afro-asiatischen
Mitgliedstaaten entworfene, scharf formulierte Resolution eingebracht.
Obwohl diese Resolution ohne Zweifel die Überzeugung ihrer Schöpfer
ausdrückte, war es doch von Anbeginn an klar, daß sie niemals die zu
ihrer Annahme notwendige Zweidrittel-Mehrheit hätte erreichen können.
Tatsächlich hat niemals eine Abstimmung über diese Resolution als Ganzes stattgefunden.
In

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In dem Bestreben, wenigstens ein gewisses Maß von Übereinstimmung
zu erzielen, wurde am 11.Februar von Japan, den Philippinen und Thailand eine milder formulierte Entschließung eingebracht. Und am folgenden Tage machte auch eine Anzahl anderer Mächte den Versuch, eine annehmbare Resolution auszuarbeiten. Beide Entschließungen gelangten
im Ausschuß zur Abstimmung und wurden dort angenommen. Keine von
beiden erhielt jedoch eine Zweidrittel-Mehrheit.
Am 15»Februar nahm dann die Generalversammlung in ihrer Plenarsitzung den Bericht des Politischen Ausschusses entgegen, daß es nicht
gelungen sei, die Unterstützung einer Zweidrittel-Mehrheit für irgendwelche Resolution über Algerien zu erlangen. In diesem kritischen Augenblick brachten die Mächte, von denen die beiden Entschließungen ausgegangen waren, die im Ausschuß nur eine einfache Mehrheit gefunden hatten,
im Plenum eine gemäßigte Kompromißresolution ein. Diese Resolution, welche die Hoffnung zum Ausdruck brachte, daß eine friedliche, demokratische
und gerechte Lösung des algerischen Problems in Übereinstimmung mit den
Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen gefunden werden würde, wurde
einstimmig angenommen. Frankreich enthielt sich der Stimme, in Übereinstimmung mit dem von ihm vertretenen Standpunkt, daß die Generalversammlung nicht dafür zuständig sei, sich mit der Lage in Algerien zu befassen.
Dieses Ergebnis könnte, nach meinem Dafürhalten, als Beispiel einer
"verwässerten" Resolution bezeichnet werden. Ich bin jedoch der Meinung,
daß man es richtiger kennzeichnet, wenn man es als ein brauchbares Kompromiß ansieht, zu dem man nach einer erschöpfenden Aussprache gelangte,
in der alle Seiten Gelegenheit hatten, ihre Ansichten zum Ausdruck zu
bringen. Diese Aussprache reinigte die Atmosphäre, und es wurde dadurch
eine substantielle Aktion von Seiten der Versammlung vermieden, die eine
Lösung eher behindert als gefördert hätte. Aus dem einhelligen Abstimmungsergebnis geht klar hervor, daß im Verlauf dieser Aussprache die
hauptsächlich beteiligten Staaten zum Verständnis, wenn nicht sogar zu
einer Billigung der Haltung und Interessen jedes der anderen Staaten
gelangt waren. Sämtliche Mitglieder sahen sich unmißverständlich der
Tatsache gegenüber, daß die Generalversammlung von sich aus keine Lösung
der Algerienfrage herbeiführen konnte. Einen Fortschritt zu erzielen,
war jedoch möglich, und ein solcher Fortschritt wurde denn auch erreicht,
weil die Versammlung verantwortungsbewußt handelte, indem sie sich die
Aufrechterhaltung einer Atmosphäre angelegen sein ließ, die einer künftigen brauchbaren Lösung seitens der unmittelbar beteiligten Parteien
förderlich war. Auch bei der Betrachtung der Zypernfrage nahm sich die
Versammlung in sehr weitem Maße dasselbe Vorgehen zum Vorbild.
Ich bin der Ansicht, daß auch das Verfahren der Versammlung in der
Abrüstungsfrage ein Beispiel verantwortungsbewußten Handelns darstellte.
Die Versammlungsmitglieder erkannten in vollem Umfange an, daß, bevor
eine Abrüstung durchgeführt werden kann, die Hauptmächte in ruhig und
ungestört geführten Verhandlungen Übereinstimmung erzielen müssen. Die
Versammlung war sich bewußt, daß das Forum der 81 Nationen nicht der
richtige Ort sei, um den Versuch zu unternehmen, Übereinstimmung über
in höchstem Maße technische Einzelheiten zu erreichen, von denen die
Sicherheit vieler Völker und zahlreicher Länder abhängt. Aus diesen
Gründen beschloß die Generalversammlung einstimmig, sämtliche ihr vor- 6 -

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vorliegenden Abrüstungsvorschläge dein Abrüstungsausschuß und dessen
Unterausschuß zur unverzüglichen ruhigen und eingehenden Beratung zu
überweisen. Dies ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, daß die Versammlung sich klar bewußt ist, was sie in einer gegebenen Situation
zu tun oder nicht zu tun hat.
Selbstverständlich sind nun nicht alle von der Versammlung angenommenen Entschließungen, die auf einem Kompromiß beruhen, allgemein
als das beste erreichbare Ergebnis anzusehen. Beispielsweise betrachteten viele Delegationen die letzte Resolution der Versammlung über den
Einsatz der Polizeistreitkräfte der Vereinten Nationen in Ägypten als
wenig befriedigend. Es wäre unverkennbar vorzuziehen gewesen, wenn die
Versammlung die Rolle der UN-Polizeistreitkräfte im Gaza-Streifen oder
am Eingang zum Golf von Akaba von vornherein genauer umgrenzt hätte.
Iber hier, wie bei anderen Gelegenheiten, wurde das Ergebnis in der
Versammlung dadurch bestimmt, daß dort in erster Linie ein Ausgleich
der durch diesen Fall in Mitleidenschaft gezogenen Interessen seitens
derjenigen erstrebt wurde, die eine weniger bestimmte Formulierung
vorzogen. Nichtsdestoweniger ermöglichte das Ergebnis, wenn es auch
nicht ideal war, ein wirksames Dazwischenschieben der UN-Polizeitruppe
zwischen die Streitkräfte der Israeli und der Ägypter.
Ich bin mir nun durchaus klar darüber, daß solche, auf halbem
V/ege haltmachenden Maßnahmen niemals diejenigen befriedigen werden,
die erwarten, daß die Vereinten Nationen rasche, klar durchdachte und
durchsetzbare Entscheidungen treffen, die sich in einem gegebenen
Streitfall auf allgemein anerkannte Begriffe von Recht und Unrecht
stützen. Gleichwohl sind solche präzise und vollkommenen Lösungen
von irgendwelchen Problemen nicht immer möglich. Heutzutage lassen
sich bei internationalen Streitfragen häufig nur maßvolle Lösungen
in Anwendung bringen. Die Bereitwilligkeit der UN-Versammlung, in
konkreten Fällen stets sowohl ihre eigenen Möglichkeiten als auch
deren Grenzen klar im Auge zu behalten, bedeutet einen Schritt vorwärts in der Richtung auf eine noch erweiterte verantwortungsbewußte
Tätigkeit innerhalb der Versammlung.
Einer der allerersten Schritte, die ein eben souverän gewordener
Staat auf internationalem Gebiet unternimmt, besteht darin, daß er sich
um die Zulassung zu den Vereinten Nationen bewirbt. Die Mitgliedschaft
dieser Körperschaft wird als der endgültige Stempel der Anerkennung
durch die internationale Gemeinschaft angesehen. Einmal aufgenommen,
ist der neue Staat darauf bedacht, den Beweis zu erbringen, daß er die
Fähigkeit besitzt, zu den Zielen der Charta seinen Beitrag zu leisten;
gleichermaßen ist er, wie ich glaube, von dem Streben beseelt, seine
neu gewonnene Unabhängigkeit und Souveränität geltend zu machen und zu
behaupten. Der neue Staat neigt daher dazu, alle Handlungen zu vermeiden,
die den Anschein erwecken könnten, daß sein Votum, sein Stimmschein "in
irgendeines anderen Tasche stecke".
Ich bin der Meinung, daß, im großen und ganzen, diese neuen Staaten
sowie die sogenannten kleinen oder schwachen Staaten durchaus verantwortungsbewußt und dem gemeinsamen Interesse entsprechend gehandelt haben.
Selbstverständlich gibt es Gelegenheiten, bei denen ein Staat oder eine

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eine Gruppe von Staaten Vorschläge unterbreiten, die auszuführen
für die Vereinten Nationen unmöglich oder doch ganz außergewöhnlich
schwierig ist, und welche die größeren Mächte in erhebliche Verlegenheit bringen« Ganz besonders bei derartigen Anlässen mögen wir
wohl das Empfinden haben, daß die Formel: ein Staat - eine Stimme
de facto eine Unbilligkeit bedeutet, und man sollte vielleicht
Mittel zu einer Bewertung der Stimmen in Erwägung ziehen.
Aber es ist schwer, diese Staaten dafür zu tadeln, daß sie gelegentlich die Generalversammlung als günstige Gelegenheit benutzen,
um die größeren Staaten zu veranlassen, ihre Aufmerksamkeit auf sie
zu richten und von ihren Anliegen Kenntnis zu nehmen. Mitunter mag
dies einem durchaus entscheidenden und konstruktivem Zwecke dienen.
Die Generalversammlung ist einem Staatenparlament so nah gekommen
wie die Welt für dessen Schaffung reif ist. Als internationale Institution tendiert sie dazu die politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Strömungen der Welt genau zu reflektieren. Sie sollte - wie eine Demokratie - die Energie und geistigen Kräfte all ihrer Mitglieder heranziehen. Die Atmosphäre der Gleichheit, die hier herrscht, ermutigt sogar dazu. Wir sollten auch bedenken, daß die Versammlung als eine
Körperschaft, deren Aufgabe es ist, Empfehlungen auszuarbeiten, über
Sicherungen verfügt, die verhindern, daß die Mehrheit einer Minderheit
ihren Willen aufzwingt, selbst wenn diese Minderheit nur eine Stimme
hat. Ihre Empfehlungen können außer acht gelassen werden»
Wenn jedoch die Majorität überwältigend ist und die Billigkeit
oder Vernunft eines Vorschlages klar auf der Hand liegen, wird eine
oder werden mehrere der großen Nationen durch ihre Opposition oder
Weigerung, ihn zu unterstützen, Gefahr laufen, die öffentliche Meinung der Welt gegen sich zijl mobilisieren. Im Laufe der Zeit hat sich
dies als eine große ungeschriebene Macht der Generalversammlung erwiesen. Keine Nation kann sich leicht ihrer begrenzten Autorität
widersetzen.
Ich würde jetzt gern ein Wort über das sogenannte "zweierlei Maß"
sagen. Das Mißlingen des Versuchs der Generalversammlung, im Gegensatz
zu ihrem Erfolg in der Nahost-Krise einen Rückzug der sowjetischen
Streitkräfte aus Ungarn zu erreichen, hat Sorge erweckt.
Die Art und Weise, wie diese beiden Fragen vor der Versammlung behandelt worden sind, rechtfertigt nicht die gegen sie erhobenen Beschuldigungen. Die Resolutionen, die gegen die Sowjetunion und das
kommunistische Regime Ungarns gefaßt wurden, waren schärfer formuliert
als dies bei der Behandlung der Nahost-Angelegenheit der Fall war. Die
Versammlung krönte ihre Aktion mit einer vorbehaltlosen Verurteilung der
UdSSR - einem Schritt, der die Grundfesten der sowjetischen Propagandafeldzüge der letzten Jahre sprengte. Sich der Aktion der Vereinten Nationen widersetzt zu haben, ist die Sowjetunion teuer zu stehen gekommen.
Mit

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Bit der Bestimmung, daß für Entschließungen des Sicherheitsrates
die Einstimmigkeit der Großmächte erforderlich ist, war die Möglichkeit der Nichtbeachtung einer Aktion der UN bei der Abfassung der
Charta in Betracht gezogen worden. Man hoffte natürlich, daß Einstimmigkeit in Fragen der Aggression oder drohender Aggression herrschen würde, aber wir drängten wie die anderen darauf, daß diese
Klausel mit aufgenommen wurde. Es ist richtig, daß die Einheit-fürden-Frieden-Resolution die Generalversammlung ermächtigt, in Fällen
zu handeln, in denen der Sicherheitsrat versagt. Aber dies war eine
Entschließung, kein Zusatzartikel zur Charta. Die grundlegenden Verantwortlichkeiten und die Autorität des Sicherheitsrates und der
Generalversammlung bleiben unangetastet.
In der Gemeinde, im Staat und in der Welt gibt es und wird es
immer solche geben, die versuchen gegen das Gesetz zu verstoßen.
Wenn keine Möglichkeit besteht, die Befolgung des Gesetzes zu erzwingen, oder wenn es "am gebührlichen Respekt vor den Überzeugungen der
Menschheit" fehlt, dann können sie - wenigstens auf kurze Zeit - damit
durchkommen. Es ist richtig, daß dies eine Bedrohung für die Ordnung
des Gesetzes darstellt, aber es bedeutet nicht seine Aufhebung.
Die Sowjetunion bleibt vor der Menschheit mit der Schuld einer
brutalen und flagranten Verletzung der Charta im Falle Ungarns behaftet.
Was die Aktion der Generalversammlung anbelangt, so glaube icH., daß,
soweit es die Möglichkeiten dieser Körperschaft unter den obwaltenden
Umständen zuließen, der Sache der Freiheit gedient worden ist, und der
Sache des sowjetischen Kommunismus ein ernster und nicht mehr gut zu
machender Schlag versetzt worden ist.
Ich bin der Ansicht, daß wir die eindrucksvolle und anhaltende
Wirkung tage- und nächtelanger heißer Debatten und Prüfungen der ungarischen Frage durch die Generalversammlung auf die Regierungen und
Völker der Welt unterschätzen. Als Einzelheiten über die Härte, den
Zynismus und die Falschheit der Kommunisten enthüllt wurden, da wurden
vielen zum ersten Mal die Augen über den sowjetischen Imperialismus geöffnet. Dies trifft insbesondere zu auf die Vertreter von Staaten, die
sich aus verschiedenen Gründen bemüht haben, vor allem in Fragen, die
nach kaltem Krieg klangen, eine unverbindliche und neutrale Haltung
einzunehmen.
Zur Veranschaulichung würde ich gerne eine Episode aus der ^.Sitzungsperiode der Generalversammlung erzählen, nachdem die Ungarnfrage
seit fast einem Monat erörtert worden war. Die Versammlung behandelte
eine Resolution zur Verurteilung der Sowjetunion. Der Vertreter Burmas
bat um das Wort und sagte: "Meine Delegation hat mit Unvoreingenommenheit und Objektivität die.Argumente der sowjetischen Regierung und ihrer
Verbündeten zur Verteidigung der sowjetischen Aktion in Ungarn gehört.
Wir haben 0er. i I so sagte er, "daß die wirklich maßvollen Schritte, die
diese Generalversammlung vorschlug, einstimmig gutgeheißen werden würden.
Wir enthielten uns der Stimme und verhielten uns in der Woche vom 2.Dezember abwartend, alles in der Annahme, daß der Generalsekretär der Vereinten
Nationen selbstverständlich in jedem Mitgliedstaate zu jeder Zeit gebührend aufgenommen werde. Wir enthielten uns der Stimme und warteten ab,
während der Generalsekretär uns mitteilte, es bestünde eine Möglichkeit,
daß

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daß ihm der Besuch Ungarns zu einem verabredeten Zeitpunkt an einem
der nächsten Tage gestattet werde". Dann, als er der Versammlung erklärte, daß er nunmehr bereit sei, für die Verurteilung der UdSSR zu
stimmen, sagte der burmesische Delegierte: "Wir tun dies, um unsere
Selbstachtung zu bewahren. Verantwortungsbewußt haben wir auf eine
Aktion gewartet. Wir können nicht anders. Dies", und damit meinte er
Ungarn, "hätte nach Gottes Ratschluß jedem von uns geschehen können."
Am Ende dieser Debatte stimmte Burma mit 14 anderen Ländern Asiens
und Afrikas für die Verurteilung der Sowjets wegen ihrer Verletzung der
Charta. Meiner Ansicht nach hat diese Brandmarkung und Verurteilung des
kommunistischen Imperialismus dazu gedient, das Zusammengehörigkeitsgefühl der freien Welt zu stärken. Sie kann sich sehr wohl als einer der
größten Schläge erweisen, die die Sowjetunion und das Satellitensystem
im vergangenen Jahrzehnt erlitten haben. Bei jeder Betrachtung über ein
"zweierlei Maß" muß sie mit zu den positiven Errungenschaften der Generalversammlung gezählt werden. Denn jede Maßnahme, die Methoden des Despotismus und der Preiheitsunterdrückung aufdeckt, dient den Belangen beider,
den Belangen der Unterdrückten wie der Freien, die frei bleiben wollen.
Bei der Diskussion der veränderten Zusammensetzung und Aufgabe der
UN-Generalversammlung habe ich versucht, die sich ergebenden Probleme ins
Licht unserer gegenwärtigen Erfahrungen zu setzen. Wir werden uns noch
lange mit diesen Problemen beschäftigen müssen, und neue werden dazu
kommen, wenn die Hilfsmittel, die der Generalversammlung zur Verfügung
stehen, weiter ausgebaut werden.
Zusammenfassend möchte ich einige Richtlinien für zukünftige Entscheidungen vorschlagen:
Wir sollten im Rahmen der Generalversammlung en-bloc-Abstimmungen
und automatische Stimmenmehrheiten - ausgenommen die der Sowjetunion
und ihrer Satellitpn - als nicht gegeben annehmen.
Wir dürfen nicht vergessen, daß die Staaten im allgemeinen so
handeln, wie es ihren eigenen Interessen am besten dient, daß der Grad
des Interesses an den verschiedenen Problemen unterschiedlich groß ist,
daß ferner vieles im internationalen Verkehr zur Einigkeit drängt, aber
ebenso vieles zu Uneinigkeiten führt.
YÜT sollten uns vergegenwärtigen, daß immer dann, wenn eine Zweidrittelmehrheit bei einer Abstimmung erforderlich ist, dies oft Verhandlungen mit den regionalen Gruppen oder Staatenblöcken innerhalb
der Generalversammlung notwendig macht. Wenn wir jedoch unsere Führungseignung weiterhin auf konstruktive Weise demonstrieren und unser Bestes
tun, unsere Interessen mit den Interessen des Weltfriedens und des
Fortschritts zu identifizieren, dann glaube ich, ist die Generalversammlung keine Körperschaft, die man fürchten muß, nicht jetzt und nicht in
der Zukunft.
Wenn ich früher von abwägender Stimmenabgabe gesprochen habe, so
meinte ich nicht Beschluß oder Verfügung über die zur Abstimmung stehende Angelegenheit. Denn es mag schon etwas Wahres an der Behauptung sein,
daß
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daß die Generalversammlung ein AbstimmungsSystem eingeführt habe, das
dazu angetan sei die Macht und den internationalen Einfluß einzelner
UN-Mitgliedstaaten verzerrt zu reflektieren. Wie ich jedoch bereits
früher angedeutet habe, sind Beweise für eine verantwortungsbewußte
Zurückhaltung von Mitgliedern der Generalversammlung vorhanden. Dies
ist zum großen Teil auf die Erkenntnis zurückzuführen, daß eine" von a«x
Generalversammlung gebilligte Resolution immer nur eine Empfehlung sein
kann und ihre Wirksamkeit abhängig ist von dem Grad der ihr insbesondere
von den stärkeren und einflußreicheren Nationen gezollten Beachtung.
Die bloße Tatsache, daß ein Staatenblock die erforderliche ZweidrittelMehrheit in einer wichtigen Entscheidung aufbringen kann, bedeutet nicht,
daß die Nationen sich nun notwendigerweise auch entsprechend verhalten.
Ich erwähne als Beispiel das Verhalten der Generalversammlung in der
Frage der Verhängung von Sanktionen gegen Israel, als dieses sich weigerte,
seine Truppen zurückzunehmen. Einer der Nahoststaaten hatte
tatsächlich eine solche Resolution eingebracht. Es wäre zu diesem Zeitpunkt leicht möglich gewesen, diese Resolution mit der erforderlichen
Zweidrittel-Mehrheit durchzubringen. Aber diese mögliche Mehrheit legte
sich eine lobenswerte Zurückhaltung und Umsicht auf, sie wartete zunächst
die Stellungnahme jener Staaten ab, deren Stimme entscheidend sein konnte.
Wie ich schon ausführte, wurde über diese Resolution nicht abgestimmt, und
Israel hat seine Truppen schließlich zurückgenommen.
Derartig verantwortungsbewußtes Handeln ist ein Beispiel für die
Wirksamkeit der Generalversammlung als eine Einrichtung, durch welche
unsere aufeinander angewiesene Menschheit ihre gegenseitige Abhängigkeit
erkennt und akzeptiert.
Die einflußreicheren Staaten müssen begreifen, daß Macht und Verantwortung Hand in Hand gehen und daß ihre Führungsposition keine Selbstverständlichkeit ist.
Die weniger einflußreichen Nationen sollten dafür Sorge tragen, daß
der Wert der Organisation, die sie schützt und ihnen eine gleichwertige
Stimme im Rat der Nationen ermöglicht, durch ihre Handlungen weder herabgesetzt noch zerstört wird. Die Vereinten Nationen sollten akzeptiert werden
als das, was sie sind: ein Hilfsmittel im diplomatischen Bemühen der
Nationen um eine friedlichere Welt, ein Instrument, das die traditionellen
Gepflogenheiten der Diplomatie oder die verantwortungsbewußte internationale Führung ergänzt aber nicht ersetzt. Sie wird auf keinen Fall eine
Art politisches Elektronengehirn, bei den man die Rechenaufgabe auf der
einen Seite einstellt und auf der anderen die Lösung ablesen kann.
In diesem Zusammenhange haben wir oft festgestellt, daß bestimmte
internationale Angelegenheiten wirksamer außerhalb des Rahmens der Vereinten Nationen behandelt werden könnten. Wir haben ferner festgestellt,
daß die Vereinten Nationen niemals eine kühn, imaginativ und realistisch
geführte Außenpolitik und eigene Programme ersetzen können und wir viele
unserer nationalen Interessen und Ziele weiterhin auf dem Wege über unsere
verschiedenen regionalen Abkommen und bilateralen Beziehungen verfolgen
müssen.
Ich bin der Ansicht, daß kein Zweifel darüber besteht, daß die
Vereinten Nationen dazu übergehen sollten, einen wirksameren Druck auszu- 11 -

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auszuüben, um die Mitglieder dazu zu bringen, dann, wenn der Frieden
bedroht ist, an ihren Entscheidungen und Empfehlungen festzuhalten.
Darum glaube ich auch, ist die Aufstellung und der Einsatz der UNPolizeitruppe ein Portschritt in der Entwicklung freiwillig unternommener und dem Frieden dienender Einrichtungen. Die hierbei gemachten Erfahrungen mögen sich als unschätzbar für die Zukunft erweisen.
Wir sind optimistisch im Hinblick auf die Vereinten Nationen und
die Rolle der Generalversammlung in diesem Forum. Sie hatte sich kürzlich mit schwierigen Fragen zu beschäftigen und ist daraus stärker und
gereifter hervorgegangen.
Wir und die anderen Mitgliedstaaten werden, damit die Institution
ihrem Ziele, um derentwillen sie gegründet worden, dienen kann, die
Aufgabe haben, innerhalb ihrer Möglichkeiten alle Hilfsquellen auszuschöpfen. Die Vereinigten Staaten v/erden auch weiterhin ihren vollen
Teil dazu beitragen.

* * * * #

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�Allg./24.4.1957
DULLESt USA FÜR FRIEDEN, FREIHEIT UND GERECHTIGKEIT

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache des
US-Außenministers John Foster Dulles vom
22. April 1957 anläßlich des traditionellen
Jahresessens der amerikanischen Nachrichtenagentur "Associated Press" in New York.

"Ich erinnere mich gerne an Ihr Essen vor einem Jahr. Es
ist eine große Auszeichnung für mich, daß Sie mich ein zweites
Mal gebeten haben, zu Ihnen zu sprechen. Da dies meine erste Rede
in der zweiten Amtsperiode Präsident Eisenhowers ist, mag es angebracht sein, die grundlegenden Konzeptionen zu umreißen, von denen unsere Außenpolitik geleitet wird. Es ist wichtig, daß sowohl
unsere Freunde als auch unsere Gegner die Grundsätze kennen, nach
denen wir unseren Kurs abstecken.
Gegen Ende des zweiten Weltkrieges trafen sich die Staatsmänner der Welt in San Francisco, um eine bessere Zukunft für
eine vom Krieg heimgesuchte Welt auszuarbeiten. Sie schrieben die
Charta der Vereinten Nationen nieder, und in deren erstem Artikel
stellten sie drei grundlegende und miteinander eng zusammenhängende
Prinzipien auf. Es müssen Frieden und Gerechtigkeit herrschen,und
die Nationen und Menschen müssen frei sein.
Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, dies sind die gleichen
Fundamente, auf denen auch die Außenpolitik der Vereinigten Staaten beruht. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Konzeption in einer
Welt zu realisieren, die einer schnellen und immer schneller werdenden Veränderung unterliegt.
Vor zwei Jahrzehnten schrieb ich, daß der Weltfrieden nicht
von der Erhaltung des Status quo abhängt, sondern daß er vielmehr
darauf beruht, Mittel und Wege einer friedlichen Veränderung zu
finden. Heute ist dieses Erfordernis dringlicher denn je zuvor.
Unsere

�'AMERIKA DIENST"

24. April 1957

Unsere Außenpolitik erkennt die Veränderung als Lebensgesetz
an. '.Vir wollen sicherstellen, daß diese Veränderung zum Guten ausschlägt und nicht zerstörerisch wirkt, damit wir nicht lediglich
überleben, sondern auch der Freiheit und dem allgemeinen Wohl dienen
können.
Dazu ist als erstes erforderlich, daß jede Veränderung durch
gewaltsame Aggressionen ausgeschlossen wird.
Die vornehmste Aufgabe jeder Regierung besteht darin, ihre Bürger gegen Gewalt zu schützen. Ein solcher Schutz kann nur dann wirksam
sein, wenn er durch eine kollektive Bemühung zustandekommt. So leisten
in jeder zivilisierten Gemeinschaft die Mitglieder ihren Beitrag zur
Unterhaltung einer Polizeimacht, die das Gesetz und die Ordnung schützt.
Nur die Gemeinschaft der Nationen hat es bisher versäumt, dieses
Urprinzip jedes zivilisierten Lebens zur Anwendung zu bringen.
Von den Vereinten Nationen wurde der Versuch gemacht, eine bewaffnete Streitmacht zu schaffen, die dem Sicherheitsrat zur Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung unterstellt sein sollte. Aber
die Sowjetunion legte ihr Veto dagegen ein.
Die Mitgliedstaaten hatten jedoch immer noch die Möglichkeit,
auf kooperativer Basis gegen eine Aggression vorzugehen. Denn die UNCharta hatte mit kluger Voraussicht proklamiert, daß allen Nationen
das Recht zu kollektiver Selbstverteidigung zusteht.
Die freien Nationen haben von diesem Recht weitgehend Gebrauch
gemacht. Die Vereinigten Staaten schlössen mit 42 Nationen kollektive
Verteidigungsabkommen ab, und das Gebiet der gemeinsamen Verteidigung
kann nunmehr infolge der jüngsten Nahostresolution noch erweitert
werden.
Dieses kollektive Sicherheitssystem ist äußeren Angriffen und
inneren Unzulänglichkeiten ausgesetzt.
Die sowjetischen Machthaber ziehen es verständlicherweise vor,
daß die freien Nationen schwach und untereinander uneins sind wie
damals, als die Männer des Kreml nacheinander die Unabhängigkeit
von einem Dutzend Ländern vernichteten. Daher prangern die KremlMachthaber bei jeder Ausdehnung des kcf.ektiven Verteidigungssystems
die sogenannten 'militaristischen Gruppierungen1 scharf an. Und
sobald die freien Nationen Maßnahmen zur Stärkung ihrer gemeinsamen
Verteidigung treffen, stoßen die Sowjetherrscher Drohungen aus. W
können aber, so meine ich, zuversichtlich sein, daß solche sowjetischen Angriffe nicht die Einigkeit der freien Welt sprengen. Die
kollektiven Maßnahmen hier müssen bestehen bleiben.

Eine

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�"AMERIKA DIENST"

24. April 1957

Eine größere Gefahr können internationale Verwicklungen heraufbeschwören. Ein kollektives Verteidigungssystem, in dessen Rah e jede
Mitgliednation völlig souver'"n ist, erfordert ein hohes Maß an freiwilliger Zusammenarbeit und Übereinstimmung. Glücklicherweis ha en
wir dies. Beispielsweise stimmen wir darin überein, daß die v dringlichste Aufgabe darin besteht, vor einem Krieg abzuschrecken. D"" € modernen Kampfmittel besitzen eine derartig ungeheure Zerstörungskraft,
daß es, sollte ein Weltkrieg jemals ausbrechen, keinen echten Sieger'
geben kann.
Wir sind uns ferner darin einig, daß das Hauptabschreci'ungpmittel
gegen einen Aggressionskrieg in einer beweglichen Vergeltungsstä 'ke
besteht. Diese Vergeltungsstärke muß - was ihr Potential angeht gewaltig sein. Aber das Ausmaß, in dem sie ange endet würde, hängt
natürlich von den Umständen ab. Entscheidend ist, daß ein eve tue 1er
Aggressor sich darüber im klaren sein muß, daß er einen Angriff nicht
zu öin-in lohnenden Geschäft machen kann.
Wir stimmen weiter darin überein, daß es unvorsichtig wäre, würden wir alles auf einen einzigen militärischen Machtaspekt abstellen.
Es muß Land-, See- und Luftstreitkräfte für örtlich begrenzte Maßnahmen sowie für eine Verteidigung geben, die es ermöglicht, daß die bewegliche Schlagkraft zum Tragen kommt.
Wir s'nd uns also über die allgemeinen Ziele der gemeinsamen Verteidigung weitgehe d einig. Ihre Anwendung im einzelnen wird natürlich
immer wieder Schwierigkeiten mit sich bringen. Auch die Aufteilung der
Lasten schuf Problem . Moderne Waffen sind außerordentlich kostspielig. Gewal 'ge Sumnen müssen für die Forschung und Entwicklung sowie
für die Herste lung von Waffen ausgegeben werden, die unter Umständen
schon wieder überholt sind, bevor ihre Serienproduktion anläuft.
Die Vere'mgt n Staaten sind das einzige Land der freien Welt,
das in der Lage ist, die Kosten für die Entwicklung einer Vergeltungskapazität zu t agi-n, die ausreicht, um einen etwaigen Aggressor abzuschrecken, der selbst über eine große und wachsende Aggressionsstärke verfügt.
Außerdem aber versorgen die Vereinigten Staaten andere Nationen
m t militärischen Ausrust ngsgegenständen und helfen in einigen Fällen mit, die Wirtschaft ihrer Verbündeten zu stabilisieren, da diese
s nst in dem gemeinsamen Verteidigungsschema nicht die ihnen entsprechende Rolle übernehmen können.
Es gibt für den Präsidenten wohl keine größere Aufgabe, als gerade
auf dem Gebiet der Verteidigung d e schwerwiegende Entscheidung zu
fällen, welche Summen für welche Zwecke aufgebracht werden müssen und
wie diese Ausgaben in ein Budget einzugliedern sind, das auch für ande e wichtige Aufgaben Geldmittel bere tstellt und dies alles tut,
o' ne zu einer Geldentwertung oder übermäßigen steuerlichen Belastung
zu führen.
Einige

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�"AMERIKA DIENST"

24. April 1957

Einige möchten in ihrem Sparsamkeitseifer den Teil unseres
Budgets kürzen, der oft fälschlich' 'Auslandshilfe1 genannt wird,
gerade so als ob dies nicht auch eine Hilfe für uns selbst wäre.
Das aber wäre keine Sparsamkeit mehr, sondern Verschwendung.
Wenn die Streitkräfte und Einrichtungen, die die anderen Mitglieder zur Verfügung stellen, der gemeinsamen Verteidigung entzogen
wären, dann würde der gegenwärtige amerikanische Verteidigungshaushalt sehr beträchtlich erhöht werden müssen. Das ist die wohlerwogene
Auffassung des Präsidenten und seiner militärischen Berater.
•

Die kollektiven Verteidigungsmaßnahmen der freien Welt stellen
keinen Idealfall dar. Sie erfolgen 'auch nicht automatisch, sondern
erfordern eine dauernde und bewußte Anstrengung vieler Nationen in
der Zusammenarbeit und der Überwindung kleinlicher Selbstsucht und
des extremen Nationalismus, die ihre Beziehungen vergiften könnten.
Diese Beziehungen aber basieren hauptsächlich auf gutem Willen und
Vertrauen. Sie stellen einen bedeutenden Schritt in dem längst
überfälligen Prozeß dar, den die internationale Gesellschaft auf
dem Wege von der Anarchie zur Ordnung durchgemacht hat. Die Aufrechterhaltung und Fortentwicklung dieses Prozesses ist ein Fundament
unserer Außenpolitik.
Wir glauben jedoch nicht, daß der einzige Weg zur Sicherheit in
einer immer größeren Rüstung besteht. Wir halten Kontrollen und eine
Reduzierung der Rüstung für möglich, wünschenswert und letztlich für
unerläßlich. Es ist nicht unbedingt notwendig, daß die Kontrollen sofort alles einschließen. Vielmehr wird aller Wahrscheinlichkeit nach
erst durch sorgfältig abgewogene und in Angriff genommene Einzelmaßnahmen ein Fortschritt herbeigeführt werden. Bisher ist es nicht möglich gewesen, eine Überwachung und andere Garantien sicherzustellen,
die es für uns klug erscheinen lassen würden, unsere Effektivstärke
zu reduzieren. Aber wir werden dieses Ziel auch weiterhin anstreben.
Wir sehnen uns in keiner Weise, nach einer Rüstung. Die Rüstung
ist uns vielmehr durch die aggressiven und hinterhältigen Absichten
des internationalen Kommunismus aufgezwungen worden.
Ein Wettrüsten ist kostspielig, unfruchtbar und gefährlich.
Wir werden in unserem Streben nicht nachlassen, diesem Wettrüsten
ein Ende zu machen, auf das Verlaß ist.
Jedes Polizeisystem ist seinem Wesen nach negativ. Es soll die
Gewaltanwendung unterdrücken und ein Gefühl der Sicherheit geben.
Aber dieses Sicherheitsgefühl ist illusorisch, wenn hinter seinem
Schutz nicht Wachstum und Entwicklung steht. Eine militärische Zusammenarbeit zur Erhaltung des Friedens wird zusammenbrechen, wenn
wir nicht genauso zusammenarbeiten, um die Segnungen der Freiheit zu
verbreiten.
Der

�AMERIKA DIENST"

24. April 1957

Der Handel ist von den frühesten Tagen der Geschichte her immer
eine der großen Aufbaukräfte wirtschaftlichen Wohlstandes gewesen.
Aus diesem Grunde empfiehlt die derzeitige amerikanische Regierung
eine Handelspolitik, die den Güteraustausch zum gegenseitigen Nutzen
fördert.
Genauso helfen die Vereinigten Staaten als die ßroduktionsstärkste
und wohlhabendste Nation anderen Staaten, die noch auf einer früheren
Stufe ihrer Entwicklung stehen.
Es gibt doch zu denken, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält,
daß etwa zwei Drittel all der Völker, die der kommunistischen Herrschaft widerstehen, in einem Zustand stagnierender Armut leben. Der
Kommunismus rühmt sich, dies alles ändern zu können, und verweist auf
die industrielle Entwicklung, die er in Rußland mit furchtbaren - aber
weitgehend verborgengehaltenen - Opfern in Form von menschlicher Sklaverei und menschlichem Elend zustandegebracht hat. Es ist die Frage,
ob die freien, aber noch nicht entwickelten Länder die Stagnierung
ihrer Völker überwinden können, ohne einen so furchtbaren Preis zahlen
zu müssen. Die befreundeten Nationen rechnen damit, daß diejenigen,
denen die Segnungen der Freiheit in überreichem Maße zuteil geworden
sind, den anderen helfen, die auf diese Segnungen noch warten.
Natürlich muß sich jedes Land in erster Linie selbst um eine Verbesserung seines Geschickes bemühen. Aber andere können einen Ansporn
und den Ausschlag geben zwischen Hoffnung und Verzweiflung und vielleicht zwischen Erfolg und Fehlschlag. Sie können dies dadurch tun,
daß sie Interesse und Anteilnahme zeigen, daß sie technische Hilfe
gewähren und daß sie Kapital für Entwicklungsvorhaben zur Verfügung
stellen.
Vieles hiervon wird unter privaten Auspizien getan, und wir wünschten, daß alles in dieser Weise geschehen könnte. Aber manchmal sind die
Risiken größer als daß sie vom Privatkapital getragen werden können.
Daher stellt unsere Regierung Mittel für wirtschaftliche Entwicklungsprojekte zur Verfügung.
Wenn man die Absatzmärkte mit anderen teilt und anderen Entwicklungskapital zur Verfügung stellt, so ist das kein Verschenken. Dadurch
wird sichergestellt, daß die freie Welt, von der wir ein Teil sind,
zu einer kräftigen und hoffnungsvollen Gemeinschaft wird. Dies steht
in Einklang mit unseren Interessen und Idealen. Unser gemeinsames
Sicherheitsprogramm kann unsere Politik klarer und stabiler machen
und sollte dies auch tun. Vor zwei Wochen habe ich vor einem Sonderausschuß des Senats entsprechende Vorschläge unterbreitet. Mit Hilfe
des Kongresses und mit Unterstützung des amerikanischen Volkes kann
unsere Handels- und Wirtschaftspolitik in beträchtlichem Ausmaß mit
dazu beitragen, der Welt zu zeigen, daß der Friede freier Menschen
nicht der zum Scheitern verurteilte Friede menschlicher Stagnierung,
sondern ein Friede von fortdauernder Lebenskraft ist.
So

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So wie sich unsere Politik mit der wirtschaftlichen Entwicklung
beschäftigt, befaßt sie sich auch mit den politischen Änderungen.
Im Lauf des vergangenen Jahrzehnts sind innerhalb der freien Welt
19 neue Nationen mit einer Bevölkerung von 700 Millionen Menschen
entstanden. Darüber hinaus haben viele Nationen, die nicht vollständig
souverän waren, die volle Souveränität erhalten. Innerhalb dieser kurzen
Zeitspanne hat fast ein Drittel der gesamten Menschheit die erregende
und bisweilen berauschende Erfahrung machen können, ihre volle Unabhängigkeit errungen zu haben.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß jedes Volk seine
eigene Regierungsform und Unabhängigkeit haben sollte, sofern es dies
wünscht und sie sich zu erhalten in der Lage ist. Wir freuen uns, daß
es Fortschritte auf dem Weg zu diesem Ziel gibt.
Freiheit aber ist mehr als das bloße Zerbrechen alter, inzwischen
unwillkommen gewordener politischer Bindungen.
Jene Patrioten, die für uns die Unabhängigkeit gewannen, wußten
und haben dies proklamiert, daß unsere freien Institutionen
und unsere Unabhängigkeit nur dann erhalten werden können, wenn
unsere Nation sich der durch Religion und Erziehung geschaffenen Zucht
unterwirft. Dies aber ist eine unerlässliche Vorbedingung für jede verantwortungsbewußte Führung, die in der Lage sein soll, eine junge Nation
durch die ihr begegnenden Gefahren zu führen.
Wenn heutzutage Nationen ihre Unabhängigkeit erlangen, dann werden sie in eine Welt hineingestellt, von der ein Teil durch Despotismus beherrscht wird und deren anderer Teil dadurch frei bleibt, daß er
die Konzeption des Aufeinanderangewiesenseins akzeptiert. Es gibt keinen
sicheren Mittelweg.
Der internationale Kommunismus wartet nur darauf, von jenen Ländern Besitz zu ergreifen, deren verantwortliche Staatsmänner der Ansicht
sind, die neuerworbenen Souveränitätsrechte müßten dadurch zur Geltung
gebracht werden, daß andere souveräne Staaten verunglimpft werden. Eine
solche Souveränität ist eine selbstmörderische Souveränität.
Die Vereinigten Staaten sind ein aufrichtiger und machtvoller
Verfechter der Grundsätze ihrer Unabhängigkeitserklärung. Und wir
möchten, daß die neuerlangte Unabhängigkeit anderer Staaten etwas
Besseres wird als eine zwielichtige Periode, die der völligen Uacht
des kommunistischen Despotismus vorangeht.
Nirgendwo ist der Drang nach einer Veränderung größer als im
sowjetischen Machtbereich. Denn dort werden die wesentlichsten menschlichen Aspirationen am-'meisten unterdrückt.

Vor

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Vor einem Jahr brüstete sich Chruschtschow auf dem zwanzigsten
Kongreß der Kommunistischen Partei der UdSSR, daß der Kommunismus
auf Grund seiner Verdienste überall in der Welt als Ideengebäude
und Regierungsform triumphieren werde.
Wieviele Kommunisten konnten aber in dem angeblich kommunistischen
Ungarn im Oktober angetroffen werden? Es waren ein Paar Hundert Geheimpolizisten, die in die Verbrechen des Regimes hoffnungslos verstrickt waren, und es waren eine Handvoll Verräter, die bereit waren,
mit Hilfe der sowjetischen Panzer zu regieren.
In der Praxis hat sich der Kommunismus als tyrannisch, reaktionär
und phantasielos herausgestellt. Sein Despotismus, der alles andere als
revolutionär war, ist so alt wie die Geschichte. Die überwiegende Mehrheit seiner Untertanen haßt das System und sehnt sich nach einer freien
Gesellschaftsform. Die Frage, wie sich die Vereinigten Staaten gegenüber diesem Problem verhalten sollen, kann nicht leicht beantwortet
werden. Jedoch gibt uns unsere eigene Geschichte einen Hinweis. Die
Vereinigten Staaten sind als Nation zu einer Zeit entstanden, wo ein
großer Teil der Welt von fremden Despoten regiert wurde. Das war eine
Tatsache, die wir zu ändern hofften. Wir wollten mit unserem Beispiel die freiheitlichen Kräfte in der ganzen Welt fördern und ein
Klima schaffen, in welchem der Despotismus zurückgehen würde. Praktisch haben wir dies auch getan.
Ich bin der Ansicht, daß diese Konzeption von damals uns auch
heute auf nützliche Weise leiten kann.
Laßt uns ein Beispiel geben, das die Segnungen der Freiheit demonstriert. Laßt uns dies in aller Welt verkünden. Laßt uns dafür
Sorge tragen, daß die geteilten oder versklavten Völker wissen, daß
sie nicht vergessen sind, daß wir niemals eine politische Lösung
auf ihre Kosten zulassen werden und daß ein herzliches Willkommen
und neue Möglichkeiten ihrer warten, wenn sie mehr Freiheit erlangen.
Laßt uns auch den sowjetischen Machthabern gegenüber unsere
Ziele, so wie sie sind, klarstellen. Wir verurteilen ihren Imperialismus und treten ihm eintgegen. Wir streben die Befreiung der unterdrückten Völker an. Wir wollen dies jedoch nicht, um Rußland mit feindlichen Kräften zu umgeben, sondern weil der Friede solange gefährdet
ist und das Wort Freiheit solange ein Gespött bleibt, bis die geteilten
Nationen wiedervereinigt und die unterdrückten Länder frei geworden sind.
Wir würdigen und verehren diejenigen, die als Märtyrer ihr Blut
für die Freiheit gaben. Aber wir stachele unsererseits nicht zu einer
gewaltsamen Revolte auf, sondern ermutigen vielmehr eine Evolution der
Freiheit.
Die Stimme Amerikas, unsere Informations- und Kulturaustauschprogramme verbreiten in der ganzen Welt das Wissen um die Bedeutung und die
Wirkung* der Freiheit. Als Ungarn überfallen und die Freiheit vernichtet
wurde, traten wir für eine Verurteilung der Sowjetunion durch die Vereinten Nationen ein. Und sobald bestimmte Schritte zur Erlangung der Unabhängigkeit erfolgten, wie kürzlich im Falle Polen, zeigen wir uns bereit, .
mit freundschaftlichen Maßnahmen zu antworten.
Die

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Die Ereignisse des vergangenen Jahres deuten darauf hin, daß
der Drang nach Freiheit im Wachsen ist.
Innerhalb der Sowjetunion sind die Forderung nach größerer persönlicher Sicherheit und größerer Geistesfreiheit sowie das Verlangen,
größeren Nutzen aus der geleisteten Arbeit zu ziehen, im ständigen
Wachsen.
Der Weltkommunismus hat sich mit doktrinären Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Und das grausame Verhalten des sowjetischen Kommunismus in
Ungarn hat viele veranlaßt, die kommunistischen Parteien in der ganzen
Welt zu verlassen. Nicht länger mehr stellen die Satellitenländer ein
willfähriges Element dar, das zur Stärkung der Sowjets beiträgt. In der
Tat muß nun die militärische und wirtschaftliche Stärke der Sowjets ausgeweitet werden, damit man jene unterdrücken kann, die ihre Unzufriedenheit gegen die Sowjetherrschaft offen zur Schau tragen.
Die Sowjetregierung zahlt mit ihrer moralischen Isolierung einen
hohen Preis.
Die sowjetischen Machthaber stehen in dem Rufe, nüchterne Rechner
zu sein. Wie lange noch, so dürfen wir fragen, werden sie dann ihre Möglichkeiten dafür einsetzen, die nach nationaler Einheit und Freiheit
strebenden historischen Kräfte zu bekämpfen, die letzten Endes doch die
Oberhand behalten werden?
Lassen Sie mich jetzt von den Vereinten Nationen sprechen. Die
Charta der Vereinten Nationen koppelt den Frieden mit der Gerechtigkeit
und stellt das bedeutsamste völkerrechtliche Gesetzeswerk dar, das bisher bekannt ist.
Die Vereinigten Staaten haben diesen Grundsätzen zugestimmt und
bemühen sich, ihnen gerecht zu werden; und wir erwarten von den anderen
Signatarstaaten dasselbe. Von Zeit zu Zeit machen wir von den durch die
Vereinten Nationen gegebenen rechtlichen Möglichkeiten Gebrauch, um
dazu beizutragen, daß die in der Charta niedergelegten Prinzipien wirksam
werden. Wir als ein mächtiges Land schämen uns nicht, der Weltmeinung
die gleiche schuldige Achtung entgegenzubringen, die wir für richtig
hielten, als wir, jung und schwach, unsere eigene Unabhängigkeit anstrebten.
Das ist kein Verzicht auf eine Außenpolitik. Es ist vielmehr die
Ausübung einer Außenpolitik, und^zwar in einer Form, die die beste Hoffnung für die Menschheit darstellt.
Unser Eintreten für die Prinzipien der UN-Charta wurde durch die
jüngste Krisis im Nahen Osten hart auf die Probe gestellt. Wir standen
damals in einem qualvollen und beispiellosen Konflikt der Gesinnungstreue. Die historischen Bande würden uns zu einer Duldung der begonnenen
gewaltsamen Aktion bewogen haben. Dies aber hätte einen Treuebruch gegenüber dem Gelöbnis der Vereinten Nationen bedeutet, daß alle UN-Mitglieder sich der Anwendung von Gewalt entsagen, es sei denn um einen bewaffneten Angriff abzuwehren. Diese gleiche feierliche Verpflichtung ist auch

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auch in all unseren Bündnisverträgen niedergelegt. Wir entschlossen
uns, treu zu dieser Verpflichtung zu stehen.
Dies war eine schwere, wenn auch für die direkt Betroffenen nicht
unerwartete Entscheidung.
Die Entscheidung war wohl nicht populär, aber sie war unbedingt
erforderlich, wenn die Welt nicht wieder dahin gelangen sollte, wohin
sie trieb, als die Satzungen des Völkerbundes mißachtet wurden.
Die UN-Charta aber fordert nicht nur, wie wir gesehen haben, eine
friedliche Lösung, sondern auch eine Lösung in Übereinstimmung mit der
Gerechtigkeit und dem Völkerrecht.
Wir müssen danach trachten, jenem Ziel näherzukommen, und wir tun
dies auch. Beispielsweise streben wir jetzt danach, im Nahen Osten bessere als jene provokatorischen und gefährlichen Bedingungen zu schaffen,
die die kürzlichen Gewalttätigkeiten ausgelöst haben.
Dies kann nicht schnell oder auf einmal geschehen. Wo die Erregung hohe Wellen schlägt und ein tiefes Gefühl der Verbitterung besteht,
da sind die hauptsächlich Betroffenen mehr daran interessiert, Bundesgenossen zu gewinnen, als unparteiische Ratschläge zu befolgen. Wo immer
solche Situationen entstehen, so werden sie stets durch sowjetische Machenschaften noch verschlimmert. Der Kreml liebt trübe Gewässer, in denen
er fischt.
Bei innerpolitischen Problemen wissen wir, daß es schwierig ist,
gerechte Lösungen anzuwenden, wenn Rassen- oder Klassenleidenschaften
hohe Wellen schlagen. Genauso schwierig ist die Aufgabe auf außenpolitischem Gebiet, und manchmal scheint der Krieg eine Lösung anzubieten,
die zu dem gewünschten Ziel hinführen könnte. Aber dieser Schein ist
eine Illusion. Die einzig dauerhafte Lösung läßt sich nur so erzielen,
daß man mit Geduld, Entschlossenheit und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Gerechtigkeit und der Herrschaft des Rechts trachtet.
Dies zumindest ist der Glaube unserer Regierung, und diesem Grundsatz
hat sie sich verschrieben.
Ich habe versucht, die Prinzipien aufzuzeigen, die die Außenpolitik
der Vereinigten Staaten leiten. So wesentlich derartige Leitprinzipien
aber auch sind, so sind sie als solche doch nicht genug. Sie müssen
durch tägliche Aktionen gestärkt werden, in dem Maße wie überall in der
Welt unsere Stellungnahme gesucht und unser Einfluß zur Geltung gebracht
wird.
Dies ist eine Aufgabe, die zuweilen als 'Feldzug des Friedens1
bezeichnet wird. Es ist eine schwere Aufgabe, und sie ist meist nicht
mehr dramatisch. Viele, die an ihr mitwirken, werden vielleicht niemals
als Helden bekannt werden. Dennoch vollbringen sie Leistungen und in
manchen Fällen Opfer, die denjenigen gleichen, die in einem Krieg zum
Sieg erforderlich sind. Durch ihren Einsatz ersparen sie uns das unendlich größere Opfer des Krieges selbst.
Gewiß

�"AMERIKA DIENST"

24. April 1957

Gewiß rechtfertigt das, was auf dem Spiel steht, diese Anstrengung. Da ich über die Leistung der modernen Zerstörungswaffen unterrichtet bin, erkenne ich klar, daß es unmöglich ist, die ganze und
tatsächlich entsetzliche Bedeutung der hier verwandten Zahlen und Begriffe zu erfassen.
Und doch wäre es leichtsinnig, zu verkennen, daß eine
Katastrophe im Bereich des Möglichen liegt. Die Geschichte
sogar die Annahme nahe, daß ein so grundlegender Konflikt,
der die Welt der Freiheit und die Welt des internationalen
trennt, sich schließlich in einem Krieg Luft macht.

solche
legt
wie der,
Kommunismus

Diese Annahme lehnen wir ab. Eine Ablehnung durch Worte und Hoffnungen allein genügt jedoch nicht. Wir müssen darüber hinaus die äußersten Anstrengungen unternehmen, um dies zu verhindern. Hierfür muß
das amerikanische Volk in den kommenden Jahren unermüdlich sein ganzes
Sinnen und Trachten einsetzen.
Damit erwartet man nicht zuviel, denn die Amerikaner sind ein
gläubiges Volk. Sie haben stets ein Sendungsbewußtsein gehabt und waren
immer zu Opfern bereit, um große Ziele zu erreichen. Bestimmt hat unsere Nation nicht deshalb einen neuen Höhepunkt der Macht und der Verantwortung erreicht, um an der größten und vielleicht letzten aller
menschlichen Katastrophen teilzuhaben.
Wenn wir unserer Vergangenheit treu bleiben, dann werden wir um
unsere Zukunft nicht zu fürchten haben. Die Sache des Friedens, der
Gerechtigkeit und der Freiheit braucht nicht und darf nicht scheitern".

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

V/Wl.5.1957
USA PLANEN VERBESSERUNG DES LUFTVERKEHRSWESENS

V/ASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Botschaft Präsident
Eisenhowers an den US-Kongreß, in der er die
Schaffung einer Planungsstelle für die Llodernisierung des Verkehrswesens empfiehlt. Die Botschaft wurde dem Kongreß am 11.April unterbreitet .
An den Kongreß der Vereinigten Staaten,
Die Notwendigkeit, die Sicherheit und die reibungslose Abwicklung des Zivil- und Militärluftverkehrs durch energische Maßnahmen
zu gewährleisten,findet in der Öffentlichkeit starke Beachtung.
Am I.März 1956 habe ich einen Sonderbeauftragten für Fragen der
Luftverkehrsplanung ernannt und ihn angewiesen, detaillierte Vorschläge darüber auszuarbeiten, wie sich die im Interesse der Vereinigten Staaten erforderliche Ausweitung der Flugüberwachungs- und
Flugsicherungseinrichtungen am besten bewerkstelligen ließe.
Ich lege hiermit einen von meinem Sonderbeauftragten für Luftverkehrsplanung ausgearbeiteten Zwischenbericht vor. Dieser Bericht
verweist auf die ernsten Probleme, denen sich die amerikanische Luftfahrt bereits heute gegenübersieht und noch mehr in Zukunft gegenübersehen wird. In ihm wird ferner die Schaffung einer Planungsstelle
für die Modernisierung des Luftverkehrswesens empfohlen und deren
Arbeitsgebiet umrissen.
Der Direktor der Abteilung Bundeshaushaltsplanung wird dem Kongreß einen Gesetzentwurf über die Errichtung einer Planungsstelle
für die Modernisierung des Luftverkehrswesens unterbreiten. Die vorgeschlagene Maßnahme wird die Verbesserung der Flugüberwachungs- und
Flugsicherungseinrichtungen wesentlich beschleunigen, und so ersuche
ich den Kongreß um eine baldige Verabschiedung der Vorlage.

gez.: Dwight D. Sisenhower

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

Zwischenbericht des Sonderbeauftragten für Luftverkehrsplanung
Kurz nachdem ich im vergangenen Jahr mein Amt als Sonderbeauftragter für Luftverkehrsplanung übernommen hatte, gingen meiner Dienststelle
zahlreiche Informationen über die Luftverkehrsverhältnisse in den Vereinigten Staaten zu. Die in der Vergangenheit verschiedentlich geäußerten Befürchtungen wurden durch zahlreiche Anzeichen erhärtet, die darauf
hindeuten, daß unsere Luftverkehrswege und Großflughäfen immer mehr überlastet werden.
In den Vereinigten Staaten werden täglich 65 000 Flugstunden zurückgelegt. Mit Hilfe von Radargeräten wurden im Luftraum einer einzigen
Großstadt gleichzeitig 220 Flugzeuge registriert. Tausende von Düsenflugzeugen der amerikanischen Luftstreitkräfte tragen das Ihre zu einer
weiteren Überlastung der amerikanischen Luftverkehrswege bei und erhöhen
so die Gefahren des "Auf-Sicht-Fliegens". Ohne entsprechende technische
Hilfsmittel können die Piloten den Anforderungen der stark erhöhten Fluggeschwindigkeiten nicht mehr gerecht werden, so daß sich die Gefahr von
Zusammenstößen ständig erhöht.
Die gegenwärtige Situation ist vielleicht nicht minder erstaunlich
als die außerordentliche Zunahme des Luftverkehrs, wie sie von der
Öffentlichkeit gewünscht und von der Wirtschaft auch künftig getragen
und gefördert wird.
Im Jahre 194&amp; wurden von den Luftfahrtgesellschaften in den Vereinigten Staaten lediglich 10 Milliarden Passagierkilometer zurückgelegt. Im Jahre 1956 hatte sich diese Zahl bereits auf 32 Milliarden
erhöht. Nach den von mir angestellten Untersuchungen dürften es im Jahre
1975 112 Milliarden Passagierkilometer sein. Außerdem ist damit zu rechnen, daß sich auch die Zahl der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten
vorhandenen 61 000 Privatf lugzeuge:-,' bis zum Jahre 1975 auf über 100 000
erhöhen wird.
Aus Gründen der Sicherheit und im gegenwärtigen und künftigen Interesse der Öffentlichkeit ist es erforderlich, mit Einfallsreichtum
und Tatkraft zu Werke zu gehen. Bei der Unterstützung dieser Bemühungen
kommt der Bundesregierung eine führende Rolle zu. Das von der Bundesanstalt für Flugsicherung gegenwärtig mit Nachdruck durchgeführte Programm des Ausbaus bestehenden? Einrichtungen unter Verwendung bereits
bekanntet Methoden, ist sehr zu begrüßen und verdient uneingeschränkte
Unterstützung. Diese Aufgabe erfordert den Einsatz aller ihr zu Gebote
stehenden Kräfte. Der diesem Bericht beigefügte Gesetzentwurf berührt
die von der Bundesanstalt für Flugsicherung geplanten technischen Verbesserungen in keiner Weise.
Ich habe mich eingehend darum bemüht, die tieferen Ursachen unserer
Luftverkehrsprobleme aufzuspüren und bin dabei zu dem Schluß gelangt,
daß den militärischen und zivilen Bundesbehörden, die mit der Überwachung
und Entwicklung der Luftfahrt betraut sind, keine als brauchbar anzusehenden technischen Systeme bekannt sind, mit deren Hilfe sich eine Modernisierung de?'.'Luftverkehrs bewerkstelligen ließe. Welche Systeme aber

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

aber als brauchbar anzusehen sind, ist nuK in Versuchen und Untersuchungen zu ermitteln, die von Militär- und Zivilfliegem in Zusammenarbeit mit Flugsicherungssachverständigen durchgeführt werden. Die
Bundesregierung kann bereits jetzt geeignete Schritte zur Lösung dieser Probleme unternehmen, und ich gestatte mir, meinem Bericht den
Entwurf zu einer diesbezüglichen Gesetzesvorlage beizuschließen. Aus
diesem Gründe möchte ich auf dieses Problem näher eingehen und seine
unerlässliche Lösung aufzeigen. Dies ist der Zweck des Zwischenberichts.
Meine Untersuchungen waren zunächst darauf gerichtet, einmal festzustellen, auf welchen Gebieten die in den vergangenen zehn Jahren
unternommenen Bemühungen um eine Modernisierung des Luftverkehrs, sowohl der technischen Systeme als auch der angewendeten Methoden, unzureichend waren. Ich habe festgestellt, daß es an Vorschlägen von
technischer Seite nicht gefehlt hat. Im Gegenteil, in unseren Laboratorien wurden bereits viel zu viele elektronengesteuerte Flug- und
Landesysteme mit dem Ziel entwickelt, die Abwicklung des Luftverkehrs
zu erleichtern. Die meisten dieser Vorschläge wurden nicht aufgegriffen
und somit auch niemals praktisch erprobt. Der Ausweg aus diesem Dilemma
dürfte in organisatorischen Maßnahmen innerhalb der Bundesregierung zu
suchen sein, die darauf abzielen, die Ziele klar abzustecken und Systeme und Methoden zu entwickeln und auszuwählen, mit deren Hilfe sich
diese Ziele erreichen lassen.
Bereits im Jahre 1948 hatte man klar erkannt, daß die Modernisierung des Luftverkehrs ein vordringliches Problem darstelle. Die seinerzeit ergriffenen Maßnahmen haben jedoch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Die Regierung versuchte damals die auf dem Gebiet der
Flugüberwachung gegebenen technischen Schwierigkeiten durch Einsetzung
eines Ausschusses zur Entwicklung der Flugnavigation zu lösen. Dieser
Ausschuß wurde auf Grund einer interministeriellen Vereinbarung zwischen dem Verteidigungs- und dem Handelsministerium eingesetzt,und zahlreiche hervorragende Männer haben sich energisch bemüht, den Ausschuß
zu einem wirksamen Instrument zu machen. Doch die scharfe Abgrenzung
der gesetzlichen Befugnisse der beiden Ministerien gegeneinander und
die Überschattung der auf dem Gebiet der Flugüberwachung gegebenen
Probleme durch ein allerdings verständliches Beharren der beiden Ministerien auf die in ihre«|p jeweiligen Zuständigkeitsbereich fallenden
Aufgaben haben den Ausschuß^dm. seiner Tätigkeit mehr behindert als
anfangs angenommen worden waLr. j)a der Ausschuß nur aus zwei stimmberechtigten Mitgliedern bestand, jfnußten alle Maßnahmen mit Einstimmigkeit getroffen werden. Diesel? aus zwei Mitgliedern bestehende Ausschuß,
der keine gesetzlich verankertet Befugnisse hatte und über keine eigenen
Mittel verfügte, war nicht imstande, die Luftverkehrsprobleme mit
genügender Autorität zu behandeln, notwendige Entscheidungen zu treffen oder der Entwicklung klare Ziele zu setzen.
Darüber hinaus haben in den letzten zehn Jahren verschiedene Ausschüsse von Vertretern der Regierung und der Wirtschaft über Ziele
und Methoden der Flugüberwachung und Flugnavigation beraten. Trotz der
bei der Arbeit von Ausschüssen gewöhnlich auftretenden Schwierigkeiten
haben diese in der Vergangenheit doch mehrere brauchbare Ratschläge
erteilt. Doch es gab keine Behörde, die befugt und fähig gewesen wäre,
diese Vorschläge entgegenzunehmen.
_.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

Die Festsetzung unserer Ziele und die Auswahl von technischen
Systemen und Methoden für die Überwachung des Luftverkehrs erfolgte
in gefährlicher Langsamkeit. Sie läßt sich nicht durch eine Koordinierung der Arbeit der verschiedenen Ausschüsse und Regierungsbehörden beschleunigen. Dies hatte man vor zehn Jahren bei der Reorganisation übersehen, und so haben wir heute ein veraltetes und unzureichendes Luftverkehrswesen.
Die rasche und stetige Zunahme des Flugverkehrs läßt zukünftige
Verhältnisse ahnen, die bereits heute eine mit entsprechenden Entscheidungsbefugnissen ausgestattete Behörde notwendig machen, eine nach
neuzeitlichen Grundsätzen aufgebaute Organisation,um die für den Luftverkehr von Morgen notwendigen Anlagen zu prüfen und auszuwählen.
Diese Lücke ist inzwischen erkannt worden, und man hat gelernt,
diese Dinge getrennt von anderen Problemen der Luftfahrt zu sehen. Die
Suche nach einer Abhilfe und die Dringlichkeit der Angelegenheit haben
mich veranlaßt, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten und ihn mit den
interessierten Regierungsstellen abzustimmen. Diese Gesetzesvorlage
soll dem Kongreß die Schaffung einer fflanungsstelle für die Modernisierung des Luftverkehrswesens erleichtern. Die Ernennung des Vorsitzenden der Planungsstelle, der keinerlei Weisungsbefugnissen von
anderen Regierungsbehörden unterstellt sein soll, erfolgt durch den
Präsidenten. D3? Handelsministerium und das Verteidigungsministerium
sollen im Hinblick auf ihr grundlegendes Interesse an der Arbeit der
Planungsstelle je einen Vertreter in sie entsenden.
Die Planungsstelle für die Modernisierung des Luftverkehrswesens
hätte als selbständige Bundesbehörde die Aufgabe, die Erfordernisse
der Zukunft zu ermitteln und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen,
um sicherzustellen, daß die für die Abwicklung des künftigen Flugverkehrs in den Vereinigten Staaten benötigten Nachrichtenmittel, Navigationshilfen und Flugüberwachupgsanlagen jeweils vorhanden sind. Sie
wäre ferner für die technisch^ Durchführung der Entwicklungsarbeiten
solcher Systeme sowie für die Prüfung und Auswahl der für die Verwendung im Luftverkehr geeigneten Hilfsmittel verantwortlich.
In der Gesetzesvorlage wird von der Tatsache ausgegangen, daß
Militär- und Zivilluftfahrt sich in den vorhandenen Luftraum teilen
müssen. In ihr wird ferner der Grundsatz zum Ausdruck gebracht, daß
die Auswahl von künftigen Systemen und Methoden zur Regelung des
Flugverkehrs eine öffentliche Aufgabe im weitesten Sinne darstellt.
Die Planungsstelle wäre befugt, sowohl Militär- als auch Zivilluft~fährtsachverständige zur Erledigung der gestellten Aufgaben heranzuziehen. Sie soll sich in reichlichem Maße den unparteiischen Rat
der Benutzer des Flugnetzes und die technischen Fertigkeiten der Industrie zunutze machen. Sie soll also, mit anderen Worten, gemeinsam
mit anderen Stellen und Fachleuten eine Anämie der künftigen Erfordernisse vornehmen, Versuche anstellen und eine entsprechende Auswahl treffen, wobei sie sich von dem Gedanken leiten lassen muß, daß
das nationale Flugsicherungssystem zur Abwicklung der Zivil- und Militärluftfahrt in Krieg und Frieden geeignet sein muß.
_

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

Das Gesamtsystem ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Luftverteidigung. Es muß aber gleichzeitig auch den zunehmenden Anforderungen auf dem zivilen Sektor gerecht werden. Für diese offensichtlich
auseinandergehenden Erfordernisse konnte nach dex bisher angewandten
Verfahrensweise - der Verhandlung vor Ausschüssen - keine befriedigende
Lösung gefunden werden. Deshalb darf von der Planungsstelle für die Modernisierung des Luftverkehrswesens erwartet werden, daß sie eingehende
Versuche und Tests auf diesem Gebiet durchführen wird, in deren Verlauf sich Verfahrensweisen sowie technische Anlagen erproben lassen
und Piloten und Flugsicherungssachverständige Gelegenheit zu gemeinsamen Experimenten erhalten. Auf diese Weise wird sichergestellt, daß die
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die Lösung der gegebenen
Probleme angewandt werden. Die Planungsstelle, an deren Spitze ein
unparteiischer Mann stehen soll, gewinnt so die Möglichkeit, klare
Entscheidungen zu treffen und diejenigen Systeme zu ermitteln, die vom
Standpunkt der Wirtschaftlichkeit, der Betriebserfordernisse und der
technischen Leistungsfähigkeit am besten geeignet sind.
Es ist geplant, daß die Planungsstelle den interessierten militärischen und zivilen Stellen Systeme namhaft machen wird, die den
Bedürfnissen der Flugnavigation und der Flugsicherung voll gerecht
werden. Sie soll aber nach den gegenwärtigen Plänen nicht die Befugnis erhalten, die für den Flugbetrieb zu verwendenden Boden- und Bordeinrichtungen selbst zu entwickeln und zu beschaffen.
Die Planungsstelle für die Modernisierung des Luftverkehrswesens
soll nur eine temporäre Institution sein und lediglich als Sammelpunkt
aller Bemühungen um die Entwicklung und Auswahl geeigneter Systeme
dienen. Gegenwärtig befassen sich zwei einschlägige Bundesbehörden
mit solchen Aufgaben. Die Gesetzesvorlage wird in der Absicht vorgelegt, die diesbezüglichen Anstrengungen zusammenzufassen und ein gemeinsames Vorgehen in bezug auf die Versuchsarbeiten und deren Auswertung in die Wege zu leiten. Dies ist eine gebieterische Notwendigkeit,
wenn hier in den Vereinigten Staaten eine ständig zunehmende Behinderung des Luftverkehrs und ein Anstieg der Unfallzahlen Termieden marden
soll.
Die Funktionen, die die Planungsstelle übernehmen soll, sind gänzlich auf die Überlegungen abgestimmt, die im Zusammenhang mit einer
weitergehenden Reorganisierung der für Luftfahrtfragen zuständigen Regierungsbehörden angestellt worden sind. In meinem Schlußbericht werde
ich voraussichtlich auf diesbezügliche Gesamtplanung näher eingehen.
Es ist jedoch heute bereits klar, daß noch sehr eingehende Untersuchungen notwendig sind, um eine leistungsfähige ständige Organisation aufbauen zu können. Eine als Dauerzustand gedachte Lösung vorschnell vorzuschlagen, würde sehr leicht zu improvisierten Maßnahmen führen, die
ihrerseits die für eine reibungslose Abwicklung des Flugverkehrs in
der Zukunft notwendigen Schritte noch komplizieren und verzögern könnten.

Aus

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

Aus diesem Grunde wird die Schaffung einer Planungsstelle für
die Modernisierung des Luftverkehrswesens als der rascheste und wirksamste Schritt zur Inangriffnahme einer auf lange Sicht geplanten
Verbesserung des amerikanischen Luftverkehrs vorgeschlagen. Die Befristung der Befugnisse der Planungsstelle auf drei Jahre wird aus der
Erwägung heraus nahegelegt, daß diese Zeit ausreicht, ein Verfahren
zur Koordinierung aller Versuchsarbeiten sowie zur Prüfung nrui "jU^siräül
•von brauchbaren Flugsicherungssystemen zu entwickeln. Dieser Zeitraum
ist auch so bemessen, daß die Exekutive Gelegenheit hat, weiter Reorganisierungsmaßnahmen zu ergreifen, in die sich die Tätigkeit der Planungsstelle logisch einbauen läßt.
Mit der Bitte um wohlwollende Behandlung unterbreitet

gez.: Edward P. Curtis

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* * *

*

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�A M E R I K A

D I E N S T

Alig./i»5.1957
DR. LIBBY ANTWORTET DR. SCHWEITZER

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut eines
Briefes, den Dr. W.F. Libby von der USAtomenergie-Kommission am 25«April 1957
an Dr. Albert Schweitzer gesandt hat, und
in dem er zur Frage von Strahlenschädigungen als Auswirkung der Atomwaffenversuche
Stellung nimmt.

Sehr verehrter Herr Dr. Schweitzer
Ich schreibe Ihnen als Wissenschaftler, um Ihnen Daten bezüglich eines wissenschaftlichen Faktums zur Kenntnis zu geben:
den Grad der Gefährdung der I.Ienschheit durch radioaktive Ausfällungsprodukte, die von Kernwaffenversuchen herrühren.
Ich las in den Zeitungen vom 24«April Ihre Osl oer Erklärung
über die Gefährdung durch Kernwaffenversuche, und i ch habe auf
diese Weise von Ihren Befürchtungen Kenntnis erhalt en, daß das gegenwärtige Versuchsprogramm gefährlich sein könnte, Da ich während
der letzten Jahre sehr viel Zeit auf das Studium di eser Frage verwendet habe, gestatte ich mir, Ihnen zu schreiben Da Ihre Erklärung über Rundfunk und Presse verbreitet worden ist und starke
Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden hat, mache ich auch diesen Brief publik und zwar in dem Glauben, daß alle nur möglichen
Schritte unternommen werden sollten, das Verständni s der Öffentlich.
keit für die bedeutsame Frage der Waffenversuche zu verbreitern.
Ihr Glaube an die Heiligkeit des Lebens, und die Hingabe, mit
der Sie Ihr Leben und Ihre Fähigkeiten in den Dienst selbstloser
Unternehmungen gestellt haben, machen einen tiefen Eindruck auf
zahlreiche Menschen in allen Teilen der Welt. Ihre Besorgnis um
die möglichen Auswirkungen von Kernwaffenversuchen ist bezeichnend für Ihre Menschlichkeit und Ihr Mitempfinden, die Sie schon
immer zu erkennen gegeben haben und für die man Sie mit Recht
so sehr verehrt. Darüber hinaus besitzen Sie, wie ich sehr wohl
weiß, die geistige Macht und Integrität, um die Wahrheit zu
suchen, wo immer sie liegt. Aus eben diesem Geist heraus schreibe
ich Ihnen, in dem Glauben auch, daß Sie Tatsachen, die ich Ihnen

�"AMERIKA DIENST"

1. Mai 1957

Ihnen vielleicht im Zusammenhang mit radioaktiven Ausfällungsprodukten auf Grund von Atomwaffenversuchen verfügbar machen kann,
gerne zur Kenntnis nehmen werden.
Ich weiß nicht, auf welches Material Sie sich bei Ihrem Studium
dieser Frage stützten, ich bezweifle allerdings im Hinblick auf die
in Ihrer Erklärung angeführten Beweisgründe ernsthaft, daß Ihnen
Informationen neuesten Datums zur Verfügung standen. Unmittelbar
nach Lektüre Ihrer Erklärung sandte ich Ihnen eine Kopie einer
Rede, die ich kürzlich über die Frage gehalten habe, was wir auf
Grund wissenschaftlicher Untersuchungen über radioaktive Ausfällung
beziehungsweise deren Auswirkungen wissen. Ich schließe diesem
Brief das Manuskript eines wissenschaftlichen Vortrags bei, den
ich am 26.April vor der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft
halten werde* Ich hoffe, daß Ihnen diese beiden Schriften von Nutzen
sein werden. Sie zeigen, daß eingehende Bemühungen unternommen worden
sind, die tatsächlichen radioaktiven Konzentrationen im Boden, im
V/asser, in den Nahrungsmitteln und im menschlichen Körper als Auswirkung der Kernwaffenversuche theoretisch zu berechnen und durch
Analysen von Proben nachzuweisen.
Falls Sie den Eindruck gewonnen haben sollten, daß in Erklärungen offizieller Sprecher der Vereinigten Staaten einer möglichen Gefährdung durch inkorporierte Strahlung nicht Rechnung getragen wird und ich fürchte auf Grund Ihrer Erklärung, daß Sie d'ies glauben -,
beeile ich mich, Ihnen zu versichern, daß dem nicht so ist. In
Erklärungen, die die Regierung abgegeben hat, wurde diese Frage
eingehend behandelt. Sie wurde auch in aller Ausführlichkeit erörtert, so in einem Bericht, der von einer großen Anzahl hervorragender Y,rissenschaftler im Auftrag der Nationalen Akademie der
Wissenschaften ausgearbeitet worden ist und in England in einem
Bericht des Britischen Medizinischen Forschungsrates; beide Berichte sind im Juni vergangenen Jahres erschienen.
Insbesondere seit dem Sommer des Jahres 1953 hat die Atomenergie-Kommission in aller Welt eingehende Untersuchungen von
Ausfällungen angestellt, auf die der größte Teil der gegenwärtig
zu dieser Frage verfügbaren Informationen zurückgeht. Diese Studien
schlössen Analysen von Boden-, Pflanzen-, Nahrungsmittel- und
Materialproben aus vielen Teilen der V.relt ein. Die Regierung der
Vereinigten Staaten hat die diesbezüglichen Unterlagen dem \7issenschaftlichen Ausschuß für Atomstrahlung der Vereinten Nationen
lückenlos zugängig gemacht, der auf Grund einer Empfehlung der Vereinigten Staaten geschaffen worden ist und auch die von anderen Ländern unterbreiteten Daten überprüft hat.
V/enngleich hinsichtlich der Untersuchungsergebnisse von Wissenschaftlern aus den Vereinigten Staaten und aus dem Ausland einige
Abweichungen festzustellen waren, so herrscht doch allgemeine Übereinstimmung hinsichtlich der annähernden Größenordnung der Ausfällungen und der Geschwindigkeit, mit der sie aus der Stratosphäre herabregnen. Möglicherweise besteht hinsichtlich der Größenordnung der
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�"AMERIKA DIENST"

1. Hai 1957

der physiologischen Auswirkungen, die sich aus der Strahlung von
Ausfällungsprodukten ergeben können, keine so große Übereinstimmung.
Dennoch herrscht unter denjenigen, die sich mit dieser Frage befaßt
haben, ziemlich allgemein die Auffassung, daß die Strahlungsbelastung
durch Ausfällungen weit geringer ist als die Strahlungsbelastung,
die nötig wäre, um erkennbare Auswirkungen auf die Bevölkerung hervorzurufen. Die amerikanischen Regierungsstellen waren unablässig
bemüht, diesen Grad einer nur sehr geringen Strahlungsgefährdung
durch Kernwaffenversuche aufrechtzuerhalten und haben niemals in
ihren Untersuchungen und in ihren Vorkehrungen nachgelassen, eine
Verringerung zu erreichen.
Ich möchte nicht sagen, daß überhaupt kein Risiko besteht.
Was ich Ihnen darlegen möchte, ist vielmehr, daß das Risiko äußerst
gering im Vergleich zu anderen Risiken ist, die die Menschen allenthalben als normalen Teil des Lebens hinnehmen. Ich bitte Sie gleichzeitig, dieses Risiko gegen jenes meiner Meinung nach - für die freiheitsliebenden Völker in allen Teilen der Welt - weit größere Risiko
aufzuwägen, nämlich das Versäumnis, unsere Verteidigung gegen die
totalitären Kräfte, die in der Welt am Werke sind, bis zu jenem Zeitpunkt aufrechtzuerhalten, an dem eine Abrüstung bei gleichzeitiger
Gewährleistung der Sicherheit erreicht werden kann. Selbstverständlich stellt ein brauchbares und mit entsprechenden Sicherheiten ausgestattetes internationales Abrüstungssystem eines der vordringlichsten Ziele der Regierung der Vereinigten Staaten dar, ein Ziel, für
das wir arbeiten müssen und für das wir hoffen und beten, daß es erreicht werde.
Um auf die Frage der Gefährdung durch radioaktive Ausfällung
überall auf der Erde noch näher einzugehen, gibt es zwei mögliche
Formen der Gefährdung. Die erste ist die genetische Gefährdung,
die aus der Einwirkung durchdringender Gammastrahlen auf die Fortpflanzungsorgane resultiert; und die zweite, die Gefährdung, die
auf die Bestrahlung der Knochen durch absorbiertes Strontium-90
zurückzuführen ist, das größtenteils über die Nahrung aufgenommen wird.
Diese beiden möglichen Arten der Gefährdung sollte man nicht miteinander verwechseln; es besteht keinerlei Grund, irgendwelche
genetischen Schädigungen auf Grund von Strontium-90 zu befürchten,
da sich dieses in den Knochen ablagert und die Fortpflanzungsorgane
nicht in merklichem Maße bestrahlt.
Um den Grad solcher Gefährdungen verstehen zu können, ist es
notwendig, die Menge der Strahlungsdosen, die aus der Ausfällung
aufgenommen wird, mit der Menge der Strahlungsdosen zu vergleichen,
die normalerweise von allen lebenden Organismen auf Grund der natürlichen Radioaktivität der Umwelt aufgenommen wird. Auf diese Weise ist
es möglich, die Gefährdung, die sich aus Atomwaffenversuchen ergibt,
mit normalen menschlichen Erfahrungstatsachen in Verbindung zu bringen.
Wenn man diese Art von Vergleich anstellt, so zeigt sich, daß wir
alle in unserem Körper Mengen von Radioaktivität mit uns führen und auch
Mengen in unserer Umwelt begegnen, die weit größer sind als jene, die
aus radioaktiven Ausf ällungeprodukten herrühren.
KY&gt;=sm-i sehe

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�"AMERIKA DIENST"

1. Mai 1957

Kosmische Strahlen, die aus dem Raum kommen, werden in ihrer
Strahlungsintensität auf ihrem Weg durch die Atmosphäre allmählich
abgeschwächt. Auf diese V/eise wird ein Mensch, der in einer Höhe
von etwa 1700 Metern über dem Meeresspiegel lebt, einer doppelt
so intensiven Höhenstrahlung ausgesetzt sein, wie ein Mensch, der
in Meereshöhe wohnt. Es gibt auch noch andere Varianten der natürlichen Umweltstrahlung. So werden beispielsweise Menschen, die in
unmittelbarer Nachbarschaft von Uran- oder Thoriumvorkommen leben,
weit stärkerer Strahlung ausgesetzt sein als der Durchschnitt, und
ihre Torfahren haben diese weit höheren Strahlungsdosen in vielen
Teilen der Welt seit Jahrhunderten aufgenommen. Wer in einem Ziegelsteingebäude aus bestimmten Ziegeln in bestimmten Teilen der Erde
wohnt, wird im Vergleich zu dem Bewohner eines Holzhauses einer
Strahlungsmehrbelastung ausgesetzt sein, die die Strahlungsbelastung
aus Atomversuchen um ein vielfaches übertrifft.
Die zusätzliche Strahlung, die Menschen auf Grund von solchen
Ausfällungen aufnehmen, sind im Vergleich zur natürlichen Umweltstrahlung und selbst zu den Schwankungen in der Umweltstrahlung gering.
Um noch mehr ins einzelne zu gehen: die von Strontium-90 herrührende
Strahlungsdosis, im Aufbau befindliche Knochengewebe, beispielsweise
bei Kindern, ausgesetzt sind, ist gegenwärtig etwa ebenso groß wie die
zusätzliche Dosis, der ein Küstenbewohner im Falle eines Umzugs auf
einen kleinen Hügel auf Grund der kosmischen Strahlung ausgesetzt wäre.
Es ist keine Frage, daß übermäßige Strahlungsdosen von radioaktivem
Strontium bei Tieren Knochenkrebs und Leukämie hervorrufen können, und
somit dürfen wir die Möglichkeit schädlicher Auswirkungen der Ausfällungen, die von Kernwaffenversuchen herrühren, nicht als beiläufig abtun.
Wenn man jedoch bedenkt, daß die Menschheit einer natürlichen Umweltstrahlung ausgesetzt ist, die die Ausfällungsstrahlung weit übersteigt,
dann können wir den Versuch machen, festzustellen, ob diese irgendwelche feststellbaren Auswirkungen gezeitigt haben. Wir können beispielsweise untersuchen, ob bei Personen, die in höheren Regionen oder
in Gebieten mit Uranvorkommen wohnen, eine augenfällig größere Häufigkeit von Knochenkrebs und Leukämie zu verzeichnen ist.
Eine Überprüfung der verfügbaren Unterlagen läßt keine solche
Auswirkungen erkennen. Allerdings wurden die Lebensstatistiken nicht
immer sorgfältig geführt, und so werden im Auftrag des UN-Ausschusses
weitere Untersuchungen angestellt, um festzustellen, ob sich irgendwelche derartigen Auswirkungen nachweisen lassen. Eine Tatsache liegt
allerdings auf der Hand: Es entspricht sicherlich nicht unseren normalen Erfahrungen, daß bei Menschen, die in höhere.. Regionen umsiedeln,
ihren Wohnsitz von einem Ort auf Sedimentärgestein mit geringem Urangehalt nach einem Ort auf Eruptivgestein oder Granit mit weit höherem
Urangehalt verlegen oder von einem Holzhaus in ein Ziegel- oder
Zementbauwerk umziehen, die Häufigkeit dieser gefürchteten Krankheit steigt.
Eine

�"AMERIKA DIENST"

1 . Mai' 1957

Eine weitere Art
der Beurteilung der möglichen Gefährdung
durch die Bildung von Strontium-90 ergibt sich aus einem Vergleich
mit der zulässigen Konzentration an Strontium-90» wie sie von kompetenten Stellen errechnet worden ist. Die zulässige Menge von
Strontium-90 für Atomarbeiter in den Vereinigten Staaten beträgt etwa
das Zweitausendfache der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten auf
Ausfällung zurückzuführenden Menge von Strontium-90 bei im Aufbau begriffenem Knochengewebe, (Die Konzentration von Strontium-90 ist in der
übrigen Welt im allgemeinen geringer als in den Vereinigten Staaten.)
Kompetente,Stellen haben empfohlen, daß der zulässige Höchstwert für
Populationen aus Sicherheitsgründen ein Zehntel der für Atomarbeiter
zugestandenen Werte betragen solle. Auf dieser Grundlage beträgt die
gegenwärtige Menge in jungem Knochengewebe, das heißt also bei Kindern,
in den Vereinigten Staaten noch nicht einmal \f&gt; der für Populationen
höchsten zulässigen Konzentration.
Vielleicht sollte ich zu diesen höchst zulässigen Konzentrationen
noch ein Wort der Erklärung sagen. Wie Sie wissen, sprechen Wissenschaftler von Risiken und Gefährdungen nicht in dem Sinne, in dem diese Worte
gewöhnlich verwendet werden. Sie versuchen, die Möglichkeiten fast bis
an ihre letzten Grenzen durchzudenken; deshalb schließt "Risiko" die
Möglichkeit von Wirkungen ein, die weit über den Bereich-des Wahrscheinlichen oder Nachweisbaren hinausgehen. Die höchstzulässigen Konzentrationen sind keine Belastungsgrenzen, sie geben vielmehr an, daß bei
weit höherer Konzentration, bei zehnfacher Konzentration vielleicht,
eindeutig nachweisbare Auswirkungen auftreten können.
Im Vorausgehenden habe ich in erster Linie mögliche Gefährdungen
durch radioaktives Strontium behandelt. Radioaktive Ausfällungen enthalten auch andere Stoffe, die sich zwar nicht im Körper ablagern, aber
durchdringende Strahlen emittieren, die die Geschlechtsorgane und andere
Teile des Körpers von außen her bestrahlen. Eine derartige Bestrahlung
kann Mutationen hervorrufen^
&amp;
Wir sollten bei einer Beurteilung der Möglichkeit genetischer Wirkungen auf Grund von Ausfällungen wiederum versuchen, sie mit unseren
normalen Erfahrungen zu vergleichen. Die äußere Strahlung aus Ausfällungen, das heißt also die Strahlung, die genetische Wirkungen zeitigen
könnte, hielt sich in den Vereinigten Staaten während der letzten drei
oder vier Jahre im Durchschnitt zwischen 1 und 5 Tausendstel eines Röntgen pro Jahr. Diese.Zahl sollte man mit der Normaldosis von 150 Tausendstel eines Röntgen pro Jahr vergleichen, die von kosmischen Strahlen
und natürlichem radioaktiven Material aus der Umwelt herrührt. Mit anderen Worten betrug die äußere Ausfällungs-Strahlung zwischen 0,7 bis
yfo der natürlichen Strahlungsbelastung.

Als

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�r
"AMERIKA DIENST"

1. Mai 1957

Als weiteres Beispiel sei angeführt, daß die Wände eines Ziegelsteingebäudes in bestimmten Teilen der Welt oftmals so viel natürliches radioaktives Material enthalten, daß daraus gegenüber
einem Holzhaus eine Strahlungsmehrbelastung bis zu 40 Tausendstel
eines Höntgen im Jahr resultiert; ein Zementgebäude bewirkt sogar
rund 100 Tausendstel eines Röntgen mehr pro Jahr. Diese Dosen bewegen sich in der Größenordnung zwischen dem 8- und 100fachen der
Strahlung, die aus Ausfällungen von Atomversuchen herrührt.
Ganz offensichtlich müssen die genetischen Wirkungen der Ausfällungs-Strahlung im Vergleich zu den genetischen Wirkungen der
natürlichen Strahlung sehr gering sein.
Wie Sie in Ihrer Erklärung ausgeführt haben, ist Radioaktivität,
die von den bereits durchgeführten Versuchen herrührt, in der Stratosphäre vorhanden; und sie wird in Jahren hoch aus ihr
herabregnen. Die Radioaktivität dieser Stoffe verringert sich beständig auf Grund des normalen radioaktiven Zerfalls. Die winzigen
radioaktiven Partikel regnen so langsam aus der Stratosphäre herab,
daß die laufende Ausfällung in den Vereinigten Staaten in etwa gerade
dem radioaktiven Zerfall des bereits abgelagerten Radio-Strontium
gleichkommt. Somit hat die gegenwärtige Konzentration von RadioStrontium im Boden einen Stand erreicht, der im großen und ganzen
dem Höchststand entspricht, den wir je auf Grund der bereits durchgeführten Versuche erreichen werden. •
Eine Fortsetzung der Versuche würde die Radioaktivität nicht
nach der Gesetzmäßigkeit der Addition vermehren, da sich ein Gleichgewicht zwischen der hinzukommenden Radioaktivität und dem radioaktiven Zerfall einstellen würde. Wollte man die Versuche im gleichen
Ausmaß wie in den vergangenen fünf Jahren bis 1983 fortführen, dann
würden die Konzentrationen in den Vereinigten Staaten voraussichtlich
das 4fache des gegenwärtigen Standes erreichen. Und im Jahre 2011
würde das Sechsfache der gegenwärtigen Konzentrationen erreicht werden, sofern die Versuche bis zu diesem Zeitpunkt fortgesetzt werden
sollten.
Ich hoffe, daß ich genügend Material angeführt habe, um zu zeigen,
daß die Gefährdung durch Kernwaffenversuche im gegenwärtigen Ausmaß gering ist. Selbstverständlich ist eine Fülle weiteren detaillierten Materials verfügbar, und ich werde es Ihnen, falls Sie es wünschen, gerne
zugänglich machen. Kein Wissenschaftler behauptet, daß keinerlei Risiko
besteht. Wir akzeptieren ein Risiko als den Preis für die Annehmlichkeiten des Lebens und unseren materiellen Fortschritt. Hier scheint die
Wahl viel klarer zu sein: das entsetzliche Risiko eines Ablassens von
unseren Verteidigungsbemühungen, die angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse von so entscheidender Bedeutung für den Fortbestand der freien
Welt sind einerseits, und das geringe und kontrollierbare Risiko auf
Grund der Kernwaffenversuche andererseits.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
gez: W.P. Libby
* * * * #
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�A M E R I K A

D I E N S T

'.Vi ./1 .5.1957
USA BEFÜRWORTEN ENGE INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
ZUM AUSBAU EINES WELTWEITEN KERNENERGIEPROGRAMMS
NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die Harold S.
Vance, Mitglied der US-Atomenergie-Kommission,
am 25. April 1957 auf einer internationalen
Problemen der Atomwirtschaft gewidmeten Tagung
des "Atomic Industrial Forum" in New York,
einer Arbeitsgemeinschaft der amerikanischen
Industrie, gehalten hat.
Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, heute an diesem Symposium
teilnehmen zu können, da Sie sich mit der Frage der internationalen
Entwicklung der Atomenergie, also einem Thema befassen, das. ich für
ein dringliches, wenn nicht sogar das wichtigste Problem in allen
Einzelphasen unseres Programms zur friedlichen Entwicklung der Atomenergie betrachte - aber das ist wohl mehr oder weniger Ansichtssache.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß mit der Zeit die Nutzbarmachung der Kernenergie für die Erzeugung von Wärme und Kraft für
praktisch alle Gebiete der Welt große Bedeutung erlangen wird. Aber
der Zeitplan ist nicht für alle Nationen einheitlich, ja nicht einmal
für alle Teile eines größeren Landes, da gewisse variable Größen, vor
allem die.Reserven und die Verfügbarkeit der herkömmlichen Brennstoffe,
die relativen Gestehungskosten für die daraus erzeugte Kraft und natürlich das Ausmaß des vorhandenen oder in Kürze zu erwartenden Energiemangels dabei eine große Rolle spielen.
Ich hoffe, daß wir unser Denken auf die Situation einstellen werden, die ich hier eben skizziert habe, und daß wir dabei die glückliche
Lage in Betracht ziehen, in der wir uns im Vergleich zu derjenigen der
Mehrzahl unserer ausländischen Freunde befinden, und daß wir deshalb
das Problem der Energieerzeugung aus Kernkraft für die 'Welt als Ganzes,
uns eingeschlossen, nicht mehr länger, generalisieren, sondern erkennen-,
daß die Förderung der Atomstromerzeugung im Ausland ein Problem für
sich ist, die Förderung der Atomstromerzeugung bei uns dagegen ein
völlig anderes, zweites Problem, und daß beide daher zwei verschiedene Wege der Lösung erfordern.
Noch

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai

1957

Noch vor wenigen Monaten verfolgten viele von uns, so glaube i®h,
mit Interesse die Entwicklung von Kernkraftanlagen im Ausland, die
sich in einem ganz normalen Rythmus vollzog und uns sehr viel Zeit
ließ, unsere eigene Position abzustecken und die erforderlichen Maßnahmen vorzubereiten, um die Vorhaben in einer Weise zu fördern, die
sowohl für unsere Freunde im Ausland als rauch für uns selbst vorteilhaft wäre. Dann hatten wir im Februar den Besuch der drei "Atomweisen" als Vertreter von EURATOM, der europäischen Atomgemeinschaft.
Sie legten uns ein Programm vor, das verblüffend in seinem Umfang
und von großer Dringlichkeit in bezug auf seine Natur war; und so
wurden wir gewissermaßen über Nacht vor ein großes Problem gestellt,
mit dem wir fertig zu werden hatten, das wichtige Entscheidungen verlangte, welche wichtige Folgerungen nach sich zogen. Ich werde mir
die Zeit nehmen, hier noch einmal die EURATOM-Situation zu umreißen,
denn sie hat keine geringe Auswirkung auf das Thema, unter dem Ihre
heutige Tagung steht.
In Westeuropa macht sich bereits ein empfindlicher Mangel an
einheimischen fossilen Brennstoffen bemerkbar. Gegenwärtig ist dieses
Gebiet gezwungen, das Äquivalent von hundert Millionen Tonnen Kohlen
bei einem Kostenaufwand von zwei Milliarden Dollar jährlich einzuführen.
Und in nicht einmal zwanzig Jahren wird der zunehmende Energiebedarf
den Import von dreihundert Millionen Tonnen Kohle bei einem Aufwand
von 6 Milliarden Dollar jährlich erfordern. Eine solche finanzielle
Belastung wäre nahezu untragbar, und fast ebenso schlimm wäre die
wirtschaftliche Gefahr einer so großen Abhängigkeit von importierten
Treibstoffen. Die Ereignisse im Zusammenhang mit Suez haben uns dies
hinreichend klargemacht.
Ein weiterer wichtiger Faktor in der EURATOM-Situation ist die
Tatsache, daß Importbrennstoffe in so großer Menge in Westeuropa
gestapelt werden müssen, daß der daraus produzierte elektrische Strom
über 50 Prozent mehr kostet als im Durchschnitt bei uns, das heißt
etwa 1,2 Cent pro Kilowattstunde,' aus -diesem Grunde ist der Aufwand
für die Gewinnung von Atomstrom im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung in Westeuropa - allerdings nur als Ersatz für Strom aus
Importbrennstoffen - relativ dem Punkt nahe, an dem dies wirtschaftlich vertretbar ist. Und es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit,
daß in nicht allzuferner Zeit Atomstrom in Europa billiger sein
wird als die aus Importbrennstoffen gewonnene Energie.
In dieser Situation haben nun die drei "Atomweisen" ein Programm
ausgearbeitet, das bis zum Jahr 1967 die Erzeugung von fünfzehn Millionen Kilowatt in Atomkraftwerken vorsieht; dies ist aber nur die erste
Phase eines noch viel ehrgeizigeren Programms, das bis zum Jahre 1975
laufen soll.
Die drei "Atomweisen" sprachen sich sehr klar darüber aus, daß
sie nicht um finanzielle Hilfe, sondern um technische Hilfe zu uns
gekommen seien, daß wir ihnen helfen sollten, angereichertes Uran als
Kernbrennstoff zu erhalten, verbrauchte Brennstoffelemente chemisch

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

chemisch wieder aufzubereiten und einen Absatzmarkt oder eine Verwendung für das Plutonium zu finden, das in ihren Kraftreaktoren anfällt,
und schließlich die Hilfe der amerikanischen Industrie in der Durchführung eines Programms in Anspruch nehmen zu können, das in seinem
Anfahgsstadium offensichtlich weit über die Möglichkeiten der einheimischen Industrie hinausgeht.
Um Ihnen einen besseren Begriff von dem Umfang des EURATOM-Projektes geben zu können, darf ich hier vielleicht folgendes erwähnen: Wenn
alle in Westeuropa geplanten Reaktoren, die bis 1367 in Betrieb genommen
sein sollen, mit angereichertem Uran arbeiten, was wir als den wirtschaftlichsten Reaktortyp vorziehen, würden allein die Aufwendungen
für den Kernbrennstoff 1,7 Milliarden Dollar erfordern; der zusätzliche
Aufwand für den Bau der Anlagen und die erforderlichen anderen Ausrüstungen wäre natürlich noch erheblich höher, er dürfte sich etwa in
der Größenordnung von 5 Milliarden Dollar bewegen.
Wir haben den drei "Atomweisen" versichert, daß wir bereit sind,
ihnen die erbetene Hilfe nach besten Kräften zu gewähren, natürlich
soweit sich dies mit unseren eigenen Verpflichtungen vereinbaren läßt.
An diesem Punkt muß vielleicht die Frage gestellt und eine entsprechende
Antwort gefunden werden: "Weshalb tun wir dies und jenes, und wenn wir
es tun, welchen Vorteil haben wir davon?"
Ich argumentiere hier weder für oder gegen die Auslandshilfe, aber
die Tatsache bleibt bestehen, daß wir viele Millionen Dollar investiert
haben, um Europa im Kreis der "freien Nationen" zu halten. Westeuropa
gehört noch immer zu diesem Kreis, und ich bin.überzeugt, auch die
schärfste Kritik an der Auslandshilfe muß einräumen, daß dies ein wesentlicher Pluspunkt ist^ denn die Verlagerung der industriellen Kapazität Westeuropas zur anderen Seite wäre einfach eine Katastrophe.
Energie ist lebenswichtig für die westeuropäische Wirtschaft.
Wenn wir unseren Freunden helfen können, das, was sie benötigen,
in erster Linie oder sogar ausschließlich durch eine Unterstützung zu
erlangen, die nicht den Charakter einer finanziellen Hilfe trägt, so
sollten wir das tun und sie damit politisch und wirtschaftlich stärken,
ihr Verhältnis zu uns festigen und die Stärke der freien Welt als
Ganzes damit weiter erhöhen.
Wir kommen dabei in den Genuß eines weiteren Vorteils, eines unpolitischen Vorteils, der uns wesentliche Aufwendungen ersparen könnte.
Dieser Vorteil liegt in den uns von der Gegenseite vermittelten Erfahrungstatsachen über Kosten und andere Einzelheiten des Reaktorbetriebs, was man uns bereits zugesagt hat. Die so gewonnenen Kenntnisse
können uns zur Erreichung unseres Zieles dienlich sein, Atomstrom so
wirtschaftlich zu produzieren, daß wir mit seiner Verwendung auf breitester Basis in unserem Land beginnen können. Ich werde hier nicht
versuchen, dieses Wissen.nach materiellen Vorteilen bewerten zu wollen,
die uns unsere Hilfe unter anderem einbringen würde; aber ich bin sicher,
daß bei Berücksichtigung auch der politischen Vorteile und der Möglichkeiten für die amerikanische Industrie die Unterstützung, die man von uns

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai 1957

uns erwartet, sehr wohl gerechtfertigt wäre.
Man hat mich gebeten, speziell darüber zu sprechen, welche Rolle
die amerikanische Atomenergie-Kommission übernehmen wird, um die EntWicklung einer Atomenergiewirtschaft im Ausland zu fördern. Statt des-*
sen möchte ich aber über die Rolle der Regierung samt aller zuständigen
Stellen sprechen, einschließlich der^ Rolle der Export-Import-Bank und,
was das Ausmaß der eventuell erforderlichen neuen Gesetze anbetrifft,
sogar der Rolle des Kongresses.
Meiner Meinung nach sind die,wichtigsten Schritte, die wir zur
Entwicklung einer Atomenergiewirtschaft im Ausland sofort zu unternehmen hätten, folgende:
1) '.Vir sollten, natürlich unter Aufhebung der Geheimhaltung,
alles technische Wissen, das wir über die Entwicklung von Leistungsreaktoren besitzen, zur Verfügung stellen. Und wir sollten Vorsorge
treffjjn, daß weitere Informationeh dieser Art leicht und prompt ausgetauscht Verden können.
v^-w-O 2 ^
2) Wir sollten bereit sein, feste Zugeständnisse zur Bereitstellung der jeweiligen für einen bestimmten Reaktortyp benötigten Menge
angereicherter Uranbrennstoffe zu machen, und zwar über einen bestimmte;! Zeitraum hinweg, der in manchen Fällen mit der errechneten
Amortisierungsspanne des Reaktors gleichbedeutend ist; denn wir sind
gegenwärtig für die freien Nationen die einzige Quelle zUr Beschaffung
solcher Brennstoffe. Diese Verpflichtungen-sollten uns die Möglichkeit
of,fTAlassen, plutoniumhalttge Brennstoffe zu liefern, sobald eine
brauchbare Methode für^ctie Verwendung von Plutonium als Kernbrennstoff
entwickelt worden ist.
3) Wir sollten bereit sein, Einrichtungen für die sofortige chemische Wiederaufbereitung von Brennstoffelementen solange, wie dies
erforderlich ist, zu angemessenen Preisen zur Verfügung zu stellen.
n o
4) Wir sollten uns einverstanden erklären, das in den ausländischen Reaktoren anfallendet Plutonium über einen angemessenen Zeitraum
hinwög-anzukaufen, wie wir es bereits mit dem in den amerikanischen
Reaktoren gewonnenen Plutonium tun, bis unser gegenwärtiges Forschungsprogramm eine brauchbare Möglichkeit ergibt, Plutonium in den Reaktorkreislauf einzuschalten und es in dem Reaktor, in dem es produziert wird,
unmittelbar als Kernbrennstoff zu verwenden.
__5-) Ü I sollten bereit sein, die Forschung auf bestimmten, genau
abgegrenzten Gebieten energisch weiter zu betreiben, beispielsweise
was die Beschaffenheit und Herstellung von Brennstoffelementen, verbesserte Verfahren der chemischen Aufbereitung, und wi."" bereits erwähnt,
die Einschaltung von Plutonium in den Reaktorprozeß anbetrifft.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Mai

1957

6) In gewissen Fällen, in denen dies angebracht erscheint, sollten
wir bereit sein, kernreaktive Spezialstoffe und Reaktorbetriebsstoffe
wie schweres Wasser pachtweise zur Verfügung zu stellen, zu verkaufen
oder auf Ratenzahlungsbasis abzugeben.
7) Durch die Export-Import-Bank sollten wir Kapital in Form von
Krediten für Leistungsreaktoranlagen unter den gleichen Bedingungen
wie jene Kredite anbieten, die zur Finanzierung herkömmlicher Kraftwerksanlagen dienen.
8) Wir sollten uns eingehend mit dem Problem befassen, wie wir
am besten die versicherungstechnischen Verpflichtungen amerikanischer
Herstellerfirmen begrenzen können, die vollständige Einrichtungen,
Montageelemente und Einzelteile hierzu ins Ausland liefern.
Zu all dem kommt nun die wichtige Rolle hinzu, die zu übernehmen
nur die Industrie in der Lage ist, wenn unser internationales Programm
sich so entwickeln soll, wie wir sicherlich alle hoffen, daß es sich
entwickeln wird.
Die amerikanische Industrie muß sich, im Wettbewerb mit der britischen Industrie und später auch der Industrie anderer Länder, energisch
um die Möglichkeiten des Auslandsgeschäftes auf dem Sektor der Atomenergiewirtschaft kümmern. In dem Maße, in dem andere Industriegruppen
feste Verpflichtungen eingehen, müssen auch wir dies tun. In diesem Zusammenhang möchte ich bemerken, daß wir mit unserem Druckwasserreaktor
mehr Erfahrungen - und bessere Erfahrungen - haben sammeln können als
die Engländer mit dem gasgekühlten Reaktortyp.
Nach Ansicht vieler unserer maßgebenden Leute ist der Druckwasserreaktor mindestens ebenso aussichtsreich , wenn nicht noch aussichtsreicher, wie der britische Reaktortyp. Deshalb ist die amerikanische
Industrie im gegenwärtigen Wettbewerb keineswegs im Nachteil, ungeachtet der Tatsache, daß wir mit vielen Reaktortypen experimentieren
und ständig mit der Möglichkeit rechnen können, daß schließlich der
eine oder andere von ihnen selbst dem Druckwasserreaktor, der gegenwärtig in der Entwicklung am weitesten gediehen ist, noch überlegen
ist.
Obgleich ich bereits ausführlich über EURATOM gesprochen habe,
stellt dieses Projekt keineswegs das einzige auf dem internationalen
Sektor dar, das unsere Aufmerksamkeit verdient. Man schätzt, daß in
anderen Teilen der Welt ein Gesamtbedarf von mindestens 1,5 Millionen
Kilowatt.an Atomstrom besteht, der mit Hilfe kleiner Anlagen, etwa
zwischen 5000 und 10 000 Kilowatt, gedeckt werden könnte.
Die Notwendigkeit für die Errichtung von Anlagen dieser Größe
scheint besonders in Südamerika, Mittelamerika, Westindien und Teilen
von Afrika gegeben. Vom Standpunkt der amerikanischen Industrie aus
gesehen mag sich dieser Markt für Kleinanlagen auf die Dauer attraktiver erweisen als der Markt für Großanlagen in Ländern, die selbst
hoch industrialisiert sind.
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UTD ARBEIT

1 . Mai 1957

Dann und wann werden Befürchtungen geäußert, daß wir die Initiative
den Engländern oder dem Russen überlassen und in der Entwicklung von
Leistungsreaktoren unsere führende Stellung einbüßen könnten. Eine führende
Rolle in einer Situation wie der gegenwärtigen zu spielen, ergibt sich
jedoch aus der öffentlichen Meinung außerhalb der Vereinigten Staaten,
nicht aber innerhalb der USA. Wer um die Dinge Bescheid weif?., besonders
wer in einem Land lebt, .dem es an fossilen Brennstoffen mangelt und wo
die Stromkosten aus der Erzeugung nach herkömmlichen Verfahren hoch sind,
ist sich der günstigeren Situation der USA und der Tatsache wohl bewußt,
daß wir nicht, wie solche Länder unter wirtschaftlichem Druck stehen,
Atomkraftwerke zu bauen.
Deshalb scheint mir völlig klar zu sein, daß die Frage, ob wir unsere
führende Rolle behalten oder verlieren, viel stärker davon abhängt, was
wir im Ausland unternehmen, als was wir in den nächsten Jahren bei uns
unternehmen.
Zu Beginn sagte ich, daß die Frage, ob die Entwicklung von Atomkraftanlagen auf internationaler Basis die wichtigste Phase unseres Programms für die friedliche Nutzung der Kernenergie ist, Ansichtssache
sei. Was meine persönliche Meinung betrifft, so sehe ich darin tatsächlich die wichtigste Phase.

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�A M E R I K A

D I E N S T

v/i./8.5.1957
DER KÜNFTIGE WEG DER AMERIKANISCHEN AUSSENHANDELSPOLITIK

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Unterstaatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Thorsten
V. Kalijarvi, am 25»April in New York vor dem
Verband amerikanischer Importkaufleute gehalten hat.

Es ist mir ein Vergnügen, heute unter Ihnen zu weilen, die
Sie aktiv im Außenhandel tätig sind. Als Import-Exportkaufleute
gehören Sie zu den wagemutigsten unter den Llännern der Wirtschaft
unseres Landes. Sie helfen mit, unser Blickfeld zu weiten und unseren hohen Lebensstandard noch immer weiter zu erhöhen.
Wenn ich auch als Thema meiner Ansprache "Der künftige Weg
unserer Außenhandelspolitik" gewählt habe, so möchte ich mich doch
in erster Linie mit dem im Entstehen begriffenen europäischen
Gemeinsamen Markt und mit der damit verbundenen Freihandelszone
sowie mit der Verbesserung des internationalen Mechanismus zur
Abwicklung des Außenhandels befassen. Dort liegt, nach unserer
Auffassung, einer der Ansatzpunkte für eine maximale Ausweitung
des amerikanischen Außenhandels. Auf diesen Gebiet bestehen nach
unserer Auffassung Aussichten, die wirtschaftliche und politische
Stärke eines wichtigen Teils der freien Welt zu mehren. Und dort
liegen nach unserer Auffassung auch zahlreiche Chancen für den
amerikanischen Außenhandel.
Die Bedeutung des Außenhandels
Wir alle wissen, welche Bedeutung dem Außenhandel zukommt.
Wir wissen auch, daß der Außenhandel nicht nur im Austausch von
Waren und Dienstleistungen besteht, sondern daß er neue Kräfte
auf den Plan ruft, Wohlstand schafft und auch der nationalen
Sicherheit zugute kommt».
Ohne solide wirtschaftliche Grundlage würde die freie Welt
mit ihren Verteidigungsanstrengungen auf Sand gebaut haben. Wir
können unmöglich in wirtschaftlicher Isolation leben und von
anderen erwarten, daß sie dann, auf außenpolitischem Gebiet mit
uns zusammenarbeiten. Wollten wir den unklugen Versuch unternehmen, ausländische Unternehmen daran zu hindern, ihre Waren

�"ALIERIKA PIEKST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Mai 1957

Waren auf dem amerikanischen Markt abzusetzen, dann wäre das Ausland
seinerseits nicht in der Lage, amerikanische Produkte zu kaufen. Dies
ist eine Tatsache, die durch unser Absatzprogramm für überschüssige
landwirtschaftliche Produkte schlaglichtartig beleuchtet worden ist.
Das Absatzprogramm hat unsere Abhängigkeit von den Exportmärkten bei
vielen Waren klar hervortreten lassen. Für Sie als Außenhandelsfachleute ist es ebenso klar wie für uns, daß zwischen Ausfuhren und
Einfuhren eine enge Wechselbeziehung besteht. Selbstverständlich
zielen Warenimporte nicht lediglich darauf ab, den Export zu fördern.
Dennoch sind wir der grundsätzlichen Auffassung, daß unsere gesamte
Wirtschaft von den Einfuhren ebenso profitiert wie von den Ausfuhren.
Ein solcher Warenaustausch kommt allen 170 Millionen Amerikanern
zugute und nicht nur jenen, die unmittelbar an diesen Transaktionen
teilhaben.
Im Gegensatz zu weitverbreiteten Vorstellungen hat sich der
Außenhandel nicht nur als bedeutsamer, sondern auch verläßlicher
Beitrag zu unserer eigenen Volkswirtschaft erwiesen, von dem man
sich auch in Zukunft etwas versprechen darf. Sie werden sich sicher
daran erinnern, daß weite Kreise in der unmittelbaren Nachkriegszeit,
als der Marshall-Plan bereits angelaufen war, die Auffassung vertraten,
unsere Außenhandelsgewinne würden bald wieder aufhören. Ohne Auslandshilfe und ohne die Verwüstung so zahlreicher Produktionsstätten
in vielen Teilen der Welt - so argumentierte man damals -, würde
unser Export sehr rasch zurückgehen und unser Land seinerseits durch
Einfuhren aus Ländern mit niedrigerem Lohnniveau überschwemmt werden,
die unserer eigenen Produktion Konkurrenz maohen und in unserer
eigenen Wirtschaft eine Arbeitslosigkeit auslösen würden.
Die Tatsachen liegen aber nun doch ganz anders. Unsere Aufwendungen für Hilfslieferungen gingen zurück, und heute herrschen auf
den Y/eltmärkten einigermaßen normale Wettbewerbsbedingungen. Im Jahre
1956 erreichte der amerikanische Außenhandel den bisher höchsten
Stand in der Geschichte und übertraf damit selbst das Rekordjahr
1947« Auch unsere Einfuhren stiegen und mit ihnen stieg 1956 auch
der Ausfuhrüberschuß.
Vor uns liegende Probleme
Lassen Sie mich nun die Probleme des vor uns liegenden Weges
erörtern. Einige der wichtigsten Probleme und auch einige der größten Chancen, denen wir uns in den nächsten Jahren gegenübersehen
werden, stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem im Aufbau begriffenen Gemeinsamen Markt in Europa und der damit verbundenen
Freihandelszone. Wenn auch dieser epochemachende Zusammenschluß
erst in Zukunft erfolgen wird, so zeichnet sich der Verlauf der
künftigen Entwicklung doch schon deutlich ab. Angesichts dieser
zeitlichen Ferne sind die Auswirkungen, die dieser Zusammenschluß
auf die Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten haben wird, in
vieler Hinsicht noch nicht klar zu erkennen. Wir sind aber ganz allgemein davon überzeugt, daß diese Entwicklung auch für uns von großer
Bedeutung sein wird.
...

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Hai 1957

Was den-Außenhandel angeht, nähert sich die Nachkriegszeit
ihrem Abschluß. Sie war durch die Schaffung gewisser Institutionen
zur Erleichterung der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit gekennzeichnet, insbesondere des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens
(GATT).
Die Tätigkeit des Internationalen Währungsfonds erstreckt sich
auf das Gebiet der Finanz- und Währungspolitik. Er wurde mit dem
Ziel geschaffen, ger/issen Ländern durch Gewährleistung er Liquidität und Gewährung von Krediten über kurzfristige Schwierigkeiten im
Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz hinwegzuhelfen und es ihnen somit zu
ermöglichen, auf Restriktionen zu verzichten, die ihrerseits depressive
Auswirkungen auf den Welthandel hätten haben können.
Die Weltbank wurde geschaffen, um Investitionskredite für die
Finanzierung der Einfuhren von Maschinen -und anderen Ausrüstungen,
die für den Wiederaufbau in den vom Krieg heimgesuchten Ländern und
die Ausweitung der Produktion in wirtschaftlich unterentwickelten
Gebieten benötigt wurden, bereitzustellen.
Das Allgemeine Zoll- und H ndelsabkommen, das I m e n allen sehr
vertraut ist, wurde im Jahre 1947 abgeschlossen. Dieses Abkommen,
dem gegenwärtig 35 Länder angehören, brachte im Talle zahlreicher
Länder der Erde eine Verlagerung der Zollverhandlun^en von einer
bilateralen auf eine weit zweckmäßigere multilaterale Basis mit
sich. Durch das Abkommen wurde auch eine Art Ehrenkodex iur faires
Verhalten im internationalen Handel entwickelt sowie ein AD;.arnt
für eine gegenseitige Konsultation und die Austragung vun Zollund Handelsstreitigkeiten. Seit Inkrafttreten des Allgemeinen Zollund Handelsabkommens ist eine gütliche Bereinigung solcher S+reitigkeiten ohne die unglückseligen Konsequenzen von Wirtschaftskriegen
möglich geworden, von denen die Welt in der Zeit vor der Schaffung
des GATT oftmals heimgesucht war.
Diese Institutionen und Vereinbarungen, die die Ausv.eitung des
Bereiches wirtschaftlicher Freiheit und Verantwortlichkeit in den
internationalen Handelsbeziehungen bezweckten, erv.ucisen aus den
während der zwanziger Jahre und in den Anfängen der dreißiger J-ihre
gesammelten Erfahrungen und spiegeln diese demgemäß auch wider* In
diesen beiden Jahrzehnten versuchte jedes einzelne Land für sich
allein, sich durch Handelsrestriktionen, durch Drosselung der Einfuhren und dirch angestrengte Bemüh mgen um eine Ausweitung der
Ausfuhren gegen die Ausweitung der Weltwirtschaftskrise abzuschirmen.
Diese Hinwendung zur Autarkie, die begleitet war von einer strengen
zentralen Lenkung des Außenhandels, der Finanzwirtschaft und des
Devisenverkehrs, fand inren reinsten Ausdruck in den kommunistischen
und faschistischen Ländern. Das letzte Ergebnis dieser Hinwendung
zur Autarkie war eine Verschiebung- und Verzerrung des Welthandelsgefüges und der Verlust jener Frei leiten, die man gewöhnlich mit
dem Begriff der privaten Wirtschaft verbindet. Bald folgte eine ganze
Reihe von Währungsabwertungen, die aus Wettbewerbsgründen vorgenommen
wurden. Die Errichtung immer neuer Handelsschranken als Gegenmaßnahmen

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�"A::ERII:A D I E N S T "

- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. iiai 1957

Gegenmaßnahmen gegen ähnliche Schritte anderer Staaten wurde zur
Regel.
Die genannten internationalen Institutionen stellten einen bewußten Versuch seitens der Siegermächte dar, dieser unerwünschten
Situation ein Ende zu setzen und eine Wiederholung einer solchen
Entwicklung in der Nachkriegszeit zu verhindern. Diese Organisationen haben in den letzten zehn Jahren eine sehr segensreiche Tätigkeit
entfaltet, wenn sie auch selbstverständlich nicht sämtliche Außenhandelsprobleme lösen konnten. Sicherlich werden sie auch nicht für
sämtliche der in Zukunft auftretenden Probleme eine Lösung anbieten
können. Immerhin sind Ziele wie ein expandierender Außenhandel, die
Ausweitung von Zollverhandlungen und die Anerkennung gewisser fester
Regeln im Außenhandel heute näher gerückt als je zuvor, \7enn diese
Bestrebungen mit Entschlossenheit weiter elührt werden, so können
die nach dem Krieg geschaffenen Institutionen in Zukunft noch mehr
als bisher einem stark expandierten Außenhandel Ziel und Richtung
geben.
In diesem größeren Zusammenhang möchte ich nunmehr auf den
Gemeinsamen Markt in Europa und auf die sich daraus ergebenden
Aufgaben näher eingehen.
Aufgaben, die sich aus den Gemeinsamen Harkt ergeben
Der vorgeschlagene Gemeinsame Markt und die Freihandelszone
stellen einen neuen wichtigen Faktor in der Wirtschaft von heute dar.
Wie Sie wissen, soll der geplante Gemeinsame Europäische Harkt eine
Einrichtung werden, der Belgien, die Bundesrepublik Deutschland,
Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande angehören. Die
sechs Staaten unternehmen einen bisher einmaligen Schritt, indem sie
nämlich nahezu alle Beschränkungen, denen der gegenseitige Warenverkehr unterliegt, beseitigen. Zu den Schranken, die abgebaut werden
sollen, zählen die Zollrestriktionen und Quoten sowohl im staatlichen
als auch im privaten Warenverkehr. Deutsche Volkswagen werden beispielsweise eines Tages ohne irgendwelche mengenmäßigen Beschränkungen
und Zölle nach den übrigen fünf Ländern eingeführt werden können. Das
gleiche gilt für französische Parfüms, belgische Maschinen, italienische Lederwaren, holländische Tulpenzwiebeln und eine Vielzahl anderer
Produkte.
Der Gemeinsame Markt bringt aber nicht nur die Beseitigung nahezu
sämtlicher Handelsschranken zwischen den sechs Teilnehmerstaaten,
sondern auch die Schaffung eines gemeinsamen einheitlichen Zolltarifs
im Handel mit allen übrigen Ländern. Mit anderen Worten, amerikanische
Kraftfahrzeuge, Lederwaren und andere Exportartikel werden in allen
sechs Ländern den gleichen Zöllen unterworfen sein.
Es ist zu erwarten, daß der Trend zu einem wirtschaftlichen
Zusammenschluß über die sechs Länder hinausgehen wird« Großbritannien
und zehn weitere westeuropäische Staaten haben ihr Interesse bekundet,
sich mit den sechs Ländern in einer Freihandelszone zusammenzuschließen.
Auf Grund einer solchen Vereinbarung würden bei einer großen Zahl von

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Mai 1957

von Warengattungen die bisherigen Beschränkungen zwischen jenen elf
Ländern und den sechs Teilnehmerstaaten des Gemeinsamen Marktes fallen.
Die elf Länder würden allerdings ihre eigenen Zölle gegenüber Ländern
außerhalb der Freihandelszone beibehalten. Die sechs Länder würden
mit ihren einheitlichen Zolltarifen gleichermaßen verfahren.
Um Ihnen eine Vorstellung von der Größe und Bedeutung des zu
schaffenden Marktes zu geben, sei erwähnt, daß die Gesamtbevölkerung
der sechs Staaten im Jahre 1955 mehr als 162 Millionen, ihr gesamtes
Bruttosozialprodukt 126 Milliarden Dollar und ihr Anteil am Welthandel
22$ betrug. Die Gesamtbevölkerung der 17 voraussichtlichen Teilnehmerstaaten am Gemeinsamen Markt und an der Freihandelszone bezifferte sich
1955 auf rund 285 Millionen.
Einige Zahlen aus der amerikanischen Außenhandelsstatistik sind
vielleicht geeignet, Ihnen die Bedeutung klarzumachen, die dieses Gebiet für uns hat. Die Vereinigten Staaten exportierten im Jahre 1955
Waren und Dienstleistungen im Werte von 15 Milliarden Dollar. Von
diesem Gesamtexport entfielen nahezu 4»5 Milliarden Dollar oder rund
29% auf die 17 Staaten und von diesen wiederum mehr als 2 Milliarden
auf die sechs Länder des Gemeinsamen Marktes.
Ganz offensichtlich verspricht ein von inneren Handelsschranken
freier gemeinsamer Markt der Größenordnung, wie ihn das Gebiet dieser
sechs Länder darstellt, eine Entwicklung, die eine Leistungssteigerung
in der Produktion und eine Erhöhung des Lebensstandards in Europa mit
sich bringen wird.
Die Vereinigten Staaten begrüßen diese Entwicklung. Wir sind
überzeugt, daß die freie Welt nur gewinnen kann, wenn die wichtigsten
sechs Länder in Westeuropa durch einen wirtschaftlichen Zusammenschluß
zu dauerhafter Stärke gelangen. Politisch gesehen, könnte ein solches
Gebilde zu einem mächtigen Faktor in der Welt werden. Von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus betrachtet, könnte es zu einer Ausweitung
des Welthandels, ohnegleichen führen. In demselben Maße, in dem die
Handelsschranken abgebaut und der Wettbewerb innerhalb der Gemeinschaft
einer Leistungssteigerung und eine Erhöhung der Produktivität nach sich
zieht, wird auch der Lebensstandard steigen. Daraus wiederum dürfte sich
eine erhöhte Nachfrage nach amerikanischen Waren und auch nach Einfuhren
aus anderen Ländern ergeben.
Darin also liegen die Hoffnungen des Gemeinsamen Marktes und der
Freihandelszone begründet. Die teilweise oder restlose Erfüllung dieser
Hoffnungen hängt jedoch von der Art der Bindungen ab, die die sechs Länder
eingehen, um das gesteckte Ziel einer Ausweitung des Handels nicht nur
untereinander, sondern auch mit anderen Ländern zu erreichen. Das ist
eine Frage, die uns sehr, viel angeht; und nicht nur uns. Unser Nachbarland Kanada nimmt eine ähnliche Haltung ein. Das gleiche gilt für
Großbritannien und auch andere Staaten.
Die Idee des Gemeinsamen Marktes beginnt sich zu realisieren. Die
sechs Staaten haben einen Vertrag unterzeichnet, die seine Schaffung
vorsieht, und die zur Ratifizierung des Vertrages notwendigen Schritte
werden zur Zeit in den Parlamenten der sechs Staaten eingeleitet. Diese

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBBIT

8. Mai 1957

Diese stehen aber vor zahlreichen Problemen'. Wie Sie sich vorstellen können, v/erden sich sehr ernste Schwierigkeiten ergeben,
wenn sich die relativ stabile Industrie mancher Hitgliedstaaten
den gleichen Marktbedingungen wie die expandierenden Industrien
anderer Länder stellen soll, und auch im Zusammenhang mit der
Einbeziehung der überseeischen Gebiete einiger der sechs Länder
in den Gemeinsamen Markt, gilt es zahlreiche Probleme zu lösen.
Je größere Schwierigkeiten sich in den einzelnen Ländern der
Billigung der Beseitigung der Handelsschranken innerhalb des gemeinsamen Marktes, entgegenstellen, um so größer wird die Versuchung
sein, gemeinsame Schranken gegen Waren aus Ländern außerhalb des
Gemeinsamen Marktes zu errichten.
Der Kurs der Vereinigten Staaten
Sofern die Teilnehmerstaaten am Gemeinsamen Markt und der
Freihandelszone wirklich gewillt und entschlossen sind, einzeln
und gemeinsam tatkräftig auf eine Expansion nicht nur des gegenseitigen Handels, sondern auch des Handels mit der übrigen Welt
hinzuarbeiten, können sie sicher jede wohlwollende Unterstützung
von außen gut gebrauchen. Unter dieser Voraussetzung kann sich die
Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten im Verlauf der nächsten
Jahre sehr wohl als ein entscheidender Faktor erweisen» Wenn unser
Land seine Bereitwilligkeit zu erkennen gibt, seine liberale Außenhandelspolitik weiter fortzusetzen, so wird dies für die Mitgliedstaaten der westeuropäischen Gemeinschaft voraussichtlich einen gewaltigen Anreiz darstellen, auf dem eingeschlagenen Weg fortzuschreiten und ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Die Übergangszeit wird
für sie auf jeden Fall viele Schwierigkeiten mit sich bringen. Von
unserem Standpunkt aus betrachtet, ist es deshalb von größter Wichtigkeit, daß die sechs Länder auch in diesem Zeitraum ihren Blick
nach außen richten, auf die Weltmärkte und auf globale Handelsvereinbarungen. Sollten sich die sechs Länder umgekehrt in anderen
Teilen der Welt immer größeren Restriktionen gegenübersehen, so
dürfte dies auf ihrer Seite höchstwahrscheinlich die Tendenz auslösen, ihren Blick nach innen, auf ihren großen einheitlichen Markt,
zu richten und zum Schaden auch des amerikanischen Handels, Schranken
gegen Außenstehende zu errichten.
Mir haben damit einen Überblick sowohl über die Hoffnungen als
auch die Befürchtungen gewonnen, die im Zusammenhang mit dem eingeschlagenen Kurs auftauchen und auch über die Auswirkungen, die die
Politik der Vereinigten Staaten auf den weiteren Verlauf der Dinge
haben kann. Die Implikationen, die sich aus dieser neuen Entwicklung
für den amerikanischen Außenhandel ergeben, sollten weder übersehen
noch beschönigt werden. Der Wettbewerb sowohl auf den Weltmärkten als
auch auf dem amerikanischen Binnenmarkt dürfte sich voraussichtlich
verschärfen. Jeder Wettbewerb führt aber im allgemeinen in der freien
Welt zu einer Steigerung der Leistungskraft der einzelnen Volkswirtschaften, gleichgültig, ob es sich dabei um den Wettbewerb, auf ausländischen oder heimischen Märkten handelt. Der Wettbewerb ist die wichtigste Voraussetzung des Erfolgs der freien Wirtschaft»
Ea

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Hai 1957

Es darf von dieser neuen Entwicklung erwartet werden, daß sie
der amerikanischen Industrie neue Exportmöglichkeiten eröffnen wird
- Exportmöglichkeiten, wie sie von amerikanischen Außenhandelskaufleuten stets gewünscht und mit großem Eifer verfolgt worden sind.
In dem gleichen Maße, in dem sich die Zahlungsbilanz verschiedener
Länder verbessert, entfällt auch die Rechtfertigung für Einfuhrquoten
und andere restriktive Haßnahmen. Ein bedeutsamer Schritt in dieser
Richtung wird noch im Laufe dieses Jahres in Genf erfolgen, v/o die
Vereinigten Staaten mit 20 Ländern Besprechungen führen werden, die
aus Sorge um den Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz gegenwärtig noch
mengenmäßig Einfuhrbeschränkungen aufrechterhalten. Diese Beratungen
werden Gelegenheit bieten, das Ausmaß gegenwärtig noch bestehender
Restriktionen im Warenverkehr mit anderen Ländern zu erörtern sowie
die Aussichten für den weiteren Abbau und die schließliche Beseitigung
solcher Handelsschranken zu prüfen.
Erhöhung der Wirksamkeit des GATT
Was die Vereinigten Staaten auf dem Gebiet des Außenhandels unternehmen, kann wesentlich dazu beitragen, die angeschlossenen Länder
zum Festhalten an einem Kurs zu bewegen, der zu einer weiteren Liberalisierung des Außenhandels und zur freien Konvertibilität der Währungen
führt. Die Schaffung des Gemeinsamen Marktes läßt aber noch einen
weiteren bedeutsamen Aspekt hervortreten. Diese neugeschaffene Wirtschaftseinheit macht - wenn wir mit der Entwicklung Schritt halten
wollen - einige tatkräftige Haßnahmen seitens der Vereinigten Staaten
und auch anderer Länder erforderlich.
Die sechs Länder haben die Absicht, einen neuen Apparat für die
Festlegung und Durchführung ihrer Handelspolitik zu schaffen. Dieser
Apparat schließt einen Rat, eine Kommission, einen Gerichtshof und
eine Vollversammlung ein, die als Meinungsforum dienen soll. Die
anderen elf assoziierten Staaten werden sicherlich viele geneinsame
Interessen mit einer solchen Organisation haben und dürften voraussichtlich weitgehend Hand in Hand mit ihr arbeiten.
Angesichts dieser im Fluß befindlichen Entwicklung benötigen
die übrigen, außerhalb des Geneinsamen Marktes stehenden 18 Mitgliedstaaten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens, zu denen auch
die USA gehören, eine ständige Verwaltungsorganisation, um die Politik,
die Pläne und das Vorgehen der 17 Staaten, die sich voraussichtlich
der neuen Handelsvereinbarung anschließen werden, laufend zu beobachten.
Diese Organisation muß auch über die Organe verfügen, die nötig sind,
um solche Entwicklungen sämtlichen Regierungen der GATT-I.Iitgliedstaaten zur Kenntnis bringen zu können und gleichzeitig ein Forum
für eine alsbaldige Erörterung dieser Entwicklungen bieten. Es liegt
auf der Hand, daß die Schaffung einer derartigen Organisation im
Interesse der amerikanischen Wirtschaft - sowohl des Exports als auch
des Imports - liegt.
Angesichts der vor uns liegenden Entwicklung auf dem Gebiet des
Außenhandels müßten wir die Schaffung der Organisation für Gemeinsamen
Handel (OTC) heute noch vorschlagen, wenn diese nicht schon längst vorge-

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�"AI.IERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Mai 1957

vorgeschlagen worden wäre. Der Präsident hat dies klar erkannt.
Er hat den Kongreß gegenüber nachdrücklich betont, wie notwendig
seine baldige Zustimmung zur Schaffung der OTC ist, damit diese
sobald wie möglich eine erfolgreiche Tätigkeit entfalten kann.
Die OTC wird ein ständiges Forum für die laufende Beobachtung
und Erörterung der Pläne und Maßnahmen der 17 Hitgliedstaaten des
Gemeinsamen Marktes und der Freihandelszone abgeben. Sie wird den
Apparat darstellen, mit dessen Hilfe sich eine Abstimmung der Bestimmungen und allgemeinen Zielsetzungen des GATT mit denen des
Gemeinsamen Marktes und der Freihandelszone bewerkstelligen lassen
wird.
Wir dürfen nichts unversucht lassen, um den Gemeinsamen Markt
und die Freihandelszone mit der GATT abzustimmen. Andernfalls
besteht die große Gefahr, daß sich die angeschlossenen Staaten
als eine völlig selbständige regionale Gruppe absondern und mit
Zöllen und Einfuhrquoten ohne irgendwelche Verpflichtung gegenüber
den übrigen Ländern der Erde ihre eigenen Wege gehen werden.
Auf diese Weise also können wir unsere eigenen nationalen
Interessen am ehesten wahren.
Lassen Sie mich bitte zum Schluß die zwei wichtigsten Gesichtspunkte, die wir hier nun erörtert haben, noch einmal zusammenfassen.
Erstens: Der im Entstehen begriffene Geneinsame Harkt in Europa
und die Freihandelszone sind wichtige neue Faktoren in der Welt der
Wirtschaft. Der künftige Kurs der US-Außenhandelspolitik ist darauf
abgestellt, die sechs Länder und auch andere Staaten dazu zu ermutigen,
ihre Handelsschranken abzubauen und auf einen Welthandel hinzuarbeiten,
der frei von jeglicher Diskriminierung ist und auf multilateraler Basis
beruht.
Zweitens: Die Schaffung der Organisation für Gemeinsamen Handel
(OTC) ist angesichts der Ära, die durch den Gemeinsamen Markt eingeleitet wird, eine Notwendigkeit.
Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters eines expandierenden Welthandels. Unser Anteil an ihm wird sich danach bemessen,
inwieweit Sie als Außenhandelskaufleute und wir als Regierungsbeamte
bei der Nutzung der sich bietenden Gelegenheiten mit Weitblick zu
Werke gehen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Wi,/H5-5.1957

DIE AUSLANDSHILFE DIENT DER SICHERHEIT UND
STÄRKE DER VEREINIGTEN STAATEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die Präsident
Eisenhower am 1. Mai vor Mitgliedern der Amerikanischen Wählerinnenvereinigung gehalten hat. Präsident Eisenhower hat sich mit dieser Rede, in der
er auf die Gefahren einer Kürzung der Auslandshilfe
hinwies, in der gegenwärtigen Auseinandersetzung
zwischen Kongreß und Exekutive um den Haushaltsvorschlag für das Finanzjahr 1958 an die breite Öffentlichkeit gewandt.

Sollten Sie von mir einen Kommentar zur Außenpolitik und zu den
Methoden ihrer Verwirklichung erhoffen, so hieße das, daß Sie eine
Art Marathonveranstaltung erwarten, die sicherlich weit mehr Zeit in
Anspruch nehmen würde als Sie erübrigen können.
Zunächst einmal mö chte ich Ihnen meine aufrichtige Anerkennung
dafür aussprechen, daß Sie sich so sehr für diese Frage interessieren,
Die Außenpolitik übersc hattet praktisch alles, was wir hier im eigenen Lande an Argumenten in die Waagschale der Politik werfen und auch
alles das, was wir als innenpolitische Probleme ansehen. Entweder
ruft sie derartige Prob lerne erst hervor oder gibt ihnen zumindest
ihr besonderes Kolorit, Unsere Verteidigungsanstrengungen in ihren
verschiedensten Formen nehmen allein rund 63$ unseres Staatshaushaltes in Anspruch. Somit wirkt sich jede Steuersenkung und jede Einsparung in unseren Haus haltsausgaben letzten Endes - sofern es sich
um große Beträge handel t - auf unsere Außenpolitik aus und auf die
Problemstellung, der wi r uns auf diesem Gebiet gegenübersehen.
In diesem Zusammenhang muß man sich meiner Meinung nach erst
einmal über einige besondere Fragen klarwerden. Wir wollen den Frieden - ein für allemal und zwar aus sehr plausiblen Gründen. Wir wissen, daß Amerika nur in einer Atmosphäre des Friedens - und zwar
eines gerechten Friedens, auf den wir vertrauen können - eine gedeihliche Entwicklung zu nehmen vermag, so wie wir sie in der Vergangenheit genommen haben. Es ist dies der einzige Weg, der unserem

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

unserem Volk - auf lange Sicht betrachtet - die Befreiung von großen
Lasten und die Chance bringen kann, sich mit seiner ganzen Kraft konstruktiven Zielsetzungen zuzuwenden: dem Bau von Schulen und Krankenhäusern und der Förderung des Allgemeinwohls in jeder nur denkbaren
Weise.
Wir streben nach diesem Frieden aus einer Position der Stärke
heraus. Solange in der Welt noch eine räuberische Macht am Werke ist,
die unsere Regierungsform zu vernichten trachtet, müssen wir stark
bleiben. Das ist nichts anderes als eine Vorsichtsmaßnahme und wirklich der einzig mögliche Weg, uns erfolgreich zu behaupten. Wenn man
mit Menschen zu verhandeln hat, denen einzig Gewalt Respekt abnötigt,
dann muß man auch in der Lage sein, selbst Gewalt zu gebrauchen.
Wir sind uns aber dessen bewußt, daß diese unerlässlichen Anstrengungen
im Grunde negativ und unfruchtbar sind. Somit wird unser Wunsch, uns
dieser Bürde zu entledigen, nur um so verständlicher.
In Ausführung unserer Friedenspolitik haben wir - oder besser,
haben wir mit anderen - vor Jahren die Vereinten Nationen errichtet.
Die Vereinten Nationen waren selbstverständlich in ihren Bemühungen
nicht in jedem einzelnen Falle erfolgreich, das liegt an den Verhältnissen. Sie stellen aber, so wie wir die Dinge ansehen, die größte
Hoffnung auf die Schaffung eines Forums dar, vor dem gegensätzliche
Standpunkte vertreten, Argumente verfochten und notwendig gewordene
Regelungen getroffen werden können, sofern schließlich alle zu der
Einsicht gelangen, daß wir in Frieden miteinander leben müssen. Die
Vereinten Nationen können deshalb mit dazu beitragen, Frieden zu
stiften, und sie können noch mehr zur Aufrechterhaltung eines Friedens
der Gerechtigkeit beitragen, wenn wir erst zu einer praktisch durchführbaren Vereinbarung gelangt sind, die uns eine Verringerung unserer
Rüstungen gestattet.
Ergibt sich ein besonderes Problem, beispielsweise der Suezkonflikt vom vergangenen Herbst, so wird wohl niemand behaupten, daß die
Vereinten Nationen das denkbar wirksamste Instrument zur Beilegung
des betreffenden Streitfalles darstellen. Wollte aber ein Staat wie
der unsrige, der über große Machtmittel verfügt, bei dem Versuch der
Regelung eines derartigen Streitfalles die Vereinten Nationen übergehen, was sollte dann aus der größten Hoffnung der Menschheit auf
Frieden werden?
Man muß die Vereinten Nationen achten, und man muß sich ihrer bedienen, wenn immer dies möglich ist. Aber selbst die Charta der Vereinten Nationen untersagt es den Mitgliedern nicht, Frieden durch
selbständiges Vorgehen zu stiften, ihn zu retten oder wiederherzustellen. Ganz im Gegenteil, in der Charta heißt es ausdrücklich, daß sich
die streitenden Parteien bei Auseinandersetzungen als erste um einen
Ausgleich bemühen sollten. Das kann auch über regionale oder andere
organisierte Bemühungen geschehen, an denen die Vereinten Nationen
nicht teilhaben. Die Vereinten Nationen aber einfach übergehen, das

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

das hieße meiner Meinung nach die Zukunft gefährden.
Wir sollten uns aber noch einen weiteren Punkt vor Augen halten:
Die stärkste Kraft, die heute in der Welt und insbesondere in denjenigen Ländern am Werke ist, die wir als wirtschaftlich noch nicht voll
entwickelt bezeichnen, ist der Nationalismus. Ich will damit folgendes
sagen: Der Wunsch, frei zu sein und zu sagen, ich bin Bürger dieses
oder jenes Landes und wir sind ein unabhängiger Staat, ist seit der
berühmten Proklamierung des Selbstbestimmungsrechtes der kleinen Völker durch Präsident Wilson wie ein mächtiger Strom angeschwollen. Das
bedeutet: Sie wollen unabhängig bleiben und sie glauben, daß ihnen
das auch gelingen wird, gleichgültig, welche Mittel auch immer sie zur
Erreichung dieses Zieles anwenden müssen.
Eine der Vorbedingungen für die Wahrung der politischen Unabhängigkeit ist eine wirtschaftliche Basis, von der aus sich die Unabhängigkeit aufrechterhalten läßt. Die Entschlossenheit dieser Völker,
ihre Unabhängigkeit zu wahren, ist so stark, daß sie bereit sind, diese Wirtschaftshilfe und das notwendige Investitionskapital von jeder
möglichen Seite anzunehmen. Und wenn wir es nicht geben oder wenn wir
unseren Anteil an der Bereitstellung durch die freie Welt nicht übernehmen, dann werden sich andere finden.
Wir wissen, daß sie nicht mehr lange unabhängig sein werden, wenn
sie sich an andere wenden. Das wissen sie aber nicht.
Es ist erstaunlich, wie oft wir gerade von den Bürgern jener Länder, die wir zu den unterentwickelten Gebieten zählen, mit Rußland
verglichen werden, wobei sich diese Menschen fragen: Wer ist stärker,
wer hat recht, wer versucht, uns unter seine Herrschaft zu bringen,
wer versucht, Gewalt anzuwenden und wer versucht, einen Krieg vom
Zaun zu brechen?
Wir wissen, daß wir den Frieden wünschen. Wir wissen, daß in unserem Lande das Volk regiert. Eine Regierung, die nur mit Zustimmung
der Regierten regiert, bricht keinen Krieg vom Zaun, da ja eben diese
Menschen einen eventuellen Krieg auszufechten hätten, bei denen die
Entscheidung liegt.
Im Falle von Diktaturen trifft dies nicht zu. Aber die'Bewohner
anderer Staaten verstehen dies nicht. Ich wurde schon von sehr hochgestellten Regierungsvertretern aus solchen Ländern gefragt, warum
ich nicht so oder so handele, beispielsweise nicht einfach eine bestimmte Zeitschrift verbiete und warum ich dies oder jenes getan
oder nicht getan habe? Und meine Erklärungen - die meiner Meinung
nach sehr überzeugend sind - besagen für sie oftmals anscheinend
überhaupt nichts.
So sagte mir einmal ein Mann: "Wenn Sie unser Freund wären,
dann würden Sie so oder so handeln." Es fehlt solchen Menschen einfach das Verständnis für die Sachlage, und so begreifen sie auch
nicht, daß unsere Regierung ihrem Wesen nach immer um den Frieden

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

Frieden bemüht sein muß, und daß die Diktatur allein das wahnwitzige
Abenteuer eines Krieges wagen kann.
Alle diese Dinge gilt es zu berücksichtigen, wenn wir den Gegensatz erörtern, der zwischen der Sicherheit unseres Landes und dem
Wunsch besteht, mehr Geld in der eigenen Tasche zu behalten, um es
nach eigenem Gutdünken auszugeben, statt es dem Staat zur Bestreitung
seiner Ausgaben zu geben. Und gerade für diesen letzteren Wunsch habe
ich vollstes Verständnis und ich täte nichts lieber als dieses Amt
eines Tages aufzugeben, nachdem es mir gelungen ist, eine noch größere
Steuersenkung vorzunehmen als diejenige, die wir 1954 vornehmen konnten.
Neulich unternahm ich mit einigen Freunden einen Flug. Sie fingen
an, unsere Bemühungen auf außenpolitischem Gebiet zu kritisieren und
meinten, daß wir gerade dort eine Menge Geld einsparen könnten. Zunächst
sei noch daran erinnert, daß hinter der Auslandshilfe keinerlei Interessenvertretung in den Wahlbezirken steht. In dieser Frage hängt
alles von der Einsicht des amerikanischen Volkes ab, nicht aber von
selbstsüchtigen Interessen.
Und sie erklärten mir: "Sie sagen, daß Sie bemüht sind, sparsam
zu wirtschaften und Geld einzusparen, dabei geben Sie dieses Geld anderswo aus, während ein Farmer aus Texas, der von der Dürre schwer heimgesucht worden ist, noch nicht einmal genug Maismehl und auch sonst
keine richtige Unterstützung erhält."
"Lassen Sie mich das", so erwiderte ich, "mit einfachen Worten
klarlegen. Wir fliegen hier in diesem Flugzeug( und wir wollen einmal
annehmen, es gehöre uns. Wir haben uns über die Betriebskosten informiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß wir zuviel dafür aufwenden. Nun wollen wir also Geld sparen. Dabei fällt uns auf, daß wir zwei
Stewards an Bord haben. Wir überlegen uns, daß einer eigentlich genug
sein müsse, und so entlassen wir einen von beiden.
Dann einigen wir uns, daß wir mit der Maschine keine so weiten
Strecken mehr zurücklegen wollen. Somit braucht das Flugzeug auch
keinen so großen Brennstoffvorrat mehr, und wir können abermals Geld
sparen, indem wir einen Brennstofftank ausbauen und dafür mehr Nutzfracht mitnehmen. Wir wollen auch noch darauf verzichten, die Maschine
bei Schlechtwetter einzusetzen, und so können wir den Beobachter,
einen sehr erfahrenen Mann, entlassen und seine Aufgaben dem zweiten
Piloten übertragen. Und dann werden wir auch noch an der Ausstattung
einsparen. Wir werden die Bodenmatten herausnehmen und so weiter.
Bisher hatten wir auf alle diese Dinge Wert gelegt. Nunmehr aber,
seit wir herausgefunden haben, wieviel dies alles kostet, wollen wir
darauf verzichten. Dabei sind wir mit unseren Einsparungen längst nicht
zufrieden." Schließlich kommt einer auf die kluge Idee: "Bauen wir
doch einen der Motoren aus, dann brauchen wir nicht mehr so viel Brennstoff."
Und damit sind wir wieder bei der Auslandshilfe. Die Auslandshilfe ist eine der treibenden Kräfte unserer Politik, sie bringt uns

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

uns voran in dieser Welt und gibt der Entwicklung einen stetigen Kurs.
Und so.erklären die übrigen Passagiere: "Einen Motor auszubauen,ist
doch Wahnsinn. Fällt einmal ein weiterer Motor aus, wenn wir gerade
über dem Meere sind, so haben wir damit wahrscheinlich auch unsere gesamte Kraftreserve verloren und sacken dann ab. Damit sind wir in eine
Notlage geraten und haben keine Möglichkeit mehr, uns selbst zu helfen."
Die Auslandshilfe, meine Damen, wird mit dem Ziel durchgeführt,
die Sicherheit und Stärke der Vereinigten Staaten zu erhalten. Sie
verhindert die Isolierung der USA als eines prosperierenden, reichen
und mächtigen Landes. Wir würden in eine isolierte Position geraten,
wenn wir uns weigerten, den Entwicklungsländern bei der Durchsetzung
ihrer rechtmäßigen nationalen Ambitionen zu helfen, bei der Erreichung
ihrer nationalen Unabhängigkeit und der Schaffung einer wirtschaftlichen
Basis, die die Wahrung dieser nationalen Unabhängigkeit gestattet.
Darum und nur darum geht es.
Man kann meiner Meinung nach nicht in Freiheit leben und es gleichzeitig zulassen, daß die Freiheit bis auf unsere eigenen Küsten zurückgedrängt wird und dann lediglich noch in den Vereinigten Staaten fortbesteht. Das ist nicht möglich, dazu sind die Völker der Erde viel zu
sehr voneinander abhängig.
Nun möchte ich keineswegs auch nur eine Sekunde behaupten - und
das erinnert mich daran, daß meine Rede schon recht lang geworden ist -,
daß sämtliche dafür aufgewandten Mittel eine vernünftige Investition
darstellen. Ich weiß von jenen Zeitungsartikeln, in denen berichtet
wurde, daß in Persien oder irgendwo anders Waren gekauft worden sind,
für die, wie sich später erst herausstellte, überhaupt keine Verwendungsmöglichkeit bestand, weil die Menschen dort noch nicht einmal
wußten, wie man eine Hacke benutzt, und noch anderes mehr. Es ist nur
natürlich, daß auch Fehler begangen wurden, denn wo Menschen handeln,
wird es immer Fehler geben. Oftmals ist man mit zu großer Hast zu Werke
gegangen oder man war von der Vorstellung gepackt, man könne durch
Geld Freunde erkaufen und erhalten. So geht es natürlich nicht.
Wir können aber diesen Völkern sehr wohl durch unsere Haltung
und durch einige Investitionen helfen. Es ist gefährlich, eine allzu
enge Parallele zwischen unseren eigenen Erfahrungen und denen einiger
dieser Länder ziehen zu wollen. Sie müssen bedenken, daß wir, als wir
in der Zeit der Erschließung unseres Landes Investitionskapital in
Form von Krediten aus dem Ausland hereinnahmen, über reiche natürliche
Hilfsquellen verfügten. Jene Kredite waren praktisch nur eine Hypothek
auf unsere reichen Hilfsquellen. Unser Land war nur sehr dünn besiedelt.
In der Zwischenzeit hat unsere Bevölkerung in einem unseren Hilfsquellen entsprechenden Maße zugenommen. Diese Entwicklung vollzog sich unter Bedingungen, die uns die größte Wirtschaftsblüte eingebracht haben,
die je ein Staat mitgemacht hat.

Jene

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15. Mai 1957

Jene anderen Staaten sind zum Teil weit über das Maß hinaus bevölkert, das ihren natürlichen Hilfsquellen entspräche - und ohne
jegliche Finanzreserve. Wie soll man in jenen Ländern das Kapital
aufbringen, das zum Bau von Straßen, Eisenbahnlinien und Nachrichtenverbindungen benötigt wird, zur Beschaffung jener Dinge also, die die
Voraussetzung dafür bilden, daß ein Volk auf eigenen Füßen stehen kann?
Und gerade dazu wollen wir diesen Völkern verhelfen, da wir an den
Frieden glauben.
Wir glauben an den Frieden. Und wir glauben daran, daß es um so
weniger Kriege geben wird, ein je höheres Maß an Selbstregierung diese Völker erringen und'je mehr die Entscheidung über das Weltgeschehen
in die Hände jener Menschen gelegt wird, die gegebenenfalls einen Krieg
auszufechten hätten. Das ist unser fester Glaube.
Und damit komme ich. zu dem eingangs geäußerten Gedanken zurück,
wie sehr es mich freut, daß Sie hier so großen Anteil an diesen Fragen
nehmen. Wenn das amerikanische Volk diese einfachen Wahrheiten nicht .'versteht,
die ich heute morgen hier in so groben Umrissen aufgezeigt habe, und wenn
es nicht dazu beiträgt, ihnen zum Durchbruch zu verhelfen, dann ist die
Zukunft keineswegs so rosig wie sie sein sollte.
Wenn die Amerikaner diese Dinge aber wirklich
werden sie auch einsehen, daß es das kleinere Übel
wir heute Geld opfern; denn die Alternative könnte
sere Söhne auf dem Schlachtfeld opfern müssen. Und
wir verhindern.

begriffen haben, dann
wählen heißt, wenn
heißen, daß wir ungerade das wollen

Aus diesen Erwägungen heraus sollten wir bei unseren Bemühungen
um Einsparungen unser Augenmerk auf den äußeren Aufwand, eine etwaige
Erhöhung des Personalstandes und all jene anderen Dinge richten, die
v/ir gefordert haben, sofern wir glauben, ein solches Vorgehen sei ohne
Gefährdung der Sicherheit möglich und uns selbst gegenüber gerecht und
fair. Wir dürfen aber keineswegs die Motoren unseres Staatsschiffes
über Bord werfen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./15Q.1957
DAS PROGRAMM FÜR GEMEINSAME SICHERHEIT IN SEINER NEUEN FORM

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der stellvertretende Staatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten im U.S.-Außenministerium, John
Dillon, am 2.Mai 1957 in Harriman (New York)
vor der "American Assembly" gehalten hat.
Im vergangenen Jahr sind unsere Programme für Geneinsame
Sicherheit von verschiedenen Seiten einer kritischen Überprüfung
unterzogen worden. Ihre gegenseitige Verflechtung machte es dem
amerikanischen Volke schwer, eine klare Vorstellung von diesen
Programmen zu gewinnen. Fälschlicherweise ist in verschiedenen
Kreisen der Eindruck entstanden, die Vereinigten Staaten seien
in dem Versuch, anderen Ländern einen Gefallen zu tun und unter
Außerachtlassung ihrer eigenen Interessen dabei, etwa 4 Milliarden
Dollar amerikanischer Steuergelder im Jahr wegzuschenken.
Selbstverständlich entspricht dies nicht den Tatsachen; es
ist aber keineswegs zu leugnen, daß dies heute viele Amerikaner
glauben.
Vielfach hat sich auch das Gefühl verbreitet, daß unsere
Wirtschaftshilfeprogramme nicht so wirksam durchgeführt werden,
wie es notwendig wäre, und daß staatliche Mittel im Ausland verschwendet worden sind.
Das alles hat Anlaß zu einer umfassenden und gründlichen
Überprüfung unserer Programme für Gemeinsame Sicherheit gegeben.
Das ist nur zu begrüßen, handelt es sich doch um komplizierte und
kostspielige Programme.
Solche Überprüfungen wurden vorgenommen von einer vom Präsidenten eingesetzten Kommission, einem Beratenden Ausschuß des
Präsidenten, dem außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses,
einem Sonderausschuß des Senats und den zuständigen Bundesbehörden.
Universitäten, Wirtschaftskreise und Forschungsinstitute haben sich
mit diesen Fragen beschäftigt und sie erörtert. Die heutige Sitzung
der American Assembly stellt nur einen der zahlreichen ernsthaften
Versuche seitens privater Gruppen dar, die richtige Antwort auf diese
für die Zukunft des amerikanischen Volkes so wichtige Frage zu finden»
Kurz

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15- Mai 1957

Kurz gesagt, solche Überprüfungen sind nicht nur durch amtliche Stellen in Washington erfolgt; es haben sich viel mehr auch
zahlreiche hervorragende private Bürger unseres Landes eingeschaltet,
von denen einige der klügsten heute hier unter uns weilen.
Wir hoffen gerade angesichts dieses regen Interesses von amtlicher
und privater Seite, daß sich ein Weg finden läßt, um das Programm neu
abzustecken, es klarzustellen und zu vereinfachen, damit das amerikanische Volk die Überzeugung gewinnen kann, daß wir die richtigen Ziele
mit den richtigen Methoden anstreben.
Gibt es nun irgendwelche allgemeinverbindliche Richtlinien, die
sich aus all diesen Überprüfungen und Überlegungen herleiten ließen?
Genießt es die generelle Unterstützung des Volkes? Diese Fragen sind
mit einem klaren Ja zu beantworten. Aus allen Berichten und Studien
ergeben sich zwei allgemeine Folgerungen; sie sind übereinstimmend
vorhanden, wenn auch einmal mehr, einmal weniger deutlich ausgedrückt.
Als erste und wichtigste Folgerung ergibt sich die Übereinstimmung
darüber, daß die Fortsetzung eines Programms der Gemeinsamen Sicherheit
im Interesse der Vereinigten Staaten liegt, und daß wir ein solches
Programm auf lange Zeit fortsetzen sollten. Solange es einen internationalen Kommunismus in seiner heutigen Form gibt und dieser unsere
Existenz gefährdet, sei es durch die direkte militärische Bedrohung,
sei es auf dem Wege der wirtschaftlichen Durchdringung oder umstürzlerischer Umtriebe, und solange die ungestümen Forderungen nach wirtschaftlichem Fortschritt in den unterentwickelten Gebieten die freien
und demokratischen Institutionen in diesen Ländern in ihrer Existenz
bedrohen, solange müssen wir das Programm für Gemeinsame Sicherheit
in der, einen oder anderen Form v/eiterführen.
Als zweite allgemeine Folgerung ergibt sich aus allen Überprüfungen die Notwendigkeit, mehr als bisher Klarheit über das Wesen des
Programms für Gemeinsame Sicherheit zu schaffen. Sowohl die Ziele des
Programms als auch die Methoden, die wir zur Erreichung dieser Ziele
anwenden, müssen des weitgehenden Verständnisses des amerikanischen
Volkes sicher sein, wenn die Unterstützung der breiten Masse gewonnen werden soll.
Worauf sind nun die Unklarheiten zurückzuführen, die über das
Programm für Gemeinsame Sicherheit bestehen? Die Antwort darauf ist
einfach. In der Vergangenheit haben wir unter der Bezeichnung Gemeinsame Sicherheit eine Anzahl der verschiedensten Programme zusammengefaßt, einen umfangreichen Komplex der unterschiedlichsten Vorhaben.
So hat man zum Beispiel in den vergangenen sechs Jahren unter
Gemein-ümer Sicherheit die Lieferung von 44 000 Geschützen, 40 000
Panzern und Sturmgeschützen und 7000 Flugzeugen an die Streitkräfte
unserer Verbündeten, als auch die Gewährung von Anleihen zum Bau von
Staudämmen, Straßen und Hafenanlagen verstanden.
Man hat darunter ferner die technische Unterstützung verstanden, in
deren Rahmen Aufklärungsaktionen über die beste Art des Pflügens oder die
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

die Moskitobekämpfung zur Eindämmung der Malaria durchgeführt
wurden.
Alle diese Projekte, die Ausgaben in Höhe von etwa 4 Milliarden
Dollar verursachen, sind in unserem Staatshaushalt unter einem
Titel zusammengefaßt. Es war für das amerikanische Volk sehr
schwierig, wenn nicht unmöglich, sich ein genaues Bild darüber
zu machen, welche Summen davon für militärische Zwecke, welche
für langfristige Investitionen und welche für technische Unterstützungen oder unvorhersehbare Ausgaben bestimmt waren.
Y/egen der Vielschichtigkeit des Programms ist die in der
Öffentlichkeit hervorgerufene Verwirrung leicht begreiflich.
Deshalb sind wir jetzt nach Kräften bemüht, bessere Methoden zu
entwickeln, um das Verständnis des amerikanischen Volkes für das
Programm zu wecken, ihm seine Ziele auseinanderzusetzen und gleichzeitig die Verantwortung für die verschiedenen Teile des Programms
denjenigen Stellen zuzuweisen, die ohnehin für die entsprechenden
Vorhaben zuständig sind.
Die Grundzüge dieses neuen Kurses wurden zuerst am 8.April
von Außenminister Dulles dargelegt, als er vor dem Sonderausschuß
des amerikanischen Senats aussagte. Noch im Laufe dieses Monats
wird der Präsident die betreffenden Vorschläge fertigstellen und dem
Kongreß unterbreiten.
Heute abend möchte ich Ihnen gern einen kurzen Überblick über
unsere Auffassungen geben.
Lassen Sie mich zunächst auf den militärischen Teil des Programms
für Gemeinsame Sicherheit eingehen. Er ist bei weiten der unfangreichste. Hinsichtlich der Aufwendungen sind hier zwei Kategorien zu unterscheiden.
Die erste schließt die militärische Ausrüstung - Geschütze,
Panzer, Flugzeuge und so weiter - ein, die von uns an Korea, Vietnam,
Nationalchina, die Türkei und andere militärische Verbündete geliefert wurden.
Die zweite umfaßt die Unterstützung an Länder, die in Interesse
unserer gemeinsamen Sicherheit Streitkräfte in einer Stärke unterhalten, die über das Maß hinausgeht, das sie aus eigener Kraft aufzubringen vermögen. Diese zweite Form der Unterstützung wird von
uns als Verteidigungshilfe bezeichnet. Ein gutes Beispiel für diese
Verteidigungshilfe ist die wirtschaftliche Unterstützung, die wir
der Republik Korea gewähren, um zum Unterhalt von 20 Divisionen koreanischer Truppen beizutragen, die einen so wichtigen Teil unserer gemeinsamen Verteidigung gegen die rotchinesische Bedrohung bilden.
Etwa 2 Milliarden Dollar oder die Hälfte der gegenwärtigen Bewilligungen für das Programm für Gemeinsame Sicherheit werden für
militärische Ausrüstung verv/endet • Eine knappe Milliarde Dollar wird
im Jahr für die Verteidigungshilfe benötigt. Von dieser 1 Milliarde

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

1 Milliarde erhalten unsere NATO-Verbündeten keinen einzigen Dollar.
Der gesamte Betrag fließt denjenigen Verbündeten zu, die größere
militärische Streitkräfte unterhalten, als sie sich selbst leisten
können. Etwa 3 Milliarden Dollar im Jahr, das sind drei Viertel der
Gesamtaufwendungen für unser Programm für Gemeinsame Sicherheit,
werden also für militärische Zwecke verwendet.
Diese militärische Unterstützung, die für die Ausrüstung und
den Unterhalt starker Streitkräfte benötigt wird, bildet einen unerläßlichen Bestandteil der Verteidigung der freien \7elt und dient zur
Abschreckung eines kommunistischen Angriffs. Der Chef des gemeinsamen
Stabes der US-Streitkräfte, Admiral Radford, umriß das Problem im vergangenen Jahr klar und deutlich, als er erklärte, daß das militärische
Hilfsprogramm ein wesentlicher Bestandteil des Programms des amerikanischen Verteidigungsministeriums sei. Die Aufwendungen zur Unterstützung
unserer Verbündeten unterscheiden sich weder hinsichtlich Zweck, Bedeutung oder Ziel von unseren eigenen militärischen Ausgaben. Die Tatsache,
daß dieser Teil unseres Programms nicht in den Haushalt des Verteidigungsninisteriums einbezogen wurde, erklärt sich aus Verfahrens- und
verwaltungstechnischen Erwägungen und hat keine grundsätzliche Bedeutung.
Wir beabsichtigen nun, das Verfahren zu ändern und von jetzt ab
sämtliche für die militärische Auslandshilfe bestimmten Mittel im Haushaltsplan des Verteidigungsministeriums aufzuführen, damit sie wirklich
als das in Erscheinung treten, was sie sind, nämlich ein Teil des
militärischen Sicherheitsprogramms der Vereinigten Staaten. Wir wollen
vorschlagen, diese Summe von etwa drei Milliarden Dollar aus der Bewilligungsvorlage für Gemeinsame Sicherheit zu streichen und diesen
Betrag dem Haushaltsvoranschlag des Verteidigungsministeriums für die
bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten hinzuzufügen.
Das Verteidigungsministerium hat darüber zu entscheiden, wieviel
mit amerikanischen \7affen ausgerüstete Divisionen notwendig sind,' um
die Republik Korea und andere Gebiete zu verteidigen, in denen wir und
unsere Verbündeten,kommunistischen Streitkräften gegenüberstehen. Es
ist nur logisch, daß das Verteidigungsministerium dem Kongreß und damit
auch dem amerikanischen Volke Rechenschaft über die Ausgaben für die
Ausrüstung und den Unterhalt dieser Divisionen abzulegen hat.
Andererseits ist das Verteidigungsministerium nicht auf die Bewältigung des routinemäßigen Arbeitsanfalls eingerichtet, den die Verwaltung der für den Unterhalt dieser Streitkräfte unserer Verbündeten
benötigten Mittel aus der Verteidigungshilfe mit sich bringt. Obwohl
sie rein militärischen Zwecken dienen, stellen diese Mittel eine Form
der wirtschaftlichen Unterstützung dar« Diese Unterstützung kann aber
am besten über die gleiche Organisation gewährt werden, die auch für die
übrigen Formen der Wirtschaftshilfe zuständig ist. Deshalb soll vorgeschlagen v/erden, die Verwaltung und Vergebung dieser für die Verteidigungshilfe bestimmten Mittel dem Amt für Internationale Zusammenarbeit
(ICA) ZU übertragen, das gegenwärtig die gesamte amerikanische Wirtschaftshilfe verwaltet.
Wenden

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. llai 1957

V/enden wir uns nun dem rein wirtschaftlichen Teil des Programms
für Gemeinsame Sicherheit zu, der in erster Linie zur Unterstützung
der Entwicklungsländer bestimmt ist. Dabei erhebt sich die Frage,
warum sich die Vereinigten Staaten überhaupt um den wirtschaftlichen
Fortschritt in diesen Ländern kümmern sollen.
Sämtliche im vergangenen Jahr durchgeführten Untersuchungen
stimmen darin überein^ daß es für die Vereinigten Staaten von entscheidender Bedeutung ist, am wirtschaftlichen Aufbau dieser Länder
mitzuwirken und ihnen dabei zu helfen, unabhängig davon, ob sie
militärisch mit uns verbündet sind oder nicht.
Angesichts der sich heute in Asien und Afrika vollziehenden revolutionären Veränderungen ist es leicht begreiflich, warum eine
solche Politik im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten liegt.
In den Staaten, die seit Ende des 2.Weltkrieges neu entstanden sind,
leben heute 700 Millionen Menschen, angefangen bei Indien mit einer
Bevölkerung von 400 Millionen bis Libyen mit etwas über 1 Million.
Die meisten dieser Menschen und noch Millionen Menschen in älteren
Staaten leben in primitiven und rückständigen Verhältnissen, doch
haben ihnen moderne Nachrichtenmittel das Wissen um die Tatsache
vermittelt, daß andere Völker auf dem gleichen Planeten unter weit
günstigeren und glücklicheren wirtschaftlichen Bedingungen leben als
sie selbst.- Daher fordern diese Völker von ihren Regierungen eine
Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage, und zwar möglichst rasch.
Y/enn es den unterentwickelten Ländern nicht gelingt, ihrem Ziel
der Verwirklichung ihrer wirtschaftlichen Aspirationen in Freiheit und
Demokratie näherzukommen, dann besteht die ernste Gefahr, daß sie
dem Totalitarismus dieser oder jenerPrägung verfallen, unter dem diese
Menschen in dem Versuch, die vom Staat gesteckten Ziele zu erreichen,
ihrer materiellen Güter und ihrer Freiheit beraubt werden würden.
Das ist also die Lösung, die die Kommunisten.überall in den unterentwickelten Gebieten feilbieten. Sie erklären, daß ihr und nur ihr
System die rasche Verbesserung der wirtschaftlichen Lage bringen könne,
die sie so sehr wünschen* Und sie ergänzen diese Propagandakampagne
durch eine nachdrücklich betriebene Kampagne der wirtschaftlichen
Durchdringung und Unterwanderung, die eine ständige Bedrohung der
Stabilität und des Friedens in diesen weiten und stark bevölkerten
Gebieten der Erde darstellt.
Es dürfte auf der Hand liegen, daß das nationale Interesse der
Vereinigten Staaten am ehesten in einer Welt gewährleistet ist, in
der freie Institutionen den Gang der Ereignisse bestimmen und freie
und demokratische Regierungen das Sehnen des Volkes nach einer Verbesserung seiner wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse ohne Anwendung von Zwang stillen können.
Deshalb sollten wir in unserem Interesse alles tun, was in unseren
Kräften steht, um den Völkern in den Entwicklungsländern zu helfen und
sie damit in die Lage zu versetzen, der kommunistischen Bedrängnis
zu widerstehen. Ein wirtschaftlicher Aufstieg würde es ihnen ferner

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

15. Hai 1957

ferner gestatten, sich in stärkerem Maße und zum Nutzen aller - und
damit auch der Vereinigten Staaten - am Welthandel zu beteiligen.
Unser entscheidendes Motiv aber für die Gewährung dieser Art Unterstützung besteht meiner Meinung nach in der Verfolgung unseres wohlverstandenen Eigeninteresses, indem wir zur friedlichen Weiterentwicklung einer Welt beitragen, in der freie und demokratische Institutionen gedeihen können.
Wir glauben, daß die Entwicklung am ehesten durch privates
Kapital, sowohl aus dem eigenen Lande als auch aus dem Ausland, gefördert v/erden kann. Aber in dem Gebiet, über das wir hier sprechen,
ist einfach nicht genügend Kapital für die Verwirklichung all jener
Vorhaben vorhanden, deren Durchführung unerläßlich ist. Auch fehlt
es an Arbeitskräften mit einer ausreichenden technischen Ausbildung.
Uns kommt die Aufgabe zu, das mangelnde Kapital und Wissen beizusteuern. Ganz zwangsläufig wird unser Beitrag gegenüber den Anstrengungen der betreffenden Länder klein sein; wir können aber den
Wachstumsprozeß bis zu jenem Zeitpunkt fördern, an dem diese Völker
über genügend eigenes privates Kapital und über entsprechende Hilfsquellen verfügen, um auf eigenen Füßen stehen zu können. Das wird
natürlich lange Zeit dauern. Aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus
müssen wir uns somit solcher Methoden bedienen, die ein Arbeiten auf
lange Sicht ermöglichen.
Deshalb beabsichtigt die Regierung,die Schaffung eines Fonds
für wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der Verwaltung für Internationale Zusammenarbeit (ICA) vorzuschlagen, der eine Institution
von der Art der Export-Import-Bank darstellen würde.
Statt wie bisher jährlich im voraus Dollarbeträge für die Unterstützung der einzelnen Länder festzusetzen und hier in Washington
Pläne für Projekte in aller Welt auszuarbeiten, würden die Regierungen
der fraglichen Länder von sich aus gesunde Pläne ausarbeiten und dann
einen Antrag auf Gewährung von Krediten zur Deckung der Kosten stellen.
Wir würden auf diese Weise genügend Zeit zur sorgfältigen Überprüfung
und Begutachtung der Pläne für die einzelnen Vorhaben gewinnen, da
wir unsere Entscheidung nicht mehr nur von Jahr zu Jahr treffen müßten.

Wir könnten in jedem einzeten Fall je nach Lage der Dinge frei entscheiden.
Wir würden Kredite nur in jenen Fällen gewähren, in denen die Gewähr dafür gegeben ist, daß die betreffenden Vorhaben mit hinreichender
Sachkenntnis angepackt werden und in denen die berechtigte Hoffnung
besteht, daß sie mittelbar oder unmittelbar zur Steigerung der Produktionskapazität des Empfängerlandes beitragen.
Die Aufgaben des Fonds für wirtschaftliche Entwicklung werden
sich nicht mit denen der Weltbank, der Export-Import-Bank und der
privaten Kreditinstitute überschneiden. Es ist vielmehr geplant, daß
er Kredite nur für Vorhaben gewährt, die sieh nachweislich nicht über
andere staatliche Stellen'oder private Geldgeber finanzieren lassen.
Der Fonds für wirtschaftliche Entwicklung würde sich von der Weltbank auch insofern unterscheiden, als die entsprechenden Projekte nicht

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Mai 1957

nicht notwendigerweise so geartet sein aussen, daß ihre Verwirklichung
zu einer Steigerung des Außenhandels führen muß, die eine prompte
Rückzahlung der Dollaranleihen sicherstellt. Es wäre damit zu rechnen,
daß bei den meisten der vom Fonds zu gewährenden Kredite Rückzahlbarkeit des größten Teils der Kreditsumme in der Währung des Empfängerlandes vereinbart werden würde. So würde beispielsweise ein an
Indien vergebener Kredit in Rupien zurückbezahlt.
Eine solche Rückzahlbarkeit in Landeswährung würde natürlich
eine Rückzahlung in Dollars nicht ausschließen. So wäre der Fall
denkbar, daß der Fonds einem wirtschaftlich unterentwickelten Land
einen in Landeswährung rückzahlbaren Kredit mit einer Laufzeit von
15 oder 20 Jahren einräumt. Nach Rückzahlung des Kredites könnte man
dieses Geld eventuell abermals demselben Land kreditieren, und es
bestünde dann wohl die berechtigte Hoffnung, daß sich die wirtschaftliche
Situation des Empfängerstaates inzwischen so weitgehend gebessert hat,
daß er diesen zweiten Kredit mindestens zum Teil in Dollars zurückzuzahlen vermag. Auf diese V/eise würde der größte Teil dieser auf Devisenbasis vereinbarten Kredite schließlich in Dollars zurückbezahlt werden.
Das entscheidende Charakteristikum des Fonds für wirtschaftliche
Entwicklung, in dem er sich von den gegenwärtigen Praktiken unterscheidet
besteht darin, daß er - ähnlich wie die Export-Import-Bank - eine ständige und nicht zu eng gefaßte Vollmacht zur Betätigung in aller Welt
hätte. Es entfiele für ihn die Verlängerung seiner Befugnisse von
Jahr zu Jahr. Damit wäre der Fonds in der Lage, genau wie ein Unternehmer, ein Bankier, der Präsident einer Universität oder ein Farmer,
in die Zukunft zu planen. Das Ergebnis müßte eine weit v/irksamere und
zweckmäßigere Verwendung der von den Vereinigten Staaten für derartige
Vorhaben bereitgestellten Mittel sein.
Die Export-Import-Bank kann Kredite nur dann gewähren, wenn damit
eine Förderung der amerikanischen Ausfuhren bewirkt wird« Ihre Kredite
sind nur in Dollars rückzahlbar. Der neue Fonds würde die Tätigkeit
der Export-Import-Bank und der Weltbank ergänzen.Er würde auch ermächtigt sein, Zusatzkredite zu Vorhaben zu gewähren, an deren Verwirklichung die genannten Institute beteiligt sind.
Wie Außenminister Dulles bereits gesagt hat, ist damit zu rechnen,
daß der neue Fonds Kredite von jährlich rund 750 Millionen Dollar vergeben wird« Im kommenden Finanzjahr, in dem der Fonds seine Tätigkeit
aufnehmen soll, werden sie voraussichtlich weit hinter dieser Zahl
zurückbleiben.
Neben^den Mitteln für militärische Aufgaben und für Zwecke der
wirtschaftlichen Entwicklung enthält das Budget des Programms für
Gemeinsame Sicherheit in Höhe von rund 4 Milliarden Dollar noch weitere 500 Millionen Dollar» Diese Mittel würden für die Deckung der
Ausgaben für Verwaltung sowie für das technische Hilfeprogramm und
unsere Beiträge zu internationalen Institutionen und Vorhaben wie das
Internationale Kinderhilfswerk und die Flüchtlingshilfe verwendet werden.
Sie würden es uns ferner gestatten, bei Auftreten irgendwelcher Notstände, die eine solche Unterstützung angebracht erscheinen lassen,
nichtrückzahlbare Zuwendungen zu gewähren und unterstützungsbedürftigen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Hai 1957

unterstützungsbedürftigen Ländern, denen eine anderweitige Beschaffung
von Krediten nicht möglich ist, eine eng begrenzte Finanzhilfe zukommen zu lassen.
Das wichtigste an allen diesen Dingen ist, daß das amerikanische
Volk erfährt, daß der Betrag, den wir für technische Hilfe und für jene
Fälle vorschlagen, in denen noch immer Beihilfen notwendig sind, unter
500 Millionen Dollar im Jahr liegt und damit nur einen geringen Prozentsatz unseres Gesamtbudgets ausmacht.
Durch dieses neue Programm, das ich hier in seinen Grundzügen
umrissen habe, hoffen wir drei Dinge zu erreichen:
Erstens: Durch eine Zusammenfassung der Verantwortung für die
Ausgabenpolitik auf dem militärischen Sektor des Programms im Verteidigungsministerium, wo sie ohnehin hingehört, werden wir sicherstellen, daß unsere militärischen Programme bei gebührender Rücksichtnahme auf die Erfordernisse unserer nationalen Sicherheit mit größtmöglicher Sparsamkeit durchgeführt werden.
Zweitens: Durch die Überführung unserer Programme zur wirtschaftlichen Entwicklung auf eine Kreditbasis durch eine Planung auf lange
Sicht und durch die Verwaltung nach streng wirtschaftlichen Grundsätzen
werden wir eine wirksamere und zweckmäßigere Verwendung dieser Mittel
sicherstellen, so daß das amerikanische Volk das Bewußtsein haben kann,
es werden keine Gelder verschwendet.
Drittens: Wir werden - und das ist das wichtigste - unserem Volk
zeigen können, wofür und warum sein Geld ausgegeben wird.
Durch derartige und, meiner Meinung nach, nur derartige Methoden
können wir hoffen, ein vernünftiges Programm für Gemeinsame Sicherheit mit einem maximalen Wirkungsgrad fortzuführen. Zum Schluß
möchte ich schnell noch an eines erinnern: Dieses Programm ist
ein unerläßlicher Bestandteil unserer Sicherheitsbestrebungen, aus
denen uns eines Tages ein echter Friede erwachsen soll.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Alle./15.5.1957
DULLES ERSUCHT KONGRESS Uli ZUSTIMMUNG ZUM BEITRITT
DER USA ZUR INTERNATIONALEN ATOMBEHÖRDE
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Y/ortlaut einer Erklärung, die
US-Außenminister John Poster Dulles am 10.
Mai 1957 vor dem Außenpolitischen Senatsausschuß abgegeben hat.

Vor dreieinhalb Jahren, am 8.Dezember 1953* hat Präsident
Eisenhower seinen aufrüttelnden Appell zur Nutzung der Atomenergie für friedliche Zwecke an die V/elt gerichtet. In seiner
Ansprache vor der Generalversamulung der Vereinten Nationen
schlug der Präsident vor, "einen V/eg zu suchen, auf dem des
Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung
gebraucht, sondern seinem Leben geweiht wird." Zu diesem
Zwecke regte er die Schaffung einer internationalen Behörde
zur Zusammenfassung spaltbaren Materials und einschlägiger
technischer Kenntnisse an, deren Aufgabe es sein sollte, die
Nutzung der Atomenergie für friedliche Zwecce zu fördern.
Sein Vorschlag war eine tatkräftige Inangriffnahme der
Probleme, die sich im Zusammenhang mit der Freisetzung der
Kernenergie ergeben hatten. Im Jahre 1946, als die Vereinigten
Staaten das Atom-Monopol hatten, machten wir den ersten Versuch,
das Atom unter Kontrolle zu bringen. Der Baruch-Plan war geeignet, der Herstellung von Atomwaffen in der Ueise ein Ende zu
setzen, daß die gesamte Freisetzung ..von Kernenergie unter internationale Kontrolle gestellt worden wäre. Dieser Plan hatte das
Ziel, die Völker dieser Erde vor der Vernichtung durch einen
Krieg mit Atomwaffen zu bewahren. Sieben Jahre lang hat die
Sowjetunion jeden Fortschritt auf diesem V,rege verhindert, indem sie sich weigerte, ihre Zustimmung zu einer Inspektion
und Kontrolle in diesem Bereich zu geben. Es ließ sich bis jetzt
noch kein Ausweg aus dieser Sackgasse finden. Angesichts dieses
geradezu niederdrückenden Verhandlungsklimas kam Präsident Eisenhowers Vorschlag über die Schaffung einer Atombehörde für friedliche Aufgaben wie ein Hoffnungsstrahl. Er wurde deshalb von aller
V/elt mit Beifall aufgenommen.
In

�"AMERIKA DIENST"

15' Hai 1957

In der seit der Bekanntgabe dieses Vorschlags verstrichenen
Zeit hat sich nur noch eindeutiger gezeigt, wie notwendig eine solche
Behörde ist. Die Bemühungen um die Erzeugung von elektrischem Strom
durch Umwandlung von Atomenergie haben große Erfolge gezeitigt. Das
eigentliche Experimentierstadium ist abgeschlossen. Atomkraftwerke
werden morgen eine Realität sein, ja, einige befinden sich bereits
im Bau. Der Energiebedarf steigt sprunghaft. Immer mehr Menschen
wenden ihre Aufmerksamkeit der Erforschung der Gewinnung von
Energie aus dem Atom zu.
Gleichzeitig wächst aber auch das Bewußtsein für einige der
Gefahren, die dieser Portschritt in sich birgt. Bei der Gewinnung
von Strom durch die Freisetzung von Kernenergie wird meines Wissens
bei Anwendung der derzeitigen Verfahren für Kernwaffen verwendbares
Spaltmaterial gewonnen, das bei Fehlen einer Kontrolle und Inspektion
auf diesem Gebiet sehr leicht seinen Weg in die Kriegsarsenale
nehmen könnte. Die Erzeugung von Atomstrom bedingt auch den Anfall
von Abfallprodukten, die die Gesundheit und die allgemeine Sicherheit zu gefährden geeignet sind. Heute ist der Schutz gegen die unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Atomzeitalters noch weit
wichtiger geworden.
Die Satzungen der Internationalen Atomenergiebehörde sind so
gehalten, daß diesem Schutzbedürfnis Rechnung getragen wird. Ausgangspunkt ist der Vorschlag des Präsidenten. An der eigentlichen
Ausarbeitung der Statuten beteiligten sich rund 80 Staaten. Unter
ihnen waren Länder auf jeder Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung
und jeder politischen und kulturellen Schattierung. Trotz der Notwendigkeit, diese unterschiedlichen Interessen miteinander in Einklang zu bringen, wurden, in den Statuten sämtliche Elemente des
Vorschlags des Präsidenten dem Geist und Buchstaben nach ohne eigentliche Abstriche beibehalten.
Die Tatsache, daß so viele Staaten den Text der Statuten auf der
New Yorker Konferenz vom vergangenen Herbst einstimmig gebilligt haben, legt Zeugnis für die Richtigkeit der ursprünglichen Konzeption
ab. Zunächst einmal reagierte die Sowjetunion auf diese Vorschläge
negativ. Angesichts des offenkundigen V/unsches der ganzen Welt aber
hat die Sowjetunion inzwischen ihre Bereitwilligkeit zur Hitarbeit
in der Atombehörde bekundet. Sie versucht sogar, mit uns in einen
Wettstreit um die führende Rolle in diesen Bestrebungen einzutreten.
Bei der Ausarbeitung des Vertragstextes und bei den Verhandlungen
hielten sich die Vereinigten Staaten an ihre große Tradition, ihr
Eigeninteresse mit dem V/ohl der gesamten Menschheit auf einfallsreiche V/eise zu identifizieren.
Nunmehr wende ich mich den konkreteren Aspekten dieser Angelegenheit zu.
II

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�J3IKA DIENST"

15» Hai 1957
II

Welche Vorteile bietet diese Behörde den Vereinigten Staaten
und anderen Ländern?
Erstens: Die Atombehörde wird die Erschließung der Atomkraft
für friedliche Zwecke beschleunigen. Die Geschichte der Atomphysik
zeigt eindeutig, daß Menschen aus vielen Ländern zur Erreichung des
gegenwärtigen Standes der Entwicklung beigetragen haben. Ein Forum,
wie es die Internationale Atombehörde darstellen wird, für den gegenseitigen Austausch von Informationen über neue Entdeckungen und Erfindungen unter den Völkern wird der Erschließung der Atomkräfte für
friedliche Zwecke einen gewaltigen Auftrieb geben.
Zweitens: Die Internationale Atombehörde wird ein wirksames
System von Sicherungen aufweisen, die die Erschließung der Atomkraft
unter gebührender Rücksichtnahme auf die allgemeine Sicherheit gewährleisten.
Eine weitere Verbreitung der Kerntechnik und entsprechender Anlagen liegt auch in unserem eigenen Interesse. Eine rasche und unkontrollierte Erschließung der Atomenergie in allen Teilen der Y/elt
beschv/ört aber das Schreckgespenst von Kernwaffen herauf, die schließlich einmal allenthalben als Nebenprodukte der Atomkraftwerke hergestellt werden können. Soll dies verhütet werden, so ist ein wirksames Sicherungssystem erforderlich. Die Atomkraftwerke werden gebaut
werden. Die Frage ist lediglich, ob ihre Verbreitung überall auf der
Erde im Interesse aller überwacht wird oder nicht.
Kein Land kann allein von sich aus die Verbreitung von Atomkraftwerken kontrollieren. In unseren zweiseitigen Abkommen bauen wir nunmehr auch Sicherheitsbestimmungen ein, einschließlich einer Inspektion
durch amerikanische Beobachter, um eine mißbräuchliche Verwendung von
Kernmaterial auszuschließen. Das ist aber nur eine kurzfristige Lösung.
Souveräne Staaten sind wohl bereit, ein internationales Sj^stem mit
breiter Anwendbarkeit zu akzeptieren; sie werden aber sicher nicht
lange willens sein, ihre Elektrizitätsversorgung unter eine ständige
Überwachung von Technikern zu stellen, die ausschließlich den Interessen eines anderen Staates dienen. Y/enn wir auf lange Sicht einen
sicheren Auslandsmarkt für unser Kernmaterial und unsere Kerntechnik
wünschen, dann muß ein internationales Sicherheitssystem geschaffen
werden, das die Gewähr dafür bietet, daß unsere diesbezüglichen Exporte
nicht neue militärische Gefahren heraufbeschwören.
Das Sicherungssystem, das der Vertrag über die Schaffung der Internationalen Atombehörde aufweist, ist das gleiche wie das amerikanische
Sicherungssystem, das in unseren zweiseitigen Abkommen vereinbart wird«
Bei der Aushandlung des Vertrages wurden keinerlei Kompromisse bezüglich
der Substanz dieser Sicherungen geschlossen. Tatsächlich ist das in der
Endfassung des Vertrages enthaltene Sicherungssystem noch umfassender
als das der ursprünglichen Vertragsentwürfe.
Dieser Vertrag wird den amerikanischen System von Sicherheiten

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15. Hai 1957

Sicherheiten weltweite Bedeutung verschaffen. Wir dürfen mit einigen
Recht hoffen, daß das amerikanische System eines Tages von der ganzen
Welt akzeptiert wird. Auf jeden Fall wird es für sämtliche Länder bezüglich aller Projekte bindend sein, die eine Unterstützung durch
die Atombehörde erfahren sollen.
Drittens: Die Frage des Gesundheitsschutzes und der Betriebssicherheit. 'Vir wissen, daß mit der Nutzung der Atomkraft bei unsachgemäßem Verhalten Risiken und Gefahren verbunden sind. Die
Atombehörde ist auch die geeignete Institution, internationale
Normen für die ständig steigende Zahl von Menschen, die in Atomanlagen arbeiten oder in ihrer Umgebung wohnen, aufzustellen und
zu überwachen.
Viertens: Die Atombehörde wird die Möglichkeit zur Beseitigung
von Engpässen in der Beschaffung von geeigneten Arbeitskräften bieten,
die andernfalls der friedlichen Nutzung der Atomkräfte Grenzen setzen
würden. Technisches Personal ist knapp. Sollte man eine Lösung auf
rein bilateraler Basis anstreben, so würde dies eine sehr ernste Belastung des amerikanischen Arbeitsmarktes bedeuten. Die Atombehörde
kann dafür Sorge tragen, daß die gegenwärtig verfügbaren Fachkräfte
in möglichst zweckmäßiger Form eingesetzt werden und daß durch eine
Koordinierung der Ausbildung der Bestand an technischen Kräften und
\7issenschaftlern laufend zunimmt.
Fünftens: Die Atonbehörde kann dazu beitragen, uns dem Ziel
einer Kontrolle über die Kernwaffen näherzubringen. Wir haben seit
Jahren versucht, in dieser schwierigen Frage zu einer Übereinkunft
zu gelangen. Der springende Punkt war stets die Frage der Kontrollen.
Im Falle der Atombehörde hat sich die überwältigende Mehrheit der
Staaten erstmals in der Geschichte auf ein weitreichendes System von
Kontrollen und Sicherungen geeinigt, w'ir hoffen, daß es die praktische
Durchführbarkeit einer Kontrolle in einer '.Teise demonstrieren wird,
die sich auch auf die Verhandlungen bezüglich der Regulierung und
Verringerung der Rüstungen günstig auswirken wird»
Sechstens:

Die Offenheit, die dieses System mit sich bringen

wird, kann erheblich zu einer Einstellung der weiteren Anhäufung

von Kernwaffen, die ihrerseits eine Rüstungskontrolle stark behindern könnte, beitragen. Es ist ohne weiteres denkbar, daß die
Staaten vielleicht Atomwaffen nur deshalb entwickeln, v/eil sie den
in V/ahrheit sogar unbegründeten Verdacht hegen, daß ihre Nachbarn
ein gleiches tun. Auf Grund dieses Vertrages aber würde die Entwicklung der Atomkraft für friedliche Zwecke ohne Geheimhaltung
und unter internationaler Überwachung vollzogen. Auf diese V/eise
würden sich die einzelnen Staaten weniger stark gezwungen fühlen,
aus Furcht vor Unbekannten Kernwaffen zu entwickeln.
Und schließlich: Die internationale Zusannenarbeit auf einem
neuen Gebiet, das in seiner Bedeutung der industriellen Revolution
vergleichbar ist, kann Auswirkungen zeitigen, die ihr eigenes Gebiet weit übersteigt. Wir sind uns alle der Schwierigkeiten und
Hindernisse bewußt, die einer Einigung mit der Sowjetunion über

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über praktisch jede Frage entgegenstehen. Die Atonbehörde aber stellt
den Beginn einer Zusammenarbeit dar, die sich auch auf das Klima der
internationalen Beziehungen günstig auswirken könnte. Die Spaltung
des Atoms könnte so vielleicht zu einer Einigung der gegenwärtig geteilten Welt führen.
III
Die Verpflichtungen, die die Vereinigten Staaten als Mitglied
der Internationalen Atombehörde auf Grund ihrer Statuten zu übernehmen hätten, sind weder sehr zahlreich noch sehr schwer.
Erstens: Die Statuten besagen nichts darüber, daß die Atombehörde eine "Wohltätigkeitsinstitution" werden solle. Die Länder,
die Material und andere Dinge von der Atombehörde zu erhalten wünschen, müssen dafür einen Preis entrichten, der es ihr gestattet,
das Lieferland voll zu entschädigen. Was die Lieferländer ihrerseits
verfügbar machen wollen - an Material, Dienstleistungen oder Ausrüstungen -, bleibt völlig ihnen überlassen. Die Atombehörde ist nicht
befugt, von irgendeinem Land zu fordern, daß es dieses oder jenes
liefert; sie kann es lediglich dadurch zu Lieferungen bewegen, daß
sie entsprechende Gegenleistungen bietet.
Zweitens: Die Vereinigten Staaten wären verpflichtet, sich anteilig an den Verwaltungskosten der Atombehörde zu beteiligen. Alle
anderen Ausgaben der Behörde müßten aus ihren sonstigen Einkünften
bestritten werden.
Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, was dies für die
Vereinigten Staaten in der Praxis bedeuten kann, sei erwähnt, daß
die Verwaltungsausgaben im ersten Jahr der Tätigkeit der Atombehörde
voraussichtlich sechs Millionen Dollar nicht übersteigen dürften.
Der Anteil, den die Vereinigten Staaten davon zu tragen hätten,
würde sich höchstens auf ein Drittel oder zwei Millionen Dollar
belaufen.
Drittens: Ebensowenig wie die Atombehörde zu einer Wohltätigkeitsinstitution zur Verteilung von Geldern und Material ihrer I'itgliedsstaaten werden kann, wird sie zur Ausgabestelle für Atomgeheimnisse werden. Die Atombehörde wird nicht
als Verteilerstelle
für geheime Informationen fungieren, sondern nur solche Informationen
über die Nutzung der Atomkräfte für friedliche Zwecke verfügbar machen,
die sich auch in Publikationen finden oder bezüglich derer keinerlei
von Sicherheitserwägungen diktierte Einschränkungen bestehen.
Viertens: Der Kernbrennstoff, der über die Atombehörde verteilt werden soll, ist nicht von der Art, wie sie für Kernwaffen
gebraucht wird. Meines Wissens wären eingehende Verarbeitungs- und
Aufbereitungsprozesse nötig, um diesen Kernbrennstoff in die für eine
Verwendung als Explosivstoff von Atomwaffen geeignete Form überzuführen
oder die in ihm enthaltenen Nebenprodukte der für Atomwaffen geeigneten
Form zu extrahieren. Keiner der voraussichtlichen Empfängerstaaten von
Kernbrennstoff aus dem Besitz der Atombehörde verfügt gegenwärtig über

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15. Mai 1957

über die ausgedehnten Anlagen, die für eine derartige Umwandlung oder
Extraktion von Nebenprodukten notwendig wären. Und falls sie diese anschaffen wollten, so könnte dies keinesfalls der Aufmerksamkeit der
Atombehörde entgehen.
IV
Ich habe bereits versucht, die großen Möglichkeiten aufzuzeigen,
die sich dieser Atombehörde bieten: die wirtschaftliche Entwicklung
großer Gebiete der Erde; die Zusammenarbeit mit anderen Staaten, einschließlich der Sowjetunion, und zwar dergestalt, daß damit ein,e Lockerung der internationalen Spannungen eintritt und sich eine Praxis der
friedlichen und konstruktiven Zusammenarbeit herausbildet; die Förderung
der friedlichen Nutzung der Atomkräfte und die Unterbindung einer Ausweitung des Potentials an Kernwaffen auf weitere Staaten; und das Sammeln von Erfahrungen durch die einzelnen Völker im Umgang mit einem System internationaler Sicherungen, die ihrerseits zu einer Stärkung des
Vertrauens beizutragen und die Aussichten auf eine mit entsprechenden
Sicherungsvereinbarungen verbundene Abrüstung zu verbessern vermöge-.
Wir haben die Initiative zur Schaffung der Atombehörde mit Billigung des Kongresses ergriffen. Im Jahre 1954» also noch bevor der Präsident darum ersucht hatte, hat der Kongreß in seine eingehende Revision des Atomenergiegesetzes eine Bestimmung einbezogen, die die Regierung der Vereinigten Staaten ausdrücklich ermächtigt, eine Abmachung
bezüglich der Zusammenarbeit mit einer internationalen Behörde zu
treffen, sobald eine solche mit entsprechender Billigung des Kongresses
geschaffen werden sollte. Nunmehr haben sich tatsächlich 80 Länder unsere
Konzeption zu eigen gemacht. Das ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Diplomatie. Die Ratifizierung der Statuten wird den Vereinigten Staaten die Möglichkeit bieten, auch weiterhin die Führung in
den Bestrebungen zu behalten, die Welt - um mit den Worten des Präsidenten zu sprechen - "von der Furcht hinweg zum Frieden zu führen".

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./22.5.1957
KÜNSTLICHE RADIOAKTIVITÄT IN DER ATMOSPHÄRE
ALS FOLGE VON KERNWAFFENVERSUCHEN
Von Willard F. Libby
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut eines Vortrags von
Dr. Libby, Mitglied der US-AtomenergieKommission, den dieser an 26.April 1957
in Washington vor der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft gehalten hat.
I. Einführung
Die durch die Spaltungsreaktion nach der Explosion einer
Kernwaffe erzeugte Radioaktivität verändert laufend und sehr
rasch ihre besonderen Merkmale, und die Bedingungen, unter denen
die Waffe zur Explosion gebracht wird, sind von größter Bedeutung
für die Errechnung der I.Iengen, in denen die strahlungsaktiven
Stoffe zur Erdoberfläche gelangen. Es entstehen im allgemeinen
drei verschiedene Arten radioaktiven Ausfalls, deren relative
Bedeutung von der Art der Waffen, hauptsächlich deren Wirkungsgrad,
und den Bedingungen, unter denen sie abgefeuert wurden, bestimmt
wird. Diese drei Arten sind: erstens die lokal ausfallende Radioaktivität , die keine große Rolle spielt, wenn der Feuerball nicht
den Erdboden berührt oder diesem sehr nahe kommt, die jedoch für
den Fall, daß der Erdboden doch berührt wird, einen großen Anteil in manchen Fällen sogar bis zu 80 Prozent - an der Gesamtmasse der
Explosionsmaterie hat. Diese Art Radioaktivität gelangt durch die
größeren Materieteilchen in immer tiefere Regionen. Sie wird vor
allem von Materie getragen, die in teilweise oder völlig gasförmigem Zustand durch Sogwirkung von der Erdoberfläche in den Feuerball emporgerissen wurde. Unter diesen Bedingungen wird soviel
Materi.e durch die Berührung des Feuerballs mit dem Erdboden verdampft, daß in den unmittelbar darauf abgekühlten Zonen der Gaswolke große Partikel gebildet werden.
Die zweite und dritte Art der ausfallenden Radioaktivität
wird über die ganze Erde getragen; sie besteht aus feinen Teilchen und wird danach unterschieden, ob die Materie in Schichten
der unteren Zone der Atmosphäre, das heißt in die Troposphäre, in der
sich die Niederschlags- und Wettervorgänge abspielen, oder aber in
die höheren atmosphärischen Zonen - die Stratosphäre - gelangt, _i_n_
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in der keine Niederschlagsmechanismen wirksam sind. Der troposphärische Ausfall vollzieht sich in Zeiträumen von zwei, drei
Wochen oder auch einen Monat, und zwar hauptsächlich als Folge von
Niederschlägen-in Form von Regen und Schnee und Feuehtigkeitsniederschlag in-allgemeinen; er geht gewöhnlich in den geographischen Breiten nieder, in denen der Versuch stattgefunden hat. In Gegensatz hierzu zieht sich der stratosphärische Ausfall über Jahre hin. Wir
wissen es nicht-genau, aber es scheint, daß nan hierbei durchschnittlich mit einen Zeitraum von 10 Jahren oder vielleicht etwas weniger zu
rechnen hat; während dieser Zeit verteilen sich die radioaktiven Aerosolteilchen praktisch über die ganze Erde. Wenn es den stratosphärischen Ausfallprodukten schließlich gelingt, in die Troposphäre abzusinken, werden sie sehr rasch durch den gleichen Mechanisnus ausgefiltert, der auch die um die ganze Erde verteilten troposphärischen
Ausfallprodukte niederschlägt - nänlich durch Regen und Feuchtigkeit.
Der Niederschlagsnechanisnus ergibt sich in allgeneinen aus den
Zusannentreffen der winzigen Partikel nit Wassertröpfchen in Wolken
und den Mitreißen dieser Partikel durch fallende Regentropfen. Der
erstgenannte Mechanisnus wurde kürzlich von Dr. Greenfie]d im Zusammenhang mit den sogenannten "Sunshine"-Problenen behandelt - das Studiun
der über die ganze Welt verbreiteten Ausfall-Radioaktivität läuft
unter dem Manen "Projekt Sunshine"* Neben der ausfilternden Wirkung
von Regen und Nebel existieren eindeutige Nachweise dafür, daß eine
Inkorporation durch die Oberflächen von Gräsern und Blättern in direkten Kontakt nit der Luft sehr wahrscheinlich ist. Häufig ergeben die
Strontiun-Analysen von Gräsern einen höheren Sr-90-Gehalt als dem
Analysenergebnis des Bodens, auf dem sie gewachsen sind, entspräche;
dies ist zweifellos eine Folge der direkten Inkorporation.
Die Verbreitung von Strontium-90 und der gesamten Explosionsaktivität hängt weitgehend von den Bedingungen ab, unter denen die
Waffe zur Explosion gebracht wurde. Alle Anzeichen deuten darauf hin,
daß zu den naßgeblichen Faktoren nicht nur der Kontakt des Feuerballs
nit der Erdoberfläche gehört, sondern auch, ob es sich un Land oder
Wasser oder bestinnte Boden- und Y/asserarten (Süß- oder Salzwasser)
handelt. Auch die Höhe, bis zu der der Feuerball enporreicht, ist
wichtig, insbesondere die Höhe in Relation zur Tropopause, der Grenzschicht zwischen Troposphäre und Stratosphäre. Der Y/irkungsgrad fällt
hier wohl an neisten ins Gewicht. Es gibt eine Faustregel, dcrzufolge
Yfaffen nit einen Äquivalent von Megatonnen TNT durch die Tropopause
hindurch in die Stratosphäre wirken, der Wirkungsbereich von Kilotonnen-Waffen jedoch auf die Troposphäre unterhalb der Tropopause
beschränkt bleibt.
Daraus ist sofort zu ersehen, daß die Spaltprodukte von Kilotonnen-Y.'affen viel rascher niedergeschlagen werden als von MegatonnenWaffen. Natürlich ist dies weniger von Bedeutung, sofern es die langlebigen Spaltprodukte wie Strontiun-90 und Caesium-137 betrifft, aber
bei den kurzlebigen Spaltprodukten spielt dieser Umstand eine nicht
unwesentliche Rolle.
Man
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"AMERIKA DIENST"

Man kann allgemein als gegeben annehmen, daß die Radioaktivität einer
über dem Erdboden zur Explosion gebrachten Kilotonnen-Waffe durchschnittlich zwischen zwei Wochen und einem Monat nach dem Zeitpunkt der Explosion niedergeschlagen wird, während die radioaktiven Produkte einer
ebenfalls über dem Erdboden zur Explosion gebrachten Megatonnen-Waffe
über viele Jahre hinweg - durchschnittlich über 10 Jahre - abgelagert
werden. So sind die Auswirkungen der kurzlebigen Spaltprodukte bei
einer bestimmten durch Kilotonnen-Waffen freigesetzten Menge Spaltungsenergie größer als bei den über dem Erdboden zur Explosion gebrachten
Sprengkörpern mit Megatonnen-Wirkung. Nimmt man als das "Durchschnittsalter" der Kilotonnen-Spaltprodukte einen Monat an, dann wäre der äußere
Gammastrahleneffekt von einer Megatonne Spaltungsenergie aus beispielsweise 50 Bomben von je 20 Kilotonnen etwa 30mal. so groß wie bei einer
einzigen Bombe von einer Megatonne Spaltungsenergie - wenn beide Arten
weit genug über dem Erdboden zur Explosion gebracht worden sind. Die
Spaltprodukte aus den kleinen in Nevada abgefeuerten Bomben würden im
Verlauf von etwa einem Monat in dem Gebiet etwa zwischen dem 10. und
60. Grad nördlicher Breite niedergehen, während die der größeren Bomben
sich im Verlauf von 10 Jahren praktisch auf der ganzen Erde niederschlagen. Hinsichtlich der Effekte von Strontium-90 besteht nur ein relativ
geringer Unterschied pro Einheit Wirkungsgrad, da selbst die Zeit des
Verbleibs in der Stratosphäre gering ist im Vergleich zu der Halbwertzeit, die bei radioaktivem Strontium 28, bei radioaktivem Caesium 27
Jahre beträgt; das letztgenannte Isotop entsteht in etwas größerer Menge
als Strontium-90 und scheint auf die gleiche Weise verbreitet zu werden.
Der Radiostrontium- und Radiocaesium-Gehalt der Atmosphäre ist,
wie direkte Messungen zeigen, ziemlich gleich groß, wenn auch der Gehalt
an Cs-137 wahrscheinlich infolge der etwas größeren Spaltungsausbeute
um ein geringes höher sein dürfte. Der Radiocaesium-Gehalt des Regenwassers ist dem Strontium-90-Gehalt vergleichbar; auch die RadiocaesiumKonzentration im menschlichen Körper stimmt - jedenfalls nach den von
Marinelli in Argonne und von Anderson und Langham in Los Alamos ermittelten Werten - mit der Tatsache gut überein, daß dieses durchschnittlich etwa 5 Monate im menschlichen Körper verbleibt, Strontium-90 dagegen viele Jahre. Die für Radiocaesium ermittelten Werte sind deshalb
außerordentlich interessant, weil sie über den Verteilungsmechanismus
der Ausfallaktivität und die Zuverlässigkeit Aufschluß geben, mit der
wir das zu erwartende künftige Verhalten von radioaktivem Strontium
berechnen können. Sie bestätigen bereits früher geäußerte Ansichten
zur Frage des Verteilungsmechanismus ,\ das heißt, wir finden bestätigt,
daß der Radiocaesium-Ausfall mit Ausnahme des lokalen Ausfalls meistenteils in Form von Feuchtigkeitströpfchen nach unten getragen und
bis zu einem gewissen Grade von der Gras- und Blattoberfläche der Grünpflanzen direkt aufgenommen wird. Er wird in vielen Böden in der obersten Schicht bis zu etwa 5 cm Tiefe abgelagert, so daß das Wasser, das
als Niederschlag zur Erde gelangt und in Flüssen abläuft, schon nach
kurzer Sickerstrecke im Boden gereinigt ist. Dieses ganze Verhalten
ist dem des Radiostrontiums sehr ähnlich.
Das

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Das Strontium-90 - und in geringerem Maße auch das Radiocaesium entziehen die Pflanzen dem Boden und ihrem Blattwerk und führen es
dem eigenen Stoffwechsel zu. Bei den meisten Pflanzen scheint hier ein
Selektionsmechanismus in Aktion zu treten, durch den der Strontium-90Gehalt der Pflanze - gemessen an der Bodenkonzentration - verhältnismäßig viel niedriger ist als ihr Calcium-Gehalt. Im Durchschnitt scheint
der Trennfaktor für Strontium relativ zum Calcium zwischen der oberen
Bodenschicht und den Pflanzen etwa 1,4 zu betragen. Bei den Kühen, denen
solche Pflanzen als Futter dienen, erfolgt bei der Milchbildung eine weitere
"Filterung" um etwa den Faktor 7» so daß der allgemeine Schutzfaktor gegen Strontium-90 von der oberen Bodenschicht bis zur Kuhmilch
mit 1,4 x 7
9»8»also etwa 10 anzunehmen ist. Ein weiterer Trennfaktor für das Verhältnis Strontium/Calcium existiert darüber hinaus in
bezug auf den menschlichen Körper. Über diesen Faktor ist noch nicht
allzu viel bekannt, man weiß aber definitiv, daß er zum mindesten 2,
möglicherweise aber sogar 8 beträgt. Die Forscher sind jetzt dabei, diese
Frage zu klären. Es gibt also eine ganze Reihe von Schutzfaktoren, die
die Konzentration von Radiostrontium aus der Milch im Verhältnis zum
Calcium im menschlichen Knochengewebe auf höchstens 1/20, wahrscheinlich
aber sogar auf 1/80 der Konzentration der oberen Bodenschicht begrenzen.
Natürlich muß auch darauf hingewiesen werden, daß ein beträchtlicher Anteil des radioaktiven Ausfalls direkt an den Blättern aufgenommen wird;
in diesem Fall gilt#der Faktor 1,4 allerdings nicht, und somit würde
für diesen Prozentsatz des radioaktiven Ausfalls der Schutzfaktor vielleicht auf 14 reduziert. Da die Milch die Hauptquelle für das vom menschlichen Körper aufgenommene Calcium ist, bedeutet dies, daß das tatsächliche Verhältnis der Radiostrontiumkonzentration in jungem menschlichen
Knochengewebe zu der Konzentration in der oberen Bodenschicht den genannten Zahlen etwa entsprechen dürfte.
Man muß sich darüber im klaren sein, daß für Gemüse und Fleisch
eine ähnliche Berechnung in bezug auf den daraus sich ergebenden Anteil
und das Gesamtdurchschnittsverhältnis angestellt werden muß, obgleich
nur eine kleine Menge des Calciums auf dem Weg über diese Nahrungsstoffe
in den Körper gelangt. Es scheint, daß der allgemeine Schutzfaktor bei
Fleisbh und Gemüse etwa 10 beträgt, so daß im Fall einer Calciumzuführung von 20 Prozent aus diesen Quellen der allgemeine Schutzfaktor
im Durchschnitt zwischen 1/l3 und 1/3O liegen dürfte. Die Versuchsergebnisse bei jungem Knochengewebe, zum Beispiel bei Kindern, deuten auf
einen geringeren Wert, nämlich auf 1/60, auf diesen Sachverhalt wird
später noch näher eingegangen werden.

Eine

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Eine wichtige Angelegenheit in Zusammenhang mit den Mengen von
Strontium-90, die sich erwartungsgemäß in den menschlichen Knochen
als Folge von Atomwaffenversuchen ablagern dürften, ist die Calciumkonzentration der oberen Bodenschicht. Da Calcium dem Strontium so
ähnlich ist, besteht die Möglichkeit - und wir haben dafür auch bereits Beweise -•&gt; daß ein höherer nutzbarer Calciumgehalt des Bodens
die Wahrscheinlichkeit für die Aufnahme von Strontium-90 durch Pflanzen verringert. Natürlich hat diese Wahrscheinlichkeit eine nicht annähernd so starke Auswirkung auf die Absorption der Stoffe, die direkt
an den Blättern aufgenommen werden. Wir können daher wohl erwarten, daß
Böden mit besonders niedrigem Calciumgehalt einen höheren Strontium-90Gehalt für die darauf wachsenden Pflanzen ergeben können. Dies ist
tatsächlich so: Schafe, Ziegen und Rinder, die auf solchen Weiden
grasen, haben in ihrem Knochengewebe eine höhere Strontium-90Konzentration.
Es ist eine höchst wichtige Frage, auf welche './eise ein derartiger Calciummangel im Boden die Aufnahme von Strontium-90 durch den
Menschen wohl zu beeinflussen vermag. Eindeutig ist ja die Nahrungsmittelverteilung so organisiert, daß der Bedarf aus verhältnismäßig großen geographischen Räumen gedeckt wird und daß deshalb die
menschliche Bevölkerung auch erheblich geringer auf Calciummangel entsprechend der örtlichen Bodenbeschaffenheit reagiert. Dies wird besonders deutlich aus den Angaben über den Radiumgehalt menschlichen
Knochengewebes und aus dem Fehlen einer besonderen Abhängigkeit von
dem jeweiligen Radiumgehalt des Trinkwassers. Aber für Personen, die
ständig Milch von Kühen trinken, welche auf calciumarmen Weiden grasen, dürfte das schon einen bestimmten Effekt in bezug auf die Menge
des aufgenommenen Radiostrontiums haben, und zwar müßte der Effekt
dem Radiostrontium-Gehalt der Milch proportional sein. So löst sich
das Problem mehr oder weniger in die Frage auf: "Wie hoch ist der
Strontium-90-Gehalt der Nahrungsmittel, die Menschen in solchen Gebieten tatsächlich zu sich nehmen?" Bei der Untersuchung der Eßgewohnheiten und der Errechnung der Strontium-90-Aufnahme relativ
zum Calcium finden wir, daß die Erhöhung der durchschnittlichen
Strontium-90-Konzentration in den Nahrungsmitteln infolge des geringen Calciumgehalts bestimmter Böden bei einer Calciuraminderung um
das Fünfzigfache kaum mehr als das Fünffache betragen kann. Das
heißt also, daß gegenüber normalen Böden, die in der oberen Bodenschicht bis in zirka 6 cm Tiefe 20 Gramm Calcium enthalten, in Gebieten mit Böden von nur 0,4 Gramm pro Quadratfuß ein etwa um das
Fünffache höheres Gleichgewicht der Strahlenbelastung für den menschlichen Körper auftritt.
Um die Gefahr des Radiostrontiums, das allgemein als das gefährlichste der langlebigen Spaltprodukte betrachtet wird, verstehen zu können, versuchen wir höchste zulässige Konzentrationen
sowohl für die berufliche Strahlenbelastung als auch für die Bevölkerung im allgemeinen festzusetzen. Diese Werte sind mit 1 Mikrocurie
(1 millionstel Curie) beziehungsweise 0,1 Mikrocurie (1 zehnmillionstel
Curie) angenommen worden. Das heißt, ein Arbeiter in einen Kernenergiebetrieb darf bis zu 1 Mikrocurie Strontium-90 im Körper haben, die
übrige Bevölkerung (pro erwachsene Person) jedoch nicht mehr als 0,1

5 -

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0,1 Mikrocurie. Diese letztgenannte Zahl entspricht einer Konzentration
von 100 millionstel Mikrocurie pro Gramm Körpercalcium oder 100 "Sunshine"Einheiten, wie wir sie nennen, das heißt, 1 millionstel Mikrocurie
(10-12} strontium-90 pro Gramm Körpercalcium wird als 1 Sunshine-Einheit
definiert.
Wir müssen nunmehr auf andere Weise versuchen, wie unsere üblichen
Erfahrungen auf die Frage: "Wie gefährlich sind Kernwaffenversuche in Anbetracht der ausfallenden Radioaktivität?" angewandt werden können. Unser
Körper hat jetzt etwa 0,1 oder 0,2 Sunshine-Einheiten aufgenommen, Kinder
etwa 0,5 Sunshine-Einheiten. Auf die Frage der Abweichungen von diesen
Durchschnittswerten werde ich noch zu sprechen kommen. Aber angenommen,
zum gegenwärtigen Zeitpunkt seien dies die '.Verte - wie groß ist dann die
Bedrohung oder die Gefahr aus diesen Mengen? Offenbar sind sie doch viel
geringer als der oben genannte Toleranzwert von 100 Sunshine-Einheiten.
Um einen Vergleich mit der allgemeinen Erfahrung zu erhalten, wollen wir
uns einmal näher mit den allgemein bekannten Größenordnungen der Strahlungsniveaus befassen, denen wir normalerweise durch die kosmischen Strahlen, das schwach aktive Kaliumisotop im menschlichen Körper sowie durch
das Uran, Thorium und Kalium im Boden und in unserer gesamten Umwelt ausgesetzt sind. Wir wissen,daß in unseren Breitengraden diese Mengen pro Person bei etwa 150 Milliröntgen (1 Röntgen = Dosiseinheit für Röntgen- und
Gammastrahlen) jährlich liegen. Aber wir wissen auch, daß es beträchtliche
Abweichungen von diesen Normalbedingungen gibt.
Beispielsweise kann jemand, der in einem Ziegelhaus wohnt, infolge
der natürlichen Radioaktivität des Mauerwerks jährlich 25 bis 30 Milliröntgen (mr) mehr erhalten als jemand, der in einem Holzhaus wohnt. Ebenso ist bekannt, daß im Unterschied zu den 37 mr Jahresdosis an Höhenstrahlung in Meereshöhe dieser Wert hier in unseren Breitengraden in
1500 Meter Höhe, etwa in Denver, Colorado, 60 mr - also 23 Milliröntgen
zusätzlich - beträgt. Was bedeutet dies umgerechnet auf die Strahlenbelastung des Körpers mit Strontium-90?
Zunächst müssen wir uns darüber klar werden, ob irgendeine Art der
natürlichen Strahlung - und wenn ja, welche Art - in bezug auf die biologischen Effekte denen des Strontium-90 ähnlich ist, so daß wir ohne Bedenken sagen können, die physiologischen Effekte sind, wie immer diese
auch geartet sein mögen, bei der gleichen Menge absorbierter Energie ebenfalls gleich. Glücklicherweise scheinen die kosmischen Strahlen in diese
Rechnung zu passen. Das heißt, daß es uns frei steht, die Strahlungsdosen
der kosmischen Strahlen mit den Strahlungsdosen von Radiostrontium in unserem Knochengewebe gleichzusetzen.

Dies

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Dies ist möglich, weil die Ionisationsdichte entlang der Bahn der
My-Mesonen, den wichtigsten Komponenten der kosmischen Strahlung,
in Meereshöhe und in 1500 Meter Höhe nahezu die gleiche ist wie
die der Betastrahlung von Yttrium-90 (Betastrahlen stellen den
Hauptanteil der von Radiostrontiun emittierten Strahlen)• Radiostrontium hat nämlich ein radioaktives Tochterprodukt, eben
Yttrium-90, das eine sehr energiereiche Betastrahlung aussendet,
und die Ionisationsdichte entlang der Bahn dieser Strahlen ist sehr
ähnlich derjenigen der My-Mesonen der kosmisnlien' Strahlen und ihrer
Zerfallselektronen. Von Strahlenschutzphysikern und Bio-Strahlenphysikern wird allgemein angenommen, daß Strahlungen der gleichen
Ionisationsdichte sehr ähnliche, wenn nicht sogar die gleichen biologischen Effekte für die gleiche Menge absorbierter Energie bewirken. Die hohe Energie von Yttrium-90 verleiht ihm eine durchschnittliche Gewebe-Eindringtiefe von 2 mm, so daß jede Ungleichmäßigkeit in der Ablagerung von Strontium-90 im Knochengewebe ausgemittelt wird. Die Exposition gegenüber kosmischen Strahlen ist
natürlich für das ganze Knochengewebe einheitlich. Deshalb können
wir die Belastung durch kosmische Strahlung mit der Strontium-90Belastung gleichsetzen, und wir können ferner sagen, daß der
Effekt des Unterschieds zwischen der einen und der anderen Höhenlage - wie auch im Fall anderer Effekte - einer gewissen Anzahl
von Sunshine-Einheiten in Knochengewebe äquivalent ist. Denkt man
diesen Gedanken weiter, so ergeben sich als das Äquivalent von
1 Sunshine-Einheit 3 Milliröntgen (3 mr) pro Jahr. Sonr t e t
spricht der Unterschied in der Jahresdosis kosmischer Strahlung
zwischen Washington oder einem anderen in unserer geographischen
Breite in Meereshöhe gelegenen Ort einerseits und Denver in Colorado
andererseits 8 Sunshine-Einheiten, das heißt, dem 16facher. der gegenwärtigen Strahlenbelastung für den menschlichen Organismus durch
im Gleichgewicht befindliches Knochengewebe oder ein nahezu im
Gleichgewicht befindliches Knochengewebe, wie wir es bei den jetzt
heranwachsenden Kindern beobachten.
Deshalb müssen wir prüfen,ob irgend etwas in unserer Erfahrung
darauf hindeutet, daß diese Unterschiede in bezug auf die von Radiostrontium erwarteten Haupteffekte, nämlich das Auftreten von Leukämie
und Knochenkrebs, bemerkenswert sind. Nun ist natürlich gerade an
Lebensstatistiken über diese besonderen Fälle schwer heranzukommen.
Das amerikanische Bundesgesundheitsamt und das Ministerium für das
Gesundheits-, Erziehun-s- und Fürsorgewesen haben uns Statistiken
über das Auftreten von Leukämie und Knochenkrebs in drei Städten New Orleans, San Francisco und Denver - zur Verfügung gestellt, die
folgendes Bild ergeben:
_ . ,.. .
u
ö
Tabelle 1
•
Auftreten von Knochenkrebs und Leukämie
(neue Fälle pro Jahr auf 100 000 der Bevölkerung)
Knochenkrebs
Leukämie
Denver
New Orleans
San Francisco

2,4
2,8
2,9

6»4
6,9
10,3
Aus

- 7-

�"AMERIKA PIEKST"

22. Hai 1957

Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß die Höhenlage offenbar keinen Einfluß hat, und so ist auch klar, daß es noch andere Paktoren gibt, die merklich wichtiger sind als die Dosis der Höhenstrahlung. Natürlich kann dennoch ein erheblicher durch die Höhenlage bedingter Effekt auftreten, der sich hinter großen, durch andere Faktoren verursachten, in großen und ganzen aber unbekannten Verschiebungen
verbirgt, und wir können nicht behaupten, daß dies irgend etwas
beweist. Aus der üblichen Erfahrung heraus sind wir jedoch einigermaßen sicher, daß der Effekt von 8 Sunshine-Einheiten kein feststellbares Ansteigen von Knochenkrebs und Leukämie verursacht.
Dies stimmt auch gut nit den Ergebnissen der Tierversuche und den
begrenzten Erfahrungen beim Menschen mit Radium überein. Das heißt,
daß 1 Kikrocurie - also 1000 Sunshine-Einheiten - auf der Basis der im
Laboratorium ermittelten Resultate als unbedenklich angesehen werden
kann. Es ist als Toleranzdosis für die berufliche Strahlenbelastung
festgesetzt, und deshalb ist es nur ein vernünftiger Schluß, daß acht
Sunshine-Einheiten einen so geringen Effekt haben dürften, daß dieser
nur sehr, sehr schwer feststellbar ist. ".einer Ansicht nach hilft uns
dies jedoch, zu erkennen, daß die gegenwärtige Strahlenbelastung in
jungem Knochengewebe durch Strontiun-90, das aus den bisherigen Kernwaffenversuchen stammt» der zusätzlichen Höhenstrahlungsintensität.bei
120 I.Ietern Höhenunterschied entspricht, einem Bruchteil des Unterschieds
in der Höhenstrahlungsintensität zwischen Meereshöhe (null Meter) und
Denver (1500 I.Ieter Höhe). Deshalb können wir zur gleichen Zeit, in der
wir die möglichen Effekte von Strontium-90 aus solchen Konzentrationen
erörtern, aus unseren alltäglichen Erfahrungen heraus Werte für die
Grenzen der zu erwartenden Auswirkungen ableiten. Keine der Unterlagen
über das Auftreten von Knochenkrebs und Leukämie in Abhängigkeit von
der Höhenlage gibt uns irgendwelchen Grund zu der Annahme, daß die gegenwärtigen Toleranzwerte falsch seien. Die gegenwärtigen Strahlungsbelastungen des Körpers, wie sie für noch im Aufbau befindliches Knochengewebe auftreten, sind im Vergleich zu diesen Grenzwerten gering.
Unabhängig von den Strontiura-90-Effekten sind die Effekte der allgemeinen Gammastrahlung; damit ist jene Strahlung gemeint, die von außen
auf den menschlichen Körper einwirkt und die hauptsächlich von frischen
Spaltprodukten im Bereich der lokalen Ausfällung, in ganz geringer I.Ienge
jedoch auch aus der Akkumulierung von Radiocaesium am Boden bei stratosphärischem Ausfall oder, was bedeutungsvoller ist, aus den kurzlebigen Spaltproduktenf welche durch den troposphärischen Ausfall niedergeschlagen
werden, kommen kann. Natürlich werden die Kernwaffenversuche so durchgeführt, daß eine durch die lokal ausfallende Radioaktivität verursachte
Exponierung vermieden wird, so daß unsere gegenwärtige Diskussion über
die Auswirkungen von Kernwaffenversuchen auf die viel kleineren GammaDosen als Folge des troposphärischen und stratosphärischen Ausfalls
außerhalb des Explosionsbereichs beschränkt ist. Im Kriegsfalle wäre es
natürlich der lokale Ausfall, der neben den Explosions- und Hitzewirkungen
zu bedenken ist, und diesem Aspekt wendet die FCDA (amerikanische Bundesbehörde für die Zivilverteidigung) ihre größte Aufmerksamkeit zu. Im Zusammenhang mit den Kernwaffenversuchen müssen wir jedoch die Frage der
genetischen Effekte beim Menschen und die möglichen Effekte solcher Strahlendosen auf die Gesundheit untersuchen. Wollen wir doch noch einmal das
Kriterium der üblichen Erfahrungen in dieser Hinsicht heranziehen. Messungen
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

22. Mai 1957

Messungen haben gezeigt, daß die allgemeine durchschnittliche Intensität von Ganmastrahlung aus Kernwaffenversuchen 1 bis 5 Ililliröntgen
(mr) pro Jahr beträgt. Bei Gegenüberstellung der allgemeinen Größenordnung der daraus zu erwartenden Effekte mit der Intensität der
natürlichen Strahlung finden wir beispielsweise - wie bereits erwähnt -, daß das Wohnen in einem Ziegelhaus statt in einem Holzhaus
eine zusätzliche jährliche Strahlungsdosis von 25 bis 50 Ililliröntgen
(mr) bedeuten kann, daß es ferner gewisse Gebiete auf der Erde gibt,
wo die in den Vereinigten Staaten gemessene Durchschnittsdosis von
150 ililliröntgen (mr) um das Zehnfache höher liegt, daß Menschen,
die in Gebieten mit Granituntergrund leben, infolge des Uran- und
Thoriumgehalts im Gestein jährlich etwa 70 mr mehr ausgesetzt sind als
Menschen in Gebieten mit Sedimentgestein-Untergrund, und daß Menschen
in größeren Höhenlagen auch eine größere Dosis an natürlicher Höhenstrahlung erhalten. Natürlich wissen wir ferner, daß die medizinische
Anwendung von Röntgenstrahlen erheblich höheren Dosen als allen diesen
durch Kernwaffenversuche verursachten Dosen äquivalent sein kann.
Und wir verfügen über Erfahrungen und maßgebliche Unterlagen
darüber, daß die allgemeinen somatischen Effekte ohne besondere Berücksichtigung von Krebs und Leukämie, das heißt, die Effekte von
Strahlung in bezug auf die normale Gesundheit des Menschen, weitaus
höhere Dosen erfordern. Es handelt sich hier um Dosen in der Größenordnung von 25 bis 50 Röntgen (r), um feststellbare Veränderungen im
Blutbild hervorzurufen, und von 100 bis 200 r, um schwerwiegende gesundheitliche Schäden zu bewirken, während die Dosen aus der durch
Kernwaffenversuche verursachten Aktivität etwa um das Ilunderttausendfache kleiner sind.
Die Frage der genetischen Effekte ist dagegen äußerst schwierig
zu beurteilen, da über die Genetik beim Menschen noch so wenig bekannt
ist. Aus den Erfahrungen mit Pflanzen, Insekten, Versuchstieren und
niedrigen Organismen zu schließen, müssen wir jedoch annehmen, daß
Strahlen tatsächlich genetische Effekte haben. Die Frage ist nur,
welche Strahlenmenge einen bestimmten Effekt zur Folge hat. In jeder
neuen Generation gibt es beim Menschen eine gewisse Anzahl von Mutationen. Sind diese nun hauptsächlich auf die natürliche Strahlung
oder aber auf chemische oder biochemische Vorgänge oder auf beides
zurückzuführen?
Chemisch gesehen dürfte es wahrscheinlich sein, daß nicht alle
Spontanmutationen beim Menschen oder irgendeinem anderen Lebewesen
durch Strahleneffekte ausgelöst werden, da die Strahlung wahrscheinlich Mutationen meist auf dem Wag über Moleküle, also chemische Verbindungen, induziert, deren Bildung in den menschlichen Zellen sie
anregt, und daß dann die Mutationen erst durch diese chemischen Stoffe
verursacht werden und so in gewissem Sinne chemischer Natur sind. Wenn
dies nun tatsächlich so wäre und die strahleninduzierten Mutationen
fast immer durch chemische Stoffe verursacht werden, die sich in erster Linie infolge Strahleneinwirkung bilden, dann könnten auch chemische Stoffe, die nicht durch Strahleneinwirkung entstehen, sondern
anderen Ursprungs sind, von sich aus ebenfalls Mutationen verursachen. Jj£

-9

�'AMERIKA DIENST"

22. Mai

1957

Es wäre also wahrscheinlich, daß ein wesentlicher Prozentsatz der
natürlichen oder spontanen Mutationen bei den Lebewesen im allgemeinen
nicht durch Strahlung hervorgerufen wird. Es ist wichtig, diesen Punkt
schon deshalb einmal zu klären, um Vergleichsmöglichkeiten für die Effekte
der Ausfallsaktivität und den Anteil der auf die normale Strahleneinwirkung zurückzuführenden natürlichen Spontanmutationen zu bekommen.
In anderen Worten: Falls die normalen Mutationen alle auf Strahlung
zurückzuführen sind, müssen die Effekte der zusätzlichen Strahlung aus
Kernwaffenversuchen allgemein oder aus anderen Strahlungsquellen, beispielsweise Atomkraftwerken, oder auch der Verwendung von Röntgenstrahlen und Radioisotopen in der Medizin größer sein. Wahrscheinlich ist und dieser Ansicht schließen sich viele maßgebliche Genetiker auf Grund
ihres Fachwissens an -, daß ein wesentlicher Prozentsatz der Spontanmutationen beim Menschen nicht auf Strahlung zurückzuführen ist, sondern
andere Ursachen hat. Deshalb wird nur ein bestimmter Anteil der Spontanmutationen beim Menschen als durch Strahlung verursacht angenommen;
wie groß dieser Anteil ist, läßt sich schwer sagen, aber nach einer
Schätzung von Prof. H. J. Muller dürfte er bei etwa 10 Prozent liegen.
Man nimmt daher an, daß die Jahresdosis von 150 Milliröntgen (mr) aus
der natürlichen Strahlung etwa 10 Prozent der spontanen Mutationen verursacht, und daß die Ausfallsaktivität von Kernwaffenversuchen, wenn
diese unbegrenzt weiter fortgeführt werden, beim gegenwärtigen Jahresniveau von etwa 1 bis 5 m*" diesen Wert um zirka 0,2 Prozent erhöht. Im
ganz extremen Fall, das heißt, wenn sich herausstellen sollte, daß trotz
der Möglichkeiten chemischer Einwirkung alle Spontanmutationen durch
Strahlung ausgelöst werden, wäre der Effekt zehnmal so groß, betrüge
also 2 Prozent. Dr. Dunning von der Abteilung Biologie und Medizin der
amerikanischen Atomenergie-Kommission kam im Jahr 1955 bei ähnlichen
Überlegungen auf 1,4 Prozent ("The Scientific Monthly" 91, Dezember
1955» S. 265). Dieser Effekt entspräche etwa dem, der bei Verlegung
des Wohnsitzes in eine etwas andere Gegend auftritt, und wäre viel weniger einschneidend als beispielsweise der Umzug von einem Haus in ein
anderes oder die Folgen irgendwelcher anderen Veränderungen. Der einzig
wichtige Punkt in diesem Zusammenhang ist, daß genetische Effekte nur
zutage treten, wenn ihnen eine große Anzahl von Menschen gleichzeitig
unterworfen ist. Deshalb könnten wir auch erwarten, daß die Effekte bei
großen Bevölkerungsgruppen, deren Umwelt eine Veränderung erfährt, die
beispielsweise ihren Wohnsitz in höhergelegene Orte oder in Gebiete mit
höherer natürlicher Radioaktivität verlegen, auch die Erbmasse beeinflussen müßten, wenn die Radioaktivität aus Kernwaffenversuchen dies
vermag. Die Lebensstatistiken müßten alle auf solche Effekte hin geprüft
werden; die AEC jedenfalls bemüht sich in dieser Hinsicht nach besten
Kräften um eine Klärung. Der wissenschaftliche Beirat der Vereinten
Nationen zur Frage der Effekte atomarer Strahlung vergleicht zur Zeit
die Angaben über die Dosen der natürlichen Umweltstrahlung; man hofft,
daß diese Studie weitergeführt und dabei besonderes Augenmerk auf beobachtbare Effekte von Schwankungen in der Dosis der natürlichen Umweltstrahlung gerichtet wird, denn es steht fest, daß alle Gammastrahlungseffekte der Ausfallsaktivität von Kernwaffenversuchen in Anbetracht der
natürlichen Strahlungsdosis in viel größerem Umfang bereits vorhanden
sein müssen.
II.

- 10 -

�"AFRIKA DIENST"

22. Hai 1957

II. Schwankungen in der individuellen Strontium-90-Belastung
Wie groß ist die Y/ahrscheinlichkeit, daß bei einzelnen Personen
die Toleranzgrenzen überschritten werden, obgleich die durchschnittliche Strontium-90-Konzentration v,reit darunter liegt? Wir wollen hier
zunächst einmal den Fall erörtern, der letzten Endes maßgebend ist nämlich die Situation eines völligen Gleichgewichts mit der Umwelt,
sofern es die Strahlenbelastung durch Strontium-90 betrifft. Die einzige Möglichkeit für uns, die erwarteten individuellen Abweichungen
von der mittleren Konzentration überhaupt beurteilen zu können, sind
Gewebeanalysen am Llenschen, bei denen nicht nur Strontium-90, sondern
auch andere analoge Komponenten bestimmt v/erden. Die jüngsten Angaben
über die Strahlenbelastung durch Strontium-90 sind meist Analysenergebnisse von Knochenteilen, die auf operativem Weg entfernt wurden;
sie geben also kein umfassendes Bild von den Konzentrationen im gesamten Körpergewebe. Aber wir können jetzt Ergebnisse über den Strontium90-Gehalt im gesamten Körper auf Grund von Untersuchungen einer ganzen
Anzahl von Totgeburten (1*) heranziehen, die im Jahr 1953 i n Chicago
vorgenommen wurden. Im Rahmen des Sunshine-Projekts werden jetzt große
Anstrengungen unternommen, diese Untersuchungsserien fortzusetzen und
auch die vorhandenen Ergebnisse von Analysen des menschlichen Knochengewebes durch vollständige Skelettanalysen nachzukontrollieren. Die Verteilung der Werte für Strontium-90 bei den Totgeburten geben wir in
Schaubild 1 wieder. Angaben über das Auftreten gewöhnlichen nichtradioaktiven Strontiums im menschlichen Knochengewebe sind ebenfalls veröffentlicht worden (2*). Sie beziehen sich offenbar auf den endgültigen Zustand, und sie kommen offenbar auch dem Gleichgewicht mit der
Umwelt zumindest ebenso nahe, wie es bei dem radioaktiven Ausfallstrontium je der Fall sein kann. Die entsprechenden Resultate sind in Schaubild 2 zu finden. Auch das Auftreten von Radium im menschlichen Körper
wurde herangezogen, da dieses Element dem Calcium und Strontium ähnlich
ist, sich auch vorzugsweise im Skelett ablagert und offenbar ebenfalls
sich in einem endgültigen radioaktiven Gleichgewicht befindet. In Schaubild 3 wurden die von Palmer und Queen (3*) gefundenen Resultate verwendet. Und schließlich ziehen wir die jüngsten Angaben über das Auftreten von normalem Kalium im menschlichen Körper heran, wie sie von
Anderson und Langham (4*) ini wissenschaftlichen Institut Los Alamos
ermittelt wurden. (siehe Schaubild 4)
Alle
1*) V/.F. Libby "Radioactive Strontium Fallout" (Der Ausfall von
radioaktivem Strontium), Protok.Kationale Akademie der Wissen«
Schäften, Nr. 6, 365-390, 1956; Universität Chicago, Bulletin
Hr. 12 v. I.August 1956 zu "Project Sunshine".
2*) K.K. Turekian und J.L. Kulp, in "Science" 124, 405 (1956).
3») Hanford-Bericht, HW-31242
4*) E.C. Anderson, R.L. Schuck, V.R. Fisher und W. Langham
"Potassium and Cesium Radioactivity in People and Foodstuffs"
(Kalium- und Caesiumradioaktivität in Menschen und Hahrungsmitteln), in der Presse veröffentlicht.

- 11 -

�"AI.IERIKA SIEHST"

22. Mai 1957

Alle diese Resultate zeigen, wie die theoretischen Kurven andeuten, eine normale Häufigkeitsverteilung. Die jeweiligen Schwankungsbreiten der Kurven (mittlere Fehler) betragen für Radiostrontium
36 Prozent, für gewöhnliches Strontium /r0 Prozent, für Radium 40 Prozent und für natürliches Radiokalium 16 Prozent. Es ist klar ersichtlich, daß sie im allgemeinen Verlauf miteinander übereinstimmen, und
daß der Strontium-90-Gehalt in seiner Verteilung bei den Chicagoer
Totgeburten in keiner \7eise anomal war. Deshalb werden wir die Verteilungskurve für Radiostrontium mit derjenigen für gewöhnliches
Strontium gleichsetzen. Das Auftreten nichtradioaktiven, gewöhnlichen Strontiums im Skelett dürfte uns sicher Aufschluß über die Verteilung radioaktiven Strontiums im Zustand des Gleichgewichts geben,
und es sollte uns möglich sein, hieraus die wichtigsten Punkte mbezig aui
die Verteilung zu ergänzen, die wir in den bisherigen Untersuchungen
von Radiostrontium im einzelnen noch nicht zu klären vermochten.
Turekian und Kulp beobachteten im Verlauf ihrer Untersuchungen zur
Präge der Verteilung gewöhnlichen Strontiums im menschlichen Skelett,
daß in einem gegebenen geographischen Raum die Abweichung vom Durchschnitt etwa 34 Prozent des Ilittelwerts betrug - Gegenstand der Untersuchungen war menschliches Knochengewebe aus den Gebieten Colorado,
Texas, Köln, Bonn,Venezuela, Chile, Vancouver, China und Indien. Es
wurde jeweils das Verhältnis von Kormalabweichung zum Mittelwert gebildet und der Durchschnitt errechnet, um zu der Zahl 34 zu gelangen.
Deshalb nehmen wir 34 Prozent als die zu erwartende Normalabweichung
vom Mittel für einen gegebenen Ort zur Bestimmung des Gleichgewichts
für die Strontium-90-Belastung im menschlichen Skelett an.
Mit diesem Ergebnis können wir unter der Annahme einer normalen
Fehlerverteilung die direkte Frage beantworten, die lautet: "*.7ie
groß ist bei einem Individuum die Wahrscheinlichkeit der Überschreitung
des Toleranzwertes, wenn der Mittelwert selbst nicht überschritten ist?"
Auf Grund der vorliegenden Analyse finden wir, daß bei endgültigem Zustand und Gleichgewicht die Abweichung vom Mittelwert eine mittlere
Fehlerkurve ergibt, die der Kormalabweichung - ein Drittel des Ilittelwerts - entspricht. Deshalb wird bei Erreichung des endgültigen Zustandes unter der Bevölkerung eines bestimmten Gebietes nur eine Person
unter etwa 700 mehr als der doppelten durchschnittlichen Strontium-90Belastung ausgesetzt sein, und die Chancen dafür, daß jemand mehr als
der dreifachen normalen Belastung ausgesetzt wird, stehen etwa 1:20
Millionen.
Wie steht es nun mit einer nicht im Gleichgewicht befindlichen
Verteilung, wenn das Strontium-90 seinen !7eg in den biologischen Stoffwechsel findet? Offenbar ist die Belastung in diesem Fall viel geringer, aber die Abweichung vom Mittel wird prozentual wahrscheinlich viel
höher liegen, vor allem bei Erwachsenen, bei denen die Knochenbildung
bereits vor der Zeit der Entstehung von Strontium-90 weitgehend abgeschlossen war. Die gegenwärtige Strontium-90-Konzentration bei Erwachsenen hängt sehr stark von den Wachstums- und Stoffwechselvorgängen in
den verschiedenen Knochenpartien der Person ab, bei der zufällig Gewebeproben entnommen werden. Die spezifische Konzentration des abgelagerten
Strontium —90 wird jedoch nicht höher sein als diejenige in jungem
Knochengewebe, das vollständig unter den gegenwärtigen biologischen Bedingun- 12 -

�"AMERIKA DIENST"

22. Hai 1957

Bedingungen aufgebaut wird - das heißt, die lokale Konzentration im
ausgewachsenen Knochen wird nicht höher sein als die durchschnittliche Konzentration im Skelett von Kindern, in derem ganzen Körper
die Mischung aus Strontium-90 und Calcium zu finden ist, die wir
jetzt mit der Nahrung aufnehmen. Da gegenwärtig die \7erte für die
durchschnittliche Gesamtkonzentration von Strontium-90 bei Kindern
einerseits und Erwachsenen andererseits dem Verhältnis 4:1 entsprechen,
kann der Paktor für die Konzentration in den aktiven Knochenpartien
von Erwachsenen bis um das Vierfache größer sein als der Durchschnittswert für den ganzen Körper. Daher müßte die scheinbare Streuung bei
den ja nicht systematisch zu entnehmenden Gewebeproben aus Knochenpartien von Erwachsenen sehr groß sein im Vergleich zu dem wahren
Gleichgewicht, das aus diesen Gründen eine gewisse Schwankungsbreite
aufweist. Bei zunehmender Annäherung an das Gleichgewicht muß jedoch die Schwankungsbreite ganz merkbar abnehmen.
Die für menschliches Knochengewebe ermittelten Y.rerte lassen
eine außerordentlich große Streuung erkennen-,- aber es scheint sich
doch in der Abweichungiganz deutlich die Tatsache widerzuspiegeln,
daß bei Erwachsenen das Skelett mit der gegenwärtigen Nahrungseu»••
führung nicht im Gleichgewicht steht, und daß die Abweichungen die
Grade reflektieren, in denen die verschiedenen Knochenpartien im
Körper der einzelnen Personen mit der in der allgemeinen biologischen
Umwelt zur Verfügung stehenden Nahrung ins Gleichgewicht kommen.
Untersuchungen an ganzen Skeletten aus einem jeweils gegebenen geographischen Raum, die zur Zeit im Rahmen des Projekts Sunshine durchgeführt v/erden, dürften den Fragenkomplex der Abweichungen bei den
einzelnen Individuen hinsichtlich des Grades klären helfen, in dem
sie mit der allgemeinen biologischen Umwelt ins Gleichgewicht kommen.
Diese Studie wird im Institut von Dr. Kulp gemacht.
Aus all diesen Untersuchungen müßte eigentlich ersichtlich sein,
daß bei Erwachsenen der Abweichungsfaktor vom Hittelwert größer sein wird
als der Paktor '3&gt; der offenbar für jene Arten von gleichgewichtsgemäßen Schwankungen normal ist, die oben bereits erörtert wurden.
Es ist natürlich sehr wichtig, eine eindeutige Beweisführung für
diese Voraussage zu geben. Die allgemeine Übereinstimmung im Verlauf
der Ve -r.eilungskurven bei so weitgehend verschiedenen Substanzen, wie
es gewöhnliches Kalium als Bestandteil des Körpers, Radium und gewöhnliches Strontium als Bestandteil von Teilen menschlicher Knochen
und eindeutig als Ausfallprodukt identifiziertes radioaktives Strontium
im Körper von totgeborenen Kindern sind, gibt uns allen Grund zu der
Annahme, daß es in cezug auf die Schwankungsbreiten von Radiostrontium
im menschlichen Skelett nichts Außergewöhnliches auf sich hat.

III. Örtliche Abweichungen in der Strahlenbelastung durch Strontium-90
Von größter Bedeutung als Ursache der örtlichen Abweichungen in bezug
auf die Strahlenbelastung durch Strontium-90 bei Einzelpersonen ist natürlich die Menge der ausgefallenen Radioaktivität in einem gegebenen geographischen Raum. Die allgemeinen Regeln für die Intensität der Ausfallaktivität wurden bereits umrissen. Für in der Luft zur Explosion gebrachte
- 13 -

�"AICRIKA DIENST"

22. Hai 1957

gebrachte LIegatonnen-l/aff en können wir nach den gegenwärtigen Stand
unseres Y/issens annehmen, daß die dabei ausgefallene Radioaktivität
sich nahezu um den ganzen Erdball zieht; der Einfachheit halber und
mangels besserer Informationen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nehmen
wir als gegeben an, es handle sich dabei um eine über die ganze Erde
einheitliche Verteilung von Aerosolteilchen, die aus der Stratosphäre
in tiefere Zonen absinken. Es werden zur Zeit umfassende Unterlagen
und Daten zu diesem Punkt gesammelt, die zweifellos die Frage der
horizontalen Austauschvorgänge in der Stratosphäre klären helfen.
Die Gebiete der nördlichen Hemisphäre zwischen dem 10. und
60.Grad nördlicher Breite weisen den höchsten Gehalt an Strontium-90
auf. In den Vereinigten Staaten, die den Versuchsplätzen in Nevada
am nächsten gelegen sind und daher auch einen ungewöhnlich hohen
Grad an Ausfällungsaktivität aufweisen, beträgt die Aktivität durch
Strontium-90 zur Zeit etwa 25 Hillicurie (mC) pro Quadratmeile.
Für einen normalen Boden ergibt sich hieraus eine Konzentration
von etwa 50 Sunshine-Einheiten in der oberen Bodenschicht. Unter
Berücksichtigung der bereits erwähnten Trennfaktoren bedeutet dies,
daß im Gleichgewichtszustand eine Strahlenbelastung des Körpers
von 1,7 bis 3,9 Sunshine-Einheiten zu erwarten ist. Tatsächlich
läßt die gegenwärtige Belastung bei Kleinkindern auch darauf schließen, daß der niedrigere Wert dem wahren Sachverhalt näher kommt.
Die gegenwärtige Strahlenbelastung bei Kindern - etwa 0,5 SunshineEinheiten - stammt wahrscheinlich aus einem durchschnittlichen
Strontium-90-Gehalt in der oberen Bodenschicht, der einer Aktivität
von zirca 15 Hillicurie (mC) pro Quadratmeile beziehungsweise etwa
25 bis 30 Sunshine-Einheiten zum Zeitpunkt der Aufnahme des Strontium-90
entspricht. Somit finden wir, daß der experimentelle Wert für das Verhältnis zwischen Strahlenbelastung für Kleinkinder und durchschnittlicher Konzentration in der oberen Bodenschicht etwa 1:50 beträgt;
es liegt also den oberen Grenzwerten der Laboratoriumsergebnisse näher
als den unteren Grenzwerten.
Tabelle II enthält die neuesten Meßwerte über den Gesamtausfall
an Strontium-90 nach Analysen von Bodenproben aus dem Gebiet der
Vereinigten Staaten, und Schaubild 5 zeigt diese Angaben in graphischer Darstellung.
Der nördliche Teil der USA weist eine Aktivität aus Strontium-90
von etwa 20 bis 30 mC pro Quadratmeile auf, der südliche Teil etwas
weniger. Der niedrige Wart von 7 mC/Quadratmeile für Grand Junction
im Staat Colorado ist wahrscheinlich auf die örtlichen klimatischen
Bedingungen und die spezifische Beschaffenheit der Stelle zurückzuführen,
an der die Bodenprobe entnommen wurde.

Tabelle II

14

�"AMERIKA DIENST"

22. Mai

1957

Tabelle II
Überwachung des Gebietes der Vereinigten Staaten auf den Strontium-90-Gehalt des Bodens durch das Institut für Gesundheits- und Gefahrenschutz. Die Probenentnahme erfolgte zwischen dem 8. und 13« Oktober 1956. Strontium-Extraktion mit 6n-HCl bei Raumtemperatur. Die angegebenen Werte entstammen Vollanalysen nach Entnahme der Proben und
Trocknung an der Luft. Jeder Toleranzwert repräsentiert eine Normalabweichung unter Berücksichtigung von Zählfehlern.
Ort der Probenentnahme :

Albuquerque,
N.M.

Bod e n t i e f e
D/m// ? Boden
( i r Zol] •
(Zerfallsdichte
1 Zoll= 2 , 5 4 cm)
p.Minute p . g .
0 - 2
2 -

Atlanta,

Ga.

10 1 / f

0 - 2
2 - 6

Binghamton,
N.Y.

0 - 2

Idaho

0 - 2
2 - 6

Des M o i n e s , Iowa

0 - 2
2 - 6

Detroit,

Mich.

-

Grand J u n c t i o n ,
Colorado

0 - 2
2 - 6
0 - 2

2 -

Jacksonville,
Fla.

10 1

0 - 2
2 - 6

0,078
0,075
0,008
0,005

+
+
+
±

0,001
0,001
0,002
0,002

7,5
7,2
4,4
2,4

0,55
0,42
0,018
0,021

+
±
+
±

0,007
0,009
0,004
0,003

14
±0,3
16
+ 0,4
2,8 + 0,6

+
+
+
+
0,23 +
0,26 +
0,012 +
0,015 ±
0,31 +
+
0,31
0,028 +
0,024 7

0,007
0,007
0,003
0,005
0,006
0,006
0,002
0,002

17
±0,4
18
+ 0,4
4,4 + 0,8
5 , 2 ± 1,1

18

20
23
5,1
4,0

0,6
0,6
0,6
0,6

22

0,007
0,007
0,002
0,003

25
+ 0,5
23
• 0,5
7,6 ± 0 , 7
6,6 ± 0,7

23

0,26
0,27
0,038
0,044

0,006
0,006
0,003
0,003

20
+ 0,5
20
+0,5
7,5 ± 0 , 5
8,4 ± 0,6

20

0,32
0,35
0,019
0,023

2 - 6

Boise,

Boden)

mC/Qu.M.
mC/ftu.M X.
( M i l l i c u r i e Durch- i n s p.Quadrat- s c h n i t t ges.
meile)

u

+
+
+'
±

±
+
±
±

0,1
0,1
0,9
0,8

7,3
5,4
15
3,®

5,5 ± 0 , 5

+
+
±
_+_

0 , 1 0 + 0,001
0,091 + 0,001
0,11
+ 0,019
0,070 + 0,013
&lt;0,&lt; DQ2
_ &lt; 0 t ! 302

7,8 +
7.1 +
8.2 +
5,1 +
£0,45
30,51

0,1
0,1
1,4
1,0

0,11
+ 0,009
0,013 + 0,004
0,020 + 0,005

7,3 + 0,6
2,7 ± 0 , 9
4 , 0 ± 1,0

4,8

5,5

7,1

7,8

15

-

ia

23

26

30

28

7,0

SO,48

1

7,3

M

Los A n g e l e s
-

11

11

�"AIIERIKA DIENST"
Los Angeles,
Calif.

22

0-2
2 - 7

I'enphis, Tenn.

0-2
2-6

New Orleans,
La.

0-2
2 - 6

New York, 1T.Y.

0-2
2-6

Philadelphia,
Pa.

0-2
2-6

Rapid City, S.D.O - 2
2-6
Rochest'er, N.Y.

0-2
2-6

Salt Lake City, 0 - 2
Utah
2 - 8

S e a t t l e , Y/ash.

0 - 2
2 - 6

0 , 1 2 _+ 0 , 0 0 8
0 , 1 4 _+ 0 , 0 0 9
0,009 7 0,002
0 , 0 0 6 £ 0,002
0,27 ± 0,006
0,26 ± 0,006
0,023 + 0,003
0 , 0 2 9 _+ 0 , 0 0 3
0,24
0,22
0,009
0,006

+_
_+
_+
_+

0,006
0,006
0,002
0,002

6 , 9 _+ 0 , 5
0,0 + 0,5
3,3 _+ 0 , 9
2,2 ± 0,7

15
15
6,5
6,6
8,0
0,3

3,3

±
±
±
±
±
±

_+
2 , 2 _+

0,4
0,4
0,7
0,7

. Hai 1957
7,5
2,0

15
6,6

0,2
0,2

0,6

o,9
o,7

2,0

0,21 ± 0,006
0 , 2 9 _+ 0 , 0 0 7
0 , 0 7 2 +. 0 , 0 0 4
0 , 0 6 0 _+ 0 , 0 0 4

10
14
14
14

+ 0,3
+ 0,3
± 00 ,, 06
±

12

0,17
0,16
0,029
0,026

_+
_+
_+
+_

0,005
0,005
0,003
0,003

12
11

j_ 0,4
+_0 , 4
0,0
±
_+ 0 , 7

12

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27

�"AMERIKA DIENST"

22. Mai

1957

Die verschieden starke Ausfallsaktivität wird wohl am besten mit
Hilfe des sogenannten "Topfsammeiverfahrens" gemessen. Ein Eimer mit
gerade abfallenden Wänden von angemessener Höhe wird ins Freie gestellt,
mit dem die gesamten Ausfallsprodukte innerhalb eines bestimmten Zeitraums zusammen mit Regen, Schnee, Staub usw. gesammelt werden. Man läßt
den Eimer im Freien stehen, gleichgültig, ob es regnet oder nicht, und
erfaßt so die Ausfallsaktivität in einer bestimmten Periode. Die Schaubilder 6 und 7 zeigen - unter Berücksichtigung eventueller Meßfehler die auf diese V/eise erhaltenen Kurven für das Gebiet von New York und
Pittsburgh. Man beachte die unterschiedlichen Neigungswinkel der Kurve;
es ist interessant, sie mit den Testperioden und dem relativ kurzlebigen troposphärischen Ausfall in Beziehung zu setzen. Die flachsten
Kurvenabschnitte, die für Zeiten der Testruhe charakteristisch sind,
ergeben sich aus der bereits erwähnten stratosphärischen Ausfallsaktivität; sie dürften, wenn genügend Stichproben aus den verschiedensten
Teilen der Welt zur Verfügung stehen und zusammen mit den Meßresultaten
über die Mengen von Radiostrontium und Radiocaesium in der Stratosphäre
ausgewertet werden, exakte Angaben über die Zeit des Verbleibs in der
Stratosphäre und damit auch eine Lösung der Frage des atmosphärischen
Austauschs ermöglichen.
Neben der Intensität des radioaktiven Ausfalls ist auch die Frage
des Anteils von Hadiostrontium und, was die troposphärische Ausfallsaktivität betrifft, von Radiojod mit achttägiger Halbwertzeit, das in
assimilierbarer Form auftritt, von großer Bedeutung. So weit sich dies
bisher übersehen läßt, scheint das Ausfallstrontium größtenteils in
Wasser völlig löslich und somit assimilierbar zu sein; aber die Experimente speziell in bezug auf dieses Problem sollten doch fortgeführt
werden. Die direkte Inkorporation an der Blatt- und Grasoberfläche fördert natürlich die Assimilation von Strontium, da in diesem Fall der
Selektionsmechanismus, wie er bei der Aufnahme von Strontium über das
Wurzelwerk der Pflanze in Aktion tritt, umgangen wird. Ein weiterer
Faktor ist natürlich die Konzentration des nutzbaren Calciums im Boden,
Unter nutzbarem Calcium verstehen wir jenes Calcium, das von den Pflanzen aufgenommen werden kann, nicht jedoch das gesamte im Boden enthaltene Calcium. Es ist bekannt, daß Pflanzen, die auf Böden mit einem
hohen Gehalt an nutzbarem Calcium wachsen, einen geringeren Radiostrontium-Gehalt haben; das heißt, der Anteil von radioaktivem Strontium im
Verhältnis zum Calcium in der Pflanze ist infolge der geringeren Konzentration von Radiostrontium im Bodencalcium niedriger. Darüber hinaus
neigen, wie bereits ausgeführt, die Pflanzen dazu, das Calcium dem Strontium vorzuziehen, und zwar geschieht dies mit einem Trennfaktor von 1,4»
Schafe, die in gewissen Gegenden von Wales gezüchtet wurden, hatten in
ihrem Skelett Konzentrationen bis zu 150 Sunshine-Einheiten, während
bei Schafen und Rindern in den USA kaum mehr als ein Fünftel dieser
Konzentration festgestellt wurde. Stellenweise ist der Boden in Wales
sehr calciumarm, und folglich haben die Weidegräser dort einen hohen
Radiostrontium-Gehalt. Es ist natürlich klar, daß eine Düngung mit
Calcium diese Schwierigkeit sofort beheben würde; geschieht das aber
nicht, so ist zu fragen: Inwieweit fördert Calciummangel die Aufnahme
von Strontium-90 über den biologischen Kreislauf?
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�"AMERIKA DIENST

22. Mai 1957

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ergibt sich über die Nahrungsverteilung eine gewisse Nivellierung, und überdies sind calciumarme
Böden naturgemäß nur wenig ergiebig; folglich kommt auch der darauf
erzeugten Nahrung weit weniger Bedeutung zu als den Produkten von einem
gut gedüngten, wohl ausbalancierten Boden. Durch diesen Umstand wird
der Anteil von Nahrung mit übermäßig hohem Gehalt an Strontium-90 in
der großen Masse der zur Verteilung gelangenden Nahrungsmittel reduziert. Zur Prüfung des Radiostrontium-Gehalts der Nahrung in bestimmten
Gebieten dürfte es daher genügen, wenn wir uns mit dem RadiostrontiumGehalt der Milch näher befassen, da Milch die wichtigste Quelle für die
Calciumaufnähme ist. Direkte Messungen haben gezeigt, daß mit dem Faktor 5 alle Abweichungen, die aus den verschiedensten Einzelfaktoren einschließlich des Calciummangels in sauren Böden - resultieren, erfaßt
werden.
Die allgemeine Inkorporation muß vom Schema der Nahrungsverteilung abhängig sein, und die relativ geringen Schwankungen im Gehalt
der Milch müssen dies erkennen lassen. Die Anzahl der Individuen, die
vollständig auf die Produkte von sehr calciumarmen Böden angewiesen
sind, ist sehr klein, aber es muß auch in diesem Fall nachzuweisen
sein, daß diese Personen,falls sie beispielsweise auf einem völlig
isolierten Bauernhof in einer solchen Gegend aufwachsen, die 10 bis
50fache Menge des durchschnittlichen Gehalts an Strontium-90 i m Körper haben. Die normale Calciumkonzentration in Böden auf dem Gebiet
der Vereinigten Staaten beträgt etwa 20 Gramm pro Quadratfuß für die
oberste Bodenschicht bis in etwa 6 cm Tiefe, bei den calciumärmsten
Böden dagegen nur 0,4 Gramm - der Mangelfaktor beträgt hier also 50»
Aus eingehenden Untersuchungen des Verfassers an Menschen, die in
Gebieten mit calciumarmen Böden leben, jedoch in die normalen Verteilungs-Schemata für Nahrungsmittel einbezogen sind, geht hervor, daß
hinsichtlich der Aufnahme von Strontium-90 ein Faktor der Größenordnung 5 etwa dem Effekt entspricht, der von einem calciumarmen Boden mit dem Mangelfaktor 50 erwartet werden kann. Die Nahrung aus Gebieten außerhalb der calciumarmen Böden reduziert auf etwa den zehnten
Teil die verstärkte Aufnahme von Strontium-90, die infolge eines
Calciummangels im Boden zu erwarten wäre, wenn die Bevölkerung für
die Dauer des Körperaufbaus, also etwa bis zum 20. Lebensjahr, ausschließlich von den Produkten des Bodens der betreffenden Gegend lebte.
Den geringsten Strontium-90-Gehalt hat Fischfleisch; der Grund
hierfür ist in der starken Abschwächung zu suchen, die die Ausfallsaktivität im Bereich der hundert Meter Seewasser über der Wärmegrenzschicht erfährt, wo sich die Ausfallsprodukte in wenigen Tagen oder
Stunden rasch mit dem Wasser vermischen. Das bedeutet, daß die spezifische Konzentration von radioaktivem Strontium oder irgendeinem
anderen Ausfallsprodukt in Seewasser relativ viel niedriger ist als
dies im Boden der Fall sein würde. So sind beispielsweise in einer Seewassersäule von 100 Metern Höhe und 1 Quadratfuß Querschnitt 570 Gramm
Calcium gelöst, in einem nur 6 cm dicken Ausschnitt der Bodenschicht
gleichen Querschnitts jedoch, wo das Radiostrontium abgelagert und festgehalten wird, bereits 20 Gramm. Deshalb weisen grundsätzlich Nahrungsstoffe aus dem Meer und Fische im Vergleich zu allen anderen Nahrungsstoffen den geringsten Radiostrontiumgehalt aus dem radioaktiven Ausfall auf.
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22. Hai 1 &gt; 57

IV. Wirkungen fortdauernder Kernwaffenversuche und allgemeine
Schlußfolgerungen
Alles in allem sehen wir also, daß die gegenwärtige Strahlenbelastung des Körpers durch Strontium-90 aus den Kernwaffenversuchen in
den Vereinigten Staaten der Strahlendosis für das Knochengewehe entspricht, die sich aus ein paar hundert Iletern Höhenunterschied ergeben
würde; und im übrigen lassen die vorliegenden Lebensstatistiken keine
beobachtbare Wirkung auf das Auftreten von Knochenkrebs oder Leukämie
im Zusammenhang mit viel größeren Höhenunterschieden erkennen. Der
Toleranzwert von 100 Sunshine-Einheiten, oder 0,1 ""ikrocurie pro
Person, beziehungsweise 100 millionstel I.Iikrocurie pro Gramm Körpercalcium, der jetzt als Unbedenklichkeitsgrenze festgesetzt ist,
ist etwa 200mal höher als das gegenwärtig in den Vereinigten Staaten
festgestellte Niveau für junges Knochengewebe; unter keinen irgendwie voraussehbaren Umständen wird dieser Wert infolge Ausfallaktivität durch Kernwaffenversuche überschritten werden.
Die Verteilung der Strahlenbelastung durch Strontium-90 unter der
in einem bestimmten Gebiet lebenden Bevölkerung wird eine normale
Fehlerkurve mit einer mittleren Abweichung von etwa einem Drittel der
Durchschnittskonzentration ergeben. Das bedeutet, daß etwa 1 Person
unter 500 mehr als der doppelten durchschnittlichen Belastung für das
betreffende Gebiet, und etwa 1 unter mehreren Ilillionen mehr als der
dreifachen durchschnittlichen Belastung ausgesetzt sein wird.
Der Wirkung im lokalen Bereich kommt jedoch größere Bedeutung zu,
insbesondere der Wirkung von Calciummangel im Boden. Sine sorgfältige
Überprüfung dieser Frage läßt den Schluß zu, daß nur bei sehr.wenig
Individuen ein Strontium-90-Gehalt auftreten wird, der der nutzbaren
Calciumkonzentration des Bodens in dem betreffenden Gebiet umgekehrt
proportional ist. Dies ergibt sich aus der Tatsache, daß die Schemata
der Nahrungsverteilung automatisch einen Querschnitt durch einen sehr
großen geographischen Raum darstellen und die Bevölkerung eines gegebenen Gebietes das Calcium des betreffenden Bodens nur langsam assimiliert. Die meisten Menschen trinken i.Iilch und essen Käse und andere
calciumhaltige Nahrungsmittel aus einem verhältnismäßig großen "Einzugsgebiet", und dieser Umstand dürfte die mögliche Wirkung eines
Calciummangels in den verschiedenen Böden um etwa den Faktor 10 ver-

Auf der Basis von Laboratoriumsversuchen in hezug auf Strontium-90'
Konzentrationen im menschlichen Körper bei radioaktivem Gleichgewicht
ergeben sich Werte, die um das 13 bis JOfache niedriger liegen als die
Werte für die obere Bodenschicht. Die gegenwärtig vorliegenden Daten
weisen darauf hin, daß die höhere Zahl den tatsächlichen Gegebenheiten
näher kommt, so daß man selbst bei Annahme eines Y.'ertes von 20 für
dieses Verhältnis noch sehr vorsichtig verfährt. Die gegenwärtige Belastung durch 50 Sunshine-Einheiten in der oberen Bodenschicht in den
Vereinigten Staaten dürfte somit schließlich zu einer Belastung von
2,5 Sunshine-Einheiten, wahrscheinlich aber nur von 1,7 SunshineEinheiten in menschlichem Knochengewebe führen.
Natürlich

�"AMERIKA DIENST"

22. Mai 1957

Natürlich wird dieses Niveau bei Portführung der Kernwaffenversuche und einem damit verbundenen größeren Anfall von Spaltprodukten
steigen. Das gegenwärtig noch in der Stratosphäre gebundene Strontium-90 wird nach unseren Erwartungen in Mengen niedergeschlagen
werden, die mit dem Zerfall der bereits niedergeschlagenen Produkte
ziemlich im Gleichgewicht stehen dürften, so daß von dieser Seite
keine große zusätzliche Erhöhung aus den bereits vorgenommenen Kernwaffenversuchen zu erwarten ist. Sollten die Versuche in etwa dem
gleichen Umfang weitergeführt werden wie in den letzten fünf Jahren,
dann müßten wir bei radioaktivem Gleichgewicht nach langer, kaum
vorausberechenbarer Zeit das Achtfache des gegenwärtigen Niveaus
erreichen, da die durchschnittliche Lebensdauer von Strontium-90
40 Jahre beträgt. Dieser Berechnung liegt die Annahme zugrunde,
daß bei künftigen Kernwaffenversuchen in einem Zeitraum von jeweils
fünf Jahren die gleichen Mengen Aunfallprodukte wie in den vorausgegangenen fünf neu hinzukommen. Und so könnten wir dann in den Vereinigten Staaten eine durchschnittliche Strontium-90-Konzentration
in menschlichen Körper von 20 Sunshine-Einheiten erwarten, wenn wir
den vorsichtig geschätzten Trennfaktor 20 für den Unterschied der
Konzentration in der oberen Bodenschicht und im menschlichen Knochengewebe zugrundelegen, beziehungsweise von 5 Sunshine-Einheiten, wenn
wir den Faktor 00 verwenden. Das heißt mit anderen V/orten, daß bei
Portführung der Versuche auf unabsehbare Zeit in dem gleichen Umfang
wie in den vergangenen fünf Jahren im Geoiet der Vereinigten Staaten
ein Wert zwischen 5 u n d 20 Sunshine-Einheiten als Gleichgewichtskonzentration für das menschliche Knochengerüst auftreten würde.
Dieses Niveau würde erst nach einigen Jahrzehnten erreicht. In 28 Jahren - von 1952 an gerechnet - betrüge es die Hälfte, und nach weiteren
28 Jahren, also im Jahr 2008, drei Viertel dieses Gleichgewichtswertes•
So dürften sich also für die Bevölkerung der Vereinigten Staaten 4 bis
15 Sunshine-Einheiten Strahlenbelastung durch Strontium-90 im menschlichen Knochengewebe ergeben, wenn die Kernwaffenversuche in der jetzt
üblichen Art über 50 Jahre weitergeführt werden.
In den calciumarmen Gebieten der Erde kann dieses Niveau sich bis
auf das Fünffache erhöhen. Unter der Voraussetzung des gegenwärtigen
Versuchsumfangs ist damit zu rechnen, daß zu Beginn des 21.Jahrhunderts
in diesen bestimmten, räumlich begrenzten Gebieten der V,rert von
100 Sunshine-Einheiten, also der Toleranzgrenze für die Bevölkerung
im allgemeinen, annähernd erreicht wird. Die für diese Gebiete zutreffenden Bedingungen könnten jedoch durch eine Düngung des Bodens
mit Calcium entweder als Nitrat oder als Kalk - das hängt davon ab,
was nach anderen notwendigen Erwägungen vorteilhafter ist - gemildert
werden.
Im Rahmen des Projekts "Sunshine" werden die Probleme einer über
die ganze Erde verbreiteten Ausfallsaktivität weiter gründlich untersucht - vor allem der Gehalt der Stratosphäre an Radiostrontium und
Radiocaesium, das Auftreten dieser Isotope speziell in Boden und
V/asser und ganz allgemein in der Biosphäre, die biologischen Effekte
bei bestimmten Graden der Verseuchung mit Strontium-90 und in einem
geringeren Ausmaß auch mit Caesium-157 sowie die möglichen genetischen
Wirkungen der niedrigen Gammastrahlendosen, wie sie sich aus der welt- 20 -

�"AMERIKA DIENST"

22. Mai

1957

weltweiten Strahlungsaktivität als einer Folge von Kernwaffenversuchen
ergeben. All dieye Dinge werden nicht nur mit dem Ziel untersucht,
Schutzmaßnahmen für den Fall eines Atomkrieges zu entwickeln, sondern
ebenso für eine Anwendung in dem allerdings kaum wahrscheinlichen Fall
von Katastrophen in der Industrie, die sich im Zusammenhang mit verschiedenen Prozessen im Zuge der friedlichen Nutzanwendung der Kernenergie, vor allein in Atomkraftwerken, ereignen könnten. Ganz gewiß
ist die Kenntnis der IVirkungaweis« einer die gesamte Erde erfassenden
Ausfallsaktivität auch für die Kontrolle u id sichere Handhabung von
Isotopen von Nutzen. Alle de.:nit zusammenhängenden Studien werden in
enger Zusammenarbeit mjt dem Wissenschaftlichsn Eoirat der Vereinten
Nationen für Fragen der Effekte atomarer Strahlung durchgeführt, und
es ist zu hoffen,daß mit zune mender Vervollständigung der Daten sich
im Laufe der Zeit alle Länder an diesen internationalen Bemühungen
beteiligen, die Auswirkungen der großen, neuen Gegebenheit in uriserem
Leben, des Atoms und seiner Kräfte, besser zu verstehen.
7.Schaubilder

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Allg./29.5.1957

EISENHOWER ERSUCHT KONGRESS UM BEWILLIGUNG
VON 3,8 MILLIARDEN DOLLAR
FÜR DIE AUSLANDSHILFSPROGRAMME

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Botschaft Präsident Eisenhowers an den amerikanischen
Kongreß, in der er am 21.Mai 1957 U M die
Billigung der Auslandshilfsprogramme in
Höhe von 3,8 Milliarden Dollar ersuchte.

Die Sicherheit unseres Landes, die Erhaltung und Stärkung des
Weltfriedens und die Eindämmung der Gefährdung des Lebens und der
materiellen Hilfsquellen Amerikas in künftigen Jahren fordern gebieterisch, daß wir unsere weltweiten kollektiven Sicherheitsbemühungen fortführen.
Als eine Ergänzung unserer Landesverteidigung gewähren die
erprobten und bewährten Programme für Gemeinsame Sicherheit dem
amerikanischen Volk ein größeres Maß an Sicherheit pro investiertem Dollar als irgendeine andere Haushaltausgabe.
Für unsere wichtigste Aufgabe - den Kampf um den Frieden bilden diese Programme eine festere Grundlage als jede andere Bestrebung unseres Landes.
Seit fast einem Jahrzehnt hat noch jede objektive Analyse diese Auffassung bekräftigt, und auch im vergangenen Jahr wurde ihre
Richtigkeit in überzeugender Weis« bestätigt. Mehrere Kongreßausschüsse, die Exekutive selbst und viele hervorragende Bürger haben
diese Programme abermals einer Prüfung unterzogen. Bezüglich zweier
Grundtatsachen kamen alle diese Gruppen übereinstimmend zu dem Ergebnis:
Erstens: Daß sowohl die militärischen als auch die Wirtschaft«
liehen Seiten unserer Programme für Gemeinsame Sicherheit für die
Sicherheit des amerikanischen Volkes und den Weltfrieden von großer
Bedeutung sind.
Zweitens:

�"AMERIKA DIENST"

29. Mai 1957

Zweitenst Daß diese Programme noch einige Jahre lang für die
Erreichung der Ziele unseres Landes in der Welt unerläßlich sein
werden.
Diese Untersuchungen der jüngsten Zeit bestätigen erneut, daß
diese Programme
unsere eigene Verteidigung stärken;
durch die Förderung und Ausweitung der Wirtschaft der weniger
entwickelten Länder unseren eigenen Interessen dienen; und
die notwendige mächtige Wehr schaffen, mit deren Hilfe wir
politischen und wirtschaftlichen Krisen im Ausland, die unsere eigenen Lebensinteressen gefährden, begegnen können.
Deshalb tragen wir während dieser Sitzungsperiode des Kongresses
nicht nur die Verantwortung für eine einfache Weiterführung dieser Programme, sondern für ihre Fortführung in dem von den uns bedrohenden Gefahren und von den Möglichkeiten, diesen zu begegnen, diktiertem Ausmaß.
Analysen aus der jüngsten Zeit stimmen auch darin ganz allgemein
überein, daß diese Programme durch eine klare gegenseitige Abgrenzung
ihrer wesentlichen Elemente und deren jeweiliger Zielsetzung sehr gestärkt werden könnten. Ich möchte hier zunächst auf die einzelnen
Elemente der Programme eingehen und dann die spezifischen Änderungen
erörtern, um deren Billigung ich den Kongreß zur Erhöhung der Wirksamkeit der Programme ersuche.
Das erste Element ist die militärische Verteidigungshilfe - die
gemeinsamen Bemühungen, die wir und andere freie Länder unternehmen,
um ein Gegengewicht für die sowjetisch-chinesische Militärmacht und
ihr Streben nach der Weltherrschaft zu schaffen. Jene Macht nimmt
ständig zu: an Waffen, an verfügbarer Atomkraft und an wirtschaftlichem Potential. Denn das Ziel der Kommunisten, die Welt zu erobern,
hat sich nicht gewandelt.
Wollte es unser Land allein auf sich nehmen, dem kommunistischen
Imperialismus Widerstand zu leisten und entgegenzuwirken, so würde
dies unserem Volk ungeheure Verteidigungsausgaben aufbürden und uns
schließlich die Freiheit kosten.
Auch den anderen freien Völkern wäre es nicht möglich, einzeln
zu versuchen, diese Bedrohung abzuwehren.
Deshalb haben wir uns mit anderen freien Völkern in unserem eigenen
Interesse zusammengefunden, um gemeinsam ein System der kollektiven
Sicherheit aufzubauen und zu unterhalten, in dem die Bemühungen jedes
einzelnen Volkes die Stärke aller mehren. Inzwischen ist dieses System
zum Grundpfeiler sowohl unserer als auch ihrer Sicherheit in einer von
Spannung und Ungewißheit erfüllten Welt geworden.
Dieses System der kollektiven Sicherheit kann nur dann erfolgreich
sein, wenn es wirklich auf gemeinsamer Basis beruht und auf gemeinsamem
- 2-

�"AMERIKA DIENST"

29. Mai 1957

gemeinsamem Handeln zum Aufbau der gemeinsamen Stärket
Wir liefern, abgesehen vom Unterhalt unserer eigenen Streitkräfte
hier und im Ausland, zahlreichen Ländern militärische Ausrüstungen und
gewähren ihnen Ausbildungshilfe und einigen von ihnen auch noch wirtschaftliche Hilfe, um ihnen den Unterhalt von starken Streitkräften,
wie sie für die gemeinsame Verteidigung erforderlich sind, zu erleichtern.
Die uns befreundeten Völker ihrerseits stellen eigene Streitkräfte auf und tragen in den meisten Fällen auch den größten Teil
der daraus erwachsenden direkten finanziellen Lasten. Sie stellen
ferner ihren und unseren Luft-, Land- und Seestreitkräften strategisch wichtige Positionen zur Verfügung - Positionen, die für uns
von entscheidender Bedeutung sind und uns befähigen, andere vor einer
Aggression abzuschrecken und unsere Heimatländer zu verteidigen.
Die Vereinigten Staaten haben in den letzten acht Jahren direkte
Militärhilfe an die Streitkräfte solcher Länder in Höhe von rund 17
Milliarden Dollar geleistet. Im gleichen Zeitraum haben die Völker der
freien Welt 107 Milliarden Dollar in ihre eigene und in die gemeinsame
Verteidigung gesteckt.
Mit diesen 17 Milliarden Dollar haben wir dazu beigetragen, in
der freien Welt eine Streitmacht von 200 Divisionen uns befreundeter
Streitkräfte aufzubauen und auszurüsten.
Sie verfügen über rund 27 000 Plugzeuge.
Sie unterhalten rund 2500 für den Kriegseinsatz verwendungsfähige Marineeinheiten im aktiven Dienst.
Die Hilfe, die wir unseren Freunden geleistet haben und noch
leisten, mehrt ihre Möglichkeiten, sich selbst gegen Umsturzversuche
im Inneren und gegen eine etwaige Aggression von außen zu verteidigen.
Sie mehrt die Sicherheit der bereinigten Staaten ganz erheblich.
Durch ihre stabilisierenden Auswirkungen auf die internationale
Lage erhöht sie die Aussichten auf einen gerechten und dauerhaften
Frieden.
Der Wert dieser Bemühungen um ein kollektives Sicherheitssystem
für den Schutz Amerikas und die Verhütung eines Krieges hat sich bereits erwiesen. Ich zähle im folgenden einige historische Ereignisse
auf, in deren Fall eine Verweigerung von Hilfe schlimmste Folgen für
unser Land und den Weltfrieden hätte haben können.
Ohne amerikanische Hilfe wären Griechenland und die Türkei 1947
der Macht der Kommunisten erlegen.
Ohne unsere Hilfe wäre die Entschlossenheit der jugoslawischen
Führung und des jugoslawischen Volkes, die Unabhängigkeit ihres Staates

. 3-

�"AMERIKA PIEKST"

29. Mai 1957

Staates von Moskau durchzusetzen, nach 1948 wohl .kaum wach geblieben.
Ohne unsere Hilfe vom Jahre 1954 wäre das strategisch v/ichtige
Gebiet Vietnam und Südostasien heute wahrscheinlich der freien Welt
verloren.
Unsere Hilfe ermöglicht es Korea und dem freien China heute,
ihre nationalen Bestrebungen und ihre Unabhängigkeit unmittelbar
unter den Mündungen der kommunistischen Kanonen aufrechtzuerhalten.
Unsere Hilfe trägt heute im Nahen Osten dazu bei, die Integrität dieses äußerst wichtigen Gebietes der Erde und die Unabhängigkeit
einiger der dort gelegenen Länder zu wahren.
Zu einem Zeitpunkt, in dem unsere früheren Anstrengungen Früchte
tragen und in dem die Sowjets durch Intrigen und mit ihrer Macht in
allen umstrittenen Gebieten der Erde Fuß zu fassen suchen und alle
möglichen Druckmittel anwenden, wäre es in höchstem Grade unklug,
wenn unser Land diese Bemühungen einstellen oder sie durch einen
kurzsichtigen Spareifer auf ihre Kosten lahmlegen wollte.
Das zweite wichtige Element unserer Programme für Gemeinsame
Sicherheit ist die wirtschaftliche Entwicklungshilfe und die technische Zusammenarbeit.
Dieser Teil der Programme ermöglicht es den weniger entwickelten
Ländern, die zur Wahrung ihrer Unabhängigkeit unerläßlichen sozialen
und politischen Fortschritte zu machen. Sofern diese Völker nicht
auf einen gesicherten wirtschaftlichen Fortschritt hoffen können,
besteht die akute Gefahr, daß ihre Regierungen vom Kommunismus gestürzt werden.
Für Millionen Menschen in der Nachbarschaft der sowjetischen
und rotchinesischen Grenzen ist die politische Freiheit noch etwas
Neues. Für viele muß sie ihren Wert erst beweisen. Um fortbestehen
zu können, muß die politische Freiheit erst noch den Weg zu einer
anderen und nicht weniger wichtigen Freiheit weisen - der Freiheit
von jener Armut und Hoffnungslosigkeit, in der diese Völker jahrhundertelang gelebt haben. Diese ihre neue Freiheit bestärkt sie in
dem Wunsch und Entschluß, ihre Wirtschaft zu entwickeln. Sie sind
bestrebt, ihren Lebensstandard zu erhöhen. Dabei fehlt es ihnen aber an
hinreichenden Hilfsquellen, und so benötigen sie dringend Hilfe - sowohl was technisches Können als auch was Kapital angeht.
Wenn diese Länder keine Hilfe von außen erhalten, so können sie
ihren wirtschaftlichen Aufbau nicht soweit vorantreiben, wie dies
zur Erhaltung ihrer Unabhängigkeit notwendig ist. Die führenden
Männer dieser Länder, die einen gemäßigten Kurs verfolgen, müssen
von der freien Welt Hilfe in einem Maß erhalten können, daß sie
ihren Völkern die begründete Aussicht auf einen entsprechenden Fortschritt bieten können. In jedem anderen Fall würden sich ihre Völker
mit Sicherheit von ihnen abwenden. Extreme Elemente würden in den Besitz der Macht gelangen, den nationalen Haß schüren und Uneinigkeit
und Streit im Innern hervorrufen. Damit wäre die große Gefahr gegeben,
daß

�"ALIERIKA DIENST"

29. Hai 1957

daß jene freien Regierungen beseitigt würden. Unbeständigkeit und
eine Bedrohung des Friedens wären das Ergebnis. In unserer so eng
miteinander verflochtenen Welt würde ein solcher Verlauf der Dinge
unser eigenes Volk mit Besorgnis erfüllen und sogar selbst in Gefahr bringen.
Die Hilfe, die wir jenen Ländern zum Zweck der Entwicklung
ihrer Wirtschaft gewähren, ist ein Vorbeugungsmittel gegen solche
Krisen. Unsere Hilfe ist somit eine Art Versicherung gegen zunehmende
Spannungen und erhöhte Kriegsgefahr sowie gegen Verteidigungskosten,
die hier in unserem Lande raketenartig emporschnellen würden, sollte
jenen um ihre Existenz ringenden Völkern eine solche Tragödie widerfahren.
Diese revolutionären Entwicklungen in weit abgelegenen Teilen
der Welt kamen auf dem Rücken jener Welle, die vor eineinhalb Jahrhunderten von dem Beispiel unseres eigenen erfolgreichen Kampfes um
unsere Freiheit ausging. Die Entschlossenheit jener Völker, ihr Los
zu verbessern und ihre neugewonnene Freiheit zu wahren, erweckt Erinnerungen an unsere eigenen erhabenen Traditionen. Wenn wir ihnen
in ihrem Ringen eine helfende Hand bieten, so geschieht dies aber
nicht nur in unserem eigenen Interesse. In einer solchen Haltung
spiegeln sich auch der Charakter und die höchsten Ideale jener Menschen, die unseren Staat aufgebaut und erhalten haben.
Las dritte bedeutsame Element unseres Programms für Gemeinsame
Sicherheit ist die Sonder- oder auch Notstandshilfe, die wir befreundeten Staaten in kritischen Zeiten gewähren, wenn heftige politische
Umwälzungen, Naturkatastrophen oder andere Umstände sowohl die Stabilität jener Länder als auch unsere eigenen nationalen Interessen gefährden.
Im Jahre 1953 hat Persien, ein strategisch sehr wichtiges Gebiet,
unter einem hin und her lavierenden Führer mit dem Kommunismus und
dem Chaos geliebäugelt. Es gelang dem persischen Volk aber, eine Regierung einzusetzen, die uns und der Freiheit aufgeschlossen gegenübersteht. Unsere Hilfe gab ihm jene zusätzliche Stärke, deren es
bedurfte, um wieder stabilere Verhältnisse im Lande zu schaffen und
den Sieg über Gewalt und Umsturz zu konsolidieren.
Eine ähnliche Hilfe an Guatemala sicherte den Fortbestand der
dortigen republikanischen Regierung, nachdem ein prokommunistisches
Regime im Jahre 1954 gestürzt worden war.
In vielen Gebieten der Erde, in denen keine stabilen politischen
Verhältnisse herrschen, versuchen die Kommunisten heute mit ihrer Macht
Fuß zu fassen. Sie schlachten jede etwaige Schwäche der freien Völker
in jeder nur möglichen V/eise für sich aus. Ganz zwangsläufig werden
wir auch in Zukunft mit solchen kritischen Situationen rechnen müssen.
Im Interesse Amerikas müssen wir bereit sein, Sonderhilfe immer dann
zu gewähren, wenn sich aus einem unheilvollen Ereignis in einem anderen
Teil der Welt eine Gefahr für unsere eigenen Lebensinteressen zu ergeben
droht.
Diese

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"AMERIKA DIENST"

Diese wichtigsten Elemente unserer Programme für Gemeinsame
Sicherheit sind deshalb im Interesse unserer eigenen Sicherheit so
notwendig wie je zuvor. Ich glaube aber - und auch andere haben in
jüngster Zeit die gleichen Forderungen erhoben -, daß diese Elemente
klarer gegeneinander abgegrenzt werden sollten, um eine wirksamere und
wirtschaftlichere Verwaltung zu ermöglichen. Ich empfehle vier Änderungen an den bestehenden Programmen:
Erstens: Die Militärischen Verteidigungshilfsprogramme sollen von
den Programmen für Wirtschaftliche Entwicklung getrennt werden.
Zweitens: Die Militärische Verteidigungshilfe soll reorganisiert
und als ein integrierender Bestandteil unserer eigenen weltweiten
Verteidigungsanstrengungen behandelt werden.
Drittens: Wirtschaftliche Entwicklungshilfe soll in erster
Linie in Form von Krediten auf kontinuierlicher Basis und in engem
Zusammenwirken mit der technischen Hilfe gewährt werden.
Viertens: Der Bedarf an wirtschaftlicher Sonderhilfe sollte aus
Mitteln bestritten werden, die eigens für diesen Zweck zu billigen
und bereitzustellen sind.
Um diese Zielsetzungen erreichen zu können, schlage ich folgende
gesetzgeberische Maßnahmen vor:
Erstens: Ich empfehle, daß die Verteidigungshilfe, sowohl die
militärische Hilfe als auch die damit verbundene Wirtschaft liehe Unterstützung, von der Wirtschaftlichen Entwicklungshilfe getrennt wird.
Wir wenden den größten Teil unserer Ausgaben für Gemeinsame
Sicherheit dafür auf, die Streitkräfte befreundeter Staaten durch Gewährung
von zweierlei Formen der Verteidigungshilfe zu stärken:
Im einen Fall handelt es sich um die militärische Hilfe - das sind
Lieferungen von Geschützen, Munition, Panzern, Flugzeugen, Schiffen und
anderen Waffen an unsere militärischen Verbündeten, sowie unsere Mitwirkung bei der Ausbildung an diesen Waffen.
Im anderen Fall handelt es sich um die wirtschaftliche Verteidigungshilfe. Obwohl sie zunächst einmal ihrer Zielsetzung nach eine
reine Wirtschaftshilfe darstellt, so versetzt sie doch die uns befreundeten Nationen in die Lage, Streitkräfte und militärische Einrichtungen
in einem Ausmaß zu unterhalten, das andernfalls ihre Kräfte übersteigen
würde.
Bei der gegenwärtigen Regelung für unsere Programme für Gemeinsame
Sicherheit wird nicht klar zwischen wirtschaftlicher Verteidigungshilfe
und wirtschaftlicher Entwicklungshilfe unterschieden. Bisher bildeten
die militärische Verteidigungshilfe und die wirtschaftliche Verteidigungshilfe zusammen mit der wirtschaftlichen Entwicklungshilfe einen
Haushaltposten. Bei diesem Verfahren bestand im Falle von Ländern, mit
denen wir Abkommen über die Gewährung von militärischer Verteidigungshilfe geschlossen haben, die Gefahr, daß die Grenzen zwischen Wirtschaft» - 6 -

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29. Mai 1957

wirtschaftlicher Entwicklungshilfe und militärischer Verteidigungshilfe verwischt wurden.
Um Unklarheiten über Charakter und Zielsetzung unserer Hilfe zu
beseitigen, empfehle ich eine klare Trennung zwischen militärischer
und wirtschaftlicher Verteidigungshilfe einerseits und wirtschaftlicher Entwicklungshilfe andererseits. Das Programm, das ich dem Kongreß
unterbreite, sieht eine solche Trennung vor.
Die zweite gesetzgeberische Maßnahme, die ich vorschlage, geht
dahin, daß die Bewilligungen für die militärische Verteidigungshilfe
als selbständige Position in den regulären Haushalt des Verteidigungsministeriums einbezogen werden.
Unsere Aufwendungen für die militärische Verteidigungshilfe unterscheiden sich weder in ihrer grundsätzlichen Zielsetzung noch in ihrem
Charakter von denen für unsere eigenen Streitkräfte. Sobald sie in unseren eigenen Verteidigungshaushalt einbezogen sind, wird man sie hier
und im Ausland - s o , wie es tatsächlich sein sollte - als Teil der
militärischen Anstrengungen der Vereinigten Staaten betrachten. Um
eine kontinuierliche enge Koordinierung aller Elemente des Gesamtprogramms sicherzustellen, schlage ich ferner vor, daß diese Mittel zur
Verfügung des Präsidenten gestellt werden.
Ich empfehle ferner, daß die Bewilligungen sowohl für das militärische als auch für das wirtschaftliche Verteidigungshilfsprogramm fortan
gemäß einer vom Kongreß zu billigenden ständigen Vollmacht erfolgen. Dies
würde in gebührender 7/eise der Tatsache Rechnung tragen, daß unsere eigene Sicherheit die Fortführung dieser Teile unserer eigenen militärischen
Anstrengungen bis zu dem Zeitpunkt notwendig macht, an dem der kommunistische Imperialismus aufhört, die freien Völker zu bedrohen. Der Kongreß
hätte damit auch die Möglichkeit, die Bewilligungen für unsere eigenen
bewaffneten Streitkräfte und für die Hilfe an die Streitkräfte befreundeter Staaten gleichzeitig zu behandeln. Auf diese Weise lassen sich
diese beiden eng miteinander verflochtenen Elemente unseres Militärhaushaltes besser aufeinander abstimmen und ausbalancieren, so daß
sie beide in ihrer Wirksamkeit noch gesteigert werden. Ich empfehle
des weiteren, daß die Mittel für die militärische Verteidigungshilfe
in gleicher Weise genehmigt werden wie die Mittel für unsere eigenen
militärischen Beschaffungsvorhaben, gleichgültig ob dies auf der gegenwärtigen Basis - Verfügbarhaltung bis auf Abruf - oder auf einer anderen
noch zu findenden Basis geschieht. Die politischen Richtlinien für die
militärische und wirtschaftliche Verteidigungshilfe wären natürlich vom
Präsidenten in Zusammenarbeit mit dem Außenminister festzulegen.
Für diese beiden Formen von Verteidigungshilfsprogrammen empfehle
ich für das Haushaltjähr 1958 die Bewilligung von insgesamt 2,8 Milliarden Dollar als einer selbständigen Position innerhalb der Bewilligungen
für das Verteidigungsministerium. Von diesem Betrag sind 1,9 Milliarden
Dollar für militärische Ausrüstungen und Dienste bestimmt, die verbleibenden 900 Millionen Dollar für die wirtschaftliche Verteidigungshilfe.
Als dritte größere gesetzgeberische Maßnahme empfehle ich, daß
langfristige Entwicklungshilfe aus einem Fonds für Entwicklungskredite
gewährt werde.
Unsere

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29. Mai 1957

Unsere Hilfe für die weniger entwickelten Gebiete vermag deren
eigene Hilfsquellen nur in beschränktem Maße zu ergänzen. Dennoch
kann sie, wenn sie in einer Form geleistet wird, die jene Völker dazu
ermutigt, sich in größerem Maße als bisher selbst zu helfen, den entscheidenden Unterschied ausmachen.
Diese Zielsetzung macht - schon in unserem eigenen Interesse eine eindeutige Klarstellung unserer Absicht notwendig, die Menschen
in den weniger entwickelten Gebieten in ihren Bemühungen um den Aufbau
ihrer Volkswirtschaften zu unterstützen. Sie setzt ferner eine gewisse
Gewähr für die Kontinuität dieser Hilfe voraus.
Die Entwicklungshilfsprogramme werden unter dem gegenwärtigen
System bereits so wirksam und wirtschaftlich wie nur möglich durchgeführt; sie leiden aber unter einigen ernsten Schwierigkeiten. Die
eine besteht darin, daß nach dem gegenwärtigen Gesetz die Mittel nur
von Jahr zu Jahr und ohne eine Garantie der Kontinuität bereitgestellt
werden. Eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung ist aber ganz offensichtlich nicht mit einer Planung von Jahr zu Jahr zu bewerkstelligen,
sondern nur in einem kontinuierlichen Prozeß. Damit steht auch noch
eine weitere Schwierigkeit in engem Zusammenhang. Nach der gegenwärtigen
Gesetzgebung werden die Mittel jedes Jahr auf der Grundlage von Kostenschätzungen der Empfängerländer für die geplanten Vorhaben beantragt.
Das führt zur Schaffung von Quoten für die Hilfe an die einzelnen Länder,
die verfrüht festgesetzt werden müssen. Sie später zu ändern, bereitet
einige Schwierigkeiten, da auf Seiten der Empfängerländer die Gefahr besteht, daß sie unsere Absichten mißverstehen.
Darüber hinaus kann selbst dem für die Verwaltung dieser Programme
benötigte Personal, zum größten Teil hochqualifizierten Fachkräften,
lediglich eine jeweils kurz befristete Beschäftigung geboten werden. "Pies
macht es immer schwieriger, qualifizierte Kräfte zu bekommen und zu
halten.
Die Länder, die unsere Hilfe suchen und verdienen, sollten einen
größeren Anteil an der Verantwortung für die sorgfältige Planung der
Projekte übernehmen, die sie für notwendig und vertretbar halten.
Nicht weniger wichtig ist es, daß unsere Hilfe auf diese Projekte abgestimmt wird und daß sie künftig im Einklang mit dem Fortschritt gewährt wird, der bei ihrer Ausführung erzielt wird.
Um ein höheres Maß an Kontinuität, Wirksamkeit und Y/irtschaf tlichkeit sicherzustellen und andere Länder zu größerer Selbsthilfe zu ermutigen, empfehle ich dem Kongreß die Schaffung eines Fonds für Entwicklungskredite, der die Finanzierung besonderer Projekte und Programme
übernehmen soll, die zu einer gesunden Entwicklung beizutragen versprechen. Dieser Fonds würde nicht für eine kurzfristige Notstands- oder
Überbrückungshilfe, sondern nur für wirtschaftliche Entwicklungsvorhaben
verwendet werden, die sich auf lange Sicht segensreich für das Empfängerland auswirken.
Ich gehe dabei von der Vorstellung aus, daß die aus diesem Fonds zu
gewährende Hilfe größtenteils in Form von Krediten geleistet werden würde.
Diese

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29. Mai 1957

Diese Kredite sollten nicht mit den Mitteln aus anderen
Kreditquellen - private Geldgeber, die Weltbank oder die ExportImport-Bank - konkurrieren oder diese ersetzen.
Die Kredite sollten auf der Grundlage einer nach menschlichem
Ermessen gewährleisteten Rückzahlfähigkeit in Dollar oder Landeswährung zur Verfügung gestellt werden. Dabei sollten wir uns allerdings darüber klar sein, daß sich diese Erwartung mehr auf das Vertrauen in die allmähliche Entwicklung des Empfängerlandes und die
Hoffnung auf eine Verbesserung des weltpolitischen Klimas als auf
eine gegenwärtig bereits gegebene gesunde Finanzlage stützen würde.
Der Fonds würde seine Tätigkeit eng mit anderen Kreditinstituten
koordinieren. Er könnte sowohl allein von sich aus als auch im Wegein
mit anderen derartigen Institutionen Finanzierungen übernehmen.
Eine seiner wichtigsten Aufgaben wäre es, den Strom privater Investitionen zu fördern - und nicht etwa zu behindern. Zu diesem Zwecke
sollte er Vollmacht zur Abwicklung entsprechender Finanzgeschäfte
erhalten. Bei richtiger Geschäftsführung dürfte er zu einer Steigerung
der Geschäftstätigkeit auch der anderen Institutionen beitragen, die
sich mit der Bereitstellung von Kredit- und Investitionsmitteln befassen.
Um unnötigen administrativen Leerlauf zu vermeiden und eine
Koordinierung mit den Zielsetzungen unserer Außenpolitik sicherzustellen, sollte der Fonds meiner Auffassung nach im Rahmen des Amtes
für Internationale Zusammenarbeit (ICA) errichtet und von diesem verwaltet werden.
Um seine Zielsetzungen verwirklichen zu können, sollte der Fonds
gleich zu Anfang über so viel Kapital verfügen, wie er zur Finanzierung
seiner Tätigkeit während der nächsten drei Haushaltsjahre braucht.
Nur auf diese Weise können wir von der Vorplanung für jedes einzelne
Land und von anderen Verwaltungspraktiken abgehen, die gegenwärtig
die Verwaltung der Entwicklungshilfe erschweren und komplizieren.
Ohne die Sicherheit einer solchen Kontinuität wäre der Fonds kaum
etwas anderes als die Fortführung der gegenwärtigen geübten Praxis,
wenn auch vielleicht mit einigen Verbesserungen, unter einem neuen
Namen.
Ich ersuche den Kongreß deshalb um eine erste Bewilligung für das
Haushaltjahr 1958 und die Vollmacht für den Fonds, in den folgenden Jahren vom Finanzministerium innerhalb der festgesetzten Grenzen Kredite
aufzunehmen. Derartige Vollmachten sind schon verschiedentlich für
andere Kreditaktionen der Vereinigten Staaten gewährt worden. Ich
glaube, daß dieses Finanzierungsschema am ehesten dem Charakter des
Fonds entspricht.
Für das erste Jahr - für die eigentliche Anlaufzeit also - sollten
auf keinen Fall weniger als 500 Millionen Dollar für den Fonds bewilligt
werden - ein Betrag, der in der Gesamtsumme der Anforderung neuer Mittel
eingeschlossen ist, die in dieser Botschaft noch unterbreitet wird.
Ich rechne mit einer erheblichen Zunahme von Anträgen auf Unterstützung
innerhalb der nächsten zwei Jahre, wenn die Entwicklungsvorhaben der

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der verschiedenen Länder voranschreiten. Ich nehme deshalb an, daß
der Fonds in den Haushaltjähren 1959 und i960 jeweils ein Kapital
von 750 Millionen Dollar benötigen wird.
Um die Ziele des Fonds erreichen zu können, muß bereits jetzt
eine ausreichende Kapitalausstattung bereitgestellt werden. Einen
Fonds für langfristige wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen, ihm
aber gleichzeitig die Mittel zu versagen, die für ein erfolgreiches
Arbeiten erforderlich sind, käme einer Selbsttäuschung gleich und
würde sowohl unsere Freunde entmutigen als auch eine Verschwendung
unseres Geldes bedeuten.
Das Programm für technische Zusammenarbeit ist eines der wertvollsten Elemente unserer gesamten Bemühungen um gemeinsame Sicher«
heit. Es sollte gleichfalls auf langfristiger Basis fortgeführt werden und
müßte eng mit dem Fonds verbunden sein. Ich schlage deshalb vor, daß
der Kongreß seine Zustimmung zum Programm für technische Zusammenarbeit
auf einer kontinuierlichen Basis unter Beibehaltung der bisherigen Form
der Bewilligung der Mittel auf Jahresbasis erteilen möge. Für das Haushaltjahr 1959 ersuche ich um die Bewilligung von 152 Millionen Dollar
für dieses Programm.
Die Schaffung einer "Sonderhilfe" als einer getrennten Kategorie
der Hilfeleistung empfehle ich zur Erreichung eines dreifachen Zweckes:
1) um Wirtschaftshilfe, und zwar in erster Linie in Form nichtrückzahlbarer Zuwendungen, bereitzustellen und damit Erfordernissen
Rechnung zu tragen, die für unser Land wichtig sind und im Rahmen der
anderen Hilfeprojekte nicht befriedigt werden könnten;
2) um unvorhergesehenen militärischen oder anderen Anforderungen
gerecht werden zu können, die über die eingeplanten und beantragten
Mittel hinausgehen; dies wird meiner Voraussicht nach in dem ersten
Jahr, in dem das revidierte Programm läuft, von besonderer Wichtigkeit sein;
3) um auf eventuelle Notfälle oder andere unvorhergesehene
Ereignisse vorbereitet zu sein, die zum Schutz der Sicherheit des
Landes einen Verzicht auf gewisse restriktive Gesetzesbestimmungen
notwendig machen. Ich ersuche um die Ermächtigung, auf Beschränkungen
bezüglich der Verwendung bewilligter Geldmittel im gleichen Umfang
wie gegenwärtig verzichten zu können. Ein Teil der zusätzlichen Erfordernisse des Nahen Ostens, die ich dem Kongreß im Januar erläuterte,
wird aus einer solchen Sonderhilfe bestritten wefden.
Für diese drei Zwecke der Sonderhilfe - für die eine Bewilligung
von Jahr zu Jahr vorgesehen ist - ersuche ich um die Bewilligung von
300 Millionen Dollar an neuen Etatmitteln für das Haushaltjähr 1958«
Dieser Betrag schließt 100 Millionen Dollar zur Abdeckung bereits
voraussehbarer Erfordernisse und 200 Millionen Dollar als Reserve
und für unvorhergesehene Ausgaben ein.
Unter den vorauszusehenden Erfordernissen möchte ich eines besonders hervorheben. Ich meine ein Programm - die Malariabekämpfung -,
das
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29. Mai 1957

das in der dem Kongreß unterbreiteten Vorlage gesondert ausgewiesen
ist, das aber aus den Mitteln der Sonderhilfe finanziert werden soll.
Die Malariabekämpfung ist heute das vordringlichste hygienische
Problem in der Welt überhaupt. Diese Krankheit, die jedes Jahr rund
200 Millionen Menschen befällt, fordert Jahr für Jahr zwei Millionen
Menschenleben und bringt entsetzliche Leiden und schwere wirtschaftliche Not in viele Gegenden. Es ist heute durchaus möglich, diese
Geißel in großen Gebieten der Erde auszurotten. Ich schlage vor, daß
sich die Vereinigten Staaten mit anderen Ländern und Organisationen
vereinen, die jährlich bereits -über 50 Millionen Dollar für die Bekämpfung der Malaria aufwenden. Es ist zu hoffen, daß diese Maßnahmen
in fünf Jahren zur völligen Ausrottung dieser Krankheit führen werden.
über die bereits genannten Programme hinaus sind 113 Millionen
Dollar für multilaterale Programme, das Programm für die Nutzung der
Atomenergie für friedliche Zwecke und die Verwaltung der nichtmilitärischen Programme erforderlich.
Es ist besonders wichtig, daß wir unseren Beitrag zu den Programmen auf dem Gebiet der technischen Zusammenarbeit, die von den Vereinten Nationen und anderen internationalen Körperschaften durchgeführt
werden, sowie auch zur Flüchtlings- und Umsiedlerhilfe und zum Kinderhilfsfonds auch weiterhin leisten. Diese Beiträge, die sich noch um die
Beiträge anderer Staaten erhöhen, werden diese Organisationen in die
Lage versetzen, ihre segensreiche Tätigkeit fortzuführen. Ich bin der
Auffassung, daß die Beteiligung der Vereinigten Staaten an diesen Bestrebungen in etwa dem gleichen Ausmaß wie im gegenwärtigen Zeitpunkt
beibehalten werden soll. Ich ersuche ferner um die Fortführung unseres
Programms zur Unterstützung von Flüchtlingen vor der kommunistischen
Despotie.
Die Vereinigten Staaten haben vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 1953 erstmals das Angebot gestellt, anderen
Ländern bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie zu helfen und sie
an ihrem technischen V/issen auf diesem Gebiet teilhaben zu lassen.
Unsere Programme für Gemeinsame Sicherheit für das Haushalt jähr 1958
schließen zusätzliche Mittel ein, die eine Verwirklichung dieses Angebots durch die Gewährung von Unterstützung zur Finanzierung von Forschungsreaktoren, anderen Ausrüstungen und der damit verbundenen Dienste
an eine zunehmende Zahl von Staaten gestatten, die an der Erschließung
der Atomenergie für friedliche Zwecke mitarbeiten.
Der Gesamtantrag für die Gewährung neuer Mittel im Haushaltjahr
1958 lautet auf 3,865 Milliarden Dollar, eine Summe, die um 535 Millionen hinter dem in meiner Haushaltbotschaft vom Januar angegebenen
Schätzbetrag zurückbleibt. Fast die gesamte Reduzierung wird.durch
Einsparungen im militärischen Hilfsprogramm in Höhe von 500 Millionen
ermöglicht, die, sofern sie in den neuen Haushalt überführt werden,
zur Deckung der Anforderungen für das Programm herangezogen werden
können. Bei diesem Betrag handelt es sich nicht um aufgeschobene

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�AMERIKA DIENST"

29. Mai 1957

aufgeschobene Zahlungsverpflichtungen, sondern um echte Einsparungen.
Diese Einsparungen erklären sich zu einem großen Teil aus dem verringerten Bedarf an Ersatzteilen,der auf die zunehmende Erfahrung der von uns
unterstützten Streitkräfte im Umgang mit unseren Ausrüstungen zurückzuführen ist, sowie aus der Verringerung des allgemeinen Bedarfs, die aus
einer verbesserten Planung und Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten
resultiert und der fortgesetzten Verbesserung der Verwaltung unseres
Programms. Ich ersuche darum, diese 500 Millionen in den Haushalt 1958
zu überführen.
Wir alle sind bestrebt, die Regierungsausgaben zu reduzieren. Und
wir alle begrüßen Steuersenkungen, wenn sie sich ohne Schaden für unser
Land vornehmen lassen.
Es gibt aber nur einen gesunden Weg für uns, eine einschneidende
Steuersenkung zu erzielen. Dieser Weg besteht darin, unseren Kampf für
den Frieden mit Erfolg zu bestehen und damit die Voraussetzungen für
eine erhebliche Senkung unserer Militärausgaben zu schaffen. Eine einschneidende Kürzung dieser Ausgaben wäre aber angesichts der derzeitigen Weltlage ein Vabanquespiel.
In ähnlicher Weise und aus genau demselben Grund wäre die Verweigerung einer ausreichenden Unterstützung für unsere so ungeheuer wichtigen Programme für Gemeinsame Sicherheit äußerst unklug und auch in
der Wahl des Zeitpunktes sehr ungeschickt. Ein solches Verhalten würde
nicht nur die Erreichung jener erheblichen Einsparungen bei den Militärausgaben aufs Spiel setzen, die wir alle so sehr erstreben, es würde
vielmehr auch durch eine Ermutigung möglicher Aggressoren und die Entmutigung unserer Freunde das Risiko heraufbeschwören, daß unsere Ausgaben für Verteidigungszwecke eines Tages auf einen weit höheren Stand
emporschnellen als heute. Der Einsatz in diesem Spiel wäre nicht nur
amerikanische DollaB, sondern das Leben amerikanischer Bürger,
Der Kongreß sollte des weiteren noch folgende Tatsachen in Erwägung ziehen:
Erstens: Eine einschneidende Kürzung der Militärischen Verteidigungshilfe würde eine Verringerung der Stärke der Streitkräfte unserer
Verbündeten nach sich ziehen. Dadurch würde die Gefahr einer kommunistischen Aggression in einzelnen Gebieten erhöht. Um dies zu verhindern,
müßten wir unsere eigenen Streitkräfte weiter ausbauen und noch mehr
unserer jungen Leute im Ausland stationieren, wenn wir die kommunistische Expansion auf Kosten der freien Welt nicht untätig hinnehmen
wollen. Ich brauche wohl nicht erst darauf hinzuweisen, daß eine solche
Entwicklung der Dinge früher oder später die verstärkte Einberufung
junger Männer zu den Streitkräften sowie eine erhebliche Steigerung
unserer eigenen Verteidigungskosten notwendig machen würde.
Und zweitens: Y/ir können es uns einfach nicht leisten, die Hoffnungen jener Völker zu enttäuschen, die eben erst ihre Unabhängigkeit
gewonnen haben und die in ihrem Ringen um ihre wirtschaftliche Existenz
Hilfe bei der freien Welt suchen. Wollten wir so handelnf dann werden

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�"AMERIKA DIENST"

29. Mai 1957

werden diese Völker zwangsweise in das Fahrwasser des Kommunismus geraten oder andere totalitäre Lösungen für ihre Probleme annehmen müssen»
Ich weiß nicht, ob eine eindeutige Relation zwischen wirtschaftlichem Wohlergehen und einer von Verantwortungsbewußtsein getragenen
Politik besteht. Auf jeden Fall aber würden fortgesetzte Armut und
Verzweiflung in diesen Ländern Verhältnisse schaffen, die die Herausbildung eines gemäßigten politischen Klimas von vornherein ausschließen. Wenn die freien Regierungen dieser Länder ihren Völkern lediglich nicht enden wollende Hoffnungslosigkeit und bittere Armut bieten
können, dann werden sie mit Sicherheit bald gestürzt werden. Es steht
fest, daß unser Friede, unsere politische Freiheit und unsere Prosperität dem gegen diese jungen Völker gerichteten Ansturm des kommunistischen
Despotismus nicht lange standhalten könnten.
Sollten wir es heute versäumen, ausreichende Mittel zur Unterstützung dieser schwer ringenden Völker bereitzustellen, um ihnen auf
ihrem Weg in die Zukunft voranzuhelfen, so könnte dies jedem einzelnen
Bürger unseres Landes eines Tages in tragischer Weise teuer zu stehen
kommen.
Unsere Programme für Gemeinsame Sicherheit sind in den vergangenen zehn Jahren erwiesenermaßen zu mächtigen Waffen in unserem Ringen
um den Frieden geworden. Die Vorschläge, die ich für ihre Verbesserung
gemacht habe, gehen zu gleichen Teilen auf Anregungen aus Kreisen der
Regierung und des Kongresses zurück. Ich ersuche den Kongreß in aller
Dringlichkeit, gemeinsam mit mir diesen Programmen jene Stärke zu geben,
die die gegenwärtige und künftige Sicherheit unserer Republik erheischen.

* * * * #

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�Allg./5.6.57
BERLIN UND DIE METHODEN DER SOWJETS IN DEUTSCHLAND

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die Mrs. Eleanor
L. Dulles, Sonderberaterin des Leiters der
Deutschland-Abteilung im US-Außenministerium,
am 22. Mai 1957 in New York vor der Frauenvereinigung der Republikanischen Partei gehalten hat.
Die Bedeutung Berlins für das Studium der sowjetischen Politik
In einer Zeit, in der das Schicksal unseres Staates von dem
richtigen Verständnis der Absichten und Möglichkeiten der Sowjets
abhängt, ist es wichtig, jeden Hinweis auf das Wesen ihrer Politik
und ihrer Pläne genauestens zu prüfen, ganz gleichgültig, wo sich
dieser Hinweis findet. In der Geschichte ihres Verhaltens bei der
militärischen Besetzung Ostdeutschlands und Ostberlins während der
vergangenen zehn Jahre finden sich viele interessante Hinweise auf
eine Unsicherheit des Kurses und ein Hin- und Herlavieren in der
Taktik.
Bei einer solchen Analyse, die sich auf Berlin und Deutschland
konzentriert, werden drei Dinge ganz klar. Erstens: Das grundlegende
Ziel der Sowjets war und ist es, die Unterwerfung unter die kommunistische Herrschaft um jeden Preis zu erzwingen. Zweitens: Die
Methoden der Sowjets ändern sich, je nachdem ob sie in ihren Beziehungen zu Europa gerade sanfte oder rauhe Töne anschlagen. Drittens: Jedes Anzeichen, das dahingehend ausgelegt werden könnte, daß
die westlichen Verbündeten einschließlich der Bundesrepublik Deutschland in ihren Bemühungen um Berlin nachlassen könnten, löst auf Seiten der Sowjets prompt Versuche eines Übergreifens auf Positionen
aus, die der Westen bisher unter erheblichen Kosten gehalten hatte.
Umgekehrt haben die häufigen Demonstrationen, daß die freie Welt
fest zu West-Berlin steht und daß der Widerstandswille der Berliner
Bevölkerung nicht zu brechen ist, fast jedesmal zu einer Politik
größerer Nachgiebigkeit und zu einer Verringerung der Drohungen und
des Drucks geführt.
Wenn sich auch die Lage in Deutschland sehr deutlich von der
Lage in Gebieten unterscheidet, wo die Sowjets einen starken Druck
ausüben wie im Nahen und Fernen Osten, so ist sie doch für eine
Beurteilung der Absichten der Sowjets ein wichtiges Studienobjekt.
Die

�"AMERIKA DIENST"

5. Juni 1957

Die aggressiven Gesten der Sowjets in Berlin und ihre gegen die Bevölkerung der Stadt gerichteten Schikanen verdienen eine eingehende Erörterung und lassen eine grundlegende Unsicherheit der Sowjets bezüglich ihrer Stellung in Europa und der Zukunft Deutschlands erkennen.
Diese Unsicherheit ist in nicht geringem Maße das Ergebnis der Erkenntnis auf Seiten der Russen, daß die Deutschen ihre Diktatur und ihr
polizeistaatliches System ablehnen und daß die Menschen sowohl in Ostais auch in Westdeutschland entschlossen sind, dem Druck von außen
zu trotzen.
Niemand bezweifelt die Bedeutung, die die Sowjets ihrer Deutschlandpolitik beimessen, ebensowenig wie die Tatsache, daß ihre Haltung
gegenüber der Stadt Berlin ein Wesentliches dieser Politik darstellt.
Somit verdient Berlin eine sorgfältige Analyse, lassen sich doch aus
ihr wichtige Schlüsse auf das Verhalten der Sowjets in anderen Teilen
Europas ziehen. Ja, die vergangenen und künftigen Ereignisse in diesem
zentral gelegenen Punkt Europas sind sehr wohl geeignet, die Fragen
aufzuzeigen, die die Aufmerksamkeit von Staatsmännern auch in anderen
Teilen der freien Welt erfordern.
Frühe Hoffnungen und Pläne
Im November 1944f also einige Monate vor Kriegsende, wurde auf
dem Wege der gegenseitigen Konsultation eine Vereinbarung zwischen
den Vereinigten Staaten, Großbritannien und der Sowjetunion über eine
Verwaltung und den Status von Berlin erzielt. Es wurde die Schaffung
einer Regierungsbehörde, der Kommandatura, beschlossen, in der die
Sowjets und die westlichen Besatzungsmächte vertreten sein sollten.
Diese Vereinbarungen waren mit der Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen verbunden, und von 1945 an wurden auch die Franzosen in diese Regelung mit einbezogen. Sie basierten auf der Annahme, daß man einen
Weg finden müsse, in konstruktiver Weise mit den Sowjets zusammenzuarbeiten.
Erst nachdem die Kommunisten im Jahre 1948 die Macht in der Tschechoslowakei an sich gerissen hatten und sich die Anzeichen für die
sowjetische Aggression nach Westen häuften, wurden die Schwierigkeiten
der Lage voll erkannt. Um diese Zeit waren die Sowjets, ermutigt durch
ihren Erfolg in Prag,bestrebt, die Alliierten aus Berlin herauszudrängen, indem sie versuchten, die Stadt von Westeuropa abzuschneiden.
Es ist klar, daß die ersten Pläne, die wohl das Ausmaß der Nachkriegszerstörungen, denen die Stadt sich gegenübersehen würde, berücksichtigten, nicht in Betracht gezogen haben, daß diese gewaltige Aufgabe des Wiederaufbaus zusätzlich erschwert würde durch beschränkten
Zugang und ständige Schikanen. Diese materiellen und psychologischen
Probleme ergaben sich aus der Entfernung der Stadt vom Gebiet der Bundesrepublik.
Während es in der Zeit von 1945 bis 1948, also vor der Blockade
Berlins durch die Sowjets, noch möglich war, auf einen freien Wirtschaftsverkehr zwischen Berlin und seinem normalen Hinterland und

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�AMERIKA DIENST"

5. Juni 1957

und zwischen der Ostzone und den westlichen Zonen zu hoffen, zeichnete
sich nunmehr die kommende Schwierigkeit des wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbaus immer drohender ab. Es herrschte verhältnismäßig
wenig Besorgnis über die Haltung und Zielsetzungen der Sowjets auf
lange Sicht, da man von der Annahme ausging, daß sich die Leidenschaften, die durch den deutschen Angriff auf Rußland aufgepeitscht worden
waren, allmählich wieder abkühlen würden und damit eine vernünftige Anpassung an die Erfordernisse der Nachkriegszeit in Europa erfolgen könne.
In dieser Atmosphäre des Krieges und der ersten Besatzungszeit
nach dem Krieg hatte man sich auf die Schaffung von Korridoren für den
Straßen-, Eisenbahn-, Wasserstraßen- und Luftverkehr geeinigt, die so
geartet waren, daß sie zunächst als ausreichend angesehen wurden. Man
erwog auch Möglichkeiten der Versorgung der Stadt und der Sicherstellung des Nachschubs der drei westlichen Besatzungsmächte, deren Ausgangsbasen nicht wie im Falle der Sowjets in unmittelbar angrenzenden
Gebieten gelegen waren. Es ist bemerkenswert, daß sich ähnliche Vereinbarungen im Falle Wien als zufriedenstellend erwiesen haben. Mit
der sowjetischen Blockade Berlins aber im Frühjahr 1948 traten die
künftigen Schwierigkeiten plötzlich klar hervor, so daß sich die Berliner und die übrige nichtkommunistische Welt mit ihnen auseinandersetzen mußten.
Die brutale Demonstration der sowjetischen Taktik im Jahre 1949
wirkte auf die gesamte zivilisierte Welt wie ein Schock. Der Tod des
tschechischen Staatsmannes Masaryk wurde zu einem Symbol. Die Berliner
Blockade war ein Augenblick schicksalhafter Entscheidung. Die Forderungen der Sowjets an die Deutschen und die zwangsweise Einstellung
des Reise-und Güterverkehrs auf Land-und Wasserwegen nach Berlin waren
einer der wichtigsten Wendepunkte in den Beziehungen der gesamten westlichen Welt zum Sowjetblock. Diese Entscheidung mußte darüber hinaus
nicht nur von den westlichen Alliierten, sondern auch von den Berlinern und der übrigen an dieser Frage interessierten freien Welt getroffen werden. Die Wahl, die damals die Berliner trafen, nämlich den
gleisnerischen Versprechungen der Kommunisten und insbesondere dem
Angebot an Lebensmitteln und Brennstoffen in reichlichen Mengen zu
widerstehen,
' wie auch die Bereitschaft des Volkes, freiwillig
das Risiko einer Bindung an die drei westlichen Besatzungsmächte auf
sich zu nehmen, haben entscheidend zum Erstarken der Bundesrepublik
Deutschland beigetragen und waren auch für die künftige Entwicklung
in Deutschland bestimmend - für seine Orientierung nach demokratischen
Idealen und für seine Hoffnung auf eine Vereinigung von Ost und West.
Die ersten Jahre der Besetzung Berlins waren somit von Überraschung und Enttäuschung erfüllt sowie von der wachsenden Erkenntnis
der ernsten Gefahren, die die Berliner Position für die westliche
Welt barg. Die dort von den Alliierten eingegangenen Verpflichtungen
konnte man auf keinen Fall aufgeben. Die Bedeutung, die das Festhalten an unserer Position für den gesamten Bereich der Satellitenstaaten und für die Menschen hatte, die jenseits des Eisernen Vorhangs
in Knechtschaft lebten, wurde mit der Dreimächte-Erklärung vom 27.Mai
1952 bezüglich der Sicherheit und des Wohls der Stadt Berlin anerkannt.
Tn

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�"AMERIKA DIENST"

5. Juni 1957

In dieser Erklärung, auf die man bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt verwies, wurde zum Ausdruck gebracht, daß jeder Angriff auf
Berlin oder die dort stationierten alliierten Streitkräfte, von welcher
Seite er auch erfolgen möge, einem Angriff gegen die drei Westmächte
gleichkommen würde. Von dieser Erklärung kann es kein Abrücken geben.
AllfleAeine politische Haltung der Sow.jets nach der Blpckade
Nach Beendigung der Blockade im Jahre 1949 und dem in der ganzen
Welt anerkannten Erfolg der Luftbrücke wurde das Hin und Her der sowjetischen Politik immer rätselhafter. Seit fast zehn Jahren halten nun
die Sowjets an ihrer Sonderstellung in der Stadt fest. Sie sind der
alliierten Kommandatura ferngeblieben, die, obwohl sie nach dem Wiederaufbau Westberlins praktisch an Bedeutung verloren hat, ebenso wie
im Jahre 1946 auch heute noch Sitzungen abhält, auf denen die Probleme
Berlins erörtert werden.
Die Sowjets, die bisher nirgends Anklang zu finden vermochten,
haben die Stadt mit starken militärischen Verbänden eingekreist und
fahren fort, ihre Stärke zu demonstrieren. Ihre Divisionen halten häufig innerhalb und in der Nähe der Stadt. - Manöver ab, die bedrohlichen Charakter haben. Sie haben ein JflKrtenhaus errichtet, das dazu
dienen soll, das System ihrer politischen Marionetten zu stützen und
ihnen künstlich eine Bedeutung zu verleihen, die angesichts des weitverbreiteten Widerwillens der Deutschen gegen ihre hohle Autorität
wenig überzeugend ist. Sie betreiben eine ständig wechselnde und nie
vorherzusehende Politik mit dem Ziel, einzelne zu schikanieren. Sie
stören das Leben in'der Stadt auf die verschiedenste Weise.
Für den einzelnen hat das oft tragische Konsequenzen, doch hat
es den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau der Stadt als Ganzes nur vorübergehend beeinflußt und hat ihn verhältnismäßig wenig beeinträchtigt .
Keine dieser Maßnahmen konnte das starke Wachstum der Industrie,
die durch amerikanische Hilfe unterstützt wurde und von der Bundesregierung in Bonn Subventionen erhielt, verhindern. Keine kommunistische Aktion konnte den Geist der Bevölkerung lähmen, die,nachdem
sie im Jahre 1948 die für sie lebenswichtige Entscheidung getroffen
hatte, in ihrer Treue zum Westen niemals wankend geworden ist. Die
Sowjets tasten ständig alle Möglichkeiten ab, um nach Westen vorzudringen, doch haben sie feststellen müssen, daß die Alliierten nach
wie vor der Stadt Unterstützung gewähren, und die politische Rückendeckung,
die ihr von den NAfO-Ländern und der freien Welt im all^
gemeinen gegeben wird, nichts an Stärke eingebüßt hat.
Die sowjetische Politik gegenüber der Stadt wurde seit 1949 v o n
drei Hauptfaktoren bestimmt: dem wiederholten Versuch,durch klar
ausgesprochene oder verschleierte Drohungen die Bevölkerung einzuschüchtern, ferner durch Bemühungen, den Wiederaufbau der Stadt zu
verhindern und in verschiedenster Weise durch Beschränkungen und Einmischung»« auf dem Gebiet des Verkehrs und des Gütertransports die

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5. Juni

1957

die Gemüter in Aufregung zu versetzen, und schließlich durch die Anwendung von Terrormaßnahmen und Repressalien gegenüber einzelnen
Personen, welche die Bevölkerung ständig in Atem hielten, die aber
im Grunde weder die Politik des Senats noch die einzelnen Programme
der Bundesrepublik für Berlin beeinflußten. Diese Taktik veranlaßte
im Gegenteil den Westen, seine der Stadt gewährte Unterstützung nur
noch zu verstärken. Es sind Anstrengungen gemacht worden, Berlin einerseits durch Drohungen und durch eine Zermürbungstaktik vom Westen zu
lösen, und die Vereinigten Staaten und Europa andererseits davon zu
überzeugen, daß der Preis dafür, Berlin dem Westen zu erhalten, unangemessen hoch sei. Beide Versuche haben bisher zu keinem Erfolg geführt,
noch werden sie in Zukunft Erfolg haben.
Von Zeit zu Zeit haben die Sowjets ihre Taktik geändert. Bei wichtigen Entscheidungen der Alliierten haben sie den Druck mitunter verstärkt. Die wichtigste Folgerung, die sich aus einer Prüfung der Politik
ergibt, ist die, daß es den Russen weder gelungen ist, die Berliner
mürbe zu machen, noch unter den Alliierten Uneinigkeit über die deutsche
Frage zu säen. Die Bemühungen der Sowjets haben vielmehr ihre Unfähigkeit bewiesen, diesen Teil der Welt für den Kommunismus zu gewinnen
und gezeigt, daß ihre Politik der letzten zehn Jahre nahezu völlig
gescheitert ist.
Polizei- und Terrormethoden
Die Phase des Terrors in der sowjetischen Politik ist vielleicht
am klarsten ersichtlich, wenn man sich ihre • extremen taktischen
Methoden, die sie so oft anwandten,, und das regelwidrige und gewöhnlich überraschende.! Vorgehen-, ihrer Truppen und der unter ihrer Kontrolle stehenden Volkspolizei ins Gedächtnis zurückruft. Ein typischer
und doch besonders augenfälliger und tragischer Fall war die Verschleppung Dr. Linses, ein Ereignis, das sich im Jahre.1952 abspielte.
Der wegen seines Eintretens für die Menschenrechte allgemein bekannte Rechtsanwalt Dr. Linse wurde am hellichten Tage vor seinem, im
amerikanischen Sektor Berlins gelegenen Hause auf offener Straße
überfallen. Vier Gangster, die von dreizehn weiteren Komplicen nach
einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan vorgingen und vpn den kommunistischen Behörden unterstützt wurden, führten die Verschleppung aus.
Sie hielten ein Taxi an, umringten Dr. Linse und zerrten ihn in den
Wagen. Mit höchster Geschwindigkeit.fuhren sie darauf mit ihrem Opfer
zur Sektorengrenze, wo ein kommunistischer Posten, der in das Komplott
eingeweiht war, die Schranke hob, damit sie beim Passieren ihre Geschwindigkeit nicht zu verringern brauchten. Noch vor der Sektorengrenze verlor Dr. Linse einen Schuh, während sein Fuß aus der halboffenen Tür hing.
Zahlreiche Zeugen mußten der Entführung machtlos zusehen. Die
Verbrecher gaben verschiedene Schüsse ab, doch besaßen die Zeugen des
Vorfalls ebensowenig wie die Westberliner Polizei Waffen und vermochten
daher nicht, das Verbrechen zu verhindern. Im Verlaufe der sorgfältig
durchgeführten Untersuchung gaben verschiedene in das Komplott
verwickelte Personen ihre Mittäterschaft zu; das Bekanntwerden der Bemühungen amtlicher ostzonaler Stellen, diejenigen einzuschüchtern, die

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vorzugehen und eine Atmosphäre der Unruhe zu schaffen, ist es unwahrscheinlich, daß sie besondere Befehle erlassen haben, um Verschleppungen in größerem Maßstab durchzuführen. Doch selbst der
politische Kurs, den sie gegenwärtig verfolgen, genügt, um die
bitteren Gefühle der Westdeutschen und der Berliner gegenüber den
östlichen Besatzungstruppen wachzuhalten.
Ihre Terrormaßnahmen bieten einen weiteren Beweis für die Unsicherheit der russischen Haltung und lassen das Fehlen einer konstruktiven Planung in bezug auf ihr Verhältnis zu der Stadt Berlin
und auf ihre Politik gegenüber der Bundesrepublik oder selbst gegenüber ihren Satelliten im allgemeinen erkennen. Während sich deutlich
wahrnehmbare Bemühungen abzeichnen, Widerstände niederzuschlagen und
durch die Verhaftung einiger führender Persönlichkeiten, die eine
hervorragende Rolle im Kampfe um die Freiheit spielten, ±ie Kritik
zum Schweigen zu bringen, zeigten die Störmanöver der letzten Zeit
nicht diese Form, sondern waren vielmehr isolierte Terrorakte, was
auf kommunistischer Seite einen bestimmten Grad von Unsicherheit in
der hohen Politik gegenüber Berlin vermuten läßt.
Androhung von Vergeltungsmaßnahmen
Bezüglich der Stadt Berlin und der deutschen Politik im allgemeinen
sind bei verschiedenen Gelegenheiten Drohungen geäußert worden. Meistens
richteten sie sich nur indirekt gegen Berlin,in erster Linie aber gegen
das deutsche Volk, mit dem Zweck, es daran zu hindern, sich um Unterstützung an den Westen zu wenden. Verschiedene dieser Drohungen jedoch
richteten sich auch gegen die Stadt selbst. Diesen Drohungen lag die
Absicht zugrunde, Westdeutschland klarzumachen, daß ein Bündnis mit
der freien Welt des Westens die Möglichkeit einer Wiedervereinigung
Deutschlands und die schließliche Befreiung der Stadt Berlin von dem
harten Griff der Umklammerung ausschalten würde. Gleichzeitig mit diesen Drohungen sind keine Wiedervereinigungsversprechungen auf der Basis freier Wahlen gemacht worden. So haben sich sowohl alle Einschüchterungs- als auch alle Überredungsversuche als Fehlschlag erwiesen.
Es ist unmöglich, zwischen diesen Warnungen und den gelegentlichen
Wiedervereinigungsvorschlägen der Sowjets eine klare Gedankenverbindung
herzustellen.
Die Errichtung der Bizone und später der Trizone als Phasen in den
westlichen Bemühungen, ein freies und souveränes Deutschland zu schaffen,
wurde im Jahre 1948 zum Anlaß für scharfe Erklärungen von Seiten Moskaus
genommen. Die Errichtung der Bundesrepublik im Jahre 1949, die Gewährung
der Souveränität und der Beitritt Westdeutschlands zur NATO wurden ebenfalls benutzt, um scharfe Erklärungen abzugeben in der Absicht, die
Deutschen zur Abkehr vom Westen und zum Anschluß an den Osten zu zwingen.
Eine der letzten Drohungen dieser Art war im Zusammenhang mit der
Entscheidung über den Aufbau einer militärischen Streitmacht in Westdeutschland geäußert worden. Nachdem einmal feststand, daß Deutschland
einen wichtigen Faktor in der NATO bilden würde, und nachdem die Durchführung des militärischen Programms einmal geklärt worden war, machte
sich plötzlich ein überraschend freundschaftlicher Ton in Bulganins

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Bulganins Briefen an den Bundeskanzler bemerkbar. Bisher ist es in
bezug auf den Status der Stadt Berlin zu keinerlei tiefgreifenden
Beschränkungen gekommen. Tatsächlich ist die Produktion und der Handel
der Stadt mit der übrigen Welt im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen und hat sich in den letzten vier Jahren mehr als verdreifacht.
Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Russen zu der Ansicht gelangt, daß ihre Politik gegenüber Berlin ihnen nicht viel eingebracht
hat. Man könnte meinen, sie halten ihre Stellung in der Hoffnung, zu
einem späteren Zeitpunkt einmal die Position der Alliierten zu erschüttern und Kapital daraus zu schlagen, wenn deren Unterstützung
einmal nachlassen sollte. Wenn sie miterleben, wie in den westlichen
Sektoren der Stadt die Wirtschaft sich in einem Zustand einer wohlausgewogenen und äußerst lebhaften Expansion befindet, und wenn sie die
kulturellen Errungenschaften zur Kenntnis nehmen, die aus einer gesunden Lebenskraft erwachsen, dann dürfte ihnen wohl die Stärke dieser
Insel inmitten ihres kommunistischen Machtbereichs wie auch die Erfolglosigkeit ihrer eigenen Methoden nicht ganz geheuer sein.
Schikanen gegen die Stadt
Interessant sind verschiedene Versuche, die von den Sowjets in
der Vergangenheit unternommen wurden, um den Wiederaufbau Berlins zu
hintertreiben. In vielen Fällen wurde Druck ausgeübt, der aber dann
wieder wegen des ständigen Dilemmas gelockert werden mußte, in dem
sich gerade diejenigen befanden, die sich durch Propaganda oder Zwang
Gehorsam verschaffen wollten, jedoch nicht das Risiko eines Aufstandes
verzweifelter Menschen in der Zone, in der sie sich festgesetzt haben,
eingehen können. Die Notwendigkeit, zwischen Propaganda und Terror
zu wählen, um Menschen gegen deren Willen zu etwas zu zwingen - was
sich auch durch Beispiele aus anderen Ländern beweisen läßt -,erklärt
die sowjetische Schaukelpolitik gegenüber Berlin. Seit sich die Bürger dieser Stadt für den Westen entschieden haben, war die sowjetische
Politik darauf ausgerichtet, die Wiederherstellung normaler Verhältnisse zu verhindern und die Schwierigkeiten zu verstärken. Ich möchte
hier ein paar Beispiele von Schikanen aufzeigen, die damals einsetzten,
später aber eingestellt oder abgeschwächt wurden. Der Zeitpunkt, der
jeweils für eine Änderung des Verhaltens gewählt wurde, zeigt, wie
willkürlich die Sowjets in ihrer Politik verfahren.
Eine solche Schikane, die 1952 und 1953 ernstliche Besorgnis
erregte, waren die Schwierigkeiten, die bei der Abstempelung der von
den sowjetischen Behörden verlangten Warenbegleitscheine für den
Transport von Gütern aus Westberlin gemacht wurden. Unsere Wirtschaftssachverständigen sahen in dieser Einmischung in den Export von Fertigwaren einen Versuch, den Aufschwung des Berliner Wirtschaftslebens zu
drosseln. Als dann aber von 1953 ab die Warenbegleitscheine prompt
bearbeitet wurden, hat es keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr gegeben.
Im Jahre 1953 wurde im Osten damit begonnen, zur Drosselung des
Verkehrs an den Zonenübergangsstellen Straßensperren zu errichten.
Gleichzeitig wurde die Zahl der Schlagbäume entlang der Zonengrenze

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Zonengrenze erhöht, und die Sperren wurden verstärkt. Diese ungewöhnlichen Maßnahmen interpretierte damals die amerikanische Hochkommission als die einleitenden Manöver zu dem eventuellen Versuch, die Stadt
endgültig zu spalten. Der weitere Verlauf der Ereignisse zeigte, daß
die Kommunisten diese Politik nicht weiter verfolgten, und in den letzten
beiden Jahren wurden die Straßensperren wieder beseitigt.
In den Jahren 1953-54 wurde mit der Begründung, daß das Schiffshebewerk Rothensee reparaturbedürftig sei und die Wiederherstellung
einige Monate in Anspruch nehme, einer der wichtigsten Kanäle für den
Lastkahntransport geschlossen. Wieder erhob sich die Frage, ob etwa
eine "schleichende Blockade" im Gange sei. Diese Art Schikane wurde
dann nicht mehr fortgesetzt und hat sich bis 1955 auch nicht wiederholt.
Wohl kam es noch zu Unterbrechungen, hauptsächlich wegen ungünstiger
Wetterverhältnisse, aber dann nur für eine angemessene Zeit.
Eine weitere störende Verkehrseinschränkung ergab sich 1955« Damals liefen über 1000 Genehmigungen für den Lastschiffahrtsverkehr ab.
Eine Zeitlang wagten die Kapitäne nicht, ihre Boote nach Berlin zu
schicken, weil sie befürchteten, daß sie beschlagnahmt würden oder
daß der Transport kostspieligen Verzögerungen ausgesetzt werde. Verschiedentlich wurden Anträge gestellt, die Gültigkeit der Genehmigungen
zu verlängern oder die alten Genehmigungen auch weiter für gültig zu
erklären. Eine Zeitlang ruhte der Lastschiffahrtsverkehr völlig. Die
Anträge wurden von Zeit zu Zeit erneut gestellt, und im Dezember 1956
wurde überraschend das gesamte Bündel von mehr als 100 Genehmigungen
für den Transitverkehr von und nach Berlin für gültig erklärt.
Seit 1956 hat es dann keine weiteren Schwierigkeiten im Lastschiffahrtsverkehr mehr gegeben.
Ende März 1955 zeichnete sich eine sogar noch ernstlichere Bedrohung des wirtschaftlichen Lebens der Stadt ab. Die kommunistischen
Behörden setzten neue außerordentlich hohe Autobahngebühren für die
zwischen Berlin und der Bundesrepublik verkehrenden Lastkraftwagen
fest. Sofort wurde dies erneut von verschiedenen Beobachtern als
"schleichende Blockade" bezeichnet, die vermutlich ernste Ausmaße
annehmen werde. Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen erklärte
sich die Bundesrepublik bereit, die Zahlung der erhöhten Gebühren zu
übernehmen. Man befürchtete nun, daß die Gebühren nochmals erhöht
werden würden, wenn die Regierung einmal für diese Zahlungen aufkäme.
Glücklicherweise ist diese Art von Erpressung nicht mehr wiederholt
worden, und der Verkehr hat sich normal abgespielt. Tatsächlich ist er
heute um 30 Prozent höher als Anfang des Jahres 1955«
Die Verzögerungen bei der Abfertigung westdeutscher Lastkraftwagen
an den Kontrollpunkten schienen ebenfalls mitunter die Vermutung zu
rechtfertigen, daß eine Blockade der Stadt beabsichtigt sei. Die immer
wiederkehrenden Verzögerungen sind jedoch jedesmal nach kurzer Zeit
behoben worden.
Alle diese Erfahrungen wie auch die anderen Aspekte des kommunistischen Drucks auf Berlin scheinen meiner Ansicht nach nicht auf
ein planmäßiges, beharrliches Vorgehen der Sowjets hinzudeuten. Ihre

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Ihre ständig wechselnde Politik ist weder klar ausgerichtet gewesen,
noch hat sie irgendwelchen Einfluß gehabt, den Wiederaufbau der Stadt
zu verhindern. Sie hat bis zu einem gewissen Grade bewirkt, daß außerordentliche Anstrengungen gemacht wurden, und daß Berlin häufige Unterstützung von außen erhielt. Es liegen keine Beweise dafür vor, daß die
Stadt auf Grund dieser Vorkommnisse irgendwelche wesentlichen Nachteile
erlitten hat.
In den letzten Monaten hat sich der Verkehr von und nach Berlin
ohne Störungen abgewickelt. Weder die Stellung der Alliierten in der
Stadt noch die Interessen der Bundesrepublik an Berlin als künftiger
Bundeshauptstadt sind ernstlich bedroht worden.
Trotz der Tatsache, daß die Sowjets Berlin als eine Quelle ständiger Störungen und als ein Mittel der Alliierten betrachten, das sowjetische Vordringen im Westen aufzuhalten, ist es offensichtlich, daß sie
mit diesen Methoden weder den Geist noch die Lebenskraft der Stadt vernichten können. Selbst wenn sie mit ihren zahlreichen Versuchen,die
Entschlossenheit des Westens auf die Probe zu stellen, fortfahren, besteht kein Grund zu der Annahme, daß sie bereit sind, große Risiken in
diesem Gebiet einzugehen. Tatsächlich haben sie seit 1949 die Reöhte
der Alliierten bezüglich der Stellung der Stadt Berlin nicht angetastet.
Schlußbemerkungen
Die seltsame Geschichte Berlins in den letzten zehn Jahren rechtfertigt den Schluß, daß die Moral der Stadt durch nichts ernsthaft zu
erschüttern ist.
Ein Überblick über die Folge der Geschehnisse kann allen übrigen
Nationen zur Ermutigung dienen und ihnen zeigen, welchen Spielraum die
Freiheit haben kann. Er kann ein Bild von den positiven Wirkungen
geben - nicht nur der Entschlossenheit des Volkes, der Tyrannei Widerstand zu leisten, sondern auch der Bedeutung, die in einer solchen
Situation selbst symbolische militärische Kräfte haben, wenn sie an
Gefahrenpunkten wie Berlin gehalten werden. In Berlin haben wir es
mit Menschen zu tun, die Zeiten größter Not durchgemacht und ihr Leben
auf die Notwendigkeiten der Zeit eingestellt haben, mit einer Bürgerschaft, die klug und mutig sich den Gegebenheiten anzupassen versteht.
Diese Bürger verwalten eine Stadt, die vielen anderen Hauptstädten
Europas zu vergleichen ist, und man kann darauf vertrauen, daß sie ihre
eigenen Hilfsquellen weiter ausbauen und ihre Lage in den kommenden
Jahren noch verbessern werden. Man darf sich der Einsicht nicht verschließen, daß langandauernde und ständige Kämpfe allmählich müde machen.
Doch wirkt dieser Ermüdung die heftige Reaktion auf die Herausforderungen durch die kommunistischen Besatzungsbehörden entgegen. Gerade die
aus der Situation bedingten Ärgernisse und Gefahren bewirken leidenschaftliche Reaktionen und geben die Gewähr, daß die Anstrengungen der
Berliner auf politischem Gebiet auch in Zukunft von größter Bedeutung
sind und daß der Schwung des wirtschaftlichen Lebens anhalten wird, bis
der Lebensstandard Berlins dem Westdeutschlands entspricht. Berlin bildet,
wenn.auch geographisch gesehen in kleinen Grenzen, einen Modellfall für
das Versagen der sowjetischen Methoden. Und solche Fehlschläge werden die
Sowjets auch künftig sowohl in Berlin wie anderswo erleiden, solange
sie ihren Irrtum nicht einsehen.
* * • * *
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�A M E R I K A

D I E N S T

Aiig./19.6.1957

UNGARN-AUSSCHUSS DER VEREINTEN NATIONEN LEGT BERICHT
ÜBER UNGARISCHEN FREIHEITSKAMPF VOR

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nach sechsmonatiger
intensiver Arbeit legte der Sonderausschuß der Vereinten
Nationen zur Untersuchung des ungarischen Freiheitskampfes
am 20.Juni 1957 der Weltöffentlichkeit einen umfassenden
Bericht über die Vorgänge in Ungarn im Oktober und November
vergangenen Jahres vor. In dem insgesamt 509 Seiten langen
Bericht v/erden die Aussagen von 111 Zeugen des Freiheitskampfes zusammengefaßt sowie die Hauptpunkte aus zahlreichen
offiziellen und inoffiziellen Dokumenten zur Freiheitsrevolte
wiedergegeben.
Der Sonderausschuß, der sich aus Vertretern Australiens,
Ceylons, Dänemarks, Tunesiens und Uruguays zusammensetzt
und von der Generalversammlung die Weisung erhalten hat,
die durch "die sowjetische Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns entstandene Situation zu überprüfen",
kam zu folgenden drei Ilauptschlußfolgerungen:
1) Die ungarische Revolte war eine spontane nationale
Erhebung, die aus einer seit langem bestehenden Unzufriedenheit entstand und von außen nicht unterstützt wurde.
Sie stellte in keiner Weise eine Gegenrevolution dar.
2) Die massive Intervention der Sowjetunion erfolgte
zu dem Zweck, einen Volksaufstand niederzuwerfen und eine
legale ungarische Regierung zu stürzen.
3) Das gegenwärtige Kadar-Regime hat nicht die Unterstützung des Volkes.
Der 150 000 Worte umfassende Bericht wird der Weltöffentlichkeit Anfang Juli m vollem Umfang zur Verfügung stehen.
Bisher sind 50 000 Exemplare in Druck gegeben.
Der Teil des Berichts, in dem der Ungarn-Sonderausschuß
seine Ilauptschlußfolgerungen zieht, hat folgenden Wortlaut:
"Erstens: Der Aufgabenbereich des Sonderausschusses umfaßte
ein breites Gebiet, nämlich der Generalversammlung der Vereinten
Nationen nach einer umfassenden und objektiven Untersuchung die
von dem Ausschuß gewonnenen Ergebnisse in bezug auf alle Aspekte
der Frage der mit Waffengewalt oder mit anderen Mitteln erfolgten
sowjetischen Intervention in Ungarn sowie über die Auswirkungen
dieser Intervention auf die politische Entwicklung Ungarns _zu_

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zu berichten. Die Untersuchung des Ausschusses umfaßte, wie bereits
dargelegt, das Studium eines umfangreichen, in mehreren Sprachen abgefaßten Dokumentenmaterials der verschiedensten Herkunft, einschließlich der Vernehmung von über hundert Zeugen, deren Aussageprotokolle
ein zweitausend Seiten umfassendes Dokument bilden. Der Ausschuß bedauert, daß die Haltung der ungarischen Regierung eine auf direkter
Beobachtung in Ungarn basierende Untersuchung - wie sie durch die
Resolution der Generalversammlung gefordert wurde - verhindert hat.
Zweitens: Die Resultate der Untersuchungen des Ausschusses beziehen
sich auf viele Aspekte der Geschehnisse in Ungarn und befassen sich mit zahlreichen Einzelfragen, die für den Ursprung und das
Wesen jener Ereignisse von Belang sind. Der Bericht selbst enthält
die Schlußfolgerungen, zu denen der Ausschuß gelangte, und diese
Schlußfolgerungen lassen sich nicht leicht von dem dort zusammengetragenen Beweismaterial trennen. Eine Zusammenfassung der von dem
Ausschuß gewonnenen Ergebnisse in bezug auf einzelne Aspekte der Situation in Ungarn ist bestimmten Abschnitten als Anhang beigegeben.
Es erscheint jedoch in diesem Stadium angemessen, wenn eine Zusammenfassung einer Reihe von Schlußfolgerungen gegeben wird, zu denen der
Ausschuß bei seinem Studium des Beweismaterials als Ganzem gelangte.
Diese Schlußfolgerungen stellen nach bestem Wissen des Ausschusses die
wesentlichen Tatsachen über den ungarischen Aufstand heraus, wie sie
für ein Verständnis seines Wesens und seines Ausgangs notwendig sind.
Es sind die folgenden:
I
Was im Oktober und November 1956 in Ungarn vor sich ging, war ein
spontane^ auf eine seit langem bestehende Unzufriedenheit zurückzuführender Aufstand der Nation. Zu den Ursachen der Unzufriedenheit
zählte auch der untergeordnete und benachteiligte Status, den Ungarn
in bezug auf die Sowjetunion einnahm. Das ungarische Regierungssystem
wurde zum Teil durch die Waffe des Terrors aufrechterhalten, die durch
die AVH oder politische Polizei geführt wurde, deren Macht mindestens
bis Ende 1955 durch ein verwickeltes Netz von Agenten und Spitzeln
ausgeübt wurde, das das gesamte ungarische Gemeinwesen durchdrang.
Aber auch in anderer Hinsicht schürte der von den Sowjets ausgeübte
Druck den Haß. Von der Unterdrückung jeder freien Meinungsäußerung
bis zur Einführung einer nach sowjetischem Muster gestalteten Uniform
für die ungarische Armee herrschte auf allen Gebieten des Lebens in
Ungarn ein fremder Einfluß. Die Ungarn hegten gegen den einzelnen auf
ungarischem Boden stationierten Sowjetsoldaten keine persönliche Feindschaft, doch waren diese Truppen gleichsam das Symbol für etwas, das
einem stolzen Volk lästig wurde und den Wunsch nach Freiheit nährte.

II

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II

Die These, daß der Aufstand von reaktionären Kreisen in
Ungarn angestiftet wurde, und daß er seine Stärke aus diesen
Kreisen sowie von westlichen 'Imperialisten' herbezog, hielt
der Untersuchung des Ausschusses vom Anfang bis zum Ende nicht
stand. An der Spitze des Aufstandes standen Studenten, Arbeiter,
Soldaten und Intellektuelle, von denen viele Kommunisten oder
ehemalige Kommunisten waren. Die meisten politischen Forderungen,
die während der Revolution unterbreitet wurden, enthielten die
Bedingung, daß ein demokratischer Sozialismus die Grundlage für
die politische Struktur Ungarns sein solle und daß solche sozialen
Errungenschaften wie die Landreform gesichert werden sollten.
Zu keinem Zeitpunkt wurde irgendein Vorschlag unterbreitet,
der die Rückkehr irgendeines Politikers aus den Vorkriegstagen an
die Macht oder in die Regierung vorsah. Schwer bewaffnete
'Faschisten' und 'Saboteure' hätten nicht auf den unter sowjetischer Überwachung stehenden ungarischen Flugplätzen landen oder
die österreichische Grenze überschreiten können, wo die österreichischen Behörden den Militärattaches Frankreichs, Großbritanniens,
der USA und der Sowjetunion die Existenz einer Sperrzone vor Augen
führten.
III
Der Aufstand wurde nicht in voraus geplant. Übereinstimmend
wurde von den Zeugen, die der Ausschuß hörte, ausgesagt, daß die
Ereignisse für alle Beteiligten überraschend kamen. Es gibt keine
genaue Erklärung dafür, warum der Aufstand gerade zu diesem Augenblick losbrach. Kommunistische Sprecher, darunter Herr Kadar und
die Mitglieder der gegenwärtigen Regierung, haben die große Unzufriedenheit des ungarischen Volkes vor dem 23.Oktober anerkannt.
Sie haben von einer 'breiten Volksbewegung' gesprochen, die durch
die 'Bitterkeit und Entrüstung' der Massen hervorgerufen wurde.
Offensichtlich haben zwei Faktoren dieses Ressentiment auf die Spit
getrieben: Der eine dieser Faktoren war die am 19»0ktober verbreitete Nachricht von erfolgreichen polnischen Maßnahnen zur Erlangung
einer größeren Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Diese Nachricht
war in erster Linie ausschlaggebend dafür, daß die ungarischen
Studenten am 22.Oktober zu Versammlungen zusammenkamen. Der zweite
Faktor war die akute Enttäuschung, die die Bevölkerung erfaßte,
als Herr Ernö Gero, der erste Sekretär des Zentralkomitees der
ungarischen Arbeiter (Kommunistischen)-Partei in einer Rede am
Abend des 22.Oktober keiner der von der Bevölkerung erhobenen
Forderungen entsprach, und sich eines Tones bediente, der von
seinen Zuhörern als grob empfunden wurde.
IV

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IV

Obwohl es keinen Beweis für eine Vorausplanung gibt, und obwohl
der gesamte Verlauf des Aufstandes den Stempel einer fortgesetzten
Improvisation trägt, hat es dennoch den Anschein, daß von den sowjetischen Stellen bereits am 20.Oktober Schritte unternommen wurden, um
eine bewaffnete Intervention in Ungarn zu ermöglichen. Beweise für
Truppenbewegungen und geplante Truppenverschiebungen liegen von diesem
Zeitpunkt an vor. Es scheint, daß Aktionspläne bereits einige Zeit,
bevor die Studenten zur Erörterung ihrer Forderungen zusammentraten,
ausgearbeitet worden waren. Der Ausschuß ist nicht in der Lage, zu
sagen, ob die sowjetischen Stellen voraussahen, daß die Unzufriedenheit im ungarischen Volk, die durch die Ereignisse in Polen noch verstärkt wurde, nicht länger eingedämmt werden konnte. Während das vorliegende Beweismaterial auf der einen Seite zeigt, daß sowjetische
Truppen außerhalb Ungarns schon bei der ersten Intervention eingesetzt
wurden, gibt es doch keine Bestimmung des Warschauer Vertrages, die
eine Intervention durch bewaffnete sowjetische Streitkräfte vorsieht,
um politische Entwicklungen innerhalb der Grenzen eines der Signatarstaaten gewaltsam zu beeinflussen. Anzeichen einer Opposition gab es
schon vor dem 23.Oktober. Die ungarische Regierung mußte voraussehen,
daß Unruhen im Entstehen waren.
V
Die Demonstrationen des 23«Oktober waren zunächst völlig friedfertiger Natur. Keiner der Demonstranten scheint bewaffnet gewesen
zu sein. Und es ergaben sich keine Beweise dafür, daß irgendeiner der
Leute, die politische Forderungen stellten oder sich den Demonstranten
anschlössen, die Absicht hatte, zur Gewalt Zuflucht zu nehmen. Wenn
die Enttäuschung über die Rede Herrn Geros die Menge auch verärgert
haben mag, so dürfte dies allein doch kaum genügt haben, um die Demonstration zu einem bewaffneten Aufstand auszuweiten. Daß dies geschah, ist auf
die Maßnahmen der AVH zurückzuführen, die auf die Menschen vor dem Rundfunkgebäude das Feuer eröffnete. Innerhalb weniger Stunden waren sowjetische Panzer gegen die ungarische Bevölkerung eingesetzt. Dieses Auftreten russischer Soldaten unter der Bevölkerung, und zwar nicht als
befreundete Alliierte, sondern als im Kampf stehende Feinde, führte
zu einem noch festeren Zusammenschluß der Bevölkerung.
VI
Dunkelheit umgibt die Aufforderung, die angeblich von der ungarischen Regierung an die sowjetischen Stellen gerichtet wurde und in der
um Unterstützung ersucht wurde, um den Aufstand mit Gewalt zu unterdrücken.
Herr Nagy hat geleugnet, daß von ihm eine solche Aufforderung ergangen
ist oder daß er auch nur Kenntnis von ihr hätte - und alles spricht für
die Wahrheit seiner Behauptung. Nachdem am 24«0ktober gegen zwei Uhr morgens sowjetische Panzer auf den Straßen Budapests erschienen waren, wäre
es für Herrn Nagy unmöglich gewesen, irgendeine offizielle Botschaft an
die sowjetischen Stellen zu richten, da er zu der Zeit, als die Panzer
ihre Befehle erhalten haben müssen, kein Regierungsamt bekleidet hatte.
Eine

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Eine solche Aufforderung mag privat von Herrn Gero, dem ersten Sekretär
des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, oder von Herrn Hegedüs,
dem Ministerpräsidenten,ausgegangen sein. Der Ausschuß hatte jedoch keine
Gelegenheit, den Text einer derartigen Aufforderung einzusehen oder die
genauen Umstände in Betracht zu ziehen, unter denen sie erfolgt sein
könnte. Ein Urteil darüber, ob eine solche Aufforderung überhaupt ergangen ist, sollte daher billigerweise nicht eher gefällt werden als bis
weitere Informationen ans Licht gelangt sind»
Ähnliche Überlegungen gelten in bezug auf die Aufforderung, die angeblich an die sowjetischen Stellen vor der zweiten Intervention am
vierten November gerichtet wurde. Herr Kadar war weiterhin Mitglied der
Regierung Nagy geblieben, nachdem dieser am dritten November wieder eingesetzt worden war. Dem Ausschuß ist nicht bekannt, daß er irgendeinen nachweisbaren Hinweis auf die Ablehnung der Politik Herrn Nagys gegeben hat.
Über das Verhalten Herrn Kadars in dieser Zeit herrscht keine volle Klarheit, und seine eigene Behauptung, im Namen der Regierung um sowjetische
Hilfe nachgesucht zy. haben, kann nicht als erwiesen gelten. Auf jeden Fall
gibt es genügend Beweise dafür, daß die sowjetischen Vorbereitungen für
eine weitere Intervention einschließlich der Heranziehung von Truppen und
Bewaffnung aus dem Ausland seit den letzten Oktobertagen im Gange gewesen
sind. Herr Kadar und seine Minister waren während der ersten Tage nach
Bildung seiner Regierung nicht in Budapest, und die administrativen Anweisungen an die ungarische Bevölkerung ergingen von den Befehlshabern
der sowjetischen Truppen.
VII
Als Herr Nagy Ministerpräsident wurde, war er zunächst nicht in der
Lage, die vollen Machtbefugnisse dieses Amtes auszuüben. Erst nachdem der
Griff der AVH auf Grund des Sieges der Aufständischen gelockert war,
konnte er einen unabhängigen Standpunkt einnehmen. Zu diesem Zeitpunkt lag
die wahre Macht in Ungarn bei den Revolutions- und Arbeiterräten, die sich
in den verschiedenen Teilen des Landes spontan gebildet hatten und die an
die Stelle des zusammenbrechenden Gebäudes der Kommunistischen Partei traten.
Herr Nagy - obwohl selbst seit langem Kommunist, der viele Jahre in der
Sowjetunion zugebracht hatte - forderte Nichtkommunisten zur Teilnahme an
seiner neuen Regierung auf und schenkte den Forderungen der Revolutionsund Arbeiterräte Gehör. Es hat den Anschein, als ob Herr Nagy, wie überhaupt das ganze Land, durch den Gang der Ereignisse etwas überrascht gewesen ist. Nachdem er sah, daß seine Landsleute einig waren in dem V/unsch
nach anderen Regierungsformen und dem Abzug der sowjetischen Truppen, stellte er sich ganz auf die Seite der Aufständischen. Durch diesen Schritt verwischte er den Eindruck, den er hervorgerufen hatte, als er noch unter der
Herrschaft der AVH stand, und wurde somit zu einer symbolhaften Persönlichkeit des Aufstandes, obwohl dieser nicht auf sein Betreiben zurückging und Herr Nagy niemals der tatsächliche Führer der Erhebung war.

VIII

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VIII
Die wenigen Tage, in denen sich das ungarische Volk der Freiheit
erfreute, bringen eine Fülle von Beweisen für die Volkstümlichkeit der
Aufstandsbewegung. Eine freie Presse und freie Rundfunksendungen entstanden im ganzen Land und die Auflösung der Geheimpolizei wurde zum
Signal einer allgemeinen Freude, die das Ausmaß der im ungarischen
Volk erreichten Einheit enthüllte, nachdem der Druck der Furcht einmal
von ihm genommen war.
IX
Es gab eine Reihe von Lynchakten und körperliche Züchtigungen durch
die Volksmasse. Aber in fast allen Fällen waren diese auf Mitglieder
der Geheimpolizei oder Personen beschränkt, von denen man annahm, daß
sie mit der Geheimpolizei zusammengearbeitet hatten.

Während dieser Zeit wurden von den Arbeiterräten Schritte unternommen, um den Arbeitern wirklich die Kontrolle über die verstaatlichten Industriebetriebe zu geben und solche unpopulären Maßnahmen; wie
die Produktionsnormen aufzuheben. Diese wurden weitgehend abgelehnt,
weil man sie als unfair den Arbeitern gegenüber und auch als einen Ausdruck der vom Volk- mit Mißtrauen betrachteten geheimen Handelsabkommen
mit der UdSSR ansah, die der ungarischen Wirtschaft zugunsten der Sowjetunion, wie man meinte, schwere Lasten auferlegten. Während die Verhandlungen über den Abzug der russischen Truppen mit den sowjetischen Stellen weitergeführt wurden, begann man die Straßen Budapests aufzuräumen,
und das Leben nahm allmählich wieder seinen normalen Gang. Die Aufständischen hatten sich bereit erklärt, sich unter Beibehaltung ihrer besonderen Stellung in einer Nationalgarde zusammenzuschließen, die mit
Polizei und Heer für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich
sein sollte.
XI
Im Gegensatz zu der Forderung auf Wiederherstellung der politischen
Rechte, die während des Aufstandes erhoben wurde, steht die Tatsache,
daß die Grundrechte des ungarischen Volkes vor dem 23. Oktober, besonders bis zum Herbst 1955»durch die ungarischen Regierungen verletzt
wurden und daß solche Verletzungen seit dem 4» November wieder auftraten. Der Ausschuß ist überzeugt, daß die zahlreichen Berichte über die
unmenschliche Behandlung und die Folterungen von Seiten der AVH als wahr
zu akzeptieren sind. Auf Grund des Beweismaterials ist der Ausschuß ebenfalls überzeugt, daß zahlreiche Ungarn, darunter auch einige Frauen,
nach der Sowjetunion deportiert worden sind und daß einige vielleicht
noch nicht in ihre Heimat zurückgeschickt wurden. Diese Deportationen
sollten das Rückgrat der Revolution brechen. Durch die vom ungarischen

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ungarischen Volk während seines spontanen Aufstandes ergriffenen Maßnahmen konnte für einige Tage der Apparat des Polizeiterrors abgeschafft werden. Diese demokratische Errungenschaft eines Volkes wurde
in der Tat durch eine Form der 'Gegenrevolution' bedroht, der sie dann
auch erlang. Diese 'Gegenrevolution' bestand jedoch darin, daß die
sowjetischen Streitkräfte Herrn Kadar und seine Kollegen an die Stelle
einer Regierung einsetzten, die sich der überwältigenden Unterstützung
des ungarischen Volkes erfreute.

XII
Seit der zweiten sowjetischen Intervention am vierten November
gibt es keinen Beweis dafür, daß die Regierung Kadar die Unterstützung
des Volkes hat. Herr Kadar hat nach .und nach die meisten Punkte vom
Revolutionsprogramm gestrichen, die er dem ungarischen Volk zunächst
versprochen hatte. In der Frage des Rückzuges der sowjetischen Truppen
hat er eine Wendung vollzogen, die von der völligen Annahme der Wünsche
der Nation bis zu der Weigerung reicht, diese Frage unter den gegenwärtigen Umständen zu erörtern. Schritt um Schritt hat er die Macht der
Arbeiter und die der Arbeiterräte zerstört. Streiks werden mit der
Höchststrafe geahndet. Recht und Gerechtigkeit wurden durch die Schaffung einer Sonderpolizei und durch die Bildung von Sonderger' chten sowie
dadurch verzerrt, daß die Rechte der Angeklagten ignoriert werden.
Die Sozialdemokratische Partei ist erneut unter Zwang aufgelöst worden.
Allgemeine Wahlen wurden um zwei Jahre verschoben. Schriftsteller und
Intellektuelle wurden Unterdrückungsmaßnahmen unterworfen. Die Arbeiterschaft Ungarns hat kein Zeichen dafür zu erkennen gegeben, daß sie die
Regierung Kadar unterstützt oder die Aussicht auf eine anhaltende sowjetische Besetzung begrüßt. Nur ein kleiner Bruchteil der 190 000 zum größten Teil jungen Ungarn, die aus dem Land geflohen sind, haben die Aufforderung Kadars, nach Ungarn zurückzukehren, angenommen. Die Landbevölkerung hat Grund, Herrn Nagy für seine Einstellung gegenüber der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Zwangsabgaben an Agrarprodukten
dankbar zu sein.
XIII
Angesichts des Ausmaßes der ausländischen Intervention war die
Behandlung der ungarischen Frage durch die Vereinten Nationen rechtlich begründet; sie wurde darüber hinaus von einer legalen ungarischen
Regierung gefordert. Was die Menschenrechte angeht, so hat Ungarn im
Rahmen des Friedensvertrages spezifische internationale Verpfl'chtungen
übernommen. Daher ist der Ausschuß nicht der Ansicht, daß die Einwände,
die sich auf Paragraph 7, Artikel 2 der Charta stützen, im vorliegenden
Fall Gültigkeit haben. Ein massiver bewaffneter Übergriff eines Landes
auf das Gebiet eines anderen mit der offen eingestandenen Absicht,
sich in die inneren Angelegenheiten dieses Landes einzumischen, muß
auch nach der sowjetischen Definition einer Aggression zu einem internationalen Anliegen werden."
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./3.7.1957

DULLES UMREISST CHINA-POLITIK DER USA

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der USAußenminister John Poster Dulles am 28.Juni 1957
auf einer Veranstaltung der "Lions, International",
einer internationalen Vereinigung von Geschäftsleuten und Vertretern akademischer Berufe, in
San Francisco gehalten hat.
"Es ist angebracht, daß wir uns hier in San Francisco, dieser
großen Stadt, die zum Fernen Osten blickt, mit der amerikanischen
Politik gegenüber dem Kommunismus in Chine befassen. Auf dem chinesischen Festland werden sechshundert Millionen Menschen von der
Chinesischen Kommunistischen Partei beherrscht. Diese Partei kam
durch Gewalt an die Macht und hat sich bisher durch Gewalt am Leben
gehalten. Sie bezieht ihre Macht nicht durch den Willen des chinesischen Volkes, sondern durch massive und gewaltsame Unterdrückung.
Sie bekämpfte die Vereinten Nationen in Korea, unterstützte den
kommunistischen Krieg in Indochina und eroberte Tibet mit Gewalt.
Sie stiftete die kommunistische Huk-Rebellion auf den Philippinen
und die kommunistischen Aufstände in Malaya an. Die Chinesische
Kommunistische Partei verhehlt nicht ihre expansionistischen Ziele.
Sie bringt den Vereinigten Staaten bitteren Haß entgegen, die sie
als Haupthindernis auf ihrem Eroberungsweg ansieht.
Angesichts dieser Bedingungen haben die Vereinigten Staaten
moralisch und materiell die freien Länder im westlichen Pazifik
und in Südostasien unterstützt. Unsere Sicherheitsverträge stellen
klar, daß ein Angriff auf die Nationen von Seiten des internationalen Kommunismus als eine Gefährdung unseres eigenen Friedens und
unserer eigenen Sicherheit angesehen würde und daß wir entsprechende Maßnahmen ergreifen würden.
Zusammen stellen wir eine recht ansehnliche Gemeinschaft und
ein festes Bollwerk gegen e'ine Aggression dar.
In bezug auf China haben wir uns jeder Maßnahme enthalten,
die das kommunistische Regime in moralischer, politischer und
materieller Hinsicht fördern würde. Daher haben wir unsere diplomatische Anerkennung nicht auf das Regime der chinesischen Kommunisten ausgedehnt; wir haben mit dem kommunistischen China keinen
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3. Juli 1957

keinen Handel getrieben und keinen Kulturaustausch mit ihm sanktioniert.
Dies war und ist unsere Politik. So wie wir dies überall tun,
unterliegt auch diese Politik von Zeit zu Zeit einer Überprüfung.
Wenn wir unsere Chinapolitik überblicken, so rufen wir uns - und
dies ist ganz natürlich und angemessen - unsere Politik in bezug
auf die Anerkennung des, kommunistischen Rußlands ins Gedächtnis
zurück.
Im Jahre 1917 übernahmen die Bolschewisten von Kerenski die
Macht. Nichtsdestoweniger haben wir 16 Jahre lang die Vertreter der im
Exil lebenden Kerenski-Regierung als die gesetzliche Regierung Rußlands anerkannt. Um 1933 hatte es den Anschein, daß das kommunistische Regime als ein friedliches Mitglied der Völkergemeinschaft angesehen werden könnte. Seit über einem Jahrzehnt hatte es keine bewaffnete Aggression begangen. Es hatte die Unabhängigkeit von Estland,
Lettland, Litauen und von Polen anerkannt. Es hat amerikanische
Staatsbürger nachweislich nicht schlecht behandelt. Es versprach,
die Wühltätigkeit in den USA abzustoppen, amerikanische Rechte in
Rußland zu respektieren und die öffentlichen und privaten Schulden
Rußlands gegenüber den USA zu begleichen.
Um 1933 hatten wir auch den Wunsch, das sowjetische Regime in
seinem Widerstand gegen die aggressive Pernost-Politik Japans zu
bestärken. Durch den gleichen Beweggrund inspiriert, hatte die
Republik China die sowjetische Regierung im Dezember 1932 anerkannt,
und nach kurzer Zeit folgten wir nach.
Wir brauchen die Richtigkeit dieser Anerkennung im Lichte der
damaligen Umstände nicht in Frage zu stellen. Auf Grund fast aller
Überprüfungen schien eine Anerkennung angezeigt, und die Zukunft
konnten wir nicht lesen.
Es kann, so meine ich, jedoch mit Überzeugung gesagt werden,
daß eine Anerkennung der Sowjetunion selbst 1933 noch nicht erfolgt
wäre, hätte es irgendwelche klaren Warnungen gegeben, daß die sowjetischen Versprechungen in diesem Zusammenhang völlig unzuverlässig
seien, daß Aggressionskriege schon sehr bald ein Instrument der
Sowjetpolitik würden, und daß sich die Sowjetunion gegenüber der
japanischen Aggression in Asien neutral Verhalten würde.
Im Falle des kommunistischen China sind wir vorgewarnt. Dieses
Regime besteht nicht einmal jene Prüfungen, die das sowjetische
Regime nach 16 Jahren zu bestehen schien.
Erstens: 1933 hatte Sowjetrußland über ein Jahrzehnt lang mit
seinen Nachbarländern in friedlichen und nichtaggressiven Beziehungen
gelebt, die Geschichte des kommunistischen China ist eine Geschichte
der bewaffneten Aggression.
Zweitens: Das sowjetische Regime schien für die Zukunft den
Frieden zu wünschen. Im Falle des kommunistischen China ist die

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3. Juli 1957

die Situation völlig ungeklärt. Zur Zeit der Bandung-Konferenz erklärte Tschu En-lai, daß das 'chinesische Volk keinen Krieg mit
den Vereinigten Staaten wünscht und bereit ist, internationale
Streitfälle auf friedlichem Wege beizulegen'. Als die USA ihn jedoch beim Wort nahmen und eine ausdrückliche gegenseitige Verzichterklärung über die Anwendung von Gewalt anstrebten,, teilte sein
Botschafter, nachdem er zunächst verschiedene ausweichende Formulierungen vorgebracht hatte, schließlich offen mit, sein Regime
beabsichtige, bewaffnete Gewalt anzuwenden, um Formosa in die
Hand zu bekommen, sofern dies nicht auf andere Weise erreicht
werden könne.
Drittens: 1933 verletzte die Sowjetunion nicht in flagranter
Weise ihre internationalen Verpflichtungen. Das kommunistische
Regime Chinas verletzt laufend den koreanischen Waffenstillstand aus
dem Jahre 1953 und den Waffenstillstand für Indochina aus dem Jahre 1954»
Viertens: Es bestand Grund zur Hoffnung, daß das Sowjetregime
unsere Staatsbürger mit Achtung behandelt. Das kommunistische Regime
Chinas tritt unter Mißachtung der Grundregeln des internationalen Anstands die Rechte unserer Bürger mit den Füßen und hat seine 1955 gegebene Zusage gebrochen, sie freizulassen«
Fünftens: Im Jahre 1933 schien es, als ob das Sowjetregime und
die USA in bezug auf die Abwehr der japanischen Aggression im Fernen
Osten gemeinsame Interessen hätten. Heute stoßen die politischen
Zielsetzungen des kommunistischen China überall mit den unsrigen
zusammen.
Eine diplomatische Anerkennung des kommunistischen China durch die
USA würde die folgenden Konsequenzen haben:
Erstens: Die vielen auf dem chinesischen Festland lebenden
Chinesen, die,wie Mao Tse-tung kürzlich zugegeben hat, den Charakter
ihrer Regierung ändern wollen, würden sehr stark entmutigt werden.
Zweitens: Die Millionen in Übersee lebenden Chinesen würden
den Eindruck bekommen, daß es kein freies China mehr gibt, auf das
sie blicken könnten. Heute geht eine immer größere Anzahl dieser im
Ausland lebenden Chinesen nach dem freien China, um dort zu studieren.
Vor sechs Jahren studierten weniger als hundert Chinesen aus Südostasien und Hongkong auf Formosa. Jetzt beträgt ihre Zahl fast fünftausend.
Die Zahl der chinesischen Studenten, die aus Übersee nach dem freien
China kommen, hat sich von Jahr zu Jahr vergrößert. Die Zahl derer, die
nach dem kommunistischen China gehen, ist gesunken, und Hunderte von
enttäuschten Studenten sind in den vergangenen zwei Jahren von dem
chinesischen Festland geflohen.
Wenn die Vereinigten Staaten das kommunistische Regime Chinas
anerkennen würden, dann würden Millionen von in den freien asiatischen
Ländern lebenden Chinesen nach und nach die Richtlinien des kommunistischen Regimes akzeptieren. Dies wäre eine Tragödie für sie, und es würde

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3. Juli 1957

würde die mit uns befreundeten Regierungen, die bereits durch die chinesische kommunistische Subversion bedroht sind, noch mehr gefährden.
Drittens: Die Republik China würde das Gefühl haben, von ihrem
Freund im Stich gelassen zu sein. Diese Regierung war im zweiten Weltkrieg unser Verbündeter und hatte lange davor die Hauptlast des fernöstlichen Krieges getragen. Sie hatte zahlreiche verlockende Gelegenheiten, einen Kompromiß mit den Japanern abzuschließen, der für die USA recht
schädliche Konsequenzen gehabt haben würde. Sie hat dies niemals getan.
Wir verurteilen die Sowjets, weil sie 1945 ihre im Rahmen eines zwanzigjährigen Vertrages enthaltene Zusage nicht eingelöst haben, die chinesische Nationalregierung als die Zentralregierung anzuerkennen. Wir sind
es unserer Ehre schuldig, unserem Verbündeten gegenüber, dem wir uns
auf Grund eines gemeinsamen Verteidigungspaktes verpflichtet fühlen,
die Treue zu bewahren.
Viertens: Die freien asiatischen Regierungen im pazifischen Raum
und in Südostasien würden außerordentlich verwirrt sein. Sie befinden
sich nahe der riesigen chinesischen Landmasse. Geographisch und in gewissem Ausmaß auch in politischer Hinsicht unterscheiden sie sich voneinander. Der Geist und die Entschlossenheit der USA üben einen bedeutsamen
einigenden und stärkenden Einfluß aus, lenn wir uns den Anschein geben,
unentschlossen zu sein und mit dem chinesischen Kommunismus einen Kompromiß abzuschließen, dann würde dies seinerseits den Widerstand im
freien Asien gegenüber dem Kommunismus schwächen und dem internationalen
Kommunismus in seinen Bemühungen, uns einzukreisen, zu einem großen Sieg
verhelfen.
Eine Anerkennung des kommunistischen China durch die Vereinigten
Staaten würde es wahrscheinlich machen, daß das kommunistische Regime
den Sitz Chinas in den Vereinten Nationen erhält. Das wäre weder im Interesse der Vereinigten Staaten noch in Interesse der Vereinten Nationen.
Die Vereinten Nationen sind keine Besserungsanstalt für böse Regierungen.
Sie sollen vielmehr eine Gemeinschaft solcher Nationen sein, die 'friedliebend sowie bereit und willens sind, den Verpflichtungen der UN-!-Charta
nachzukommen'. Und die grundlegende Verpflichtung ist, der internationalen Anwendung von Gewalt zu entsagen, es sei denn, man verteidigt sich
gegen einen bewaffneten Angriff«
Das chinesische kommunistische Regime blickt auf eine Vergangenheit
unablässiger bewaffneter Aggressionen zurück, darunter auch einen Krieg
gegen die Vereinten Nationen selbst. Ein Krieg, der zwar noch nicht politisch gelöst, aber doch durch einen Waffenstillstand beendet worden
ist. Das Regime behauptet nicht nur ein Recht zu haben, sondern bezeichnet es geradezu als sein Ziel, nötigenfalls unter Gewaltanwendung Formosa
unter seine Herrschaft zu bringen.
Die Republik China hat Anspruch auf einen permanenten Sitz und ein
•Vetorecht' im Weltsicherheitsrat. Sollte nun ein Regime, das in sieben
Jahren fünf Kriege auf ausländischem Boden und im eigenen Lande - in
Korea, Indochina, Tibet, den Philippinen und Malaya - angestiftet hat.

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3. Juli 1957

hat, das selbst gegen die Vereinten Nationen gekämpft hat und von diesen
als Aggressor gebrandmarkt wurde, und das offen seine Absicht proklamiert, weiterhin Gewalt anzuwenden - sollte dieses Regime einen ständigen Sitz mit Vetorecht in einer Organisation erhalten, die gemäß ihrer
Charta "die Hauptverantwortung für die Erhaltung des Weltfriedens und
der Sicherheit auf der Welt trägt'?
Das kommunistische Rußland beeinträchtigt mit seinem Vetorecht bereits sehr ernsthaft die Fähigkeit der Vereinten Nationen, diesen ihren
gesetzten Zielen zu dienen. Würde das kommunistische China nt^n auch noch
ein permanentes Mitglied des Weltsicherheitsrates mit Vetorecht werden,
so würde das - wie ich fürchte - in die Vereinten Nationen den Keim zu
ihrer eigenen Zerstörung tragen.
Ich möchte mich nun der Frage der Handels- und Kulturbeziehungen
zuwenden, die bis zu einem begrenzten Ausmaß auch ohne Anerkennung bestehen könnten. Ein normaler friedlicher Handel mit China, aus dem sowohl das amerikanische als auch das chinesische Volk Nutzen ziehen würde,
könnte im gemeinsamen Interesse liegen. Aber es hat den Anschein, als
ob diese Art von Handel in einem nennenswerten Ausmaß nicht möglich ist.
Der Handel mit dem kommunistischen China ist kein freier Handel.
Er bietet dem jeweiligen Land nicht das, was seine Bevölkerung wünscht,
aber selbst nicht produzieren kann im Austausch für das, was andere
Länder wünschen, aber wiederum nicht selbst herstellen können. Der
Handel mit dem kommunistischen China steht unter der absoluten Kontrolle
eines staatlichen Apparates, und die begrenzten Devisenbeträge des
kommunistischen China werden dazu verwendet, so schnell wie möglich eine
ungeheure Militärmaschine sowie eine Schwerindustrie aufzubauen, die
diese unterstützt. Der Hauptwunsch dieses Regimes richtet sich auf Werkzeugmaschinen, elektronische Ausrüstungen und ganz allgemein auf solche
Dinge, mit deren Hilfe man Panzer, LKWs, Flugzeuge, Munition sowie andere
militärische Ausrüstungsgegenstände herstellen kann.
Was andere auch immer tun mögen, so sollten die USA, die in dem
chinesischen Raum schwerwiegende Sicherheitsverpflichtungen eingegangen
sind, nicht die militärische Stärke ihres möglichen Feindes aufbauen.
Wir zweifeln auch den Wert eines Kulturaustausches an, den zu verwirklichen die chinesischen Kommunisten so begierig sind. Sie wollen
diese Beziehungen zu den USA hauptsächlich deshalb aufnehmen, weil es
dann für die nächsten Nachbarn Chinas schwierig sein würde, diesem einmal gegebenen Beispiel nicht zu folgen. Diese freien Nationen, die bereits einer intensiven Wühlarbeit der chinesischen Kommunisten ausgesetzt sind, könnten den von den Kommunisten gewünschten kulturellen
Austausch nicht durchführen, ohne dadurch die für diese Länder vorhandenen Gefahren wesentlich zu erhöhen.
Dies sind die Erwägungen, die für eine Beibehaltung unserer gegenwärtigen Politik sprechen. Was sind die Argumente der anderen Seite?
Es

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5. Juli 1957

Es gibt einige, die sagen, daß wir das kommunistische Regime diplomatisch anerkennen sollten, weil es jetzt so lange an der Macht ist,
so daß es ein Recht auf Anerkennung hat.
Dies ist kein gesundes Völkerrecht. Eine diplomatische Anerkennung
ist immer ein Privileg, niemals ein Recht.
Natürlich erkennen die Vereinigten Staaten an, daß das chinesische
kommunistische Regime existiert. Wir wissen sehr gut, daß es existiert,
denn es hat in Korea gekämpft. Wir geben auch zu, daß wir mit den chinesischen Kommunisten in bestimmten Sonderfällen, wo es unseren Interessen dienen könnte, verhandeln. Wir haben mit ihnen bei den koreanischen
und indochinesischen Waffenstillstandsabkommen verhandelt. Seit fast
zwei Jahren haben wir mit ihnen verhandelt, um unsere Staatsbürger freizubekommen und eine gemeinsame Erklärung über die Ablehnung von Gewaltanwendung zu erreichen, und diese Verhandlungen dauern immer noch an.
Eine diplomatische Anerkennung jedoch gibt dem auf diese Weise
anerkannten Regime wertvolle Rechte und Privilegien, und in der heutigen Welt bedeutet eine Anerkennung durch die Vereinigten Staaten
für eine Regierung einen großen Prestigegewinn und eine Steigerung
des Einflusses im eigenen Lande und im Ausland.
Natürlich kann man eine diplomatische Anerkennung nicht nach Laune,
und Willkür einem Lande vorenthalten. In dieser Frage wie auch in anderen bemühen sich die Vereinigten Staaten in Einklang mit den Prinzipien zu handeln, die zu einer Weltgemeinschaft der Ordnung und des
Rechts führen.
Ein Maßstab, der oft angelegt wird, ist, ob ein Regime wirklich
fähig ist, zu regieren. Dies ist jedoch in keiner Weise ein ausschlaggebender Faktor. Oft unterhalten Länder mit Exilregierungen diplomatisch
Beziehungen. Und sie verweigern häufig denen, die~*die wirkliche Macht
haben, die Anerkennung«
Andere Maßstäbe, die normalerweise angelegt werden, sind, um mit
Thomas Jefferson zu sprechen, ob die anerkannte Regierung den von der
Mehrheit getragenen Willen der Nation zum Ausdruck bringt, ob die Regierung dem Kodex zivilisierter Nationen Rechnung trägt, ob sie in
Frieden lebt und ihren internationalen Verpflichtungen nachkommt.
Immer ist die Anerkennung jedoch zugegebenermaßen ein Instrument
der nationalen Politik, das dem vernünftigen Eigeninteresse dienen soll.
Etwas ist ohne Zweifel erwiesen. Es besteht hinsichtlich der Anerkennung kein Automatismus. Nichts wird durch einen bloßen Zeitablauf
erzwungen.
Ein weiteres Argument geht dahin, daß eine diplomatische Anerkennung unvermeidlich ist, warum also nicht jetzt?
Lassen

�"AMERIKA DIENST"

3. Juli 1957

Lassen Sie mich zunächst mit allem Nachdruck betonen, daß sich
die USA niemals dem Argument der 'Unvermeidlichkeit1 unterworfen haben.
Wir sind der Ansicht, daß wir gemeinsam mit unseren Freunden unser
eigenes Schicksal meistern können. Wir erkennen die Oberherrschaft der
kommunistischen Streitkräfte nicht an.
Und nun lassen Sie mich weiter betonen, daß der Despotismus kommunistischen Typs nicht so unveränderlich ist, wie dies manchmal den Anschein hat. Zeit und Umstände wirken sich auch auf ihn aus.
Es entsteht oft ein täuschendes Bild aus der Tatsache, daß die
Polizeistaaten durch Unterdrückung der in ihnen herrschenden Differenzen den Eindruck der Beständigkeit und Festigkeit machen, während die
Demokratien mit ihren Oppositionsparteien und ihren verschiedenen und
dissonanten Meinungsäußerungen als instabile, nachgiebige Mitglieder
der Weltgemeinschaft erscheinen.
In Wirklichkeit jedoch hat ein Regierungssystem, das die Verschiedenheit und Vielfalt toleriert, Aussicht auf eine lange Lebensdauer,
während ein System, das die Konformität aufzuzwingen sucht, stets
in Gefahr schwebt. Das ergibt sich aus der Grundnatur des Menschen. Von
allen Argumenten, die für eine Anerkennung des kommunistischen China
vorgetragen werden, ist das Argument der -'Zwangsläufigkeit1 das am wenigsten zwingende.
Es gibt einige, die der Ansicht sind, daß die chinesischen Kommunisten schließlich mit Sowjetrußland brechen, wenn wir zu ihrer Stärkung beitragen, und daß darin unsere beste Hoffnung für die Zukunft
liege.
Ohne Zweifel gibt es in Asien grundlegende Machtstreitigkeiten
zwischen Rußland und China. Auf der anderen Seite sind die kommunistischen Parteien Rußlands und Chinas durch enge ideologische Bande
verbunden.
Vielleicht werden die chinesischen Kommunisten, wenn ihre Ambitionen von Erfolg gekrönt sind, schließlich einmal mit Sowjetrußland
zusammenstoßen. Vielleicht würden auch die Achsenmächte, hätten sie den
zweiten Weltkrieg gewonnen, einmal auseinandergefallen sein.
Aber niemand hat vorgeschlagen, daß wir einen Sieg der Achsenmächte tolerieren und sie sogar unterstützen sollten, damit sie sich
am Ende wegen der Beute in den Haaren liegen - einer Beute, zu der
auch wir gehört hätten v
Wir.streben eine Überprüfung unserer Chinapolitik - von einer gewissen Entrüstung über die immer noch andauernde schimpfliche Behandlung der amerikanischen Bürger in China abgesehen - offenen Sinnes und
ohne Gefühlsaufwallungen an. Wir sind auch in keiner Weise der Ansicht,
daß eine Änderung lediglich im Interesse der Beständigkeit oder nur
deshalb vermieden werden soll, weil dies frühere Fehler implizieren

�"AMERIKA DIENST"

3. Juli 1957

Wir behalten stets die Möglichkeit im Auge, daß das kommunistische
Regime günstig beeinflußt und auf einen besseren Weg gebracht werden
könnte, wenn wir mit ihm diplomatische Beziehungen unterhielten, oder
wenn wir ohne solche Beziehungen Handels- und Kulturkontakte mit ihm
hätten. Die Erfahrungen jdoch, die diejenigen hatten, die jetzt das
rotchinesische Regime anerkannt und mit ihm zu tun haben, überzeugt
uns, daß angesichts der gegenwärtigen Lage weder eine Anerkennung noch
Handels- oder Kulturbeziehungen oder alle drei den Gang der Dinge in
China beeinflussen werden. Auf innerpolitischem Gebiet würde das Ergebnis wahrscheinlich das Gegenteil dessen sein, was wir anstreben.
International gesehen entspricht das kommunistische Regime Chinas
nicht den Praktiken zivilisierter Länder; es kommt seinen internationalen Verpflichtungen nicht nach, hat sich in der Vergangenheit keineswegs friedfertig verhalten und läßt kein Anzeichen eines friedfertigen
Verhaltens für die Zukunft erkennen. Es treibt eine feindliche Politik
gegenüber den USA und gegenüber unseren asiatischen Verbündeten. Unter
diesen Umständen wäre es geradezu töricht, wenn wir zu den chinesischen
Kommunisten Beziehungen herstellen würden, die ihre Fähigkeit, uns und
unsere Freunde zu verletzen, noch fördern würden.
Sie mögen fragen: Und was in Zukunft? Ist unsere Politik rein
negativ? Haben wir irgendeine Aussicht, die.zahlreichen freundschaftlichen Verbindungen wieder aufzunehmen, die das amerikanische Volk seit
vielen Generationen zum chinesischen Volk unterhalten hat und die wir
gerne wieder unterhalten möchten?
Sehen wir irgendeine Möglichkeit, daß die potentiell große chinesische Nation mit ihrer reichen, alten Kultur und Weisheit jemals wieder in der Lage sein wird, eine konstruktive Rolle im Rat der Völker zu
spielen?
Mit ganzer Zuversicht bejahen wir diese Fragen, diese Zuversicht
basiert auf gewissen fundamentalen Glaubenssätzen. Einer ist, daß wir
an die Zukurvft der menschlichen Freiheit glauben. Wir wissen, daß die
materialistische Herrschaft des internationalen Kommunismus niemals
in dauerhafter Weise den Hoffnungen und Wünschen dienen wird, die
unser Schöpfer in uns hineingelegt hat.
In der
stalinscher
sogar zwölf
überzeugen,
dividuellen

Sowjetunion mußten sich die Herrscher von dem Kommunismus
Prägung distanzieren. In den Satellitenstaaten konnten
Jahre weltanschaulicher Schulung die Völker nicht davon
daß das sowjetische System ihre nationalen oder ihre inWünsche zufriedenstellt.

Dem chinesischen Volk ist der Kommunismus in gleicher Weise zuwider. Wir lesen die tapferen Worte, die ein Universitätslehrer jüngst
in Rotchina gesprochen hat: 'Euch Kommunisten zu stürzen, kann nicht
unpatriotisch genannt werden, weil, ihr Kommunisten nicht mehr länger
dem Volk dient 1 .
Das

�3. Juli 1957

"AMERIKA DIENST

Das chinesische Volk setzt sich letzten Endes auch aus Einzelmenschen mit einem persönlichen Willen zusammen. Wir können in unserer
Politik vertrauensvoll von der Grundannahme ausgehen, daß das Prinzip
der strikten Konformität des internationalen Kommunismus in China wie
auch sonst in der Welt eine vorübergehende Phase und kein Dauerzustand
sein wird. Wir sind es uns selbst, unseren Verbündeten und auch dem
chinesischen Volk schuldig, alles in unseren Kräften Stehende zu tun,
um das Zuendegehen dieser Phase zu beschleunigen.
Wenn wir der Ansicht wären, daß durch Handels- und Kulturbeziehungen dieser Prozeß beschleunigt werden könnte, dann würden wir solche
Beziehungen haben.
Wenn wir der Ansicht wären, daß mit der Herstellung von diplomatischen Beziehungen zu dem derzeitigen Regime dieser Prozeß beschleunigt
würde, dann würden wir solche Beziehungen haben.
Und wir würden uns auch nicht der Beteiligung des derzeitigen
chinesischen Regimes an der Arbeit der Vereinten Nationen widersetzen,
wenn wir der Meinung wären, daß damit das Ende dieser Phase schneller
herbeigeführt werden könnte.
Wir sollten unsere Politik ständig prüfen, und wir tun dies auch,
um so gewiß wie möglich darüber zu sein, daß unsere Politik angesichts
der Bedingungen, wie sie von Zeit zu Zeit herrschen, den großen Zielsetzungen dientf
denen sich unsere Nation seit ihrer Gründung verschrieben hat - der Sache des Friedens, der Gerechtigkeit und der
menschlichen Freiheit.
Unsere Politik ist stets anpassungsfähig, um den Erfordernissen
der wechselnden Bedingungen Rechnung zu tragen. Es gibt aber Gegebenheiten, wo die anderen und nicht wir die Änderung herbeiführen sollten.
Nichts könnte für die USA gefährlicher sein als wenn sie bei ihren
Handlungen sich von der Theorie leiten lassen, daß falls feindliche
und böse Kräfte sich nicht schnell und bereitwillig ändern, sie sich
selber ändern müssen, um diesen Kräften zu begegnen.
Die Vereinigten Staaten üben in der Welt von Heute einen gewaltigen Einfluß aus. Nicht nur, weil sie mächtig sind, sondern, weil sie für
den Frieden, für die nationale Unabhängigkeit und für die persönliche
Freiheit eintreten. Zahlreiche freie Nationen bemühen sich, ihre Außenpolitik mit der unsrigen zu koordinieren. Eine solche Koordinierung
ist in der Tat unerlässlich, wenn die freie Welt den Zusammenhalt
haben soll, der nötig ist, um sie zu sichern. Die Politik der Vereinigten Staaten würde aber niemals als ein Kristallisationspunkt für
freie Völker dienen, wenn der Eindruck entstünde, daß unsere Polit'k
sich ändert, um den kommunistischen Wünschen zu entsprechen, und zwar
aus keinem anderen Gründe als dem, daß der Kommunismus sich nicht zu
ändern wünscht. Wenn der Kommunismus starrköpfig an dem Falschen

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�"AMERIKA DIENST"

3. Juli 1957

Falschen festhält, dann wollen wir standhaft im Guten und Richtigen
bleiben.
Die Fähigkeit zum Wandel ist eine unerlässliche Fähigkeit. Gleichermaßen unerlässlich ist die Fähigkeit, an dem festzuhalten, was gut
ist. Wenn diese Qualitäten gegeben sind, dann können wir hoffnungsvoll
den Tag erwarten, wo jene Menschen in Asien, die noch frei sind, zuversichtlich frei bleiben werden und wo das chinesische Volk und das
amerikanische Volk ihre lange Geschichte der kooperativen Freundschaft
fortsetzen können".

* » * * *

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�A M E R I K A

D I

N S T

Allg./l0.7.i957
AMERIKAS ZIEL: DIE ERHALTUNG DES WELTFRIEDENS

BOSTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede von Francis 0.
Wilcox, Unterstaatssekretär im US-Außenministerium, die dieser am 27» Juni 1957 auf der
Biennale des Amerikanischen Akademikerinnenverbandes in Boston gehalten hat.
Wenn ich an diesem Nachmittag zu Ihnen über die Verantwortung des
Staatsbürgers an der Weltpolitik Spree he, werde ich zu Problemen Stellung nehmen, denen Sie persönlich - d ais Organisation ein gut Teil
ihrer Aufmerksamkeit widmen. Als Akade mikerinnen sind Sie für die
Übernahme von Verantwortu igen in ei:.e/ freien Gesellschaft erzogen
worden. Auch jene, die vo: auswärtigen Universitäten gekommen sind,
sind Repräsenta-.te.., die nicht weniger auf ein Loben der Vernunft,
der Toleranz und des Vers Lehens in ein er Gesellschaft vorbereitet
wurden, die ihre A. fgäbe meho im Wohle eh i des einzelnen als in
der Glorifizierung deo Staates sieht.
In dieser modernen Welt hat die ge enseitlg... Abhängigkeit voneinander uns alle zu Internationalisten gemacht. Die Welt ist so zusammengeschrumpft, daß uns k-,ine andere Wahl bleibt. Wir müssen zusammenstehen oder wir werden einzeln ntergehen.
Vor etwa einem halben Jahr mndeot sagte Präsident Theodore
Roosevelt einmal, d ß "die Vereinigter Staaten es sich nicht aussuchen können, ob sie in der Welt eine große Rolle spielen wollen. Sie
müssen ihre Rolle spielen. Alles, was zu entschoiden in Ihrer Macht
liegt, ist,ob sie sie gut oder schl-cht spielen wollen."
Die Wahl, die wir heute haben, wird u s von der Notwendigkeit
des Überleben-Müssens der Menschheit zudiktiert. Die Gefahr des
Atomkrieges, die über unseren Köpfen schwebt, läßt uns keine andere
Alternative als die, unseren Part gut und w_is- zu spielen.
Die beste Gewähr dafür ist eine, den Kurs der Weltereignisse
sorgfältig verfolgende, wohlinformierte Öffentlichkeit.

Amerikas

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�"AMERIKA DIENST"

10. Juli 1957

Amerikas führende Rolle
Ich wage zu sagen, daß die bemerkenswerteste Entwicklung in diesem
Jahrhundert die Rolle der verantwortlichen Führerschaft ist, die die Vereinigten Staaten in den vergangenen 17 Jahren in der Welt übernommen haben.
Die Vereinigten Staaten haben seit 1941 in der Tat eine umwälzende
Periode hinsichtlich ihrer Beziehungen zu anderen Nationen durchgemacht.
In dieser kurzen Zeitspanne sind wir aus unserer Isolierung herausgegangen und eine internationale Macht geworden; unsere Politik ohne
hindernde Bindungen ist einem komplexen System der Wirtschafts-, Verteidigungs- und politischen Bündnisse mit über 40 Nationen gewichen. Um klar
herauszustellen, wie die Zeiten sich geändert haben, brauchen wir nur
daran zu erinnern, daß wir an den Konferenzen des Völkerbundes, selbst in
der bescheidenen Rolle eines Beobachters, nur äußerst widerwillig teilgenommen haben.
Es war die Wahrung unserer nationalen Interessen, die uns zu dieser
dramatischen Wandlung gezwungen hat. Es wird oft vergessen, daß jeder bedeutende außenpolitische Zug auf der alles überschattenden Frage basiert,
inwieweit er das Wohlergehen und die Sicherheit des amerikanischen Volkes
fördert. Die Wirksamkeit unserer Politik muß danach beurteilt werden, wie
gut sie diesen Zwecken dient.
In keinem Land unterliegt die Außenpolitik einer so permanenten
Kontrolle wie in den USA. Und in keinem Land hat das Volk in außenpolitischen Fragen so viel mitzureden. Schon unser Haushaltsystera sorgt für
diese jährliche Überprüfung.
Es ist richtig, daß dieses Vorgehen unsere Freunde und Verbündeten,
die unser System der checks and balances, der Kontrollen und Ausgleichsmaßnahmen,vielleicht nicht verstehen, zuweilen bestürzen mag. Aber es
hat den großen Vorteil, daß unsere politischen Entscheidungen, wenn sie
gefallen sind, von der Mehrheit einer gutinformierten Führerschaft im
Kongreß, in der Exekutive und im Volke gestützt werden. Ein Tatbestand,
der auch dafür bürgt, daß diese Entscheidungen kraftvoll und zuverlässig
durchgeführt werden. Er verbürgt ferner ihre moralische Vertretbarkeit,
denn andere würde unser Volk nicht dulden.
Ich möchte ein Wort sagen über die einzigartige Weise, in der Amerika
seine führende Aufgabe in der Weltpolitik erfüllt. Andere Länder haben
im Laufe der Jahrhunderte ihren Einfluß verstärkt, ihre Grenzen geweitet; sie haben aus persönlichem Ehrgeiz ihrer Führer, aus religiösen
Gründen,um den Handel zu fördern und Reichtümer anzuhäufen oder um anderer zwingender Ursachen willen, ganze Imperien aufgebaut. Die meisten
von ihnen, die im Verfolg solcher Politik erfolgreich oder zumindest zeitweilig erfolgreich waren, konnten dies im Hinblick auf ihre fügsamen
Bürger tun, fügsam, weil die Regierungen entweder unumschränkte Herrschaft
ausübten oder die Völker von irgendeinem besonderen Welterlösungsgedanken
erfüllt waren.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

10. Juli 1957

Die neue Führerrolle Amerikas ist von ihm nicht angestrebt worden,
sie wurde den LSA von einer kranken und verängstigten Welt gewissermaßen aufgedrängt. Ihr Ziel ist weder Eroberung noch territoriale
Ausweitung, sondern ist allein die Erhaltung des Weltfriedens.
Im Grunde genommen will Amerika für andere Völker all die Segnungen, die seinem eigenen Volke zuteil werden, vie große Menge
Hilfsg'ter, die es in andere Länder hineinpumpt, und die oft als
Edelmut von der "Tue-Gutes"-A-.'t oder als Glauben daran, daß alle
Probleme sie', auf wirtschaftlicher Basis lösen ließen, mißdeutet
werden| sine. Ausdruck dieses Wollens . Es wäre eine falsche Auslegung
unserer Überzeugung, die wir seit der Erlangung unserer Unabhängigkeit
immer wied.-.r unter Beweis gestellt haben, nämlich, daß alle Menschen
gleich geschaffen sind; daß das Recht auf Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück auf alle Menschen anzuwenden ist und nicht nur auf
ein einziges Land, wenn wir alle ein gedeihliches Leben in Frieden
führen wollen.
Trotz oberflächlicher Schwankungen
schaft, seit einer Reihe vor. Jahren eine
Unterstützung. Diese Unterstützung galt
die auf Grund amerikanischer Initiative

fand Amerikas Rolle der Führerstarke und ständige öffentliche
besonders den Vereinten Nationen,
geschaffen wurden.

Ich glaube, es ist unser aller Verantwortung, das Wesen, den hohen
Zweck und die praktische Anwendung des amerikanischen Führungsbegriffs
zu wahren, damit er sich nicht zu einem neuen Isolationismus verfälsche
oder versucht werde, zu beherrschen, wo er nicht überzeugen kann.
Die Verantwortung des Staatsbürgers
Ich hoffe, Sie glauben nicht, ich schmeichle Ihnen, wenn ich sage,
daß das Maß und die Reife des Verständnisses für die Ziele unserer Außenpolitik in hohem Grade von Organisationen wie der Ihren abhängen. Sie
vertreten die gebildete Elite einer hochgebildeten Gesellschaft. So wie
unsere Zahl wächst, nimmt auch unsere Verantwortlichkeit zu. Wir müssen
Amerikas neue Stellung in der Welt besser verstehen, wie es dazu kam,
wohin es führt und warum. Aus diesem Grunde hat der Akademiker eine ganz
besondere Verantwortlichkeit.
Man hat mir gesagt, daß die Frauen Amerikas den größten Teil der
Güter unseres Landes kontrollieren. Wenn das so ist, dann sind diese
Güter, glaube ich, in guten Händen. Aber es steht Ihnen noch mehr zur
Verfügung. Sie sind auch die Mit-Treuhänder - denn ich finde, den Männern
muß diese Verantwortlichkeit auch zugestanden werden - der Grundlagen
der Demokratie, die unser Land groß gemacht hat. Sie haben eine Erziehung
erhalten, die Sie auf das Leben in einer freien Gesellschaft vorbereitet
hat. Dies sind Errungenschaften, die nicht nur dazu verwendet werden
sollten, Leben und Kultur unserer Nation zu bereichern, sondern auch
eine richtige und kluge Außenpolitik zu unterstützen.

Ich

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�10. Juli 1957

"AMERIKA DIENST

Ich erinnere mich dabei an die kürzlich angestellten Beobachtungen
eines der maßgeblichen Männer im Außenministerium. Er wies eine Gruppe
von Kollegen darauf hin, daß er jeden Tag gezwungen sei, Entscheidungen
von mehr oder weniger großer Bedeutung für unsere auswärtigen Beziehungen zu treffen. Es fiel ihm, wie er sagte, besonders schwer, diese Entscheidungen zu treffen, ohne die häufig entgegengesetzten Ansichten und
Gesichtspunkte seiner Umgebung zu hören. Diese verschafften ihm nämlich die für ein wohlfundiertes Urteil notwendigen Perspektiven und
Alternativen.
Seine Beobachtung läßt sich, glaube ich, ebenso gut auf die Herausbildung einer politischen Linie auf nationaler Grundlage anwenden. Während der Präsident und der Außenminister die amerikanische Außenpolitik
formulieren und praktizieren, sorgt der Kongreß für die erforderlichen
Gesetze und Mittel; er kann sich allerdings auch ablehnend verhalten.
Wenn uns die Mittel oder Gesetzesgrundlagen nicht zugebilligt werden,
so müssen wir meiner Ansicht nach auf die eine oder andere Art einen
Fehler gemacht haben. Entweder haben wir es unterlassen, das Verständnis der Öffentlichkeit für unsere Politik zu erringen, oder aber die
Öffentlichkeit versteht sie, ist jedoch nicht bereit, sie zu unterstützen. Es gibt natürlich noch eine dritte Möglichkeit: Apathie oder
Gleichgültigkeit auf Seiten der Tonangebenden. Dies ist meiner Meinung
nach die schmerzlichste von allen.
Ich werde von Organisationen wie der Ihren oft gefragt, ob ihre
formellen Resolutionen und Petitionen über außenpolitische Angelegenheiten viel Einfluß haben. Ich kann sie dessen versichern» sie üben
diesen Einfluß sowohl auf die Legislative wie auf die Exekutive aus.
Wenn sie sich auch nicht immer in einer von Ihnen empfohlenen Handlung
ausdrücken, so sind sie doch ein unerläßlicher Teil der die Politik bestimmenden Faktoren in einer Demokratie.
Mißverständnisse über die Außenpolitik
Unsere führende Rolle in der Welt ist und kann keine leichte Aufgabe sein. Das Verständnis für die vielen Seiten der Außenpolitik setzt
daher Anstrengungen voraus - ein Bemühen, das auf lange Sicht den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Politik bestimmt.
Außerdem haben sich gewisse falsche Auffassungen in unser Denken über
die auswärtigen Beziehungen eingeschlichen, die meiner Meinung nach
weitgehend auf einer unrichtigen Informierung oder einer unrichtigen
Auslegung der Tatsachen beruhen. Ich würde gerne einige dieser Mißverständnisse an Hand von Beispielen untersuchen. Mißverständnisse
über außenpolitische Angelegenheiten können Schlimmes anrichten.
Die Vereinten Nationen
Ich habe gesagt, daß die amerikanische Bevölkerung die Vereinten
Nationen weitgehend stützt. Und zwar in der Demokratischen wie in der
Republikanischen Partei und in allen Teilen des Landes. Aber ein
großer Teil meiner Aufmerksamkeit wie der meiner Kollegen im Außenministerium wird jedoch dadurch in Anspruch genommen, daß wir die

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die Vereinten Nationen gegen Anwürfe verteidigen müssen, die auf einer
falschen Auffassung ihrer Verantwortlichkeiten und Befugnisse beruhen.
Manche Menschen neigen dazu, sie dafür verantwortlich zu machen,
wenn irgend etwas in der Welt schief geht. Als ob die reine Existenz
einer internationalen Organisation der Uneinigkeit und Unordnung ein
Ende setzen könnte! Andere verurteilen sie, weil sie die Hauptprobleme
des Nahen Ostens nicht in kürzester Frist beigelegt haben. Sie werden
oft angegriffen, v/eil sie ihren Willen in Ungarn nicht durchgesetzt
haben. Und sie werden kritisiert, weil das atomare Wettrüsten zwischen
der freien Welt und der Sowjetunion unvermindert weitergeht.
Nichts könnte irriger sein, als die Vereinten Nationen wegen der
Schwächen ihrer Mitgliedstaaten zu verurteilen. Wir würden gut daran
tun, uns ihre Grenzen wie ihre Möglichkeiten ins Gedächtnis zu rufen.
Sie sind keine übergeordnete Regierung. Sie setzen sich aus 81 souveränen, unabhängigen Nationen zusammen. Sie können nur das tun, was ihre
Mitglieder bereit sind, sie zu irgendeiner gegebenen Zeit tun zu lassen.
Wir sollten von den Vereinten Nationen nicht erwarten, daß sie all
unsere Weltprobleme lösen, nicht mehr, als wir vom Kongreß eine Lösung
unserer inneren Probleme erwarten. Jedes Jahr ungefähr verabschiedet der
Kongreß neue Gesetze über Wohnungsbau, Erziehungswesen, Arbeitsfragen,
Gesundheitswesen und andere wichtige Dinge. Aber die Probleme selbst
werden selten endgültig und vollständig geregelt. Sie werden erleichtert oder einer Lösung nähergebracht; niemand aber würde behaupten,
daß sie gelöst werden.
Der Nahe Osten
So ist es mit den Vereinten Nationen. Wir sollten den Maßnahmen
dieser vielschichtigen Körperschaft gegenüber sicherlich ebensoviel
Geduld aufbringen, wie wir sie mit unserem eigenen Kongreß üben.
Und doch geschieht dies manchmal nicht, wie zum Beispiel im Falle der
Suez-Krise. Manche Leute, die zunächst das sofortige Eingreifen der
Generalversammlung zur Erreichung der Waffenruhe begrüßten, waren ein
wenig bestürzt, als die nächsten Schritte zur Überwachung der Waffenruhe und zur Erhaltung einer friedlichen Atmosphäre nicht in dem gleichen
Tempo getan wurden.
Gewiß, es handelte sich hierbei um bescheidene Maßnahmen; und doch
wollen wir ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Die Waffenruhe, die Zurückziehung fremder Streitkräfte aus Ägypten, die Aufstellung einer
Bereitschaftstruppe der Vereinten Nationen, die rasche Räumung des
Suezkanals, der Einsatz der UN-Bereitschaftstruppen in Gaza und SharmEl-Sheikh - all dies waren bemerkenswerte positive Maßnahmen, die innerhalb weniger Monate durchgeführt wurden. Diejenigen, die etwa den Eindruck hatten, daß diese Maßnahmen zu lange auf sich warten ließen, haben
vielleicht die Macht der Generalversammlung überschätzt.
Die Versammlung kann keinerlei Bedingungen vorschreiben. Ihre Verfahrensweise muß in vielen Fällen langsam, ja sogar schwerfällig sein.
Aber die Ergebnisse, die sie im Laufe der letzten paar Monate im Nahen
Osten erzielt hat, sind ein eindeutiger Beweis für die Kraft der Welt-

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Weltmeinung. Die Mobilisierung der Weltmeinung, verbunden mit einer
geduldigen Diplomatie, unter dem Banner der Vereinten Nationen hat
die Durchführung all dieser Maßnahmen ermöglicht. Gewiß, unter dem
Aspekt der Dauer betrachtet, ist das Nahost-Problem nicht gelöst.
Doch wurde die Ausweitung dieses Konflikts in einen möglichen großen
Krieg vermieden, und langsam wird wieder eine Grundlage für den Frieden
geschaffen.
Es ist dies nicht der Augenblick, uns selbstgefällig in den
mäßigen Erfolgen, die im Nahen Osten erreicht wurden, zu sonnen.
Das Schießen ist beendet, aber die grundlegenden Ursachen, die überhaupt zur Eröffnung des Feuers geführt haben, müssen bereinigt werden,
wenn der Friede erhalten bleiben soll.
Hier könnten die Kritiker nun wiederum einwenden, daß wir rascher
vorgehen sollten, ehe die Lage sich verschlechtert. Ein wesentliches
Element zur Erhaltung des Friedens im Nahen Osten ist die Lösung des
Problems, das die über 900 000 palästinensischen Flüchtlinge darstellen,
die für ihren Unterhalt und ihre Unterbringung auf die Hilfe der Vereinten Nationen angewiesen sind. Zugegeben, es handelt sich hier um
eine dringende Angelegenheit. Aber das Problem der palästinensischen
Flüchtlinge ist so komplexer Natur und in politischer Hinsicht ein so
hochexplosiver Zündstoff, daß etwaige Schritte sorgsam erwogen werden
müssen, wenn sie zur Besserung und nicht womöglich noch zur Verschlechterung der Lage beitragen sollen. Ebenso wenig können die Grenzen zwischen Israel und seinen Nachbarländern - eine nunmehr seit zehn Jahren
schwärende Wunde - über Nacht in zufriedenstellender Weise geregelt
werden.
Der Nahe Osten bleibt ein Pulverfaß, und jede übereilte und unbedachte Maßnahme könnte dort schwerwiegende Folgen haben. Wir können
sicher sein, daß die Sowjetunion auch weiterhin im Trüben fischen wird.
Der jüngste erfolgte Verkauf sowjetischer Unterseeboote an Ägypten ist
nur ein weiteres Vorkommnis in einer langen Kette von Ereignissen, die
offensichtlich darauf abzielen, die Spannungen in diesem Gebiet zu
verschärfen.
Eine Wolke der Furcht hängt nach wie vor über den Häuptern der
arabischen Völker wie über Israel. Wir müssen daher mit geduldiger
Kraft weiter vorstoßen. Wir.müssen alles nur irgend Mögliche tun,
um im Nahen Osten den Willen zum Frieden zu pflegen. Ohne diesen
Willen ist eine Beilegung der langfristigen Probleme nicht zu erreichen.
Der Fall Ungarn
Der ungarische Aufstand ist ein weiteres Beispiel. Nun, ich bedauere
die Weigerung der UdSSR und des ungarischen Regimes, sich den Beschlüssen
der Generalversammlung auf sofortige Zurückziehung der sowjetischen
Truppen aus Ungarn zu fügen, auf das tiefste. Doch kann ich mich nicht
jenen Leuten anschließen, die dafür die Vereinten Nationen verantwortlich machen. Wer das tut, hat kein Verständnis für die Geschichte, für
die politischen Tatsachen der gegenwärtigen internationalen Beziehungen

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Beziehungen und die Charta der Vereinten Nationen selbst.
Es war vorauszusehen, daß die Vereinten Nationen nicht die Macht
besitzen würden, einer Aggression Einhalt zu gebieten, sofern die Großmächte im Sicherheitsrat in ihren Ansichten nicht übereinstimmen. Nunmehr ist es klar geworden, daß, wenn die UdSSR oder die Vereinigten
Staaten sich den Beschlüssen der Vereinten Nationen widersetzen, ohne
Einsatz von Waffengewalt keiner von beiden gezwungen werden kann, sich
den Beschlüssen zu beugen. In unserem Atomzeitalter jedoch ist es
äußerst unwahrscheinlich, daß die Generalversammlung von ihren begrenzten Vollmachten jemals in einer Form Gebrauch machen würde, die einen
Weltkrieg provozieren könnte.
Im Falle Ungarns wollen wir die Schuld demjenigen aufbürden, der
sie zu tragen hat - rieht den Vereinten Nationen, sondern in ihrer ganzen Schwere auf die Schultern der Männer im Kreml, die beschlossen
hatten, Gewalt einzusetzen um zu verhindern, daß das sowjetische Satellitensystem sich in seine einzelnen Bestandteile auflöse.
Die Geschichte wird vielleicht eines Tages erweisen, daß der Aufstand in Ungarn eines der bedeutsamsten Ereignisse seit Ende des zweiten Weltkrieges war. Er hat dem System der sowjetischen Satellitenstaaten nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt. Er hat in weit
stärkerem Maße als die freie Welt dies zu hoffen wagt, gezeigt, wie
sehr die Völker der von den Sowjets beherrschten Ländern die Herrschaft
ihrer kommunistischen Herren ablehnen.
Der Bericht des UN-Sonderausschusses ist erst vorige Woche bekanntgegeben worden. Der Bericht des Ausschusses spricht beredt genug
für sich selbst. Es ist eine unanfechtbare, objektive Anklage gegen
die sowjetische Tyrannei und Unterdrückung. Die jeden Punkt sorgfältig behandelnde Analyse der Ereignisse ist eine eindeutige Widerlegung
der sowjetischen Version über die Vorgänge in Ungarn. Nach umfangreichen Zeugenvernehmungen und auf Grund der Überprüfung von einschlägiges Dokumentenmaterial bestätigt der Ausschuß in einer über allen
Zweifel erhabenen Weise die teuflische Absicht der Sowjets bei ihrem
Vorgehen in Ungarn. Diese Absicht war, die legitime Forderung des ungarischen Volkes nach Freiheit und nationaler Unabhängigkeit zu unterdrücken.
Kurz gesagt, der Bericht zerstört das phantastische Lügengebäude,
das die Sowjets aufgebaut haben, um ihre grausamen und barbarischen
Verbrechen am ungarischen Volk wegzuargumentieren.
Der Ausschuß fand keinen Beweis für ein Eingreifen in den Aufstand
von außen her. Damit werden die sowjetischen Beschuldigungen von einer
amerikanischen Intervention als glatte Verleumdungen entlarvt. Weiterhin fand der Ausschuß keinen Anhaltspunkt dafür, daß irgendwelche Politiker, die mit dem Vorkriegsregime in Ungarn verbunden waren, einen
Einfluß auf die Ereignisse ausgeübt haben. Im Gegenteil, der Bericht
macht den spontanen Charakter der Demonstrationen in Budapest offenbar,
die aus dem Volke kamen und vom Volk getragen wurden. Er betont den

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den leidenschaftlichen und weittragenden Widerhall, den die Auflehnung
gegen das Unterdrückungssystem eines sowjetischen Polizeistaates bei
der Masse des Volkes gefunden hat.
Im Hinblick auf die sowjetische Behauptung, es habe sich bei den
Ereignissen in Ungarn um rein ungarische Angelegenheiten gehandelt, hat
der Ausschuß festgestellt, daß die Vereinten Nationen sich in der gegebenen Situation richtig verhalten hätten. Er hat festgestellt, daß
die schwere bewaffnete Intervention eines Staates in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates sogar nach der eigenen Interpretation
der Sowjetunion von einer Aggression ein internationales Anliegen sein
muß.
Der Bericht stellt klar heraus, daß die Sowjetunion erbarmungslos
ihre eigenen Ziele verfolgte und dabei weder Rücksicht auf die Wünsche
des ungarischen Volkes noch auf ihre Verpflichtungen im Rahmen der
Charta der Vereinten Nationen genommen hat.
Die Vereinten Nationen können es für sich in Anspruch nehmen,
die wahre Natur des sowjetischen Imperialismus,der sich im kommunistischen Dogma verbirgt,wieder einmal enthüllt zu haben. Das Forum
der Vereinten Nationen hat sich als ein brauchbares Medium erwiesen,
um sowjetische Forderungen sofort klar und wirkungsvoll zu beantworten. Die Möglichkeit, dieser Art von Propaganda in den Vereinten Nationen entgegen zu treten und sie zu demaskieren, gibt der Sache der
freien Welt Kraft und Halt.
Angesichts dieser ernsten Anklagen müssen wir uns fragen, welche

weiteren Maßnahmen die Vereinten Nationen ergreifen können. Es ist
klar, daß diese Angelegenheit für die UN von ^großer Wichtigkeit ist.
Ich kann Ihnen versichern, daß der Bericht nicht in den Archiven
verstauben wird. Der Kongreß hat bereits einstimmig für eine schnelle
Behandlung dieser Frage in der Generalversammlung der UN gestimmt.
Das ist ein Beweis für das tiefe Mitgefühl und die Sympathie, die das
amerikanische Volk dem ungarischen Volke in seiner schrecklichen Lage
entgegenbringt. Die amerikanische Regierung fordert eine Behandlung
dieses Berichtes durch die Generalversammlung zu einem möglichst frühen
Termin, und wir verhandeln deshalb auch mit anderen Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen.
Was die Erweiterung der Mitgliedzahl in den Vereinten Nationen
anlangt, so hahe ich festgestellt, daß einige Leute sich darüber Gedanken machen, daß die Vereinten Nationen eine Art Superstaat oder
Weltregierung sind. Sie sind alarmiert durch die große Zahl von neuen
Staaten in Afrika und Asien, die unlängst UN-Mitglieder wurden. Sie
fürchten offenbar, daß diese Staaten in wichtigen Fragen als fester
Block gegen die Vereinigten Staaten stimmen und der westlichen Welt
ihren Willen aufzwingen werden. Davon sind wir jedoch weit entfernt.
Zu

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Zu allererst dürfen wir niemals vergessen, daß die 28 souveränen
Staaten, die Afrika und Asien repräsentieren, sich in ihren Traditionen
und Kulturen stark voneinander unterscheiden. Diese Unterschiede sind
oftmals größer als ihre Gleichartigkeit.
Außerdem haben diese Staaten nicht en bloc abgestimmt. Ohne Zweifel bestand in der Suez-Frage weitgehende Übereinstimmung, aber selbst
hierbei gab es keine Einmütigkeit. Im Hinblick auf Ungarn waren ihre
Stimmen am Anfang geteilt, die späteren Resolutionen jedoch, die das
sowjetische Vorgehen verdammten, wurden von den asiatischen und afrikanischen Ländern stark unterstützt. In der Algerien- und in der Zypernfrage führte die asiatische Initiative in der letzten Generalversammlung
zu Kompromissen, die in Resolutionen mit großer Zustimmung Ausdruck
fanden.Dabei ist es wichtig, festzustellen, daß diese Staaten in allen
diesen Fällen mit den Vereinigten Staaten stimmten.
Schließlich sollte man sich daran erinnern, daß die Generalversammlung nur Empfehlungen geben kann, sie kann aber ihre Wünsche, selbst
bei Stimmenmehrheit, nicht durchsetzen. Ich vermag daher nicht einzusehen, wie die neue Stärke der afrikanischen und asiatischen Staaten
in den Vereinten Nationen für uns bedrohlich sein könnte. In Wirklichkeit ist sie eine Aufforderung an und eine neue Gelegenheit für die
amerikanische Führungsaufgabe.
Die Regierung der Vereinigten Staaten und die große Mehrheit des
amerikanischen Volkes haben die Aufnahme dieser Staaten in die Vereinten Nationen aus ganzem Herzen begrüßt. Wir glauben aufrichtig an das
Selbstbestimmungsrecht der Völker, und wir haben ihre Unabhängigkeit
begrüßt. Jetzt sind sie Mitglieder der UN, und wir müssen versuchen,
ihren Standpunkt zu verstehen, genauso wie wir erwarten, daß sie den
unsrigen anerkennen.
Die Völker der jungen Staaten in Asien und Afrika wollen drei Dinge.
Sie wollen Freiheit und Unabhängigkeit. Sie fordern die Anerkennung als
vollwertige Bürger in der Weltgemeinschaft. Sie wollen ihre Länder entwickeln und ein besseres Leben führen.
Das alles sind auch amerikanische Konzeptionen. Das sind Ziele,
die wir alle unterstützen können. Wenn den Völkern dieser großen und
menschenreichen Gebiete genügend Hilfe und Ermutigung zuteil wird,
damit sie diese Ziele erreichen, dann können wir damit rechnen, daß
ihr Platz auch weiterhin auf der Seite der Freiheit sein wird.
Vor allen Dingen dürfen wir in den Vereinten Nationen nicht einfach
den Schluß ziehen, daß einige Staaten gegen uns seien, nur weil sie dann
und wann nicht zu den gleichen Schlußfolgerungen wie wir gelangen. Damit
würden wir weiter nichts tun, als nur ein Lippenbekenntnis zu dem Grundprinzip der Unabhängigkeit ablegen, das uns doch so teuer ist. Die Vereinten Nationen haben genug Raum für ehrlich verfochtene unterschiedliche Meinungen.
Auch

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Auch in anderer Hinsicht»nämlich in bezug auf die Auslandshilfeprogramme »bestehen hier bei uns manche bedenklich falsche Auffassungen.
Am meisten verbreitet ist wohl die Argumentation, daß wir mit der Fortführung der Unterstützung fremder Länder uns auf ein Programm einlassen würden, das ein Faß ohne Boden sei, daß wir eine bestimmte Gruppe
undankbarer Verbündeter verhätschelten, und daß wir den amerikanischen
Steuerzahler unnötig belasteten.
Wollen wir doch kurz einmal Betrachtungen dazu anstellen, was
Sie vielleicht die "Anatomie" der sogenannten Auslandshilfe nennen
würden. Schon allein der Begriff "Auslandshilfe" ist außerordentlich
irreführend. Denn diese Programme dienen auch unseren ureigensten
Interessen, sowohl in bezug auf das ganze Volk, als auch auf jeden
einzelnen. Die Mittel, die wir dem Ausland für wirtschaftliche und
militärische Unterstützung zur Verfügung stellen, sind im Grunde eine
Investition, die dazu bestimmt ist, in der Form größerer Sicherheit
für die Vereinigten Staaten Dividende zu bringen.
Zweitens ist die Unterstützung "gegenseitig" und "kooperativ".
In den meisten Fällen erfordert sie hohe Aufwendungen an Geldmitteln,
Dienstleistungen und Einsatz von Arbeitskraft seitens der "Empfänger"Länder. Einige Länder mit beschränkten wirtschaftlichen Möglichkeiten
sind im wahrsten Sinne des Wortes sogar gezwungen, die amerikanische
Hilfe abzulehnen, weil sie es sich einfach nicht leisten können, sie
anzunehmen.
Wir wollen hier den einen grundlegenden Punkt einmal klären. Die
Hilfe der Vereinigten Staaten ist keine einseitige Angelegenheit. Die
Vereinigten Staaten brauchen ihre Alliierten genauso wie sie uns brauchen. Sie stellen uns Stützpunkte zur Verfügung, die für die Schlagkraft der strategischen Einheiten unserer Luftstreitkräfte von großer
Bedeutung sind. Sie unterhalten ihre eigenen militärischen Streitkräfte
für die gemeinsame Verteidigung der freien Welt. Hätten wir sie nicht,
müßten viele Tausende amerikanischer Soldaten in Übersee stationiert
werden - und dies würde für die USA jährlich einen Aufwand erfordern,
der sieben- bis fünfunddreißigmäl größer ist als die Kosten, die wir
im Jahr für einen nichtamerikanischen Soldaten aufbringen müssen.
Was die wirtschaftliche Seite anbetrifft, so würden wir sehr langsam treten müssen, wenn die Zufuhren an strategischem Material - an
Zinn, Kautschuk, Industriediamanten, Mangan und zahlreichen anderen
Rohstoffen - nachließen, die nicht zuletzt auf Grund der von uns gewährten Unterstützung in unseren Häfen landen.
Hilfe an Länder, die keinem der beiden Machtblöcke angehören
Es besteht ein Mißverständnis, das sich aus einer falschen Auffassung über den tatsächlichen Zweck gegenseitiger Unterstützung ergibt. Dieses Mißverständnis beruht auf der Behauptung, die sogenannten
neutralen Nationen, und besondere die kommunistischen Länder,sollten
aufgefordert werden, sich jetzt eindeutig für die freie Welt zu entscheiden, wenn sie der amerikanischen Hilfe nicht verlustig gehen

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gehen wollten. Man sollte ihnen, so wird argumentiert, nicht die Rolle
des Zuschauers gestatten; entweder seien sie für oder aber gegen uns.
Nehmen wir den Fall derjenigen Staaten, die sich an eine Politik
der Bindungslosigkeit nach allen Seiten halten. Der internationale Kommunismus versucht beständig, die Völker und Regierungen solcher "ungebundener" Länder zu überzeugen, daß der Kommunismus der billigste und
schnellste Weg für die wirtschaftlich weniger entwickelten Völker sei,
sich einen hohen Lebensstandard zu sichern und ihren Ländern politischen
und wirtschaftlichen Einfluß zu verschaffen. Vielfach unterstützen sie
diese Propaganda durch Anleihen, Zuwendungen und andere Formen materieller Hilfe.
Unsere Unterstützung
Die von uns den Entwicklungsländern gewährte Unterstützung, besonders die Hilfe an Länder, die an den sowjetisch-rotchinesischen
Block grenzen, ist von der allergrößten Bedeutung. Sie sollte nicht
sporadisch sein. Wenn sie den Regierungen dieser Länder so weit wie
möglich helfen soll, ihre Unabhängigkeit zu erhalten, muß die Kontinuität in verantwortungsbewußter Weise gewährleistet werden.
Die Ergebnisse des Wettbewerbs zwischen der freien und der kommunistischen Welt werden zum Beispiel von Indien, das sich den liberalen,
sozialen und politischen Idealen des Westens verbunden fühlt, wachsam
beobachtet, und sie werden jenen gegenübergestellt, wie sie unter der
rücksichtslosen Diktatur auf dem chinesischen Festland zu finden sind.
Die relative Höhe des Wohlstandes, die in einem bestimmten Zeitraum
von den Völkern dieser beiden Gebiete erreicht wird, kann in den Ländern ganz Asiens und Afrikas bestimmend dafür sein, zwischen dem
Kommunismus und einer freien demokratischen Regierungsform zu wählen.
Ohne Zweifel kann bei dieser Wahl die Indien und anderen Ländern,
welche sich in einer ähnlichen Lage befinden, von Amerika und der
freien Welt, gewährte Unterstützung schwer ins Gewicht fallen.
Außerdem ist die Hilfe, die die Vereinigten Staaten in den letzten
kritischen Jahren Jugoslawien gewährten, für die freie Welt von unschätzbarem Wert gewesen. Sie hat dazu beigetragen,diesem strategisch
so wichtigen Lande die Unabhängigkeit gegenüber einer Beherrschung von
außen, von welcher Seite diese auch kommen mag, zu sichern.
Ich glaube auch, wir leben unter
falschen Vorstellungen,
wenn wir annehmen, daß andere Länder, die wir unterstützen, relativ
wenig tun, sich selbst und anderen zu helfen. Wir wissen, daß viele
Staaten rigorose Kontrollen über ihre Verbrauchsgüter ausüben, die alles ,
was wir gewöhnt sind^n den Schatten stellen. Sie tun das, um mehr
exportieren zu können, um auf diese Weise ihren Dollarbestand zu erhöhen, um ihre Wirtschaft zu stabilisieren. Viele von ihnen geben jährlich große Summen zur Unterstützung und zum Wohle abhängiger Gebiete
aus, die unter ihrer Obhut stehen. Sämtliche Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen entrichten je nach ihrem Vermögen Beiträge zur Unterstützung derjenigen Sonderorganisationen der UN, deren Mitglieder sie
sind. Andere spenden großzügig für die vielen freiwilligen Programme

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10. Juli 1957

Programme der Vereinten Nationen.
Großzügigkeit ist etwas Relatives. Der Dollar, den ein armer Mann
spendet, kann eine großzügige Gabe sein. Zehn Dollar von einem Reichen
können ein Zeichen von Knauserei sein. Nun, die Vereinigten Staaten sind
reich; und wir sind nicht knauserig. Aber ich glaube, das Bild des wohlhabenden Onkel Sam, der große Summen an seine ärmlichen Nachbarn verteilt, entspricht keinesfalls den Tatsachen. Es ist zum Beispiel aufschlußreich, die Höhe unserer Beiträge für das erweiterte technische
Hilfsprogramm der Vereinten Nationen kennenzulernen. Wenn man den Beitrag auf den Kopf der Bevölkerung umrechnet, rangieren wir an fünfter
Stelle. Kanada, Dänemark, Norwegen und Schweden sind in der genannten
Reihenfolge großzügiger als wir.
Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß wir auf Grund unserer Hilfsprogramme weder Dankbarkeit noch widerspruchslose Gefügigkeit gegenüber
unseren Wünschen erwarten können. Die Loyalität eines Menschen oder
eines Landes, die käuflich ist, ist ohnehin nicht viel wert. Es ist
bekannt, daß die Empfänger von Wohltaten manchmal dazu neigen, Ressentiments gegen ihre Wohltäter zu hegen. Ich glaube, es war Mark Twain,
der das kluge Wort prägte: "Ich weiß nicht, weshalb dieser Mann mich
nicht mögen sollte. Ich habe ihm noch nie einen Gefallen getan."
Das eigentliche Ziel unseres Auslandshilfeprogramms ist es, die freie
Welt zu stärken. Wir sind daher Partner in einem gemeinsamen Unternehmen,
zu dem wir alle beisteuern und von dem alle profitieren sollten.
Schlußbemerkungen
Ich habe einige der Mißverständnisse oder Irrtümer untersucht, die
unser außenpolitisches Denken so komplizieren. Es gibt noch viele andere.
Wir als gebildete Frauen und Männer müssen tun, was wir können, um diese
Hindernisse zu beseitigen, die einem richtigen Verständnis der Führerrolle Amerikas auf dem Gebiet der internationalen Politik im Wege stehen.
Wir haben eine große und dauernde Verpflichtung übernommen und müssen
uns dieser Verantwortung gewachsen erweisen.
Wir sind ein ungeduldiges»praktisches Volk. Wir wollen alle Probleme
kurzerhand beim Schöpfe packen und lösen. Das mag für uns in unserem
persönlichen und nationalen Bereich möglich sein. Bei jenen Angelegenheiten jedoch, die über unsere Grenzen hinausgehen, läßt sich das nicht
immer verwirklichen. Wir müssen die berechtigten und vielschichtigen
Interessen und Rechte jener Länder berücksichtigen, deren Mitarbeit,
Verständnis und Hilfsquellen wir brauchen. Wahre Führerschaft bedeutet
nicht, dem andern seinen Willen aufzuzwingen, sondern ihn für die eigene
Position zu gewinnen. Wie man gelegentlich im Scherz sagt, ist Diplomatie
"die Kunst, den anderen tun lassen, was man selber will".
Die eiserne Entschlossenheit der Kommunisten, die Welt nach ihrer
Vorstellung umzubauen, bedeutet für uns eine ständige Bedrohung. Die
Führer des Kommunismus haben keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie
zu einem langen wirtschaftlichen, politischen und propagandistischen
Kampf bereit sind. Mit dem Erkennen dieser Gefahr allein ist sie aber

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aber noch nicht gebannt. Wir müssen die gefährliche Verlockung des
KommuniSinuc, für manche Menschen begreifen. Wir müssen Unzulänglichkeiten
in unsere.' eigenen Gesellschaft und in unserer Diplomatie vermeiden,
die dem Kommunismus in die Hände spielen könnten. Im Atomzeitalter
müssen wir unsere Absichten unmißverständlich klar machen. Unsere Stärke
ist der Schild und nicht das Schwert. Wir haben uns dem Frieden verschrieben, nicht d_m Kriege. Ei e falsche Beurteilung unserer Haltung
in dieser Frage seitens der Kommunisten könnte zu einem nicht wieder
gut zu machenden Unglück für alle, für die freie und die kommunistische
Welt, führen.
Der Staatsbürger trägt,was die internationalen Fragen anbelangt,
eine ganz persönliche Verantwortung. Wenn jeder von uns sich entschlossen bemühen würde, in bezug auf die Entwicklung der Weltpolitik auf dem
laufenden zu bleiben und entweder ganz persönlich oder in den verschiedenen Organisationen, denen wir angehören, zur rechten Zeit das Richtige
zu tun, dann würde dies unserer Außenpolitik sehr zum Nutzen gereichen.
Der Amerikanische Akademikerinnenverband geht den Organisationen
führend voran, die ihre Vera wortung erkennen und individuell, auf
lokaler und nationaler Ebe e, etwas dafür tun.
In der Mitte dts 20. Jahrhunderts haben wir hinsichtlich unserer
Position in der freien Welt ke'ne Wahl mehr. Es geht nur noch darum,
wie gut und wie wirkungsvoll unsere Führung zu sein vermag. Und das
hängt zu einem nicht geringen Grade davon ab, wieweit Sie, die Sie zur
Führerschaft erzogen sind, die d ingenden Probleme unserer Zeit erkennen.
Um zusammenzufassen: Wenn wir verstehen, daß die kommunistische
Gefahr ihrem Wesen nach von Dauer ist und unser Bestes tun, um ihr zu
begegnen, wenn wir nach wie v. • die Vereinten Nationen und ihre Sac'. e
unterstützen, wenn wir eng mit unseren Alliierten zusammenarbeiten
und jeden Alleingang vermeiden, wenn wir den bisher nicht gefundenen
Nationen der Welt die bleibenden Werte von Demokratie und Freiheit
aufzeigen, wenn wir stets die Haltung einer Nation mit hohen ethischen
Grundsätzen einnehmen - dann können wir der Zukunft entgegensehen
in dem vollen Vertrauen, daß die Sache der freien Menschen den Sieg
davontragen wird.

* * * ••. *

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�A M E R I K A

D I E

Allg./17.7-1957
DIE HERRSCHAFT DES RECHTS MUSS AN DIE STELLE
DER HERRSCHAFT DES KRIEGES TRETEN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der
stellvertretende US-Außenminister, Staatssekretär Christian A. Herter, am 15« Juli
1957 auf einem Festessen anläßlich der
Jahrestagung der Amerikanischen Anwaltskarrr.r.er (American Bar Association) in
New York gehalten hat.

Lassen Sie mich Ihnen bitte gleich eingangs ein "Gute Reise"
zurufen, denn ich habe mir sagen lassen, daß 3000 Angehörige Ihrer
Vereinigung nach England reisen werden, um am 24. Juli in London
einer Tagung beizuwohnen. Ich darf Ihnen meine besten Wünsche für
ein Gelingen Ihrer Mission mit uf :en Weg geben. Ich bin sicher,
daß überall dort, wo Anwälte zusammenkommen! ganz zwangsläufig ein
gegenseitiges Verstehen eintritt - wobei man durchaus nicht einer
Meinung zu sein braucht. Jeder Beitrag aber zu gegenseitigem Verständnis ist uns bei der Pflege der Beziehungen zum Ausland von
großer Hilfe.
Man sagt, es sei bedauerlich, daß die Jugend auf junge Menschen
verschwendet werde, und ich glaube, man kann in ähnlicher Weise sagen,
es ist bedauerlich, daß die einzigen Zeugen großer Ereignisse oftmals
nur jene sind, die unmittelbar an ihnen teilhaben. Ebenso wie junge
Menschen sich erst in späteren Jahr-n .es Segens des Jungseins bewußt werden, so werden Mensche.. ..ie wir reibst, die wir in die Verwicklungen einer sich wandelnden Well .mittelbar hineingezogen werden, von unserem eigenen Befreie' der Auseinandersetzungen so sehr in
Anspruch genommen, daß wir darüb r das große Welttheater, in dem wir
unsere Rollen zu spielen haben, a. den Augen verlieren.
In dem Bestreben also, ein*-n Bei tr g zu einer Zusammenschau der
Dinge zu leisten, möchte ich heute abend meine Zeit darauf verwenden,
einmal darzulegen, welche Auswertungen ich von Ihrem Arbeitsbereich dem Rechtswesen al o - auf mein Tätigkeitsfeld - die Diplomatie ergeben und inwieweit umgekehn die Diplomatie zur Entwicklung aes
internationalen Rechts beiträgt. Die Ereignisse der jüng.ten Monate
im Nahen Osten sind in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung und
so möchte ich ihnen meine besondere Aufmerksamkeit zuwenden.
Da
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�"AMERIKA DIENST"

17. Juli 1957

Da ich kein Jurist bin, spreche ich natürlich als Laie zu Ihnen.
Meiner Meinung nach gehört es mit zu den grundlegenden Fakten unseres
Zeitalters thermonuklearer Waffen, daß das Recht einen höheren Platz
einnehmen muß als in früheren Zeiten. Noch bis vor kurzem war der Krieg
sowohl ein legales als auch ein durchaus übliches Mittel zur Bereinigung internationaler Streitfälle. Der Kellogg-Pakt allerdings, der vor
rund 30 Jahren geschlossen worden ist, erklärte den Krieg zu einem
ungesetzlichen Instrument der Politik. Und dann kam die Charta der
Vereinten Nationen, die die Zufluchtnahme zur Gewalt verbot, es sei
denn bei Vorliegen einer ausdrücklichen Ermächtigung seitens der Vereinten Nationen oder im Falle der Verteidigung gegen eine bewaffnete
Aggression.
Und heute, da thermonukleare Waffen das Bild beherrschen, ist der
Krieg zu einem so großen Verhängnis selbst für den Sieger geworden,
daß es einfach undenkbar ist, daß ein Krieg für andere als Verteidigungszwecke geführt wird.
Die Herrschaft des Rechts muß deshalb weitgehend an die Stelle
der Herrschaft des Krieges als des letzten Schiedsrichters im Zusammenleben der Völker treten, wenn ein solches Zusammenleben überhaupt noch
fortbestehen soll.
Das Gefüge der sozialen Ordnung stützt sich auf eine ganze Reihe
von tragenden Elementen. Erstens stellen Recht und Sitte, gleichgültig
ob geschrieben oder ungeschrieben, eine Übereinkunft der Gemeinschaft
dar, welche Handlungsweise als richtig und vernünftig anzusehen ist.
Zweitens gibt es ein allgemein anerkanntes und gebilligtes Mittel,
diese Handlungsvorschriften zu ändern, damit sie auch neu entstandenen
Bedürfnissen und Verhältnissen Rechnung tragen. Drittens gibt es irgendwelche Personen oder Organe, die von der Gemeinschaft dazu ermächtigt
sind, das Recht zu verwalten. Viertens gibt es richterliche Organe,
die zur Regelung von Streitfragen, die sich aus dem Gesetz ergeben
können, bestellt sind. Fünftens müßte es eine Macht geben, die durch
ihre Fähigkeit, Verstöße gegen das Gesetz zu bestrafen, von der Anwendung von Gewalt abhält. Und schließlich bedarf die Gemeinschaft der
physischen und geistigen Gesundheit, damit sich die Menschen veranlaßt
fühlen, auf vernünftige und friedfertige Weise zu handeln und sich nicht
durch Not oder Furcht zu Gewaltakten hinreißen lassen.
Bauelemente für den Aufbau einer sozialen Weltordnung sind vorhanden. Sie sind aber noch unvollständig oder noch unzureichend oder
wurden noch nicht völlig in das Gefüge des internationalen Lebens eingebaut. Es gibt bereits ein umfassendes internationales Recht - in Form
der Charta der Vereinten Nationen, im sogenannten Vertragsrecht und in
der Summe jener Bräuche und Praktiken, die den Status fester Regeln
des internationalen Rechts erlangt haben. Aber selbst zusammengenommen
bleiben sie noch weit hinter dem zurück, was notwendig ist, um die Herrschaft des Rechts unter den Völkern aufzurichten.
Selbstverständlich

�"AMERIKA DIENST"

17. Juli 1957

Selbstverständlich sieht die Charta der Vereinten Nationen die Möglichkeit zur Änderung des Rechts vor. Sie ergibt sich darüber hinaus
ja auch aus der Weiterentwicklung des Vertragsrechts. Aber noch immer
ist dieser Prozeß des Wandels nicht in so sichere und ordnungsgemäße
Bahnen gelenkt worden, daß eine Gewähr dafür besteht, daß er sich
in friedlicher Form vollzieht.
Die Verwaltung und die Durchsetzung des Rechts wurde in der Charta
dem Sicherheitsrat übertragen und die Charta sieht auch vor, daß der Sicherheitsrat über die zur Wahrung des Friedens erforderlichen Streitkräfte verfügen soll. Leider hat die unnachgiebige Haltung der Sowjets
für den Augenblick diese ursprüngliche Zielsetzung zunichte gemacht;
und so sahen sich die freien Völker vor die Notwendigkeit gestellt,
regionale gegenseitige Beistandspakte für ihre gemeinsame Verteidigung
zu schließen, wie sie nach der Charta der Vereinten Nationen zulässig
sind. Sie sahen sich ferner vor die Notwendigkeit gestellt, auf freiwilliger Basis militärische Kollektivmaßnahmen zu ergreifen, um besonderen Situationen, wie sie sich beispielsweise im Falle Koreas ergeben
haben, gerecht zu werden.
Der Internationale Gerichtshof wurde geschaffen, um die richterlichen Funktionen auszuüben; bis zum heutigen Tage aber haben die Staaten gezögert, Streitigkeiten vor diesen Gerichtshof zu bringen. Im
übrigen bestehen auch gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Art der
Streitfälle, die ordnungsgemäß vor den Gerichtshof gebracht werden
können.
Wir können die wichtige Tatsache nicht übersehen, daß der Gerichtshof nur dann erfolgreich arbeitet, wenn ihm die Streitfragen durch
eine gemeinsame Vereinbarung der Parteien unterbreitet werden, die sich
mit ihren Streitfragen nicht nur an ihn wenden, sondern auch an seine
Entscheidungen halten. Versuche, scharfe politische Auseinandersetzungen
vor dem Gerichtshof auszutragen und auf diesen einen Druck auszuüben,
können dazu führen, daß seine Entscheidungen nicht beachtet werden und
sie könnten selbst das Ende des Internationalen Gerichtshofs bedeuten.
In vielen Teilen der Welt bedeutet der Mangel an den lebensnotwendigen Dingen, oder die Tatsache oder die Erinnerung an erlittenes Unrecht oder Unterdrückung oder die Tatsache, daß die Machthaber aggressive
Absichten verfolgen, daß der Friede auf unsicherer Grundlage ruht.
Wenn wir hoffen dürfen, daß in der Welt die Herrschaft des Rechts
an die Stelle der Herrschaft der Gewalt tritt, dann liegt unser Weg
klar vor uns. Wir müssen Recht und Gesetz weiter entwickeln, die Institutionen unserer gesellschaftlichen Ordnung festigen, die Achtung
der Allgemeinheit vor Recht und Gesetz stärken und auf sozialem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet eine gesunde Entwicklung fördern,
die für eine Gemeinschaft, die das Gesetz achtet, die fundamentale
Grundlage ist. Um mit dem griechischen Philosophen Heraklit zu sprechen,
muß das Volk ebenso für sein Recht, wie für seine Stadt kämpfen. Dem
möchte ich hinzufügen, daß das Volk erst einmal sein Recht schaffen
muß, ehe es verteidigt werden kann.
„.. „.

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Häufig finden gerade in schweren Krisenzeiten, wenn Recht und
Ordnung am meisten bedroht sind und ihre Probe bestehen sollen, neue
Methoden im Recht Eingang und Anwendung, und die Herrschaft des Rechts
wird dadurch gestärkt. Das heißt, sie wird nur dann gestärkt, wenn
der Bedrohung entgegengetreten und die Probe bestanden wird. Wenn man
sich allzusehr mit dem Recht brüstet oder ihm keine Beachtung schenkt,
dann kann das Gefüge der Ordnung Schaden erleiden oder es kann gänzlich vernichtet werden. Die Krise im Nahen Osten stellte die Fähigkeit der freien Nationen, erfolgreich mit einem großen Streitfall
fertig zu werden, auf eine schwierige Probe. Wenn in diesem Gebiet
auch heute die wichtigsten Fragen noch nicht gelöst werden konnten,
so sind doch wichtige Fortschritte sowohl im Hinblick auf die Behandlung der Fragen als auch in der Entwicklung unserer Methoden, der
Krise Herr zu werden, erzielt worden.
Lassen Sie mich einen Überblick über die Entwicklung geben und
dabei auf die Tat- und Rechtsfragen insoweit eingehen als sie von
Bedeutung sind:
Die Nationalisierung des Suezkanals
Die Enteignung der Suezkanalgesellschaft durch Ägypten warf
selbst wichtige Rechtsfragen auf. Die Vereinigten Staaten behielten
sich bezüglich der Frage der Rechtmäßigkeit eben dieser Nationalisierung
ihre Stellungnahme vor und zeigten ihre Bereitwilligkeit zu dem Versuch, an einer praktischen Lösung des Kanalproblems zu arbeiten, die
die berechtigten Interessen aller Beteiligten schützen würde. Es ist
jedoch zu hoffen, daß das durch die Suezkrise an diesen Fragen entstandene Interesse schließlich sowohl zu einer Klärung als auch zu
einer Ergänzung des Völkerrechts führen wird.
Die Zeit der Verhandlungen
Die internationalen Auseinandersetzungen vor Ausbruch der Feindseligkeiten in Ägypten im vergangenen Herbst zielten auf den Abschluß
eii.es Abkommens, das sowohl die Frage der Entschäd' gu..g, wie auch die
der Verpflichtungen bezüglich des künftigen Betriebs des Kanals lösen
sollte. Anschließend an die Ablehnung der in London von einer Gruppe
von Kanalbenutzerstaaten au gearbeiteten Vorschläge durch Ägypten,
das seinerseits keinen Alternativvorschlag machte, nahm der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 13• Oktober des vergangenen Jahres
- mit Zustimmung Ägyptens - einstimmig eine Entschl'eßung an, die
sechs anerkannte Forderungen für die Regelung aufstellte, unter die
der Kanal gestellt werden sollte. Diese Grundsätze umfaßten den Betrieb des Kanals ohne jede Diskriminierung, die Achtung &gt;ror der
Souveränität Ägyptens, die strenge Trennung des Kanalbetriebs von
jeglicher politischen Einflußnahme eines Landes, die Regelung der
Durchfahrtgebühren, die Unterhaltung des Kanals und die Be-legung von
Streitigkeiten zwischen Ägypten und der Suezkanalgesellschaft.
Vor

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17. Juli 1957

Vor einigen Monaten ist der Kanal für den normalen Verkehr wieder
eröffnet worden. Eine Reihe von Nationen, einschließlich die Vereinigten
Staaten und andere Seemächte, sind übereingekommen, es auf einer Defacto-Basis mit der ägyptischen Kanalverwaltung zu versuchen. Es bleibt
abzuwarten, welch eine Art von ständiger Verwaltung sich einmal für
den Kanal entwickeln wird und ob die bestehenden Organe tatsächlich
für die Regelung des Kanalbetriebs benutzt werden.
Die kriegerischen Auseinandersetzungen
Die Verhandlungen über eine Regelung der Suezkanalfrage wurden
Ende Oktober des vergangenen Jahres durch den Ausbruch von Feindseligkeiten im Nahen Osten unterbrochen.
Bei dem Ausbruch eines bewaffneten Konfliktes erhebt sich unverzüglich die Frage, ob sich die Anwendung von Gewalt rechtfertigen
läßt oder nicht. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte seinerzeit eine kollektive militärische Aktion empfohlen,um eine Niederwerfung der Republik Korea durch kommunistische Angreifer zu.verhindern.
Bezüglich der damaligen Ereignisse im Nahen Osten hatte Präsident
Eisenhower am 31. Oktober erklärt, daß sich das Vorgehen gegen Ägypten
kaum mit den Zielen und Grundsätzen der Vereinten Nationen vereinbaren
ließe und seine Stellungnahme gewann die überwältigende Unterstützung
der UN-Vollversammlung, als diese die Resolution faßte, daß die Feindseligkeiten eingestellt werden sollten.
Bei der Anwendung von Gewalt erhebt sich heute nicht nur die Frage,
ob sie sich rechtfertigen läßt oder nicht, sondern auch die weitere
Frage, ob die Feindseligkeiten auf andere Länder übergreifen können
und durch dieses Übergreifen ein allgemeiner Krieg entstehen kann.
Feuereinstellung
Vielleicht wird erst die Zeit zeigen, daß einige der wertvollsten
Entwicklungen, die sich in den letzten Jahren innerhalb der Vereinten
Nationen als Institution gezeigt haben, den erfolgreichen Bemühungen
entstammen, den Feindseligkeiten in Ägypten ein Ende zu bereiten.
Feindseligkeiten in Ägypten
Der Sicherheitsrat war durch Vetos verhindert, der Situation
durch wirksame Maßnahmen zu begegnen. Unter Anwendung der "Einheitfür-den-Frieden-Resolution" wurde eine Sondersitzung der Generalversammlung anberaumt. Zum ersten Mal wurde dieses Verfahren angewandt ein Markstein in der Geschichte der Vereinten Nationen. Diese Aktion
hat die Machtlosigkeit der UN, die durch die Anwendung des Vetos im
Sicherheitsrat verursacht worden war, in gewisser Weise ausgeglichen.
Die Generalversammlung griff zu drei Maßnahmen:
1) Wie bereits bemerkt, verlangte sie die Einstellung der Feindseligkeiten und Zurückziehung der bewaffneten Streitkräfte;

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2) stellte sie eigene Hilfsstreitkräfte auf, um die Einstellung
der Feindseligkeiten zu sichern und zu überwachen;
3) schließlich sorgte sie für verschiedene Maßnahmen, die dazu
geeignet waren, ein Wiederaufleben alter Konflikte und eine Verletzung
des Waffenstillstands nach Abschluß der Truppenzurücknahme zu verhindern,
Die Aufstellung der UN-Schutztruppe war ein weiterer Markstein
in der Entwicklung der Vereinten Nationen. Wie die Streitkräfte der
Vereinten Nationen in Korea setzte sich diese neue Streitmacht aus
Einheiten zusammen, die von Mitgliedstaaten freiwillig gestellt wurden,
wobei jedoch Streitkräfte der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates ausdrücklich ausgeschlossen waren. Damit erschöpfte sich
auch ihre Ähnlichkeit weitgehend. Während nämlich die UN-Streitkräfte
in Korea im Zuge der Vollstreckungsvorschriften der Charta (Kapitel
VII) operierten, ist es die Aufgabe der UN-Hilfstruppe in Ägypten,
Bedingungen aufrechtzuerhalten, die zu einer friedlichen Beilegung
führen. Mit dem Oberbefehl über die UN-Streitkräfte in Korea waren
die Vereinigten Staaten beauftragt worden; die UN-Streitkräfte in
Ägypten hingegen wurden einem von der Generalversammlung gewählten
Offizier unterstellt. Weiter wurden die Kosten für die Truppen in
Korea von jenen, die sie stellten, getragen, während die UN-Streitkräfte in Ägypten aus dem Budget der Vereinten Nationen und aus Beiträgen finanziert werden, die sowohl von nichtbeteiligten Ländern geleistet werden wie von den Ländern, die Truppen zur Verfügung stellen.
Schließlich sollten die UN-Truppen in Ägypten - im Gegensatz zu den
UN-Streitkräften in Korea - keine militärische Gewalt anwenden, um
die Feuereinstellung oder die Zurückziehung der Truppen zu erzwingen,
sondern nach der Zurückziehung der Kriegführenden lediglich als Polizeimacht dienen.
Es bleibt noch viel zu tun, wenn eine Streitmacht wie jene, die
augenblicklich den Frieden in Gaza und Sharm el Sheikh garantiert,
als eine nützliche Erfahrung und als Präzedenzfall zur Stärkung der
UN beitragen oder in einer ähnlichen künftigen Situation eingreifen
soll. Ohne Frage jedoch ist ein weiterer bedeutsamer Schritt getan
worden, um die Vereinten Nationen mit den Mitteln zu versehen, die
ihren Entschlüssen Nachdruck verleihen können. Die Tatsache, daß
Frankreich und Großbritannien sich sofort bereit erklärten, der
Resolution der Generalversammlung nachzukommen und sich den Zielen
der UN-Streitkräfte unterzuordnen, so daß keine Gewalt notwendig
sein würde, um die Feuereinstellung zu erzwingen, unterstreicht die
Bedeutung dieses Schritts.
Zurückziehung
Die Schritte, die zur Feuereinstellung führten, hatten wichtige
Entwicklungen der Vereinten Nationen als internationale Institution
zur Folge. Die Schritte, die eine Zurückziehung der britischen und
französischen und schließlich auch der Israeli-Truppen zur Folge
hatten, waren ein vielversprechendes Beispiel für die praktische
Anwendung des internationalen Rechts.
T

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In den Debatten der Generalversammlung sprach sich die Mehrheit
für die Stützung der Charta aus. Diese Ansicht fand ihren Ausdruck in
den Resolutionen der Versammlung, die eine Feuereinstellung und Zurückziehung der Truppen forderten. Hinter diesen Resolutionen stand die
Möglichkeit, Sanktionen zu verhängen. Sie steht der Generalversammlung
gemäß Artikel 10 und 11 der Charta zu und ist auch in der Einheit-fürden-Frieden-Resolution vorgesehen. Frankreich und Großbritannien in
gewissem Grade und noch mehr Israel wurden von anderen Ländern starkem
Druck ausgesetzt, dem Ruf der Versammlung nachzukommen, so verschieden
und gegensätzlich die Ziele dieser anderen Länder auch sein mochten.
So einigten sich also die Nationen in einer überaus heiklen Situation,
die die Gefahr einer Ausweitung des Konfliktes in sich barg, im Endergebnis dahin, die Rechtsgrundsätze der Charta anzuwenden. Ihr Vorgehen beruhte dabei, wie Sie erkennen werden, nicht etwa darauf, daß
von einer mit Regierungsgewalt versehenen internationalen Behörde
ganz bestimmte Rechtsvorschriften unmittelbar angewendet wurden, wie
wir es im innerstaatlichen Recht kennen. Vielmehr waren erst langwierige
Verhandlungen erforderlich, und zwar sowohl innerhalb und außerhalb der
Vereinten Nationen, um festzulegen, mit welchen Mitteln die grundsätzliche Forderung einer Zurückziehung der Streitkräfte hinter die Waffenstillstandslinien verwirklicht werden solle.
Dies geschah, um den berechtigten Bedenken und Interessen beider
Seiten hinsichtlich Recht und Sicherheit Rechnung zu tragen. Schließlich erreichte man gemeinsamen Boden, und das Gesetz hatte pragmatische
Wirkung.
Das Forum der Vereinten Nationen und Dienste des Generalsekretärs
erwiesen sich in diesem Prozeß als außerordentlich wertvoller Katalysator. Von einem praktischen, wenn nicht verfassungsrechtlichen Gesichtspunkt aus, entwickelten sich Reichweite und Einfluß von Amt und Funktionen des Generalsekretärs während der Krise ganz erheblich. Es ist
möglich, daß das eigentliche richterliche Organ der Vereinten Nationen,
der Internationale Gerichtshof, in Zukunft auch eine größere Rolle
spielen wird.
Seerechte
Der Bericht des Generalsekretärs vom 24. Januar schlägt unter anderem
die Stationierung von Streitkräften der Vereinten Nationen an der Straße
von Tiran, die den Zugang zum Golf von Akaba kontrolliert, vor. Der
Bericht erinnert auch an eine Resolution des Sicherheitsrates aus dem
Jahre 1951» in der festgestellt wird, daß Ägypten keine Ansprüche und
das Recht ihrer kriegerischen Durchsetzung gegenüber Israel geltend
machen kann.
Mehrere Jahre lang hatte Ägypten israelischen Handelsschiffen die
Durchfahrt durch den Suezkanal verweigert und Israel den Zugang zum
Golf von Akaba in der Meerenge von Tiran unter Hinweis auf das Recht
kriegführender Staaten verwehrt.
Am

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Am 25. Februar deutete Mr. Harnmarskjöld in einem Memorandum an
die Generalversammlung an, daß die Streitkräfte der Vereinten Nationen
nur nach vorheriger Informierung des Beratenden Ausschusses der Generalversammlung aus der Meerenge von Tiran zurückgezogen werden würden.
Der Ausschuß seinerseits könne dann entscheiden, ob die Versammlung
zu Rate gezogen werden solle. Die am 1. März im Anschluß an Besprechungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Israel abgegebene Verlautbarung über den Rückzug enthielt eine Bemerkung, die
sich offensichtlich auf gewisse Voraussetzungen hinsichtlich des
Zugangs zum Golf von Akaba bezog. Schließlich brachte Präsident Eisenhower in seinem Schreiben vom 2. März an den israelischen Ministerpräsidenten die Ansicht zum Ausdruck, daß die von der israelischen und
anderen Delegationen der UN-Generalversammlung geäußerten Hoffnungen
und Erwartungen durchaus vernünftig seien.
Recht kann auf verschiedene Weise zustande kommen. So ist das
Seerecht bis zu einem gewissen Grade durch die Erfahrungen und Maßnahmen von Regierungen und internationalen Organisationen anläßlich
der Suezkrise und ihrer Folgen gefestigt worden. Und es dürfte eine
weitere Entwicklung erfahren, wenn eines Tages die Frage der Durchfahrt durch den Suezkanal und den Golf von Akaba Gegenstand der
Untersuchung durch den Internationalen Gerichtshof werden sollte.
Darüber hinaus werden, wie ich fest glaube, das Seerecht durch
die Bemühungen der UN-Konferenz über das Seerecht, die im kommenden
Jahr in Europa abgehalten werden soll, weiter gefestigt und etwaige
Unklarheiten beseitigt werden. In diesem Fall werden sich die Vertreter der verschiedenen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen und
ihrer Sonderorganisationen ganz bewußt und unmittelbar darum bemühen,
das Recht zu kodifizieren und schriftlich niederzulegen.
Ich darf in diesem Zusammenhang wohl daran erinnern, daß die Vereinigten Staaten ganz besonders an der Frage der Hoheitsgewässer
interessiert sind, die auf dieser Konferenz behandelt werden soll.
Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Staaten nach dem Völkerrecht
nicht gehalten sind, Hoheitsgewässer über eine Breite von 3 Meilen
(4,8 km) anzuerkennen, denn unserer Überzeugung nach ist die Freiheit
der Meere, im weitesten Sinne des Wortes, ein Grundsatz, der allen Nationen, großen wie kleinen, am besten gerecht wird.
Souveränität
Wenn die Freiheit der Meere und alle damit zusammenhängenden Fragen in der Suezkrise für alle Nationen, die den Kanal benutzen, von
grundsätzlicher Bedeutung ist, so ist auch die Frage der Souveränität
mit allen sich daraus ergebenden Folgen von grundsätzlicher Bedeutung
für alle Nationen in Asien und Afrika, die stolz auf ihre nationale
Unabhängigkeit sind und die wirtschaftliche und soziale Entwicklung
ihrer Länder entsprechend ihrer politischen Unabhängigkeit anstreben.
Wir Amerikaner können nicht gut die Berechtigung dieses Stolzes und
solcher Bestrebungen in Zweifel ziehen, denn erst vor wenigen Generationen, als wir unsere Freiheit errangen, um in den Kreis selbständiger Nationen einzutreten, haben wir uns in der gleichen Lage wie
jene Länder befunden.
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Einer
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'AMERIKA DIENST

Einer der heikelsten Punkte, der selbst bei der vorliegenden
begrenzten Lösung der Nahost-Krise zu berücksichtigen war, war die
Tatsache, daß einerseits Ägyptens Souveränität zu respektieren und
andererseits gleichzeitig der Wunsch anderer Nationen nach Wahrung
ihrer Rechte und der Freiheit der Meere zu erfüllen war. Wenn die
Befugnisse der Vereinten Nationen zur Behandlung internationaler
Streitfälle weiter ausgebaut werden sollen, dann muß zunächst gewährleistet werden, daß sie ihre Punktionen erfolgreich ausüben können unter
gleichzeitiger Achtung der Souveränität der einzelnen Nationen.
Die Vorkommnisse der letzten so bewegten Zeit veranschaulichen
erneut, daß die Souveränität, ebenso wie die Staatsbürgerschaft, sowohl
Verpflichtungen als auch Rechte mit sich bringt. Freiheit wurde als
die Möglichkeit zur Selbstdisziplin definiert, und die Erfahrung zeigt,
daß dies sowohl auf die Freiheit der Nationen wie auf die der Menschen
zutrifft. Eine Herrschaft des Rechts kann es nur unter denen geben,
die das Recht auch respektieren.
Außenminister Dulles hat dies kürzlich i m einer Rede kurz und
bündig zusammengefaßt. "Der Weltkommunismus", so sagte er, "duckt sich
zum Sprung,um jene Nationen zu unterwerfen, deren führende Männer glauben,
ihre jüngst erworbenen Souveränitätsrechte durch Verhöhnung anderer
unabhängiger Nationen herausstellen zu.müssen. Solcherart Souveränität
ist selbstmörderische Souveränität ... Wir wollen, daß die neu erworbene Unabhängigkeit anderer Völker etwas Besseres sei als ein kurzes
Dämmern vor der totalen Finsternis kommunistischer Despotie".
Ich habe heute mit Ihnen einige Gedanken über die Stellung des Rechts
in unserer Welt verfolgt, habe kurz erwogen, welches die zur Entfaltung
der Herrschaft des Rechts erforderlichen Elemente sind und habe einige
wichtige Ereignisse der jüngsten Zeit auf dem Gebiet des Völkerrechts
berührt.
Wenn wir die Notwendigkeit des Rechts dartun, müssen wir uns jedoch in aller Deutlichkeit über die Grenzen des Rechts im klaren sein.
Es kann keine Herrschaft des Rechts geben ohne die zur Abschreckung
gewaltsamer Verstöße gegen dieses Recht erforderlichen und ausreichenden
äußeren Zwangsmittel. Und die uns auf Grund unserer führenden Stellung
in der Welt auferlegte Verantwortlichkeit macht es zur zwingenden
Notwendigkeit, daß wir gemeinsam mit jenen Nationen, die den gleichen
Überzeugungen anhängen wie wir, unsere kollektive Stärke aufrechterhalten und den Mut und die Entschlossenheit bewahren, diese Stärke auch
da, wo sie zum Schutze von Frieden und Ordnung erforderlich ist, einzusetzen .
Aber so wie wir Waffen brauchen, um die Herrschaft des Rechts zu
sichern, ebenso brauchen wir das Recht, um die Rüstung innerhalb vernünftiger und wünschenswerter Grenzen zu halten. Es heißt, übermäßige
Tugend könne leicht in Laster ausarten.
üb ermäßige Bewaffnung kann ein Fehler sein. Die übermäßige Rüstung
zehxt am Wohlstand der Völker, sie lenkt ihr Denken in ungesunde Bahnen

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Bahnen kann eine Art "Finger am Abzug"-Spannung verursachen, die durch
jedes zufällige Ereignis ausgelöst werden kann.
Innerhalb des Gefüges der Stärke, welches das unumgänglich wichtigste Element - ich wiederhole, das unumgänglich wichtigste Element einer friedlichen Welt ist, wird eine kluge und vorsichtige Begrenzung
unserer Rüstung unsere Stärke nicht verringern, sondern wirkungsvoller
machen. Sie könnte in sehr großem Maße zur Aufrechterhaltung eines dauerhaften und ehrenvollen Friedens beitragen. In der Frage der Fortentwicklung des Rechts und der Rechtanwendung bleibt auf diesem Gebiet jedoch noch viel zu tun.
Ich habe mich heute in der Hauptsache mit dem Recht in seiner negativen oder vorbeugenden Wirkung beschäftigt - der Ächtung des Krieges
und der Begrenzung der Rüstung. Lassen Sie mich abschließend jedoch
sagen, daß die positiven Seiten des Rechts in ihrem Beitrag für die Zukunft der Welt mindestens ebenso wichtig sein werden wie die negativen.
Die Völker Europas beraten zur Zeit über Verträge für einen gemeinsamen Markt und eine friedliche Nutzung der Atomenergie. In dieser Entwicklung liegt das Versprechen für die wachsende Stärke und Unabhängigkeit dieser Völker und für ihr Gebiet als Ganzes. Solche Entwicklungen
müssen zwangsläufig zur Erschließung von Neuland auf dem Gebiet des
internationalen Rechts führen. Die Geschicklichkeit, mit der dieses Recht
geformt wird, kann im wesentlichen Maße den Erfolg dieser Entwicklungen
bestimmen.
Die Geschichte kennt beides, glänzende Erfolge und tragische Fehlschläge in dem Bemühen der Menschheit, die Herrschaft des Rechts auf
den verschiedenen Ebenen ihrer sozialen Beziehungen zu verwirklichen.
Ich glaube, daß die weitere Entfaltung der Herrschaft des Rechts
unter den Völkern durch einen langsamen Evolutionsprozeß erfolgen muß.
Er wird in erster Linie von der wachsenden Einsicht unter allen Völkern
abhängen, zwischen der Notwendigkeit einer friedlichen Funktion des
Rechts und den Schrecken eines Krieges zu wählen. Später wird er von
der Ausbreitung des Vertrauens abhängig sein, das aus der Erfahrung
geboren wird und durch die praktische Anwendung des Rechts langsam
wächst.
Letzten Endes freilich kann diese Entwicklung nur dann vorankommen,
wenn die ganze Menschheit gewillt ist, zum allgemeinen Wohl der Welt
auf einen Teil ihrer persönlichen und bestimmten Vorrechte zu verzichten.
Diesen Geist können Sie als Juristen durch die Achtung pflegen helfen,
die Sie in Ihren Gemeinden genießen. Damit können Sie zur Stärkung des
internationalen Rechts beitragen und' unseren Nachkommen größere Hoffnung
auf Frieden, Wohlstand und - was am wichtigsten ist - auf Überleben,
geben.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./24.7.1957

DULLES ERLÄUTERT US-ABRÜSTUNGSVORSCHLÄGE

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des USAußenministers John Foster Dulles vom 22.
Juli 1957» die v n allen amerikanischen
Rundfunk- und Fernsehstatione übertragen
worden ist.

"Ich möchte über die Abrüstung sprechen. Wir benutzen dieses
V/ort natürlich nicht in seinem buchstäblichen Sinne. Niemand denkt
daran, die Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion oder irgendein
anderes Land zu entwaffnen. Was wir anstreben, ist eine Maßnahme
auf dem Gebiet der Rüstungen, durch die die Gefahr eines bewaffneten
Angriffs herabgemindert wird. Es ist eine zwingende Notwendigkeit,
daß wir dieses Ziel zu erreichen trachten.
Es gibt bereits eine so große Zahl stärkster Atomwaffen, daß
ihr Einsatz in einem totalen Krieg das Leben überall auf der Erde
bedrohen könnte. Und so wie die Dinge stehen, wird die Zeit kommen,
da die kleinste und verantwortungsloseste Diktatur in den Besitz
von Waffen gelangen könnte, von denen unendliches Leid droht.
Weiter v/erden die Kosten für die Erhaltung voi miteinander
konkurrierenden militärischen Einrichtungen so groß, daß kein Land
diese Kosten tragen kann, ohne daß sie zu einer drückenden Last für
seine Wirtschaft werden.
Die amerikanische Regierung ist der Auffassung, daß diese Situation gebessert werden kann und gebessert werden müßte.
Wir glauben, daß es jeder Nation schwer - wenn nicht unmöglich gemacht werden kann, einen massiven Überraschungsangriff zu beginnen,
Wenn dies der Fall ist, so würde dadurch die Kriegsgefahr wesentlich
verringert werden, weil ein etwaiger Aggressor in der Regel damit
rechnet, einen überraschenden, vernichtenden Schlag führen zu können.

Wir

1 -

�24. Juli 1957

"AMERIKA DIENST"

Wir glauben, daß es möglich ist, eine unkontrollierte Verbreitung
der Kernwaffen über die ganze Welt zu verhindern.
Und wir glauben ferner, daß die Kosten für die Rüstung ohne Gefahr reduziert werden könnten, wenn die Gefahr eines Überraschungsangriffs wirklich verringert wird.
Die Vereinigten Staaten kämpfen, wie Sie wissen, an vielen Fronten für den Frieden.
Als Mitglied der Vereinten Nationen unterstützen wir deren Ziel,
internationale Streitfälle durch friedliche Mittel und in Übereinstimmung mit Recht und Gesetz zu lösen.
Gleichermaßen bemühen wir uns darum,auf friedlichem Wege der ungerechtfertigten und unmenschlichen Teilung Deutschlands ein Ende zu
setzen und die Unabhängigkeit jener Nationen wiederherzustellen, die
jetzt dem sowjetischen Kolonialismus unterworfen sind.
Wir streben nach kollektiver Sicherheit, so daß die kleineren
und schwächeren Nationen nicht eine nach der anderen angegriffen
und überrannt werden können und die Vereinigten Staaten am Ende
isoliert und von überwältigend großen feindlichen Kräften eingekreist dastehen.
Wir fördern und unterstützen die politische Unabhängigkeit
aller Völker, die nach einer solchen streben und die die Fähigkeit
zeigen, die damit verbundenen Aufgaben und Verantwortungen zu übernehmen.
Wir bemühen uns darum, den Völkern weniger entwickelter Länder
zu helfen, einen Weg aus der stagnierenden Armut zu finden und in
den Genuß der Segnungen der politischen Freiheit zu gelangen.
Und ebenso führen wir an der Rüstungsfront unseren Feldzug für
den Frieden.
Ehe ich nun unser Programm erläutere, möchte ich noch etwas
über die Art unseres Vorgehens und unsere Verfahrensweisen sagen.
Die Abrüstungsbesprechungen werden in London unter den Auspizien
der Vereinten Nationen geführt. Dort tagt ein Abrüstungsunterausschuß,
der sich aus Vertretern der Vereinigten Staaten, Großbritanniens,
Frankreichs, Kanadas und der Sowjetunion zusammensetzt. Dieser Unterausschuß arbeitet bereits seit 1954« Noch bis vor kurzem erschien
sein Vorgehen recht unrealistisch. Die Sowjetunion benutzte die
Sitzungen als Sprachrohr für ihre Propaganda, über dieses Sprachrohr
wurden völlig inhaltlose Vorschläge ausposaunt, mit denen die Sowjetunion sich den Anschein eines friedliebenden Landes zu geben suchte.
In

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�"AMERIKA DIENST"

24. Juli 1957

In jüngster Zeit hat sich die Atmosphäre etwas gewandelt. Wir
hoffen, die sowjetischen Machthaber betrachten mit Besorgnis die Aussicht, daß sich die Produktion von Atomwaffen auf alle Teile der Welt
ausdehnen könnte. Sie finden es sicher schwer, ihr Rüstungsprogramm
mit der wachsenden Forderung ihrer Bevölkerung nach einem besseren
Leben in Einklang zu bringen.
"Was auch immer die Gründe sein mögen, so hat die sowjetische Delegation doch etwas realistischer und weniger bombastisch geredet.
Die amerikanische Delegation wird von dem ehemaligen Gouverneur
Stassen angeführt und umfaßt diplomatische, militärische und technische
Berater. Die Delegation selbst macht jedoch nicht amerikanische Politik.
Ihre Aufgabe ist es, die Politik der Vereinigten Staaten im Einklang
mit den ihr von dem Außenministerium gegebenen Anweisungen darzulegen.
Die wesentlichen Entscheidungen werden von Präsident Eisenhower getroffen, nachdem er den im nationalen Sicherheitsrat vorgebrachten
Ansichten Rechnung getragen hat.
Da die Verhandlungen zu einem Vertrag führen können, ist der
Abrüstungsunterausschuß des Senats, dessen Vorsitzender Senator
Humphrey ist, laufend genauestens unterrichtet worden.
Wir arbeiten außerdem eng mit der Nordatlantikpaktorganisation
zusammen. Europa ist ein Gebiet, in dem sich starke Kräfte ganz nahe
gegenüberstehen. Es ist ferner ein Gebiet voller gefährlicher und ungelöster politischer Probleme, wie zum Beispiel der Teilung Deutschlands oder der Unterdrückung jeder politischen Unabhängigkeit, wie
sie uns erst kürzlich in Ungarn vorgeführt wurde. Wir sind fest entschlossen, nichts zu tun, was die Sicherheit Westeuropas gefährden
oder den Anschein erwecken könnte, daß wir im Namen der Abrüstung
die Teilung Deutschlands und die Unterdrückung der menschlichen
Freiheit und nationalen Unabhängigkeit sanktionierten. So bleiben
wir auch im Einklang mit den Ansichten derjenigen europäischen Alliierten, die selbst nicht an den Londoner Besprechungen teilnehmen.
Wie Sie sehen, ist die Art unseres Vorgehens etwas kompliziert.
Die Sowjets beklagen sich, daß wir 'langsam' seien. Aber wir handeln
nicht nach sowjetischen Maßstäben. Sie haben keine parlamentarischen
Verfahrensweisen, und die Satellitenregierungen braachen nicht befragt
zu werden. Ihnen wird nur mitgeteilt.
Die Maßnahmen einer Koalition demokratischer Nationen scheinen
oft langsam, Aber - wie ich im April bereits sagte - ein zuverlässiger
Fortschritt kann nur durch 'sorgsam abgemessene und sorgsam gesetzte
Schritte' erzielt werden. Die freien Nationen haben es mit Angelegenheiten zu tun, die schwerwiegende Auswirkungen auf ihre Existenz
selbst haben. Und wenn es auf der einen Seite wichtig ist, daß wir
Fortschritte machen, so ist es doch gleichermaßen wichtig, daß wir
vorsichtig sind.
Ich

�"AMERIKA DIENST"

24. Juli I957

Ich wende mich nunmehr dem amerikanischen Programm zu, das ständig
mit den übrigen freien Nationen abgestimmt wird.
Unser Programm unterscheidet scharf zwischen dem, was undurchführbar ist - zumindest heute - und dem, was durchführbar ist, auch heute
schon. Zum Beispiels
Erstens» Es ist praktisch unmöglich, sich lediglich auf Versprechungen zu verlassen. Die Charta der Vereinten Natioren enthält bereits Versprechungen. Alle Mitglieder - und dies schließt auch die Sowjetunion
ein - haben der Anwendung von Gewalt entsagt, ausgenommen bei individueller oder kollektiver Selbstverteidigung gegen einen bewaffneten Angriff.
Wenn wir dieses Versprechen für genügend zuverlässig erachteten , würden wir
nicht unseren gegenwärtigen kostspieligen, rein defensiven und als Abschreckung dienenden militärischen Apparat aufrechterhalten. Aber die
sowjetischen Versprechungen haben sich nicht als zuverlässig erwiesen.
Wir werden unsere militärische Position nicht ändern, nur weil wir uns
auf papierne Versprechungen verlassen.
Zweitens: Es ist nicht möglich, die Abschaffung der nuklearen Waffen
sicherzustellen. Die Wissenschaftler erklären uns, daß es keine bekannte Methode gibt, die bereits hergestellten spaltbaren Materialien aufzuspüren und genau zu melden.
Daher müssen wir bei der Ausarbeitung unserer Pläne von der Annahme
ausgehen, daß die Länder, die jetzt über Atomwaffen verfügen, diese in
einem Kriege einsetzen würden.
Drittens: Es ist nicht möglich, irgendeine Formel zu finden, wie man
die militärische Stärke des Sowjetblocks auf der einen Seite und der
Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten auf der anderen Seite genau
feststellen kann. Die Washingtoner Konferenz über die Begrenzung der
Seestreitkräfte (1921) setzte für die fünf wichtigsten Seemächte gewisse
Stärken für die Seestreitkräfte fest. Aber diesem noch verhältnismäßig einfacher: Unterfangen war ein unglückliches Ende beschieden.
In der Zeit von 1926 bis 1935 haben die Alliierten des ersten Weltkrieges ehrlich aber vergeblich nach einer Formel zur Rüstungsbegrenzung
der Landstreitkräfte gesucht.
Die Rüstung und das militärische "Potential" sind so komplexe Gebilde, daß man in bezug auf sie unmöglich zu einer zuverlässigen Gleichung gelangen kann.
Y/ir sprechen zuweilen aus Bequemlichkeit bei den bewaffneten Streitkräften eines Landes in Begriffen rein zahlenmäßiger Mannschaftsstärke.
Das führt jedoch zu falschen Vorstellungen, wenn der Eindruck erweckt
würde, daß - wenn die Streitkräfte der Sowjetunion und die der Vereinigten Staaten zahlenmäßig gleich wären - auch unsere militärische Stärke
gleich sei. Die zahlenmäßige Stärke der Streitkräfte einer Nation zu
einer bestimmten Zeit gibt keinen schlüssigen Index für die relative
Stärke. Es kann daneben lokale Polizei- und andere halbmilitärische

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�"AMERIKA DIENST"

24. Juli 1957

halbmilitärische Verbände geben, die die nationale Stärke verschleiern.
Es können ausgebildete Reserven vorhanden sein, die eine rasche Verstärkung der aktiven Truppen gestatten. Eine solche Möglichkeit ist in einer
Gesellschaftsform immer gegeben, die, wie die Sowjetunion, alle ihre
waffenfähigen Männer zu jeder Zeit unter absoluter Kontrolle hat.
Wir wissen, daß wir keine Formel finden können, die ein zuverlässiges Gleichgewicht der militärischen Stärke gewährleistet.
Dies ist einiges von dem, was sich nicht verwirklichen läßt. Auf der
anderen Seite gibt es auch Dinge, die sich verwirklichen lassen. Zum
Beispiel:
Erstens: Es ist möglich, durch eine sich gegenseitig ergänzende
Kombination von Luftüberwachung und Bodenkontrolle einen massiven Überraschungsangriff zu verhindern oder zumindest das Risiko und Ausmaß der
Überraschung zu vermindern.
Dies ist von größter Bedeutung. Es ist unwahrscheinlich, daß irgendein Land, das selbst für Zerstörungen anfällig ist, einen totalen Krieg
vom Zaume brechen wird, sofern es nicht glaubt, daß es seinen Hauptgegner unvorbereitet treffen und so durch Überraschung eine entscheidende
Überlegenheit gewinnen könnte.
Dies war auch der Gedanke, der dem von Präsident Eisenhower auf der
Gipfel-Konferenz im Juli 1955 gemachten Vorschlag der 'Offenen Himmel*
zugrunde lag. Seitdem ist kein anderer Vorschlag unterbreitet worden,
der in so wirksamer Weise die Gefahr vermindern und auch bei Aufrechterhaltung einer weniger kostspieligen Verteidigung gegen eine Aggression
Sicherheit geben würde.
Zweitens: Es ist technisch möglich, die Verwendung des neu produzierten spaltbaren Materials zu kontrollieren und dabei sicherzustellen,
daß dieses nicht für die Waffenproduktion benutzt wird. Lassen Sie mich
an dieser Stelle auf den Unterschied hinweisen, der zwischen einer Überprüfung oder einer Bestandsaufnahme des in der Vergangenheit produzierten
Materials und einer Bestandsaufnahme der neuen Produktion nach Errichtung
eines Überwachungssystems besteht. Die Vergangenheit kann heute nicht mehr
überprüft werden; man kann jedoch die Zukunft kontrollieren.
Drittens: Es ist technisch möglich, ein Überwachungssystem auszuarbeiten, mit dessen Hilfe starke Atomwaffenversuche größeren Ausmaßes festJgestellt werden können und das das Umgehen eines Testverbotes zu einer
höchst riskanten Angelegenheit machen würde. Da aber Möglichkeiten für
eine Verheimlichung solcher Versuche bestehen, müssen die Beobachtungsgruppen zahlreich sein und in der Nähe möglicher Versuchsgelände stationiert werden. Das Problem ist nicht so einfach, wie manche geglaubt haben.
Viertens: Es ist möglich, daß man die künftige Entwicklung der wichtigsten Mittel, mit deren Hilfe die Zerstörungswaffen zu ihren Zielräumen gebracht werden können, wirksam kontrollieren kann. In diesem
Zusammenhang verdienen neue Waffentypen, wie beispielsweise die interkontinentalen Fernlenkwaffen, besondere Aufmerksamkeit.
Fünftens: Die zahlenmäßige Höchststärke der aktiven Streitkräfte
kann begrenzt werden. Dies würde von keiner tiefgehenden militärischen
Bedeutung sein, könnte sich jedoch als ein Barometer nützlich erweisen,
wenn mit dieser Reduzierung ausreichende Informationen Hand in Hand gehen,
so daß weitgehende Verletzungen entdeckt werden können, und wenn eine
solche Kürzung von einigen Begrenzungen in bezug auf die den militärischen
Streitkräften zur Verfügung stehenden Waffen begleitet wird.
_ c. _.
Sechstens:

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24. Juli 1957

Sechstens; Es ist möglich, die gegenwärtig in den Arsenalen der
Sowjetunion und der USA befindlichen herkömmlichen Waffen in einem
gewissen Ausmaß zu reduzieren; hierzu gehören dio wichtigen Beförderungsmittel für Atomwaffen. Und es ist ferner möglich, eine ungefähre
Gleichheit hinsichtlich der Bestände zu erzielen, die jeder von uns
vernichten oder die jeder von uns international überwachten Depots
übergeben würde. Diese Reduzierung könnte in bezug auf die Zahl derjenigen, die bewaffnet werden könnten, von praktischer Bedeutung sein.
Siebentens« Spaltbares Material kann aus bestehenden Atomwaffenbeständen in solche Arsenale übergeführt werden, die definitiv für
friedliche Verwendungszwecke ausersehen sind. Es wäre nicht möglich,
das für Waffenzwecke verbleibende Material zu registrieren oder in
diesem Zusammenhang eine Angleichung untereinander herbeizuführen.
Solche Überführung in Lager, die für eine friedliche Nutzung vorgesehen
sind, könnte, wenn sie mit einer NichtVerwendung des neu produzierten
spaltbaren Materials für Waffenzwecke Hand in Hand geht, sicherstellen,
daß sich das vorhandene Kernwaffenpotential verringert.
Die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die ich hier umrissen habe,
formen die Abrüstungsvorschläge der Vereinigten Staaten. Bei diesen
Vorschlägen handelt es sich zugestandenermaßen nur um Teilpläne. Sie
stellen, • so hoffen wir, einen Anfang und nicht ein Ende dar. Wir wollen
jetzt nichts unternehmen, was zur Stunde undurchführbar erscheint. Wir
versuchen allerdings, im Rahmen des Notwendigsten das Mögliche zu erreichen, um einen bedeutsamen Anfang zu machen. Das Wesentliche sju
diesem Zeitpunkt der Geschichte ist, wirklich anzufangen und aus der
Phase des ermüdenden und endlosen Gesprächs in die Phase der Aktivität zu gelangen. Dies sind nun unsere Vorschläge»
Erstens! Wir schlagen vor, da.ß sich uns die Sowjetunion bei der
Schaffung eines Inspektionssystems anschließt, das verläßliche Sicherheiten gegen einen umfassenden Überraschungsangriff bietet» Die Vereinigten Staaten sind bereit, der Überwachung ihres gesamten Gebietes
in Nordamerika zuzustimmen, wenn die Sowjetunion eine Inspektion ihres
Gebietes zuläßt. Wir stehen in enger Beratung mit unseren kanadischen
Freunden bezüglich der Möglichkeit, diese nordamerikanische Zone so
zu vergrößern, daß sie auch Kanada einschließt.
Wir sind ferner bereit, begrenztere Zonen in Betracht zu ziehen,
die dann allmählich erweitert werden könnten. Als Anfangszone könnte
ein nördlicher Raum in Frage kommen, der das Gebiet des Polarkreises,
Alaska und die Aleuten sowie entsprechende Teile des östlichen Sibiriens,
Kamtschatka und die Kurilen umfaßt. Dazu ist natürlich die Zustimmung
anderer Länder erforderlich. Wir stehen in dieser Frage in enger Beratung mit Kanada, mit Dänemark, soweit Grönland betroffen ist, und mit
Norwegen. Wir wissen, daß diese Verbündeten der USA genauso bestrebt
sind wie wir selbst, dazu beizutragen, daß ein Beginn bei der Suche
nach Sicherheit gegen einen Überraschungsangriff gemacht wird.
Diese nördliche Zone wäre keineswegs ohne wesentliche Bedeutung.
Zahlreiche Wege, auf denen möglicherweise ein Überraschungsangriff
vorgetragen werden könnte, führen über diese Polarregion. Zur gleichen

-6-

�"AMERIKA DIENST"

24» Juli 1957

gleichen Zeit bieten diese Gebiete relativ wenig komplizierte Probleme, so daß hier ein schneller Beginn gemacht und hinsichtlich der
technischen Probleme entsprechende Erfahrungen gesammelt werden könnten. Diese technischen Probleme sind beträchtlich, da sie die Koordinierung einer Luft- und Bodeninspektion sowie ein verläßliches Meldesystem einschließen.
Auch eine europäische Zone wird eingehend erwogen. In dieser Angelegenheit arbeiten die Vereinigten Staaten eng mit ihren NATOAlliierten zusammen. Es ist allgemein der von uns geteilte Wunsch
vorhanden, daß eine solche Zone geschaffen wird. Aber alle sind sich
darüber im klaren, daß sie zahlreiche spezielle Komplikationen in sich
birgt. Es wird wesentlich länger dauern, eine europäische Zone auszuarbeiten, als eine nördliche Zone festzulegen, die nicht so viele
Schwierigkeiten bietet.
Wenn mit einem Anfangsschritt ein Verfahren, das greifbare Sicherheiten gegen Überwachungsangriffe bietet, entwickelt werden kann, dann
kann dieser Anfang allmählich auch auf all die wichtigen Gebiete ausgedehnt werden, aus denen ein massiver Überraschungsangriff erwachsen
könnte. Auf diese Weise würde ein entscheidender Schritt getan worden
sein, um die Kriegsgefahr zu vermindern. Dann könnten die Sicherheitsausgaben ohne Gefahr reduziert werden.
Zweitens: Hinsichtlich der Atomwaffen schlagen wir ein drei Punkte umfassendes Programm vor. Wir machen nicht den Vorschlag, die Atomwaffen zu vernichten oder die Möglichkeit ihrer Anwendung auszuschalten, da dies, wie wir gesehen haben, nicht gewährleistet werden kann.
Jedoch ist es möglich und angebracht, das Ausmaß des Atomwaffenproblems
zu reduzieren und eine weltweite Verteilung solcher Kampfmittel in der
ganzen Welt zu verhindern.
Wir machen uns keine Sorgen in bezug auf die freien Nationen, die
vielleicht als nächste Kernwaffen herstellen könnten. Und wir bezweifeln, ob die Sowjetunion ihren Alliierten Atomwaffen gestatten würde.
Wenn jedoch jetzt keine internationalen Verfahren ausgearbeitet werden können, um die Atomwaffen unter Kontrolle zu bringen, dann könnte
dieses Problem bald völlig unlösbar werden, und wir müßten damit rechnen, daß eine ungeheure Zerstörungsgewalt in die Hände derer geraten
könnte, die unter Umständen völlig verantwortungslos handeln würden.
Unser Programm enthält folgende drei Punkte:
a) Wir schlagen vor, daß alle Nationen sich damit einverstanden
erklären, von einem bestimmten Zeitpunkt an keine spaltbaren Materialien mehr für Waffenzwecke herzustellen. Der Zeitpunkt würde von der
vorherigen Errichtung eines wirkungsvollen Kontrollsystems abhängig
gemacht werden.
Alle

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24. Juli 1957

Alle Länder würden sich von jenem Zeitpunkt an damit einverstanden erklären, daß ihre gesamte Produktion an spaltbarem Material friedlichen
Zwecken zugeführt werden würde. Dies würde der Auffüllung kostspieliger und sich ständig vermehrender Arsenale von Atomwaffen ein Ende setzen
Nach Angaben unserer Atomwissenschaftler ist dies ein erreichbares
Ziel.
b) Wir schlagen die Schaffung eines Systems vor, mit dessen Hilfe
die vorhandenen Bestände an Atomwaffen reduziert werden könnten, indem
man sie vielleicht unter den Auspizien der internationalen Atombehörde,
die zur Zeit im Entstehen begriffen ist, friedlichen Verwendungszwecken
zuführt. Dies hat Präsident Eisenhower im Jahre 1953 in seiner Rede
vor den Vereinten Nationen vorgeschlagen. Die geplanten Reduzierungen
würden anfänglich in einem bescheidenen Rahmen vorgenommen werden und
würden die vorhandenen Atomwaffenbestände nicht wesentlich beeinträchtigen. Es würden für unsere Zwecke und die unserer Alliierten noch
Atomwaffenbestände in ausreichender Menge zur Verfügung stehen für
den Fall, daß uns ein Krieg aufgezwungen werden sollte. Wenn jedoch
die Lösung politischer Fragen sowie weitere Maßnahmen auf dem Gebiet
der Rüstungsreduzierung es klug erscheinen lassen, die Waffenbestände
stärker zu verringern, würden wir für diesen Zweck ein internationales
Instrument zur Verfügung haben.
c) Zusammen mit den Schritten a und b schlagen wir eine vorübergehende Einstellung der Kernwaffenversuche,und zwar für den Zeitraum von
etwa zehn Monaten vor. Dieser Zeitraum ist keineswegs willkürlich gewählt. Es wäre ein Zeitraum, der nicht zur Auflösung der bestehenden
wissenschaftlichen Arbeitsgruppen der USA führen würde. Während dieser
zehn Monate könnte gleichzeitig ein Fortschritt hinsichtlich der Schaffung eines Inspektionssystems gemacht werden, um zu garantieren, daß falls die Aussetzung der Versuche verlängert w«rden sollte - dies in
ausreichender Weise überwacht und kontrolliert werden kann. Während
dieses Zeitraums könnte ebenfalls mit der Inspektion begonnen werden,
die notwendig ist, um sicherzustellen, daß eine zukünftige Produktion
spaltbaren Materials lediglich für friedliche Zwecke Verwendung findet.
Bis wir überzeugende Beweise dafür haben, daß es die Sowjets mit
einer Rüstungsbegrenzung ernst meinen, hängt unsere Sicherheit davon ab,
daß wir über die besten Waffen verfügen - sowohl große als auch kleine -,
die wir entwickeln können. Dies bedeutet eine fortlaufende Erprobung.
Durch eine solche Erprobung ist es möglich, noch kleinere Waffen zu
entwickeln, sowie sicherzustellen, daß größere Waffen geringere radioaktive Ausfällungen haben werden. Präsident Eisenhower hat die Möglichkeit angedeutet, daß die Ausfällungen großer Waffen auf weniger als
ein Prozent ihrer Wirkung reduziert werden können. Auf diese Weise kann
sichergestellt werden, daß Kernwaffen, wenn sie eingesetzt werden müssen,
genauer auf bestimmte militärische Ziele begrenzt werden können. Deshalb ^rennen wir das Problem der Versuche nicht von umfassenderen Fragen.

Während

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24. Juli 1957

Während des Zeitraums der versuchsweisen Einstellung der Kernwaffenversuche, so meinen wir, könnten gute Fortschritte auf dem Wege
zur Schaffung eines Systems gemacht werden, mit dessen Hilfe vor
Überraschungsangriffen gewarnt, eine spätere Versuchsreihe festgestellt
sowie gewährleistet werden kann, daß eine zukünftige Produktion spaltbaren Materials nicht für eine Vergrößerung der bestehenden Vorräte
oder für eine weltweite Verteilung der Kernwaffen Verwendung findet.
Dann, und nur dann, würden wir das Gefühl haben, daß der Sicherheit
in ausreichendem Maße Genüge geleistet worden sei, um eine weitere
Aussetzung der Versuche in Erwägung zu ziehen.
Drittens: Wir sind bereit, einen Anfang hinsichtlich der Reduzierung und Regulierung der nicht-atomaren Rüstungen und der Streitkräfte zu machen. Diese Anfangskürzungen können weder tiefgehend
noch drastisch noch theoretisch vollkommen sein. Wir haben daher
vorgeschlagen, daß wir und die Sowjetunion in einem ersten Schritt
der Begrenzung unserer militärischen Mannschaftsstärke in der Weise
zustimmen, daß sie nicht 2,5 Millionen Mann für jeden von uns übersteigt. Ferner sind wir - um einen Anfang mit der Reduzierung der uns
zur Verfügung stehenden Waffen zu machen - bereit, gemeinsam mit der
Sowjetunion gewisse Waffenmengen und -typen - über die man eine Absprache treffen könnte - international überwachten Depots innerhalb
unserer Landesgrenzen zu überstellen.
Viertens: Wir sind bereit, bei der Ausarbeitung eines Systems
mitzuwirken, das die Gewähr dafür bieten würde, Raumraketen ausschließlich für friedliche und wissenschaftliche Zwecke zu verwenden. Der
Vorstoß in den Weltraum steckt noch so im Anfangsstadium, daß es
möglich sein müßte, die künftigen Entwicklungen auf diesem neuen
Wissens- und Versuchsgebiet so zu lenken, daß sie dem Wohle der
Menschen und nicht ihrem Verderben dienen.
Der von uns vorgeschlagene Anfang ist begrenzt, aber er ist
realistisch. Und wenn die ersten Schritte erfolgreich sind, dann
werden weitere möglich sein. Wenn wir jedoch in die Zukunft blicken,
so sind wir uns dabei der Tatsache bewußt, daß Maßnahmen auf dem
Gebiet der Abrüstung keinen Ersatz für die Regelung politischer
Probleme darstellen, die notwendig ist, um große Ungerechtigkeiten
aus dem Wege zu räumen. Die Suche nach einer Rüstungsbegrenzung und
die Suche nach politischen Lösungen müssen miteinander Hand in Hand
gehen.
Und lassen Sie mich hinzufügen: solange wir keinen Beweis in
Händen haben, daß es die Sowjets mit einer Rüstungsreduzierung ernst
meinen, müssen wir aus dem reinen Selbsterhaltungstrieb heraus alles
tun, damit die Kraft und die Stärke unserer Sicherheitsvorkehrungen,
einschließlich unserer Verteidigungsbündnisse, aufrechterhalten werden.
Wenn wir in unseren Bemühungen hinsichtlich dieser großen und
konstruktiven Sicherheitsvorkehrungen nachlassen, würden wir unsere
nackte Existenz aufs Spiel setzen und darüber hinaus so gut wie
sicherstellen, daß sich die Sowjetunion unseren Abrüstungsvorschlägen
gegenüber gleichgültig verhält.
w.

�"ALIERIKA DIENST"

24. Juli 1957

Wir glauben, daß unsere Pläne eine Grundlage schaffen, um
einen wichtigen Anfang mit der Bändigung der zerstörerischen
Kräfte zu machen. Wir hoffen, daß die Sowjetunion sie akzeptieren
wird. Gewisse Fortschritte sind bereits erzielt worden.
Die Sowjetunion scheint mit der Errichtung eines Luft- und
Bodeninspektionssystems als einem ersten Schritt in der Abrüstungsfrage einverstanden zu sein. Wir haben aber keine Einigung darüber
erzielt, wo ein derartiges Inspektionssystem errichtet v/erden und wie
es beschaffen sein soll.
Die Sowjets scheinen zum gegenwärtigen Augenblick zu zögern, sich
mit einer Einstellung der Produktion von spaltbarem Material für Rüstungszwecke einverstanden zu erklären, die verhindern soll, daß sich die Herstellung von Atomwaffen auf die ganze Welt ausdehnt. Die Sowjets streben
noch immer eine Einstellung der Atomwaffenversuche unabhängig von anderen
Maßnahmen und für einen Zeitraum an, der in keinerlei Beziehungen zu
Fortschritten auf anderen Gebieten steht.
Unsere Alliierten haben unsere Vorschläge unabhängig und intensiv geprüft, wobei ihre Reaktion darauf im allgemeinen günstig gewesen ist. Dadurch ermutigt, werden wir gemeinsam mit ihnen in unseren Bestrebungen beharren, die Zustimmung der Sowjetunion für ein
Anfangsprogramm zu erhalten. Dieses Programm geht so weit, wie dies
heute ohne Gefährdung unserer eigenen Sicherheit und die unserer
Alliierten möglich ist. Bei dem Bestreben nach theoretischer Vollkommenheit schiebt es den unumgänglich notwendigen Beginn seiner
Verwirklichung keineswegs auf unbestimmte Zeit hinaus. Unserer
Meinung nach muß sich ein derartiger Standpunkt durchsetzen.
Es könnte die Frage gestellt v/erden, ob die von uns jetzt
vorgeschlagenen Schritte, ohne jedes Risiko, daß die gegnerischen
Kräfte daraus Vorteil ziehen, ergriffen werden können. In aller
Offenheit muß ich einräumen, daß es nach Berücksichtigung aller
vorhersehbaren Risiken durchaus andere Gefahren geben kann, die
wir jetzt nicht voraussehen können. Aber dies kann mit Sicherheit
gesagt werden: Die Risiken, die mit dem Bemühen, voranzukommen,
verbunden sind, sind weitaus geringer als die Gefahren, die entstehen, wenn man sich aus Angst oder Furcht untätig verhält.
Die gesamte Welt geht einer düsteren Zukunft entgegen, wenn die
Kriegsgefahr nicht unter irgendeine internationale Kontrolle gebracht wird. Die Menschheit kann nicht lange unter der belastenden
Vorstellung möglicher Zerstörung leben, ohne daß sich ein Wandel
der materiellen, sozialen, politischen und moralischen Werte vollzieht.
Wünschen wir eine Zukunft, in der die Menschen glauben, daß
sie - um überleben zu können - lernen müssen, wie Höhlenbewohner
unter der Erdoberfläche zu leben, um Schutz vor den Explosionen, der
Hitze und den radioaktiven Ausfällungen nuklearer Waffen zu haben?
Wünschen wir eine Welt, in der die Menschheit ein Sklave der rapide
anwachsenden Kosten der Erhaltung ihrer nackten Existenz sein muß?
Wollen wir, daß die persönliche Freiheit ein historisches; Relikt

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�"AMERIKA DIENST"

24. Juli 1957

Wir leben in einem entscheidenden Abschnitt der Geschichte. Es
ist ein Augenblick, in dem sich diejenigen, die die Freiheit lieben;
und die sich der Segnungen der Freiheit erfreuen und sie der Nachwelt
erhalten möchten, zusammenschließen müssen, um die neuen Kräfte der
Materie zu beherrschen, die die Menschheit wieder auf den Ausganspunkt
ihrer Entwicklung zurückwerfen würden. In solch einem Augenblick darf
es keine lähmende Furcht und keinen gleichgültigen Neutralismus geben.
Alle, die sich eine Welt wünschen, in der die Menschen ihre geistigen
Bestrebungen verwirklichen können, müssen einig sein und Mut haben.
Risiken am Rande müssen akzeptiert werden, wenn wir dadurch weitaus
größere Gefahren ausschalten können.
Wir müssen es zu unserer Arbeitshypothese machen, daß das, was
notwendig ist, möglich ist und dies auch verwirklichen. Wir müssen
von der Voraussetzung ausgehen, daß sie das, was die Menschheit durch
ihre Erfindungsgabe geschaffen hat, auch durch ihre Klugheit, ihre
Fähigkeit und ihre Disziplin bändigen und kontrollieren kann.
Wir haben nicht unbegrenzt Zeit. Jedes Jahr, das ohne Abkommen
vergeht, macht die Schwierigkeiten für eine angemessene Begrenzung
und Kontrolle nur noch größer.
Aber wir haben Grund zu hoffen. Die immer größer werdende Dringlichkeit, zu einem Abkommen zu gelangen, hat in den vergangenen Monaten
zu einem größeren Realismus und zu einer größeren Ernsthaftigkeit der
Verhandlungen geführt und damit die Aussichten auf eine gewisse Annäherung der gegenwärtigen Standpunkte verbessert.
Wenn die Menschheit die über Jahrhunderte geschaffene und unter
großen Risiken und Kosten erhaltene Kultur bewahren will, dann muß
sie einen Weg finden, um die Welt von der dauernden Drohung der
Zerstörung durch die Waffen, die sie gebaut hat, zu befreien.
Ich weiß, daß sie dies kann, und glaube fest daran, daß sie dies
tun wird."

* * * * *

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�A M E R I K A

E N S T

Allg./7.8.1957

AUSSENMINISTER DULLES LEGT V/ESTLICHEN INSPEKTIONSPLAN VOR

LONDON -(AD)- Der amerikanische Außenminister
John Foster Dulles hat am 2. August 1957 vor
dem Abrüstungsunterausschuß der Vereinten Nationen in London die Vorschläge der vier westlichen Verhandlungspartner für die Schaffung
von Luft- und Bodeninspektionszonen zu beiden
Seiten des Eisernen Vorhangs dargelegt. Der
Inspektionsplan der vier Westmächte hat folgenden Wortlaut:

"Nach dem Inkrafttreten eines Abrüstungsabkommens der ersten
Phase werden die beteiligten Staaten bei der Schaffung und Aufrechterhaltung von Inspektionssystemen zusammenarbeiten, um eine Sicherung
gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs zu schaffen:
Erstens: In bezug auf eine Inspektion der westlichen Hemisphäre
und der UdSSR schlagen die Regierungen Kanadas, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten folgendes vor.
a) Daß das gesamte kontinentale Gebiet der Vereinigten Staaten,
ganz Alaska ei s •hließlich der Aleuten-Inseln, das gesamte Gebiet
Kanadas und das gesamte Gebiet der Sowjetunion für eine Inspektion
offen sein sollen.
b) Wenn d.'.e Reg'erung der Sowjetunion diesen umfassenden Vorschlag ablehnt, mit dem der Vorschlag für die Inspektion in Europa,
auf den unten B zug genommen wird, verbunden ist, schlagen d"e vier
Mächte mit Zustimmung der Regierungen von Dänemark und Norwegen vor,
daß das gesamte nörd ich des Polarkreises liegende Gebiet der Sowjetunion, Kanadas, der Vereinigten Staaten (Alaska), Dänemarks (Grönland)
und Norwegens; das gesamte Gebiet Kanadas, der Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion westlich des 140. Grades westlicher Länge, östlich des 160. Grades östlicher Länge und nördlich des 50« Grades
nördlicher Breite; der gesamte Rest Alaskas und die gesamten Inseln
der Aleuten und der Kurilen für die Inspektion offen sein sollten.
Zweitens:

�"AMERIKA DIENST"

7. August

1957

Zweitens: Unter der Voraussetzung, daß sich die Sowjetunion für
einen der beiden vorgenannten Vorschläge verpflichtet, wird hinsichtlich einer Inspektion in Europa von den Regierungen Kanadas, Frankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten mit der grundsätzlichen
Zustimmung ihrer europäischen Alliierten und in ständigen Beratungen
mit ihnen, vorbehaltlich der unerlässlichen Zustimmung der beteiligten
Länder und vorbehaltlich irgendwelcher gegenseitig vereinbarter Ausnahmen, vorgeschlagen, daß ein Gebiet, welches ganz Europa im Süden
vom 40. Grad nördlicher Breite und im Westen vom 10. Grad westlicher
Länge und im Osten vom 60. Grad östlicher Länge umfaßt, für die Inspektion offen sein soll.
Drittens: Wenn die Regierung der Sowjetunion diesen umfassenden
Vorschlag ablehnt, dann könnte unter der gleichen Bedingung, wie oben
angegeben, über eine begrenztere Inspektionszone in Eur pa verhandelt
werden, dies aber nur unter der Voraussetzung, daß diese einen wichtigen Teil des Gebietes der Sowjetunion ebenso wie der anderen Länder
Osteuropas einschließen würde.
Viertens: Im Hinblick auf den Charakter der Inspektion als Sicherung gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs wird es als notwendig erachtet, daß diese auf jeden Fall eine Luftinspektion mit Bodenbeobachtungsstellen in wichtigen Häfen, an Eisenbahnknotenpunkten,
Hauptstraßen und auf wichtigen Flugplätzen und so weiter einschließen
soll, über die ein Übereinkommen zu treffen ist. Weiter sollen übereinkommensgemäß bewegliche Bodeninspektionsgruppen mit genau festgelegten Vollmachten eingesetzt werden. Es wird von der Annahme ausgegangen,
daß durch Übereinkunft Bodenkontrollposten an Punkten auf dem Gebiet
der beteiligten Staaten errichtet werden können, ohne daß auf die Begrenzung der oben genannten Gebiete Rücksicht genommen zu werden braucht.
Die der Bodeninspektion offenen Gebiete sollen jedoch nicht kleiner
sein als die Gebiete der Luftinspektion. Die Beweglichkeit der Bodeninspektionsgruppen würde durch das Abkommen entsprechend genau festgelegt werden, in jedem Falle jedoch mit Zustimmung des direkt betroffenen
Landes. Ebenso würden alle notwendigen nachrichtentechnischen Einrichtungen geschaffen.
Fünftens: Da die Errichtung eines jeden Inspektionssystems von der
Einigung über die Einzelheiten seiner Einrichtung, Aufrechterhaltung
und Inbetriebnahme abhängt, wird als dringlich vorgeschlagen, daß sofort eine Arbeitsgruppe von Sachverständigen gebildet wird, die die
technischen Probleme prüfen und über ihre Erg-bnisse berichten soll,
welche die Grundlage für einen Zusatz zu dem Abkommen bilden könnten.
Sechstens: Es besteht Übereinstimmung, daß ein anfängliches Inspektionssystem, das dazu bestimmt ist, eine Garantie gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs zu bieten, durch ein Abkommen
aller beteiligten Nationen dahingehend erweitert werden kann, daß
das System schließlich die Gefahr eines Überraschungsangriffs von jeder Seite ausschließt."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./7.8U957
EISENHOWERt US-NAHOSTDOKTRIN HAT ZUR VERRINGERUNG DER
SPANNUNGEN BEIGETRAGEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut eines Berichts Präsident Eisenhowers an den US-Kongreß über die
Auswirkungen seiner im Januar dieses Jahres
erläuterten Nahostdoktrin sowie seines dem
Bericht beigegebenen Begleitschreibens vom
5. August 1957»

Begleitschreiben
''Ich übermittle hiermit dem Kongreß den ersten Bericht über
die bis zum 30. Juni 1957 erfolgten Maßnahmen in Verfolgung der
Ziele der gemeinsamen Resolution zur Förderung des Friedens und
der Stabilität im Nahen .Osten.
Die Resolution bildet, soweit sie den Nahen Osten betrefft,
einen wichtigen Markstein in unserer Außenpolitik. Seit ihrer Billigung am 5• März 1957 hat die Resolution eine bedeutende Rolle in
unserer Zusammenarbeit mit den Staaten dieses Gebietes beim Aufbau
der Stärke gegen die Bedrohung des internationalen Kommunismus gespielt. Darüber hinaus hat sie als eine an den internationalen
Kommunismus gerichtete unmißverständliche Warnung gegen alle Formen der Aggression gedient. Der Beitrag, den die Resolution zum
internationalen Frieden und zur Stabilität im Nahen Osten leistet,
wird ständig größer werden, solange die Ziele und Grundsätze, die
in ihr zum Ausdruck kommen»beibehalten werden.
gez. Dwight D. Eisenhower."
Bericht
'Fortschritte auf Grund der Resolution
Am 5« März 1957 hat der Präsident die gemeinsame Resolution
No . 117 unterzeichnet, die der Förderung des Friedens und der Stabilität im Nahen Osten dienen soll. Abschnitt fünf der Resolution
sieht vor, daß dem Kongreß durch den Präsidenten in den Monaten

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�"AMERIKA DIENST"

7. August 1957

Monaten Januar und Juli jeder. Jahres Berichte vorzulegen sind.
Die Resolution bringt die Bereitschaft der Regierung der Vereinigten Staaten durch die Erklärungen der Legislative wie der Exekutive zum
Ausdruck, die Nationen in dem Gebiet des Nahen Ostens bei der Erhaltung
ihrer Unabhängigkeit gegen die Bedrohung durch den internationalen
Kommunismus zu unterstützen. Sie ermächtigt zu gewissen Maßnahmen, die
der Förderung der Stabilität sowie der Stärke und Unabhängigkeit der
Nationen dieses Gebietes dienen sollen. Es wird in ihr ausdrücklich erklärt,
daß die amerikanische Unterstützung nur denjenigen Nationen gewährt werden wird, die solche Unterstützung wünschen. Mit diesem Angebot haben
die Vereinigten Staaten eine neue Verantwortung gegenüber den Nationen
des Nahen Ostens übernommen.
Eine Deklaration dieser Art erreicht bereits durch ihre Inkraftsetzung sowie dadurch, daß die Welt ihre Bedeutung erkennt, einen wichtigen Teil der beabsichtigten Zielsetzungen. Erstens ist der internationale Kommunismus damit über die Konsequenzen, die eine aggressive Handlung haben würde, in Kenntnis gesetzt w rden. Wie Außenminister Dulles
erklärt hat, 'läßt sie einem etwaigen bewaffneten Aggressor keine Möglichkeit mehr zu Fehlkalkulationen'. Zweitens werden die Länder dieses
Gebietes durch die Gewißheit, daß sie nicht alleine einer überwältigenden Stärke gegenüberzustehen brauchen, sowie durch das Angebot einer
materiellen Unterstützung, die ihre eigenen Anstrengungen ergänzen soll,
ermutigt, sich selbst zu helfen.
Um den Ländern des Nahen Ostens die Auswirkungen der Resolution
zu erläutern, hat der Präsident Botschafter James P. Richards, der am
7. Januar 1957 zum Sonderbeauftragten des Präsidenten ernannt worden
war, beauftragt, eine Mission in diesem Gebiet durchzuführen. Botschafter Richards war ermächtigt worden, Abkommen in bezug auf wirtschaftliche und militärische Unterstützung zur Förderung der Absichten und
Zielsetzungen der Resolution im Prinzip abzuschließen. Botschafter
Richards reiste am 12. März ab, um die Länder des Nahen Ostens zu besuchen. Seiner Begleitung gehörten maßgebende Beamte des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums, des US-Amtes für internationale
Zusammenarbeit und des US-Informationsamtes an. Vor seiner Abreise hatte
Botschafter Richards seine Bereitschaft unterstrichen, jedes Land in
dem allgemeinen Gebiet des Nahen Ostens zu besuchen, das mit ihm diese
amerikanische Doktrin zu erörtern wünscht. In den darauffolgenden
beiden Monaten hat Botschafter Richards Mission rund 48 270 Kilometer
zurückgelegt und auf Grund besonderer Einladungen die folgenden
fünfzehn Länder besucht«
Afghanistan, Äthiopien, Persien, den Irak, den Libanon, Libyen, Pakistan, Saudisch-Arabien, die Türkei, den Jemen, den Sudan, Griechenland, Israel, Tunesien und Marokko.
Botschafter

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�"AMERIKA DIENST"

7. August 1957

Botschafter Richards Mission hat sich insofern als besonders erfolgreich erwiesen, als sie den Ländern des Nahen Ostens und dem
internationalen Kcmmunif-mus die Bedeutung der Resolution vermittelt
hat. Dies ergibt sich aus der Tatsache, daß dreizehr der besuchten
Länder öff entliche Erklärungen herausgegeben haben, in denen die
Absichten und Zie Setzungen der Resolution unterstützt werden.
Im Einklang mit den ihm durch den Präsidenten übertragenen
Vollmachten und im Einklang mit den Bestimmungen der Resolution
hat Botschafter Richards im Prinzip Abkommen, die eine Unterstützung
im Gesamtbetrag von 118,7 Millionen Dollar vorsehen.abgeschlossen.
Von diesem BeLrafae waren 67,7 Millionen Dollar dazu bestimmt, diesen
Ländern bei der Entwicklung ihrer wirtschaftlichen Stärke zu helfen;
51 Millionen Dollar dienten der Stärkung der militärischen Streitkräfte.
Beide Kategorien von Unterstützung tragen zur Verbesserung der inneren
Sicherheit bei. Weitere Einzelheiten über diese Vereinbarungen sowie
darüber, wie anderweitig von den Ermächtigungen der Resolution Gebrauch
gemacht wurde, werden in Abschnitt II dieses Berichtes aufgeführt.
So wurden spezifische und unverzügliche Maßnahmen ergriffen.
Zusätzliche Informationen in bezug auf die Durchführung der Resolution
und ihre Auswirkungen im Nahen Osten, die notwendigerweise geheim
bleiben müssen, wurden den entsprechenden Kongreßausschüssen in detaillierten Berichten gemäß Abschnitt drei der Resolution zugeleitet.
Botschafter Richards und andere haben vor den Kongreßausschüssen über
die Ergebnisse ihrer Reise und die Bedeutung des von ihnen Erreichten
Bericht erstattet.
Abschnitt zwei der Resolution besagt, daß - falls der Präsident
eine entsprechende Notwendigkeit als gegeben erachtet - die Vereinigten
Staaten bereit sind, militärische Streitkräfte einzusetzen, um einer
jeden Nation oder Gruppe von Nationen des Nahen Ostens Beistand zu
leisten, sofern sie um Hilfe gegen eine bewaffnete Aggression seitens
eines durch den internationalen Kommunismus kontrollierten Landes nachsucht, vorausgesetzt, daß eine derartige Aktion mit den vertraglichen
Verpflichtungen und der Verfassung der Vereinigten Staaten in Einklang
steht. Die Bedeutung dieser Bestimmung liegt in ihrer klar ausgesprochenen Warnung, daß die Vereinigten Staaten in Aktion treten würden,
und der abschreckenden Wirkung dieser Warnung. Um eine solche Maßnahme
auf Grund der mit dieser Bestimmung gegebenen Ermächtigung ist während
des von diesem Bericht erfaßten Zeitraums nicht ersucht worden. Die
aus dieser Bestimmung sich ergebenden Konsequenzen sind jedoch sorgfältig herausgestellt worden. Den ausländischen Regierungen wurde, vor
allem durch Botschafter Richards, versichert, daß diese Bestimmung die
Absicht der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringt, ihnen im Falle
einer Aggression durch den internationalen Kommunismus auf ihr Ersuchen
hin zu Hilfe zu eilen. Gleichzeitig aber wurde klargestellt, daß die
Resolution es ausdrücklich der Entscheidung des Präsidenten überläßt, über die von den Vereinigten Staaten unter gegebenen Umständen
zu ergreifende Maßnahme zu bestimmen, und daß die Resolution keine
Vorausverpflichtungen seitens der Vereinigten Staaten bedeutet, einen
bestimmten Aktionskurs einzuschlagen.
Eine

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�"AMERIKA DIENST

7. August 1957

Eine richtige Bewertung einer wichtigen politischen Erklärung
kann nur nach Ablauf eines gewissen Zeitraums erfolgen. Außerdem
aber ergeben sich die Resultate in bezug auf die Verwirklichung der
von den Vereinigten Staaten erstrebten Ziele aus der amerikanischen
Politik in ihrer Gesamtheit, die als ein aufeinander abgestimmtes
Ganzes konzipier! und durchgeführt wird. Der gemeinsamen Nahostresolu-ion kommt eine zentrale Bedeut' ng in bezug auf die Verbesserung
der Verhältnisse in diesem Gebiet in jüngster Zeit zu. Für die Völker
dieses Gebietes hat sich eine neue Möglichkeit eröffnt, die vielfältigen Probleme, denen sie sich gegenübersehen, in Angriff zu nehmen.
Trotz des erzielten Fortschritts besteht kein Gru..d zur Selbstgefälligkeit. Die Vereinigten Staaten müssen den von ihnen einmal
eingeschlagenen Kurs weiter verfolgen, wenn die in der Resolution niedergelegten hohen Zielsetzungen verw rklicht werden sollen. Jede andere
Handlungsweise würde einen Vertrauensbruch gegenüber den Völkern des
Nahen Ostens bedeuten und unserer eigenen nationalen Sicherheit und
der Sache des Weltfriedens schaden.
In seiner Botschaft vom 5» Januar 1957 an den Kongreß erklärte
der Präsident, daß er um die Bereitstellung von Mitteln sowohl im
Finanzjahr 1958 wie auch 1959 zur Verfolgung der in der Resolution
aufgezeigten Ziele nachsuchen werde. Was das Finanzjahr 1 95;': anbetrifft, so sind die für diesen Zweck bestimmten Mittel in den entsprechenden Abschnitten des gemeinsamen Sicherheitsprogrammes mit
enthalten, das dem Kongreß zur Zeit vorliegt.
Wirtschafts- und Militärhilfe, die zur Förderung der Zielsetzung
der Resolution gewährt wurde
Zur Unterstützung ihres großen Zieles, 'Frieden und Stabilität
im Nahen Osten1 zu fördern, ermächtigte die Resolution den Präsidenten,
den Ländern des Nahen Ostens wirtschaftliche und militärische Unterstützung im Rahmen der bestehenden Bewilligungen zu gewähren, die für
die Durchführung der Bestimmungen des gemeinsamen Sicherheit.gesetzes
aus dem Jahre 1954 in seiner abgeänderten Form zur Verfügung stehen.
Abschnitt drei erteilt die Ermächtigung, gewisse bestehende gesetzliche
Bestimmungen außer Kraft zu setzen, sofern davon nicht mehr als 200
Millionen Dollar an verfügbaren Mitteln betroffen werden.
Die Bestimmungen der Resolution über wirtschaftliche und militärische Unterstützung waren von besonderer Wichtigkeit. Sie haben
die Absicht der Vereinigten Staaten demonstriert, der Deklaration mit
sofortigen greifbaren Taten zu folgen. Sie haben eine bedeutende
psychologische Wirkung gehabt. Abschnitt dr:i hat die Exekutive in
die Lage versetzt, die bereits bewilligten Mittel in der wirkungsvollsten Form einzusetzen. Auf Grund der Se ie von Krisen im Nah. n
Osten während des abgelaufenen Haushaltjahres war eine Überarboit
der ursprünglichen Pläne unverme:dbar, die eine Außerkraftsetzung gewisser Einschränkungen des gemeinsamen Sicherheitsgesetzes aus dem
Jahre 1954 in seiner abgeänderten Form sowie des Bewilligungsgesetzes
zum gemeinsamen Sicherheitsprogramm für das Jahr 1957 erforderlich
machte.
„
Zur

- 4 -.

�AMERIKA DIENST"

7. August 1957

Zur Förderung der Zielsetzungen der Resolution wurden im Prinzip
Abkommen ausgehandelt, die wirtschaftliche und militärische Unterstützung im Gesamtbetrag von 174,2 Millionen Dollar vorsehen. Etwas
über zwei Drittel dieses Betrages entfallen auf Abkommen für wirtschaftliche und militärische Unterstützung, die Botschafter Richards in den
Verhandlungen mit neun der besuchten Länder abgeschlossen hat. Das restliche Drittel entfällt auf Abkommen für Wirtschaftsprogramme im Nahen
Osten, die die Zielsetzungen der gemeinsamen Resolution unterstützen
und die von der ICA ausgehandelt worden sind. Die zuständigen Kongreßausschüsse sind über alle Unterstützungsvorhaben laufend voll unterrichtet worden, die zur Förderung der Zielsetzungen der gemeinsamen
Resolution vorgeschlagen wurden. Es ist kein wesentlicher Einwand
seitens der Ausschüsse in bezug auf die vorgeschlagenen Veränderungen

eingegangen.
I. Abkqmmen für wirtschaftliche Unterstützung, die von Botschafter
Richards ausgehandelt wurden
Programme für wirtschaftliche Unterstützung wurden von Botschafter
Richards gemäß den in der Resolution niedergelegten Bestimmungen in den
folgenden Ländern befürwortet! Dem Libanon, Libyen, Afghanistan, Pakistan,
dem Irak, Saudisch-Arabien und Äthiopien. Darüber hinaus wurde ein regionales Programm für wirtschaftliche Unterstützung gebilligt, das unter der
Schirmherrschaft des Bagdadpaktes durchgeführt wird und die Zusammenarbeit
zwischen Persien, dem Irak, Pakistan und der Türkei erfordert.
Mit jedem einzelnen Lande wurde Einvernehmen über die durchzuführenden Projekte erzielt. Beispiele für die Art der Projekte für wirtschaftliche und technische Unterstützung, für die Mittel zugesagt wurden, sindt
Errichtung billiger Wohnungen und Beseitigung von Elendsvierteln, Verbesserung der Wasserversorgungssysteme in Städten und Ortschaften, Elektrifizierung der Landwirtschaft, Bewässerungsprojekte, Bau und Verbesserung von Straßen und hiermit in Zusammenhang stehender Einrichtungen, Verbesserung der Lufttransporteinrichtungen, allgemeine wirtschaftliche Erhebungen für eine Verbesserung der Entwicklungsplanung, Entwicklung des
Rundfunks, Unterstützung bei der Verbesserung der Schulsysteme, Verbesserung der Fernmeldeverbindungen, Schaffung der grundlegenden'industriellen
Einrichtungen, Verbesserung der örtlichen Fernmelde-, Eisenbahn- und
Straßensysteme.
Der Gesamtbetrag der Mittel für wirtschaftliche Unterstützung, wie
sie in den von Botschafter Richards ausgehandelten Abkommen vorgesehen
waren, betrug 67,7 Millionen Dol ar, von aenen 52,7 Millionen Dollar in
Form nichtrückzahlbarer Zuwendungen und 15 Millionen Dollar auf An1 ih basis zur Verfügung gestellt werden sollten. (Diese Beträge wurden
später um 188 000 Dollar auf 67,9 Mio Dollar respektive 52,9 Millionen Dollar erhöht, um den erhöhten Kosten bei der Beschaffung von Ausrüstungen Rechnung zu tr gen, die für die jeweiligen Aufgaben bess r geeignt sind.)
Auf Grund der von Botschafter Richards ausgehandelter. Abkommen wurden
47»9 Millionen Dollar scnließlich für diese Zwecke ausgegeben. Hiervon
wurden 23,4 Millionen Dollar auf Grund der a]lgemeinen Ermächtigung des
gemeinsamen Sicherheitsgesetzes verausgabt. Die Differenzen zwischen

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�"AMERIKA DIENST"

7. August

1957

zwischen den im Prinzip von Botschafter Richards zugesagten Beträgen
und der Höhe der schließlich kassenmäßig verausgabten Mittel sind au:
die Tatsache zurückzuführen, daß gewisse technische und rech liehe
Probleme nicht vor Abschluß des Haushaltjahres 1957 zu lösen waren.
Nach Ländern unterteilte Aufstellungen der vorgeschlagenen Unterstützung wurden dem Kongreß zwischen dem 29. März 1957 und dem 14« Mai
1957 übergeben. Diese schlössen alle von Botschafter Richard8 getroffenen Vereinbarungen ein und enthielten in jedem Falle erstens eine kurze
Beschreibung des Projektes, zweitens einen Kostenvoranschlag und drittens
Angabe der jew i".'gen Bewilligung, die in Anspruch genommen werden sollte
Jedem der mitarbeitenden Länder war klargemacht worden, daß die
amerikanische Regierung, sobald im Prinzip ein Übereinkommen darüber
erzielt worden war, welche wirtschaftlichen Maßnahmen durchgeführt
werden sollten, umgehend die für die Inangriffnahme jedes einzelnen
Projektes erforderlichen gesetzlichen und technischen Schritte unternehmen würde. Fe 'ner war klargestellt worden, daß die wirtschaftliche
Unterstützung aus Mitteln gewährt werden würde, die vom Kongreß bereits
für das Haushaltjähr 1957 bewil igt worden waren, und daß Botschafter
Richards nicht ermächtigt war, 'rgendwelche rechtlichen oder moralischen
Verpflichtungen in bezug auf die in späteren Haushalt jähren verfügbaren
Mittel einzugehen.
II. Militärische Unterstützungsabkommen, die von Botschafter
Richards ausgehandelt wurden.
Botschafter Richards hat grundsätzliche militärische Unterstützungsabn.achungen getroffen, die einen Gesamtwert von 51 Millionen Dollar
haben und sich auf die Lieferung von zusätzlichen militärischen Ausrüstungsgegenständen (Panzern, Fahrzeugen, Hochfrequenzgeräten und so
weiter), sonstiger Güter wie Munition sowie militärische Bauten erstrecken. (Dieser Betrag wurde später um 87 000 Dollar auf 51»1 Millionen
Dollar erhöht, um der Lieferung zusätzlicher notwendiger Güter gerecht
zu werden.)
Von diesem Betrag wurden 24,1 Millionen Dollar im Rahmen der normalen Vollmachten angewiesen, wie sie in dem Gesetz über die gemeinsame
Sicherheit aus dem Jahre 1954 in seiner abgeänderten Form vorgesehen
sind, und 23,2 Millionen Dollar sind schätzungsweise gemäß Abschnitt
drei der Resolution angewiesen worden. Von dem letzteren Betrag liegt
die genaue Anweisung von 7»4 Millionen Dollar zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht vor, da es sich im wesentlichen um Lieferungen im
Rahmen des Off-Shore-Programmes handelt, für die eine kassenmäßige Belastung noch nicht vorliegt.
Ein fehlender Betrag von 3»75 Millionen Dollar konnte auf Grund
gesetzlicher Schwierigkeiten nicht vor eti 30. Juni 1957 angewiesen
werden. Das Verteidigungsministerium plant jedoch dieoen Betrag zu
Beginn des Haushaltjahres 1958 aus Fonds nzuweisen, die vom Kongreß
bewilligt werden.
III.

�"AMERIKA DIENST"

7. August 1957

III« Verwendung von Fonds für die Sicherheit gemäß den Bestimmungen
der Resolution über wirtschaftliche Hilfsprogramme für den Nahen
Osten, die nicht von Botschafter Richards in die Wege geleitet wurden
Für die Wirtschaftshilfe hat die Verwaltung für internationale Zusammenarbeit (ICA) einen Betrag von 55»1 Millionen Dollar für Programme
im Nahen Osten angewiesen, die nicht von Botschafter Richards in die
Wege geleitet wurden, deren Durchführung jedoch gemäß Abschnitt drei
der gemeinsamen Resolution bewilligt werden mußte.. Die entsprechenden
Ausschüsse des Kongresses wurden fünfzehn Tage vor Anweisung der Mittel
in Kenntnis gesetzt. Wenn diese Vollmachten nicht ausgenutzt worden
wären, hätten die meisten der Nah-Ostprogramme nicht in die Wege geleitet werden können. Die Art der wirtschaftlichen Hilfspreg ramme, die in
diesem Abschnitt beschrieben werden, entspricht der jener Programme,
die in Abschnitt eins, Absatz zwei, diesee Berichtes aufgeführt sind.
Die wirtschaftliche Unterstützung für den Nahen Osten macht die
Anwendung der Resolution erforderlich, damit die Erfordernisse gemäß
Abschnitt 105 des Bewilligungsgesetzes von 1957 außer Kraft gesetzt
werden können, wonach nicht mehr als 20 Prozent der für das Haushaltjähr
verfügbaren Mittel nach dem 50. April 1957 kassenmäßig verausgabt werden dürfen. Diese Unterstützung konnte nicht vor dem 50. April 1957 kassenmäßig angewiesen werden, weil erstens zwei der Länderprogramme neue
zweiseitige Abkommen erfordern, die nicht rechtzeitig abgeschlossen
werden konnten, um eine ordnungsgemäße Ausarbeitung der Programme bis
zum 50« April 1957 zu gewährleisten; zweitens die Erfordernisse für eine
ordnungsgemäße und kluge Programmausarbeitung eine frühere kassenmäßige
Anweisung solcher Beträge ausschloß, die für Programme anderer Länder
vorgesehen waren; drittens die Erfordernisse für eine Programmausarbeitung auf Grund unvorhergesehener Entwicklungen in den unmittelbar vorausgegangenen Monaten einem beträchtlichen Wandel unterworfen waren und
viertens einige der Programme, die zwar nicht im Zusammenhang mit der
Richards-Mission standen, bis zu dem Besuch von Richards zurückgestellt
wurden, um die Gewähr für einen umfassenden Ausgleich des Gesamtprogramms
zu bieten. Damit gewisse Beträge im Rahmen der Unterstützung in Form von
Schenkungen freigegeben werden konnten, wurde die Ermächtigung der Resolution ebenfalls benutzt, um die Erfordernisse des Gesetzes für die
gemeinsame Sicherheit außer Kraft zu setzen, wonach 80 Prozent der
unter Absatz 11 des Gesetzes bestimmten Beträge in Form von Anleihen
zur Verfügung gestellt werden sollen.
Maßnahmen gemäß Abschnitt vier
Abschnitt vier der Resolution stellt fest, daß der Präsident der
Polizeitruppe der Vereinten Nationen im Nahen Osten im Hinblick auf die
Aufrechterhaltung des Friedens in diesem Gebiet weiterhin Einrichtungen
und militärische Unterstützung zukommen lassen soll. Diese Unterstützung
ist gewährt worden.
Die Vereinigten Staaten haben sich nicht nur nachdrücklich für die
Errichtung der Polizeitruppe der Vereinten Nationen durch die UN-Generalversammlung im November 1956 eingesetzt, sondern haben auch angeboten,
die Streitmacht mit notwendig werdenden Transportmitteln und sonstigem

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�7. August 1957

"AMERIKA DIENST"

sonstigem Nachschub auszustatten, soweit dies zur Ausübung ihrer Pflichten notwendig war.
Dementsprechend haben die Vereinigten Staaten eine Luftbrücke für
3657 Mann der UN-Polizeitruppe aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland,
Indien, Indonesien, Brasilien und Kolumbien nach Italien und dem Libanon
zur Verfügung gestellt, deren Kosten von 1,2 Millionen Dollar nicht ersetzt zu werden brauchen. Die Vereinigten Staaten haben die Streitmacht
mit großen Mengen an Nachschub und Ausrüstungen ausgestattet, für die
eine Entschädigung geleistet werden muß. Die Kosten für die im ersten
Quartal 1957 gelieferten Güter dieser Art beliefen sich auf insgesamt
2,5 Millionen Dollar. In allen Fällen wurden Fonds benützt, die für das
Verteidigungsministerium bewilligt worden sind.
Die Vereinigten Staaten haben bereits eine Zahlung von 3»3 Millionen
Dollar als Beitrag für die Kosten der Polizeitruppe der Vereinten Nationen
in Gesamthöhe von 10 Millionen Dollar geleistet. Die Mittel wurden aus
Fonds entnommen, die dem Außenministerium für Beiträge an internationale
Organisationen zugewiesen wurden. Die USA sind bereit, auf der Basis
der entsprechenden Leistungen anderer, die Hälfte der Kosten für die
UN-Polizeistreitkräfte im Jahre 1957 in Höhe von 6,5 Millionen Dollar
zu tragen, wobei Fonds gemäß Absatz 401 (ß) des Gesetzes über die gemeinsame Sicherheit aus dem Jahre 1954 in seiner abgeänderten Form herangezogen werden. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat zu Beiträgen zu diesem Zweck aufgerufen.
Diese Unterstützung der Polizeistreitkräfte der Vereinten Nationen
hat dazu beigetragen, die Lage im Nahen Osten in dem Gebiet, in dem im
vergangenen Jahr Feindseligkeiten ausgebrochen waren, zu stabilisieren."

* * * * *

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�b) Während dieses gleichen Zeitraums werden diese Staaten bestimmte Mengen von festgesetzten Waffentypen, über die eine Übereinkunft zu erzielen ist und die in der Konvention beigefügten Listen
aufgeführt werden, in Vorratsdepots einbringen, die auf ihrem eigenen Territorium liegen und unter der Überwachung einer internationalen Kontrollorganisation stehen.
c) Das Verhältnis anderer Staaten zu der Konvention, einschließlich der vereinbarten Stärke ihrer bewaffneten Streitkräfte, wird
später festgelegt werden.
d) Die in Paragraph I a) aufgeführten Staaten werden bereit
sein, über eine weitere Begrenzung ihrer bewaffneten Streitkräfte
und Rüstungen unter folgenden Bedingungen zu verhandeln:
1. Die Einhaltung der Bestimmungen der Konvention ist zu
ihrer Zufriedenheit verifiziert worden;
2. Bei der Lösung politischer Fragen sind Fortschritte erzielt worden. Andere wichtige Staaten haben sich der Konvention angeschlossen und für ihre bewaffneten Streitkräfte und Rüstungen

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4. September

1957

Rüstungen Begrenzungen akzeptiert, die entsprechend den in den vorangegangenen Paragraphen a) und b) gesetzten Grenzen festgelegt wurden.
e) Unter den oben angeführten Bedingungen könnten zwischen Prankreich, der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten Verhandlungen über eine weitere Begrenzung ihrer bewaffneten Streitkräfte
eingeleitet werden, die die vereinbarte Reduzierung der Streitkräfte
der USA und der Sowjetunion auf nicht weniger als 2,1 Millionen Mann für
jedes der beiden Länder betreffen würden. Die vereinbarte Begrenzung
der Truppenstärken für Prankreich und Großbritannien würde jeweils
700 000 Mann betragen. Gleichzeitig würden die Grenzen der Truppenstärken für andere wichtige Staaten durch Verhandlungen mit diesen Ländern
spezifiziert werden,
f) Danach könnten unter den gleichen Bedingungen Verhandlungen
über weitere Begrenzungen aufgenommen werden, die für die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion nicht weniger als 1,7 Millionen Mann betragen würden. Die vereinbarte Begrenzung der Truppenstärken für Frankreich und Großbritannien würde jeweils 65O 000 Mann betragen. Die Grenzen für andere wichtige Länder würden gleichzeitig auf dem Verhandlungswege festgelegt werden.
g) Unter Berücksichtigung der unter d) angeführten Bedingungen
werden diese Staaten ebenfalls zu Verhandlungen über eine weitere Begrenzung der Rüstungen bereit sein. Die Festsetzung derartiger Rüstungsbegrenzungen wird in vereinbarter Relation zu den bewaffneten Streitkräften stehen, wie sie unter e) und f) festgelegt sind, und wird vor
Anwendung weiterer Begrenzungen.der bewaffneten Streitkräfte durchgeführt sein. Die Partner müssen, bevor solche weiteren Rüstungsbegrenzungen in Angriff genommen werden, und zu allen Zeiten danach, überzeugt
sein, daß die jedem Vertragspartner zur Verfügung stehenden Rüstungen
nicht die somit in jeder Kategorie erlaubten Mengen überschreiten.
h) Für die Reduzierung und Begrenzung der bewaffneten Streitkräfte und Rüstungen über den unter a) und b) festgelegten Rahmen
hinaus werden keine Maßnahmen in Kraft treten, solange nicht das Kontrollsystem in angemessener Weise erweitert worden ist und mit Hilfe
dieses Systems derartige Maßnahmen verifiziert werden können.
II. Militärische Ausgaben
Um die Verifizierung der Einhaltung der Bestimmungen des Paragraphen I zu unterstützen und im Hinblick auf die Reduzierung der militärischen Ausgaben vereinbaren Frankreich/ die Sowjetunion, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, der internationalen Kontrollorganisation Informationen über ihre Militärhaushalte und Ausgaben für das
dem Inkrafttreten der Konvention vorangehende Jahr und dann jedes darauf
folgende Jahr zur Verfügung zu stellen. Die Art der vorzulegenden Informationen wird im voraus vereinbart und in einem Anhang zu der Konvention aufgeführt.
III.

�"AMERIKA DIENST"

4. September 1957

III. Kernwaffen
Jeder Vertragspartner übernimmt die Verpflichtung, keine Kernwaffen
anzuwenden, sofern ihn nicht ein bewaffneter Angriff in die Situation
der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung gebracht hat.
IV. 2i&lt;£ Kontrolle des spaltbaren Materials
a) Die F^rtner der Konvention beschließen ferner:
1 . Daß äLle kiiiftige Produktion von spaltbarem Material unter internationaler Überwachung im eigenen Lande oder im Auslande ausschließlich für
nichtkriegerische Zwecke verwandt wird. Dies schließt auch die Aufspeicherung ein, die einen Monat später beginnt, nachdem der in Paragraph
VIII beschriebene internationale Kontrollausschuß bestätigt hat, daß
die Schaffung eines wirksamen Inspektionssystems zur Verifizierung der
Verpflichtungen abgeschlossen ist.
2. Daß sie bei der sofortigen Schaffung und bei der Aufrechterhaltung
eines derartigen Inspektionssystems zusammenarbeiten werden.
3. Daß die fünf im Unterausschuß vertretenen Regierungen mit dem Ziel,
das obige Vorhaben durchzuführen, eine Gruppe technischer Experten einsetzen werden, die sobald wie möglich zusammentreten soll, um das geforderte Inspektionssystem auszuarbeiten und um innerhalb der ersten zehn
Monate nach Inkrafttreten der Konvention den betroffenen Regierungen
einen Bericht über den Fortschritt ihrer Arbeit zur Annahme zu unterbreiten.
b) Die Partner, die zum Zeitpunkt des Produktionsstops für Waffenzwecke spaltbares Material für V/affenzwecke produzieren, verpflichten
sich, dafür Sorge zu tragen, daß der bereits vorhandenen friedlichen
Produktion im Inland oder im Ausland, einschließlich der Aufspeicherung,
unter internationaler Überwachung und bei kontinuierlicher Steigerung
in fairer Weise spaltbares Material zugeführt wird. Und sie verpflichten
sich in diesem Zusammenhang ferner
1. Das spezifische Mengenverhältnis an spaltbarem Material vergleichbarer Güte, das jeder von ihnen zu liefern hat, festzusetzen, sowie
2. nach dem für die Einstellung der Produktion spaltbaren Materials
für Waffenzwecke festgesetzten Datum mit der Überstellung dieses Materials zu den vorher besprochenen Zeitpunkten und in den vorher gemäß
dem festgelegten Verhältnis vereinbarten Mengen zu beginnen.
c) Vom Datum der Einstellung der Produktion spaltbaren Materials
für Waffenzwecke an, wie in Paragraph IV-1 festgelegt, verpflichtet sich
jeder Vertragspartner:
1. Keine Kernwaffen aus seinem Kontrollbereich zu transferieren oder
einen Transfer solcher Waffen in diesen Bereich zu akzeptieren, ausgenommen wenn ihre Verwendung auf Grund von Vereinbarungen zwischen dem
übertragenden Teil und dem empfangenden Teil in Übereinstimmung mit
Paragraph III stehen wird;
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�4. September 1957

"AMERIKA DIENST"

2. Keinen•Transfer irgendwelchen spaltbaren Materials aus seinem
Kontrollbereich vorzunehmen oder einen Transfer derartigen Materials
in diesen Bereich zu akzeptieren, es sei denn daß es sich um spaltbares Material für ausschließlich friedliche Zwecke handelt.
V. Kernwaffenversuche
a) Alle Vertragspartner der Konvention verpflichten sich, keine
Kernwaffenversuchsexplosionen für die Dauer von zwölf Monaten vom Datum des Inkrafttretens der Konvention an gerechnet zur Auslösung zu
bringen unter der Voraussetzung, daß ein Übereinkommen über die Einrichtung und Unterhaltung der notwendigen Kontrollen erreicht worden
ist. Hierzu gehören auch mit wissenschaftlichen Apparaturen ausgerüstete Inspektionsposten innerhalb des Territoriums der Sowjetunion
und der Vereinigten Staaten sowie in dem Gebiet des Pazifischen Ozpans
und - mit Zustimmung der betreffenden Regierungen - an anderen sich
als notwendig erweisenden Punkten.
b) Eine Gruppe von technischen Fachleuten, die von den im Unterausschuß vertretenen fünf Regierungen bestimmt werden, wird sobald
als möglich zusammentreten, um ein Inspektionssystem zur Verifizierung
der Versuche zu entwerfen.
c) Nach Beendigung der Zeitdauer von zwölf Monaten
Vertragspartner frei, die Versuche weiterzuführen, es sei
sie übereingekommen sind, die Aussetzung der Versuche für
teren Zeitraum unter wirksamer internationaler Inspektion
halten.

sind die
denn, daß
einen wei*»
beizube-

d) Falls das in Paragraph V-a) angeführte Inspektionssystem
zur Zufriedenheit aller betroffenen Partner arbeitet, und falls ein
alle betroffenen Partner befriedigender Fortschritt bei der Vorbereitung eines Inspektionssystems für die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials für Waffenzwecke erzielt wird, wie in Paragraph
IV-a)-1 .
vereinbart, verpflichten sich alle Vertragspartner, in
einem Zeitraum von weiteren zwölf Monaten keine Kernwaffenversuche
durchzuführen. Eine solche Verlängerung wird nur unter dem Vorbehalt
erfolgen, daß Kernwaffenversuche nach dem Ermessen eines jeden Vertragspartners 24 Monate nach Inkrafttreten der Konvention durchgeführt werden können, falls das Inspektionssystem für die Einstellung
der Produktion für Waffenzwecke nicht zur Zufriedenheit aller betroffenen Partner vor Ende des Zeitraums von 24 Monaten errichtet worden
ist und falls die Einstellung der Produktion für Waffenzwecke nicht
verwirklicht worden ist.
e) Falls die Versuche wieder aufgenommen werden, verpflichtet
sich jeder Vertragspartner, im voraus die Zeitpunkte für jede Versuchsreihe und das Ausmaß der dabei freiwerdenden Gesamtenergie anzukündigen und zu registrieren, für eine begrenzte Beobachtung dieser
Versuche Sorge zu tragen und die Menge des in die Atmosphäre gebrachten radioaktiven Materials zu begrenzen.
VT

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�frAMERIKA DIENST"

4- September 1957

VI. Die Kontrolle der in die äußeren Raumschichten vordringenden
Objekte
Alle Vertragspartner der Konvention stimmen überein, daß sie
innerhalb von drei Monaten nach Inkrafttreten der Konvention sich
gemeinsam um die Gründung eines technischen Ausschusses bemühen werden, der den Entwurf eines Inspektionssystems prüfen soll, durch das
die Gewähr gegeben wird, daß die Entsendung von Objekten durch den
äußeren Raum ausschließlich für friedliche und wissenschaftliche
Zwecke erfolgt.
VII. Sicherheiten gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs
a) Vom Inkrafttreten der Konvention an werden alle betroffenen
la.rtner bei der Errichtung und Aufrechterhaltung von Inspektionssystemen zusammenarbeiten, die Sicherheit gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffes bieten sollen.
b) Die Schaffung solcher Systeme wird von der Einigung über die
Detailfragen der Errichtung, der Aufrechterhaltung und der Arbeitsweise
abhängig gemacht. Aus Gründen der Dringlichkeit wird vorgeschlagen, daß
eine Arbeitsgruppe von Experten, die von den fünf im Unterausschuß vertretenen Regierungen ernannt werden, unverzüglich eingesetzt wird, um
die technischen Probleme zu prüfen und über ihre Feststellungen zu berichten, die die Grundlage für einen Anhang zu dem Vertragswerk bilden
könnten.
c) Hinsichtlich der Inspektion in der westlichen Hemisphäre
und in der Sowjetunion schlagen die Regierungen Kanadas, Frankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten folgendes vor:
1. Daß das gesamte Festlandgebiet der Vereinigten Staaten, ganz
Alaska einschließlich der Aleuten, das gesamte Gebiet Kanadas und das
gesamte Gebiet der Sowjetunion für die Inspektion freigegeben wird.
2. Falls die Regierung der Sowjetunion diesen weitgefaßten Vorschlag
ablehnt, mit dem der Vorschlag für die Inspektion in Europa, wie er in
Absatz d) unten angeführt wird, verbunden ist, schlagen die Regierungen
Kanadas, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten mit Zustimmung der Regierungen Dänemarks und Norwegens - vor, daß:
das gesamte Gebiet der Sowjetunion, Kanadas, der Vereinigten
Staaten (Alaska), Dänemarks (Grönland) und Norwegens nördlich des
Polarkreises; das gesamte Gebiet Kanadas, der Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion westlich des 140. Grades westlicher Länge, östlich
des 160. Grades östlicher Länge und nördlich des 50. Grades nördlicher
Breite; das gesamte restliche Gebiet von Alaska; das restliche Gebiet
der Kamtschatkahalbinsel sowie die Aleuten und die Kurilen für die
Inspektion freigegeben werden.
d) Hinsichtlich der Inspektion in Europa schlagen die Regierungen Kanadas, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten

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4. September 1957

Vereinigten Staaten unter der Voraussetzung, daß eine verbindliche
Zusage seitens der Sowjetunion zu einem der oben erwähnten Vorschläge
vorliegt, mit der prinzipiellen Übereinstimmung ihrer europäischen
Verbündeten und bei ständiger Konsultation mit ihnen - die unerlässliche Zustimmung der betroffenen Länder hierzu sowie zu allen gemeinsam Vereinbarten Ausnahmen vorausgesetzt - vor, daßrein Gebiet der
Inspektion unterworfen wird, das ganz Europa zwischen dem 40« Grad
nördlicher Breite im Süden, dem 10. Grad westlicher Länge im Westen
und dem 60. Grad östlicher Länge im Osten einschließt.
e) Wenn die Regierung der Sowjetunion diesen umfassenden Vorschlag ablehnt, dann könnte unter dem gleichen bereits oben zum Ausdruck gebrachten Vorbehalt eine begrenzte Inspektionszone in Europa
zur Diskussion gestellt werden, jedoch nur unter der Voraussetzung,
daß hierin ein beträchtlicher Teil des Territoriums der Sowjetunion
wie auch der anderen-osteuropäischen Länder einbezogen würde.
f) Das Inspektionssystem zum Schutz gegen einen Überraschungsangriff wird in jedem Falle eine Luftinspektion umfassen mit Bodenbeobachtungsposten an den Haupthäfen, Eisenbahnknotenpunkten, wichtigsten Verbindungsstraßen, bedeutdendsten Flughäfen und so weiter,
wie vereinbart. Außerdem würde es, wie vereinbart, bewegliche Bodeninspektionsgruppen mit im einzelnen festgelegten Vollmachten geben.
g) Bodenposten können nach Übereinkunft auf dem Territorium
der betreffenden Staaten stationiert werden, ohne daß sie auf die
Begrenzungen der in c) 1. und 2. beschriebenen Zonen beschränkt
bleiben. Die für die Bodeninspektion offenen Gebiete werden jedoch
nicht kleiner als die für die Luftinspektion vorgesehenen sein. Die
Beweglichkeit der Bodeninspektion würde in einem Abkommen spezifisch
definiert werden, und zwar in jedem Falle mit Zustimmung aller direkt
davon betroffenen Länder. Es würde außerdem für alle notwendigen Mittel der Nachrichtenverbindung gesorgt werden.
h) Innerhalb von drei Monaten nach Inkrafttreten der Konvention werden die Partner des Kontrollausschusses eine Bestandsliste
über ihre ständigen militärischen Einrichtungen vorlegen sowie über
die zahlenmäßige Stärke und die Standorte ihrer militärischen Streitkräfte und die festgelegten Rüstungen, einschließlich der Einsatzmittel für Atomwaffen, die innerhalb der vereinbarten Inspektionszone oder -zonen oder eines solchen weiteren Gebietes oder weiterer
Gebiete liegen, über die eine Vereinbarung getroffen ist.
i) Jedes anfängliche Inspektionssystem, das gegen die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs schützen soll, kann im Einvernehmen
aller Betroffenen dahingehend erweitert werden, daß dieses System
sich schließlich auch mit der Gefahr eines Überraschungsangriffs
von überall befaßt.
VIII« Die internationale Kontrollorganisation
a) Alle in der Konvention enthaltenen Verpflichtungen werden
von der Bedingung abhängen, daß ein wirksames internationales Kontroll-

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�4. September 1957

"AMERIKA DIENST"

Kontroll- und Inspektionssystem zur Verifizierung der Einhaltung der
Bestimmungen durch-alle Partner kontinuierlich durchgeführt wird.
b) Sämtliche Kontroll- und•Inspektionseinrichtungen, wie sie
in der Konvention beschrieben werden, sowie diejenigen, die im Zuge
ihrer Anwendung geschaffen werden mögen, werden im Rahmen einer internationalen, • unter der Ägide des Sicherheitsrates ins Leben gerufenen
Kontrollorganisation arbeiten, zu der als ihr Exekutivorgan ein Kontrollausschuß gehören wird, in dem bei wichtigen Entscheidungen die
Zustimmung der Vertreter der im Unterausschuß vertretenen Regierungen
und solcher Vertragspartner, über die eine Übereinstimmung erzielt
worden ist, notwendig sein wird.
c) Alle Vertragspartner der Konvention sind gehalten, dem Kontrollausschuß freizügig und laufend Informationen zukommen zu lassen,
um ihn bei der Verifizierung der Einhaltung der Bestimmungen der Konvention zu unterstützen, und zwar in dem Umfange, wie dies in einem
Anhang zur Konvention festgelegt wird.
d) Die Funktionen der internationalen Kontrollorganisation
werden durch Übereinkunft der beteiligten Parteien in dem Maße ausgeweitet werden, wie die in der Konvention vorgesehenen Maßnahmen
progressiv Anwendung finden»
e) Andere Fragen bezüglich der Organisation werden in Anhängen
zu der Konvention definiert werden. Zu diesen Fragen v/erden die Aufgaben gehören, die die Organisation durchführen soll, die Methode, nach
der sie arbeiten soll, ihre Zusammensetzung, ihr Verhältnis zur Generalversammlung und zum Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, ihr Abstimmungsmodus, ihre Arbeitsbedingungen, ihre Rechtsprechung, ihre
Immunitätsrechte sowie ihre Vorrechte.
IX. Waffenlieferungen
Neben anderen Rechten und Pflichten wird der Kontrollausschuß
die Vollmacht haben, ein System zur Regulierung der Ausfuhr und Einfuhr bestimmter Rüstungen zu prüfen.
X. Suspendierung von der Konvention
a) Jeder Vertragspartner wird im Falle eines schweren Verstoßes
durch einen anderen Vertragsschließenden oder der Maßnahme irgendeines
Staates, die die Sicherheit des anmeldenden Vertragspartners in dem
Maße beeinträchtigt, daß eine teilweise, oder völlige Suspendierung erforderlich wird,.das Recht haben, sich von seinen Verpflichtungen durch
schriftliche Bekanntgabe an die internationale Kontrollorganisation
teilweise oder ganz zu suspendieren.
b) Auf seinen Wunsch kann ein Vertragspartner seine Absicht, sich
von seinen Verpflichtungen zu suspendieren, im voraus mitteilen, um
Gelegenheit zu einer Korrektur der Verstöße oder beeinträchtigenden
Handlung zu geben.
XI.

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�4« September 1957

"AMERIKA DIENST"

XI. Dieses Dokument wird als Verhandlungsgegenstand vorgelegt
unter der Maßgabe, daß seine Bestimmungen nicht voneinander getrennt
werden können. Die Nichterfüllung einer dieser Bestimmungen der Konvention würde eine Situation schaffen, die auf Wunsch eines jeden
Vertragspartners eine Untersuchung erforderlich macht.

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./l1.9.57
ROBERT MURPHY; PROBLEME DER US-AUSSENPOLITIK
Ehrende Würdigung Suhrs

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Rede von Robert Murphy, des stellvertretenden Staatssekretärs im US-Außenministerium,
gehalten in New York am 9« September 1957 anlässlich
der Jahreskonferenz der amerikanischen Bürgermeister«

Im vergangenen Jahre waren Sie so liebenswürdig, mir zu gestatten, auf Ihrer Tagung im Februar in Washington zu erscheinen. Ich
empfinde es wirklich als eine Ehre, auch in diesem Jahre wiederum
bei Ihnen weilen zu dürfen, da ich sehr wohl das aktive und konstruktive Interesse kenne, das Ihre Mitglieder so konsequent an allen
Angelegenheiten bekunden, die sich auf die amerikanische Außenpolitik

beziehen. Häufig - wie das auch bei den Außenministerien in anderen
Ländern der Fall ist — wird ja die Abteilung unserer Zentralregierung, deren Aufgabe es ist, die auswärtigen Angelegenheiten zu behandeln, zeitweilig vielleicht ein wenig isoliert von der im eigenen
Lande gerade herrschenden öffentlichen Meinung, und zwar weitgehend
deshalb, weil es nun einmal die Verpflichtung dieser Regierungsstelle
ist, mit den Entwicklungen und der öffentlichen Meinung in den Weltgebieten außerhalb der Vereinigten Staaten so eng wie möglich in
Kontakt zu bleiben. Ich kenne keine Personengruppe, die mit der
öffentlichen Meinung in unserem Lande mehr vertraut ist als die
Bürgermeister unserer Großstädte sowie mittleren und kleineren
Städte. Ihr Verständnis für unsere Politik und unsere Ziele im Ausland kann und sollte daher von außerordentlichem praktischen Wert
für unser Land sein.
Wie Ihnen allen bekannt ist, ist unsere Außenpolitik, seitdem
in nicht allzu ferner Vergangenheit unser Land die Verantwortlichkeiten einer mächtigen Weltmacht auf sich nehmen mußte, zu einer
Angelegenheit geworden, die uns alle unmittelbar betrifft, ob uns
das nun lieb ist oder nicht. Das ist der Grund, warum wir im Außenministerium Wert darauf legen, in enger Verbindung mit Ihnen zu
bleiben und Gelegenheit zu haben, mit Ihnen die Probleme zu erörtern,
die von gemeinschaftlichem Interesse sind.
Ehe

�"AMERIKA DIENST"

11. September 1957

Ehe ich jedoch mit Ihnen über einige der Fragen unserer Außenpolitik diskutiere, gestatten Sie mir, der Persönlichkeit von Otto
Suhr, einem hervorragenden Bürgermeister und Kommunalpolitiker, meine
persönliche Hochachtung zu bezeugen. Seit Januar 1955 ist Otto Suhr
Oberbürgermeister der Stadt Berlin gewesen. Als Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses gehörte er seit 1946 der Stadtverwaltung
an. Sein beklagenswerter Tod vor einigen Tagen hat die Herzen aller,
die ihn kannten und mit ihm, besonders während der dramatischen Tage
nach dem Kriege, zusammengearbeitet haben, mit Trauer erfüllt. Die
Verantwortung, die schon normalerweise dem Bürgermeister jeder Großstadt zufällt, ist gewaltig. Im Falle von Berlin, das die ungeheure
Zerstörung und unsagbares Elend im zweiten Weltkrieg erlitten hat,
war sie erdrückend. Ich möchte Otto Suhr und dessen Amtskollegen, die
Jahre hindurch einen so großen Teil dieser Bürde zu tragen hatten,
hier - wenn auch in unzulänglicher Weise - die verdiente Anerkennung
zum Ausdruck bringen.
Unsere Regierung, unter der Leitung eines tüchtigen Außenministers, unterhält jetzt diplomatische Beziehungen zu 82 fremden Staaten, und das Außenministerium hat in diesen 82 ausländischen Staaten rund 250 Amtsstellen. Las Grundziel seiner Außenpolitik besteht
selbstverständlich darin, die Wohlfahrt und Sicherheit des amerikanischen Volkes zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist entsprechendes Handeln in einer Vielzahl von Situationen - politischen, wirtschaftlichen, militärischen und psychologischen - erforderlich. Unser
Freund, Staatssekretär Quarles, hat gerade für unsere nationale Sicherheit Vorsorge getragen. Ohne den Schutz einer tatsächlich bestehenden militärischen Stärke und die abschreckende Macht bewaffneter
Streitkräfte würde unser Land bei der gegenwärtigen Weltlage wenig
Hoffnung haben, eine Politik betreiben zu können, die für das amerikanische Volk von Vorteil ist. Der Grund dafür liegt darin, daß die
fundamentale Bedrohung der Vereinigten Staaten und anderer freier
Nationen von der um den Vorrang ringenden Macht und Gegnerschaft
gewisser kommunistischer Länder ausgeht.
Diese Bedrohung steht im Zusammenhang mit der Existenz eines
ungeheuren stehenden Heeres, der uneingeschränkten Entwicklung nuklearer Waffen, gewissen Schwächemomenten und unbeständigen Verhältnissen in einigen kritischen Gebieten der Welt, in denen ein starker
Druck in Richtung auf einen wirtschaftlichen oder politischen Umschwung
sich geltend macht, sowie durch die Aktivität eines weitreichenden
und zersetzenden Partei- und Propagandaapparates. Daher sehen wir
uns vor die Notwendigkeit gestellt, dieser anormalen Lage die Spitze
zu bieten, um die Bedrohung unserer nationalen Sicherheit auf ein
Mindestmaß herabzudrücken und eine internationale Atmosphäre zu
entwickeln, in der die Vereinigten Staaten in der Lage sein werden,
ihre grundlegenden Werte und Institutionen aufrechtzuerhalten.

Unsere

�11 . September 1957

"AMERIKA DIENST"

Unsere Politik ist von der Absicht bestimmt, die Führung und Haltung
der kommunistischen Regime in einer Weise zu beeinflussen, die unsere
eigenen Sicherheitsinteressen und die unserer Verbündeten fördert, sowie
Tendenzen zu begünstigen, welche die Kommunisten dazu veranlassen könnten,
ihre expansionistische Politik aufzugeben oder wenigstens abzuschwächen.
Bei der Verfolgung dieser Ziele stehen uns mancherlei Vorteile zur Seite,
dabei nicht zuletzt die Tatsache, daß wir die stärkste und lebenskräftigste Nation besitzen, welche die Welt bisher gesehen hat. Wir haben sowohl
außerordentliche Möglichkeiten als auch Verpflichtungen für die Übernahme
der Führerschaft.
Im vergangenen Jahr erweckte Herrn Nikita Chruschtschows öffentliche
Verurteilung des Stalinismus in zahlreichen Gebieten Hoffnungen auf grössere Freiheiten des Volkes. Wir sind darüber unterrichtet, daß innerhalb
der Sowjetunion und in anderen kommunistischen Gebieten es zu Bekundungen der Unzufriedenheit, hauptsächlich in studentischen und intellektuellen Kreisen, gekommen ist. Die sowjetische Wirtschaft ist weitläufiger
und komplexer geworden, und die veralteten stalinistischen Methoden des
Zwangs und straffer zentraler Kontrolle haben sich als unzulänglich erwiesen. Eine Randklasse ist in der Sowjetunion herangewachsen. Es handelt
sich um eine zahlenmäßig starke und wichtige Gruppe mit altüberkommenen
Interessen. Sie ist meiner Ansicht nach mehr auf materiellen Fortschritt
als auf revolutionäre Ziele bedacht.
Die Bande, welche die verschiedenen Angehörigen des kommunistischen
Blocks zusammenhalten, sind mancherlei Druck und mancherlei Spannungen
unterworfen. Ich weiß, Sie alle sind über die empfindliche Situation im
Bilde, die in Ungarn und Polen besteht. Der Aufstand in Ungarn hat erneut die wahre Natur des Kommunismus und den tiefen Haß offenbart, dem
er beim Volk begegnet. Es erwies sich auch, daß die Sowjetunion nicht
zögert, zur Anwendung nackter Gewalt ihre Zuflucht zu nehmen, wo sie
ihre Lebensinteressen ernsthaft bedroht fühlt. Wo immer es ihrem Zwecke
dient, und besonders im Nahen Osten, beschuldigt die Sowjetunion heuchlerisch die Westmächte des Imperialismus und Kolonialismus. Mehr in der
Nähe ihres Heimatlandes jedoch, in Osteuropa, werden wir Zeugen des
russischen Kolonialismus in seiner ältesten und brutalsten Form.
In der freien Welt ist ein ungeheuer großes Maß an gutwilligem Verständnis für das Leid und die Unterdrückung,
die von den befreundeten
Völkern Polens und Ungarns wie Osteuropas im allgemeinen erduldet wurden, vorhanden. Wir bemühen uns weiter um ihre größere Unabhängigkeit
und wollen hoffen, daß der Drang der Satelliten nach Freiheit sich dem
anpaßt. Das soll nicht bedeuten, daß die freie Welt versuchen wird,
der Sowjetunion feindliche Nachbarn längs ihrer Grenzen zu schaffen.
Im Innern der Sowjetunion scheint Chruschtschow, im Gegensatz zu
Stalin, nicht persönlich den Apparat der Geheimpolizei zu kontrollieren.
Seine Macht scheint, zumindesten im Augenblick, in wechselndem und unsicherem Maße auf der Armee, dem Zentralkomitee der Partei und der Dynamik einiger seiner politischen Bestrebungen zu beruhen. Einige der
Schwankungen der jüngsten Sowjetpolitik sind wahrscheinlich, mindestens
teilweise, auf die Veränderungen in diesem Gleichgewicht der Macht im
Innern zurückzuführen. Die gegenwärtige Linie scheint darauf abgestellt

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11. September 1957

abgestellt zu sein, aus der sowjetischen Industrieorganisation durch
Dezentralisation mehr herauszuholen und eine bessere Ernährung der
Sowjetbevölkerung durch neue landwirtschaftliche Methoden zu erreichen. Der Erfolg oder Mißerfolg dieser Politik kann sehr wohl über
das Schicksal der gegenwärtigen Machthaber entscheiden.
Auf dem Gebiete der sowjetischen Außenpolitik hat es deutlich
erkennbare Veränderungen in der Taktik gegeben. Von der stalinistischen Politik der Isolierung und des Stalten Krieges ist die Sowjetunion zu einer energischen und beredten Befürwortung der "friedlichen
Koexistenz" und der Ausweitung "freundschaftlicher Beziehungen" übergegangen. Während der militärische Apparat rücksichtslos weiter ausgebaut wird, ist in der Öffentlichkeit weniger von militärischer Gewalt
die Rede, und man nimmt erneut Zuflucht zu politischen Umsturz- und
wirtschaftlichen Durchdringungsversuchen in Gebieten, die dafür anfällig sind.
Wir haben also eigentlich keinen Grund zu der Annahme, daß sich
an den Zielen der sowjetischen Außenpolitik irgend etwas geändert hätte,
die auf die Erhaltung des sowjetischen Regimes und der Sicherheit des
"sozialistischen Vaterlandes", die Aufrechterhaltung der Stärke des
chinesisch-sowjetischen Blocks mit Unterstützung gewisser Regierungssysteme in Osteuropa, die Schwächung der Allianzen des Westens und
Isolierung der Vereinigten Staaten und schließlich die Erringung der
Weltherrschaft abgestellt sind.
Im Fernen Osten legen die chinesischen Kommunisten weiterhin großen Wert auf die Verstärkung ihrer Streitkräfte, was durch eine enorme
finanzielle Beanspruchung der bereits mit hohen Abgaben belasteten
und von Armut geplagten Bevölkerung erreicht werden soll. Sie sind
dabei, eine Rüstungsindustrie aufzubauen, werden weitgehend mit sowjetischen Ausrüstungen versorgt und legen strategisch wichtige Eisenbahnlinien, Straßen und Plugplätze, insbesondere im Räume gegenüber
der Insel Formosa,an« Das Peking-Regime lehnt auch weiterhin in bezug
auf das Gebiet von Formosa einen Verzicht auf Gewalt ab. Es hält noch
immer Amerikaner in Haft, trotz des vor zwei Jahren gegebenen Versprechens, alle in seinem Gewahrsam befindlichen amerikanischen Gefangenen freizulassen.
Bis jetzt hat es in Rotchina noch keine Schwierigkeiten innerhalb
der Führung ähnlich jener gegeben, wie sie die Sowjetunion zu verzeichnen hatte. Jedoch haben wirtschaftliche Probleme, schlechte Lebensbedingungen und die moralische Wirkung des ungarischen Aufstandes
offenbar zu erheblicher Unruhe unter einigen Schichten der chinesischen Bevölkerung geführt. Um die ideologische Kontrolle zu verstärken,
verfiel das Peking-Regime auf den Trick der Förderung offener Kritik
unter dem Motto: "Laßt hundert Blumen blühen". Dies bewirkte zum Teil
eine erstaunlich offene Kritik, die anschaulich vor Augen führte, wie
tief die Unzufriedenheit des Volkes ist. Die kommunistische Parteiführung parierte mit einem Gegenangriff auf die Kritiker, die prompt
als "Rechtsabweichler" bezeichnet wurden.
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Seit

A

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11i. September 1957

Seit kurzem wenden die Sowjets dem Nahen Osten ihre besondere Aufmerksamkeit zu. Die sowjetischen Bemühungen um eine Dur- chdringung dieses
wichtigen Raumes vollziehen sich auf verschiedenen Ebenen - wirtschaftlich, kulturell und politisch, und, was noch bezeichnender ist, durch
die Lieferung von Waffen. Ägypten, Syrien und der Jemen haben alle beträchtliche Lieferungen von militärischen Ausrüstungen aus dem Sowjetblock erhalten, gefolgt von einer Invasion sowjetischer Techniker zur
Unterweisung in der Bedienung dieser Ausrüstungen.
Die wenig glücklichen Ereignisse der jüngsten Zeit in Syrien lassen
es zweifelhaft erscheinen, ob die syrische Regierung an dem von ihr erhobenen Anspruch, eine Politik positiver Neutralität zu verfolgen, festhalten kann. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Nahen Osten berichtete am Mittwoch vergangener Woche der stellvertretende Staatssekretär
im Außenministerium, Loy Henderson, man hege in diesem Gebiet tiefe Besorgnis, daß Syrien doch noch dem internationalen Kommunismus zum Opfer
fallen und dann zu einer Ausgangsbasis für eine weitere Bedrohung der
Unabhängigkeit und Integrität dieses Raumes werden könnte. Auch vom
Standpunkt der Vereinigten Staaten aus gibt diese Situation Anlaß zu
großer Besorgnis, da sie die schon seit langem bestehende Bedrohung der
arabischen Interessen seitens der Sowjets deutlich verschärft hat.
Durch die Nahost-Doktrin sind die Vereinigten Staaten in die Lage
versetzt, das Hauptproblem der Sicherheit dieses Raumes wirksam angehen
zu können. Diese Doktrin, die die Grundlage der Politik der Vereinigten
Staaten gegenüber dem Nahen Osten bildet, tritt nur auf Ersuchen der
betreffenden Länder in Kraft und ist dazu bestimmt, ihre Unabhängigkeit
gegenüber den Drohungen des internationalen Kommunismus zu stärken.
Die sowjetische Politik sucht das arabisch-israelische Problem, das
in seiner Hartnäckigkeit eine der Hauptursachen für die Unruhe im Nahen
Osten darstellt, zum eigenen Vorteil auszuschlachten. Seitens der Nationen, die Kontingente für die Polizeitruppen der Vereinten Nationen stellen,
besteht jedoch ein zunehmendes Interesse an einer Lösung des Problems,
und innerhalb der Vereinten Nationen wird man sich immer mehr bewußt,
wie notwendig es ist, daß ihre Entscheidungen strikt durchgesetzt werden.
Sich mit besonderem Nachdruck für Frieden und Abrüstung einzusetzen,
war von jeher charakteristisch für unser Land. Manche sind sogar überzeugt, daß unsere Regierung in ihrem Einsatz für Frieden und Abrüstung
zuviel des Guten getan hat. Wenn ja, so geschah es in dem aufrichtigen
Wunsch, unser Volk und andere Völker von einer überschweren Last zu befreien. Die Geschichte unseres Landes ist der überzeugendste Beweis für
die - friedlichen Absichten unseres Volkes. Mit Ausnahme einiger Vorkehrungen bei der Kriegsmarine traf uns der zweite Weltkrieg im allgemeinen
unvorbereitet. Unmittelbar nachdem dieser Krieg zu Ende war, rüsteten
wir mit einem Eifer ab, der schon fast an Leichtsinn grenzte. Während
wir unsere friedlichen Absichten unter Beweis stellten, unterbrachen
die Machthaber der Sowjetunion keinen Augenblick ihren aggressiven
Aufbau von Land-, See- und Luftstreitkräften sowie ihrer militärischen
Ausrüstung.
In

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11. September 1957

In all den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg hat die Sowjetunion
nach Möglichkeiten Ausschau gehalten, die ihr eventuell Vorteile
hätten bringen können. Sie tat dies bei der Blockade Berlins, und sie
tat es in Korea. Nur sofortiges und energisches Handeln hielt die
sowjetischen Machthaber davon ab, in Berlin und Korea die Freiheit
auszulöschen. Erst als sie sich vergewissert hatten, daß Gewalt mit
Gewalt vergolten werden würde, zogen sie sich zurück. Sie reagierten
auf energisches und entschlossenes Handeln. Wenn sie schon zu Beginn
sicher gewesen wären, daß wir in der Lage und entschlossen waren,
eine Aggression in Korea zu verhindern, wären dort vielleicht die
tragischen Verluste an Menschenleben erspart geblieben.
Da wir um die Gefahren des modernen Krieges und seine Bedrohung
des Fortbestehens der Zivilisation in der Welt wissen, haben wir immer
wieder die Initiative ergriffen, um ein umfassendes Abrüstungsabkommen
mit Vorkehrungen für die Gewährleistung der Sicherheit zustande zu
bringen. Es ist durchaus möglich, daß diese Initiative mancherorts
fälschlicherweise als ein Nachlassen der Kräfte Amerikas interpretiert
worden ist. Wir sind eben erst Zeuge einer Reihe prahlerischer sowjetischer Verlautbarungen über Fortschritte in der Schlagkraft, im Bau
interkontinentaler Raketen, in der Stärke der See- und Luftstreitkräfte geworden. Sie haben unsere aufrichtigen Abrüstungsvorschläge
verächtlich abgetan. Friedliebende. Menschen versuchen sie durch die
trügerische Phrase von der "Ächtung der Bombe" zu beeindrucken, während
sie gleichzeitig gewissen Ländern mit militärischen Ambitionen überreiche Waffenangebote zu Spottpreisen machen. Ich glaube, man sollte
jenen Ländern, die sich durch die sowjetische Machtpolitik und die
Möglichkeit des Erwerbs sowjetischer Waffen beeindrucken lassen, klar
machen, daß sie angesichts der kommunistischen Methoden, die sich ja
nicht geändert haben, ernstlich Gefahr laufen, einfach geschluckt zu
werden und ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Auch wäre es unklug, die
industrielle und militärische Potenz unseres Landes zu unterschätzen
und unsere Ziele falsch zu deuten.
Unverblümte Drohungen mit Gewalt entsprechen bester sowjetischer
Tradition. Aber auch die Versuche wirtschaftlicher Durchdringung werden von den Sowjetmachthabern dort verstärkt betrieben, wo sie sich
größten Gewinn versprechen. Eine flexible Kombination von Maßnahmen
ist notwendig, um dieser weitgespannten kommunistischen Drohung begegnen zu können.
Einer der flexibelsten und wirksamsten Bestandteile unserer nationalen Verteidigung ist das Programm für gemeinsame Sicherheit. Dieses Programm hat mehrfach in bedeutsamer Weise zur Erreichung unserer
nationalen Ziele beigetragen. Es hat dazu beigetragen, daß freie Länder ihre militärischen Streitkräfte aufrechterhalten und so die kommunistische Aggression abwehren oder verhindern konnten} es hat freien
Ländern die Möglichkeit gegeben, mit inneren Unruhen, die ihre Unabhängigkeit und Stabilität gefährdeten, fertig zu werden. Es hat dazu
beigetragen, freie Länder weniger abhängig von der Hilfe des Sowjetblocks zu machen und ihnen so Situationen zu ersparen, in denen die Abhängigkeit von solcher Hilfe sie ganz in den Machtbereich des inter-

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internationalen Kommunismus bringen konnte. Und schließlich hat es
den Satellitenstaaten eine größere Möglichkeit gegeben, ihre Bindungen an Moskau zu lockern oder ganz zu lösen.
Dieses gesamte Programm zielt jedoch, wie Präsident Eisenhower
erklärt hat, nicht darauf ab, abhängige Verbündete zu gewinnen. Wir
wollen anderen Ländern dabei helfen, stark zu werden und frei zu
bleiben und durch ein Leben in Freiheit zu lernen, wie man Armut überwinden und die Segnungen von Frieden und Fortschritt erfahren kann.
Diese Ziele dienen unseren eigenen nationalen Interessen.
Vor einem Gremium wie diesem, mit großer Erfahrung in kommunalen Fragen und staatspolitischer Führerschaft, brauche ich die Bedeutung und Verflochtenheit unserer auswärtigen Angelegenheiten nicht
besonders zu betonen.
Sie haben, wenn auswärtige Besucher in ihre Städte und Verwaltungen kamen, uns bei vielen Gelegenheiten großzügige Unterstützung
gewährt. Viele Ihrer Städte beteiligen sich am Schwesterstadtprogramm, einer wirksamen Form diplomatischer Beziehungen auf der Menschzu-Mensch-Ebene, die amerikanische und ausländische Städte mit Banden
der Freundschaft und Anteilnahme verbinden. Ihr Verständnis und Ihre
Unterstützung wird auch in Zukunft von größtem Wert für Ihre Regierung
sein.

* * * * *

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Allg./18.9.57
DIE STAATSRECHTLICHEN ASPEKTE DER SPANNUNGEN IN LITTLE ROCK
Einzelstaat kontra Bundesregierung

WASHINGTON - (AD) - Die Frage der Rassenintegration an den
öffentlichen Schulen im Süden der USA, die gegenwärtig die Gemüter
der amerikanischen Öffentlichkeit erhitzt, ist durch die Weigerung
des Gouverneurs des Staates Arkansas, Orval Faubus, der Entscheidung
eines Bundesgerichtes Folge zu leisten, auf eine neue Ebene gerückt
worden. Es geht hier nicht mehr allein um gefühlsmäßige Regungen
der weißen und farbigen Bevölkerung oder um rein bürgerrechtliche
Fragen, sondern um das alte dornige Problem der einzelstaatlichen
Autorität gegenüber den Befugnissen der Bundesregierung der Vereinigten Staaten. Die USA sind gemäß ihrer Verfassung kein Zentralstaat, sondern eine Föderation in mancher Beziehung recht selbständiger Einzelstaaten, und die staatsrechtlichen Aspekte der Raesenintegration sind keineswegs einfach.
Dieses Problem der Machtabgrenzung zwischen den Einzelstaaten
und dem Bund, wie es in Little Rock aufgetreten ist, greift zurück
bis auf die langen und heißen Debatten in der verfassunggebenden
Versammlung im Jahre 1787 und die später immer wieder auftretenden
staatsrechtlichen Konflikte, die sich aus dem amerikanischen System
der Machtverteilung zwischen den Einzelstaaten und der Bundesregierung ergeben haben.
Der föderative Charakter der amerikanischen Staatsform bringt
eine Teilung der politischen Macht zwischen einer Zentralregierung
mit gesamtnationalen Befugnissen auf bestimmten Gebieten und den
Regierungen der 48 Einzelstaaten mit sich, die jeweils innerhalb
ihrer Grenzen ganz bestimmte Rechte und Machtbefugnisse haben. Dieses föderative System steht im Gegensatz zu einem Staat, in dem Provinzregierungen in fast allen Fragen der Entscheidung einer Zentralregierung unterworfen sind.
Das föderative System, wie es in der Verfassung der Vereinigten
Staaten niedergelegt ist, ersetzte die ziemlich lose und kaum praktisch wirksame Konföderation von Staaten, die nach dem Ende der
amerikanischen Revolution bis zum Inkrafttreten der Verfassung im
Jahre 1789 existierte, Mit der Annahme der Verfassung gaben die einzelnen Staaten ihre Souveränität zum größten Teil zugunsten der

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18. September 1957

der Zentralregierung auf, behielten sich jedoch noch viele Machtbefugnisse vor. Die Einzelstaaten der USA sind seither immer sehr darauf
bedacht gewesen, ihre Rechte gegenüber jeder Bevormundung durch die
Bundesregierung zu bewahren und zu schützen.
Bezüglich der Abgrenzung der nationalen und der einzelstaatlichen
Machtbefugnisse im Rahmen der amerikanischen Verfassung heißt es in
dieser lediglich:
"Diese Verfassung, die in ihrem Verfolg zu ablassenden Gesetze
der Vereinigten Staaten sowie alle im Namen der Vereinigten Staaten
abgeschlossenen oder künftig abzuschließenden Verträge sind oberstes
Gesetz des Landes; und die Richter in jedem Einzelstaat sind daran
gebunden, auch wenn ihnen in der Verfassung oder den Gesetzen eines
Einzelstaates Bestimmungen entgegenstehen.
Die obengenannten Senatoren und Abgeordneten, die Mitglieder der
gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten und alle Verwaltungsund Justizbeamten sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Einzelstaaten haben sich durch Eid oder Gelöbnis zu verpflichten, dieser
Verfassung zu dienen..."
Diese Abschnitte des Artikels 6 der Verfassung vereinen die
nationale Regierung und die Einzelstaaten in einer Regierungsorganisation, in einem Bundesstaat.
Die Abgrenzung der Machtbefugnisse zwischen Einzelstaat und Bundesregierung wird weiter im zehnten Zusatzartikel zur Verfassung definiert, wo es heißt: "Die Machtbefugnisse, die von der Verfassung weder den Vereinigten Staaten übertragen noch den Einzelstaaten entzogen werden, bleiben den Einzelstaaten oder dem Volke vorbehalten."
In Abschnitt 8 des Artikels 1 der Verfassung wird festgelegt,
daß der Kongreß das Recht hat, "alle zur Ausübung der vorstehenden
Befugnisse und aller anderen Rechte, die der Regierung der Vereinigten Staaten, einem ihrer Zweige oder einem einzelnen Beamten auf Grund
dieser Verfassung übertragen sind, notwendigen und zweckdienlichen
Gesetze zu erlassen."
*
Die Auslegung dieser Bestimmungen über die Verteilung der einzelstaatlichen und nationalen Machtbefugnisse ist jedoch für den Staatsrechtler nicht immer leicht gewesen. Die Tatsache, daß bestimmte Machtbefugnisse gleichzeitig sowohl von der Bundesregierung als auch einer
einzelstaatlichen Regierung ausgeübt werden können, hat manchmal zu
einer gewissen Unsicherheit und zu Meinungsverschiedenheiten darüber
geführt, wo nun die Trennungslinie zwischen beiden Regierungen verlaufe. So ist zum Beispiel die Befugnis, den Handel zwischen den Einzelstaaten gesetzlich zu regeln, oft als das ausschließliche Recht
der Einzelstaaten angesehen worden, während sich in der Praxis jedoch gezeigt hat, daß es sich hier um eine sich überschneidende Befugnis handelt, die oft auch von der Bundesregierung ausgeübt wird.
Weiter

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Weiter ist dem Kongreß der Vereinigten Staaten das Recht zugestanden,
Steuern zu erheben, während auf der anderen Seite diese gleiche Befugnis den Einzelstaaten nicht vorenthalten ist.
Im Falle der öffentlichen Schulen gibt die Verfassung dem Kongreß
keine Vollmacht, Einrichtungen der öffentlichen Erziehung zu unterhalten oder gesetzlich zu beeinflussen, woraus sich der Sachverhalt zu
ergeben scheint, daß, wie aus dem zehnten Verfassungszusatz zu ersehen
wäre, dies ausschließlich unter die Jurisdiktion der einzelstaatlichen
Regierungen fallen würde.
Ganz so klar liegen jedoch auch auf dem Gebiet des Schulwesens
die Verhältnisse nicht. Auch hier kommen Befugnisse der Bundesregierung
zum Tragen und auf Grund des 14» Verfassungszusatzes, der es der
Zentralregierung zur Pflicht macht, die Rechte aller Bürger zu schützen,
fällt die gesetzliche Regelung für die öffentlichen Schulen unter die
Jurisdiktion sowohl der einzelstaatlichen als auch der Bundesbehörden.
In dem Zusatzartikel XIV der Verfassung heißt es nämlich:
"Alle Personen, die in den Vereinigten Staaten geboren oder eingebürgert und ihrer Regierungsgewalt unterworfen sind, sind Bürger der
Vereinigten Staaten und des Einzelstaates, in dem sie ihren Wohnsitz
haben. Keiner der Einzelstaaten darf Gesetze erlassen oder durchführen,
die die Vorrechte von Bürgern der Vereinigten Staaten beschränken, und
kein Staat darf irgend jemandem Leben, Freiheit oder Eigentum nehmen,
es sei denn, durch ordentliches Gerichtsverfahren nach Recht und Gesetz, oder irgend jemandem innerhalb seines Gebietes den gleichen
Schutz durch das Gesetz versagen."
Gerade diese Frage der Beschränkung von Vorrechten und des gleichen gesetzlichen Schutzes für alle war es nun, die farbige Bürger
im Süden der USA auf den Plan rief. Vor einigen Jahren reichten farbige Bürger bei Gerichten die Klage ein, daß ihnen ihre verfassungsmäßigen Rechte unter Zusatzartikel XIV der Verfassung von den Bezirksschulbehörden verwehrt würden, die die Aufnahme farbiger Schüler an
weißen Schülern vorbehaltenen öffentlichen Schulen ablehnten.
Diese Fälle durchliefen den gerichtlichen Instanzenweg und kamen
schließlich vor das oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten,
das daraufhin seine berühmte Entscheidung aus dem Jahre 1954 fällte,
nach der die zwangsweise Trennung von farbigen und weißen Schülern an
öffentlichen Schulen als verfassungswidrig bezeichnet wurde. Der
Oberste Gerichtshof ordnete weiter an, daß diese Rassentrennung möglichst rasch zu beseitigen sei. Dabei überließ es das Oberste Bundesgericht den einzelnen Bezirksbundesgerichten der betroffenen Gebiete,
unter Berücksichtigung der örtlichen Begebenheiten einen Zeitplan für
die Aufhebung der Rassentrennung auszuarbeiten.
In sehr vielen Fällen gelang es, einen Modus vivendi zu finden
und das Problem ohne größere Schwierigkeiten und ohne das Auftreten
staatsrechtlicher Fragen zu lösen.
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In Little Rock, wo es jetzt zu den sattsam bekannten Spannungen
und Mißhelligkeiten kam, hatte eine Gruppe von farbigen Eltern bei
einem staatlichen Gerichtshof darauf geklagt, daß die Schulbehörde
von Little Rock angewiesen werde, farbige Kinder in die bisher nur
weißen Schülern vorbehaltene Oberschule aufzunehmen.
Das einzelstaatliche Gericht gab diesem Antrag nicht statt. Der
Richter des Bundesdistriktgerichtes, Ronald Davies, revidierte jedoch
auf Grund des Artikels 6 der Verfassung - aus dem hervorgeht, daß
Bundesgerichte die Befugnis und die Pflicht haben, alle Entscheidungen einzelstaatlicher Gerichte, bei denen es sich um Fragen der Bundesverfassung handelt, zu überprüfen - die Entscheidung des fraglichen
einzelstaatlichen Gerichtes und wies die Schulbehörde der Stadt an,
die farbigen Schüler im Rahmen eines geplanten Programms zur Aufhebung der Rassentrennung zuzulassen.
Als die farbigen Schüler versuchten, das Gebäude der Oberschule
in Little Rock zu betreten, rief der Gouverneur des Staates Arkansas,
Orval Faubus, die Nationalgarde auf und hinderte die Neger am Schulbesuch. Der Gouverneur erklärte, er handle im Rahmen seiner Befugnis,
die. Nationalgarde zur Aufrechterhaltung von Ruhe'und Ordnung einzusetzen. Er habe Grund anzunehmen, so sagte er, daß es zu Gewalttätigkeiten und Auseinandersetzungen kommen würde.
Durch diesen Einsatz der Nationalgarde kam nun das Problem der
Abgrenzung der Machtbefugnisse zwischen Einzelstaat und Bundesregierung erst richtig zum Tragen, da diese Nationalgarde von der Bundesregierung ausgebildet und ausgerüstet wird. In Friedenszeiten sind
die Gouverneure der verschiedenen Staaten gleichzeitig die Befehlshaber der jeweiligen Einheiten der Nationalgarde. Die Nationalgarde
kann jedoch in Zeiten des Krieges von dem Präsidenten zum Bundesdienst aufgerufen werden und hat damit einen nicht eindeutigen Status.
Nachdem Bundesrichter Davies erneut die Weiterführung der Rassenintegration angeordnet hatte, zog der Gouverneur die Nationalgarde
nicht ab, sondern postierte sie weiterhin außerhalb der Schule und
hinderte die fartigen Schüler am Betreten dee Gebäudes. Am 9« September ersuchte nun Bundesrichter Davies den amerikanischen Generalstaatsanwalt - gleichzeitig Justizminister - als "Freund des Gerichtes" den Fall in die erste Instanz zu bringen. Auf Grund der Darlegungen des Richters ersuchte Generalstaatsanwalt Brownell diesen, eine
einstweilige Verfügung gegen Gouverneur Faubus und zwei Offiziere
der Nationalgarde von Arkansas zu erlassen. Am 10. September wurden
der Gouverneur und die beiden Offiziere aufgefordert, am 20. September zu einer Verhandlung vor dem Bundesgericht zu erscheinen, auf
der über das Erlassen einer einstweiligen Verfügung beschlossen werden soll, durch die ihnen eine weitere Einmischung in die Aufnahme
von farbigen Schülern an der Oberschule von Little Rock untersagt wird.
Gouverneur Faubus hat erklärt, daß er sich einer Rassenintegration in den Schulen seines Staates keineswegs widersetze. Er wies dabei auf die Städte Ozark, Van Buren und Fort Smith hin, wo mit dem

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dem Beginn des neuen Schuljahres auch die Aufhebung der Rassentrennung
angelaufen sei. Er bestand darauf, daß er im Rahmen seiner Amtspflichten handele, wenn er Gewalttätigkeit und Unordnung innerhalb seines
Staates verhindere und stützte sich dabei auf die ihm zustehenden
einzelstaatlichen Rechte. In einem Interview mit der Presse unterstrich Faubus, daß "bestimmte unveräußerliche Rechte des Staates
existieren, die vielleicht das Bollwerk und die Stärke der Union
gewesen sind." Solange jeder Staat das Gefühl habe, daß er an Recht
und Gesetz glauben könne, könne er auch etwas für die Regelung seiner
eigenen Angelegenheiten tun. Gerade dieses Gefühl des Rechtes und
der Sicherheit mache die Stärke der Union um so größer.
Gouverneur Faubus hat auf jeden Fall die Aufforderung zum Erscheinen vor dem Bundesgericht angenommen und erklärt, er werde wohl
auch die Entscheidung des Gerichtes akzeptieren. Sein Zusammentreffen
mit Präsident Eisenhower zu einer Aussprache über die ganzen anstehenden Probleme wird weiter dazu beitragen, die Lage zu klären und eine
für alle Teile befriedigende Lösung zu finden. Der Gouverneur selbst
hat in einem Telegramm an Eisenhower ausdrücklich erklärt, daß "alle
guten Bürger selbstverständlich alle ordentlichen Entscheidungen unserer Gerichte befolgen müssen" und daß es sein Wunsch sei, der Anordnung des Bundesgerichtes in Übereinstimmung mit seinen Pflichten
im Rahmen der Verfassung der Vereinigten Staaten und der des Staates
Arkansas nachzukommen.

* * * * *

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D I E N S T

Allg./25.9.1957

JOHN FOSTER DULLES FORDERT "ATMOSPHÄRE DES VERTRAUENS"
ALS GRUNDLAGE FÜR EIN ABRÜSTUNGSABKOMMEN

NEW YORK - (AD) - Nachsteh end übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut einer Rede des US-Außenministers John Foster
Dulles, die er am 19» September 1957 vor der 12. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York gehalten
hat. Hauptthemen der Rede waren die Abrüstung und die
Lage im Nahen Osten.

"Es ist für mich eine große Auszeichnung gewesen, an der Arbeit
der Vereinten Nationen seit ihrem Beginn teilnehmen zu dürfen. Ich
schätze mich glücklich, daß ich heute diese Verbindung fortsetzen
kann, indem ich an der allgemeinen Debatte dieser zwölften Vollversammlung teilnehme.
Die Internationale Atomenergiebehörde
Das vergangene Jahr hat die Errichtung einer wichtigen neuen
internationalen Behörde - der Internationalen Atomenergiebehörde gebracht.
Genauso wie Sie alle, die am 8. Dezember 1955 hier anweseni waren, erinnere ich mich an die begeisternden Worte Präsident Eisenhowers. 'Wir müssen', so sagte er, 'einen Weg finden, auf dem die
wunderbare Erfindungsgabe des Menschen nicht zu seiner Vernichtung
gebraucht, sondern seinem Leben geweiht wird.1 Zu diesem Zweck schlug
er die Schaffung einer Internationalen Atomenergiebehörde vor.
Es war nicht einfach, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.
Große Hindernisse türmten sich zu Anfang auf. Vier Jahre der Geduld,
der Festigkeit und der Diplomatie waren nötig, um dieses unser Ziel
zu erreichen. Aber jetzt ist dieses Ziel endlich doch erreicht worden.
Recht und Gerechtigkeit
Andere wesentliche Maßnahmen der Vereinten Nationen während des
vergangenen Jahres bezogen sich auf Ägypten und Ungarn. Ich will auf

�25. September 1957

"AMERIKA DIENST

auf diese Dinge jetzt nicht im einzelnen eingehen, da sie uns allen
noch frisch im Gedächtnis sind. Dennoch möchte ich daran erinnern,
daß ich mich - als ich auf diese Frage im Verlaufe der ersten Sondersitzung der Vereinten Nationen einging - auf den Artikel 1 unserer
Charta bezog, der friedliche Lösungen 'in Übereinstimmung mit den
Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechtes' fordert. Ich
habe hier an dieser Stelle die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß
wir in Zukunft vielleicht mehr tun könnten, um diesem Grundsatz
Nachdruck zu verleihen.
Leider gibt es heute auf der Welt sehr viel Ungerechtigkeit.
Die gewaltsame Teilung Deutschlands ist ein Unrecht, an das man
sofort denken muß.
Viele Mitgliedstaaten scheinen auch nur zögernd dem Artikel 36
nachzukommen, der besagt, daß 'rechtliche Streitfragen als allgemeine
Regel von den Parteien an den Internationalen Gerichtshof verwiesen
werden sollten.1
Wenn die Geschichte etwas bewiesen hat, dann ist es die Tatsache,
daß die Erhaltung eines dauerhaften Friedens nicht möglich ist, wenn
dieser Friede nicht auf Gerechtigkeit und Recht basiert.
Abrüstung
Ich möchte jetzt von der Begrenzung der Rüstung sprechen. Sie
ist eine der wichtigsten Aufgaben, die die Charta den Vereinten Nationen auferlegt.
Eine Begrenzung der Rüstung ist in jedem Fall bereits eine
schwierige Aufgabe. Die an sich schon damit verbundenen Schwierigkeiten werden heute noch durch das akute Mißtrauen vergrößert.
Was die Dinge noch schwieriger macht, ist das Vorhandensein
neuer Waffen, deren Kontrolle nicht durch irgendwelche wissenschaftlichen Mittel sichergestellt werden kann. Die Sowjetunion hat in
ihrer Note vom 10. Mai 1955 darauf hingewiesen, daß es unmöglich
sei, die 'geheime Produktion von Atom- und Wasserstoffbomben' zu
verhindern.
Deshalb, so folgerten die Sowjets, 'kann » solange in den Beziehungen zwischen den einzelnen Staaten nicht eine Atmosphäre des
Vertrauens geschaffen worden ist - ein Abkommen über die Errichtung
einer internationalen Kontrolle nur dazu dienen, die Wachsamkeit
der Völker einzuschläfern. Ein solches Abkommen wird ein falsches
Gefühl der Sicherheit hervorrufen, während in Wirklichkeit immer
die Drohung eines Überraschungsangriffs vorhanden ist.*
Wir stimmen darin überei'n, daß eine 'Atmosphäre des Vertrauens'
notwendig ist. Wie sollen wir sie schaffen? Ein Weg besteht für die
großen Militärmächte darin, durch ihr Verhalten zu beweisen, daß

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�25. September 1957

"AMERIKA DIENST"

daß sie ihren in der Charta der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebrachten Verpflichtungen nachkommen werden. Leider fehlt diese Basis
des Vertrauens. Ich brauche nur an die jüngste Resolution der Vollversammlung zu erinnern, die sich mit dem tragischen Schicksal Ungarns befaßt, Es gibt jedoch noch eine andere Möglichkeit, ein solches Vertrauen zu schaffen, und diese besteht darin, daß die großen Militärmächte eine gegenseitige Inspektion akzeptieren, die in
der Praxis einen 'Überraschungsangriff, von dem die sowjetische
Note sprach, unwahrscheinlich machen wird. Bann sind wir nicht mehr
auf die Worte des anderen oder seine Beteuerungen angewiesen. Irgendwelche bösen Absichten wären dann so leicht zu entdecken, daß
dies keine nutzbringende Taktik wäre, selbst nicht für diejenigen,
die zu solchen neigen^
Biese Konzeption, steht hinter dem Vorschlag der 'Offenen Himmel'
Präsident Eisenhowers, den er auf der Konferenz auf höchster Ebene
in Genf im Juli 1955 machte. Diese Konzeption hat sofort weltweiten
Beifall gefunden und ist von der Vollversammlung unterstützt worden.
Sie ist das Kernstück der gemeinsamen Vorschläge, über die vier der
fünf Mitglieder unseres Abrüstungsunterausschusses im vergangenen
Monat Einigung erzielten.
Die "gemeinsamen Vorschläge"
'Ich werde Ihnen kurz diese Vorschläge umreißen, denn sie werden
zweifellos in den Beratungen dieser zwölften Vollversammlung eine
bedeutende Rolle spielen.
1. Die gemeinsamen Vorschläge würden eine gegenseitige Inspektion
als Schutz gegen einen Überraschungsangriff gewährleisten. Präsident
Eisenhower hat vorgeschlagen, dies auf dem Wege der Luftinspektion
zu erreichen. Die Herren Bulganin und Chruschtschow hatten eine Bodeninspektion vorgeschlagen. Die gemeinsamen Vorschläge Vereinen diese
beiden Arten der Inspektion und stimmen sie aufeinander ab.
Hinsichtlich der Anfangszonen für eine Luftinspektion lassen
die Vorschläge den Sowjets eine große Auswahl. Wenn sie eine Inspektion in der Sowjetunion und in Osteuropa zulassen, so können sie
eine Inspektion in all den Gebieten haben, von denen her die Sowjetunion einen Angriff befürchten zu müssen behauptet, zum Beispiel Westeuropa, die Vereinigten Staaten und Kanada. Es gibt nur wenige amerikanische Stützpunkte in anderen Gebieten, aber, wie ich bereits 1955
in Genf erklärte, würden die Vereinigten Staaten nichts dagegen einzuwenden haben, diese für eine Inspektion freizugeben.
Sollte die Sowjetunion es vorziehen, zunächst nur auf einer bescheidenen und versuchsweisen Basis zu beginnen, so bieten Kanada,
Dänemark, Norwegen und die Vereinigten Staaten ein solches Gebiet
im Norden an. Es ist ferner der Bereitschaft Ausdruck gegeben worden,
eine kleine Anfangszone in Europa festzulegen.
So

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�25. September

"AMERIKA DIENST"

1957

So werden die gemeinsamen Vorschläge, was alle zugestehen, der
grundlegenden Schwierigkeit gerecht: dem Mangel an Vertrauen und der
Gefahr eines Überraschungsangriffes.
2. Die gemeinsamen Vorschläge befassen sich dann mit dem Problem
der nuklearen Waffen. Sie sehen vor, daß a) kein spaltbares Material
mehr für Waffenzwecke hergestellt wird, sobald ein ausreichendes Kontrollsystem errichtet ist, und daß b) das vorhandene und für Waffenzwecke verfügbare spaltbare Material gleichmäßig reduziert wird, indem
es für friedliche Zwecke Verwendung findet.
Die meisten Experten, die sowjetischen eingeschlossen, stimmen
darin überein, daß es keinen zuverlässigen Weg gibt, um die vorhandenen Vorräte an spaltbarem Material zu kontrollieren und ihre heimliche
Verwendung auszuschließen. Aber wir glauben, es kann sichergestellt
werden, daß die künftige Produktion von spaltbarem Material nicht
mehr für Waffenzwecke Verwendung findet. Dies haben wir vorgeschlagen,
und zweifellos wäre es Wert, dies zu tun.
5. Die gemeinsamen Vorschläge fordern eine Aussetzung der Versuche mit nuklearen Waffen für zwei Jahre und länger, wenn die anderen
Aspekte des Programms wie vereinbart voranschreiten.
4» Die gemeinsamen Vorschläge würden zu einer Erforschung des
Weltraums mit dem Ziele führen, daß dieser lediglich für friedliche,
nichtmilitärische Zwecke benutzt wird. Die Sowjetunion hat bekanntgegeben, daß sie Wege gefunden hat, um unter Benutzung der äußeren
Atmosphäre eine unvorstellbare Zerstörung nach allen Teilen der Erde
zu tragen. Die Vereinigten Staaten wissen ebenfalls, wie dies bewerkstelligt werden kann. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, daß dies
nicht geschieht.
5. Die gemeinsamen Vorschläge sehen ferner einen Anfang in der
Reduzierung der Stärke der bewaffneten Streitkräfte sowie die Überführung eines Teiles der gegenwärtigen Waffenvorräte in international
überwachte Depots vor.
' Versuche'
Ich möchte hier noch einige Worte über das vieldiskutierte Problem der 'Versuche' sagen. Wir streben danach, durch heute genau kontrollierte Versuche herauszufinden, wie die gefährlichen radioaktiven
Stoffe, die jetzt bei der Explosion thermonuklearer Waffen auftreten,
ausgeschaltet werden können. Wir streben weiter an, die Kernwaffen zu
sauberen Waffen zu entwickeln, die für die Verteidigung gegen angreifende Truppen, Unterseeboote und Bomber sowie für die Abwehr interkontinentaler Raketen geeignet sind.
Die Sowjetunion scheint nicht zu wünschen, daß die Eigenschaften
der Kernwaffen derart verbessert und gewandelt werden. Sie scheint
es gerne zu sehen, daß Kernwaffen als 'Schreckenswaffen' gebrandmarkt
werden können.
Rechnet

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�"AMERIKA DIENST"

25. September 1957

Rechnet die Sowjetunion damit, daß Regierungen, die moralischen
und religiösen Einflüssen unterworfen sind, diese Waffen unter diesen
Umständen nicht anwenden können? Und würde die sowjetische Regierung,
die keinen moralischen oder religiösen Beschränkungen unterliegt, dadurch vielleicht eine besondere Handlungsfreiheit und Initiative bezüglich solcher Waffen gewinnen?
Wünscht die Sowjetunion denn nicht, daß die Kernwaffen zu wirksamen Verteidigungswaffen weiterentwickelt werden, mit denen man einen
Angriff derjenigen abwehren könnte, die über die größte Truppenstärke
verfügen?
Wir wollen die Gefahr eines Überraschungsangriffs und damit die
Gefahr eines Krieges überhaupt so weit wie möglich ausschalten. Wir
wollen die künftige Verwendung von spaltbarem Material für die Herstellung von Waffen so weit wie möglich aufhalten. Wir wollen das
Risiko vermeiden, daß die Kernwaffen wahllos über die Welt verstreut
werden. Verantwortungslosen Menschen die Macht zum Bösen zu geben, wäre
etwas so Fürchterliches, daß man es sich gar nicht vorstellen kann.
Wenn die Sowjetunion jedoch eine Inspektion zur Ausschaltung von
Überraschungsangriffen ablehnt, wenn sie ein weltweites System zur
Beendigung der Herstellung von spaltbarem Material für Waffenzwecke
ablehnt, wenn sie die Zusammenarbeit zur Verhütung einer wahllosen
Verbreitung der Kernwaffen über die ganze Welt ablehnt, wenn sie sich
weigert, auf der Basis der Gegenseitigkeit mit einem Abbau der bestehenden Waffenvorräte zu beginnen, dann müssen wir daran zweifeln,
ob es klug wäre, die Anstrengungen aufzugeben, um die Kernwaffen zu
sauberen Verteidigungswaffen weiterzuentwickeln, die keinen wesentlichen radioaktiven Ausfall hervorrufen.
Die Versuche mit Kernwaffen dürfen natürlich keine Bedrohung des
menschlichen Lebens mit sich bringen. Die Vereinigten Staaten sind an
diesem Anliegen mehr als an irgend etwas anderem interessiert.
Wir werden die Vereinten Nationen einladen, zu einem unserer nächsten Versuche Beobachter zu entsenden, damit diese sich selbst ein
Bild von der Durchführung unserer Versuche machen können.
Im vergangenen März haben die Vereinigten Staaten und Großbritannien gemeinsam die Absicht erklärt, Atomversuche nur noch in einer Weise
durchzuführen, daß ein Anwachsen der radioaktiven Strahlung in der
Welt auf mehr als einen Bruchteil dessen verhindert wird, was gefährlich sein könnte. Da in jedem Jahr praktisch ein gewisser Prozentsatz
an Radioaktivität verschwindet, haben wir Grund zu der Hoffnung, daß
in Zukunft alle erforderlichen Versuche ohne eine wesentliche quantitative Zunahme der Radioaktivität in der Welt durchgeführt werden
können.
Die

�"AMERIKA DIENST"

25. September 1957

Die Haltung der Sowjetunion
Die gemeinsamen Vorschläge, die ich soeben erläutert habe, sind
aus monatelanger, ja sogar jahrelanger Arbeit und Erörterung heraus
entstanden. Sie wurden formell am 29« August unterbreitet. Der sowjetische Delegierte wies sie sofort zurück. Er erklärte, sie seien nichts
als eine Täuschung. Er bestand ferner darauf, daß die Sitzungen des
Unterausschusses vertagt werden sollten, und er weigerte sich, einem
genauen Zeitpunkt für die Wiederaufnahme der Arbeit zuzustimmen.
Wir können nicht glauben, daß diese weittragende und fast schon
verächtliche sowjetische Ablehnung endgültig ist. Noch niemals zuvor
haben sich so viele Nationen mit so großer militärischer Macht zusammengeschlossen, um so weitreichende Vorschläge zu machen. Jede Regierung, die diese Vorschläge in Bausch und Bogen ablehnt, würde eine
furchtbare Verantwortung vor der gesamten Welt auf sich laden.
Die Menschheit sieht einer tragischen Zukunft entgegen, wenn die
Kriegsgefahr nicht unter Kontrolle gebracht wird. Dies würde bedeuten,
daß die Menschen, um zu überleben, es lernen messen, wie Höhlenbewohner
unter der Erde zu leben, um Schutz vor dem Tod zu finden. Dies würde
bedeuten, daß die Menschen zu Sklaven der schnell ansteigenden Kosten
des Rüstungswettlaufes würden. Dies würde ferner bedeuten, daß die
Freiheit des einzelnen den Erfordernissen eines reinen Überlebens
untergeordnet werden müßte.
Die Mitglieder der freien Welt im Abrüstungsunterausschuß lehnen
eine solche Zukunft ab. Sie akzeptieren, was einigen von ihnen als Opfer
und anderen als Risiko erscheint, um einen Kurs abzustecken, der die
Gefahr eines Krieges - nicht nur eines Atomkrieges, sondern eines jeden
Krieges - reduziert. Gleichgültig ob die Sowjetunion sich heute weigert,
diesem Kurs zu folgen oder nicht, können wir doch zuversichtlich sein,
daß dieser einsichtige Versuch, der zu diesen Vorschlägen führt, nicht
vergebens gewesen ist. Selbst wenn die Sowjetunion nunmehr die gemeinsamen Vorschläge zurückweist, so sollten diese doch nicht damit als
tot betrachtet werden. Ihre Prinzipien bleiben gültig und werden fortbestehen«
Die Suche nach einer Rüstungsbegrenzung darf nicht in der Schwebe
gehalten werden. Allein schon wirtschaftliche Erwägungen verlangen
nach Bemühungen, die Völker von der schrecklichen Last der Rüstungen
zu befreien. Weiter besteht die Notwendigkeit, in besserem Maße sicherzustellen, daß die gewaltige Macht, die den Rüstungen heute innewohnt,
nur der Sicherheit dient und niemals als Instrument einer rein nationalistischen Politik verwandt wird.
Heute sind es etwa 50 Nationen, die kollektive Verteidigungsbündnisse geschlossen haben, wie sie in unserer Charta (in Artikel 51)
autorisiert werden. Ein solches Netz ist der Anwendung und Entwicklung
dieser Prinzipien dienlich, denn es ist gerade der Zweck kollektiver
Sicherheit, jedem Partner mehr Sicherheit bei geringerer Rüstung zu
gewähren. In Westeuropa besteht bereits auf der einen Seite die Nord-

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�"AMERIKA DIENST"

25. September 1957

Nordatlantikpaktorganisation, die Beiträge zu einer gemeinsamen Verteidigung verlangt, und. auf der anderen Seite der 1954 geschlossene Vertrag über die Westeuropäische Union, der eine Begrenzung der nationalen
Rüstungen vorsieht.
Wenn es uns nicht möglich ist, auf weltweiter Basis vorzugehen,
dann laßt die Nationen wo immer möglich enger zusammenrücken, damit
wir innerhalb der Grenzen der Sicherheit die Last der Rüstungen erleichtern und das Risiko der Rüstung verringern können.
Aber wir wollen es auch nicht einfach fatalistisch akzeptieren,
daß die sowjetische Antwort vom vergangenen Monat das letzte Wort gewesen ist. Die Sowjets haben zuerst auch den Vorschlag für eine Internationale Atomenergiebehörde abgelehnt und sie als ein Schema bezeichnet, das nur 'aggressiven Kräften' dienen würde (sowjetisches Aide
Memoire vom 27. April 1954)« Wir gaben damals unsere Anstrengungen
nicht auf. Laßt uns auch jetzt unsere Anstrengungen nicht aufgeben.
Wenn diese Organisation das Gewicht ihres Einflusses zugunsten der
in den gemeinsamen Vorschlägen niedergelegten Grundsätze in die Waagschale wirft, dann ist es nicht ausgeschlossen, daß diese Prinzipien
einmal allgemeine Annahme finden. Da es um so viel geht, darf keine
Chance, so klein sie auch sein mag, verpaßt werden.
Der Nahe Osten
Ich wende mich jetzt dem Nahen Osten zu und spreche zunächst von
einer Vergangenheit, die wir alle lieber vergessen möchten. Wir
dürfen sie jedoch nicht vergessen, weil die Gegenwart aus der Vergangenheit verständlich wird.
Die sowjetischen Machthaber haben sich seit langem um eine Beherrschung des Nahen Ostens bemüht. Im Jahre 1940, als die Sowjets
eine Teilung der Welt mit Hitler anstrebten, machten sie es zur Bedingung, daß 'das Gebiet südlich von Batum und Baku in der allgemeinen
Richtung auf den Persischen Golf als Zentrum der Bestrebungen der
Sowjetunion anerkannt wird.' (Molotow an den deutschen Botschafter
am ?5 • November 1940.)
Unmittelbar nach Kriegsende zogen die Sowjets die militärische
Besetzung Persiens hinaus, sie bemühten sich um die Treuhänderschaft
über Libyen,und sie schürten die Unterwanderung Griechenlands. Aber
zwischen 1945 und 1949 wurde Mitteleuropa zum Hauptschauplatz der
sowjetischen Aktivität»
Im

�"AMERIKA DIENST

25. September 1957

Im Jahre 1949, nachdem der Marshallplan und der Nordatlantikpakt
ins Leben gerufen waren, verlagerten die Sowjets ihre Hauptanstrengung nach dem Fernen Osten. Dort unterstützten sie die kommunistische
Revolution in China, den Krieg in Korea und den Krieg in Indochina.
Nach der erfolgreichen Verteidigung Koreas durch die Vereinten Nationen
und nach dem Abschluß des südostasiatischen Verteidigungspaktes sowie
anderer Verteidigungsabkommen machten die Sowjets 1955 den Nahen Osten
erneut zum Mittelpunkt ihrer außenpolitischen Bemühungen. Dieses Mal
versuchten sie in den arabischen Ländern jene Technik anzuwenden, die
Stalin und Lenin für die 'Einbeziehung' der sogenannten 'kolonialen
und abhängigen' Völker in die sowjetische Machtsphäre empfohlen hatten. Diese Technik schließt, wie Lenin spezifiziert hatte, das Schüren
der nationalistischen Gefühle ein, um auf diese Weise alle Verbindungen
mit dem Westen abzubrechen und eine so völlige Abhängigkeit von der
Sowjetunion herzustellen, daß diese die völlige Kontrolle übernehmen
kann.
So begannen die sowjetischen Machthaber im Jahre 1955 mit einer
intensiven Propaganda, die darauf abzielte, die arabischen Länder
in dem Glauben zu bestärken, daß sie mit sowjetischen Waffen, sowjetischen Technikern und der politischen Unterstützung der Sowjetunion
extreme nationalistische Ambitionen verwirklichen könnten.
Diese s ow jet-kommunistisc'hen Bemühungen sind in Syrien fortgeschritten, wo die Waffen aus dem Sowjetblock mit überschwenglicher
Freude empfangen wurden und wo die politische Macht in immer stärkerem Maße von solchen Leuten übernommen wurde, die von Moskau abhängen.
Wahre Patrioten sind durch Verhaftungen oder durch Einschüchterung
aus ihren Machtpositionen verdrängt worden.
Eine Folge dieser Entwicklung ist, daß sich die Türkei auf Grund
der großen Ansammlung sowjetischer Waffen in Syrien jetzt an ihrer
Südgrenze einer wachsenden militärischen Gefahr gegenübersieht einer Ansammlung, die auf die sowjetische Militärmacht an der Nordgrenze der Türkei abgestimmt ist. In der vergangenen Woche versuchte
die Sowjetunion, die Türkei durch Einschüchterungsversuche davon abzuhalten, interne Umgruppierungen ihrer Sicherheitskräfte vorzunehmen.
Die 'Grundlagen des Friedens'
Ich möchte an dieser Stelle auf die Haltung hinweisen, die die
Weltorganisation in bezug auf die 'indirekte Aggression' eingenommen
hat. Die Vollversammlung verabschiedete 1949 eine Resolution, die den
Titel 'Grundlagen des Friedens' trug. Die Resolution fordert jedes
Land auf, sich 'aller direkten oder indirekten Drohungen oder Schritte
zu enthalten, die auf eine Gefährdung der Freiheit, der Unabhängigkeit
oder der Integrität irgendeines Staates abzielen'. Als über diese Resolution abgestimmt wurde, waren es nur die fünf Länder des Sowjetblocks, die mit 'Nein' stimmten.
Die Vereinigten Staaten haben immer wieder diese Grundlagen des
Friedens unterstützt, und sie haben dies vor allem in bezug auf den
Nahen Osten getan.
Als

�"AMERIKA DIENST"

25. September 1957

Als der internationale Kommunismus 1947 versuchte, Griechenland
unter seine Kontrolle zu bringen und die Türkei bedrohte, erklärte
Präsident Truman: 'Totalitäre Regime, die freien Völkern durch direkte
oder indirekte Aggression aufgezwungen wurden, unterminieren die
Grundlagen des Weltfriedens.1
Als die sowjetische Bedrohung im Nahen Osten kürzlich erneut in
Erscheinung trat, erklärte der Kongreß der Vereinigten Staaten in
einer gemeinsamen Resolution (vom 9» März 1957)» daß 'die Vereinigten
Staaten es als lebenswichtig für die nationalen Interessen und den
Weltfrieden ansehen, daß die Unabhängigkeit und Integrität der Nationen
des Nahen Ostens gewahrt wird.' Die Resolution ermächtigte den Präsidenten, wirtschaftliche und militärische Unterstützung zu gewähren,
um den Nationen des Nahen Ostens bei der Aufrechterhaltung ihrer Unabhängigkeit zu helfen. Sie besagt weiter, daß die 'Vereinigten Staaten .... bereit sind, ihre Streitkräfte zur Unterstützung einer jeden
solchen Nation oder Staatengruppe einzusetzen, die um Beistand gegen
eine bewaffnete Aggression seitens eines vom internationalen Kommunismus kontrollierten Landes ersuchen.'
Am 7» September 1957 machte Präsident Eisenhower auf die Gefahr
in Syrien aufmerksam und unterstrich erneut seine Absicht, soweit notwendig von den ihm durch diese Kongreßresolution übertragenen Vollmachten Gebrauch zu machen.
Die sowjetischen Kommunisten scheinen Handlungen vorzunehmen, die
•direkt oder indirekt darauf abzielen, die Freiheit, Unabhängigkeit
.oder Integrität' bestimmter Nationen im Nahen Osten zu gefährden, und
zwar unter Verletzung der Resolution der Vereinten Nationen über die
'Grundlagen des Friedens'. Wir sind weiter der Auffassung, daß diese
sowjetischen Handlungen vielleicht unbeabsichtigt die Empfänger der
sowjetischen Waffen zu direkten Aggressionshandlungen verleiten könnten.
Diejenigen, die sich auf Grund dessen, daß ihnen in jüngster Zeit große
Mengen von Waffen au,s Ländern des Sowjetblocks in die Hand gegeben wurden, außergewöhnlich stark fühlen, werden durch eine heftige Propaganda gegen ihre Nachbarn aufgestachelt. Dies ist, so möchte ich sagen,
eine riskante Angelegenheit.
In einer solchen Situation ruht die Hauptverantwortung natürlich
auf den Mitgliedstaaten selbst. Sie selbst sollten sich aller direkten
oder indirekten Aggressionsmaßnahmen enthalten. Aber gerade diese Mitgliedstaaten haben auch ein angestammtes Recht auf individuelle und
kollektive Selbstverteidigung. Nichts, was die Vereinten Nationen tun
können, sollte auch nur für einen Augenblick zu einem Nachlassen in
der Wachsamkeit und in den Bemühungen eines jeden freien Landes führen,
seine eigene wahre Integrität und Unabhängigkeit und die aller anderen
freien Länder aufrechtzuerhalten.
Dennoch sollte die Vollversammlung - wenn eine Situation entsteht,
wie sie jetzt im Nahen Osten existiert - diese Lage zumindest prüfen
und erörtern. Eine Diskussion, wie sie unsere Charta vorschlägt (Artikel 11, Absatz 2 ) , ist vielleicht an sich schon heilsam, und die

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^k

�"AME RIKA DIENST"

25. September 1957

die Vereinigten Staaten behalten sich das Recht vor, im Verlauf dieser Debatte konkrete Vorschläge zu unterbreiten.
Es ist eine Tragödie, daß der Nahe Osten, der so reich an Kultur
und Tradition ist und in so hervorragender Weise zu dem materiellen
und geistigen Wohlergehen der ganzen Welt beiträgt, so zerrüttet werden soll, wie dies heute der Fall ist. Die Vereinigten Staaten sind
bereit, großzügig zur wirtschaftlichen Entwicklung dieses Gebietes
beizutragen, und zwar unter Bedingungen, die die Freiheit und Unabhängigkeit der dortigen Nationen fördern und stärken werden. Diese
Aussichten auf eine größere Freiheit und einen größeren Wohlstand werden jedoch niemals verwirklicht werden können, solange dieses Gebiet
als ein Objekt der Eroberung und als eine potentielle Ausgangsbasis
für die Beherrschung Europas, Asiens und Afrikas angesehen wird.
Die Vereinten Nationen werden bei aller materiellen Macht,
sie aufbringen können, nicht in der Lage sein, die Verhältnisse
stabilisieren. Aber wir können unseren Einfluß ausüben, und wir
dies zumindest tun und damit erneut der Sache des Friedens, der
nung und dem Glück dienen."

* * * * *

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die
zu
sollen
Hoff-

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./25.9.1957
10 JAHRE GESETZ ÜBER DIE NATIONALE SICHERHEIT DER USA

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir den Wortlaut einer Erklärung des US-Präsidenten vom 23. September 1957» in derer die
zehnte Wiederkehr des Tages, an dem das Gesetz
über die Nationale Sicherheit in Kraft trat,
würdigte.
In diesem Monat jährt es sich zum zehnten Male, daß das Gesetz
vom Jahr 1947 über die Nationale Sicherheit in Kraft getreten ist.
Das von einem republikanischen Kongreß erlassene und von einem
demokratischen Präsidenten gebilligte, von beiden Parteien erarbeitete Gesetz hat gezeigt, wie eine freie Nation Vorkehrungen zur Wahrung ihrer nationalen Sicherheit treffen und gleichzeitig ihre demokratischen Werte und Institutionen erhalten und stärken kann. Die
kraft dieses Gesetzes errichtete Organisation hat zu den Anstrengungen beigetragen, die die Vereinigten Staaten seit dem Ende des zweiten Weltkrieges um die Erzielung eines gerechten und dauerhaften
Friedens in der Welt unternommen haben.
Das Gesetz über die Nationale Sicherheit gewährleistete durch
die Zusammenlegung der obersten Kommandostellen unserer Waffengattungen und die Koordinierung der im Interesse der nationalen Sicherheit verfolgten Politik, der Tätigkeit der Abwehr und den Aufgaben
der Verteidigungsmobilisierung auf nationaler Ebene zum ersten Mal
ein umfassendes Programm für die Sicherheit der Vereinigten Staaten.
In dem vergangenen Jahrzehnt erfuhr das Gesetz mehrfach eine weitere Erhöhung seiner Wirksamkeit, und vieles ist dank der darin enthaltenen Bestimmungen bereit jrreicht worden. In den kommenden Jahren wird das Gerüst, das durch dieses Gesetz geschaffen wurde, durch
weitere Anstrengungen noch mehr gefestigt werden, und die laufend
gesammelten Erfahrungen dürften die Grundlage für eine weitere Verbesserung des Gesetzeswerkes als solchem darstellen.
Ein Grundziel des Gesetzes über die Nationale Sicherheit war
die Gewährleistung einer "autoritativen Koordinierung und einheitlichen Leitung der Waffengattungen unter ziviler Verwaltung durch
den Verteidigungsminister". Dank dieser gesetzlich verankerten Konzeption, daß die letzte Entscheidung bei einer Zivilperson liegt.

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�AMERIKA DIENST"

25. September 1957

liegt, unterhalten die Vereinigten Staaten mit Erfolg die mächtigste
Armee, die sie in Friedenszeiten in ihrer ganzen Geschichte je gehabt
haben.
Auf Grund dieses Gesetzes präsidiert ein Vorsitzender im Gemeinsamen Rat der Stabschefs, die die berufenen militärischen Berater des
Präsidenten, des Nationalen Sicherheitsrates und des Verteidigungsministers in Fragen der nationalen Sicherheit sind.
In Erkenntnis der wachsenden Bedeutung der Luftmacht wurde im
Rahmen des Nationalen Sicherheitsgesetzes (National Security Act)
das Staatssekretariat für die Luftstreitkräfte geschaffen. Heute
sind die US-Luftstreitkräfte in der Verteidigung unseres Landes
gleichberechtigter Partner des Heeres und der Marine.
Durch den National Security Act wurde ebenfalls das Gefüge des
Nationalen Sicherheitsrates festgelegt - ein gänzlich neues Konzept
in unserer Regierung -, ein vom Präsidenten ernanntes Gremium, das
den Präsidenten bei der Koordinierung nationaler, auswärtiger und
militärischer Angelegenheiten in Fragen der nationalen Sicherheit
zu beraten hat. Die dem Rat untergeordneten Dienststellen, wie der
Planungs-, der Koordinationsausschuß und die beiden internen Sicherheitskomitees, ermöglichen es den für die Durchführung verantwortlichen Ministerien und Behörden, bei der Entwicklung und Durchführung
der für die nationale Sicherheit notwendigen Maßnahmen wirksam zusammenzuarbeiten.
Dem überparteilichen Beamtenstab des Nationalen Sicherheitsrats,
der unter ziviler Leitung steht, obliegt die Ausarbeitung objektiver
Analysen, der Verwaltungsdienst und die Sorge für die Kontinuität
der Arbeit im Rat.
Das Gesetz sieht ferner vor, daß der Leiter des Zentralamtes
für Nachrichten und Abwehr auf Weisung des Nationalen Sicherheitsrates, den Präsidenten und den Sicherheitsrat auf im Wege des Abwehrdienstes zugegangene Informationen über Entwicklungen im Ausland,
die die nationale Sicherheit berühren, aufmerksam macht. Das Zentralamt für Nachrichten und Abwehr ist in Zusammenarbeit mit den Abwehrorganisationen anderer Ministerien und Behörden in der Errichtung
eines weitgreifenden auswärtigen Nachrichten- und Abwehrsystems, das
der Verantwortung der USA in der heutigen Welt gerecht wird, gut
vorangekommen.
Das Nationale Sicherheitsgesetz ermöglichte die Organisierung
eines Apparates für die Planung und Vorbereitung der Aufgaben für eine
Mobilisierung unserer militärischen, industriellen und zivilen Hilfsquellen, so.wie die Weltsituation es erfordert. Dem Leiter des Amtes
für Verteidigungsmobilisierung obliegt es, die für eine Mobilisierung
gemachten Pläne und Vorbereitungen mit Hilfe der anderen, damit befaßten Ministerien und Behörden, die im Direktorium des Amtes für

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�"AMERIKA DIENST"

25. September 1957

für Verteidigungsmobilisierung vertreten sind, zu koordinieren.
Wir begrüßen heute die Voraussicht jener, die 1947 im Gesetz
für die Nationale Sicherheit diese Ziele niedergelegt haben. Wir
sollten auch jenen zahllosen Personen danken, die mitgeholfen haben
bei dem Versuch, diese Direktiven in die Tat umzusetzen.
Die diesem Gesetz gesteckten Ziele lassen sich nur erreichen,
wenn alle, die es angeht, weiterhin entschlossen sind, alle unsere
Hilfsquellen und besonderen Fähigkeiten zusammenzunehmen,
und ihre
Meinungsverschiedenheiten auf vernünftige Weise beizulegen, um damit
dem einen gemeinsamen Anliegen zu dienen - der nationalen Sicherheit
der Vereinigten Staaten in einer freien und friedlichen Gemeinschaft
der Nationen. Dieser zehnte Jahrestag der Schaffung des Gesetzes
für die Nationale Sicherheit ist ein Appell an die amerikanische
Staatsführung, diese Ziele zu erreichen.

* * * # *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./2.10.57

ZUR ERÖFFNUNG DER ERSTEN KONFERENZ DER
INTERNATIONALEN ATOMENERGIEBEHÖRDE
IN WIEN AM 1. OKTOBER 1957

BOTSCHAFT PRESIDENT EISENHOWERS
ANSPRACHE VON LEWIS L. STRAUSS,
VORSITZENDER DER AMERIKANISCHEN ATOMENERGIEKOMMISSION

�EISENEOWER: FRIEDLICHES ATOM SOLL GETEILTE WELT
WIEDER ZUSAMMENFÜHREN
WIEN - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Botschaft Präsident Eisenhowers
an die erste Konferenz der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien vom 1. Oktober 1957•
"Die Gebete und Hoffnungen von Millionen Menschen jeder Rasse und
jeden Glaubens begleiten die Beratungen, mit denen Sie heute in Wien beginnen. Ihnen ist die historische Verantwortung übertragen worden, eine
neue Konzeption in positive Maßnahmen zum Wohle der gesamten Menschheit
umzusetzen.
Noch nie zuvor ist irgendeine Konferenz in der Geschichte aussichtsreicher und hoffnungsvoller begonnen worden. Das Statut der Internationalen Atoraenergiebehörde, das Sie zu verwirklichen im Begriffe stehen, repräsentiert den Willen und die Bestrebungen von mehr Nationen als jemals
zuvor einen internationalen Vertrag unterzeichneten.
Ihnen ist daher ein heiliges Vertrauen geschenkt worden. Ihrer Obhut ist das Gewissen der Völker der Welt anvertraut worden. Diese Völker
schauen in der Hoffnung auf Sie, daß das praktische Programm gefördert
wird, durch das das gespaltene Atom aufhört, ein Symbol der Furcht zu.
sein, und statt dessen zu einer Möglichkeit wird, die der Menschheit
ein reicheres, gesünderes und nützlicheres Leben verheißt.
Während der vergangenen Jahre hat sich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten mit ganzem Herzen und aller Kraft für den Erfolg dieses Unternehmens eingesetzt. Indem ich im Namen der amerikanischen Bevölkerung spreche, lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit erneut nachdrücklich und ernsthaft die Hingabe an diese unsere Anstrengungen bekräftigen. Es ist unsere glühende Hoffnung, daß die Atomenergiebehörde
zu einem Zentrum für die Bemühungen wird, die Segnungen der Atomenergie
zu fördern und sie allen Ländern der Welt, großen wie kleinen, zugute
kommen zu lassen.
Die Möglichkeiten, die jetzt vor Ihnen liegen, sind vielfältig.
Die Aufgaben, denen Sie sich gegenübersehen werden und die Sie lösen
müssen, sind groß. Aber mit Vertrauen und anhaltender freundschaftlicher Zusammenarbeit, wie Sie für die Schaffung dieser Behörde charakteristisch waren, kann unsere Generation die Atomenergie zu einer
Gabe werden lassen, für die die Menschheit immer dankbar sein wird.
Möge diese Konferenz in die Geschichte eingehen als ein Wendepunkt,
an dem die Furcht der Menschen vor dem Atom der Hoffnung und der umfassenden Zusammenarbeit Raum gibt, die zur Schaffung des von allen Menschen gewünschten Friedens notwendig ist.
Ich bete dafür, daß die Spaltung des Atoms unter der klugen Leitung der Internationalen Atomenergiebehörde eines Tages eine geteilte
Welt wieder zusammenführen wird."

* * * * *

�STRAUSS: WENDEPUNKT IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT

WIEN - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut der Erklärung, die Lewis L. Strauss, der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergie-Kommission
(AEC), am 1. Oktober 1957 in seiner Eigenschaft als
Leiter der amerikanischen Delegation für die erste
Konferenz der Internationalen Atomenergie-Behörde
(IAEA) in Wien abgegeben hat.

"Als erstes möchte ich bei diesem Anlaß zum Ausdruck bringen, wie
glücklich ich mich schätze, hier in Wien zu sein. Es sind jetzt 38
Jahre her, seit ich zum letzten Mal hier war; ich war damals mitverantwortlich für die Verteilung amerikanischer Lebensmittel im Rahmen
der Hoover-Spende an österreichische Kinder. Und ich freue mich ganz
besonders über die Gelegenheit, die ich seit meiner Ankunft hatte,
um die Freundschaft mit so vielen alten Bekannten unter den Mitgliedern der hier versammelten zahlreichen Delegationen zu erneuern. Es
ist mir als dem Leiter der Delegation der Vereinigten Staaten eine
große Befriedigung, daß diese erste Konferenz der Internationalen
Atomenergie-Behörde in dieser schönen Stadt an der Donau stattfinden
soll, in der Hauptstadt eines Landes, das wir vor noch nicht allzu
langer Zeit wieder als souveränes Mitglied in der Familie der Völker begrüßen konnten, in einer Rolle also, die ihm die Geschichte
in so eindeutiger Weise zuerkennt.
Das amerikanische Volk empfindet einen natürlichen Stolz auf
Präsident Eisenhowers Konzeption der "Atome für den Frieden", die
diese Behörde ins Leben rief, und erblickt deshalb in dieser Konferenz das Zeichen für einen hoffnungsvollen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit.
Meine Landsleute teilen mit Millionen von Menschen in großen und
kleinen Nationen die Erwartung, daß das, was wir hier in Wien unternehmen, sie auf einen neuen Weg bringt, der von Krieg und Mißtrauen
fort zur friedlichen Zusammenarbeit für Frieden und Fortschritt
führt.
Der Vorschlag, auf den sich diese Behörde gründet - ja überhaupt
die Grundlage für das Statut der Behörde, das nun hier in die Tat umgesetzt werden soll«..-, wurde von Präsident Eisenhower vor fast vier
Jahren in seiner historischen Botschaft an die Vollversammlung der
Vereinten Nationen zum ersten Mal vorgebracht.
Seitdem erstrebt das amerikanische Volk mit Herz und Hand die
Verwirklichung des Gedankens: Atome für den Frieden.
Die Phase der Verhandlungen in der Schaffung dieser Behörde endete vor 11 Monaten, als sich die Vertreter von 81. Nationen auf
einer Konferenz in New York für das Statut aussprachen. Nun treten

�2. Oktober 1957

"AMERIKA DIENST

treten wir in eine neue Phase ein - es beginnt die Zeit der Tat.
Wir sind mit der Verantwortung betraut, den Apparat zu schaffen,
der die Hoffnungen verwirklicht, welche die Menschheit in uns setzt.
Um mit Präsident Eisenhower zu sprechen, müssen wir jetzt "das Atom
seiner militärischen Hülle entreißen und es den Künsten des Friedens
anpassen."
Nie zuvor ist, soweit ich denken kann, ein internationales Vorhaben von so verbreiteter Unterstützung und Begeisterung getragen
worden. Es gab keines, das mit mehr gutem Willen und der Bereitschaft
zur Zusammenarbeit seitens der Verhandlungspartner unternommen worden war. Das ist ein seltenes, ein gutes Omen.
Vor einem Jahr, am 26. Oktober 1956, hatte ich anlässlich der
Beendigung der Konferenz über die Statuten der Internationalen Atomenergiebehörde die Ehre, eine Botschaft Präsident Eisenhowers zu
verlesen, die das Vertrauen des amerikanischen Volkes in diese Weltorganisation und seine Entschlossenheit, mit seiner ganzen Kraft
ihren Erfolg zu sichern, klar zum Ausdruck brachte.
Der Präsident kündigte bei dieser Gelegenheit an, daß die Vereinigten Staaten der Behörde, sobald sie bestehe, 5000 Kilogramm
Kernbrennstoff - Uran-235 - unter noch abzusprechenden Bedingungen
zur Verfügung stellen würden, damit sie ohne unnötige Verzögerung
damit beginnen könne, die Wohltaten des friedlichen Atoms auf einer
breiteren Ebene wirken zu lassen. Darüber hinaus stellte der Präsident fest, daß die Vereinigten Staaten zusätzlich zu jenen ersten
5000 Kilogramm Uran-235 weiteren Kernbrennstoff für die Behörde
in Mengen reservieren würden, die der gesamten von anderen Nationen
bis zum 1. Juli 196O bereitgestellten Menge entspricht.
Mit überwältigender Mehrheit hat der Kongreß der Vereinigten
Staaten diese Verpflichtung in Übereinstimmung mit der Ankündigung
des Präsidenten gebilligt. Ich bin nach Wien gekommen, um dieses
Angebot meiner Regierung offiziell zu unterbreiten und Verhandlungen
zur Klärung der Frage einzuleiten, in welcher Weise der Kernbrennstoff Uran-235 der Behörde zur Verfügung gestellt werden soll.
Ich möchte an dieser Stelle von der vorbereiteten Erklärung
abgehen, um noch zu erwähnen, daß als einen weiteren Beweis des
Interesses meines Landes an der Behörde und dem für ihren Sitz
gewählten Ort die Atomenergie-Kommission gegenwärtig ein detailliertes Programm über Unterstützungsmaßnahmen und die Zusammenarbeit
mit ihr ausarbeitet.
Die übliche Erörterung und Billigung durch den Kongreß vorausgesetzt, beabsichtigen wir, der Behörde einen Forschungsreaktor, ein
Isotopenlaboratorium und eine umfassende technisch-wissenschaftliche
Bibliothek über die Möglichkeiten der friedlichen Verwendung der Atomenergie anzubieten.
Insbesondere

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�}

"AMERIKA DIENST"

2. Oktober 1957

Insbesondere sind wir darauf bedacht, nach bestem Können dazu
beizutragen, daß die Anwendung von Radioisotopen auf medizinischem
Gebiet gerade hier in dieser berühmten Stadt, die so lange Zeit eine
Hochburg der medizinischen Forschung und ärztlichen Kunst gewesen
ist, einen möglichst hohen Stand erreicht.
Das Volk der Vereinigten Staaten ist überzeugt, daß die internationale Behörde an ihrem Hauptsitz hier in Wien zu einem Zentrum
für die Verbreitung der Erkenntnisse der Kernwissenschaft und der
nuklearen Technik im Dienste des Friedens werden kann. Der Friede
ist das große Ziel, dem sich der Präsident und das Volk der Vereinigten Staaten verschrieben haben. In aller Demut glauben wir, daß die
materiellen Segnungen, deren wir uns erfreuen, uns zuteil wurden, damit wir sie zur Förderung des Friedens für die gesamte Menschheit
nutzen.

* * * * *

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�Aber wir suchen mehr als das, Herr Vorsitzender. Wir bemühen
uns darum, durch ein sicheres Abrüstungsprogramm eine Welt aufzubauen, in der alle Nationen - die großen wie die kleinen - von der
Gefahr eines Krieges und Überraschungsangriffes befreit sein werden
und sich vertrauensvoll den Aufgaben des Friedens zuwenden können.
Jede Nation, Herr Vorsitzender, versteht, wie entscheidend
wichtig dies in unserer so gefährlichen Zeit ist.
Wir haben dieses Ziel bei all unserer Arbeit auf dem Gebiet
der Abrüstung - auch bei den Konferenzen des Abrüstungsunterausschusses in London in diesem Jahr - stets im Auge gehabt. Die
Arbeit des Unterausschusses in den fünfeinhalb Monaten hat etwas
Wertvolles erbracht, obgleich er sich in einer Atmosphäre der
Enttäuschung vertagte. Während der 71 Sitzungen wurden Fortschritte bei der Annäherung der gegensätzlichen Meinungen erzielt und
der Welt neue Vorschläge von größter Bedeutung vorgelegt. Sowohl
der Außenminister Großbritanniens wie auch der Außenminister der

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�"AMERIKA DIENST"

16. Oktober 1957

der Vereinigten Staaten nahmen persönlich an den Konferenzen teil, und
der französische Außenminister kam nach London, um Beratungen zu führen,
die im Zusammenhang mit den Abrüstungsverhandlungen standen. Dies ist
seit Bestehen des Unterausschusses noch nie dagewesen.
Wir haben mit Interesse den Vorschlag des belgischen Delegierten
zur Kenntnis genommen, in dem Maßnahmen zur Unterrichtung und Aufklärung
der Völker der Welt über die Gefahren vorgesehen sind, vor denen wir
vielleicht stehen, falls keine Lösung für das Abrüstungsproblem gefunden
wird. Es ist richtig, daß alle Völker die furchtbaren Tatsachen über die
moderne Kriegführung kennen sollten. Diese Fakten sind der Bevölkerung
meines Landes praktisch durch jedes Informationsmittel nachdrücklich
vor Augen geführt worden. Wir hoffen, daß dies auch in allen anderen
hier vertretenen Ländern der Fall sein möge. Vielleicht wird sich das
kollektive Gewissen der Vereinten Nationen auf diese Weise auf den Fortschritt der Abrüstungsverhandlungen auswirken.
Die Abrüstungsgespräche sind so schwierig, daß man leicht Gefahr
läuft, der Verzweiflung anheimzufallen-* Glücklicherweise haben wir es
jetzt nicht nötig, solche Befürchtungen zu hegen.
Natürlich waren wir enttäuscht - ja, viele waren sogar bestürzt -,
als der sowjetische Vertreter zu den neuen Viermächtevorschlägen vom
?9. August "Nein" sagte, ohne sie auch nur geprüft zu haben. Aber diese
Tatsache ist,worauf immer sie auch sonst hindeuten mag, sicherlich kein
Grund zur Verzweiflung. Ja, die Tatsache, daß uns bisher noch keine
genau formulierte und durchdachte Antwort der Sowjetunion auf diese Vorschläge in ihrer Gesamtheit vorliegt, läßt Raum für weitere Fortschritte
im Verlaufe der gegenwärtigen Sitzung der Vollversammlung.

Die Londoner Verhandlungen
Da hin und wieder Zweifel hinsichtlich des Wertes der Arbeit im
Unterausschuß laut werden, halten es die Vereinigten Staaten für wichtig,
daß die Vollversammlung ein Bild von der in London geleisteten Arbeit
erhält. Die genauen und vollständigen Unterlagen sind verfügbar. Lassen
Sie mich einige der wichtigen Punkte aufzeigen, in denen es dem Unterausschuß gelang, die Meinungsverschiedenheiten zu vermindern, denen wir
uns im vergangenen Jahr in der Vollversammlung gegenübersahen.
Hier sind zunächst einmal einige positive Schritte, die der sowjetische Vertreter während der Sitzungen des Unterausschusses ergriff:
Erstens bekräftigte er, daß er den Gedanken eines begrenzten Abkommens für eine "erste Phase", die verschiedene Aspekte des Abrüstungsproblems umfaßt, akzeptiere, statt darauf zu bestehen, daß sofort ein
Abkommen über ein vollständiges Abrüstungsprogramm erzielt werden muß,
bevor irgendwelche Schritte ergriffen werden.
Zweitens schien er den Wert des Planes für eine Luft- und Bodeninspektion der "Offenen Himmel" als Schutz gegen einen Überraschungsangriff zu erkennen. Er akzeptierte weiter den Gedanken, mit vereinbarten

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vereinbarten Inspektionszonen zu beginnen - obv/ohl diese Zonen noch
genau festgelegt werden müssen.
Drittens schien er zu einem Abkommen für eine erste Phase bereit
zu sein, ohne auf der sowjetischen Forderung nach einer sogenannten
"völligen Abschaffung" der nuklearen Waffen zu bestehen, die, wie er
zugestand, unmöglich zu verifizieren wäre.
Viertens stimmte er zu, daß im Falle einer Aussetzung der Kernwaffenversuche ein Meldesystem geschaffen werden sollte, und zwar mit
Inspektionsposten innerhalb unserer Länder, um die Einhaltung zu überwachen.
Fünftens deutete er an, da£ die Sowjetunion den Gedanken internationaler Abrüstungsdepots zur Einlagerung von Waffen akzeptieren würde.
Dies, Herr Vorsitzender, sind fünf konkrete Punkte, bei denen die
Sowjetunion gegenüber ihrem früheren Standpunkt Fortschritte gemacht hat.
Es ist wohl angebracht, es zu würdigen, daß die Sowjetunion zumindest
in den Anfangsstadien der Besprechungen einen solchen Geist des Entgegenkommens gezeigt hat. Wir glauben, daß die negative Haltung des sowjetischen Delegierten gegen Ende der Besprechungen nicht bedeutet, daß seine
Regierung ihre Politik hinsichtlich dieser anfänglichen Fortschritte geändert hat •
Die übrigen vier Mitglieder des Unterausschusses zeigten einen entsprechenden oder sogar noch größeren Geist des Entgegenkommens. Wir
nahmen in bezug auf unseren Standpunkt verschiedene Änderungen vor, um
den sowjetischen Einwendungen entgegenzukommen. Alle diese Änderungen
sind in dem Viermächte-Arbeitsdokument vom 29» August niedergelegt. Die
wichtigsten neuen Punkte in unseren Vorschlägen sindt
1. Wir kamen überein, über die Erörterungen eines Abkommens, das
lediglich die "erste Phase" betraf, hinauszugehen und schlugen bestimmte
zu erreichende Ziele für eine weitere Reduzierung der bewaffneten Streitkräfte während der zweiten und dritten Phase des Abrüstungsprogramms vor.
2. Als Alternative zu einem vollständigen ersten Inspektionsplan
schlugen wir als Anfang des vorgeschlagenen Inspektionsplans der "Offenen
Himmel" begrenzte Inspektionszonen vor, um es dadurch der Sowjetunion
leichter zu machen, ihre Zustimmung zu geben.
3. Um der zum Ausdruck gebrachten Besorgnis über die bestehenden
Kernwaffenvorräte zu begegnen, spezifizierten wir unseren Vorschlag dahingehend, daß nicht nur die Vermehrung dieser Waffenvorräte eingestellt,
sondern sofort mit ihrer Reduzierung begonnen werden sollte, indem laufend
Mengen von spaltbarem Material aus den militärischen Arsenalen friedlichen
Verwendungszwecken, und zwar unter internationaler Überwachung ^zugewiesen
werden.
4. Wir kamen überein, größere Mengen dieses Materials der friedlichen
Verwendung zuzuführen, als die Sowjets es tun würden. Wir stimmten darin
überein, über diese Mengen auf einer Basis zu verhandeln, die fair und
gerecht ist. Das, Herr Vorsitzender, ist ein Vorschlag von großer Bedeutung.
5. Wir stimmten darin überein, daß die Kernwaffenversuche unmittelbar nach der Ratifizierung des Programms der ersten Abrüstungsphase für
einen Anfangszeitraum ausgesetzt werden können, ohne daß darauf gewartet
werden muß, daß die anderen Teile des Programmes in die Praxis umgesetzt

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umgesetzt sind. Darüber hinaus einigten wir uns, dem von der Sowjetunion
vorgeschlagenen Zeitraum von 24 Monaten zuzustimmen, nachdem die Sowjets
eingewandt hatten, daß die ursprünglichen westlichen Vorschläge für ein
Versuchsmoratorium von 10 Monaten nicht ausreichend genug seien.
Das ist ein überaus wichtiger Punkt, Herr Vorsitzender, und ich
werde im Laufe meiner Erklärung noch auf ihn zurückkommen.
Diese Fortschritte sind wesentlich und beweisen den Wert des Unterausschusses. Er ist ein Gremium, in dem ernsthafte Verhandlungen geführt
werden können und auch geführt wurden. Natürlich ist er nicht vollkommen
gegen die Versuchungen gefeit, reine Propagandapunkte zu sammeln, aber im
Grunde ist wohl niemand dagegen gefeit. Wir geben offen und ehrlich zu,
daß wir - wie wohl der größte Teil_ der Welt - über die a.brupte Änderung
in der sowjetischen Einstellung gegen Ende der Verhandlungen konsterniert
und überrascht waren, und der schwerste Schlag war die abrupte Ablehnung
unserer sehr ernstgemeinten gemeinsamen Vorschläge durch Herrn Sorin,
bevor er oder seine Regierung sie überhaupt geprüft hatten. Diese Maßnahme,
so seltsam sie auch war, bringt jedoch auf keinen Fall den Unterausschuß
in Mißkredit. Der sowjetische Vertreter hat, als er sich Vernunftgründen
noch zugänglicher zeigte, selbst den Beweis geliefert, daß in diesem
Gremium wirklich praktisch verhandelt werden kann. Alles, was nötig ist,
ist ein Geist der Vernunft,
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Ansicht, daß die Aussichten
für Fortschritte in der Abrüstungsfrage, wie manche sagen, verbessert
werden können, wenn lediglich die gegenwärtig existierenden Gremien, die
sich mit dieser Frage befassen, erweitert werden. Diesbezügliche Vorschläge sind auf dieser wie auf der letzten Vollversammlung gemacht worden.
Wir sind der Ansicht, daß die Vollversammlung klug entschieden hat,
als sie im Jahre 1955 die Einsetzung eines Unterausschusses der "hauptsächlich beteiligten" Länder anregte. Dieses Prinzip gilt heute noch genauso wie damals. Ein Abrüstungsabkommen kann nur in Verhandlungen
zwischen den Vertragspartnern ausgearbeitet werden, die sich in erster
Linie der Inspektion und Kontrolle zu unterwerfen sowie die Reduzierungen
und Begrenzungen zu akzeptieren haben. Dies ist ein unumgängliches erstes
Erfordernis. Es geht hier um grundlegende Fragen der nationalen Sicherheit. Eine Anpassung muß von und zwischen diesen Mächten erreicht werden.
Dies soll nicht heißen, daß die Abrüstung ausschließlich den "großen
Mächten" vorbehalten ist. Dies ist nicht der Fall. Wenn auch die Länder,
die über Rüstungen verfügen - um in der Sprache der Resolution aus dem
Jahre 1953 zu reden -,"in erster Linie betroffen" sind, so wird doch im
weiteren Sinne die gesamte Welt zutiefst davon berührt. Die Abrüstung
ist für jeden hier vertretenen Staat von großem und berechtigtem Interesse. Alle werden davon berührt, und viele werden sich in irgendeiner Weise
daran beteiligen müssen.
Die Art und Weise, in der die Abrüstungsfrage von den Vereinten
Nationen behandelt wird, spiegelt diesen immer größer werdenden Interessenkreis wider.
Zusätzlich

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Zusätzlich zum Unterausschuß haben wir die Vollversammlung, in
der alle Mitglieder gehört werden und ausreichende Gelegenheit haben, ihre Ansichten zum Ausdruck zu bringen.
Die Vollversammlung selbst hat die Abrüstungskommission mit
ihrer kleineren Mitgliederzahl geschaffen, die sich eingehender mit
den einzelnen Fragen befassen und die Verhandlungen intensiver führen kann. Darüber hinaus hat jederzeit für jeden Mitgliedstaat die
Möglichkeit bestanden, falls er dies wünscht, vor der Abrüstungskommission zu erscheinen und eine Stellungnahme abzugeben - ein Recht,
von dem während des vergangenen Jahres Gebrauch gemacht wurde.
Die Frage der Kernwaffenversuche
Lassen Sie mich nunmehr über das Problem der Kernwaffenversuche
sprechen. Die Vereinigten Staaten glauben, daß eine Lösung dieses
Problems gefunden werden kann.
Unsere Versuche werden aus Verteidigungsgründen weitergeführt.
Wir würden sie nicht durchführen, wenn wir nicht zutiefst überzeugt
wären, daß sie unter den gegenwärtigen Umständen für die Sicherheit
der freien Welt und der Vereinigten Staaten notwendig sind. Die Gefahr eines Krieges wird lediglich zunehmen, wenn zugelassen wird,
daß das Angriffspotential weiterhin das Verteidigungspotential übersteigt .
Es erscheint mir durchaus fair zu sagen, ohne dabei in eine
Diskussion politischer Fragen einzutreten, daß die Regierung der
Vereinigten Staaten nicht nur von dem amerikanischen Volk, sondern
auch von der Bevölkerung zahlreicher anderer freier Länder als der
Garant ihrer Sicherheit gegen einen möglichen militärischen Angriff
betrachtet wird. Wir können dieser uns zugefallenen Verantwortung
nicht gerecht werden, wenn wir nicht so stark sind wie der mögliche
Angreifer. Dies ist der Hauptgrund für alle unsere Vorhaben auf dem
Gebiet der militärischen Verteidigung - und zwar für alle, Herr Vorsitzender, auch die, die Versuche mit nuklearen Waffen einschließen.
Wenn wir auch die Besorgnisse anderer Länder hinsichtlich der
Atomwaffenversuche teilen, so sind wir doch der Ansicht, daß diese
Frage im großen Zusammenhang - einschließlich der Gefahren auf militärischem und technischem Gebiet, denen wir gegenüberstehen - gesehen werden muß. Und in diesem Zusammenhang erscheinen einige Bemerkungen über Atomwaffen angebracht.
1 . Wegen der Besorgnis über die Strahlungsauswirk,ungen der Kernwaffenversuche, so gering diese Vielleicht auch sein mögen, und auch
wegen der Bedeutung, die einer Erkenntnis der Atomstrahlung in dem
Maße,wie die Atomenergie immer stärker für friedliche Zwecke entwickelt wird, zukommt, haben die Vereinigten Staaten vor zwei Jahren
in der Vollversammlung den Vorschlag gemacht, daß ein Ausschuß der
Vereinten Nationen zur Untersuchung der Strahlung geschaffen wird, i
um der Welt über das Problem Bericht zu erstatten. Der Bericht dieses

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dieses Komitees ist im nächsten Jahre fällig. Auf Grund des bisher
bekanntgewordenen und veröffentlichten Materials kann man erwarten,
daß der volle Bericht des Ausschusses auf viele der Befürchtungen
eine Antwort geben wird, die jetzt in bezug auf die von den Kernwaffenversuchen herrührende Strahlung geäußert werden.
Keine schädigenden Umwelteinflüsse oder Wirkungen anderer Substanzen, denen die Menschen ausgesetzt sind, wurden so gründlich untersucht wie die radioaktive Strahlung und die radioaktiven Materialien.
Wenn einzelne führende Autoritäten auf dem Gebiet der Medizin und Genetik auch in ihren Ansichten über die Wirkungen der radioaktiven Ausfällungen geringer Stärke auseinandergehen, so sind doch alle darin
einig, daß diese Effekte im Verhältnis zu den Auswirkungen der aus
anderen Quellen stammenden Strahlung klein sind.
Die Intensität der Strahlungsexposition aus dem radioaktiven
Ausfall nach Waffenversuchen ist außerordentlich niedrig. Sie beträgt nur einen Bruchteil der in der Natur vorhandenen Strahlung,
der der Mensch seit jeher ausgesetzt war und ist weitaus geringer
als die Strahlungsquanten, die wir gewöhnlich freiwillig aus anderen
vom Menschen geschaffenen Strahlenquellen, wie beispielsweise durch
die Röntgenanlagen in der Medizin und Zahnheilkunde, ja durch die
Leuchtziffern unserer Armbanduhren, auf uns nehmen. Die für die Welt
bestehende Gefahr liegt in der möglichen Anwendung der Kernwaffen und
nicht in irgendeiner geringen Vermehrung der natürlichen Umweltstrahlung auf Grund der Waffenversuche.
2. Was selten erkannt wird, ist die Tatsache, daß diese Versuche
es uns ermöglichen, Waffen mit reduziertem Ausfall zu entwickeln, so
daß die Strahlungschäden im Falle von Feindseligkeiten auf militärische
Ziele beschränkt werden können. V/enn daher unser Versuchsprogramm in
dem gegenwärtigen Ausmaß fortgesetzt wird, dann wird die Strahlungsmenge, die in die Atmosphäre gelangt, in den kommenden Jahren geringer 3ein. Ja, wie Außenminister Dulles am 19« September vor der Vollversammlung ausgeführt hat, haben wir, da ein gewisser Prozentsatz
von Radioaktivität in jedem Jahr verschwindet, Grund zu der Hoffnung,
daß in Zukunft alle notwendigen Versuche durchgeführt werden können,
ohne daß dadurch die Mengen an Radioaktivität in der Welt wesentlich
vergrößert werden. Unser Plan, Beobachter der Vereinten Nationen
einzuladen, einer Kernwaffenexplosion beizuwohnen, soll zu einer
praktischen Demonstration des in dieser Hinsicht Erreichten führen.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten haben sich mit dieser
Frage lange und ernsthaft beschäftigt. Wir nehmen unsere Verantwortung in bezug auf die Furage der Kernwaffenversuche durchaus nicht
leicht. Vielmehr habe,»' wir, wie die Juristen zu sagen pflegen, in
dieser Frage ein "Übermaß an Vorsicht" gezeigt.
Aber wir gehen noch weiter, Herr Vorsitzender. Wir wissen, welche
Furcht die Menschen vor dieser unbekannten Kraft empfinden. Der
schnellste und augenfälligste Weg, diese Furcht zu überwinden, würde
darin bestehen, die Kernwaffenversuche auf einer gesunden Basis

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Basis auszusetzen. Tatsächlich haben wir zusammen mit unseren britischen, französischen und kanadischen Kollegen in dem Unterausschuß
vorgeschlagen, daß dies auf dem Wege über ein sofortiges Moratorium
geschieht, das in Kraft tritt, sobald ein Vertrag über die ersten
Abrüstungsmaßnahmen existiert»
Wie können die Versuche ausgesetzt werden?
Da allerseits Einigkeit darüber herrscht, daß mit den Kernwaffenversuchen ausgesetzt werden kann, ist die Frage, wie wir das zustandebringen können. Es gibt zwei Möglichkeiten, di'eses Problem anzupacken,, Die eine besteht darin, daß man sich auf diesen Punkt allein
konzentriert und versucht, andere Fragen auf dem Gebiete der Abrüstung zu umgehen, in der Hoffnung, daß durch diesen einen Schritt
das internationale Vertrauen so gestärkt würde, daß andere Maßnahmen
folgen würdenc Wer diese Möglichkeit in Betracht zieht, wird die
folgenden Punkte beachten müssen«
1» Selbst wenn alle Betroffenen sich an dieses Abkommen halten
und alle Versuchsexplosionen unterbunden würden, könnten die Bemühungen, immer mehr Atom- und Wasserstoffbombenvorräte anzulegen, ohne
weiteres fortgesetzt werden»
2, Darüber hinaus würden unter solchen Bedingungen die Anstrengungen, den radioaktiven Ausfall derartiger Waffen zu reduzieren, ebenfalls unterbrochen, so daß folglich die Waffen, die den Vorräten hinzugefügt würden, eine größere Menge radioaktiven Ausfalls enthalten,
als es sonst der Fall wäre.
3. Schließlich könnten weitere Länder - und würden dies wahrscheinlich auch tun - selbst chne Kernwaffenversuche eigene Atomwaffen herstellen und erwerben, wobei sie auf heute bekannte Techniken
zurückgreifen könnten»
Schon diese Punkte, Herr Vorsitzender, genügen, um die volle
Tragweite der Tatsache aufzuzeigen, daß ein getrenntes Vorgehen in
bezug auf das Problem der Kernwaffenversuche nicht den eigentlichen
Sinn der Frage erfaßt» Das Entscheidende hier in dieser Welt voller
Konflikte und Mißtrauen ist die Gefahr eines Krieges und des Masseneinsatzes von Waffen aller Art. Um dieser Gefahr in wirksamer Form
zu begegnen, ist ein mutigeres und umfassenderes Vorgehen unerlässlich»
Es ist eine tragische Wahrheit, daß die Gefahr eines Krieges dem
Verteidiger den gleichen eisernen militärischen Zwang auferlegt wie
einem etwaigen Aggressor»
So wie der Angreifer muß auch der Verteidiger über Waffen verfügen. So wie der Angreifer muß auch der Verteidiger junge Menschen
zum Militärdienst einziehen» So wie der Angreifer muß auch der Verteidiger seiner zivilen Wirtschaft große Mengen wertvoller Rohmaterialien, wie Eisen, Stahl, Aluminium, Kautschuk und Textilien, sowie

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sowie Produktionsstätten, wissenschaftliche Forschungslaboratorien
und große Flächen nutzbaren Landes entziehen.
Wir in den Vereinigten Staaten kennen diese Dinge sehr gut, weil
wir bei der Verteidigung gegen die Aggression in dieser Hinsicht unsere Erfahrungen gesammelt haben.
Glauben Sie mir, Herr Vorsitzender, das amerikanische Volk würde
niemals einer weiteren Belastung unseres nationalen Lebens durch diese
gewaltige Bürde zustimmen, wenn nicht die Gefahr eines großen Krieges
bestünde. Das amerikanische Volk und seine in Freiheit gewählten Vertreter im Kongreß werden nicht müde, uns aufzufordern, irgendeine
Möglichkeit zu finden, durch die wir uns dieser Bürde sicher entledigen können. In der Zwischenzeit erkennt es genau wie andere freie
Völker die Notwendigkeit an, diese Bürde zu tragen, weil es weiß, daß
dies der Preis der Freiheit ist.
Wir würden keine Kernwaffenversuche durchführen, wenn wir es
nicht müßten. Lassen Sie uns die Notwendigkeit der Kernwaffenversuche
beseitigen und gleichzeitig die Versuche unterbrechen. Das heißt,
daß zumindest ein Beginn bei der Beseitigung der Gefahr eines umfassenden Atomkrieges gemacht wird. Und das, Herr Vorsitzender, ist
das A und das 0 der Vorschläge, die die Vereinigten Staaten der Sowjetunion am 29. August in London zusammen mit anderen unterbreitet haben.
Die Londoner Vorschläge
Gestatten Sie mir, daß ich im Augenblick, wo wir der Sowjetunion
unser Angebot erneut vorlegen, kurz den Inhalt der Londoner Vorschläge
resümiere. Diese Vorschläge sind nicht so kompliziert, wie man sie
manchmal hingestellt hat. Ich werde versuchen, sie unter fünf Hauptpunkten in einfachen Worten zusammenzufassen.
1. Atome für den Frieden und nicht für den Krieg. Wir wollen
der Produktion von spaltbarem Material für Waffenzwecke ein Ende
setzen. Wir schlagen vor, daß kein Land künftig weiteres spaltbares
Material für Waffen herstellt und daß alle weitere Produktion von
spaltbarem Material ausschließlich für friedliche Zwecke bestimmt
wird. Dieses Programm würde beginnen, sobald ein Inspektionssystem
existiert, das für seine Durchführung sorgt. Wir schlagen ferner vor,
daß mit der Überführung von spaltbarem Material aus den Waffenarsenalen für friedliche Aufgaben begonnen wird, und zwar wieder unter
internationaler Überwachung. Herr Vorsitzender, das ist die Vision,
die Präsident Eisenhower hier aufzeigte, als er forderte, "daß die
wunderbare Erfindergabe des Menschen nicht zu seiner Vernichtung
gebraucht, sondern seinem Leben geweiht wird." Wir konnten keinen
größeren Schritt für den Frieden tun als diesen. Dies ist der praktische und einzige realistische Weg, zuerst einmal der Entwicklung
zu immer größeren Kernwaffenvorräten Einhalt zu gebieten und sie
dann umzukehren. Wenn wir dieses Problem nicht bald unter Kontrolle
bringen, dann könnte es sich schließlich in dem Maße, in dem mehr
und mehr Staaten die Produktion von Kernwaffen aufnehmen, als völlig
unlösbar &gt;. erweisen.
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2. Aussetzung der Kernwaffenversuche. Dies würde sofort nach
Inkrafttreten eines Vertrages geschehen,und hierauf würde umgehend
die Errichtung eines vereinbarten Meldesysteras mit Inspektionsposten
innerhalb unserer Länder erfolgen.
3. Reduzierung der bewaffneten Streitkräfte und Rüstungen. Zu
diesem unerlässlichen Teil des Abrüstungsproblems haben wir definitive
Vorschläge, und zwar nicht nur für die erste Phase eines Abrüstungsprogramms, sondern auch für die zweite und dritte Phase unterbreitet.
Die von uns für die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten für die
erste Abrüstungsphase vorgeschlagene Begrenzung der Streitkräfte
beträgt 2,5 Millionen Mann; in der zweiten Phase würden wir unter
der Voraussetzung einer zufriedenstellenden Lösung der Probleme,
die die Spannungen auf der Welt verursachen, unsere Truppenstärke
auf 2,1 Millionen Mann reduzieren und dann in der dritten Phase auf
1,7 Millionen Mann.
Was die Rüstungen anbetrifft, so schlagen wir eine praktische
Methode der Reduzierung vor - nämlich die Errichtung von Depots, in
die nach Vereinbarung bestimmte moderne Waffen zu Lande, zur See und in der Luft unter internationaler Überwachung eingelagert würden.
Dieser Plan würde die Notwendigkeit einer Inspektion auf ein Minimum
reduzieren. Wir sind bereit, zu jeder Zeit über die Arten und die
Mengen der Waffen zu verhandeln, die in diese Depots eingelagert werden sollen.
4« Die Verhinderung eines Überraschungsangriffes. Wir fordern
auch weiterhin die Annahme eines Boden- und Luftinspektionssystems
der 'Offenen Himmel', um einen massiven Überraschungsangriff auszuschalten. Unter einem solchen System würde die Furcht vor einem Krieg
vermindert und der Anstoß zu weiteren Rüstungsreduzierungen gegeben
sein. Danach streben wir. Wir sind bereit, auf einer progressiven
Basis mit der Inspektion anzufangen, wobei in Gebieten begonnen würde,
in denen eine Sicherung gegen einen Überraschungsangriff von größter
Wichtigkeit ist. Darüber hinaus haben wir den Vorschlag bekräftigt,
den Präsident Eisenhower ursprünglich im Jahre 1954 in Genf unterbreitet hat. Dieser Vorschlag würde das gesamte Gebiet der Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion umfassen. Unter Zustimmung der betroffenen
Länder sind wir ferner übereingekommen, Kanada sowie wichtige Gebiete
in Europa einzubeziehen. Wir sind weiter bereit, auch solche Gebiete
in der freien Welt einzuschließen, wo Militärstützpunkte vorhanden
sind, vorausgesetzt, daß die betroffenen Länder ebenfalls zustimmen.
Somit haben wir der Sowjetunion beträchtliche Auswahlmöglichkeiten
geboten, um mit diesem entscheidenden Prozeß der Inspektion zum Schutze
vor einem Überraschungsangriff zu beginnen. Wir sind bereit, bescheiden anzufangen und die Ziele später weiter zu stecken.
5. Kontrolle der Weltraumgeschosse. Und schließlich, Herr Vorsitzender, streben wir ein Abkommen an, durch das die jüngste Schöpfung
der Wissenschaft - das Weltraumgeschoß - kontrolliert werden kann.
Ähnlich wie die Atomenergie können diese friedlichen Zwecken dienen oder

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oder aber sie können dazu &gt;benutzt werden, um uns alle zu vernichten.
Wir haben eben erst angefangen, diese Möglichkeiten kennenzulernen,
aber wir wissen bereits, daß die Möglichkeit, daß Weltraumraketen
mit Atomsprengköpfen bestückt werden können, viel zu große Gefahren
in sich birgt, als daß sie ignoriert werden kann.
Herr Vorsitzender, im Jahre 1946, als die Vereinigten Staaten
allein Atomwaffen besaßen, legten sie den Vereinten Nationen einen
Plan vor, der die friedliche Verwendung der neuen und gewaltigen
Kraft der Atomenergie dadurch gewährleisten sollte, daß sie internationaler Kontrolle unterstellt würde. Die Welt weiß, daß ein Jahrzent der Furcht und Not hätte vermieden werden können, wenn dieser
Plan angenommen worden wäre. Wir haben nunmehr eine ähnliche Gelegenheit, die neuen Pioniertaten der Menschen im Weltenraum für den Frieden nutzbar zu machen. Wir dürfen diese Chance nicht verpassen. Wir
haben daher vorgeschlagen, daß ein technischer Ausschuß eingesetzt
wird, der ein Inspektionssystem ausarbeiten soll, das die Nutzung
des Weltraums für ausschließlich friedliche und wissenschaftliche
Zwecke sicherstellt. Im Falle einer allgemeinen Zustimmung zu einer
Fortführung dieser Untersuchung auf multilateraler Basis sind die
Vereinigten Staaten bereit, sich dieser Initiative anzuschließen,
ohne den Abschluß der Verhandlungen über die anderen vier wichtigen
Vorschläge abzuwarten.
Dieses, Herr Vorsitzender, sind die wesentlichen Punkte der
Londoner Vorschläge.
Lassen Sie mich, ehe ich zum Abschluß gelange, klarstellen, daß
wir bereit sind, ohne irgendwelche politischen Bedingungen und ohne
irgendwelche Forderungen nach Erfüllung irgendeiner politischen
Voraussetzung mit der gesamten ersten Phase des Abrüstungsprogrammes
zu beginnen. Dies betrifft alle fünf Hauptpunkte, die ich soeben in
zusammengefaßter Form dargelegt habe. Wir behandeln hier ein Abrüstungsprogramm, mit dessen Durchführung die Vereinigten Staaten und
seine drei anderen Initiatoren unverzüglich zu beginnen bereit sind.
Wir beabsichtigen ferner, daß als allererster Teil dieses
Programmes die Aussetzung der Kernwaffenversuche in die Praxis umgesetzt werden soll. Das für das Waffenversuchsverbot notwendige
Inspektionssystem sollte vor Ende des ersten Jahres des Versuchsmoratoriums zur Durchführung gelangt sein.
Schlußfolgerung
Es gibt wohl keinen Teil in diesem Abkommen, das uns vorschwebt,
der nicht von jedem Land begrüßt werden könnte, das wirklich auf den
Frieden hinarbeitet. Ich habe die Hauptteile eines solchen Abkommens
umrissen - Atomproduktion für den Frieden und nicht für den Krieg}
umgehende Aussetzung der Atombombenversuche; Reduzierung der Truppenstärken und Rüstungen; Beginn einer Inspektion zum Schutze gegen einen
Überraschungsangriff; und ein Beginn auf dem Wege zur Kontrolle der

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der Weltraumgeschosse. Wer kann Einwendungen gegen irgendeinen dieser
Punkte erheben?
Die Frage einer sofortigen Aussetzung der Kernwaffenversuche
liegt heute in der Hand der Sowjetunion. Sie kann eine Einstellung
der Versuche herbeiführen, wenn sie dies will. Sie kann noch mehr
als nur dies tun. Sie kann von der Welt die Furcht vor den unaussprechlich größeren Gefahren eines Überraschungsangriffes und eines
Atomkrieges nehmen, bei dem die fürchterlichsten Waffen eingesetzt
würden, die die Erfindungsgabe der Wissenschaft geschaffen hat.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten haben immer sehnlichst
eine Welt herbeigewünscht - und sie tun dies auch heute noch -, in
der sich alle Nationen, einschließlich der Sowjetunion, ohne Gefahr
von außen sicher fühlen können. Wir würden unseren eigenen Zielen
zuwiderhandeln, wenn wir einen Vorschlag machten, der auf die Gefährdung der Sicherheit der Sowjetunion abzielte, da unser Ziel genau
das Gegenteil davon ist. Wir bauen darauf, daß die Sowjetunion uns
dies glaubt. Ohne Frage liegt es im Interesse der Sowjetunion, auch
das Mißtrauen hinsichtlich ihrer eigenen Motive zu beseitigen. Ja,
dies nicht zu tun, hieße, die Welt einem Schicksal zu überlassen,
wie es Präsident Eisenhower 1953 hier vor den Vereinten Nationen beschrieb, als er von den "beiden Atomgiganten" sprach, die sich "in
einer zitternden Welt mißtrauisch beobachten". Wenn sich diese
zitternde Welt in einen Krieg hineinstürzte, dann würden die Bomben,
die dann fielen, weder vor irgendeiner Person noch vor irgendeiner
Ideologie haltmachen.
Nicht nur das amerikanische Volk allein, Herr Vorsitzender,
sondern die Völker der gesamten Welt fordern heute, daß die Sowjetunion die Alternativen abwägt, denen wir alle uns gegenübersehen.
Im besonderen wird diese Forderung von den kleinen Nationen der
Welt erhoben, deren Aussicht, ein friedliches Leben zu führen, nicht
in ihrer eigenen bewaffneten Macht, sondern in ihrer Hoffnung auf
eine geordnete Welt liegt - einer Welt der Offenheit und des Vertrauens, die frei von Furcht vor einem plötzlichen und mit überwältigender Stärke geführten Angriff ist.
Es besteht für uns durchaus kein Grund, daran zu zweifeln, daß
die Sowjetunion ihre Ansicht ändern wird. Zu ihren Gunsten kann gesagt werden, daß wir schon früher erlebt haben, wie sie ihre Ansicht
geändert hat. Sie hat ihre Ansicht in bezug auf die "Atome für den
Frieden" geändert. Sie hat, was die Prüfung des Planes der "Offenen
Himmel".anbetrifft, ihre Ansicht geändert.' Sicher kann sie ihre
Ansicht erneut ändern, wenn ihre Sicherheit und ihr Eigeninteresse
wie auch das unsrige dies so eindeutig fordern.
Im wesentlichenfya"benwir, das heißt Kanada, Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten, der Sowjetunion folgendes
Angebot gemacht und halten es auch weiterhin aufrecht:
Wir

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Wir werden die Kernwaffenversuche für eine Anfangsperiode aussetzen, die sich auf zwei Jahre belaufen wird, die aber auch weiter
verlängert werden kann, vorausgesetzt, daß die Sowjetunion der Errichtung eines wirksamen Inspektionssystems in der Luft und zu Lande zustimmt; daß sie der Einstellung der Produktion von spaltbarem Material
für Waffenzwecke und der Reduzierung der gegenwärtigen Vorräte zustimmt; daß sie dem Beginn einer Kontrolle der Weltraumgeschosse und
einer Reduzierung der bewaffneten Streitkräfte zustimmt.
Wir bestehen nicht darauf, daß alle diese Dinge auf einmal getan
werden. Ein Abkommen darüber, daß dies in annehmbaren Phasen geschieht,
genügt, um dieses Programm anlaufen zu lassen, und die Aussetzung
der Kernwaffenversuche würde das erste sein.
Herr Vorsitzender, ich schließe mit den Worten: Wir glauben,
daß unsere Einstellung fair und weitblickend ist und daß sie, wenn
sie von dieser Vollversammlung unterstützt wird, dazu beitragen wird,
die Welt auf eine breite Basis des Friedens zu stellen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./"|6.10.57
VIZEPRÄSIDENT NIXON ZU WELTWIRTSCHAFTSPROBLEMEN

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die der amerikanische Vizepräsident Nixon am 15« Oktober 1957
vor der Internationalen Konferenz über industrielle Entwicklung in San Francisco gehalten hat.

Ich habe die Ehre, Ihnen, den Vertretern von 57 Nationen, die
an dieser historischen Konferenz teilnehmen, die Grüße des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu übermitteln, und als gebürtiger Kalifornier bin ich stolz darauf, daß Sie die Stadt San Francisco, den
Geburtsort der Vereinten Nationen und eines der größten Zentren des
internationalen Handels als Tagungsort ausgewählt haben. Zusammen
mit Ihnen beglückwünsche ich jene, die diese Konferenz planten, dafür, daß es ihnen gelungen ist, das wahrscheinlich hervorragendste
Gremium von Experten auf dem Gebiet der internationalen Investitionen zusammenzubringen, das je zusammengekommen ist.
Vor solch einer erlauchten Versammlung bin ich daher auch nicht
so vermessen zu versuchen, autoritativ über die technischen Dinge zu
sprechen, die Sie, wie ich mir vorstelle, in erster Linie interessieren. Mit Ihrer Erlaubnis werde ich mich daher heute abend mit
einigen Gegenwartsentwicklungen in Washington befassen, die direkt
oder indirekt auf diejenigen Probleme Bezug haben, mit denen Sie
sich hier auseinandersetzen.
Es wird Sie sicherlich nicht überraschen, daß das Hauptgesprächsthema in Washington, genauso wie in San Francisco, Moskau
und den anderen Städten, aus denen Sie kommen, der sowjetische Satellit ist, der jetzt die Erde umkreist.
Lassen Sie uns zuerst darauf eingehen, was der Start dieses
Satelliten in militärischer Hinsicht bedeutet.
Es hat insofern viel leichtfertiges Gerede gegeben,ale behauptet wurde, daß durch dieses Ereignis das militärische Kräfteverhältnis in der Welt von Heute verändert worden sei. Es ist an der Zeit,
daß diese Ansicht korrigiert wird, denn militärisch gesehen ist die
Sowjetunion dadurch heute um nichts stärker als vor dem Start des
Erdsatelliten. Die freie Welt bleibt auch weiterhin militärisch

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militärisch stärker als die kommunistische. Und wir können jedem
potentiellen Feind entgegentreten und jeden schlagen,der es wagen sollte,
einen Angriff zu starten. Die einzige militärische Bedeutung dieses
Ereignisses liegt darin, daß die Sowjetunion nur das erneut demonstriert hat, was wir schon vorher wußten, nämlich, daß sie die
Fähigkeit entwickelte, eine Rakete über eine große Anzahl Meilen
abzuschießen.
Gleichzeitig könnten wir aber keinen größeren Fehler begehen,
als dieses Ereignis als eine verblüffende Wissenschaft]iche Leistung
abzutun, die von größerer Bedeutung für den Mann im Mond ist als für
die Menschen auf der Erde.
Wir haben eine finstere und rechtzeitige Erinnerung an eine
Wahrheit erhalten, die wir nie übersehen sollten, nämlich, daß die
Sowjetunion eine wissenschaftliche und industrielle Kapazität von
einer beträchtlichen Größenordnung entwickelt hat.
Wenn die freie Welt weiter bestehen soll, dann können wir nicht
auf unseren bisherigen Erfolgen ausruhen oder uns mit unserer gegenwärtigen Position der militärischen Überlegenheit zufrieden geben.
Wir müssen ständig alle Fronten - seien es die militärischen, wirtschaftlichen oder moralischen - weiter vorantreiben, wenn wir die
sehr reale Gefahr beseitigen wollen, die heute allen freien Menschen
überall durch das kommunistische Imperium droht.
Das Auflassen des Satelliten dürfte dann aber nur eine Warnung
für die gerechte Sache der Freiheit ausgelöst haben, wenn wir in
starker und kluger Weise auf die daraus zu ziehenden Folgerungen
reagieren. Lassen Sie uns noch einmal und für alle den Beschluß fassen,
daß die absolute Notwendigkeit, unsere Überlegenheit in der militärischen Stärke aufrechtzuerhalten, immer den Vorrang vor dem verständlichen Wunsch nach Verringerung unserer Steuern haben muß.
Darf ich nun auf die unmittelbare Bedeutung zu sprechen kommen,
die, wie ich glaube, dieses aufregende Ereignis im Hinblick auf die
von dieser Tagung zu erörternden Fragen besitzt. Kein dramatischerer
Blickwinkel hätte sich ergeben können, um sowohl die Kommunisten
als auch die freie Welt an die ständig schrecklicher werdenden Aspekte der modernen Kriegführung zu erinnern. In dem Maße, in dem
diese Hinsicht zunimmt, wird die Wahrscheinlichkeit, daß irgendeine
Nation durch das Beginnen eines Angriffskrieges nationalen Selbstmord begehen wird, geringer.
Aber wenn die furchteinflößende Natur der modernen Waffen ein
Abschreckungsmittel gegen das Zustandekommen eines uneingeschränkten Atomkrieges ist, ist sie mit ebensolcher Gewissheit ein Stimulus
des kalten Krieges. Chruschtschow selbst hat erklärt, daß es die
Kommunisten vorziehen würden, das Ziel der Weltbeherrschung mit
anderen Mitteln als mit militärischen Konflikten zu erreichen. Dies
bedeutet nicht, daß wir die ungeheure militärische Bedrohung ignorieren sollten, die die Macht Rußlands darstellt. Es bedeutet aber,
daß wir auf eine uneingeschränkte kommunistische Wi rtschaftsoffensive

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�"AMERIKA DIENST"

16. Oktober 1957

Wirtschaftsoffensive vorbereitet sein müssen, die dazu beitragen soll,
die Ergebenheit von Hunderten von Millionen Menschen in der nach keiner
Seite verpflichteten Welt und sogar von solchen in der freien Welt zu
gewinnen.
Der Kreml hat uns in direkter Weise herausgefordert. Er verkündet
vor der ganzen Welt, daß eine Sklavenwirtschaft einer freien Wirtschaft
überlegen sei.
Er verspricht den Entwicklungsländern in der Welt, daß das kommunistische System für sie mehr tun kann als das freie Wirtschaftssystem,
das die wirtschaftliche Basis der freien Welt ist. Und der sichtbare
Erfolg des Satellitenprojekts wird als Beweis für die Überlegenheit des
kommunistischen Systems gehalten.
Soweit es den Durchschnittsbürger betrifft, ist der Erfolg glücklicherweise eindeutig auf unserer und nicht auf der Seite des Kremls«
Der Kontrast zwischen der Rekordprosperität in der Bundesrepublik
Deutschland und die traurige Armut der sowjetisch besetzten Zone ist
wohl der eindeutigste Beweis f4ir die Überlegenheit der freien Gesellschaftsordnung über das kommunistische System bei der Schaffung des
materiellen Wohlstandes, das die Kommunisten so lange als ihre ureigenste Aufgabe beanspruchten.
Wir glauben, daß, auf lange Sicht betrachtet, die freie Wirtschaft
ein Zwangswirtschaftssystem sowohl in der Planung als auch in der
Produktion weit übertreffen wird« Dennoch können wir aber nicht die
Tatsache übersehen, daß ein diktatorischer Staat - wie es auch die
kürzlichen Ereignisse beweisen - durch die Konzentration aller
Kräfte in eine bestimmte Richtung beachtliche, aber zeitlich begrenzte
Erfolge erringen kann.
Und aus diesem Grunde wäre es auch unklug, die Herausforderung zu
unterschätzen, der wir uns auf wirtschaftlichem Gebiet gegenübersehen.
Dies trifft besonders in Anbetracht der Tatsache zu, daß die Kommunisten ihre Hauptanstrengungen auf die Entwicklungsländer in Asien und
Afrika richten. Diese Völker befinden sich gegenwärtig in einer Revolution, zwar keiner politischen, aber einer Weltrevolution der menschlichen Erwartungen - die Anmeldung ihrer Ansprüche auf einen größeren
Anteil an den Gütern der Welt. Der Geist dieser Revolution wurde durch
zwei Worte, Wachstum und Industrialisierung, entflammt, wobei der fast
universelle Glaube dahinter stand, daß die Industrialisierung der
Schlüssel zum Wachstum ist.
Im

�"AMERIKA DIENST"

16. Oktober

1957

Im Verlauf dieser Revolution sind das Stahlwalzwerk und das Wasserkraftwerk zu mehr als einer nur wirtschaftlichen Notwendigkeit geworden. Sie wurden zu Symbolen des Stolzes und der Hoffnung ganzer
Nationen. Und für nachdenkliche Menschen in der ganzen freien Welt
heißt die unausweichliche Frage: Wie können diese Hoffnungen zufriedenstellend erfüllt werden?
Die kommunistische Welt ist bereit zu versprechen, daß sie helfen werde, diese Hoffnungen zu erfüllen. Sie wird dies tun, trotz
ihres eigenen hoffnungslos niedrigen Lebensstandards. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die kommunistischen Führer in ihrem Streben nach
der Weltherrschaft ihrem eigenen Volke jedes Opfer auferlegen. Und
ihr kürzlicher wissenschaftlicher Erfolg zeigt, daß sie, auf kurze
Sicht gesehen, das Können und die Hilfsquellen haben, um zu tun,
was sie für wichtig erachten.
Wir wissen natürlich, daß eine solche Hilfe kurzlebig und trügerisch sein wird. Aber wenn sie dazu beiträgt, die kommunistische
Herrschaft auf ganz Afrika und Asien auszudehnen, dann hat der Kreml
seinen Sieg in der Schlacht um die Welt sichergestellt. Er kann Polizeikräfte einsetzen, um diese Völker in Abhängigkeit zu halten. Er
wird dann ihre ungeheuren Reichtümer an öl, Uran, Kupfer und vielen
anderen Materialien, die für das wirtschaftliche Leben der freien
Welt wichtig sind, kontrollieren. Die westliche Welt wird gezwungen
sein, sich zu ergeben, ohne daß ein Schuß gefallen ist.
Lies ist die wirkliche Bedrohung - zwar nicht so dramatisch
oder großartig wie Sputnik oder die interkontinentale Rakete, aber
meiner Meinung nach auf lange Sicht gesehen gefährlicher. Wir erkühnen uns nicht, die militärische Bedrohung, die diese Ereignisse
darstellen, zu ignorieren, aber es wäre in gleicher Weise unsinnig,
die wirtschaftlichen Waffen zu ignorieren, die gegen uns gerichtet
sind. Die ersteren mögen niemals gebraucht werden; die letzteren
werden bestimmt zur Anwendung gelangen.
Ich bin zuversichtlich, daß wir diese Herausforderung parieren
und abschlagen können, vorausgesetzt, unsere Maßnahmen basieren auf
jenem Grundprinzip, das auch die treibende Kraft dieser Konferenz
ist - die Erkenntnis, daß das private Unternehmertum und nicht der
Staat die produktivste Quelle wirtschaftlichen Fortschritts ist.
Die Privatinitiative, die private Verantwortung und das Privatkapital, die Sie repräsentieren, sind der Motor des wirtschaftlichen
Fortschritts. Die von Ihnen ausgehende Stärkung der Wirtschaftskraft
ist lebenswichtig für die Zukunft der ganzen freien Welt.
Ich sage dies in voller Anerkennung der Tatsache, daß den Regierungsmaßnahmen ein wichtiger Platz zugekommen ist und auch noch
zukommt.
Seit

�"AMERIKA DIENST"

16. Oktober

1957

Im Verlauf dieser Revolution sind das Stahlwalzwerk und das Wasserkraftwerk zu mehr als einer nur wirtschaftlichen Notwendigkeit geworden. Sie wurden zu Symbolen des Stolzes und der Hoffnung ganzer
Nationen. Und für nachdenkliche Menschen in der ganzen freien Welt
heißt die unausweichliche Frage: Wie können diese Hoffnungen zufriedenstellend erfüllt werden?
Die kommunistische Welt ist bereit zu versprechen, daß sie helfen werde, diese Hoffnungen zu erfüllen. Sie wird dies tun, trotz
ihres eigenen hoffnungslos niedrigen Lebensstandards. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die kommunistischen Führer in ihrem Streben nach
der Weltherrschaft ihrem eigenen Volke jedes Opfer auferlegen. Und
ihr kürzlicher wissenschaftlicher Erfolg zeigt, daß sie, auf kurze
Sicht gesehen, das Können und die Hilfsquellen haben, um zu tun,
was sie für wichtig erachten.
Wir wissen natürlich, daß eine solche Hilfe kurzlebig und trügerisch sein wird. Aber wenn sie dazu beiträgt, die kommunistische
Herrschaft auf ganz Afrika und Asien auszudehnen, dann hat der Kreml
seinen Sieg in der Schlacht um die Welt sichergestellt. Er kann Polizeikräfte einsetzen, um diese Völker in Abhängigkeit zu halten. Er
wird dann ihre ungeheuren Reichtümer an öl, Uran, Kupfer und vielen
anderen Materialien, die für das wirtschaftliche Leben der freien
Welt wichtig sind, kontrollieren. Die westliche Welt wird gezwungen
sein, sich zu ergeben, ohne daß ein Schuß gefallen ist.
Dies ist die wirkliche Bedrohung - zwar nicht so dramatisch
oder großartig wie Sputnik oder die interkontinentale Rakete, aber
meiner Meinung nach auf lange Sicht gesehen gefährlicher. Wir erkühnen uns nicht, die militärische Bedrohung, die diese Ereignisse
darstellen, zu ignorieren, aber es wäre in gleicher Weise unsinnig,
die wirtschaftlichen Waffen zu ignorieren, die gegen uns gerichtet
sind. Die ersteren mögen niemals gebraucht werden; die letzteren
werden bestimmt zur Anwendung gelangen.
Ich bin zuversichtlich, daß wir diese Herausforderung parieren
und abschlagen können, vorausgesetzt, unsere Maßnahmen basieren auf
jenem Grundprinzip, das auch die treibende Kraft dieser Konferenz
ist - die Erkenntnis, daß das private Unternehmertum und nicht der
Staat die produktivste Quelle wirtschaftlichen Fortschritts ist.
Die Privatinitiative, die private Verantwortung und das Privatkapital, die Sie repräsentieren, sind der Motor des wirtschaftlichen
Fortschritts. Die von Ihnen ausgehende Stärkung der Wirtschaftskraft
ist lebenswichtig für die Zukunft der ganzen freien Welt.
Ich sage dies in voller Anerkennung der Tatsache, daß den Regierungsmaßnahmen ein wichtiger Platz zugekommen ist und auch noch
zukommt.
Seit

�"AMERIKA DIENST"

16. Oktober 1957

Seit dem Kriege hat die US-Regierung die bedeutendsten Friedenszeit-Operationen in der staatlichen Finanzierung durchgeführt. Die
Gesamtsumme an Auslandszuschüssen und -krediten beläuft sich in diesem Zeitraum auf fast 60 Mrd. Dollar. Es ist unvermeidbar, daß bei
der Verteilung einer so gewaltigen Summe eine gewisse Vergeudung
der Gelder auftritt. Doch, zieht man Bilanz, so waren sie alles andere als verschwendet. Dieses Geld hat in einer Zeit kostspieliger
Wiederaufrüstung den Lebensstandard geschützt und verbessert. Es
schuf die Grundlage für eine ungeheure Ausweitung unseres Handels
in einer Zeit, da die Märkte durch kommunistische Gewaltaktionen
aus ihrem traditionellen Gefüge gesprengt worden sind; und es hat
dazu beigetragen, die freie Welt zusammenzuhalten, als die Kommunisten ihr Bestes taten, sie aufzuspalten. Es war und ist eine Leistung,auf die die Amerikaner stolz sein können.
Regierungskapital ist jedoch in gewissem Sinne Krisenkapital.
Es wird eine lebenswichtige Rolle zu spielen haben solange die Weltkrise existiert und wo immer es eine Gelegenheit gibt, die freie
Wirtschaft gegen die erbärmlichen Versuchungen des kommunistischen
Handels oder gegen die Drohung kommunistischer Unterwerfung zu stärken. Ich glaube, wir sollten diese Waffe der Regierungsfinanzierungen
so freizügig, wie der Kongreß es uns zubilligt, einsetzen.
Wir müssen jedoch einsehen, daß die Regierungshilfe nicht das
ganze Problem lösen kann, dem wir uns gegenübersehen. Die Investitionssumme, die von kapitalkräftigen Ländern wie den Vereinigten
Staaten in den nächsten Jahren in kapitalarme Länder fließen muß,
muß eher größer als geringer sein. Das Privatkapital ist die einzige
Investitionsquelle, die sich noch weiter entwickeln läßt. Und es
ist deshalb die einzige Quelle, die den Anforderungen gerecht werden
kann.
Die Möglichkeiten der Regierungsmaßnahmen sind begrenzt. Zum
Teil sind es die Grenzen, die der Staatshaushalt setzt. Vor allem
aber ist es die Beschränkung, die unsere Überzeugung uns auferlegt,
wonach das freie Unternehmertum das von uns bevorzugte Medium einer
Hilfeleistung an die jetzt in der Wirtschaftsentwicklung stehenden
Länder darstellt.
In vielen Ländern wird heute die Struktur der Wirtschaftsentwicklung auf ein Jahrhundert im voraus festgelegt. Ist diese Struktur ein Staatsgebilde, dann ist die menschliche Freiheit dabei der
Verlierer. Machtkonzentration ist eines der großen Probleme unserer
Zeit.
Freiheit ist etwas wesentlich Persönliches. Sie wird von unpersönlichen Gruppen nur mit großen Schwierigkeiten ausgeübt. Es ist
lebenswichtig, daß die Struktur der Wirtschaftssysteme in neuentwickelten Ländern soweit wie möglich die menschliche Freiheit fördert
und nicht einschränkt.
Das

�16. Oktober 1957

"AMERIKA DIENST"

Das Privatkapital hat die Verdienste, die dem Regierungskapital
fehlen. Es ist jenes Geld, das, in der Sprache der alten Römer ausgedrückt, nicht stinkt. Die Regierung kann nicht anordnen, daß es in
diesem und nicht in jenem Lande ausgegeben werden soll, und sie kann
keine politischen oder diplomatischen Bedingungen an seine Verwendung
knüpfen.
Es ist mit keiner Ideologie belastet, außer der verständlichen
Erwartung, sicher und gewinnbringend angelegt zu sein. Aber es bringt
etwas anderes mit: Verstand. Die geschickte Handhabung und Imaginationsstärke der privaten Geldwirtschaft sind die beste Sicherheit
dafür, daß in der Tat ein neuer Reichtum geschaffen wird, den beide
Schuldner und Geldgeber anstreben.
Wir bedürfen einer außerordentlichen Zunahme der Investierungen
durch amerikanische und andere Geschäftsleute, die besonders auf
die Wirtschaftsentwicklung der Länder ausgerichtet sind.
Welche Ziele sollte die private Geldwirtschaft in den Vereinigten
Staaten auf diesem Gebiete haben? Im vergangenen Jahre erreichten
die amerikanischen Privatinvestitionen nahezu vier Milliarden Dollar.
Der Betrag erscheint hoch; wenn die Vereinigten Staaten jedoch denselben Prozentsatz ihres Nationaleinkommens im Ausland investieren würden
wie Großbritannien dies im Jahre 1910 tat, dann betrüge die Investierungssumme nicht 4» sondern 30 Mrd. Dollar.
Ich will damit nicht sagen, daß wir, selbst wenn wir es wollten,
die Welt von 1910 wiederherstellen könnten. Aber es ist gewiß nicht
unvernünftig, sich eine Verdoppelung oder Verdreifachung der amerikanischen Auslandsinvestitionen in den nächsten zehn Jahren zum Ziel
zu setzen. Wir können jedoch nicht erwarten, daß sich dies automatisch
vollzieht.
Es gibt verschiedene Schritte, die die Vereinigten Staaten unternehmen könnten, um die Regierungen der Investitionskapital suchenden Länder und die amerikanischen Geschäftsleute im Ausland in die Lage
zu versetzen, das von der Welt benötigte Kapital für Auslandsinvestitionen in erhöhtem Maß bereitzustellen.
Als erstes wollen wir untersuchen, welche Schritte die kapitalschwachen Staaten unternehmen können, um private Investitionen aus
anderen Ländern hereinzuholen. Allem voran müssen sie die Tatsache
begreifen lernen, daß der Kapitalmangel in aller Welt, wie er sich
auch im Steigen der Zinssätze manifestiert, einen scharfen Wettbewerb auf dem Kapitalmarkt ausgelöst hat, der sich auf die für Auslandsinvestitionen verfügbaren Geldmittel auswirkt. Jede Regierung,
die ernsthaft an Investitionskapital aus privaten Quellen interessiert
ist, wird sich notwendigerweise an diesem Wettbewerb beteiligen müssen.
Sie kann Bedingungen festsetzen, die den Zustrom solchen Kapitals auszulösen oder völlig zu unterbinden in der Lage sind, Sie kann ausländisches Kapital wie etwas behandeln, das zwischen Staatsfeind und
notwendigem Übel rangiert, und sie vermag jene Art von Bestimmungen zu
erlassen, auf Grund derer das private Kapital wirklich zu positiven
Leistungen gebracht werden kann.
T
Lassen

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�"AMERIKA DIENST"

16. Oktober 1957

Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Was man auch immer von
Premier Nassers Recht zur "Ägyptisierung" des Suezkanals halten
mag - und unsere Regierung hat dieses Recht nicht bestritten -,
so kann man doch nicht leugnen, daß Nasser Ägypten für neue Kapitalinvestitionen weniger anziehend machte als es zuvor war. Umgekehrte Ergebnisse sehen wir im Falle der Niederlande, Nordirlands,
Mexikos oder unseres eigenen unabhängigen Commonwealth von Puerto
Rico, wo die Regierungen jeweils zupackende und wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen haben, um ein günstiges Klima für ausländisches
Investitionskapital zu schaffen und damit zu Auslandsinvestitionen
zu ermutigen. Als Ergebnis dieser Maßnahmen erhalten sie heute mehr
ausländisches Kapital als je zuvor.
Die Regierung der Vereinigten Staaten würde nie irgendeinem
anderen Lande einzureden versuchen, welche Politik es gegenüber
Auslandsinvestitionen einschlagen sollte; wer aber als Privatmann
über Kapital verfügt, wird sich, ehe er Geld im Ausland anlegt, erst
über das dortige Investitionsklima unterrichten.
Wir wollen nun untersuchen, was die Regierung der Vereinigten
Staaten tun kann und sollte, um Privatinvestitionen im Ausland zu
fördern. Ich möchte die folgenden Punkte als das allermindeste vorschlagen, was geschehen sollte:
Die Wirtschaftsabteilungen unserer Botschaften bei anderen Ländern sollten eine größere Bedeutung zugesprochencerhalten und sowohl
in ihrer qualitativen als auch quantitativen Besetzung verstärkt
werden. Jede amerikanische Botschaft sollte mit qualifizierten
Kräften ausgestattet werden, die einen ausreichenden Teil ihrer
Zeit und Energie der tatkräftigen Förderung von Bestrebungen widmen,
die zu einer Ermutigung von Auslandsinvestitionen beizutragen geeignet sind.
Sobald sich eine Revision der Steuersätze praktisch durchführen läßt, sollte der Kongreß eine Steuerreform vornehmen, wie
sie der Präsident schon zweimal gefordert hat. Er schlug vor, die
sogenannte 14-Punkte-Vergünstigung *, die Handelsgesellschaften zusteht, die sich innerhalb der westlichen Hemisphäre betätigen, auch
auf Investitionen in anderen Teilen der Welt auszudehnen.
Der Kongreß sollte ferner erwägen, inwieweit sich eine Steuerreform im Sinne der vor einigen Monaten in Großbritannien vorgenommenen Steuerreform auch hier durchführen läßt. Dies würde eine
Stundung von Steuern auf Einkommen und Gewinnen, die ausschließlich
aus dem Ausland herrühren, bis zu dem Zeitpunkt gestatten, bis sie
tatsächlich in Form von Dividenden an die Aktionäre oder an die Stammgesellschaft ausbezahlt werden. Eine solche Regelung würde den in
Übersee tätigen amerikanischen Handelsgesellschaften und Geldgebern

Anmerkung der Redaktion: Bei der 14-Punkte-Vergünstigung handelt es
sich um eine Freigrenze bei der Besteuerung amerikanischer Gesellschaften, die in einer Reihe von Ländern der westlichen Welt tätig
sind. Solchen Firmen kann das Recht zugestanden werden, bei der Ermittlung ihres zu versteuernden Einkommens 14 Prozent abzusetzen.

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�16. Oktober

"AMERIKA DIENST" .

1957

Geldgebern die gleichen Vorteile bieten, die sich manche von ihnen
zur Zeit durch Errichtung von Zweigunternehmen im Ausland sichern.
Sie würde auf eine sofortige Erhöhung der diesen Gesellschaften für
weitere Auslandsinvestitionen zur Verfügung stehenden Mittel hinauslaufen, und auf lange Sicht würden sowohl der amerikanische Fiskus
als auch die Finanz- und Steuerverwaltungen der anderen Staaten auf
Grund der Steuern aus den erweiterten Investitionen ebenfalls gewinnen.
Wir sollten ferner einen größeren Teil der Finanzmanipulationen
unserer Regierung über private Geldgeber und Unternehmer, sowohl
amerikanische als auch ausländische, abwickeln. Insbesondere könnte
der Kongreß in Zukunft verlangen (und nicht nur, wie bisher, es dulden),
daß mindestens 25% der Devisen, die wir gegenwärtig im Zusammenhang
mit dem landwirtschaftlichen Hilfsprogramm vereinnahmen, für Kredite
an US-Firmen zur Verfügung gestellt werden, die in jenen Ländern tätig
sind.
Der neue, mit 300 Millionen Dollar ausgestattete Entwicklungsfonds sollte so organisiert werden, daß er, was seine Verwaltung und
seine Tätigkeit betrifft, nicht lediglich zu einer farblosen Kopie
entweder der Weltbank oder des Amtes für Internationale Zusammenarbeit (iCA) wird. Regierung und Kongreß waren von dem Gedanken ausgegangen, dieser Fonds werde eine Funktion übernehmen, die völlig neu
ist und die sich klar von jenen unterscheidet, die bereits bestehende
Organe ausüben. Sein Hauptzweck wird es sein, privaten Unternehmen
Geldmittel zugängig zu machen, die die Voraussetzungen für eine
Kreditgewährung durch die Export-Import-Bank nicht erfüllen.
Wir sollten mit Hilfe von internationalen Organisationen wie der
Weltbank die Möglichkeiten zur Schaffung eines privaten Internationalen Fonds für Investitionsgarantien prüfen» Seine Aufgabe wäre es,
die Kapitalgeber von heute und morgen gegen die Risiken der Enteignung., der Entwertung, der Einfrierung von Devisen und ähnlicher Maßnahmen zu schützen.
Da es nun einmal der Handel ist, der das Kapital schafft und
über die Mittel verfügt, die die Welt so dringend benötigt, so
sollten wir das Gesetz über Gegenseitige Handelsabmachungen um mindestens weitere 5 Jahre verlängern, wenn die Frage seiner Erneuerung
in der nächsten Sitzungsperiode des Kongresses zur Debatte stehen wird.
Ein derartiges Verhalten würde das ständige und sich weiter vertiefende Interesse der Vereinigten Staaten a» Welthandel demonstrieren.
Gleichgültig, ob es uns um die Bezahlung für unsere Exporte zu tun
ist, um die Erträge unserer Investitionen oder um die Sicherung der
wirtschaftlich günstigsten Rohstoffquellen - die Vereinigten Staaten
müssen immer mehr importieren. Das Gesetz über Gegenseitige Handelsabmachungen ist die beste Gewähr, daß uns diese Einfuhren auf einer fairen
und jede Diskriminierung vermeidenden Basis zur Verfügung stehen werden.

Aus

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�AMERIKA DIENST"

16. Oktober 1957

Aus dem gleichen Grund sollten wir die Frage unserer Mitgliedschaft
in der Organisation für Gemeinsamen Handel endlich positiv klären. Diese Organisation, die die Vereinigten Staaten mit gründen halfen, ist die
geeignete Stelle, um das bereits geschaffene System der multilateralen
Zollverhandlungen und die Regelungen bezüglich der Wechselseitigkeit
des Handels zu sammeln und zu einem größeren Ganzen zusammenzufassen.
Dies fordert nichts von uns, was wir nicht ohnehin schon tun. Dieser
Organisation nicht beizutreten, wäre ein Akt grober Selbsttäuschung;
ein solches Handeln würde die übrige Welt bezüglich unserer wirklichen
Interessen und unserer Zielsetzungen zu falschen Schlußfolgerungen
veranlassen.
Wir sollten die seit langem schon vom Präsidenten vorgeschlagene
gesetzliche Regelung treffen, die eine Vereinfachung veralteter und
ungerechter Methoden der Wertfestsetzung bei unserem Zollverfahren
gestatten würde..
Soviel über Maßnahmen, die die Regierung treffen könnte. Daneben
bestehen aber auch noch bestimmte Verpflichtungen, die die privaten
Geldgeber auf sich nehmen sollten, wenn sie in den Genuß steigender
Möglichkeiten auf dem Gebiet der Auslandsinvestitionen gelangen wollen.
Sie müssen ihre Tätigkeit vor allem erst einmal auf den ,1m 20.
Jahrhundert entwickelten Grundsatz ausrichten, daß es das erste Ziel
von Auslandsinvestitionen sein müsse, neuen Wohlstand zu schaffen und
nicht ein eben erst in der Entwicklung begriffenes Land auszubeuten.
Im Ausland wirkende Amerikaner sollten eigens für die Aufgabe geschult sein, als Botschafter des guten Willens und nicht nur als sachkundige Fachleute zu fungieren.
Die Ausbildung von Angehörigen anderer Staaten für Aufgaben des
Managements und auch für nachgeordnete verantwortliche Stellen muß
mit größter Vordringlichkeit betrieben werden.
Ich bin keineswegs der Auffassung, daß die von mir hier aufgeführten Vorschläge Anspruch auf Vollständigkeit haben. Die Ausführung
eines solchen Programms aber könnte den notwendigen Impuls für eine
starke Ausweitung der privaten Investitions- und Handelstätigkeit in
allen Teilen der Welt liefern.
An uns liegt es, die Welt von Morgen zu gestalten.
Wir können eine Welt des Friedens mit politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wachstum und der endgültigen Verbannung der Armut schaffen.
Es kann aber auch eine Welt des Hasses und des Mißtrauens werden, die
ewig am Rande des Krieges steht.
Es kann eine freie Welt sein oder eine Welt, die von einem Erstarren der Entwicklung oder von totalitären Bestrebungen vergiftet
ist, S-ie kann den Bedarf der Familien und sie kann den Bedarf von
Armeen produzieren.
Die

�16. Oktober 1957

"AMERIKA DIENST"

Die Wahl zwischen diesen beiden möglichen Welten fällt unserer
Generation zu. Ist die Freiheit der Verlierer, so kann ein Jahrhundert
vergehen, ehe sie wieder Besitz des Menschen wird. Wir selbst können
aus Mangel an lebenswichtigen Rohstoffen zugrundegehen, und das, ohne
daß auch nur eine einzige Kriegshandlung stattfindet.
Amerika kann nie und nimmer in völliger Isolation leben. Entweder
marschieren wir gemeinsam mit den anderen freien Völkern in die Zukunft, in eine Welt des Friedens und der Prosperität, oder wir gehen
unter, geraten in Vergessenheit und gelten als Gescheiterte, als ein
Volk, das nicht jenen Weitblick besaß, die Welt so zu sehen, wie sie
ist, oder das nicht den Mut aufbrachte, seine Pflicht zu tun.
Allein die Tatsache, daß diese gegenwärtige Konferenz abgehalten
wird, mag der Welt als ein deutliches Zeichen gelten, daß die Kräfte
der Freiheit jene Stärke, jene Lebenskraft und jene Entschlossenheit
aufweisen, das große Ringen um die Welt zu bestehen.

* * # * *

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�I A M E R I K A

D I E N S T

lllg./30.10.57
DIE ZIVILISATION STEHT AUF DEM SPIELE
Nur internationale Zusammenarbeit gewährleistet allen Menschen größere
Entfaltungsmöglichkeiten

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die der
amerikanische Physiker und Nobelpreisträger
Dr. Arthur H. Compton am 24. Oktober 1957
anlässlich der Überreichung des ersten Atomfriedenspreises an Prof. Niels Bohr in
Washington gehalten hat.

In Einklang mit der Absicht, die der Schaffung des Preises
"Atome für den Frieden" zugrunde liegt, hat man mich gebeten, über
die weitreichenden Auswirkungen der Energie des Atomkerns für die
Menschheit zu sprechen. Es ist mir eine Freude, dieser Bitte nachzukommen, besonders vor so berühmten und einflußreichen Zuhörern und
in Anwesenheit unseres Ehrengastes, dem diese Frage selbst sehr am
Herzen liegt.
Meine gegenwärtige Hauptsorge ist die Dringlichkeit, die die Verwendung von Kernenergie für eine weltweite Zusammenarbeit im Interesse
der ganzen Menschheit fordert. Um aber eine solche Zusammenarbeit zu
erreichen, müssen wir uns zunächst um die Weiterentwicklung des Menschen selbst kümmern.
In dem Programm "Atome für den Frieden" wird das Schwergewicht
auf die Nützlichkeit der Kernenergie gelegt. Das ist auch richtig so.
Wir verwenden diese Energie in der Form von Strahlung, um Krankheiten
zu diagnostizieren und zu heilen. Wir gebrauchen Isotope als Hilfsmittel in Wissenschaft und Industrie. Dank der inzwischen gemachten bedeutenden Fortschritte können wir bereits jetzt sagen, daß elektrischer Strom au3 dem Kernreaktor einen großen Bedarf des Menschen für
lange Zeit zu decken vermag.
Oder man denke beispielsweise an die Verwendung von Kernstrahlen
in der Heilkunst. Diese Art der Verwendung begann schon mit der Entdeckung der Röntgenstrahlung und des Radiums etwa um die Zeit der
.Jahrhundertwende. Über die Bedeutung dieser Strahlen für Diagnose

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�50. Oktober 1957

"AMERIKA DIENST"

Diagnose und Therapie sind Schätzungen angestellt worden, die zwangsläufig nur annähernd sein konnten. Aber sie zeigten doch, daß durch
die Verwendung dieser Strahlen in der ganzen Welt viele Millionen
Menschenleben gerettet worden sind. Die Zahl ist ungefähr dieselbe
wie die der Opfer der V/eltkriege in diesem Zeitraum. Schon allein
hierdurch hat unsere Beschäftigung mit Atomen und Atomvvrnen vielen,
vielen Männern und Frauen eine bessere Gesundheit und ein vollkommeneres Dasein gegeben.
Aber so wichtig dies auch sein mag, liegt doch hierauf nicht das
Schwergewicht, wenn wir die Kernenergie und die Entfaltung des Menschen
miteinander in Beziehung setzen.
Dor Hauptpunkt ist vielleicht, daß uns Wissenschaft und Technik
völlig neue Kräfte an die Hand gegeben haben. Wir sind uns voll und
ganz bewußt, daß uns diese Kräfte entweder größere Möglichkeiten oder
aber Zerstörung und Tod bringen. In dieser Hinsicht bedeutet die Kernenergie nur ein erregendes Beispiel für die neuen Möglichkeiten, die
die Wissenschaft für uns bereit hält, Möglichkeiten zum Guten oder
zum Bösen in wahrlich bestürzendem Umfang. Und das Ausmaß, in dem die
Wissenschaft den Menschen mit diesen bis dahin unbekannten Kräften
konfrontiert, wächst in einzigartiger Geschwindigkeit an. Darüber hinaus
vervielfacht jede derartige technische Entwicklung die Wirksamkeit
der vorausgegangenen Entwicklungen. Dies ist ein Zustand, der dem
wissenschaftlichen Begriff der dynamischen Instabilität sehr ähnlich
ist. Wir müssen damit rechnen, daß sich infolge neuer technischer Portschritte, die in den verschiedenen Teilen der Welt gemacht werden und
die den Gebrauch der dem Menschen bereits an die Hand gegebenen Macht
noch wirksamer werden lassen, das Kräftegleichgewicht in der Welt ständig verschiebt. Damit steht letzten Endes auch die Zivilisation seibat
auf dem Spiel.
Vollauf beschäftigt mit der unmittelbar vor uns liegenden Aufgabe,
den Frieden zu erhalten, dürfen wir doch nicht versäumen, auch die
Zukunft im Auge zu behalten. Wohl dürfen wir für eine begrenzte Zeit
hoffen, durch die Aufrechterhaltung einer starken und zuverlässigen
Verteidigung den Krieg zu verhindern. Und zu keiner Zeit war eine
wachsame Verteidigung notwendiger denn heute. Um aber souveränen Nationen Stabilität zu bringen, gibt es nur einen Weg. Sie müssen durch
ein menschliches Ziel geeint werden, das ihrer Stärke ebenbürtig ist.
Es gibt keine andere Hoffnung, zu einem dauerhaften Frieden zu gelangen.
Wenn die Menschheit blühen soll, ja wenn die Zivilisation überhaupt
erhalten bleiben soll, ist es notwendig, Maßnahmen zu ergreifen, die
gewährleisten, daß die neuen Kräfte in unserer Hand nicht für Zwecke
der Zerstörung gebraucht werden. Wir müssen sie dafür einsetzen, daß
sie dem Menschen helfen, sich ständig weiter zu entwickeln. Die Zeit
ist da, in der wir gewiß sein müssen, daß die Kräfte der Technik zum
Wohl der Menschen gebraucht werden. Jeder Tag, den wir zögern, bedeutet einen erfaßbaren, bedeutsamen Verlust in den Möglichkeiten der
Menschheit, zu überleben.

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�"AMERIKA DIENST"

30. Oktober 1957

Ich übertreibe nicht. Den Ernst der Gefahren und die Größe der
entsprechenden Möglichkeiten haben alle erkannt, die sich ir.it der in
der Wandlung begriffenen Situation befassen, in der sich die Menschheit befindet.
Was ist zu tun, daß diese neue Stärke des Menschen für den Aufbau,
nicht für die Zerstörung unserer Zivilisation gebraucht wird? Dies ist
eine Frage, die alles andere überragt.
Lassen Sie mich noch einmal darauf hinweisen: Wenn an die Stelle
der Feindschaft Zusammenarbeit unter den Nationen treten soll, dann wird
dies jedoch nur möglich sein, wenn sie sich über ein gemeinsames Ziel,
das die volle Unterstützung der Völker zu finden vermag, einigen können.
Es kann kein Ziel sein, das die Interessen der einen Nation höher wertet
als die d£r anderen. Um von allen Nationen gutgeheißen zu werden, muß
es auf die Bedürfnisse und Nöte aller Menschen Bezug haben.
Es gibt ein solches Ziel, das sich während der vergangenen fünfzig
Jahre in der ganzen Welt als eine Hoffnung in die Herzen der Menschen
eingegraben hat. In den Vereinigten Staaten kannten wir diese Hoffnung
schon, noch ehe wir überhaupt ein Volk im politischen Sinne waren.
Wir nennen sie "den amerikanischen Traum". Wir träumen von einer Welt,
in der sich jeder Mann und jede Frau zu ihrer vollen Persönlichkeit
im besten Sinne des Wortes entfalten können und danach gewertet werden,
was sie tun, um anderen zu helfen, dieser Chance teilhaftig zu werden.
Vor einigen Jahren zeigte ich Madame Pandit eine Beschreibung dieses
Traumes, wie sie der Historiker James Truslow Adams einmal gegeben hat.
"Sie nennen das den amerikanischen Traum", rief sie aus, "es ist der
Traum der ganzen Welt geworden!".
Wir wollen nun einmal die Antwort auf unsere zentrale Frage untersuchen, die dieser Traum uns nahelegt. Präzise formuliert lautet diese
Antwort: Jede Nation hätte sich zu folgendem Prinzip, das ihrer ganzen Politik zugrunde liegen müßte, zu bekennen - nämlich alles in ihrer Macht Stehende zu tun, jedermann unter ihrer Rechtshoheit den Weg
dafür zu öffnen, daß er sich zu seiner vollen Persönlichkeit entfalten
kann, und mit Nationen zusammenzuarbeiten, die dieses Prinzip ebenfalls
vertreten und sich daran halten, indem sie sich gegenseitig dabei
helfen, ihren Völkern solche Chancen zu eröffnen.
Im Einklang mit diesem Grundsatz würde jedes Land, das diese
Verpflichtung auf sich nimmt, sein eigenes Vorgehen so gestalten, daß
er den Maßnahmen der anderen, zur Zusammenarbeit bereiten Staaten, die
diese im Interessse ihres eigenen Volkes treffen, nicht zuwiderläuft.
Jedes Land würde im voraus Verhandlungen anknüpfen, noch ehe es irgendwelche Schritte unternimmt, die sich abträglich auf die Pläne anderer
teilnehmender Länder auswirken könnten. Es würde vielmehr gemeinsam
mit anderen solchen Ländern jede Bedrohung abwehren, die sich gegen
irgendwelche Maßnahmen eines der Länder erheben könnte, die dieses
im Innern im Interesse seiner eigenen Bürger trifft.
Zweck

�"AMERIKA DIENST

30. Oktober 1957

Zweck dieses Vorschlages ist es, darauf hinzuwirken, daß die
Kraftreserven der Welt mit dem Ziel eingesetzt werden, alle Menschen
in die Lage zu versetzen, sich zu verantwortungsbewußten Bürgern
ihres Landes zu entwickeln. Jedes Land, das an einer diesbezüglichen
Zusammenarbeit teilnimmt, würde sein souveränes Recht behalten,
selbBt den Weg zu wählen, auf dem es seinen Bürgern vermehrte Entfaltungsmöglichkeiten verschaffen will. Jedes Volk kann auf die Hilfe
der anderen rechnen, wenn es darum geht, solche Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen und gegebenenfalls zu verteidigen.
Kann eine Regierung, deren vordringlichste Aufgabe es ist, die
Sicherheit und das Wohlergehen ihrer Bürger zu gewährleisten, nun aber
eine Politik gutheißen, die soviel Altruismus beinhaltet?
Bei einer Erwiderung hierauf werden wir zu der Feststellung gelangen, daß die Sicherheit und die Wohlfahrt jedes Landes die Zusicherung der Zusammenarbeit seitens anderer Staaten voraussetzt. Nur
bei einer so weitreichenden Zielsetzung, wie sie die Eröffnung des
Weges zu größerer Entfaltung für alle Menschen darstellt, kann ein
Land darauf rechnen, daß es andere freie Länder zur Zusammenarbeit zu
gewinnen vermag. Bei einer Annahme dieser Zielsetzung als der Alternative zur nationalen Machterweiterung wären die Sicherheit und die
Wohlfahrt der Bürger eines Landes in dem angesichts der gegenwärtigen
Weltlage höchstmöglichen Maße gewährleistet.
Daß eine solche Politik tatkräftige Unterstützung erfahren würde,
darf als sicher gelten. Die führenden Männer jedes Volkes müssen einsehen lernen, daß ein Staat nur dann seine Stärke voll entfalten kann,
wenn der Gesundheitszustand seiner Bürger besser ist als heute, wenn
diese zu einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge durchgedrungen
sind und wenn sie sich mit ganzem Herzen für die Zielsetzungen des
Staates einsetzen. Eine solche Entfaltung ist aber nur durch die Zusammenarbeit sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene zu
erreichen.
Jede Organisation, von der sich Menschen einen Ansporn erwarten.,, muß
danach trachten, daß jedem einzelnen der Weg zu einem sinnvollen Leben
offensteht. Ob man sich in erster Linie seinem ewigen Gott, der Rechtschaffenheit im Umgang mit seinen Mitmenschen oder seinem Regierungssystem verpflichtet fühlt, den höchsten Ausdruck findet diese Bindung
in der Hebung des Gesundheitszustandes und in der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Die Verbundenheit mit solchen hohen humanitären
Idealen ist genau das, was der Mensch braucht, um ihn zu höchsten Leistungen anzuspornen und seinem Leben einen tieferen Sinn zu geben.
Die Gesellschaft geht in zunehmendem Maße dazu über, die Verdienste
jener zu belobigen, die der Menschheit neue Möglichkeiten eröffnen, von
denen alle profitieren können. Der Atomfriedenspreis, der heute zum
ersten Mal verliehen wird, ist ein Beispiel für diese Bereitschaft zur
öffentlichen Auszeichnung. Wirtschaftliche Notwendigkeiten und die
öffentliche Meinung fördern jeden Schritt, der geeignet scheint,
Männern und Frauen größere Entwicklungsmöglichkeiten im Menschlichen zu
verschaffen.
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"AMERIKA DIENST"

30. Oktober 1957

Im Herbst 1945 verabredete sich Niels Bohr auf einer Reise nach
Washington mit mir zu einer Aussprache. Ein halbes Jahr vorher hatten
wir in Los Alamos stundenlang das Problem diskutiert, inwieweit der
Einsatz der Atombombe, die eben fertiggestellt, aber noch nicht erprobt
worden war, zur Schaffung eines harmonischen und dauernden Friedens
beitragen könne . Im Anschluß an diese Gespräche beschäftigte ihn eine
große Frage. "Ist es den Vereinigten Staaten nicht möglich" ,''so führte
er aus, "eine große moralische Tat zu vollbringen, die der Welt neue
Hoffnung einzuflößen vermag?" Ich schlug ein Vorgehen vor, das dem
vergleichbar war, was später der Marshallplan bringen sollte, nämlich
eine Wirtschaftshilfe an die hilfsbedürftigen Länder. "Gut", entgegnete er, "aber das ist nicht der grundlegende Schritt, der notwendig
ist." Wir versäumten es in unserem Gespräch, genau festzulegen, welche
moralische Tat unseres Landes jenen Effekt zeitigen könnte, den Bohr
im Sinne hatte. Vielleicht war damals einfach die Zeit noch nicht reif
dafür.
Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts haben uns die Augen geöffnet.
Der Traum Amerikas ist inzwischen zum Traum der ganzen Welt geworden.
Dieser Traum muß nunmehr zum gemeinsamen und für alle bindenden Traum
der Menschheit werden.
Das Zeitalter der Kernenergie, das vor 15 Jahren begann, ist die
Frucht einer internationalen Zusammenarbeit bisher nie dagewesenen
Ausmaßes. Die Männer und Frauen, deren Anstrengungen dieses Zeitalter
herbeiführten, und insbesondere die Wissenschaftler unter ihnen, waren
von der Hoffnung erfüllt, daß die neuerschlossene Energiequelle das
Leben der gesamten Menschheit bereichern werde. Der Atomfriedenspreis
ist ein Symbol dafür, daß unser Volk diese Hoffnung teilt und sich
für ihre Verwirklichung einsetzt. Niels Bohr, den wir heute hier ehren,
hat Amerika aufgefordert, die Welt in einem anderen großen und wagemutigen Unternehmen der Zusammenarbeit anzuführen. Dieses wagemutige
Unternehmen besteht darin, die vereinigten Anstrengungen der .Völker
in den Dienst der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit zu stellen.
Wenn wir den ernsthaften Versuch unternehmen, die Anstrengungen unseres
Volkes in erster Linie auf dieses Ziel zu lenken und wenn wir die
Welt auf diese Weise dazu bewegen könnten, die Kräfte der Wissenschaft
und der Technik voll auszuschöpfen, dann würden die Hoffnungen, die
die Erschließung der Kernenergie geweckt hat, reiche Früchte tragen.
So wollen wir, die Vereinigten Staaten von Amerika, uns kühn zu
dem Grundsatz bekennen, daß das, was wir seit langem schon als kostbaren Traum in unseren Herzen hegen, fortan den Grundstein unserer
nationalen Politik bilden solle. Wir wollen alle Völker auffordern,
sich gemeinsam mit uns dieser Politik zu verpflichten, auf daß die
Welt als ein Ganzes darauf hinarbeiten möge, jedem Manne und jeder
Frau die Chance einzuräumen, sich im Menschlichen zur höchstmöglichen
Stufe emporzuentwickeln. Wir wollen diese unsere Politik in der Weise
in die Praxis umsetzen, daß wir allen Staaten, die diese Verpflichtung
gleichfalls auf sich nehmen, die Zusicherung geben, fortan alle von
uns vorgesehenen Schritte von internationaler Bedeutung gemeinsam mit
ihnen zu beraten und mit ihnen in dem Bemühen zusammenzuarbeiten, ihren

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30. Oktober 1957

ihren Völkern und unserem eigenen Volke die Voraussetzungen für eine
gesunde Weiterentwicklung zu schaffen.
Bei einem solch beispielgebenden Vorgehen inmitten unserer von
Unruhe erfüllten Welt können wir vertrauend auf eine starke Gefolgschaft
hoffen. Wir dürfen auch hoffen, daß unsere ersten diesbezüglichen
Schritte zu einer Zusammenarbeit auf noch weit breiterex' Basis anregen.
Wir dürfen die berechtigte Erwartung hegen, daß der derzeitige Antagonismus allmählich dem gegenseitigen Vertrauen weichen wird und daß der
Friede, der sich auf Harmonie gründet, sich über die Welt ausbreiten
wird.
Nein, Wettbewerb und Rivalität werden damit nicht aufhören, sie
werden aber in einem neuen Geist ausgetragen werden. V/irddieser Traum
der Welt erst zur gemeinsamen Zielsetzung, dann werden Menschen und
Völker bestrebt sein, sich gegenseitig in der Förderung des Wertvollen
im Menschen zu übertreffen. Und weil das Leben dann einen neuen Sinn
bekommt, wird auch unsere Zivilisation einen neuen Aufschwung nehmen.
Angesichts der Tatsache, daß wir über Kraftquellen wie die Kernenergie verfügen, besteht die dringende und für den Fortbestand der
Menschheit entscheidende Notwendigkeit, sich hinter diese gemeinsame
Zielsetzung zu stellen. Wenn die Vereinigten Staaten es versäumten,
diese Verpflichtung auf sich zu nehmen und andere Länder gleichfalls
zu ihrer Übernahme aufzufordern, dann bliebe die derzeitige Gefährdung
der Welt weiterhin bestehen. Übernehmen wir diese Führungsaufgabe,
dann erwächst der Welt eine neue Hoffnung, dann wird sie von neuem
Leben erfüllt sein. Sind wir aber nicht bereit, mit gutem Beispiel
voranzugehen, auf wen sollen wir dann blicken?

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./30.10.57
ABSCHLUSSKOMMUNIQUE DER BRITISCH-AMERIKANISCHEN BESPRECHUNGEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut des Abschlußkommuniques,
das Präsident Eisenhower und der britische Premierminister Macmillan zum Abschluß ihrer dreitägigen Gespräche in Washington am 25. Oktober
1957 veröffentlichten und in dem mit Nachdruck
die gemeinsame Absicht der USA und Großbritanniens zum Ausdruck gebracht wiijd, die zur Verteidigung der Freiheit notwendige Stärke aufrechtzuerhalten.

"Der Präsident der Vereinigten Staaten und der Premierminister
Großbritanniens haben zum Abschluß ihrer dreitägigen Gespräche, bei
denen sie von dem amerikanischen Außenminister und dem britischen
Außenminister sowie anderen Beratern unterstützt wurden, die Folgende Erklärung veröffentlicht:
Wir sind als vertraute, langjährige Freunde zusammengekommen,
die an der Spitze der Regierungex ihrer jeweiligen Länder stehen.
Diese beiden Staaten sind durch enge und geschichtliche Bande verbunden, wie auch jedes unserer Länder zu anderen freien Nationen
enge und unlösliche Bindungen hat. In der Erkenntnis, daß nur durch
die Schaffung eines gerechten Friedens die tiefsten Hoffnungen und
Wünsche freier Menschen verwirklicht werden können, war der unsere
Überlegungen bestimmende Leitgedanke die Entschlossenheit, die moralische, geistige und materielle Stärke unserer beiden Länder in
der besten V/eise einzusetzen, um unseren vollen Anteil bei der Durchführung jener Aufgaben zu leisten, durch die sicherer und schneller
Bedingungen geschaffen werden, unter denen der Frieden gedeihen kann.
Eine dieser Aufgaben besteht darin, der freien Welt eine ausreichende
Sicherheit zu bieten.
Die freien Nationen besitzen große Aktiva, sowohl materiell als
auch moralisch. Diese sind zusammengefaßt viel größer als jene der
kommunistischen Welt. Wir übersehen nicht die Tatsache, daß die
sowjetischen Machthaber durch die Konzentration auf bestimmte Entwicklungen und wissenschaftliche Aufgaben und dadurch, daß.sie ihre

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ihre Völker zu diesen Anstrengungen zwingen, beachtliche materielle
Erfolge erzielen können. Der Despotismus war oft in der Lage, aufsehenerregende Werke zu schaffen. Aber der Preis ist immer hoch gewesen,
denn alle Völker sehnen sich nach geistiger und wirtschaftlicher Freiheit, um so mehr, wenn sie in ihrer Knechtschaft andere das Glück der
Freiheit genießen sehen. Selbst Despoten sind gezwungen, ein Wachstum
der Freiheit in einem evolutionären Prozeß zu erlaulen^ 'der es wird
zur gegebenen Zeit eine heftige Revolution geben. Dxöoer Grundsatz
ist in seinem Ablauf unausweichlich. Dies hat sich selbst schon im
sowjetischen Machtbereich bemerkbar gemacht. Wenn die freien Nationen
standhaft bleiben und wenn sie ihre Hilfsquellen in harmonischer Zusammenarbeit ausschöpfen, dann wird die totalitäre Bedrohung, der sie
heute gegenüberstehen, bald nachlassen.
Damit jedoch die Freiheit gesichert sein möge und sie ihre guten
Früchte zeitigen kann, ist es als erstes notwendig, daß die kollektive
militärische Stärke der freien Nationen ausreicht, um der gegen sie
gerichteten Bedrohung entgegentreten zu können. Gleichzeitig muß das
Gesamtvolumen der militärischen Ausgaben der freien Welt innerhalb
von Grenzen gehalten werden, die mit der Freiheit des einzelnen vereinbar sind. Andernfalls laufen wir Gefahr, gerade die Freiheiten
zu verlieren, die wir verteidigen wollen.
Diese Gedanken waren das zentrale Thema unserer Gespräche,
an denen zum Teil der Generalsekretär der NATO, M. Spaak, teilnahm.
Unter Zugrundelegung dieser Gedanken und als ein Beispiel, das
nach unserer Ansicht unter den Nationen der freien Welt Schule machen
kann und sollte, erreichten wir das folgende Übereinkommen:
1) Die Vorkehrungen, die die Länder der freien Welt für die
kollektive Verteidigung und die gemeinsame Unterstützung getroffen
haben, basieren auf der Erkenntnis, daß die Konzeption der nationalen
Autarkie überholt ist. Die Länder der freien Welt sind voneinander
abhängig, und nur in der echten Partnerschaft, durch die Zusammenfassung der Hilfsquellen und durch die gemeinsame Lösung der Aufgaben
auf vielen Gebieten kann es zu Fortschritten kommen und kann Sicherheit
gefunden werden. Wir, für unseren Teil, sind zu der Übereinstimmung
gelangt, daß unsere beiden Länder in Zukunft diesem Grundsatz entsprechend handeln werden-.
2) Unsere Vertreter im Nordatlantikrat werden für ein intensiviertes atlantisches Bemühen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen
Forschung und Entwicklung eintreten, in Unterstützung einer größeren
kollektiven Sicherheit und einer Ausweitung der gegenwärtigen Tätigkeit der Expertengruppe, die auf Grund der Entscheidung des Rates vom
Dezember vergangenen Jahres auf diesem Gebiet arbeitet.
3) Der Präsident der Vereinigten Staaten wird den Kongreß um
eine Änderung des Atomenergiegesetzes ersuchen, wie es notwendig
und wünschenswert wäre,' um eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaftlern und Technikern aus Großbritannien, den

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den Vereinigten Staaten und anderen befreundeten Ländern zu ermöglichen.
4) Die Abrüstungsvorschläge, die von den westlichen Vertretern
im Abrüstungsunterausschuß in London unterbreitet und von allen NATOMitgliedstaaten gebilligt wurden, bilden eine gesunde und faire Grundlage für ein Abkommen, das die Kriegsgefahr und die Rüstungslasten
vermindern würde. Die unbegrenzte Ansammlung von Kernwaffen sowie
die wahllose Verbreitung der Möglichkeiten, diese Waffen herzustellen,
sollten verhindert werden. Eine wirksame und verlässliche Inspektion
muß ein integraler Teil aller Anfangsmaßnahmen zur Kontrolle und Reduzierung der Rüstungen sein.
5) Solange eine solche Abrüstung, wie wir sie anstreben, nicht
zustandegekommen ist, hängt die internationale Sicherheit heute nicht
nur von örtlichen Schutzschilden, sondern davon ab, diese mit der
abschreckenden und vergeltenden Macht der Kernwaffen zu verstärken.
Solange die Drohung des internationalen Kommunismus besteht, müssen
die freien Nationen darauf vorbereitet sein, für ihre eigene Sicherheit
sorgen zu können. Da die Maßnahmen der freien Welt rein defensiver
Natur sind und der Sicherheit vor einer Bedrohung von außen dienen,
kann die Zeitspanne, während der aie durchgeführt werden müssen, nicht
vorausgesehen werden. Die einzelnen Nationen sind nicht in der Lage,
für sich allein ihre Sicherheit voll zu gewährleisten. Hier werden
nur kollektive Maßnahmen ausreichend sein. Diese sollten vorzugsweise
in der Anwendung der Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen
bestehen, die die Schaffung von Streitkräften vorsehen, die zur Verfügung des Sicherheitsrates stehen. Wenn die Sowjetunion jedoch daran
festhält, diese Bestimmungen durch ihr Veto zu annullieren, muß auf
andere Weise ein stärkeres Gefühl der gemeinsamen Sicherheit entwickelt
werden. Der Rahmen dafür ist durch die kollektiven Verteidigungsabmachungen gegeben, die heute, wie dies in der Charta gebilligt wird,
von fast 50 freien Nationen getroffen worden sind. Alle Mitglieder
dieser Gemeinschaft und auch andere freie Nationen, die den Wunsch
danach hegen, sollten mehr über die gesamten Möglichkeiten der Sicherheit wissen, die gegenwärtig bestehen und die ins Auge gefaßt sind.
Weiter sollte in größerem Maße die Gewähr geboten werden, daß diese
Macht im Notfalle für ihre gemeinsame Sicherheit auch wirklich zur
Verfügung steht und daß sie von keiner Nation mißbraucht und zu anderen
Zwecken angewandt werden kann als zur individuellen und kollektiven
Selbstverteidigung, wie dies in der Charta der Vereinten Nationen
gebilligt wird. Wir unsererseits betrachten die Tatsache, daß wir
über die Macht von Kernwaffen verfügen, als eine vertrauensvolle Grundlage für die Verteidigung der freien Welt.
6) Unsere beiden Länder beabsichtigen, diese Gedanken mit allen
ihren Sicherheitspartnern zu erörtern. Soweit die nordatlantische
Allianz betroffen ist, wird die Dezember-Sitzung des Nordatlantikrates in dieser Beziehung vielleicht einen besonderen Charakter erhalten. Dies wurde mit dem Generalsekretär der NATO, M. Spaak, erörtert.

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7) Zusätzlich zum Nordatlantikpakt bilden der südostasiatische
kollektive Verteidigungspakt, der Bagdadpakt sowie andere Sicherheitsabmachungen ein starkes Bollwerk gegen die Aggression in den verschiedenen Vertragsgebieten. Weiter gibt es entscheidend wichtige
Verbindungen von etwas anderem Charakter. Wir haben das Commonwealth,
und in der westlichen Hemisphäre die Organisation der amerikanischen
Staaten. Darüber hinaus wurden einzelne gemeinsame Verteidigungsabkommen getroffen, denen die USA als Partner angehören.
8) Wir sind uns darüber im klaren, daß unsere kollektiven Sicherheitsbemühungen durch kollektive Wirtschaftsmaßnahmen unterstützt und verstärkt werden müssen. Die Gegenwart bietet eine nicht
zu übersehende Gelegenheit zur Verbesserung der Handelsbedingungen
und zur Ausweitung des Handels in der ganzen freien Welt. Es ist
ermutigend, daß Pläne für eine europäische Freihandelszone in Verbindung mit dem gemeinsamen europäischen Markt entwickelt werden.
Wir sind uns klar darüber, daß besonders in den weniger entwickelten
Ländern eine stetige und wesentliche Hebung des Lebensstandards und
der wirtschaftlichen Entwicklung vor sich gehen sollte.
9) Wir beachteten die besonderen Faktoren in dem ideologischen
Kampf, in dem wir gegenwärtig stehen. Insbesondere stimmten wir voll
und ganz überein, daß:
die gegen die Türkei gerichteten sowjetischem Drohungen der
Verpflichtung im Rahmen des Artikel fünf des Nordatlantikpaktes,
einen bewaffneten Angriff gegen einen Mitgliedstaat des Bündnisses
als einen Angriff gegen alle zu betrachten, ernste Bedeutung verleihen)
die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen dringend
notwendig ist. Auf der Genfer Konferenz des Jahres 1955 stimmten die
Herren Chruschtschow und Bulganin mit uns und unserem französischen
Alliierten darin überein. Die ständige Nichtanerkennung dieser Abmachung
und die dauernde Unterdrückung der Freiheit in Osteuropa untergraben das
internationale Vertrauen und verewigen eine Ungerechtigkeit, eine
Torheit und eine Gefahr.
Der Präsident und der Premierminister sind der Überzeugung, daß
das Einvernehmen, zu dem sie gelangten, in immer stärkerem Maße wirksam wird, wenn es unter den freien Nationen immer weitere Verbreitung
findet. Durch die Koordinierung der Stärke aller freien Völker kann
die Sicherheit gewährleistet werden, die Gefahr des kommunistischen
Despotismus wird in angemessener Zeit gebannt und ein gerechter und
dauerhafter Frieden erreicht sein."

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�AM

E R I K A

D I E N S T

Allg./8.11 .57
EISSNHOWER UNTERBREITET FÜNFPUNKTE-AKTIONSPROGRAMM FÜR
FORSCHUNG UND VERTEIDIGUNG

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den V/ortlaut der am 7« November 1957 über
alle Rundfunk- und Fernsehsender der Vereinigten
Staaten übertragenen Rede des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower.
"Mein Thema heute abend ist Wissenschaft und nationale Sicherheit.
Ursprünglich sollte diese Rede ein Teil einer Ansprache sein, die
ich kommende Woche in Oklahoma City halten will. Ich stellte jedoch
fest, daß ich dieses Thema in einer Rede nicht erschöpfend behandeln
könnte. So will ich mich heute abend auf die unmittelbarsten Aspekte
der Frage der Beziehungen zwischen der Wissenschaft und der Verteidigung unseres Landes konzentrieren.
Lassen Sie mich klar zum Ausdruck bringen, was ich in dieser Rede
und in den folgenden Ansprachen tun will.
Ich will Ihnen die Tatsachen unterbreiten - die unangenehmen
wie die angenehmen. Einige dieser Tatsachen auf de.ü Gebiet der Sicherheit sind ermutigend, andere nicht - sie stellen nachdrückliche
Forderungen. Einige erfordern, daß wir entschlossen in der Richtung
weiterarbeiten, in der ein guter Anfang gemacht wurde. Andere erfordern neue Maßnahmen und wieder andere ein ganz neues Ausmaß an Anstrengungen. Nachdem ich Ihnen diese Tatsachen und Erfordernisse
dargelegt habe, werde ich ein Aktionsprogramm unterbreiten - ein Programm, das die energische Unterstützung nicht nur der Regierung, sondern jedes Amerikaners erfordert, wenn wir es erfolgreich gestalten
wollen.
Zunächst einige Fakten über den gegenwärtigen Stand unserer Sicherheit. Er zeugt von großer Stärke, aber mit dieser Gewißheit sollten wir
uns auf keinen Fall zufriedengeben. Unsere Verteidigungskräfte müssen
nicht nur heute, sondern auch morgen und in allen kommenden Jahren
ausreichend und angemessen sein, bis wir unter dem Schutz und der
Sicherheit dieser Verteidigungskräfte einen dauerhaften und gerechten

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�8. November 1957

"AMERIKA DIENST

gerechten Frieden für die gesamte Welt erreicht haben.
Die Vereinigten Staaten sind heute
heute - und schon seit einigen Jahren gischen Vergeltungskräfte über genügend
Kapazität eines jeden anderen Landes so

stark. Unser Land verfügt
hinsichtlich seiner strateMacht, um die kriegerische
gut wie vernichten zu können.

Wir haben diese Position unserer gegenwärtigen Stacke nicht durch
Zufall erreicht. Der Krieg in Korea führte zu einer starken Ausweitung unserer Verteidigungskräfte in Friedenszeiten. Als wir mit einer
Teildemobilisierung dieser Kräfte begannen, nahmen wir gleichzeitig
ein beschleunigtes Modernisierungsprogramm in Angriff.
Als ersten Schritt begannen wir gleich nach dem Waffenstillstand
in Korea mit wissenschaftlichen Untersuchungen. Das Ergebnis dieser
Maßnahme war die Entscheidung, unserer Verteidigung ein neues Gesicht zu geben, wobei wir uns - um eine größere Wirksamkeit zu erreichen - mehr auf die moderne Wissenschaft und weniger auf die rein
zahlenmäßige Stärke unserer Streitkräfte stützten.
In den darauffolgenden Jahren führten wir ein umfassendes Programm mit dem Ziel durch, alle Einheiten unserer Verteidigungskräfte
auf die Möglichkeiten der modernen Technik hin auszurichten. Ferner
stellten wir große Mittel für die Forschung und die Entwicklung der
Verteidigung zur Verfügung, die sich gegenwärtig insgesamt auf über
fünf Milliarden Dollar jährlich belaufen.
Später konzentrierten sich unsere wissenschaftlichen Untersuchungen mit Nachdruck auf die ferngelenkten ballistischen Geschosse.
Die Entwicklung auf diesem Gebiet läuft seit mehr als zwei Jahren
auf Hochtouren. Wir haben seither mehr als eine Milliarde Dollar
jährlich allein für diesen Zweck ausgegeben.
Bevor ich mich nun einer Erörterung der Dinge zuwende, die dringend getan werden müssen, möchte ich Ihnen einige Beispiele dafür
geben, was in den letzten Jahren seitens unserer Streitkräfte, unserer Wissenschaftler und unserer Techniker geleistet worden ist,
um die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entdeckungen
in den Dienst unserer Verteidigung zu stellen.
Im Rahmen der Vielfalt unserer Raketen haben wir Waffen für
jede Entfernung, jede Art des Abschusses und der Verwendung entwickelt. Wir haben gegenwärtig 38 verschiedene Typen, die entweder
fertiggestellt oder in der Entwicklung sind.
Alle Kriegsschiffe unserer Marine, die seit 1955 gebaut wurden,
verfügen anstelle der Geschütze - oder zusätzlich zu den Geschützen über ferngelenkte Geschosse. Unsere Marine hat in beiden Ozeanen Unterseeboote, die auftauchen, in wenigen Minuten eine Rakete mit
einem Atomsprengkopf abschießen und sofort wieder untertauchen können,
während die Rakete zu einem Hunderte von Meilen entfernten Ziel gesteuert wird.
Unsere

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�"AMERIKA DIENST"

8. November 1957

Unsere Marine besitzt Atomwasserbomben. Seit dem Krieg in Korea
sind die Flugabwehrgeschütze der Armee und der Marine weitgehend durch
Boden-Lufti-Raketen ersetzt worden. Alle neuen Zerstörerflugzeuge sind
mit Luftkampfraketen ausgerüstet.
Viele der traditionellen Funktionen der Artillerie und der
Beobachtungsflugzeuge sind auf lenkbare Raketen übertragen worden.
So haben wir beispielsweise in den verschiedenen Entfernungsbereichen
Hunderte von Raketen vom Typ Matador, Honest John und Corporal fertiggestellt. Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, was dies in bezug
auf die Explosivkraft bedeutet: Allein vier mit Raketen vom Typ Corporal ausgerüstete Bataillone entsprechen in der Feuerkraft der gesamten Artillerie, die im zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde.
Einige dieser Raketen haben einen eingebauten Mechanismus, mit
dessen Hilfe sie ein viele Meilen entferntes Ziel selbst ansteuern und
zerstören. So hat erst vor einigen Tagen eine' Rakete vom Typ Bomarc
von sich aus in 45 Meilen (60 Kilometer) Entfernung über dem Meer ein
schnellfliegendes unbemanntes Flugzeug angesteuert und voll getroffen.
Mit Ausnahme einer immer kleiner werdenden Zahl von B-36 gibt
es in den Kampfverbänden unserer Luftstreitkräfte kaum ein Flugzeug,
das noch aus den Jahren des Korea-Konflikts stammt. Der B-52-Düsenbomber mit seinen zugehörigen Düsentankern bildet den Standardtyp
unseres strategischen Luftkommandos, Und um Ihnen wieder zu zeigen,
was dies bedeutet: Eine B-52 kann so viel an Vernichtungsstärke mit
sichf'ihren wie alle Bombenflugzeuge in all den Jahren des zweiten
Weltkrieges zusammengenommen. Aber die B-52 wiederum wird durch die
B-58, einen mit Überschallgeschwindigkeit fliegenden Bomber, ersetzt
werden.
Es sind Atom-U-Boote entwickelt worden. Eines von ihnen fuhr
fast 16 Tage unter Wasser, ohne ein einziges Mal aufzutauchen! ein
anderes kreuzte fünf Tage lang unter der Polareisdecke.
Wir verfügen über eine Anzahl großer Flugzeugträger, die mit
den gewaltigsten Atomwaffen sowie mit Bombern von großer Reichweite,
die diese Atomwaffen zum Einsatz bringen, ausgerüstet sind. Mit dem
Bau eines atomkraftgetriebenen Flugzeugträgers ist begonnen worden.
Seit 1956 haben wir Kernwaffen mit einem radioaktiven Ausfall
entwickelt, der weniger als vier Prozent des Ausfalls früherer großer
Waffen beträgt. Dies ist von offensichtlicher Bedeutung für die Entwicklung atomarer Verteidigungswaffen, die über unserem eigenen Gebiet eingesetzt werden können.
Zahlenmäßig ist unser Vorrat an Kernwaffen so groß und so
rasch zunehmend, daß wir sie ohne Gefährdung unserer Sicherheit auf
Orte verteilen können, die die Gewähr bieten, daß sie im Falle eines
Angriffs sofort zur Verfügung stehen, und dabei können wir noch
starke Reserven halten. Unsere Wissenschaftler haben mir versichert,
daß wir auf dem Gebiet der Kernwaffen den Sowjets sowohl in Quantität

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8. November

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Quantität als auch in Qualität durchaus überlegen sind. Wir beabsichtigen, diesen Vorsprung zu halten.
Wir haben bereits gezeigt, daß wir eine ballistische Rakete sehr
wohl tausend Meilen schießen können, und zwar mit der für eine wirklich
brauchbare militärische "/äffe erforderlichen Präzision. Unsere ballistischen Versuchsraketen haben erfolgreiche Flüge über Entfernungen
bis zu 3500 Meilen (56QO Kilometer) zurückgelegt. '.Vir brauchen eine
interkontinentale Rakete, und wir haben einige dieser Art, die sich in
einem fortgeschrittenen Stadium der Entwicklung befinden. Da wir jedoch über viele vorgeschobene Positionen verfügen, ist für uns eine
Rakete von mittlerer Reichweite für manche Zwecke ebenso gut wie eine
Interkontinentalrakete.
Ein anderer Raketentyp, der sich noch innerhalb der Atmosphäre
biegende Snark, wurde vor kurzem über eine Entfernung von 5000 Heilen (8000 Kilometer) gesteuert und genau ins Ziel gelenkt.
Wir haben drei Raketen bis in eine Höhe zwischen 2000 und 4000
Meilen (3200 und 64OO Kilometer) geschickt und dadurch sehr wertvolle
Informationen über den Weltraum erhalten.
Ein großes Hindernis bei der Herstellung von brauchbaren Fernwaffen ist das Problem, eine Rakete aus dem Weltraum zurückzubringen,
ohne daß sie auf Grund der Reibung mit der Erdatmosphäre wie ein Meteor
verbrennt.
Unsere Wissenschaftler und Techniker haben das Problem gelöst.
Dieser Gegenstand hier in meinem Büro ist eine Versuchsrakete - die
Spitze dieser Rakete. Sie war Hunderte von Meilen im Weltraum und
kam zurück. Hier ist sie, völlig unversehrt.
Ich habe Ihnen diese Erläuterungen - es sind natürlich nur
einige wenige Beispiele für die Leistungen und Erfolge unserer Wissenschaftler - nur gegeben, um aufzuzeigen, daß unsere Stärke nicht
statisch ist, sondern sich im Zuge der technischen Verbesserungen
ständig weiterentwickelt.
Die ballistischen Fernwaffen, wie sie heute vorhanden sind,
heben die Zerstörungs- und Abschreckungskraft unserer strategischen
Luftwaffe nicht auf.
Der Start der sowjetischen Erdsatelliten ist eine Leistung von
größter Bedeutung, und die Wissenschaftler, die sie zustandegebracht
haben, verdienen volle Anerkennung und Würdigung. Schon jetzt sind neue
Erkenntnisse über den Weltraum gesammelt worden und weitere werden
folgen, wenn neue Satelliten mit zusätzlichen Instrumenten aufgelassen
werden.
Die

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Die Erdsatelliten selbst haben zur Zeit keine direkte Auswirkung auf die Sicherheit der Nation. Die Auflassung dieser Erdsatelliten ist' jedoch militärisch gesehen wirklich von Bedeutung, worauf ich
bereits früher öffentlich hingewiesen habe. Ihre gegenwärtige militärische Bedeutung liegt in den fortgeschrittenen Techniken sowie dem
hohen Stand der militärischen Technologie, den sie voraussetzen und der
zum Beispiel durch die gewaltigen Antriebseinrichtungen, die bei der
Auflassung notwendigerweise benutzt werden, unter Beweis gestellt
wird.
Die Sowjets konzentrieren sich auch weiterhin in der Hauptsache
auf die Entwicklung von für Kriege bestimmte Waffen und die hierfür
benötigten Industrien. Dies wie auch ihre politische Haltung in allen
internationalen Fragen dient uns als Warnung, daß die expansionistischen Ziele der Sowjets sich nicht geändert haben. Die Welt hat die
sowjetischen militärischen Invasionen in Ländern wie Finnland und
Polen, ihre Unterstützung des Krieges in Korea oder ihre Gewaltanwendung -bei der brutalen Unterdrückung der ungarischen Freiheit nicht
vergessen.
Eine ständige Wachsamkeit und eine verstärkte militärische Macht
der freien Welt, die sich auf unsere zusammengefaßte wirtschaftliche
und geistige Stärke stützt, ist die einzige Antwort auf diese Drohung,
bis die sowjetischen Machthaber von sich aus aufhören, ihre Hilfsquellen für kriegerische und expansionistische Zwecke aufzubrauchen,
und sie statt dessen zum Segen und für das Wohlergehen ihrer eigenen
Völker einsetzen.
Wir räumen ohne weiteres ein, daß die Sowjets Machtmittel aufbauen, die uns - würden wir angegriffen - ernsthaften Schaden zufügen
könnten, weil es wahrscheinlich heute kein Verteidigungssystem gibt,
das so hermetisch abgesichert ist, daß alle Ein- und Durchbrüche
von Flugzeugen und Waffen verhindert werden können.
Um unseren Schutz dagegen zu verstärken, haben wir zusammen mit
Kanada seit vielen Jahren ein kontinentales Verteidigungssystem aufgebaut, das weit vom Pazifik über.den nördlichen Teil unseres Kontinents bis zum Atlantik reicht. Dies ist ein umfassendes System mit
frühzeitigen Radar-Warnungen, Nachrichtenverbindungen, elektronischen
Rechenanlagen, Flugzeugen mit Überschallgeschwindigkeit und BodenLuft-Raketen, einige davon mit Atomsprengköpfen. Dieses System sowie
die in seinem Rahmen verwendeten Ausrüstungen werden ständig verbessert} der Nachdruck, mit dem wir an diesen Verbesserungen arbeiten,
muß verstärkt werden.
Über die Streitkräfte für Vergeltung und Heimatverteidigung
hinaus unterhalten wir und unsere Verbündeten starke Land- und Seestreitkräfte in strategisch wichtigen Gebieten der Welt. Auf der
Stärke und der Einsatzbereitschaft all dieser militärischen Kräfte der Vergeltungs-, Verteidigungs- und lokalen Kräfte -, die zweckmäßig verteilt und ausgerüstet sind, beruht die eigentliche Abschrekkungswirkung, um den Ausbruch eines Krieges zu verhindern. Diese

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Diese Tatsache läßt allen von uns die ungeheure Bedeutung unserer
Verbündeten für unser Land (die USA) klar werden. Sie unterhalten
nicht nur große militärische Streitkräfte als Teil unserer gemeinsamen Sicherheit, sondern sie stellen auch entscheidend wichtige
Stützpunkte und Gebiete zur Verfügung, die die wirksame Gruppierung
aller unserer Verteidigungsstreitkräfte ermöglichen.
Es ist meine feste, durch vertrauenswürdige wissenschaftliche
und militärische Berater untermauerte Überzeugung, daß - mögen die
Sowjets aller Wahrscheinlichkeit nach auch auf einigen Gebieten der
Raketenforschung und sonstigen Spezialgebieten weiter und bei der
Entwicklung von Satelliten offensichtlich im Vorsprung sein - die gesamte militärische Stärke der freien Welt heute entschieden größer
ist als die der kommunistischen Länder.
Wir müssen darauf bedacht sein, daß die Vorteile, die sie auch
immer haben mögen, nur zeitweilige Vorteile sein werden.
Die nächste Frage ist: -Wie steht es mit der Zukunft?
Ich muß Ihnen mit allem Ernst sagen, daß es trotz unserer gegenwärtigen Gesamtstärke sowie des mitreißenden Schwungs unserer Verteidigung durchaus möglich ist, daß wir in den kommenden Jahren zurückfallen könnten. Ich wiederhole: Wir könnten zurückfallen - sofern wir
nicht jetzt bestimmte zwingende Erfordernisse erkennen und ihnen sofort entsprechen.
Ich greife dieses Problem auf, da ich weiß, daß es für jeden
einzelnen Amerikaner über allen etwaigen Gegensätzen, gleichgültig
welcher Art, steht. Es erinnert uns erneut daran, daß wir nicht irgendeiner Partei zugehören, sondern daß wir Amerikaner sind} Wir
werden uns als Amerikaner fest zusammenschließen und mit der Arbeit
fortfahren, die getan werden muß.
Wie meine wissenschaftlichen Freunde berichten, besteht eineunserer größten und augenfälligsten Unzulänglichkeiten darin, daß
es uns in diesem Lande nicht gelungen ist, der wissenschaftlichen
Ausbildung sowie dem.Platz, den die Wissenschaften in unserem nationalen Leben einnehmen, genügend Vorrang einzuräumen.
Diese Wissenschaftler nehmen selbstverständlich zu Recht an,
daß wir weiterhin die modernsten Waffen in ausreichender Zahl so
rasch erwerben werden wie sie hergestellt sind. Diese ihre Überzeugung läßt jedoch eine große Gefahr für die Zukunft erkennen, die
durch keinen Betrag an Geld oder Beitrag an Hilfsmitteln und Materialien, die heute darauf verwendet werden, gebannt werden kann. Die
wissenschaftliche Ausbildung erfordert Zeit, Initiative und fähige
Lehrer.
Sie sind der Überzeugung, daß ein zweites kritisches Problem in
der Notwendigkeit liegt, der Grundlagenforschung sowohl vo*' öffentlicher als auch privater Seite stärkeren Vorrang zu geben. Was diese

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8. November 1957

diese Erfordernisse auf lange Sicht anbetrifft, so werde ich in der
kommenden Woche einiges zu sagen haben.
Heute abend möchte ich zwei andere Probleme behandeln, bei denen
sofortige Maßnahmen möglich sind.
Das erste ist das tragische Versäumnis, die großen Vorteile
sicherzustellen, die sich aus einem gegenseitigen Austausch der
zweckmäßigen wissenschaftlichen Informationen und einer Vereinigung
der Anstrengungen zwischen befreundeten Nationen ergeben würden.
Die meisten großen wissenschaftlichen Fortschritte der Welt
waren das Ergebnis eines freien internationalen Gedankenaustausches.
Es gibt wohl kaum ein Land, das nicht irgendeinen bedeutenden Beitrag
zur modernen Wissenschaft geleistet hat. In diesem Zusammenhang muß
man sofort an den Beitrag Großbritanniens auf dem Gebiet des Düsenantriebs, des Radar und der infraroten Strahlen, an den Beitrag Deutschlands auf dem Gebiet des Raketenwesens, der Röntgenstrahlen und der
Sulfonamide, an den Beitrag Italiens auf dem Gebiet der drahtlosen
Telegraphie, Frankreichs auf dem Gebiet der Radioaktivität und Japans
auf dem Gebiet des Magnetismus denken.
Durch die Koordinierung der wissenschaftlichen Bemühungen können
wir in der freien Welt einander eine Menge geben und eine Menge für
unsere Sicherheit gewinnen. Warum sollten wir unseren Freunden Informationen verweigern, von denen wir genau wissen, daß sie die Sowjets
schon haben - Informationen, die unsere Freunde zum Zwecke unserer
gemeinsamen Sicherheit verwerten könnten?
Warum sollten wir - nur weil es an dem möglichst umfassenden
gegenseitigen Austausch mangelt - amerikanische Forschungsgelder und
unser Können damit vergeuden, daß wir mit Problemen ringen, die von
unseren Freunden bereits gelöst worden sind?
Hier ist ein Weg, auf dem wir - ohne daß Kosten entstehen in dramatischer und schneller Weise die der freien Welt zur Verfügung
stehenden wissenschaftlichen Möglichkeiten wesentlich vergrößern
können.
Das zweite unmittelbare Erfordernis ist eine größere Konzentrierung innerhalb der Regierung auf Bemühungen und verbesserte Vorkehrungen
auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Technik und des Raketenwesens wozu auch eine kontinuierliche, möglichst enge Zusammenarbeit zwischen
der Exekutive und der Legislative gehört.
Was die realen Schritte anbetrifft, so kann ich Ihnen heute
abend das Folgende berichten.
Die erste meiner Maßnahmen bestand darin, sicherzustellen, daß
die wirklich besten Ideen und Anregungen, die die Gemeinschaft der
Wissenschaftler geben kann und die mir bisher rein informatorisch zugeleitet wurden, nunmehr voll erfaßt und auf einen Nenner gebracht

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gebracht werden, so daß keine Lücke mehr entstehen kann. Diese Maßnahme
soll es mir persönlich ermöglichen, wenn immer sich irgendwelche unnötigen Verzögerungen in unseren Entwicklungsarbeiten ergeben sollten,
schnell und entscheidend einzugreifen.
Zu diesem Zweck habe ich das Amt eines Sonderbeauftragten des Präsidenten für Wissenschaft und Technik geschaffen. Dieser Mann, dem ein
Stab von Wissenschaftlern und eine zahlenmäßig starke Beratergruppe hervorragender Experten zur Seite stehen wird, die ihm und mir berichten,
wird die aktive Verantwortung dafür tragen, mich bei der zügigen Durchführung des Programmes, das ich zum Teil heute abend und in der kommenden Woche umreißen werde, zu unterstützen.
Ich bin erfreut, Ihnen mitteilen zu können, daß der Präsident des
Technologischen Instituts von Massachusetts, Dr. James R. Killian,
diesen Posten angenommen hat. Er ist ein Mann, der mein Vertrauen und
das seiner Kollegen auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik und
im Regierungsdienst genießt.
Es ist meine Absicht, durch ihn sicherstellen zu lassen, daß das
gesamte Programm in enger Zusammenarbeit durchgeführt und nicht geduldet wird, daß solche Dinge wie angebliche Rivalität unter den Waffengattungen oder unnütze Überstundenarbeit auch nur den Verdacht einer
Schädigung unserer Forschungs- und Entwicklungsprogramme entstehen
lassen. Darüber hinaus wird Dr. Killian dafür sorgen, daß diejenigen
Projekte, die die Fachleute für die vielversprechendsten erachten, mit
größtmöglicher Schnelligkeit vorangetrieben werden. Er wird sicherstellen,daß für bestimmte Projekte der höchsten Dringlichkeits- und
Geheimhaltungsstufe, die ich, wie Sie verstehen, aus Sicherheitsgründen nicht aufzählen kann, unsere fähigsten Köpfe und alle notwendigen
Hilfsquellen zur Verfügung stehen.
Wenn ich nunmehr von Dr. Killian die Lösung dieser Aufgabe erwarte,
so rechne ich damit, daß er hierzu das volle Können der Wissenschaftler und Techniker unseres Landes heranzieht.
Zweitens wird im Verteidigungsministerium ein Beamter, der dem
Verteidigungsminister direkt verantwortlich ist, für die Raketenentwicklung zuständig sein. Ich habe den Verteidigungsminister angewiesen,
sicherzustellen, daß der Leiter des Fernlenkwaffenprogramms mit all den
Vollmachten ausgestattet wird, die der Verteidigungsminister selbst
auf diesem Gebiet besitzt, so daß keine administrativen oder innerdienstlichen Hindernisse auftreten können. Dr. Killian wird natürlich
eng mit diesem Beamten zusammenarbeiten.
Drittens sind der Verteidigungsminister und ich übereingekommen,
daß jedes neue Raketen- oder hiermit zusammenhängende Programm, das
später in Angriff genommen wird, wenn immer möglich einem einzigen
Leiter unterstellt und ohne Rücksicht auf die einzelnen Waffengattungen
verwaltet wird.
Viertens

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8. November

1957

Viertens wird dem Kongreß ein Gesetzesvorschlag unterbreitet
werden, um die gesetzlichen Hindernisse für einen Austausch geeigneter technischer Informationen mit befreundeten Ländern zu beseitigen.
Fünftens: Falls die erforderliche Vollmacht erteilt wird, werde
ich auf der Linie des mit Premierminister Macmillan erreichten Übereinkommens ein wissenschaftliches Komitee unterstützen, das innerhalb
der NATO gebildet wird und mit weitgesteckten Forschungsaufgaben im
Rahmen der atlantischen Gemeinschaft betraut werden soll. Ähnliche
Maßnahmen in bezug auf die SEATO und andere vergleichbare Organisationen
werden geprüft, und um die Durchführung dieser-gemeinsamen Anstrengungen
zu erleichtern, wird der Außenminister einen eigenen wissenschaftlichen
Berater sowie an geeigneten Orten im Ausland Wissenschaftsatt*ches ernennen.
Wo immer sich bei diesen Maßnahmen zusätzliche legale Vollmachten
als notwendig erweisen, wird der Kongreß zu Beginn seiner nächsten
Sitzungsperiode darum ersucht werden. Ich werde diese Fragen auf der
bevorstehenden überparteilichen Konferenz mit den führenden Kongreßvertretern erörtern. Ich werde sie ersuchen, jeden nur möglichen Schritt
in Erwägung zu ziehen, um die erforderlichen legislativen Maßnahmen zu
beschleunigen.
Dies, meine Freunde, sind die vordringlichsten Schritte, die auf
den für die Sicherheit wichtigen wissenschaftlichen Gebieten ergriffen
werden.
Selbst in zwei Reden kann ich unmöglich das gesamte Thema der
Verteidigung erschöpfend behandeln, sondern nur einzelne dringende
Fragen, die gegenwärtig von Bedeutung sind. Deshalb kann ich dieses
Mal eine Reihe von entscheidend wichtigen Punkten, die von großer Bedeutung für die Verteidigung sind, wie die Auslandshilfe und die Zivilverteidigung, nicht einmal streifen. Ebenso habe ich mich nicht zu der
dringenden Notwendigkeit geäußert, das strategische Luftkommando räumlich stärker aufzugliedern oder alle Mittel bereitzustellen, die die
Flugzeuge in die Lage versetzen, nach Eingang einer Warnung in kürzester Zeit zu starten.
Bei diesem gesamten Bemühen ist es wichtig, darauf zu achten, daß
nichts für unwichtige Zwecke verschwendet wird. Die Verteidigung ist
heute kostspielig und wird es immer mehr sein. Wir können uns keine
Verschwendung leisten.
Es hieße an den Dingen vorbeireden, wenn wir sagen würden, wir
müssen jetzt unsere Ausgaben für alle Arten militärischer Güter und
Verteidigungsprojekte erhöhen - also zum Beispiel den kürzlich erhobenen Forderungen nach einer Aufhebung aller Reduzierungen der Mannschaftsstärke der Streitkräfte nachgeben.
Ohne Frage müssen wir uns der Dringlichkeit der Sache bewußt
sein. Dies heißt jedoch nicht, daß wir uns auf das Schlachtroß schwingen
und versuchen sollten, gleichzeitig nach allen Richtungen davon zu
galoppieren»
V/i r

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8. November 1957

Wir müssen die Erfordernisse, denen es gerecht zu werden gilt,
nach Ausmaß und Dringlichkeit klar bestimmen. Und dann müssen wir unsere Hilfsquellen auf dieses Ziel in dem Maße konzentrieren, wie es den
Erfordernissen entspricht. Dies bedingt sorgfältiges Abwägen bei der
Verteilung unserer nationalen Ausgaben. Wir können nicht in unbegrenztem Ausmaß gleichzeitig das haben, was wir haben müssen und das, was
wir gerne haben möchten.
Wir können sowohl über eine gesunde Verteidigung als auch über eine
gesunde Wirtschaft, auf die die Verteidigung sich stützt, verfügen, wenn
wir die Vorranggebiete festlegen, wenn wir uns unbedingt daran halten
und wenn jeder von uns bereit ist, seinen Teil der Bürde zu tragen.
Zusammenfassend möchte ich sagen: Obwohl ich heute abend bewußt
den Einfluß der Wissenschaften auf die Verteidigung herausstelle, so
vergesse ich doch nicht, daß die Wissenschaft noch weit mehr Aufgaben
als nur die Stärkung unserer Verteidigung hat und
unsere Verteidigung in noch viel mehr besteht als lediglich in dem Teil,
den die Wissenschaft ausmacht. Die friedlichen Beiträge der Wissenschaft
zum Beispiel für die Medizin, die Bereicherung des Lebens, die Freiheit
des Geistes sind die wichtigsten Ergebnisse bei der Erschließung der
Geheimnisse der Natur. Und die geistigen Kräfte einer Nation - der
ihnen zugrundeliegende religiöse Glaube, ihr Selbstvertrauen, ihre Fähigkeit, verständnisvoll Opfer zu bringen - sind die wichtigsten Bausteine
einer jeden Verteidigungsstruktur.
Vor allem aber lassen Sie mich allen, die dies hören, sagen, daß
soweit es uns anbetrifft, die Massierung militärischer Stärke niemals
zu irgendeinem anderen Zweck als für die Verteidigung und die Erhaltung
eines gerechten Friedens bestimmt war und auch niemals sein wird.
Was die Welt heute noch mehr braucht als einen gigantischen Sprung
in den Weltraum, ist ein gigantischer Schritt zum Frieden hin. Immer
und immer wieder haben wir unsere Bereitschaft demonstriert, einen solchen Schritt zu tun. Als einen Beginn in dieser Richtung fordere ich
die Sowjets jetzt auf, sich den.praktischen und durchführbaren Abrüstungsvorschlägen anzuschließen, die gestern von einer großen Mehrheit der
Vereinten Nationen gebilligt wurden.
Wir werden niemals aufhören, auf den Anbruch des Tages zu hoffen
und hinzuarbeiten, an dem ein dauerhafter Friede diese militärischen
Lasten von den Schuitern der Menschheit nehmen wird und an dem der
Wissenschaftler sein Hauptaugenmerk nicht auf die Zerstörung des
Menschen zu richten braucht, sondern auf das Glück und die Erfüllung
des Menschen lenken kann."

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Ailg./U.H .57
DIE AUSWIRKUNGEN ATOMARER STRAHLUNG

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
V/ortlaut der Erklärung, die Botschafter James J. Wadsworth,
der stellvertretende Leiter der amerikanischen Delegation
bei den Vereinten Nationen, am 7« November 1957 vor dem
Politischen Ausschuß der UN abgegeben hat.

Die Auswirkungen atomarer Strahlung auf den Menschen und seine
Umwelt beschäftigen seit langem die Vereinigten Staaten, ebenso wie
andere Nationen. Wir begrüßen daher die Gelegenheit, diese Frage in
den Vereinten Nationen zu erörtern.
Jede Diskussion sollte willkommen sein, falls sie dazu beiträgt,
die Menschheit über die Gegebenheiten des Atomzeitalters aufzuklären,
und es ihr ermöglicht, diesem V/issen entsprechend zu handeln. Wir sind
der Meinung, daß diese Diskussion diesem Zweck dienlich sein kann.
Zunächst einmal ist es erforderlich, einige der wichtigsten Schritte, die auf diesem Gebiet insbesondere von den Vereinten Nationen unternommen wurden, zu überprüfen. Das am 26. August von der tschechoslowakischen Delegation unterbreitete Memorandum enthält eine Erklärung, die
besagt, daß "die Organisation der Vereinten Nationen angesichts der
fortgesetzten und wachsenden Gefahr radioaktiver Strahlung nicht untätig bleiben kann." Diese Bemerkung ist ziemlich verwirrend, da die
Vereinten Nationen schon seit zwei Jahren in zweckdienlicher und konstruktiver Weise Maßnahmen in dieser Angelegenheit unternehmen und die
Vereinigten Staaten energisch daran mitarbeiten.
I.

Der Strahlenausschuß der Vereinten Nationen

Der Politische Ausschuß wird sich erinnern, daß die Vollversammlung im Jahre 1955» i'n Verlauf der zehnten Sitzungsperiode, einen
Wissenschaftlichen Ausschuß zur Frage der Auswirkungen von atomarer
Strahlung schuf. Es dürfte angebracht sein, wenn ich hier kurz auf
die Geschichte dieses Komitees eingehe.
Am

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1J. November 1957

Am 22. Juni 1955 gaben die Vereinigten Staaten bekannt, daß sie die
Absicht hätten, auf der nächsten Sitzung der UN-Vollversammlung die
Sammlung aller in der Welt bekannten Einzeldaten über die Auswirkungen
atomarer Strahlung auf die menschliche Gesundheit durch die Vereinten
Nationen vorzuschlagen. Als wir diesen Vorschlag unterbreiteten, wiesen wir darauf hin, daß in verschiedenen Ländern, auch in den Vereinigten Staaten, bereits viele Unterlagen zu diesem Thema vorhanden seien,
und daß durch die Zusammenfassung dieser Unterlagen an einem Ort die
Vereinten Nationen auf konstruktive Weise auf eine Sorge reagieren
würden, die in bezug auf dieses Problem in der Welt weitverbreitet war.
Als die Frage in die.em Ausschuß zur Debatte stand, unterbreiteten
die Vereinigten Staaten zusammen mit Australien, Dänemark, Großbritannien, Island, Kanada, Norwegen und Schweden einen Entschließungsentwurf
über die Schaffung eines wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten
Nationen zu dieser Angelegenheit. Diese Resolution wurde eine Woche
lang erörtert und erfuhr noch verschiedentliche Abänderungen und Verbesserungen, in denen die intensiven Beratungen, die die Befürworter
untereinander und mit vi«len anderen Delegationen, insbesondere mit
Indien,gepflogen hatten^ zum Ausdruck kamen. Die Billigung der Resolution sowohl in diesem Ausschuß als in der Vollversammlung erfolgte
einstimmig. Es ist ungewöhnlich, daß über eine Frage von solcher Bedeutung einstimmig beschlossen wird.
Der Strahlenausschuß ist jetzt zwei Jahre alt. Er besteht aus Wissenschaftlern von 15 Ländern - Ägypten, Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien- Frankreich, Großbritannien, Indien, Japan, Kanada,
Mexiko, Schweden, Sowjetunion, Tschechoslowakei und Vereinigte Staaten.
Die dem Ausschuß übertragene Aufgabe ist die Sammlung, Prüfung,
Auswertung und Veröffentlichung der Berichte von Regierungen über beobachtete Pegel ionisierender Strahlen und über die Auswirkungen dieser Strahlung auf den Menschen und seine Umwelt. Bis zum 1. Juli 1958» also in
weniger als sieben Monaten, soll er seinen ersten umfassenden Bericht
der Vollversammlung vorlegen. In Anbetracht der großen Schwierigkeit
dieser Aufgabe und der Notwendigkeit, große Mengen neuer wissenschaftlicher Informationen zu sammeln und zu analysieren, konnte die Vollversammlung von dem Komitee kaum verlangen, zu einem früheren als dem genannten Zeitpunkt einen sinnvollen Aufschluß gebenden Bericht vorzulegen.
Dieses Projekt wird seit nunmehr zwei Jahren mit fachmännischer Genauigkeit ausgeführt. Das Komitee hat von den Regierungen der Mitgliedstaaten und den Sonderorganisationen zahlreiche Berichte erhalten. Für
die verschiedenen Bereiche der ihm übertragenen Aufgabe hat es besondere Arbeitsgruppen von Spezialisten gebildet. Der Ausschuß selbst hielt
drei Sitzungen ab - im März 1956, im Oktober/November 1956 und im April
^1957« Die Ausarbeitung des Berichts an die Vollversammlung, den es zum
1. Juli nächsten Jahres vorleg-en soll, macht gute Fortschritte. Es seien
hier nur einige hervorstechende Tatsachen über die bis jetzt geleistete
Arbeit angeführt:

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1 . Der Ausschuß konnte sich der Mitarbeit vieler Mitgliedstaaten
und drei der Sonderorganisationen versichern, und zwar der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, des Internationalen Arbeitsamtes und des V/eltwetterdienstes. Im Verein mit der wissenschaftlichen
Autorität der dem Ausschuß angehörenden Fachleute stellt dies eine echte
Mobilisierung der internationalen wissenschaftlichen Kräfte dar.
2. Die vom Ausschuß erörterten Themen umfassen einen sehr weiten
Bereich - es werden unter anderem die Auswirkungen von Strahlung sowohl
auf das Individuum als auch auf die Vererbung, die Pegel der natürlichen
Umweltstrahlung, die Stärke der Einwirkung von Strahlung durch ihre
industrielle Verwertung, die Verseuchung der Umwelt durch künstlich erzeugte Radioaktivität, einschließlich der Kernwaffenversuche und der
radioaktiven Industrieabfälle, sowie die Verantwortung der Ärzte in
der Verwendung von Röntgenstrahlen behandelt.
3. Als ein Charakteristikum seiner Arbeit hat der Ausschuß dazu
beigetragen, daß ein erweitertes, weltumfassendes Programm zur Sammlung
und Analysierung von Proben radioaktiven Ausfalls in der Erdatmosphäre
gestartet worden ist. Im Rahmen dieses Programms haben 13 Länder insgesamt 41 neue Beobachtungsstationen eingerichtet, die Proben von Staubpartikeln aus der Luft sammeln. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist nunmehr eine regelmäßige Probenentnahme zur Überwachung von Ausfallprodukten überall auf der Erde.
Herr Vorsitzender, dies also sind einige der wichtigsten Leistungen
des Ausschusses. Sie zeigen, wie umfassend diese Arbeit ist und mit welchem Ernst der Ausschuß an sie herangegangen ist. Es handelt sich hier
um eine internationale wissenschaftliche Großtat im Sinne bester wissenschaftlicher Tradition, und die Vereinigten Staaten sind stolz darauf,
an ihr beteiligt zu sein.
II.

Der Beitrag der Vereinigten Staaten

Lassen Sie mich nun kurz auf den Beitrag zu sprechen kommen, den
die Vereinigten Staaten zu diesen Bestrebungen geleistet haben.
Allem voran haben wir dem Ausschuß über 30 Berichte unterbreitet und sie auch der gesamten Welt zugängig gemacht -, die größtenteils
Zusammenfassungen von detaillierten Berichten über die Forschungsergebnisse unserer eigenen Wissenschaftler darstellen. Der erste dieser Berichte war eine eingehende Untersuchung mit dem Titel "Die biologischen Auswirkungen atomarer Strahlung", den die Amerikanische Akademie der Wissenschaften ausgearbeitet hatte. Die übrigen Berichte
behandeln Themen wie radioaktiven Ausfall, natürliche Umweltstrahlung,
genetische Auswirkungen von Strahlung, Strahlungsgefahren bei verschiedenen Berufsgruppen und die Beseitigung von radioaktiven Abfallstoffen
durch Versenkung im Meer. Einer unserer jüngsten Beiträge stützt sich
auf Material des Gemeinsamen Atomenergie-Ausschusses des amerikanischen
Senats und Repräsentantenhauses, das er im Verlauf von Informationssitzungen in diesem Jahr gesammelt hatte. Mehr als 50 hervorragende

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hervorragende Wissenschaftler und Sachverständige hatten in den öffentlichen Informationssitzungen dieses Ausschusses ausgesagt. Das Ergebnis
ist wahrscheinlich die umfassendste Sammlung von Informationen über
radioaktiven Ausfall, die bisher in einem einzigen Dokument enthalten
ist. Alle diese Informationen wurden dem Wissenschaftlichen Ausschuß
übergeben.
Eine zweite Form der Mitarbeit, mit der die Vereinigten Staaten
dieses Unternehmen der Vereinten Nationen unterstützen, steht im Zusammenhang mit der laufenden Überwachung der künstlichen Radioaktivität
der Atmosphäre. Auf der ersten Tagung des Wissenschaftlichen Ausschusses im März 1956 richteten wir über den Generalsekretär an die Mitgliedstaaten das Angebot einer technischen Hilfeleistung in der Form,
ihnen bei der Errichtung von Probensammelstellen und der Ausarbeitung
von Analysenmethoden für die gesammelten Proben behilflich,zu sein.
Wir boten ferner die Benutzung der Einrichtungen amerikanischer Laboratorien für die Untersuchung der in anderen Ländern gesammelten
Proben an.
Seitdem haben verschiedene Staaten amerikanische Hilfe für derartige Zwecke beantragt und auch erhalten. Wir haben bereits auf die 41
Beobachtungsstationen verwiesen, die jene Länder als Ergebnis der
Arbeit des Ausschusses errichtet haben. Viele dieser Stationen haben
die benötigten Materialien und Ausrüstungen aus den Vereinigten Staaten erhalten. Mehrere Länder, die ihre Proben selbst untersuchen, senden oftmals zusätzlich Duplikate der täglich entnommenen Proben zum
Zwecke der Analysierung durch unsere Fachleute nach den Vereinigten
Staaten. Diese Methode gewährleistet eine Kontrolle der Richtigkeit
der ermittelten Ergebnisse. Auf ein Ersuchen des Wissenschaftlichen
Ausschusses haben die Vereinigten Staaten den Vereinten Nationen Standardproben von Strontium-90 für Vergleichsuntersuchungen zur Verwendung durch andere Länder zur Verfügung gestellt.
Herr Vorsitzender, in diesem Zusammenhang bekräftigen die Vereinigten Staaten erneut ihre Bereitschaft, alle Mitgliedstaaten der
Vereinten Nationen oder ihrer Sonderorganisationen bei der Sammlung
und Analyse von Staubproben aus der Luft zur Bestimmung ihres Radioaktivitätsgrades zu unterstützen.
Diese laufende Analysierung des radioaktiven Ausfalls sollte mit
größtem Nachdruck betrieben werden, Herr Vorsitzender, da sich dieser
Teil der Untersuchungen unmittelbar auf die Ausfallradioaktivität
bezieht, die von Kernwaffenversuchen herrührt, über die in der ganzen
Welt so eifrig debattiert wurde und die so viele Besorgnisse hervorgerufen hat. Unsere nachdrücklichen Bemühungen auf diesem höchstkomplizierten Forschungsgebiet und das nachhaltige Interesse des Wissenschaftlichen Ausschusses an ihm sollten der Welt klar zu erkennen
geben, daß wir uns dieser Besorgnisse in höchstem Maße bewußt sind
und nichts unversucht lassen, unser Wissen um die diesbezüglichen
Fakten auszuweiten, um so zu immer exakteren Folgerungen gelangen
zu können.
Gerade

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Gerade die Vereinigten Staaten haben in den letzten Jahren besonders eingehende Untersuchungen über radioaktiven Ausfall angestellt. Es gehört mit zu den wichtigsten Aufgaben der US-Atomenergiekommission, dafür zu sorgen, daß durch die Verwendung yon nuklearen
Stoffen Gesundheit und Sicherheit der Allgemeinheit nicht gefährdet
werden. Daraus leitet sich die ebenso große Verantwortung ab, sicherzustellen, daß alle verfügbaren Informationen über die Atomenergie,
die von irgendwelcher Bedeutung für Gesundheit und Sicherheit sind,
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Aus diesen Erwägungen heraus hat die amerikanische Atomenergiekommission seit 1953 ein Projekt gefördert, das in erster Linie auf
ein weltweites Studium gerade jener Fragen abzielt, die wir eben hier
erörtert haben; radioaktiver Ausfall und seine Auswirkungen auf den
Menschen und seine Umwelt. Im Rahmen dieses Projekts wurden in allen
Teilen der Welt insgesamt 120 Beobachtungsstationen eingerichtet mit
dem Ziel, Luftstaubproben zu sammeln und zu analysieren; diese Stationen haben ihre Arbeit inzwischen voll aufgenommen.
Ursprünglich beschränkte sich dieses Projekt der Vereinigten
Staaten auf das Studium von Strontium-90-Ausfall und dessen Auswirkungen. Es wurde jedoch erweitert und umfaßt nunmehr sämtliche Tätigkeitsbereiche der US-Atomenergiekommission, die in irgendwelchem
Zusammenhang mit dem Studium der Frage des radioaktiven Ausfalls
stehen. In Ergänzung der Arbeiten der Laboratorien der Atomenergiekommission sind mehr als 50 private Laboratorien vertraglich zur
Mitarbeit an diesen Aufgaben herangezogen worden.
Alle im Rahmen dieses Programms erarbeiteten Fakten und Zahlen
über radioaktive Ausfallprodukte sind veröffentlicht und dem Wissenschaftlichen Ausschuß der UN für radioaktive Strahlung unterbreitet
worden. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre hat die AEC elf detaillierte
und umfassende Berichte zum Thema des radioaktiven Ausfalls herausgegeben, die sich alle in Händen des wissenschaftlichen Ausschusses
befinden.
Herr Vorsitzender, diesem Bemühen der Wissenschaftler auf dem Gebiet der radioaktiven Strahlung liegt dasselbe Motiv zugrunde, aus
dem wir uns vor zwei Jahren veranlaßt sahen, die Schaffung eines wissenschaftlichen Ausschusses vorzuschlagen. Wir sind der Ansicht, daß,
sobald eine Gefahr auftritt, es weder richtig ist, sie zu ignorieren
und darauf zu hoffen, daß sie vorübergehe, noch zuzulassen, daß sie
aus kopfloser Furcht heraus übertrieben dargestellt wird. Richtig
ist es, vielmehr, die Fakten so klar als möglich herauszustellen und
zweckentsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Als der Wissenschaftliche Ausschuß im vergangenen Jahre zu seiner
ersten Sitzung zusammentrat, sprach UN-Generalsekretär Hammarskjöld
die Überzeugung aus, daß die Heranziehung konkreten wissenschaftlichen
Materials dazu beitragen werde, die Angelegenheit aus dem Bereich aufregender Sensationsmacherei herauszunehmen und sie fest auf den Boden

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Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse zu stellen, so daß dadurch unbesonnene Furcht in nüchterne Vorsicht verwandelt wird.
Bas Ziel unseres Ausschusses ist niemals besser formuliert worden.
III.

Strahlung und Kernwaffenversuche

Lassen Sie mich nun kurz zu den Ausführungen des tschechoslowakischen Vertreters Stellung nehmen. Mein erster Punkt betrifft die Kernwaffenversuche .
Allem, was der Vertreter der Tschechoslowakei hierzu gesagt hat es ist eine fast erschreckende Aneinanderreihung von Zitaten und wissenschaftlichen Baten -, mußte man entnehmen, daß die von Ausfallprodukten ausgehende radioaktive Strahlung eine unmittelbare Gefahr für
die Menschheit und die einzige schädliche Strahlungsquelle in der Welt
sei. Bas ist der Hauptpunkt des Erläuternden Memorandums, mit dem eine
Inskription dieses Punktes gefordert wird. Es ist der Leitgedanke
dessen, was die Antragsteller in ihren Erklärungen sowohl im Hauptausschuß und heute hier wieder zum Ausdruck gebracht haben, und es
geht auch aus dem eingebrachten Resolutionsentwurf klar hervor.
1

Es dürfte genügen festzustellen, daß dieses Thema als Punkt der
vorherigen Tagesordnung in diesem Ausschuß, nämlich im Rahmen der Abrüstung, hinreichend diskutiert worden ist, und daß der Ausschuß mit
einer überwältigenden Stimmenmehrheit die Ergreifung zweckmäßiger und
konstruktiver Maßnahmen für das 'Zustandekommen eines Abkommens über die
Einstellung von Kernwaffenversuchen empfohlen hat. Die Vereinigten
Staaten haben diese Empfehlung befürwortet und auch in diesem Sinne
abgestimmt. Wir haben im Rahmen der Bebatte unseren Standpunkt hinsichtlich dieser Frage klar dargelegt, und andere Belegationen, einschließlich die der Tschechoslowakei, taten dasselbe. Somit scheint doch wohl
die Frage, wie die Einstellung der Kernwaffenversuche sicher zu gewährleisten sei, in diesem Komitee bereits behandelt werden zu sein,und
mit einer sofortigen Neueröffnung der Bebatte unter einem neuen Programmpunkt dürfte nichts gewonnen werden.
Ba die Frage jedoch erneut gestellt worden ist, lassen Sie mich
unseren Standpunkt in fünf Punkten kurz zusammenfassen:
1) Bie Vereinigten Staaten müssen,um eine nicht nur den USA selbst,
sondern auch anderen Ländern dienende starke Verteidigungsmacht erstellen zu können, Kernwaffenversuche durchführen, zumal in einer Welt, von
der wir aus Erfahrung wissen, daß Schwäche die Aggression geradezu
herausfordert.
2) Wir wissen sehr wohl, daß Kernwaffenversuche eine gewisse
Verseuchung der Atmosphäre zur Folge haben, nicht nur unsere Tests, sondern
alle, auch die der Sowjetunion.

3l
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3) Wir streben, weil die Welt sich darüber besorgt zeigt, eine
Einstellung dieser Versuche an. Und zwar eine Einstellung in der einzigen
nicht auf Kosten der Verteidigung der freien Welt gehenden Art und Weise nämlich als erste Phase eines allgemeinen Abrüstungsprogrammes.
4) Unsere zur Zeit in den USA laufenden Versuche gelten der Entwicklung von Kernwaffen mit geringerem radioaktivem Ausfall als es bei
den bisherigen der Fall war.
5) Schließlich und endlich stellen wir fest, daß Kernwaffentests
nur eine unbedeutende Quelle für ionisierende Strahlen darstellen, die
dem Menschen gefährlich sind.
Ich möchte bei diesem letzten Punkte noch etwas verweilen und folgende kurze Erklärung abgeben, die, obgleich in der Sprache des Laien
vorgetragen, mir von den hervorragendsten Experten als wissenschaftlich
korrekt bestätigt worden ist.
Seit undenklichen Zeiten sind die Menschen einer ziemlich gleichbleibenden Menge atomarer, für die Vererbung schädlicher Strahlung aus
der natürlichen Umwelt ausgesetzt - aus dem Weltenraum, der Erdrinde
und sogar aus dem eigenen Körper. Soweit Wissenschaftler es feststellen
konnten, war dies schon immer und ist auch jetzt eine wichtige Ursache
für erbliche körperliche Defekte. Schätzungen der nationalen Akademie
der Wissenschaften aus dem Jahre 195&amp; zufolge haben in den vorangegangenen fünf Jahren die in der ganzen Welt vorgenommenen Kernwaffenversuche den natürlichen Strahlungspegel für Amerikas Bevölkerung um weniger als 1/8, wahrscheinlicher aber um nicht mehr als 1/40 erhöht.
Durch die für medizinische Zwecke angewandten Röntgenstrahlen erhöhte
sich nach Schätzungen derselben Akademie die Strahlungseinwirkung um
zwei Drittel.
Es ist sogar fraglich, ob in den nächsten Jahren ein meßbares Absinken der für die Vererbung schädlichen radioaktiven Strahlung zu verzeichnen wäre, wenn alle Kernwaffenversuche auf der Welt bereits morgen
eingestellt würden. Die Kernwaffenversuche spielen heute in dem ständig
wechselnden Bild der radioaktiven Strahlung eine untergeordnete Rolle.
Die geringe Verminderung der radioaktiven Strahlung durch den Versuchsstop könnte zum Beispiel durch die weitverbreitete Anwendung der Röntgenstrahlen in der Medizin mehr als nur wettgemacht werden, wenn deren
Anwendung nicht sorgfältig kontrolliert wirdj das gleiche gälte für
eine unzulängliche Kontrolle bei der Verwendung von Strahlung durch
die Industrie.
Herr Vorsitzender, das ist ein wissenschaftlich fundierter Bericht
über die Situation im Hinblick auf die Kernwaffenversuche und die
menschliche Vererbung insoweit die Wissenschaft bisher in der Lage ist,
die wahren Zusammenhänge zu erkennen. Das gibt uns Veranlassung zu
einigsnh' Nachdenken. Man darf den Schluß ziehen, daß wir keinen Grund
zur Beunruhigung haben; daß wir das Problem vielmehr mit wissenschaftlicher
Methodik beobachten und studieren sollten, so daß wir uns bei allen Handlungen durch feststehende wissenschaftliche Erkenntnisse leiten lassen
können.
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Das ist die Auffassung der Regierung der Vereinigten Staaten in
bezug auf die Kernwaffenversuche, soweit sie mit dem vorliegenden Thema
in Zusammenhang steht.
IV.

Der nächste Schritt

Nun kommen wir zu der Frage, welche nächsten Schritte in Zusammenhang mit dem Problem der radioaktiven Strahlung zu tun sind. Wir haben
hier besonders den mit der tschechoslowakischen Resolution unterbreiteten Vorschlag im Auge, eine neue wissenschaftliche Konferenz über die
radioaktive Strahlung einzuberufen. Lassen Sie mich, Herr Vorsitzender,
zu Beginn sagen, daß die Vereinigten Staaten die Notwendigkeit für
eine umfangreiche künftige Arbeit der Wissenschaftler zur Frage der
Strahlung voraussehen, wenn im nächsten Frühjahr der Bericht des Strahlenausschusses vorliegen wird.
Tatsächlich ist dieser Ausschuß auf Grund der Bestimmungen der
ursprünglichen Resolution, durch die er geschaffen wurde, verpflichtet,
in seinem Bericht von 1958 anzugeben, welche Forschungsprojekte auf
diesem Gebiet weiterverfolgt werden müssen. Als der Ausschuß gegründet
wurde, waren wir der Ansicht - und wir sind es heute noch -,daß der
gegebene Zeitpunkt, zu dem die Vollversammlung über weitere Maßnahmen
auf diesem Gebiet entscheiden soll, das Jahr 1958 ist, nachdem ihr der
zusammengefaßte Bericht des Ausschusses für radioaktive Strahlung vorgelegen und sie ihn studiert hat.
In der tschechoslowakischen Resolution wird die Versammlung aufgefordert, eine wissenschaftliche Konferenz mit der Begründung einzuberufen, daß diese Frage der radioaktiven Strahlungsgefahren - und ich
zitiere jetzt aus dem letzten Absatz der Präambel zu dieser Resolution - "die weitestgehende Untersuchung und die umfangreichste Sammlung
der Meinungen so vieler Wissenschaftler wie nur irgend möglich erfordert."
Wer behauptet, daß solch eine Notwendigkeit besteht, während sich
der Strahlenausschuß noch inmitten seiner Arbeit befindet, läßt den
ausgezeichneten Wissenschaftlern aus aller Welt, die zu der Arbeit des
Ausschusses beitragen, wohl kaum Gerechtigkeit widerfahren. Ich verweise
nicht hur auf die Wissenschaftler aus fünfzehn Ländern, die in diesem
Ausschuß vertreten sind - einschließlich der Wissenschaftler aus der
Tschechoslowakei und der Sowjetunion -, ich verweise auch auf die
Wissenschaftler aus vielen anderen Ländern, deren Berichte bereits
in großer Zahl beim Ausschuß vorliegen. Wenn wir die ungeheure Arbeit
des Ausschusses betrachten, dann ist es kaum denkbar, daß eine umfassendere Studie angefertigt werden könnte, oder wie es möglich sein sollte,
eine noch breiter angelegte und systematischere Sammlung der Meinungen
und Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Experten auf der ganzen Welt zu diesem Thema durchzuführen als die, an der der Ausschuß
für radioaktive Strahlung bereits seit zwanzig Monaten arbeitet.
Diese

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Diese Tatsache, Herr Vorsitzender, wird voll durch den Zwischenbericht,
Dokument Kr. A/5659, bestätigt, den der Strahlenausschuß am 31. Oktober
vorgelegt hat. Er nennt die Titel von 89 Berichten, die von 27 Regierunger, und zwei Sonierorgarisatiouen eingereicht wurden. Mir ist gesagt
worden, daß viele dieser Berichte eine große Anzahl wissenschaftlicher
Ansichten oder Untersuchungsergebnisse zusammenfassen, so daß damit
Tauserde von verschiedenen Untersuchungen und Experimenten ausgewertet
wu rden .
Es ist wirklich einigermaßen ungewöhnlich, daß man bereits jetzt
an uns herantritt, den Schluß zu ziehen, der Ausschuß für radioaktive
Strahlung, der all diese Arbeit leistet, tue nicht genug und bedürfe der
Ergänzung durch eine andere Institution. Das ist alles andere als ein
Kompliment für die große Zahl der betroffenen Wissenschaftler, es ist
auch kein Kompliment für die Vollversammlung selbst, die diesen Ausschuß ins Leben gerufen und aufgefordert hat, im Jahre 1958 den Bericht
vorzulegen. Nach unserer Ansicht wäre nichts sinnwidriger, als den Ausschuß zu beschränken, den wir selbst geschaffen haben.
Noch eine letzte Bemerkung zu der tschechoslowakischen Resolution.
Sie verweist, wie ich erwähnte, auf die Notwendigkeit für "die umfassendste Sammlung der Meinungen so vieler Wissenschaftler wie nur irgend möglich." Wenn damit gemeint ist, die Ansichten der Experten und die Ergebnisse der Forschungen von Wissenschaftlern auf Gebieten einzuholen, die
mit der radioaktiven Strahlung und deren Auswirkungen auf die Menschheit
zusammenhängen, wenn dieses die Sammlung dieser Ansichten und Forschungsergebnisse auf ordentliche und organisierte Weise bedeutet - gut und
schön. Gerade das tut der Strahlenausschuß der Vereinten Nationen. Aber
wenn damit eine Art Schauspiel veranstaltet werden soll, bei dem Wissenschaftler aufgefordert werden, ihre Meinungen kundzutun, ihre Meinungen
über Dinge, die außerhalb ihres Spezialgebietes liegen, dann ist das ein
Vorschlag, der mit Wissenschaft nichts zu tun hat und, würde er ausgeführt,
eine riesige Vergeudung wissenschaftlichen Könnens bedeutete.
Die Suche nach wissenschaftlicher Wahrheit darf nicht mit einem Wettbewerb um Popularität verwechselt werden. Die Wissenschaft hat die Welt
nicht mit all diesen erstaunlichen und revolutionären Entdeckungen des
letzten halben Jahrhunderts beschenkt, indem sie die "Ansichten so vieler
Wissenschaftler als nur irgend möglich" über jede Frage einholte. Die
wissenschaftliche Wahrheit hat mit politischen Streitfragen nicht das
geringste zu tun und kann nicht erforscht werden, indem man die Meinung
der Mehrheit einholt oder Meinungsumfragen unter Wissenschaftlern oder irgendeiner anderen Gruppe veranstaltet.
Die Fragen der wissenschaftlichen Wahrheit werden nicht auf der
politischen Plattform oder in der Wahlzelle, sondern im Laboratorium
entschieden.
Es hat in der Geschichte Zeiten gegeben, wo die Wissenschaftler, die
der Welt neue und revolutionäre Wahrheiten geschenkt haben, sich selbst
unter ihren Kollegen in einer kleinen Minderheit befanden. Sie erhalten
keine wissenschaftliche Wahrheit, indem Sie eine große Anzahl von Wissenschaftlern zusammenbringen. Sie können sie erhalten, indem Sie an die

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"AMERIKA DIENST

die richtigen Wissenschaftler die richtige Frage richten und sie dann
allein lassen, bis sie die Antwort gefunden haben. Das hat die Vollversammlung in der Frage der Strahlung bisher getan.
Schlußfolgerung
Herr Vorsitzender, lassen Sie mich zum Abschluß noch einen Gedanken
vorschlagen, der einigen von uns in der Erregung über die mehr in der
Öffentlichkeit behandelten und sensationellen Aspekte der atomaren
Strahlung vielleicht entgangen sein könnte. Der Gedanke ist ganz einfach dieser: Der Wissenschaftliche Ausschuß kann, wie jedes andere ehrliche wissenschaftliche Unternehmen, zu positiven Ergebnissen führen, von
denen wir kaum zu träumen wagen. Dies ist keine müßige Beobachtung. Dieser Gedanke basiert auf zwei definitiven Tatsachen.
Die erste Tatsache ist die, daß, je mehr wir in das Atomzeitalter
hineingeraten und je umfassender die Anwendung der Atomenergie für
friedliche Zwecke wird, die Probleme des Schutzes vor atomarer Strahlung
immer vordringlicher werden. Die Internationale Atombehörde ist nun eine
Realität. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Aufstellung von Sicherheitsnormen zum Schutz der Gesundheit unu zur Zurückführung der Gefahr für
Leben und Eigentum auf ein Mindestmaß. Die Atomkraftwerke sind ebenfalls .
eine Realität, und in nur wenigen Jahren werden sie mehr und mehr in der
Lage sein, mit den konventionellen Kraftquellen in einen wirtschaftlichen
Wettbewerb zu treten. In der Zwischenzeit werden die Radiotherapie in der
Medizin und Strahlenverfahren in der Landwirtschaft mehr und mehr Allgemeingut und ständig neuen Verwendungszwecken angepaßt werden. All diese nutz- und segenbringenden Verwendungszwecke der Atomkräfte machen
spezielle Maßnahmen zur Kontrolle der Gefährdung des Menschen und zur
Verhinderung von Schäden erforderlich; und wenn diese Maßnahmen wirksam
sein sollen, müssen sie auf der größtmöglichen Kenntnis der Atomstrahlung
und ihrer Auswirkungen beruhen.
Die zweite Tatsache ist die, daß die Ergebnisse aller Grundlagenforschung, wie sie auch Angelegenheit des Strahlenausschusses ist, nur
teilweise vorausgesagt werden können. Wir können aber mit ziemlicher
Sicherheit voraussagen, daß der Ausschuß außerordentlich brauchbare
Antworten auf einige sehr praktische Fragen geben wird, die wir an ihn
gerichtet haben. Doch was er sonst noch entdecken wird, kann nicht vorausgesagt werden.
Wenn Sie an einen Wissenschaftler eine spezielle Frage richten, sagen
wir über das Verhalten gewisser Arten von Kernpartikeln unter gewissen
Bedingungen, mag er die richtige Antwort für Sie finden - oder er mag neue
Fakten und neue Ideen finden, die niemals vermutet wurden und die ganz
neue Gebiete der Forschung erschließen helfen. Seine Arbeit mag so spezialisiert sein, daß sie für Sie und für mich völlig bedeutungslos ist, daß
sie dessenungeachtet aber zu umfassenden Resultaten führen kann, an die
er selbst nicht geglaubt hatte und die möglicherweise der Menschheit in
spürbarer Weise dienen werden.
Lassen Sie uns deshalb den Strahlenausschuß, den wir geschaffen
haben, in seiner Arbeit ermutigen. Anstatt über neue Einrichtungen nachzu-

- 10 -

�13 • November 1957

"AMERIKA DIENST"

nachzudenken, die ihn ersetzen sollen oder die seine Arbeit duplizieren
oder verwirren, lassen Sie uns die wissenschaftliche Integrität der
Arbeit, die wir bereits in Händen haben, respektieren, und lassen Sie
dieser Arbeit von jedem Mitgliedstaat soviel wissenschaftliche Unterstützung zuteil werden, wie er zu geben vermag. Wenn wir in dieser
Richtung vorwärtsschreiten, kann die Welt nur davon profitieren.
Indem ich schließe, möchte ich Ihnen sagen, daß die Vereinigten
Staaten, zusammen mit einer Anzahl anderer Staaten, in Kürze einen Entwurf zu einer Resolution vorlegen werden, der einen neuen Gesichtspunkt
zu dieser Frage enthält.
* * * * *

- 11

�In diesem wunderbaren Zeitalter haben wir Amerikaner eine besondere Verantwortung. Uns stand ein unverbrauchter Kontinent zur
Verfügung, und wir hatten die Gelegenheit, einen Traum dieser Zeit
zu verwirklichen, wie nämlich die Menschen zusammenarbeiten, miteinander leben und sich selbst regieren sollten.
Gestützt auf die Kulturen der Vergangenheit und auf den rapiden
Fortschritt der Wissenschaft haben wir jedem die Möglichkeit geboten,
im Lebenskampf für sich selbst zu bestehen und gleichzeitig ein hingebungsvolles Mitglied einer harmonischen Gemeinschaft zu sein.
In dieser Woche feiern die Sowjets den 40« Jahrestag ihrer Revolution. Während dieser 40 Jahre hat die Welt erlebt, daß sich die
Sowjets von einer landwirtschaftlichen zu einer industriellen Nation
entwickelt haben. Wir kennen ihr rigoroses Erziehungssystem und ihre
technologischen Leistungen.
.,
B
Aber
- 1-

�"AMERIKA DIENST"

13. November 1957

Aber wir erleben, wie sich dies alles unter einer politischen
Lehre vollzieht, die die Einlösung des Versprechens, daß jeder sein
eigenes Leben leben und sich - so wie er es wünscht - der Früchte
seiner eigenen Arbeit erfreuen kann, immer wieder hinausschiebt.
Wir haben seit langem die Beweise gehabt - und in jüngster Zeit
sehr dramatische Beweise -, daß es selbst unter einem solchen System
möglich ist, einige bemerkenswerte materielle Leistungen zu vollbringen. Wenn diese Fähigkeiten und Möglichkeiten in materiellen
Dingen Politikern zur Verfügung stehen, die so wenig Sinn für menschliche Belange haben und die die Macht über ein ganzes Weltreich ausüben, dann ergibt sich eine Gefahr für alle freien Menschen. Das,
meine Freunde, ist der Grund, warum das amerikanische Volk durch die
Erdsatelliten so aufgerüttelt wurde. Selbstverständlich begegnet die
freie Welt dieser Herausforderung und wird mit ihr fertig werden.
Bis zu einem gewissen Punkt muß man die Kommunisten mit ihren
eigenen Waffen schlagen - man muß sie im Hinblick auf die militärische
Macht, den allgemeinen technischen Fortschritt sowie die Fachausbildung und Forschung überbieten.
Aber dies ist nicht alles. Die wahre Stärke, mit der die sich
selbst regierenden Demokratien den Prüfungen der Geschichte begegnet
sind, liegt in Werten, die die Diktaturen ablehnen.
Diese Stärke besteht in dem Wert unseres Lebens, der Kraft unserer Ideale sowie in der immer von neuem überraschenden Fähigkeit
freier Menschen, freiwilliges Heldentum zu zeigen, Opfer zu bringen
und Erfolge zu erringen, wenn es ums Ganze geht.
Dies ist die Waffe, die den schließlichen Sturz eines jeden
Diktators bedeutet, der den bekannten Fehler machte, zu glauben,
alle Demokratien seien 'weich'.
Heute hören wir wieder einmal ein expansionistisches Regime
sagen: 'Wir werden euch begraben'.
Es wäre ein folgenschwerer Irrtum, diese Art von Drohung nicht
wörtlich zu nehmen. Diese These ist seit hundert Jahren ein kommunistischer Lehrsatz gewesen.
Sie werden sich
lebte, der erklärte,
dickes, langweiliges
stellen wolle. Viele

erinnern, daß einmal ein Diktator namens Hitler
er werde uns zu Grabe tragen. Er schrieb ein
Buch, in dem er genau darlegte, wie er dies anLeute haben ihn nicht ernst genommen.

Wir werden diesen Fehler nicht noch einmal machen.

Der

�"AMERIKA DIENST"

13. November 1957

Der internationale Kommunismus hat wiederholt demonstriert, daß
seine Führer ohne weiteres bereit sind, eine gewaltsame Aggression
gegen die Gebiete; und Völker anderer Länder vorzutragen. Und sie
sind noch eher dazu bereit, ihre Expansion durch Propaganda und Subversion, wirtschaftliche Durchdringung und Ausbeutung oder durch eine
Kombination all dieser Methoden voranzutreiben.
Die freie Welt muß demgegenüber immer wachsam bleiben.
Unsere militärische Verteidigung ist in den Jahren seit dem
zweiten V/eltkrieg weitgehend reorganisiert worden. Ich versichere
Ihnen,wie ich dies bereits in der vergangenen Woche getan habe, daß
sie, was die gegenwärtigen Bedingungen anbetrifft, sowohl wirksam
wie auch ausreichend ist. Wenn sie dies aber auch in der Zukunft
bleiben soll, so muß ihr Aufbau und ihre Stärke mit den immer größer
werdenden Möglichkeiten Schritt halten, die die Wissenschaft sowohl
einem Angreifer wie auch einem Verteidiger bietet. Sie muß weiterhin
vier Hauptaufgaben gerecht werden: nämlich
1) als ein Hauptabschreckungsmittel gegen einen Krieg eine
atomare Vergeltungsstärke von solcher Kapazität aufrecht erhalten,
damit die Sowjets überzeugt werden, daß jeder Angriff auf uns und
unsere Verbündeten ohne Rücksicht auf den bei uns entstehenden Schaden zur Vernichtung ihrer eigenen Nationen führen würde;
2) in Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten eine so flexible
Struktur der Streitkräfte gewährleisten, daß sie schnell mit jeder
Form der Aggression gegen die freie Welt fertig werden kann;
3) unsere Heimatverteidigung in einem Stand hoher Einsatzbereitschaft halten; und
4) über ausreichende Reservestreitkräfte verfügen, um in einem
Notfalle auch unvorhergesehenen Anforderungen gerecht werden zu können.
Um diese Art von Verteidigung aufzubauen, sind Steuergelder erforderlich - große Steuergelder. Während der letzten fünf Finanzjahre
haben wir 211 Milliarden Dollar für unsere Sicherheit ausgegeben, das
sind durchschnittlich über 42 Milliarden Dollar im Jahr, worin unsere
Streitkräfte, die gemeinsame Verteidigungshilfe und die Atomenergiekommission einbegriffen sind.
Nach meiner Meinung haben die Streitkräfte und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter diese Mittel im allgemeinen klug und vernünftig
verwendet. Ein großer Betrag wurde und wird für bessere und stärkere
Waffen aufgewendet. Ein einziger Bomber vom Typ B-52 kostet acht
Millionen Dollar. Ein Geschwader vom Typ B-52 kostet viermal soviel
wie ein Geschwader von B-36 Bombern, die es ersetzt.
Die Rakete vom Typ Nike, die weitgehend an die Stelle der Flugabwehrgeschütze getreten ist, kostet pro Abteilung dreimal soviel.
Ein

�"ALIERIKA DIENST"

1J. November 1957

Ein neues Unterseeboot kostet 47*5 Millionen Dollar und ist damit
zehnmal so teuer wie ein U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg.
Und in diese Aufzählung könnte ich die ganze Vielfalt unserer
Waffen einbeziehen.
Seit einigen Jahren richtete sich das Augenmerk in zunehmendem
Maße auf die Erfindung, Entwicklung und Erprobung noch modernerer
Waffen für einen künftigen Einsatz. Das Verteidigungsministerium hat
für diese Porschungs- und Entwicklungsaufgaben über fünf Milliarden
Dollar pro Jahr ausgegeben.
Es ist in letzter Zeit viel darüber geredet worden, ob der
technologische Durchbruch der Sowjets auf einigen besonderen Gebieten
uns plötzlich einer größeren unmittelbaren Gefahr ausgesetzt haben
könnte.
Wie ich schon in der vergangenen Woche aufgezeigt habe, ist dies
nicht der Fall. Diese Errungenschaften haben uns jedoch einen erneuten
Beweis der sowjetischen Fähigkeiten und Möglichkeiten auf dem Gebiet
der Wissenschaft und Technik, soweit sie für die moderne Kriegführung
wichtig sind, geliefert. Wir müssen und werden dies als eine Zeit für
eine erneute kritische Überprüfung unserer gesamten Verteidigungsposition betrachten.
Die Sputniks haben eine große Zahl von Vorschlägen ausgelöst,
angefangen von der Beschleunigung des Raketenprogramms bis zum Abschuß einer um den Mond kreisenden Rakete und einer wahllosen Erhöhung
aller möglichen wissenschaftlichen und militärischen Ausgaben.
Der gesunde Menschenverstand erfordert, daß wir die Dinge der
Reihe nach anpacken.
An allererster Stelle steht die Sicherheit unseres Landes.
Während der kommenden drei Wochen werde ich wie alljährlich
persönlich zusammen mit den militärischen und zivilen Stellen unsere
Maßnahmen auf dem Gebiet der nationalen Sicherheit im kommenden Jahr
überprüfen. Dann werde ich mit den maßgebenden Kongreßmitgliedern
aus beiden Häusern und aus beiden Parteien zusammentreffen und mit
ihnen über die Regierungspolitik, die praktischen Maßnahmen und die
Ausgaben konferieren.
In der Zwischenzeit ersuche ich Sie, einige der Maßnahmen, denen
wir vordringlichst unsere Aufmerksamkeit schenken müssen, sorgfältig
zu überdenken.
Heute liegt unser Hauptabschreckungsmittel gegen einen Krieg in
der atomaren Vergeltungsstärke unseres strategischen Luftkommandos
und unserer Marine. Diesen Waffengattungen wie auch der Armee verleihen wir jetzt so schnell wie möglich noch weitere Stärke durch
Raketenwaffen. Es wird jedoch geraume Zeit vergehen, bevor wir oder

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�"AMERIKA DIENST

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1957

oder die sowjetischen Streitkräfte über ein Potential auf dem Gebiet
der Fernraketen verfügen, das auch nur zu einem Bruchteil der Gesamtvernichtungskraft unserer gegenwärtigen Bomberflotte entspricht.
Wenn wir in den vor uns liegenden Jahren das strategische Luftkommando auf einem Höchststand von Sicherheit, Stärke und Alarmbereitschaft halten wollen - in dem Maße, wie neue Gefahren auftauchen -,
wird dies zusätzliche Kosten mit sich bringen.
Das heißt, daß die Aufgliederung des strategischen Luftkommandos
auf zusätzliche Flugplätze beschleunigt durchgeführt werden muß. Dieses Vorhaben, das seit einigen Jahren im Gange ist, sollte jetzt beschleunigt werden.
Mit den Raketen und schnelleren Bombern werden auch die Warnzeiten kürzer. Wir haben daher Möglichkeiten und Einrichtungen geschaffen, die eine schnellere Reaktion auf einen Alarm gestatten.
Auch auf diesem Gebiet sollten die Maßnahmen beschleunigt v/erden
durch in Einsatzbereitschaft stehende Kampfgruppen, durch weitere
Rollbahnen, weitere Tankanlagen und mehr Unterkünfte.
Um eine möglichst schnelle und umfassende Warnung vor jedem
zukünftigen Angriff sicherzustellen, müssen wir in unser Warnsystem
alle zusätzlichen Verbesserungen einbauen, die jetzt wissenschaftlich
möglich sind.
Es ist weiterhin notwendig, daß wir ein aktives Raketenverteidigungsprogramm gegen ferngelenkte Geschosse entwickeln.
Um die Verteidigungsstärke aufrecht zu erhalten und zu vermehren,
werden wir unsere Sicherheitsstreitkräfte durch Fernraketen, die von
Landbasen und von Kriegsschiffen abgefeuert werden können, ergänzen.
Die technischen Experten haben mir erklärt, daß die Entwicklung von
ballistischen Geschossen großer Reichweite nicht durch Bereitstellung
weiterer Geldmittel merklich beschleunigt werden kann. Wir geben zur
Zeit über eine Milliarde Dollar für die Forschungsarbeiten und die
Erprobung dieser Waffen aus. Natürlich werden wir zusätzliche Mittel
bereitstellen, wo sich dies als notwendig erweisen sollte. Es ist
außerdem selbstverständlich, daß die Produktion, die Verteilung und
der Einbau der Raketen in den vor uns liegenden Jahren kostspielig
sein wird.
Die Soldaten sind unterbezahlt. Wir müssen ihnen gegenüber fair
sein, das erfordert die Gerechtigkeit. Genauso wichtig aber ist der
Faktor des Könnens und der Tüchtigkeit in unseren Verteidigungsstreitkräften. Wir können den erforderlichen Grad technischer Leistung
nicht erlangen und bewahren, wenn wir nicht über genügend Offiziere und
Mannschaften verfügen, die die militärische Laufbahn zu ihrem Beruf
machen.
Nun

�13. November 1957

'AMERIKA DIENST

Nun lassen Sie mich kurz auf unser Satellitenprogramm eingehen.
Es erscheint nur logisch, daß wir angesichts der von mir aufgezeigten Grunderfordernisse der Verteidigung eine klare Formel finden
müssen, die uns bei der Entscheidung über die auf dem Gebiet der
Satelliten und Weltraumprojekte zu ergreifenden Maßnahmen als Richtschnur dient.
Zwei Kriterien sollten bei dieser Formel beachtet werden:
Ist das Projekt für wissenschaftliche Zwecke konzipiert, dann
müssen sein Ausmaß und seine Kosten auf die wissenschaftliche Aufgabe
zugeschnitten sein, der es dienen soll; hat es dagegen letztlich
einen Wert für die Verteidigung , dann muß seine Bedeutung für diesen
Zweck in ihrer Dringlichkeit mit dem voraussichtlichen Wert der
konkurrierenden Verteidigungsprojekte in Vergleich gesetzt werden.
Wir werden unsere Programme in einer Form weiterführen, die
unserer wissenschaftlichen Tradition gerecht wird und unsere Sicherheit in den kommenden Jahren gewährleistet. Dies wird allerdings
wiederum erhebliche Kosten mit sich bringen.
All diese neuen Kosten, die insgesamt eine sehr beträchtliche
Höhe erreichen, müssen den derzeitigen jährlichen Ausgaben für die
Sicherheit hinzugefügt werden. Es besteht gegenwärtig keine Aussicht
auf irgendeine'wesentliche Reduzierung dieser immer wiederkehrenden
Kosten. Daher müssen wir als erstes versuchen, an anderer Stelle
die Ausgaben zu senken. Wir müssen noch einmal mit doppelter Entschlossenheit alle anderen militärischen Ausgaben überprüfen, um jeden
nur möglichen Pfennig zu sparen. Wir müssen sicherstellen, daß es
keine unnötige Überschneidungen, keine überholten Programme oder veralteten Einrichtungen gibt.
Die Antwort liegt nicht in irgendeinem verfehlten Versuch, die
konventionellen Streitkräfte abzuschaffen und sich ausschließlich auf
die Vergeltung zu verlassen. Dieser Kurs würde zur völligen Selbstvernichtung führen.
Und ganz gewiß liegt die Antwort nicht in einer Kürzung der Mittel für die gemeinsame Verteidigung im Ausland, die einen weiteren
wichtigen Bestandteil unserer nationalen Sicherheit darstellt. Wir
sind mit 42 Ländern durch militärische Beistandspakte verbündet. Es
ist nicht möglich, unsere Truppen über die ganze Welt verteilt zu
stationieren, um die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Es
ist weitaus wirtschaftlicher und wesentlich wirksamer, an unserem
System der kollektiven Sicherheit festzuhalten und es zu stärken.
Das gleiche gilt auch für die Wirtschaftshilfe. Diese Art der
Unterstützung bewahrt andere davor, in eine Abhängigkeit von der
sowjetischen Hilfe zu geraten, die nur zu oft das Vorspiel einer

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einer sowjetischen Herrschaft ist. Sie beweist die Fähigkeit der
freien Welt, ihre Hilfsquellen zu erschließen und ihren Lebensstandard zu erhöhen. Sie unterstützt die verbündeten Volkswirtschaften
dabei, die erforderlichen militärischen Einheiten zu unterhalten
und standhafte Partner in diesem weltweiten Kampfe- zu bleiben.
Bei den zivilen Aufgaben, die der Bundesregierung obliegen,
werden wir verschiedentlich vor eine harte Wahl gestellt werden.
Einige Programme sind zwar erwünscht, aber nicht absolut notwendig. In dieser Beziehung bin ich zu einem klaren Entschluß gekommen.
7/enn sich auch einige Einsparungen noch durch ein Zusammenstreichen
erzielen lassen, so können die Einsparungen, wie wir sie brauchen,
doch nur durch völliges Streichen oder Hinausschieben ganzer Kategorien von Programmen erreicht werden. Dies wird eine der schwersten
und unangenehmsten Aufgaben sein, mit denen sich der Kongreß in der
kommenden Sitzungsperiode befassen muß.
Unsere Gesamtausgaben werden sich um den Differenzbetrag zwischen den erzielten Einsparungen und den zusätzlichen Sicherheitskosten erhöhen. Unser Volk wird dies mit Recht fordern. Es wird das
Streben nach Sicherheit nicht einem ausgeglichenen Haushalt opfern.
Aber wir vergessen darüber auch nicht, daß auf lange Sicht ein ausgeglichener Haushalt ein unerlässliches Hilfsmittel dafür ist, unsere
Wirtschaft und damit auch unsere gesamte Sicherheit stark zu erhalten.
Zur Sicherheit gehört jedoch noch weit mehr als lediglich das
Ausgeben von Geld. Es gehören auch Dinge dazu wie das fachliche Können
unserer militärischen Führer, die Gesundheit und Produktivität unserer Wirtschaft und an allererster Stelle die geistige Stärke unseres
Volkes .
Etwas, was man nicht mit Geld kaufen kann, ist Zeit. Sie ist oft
wertvoller als Geld. Ein Baum braucht Zeit zum Wachsen, ein Gedanke
braucht Zeit, bis er verwirklicht werden kann, und es dauert seine
Zeit, bis aus einem Studenten ein Wissenschaftler geworden ist.
Die Zeit ist auch ein entscheidender Faktor bei zwei langfristigen Problemen, nämlich der Intensivierung unserer wissenschaftlichen
Ausbildung und unserer Grundlagenforschung.
Die Sowjetunion verfügt - wenn man Wissenschaftler und Techniker
zusammennimmt - gegenwärtig über eine größere Anzahl solcher Fachkräfte als die Vereinigten Staaten. Die Sowjets bringen Leute mit
abgeschlossener"Ausbildung auf diesen Gebieten in einem wesentlich
schnelleren Tempo hervor als wir.
Die jüngsten Untersuchungen über den Ausbildungsstand in der
Sowjetunion zeigen, daß man nicht glauben darf, dieser quantitative
Zuwachs werde durch einen Mangel an Qualität in Frage gestellt.
Diese

�"AMERIKA DIENST"

13. November 1957

Diese Tendenz ist beunruhigend. Ja, nach Ansicht meiner wissenschaftlichen Berater ist dies für das amerikanische Volk das kritischste Problem von allen.
Die Bundesregierung kann sich nur mit einem Teil dieses Problems
befassen, und sie muß ihren Teil dazu beitragen. Es handelt sich hier
jedoch um eine Aufgabe der Zusammenarbeit. Die Regierungsstellen des
Bundes, der Staaten und der Gemeinden sowie unsere gesamte Bürgerschaft müssen sich daran beteiligen.
Wir sollten unter anderem ein alle Einzelstaaten umfassendes
System für die Prüfung der Oberschüler schaffen, sowie ein Förderungssystem, das hochbegabten Studenten einen Anreiz für die Fortsetzung
ihrer naturwissenschaftlichen oder geisteswissenschaftlichen Studien
bietet; ein Programm zur Förderung eines guten mathematischen und
naturwissenschaftlichen Unterrichts; Vorkehrungen für die Erweiterung
der Laboratorien und andere Maßnahmen, wie zum Beispiel Stipendien zur
Ausbildung einer größeren Zahl qualifizierter Lehrer.
Der Hauptteil dieser Aufgabe liegt in Ihren Händen als Bürger.
Wir halten gegenwärtig die nationale Erziehungswoche ab. Ganz gleichgültig wie gut Ihre Schule ist - und wir haben viele ausgezeichnete
Schulen -,möchte ich doch, daß jeder Schulausschuß und jede Schulpflegschaft sich diese Woche und dieses Jahr eines bestimmten Projektes
ganz besonders annimmt, nämlich den Lehrplan und den Leistungsstand
Ihrer Schule genauestens daraufhin zu überprüfen und festzustellen,
ob sie noch den hohen Anforderungen des Zeitalters entsprechen, in
das wir jetzt eintreten.
Sie wissen sicherlich, daß ein sowjetischer Schüler, der nach
bestandenem Abschlußexamen die Oberschule verläßt, fünf Jahre Physikunterricht, vier Jahre Chemieunterricht, ein Jahr Unterricht in
Astronomie, fünf Jahre Biologieunterricht, zehn Jahre Mathematikunterricht bis einschließlich Trigonometrie und fünf Jahre fremdsprachlichen
Unterricht erhalten hat.
Meiner Meinung nach haben viele von uns zu langsam erkannt, daß
es fast jedem möglich ist, an der Wissenschaft und Technik wie an einem
Abenteuer teilzuhaben. Wenn wir früh genug in der Schule mit Mathematik, Chemie, Physik und Botanik beginnen, und wenn unsere Lehrer die
jungen Schüler dazu bringen, daß sie eine wahre Befriedigung in der
wissenschaftlichen Arbeit empfinden, dann werden unsere jungen Menschen - selbst wenn sie keine Wissenschaftler oder Techniker werden von dem Wachstum Amerikas wirklich ergriffen und gepackt werden.
Die jungen Menschen, die jetzt auf dem College sind, müssen das
Rüstzeug erhalten, in dem Zeitalter der interkontinentalen Raketen leben
zu können. Was aber weiter nötig ist, sind nicht nur Techniker und
Wissenschaftler, sondern Menschen, die nicht den Kopf verlieren, und
Führer, die in der Lage sind, schwierige menschliche Probleme mit Klugheit und Mut anzupacken. Kurz gesagt, wir brauchen nicht nur Männer
wie Einstein, sondern auch Männer wie Washington und Emerson.
„

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Auf lange Sicht gesehen gilt eine weitere Sorge der noch stärkeren
Konzentration auf die Grundlagenforschung - das heißt, die Forschung,
die die Geheimnisse der Natur erschließt und die den Weg für solche
großen Durchbrüche wie die Atomspaltung, die Hochfrequenztechnik
und die Antibiotika vorbereitet.
Unsere Grundlagenforschung ist, verglichen mit der jedes anderen
Landes, gegenwärtig weit umfangreicher und, was die Qualität anbetrifft,
bestimmt gleich gut. Die Gefahr liegt in der schnellen Zuwachsrate der
sowjetischen Anstrengungen und der offensichtlichen Entschlossenheit
der Sowjets, sich mit Nachdruck auf die Grundlagenforschung zu konzentrieren. Die Welt wird Zeuge künftiger Entdeckungen seih, die noch
weit dramatischer sind als die Entdeckung der Atomspaltung. Werden
wir es sein, die diese Entdeckungen machen?
Hier wiederum kann Geld allein nicht alles tun. Man kann nicht
zu einem Forscher sagen: 'Wir verdreifachen Ihr Gehalt, nun liefern
Sie uns dreimal soviel Entdeckungen in der Grundlagenforschung'.
Aber durch eine kluge Kapitalinvestierung in Laboratorien und
Akzeleratoren von hoher Energiestufe kann man die Leistungen unserer
Wissenschaftler wesentlich steigern.
Die Regierung ist dabei, ihre Grundlagenforschungsprogramme zu
intensivieren.
Aber mit einem 70prozentigen Anteil der Industrie und der privaten Organisationen an unserer Forschung, liegt der Hauptanteil an
dieser Aufgabe in den Händen dieser Gruppen.
Gerade hier in Oklahoma besitzen Sie eine ausgezeichnete Einrichtung für die Mobilisierung der notwendigen Hilfsquellen zur Intensivierung unseres Strebens nach wissenschaftlicher Grundlagenerkenntnis. Ich
meine die Stiftung für wissenschaftliche Grenzgebiete. Sie können mit
Recht stolz darauf sein. Ich hoffe, daß andere Staaten Ihrem Beispiel
folgen werden.
Lassen Sie mich ein abschließendes Wort sagen: Das Ziel, das wir
anstreben, ist ein Frieden in Gerechtigkeit. Unser Land kann dieses
Ziel nur erreichen, wenn auch alle anderen Völker es erreichen. Die
Welt hofft inständig, daß die Sowjets mit all den anderen Ländern
zusammenarbeiten werden, damit dieses Ziel verwirklicht wird. Unsere
Verteidigungsanstrengungen, so groß sie auch sind, gehen nur soweit, um
vor einem Angriff abzuschrecken und diesen zunichte zu machen. Wir
werden niemals ein Aggressor sein. Wir wollen ausreichende Sicherheit,
und nicht mehr. Wir werden uns aber auch nicht mit weniger zufriedengeben.
Ich bin immer zutiefst davon überzeugt gewesen, daß der Triumph
der Anständigkeit und der Freiheit auf dieser Welt zwangsläufig kommen
wird. Aber - wie ein kluger Amerikaner einmal festgestellt hat - es sind
harte Arbeit und große Opfer von vielen nötig, damit das 'Zwangsläufige' fcustandegebracht wird."
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

SOZIALE SICHERHEIT IN DEN VEREINIGTEN STAATEN

�SOZIALE SICHERHEIT IN DEN VEREINIGTEN STAATEN

I.

DIE AMERIKANISCHE SOZIALVERSICHERUNG

Seite

1

Seite

7

Seite

13

Seite

18

Seite

25

Der Sozialversicherungsgedanke
Die amerikanische Einstellung
Auswirkungen der Depression
Alters-, Hinterbliebenen- und
Invaliditätsversicherung
Begünstigung der Lohnempfänger mit
geringem Einkommen
Invaliditätsversicherung
II.

ZUSATZLICHE SOZIALE SICHERHEIT AUS
LEISTUNGEN DER EINZELSTAATLICHEN UND
KOMMUNALEN SOZIALPROGRAMME
Unterstützung aus öffentlichen
Mitteln
Arbeitslosenversicherung
ArbeitsunfallentSchädigung
Krankenversicherung
Hilfsprogramme für Kinder
öffentlicher Gesundheitsdienst

III.

SONDERREGELUNGEN
Kriegsteilnehmerversorgung
Regierungsbedienstete
Eisenbahner

IV.

DAS FUNDAMENT DER SICHERHEIT
Die private Wirtschaft
Der garantierte Jahreslohn
Lebensversicherungen
Freiwillige Krankenversicherung
Private Wohlfahrtspflege
ZUSAMMENFASSUNG

�"AMERIKA DIENST"

20. November 1957

SOZIALE SICHERHEIT IN DEN VEREINIGTEN STAATEN

Vorwort
Gemeinsam haben Regierung, Privatindustrie und der einzelne
amerikanische Bürger daran gearbeitet, für die Bevölkerung
der Vereinigten Staaten das hohe Maß von sozialer Sicherheit zu erreichen, dessen sie sich heute erfreut. So wurde
ein Sozialversicherungssystem geschaffen, in dem die allgemeinen Grundsätze des privaten Versicherungswesens auf die
Altersversorgung und viele andere soziale Einrichtungen
angewendet werden. Das Anrecht auf eine Versorgung erwirkt
der einzelne, indem er eine bestimmte Anzahl von Jahren
hindurch Beiträge einzahlt; die Leistungen der Sozialversicherung werden ihm dann ohne Rücksicht auf seine Bedürftigkeit und seinen Besitzstand gewährt.

I.

DIE AMERIKANISCHE SOZIALVERSICHERUNG

Der Sozialversicherungsgedanke

Armut und Arbeitslosigkeit sind, wenn man von ganz primitiven
Gesellschaftssystemen absieht, stets ernste Probleme gewesen, die
mit dem Fortschreiten der Zivilisation nichts von ihrer Schärfe verloren. Im Gegenteil: die Industrialisierung führte zu tiefgreifenden
Veränderungen in der Gesellschaftsordnung und ließ viele neue Probleme
in Erscheinung treten. So führte die Entwicklung der Geldwirtschaft
zu einer Lohnabhängigkeit, wie sie in der früheren Geschichte unbekannt war. Der Zug in die Städte und die zunehmende örtliche Beweglichkeit der Arbeitskräfte tragen dazu bei, die Familien zu isolieren
und ihre Bindungen zur lernemschaft
zu schwächen. Der einzelne Mensch
war deshalb gezwungen, sich in erster Linie auf sich selbst und seine
Erwerbsfähigkeit zu verlassen. Für die große Masse wurde ein beständiges Arbeitsverhältnis zur Notwendigkeit, und nur mit ernster Sorge
sah man dem Alter und dem Verlust der
Erwerbtfähigkeit entgegen.
Die großen sozialen Ungerechtigkeiten, die sich im Frühkapitalismus gezeigt hatten, führten einige Wirtschaftstheoretiker zu der
Auffassung, daß das System des Kapitalismus für diese Zustände verantwortlich wäre. Einige führende Politiker zogen daraus den Schluß,
daß die soziale Gerechtigkeit nur in einer auf der Lehre von Karl
Marx beruhenden Gesellschaftsordnung sichergestellt werden könnte.
Diese

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Diese Ansicht fand in den Vereinigten Staaten aber niemals allgemeine Zustimmung. Die Regierung, die zur Beibehaltung des kapitalistischen Systems einer freien Wirtschaft entschlossen war, vertrat die
Meinung, daß eine Sozialgesetzgebung durchaus mit diesem System im
Einklang zu bringen sei und daß sie zu seiner Festigung beitragen
könne, indem sie die Auswirkungen der ständigen Schwankungen im 7/irtschaftsablauf mildern werde.
Die Pionierarbeit auf dem Gebiete der Sozialgesetzgebung wurde in
Europa geleistet. Bereits 1889 hatte man in Deutschland eine umfassende
Altersversicherung eingeführt; ähnliche Ein ichtungen wurden in den
folgenden Jahrzehnten in vielen anderen europäischen Ländern und in
Lateinamerika geschaffen. Verantwortliche Regierungsbeamte dieser Länder hatten erkannt, daß eine chronische Armut der Bevölkerung zu Lasten
der Wirtschaft geht und eine politische Gefahr für den Staat darstellt.
Politische Parteien fanden ein wichtiges und populäres Aufgabengebiet in der Behebung der Armut, die weite Kreise der Bevölkerung
beherrschte und der auf der anderen Seite ein immenser Reichtum gegenüberstand. Bismarck stimmte dem Erlaß von Sozialgesetzen zu. Er ließ
sich dabei unter anderen Gesichtspunkten von der Hoffnung leiten, daß
diese Gesetze zur Erhöhung der wirtschaftlichen Stabilität und zur Verminderung der Verwundbarkeit seiner Regierung durch Angriffe von der
Linken beitragen werden. Das deutsche Sozialversicherungswesen überlebte
nicht nur zwei Weltkriege, sondern auch eine katastrophale Inflation ...
und es besteht heute noch.
Das erste Land, das Arbeiter gegen die Risiken der Arbeitslosigkeit versicherte, war Großbritannien. Es führte 1911 die Arbeitslosenversicherungspflicht ein. Ursprünglich erfaßte das betreffende Gesetz
nur die Arbeiter von sechs Industriezweigen. Aber durch Ergänzungsgesetze, die in den Jahren 1916 und 1920 erlassen wurden, bezog man in dieses Versicherungssystem praktisch alle Lohnempfänger (außer Landarbeiter und Hausangestellte) ein. Im folgenden Viertel Jahrhundert erließen
die meisten großen europäischen Länder ähnliche Gesetze.
Die amerikanische Einstellung
Weshalb hat die amerikanische Regierung mit der Einrichtung einer
Sozialversicherung bis zum Jahre 1935 gewartet? Verschiedene Gründe
waren hierfür maßgebend. In einem jungen Staat, dessen Gebiet sich
ständig ausdehnte, herrschte eine Geisteshaltung, in der die Vorstellung, daß jedermann selbst für seine Sicherheit zu sorgen habe, einen
günstigen Nährboden fand. Den meisten Ansiedlern standen die Zwangsmaßnahmen ihrer
früheren Regierungen noch so lebendig vor Augen,
daß sie die Ansicht vertraten, die Regierung der Vereinigten Staaten
dürfe in das Leben der Bürger nur so wenig wie möglich eingreifen.
Begünstigt wurde diese Einstellung durch den Reichtum an natürlichen Hilfsquellen sowie durch die vielen wirtschaftlichen Möglichkeiten,
die sich dank dem rapiden Anwachsen der Bevölkerung boten. Außerdem hatte

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20. November 1957

hatte bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts jedermann die Möglichkeit, Neuland zu erwerben. Zur Ausbildung einer individualistischen
Einstellung trug ferner die Tatsache bei, daß in der Frühzeit der
amerikanischen Geschichte die landwirtschaftliche Tätigkeit der Haupterwerbszweig der Bevölkerung war. Maßnahmen zur Sicherung eines festen
Einkommens waren damals weniger wichtig als in der heutigen industrialisierten Geldwirtschaft.
Vor 1935 lag die Fürsorge für alte, bedürftige und arbeitsunfähige
Personen bei staatlichen und örtlichen Verwaltungsstellen. Dieses System
befriedigte aber nicht. Man fand sich nur widerstrebend mit dem Gedanken ab, daß die Sicherung des Allgemeinwohls Aufgabe des Staates
und der Gemeindeverwaltungen sei. Infolgedessen waren die für Zwecke
der Fürsorge zur Verfügung gestellten Mittel oftmals unzureichend.
In vielen Bundesstaaten gab es als einzige ständige Fürsorgeeinrichtung für bedürftige alte Personen die sogenannten "Armenhäuser".
Die Hilfe für die Armen bestand gewöhnlich in der Ausgabe von Nahrungsmitteln und Bekleidungsstücken oder Gutscheinen für die Anschaffung
dieser lebensnotwendigen Dinge. Diese Handhabung stempelte die in Not
geratenen alten Menschen zu Almosenempfängern und untergrub ihre Selbstachtung. Das führte dann leicht dazu, daß ihrer Abhängigkeit von der
Hilfe anderer zu einem Dauerzustand wurde.
Auswirkungen der Depression
Die Depression des Jahres 1929 verschärfte alle sozialen Probleme,
die in der Vergangenheit aufgetreten waren. Man erkannte bald, daß
weder die Gemeinden noch die Regierungen der Einzelstaaten mit einer
Massenarbeitslosigkeit fertig werden konnten. Was war also zu tun?
Viele im Gemeindeleben an führender Stelle tätige Persönlichkeiten
gelangten zu der Überzeugung, daß dieses Problem von der Bundesregierung aufgegriffen werden müsse. Als eine erste Maßnahme, in dieser
Richtung bevollmächtigte der Kongreß die Bundesregierung, den Einzelstaaten durch die Vergabe von öffentlichen Arbeiten verschiedener
Art oder durch direkte Zahlungen für die Arbeitslosenunterstützung
zu helfen. Dies waren befristete Maßnahmen, die zur Behebung der unmittelbaren Not dienen sollten.
Gleichzeitig befaßte man sich aber auch mit langfristigen Plänen.
Im Jahre 1934 ließ der damalige Präsident Roosevelt dem Kongreß eine
Sonderbotschaft zugehen, in der er auf gesetzliche Maßnahmen für die
wirtschaftliche Sicherstellung drängte, und er ordnete ferner eine eingehende Untersuchung des gesamten Problems der sozialen Sicherheit an.
Die Experten, die die Gesetzesvorschläge ausarbeiteten, konnten sich die
Erfahrungen zunutze machen, die man in europäischen und anderen Ländern mit entsprechenden Gesetzen gesammelt hatte. Im Jahre 1935 wurde
das Sozialversicherungsgesetz geltendes Recht. In der folgenden Zeit
sind die einzelnen Bestimmungen mehrfach großzügig erweitert worden.
(Siehe Schaubildl)

�Schaubild 1

Die steigende Mitgliederzahl
der staatlichen amerikanischen

Sozialversicherung

Millionen Mitglieder

-70-

1937

1940

1945

1950

Quelle: Statistical Abstract of the United States, p. 261

-4-

1955

�"AMEulKA DIEHSi"

&lt;?C. November 19t&gt;7

Alters-, Hinterbliebenen- und Invaliditätsversicherung
Mit dem Gesetz von 1935 wurde ein Altersversorgungssyv t&lt;_.ni geschaffen, das von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Industrie und
Handel finanziert und von der Bundesregierung verwaltet wird, .ine
im Jahre 1939 vorgenommene Ergänzung dieses Gesetzes dehnte die
Versorgungsansprüche auch auf die Ehefrauen und Kinder oder wirtschaftlich abhängigen Verwandten von versicherten Arbeitnehmern aus,
die vor oder nach Erreichen des Pensionierungsalters sterben. Gleichzeitig sah man zusätzliche Unterstützungen für die Ehefrauen und Kinder von pensionierten Arbeitern vor. Bestimmungen über Unterstützungszahlungen bei Arbeitsunfähigkeit wurden 1956 in das Gesetz aufgenommen.
Die früher nicht unter dieses Gesetz fallenden Angehörigen zahlreicher Berufsgruppen, wie regelmäßig in der Landwirtschaft tätige
Arbeiter, Hausangestellte und nichtbäuerliche selbständige Personen,
bei denen man erst Erfahrungen über die Einkommencfeststellung und
Beitragserhebung sammeln mußte, wurden 1950 in die Versicherung einbezogen. V/eitere Ergänzungen des Gesetzes aus den Jahren 1954 und 1956
dehnten die Versicherung auf die Farmer und die meisten selbständig
Berufstätigen sowie die Angehörigen der Streitkräfte aus. Nanezu die
gesamte berufstätige Bevölkerung der Vereinigten Staaten wird jetzt von
diesem Gesetz erfaßt. Eine Ausnahme bilden einige Regierungsbedienstete,
für die es eine besondere Altersversorgung gibt, und die Ärzte.
Die Alters- und Hinterbliebenenversicherung wird dadurch finanziert, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zwei Prozent des zu versteuernden Arbeitnehmereinkommens bis zu einer Höchstgrenze von 4-2QO
Dollar pro Jahr entrichten; selbständige Personen zahlen drei Prozent
Bis zum Jahre 1975 sollen diese Beiträge schrittweise auf je vier Pro
zent für Arbeitgeber und Arbeitnehmer und auf sechs Prozent für
Selbständige erhöht werden. Ende 1956 wurden an etwa 9 Millionen Per
sonen Renten in einer Gesamthöhe von monatlich 485 Millionen Dollar
gezahlt. Fast 7»5 Millionen der Rentenempfänger waren alte Leute.
Männer .können ab 65 Jahren Renten erhalten, für Frauen liegt diese
Altersgrenze seit der am 1. November 1956 rechtswirksam gewordenen Gesetzesänderung bei 62 Jahren. Die Auszahlung der Renten erfolgt jedoch
nicht automatisch ab Erreichung dieser Altersgrenzen, sondern erst nachdem der Betreffende seine hauptberufliche Tätigkeit aufgegeben hat. Tatsächlich scheiden nur fünf Prozent der gesunden männlichen Berufstätigen freiwillig mit 65 Jahren aus dem Beruf. Im Durchschnitt begannen die
Rentenzahlungen deshalb bisher bei einem Alter von 68 bis 69 Jahren. Die
Formel für die Rentenberechnung, die sich nach dem früheren Verdienst
des Betreffenden richtet, wurde inzwischen großzügiger gestaltet,und
auch die bereits laufenden monatlichen Rentenzahlungen wurden den gestiegenen Lebenshaltungskosten angepaßt. Die Höchstgrenze der monatlichen
Rentenzahlung liegt gegenwärtig bei 108,50 Dollar für eine Einzelperson;
bei verheirateten Rentnern kommt noch ein Zuschlag von 50 Prozent hinzu,
so daß die monatliche Rente in diesem Fall 162,80 Dollar beträgt. Witwen,
Kinder oder ein überlebender Elternteil des Versicherten erhalten im

�"AMERIKA DIENST"

20. November 1957

im Höchstfall 81,50 Dollar, eine Witwe mit einem Kind 162,80 und mit
zwei Kindern 200 Dollar. Kinder erhalten Zahlungen bis zum Alter von
18 Jahren und im Falle ihrer völligen Erwerbsunfähigkeit auch noch
darüber hinaus.
Begünstigung der Lohnempfänger mit geringem Einkommen
Bei der Rentenfestsetzung schneiden die schlecht bezahlten Arbeiter am günstigsten ab. Die Grundrente beträgt 55 Prozent des monatlichen Durchschnittsverdienstes bis zu 110 Dollar zuzüglich 20 Prozent
bei Arbeitsentgelten zwischen 110 und 350 Dollar. Der über der letztgenannten Summe liegende Verdienst bleibt sowohl bei der Berechnung des
Versicherungsbeitrages als auch der späteren Rente unberücksichtigt.
Die Erfahrung hat gelehrt, daß viele Leute noch nach Erreichen
der Altersgrenze stundenweise oder ganztägig weiterarbeiten wollen.
Deshalb hat der amerikanische Kongreß das Gesetz vor einiger Zeit
dahingehend abgeändert, daß Personen bis zum Alter von 72 Jahren
1200 Dollar im Jahr ohne Kürzung ihrer Rente verdienen können. Personen, die 72 Jahre oder noch älter sind, können jeden beliebigen
Betrag ohne Beeinträchtigung ihrer Rentenansprüche verdienen.
Die Renten, für die ihre Empfänger Zahlungen wie für jede andere
Art von Versicherung geleistet haben, sind Rechtsansprüche und keine
Vergünstigungen. Infolgedessen kann der einzelne in beliebiger Höhe
Vermögen besitzen oder Einkommen aus angelegten Geldern beziehen, ohne
seine Rentenansprüche zu verlieren.
Zur Erlangung des Anspruchs auf eine Altersrente muß der Betreffende in einem vom Sozialversicherungsgesetz erfaßten Beruf eine bestimmte Zeit lang (mindestens eineinhalb Jahre, in gewissen Fällen
auch zehn Jahre) gearbeitet haben. Die zur Begründung eines Rentenanspruchs erforderliche Wartezeit wurde im Interesse der Personen, die
erst kurz vor der Erreichung der Altersgrenze in die Versicherung einbezogen worden sind, bewußt niedrig gehalten.
Invaliditätsversicherung
Nach einer im Juli 1957 rechtskräftig gewordenen weiteren Gecotzesänderung erhalten auch Arbeitnehmer im Alter von 50 bis 65 Jahren
bei schwerer und anhaltender Arbeitsunfähigkeit Leistungen aus der
Sozialversicherung. Die Invaliditätsrente entspricht der Altersrente,
jedoch werden für Angehörige keine zusätzlichen Leistungen gewährt.
Das Gesetz enthält auch besondere Bestimmungen zur Förderung der baldigen Wiederherstellung von arbeitsunfähigen Personen.

II.

�"AMERIKA PIEKST1'

II.

^Q, loveabei

1^7

ZuSAT/.LI^iE SOZIALE ÖICililEhEIT AUS LLISilSGEK pi£R
El Nv &amp;I STAATLI C iijSS INI) KÜLIMÜHAIFN Sl/ZIALPUGGRAiäKE

Unterotützung cu- öffentlichen Mitteln
Im Soziulversicherungsgesetz von 1955 -ind ferner ünterstützungszahlungen f^o öffentlichen Mitteln für drei PeTöOnengru^pen vorgesehen: 1. bedürftige alte Personen (beispielsweise nicht mehr berufstätige Pei^oricn, die nxcht in der Laye sind, Rentenansprüche aus- de-r
Altersversicherung zu eiworbtn); 2. Kinder, die durch Tod, Arbeitsunfähigkeit oder Abwesenheit ihrer Eltern unterstützungs- und fürsorgebedürftig sind; 3« notleidende Blinde . In dieses Unterstützungsprogranim wurden 1950 als vi exte Gruppe ständig und total arbeitsunfähige Bedürftige einbezogen. Dieses Unterstützungsprogramm für notleidende P^rhonen wird von den Einzelstaaten mit finanzieller Kilfe
de© Bundes verwaltet. Ende 1956 erhielten im Rahmen dieses Programms
5 Millionen Personen Unterstützungszahlungen. Etwa 2,5 Millionen dieser Unterstützungsempfänger waren alte Leute, von denen eine halbe
Million dio Zahlungen als Zuschuß zu ihren Versicherungsrenten erhielten. Die Aufwendungen der Bundesregierung und der Einzelstaaten
für dieses Programm stiegen von 217»7 Millionen Dollar im Jahre 1936
auf 2,6 Milliarden Dollar im Jahre 195^- Bestimmte Teile dieses Programms können allmählich abgebaut werden, und zwar in dem Maße, in
dem die in höherem Alter stehenden Unterstützungsempfänger im Laufe
der Zeit durch Tod ausscheiden und ein ständig zunehmender Prozentsatz der Bevölkerung im Rahmen der normalen Alters-, Hinterbliebenenund Invaliditätsversicherung versorgt wird. Staatliche Hilfe wird
künftig in erster Linie in Form von Zusatzleistungen in Fällen besonderer Bedürftigkeit ge»?ährt werden.
Zur Sicherstellung einer gerechten und unpa rteiischen Verteilung
der Hilfe aus öffentlichen Mitteln wurden im Bundesgesetz verschiedene
Sonderbestimmungen verankert; eine von ihnen besagt, daß die mit der
Verwaltung des Programms betrauten Angestellten der einzelstaatlichen
Behörden nach einem besonderen Eignungsprüfungsverfahren ausgewählt
werden. Außerdem erhalten sie eine Spezialausbildung, die ihnen die
notwendigen Grundlagen und Kenntnisse für die sorgfältige Erledigung
ihrer Arbeit vermittelt.
Die Einzelstaaten und die Gemeinden haben darüber hinaus noch
eigene allgemeine Unterstützungsmaßnahmen für andere bedürftige Personen vorgesehen. An diesen Aufwendungen ist die Bundesregierung jedoeh nicht beteiligt.

(Siehe Schaubild 2)

- 7-

�Schaubild 2

Die Entwicklung der Arbeitslosenversicherung
in den Vereinigten Staaten

50

42,0'

1938

1945

1950

1955

1956

* Einschliesslich
der Zivilbediensteten
des
die auf Grund des Gesetzes von 1954 in die
losenversicherung
einbezogen
worden sind.

-8-

Bundes,
Arbeits-

�"AMERIKA DIENST"

20. November 1957

Arbeits losenverSicherung
Die große Depression im Jahre 1929» während der Millionen von
Amerikanern ihren Arbeitsplatz verloren und keine neue Arbeit finden
konnten, hat die Notwendigkeit einer Arbeitslosenversicherung deutlich
gezeigt. Das Sozialversicherungsgesetz von 1935 schloß deshalb auch
eine Arbeitslosenversicherung ein, die aus Beiträgen der Arbeitgeber
finanziert wird. Die allgemeinen Richtlinien hierfür wurden von der
Bundesregierung festgelegt; die Ausarbeitung der näheren Bestimmungen
blieb den Einzelstaaten überlassen. Bis zum Jahre 1937 hatten alle
Staaten die für die praktische Durchführung des Gesetzes erforderlichen legislativen Maßnahmen getroffen.
Alle Arbeitgeber in Industrie und Handel, die mindestens zwanzig
Wochen im Jahr vier oder mehr Arbeitnehmer beschäftigen, müssen Beiträge zu dem Arbeitslosenversicherungsfonds entrichten. Heute werden
von dieser Versicherung etwa zwei Drittel aller unselbständig arbeitenden Personen in den Vereinigten Staaten erfaßt. Nicht zu diesem
Personenkreis gehören im wesentlichen die landwirtschaftlichen Arbeiter, die Hausangestellten und die selbständig Berufstätigen.
Die Leistungen der Arbeitslosenunterstützung variieren in den
einzelnen Staaten bezüglich ihrer Höhe und der Zahlungsdauer. Im
allgemeinen belaufen sie sich bis zu einer festen Höchstgrenze auf
rund die Hälfte des Arbeitsentgeltes. In einigen Staaten werden je
nach Anzahl der unterhaltspflichtigen Angehörigen höhere Zahlungen
geleistet. Die Dauer der Unterstützungsleistungen schwankt zwischen
sechs und 30 Wochen.
Die Arbeitslosenversicherung soll nicht nur den Arbeitslosen
und seine Familie vor wirtschaftlicher Not schützen, sondern ihm auch
genügend Zeit geben, sich nach einem seinen Berufserfahrungen und Fähigkeiten entsprechenden neuen Arbeitsplatz umzusehen. Er soll nicht
mehr gezwungen sein, unter dem Druck einer wirtschaftlichen Notlage
die nächstbeste freie Stelle anzunehmen. Außerdem aber trägt die Arbeitslosenversicherung zur Stabilisierung der Wirtschaft dadurch bei,
daß sie in Zeiten eines wirtschaftlichen Rückganges die Kaufkraft
erhält.
Langfristige Arbeitslosigkeit konnte in dieses Gesetz nicht mit
einbezogen werden, weil es nicht möglich ist, eine Entschädigung für
jahrelangen Lohnausfall unter Wahrung des Versicherungscharakters zu
gewährleisten. Eine lange andauernde Arbeitslosigkeit, wie sie in Zeiten einer allgemeinen Depression vorkommt, überschreitet den Rahmen
dieses Gesetzes; sie wird als eine Angelegenheit der Bundespolitik
angesehen. In England war der Gesetzgeber der gleichen Meinung und
nahm die langfristige Arbeitslosigkeit nicht mit in die Gesetze über
die Arbeitslosenversicherung hinein.
Arbeitsunfallentschädigung

- 9-

�20. November

AMERIKA DIENST"

1957

ArbeitsunfallentSchädigung
Zweck der Gesetze über Entschädigungszahlungen bei Arbeitsunfällen ist die Sicherstellung einer sofortigen und angemessenen Entschädigung für Arbeitnehmer, die am Arbeitsplatz einen Unfall erlitten haben; ist der Arbeitnehmer tödlich verunglückt, dann sollen seine
Hinterbliebenen unverzüglich -eine Unterstützung erhalten. Gesetze über
die Arbeitsunfallentschädigung wurden 1911 von zehn Staaten erlassen;
bis 1920 folgten weitere J2 Staaten. Seit 1948 werden in allen Staaten
der USA gesetzlich geregelte Arbeitsunfallentschädigungen gezahlt.
Früher, als es diese Gesetze noch nicht gab, mußten Arbeitnehmer,
die einen Arbeitsunfall erlitten hatten, ihre Entschädigungsforderungen auf dem Klagewege durchzudrücken versuchen. Dazu war es notwendig,
ein Verschulden des Arbeitgebers nachzuweisen. Der Arbeitgeber konnte
nach amerikanischem Recht - dem Common Law - in drei Fällen Einreden
vorbringen, um eine Schadensersatzforderung abzuwehren, nämlich wenn
er nachweisen konnte, daß der erlittene Schaden im Rahmen der üblichen
Arbeitsgefährdung lag, daß eine Fahrlässigkeit eines anderen Arbeiters
für den Unfall verantwortlich war, oder daß uein Mitverschulden des
verletzten Arbeiters vorlag.
Gemäß den gesetzlichen Bestimmungen über die Arbeitsunfallentschädigung sind die Schadenskosten als Teil der gesamten Produktionskosten anzusehen. In ihren einzelnen Vorschriften weichen die Gesetze
in den verschiedenen Staaten zwar erheblich voneinander ab, aber die
meisten von ihnen stellen die Arbeitgeber vor die Wahl, entweder eine
Versicherung abzuschließen, die die Entschädigungszahlungen übernimmt,
oder den Nachweis zu erbringen, daß sie selbst in der Lage sind, entsprechende Entschädigungen zu zahlen.
In 23 Staaten sind diese Gesetze obligatorisch, in 25 Staaten
fakultativ. Unter den obligatorischen Gesetzen sind die Arbeitgeber und gewöhnlich auch die Arbeitnehmer - gezwungen, genau nach den
betreffenden Bestimmungen zu verfahren. Unter den fakultativen Gesetzen steht es dem Arbeitgeber, frei, ob er nach diesen Bestimmungen
verfahren will oder nicht. Verfährt er nicht nach diesen Bestimmungen,
so kann er allerdings auch nicht die nach dem Common Law üblichen
Einreden vorbringen.
Viele der Entschädigungsgesetze sind noch nicht so umfassend, wie
es wünschenswert wäre. Revisionen, die von den gesetzgebenden Körperschaften der Einzelstaaten immer wieder vorgenommen werden, tragen
aber zur allmählichen Verbesserung dieser Gesetze bei. Mehr als 25 Prozent der amerikanischen Lohn- und Gehaltsempfänger werden von ihnen
noch nicht erfaßt. Manche Gesetze beschränken sich auf gewisse, als
gefährlich angesehene Beschäftigungszweige.
Auch die für eine zeitweilige oder dauernde Arbeitsunfähigkeit
oder bei Todesfall zahlbaren Beträge weisen beträchtliche Unterschiede
auf. Die meisten Gesetze begrenzen die für eine zeitweilige Arbeits-

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

20. November 1957

Arbeitsunfähigkeit zu zahlende Entschädigung auf zwei Drittel des Durchschnittlohns bis zu einer bestimmten Höchstgrenze. Die Dauer in den
einzelnen Staaten, in denen eine zeitlich begrenzte Zahlungspflicht
besteht, ist unterschiedlich; sie beträgt in einigen Staaten 104 und
in anderen 700 Wochen. In zehn Staaten werden jetzt aber Unfallentschädigungen während der ganzen Dauer der Arbeitsunfähigkeit bezahlt.
In 21 Staaten werden Leistungen im Falle dauernder totaler Arbeitsunfähigkeit auf Lebenszeit gewährt. Andere Staaten haben für die
Zahlungsdauer oder die Höhe der zu zahlenden Summen oder für beides
bestimmte Grenzen festgelegt; diese reichen von 260 bis zu 800 Wochen
beziehungsweise von 6500 bis zu 20 000 Dollar.
Auch die bei Unfalltod geltenden Bestimmungen weichen in den einzelnen Staaten voneinander ab. In einigen Staaten erhält die Witwe
die Unterstützung auf Lebenszeit oder bis zu ihrer Wiederverheiratung;
für Kinder werden die Zahlungen bis zu einem bestimmten Alter geleistet. Die wöchentlich an die Witwe zu leistenden Zahlungen entsprechen einem bestimmten Prozentsatz des Arbeitsentgeltes ihres verstorbenen Mannes; sie können entsprechend der Kinderzahl erhöht werden.
Soweit von den einzelnen Staaten Höchstgrenzen für die insgesamt zahlbare Summe gesetzlich festgesetzt wurden, liegen diese zwischen 6000
und 20 000 Dollar.
Allgemein anerkannt ist der Standpunkt, daß eine durch Berufskrankheit herbeigeführte Arbeitsunfähigkeit einer Körperbeschädigung
gleichzusetzen und deshalb in gleicher Weise zu behandeln ist. Entsprechende Gesetze gibt es in 46 Staaten. Einige dieser Gesetze
führen die unter diese Regelung fallenden Krankheiten auf, andere
erstrecken sich auf sämtliche Berufskrankheiten.
Im Jahre 1955 wurden im Rahmen der verschiedenen Arbeitaunfallentschädigungsgesetze 920 Millionen Dollar für Entschädigung wegen
Arbeitsunfähigkeit oder für Krankenkosten gezahlt.

Krankenversicherung
In vier Staaten (und auf Grund des Bundesgesetzes für die
Eisenbahner, das im folgenden noch behandelt werden wird) sind bei
kurzfristigen oder in der Anfangszeit von langfristigen Krankheiten
Unterstützungszahlungen gesetzlich festgelegt. Diese Bestimmungen
sehen im allgemeinen Leistungen in Höhe eines halben Arbeitsverdienstes für die Dauer von 20 bis 26 Wochen vor. Im Rahmen von drei dieser Versorgungsprogramme kann die vom Gesetz geforderte Versicherung
bei privaten Versicherungsunternehmen abgeschlossen werden. In sehr
vielen Fällen wird dies so gehandhabt. In den übrigen Staaten liegt
das gesamte Programm in den Händen der staatlichen Verwaltung.

Hilfsprogramme

- 11 -

�"AMERIKA DIENST"

20. November

1957

Hilfsprogramme für Kinder
Über die Abschnitte des Sozialversicherungsgesetzes, die die
Versicharungsleistungen anc Beihilfen für Kinder regeln, haben wir
bereits gesprochen.
Das Sozialversicherun^sgesetz von 1935 sieht aber auch die Bereitstellung von Bundesmitteln vor, die den Einzelstaaten als Zuochüsse
zur Gesundheitsfürsorge für Mutter und Kind oder für körperbehinderte
Kinder und andere Maßnahmen der Jugendwohlfahrt gewährt werden. Die
Gesundheitsfürsorge für Mutter und Kind erstreckt sich auf die ärztliche
Betreuung der. Mütter, ärztliche Untersuchungen von Schulkindern, Impfungen gegen verschiedene Krankheiten und die Einrichtung von Säugl.'ngsund Kinderpflegestätten. Alle diese Maßnahmen haben mit dazu beigetragen, daß die Mütter- und Kindersterblichkeit beträchtlich abgenommen hat. In der Zeit von 1935 bis 1955 ging die Kindersterblichkeit
um die Hälfte (auf 26,5 Todesfälle bei 1000 Lebendgeburten im Jahre
1955) zurück. Die Müttersterblichkeit verringerte sich sogar auf ein
Zehntel (0,48 Todesfälle bei 1000 Lebendgeburten im Jahre 1955).
Im Jahre 1955 wurden etwa 278 000 körperbehinderte und an angeborenen Krankheiten leidende Kinder im Rahmen dieses Programms ärztlich
betreut. Weitere Hilfsprogramme erstrecken sich auf schwererziehbare
un'i verwahrloste Kinder sowie auf Maßnahmen zur Verhinderung der Jugendkriminalität. Sozialfürsorger studieren die Fälle von schwererziehbaren Kindern und versuchen, ihnen die Einordnung in die Gemeinschaft zu erleichtern. Wenn erforderlich, bringen sie verwahrloste
Kinder in Pflegeheimen unter oder ermöglichen ihre Adoption durch
Familien, die die weitere Sorge für sie übernehmen. Die Erziehung
solcher Kinder durch Pflegeeltern tritt mehr und mehr an die Stelle
einer Unterbringung in Heimen.
öffentlicher Gesundheitsdienst
Maßnahmen zum Schutze der Gesundheit obliegen in erster Linie
den Einzelstaaten und Gemeinden. Sie v/erden dabei aber von der Bundesregierung unterstützt, die ihnen durch den öffentlichen Gesundheitsdienst beträchtliche Mittel und technische Hilfe zur Verfügung
stellt. Dieser Gesundheitsdienst, der in neun Großstädten Bezirksdienststellen unterhält, führt die oberste Aufsicht über die Lebensmittel- und Trinkwasserüberwachung, Maßnahmen der Indus trithygiene,
die Bekämpfung der wichtigsten Krankheiten und die Erstellung allgemeiner sanitärer Einrichtungen und Krankenhäuser. Der Gesundheitsdienst betreibt ferner über die Nationalen Gesundheitsinstitute
die Erforschung der Ursachen und Behandlung von Krebs, Herz-, Infektions- und Geisteskrankheiten sowie der zur Erblindung führenden
Leiden und so weiter. In Zusammenarbeit mit den Regierungen nderer
Länder und mit internationalen Organisationen beteiligt er sich an
der Lösung der verschiedensten Probleme des Gesundheitswesens.
III.

- 12 -

�"i&gt;MVRTKA DIENST"

20. November
III.

1957

SONDERREGELUNGEN

KriegsteilnehmerVersorgung
Für die ehemaligen Soldaten wurden Gesetze erlassen, die ihnen
als Ertschädigung für wirtschaftliche Verluste, die sie durch den Militärdienst erlitten haben, weitgehende Hilfe gewähren. Weitere Gesetze
sorgen für die Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen. Allen
Solda en steht eine Lebensversicherung zur Verfügung, deren Beiträge
niedrig sind und die sie auch nach ihrer Rückkehr ins Zivilleben weiter
führen können.
Verletzungen oder Krankheiten, die sie sich während ihres Militärdienstes zugezogen haben, werden in Krankenhäusern, die speziell
für Kriegsteilnehmer eingerichtet wurden, kostenlos behandelt. Total
oder teilschwerbeschädigte ehemalige Soldaten erhalten Renten.
Den Männern und Frauen, die in den Streitkräften der Vereinigten
Staaten gedient haben, werden darüber hinaus noch viele weitere Vergünstigungen gewährt. Bei ihrer Rückkehr ins Zivilleben erhalten sie
Barvergütungen, die nach Art und Dauer des Dienstes von 100 bis 300
Dollar gestaffelt sind. Diese Zahlungen sollen ihnen die Rückkehr ins
Zivilleben erleichtern. Diejenigen, die nicht sofort eine neue Beschäftigung finden, erhalten außerdem eine wöchentlich zahlbare Unterstützung; Teilnehmer des zweiten Weltkrieges konnten sie bis zur
Höchstdauer von einem Jahr beziehen. In den ersten zehn Jahren nach
Ende des zweiten Weltkrieges "haben aber nur zehn Prozent der Kriegsteilnehmer ihren vollen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung geltend gemacht. Im Durchschnitt nutzten sie diese Versorgung nur sechs
Wochen lang aus.
Besondere Vergünstigungen werden ihnen auch beim Erwerb von Farmen , Häusern und Geschäften beziehungsweise Beteiligungen gewährt.
Niedrig verzinsliche Darlehen, die für derartige Zwecke aufgenommen
werden, werden durch die Regierung rückversichert. Insgesamt wurden
in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende derartige Darlehen in einer
Hb e von etwa 30,5 Milliarden Dollar gewährt. Zu 90 Prozent wurde diese
Suiime zum Kauf von Häusern verwendet.
Bei der Einstellung durch staatliche Behörden werden ehemalige
Kriegsteilnehmer bevorzugt, wobei Kriegsbeschädigte wiederum Vorrang
gegeiüber den übrigen Kriegsteilnehmern genießen.
Alle Männer und Frauen, die in den Streitkräften Dienst geleistet
haben, haben ein Anrecht auf kostenlose Ausbildung. Die sogenannte
"GJ-Bill of Rights" ermöglichte den ehemaligen Soldaten des zweiten
Weltkrieges ein kostenloses Studium beziehungsweise eine kostenlose
berufliche Ausbildung für eine Dauer bis zu vier Jahren. Im Rahmen
dieses Gesetzes werden ihnen die Studiengebühren und Beihilfen zur
Deckung der Lebenshaltungskosten gezahlt, die bei Kriegsteilnehmern
mit unterhaltspflichtigen Angehörigen bis zu 120 Dollar im Monat
betragen.
Mehr

- 13 -

�20. November 1957

"AMERIKA DIENST"

Mehr als 7»8 Millionen ehemalige Soldaten erhielten
dieses Gesetzes kostenlos eine allgemeine oder spezielle
Die nachstehende - keineswegs vollständige - Aufstellung
viel ehemalige Kriegsteilnehmer in einigen Berufszweigen
wurden:
Arzte und Pflegepersonal

180 000

Ingenieure und Techniker

450 000

Wissenschaftler
Rechtsanwälte

113 000
107 000

Metallarbeiter

288 000

Elektriker

138 000

im Rahmen
Ausbildung.
zeigt, wieausgebildet

ooc

Drucker und Setzer

61

Polizisten und Feuerwehrleute

83 000

Regierungsbedienstete
Für die Bediensteten der Bundesregierung wurden besondere Gesetze
erlassen, die ihnen große wirtschaftliche Sicherheit geben. Nach den
Gesetzen über den zivilen Staatsdienst haben alle Regierungsbediensteten, abgesehen von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe hoher politischer Beamter die Möglichkeit, in den ständigen Dienst übernommen
zu werden, aus dem sie nicht ohne besonderen Grund entlassen werden
können. Für die Bundesbediensteten gibt es ein eigenes Altersversorgungsprogramm, das durch Beiträge der Angestellten und der Regierung
zu einem besonderen Fonds finanziert wird. Die Pensionen, die den
Bundesbediensteten bei Erreichung der Altergrenze oder im Falle der
Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise ihren Hinterbliebenen gezahlt werden, richten sich nach der Höhe der Bezüge und dem Dienstalter.
Ein Altersrentenanspruch besteht für Bundesbedienstete mit mindestens fünfjähriger Dienstzeit bei Erreichung des 62. Lebensjahres
oder bei dreißigjähriger Dienstzeit nach Erreichung des 60. Lebensjahres.
Bundesbedienstete mit 30 Dienstjahren können sich sogar bereits mit
55 Jahren pensionieren lassen; ihre Versorgungsbezüge sind dann aber
geringer. Nach mindestens fünfjähriger Dienstzeit besteht ein vom Lebensalter anabhängiger Rentenanspruch im Falle der Arbeitsunfähigkeit.
Eine Pflicht,der Versetzung in den Ruhestand zuzustimmen, besteht erst
bei einem Alter von 70 Jahren und einer mehr als fünfzehnjährigen
Dienstzeit.
Angehörige des Bundesdienstes, die mit weniger als fünf Dienst.-iahren
ausscheiden, erhalten die von ihnen in den Versorgungsfonds eingezahlten
Gelder mit Zinsen zurück. Haben sie fünf oder mehr Jahre im Staats ienst
gearbeitet, dann können sie ihre Einlagen entweder zurückfordern ouer
aber im Fonds belassen. Im letzteren Falle sind sie mit 62 Jahren
pensionsberechtigt.
Die

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�''AMERIKA DIENST

20. November 1957

Die Bundesbediensteten erhalten außerdem bezahlten Urlaub und
Krankheitsurlaub. Beide richten sich nach der Länge ihrer Dienstzeit.
Sie sind außerdem in einer Arbeitslosen- und Arbeitsunfallversicherung
und können ohne große Kosten eine Gruppen-Lebensversicherung eingehen.
Der im Todesfall zur Auszahlung kommende Betrag entspricht etwa einem
Jahresgehalt.
Die Altersversorgung der Bediensteten der Einzelstaaten und Gemeinden ist unterschiedlich geregelt. In den meisten Fällen besagen die
Bestimmungen aber, daß sowohl die Angestellten als auch die beschäftigende Behörde Beiträge zu leisten haben. Dieses System entspricht dem
der Bundesregierung. Die Mehrheit der einzelnen Versorgungswerke gestattet eine Pensionierung nicht nur aus Altersgründen, sondern auch
wegen Arbeitsunfähigkeit.
Durch Ergänzungen des grundlegenden Sozialversicherungsgesetzes,
die im Jahre 1950 vorgenommen wurden, konnten bestimmte Gruppen von
Angestellten der Einzelstaaten und örtlichen Verwaltungen, die nicht
von ihren eigenen Versorgungseinrichtungen erfaßt werden, in die allgemeine Alters- und Hinterbliebenenversicherung einbezogen werden. Weitere
Änderungen des Gesetzes dehnten 1954 die Bestimmungen für einen freiwilligen Beitritt zur Sozialversicherung auch auf die Mitglieder
der einzelstaatlichen und kommunalen Versorgungseinrichtungen aus.
Nur etwa zehn Prozent aller Bediensteten der Einzelstaaten und Gemeinden besitzen keine Altersversicherung durch besondere Versorgungseinrichtungen, die Bundes-Sozialversicherung oder durch eine Kombination
beider Sozialwerke.
Eisenbahner
Für die Alters- und Arbeitslosenversicherung der Eisenbahner wurden in den Vereinigten Staaten besondere Gesetze erlassen. Altersrenten werden den Eisenbahnern im Alter von 65 Jahren bei zehn Dienstjahren oder zwischen 60 und 64 Jahren bei dreißig Dienstjähren gezahlt.
Ihre Witwen und Kinder oder die von ihnen wirtschaftlich abhängigen
Eltern können als Hinterbliebene entweder Renten oder eine Abfindungszahlung erhalten. Dauernd arbeitsunfähige Eisenbahner sind bereits
nach zehn. Dienstjahren rentenberechtigt. Für diejenigen, die nicht nur
bei der Eisenbahn, sondern auch in anderen Wirtschaftszweigen gearbeitet
haben, sieht das Gesetz die Möglichkeit einer Verbindung der Eisenbahneraltersversorgung mit der allgemeinen staatlichen Altersversicherung
vor.
Arbeitslosenunterstützung wird den Eisenbahnern für höchstens
130 Tage pro Jahr gewährt. Ferner sind die Eisenbahner in einer Krankengeldversicherung; weibliche Eisenbahnangestellte können darüber hinaus
besondere Mütterbeihilfen in Anspruch nehmen.

(Siehe Schaubild 3 und 4)

- 15 -

�Schaubild 3

Welche

Mittel

stehen

der Regierung

der Vereinigten

zur Stabilisierung
der Wirtschaft
und Aufrechterhaltung
Kaufkraft
der Bevölkerung
zu Gebote ?

9

Staaten
der

Ein System von Versicherungsleistungen hilft vorübergehend beschäftigungslosen Arbeitnehmern.

9 Tarifverträge zwischen Gewerkschaften und Unternehmern schützen
die Arbeitnehmer vor Lohnkürzungen und der Verschlechterung der
übrigen Arbeitsbedingungen im F a l l e e i n e s Rückgangs in der
Wirtschaft.
9 Die Lohngesetzgebung s e t z t Mindestzahlungen an die Arbeitnehmer
fest.
9 Öffentliche Bauvorhaben, die dann in Angriff genommen werden,
wenn e s gilt, einem wirtschaftlichen Rückgang entgegenzuwirken.
9 Überwachung der Börsenta'tigkeit.
• Stüzung der P r e i s e für landwirtschaftliche Produkte.
0 Das Notenbanksystem der Regierung wirkt heftigen Schwankungen
im Volumen der Wirtschaftstätigkeit durch die Verteuerung oder
Verbilligung der Bankkredite entgegen und verstärkt im Anfangsstadium einer F l a u t e den Zahlungsmittelumlauf bzw. beschränkt
ihn im F a l l e e i n e s sich anbahnenden Booms.
9 Bankeinlagen sind bis zu einer Höhe von 10 000 Dollar durch die
Bundesregierung rflckversichert.
9 Ein Wirtschaftsbeirat berät den P r ä s i d e n t e n in allen Wirtschaft liehen Angelegenheiten und warnt die Wirtschaft vor eventuell
aufkommenden Schwierigkeiten.
9 Verschiedene s t a t i s t i s c h e Behörden versorgen die gesamte
Öffentlichkeit laufend mit allen verfügbaren Informationen über die
jeweilige wirtschaftliche Entwicklung.

-16-

�Schaubild 4

Eigentumsbildung auf
breitester

Grundlage

Gesamtbevölkerung der USA (1956)
168 M i l l i o n e n
Gesamtbeschäftigtenzahl
69 M i l l i o n e n

(19.56)

H a u s b e s i t z - 5 9 % aller nichtlandwirtschaftlichen Familien
leben in Wohnungen, die bereits ihr Eigentum sind oder
die auf Grund eines Ratenzahlungsvertrages allmählich
in ihr Eigentum übergehen.
Farmbesitz - 7 5 , 6 % aller amerikanischen Farmen sind
Eigentum oder t e i l w e i s e s Eigentum der Landwirte,
von denen sie bewirtschaftet werden.
Bank- und Sparguthaben - Über 130 Millionen Amerikaner Männer, Frauen und Kinder - haben ein Bank- oder
Sparkassen guthaben.
Staats- und Kommunalpapiere - Über 46 Millionen Amerikaner
sind im B e s i t z von Obligationen d e s Bundes, der
E i n z e l s t a a t e n oder der Gemeindeverwaltungen.
Aktien - Etwa zehn Millionen Amerikaner besitzen Industrieaktien.
Lebensversicherungen - 8 6 % aller amerikanischen Familien
haben eine Lebensversicherung der einen oder anderen
Form a b g e s c h l o s s e n . Ihr Gesamtwert beziffert sich
auf 415 Milliarden Dollar, die durchschnittliche Höhe
pro Familie beträgt 9000 Dollar.
Kraftfahrzeuge - Über 70 % aller Familien haben ein oder
mehrere Kraftfahrzeuge.
Kreditgenossenschaften - Über vier Millionen Amerikaner
haben Anteile von Kreditgenossenschaften erworben.

-17-

�AMERIKA DIENST"

20. November 1957
IV.

DAS FUNDAMENT DER SICHERHEIT

Die private Wirtschaft
Bisher haben wir über die Rolle gesprochen, die der Staat auf dem
Gebiet der sozialen Sicherheit spielt. Das sichere Fundament aber, das
alle diese Sozialleistungen erst ermöglicht, ist die Stärke und Gesundheit der freien Privatwirtschaft. Das amerikanische Wirtschaftssystem
hat zu einer weiten Streuung des Eigentums geführt und die Amerikaner
in die Lage versetzt, durch Ersparnisse, Versicherungen, Haus- und
anderen Besitz selbst für ihre wirtschaftliche Sicherheit zu sorgen.
Darüber hinaus hat man auf privater Basis weitere Einrichtungen
für die Altersversorgung geschaffen. Ende 1956 hatten etwa 23 000
amerikanische Firmen eigene Pensionskassen mit 14 Millionen Mitgliedern»
Im Jahre 1955 wurden ungefähr 585 Millionen Dollar an mehr als 920 000
Pensionäre ausgezahlt, von denen die meisten außerdem noch Renten aus
der Bundes-Sozialversicherung bezogen. Als Anreiz zur Eildung von privaten Pensionskassen wurden besondere Gesetze erlassen, die den Unternehmen, die solche Versorgungswerke unter Einhaltung bestimmter Richtlinien schaffen, Steuervergünstigungen für die aufgewandten Mittel
gewähren.
Es gibt noch viele andere freiwillige Versicherungspläne und private Einrichtungen und Vereinbarungen, die zur allgemeinen Wohlfahrt
des amerikanischen Volkes beitragen. Einige von ihnen sollen auf den
folgenden Seiten besprochen werden.

Der garantierte Jahreslohn
Die wirtschaftliche Unsicherheit, die ihre Ursache in dem ständigen Auf und Ab bestimmter Wirtschaftszweige hat, bereitete den Arbeitern
in aller Welt seit langem Sorge. Eines der Mittel, mit denen man dieses
Problem angeht, ist der garantierte Jahreslohn. Vertragliche Vereinbarungen über die Bezahlung eines garantierten Jahreslchnes wurden 1955 zwischen
den Gewerkschaften und den Arbeitgebern in den wichtigsten Automobil-,
Stahl-, Gummi- und Aluminiumwerken ausgehandelt.
Diese Abmachungen unterscheiden sich zwar in ihren einzelnen Bestimmungen, aber in allen ist ein Firmenfonds vorgesehen, aus dem unbeschäftigte Arbeitei zusätzliche Beihilfen zur staatlichen Arbeitslosenunterstützung erhalten.
In der diesbezüglichen Vereinbarung mit der Ford Motor Company
ist zum Beispiel festgelegt, daß die Gesellschaft einem arbeitslosen
Betriebsangehörigen zusätzlich zur staatlichen Arbeitslosenunterstützung bis zu sechs Monate lang Beihilfen zahlt, die seiner- Gesamtunterstützung auf mehr als 60 Prozent seines normalen Lohnes erhöhen.
(Siehe Schaubild 5)

- 18 -

�Schaubild 5

Art und Höhe der von Amerikanern abgeschlossenen
G E S A M T W E R T : 415 M I L L I A R D E N D O L L A R

Wert in Milliarden Dollar
Normale Lebensversicherungen
Gruppen-Lebensversicherungen
Sterbegeld-Versicherungen
Kredit-Lebensversicherungen
86 % AULER F A M I L I E N IN D E N
V E R E I N I G T E N STAATEN HABEN
EINE LEBENSVERSICHERUNG
DER E I N E N O D E R A N D E R E N ART
ABGESCHLOSSEN
DURCHSCHNITTLICHE VERSICHERUNGSSUMME P R O F A M I L I E (isee)
»000 DOLLAR

Quelle: Institute of Life Insurance,
1956 Life Insurance Fact Book

-19-

Lebensversicherungen
(geschätzt)

239
119
40
17

�"AMERIKA DIENST"

20. November 1957

Lebensversicherungen
Eine in den USA besonders weit verbreitete Form der wirtschaftlicher. Sicherung ist die Lebensversicherung. Im Jahre 1955 waren mehr
als 103 Millionen Amerikaner, also über 60 Prozent der Bevölkerung,
Inhaber von Lebensversicherungspolicen; im gleichen Jahre wurden an
die Hinterbliebenen von Versicherten insgesamt 2 240 731 000 Dollar
ausgezahlt.
Der vorherrschende Versicherungstyp ist der normale Lebensversicherungsvertrag, der zwischen dem Versicherungsnehmer und einer Versicherungsgesellschaft abgeschlossen wird. Die im Jahre 1955 laufenden
Versicherungsverträge dieser Art lauteten insgesamt über 216,6 Milliarden Dollar.
Private Arbeitgeber oder Behörden schließen oft auch GruppenLebensversicherungsverträge für ihre Arbeitnehmer ab. Diese Art der
Versicherung ist beträchtlich billiger als eine individuelle Lebensversicherung} außerdem ist im Normalfall für die Aufnahme keine ärztliche Untersuchung erforderlich. Im Jahre 1955 liefen solche Gruppenlebensversicherungsverträge über insgesamt 101,3 Milliarden Dollar.
In vielen Versicherungsverträgen ist bei Unfalltod die Auszahlung
der doppelten Versicherungssumme vorgesehen. Andere Verträge enthalten
Bestimmungen über Versicherungsleistungen bei Arbeitsunfähigkeit.
Die Möglichkeit eines Versicherungsschutzes besteht für so gut
wie jeden Unglücksfall oder Notstand. So haben sich in den letzten
Jahren viele Leute, die ein Haus gekauft haben, für den Fall versichert,
daß sie die restlichen Raten nicht aufbringen können. Bei dieser Art
Versicherung übernimmt der Versicherungsträger die Bezahlung der
Schulden, wenn der Versicherungsnehmer stirbt oder wegen Arbeitsunfähigkeit seine Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen kann.

(Siehe Schaubild 6)

- 20 -

�Schaubild 6

Der Anstieg der Zahl der Freiwilligversicherten in der privaten
Kranken- und Krankenhausaufenthaltsversicherung

110

100

91,9

90

80

70

60

55,5
50

Operationskosten Versicherung:
Die Versicherungsgesellschaft
bezahlt dem Chirurgen bezie hungsweise dem Kranken die für
die Vornahme bestimmter
Operationen vereinbarten Beträge.

Krankenkostenversicherung:
D i e s e Versicherung verfolgt
den Zweck, die wichtigsten
Kosten bei ernsten Erkrankungen
oder Unfällen abzudecken.

40

30

20

10

1941 43

Krankenhausaufenthaltsver Sicherung: Die Versicherungsgesellschaft bezahlt die Krankenhauspflegekosten sowie die
damit verbundenen Nebenkosten
für eine bestimmte Anzahl von
Tagen.

45 47 49

51 53

55

-21-

�"AMERIKA DIENST

20. November 1957

Freiwillige Krankenversicherung
Für diejenigen, die die Prämien selbst bezahlen oder deren Arbeitgeber die Prämienzahlung t llweise oder ganz übernehmen, stehen in
den USA verschiedene Arten von Kranken- oder Kranke 'geldversicherungen
auf freiwilliger Basis zur Auswahl. Die ersten Krank nversicherungen
bildeten sich bereits vor fast einhundert Ja ren heraus. Einige
dieser Versicherungen hatten genossenschaftlichen Charakter; die
meisten beschränkten sich auf bestimmte Berufsgiuppen wie Eisenbahner, Holzfäller oder Bergleute. Diese sorgten aber nur für die
Arbeiter selbst, nicht für deren Familien. Sie deckten den größten
Teil der Kosten der ärztlichen Betreuung und ines notwendigen Krankenhausaufenthalts .
Im Unterschied zur Praxis in vielen anderen Ländern gehört in
den privaten Krankenhäusern der Vereinigten Staaten die ärztliche Betreuung nicht zur Krankenhausbehandlung. Seit den dreißiger Jahren
dieses Jahrhunderts und in zunehmendem Maße in der Zeit nach dem
zweiten Weltkrieg bildete sich ein Versicherungstyp heraus, der nur
einige genau festgelegte Teile der Behandlungskosten erfaßt. Der
Patient bezahlt Arzt und Krankenhaus getrennt. Bei der ersten Form,
die diese neue Versicherungsart annahm, wurde vom Versicherungsträger
die Bezahlung eines Teiles oder aller Krankenhauskosten für Unterbringung, Verköstigung, Pflege und andere Krankenhausleistungen übernommen. In einer Krankenhauskosten-Versicherung sind heute etwa 108
Millionen Menschen.
Bei der sich später herausbildenden Versicherungsart deckt die
Gesellschaft(&lt;fceilweise oder ganz) die Arztrechnung im Falle einer
im Krankenhaus vorgenommenen Operation. Insgesamt 92 Millionen Menschen genießen heute den Schutz einer solchen Operationskostenversicherung.
Zahlreiche andere Versicherungen zahlen heute einen Teil der Behandlung während eines Krankenhausaufenthalts, bei dem keine Operation
erforderlich ist. Einen solchen Teilschutz haben 56 Millionen Versiehe rungsnehmer.
Seit dem zweiten Weltkrieg besteht die Tendenz zu einer Art von
Vorauszahlung der Heilkosten in Fällen, in denen kein Krankenhausaufenthalt erforderlich ist. Solche Abmachungen haben verschiedene
Gestalt angenommen. Einige Versicherungen lassen die ärztliche Behandlung selbst vornehmen, und zwar von einer ärztlichen Arbeitsgemeinschaft; andere ersetzen dem Patienten die Kosten, die ihm für
den Besuch beim Arzt oder für dessen Besuch in der Wohnung des Patienten entstanden sind. Nur knapp 10 Millionen Personen sind in
irgendeiner Form für Arzt- und Behandlungskosten versichert, die
außerhalb eines Krankenhauses entstehen. Aber einige Millionen dieser
Verträge über die Vorauszahlungen von Heilkosten sind sehr umfassend
und schließen sowohl vorbeugende und diagnostische Leistungen als
auch Heilbehandlung ein.
Eine

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�"AMERIKA DIENST"

20. November

1957

Eine andere Art der Krankenversicherung, die in den Vereinigten
Staaten anzutreffen ist, ersetzt teilweise den Lchnverlust, den ein
kranker Arbeitnehmer durch zeitweilige Arbeitsunfähigkeit erleidet.
Etwa 52 Millionen Personen haben eine derartige Versicherung abgeschlossen, die ihnen im Falle einer länger als drei bis sieben Tage
dauernden Krankheit den Lohnausfall teilweise vergütet. Weitere 8
Millionen, die zum überwiegenden Teil im öffentlichen Dienst stehen,
erhalten bezahlten Krankenurlaubj ihre Bezüge werden im Krankheitsfalle für eine im einzelnen unterschiedliche Dauer weitergezahlt.
Die Kosten für einen Lohnausfallschutz müssen in gewissen Fällen vom
Arbeitgeber getragen werden.
Private Wohlfahrtspflege
Die soziale Fürsorgetätigkeit wird in den Vereinigten Staaten
zum Teil aus Steuermitteln, zum Teil aber von zahlreichen privaten
philanthropischen Institutionen finanziert. Mehrere Milliarden
Dollar werden alljährlich von Millionen Amerikanern in Form von Spenden für soziale Zwecke aufgebracht. Die einzelnen Beträge sind oft
größer als die Steuerzahlungen der Spender. Im Jahre 1955 gingen für
religiöse Zwecke, für Gesundhe'ts- und Wohlfahrtseinrichtungen, Schulen,
Krankenhäuser und für Auslandshilfsprogramme 5 Milliarden Dollar ein.
Etwa 450 Millionen Dollar kamen durch freiwillige Spenden amerikanischer Unternehmen und Organisationen zusammen; in testamentarischen
Verfügungen wurden etwa 350 Millionen Dollar für philanthropische Zwecke
gestiftet.
Die Gesamtsumme der für wohltätige Zwecke im In- und Ausland bestimmten Spenden belief sich auf nahezu 6 Milliarden Dollar, das sind
zwei Prozent des amerikanischen Nationaleinkommens. Private Wohlfahrtsorganisationen sorgen für viele Kranke und Arme in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern, sie geben außerdem Gelder für Schulen und
Krankenhäuser und unterstützen di s medizinische Forschung.
Von besonderem Wert für kranke und arme Menschen in aller Welt
Bind die Hilfsmaßnahmen, die von den freiwilligen Auslandshilfsorganisationen durchgeführt werden. Diese Organisationen, wie beispielsweise die Amerikanisch-Koreanische Stiftung und die CARE (Cooperative
for American Remittances to Everywhere), beteiligen sich maßgeblich an
der Verteilung von landwirtschaftlichen Produkten, die vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium als Überbestände zur Verfügung gestellt
werden, sowie vcn Kleider- und Arzneimittelspenden und von finanziellen
Beihilfen für bedürftige Personen in mehr als 75 anderen Ländern. Im
Jahre 1956 wurden durch Hilfsorganisationen aus solchen Überbeständen
fast 520 000 t Lebensmittel im Werte von 180 Millionen Dollar im Ausland verteilt; dazu kamen noch Arzneimittel, Kleidung und so weiter im
Werte von 50 Millionen Dollar und etwa der gleiche Betrag in Gestalt
von finanziellen Beihilfen.
Auf

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�»AMERIKA DIENST"

20. November 1957

Auf dem Gebiete des Gesundheitswesens haben gemeinsinnige Amerikaner
durch ihre jährlichen Spenden für die Hilfstätigkeit des Roten Kreuzes
una vieler amerikanischer Organisationen, die auf dem Gebiet der Gesundheitspflege tätig sind, eine bedeutsame Rolle gespielt. Da«* Rote Kreuz,
das allein in d-n Vereinigten Staaten 7000 Dienststellen anterhält und
über die ganze Welt verbreitet ist, erhielt 1955 vom amerikanischer, Volk
Spenden in Hohe von insgesamt 94»5 Millionen Dollar. Mit diesem Geld
wurden Hilfsmaßnahmen für die Opfer vcn Katastrophen, Bl .tspe.ndeakt ionen,
Maßnahmen zir Gesunderhaltung des amerikanischen Volkes und Aus]andshi3fsprogramme finanziert. Bei einem Spendenaufruf des Roten Kreuzes
im Herbst 1956 für die ungarischen Flüchtlinge gingen 5 Millionen Dollar
ein .
Andere nationale Vereinigungen widmen ihre Tätigkeit besonderen
Gesundheitsproblemen. So unterstützt beispielsweise die Amerikanische
Gesellschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose zahlreiche einschlägige
Forachungsprojekte. Sie finanziert die Tätigkeit ihrer mehr als 5000
staatlich und örtlich gegliederten Organisationen durch den Verkauf von
Sondermarken zur Weihnachtszeit. Fast 25,8 Millionen Dollar kamen 1955
durch diesen Markenverkauf ein.
Unschätzbare Dienste leistete die Amerikanische Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung, die 1938 von dem verstorbenen Präsidenten
Roosevelt una einigen seiner Freunde gegründet wurde, bei der Erforschung
der Ursachen dieses Leidens, in der Entwicklung prophylaktischer Schutzmaßnahmen und in der Fürsorge für seine Opfer. Sie beteiligte sich maßgeblich an der Finanzierung der im ganzen Lande durchgeführten Kampagnen
für die Polioimpfung der Kinder. Der neue, von dem amerikanischen Arzt
Dr. Jonas E. Salk entdeckte Impfstoff wurde 1954 bei mehr als 400 000
Kindern sorgfältig erprobt. Im darauffolgenden Jahre begann man im ganzen Lande mit der Massenimpfung der Kinder. An der Finanzierung dieser
vorbeugenden Maßnahmen sowie der Erforschung und Behandlung der Krankheit
beteiligte sich die Vereinigung in Zusammenarbeit mit dem Öffentlichen
Gesundheitsdienst.
Eine andere Organisation, die Amerikanische Gesellschaft für Eerzforschung, hat seit 1948 für die Bekämpfung von Herzkrankheiten und
Kreislaufstörungen über 13 Millionen Dollar ausgegeben.
Die Amerikanische Gesellschaft zur Krebsbekämpfung st'ftet große
Summen für die Erforschung und Diagnostizierung von Krebs sowie für die
al gemeine Verbreitung von Kenntnissen über dieses Leiden und seine Verhinderung. Im Jahre 1955 brachte diese Gesellschaft 26 Million-n Dollar
auf.
Außer den wohltätigen Organisationen, zu denen die amerikanische
Bevölkerung alljährlich finanzielle Beiträge leistet, gibt es in den
Vereinigten Staaten etwa 5000 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von
etwa 7 Milliarden Dollar, die.1955 für philanthropische Zwecke im Injnu Ausland schätzungsweise 400 Millionen Dollar ausgegeben haben. Einige
der größten Stiftungen sind durch die Hilfe, die sie karitativen, wissenschaftlichen und bildungsfordernden Projekten in vielen Ländern zuteil

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�"AMERIKA DIENST"

20. November 1957

zuteil werden ließen, in der ganzen V/elt bekannt geworden. Die FordStiftung, die von dem Automobilproduzenten Henry Ford gegründet wurde
und von seiner Familie weiterhin unterstützt wird, verfügt über ein
Vermögen von mehr als 2 Milliarden Dollar. Im Jahre 1955 gab sie für
die Förderung des Erziehungswesens und der Wissenschaft sowie für
wirtschaftliche Entwicklungsvorhaben in amerikanischen, europäischen,
asiatischen und afrikanischen Ländern 70 Millionen Dollar aus. Die
Rockefeller-Stiftung, deren Vermögen 300 Millionen Dollar übersteigt,
wurde "zur Förderung des Wohlergehens der Menschheit in aller Welt"
ins Leben gerufen. Sie nimmt sich vor allem der Ausbildung von Medizinern an und fördert das öffentliche Gesundheitswesen, die biologische und medizinische Forschung sowie die Landwirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Carnegie Corporation of New York, deren Vermögen nahezu 200 Millionen Dollar beträgt, gibt ihre Hilfe vor allem
für Bildungs- und Forschungszwecke in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Eine verwandte Organisation, die Carnegie Endowment for
International Peace (Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden)
verwendet ihren Fonds in Höhe von 20 Millionen Dollar für die Forderung
der internationalen Verständigung durch Unterstützung des Erziehungswesens und der Tätigkeit der Vereinten Nationen.

ZU SAMMENFASSUNG
Die soziale Sicherheit, die heute die Amerikaner genießen, ist
das Ergebnis von staatlichen und privaten Maßnahmen, d e in gegenseitiger Ergänzung einen weitgehenden Schutz gegen die Unbilden und
Wechselfälle des Lebens geben. Letzten Endes hängen natürlich alle
diese Maßnahmen von der Stabilität der amerikanischen Wirtschaft ab.
Die führenden Persönlichkeiten der Wirtschaft und der "-'egierung richten deshalb ihre Bemühungen darauf, den besten Weg für die Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung und eines hohen Grade= der Kapazitätsausnutzung
zu finden.
Wenn es auch stimmt, daß man bisher noch kein absolut stabiles
Wirtschaftssystem entwickeln konnte, so ist es andererseits ebenfalls
Tatsache, daß das kapitalistische System in den Vereinigten Ctasten einen
so weitgehenden Wandel erfahren hat, daß eine ernsthafte Depression
äußerst unwahrscheinlich geworden ist.
In nicht ferner Zukunft werden alle alten Menschen, die sich aus
dem Berufsleben zurückziehen, in den Genuß der von der Regierung geförderten Altersversorgung kommen, auf die sie auf Grund ihrer jahrelangen Beiträge einen Rechtsanspruch erworben haben. Als zusätzliche
Sicherung werden eigene Ersparnisse, private Versicherungsverträge
oder selbsterworbener Besitz dienen. Auf der anderen Seite wird das
staatliche Hilfsprogramm Schritt für Schritt soweit eingeschränkt werden, daß es sich nur noch mit ganz besonders gelagerten Fällen zu
befassen hat, die auf andere Weise nicht gelöst werden können.

* * * * *

- 25 -

�A M E R I K A

E N S T

Allg./l8.12.1957
EISENHO'.VER FORDERT GEMEINSAME MASSNAHMEN ZUR STÄRKUNG
DES FRIEDENS

PARIS - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower vom 16. Dezember 1957» in der er die Regierungschefs
der NATO-Mitgliedstaaten in Paris auffordert,
gemeinsame Maßnahmen zur Stärkung und Festigung des Friedens zu erörtern.

"Ich bin hier, um mit Ihnen die Arbeit der NATO für einen gerechten Frieden fortzuführen, Ich bin mit Ihnen in Paris zusammengekommen mit Ihnen,meine langjährigen Freunde und Kollegen, die Sie alle mit an
der schweren Verantwortung tragen, aber auch an den hoffnungsvollen
Möglichkeiten teilhaben.
Diese Konferenz steht in der Geschichte der NATO einzig irtig da.
Zum ersten Mal nehmen an ihr die Regierungschefs teil.
Unser Treffen hier steht nicht unter der bedrückenden Furchti, daß
jeder der hier vertretenen Staatem einzeln und für sich handelnd, nicht
in der Lage wäre, der aggressiven Macht zu begegnen, die gegen ihn aufgebracht werden könnte.
Dies gehört der Vergangenheit an.
Unsere Konferenz wird auch nicht von so furchtbaren Gedanken überschattet, daß unsere Städte wiederum durch Zwietracht zerstört und schwer
gezeichnet, unsere Wirtschaft aufs äußerste angespannt und unsere Völker vom Krieg gegen den Totalitarismus erschöpft wären.
Auch dies gehört der Vergangenheit an.
Und ganz gewiß auch treffen wir hier nicht in einer Atmosphäre
nationalistischen Stolzes zusammen, der auf Kosten unserer Bruderstaaten eigennützige Interessen verfolgt.
Dies ist bei der NATO niemals der Fall gewesen.
Wir sind hier zusammengekommen, um uns erneut mit all unseren
Kräften darum zu bemühen, die dunklen Schatten zu bannen, die auf

- 1 -

�18. Dezember 1957

"AMERIKA DIENST

auf die freie Welt fallen. Wir sind hier, um den Bestand unserer großen
Aktivposten an Menschen, Geist und Material aufzunehmen. Wir sind hier,
um Mittel und Wege zu finden, um unsere unbestrittene Stärke für den
Aufbau einer großen und sicheren Heimstatt für die Menschheit hier auf
Erden einzusetzen.
Dies ist eine Zeit, in der wir Größe zeigen müssen.
Wir beten um Größe unseres Mutes und Willens, um jede Möglichkeit
des gemeinsamen Handelns auszuschöpfen, die der Sache der Gerechtigkeit
und des Friedens dienlich sein könnte.
Wir beten um Größe unseres Mitgefühls und Verständnisses und unserer Kameradschaft, so daß wir zusammenwirken und die zwischen uns
bestehenden Differenzen überwinden können, die unseren Weg in die
gemeinsame Zukunft behindern.
Wir beten um Größe unserer Opferbereitschaft, so daß wir unwichtige Ziele und Interessen außer acht lassen, um uns voll und ganz für
unser aller Wohlergehen einzusetzen.
Wir beten um Größe der Weisheit und des Glaubens, so daß in uns
allen die Entschlossenheit geweckt wird, alle Maßnahmen, die wir ergreifen, zu Maßnahmen für den Frieden werden zu lassen.
Mit Frieden meine ich nicht die unfruchtbare, leere Idee einer
Welt, in der ein offener Krieg eine Zeitlang ausgeschaltet ist, weil
die von den Menschen erbauten, miteinander konkurrierenden Kriegsmaschinerien dazu neigen, den durch sie hervorgerufenen Schrecken wechselseitig zu neutralisieren.
Ich meine mit Frieden auch nicht das im Grunde Unbehagen bereitende Fehlen von Konflikten, das durch die Aufgabe von Prinzipien
erkauft wird.
Wir können keinen Frieden haben und dabei die berechtigten Hoffnungen und Erwartungen sowie unser großes Erbe aufgeben.
Der Frieden, den wir anstreben, ist ein Frieden, in dem Gerechtigkeit und gegenseitiges Verstehen sich ständig weiter ausbreiten
- ein Frieden, unter dem Männer und Frauen ihr ihnen angeborenes Recht
auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück frei ausüben können. In
einem solchen Frieden können die Menschen frei produzieren, frei Handel
treiben, frei reisen, frei denken, frei beten. Wir streben einen
schöpferischen und dynamischen Frieden an mit erfolgreich arbeitenden
Institutionen, aufblühenden Volkswirtschaften und einem tieferen geistigen Verstehen für alle Nationen und alle Menschen.
Die NATO wurde vor fast zehn Jahren ins Leben gerufen. Bis dahin
waren acht europäische Nationen unter sowjetische Herrschaft gekommen,
und es bestand ganz offensichtlich die Gefahr, daß das übrige Europa

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�"AMERIKA DIENST"

18. Dezember 1957

Europa Land um Land dem mächtigen militärischen und politischen Einfluß der Sowjetunion unterliegen könnte.
Die NATO hat bewiesen, daß sie eine Organisation des Friedens
ist. Seit ihrem Bestehen ist kein weiteres Land in Europa durch die
kommunistische Aggression verlorengegangen. Hinter dem Schutzschild
der Abschreckungsstärke der NATO, sowohl konventioneller wie auch
atomarer Art, haben die Völker des Westens große Fortschritte erzielt.
Hier auf dem europäischen Kontinent ist ein Fortschritt auf dem
Wege zur Einheit erreicht worden, wie er sich in der Montanunion, dem
Euratom und dem Gemeinsamen Markt manifestiert.
Somit ist die Vision der Staatsmänner gerechtfertigt und ein neuer
Ansporn für die großen schöpferischen Kräfte gegeben, die so lange Zeit
durch unsinnige Spaltung geschwächt waren. Überall haben die Völker
des Westens ein neues Stadium wirtschaftlichen Wohlstandes erreicht.
Wir sehen in Europa und in Amerika das pulsierende Leben in unseren Fabriken und Stahlwerken und im Transportwesen, in den Zentren
unseres Handels, in unserer Landwirtschaft, in unseren Kleinbetrieben
und unseren riesigen industriellen Unternehmungen. Und über diesen
materiellen Werten steht noch die moralische und geistige Stärke, die
nicht in festen Begriffen gemessen werden kann.
Wir dürfen auf die Vergangenheit mit Genugtuung, auf die Gegenwart jedoch nicht mit Selbstgefälligkeit blicken. Der sowjetische Staat
verstärkt seine militärische und wirtschaftliche Macht täglich, und
seine Machthaber machen ihre Absicht offenkundig, diese Macht zur Beherrschung der Welt einzusetzen.
Zur Erreichung dieses Zieles legt das sowjetische System den
großen Massen seiner Arbeiter eine eiserne Disziplin auf. Ihr Los
ist das von Zwangsairbeitern in einer gelenkten Produktion, was sowohl
zu verabscheuen ist als auch eine Gefahr darstellt, denn damit werden
einem despotischen Staat die ungeheuren Hilfsquellen in die Hand gegeben, die von Leibeigenen geschaffen wurden.
So wird dort die Produktion neuer Waffen forciert, einschließlich
von Atomsprengköpfen und Raketen. Die Kommunisten haben in gleicher
Weise ihre industrielle Kapazität ausgeweitet. Sie fordern uns auf
wirtschaftlichem Gebiet zu einem internationalen Wettstreit heraus,
wobei sie auf dem Wege über eine wirtschaftliche Durchdringung die
Herrschaft über weitere menschliche und materielle Hilfsquellen zu
erreichen suchen.
Dies sind einige der Probleme, denen wir uns gegenübersehen.
Die Anwesenheit der Regierungschefs hier zeigt, daß wir uns des
Ausmaßes der Herausforderung bewußt sind.
Auf einer späteren Sitzung wird der NATO-Rat Vorschläge für besondere Maßnahmen zur Stärkung unserer kollektiven Anstrengungen erörtern. Aber ich wiederhole, gleichgültig welche Maßnahmen wir auch

3 -

�AMERIKA DIENST"

18. Dezember 1957

auch immer ergreifen werden, es werden immer Maßnahmen für den Frieden
sein.
Der Frieden, den wir erstreben, ist'nicht umsonst zu haben; sein
Preis wird vielmehr hoch sein. Aber das braucht uns nicht zu erschrekken. Unsere freien Völker verfügen über reiche Hilfsquellen, um jeder
Bedrohung begegnen zu können.
Die Frage ist einzig und allein, ob wir das tun wollen, ob wir in Freiheit - den Preis zahlen wollen, der für die Erhaltung der Freiheit gefordert wird.
Lassen Sie uns einen Blick auf die uns zur Verfügung stehenden
Hilfsquellen werfen. Die 15 NATO-Staaten umfassen eine Bevölkerung von
fast 500 Millionen Menschen. Diese Bevölkerung hat eine per capitaProduktion, die etwa dreimal so groß wie die der Sowjetunion ist.
Unsere Wissenschaftler und Techniker waren die Erfinder alles dessen,
was unser derzeitiges Kriegs- und Friedenshandwerk revolutioniert. Wir
verfügen über den zur Zeit stärksten Militärapparat der Welt.
Dies sind einige unserer Aktivposten in materieller Hinsicht.
Wichtiger aber noch sind unsere politischen und moralischen Werte, die
unser nationales Erbe darstellen.
Wir haben unseren ehrlichen Willen für eine weltweite Abrüstung
und den von der ganzen Menschheit ersehnten Frieden unter Beweis gestellt .
Nach dem zweiten Weltkrieg haben die freien Nationen, ohne auf
Abrüstungsabkommen zu warten, freiwillig und von sich aus abgerüstet.
Zu einer Zeit, als der Westen das Atommonopol besaß, erboten wir
uns, es einer internationalen Kontrolle zu unterstellen, damit diese
furchtbare Kraft niemals für einen Krieg verwandt würde.
Wir formulierten und entwickelten die Konzeption der 'Atome-fürden-Frieden'. Die Internationale Atomenergiebehörde, die nunmehr in
Wien arbeitet, ist ein Ergebnis unseres Ideenreichtums und unserer
Standhaftigkeit.
Die westlichen Nationen haben den Plan der 'Offenen Himmel'
unterbreitet, auf daß keine Nation mehr einen massiven Überraschungsangriff gegen ein anderes Land führen könnte.
Wir haben im vergangenen Sommer in London vorgeschlagen, daß die
Herstellung spaltbaren Materials für Waffenzwecke eingestellt werden
sollte, daß Kernwaffen daher nicht länger mehr erprobt werden sollten
und daß vorhandene Kernwaffenbestände durch Überstellung für friedliche Zwecke reduziert werden sollten.
Wir haben den Willen demonstriert, die Segnungen der Freiheit zu
verbreiten. Innerhalb der letzten 15 Jahre haben unsere Nationen

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�"AMERIKA DIENST"

18. Dezember 1957

Nationen freiwillig zwanzig Ländern mit einer Bevölkerung von zusammen
achthundert Millionen Menschen die politische Unabhängigkeit gewährt.
Innerhalb unserer Gemeinschaft manifestieren wir, so daß dies
alle sehen können, die Segnungen der Freiheit. Diese Segnungen bestehen nicht aus materialistischen Monumenten, die die Despoten stets
vorzuweisen hatten. Sie bestehen vielmehr darin, daß man allen Menschen die einfachen Dinge gibt, die sie wollen - die Gelegenheit, zu
denken und zu beten, wie es ihnen ihr Gewissen und ihre Vernunft vorschreiben; die Möglichkeit, ohne Furcht in ihren Wohnungen zu leben;
die Möglichkeit, sich in engstem Familienkreise zu versammeln; die
Möglichkeit, nach eigener Wahl einer angemessenen.Arbeit nachzugehen,
sowie die Möglichkeit, sich der Früchte ihrer Arbeit zu erfreuen. Dies
sind die wertvollsten Manifestationen der Freiheit. Und wir verfügen
über die Stärke, um diese Freiheit zu verteidigen und weiter auszubreiten.
Die Freiheit hat uns nicht im Stich gelassen. Und wir werden ganz
gewiß die Freiheit nicht im Stich lassen. Wir werden Erfolg haben.
Aber die Aufgabe wird nicht leicht oder schnell zu bewältigen sein.
Ihre Verwirklichung wird erweisen, daß wir einen langen Weg und nicht
ein Nahziel vor uns haben.
Wir, die wir das menschliche und religiöse Gedankengut Europas
geerbt haben und miteinander teilen, müssen gemeinsam unser Gewissen
erforschen und entscheiden, ob wir wirklich unser Bestes tun, um der
ernsten Gefahr für unsere freien Institutionen zu begegnen.
Ich glaube, daß wir uns von gewissen falschen Denkgewohnheiten
frei machen müssen, deren wir alle uns mehr oder minder schuldig gemacht haben. Zu diesen falschen Vorstellungen gehörte zum Beispiel
die Ansicht, daß unser freies System von sich aus auf allen Gebieten
produktiver sei als das totalitäre System. Eine andere ist die, daß
die Zeit stets für uns arbeitet, ganz gleich, was wir mit dieser Zeit
anfangen. Wieder eine andere bestand darin, daß unsere Nationen, nur
weil sie souverän sind, jede für sich ein getrenntes, eigensüchtiges
nationales Leben ohne jede Koordinierung der Planung und der Anstrengungen führen könnten.
Eine weitere falsche Vorstellung war die, daß der Triumph der
Freiheit über den Despotismus zwangsläufig erfolgen würde. Wie ein
Landsmann von mir es einst ausdrückte: 'Es sind harte Arbeit und
große Opfer von vielen nötig, um das Zwangsläufige zustandezubringen.'
Wir müssen unbedingt sicherstellen - solange wir noch über diesen
Machtvorsprung verfügen -, daß unsere Politik und unser Handeln diesen
Vorsprung stets erhalten.
Wir treten in eine Ära ein, in der gewaltige physikalische Kräfte
einen drohenden Schatten über unsere Welt werfen. Ich glaube, daß
die Regierungen unserer NATO-Staaten bereit sind, ihre Anstrengungen
hier miteinander - und auch mit anderen Nationen - natürlich auch

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

18. Dezember

1957

auch der Sowjetunion, sofern sie dazu gewillt ist - zu vereinen, um
diese Kräfte im Interesse der gesamten Menschheit unter die Kontrolle
der Vernunft zu bringen. Bis dies getan werden kann, müssen wir weiterhin innerhalb der freien Welt die notwendige Stärke schaffen und
aufrechterhalten, um die gemeinsame Sicherheit zu gewährleisten. Und
wir alle müssen die Sicherheit haben, daß diese Stärke für die Erhaltung des Friedens und der Freiheit genutzt wird.
Wir befinden uns in einer reißenden Strömung des gewaltigen Flusses der Geschichte. Auf lange Zeit hin werden heroische Anstrengungen
notwendig sein, um die Welt auf das Ziel eines wahren Friedens hinzusteuern .
Dies ist ein hohes Ziel, aber es ist ein Ziel, das die freien
Nationen der Welt erreichen können.
Wir Völker der atlantischen Gemeinschaft stehen nicht allein. Auch
in anderen Teilen der Welt haben sich viele freie Nationen in der Ausübung des ihnen zustehenden Rechtes auf kollektive Sicherheit zusammengeschlossen. Andere freie Nationen, die sich lieber auf individuelle
anstatt kollektive Sicherheitsmaßnahmen verlassen, haben mit uns dennoch unsere Absichten und Zielsetzungen der Freiheit gemein. Eine besondere Verantwortung liegt jedoch auf der atlantischen Gemeinschaft.
In unseren Ländern wurde die Freiheit geboren, und sie gedeiht hier
immer noch in aller Stärke.
Die Mitglieder unserer Gemeinschaft müssen eine immer größere Verantwortung empfinden, andere freie Völker dabei zu unterstützen, daß
ihnen die jahrhundertealte Last der schlimmsten Armut genommen wird.
Wir haben, wie ich bereits betont habe, mit dazu beigetragen, daß
Hunderte Millionen von Menschen die politische Freiheit erhielten.
Aber dies könnte sich als ein armseliges Geschenk erweisen, das sich
praktisch einmal gegen uns auswirken könnte, wenn nicht Wege gefunden
werden, um den weniger entwickelten Ländern dabei zu helfen, einen stetig
wachsenden Wohlstand zu erreichen.
Für alle von uns hängt von dieser wachsenden Opferbereitschaft
Entscheidendes ab. Keiner von uns darf vor irgendwelchen etwa notwendig werdenden Opfern zurückschrecken, um dies möglich zu machen.
Die Kräfte, die gegen uns aufmarschiert sind, sind gewaltig, aber
nicht unüberwindlich. Die unterdrückten Völker Osteuropas haben gezeigt, daß der Patriotismus noch lebt und daß sie auch weiterhin die
Hoffnung hegen, ihre stolzen und ehrenhaften Traditionen nationaler
Unabhängigkeit wieder aufzurichten.
Der Kreml hat öffentlich die 'Widersprüche' anerkannt, die zwischen
dem V/unsch der Arbeiter nach einem höheren Lebensstandard und der Verwendung der ungeheuren Beträge für militärische Zwecke und Kapitalinvestitionen durch den Staat bestehen; Der derzeitige sowjetische Fünfjahresplan mußte aufgegeben werden. Der gegenwärtig sich vollziehende
Prozeß der Dezentralisierung der Industrie wird zwangsläufig auch eine

- 6 -

�*'

AMERIKA DIENST"

18. Dezember 195?

eine Dezentralisierung der Macht und der Anschauungen mit sich bringen.
Der innere Zerfall despotischer Regierungen, den die Zeit mit sich
bringt, ist, wie die Geschichte zeigt, immer schon im Gange gewesen,
bevor er an der Oberfläche sichtbar wurde. Hinter einer nach außen
hin eisernen Regierungsfassade erhält sich noch immer bei allen Völkern die Liebe zur Freiheit. Dies ist eine Kraft, die noch niemals
auf die Dauer unterdrückt werden konnte.
Die industriellen Pläne der sowjetischen Machthaber erfordern
eine ständig wachsende Zahl gut ausgebildeter Kräfte. Derartige Kräfte
können nicht auf unbegrenzte Zeit hinaus der Gedankenkontrolle und der
Konformität durch die Kommunisten oder irgendeine andere Partei unterworfen werden.
Der freiere Zugang zum Wissen und zu einem umfassenderen Verstehen
sind die inneren Kräfte, die mehr und mehr Anerkennung verlangen
werden. Ihre Wirkung wird sich um so mehr bemerkbar machen, wenn die
bestehende Ordnung sich nicht auf scheinbare äußere Erfolge stützen
und damit die Aufmerksamkeit der Massen von den offensichtlichen
Fehlschlägen der despotischen Herrschaft ablenken kann. Hier bietet
sich für die freien Nationen eine klare Chance für einen friedlichen
Triumph. Hier bietet sich eine noble Strategie für einen Sieg - nicht
für einen Sieg über irgendein einzelnes Volk, sondern einen Sieg für
alle Völker.
Dies ist kein Grund zur Selbstgefälligkeit, es ist aber ein Grund,
um Vertrauens- und hoffnungsvoll das für die Durchführung dieser
Strategie Notwendige zu tun.
Ich habe die Kameradschaft der Soldaten vieler Nationen, die
sich in der Verteidigung der Freiheit zusammengeschlossen hatten,
kennengelernt.
Das Gefühl, Augenblicke der Krise und der Entscheidung gemeinsam zu erleben, ist ergreifend und unvergesslich. Diese Augenblicke
ergeben sich jedoch allzuoft nur in Kriegszeiten. Es wäre tatsächlich
eine Tragödie, wenn wir in unserem Ringen um den Frieden nicht auch
die Freude der gemeinsamen Entscheidung (der gemeinsamen Anstrengung
und des gemeinsamen Opfers teilen könnten. Keine Aufgabe ist so
schwierig, aber andererseits auch so gebieterisch und so ehrenvoll.
In diesem Geist sind wir hier zusammengekommen, um durch Angleichung und Zusammenfassung unseres Strebens unsere Stärke zu erneuern und in Freiheit auf den Frieden hinzuwirken, der unser
rechtmäßiges Erbe ist."

* * * * *

- 7-

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 9. I.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut der Pressekonferenz von Außenminister Dulles&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 9. I.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower fordert Vollmachten zum Schutze der Mittelost-Staaten (Eisenhower-Doktrin)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles erläutert den Plan des Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 9. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vizepräsident Nixon berichtet über die Lage der ungarischen Flüchtlinge&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 16. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower berichtet über die Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 16. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Lodge legt dem UN-Abrüstungsausschuss den neuen Abrüstungsplan der USA vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 23. I.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut der Ansprache Präsident Eisenhowers bei Antritt seiner zweiten Amtsperiode&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 30. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower legt die Wirtschaftsbotschaft vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 6. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;General Lauris Norstad: NATO - Abschreckungsmittel und Schutzschild&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 6. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sonderbotschaft Präsident Eisenhowers über die Revision der Einwanderungsgesetzgebung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20. II. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Lodge antwortet den russischen Beschuldigungen gegen die USA in den Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 20. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jahresbericht Präsident Eisenhowers zu Fragen betreffend die Revision der US-Handelsabkommen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 20. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Thurston V. Kalijaveri: Aufgaben und Stellung der USA in der Weltwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower: Israel muss sich den Beschlüssen der Vereinten Nationen beugen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower anlässlich des 15. Jahrestages der Stimme Amerikas: "Amerika wird sich immer für den Frieden einsetzen"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 6. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Lodge: Amerika hat Osteuropa vergessen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 6. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Walter S. Robertson auf der Konferenz der Kolombo-Plan-Mächte: "Gemeinsame Anstrengungen zum Wohle aller"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles auf der Tagung des Seato-Rates in Canberra: "Die SEATO - ein Bollwerk des Friedens"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles in Canberra: "Die USA halten an ihrer bisherigen China-Politik fest"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kommuniqué zum Abschluss der SEATO Tagung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gordon Gray: Die NATO ist der Grundstein für das Bündnissystem des Westens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 3. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vorwort zur Neuaflage des Buches von John Foster Dulles: Krieg oder Frieden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 3. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. Gabriel Hauge: Konjunkturprobleme in den USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 3. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Perkins: Die Vereinigten Staaten und die Atlantische Allianz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert D. Murphy: Internationaler Kulturaustausch und Passbeschränkungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert D. Murphy: Die Wiedervereinigung Deutschlands ist ein Eckpfeiler des Friedens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 17. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles fordert die Schaffung eines Anleihefonds&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Francis 0. Wilcox: Die Vereinten Nationen haben positive Arbeit geleistet&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles: Die USA stehen für Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit ein&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 1. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sonderbotschaft Präsident Eisenhowers an den Congress über Pläne zur Verbesserung des Luftverkehrwesens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. Libb antwortet Dr. Schweitzer auf seinen Appell zur Einstellung der Atomwaffenversuche&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 1. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Harold S. Vance, AEC: USA befürworten internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Atomforschung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 8. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Thorston V. Kalijarvi: Die künftige amerikanische Außenhandelspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 15. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower: Das Auslandshilfeprogramm dient der Sicherheit der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;W. 15. V.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles ersucht den Kongress um Zustimmung zum Beitritt der USA in die Internationale Atombehörde&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 22. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Willard P. Libby Künstliche Radioaktivität als Folgen von Kernwaffenversuchen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29. V.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower ersucht den Kongress um Bewilligung von 3,8 Milliarden für die Auslandshilfeprogramme&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5. VI.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eleanor L. Dulles: Berlin und die Methoden der Sowjets in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19. VI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ungarn-Ausschuss der Vereinten Nationen legt Bericht über den ungarischen Freiheitskampf vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 3. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles umreißt die China-Politik der USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Francis O. Wilcox: Amerika strebt die Erhaltung des Weltfriedens an&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christian A. Herter: Die Herrschaft des Rechts muss an die Stelle der Herrschaft des Krieges treten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außeminister Dulles erläutert die jüngsten Abrüstungsvorschläge der USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles legt den westlichen Plan für eine Luft- und Bodeninspektion dar&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower: Die Nahost-Resolution hat zur Verringerung der Spannungen beigetragen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 4. IX. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Abrüstungsvorschläge der Westmächte&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 11. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert Murphy: Probleme der US-Außenpolitik "Würdigung von Dr. Suhr"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 18. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die staatsrechtlichen Aspekte der Spannungen in Little Rock&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles fordert vertrauensvolle Atmosphäre als Grundlage für ein Abrüstungsabkommen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower: Zehn Jahre Gesetz über die Nationale Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 2. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschaft Präsident Eisenhowers und Ansprache von Admiral Lewis L. Strauss zur Eröffnung der ersten Konferenz der Internationalen Atomenergiebehörde&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 16. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Lodge: USA wird an dem Problem der Weltraumkontrolle mitarbeiten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 16. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vizepräsident Nixon: Weltwirtschaftsprobleme&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 30. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Arthur H. Compton: Die Zivilisation steht auf den Spiel&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 30. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Abschlusskommunique zu den Britisch-Amerikanischen Verhandlungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13. XI.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;James J. Wadsworth: Auswirkungen atomarer Strahlung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13. XI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower umreißt Verteidigungsaufgeben der freien Welt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8. XI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower unterbreitet ein Fünf-Punkte-Programm für Forschung und Wissenschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20. XI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Soziale Sicherheit in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 18. XII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower fordert gemeinsame Maßnahmen zur Förderung des Friedens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA - DIENST Sonderbeilagen1958

Ä

3.

I»

Rueckschau und Ausblick 1957/58

15»

I«

Praesident Eisenhower ueber die Lage der Nation.

9»

I«

12«

I,

7*

I«

praesident Eisenhower legt neuen US-Haushalt vor.
Auszuege aus der Budget-Kongresabotschaft

13«

I«

John Forster Dulles: Gipfelkonferenz nur bei
wirklicher Aussicht auf Erfolg»
Wortlaut der Rede vor dem amerikanischen Presseklub in Washington»
/

16«

I,

24«

I&lt;

Fraesident Eisenhower antwortet Bulganin«
Amerika und seine Fuehrungsrolle in der Technik»
Wortlaut einer Rede von James R. Killian
W

A

15«

22»

X«

I»

W

22«

I, praesident Eisenhower unterbreitet Kongress Wirtschaf tsbericht.
1« Text des Begleitschreibens
2, Auszuege aus dem Wirtschaftsbericht
/

A

29»

X«

Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Kernverschmelzung«
Wortlaut der Erklaerung v«n Lewis L. Strauss
Vorsitzender der amerikanischen AEC - ^

Die Amerikanischen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet
der kontrollierten Kernverschmelzungspr«zesse.
Hintergrundmaterial, vorgelegt von Dr. Arthur E. Ruark,
Leiter der Forschungsabteilung der AEC fuer Kontrollierte Kernverschmelzungsprozesso»
^

A

5» II»

Ziel der USAi Aufrechterhaltung der nationalen
Unabhaengigkeit der Voelker im mittleren Osten,
Wortlaut einer Rede v«n John Forster Dulles v«r der
Bagdadpakt-Konferena.
_^

27* I«

Da» amerikanisch- sowjetische Abkommen ueber den
kulturellen 'ustausch
*

2f •

A

12. II.

Der Griff nach den Sternen

W

12» II.

Die Zivilluftfahrt in den Vereinigten Staaten-"^

A

19» II»

Wortlaut des Antwortschreibens Praesiden Eisenhowers
an Ministerpraesident Bulganin
'

17« II.

Eisenhower tritt fuer Staerkung des gemeinsamen
Sicherheitsprogramines der USA ein.

25. II.

W

26. II.

�W 26» II*

Praesident Eisenhower unterbreitet Auslands hilfeprogramm

A 2i»III»

Bruecken der Verstaendigung.
Die Rolle der amerikanischen Stiftungen»

W 28.III*

^

s

Atompolitik im Zeitalter der Raumfahrt»
Auszug einer Rede, die Robert M. McKinney in
Chicago gehalten hat.
/

18* III»

A

3« IV»

Einfuehrung in die Probleme und Möglichkeiten
der Raumfahrt»
Auf Veranlassung Dwight D. Eisenhewers Terfasst
und herausgegeben vom Wissenschaftlichen Beirat des
US-Praesidenten.
**'

W

3* IV»

Aussenminister Dulles fordert Verlaengerung des
Gesetzes ueber gegenseitige Handelsabkommen,
Wortlaut einer Rede« die US-Aussenminister Dulles
am 27. Maerz 1958 in Washington gehalten hat. ^

27* III.

A IL» IV*

Die Abruestung - ein amerikanisches Anliegen
(Hintergrundmaterial)
^

A 25» IV.

Die Gruende der USA fuer die vorlaeufige Fortsetzung der Kernwaffenversuche.
Auszuege aus einer Erklaerung des Vorsitzenden
der amerikanischen Atomenergie-Kommission,
AAmiral Lewis L* Strauss, vom 17»IV-^

17«

IV»

Praesident Eisenhower antwortet Chruschtschow.
Wortlaut des Antwortschreibens
^

28»

IT«

A
W

2.
2*

V»
V»

Gemeinsame Sicherheit und Welthandel.
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretaers fuer Wirtschaftsfragen im US-Aussen«
ministerium, C. Douglas Dillon»
'
Die OEEC und der wirtschaftliche Fortschritt in
Westeuropa.
Wortlaut der Rede des Staatssekretaers im US-Aussen«
ministerium, Christian A* Herter, anlaesslich der
Feierlichkeiten zum zehnjaehrigen Bestehen des
europaeischen Wirtschaftsrates»
/

A

9*

V»

Sicherheitsmassnahmen der USA fuer die Kernwaffenversuche im Pazifik.
Wortlaut der Verlautbarung der US-Atomenergie-kommission
und des US-Verteidigungsministeriums.
_^
Lodge erlaeutert amerikanischen Inspektionsplan fuer die Arktis
Wortlaut der Erklaerung des US-Chefdelegierten bei den
Voreinten Nationen
29, IV.
^

*

�A

9»

V»

John Forster Dulles umreisst amerikanische
Aussenpolitik»
Wortlaut einer Rede vor dem Institut fuer
Atomenergiewirtschaft der Universitaet New
Hampshire

2»

V

3»

V.

Probleme der Entwicklung und Stabilitaet der
Wirtschaft»
Rede des Wirtschaftsberaters des US-Praesidenten,
Dr» Gabriel Hauge, v«r der deutschen Gruppe
der internationalen Handelskammer in Berlin
^ 30»

IV«

USA: Rapaki-Plan nicht umfassend genug«
Wortlaut der US-Note an Polen
W

W

9»

23«

30»

V»

V«

V«

^

US-Auslandshilfe eine Investition fuer den
Aufbau einer friedlichen Welt.
Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten
bei den Vereinten Nationen, Henry Cabot L«dge.

/6. v.

Eisenhower schlaegt Sachverstaendigen-Besprechung
in Genf v»r»
Wortlaut des Schreibens Praesident Eisenhowers
an den sowjetischen Ministerpraesidenten
Chruschtschow, ueberreicht an Meskau
24»

V»

13»

VI. Eisenhower: Die hoechste Aufgabe des Offiziers
ist die Verhinderung des Krieges»
W»rtlaut-Auszuege aus der Ansprache Praesident Eisenhowers
vor den Absolventen der US-Marineakademie in
Annapelis ( Maryland) vom
-^ 4«
VI»

27*

VI. USA veroeffentlichen Dokumente zu den vorbereitenden Besprechungen fuer eine Gipfel»
konferenz ( 16« Juni 1958)
1) Wortlaut des westlichen Memorandums vom
Wortlaut des westlichen *ide Memoire vom
Verschlag zur Oeberpruefung der einzelnen
Punkte zur Tagesordnung, der der UdSSR am
zugestellt worden ist.
^

4»

11»

28»
28»

V.
V»

31»

V»

VII. Herbert Hoover, ehemaliger Praesident der
Vereinigten Staaten, spricht am 4« Juli
in Bruessel:
Ueber die amerikanischen Ideale. ^
VII* Murphy: USA jederzeit zu Verhandlungen bereit.
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden
Staatssekretaers im US-Aussenministerium
Robert Murphy vom 1. Juli
in Hamilton ( New York).
*&lt;

1, VII»

�lli VII»

25» VII»

Praesident Eisenhower ersucht Kongress um
gesetzliche Regelung der Befugnisse des
Aussenrainisters bezueglich der Beschraenkung
v»n Reisepaessen»
Wortlaut der Botschaft vom

7»

VII*

Praesident Eisenhower gibt Entsendung amerikanischer Truppen nach dem Libanon bekannt»
Wortlaut der Erklaerung.
Lodge informiert Vereinte Nationen ueber
amerikanische Truppenlandung im Libanon»
Wortlaut der Erklaerung.
Rundfunk und Fernsehansprache Praesident Eisenhowers
ueber die Lage im nahen Osten»
Wortlaut.
Eisenhower begruendet den amerikanischen
Schritt in nah Ost vor dem Kongress»
Wortlaut der Botschaft»
US-Aussenministerium gibt Einzelheiten der
Infiltration im Libanon bekannt.
,
Wprtlaut des Berichts»
^
UN-Ausschuss fordert Wiederherstellung der
Menschenrechte in Ungarn.
^s~
Wortlaut des Berichts,

l.VIII»

Dulles: Entwicklungen in Nahost unterstreichen
Notwendigkeit der Auslandshilfe.
^
Wortlaut der Erklaerung v«m
/

18» VII»

Briefwechsel zur Frage einer Gipfelkonferenz
ueber die Situation im nahen Osten.
Antwortschreiben Praesident Eisenh«wers v»m
22.7» 58 auf das Schreiben Ministerpraesident
Chruschtschows vom 19»7»58»
Beide Schreiben im Wortlaut.
Die Zusammenarbeit zwischen Euratom und USA.
Wortlaut einer Erklaerung vtn C» Bauglas Dill»n ' 2 2. VII»
US-Aussenminister ersucht Kongress um Befugnis zur
Verminderung v«n Auslandsreisen amerik. Kommunisten.
Wortlaut einer Erklaerung von Robert D. Murphy
16» VII»
8.VIII.

Praesident Eisenh»wer schlaegt Sicherheitsratsitzung fuer 12. August v«r.
Wortlaut des Schreibens
'

l.VIII»

�A

A

8* VIII»

15» Till»

Atome fuer den Frieden.
Ausstellung unÄ Filmprogramm fuer die
II» Genfer Atomkonferenx«
lortlaut der Bede praeaident Eisenhowera
Tor der UR-Yollveraammlung.

/
'
/
15» Till«

US^i veroeffentlicien Memorandum ueber OhinaPolitik,
Wortlaut des vom Uß-Aussenministerium herausgegebenen Memorandums
/

11« Till«

A

221 Till« John Forrter Bullesi Frieden nur durch Recht
und Gerechtigkeit«
Wortlaut einer Ansprache vor der Jahrestagung
des Kr_egsteilnehinerverbandes
"Teterans of Foreign War8 of the US" in New York / 1 8 . Till.

A

29, Till« Eisenhower sohlaegt Einstellung der Kirnivaffen.
versuche vor.
Wortlaut der Erklaerung vom

22» Till.

Konferenz der Atomsachverstaendigen in Genf
beendet»
Wortlaut des Kommuniques
Wortlaut einer Erklaerung von Dr.James
Brown Fisk, Leiter der westlichen Bxpertengruppe»^-

ij

John Forster Bullest Sicherheit der kleinen
lationen iruss gewaehrt werden.
Wortlaut dei Rede zum arabischen Kompromissvorschlag vor der Tollversammlung der Tereinten
lationem«
S
IX. Atomsaohvarstaendige veroeffentlichen Bericht«
Erlaeuterungen der US-Regierung zu dem Bericht,
den die technischen Experten aus Ost und West
als Ergebnis ihrer Genfer Besprechungen aa
/
veroeffentllcht haben.
A

19.

IX. Praesiden Eisenhower unterstreicht feste Haltung
der USA. in der Fernostkriese«
Wortlaut der Rede des US-Praesidenten vom
/
Praeaident Eisenhower ant./ortet Chruschtschow.
Wortlaut des Schreibens vom
/

A

26.

IX« Bulles umre-'.sst Aussenpjlitik der USA
vor der UH-Tollversammlung in lew York*
Wortlaut der Rede des US-Aussenministera vom

21. Till.

50» Till.

11.

IX.

15.

IX,

18.

IX.

25«

IX.

/

A

3,

X. Bulles umreis3t Fernostpolitik der USA»
Wortlaut der Rede vor dem Fernost-Amerikarat
fuer Eandel und Industrie in New York.

�A

1

A

A

3*

10»

17*

X. Formosakrise
NATO.
Wortlaut der
John Forster
Gesellschaft

beruehrt die Grundprinzien der
Rede des JS-Au-senministers
Dulxes vor der Atlantikpaktin Boston.

27«

IX*

4»

X*

X* Lodge umreisst US-Einstellung zur Abruastungzfrage,
fsrtlaut eir?«r Rade des US-Chefdeiegierten
büi den Vereinten Rationen vom lO.X.^Ö vor
dem Ersten Politischen Ausschuss der UR-Yell« Versammlung in Bew Yerk.
10»

X*

X. Eisenhower umreisst Ziele der amerikanischen
FerrOstpolitik,
Wortlaut des Antwortschreibens praesident
Eisenhowers an Senator Theodore Green,
Vorsitzender des Aussenpolitischen Senats*
Ausschusses» Tom

12« XII* Bulles umrdisst US-Aussenpolitik»
Wortlaut einer Reue des US-Aussenministers,
gehalten ver der Hände1ska; mer in Kalifornien
in Sun Francisco am

s

A

19* XII* Das internationale geophysikalische Jahr 1957/58
Die Wissenschaft machte Inventur«
*

A

22* XII* USA-Memorandum zu Berlin*
Wortlaut des vom US-Ministerium veroeffantliehten
Memorandums ueber die rechtlichen Aspekte der
Berlinfraje«

4* XII*

20* XII*

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XI. Jahrgang, Nr. 1

Allgemeines
8. Januar 1958

INHALTSVERZEICHNIS

AMERIKANISCHE GROSSSTÄDTE IM ULIBAU
Ein Jahrzehnt städtebaulicher Neugestaltung
in den USA
(85 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
Serumähnliche Substanz hemmt Wachstum
der Krebszellen
(22 Zeilen)

Seite

1

Der Virulenzursache von Tuberkelbazillen
auf der Spur
(19 Zeilen)

Seite

Chemischer Stoff verursacht Bluthochdruck
(9 Zeilen)

Seite

Rheumatoid-Faktor isoliert
(17 Zeilen)

Seite

6

Seite

7

WIE DER SCHREI EINES GEFANGENE»
Tennessee Williams über seine Beziehung zu
den Mitmenschen
(98 teilen)

* * * * *

5

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XI. Jahrgang. Nr. 2

15. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
POLITIK
ZU PRÄSIDENT EISENHOWERS BOTSCHAFT ÜBER
DIE LAGE DER NATION
Kommentar von John Kerigan
(82 Zeilen)
FORSCHUNG UND TECHNIK
MIKROANALYSE ÜBER DEN FERNSEHSCHIRM
(14 Zeilen, 1 Bild)
EBWR-KRAFTWERKSREAKTOR EIN JAHR IN BETRIEB
Leistung weit höher als erwartet
(40 Zeilen)
VAKUUMSCHMELZVERFAHREN FÜR NIOB
(15 Zeilen)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
EINE GROSSE FERNSEHNACHT
(42 Zeilen, 3 Bilder)
DAS RELATIVE UND DAS ABSOLUTE
Zur Uraufführung von Aaron Coplands
Piano Fantasy
(56 Zeilen)
ANHANG
PRÄSIDENT EISENKOWER ÜBER DIE LAGE DER NATION
Wortlaut der Botschaft vom 9« Januar 1958}
PRÄSIDENT EISENHOWER ANTWORTET BULGANIN
Wortlaut des Schreibens vom 12. Januar 1958
AMERIKA UND SEINE FÜHRUNGSROLLE IN DER TECHNIK
Wortlaut einer Rede von James R. Killian vom
7. Januar 1958

* * * * *

Seite

Seite

Seite

5

Seite

b

Seite

Seite

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XI. Jahrgang, Nr. 5

22. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
POLITIK
... UND 98 PROZENT MUSSEN GEHORCHEN
Die Kommunistische Partei in China findet
wenig Zuneigung
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

ISOTOPE KLÄREN RÄTSEL DER MEDIZIN
Wertvolle Helfer für Diagnose und Therapie
(82 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

FERNSEHSCHIRM ERLEICHTERT STRAHLENBEHANDLUNG
BEI KREBS
(14 Zeilen)

Seite

8

Seite

9

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG

VON KUNST UND KÜNSTLERN
FESTIVAL ZWEIER WELTEN
Italien ist in diesem Jahr Schauplatz
europäisch-amerikanischer Festspiele
(70 Zeilen)
KURZ BERICHTET
PRINCETON-UNIVERSITÄT ERHIELT DEUTSCHE BIBLIOTHEK
(12 Zeilen)
Seite
LEONARD BERNSTEIN NEUER LEITER DER
NEW YORKER PHILHARMONIE
(6 Zeilen)
Seite

12

12

ANHANG
JOHN FOSTER DULLES: GIPFELKONFERENZ NUR BEI WIRKLICHER
AUSSICHT AUF ERFOLG
Wortlaut der Rede vom 16. Januar 1958 vor dem amerikanischen
Pressekluh in Washington

* * * * *

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29. Januar

XI. J a h r g a n g . Nr. 4

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
MEILENSTEINE
ABRAHAM LINCOLN, DIE PERSONIFIZIERUNG
DES BESSEREN AMERIKA
Zum Geburtstag Abraham Lincolns am 12. Februar
(85 Zeilen, 1 Bild)

Seite

HOCHSCHULWESEN
DER TYP DES NEUEN AMERIKANISCHEN
HOCHSCHULPROFESSORS: LEHRER UND GELEHRTER
Von John B. Oakes
(110 Zeilen, 1 Bild)

Seite

VON
DIE
Von
(90

Seite

KUNST UND KÜNSTLERN
BROADWAY MUSICALS UND DER FILM
Norman Smith
Zeilen)

KURZ BERICHTET
DAS DEUTSCHE THEATER IN SALT LAKE CITY
(17 Zeilen)

Seite

4

LISTE DER GEDENKTAGE IM FEBRUAR 1958

Seite

12

ANHANG
FORSCHUNGSERGEBNISSE AUF DEM GEBIET DER KERNVERSCHMELZUNG
Neue Perspektiven für die Lösung des Energieproblems
Wortlaut der Erklärung von Lewis L. Strauss, Vorsitzender
der amerikanischen AEC, vom 24. Januar 1958
DIE AMERIKANISCHEN FORSCHUNGSARBEITEN AUF DEM GEBIET DER
KONTROLLIERTEN KERNVERSCHMELZUNGSPROZESSE
Hintergrundmaterial, vorgelegt von Dr. Arthur E. Ruark, Leiter
der Forschungsabteilung der AEC für kontrollierte Kernverschmelzungsprozesse
ZIEL DER USA: AUFRECHTERHALTUNG DER NATIONALEN UNABHÄNGIGKEIT
DER VÖLKER IM MITTLEREN OSTEN
Wortlaut einer Rede von John Foster Dulles vor der BagdadpaktKonferenz vom 27. Januar 1958

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XI. Jahrgang« Nr. 5

5. Februar 1958
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
REPORTAGE AUS DEM WELTRAUM
Erdsatelliten als Mittler neuen Wissens
(76 Zeilen, 1 Bild)
•nV.*TOFOT.GREICHESTART DES US-ERDSATELLITEN
ist vor allem drei Wissenschaftlern zu verdanken:
William H. Pickering
James A. van Allen
Wernher von Braun
(Hintergrundmaterial)
(98 Zeilen)
"OPERATION M00NWATCH" ANGELAUFEN
Amateurgruppen liefern wichtige Hinweise
zur Beobachtung von "Explorer" auf seiner
Umlaufbahn
(90 Zeilen, 3 Bilder)
ZWEITE JUPITER-C-RAKETE IN KÜRZE STARTKLAR
Verwendung als Postrakete geplant
(32 Zeilen)

Seite

Seite

Seite

8

Seite

12

KERNPHYSIKALISCHE FORSCHUNG
GESTEUERTE KERNFUSION
Der Weg zu einer endgültigen Lösung des
Energieproblems (95 Zeilen, 3 Fotos, 1 Schaubild) Seite

15

KURZNACHRICHT
US-LUFTWAFFE ENTWICKELT SCHUTZANZUG
FÜR WELTRAUMFAHRER
(14 Zeilen)
ANHANG
DAS AMERIKANISCH-SOWJETISCHE ABKOMMEN ÜBER DEN
KULTURELLEN AUSTAUSCH VOM 27. JANUAR 1958
(Wortlaut)

* * * * *

Seite

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XI.Jahrgang. Nr. 6

12. Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
1958 - ALPHA
Leicht gekürzte Passung eines Artikels aus
der amerikanischen Wochenzeitschrift "TIME"
(165 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

VOLLAUTOMATISCHE NAVIGATION BEI AMERIKANISCHEN
FERNRAKETEN
Keine Kursablenkung durch Störmanöver möglich
(65 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

7

Seite

10

VON KUNST UND KÜNSTLERN
AM PULTs DER KOMPONIST
Igor Strawinskijs' Schallplattenaufnahmen
eigener Werke als Ergänzung der Partitur
Von Alfred Frankenstein
(75 Zeilen)

ANHANG
DER GRIFF NACH DEN STERNEN

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XI. Jahrgang. Nr. 7

19. Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
DIE FERNSEHUNIVERSITÄT: EINE NEUE FORM
DER HOCHSCHULBILDUNG?
Zwei Experimente, die von sich reden machen
(95 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

GEWEBEBANK ERWEITERT MÖGLICHKEITEN DER
KREBSFORSCHUNG
Kältekonservierung bei minus 76 Grad
(69 Zeilen)

Seite

DIE GUTENBERGBIBEL IN EINER PRIVATSAMMLUNG
Bibliophile Leidenschaften eines
amerikanischen Mäzens
(63 Zeilen)

Seite

KURZNACHRICHTEN
CHLOROTHIAZID, EIN NEUES MEDIKAMENT
GEGEN BLUTHOCHDRUCK
(10 Zeilen)
CARL-SANDBURG-AUSSTELLUNG DER STAATSUNIVERSITÄT
VON ILLINOIS
(6 Zeilen)

8

Seite

Seite

ANHANG
WORTLAUT DES ANTWORTSCHREIBENS PRÄSIDENT EISENHOWERS AN DEN
SOWJETISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN BULGANIN V. 17. FEBRUAR 1958

* # * * *

1

10

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Allgemeines
26. Februar 1958

XI. Jahrgang, Nr» 8

INHALTSVERZEICHNIS
ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
DIE ERSCHLIESSUNG DER ATMOSPHÄRE FÜR
DIE GEOPHYSIKALISCHE WISSENSCHAFT
Raketen als unentbehrliches Hilfsmittel
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

FERNSEHEN
GEBÜHRENPFLICHTIGE ODER GEBÜHRENFREIE
FERNSEHPROGRAMME
Das Publikum hat die Wahl
Von John Kerigan
(58 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
ART t USA t 58
Überblick über das zeitgenössische
Kunstschaffen in USA
(50 Zeilen)

Seite

AMERIKAS SCHÖNSTER KONZERTSAAL
Die Konzerte der Washingtoner National Gallery
of Art
(58 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

Seite

12

LISTE DER GEDENKTAGE IM MÄRZ 1958

*

*

#

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Allgemeines

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5. März

XI. Jahrgang. Nr. 9

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
DAS KULTURELLE LEBEN EINER AMERIKANISCHEN
PROVINZSTADT
Von Norman Smith
(73 Zeilen)

Seite

1

STEINE FALLEN VOM HIMMEL
Zeugen längst versunkener Welten
(110 Zeilen)

Seite

4

SCHtlLERBESUCH IN FORSCHUNGSSTÄTTEN DER AEC
(37 Zeilen)

Seite

8

PLUTONIUM ALS KERNBRENNSTOFF
(21 Zeilen)

Seite

9

FAST 7000 AUSLANDSÄRZTE KAMEN 1957
ZUR FORTBILDUNG NACH USA
(11 Zeilen)

Seite

10

LANDEBREMSVORRICHTUNG FÜR ÜBERSCHALLFLUGZEUGE
(10 Zeilen)

Seite

10

ATOM - WISSENSCHAFT - TECHNIK

KURZ BERICHTET
ERGEBNIS EINER MEINUNGSUMFRAGE über die
Gleichberechtigung von Mann und Frau, durchgeführt
in 13 Ländern der freien Welt
(14 Zeilen)

* * * * *

Seite

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XI. Jahrgang. Nr. 10

Allgemeines
14. März

1958

INHALTSVERZEICHNIS
ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
BESTANDSAUFNAHME AN DEN EISMASSEN UNSERER ERDE
Gletscherforschungen von 2f Ländern im IGJ
(98 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

Seite

5

Seite

5

Seite

8

ARCHITEKTUR
ARCHITEKTUR MUSS IM LEBEN SELBST WF 7.ELN
Eero Saarinen ist heute einer der führenden
Architekten der Vereinigten Staaten
(90 Zeilen, 3 Bilder)
POLITIK
GLEICHBERECHTIGUNG DER FRAUEN
und was die Kommunisten darunter verstehen
Betrachtung zum Internationalen Frauentag
der IDFF
(86 Zeilen)
KURZNACHRICHTEN
MRS. R00SEVELT ERNEUT AUSGEZEICHNET
(10 Zeilen)

* * * * *

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XI. Jahrgang, Nr. 11

Allgemeines
21. März 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
DAS EISENHOWER-NIXON-ABKOMMEN
über den "amtierenden Präsidenten"
Von John Kerigan
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

ATOM-FORSCHUNG-TECHNIK
Brief aus Argonne
Die Merkmale des EBWR-Reaktors
Unkompliziert - zuverlässig - billig
(58 Zeilen)

Seite

5

Seite

7

Seite

10

Seite

4

Seite

11

Neuer Elektronenbeschleuniger für
radiochemische Forschung
(80 Zeilen, 2 Bilder)
BIBELFUND BEGRÜNDET FREUNDSCHAFT
Düsseldorfer Dekan widmet seine Bibel
amerikanischem Kongreßabgeordneten
(20 Zeilen)
KULTURNOTIZEN
SKULPTUREN FÜR BRÜSSEL
US-KONGRESSBIBLIOTHEK VERÖFFENTLICHT ERSTEN
NATIONAL UNION CATALOGUE IN BUCHFORM
(9 Zeilen)
LISTE DER GEDENKTAGE FÜR APRIL 1958

* * * * *

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X I . Jahrgang, N r . 12

Allgemeines
28. März 1958

INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
AUFGABEN DER NATO IN DER ZUKUNFT
Zum 9» Jahrestag der Gründung des
NATO-Bündnisses am 4. April
(135 Zeilen)

Seite

\

DIE ERNTE DER ERNTE
Die Huntington Library in San
Marino (Kalifornien)
(75 Zeilen)

Seite

6

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
Sonnenstrahlen als Energiequelle für
VANGUARD-1-Sender
Temperaturmessung mit Hilfe elektrischer
Schwingungen
(70 Zeilen)

Seite

9

Seite

8

KURZNACHRICHTEN
LITERATURPREIS FÜR KATHRYN HULME
(8 Zeilen)
ANHANG
BRÜCKEN DER VERSTÄNDIGUNG
Die Rolle der amerikanischen Stiftungen
Vorwort - Textteil - Anhang

*

•

»

#

#

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XI. Jahrgang, Nr« 13

3. April 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
DAS ERZIEHUNGSWESEN DER SOWJETUNION
Versuch einer kritischen Wertung
Von Alexander Korol, Mitarbeiter des
Instituts für Internationale Studien
der Technischen Hochschule von Massachusetts
(MIT)
(145 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
Leonard Bernstein - der neue Musikdirektor
der New Yorker Philharmoniker
(115 Zeilen, 1 Bild)

Seite

7

Ehrung für acht Millionen Sonntagsmaler
Metropolitan Museum of Art stellt
Churchill aus
(46 Zeilen)

Seite

11

KURZNACHRICHTEN
Neues William Inge-Stück in New York uraufgeführt
(10 Zeilen)

Seite

ANHANG
EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEME UND MÖGLICHKEITEN DER RAUMFAHRT
Auf Veranlassung Dwight D. Eisenhowers verfaßt und herausgegeben
vom Wissenschaftlichen Beirat des US-Präsidenten

* * * * *

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11 . April 1958

XI. Jahrgang. Nr. 14
INHALTSVERZEICHNIS

DIE WISSEHSCHAFT NOTIERT
THEORIE ÜBER VIREN ALS KREBSERREGER WEITER ERHÄRTET
Ergebnisse einer internationalen Wissenschaftlertagung in New York
(62 Zeilen)

Seite 1

KRYPT0N-85 ZUR DIAGNOSE VON HERZKAMMERTRENNWANDSCHÄDEN
(52 Zeilen)

Seite 3

NEUES ANTIBIOTIKUM ZUR BEKÄMPFUNG
VON STAPHYLOKOKKEN
(12 Zeilen)

Seite

4

VON KUNST UND KÜNSTLERN
AMERIKA AUF DEM WEGE ZU EINER EIGENEN
BODENSTÄNDIGEN OPER
Von Howard Taubmann, Musikkritiker der
"New York Times"
(115 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

DER NEUE BROADWAY HIT; "SCHAU HEIMWÄRTS.ENGEL"
Thomas Wolfes erster Roman als Bühnenstück
(58 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

10

MAHALIA JACKSON ALS BESSIE MAY IM PARAMOUNT-FILM
"ST. LOUIS BLUES"
(5 Zeilen)

Seite

12

ANHANG
DIE ABRÜSTUNG - EIN AMERIKANISCHES ANLIEGEN
(Hintergrundmaterial)

* * * * *

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18. April 1958

XI. Jahrgang. Nr. 15
INHALTSVERZEICHNIS

FAMILIENZUSAMMENFÜHRUNG IST EIN GEBOT DER MENSCHLICHKEIT
Das Kennedy-Gesetz und seine Auswirkungen
(60 Zeilen)

Seite

1

BRÜSSELER WELTAUSSTELLUNG
165 .junge Amerikaner als Fremdenführer in Brüssel
(12 Zeilen)

Seite

3

ATOM - WISSENSCHAFT - TECHNIK
Ionenmotor für Raumraketen
(40 Zeilen)

Seite

4

Dispersionsverfahren erleichtert Behandlung
radioaktiver- Abfälle
(20 Zeilen)

Seite

5

Hochreines Uran-Metall
(12 Zeilen)

Seite

6

Tonband und Kleinempfänger als Museumsführer
(60 Zeilen, 1 Bild)

Seite

6.

VON KUNST UND KUNSTLERN
Poesie - Eine Liebhaberzeitschrift mit Tradition
Von Norman Smith
(56 Zeilen)

Seite

3

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XI. Jahrgang, Nr. 16

Allgemeines
25. April 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
ATOMREAKTOR SONNE
Energieströme beeinflussen Lebensrhythmus
und Umwelt
(125 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

POLITIK
ZWEIERLEI MASSSTÄBE FÜR NATURWISSENSCHAFTLER
UND GEISTESWISSENSCHAFTLER IN DER UdSSR
Die relative Freiheit der sowjetischen Naturwissenschaftler
(86 Zeilen)

Seite

6

WELTAUSSTELLUNG BRÜSSEL
Der kulturelle Beitrag der USA zur Brüsseler
Weltausstellung
(55 Zeilen)

Seite

9

LISTE DER GEDENKTAGE IM MAI 1958

Seite

11

ANHANG
DIE GRÜNDE DER USA FÜR DIE VORLÄUFIGE
FORTSETZUNG DER KERNWAFFENVERSUCHE
Auszüge aus einer Erklärung des Vorsitzenden
der amerikanischen Atomenergie-Kommission,
Admiral Lewis L. Strauss, vom 17« April 1958
# * * » »

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XI. Jahrgang, Nr. 17

2. Mai 1958
INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
REORGANISATION DER MILITÄRISCHEN FÜHRUNG
IN DEN USA
Präsident Eisenhower unterbreitet dem Kongreß
umfassenden Plan
Von John Kerigan
(78 Zeilen)

Seite

"EKMY" FÜR "REQUIEM FÜR EINEN SCHWERGEWICHTLER"
Wege des amerikanischen Fernsehens
(95 Zeilen, 1 Bild)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
Der Vater des Blues
William C. Handy lebt im amerikanischen
Jazz weiter
(62 Zeilen, 1 Bild)

Seite

8

AUSLÄNDISCHE JOURNALISTEN BESICHTIGEN ARGONNE
unter ihnen auch Vertreter der Bundesrepublik
(16 Zeilen)

Seite

11

ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER ANTWORTET CHRUSCHTSCHOW
Wortlaut des Antwortschreibens vom 28. April 1958

* * * * *

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XI. Jahrgang. Nr. 18

9. Mai 1958
INHALTSVERZEICHNIS

SPORT
BLICKRICHTUNG KALIFORNIEN
Zwei der großen Baseballvereine Amerikas haben
neues Heim in Kalifornien bezogen
(55 Zeilen, 1 Bild)
DIE WISSENSCHAFT NOTIERT
PLAZENTA-UNTERSUCHUNGEN ZUM SCHUTZ DES NEUGEBORENEN
(45 Zeilen)
HEPARIN STEIGERT WIRKSAMKEIT VON ANTIBIOTIKAS
(20 Zeilen)
SZINTILLATIONSZÄHLER ALS WICHTIGES HILFSMITTEL
BEI METASTASENLOKALISIERUNG
(24 Zeilen)

Seite

Seite

3

Seite

4

Seite

5

MINIATUR-SCHWIMMGÜRTEL
6
(10 Zeilen)
Seite
VON KUNST UND KÜNSTLERN
KLYTÄMNESTRA TRÄGT MODERNE ABENDKLEIDUNG
Martha Grahams ehrgeizigster Tanzzyklus
"Klytämnestra" begeisterte New York
(68 Zeilen, 2 Bilder)
Seite
ANHANG
SICHERHEITSMASSNAHMEN DER USA FÜR DIE KERNWAFFENVERSUCHE IM PAZIFIK
Wortlaut der Verlautbarung der US-Atomenergie-Kommission und des
US-Verteidigungsministeriums
LODGE ERLÄUTERT AMERIKANISCHEN INSPEKTIONSPLAN FÜR DIE ARKTIS
Wortlaut der Erklärung des US-Chefdelegierten bei den Vereinten
Nationen vom 29. April 1958
JOHN FOSTER DULLES UMREISST AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
Wortlaut einer Rede vom 2. Mai 1958 v o r dem Institut für
Atomenergiewirtschaft der Universität von New Hampshire
USA; RAPACKI-PLAN NICHT UMFASSEND GENUG
Wortlaut der US-Note an Polen, überreicht am 3. Mai 1958

* * * * *

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Allgemeines

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16. Mai 1958

X I . J a h r g a n g , N r . 19

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
Das Rätsel der kosmischen Strahlen
Erdsatelliten bewähren sich als wertvolle
Hilfsmittel der wissenschaftlichen Untersuchungen
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

Verleihung am 3• Juni 1958
(68 Zeilen)

Seite

6

Weinberg-Stiftung stiftet 100 000 Dollar für
Bibliotheksbau der Cornell-Universität,
Ithaca (New York)
(13 Zeilen)

Seite

8

Amerika ehrt James Monroe anläßlich seines
200. Geburtstages
(56 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

Seite

11

PREISE - STIFTUNGEN - EHRUNGEN
V/eltbrüderlichkeits-Preise
Städte

für

amerikanische

VON KUNST UND KÜNSTLERN
Gutes Theater ist Sache der Kritiker
Zur Stiftung des George-Jean-Nathan-Preises
für Theaterkritik
Von Norman Smith
(90 Zeilen)

•

* * * *

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XI. Jahrgang, Nr. 20

Allgemeines

23. Mai

1958

INHALTSVERZEICHNIS

M S PORTRÄT
LEE DE FOREST
Ein Leben für die Entv/icklung der Radiound Tontechnik
(125 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

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6

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8

DIE BRÜSSELER V/ELTAUSSTELLUNG
KULTURELLE VERANSTALTUNGEN DER USA
Liste der Programme, chronologisch geordnet
(66 Zeilen)

Seite

9

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR JUNI 1958

Seite

11

WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
LANDWIRTSCHAFTLICHE FORSCHUNG
Die ersten beiden GrundlagenforschungsLaboratorien eröffnet - Reine Forschung
regt angewandte Forschung an
(50 Zeilen, 2 Bilder)
ÖFFENTLICHER GESUNDHEITSDIENST IN DEN USA
UNTERSTÜTZT FORSCHUNG IM AUSLAND
(12 Zeilen)

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30. Mai

XI. Jahrgang, Nr. 21

1958

INHALTSVERZEICHNIS

DER KAMPF UM DIE EINHEIT EUROPAS
Professor Zürcher von der New York Universitär
unterstreicht die Einzigartigkeit der europäischen Integrationsbestrebungen
(62 Zeilen)

Seite

ATOM - WISSENSCHAFT - TECHNIK
NEUE ERKENNTNISSE ÜBER DEN RADIOAKTIVEN
ZERFALL DER NEUTRONEN
(120 Zeilen)

Seite

4

VON KUNST UND KÜNSTLERN
MITTWOCHS IST MALTAG
Kurse für die Kunsterziehung der
Hausfrauen machen Schule
(34 Zeilen, 1 Bild)

Seite

8

GELDPREISE FÜR SAMUEL BARBER UND ARTHUR HONEGGER
(9 Zeilen)

Seite

3

FRIEDRICH GULDA SPIELT JAZZ
im Rahmen der "Music-USA"-Reihe der
"Stimme Amerikas"
(18 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

ANHANG
EISENHOWER SCHLÄGT SACHVERSTÄNDIGEN-BESPRECHUNGEN IN GENF VOR
Wortlaut des Schreibens Präsident Eisenhowers an den sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow, überreicht in Moskau
am 24. Mai 1958.

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6. Juni

XI. Jahrgang. Nr. 22

1958

INHALTSVERZEICHNIS

SCHULWESEN
UNTERRICHT VIA FERNSEHSCHIRM
Die jüngsten Entwicklungen in den USA
Inwieweit wird der Fernsehschirm den
Katheder ersetzen?
Von John Kerigan
(76 Zeilen)

Seite

1

DIE WISSENSCHAFT NOTIERT
REAKTORABDÄMPFE ZUR KÜNSTLICHEN HERBEIFÜHRUNG
VON REGEN VERWENDBAR?
(80 Zeilen)

Seite

4

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
DIE BEDEUTUNG KÜNSTLICHER ERDSATELLITEN
FÜR DIE GEODÄSIE
Erdvermessung mit neuen Methoden
(110 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

7

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13. Juni

X I . J a h r g a n g . N r . 23

1958

INHALTSVERZEICHNIS

DIE KERNPHYSIKALISCHE FORSCHUNG
NEUE THEORIEN AMERIKANISCHER WISSENSCHAFTLER
ZUM PROBLEM DER KONTROLLIERTEN KERNVERSCHMELZUNG
(54 Zeilen)

Seite 1

FERNKURSE IN KERNTECHNIK
(11 Zeilen)

Seite

TRITIUM ALS STRAHLENQUELLE IN WISSENSCHAFTLICHEN
INSTRUMENTEN
(12 Zeilen)

Seite 3

WISSENSCHAFT
HUNDERT JAHRE AMERIKANISCHE GESELLSCHAFT
ZUR FÖRDERUNG DER WISSENSCHAFTEN (AAAS)
Das Parlament der amerikanischen Naturwissenschaftler
(95 Zeilen)

3

Seite

4

Seite

7

Seite

8

KURZNACHRICHTEN
ELEKTRONENHIRNE VERDRÄNGEN ROUTINEARBEIT
(16 Zeilen)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
BESEELTER DRAHT
Mobiles von Alexander Calder in der CorcoranGalerie - Zum 60. Geburtstag A. Calders am
22. Juli 1958
(70 Zeilen, 3 Bilder)

ANHANG
EISENHOWER: DIE HÖCHSTE AUFGABE DES OFFIZIERS IST
DIE VERHINDERUNG DES KRIEGES
Wortlaut-Azszüge aus der Ansprache Präsident Eisenhowers
vor den Absolventen der US-Marineakademie in Annapolis
(Maryland) vom 4. Juni 1958
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)

20. Juni 1958

XI. Jahrgang, Nr. 24
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
S C EWERKRAFTI.1ES S UN GEN
(54 Zeilen)

Seite

T

DIE ERSTEN AUFNAHMEN V.OM GRUND D E D SÜDATLANTIK
(23 Zeilen)

Seite

3

DIE "STILLE REVOLTE" DER UNGARISCHEN SCHRIFTSTELLER
I. Teil
Von Paul Landy, Wien
(92 Zeilen)

Seite

4

EIN DOLLAR FÜR DIE PARTEI
Wähler sollen Wahlkampagnen mitfinanzieren
Von John Kerigan
(66 Zeilen)

Seite

7

POLITIK

VON KUNST UND KÜNSTLERN
PHANTASIE UND GESCHMACXAN DEN KLASSIKERN GEBILDET
"King-Coit", Schule und Theater für Kinder
(75 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 10

KURZNACHRICHT
IAEA PLANT HANDBUCH FÜR DIE VERWENDUNG VON
RADIOISOTOPEN
(13 Zeilen)

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Seite

9

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27. Juni 19J\Q

XI. Jahrgang. Nr. 25
INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
DIE "STILLE REVOLTE" DER UNGARISCHEN
SCHRIFTSTELLER (II und Schluß)
"Volks"- oder "Bauern"-Schriftsteller
Von Paul Landy, Wien
(98 Zeilen)

Seite

1

75 JAHRE AMERIKANISCHER BUNDESDIENST
Rund 2,4 Millionen Bedienstete in 16 000
Berufssparten
(90 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

GEISTESTRAINING IN NEW YORK
Unterricht für überdurchschnittlich begabte
Schüler
(78 Zeilen)

Seite

9

AMERIKANISCHE PÄDAGOGEN BESUCHEN DEUTSCHLAND
(9 Zeilen)

Seite

12

AMERIKANISCHE GESELLSCHAFT FÜR DIE
SCHÖNEN KÜNSTE VERTEILT KUNSTPREISE
(10 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

KURZ BERICHTET

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR JULI 1958
ANHANG

USA VERÖFFENTLICHEN DOKUMENTE ZU DEN VORBEREITENDEN
BESPRECHUNGEN FÜR EINE GIPFELKONFERENZ (16. Juni 1958)
1) Wortlaut des westlichen Memorandums vom 28. Mai
2) Wortlaut des westlichen Aide Memoire vom 28. Mai
3) Vorschlag zur Überprüfung der einzelnen Punkte zur
Tagesordnung, der der UdSSR am 31. Mai zugestellt
worden ist.

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XJ. Jahrgang« Nr. 26.

Allgemeines
4. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS
ATOM - WISSENSCHAFT r- TECHNIK
AMERIKANISCHES AUSSTELLUNGSPROGRAMM
FÜR GENFER ATOMKONFERENZ
(65 Zeilen)

Seite

TATKRÄFTIGE UNTERSTÜTZUNG AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN DURCH DIE AEC
(16 Zeilen)

Seite

HERZDIAGNOSE MIT ULTRASCHALL UND RADIOJOD
(17 Zeilen)

Seite

1

4

DER AMERIKANISCHE LUFTRETTUNGSDIENST
(55 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
MUSIKERZIEHUNG EINMAL ANDERS
Van Vactor dirigiert vor deutschen Schülern
(50 Zeilen)

Seite

8

KULTURELLE KURZNACHRICHTEN
(12 Zeilen)

Seite

7

ANHANG
HERBERT HOOVER, EHEMALIGER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN STAATEN,
SPRICHT AM 4. JULI 1958 IN BRÜSSEL:
ÜBER DIE AMERIKANISCHEN IDEALE
ACHTUNG REDAKTIONEN:

Wir bitten Sie um Einhaltung der
angegebenen Sperrfrist

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XI. Jahrgang. Nr» 27

11

J u l i 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
AUSLÄNDERN ZUTRITT VERBOTEN
Sperrzonen in der Sowjetunion
(140 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite 1

LEHRBUCH SCHALLPLATTE
Freiwilliges Hilfswerk hilft blinden
Studenten
Von Meyer Berger, New York
(52 Zeilen)

Seite

7

AMERIKA RICHTET LUFTKORRIDORE FÜR DEN
INNERAMERIKANISCHEN FLUGVERKEHR EIN
Präsident Eisenhower schlägt Schaffung
eines zentralen Luftfahrtamtes vor
Von John Kerigan
(85 Zeilen)

Seite

9

ANHANG
MURPHY; USA JEDERZEIT ZU VERHANDLUNGEN BEREIT
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs
im US-Außenministerium Robert Murphy vom 1. Juli 1958
in Hamilton (New York)
PRÄSIDENT EISENHOWER ERSUCHT KONGRESS
um gesetzliche Regelung der Befugnisse des Außenministers
bezüglich der Beschränkung von Reisepässen (Wortlaut der
Botschaft vom 7. Juli 1958)

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XI. Jahrgang, Nr. 28

Allgemeines
18. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS
!

\

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
EXPLORER III ERFORSCHTE WISSENSCHAFTLICHES NEULAND
(60 Zeilen, 1 Bild)

Seile

PARALLELSTROM ZUM ÄQUATOR IM STILLEN OZEAN
(28 Zeilen)

Seite

POLARLICHTBEOBACHTUNGEN IM ANTARKTISCHEN WINTER
(26 Zeilen)

Seite

TECHNISCHER FORTSCHRITT
HANDELS-UNTERSEEBOOTE UND FLÜGELSCHIFFE
Amerikanische Forschung auf der Suche nach
neuen Möglichkeiten im Schiffbau
(60 Zeilen)

Seite

POLITIK
DIE FEINDE DES REGIMES
Die Minderheiten machen Peking zu schaffen
Von James W. Berner
I. Teil
(130 Zeilen, 1 Schaubild)

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Seite

1

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XI» Jahrgang, N r . 29
INHALTSVERZEICHNIS

•jemeines
2 5 . J u l T 1958

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
BIOCHEMISCHE FORSCHUNG AUF NEUEN WEGEN
(48 Zeilen)
NEUES DIAGNOSEVERFAHREN BEI ARTHRITIS
(6 Zeilen)
BROT FÜR REKONVALESZENTEN
(20 Zeilen)
KIEFERANÄSTHESIE DURCH SPRÜHINJEKTION
(14 Zeilen)
FARBTEST AUF SCHUPPENFLECHTE
(15 Zeilen)

Seite

1

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2

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3

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3

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4

POLITIK
DIE FEINDE DES REGIMES
Die Minderheiten machen Peking zu schaffen
Von James W. Berner - II. Teil
(100 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
MODERNES WOHNEN
Ausstellung in der Corcoran Gallery in Washington
Von Norman Smith
(60 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

LISTE DER GEDENKTAGE IM AUGUST 1958
ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER GIBT ENTSENDUNG AMERIKANISCHER
TRUPPEN NACH DEM LIBANON BEKANNT
(Wortlaut der Erklärung)
LODGE INFORMIERT VEREINTE NATIONEN ÜBER AMERIKANISCHE
TRUPPENLANDUNG IM LIBANON
(Wortlaut der Erklärung)
RUNDFUNK- UND FERNSEHANSPRACHE PRÄSIDENT EISENHOWERS
ÜBER DIE LAGE IM NAHEN OSTEN
(Wortlaut)
EISENHOWER BEGRÜNDET DEN AMERIKANISCHEN SCHRITT IN
NAHOST VOR DEM KONGRESS
(Wortlaut der Botschaft)
US-AUSSENMINISTERIUM GIBT EINZELHEITEN DER INFILTRATION
IM LIBANON BEKANNT
(Wortlaut des Berichts)
UN-AUSSCHUSS FORDERT WIEDERHERSTELLUNG DER MENSCHENRECHTE IN UNGARN
(Wortlaut des Bericht«)

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1 . August 1958

XI. Jahrgang, Nr. 50
INHALTSVERZEICHNIS
DIE KERNPHYSIKALISCHE FORSCHUNG

ATOMZERTRÜMMERER ERFORSCHEN DAS INNERSTE DER MATERIE
Leitsätze von gestern müssen neuer Erkenntnis
weichen
Von Robert K. Plumb
(130 Zeilen, 1 Bild)

Seite

POLITIK
DIE FEINDE DES REGIMES
Die Minderheiten machen Peking zu schaffen
Von James W. Berner III. Teil und Schluß
(126 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE SCHALLPLATTE IM BÜCHERSCHRANK
Die neuesten literarischen Aufnahmen
in den USA
Von Norman Smith
(62 Zeilen)

Seite

11

Seite

10

Seite

13

KURZNACHRICHTEN
STARKES INTERESSE FÜR ERWACHSENENBILDUNG
(18 Zeilen)
KATALOG ZUM AMERIKANISCHEN PAVILLON
(13 Zeilen)
ANHANG
DULLES: ENTWICKLUNGEN IN NAK0ST UNTERSTREICHEN
NOTWENDIGKEIT DER AUSLANDSHILFE
(Wortlaut der Erklärung
vom 18. Juli 1958)
BRIEFWECHSEL ZUR FRAGE EINER GIPFELKONFERENZ ÜBER
DIE SITUATION IM NAHEN OSTEN
(Antwortschreiben Präsident Eisenhowers vom 22. Juli 1958
auf das Schreiben Ministerpräsident Chruschtschows vom
19. Juli 1958; beide Schreiben im Wortlaut)
DIE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN EURATOM UND USA
(Wortlaut einer Erklärung von C. Douglas Dillon vom 22. 7. 1958)
US-AUSSENMINISTER ERSUCHT KONGRESS UM BEFUGNIS ZUR VERMINDERUNG
VON AUSLANDSREISEN AMERIKANISCHER KOMMUNISTEN
(Wortlaut einer Erklärung von Robert D. Murphy vom 16. 7~» 1958)
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8. Äug

XI. Jahrgang, Nr. 31
INHALTSVERZEICHNIS
AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
STIMMEN DER TIEFE
Die Fische sind nicht stumm
Von Marie Poland Fish
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

EXPLORER IV ERKUNDET INTENSIVE STRAHLUNG
IN 1000 KM HÖHE
(40 Zeilen)

Sei*«

5

WINDTUNNEL FÜR DIE RAUMFORSCHUNG
(14 Zeilen)

Seite

6

POLITIK
400 000 AMERIKANER STAMMEN AUS DEM LIBANON
Skizze der libanesisch-amerikanischen
Beziehungen
Von John Kerigan
(52 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
VON DER KAMERA FASZINIERT
Alfred-Stieglitz-Ausstellung in der National
Gallery of Art in Washington
Von Norman Smith
(85 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

10

ERFOLGREICHE TOURNEE DER NEW YORKER
PHILHARMONIKER
(6 Zeilen)

Seite

15

EHRENDOKTOR FÜR MARIAN ANDERSON
(5 Zeilen)

Seite

13

ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER SCHLÄGT SICHERHEITSRATSITZUNG
FÜR 1 2 . AUGUST VOR
(Wortlaut des Schreibens vom 1. August 1958)
ATOME FÜR DEN FRIEDEN
(Ausstellungs- und Filmprogramm der USA für die II,
Genfer Atomkonferenz)
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XI. Jahrgang. Nr. 52

15- August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

AUS DER KERNPHYSIKALISCHEN FORSCHUNG
AT0MF0RSCKUNCSZENTRUM ARGONNE NATIONAL LAB0RAT0RY
Treffpunkt für Wissenschaftler aus aller Welt
'(120 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

GESUNDHEITSWESEN
GESUNDHEITSFÜRSORGE IM AMERIKANISCHEN
PAZIFIK-TREUHANDGEBIET
Die einheimischen Hilfsärzte haben sich
ausgezeichnet bewährt
(110 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

DIE ERSTEN ZEHN JAHRE DER WELTGESUNDHEITSORGANISATION
(5 Zeilen)
Seite

10

VON KUNST UND KÜNSTLERN
JAZZ-IMPRESSIONEN AUS EUROPA UND ASIEN
Dave Brubeck kündigt Schallplattenalbum mit
musikalischen Reminiszenzen seiner Tournee an
(36 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

ANHANG
WORTLAUT DER REDE PRÄSIDENT EISENHOWERS VOR DER
UN-VOLLVERSAMMLUNG VOM 13.8.1958
USA VERÖFFENTLICHEN MEMORANDUM ÜBER CHINAPOLITIK
Wortlaut des am 11. August 1958 vom US-Außenministerium
herausgegebenen Memorandums

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XI. Jahrgang, Nr. 55

22. August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

AUS DER KERNPHYSIKALISCHEN FORSCHUNG
BROOKHAVEN NATIONAL LABORATORY
Arbeitsstätte neun amerikanischer Universitäten
zur Förderung der Atomforschung
(115 Zeilen, 3 Bilder)

Seite 1

SEEWEG LONDON - TOKIO UM 5000 MEILEN KÜRZER
Die Pionierfahrt der "Nautilus" und ihre möglichen
Auswirkungen auf den gesamten internationalen Handel
Von John Kerigan
(56 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
AMERIKAS KOMPONISTEN SYMPHONISCHER MUSIK
Über die deutsche Tradition zum eigenen musikalischen
Stil
Von Paul Henry Lang, Professor für Musikwissenschaft
an der Columbia-Universität und Musikkritiker der
"New York Herald Tribüne", New York
(140 Zeilen)
Seite
KURZ BERICHTET
STARKER SCHIFFSVERKEHR DURCH NEUE US-SCHLEUSEN
AUF DEM ST. LORENZSTROM
(7 Zeilen)

Seite

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR SEPTEMBER 1958

Seite 14

ANHANG
JOHN FOSTER DULLES: FRIEDEN NUR DURCH RECHT UND GERECHTIGKEIT
Wortlaut einer Ansprache des US-Außenministers vom 18. August
1958 vor der Jahrestagung des Kriegsteilnehmerverbandes
'TVeterans of Foreign Wars of the US"
in New York

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29. August 1958

! XI. Jahrgang, Nr. 34
INHALTSVERZEICHNIS
AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
HERZDIAGNOSE MIT RADIOAKTIVEM GAS
Operationen zur Korrektur angeborener
Herzfehler erleichtert
Von Nate Haseltine
(95 Zeilen)

Seite 1

SUPEREMPFINDLICHER STRAHLENDETEKTOR
(11. Zeilen)

Seite

4

Seite

5

Seite

8

LUFTFAHRT
US-ZIVILLUFTFAHRT AN DER SCHWELLE DES
DÜSENZEITALTERS
Transatlantikverkehr mit Düsenflugzeugen
beginnt im November
(74 Zeilen, 2 Bilder)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
AM PULT» DIE DIRIGENTEN AMERIKAS
Von Paul Henry Lang
(130 Zeilen)
ANHANG
EISENHOWER SCHLÄGT EINSTELLUNG DER
KERNWAFFENVERSUCHE FÜR EIN JAHR VOR
Wortlaut der Erklärung des US-Präsidenten
vom 22. August 1958
KONFERENZ DER ATOMSACHVERSTÄNDIGEN IN
GENF BEENDET
1) Wortlaut des Kommuniques
2) Wortlaut einer Erklärung von Dr. James
Brown Fisk, Leiter der westlichen Expertengruppe
JOHN FOSTER DULLESJ SICHERHEIT DER KLEINEN
NATIONEN MUSS GEWÄHRLEISTET WERDEN
Wortlaut der Rede zum arabischen Kompromißvorschlag
vom 21. August 1958 vor der Vollversammlung
Ho-n Veraintsn Nationen

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5. September 1958

X I . J a h r g a n g . N r . 35
INHALTSVERZEICHNIS

DIE RASSENTRENNUNG IN EINER INDUSTRIALISIERTEN GESELLSCHAFT
Von J. Milton Yinger und George E. Simpson,
Professoren für Soziologie und Anthropologie
am Oberlin College
(200 Zeilen)
ATOM

Seite 1

FORSCHUNG TECHNIK
PLUTONIUM-SPALTSTOFF FÜR MTR-REAKTOR
(34 Zeilen)

Seite

8

BAKTERIENKULTUREN FABRIZIEREN SCHWERES WASSER
(8 Zeilen)

Seite

9

MOLEKÜLSTRÖME BESEITIGEN ELEKTROMAGNETISCHE
STÖRFELDER
(15 Zeilen)

Seite

9

ALPR-REAKTOR IM BETRIEB
(22 Zeilen)

Seite 10

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE FREER-GALERIE ERFORSCHT DIE ALTEN KULTUREN
DES ORIENTS
(58 Zeilen, 3 Bilder)

Seite 11

AMERIKAREISE DER AUSLANDSKORRESPONDENTEN
(10 Zeilen)

Seite 13

ANHANG
ATOMSACHVERSTÄNDIGE VERÖFFENTLICHEN BERICHT
Erläuterungen der US-Regierung zu dem Bericht, den die
technischen Experten aus Ost und West als Ergebnis ihrer
Genfer Besprechungen am 30« August 1958 veröffentlicht haben

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XI. Jahrgang. Nr. 56

12. September 1958
INHALTSVERZEICHNIS

POLITIK
GETREU DER TRADITION UND DEN DEMOKRATISCHEN
PRINZIPIEN
USA gewähren Territorien die Selbstbestimmung
Von John Kerigan
(47 Zeilen)

Seite

1

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
KÖ'RPERKQNSTITUTION UND BLUTDRUCK
Fettleibigkeit vermutlich Ursache für
ungenaue Messungen
(32 Zeilen)

Seite

3.

GEWEBEPRODENENTNAHME AM DÜNNDARM OHNE OPERATION
(25 Zeilen)

Seite

4

MIKROFILTER ERLEICHTERT KREBSDIAGNOSE
(28 Zeilen)

Seite

5

VON KUNST UND KÜNSTLERN
EINE KAMERA UNTER DEN STREICHERN
Adrian Siegel, Cellist des Philadelphia Orchestra,
photographiert berühmte Dirigenten und Solisten
(26 Zeilen, 4 Bilder)

Sei te

ISLÄNDISCHER KOMPONIST FINDET AMERIKAS
MUSIKLEBEN "ERSTAUNLICH"
Jon Thorarinsson berichtet über seine Amerikareise
(30 Zeilen)

Seite

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19. September

XI. Jahrgang, Fr. 37

1958

INHALTSVERZEICHNIS

HOCHSCHULWESEN
AKA.DELIISCHE TRADITION UND 9U0-MILLI0NEND0LLAR-GE5ETZ
Erster Schritt zu einer B ndes-Hochschulpolitik
in den USA
(130 Zeilen)

Seite

1

Seite

6

GEORGE GERSHWIN. DER MUSIKALISCHE INTERPRET AMERIKAS
Gf-rshvvin wäre nun 60 Jahre alt
(70 Zfcilen, 2 Bilder)
Seite

12

Seite

15

VEREINTE NATIONEN
GROSSE WTEPERAUK3AULEISTUMG DEF UN IN SÜDKOREA
Nacix Abwphr der Aggression Leisteten 39 Länder
tatxräftxge Hilfe
(190 Zeilen, 2 Bilder)
VON KUNST UND KÜNSTLERN

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR OKTOBER 1953
ANHANG

PRÄSIDENT EISENHOWER UNTERSTREICHT FESTE HALTUNG DER USA
IN DER FERNOSTKRISE
Wortlaut der Rede des US-Präsidenten vom 11. September 1958

PRÄSIDENT EISENHOWER ANTWORTET CHRUSCHTSCHOW
Wortlaut des Schreibens vom 13. September 1958

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26. September 1°58

X I . J a h r g a n g » N r . 58

INHALTSVERZEICHNIS
DAS BUCH- UND ZEITSCHRIFTENWESEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (i)
Erster in einer Serie von drei Artikeln über die
amerikanischen Buch- und Zeitschriftenverlage und
die Rolle, die diese im Leben des Amerikaners
spielen
(85 Zeilen)

Seite

WISSENSCHAFT - FORSCHUNG - TECHNIK
NEUBESTIMMUNG DER SCHWERKRAFT-FALLBESCHLEUNIGUNG
FÜR WASHINGTON
(30 Zeilen)

Seite

AUTOMATISCHE WETTERFRÖSCHE BERICHTEN
NACH WASHINGTON
(45 Zeilen)

Seite

6

IDEALER MAGNETKREIS FÜR EIN SYNCHROTRON
(24 Zeilen)

Seite

8

VON KUNST UND KÜNSTLERN
NEUNZEHNHUNDERT JAHRE ABSTRAKTE KUNST IN AMERIKA
Die indianischen Felsmalereien in Wyoming
Von David Gebhard, Direktor des Roswell Museum
(Neu-Mexiko)
(80 Zeilen, 3 Bilder)
ANHANG
DULLES UMREISST AUSSENPOLITIK DER USA
VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG IN NEW YORK
Wortlaut der Rede des US-Außenministers
vom 1 a. September 1958

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Seite

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XI, Jahrgang. Nr. 59

Allgemeines
3. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
DAS BUCH- UND ZEITSCHRIFTENWESEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (il)
Die Buchklubs, die Buchexporte und -importe,
die Universitätsverlage
(140 Zeilen)

Seite

AMERIKAS INDIANER HEUTE
Von Glenn L. Emmons
Leiter des US-Bundesamtes für indianische
Angelegenheiten im US-Innenministerium
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

VON KUNST UND KUNSTLERN
ZUM 75. GEBURTSTAG DER "MET"
Die Geschichte der Metropolitan Opera
Von David Ewen
(130 Zeilen, 1 Bild)

Seite

11

ANHANG
DULLES UMREISST FERNOSTPQLITIK DER USA
V/ortlaut der Rede des US-Außenministers vom 25. September 1958
vor dem Fernost-Amerikarat für Handel und Industrie in New York
FQRMOSAKRISE BERÜHRT DIE GRUNDPRINZIPIEN DER NATO
Wortlaut der Rede des US-Außenministers John Foster Dulles vom
27. September 1958 vor der Atlantikpakt-Gesellschaft in Boston

# * * * *

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10. Oktober

XI. J a h r g a n g . Nr. 40
INHALTSVERZEICHNIS
DAS BUCH- UND ZEITSCHRIFTENWESEN IN DEN USA (III)
Dritter und letzter Artikel dieser Reihe.
Die US-Zeitschriften - wirtschaftliche Seite des
Verlagswesens - Auswirkungen des Fernsehens und
der kürzeren Arbeitszeiten auf das Buchgeschäft
(98 Zeilen)

Seite

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
IM KAMPF GEGEN DEN KREBS
Ergebnisse von Tierversuchen stützen Virustheorie
(90 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KUNSTLERN
"JUNGE AMERIKANER 1958"
Zeitgenössisches Kunsthandwerk in New York
(60 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

ANHANG
EISENHOWER UMREISST ZIELE DER AMERIKANISCHEN
FERNOST-POLITIK
Wortlaut des Antwortschreibens Präsident Eisenhowers an
Senator Theodore Green, Vorsitzender des Außenpolitischen
Senatsausschusses, vom 4« Oktober 1958

* * * * *

1958

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17. Oktober 1958

X I . J a h r g a n g . Mr. 41
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM 23. OKTOBER 1958, DEM 2. JAHRESTAG DES
BEGINNS DER VOLKSERHEBUNG IN UNGARN
Chronologie der Ereignisse in den Oktober- und
Novembertagen des Jahres 1956 und kurze Zusammenfassung der Zustände in Ungarn heute - Zwei Jahre danach
(270 Zeilen, 3 Bilder)

Seite 1.

ZUM TAG DER VEREINTEN NATIONEN (24. Oktober)
DIE AUTORITÄT DER GEMEINSCHAFT
Ansätze zu einer neuen Ordnung
(95 Zeilen, 4 Bilder)

Seite

11

IM HAMEN DER UNPARTEILICHKEIT DES RECHTS
Betrachtungen zur Ernennung des neuen
Bundesrichters Potter Stewart
Von John Kerigan
(68 Zeilen)

Seite

16

ANHANG
LQDGE UMREISST US-EINSTELLUNG ZUR ABRÜSTUNGSFRAGE
Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten bei den
Vereinten Nationen vom 10. Oktober 1958 vor dem
Ersten Politischen Ausschuß der UN-Vollversammlung
in New York

* * * * *

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XI. Jahrgang. Nr. 42

24. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
NEUES AUS DER RAÜMFAHRTFORSCKUNG
PIONIER-I ALS WEGBEREITER
Keine unüberwindlichen Hindernisse für
den Raumflug
Von John Kerigan (74 Zeilen, 1 Foto, 1 Schaubild)

Seite

ATOM-U-BOOTSNAVIGATION LIEFERT WICHTIGES
ERFAHRUNGSGUT FÜR KÜNFTIGEN RAUMFLUG
(18 Zeilen)

Seite

A

IST DER MENSCH PSYCHISCH DER RAUMFAHRT GEWACHSEN?
(23 Zeilen)

Seite

5

NEUE RAKETENTRIEBWERKE IN DER ENTWICKLUNG
(12 Zeilen]

Seite

6

1

AUS DER ARBEIT DER VEREINTEN NATIONEN
DAS NEUE STÄNDIGE HAUPTQUARTIER DER UNESCO IN PARIS
wird am 3• November 1958 eingeweiht
(52 Zeilen, 3 Bilder)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
KULTURELLE KURZNACHRICHTEN
Richard-Strauss-Erstaufführung in Amerika
(9 Zeilen)
20 000 Jahre altes Relief entdeckt
(8 Zeilen)
Das neue New Yorker Kulturzentrum
(15 Zeilen)
Fernsehen als Lehrer
(16 Zeilen)
San Franciscos Symphoniker geben 54 Konzerte
(6 Zeilen)
Die neue Konzertsaison des New York Philharmonie
Orchestra
(17 Zeilen)
LISTE DER GEDENKTAGE IM NOVEMBER 1958
* * * * *

Seite

Seite

10

Seite

10

Seite

10

Seite

11

Seite

11

Seite

12

Seite

13

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31. Oktober

XI. Jahrgang. Nr. 43

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
RADIOISOTOPE IN DER ATMOSPHÄRE
Ein Hilfsmittel der meteorologischen
Forschung
(80 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE WIEDERENTDECKUNG EUGENE O'NEILLS
Von Joseph Wood Krutch, Professor für
Theaterliteratur an der Columbia-Universität, New York
(170 Zeilen)

Seite

4

ATOMTECHNIK
REAKTOR FÜR ATOMKRAFTWERK KAHL IN AUFTRAG
GEGEBEN
(30 Zeilen)

Seite

10

Seite

11

ACHTER LEHRGANG DER INTERNATIONALEN AKADEMIE
FÜR KERNWISSENSCHAFT UND KERNTECHNIK (ISNSE)
(8 Zeilen)

* * * * *

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X I . Jahrgang, Nr. 44

7. November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

HOCHSCHULWESEN
EMPFEHLUNGEN DES AMERIKANISCHEN ERZIEHUNGSRATS
ZUR HOCHSCHULREFORM
Strukturanalyse zeigt Mentalitätswandel der
Studentenschaft
Von John Kerigan
(78 Zeilen)

Seite

DIE WELT DER FRAU
FRAUEN IM ÖFFENTLICHEN DIENST DER USA
Jahresbericht 1958 enthüllt interessantes
Zahlenmaterial
(72 Zeilen)

Seite

4

Seite

7

Seite

11

Höhenforschung mit Riesenballons
(25 Zeilen)

Seite

11

Raketentechnik braucht besondere Baustoffe
(8 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

Drei neue Lincoln-Briefmarken
(14 Zeilen)

Seite

13

Konstantin Stannislawskij-Aussteilung
in der New York Public Library
(5 Zeilen)

Seite

13

UNTER DEM ZAUBER DES GESCHRIEBENEN WORTS
(90 Zeilen, 2 Bilder)
NEUES AUS DER RAUMFAHRTFORSCHUNG
Lenkflugkörper mit vierfacher Schallgeschwindigkeit
(9 Zeilen}

NACHRICHTEN AUS DEM KULTURELLEN LEBEN DER USA
Prokofieffs "Peter und der Wolf" im
amerikanischen Fernsehen
(4 Zeilen)

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Allgemeines
14. November 1958

XI. Jahr^anff, Nr f **&gt;
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
Sonnenbeobaiphtung mit Raketen
ElektrischeiStröme in der Erdrinde
Tiefste gemessene Temperatur - minus 95 Grad
(90 Zeilen)

Seite

1

TECHNIK UND FORSCHUNG
ROBOTER MIT' LERNVERMÖGEN
Neues Prinz ip für den Bau elektronischer
Rechenanlag sn
(80 Zeilen)

Seite

5

Seite

8

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE ZAUBERKRAFT DER MUSIK
oder "Das gar nicht so geheimnisvolle
musikalisch e Leben Danny Kayes"
(75 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

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X I . J a h r g a n g . N r . 46

Allgemeines
21 . November 1 958

INHALTSVERZEICHNIS

)

POLITIK
MILITARISIERUNG DER ARBEIT DURCH DIE
"VOLKSKOMMUNEN"

Die v i e r t e Etappe der c h i n e s i s c h e n Revolution
(160 Z e i l e n , 1 B i l d )

Seite

1,

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
RADIOISOTOPE ZUR DIAGNOSTIZIERUNG VON
FUNKTIONSSTÖRUNGEN DER LEBER UND NIERE
(52 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
BROADWAY 1958/59
Neue Werke bekannter Dramatiker
Von Norman Smith
(86 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

KURZNACHRICHTEN
Amerikareise für Auslandskorrespondenten
in den USA
__^
(18 Zeilen)

Seite

12

Seite

12

UNICEF wünscht "Fröhliche Weihnachten"
(20 Zeilen)
* * * * *

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XI. Jahrgang, Nr» 47

Allgemeines
28. November

1958

Seite

1

Seite

4

STUDIUM-ARBEIT-PROGRAMME ALS MITTEL
ZUR STUDENTENFÖRDERUNG
Ein neuer Typ des Werkstudenten
(46 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

7

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
KORALLENFUND IM NÖRDLICHEN EISMEER
Wertvolle wissenschaftliche Ausbeute der
amerikanischen EisinselStationen
(120 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

KURZNACHRICHT
Uraufführung von Norman Corwins Lincoln-Drama
zum 150. Geburtstag Abraham Lincolns am
12. Februar 1959
(8 Zeilen)

Seite

3

INHALTSVERZEICHNIS
POLITIK
AKADEMIKER ALS POLITIKER
Hochschulprofessoren im US-Senat
Von John Kerigan
(68 Zeilen)
HOCHSCHULWESEN
UNI WASHINGTON BERÄT UNI LAHORE
Die akademische Auslandshilfe
amerikanischer Hochschulen
(83 Zeilen)

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR DEZEMBER 1958

* * * * *

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Allgemeines
5. Dezember

1958

GIBT ES IHN WIRKLICH, DEN WEIHNACHTSMANN?
Eine Betrachtung für große und kleine Leute
(58 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

WEIHNACHTEN IN DER HEIMATLICHEN HÜTTE EINES
GROSSEN MANNES
Eine Weihnachtsgeschichte aus der Kinderzeit
Abe Lincolns
(63 Zeilen)

Seite

POSTSTEMPEL: SANTA CLAUS
Hochbetrieb im Hauptpostamt des
amerikanischen Weihnachtsmannes
(85 Zeilen)

Seite

WEIHNACHTEN IN EINER KLEINEN STADT
Camden im Neuenglandstaat Maine feiert Weihnachten
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

DIE AMERIKANISCHE WEIHNACHT IM BILD

Seite

13

XI. Jahrgang, Nr. 48
INHALTSVERZEICHNIS

* * * * *

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XI. Jahrgang, Nr. 4 9

12. Dezember 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
STRAHLENCHEMIE VON NAHRUNGSMITTELN
Zur industriellen Strahlenkonservierung
ist noch ein weiter Weg
(140 Zeilen)

Seite

US-BUNDESANSTALT FÜR TECHNISCHE NORMEN
ENTWICKELT PRÜFGERÄT FÜR HÖRAPPARATE
(55 Zeilen)

Seite

ÜS-WETTERAMT UNTERSUCHT VERHALTEN VON
TORNADOS AN HAND PHOTOGRAPHISCHER AUFNAHMEN
(32 Zeilen)

Seite

KUNSTSPRACHE FÜR ELEKTRONENANLAGEN
"Bündige" Sprache soll "unbändige" Umgangssprache "maschinengerecht" machen
(50 Zeilen)

Seite

10

Seite

12

VON KUNST UND KÜNSTLERN
ZWECKMÄSSIGKEIT - WÄRME - PERSÖNLICHKEIT
Der Architekt Richard Joseph Neutra und sein
Einfluß auf die Entwicklung der Architektur
in den USA
(110 Zeilen, 1 Bild)
ANHANG
DULLES UMREISST US-AUSSENPOLITIK
Wortlaut einer Rede des US-Außenministers,
gehalten vor der Handelskammer von Kalifornien
in San Francisco am 4*12.1958
* * * » *

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XI. Jahrgang, Nr. 50

19. Dezember 1958
INHALTSVERZEICHNIS

POLITIK
SIE KOMMUNISTISCHE STUDENTEN-INTERNATIONALE
ISB verlor binnen drei Jahren fast drei
Millionen Mitglieder
(150 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
DIE WELTMEERE ALS ROHSTOFFQUELLE VON MORGEN
Unerschöpfliche Mineralvorkommen geringer
Ergiebigkeit
(120 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
ZWISCHEN 1908 UND 1958
Der Tanz als Bestandteil der amerikanischen
Kultur
(100 Zeilen, 2 Bilder)
LISTE DER GEDENKTAGE FÜR JANUAR 1959
ANHANG
DAS INTERNATIONALE GEOPHYSIKALISCHE JAHR 1957/58
Die Wissenschaft machte Inventur
(5 Bilder)
ZUR BEACHTUNG:

Unsere nächste Ausgabe ALLGEMEINES
erscheint am 9• Januar 1959
# * * # *

Seite

11

Seite

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8. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (i)
Die Mähmaschine des Cyrus McCormick
(72 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE US-LANDWIRTSCHAFT AM JAHRESANFANG
Ein Überblick über die wichtigsten landwirtschaftlichen Märkte
(67 Zeilen)

Seite

AUSSENHANDEL WICHTIGER BESTANDTEIL
DES US-WIRTSCHAFTSLEBENS
US-Handelsministerium veröffentlicht vier
Studien zu Import-Exportfragen - 4»5 Mio
Amerikaner durch den Export beschäftigt
(72 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
STRUKTURUNTERSUCHUNG UND STAHLANALYSE
MIT RÖNTGENGERÄT
(20 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTSFUNKTIONÄRE STUDIEREN
ARBEITSBEWERTUNGSMETHODEN
Erste Studienwoche im ersten von der AFL-CIO
geförderten Zeitstudieninstitut - Sachkenntnis
wichtig bei Abschluß von Tarifverträgen
(65 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

Seite

Seite

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15. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS

'.VIRT S G HA FT SREP ORT AGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (ll^
Die Nähmaschine des Elias Howe
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
US-IMPORTE DÜRFTEN AUCH 1958 BISHERIGEN
TREND FORTSETZEN
Bisher noch keine Anzeichen für eine rückläufige Bewegung
(64 Zeilen)

Seite

GROSSES INTERESSE VON US-FIRMEN AN DER ERRICHTUNG
VON PRODUKTIONSSTÄTTEN IN EUROPA
(12 Zeilen)

Seite

7

STARKE ZUNAHME DES TRANSATLANTIK-LUFTVERKEHRS
(11 Zeilen)

Seite

7

145 NEUE SCHIFFE LIEFEN 1957 NEW YORK AN
(l6 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MASCHINELLE REGISTRIERUNG HANDGESCHRIEBENER ZEICHEN
(32 Zeilen, 1 Bild)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE US-GEWERKSCHAFTEN UND DAS VERGANGENE JAHR
Innere Spannungen wegen Korruptionsfällenüberwunden Mitgliederbestand stieg auf 18,5 Millionen an
(53 Zeilen, 2 Bilder)
Seite
ANHANG
PRÄSIDENT EISENHQWER LEGT NEUEN US-HAUSHALT VOR
Auszüge aus der Budget-Kongreßbotschaft Präsident Eisenhowers
vom 13« Januar 1958.

* * * * *

10

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und Arbeit

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X. Jahrgang. Nr. 3/C

22. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (Hl)
Die "Cotton Gin" des Eli Whitney revolutionierte
die Landwirtschaft der amerikanischen Südstaaten Schuf Voraussetzungen der industriellen Massenproduktion
(78 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
"FEDERAL RESERVE BOARD" LOCKERTE ERNEUT KREDITPOLITIK
Bareinzahlungssatz bei Kauf von Wertpapieren von
70 auf 50 Prozent herabgesetzt - Überraschende
Maßnahme wurde in Finanzkreisen begrüßt
(64 Zeilen)
Seite

4

DIE LANDWIRTSCHAFTSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS
Der amerikanische Präsident legte Neun-Punkte-Programm zur Gesundung der Landwirtschaft vor
(85 Zeilen)
.
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"GENERAL ELECTRIC" VERÖFFENTLICHTE EINZELHEITEN
ÜBER DEN J-79-MOTOR .
(13 Zeilen)
MAGNESIUMSTAB VERLÄNGERT LEBENSDAUER VON MOTOREN
(11 Zeilen)

Seite

6

Seite

9

Seite

9

Seite

10

WELT DER ARBEIT
BETRÄCHTLICHE FORTSCHRITTE DER NEGERBEVÖLKERUNG
AUF WIRTSCHAFTLICHEM UND SOZIALEM GEBIET
(43 Zeilen)
ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER UNTERBREITET . KONGRESS WIRTSCHAFTSBERICHT
1.

Text des Begleitschreibens

2.

Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht

* * * * *

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X. Jahrgang. Nr. 4/C

29. Januar 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (IV)
Das Dampfschiff von Robert Fulton leitete eine
neue Epoche in der Schiffahrt ein
(95 Zeilen, 1 Bild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
PRÄSIDENT EISENHOWER LEGTE REFORMVORSCHLÄGE
ZUR ARBEITSGESETZGEBUNG VOR
Schließung bestehender Gesetzeslücken angestrebt
Ziels Schutz der Öffentlichkeit vor negativen
Auswirkungen
(60 Zeilen)
STARK AUSGEWEITETER MARKT FÜR
M0T0RWAS SERSPORTFAHRZEUGE
New Yorker Motorbootausstellung offenbarte
starkes ausländisches Interesse am US-Markt
(27 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
TRANSISTOREN FÜR STÄRKSTE BEANSPRUCHUNG
(24 Zeilen)

Seite

Seite

5

Seite

Seite

WELT DER ARBEIT
WALTER REUTHER UMRISS FORDERUNGEN SEINER GEWERKSCHAFT
Gewinnbeteiligung und höhere Löhne - Industrie lehnte
ab - Neue Kollektivverhandlungen beginnen am 1.April
(36 Zeilen)
Seite
KURZER STREIK DER HUTMACHERGEWERKSCHAFT
NACH 25 JAHREN
(26 Zeilen)

* * * * *

Seite

10

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5. Februar 1958

X. Jahrgang. Nr. 5/C
INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN (V)
Die "Line o'Type" von Ottmar Mergenthaler
revolutionierte die Druckereitechnik
(94 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCKAFT
DIE US-WIRTSCHAFTSLAGE IM SPIEGEL
DER BESCHÄFTIGUNGSSTATISTIKEN
Trotz Zunahme der Erwerbslosenziffer auf rund
. 4 Mio nur 6 Prozent aller Werktätigen ohne
Beschäftigung
(78 Zeilen)

Seite

4

Seite

7

Seite

10

Seite

11

DIE WIRTSCHAFTSPOLITISCHEN ZIELE DER US-REGIERUNG
Das Regierungsprogramm für das kommende Jahr
(68 Zeilen)
AUS 7/ISSENSCHAFT UND TECHNIK
BESTIMMUNG DER ZIELGENAUIGKEIT VON BORDWAFFEN
IN KNAPP DREI MINUTEN
(30 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
ZIELE UND AUFGABEN DES US-ARBEITSMINISTERIUMS (i)
Von James P. Mitchell, US-Arbeitsminister
(72 Zeilen)

* * * * *

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12. Februar 1958

X. J a h r g a n g . Nr. 6/c
INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (Vi)
Die Schreibmaschine des Christopher Sholes
revolutionierte die Büros, brachte dem Erfinder
aber nur einige Tausend Dollar
(70 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE KQNJUNKTUREINDÄMMENDEN UND BELEBENDEN
FAKTOREN DER US-WIRTSCHAFT
Faktoren, die das derzeitige Konjunkturbild
bestimmen
(80 Zeilen)

Seite

WOHNUNGSBAU UND WIRTSCHAFTSKONJUNKTUR
Die möglichen Einflüsse der Bauwirtschaft
auf die Gesamtkonjunktur
(50 Zeilen)

Seite

6

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
FLUGZEUG MIT DREIFACHER SCHALLGESCHWINDIGKEIT
(7 Zeilen)

Seite

9

Seite

9

Seite

10

CHEMISCHER SCHUTZ GEGEN WASSERDUNSTUNG
(8 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
ZIELE UND AUFGABEN DES US-ARBEITSMINISTERIUMS
(II und Schluß)
Von James P. Mitchell, US-Arbeitsminister
(98 Zeilen)
ANHANG
DIE ZIVILLUFTFAHRT IN DEN VEREINIGTEN STAATEN

* * * * *

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19. Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (VIl)
Der elektromagnetische Telegraph von Samuel
Morse eröffnete das Zeitalter der schnellen
Nachrichtenübermittlung
(98 Zeilen, 1 Bild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE WACHSTUMSRATE IN DER US-WIRTSCHAFT
Die Wandlung der stimulierenden Faktoren •
Durchschnittliche Wachstumsrate zwischen
1909 und 1945 3,2 - seitdem 3,38 Prozent
(96 Zeilen)
VERSTÄRKTE ENTWICKLUNGSHILFE DER US-REGIERUNG
Ausleihebefugnisse der Export-Importbank sollen
erhöht werden - Entwicklungsfonds nimmt Tätigkeit
auf
(57 Zeilen)

Seite

Seite

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ELEKTRONISCHES ZEHNSPRACHEN-GESCHICHTSARCHIV
(23 Zeilen)

Seite

10

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (i)
Ein Überblick über Geschichte, Entwicklung,
Struktur und Stellung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
(130 Zeilen)

Seite

11

* * * * *

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26. Februar 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (VIII)
Der Gummivulkanisierungsprozeß schuf die Grundlage für eine neue Industrie - Charles Goodyear,
ein Erfinder aus Leidenschaft
(120 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ENTSCHEIDENDE WOCHEN
Umfang des konjunkturellen Aufschwungs im
März wird über weitere wirtschaftsfordernde
Maßnahmen der Regierung entscheiden
(80 Zeilen)

Seite

DIE MINDESTRESERVESÄTZE WURDEN GESENKT
"Federal Reserve Board" hofft Kreditgeschäft
zu aktivieren
(54 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUE MINIATUR-TROCKENZELLENBATTERIE
(9 Zeilen)
DER PERFEKTE SCHUH
(10 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (il)
Ideologische Einflüsse und Trends
ANHANG
PRÄSIDENT EISENH0WER UNTERBREITET AUSLANDSHILFEPROGRAMM *

#

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5. März 1958
INHALTSVERZEICHNIS

faadui k»&gt;
WIRT SCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (IX)
George Westinghouse bremst Züge mit Luft
meinte: "Keine Zeit für solchen Quatsch"
(75. Zeilen, 1 Bild)

Vanderbilt

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
US-IMPORTE ERREICHTEN 1957 NEUE REKORDHÖHE
Gesamtwert fast 15 Mrd. Dollar - Dezember mit
höchstem Monatsergebnis - Auch im Januar noch
keine Abschwächung
(68 Zeilen)
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT IM FEBRUAR
Ein Überblick über die wichtigsten landwirtschaftlichen Märkte
(45 Zeilen)

Seite

Seite

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
USA ERSTELLEN GROSSE PRODUKTIONSKAPAZITÄTEN
FÜR RAKETENTREIBSTOFFE
(35 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (ill)
Die Struktur der amerikanischen Gewerkschaften
(98 Zeilen)

* * * * *

Seite

6

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10/C

14. März

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. SIE GESCHICHTE MACHTEN (X)
Das erste brauchbare Telefon des Alexander Bell
(85 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AMERIKANISCHE REGIERUNG KÄMPFT UM AUSLANDSHILFE
Beantragte 3»9 Mrd, Dollar als dringend erforderlich erachtet
(62 Zeilen)

Seite

KONGRESSAUSSCHUSS LEGTE WIRTSCHAFTSBERICHT VOR
Weitgehende Übereinstimmung mit der Wirtschaftsbotschaft des Präsidenten
(75 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
PHOTOZELLEN-RELAISSYSTEM MIT ATOMSTRAHLEN
(16 Zeilen)
NEUE TITANLEGIERUNG FÜR DEN RAKETENBAU
(13 Zeilen)

4

Seite 6

Seite

9

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10

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11

WELT DER ARBEIT
DIE AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG (IV)
Gewerkschaften und Arbeitsgesetzgebung
(87 Zeilen)

*****

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.

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21. März

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN (Xl)
Der Drehstrommotor von Nikola Tesla leitete die
Ära der Elektroenergie ein
(58 Zeilen, 1 Bild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
STEIGENDE PRIVATE AUSLANDSINVESTITIONEN
Durchschnittsinvestitionen der vergangenen
zwei Jahre 4»3 Mrd. Dollar
(58 Zeilen)
WIRTSCHAFTSPROGNOSEN UND TATSÄCHLICHE ENTWICKLUNGEN
Ein Vergleich zwischen gemachten Voraussagen und
den wirklichen Trends
(82 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"GENERAL ELECTRIC" FÜHRTE NEUES DÜSENAGGREGAT VOR
(10 Zeilen)
ELEKTRONISCHES SUPERSCHREIBGERÄT
(12 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (V)
Das Kollektivverhandlungswesen
(110 Zeilen)

* * * * *

Seite 1

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3

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5

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8

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8

Seite

5

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X. Jahrgang. Nr. 12/c

28. März 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XIl)
George Eastman als Wegbereiter der Amateurphotographie - Von einer Wissenschaft zum
Millionenhobby
(120 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE GEWANDELTE KAPAZITÄTSKONZEPTION
Investitionen der Wirtschaft folgten nicht dem
klassischen Konjunkturzyklus - Überraschend hohe
Investitionen der US-Wirtschaft für 1958
(82 Zeilen)

Seite

6

Seite

9

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
. CHRYSLER ENTWICKELTE NEUE BENZIN-EINSPRITZPUMPE
(32 Zeilen)

Seite

12

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
(VI und Schluß)
Die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern
(78 Zeilen)

Seite

13

AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE AUSLANDSHILFE
US-Auslandshilfe von wirtschaftlichen, sowjetische
von politischen Motiven getragen
(80 Zeilen)

ANHANG
ATOMPQLITIK IM ZEITALTER DER RAUMFAHRT
Auszug aus einer Rede, die Robert M. McKinney
am 18. März 1958 in Chicago gehalten hat

* * * * *

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X. Jahrgang, Nr. 13/c

3. April

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XIIl)
Der Phonograph Thomas A. Edisons - Die menschliche
Stimme von einem Stückchen Silberpapier
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EUROPÄISCHE INVASION AUF DEM NEW YORKER AUTOSALON
Großbritannien am stärksten vertreten, aber auch
Bundesrepublik zeigt repräsentativen Querschnitt
(65 Zeilen)

Seite

5

NUTZUNG VON ATOMEXPLOSIONEN FÜR FRIEDLICHE
ZWECKE IN SICHT?
Revolutionäre Aspekte für einige Industrien Radioaktive Auswirkungen lassen sich auf ein
Mindestmaß zurückführen
(82 Zeilen)

Seite

7

Seite

10

Seite

10

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
BEFRACHTUNG EINES FLUGZEUGES IN 40 SEKUNDEN
(12 Zeilen, 2 Bilder)
DIAMANTEN IN MASSENFABRIKATION
(13 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN UND KRANKENFÜRSORGE
Die Gesundheitszentren und Kliniken der ILGW
behandeln mehr als 100 000 Patienten pro Jahr Allein in New York 170 Ärzte in der Gfewerkschaftsklinik tätig
(70 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 11.

ANHANG
AUSSENMINISTER DULLES FORDERT VERLÄNGERUNG DES GESETZES ÜBER
GEGENSEITIGE HANDELSABKOMMEN
Wortlaut einer Rede, die US-Außenminister Dulles am 27. März
1958 in Washington gehalten hat.
* * * * *

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X. J a h r g a n g . Nr. 14/C

11 . April 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XIV)
Das Elektrolyseverfahren von Tonerde schuf die
Grundlagen für die Aluminiumindustrie
(78 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
WERTPAPIERBÖRSEN VON DER REZESSION UNBEEINDRUCKT
Die Gründe für die Stabilität der Wertpapierpreise
(68 Zeilen)

Seite

ARBEITSLOSENVERSICHERUNG SOLL AUSGEDEHNT WERDEN
Präsident Eisenhower unterbreitete Kongreß Vorschläge
zur Verlängerung der Versicherungsdauer
(76 Zeilen)

4

Seite 6

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
STQSSFREIE AUTOBAHNEN DURCH "GUMMIFUGEN"
(20 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

9

WELT DER ARBEIT
DIE AMERIKANISCHE ARBEITSGESETZGEBUNG
Geschichtliche Entwicklung und Inhalt der
wichtigsten Gesetze
(140 Zeilen)

Seite

10

* * * * *

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Wirtschaft
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18. April

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XVl
Wilbur und Orville Wright erobern die Luft
durch Motorenkraft
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
WAS IST MIT DEN PREISEN LOS?
Trotz Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität
ist der Lebenshaltungskostenindex weiter
angestiegen
(70 Zeilen)

Seite

DIE AMERIKANISCHEN IMPORTE ZEIGTEN BISHER
NOCH KEINE ABSCIIWÄCKUNGEN
Gesamtentwicklung für 1958 allgemein günstig
beurteilt
(58 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
WIRTSCHAFTLICHES KUNSTSTOFFSPRITZVERFAHREN
(20 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

Seite

WELT DER ARBEIT
"CAFETERIA ZUR VERABREICHUNG GEISTIGER NAHRUNG"
Bücherständer erfreuen sich immer größerer Beliebtheit 1500 amerikanische Betriebe stellen ihren Mitarbeitern
ausgewählten Lesestoff kostenlos zur Verfügung
(62 Zeilen, 1 Bild)
Seite

* * * * *

10

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Wirtschaft
und Arbeit
25. April 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XVl)
Die synthetische Harzpolymerisierung leitete das
KunststoffZeitalter ein - Das Bakelit von Leo H.
Baekeland als Wegbereiter
(72 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

BESCHÄFTIGUNGSSTATISTIK MIT ZWEIERLEI AKZENTEN
Bedeutender Anstieg der Zahl der Beschäftigten
im März bei gleichzeitiger geringer Zunahme der
Erwerbslosenziffer
(80 Zeilen)

Seite

4

WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG UND SOWJETISCHES
WIRTSCHAFTSSYSTEM
Die Leistungen in einer freien und einer
Zwangswirtschaft
(80 Zeilen)

Seite

7

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9

Seite

11

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ELEKTRONEN-MIKROSKOPE ALS HELFER DER WISSENSCHAFT
"Radio Corporation of America" will Massenproduktion von Elektronen-Mikroskopen aufnehmen
(45 Zeilen, 1 Bild)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFT ENTWICKELTE ZUSAMMEN MIT UNTERNEHMEN
NEUES ERNTEGERÄT
Ernte von Rizinussamen jetzt rationell durch
Maschineneinsatz möglich
(60 Zeilen, 1 Bild)
* » * * #

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und Arbeit

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X. Jahrgang. Nr. 17/C

2. Mai

195®

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIREKTE UMWANDLUNG VON WÄRME IN ELEKTRIZITÄT
Der therm-ionische Konverter eröffnet neue Möglichkeiten zur Elektrizitätserzeugung - Wissenschaftler
glauben Nutzeffekt auf 50 7° steigern zu können
(50 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE DERZEITIGE WIRTSCHAFTSLAGE DER USA
UND DIE KÜNFTIGE ENTWICKLUNG
Führende V/irtschaftsexperten untersuchten
Möglichkeiten zur Aktivierung der Wirtschaft
und künftige Wachstumstrends
(56 Zeilen)
WANDLUNG IN DER INVESTITIONSPOLITIK ZEICHNET SICH AB
Geringere Aufwendungen für Kapazitätsausweitungen
bei zunehmenden Ausgaben für Forschung und
Entwicklung (67 Zeilen)

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3

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5

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8

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MINIATUR-WASSERAUFBEREITUNGSANLAGE
Tagesleistung 1900 Liter Trinkwasser
(18 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
SCHÖPFERISCHE FREIZEITPROGRAMME FÜR PENSIONÄRE
Amerikanische Gewerkschaften wollen älteren Mitgliedern Übergang in den Ruhestand erleichtern
helfen (64 Zeilen, 3 Bilder)

ANHANG
GEMEINSAME SICHERHEIT UND WELTHANDEL
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs für
Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium, C. Douglas Dillon.
DIE OEEC UND
Wortlaut der
Christian A.
Bestehen des

DER WIRTSCHAFTLICHE FORTSCHRITT IN WESTEUROPA
Rede des Staatssekretärs im US-Aussenministerium,
Herter, anläßlich der Feierlichkeiten zum zehnjährigen
Europäischen Wirtschaftsrates.

* * * * *

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X» Jahrgang, Nr. 18/C

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und Arbeit
9. Mai 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
TROTZ TEILAUSLASTUNG HOHE INVESTITIONSRATE
DER STAHLINDUSTRIE
Gesamtinvestitionen rund 1 Mrd. Dollar in 1958 Gegenwärtige Kapazität 140 Mio Tonnen
(78 Zeilen)

Seite

1

MASSENEINKOMMEN NUR UNWESENTLICH ZURÜCKGEGANGEN
Gegenüber Mitte vorigen Jahres nur um 1,5 f°
abgesunken - Auch Verbrauchsrausgaben gut behauptet
(75 Zeilen)

Seite

4

US-REGIERUNG WILL LAGE DES ERZBERGBAUES VERBESSERN
Preisstützungsprogramm für fünf wichtige Metalle
vorgeschlagen
(70 Zeilen)

Seite

7

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9

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
WINDKANAL FÜR GESCHWINDIGKEITEN BIS 5700 MEILEN
(24 Zeilen, 2 Bilder)
WELT DER ARBEIT
INDUSTRIELLE FÖRDERUNGSPROGRAMME FÜR HANDWERKLICHEN
UND TECHNISCHEN NACHWUCHS
Wachsendes Interesse und steigenue finanzielle Zuwendungen der amerikanischen Industrie für Er^iehungsund Ausbildungsprojekte
(42 Zeilen, 5 Bilder)
ANHANG
PROBLEME DER ENTWICKLUNG UND STABILITÄT DER WIRTSCHAFT
Rede des Wirtschaftsberaters des US-Präsiuenten, Dr.
Gabriel Hauge, vor der Deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer in Berlin am '0.4.1958
* * * * *

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Wirtschaft
undArbeit
16. Mai 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
INNERBETRIEBLICHE SCHULUNGSMASSNAHMEN SORGEN
FÜR NACHSCHUB AN FACHKRÄFTEN
Umschichtungen innerhalb der amerikanischen
Arbeiterschaft - Größere Aufstiegsmöglichkeiten
für den einzelnen
(63 Zeilen, 2 Bilder)

Seit«

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
"AUFWEICHUNG" DER INTERNATIONALEN ROHSTOFFMÄRKTE
DURCH DIE SOWJETBLOCKSTAATEN
Nach dem Baumwoll- und Aluminiummarkt ist jetzt
der Zinnmarkt an der Reihe - Stark forcierte Exporte
seit Beginn dieses Jahres
(80 Zeilen)
Seite
EINSTELLUNG DES AMERIKANERS GEGENÜBER DEM "BIG
BUSINESS" HAT SICH GEWANDELT
Positivere Beurteilung als früher - Interessante
Studie der "National Planning Association"
(52 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUE STAHLTYPE FÜR ÜBERSCHALLFLUGZEUGE
(14 Zeilen)

Seite

KOHLEVERKOKUNG UNTER TAGE
(15 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
JOHN L. LEWIS FORDERT AUSWEITUNG DER SICHERHEITSBESTIMMUNGEN IM BERGBAU
Auch Kleinzechen sollen erfaßt werden - Erheblicher
Rückgang der Unfallrate in den vergangenen 25 Jahren
(50 Zeilen)
Seite
* * * # #

10

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Wirtschaft
undArbeit
23. Mai

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
"DIGITAPE"-VERFAHREN ERMÖGLICHT AUTOMATION
BEI KLEINSERIEN
Umrüsten der Maschinengruppen entfällt praktisch
Durch Umwechseln der Lochstreifen erfolgt Produktionsumstellung (62 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
VERSCHIEDENE FAKTOREN LEUTEN BALDIGES ENDE
DES WIRTSCHAFTLICHEN RÜCKGANGS AN
Das Schlimmste scheint überstanden - Stärkerer
Auftrieb allerdings nicht vor Spätsommer erwartet
(65 Zeilen)

Seite

4

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£

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9

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11

DER EINFLUSS DER VERTEIDIGUNGSAUSGABEN AUF DIE
WIRTSCHAFTLICHE AKTIVITÄT
.Anteil nur 10 Prozent am Bruttosozialprodukt Konjunktureller Einfluß unbedeutend (85 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUARTIGER VERSTÄRKER FÜR RADIOTELESKOPE
(18 Zeilen)
CHEMISCHES "BERUHIGUNGSMITTEL" FÜR PFLANZEN
ERHÖHT ERTRÄGE
(19 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
DISNEYLAND IST VOLL GEWERKSCHAFTLICH ORGANISIERT
(2a Zeilen, 1 Bild)
ANHANG

US-AUSLANDSHILFE EINE INVESTITION FÜR DEN AUFBAU EINER
FRIEDLICHEN WELT
Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten bei den Vereinten
Nationen, Henry Cabot Lodge.

* * * * *

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Wirtschaft
und Arbeit
30. Mai

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPQRTAGE
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT HEUTE (i)
Wirtschaftliche Stellung und Agrarstruktur
(98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
NEW YORKER MESSE ALS SPRUNGBRETT FÜR US-MARKT
Diesjährige "World Trade Fair" übertraf Vorjahresergebnis beträchtlich - 3000 Aussteller aus
60 Ländern (50 Zeilen)

Seite

5

PROSPERIERENDE LANDWIRTSCHAFT IN ZEITEN
RÜCKLÄUFIGER WIRTSCHAFTLICHER AKTIVITÄT
Farmereinkommen gegenwärtig um 10 Prozent
höher als im Vorjahr - Landmaschinenindustrie
verzeichnet starke Belebung
(80 Zeilen)

Seite

7

Seite

9

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10

Seite

11

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES OPTISCHES GERÄT ERMÖGLICHT GENAUERES
STUDIUM DES UNIVERSUMS
(14 Zeilen)
NEUES CHEMISCHES PRÄPARAT GEGEN BLUTGERINNSEL
(12 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
AUS DEM AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTSLEBEN
Stahlarbeiter melden Tarifforderungen an Textilarbeiter-Wohlfahrtsfonds 142 Mio Dollar Petrillo lehnt erneute Kandidatur ab - Gewerkschaftsversicherung mit 1,0 Mrd. Dollar Bestand
(55 Zeilen)

* * * * *

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Wirtschaft
undArbeit
6. Juni

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT HEUTE (il)
Die Produktivität und der Einfluß auf die
Mechanisierung (98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AKTIENSTREUUNG WIRD IMMER BREITER
Aktiensparprogramme tragen sehr zur Popularisierung
des Wertpapiers bei - Erhebliche Steigerung in der
Zahl der Aktionäre bei Großunternehmen
(70 Zeilen)

Seite

US-WIRTSCHAFT VERTRAUT AUF SELBSTHILFE
Rationalisierung von Produktion und Verkauf
sowie verstärkte Forschungs- und Entwicklungsprogramme sollen Konjunkturauftrieb einleiten
(54 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK •
EINFLUSS VON KUNSTDÜNGER UND BEWÄSSERUNG
AUF DIE ERTRÄGE
Ausgedehnte Versuche des US-Landwirtschaftsministeriums offenbarten auffallende Wechselbeziehung zwischen Kunstdünger und Bodenfeuchtigkeit
(35 Zeilen)

Seite

10

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFT UNTERHÄLT EIGENE BLUTBANK ZUM
WOHLE DER GEMEINDE
Als Ergänzung wurde jetzt fahrbare Blutsammelstelle in Betrieb genommen
(37 Zeilen, 1 Bild)

Seite

11

* * * * *

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13. Juni 1958

X. J a h r g a n g . N r . 23/C

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT HEUTE (ill)
Absatzorganisationen, Agrarpreise und wirtschaftliche
Lage der Farmer (98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
LAGE IN DER STAHLINDUSTRIE HAT SICH GEBESSERT
Erhöhte Auftragseingänge und höhere Produktionsrate Ausdruck allgemeiner Belebung der Wirtschaft
(65 Zeilen)
ELEKTRIZITÄT AUS ATOMKRAFTWERKEN
Shippingport leitete neue Ära ein - Vier weitere
A-Kraftwerke bis 196O fertiggestellt
(70 Zeilen)

Seite 7

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
GELÄNDEGÄNGIGE "RAKETEN-SELBSTFAHRLAFETTE" MIT
"SCHLUMMERROLLEN"
(22 Zeilen, 1 Bild)

Seite 10

WELT DER ARBEIT
STUDIE UMREISST FORTSCHRITTE DER
AMERIKANISCHEN ARBEITNEHMER
(28 Zeilen)

Seite 11

IAM-GEWERKSCHAFT FEIERTE 70. GRUNDUNGSTAG
(16 Zeilen)

* * * * *

Seite 5

Seite 12

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20. Juni 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
Mr. KELLY VERMIETET BÜROFACHKRÄFTE ALLER ART
50 000 Angestellte in 81 Städten der USA - Ein Anruf
genügt, und Mr. Kelly beseitigt plötzliche Personalschwierigkeiten
(76 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EIE ENTWICKLUNG DER FAMILIENEINKOMMEN ZWISCHEN
1947 ÜKD 1957
Zunahme der durchschnittlichen Realeinkommen von
461O auf 5480 Dollar - Aufrücken der unteren
Einkommengruppen in die höheren Klassen
(57 Zeilen)

Seite

4

KONJUNKTURPROBLEME HEUTE UND GESTERN
Die grundlegenden Unterschiede zwischen wirtschaftlichen ALschwächungspe rioden der Vor- und Nachkriegszeit
(98 Zeilen)
Seite

£

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
CIIEMIKALIE GEGEN V/ASSERVERDÜNSTUNG
(15 Zeilen)

Seite

SCHNELLSTE FIRNSCHRSIBMASCHINE DER Y.ELT
(7 Zeilen)

Seite

10

Seite

10

V&gt;ELT DER ARBEIT
AUSBILDUNG VON GEWERKSCHAFTLICHEM NACHWUCHS
AN DER Hi&gt;R7i.RD-UNIVERSIT£T
Gewerkschaftliche Schulungo- und Fortbildungsprogramme gev/innen immer mehr an Bedeutung
(52 Zeilen)

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�!.

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27. Juni

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE REORGANISATION DER SOWJETISCHEN LANDWIRTSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNG (i)
\
Die Traktorenstationen und ihre wirtschaftlichen und
politischen Aufgaben
(165 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE US-WIRTSCHAFT ZUR JAHRESMITTE
Allgemeine wirtschaftliche Aktivität nimmt wieder
zu - Zufriedenstellende Entwicklung im Mai und Juni
(62 Zeilen)

Seite

AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE AUSLANDSHILFE
US-Aussenministerium veröffentlichte Studie über
Umfang und Ziel der sowjetischen Hilfe- und
Wirtschaftsoffensive
(98 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MODELL EINER RAUMSTATION
Wissenschaftliche Forschungsstation in 720 km Etfg. von
der Erde - Vier Mann Besatzung - 500 Mio DollarProjekt
(30 Zeilen, 2 Bilder)
Seite

13

WELT DER ARBEIT
20 JAHRE "FAIR LABOR STANDARDS ACT"
Vor 20 Jahren wurde eines der wichtigsten Arbeitsgesetze der USA in Kraft gesetzt
(56 Zeilen)

15

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und Arbeit
4. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE REORGANISATION DER SOWJETISCHEN LANDWIRTSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNG (il)
Die strukturellen Veränderungen im Kolchossystem
(120 Zeilen)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
MODIFIZIERTES STÜTZUNGSPROGRAMM FÜR MINERALIEN
Weitgehende Rücksichtnahme auf ausländische
Erzeuger - Kleinbetriebe am meisten begünstigt
(86 Zeilen)
LAGE IM AUSSENHANDEL SCHEINT SICH ZU STABILISIEREN
Importe konnten hohes Volumen halten - Exporte
hatten beträchtliche Rückgänge im ersten Quartal
1958 zu verzeichnen
(80 Zeilen)

Seite

Seite

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MESSUNG DES VERSCHLEISSES VON KOLBENRINGEN
MITTELS RADIOAKTIVER SPURENELEMENTE
(14 Zeilen)

Seite

11

WELT DER ARBEIT
SENAT VERABSCHIEDETE WICHTIGEN ARBEITSGESETZENTWURF
(35 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

HERMAN D. KENIN ZUM NACHFOLGER PETRILLOS GEWÄHLT
(28 Zeilen)

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Wirtschaft
und Arbeit

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X. Jahrgang. Hr. 27/C

11 . Juli 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE REORGANISATION DER SOWJETISCHEN LANDWIRTSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNC (III UND SCHLUSS)
Übergangsprobleme und Einfluß auf die Erzeugung
und Gesamtstruktur (120 Zeilen, 2 Karikaturen)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE WIRTSCHAFTLICHE HILFE DER USA AN DIE PHILIPPINEN
Philippinen mit größter wirtschaftlicher Wachstumsrate
aller fernöstlichen Staaten (75 Zeilen)
Seite
AMERIKANER GABEN 1957 INSGESAMT 1,8 MRD. DOLLAR
FÜR AUSLANDSREISEN AUS
Auch für 1958 mit weiterem Anstieg zu rechnen
(60 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
BEOBACHTUNGS-FERNSEHKAMERA IN DER NEUEN "B-52G"
(15 Zeilen)

Seite

11

WELT DER ARBEIT
INVESTITIONEN PRO ARBEITSPLATZ 16 000 DOLLAR
MITTE 1957
Steigende Investitionen pro Produktionsarbeiter
in den USA - Doppelte Summe gegenüber 194&amp;
(40 Zeilen)

Seite

12

* * * * *

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und Arbeit

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X. Jahrgang, Nr. 28/C

18. Juli 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT (i)
Die historischen Hintergründe - Größerer Anteil
aller am Bruttosozialprodukt
(76 Zeilen, 1 Bild)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ZUNEHMENDE ENTSPANNUNG IN DER US-WIRTSCHAFT
Auch bei den Fabrikationsbetrieben zeichnet sich
jetzt ein Aufschwung ab - Dauergüterindustrie
mit größten Zunahmen
(64 Zeilen)
Seite
WICHTIGSTE INDICES FOLGTEN WIEDER AUFWÄRTSTREND
"Führungsfaktoren" zeigen erneuten Auftrieb für
die nächsten Monate an
(84 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUARTIGES ELEKTRONISCHES RECHENGERÄT FÜR
KLEINERE BETRIEBE
Anschaffungspreis zwischen 8000 und 15 000
Dollar - Leichte Bedienung
(46 Zeilen, 1 Bild)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE US-GEWERKSCHAFTEN V/ENDEN SICH AN DIE ]
KUNST UND DIE KÜNSTLER
Immer stärkere Heranziehung von Künstlern
zur Ausgestaltung von Gewerkschaftsbauten
(46 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

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11

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X» J a h r g a n g , N. «

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J/Q

Wirtschaft
und Arbeit
25. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORT G^
DIE GESCHICHTE DER AMEi IRANISCHEN PRODUKTIVITÄT (il)
Die sozio og:sehen und wirtschaftlichen Faktoren
(90 Zeilen 1 ,cnaubild)
Seite
STREIFLICHTER AUS DLR US-' IR'T'SCl^FT
DIE WIRTSCHAFmLTCHE B^DEUTrNG ALASKAS
Unermeßlic . • Bodenschätze - aber nur wenige
Menschen
(52 Zeilen)

Seite

T

STARK VERBESSERTE E£^CHA&gt;T G JNGSLAGE IM JUNI
Anstieg der Besehaf t-g .en am 920 000
(82 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
GRÜSSTER LASTKRAFTWAGEN DER WELT
Gewicht im beladenen Zustand fast 200 Tonnen
(16 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

WELT DER ARBEIT
AUS DEM AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTLICHEN LEBEN
Durchschnittslöhne weiter angestiegen - Niedrigste Streikziffer der Nachkriegszeit für Mai Alaska gewerkschaftlich stark organisiert
(52 Zeilen)
# # * * *

Seite

10

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Wirtschaft
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X. Jahrgang. Nr. 50/C

1 . August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT

IUI}
Maschinenkraft, Erziehung und Fähigkeiten von
Management und Arbeitern
(98 Zeilen, 1 Schaubild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EINE "NEUE DIMENSION" IM US-EINZELHANDEL
Supermarkets mit Warenhausangebot probeweise
gestartet - Abkehr vom reinen Lebensmittelladen - Supermarketumsatz jährlich 25,2 Mrd.
Dollar (88 Zeilen, 2 Bilder)
VERSTÄRKTER WIRTSCHAFTLICHER AUFTRIEB IM JUNI
Wirtschaftlicher Auftrieb zeichnet sich immer
klarer ab - Zunahmen berühren fast alle Sektoren
(63 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
SPURELEMENTE UND ATOMSTRAHLEN IN DER
LANDWIRTSCHAFTSFORSCHUNG
Künstlich hervorgerufene Mutationen führen zu
ertragreicheren und widerstandsfähigeren Sorten
(70 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

Seite

Seite

Seite

10

DIE PRAXIS DER ZAHLUNG VON ENTLASSUNGSGELDERN
IN DER US-WIRTSCHAFT (i)
Verstärkte Bemühungen der Gewerkschaften um
Aufnahme von Abfindungsplänen in die Tarifverträge
(90 Zeilen)
Seite

14

WELT DER ARBEIT

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8 . August

X. J a h r g a n g . N r . 51/C

1958

INHALTSVERZEICHNIS

V/IRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT

im

Die Einflüsse von Arbeits- und Kapitalmobilität
und der Spezialisierung (68 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ROHSTOFFMÄRKTE ZEIGEN STABILISIERUNGSTENDENZEN
Stärkste Einflüsse auf die künftige Preisstruktur
von der wirtschaftlichen Erholung in den USA zu
erwarten
(64 Zeilen)

Seite

DIE LAGE AUF DEN LANDWIRTSCHAFTLICHEN
MÄRKTEN IM JULI
Stark veränderte Verbrauchergewohnheiten
bei Kartoffeln - Viertgrößte Weizenernte
in diesem Jahr zu erwarten (68 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUARTIGE KÜCHENGERÄTE MIT "PFIFF"
(28 Zeilen, 5 Bilder)

Seite

10

WELT DER ARBEIT
DIE PRAXIS DER ZAHLUNG VON ENTLASSUNGSGELDERN
IN DER US-WIRTSCHAFT (il)
Die verschiedenen Pläne in Wirtschafts- und
Industrieunternehmen (98 Zeilen)

Seite

12

* * * * *

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X. Jahrgang. Nr. 52/c

Wirtschaft
und Arbeit
15. August 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT
(V und Schluß)
Die Rolle von Wissenschaft und Erfindungen
(70 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE AUSWIRKUNGEN VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG
AUF DIE CHEMISCHE INDUSTRIE
Industriezweig mit weitaus größter Wachstumsrate Trotz rückläufiger wirtschaftlicher Entwicklung
wurden hohe Investitionen vorgenommen
(78 Zeilen)
^
Seite
ÄUSSERST GÜNSTIGE ZUKUNFTSAUSSICHTEN FÜR
DIE BAUWIRTSCHAFT
"Architectural Forum" erwartet Zunahme der
Aufwendungen für Neubauten aller Art um ^&gt;0ffo
in den nächsten zehn Jahren
(58 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
SCHNELLERE AUFTRAGSENTWICKLUNG DURCH
?o PCO km LAN3ES FERNSCHREIBNETZ
Neuartiger Kundendienst - Mobilisierung
der Hersteller- und Händlerläger
(50'Zeilen, 1 Bild)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE PRAXIS DER ZAHLUNG VON ENTLASSUNGSGELDERN
IN DER US-WIRTSCHAFT (III und Schluß)
Verstärkte Bemühungen der Gewerkschaften um
Aufnahme von Abfindungsplänen in die
Tarifverträge
(98 Zeilen)

Seite

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22. August 1958

X. Jahrgang. Nr. 35/C
INHALTSVERZEICHNIS

WELT DER ARBEIT
SONDERREPORTAGE
TAG DER ARBEIT 1956 : US-GEWERKSCHAFTEN ZIEHEN BILANZ
Feiertag des ganzen Volkes - Soziale Gerechtigkeit
bleibt das Ziel (220 Zeilen , 3 Bilder)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
VIERJÄHRIGE VERLÄNGERUNG DES US-GESETZES
ÜBER GEGENSEITIGE HANDELSABKOMMEN
Erfolg der liberalen Kräfte der amerikanischen
Handelspolitik - 20prozentige Zollsenkung bis
1962
(65 Zeilen)
MEHR ARBEITSPARENDE MASCHINEN FÜR DIE
US-LANDWIRTSCHAFT
Trends in der amerikanischen Landmaschinenindustrie
Mechanisierung - ein Mittel zur Leistungs- und
Rentabilitätssteigerung (90 Zeilen, 1 Bild)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUER REAKTOR FÜR MEDIZINISCHE ZWECKE
Therapie und Forschung auf neuen Wegen Möglichkeiten der Krebsbekämpfung (52 Zeilen)

* * * * *

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5

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8

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X. Jahrgang, Nr. 34/C

29. August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DAS PROBLEM DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG UND
DIE GEGENSEITIGE ABHÄNGIGKEIT DER STAATEN (i)
Die Welt als wirtschaftlich-soziale Einheit Neuordnung des internationalen Wirtschaftsgefüges
unaufschiebbar
(98 Zeilen)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ANZEICHEN EINER WIEDERBELEBUNG DER WIRTSCHAFTSTXTIGKEIT MEHREN SICH
Geld wird teurer - Mehr Aufträge erwartet Beendigung des Lagerabbaus
(92 Zeilen)

Seite

1,

Seite

DAS WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGSPROGRAMM DER
USA NIMMT GESTALT AN
Eisenhowers Vorschlag zur Errichtung einer
Entwicklungsbehörde für den Nahen Osten Lateinamerika ein weiterer Schwerpunkt
(92 Zeilen)

Seite

8

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
EIN NEUES PAPIER - ELASTISCH UND REISSFEST
(18 Zeilen)

Seite

11

Seite

11

Seite

12

Seite

12

Seite

13

BRUCHSICHERE KUNSTSTOFF-FENSTER
(10 Zeilen)
EIN "KUGELSCHREIBER" FÜR LEIM
(8 Zeilen)
EINE FARBE. DIE GEFÄHRLICHE HITZE ANZEIGT
(6 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
INDUSTRIEUNTERNEHMEN WIRBT UM ÖFFENTLICHES
VERTRAUEN
Tag der offenen Tür hat großen Erfolg Partnerschaftsprogramm findet Unterstützung
der Gewerkschaften
(72 Zeilen, 1 Bild)

�1

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5. September

X» Jahrgang. Nr. 55/C

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DAS PROBLEM DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG
UND DIE GEGENSEITIGE ABHÄNGIGKEIT DER STAATEN (II)
Enorme Investitionsmöglichkeiten in Europa - Auslandskapital als Anstoß zu selbständigem Wachstum
in den Entwicklungsländern (118 Zeilen)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ZAHLEN DES US-HANDELSMINISTERIUMS BEWEISEN
ENDE DER REZESSION
Neue Rekordhöhe des Personaleinkommens Verteidigungsausgaben kein Anti-Rezessionsmittel
(76 Zeilen)
DREI-PUNKTE-PROGRAMM FÜR WELTBANK UND
WAHRUNGSFONDS
Eisenhowers neue Initiative - Entwicklungsinstitut
als Tochtergesellschaft der Weltbank vorgeschlagen
(68 Zeilen)

Seite

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
EIN NEUES ELEKTRONENGEHIRN, DAS SICH SELBST
SEINE INSTRUKTIONEN SCHREIBT
(20 Zeilen)
Seite
ELEKTRONENMASCHINE LIEST ADRESSEN UND SORTIERT POST
(20 Zeilen)
Saite
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTLER BESUCHEN DIE UNIVERSITÄT
Erstklassige Ausbildung für Funktionäre und
Gewerkschaftsmitarbeiter - Grundlage für Rolle
im öffentlichen Leben
(52 Zeilen, 1 Bild)

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Seite

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12. September 1958

X. Jahrgang« Nr. 56/C
INHALTSVERZEICHNIS

V/IRTSCHAFTSREPORTAGE
WISSENSCHAFTLER VERHELFEN HOLZ UND HOLZPRODUKTEN
ZU NEUER BEDEUTUNG
US-Holzindustrie produziert nach Rezepten eines
Staatslaboratoriums - Erfolg: ein Material, das
billiger, aber widerstandsfähiger ist als Sperrholz
(98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ERHOLUNG DES US-AUSSENHANDELS ALS FOLGE
DES V/IRTSCIIAFTSAUFSCHWUNGS
Juni-Einfuhren höher als die des Vergleichsmonats
1957 - Hauptwirkung der steigenden Wirtschaftstätigkeit auf den Außenhandel erst 1959 zu erwarten
(65 Zeilen)

Seite

5

Seite

8

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
RENTABILITÄTSGRENZE FÜR ATOMSCHIFFE IN SICHT
Betriebskosten für Atom- und konventionelle
Schiffe 1980 etwa auf gleicher Höhe - Unterseetanker bieten große Vorteile
(40 Zeilen, 1 Bild)

Seite

11,

WELT DER ARBEIT
20 JAHRE US-GESETZ ÜBER DIE ARBEITSBEDINGUNGEN
UND LÖHNE
Bestimmungen, die für den amerikanischen Arbeiter
bares Geld bedeuten
(54 Zeilen)

Seite

15

NEUES US-GESETZ ZUR FÖRDERUNG DER KLEIN- UND
MITTELBETRIEBE
Bessere Kreditversorgung und Steuererleichterungen Selbständiges Amt für Klein- und Mittelbetriebe
(85 Zeilen)

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X. Jahrgang. Nr. 57/c

19. S

temb^r 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTEREPORTAGE
PliERTO RICO RUNDET WIRTSCHAFTLICHES Al'FBAUPRQGRAMM AB
Verstärkte Bemühungen zur Verbreiterung der landwirtschaftlichen Struktur - Schaffung von Verarbeitungsanlagcn landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Ausbau
von Absatzorganisationen (98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AIS DER US-WIRTSCKAFT
WACHSENDES AUSLANDSANLEIHEGESCHÄFT DER
US-KANDELSBANKEN

Durchschnittliche Gesamthöhe der langfristigen
Anleihen gegenwärtig bereits 1,0 Mrd. Dollar pro Jahr
(60 Zeilen)

Seite

DIE ATOMVERSICHERÜ'NG GEWINNT ILILIKR i.lEHR AN BEDEUTUNG
Amerikanische Versicherungounternehmen bieten bereits
umfassende Risikodeckung (80 Zeilen)

Seite

7

AMERIKANISCHE KOLLEKTIVSCHAU AUF DER IKOFA
(28 Zeilen)

Seite

10

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
WIDERSTANDSFÄHIGE VERSANDBEHÄLTER AUS ZUCKERROHRBACASSE
(16 Zeilen)
Seite 11;
UNSINK3ARES BOOT AUS EINEM GUMMI- UND KUNSTSTOFFQEMISCH
(18 Zeilen)
Seite 12
WELT DER ARBEIT
UNFALLVERHÜTUNGSMASSNAHMEN MIT GEWERKSCHAFTLICHER
UNTERSTÜTZUNG FÜHREN ZUM ERFOLG
Eigene Sicherheitsausschüsat; der Gewerkschaften Sicherheitsbestimmungen in den Tarifverträgen
(72 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

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26. September 1958

X. Jahrgang. Nr. 38/c
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ANTIBIOTIKA ALS HELFER DER LANDWIRTSCHAFT
Schnellere und wirtschaftlichere Tieraufzucht Wirksame Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten Große Erfolge auf dem Gebiet der Nahrungsmittelkonservierung
(98 Zeilen)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
WIRTSCHAFTLICHER AUFTRIEB SETZT SICH VERSTÄRKT FORT
Produktionsindex bereits wieder um 11 Punkte
gestiegen - Stahlindustrie weist höhere Auftragseingänge auf
(78 Zeilen)
Seite
REKORDWEIZENERNTE TROTZ*VERMINDERUNG DER ANBAUFLÄCHE
Gesamtertrag 1,4 Mrd. Bushel - Gesamtvorrat an
Weizen 2,3 Mrd. Bushel - Eigenverbrauch nur 610
Mio Bushel - Auch andere Getreidearten im Überfluß
(50 Zeilen)
Seite
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ARMBANDUHRGROSSE. AUFLADBARE TROCKENZELLENBATTERIE
Große Unempfindlichkeit - Lebensdauer von zehn Jahren
(30 Zeilen, 1 Bild)
Seite

10

WELT DER ARBEIT
TROTZ WIRTSCHAFTLICHER ABSCHWÄCHUNG STIEGEN
DIE LÖHNE WEITER AN
(28 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

Seite

14

GERINGFÜGIGER ANSTIEG DER UNFALLRATE IM II.QUARTAL
(23 Zeilen)
GÜNSTIGE ENTWICKLUNG DER BESCHAFTIGUNGSLAGE
IM AUGUST
(14 Zeilen)

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39/C

3. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
PRAKTISCHE ANWENDUNGSMÖGLICHKEITEN FÜR
SONNENENERGIE
Verschiedene Geräte werden bereits auf kommerzieller
Basis hergestellt - "Sonnenuhr", Radios und Warnlampen - Viele neuen Anwendungsmöglichkeiten
(76 Zeilen, 2 Bilder)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EINE VIEL BEACHTETE ENTSCHEIDUNG
Präsident Eisenhower verfügte Importquoten für
Blei und Zink
(62 Zeilen)
SELBST AUF DEM INVESTITIONSSEKTOR IST SCHON
EINE BELEBUNG FESTZUSTELLEN
Schnellere Erholung als erwartet - Investitionen
folgen diesmal nicht dem "klassischen" Trend
(78 Zeilen)
.
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"KQDEL" - EINE NEUE CHEMIEFASER
(20 Zeilen)
NEUES LEICHTES MILITÄRFAHRZEUG
(16 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
MECHANIKER IM AÜT0HANDWERK ERRINGEN ANERKENNUNG
ALS FACHARBEITER
IAM-Gewerkschaft stellte sich hinter die Automechaniker - Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch
für unorganisierte Automechaniker erwartet
(53 Zeilen, 2 Bilder)

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X. Jahrgang. Nr. 40/C

10. Oktober 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKÜLEN (i)
Von der Schießbaumwolle bis zum Bakelit
(62 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ÜBERRASCHEND HOHER ANSTIEG DER PRODUKTIVITÄT
IN DEN USA
W a c h s t u m s r a t e im I I . Q a r t a l um s i e b e n P r o z e n t
h ö h e r a l s 1957 - N i c h t u n e r h e b l i c h e Auswirkungen
a u f den A r b e i t s m a r k t
(90 Z e i l e n )

Seite

STEIGENDE TÄTIGKEIT DER EXPORT-IMPORT-BANK
ERWARTET

Gesamtkreditsumme im Rechnungsjahr 1959 a^f
1,1 Mrd. Dollar geschätzt - Ausweitung des
Welthandels im Sog des neuen Konjunkturaufschwungs in den USA
(60 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"PIPEMOBILE" - EIN NEUARTIGES GERÄT FÜR
DEN KANALISATIONSBAU
(14 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

9

NEUE VERWENDUNGSZWECKE FÜR "PYROCERAM"
(12 Zeilen)

Seite

10

Seite

11

WELT DER ARBEIT
FERNSEHFILME ZEIGEN "AMERIKANER BEI DER ARBEIT"
Gewerkschaften kommen über TV ins Haus - Gewerkschaftliche Öffentlichkeitsarbeit auf neuen Wegen
(44 Zeilen)
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17. Oktober

X. J a h r g a n g . N r . 41/C

1958

IMIIALT SVERZEI CiiNI S

WIRTSCKAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKILEN (II)
Die Geheimnisse der Riesenmoleküle
(95 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

' ERSTES ABSINKEN DER LEBENSHALTUNGSKOSTEN
SEIT ZWEI JAHREN
Stabilisierung des Verbraucherpreisindexes
trotz Konjunkturaufschwung - Aber leichte
Preiserhöhungen bei einigen wichtigen Metallen
(70 Zeilen)

Seite

5

STÜRMISCHE ENTWICKLUNG DER PETROCHEMISCHEN
INDUSTRIE
Weltproduktion bis 1965 verdoppelt - Gesamtinvestitionen in der petrochemischen Industrie
Westeuropas 196O auf 1,2 Mrd. Dollar geschätzt
(55 Zeilen)

Seite

8

NEUARTIGER KLEINER, ABER KOCHLEISTUNGSFÄHIGER
GASTURBINENMOTOR
(16 Zeilen)

Seite

10

SPSZIALBINDEMITIEL FÜR METALLTEILE
(13 Zeilen)

Seite

11

BRACHTE TARIFABKOMMEN MIT DEN
"GROSSEN DREI" UNTER DACH
|
(26 Zeilen)

Seite

12

EINNAHMERÜCKGANG DER "APL-CIO" IM LETZTEN
FINANZJAHR
(19 Zeilen)

Seite

13

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK

WELT DER ARBEIT
UAW-GEV/ERKSCHAFT

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24. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKÜLEN (ill)
Die Invasion der Kunstharze und Silikone
(95 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EIN NEUER ABSCHNITT IN DER INTERNATIONALEN
ZUSAMMENARBEIT
Verstärkte Bemühungen des Westens zur Förderung
des wirtschaftlichen Aufbaues in den Entwicklungsländern
(62 Zeilen)

Seite

WIRTSCHAFTLICHE EXPANSION, ERHÖHTE SOZIALE
SICHERHEIT UND BEVÖLKERUNGSZUWACHS
Bevölkerungszahl der USA stieg in den vergangenen
neun Jahren um 25 Millionen an - Folge der
NachkriegsProsperität
(85 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"AUTO-ABSTRACT,, - SCHREIBT KURZFASSUNGEN VON
ARTIKELN AUTOMATISCH
(15 Zeilen)

Seite

Seite

11

Seite

11

WELT DER ARBEIT
NEUE TARIFVERTRÄGE IN DER US-AUTOMOBILINDUSTRIE
MIT BEDEUTENDEN VERBESSERUNGEN
"Jährlicher Verbesserungsfaktor" und "Steigerungsbonus"
gewährleisten regelmäßige Lohnaufbesserungen - Vorteile
für Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Verbraucher
(82 Zeilen)
Seite

12

NEUER INDUSTRIE-RÖNTGENFILM
(8 Zeilen)

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31. Oktober
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKÜLEN (IV)
Von der Kunstseide zu den Chemiefasern
(98 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DAS GATT
USA auf neue Zollsenkungsrunde vorbereitet
(74 Zeilen)
'

Seite

BUDGETDEFIZIT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG
Geringeres Defizit auf Grund der günstigen
Einnahaeentwicklung möglich
(64 Zeilen)

• Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
FERNSEHTELESKOP FÜR HIMMELSAUFNAHMEN
(16 Zeilen)

Seite

NEUES ANTIBIOTIKUM GEGEN PFLANZENKRANKHEITEN
(10 Zeilen)

Seite

SOJABOHNE "SHELBY" VERSPRICHT PRODUKTIONSREKORDE
(5 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE ENTWICKLUNG VON LOHN, PRODUKTIVITÄT
UND BEZAHLTEM URLAUB IN DEN USA
Zwei Studien des Bundesamts für Arbeitsstatistik
- Lohnanstieg 2,9 Prozent, Produktivitätszuwachs
2,5 Prozent pro Jahr
(52 Zeilen)

Seite

*

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Wirtschaft
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7 . November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
STROM AUS RADIOISOTOPEN
Reaktor-Rückstände a l s Kraftquelle
(86 Z e i l e n , 2 S c h a u b i l d e r )

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ENTWICKLUNGS-ANLEIHEFONDS HAT SICH BEWAHRT
Seit Januar Anleihen in Höhe von 464 Mio
Dollar an Entwicklungsländer vergeben
(60 Zeilen)

Seite

BINNENKONJUNKTUR HAUPTANTRIEBSFEDER FÜR
WIRTSCHAFTLICHE ERHOLUNG IN DEN USA
Exporte hatten bisher keinen Einfluß Rückgang gegenüber 1957 um 18 Prozent
(80 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ERWEITERTE ISOTOPENANWENDUNG IN DER INDUSTRIE
Gemeinschaftsprogramm von US-Regierung und
Privatwirtschaft'
(JO Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
FRAUENARBEIT IN DEN USA GE.VINNT AN BEDEUTUNG
22 Mio weibliche Arbeitskräfte - Die meisten
gut bezahlten Stellen von 45-54jährigen bekleidet
(52 Zeilen)
Seite 11
* * * * *

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14. November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
MEHR AKTIONÄRE ALS ARBEITNEHMER
Die 100 größten US-Unternehmen demonstrieren
Wesen und Wirken des "Jedermannskapitalismus"
(120 Zeilen)

Seite

1

US-ANTITRUSTGESETZGEBUNG ZEITIGTE GÜNSTIGE
AUSWIRKUNGEN
Ergebnisse einer Studie - Sicherung der Gleichheit der Chancen und fairer Geschäftsbedingungen
(86 Zeilen)

Seite

6

AUSSICHTEN FÜR DAS JAHR 1959 SIND GUT
Allgemein stetige Aufwärtsentwicklung vorausgesagt Preise und Lebenshaltungskosten dürften weiterhin
stabil bleiben (70 Zeilen)

Seite

9

Seite

12

AUTOMATISCHE BLINDLANDUNG MIT 10OPR0ZENTIGER SICHERHEIT
(16 Zeilen)
" Seite

13

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES VERFAHREN ZUR GASGEWINNUNG AUS ÖLSCHIEFER
(16 Zeilen)

WELT DER ARBEIT
JÄHRLICH 26 MILLIARDEN DOLLAR FÜR FREIWILLIGE
SOZIALLEISTUNGEN
(24 Zeilen)

Seite

14

DIE STREIKGELDER DER US-GEWERKSCHAFTEN
(18 Zeilen)

Seite

15

FAST 210 000 PERSONEN ERHIELTEN 1957/58 ZUWENDUNGEN
AUS DEM PEKSIONSFQNDS DER UMW-GEWERKSCHAFT
(18 Zeilen)

Seite

15

* * x * *

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21 . November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WASHINGTON ERHÄLT EINEN NEUEN DÜSENFLUGPLATZ
Vollkommen neuer Platz - Baukosten 100 Millionen
Dollar - Inbetriebnahme 1961
(48 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite

1;

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
FÜNF-PUNKTE- PROGRAMM FÜR EINE INTERNATIONALE
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Die Vorschläge Präsident Eisenhowers auf der
Ministerratstagung der Colomboplanstaaten
(76 Zeilen)

Seite

EIGEN-ERSATZKAPITAL FÜR KLEIN- UND MITTELBETRIEBE
Gedanken zum "Small Business Investment Act"
(84 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT -UND TECHNIK
NEUE ALUMINIUMLEGIERUNG ALS SCHUTZHÜLSE FÜR
BRENNSTOFFELEMENTE
(24 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
16 MILLIONEN DOLLAR FÜR VERBESSERUNGSVORSCHLÄGE
(20 Zeilen)

Seite

10

GEWERKSCHAFTS- UND ARBEITGEBERVERTRETER
FORDERN LEHRLINGSWOCHE
(14 Zeilen)

Seite

11

ERSTES HALBJAHR 1958: NIEDRIGSTER STREIKSTAND
DER NACHKRIEGSZEIT
(9 Zeilen)

Seite

11,

* * * * *

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X. Jahrgang, Nr. 47/C

28. November

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER VERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (i)
Die Nahrungsmittel- und Drogenschutzgesetze
(120 Zeilen)
Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE ANSTRENGUNGEN DER USA AUF DEM GEBIET DER
INTERNATIONALEN WIRTSCHAFT
Dulles1 Konzept einer internationalen Wirtschaftspolitik - Schaffung einer Weltgemeinschaft
unerläßlich
(72 Zeilen)

Seite

6

Seite

9

Seite

11

Seite

12

Seite

15

Seite

14

US-AUSSENWIRTSCHAFTSPOLITIK AUS DER PERSPEKTIVE
DER PRIVATWIRTSCHAFT
Meinungen und Ansichten auf der 45» Jahrestagung
des "National Foreign Trade Council"
(62 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUE METHODE ZUR FRÜHZEITIGEN LOKALISIERUNG
EINES HURRIKANS
(24 Zeilen)
1500 ASBESTFASERN DÜNNER ALS EIN MENSCHENHAAR
(14 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
NEUES EINSTELLUNGSSYSTEM FÜR HAFENARBEITER
($2 Zeilen)
ZWEI NEU-ERNENNUNGEN IM US-ARBEITSMINISTERIUM
(18 Zeilen)

* * * * *

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X. Jahrgang. Nr. 48/c

5. Dezember

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER YERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (il)
Die Antitrustgesetzgebung und ihr Einfluß auf die
Wirtschaftsstruktur
(120 Zeilen)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AMERIKAS WIRTSCHAFTLICHE VORMACHTSTELLUNG
NICHT BEDROHT
US-Bericht über die Sowjetwirtschaft - Unterschied
zwischen Verbrauchs- und investitionsorientiertem
Wirtschaftssystem (90 Zeilen)
NUN AUCH AUFSCHWUNG IN DEN US-INVESTITIONSGÜTERINDUSTRIEN
25prozentige Auftragszunahme im Maschinenbau Kontinuierlicher Aufwärtstrend vorausgesagt
(75 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES INSTRUMENT ZUR ERFORSCHUNG DER ERDSTRUKTUR
(22 Zeilen)
WASSER-ENTSALZUNGSANLAGE HILFT KOSTEN SPAREN
(18 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
STÄNDIG STEIGENDER LEBENSSTANDARD
Ergebnisse einer Untersuchung in US-Unternehmen
Mehr materieller Wohlstand, aber auch größeres
Interesse an öffentlichen und ku-lturellen Angelegenheiten (64 Zeilen)

* *- * * *

Seite

Seite

Seite

11

Seite

12

Seite

13

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12 . Dezember 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER VERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN
STAATEN (III)
Die Gesetze zur Verhinderung des Mißbrauchs
von Rauschgiften - Die Aufgaben des USBundesamtes für Normen
(98 Zeilen)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
LETZTE REZESSION VERMITTELTE NEUE WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHE ERKENNTNISSE
Amerikas Wirtschaftswissenschaftler analysierten
Ablauf der konjunkturellen Entwicklung im
vergangenen Jahr
(78 Zeilen)
Seite
MIT ZUNEHMENDEN VERBRAUCHERAUSGABEN ZU RECHNEN
Jüngste Verbraucheranalyse deutet auf höhere
Ausgaben, aber nicht auf Ausgabenboom hin
(68 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ELEKTRONENHIRN FÜR SEENOTDIENST EINGESETZT
(15 Zeilen)

Seite

10

ZELLULOSEBILDUNG MIT RADIOAKTIVEM KOHLENSTOFF
UNTERSUCHT
(14 Zeilen)

Seite

10

Seite

11.

Seite

12

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFT MUSS ANDERE ARBEITNEHMER ÜBER
STREIKGRÜNDE INFORMIEREN
(24 Zeilen)
10 000-DOLLAR-PRÄMIE FÜR VERBESSERUNGSVORSCHLAG
(22 Zeilen)
WAHL VON SPITZENFUNKTIONÄREN UND GEHÄLTER
VON GEWERKSCHAFTSFÜHRERN

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50/C

19. Dezember 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER VERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (IV)
Schutz von Spareinlagen und Hypotheken
(130 Zeilen)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AUSSENHANDELSBILANZ 1958
Starker Rückgang der Exporte bei behaupteten
Importen - Erhöhung der Gold- und Dollarreserven
der anderen Länder um rund 3»5 Mrd. Dollar
(88 Zeilen)

Seite

INVESTITIONEN FOLGEN DEFINITIV DEM'AUFWARTSTREND
Jahresrate im IV. Quartal 1958 rund 29,9 Mrd.
Dollar - Anstieg im I. Vierteljahr 1959 a u f
30,5 Mrd. Dollar erwartet
(46 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES FRISCHHALTEVERFAHREN FÜR SEEFISCHE
(19 Zeilen)
"THERMALINE"
EINZELRAUM
(14 Zeilen)

Seite

11

Seite

12

Seite

13

Seite

14

Seite

15

DIE KLIMAANLAGE FÜR DEN

WELT DER ARBEIT
MITCHELL WILL "FAIR LABOR STANDARDS ACT"
VERBESSERN
(32 Zeilen)
"UMW"-GEWERKSCHAFT SCHLOSS NEUEN TARIFVERTRAG
(20 Zeilen)
AUCH "STUDEBAKER-PACKARD" SCHLOSS NUN NEUEN
VERTRAG MIT "UAW"-GEWERKSCHAFT
(30 Zeilen)
ZUR BEACHTUNG:

Seite

Unsere nächste Ausgabe WIRTSCHAFT
UND ARBEIT erscheint am 9. Januar 1959
* * * # *

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IX. Jahrgang, Nr. 1/Y

Für die Jugend
Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
AUS SEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (l)
Emily Dickinson, die dichtende Jungfer mit
dem strengen, wilden Herzen wurde zum Vorläufer der modernen Lyrik
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

BABYSITTER STARK GEFRAGT
Ein Nebenberuf wird zum Milliardengeschäft
(45 Zeilen, 1 Bild)

Seite

DER AMERIKANISCHE TEENAGER
Der amerikanische Jugendliche unter
20 Jahren und was ihn beschäftigt
(54 Zeilen, 4 Bilder)

Seite

DAS SCHWARZE BRETT
NOTIZEN VON DRÜBEN UND HÜBEN
(45 Zeilen)

* * * * *

Seite

1

10

�AM K K I K A D I L N S T
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IX. Jahrgang. Nr. 2/Y

F Ü T CÜC J u S C I l C t

Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
MEILENSTEINE IN DER GESCHICHTE DER USA
Abraham Lincoln (zum Geburtstag des 16. Präsidenten
der USA am 12. Februar)
George Washington (zum Geburtstag des 1. Präsidenten
der USA am 22. Februar, der in
Amerika als Nationalfeiertag
begangen wird)
(128 Zeilen, 2 Bilder)
Seite

1

ÜBER DEN STUFEN DES KAPITOLS
Wo die amerikanischen Gesetze entstehen
(80 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

TEILE DEINE GEBURTSTAGSGESCHENKE
Die Freundschaft unserer Kinder sichert
den Frieden von Morgen
(30 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

Seite

11

IMMER EINE FREUDE

Seite

12

FÜNFZIG JAHRE HOLLYWOOD

Seite

12

"GULLIVERS REISEN" WERDEN VERFILMT

Seite

13

EINE FRAU AM RADIOTELESKOP

Seite

13

DIEBSTAHL VON STAATSEIGENTUM EIN
KAPITALVERBRECHEN
(69 Zeilen)

Seite

13

DAS SCHWARZE BRETT
WIE ENTSTEHEN SCHNEEFLOCKEN?
KÜNSTLICHE NIEDERSCHLÄGE - NICHT

* * * * *

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Für die Jugend

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IX. Jahrgang, Nr.

3/Y

März 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL

AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (il)
Der Mensch in Auflehnung gegen ein blindes
Schicksal - Das Tragische in Herman Melvilles
Werk und Leben
(86 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

DIE
Die
Von
(60

Seite

BESTEN AMERIKANISCHEN FILME VON 1957
Filmindustrie umwirbt das Publikum
Norman Smith
Zeilen)

ERDSATELLITEN ENTHÜLLEN GEHEIMNISSE DER IONOSPHÄRE
Wissenschaftliche "Überraschungen" durch EXPLORER
(94 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

DAS SCHWARZE BRETT
WUSSTEIT IHR DAS.
(24 Z e i l e n )

Seite

#

*

*

*

*

1.0

�AM F. RI KA DI E N S T
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IX. J a h r g a n g . N r . 4/Y

Für die Jugend
April 1958

INHALTSVERZEICHNIS
AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (ill)
Robert Frost - ein Dichter des Alltags
Zum 84- Geburtstag des Nestors der
amerikanischen Lyriker
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

LAND UND LEUTE
Osterbräuche in den Vereinigten Staaten
(65 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

DIE BRÜSSELER WELTAUSSTELLUNG
Ein Gang durch den Pavillon der Vereinigten Staaten
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

DAS INTERNATIONALE JUGENDFORUM IN NEW YORK
"Die Welt, die wir erstreben"
(38 Zeilen)

Seite

»
11

DAS SCHWARZE BRETT
Kinder
adoptieren Großeltern
Kinder aflopl
(15 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

Hundert Millionen selbstgeschneiderte
Kleidungss tücke
(10 Zeilen)
* * * * * * *

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IX. J a h r g a n g . Nr. 5/Y

Für die Jugend
Mai 1958

INHALTSVERZEICHNIS

AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (IV)
über den Jordan und ins Paradies
Die Spirituals der amerikanischen Neger
(64 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

Seite

4

Seite

6

DIE WELT. DIE WIR ERSTREBEN
Das 12. Jugendforum der "New York
Herald Tribüne"
(60 Zeilen, 1 Bild)
VIEHZUCHT UND FUTTERKUNDE
I

I

!

I

Die Lieblingsfächer der Cecilia Marks
aus Louisiana
(36 Zeilen, 1 Bild)

DAS SCHWARZE BRETT
Amerikanische Filme auf der Weltausstellung
(14 Zeilen)

Seite

Unser Freund, das Atom - ein neuer
Dokumentarfilm
(4 Zeilen)

Seite

8

Was lesen die Amerikaner zur Zeit?
(15 Zeilen)

Seite

9

Amerikanische Geschichte in Wachs
(7 Zeilen)

Seite

9

Neuer Schallplattenjockei für "Music USA"
(9 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

*

* * * * * *

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IX. J a h r g a n g , N r . 6/Y

Für die Jugend
Juni 1958

INHALTSVERZEICHNIS

DAS INTERNATIONALE GEOPHYSIKALISCHE JAHR
WINTER AM SÜDPOL
Wissenschaftliche Arbeit unter Strapazen
und Entbehrungen
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1,

Seite

6

Seite

8

Der Büchermarkt Amerikas im Jahre 1957
(10 Zeilen)

Seite

10

Mehr Museumsbesuche als Baseballbegeisterte
(11, Zeilen)

Seite

U

Welturaufführung einer Menottioper in Brüssel
(6 Zeilen)

Seite

11

Erfolgreiches "Sonnenaufgangs"-Semester
(9 Zeilen)

Seite

12

ASTRONOMIE
ZEHN JAHRE RIESENAUGE AUF DEM MOUNT PALOMAR
Die Erfindung eines deutschen Optikers ermöglicht die Konstruktion des größten Teleskops der Welt
(65 Zeilen, 2 Bilder)
FARMJUGEND
JUGEND ZWISCHEN FARM UND FELDERN - DIE
A-E CLUBS
(46 Zeilen, 1 Bild)
DAS SCHWARZE BRETT

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IX. J a h r g a n g . Nr.

Für die Jugend
Juli

7/Y

1958

INHALTSVERZEICHNIS

MEILENSTEINE IN DER GESCHICKTE DER USA
STATIONEN AUF DEM 7/EGE ZUR DEMOKRATIE
Zum amerikanischen Unabhängigkeitstag
am 4« Juli
(85 Zeilen, 5 Bilder)

Seite 1

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
UTOPIE '.VIRD '.7IRKLICHKEIT
Flug zum Mond technisch bereits möglich
(98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

DAS PORTRAT
IRVING BERLIN - EIN AMERIKANISCHES EPOS
Er komponiert nur in Fis-Dur und kann nicht
Noten lesen
(58 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

DAS SCHWÄRZE BRETT
MIT 82 JAHREN AUF DER SCHULBANK
(16 Zeilen)

Seite

11

Seite

12

WUSSTET IHR SCHON?
(26 Zeilen)

* * * * *

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IX. Jahrgang. Nr. 8/Y

Für die Jugend
August 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
ALASKA - DER 49. STERN IN DER AMERIKANISCHEN
FLAGGE
Das "Große Land" im Norden der Vereinigten
Staaten
(156 Zeilen, 5 Bilder)

Seite

1

WUNDER DER WISSENSCHAFT AUF DER BRÜSSELER
WELTAUSSTELLUNG
Bunte Schneeflocken, künstliche Diamanten
und ein gummiweiches Metall
(120 Zeilen)

Seite

5

TEENAGER BRAUCHEN IMMER GELD
Nebenbeschäftigung für Jugendliche
(82 Zeilen)

Seite

10

Seite

13

DAS SCHWARZE BRETT
Europäer wählen Lincoln
(6 Zeilen)
Verständnis für zeitgenössische Kunst
(9 Zeilen)
Lateinisch-amerikanischer Plautus
(9 Zeilen)

Seite

13

Seite

1

Orientalistik gefragt
(9 Zeilen)

Seite

14

Hausfrauen springen für Lehrer ein
(10 Zeilen)

Seite

14

* * * **

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Für die Jugend
September 1958

IX. Jahrgang, Nr. 9/Y
INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
KONZERTE, DISKUSSIONSFCREN UND EINE
INTERNATIONALE BAND
Rückblick auf das Newport Jazz Festival 1958
Von Norman Smith
(60 Zeilen, 1 Bilc.

Seite

1

GRANDMA MOSES
Eine Sonntagsmalerin von 98 Jahren
(64 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

3

JUNGE FORSCHERTALENTE STELLEN SICH VOR
"Science Shows" als wirksames Mittel der
Begabtenförderung
(66 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

DAS SCHWARZE BRETT
165 Jahre Kapitol in Washington
(16 Zeilen, 1 Bild)

Seite

Vor hundert Jahren« Erste Postkutschenverbindung
Kutschenvorbindung St. Louis-San Francisco
(6 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

Gershwin wäre sechzig Jahre alt
(15 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

Universität von Südkalifornien vergibt
Doktortitel für Filmkunst
(20 Zeilen)

Seite

11

* * * # *

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Für die Jugend

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Oktober 1958

IX. Jahrgang. Nr. 1 Q/Y
INHALTSVERZEICHNIS

AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (v)
• 75 JAHRE "MET"
Glorreiche Operntradition zwischen Wolkenkratzern
(60 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

1850 MEILEN TAUCHFAHRT UNTER DEM POLAREIS
Die große Pionierfahrt der USS Nautilus
(120 Zeilen, 5 Bilder)

Seite

4

VIER MILLIONEN ALIERIKANIS CHE MÄDCHEN SCHNEIDERN SELBST
(12 Zeilen)

Seite

9

DAS SCHWARZE BRETT
DENKWÜRDIGE DATEN
TT)Germantown
(20 Zeilen)

Seite 10

(2) Fragen Sie Herrn Webster
(16 Zeilen, 1 Bild)

Seite 11

(3) Theodore-Roosevelt-Gedenkjähr
(16 Zeilen)

Seite 12

(4) 51. Oktober, Halloween - Nacht der
Hexen und Geister
(35 Zeilen)

Seite 12

* * * * *

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Für die Jugend
November

IX. Jahrgang. Nr. 11/Y

1958

INHALTSVERZEICHNIS
MEILENSTEINE IN DER ALIERIKANISCHEN GESCHICHTE
THANKSGIVING - DER AN TRADITION REICHSTE
FESTTAG AMERIKAS
Zum 27« November 1958
(78 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

KREUZ UND QUER DURCH DIE USA
MASSACHUSETTS - KEIMZELLE DER USA
Glückliche Synthese von Vergangenheit
und Gegenwart
(100 Zeilen, 4 Bilder)

Seite

4

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
DAVID MORRISON - EIN JUNIOR DER WISSENSCHAFT
Beobachtung der Sonnenfinsternis im Pazifik
(75 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

8

DAS SCHWARZE BRETT
KINDER ILLUSTRIEREN "ANDERSONS MÄRCHEN1
(5 Zeilen)

Seite

11

DISNEY STÖSST IN "WEISSE WILDNIS" VOR
(5 Zeilen)

Seite

11

UNICEF-BUCH ÜBER KINDER IN ALLER WELT
(12 Zeilen)

Seite

11

DER COWBOY BEKOMMT EIN DENKMAL
(7 Zeilen)

Seite

12

KATHOLISCHE KNABENSCHULE IN DER
JÜDISCHEN GEMEINDE
(9 Zeilen)

Seite , 12

* * * * *

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IX. Jahrgang. Nr. 12/Y

Für die Jugend
Dezember

1958

INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
"PUTZ" HEISST "KRIPPE"
Weihnachten im amerikanischen Bethlehem
(60 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

AUS DER ARBEIT EINES AMERIKANISCHEN
JUGKND-ROT-KREUZ-KLUBS
Weihnachtsfest für Ungarnflüchtlinge
(40 Zeilen, 1 Bild)

Seite

4

SCHULE AM RANDE DER WÜSTE
Das Leben auf einer Ranchschule in Arizona
(54 Zeilen, 1 Bild)

Seite

6

DAS SCHWARZE BRETT
Eine Schule reist um die Welt
(9 Zeilen)

Seite

Weihnachtssingen mit Bing Crosby
(8 Zeilen)

Seite

Flugschüler der Brüder Wright gründet
Luftfahrthistorisches Museum auf Long Island
(8 Zeilen)

Seite

Alte Indianersiedlungen in Colorado werden
freigelegt
(8 Zeilen)

Seite

Kinder senden für Kinder
(12 Zeilen)

Seite

*

* * *

*

10

�</text>
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                    <text>AMERIKA - DIENST Sonderbeilagen1958

Ä

3.

I»

Rueckschau und Ausblick 1957/58

15»

I«

Praesident Eisenhower ueber die Lage der Nation.

9»

I«

12«

I,

7*

I«

praesident Eisenhower legt neuen US-Haushalt vor.
Auszuege aus der Budget-Kongresabotschaft

13«

I«

John Forster Dulles: Gipfelkonferenz nur bei
wirklicher Aussicht auf Erfolg»
Wortlaut der Rede vor dem amerikanischen Presseklub in Washington»
/

16«

I,

24«

I&lt;

Fraesident Eisenhower antwortet Bulganin«
Amerika und seine Fuehrungsrolle in der Technik»
Wortlaut einer Rede von James R. Killian
W

A

15«

22»

X«

I»

W

22«

I, praesident Eisenhower unterbreitet Kongress Wirtschaf tsbericht.
1« Text des Begleitschreibens
2, Auszuege aus dem Wirtschaftsbericht
/

A

29»

X«

Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Kernverschmelzung«
Wortlaut der Erklaerung v«n Lewis L. Strauss
Vorsitzender der amerikanischen AEC - ^

Die Amerikanischen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet
der kontrollierten Kernverschmelzungspr«zesse.
Hintergrundmaterial, vorgelegt von Dr. Arthur E. Ruark,
Leiter der Forschungsabteilung der AEC fuer Kontrollierte Kernverschmelzungsprozesso»
^

A

5» II»

Ziel der USAi Aufrechterhaltung der nationalen
Unabhaengigkeit der Voelker im mittleren Osten,
Wortlaut einer Rede v«n John Forster Dulles v«r der
Bagdadpakt-Konferena.
_^

27* I«

Da» amerikanisch- sowjetische Abkommen ueber den
kulturellen 'ustausch
*

2f •

A

12. II.

Der Griff nach den Sternen

W

12» II.

Die Zivilluftfahrt in den Vereinigten Staaten-"^

A

19» II»

Wortlaut des Antwortschreibens Praesiden Eisenhowers
an Ministerpraesident Bulganin
'

17« II.

Eisenhower tritt fuer Staerkung des gemeinsamen
Sicherheitsprogramines der USA ein.

25. II.

W

26. II.

�W 26» II*

Praesident Eisenhower unterbreitet Auslands hilfeprogramm

A 2i»III»

Bruecken der Verstaendigung.
Die Rolle der amerikanischen Stiftungen»

W 28.III*

^

s

Atompolitik im Zeitalter der Raumfahrt»
Auszug einer Rede, die Robert M. McKinney in
Chicago gehalten hat.
/

18* III»

A

3« IV»

Einfuehrung in die Probleme und Möglichkeiten
der Raumfahrt»
Auf Veranlassung Dwight D. Eisenhewers Terfasst
und herausgegeben vom Wissenschaftlichen Beirat des
US-Praesidenten.
**'

W

3* IV»

Aussenminister Dulles fordert Verlaengerung des
Gesetzes ueber gegenseitige Handelsabkommen,
Wortlaut einer Rede« die US-Aussenminister Dulles
am 27. Maerz 1958 in Washington gehalten hat. ^

27* III.

A IL» IV*

Die Abruestung - ein amerikanisches Anliegen
(Hintergrundmaterial)
^

A 25» IV.

Die Gruende der USA fuer die vorlaeufige Fortsetzung der Kernwaffenversuche.
Auszuege aus einer Erklaerung des Vorsitzenden
der amerikanischen Atomenergie-Kommission,
AAmiral Lewis L* Strauss, vom 17»IV-^

17«

IV»

Praesident Eisenhower antwortet Chruschtschow.
Wortlaut des Antwortschreibens
^

28»

IT«

A
W

2.
2*

V»
V»

Gemeinsame Sicherheit und Welthandel.
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretaers fuer Wirtschaftsfragen im US-Aussen«
ministerium, C. Douglas Dillon»
'
Die OEEC und der wirtschaftliche Fortschritt in
Westeuropa.
Wortlaut der Rede des Staatssekretaers im US-Aussen«
ministerium, Christian A* Herter, anlaesslich der
Feierlichkeiten zum zehnjaehrigen Bestehen des
europaeischen Wirtschaftsrates»
/

A

9*

V»

Sicherheitsmassnahmen der USA fuer die Kernwaffenversuche im Pazifik.
Wortlaut der Verlautbarung der US-Atomenergie-kommission
und des US-Verteidigungsministeriums.
_^
Lodge erlaeutert amerikanischen Inspektionsplan fuer die Arktis
Wortlaut der Erklaerung des US-Chefdelegierten bei den
Voreinten Nationen
29, IV.
^

*

�A

9»

V»

John Forster Dulles umreisst amerikanische
Aussenpolitik»
Wortlaut einer Rede vor dem Institut fuer
Atomenergiewirtschaft der Universitaet New
Hampshire

2»

V

3»

V.

Probleme der Entwicklung und Stabilitaet der
Wirtschaft»
Rede des Wirtschaftsberaters des US-Praesidenten,
Dr» Gabriel Hauge, v«r der deutschen Gruppe
der internationalen Handelskammer in Berlin
^ 30»

IV«

USA: Rapaki-Plan nicht umfassend genug«
Wortlaut der US-Note an Polen
W

W

9»

23«

30»

V»

V«

V«

^

US-Auslandshilfe eine Investition fuer den
Aufbau einer friedlichen Welt.
Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten
bei den Vereinten Nationen, Henry Cabot L«dge.

/6. v.

Eisenhower schlaegt Sachverstaendigen-Besprechung
in Genf v»r»
Wortlaut des Schreibens Praesident Eisenhowers
an den sowjetischen Ministerpraesidenten
Chruschtschow, ueberreicht an Meskau
24»

V»

13»

VI. Eisenhower: Die hoechste Aufgabe des Offiziers
ist die Verhinderung des Krieges»
W»rtlaut-Auszuege aus der Ansprache Praesident Eisenhowers
vor den Absolventen der US-Marineakademie in
Annapelis ( Maryland) vom
-^ 4«
VI»

27*

VI. USA veroeffentlichen Dokumente zu den vorbereitenden Besprechungen fuer eine Gipfel»
konferenz ( 16« Juni 1958)
1) Wortlaut des westlichen Memorandums vom
Wortlaut des westlichen *ide Memoire vom
Verschlag zur Oeberpruefung der einzelnen
Punkte zur Tagesordnung, der der UdSSR am
zugestellt worden ist.
^

4»

11»

28»
28»

V.
V»

31»

V»

VII. Herbert Hoover, ehemaliger Praesident der
Vereinigten Staaten, spricht am 4« Juli
in Bruessel:
Ueber die amerikanischen Ideale. ^
VII* Murphy: USA jederzeit zu Verhandlungen bereit.
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden
Staatssekretaers im US-Aussenministerium
Robert Murphy vom 1. Juli
in Hamilton ( New York).
*&lt;

1, VII»

�lli VII»

25» VII»

Praesident Eisenhower ersucht Kongress um
gesetzliche Regelung der Befugnisse des
Aussenrainisters bezueglich der Beschraenkung
v»n Reisepaessen»
Wortlaut der Botschaft vom

7»

VII*

Praesident Eisenhower gibt Entsendung amerikanischer Truppen nach dem Libanon bekannt»
Wortlaut der Erklaerung.
Lodge informiert Vereinte Nationen ueber
amerikanische Truppenlandung im Libanon»
Wortlaut der Erklaerung.
Rundfunk und Fernsehansprache Praesident Eisenhowers
ueber die Lage im nahen Osten»
Wortlaut.
Eisenhower begruendet den amerikanischen
Schritt in nah Ost vor dem Kongress»
Wortlaut der Botschaft»
US-Aussenministerium gibt Einzelheiten der
Infiltration im Libanon bekannt.
,
Wprtlaut des Berichts»
^
UN-Ausschuss fordert Wiederherstellung der
Menschenrechte in Ungarn.
^s~
Wortlaut des Berichts,

l.VIII»

Dulles: Entwicklungen in Nahost unterstreichen
Notwendigkeit der Auslandshilfe.
^
Wortlaut der Erklaerung v«m
/

18» VII»

Briefwechsel zur Frage einer Gipfelkonferenz
ueber die Situation im nahen Osten.
Antwortschreiben Praesident Eisenh«wers v»m
22.7» 58 auf das Schreiben Ministerpraesident
Chruschtschows vom 19»7»58»
Beide Schreiben im Wortlaut.
Die Zusammenarbeit zwischen Euratom und USA.
Wortlaut einer Erklaerung vtn C» Bauglas Dill»n ' 2 2. VII»
US-Aussenminister ersucht Kongress um Befugnis zur
Verminderung v«n Auslandsreisen amerik. Kommunisten.
Wortlaut einer Erklaerung von Robert D. Murphy
16» VII»
8.VIII.

Praesident Eisenh»wer schlaegt Sicherheitsratsitzung fuer 12. August v«r.
Wortlaut des Schreibens
'

l.VIII»

�A

A

8* VIII»

15» Till»

Atome fuer den Frieden.
Ausstellung unÄ Filmprogramm fuer die
II» Genfer Atomkonferenx«
lortlaut der Bede praeaident Eisenhowera
Tor der UR-Yollveraammlung.

/
'
/
15» Till«

US^i veroeffentlicien Memorandum ueber OhinaPolitik,
Wortlaut des vom Uß-Aussenministerium herausgegebenen Memorandums
/

11« Till«

A

221 Till« John Forrter Bullesi Frieden nur durch Recht
und Gerechtigkeit«
Wortlaut einer Ansprache vor der Jahrestagung
des Kr_egsteilnehinerverbandes
"Teterans of Foreign War8 of the US" in New York / 1 8 . Till.

A

29, Till« Eisenhower sohlaegt Einstellung der Kirnivaffen.
versuche vor.
Wortlaut der Erklaerung vom

22» Till.

Konferenz der Atomsachverstaendigen in Genf
beendet»
Wortlaut des Kommuniques
Wortlaut einer Erklaerung von Dr.James
Brown Fisk, Leiter der westlichen Bxpertengruppe»^-

ij

John Forster Bullest Sicherheit der kleinen
lationen iruss gewaehrt werden.
Wortlaut dei Rede zum arabischen Kompromissvorschlag vor der Tollversammlung der Tereinten
lationem«
S
IX. Atomsaohvarstaendige veroeffentlichen Bericht«
Erlaeuterungen der US-Regierung zu dem Bericht,
den die technischen Experten aus Ost und West
als Ergebnis ihrer Genfer Besprechungen aa
/
veroeffentllcht haben.
A

19.

IX. Praesiden Eisenhower unterstreicht feste Haltung
der USA. in der Fernostkriese«
Wortlaut der Rede des US-Praesidenten vom
/
Praeaident Eisenhower ant./ortet Chruschtschow.
Wortlaut des Schreibens vom
/

A

26.

IX« Bulles umre-'.sst Aussenpjlitik der USA
vor der UH-Tollversammlung in lew York*
Wortlaut der Rede des US-Aussenministera vom

21. Till.

50» Till.

11.

IX.

15.

IX,

18.

IX.

25«

IX.

/

A

3,

X. Bulles umreis3t Fernostpolitik der USA»
Wortlaut der Rede vor dem Fernost-Amerikarat
fuer Eandel und Industrie in New York.

�A

1

A

A

3*

10»

17*

X. Formosakrise
NATO.
Wortlaut der
John Forster
Gesellschaft

beruehrt die Grundprinzien der
Rede des JS-Au-senministers
Dulxes vor der Atlantikpaktin Boston.

27«

IX*

4»

X*

X* Lodge umreisst US-Einstellung zur Abruastungzfrage,
fsrtlaut eir?«r Rade des US-Chefdeiegierten
büi den Vereinten Rationen vom lO.X.^Ö vor
dem Ersten Politischen Ausschuss der UR-Yell« Versammlung in Bew Yerk.
10»

X*

X. Eisenhower umreisst Ziele der amerikanischen
FerrOstpolitik,
Wortlaut des Antwortschreibens praesident
Eisenhowers an Senator Theodore Green,
Vorsitzender des Aussenpolitischen Senats*
Ausschusses» Tom

12« XII* Bulles umrdisst US-Aussenpolitik»
Wortlaut einer Reue des US-Aussenministers,
gehalten ver der Hände1ska; mer in Kalifornien
in Sun Francisco am

s

A

19* XII* Das internationale geophysikalische Jahr 1957/58
Die Wissenschaft machte Inventur«
*

A

22* XII* USA-Memorandum zu Berlin*
Wortlaut des vom US-Ministerium veroeffantliehten
Memorandums ueber die rechtlichen Aspekte der
Berlinfraje«

4* XII*

20* XII*

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XI. Jahrgang, Nr. 1

Allgemeines
8. Januar 1958

INHALTSVERZEICHNIS

AMERIKANISCHE GROSSSTÄDTE IM ULIBAU
Ein Jahrzehnt städtebaulicher Neugestaltung
in den USA
(85 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
Serumähnliche Substanz hemmt Wachstum
der Krebszellen
(22 Zeilen)

Seite

1

Der Virulenzursache von Tuberkelbazillen
auf der Spur
(19 Zeilen)

Seite

Chemischer Stoff verursacht Bluthochdruck
(9 Zeilen)

Seite

Rheumatoid-Faktor isoliert
(17 Zeilen)

Seite

6

Seite

7

WIE DER SCHREI EINES GEFANGENE»
Tennessee Williams über seine Beziehung zu
den Mitmenschen
(98 teilen)

* * * * *

5

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XI. Jahrgang. Nr. 2

15. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
POLITIK
ZU PRÄSIDENT EISENHOWERS BOTSCHAFT ÜBER
DIE LAGE DER NATION
Kommentar von John Kerigan
(82 Zeilen)
FORSCHUNG UND TECHNIK
MIKROANALYSE ÜBER DEN FERNSEHSCHIRM
(14 Zeilen, 1 Bild)
EBWR-KRAFTWERKSREAKTOR EIN JAHR IN BETRIEB
Leistung weit höher als erwartet
(40 Zeilen)
VAKUUMSCHMELZVERFAHREN FÜR NIOB
(15 Zeilen)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
EINE GROSSE FERNSEHNACHT
(42 Zeilen, 3 Bilder)
DAS RELATIVE UND DAS ABSOLUTE
Zur Uraufführung von Aaron Coplands
Piano Fantasy
(56 Zeilen)
ANHANG
PRÄSIDENT EISENKOWER ÜBER DIE LAGE DER NATION
Wortlaut der Botschaft vom 9« Januar 1958}
PRÄSIDENT EISENHOWER ANTWORTET BULGANIN
Wortlaut des Schreibens vom 12. Januar 1958
AMERIKA UND SEINE FÜHRUNGSROLLE IN DER TECHNIK
Wortlaut einer Rede von James R. Killian vom
7. Januar 1958

* * * * *

Seite

Seite

Seite

5

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b

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XI. Jahrgang, Nr. 5

22. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
POLITIK
... UND 98 PROZENT MUSSEN GEHORCHEN
Die Kommunistische Partei in China findet
wenig Zuneigung
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

ISOTOPE KLÄREN RÄTSEL DER MEDIZIN
Wertvolle Helfer für Diagnose und Therapie
(82 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

FERNSEHSCHIRM ERLEICHTERT STRAHLENBEHANDLUNG
BEI KREBS
(14 Zeilen)

Seite

8

Seite

9

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG

VON KUNST UND KÜNSTLERN
FESTIVAL ZWEIER WELTEN
Italien ist in diesem Jahr Schauplatz
europäisch-amerikanischer Festspiele
(70 Zeilen)
KURZ BERICHTET
PRINCETON-UNIVERSITÄT ERHIELT DEUTSCHE BIBLIOTHEK
(12 Zeilen)
Seite
LEONARD BERNSTEIN NEUER LEITER DER
NEW YORKER PHILHARMONIE
(6 Zeilen)
Seite

12

12

ANHANG
JOHN FOSTER DULLES: GIPFELKONFERENZ NUR BEI WIRKLICHER
AUSSICHT AUF ERFOLG
Wortlaut der Rede vom 16. Januar 1958 vor dem amerikanischen
Pressekluh in Washington

* * * * *

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Allgemeines
29. Januar

XI. J a h r g a n g . Nr. 4

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
MEILENSTEINE
ABRAHAM LINCOLN, DIE PERSONIFIZIERUNG
DES BESSEREN AMERIKA
Zum Geburtstag Abraham Lincolns am 12. Februar
(85 Zeilen, 1 Bild)

Seite

HOCHSCHULWESEN
DER TYP DES NEUEN AMERIKANISCHEN
HOCHSCHULPROFESSORS: LEHRER UND GELEHRTER
Von John B. Oakes
(110 Zeilen, 1 Bild)

Seite

VON
DIE
Von
(90

Seite

KUNST UND KÜNSTLERN
BROADWAY MUSICALS UND DER FILM
Norman Smith
Zeilen)

KURZ BERICHTET
DAS DEUTSCHE THEATER IN SALT LAKE CITY
(17 Zeilen)

Seite

4

LISTE DER GEDENKTAGE IM FEBRUAR 1958

Seite

12

ANHANG
FORSCHUNGSERGEBNISSE AUF DEM GEBIET DER KERNVERSCHMELZUNG
Neue Perspektiven für die Lösung des Energieproblems
Wortlaut der Erklärung von Lewis L. Strauss, Vorsitzender
der amerikanischen AEC, vom 24. Januar 1958
DIE AMERIKANISCHEN FORSCHUNGSARBEITEN AUF DEM GEBIET DER
KONTROLLIERTEN KERNVERSCHMELZUNGSPROZESSE
Hintergrundmaterial, vorgelegt von Dr. Arthur E. Ruark, Leiter
der Forschungsabteilung der AEC für kontrollierte Kernverschmelzungsprozesse
ZIEL DER USA: AUFRECHTERHALTUNG DER NATIONALEN UNABHÄNGIGKEIT
DER VÖLKER IM MITTLEREN OSTEN
Wortlaut einer Rede von John Foster Dulles vor der BagdadpaktKonferenz vom 27. Januar 1958

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XI. Jahrgang« Nr. 5

5. Februar 1958
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
REPORTAGE AUS DEM WELTRAUM
Erdsatelliten als Mittler neuen Wissens
(76 Zeilen, 1 Bild)
•nV.*TOFOT.GREICHESTART DES US-ERDSATELLITEN
ist vor allem drei Wissenschaftlern zu verdanken:
William H. Pickering
James A. van Allen
Wernher von Braun
(Hintergrundmaterial)
(98 Zeilen)
"OPERATION M00NWATCH" ANGELAUFEN
Amateurgruppen liefern wichtige Hinweise
zur Beobachtung von "Explorer" auf seiner
Umlaufbahn
(90 Zeilen, 3 Bilder)
ZWEITE JUPITER-C-RAKETE IN KÜRZE STARTKLAR
Verwendung als Postrakete geplant
(32 Zeilen)

Seite

Seite

Seite

8

Seite

12

KERNPHYSIKALISCHE FORSCHUNG
GESTEUERTE KERNFUSION
Der Weg zu einer endgültigen Lösung des
Energieproblems (95 Zeilen, 3 Fotos, 1 Schaubild) Seite

15

KURZNACHRICHT
US-LUFTWAFFE ENTWICKELT SCHUTZANZUG
FÜR WELTRAUMFAHRER
(14 Zeilen)
ANHANG
DAS AMERIKANISCH-SOWJETISCHE ABKOMMEN ÜBER DEN
KULTURELLEN AUSTAUSCH VOM 27. JANUAR 1958
(Wortlaut)

* * * * *

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XI.Jahrgang. Nr. 6

12. Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
1958 - ALPHA
Leicht gekürzte Passung eines Artikels aus
der amerikanischen Wochenzeitschrift "TIME"
(165 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

VOLLAUTOMATISCHE NAVIGATION BEI AMERIKANISCHEN
FERNRAKETEN
Keine Kursablenkung durch Störmanöver möglich
(65 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

7

Seite

10

VON KUNST UND KÜNSTLERN
AM PULTs DER KOMPONIST
Igor Strawinskijs' Schallplattenaufnahmen
eigener Werke als Ergänzung der Partitur
Von Alfred Frankenstein
(75 Zeilen)

ANHANG
DER GRIFF NACH DEN STERNEN

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XI. Jahrgang. Nr. 7

19. Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
DIE FERNSEHUNIVERSITÄT: EINE NEUE FORM
DER HOCHSCHULBILDUNG?
Zwei Experimente, die von sich reden machen
(95 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

GEWEBEBANK ERWEITERT MÖGLICHKEITEN DER
KREBSFORSCHUNG
Kältekonservierung bei minus 76 Grad
(69 Zeilen)

Seite

DIE GUTENBERGBIBEL IN EINER PRIVATSAMMLUNG
Bibliophile Leidenschaften eines
amerikanischen Mäzens
(63 Zeilen)

Seite

KURZNACHRICHTEN
CHLOROTHIAZID, EIN NEUES MEDIKAMENT
GEGEN BLUTHOCHDRUCK
(10 Zeilen)
CARL-SANDBURG-AUSSTELLUNG DER STAATSUNIVERSITÄT
VON ILLINOIS
(6 Zeilen)

8

Seite

Seite

ANHANG
WORTLAUT DES ANTWORTSCHREIBENS PRÄSIDENT EISENHOWERS AN DEN
SOWJETISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN BULGANIN V. 17. FEBRUAR 1958

* # * * *

1

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26. Februar 1958

XI. Jahrgang, Nr» 8

INHALTSVERZEICHNIS
ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
DIE ERSCHLIESSUNG DER ATMOSPHÄRE FÜR
DIE GEOPHYSIKALISCHE WISSENSCHAFT
Raketen als unentbehrliches Hilfsmittel
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

FERNSEHEN
GEBÜHRENPFLICHTIGE ODER GEBÜHRENFREIE
FERNSEHPROGRAMME
Das Publikum hat die Wahl
Von John Kerigan
(58 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
ART t USA t 58
Überblick über das zeitgenössische
Kunstschaffen in USA
(50 Zeilen)

Seite

AMERIKAS SCHÖNSTER KONZERTSAAL
Die Konzerte der Washingtoner National Gallery
of Art
(58 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

Seite

12

LISTE DER GEDENKTAGE IM MÄRZ 1958

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5. März

XI. Jahrgang. Nr. 9

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
DAS KULTURELLE LEBEN EINER AMERIKANISCHEN
PROVINZSTADT
Von Norman Smith
(73 Zeilen)

Seite

1

STEINE FALLEN VOM HIMMEL
Zeugen längst versunkener Welten
(110 Zeilen)

Seite

4

SCHtlLERBESUCH IN FORSCHUNGSSTÄTTEN DER AEC
(37 Zeilen)

Seite

8

PLUTONIUM ALS KERNBRENNSTOFF
(21 Zeilen)

Seite

9

FAST 7000 AUSLANDSÄRZTE KAMEN 1957
ZUR FORTBILDUNG NACH USA
(11 Zeilen)

Seite

10

LANDEBREMSVORRICHTUNG FÜR ÜBERSCHALLFLUGZEUGE
(10 Zeilen)

Seite

10

ATOM - WISSENSCHAFT - TECHNIK

KURZ BERICHTET
ERGEBNIS EINER MEINUNGSUMFRAGE über die
Gleichberechtigung von Mann und Frau, durchgeführt
in 13 Ländern der freien Welt
(14 Zeilen)

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XI. Jahrgang. Nr. 10

Allgemeines
14. März

1958

INHALTSVERZEICHNIS
ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
BESTANDSAUFNAHME AN DEN EISMASSEN UNSERER ERDE
Gletscherforschungen von 2f Ländern im IGJ
(98 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

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5

Seite

5

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8

ARCHITEKTUR
ARCHITEKTUR MUSS IM LEBEN SELBST WF 7.ELN
Eero Saarinen ist heute einer der führenden
Architekten der Vereinigten Staaten
(90 Zeilen, 3 Bilder)
POLITIK
GLEICHBERECHTIGUNG DER FRAUEN
und was die Kommunisten darunter verstehen
Betrachtung zum Internationalen Frauentag
der IDFF
(86 Zeilen)
KURZNACHRICHTEN
MRS. R00SEVELT ERNEUT AUSGEZEICHNET
(10 Zeilen)

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XI. Jahrgang, Nr. 11

Allgemeines
21. März 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
DAS EISENHOWER-NIXON-ABKOMMEN
über den "amtierenden Präsidenten"
Von John Kerigan
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

ATOM-FORSCHUNG-TECHNIK
Brief aus Argonne
Die Merkmale des EBWR-Reaktors
Unkompliziert - zuverlässig - billig
(58 Zeilen)

Seite

5

Seite

7

Seite

10

Seite

4

Seite

11

Neuer Elektronenbeschleuniger für
radiochemische Forschung
(80 Zeilen, 2 Bilder)
BIBELFUND BEGRÜNDET FREUNDSCHAFT
Düsseldorfer Dekan widmet seine Bibel
amerikanischem Kongreßabgeordneten
(20 Zeilen)
KULTURNOTIZEN
SKULPTUREN FÜR BRÜSSEL
US-KONGRESSBIBLIOTHEK VERÖFFENTLICHT ERSTEN
NATIONAL UNION CATALOGUE IN BUCHFORM
(9 Zeilen)
LISTE DER GEDENKTAGE FÜR APRIL 1958

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X I . Jahrgang, N r . 12

Allgemeines
28. März 1958

INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
AUFGABEN DER NATO IN DER ZUKUNFT
Zum 9» Jahrestag der Gründung des
NATO-Bündnisses am 4. April
(135 Zeilen)

Seite

\

DIE ERNTE DER ERNTE
Die Huntington Library in San
Marino (Kalifornien)
(75 Zeilen)

Seite

6

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
Sonnenstrahlen als Energiequelle für
VANGUARD-1-Sender
Temperaturmessung mit Hilfe elektrischer
Schwingungen
(70 Zeilen)

Seite

9

Seite

8

KURZNACHRICHTEN
LITERATURPREIS FÜR KATHRYN HULME
(8 Zeilen)
ANHANG
BRÜCKEN DER VERSTÄNDIGUNG
Die Rolle der amerikanischen Stiftungen
Vorwort - Textteil - Anhang

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XI. Jahrgang, Nr« 13

3. April 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
DAS ERZIEHUNGSWESEN DER SOWJETUNION
Versuch einer kritischen Wertung
Von Alexander Korol, Mitarbeiter des
Instituts für Internationale Studien
der Technischen Hochschule von Massachusetts
(MIT)
(145 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
Leonard Bernstein - der neue Musikdirektor
der New Yorker Philharmoniker
(115 Zeilen, 1 Bild)

Seite

7

Ehrung für acht Millionen Sonntagsmaler
Metropolitan Museum of Art stellt
Churchill aus
(46 Zeilen)

Seite

11

KURZNACHRICHTEN
Neues William Inge-Stück in New York uraufgeführt
(10 Zeilen)

Seite

ANHANG
EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEME UND MÖGLICHKEITEN DER RAUMFAHRT
Auf Veranlassung Dwight D. Eisenhowers verfaßt und herausgegeben
vom Wissenschaftlichen Beirat des US-Präsidenten

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11 . April 1958

XI. Jahrgang. Nr. 14
INHALTSVERZEICHNIS

DIE WISSEHSCHAFT NOTIERT
THEORIE ÜBER VIREN ALS KREBSERREGER WEITER ERHÄRTET
Ergebnisse einer internationalen Wissenschaftlertagung in New York
(62 Zeilen)

Seite 1

KRYPT0N-85 ZUR DIAGNOSE VON HERZKAMMERTRENNWANDSCHÄDEN
(52 Zeilen)

Seite 3

NEUES ANTIBIOTIKUM ZUR BEKÄMPFUNG
VON STAPHYLOKOKKEN
(12 Zeilen)

Seite

4

VON KUNST UND KÜNSTLERN
AMERIKA AUF DEM WEGE ZU EINER EIGENEN
BODENSTÄNDIGEN OPER
Von Howard Taubmann, Musikkritiker der
"New York Times"
(115 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

DER NEUE BROADWAY HIT; "SCHAU HEIMWÄRTS.ENGEL"
Thomas Wolfes erster Roman als Bühnenstück
(58 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

10

MAHALIA JACKSON ALS BESSIE MAY IM PARAMOUNT-FILM
"ST. LOUIS BLUES"
(5 Zeilen)

Seite

12

ANHANG
DIE ABRÜSTUNG - EIN AMERIKANISCHES ANLIEGEN
(Hintergrundmaterial)

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18. April 1958

XI. Jahrgang. Nr. 15
INHALTSVERZEICHNIS

FAMILIENZUSAMMENFÜHRUNG IST EIN GEBOT DER MENSCHLICHKEIT
Das Kennedy-Gesetz und seine Auswirkungen
(60 Zeilen)

Seite

1

BRÜSSELER WELTAUSSTELLUNG
165 .junge Amerikaner als Fremdenführer in Brüssel
(12 Zeilen)

Seite

3

ATOM - WISSENSCHAFT - TECHNIK
Ionenmotor für Raumraketen
(40 Zeilen)

Seite

4

Dispersionsverfahren erleichtert Behandlung
radioaktiver- Abfälle
(20 Zeilen)

Seite

5

Hochreines Uran-Metall
(12 Zeilen)

Seite

6

Tonband und Kleinempfänger als Museumsführer
(60 Zeilen, 1 Bild)

Seite

6.

VON KUNST UND KUNSTLERN
Poesie - Eine Liebhaberzeitschrift mit Tradition
Von Norman Smith
(56 Zeilen)

Seite

3

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XI. Jahrgang, Nr. 16

Allgemeines
25. April 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
ATOMREAKTOR SONNE
Energieströme beeinflussen Lebensrhythmus
und Umwelt
(125 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

POLITIK
ZWEIERLEI MASSSTÄBE FÜR NATURWISSENSCHAFTLER
UND GEISTESWISSENSCHAFTLER IN DER UdSSR
Die relative Freiheit der sowjetischen Naturwissenschaftler
(86 Zeilen)

Seite

6

WELTAUSSTELLUNG BRÜSSEL
Der kulturelle Beitrag der USA zur Brüsseler
Weltausstellung
(55 Zeilen)

Seite

9

LISTE DER GEDENKTAGE IM MAI 1958

Seite

11

ANHANG
DIE GRÜNDE DER USA FÜR DIE VORLÄUFIGE
FORTSETZUNG DER KERNWAFFENVERSUCHE
Auszüge aus einer Erklärung des Vorsitzenden
der amerikanischen Atomenergie-Kommission,
Admiral Lewis L. Strauss, vom 17« April 1958
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XI. Jahrgang, Nr. 17

2. Mai 1958
INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
REORGANISATION DER MILITÄRISCHEN FÜHRUNG
IN DEN USA
Präsident Eisenhower unterbreitet dem Kongreß
umfassenden Plan
Von John Kerigan
(78 Zeilen)

Seite

"EKMY" FÜR "REQUIEM FÜR EINEN SCHWERGEWICHTLER"
Wege des amerikanischen Fernsehens
(95 Zeilen, 1 Bild)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
Der Vater des Blues
William C. Handy lebt im amerikanischen
Jazz weiter
(62 Zeilen, 1 Bild)

Seite

8

AUSLÄNDISCHE JOURNALISTEN BESICHTIGEN ARGONNE
unter ihnen auch Vertreter der Bundesrepublik
(16 Zeilen)

Seite

11

ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER ANTWORTET CHRUSCHTSCHOW
Wortlaut des Antwortschreibens vom 28. April 1958

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XI. Jahrgang. Nr. 18

9. Mai 1958
INHALTSVERZEICHNIS

SPORT
BLICKRICHTUNG KALIFORNIEN
Zwei der großen Baseballvereine Amerikas haben
neues Heim in Kalifornien bezogen
(55 Zeilen, 1 Bild)
DIE WISSENSCHAFT NOTIERT
PLAZENTA-UNTERSUCHUNGEN ZUM SCHUTZ DES NEUGEBORENEN
(45 Zeilen)
HEPARIN STEIGERT WIRKSAMKEIT VON ANTIBIOTIKAS
(20 Zeilen)
SZINTILLATIONSZÄHLER ALS WICHTIGES HILFSMITTEL
BEI METASTASENLOKALISIERUNG
(24 Zeilen)

Seite

Seite

3

Seite

4

Seite

5

MINIATUR-SCHWIMMGÜRTEL
6
(10 Zeilen)
Seite
VON KUNST UND KÜNSTLERN
KLYTÄMNESTRA TRÄGT MODERNE ABENDKLEIDUNG
Martha Grahams ehrgeizigster Tanzzyklus
"Klytämnestra" begeisterte New York
(68 Zeilen, 2 Bilder)
Seite
ANHANG
SICHERHEITSMASSNAHMEN DER USA FÜR DIE KERNWAFFENVERSUCHE IM PAZIFIK
Wortlaut der Verlautbarung der US-Atomenergie-Kommission und des
US-Verteidigungsministeriums
LODGE ERLÄUTERT AMERIKANISCHEN INSPEKTIONSPLAN FÜR DIE ARKTIS
Wortlaut der Erklärung des US-Chefdelegierten bei den Vereinten
Nationen vom 29. April 1958
JOHN FOSTER DULLES UMREISST AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
Wortlaut einer Rede vom 2. Mai 1958 v o r dem Institut für
Atomenergiewirtschaft der Universität von New Hampshire
USA; RAPACKI-PLAN NICHT UMFASSEND GENUG
Wortlaut der US-Note an Polen, überreicht am 3. Mai 1958

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16. Mai 1958

X I . J a h r g a n g , N r . 19

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
Das Rätsel der kosmischen Strahlen
Erdsatelliten bewähren sich als wertvolle
Hilfsmittel der wissenschaftlichen Untersuchungen
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

Verleihung am 3• Juni 1958
(68 Zeilen)

Seite

6

Weinberg-Stiftung stiftet 100 000 Dollar für
Bibliotheksbau der Cornell-Universität,
Ithaca (New York)
(13 Zeilen)

Seite

8

Amerika ehrt James Monroe anläßlich seines
200. Geburtstages
(56 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

Seite

11

PREISE - STIFTUNGEN - EHRUNGEN
V/eltbrüderlichkeits-Preise
Städte

für

amerikanische

VON KUNST UND KÜNSTLERN
Gutes Theater ist Sache der Kritiker
Zur Stiftung des George-Jean-Nathan-Preises
für Theaterkritik
Von Norman Smith
(90 Zeilen)

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XI. Jahrgang, Nr. 20

Allgemeines

23. Mai

1958

INHALTSVERZEICHNIS

M S PORTRÄT
LEE DE FOREST
Ein Leben für die Entv/icklung der Radiound Tontechnik
(125 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

Seite

6

Seite

8

DIE BRÜSSELER V/ELTAUSSTELLUNG
KULTURELLE VERANSTALTUNGEN DER USA
Liste der Programme, chronologisch geordnet
(66 Zeilen)

Seite

9

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR JUNI 1958

Seite

11

WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
LANDWIRTSCHAFTLICHE FORSCHUNG
Die ersten beiden GrundlagenforschungsLaboratorien eröffnet - Reine Forschung
regt angewandte Forschung an
(50 Zeilen, 2 Bilder)
ÖFFENTLICHER GESUNDHEITSDIENST IN DEN USA
UNTERSTÜTZT FORSCHUNG IM AUSLAND
(12 Zeilen)

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30. Mai

XI. Jahrgang, Nr. 21

1958

INHALTSVERZEICHNIS

DER KAMPF UM DIE EINHEIT EUROPAS
Professor Zürcher von der New York Universitär
unterstreicht die Einzigartigkeit der europäischen Integrationsbestrebungen
(62 Zeilen)

Seite

ATOM - WISSENSCHAFT - TECHNIK
NEUE ERKENNTNISSE ÜBER DEN RADIOAKTIVEN
ZERFALL DER NEUTRONEN
(120 Zeilen)

Seite

4

VON KUNST UND KÜNSTLERN
MITTWOCHS IST MALTAG
Kurse für die Kunsterziehung der
Hausfrauen machen Schule
(34 Zeilen, 1 Bild)

Seite

8

GELDPREISE FÜR SAMUEL BARBER UND ARTHUR HONEGGER
(9 Zeilen)

Seite

3

FRIEDRICH GULDA SPIELT JAZZ
im Rahmen der "Music-USA"-Reihe der
"Stimme Amerikas"
(18 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

ANHANG
EISENHOWER SCHLÄGT SACHVERSTÄNDIGEN-BESPRECHUNGEN IN GENF VOR
Wortlaut des Schreibens Präsident Eisenhowers an den sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow, überreicht in Moskau
am 24. Mai 1958.

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Allgemeines

6. Juni

XI. Jahrgang. Nr. 22

1958

INHALTSVERZEICHNIS

SCHULWESEN
UNTERRICHT VIA FERNSEHSCHIRM
Die jüngsten Entwicklungen in den USA
Inwieweit wird der Fernsehschirm den
Katheder ersetzen?
Von John Kerigan
(76 Zeilen)

Seite

1

DIE WISSENSCHAFT NOTIERT
REAKTORABDÄMPFE ZUR KÜNSTLICHEN HERBEIFÜHRUNG
VON REGEN VERWENDBAR?
(80 Zeilen)

Seite

4

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
DIE BEDEUTUNG KÜNSTLICHER ERDSATELLITEN
FÜR DIE GEODÄSIE
Erdvermessung mit neuen Methoden
(110 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

7

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13. Juni

X I . J a h r g a n g . N r . 23

1958

INHALTSVERZEICHNIS

DIE KERNPHYSIKALISCHE FORSCHUNG
NEUE THEORIEN AMERIKANISCHER WISSENSCHAFTLER
ZUM PROBLEM DER KONTROLLIERTEN KERNVERSCHMELZUNG
(54 Zeilen)

Seite 1

FERNKURSE IN KERNTECHNIK
(11 Zeilen)

Seite

TRITIUM ALS STRAHLENQUELLE IN WISSENSCHAFTLICHEN
INSTRUMENTEN
(12 Zeilen)

Seite 3

WISSENSCHAFT
HUNDERT JAHRE AMERIKANISCHE GESELLSCHAFT
ZUR FÖRDERUNG DER WISSENSCHAFTEN (AAAS)
Das Parlament der amerikanischen Naturwissenschaftler
(95 Zeilen)

3

Seite

4

Seite

7

Seite

8

KURZNACHRICHTEN
ELEKTRONENHIRNE VERDRÄNGEN ROUTINEARBEIT
(16 Zeilen)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
BESEELTER DRAHT
Mobiles von Alexander Calder in der CorcoranGalerie - Zum 60. Geburtstag A. Calders am
22. Juli 1958
(70 Zeilen, 3 Bilder)

ANHANG
EISENHOWER: DIE HÖCHSTE AUFGABE DES OFFIZIERS IST
DIE VERHINDERUNG DES KRIEGES
Wortlaut-Azszüge aus der Ansprache Präsident Eisenhowers
vor den Absolventen der US-Marineakademie in Annapolis
(Maryland) vom 4. Juni 1958
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20. Juni 1958

XI. Jahrgang, Nr. 24
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
S C EWERKRAFTI.1ES S UN GEN
(54 Zeilen)

Seite

T

DIE ERSTEN AUFNAHMEN V.OM GRUND D E D SÜDATLANTIK
(23 Zeilen)

Seite

3

DIE "STILLE REVOLTE" DER UNGARISCHEN SCHRIFTSTELLER
I. Teil
Von Paul Landy, Wien
(92 Zeilen)

Seite

4

EIN DOLLAR FÜR DIE PARTEI
Wähler sollen Wahlkampagnen mitfinanzieren
Von John Kerigan
(66 Zeilen)

Seite

7

POLITIK

VON KUNST UND KÜNSTLERN
PHANTASIE UND GESCHMACXAN DEN KLASSIKERN GEBILDET
"King-Coit", Schule und Theater für Kinder
(75 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 10

KURZNACHRICHT
IAEA PLANT HANDBUCH FÜR DIE VERWENDUNG VON
RADIOISOTOPEN
(13 Zeilen)

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Seite

9

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27. Juni 19J\Q

XI. Jahrgang. Nr. 25
INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
DIE "STILLE REVOLTE" DER UNGARISCHEN
SCHRIFTSTELLER (II und Schluß)
"Volks"- oder "Bauern"-Schriftsteller
Von Paul Landy, Wien
(98 Zeilen)

Seite

1

75 JAHRE AMERIKANISCHER BUNDESDIENST
Rund 2,4 Millionen Bedienstete in 16 000
Berufssparten
(90 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

GEISTESTRAINING IN NEW YORK
Unterricht für überdurchschnittlich begabte
Schüler
(78 Zeilen)

Seite

9

AMERIKANISCHE PÄDAGOGEN BESUCHEN DEUTSCHLAND
(9 Zeilen)

Seite

12

AMERIKANISCHE GESELLSCHAFT FÜR DIE
SCHÖNEN KÜNSTE VERTEILT KUNSTPREISE
(10 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

KURZ BERICHTET

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR JULI 1958
ANHANG

USA VERÖFFENTLICHEN DOKUMENTE ZU DEN VORBEREITENDEN
BESPRECHUNGEN FÜR EINE GIPFELKONFERENZ (16. Juni 1958)
1) Wortlaut des westlichen Memorandums vom 28. Mai
2) Wortlaut des westlichen Aide Memoire vom 28. Mai
3) Vorschlag zur Überprüfung der einzelnen Punkte zur
Tagesordnung, der der UdSSR am 31. Mai zugestellt
worden ist.

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XJ. Jahrgang« Nr. 26.

Allgemeines
4. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS
ATOM - WISSENSCHAFT r- TECHNIK
AMERIKANISCHES AUSSTELLUNGSPROGRAMM
FÜR GENFER ATOMKONFERENZ
(65 Zeilen)

Seite

TATKRÄFTIGE UNTERSTÜTZUNG AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN DURCH DIE AEC
(16 Zeilen)

Seite

HERZDIAGNOSE MIT ULTRASCHALL UND RADIOJOD
(17 Zeilen)

Seite

1

4

DER AMERIKANISCHE LUFTRETTUNGSDIENST
(55 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
MUSIKERZIEHUNG EINMAL ANDERS
Van Vactor dirigiert vor deutschen Schülern
(50 Zeilen)

Seite

8

KULTURELLE KURZNACHRICHTEN
(12 Zeilen)

Seite

7

ANHANG
HERBERT HOOVER, EHEMALIGER PRÄSIDENT DER VEREINIGTEN STAATEN,
SPRICHT AM 4. JULI 1958 IN BRÜSSEL:
ÜBER DIE AMERIKANISCHEN IDEALE
ACHTUNG REDAKTIONEN:

Wir bitten Sie um Einhaltung der
angegebenen Sperrfrist

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XI. Jahrgang. Nr» 27

11

J u l i 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
AUSLÄNDERN ZUTRITT VERBOTEN
Sperrzonen in der Sowjetunion
(140 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite 1

LEHRBUCH SCHALLPLATTE
Freiwilliges Hilfswerk hilft blinden
Studenten
Von Meyer Berger, New York
(52 Zeilen)

Seite

7

AMERIKA RICHTET LUFTKORRIDORE FÜR DEN
INNERAMERIKANISCHEN FLUGVERKEHR EIN
Präsident Eisenhower schlägt Schaffung
eines zentralen Luftfahrtamtes vor
Von John Kerigan
(85 Zeilen)

Seite

9

ANHANG
MURPHY; USA JEDERZEIT ZU VERHANDLUNGEN BEREIT
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs
im US-Außenministerium Robert Murphy vom 1. Juli 1958
in Hamilton (New York)
PRÄSIDENT EISENHOWER ERSUCHT KONGRESS
um gesetzliche Regelung der Befugnisse des Außenministers
bezüglich der Beschränkung von Reisepässen (Wortlaut der
Botschaft vom 7. Juli 1958)

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XI. Jahrgang, Nr. 28

Allgemeines
18. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS
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ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
EXPLORER III ERFORSCHTE WISSENSCHAFTLICHES NEULAND
(60 Zeilen, 1 Bild)

Seile

PARALLELSTROM ZUM ÄQUATOR IM STILLEN OZEAN
(28 Zeilen)

Seite

POLARLICHTBEOBACHTUNGEN IM ANTARKTISCHEN WINTER
(26 Zeilen)

Seite

TECHNISCHER FORTSCHRITT
HANDELS-UNTERSEEBOOTE UND FLÜGELSCHIFFE
Amerikanische Forschung auf der Suche nach
neuen Möglichkeiten im Schiffbau
(60 Zeilen)

Seite

POLITIK
DIE FEINDE DES REGIMES
Die Minderheiten machen Peking zu schaffen
Von James W. Berner
I. Teil
(130 Zeilen, 1 Schaubild)

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1

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XI» Jahrgang, N r . 29
INHALTSVERZEICHNIS

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2 5 . J u l T 1958

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
BIOCHEMISCHE FORSCHUNG AUF NEUEN WEGEN
(48 Zeilen)
NEUES DIAGNOSEVERFAHREN BEI ARTHRITIS
(6 Zeilen)
BROT FÜR REKONVALESZENTEN
(20 Zeilen)
KIEFERANÄSTHESIE DURCH SPRÜHINJEKTION
(14 Zeilen)
FARBTEST AUF SCHUPPENFLECHTE
(15 Zeilen)

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4

POLITIK
DIE FEINDE DES REGIMES
Die Minderheiten machen Peking zu schaffen
Von James W. Berner - II. Teil
(100 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
MODERNES WOHNEN
Ausstellung in der Corcoran Gallery in Washington
Von Norman Smith
(60 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

LISTE DER GEDENKTAGE IM AUGUST 1958
ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER GIBT ENTSENDUNG AMERIKANISCHER
TRUPPEN NACH DEM LIBANON BEKANNT
(Wortlaut der Erklärung)
LODGE INFORMIERT VEREINTE NATIONEN ÜBER AMERIKANISCHE
TRUPPENLANDUNG IM LIBANON
(Wortlaut der Erklärung)
RUNDFUNK- UND FERNSEHANSPRACHE PRÄSIDENT EISENHOWERS
ÜBER DIE LAGE IM NAHEN OSTEN
(Wortlaut)
EISENHOWER BEGRÜNDET DEN AMERIKANISCHEN SCHRITT IN
NAHOST VOR DEM KONGRESS
(Wortlaut der Botschaft)
US-AUSSENMINISTERIUM GIBT EINZELHEITEN DER INFILTRATION
IM LIBANON BEKANNT
(Wortlaut des Berichts)
UN-AUSSCHUSS FORDERT WIEDERHERSTELLUNG DER MENSCHENRECHTE IN UNGARN
(Wortlaut des Bericht«)

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1 . August 1958

XI. Jahrgang, Nr. 50
INHALTSVERZEICHNIS
DIE KERNPHYSIKALISCHE FORSCHUNG

ATOMZERTRÜMMERER ERFORSCHEN DAS INNERSTE DER MATERIE
Leitsätze von gestern müssen neuer Erkenntnis
weichen
Von Robert K. Plumb
(130 Zeilen, 1 Bild)

Seite

POLITIK
DIE FEINDE DES REGIMES
Die Minderheiten machen Peking zu schaffen
Von James W. Berner III. Teil und Schluß
(126 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE SCHALLPLATTE IM BÜCHERSCHRANK
Die neuesten literarischen Aufnahmen
in den USA
Von Norman Smith
(62 Zeilen)

Seite

11

Seite

10

Seite

13

KURZNACHRICHTEN
STARKES INTERESSE FÜR ERWACHSENENBILDUNG
(18 Zeilen)
KATALOG ZUM AMERIKANISCHEN PAVILLON
(13 Zeilen)
ANHANG
DULLES: ENTWICKLUNGEN IN NAK0ST UNTERSTREICHEN
NOTWENDIGKEIT DER AUSLANDSHILFE
(Wortlaut der Erklärung
vom 18. Juli 1958)
BRIEFWECHSEL ZUR FRAGE EINER GIPFELKONFERENZ ÜBER
DIE SITUATION IM NAHEN OSTEN
(Antwortschreiben Präsident Eisenhowers vom 22. Juli 1958
auf das Schreiben Ministerpräsident Chruschtschows vom
19. Juli 1958; beide Schreiben im Wortlaut)
DIE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN EURATOM UND USA
(Wortlaut einer Erklärung von C. Douglas Dillon vom 22. 7. 1958)
US-AUSSENMINISTER ERSUCHT KONGRESS UM BEFUGNIS ZUR VERMINDERUNG
VON AUSLANDSREISEN AMERIKANISCHER KOMMUNISTEN
(Wortlaut einer Erklärung von Robert D. Murphy vom 16. 7~» 1958)
* * * * *

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8. Äug

XI. Jahrgang, Nr. 31
INHALTSVERZEICHNIS
AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
STIMMEN DER TIEFE
Die Fische sind nicht stumm
Von Marie Poland Fish
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

EXPLORER IV ERKUNDET INTENSIVE STRAHLUNG
IN 1000 KM HÖHE
(40 Zeilen)

Sei*«

5

WINDTUNNEL FÜR DIE RAUMFORSCHUNG
(14 Zeilen)

Seite

6

POLITIK
400 000 AMERIKANER STAMMEN AUS DEM LIBANON
Skizze der libanesisch-amerikanischen
Beziehungen
Von John Kerigan
(52 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
VON DER KAMERA FASZINIERT
Alfred-Stieglitz-Ausstellung in der National
Gallery of Art in Washington
Von Norman Smith
(85 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

10

ERFOLGREICHE TOURNEE DER NEW YORKER
PHILHARMONIKER
(6 Zeilen)

Seite

15

EHRENDOKTOR FÜR MARIAN ANDERSON
(5 Zeilen)

Seite

13

ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER SCHLÄGT SICHERHEITSRATSITZUNG
FÜR 1 2 . AUGUST VOR
(Wortlaut des Schreibens vom 1. August 1958)
ATOME FÜR DEN FRIEDEN
(Ausstellungs- und Filmprogramm der USA für die II,
Genfer Atomkonferenz)
* * * * *

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XI. Jahrgang. Nr. 52

15- August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

AUS DER KERNPHYSIKALISCHEN FORSCHUNG
AT0MF0RSCKUNCSZENTRUM ARGONNE NATIONAL LAB0RAT0RY
Treffpunkt für Wissenschaftler aus aller Welt
'(120 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

GESUNDHEITSWESEN
GESUNDHEITSFÜRSORGE IM AMERIKANISCHEN
PAZIFIK-TREUHANDGEBIET
Die einheimischen Hilfsärzte haben sich
ausgezeichnet bewährt
(110 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

DIE ERSTEN ZEHN JAHRE DER WELTGESUNDHEITSORGANISATION
(5 Zeilen)
Seite

10

VON KUNST UND KÜNSTLERN
JAZZ-IMPRESSIONEN AUS EUROPA UND ASIEN
Dave Brubeck kündigt Schallplattenalbum mit
musikalischen Reminiszenzen seiner Tournee an
(36 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

ANHANG
WORTLAUT DER REDE PRÄSIDENT EISENHOWERS VOR DER
UN-VOLLVERSAMMLUNG VOM 13.8.1958
USA VERÖFFENTLICHEN MEMORANDUM ÜBER CHINAPOLITIK
Wortlaut des am 11. August 1958 vom US-Außenministerium
herausgegebenen Memorandums

* * * * *

11

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XI. Jahrgang, Nr. 55

22. August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

AUS DER KERNPHYSIKALISCHEN FORSCHUNG
BROOKHAVEN NATIONAL LABORATORY
Arbeitsstätte neun amerikanischer Universitäten
zur Förderung der Atomforschung
(115 Zeilen, 3 Bilder)

Seite 1

SEEWEG LONDON - TOKIO UM 5000 MEILEN KÜRZER
Die Pionierfahrt der "Nautilus" und ihre möglichen
Auswirkungen auf den gesamten internationalen Handel
Von John Kerigan
(56 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
AMERIKAS KOMPONISTEN SYMPHONISCHER MUSIK
Über die deutsche Tradition zum eigenen musikalischen
Stil
Von Paul Henry Lang, Professor für Musikwissenschaft
an der Columbia-Universität und Musikkritiker der
"New York Herald Tribüne", New York
(140 Zeilen)
Seite
KURZ BERICHTET
STARKER SCHIFFSVERKEHR DURCH NEUE US-SCHLEUSEN
AUF DEM ST. LORENZSTROM
(7 Zeilen)

Seite

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR SEPTEMBER 1958

Seite 14

ANHANG
JOHN FOSTER DULLES: FRIEDEN NUR DURCH RECHT UND GERECHTIGKEIT
Wortlaut einer Ansprache des US-Außenministers vom 18. August
1958 vor der Jahrestagung des Kriegsteilnehmerverbandes
'TVeterans of Foreign Wars of the US"
in New York

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29. August 1958

! XI. Jahrgang, Nr. 34
INHALTSVERZEICHNIS
AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
HERZDIAGNOSE MIT RADIOAKTIVEM GAS
Operationen zur Korrektur angeborener
Herzfehler erleichtert
Von Nate Haseltine
(95 Zeilen)

Seite 1

SUPEREMPFINDLICHER STRAHLENDETEKTOR
(11. Zeilen)

Seite

4

Seite

5

Seite

8

LUFTFAHRT
US-ZIVILLUFTFAHRT AN DER SCHWELLE DES
DÜSENZEITALTERS
Transatlantikverkehr mit Düsenflugzeugen
beginnt im November
(74 Zeilen, 2 Bilder)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
AM PULT» DIE DIRIGENTEN AMERIKAS
Von Paul Henry Lang
(130 Zeilen)
ANHANG
EISENHOWER SCHLÄGT EINSTELLUNG DER
KERNWAFFENVERSUCHE FÜR EIN JAHR VOR
Wortlaut der Erklärung des US-Präsidenten
vom 22. August 1958
KONFERENZ DER ATOMSACHVERSTÄNDIGEN IN
GENF BEENDET
1) Wortlaut des Kommuniques
2) Wortlaut einer Erklärung von Dr. James
Brown Fisk, Leiter der westlichen Expertengruppe
JOHN FOSTER DULLESJ SICHERHEIT DER KLEINEN
NATIONEN MUSS GEWÄHRLEISTET WERDEN
Wortlaut der Rede zum arabischen Kompromißvorschlag
vom 21. August 1958 vor der Vollversammlung
Ho-n Veraintsn Nationen

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5. September 1958

X I . J a h r g a n g . N r . 35
INHALTSVERZEICHNIS

DIE RASSENTRENNUNG IN EINER INDUSTRIALISIERTEN GESELLSCHAFT
Von J. Milton Yinger und George E. Simpson,
Professoren für Soziologie und Anthropologie
am Oberlin College
(200 Zeilen)
ATOM

Seite 1

FORSCHUNG TECHNIK
PLUTONIUM-SPALTSTOFF FÜR MTR-REAKTOR
(34 Zeilen)

Seite

8

BAKTERIENKULTUREN FABRIZIEREN SCHWERES WASSER
(8 Zeilen)

Seite

9

MOLEKÜLSTRÖME BESEITIGEN ELEKTROMAGNETISCHE
STÖRFELDER
(15 Zeilen)

Seite

9

ALPR-REAKTOR IM BETRIEB
(22 Zeilen)

Seite 10

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE FREER-GALERIE ERFORSCHT DIE ALTEN KULTUREN
DES ORIENTS
(58 Zeilen, 3 Bilder)

Seite 11

AMERIKAREISE DER AUSLANDSKORRESPONDENTEN
(10 Zeilen)

Seite 13

ANHANG
ATOMSACHVERSTÄNDIGE VERÖFFENTLICHEN BERICHT
Erläuterungen der US-Regierung zu dem Bericht, den die
technischen Experten aus Ost und West als Ergebnis ihrer
Genfer Besprechungen am 30« August 1958 veröffentlicht haben

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XI. Jahrgang. Nr. 56

12. September 1958
INHALTSVERZEICHNIS

POLITIK
GETREU DER TRADITION UND DEN DEMOKRATISCHEN
PRINZIPIEN
USA gewähren Territorien die Selbstbestimmung
Von John Kerigan
(47 Zeilen)

Seite

1

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
KÖ'RPERKQNSTITUTION UND BLUTDRUCK
Fettleibigkeit vermutlich Ursache für
ungenaue Messungen
(32 Zeilen)

Seite

3.

GEWEBEPRODENENTNAHME AM DÜNNDARM OHNE OPERATION
(25 Zeilen)

Seite

4

MIKROFILTER ERLEICHTERT KREBSDIAGNOSE
(28 Zeilen)

Seite

5

VON KUNST UND KÜNSTLERN
EINE KAMERA UNTER DEN STREICHERN
Adrian Siegel, Cellist des Philadelphia Orchestra,
photographiert berühmte Dirigenten und Solisten
(26 Zeilen, 4 Bilder)

Sei te

ISLÄNDISCHER KOMPONIST FINDET AMERIKAS
MUSIKLEBEN "ERSTAUNLICH"
Jon Thorarinsson berichtet über seine Amerikareise
(30 Zeilen)

Seite

* * * * *

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19. September

XI. Jahrgang, Fr. 37

1958

INHALTSVERZEICHNIS

HOCHSCHULWESEN
AKA.DELIISCHE TRADITION UND 9U0-MILLI0NEND0LLAR-GE5ETZ
Erster Schritt zu einer B ndes-Hochschulpolitik
in den USA
(130 Zeilen)

Seite

1

Seite

6

GEORGE GERSHWIN. DER MUSIKALISCHE INTERPRET AMERIKAS
Gf-rshvvin wäre nun 60 Jahre alt
(70 Zfcilen, 2 Bilder)
Seite

12

Seite

15

VEREINTE NATIONEN
GROSSE WTEPERAUK3AULEISTUMG DEF UN IN SÜDKOREA
Nacix Abwphr der Aggression Leisteten 39 Länder
tatxräftxge Hilfe
(190 Zeilen, 2 Bilder)
VON KUNST UND KÜNSTLERN

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR OKTOBER 1953
ANHANG

PRÄSIDENT EISENHOWER UNTERSTREICHT FESTE HALTUNG DER USA
IN DER FERNOSTKRISE
Wortlaut der Rede des US-Präsidenten vom 11. September 1958

PRÄSIDENT EISENHOWER ANTWORTET CHRUSCHTSCHOW
Wortlaut des Schreibens vom 13. September 1958

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26. September 1°58

X I . J a h r g a n g » N r . 58

INHALTSVERZEICHNIS
DAS BUCH- UND ZEITSCHRIFTENWESEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (i)
Erster in einer Serie von drei Artikeln über die
amerikanischen Buch- und Zeitschriftenverlage und
die Rolle, die diese im Leben des Amerikaners
spielen
(85 Zeilen)

Seite

WISSENSCHAFT - FORSCHUNG - TECHNIK
NEUBESTIMMUNG DER SCHWERKRAFT-FALLBESCHLEUNIGUNG
FÜR WASHINGTON
(30 Zeilen)

Seite

AUTOMATISCHE WETTERFRÖSCHE BERICHTEN
NACH WASHINGTON
(45 Zeilen)

Seite

6

IDEALER MAGNETKREIS FÜR EIN SYNCHROTRON
(24 Zeilen)

Seite

8

VON KUNST UND KÜNSTLERN
NEUNZEHNHUNDERT JAHRE ABSTRAKTE KUNST IN AMERIKA
Die indianischen Felsmalereien in Wyoming
Von David Gebhard, Direktor des Roswell Museum
(Neu-Mexiko)
(80 Zeilen, 3 Bilder)
ANHANG
DULLES UMREISST AUSSENPOLITIK DER USA
VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG IN NEW YORK
Wortlaut der Rede des US-Außenministers
vom 1 a. September 1958

* * * * *

Seite

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XI, Jahrgang. Nr. 59

Allgemeines
3. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
DAS BUCH- UND ZEITSCHRIFTENWESEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (il)
Die Buchklubs, die Buchexporte und -importe,
die Universitätsverlage
(140 Zeilen)

Seite

AMERIKAS INDIANER HEUTE
Von Glenn L. Emmons
Leiter des US-Bundesamtes für indianische
Angelegenheiten im US-Innenministerium
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

VON KUNST UND KUNSTLERN
ZUM 75. GEBURTSTAG DER "MET"
Die Geschichte der Metropolitan Opera
Von David Ewen
(130 Zeilen, 1 Bild)

Seite

11

ANHANG
DULLES UMREISST FERNOSTPQLITIK DER USA
V/ortlaut der Rede des US-Außenministers vom 25. September 1958
vor dem Fernost-Amerikarat für Handel und Industrie in New York
FQRMOSAKRISE BERÜHRT DIE GRUNDPRINZIPIEN DER NATO
Wortlaut der Rede des US-Außenministers John Foster Dulles vom
27. September 1958 vor der Atlantikpakt-Gesellschaft in Boston

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10. Oktober

XI. J a h r g a n g . Nr. 40
INHALTSVERZEICHNIS
DAS BUCH- UND ZEITSCHRIFTENWESEN IN DEN USA (III)
Dritter und letzter Artikel dieser Reihe.
Die US-Zeitschriften - wirtschaftliche Seite des
Verlagswesens - Auswirkungen des Fernsehens und
der kürzeren Arbeitszeiten auf das Buchgeschäft
(98 Zeilen)

Seite

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
IM KAMPF GEGEN DEN KREBS
Ergebnisse von Tierversuchen stützen Virustheorie
(90 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KUNSTLERN
"JUNGE AMERIKANER 1958"
Zeitgenössisches Kunsthandwerk in New York
(60 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

ANHANG
EISENHOWER UMREISST ZIELE DER AMERIKANISCHEN
FERNOST-POLITIK
Wortlaut des Antwortschreibens Präsident Eisenhowers an
Senator Theodore Green, Vorsitzender des Außenpolitischen
Senatsausschusses, vom 4« Oktober 1958

* * * * *

1958

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17. Oktober 1958

X I . J a h r g a n g . Mr. 41
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM 23. OKTOBER 1958, DEM 2. JAHRESTAG DES
BEGINNS DER VOLKSERHEBUNG IN UNGARN
Chronologie der Ereignisse in den Oktober- und
Novembertagen des Jahres 1956 und kurze Zusammenfassung der Zustände in Ungarn heute - Zwei Jahre danach
(270 Zeilen, 3 Bilder)

Seite 1.

ZUM TAG DER VEREINTEN NATIONEN (24. Oktober)
DIE AUTORITÄT DER GEMEINSCHAFT
Ansätze zu einer neuen Ordnung
(95 Zeilen, 4 Bilder)

Seite

11

IM HAMEN DER UNPARTEILICHKEIT DES RECHTS
Betrachtungen zur Ernennung des neuen
Bundesrichters Potter Stewart
Von John Kerigan
(68 Zeilen)

Seite

16

ANHANG
LQDGE UMREISST US-EINSTELLUNG ZUR ABRÜSTUNGSFRAGE
Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten bei den
Vereinten Nationen vom 10. Oktober 1958 vor dem
Ersten Politischen Ausschuß der UN-Vollversammlung
in New York

* * * * *

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XI. Jahrgang. Nr. 42

24. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
NEUES AUS DER RAÜMFAHRTFORSCKUNG
PIONIER-I ALS WEGBEREITER
Keine unüberwindlichen Hindernisse für
den Raumflug
Von John Kerigan (74 Zeilen, 1 Foto, 1 Schaubild)

Seite

ATOM-U-BOOTSNAVIGATION LIEFERT WICHTIGES
ERFAHRUNGSGUT FÜR KÜNFTIGEN RAUMFLUG
(18 Zeilen)

Seite

A

IST DER MENSCH PSYCHISCH DER RAUMFAHRT GEWACHSEN?
(23 Zeilen)

Seite

5

NEUE RAKETENTRIEBWERKE IN DER ENTWICKLUNG
(12 Zeilen]

Seite

6

1

AUS DER ARBEIT DER VEREINTEN NATIONEN
DAS NEUE STÄNDIGE HAUPTQUARTIER DER UNESCO IN PARIS
wird am 3• November 1958 eingeweiht
(52 Zeilen, 3 Bilder)
VON KUNST UND KÜNSTLERN
KULTURELLE KURZNACHRICHTEN
Richard-Strauss-Erstaufführung in Amerika
(9 Zeilen)
20 000 Jahre altes Relief entdeckt
(8 Zeilen)
Das neue New Yorker Kulturzentrum
(15 Zeilen)
Fernsehen als Lehrer
(16 Zeilen)
San Franciscos Symphoniker geben 54 Konzerte
(6 Zeilen)
Die neue Konzertsaison des New York Philharmonie
Orchestra
(17 Zeilen)
LISTE DER GEDENKTAGE IM NOVEMBER 1958
* * * * *

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31. Oktober

XI. Jahrgang. Nr. 43

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
RADIOISOTOPE IN DER ATMOSPHÄRE
Ein Hilfsmittel der meteorologischen
Forschung
(80 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE WIEDERENTDECKUNG EUGENE O'NEILLS
Von Joseph Wood Krutch, Professor für
Theaterliteratur an der Columbia-Universität, New York
(170 Zeilen)

Seite

4

ATOMTECHNIK
REAKTOR FÜR ATOMKRAFTWERK KAHL IN AUFTRAG
GEGEBEN
(30 Zeilen)

Seite

10

Seite

11

ACHTER LEHRGANG DER INTERNATIONALEN AKADEMIE
FÜR KERNWISSENSCHAFT UND KERNTECHNIK (ISNSE)
(8 Zeilen)

* * * * *

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X I . Jahrgang, Nr. 44

7. November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

HOCHSCHULWESEN
EMPFEHLUNGEN DES AMERIKANISCHEN ERZIEHUNGSRATS
ZUR HOCHSCHULREFORM
Strukturanalyse zeigt Mentalitätswandel der
Studentenschaft
Von John Kerigan
(78 Zeilen)

Seite

DIE WELT DER FRAU
FRAUEN IM ÖFFENTLICHEN DIENST DER USA
Jahresbericht 1958 enthüllt interessantes
Zahlenmaterial
(72 Zeilen)

Seite

4

Seite

7

Seite

11

Höhenforschung mit Riesenballons
(25 Zeilen)

Seite

11

Raketentechnik braucht besondere Baustoffe
(8 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

Drei neue Lincoln-Briefmarken
(14 Zeilen)

Seite

13

Konstantin Stannislawskij-Aussteilung
in der New York Public Library
(5 Zeilen)

Seite

13

UNTER DEM ZAUBER DES GESCHRIEBENEN WORTS
(90 Zeilen, 2 Bilder)
NEUES AUS DER RAUMFAHRTFORSCHUNG
Lenkflugkörper mit vierfacher Schallgeschwindigkeit
(9 Zeilen}

NACHRICHTEN AUS DEM KULTURELLEN LEBEN DER USA
Prokofieffs "Peter und der Wolf" im
amerikanischen Fernsehen
(4 Zeilen)

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14. November 1958

XI. Jahr^anff, Nr f **&gt;
INHALTSVERZEICHNIS

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
Sonnenbeobaiphtung mit Raketen
ElektrischeiStröme in der Erdrinde
Tiefste gemessene Temperatur - minus 95 Grad
(90 Zeilen)

Seite

1

TECHNIK UND FORSCHUNG
ROBOTER MIT' LERNVERMÖGEN
Neues Prinz ip für den Bau elektronischer
Rechenanlag sn
(80 Zeilen)

Seite

5

Seite

8

VON KUNST UND KÜNSTLERN
DIE ZAUBERKRAFT DER MUSIK
oder "Das gar nicht so geheimnisvolle
musikalisch e Leben Danny Kayes"
(75 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

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X I . J a h r g a n g . N r . 46

Allgemeines
21 . November 1 958

INHALTSVERZEICHNIS

)

POLITIK
MILITARISIERUNG DER ARBEIT DURCH DIE
"VOLKSKOMMUNEN"

Die v i e r t e Etappe der c h i n e s i s c h e n Revolution
(160 Z e i l e n , 1 B i l d )

Seite

1,

AUS DER MEDIZINISCHEN FORSCHUNG
RADIOISOTOPE ZUR DIAGNOSTIZIERUNG VON
FUNKTIONSSTÖRUNGEN DER LEBER UND NIERE
(52 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
BROADWAY 1958/59
Neue Werke bekannter Dramatiker
Von Norman Smith
(86 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

KURZNACHRICHTEN
Amerikareise für Auslandskorrespondenten
in den USA
__^
(18 Zeilen)

Seite

12

Seite

12

UNICEF wünscht "Fröhliche Weihnachten"
(20 Zeilen)
* * * * *

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Allgemeines
28. November

1958

Seite

1

Seite

4

STUDIUM-ARBEIT-PROGRAMME ALS MITTEL
ZUR STUDENTENFÖRDERUNG
Ein neuer Typ des Werkstudenten
(46 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

7

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
KORALLENFUND IM NÖRDLICHEN EISMEER
Wertvolle wissenschaftliche Ausbeute der
amerikanischen EisinselStationen
(120 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

KURZNACHRICHT
Uraufführung von Norman Corwins Lincoln-Drama
zum 150. Geburtstag Abraham Lincolns am
12. Februar 1959
(8 Zeilen)

Seite

3

INHALTSVERZEICHNIS
POLITIK
AKADEMIKER ALS POLITIKER
Hochschulprofessoren im US-Senat
Von John Kerigan
(68 Zeilen)
HOCHSCHULWESEN
UNI WASHINGTON BERÄT UNI LAHORE
Die akademische Auslandshilfe
amerikanischer Hochschulen
(83 Zeilen)

LISTE DER GEDENKTAGE FÜR DEZEMBER 1958

* * * * *

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5. Dezember

1958

GIBT ES IHN WIRKLICH, DEN WEIHNACHTSMANN?
Eine Betrachtung für große und kleine Leute
(58 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

WEIHNACHTEN IN DER HEIMATLICHEN HÜTTE EINES
GROSSEN MANNES
Eine Weihnachtsgeschichte aus der Kinderzeit
Abe Lincolns
(63 Zeilen)

Seite

POSTSTEMPEL: SANTA CLAUS
Hochbetrieb im Hauptpostamt des
amerikanischen Weihnachtsmannes
(85 Zeilen)

Seite

WEIHNACHTEN IN EINER KLEINEN STADT
Camden im Neuenglandstaat Maine feiert Weihnachten
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

DIE AMERIKANISCHE WEIHNACHT IM BILD

Seite

13

XI. Jahrgang, Nr. 48
INHALTSVERZEICHNIS

* * * * *

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XI. Jahrgang, Nr. 4 9

12. Dezember 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
STRAHLENCHEMIE VON NAHRUNGSMITTELN
Zur industriellen Strahlenkonservierung
ist noch ein weiter Weg
(140 Zeilen)

Seite

US-BUNDESANSTALT FÜR TECHNISCHE NORMEN
ENTWICKELT PRÜFGERÄT FÜR HÖRAPPARATE
(55 Zeilen)

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ÜS-WETTERAMT UNTERSUCHT VERHALTEN VON
TORNADOS AN HAND PHOTOGRAPHISCHER AUFNAHMEN
(32 Zeilen)

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KUNSTSPRACHE FÜR ELEKTRONENANLAGEN
"Bündige" Sprache soll "unbändige" Umgangssprache "maschinengerecht" machen
(50 Zeilen)

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10

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12

VON KUNST UND KÜNSTLERN
ZWECKMÄSSIGKEIT - WÄRME - PERSÖNLICHKEIT
Der Architekt Richard Joseph Neutra und sein
Einfluß auf die Entwicklung der Architektur
in den USA
(110 Zeilen, 1 Bild)
ANHANG
DULLES UMREISST US-AUSSENPOLITIK
Wortlaut einer Rede des US-Außenministers,
gehalten vor der Handelskammer von Kalifornien
in San Francisco am 4*12.1958
* * * » *

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Allgemeines

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XI. Jahrgang, Nr. 50

19. Dezember 1958
INHALTSVERZEICHNIS

POLITIK
SIE KOMMUNISTISCHE STUDENTEN-INTERNATIONALE
ISB verlor binnen drei Jahren fast drei
Millionen Mitglieder
(150 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
DIE WELTMEERE ALS ROHSTOFFQUELLE VON MORGEN
Unerschöpfliche Mineralvorkommen geringer
Ergiebigkeit
(120 Zeilen)

Seite

VON KUNST UND KÜNSTLERN
ZWISCHEN 1908 UND 1958
Der Tanz als Bestandteil der amerikanischen
Kultur
(100 Zeilen, 2 Bilder)
LISTE DER GEDENKTAGE FÜR JANUAR 1959
ANHANG
DAS INTERNATIONALE GEOPHYSIKALISCHE JAHR 1957/58
Die Wissenschaft machte Inventur
(5 Bilder)
ZUR BEACHTUNG:

Unsere nächste Ausgabe ALLGEMEINES
erscheint am 9• Januar 1959
# * * # *

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8. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (i)
Die Mähmaschine des Cyrus McCormick
(72 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE US-LANDWIRTSCHAFT AM JAHRESANFANG
Ein Überblick über die wichtigsten landwirtschaftlichen Märkte
(67 Zeilen)

Seite

AUSSENHANDEL WICHTIGER BESTANDTEIL
DES US-WIRTSCHAFTSLEBENS
US-Handelsministerium veröffentlicht vier
Studien zu Import-Exportfragen - 4»5 Mio
Amerikaner durch den Export beschäftigt
(72 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
STRUKTURUNTERSUCHUNG UND STAHLANALYSE
MIT RÖNTGENGERÄT
(20 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTSFUNKTIONÄRE STUDIEREN
ARBEITSBEWERTUNGSMETHODEN
Erste Studienwoche im ersten von der AFL-CIO
geförderten Zeitstudieninstitut - Sachkenntnis
wichtig bei Abschluß von Tarifverträgen
(65 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

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15. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS

'.VIRT S G HA FT SREP ORT AGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (ll^
Die Nähmaschine des Elias Howe
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
US-IMPORTE DÜRFTEN AUCH 1958 BISHERIGEN
TREND FORTSETZEN
Bisher noch keine Anzeichen für eine rückläufige Bewegung
(64 Zeilen)

Seite

GROSSES INTERESSE VON US-FIRMEN AN DER ERRICHTUNG
VON PRODUKTIONSSTÄTTEN IN EUROPA
(12 Zeilen)

Seite

7

STARKE ZUNAHME DES TRANSATLANTIK-LUFTVERKEHRS
(11 Zeilen)

Seite

7

145 NEUE SCHIFFE LIEFEN 1957 NEW YORK AN
(l6 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MASCHINELLE REGISTRIERUNG HANDGESCHRIEBENER ZEICHEN
(32 Zeilen, 1 Bild)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE US-GEWERKSCHAFTEN UND DAS VERGANGENE JAHR
Innere Spannungen wegen Korruptionsfällenüberwunden Mitgliederbestand stieg auf 18,5 Millionen an
(53 Zeilen, 2 Bilder)
Seite
ANHANG
PRÄSIDENT EISENHQWER LEGT NEUEN US-HAUSHALT VOR
Auszüge aus der Budget-Kongreßbotschaft Präsident Eisenhowers
vom 13« Januar 1958.

* * * * *

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X. Jahrgang. Nr. 3/C

22. Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (Hl)
Die "Cotton Gin" des Eli Whitney revolutionierte
die Landwirtschaft der amerikanischen Südstaaten Schuf Voraussetzungen der industriellen Massenproduktion
(78 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
"FEDERAL RESERVE BOARD" LOCKERTE ERNEUT KREDITPOLITIK
Bareinzahlungssatz bei Kauf von Wertpapieren von
70 auf 50 Prozent herabgesetzt - Überraschende
Maßnahme wurde in Finanzkreisen begrüßt
(64 Zeilen)
Seite

4

DIE LANDWIRTSCHAFTSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS
Der amerikanische Präsident legte Neun-Punkte-Programm zur Gesundung der Landwirtschaft vor
(85 Zeilen)
.
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"GENERAL ELECTRIC" VERÖFFENTLICHTE EINZELHEITEN
ÜBER DEN J-79-MOTOR .
(13 Zeilen)
MAGNESIUMSTAB VERLÄNGERT LEBENSDAUER VON MOTOREN
(11 Zeilen)

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10

WELT DER ARBEIT
BETRÄCHTLICHE FORTSCHRITTE DER NEGERBEVÖLKERUNG
AUF WIRTSCHAFTLICHEM UND SOZIALEM GEBIET
(43 Zeilen)
ANHANG
PRÄSIDENT EISENHOWER UNTERBREITET . KONGRESS WIRTSCHAFTSBERICHT
1.

Text des Begleitschreibens

2.

Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht

* * * * *

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X. Jahrgang. Nr. 4/C

29. Januar 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (IV)
Das Dampfschiff von Robert Fulton leitete eine
neue Epoche in der Schiffahrt ein
(95 Zeilen, 1 Bild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
PRÄSIDENT EISENHOWER LEGTE REFORMVORSCHLÄGE
ZUR ARBEITSGESETZGEBUNG VOR
Schließung bestehender Gesetzeslücken angestrebt
Ziels Schutz der Öffentlichkeit vor negativen
Auswirkungen
(60 Zeilen)
STARK AUSGEWEITETER MARKT FÜR
M0T0RWAS SERSPORTFAHRZEUGE
New Yorker Motorbootausstellung offenbarte
starkes ausländisches Interesse am US-Markt
(27 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
TRANSISTOREN FÜR STÄRKSTE BEANSPRUCHUNG
(24 Zeilen)

Seite

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5

Seite

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WELT DER ARBEIT
WALTER REUTHER UMRISS FORDERUNGEN SEINER GEWERKSCHAFT
Gewinnbeteiligung und höhere Löhne - Industrie lehnte
ab - Neue Kollektivverhandlungen beginnen am 1.April
(36 Zeilen)
Seite
KURZER STREIK DER HUTMACHERGEWERKSCHAFT
NACH 25 JAHREN
(26 Zeilen)

* * * * *

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5. Februar 1958

X. Jahrgang. Nr. 5/C
INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN (V)
Die "Line o'Type" von Ottmar Mergenthaler
revolutionierte die Druckereitechnik
(94 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCKAFT
DIE US-WIRTSCHAFTSLAGE IM SPIEGEL
DER BESCHÄFTIGUNGSSTATISTIKEN
Trotz Zunahme der Erwerbslosenziffer auf rund
. 4 Mio nur 6 Prozent aller Werktätigen ohne
Beschäftigung
(78 Zeilen)

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4

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7

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10

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11

DIE WIRTSCHAFTSPOLITISCHEN ZIELE DER US-REGIERUNG
Das Regierungsprogramm für das kommende Jahr
(68 Zeilen)
AUS 7/ISSENSCHAFT UND TECHNIK
BESTIMMUNG DER ZIELGENAUIGKEIT VON BORDWAFFEN
IN KNAPP DREI MINUTEN
(30 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
ZIELE UND AUFGABEN DES US-ARBEITSMINISTERIUMS (i)
Von James P. Mitchell, US-Arbeitsminister
(72 Zeilen)

* * * * *

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12. Februar 1958

X. J a h r g a n g . Nr. 6/c
INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (Vi)
Die Schreibmaschine des Christopher Sholes
revolutionierte die Büros, brachte dem Erfinder
aber nur einige Tausend Dollar
(70 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE KQNJUNKTUREINDÄMMENDEN UND BELEBENDEN
FAKTOREN DER US-WIRTSCHAFT
Faktoren, die das derzeitige Konjunkturbild
bestimmen
(80 Zeilen)

Seite

WOHNUNGSBAU UND WIRTSCHAFTSKONJUNKTUR
Die möglichen Einflüsse der Bauwirtschaft
auf die Gesamtkonjunktur
(50 Zeilen)

Seite

6

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
FLUGZEUG MIT DREIFACHER SCHALLGESCHWINDIGKEIT
(7 Zeilen)

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9

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10

CHEMISCHER SCHUTZ GEGEN WASSERDUNSTUNG
(8 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
ZIELE UND AUFGABEN DES US-ARBEITSMINISTERIUMS
(II und Schluß)
Von James P. Mitchell, US-Arbeitsminister
(98 Zeilen)
ANHANG
DIE ZIVILLUFTFAHRT IN DEN VEREINIGTEN STAATEN

* * * * *

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19. Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (VIl)
Der elektromagnetische Telegraph von Samuel
Morse eröffnete das Zeitalter der schnellen
Nachrichtenübermittlung
(98 Zeilen, 1 Bild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE WACHSTUMSRATE IN DER US-WIRTSCHAFT
Die Wandlung der stimulierenden Faktoren •
Durchschnittliche Wachstumsrate zwischen
1909 und 1945 3,2 - seitdem 3,38 Prozent
(96 Zeilen)
VERSTÄRKTE ENTWICKLUNGSHILFE DER US-REGIERUNG
Ausleihebefugnisse der Export-Importbank sollen
erhöht werden - Entwicklungsfonds nimmt Tätigkeit
auf
(57 Zeilen)

Seite

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AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ELEKTRONISCHES ZEHNSPRACHEN-GESCHICHTSARCHIV
(23 Zeilen)

Seite

10

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (i)
Ein Überblick über Geschichte, Entwicklung,
Struktur und Stellung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
(130 Zeilen)

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26. Februar 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (VIII)
Der Gummivulkanisierungsprozeß schuf die Grundlage für eine neue Industrie - Charles Goodyear,
ein Erfinder aus Leidenschaft
(120 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ENTSCHEIDENDE WOCHEN
Umfang des konjunkturellen Aufschwungs im
März wird über weitere wirtschaftsfordernde
Maßnahmen der Regierung entscheiden
(80 Zeilen)

Seite

DIE MINDESTRESERVESÄTZE WURDEN GESENKT
"Federal Reserve Board" hofft Kreditgeschäft
zu aktivieren
(54 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUE MINIATUR-TROCKENZELLENBATTERIE
(9 Zeilen)
DER PERFEKTE SCHUH
(10 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (il)
Ideologische Einflüsse und Trends
ANHANG
PRÄSIDENT EISENH0WER UNTERBREITET AUSLANDSHILFEPROGRAMM *

#

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5. März 1958
INHALTSVERZEICHNIS

faadui k»&gt;
WIRT SCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (IX)
George Westinghouse bremst Züge mit Luft
meinte: "Keine Zeit für solchen Quatsch"
(75. Zeilen, 1 Bild)

Vanderbilt

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
US-IMPORTE ERREICHTEN 1957 NEUE REKORDHÖHE
Gesamtwert fast 15 Mrd. Dollar - Dezember mit
höchstem Monatsergebnis - Auch im Januar noch
keine Abschwächung
(68 Zeilen)
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT IM FEBRUAR
Ein Überblick über die wichtigsten landwirtschaftlichen Märkte
(45 Zeilen)

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AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
USA ERSTELLEN GROSSE PRODUKTIONSKAPAZITÄTEN
FÜR RAKETENTREIBSTOFFE
(35 Zeilen)

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WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (ill)
Die Struktur der amerikanischen Gewerkschaften
(98 Zeilen)

* * * * *

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14. März

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. SIE GESCHICHTE MACHTEN (X)
Das erste brauchbare Telefon des Alexander Bell
(85 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AMERIKANISCHE REGIERUNG KÄMPFT UM AUSLANDSHILFE
Beantragte 3»9 Mrd, Dollar als dringend erforderlich erachtet
(62 Zeilen)

Seite

KONGRESSAUSSCHUSS LEGTE WIRTSCHAFTSBERICHT VOR
Weitgehende Übereinstimmung mit der Wirtschaftsbotschaft des Präsidenten
(75 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
PHOTOZELLEN-RELAISSYSTEM MIT ATOMSTRAHLEN
(16 Zeilen)
NEUE TITANLEGIERUNG FÜR DEN RAKETENBAU
(13 Zeilen)

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WELT DER ARBEIT
DIE AMERIKANISCHE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG (IV)
Gewerkschaften und Arbeitsgesetzgebung
(87 Zeilen)

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21. März

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN (Xl)
Der Drehstrommotor von Nikola Tesla leitete die
Ära der Elektroenergie ein
(58 Zeilen, 1 Bild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
STEIGENDE PRIVATE AUSLANDSINVESTITIONEN
Durchschnittsinvestitionen der vergangenen
zwei Jahre 4»3 Mrd. Dollar
(58 Zeilen)
WIRTSCHAFTSPROGNOSEN UND TATSÄCHLICHE ENTWICKLUNGEN
Ein Vergleich zwischen gemachten Voraussagen und
den wirklichen Trends
(82 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"GENERAL ELECTRIC" FÜHRTE NEUES DÜSENAGGREGAT VOR
(10 Zeilen)
ELEKTRONISCHES SUPERSCHREIBGERÄT
(12 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (V)
Das Kollektivverhandlungswesen
(110 Zeilen)

* * * * *

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28. März 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XIl)
George Eastman als Wegbereiter der Amateurphotographie - Von einer Wissenschaft zum
Millionenhobby
(120 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE GEWANDELTE KAPAZITÄTSKONZEPTION
Investitionen der Wirtschaft folgten nicht dem
klassischen Konjunkturzyklus - Überraschend hohe
Investitionen der US-Wirtschaft für 1958
(82 Zeilen)

Seite

6

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9

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
. CHRYSLER ENTWICKELTE NEUE BENZIN-EINSPRITZPUMPE
(32 Zeilen)

Seite

12

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
(VI und Schluß)
Die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern
(78 Zeilen)

Seite

13

AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE AUSLANDSHILFE
US-Auslandshilfe von wirtschaftlichen, sowjetische
von politischen Motiven getragen
(80 Zeilen)

ANHANG
ATOMPQLITIK IM ZEITALTER DER RAUMFAHRT
Auszug aus einer Rede, die Robert M. McKinney
am 18. März 1958 in Chicago gehalten hat

* * * * *

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3. April

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XIIl)
Der Phonograph Thomas A. Edisons - Die menschliche
Stimme von einem Stückchen Silberpapier
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EUROPÄISCHE INVASION AUF DEM NEW YORKER AUTOSALON
Großbritannien am stärksten vertreten, aber auch
Bundesrepublik zeigt repräsentativen Querschnitt
(65 Zeilen)

Seite

5

NUTZUNG VON ATOMEXPLOSIONEN FÜR FRIEDLICHE
ZWECKE IN SICHT?
Revolutionäre Aspekte für einige Industrien Radioaktive Auswirkungen lassen sich auf ein
Mindestmaß zurückführen
(82 Zeilen)

Seite

7

Seite

10

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10

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
BEFRACHTUNG EINES FLUGZEUGES IN 40 SEKUNDEN
(12 Zeilen, 2 Bilder)
DIAMANTEN IN MASSENFABRIKATION
(13 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTEN UND KRANKENFÜRSORGE
Die Gesundheitszentren und Kliniken der ILGW
behandeln mehr als 100 000 Patienten pro Jahr Allein in New York 170 Ärzte in der Gfewerkschaftsklinik tätig
(70 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 11.

ANHANG
AUSSENMINISTER DULLES FORDERT VERLÄNGERUNG DES GESETZES ÜBER
GEGENSEITIGE HANDELSABKOMMEN
Wortlaut einer Rede, die US-Außenminister Dulles am 27. März
1958 in Washington gehalten hat.
* * * * *

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11 . April 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XIV)
Das Elektrolyseverfahren von Tonerde schuf die
Grundlagen für die Aluminiumindustrie
(78 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
WERTPAPIERBÖRSEN VON DER REZESSION UNBEEINDRUCKT
Die Gründe für die Stabilität der Wertpapierpreise
(68 Zeilen)

Seite

ARBEITSLOSENVERSICHERUNG SOLL AUSGEDEHNT WERDEN
Präsident Eisenhower unterbreitete Kongreß Vorschläge
zur Verlängerung der Versicherungsdauer
(76 Zeilen)

4

Seite 6

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
STQSSFREIE AUTOBAHNEN DURCH "GUMMIFUGEN"
(20 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

9

WELT DER ARBEIT
DIE AMERIKANISCHE ARBEITSGESETZGEBUNG
Geschichtliche Entwicklung und Inhalt der
wichtigsten Gesetze
(140 Zeilen)

Seite

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18. April

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XVl
Wilbur und Orville Wright erobern die Luft
durch Motorenkraft
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
WAS IST MIT DEN PREISEN LOS?
Trotz Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität
ist der Lebenshaltungskostenindex weiter
angestiegen
(70 Zeilen)

Seite

DIE AMERIKANISCHEN IMPORTE ZEIGTEN BISHER
NOCH KEINE ABSCIIWÄCKUNGEN
Gesamtentwicklung für 1958 allgemein günstig
beurteilt
(58 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
WIRTSCHAFTLICHES KUNSTSTOFFSPRITZVERFAHREN
(20 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

Seite

WELT DER ARBEIT
"CAFETERIA ZUR VERABREICHUNG GEISTIGER NAHRUNG"
Bücherständer erfreuen sich immer größerer Beliebtheit 1500 amerikanische Betriebe stellen ihren Mitarbeitern
ausgewählten Lesestoff kostenlos zur Verfügung
(62 Zeilen, 1 Bild)
Seite

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25. April 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ERFINDUNGEN. DIE GESCHICHTE MACHTEN (XVl)
Die synthetische Harzpolymerisierung leitete das
KunststoffZeitalter ein - Das Bakelit von Leo H.
Baekeland als Wegbereiter
(72 Zeilen, 1 Bild)

Seite

1

BESCHÄFTIGUNGSSTATISTIK MIT ZWEIERLEI AKZENTEN
Bedeutender Anstieg der Zahl der Beschäftigten
im März bei gleichzeitiger geringer Zunahme der
Erwerbslosenziffer
(80 Zeilen)

Seite

4

WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG UND SOWJETISCHES
WIRTSCHAFTSSYSTEM
Die Leistungen in einer freien und einer
Zwangswirtschaft
(80 Zeilen)

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11

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ELEKTRONEN-MIKROSKOPE ALS HELFER DER WISSENSCHAFT
"Radio Corporation of America" will Massenproduktion von Elektronen-Mikroskopen aufnehmen
(45 Zeilen, 1 Bild)
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFT ENTWICKELTE ZUSAMMEN MIT UNTERNEHMEN
NEUES ERNTEGERÄT
Ernte von Rizinussamen jetzt rationell durch
Maschineneinsatz möglich
(60 Zeilen, 1 Bild)
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2. Mai

195®

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIREKTE UMWANDLUNG VON WÄRME IN ELEKTRIZITÄT
Der therm-ionische Konverter eröffnet neue Möglichkeiten zur Elektrizitätserzeugung - Wissenschaftler
glauben Nutzeffekt auf 50 7° steigern zu können
(50 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE DERZEITIGE WIRTSCHAFTSLAGE DER USA
UND DIE KÜNFTIGE ENTWICKLUNG
Führende V/irtschaftsexperten untersuchten
Möglichkeiten zur Aktivierung der Wirtschaft
und künftige Wachstumstrends
(56 Zeilen)
WANDLUNG IN DER INVESTITIONSPOLITIK ZEICHNET SICH AB
Geringere Aufwendungen für Kapazitätsausweitungen
bei zunehmenden Ausgaben für Forschung und
Entwicklung (67 Zeilen)

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8

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MINIATUR-WASSERAUFBEREITUNGSANLAGE
Tagesleistung 1900 Liter Trinkwasser
(18 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
SCHÖPFERISCHE FREIZEITPROGRAMME FÜR PENSIONÄRE
Amerikanische Gewerkschaften wollen älteren Mitgliedern Übergang in den Ruhestand erleichtern
helfen (64 Zeilen, 3 Bilder)

ANHANG
GEMEINSAME SICHERHEIT UND WELTHANDEL
Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs für
Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium, C. Douglas Dillon.
DIE OEEC UND
Wortlaut der
Christian A.
Bestehen des

DER WIRTSCHAFTLICHE FORTSCHRITT IN WESTEUROPA
Rede des Staatssekretärs im US-Aussenministerium,
Herter, anläßlich der Feierlichkeiten zum zehnjährigen
Europäischen Wirtschaftsrates.

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X» Jahrgang, Nr. 18/C

Wirtschaft
und Arbeit
9. Mai 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
TROTZ TEILAUSLASTUNG HOHE INVESTITIONSRATE
DER STAHLINDUSTRIE
Gesamtinvestitionen rund 1 Mrd. Dollar in 1958 Gegenwärtige Kapazität 140 Mio Tonnen
(78 Zeilen)

Seite

1

MASSENEINKOMMEN NUR UNWESENTLICH ZURÜCKGEGANGEN
Gegenüber Mitte vorigen Jahres nur um 1,5 f°
abgesunken - Auch Verbrauchsrausgaben gut behauptet
(75 Zeilen)

Seite

4

US-REGIERUNG WILL LAGE DES ERZBERGBAUES VERBESSERN
Preisstützungsprogramm für fünf wichtige Metalle
vorgeschlagen
(70 Zeilen)

Seite

7

Seite

9

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
WINDKANAL FÜR GESCHWINDIGKEITEN BIS 5700 MEILEN
(24 Zeilen, 2 Bilder)
WELT DER ARBEIT
INDUSTRIELLE FÖRDERUNGSPROGRAMME FÜR HANDWERKLICHEN
UND TECHNISCHEN NACHWUCHS
Wachsendes Interesse und steigenue finanzielle Zuwendungen der amerikanischen Industrie für Er^iehungsund Ausbildungsprojekte
(42 Zeilen, 5 Bilder)
ANHANG
PROBLEME DER ENTWICKLUNG UND STABILITÄT DER WIRTSCHAFT
Rede des Wirtschaftsberaters des US-Präsiuenten, Dr.
Gabriel Hauge, vor der Deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer in Berlin am '0.4.1958
* * * * *

Seite 11

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X. Jahrgang, N r . 19/C

Wirtschaft
undArbeit
16. Mai 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
INNERBETRIEBLICHE SCHULUNGSMASSNAHMEN SORGEN
FÜR NACHSCHUB AN FACHKRÄFTEN
Umschichtungen innerhalb der amerikanischen
Arbeiterschaft - Größere Aufstiegsmöglichkeiten
für den einzelnen
(63 Zeilen, 2 Bilder)

Seit«

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
"AUFWEICHUNG" DER INTERNATIONALEN ROHSTOFFMÄRKTE
DURCH DIE SOWJETBLOCKSTAATEN
Nach dem Baumwoll- und Aluminiummarkt ist jetzt
der Zinnmarkt an der Reihe - Stark forcierte Exporte
seit Beginn dieses Jahres
(80 Zeilen)
Seite
EINSTELLUNG DES AMERIKANERS GEGENÜBER DEM "BIG
BUSINESS" HAT SICH GEWANDELT
Positivere Beurteilung als früher - Interessante
Studie der "National Planning Association"
(52 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUE STAHLTYPE FÜR ÜBERSCHALLFLUGZEUGE
(14 Zeilen)

Seite

KOHLEVERKOKUNG UNTER TAGE
(15 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
JOHN L. LEWIS FORDERT AUSWEITUNG DER SICHERHEITSBESTIMMUNGEN IM BERGBAU
Auch Kleinzechen sollen erfaßt werden - Erheblicher
Rückgang der Unfallrate in den vergangenen 25 Jahren
(50 Zeilen)
Seite
* * * # #

10

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Wirtschaft
undArbeit
23. Mai

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
"DIGITAPE"-VERFAHREN ERMÖGLICHT AUTOMATION
BEI KLEINSERIEN
Umrüsten der Maschinengruppen entfällt praktisch
Durch Umwechseln der Lochstreifen erfolgt Produktionsumstellung (62 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
VERSCHIEDENE FAKTOREN LEUTEN BALDIGES ENDE
DES WIRTSCHAFTLICHEN RÜCKGANGS AN
Das Schlimmste scheint überstanden - Stärkerer
Auftrieb allerdings nicht vor Spätsommer erwartet
(65 Zeilen)

Seite

4

Seite

£

Seite

9

Seite

10

Seite

11

DER EINFLUSS DER VERTEIDIGUNGSAUSGABEN AUF DIE
WIRTSCHAFTLICHE AKTIVITÄT
.Anteil nur 10 Prozent am Bruttosozialprodukt Konjunktureller Einfluß unbedeutend (85 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUARTIGER VERSTÄRKER FÜR RADIOTELESKOPE
(18 Zeilen)
CHEMISCHES "BERUHIGUNGSMITTEL" FÜR PFLANZEN
ERHÖHT ERTRÄGE
(19 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
DISNEYLAND IST VOLL GEWERKSCHAFTLICH ORGANISIERT
(2a Zeilen, 1 Bild)
ANHANG

US-AUSLANDSHILFE EINE INVESTITION FÜR DEN AUFBAU EINER
FRIEDLICHEN WELT
Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten bei den Vereinten
Nationen, Henry Cabot Lodge.

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2l/C

Wirtschaft
und Arbeit
30. Mai

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPQRTAGE
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT HEUTE (i)
Wirtschaftliche Stellung und Agrarstruktur
(98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
NEW YORKER MESSE ALS SPRUNGBRETT FÜR US-MARKT
Diesjährige "World Trade Fair" übertraf Vorjahresergebnis beträchtlich - 3000 Aussteller aus
60 Ländern (50 Zeilen)

Seite

5

PROSPERIERENDE LANDWIRTSCHAFT IN ZEITEN
RÜCKLÄUFIGER WIRTSCHAFTLICHER AKTIVITÄT
Farmereinkommen gegenwärtig um 10 Prozent
höher als im Vorjahr - Landmaschinenindustrie
verzeichnet starke Belebung
(80 Zeilen)

Seite

7

Seite

9

Seite

10

Seite

11

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES OPTISCHES GERÄT ERMÖGLICHT GENAUERES
STUDIUM DES UNIVERSUMS
(14 Zeilen)
NEUES CHEMISCHES PRÄPARAT GEGEN BLUTGERINNSEL
(12 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
AUS DEM AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTSLEBEN
Stahlarbeiter melden Tarifforderungen an Textilarbeiter-Wohlfahrtsfonds 142 Mio Dollar Petrillo lehnt erneute Kandidatur ab - Gewerkschaftsversicherung mit 1,0 Mrd. Dollar Bestand
(55 Zeilen)

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X. Jahrgang:. Nr. 22/c

Wirtschaft
undArbeit
6. Juni

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT HEUTE (il)
Die Produktivität und der Einfluß auf die
Mechanisierung (98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AKTIENSTREUUNG WIRD IMMER BREITER
Aktiensparprogramme tragen sehr zur Popularisierung
des Wertpapiers bei - Erhebliche Steigerung in der
Zahl der Aktionäre bei Großunternehmen
(70 Zeilen)

Seite

US-WIRTSCHAFT VERTRAUT AUF SELBSTHILFE
Rationalisierung von Produktion und Verkauf
sowie verstärkte Forschungs- und Entwicklungsprogramme sollen Konjunkturauftrieb einleiten
(54 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK •
EINFLUSS VON KUNSTDÜNGER UND BEWÄSSERUNG
AUF DIE ERTRÄGE
Ausgedehnte Versuche des US-Landwirtschaftsministeriums offenbarten auffallende Wechselbeziehung zwischen Kunstdünger und Bodenfeuchtigkeit
(35 Zeilen)

Seite

10

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFT UNTERHÄLT EIGENE BLUTBANK ZUM
WOHLE DER GEMEINDE
Als Ergänzung wurde jetzt fahrbare Blutsammelstelle in Betrieb genommen
(37 Zeilen, 1 Bild)

Seite

11

* * * * *

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und Arbeit

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13. Juni 1958

X. J a h r g a n g . N r . 23/C

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE AMERIKANISCHE LANDWIRTSCHAFT HEUTE (ill)
Absatzorganisationen, Agrarpreise und wirtschaftliche
Lage der Farmer (98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
LAGE IN DER STAHLINDUSTRIE HAT SICH GEBESSERT
Erhöhte Auftragseingänge und höhere Produktionsrate Ausdruck allgemeiner Belebung der Wirtschaft
(65 Zeilen)
ELEKTRIZITÄT AUS ATOMKRAFTWERKEN
Shippingport leitete neue Ära ein - Vier weitere
A-Kraftwerke bis 196O fertiggestellt
(70 Zeilen)

Seite 7

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
GELÄNDEGÄNGIGE "RAKETEN-SELBSTFAHRLAFETTE" MIT
"SCHLUMMERROLLEN"
(22 Zeilen, 1 Bild)

Seite 10

WELT DER ARBEIT
STUDIE UMREISST FORTSCHRITTE DER
AMERIKANISCHEN ARBEITNEHMER
(28 Zeilen)

Seite 11

IAM-GEWERKSCHAFT FEIERTE 70. GRUNDUNGSTAG
(16 Zeilen)

* * * * *

Seite 5

Seite 12

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Wirtschaft
und Arbeit

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X. Jahrgang. Nr. 24/c

20. Juni 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
Mr. KELLY VERMIETET BÜROFACHKRÄFTE ALLER ART
50 000 Angestellte in 81 Städten der USA - Ein Anruf
genügt, und Mr. Kelly beseitigt plötzliche Personalschwierigkeiten
(76 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EIE ENTWICKLUNG DER FAMILIENEINKOMMEN ZWISCHEN
1947 ÜKD 1957
Zunahme der durchschnittlichen Realeinkommen von
461O auf 5480 Dollar - Aufrücken der unteren
Einkommengruppen in die höheren Klassen
(57 Zeilen)

Seite

4

KONJUNKTURPROBLEME HEUTE UND GESTERN
Die grundlegenden Unterschiede zwischen wirtschaftlichen ALschwächungspe rioden der Vor- und Nachkriegszeit
(98 Zeilen)
Seite

£

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
CIIEMIKALIE GEGEN V/ASSERVERDÜNSTUNG
(15 Zeilen)

Seite

SCHNELLSTE FIRNSCHRSIBMASCHINE DER Y.ELT
(7 Zeilen)

Seite

10

Seite

10

V&gt;ELT DER ARBEIT
AUSBILDUNG VON GEWERKSCHAFTLICHEM NACHWUCHS
AN DER Hi&gt;R7i.RD-UNIVERSIT£T
Gewerkschaftliche Schulungo- und Fortbildungsprogramme gev/innen immer mehr an Bedeutung
(52 Zeilen)

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und Arbeit

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X. Jahrgang. Nr. 25/C

27. Juni

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE REORGANISATION DER SOWJETISCHEN LANDWIRTSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNG (i)
\
Die Traktorenstationen und ihre wirtschaftlichen und
politischen Aufgaben
(165 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE US-WIRTSCHAFT ZUR JAHRESMITTE
Allgemeine wirtschaftliche Aktivität nimmt wieder
zu - Zufriedenstellende Entwicklung im Mai und Juni
(62 Zeilen)

Seite

AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE AUSLANDSHILFE
US-Aussenministerium veröffentlichte Studie über
Umfang und Ziel der sowjetischen Hilfe- und
Wirtschaftsoffensive
(98 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MODELL EINER RAUMSTATION
Wissenschaftliche Forschungsstation in 720 km Etfg. von
der Erde - Vier Mann Besatzung - 500 Mio DollarProjekt
(30 Zeilen, 2 Bilder)
Seite

13

WELT DER ARBEIT
20 JAHRE "FAIR LABOR STANDARDS ACT"
Vor 20 Jahren wurde eines der wichtigsten Arbeitsgesetze der USA in Kraft gesetzt
(56 Zeilen)

15

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Seite

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Wirtschaft
und Arbeit
4. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE REORGANISATION DER SOWJETISCHEN LANDWIRTSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNG (il)
Die strukturellen Veränderungen im Kolchossystem
(120 Zeilen)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
MODIFIZIERTES STÜTZUNGSPROGRAMM FÜR MINERALIEN
Weitgehende Rücksichtnahme auf ausländische
Erzeuger - Kleinbetriebe am meisten begünstigt
(86 Zeilen)
LAGE IM AUSSENHANDEL SCHEINT SICH ZU STABILISIEREN
Importe konnten hohes Volumen halten - Exporte
hatten beträchtliche Rückgänge im ersten Quartal
1958 zu verzeichnen
(80 Zeilen)

Seite

Seite

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
MESSUNG DES VERSCHLEISSES VON KOLBENRINGEN
MITTELS RADIOAKTIVER SPURENELEMENTE
(14 Zeilen)

Seite

11

WELT DER ARBEIT
SENAT VERABSCHIEDETE WICHTIGEN ARBEITSGESETZENTWURF
(35 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

HERMAN D. KENIN ZUM NACHFOLGER PETRILLOS GEWÄHLT
(28 Zeilen)

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Wirtschaft
und Arbeit

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X. Jahrgang. Hr. 27/C

11 . Juli 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE REORGANISATION DER SOWJETISCHEN LANDWIRTSCHAFT
UND IHRE BEDEUTUNC (III UND SCHLUSS)
Übergangsprobleme und Einfluß auf die Erzeugung
und Gesamtstruktur (120 Zeilen, 2 Karikaturen)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE WIRTSCHAFTLICHE HILFE DER USA AN DIE PHILIPPINEN
Philippinen mit größter wirtschaftlicher Wachstumsrate
aller fernöstlichen Staaten (75 Zeilen)
Seite
AMERIKANER GABEN 1957 INSGESAMT 1,8 MRD. DOLLAR
FÜR AUSLANDSREISEN AUS
Auch für 1958 mit weiterem Anstieg zu rechnen
(60 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
BEOBACHTUNGS-FERNSEHKAMERA IN DER NEUEN "B-52G"
(15 Zeilen)

Seite

11

WELT DER ARBEIT
INVESTITIONEN PRO ARBEITSPLATZ 16 000 DOLLAR
MITTE 1957
Steigende Investitionen pro Produktionsarbeiter
in den USA - Doppelte Summe gegenüber 194&amp;
(40 Zeilen)

Seite

12

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und Arbeit

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X. Jahrgang, Nr. 28/C

18. Juli 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT (i)
Die historischen Hintergründe - Größerer Anteil
aller am Bruttosozialprodukt
(76 Zeilen, 1 Bild)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ZUNEHMENDE ENTSPANNUNG IN DER US-WIRTSCHAFT
Auch bei den Fabrikationsbetrieben zeichnet sich
jetzt ein Aufschwung ab - Dauergüterindustrie
mit größten Zunahmen
(64 Zeilen)
Seite
WICHTIGSTE INDICES FOLGTEN WIEDER AUFWÄRTSTREND
"Führungsfaktoren" zeigen erneuten Auftrieb für
die nächsten Monate an
(84 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUARTIGES ELEKTRONISCHES RECHENGERÄT FÜR
KLEINERE BETRIEBE
Anschaffungspreis zwischen 8000 und 15 000
Dollar - Leichte Bedienung
(46 Zeilen, 1 Bild)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE US-GEWERKSCHAFTEN V/ENDEN SICH AN DIE ]
KUNST UND DIE KÜNSTLER
Immer stärkere Heranziehung von Künstlern
zur Ausgestaltung von Gewerkschaftsbauten
(46 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

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J/Q

Wirtschaft
und Arbeit
25. Juli 1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORT G^
DIE GESCHICHTE DER AMEi IRANISCHEN PRODUKTIVITÄT (il)
Die sozio og:sehen und wirtschaftlichen Faktoren
(90 Zeilen 1 ,cnaubild)
Seite
STREIFLICHTER AUS DLR US-' IR'T'SCl^FT
DIE WIRTSCHAFmLTCHE B^DEUTrNG ALASKAS
Unermeßlic . • Bodenschätze - aber nur wenige
Menschen
(52 Zeilen)

Seite

T

STARK VERBESSERTE E£^CHA&gt;T G JNGSLAGE IM JUNI
Anstieg der Besehaf t-g .en am 920 000
(82 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
GRÜSSTER LASTKRAFTWAGEN DER WELT
Gewicht im beladenen Zustand fast 200 Tonnen
(16 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

WELT DER ARBEIT
AUS DEM AMERIKANISCHEN GEWERKSCHAFTLICHEN LEBEN
Durchschnittslöhne weiter angestiegen - Niedrigste Streikziffer der Nachkriegszeit für Mai Alaska gewerkschaftlich stark organisiert
(52 Zeilen)
# # * * *

Seite

10

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und Arbeit

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X. Jahrgang. Nr. 50/C

1 . August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT

IUI}
Maschinenkraft, Erziehung und Fähigkeiten von
Management und Arbeitern
(98 Zeilen, 1 Schaubild)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EINE "NEUE DIMENSION" IM US-EINZELHANDEL
Supermarkets mit Warenhausangebot probeweise
gestartet - Abkehr vom reinen Lebensmittelladen - Supermarketumsatz jährlich 25,2 Mrd.
Dollar (88 Zeilen, 2 Bilder)
VERSTÄRKTER WIRTSCHAFTLICHER AUFTRIEB IM JUNI
Wirtschaftlicher Auftrieb zeichnet sich immer
klarer ab - Zunahmen berühren fast alle Sektoren
(63 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
SPURELEMENTE UND ATOMSTRAHLEN IN DER
LANDWIRTSCHAFTSFORSCHUNG
Künstlich hervorgerufene Mutationen führen zu
ertragreicheren und widerstandsfähigeren Sorten
(70 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

Seite

Seite

Seite

10

DIE PRAXIS DER ZAHLUNG VON ENTLASSUNGSGELDERN
IN DER US-WIRTSCHAFT (i)
Verstärkte Bemühungen der Gewerkschaften um
Aufnahme von Abfindungsplänen in die Tarifverträge
(90 Zeilen)
Seite

14

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8 . August

X. J a h r g a n g . N r . 51/C

1958

INHALTSVERZEICHNIS

V/IRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT

im

Die Einflüsse von Arbeits- und Kapitalmobilität
und der Spezialisierung (68 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ROHSTOFFMÄRKTE ZEIGEN STABILISIERUNGSTENDENZEN
Stärkste Einflüsse auf die künftige Preisstruktur
von der wirtschaftlichen Erholung in den USA zu
erwarten
(64 Zeilen)

Seite

DIE LAGE AUF DEN LANDWIRTSCHAFTLICHEN
MÄRKTEN IM JULI
Stark veränderte Verbrauchergewohnheiten
bei Kartoffeln - Viertgrößte Weizenernte
in diesem Jahr zu erwarten (68 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUARTIGE KÜCHENGERÄTE MIT "PFIFF"
(28 Zeilen, 5 Bilder)

Seite

10

WELT DER ARBEIT
DIE PRAXIS DER ZAHLUNG VON ENTLASSUNGSGELDERN
IN DER US-WIRTSCHAFT (il)
Die verschiedenen Pläne in Wirtschafts- und
Industrieunternehmen (98 Zeilen)

Seite

12

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X. Jahrgang. Nr. 52/c

Wirtschaft
und Arbeit
15. August 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DIE GESCHICHTE DER AMERIKANISCHEN PRODUKTIVITÄT
(V und Schluß)
Die Rolle von Wissenschaft und Erfindungen
(70 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE AUSWIRKUNGEN VON FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG
AUF DIE CHEMISCHE INDUSTRIE
Industriezweig mit weitaus größter Wachstumsrate Trotz rückläufiger wirtschaftlicher Entwicklung
wurden hohe Investitionen vorgenommen
(78 Zeilen)
^
Seite
ÄUSSERST GÜNSTIGE ZUKUNFTSAUSSICHTEN FÜR
DIE BAUWIRTSCHAFT
"Architectural Forum" erwartet Zunahme der
Aufwendungen für Neubauten aller Art um ^&gt;0ffo
in den nächsten zehn Jahren
(58 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
SCHNELLERE AUFTRAGSENTWICKLUNG DURCH
?o PCO km LAN3ES FERNSCHREIBNETZ
Neuartiger Kundendienst - Mobilisierung
der Hersteller- und Händlerläger
(50'Zeilen, 1 Bild)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE PRAXIS DER ZAHLUNG VON ENTLASSUNGSGELDERN
IN DER US-WIRTSCHAFT (III und Schluß)
Verstärkte Bemühungen der Gewerkschaften um
Aufnahme von Abfindungsplänen in die
Tarifverträge
(98 Zeilen)

Seite

* * * * #

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22. August 1958

X. Jahrgang. Nr. 35/C
INHALTSVERZEICHNIS

WELT DER ARBEIT
SONDERREPORTAGE
TAG DER ARBEIT 1956 : US-GEWERKSCHAFTEN ZIEHEN BILANZ
Feiertag des ganzen Volkes - Soziale Gerechtigkeit
bleibt das Ziel (220 Zeilen , 3 Bilder)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
VIERJÄHRIGE VERLÄNGERUNG DES US-GESETZES
ÜBER GEGENSEITIGE HANDELSABKOMMEN
Erfolg der liberalen Kräfte der amerikanischen
Handelspolitik - 20prozentige Zollsenkung bis
1962
(65 Zeilen)
MEHR ARBEITSPARENDE MASCHINEN FÜR DIE
US-LANDWIRTSCHAFT
Trends in der amerikanischen Landmaschinenindustrie
Mechanisierung - ein Mittel zur Leistungs- und
Rentabilitätssteigerung (90 Zeilen, 1 Bild)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUER REAKTOR FÜR MEDIZINISCHE ZWECKE
Therapie und Forschung auf neuen Wegen Möglichkeiten der Krebsbekämpfung (52 Zeilen)

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5

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X. Jahrgang, Nr. 34/C

29. August 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DAS PROBLEM DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG UND
DIE GEGENSEITIGE ABHÄNGIGKEIT DER STAATEN (i)
Die Welt als wirtschaftlich-soziale Einheit Neuordnung des internationalen Wirtschaftsgefüges
unaufschiebbar
(98 Zeilen)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ANZEICHEN EINER WIEDERBELEBUNG DER WIRTSCHAFTSTXTIGKEIT MEHREN SICH
Geld wird teurer - Mehr Aufträge erwartet Beendigung des Lagerabbaus
(92 Zeilen)

Seite

1,

Seite

DAS WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGSPROGRAMM DER
USA NIMMT GESTALT AN
Eisenhowers Vorschlag zur Errichtung einer
Entwicklungsbehörde für den Nahen Osten Lateinamerika ein weiterer Schwerpunkt
(92 Zeilen)

Seite

8

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
EIN NEUES PAPIER - ELASTISCH UND REISSFEST
(18 Zeilen)

Seite

11

Seite

11

Seite

12

Seite

12

Seite

13

BRUCHSICHERE KUNSTSTOFF-FENSTER
(10 Zeilen)
EIN "KUGELSCHREIBER" FÜR LEIM
(8 Zeilen)
EINE FARBE. DIE GEFÄHRLICHE HITZE ANZEIGT
(6 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
INDUSTRIEUNTERNEHMEN WIRBT UM ÖFFENTLICHES
VERTRAUEN
Tag der offenen Tür hat großen Erfolg Partnerschaftsprogramm findet Unterstützung
der Gewerkschaften
(72 Zeilen, 1 Bild)

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5. September

X» Jahrgang. Nr. 55/C

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DAS PROBLEM DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG
UND DIE GEGENSEITIGE ABHÄNGIGKEIT DER STAATEN (II)
Enorme Investitionsmöglichkeiten in Europa - Auslandskapital als Anstoß zu selbständigem Wachstum
in den Entwicklungsländern (118 Zeilen)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ZAHLEN DES US-HANDELSMINISTERIUMS BEWEISEN
ENDE DER REZESSION
Neue Rekordhöhe des Personaleinkommens Verteidigungsausgaben kein Anti-Rezessionsmittel
(76 Zeilen)
DREI-PUNKTE-PROGRAMM FÜR WELTBANK UND
WAHRUNGSFONDS
Eisenhowers neue Initiative - Entwicklungsinstitut
als Tochtergesellschaft der Weltbank vorgeschlagen
(68 Zeilen)

Seite

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AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
EIN NEUES ELEKTRONENGEHIRN, DAS SICH SELBST
SEINE INSTRUKTIONEN SCHREIBT
(20 Zeilen)
Seite
ELEKTRONENMASCHINE LIEST ADRESSEN UND SORTIERT POST
(20 Zeilen)
Saite
WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFTLER BESUCHEN DIE UNIVERSITÄT
Erstklassige Ausbildung für Funktionäre und
Gewerkschaftsmitarbeiter - Grundlage für Rolle
im öffentlichen Leben
(52 Zeilen, 1 Bild)

* * * * *

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11
12

13

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12. September 1958

X. Jahrgang« Nr. 56/C
INHALTSVERZEICHNIS

V/IRTSCHAFTSREPORTAGE
WISSENSCHAFTLER VERHELFEN HOLZ UND HOLZPRODUKTEN
ZU NEUER BEDEUTUNG
US-Holzindustrie produziert nach Rezepten eines
Staatslaboratoriums - Erfolg: ein Material, das
billiger, aber widerstandsfähiger ist als Sperrholz
(98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ERHOLUNG DES US-AUSSENHANDELS ALS FOLGE
DES V/IRTSCIIAFTSAUFSCHWUNGS
Juni-Einfuhren höher als die des Vergleichsmonats
1957 - Hauptwirkung der steigenden Wirtschaftstätigkeit auf den Außenhandel erst 1959 zu erwarten
(65 Zeilen)

Seite

5

Seite

8

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
RENTABILITÄTSGRENZE FÜR ATOMSCHIFFE IN SICHT
Betriebskosten für Atom- und konventionelle
Schiffe 1980 etwa auf gleicher Höhe - Unterseetanker bieten große Vorteile
(40 Zeilen, 1 Bild)

Seite

11,

WELT DER ARBEIT
20 JAHRE US-GESETZ ÜBER DIE ARBEITSBEDINGUNGEN
UND LÖHNE
Bestimmungen, die für den amerikanischen Arbeiter
bares Geld bedeuten
(54 Zeilen)

Seite

15

NEUES US-GESETZ ZUR FÖRDERUNG DER KLEIN- UND
MITTELBETRIEBE
Bessere Kreditversorgung und Steuererleichterungen Selbständiges Amt für Klein- und Mittelbetriebe
(85 Zeilen)

* * * # *

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X. Jahrgang. Nr. 57/c

19. S

temb^r 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTEREPORTAGE
PliERTO RICO RUNDET WIRTSCHAFTLICHES Al'FBAUPRQGRAMM AB
Verstärkte Bemühungen zur Verbreiterung der landwirtschaftlichen Struktur - Schaffung von Verarbeitungsanlagcn landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Ausbau
von Absatzorganisationen (98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AIS DER US-WIRTSCKAFT
WACHSENDES AUSLANDSANLEIHEGESCHÄFT DER
US-KANDELSBANKEN

Durchschnittliche Gesamthöhe der langfristigen
Anleihen gegenwärtig bereits 1,0 Mrd. Dollar pro Jahr
(60 Zeilen)

Seite

DIE ATOMVERSICHERÜ'NG GEWINNT ILILIKR i.lEHR AN BEDEUTUNG
Amerikanische Versicherungounternehmen bieten bereits
umfassende Risikodeckung (80 Zeilen)

Seite

7

AMERIKANISCHE KOLLEKTIVSCHAU AUF DER IKOFA
(28 Zeilen)

Seite

10

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
WIDERSTANDSFÄHIGE VERSANDBEHÄLTER AUS ZUCKERROHRBACASSE
(16 Zeilen)
Seite 11;
UNSINK3ARES BOOT AUS EINEM GUMMI- UND KUNSTSTOFFQEMISCH
(18 Zeilen)
Seite 12
WELT DER ARBEIT
UNFALLVERHÜTUNGSMASSNAHMEN MIT GEWERKSCHAFTLICHER
UNTERSTÜTZUNG FÜHREN ZUM ERFOLG
Eigene Sicherheitsausschüsat; der Gewerkschaften Sicherheitsbestimmungen in den Tarifverträgen
(72 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

Seite

13

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26. September 1958

X. Jahrgang. Nr. 38/c
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
ANTIBIOTIKA ALS HELFER DER LANDWIRTSCHAFT
Schnellere und wirtschaftlichere Tieraufzucht Wirksame Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten Große Erfolge auf dem Gebiet der Nahrungsmittelkonservierung
(98 Zeilen)

Seite 1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
WIRTSCHAFTLICHER AUFTRIEB SETZT SICH VERSTÄRKT FORT
Produktionsindex bereits wieder um 11 Punkte
gestiegen - Stahlindustrie weist höhere Auftragseingänge auf
(78 Zeilen)
Seite
REKORDWEIZENERNTE TROTZ*VERMINDERUNG DER ANBAUFLÄCHE
Gesamtertrag 1,4 Mrd. Bushel - Gesamtvorrat an
Weizen 2,3 Mrd. Bushel - Eigenverbrauch nur 610
Mio Bushel - Auch andere Getreidearten im Überfluß
(50 Zeilen)
Seite
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ARMBANDUHRGROSSE. AUFLADBARE TROCKENZELLENBATTERIE
Große Unempfindlichkeit - Lebensdauer von zehn Jahren
(30 Zeilen, 1 Bild)
Seite

10

WELT DER ARBEIT
TROTZ WIRTSCHAFTLICHER ABSCHWÄCHUNG STIEGEN
DIE LÖHNE WEITER AN
(28 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

Seite

14

GERINGFÜGIGER ANSTIEG DER UNFALLRATE IM II.QUARTAL
(23 Zeilen)
GÜNSTIGE ENTWICKLUNG DER BESCHAFTIGUNGSLAGE
IM AUGUST
(14 Zeilen)

* * * * *

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X. J a h r g a n g , N r .

39/C

3. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
PRAKTISCHE ANWENDUNGSMÖGLICHKEITEN FÜR
SONNENENERGIE
Verschiedene Geräte werden bereits auf kommerzieller
Basis hergestellt - "Sonnenuhr", Radios und Warnlampen - Viele neuen Anwendungsmöglichkeiten
(76 Zeilen, 2 Bilder)
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EINE VIEL BEACHTETE ENTSCHEIDUNG
Präsident Eisenhower verfügte Importquoten für
Blei und Zink
(62 Zeilen)
SELBST AUF DEM INVESTITIONSSEKTOR IST SCHON
EINE BELEBUNG FESTZUSTELLEN
Schnellere Erholung als erwartet - Investitionen
folgen diesmal nicht dem "klassischen" Trend
(78 Zeilen)
.
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"KQDEL" - EINE NEUE CHEMIEFASER
(20 Zeilen)
NEUES LEICHTES MILITÄRFAHRZEUG
(16 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
MECHANIKER IM AÜT0HANDWERK ERRINGEN ANERKENNUNG
ALS FACHARBEITER
IAM-Gewerkschaft stellte sich hinter die Automechaniker - Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch
für unorganisierte Automechaniker erwartet
(53 Zeilen, 2 Bilder)

* * * * *

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4

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7

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10

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11:

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12

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X. Jahrgang. Nr. 40/C

10. Oktober 1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKÜLEN (i)
Von der Schießbaumwolle bis zum Bakelit
(62 Zeilen, 1 Bild)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ÜBERRASCHEND HOHER ANSTIEG DER PRODUKTIVITÄT
IN DEN USA
W a c h s t u m s r a t e im I I . Q a r t a l um s i e b e n P r o z e n t
h ö h e r a l s 1957 - N i c h t u n e r h e b l i c h e Auswirkungen
a u f den A r b e i t s m a r k t
(90 Z e i l e n )

Seite

STEIGENDE TÄTIGKEIT DER EXPORT-IMPORT-BANK
ERWARTET

Gesamtkreditsumme im Rechnungsjahr 1959 a^f
1,1 Mrd. Dollar geschätzt - Ausweitung des
Welthandels im Sog des neuen Konjunkturaufschwungs in den USA
(60 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"PIPEMOBILE" - EIN NEUARTIGES GERÄT FÜR
DEN KANALISATIONSBAU
(14 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

9

NEUE VERWENDUNGSZWECKE FÜR "PYROCERAM"
(12 Zeilen)

Seite

10

Seite

11

WELT DER ARBEIT
FERNSEHFILME ZEIGEN "AMERIKANER BEI DER ARBEIT"
Gewerkschaften kommen über TV ins Haus - Gewerkschaftliche Öffentlichkeitsarbeit auf neuen Wegen
(44 Zeilen)
* * * * *

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17. Oktober

X. J a h r g a n g . N r . 41/C

1958

IMIIALT SVERZEI CiiNI S

WIRTSCKAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKILEN (II)
Die Geheimnisse der Riesenmoleküle
(95 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

' ERSTES ABSINKEN DER LEBENSHALTUNGSKOSTEN
SEIT ZWEI JAHREN
Stabilisierung des Verbraucherpreisindexes
trotz Konjunkturaufschwung - Aber leichte
Preiserhöhungen bei einigen wichtigen Metallen
(70 Zeilen)

Seite

5

STÜRMISCHE ENTWICKLUNG DER PETROCHEMISCHEN
INDUSTRIE
Weltproduktion bis 1965 verdoppelt - Gesamtinvestitionen in der petrochemischen Industrie
Westeuropas 196O auf 1,2 Mrd. Dollar geschätzt
(55 Zeilen)

Seite

8

NEUARTIGER KLEINER, ABER KOCHLEISTUNGSFÄHIGER
GASTURBINENMOTOR
(16 Zeilen)

Seite

10

SPSZIALBINDEMITIEL FÜR METALLTEILE
(13 Zeilen)

Seite

11

BRACHTE TARIFABKOMMEN MIT DEN
"GROSSEN DREI" UNTER DACH
|
(26 Zeilen)

Seite

12

EINNAHMERÜCKGANG DER "APL-CIO" IM LETZTEN
FINANZJAHR
(19 Zeilen)

Seite

13

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK

WELT DER ARBEIT
UAW-GEV/ERKSCHAFT

* * * * #

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X. Jahrgang. Nr. 42/c

24. Oktober

1958

INHALTSVERZEICHNIS
WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKÜLEN (ill)
Die Invasion der Kunstharze und Silikone
(95 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
EIN NEUER ABSCHNITT IN DER INTERNATIONALEN
ZUSAMMENARBEIT
Verstärkte Bemühungen des Westens zur Förderung
des wirtschaftlichen Aufbaues in den Entwicklungsländern
(62 Zeilen)

Seite

WIRTSCHAFTLICHE EXPANSION, ERHÖHTE SOZIALE
SICHERHEIT UND BEVÖLKERUNGSZUWACHS
Bevölkerungszahl der USA stieg in den vergangenen
neun Jahren um 25 Millionen an - Folge der
NachkriegsProsperität
(85 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
"AUTO-ABSTRACT,, - SCHREIBT KURZFASSUNGEN VON
ARTIKELN AUTOMATISCH
(15 Zeilen)

Seite

Seite

11

Seite

11

WELT DER ARBEIT
NEUE TARIFVERTRÄGE IN DER US-AUTOMOBILINDUSTRIE
MIT BEDEUTENDEN VERBESSERUNGEN
"Jährlicher Verbesserungsfaktor" und "Steigerungsbonus"
gewährleisten regelmäßige Lohnaufbesserungen - Vorteile
für Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Verbraucher
(82 Zeilen)
Seite

12

NEUER INDUSTRIE-RÖNTGENFILM
(8 Zeilen)

* * * * *

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X. Jahrgang, Nr. 45/c

31. Oktober
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WUNDER AUS MOLEKÜLEN (IV)
Von der Kunstseide zu den Chemiefasern
(98 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DAS GATT
USA auf neue Zollsenkungsrunde vorbereitet
(74 Zeilen)
'

Seite

BUDGETDEFIZIT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG
Geringeres Defizit auf Grund der günstigen
Einnahaeentwicklung möglich
(64 Zeilen)

• Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
FERNSEHTELESKOP FÜR HIMMELSAUFNAHMEN
(16 Zeilen)

Seite

NEUES ANTIBIOTIKUM GEGEN PFLANZENKRANKHEITEN
(10 Zeilen)

Seite

SOJABOHNE "SHELBY" VERSPRICHT PRODUKTIONSREKORDE
(5 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
DIE ENTWICKLUNG VON LOHN, PRODUKTIVITÄT
UND BEZAHLTEM URLAUB IN DEN USA
Zwei Studien des Bundesamts für Arbeitsstatistik
- Lohnanstieg 2,9 Prozent, Produktivitätszuwachs
2,5 Prozent pro Jahr
(52 Zeilen)

Seite

*

* * * *

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7 . November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
STROM AUS RADIOISOTOPEN
Reaktor-Rückstände a l s Kraftquelle
(86 Z e i l e n , 2 S c h a u b i l d e r )

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
ENTWICKLUNGS-ANLEIHEFONDS HAT SICH BEWAHRT
Seit Januar Anleihen in Höhe von 464 Mio
Dollar an Entwicklungsländer vergeben
(60 Zeilen)

Seite

BINNENKONJUNKTUR HAUPTANTRIEBSFEDER FÜR
WIRTSCHAFTLICHE ERHOLUNG IN DEN USA
Exporte hatten bisher keinen Einfluß Rückgang gegenüber 1957 um 18 Prozent
(80 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ERWEITERTE ISOTOPENANWENDUNG IN DER INDUSTRIE
Gemeinschaftsprogramm von US-Regierung und
Privatwirtschaft'
(JO Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
FRAUENARBEIT IN DEN USA GE.VINNT AN BEDEUTUNG
22 Mio weibliche Arbeitskräfte - Die meisten
gut bezahlten Stellen von 45-54jährigen bekleidet
(52 Zeilen)
Seite 11
* * * * *

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14. November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
MEHR AKTIONÄRE ALS ARBEITNEHMER
Die 100 größten US-Unternehmen demonstrieren
Wesen und Wirken des "Jedermannskapitalismus"
(120 Zeilen)

Seite

1

US-ANTITRUSTGESETZGEBUNG ZEITIGTE GÜNSTIGE
AUSWIRKUNGEN
Ergebnisse einer Studie - Sicherung der Gleichheit der Chancen und fairer Geschäftsbedingungen
(86 Zeilen)

Seite

6

AUSSICHTEN FÜR DAS JAHR 1959 SIND GUT
Allgemein stetige Aufwärtsentwicklung vorausgesagt Preise und Lebenshaltungskosten dürften weiterhin
stabil bleiben (70 Zeilen)

Seite

9

Seite

12

AUTOMATISCHE BLINDLANDUNG MIT 10OPR0ZENTIGER SICHERHEIT
(16 Zeilen)
" Seite

13

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES VERFAHREN ZUR GASGEWINNUNG AUS ÖLSCHIEFER
(16 Zeilen)

WELT DER ARBEIT
JÄHRLICH 26 MILLIARDEN DOLLAR FÜR FREIWILLIGE
SOZIALLEISTUNGEN
(24 Zeilen)

Seite

14

DIE STREIKGELDER DER US-GEWERKSCHAFTEN
(18 Zeilen)

Seite

15

FAST 210 000 PERSONEN ERHIELTEN 1957/58 ZUWENDUNGEN
AUS DEM PEKSIONSFQNDS DER UMW-GEWERKSCHAFT
(18 Zeilen)

Seite

15

* * x * *

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21 . November 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
WASHINGTON ERHÄLT EINEN NEUEN DÜSENFLUGPLATZ
Vollkommen neuer Platz - Baukosten 100 Millionen
Dollar - Inbetriebnahme 1961
(48 Zeilen, 1 Schaubild)

Seite

1;

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
FÜNF-PUNKTE- PROGRAMM FÜR EINE INTERNATIONALE
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Die Vorschläge Präsident Eisenhowers auf der
Ministerratstagung der Colomboplanstaaten
(76 Zeilen)

Seite

EIGEN-ERSATZKAPITAL FÜR KLEIN- UND MITTELBETRIEBE
Gedanken zum "Small Business Investment Act"
(84 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT -UND TECHNIK
NEUE ALUMINIUMLEGIERUNG ALS SCHUTZHÜLSE FÜR
BRENNSTOFFELEMENTE
(24 Zeilen)

Seite

WELT DER ARBEIT
16 MILLIONEN DOLLAR FÜR VERBESSERUNGSVORSCHLÄGE
(20 Zeilen)

Seite

10

GEWERKSCHAFTS- UND ARBEITGEBERVERTRETER
FORDERN LEHRLINGSWOCHE
(14 Zeilen)

Seite

11

ERSTES HALBJAHR 1958: NIEDRIGSTER STREIKSTAND
DER NACHKRIEGSZEIT
(9 Zeilen)

Seite

11,

* * * * *

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28. November

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER VERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (i)
Die Nahrungsmittel- und Drogenschutzgesetze
(120 Zeilen)
Seite

1

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
DIE ANSTRENGUNGEN DER USA AUF DEM GEBIET DER
INTERNATIONALEN WIRTSCHAFT
Dulles1 Konzept einer internationalen Wirtschaftspolitik - Schaffung einer Weltgemeinschaft
unerläßlich
(72 Zeilen)

Seite

6

Seite

9

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11

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12

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15

Seite

14

US-AUSSENWIRTSCHAFTSPOLITIK AUS DER PERSPEKTIVE
DER PRIVATWIRTSCHAFT
Meinungen und Ansichten auf der 45» Jahrestagung
des "National Foreign Trade Council"
(62 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUE METHODE ZUR FRÜHZEITIGEN LOKALISIERUNG
EINES HURRIKANS
(24 Zeilen)
1500 ASBESTFASERN DÜNNER ALS EIN MENSCHENHAAR
(14 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
NEUES EINSTELLUNGSSYSTEM FÜR HAFENARBEITER
($2 Zeilen)
ZWEI NEU-ERNENNUNGEN IM US-ARBEITSMINISTERIUM
(18 Zeilen)

* * * * *

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5. Dezember

1958

INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER YERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (il)
Die Antitrustgesetzgebung und ihr Einfluß auf die
Wirtschaftsstruktur
(120 Zeilen)
Seite
STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AMERIKAS WIRTSCHAFTLICHE VORMACHTSTELLUNG
NICHT BEDROHT
US-Bericht über die Sowjetwirtschaft - Unterschied
zwischen Verbrauchs- und investitionsorientiertem
Wirtschaftssystem (90 Zeilen)
NUN AUCH AUFSCHWUNG IN DEN US-INVESTITIONSGÜTERINDUSTRIEN
25prozentige Auftragszunahme im Maschinenbau Kontinuierlicher Aufwärtstrend vorausgesagt
(75 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES INSTRUMENT ZUR ERFORSCHUNG DER ERDSTRUKTUR
(22 Zeilen)
WASSER-ENTSALZUNGSANLAGE HILFT KOSTEN SPAREN
(18 Zeilen)
WELT DER ARBEIT
STÄNDIG STEIGENDER LEBENSSTANDARD
Ergebnisse einer Untersuchung in US-Unternehmen
Mehr materieller Wohlstand, aber auch größeres
Interesse an öffentlichen und ku-lturellen Angelegenheiten (64 Zeilen)

* *- * * *

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12 . Dezember 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER VERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN
STAATEN (III)
Die Gesetze zur Verhinderung des Mißbrauchs
von Rauschgiften - Die Aufgaben des USBundesamtes für Normen
(98 Zeilen)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
LETZTE REZESSION VERMITTELTE NEUE WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHE ERKENNTNISSE
Amerikas Wirtschaftswissenschaftler analysierten
Ablauf der konjunkturellen Entwicklung im
vergangenen Jahr
(78 Zeilen)
Seite
MIT ZUNEHMENDEN VERBRAUCHERAUSGABEN ZU RECHNEN
Jüngste Verbraucheranalyse deutet auf höhere
Ausgaben, aber nicht auf Ausgabenboom hin
(68 Zeilen)

Seite

AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
ELEKTRONENHIRN FÜR SEENOTDIENST EINGESETZT
(15 Zeilen)

Seite

10

ZELLULOSEBILDUNG MIT RADIOAKTIVEM KOHLENSTOFF
UNTERSUCHT
(14 Zeilen)

Seite

10

Seite

11.

Seite

12

WELT DER ARBEIT
GEWERKSCHAFT MUSS ANDERE ARBEITNEHMER ÜBER
STREIKGRÜNDE INFORMIEREN
(24 Zeilen)
10 000-DOLLAR-PRÄMIE FÜR VERBESSERUNGSVORSCHLAG
(22 Zeilen)
WAHL VON SPITZENFUNKTIONÄREN UND GEHÄLTER
VON GEWERKSCHAFTSFÜHRERN

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50/C

19. Dezember 1958
INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
DER VERBRAUCHERSCHUTZ IN DEN VEREINIGTEN STAATEN (IV)
Schutz von Spareinlagen und Hypotheken
(130 Zeilen)

Seite

STREIFLICHTER AUS DER US-WIRTSCHAFT
AUSSENHANDELSBILANZ 1958
Starker Rückgang der Exporte bei behaupteten
Importen - Erhöhung der Gold- und Dollarreserven
der anderen Länder um rund 3»5 Mrd. Dollar
(88 Zeilen)

Seite

INVESTITIONEN FOLGEN DEFINITIV DEM'AUFWARTSTREND
Jahresrate im IV. Quartal 1958 rund 29,9 Mrd.
Dollar - Anstieg im I. Vierteljahr 1959 a u f
30,5 Mrd. Dollar erwartet
(46 Zeilen)
AUS WISSENSCHAFT UND TECHNIK
NEUES FRISCHHALTEVERFAHREN FÜR SEEFISCHE
(19 Zeilen)
"THERMALINE"
EINZELRAUM
(14 Zeilen)

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DIE KLIMAANLAGE FÜR DEN

WELT DER ARBEIT
MITCHELL WILL "FAIR LABOR STANDARDS ACT"
VERBESSERN
(32 Zeilen)
"UMW"-GEWERKSCHAFT SCHLOSS NEUEN TARIFVERTRAG
(20 Zeilen)
AUCH "STUDEBAKER-PACKARD" SCHLOSS NUN NEUEN
VERTRAG MIT "UAW"-GEWERKSCHAFT
(30 Zeilen)
ZUR BEACHTUNG:

Seite

Unsere nächste Ausgabe WIRTSCHAFT
UND ARBEIT erscheint am 9. Januar 1959
* * * # *

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IX. Jahrgang, Nr. 1/Y

Für die Jugend
Januar

1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
AUS SEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (l)
Emily Dickinson, die dichtende Jungfer mit
dem strengen, wilden Herzen wurde zum Vorläufer der modernen Lyrik
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

BABYSITTER STARK GEFRAGT
Ein Nebenberuf wird zum Milliardengeschäft
(45 Zeilen, 1 Bild)

Seite

DER AMERIKANISCHE TEENAGER
Der amerikanische Jugendliche unter
20 Jahren und was ihn beschäftigt
(54 Zeilen, 4 Bilder)

Seite

DAS SCHWARZE BRETT
NOTIZEN VON DRÜBEN UND HÜBEN
(45 Zeilen)

* * * * *

Seite

1

10

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IX. Jahrgang. Nr. 2/Y

F Ü T CÜC J u S C I l C t

Februar

1958

INHALTSVERZEICHNIS
MEILENSTEINE IN DER GESCHICHTE DER USA
Abraham Lincoln (zum Geburtstag des 16. Präsidenten
der USA am 12. Februar)
George Washington (zum Geburtstag des 1. Präsidenten
der USA am 22. Februar, der in
Amerika als Nationalfeiertag
begangen wird)
(128 Zeilen, 2 Bilder)
Seite

1

ÜBER DEN STUFEN DES KAPITOLS
Wo die amerikanischen Gesetze entstehen
(80 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

TEILE DEINE GEBURTSTAGSGESCHENKE
Die Freundschaft unserer Kinder sichert
den Frieden von Morgen
(30 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

Seite

11

IMMER EINE FREUDE

Seite

12

FÜNFZIG JAHRE HOLLYWOOD

Seite

12

"GULLIVERS REISEN" WERDEN VERFILMT

Seite

13

EINE FRAU AM RADIOTELESKOP

Seite

13

DIEBSTAHL VON STAATSEIGENTUM EIN
KAPITALVERBRECHEN
(69 Zeilen)

Seite

13

DAS SCHWARZE BRETT
WIE ENTSTEHEN SCHNEEFLOCKEN?
KÜNSTLICHE NIEDERSCHLÄGE - NICHT

* * * * *

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Für die Jugend

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IX. Jahrgang, Nr.

3/Y

März 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL

AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (il)
Der Mensch in Auflehnung gegen ein blindes
Schicksal - Das Tragische in Herman Melvilles
Werk und Leben
(86 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

DIE
Die
Von
(60

Seite

BESTEN AMERIKANISCHEN FILME VON 1957
Filmindustrie umwirbt das Publikum
Norman Smith
Zeilen)

ERDSATELLITEN ENTHÜLLEN GEHEIMNISSE DER IONOSPHÄRE
Wissenschaftliche "Überraschungen" durch EXPLORER
(94 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

DAS SCHWARZE BRETT
WUSSTEIT IHR DAS.
(24 Z e i l e n )

Seite

#

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1.0

�AM F. RI KA DI E N S T
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IX. J a h r g a n g . N r . 4/Y

Für die Jugend
April 1958

INHALTSVERZEICHNIS
AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (ill)
Robert Frost - ein Dichter des Alltags
Zum 84- Geburtstag des Nestors der
amerikanischen Lyriker
(98 Zeilen, 1 Bild)

Seite

LAND UND LEUTE
Osterbräuche in den Vereinigten Staaten
(65 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

DIE BRÜSSELER WELTAUSSTELLUNG
Ein Gang durch den Pavillon der Vereinigten Staaten
(90 Zeilen, 1 Bild)

Seite

DAS INTERNATIONALE JUGENDFORUM IN NEW YORK
"Die Welt, die wir erstreben"
(38 Zeilen)

Seite

»
11

DAS SCHWARZE BRETT
Kinder
adoptieren Großeltern
Kinder aflopl
(15 Zeilen)

Seite

12

Seite

13

Hundert Millionen selbstgeschneiderte
Kleidungss tücke
(10 Zeilen)
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IX. J a h r g a n g . Nr. 5/Y

Für die Jugend
Mai 1958

INHALTSVERZEICHNIS

AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (IV)
über den Jordan und ins Paradies
Die Spirituals der amerikanischen Neger
(64 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1

Seite

4

Seite

6

DIE WELT. DIE WIR ERSTREBEN
Das 12. Jugendforum der "New York
Herald Tribüne"
(60 Zeilen, 1 Bild)
VIEHZUCHT UND FUTTERKUNDE
I

I

!

I

Die Lieblingsfächer der Cecilia Marks
aus Louisiana
(36 Zeilen, 1 Bild)

DAS SCHWARZE BRETT
Amerikanische Filme auf der Weltausstellung
(14 Zeilen)

Seite

Unser Freund, das Atom - ein neuer
Dokumentarfilm
(4 Zeilen)

Seite

8

Was lesen die Amerikaner zur Zeit?
(15 Zeilen)

Seite

9

Amerikanische Geschichte in Wachs
(7 Zeilen)

Seite

9

Neuer Schallplattenjockei für "Music USA"
(9 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

*

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IX. J a h r g a n g , N r . 6/Y

Für die Jugend
Juni 1958

INHALTSVERZEICHNIS

DAS INTERNATIONALE GEOPHYSIKALISCHE JAHR
WINTER AM SÜDPOL
Wissenschaftliche Arbeit unter Strapazen
und Entbehrungen
(120 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

1,

Seite

6

Seite

8

Der Büchermarkt Amerikas im Jahre 1957
(10 Zeilen)

Seite

10

Mehr Museumsbesuche als Baseballbegeisterte
(11, Zeilen)

Seite

U

Welturaufführung einer Menottioper in Brüssel
(6 Zeilen)

Seite

11

Erfolgreiches "Sonnenaufgangs"-Semester
(9 Zeilen)

Seite

12

ASTRONOMIE
ZEHN JAHRE RIESENAUGE AUF DEM MOUNT PALOMAR
Die Erfindung eines deutschen Optikers ermöglicht die Konstruktion des größten Teleskops der Welt
(65 Zeilen, 2 Bilder)
FARMJUGEND
JUGEND ZWISCHEN FARM UND FELDERN - DIE
A-E CLUBS
(46 Zeilen, 1 Bild)
DAS SCHWARZE BRETT

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IX. J a h r g a n g . Nr.

Für die Jugend
Juli

7/Y

1958

INHALTSVERZEICHNIS

MEILENSTEINE IN DER GESCHICKTE DER USA
STATIONEN AUF DEM 7/EGE ZUR DEMOKRATIE
Zum amerikanischen Unabhängigkeitstag
am 4« Juli
(85 Zeilen, 5 Bilder)

Seite 1

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
UTOPIE '.VIRD '.7IRKLICHKEIT
Flug zum Mond technisch bereits möglich
(98 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

5

DAS PORTRAT
IRVING BERLIN - EIN AMERIKANISCHES EPOS
Er komponiert nur in Fis-Dur und kann nicht
Noten lesen
(58 Zeilen, 1 Bild)

Seite

9

DAS SCHWÄRZE BRETT
MIT 82 JAHREN AUF DER SCHULBANK
(16 Zeilen)

Seite

11

Seite

12

WUSSTET IHR SCHON?
(26 Zeilen)

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D I E N ST
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IX. Jahrgang. Nr. 8/Y

Für die Jugend
August 1958

INHALTSVERZEICHNIS

ARTIKEL
ALASKA - DER 49. STERN IN DER AMERIKANISCHEN
FLAGGE
Das "Große Land" im Norden der Vereinigten
Staaten
(156 Zeilen, 5 Bilder)

Seite

1

WUNDER DER WISSENSCHAFT AUF DER BRÜSSELER
WELTAUSSTELLUNG
Bunte Schneeflocken, künstliche Diamanten
und ein gummiweiches Metall
(120 Zeilen)

Seite

5

TEENAGER BRAUCHEN IMMER GELD
Nebenbeschäftigung für Jugendliche
(82 Zeilen)

Seite

10

Seite

13

DAS SCHWARZE BRETT
Europäer wählen Lincoln
(6 Zeilen)
Verständnis für zeitgenössische Kunst
(9 Zeilen)
Lateinisch-amerikanischer Plautus
(9 Zeilen)

Seite

13

Seite

1

Orientalistik gefragt
(9 Zeilen)

Seite

14

Hausfrauen springen für Lehrer ein
(10 Zeilen)

Seite

14

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Für die Jugend
September 1958

IX. Jahrgang, Nr. 9/Y
INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
KONZERTE, DISKUSSIONSFCREN UND EINE
INTERNATIONALE BAND
Rückblick auf das Newport Jazz Festival 1958
Von Norman Smith
(60 Zeilen, 1 Bilc.

Seite

1

GRANDMA MOSES
Eine Sonntagsmalerin von 98 Jahren
(64 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

3

JUNGE FORSCHERTALENTE STELLEN SICH VOR
"Science Shows" als wirksames Mittel der
Begabtenförderung
(66 Zeilen, 3 Bilder)

Seite

6

DAS SCHWARZE BRETT
165 Jahre Kapitol in Washington
(16 Zeilen, 1 Bild)

Seite

Vor hundert Jahren« Erste Postkutschenverbindung
Kutschenvorbindung St. Louis-San Francisco
(6 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

Gershwin wäre sechzig Jahre alt
(15 Zeilen, 1 Bild)

Seite

10

Universität von Südkalifornien vergibt
Doktortitel für Filmkunst
(20 Zeilen)

Seite

11

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Für die Jugend

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Oktober 1958

IX. Jahrgang. Nr. 1 Q/Y
INHALTSVERZEICHNIS

AUS DEM KULTURELLEN LEBEN AMERIKAS (v)
• 75 JAHRE "MET"
Glorreiche Operntradition zwischen Wolkenkratzern
(60 Zeilen, 1 Bild)

Seite 1

1850 MEILEN TAUCHFAHRT UNTER DEM POLAREIS
Die große Pionierfahrt der USS Nautilus
(120 Zeilen, 5 Bilder)

Seite

4

VIER MILLIONEN ALIERIKANIS CHE MÄDCHEN SCHNEIDERN SELBST
(12 Zeilen)

Seite

9

DAS SCHWARZE BRETT
DENKWÜRDIGE DATEN
TT)Germantown
(20 Zeilen)

Seite 10

(2) Fragen Sie Herrn Webster
(16 Zeilen, 1 Bild)

Seite 11

(3) Theodore-Roosevelt-Gedenkjähr
(16 Zeilen)

Seite 12

(4) 51. Oktober, Halloween - Nacht der
Hexen und Geister
(35 Zeilen)

Seite 12

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Für die Jugend
November

IX. Jahrgang. Nr. 11/Y

1958

INHALTSVERZEICHNIS
MEILENSTEINE IN DER ALIERIKANISCHEN GESCHICHTE
THANKSGIVING - DER AN TRADITION REICHSTE
FESTTAG AMERIKAS
Zum 27« November 1958
(78 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

KREUZ UND QUER DURCH DIE USA
MASSACHUSETTS - KEIMZELLE DER USA
Glückliche Synthese von Vergangenheit
und Gegenwart
(100 Zeilen, 4 Bilder)

Seite

4

ZUM INTERNATIONALEN GEOPHYSIKALISCHEN JAHR
DAVID MORRISON - EIN JUNIOR DER WISSENSCHAFT
Beobachtung der Sonnenfinsternis im Pazifik
(75 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

8

DAS SCHWARZE BRETT
KINDER ILLUSTRIEREN "ANDERSONS MÄRCHEN1
(5 Zeilen)

Seite

11

DISNEY STÖSST IN "WEISSE WILDNIS" VOR
(5 Zeilen)

Seite

11

UNICEF-BUCH ÜBER KINDER IN ALLER WELT
(12 Zeilen)

Seite

11

DER COWBOY BEKOMMT EIN DENKMAL
(7 Zeilen)

Seite

12

KATHOLISCHE KNABENSCHULE IN DER
JÜDISCHEN GEMEINDE
(9 Zeilen)

Seite , 12

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IX. Jahrgang. Nr. 12/Y

Für die Jugend
Dezember

1958

INHALTSVERZEICHNIS
ARTIKEL
"PUTZ" HEISST "KRIPPE"
Weihnachten im amerikanischen Bethlehem
(60 Zeilen, 2 Bilder)

Seite

1

AUS DER ARBEIT EINES AMERIKANISCHEN
JUGKND-ROT-KREUZ-KLUBS
Weihnachtsfest für Ungarnflüchtlinge
(40 Zeilen, 1 Bild)

Seite

4

SCHULE AM RANDE DER WÜSTE
Das Leben auf einer Ranchschule in Arizona
(54 Zeilen, 1 Bild)

Seite

6

DAS SCHWARZE BRETT
Eine Schule reist um die Welt
(9 Zeilen)

Seite

Weihnachtssingen mit Bing Crosby
(8 Zeilen)

Seite

Flugschüler der Brüder Wright gründet
Luftfahrthistorisches Museum auf Long Island
(8 Zeilen)

Seite

Alte Indianersiedlungen in Colorado werden
freigelegt
(8 Zeilen)

Seite

Kinder senden für Kinder
(12 Zeilen)

Seite

*

* * *

*

10

�</text>
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                <text>Sonderbeilagen 1958</text>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3. I. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rückschau und Ausblick 1957/58&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 15. I. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower über die Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower antwortet Bulganin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerika und seine Führungsrolle in der Technik&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede von James R. Killian&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 15. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower legt neuen US-Haushalt vor&lt;br /&gt;Auszüge aus der Budget-Kongressbotschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 22. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Forster Dulles: Gipfelkonferenz nur bei wirklicher Aussicht auf Erfolg&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede vor dem amerikanischen Presseklub in Washington&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 22. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower unterbreitet Kongress Wirtschaftsbericht&lt;br /&gt;1. Text des Begleitschreibens&lt;br /&gt;2. Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 29. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Kernverschmelzung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Erklärung von Lewis L. Strauss&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Vorsitzender der amerikanischen AEC&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der kontrollierten Kernverschmelzungsprozesse&lt;br /&gt;Hintergrundmaterial, vorgelegt von Dr. Arthur E. Ruark, Leiter der Forschungsabteilung der AEC für Kontrollierte Kernverschmelzungsprozesse&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ziel der USA: Aufrechterhaltung der nationalen Unabhängigkeit der Völker im mittleren Osten&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede von John Forster Dulles vor der Bagdadpakt-Konferenz&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 5. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das amerikanisch-sowjetische Abkommen über den kulturellen Austausch&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 12. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Griff nach den Sternen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 12. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Zivilluftfahrt in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 19. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut des Antwortschreibens Präsident Eisenhowers an Ministerpräsident Bulganin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 26. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower tritt für Stärkung des gemeinsamen Sicherheitsprogrammes der USA ein&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 26. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower unterbreitet Auslandshilfeprogramm&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 28. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brücken der Verständigung&lt;br /&gt;Die Rolle amerikanischer Stiftungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 28. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Atompolitik im Zeitalter der Raumfahrt&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Auszug einer Rede, die Robert M. McKinney in Chicago gehalten hat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 3. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Einführung in die Probleme und Möglichkeiten der Raumfahrt&lt;br /&gt;Auf Veranlassung Dwight D. Eisenhowers verfasst und herausgegeben vom Wissenschaftlichen Beirat des US-Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 3. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles fordert Verlängerung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede, die US-Außenminister Dulles am 27. März 1958 in Washington gehalten hat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 11. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Abrüstung - ein amerikanisches Anliegen&lt;br /&gt;(Hintergrundmaterial)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 25. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Gründe der USA für die vorläufige Fortsetzung der Kernwaffenversuche&lt;br /&gt;Auszüge aus einer Erklärung des Vorsitzenden der amerikanischen Atomenergie-Kommission, Admiral Lewis L. Strauss, vom 17.IV.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 2.V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower antwortet Chruschtschow&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut des Antwortschreibens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 2.V.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gemeinsame Sicherheit und Welthandel&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs für Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium, C. Douglas Dillon&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die OEEC und der wirtschaftliche Fortschritt in Westeuropa&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede des Staatssekretärs im US-Außenministerium, Christian A. Herter, anlässlich der Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen des europäischen Wirtschaftsrates&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 9. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sicherheitsmaßnahmen der USA für die Kernwaffenversuche im Pazifik&lt;br /&gt;Wortlaut der Verlautbarung der US-Atomenergie-kommission und des US-Verteidigungsministeriums&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Lodge erläutert amerikanischen Inspektionsplan für die Arktis&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Erklärung des US-Chefdelegierten bei den Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 9. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Forster Dulles umreißt amerikanische Außenpolitik&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede vor dem Institut für Atomenergiewirtschaft der Universität New Hampshire&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA: Rapaki-Plan nicht umfassend genug&lt;br /&gt;Wortlaut der US-Note an Polen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 9. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Probleme der Entwicklung und Stabilität der Wirtschaft&lt;br /&gt;Rede des Wirtschaftsberaters des US-Präsidenten, Dr. Gabriel Hauge, vor der deutschen Gruppe der internationalen Handelskammer in Berlin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 23. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Auslandshilfe eine Investition für den Aufbau einer friedlichen Welt&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten bei den Vereinten Nationen, Henry Cabot Lodge&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 30. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower schlägt Sachverständigen-Besprechung in Genf vor&lt;br /&gt;Wortlaut des Schreibens Präsident Eisenhowers an den sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow, überreicht an Moskau&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 13. VI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: Die höchste Aufgabe des Offiziers ist die Verhinderung des Krieges&lt;br /&gt;Wortlaut-Auszüge aus der Ansprache Präsident Eisenhowers vor den Absolventen der US-Marineakademie in Annapolis (Maryland)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 27. VI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA veröffentlichen Dokumente zu den vorbereitenden Besprechungen für eine Gipfelkonferenz (16. Juni 1958) vom 04.06.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;1. Wortlaut des westlichen Memorandums vom 28.05&lt;br /&gt;2. Wortlaut des westlichen Aide Memoire vom 28.05&lt;br /&gt;3. Vorschlag zur Überprüfung der einzelnen Punkte zur Tagesordnung, der der UdSSR am 31.05 zugestellt worden ist&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 4. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herbert Hoover, ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten, spricht am 4. Juli in Brüssel: Über die amerikanischen Ideale&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 11. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Murphy: USA jederzeit zu Verhandlungen bereit&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede des stellvertretenden Staatssekretärs im US-Außenministerium&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Robert Murphy vom 1. Juli in Hamilton (New York)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 11. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower ersucht Kongress um gesetzliche Regelung der Befugnisse des Außenministers bezüglich der Beschränkung von Reisepässen&lt;br /&gt;Wortlaut der Botschaft vom 07.07.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 25. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower gibt Entsendung amerikanischer Truppen nach dem Libanon bekannt&lt;br /&gt;Wortlaut der Erklärung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Lodge informiert Vereinte Nationen über amerikanische Truppenlandung im Libanon&lt;br /&gt;Wortlaut der Erklärung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rundfunk und Fernsehansprache Präsident Eisenhowers über die Lage im nahen Osten&lt;br /&gt;Wortlaut&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower begründet den amerikanischen Schritt in nah Ost vor dem Kongress&lt;br /&gt;Wortlaut der Botschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Außenministerium gibt Einzelheiten der Infiltration im Libanon bekannt&lt;br /&gt;Wortlaut des Berichts&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;UN-Ausschuss fordert Wiederherstellung der Menschenrechte in Ungarn&lt;br /&gt;Wortlaut des Berichts&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 1. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Entwicklungen in Nahost unterstreichen Notwendigkeit der Auslandshilfe&lt;br /&gt;Wortlaut der Erklärung vom 18.07.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Briefwechsel zur Frage einer Gipfelkonferenz über die Situation im nahen Osten&lt;br /&gt;Antwortschreiben Präsident Eisenhowers vom 22.07.58 auf das Schreiben Ministerpräsident Chruschtschows vom 19.07.58&lt;br /&gt;Beide Schreiben im Wortlaut&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Zusammenarbeit zwischen Euratom und USA&lt;br /&gt;Wortlaut einer Erklärung von C. Douglas Dillon&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;US-Außenminister ersucht Kongress um Befugnis zur Verminderung von Auslandsreisen amerik. Kommunisten&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut einer Erklärung von Robert D. Murphy&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 8. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower schlägt Sicherheitsratsitzung für 12. August vor&lt;br /&gt;Wortlaut des Schreibens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 8. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Atome für den Frieden&lt;br /&gt;Ausstellungs und Filmprogramm für die II. Genfer Atomkonferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 15. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede Präsident Eisenhowers vor der UN-Vollversammlung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA veröffentlichen Memorandum über Chinapolitik&lt;br /&gt;Wortlaut des vom US-Außenministerium herausgegebenen Memorandums&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 22 VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Forster Dulles: Frieden nur durch Recht und Gerechtigkeit&lt;br /&gt;Wortlaut einer Ansprache vor der Jahrestagung des Kriegsteilnehmerverbandes&lt;br /&gt;"Veterans of Foreign Wars of the US" in New York&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 29. VIII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower schlägt Einstellung der Kernwaffenversuche vor&lt;br /&gt;Wortlaut der Erklärung vom 22.08.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Konferenz der Atomsachverständigen in Genf beendet&lt;br /&gt;1. Wortlaut des Kommuniqués&lt;br /&gt;2. Wortlaut einer Erklärung von Dr. James Brown Fisk, Leiter der westlichen Expertengruppe&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;John Forster Dulles: Sicherheit der kleinen Nationen muss gewährt werden&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede zum arabischen Kompromissvorschlag vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 5. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Atomsachverständige veröffentlichen Bericht&lt;br /&gt;Erläuterungen der US-Regierung zu dem Bericht, als Ergebnis ihrer Genfer Besprechungen am 30.08. veröffentlicht haben&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 19. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower unterstreicht feste Haltung der USA in der Fernostkrise&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede des US-Präsidenten vom 11.09.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower antwortet Chruschtschow&lt;br /&gt;Wortlaut des Schreibens vom 13.09.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 26. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles umreißt Außenpolitik der USA vor der UN-Vollversammlung in New York&lt;br /&gt;Wortlaut des Schreibens vom 13.09.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 3. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles umreißt Fernostpolitik der USA&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede vor dem Fernost-Amerikarat für Handel und Industrie in New York&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 3. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Formosakrise berührt die Grundprinzipien der NATO&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede des US-Außenministers John Forster Dulles vor der Atlantikpakt-Gesellschaft in Boston&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 10. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower umreißt Ziele der amerikanischen Fernostpolitik&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut des Antwortschreibens Präsident Eisenhowers an Senator Theodore Green, Vorsitzender des außenpolitischen Senats-Ausschusses vom 04.10.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 17. X.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge umreißt US-Einstellung zur Abrüstungsfrage&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede des US-Chefdelegierten bei den Vereinten Nationen vom 10.10.58 vor dem Ersten Politischen Ausschuss der UN-Vollversammlung in New York&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 12. XII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles umreißt US-Außenpolitik&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut einer Rede des US-Außenministers, gehalten vor der Handelskammer in Kalifornien in San Francisco am 04.12.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 19. XII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das internationale geophysikalische Jahr 1957/58&lt;br /&gt;Die Wissenschaft machte Inventur&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 22. XII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA-Memorandum zu Berlin&lt;br /&gt;Wortlaut des vom US-Ministerium veröffentlichten Memorandums über die rechtlichen Aspekte der Berlinfrage&lt;/p&gt;</text>
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• Sondertet lagen i960

8.

X«

Praeaident Eissnhoweri Betschaft ueber dl« Lagt dar Nation
Wortlaut dar dam US-Kongresa aa 7* Jan. i960 in Washington
unterbreiteten Boteohaft.

w 22.

I.

Eisenhowar lagt neuen US-Haushalt vor

1

22,

I.

Eisenhower lagt Wirtsohaftaberloht vor

V 19.

IX.

Eisenhowar unterbreitet Koagrees Aualandshilfeprogramm

A 26.

II.

Herten Amerikanisches Streben nach kontrollierter Abruostung

A 26.

II.

Risenhowen Gerechter Friede nur im Schutse militaerisoher
Staerke aa erhoffen

A

18,

XII.

Westmaechte veroeffentliehen gemeinsamen Abruestungsplan
US-Auseenminieteriuw veroeffentlichte aa 15* Haars i960
den Fuenf-Maechte-Arbeitsplan fuer Genf

A

8«

XV«

Herten Ziele der amerikanischen Auseenpolitik
Wortlaut der Bede des US-Aus^enoinistors vom 4.April i960
auf der in Chicago tagenden Jahresversammlung dss Rundfunk»
Verbandes der USA

A

15.

IT.

Abruestung-aber wie?
Die Vorschlaege des Westens und des Sowjetblocks
im vergleichenden TJeberblick

A

29«

IT.

Mllon: Die amerikanische Auseenpolitik von heute
Wortlaut der Ansprache das eteilvertretenden US-Auesenninisters
C. Douglas Dillen vom 20.Apr.i960 vor der AFL-CIO-Konfsrens
in New York

A

6.

7.

Weltraaa - Neuland der praktischen Forschung
Ergebnisse des slvilen Weltraunprograaas der Vereinigten Staaten

A

3.

Tl.

Eisenhowari Ziel der W3A weiterhin Frieden und Gerechtigkeit
Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache voa 25« Wai i960

A

3.

FI,

u

A

5.

FI*

erter» Wortlaut der Auefuehrungen de« US-Aussenrainiuters
vor dem ausaenpclltischen Ausschuss des aaerikanischen Senats
aa 2?« M*i i960
Praeeldentschaftswahlen in den USA
Fragen und Antworten su Wahlrecht, Wahlverfahren und politischer
Tradition der USA

�A

1«

VII,

Ostblock "brach G*»ufer Abrüstungsverhandlungen ab«
1* Wortlaut der Krklaerung des aaerikaniechen Chefdelegierten
Frederiok 11« Eaton voa 27« Juni 19^0
2« Wortlaut de« Koasuniquds der Abruestungskonferens.
3« Wortlaut ä*r Erklasrung de« TO-Anssenminieteriuae,
4« der neue aaerlkanieehs Abrueetungsplan.
5« Chronologleone Zueaanenfaeeung der juengeten
Entwicklungen in Genf.

1

1«

VII«

Pra»eident Eieenhower berichtet «eher seine Fernoetrelee«
Wortlaut der Rundfunk- und Ferneehanapraehe de« aaerikanleohen
Praeaidenten roa ?7« Juni 19^0

A

29«

VII«

Trioden durch Abrueetung«
Der neue aaerlkanisohe ?oroehlag»

A

2»

IX«

Da« Goduldeaniel in Genf«
Seit 22 Sonaten Verhandlungen ueher Einstellung
von Atomversuchen»

A

?0«

IX«

Frieden und Gerechtigkeit fuer alle.
Wortlaut der ~ed« dosffS-PraesideiatenSisenhower -roa
22« Soptenber i960 vor dor 15« Vollvorsaaalung der
Vereinten Stationen in Her York.

W

2$«

XI«

Direktive Praeeidont Bleenhovers sur Verbesserung dor
aaarlkanlaßhen Sahlungebllans«
Wortlaut der Direktive dos tJS-Praesidenton voa 18« !fov« i960

W

2«

XII«

Praoeldent Eissnhovar su dem deutsoh*aaerikanisohen Finansverkandlungea*

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./8.1 .1960

PRÄSIDENT EI3ENH0WER: BOTSCHAFT ÜBER DIE LAGE DER NATION

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den V/ortlaut der "Botschaft über
die Lage der Nation" (State of the Union
Message), in der er am 7« Januar 196O das
außen- und innenpolitische Programm seiner
Regierung für das kommende Jahr umriß.

Herr Senatspräsident, Herr Sprecher des Repräsentantenhauses,
Mitglieder des 86. Kongresses, meine Mitbürger

Vor sieben Jahren habe ich mein jetziges Amt mit einem Entschluß
übernommen, den ich seit langem hegte und der über allem anderen stand.
Ich war damals und bin noch heute entschlossen, die Vereinigten Staaten zu einer immer stärkeren Quelle der Kraft für die Sache des Friedens zu machen, in der Erkenntnis, daß es den Frieden nicht nur für
uns allein geben kann, sondern daß er für alle Völker der Welt da
sein muß. Diese Entschlossenheit wird von dem gesamten Kongreß, ja
von allen Amerikanern geteilt.
Ich beabsichtige, heute einige Grundzüge der Position Amerikas in
der Innenpolitik wie auch in seinen auswärtigen Beziehungen zu erörtern.
Erstens möchte ich hervorheben, daß die alljährliche Selbstprüfung
für uns zu einer definitiven Notwendigkeit geworden ist, und zwar auf
Grund der Tatsache, daß wir heute in einer geteilten und in unsicherem
Gleichgewicht befindlichen Welt leben, wobei unsere Seite sich zu ihrem eigenen Schutz und gegen eine Aggression durch die andere Seite
verbunden hat.
Da beide Seiten dieser geteilten Welt im Besitz von Waffen mit
unvorstellbarer Zerstörungskraft sind, nähert sich die Welt einem Zustand, in dem die beiderseitige Vernichtung zu einer Möglichkeit wird.
Kein anderes Faktum unserer heutigen Welt kommt diesem an Bedeutung

�'AMERIKA DIENST"

8. Januar i960

Bedeutung gleich - alles, was wir sagen, planen und tun, wird dadurch beeinflußt.
Von uns wird Wachsamkeit und Entschlossenheit gefordert und
der Einsatz all der Hilfsmittel, die für eine angemessene Sicherheit notwendig sind - vor allem für eine wirkliche Abschreckung
gegen eine Aggression. Dies alles tun wir#
All diese Tatsachen unterstreichen, wie wichtig es ist, unablässig nach einem gerechten Frieden zu streben.
Nur durch die Stä.rkung der geistigen, intellektuellen, wirtschaftlichen und defensivem Hilfsquellen der freien Welt können wir
in Zuversicht einen Fortschritt in Richtung auf dieses Ziel machen.
Zweitens stellen wir fest, daß das Verhalten sowie die Erklärungen der Sowjets in jüngster Zeit auf den möglichen Beginn einer
etwas weniger spannungsgeladenen Periode in den Beziehungen zwischen
der Sowjetunion und der freien Welt schließen lassen. 'Wenn diese
Erklärungen aufrichtig gemeint sind, dann besteht eine größere
Hoffnung, die Schärfe der Rivalität der vergangenen Jahre zu verringern und schließlich an die Stelle des Zwangs die Überredung zu
setzen. Ob dies nun eine Ära von Verheißungen werden wird, die Bestand haben, muß erst durch Taten erhärtet werden.
Drittens stehen wir jetzt am Anfang eines großen neuen Zeitalters der Technik - eines Zeitalters, das trotz seiner Möglichkeiten zur Zerstörung der Menschheit gleich große Möglichkeiten bietet, um Armut und menschliches Elend zu beseitigen. Wenn unsere Bemühungen klug gelenkt und geleitet werden und wenn unsere unermüdlichen Anstrengungen um einen verläßlichen Frieden Früchte zu
tragen beginnen, dann werden wir zweifellos am Aufbau eines Zeitalters Anteil haben, das durch Gerechtigkeit und einen immer größer
werdenden Wohlstand der Menschheit gekennzeichnet ist.
Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich die Sowjetunion an
Maßnahmen zur Verminderung der allgemeinen Kriegsgefahr interessiert
gezeigt.
Wenn auch weder wir noch irgendeine andere Nation der freien
Welt es uns erlauben können, durch freundliche Versprechungen irregeführt zu werden, solange diese nicht durch Taten erhärtet sind,
so gehen wir doch an diese offenbar neue Möglichkeit mit dem
äußersten Ernst heran. 'Wir müssen uns darum bemühen, den unglückseligen Zyklus der Enttäuschungen und Krisen zu durchbrechen, der
sich - wenn wir nicht etwas gegen ihn unternehmen - zur nuklearen
Katastrophe, einem nicht mehr überbietbaren Wahnsinn, entwickeln
könnte .

Obgleich

2 -

�"AMERIKA DIENST"

8. Januar

1S60

Obgleich die Notwendigkeit verläßlicher Abkommen gegen Gewaltanwendung zur Beilegung von Streitigkeiten auf beiden Seiten erkannt
wird, dürfen wir hier, wie in anderen Fragen, die die Menschen und Nationen spalten, keine plötzlichen und revolutionären Ergebnisse erwarten. Aber wir müssen irgendwo einen Punkt finden, an dem wir beginnen.
Zweifellos besteht ein Weg, auf dem man einen zweckmäßigen und nützlichen Anfang machen könnte, in der Ausweitung der Verbindungen zwischen
unseren beiden Völkern. Auf diesem Gebiet gibt es bei gutem Willen auf
beiden Seiten zahllose Möglichkeiten - von denen uns die meisten sehr gut
bekannt sind -, um gegenseitiges Verständnis, dieses wahre Fundament des
Friedens, zu entwickeln«
Ein anderer Weg mag in der Wiederaufnahme der Verhandlungen am
12. Januar bestehen, deren Ziel ein kontrolliertes Verbot der Erprobung von Kernwaffen ist. Unglücklicherweise hinterläßt die abschließende Erklärung der sowjetischen Wissenschaftler, die in Genf mit unseren Wissenschaftlern zu einem Srfolglosen Versuch, eine vereinbarte
Baois für ein Versuchsverbot zu schaffen, zusammengekommen waren, ganz
eindeutig den Eindruck, daß ihre Schlußfolgerungen politisch beeinflußt
sird. Die Schlußfolgerungen der wissenschaftlichen Vertreter Großbritanniens und der USA stellen dagegen ihre eigene, frei gebildete, individuelle urd kollektive Ansicht dar. Ich hoffe, daß jetzt, wenn neue
Verhandlungen beginnen, die Wanrheit - und nicht politischer Opportunismus - die Beratungen leiten wird.
Noch ein anderer Weg konnte auf dem Gebiet der Abrüstung gefunden
werden, auf dem die Sowjets eine Bereitschaft zu ernsthaften Verhandlungen bekundet haben. Sie haben jedoch nicht die Pläne bekanntgegeben, die
sie - wenn überhaupt - für eine gegenseitige Inspektion und Verifizierung
haben, die die unerläßliche.. Bedingungen für jede umfassende Abrüstung
sind .
Es gibt.einen Fall, in dem unsere Initiative ^u^ den Frieden sich
kürzlich als erfolgreich erwiesen hat. Im vergangenen Monat wurd^ ein
multilateraler Vertrag unterzeichnet, der die ausschließliche friedliche
Nutzung der Antarktis vorsieht, die durch ein Syste.. iron Inspektionen
abgesichert wird. Er ermöglicht eine freie und auf Zusammenarbeit beruhende wissenschaftliche Forschung auf diesem Kontinent und verbietet dort
jegliche Kernexplosionen, bis ein allgemeines internationales Abkommen
über diese Frage erreicht worden ist. Dieser Vertrag stellt einen bedeutsamen Beitrag zum Frieden, zur internationalen Zusammenarbeit und
zur Förderung der Wissenschaft dar. Ich werde dem Senat in Kürze den
Vertragstext zur Begutachtung und Billigung zuleiten.
Die Vereinigten Staaten sind immer bereit, diese oder irgendwelche
anderen Fragen, die zu einem Frieden in Gerechtigkeit führen können,
mit der Sowjetunion ernsthaft zu erörtern.

Ihnen

7

�"AMERIKA DIENST"

8. Januar 196O

Es braucht gewiß nicht wiederholt zu werden, daß die Vereinigten
Staaten nicht beabsichtigen, sich in die inneren Angelegenheiten irgendeines Staates einzumischen; in gleicher Weise weisen wir aber auch
jeden Versuch zurück, uns oder unseren Völkern durch Gewalt oder Subversion ein System aufzuzwingen.
Diese Besorgnis um die Freiheit anderer Völker ist das geistige
und ethische Band, das uns mit über vierzig anderen Staaten in einer
gemeinsamen Verteidigungsbemühung zusammenhält. Wir vergessen keinen
Augenblick, daß unser eigenes Schicksal eng mit dem dieser Länder
verknüpft ist; wir werden nichts tun, was unsere feierlichen Verpflichtungen ihnen gegenüber gefährden könnte.
Selbstverständlich sind wir und unsere Freunde um unsere eigene
Verteidigung besorgt. Aus dieser Sorge erwächst die Einsicht, daß für
alle Völker der freien Welt Großes bei dem Fortschritt in Freiheit
jener sich neu entwickelnden Staaten auf dem Spiel steht, die sich
nach keiner Seite gebunden haben. Diese Völker, die verzweifelt hoffen,
sich auf einen anständigen Lebensstandard erheben zu können, dürfen
nicht durch unser Versäumnis dazu gezwungen werden, bei denen Hilfe
zu suchen - und schließlich praktisch zu deren Satelliten zu werden -,
die ihre Feindseligkeit gegenüber der Freiheit immer wieder bekunden.
Ihr natürlicher Wunsch nach einem besseren Leben darf nicht dadurch
vereitelt werden, daß ihnen die notwendige technische und finanzielle
Hilfe vorenthalten wird. Dies ist ein Problem, das nicht von Amerika
allein, sondern von allen Nationen gelöst werden muß, die denselben
Idealen anhängen und in der Lage sind, Unterstützung zu gewähren.
In den letzten Jahren haben die Partner und Freunde Amerikas in
Westeuropa und in Japan große wirtschaftliche Fortschritte erzielt.
Ihre neuerlangte wirtschaftliche Stärke ist ein überzeugender Beweis
für den beachtlichen Erfolg der Politik der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die wir und sie verfolgt haben.
Die Weltwirtschaft des Jahres i960 unterscheidet sich beträchtlich
von der der ersten Nachkriegs jähre. Die Vereinigten Staaten sind nicht
mehr das einzige wichtige Industrieland, das in der Lage ist, die in
den Entwicklungsländern so dringend benötigten erheblichen Mittel und
Hilfsquellen zur Verfügung zu stellen.
Um selbst Sicherheit und Wohlstand zu behalten, müssen die wohlhabenden Nationen die Art der Zusammenarbeit auf die weniger glücklichen
Mitglieder ausdehnen, die Hoffnung, Zuversicht und Fortschritt verheißt.
Ein reiches Volk kann ohne merklichen Schaden eine Zeitlang einen Weg de
Genußsucht verfolgen und sich als einziges Ziel materielle Erleichterungen und Komfort für seine eigenen Bürger setzen - und damit seine eigene
geistige und materielle Stellung in einer friedlichen und blühenden
Völkergemeinschaft entwerten. Aber die feindselige Einstellung, auf die
es stoßen, und die Isolierung, in die es geraten wird, und die daraus
sich ergebende innere moralische und physische Verweichlichung werden
es - auf lange Sicht gesehen - ins Unglück führen.
Amerika

�"AMERIKA DIENST"
8. Januar 196O
Amerika ist nicht durch Verweichlichung und Genußsucht groß geworden. Amerikas wunderbarer Fortschritt und seine Errungenschaften haben ihren Ursprung in anderen, weitaus wertvolleren und gediegeneren
Eigenschaften: nämlich in dem Festhalten an Grundsätzen und Methoden,
die mit unserer religiösen Denkungsart in Einklang stehen; der Freude
an harter Arbeit; der Bereitschaft, für wertvolle Ziele Opfer zu bringen;
und dem Mut, jedes Problem, das sich seinem Fortschritt in den Weg stellt,
anzupacken; der geistigen Redlichkeit und dem Vermögen, den für seine
eigenen besten Interessen richtigen Weg zu erkennen.
Diese Eigenschaften sind für uns wie für jede andere Nation der
freien Welt - arm oder reich - heute notwendiger
denn je, wenn wir
gemeinsam auf dem Weg zu größerer Sicherheit, größerem Wohlstand und
Frieden vorankommen wollen.
Ich glaube, daß die Industrieländer bereit sind, sich aktiv an einer
Unterstützung der Bemühungen der Entwicklungsländer um einen Fortschritt
zu beteiligen.
Die dringende Notwendigkeit dieser Art von Zusammenarbeit wird durch
die gegenwärtige Belastung unserer internationalen Zahlungsbilanz unterstrichen. Unser Überschuß aus wirtschaftlichen Transaktionen mit dem
Ausland ist in den letzten Jahren wesentlich hinter den Ausgaben zurückgeblieben, die wir im Ausland zur Unterhaltung unserer militärischen Einrichtungen in Übersee, zur Finanzierung privater Investitionen sowie
für die Hilfe an die Entwicklungsländer haben. Im Jahre 1959 belief sich
unser Defizit in der Zahlungsbilanz auf annähernd vier Milliarden Dollar.
Weitere Defizite von einer solchen Größenordnung würden auf die
Dauer unser eigenes wirtschaftliches Wachstum beeinträchtigen und dem
Fortschritt der freien Welt Einhalt gebieten.
Wir müssen dieser Situation begegnen, indem wir uns um eine Ausweitung der Exporte und des Welthandels bemühen. Wir müssen ferner alle
Industrieländer der freien Welt dazu bringen, in einem neuen gemeinsamen
Bemühen zusammenzuarbeiten, die Geißel der Armut in den weniger glücklichen Ländern beseitigen zu helfen. Dadurch wird eine bessere Aufteilung
dieser Lasten und ein noch nutzbringenderer Handel möglich gemacht.
Die neuen Nationen sowie andere Länder, die sich mit den Problemen
der Entwicklung auseinandersetzen müssen, können nur Fortschritte erzielen, wenn sie an ihr eigenes Schicksal glauben, den nötigen Willen haben
und ihre eigenen Möglichkeiten zur Verwirklichung dieses Willens einsetzen. Darüber hinaus können Fortschritte bei der Umwandlung zu einem
Staatswesen nur allmählich erzielt werden; es gibt keinen einfachen
und schnellen Weg vom Ochsenkarren zum Düsenflugzeug. Aber genauso, wie
wir einst von Europa Unterstützung erhielten, verdienen die neuen und
sich entwickelnden Länder, die diesen Glauben und diese Entschlossenheit
besitzen, unsere Hilfe.
Im Verlaufe der vergangenen 15 Jahre haben 20 Länder ihre politische
Unabhängigkeit erlangt. In jedem Jahr folgen ihnen weitere. Den meisten
von ihnen mangelt es in beklagenswerter Weise an technischen Möglichkeiten
und an Investitionskapital. Ohne die Unterstützung der freien Welt in
diesen Dingen könnten sie keine wirksamen Fortschritte in Freiheit erzielen.
Bezüglich

-

5 -

�"AMERIKA DIENST

8. Januar i960

Bezüglich dieser Erfordernisse richtet sich unser Hauptaugenmerk vor allem auf Südostasien. Hier haben wir allein in zwei
Ländern fast 500 Millionen Menschen, die sich alle darum bemühen und zwar mit allen Kräften bemühen -, ihren Lebensstandard zu
erhöhen und dadurch ihre Länder zu einem starken Bollwerk gegen
die Verbreitung einer Ideologie zu machen, die die Freiheit zerstören würde.
Ich kann Ihnen nicht sagen, wie tief ich davon überzeugt bin,
daß wir - in unserem eigenen wie im Interesse der freien Welt - in
Zusammenarbeit mit anderen mithelfen müssen, daß diese Völker
ihre legitimen Ziele und Ansprüche - wie sie in den verschiedenen
Mehrjahresplänen ihren Ausdruck finden - erreichen. '.Vir müssen uns
entschlossen an diese titanische Aufgabe heranmachen, sei es durch
die Weltbank und andere Einrichtungen, sei es durch Sinzelmaßnahmen
all der Nationen, die in der Lage sind, zu helfen.
Wir alle müssen natürlich erkennen, daß die Entwicklung dieser
jungen Nationen in Freiheit nicht lediglich eine Frage ist, wie sie
finanzielle Unterstützung von außen erhalten können. Ein unerläßliches Element bei diesem Prozeß ist die starke und nicht nachlassende Entschlossenheit ihrerseits, die nationale Disziplin zu
halten, die für eine längere und stetige Entwicklungsperiode erforderlich ist. Diese Fähigkeiten zur Entschlossenheit sind deshalb besonders wesentlich, weil der Prozeß der Verbesserung der
Lebensbedingungen notwendigerweise langsam vonstatten gehen und
eher mühsam als revolutionär sein wird. Außerdem aber sollte sich
jedermann darüber im klaren sein, daß ein Entwicklungsprozeß kein
kurzfristiges Phänomen ist. Selbst für die am günstigsten situierten Staaten wird er viele Jahre dauern.
Ich werde auch weiterhin das amerikanische Volk auffordern,
im Interesse seiner eigenen Sicherheit, seines Wohlstandes und
des Friedens dafür zu sorgen, daß seine eigene Beteiligung an
diesem großen Projekt eine starke und begeisterte Unterstützung
findet. Die Entscheidungen der freien Welt in dieser Frage werden
vielleicht den Unterschied zwischen einer Weltkatastrcphe und einem
Fortschritt der Welt in Freiheit bedeuten.
Andere Länder, von denen ich einige im letzten Monat besucht
habe, haben ähnliche Nöte.
Es ist wünschenswert, daß die Länder, die zu einer Unterstützung
der Bemühungen um eine Entwicklung bereit sind, eine gemeinsame Basis
haben. Während des vergangenen Jahres habe ich diese Frage mit den
führenden Männern mehrerer westlicher Länder erörtert.

Wegen

- 6-

�"AMERIKA DIENST"

8. Januar i960

Wegen seines Reichtums an Erfahrung könnte der Europäische Wirtschaftsrat (OEEC) mit ersten vorbereitenden Studien helfen. Das Ziel
besteht in der Erfassung aller in den Industrieländern der freien Welt
verfügbaren wirtschaftlichen Hilfsquellen - vor allem des privaten Investitionskapitals. Aber ich betone nochmals, daß diese Hilfe, so groß
und bedeutend sie auch sein mag, nur dann von anhaltender Wirkung sein
kann, wenn sie als Ergänzung zu der Stärke des Geistes und des Willens
der Bevölkerung dieser aufstrebenden Länder tritt.
Wir hoffen, daß es durch Gewährung dieser Hilfe möglich sein wird,
die Völker dazu zu bringen, daß sie sich mit Begeisterung um das Banner
der Freiheit scharen. Kein stärkerer Kontrast zu einem System widerwilliger Satellitenstaaten ließe sich denken.
"Wenn wir diese Gelegenheit ergreifen, um ein Zeitalter der produktiven Partnerschaft zwischen den weniger vom Glück begünstigten Nationen
und denjenigen aufzubauen, die bereits einen hohen Stand des wirtschaftlichen Fortschritts erreicht haben, dann werden wir die Aussichten für
eine auf Sicherheit, Freiheit und Frieden beruhende Weltordnung verbessern. Andernfalls könnte der Ausblick wahrhaft düster sein. Wir stehen
an einem möglichen Wendepunkt der Geschichte, und wir müssen mit Entschlossenheit handeln."
Als Staat können wir diese Ziele nur von der Position einer auf
breiter Grundlage beruhenden Stärke aus verfolgen.
Wie aufrichtig und ernst unsere Bemühung um einen gesicherten Frieden auch immer sein mag, wir müssen zur selben Zeit, da wir über das
Problem der Abrüstung Verhandlungen führen, doch auch ein hohes Maß an
militärischer Stärke beibehalten. Solange nicht konkrete und auf beiden
Seiten durchsetzbare Abrüstungsmaßnahmen ausgearbeitet sind, werden wir
die Mittel zur Verteidigung unserer Institutionen nicht schwächen.
Amerika verfügt über eine gewaltige Verteidigungsmacht. Es ist
meine feste Überzeugung, daß kein Land jemals einen allgemeinen Krieg
gegen uns wagen wird, es sei denn, wir wären so töricht und vernachlässigten die Verteidigungskräfte, die wir gegenwärtig so machtvoll
ausstatten. Alle Welt weiß, daß jede Nation, die versucht sein könnte,
die Vereinigten Staaten anzugreifen - auch wenn unser Land vielleicht
große Verluste erleidet -, selbst sofort eine schreckliche Vernichtung
erfahren würde. Aber noch einmal versichere ich allen Völkern und allen
Nationen, daß die Vereinigten Staaten, außer zur Verteidigung, niemals
diese zerstörende Kraft entfesseln werden.
Während des vergangenen Jahres hat unser Fernwaffenpotential - hinsichtlich der bemannten Bomber heute unerreicht - dadurch eine weitere
Stärkung erfahren, daß die interkontinentale ballistische Rakete vom
Typ ATLAS jetzt für den' Einsatz zur Verfügung steht. In 14 kürzlich durchgeführten Erprobungen über Entfernungen von mehr als 8000 Kilometern hat
die ATLAS mit einer Streuung von nur drei Kilometern im Ziel gelegen.
Dies ist weniger als die Länge einer Startbahn für Düsenflugzeuge und
liegt absolut im Bereich der völligen Zerstörung. Eine solche Leistung
ist ein großer Erfolg für die amerikanischen Wissenschaftler und Ingenieure, die in den letzten fünf Jahren die Zeit und die Technik zusammenraffen mußten, um diese Langstreckenraketen zu entwickeln - wo Amerika
vorher derartiges nicht besessen hatte.
_ ...
ö
Darüber

�"AMERIKA DIENST

8. Januar 1 960

Darüber hinaus werden unsere aktiven Verbände dieses Jahr
immer mehr Atom-Unterseeboote zugeteilt bekommen, von denen einige
mit POLARIS-Raketen ausgerüstet sein werden. Diese bemerkenswerten Schiffe und Waffen mit einem Aktionsradius über die Ozeane
hinweg werden in der Lage sein, Ziele praktisch an jedem Punkt
der Erde unter genaues Feuer zu nehmen. Da es unmöglich ist, sie
durch einen Überraschungsangriff zu vernichten, werden diese
Schiffe zu unseren wirksamsten Wächtern und Hütern des Friedens
gehören.
Um Situationen begegnen zu können, in denen es nicht zu
einem allgemeinen Atomkrieg kommt, werden wir auch weiterhin unsere Flugzeugträgerverbände, unsere zahlreichen im Ausland stationierten Einheiten, unsere stets einsatzbereiten strategischen
Heeresverbände und Marinekorpsdivisionen sowie die dazugehörigen
zivilen Stellen aufrechterhalten. Die laufende Modernisierung
dieser Verbände ist ein kostspieliger, aber notwendiger Prozeß
und soll in einem Umfang durchgeführt werden, durch den unsere
Stärke ständig vergrößert wird.
Die Stationierung eines Teiles dieser Streitkräfte im Ausland
- und zwar zu Lande wie zur See - ist ein überzeugender Beweis für
unsere Entschlossenheit, Schulter an Schulter mit unseren Alliierten für die kollektive Sicherheit einzustehen. Darüber hinaus habe
ich angeordnet, daß Maßnahmen ergriffen werden, um die militärische Unterstützung für unsere Alliierten auf eine langfristigere
Basis zu stellen. Dies ist für ein wirksameres kollektives Verteidigungssystem notwendig.
Ich möchte'nunmehr auf unsere Bemühungen auf dem Gebiete der
Weltraumforschung eingehen, die oft fälschlicherweise für einen
integralen Teil der Verteidigungsforschung und -entwicklung gehalten wird.
Erstens: Amerika hat in den beiden letzten Jahren große
Beiträge zu dem Wissensschatz der Welt auf dem Gebiet der Astrophysik und der Weltraumkunde geleistet. Diese Entdeckungen sind
gegenwärtig in erster Linie für die Wissenschaftler von Interesse,
sie sind jedoch auch wichtige Grundsteine für eine extensivere
Erforschung des Weltraums zum letztlichen Nutzen und 7/ohle allen
Menschen.
Zweitens: Unser so erfolgreich voranschreitendes militärisches
Raketenprogramm leidet nicht unter dem zur Zeit bei uns bestehenden Mangel an sehr großen Raketenantriebsmotoren, wie sie für die
Erforschung ferner Räume so notwendig sind. Mir wurde von Fachleuten versichert, daß die Schubleistung unserer gegenwärtigen
Raketen für die Erfordernisse der Verteidigung voll ausreichend
ist •
Drittens: Die Vereinigten Staaten drängen bei der Entwicklung
von großen Raketenmotoren voran, um mit ihnen viel schwerere Flugkörper zu Forschungszwecken in den Raum zu senden.
Viertens:

�"AMERIKA DIENST

8. Januar 1960

Viertens* Man darf inzwischen nicht vergessen, daß wir«eben erst
begonnen haben, in die unmittelbare Umgebung unserer Erde vorzustoßen.
Unter Verwendung der zur Zeit verfügbaren Abschußsysteme entwickeln
wir Satelliten zur Welt-Wettererforschung; zum Aufbau von Relaisstationen, die die globale Nachrichtenverbindung erleichtern und erweitern sollen; als Navigationshilfe, um Schiffen und Plugzeugen genaue
Peilungen zu ermöglichenjund zur Vervollkommnung der für die Aufzeichnung und Übermittlung der von uns gesuchten Daten erforderlichen Instrumente. Es ist dies das erfolgversprechendste Gebiet für eine erste
und nutzbringende Anwendung der Weltraumtechnik.
Fünftens: Wir blicken jetzt auf das erste Jahr unserer Erfahrungen
mit dem neuen Weltraumgesetz zurück. Ich glaube, daß es in bezug auf
bestimmte Einzelheiten Mängel zeigt, und es werden daher in Kürze Verbesserungsvorschläge gemacht werden.
Die Erfüllung der zahlreichen Aufgaben, die ich hier angeführt
habe, erfordert die laufende Stärkung der geistigen, intellektuellen
und wirtschaftlichen Kräfte des amerikanischen Lebens. Das Ziel, das
unserer Gesellschaft ständig vor Augen schwebt, ist es, im Angesicht
Gottes jedem einzelnen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Wir müssen
uns immer davor hüten, die Freiheit durch gedankenlose und allzuviele
restriktive Kontrollen oder dadurch zu ersticken, daß es uns an Mut
fehlt, die großen Aufgaben unserer Zeit kühn anzupacken.
Als ich vor einem Jahr vor Sie hintrat, erholte sich unser Land
gerade von einem wirtschaftlichen Rückschlag, obwohl die Zweifler die
Anzeichen der wiedererstarkenden Prosperität als nicht genügend überzeugend ansahen. Heute ist unsere ständig wachsende Stärke für jeden
ersichtlich. Das Jahr 1960 verspricht das Jahr der größten Prosperität
in unserer bisherigen Geschichte zu werden.
Und doch werden wir auch weiterhin störenden Einflüssen ausgesetzt
sein.
Zu den gegenwärtigen Problemen, die eine Lösung fordern, gehören:
die Notwendigkeit, die Interessen der Öffentlichkeit in Situationen
zu schützen, in denen es zu längeren Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern kommt; die hartnäckige Weigerung, ein
kritisches Problem in einem Sektor der amerikanischen Landwirtschaft
zu bereinigen; die anhaltende Inflationsgefahr im Verein mit der ständigen Tendenz zu einem verantwortungslosen Finanzgebaren; die Weigerung, in bestimmten Fällen einigen unserer Bürger gleichen Rechtsschutz zu
gewähren.
Jeder Amerikaner war über den langen Konflikt in der Stahlindustrie
sowie über seine so lange hinausgezogene Beilegung beunruhigt. Wir sind
alle froh, daß in diesem Industriezweig endlich eine Lösung erreicht wurde.
Prozentual gesehen ist die Erhöhung der Lohnkosten für die Stahlgesellschaften bei dieser Regelung niedriger als bei allen früheren Lohnabkommen seit dem zweiten Weltkrieg. Es ist ferner erfreulich, festzustellen, daß mehrere der großen Stahlproduzenten angekündigt haben, daß
es trotz der höheren Löhne und Sozialleistungen im gegenwärtigen Zeitpunkt keine Erhöhung der Stahlpreise geben wird. Das nationale Interesse
erfordert es, daß in der Zeit des industriellen Friedens, der durch den neuen
Kontrakt sichergestellt ist, sowohl die Unternehmer als auch die Gewerkschaften alle nur möglichen
n

�ALIERIKA DIENST,

8. Januar i960

möglichen Anstrengungen machen, um die Leistungen und die Produktivität in der Stahlindustrie so zu steigern, daß Preiserhöhungen
vermieden werden können.
Eine der hieraus zu ziehenden Lehren besteht darin, daß der
bei längeren und bedeutenderen Streiks für die gesamte Nation
erwachsenden potentiellen Gefahr begegnet werden muß. Bei der
Sicherung gegen derartige Möglichkeiten muß man sich allerdings
in erster Linie auf den gesunden Menschenverstand der verantwortungsbewußten einzelnen Bürger verlassen. Ich beabsichtige, die
Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu regelmäßigen Besprechungen aufzufordern, die nicht am Verhandlungstisch geführt werden, damit sie
hierbei das Interesse der Öffentlichkeit genauso in Erwägung
ziehen wie ihr eigenes gegenseitiges Interesse bei der Aufrechterhaltung des industriellen Friedens, der Preisstabilität und des
wirtschaftlichen Wachstums.
Es erscheint mir gleichsam absurd, daß die Vereinigten Staaten die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen den Nationen
erkennen und sich so aufrichtig darum bemühen, wenn sie nicht auch
zwischen den wichtigen Gruppen ihrer eigenen freien Gesellschaft
eine freiwillige, zuverlässige und dauerhafte Zusammenarbeit
erreichen können.
Wenn wir uns auf anderen Gebieten als den Beziehungen zwischen
den Sozialpartnern den Grundproblemen nicht stellen, dann kann dies
zu einer ernsthaften Belastung der Freiheit führen, auf der unsere
Gesellschaft beruht.
Eines dieser Gebiete, von denen ich spreche, ist die Landwirtschaft .
Unsere grundlegende Landwirtschafts-Gesetzgebung wurde vor 27
Jahren formuliert, als wir aus einer Notlage heraus darangehen
mußten, die durch die weltweite Depression verursachten Härten
wieder auszugleichen. Sie wurde auch während des zweiten Weltkrieges
beibehalten - und ihre wirtschaftliche Diskrepanz noch verstärkt -,
um einen Anreiz für die Nahrungsmittelerzeugung zu bieten, die zur
Versorgung einer vom Krieg betroffenen freien Welt nötig war.
Heute ist unser Landwirtschaftsproblem völlig anders gelagert.
Es geht darum, sich den durch eine wissenschaftliche Revolution hervorgerufenen Veränderungen in wirksamer Form anzupassen. Als die
ursprünglichen Landwirtschaftsgesetze geschrieben wurden, wurde in
der Landwirtschaft in einer Arbeitsstunde nur ein Viertel der Menge
an Weizen geerntet wie heute. Die Landwirtschaftsgesetze sind
schrecklich veraltet, unwirksam und kostspielig.
Seit Jahren haben wir ein überholtes System beibehalten, das
nicht einmal in der Lage war, die Einkommen in der Landwirtschaft
zu schützen, und noch dazu immer größere, bedrohliche Überschüsse
hervorbrachte. Unsere Landwirtschaft blieb bei einer Kriegsproduktion stehen, während Amerika seit langem Frieden hatte.
Ich

�"AMERIKA DIENST"

8 . Januar 1960

Ich ersuche den Kongreß erneut, Gesetze zu verabschieden, damit die Erzeugung in stärkerem Maße den Märkten angepaßt wird und
die kostspieligen üb erschüsse leichter gehandhabt werden können,
Gesetze, die in der Bewirtschaftung der Farmen größere Freiheit
lassen und durch die die Nettoeinkommen in der Landwirtschaft
stetig erhöht werden.
Ein weiteres Problem, mit dem wir uns ohne Umschweife befassen müssen, ist die Notwendigkeit, im Rahmen unserer Verhältnisse zu leben. Dies erfordert Maßhalten bei den Ausgaben, eine
ständige Überprüfung, welchen Dingen Vorrang einzuräumen ist, und
die Beibehaltung stabiler Preise.
Wir müssen eine Inflation verhindern. Hier stehen wir vor
einem Widersacher unter so vielerlei Masken, daß es zuweilen
schwerfällt, ihn zu erkennen. Aber es ist für uns absolut notwendig, einer kontinuierlichen und allgemeinen Preissteigerung
Einhalt zu gebieten - dies ist eine Notwendigkeit, die alle von
uns sehen und spüren können.
Das ständige Ansteigen der Kosten und Preise zu verhindern
erfordert eine strenge Selbstzucht von seiten jedes Bürgers.
Niemand, keine Stadt und kein Staat, keine organisierte Gruppe,
darf sich der Pflicht zum Widerstand gegen die Inflation entziehen, denn jeder Amerikaner müßte bitter dafür zahlen.
Die verheerenden Auswirkungen einer Inflation machen nicht
an einem bestimmten Punkte halt. Preissteigerungen bei den Gütern,
die wir an das Ausland verkaufen, beschwören die Gefahr herauf,
daß wir von den Märkten vertrieben werden, die uns einst sicher
waren. Cb nun so hoch ansteigende und damit nicht mehr wettbewerbsfähige einheimische Preise die Folge von Forderungen nach
zu großen Gewinnspannen oder die Folge höherer Lohnkosten sind,
die den Produktivitätszuwachs übersteigen, das Endergebnis ist
jedenfalls ein schwerer Schaden für die Nation.
Wir müssen die Inflation in der gleichen Weise bekämpfen, wie
ein Feuer, das unser Haus bedroht. Nur so können wir verhindern,
daß der Wert unserer Gehälter, Ersparnisse, Pensionen und .Versicherungen vernichtet wird und die Grundlagen einer freien, gesunden Wirtschaft sowie der Sicherheit des Landes zermürbt werden.
Eine wichtige Methode, wie die Bundesregierung der Inflation
und den steigenden Preisen begegnen kann, ist, sicherzustellen,
daß ihre Ausgaben unter den Einnahmen liegen. Die Staatsschuld,
der wir -ietzt gegenüberstehen, liegt bei 290 Milliarden Dollar.
Die Zinsleistungen allein kosten den Steuerzahler gegenwärtig rund
9,5 Milliarden Dollar, und es ist klar, daß der weiteren Erhöhung
der Staatsverschuldung ein Ende gemacht werden muß. Sie werden
froh sein, zu erfahren, daß unsere Konten trotz der noch nicht
bereinigten Auswirkungen des jüngsten Stahlstreiks nach unseren
Schätzungen mit dem 30. Juni dieses Jahres einen Überschuß von rund
200 Millionen Dollar aufweisen werden.
Ich

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�8. Januar

"AMERIKA DIENST

196O

Ich werde dem Kongreß für 1961 ein ausgewogenes Budget vorlegen.
Auf dem Gebiet der Verteidigung bleiben die Ausgaben weiterhin auf
dem Rekord-Friedenszeitenniveau der vergangenen letzten Jahre. Mit
einer einzigen Ausnahme werden auch die Ausgaben auf allen wichtigen
Sektoren des Gesundheits-, Erziehungs- und Wohlfahrtswesens gleich
oder größer als im vergangenen Jahr sein. Die Ausgaben für die Weltraumforschung sind praktisch auf das Doppelte gestiegen. Aber die über
allem stehende Richtlinie dieses Budgets wird durch den Bedarf der
Nation als Ganzes vorgezeichnet - nicht durch das Eingehen auf die
Forderungen bestimmter Gruppen oder auf lokale oder politische Forderungen .
Andere Ausgabenerhöhungen als die von mir soeben angedeuteten sind
weitgehend auf die erhöhten Kosten der früher bereits verabschiedeten
Gesetze zurückzuführen.
Ich wiederhole noch einmal, dieser Haushalt wird ausgeglichen sein.
Die Ausgaben werden 79&gt;8 Milliarden Dollar betragen. Der die Ausgaben
übersteigende Betrag der Einnahmen, der in dem Haushalt als Überschuß
ausgewiesen ist und gegen unsere Staatsschuld aufgerechnet werden soll,
beträgt 4»2 Milliarden Dollar. Ich persönlich bin der Ansicht, daß
kein Betrag mit Recht als Überschuß bezeichnet werden kann, solange
die Nation Schulden hat. Ich möchte lieber einen solchen Posten als
"Reduzierung der unseren Kindern vererbten Hypothek" nennen. Sobald
wir erst einmal solche Zahlungen als eine normale Praxis eingeführt
haben, können wir auch nutzbringende Verbesserungen in unserer Steuerstruktur vornehmen und damit wirklich die schweren Steuerlasten vermindern.
Auf jeden Fall wird diese Reduzierung dem Steuerzahler jedes Jahr
etwa 200 Millionen Dollar an Zinskosten einsparen.
Dieses Budget wird zu einer Verminderung des Druckes auf unsere
Kredit- und Kapitalmärkte beitragen. Es wird in aller Welt das Vertrauen
in die Stärke unserer Wirtschaft und unserer Währung sowie in unsere
individuelle und kollektive Fähigkeit für eine verantwortungsbewußte
Finanzgebarung fördern.
Bei der Verwaltung unserer großen öffentlichen Schuld hat das
Schatzamt unglücklicherweise keine freie Hand. Seine Möglichkeiten, sich
mit den schwierigen Problemen auf diesem Gebiet zu befassen, sind weitgehend dadurch eingeengt worden, daß der Kongreß nicht bereit ist, die
veralteten Restriktionen zu beseitigen. Die Notwendigkeit, bei der Verwaltung der Staatsschuld eine freiere Hand zu haben, ist heute sogar
noch dringlicher, weil die Kosten der unerwünschten Finanzpraktiken,
zu denen das Schatzamt gezwungen wurde, immer mehr anwachsen. Die
Beseitigung dieses Hindernisses hat unter meinen gesetzgeberischen
Empfehlungen großen Vorrang.
Ein weiteres Gebiet ist das der Bürgerrechte.
Bei all unseren Hoffnungen und Plänen für eine bessere Welt sind
wir uns darüber im klaren, daß provinzielle und rassische Vorurteile bekämpft werden müssen. Im langen Lauf der Geschichte ist das Wahlrecht einer
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�"AMERIKA DIENST"

8. Januar

196O

einer der stärksten Eckpfeiler einer freien Gesellschaft gewesen.
Unsere erste Pflicht ist es, dieses Recht gegen jeden Übergriff zu
schützen. Trotz der verfassungsmäßigen Garantien und ungeachtet des
großen Fortschritts der letzten Jahre sind einige Menschen in unserem
Lande durch Vorurteile immer noch des gleichen Schutzes durch das Gesetz beraubt.
Zu Anfang der letzten Sitzungsperiode des Kongresses empfahl ich
eine Gesetzgebung, die zur Beseitigung verschiedener diskriminierender
Praktiken hinsichtlich der Grundrechte der Amerikaner beitragen würde.
Die Bürgerrechtskommission hat zusätzliche konstruktive Empfehlungen
unterbreitet. Ich hoffe, daß diese Vorschläge zu den Fragen gehören
werden, die in der gegenwärtigen Sitzung ernsthaft erörtert werden.
Ich bin fest davon überzeugt, daß der Kongreß auf diese Weise der Welt
vor Augen führen wird, daß unsere Regierung sich für alle Menschen
um die Gleichheit vor dem Gesetz bemüht.
In jedem Jahr erlebt unser Land in vieler Hinsicht grundlegende
Veränderungen und weiteres Wachstum.
In den letzten 18 Monaten haben wir uns über die Aufnahme von zwei
weiteren Staaten - Alaska und Hawaii - in die Union freuen können. Wir
begrüßen die beiden neuen Sterne in unserer Flagge mit großem Stolz.
Unsere kraftvolle Weiterentwicklung, die wir alle als ein Zeichen
der Gesundheit und der Vitalität begrüßen, ist vielseitig. So erleben
wir zum Beispiel jetzt ein gewaltiges Wachstum unserer Großstädte.
Bis zum Jahre 1975 werden die Großstadtgebiete in den Vereinigten
Staaten etwa die doppelte Fläche einnehmen wie heute. Die Zahl der
daraus erwachsenden städtischen Probleme, mit denen man fertig werden
muß, ist bestürzend. Zu ihnen zählen die Frage der Wasserversorgung,
der Reinigung der Luft, die Anpassung der lokalen Steuersysteme, die
Bereitstellung der wesentlichen Schul-, Kultur- und Sozialinstitutionen
und die Ausmerzung solcher Verhältnisse, die zu Kriminalität und Verbrechen führen.
Bei der Lösung dieser Probleme müssen wir - wenn wir unsere historischen Freiheiten hochhalten - im traditionellen Rahmen unseres bundesstaatlichen Systems bleiben, bei dem die Macht zwischen der nationalen
Regierung und den einzelstaatlichen Regierungen geteilt ist. Die Einmaligkeit und Besonderheit dieses Systems mag den oberflächlichen Betrachter
verwirren, es hat sich jedoch seit fast 200 Jahren durchaus bewährt.
Ich zweifle nicht daran, daß unsere städtischen und anderen komplizierten Probleme auf die traditionelle amerikanische Weise gelöst werden
können. V/ir müssen uns jedoch hierbei darüber im klaren sein, daß nichts
wirklich gelöst ist und nur ruinöse Entwicklungen in Gang gesetzt werden,
wenn wir den verführerischen Verlockungen des "leichtverdienten" Steuerdollars nachgeben.
Unser Erziehungssystem ist ein gutes Beispiel hierfür. Alle erkennen die entscheidende Notwendigkeit an, daß wir moderne Schulen sowie
hochqualifizierte und ausreichend bezahlte Lehrer haben müssen und daß

�"AMERIKA DIENST

8. Januar

1960

daß die besten Lehrmethoden und Lehrpläne angewandt werden müssen.
Wir dürfen nicht selbstzufrieden auf die Erziehung unserer Jugend
blicken.
Aber der Weg zu einer besseren Erziehung läßt sich nicht durch
die schnelle Anwendung einer Kräftigungsspritze oder auch einer längeren finanziellen Transfusion seitens des Bundes bahnen. Der Erziehungsprozeß, der im wesentlichen eine lokale und persönliche Aufgabe ist,
läßt sich nicht durch gewaltsame, zentralgelenkte Aktion seitens der
Regierung sprunghaft beschleunigen.
Die Regierung hat ein sorgfältig begründetes Programm vorgeschlagen, das dazu beitragen soll, die derzeit vorhandenen Mängel abzustellen. Es soll den Bau von Schulen fördern, nicht indem es die Dollar
des Bundes an die Stelle der staatlichen oder lokalen Fonds treten
läßt, sondern durch Anreiz zur Erweiterung und Unterstützung der einzelstaatlichen oder lokalen Anstrengungen. Bei dieser Methode wird die
Idee einer Beherrschung oder Kontrolle durch den Bund ausgeschaltet.
Sie ist brauchbar und sollte jeden Amerikaner ansprechen, der an einem
Fortschritt unseres Erziehungssystems in der traditionellen amerikanischen Art interessiert ist. Ich fordere den Kongreß auf, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Es gibt noch einen weiteren Komplex, hinsichtlich dessen ich eine
Empfehlung erneuern möchte, die ich bereits in meiner Botschaft über
die Lage der Nation im Januar vergangenen Jahres gemacht habe. Ich setzte
damals den Kongreß von meiner Absicht in Kenntnis, unsere Anstrengungen,
an die Stelle der Gewalt die Herrschaft des Rechts unter den Völkern
zu setzen, zu intensivieren. Zahlreiche Gespräche im Ausland haben mich
davon überzeugt, daß dieses Ziel von anderen Völkern und Nationen in
der Welt weitgehend und mit großem Ernst geteilt wird.
In derselben Botschaft erklärte ich, daß unsere Bemühungen eine
Überprüfung des Verhältnisses der USA zum Internationalen Gerichtshof
einschließen würden. Der Gerichtshof wurde von den Vereinten Nationen
geschaffen, um über internationale juristische Streitfragen zwischen den
einzelnen Ländern zu entscheiden. Im Jahre 194-6 akzeptierten wir die
Jurisdiktion des Gerichtshofes, allerdings unter Vorbehalt des Rechtes,
einseitig entscheiden zu können, ob ein gegebener Fall in seinen wesentlichen Aspekten nicht eigentlich unter die Jurisdiktion der USA fällt.
Dem Senat liegt gegenwärtig eine Resolution vor, die diesen juristischen
Vorbehalt beseitigen würde. Ich unterstütze diese Resolution und ersuche
nachdrücklich um ihre baldige Verabschiedung. Wenn dies geschehen ist,
werde ich alle Mitglieder der Vereinten Nationen auffordern, in entsprechender Weise die Jurisdiktion des Gerichtshofes zu akzeptieren.

Und

�"AMERIKA DIENST"

8. Januar i960

Und vielleicht ist es nicht verfehlt, wenn ich hier an dieser
Stelle, im letzten Jahr meiner Amtszeit, an die Hitglieder des
Kongresses ein Wort über die Institutionen richte, die wir jeweils
repräsentieren, sowie über die Bedeutung, die den Beziehungen
zwischen unseren beiden Zweigen der Regierung für die beverstehende
Zeit zukommt.
Ich bin nicht der einzige Präsident, der mit einem von der
Oppositionspartei kontrollierten Kongreß zusammengearbeitet hat nur hat kein anderer Präsident dies so lange Zeit getan. Und doch
haben wir sowohl in den persönlichen wie auch den offiziellen
Beziehungen die Stürme der vergangenen fünf Jahre gemeistert. Hierfür bin ich dankbar.
Meine tiefe Sorge in den kommenden 12 Monaten, bevor mein
Nachfolger sein Amt antritt, gilt unseren gemeinsam vom Kongreß
und der Exekutive gegenüber unserem eigenen Volke und gegenüber
den übrigen Völkern wahrzunehmenden Pflichten. Entsprechend den
von mir heute hier dargelegten Anschauungen werde ich meine ganze
Kraft den vorliegenden Aufgaben widmen, ob dies nun Reisen zur
Förderung einer besseren internationalen Verständigung, Verhandlungen zur Verminderung internationaler Unstimmigkeiten oder ständige Aussprachen und Fühlungnahmen mit dem Kongreß und dem amerikanischen Volk sowohl in innen- wie auch in außenpolitischen Fragen
erfordert„
Bei der Verfolgung dieser Ziele sehe ich einer engen und konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Kongreß entgegen und werde mich
selbst hierfür einsetzen.
Jede Hillute, die mit belanglosem Streit zwischen den einzelnen
Regierungszweigen vergeudet wird, ist kostbare Zeit, die von der
klugen Ausarbeitung und Annahme in sich zusammenhängender politischer
Maßnahmen für den Fortbestand und den Fortschritt unserer Nation
abgeht.
Wir streben nach einem gemeinsamen Ziel - bessere Chancen für
unsere Bürger und einen Weltfrieden in Gerechtigkeit für alle zu
schaffen.
Wir und unsere Freunde sehen sich von einer Ideologie herausgefordert, die seit mehr als vier Jahrzehnten ihr Ziel des letztlichen
Sieges über alle Regierungsformen hinausposaunt, die nicht im Einklang mit ihrer eigenen stehen.
Wir sind uns darüber im klaren, daß - so sehr wir auch die
Lehren des imperialistischen Kommunismus ablehnen - dieser ein gewaltiges Vorhaben darstellt, das verbissen von Machthabern durchgeführt
wird, die ihre Untertanen dazu zwingen, die Freiheit des Geistes sowie die persönlichen Wünsche irgendwelchen erhofften und in der Zukunft liegenden Vorteilen unterzuordnen.
Die

�&lt;

"ALIERIKA DIENST"

8. Januar 1 960

Die Kommunisten können eine Menge materieller Leistungen
während der letzten 15 Jahre aufweisen, die ihren glitzernden
Versprechungen gegenüber den politisch nicht festgelegten Völkern
eine irreführende Überzeugungskraft verleihen.
Was jedoch die Reihenfolge der ffert« anbetrifft, so steht
für uns die Freiheit an oberster Stelle - unsere ganze Existenz
und unsere Entwicklung als Nation sind auf diese grundlegende
Konzeption ausgerichtet und haben bewirkt, daß wir die führende
Position innerhalb der freien Welt erlangt haben, zu der wir
emporgestiegen sind. Sie ist der höchste Preis, den irgendeine
Nation erlangen kannj sie ist ein Preis, den die Kommunisten
niemals bieten können. Und die Geschichte der von Amerika in Freiheit erzielten materiellen Leistungen ist nicht nur vor dem Hintergrund einer noch nie dagewesenen Prosperität unserer eigenen
Nation, sondern auch in den unzähligen Milliarden geschrieben,
die wir für den Wiederaufbau der durch den zweiten Weltkrieg zerstörten Volkswirtschaften der freien Welt gaben, sowie in der
wirksamen Hilfe durch zahlreiche weitere Milliarden, die wir
für die Rettung der Unabhängigkeit zahlreicher anderer von einer
ausländischen Macht bedrohten Länder ausgegeben haben. Und selbstverständlich verfügen wir auch über die Fähigkeit, mit den Problemen der neuen Epoche der Weltgeschichte fertig zu werden, in die
wir jetzt eintreten.
Aber wir müssen diese Fähigkeit klug und unermüdlich, ohne
Rücksicht auf persönliche Opfer, nutzen.
Die Kluft, die unseren Planeten in politischer Hinsicht teilt,
ist tief und weit.
Wir leben außerdem in einem Meer der Begriffsverwirrung, bei
dem alte Bezeichnungen nicht mehr länger stimmen:
Polizeistaaten werden "Volksdemokratien" genannt.
Die Unterjochung eines freien Volkes mi.t Waffengewalt heißt
"Befreiung" .
Solche verwirrende Schlagworte machen das Problem der Mitteilung von echtem Vertrauen, wahren Tatsachen und Ansichten noch
schwieriger.
Wir müssen unsere friedlichen Absichten und unser Streben nach
einer besseren Welt klarmachen. Hierfür müssen wir die Sprache benutzen, und zwar um den Verstand zu erhellen, nicht aber als ein
Mittel für bewußte Verfälschungen und zur Entstellung der V/ahrheit.
Und wir müssen zu unseren Worten stehen. Während meines kürzlichen Besuches in fernen Ländern erlebte ich immer wieder, wie
ein Staatsmann nach dem anderen bestrebt war, mir von den Faktoren
und Grundzügen zu berichten, die seine Regierung der amerikanischen
Verfassung entliehen habe, sowie von den unzerstörbaren Idealen, die
in unserer Unabhängigkeitserklärung niedergelegt sind.
Als

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�"AMERIKA DIENST"

8. Januar i960

Als Nation sind wir stolz darauf, daß unser Verf assungs syst ein
sowie die Ideale, die dieses System tragen, schon seit langem als
ein Urquell der Freiheit angesehen werden.
Mit jeder Maßnahme müssen wir bemüht sein, uns dieses Vertrauens würdig zu erweisen, und uns immer vor Augen halten, daß
eine Häufung scheinbar geringfügiger Eingriffe in die Freiheit
allmählich das gesamte Gebäude einer freien Gesellschaft zum
Einsturz bringen kann.
Wenn wir davon überzeugt sind, dann werden wir die vor uns
liegenden Aufgaben bewältigen. Wenn wir uns mit aller Kraft einr
setzen und an Gott glauben, dann wird die Menschheit eines Tages
die Einigkeit in Freiheit erreichen, nach der sich alle Menschen
seit Urzeiten gesehnt haben.
gez. Dwight L. Eisenhower

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�A M E R I K A

D I E N S T

Wic/2201 ,1960
EISENHOWER LEGT NEUEN US-HAUSHALT VOR

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower unterbreitete dem
amerikanischen Kongreß am 18. Januar i960 den neuen US-Haushalt für das am 1. Juli beginnende Haushaltsjahr 1960/61, der
bei Ausgaben von 79*816 Milliarden Dollar und Einnahmen von
84 Milliarden Dollar einen Überschuß von 4»184 Milliarden
Dollar aufweist.

Präsident Eisenhower forderte in seiner Haushaltsbotschaft den Kongreß auf, gemeinsam mit ihm einen entschlossenen Versuch zu unternehmen,
durch Erzielung eines wesentlichen Haushaltsüberschusses einen Abbau der
Staatsverschuldung zu ermöglichen. Die in seiner Botschaft enthaltenen
Vorschläge, so betont der Präsident, zeigten, daß dieses Ziel auch bei
Aufrechterhaltung der erforderlichen militärischen Stärke sowie e.iner
nationalen Wohlstandes durchaus erreichbar sei. Gleichzeitig sei'der
Haushalt auf eine weitere Stärkung der amerikanischen Wirtschaft sowie
eine Förderung des künftigen wirtschaftlichen Wachstums ohne Inflation
abgestellt.
Die wesentlichsten Punkte des neuen US-Hau^halts sind:
1. Haushaltsansätze, die einen Überschuß von rund 4,2 Milliarden
Dollar vorsehen. Dieser soll zur Schuldentilgung verwendet werden, die wie Eisenhower erklärt - "für die USA zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein
Hauptelement einer gesunden Finanzpolitik ist".
2. Neue Bewilligungen für die militärischen Aufgaben des Verteidigijngsministeriums, die sich auf 40»6 Milliarden Dollar belaufen, während
die veranschlagten Ausgaben während des neuen Haushaltsjahres etwa 41
Milliarden Dollar betragen werden. Sie werden damit etwas höher als im
laufenden Haushaltsjahr liegen und "eine starke und bewegliche Verteidigung gewährleisten, wie sie die gegenwärtige internationale Weltlage
erfordert".
3. Erhöhte Bewilligungen und praktisch eine Verdoppelung aar Ausgaben für die vom US-Bundesamt für Aeronautik und Raumfahrt (NASA) durchgeführten nichtmilitärischen Weltraumprojekte.
'
4. Neue

�"AMERIKA DIENST"

,

22. Januar 1960

4. Neue Bewilligungen in Höhe von 4,175 Milliarden Dollar für das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm oder 949 Millionen Dollar mehr, als für
das laufende Haushaltsjahr bewilligt wurden, wobei die tatsächlichen Ausgaben im neuen Haushaltsjahr um rund 100 Millionen Dollar höher als im
Haushaltsjahr 1959/60 liegen werden. Diese Ausweitung des Programms sei
nötig, so betont der Präsident, um die wirtschaftliche und technische
Hilfe zu beschleunigen und die Streitkräfte der freien Welt, vor allem
der NATO-Staaten, verstärken und mit den neuesten Waffen ausrüsten zu
können.
5. Gesamtausgaben von 1,2 Milliarden Dollar für die Wasserwirtschaft.
6. Wesentlich höhere Ausgaben für die Bedienung der Staatsschuld, das
Landwirtschaftliche Stützprogramm, die Kriegsveteranenentschädigung und
Pensionen sowie für Zuschüsse zu den sozialen Programmen der einzelnen
Bundesstaaten.
7. Ausgaben für die Forschung und Entwicklung in Höhe von rund 8,4
Milliarden Dollar - etwas über die Hälfte der gesamten staatlichen und
privaten Ausgaben für diese Zwecke -, durch die eine starke und moderne
Verteidigung gewährleistet sowie die Grundlagenforschung und der technische
Fortschritt gefördert werden sollen.
8. Empfehlungen für eine Erhöhung der Straßensteuer und der Besteuerung
des Flugbenzins sowie eine Heraufsetzung der Postgebühren.
9. Beibehaltung der gegenwärtigen Körperschafts- und Verbrauchssteuersätze für ein weiteres Jahr.
10. Empfehlungen für ein konstruktives Gesetzgebungsprogramm, das den
Interessen der gesamten Bevölkerung Rechnung trägt.
59,9 Prozent für Sicherheit und internationale Aufgaben
Von den Gesamtausgaben des neuen Haushalts sind 59,9 Prozent oder
47,81 Milliarden Dollar für Programme, die direkt oder indirekt dem Schutz
der USA dienen, sowie für internationale Aufgaben bestimmt. Weitere 25,4
Prozent oder 20,51 Milliarden Dollar entfallen auf inneramerikanische Programme. Die Bedienung der Staatsschuld erfordert 12 Prozent der Gesamtausgaben oder 9,585 Milliarden Dollar, und für allgemeine Regierungsausgaben
sind 2,4 Prozent der Gesamtausgaben oder 1,911 Milliarden Dollar bestimmt.
Der Rest entfällt auf'verschiedene kleinere Posten.
HAUSHALTSAUSGABEN
(in Prozent)

n M i l l i a i•den D o l l a r )
Wationale Sicherheit
Internationale Aufgaben
Handel und Wohnungsbau
Landwirtschaft
Natürliche Hilfsquellen
Sozialprogramme

1958/59

1959/60

1960/61

1960/61

46,426
3,780
3,421
6,529
1,669
4,421

45,650
2,066
3,002
5,113
1,785
4,441

45,568
2,242
2,709
5,623
1,938
4,569

•57,1
2,8
3,4
7,0
2,4
5,7
KriegsVeteranen

2

-

�"AMERIKA DIENST"
Kriegsveteranen
Zinsendienst
Allgemeine Regierungsausgaben
Sonstige Posten

22. Januar 1960
5,174
7,671

5,157
9,385

5,471
9,585

6,9
12,0

1,606
-

1,711
0,073

1,911
0,200

2,4
0,3

80,6,9"

78,383

79,816

100,0

Ausweitung des Bruttosozialprodukts um 50 Milliarden Dollar
Bei der Aufstellung des Einnahmenvoranschlags geht der Haushalt davon aus, daß sich der derzeitige hohe Stand der Wirtschaftstätigkeit 1961
noch weiter erhöhen und das Bruttosozialprodukt im Kalenderjahr 196O um
rund 30 Milliarden Dollar auf 510 Milliarden Dollar ansteigen wird. Dementsprechend werden auch die Erträge der Einkommens- sowie der Körperschaftssteuer höher als im laufenden Haushaltsjahr veranschlagt.
HAUSHALTSEIHNAHMEN
(in Milliarden Dollar)

1959/60*

1960/61*

40,306
9,100
1,803
1,176

43,706
23,500
9,523
1,960
1,376

3,160

4,015

3,935

68,270

78,600

84,000

1958/59*
Einkommenssteuer;:
KörperSchaftssteuer
Verbrauchssteuern
Sonstige Steuern
Zölle
Sonstige Haushaltseinnahmen

36,719
17,309
8,504
1,653
0,925

22,200

*

1950/59 tatsächliche Einnahmen
1959/60 und 1960/61 veranschlagte Einnahmen.
Eisenhower mahnt zur Ausfcaberteinschränkung
Bei der Erläuterung seines neuen Haushaltes betont Eisenhower, daß
während des laufenden Haushaltsjahres ermutigende Fortschritte in Richtung
auf eine gesunde Finanzpolitik gemacht worden sind. Nach dem Haushaltsdefizit von 12,4 Milliarden Dollar des Haushaltsjahres 1958/59, das zu einem
großen Teil durch die damalige Rezession bedingt war, sei nunmehr für das
laufende Haushaltsjahr 1959/60 mit einem Überschuß von 217 Millionen Dollar
zu rechnen. In diesem Zusammenhang appelliert der Präsident an alle Bundesdienststellen, eine strenge Kontrolle über alle Ausgaben auszuüben, damit
wenigstens dieser kleine Überschuß erhalten bleibt, was ohnehin nur möglich sei, wenn der Expansionsprozeß in der Wirtschaft nicht unterbrochen
werde. Im neuen Haushaltsjahr, so unterstreicht der Präsident, sei es unbedingt notwendig, den erzielten Haushaltsüberschuß für die Abtragung dei

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3 -

�"AMERIKA DIENST

22. Januar 1960

der Staatsschuld zu verwenden. Wenn dies in Zeiten des Wohlstands nicht
getan werde, dann müsse damit gerechnet werden, daß die Staatsverschuldung in künftigen Notzeiten oder Rezessionen noch weit über den derzeitigen Stand hinaus ansteigen werde. Wörtlich führte der Präsident aus:
"Sine gesunde Finanz- und Wirtschaftspolitik bedingt in Zeiten des Wohlstandes, wie wir sie für das kommende Jahr erwarten, daß ein Haushaltsüberschuß dazu verwendet wird, dem inflationären Druck entgegenzuwirken,
die Bedingungen auf dem Kapital- und Kreditmarkt zu erleichtern sowie
die für produktive Investitionen - wie sie für ein stetiges wirtschaftliches Wachstum unerläßlich sind - verfügbaren Spareinlagen weiter zu
vermehren. Die Haushaltsempfehlungen für 1960/61 legen die Grundlage
für eine gesunde und flexible Finanzpolitik in den kommenden Jahren. Es
ist damit zu rechnen, daß eine Fortdauer der wirtschaftlichen Prosperität
im Jahre 1962 und den darauffolgenden Jahren eine weitere Erhöhung der
Bundeseinnahmen zur Folge haben wird. Wenn die Ausgaben auf dem von mir
für 1960/61 vorgeschlagenen Stand gehalten werden und wenn in Zukunft
eine vernünftige Zurückhaltung geübt wird, dann werden die höheren Einnahmen die neue Regierung und den neuen Kongreß vor die Entscheidung
stellen, ob die Staatsschuld weiter abgebaut oder die Steuerbelastung
gemildert werden oder ob beides zugleich geschehen soll. Statt hier
und dort vereinzelte übereilte Änderungen vorzunehmen, kann dann eine
vernünftige Steuerrevision auf einer umfassenden und ordnungsgemäßen
Basis in Angriff genommen und im Rahmen einer wirtschaftlichen und fiskalischen Stabilität verwirklicht werden."
Frieden in Gerechtigkeit für alle Völker
Das Hauptziel der USA, so unterstreicht der Präsident in seiner Botschaft, sei auch weiterhin ein Frieden in Gerechtigkeit für alle Völker.
Dabei sei es die Hoffnung der USA, daß die auf der Welt ruhenden schweren
Rüstungslasten verringert werden mögen. Die Vereinigten Staaten dürften
sich jedoch keinen Illusionen hingeben. In der gegenwärtigen Zeit der
Atomwaffen und der Interkontinentalraketen müsse jede Abrüstung kontrollie
bar und verifizierbar sein. Es seien noch schwerste Probleme zu lösen,
wenn man zu einer Abrüstung gelangen wolle, die Sicherheit und Gerechtigkeit für alle Nationen mit sich bringe. Aber diese Probleme müßten gelöst werden, wenn die Welt nicht ständig an der Klippe des Unheils leben
soll.
Der Präsident hebt hervor, daß die Vereinigten Staaten stark bleiben
müßten, während sie sich um einen Weg bemühen, der zu Frieden und Abrüstung führt. Das derzeitige Ziel der Vereinigten Staaten sei es, einen
Grad militärischer Stärke zu besitzen, der zusammen mit der militärischen
Macht der Verbündeten Amerikas jeden Gegner von der Entfesselung eines
kleinen oder großen Krieges abschreckt, gleichzeitig aber,nach einem Weg
zur Verminderung der Kriegsgefahr zu suchen. Das vorliegende Budget, so
erklärt Eisenhower, erfülle seiner Ansicht nach diesen Zweck. Bei den
Ausgaben des Verteidigungsministeriums für das Jahr 1960/61 sei der Nachdruck weiterhin auf die Modernisierung der bewaffneten Streitkräfte der
Vereinigten Staaten gelegt worden. Auch in der Militärhilfe für die Verbündeten der Vereinigten Staaten und im Gemeinsamen Sicherheitsprogramm
werde die wachsende Bedeutung der modernen Waffen und Raketen für die
weitere Verstärkung der Verteidigungskräfte der freien Welt zum Ausdruck
kommen. Die Atomenergie-Kommission führe ihr Wa£fenentwicklungsprogramm

�"AMERIKA DIENST"

22. Januar 196O

Waffenentwicklungsprogramm mit aller Intensität fort und werde sich auch
auf dem Gebiet der friedlichen Anwendung der Atomenergie energisch um
die Förderung der Forschungs- und Entwicklungsprojekte bemühen. Die Ausgaben für die Auffüllung der Waffenarsenale und Material-Vorratsläger sowie
für die Erweiterung der Verteidigungsproduktion würden im Finanzjahr
1960/61 weiter sinken, da die meisten Ziele dieser Programme erfüllt seien.
Verteidigungsministerium
"Militärische Aufgaben: Für die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums im Haushaltsjahr 1960/61 werden neue Bewilligungen
in Höhe von 40,577 Milliarden Dollar empfohlen. Die Ausgaben für 1960/61
werden auf 40*995 Milliarden Dollar veranschlagt. Diese Beträge schließen
die Mittel für die Entwicklung des Saturn-Weltraumpro jokts n.i sht mit ein,
das nach meinem Vorschlag an das ÜS-Bundesamt für Aeronautik und Raumfahrt
(NASA) übert ragen werden soll.
Strategie und Taktik der amerikanischen Streitkräfte machen gegenwärtig eine der stärksten Wandlungen in der Geschichte durch. Die Verlagerung
des Nachdrucks von der konventionellen' zur ^Raketenkriegführung muß mit Sorgfalt vollzogen werden, wobei im Auge behalten werden muß, daß die eine Art
der Kriegführung nicht ohne Gefahr zugunsten der anderen vernachlässigt
werden darf. Unsere Streitkräfte müssen in .der Lage sein, erfolgreich mit
jedem Notfall fertig zu werden, der uns aufgezwungen werden könnte, angefangen von begrenzten Notständen bis- zu einem weltweiten, »allgemeinen Atomkrieg."
Von dem Gesamtetat des Verteidigungsministeriums entfallen auf die
US-Armee 9,3^3 Milliarden Dollar - 34 Millionen Dollar mehr als 195^/60 -,
auf die US-Marine 11,683 Milliarden Dollar - 112 Millionen Dollar mehr
als 1959/60 - und auf die Luftstreitkräfte•18,614 Milliarden Dollar 209 Millionen Dollar weniger als 1959/60. Dagegen werden die Mittel für
die Raketenprogramme um 16 Prozent oder fast 1 Milliarde Dollar erhöht.
Im einzelnen werden folgende Unterteilungen der Aufgaben vorgenommen:
Zahlenmäßige Stärke der Streitkräfte und des militärischen Personals:
"Dieses Budget wird für das Haushaltsjahr 1960/61 .die Mittel für die
weitere Aufrechterhaltung unserer Streitkräfte auf etwa dem gegenwärtigen
Stand beschaffen - einem Stand am Jahresende von 2 489 000 Männern und
Frauen im aktiven Dienst. Die zu unterhaltenden Streitkräfte schließen ein:
eine Armee von 14 Divisionen mit 870 000 Mann; eine Marine mit 817 Schiffen
im aktiven Dienst und 619 000 Mann; ein Marinekorps von 3 Divisionen und
3 Luftgeschwadern mit 175 000 Mann; und eine Luftwaffe von 91 Kampfgeschwadern und 825 000 Mann."
Bezüglich der Reserve betont Eisenhower in seiner Botschaft, daß Ausbildungsstand und Einsatzbereitschaft über die zahlenmäßige Stärke zu stellen
seien. "Ich habe", so heißt es in der Botschaft, "den Verteidigungsminister
ersucht, die Rolle und Aufgabe der Reserveeinheiten im Verhältnis zu den
aktiven Einheiten und im Lichte der sich wandelnden Erfordernisse der modernen Kriegführung zu überprüfen." Eisenhower wendet sich gegen eine

�"AMERIKA DIENST"

22. Januar 196O

eine gesetzliche Festlegung einer Mindeststärke der Armeereserve und
der Nationalgarde, um der Regierung eine elastische "Anpassung an die
militärischen Notwendigkeiten" zu ermöglichen. Der Präsident schlägt
dann eine weitere "Reduzierung der Nationalgarde und der Armeereserve von ihrem gegenwärtigen Stand von 400 000 bzw. 300 000 Mann auf 36O 000
bzw. 270 000 Mann bis Ende des Haushaltsjahres 1960/61 vor.
Beschaffung, Forschung und Bauprogramme:
"Rund 45 Prozent der Ausgaben des Verteidigungsministeriums entfallen auf Beschaffung, Forschung sowie Entwicklungs- und Bauprogramme.
Für das Haushaltsjahr 1960/61 werden diese Ausgaben mit 18,9 Milliarden
Dollar veranschlagt, gegenüber 19*3 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr
1960/61. Die Verringerung der Mittel, die hauptsächlich beim Bau und der
Beschaffung von Flugzeugen eintritt, wird teilweise durch eine Erhöhung
für die Forschung und Entwicklung sowie für die Beschaffung von anderen
militärischen Ausrüstungen - wie Panzer, Fahrzeuge, Kanonen und Hochfrequenzgeräte - ausgeglichen. Die Ausgaben für den Schiffbau werden etwa
in der gleichen Höhe wie im Haushaltsjahr 1959/60 angesetzt.
Die in diesem Haushalt für 1960/61 empfohlenen neuen Ausgabenermächtigungen für die Beschaffung von Flugzeugen (ausschließlich der Mittel für die diesbezügliche Forschung und Konstruktion) belaufen sich auf
insgesamt 4»753 Milliarden Dollar, was 1,390 Milliarden Dollar unter den
für 1959/60 bewilligten Mittel liegt. Auf der anderen Seite steht die
1960/61 für die Raketenbeschaffung (ausschließlich Forschung und Konstruktion) vorgeschlagene Ausgabeermächtigung von 3,825 Milliarden Dollar
um 581 Millionen Dollar über der Summe für 1959/60. Diese gegensätzliche
Entwicklung in der Beschaffung spiegelt die vorgesehene Umwandlung in
der Zusammensetzung und den Aufgaben unserer Streitkräfte in den kommenden
Jahren wieder."
Der Präsident wendet sich gegen die Ausschaltung ausländischer Firmen
bei der Ausschreibung bestimmter militärischer Versorgungsgüter und geht
dann auf die ungeheuer rasche technische Entwicklung auf dem Gebiet neuer
Waffen ein. Manche Waffen seien bereits im Stadium der Entwicklung, wieder
unmodern geworden. Weiter habe oft die rasche Entwicklung irgendeiner
Waffe die Bedeutung einer parallellaufenden Entwicklung vermindert. Dies
habe eine ständige Überprüfung und Neubewertung des Verteidigungsprogramms
notwendig gemacht. So sei zum Beispiel die Bedeutung der REGULU3 II - einer
von aufgetauchten Unterseebooten abzufeuernden Rakete - durch die P0LARISRakete in den Hintergrund gedrängt worden, die von getauchten Unterseebooten abgeschossen werden kann. Weiter habe der wesentliche Fortschritt auf
dem Gebiet ballistischer Raketen zur Einstellung der Produktion der Auffangjäger vom Typ F-108 geführt, die bei großer Reichweite mit dreifacher
Schallgeschwindigkeit gegen bemannte Bomber eingesetzt werden sollen.
Die Hauptgefahr bestehe heute nicht mehr in bemannten Bombern, sondern
in Fernraketen.
Weiter sei das Programm für die erfolgreich erprobten und in den
Truppendienst gestellten Raketen mittlerer Reichweite vom Typ JUPITER
und THOR reduziert worden, da die Interkontinentalrakete vom Typ ATLAS
in steigendem Maße zur Verfügung stehe. Ebenso sei die Entwicklung energiereicher Brennstoffe für Flugzeuge auf Grund anderer Entwicklungen

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�"AMERIKA DIENST'

22. Januar 196O

Entwicklungen scharf gebremst worden.
Strategische Streitkräfte;
Die Abschreckungswirkung unserer Streitkräfte beruht sowohl auf
ihrer Fähigkeit, mit Kernwaffen zurückzuschlagen, als auch auf ihrer
Fähigkeit, andere wesentliche und notwendige Operationen in jeder Form
eines Krieges durchzuführen. Diese erste Fähigkeit kommt in einer Kombination von bemannten Bombern, auf Flugzeugträgern stationierten Flugzeugen, Interkontinentalraketen sowie Raketen mittlerer Reichweite zum
Ausdruck, die zweite in den in wichtigen vorgeschobenen Gebieten stationierten Land-, See- und Luftstreitkräften zusammen mit einsatzbereiten
Reserven, die eine rasche Verstärkung im Notfalle ermöglichen."
Eisenhower bezeichnet hier das Strategische Luftkommando als "das
Eauptelement unserer nuklearen Kapazität mit großer Reichweite". Die
schwierigste Entscheidung in diesem Zusammenhang, so heißt es, betreffe den
Langstreckenbomber vom Typ B-70 mit Überschallgeschwindigkeit. Der strategische Wert dieses Bombers, der bis 19&amp;5 einsatzbereit sein soll, werde
angesichts der Entwicklung der Interkontinentalraketen bezweifelt. Die
Entwicklungsarbeit für die B-70 solle jedoch fortgesetzt werden, da die
letzte Entscheidung bezüglich ihrer Verwendung noch im Jahre 1963 nach
einem Flugtest mit Versuchsmaschinen getroffen werden könne.
Weiter empfiehlt der Präsident die weitere Beschaffung des Bombers
vom Typ B-52H sowie des mit Überschallgeschwindigkeit fliegenden Mittelstreckenbombers vom Typ B-58 sowie der dazugehörigen Tankflugzeuge. Die
modernen Bomber sollen zum Teil die Mittelstreckenbomber vom Typ B-47
ersetzen.
"Im kommenden Haushaltsjahr", so heißt es in der Botschaft weiter,
"werden weitere Mengen an Raketen vom Typ ATLAS, TITAN und POLARIS hergestellt werden. Ich empfehle die Bewilligung von Mitteln für drei weitere
POLARIS-Unterseeboote, deren Bau im kommenden Haushaltsjahr beginnen soll,
und für die Vorausbeschaffung von Bauteilen mit langer Herstellungsdauer
für drei weitere Boote - um damit die Gesamtzahl der POLARIS-Unterseeboote
auf 15» zuzüglich der notwendigen Raketen, zu erhöhen. Im Haushalt werden
ferner Mittel für die Entwicklung und Herstellung der Rakete vom Typ
MINUTEMAN aufgeführt.
Eisenhower berichtet in diesem Zusammenhang, daß der Aufbau und die
räumliche Aufgliederung der Einheiten des Strategischen Luftkommandos
sowie der Aufbau der Warn- und Alarmeinrichtungen im wesentlichen abgeschlossen sind, wodurch innerhalb von 15 Minuten nach Eingang der Warnung
die Bomber und Tankflugzeuge in der Luft sein können.
Weiter soll vom Verteidigungsministerium die Möglichkeit einer ständigen Alarmbereitschaft für die schweren Bomber geprüft werden. "Es ist
weder notwendig noch praktisch, zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine ständige
Alarmbereitschaft in der Luft aufrechtzuerhalten", so heißt es in der Botschaft,, Eine solche Maßnahme würde in relativ kurzer Zeit die Gesamtkapazität für die Abwehr eines Angriffs beeinträchtigen. Das Strategische Luftkommando soll nach den Empfehlungen Eisenhowers in die Lage versetzt
werden, im Notfall eine solche Alarmbsreitschaft in der Luft aufrechtzuerhalten, bis die Lage geklärt ist.
Luftverteidigungsstreitkräfte?

�AMERIKA DIENST"

22 . Januar i960

Luftverteidigungsstreitkräftei
"Ein großer Fortschritt ist bei der Erhöhung der Wirksamkeit des
nordamerikanischen Luftverteidigungskommandos erzielt worden, das im
Jahre 1957 als integriertes Kommando der amerikanischen und kanadischen
Streitkräfte errichtet wurde. Die amerikanischen militärischen Elemente bestehend aus Teilen aller unserer Waffengattungen - sind mit dem kanadischen Luftverteidigungskommando integriert, um eine Luftverteidigungskapazität für den gesamten nordamerikanischen Kontinent aufrechtzuerhalten."
In der Botschaft wird auf die zunehmende Gefahr eines Raketenangriffs
hingewiesen. Jedoch dürfe, so heißt es, die Tatsache nicht übersehen werden, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt die bemannten Bomber noch die Hauptdrohung bilden. Bisher seien 17 Milliarden Dollar in die Verteidigung
gegen bemannte Bomber investiert worden, jedoch seien noch einige Vervollständigungen des Luftabwehrprogramms notwendig. Die für das kommende
Haushaltsjahr angeforderten Mittel, so wird betont, sollten im wesentlichen für den Abschluß des Programms genügen. Dabei werden die NIKE-HERKULESRaketen und die BOMARC-Flugraketen als wichtige Abwehrwaffen herausgestellt. Ferner soll das gesamte Radar- und Funknetz weiter modernisiert
werden.
Die Warneinrichtungen vor einem Angriff mit ballistischen Raketen,
die sich seit zwei Jahren im Bau befinden, sollen zum Teil innerhalb eines
Jahren in Dienst gestellt werden. Eisenhower weist in diesem Zusammenhang
darauf hin, daß die Abwehr von ballistischen Raketen mit Hilfe des
NIKE-ZEUS-Systems eine ungeheure Aufgabe ist. Dieses System bedürfe einer
außerordentlich sorgfältigen Erprobung- Die im vergangenen Jahr bewilligten
137 Millionen Dollar für das Anlaufen des Beschaffungsprogramms sollen
vorläufig noch nicht genutzt werden.
Seekontrollstreitkräfte:
"Die Kontrolle der Seegebiete und Ozeane sowie der Seewege ist ein
integraler Bestandteil für die Aufrechterhaltung unserer nationalen Sicherheit. Die Seestreitkräfte, die die Hauptverantwortung für diese Aufgabe
tragen, werden aus 817 Kriegs- und Versorgungsschiffen, 16 auf Flugzeugträgern stationierten Jagdbombergruppen, 11 Fluggruppen für die Unterseebootabwehr und 41 Patrouillen- und Aufklärungsluftgeschwadern bestehen."
Im Haushaltsjahr 1960/61 werden die Seestreitkräfte, wie aus der Botschaft hervorgeht, den fünften und sechsten Flugzeugträger der ForrestalKlasse, den ersten atomgetriebenen Kreuzer, 9 Raketenzerstörer, 7 Raketenfregatten und 6 atomgetriebene Unterseeboote erhalten. Ferner sollen 3 weitere POLARIS-Unterseeboote und ein umgebauter Raketenkreuzer in Dienst gestellt werden. Weiter ist der Neubau von 20 Schiffen und der Umbau von 15
Schiffen geplant.
Militärhilfe
In dem der Militärhilfe gewidmeten Abschnitt weist Eisenhower darauf
hin, daß die Fähigkeit der freien Welt, einen potentiellen Feind von einer

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�"AMERIKA DIENST"

22. Januar

i960

einer Aggression abzuschrecken, die 'kombinierte Stärke und Entschlossenheit vieler Staaten erfordert. Die Gesamtstreitmacht der Länder, die im
Rahmen des Militärhilfe-Programms von den Vereinigten Staaten unterstützt
werden, beläuft sich nach den Angaben des Präsidenten auf rund 5 Millionen Mann, 2200 Kriegsschiffe und 25 000 Flugzeuge, die Hälfte davon
Düsenmaschinen.
Die Ausgabeermächtigung von 2 Milliarden Dollar für das Militärhilfe-Programm im Jahre 1960/61, die Eisenhower in seiner Botschaft fordert, wird nach Ansicht des Präsidenten für die Ausbildung und das erforderliche Material zur Unterstützung der Streitkräfte ausreichen, die
von den Vereinigten Staaten Militärhilfe erhalten.
Auf die Militärhilfe für Westeuropa eingehend, erklärte Eisenhower
wörtlich: "Die Verteidigung Westeuropas in diesem Zeitalter der modernen
Waffen ist kostspielig und muß durch die gemeinsamen Anstrengungen aller
NATO-Staaten erreicht werden. Viele dieser Staaten haben jetzt die Verantwortung für die Produktion oder den Ankauf konventioneller Waffen und
Ausrüstungsgegenstände übernommen, die früher von den Vereinigten Staaten
geliefert worden waren. Das Militärhilfe-Programm 196O/61 sieht sich aber
zur gleichen Zeit einem dringenden Bedarf an neuen und kostspieligen Waffen gegenüber, bei denen die freie Welt immer noch eine Hilfe von seiten
der USA erwartet. Außerdem sieht die Militärhilfe intensivierte Ausbildungsprogramme vor, die eine wirksame Anwendung und eine entsprechende
Pflege des neuen Materials durch die Streitkräfte der Verbündeten gewährleisten."
Abschließend erklärt Eisenhower, daß sein Budget auch eine entsprechende Militärhilfe für Staaten in anderen Teilen der Welt vorsieht,
die eine Verteidigungskapazität gegen Aggression und Subversion aufbauen.
Bei diesen Staaten, die sich zum Teil bereits zu kollektiven Verteidigungsbündnissen wie SEAT0 oder CENT0 zusammengeschlossen hätten, werde
die Militärhilfe hauptsächlich in der Stärkung der konventionellen Streitkräfte bestehen, wie sie - je nach der Art der in den einzelnen Räumen
bestehenden Gefahren - zur Verhinderung von Aggressionen erforderlich sind.
Auslandshilfe
Für das Gemeinsame Sicherheitsprogramm der USA - die amerikanische
Auslandshilfe - fordert Präsident Eisenhower für das neue Haushaltsjahr
insgesamt 4,175 Milliarden Dollar an. Dieser Betrag liegt um 949 Millionen
Dollar über der Summe, die der amerikanische Kongreß für das gegenwärtig
laufende Haushaltsjahr bewilligt hat. Der größte Teil dieses Mehrbetrages - nämlich 700 Millionen Dollar - soll für die militärische Unterstützung ausgegeben werden. Die im Rahmen der Auslandshilfe im Haushaltsjahr 196O/61
.sächlich anfallenden Ausgaben werden auf 3,45 Milliarden
Dollar veranschlagt. Das sind 100 Millionen Dollar mehr als im gegenwärtigen Rechnungsjahr.
Im einzelnen teilt sich die Auslandshilfe - wie aus der -Haushaltsbotschaft ersichtlich wird - in 2 Milliarden Dollar für die militärische
Unterstützung und 2,175 Milliarden Dollar für die Wirtschaftshilfe auf.
Im Rahmen der wirtschaftlichen Hilfe sind unter anderem 724 Millionen Dollar

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�'AMERIKA DIENST"

22. Januar i960

Dollar für die sogenannte Verteidigungsunterstützung, 700 Millionen Dollar
für den Entwicklungsanleihefonds und 268 Millionen Dollar für Sonderhilfsprogramme vorgesehen. Diese Beträge liegen hei der Verteidigungsunterstützung um 29 Millionen Dollar, beim Entwicklungsanleihefonds um 150
Millionen Dollar und hei der Sonderhilfe um 23 Millionen Dollar über den
Summen, die für das gegenwärtige Rechnungsjahr jeweils vom Kongreß bewilligt
wurden.
Präsident Eisenhower weist in seiner Botschaft darauf hin, daß die USA
durch ihr Gemeinsames Sicherheitsprogramm wesentlich zur Förderung der Stabilität und des wirtschaftlichen Wachstums der Entwicklungsländer sowie zur
Stärkung der Verteidigung der freien Welt beitragen.
"Viele der Entwicklungsländer", so heißt es in dem Abschnitt über die
Verteidigungsunterstützung wörtlich, "die an der gemeinsamen Verteidigung
teilhaben, unterhalten große militärische Streitkräfte, deren Kosten eine
gewaltige Belastung für ihre begrenzten wirtschaftlichen Hilfsquellen darstellen. Um bei der Sicherung der politischen und wirtschaftlichen Stabilität dieser Länder zu helfen sowie zu verhindern, daß die Kosten der notwendigen Verteidigungsstreitkräfte die wirtschaftliche Entwicklung über Gebühr beeinträchtigen, gewähren die USA wirtschaftliche Hilfe, und zwar in
erster Linie dadurch, daß Verbrauchsgüter sowie Rohmaterialien und Maschinen
für die industrielle Produktion geliefert werden."
Bei seinem Überblick über die Tätigkeit des Entwicklungsanleihefonds,
der im Jahre 1957 ins Leben gerufen wurde, um den Entwicklungsländern zu
günstigen Bedingungen Kapital zur Verfügung zu stellen, hebt Eisenhower hervor, daß bis Ende des Finanzjahres 1959/60 rund 148 Anleihezusagen in Gesamthöhe von etwa 1,4 Milliarden Dollar gemacht sein werden, Über 75 Prozent
der aus dem Fonds finanzierten Projekte entfallen auf den Bau von Straßen,
Eisenbahnen, Elektrizitätswerken sowie auf. industrielle Vorhaben und die
Schaffung von industriellen Entwicklungsbanken. Da sich die meisten dieser
Projekte über mehrere Jahre erstrecken, so heißt es in der Botschaft des
amerikanischen Präsidenten weiter, seien die tatsächlichen Auszahlungen
bisher relativ klein gewesen. Für das neue Haushaltsjahr würden diese jedoch auf rund 300 Millionen Dollar veranschlagt - 125 Millionen Dollar mehr
als im laufenden Haushaltsjahr. Die neu angeforderten Mittel würden die Anleihen sicherstellen, die für das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsländer der freien Welt - eines der Ziele der amerikanischen Außenpolitik notwendig seien.
Unter die Sonderhilfsprogramme fällt in erster Linie die Wirtschaftshilfe an verschiedene Länder der freien Welt, deren militärische Streitkräfte die USA nicht direkt unterstützen. Weitere Programme, die unter dieser Rubrik rangieren, sind für die Verbesserung der Verhältnisse in Afrika,
vor allem auf dem Erziehungs-, Gesundheits- und Verwaltungssektor, gedacht.
AtomenergieProgramm
"Es wird damit gerechnet, daß die Ausgaben für die Atomenergie-Kommission
(AEG) im Jahre 1960/61 mit etwa 2,7 Milliarden Dollar auf der Höhe des Jahres.
1959/60 bleiben. Eine beträchtliche Steigerung der Aufwendungen für Forschungs- und Entwicklungsaufgaben wird durch Reduzierung der Ausgaben für
die Beschaffung von Uranerzkonzentraten von amerikanischen und kanadischen
Produzenten ausgeglichen werden. Durch diese Reduzierungen werden die Erzlieferungen in ein besser ausgewogenes Verhältnis zu den Produktionserfordernissen gelangen.

�"AMERIKA DIENST"

22. Januar 196O

Die Entwicklung und Produktion von Kernwaffen wird im Jahre 1960/61
a.uf der hohen Stufe der vergangenen Jahre bleiben. Die Entwicklung von
militärischen Reaktoren für eine Vielzahl von Antriebs- und Energieerzeugungszwecken wird weiterhin energisch vorangetrieben werden. Mit der
Inbetriebnahme des auf dem Lande aufgebauten Modellreaktors für einen
Zerstörer im Jahre 1961, zusammen mit den 4 anderen schon fertigen Modellreaktoren der Marine, werden Atomantriebsanlagen für größere Kriegsschiffe zur Verfügung stehen. Bei der Entwicklung von Kernreaktoren für die
Marine wird im Jahre 1960/61 der Nachdruck in erster Linie auf der Herstellung von verbessertem und länger verwendbarem Reaktorbrennstoff liegen.
Die Entwicklung von Atom-Düsenantriebsaggregaten für Raketen sowie die Entwicklungsarbeiten für Atomflugzeuge und Atomkraftanlagen zur Elektrizitätserzeugung auf weit abgelegenen Militärstützpunkten werden weiter fortgeführt werden."
Atomenergie für friedliche Zwecke
"Die Ausgaben für die Entwicklung von Atomkraftstrom auf dem zivilen
Sektor sind für das Jahr 1960/61 auf 250 Millionen Dollar veranschlagt.
Von diesem Betrage sind 185 Millionen Dollar für die eigentliche Forschung
und Entwicklung und 65 Millionen Dollar für den Bau von Kraftreaktoren und
den dazugehörigen Entwicklungsanlagen für den zivilen Bedarf vorgesehen.
In den veranschlagten Ausgaben sind die Beträge aus den vorgeschlagenen
neuen Bewilligungen in Höhe von 40 Millionen Dollar enthalten, die für
die Unterstützung privater oder öffentlicher Elektrizitätswerke zur Entwicklung und für den Bau von Probe-Atomkraftwerken vorgesehen sind oder
für solche direkt von der Regierung unternommenen Bauten, die sich als
notwendig erweisen könnten. Die Zahl, die Typen und die Größe der zu
bauenden Reaktoren und die Art der gewährten Unterstützung wird von der
AEC nach Überprüfung des technischen Standes und der von der Industrie
vorgeschlagenen Zusammenarbeit festgelegt werden."
Physikalische und physiologische Forschung
"Die Ausgaben der Atomenergie-Kommission für physikalische und
physiologische Forschungen werden im Jahre I96O/61 erneut beträchtlich
ansteigen und auf über 210 Millionen Dollar klettern. Eine derartig intensive Forschung wird mithelfen, den Vereinigten Staaten weiterhin die
führende Position beim Studium der Verhaltensweise der Grundbestandteile
der kosmischen Materie und der Auswirkungen energiereicher Strahlung auf
den Menschen und seine Umwelt zu erhalten. Der größte Teil der erhöhten
Finanzmittel wird dazu verwendet werden, innerhalb der nächsten 18 Monate
drei neue Teilchenbeschleuniger mit einem Energiebereich von mehreren
Milliarden Elektronenvolt in Betrieb zu nehmen, darunter das A-G-Synchrotron (Alternating Gradient Synchrotron) im Staatslaboratorium von Brookhaven."
Unterstützung des .Zivilen '.Veitraumprogramms
"Zur Unterstützung des Zivilen Weltraumprogramms wird die AEC die
Entwicklungsarbeiten an den atomgetriebenen Raketen und den kleinen Atomenergieaggregaten mit langer Betriebsdauer für Raumfahrzeuge weiterführen.
Auch die Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der thermonuklearen Energie- D1-

�"AMERIKA DIENST

22. Januar 1960

Energiegewinnung und der Anwendung von Atom-Explosivmitteln für eine ganze
Reihe von Aufgaben im zivilen Bereich werden im Jahre 1960/61 fortgesetzt
werden.
Erweiterung der Arsenalbestände und der Verteidigungsproduktion
Die meisten der Ziele, die in bezug auf die Einlagerung von strategisch und anderweitig wichtigem Material gesetzt worden waren, sind jetzt
erreicht. Weiteres Material - aus den Kontrakten zur Förderung der Erweiterung der Verteidigungsproduktion - kommt in reduziertem Maße herein,
da die Zahl der noch bestehenden Kontrakte abnimmt. Man rechnet daher mit
einem Absinken der für die Einlagerung von Material und für die Erweiterung
der Verteidigungsproduktion verausgabten Mittel von 230 Millionen Dollar
im Jahre 1959/60 auf 134 Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1960/61.
Wo es möglich ist, verhandelt man zur Zeit über Zusätze zu den noch
laufenden Kontrakten, um die Auslieferung der für die Arsenale nicht länger benötigten Materialien, soweit es geht, zu drosseln. Außerdem werden
Vorkehrungen getroffen, um Materialvorräte, die über den für die Arsenale
festgesetzten Zielen liegen, abzustoßen, soweit der Markt dadurch nicht
ernsthaft gestört oder unsere internationalen Beziehungen nicht ungünstig
beeinflußt werden."
Nichtmilitärische Weltraumpro.jekte
Die Ausgaben für nichtmilitärische Weltraumprojekte werden im neuen
Finanzjahr "praktisch verdoppelt" werden. Dadurch soll ein energischer
und systematischer Ausbau der wissenschaftlichen Weltraum-Forschungsprogramme und die Entwicklung der für den Vorstoß in den Weltenraum so
wichtigen überstarken Raketen-Treibsätze möglich gemacht werden.
Eisenhower fordert zur Finanzierung der Programme des amerikanischen
Bundesamtes für Aeronautik und Raumfahrt (NASA) im Finanzjahr 1960/61 einen
Gesamtbetrag von 545 153 000 Dollar, während der NASA im laufenden Haushaltsjahr nur 320 350 000 Dollar zur Verfügung standen.
Bei dem Arbeitsprogramm der NASA soll der Nachdruck im Jahr 1960/61
vor allem auf das "Projekt Merkur" - Abschuß eines bemannten Weltraumflugkörpers - gelegt werden. Falls die Versuche und technischen Tests weiterhin so erfolgreich wie bisher verlaufen, könne vielleicht schon im Jahre
1960/61 der Versuch gemacht werden, einen bemannten Flugkörper in den
Weltraum zu schicken. Außerdem wird die NASA die "Saturn"-Raketenkombination weiter erproben, die Entwicklungsarbeiten an einem Einkamm«xtriebwerk mit hoher Schubleistung weiterführen und im Rahmen des Projekts
"Centaur" eine Raketenkombination erproben, bei der die letzten Stufen
einen neuartigen Treibstoff von besonders hohem Energiegrad benutzen.
Schließlich wird das Amt für Aeronautik und Raumfahrt weitere künstliche
Satelliten und "Raketensonden" zur Fortsetzung der wissenschaftlichen
Arbeiten in der Meteorologie, der Weltraumphysik, der Aerodynamik und
der Funktechnik in den Raum schießen.
Internationale Aufgaben
"Die Vereinigten Staaten", so heißt es hierzu in der Botschaft Präsident Eisenhowers wörtlich, "werden auch weiterhin Programme unterstützen.

�«r

"AMERIKA DIENST"

22. Januar 1960

unterstützen, die den Weltfrieden fördern und die wirtschaftlichen Verhältnisse in der freien Welt verbessern sollen. Unserem Beitrag zur Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen schließen sich in immer größerem Maße unsere Freunde in der freien Welt an, die nunmehr - nachdem
sie sich von den Zerstörungen des Krieges erholt haben - einen hohen
Grad an Prosperität erreicht haben. Daher werden die multilateralen
Programme entsprechend erweitert..."
Für die Durchführung internationaler Aufgaben wie für amerikanische
Beitragszahlungen an internationale Gremien sowie andere zwischenstaatliche Verpflichtungen der USA fordert Präsident Eisenhower im neuen Haushaltsjahr 2,2 Milliarden Dollar. Dieser Betrag liegt um 177 Millionen
Dollar über den geschätzten Ausgaben des gegenwärtigen Finanzjahres.
(Weitere Angaben siehe "Auslandshilfe")
Aufgaben des amerikanischen Außenministeriums
Zur Durchführung der Aufgaben des amerikanischen Außenministeriums
im Ausland wird eine Ausgabeermächtigung in Höhe von 205 Millionen Dollar
beantragt. Eisenhower weist im Zusammenhang mit dieser Forderung darauf
hin, daß der Stab der amerikanischen Abrüstungssachverständigen angesichts
der im März in Genf beginnenden Abrüstungsbesprechungen sowie der gegenwärtigen Atomverhandlungen erweitert werden müsse. Ferner würden die
USA neue diplomatische und konsularische Vertretungen in Afrika, Lateinamerika, Südasien und Osteuropa einrichten. Auch das Sprachenprogramm des
amerikanischen Außenministeriums soll im kommenden Finanzjahr intensiviert
werden.
Informations- und Austauschprogramme
Für Informations- und Austauschprogramme werden in dem neuen Haushalt
insgesamt 168 Millionen Dollar eingesetzt. Eisenhower begründet diesen
Posten vor allem mit der geplanten Erweiterung der Tätigkeit des amerikanischen Informationsamtes (USIA) in Afrika und Lateinamerika, wozu auch
die Errichtung eines neuen Senders für die ''Stimme Amerikas" in Afrika
gehört. Ferner sollen die Sendeeinrichtungen in den USA verbessert und
verstärkt werden, um einen besseren Empfang im Ausland zu gewährleisten.
Weiter will das amerikanische Informationsamt auch die Tätigkeit auf dem
Gebiete des Fernsehens im Ausland intensivieren. Das Austauschprogramm
der USA mit insgesamt 80 Ländern soll ebenfalls erweitert werden, wobei
in erster Linie an den Austausch von Erziehern und führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gedacht ist.

* • * *

*

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./22.1 .1960
EISENHOWER LEGT WIRT SCHAFTSBERICHT VOR

WASHINGTON -- AD -- Als dritte große Botschaft
dieses Jahres unterbreitete Präsident Eisenhower dem amerikanischen Kongreß am 20. Januar
-196O seinen traditionellen Wirtschaftsbericht,
in dem er den gegenwärtigen Stand der amerikanischen Wirtschaft aufzeigt und einen Ausblick auf die wirtschaftlichen Aussichten des
kommenden Jahres gibt. Nachstehend bringen wir
das Begleitschreiben des Präsidenten und eine
Zusammenfassung des Wirtschaftsberichts.

Wortlaut des Begleitschreibens
Weißes Ha„us, 20. Januar i960
An den Kongreß der Vereinigten Staaten
Ich unterbreite hiermit meinen Wirtschaftsbericht, wie
dies in Absatz JA des Beschäftigungsgesetzes (Employment Act)
von 1946 gefordert wird.
Bei der Ausarbeitung des Berichtes standen mir der Wirtschaftsbeirat sowie die Leiter der Ministerien und unabhängigen Bundesbehörden, die von den hier erörterten Fragen direkt
betroffen werden, mit Rat und Unterstützung zur Seite. Der
Bericht gibt einen Überblick über die wirtschaftlichen Entwicklungert des Jahres sowie über die Maßnahmen, die auf den
wichtigsten Gebieten der Wirtschaftspolitik ergriffen wurden,
um eine gesunde Expansion der Beschäftigung, der Produktion
und des Einkommens zu fördern. Er zeigt ferner ein Programm
für das Jahr 196O auf, das in Zusammenhang mit den gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen die Zielsetzungen des Beschäftigungsgesetzes in
wirksamer Weise realisieren wird.
Die wichtigsten Schlußfolgerungen und Empfehlungen des
Berichtes werden anschließend aufgeführt, zum Teil mit den
Worten des Berichtes selbst.
Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar i960

Im ersten Quartal des Jahres 1959 hatte die Anfang 1958 einsetzende wirtschaftliche Erholung Produktion und Einkommen "bereits
auf einen Stand gebracht, der höher war als jemals zuvor in der
amerikanischen Wirtschaft. Ein weit«rer beträchtlicher Fortechritt
konnte im Verlauf des Jahre» 1959 erzielt werden, und zwar trotz
der tiefgreifenden Auswirkungen des 1l6tägigen Streiks in der
Stahlindustrie.
Die Erzeugung an Gütern und Dienstleistungen der USA erreichte
im vierten Quartal 1959 eine Jahresrate von 482 Milliarden Dollar.
Nach Ausschaltung der inzwischen eingetretenen Preisänderungen lag
diese Produktionsrate um 3»5 Prozent höher als die im Vergleichszeitraum des Jahres 1958 erzielte Rate. Im Dezember 1959 erreichte
der Gesamtbeschäftigtenstand unter Berücksichtigung der saisonbedingten Einflüsse mit 66,2 Millionen «ine Rekordhöhe und das Personaleinkommen eine Jahresrate von 591 Milliarden Dollar - 24 Milliarden Dollar mehr als ein Jahr zuvor. Unter Berücksichtigung des
Preisanstiegs bedeutet diese Zunahme des gesamten Personaleinkommens
im Jahre 1959 eine Erhöhung der tatsächlichen Kaufkraft unserer
Nation um nahezu 5 Prozent.
Wir haben bei unserem Ausblick guten Grund, darauf zu vertrauen, daß dieser wirtschaftliche Fortschritt auch im Jahre i960
anhält. Darüber hinaus kann er sich bei angemessenen privaten Maßnahmen und einer entsprechenden Politik der öffentlichen Hand sehr
wohl auch über das laufende Jahr hinaus erstrecken.
Wie immer in Zeiten einer schnellen wirtschaftlichen Expansion
müssen wir jedoch spekulative Maßlosigkeit sowie alle Handlungen vermeiden, die die Erfolge auf einen so kurzen Zeitraum zusammendrängen
würden, daß diese Wachstumsrate dann nicht weiter aufrechterhalten
werden könnte. 'Wir müssen sowohl durch private Maßnahmen als auch
durch öffentliche Politik den inflationären Druck, der die Grundlage
einer hohen und anhaltenden Wachstumsrate unterminieren könnte, auf
ein Mindestmaß zu begrenzen und auf diesem Mindestmaß zu halten
suchen.
Drei Faktoren sind im Regierungsprogramm zur Verwirklichung
des Ziels einer hohen Produktion und Beschäftigung sowie eines
hohen Einkommens, wie dies im Beschäftigungsgesetz dargelegt ist,
von "besonderer Bedeutung!
1. Positive Maßnahmen zu den im Budget für das Finanzjahr 1960/61
niedergelegten Empfehlungen hinsichtlich der Bewilligungen und der
die Bundeseinnahmen betreffenden Ansätze durch den Kongreß.
2. Die Verwendung des erzielten Überschusses, der gegenwärtig
auf 4»2 Milliarden Dollar veranschlagt wird, für den Abbau der Staatsschuld.
3. Maßnahmen seitens des Kongresses zur Beseitigung der Zinssat zbegrenzungen, die gegenwärtig eine antiinflationär wirkende Handhabung der Bundesschuld verhindern.
Ferner

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar i960

Ferner werden zahlreiche weitere Vorschläge, von denen eine
ganze Reihe in Abschnitt 4 des Wirtschaftsberichtes aufgeführt wird,
unterbreitet werden, die die bereits bestehenden Wirtschafts- und
Finanzprogramme der Bundesregierung ergänzen sollen.
Nach dem Ausgleich des Budgets, mit dem für das Finanzjahr
1959/60 gerechnet werden kann, werden diese drei im Regierungsprogramm für i960 niedergelegten Faktoren die im Zuge der Politik des
unabhängigen Federal-Reserve-Bankensystems zur Aufrechterhaltung
eines wirtschaftlichen Wachstums geleisteten unerläßlichen Beiträge
fördern - und durch sie auch ihrerseits gefördert werden. Fiskalische und monetäre Maßnahmen, die machtvolle Instrumente zur Verhinderung der Weiterentwicklung eines inflationären Druckes darstellen, können einander überaus wirksam ergänzen.
Diese Regierungspolitik muß jedoch durch angemessene private
Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich der Gewinne und Löhne, ergänzt werden. In unserem System der freien Wettbewerbswirtschaft
und der geteilten Verantwortung verlassen wir uns bei dem Bemühen,
ein inflationsfreies Wachstum zu erreichen, nicht allein auf die
Regierung. Im Gegenteil, wenn ein solches Wachstum erreicht werden
soll, dann ist ein Zusammenwirken geeigneter privater Maßnahmen und
öffentlicher Politik unerläßlich. Die erfolgreiche Verwirklichung
der vor uns liegenden Möglichkeiten wird daher in großem Maße davon
abhängen, wie die Industrie, die Gewerkschaften und" die Verbraucher
ihre Aufgaben in der Wirtschaft erfüllen.
In unserer freien Gesellschaft ist eine gut informierte und
wachsame öffentliche Meinung zur Erreichung der für die Preisstabilität und ein kräftiges wirtschaftliches Wachstum notwendigen
Bedingungen unerläßlich. Eine solche öffentliche Meinung kann eine
wirksame Sicherung gegen Versuche sein, Preise und Löhne willkürlich auf eine Höhe zu bringen, die mit dem allgemeinen Wohl unvereinbar ist. Eine informierte öffentliche Meinung ist ebenfalls zur
Unterstützung der Gesetze und Bestimmungen notwendig, die den
Rahmen für die Führung unserer Wirtschaftspolitik bilden.
Ferner ist es erforderlich, in der breiten Öffentlichkeit ein
größeres verständnis dafür zu erreichen, daß zwischen Produktivität
und Gewinn sowie Kosten und Preisen ein fester Zusammenhang besteht.
Es wäre ein schwerer Fehler, würde man annehmen, daß wir mit Erfolg
an die Stelle eines solchen Verständnisses einfach entsprechende
Gesetze oder Kontrollen setzen könnten. Ja, der umfassende Zusammenhang, um den es hier geht, kann gar nicht durch Gesetze fixiert werden, und alle Versuche, diesen Zusammenhang durch restriktive Regierungsmaßnahmen festzulegen, würden unsere Freiheit und die übrigen für ein gesundes wirtschaftliches Wachstum notwendigen Bedingungen gefährden.
Unser System der freien Einrichtungen und der geteilten Verantwortung hat uns bei der Erreichung des wirtschaftlichen Wachstums und
der Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse gute Dienste geleistet. Auf Grund unserer in der Vergangenheit gewonnenen Erfahrungen vertrauen wir darauf, daß wir in Zukunft den sich ändernden und

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar 196O

und vergrößernden Anforderungen im Rahmen dieses flexiblen Systems
gerecht werden können - eines Systems, das seine Stärke aus dem
Anreiz gewinnt, den es für den einzelnen bietet, aus dem Spielraum,
den es der Initiative und den Maßnahmen des einzelnen läßt, sowie
aus der sicheren Gewißheit, daß die Regierung dem Willen des Volkes
auch weiterhin entsprechen wird.
Dwight D. Eisenhower

Zusammenfassung der Wirtschaftsbotschaft
Gute Aussichten für 1960
In seinem zwei Tage nach der Vorlage des neuen amerikanischen
Haushalts dem Kongreß unterbreiteten Wirtschaftsbericht, der von
zahlreichen Tabellen und Statistiken untermauert wird, betont Eisenhower, daß auf Grund der vorliegenden Anzeichen die derzeitige wirtschaftliche Expansion auch über das Jahr i960 hinaus andauern dürfte
- vorausgesetzt, daß die Regierung und die Privatwirtschaft sich
entsprechend verhalten. Einschränkend fügt Eisenhower hinzu, daß es
allerdings in einer dynamischen freien Wirtschaft stets schwierig
sei, die genaue Entwicklung von Produktion, Beschäftigtenstand
und Einkommen über einen längeren Zeitraum hinweg vorauszusagen.
Die letzten Ereignisse und die gegenwärtige Wirtschaftslage ließen
jedoch eindeutig darauf schließen, daß die Nachfrage der Wirtschaft
nach Kapitalgütern sowie die Aufstockung der Lagerbestsnde sich im
kommenden Jahr als die entscheidenden Faktoren erweisen werden.
Vor allem in den nächsten Monaten werde diese Nachfrage besonders
stark sein, da zahlreiche infolge des Stahlstreiks hinausgeschobene
oder verzögerte Projekte nunmehr zur Ausführung kämen. Erhebungen
über die Absichten der Wirtschaft sowie die erhöhte Auftragsvergebung bestätigten diesen Trend. Auch in der Landwirtschaft sei
mit einer erheblichen Nachfrage nach Maschinen und Geräten zu
rechnen. Dagegen würden die Aufwendungen für den Wohnungsbau
nicht mehr ganz so hoch wie 1959 sein. Allerdings werde der Rückgang auf diesem Sektor nur begrenzt und die Bautätigkeit immer noch
höher als in den meisten letzten Jahren sein. Bei den Ausgaben der
Bundesregierung würden sich in der ersten Hälfte des Jahres kaum
Änderungen ergeben. Im weiteren Verlauf des Jahres sei allerdings
mit einer leichten Zunahme zu rechnen, sobald die in dem neuen
Bundeshaushalt für 1960/61 vorgesehene Entwicklung der Wasserwirtschaft» die anderen öffentlichen Aufträge sowie die Raumfahrtprogramme zum Tragen kommen. Dagegen sei eine weitere Ausgabenausweitung
auf einzelstaatlicher und kommunaler Ebene zu erwarten, vor allem
infolge der ständigen Bevölkerungszunahme und des hierdurch bedingten größeren Bedarfs an Dienstleistungen, Schulen und sonstigen
öffentlichen Einrichtungen.
Die erhöhten Aufwendungen der Wirtschaft, so betont der Bericht,
würden im Zusammenwirken mit den übrigen Trends zu einer starken
Ausweitung von Produktion, Beschäftigtenstand und Einkommen führen.
Damit werde die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehen, und die Verbraucher-

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar 196O

Verbrauchereinkommen und -ausgaben dürften sich im Verlaufe des
Jahres wesentlich erhöhen. Der Bedarf an Investitionsmitteln
sowie ein beträchtliches Volumen an Konsumentenkrediten werde
zu einer erheblichen Nachfrage auf dem Kapitalmarkt führen. Auf
der anderen Seite dürften auf Grund der hohen Einkommen und Sparleistungen auch mehr Gelder für Investitionszwecke zur Verfügung
stehen. Hier dürfte der im Haushaltsjahr 1960/61 zu erwartende
beträchtliche Haushaltsüberschuß ausgleichend wirken.
Eisenhower unterstreicht weiter, daß die Bundesregierung einen
grundlegenden Beitrag zur Schaffung eines für ein wirtschaftliches
Wachstum günstigen Klimas leisten kann, und zwar durch eine konstruktive und vorausschauende Finanz- und Steuerpolitik. In Zeiten
der Prosperität und steigender Produktion, Beschäftigtenzahlen und
Einkommen bestehe die richtige Finanzpolitik darin, einen wesentlichen Einnahmenüberschuß zu erwirtschaften, und angesichts der für
die nächste Zukunft zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung
sollte dieser Überschuß zur Tilgung der Staatsschuld verwandt
werden. Auf diese Weise werde den inflationären Tendenzen entgegengewirkt und ein gesundes wirtschaftliches Wachstum gefördert.
Aber auch die Privatindustrie, so fährt Eisenhower fort,
könne durch richtige Handhabung der von ihr kontrollierten Hilfsquellen zur Stärkung der Gesamtwirtschaft beitragen. Sie könne unter
anderem den Produktivitätszuwachs auf dem privaten Sektor dadurch
beschleunigen, daß sie einen größeren Prozentsatz ihrer Mittel für
Investitionen und die Forschung bereitstellt. Weiter sollte die
Industrie eine für die Marktausweitung günstige Preispolitik verfolgen und durch Verbesserung des Ausbildungsstandes der Belegschaften
jegliches unrationelles Arbeiten ausschalten. Gleichzeitig appelliert
Eisenhower an Gewerkschaften und Arbeitgeber - die eine gemeinsame
Verantwortung für die Förderung des wirtschaftlichen Wachstums tragen
-»auftretende Unstimmigkeiten umgehend und ohne eine Unterbrechung
der Arbeit beizulegen. Solche Unstimmigkeiten sollten zu Bedingungen
beigelegt werden, die sowohl für die Allgemeinheit wie auch für die
direkt beteiligten Parteien fair sind... Gerade die Ereignisse des
vergangenen Jahres hätten gezeigt, welcher Schaden entstehen kann,
wenn die für die Beilegung von Streitigkeiten in der Industrie
festgelegten Methoden zusammenbrechen. Darüber hinaus, so betont
Eisenhower, sei eine wachsame und gutunterrichtete Öffentlichkeit
vonnöten, die zur Schaffung der für Preisstabilität und eine dynamische Wirtschaftsexpansion erforderlichen Bedingungen beitragt.
Wirtschaftliche Entwicklung im Jahre 1959
Der wirtschaftliche Wiederaufschwung in den Vereinigten Staaten,
der Anfang 1958 begann, brachte die Produktion und die Einkommen im
ersten Quartal 1959 erneut auf einen hohen Stand. Die Produktionsleistung;
der Nation überschritt, an der Menge der erzeugten Güter
und Dienstleistungen gemessen, die früheren Höchststände. Die Einkommen lagen ebenfalls über dem bisherigen Rekord und die Zahl der
in der zivilen Wirtschaft Beschäftigten war - wenn auch immer noch
unter dem im zweiten Quartal 1957 erreichten Höchststand liegend - unter

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar 196O

unter Berücksichtigung der saisonbedingten Schwankungen um 1,2 Millionen
höher als Mitte 1958.
Diese Aufwärtsentwicklung setzte sich im ganzen Jahr 1959 fort, wenn
auch die Wirtschaftstätigkeit durch den 1l6tägigen Stahlstreik, der am
15« Juli begann, stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Entwicklungen
in der Stahlindustrie hatten zuerst einen expansiven, dann jedoch einen
zunehmend kontraktiven Einfluß. Vorgreifende Einkäufe von Stahl und Stahlerzeugnissen beschleunigten die Steigerung der Produktionsleistung der
Nation im ersten Halbjahr, führten jedoch zu einem Absinken des Bruttosozialprodukts im dritten Quartal, da etwa 85 Prozent der Stahlkapazität
still lag und die Produktion der stahlverarbeitenden Industrie im wesentlichen mit vorher produziertem Stahl aufrechterhalten werden mußte. Trotzdem belief sich die gesamte Produktionsleistung der Nation zum Jahresende auf Jahresbasis umgerechnet - auf 482 Milliarden Dollar; der Beschäftigtenstand war - unter Berücksichtigung der saisonbedingten Schwankungen auf 66,2 Millionen angestiegen, was einen Höchststand in unserer Geschichte
bedeutet; und das Personaleinkommen erreichte zum Jahresende eine Jahresrate von 591 Milliarden Dollar und lag damit (nach Anpassung an preisliche
Verändei'ungen) um 5 Prozent höher als im letzten Monat des Jahres 1958..."
Beschäftigtenstand und Einkommen
"Das Ansteigen des Beschäftigtenstandes und der Einkommen, das sich
an die Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft im Jahre 1958 anschloß, erfuhr
im Jahre 1959 eine weitere rasche Beschleunigung, Im Januar erhöhte sich
die durchschnittliche Länge der Arbeitswoche in der Industrie auf 40,1
Stunden (unter Berücksichtigung der saisonbedingten Schwankungen) gegenüber
einem Tiefstand von 38,7 Stunden während der Rezession. Der Gesamtbeschäftigtenstand in der zivilen Wirtschaft war um über 1 Million angestiegen (unter
Berücksichtigung der saisonbedingten Schwankungen) gegenüber seinem zyklischen Tiefstand, und die Arbeitslosigkeit war von einem Höchststand während
der Rezession von 7»5 Prozent der zivilen Arbeitskräfte auf 6 Prozent zurückgegangen .
Im Laufe des Jahres brachte die wirtschaftliche Expansion einen immer
stärkeren Bedarf an Arbeitskräften. Die durchschnittliche Länge der Arbeitswoche in der Fertigungsindustrie stieg auf 40,7 Stunden im April - dem
Höchststand seit April 1956 - und die durchschnittliche Zahl der Überstunden in der Fertigungsindustrie stieg im Juni scharf auf fast 3 Stunden in
der Woche an. Längere Arbeitswochen und mehr Überstunden waren auch in den
meisten anderen Industrien die Regel.
Die Arbeitslosigkeit änderte sich während der ersten Monate des Jahres
1959 nur sehr wenig, da die Zunahme des Beschäftigtenstandes durch das Anwachsen des Arbeitskräftepotentials beinahe ausgeglichen wurde. Zu Beginn
des Frühjahres jedoch, als die Produktion Rekordstände erreichte, stieg die
Zahl der Beschäftigten rasch an, überschritt das Wachstum des Arbeitskräftepotentials, und die Arbeitslosigkeit ging zurück. Die Gesamtzahl der nicht
in der Landwirtschaft Beschäftigten stieg (unter Berücksichtigung der
saisonbedingten Schwankungen) in den vier Monaten von Februar bis Juni 1959
um fast 1,3 Millionen an, und die Zahl der Arbeitslosen ging um 75O 000
zurück. Bis Mitte des Jahres war die Zahl der Arbeitslosen auf etwa 5 Prozent

�"AMERIKA PIEKST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar

196O

5 Prozent des Arbeitskräftepotentials gefallen; die langfristige Arbeitslosigkeit - die Zahl der Personen, die 15 Wochen oder länger Arbeit suchen lag um 1 Million unter dem Höchststand von fast 2 Millionen während der Rezession; die Arbeitslosigkeit unter Männern im Alter von 25 Jahren und •darüber war wesentlich niedriger als im Jahre 1958» und die Arbeitslosenrate
für verheiratete Männer lag im Juni 1959 mi~t 2,7 Prozent ebenfalls weit
unter dem Höchststand während der Rezession. Dessen ungeachtet lagen diese
Zahlen über denen, die vor der Rezession 1957/58 zu verzeichnen waren, und
die Arbeitslosenzahl blieb, besonders bei Personen ohne Arbeitserfahrung,
bei Bergleuten und bei Farbigen,verhältnismäßig hoch. Der Gesamtstand der
Arbeitslosen wurde jedoch in raschein Maße reduziert, bis diese Entwicklung
im Juli durch den Beginn des Stahlstreiks eine Umkehrung erfuhr...".
Internationale Entwicklungen
Unter dieser Überschrift wird in dem Wirtschaftsbericht eine kurze Darstellung der weltwirtschaftlichen Entwicklungen, insbesondere im Hinblick
auf den internationalen Zahlungsverkehr, gegeben. "Im Jahre 1959"» sc lwiß-t
es, "überstiegen im internationalen Zahlungsverkehr wie im Jahre 1958 die
Zahlungen der Vereinigten Staaten die Einnahmen bei weitem. Die Exporte
fielen - unter Berücksichtigung der saisonbedingten Schwankungen - im ersten Quartal des Jahres auf einen Tiefstand, begannen sich dann zu erholen
und stiegen im dritten Quartal wieder rasch an." Trotz des Stahlstreiks, so
wird weiter berichtet, blieb der Wert der US-Exporte von Januar bis einschließlich November gegenüber dem entsprechenden Zeitraum des Jahres 1958
gleich. Die US-Importe, von der Rezession 1957/58 fast unbeeinflußt, nahmen
bis Mitte 1959 in außergewöhnlicher Weise zu und blieben dann auf einem sehr
viel höheren Stand als in den Vorjahren stehen.
Zu diesen Entwicklungen, so wird betont, kamen eine starke Kapitalabwanderung und hohe militärische Ausgaben, wenn auch, besonders auf dem Sektor des privaten Kapitals, im Jahre 1959 eine Abschwächung gegenüber 1958 zu
verzeichnen war. Die Transferierung von Gold und flüssigen Dollarguthaben,
die sich als Folge der Lücke zwischen den Gesamtzahlungen und Einnahmen ergab, erreichte im zweiten Quartal 1959 eine Jahresrate von 4»5 Milliarden
Dollar. Die Situation habe sich dann, so heißt es in dem Bericht, teilweise
)
dank einer vorzeitigen britischen Rückzahlung von 25O Millionen Dollar an
die Export-Import-Bank, verbessert.
Die Veränderungen in der amerikanischen Zahlungsbilanz werden in dem
Bericht zum Teil auf das wirtschaftliche Wiedererstarken anderer Länder
zurückgeführt. In einigen Fällen habe sich die neuaufgetretene internationale Disparität von Kosten und Preisen zugunsten der anderen Länder ausgewirkt.
Auch das Absinken der Seefrachtraten habe den Zustrom ausländischer Güter
nach den USA erleichtert. Diese Einflüsse, so heißt es weiter, hätten sich
jedoch nicht ausschließlich in einer Richtung ausgewirkt. Eine Studie des
Handelsministeriums über die jüngsten Veränderungen des amerikanischen Anteils
an den Exportmärkten habe sowohl Gewinne als auch Verluste aufgezeigt. Die
Exportrückgänge hätten sich auf wenige Warensorten, darunter vor allem Automobile und Stahl, bei denen der Import zunahm, beschränkt.
Weiter

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar

196O

V/eiter seien in diesem Zusammenhang die wirtschaftlichen Fluktuationen im eigenen Land sowie im Ausland in Rechnung zu stellen. So gehe ein
Rückgang der Ausfuhr mit einer Schwächung der Importkapazität der anderen
Länder Hand in Hand. Umgekehrt spiegele der Aufschwung im amerikanischen
Exportgeschäft im Jahre 1959 e i n Wiederaufleben der wirtschaftlichen Expansion im Ausland wider. Daher müsse die Expansion in den Hauptabnehmerländern der USA ständig beobachtet werden.
Änderungen der Weltmarktlage
In einem Überblick über die Weltmarktlage weist Eisenhower in seinem
Bericht darauf hin, daß "sich die Wirtschaftsbedingungen im Jahre 1959
in praktisch allen Industrieländern verbessert haben." In Kanada wie in
den Vereinigten Staaten habe die Produktionsbelebung bereits im Jahre 1958
eingesetzt. Auch in Japan sei ein scharfer Anstieg der Produktionskurve
seit 1958 zu verzeichnen gewesen. Die Expansionsrate der Produktion sei
gerade in diesem Lande seither außerordentlich gestiegen.
Auch in Westeuropa habe die Wirtschaft nach Überwindung gewisser rückläufiger Tendenzen, die sich auch auf den Exportbedarf im Jahre 1958 ausgewirkt hätten, dann zu Beginn des Jahres 1959 eine kräftige Belebung der
Produktion zu verzeichnen gehabt. Der hierbei aufgetretene Zeitunterschied von neun Monaten zwischen dem Produktionsaufschwung in Nordamerika
und in Westeuropa habe für die E fcwicklung des Handels- und Zahlungsverkehrs auf beiden Seiten eine gewisse Bedeutung gehabt.
In der zweiten Hälfte des Jahres 1959 s e i ^ e i den meisten industriell
stärker entwickelten Ländern eine eindrucksvolle Belebung der Wirtschaftstätigkeit gegenüber dem Vorjahre festzustellen gewesen. Die Belebung habe
sich auf die meisten Industriezweige eistreckt, wobei die Kohlengruben aller
dings eine Ausnahme bildeten, was wiederum gewisse ungünstige Auswirkungen
auf die amerikanischen Kohlenverkäufe in Europa zur Folge hatte. Bei dem
Wirtschaftsaufschwung scheinen die Kapitalinvestitionen der Industrie eine
verhältnismäßig kleine Rolle gegenüber den Anforderungen auf anderen Sek- •
toren gespielt zu haben, der Kapitalmarkt habe sich zu Begihn des Jahres
auch im allgemeinen als recht schwach gezeigt. Dies habe sich dann aber
im Verlauf des Jahres in den meisten Industrieländern - vor allem aber in
Deutschland und Japan - geändert, als die Produktionsexpansion immer stärker
wurde.
Als einen der Gründe für die starke Ausweitung der Produktion in den
anderen Industrieländern führt der Bericht des Präsidenten die wachsende
Nachfrage nach Industrieerzeugnissen dieser Länder auf ihren Exportmärkten
an.
Die stärkste Exportnachfrage hätte sich anfänglich allerdings auf den
kanadischen Märkten gezeigt, während die Exporte nach den eigentlichen
Nicht-Industrieländern im ersten Quartal des Jahres 1959 noch 12 Prozent
unter den Exporten im gleichen Zeitraum des Vorjahres lagen und auch im
zweiten Quartal noch nicht über die des Vorjahres hinausgegangen waren.
Die schwache Nachfrage nach Exportgütern auf den Märkten der NichtIndustrieländer zu Beginn des Jahres 1959 s e i a u f z u knappe Devisenbestände

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Januar 196O

Devisenbestände auf Grund einer nur langsamen Anpassung ihres Imports an
die seit Mitte 1957 ständig weiter gesunkenen Preise ihrer Exportgüter
zurückzuführen. So sei zum Beispiel in Lateinamerika während dieser zwei
Jahre ein Absinken der Exportpreise - mit Ausnahme des Erdöls - um 20 Prozent zu beobachten gewesen. Nachdem sich das Exportvolumen der Nicht-Industrieländer dann aber Ende 1958 erweitert habe, habe sich auch ihre Devisenlage gebessert. Die Länder des Sterling-Blocks hätten in dieser Hinsicht
besonders durch die Belebung der Woll- und Gummimärkte profitiert.
Der amerikanische Außenhandel
Der Bericht hebt hervor, daß sich in den Exporten der Vereinigten Staaten in den ersten Monaten des Jahres 1959 die relativ geringe Nachfrage auf
den Weltmärkten und gewisse andere ungünstige Umstände widerspiegelten. So
stießen die amerikanischen Kohlenexporte zum Beispiel, trotz des günstigen
Preisangebotes, infolge der übermäßigen Haldenbestände in Europa auf Schwierigkeiten. Im zweiten und vor allem aber im dritten Quartal seien diese
widrigen Umstände weitgehend durch die Wirtschaftsexpansion der industriell
hochentwickelten Länder ausgeglichen worden. Auch die amerikanischen Agrarexporte seien in den beiden letzten Quartalen des Jahres 1959 angestiegen.
Die amerikanischen Warenkäufe haben dem Bericht Eisenhowers zufolge
in knapp einem Jahr um etwa 25 Prozent gegenüber dem Rezessionstiefstand
im ersten Quartal 1958 zugenommen. Demgegenüber seien die Ausgaben der Vereinigten Staaten im Ausland - vor allem die Ausgaben für die Truppen - in
den ersten drei Quartalen etwas niedriger als im Vergleichszeitraum 1958 gewesen, während die Ausgaben der amerikanischen Touristen wiederum etwas
höher lagen. Die Einnahmen aus den amerikanischen Auslandsinvestitionen hätten sich zwar unter denen des Jahres 1958 gehalten, jedoch im Verlauf des
Jahres eine gewisse steigende Tendenz gezeigt. Durch den Anstieg des amerikanischen Zinssatzes bedingt, sei der Kapitalfluß ins Ausland während der
ersten drei Quartale des Jahres 1959 erheblich hinter dem des voraufgegangenen Jahres zurückgeblieben. Die für das vierte Quartal noch nicht vollständig
vorhandenen Unterlagen zeigten einen gewissen Abfall in der Rate des Goldund Dollartransfers, der zum Teil auf die großen Vorauszahlungen der Auslandsschuldner an die Vereinigten Staaten zurückzuführen sei.
Aussichten für die Zahlungsbilanz
"Für das Jahr 196O", so heißt es in dem Wirtschaftsbericht weiter,
"scheint sich eine leichte Verbesserung der internationalen Zahlungsbilanz
der Vereinigten Staaten abzuzeichnen." Die Einfuhren an Rohstoffen für die
Industrie könnten mit der weiteren Produktionssteigerung zwar noch zunehmen,
jedoch in geringerem Maße als bisher. Auch die Importe auf anderen Gebieten
würden voraussichtlich langsamer ansteigen, so daß die Zunahme der Gesamtimporte 196O geringer sein werde als in der Zeit von Anfang 1958 bis Mitte

1959In dem Bericht wird weiter auf Grund der wirtschaftlichen Expansion im
Ausland, wie schon vorher aufgezeigt, eine Ausweitung der Exporte erwartet.
Weiter wird mit einem stärkeren Anwachsen der Exporte als der Importe gerechnet sowie ebenso mit einem schnelleren Ansteigen der Einnahmen aus Dienstleistungen als der Zahlungen für Dienstleistungen und der militärischen Ausgaben
im Ausland. Insgesamt dürfte sich also bei Gütern und Dienstleistungen Ende
1960 ein positiver Saldo ergeben. Demgegenüber, so wird in dem Bericht ausgeführt, dürften sich die Kapitalausfuhren weiter erhöhen, so daß das Gesamtzahlungsdefizit auch 196O noch relativ hoch sein werde. Um eine Verbesserung dieser Situation zu erzielen, müsse also eine starke Ankurbelung des Exports vorg€

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D I E N S T

Wi./l9.2.1960
EISENHOWER UNTERBREITET KONGRESS AUSLANDSHILFEPROGRAMM

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower hat am 1£.
Februar i960 dem amerikanischen Kongreß seine jährliche
Botschaft über das Auslandshilfeprogramm der Vereinigten Staaten - das Programm für Gemeinsame Sicherheit unterbreitet. Die Botschaft des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
An den Kongreß der Vereinigten Staaten
In meiner Botschaft an den Kongreß über das Gemeinsame Sicherheitsprogramm im vergangenen Jahr habe ich das Programm sowohl als entscheidend wichtig für unsere Sicherheit als auch wichtig für unsere Prosperität beschrieben. Mit dem Hinweis, daß unsere Ausgaben für die Gemeinsame
Sicherheit genauso wichtig für unsere nationale Verteidigung sind wie die
Ausgaben für unsere eigenen; Streitkräfte, habe ich festgestellt, daß das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm nicht nur in unserem eigensten Interesse
liegt, sondern auch dem Idealismus des amerikanischen Volkes entspringt,
der die wahre Grundlage unserer Größe ist. Das Programm beruht auf fünf
fundamentalen Erkenntnissen:
Erstens, daß der Friede eine Sache ist, die die ganze Menschheit zutiefst angeht;
Zweitens, daß zur Erhaltung des Friedens die freie V/elt in ihrer Verteidigung stark bleiben muß;
Drittens, daß die Erreichung eines gerechten Friedens von der Erzielung einer Entwicklungsrate des wirtschaftlichen Fortschritts in der
Welt - insbesondere bei den Völkern der weniger entwickelten Länder abhängt, der die Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Wünsche in sich birgt;
Viertens, daß die Aufrechterhaltung der Verteidigungsstärke der freien
»Veit sowie die Unterstützung der weniger entwickelten, jedoch entschlossen und hart arbeitenden Völker, die nach einer vernünftigen Rate den
wirtschaftlichen Wachstums streben, eine gemeinsame Verpflichtung der
Gemeinschaft der freien Welt sind;
Fünftens, daß die Vereinigten Staaten ihre Verpflichtung, in dieser
Hinsicht mit allen anderen freien Nationen zusammenzuarbeiten, nicht abschütteln können.
*
Ich

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19. Februar i960

Die Völker Europas steuern in zunehmendem Maße ihren Anteil zu der
gemeinsamen Verteidigungsaufgabe bei. Keiner unserer NATO-Partner, außer
Griechenland, der Türkei und Island, fordert oder erhält noch irgendwelche
Wirtschaftshilfe. Vielmehr gewähren jetzt diese Länder in wachsendem Maße
anderen wirtschaftliche Hilfe. Unsere NATO-Verbündeten decken ebenfalls
in immer stärkerem Maße ihren militärischen Bedarf selbst; mehrere größere
Länder benötigen jetzt keine Hilfe mehr. Unsere militärischen Programme
in den NATO-Ländern sind heute in erster Linie Vereinbarungen über eine
Aufteilung der Kosten und werden in dieser Form abgewickelt, wobei wichtige
zusätzliche Verteidigungserfordernisse durch gemeinsame Anstrengungen befriedigt werden.
Während jede Möglichkeit zur Erreichung verläßlicher Abkommen ausgeschöpft werden muß, ist es doch klar, daß es völlig töricht wäre, unsere
Position einer gemeinsamen Abschreckungsstärke aufzugeben oder zu schwächen,
die eine so wichtige Vorbedingung dafür ist, solche Möglichkeiten prüfen
zu können. Es ist notwendig, daß wir standhaft, ohne Dramatik und gedulddg
in unseren Anstrengungen zur Erhaltung unserer gemeinsamen Verteidigung
fortfahren, während wir gleichzeitig darauf hinarbeiten, Lösungen für die
Probleme zu finden, die die Welt spalten und den Frieden bedrohen.
Das Gemeinsame Sicherheitsprogramm ist ein für den Fortschritt der
Welt in Freiheit unerläßliches Programm. Neben seinen gemeinsamen Verttidigungsaspekten stellt es ferner den amerikanischen Teil eines gemeinsamen Unterfangens seitens freier Menschen dar, den Lebensstandard von
Millionen von Menschen von einem untragbar niedrigen und mit der Menschenwürde und Freiheit nicht zu vereinbarenden Stand zu heben.
Hunderte von Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben erkannt, daß
es nicht ihr Schicksal zu sein braucht, in ewiger Armut und Krankheit am
Rande des Verhungerns leben zu müssen. Ihre maßgebenden Politiker führen
ihnen dies immer wieder eindringlich vor Augen. In vielen Fällen vollzieht
sich diese Bewegung nur ruckweise und ungleichmäßig und ist in ihrer Richtung unsicher. Manchmal fällt sie mit dem Kampf der freien Welt gegen den
Kommunismus zusammen, manchmal nicht. Es liegt ganz im Interesse der Vereinigten Staaten, daß wir diese Bewegung unterstützen, damit diese Länder
ihren Platz als freie, unabhängige, fortschrittliche und stabile Mitglieder der Völkergemeinschaft einnehmen können. In gleicher Weise ist es klar,
daß es gegen unsere Interessen wäre, wenn diese fortschrittliche Bewegung
unterdrückt oder behindert würde. Das Ergebnis wäre Enttäuschung sowie eine
gefährliche Bedrohung der politischen und wirtschaftlichen Stabilität überall auf der Welt.
Genauso wie die militärische Sicherheit ist auch die wirtschaftliche
Entwicklung eine gemeinsame Notwendigkeit und eine gemeinsame Verpflichtung.
Eine Investition in die Entwicklung eines Teiles der freien Welt ist gleichzeitig eine Investition in die Entwicklung der gesamten freien Welt. Unser
Wohlergehen und das Wohlergehen aller freien Menschen können nicht geteilt
werden - wir sind alle voneinander abhängig. Wir alle - die Starken und
die Schwachen, die Entwickelten und die weniger Entwickelten - müssen uns
in dem großen Bemühen zusammenschließen, der gesamten Menschheit die Möglichkeit eines lohnenden Lebens in Freiheit und Frieden zu bieten. Eine
Expansion der Weltwirtschaft und ein Anwachsen des Handels wird auch eine
gesteigerte Prosperität für jedes Land der freien Welt mit sich bringen.
Neue

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19, Februar i960

Neue Aufgaben mit entsprechenden Gelegenheiten und Möglichkeiten zeichnen sich jetzt vor uns ab: der immer raschere Erfolg des Unabhängigkeitsstrebens der Völker in Afrika; die wachsende Unruhe in den weniger entwickelten Gebieten sowie als Folge des anhaltenden Wachstums der jetzt gesunden Wirtschaften der industrialisierten westeuropäischen Länder sowie
Japans, Kanadas und Australiens das zunehmende Vermögen dieser Länder, mit
diesen Gebieten als Partner zusammenzuarbeiten und ihnen zu helfen.
Das Zusammenwirken der freien Welt ist zum Losungswort für diese Bemühung geworden. Im vergangenen Jahr wurde das Kapital der Weltbank verdoppelt und das des Internationalen Währungsfonds um die Hälfte vermehrt.
Außerdem wurde ein Vorschlag der Vereinigten Staaten zur Schaffung einer
Internationalen Entwicklungsgesellschaft (IDA) als Tochtergesellschaft der
Weltbank im Prinzip angenommen, und ein entsprechender Charta-Entwurf vor
kurzem den Mitgliedstaaten unterbreitet. Ich werde dem Kongreß in Kürze
Empfehlungen in dieser Angelegenheit unterbreiten, Die Beteiligung der
Industrieländer Europas im Verein mit Japan und Kanada an den kooperativen Bemühungen untereinander und mit den weniger entwickelten Ländern zur
Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums hat in bemerkenswerter Weise zugenommen. Über ähnliche Wege und Methoden soll auf einer im März in Washington stattfindenden Konferenz, an der Vertreter einer Reihe von Staaten teilnehmen werden, verhandelt werden.
In unserer Gemeinschaft der Nationen der westlichen Hemisphäre haben
wir uns jetzt zu einem neuen großen Unterfangen zusammengeschlossen - der
Interamerikanischen Entwicklungsbank. Diese neue Institution, die in Partnerschaft mit unseren Nachbarländern gebildet wurde, dürfte sich für die
Förderung einer schnelleren Entwicklung der Mitgliedstaaten als von sehr
großem Wert erweisen. Unsere Teilnahme an diesem gemeinsamen Unterfangen
zeigt, welches besondere Interesse wir an der progressiven Entwicklung unserei
Nachbarn nehmen. Zusammen mit dem sehr beachtlichen Ausmaß an privaten und
staatlichen Investitionen in dieser Hemisphäre und der beiderseits nutzbringenden technischen Zusammenarbeit, wie wir sie so lange mit unseren
Nachbarn durchführen konnten, sollte dies zu einer Beschleunigung des
Fortschritts beitragen.
Auf diese Weise helfen die von uns im Rahmen des Gemeinsamen Sicherheitsprogramms zur Verfügung gestellten militärischen und wirtschaftlichen
Hilfsquellen, Positionen der Stärke zu schaffen und zu erhalten, die als
das angesehen werden müssen, was sie sind, nämlich Investitionen für die
gemeinsame Verteidigung und das gemeinsame Wohl und damit für unsere eigene
Sicherheit und unser eigenes Wohl. Dies ist ein gemeinsames Sicherheitsprogramm.
Unsere Konzeptionen sind vernünftig, unsere Politik ist von erwiesenem
Wert, und unser Wille, unseren Verpflichtungen nachzukommen, ist unvermindert und fest.
Die Vorschläge für das Finanzjahr 1960/61
Die Form und die allgemeine Struktur des Gemeinsamen Sicherheitsprogramms für das Finanzjahr 1960/61 bleiben im wesentlichen die gleichen,
wie sie sich in der Vergangenheit bewährt haben. Was die Verwaltung der
verschiedenen gemeinsamen Sicherheitsprogramme anbetrifft, so sind hinsichtlich der Organisation, der Programmgestaltung und der Durchführungs-

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19. Februar i960

Durchführungskontrollen Änderungen eingeführt worden. Wenn ich im vergangenen
Jahr eine Gruppe namhafter Bürger unter dem Vorsitz von General Draper
berufen habe, so ist dies zum Teil deshalb gesohehen, um die Verwaltung des
Programms zu analysieren und Empfehlungen für ihre Verbesserung auszuarbeiten. Viele dieser von ihnen gemachten Empfehlungen sind bereits verwirklicht
worden. Wir bemühen uns ständig um eine weitere Verbesserung der Verwaltung,
um den Erfordernissen des Programmes und den schwierigen Problemen bei der
Durchführung dieser verschiedenartigen Programme auf einer weltweiten Basis
gerecht zu werden. Die verschiedenen Kategorien von Programmen sind dieselben wie die, mit denen der Kongreß bereits vertraut ist. Es sind Anpassungen
hinsichtlich der Art und des Umfanges der Programme vorgeschlagen worden,
die die Veränderungen der Weltlage widerspiegeln und diesen Rechnung tragen,
und zwar in dem Ausmaß, wie die Notwendigkeit und die Fähigkeit zur Selbsthilfe gegeben sind. Diese vorausschauende Analyse erfolgte zum Teil im Einklang mit den gesetzlichen Erfordernissen, wonach Pläne für künftige Wirtschaftshilfe aufgestellt und dem Kongreß unterbreitet werden sollen. Die
detaillierten Pläne und Schlußfolgerungen werden dem Kongreß in Kürze vorgelegt werden.
Militärhilfe
Für die Militärhilfe fordere ich in dem noch nicht verabschiedeten Budget
des Verteidigungsministeriums die Bewilligung von 2 Milliarden Dollar. Dies
ist mehr, als für das Finanzjahr 1959/60 beantragt und aufgebracht wurde.
Die erhöhte Forderung erfolgt weder, um den proportionalen Anteil der Vereinigten Staaten an der gemeinsamen Verteidigung zu vergrößern, noch kommt
darin die Absicht zum Ausdruck, das Militärhilfeprogramm stark auszuweiten.
Der im Verteidigungsbudget geforderte Betrag für die Militärhilfe ist
nach meinem wohlüberlegten Urteil und dem der Stabschefs ein Erfordernis
unserer Verteidigung, das genauso zwingend und von der gleichen Bedeutung
wie die Bedürfnisse unserer eigenen Streitkräfte ist, für die im Verteidigungsbudget an anderer Stelle gesorgt ist.
Der angeforderte Betrag resultiert aus einer sorgfältigen und detaillierten Prüfung der Erfordernisse unserer Verbündeten, damit sie die durch frühere
militärische Unterstützung gewonnene Kampfstärke aufrechterhalten und - in den
meisten Fällen auf der Basis der Kostenteilung - an gewissen wichtigen Verbesserungsprojekten für die Streitkräfte teilhaben können. Ohne angemessene
Vorkehrungen für die Aufrechterhaltung dieser Stärke wären die in der Vergangenheit ausgegebenen Gelder weitgehend verschwendet. Und ohne eine Verbesserung der Streitkräfte, ohne die Bereitstellung modernerer Waffen, würden die Streitkräfte der freien Welt in ihrer Fähigkeit, modernisierten Streitkräften eines Aggressors Widerstand zu leisten, unvermeidlich hintanbleiben.
Die Tatsache - wenn es überhaupt eine Tatsache ist -, daß die Sowjetunion
ihre militärische Mannschaftsstärke reduziert, ändert nichts an der Notwendigkeit, unsere kollektive Verteidigung aufrechtzuerhalten. Die militärische Macht
der Sowjetunion bleibt - wie dies Herr Chruschtschow in seinen Erklärungen
selbst klargestellt hat - weiterhin groß. Wir haben mit unseren Planungen
niemals versucht, der sowjetischen Mannschaftsstärke genau gleichzukommen.
Unsere Pläne waren und sind vielmehr darauf abgestellt, vor einer Aggression
abzuschrecken. Von besonderer Bedeutung ist die Aufrechterhaltung einer
starken und wirksamen Abschreckungsposition der NATO-Allianz. Wie ich bereits

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19. Februar i960

bereits vorhin angedeutet habe, wird es Europa auf Grund der sich ständig
bessernden wirtschaftlichen Lage Westeuropas als Gesamtheit möglich, sich
in gesteigertem Maße in die Kosten der gemeinsamen Verteidigung zu teilen,
und bestimmte wichtige europäische Länder sind in der Lage, ihre Verteidigungsanstrengungen ohne Unterstützung der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig haben die Modernisierungs- und Verbesserungserfordernisse ein solches Ausmaß, daß unsere Beteiligung an gemeinsamen
Projekten der Kostenteilung mit bestimmten europäischen Ländern in absehbarer Zukunft immer noch erforderlich ist. Für derartige Beiträge ist
in dem vorgeschlagenen Programm Vorsorge getroffen.
Der für das Finanzjahr 196O/61'geforderte Betrag steht im Einklang
mit den Empfehlungen des überparteilichen Ausschusses prominenter amerikanischer Bürger unter Leitung von General Draper, den ich im vergangenen
Jahr beauftragte, unsere einzelnen Maßnahmen und Programme zu überprüfen.
Dieser Ausschuß empfiehlt nachdrücklich die Beibehaltung eines Belieferungsprogramms in Höhe von etwa 2 Milliarden Dollar; jährlich. In den vergangenen
Jahren belief sich das jährliche Belieferungsprogramm im Durchschnitt auf
rund 2,2 Milliarden Dollar. Die Belieferungen im Finanzjahr 1959/60 jedoch,
in denen sich die reduzierten Bewilligungen der jüngsten Jahre abzeichnen,
werden auf 1,8 Milliarden Dollar oder noch weniger zurückfallen. Die Ausgabenüberhänge aus den früheren Jahren sind nunmehr auf ein Minimum reduziert, und die Belieferungen in den kommenden Jahren werden sich der Höhe
der jährlichen Bewilligungen eng annähern.
Nach meinem wohlüberlegten Urteil ist die Bewilligung von 2 Milliarden
Dollar für das Finanzjahr 1960/61 das Minimum, das sich mit der Aufrechterhai tung einer starken und angemessenen kollektiven Verteidigungsposition
vereinbaren läßt. Ein geringerer Betrag würde in der Tat die entscheidend
wichtige Modernisierung und Verbesserung der Streitmacht verhindern und
uns auf ein Programm beschränken, in dessen Rahmen lediglich das Vorhandene
erhalten bleibt.
Wirtschaftshilfe
VerteidigungsunterStützung

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Zwölf Ländern, mit denen wir in kollektiven oder gemeinsamen Sicherheitsabkommen zusammengeschlossen sind, haben wir seit Jahren nicht nur die
für die gemeinsame Verteidigung erforderlichen militärischen Hilfsquellen
zur Verfügung gestellt, sondern auch in dem Maße wirtschaftliche Hilfsquellen, wie diese benötigt wurden, um die Aufrechterhaltung einer solchen
Verteidigung zu ermöglichen, ohne daß dies zu politischer oder wirtschaftlicher Instabilität führt. Diese Art der Bereitstellung von Hilfsquellen
bezeichnen wir als Verteidigungsunterstützung - wirtschaftliche Hilfe zur
Gewährleistung einer Verteidigungsposition.
Diese

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�"AMERIKA DIEflST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Februar i960

Diese zwölf Länder unterhalten Streitkräfte in Stärke von über 3
Millionen Mann - mehr als die Gesamtstärke der amerikanischen Streitkräfte -, und jedes dieser Entwicklungsländer - mit Ausnahme Spaniens gehört zu dem Gürtel von besonders exponierten Ländern und dem Festland vorgelagerten Inseln, der die unmittelbare Süd- und Ostgrenze
des chinesisch-sowjetischen Machtbereichs bildet. Der Bedarf in dieser
Kategorie der Verteidigungsunterstützung ist etwas zurückgegangen.
Für das Finanzjahr 1960/61 habe ich für diese Programme 724
Millionen Dollar oder 111 Millionen Dollar weniger als im vergangenen
Jahr angefordert. Dieser geringere Bedarf spiegelt in gewissem Maße
eine allmähliche, aber merkliche Verbesserung der wirtschaftlichen
Lage in diesen Ländern wider. Mehr als die Hälfte - 56 Prozent - ist
für die drei fernöstlichen Länder Korea, die Republik China und Vietnam
bestimmt, deren gemeinsames Charakteristikum es ist, daß sie geteilte
Länder sind, denen überlegene kommunistische Streitkräfte an ihren
Grenzen gegenüberstehen - Streitkräfte, mit denen die Kommunisten
in der Vergangenheit bewiesen haben, da£ sie gewillt sind, sie einzusetzen, wodurch diese Grenzstaaten zur Unterhaltung von Streitkräften
gezwungen werden, deren Aufrechterhaltung ohne eine Unterstützung ihr
Vermögen übersteigen würde. Die für diese Zwecke angeforderten Mittel
stellen das-Minimum dar, das wir beitragen können, und stärken das
Vertrauen, daß eine ausreichende Verteidigung aufrechterhalten wird.
Sonderhilfe
Eine andere Kategorie der internationalen Zusammenarbeit in dem
Gemeinsamen Sicherheitsprogramm ist die Bereitstellung wirtschaftlicher Hilfsmittel für solche Staaten, für die diese Mittel zur Erhaltung ihrer Freiheit und Stabilität wesentlich sind. Wir bezeichnen
diese Kategorie der Zusammenarbeit als Sonderhilfe. Ich ersuche um
268 Millionen Dollar für diese Zwecke im Finanzjahr 1960/61. Die
Bereitstellung derartiger Mittel wird uns zum Beispiel die Möglichkeit geben, den jungen Staaten Marokko, Libyen und Tunis weiterhin
zu helfen, die Stabilität in Jordanien und dem Mittleren Osten zu
erhalten, die Ausbreitung des kommunistischen Einflusses in Afghanistan
zu bekämpfen und die Wirtschaft in Bolivien und Haiti zu festigen. Die
Sonderhilfe wird uns ferner in die Lage versetzen, an solchen lebenswichtigen Programmen wie dem weltweiten Feldzug gegen die Malaria
weiter teilzunehmen»
Entwicklungshilfe
Die Erreichung eines wirtschaftlichen Fortschritts und Wachstums
hängt von vielerlei Dingen ab. Durch kollektive Sicherheitsvorkehrungen,
durch Maßnahmen für die Verteidigung und durch die Gewährung militärischer Hilfe und wirtschaftlicher Verteidigungsunterstützung können
wir und andere Länder ein Maß an Sicherheit und Stabilität erreichen,
innerhalb dessen ein Entwicklungsprozeß möglich ist und gefördert
werden kann..*Sie erste und entscheidende interne Voraussetzung ist die
Entschlossenheit, Fortschritte zu machen, die erforderlichen Maßnahmen
zu ergreifen und die notwendigen Opfer zu bringen, Wie. groß aber auch
immer die Entschlossenheit sein mag, es wird immer noch ein gewaltiger
Bedarf an technischen Verbesserungen und Kenntnissen und an Entwicklung-

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Februar i960

Entwicklungskapital "bleiben. Wenn ein Tempo der Entwicklung erreicht
werden soll, das den wesentlichen Forderungen dieser Völker gerecht wird,
dann ist Unterstützung von außen unbedingt notwendig.
Technische Zusammenarbeit
Durch unser seit langem bestehendes Programm der Technischen Zusammenarbeit und durch unsere Beiträge zu den Programmen der Vereinten Nationen
auf dem Gebiet der technischen Unterstützung leisten wir einen bedeutenden
Beitrag zur Stillung dieses Durstes und Verlangens nach Erweiterung des
Wissens und der technischen Fähigkeiten. Das für das Finanzjahr 1960/61
vorgeschlagene Gemeinsame Sicherheitsprogramm führt diese entscheidend
wichtigen Projekte fort und sieht die Erweiterung und Ausdehnung unserer
technischen Hilfsprogramme in den neu entstehenden Nationen Afrikas vor.
Für die bilaterale technische Hilfe fordere ich 172,5 Millionen Dollar an;
für unsere Beteiligung an den technischen Unterstützungsprogrammen der
Vereinten Nationen ersuche ich um 33»5 Millionen Dollar, und zur Ergänzung
unseres viel umfangreicheren bilateralen Programmes mit unseren Nachbarn
im Süden ersuche ich um 1,5 Millionen Dollar für das Programm der technischen Unterstützung, das wir in Zusammenarbeit mit ihnen mittels der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) durchführen.
Afrika
In der Welt von heute ist es für die Vereinigten Staaten von unumgänglichem Interesse, daß die Völker des großen Afrikanischen Kontinents,
vor allem in dem Gebiet südlich der Sahara, in steigendem Maße die Selbstregierung übernehmen. Dieses gewaltige Gebiet verdient und erfordert die
volle Aufmerksamkeit und Unterstützung der freien Welt, wenn es seine Institutionen und seine Wirtschaft in Freiheit entwickeln soll. Zur gleichen
Zeit, da der Bedarf Afrikas südlich der Sahara an Entwicklungskapital real
ist und noch größer werden dürfte, besteht ein zwingendes und sofortiges
Bedürfnis für umfassendere Erziehung und Ausbildung. Das Ersuchen um die
Bewilligungen für die Sonderhilfe enthält den Betrag von 20 Millionen
Dollar für ein Sonderprogramm, das zur Verbesserung der Erziehung und
Ausbildung in Afrika südlich der Sahara eingerichtet werden soll, wobei
besonderer Nachdruck auf die Befriedigung der Bedürfnisse gelegt wird,
die alle Länder dieses Gebietes gemeinsam haben. Ich bin der Ansicht, daß •
dieses erste Bemühen in den vor uns liegenden Jahren wesentlich verstärkt
werden und ähnliche Anstrengungen von selten der anderen Länder der freien
Welt ergänzen muß, damit die Fähigkeit der neuen und weiteren Entwicklungsländer in Afrika, ihre Entwicklung in die Hand zu nehmen und zu lenken,
schnell und wirksam gefördert und gesteigert werden kann. Ohne eine solche
Stärkung und Förderung der Erziehung und Ausbildung können die Voraussetzungen für ein kräftiges wirtschaftliches Wachstum nicht geschaffen werden.

Entwicklungs-Anleihefonds

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�"AMERIKA DIENST* - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19« Februar 1960

Entwicklungs-Anleihefonds
Auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe erweist sich der Entwicklungsanleihefonds als ein immer wirksameres Instrument, um die
Bedürfnisse zu befriedigen, die auf dem Wege über private Investitionen, die Weltbank oder andere entsprechende Stellen nicht gedeckt
werden können. Er hat den Aufbau grundlegender Wirtschaftszweige, wie
Energiewirtschaft und Verkehrswesen, unterstützt, die für das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsgebiete unerläßlich sind. Besondere Bedeutung kommt der Ausweitung der Tätigkeit des EntwicklungsAnleihefonds auf das Gebiet der Privatwirtschaft zu. Der EntwicklungsAnleihefonds erschließt neue Möglichkeiten, um eine wirksame Partnerschaft mit privaten amerikanischen Firmen aufzubauen, so daß die privaten Hilfsquellen des Landes einen immer größeren Beitrag zum Aufschwung der Entwicklungsländer leisten können. Die Geschichte des
Entwicklungs-Anleihefonds während der beiden letzten Jahre zeigt, daß
der Fluß solchen Anleihekapitals dahin tendiert, sich dem Bedarf und
den Fähigkeiten anzupassen. Anders ausgedrückt, die Gebiete, in denen
die Entschlossenheit und der Wille zum Fortschritt sowie die Fähigkeit,
solche Hilfsquellen wirksam einzusetzen, am größten sind, standen
unter den Empfängern der Kredithilfe des Entwicklungs-Anleihefonds
an erster Stelle. Ich fordere für den Entwicklungs-Anleihefonds 700
Killionen Dollar an, die mit Beginn des Finanzjahres 1960/61 eingesetzt werden sollen.
Südasien
Ein bedeutender Teil der Kredite des Entwicklungs-Anleihefonds
wurde in den vergangenen beiden Jahren an die beiden großen Nationen
Südasiens - Indien und Pakistan - vergeben, wo eine halbe Milliarde
Menschen mit tiefer Hingabe und unwiderruflicher Entschlossenheit
darangehen, Institutionen nach ihrer eigenen Wahl zu entwickeln und
zu erhalten und ihren Lebensstandard auf ein angemessenes Niveau zu
heben. Die Kraft und Energie dieser gewaltigen Anstrengung ist unverkennbar, sie verdient die volle und wärmste Unterstützung seitens der
freien Welt. Wir haben uns mit anderen Staaten vereint, um diesen
Ländern zu helfen, wir glauben, daß die Anstrengungen öffentlicher
und privater Natur zur Unterstützung Südasiens nicht nur anhalten,
sondern noch zunehmen werden« Man rechnet damit, daß ein größerer
Betrag für diese bedeutende Aufgabe aus den Mitteln bereitgestellt
wird, die für den Entwicklungs-Anleihefonds für das Finanzjahr 1960/61
gefordert werden, wobei diese Länder zugleich ihre eigenen Selbsthilfeaktionen noch weiter steigern.

Die

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"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Februar

196O

Die wirtschaftliche Erschließung des Indus-Beckens
Eine Entwicklung von besonderer Bedeutung in Südasien ist der große
Fortschritt, der gegenwärtig unter den Auspizien der Weltbank in Richtung
auf eine Lösung des umfassenden und schwierigen Problems der wasserwirtschaftlichen Nutzung des Indus-Flußbeckens zwischen Indien und Pakistan
erzielt wird. Hier werden wichtige Interessen der beiden Länder berührt;
die Lösung erfordert einen Plan, in dessen Rahmen das Wasser des Indus,
von dem die Landwirtschaft, die Lebensmittelvorräte und die Wirtschaft
dieses Gebietes abhängen, gerecht genutzt und geteilt werden wird. Es
wird erwartet, daß ein Abkommen über einen solchen Entwicklungsplan in
naher Zukunft erreicht werden kann. Wesentlich für das Gelingen ist, daß
die Länder außerhalb Südasiens bereit sind, diesen Entwicklungsplan zu
unterstützen, dessen Kosten von den betroffenen Ländern allein nicht getragen werden können. Unter den Auspizien der Weltbank werden gegenwärtig
Pläne ausgearbeitet, wonach die Bank, Länder des britischen Commonwealth,
die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten einen Anteil
an den Kosten des Entwicklungsplans übernehmen und wonach die Weltbank
die Überwachung und Leitung dieses Projektes in Händen hat. Wir gedenken
dieses Vorhaben im Rahmen des Gemeinsamen Sicherheitsprogrammes für das
Finanzjahr 1960/61 und die nachfolgenden Jahre - wie sich dies als notwenig erweist - zu unterstützen. Um unsere wirksame Beteiligung an diesem
multilateralen Vorhaben zu gewährleisten, ersuche ich um die Ermächtigung,
die normalerweise für bilaterale Projekte gültigen Bestimmungen elastisch
anwenden zu können, falls eine solche außergewöhnliche Maßnahme für dieses
große Vorhaben erforderlich ist. Die Lösung dieser schwierigen internationalen Angelegenheit sollte wesentlich zur Förderung einer friedlichen und
kooperativen Regelung auch anderer Streitfragen und zu einer möglichst
großen Konzentration auf die Hauptziele des Friedens und Wohlstands beitragen.
Republik China
Das Gemeinsame Sicherheitsprogramm muß auch den Erfordernissen anderer
Gebiete und Länder Rechnung tragen, soweit deren Entschlossenheit und Fähigkeit, Entwicklungskapital zu gebrauchen, wächst. Wir haben von der Regierung
der Republik China Vorschläge für ein erweitertes und beschleunigtes Wirtschaftsreform- und -entwicklungsprogramm erhalten, dem wir genaue und sorgfältige Beachtung schenken. Die energische und tüchtige Bevölkerung Formosas,
die bisherige Zunahme der Investitionen und der Produktion sowie das durchaus
vorhandene Vermögen einer weiteren Beschleunigung bieten die Aussicht auf
eine überzeugende Demonstration, daß unter freien Institutionen ein Tempo
und Ausmaß an Leistungen erreicht werden kann, die weit über die aus einem
totalitären Regime entspringenden Leistungen hinausgehen. Zu diesem Zweck
sehen wir den vollen Einsatz sowohl der Hilfe in Form von nichtrückzahlbaren
Zuwendungen als auch von Anleihen vor, um die Herankunft des Tages zu beschleunigen, an dem die Republik schließlich aus eigenen Kräften wachsen und
sich erhalten kann.

Sonderfonds

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19 . Februar i960

Sonderfonds und sonstige Programme
Zusätzlich zu den von mir erwähnten Hauptformen der Zusammenarbeit, wie Militärhilfe und Verteidigungsunterstützung, Sonderhilfe,
technische Zusammenarbeit und Entwicklungs-Anleihefonds, ersuche ich
ferner um einen Sonderfonds in Höhe von 175 Millionen Dollar sowie um
101 Millionen Dollar, um eine Vielzahl kleiner, aber wichtiger Programme
fortzuführen.
Der Sonderfonds ist eine unerläßliche Rücklage für unvorhergesehene
und nicht ohne weiteres vorauszusagende Notfälle. Die Geschichte der
vergangenen Jahre beweist eindeutig seinen Wert insofern, als er sofortige und wirksame Gegenmaßnahmen bei einer Änderung des Ablaufs
der internationalen Ereignisse ermöglicht.
Die für andere Programme angeforderten 101 Millionen Dollar
werden es uns ermöglichen, weiter an der UNICEF, den Flüchtlingsprogrammen und den Auslandsprogrammen für eine friedliche Nutzung
der Atomenergie mitzuarbeiten. Ferner werden damit die administrativen Kosten bei der Verwaltung der wirtschaftlichen und technischen
Programme bestritten werden.
Für das gesamte Gemeinsame Sicherheitsprogramm fordere ich
4175 Millionen Dollar an. Die Notwendigkeit dieser Ausgabe ist von
der Regierung immer wieder mit großer Sorgfalt geprüft worden. Ich
bin voll und ganz überzeugt, daß Notfälle, für die diese Mittel
beantragt werden, wirkliche Notfälle sind, denen entsprochen werden
muß, und daß die beantragten Mittel der wohl realistischsten Einschätzung des Bedarfs entsprechen, die wir vornehmen können. Es
steht außer Zweifel, daß sich die Nation die Ausgaben, um die es
hier geht, leisten kann; ich bin sicher, daß wir es uns nicht
leisten können, die Notfälle zu ignorieren, für die sie angefordert
werden.
Zusammenfassung
Die Vereinigten Staaten sind eine privilegierte Nation. Ihre
Bürger erfreuen sich eines Maßes an Prosperität und Wohlergehen
sowie eines Ausmaßes an Freiheit unter freien Institutionen, wie
es in der Weltgeschichte einmalig ist. Unsere Ideale und unsere
Überzeugungen legen uns eine Verpflichtung zur Führerschaft und zur
Zusammenarbeit mit anderen Nationen und anderen Völkern auf, die
wir bereitwillig und mit Stolz auf uns nehmen.
Meine Reisen in jüngster Zeit brachten mir in noch stärkerem
Maße als bisher die Tatsache vor Augen, daß die freien Menschen
überall in der Welt auf uns blicken - nicht mit Neid oder Mißgunst,
sondern voller Hoffnung und Vertrauen, daß wir in Zukunft wie in der
Vergangenheit zur Vorhut jener gehören, die an das Recht des Einzelmenschen, die Früchte seiner Arbeit in Frieden und Freiheit zu genießen, glauben und es verteidigen werden. Zusammen mit unseren Mitmenschen werden wir es nicht daran fehlen lassen, unseren Verpflichtungen
nachzukommen.
gez. Dwight D. Eisenhower

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EISENHOWER; GERECHTER FRIEDE NUR IM SCHUTZE MILITÄRISCHER
STÄRKE ZU ERHOFFEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den V/ortlaut einer Rundfunk- und Fernsehansprache des amerikanischen Präsidenten Dwight
D. Eisenhower, die er kurz vor seinem Abflug nach
Südamerika in Washington gehalten hat.

Morgen früh begebe ich mich auf eine Reise zu mehreren unserer
lateinamerikanischen Nachbarn, *?obei mir drei Hauptziele vor Augen
schweben. Diese Ziele sind 2
mehr über unsere Freunde im Süden zu lernenj ihnen erneut zu versichern, daß die Vereinigten Staaten um eine Zusammenarbeit mit ihnen
bei der Sicherung eines besseren Lebens für jeden in der westlichen
Hemisphäre bemüht sind, und den Wunsch der USA deutlich zu machen, mit
ihnen bei der Schaffung eines weltweiten Friedens in Gerechtigkeit eng
zusammenzuarbeiten.
Unser Interesse an unseren Schwesterrepubliken besteht seit vielen
Jahren und ist zutiefst verwurzelt. Dies allein schon ist'Grund genug
für diese Reise. Aber in diesen Tagen der internationalen Spannung, der
erwachenden Ambitionen und der durch die wachsende gegenseitige Abhängigkeit der Nationen hervorgerufenen Probleme ist es von entscheidender
Bedeutung für gute Partner, ein besseres gegenseitiges Verständnis zu
entwickeln und gemeinsame Programme zu verbessern.
Die Bande zwischen den amerikanischen Republiken sind nicht nur
geographischer Natur, sondern sie beruhen noch mehr auf gemeinsamen
Grundsätzen und Überzeugungen. Wir glauben alle an Gott, an die Würde
und die Rechte des Menschen, an Frieden in Gerechtigkeit und an das
Recht eines jeden Volkes, übersein eigenes Schicksal zu bestimmen. In
solchen Überzeugungen ist unsere Freundschaft verwurzelt.
Aber selbst unter guten Kameraden wird die Freundschaft allzuoft als
etwas Selbstverständliches angesehen. Wir dürfen unseren Nachbarn in
Lateinamerika keinen Grund zu der Annahme geben, daß dies bei uns genauso der Fall ist.

Ich

�"AMERIKA DIENST"

26. Februar i960

Ich werde daher unseren Schwesterrepubliken erneut die Versicherung
geben, daß wir unverrückbar an unserem Ziel festhalten, mit ihnen Hand
in Hand an der Förderung der Sicherheit und des Wohlergehens für alle
Yölker dieser Hemisphäre zusammenzuarbeiten.
Dies aber erfordert eine ununterbrochene Anstrengung, die unglücklicherweise zuweilen durch Mißverständnisse beeinträchtigt wird.
Eines dieser Mißverständnisse, von dem hin und wieder in Lateinamerika
die Rede ist, besagt, wir seien mit der Drohung des kommunistischen Imperialismus und den sich daraus ergebenden Verteidigungsproblemen so sehr
beschäftig* gewesen, daß die Neigung bestand, unsere Nachbarn im Süden
darüber zu vergessen. Einige haben zu verstehen gegeben, daß unsere Aufmerksamkeit so sehr auf unsere eigene Sicherheit sowie auf die Probleme
zwischen West und Ost jenseits des Ozeans gerichtet gewesen sei, daß wir
die Zusammenarbeit und den Fortschritt innerhalb der westlichen Hemisphäre
deshalb vernachlässigt hätten.
Es stimmt, daß wir weltweiten Maßnahmen zum Schutze gegen eine mögliche militärische Aggression eine Hauptvorrangstellung eingeräumt haben.
Wir haben zahlreiche Opfer gebracht, um sicherzustellen, daß diese Sicherheit erhalten blieb und erhalten bleiben wird.
Ich hoffe, auf meiner Reise klarmachen zu können, daß unsere militärischen Programme hier im eigenen Lande und im Ausland nur einem einzigen Zweck gedient haben: der Aufrechterhaltung des Friedens, der für
Lateinamerika genauso wichtig ist wie für uns.
Daß die Notwendigkeit für diese Programme besteht, hat die Geschichte
nach dem zweiten Weltkrieg deutlich bewiesen.
In den ersten fünf Jahren nach dem zweiten Weltkrieg verfolgten wir
in Amerika in der Hoffnung auf einen weltumfassenden und dauerhaften Frieden die Politik einer praktisch einseitigen Abrüstung. Aber die Blockade
Berlins, die militärische Schwäche unserer direkt der kommunistischen Bedrohung gegenüber lebenden, befreundeten europäischen Nationen und schließlich der Krieg in Korea - zusammen mit den gegen andere Nationen gerichteten arroganten Drohungen - ließen uns in letzter Minute erkennen, daß die
freien Nationen nur unter dem Schutz militärischer Stärke hoffen konnten,
einen Fortschritt in Richtung auf einen dauerhaften und gerechten Frieden
zu machen.
Seither hat unsere Nation gewaltige Arsenale voller mächtiger Waffen
zur Erhaltung des Friedens geschaffen. Wir haben eine große Abschreckungsstärke aufgebaut - die so mächtig ist, daß sie jedem unvoreingenommenen
und aufgeschlossenen Beobachter Achtung gebieten muß.
Unsere vielen hundert Bomber, die über die ganze Welt verteilt sind jeder von ihnen in der Lage, furchtbare Verheerungen anzurichten -,
stellen eine Macht dar, die jeder anderen in Zahl, Qualität und strategischer Position ihrer Stützpunkte weitaus überlegen ist. Uns steht außerdem
eine starke Atommacht in unseren Flugzeugträgern und in den Geschwadern
unserer über weite Gebiete verteilten taktischen Luftwaffe zur Verfügung.
Zu diesen Kräften treten ständig neue Raketentypen hinzu, die die Waffen

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2

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�"AMERIKA DIENST

26. Februar i960

Waffen al~! unserer Bodenstreitkräfte und anderer militärischer Einheiten
unablässig verstärken.
Was die ballistischen Fernraketen angeht, so haben wir, nachdem wir
praktisch erst vor fünf Jahren damit begonnen haben, im wahrsten Sinne
des Wortes in unseren Leistungen gewaltige Fortschritte erzielt - Fortschritte, die man nur als bemerkenswert bezeichnen kann. Unsere Rakete
vom Typ Atlas, die über eine erstaunliche Treffgenauigkeit verfügt, wurde
im vergangenen Jahr einsatzfähig. Mittelstreckenraketen befinden sich
auf vorgeschobenen Stützpunkten. Das erste mit Polaris-Raketen ausgerüstete Unterseeboot - eine nahezu unverletzliche Waffe - wird in Kürze
im Flottendienst stehen. Neue Typen von Fernraketen werden schnellstens
entwickelt.
Alles zusammengenommen, ist dies eine Macht, die nicht über Gebühr
von einer einzelnen Waffe oder einer einzelnen Waffengattung abhängig
ist, die nicht durch einen plötzlichen Angriff eliminiert werden kann,
hinter der ein auf Erden einzigartiges Industriesystem steht und die unbeirrt von einem kraftvollen Volk unterstützt wird, das entschlossen ist,
frei zu bleiben. Strategisch gesehen, ist sie weitaus besser stationiert
als irgendeine Macht, die uns gegenüber zum Tragen gebracht werden könnte.
In dem Maße, wie wir diese Verteidigung verstärkt haben, haben wir
auch dazu beigetragen, unsere eigene Sicherheit und die der freien Welt
zu festigen, indem wir die Rüstung von 42 anderen Ländern - unseren Verbündeten - bei der Verteidigung der freien Welt unterstützten. Unser Anteil
an dieser unerläßlichen Bemühung ist unser Gemeinsames Sicherheitsprogramm.
Dieses Programm macht eine nach vorne gerichtete Verteidigungsstrategie
zur besseren Sicherheit aller, auch unserer Nachbarn im Süden, möglich.
Ich bin sicher, daß unsere lateinamerikanischen Nachbarn genau so
wie Sie hier in der Heimat die 3edeutung all dieser Fakten erkennen.
•

Wir haben einen vertrauenswürdigen Schild des Friedens geschmiedet eine unzerstörbare Kraft von unmeßbarer Macht, völlig ausreichend für die
Aufgaben der Gegenwart und sich ständig weiter entwickelnd, -um den Erfordernissen der Zukunft gerecht zu werden. Alle von uns können Iveute angesichts der anhaltenden Bedrohung fest und entschlossen und ohne Furcht
sein und auf Amerikas Macht als Pfeiler der Sicherneit der freien Welt
vertrauen.
Aber wir alle sind uns darüber im klaren, daß Friede und Freiheit
nicht für immer durch Waffen allein gewahrt werden können. Es müssen in der
freien Welt ein Geist und eine Moral vorhanden sein, die sich auf die Überzeugung stützen, daß das Leben für freie Menschen mehr als nur reines Überleben und bloße Sicherheit bedeutet. Die Völker in aller Welt*müssen die
Gelegenheit haben, ihr Leben in geistiger,moralischer und wirtschaftlicher
Hinsicht verbessern zu können.
Wir sind ernsthaft bestrebt, unseren Nachba*rn in der westlichen
Hemisphäre bei der Erreichung des Fortschritts zu helfen, den sie sich aufrichtig wünschen. Wir haben uns um eine Stärkung der Organisation der
Amerikanischen Staaten sowie anderer kooperativer Institutionen bemüht, die

�"AMERIKA DIENST

26. Februar

196O

die den Fortschritt und die Solidarität der westlichen Hemisphäre fördern.
Wir haben eine Menge Kapital in lateinamerikanische Unternehmen investiert.
Neue Kredite, sowohl öffentliche als auch private, werden in einem Umfang
xur Verfügung gestellt, der größer ist als jemals zuvor. Im vergangenen
Jahr beliefen sich diese Kredite auf schätzungsweise 1 Milliarde Dollar,
Unsere nach Lateinamerika vergebenen Anleihen und Investitionen übersteigen gegenwärtig 11 Milliarden Dollar.
Wir haben zusammen mit unseren Schwesterrepubliken soeben die Interamerikanische Entwicklungsbank geschaffen. Wir hoffen mit ihnen, daß
diese neue, mit einem nach Milliarden Dollar zählenden Kapital arbeitende
Institution viel dazu beitragen wird, das wirtschaftliche Wachstum zu beschleunigen.
Außerdem haben wir die Programme für erweiterte technische Zusammenarbeit mit den amerikanischen Republiken.
Um unsere eigene Kenntnis der Bedürfnisse unserer Nachbarn zu verbessern, haben wir erst vor kurzem ein Gremium hervorragender privater
amerikanischer Bürger unter dem Torsitz des Außenministers zusammengerufen.
Dieser nationale Beratungsausschuß wird uns durch beständiges Studium
der interamerikanischen Angelegenheiten hier in den USA helfen, besser
mit unseren lateinamerikanischen Freunden zusammenzuarbeiten. Mitglieder
dieses Ausschusses werden mich auf meiner Reise begleiten.
Diese Reise wird ein reichhaltiges Programm bringen, denn die Probleme
unserer Nachbarn sind vielfältiger und schwieriger Natur: der Mangel an
Entwicklungskapital, große Preisschwankungen bei ihren Exportgütern, die
Notwendigkeit gemeinsamer regionaler Märkte zur Förderung der Leistungsfähigkeit und zum Anreiz neuer Kredite, die Notwendigkeit zur Verbesserung
des Gesundheits- und Erziehungswesens, des Wohnungsbaus und des Transportsystems .
Diese Probleme werden ohne Frage zu dem Kreis der Themen gehören,
die ich in jedem der von mir besuchten Länder erörtern werde. Und wohin
ich auch reise, da werde ich immer und immer wieder die Grundprinzipien
und die Grundeinstellung unterstreichen, die die Beziehungen unseres Landes
zu der westlichen Hemisphäre beherrschen. Zum Beispiel:
Unsere Politik der guten Partnerschaft ist eine ständige Richtlinie,
die die Nichteinmischung, die gegenseitige Hochachtung und die rechtliche
Gleichheit aller Staaten umfaßt.
Wir wünschen einer jeden amerikanischen Nation einen schnellen wirtschaftlichen Fortschritt mit seinem Nutzen und Segen für die gesamte Bevölkerung.
Wir sind ständig bemüht, an der Förderung einer gesunden Entwicklung
innerhalb der Grenzen unserer praktischen Möglichkeiten mitzuarbeiten,
und wir werden ferner auch in Zukunft jedes Land auffordern, an der Unterstützung der weniger vom Glück begünstigten Nationen mitzuwirken.
Wir

�'AMERIKA DIENST"

26. Februar

i960

Wir stehen fest zu unserer Verpflichtung, im Rahmen des Rio-Paktes
aus dem Jahre 1947 die Sicherheit der beiden Amerika aufrechtzuerhalten.
Wir erklären unseren Glauben an die Herrschaft des Rechts, unsere
Entschlossenschaft zur Erfüllung unserer vertraglichen Verpflichtungen
und unsere Forderung, daß andere Länder sich genauso verhalten.
Wir werden alles in unseren Kräften Stehende tun, um den Triumph
der menschlichen Freiheit überall in der westlichen Hemisphäre zu fördern.
Wir verurteilen alle Anstrengungen zur Unterhöhlung der demokratischen
Institutionen der amerikanischen Republiken durch Zwang oder Subversion,
und wir lehnen mit allem Nachdruck die Anwendung der Lüge und der Verdrehung in den Beziehungen zwischen den einzelnen Ländern ab.
Erst kürzlich wurde in einem fernen Lande, das die Freiheit nie gekannt hat - einem Land, wo heute Millionen von Menschen unterjocht sind -,
mit leidenschaftlichen Worten behauptet, daß die Vereinigten Staaten
Lateinamerika in einem kolonialen Abhängigkeitsverhältnis gehalten hätten.
Das ist eine eklatante Lüge.
In der gesamten Geschichte kann kein anderes Land eine ehrenhaftere
Vergangenheit in bezug auf sein Verhältnis zu anderen Ländern aufweisen
als die Vereinigten Staaten.
Die Philippinen sind heute - auf Grund ihrer eigenen Entscheidung unabhängig.
Alaska und Hawaii sind nunmehr stolze Partner unseres in einem Bund
zusammengeschlossenen demokratischen Staatsgebildes - und sie sind es
durch ihre eigene Wahl.
Puerto Rico ist ein Commonwealth im Rahmen des Systems der Vereinigten
Staaten - und es ist dies ebenfalls aus eigener Wahl.
Nach den beiden Weltkriegen und dem Koreanischen Krieg haben die Vereinigten Staaten auch nicht einen einzigen Hektar fremden Landes annektiert
und keinerlei Vorteil auf Kosten anderer gesucht.
Und ich wiederhole, daß wir im Hinblick auf ganz Lateinamerika ehrenhaft und mit allem Nachdruck an einer Politik der Nichteinmischung festhalten.
Es ist völlig unsinnig, zu behaupten, daß wir irgendein Land in einem
Kolonialstatus halten oder es in diesem Status halten möchten.

Dies

�"AMERIKA PIEKST"

26. Februar

196O

Dies sind nur einige der Fragen, über die die miteinander befreundeten Staaten in der westlichen Eemisphäre sprechen müssen. I.iit großer
Freude sehe ich dem Meinungsaustausch mit den Präsidenten Brasiliens,
Argentiniens, Chiles und Uruguays sowie mit ihren Kollegen entgegen.
Ich hoffe zutiefst, daß ich Ihnen nach meiner Rückkehr berichten
kann, daß sich die historische Freundschaft und das Vertrauen zwischen
den Ländern der westlichen Hemisphäre verstärkt haben und daß unsere
gemeinsame Sache - Gerechtigkeit und Frieden in Freiheit - bekräftigt
worden ist und neues Leben erhalten hat.

* * * * *

- 6 -

�A M E R I K A

D I E N S T

A11./26 .2.1960

HERTER» AMERIKANISCHES STREBEN NACH KONTROLLIERTER ABRÜSTUNG

WASHINGTON -- AD — Nachstehend übermitteln .wir Ihnen den Wortlaut der Rede,
die der amerikanische Außenminister
Christian A. Herter am 18. Februar i960
vor dem Nationalen Presseklub in Washington über die Ziele der Vereinigten
Staaten bei der bevorstehenden Genfer
Abrüstungskonferenz hielt.

Ich möchte heute über ein sehr wichtiges Element der amerikanischen Außenpolitik sprechen - über unsere Bemühungen um
eine gesicherte Rüstungsbegrenzung und um einen Fortschritt in
Richtung auf eine allgemeine Abrüstung. Wie Sie wissen, sind
wir im Begriff, einen neuen Versuch in dieser Richtung in dem
Zehn-Mächte-Abrüstungsausschuß zu unternehmen, der etwa Kitte
März in Genf zusammentreten wird.
Diese Bemü hungen sind darauf gerichtet, den Weltfrieden
zu festigen und die unsinnige Verschwendung der wirtschaftlichen
Hilfsquellen de r Veit zu verhindern, aber auch darauf, unsere
nationale Siehe rheit - im wahrsten Sinne des Wortes - zu fördern.
Sie stellen ein e Ergänzung zu unseren nationalen Militärprogrammen und kol lektiven Sicherheitsabkommen dar, die wir zu dem
gleichen Zwecke durchführen. Amerika hat sich seit langem aus
tiefer überzeug ung zu einer Politik der Rüstungsbegrenzung und
der Abrüstung b ekannt•
Im Jahre 1946,als die Vereinigten Staaten unmittelbar nach
Beendigung des Krieges noch das vollständige Monopol auf dem
Gebiet der Atomwaffen besaßen, schlugen wir eine volle internationale Kontrolle der Atomenergie vor. Es ist gewiß als einer
der tragischen Wendepunkte der Geschichte zu bezeichnen, daß die
Sowjetregierung diesen ungewöhnlichen Vorschlag zurückwies.
Im Jahre 1953 wurde dann die Sowjetunion im Rahmen des von
Präsident Eisenhower vorgelegten,.bedeutsamen "Atome für den
Frieden"-Vorschlags aufgefordert, mit uns zusammen einen Anfang
in der Überführung des Kernwaffenmaterials unter internationale
Kontrolle zu machen. Obwohl eine internationale AtomenergieBehörde geschaffen wurde, haben sich die Sowjets geweigert, dem
ursprunglichen Zweck dieses Vorschlags als einer Möglichkeit .zur
- 1 -

�"AMERIKA SIEHST"

26 . Februar 1960

zur Verringerung der Kernwaffenbestände nachzukommen.
Präsident Eisenhower machte später, im Jahre 1955.auf der
Genfer Gipfelkonferenz den Vorschlag, die Vereinigten otaaten
und die Sowjetunion sollten eine gegenseitige Inspektion aus der
Luft akzeptieren. Wieder hielten sich die Sowjets zurück*ihre
Verschlossenheit war ein "Muß",
Im März 1956 schrieb Präsident Eisenhower an Bulganin und
schlug eine kontrollierte Einstellung der gesamten Produktion an
snaltbarem Material für Waffenzwecke sowie eine schrittweise Uber|?tllung so]chih Materialsaus den Waffenbeständen der einzelnen
Länder unter eine internationale Kontrolle vor. Dieser Vorschlag
fand taube Ohren»
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten arbeiteten dann
•ine Reihe von Teilabrüstungsmaßnahmen aus, wozu die Sicherung
gegen Überraschungsangriffe, die Einstellung der Produktion spaltbaren Materials für W&amp;ffenzwecke, Beschränkungen in der Iberstellung von Kernwaffen an andere Staaten, eine Reduzierung der
konventionellen Streitkräfte und Maßnahmen zur Gewährleistung einer
friedlichen Nutzung des Weltraums gehörten*. Alle diese Maßnahmen
wurden der Sowjetunion im August 1957 in London vorgeschlagen.
Wiederum zeigten die Sowjets wenig ernsthaftes Interesse, und die
Verhandlungen brachen zusammen»
Seit 1957 haben wir zweimal versucht, spezifisch begrenzte
Gebiete für eine Erörterung mit den Sowjets herauszugreifen!
1* Eine Aussetzung der Atomversuche, über die gegenwärtig in
Genf verhandelt wird» - Ich werde hierzu gleich noch mehr zu sagen
haben.
2» Technische Gespräche über den Schutz vor Überraschungsangriffen. • Diese Gespräche über Überraschungsangriffe blieben erfolglos, weil die Sowjetunion wenig Interesse an einer ernsthaften
technischen Arbeit zeigte, die vielleicht den Weg zu späteren
politischen Gesprächen hätte ebnen können.
Und an diesem Punkt standen unsere Bemühungen um eine Rüstungsbegrenzung, als im vergangenen Jahr vereinbart wurde, einen neuen
Zehn-Machte-iusschuß als erneuten Versuch einzusetzen.
Die Aussichten
, u !f r * l i c k e n a u f d i e s e neuen Verhandlungen in der Hoffnung, daß
sich die fuhrenden sowjetischen Politiker vielleicht darüber klar
werden, daß das Wettrüsten unannehmbare Risiken in sich birgt. Diese Erkenntnis könnte sie dazu veranlassen, einem Portschritt in der
Rüstungskontrolle als in ihrem eigenen nationalen Interesse liegend
eine Vorrangstellung einzuräumen.
Ein solcher Fortschritt ist wegen der neuen Gefahren, denen
wir uns bei einem anhaltenden Wettrüsten gegenübersehen, um so notwendiger. Lassen sie mich hier auf zwei dieser Gefahren eingehen*
1 . Ein sich gegenseitig hochtreibender Wettstreit in bezug auf

�AMERIKA DIENST"

26. Februar i960

auf die strategischen Einsatzsysteme, wobei der Zeitraum für eine
Reaktion immer kürzer wird, könnte auf Grund reiner Fehleinschätzung
zu einem Krieg führen. Solche Fehlkalkulationen könnten beispielsweise eine internationale Krise hervorrufen, die sich zu einem allgemeinen Krieg ausweiten könnte, ohne daß irgendeine Seite wirklich
eine solche Entwicklung beabsichtigt hätte.
2. Die nicht abreißende Produktion von Kernwaffen könnte letzten
Endes fast jedes Land - auch die Verantwortungslosen - in die Lage
versetzen, sich derartige Waffen zu sichern. Wir sind nicht so sehr
besorgt hinsichtlich der freien Länder, die vielleicht als nächste
Kernwaffen herstellen könnten; doch machen wir uns Sorgen darüber,
daß die Ausbreitung einmal nicht mehr zu kontrollieren sein wird.
Je mehr Länder die Macht haben, einen nuklearen Krieg auszulösen,
desto größer ist die Möglichkeit, daß irgendein Land einmal überhastet oder in blinder Torheit von dieser Macht Gebrauch machen
könnte.
Diese Gefahren machen unsere Aufgabe so dringlich.
So groß diese Gefahren auch sein mögen, so sind sie dennoch
geringer als diejenigen, die entstehen würden, wenn wir ein unsicheres Rüstungskontrollabkommen eingingen.
Unter den bestehenden Verhältnissen hängt das V/eiterbestehen
der freien Welt von unserer gegenwärtigen relativen Stärke ab. Wir
sind uns über das Ausmaß und die Bedeutung dieser relativen Stärke
völlig im klaren. Wir werden sie nicht aufs Spiel setzen aus dem
Wunsche heraus, zu schnellen, jedoch illusorischen Ergebnissen in
bezug auf die Rüstungskontrolle zu gelangen.
Wenn in der Rüstungskontrolle wirklicher Fortschritt gemacht
werden soll, dann müssen die gewaltigen Waffensysteme, die während
der langen Jahre des Wettrüstens aufgebaut worden sind, sorgfältig
und auf beiden Seiten reduziert werden. Dies ist keine rasch zu lösende Aufgabe.
Maßnahmen der Vereinigten Staaten können sich nicht allein auf das
Versprechen einer anderen Nation gründen. Maßnahmen unsererseits werden
nur bei entsprechenden verifizierbaren Maßnahmen von Seiten der anderen
erfolgen. Wir werden auf Inspektionsverfahren bestehen, die eine Verifizierung gestatten.
Wir werden jedoch jedes als möglich anzusehende Abkommen nicht
an irgendeinem abstrakten Maßstab der Perfektion messen, sondern
lediglich nach dem praktischen Gesichtspunkt beurteilen: Würde die
Sicherheit der Vereinigten Staaten und die der freien Welt unter dem
Abkommen größer oder geringer sein als ohne Rüstungsabkommen?
Wir werden uns keinem Abkommen anschließen, das diese Prüfung
nicht besteht.
Unsere

�26. Februar 1960

"AMERIKA DIENST" '
Unsere Vorbereitungen

Sollten die Sowjets in dem Zehn-Mächte-Ausschuß ernsthaft verhandeln wollen, so werden sie uns hierzu bereit finden. Unsere Regierung unternimmt umfassende Vorbereitungen hierfür.
Wir im Außenministerium haben eine umfassende Überprüfung
des Abrüstungsproblems durchgeführt. Das Amt für Abrüstungsfragen
im Verteidigungsministerium ist vergrößert worden, und es ist eine
besondere Arbeitsgruppe, die den gemeinsamen Stabschefs untersteht,
eingesetzt worden, um für die Studien über eine Rüstungskontrolle
sowie die Verhandlungen hierüber zur Verfügung zu stehen. Um die
fortlaufend für den Verteidigungsminister und mich von unseren
Stäben durchgeführten Studien noch zu ergänzen, hat ein Sonderausschuß unter dem Vorsitz von Charles Coolidge die Rüstungskontrollfrage untersucht. Und der Wissenschaftliche Beirat des Präsidenten hat ein besonderes Gremium unter der Führung seines ehemaligen
Vorsitzenden, Dr. Killian, mit einer ständigen Überprüfung der Abrüstungsprobleme betraut.
Mr. Fredrick Eaton, der heute hier anwesend ist, wird unsere Delegation in Genf leiten. Er und sein Stab arbeiten gegenwärtig mit
unseren Verbündeten in der Zehn-Mächte-Kommission - Kanada, Frankreich,
Italien und Großbritannien - einen gemeinsamen Kurs für diese Verhandlungen aus.
Diese Länder teilen sich in gleicher V/eise mit uns in die Aufgabe, für die kommenden Verhandlungen gemeinsam abgesprochene Vorschläge auszuarbeiten. Jedes von ihnen wird, dessen bin ich sicher,
einen wichtigen und hervorragenden Beitrag leisten.
Wir werden auch in enger Konsultation mit unseren NATO-Partnern
und einer Reihe anderer befreundeter, durch Verträge mit uns verbundener Staaten bleiben.
Wir werden ständig Fühlung mit dem Kongreß halten.
Und schließlich werden selbstverständlich die Vereinten Nationen ständig voll und ganz auf dem laufenden gehalten werden.
Die Ziele der USA
Ganz allgemein gesprochen, streben wir bei den bevorstehenden
Verhandlungen zwei Hauptziele an:
Einmal werden wir mit allem Nachdruck versuchen, stabilere
militärische Verhältnisse zu schaffen, die die Gefahr eines Krieges
vermindern und eine Reduzierung der nationalen Streitkräfte sowie
der Rüstungen gestatten. Und im Anschluß hieran werden wir eine
weitere Kürzung der nationalen Streitkräfte und Rüstungen sowie
die Schaffung eines internationalen Instrumentes zur Erhaltung des
Friedens zu erreichen suchen, wobei bis zu einem Punkt gegangen
werden soll, wo dann nicht mehr nationale, sondern internationale
Streitkräfte von einer Aggression abschrecken.
^.
&amp;ö
Diese

- 4-

�"AMERIKA DIENST"

26. Februar i960

Diese beiden Ziele sind gleich wichtig. Ich möchte jetzt jedes
von ihnen näher erörtern:
Schaffung stabilerer militärischer Verhältnisse
Eine stabilere Lage auf dem Gebiet der Rüstungen erfordert
Maßnahmen zur Kontrolle der beiden Arten von Gefahren eines anhaltenden Wettrüstens, die ich vorhin erwähnte.
Erstens, um der Gefahr einer Fehlkalkulation zu begegnen, sind
Garantien gegen einen Überraschungsangriff notwendig.
Wenn diese Garantien zuverlässig sind, dann wird die Möglichkeit geringer werden, daß eine Seite zu einem Überraschungsangriff
getrieben wird,v;ei 1 sie fälschlicherweise glaubt, daß ein militärischer
Schritt der anderen Seite die Absicht eines solchen Angriffs berge.
Diese Gefahr könnte bei einer schweren internationalen Krise besonders akut werden, wenn die Spannung stark ist und beide Seiten in
erhöhter Alarmbereitschaft stehen.
Diese Garantien könnten Zonen für Luftinspektion und bewegliche
Inspektionsgruppen zu Lande einschließen. In der Vergangenheit haben
wir eine solche Inspektion in Europa, der Antarktis und jeweils entsprechenden Gebieten Nordamerikas und der UdSSR vorgeschlagen.
Auch Abkommen, die selektivere Inspektionsarten in größeren
Gebieten vorsehen, könnten möglich sein. Unsere Vorschläge vom August
1957 sahen vor, daß Inspektionsteams außerhalb wie auch innerhalb bestimmter vereinbarter Zonen für Luft- und bewegliche Bodeninspektion
stationiert werden. Solche Beobachter könnten sich während einer
etwaigen größeren Krise als nützlich erweisen, um bei dem Nachweis,
daß keine Seite einen Überraschungsangriff gegen die andere vorbereitet, mitzuhelfen.
Andere Vereinbarungen für den Austausch von Informationen könnten getroffen werden, um sicherzustellen, daß Geschehnisse im Weltraum nicht zu gefährlichen Mißverständnissen führen.
Diese verschiedenen Arten von Maßnahmen zur Vermehrung der jeder
Seite verfügbaren Informationen könnten, wo es sich als angebracht
erweist, durch Rüstungskontrollen ergänzt werden, die gleichfalls
dazu bestimmt sein würden, die Gefahr einer Fehlbeurteilung und eines
Überraschungsangriffes zu reduzieren.
Die zweite Gefahr - die Gefahr einer wahllosen Verbreitung der
Produktion von Kernwaffen - sollte von uns, unseren Hauptverbündeten
und der Sowjetunion mit größter Sorge betrachtet werden.
Um sich gegen diese Gefahr zu schützen, muß die Erprobung von
Kernwaffen und schließlich auch die Produktion von spaltbarem Material
für Waffenzwecke unter wirksamer Kontrolle verboten werden.

Wir

�"AMERIKA DIENST"

.

26. Februar i960

Wir bemühen uns, im Rahmen der Genfer Verhandlungen zur Einstellung der Kernwaffenversuche, einen ersten Schritt auf dieses
Ziel hin zu machen. Wir haben » und dies ist unser Ziel - eine Einstellung aller Kernwaffenversuche im Rahmen wirksamer internationaler Kontrollen vorgeschlagen.•
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es jedoch keine vereinbarte
technische Basis für die Errichtung wirksamer Kontrollen in bezug
auf die Kernwaffenversuche mit kleinerer Explosionswirkung. Daher
hat der Präsident am 11. Februar vorgeschlagen, daß wir uns über
ein Verbot solcher Kernwaffenversuche einigen, die im Rahmen der
gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse und unter begrenzten
Inspektionsverfahren, zu deren Annahme die Sowjets bereit schienen,
kontrolliert werden könnten.
Die Sowjetunion hat jetzt einen Gegenvorschlag für eine umfassende Einstellung unterbreitet, der vielleicht eine Änderung des
für die sowjetische Regierung akzept^al-en Standpunktes in der Frage
der Inspektionsverfahren reflektiert. Wir werden diesen Vorschlag
sehr sorgfältig prüfen.
Eine überwachte Einstellung der Kernwaffenversuche wäre ein
nützlicher Schritt in Richtung auf das Ziel einer Beendigung der
unentwegten Vergrößerung der nationalen Kernwaffenarsenale. Um dieses
Ziel zu erreichen, würden wir an unserer letztlich angestrebten Absicht festhalten - der vollständigen Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material für Kernwaffen.
Diese modernen Maßnahmen zur Begegnung der großen Gefahren
eines fortgesetzten Wettrüstens und damit zur Aufrechterhaltung
einer stabilen Lage auf dem Gebiet der Rüstungen unterscheiden sich
weitgehend von den Bemühungen, die in den Jahren zwischen den beiden
Weltkriegen unternommen wurden, um bestimmte Waffen auszuschalten
und die nationalen Rüstungen abzuschaffen. Die Probleme der Rüstungskontrolle im Atomzeitalter sind so verschieden von den Problemen vor
einem Vierteljahrhundert, wie jene Probleme wiederum verschieden waren
von den Bemühungen, die Schrecken des Krieges im Mittelalter zu verringern.
Wir können angesichts der Vielfalt der heutigen komplizierten
Waffen nicht zu einer Abrüstung gelangen, indem wir lediglich immer
wieder so abgenutzte Schlagworte wie "Verbot der Bombe", "Aufgabe
der ausländischen Stützpunkte" oder "Reduzierung der Streitkräfte
um
ein Drittel" gebrauchen oder gutheißen. Ein Maßstab für die
Ernsthaftigkeit der sowjetischen Bemühungen bei den bevorstehenden
Verhandlungen wird die Anerkennung dieser Tatsache durch Moskau sein.
Solange es keine Rüstungskontrolle gibt, sind die Bomben, die
Stützpunkte, die Streitkräfte alle nur das Ergebnis der dringenden
Notwendigkeit, von einer Aggression abzuschrecken. Das Ziel der ersten
Maßnahmen zur Rüstungskontrolle sollte es sein, dafür Sorge zu tragen,
daß dieser Notwendigkeit in einer Weise begegnet wird, durch die das
bestehende Risiko eines Krieges reduziert und nicht vergrößert wird.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"'

26. Februar 1960

Wenn wir uns so auf stabilere militärische Verhältnisse hinbewegen, können und sollten progressive, graduelle und wohlausgewogene
Reduzierungen der nationalen militärischen Streitkräfte erreicht
werden. Den nationalen Streitkräften sollten hinsichtlich der Mannschaftsstärke Höchstgrenzen auferlegt und bestimmte Mengen an her*
kömmlicher Ausrüstung unter internationaler Aufsicht gelagert werden.
Allgemeine Abrüstung
Diese Maßnahmen zur Schaffung stabiler militärischer Verhältnisse wären der erste Schritt auf unserem Wege zur Abrüstung. Sie
würden unsere nationale Sicherheit vergrößern und die Gefahr eines
Krieges verringern.
Sie vnirden uns auch grundsätzlich die Freiheit des nationalen
Handelns belassen und unsere relative nationale Kapazität nicht
beeinträchtigen, Da immer noch starke nationale Streitkräfte unter
Waffen stünden, bliebe die nationale Stärke - nicht das Völkerrecht immer noch die letzte Zuflucht.
Um eine Welt des friedlichen Wandels zu garantieren, würden
wir eine zweite Phase der allgemeinen Abrüstung vorsehen. Unsere
Zielsetzung in dieser zweiten Phase wäre zweierlei:
e inmal die Schaffung bestimmter, auf der ganzen Welt anerkannter Rechtsgrundsätze, die, wenn befolgt, alle Nationen davon abhalten
würden, andere Nationen anzugreifen. Hinter derartigen Rechtsgrundsätzen müßten ein Weltgerichtshof und wirksame Mittel zu ihrer Durchsetzung stehen - das heißt eine internationale bewaffnete Streitmachtj
zum anderen eine Reduzierung der nationalen Streitkräfte unter
gesicherten und auf ihre Einhaltung geprüften Abmachungen bis zu einem
Punkt, wo keine einzelne Nation oder Staatengruppe sich dieser Durchsetzung des Völkerrechts mittels einer internationalen Organisation
mehr wirkungsvoll widersetzen kann.
Wenn diese beiden Ziele nicht fest im Auge behalten werden, dann
könnte ein Abkommen über eine allgemeine Abrüstung die Welt leicht in
einen Zustand der Anarchie bringen. Solange es keine wirkungsvolle
internationale Organisation zur Erhaltung des Friedens gibt, könnten
die Staaten das Abrüstungsabkommen ungestraft verletzen und auf diese
Weise versuchen, einen entscheidenden Vorsprung beim Aufbau ihrer
Rüstungen zu erlangen. Da außerdem aber jedem Staat eine Pdlizeimacht
zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit bleibt, könnten Staaten
mit einer hohen Bevölkerungszahl ganz beachtliche Verbände unterhalten,
die sie k solange es eine solche den Frieden erhaltende Organisation
nicht gibt - wirksam gegen ihre kleineren Nachbarn einsetzen könnten.
Um uns gegen diese Gefahren zu schützen, sollten wir, was das
Thema der allgemeinen Abrüstung anbetrifft, auf wirksame internationale
Übereinkommen hinarbeiten, die den Frieden und die Sicherheit aufrechterhalten und das Recht gemäß dem Gesetz fördern würden. Wir sind bereit,
uns an entsprechenden Studien zu diesem Zwecke zu beteiligen. Ein

- 7-

�26. Februar 196O

"ALIERIKA DIENST"

Ein brauchbarer Rahmen und ein beachtliches Maß an Erfahrung stehen
uns in der Organisation der Vereinten Nationen hierfür bereits zur
Verfügung.
Diese Studien könnten sich auf zwei Formen grundlegender und
notwendiger Veränderungen konzentrieren:
1. Die Stärkung und der Ausbau eines internationalen Instruments
zur Verhinderung nationaler Aggressionen in einer Welt, die bis auf
die internen Sicherheitstruppen abgerüstet hat.
2. Die Stärkung und der Ausbau einer internationalen Organisation
zur Sicherung gerechter und friedlicher Lösungen von Streitfragen in
einer abgerüsteten Welt.
Ein Fortschritt in Richtung auf diese beiden Dinge ist notwendig,
wenn das Ziel einer allgemeinen Abrüstung erreicht werden soll.
V/ir brauchen - ja wir dürfen - jedoch nicht warten, einen Anfang
mit begrenzteren Maßnahmen zu machen, die unabhängig davon bei der
Förderung des Y/achstums von Institutionen zur Erhaltung des Friedens
von Wert wären und die den Fortschritt in der Abrüstung erleichtern
würden. Ich denke dabei an solche Maßnahmen wie die verstärkte Heranziehung der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen und die
Unterstützung der Bemühungen von UN-Generalsekretär Hammarskjöld,
Abmachungen über die Bereitstellung einer UN-Streitmacht und andere
Formen des Einsdireitens der Vereinten Nationen an Orten, wo die Gefahr
der Gewaltanwendung droht, auszuarbeiten. Wir planen, in den Vereinten Nationen Konsultationen über eine Reihe solcher spezifischer
Maßnahmen zu pflegen.
Zusammenfassung
Dieses also ist in groben Umrissen der erneute Versuch, den die
Regierung der Vereinigten Staaten zu unternehmen im Begriff ist, um
durch eine Rüstungskontrolle und eine schließliche allgemeine Abrüstung
die nationale Sicherheit zu stärken. Die einzelnen spezifischen Elemente dieser Bemühung werden sich natürlich erst aus den jetzt mit unseren
Verbündeten geführten Besprechungen und Konsultationen ergeben.
Wenn diese Initiative eine Erfolgschance haben soll, dann wird
sie das Verständnis und die Unterstützung des amerikanischen Volkes
und des amerikanischen Kongresses brauchen. Wir werden uns mit dem
Kongreß jeweils über die einzelnen Stadien beraten und dem amerikanischen Volk entsprechend Bericht erstatten.
Der Erfolg dieser Bemühung wird zu einem Teil auch davon abhängen,
welche Initiative die Sowjetunion zu gesicherten Rüstungsabkommen
sieht. Wenn die sowjetischen Führer glauben, daß die freie Welt wahrscheinlich auch einseitig abrüsten wird,dann werden sie kaum einen Grund
sehen, warum sie sich einem gesicherten Abkommen anschließen sollten.

Die

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�"AMERIKA DIENST"

26. Februar 1960

Die weitere und wirksame Durchführung unserer eigenen militärischen Programme und der der freien Welt sowie unseres Gemeinsamen Sicherheitsprogramms ist daher von entscheidender Bedeutung,
wenn Aussicht auf irgendeinen Fortschritt in der Rüstungskontrolle
bestehen soll.
Wenn die Sowjetunion einen solchen Fortschritt zustande zu
bringen wünscht - in dem Bestreben, einen besseren Weg als den des
sich gegenseitig hochtreibenden Wettrüstens zu finden -, um den
Frieden und die Sicherheit zu gewährleisten, dann wird sie unser
Entgegenkommen finden.
Die Gefahr, die jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in unserer
heutigen Welt bedroht, ist zu groß, als daß man etwas anderes tun
könnte und dürfte, als mit größter Anstrengung, Hingabe und Ausdauer
nach diesem Ziel zu streben.

f-tt • • «

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./l8«5.1960

WESTlvlACHTE VERÖFFENTLICHEN GEMEINSAMEN ABRUSTUNGSPLAN

WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium
veröffentlichte am 15« März "i960 den V/ortlaut des gemeinsamen Abrüstungsplanes, den die USA, Großbritannien,
Frankreich, Italien und Kanada für die am Dienstag beginnende Zehn-Mächte-Abrüstungskonferenz in Genf ausgearbeitet haben. Die Verlautbarung des State Department
hat folgenden Wortlaut:

Fünf-Mächte-Arbeitsplan über die allgemeine Abrüstung
"Die fünf westlichen Länder - die Vereinigten Staaten, Großbritannien,
Frankreich, Kanada und Italien -, die an der am 15» März 196O in Genf beginnenden Zehn-Mächte-Abrüstungskonferenz teilnehmen, haben heute folgendes zur Veröffentlichung freigegeben:
a) Das letztliche Ziel ist eine sichere, freie und friedliche Welt,
in der es eine allgemeine Abrüstung unter einer wirksamen internationalen
Kontrolle sowie vereinbarte Verfahren zur Lösung von Streitfällen in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen geben
wird.
b) Aufgabe der Zehn-Machte-Abrüstungskonferenz sollte es sein,
Maßnahmen für eine allgemeine Abrüstung auszuarbeiten, die nur durch
ausgewogene, phasenweise und gesicherte Abkommen erreicht werden kann.
c) Alle Abrüstungsmaßnahmen müssen durch eine geeignete internationale
Organisation beobachtet und verifiziert werden.

Die folgenden Maßnahmen v/erden mit der Empfehlung vorgeschlagen, sie
sofort zu ergreifen:
a) Schrittweiser Aufbau einer internationalen Abrüstungsorganisation
(IDO) im Anschluß an eine gemeinsame Studie über den Aufbau und die Funktionen einer derartigen Organisation und über ihre Beziehung zu den Vereinten Nationen (unter Berücksichtigung bereits früher gemachter Erfahrung
auf diesem Gebiet).

li

�"AMERIKA DIENST"

18. März 1960

b) Vorherige Unterrichtung der IDO über geplante Starts von Raumflugkörpern und Schaffung kooperativer Einrichtungen zur Übermittlung
von Daten, die aus verfügbaren Peil- und Ortungsanlagen gewonnen wurden.
c) Das Zusammentragen von Informationen über die derzeitigen Truppenstärken (Stärke des aktiven, uniformierten militärischen Personals) und
über die Rüstungen, was die Land-, See- und Luftstreitkräfte anbetrifft,
die von den verschiedenen Mächten unterhalten werden. Das Zusammentragen
von Informationen würde in erster Linie auf der Grundlage von Erklärungen erfolgen, die von den einzelnen Staaten auf Grund von im voraus festgelegten und beiderseits vereinbarten Kriterien abgegeben würden.
d) Die koordinierte Reduzierung oder Begrenzung der Truppenstärken
und der konventionellen Rüstungen nach Festlegung vereinbarter Abmachungen und Verfahren für eine erste und dann fortlaufende Verifizierung durch
die internationale Abrüstungsorganisation (iDO) wie folgt:
1. Die anfänglichen Höchstgrenzen für die Truppenstärken sollen sein:
2,5 Millionen für die Sowjetunion
2,5 Millionen für die Vereinigten Staaten und
vereinbarte entsprechende Truppenstärken für bestimmte andere Staate
2. Jeder Staat, der Partner des Abkommens ist, soll in Vorratsdepots,
die innerhalb seines eigenen Territoriums gelegen sind und unter der "Überwachung der Internationalen Abrüstungsorganisation (IDO) stehen, vereinbarte
Arten und Mengen an konventionellen Waffen einlagern, die in den dem Abkommen beigefügten Listen festgelegt sind und in Zusammenhang mit den vereinbarten Truppenstärken stehen.
e) Die Vorlage von Informationen durch die verschiedenen Staaten bei
der Internationalen Abrüstungsorganisation (IDO) bezüglich der Handhabung
der verschiedenen Finanzsysteme, soweit es die militärischen Ausgaben betrifft, der Höhe ihrer militärischen Ausgaben und des Prozentsatzes ihres
Bruttosozialprodukts, der für militärische Ausgaben vorgesehen ist. Die
vorzulegenden Informationen werden nach im voraus festgelegten und beiderseits vereinbarten Kriterien zusammengestellt werden.
f) Unverzüglich werden gemeinsame Untersuchungen über folgende Themen
durchgeführt werden:

�"AMERIKA DIENST"

18. März 1960

b) Die vorherige Benachrichtigung der Internationalen Abrüstungsorganisation (IDO) nach im voraus festgelegten und beiderseits vereinbarten Kriterien und Deklarierung der Abschußstellen und der Herstellungsorte solcher Raketen mit vereinbarter Verifizierung, einschließlich der
Inspektion der Abschußstellen für solche Raketen an Ort und Stelle.
c) Die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material für Waffenzwecke, unmittelbar nachdem ein allgemein anerkanntes Kontrollsystem zur
Verifizierung dieser Maßnahme geschaffen worden und wirksam in Funktion
getreten ist - sofern ein befriedigender Portschritt auf dem Gebiet der
konventionellen Abrüstung zustande kommt.
d) Die Transferierung vereinbarter Mengen spaltbaren Materials aus
der früheren Produktion unter internationaler Überwachung und Kontrolle
zu nichtmilitärischer Verwendung, einschließlich ihrer Lagerung, unmittelbar nach der Errichtung und dem wirksamen Funktionieren eines allgemein
anerkannten Kontrollsystems zur Verifizierung der Produktionseinstellung
von spaltbarem Material für 7/aff enzwecke.
e) Die Einführung geeigneter Maßnahmen, die den Teilnehmerstaaten
größeren Schutz vor Überraschungsangriffen geben sollen, unter Einschluß
der Luftinspektion, Bodenbeobachtungsstellen an vereinbarten Punkten, mobiler Bodenbeobachtungsgruppen, ineinandergreifender Radarnetze, der Ankündigung von Flügen und angemessener Nachrichtenverbindungen.
f) Eine Abrüstungskonferenz mit anderen, über ein bedeutendes Militärpotential verfügenden Staaten, die einberufen wird, um deren Beitritt
zum Abrüstungsabkommen, einschließlich der Annahme angemessener Reduzierungen oder Begrenzungen der jeweiligen Mannschaftsstärken und Rüstungen,
zu erörtern.
g) Höchstgrenzen der Truppenstärken für alle militärisch bedeutenden
Staaten und entsprechende Inspektions- und Verifizierungsmaßnahmen, die
gleichzeitig mit der Festsetzung der Höchstgrenzen der Truppenstärken für
die USA und die UdSSR auf je 2,1 Millionen Mann in Kraft treten. Gleichzeitig soll jeder der beteiligten Staaten sich bereit erklären, in Vorratsdepots vereinbarte Arten und Mengen von Rüstungen einzubringen, die
in einem vereinbarten Zusammenhang mit den Höchstgrenzen für die Truppenstärken stehen.
h) Die Festsetzung von Maßnahmen zur Verifizierung der Haushaltsinformationen.
i) Eine weitere progressive Fortentwicklung der Internationalen Abrüstungsorganisation (IDO) .
j) Beginn der Errichtung der internationalen Organisation zur Erhal-'
tung des Weltfriedens.

III

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�"AMERIKA DIENST"

1 8 . März

196O

III
Im Vorangegangenen sind Maßnahmen umrissen, die durch Verhandlungen
festgelegt und so schnell wie möglich in Kraft gesetzt werden sollten.
Im Folgenden sind Maßnahmen aufgeführt, die für die Erreichung des Endzieles als notwendig betrachtet werden:
a) Die Reduzierung der nationalen Streitkräfte und Rüstungen durch
progressive und gesicherte Schritte (im Anschluß an solche weiteren gemeinsamen Studien, wie sie sich als notwendig erweisen mögen) bis auf Ebenen,
wie sie durch die innere Sicherheit und die Erfüllung der unter der Charta
der Vereinten Nationen übernommenen, dahin gehenden Verpflichtungen bedingt
werden, daß sich kein einzelnes Land und oder keine Gruppe von Ländern der
Durchsetzung des Völkerrechts in wirksamer Form widersetzen kann.
b) Die Maßnahmen zu diesem Ziel, die so abgestimmt sind, daß sie mit
dem Aufbau einer internationalen Rechtsvollstreckungseinrichtung zur Wahrung
des Weltfriedens sowie mit der Erweiterung der internationalen Abrüstungsorganisation (IDO) zur Durchführung der notwendigen Inspektion und Kontrolle
gleichlaufen, werden einschließen:
1. das Verbot der Produktion nuklearer, chemischer, biologischer und
anderer Massenvernichtungsmittel;
2. eine weitere Reduzierung der bestehenden Vorräte an nuklearen, chemischen, biologischen und anderen Massenvernichtungsmitteln, eine Überstellung spaltbaren Materials für die friedliche Nutzung sowie weitere, den
jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechende Maßnahmen zur endgültigen Abschaffung dieser Waffen;
3. Maßnahmen, die sicherstellen, daß der Weltenraum ausschließlich
für friedliche Zwecke genutzt wird;
4. die Kontrolle der Produktion vereinbarter Kategorien von militärischen Raketengeschossen sowie der bestehenden Arsenale der Staaten und
ihre schließliche Beseitigung;
5. den Aufbau einer wirksamen internationalen Kontrolle über die Militärhaushalte;
6. die Vollendung des Aufbaus internationaler Organisationen und die
Schaffung von Abkommen zur Erhaltung des Weltfriedens;
7. die endgültige Reduzierung der militärischen Mannschaftsstärken und
Rüstungen auf einen Stand, wie er für die in Paragraph A angeführten Ziele
erforderlich ist, einschließlich der Verfügung über überschüssiges Rüstungsmaterial.
e

8. die Kontrolle der Produktion aller übrigen Rüstungsarten, um sicherzustellen, daß die Produktion auf die für die in Paragraph A spezifizierten
Zwecke erforderliche Höhe beschränkt bleibt."
* * * * *

-

5 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./8.4.60
HERTER» ZIELE DER AMERIKAMISCHEN AUSSENPOLITIK
CHICAGO — AD -- Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rede des US-Außenministers Christian A. Herter, die er am 4» April
i960 in Chicago auf der Jahresversammlung des
amerikanischen Rundfunkrates gehalten hat,
Herter gab darin einen Überblick über die
Außenpolitik der USA und deren Zielsetzungen.
Er ging im Laufe seiner Ansprache insbesondere
auf die bevorstehende Gipfelkonferenz, die
Deutschland- und die Berlin-Frage sowie auf
die Probleme der Abrüstung und der Kernwaffenversuche ein.

Der Rundfunk und das Fernsehen leisten den Vereinigten Staaten bei der Unterrichtung des amerikanischen Volkes über die
Ziele und die Entwicklung unserer Außenpolitik gute Dienste,
Darüber hinaus machen wir den umfassendsten Gebrauch von Rundfunk und Fernsehen bei unserem Bemühen, das Verständnis für die
USA im Ausland zu vergrößern. Die anhaltend gute Zusammenarbeit,
die uns von dem kommerziellen amerikanischen Rundfunkverband zuteil wurde, ist überaus beglückend.
Die Fernsehindustrie im Ausland erlebt gegenwärtig dieselbe
große Expansion, die sich hier bei uns vor fünf oder sechs Jahren
vollzog, Das amerikanische Informationsamt (USIA) ist im Begriff,
vollen Gebrauch von dem Medium Fernsehen zu machen, um das Verständnis der Welt für die USA zu steigern. Ich vertraue fest darauf,
daß uns von der Fernsehindustrie die gleiche großherzige und wertvolle Zusammenarbeit zuteil wird, wie wir sie vom Rundfunk erhielten, so daß die Welt sich ein besseres Bild darüber machen kann,
wie wir wirklich sind.
Wir sind uns auch der guten Zusammenarbeit bewußt, die der
Rundfunkverband privaten Organisationen wie dem "Feldzug für die
Freiheit" zuteil werden ließ und weiterhin zuteil werden läßt.
Ich möchte hier auch dankbar der großherzigen Unterstützung
gedenken, die uns Ihr Präsident, der verstorbene Harold Fellows,
gewährte. So groß wie sein Können und seine Fähigkeiten war auch
seine patriotische Bereitschaft, zu dienen, und wir teilen Ihre
- 1-

�"AMERIKA DIENST"

8. April i960

Ihre Trauer um diesen Verlust.
Es ist fast ein Jahr her, seit ich das Amt des Außenministers
antrat. Ich möchte daher einen Überblick über die Grundzüge der
amerikanischen Außenpolitik geben und einiges zu dem sagen, was vor
uns liegt .
Die Gewährleistung der Freiheit und Sicherheit des amerikanischen Volkes ist das Hauptziel der amerikanischen Politik. Um dies in
der heutigen Welt zu erreichen,müssen wir ein Problem lösen, das die
Menschheit bisher noch nicht zu meistern vermocht hat - das Problem
des friedlichen Wandels.
Wir müssen die Anwendung militärischer Macht zur Erreichung
eines Wandels verhindern und Mittel ersinnen, um notwendige Veränderungen auf friedlichem Wege zu erzielen.
Die Vereinigten Staaten bemühen sich, die Möglichkeit von Gewaltmaßnahmen zu vermindern und sicherzustellen, daß die notwendigen Anpassungen in friedlicher Weise erfolgen - und zwar bemühen sie sich
darum in fünf grundsätzlichen Formen»
1. Verstärken wir die kollektiven Sicherheitsabkommen, die vor
einer Aggression abschrecken;
2. streben wir nach einem Abkommen über Maßnahmen zur Rüstungskontrolle, durch das die Gefahr eines Krieges verkleinert würde;
3. verhandeln wir mit der Sowjetunion, um die Lösung politischer
Fragen zu fördern, die uns trennen»
4. verstärken wir unser Programm zur Unterstützung der weniger
entwickelten Länder, um den hier notwendigen Fortschritt zu erreichen; und
5. unterstützen wir die Vereinten Nationen in den Bemühungen,
die ordnungsgemäße Lesung von Problemen zu fördern und damit die
Möglichkeit eines Konfliktes zu verringern.
Kollektive Sicherheit
Wenn es im vergangenen Jahr in Europa im Zusammenhang mit der
Berlin-Frage und im Fernen Osten im Zusammenhang mit Formosa und
dem Königreich Laos nicht zur Anwendung von Gewalt kam, so geschah
dies zum Teil auf Grund der defensiven Stärke der freien Welt und der
klar zutage getretenen Bereitschaft, diese Macht - sollte es notwendig
sein - einzusetzen. Diese Stärke wurde durch kürzliche Maßnahmen wie
die Unterzeichnung eines neuen Sicherheitsvertrages zwischen den Vereinigten Staaten und Japan, eine verbesserte Koordinierung und Zusammenarbeit in der SEATO und der CENTO sowie die Stärkung des interamerikanischen Systems auf Grund der Außenministerkonferenz in Santiago bekräftigt und vergrößert.
Das

�8. April 196O

"AMERIKA DIENST

Das erste Bollwerk, das im Rahmen unseres kollektiven Sicherheitssystems errichtet wurde, war die Nordatlantische Allianz, die
heute den elften Jahrestag ihrer Gründung begeht.
Durch die Behandlung solcher wichtiger Fragen wie die Abrüstung,
die Zukunft Deutschlands und die Freiheit Berlins wurde der Zusammenhalt der Nordatlantischen Allianz gestärkt und durch die Konsultation
und Zusammenarbeit im Nordatlantikrat offenkundig gemacht. Niemals
zuvor in der Geschichte gab es zu Friedenszeiten ein System für die
politische Konsultation zwischen souveränen Ländern, das so erfolgreich war wie das System, welches wir heute in der NATO haben.
Auch wenn der Beitrag, den die Allianz hinsichtlich der Entwicklung neuer Methoden der Zusammenarbeit unter gleichgesinnten
Völkern leistet, immer größer wird, so bleibt die militärische
Stärke der NATO doch der Kern ihrer Existenz, der für die Verhandlungsposition des Westens entscheidend wichtig ist.
Diese militärische Stärke nimmt weiterhin zu. Die deutsche
Wiederbewaffnung zum Zwecke der Verteidigung macht zufriedenstellende Fortschritte} sie ist gänzlich für die von der Bundesrepublik im
Rahmen der NATO übernommenen Verpflichtungen zur kollektiven Selbstverteidigung bestimmt. Eine Reihe von europäischen NATO-Ländern haben
sich entschlossen oder planen, ihre Verteidigungsbudgets zu erhöhen.
Die Anwesenheit der amerikanischen Streitkräfte auf dem europäischen
Kontinent zusammen mit britischen und kanadischen Verbänden ist ein
sichtbarer Beweis dafür, daß Amerika erkennt, daß seine Sicherheit
von der Sicherheit Westeuropas nicht zu trennen ist. Ein bedeutender
Fortschritt wird bei der Ausrüstung der amerikanischen und europäischen
Streitkräfte des NATO-Verteidigungsschildes mit modernen Waffen gemacht,
die für die Sicherheit des Vertragsgebietes solange von entscheidender
Wichtigkeit sind, bis eine zuverlässige und kontrollierte Abrüstung
erreicht worden ist.
Aber obgleich der Fortschritt bedeutend gewesen ist, bleiben uns
weitere wichtige Aufgaben für die Zukunft. Die Land-, See- und Luftstreitkräfte der NATO müssen weiterhin .verstärkt werden. Wir und unsere Verbündeten bemühen uns außerdem, die Zusammenarbeit und Konsultation innerhalb der NATO weiterhin zu fördern, die für das weitere
Wohlergehen der Atlantischen Gemeinschaft von lebenswichtiger Bedeutung
und in diesem Zeitalter des Aufeinanderangewiesenseins unumgänglich
sind.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin mit ihren NATOPartnern intensiv zusammenarbeiten, um sowohl die militärischen als
auch die nichtmilitärischen Ziele zu erfüllen. Ich durfte auf der
Ministersitzung des Nordatlantikrates im Dezember vergangenen Jahres
ein Programm der langfristigen NATO-Planung für das gegenwärtige
Jahrzehnt vorschlagen. Der Rat stimmte diesem Vorschlag zu, und die
USA werden mit den anderen NATO-Mitgliedern eng zusammenarbeiten,
um seine erfolgreiche Durchführung zu unterstützen.
Wenn

- 3-

�8. April i960

"AMERIKA DIENST"

Wenn die Welt in eine Ära eintritt, in der die Drohung der
offenen Aggressionen abzunehmen scheint, ist man vielleicht versucht, die NATO sowie andere kollektive Sicherheitsvorkehrungen
als selbstverständlich hinzunehmen und zu glauben, daß Nachdruck
und Vorrang der Politik auf anderen Gebieten liegen. Ich kann nicht
genug unterstreichen, daß in künftigen Jahren wie auch in der Vergangenheit - solange bis eine kontrollierte allgemeine Abrüstung
erzielt und eine internationale Friedenstruppe geschaffen worden
ist - die militärische Stärke der NATO und unsere anderen kollektiven
Vorkehrungen ein Grundpfeiler der Politik der USA, das notwendige
Fundament für einen gerechten Frieden, bleiben werden,
Rüstungskontrolle
Während die Vereinigten Staaten daran arbeiten, durch kollektive
Sicherheit vor einer Aggression abzuschrecken, sind sie gleichzeitig
bemüht, die Kriegsgefahr sowie die Last der Rüstungsausgaben durch
eine gesicherte Rüstungskontrolle zu reduzieren.
Die Westlichen Nationen hoffen, daß, auf lange Sicht gesehen,
schließlich doch noch eine angemessene Ordnung des Völkerrechts
sowie die Maschinerie für die Durchsetzung dieses Rechts eine weltweite Billigung finden werden. Innerhalb dieses Rahmenß würde es
dann möglich sein, eine allgemeinere Abrüstung in Angriff zu nehmen.
Um unser Nahziel zu erreichen, haben die Vereinigten Staaten und
Großbritannien während der vergangenen 17 Monate mit der Sowjetunion
ständig über die Aussetzung der Kernwaffenversuche verhandelt. Eine
solche Einstellung der Versuche würde nicht nur die Verbreitung der
Kernwaffen unterbinden und die weltweite Besorgnis über die radioaktiven Ausfälle vermindern, sondern würde auch, was die Kontrollen
anbetrifft, einen wichtigen Präzedenzfall für das umfangreichere
Problem der Abrüstung schaffen.
Beachtlicherweise ist jetzt ein Fortschritt in der Annäherung
der westlichen und der sowjetischen Position in der Frage der Kernwaffenversuche erzielt worden. In der vergangenen Woche haben Präsident Eisenhower und Premierminister MacMillan einen Vorschlag unterbreitet, der die Möglichkeit eines bedeutenden Schritts vorwärts in
Richtung auf das erstrebte Ziel einer kontrollierten, umfassenden
Einstellung aller Kernwaffenversuche eröffnet. Eine Annahme dieses
Vorschlages würde bedeuten, daß man zu einem gesicherten Vertrag
gelangen könnte, der die Versuche in der Atmosphäre, auf den Weltmeeren und in größeren Höhen sowie größere unterirdische Explosionen
beenden und ein temporäres, freiwilliges Moratorium für jene kleineren
Kernwaffenversuche in Kraft treten lassen würde, die - wie wir glauben zur Zeit noch nicht mit Zuverlässigkeit erkannt und identifiziert
werden können,
Durch diese gemeinsame Maßnahme haben die Vereinigten Staaten
und Großbritannien ein Abkommen in Reichweite treten lassen, das sehr
wohl ein historischer Wendepunkt in dem Bemühen um vereinbarte Maßnahmen zu einer Rüstungskontrolle sein könnte, die zu einem weitaus

- 4.

�"AMERIKA DIENST"

.

,

8. April i960

weitaus größeren Maß an Frieden und Sicherheit in der Welt führen
würden.
Jetzt liegt es an der Sowjetunion; sie ist am Zuge.
Die Entwicklungen bei den Genfer Verhandlungen über ein Kernwaffenversuchsverbot sind von außerordentlicher Bedeutung; unser
größeres Ziel besteht jedoch in allgemeinen, kontrollierten Rüstungsbegrenzungen.
Im vergangenen Monat haben die Verbündeten dem Zehn-Mächte-Abrüstungsausschuß ein in drei Phasen gegliedertes Programm zur gesicherten Rüstungsreduzierung vorgelegt, das zu dem Ziel einer allgemeinen Abrüstung führen würde. Wir sind davon überzeugt, daß dieses
Programm eine realisierbare, praktische Methode bietet, während die
allgemein gehaltenen und vagen Bestimmungen des sowjetischen Vorschlages bisher ihre Durchführbarkeit noch nicht bewiesen haben.
Die erste und die zweite Phase des westlichen Programms enthalten Vorschläge, die unser Nahziel - das Risiko eines unbeabsichtigten Krieges zu vermindern - fördern würden. Die Vorschläge dieser
Phase sehen eine Vorankündigung des Abschusses von Flugkörpern in
den Weltraum sowie andere Garantien gegen einen Überraschungsangriff
•ör. Wir schlagen ferner eine Beendigung der Produktion spaltbaren
Materials für Waffenzwecke vor, wodurch der Verbreitung von Kernwaffen
Einhalt geboten würde.
Die dritte Phase des westlichen Programms würde unser letztliches
Ziel - eine allgemeine Abrüstung - verwirklichen. Sie sieht eine
außerordentlich drastische Reduzierung der Streitkräfte sowie gleichlaufend damit die Schaffung eines Systems für die wirksame Durchsetzung
des Völkerrechtes vor.
Wenn Fortschritte in Richtung auf diese Ziele erreicht werden,
sollen, dann ist eine größere Bereitschaft auf seiten der sowjetischen
Führung erforderlich, die für eine wirksame Rüstungsbegrenzung notwendigen praktischen Schritte zu akzeptieren. Die nukleare Zerstörung
kennt keinen Unterschied der Nationalität. Es gibt keine ideologische
Färbung, die den Fortbestand garantiert. Das intensive Bestreben der
Völker, ihre Hilfsquellen für die wirtschaftlichen Entwicklungen und
für den sozialen Fortschritt statt für die Produktion von Waffen einzusetzen, ist nicht clas Monopol der einen oder der anderen Seite. Ein
echter Fortschritt auf dem Wege zu einer gesicherten Rüstungskontrolle
würde den besten Interessen beider Seiten dienen, ohne daß dadurch von
der einen oder der anderen Seite Positionen oder Grundsätze geopfert
würden.
Es wird nicht einfach sein, irgendeine Form der Einigung zu erreichen. Aber es ist notwendig, und es wird jeden Tag notwendiger, und,
wie Außenminister Dulles zu sagen pflegte, "wir müssen als unsere
Arbeitshypothese akzeptieren, daß das, was notwendig ist, auch möglich
ist".
Die

- 5.;--«T^r&lt;

�8. April 196O

"AMERIKA DIENST'
Die politische Verhandlung

Wir bemühen uns ernsthaft darum, die Kriegsgefahr zu vermindern,
indem wir mit der Sowjetunion wie über die Rüstungskontrolle so auch
über politische Streitfragen verhandeln.
Unser unmittelbares Ziel bei diesen ständigen Verhandlungen ist
es, die Positionen beider Seiten zu klären und die Gefahr eines Konfliktes über die uns trennenden politischen Fragen zu vermindern»
Unser Fernziel ist es, die Grundlage für eine schließliche Lösung
dieser Streitfragen zu schaffen.
Zweifellos ist
eine der Hauptfragen, denen wir uns gegenübersehen, das Problem der Teilung Deutschlands« Diese unnatürliche Teilung stellt nicht nur eine schwere Ungerechtigkeit gegenüber dem
deutschen Volk dar, sondern - was genau so ernst ist - die anhaltende
Spaltung Deutschlands wird, wenn sie nicht beseitigt wird, unvermeidlicherweise zu einer Gefährdung des Vifeltfriedens führen»
In den vergangenen Monaten hat Herr Chruschtschow wiederholt in
öffentlichen Erklärungen zu verstehen gegeben, daß er unter Umständen
einseitig einen separaten Vertrag mit dem ostdeutschen Regime abschließen wird, wenn die Westmächte einer Regelung des deutschen
Problems nach seinen Bedingungen nicht zustimmen. Wenn er auch sorgfältig darauf achtete, in seinen Erklärungen zu diesem Thema nicht
zu präzise zu sein, so konnte die Wiederholung dieser Drohung die
Situation doch nur komplizieren und die internationale Atmosphäre
ungünstig beeinflussen.
Herr Chruschtschow hat ebenfalls vor kurzem in bezug auf Asien
erklärt, daß "jedes Volk das Recht auf Selbstbestimmung besitzt".
Aber ans der bisherigen sowjetischen Haltung hinsichtlich Deutschlands
wird klar, daß Herr Chruschtschow nicht bereit ist, dafür Sorge zu
tragen, daß dieser Grundsatz auf die unter kommunistischer Kontrolle
lebenden 17 Millionen Menschen in Ost-Berlin und Ostdeutschland angewandt wird.
Im Gegensatz dazu haben die Westmächte in einer langen Reihe von
Verhandlungen nach dem Kriege darauf bestanden, daß der Grundsatz der
Selbstbestimmung geachtet wird. Genauer ausgedrückt, wir sind der Überzeugung, daß die Wiedervereinigung auf der Grundlage freier Wahlen
zustande/kommen und daß eine endgültige Friedensregelung mit der deutschen Regierung getroffen werden sollte, die auf der Grundlage solcher
Wahlen gebildet wurde.
Man darf damit rechnen, daß auch die Berlin-Frage bei den bevorstehenden Pariser Besprechungen der Regierungschefs eine bedeutende
Rolle spielen wird. Die Teilung Berlins spiegelt lediglich das
größere Problem der Teilung Deutschlands wider.
Die Westmächte sind entschlossen, die Freiheit
der Westberliner Bevölkerung auf der bevorstehenden
zu verteidigen. Wir haben diese Einstellung auf der
konferenz in Genf klargemacht. Präsident Eisenhower

- 6-

und Sicherheit
Gipfelkonferenz
Außenministerhat sie erneut

�AMERIKA DIENST"

8. April 1960

erneut in Camp David bekräftigt. Wir und unsere Verbündeten haben
erst unlängst auf der Konferenz der Regierungschefs im Dezember in
Paris übereinstimmend erklärt, daß wir in bezug auf West-Berlin fest
bleiben werden« Indem wir auf diese Weise sicherstellen, daß die
sowjetischen Machthaber unsere Festigkeit nicht falsch beurteilen,
verringern wir die Möglichkeit unbesonnener Aktionen, durch die die
Spannungen gewaltig verstärkt werden würden.
Indem wir unsere fundamentalen Rechte und Verpflichtungen hinsichtlich Berlins erneut bekräftigen, sind wir zugleich ehrlich gewillt, Verhandlungen zur Lösung dieses Problems im Zusammenhang mit
dem Deutschlandprogramm als Ganzem aufzunehmen.
Wenn ich das deutsche Problem erörtere, dann möchte ich die Gelegenheit benutzen, um einige Worte über das neue Deutschland - die
Bundesrepublik Deutschland - zu sagen. Ich habe in den vergangenen
Monaten zahlreiche feindselige Angriffe seitens der Sowjetunion einige von Herrn Chruschtschow selbst - bemerkt, in denen die Regierung der Bundesrepublik als "militaristisch" hingestellt wurde.
Diese Beschuldigungen entbehren absolut jeder Grundlage. Sie sind
ganz klar darauf gerichtet, nioht nur die Regierung von Bundeskanzler
Adenauer in Mißkredit zu bringen, sondern auch den Samen des Argwohns
und der Uneinigkeit unter den Mitgliedern der Allianz der freien Welt
zu säen. Während der ersten zehn Jahre ihres Bestehens hat die Bundesrepublik unter der konstruktiven Führung von Bundeskanzler Adenauer
in Deutschland wieder eine demokratische Ordnung geschaffen, die den
Prinzipien der Freiheit und der Gerechtigkeit geweiht ist. Innerhalb
des Rahmens solcher Zusammenschlüsse wie die Europäische Gemeinschaft
und die NATO, die beide die uneingeschränkte deutsche Unterstützung
erhalten haben, hat die Bundesrepublik wirksam zu der Entwicklung
einer politischen und wirtschaftlichen Stabilität in Westeuropa und
zu der Aufrechterhaltung der Sicherheit der freien Welt beigetragen.
Sie hat sich in jeder Hinsicht als ein wertvoller und geachteter Verbündeter erwiesen.
Auf der im kommenden Monat in Paris stattfindenden Gipfelkonferenz
wird der Westen weiterhin die Entschlossenheit der freien Welt, entscheidende Rechte zu verteidigen, klarstellen. Gleichzeitig wird er
sich weiter um eine Sondierung aller Möglichkeiten, insbesondere der
Rüstungskontrolle, bemühen, die die Kriegsgefahr vermindern würden.
Wir können jedoch bei der Verhandlung über neue Rüstungskontrollabkommen mit der Sowjetunion kaum auf Fortschritte vertrauen, wenn
unsere bestehenden Abkommen mit den Sowjets hinsichtlich Berlins inzwischen verletzt werden oder wenn mit Verletzungen gedroht wird» Es
gibt einen klaren Zusammenhang zwischen diesen beiden entscheidend
wichtigen FragertFDrei westliche Außenministerkonferenzen - und zwar in Washington,
in Istanbul und in Paris - werden dem Gipfeltreffen vorausgehen und
die Möglichkeit bieten, die in den Arbeitsgruppen geleistete Vorberei -tungsarbeit zu überprüfen, einander zu konsultieren und die Ansichten zu koordinieren.
Auf

�8. April 1960

"AMERIKA DIENST"

Auf der Grundlage dieser Vorbereitungen werden wir und unsere
Verbündeten sich auf der Gipfelkonferenz bemühen, das Ausmaß des
Mißverständnisses zwischen der Sowjetunion und uns sowie die Möglichkeit einer sowjetischen Fehlbeurteilung unserer Stärke und unserer Absichten zu verringern. Wir werden versuchen, einen Fortschritt
in Richtung auf praktisch realisierbare Abkommen für die Gebiete
größter Gefahr zu erzielen. Wir werden außerdem sorgfältig die Möglichkeit künftiger Verhandlungen sondieren.
Dies sind selbstverständlich begrenzte Zielsetzungen. Wenn jemand
dramatische Ergebnisse von der Gipfelkonferenz erwartet, so mag er
enttäuscht werden. Wenn die westlichen Verbündeten jedoch fest zu
ihren Überzeugungen und Verpflichtungen stehen, während sie gleichzeitig unverrückbar das Ziel verfolgen, den Streit zwischen Ost und
West nicht zu einem Krieg ausbrechen zu lassen, dann können wir auf
einen Fortschritt hoffen - und wir hoffen in der Tat auf einen Fortschritt.
Die Entwicklungsländer
Die Bemühungen, durch kollektive Sicherheitsvorkehrungen vor der
Anwendung von Gewalt abzuschrecken und die ungelösten Streitfragen
durch Verhandlungen beizulegen, werden allein den Frieden noch nicht
sichern. Wir müssen darüber hinaus bestrebt sein, einen konstruktiven
und friedlichen Wandel in denjenigen Gebieten zu fördern, wo er notwendig ist.
.Venn die Länder Afrikas und Asiens den von ihnen gewünschten
Fortschritt durch ordnungsgemäße Methoden nicht erreichen können,
dann wird die Verzweiflung ohne Frage Konfliktstoffe schaffen. Es
liegt in unserem eigenen Lebenswichtigen Interesse, daß diese Völker
in Freiheit wachsen und an Stärke zunehmen.
Das Gemeinsame Sicherheitsprogramm der Vereinigten Staaten hilft
ihnen, genau dies zu erreichen. Dieses Programm erfordert in jedem Jahr
weniger als ein halbes Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts.
Und dennoch könnte der große äfro-asiatische Raum mit seinen riesigen
Menschenmassen und Hilfsquellen ohne dieses Programm vielleicht nicht
vor den verkündeten Absichten Chruschtschows und Mao Tse-tungs, die
Welt durch alle möglichen Methoden außer dem Krieg selbst zu erobern,
bewahrt werden.
Wir sind in immer stärkerem Maße bemüht, die Gelder für die
wirtschaftliche Entwicklung nicht als Schenkungen, sondern als Anleihen zur Verfügung zu stellen. Die gegenwärtige Forderung des Präsidenten an den Kongreß, 700 Millionen Dollar an neuen Mitteln für den
Entwicklungsanleihefonds zu bewilligen, ist ein wichtiger Schritt auf
dieses Ziel hin. Diese Mittel werden benötigt, wenn der Fonds seine
Rolle als Hauptinstrument der amerikanischen Entwicklungsfinanzierung
im Ausland spielen soll.
In den vor uns liegenden Jahren werden die USA in immer stärkerem
Maße bestrebt sein, ihre Entwicklungsfinanzierung auf Länder zu konzentrieren, die die Fähigkeit zu entschlossener und disziplinierter

- 8-

�"AMERIKA DIENST"

0. April 1960

disziplinierter Selbsthilfe gezeigt haben. Diese Konzentration
unserer Anstrengungen führt allen aufstrebenden Ländern vor Augen,
daß ein schnelles Wachstum unter freiheitlichen Bedingungen erreicht werden kann. Dadurch wird ferner jenen Ländern,die Hilfe
von außen suchen, ein Anreiz geboten, zu zeigen, daß sie willens und
bereit sind, sich selbst zu helfen. Und dadurch rückt der Zeitpunkt
näher, zu dem die Nationen, die wir unterstützen, ihrerseits in der
Lage sein werden, ihren Nachbarn Hilfe zu gewähren.
Die Industrieländer Westeuropas sowie Japan sind auf Grund der
Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse, die sie mit Hilfe
unserer Unterstützung erreichen konnten, in immer stärkerem Maße in
der Lage und bereit, den Entwicklungsländern zu helfen. Dies ist
ein wesentlicher Beweis für die gegenwärtigen und zukünftigen Dividenden der in der Vergangenheit geleisteten wirtschaftlichen Unterstützung.
Die Energien der Privatwirtschaft sollten in immer stärkerem
Maße für die Entwicklungsaufgaben mobilisiert werden. Unsere Regierung sucht ständig nach Mitteln und Wegen, durch die dieses gewaltige Reservoir seinen vollen Beitrag für das Wachstum, die
Stabilität und die Stärke der freien Welt leisten kann.
Außer diesem Unterstützungsangebot bemüht sich Amerika darum,
eine Brücke des Verständnisses zu den neu aufstrebenden Nationen zu
schlagen. Die nichtigsten und dramatischsten Schritte, die in den
jüngst vergangenen Jahren in dieser Richtung getan wurden, waren die
Reisen des guten Willens, die Präsident Eisenhower nach Asien und
Lateinamerika unternahm. Diese Reisen haben das in diesen Ländern
vorhandene Potential des guten Willens gegenüber den Vereinigten
Staaten aktiviert und vermehrt. Sie haben eine begrüßenswerte Welle
latent vorhandener Freundschaft zu den Vereinigten Staaten ausgelöst.
Die Vereinigten Staaten sind ganz besonders bestrebt, engere
Beziehungen zu den neuen afrikanischen Staaten herzustellen. Das
Wohlergehen und die Sicherheit dieser Völker, die jetzt die mit der
Unabhängigkeit verbundenen Verantwortungen und Verpflichtungen
übernehmen, ist für uns von größtem Interesse. Wir hoffen, daß
sie zu regionalen Abmachungen gelangen können, die die friedliche
Beilegung von Streitigkeiten gewährleisten und sinnloses und gefährliches Wettrüsten vermeiden. Dies würde in der Tat einen Schritt
vorwärts zur Sicherung eines friedlichen Wandels darstellen.
Fortschritt zur Weltordnung
Große Anforderungen sind an die Vereinigten Staaten durch dieimmer wiederkehrenden Belastungen einer sich wandelnden Welt gestellt
worden und werden weiterhin gestellt werden. So notwendig die Beiträge der einzelnen Nationen auch sein mögen, so gibt es doch keinen
Ersatz für die Arbeit der internationalen Organisationen, wenn dieser
Prozeß des Wandels weiterhin in friedlichen Bahnen verlaufen soll.
Der Boitrag der Vereinten Nationen sowie ihrer Sonderorganisationen
und die Beiträge der Organisation der amerikanischen Staaten und des
Colombo-Planes werden genauso benötigt.
Auch

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�"AMERIKA DIENST"

9. April i960

Auch an die Vereinten Nationen wurden große Anforderungen gestellt und von ihnen in wachsendem Maße bewältigt. Die Vereinten
Nationen sind bei diesem Prozeß gewachsen. Die Autorität des UNGeneralsekretariats ist stärker geworden. Die Idee einer Bereitschaftstruppe der Vereinten Nationen für besondere Notfälle ist erfolgreich
erprobt worden. Bei verschiedenen Krisen hat die - wie man sie nennen
könnte - "Feuerwehr" der Vereinten Nationen sich durch Erfüllung der
an sie gestellten Aufgaben in organischer Weise weiterentwickelt.
Außerdem hat die Vollversammlung weiterhin als eine Art Ratsversammlung - ein Sicherheitsventil - für die Welt gedient«.
Die Vereinigten Staaten werden einen sich auf diesen Bahnen vollziehenden, anhaltenden Portschritt unterstützen. Wir werden die Bemühungen von UN-Generalsekretär Hammarskjöld fördern, Abmachungen
für eine ständige Bereitschaft der Streitkräfte der Vereinten Nationen
zu treffen oder andere Formen der Anwesenheit der Vereinten Nationen
zu verwirklichen, wie sie sich vielleicht in Krisengebieten als notwendig erweisen könnten. Wir werden auf der nächsten Sitzung der Vereinten Nationen über solche Maßnahmen beraten.
Unser dem Zehn-Mächte-Abrüstungsausschuß unterbreiteter Vorschlag,
daß die allmähliche Entwicklung einer angemesseneren Ordnung des Völkerrechts und einer Maschinerie zu ihrer Durchsetzung eine allgemeine
Reduzierung der internationalen Rüstung begleiten und auf diese Weise
ermöglichen solle, spiegelt unsere Hoffnungen auf und unseren Glauben
an die Vereinten Nationen wider.
Der Vorschlag für eine internationale Polizeitruppe ist einer
der wesentlichen Unterschiede zwischen unserem Abrüstungsplan und dem
der Sowjetunion. Vor allem die kleinen Länder haben ein lebenswichtiges
Interesse an diesem Unterschied .Eine allgemeine Abrüstung, wie sie von
der Sowjetunion vorgeschlagen wird, würde diese Länder sogar noch
schutzloser als vorher dastehen lassen - angesichts der beträchtlichen
Streitkräfte, die ihre größeren Nachbarn für die innere Sicherheit
aufrechterhalten dürften.
Die Aufstellung einer internationalen Friedenstruppe ist in der
Charta der Vereinten Nationen vorgesehen. Alle Nationen, die den
Vereinten Nationen angehören, haben sich zu dieser Idee bekannt,
als sie die Verpflichtungen der Mitgliedschaft übernahmen. Die
Sowjetunion hat jedoch durch wiederholtes Einlegen ihres Vetos jeden
Fortschritt zur Verwirklichung dieser Idee verhindert. Wir werden
auch weiterhin auf Maßnahmen dringen, die diesen Teil der Charta zu
einer lebendigen 'Wirklichkeit werden lassen.
Die Zukunft
Ich behaupte nicht, daß die Leistungen der Vereinigten Staaten
auf allen diesen Gebieten der Außenpolitik notwendigerweise vollkommen waren. Ich versichere jedoch, daß wir gewichtige - ich sage
bedeutende - Fortschritte in unseren wesentlichen Bemühungen gemacht
haben.
Gewaltige
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�"AMERIKA DIENST"
Gewaltige Hindernisse
Bemühungen liegen richtig,
sie gehen. Und wir sind in
unser Ziel des Friedens in

8. April 1960
bleiben noch zu überwinden. Aber unsere
und die freien Nationen wissen, wohin
jeder Hinsicht gewillt, weiterhin auf
Gerechtigkeit und Fortschritt zuzuschreiten.

Pas Ergebnis wird von der Stärke und Einheit der freien Welt abhängen. Je unmißverständlicher unsere Stärke in moralischer und
materieller Hinsicht ist und je klarer unsere nationale und internationale Einigkeit zutage tritt, um so unwahrscheinlicher wird eine
ernstliche Kriegsgefahr.
Solange die militärischen und wirtschaftlichen Faktoren unserer
Stärke dieser unserer Aufgabe entsprechen - und sie tun es und werden
es auch weiterhin tun -, wird alles übrige von unserem Mut und unserer
Entschlossenheit sowie unserem Eintreten für die Werte und Zielsetzungen der freien Menschen abhängen.
Es wird gut sein, wenn wir uns hier die Worte eines großen
Amerikaners - Theodore Roosevelt - ins Gedächtnis rufen, der vor
mehr als einem halben Jahrhundert erklärte; "Das zwanzigste Jahrhundert ragt vor uns auf, beladen mit dem Schicksal vieler Nationen.
Wenn wir müßig beiseite stehen ... wenn wir vor dem harten Kampf
zurückschrecken, den die Menschen, unter Einsatz ihres Lebens und
unter Gefahr, daß sie alles ihnen Teure verlieren, gewinnen müssen,
dann werden die kühneren und stä.rkeren Völker... für sich die Herrschaft der Welt gewinnen."
Ich weiß, daß unser Wille und unser Mut die Bewährungsproben der
kommenden und künftigen Monate bestehen werden.
* * * *

- 11 -

•

�A M E R I K A

D I E N S T

,

illg./l5.4.1960

ABRÜSTUNG - ABER WIE?
Die Vorschläge des Westens und des Sowjetblocks im
vergleichenden Überblick

VORBEMERKUNG
••

Die Augen der Weltöffentlichkeit bleiben trotz des Beschlusses der
Genfer Abrüstungskonferenz, ihre Sitzungen vom 29» April bis zum 7» Juni
zu unterbrechen, weiter auf den dort tagenden "Zehnerausschuß" gerichtet,
der es unternommen hat, alle Möglichkeiten zur Lösung des dornigen Abrüstungsproblems zu sondieren. Auf der einen Seite des Verhandlungstisches
sitzen die Vertreter der USA, Großbritanniens Frankreichs, Kanadas und
Italiens. Auf der anderen Seite nehmen Vertreter von fünf Ländern des
Sowjetblocks teil: Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, Bulgarien
und Rumänien.
Dem sowjetischen Plan für eine "allgemeine und vollständige" Abrüstung
binnen vier Jahren traten die verbündeten Westniächte mit einem Dreistufenpia
entgegen, der die wechselseitige Inspektion und Kontrolle jeder Etappe beton
um auf diese Weise die Durchführung der Abrüstungsvereinbarungen zu garantieren.
Dieser kurzgefaßte Überblick vergleicht die gegensätzlichen Ausgangspositionen zum Beginn der Zehnmächtekonferenz am 15« März i960 miteinander
und bringt sie so in einen perspektivischen Zusammenhang«

1

�15. April 1960

"AMERIKA DIENST"
DIE ZIELE
Westmächte
"Das Endziel ist eine sichere, freie,
friedliche Weit, in der allgemeine
Abrüstung unter wirksamer internationaler Kontrolle herrschen soll nebst
einem vereinbarten Verfahren für die
Regelung von Streitfällen im Einklang
mit den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen."

KERNWAFFEN
Westmächte
1. Stufe:
Durch gemeinsames Studium ist eine
Basis zu schaffen für die gesicherte
Durchführung von Vereinbarungen über
die Einstellung der Produktion von
Kernwaffen. Ein ebensolches Studium
ist nötig, um die Durchführung von
Vereinbarungen über die Überstellung vorhandener Kernwaffen zwecks
nichtmilitärischer Verwendung zu
gewährleisten.
2. Stufe:
Zu vereinbaren ist die sofortige
Einstellung der Kernwaffenproduktion,
sobald eine wirksame Durchführungskontrolle eingerichtet ist (vorausgesetzt, daß die Verminderung der
konventionellen Streitkräfte in befriedigender Weise voranschreitet).
Ebenso ist die Überstellung vorher
bestimmter Mengen spaltbaren Materials
aus den Rüstungsbeständen nach Einrichtung einer wirksamen Durchführungskontrolle zu vereinbaren.
3. Stufe:
Durch weitere Vereinbarungen über
ein Herstellungsverbot für nukleare,
chemische, biologische und andere Massenvernichtungswaffen und über den Abbau derartiger Y/aff enbestände ist die
endgültige Abschaffung solcher Waffen
zu gewährleisten«

Sow.jetblock
"Nach sorgfältiger Prüfung der
gegenwartigen internationalen
Situation und der bei früheren
Abrüstungsverhandlungen gesammelten Erfahrungen gelangte die Regierung der Sowjetunion zu dem
Schluß, daß das beste Mittel zur
Lösung des Abrüstungsproblems,
des wichtigsten internationalen
Problems der Gegenwart, die vollständige und allgemeine Abrüstung
aller Staaten ist."

Sow.jetblock
1. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen.

2. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen.

3. Stufe:
Zu vereinbaren ist die Vernichtung von Kernwaffen aller Art
sowie ein Verbot-der Herstellung,
des Besitzes und der Einlagerung
von chemischen und bakteriologischen Waffen. Alle derartigen Vaf.
fenbestände sind unter internationaler Überwachung zu vernichte]

�15. April

"AMERIKA DIENST"

1960

KONVENTIONELLE WAFFEN UND STREITKRÄFTE
Westmächte

Sow.jetblock

1. Stufe:
Zu vereinbaren ist die Feststellung der Truppen- und Rüstungsbestände
auf Grund einseitiger Erklärung aller
Staaten gemäß besonderer Übereinkunft.

1. Stufe:
Zu vereinbaren ist die Verminderung der Truppenstärke auf 1,7
Millionen Mann für USA, UdSSR und
Rotchina, auf 650 000 Mann für
Großbritannien und Frankreich.
Für andere Staaten sind entsprechende Truppenverminderungen durch
eine UN-Sondervollversammlung oder
eine Weltabrüstungskonferenz festzulegen.

Zu vereinbaren sind Ausgangsstärken von
2,5 Millionen Mann für
USA und UdSSR und angemessene Stärken
für bestimmte andere Staaten.
Zu vereinbaren ist die Einlagerung bestimmter Waffenmengen einzelner Typen in international kontrollierten Depots, und zwar so, daß ein vereinbartes Verhältnis zwischen den eingelagerten Waffen und den vereinbarten
Truppenstärken hergestellt wird.

Zu vereinbaren sind Rüstungsbeschränkungen, die den für die
Streitkräfte festgelegten Truppenstärken entsprechen.

2. Stufe:

2. Stufe:

Zu vereinbaren ist die Truppenver-,
minderung auf jeweils 2,1 Millionen Mann
für USA und UdSSR sowie auf angemessene
Stärken, die von einer Konferenz der beteiligten Staaten festzulegen sind,für
alle übrigen militärisch wichtigen Staaten. Die Truppenverminderung ist gleichzeitig mit der Einrichtung eines Inspektions- und Kontrollsystems durchzuführen.
Zu vereinbaren ist die Einlagerung
bestimmter Typen und Mengen von Waffen
gemäß Übereinkunft im Verhältnis der
Truppenstärken.

Zu vereinbaren ist die vollständige Auflösung aller noch vorhandenen Streitkräfte.
Zu vereinbaren ist die Aufhebung aller Militärstützpunkte
auf dem Gebiet fremder Staaten.

3. Stufe:
Zu vereinbaren ist eine weitere
sukzessive Verminderung der Truppenund Waffenbestände, die Zug um Zug
zu kontrollieren ist (auf der Basis
je nach Bedarf anzustellender Studien),
bis der zur Gewährleistung der inneren
Sicherheit und zur Erfüllung von
Verpflichtungen auf Grund der Charta
der Vereinten Nationen notwendige
Mindeststand erreicht ist und zwar
unter dem Gesichtspunkt, daß kein
Einzelstaat und keine Staatengruppe
imstande sein soll, sich der Exekution
des Völkerrechts ernstlich zu widersetzen.

5. Stufe:
Zu vereinbaren ist die Abschaffung aller militärischen
Einrichtungen, Ausbildungslehrgänge und Organisationen.

�15. April 1960

"AMERIKA DIENST"
WELTRAUM
Westmächte

Sow.jetblock

1. Stufe:
Zu vereinbaren ist die Voranmeldung jedes beabsichtigten Abschusses
von Raumflugkörpern bei einer internationalen Kontrollstelle.
Durch gemeinsames Studium ist eine
Basis zu schaffen für die Ausschaltung
der Möglichkeit, daß irgendein Land
Erdsatelliten oder Weltraumstationen
mit Massenvernichtungswaffen ausstattet.

1. Stufe:
Kein« besonderen Maßnahmen«

2. Stufe:

2. Stufe:

Zu vereinbaren ist ein Verbot der
Keine besonderen Maßnahmen.
Entsendung von Raumflugkörpern, die als
Massenvernichtungsmittel eingesetzt werden könnten, auf eine Satellitenbahn um
die Erde oder ihrer Stationierung im Weltraum, sobald eine angemessene Durchführungskontrolle eingerichtet ist.
3. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen.

3. Stufe:
Zu vereinbaren sind weitere Maßnahmen, um die ausschließliche Beschränkung auf nichtmilitärische Vorhaben im
Weltraum sicherzustellen.
RAKETEN
Westmächte

Sow.jetblock

1. Stufe:

1. Stufe:

Durch gemeinsames Studium ist eine
Basis zu schaffen, um sicherzustellen,
daß Raketenstarts der internationalen
Kontrollstelle vorher bekanntgegeben
werden und daß sie Mitteilungen über
die Lage der Montageplätze und Abschußrampen erhält.

Keine besonderen Maßnahmen.

2. Stufe»

2. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen»

Zu vereinbaren ist die Anmeldepflicht für Raketenstarts und die
Meldepflicht für Montageplätze und
Abschußrampen sowie die Überprüfung
solcher Angaben gemäß Übereinkunft
unter Einschluß von Inspektionen
an Ort und Stelle.
-

4

-

�15. April 1960

"AMERIKA DIENST"
3. Stufe:
Zu vereinbaren sind weitere Maßnahmen zur Kontrolle der Produktion
militärischer Raketen und der vorhandenen Bestände, sowie deren abschließende Beseitigung.

3. Stufes
Zu vereinbaren ist die
Vernichtung sämtlicher Raketen
aller Art.

ÜBERRA 3 C HUNGSANGRIFFE
Westmächte

Sow.jetblock

1 . Stufe:
Durch gemeinsames Studium ist eine
Basis zu schaffen für vereinbarte Maßnahmen, die allen beteiligten Staaten
Schutz vor der Gefahr eines Überraschungsangriffs gewähren.

1. Stufe:

2. Stufe:
Zu vereinbaren sind geeignete
Maßnahmen, um die beteiligten Staaten
vor Überraschungsangriffen zu schützen,
darunter Luftinspektion, Bodenkontrollen, Radar-Überlappung, Meldung von
Flugzeugeinsätzen und zweckentsprechende Nachrichtenverbindungen.

Keine besonderen Maßnahmen.

2. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen.

Anmerkung: Im sowjetischen Vorschlag heißt es, falls sich die Westmächte
nicht zu der von der Sowjetunion befürworteten vollständigen und allgemeinen Abrüstung bereit fänden, werde diese gewisse Teilmaßnahmen in Erwägung ziehen, darunter auch "den Abschluß eines Abkommens über die Verhütung von Überraschungsangriffen".
DURCHFUHRUNGS GARANTIEN

Westmächte
1. Stufe:

Sowjetblock

Zu vereinbaren ist die Schaffung
einer Internationalen AbrüstungsOrganisation (IDO), die im Zuge der Vereinbarung weiterer Abrüstungsmaßnahmen
ausgebaut werden kann.

Keine besonderen Maßnahmen.

1. Stufe:

Durch geeignete Vorkehrungen ist
eine Basis zu schaffen für die Entwicklung und Stärkung eines Systems internationaler Institutionen zur Wahrung
des Weltfriedens und der allgemeinen
Sicherheit im Rahmen der Vereinten
Nationen.

- 5

�^AMERIKA DIENST"

15. April 1960

2. Stufe:
Die vereinbarten Vorkehrungen für
die Stärkung der Internationalen Abrüstungsorganisation und der internationalen Institutionen zur Wahrung des
Weltfriedens und der allgemeinen Sicherheit im Rahmen der Vereinten Nationen
sind auszubauen.

2. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen.

5. Stufe:

3. Stufe:
Keine besonderen Maßnahmen.

Die Entwicklung und Stärkung der
internationalen Institutionen zur
Wahrung des Weltfriedens und der allgemeinen Sicherheit im Rahmen der Vereinten Nationen ist auf den endgültigen
Stand zu bringen.

Anmerkung: Im sowjetischen Vorschlag heiÄt es: "Zur Überwachung der Durchführung der Maßnahmen für die allgemeine und vollständige Abrüstung soll
ein internationales Kontrollorgan geschaffen werden. Das Ausmaß der auszuübenden Kontrolle und Inspektion soll jeweils der Stufe entsprechen, die
bei der abschnittsweisen Abrüstung der Staaten erreicht ist. Sobald die
allgemeine und vollständige Abrüstung abgeschlossen ist, wo zu die Auflösung sämtlicher Dienstzweige der Streitkräfte und die Vernichtung sämtlicher Waffen aller Art einschließlich der Massenvernichtungswaffen (der
nuklearen, Raketen-, chemischen, bakteriologischen Waffen) gehört, soll
das internationale Kontrollorgan freien Zugang zu allen Kontrollobjekten
haben. Die Kontrollorganisation soll auch ein System der Beobachtung und
photographischen Überwachung des Gebietes aller Staaten aus der Luft
einrichten können."
MILITÄRHAUSHALT
Sowjetblock
Der Plan sieht für die dritte
Stufe die Einstellung der "Zuweisung von Mitteln für militärische
Zwecke in jeglicher Form" vor,
gleichgültig ob über den Staatshaushalt oder über andere Einrichtungen. Die im Zuge der allgemeinen und vollständigen Abrüstung
eingesparten Mittel sollen zur
Verminderung oder Abschaffung
der Steuern, zur Förderung der
Volkswirtschaften und für die
Unterstützung der Entwicklungsländer benutzt werden.

Westmächte
Der Plan sieht für jede der drei
Stufen eine Überprüfung der Militärausgaben vor, beginnend mit einer
einseitigen Erklärung der Staaten
zur Höhe ihres Militäretats und abschließend auf der dritten Stufe mit
der Einrichtung einer wirksamen Kontrolle aller Militärausgaben.

*

* * * *

6

�Allg./29.4.1960

DILLONi DIE AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK VOM HEUTE

Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
der Ansprache, die der stellvertretende USAußenminister Douglas Dillon am 20, April i960
auf der Konferenz des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO in New York gehalten hat«

Die Konferenz, die Sie gerade beendet haben, bietet den
erneuten Beweis - wenn ein solcher Beweis überhaupt erforderlich ist -, daß sich die Gewerkschaften heute wie nie zuvor
der großen Anstrengungen bewußt sind, die unser Land in der
niemals endenden Suche nach dem Frieden unternehmen muß. Die
amerikanischen Gewerkschaften wissen sehr wohl, daß wir uns
unsere Sicherheit nicht mehr als etwas für sich Bestehendes,
in einer "Festung Amerika" Gehütetes vorstellen können« Die
amerikanischen Gewerkschaften erkennen, daß wir uns nicht für
alle Zeiten unseres materiellen Wohlergehene erfreuen können,
wenn nicht andere Völker - besonders die weniger vom Glück begünstigten in den neuaufstrebenden Gebieten - ebenfalls gedeihen. Die amerikanischen Gewerkschaften sind eine wahrhaft
einflußreiche Kraft, deren Verständnis und Unterstützung unserer
internationalen Ziele von Bedeutung für die Erreichung dieser
Ziele sind.
Ich begrüße daher diese passende Gelegenheit, um drei
Hauptaspekte unserer Außenpolitik zu erörtern!
erstens unsere Bemühungen, die Freiheit und Stärke der
freien Welt zu bewahren und dem sino-sowjetischen imperialistischen Druck Widerstand entgegenzusetzen;
zweitens unsere Bemühungen, dafür zu sorgen, daß die grimmige und unausweichliche Auseinandersetzung, zu der wir durch die
kommunistischen Politiker herausgefordert worden sind, nicht in
einen Krieg ausartet}
drittens unser umfassendes Streben nach einer Weltordnung,
in der der Frieden in Gerechtigkeit und Freiheit gesichert werden kann.
Tl-a
- 1-

�"AMERIKA DIENST"

29. April 1960

Die sowjetische Macht sowie die Entschlossenheit, den kommunistischen Einfluß auf die gesamte Welt auszudehnen, stellen eine ernste
und anhaltende (refahr für den Frieden dar» Trotz des ständigen Geredes
von der "friedlichen Koexistenz" gibt es keinen Beweis dafür, daß sich
die expansionistischen Ambitionen der Kommunisten auch nur im geringsten geändert haben. Es ist richtig, daß die sowjetischen Machthaber im Augenblick offenbar bestrebt sind, ihre unveränderten Ziele
durch nichtmilitärische Taktiken zu erreichen - durch Diplomatie,
Handel, Wirtschaftshilfe, Propaganda und innere Subversion. Sie sind
jedoch nach wie vor fest davon überzeugt, daß das totalitäre System
den Sieg davontragen wird. Die Tatsache, daß sie den Nachdruck gegenwärtig auf nichtmilitärische Maßnahmen legen, bedeutet keineswegs,
daß der Kampf weniger hart sein wird oder daß weniger Wichtiges auf
dem Spiele steht. Die Hauptfrage, um die es heute geht, ist nichts
Geringeres als das überleben freier Menschen in einer freien Zivilisation,
Währenddessen unterhält der sino-sowjetische Block eine enorme
militärische Macht, die ihren ständigen Druck auf die freie Welt verstärkt. Vor dem Risiko eines bewaffneten Konflikts stehen wir immer.
Wir müssen eine gewaltige und fortdauernde Anstrengung vollbringen,
um dieses Risiko zu begrenzen, wenn der Frieden erhalten werden soll.
Das erste zwingende Gebot besteht in der Aufrechterhaltung unserer militärischen Stärke auf einem Stand, der die Sicherheit gibt,
daß die sowjetischen Machthaber niemals in die Versuchung kommen
werden, einen thermonuklearen Krieg gegen die Vereinigten Staaten
oder ihre Verbündeten zu entfesseln. Wir haben heute diese Stärke,
und ich kann Ihnen versichern, daß unsere gegenwärtigen und geplanten Verteidigungsprogramme diese entscheidende Stärke aufrechterhalten und erhöhen werden.
Eine weitere zwingende Notwendigkeit ist die AufreUnterhaltung
und Verstärkung unseres kollektiven Systems von Verteidigungspakten
für die Sicherheit, dem fast ein halbes Hundert Nationen angehören,
und das bis in die entferntesten Winkel des Erdballs reicht. Diese
kollektive Stärke ist dringend erforderlich, um die Kommunisten
davor abzuschrecken, örtliche militärische Gewalt anzuwenden - wie
sie dies vor zehn Jahren in Korea taten -, um ihr Imperium auszuweiten. Die Notwendigkeit eines solchen Systems wird durch die Handlungen der chinesischen Kommunisten in der Formosa-Straße, ihr Verbrechen an Tibet und ihren kürzlichen militärischen Druck auf die
Grenzen Indiens deutlich«
Solange die Gefahr besteht und es kein allgemeines und wirksames
System der Rüstungskontrolle gibt, müssen wir und unsere Verbündeten
unsere Verteidigung aufrechterhalten. Wir dürfen uns nicht durch
irgendeinen oberflächlichen Anschein einer "Entspannung" zu einem
Nachlassen in unseren Bemühungen verleiten lassen.
Aber dies ist nicht genug. Um den Frieden zu erhalten, müssen
wir ebenfalls versuchen, vernünftige Kontakte mit der Sowjetunion
herzustellen. Trotz der unverminderten sowjetischen Bestrebungen gibt
es beträchtliche Anzeichen, daß sich die Sowjets genau wie wir der

- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

29. April i960

Aufgabe West-Berlins oder zur Auslöschung der Freiheit in diesem
Teil Deutschlands werden könnte - das ein freies, friedliches und
demokratisches Mitglied der '.Veitgemeinschaft ist.
Es wäre allzu optimistisch, vorzugeben, daß die Aussichten auf
ein baldiges Abkommen günstig seien. Herr Chruschtschow hat in letzter Zeit in bezug auf Berlin und Deutschland eine Menge zu sagen
gehabt, und seine Worte hinterlassen unausweichlich den Eindruck,
daß aer sowjetische Standpunkt zu Berlin von den eigentlichen Tatsachen weit entfernt ist. Lassen Sie uns einige seiner Ausführungen
prüfeni
Er beginnt mit der Behauptung, daß West-Berlin "auf dem Gebiet"
der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik liegt. Dies ist
nicht nur falsch, sondern diese Behauptung steht in völligem Gegensatz zu dem feierlich gegebenen Wort der sowjetischen Regierung. Es
stimmt zwar, daß der sowjetisch-besetzte Teil Deutschlands Berlin
umgibt, es ist jedoch genauso richtig, daß Berlin ein separater
Status im Rahmen des Besatzungsabkommens zuerkannt wurde, das die
Sowjets -. zusammen mit den Briten und uns - selbst formuliert haben.
Darüber hinaus ist die sogenannte Deutsche Demokratische Republik eine der größten Fiktionen in einem riesigen Netz phantastischer
kommunistischer Mythologie. Ihre Marionettenherrscher stehen völlig
unter der Kontrolle Moskaus. Trot* unermüdlicher Anstrengungen, einen
örtlichen kommunistischen Apparat in Ostdeutschland aufzubauen, ist
es zv/eifelhaf t, ob diese Machthaber ohne die Unterstützung durch die
sowjetischen Bajonette auch nur einen einzigen Tag im Sattel bleiben
könnten. Das ostdeutsche Regime ist von keiner einzigen nichtkommunistischen Nation als Regierung anerkannt worden. Was sowohl die rechtlichen1"' als auch die geographischen Gegebenheiten anbetrifft r so ist
West-Berlin von der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik
gänzlich unabhängig - und dies wird so bleiben.
Herr Chruschtschow besteht weiterhin darauf, daß die westlichen
Streitkräfte West-Berlin verlassen und daß es zu einer "Freien Stadt"
erklärt werde. Er ignoriert die Tatsache, daß West-Berlin bereits
eine freie Stadt ist - die einsame Insel der Freiheit innerhalb der
Grenzen des sich ausbreitenden kommunistischen Weltreiches. Wenn er
davon spricht, West-Berlin zu einer "Freien Stadt" zu machen, dann
ist seine Absicht nur zu klar ersichtlich! er wünscht Berlin frei
von Schutz, frei von Sicherheit, frei von seinen wirtschaftlichen
und kulturellen Bindung an Westdeutschland - er möchte es von der
Freiheit selbst befreien.
Herr Chruschtschow hat sich ebenfalls darüber beklagt, daß die
Situation in Berlin "anomal" sei* Dieser Behauptung können wir von
ganzem Herzen zustimmen. Es ist tatsächlich anomal, wenn eine Million
Ostberliner gewaltsam von den über zwei Millionen Mitbürgern in
West-Berlin getrennt sind} wenn sie gezwungen werden, unter einem
totalitären Regime zu leben, das ihnen durch eine fremde Macht unrechtmäßig auferlegt wurde; und wenn sogar Familien durch eine willkürliche, im Namen einer fremden Ideologie aufgezwungene Grenze getrennt werden.
Aho-r

�"AMSRIKA DIENST"

29. April 1960

A"ber die anomale Situation in Berlin ist nur eine Seite der
noch größeren Anomalie, die durch die künstliche Abtrennung der
Ostzone von dem übrigen Deutschland geschaffen wurde. Die Ungeheuerlichkeit dieser Anomalie ist in nicht zu übersehender Weise durch die
Tatsache unterstrichen worden, daß in den letzten zehn Jahren mehr
als 2 1/3 Millionen Ostdeutsche und Ostberliner von der einzigen
Ihnen noch möglichen Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und sozusagen
mit ihren Füßen gegen die kommunistische Herrschaft gestimmt haben,
indem sie nach West-Berlin oder in die Bundesrepublik flüchteten.
Die Anomalie, von der Herr Chruschtschow spricht, kann nur beseitigt werden, wenn man die gesamte deutsche Nation über ihr eigenes
Leben entscheiden läßt. Die einzige praktische Möglichkeit zur Ausübung dieses Rechts sind freie Wahlen. Herr Chruschtschow und andere
sowjetische Sprecher haben oft ihr Eintreten für das Prinzip der
Selbstbestimmung verkündet. Diese Behauptung wird als leere Geste
entlarvt, wenn sie sich weigern, diesen Grundsatz auf Berlin und
Deutschland anzuwenden.
Herr Chruschtschow hat ebenfalls erklärt, daß wir mit größter
Eile die "Überbleibsel" des zweiten 'Weltkrieges beseitigen müßten zu denen er auch die "Besetzung" West-Berlins - wie er es nennt durch amerikanische, britische und französische Truppen zählt. Wir
sind in noch stärkerem Maße als Herr Chruschtschow bestrebt, die
Überbleibsel des zweiten Weltkrieges zu liquidieren. Aber Herr
Chruschtschow muß sich darüber im klaren sein, daß diese Überbleibsel
recht zahlreich sindl
Wir fragent Ist die Sowjetunion bereit, ihre Streitkräfte aus
Ostdeutschland und den osteuropäischen Ländern abzuziehen, denen
sie aufgezwungen worden sind?
Ist sie bereit, den Ostdeutschen die Selbstbestimmung zu gewähren und den Völkern der sowjetisch-beherrschten Staaten in Osteuropa zu gestatten, ihr Schicksal selbst zu bestimmen?
Ist die Sowjetunion bereit, die Fiktion eines getrennten Nordkorea aufzugeben und es dem gesamten koreanischen Volk zu gestatten,
sich im Rahmen freier, von den Vereinten Nationen überwachter Yi/ahlen
wiederzuvereinigen?
Und ist sie schließlich bereit, ihre Obstruktionspolitik gegen?
über der Charta der Vereinten Nationen aufzugeben, zu der sie sich in
San Francisco feierlich bekannt, deren Anwendung sie aber durch eine
Reihe von Vetos im Sicherheitsrat beständig vereitelt hat?
Die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten wären
wirklich glücklich, wenn diese Überbleibsel des zweiten Weltkrieges
beseitigt würden. Wir sind jedoch nicht bereit, diesen Prozeß damit
zu beginnen, daß wir die Isolierung und das Aufsaugen We3t-Berlins
gestatten.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

29. April i960

wir haben Herrn Chruschtschow wiederholt davon in Kenntnis gesetzt, daß wir nicht unter Druck verhandeln werden. Und doch begibt
er sich mit seinen jüngsten Erklärungen, daß er beabsichtige, einen
separaten Friedensvertrag mit der sogenannten Deutschen Demokratischen
Republik zu unterzeichnen, wenn keine Ost-West-Einigung über Berlin
erzielt wird, auf sehr dünnes Eis. Wir gehen mit der festen Absicht
auf die Gipfelkonferenz, nach einer gemeinsam akzeptierbaren Lösung
des deutschen Problems, einschließlich Berlins, zu suchen, gerechte
Regelungen für andere internationale Streitfragen zu finden und Mittel
und Wege für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen der westlichen
Ä'elt und dem Sowjetblock zu erkunden. Unsere Standpunkte sind flexibel,
und wir sind bereit, jeden vernünftigen Weg zu prüfen, der zu einer
Einigung führen kann. Herr Chruschtschow und seine Mitarbeiter geben
sich aber einer großen Illusion hin, wenn sie glauben, daß wir uns
ihren Drohungen beugen oder daß wir ihr verzerrtes Bild des deutschen
Problems als eine konkrete Verhandlungsbasis akzeptieren werden.
Keine Organisation hat in dem Kampf für die Freiheit Berlins und
des gesamten Deutschland eine größere Entschlossenheit gezeigt und ist
von größerem Nutzen gewesen als der Gewerkschaftsverband AFL-CIO. Als
ausdrückliche Anerkennung dieser Tatsache hat Ihr Präsident am 7« Dezember vergangenen Jahres eine hohe Auszeichnung von Bundeskanzler
Adenauer erhalten. Wir sind als Regierung stolz darauf, uns der damals
von Mr. Meany abgegebenen Erklärung anzuschließen, und ich zitiere!
"Weder die Freiheit West-Berlins, noch die Freiheit der fünfzig Millionen Menschen in Westdeutschland können Gegenstand eines internationalen Schachers werden."
Ich habe bisher die Politik dargelegt, die wir zur Bewahrung des
Friedens verfolgen. Aber dies allein ist noch nicht genug. Wir sind
energisch darum bemüht, die Freiheit und das Wohlergehen aller Völker
der Welt zu fördern. Das ist unser "Programm für den Sieg" - für den
Sieg über Not und Elend in einer Zeit des verstärkten Konkurrenzkampfes, der uns bevorsteht«
Ihr Exekutivrat hat dies ausgezeichnet formuliertl "Hunderte
Millionen von Menschen auf der ganzen Welt leben in tiefster Armut
und kennen noch nicht einmal die Grundvoraussetzungen der politischen
und geistigen Freiheit. Der sowjetische Imperialismus intensiviert
und verstärkt weiterhin mit allem Nachdruck seine Versuche, diese
Armut und Ungerechtigkeit für seine Zwecke auszunutzen."
Es sind die benachteiligten und neuaufstrebenden Völker, die
in immer stärkerem Maße zum Ziel der sowjetischen Politik werden.
Die kommunistische Kampagne ist weit mehr als eine wirtschaftliche
Kampagne; sie schließt ebenfalls politische, psychologische und kulturelle Faktoren ein.
Als freie Menschen haben wir die kommunistische Herausforderung
V in den Entwicklungsländern angenommen - in dem Vertrauen und in der
Überzeugung, daß unsere Gesellschaft und unsere Prinzipien die revolutionäre Dynamik der Freiheit darstellen, die schließlich den Sieg
davontragen muß•
•Vir

�"AMERIKA DIENST"

29. April i960

'.'vir müssen auch in Zukunft die Botschaft der Freiheit v/eitertragen und ihre Segnungen mit den weniger bevorzugten Völkern teilen.
vVenn diere Völker nicht auf die Zukunft hoffen können, dann wird ihre
verzweifelte Armut sie unter Umständen zu kommunistischen Allheilmitteln hinführen. «Vir müssen auch weiterhin dazu beitragen, daß die
Freiheit für sio ein erstrebenswertes Ziel ist. &lt;Vir müssen mit diesen
Völkern beim Aufbau ihrer Länder auf der gleichen Basis der Gemeinsamkeit der Interessen zusammenarbeiten, die die verschiedenen Gruppen
in den Vereinigten Staaten zu einer Zusammenarbeit beim Aufbau unseres
großen Landes geführt hat.
Das Wohlergehen all der Entwicklungsländer ist eine Angelegenheit,
die uns zutiefst angeht. Die Position unserer Freunde und Nachbarn
in Latfiinamerika ist von besonderer Bedeutung, und ich kann Ihnen
versichern, daß wir unsere Nachbarn im Süden niemals als einfache
Gegebenheit ansehen werden. Wir sind ebenfalls aufrichtig an dem Fortschritt der jungen Völker in Afrika interessiert, und unser Interesse
ist keineswegs nur auf materiellen Fortschritt beschränkt. Wir stehen
der Sehnsucht der afrikanischen Völker nach Würde und Gleichheit mit
tiefster Anteilnahme gegenüber. Es ist unsere aufrichtige Hoffnung,
daß die Resolution des V/eltsicherhoitsrates vom 1. April, in der die
gegenwärtige Entwicklung in Südafrika bedauert und der Generalsekretär
der Vereinten Nationen aufgefordert wird, mit der südafrikanischen
Regierung Konsultationen zu führen, sich als wirksam erweisen wird.
Ich weiß, daß ich nicht an Sie um Unterstützung für unsere Bemühungen zu appellieren brauche, die Segnungen der Freiheit der gesamten Kenschheit zugute kommen zu lassen. In den von Ihrem Konvent
in San Francisco im September vergangenen Jahres angenommenen Resolutionen forderten Sie "ein erweitertes, langfristiges und voll wirksames Programm der Wirtschaftshilfe und der technischen Unterstützung
für die industriell weniger entwickelten Länder".
Wir begrüßen in hohem Maße die starke Unterstützung, die Sie
diesem Programm entgegenbringen. Ich weiß, daß Sie - wie die meisten
Amerikaner - unser Gemeinsames Sicherheitsprogramm als eine direkte
Investition für unsere eigene zukünftige Sicherheit und unser eigenes
Wohlergehen ansehen.
Die privaten amerikanischen Organisationen - vor allem die Gewerkschaftsbewegung - spielen bei der Weitergabe der Ideen und Werte
einer freien Gesellschaft eine wichtige Rolle. Die AFI.-CI0 hat, sowohl in eigener Arbeit als auch zusammen mit dem Internationalen Bund
freier Gewerkschaften, bei der Unterstützung der freien Gewerkschaftsorganisationen in vielen Teilen der Welt Hervorragendes geleistet.
Diese Arbeit war bereits ein entscheidender Beitrag zu der Entwicklung
der jungen Völker, die zur Freiheit und zur Staatwerdung hinstreben.
Wie wir alle wissen, ist die Gewerkschaftsbewegung immer ein
Hauptziel der kommunistischen Subversion gewesen. Bei dem verstärkten Nachdruck, den die Sowjetunion auf die wirtschaftliche Durchdringung zu legen begonnen hat, werden sich die AFL-CIO und die freien
Gewerkschaf tsorgariisationen im Ausland, mit denen sie verbunden ist,
in den vor ihnen liegenden Jahren einer immer größer werdenden Aufgabe

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�»

"AMERIKA DIENST"

29. April i960

Aufgabe gegenübersehen. Das neue kommunistische Konkurrenzbestreben
ist sehr intensiv auf die Gewerkschaftsorganisationen in den Entwicklungsländern gerichtet. Die Rolle, die der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung bei dem Bemühen zukommt, ihre Erfahrungen in bczug auf
den wirtschaftlichen Fortschritt in einem demokratischen Rahmen den
Entwicklungsländern verständlich und wertvoll zu machen, ist in der
Tat eine Aufgabe, die in immer stärkerem Maße allen ihr zur Verfügung
stehenden Einfallsreichtum und alle Beharrlichkeit und Ausdauer beansprucht. Die freie Gewerkschaftsbewegung ist in einer besonders günstigen Position, um diese Botschaft den Arbeitern in den Entwicklungsländern nahezubringen und die illusorische Natur des kommunistischen
Arguments, eine wirtschaftliche Entwicklung auf Kosten der persönlichen
und nationalen Freiheit zu erreichen, aufzuzeigen.
Ich bin überzeugt, daß die freien Gewerkschaften weiterhin eine
sehr bedeutsame und konstruktive Rolle spielen werden, indem sie
geistige Führung und technische Anleitung geben und ihr reiches Wissen
um die Freiheit' in den Dienst der rechtmäßigen Bestrebungen der Arbeiter
in der gesamten freien Welt stellen.
In unserem Umgang mit den Völkern der Entwicklungsländer müssen
wir stets daran denken, daß alles, was wir hier Zuhause tun, eine
direkte Wirkung auf unseren Erfolg im Ausland hat. Alles, was unser
Volk tut - das Gute wie das Schlechte - wird von den anderen Völkern
genau verfolgt. Was bei diesen Völkern Eindruck macht, sind unsere
Taten und nicht so sehr unsere Y.'orte. Wenn sie sehen, daß wir mit unseren eigenen Problemen - wirtschaftlichen, pädagogischen, rassischen und
politischen - gut fertig v/erden, dann gibt ihnen das die beste Antwort
auf das kommunistische Argument, daß die jungen Staaten ihre wirtschaftliche Entwicklung und einen hohen Lebensstandard nur durch die Nachahmung der entwürdigenden totalitären Methoden des Kommunismus erreichen
können.
Wir können und müssen durch anhaltendes wirtschaftliches Wachstum
unter Beweis stellen, daß sich die Freiheit bewährt, daß sie - besser
als der Kommunismus - die menschlichen Energien mobilisieren und einen
gerechten Anteil an den Früchten der Arbeit zustande bringen kann. Wir
können und müssen den sowjetischen Mythos zerstören, daß unser System
dekadent, der Kommunismus dagegen die "Welle der Zukunft" sei.
Dies können wir erreichen - aber nur dann, wenn wir uns zutiefst
darüber im klaren sindf daß unsere Probleme die Probleme der Welt sind.
Wir müssen erkennen, daß alles, was wir hier im eigenen Lande tun oder
.lassen, eine weltweite Auswirkung hat und die Interessen Amerikas in
der ganzen Welt berührt.
W.ir wissen, was die Sowjets unter "friedlicher Koexistenz" verstehen. Die kommunistische Interpretation des Begriffes "Friedliche
Koexistenz" wird sowohl durch ihre Taten wie durch ihre Worte illustriert.
Im gleichen Atemzug, in dem sie ihre Doktrin verkünden, proklamieren
sie, daß das kommunistische System am Ende alle anderen Gesellschaftsformen absorbieren wird. Inzwischen überschwemmen sie weiterhin ihre
Nachbarstaaten mit einer Flut giftiger Propaganda und geben Erklärungen ab, die dazu bestimmt sind, Streitigkeiten im Inneren dieser Länder
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�'AMERIKA DIENST"

29. April 1960

Länder aufzustacheln. Ihre Vsühlagenten und politischen Marionettenparteien sind beinahe in jedem Land der V/elt am Werk. Ihre Handelsund '.Virtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern sind nicht dazu bestimmt,
rechtmäßige Handelsinteressen zu fördern, sondern dienen als Mittel
zur Verstärkung des politischen Einflusses und der politischen Macht«
Das ist "friedliche Koexistenz" - nach sowjetischem Stil - in voller
Aktion. Wir wissen ferner, dal? "friedliche Koexistenz" für die Sowjetunion sogar die Anwendung von militärischer Gewalt einschließt, sofern
dies ihren Zielsetzungen dient - wie die brutale Unterdrückung der
Freiheit in Ungarn zeigte.
Ja der Begriff "Koexistenz" ist an sich schon sowohl verwirrend
als auch anmaßend. Bis zum Aufstieg solcher moderner totalitärer
Systeme wie Nazismus und Kommunismus war das Recht getrennter Staaten
und Systeme, zu existieren, niemals in Frage gestellt. Die Koexistenz
wurde immer als eine Mindestbedingung friedlicher internationaler Beziehungen angesehen.
Aber selbst diese Minimalkonzeption des ''-eben und leben lassen"
ist in der V/elt von Heute unzureichend. Wir müssen leben und zu leben
helfen. Was die Welt wirklich benötigt, ist die Zusammenarbeit - eine
positive und tatkräftige Zusammenarbeit, durch die alle Systeme und
Gesellschaftsformen gemeinsam nach Lösungen für die dringlichen Probleme der Menschheit suchen. Die Vereinigten Staatan glauben an das Recht
aller Menschen, ihre Überzeugungen und Systeme selbst zu wählen, bei
gegenseitiger Toleranz und gegenseitiger Achtung. '.Vir sind auf Grund
unserer eigenen nationalen Erfahrung fest davon überzeugt, daß die
Mannigfaltigkeit und die Verschiedenheit genauso nützlich wie unvermeidbar sind und daß die Verschiedenheiten der Manschen eine starke
Quelle für den menschlichen Fortschritt sind. Lassen Sie uns deshalb
die Konzeption einer vergänglichen und unsicheren Koexistenz auf den
Schutthaufen werfen und statt dessen versuchen, die verschiedenartigen Geisteshaltungen und Talente aller Menschen für die Lösung der
Jahrhundertealten Probleme der Armut, der Krankheit, der Unwissenheit,
der Unterdrückung und der Ungerechtigkeit einzusetzen. Lassen Sie uns
positiv zusammenarbeiten, um den Organismus einer echten '.Yeltgemoinschaft zu schaffen.
Welches ist nun das Ziel, nach dem wir streben? Wie sieht die Welt
aus, um deren schließliche Verwirklichung wir uns bemühen?
'.Vir erstreben eine geordnete Weltgemeinschaft, in der es keine
Gefahr eines Krieges mehr gibt und. in der die Herrschaft des Rechts
dem Menschen die Möglichkeit gibt, seine ganze Energie für friedliche
Aufgaben zu verwenden.
Der Abrüstungsplan des Westens, der im vergangenen Monat in Genf
vorgelegt worden war, macht dies in seiner Präambel klar. In ihm wird
eine sichere, freie und friedliche Welt als schließliches Ziel gesetzt,
die unter v/irksamen internationalen Kontrollmaßnahmen abgerüstet ist,
und in d»r Streitfälle in Übereinstimmung mit den in der UN-Charta aufgestellten Prinzipien beigelegt werden.
Zur

�"AMERIKA DIENST"

29. April 1960

Zur Erreichung dieses Zieles dienen zwei im westlichen Plan
parallellaufende Bemühungen; die eine auf die Kontrolle und Reduzierung der Rüstung abzielend}, die andere auf die Verstärkung des den
Frieden schützenden Apparates gerichtet.
Der Plan sieht progressive Abrüstungsmaßnahmen vor, die für beide
Seiten bindend sein müssen und einer angemessenen Inspektion bedürfen.
Als einen praktischen Beginn streben wir Rüstungskontrollmaßnahmen
an, um das Risiko eines Krieges auf Grund von Fehlkalkulationen zu vermindern und die unkontrollierte Ausbreitung von Kernwaffen zu verhindern.
Seit vielen Monaten sind Verhandlungen über eine dieser Maßnahmen - die
Einstellung der Kernwaffenversuche - im Gange. vVenn diese erfolgreich
abgeschlossen werden sollten, dann wäre ein bedeutender Schritt in
Richtung auf die Begrenzung der weiteren Ausbreitung der nuklearen
Kapazität getan worden. Aber dies ist noch nicht genug. Wir bemühen
uns ferner um ein baldiges Abkommen - und je früher desto besser über Maßnahmen zur Verringerung des Kriegsrisikos auf Grund von Fehlkalkulationen, über Garantien gegen einen Überraschungsangriff, über
Schritte zur Verhinderung eines Waffeneinsatzes im Äeltenraum und über
eine kontrollierte Beendigung der Produktion spaltbaren Materials für
Waffenzwecke. Wir sind uns darüber im klaren, daß derartige Maßnahmen
keine drastische Kürzung der bestehenden Streitkräfte bedeuten würden.
Sie würden jedoch den Rüstungsaufbau beenden und die Gefahr eines globalen Krieges reduzieren.
Wenn erst einmal das gegenwärtig immer schneller werdende Wettrüsten abgebremst worden ist, dann sollten wir auf weitreichende Maßnahmen der kontrollierten Abrüstung drängen. Die bewaffneten Streitkräfte sollten auf einen Stand gebracht werden, der lediglich für die
innere Sicherheit notwendig ist, und die Waffen der Massenvernichtung
sollten beseitigt werden. Keine Nation oder Gruppe von Kationen könnte
sich dann dem organisierten Willen und den Zielsetzungen der Vieltgemeinschaft entgegenstellen.
Parallel zu den Maßnahmen für eine gesicherte Rüstungsreduzierung
streben wir nach der Entwicklung eines im Rahmen der Vereinten Nationen
aufzubauenden Systems eines allgemein anerkannten Völkerrechts und dem
Aufbau eines internationalen Apparates zur Durchsetzung eines solchen
Rechts und zur Beilegung von Streitfällen, die unter ihm entstehen,
Daau wäre eine internationale Streitmacht erforderlich, die imstande
ist, einer Aggression Einhalt zu gebieten. Die Vereinigten Staaten
werden bestimmt nicht einfach abrüsten, solange nicht die Gewähr gegeben
ist, daß eine internationale Organisation zum Schutze des Friedens
existiert•
Dies sind also die Wege, auf denen wir dem Endziel einer besser
geordneten Welt entgegenstreben. Die Aufgabe wird nicht leicht sein.
Ein Blick auf den Abrüstungsplan von Ministerpräsident Chruschtschow,
der die Basis für die Position des Sowjetblocks auf der Zehn-MächteAbrüstungskonferenz bildet, macht dies klar. Eigentlich ist dies gar
kein Plan, sondern eine umfassende Darlegung von Zielsetzungen - kommunistischen Zielsetzungen. Rüstungskontrollen und Abrüstungsmaßnahmen
werden mit schwungvollen allgemeinen Redensarten abgetan. Konkrete
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�"AMERIKA DIENST"

29. April 196O

Konkrete Bestimmungen für die Verifizierung und für die Kontrollabmachungen gibt es keine. Genauso wenig findet sich irgendeine
Bestimmung darüber, wie der Friede in einer von Waffen freien Welt
gestaltet werden soll.
Wir Amerikaner sind ungeduldig. Wir möchten gerne schnelle und
vollständige Lösungen. Aber solche Lösungen gibt es für die nternationalen Probleme nicht. Nur eine Welt, in der eine vernünftige Stabilität sowie Ordnung und Gerechtigkeit unter dem Gesetz gesichert sind,
kann den Interessen unseres Landes und den Interessen aller Völker
dienen.
Eine solche Welt kann nicht über Nacht geschaffen werden* Doch
wenn wir keine Fortschritte in Richtung auf eine solche Welt machen,
dann erreichen wir vielleicht einen Punkt, von dem aus es keine Rückkehr gibt. Wir werden uns weiterhin um die Verwirklichung dieses
Zieles bemühen - durch die Vereinten Kationen, durch unsere Ab rüstungsverhandlungen, durch andere Verhandlungen mit der Sowjetunion und durch
all die weitgest--eckten Anstrengungen hier in den USA sowie im Ausland
auf dem Gebiete der Verteidigung, des Außenhandels und der Investitionen,
der Entwicklungshilfe, der kulturellen Beziehungen, der persönlichen
Kontakte und der Diplomatie,
Wenn wir Erfolg haben wollen, dann müssen wir auf all diesen
Gebieten noch mehr leisten. Nur durch unsere gemeinsamen Anstrengungen
als Nation können wir hoffen, unsere besten Interessen in der vor uns
liegenden Zeit des scharfen Konkurrenzkampfes zu fördern.
Wir bemühen uns als Nation gegenwärtig bewußt darum, die geschieht*
liehen Kräfte auf einer weltweiten Basis zu beeinflussen. So hoch gesteckt und ehrgeizig eine solche Aufgabe sein mag, wir haben keine
Alternative, denn wenn die sich rapide ändernden Verhältnisse in der
Welt nicht in Richtung auf eine neue Ära der allgemeinen Freiheit und
Prosperität sowie auf eine universale Ordnung und ein universales Recht
gelenkt werden, dann können weder die Vereinigten Staaten noch irgendeine andere freie Nation in Sicherheit leben - vielleicht sogar nicht
einmal überleben.
Die Tatsache, daß wir uns dieser Wahrheiten bewußt sind, führt
uns in aller Nüchternheit vor Augen, was jeder von uns tun muß. Das,
was wir als Nation erreichen, kann nur die Gesamtsumme dessen sein, was
wir als Einzelmenschen leisten. Die Regierung in Washington verfügt über
keine Macht oder Fähigkeit, die unabhängig von dem Volk ist, das unsere
Nation ausmacht,
,
Es ist jetzt nicht die Zeit für ein leichtes Leben, für eine laxe
Haltung oder für eigennütziges Streben nach materiellen Vorteilen auf
Kosten der Interessen der Nation. Ich rufe alle Amerikaner auf, erneut
jenen revolutionären Eifer und jene Begeisterung zu zeigen, die uns
die Unabhängigkeit und nationale Einigkeit sicherten und die die Amerikaner vorantrieben, die Wildnis zu besiegen und eine große Zivilisation
zu schaffen. Wir sind heute alle im wahrs-ten Sinne des Wortes aufgerufen,
zur Schaffung einer neuen Welt beizutragen.
Dies ist eine Aufgabe, die alle Amerikaner begeistern und sie zu
einem Einsatz aller ihrer Kräfte veranlassen sollte, heute sowie in den
vor uns liegenden Jahren,
Ich danke Ihnen,

�A M E R I K A

D I E N S T

WELTRAUM - NEULAND DER PRAKTISCHEN FORSCHUNG

�Allg./6.5.1960
WELTRAUM - NEULAND DER PRAKTISCHEN FORSCHUNG

Die Geschichte hat keine Parallele zu den Ereignissen unserer Zeit,
in der Wissenschaft und Technik Fortschritt auf Fortschritt verzeichnen.
Der Mensch schickt sich an, dem Weltraum Geheimnisse zu entreißen, die
die Frage nach der Entstehung der Erde und vielleicht sogar des Universums beantworten helfen.
Nachdem es gelungen ist, die Erdanziehung, der alle Körper im Bereich der Erdgravitation unterworfen sind, durch die Gegenkraft der
Beschleunigung von Flugkörpern auf genügend hohe Geschwindigkeiten zu
überwinden, werden jetzt Satelliten und Raumsonden in Umlaufbahnen um
Erde, Mond und Sonne gebracht. Diese unbemannten Meßgeräte liefern erstmals wissenschaftliche Daten unmittelbar aus Räumen, die bisher nur der
"Fern"-Beobachtung von der Erdoberfläche aus oder - sehr kurzfristig aus dem Bereich jenseits der dichten Luftschichten bis zirka 200 km
Höhe durch Raketensonden zugänglich waren. Verglichen mit der Ausdehnung
unseres Sonnensystems - von der Ausdehnung der Milchstraße, zu der es
gehört und die allein etwa 200 Milliarden Sonnensysteme umfaßt, ganz zu
schweigen - nehmen sich zwar diese ersten praktischen Versuche recht
bescheiden aus. Der Anfang zur Verwirklichung eines uralten Menschheitstraums, die rätselhafte Welt der Sterne und die darin wirksamen Kräfte
unmittelbar zu erforschen, ist damit jedoch zweifellos gemacht.
In den Vereinigten Staaten wird heute ein erheblicher Anteil der
Wirtschaftskraft - Geld, Produktionskapazität, technisches Können und
Forschungsarbeit - dafür aufgeboten,
Meßsatelliten auf bestimmte Flugbahnen in den Weltraum zu entsenden, mitten unter die großen und kleinen
Himmelskörper und Gasmassen, die seit Jahrmilliarden das Universum füllen.
Mit Hilfe der Ergebnisse aus solchen Experimenten hofft man, auch die
Naturkräfte in unserem ureigensten Lebensbereich, auf der Erde, besser
erkennen, nutzen und möglicherweise auch kontrollieren zu können.
Das zivile Weltraumprogramm der Vereinigten Staaten, das dem US-Amt
für Aeronautik und Weltraumforschung (NASA) untersteht, umfaßt eine Vielzahl von Projekten aus ganz verschiedenen Gebieten. Sie reichen von der
Astronomie über die unmittelbare Erforschung des interplanetaren Raumes,
des "Vorfeldes" und der Lufthülle unserer Erde bis zu den technischen
Problemen, die Luftfahrt und Raumflug aufgeben; es bezieht ferner zahllose Fragen der Atom- und Elektronentechnik und, last not least, der Medizin und Biophysik ein. Dabei werden neben den Aufgaben der Grundla^en- 1

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1960

Grundlagenforschung durchaus praktische Ziele verfolgt, die unter anderem
auf eine wesentliche Verbesserung der Beobachtung und Vorhersage des Wetters, auf die Verbesserung und Vereinfachung des Nachrichtenwesens auf
weltweiter Basis sowie der Navigation zur See und in der Luft gerichtet
sind.
Laboratorien zwischen Himmel und Erde
Die Hoffnungen, die die Wissenschaftler zu Beginn des Internationalen
Geophysikalischen Jahres auf die künstlichen Erdsatelliten als technische
Hilfsmittel zur Durchführung bestimmter Aufgaben der geophysikalischen
Forschung gesetzt hatten, waren gerechtfertigt. Die detaillierte Auswertung der Daten, die man mit diesen Meßgeräten seit etwa zweieinhalb Jahren
gewinnt, nimmt zwar meist Monate oder gar Jahre in Anspruch; jedoch können
wir jetzt schon sagen, daß dank den Satelliten und Weltraumsonden nicht
nur unser 'ffissen um die Beschaffenheit der physikalischen Umwelt der Erde
wesentlich bereichert, sondern auch eine Basis für die technische Vorbereitung des Raumflugs geschaffen wurde. Der Mensch weiß heute ungefähr, was
ihn "draußen" erwartet, und er kann sich darauf einrichten.
Die Vereinigten Staaten haben bisher (Stand von Ende April i960)
18 Erdsatelliten und 4 Raumsonden in den Weltraum geschickt. Zehn der
Satelliten - EXPLORER I, VI und VII, VANGUARD I, II und III, DISCOVERER V
und XI sowie TIROS I und TRANSIT I-B - umkreisen noch in stark elliptischen bis nahezu kreisförmigen Bahnen die Erde, während die übrigen acht
Satelliten - EXPLORER III und IV, ATLAS-SCORE, DISCOVERER I, II, VI, VII
und VIII - inzwischen in die dichteren Luftschichten abgesunken und verglüht sind. Das gleiche Schicksal ereilte die Raumsonden PIONIER I und
III; PIONIER IV und V dagegen haben die sogenannte zweite kosmische Geschwindigkeit erreicht und sind als künstliche Planeten in eine Umlaufbahn um die Sonne eingetreten.
Die wissenschaftlichen Probleme, an deren Klärung den Forschern bei
solchen Experimenten besonders gelegen ist, sind Dichte und Ausdehnung
der äußeren Atmosphäre, Auftreten und Intensität der kosmischen Strahlung,
Intensität der Sonnenstrahlung in verschiedenen Spektralbereichen, Stärke
und Ausdehnung des Erdmagnetfeldes, Stärke und Verteilung von Magnetfeldern sowie Gasdichte im interplanetaren Raum, Häufigkeit und Größe von
Meteoriten und kosmischen Staubpartikeln, Temperaturkontrolle in Raumflugkörpern und praktische Erforschung der Möglichkeiten für den Menschen,
sich in einem künstlichen Satelliten auf eine kürzere oder längere Flugreise um die Erde zu begeben. Wie sehr auch eine weltweite Wetterbeobachtung durch den Einsatz künstlicher Satelliten verbessert werden könnte,
beweisen bereits die Tausende von Aufnahmen, die TIROS I seit seinem Start
am 1. April 1960 geliefert hat.
Weltraumstrahlung
Die Intensität der kosmischen Strahlung im Weltraum ist ein wichtiger
Faktor bei Raumflugprojekten, die den Menschen aus der schützenden Lufthülle hinausführen. Die amerikanischen Erdsatelliten und Raumsonden wurden
daher mit Spezialgeräten ausgestattet, die automatisch Strahlungsmessungen
im Bereich der gesamten Flugbahn oberhalb der dichten Erdatmosphäre vor-

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Schon bald nach dem Start von EXPLORER I stand für die Wissenschaftler, die gespannt die Signale des Geigerzählers beobachteten,fest, daß
etwa ab 900 km Höhe die Strahlung intensiver wurde und die Impulszählung durch irgendein Phänomen, dessen Natur man noch nicht kannte, sogar
gestört wurde. Die Bestätigung dieser Vermutung und eine Erklärung des
Phänomens brachte EXPLORER III. Als Ursache der Störungen wurde eine in
einer bestimmten Höhe beginnende Zone intensiver Strahlung festgestellt, c
die stellenweise so stark ist, daß die damals mitgeführten Zählgeräte
einfach blockiert wurden.
Dr. James Van Allen von der Staatsuniversität Iowa und seine Mitarbeiter, die als erste diese Erscheinung beobachtet und gedeutet hatten,
konnten durch eine weitere Verfeinerung der Strahlenmeßgeräte und ihre
Unterteilung in verschiedene Empfindlichkeitsstufen Art und Intensität
der Strahlung sowie die Ausdehnung dieser Zone ermitteln. EXPLORER IV,
der mit zwei Geiger-Mueller-Zählrohren und zwei Szintillationszählern
ausgerüstet war, "sortierte" die Strahlung nach Intensitätsstufen.
Dabei zeigte sich, daß pro Sekunde 25 000 bis 35 000 kosmische Strahlenpartikeln auf den Quadratzentimeter entfielen. Mindestens 60 Prozent
davon waren energiereich genug, um die Bleiabschirmung des einen der
beiden Geigerzähler zu durchdringen. Die Konzentration energieärmerer
Teilchen war sogar noch höher, nämlich etwa 1 000 000 qcm/sec. In 1900
km Höhe über Südamerika wurde ein Strahlungspegel von 10 Röntgen pro
Stunde gemessen - eine ungemein starke Strahlung, wenn man die Höchstbelastungsdosis für Atomarbeiter, die 5 Röntgen pro Jahr beträgt, als
Richtwert zugrunde legt.
Aber erst die Messungen der Weltraumsonden PIONIER III und IV und,
einige Monate später, des Erdsatelliten EXPLORER VI brachten die erwünschte
Aufklärung - und zugleich neue Überraschungen. Es stellte sich nämlich
heraus, daß der Van-Allen-Gürtel in Wirklichkeit aus zwei Zonen intensiver Strahlung besteht. An den inneren Gürtel, dessen Entfernung von
der Erde nach neueren Messungen zwischen 1000 und 10 000 km schwankt,
schließt sich zunächst eine Zone verhältnismäßig geringer Strahlung an,
bis einige tausend Kilometer weiter der äußere Strahlenring beginnt.
An seinem Innenrand wurden heftige Ausbrüche sporadisch auftretender
Strahlung verzeichnet, deren Ursache noch nicht geklärt ist. In etwa
14 000 km Höhe, also in der normalerweise strahlungsarmen Zwischenzone,
wurde von Zeit zu Zeit eine hohe Strahlungsintensität beobachtet; man
nimmt an, daß dieser Effekt mit Magnetstürmen in Zusammenhang steht, die
zur gleichen Zeit auf der Erde registriert wurden.
Den ersten Hinweis darauf, daß die Strahlungszonen, die in ihrem Verlauf offenbar den erdmagnetischen Linien folgen, als eine Reaktion auf
Sonneneruptionen "pulsieren" und sich "auffüllen" könnten, lieferten die
PIONIER-Weltraumsonden schon vor mehr als einem Jahr. Während PIONIER III
(6/7. Dezember 1958) die obere Grenze des äußeren Ringes bei 55 000 km
Abstand von der Erde gemeldet hatte, endete dieser nach den Messungen von
PIONIER IV (gestartet am 3• März 1959» sechs Tage nach einer starken Sonneneruption) erst in 83 600 km Höhe; außerdem war darin die Konzentration
elektrisch geladener Teilchen dreimal stärker als am 6. Dezember1958. Ihre
größte Stärke und ihren größten Erdabstand haben die beiden Strahlenzonen

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Strahlenzonen über dem Äquator; sie ziehen sich bis zu den Polgebieten
hin, erreichen jedoch die Pole, nicht ganz.
Angesichts der hohen Energie der Strahlung im inneren Gürtel ist
zu vermuten, daß diese hauptsächlich aus Zerfallsprodukten von Neutronen
aus Luftatomen besteht, die energieärmere Strahlung des äußeren Ringes
dagegen ihren Ursprung im Sonnengas hat. Über ein interessantes Phänomen,
das allerdings eine Überprüfung der bisherigen Theorien von der Entstehung
der Polarlichter erforderlich macht, berichtete im April i960 Dr. Paul
J. Kellogg von der Universität Minnesota. Auf Grund der Meßergebnisse
von Höhenballons, die in der Arktis beim Auftreten von Polarlichtern aufgelassen worden waren, sowie der zur gleichen Zeit aufgefangenen Signale
von EXPLORER VI ist anzunehmen, daß beim Einsetzen eines magnetischen
Sturmes der äußere Strahlungsgürtel etwa zwei Drittel der eingefangenen
elektrischen Teilchen freigibt, sie "abschüttelt" wie ein Regenschirm.
Beim Abklingen der magnetischen Stürme und Erlöschen der Polarlichter
steigt die Teilchenkonzentration im Außenring plötzlich auf das Fünfzehnfache des vorhergehenden Wertes an. Ihre hohe Energie erhalten die Teilchen aber anscheinend erst durch das erdmagnetische Feld. Eine Erklärung
für diese Aufeinanderfolge der Ereignisse vermochte Dr. Kellogg nicht zu
geben.
Den von EXPLORER VI "entdeckten", in großer Höhe in westlicher Richtung fließenden elektrischen Ringstrom um die Erde von schätzungsweise
5 Millionen Ampere Stärke bestätigte jetzt auch PIONIER V bei etwa 64 000 km
Höhe. Jenseits der 00 OOO-km-Grenze stieß PIONIER V auf eine von PIONIER I
erstmals registrierte Zone mit starken magnetischen Turbulenzerscheinungen;
dieser Bereich, in dem das erdmagnetische Feld und Magnetfelder des 'Weltraums aufeinanderstoßen, ist doppelt so weit von der Erde entfernt als
nach den theoretischen Überlegungen angenommen worden war. In 5 Millionen
km Erdabstand geriet die Raumsonde in starke Elektronen- und Protonenströme,
die aus einer Sonneneruption stammten; kurze Zeit später sprachen auch die
Geräte von EXPLORER VII und Höhenballonen in der Arktis darauf an. Den Partikelströmen folgte eine riesige .Volke ionisierten Sonnengases, die auch
PIONIER V einhüllte. 25 Prozent der normalerweise von seinen Geräten registrierten kosmischen Strahlen aus Bereichen außerhalb unseres Sonnensystems
drangen plötzlich nicht mehr bis zu ihm durch. Diese Beobachtung bestätigt
die Theorie, mit der man den plötzlichen Abfall der Intensität dieser
Strahlung in den Polarzonen bei heftigen Magnetstürmen in der Erdatmosphäre
zu erklären suchte: als Ursache wird magnetische Ablenkung und Reflexion
der Partikeln in den Weltraum angenommen.
Luftdichte und Erdgestalt
Eine überraschende Feststellung ergab sich aus den laufenden Beobachtungen von VANGUARD I. Die Dichte der oberen Schichten der Atmosphäre ist
um ein Mehrfaches größer als angenommen worden war und verändert sich mit
den periodischen Schwankungen in der Ausstrahlung von Sonnenenergie. Analysen der Umlaufbahn dieses kleinen Satelliten zeigten ferner, daß die Erdgestalt nicht ganz den bisherigen Vorstellungen von einer an beiden Polen
gleichmäßig abgeplatteten Kugel mit dickem Äquatorwulst entspricht, sondern
eher der Form einer Birne ähnelt. Auf der südlichen Halbkugel mit der
größeren Masse ist die Abplattung stärker als auf der Nordhalbkugel.
Erdmagnetismus.

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�Die vier Flügel von PIONIER V sind mit 4800 Siliziumzellen besetzt,
die Sonnenlicht in Betriebsstrom für die zahlreichen Meßgeräte umwandeln. Man hofft, die Signale dieser Raumsonde noch aus 80
Millionen km empfangen zu können.

Donnernd hebt sich die dreistufige THORABLE-Rakete mit dem Erdsatelliten TIROS I
in der Spitze vom Starttisch.

Der am 1. April 1960 gestartete Wetterbeobachtungssatellit TIROS I
lieferte in 4 Wochen über 7000 Wolkenbilder. An der Unterseite ist
das Objektiv der Weitwinkelkamera sichtbar.

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Erdmagnetismus. Energieau3tauach Weltraum - Erde. Sonnenstrahlung
VANGUARD III, der unter anderem mit einem Magnetometer ausgerüstet
wurde, gab beim "Abfragen" durch Bodenbeobachtungsstationen täglich etwa
50mal wichtige Hinweise auf Verlauf und Stärke des erdmagnetischen Feldes
zwischen 500 und 3700 km Höhe. Er registrierte außerdem solare Röntgenstrahlung, von deren Auswirkungen auf die Erdatmosphäre man noch sehr wenig
weiß.
Außerordentlich vielfältig waren auch die Aufgaben von EXPLORER VII,
der über die Intensität und die Energiestufen kosmischer Primärstrahlung,
die Ultraviolett-Strahlung und "weiche" Röntgenstrahlung der Sonne in ganz
bestimmten Wellenlängenbereichen, über das Strahlungsgleichgewicht zwischen
Erde und Weltraum, die Intensität energiereicher Strahlung im Van-AllenGürtel zwischen 5^0 und 1100 km Höhe, Größe und Häufigkeit von Mikrometeoriten, Temperaturen an zahlreichen Meßpunkten innen und außen am Satelliten
sowie über die Funktionsfähigkeit ungeschützter Siliziumzellen Auskunft gab.
Er gehört ebenso wie EXPLORER VI, VANGUARD III und PIONIER V zur "zweiten
Generation" von Meßsatelliten, die mit wahren Wunderwerken der Miniaturelektronik ausgerüstet sind.
EXPLORER VI, dessen augenfälligstes Merkmal - wie auch bei PIONIER V die vier flügelähnlichen Sonnenbatterie-Platten sind, vermochte übrigens
Meßdaten nicht nur zu speichern, sondern auch bereits zu verarbeiten. Dies
wurde durch das elektronische Fernmeßsystem TELEBIT ermöglicht, das noch
die Übermittlung von Signalen im interplanetaren Raum über Entfernungen
von mehr als 80 Millionen km erlaubt. Das Gerät sammelt und speichert Meßdaten von mehreren verschiedenen Geräten und setzt sie nach dem gleichen
Prinzip, nach dem elektronische Rechengeräte arbeiten, in eine Art Kode um.
Auf da3 Abrufsignal einer Bodenstation, das jeweils nach einer längeren
Erholungspause für die chemischen Batterien bzw. nach deren Wiederauffüllung durch die Sonnenenergie-Kollektoren gegeben wird, strahlt der Sender
innerhalb weniger Sekunden die in der Zwischenzeit gesammelten verschlüsselten Meßwerte aus.
Auch PIONIER V hat außer den Geräten zur Registrierung von Strahlung
verschiedener Energiestufen und Konzentration (und damit auch zur Untersuchung der von der Sonne ausgeschleuderten Partikelströme), von Mikrometeoriten, Magnetfeldern im Weltraum (einschließlich deren Stärke und Richtung)
und zur Angabe seiner "Blickrichtung" ein solches TELEBIT-Gerät an Bord.
Es lieferte seit dem Start der Raumsonde am 11. März 196O einwandfreie Meßwerte von zahlreichen Sensoren, bis plötzlich - PIONIER V befand sich inzwischen mehr als 8 Millionen km von der Erde entfernt - Störungen auftraten.
Die Angaben über Batterie Spannung, Batterietemperatur und Temperatur an den
vier Photozellen-Platten waren offensichtlich falsch. Nach dem ChiffreSignal war beispielsweise die Batteriespannung so niedrig, daß der Sender gar
nicht mehr hätte arbeiten können - aber die Signale kamen nach wie vor klar
an.
Robert Gottfried von den Space Technology Laboratories in Los Angeles,
wo PIONIER V zusammengebaut worden war, versuchte nun durch Prüfung jedes
einzelnen Bau-Elements an einem zweiten TELEBIT-Gerät im Laboratorium den
Fehler zu finden, eine sehr mühsame Aufgabe, da das 4»5 kg schwere Gerät
nicht weniger als 45O Transistoren, 1500 Dioden, 1600 Widerstände, 1000

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1000 Kondensatoren und mehrere tausend Lötkontakte besitzt. Als Fehlerquelle wurde schließlich eine stecknadelkopfgroße Diode ermittelt. Daraufhin arbeitete Gottfried ein neues Dechiffriersystem für die PIONIER-Signale
aus - und seitdem liefert die Raumsonde wieder "vernünftige" Daten. Die
Falschmeldungen konnten überdies nachträglich richtig interpretiert werden,
so daß nichts an Meßdaten verloren ist.
Wetterbeobachtung
Der am 1. April 196O gestartete, 122 kg schwere TIROS I ist der erste
Erdsatellit einer neuen Versuchsserie, die der Erprobung solcher Flugkörper
als Hilfsmittel der meteorologischen Beobachtung dient. Das mit zwei Fernsehkameras, elektronischen BildaufZeichnern und zahlreichen anderen Spezialinstrumenten ausgerüstete Gerät hat inzwischen über 7000 Bilder aus etwa
700 km Höhe gesendet, deren Qualität die Fachleute überraschte. Mit Hilfe
dieses Satelliten wurde auch erstmals nachgewiesen, daß bei umfangreichen
Sturmgebieten außerhalb der Tropen die gleichen spiralförmigen Wolkenbänder
auftreten wie bei tropischen Taifunen oder Hurrikanen. Die Struktur der
Wolkenformationen zeigt allgemein einen unerwartet klaren Aufbau. Nach Ansicht Dr. F. W. Reichelderfers, des Direktors des US-Bundesamtes für Meteorologie, eröffnet TIROS I eine neue Ära der meteorologischen Beobachtungsverfahren; ein System von mehreren Wettersatelliten in Verbindung mit
Radar, Wetterflugzeugen, Raketen- und Ballonsonden dürfte es ermöglichen,
genaue Wettervorhersagen für zirka 30 Tage zu geben.
Ein Teil der Aufnahmen wird bis zum Abruf durch eine Bodenstation
im Satelliten gespeichert; in "Rufweite" einer Station können die Impulse
aber auch direkt vom Kamera-Bildwandler an den Sender gegeben werden. Damit
der mit der Auswertung betraute Meteorologe das Bild besser identifizieren
kann, führt TIROS I ein "Nordrichtungs-Anzeigesystem" mit, das automatisch
den Winkel der Sonne relativ zum Satelliten mißt. Das sich hieraus ergebende
Signal, das mit jedem Bild zur Bodenstation gesendet wird, wird dort mittels
eines "Sonnenwinkel-Rechners" interpretiert und erscheint, die Nordrichtung
anzeigend, neben dem betreffenden Bild auf dem Betrachtungsschirm. Durch
Funksignale läßt sich von der Erde aus vor jedem neuen Umlauf eine Art Uhr
im Satelliten stellen, damit die Kameras vor allem die für die Meteorologen
wirklich interessanten Gebiete aufnehmen.
Navigation
Am 13. April i960 folgte dem ersten Wetterbeobachtungs-Satelliten der
erste Navigations-Satellit. TRANSIT I-B gilt als Vorläufer eines Systems
von vier Satelliten, die auf Grund der von ihnen ausgestrahlten Funksignale
Schiffen und Flugzeugen die Positionsberechnung bei bedecktem Himmel und
unsichtigem Wetter erleichtern sollen. Die Umlaufbahn jedes dieser Satelliten
wird so gewählt, daß zum mindesten einer von ihnen von jedem beliebigen Punkt
der Erdoberfläche aus zu hören ist. Der 119 kg schwere TRANSIT I-B, der auf
vier Frequenzen sendet, hat den Beobachtungsstationen bereits Informationen
geliefert, die eine äußerst exakte Vorausberechnung seiner Umläufe ermöglichen.
Die Berechnungsgrundlage liefern die sogenannten Doppler-Verschiebungen der
Signalfrequenzen, die von der Geschwindigkeit, mit der sich der Satellit
der Beobachtungsstation nähert bzw. von ihr entfernt, abhängig sind. Das A
und 0 des neuen Systems ist die genaue Bestimmung und möglichst langfristige
Vorausberechnung der Umlaufbahnen der Navigationssatelliten, so daß man nach
Zeit und Richtung ihres Erscheinens über dem Horizont den eigenen Standort

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Die von den Vereinigten Staaten gestarteten Erdsatelliten sollen nicht nur eine Vielzahl von wissenschaftlichen
Fragen lösen helfen, sondern auch der Erfüllung praktischer Aufgaben (z. B. Wetterbeobachtung, Navigation)
dienen.
Wertvolle wissenschaftliche Daten liefern außerdem die Raumsonden
PIONIER I
PIONIER III
PIONIER IV
PIONIER V

(11. Oktober 1958, 113120 km)
(6. Dezember 1958, 102 728 km)
(3. März 1959, künstlicher Planet im Sonnensystem)
(11. März 1960, künstlicher Planet im Sonnensystem)

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Standort mit viel größerer Genauigkeit als nach den bisherigen Verfahren
ermitteln kann.
Funkverkehr
Mit dem Projekt ECHO soll eine umfangreiche Versuchsserie zur Verwendung
von Erdsatelliten als Relaisstationen im transkontinentalen Nachrichtenwesen
einschließlich Fernsehen und Bildfunk eröffnet werden. Der erste dafür bestimmte Satellit wird ein Ballon von 30 m Durchmesser sein, dessen aluminiumüberzogene Hülle stark gebündelte Funksignale einer Erdstation reflektiert,
so daß sie von anderen, Tausende von Kilometern entfernten Stationen aufgefangen werden können. Die Umlaufbahn soll in etwa 1600 km Höhe liegen.
Im Gegensatz zu diesem passiven Relais-Satelliten, der Signale nur
reflektiert, sollen spätere, sogenannte aktive Relais-Satelliten fernmeldetechnische Nachrichten elektronisch aufnehmen, speichern, verstärken und an
die vorgesehene "Abnehmerstation" senden.
TRÄGERRAKETEN
Eine Voraussetzung für die Durchführung solcher Vorhaben ist das Vorhandensein von Flugkörpern, die geeignet sind, Satelliten und Raumsonden
in bestimmte Flugbahnen zu befördern. In den Vereinigten Staaten wurden
verschiedene Grundtypen von Raketen entwickelt und ständig weiter verbessert,
die einzeln oder in Kombinationen mit anderen als Trägerraketen dienen.
Zu den wichtigsten Startraketen zählen zur Zeit REDSTONE, VANGUARD, JUPITER,
THOR und ATLAS. Sie alle verbrennen flüssigen Treibstoff; ihre Schubkraft
liegt zwischen 35 000 und 160 000 kg. Feststoffraketen übernahmen bisher nur
als aufgestockte 2., 3« oder 4« Stufe die weitere Beschleunigung der mit den
wissenschaftlichen Geräten vollgepackten "Nutzlast" auf die Geschwindigkeit,
die für die vorgesehene Umlaufbahn um Erde oder Sonne erforderlich ist. Die
vierstufige SC0UT, mit der Mitte 1 96O die ersten Testflüge unternommen werden
sollen, wird die erste Trägerrakete sein, die auch als Startstufe (52 200 kg
Schub) eine Feststoffrakete hat. Sie kann etwa 90 kg schwere Nutzlasten in
Kreisbahnen in 500 km Höhe und 50 kg schwere Meßgeräte in 9000 km Höhe befördern.
Gegenüber Flüssigkeitsraketen haben Feststoffraketen den Vorzug, daß
sie keine Pumpwerke mit vielen beweglichen Teilen und andere: komplizierte.
Aggregate benötigen. Um sie zu starten, bedarf es nicht, wie bei den Flüssigkeitsraketen, zahlreicher Spezialisten und der umständlichen "Count down"Prozedur, bei der jedes Einzelteil auf seine Funktion überprüft wird. Die
Flüssigkeitsrakete muß nach einem genau festliegenden Zeitplan aufgetankt
und zur vorbestimmten Zeit abgefeuert werden, da sonst keine Gewähr für das
Gelingen des Versuchs gegeben ist. Feststoffraketen dagegen sind samt Treibstoff lange Zeit lagerfähig und lassen sich damit sogar transportieren. Außerdem sind sie in verschiedenen Größenordnungen leicht und einfach herzustellen
Ihr Nachteil: Bisher bereitete es immer wieder technische Schwierigkeiten, dii
Schubleistung während der Brenndauer zu steuern; auch die Kontrolle der Schub'
richtung und des Brennschlusses ließen zu wünschen übrig - alles Faktoren, di&lt;
beim Einsteuern eines Satelliten in die vorgesehene Bahn eine wichtige Rolle
spielen. NASA hat inzwischen ein Arbeitsprogramm vorgelegt, das die bestehenden Mängel überwinden helfen soll und das u.a. die Entwicklung von Triebwerke]
und Treibstoffen hoher Leistung für zuverlässig arbeitende Feststoffraketen _zj

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zum Ziel hat, die im Flug auch abgeschaltet und wieder gestartet werden
können.
Daneben gehen die Vorbereitungen zum Bau von superstarken Flüssigkeitsraketen unter Verwendung und durch Verbesserung bewährter, seit Jahren in
Serie gebauter Typen weiter; die Zahl der Typen soll auf ein Minimum reduziert, die Leistung der Aggregate so weit wie nur irgend möglich gesteigert
werden. Ab 1962 beabsichtigt NASA, nur noch vier Typen von Raketen einzusetzen, und zwar SCOUT, THOR, ATLAS und SATURN. Im Rahmen des Projekts
SATURN werden durch Bündelung mehrerer Triebwerke der THOR- bzw. JUPITERKlasse Leistungen von zirka 680 000 kg Schub erreicht; außerdem arbeitet
man an der Entwicklung von Einkammer-Triebwerken der gleichen Leistung,
die wiederum zu noch stärkeren Flüssigkeitsraketen (Projekt NOVA, 2,7
Millionen kg Schub) gebündelt werden sollen. Zur SATURN-Familie werden zwei-,
drei- und vielleicht vierstufige Raketenkolosse gehören, deren Startstufe
nach jedem Versuch möglichst wieder geborgen werden soll. Das DreistufenProjektil, das über 45 m hoch ist und aufgetankt 580 Tonnen wiegt, vermag
mehrere Tonnen schwere Satelliten in Umlaufbahnen um die Erde oder etwa
eine Tonne schwere Nutzlasten mit wissenschaftlichen Geräten zur Mondoberfläche oder in den interplanetaren Raum zu befördern.
Diese Giganten für den Raumflug erfordern zunächst riesige Spezialanlagen für den Standversuch zur Erprobung der Triebwerke, später für die
Montage und den Start der Rakete auf den Versuchsplätzen. Für den Standversuch mit der aus acht Triebwerken bestehenden SATURN-3tartstufe steht
auf dem Gelände der Marshall-Forschungs- und Versuchsanstalt für Raumflug,
dem ehemaligen REDSTONE-Arsenal in Huntsville, ein 54 m hoher, stählerner
"Prüfstand" bereit. In Cape Canaveral ist der Montageturm für die Testraketen noch in Bau - er wird über 90 m hoch, ein bewegliches Monstergerüst
von den Ausmaßen eines 28stöckigen Hauses.
Antriebssysteme der Zukunft
Neben diesen Raumflugkörpern, die alle zu den "klassischen" chemischen
Verbrennungsraketen gehören, gewinnen allmählich auch die thermischen Atomraketen und die elektrischen Raketen an Bedeutung. Bei der thermischen Atomrakete wird der Treibstoff - vorzugsweise Wasserstoff, vielleicht auch Helium
oder Ammoniakgas in verflüssigter Form - in einem Atomreaktor von möglichst
geringem Eigengewicht auf extrem hohe Gastemperaturen aufgeheizt. Im Rahmen
des Projekts ROVER, eines gemeinsamen Forschungsprogramms von NASA und der
US-Atomenergie-Kommission, untersucht man zur Zeit an Experimentierreaktoren
(KIWI-Serie) tec hnis che Probleme des Nuklearantriebs; Anfang 196l steht in
Nevada eine neue Testzelle zur Verfügung, die außer dem Reaktor auch Raketentriebwerke aufzunehmen vermag. Bei dieser Nuklearrakete gibt es keine che, mische Verbrennung. Ihre Leistung wird vielmehr von der Ausströmgeschwindigkeit der Treibmasse, letzten Endes also von der im Reaktor erzielten Temperatur bestimmt. Da der spezifische Impuls einer solchen Rakete mindestens
dreimal so hoch wie der einer chemischen Rakete sein würde, könnte auch die
von ihr zu befördernde Nutzlast wesentlich schwerer sein.
Von den elektrischen Raketen werden gegenwärtig drei Typen untersucht:
1. die Ionen-Rakete, bei der ein ionisiertes Treibmittel durch elektrostatische Felder beschleunigt und unter hoher Geschwindigkeit ausgestoßen
wird; 2. die Plasma-Rakete, bei der ein Plasma - eine Mischung aus Ionen und

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�Die „anatomische Liegeschale" schützt den Astronauten
in der hermetisch abgeschlossenen MERKUR-Kabine
vor den Auswirkungen der ungeheuren Beschleunigungskräfte.

Eine ATLAS-Rakete mit dem 900 kg schweren Modell
einer MERKUR-Kabine w i r d für einen Flugtest in Cape
Canaveral vorbereitet.
Die Kabine wurde später 2400 km vom Startplatz entfernt aus dem Meer geborgen.

In 12 000 m Höhe hat sich die X-15 gerade vom Trägerflugzeug, einer B-52, gelöst und fliegt mit eigener Kraft.
Nach Abschluß der vorbereitenden Tests sollen mit dieser bemannten Rakete Höhen um 160 km erreicht werden.

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und Elektronen - mittels elektromagnetischer Felder den Schub erzeugt; und
5. die elektrothermische Rakete, bei der das Treibgas elektrisch aufgeheizt
wird.
Elektrische Raketen, gleich welchen Typs, müssen jedoch durch chemische
Raketen erst auf eine Satellitenbahn oder zu einer Raumstation befördert
werden, ehe sie ihre eigene Reise beginnen können; der von ihnen erzeugte
Schub reicht nicht aus, um die Erdanziehung und den Luftwiderstand zu überwinden. Im Weltraum aber, wo.die Gravitationskräfte viel geringer sind, sind
die elektrischen Raketen den "konventionellen" Raketen überlegen, weil ihr
Treibstoffverbrauch minimal, Motor- und Treibstoffgewicht gering sind und
daher mit ihnen Expeditionen über Wochen, Monate oder Jahre durchgeführt
werden könnten.
Hilfsaprgregate
Die Verwendung elektrischer Antriebssysteme ist aber nur möglich, wenn
wartungsfreie und lange Zeit funktionsfähige Stromquellen von möglichst geringem Gewicht verfügbar sind. NASA und die AEC befassen sich zur Zeil in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Industrie mit der Entwicklung von Atomund Sonnenkraftgeneratoren, die mindestens ein Jahr lang Strom liefern.
Das Miniatur-Atomkraftwerk 3NAP-2, das kaum größer ist als ein 20-LiterGefäß, ohne Strahlenabschirmung etwa 100 kg wiegt und eine Leistung von 3000
Watt erreicht, wurde bereits erfolgreich erprobt; SNAP-8, ein 30 OOO-.VattAtomgenerator, soll in etwa 5 Jahren einsatzbereit sein. Das jüngste Projekt
ist der Sonnenkraf tgenerator SUNFLOiVER-I, der mittels eines faltbaren, parabolspiegelähnlichen .Värmesammlers von 9&gt;6 m Durchmesser Sonnenenergie einfängt und einen Boiler erwärmt, an den ein Turbogenerator angeschlossen ist;
die Leistung liegt bei 3000 Watt.
Bemannter Raumflug
Das Projekt MERKUR ist die erste Phase in den Bemühungen der Vereinigten
Staaten um den bemannten Raumflug. Das Hauptziel des Frojekts liegt in der Erforschung bzw. Abgrenzung der Möglichkeiten für den Menschen, unter '.Veitraumbedingungen zu existieren. Sieben "Astronauten", von denen einer als erster
Amerikaner den Flug um die Erde in einer Satellitenkapsel wagen wird, werden
zur Zeit in einem intensiven Training physisch und psychisch auf diese Expedition vorbereitet und mit den technischen Voraussetzungen dafür vertraut
gemacht. Der viereinhalbstündige Ausflug in den Weltraum wird bis in etwa
160 km Höhe führen. Nach dreimaliger Erdumkreisung mit 8000 m/sec, wobei
die Flugbahn über Afrika, Australien, Mexiko und die Vereinigten Staaten
führt, wird die Geschwindigkeit durch Bremsraketen, die von Bord der MSRKÜRKapsel oder durch das Funksignal einer Bodenstation gezündet werden, langsam
verringert. Dabei gelangt die Kapsel in immer tiefere Luftschichten, wo der
Luftwiderstand eine zusatzliche Bremswirkung ausübt. In 3000 m Höhe öffnet sich ein Fallschirm, der die Landegeschwindigkeit auf 10 m/sec reduziert. Als
"Landeplatz" ist der Atlantik in der Nähe der Bahama-Inseln vorgesehen; die
MERKUR-Raumkapsel, von der sich der Fallschirm nach dem Wassern löst, ist mit
Schwimmern ausgerüstet, die sie bis zur Bergung über Wasser halten.
Prüfungen

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�6. Mai 1960

"AMERIKA DIENST"

Prüfungen im Windkanal und zahlreiche Erprobungen der Raumkapsel
in ballistischen Testflügen (zu denen u.a. die Versuche BIG JOE und
LITTLE JOE im Herbst 1959 gehören), Lande- und Bergungsmanöver gehen
dem eigentlichen Experiment MERKUR voraus, bei dem das Risiko für den
Passagier nicht größer sein soll als es heute für den Testpiloten eines
Flugzeugwerkes ist. Der Astronaut kann während des Flugs über Sprechfunk
mit den zahlreichen Bodenbeobachtungsstationen, die automatisch laufend
Signale über das "Verhalten" des Fluggeräts und seines Passagiers empfangen, in Verbindung treten. Als Trägerrakete der MERKUR-Kapsel ist eine
ATLAS vorgesehen.
Forschungsflugzeug X-15
Mit der X-15 sollen der praktischen Flugforschung Bereiche erschlossen werden, die mit dem Flugzeug nicht mehr zu erreichen sihd, aber auch
noch nicht zum "Weltraum" gehören. Die Operationshöhe dieses 15 m langen,
zigarrenförmigen Flugkörpers mit kurzen Tragflächen und Raketenantrieb
wird oberhalb von 80 000 m liegen.
Ziele des Programms X-15, das von US-Luftwaffe, US-Marine und NASA
gemeinsam durchgeführt wird, sind 1 . Ermittlung der aerodynamischen Aufheizung bei HyperSchallgeschwindigkeit und ihrer Wirkung auf den Flugkörper; 2. Erprobung der Flugstabilität und der Steuerung in sehr dünner
Luft; und 3» Untersuchung der Auswirkung des gewichtslosen Zustandes auf
den Piloten.
Die X-15 kann .nicht vom Boden aus starten, sondern muß von einem Trägerflugzeug - einer B-52 - in etwa 12 000 m Höhe geschleppt werden.
Seit dem 17» September 1959 führte Scott Crossfield als Testpilot bereits
mehrere Motorflüge mit der X-15 aus, wobei 15 000 m Höhe und 2080 km/st
Geschwindigkeit erreicht wurden. Die maximale Leistung der X-15 dürfte
etwa 5800 km/st betragen.
Bildunterschrift; (Deckblatt)
Navigations-Satellit TRANSIT I-B, wie ihn der Zeichner sieht.
Das helle Spiralband auf der Außenseite des Satelliten dient als
Antenne; photoelektrische Zellen am Gürtelwulst laden durch Umsetzung von Sonnenenergie die chemischen Batterien ständig neu auf.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENTSCHAFTSWAHIEN IN DEN USA

�"AMEMU

SIEHST"

3. Juni 1960
VORBEMERKUNG

In den Vereinigten Staaten von Amerika gipfelt das politische Leben
des Landes alle vier Jahre in der Neuwahl des Präsidenten, der zugleich
Staatsoberhaupt und Regierungschef ist. Die Wahlkampagne beginnt, sobald
die ersten Bewerber ihr Interesse für dieses Ant bekunden, und bie dauert
an, bis am späten Abend des ''Zahltages die ersten Teilergebnisse bekanntgegeben Verden. Das gesamte amerikanische Volk verfolgt ihrtn Verlauf mit
grö3ter Spannung und Anteilnahme.

Für die meisten Amerikaner ist dies eine erregende Zeit. Als Spitzenkandidaten werben profilierte Persönlichkeiten um ihre Stimme. Die Diskussion entzündet sich an nichtigen Problemen. Je näher der Wahltag heranrückt, desto temperamentvoller werden die Wahlreden. Argumente und Gegenargumente füllen die Zc i t-un^sspaiter und den Äther.

Wenn jedoch die Wahl entschieden ist, glätten sich alsbald wieder die
Wogen, und alle Beteiligten akzeptierer das Resultat al«* faire Kontrahenten und gute Staatsbürger. Der siegreiche Kandidat betrachtet sich nicht
länger in erster Linie als Führer seiner eigenen Partei, sondern als berufenen Sprecher des ganzen Landes, dem Glück und Wohlergehen des ganzen
Volkes am Herzen liegen.

Wahlrecht, Wahlverfahren und politische Tradition der USA unterscheiden sich in vielen Einzelheiten vor denen anderer Lander. Jiese Schrift
hat sich die Aufgabe gestellt, einige der häufigsten Fragen zu diesem Theaa
in knapper und übersichtlicher Form zu beantworten.

�"AMERIKA DIENST"

3. Juni i960

Wann werden in den USA Präsidentschaftswahlen abgehalten?
Nach den gesetzlichen Bestimmungen finden die Präsidentschaftswahlen alle vier Jahre am eisten Dienstag nach dem ersten. Montag im November statt. Alljährlich v/erden außerdem in den USA viele Staats- und
Kommunalämter durch Wahlen neu "besetzt.

Wann finden in diesem Jahr die Präsidentschaftswahlen statt?
Wahltag ist im Jahre 196O der 8. November.

Welche Ämter sind außer denen des Präsidenten und des Vizepräsidenten
am 8. November zur Wahl ausgeschrieben?
Zur Wahl stehen 27 Gouverneure von Einzelstaaten, 34 Senatoren,
alle 437 Mandate des Repräsentantenhauses und Hunderte von Staats- und
Kommunalämtern - Mandate der einzelstaatlichen Parlamente, Richter, Bürgermeister usw.

Nach welcher Regel werden die Senatoren neugewählt?
Dem Senat gehören zwei Vertreter für jeden der 50 Bundesstaaten,
also 100 Senatoren an. Ihre Mandate dauern jeweils sechs Jahre, doch
wird nach der Verfassung immer rund ein Drittel der Senatoren in Abständen von zwei Jahren neugewählt.

Nach welcher Regel werden die Mitglieder de3 Repräsentantenhauses neugewäh-It?
Dem Repräsentantenhaus gehörten bis zum Jahre 1959»in äem Alaska und
Hawaii als vollberechtigte Gliedstaaten in die Union aufgenommen wurden,
435 Abgeordnete an. Da jeder Staat Anspruch auf mindestens ein Abgeordnetenmandat hat, erhöhte sich diese Zahl auf 437 Mandate. Das ganze Repräsentantenhaus wird in Abständen von zwei Jahren, und zwar in den Jahren mit
gerader Jahreszahl»neugewählt,
Die Zahl der Mandate wurde im Jahre 192'9 "für immer" auf 435 festgesetzt. Alle zehn Jahre findet eine Volkszählung statt, damit die Zuteilung
der Mandate an die Einzelstaaten immer ihrem jeweiligen Bevölkerungsanteil
angepaßt werden kann. Gegenwärtig vertritt jeder Abgeordnete durchschnittlich rund 400 000 Landesbewohner, Nach der Volkszählung von 196O muß eine
Neuverteilung der Mandate vorgenommen werden, doch bleibt es dem Repräsentantenhaus selbst überlassen, ob es die Zahl seiner Mitglieder wieder auf 435
beschränken, den gegenwärtigen Stand beibehalten.oder sogar erhöhen will,
da die Verfassung keine Begrenzung vorschreibt. Die Einteilung der Wahlkreise
nach Maßgabe der zugeteilten Mandate ist Sache der einzelstaatlichen Parlamente .

Wer ist wahlberechtigt? •
Wählen darf jeder, der durch Geburt oder Einbürgerung die amerikanische Staatsangehörigkeit erworben und das durch einzelstaatliche Gesetze

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�"AMERIKA DIENST"

3. Juni 1960

Gesetze unterschiedlich bestimmte Mindestalter erreicht hat. In den meisten Staaten beginnt die Wahlberechtigung mit dem vollendeten 21. Lebensjahr, in einigen jedoch schon mit dem 19« oder 18. Lebensjahr.

Wie groß ist normalerweise die Wahlbeteiligung?
Bei den allgemeinen Wahlen im November 1956 wurden über 62 Millionen
Stimmen abgegeben, d.h. rund 60 Prozent aller Stimmberechtigten nahmen an
den Wahlen teil. Die Wahlbeteiligung hängt weitgehend davon ab, welche
Probleme zur Entscheidung anstehen, wie groß das persönliche Prestige
der jeweiligen Kandidaten und wie ausgeglichen das Kräfteverhältnis zwischen den Parteien und ihrer Wählergefolgschaft ist. Die politischen Parteien, die Kandidaten selbst und Organisationen wie die League of Women
Yoters (Wählerinnen-Liga) unternehmen die größten Anstrengungen, um so
viele Frauen und Männer wie möglich zur Stimmabgabe zu bewegen. Es ist
jedoch völlig ins Ermessen des einzelnen Bürgers gestellt, ob er von seinem Wahlrecht Gebrauch machen will oder nicht.

Sind auch die Neger und andere Minderheiten wahlberechtigt?
Jeder Bürger der USA, der lesen und schreiben kann, die Ansässigkeitsbedingungen erfüllt, sich fristgemäß in die Wählerlisten eintragen läßt
und in den Staaten, wo das Wahlrecht allgemein von der Entrichtung einer
Wahlsteuer abhängig gemacht wird, diese Steuer bezahlt hat, ist wahlberechtigt und macht in der Regel von seinem Wahlrecht Gebrauch. Der im
Jahre 1870 ratifizierte Zusatzartikel 15 der Bundesverfassung bestimmt,
daß das Wahlrecht keinem Bürger "auf Grund der Rassenzugehörigkeit, Hautfarbe oder vormaliger Dienstbarkeit vorenthalten oder eingeschränkt werden
darf". Im Jahre 1920 wurde durch den Zusatzartikel 19 auch das allgemeine
Frauenwahlrecht in der Verfassung verankert.

Was verlangen die Ansässigkeitsvorschriften?
Die einzelstaatlichen Gesetze legen unterschiedliche Bedingungen fest.
In den meisten Staaten wird die Wahlberechtigung von einjähriger Ansässigkeit im Staatsgebiet oder einer kürzer bemessenen Ansässigkeit in ein und
derselben Gemeinde abhängig gemacht. Außerdem muß sich der Wähler mehrere
Wochen vor dem Wahltermin in die Wählerliste eintragen lassen. Diese Vorschriften erschweren Personen, die häufig ihren Wohnsitz oder Aufenthaltsort wechseln, die Ausübung ihres Wahlrechts, doch wurden sie erlassen,
um Mißbräuchen vorzubeugen.

Wie gibt der Wähler seine Stimme ab?
Beim Wahlvorgang ist die geheime Stimmabgabe sichergestellt. Der Wähler begibt sich in das Wahllokal seines Wohnbezirks und kreuzt dort in
einer abgeschlossenen Kabine seinen Stimmzettel an. In vielen Gemeinden
sind bereits Wahlmaschinen vorhanden, bei denen der Wähler seine Stimme
abgibt, indem er bestimmte Tasten und Hebei betätigt. In der Umgebung
der Wahllokale ist keinerlei Wahlpropaganda gestattet. Vertreter der

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3.

Juni 196O

der einzelnen Parteien überwachen gemeinsam die strikte Beachtung der
Geheimhaltungsvorschriften.

Können Wahlberechtigte auch außerhalb ihrer Heimatgemeinde wählen?
Wahlberechtigte, die sich am 7/ahltag außerhalb ihres ständigen Wohnsitzes aufhalten, auf Reisen sind, wegen Krankheit oder ähnlicher Umstände
das Wahllokal ihres Wohnbezirks nicht aufsuchen können, haben in den meisten Staaten der USA die Möglichkeit, von der Briefwahl Gebrauch zu machen.
Auf Antrag erhalten sie einen Stimmzettel, den sie bereits einige Zeit
vor der Wahl ausgefüllt zurücksenden müssen. Dieses System wurde erstmals
während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865) eingeführt, um auch
den Soldaten die Teilnahme an den Wahlen zu ermöglichen.

Müssen die Wähler einer politischen Partei angehören?
Für die allgemeinen und lokalen Wahlen selbst gibt es keine solche
Verpflichtung. Anders verhält es sich jedoch mit den "Vorwahlen1 (primaries),
die in einigen Staaten abgehalten werden. Bei ihnen dürfen nur eingeschriebene Mitglieder anerkannter Parteien ihre Stimme abgeben. Sie wurden eingeführt, um die Auswahl der Kandidaten auf eine breitere Basis zu stellen
und die Einflußnahme der Parteifunktionäre auf diese Vorentscheidungen
einzuschränken.

Was veranlaßt die Wähler, der einen oder anderen Partei ihre Stimme zu geben?
Häufig spielen Familientraditionen oder Umweltfaktoren eine Rolle, in
gewissem Grade auch berufliche bzw. wirtschaftliche Interessen. Viele Amerikaner finden aber nichts dabei, gelegentlich die Parteizugehörigkeit zu
wechseln. Andere, die prinzipiell keiner Partei beitreten, treffen ihre
Wahl auf Grund der Stellungnahmen der Parteien zu aktuellen Problemen oder
nach ihrer persönlichen Einschätzung der Spitzenkandidaten.

Wie viele Parteien gibt 08 in den USA?
In den USA besitzt das Zweiparteiensystem eine ausgezeichnete Tradition, obwohl auch einige kleinere Parteien mit fester Gefolgschaft vorhanden sind. Gelegentlich entstehen im Zusammenhang mit öffentlichen Auseinandersetzungen über leben»wichtige Fragen "dritte" Parteien, die den beiden
Traditionsparteien - der Demokratischen Partei und der Republikanischen
Partei - größere Wählergruppen abspenstig machen. Unter den kleineren
Parteien mit mehr oder minder festem Wählerstamm sind zwei sozialistische
Parteien - die "Socialist Labor Party" und die "Socialist Workers Party" sowie die für gesetzliche Einschränkung des Alkoholkonsums eintretende
"Prohibition Party" zu erwähnen.

Wie ist das Zweiparteiensystem der USA entstanden?
Unmittelbar nach Annahme der Bundesverfassung im Jahre 1787 formierten sich in den USA zwei locker verbundene, aber deutlich gegeneinander
abgegrenzte politische Meinungsgruppen, die sich zum Ende der Amtszeit des

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3. Juni 1960

des ersten Präsidenten, George Washington, zu regelrechten Parteien konsolidierten. Von diesen scharte sich die Demokratisch-Republikanische
Partei um Thomas Jefferson, den Verfasser der Unabhängigkeitserklärung,
während Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA, die Föderalisten anführte. Von der Hamilton-Partei stammt die im Jahre 1854
neu organisierte heutige Republikanische Partei ab, während die heutige
Demokratische Partei auf die Jefferson-Partei zurückgeht.

Welche Vorteile hat das Zweiparteiensystem?
Als besonderer Vorzug des Zweiparteiensystems gilt, daß es eine kontinuierliche, stetige Führung der Regierungsgeschäfte gewährleistet, über
die sowohl die Regierungspartei als auch die Oppositionspartei mit gleicher Aufmerksamkeit wachen. Das Zweiparteiensystem gibt dem Wähler die
Möglichkeit der Wahl zwischen verschiedenen Kandidaten und politischen
Konzeptionen, schützt ihn jedoch vor Verwirrung durch eine übergroße
Vielzahl der ParteiProgramme und Kandidaten. Obwohl innerhalb der beiden Parteien im allgemeinen unterschiedliche Auffassungen herrschen, bietet das Zweiparteiensystem in der Regel die Möglichkeit, wichtige Gesetzes•vcrlagen mit klaren Mehrheiten zu verabschieden.

Bestehen zwischen den beiden großen Parteien grundlegende Unterschiede?
In bestimmten Perioden der amerikanischen Geschichte vaien zwischen
ihnen scharfe Gegensätze vorhanden, doch treten diese heute weniger stark
in Erscheinung. Die Unterschiede sind jetzt vornehmlich auf die Innenpolitik beschränkt. Jede der beiden Parteien will auf ihre Weise für wirtschaftliche Stabilität sorgen und Inflationstendenzen bekämpfen. In beiden
mischen sich unterschiedliche Elemente: Konservative und Liberale, Lohnarbeiter und Bankiers. Jeitgehende Übereinstimmung besteht in der außenpolitischen Zielsetzung, so daß sie sich auch über Einzelfragen der Auslandsbeziehungen normalerweise leicht zu einigen vermögen. Republikaner
und Demokraten unterstützen beide tatkräftig die Vereinten Nationen,
bejahen die Wirtschafts- und Verteidigungshilfe an befreundete Länder und
befürworten international« Zusammenarbeit zur Erhaltung des Friedens.

Hat .jemals eine "dritte Partei" die amerikanische Politik beeinflußt?
Ja, aber immer nur für kurze Zeit. Verschiedentlich entstanden "dritte
Parteien" aus Protest gegen führende Persönlichkeiten einer der alten Traditionsparteien oder aus dem Wunsch nach einer Kursänderung der Regierungspartei. Der vormalige republikanische Präsident Theodore Roosevelt gründete beispielsweise für die Wahlen des Jahres 1912 eine dritte Partei mit
einem eigenen Programm, um mit Hilfe unabhängiger Wähler seinen Standpunkt
gegen die republikanische Parteiführung durchzusetzen. Seine Kandidatur
führte jedech zu einer Spaltan? der republikanischen Wählerschaft und
brachte somit den Demokrater Wocdrow Wilsor an die Regierung. Danach fiel
seine "dritte Partei" rasch auseinander, und deren Wähler gingen alsbald
wieder ins Lager einer der beiden großen Parteien über.
Ist

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Ist die Kommunistische Partei in den USA verboten?
Die KPdUSA ist weder vom Kongreß noch vom Obersten Bundesgerichtshof der USA für illegal erklärt vorden. Ihre politische Tätigkeit unterliegt nur gewissen Beschränkungen. Beispielsweise darf sie sich nicht mit
Kandidaten für politische Ämter an Wahlen beteiligen.
Werden bestimmte Parteien von Run.lfunk- oder Fernsehanstalten unterstützt?
Nein; das Gesetz schreibt vielmehr vor, daß den miteinander konkurrierenden Kandidaten politischer Parteien gleiche Sendezeit einzuräumen ist.
Welche Rolle spielt die Presse in der Wahlkampagne?
Im allgemeinen bildet sich der Amerikaner seine politische Meinung
auf Grund von Presse-, Rundfunk- und Fernsehberichten über ak'.. .eile politische Ereignisse und Probleme. Am genauesten kann er die laufende Entwicklung in den Tageszeitungen verfolgen, die in den Monaten vor dem Wahltag regelmäßig viele Spalten mit parteiamtlichen Erklärungen, Reden und
Interviews prominenter Kandidaten und Politiker sowie mit Reportagen
über Parteimanöver füllen. Diese Meldungen werden ergänzt durch sachkundige Kommentare und redaktionelle Leitartikel, die sich mit den Kandidaten
und den politischen Kernproblemen befassen.
Ist das F'-' tnsehen ei,. wichtiger '.Vahlkampf f aktor?
Ja, und zwar insofern, al3 es den Präsidentschaftskandidaten die Möglichkeit bittet, dtr ganzen Nation ihre Auffassungen von Angesicht zu Angesicht vorzutragen, andererseits vermittelt es vielen Millionen Wählern
einen persönlichen Eindruck auch von weniger bekannten Bewerbern,
Mit welchen Mitteln betreiben die Kandidaten ihre Wahlkampagne?
Außer den Fernsehansprachen halten sie zahlreiche Reden auf Wahlversammlungen, Wahlhelfertreffen, Wahlkampfdiners, Empfängen usw. Ferner besuchen sie Fabrikei, Landgemeinden und lokale Veranstaltungen. Ihre Wahlkampfleiter bringen Flugblätter und Broschüren zur Verteilung, setzen Lautsprecherwagen ein, placieren Zeitun^sinserate und Radioaufrufe. Einige Kandidaten und Wahlhelfer hallen unbeirrt an der bewährten alten Methode der
Hausbesuche in ihrem Wahlbezirk fest.
Unterscheidet sich der Wahlkampf vor den Präsidentschaftswahlen von
anderen Kampagnen?
Vor Präsidentschaftswahlen werden die Wahlfeldzüge natürlich in wesentlich größerem Stil aufgezogen. Die Kandidaten für das Amt der Präsidenten oder des Vizepräsidenten sind bestrebt, möglichst viele Staaten
persönlich aufzusuchen und an möglichst vielen Orten ihre Ansichten über

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"AMERIKA DIENST"

über die wichtigsten Fragen der Innen- und Außenpolitik zu erläutern.
Heute kann man in kurzer Zeit große Entfernungen mit dem Flugzeug überbrücken, doch haben auch Wahlreisen mit dem Sonderzug viel für 3ich.
Präsident Trumans Wiederwahl im Jahre 1948 wird nicht zuletzt auf die
vielen Ansprachen zurückgeführt, die er auf jeder der zahlreichen Zwischenstationen seiner Eisenbahnrundfahrt durch die USA vom Zuge aus zu
halten pflegte.
Wie lange dauert die Wahlkampagne?
Man kann sagen, daß sie für die meisten Bewerber mit dem Entschluß
zur Anmeldung der eigenen Kandidatur beginnt und bis zum Wählerentscheid
am Wahltag andauert, sofern sie ihre Kandidatur nicht schon vorher zugunsten eines aussichtsreicheren Kandidaten ihrer eigenen Partei zurückgezogen haben. Auf volle Touren kommt der Wahlkampf aber erst nach den
Landeskonventen, die die beiden großen Parteien im Juli abhalten.
In welchem Verhältnis steht der Präsident nach seinem Amtsantritt zu
seiner Partei?
Als höchster politischer Repräsentant seines Volkes hat der Präsident
nach allgemeiner Auffassung über den Parteien zu stehen. Mit seinem Amtseid verpflichtet er sich, seine Aufgaben zum Besten des ganzen Volkes zu
versehen. Nominell bleibt er jedoch der Führer seiner Partei, wird zur
Beratung aller wichtigen Parteiangelegenheiten hinzugezogen und tritt auch
bei späteren Wahlkampagnen während seiner Amtszeit für seine Partei ein.
Kann jeder Staatsbürger der USA Präsident werden?
Man sagt, jede amerikanische Mutter träume davon, daß ihr Sohn eines
Tao'es Präsident der USA werden könnte. Der reale Hintergrund dieser Behauptung ist, daß die früheren Präsidenten tatsächlich den verschiedensten
Schichten, Bevölkerungs- und Berufsgruppen entstammten. Nach den Verfassungsbestimmungen müssen die Kandidaten für das Präsidenten- und das Vizepräsidentenamt von Geburt an die Staatsbürgerschaft der USA besitzen, mindestens 35 Jahre alt sein und mindestens 14 Jahre lang in den USA ihren Wohnsitz gehabt haben.
Können sich naturalisierte Staatsbürger der USA um poli tische Xmter bewerben?
Jaj die einzigen Ausnahmen von der Regel sind die Präsidentschaft und
die Vizepräsidentschaft. Voraussetzung für die Wählbarkeit in den Senat ist
jedoch eine mindestens neunjährige Staatsangehörigkeit, für die Wählbarkeit
ins Repräsentantenhaus eine mindestens siebenjährige Staatsangehörigkeit.
Kann ein Kandidat gleichzeitig für mehrere Ämter kandidieren?
Die Gesetze verschiedener Einzelstaaten sehen diese Möglichkeit vor.
Beispielsweise könnte ein Senator, dessen Mandat im Jahr der Präsidentschaftswahlen abläuft, gleichzeitig seine Wiederwahl betreiben und die

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3. Juni 1 96O

die Hominierung zum Präsidentschaftskandidaten annehmen. Sollte er aus beiden Konkurrenzen als Sieger hervorgehen, so würde er vor seiner Vereidigung
als neuer Präsident der USA auf das geringere Amt verzichten»
Von welchen Par^eigremien werden die Spitzenkandidaten aufgestellt?
Jede Partei hält einen Landeskonvent ah, auf dem die Nominierung der
Spitzenkandidaten erfolgt. Die Delegierten, die die Parteiorganisationen
der Einzel Staaten zu den Landeskonventen entsenden, wurden zuvor in den meisten Staaten auf Staatskonventen gewählt. In den übrigen Staaten wurden sie
durch "Vorwahlen" (primaries) ermittelt oder durch Parteikomitees beauftragt.
Wer legt die Delegiertenzahl der Landeskonvente fest?
Dies ist Aufgabe der Landeskomitees, der obersten Vollzugsorgane der
politischen Parteien. Bei ihren Zuteilungsbeschlüasen berücksichtigen diese
sowohl die Erfahrungen früherer Wahlkampagnen als auch Stärke und Bedeutung
der einzelstaatlichen Parteiorganisationen.
Wie viele Delegierte nehmen an den Landeskonventen teil?
Die Gesamtzahl weist alle vier Jahre gewisse Schwankungen auf. Zum
Republikanischen Landeskonvent im kommenden Juli werden 1331 und zun Demokratischen Landeskonvent 1521 Delegierte aufgeboten. Die Nominierung des
Präsidentschafts- und des Vizepräsidentschaftskandidaten muß jeweils von
der Mehrheit der Delegierten gebilligt werden.
Inwieweit hat der einfache Bürger ein Mitspracherecht bei der Kandidatenauswahl
In den 15 Einzelstaaten, die "Vorwahlen" (primaries) zur Ermittlung
der Delegierten für die Landeskonvente der großen Parteien abhalten, können
alle Teilnahmeberechtigten, d.h. alle Mitglieder der betreffenden Partei,
gleichzeitig den von ihnen bevorzugten Präsidentschaftskandidaten ankreuzen
oder den Namen eines nicht aufgeführten Vorzugskandidaten nachtragen. Solche
"Präferenzen" sind zwar für die Delegierten auf den Landeskonventen nicht
durchweg verbindlich, doch geben sie in der Regel einer breiteren Öffentlichkeit schon lange vor den Wahlen Aufschluß darüber, welche Kandidaten in
welchen Gebieten besonders populär sind.
Wie wichtig sind die "Vortrahlen" für die Präsidentschaftskandidaten?
Vielfach haben die "Vorwahlen" (primaries) die Bedeutung von Ausscheidungsstechen zwischen mehreren Kandidaten derselben Partei. Gewinnt ein Bewerber eine solche "Vorwahl" in. einem bestimmten Staat, so stärkt die3 sein
Prestige innerhalb der eigenen Partei und im ganzen Lande, da der Sieg als
Indiz seiner Zugkraft und Beliebtheit bei den Wählern bewertet wird. Andererseits kann eine schwere Niederlage bei einer "Vorwahl" zur Folge haben,
daß er für den Landeskonvent seiner Partei als ernsthafter Bewerber um die
Spitzenkandidatur ausscheidet. Obwohl einige Kandidaten dieses Risiko scheuen.

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3, Juni i960

scheuen, müssen sie sich doch häufig schon deshalb bei "Vorwahlen" aufstellen lassen, um ihre Erfolgsaussichten zu erproben und glaubhaft zu
machen.
Welche anderen Möglichkeiten besitzen die Bürger, um die Kandidatenauswahl
zu beeinflussen?
In vielen Einzelstaaten, die keine "Vorwahlen" (primaries) abhalten,
sind die Parteiorganisationen bestrebt, durch Meinungsumfragen und Situationsanalysen den Wählerwillen im voraus zu ergründen. Den Wählern steht es im
übrigen Trei, Aktionsgruppen und Wählergemeinschaften zur Unterstützung
bestimmter Kandidaten zu gründen. Für die Nominierung der Spitzenkandidaten
sind jedoch letztlich die Delegierten der Landeskonvente allein zuständig.
Durch welche Qualifikationen empfiehlt sich ein Bewerber normalerweise
dem Landeskonvent als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat?
Die meisten Kandidaten haben sich durch Bewährung in anderen Ämtern oder
durch hervorragende Verdienste um das Gemeinwohl im ganzen Lande einen guten
Ruf, eine breite Gefolgschaft oder beides erworben. Als gute Sprungbretter
für eine Präsidentschaftskandidatur gelten: das Gouverneursamt in volkreichen Einzelstaaten, Senats- oder Abgeordnetenmandate im Kongreß sowie andere
verantwortungsvolle Positionen und hohe Vertrauensstellungen,
Wann werden die großen Parteien im Jahre 1960 ihre Spitzenkandidater. nominieren?
Die Demokratische Partei hat ihren Landeskonvent zum 11. Juli nach
Los Angeles im Staate Kalifornien einberufen. Die Republikaner werden ihren
Landeskonvent zwei Wochen später, am 25. Juli, in Chicago im Staate Illinois
eröffnen. In der Regel geht der Bundeskongreß vor Beginn der Landeskonvente
in Sommerferien, damit seine Mitglieder an deren Sitzungen und anschließend
an der intensiven Kampagne für die Novemberwahlen teilnehmen können.
Waa verstfeht man unter einem "favorite-son"-Vorschlag bei der KandidatenNominierung?
Als "Lieblingssohn" (favorite son) bezeichnet man einen Kandidaten, dem
auf dem Landeskonvent alle Delegierten seines eigenen Staates^m ersten Durchgang ihre Stimme geben, um ihm ihre Anerkennung für seine Verdiente um die
Parteiorganisation des betreffenden Staates zu bekunden. Normalerweise stimmt
dann dieselbe Delegation bei den folgenden Durchgängen für einen der aussichtsreichsten Bewerber. Meist handelt es sich bei den "Lieblingssöhnen" um
Staatsgouverneure.
Stimmt es. daß die Staaten mit den meisten Einwohnern wie'New York.
Pennsylvanien und Kalifornien oft den Ausgang der Präsidentschaftswahlen
entscheiden?
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5. Juni 1960

Dies trifft weitgehend zu, un" deshalb konzentrieren die Spitzenkandidaten ihre Anstrengungen während der Wahlkampagne hauptsächlich auf diese
und einige andere "Schlüsselstaaten". Im Rahmen des amerikanischen Systems besitzt jeder Einzelstaat einen seinem Bevölkerungsanteil entsprechenden Anteil der Wahlmännerstimmen. Das Wahlmännerkollegium, das den
Präsidenten wählt, verfügt zur Zeit über insgesamt 537 Stimmen (entsprechend der Zahl der Kongreßmitglieder), und derjenige Kandidat gilt als
gewählt, der die Mehrheit dieser Stimmen auf sich vereinigt. Die Wahlmänner jedes Einzelstaates stimmen geschlossen für den Kandidaten, der
zuvor in ihrem eigenen Staat die meisten Stimmen erhielt.
Ein Beispiel: In Kalifornien entfielen bei den Präsidentschaftswahlen
des Jahres 195^ auf den republikanischen Kandidaten rund 3 Millionen und
auf den demokratischen Kandidaten rund 2,4 Millionen Stimmen. Im Wahlmännerkollegium bekam demgemäß der republikanische Kandidat alle 32 kalifornischen Wahlmänner3timmen. Bei einem ziemlich ausgeglichenen Wahlergebnis kann es infolgedessen vorkommen, daß der Kandidat, dessen Partei
nach Gesamtstimmen im ganzen Lande knapp unterlag, im Wahlmännerkollegium obsiegt, wenn sein Gegner weniger Wahlmännerstimmen erhält. Dieser
Fall trat zurr, letzten Mal im Jahre 1888 ein.
Wer übernimmt die Präsidentschaft, falls der gewählte Präsident
amtsunfähig wird?
Der gesetzliche Nachfolger des Präsidenten ist, falls dieser stirbt,
zurücktritt oder aus anderen Gründen seine Amtszeit nicht zu Ende führen
kann, der Vizepräsident. Stößt dem Vizepräsidenten etwas zu, so treten
gemäß den Verfassungsbestimmungen die Inhaber anderer Ämter in der nachstehenden Reihenfolge an seine Stelle: der Sprecher des Repräsentantenhauses, der amtierende Senatapräsident, der Außenminister, dann andere
Kabinettsmitglieder.
Ist die Amtsdauer des Präsidenten gesetzlich befristet?
Ja; durch den 22. Verfassungszusatz wurde im Jahre 1951 bestimmt,
daß ein Präsidentschaftskandidat nur zweimal für eine vierjährige Amtsperiode gewählt werden darf. Diese Regelung entspricht der von dem ersten
Präsidenten der USA, George Washington, geschaffenen Tradition. Präsident Franklin D. Roosevolt wurde jedoch viermal nacheinander zum Präsidenten gewählt; er ~ Larb wenige Monate nach seiner dritten &lt;Viederwahl.
Zum ersten Mal gelangt die neue Verfassungsbestimmung auf Präsident
Eisenhower zur Anwendung.
Sind viele Vizepräsidenten später zu Präsidenten gewählt worden?
Dies war verhältnismäßig selten der Fall. Von den Anfangszeiten der
Republik ab£esehen, gelangten jene Vizepräsidenten, die später zu Präsidenten gewählt wurden, in der Regel zunächst durch den Tod des Präsidenten
in das höchste Amt und stellten sich dann zur Wahl, um es aus eigener Krafl
nochmals zu erringen.
Wie
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3. Juni i960

Wie konmt es, daP die USA gegenwärtig einer republikanischen Präsidenten
und einen Kongreß mit demokratischen Mehrheiten haben?
Da der 7/ähler nicht gezwungen ist, eine komplette Parteiliste zu
wähler, kann er seine Stimme spalten und beispielsweise den Präsidentschaftskandidaten der einen Partei und die Kongreßkandidaten der anderen
Partei wähljn. Möglicherweise wurde auch die Zusammensetzung des Kongresses bei früheren Wahlen deutlich zugunsten der einen Partei bestimmt,
während die andere Partei bei einer späteren '.Yahl ihren Präsidentschaftskandidaten durchbringt, wie es 1952 der Fall war. Der Senat hat beispielsweise eine klare demokratische Mehrheit} da bei den diesjährigen Wahlen
nur ein Drittel der Senatsmandate erneuert wird, dürften die Demokraten
auch weiterhin die Kontrolle des Senats behalten. Rascher können die Mehrheitsverhältnisse im Repräsentantenhaus wechseln, das im November - wie
in jedem zweiten Jahr - gänzlich neu gewählt wird.
Sind die Befugnisse des Präsiderten häufigen Änderungen ausgesetzt?
Die von der Verfassung ziemlich großzügig umschriebenen Befugnisse
des Präsidenten werden selten modifiziert. In augenfälliger V/eise ändern
können sich jedoch Stil und Konzeption ihrer Ausübung und Auslegung
durch den jeweiligen Präsidenten, und zwar von einem Regierungswechsel
zum andern.
Beteiligen sich die Frauen aktiv am Wahlkampf?
Ja; überall gibt es Frauen in den Parteikomitees der verschiedenen
Ebenen,.wo sie maßgeblich an der Formulierung der politischen Programme,
an der Planung des Wahlfeldzuges und an der Festlegung der Wahlkampftaktik
teilnehmen. Natürlich könren sie auch für jedes zur Wahl ausgeschriebene
Amt kandidieren. Zwar hat sich bisher ncch keine Frau um das Amt des Präsidenten oder Vizepräsidenten beworben, doch eroberten Frauen zahlreiche
andere wichtige Positionen, darunter Kongreßmandate, Gouverneursämter,
zahlreiche Sitze in einzelstaatlichen Parlamenten sowie Richterstellen.
Die Frauenverbände machen außerdem starken Einfluß geltend, um möglichst
viele wahlberechtigte Bürger zur Ausübung ihres Stimmrechts zu bewegen.
Können Minderheitsgruppen den Ausgang der Präsidentschafta'.vahlen
beeinflussen?
Jeder Staatsbürger hat dasselbe Mitbestimmungsrecht: er muß nur
Gebrauch davon machen. Insofern hat jeder Wähler, der einer Minderheit
angehört, durch seine Stimme denselben Einfluß auf den Wahlausgang wie
alle anderen Wähler auch. Die verschiedenen Rassen- und Nationalitätengruppen stellen in den USA keine politischen Minderheiten dar, da sie in
beiden großen Parteien mitwirken und vertreten sind. Einen gewichtigen
Einfluß können solche Minderheiten allerdings von Fall zu Fall geltend
machen, wenn Probleme zur Debatte stehen, die ihre Mitglieder in besonderem Maße berühren.
Wie

�t

"AMERIKA DIENST"

J. Juni 196O

.7ie finanzieren die Parteien die Wahlkampagnen?
Die Mittel für den Wahlkampf v/erden ausschließlich durch freiwillige
Beitrage aufgebracht. Die Höhe solcher Spenden ist gesetzlich auf 500C
"Dollar (für die allgemeinen Wahlen) begrenzt, um einer ungebührlichen
Einflußnahme einzelner Förderer vorzubeugen. Normalerweise schwanken
die Beiträge jedoch zwischen einem und 500 Dollar; weitaus die meisten
liegen unter 100 Dollar. Als ebenso beliebtes wie wirksames Mittel zur
Füllung des Wahlkampffonds hat sich in letzter Zeit die Veransteltung
sogenannter "testimonial dinners" eingebürgert. Zu diesen Galadiners,
die vor den Wahlen in unzähligen Städten und Ortschaften des ganzen Landes stattfinden, werden einige prominente Gäste - Kandidaten und andere
führende Persönlichkeiten der Partei - eingeladen. Ein Gedeck kostet in
der Regel 100 Dollar. Bisweilen kommen bei solchen Wahlkampfbanketten
mehrere tausend Parteifreunde zusammen.
7/ann wird der neue Präsident sein Amt antreten?
Der nächste Präsident der USA wird am 20. Januar 1961 » um die Mittagszeit, in der Bundeshauptstadt Washington in sein Amt eingeführt.

* * * * *

-

12 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./5.6.1960

WORTLAUT DER AUSFÜHRUNGEN DES AMERIKANISCHEM AUSSENMINISTERS
Christian A. Herter vor dem Außenpolitischen Ausschuß des
amerikanischen Senats am 27. Mai 196O

�WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister
Christian A. Herter nahm am Freitag, dem 27« Mai i960,
vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats eingehend zu den jüngsten politischen Ereignissen Stellung
und gab einen detaillierten Bericht über die Pariser
Konferenz, ihre Vorbereitung sowie den "U-2"-Flugzeugzwischenfall. Herter betonte insbesondere, daß die USA
weiterhin mit den Sowjets verhandeln wollen, daß die
freie Welt jedoch wachsam bleiben müsse.

I. Die Vorgeschichte der Gipfelkonferenz
A. Die Bedrohung Berlins
Um verstehen zu können, was in Paris geschah, müssen wir auf die
vergangenen 13 Monate zurückblicken.
Im November 1958 entwickelte die UdSSR eine neue Strategie, die
darauf ausgerichtet war, die Lage in Berlin und in Ostdeutschland zu
ihren Gunsten zu ändern. Wenn die Westmächte sich weigern sollten,
ihre gegenwärtige Position in Berlin aufzugeben und der Umwandlung
West-Berlins in eine sogenannte "Freie Stadt" zuzustimmen, dann, so
teilten die Sowjets mit, hätten sie die Absicht, nach sechs Monaten
einseitig vorzugehen und der sogenannten Deutschen Demokratischen
Republik die volle Souveränität zu übertragen und damit die Alliierten
vor die Alternative der Kapitulation oder der Zuflucht zur Gewalt zu
stellen, der durch kommunistische Streitkräfte begegnet würde. Obgleich
sich diese Strategie in ihrem Verlauf als flexibler erwies, als in der
ursprünglichen Erklärung zu erkennen war, so ist sie doch noch immer die
offizielle Politik der UdSSR. Ihre Stärke liegt in dem Vermögen der
Sowjets, Berlin zu bedrohen, wo wir moralisch verpflichtet, aber physisch
exponiert sind.
Die Westmächte wiesen den sowjetischen Vorschlag selbstverständlich
sofort zurück und bekräftigten ihre Entschlossenheit, zu Berlin zu stehen.
In den darauffolgenden Monaten, in denen die UdSSR ihre Strategie
entfaltete und vorantrieb, stimmten die Westmächte ihre Pläne ab, um
ihr zu begegnen. Sie suchten die UdSSR zu Verhandlungen zu bewegen, um
dadurch ihre Absichten klarer zu erkennen und entweder für den Westen
annehmbare Lösungen zu erreichen oder zumindest die UdSSR zu überzeugen,
daß einseitige Maßnahmen gegen Berlin nicht rechtmäßig und klug wären.
B. Aufnahme von Verhandlungen mit der UdSSR
Es stand keineswegs von vornherein fest, ob die UdSSR auf einer
annehmbaren Basis verhandeln würde. Im Januar 1959 schlug die UdSSR
eine Konferenz vor, um einen Friedensvertrag mit den beiden Teilen
eines für immer geteilten Deutschland zustande zu bringen. Die Westmächte beharrten auf ihrem Standpunkt, daß ein Friedensvertrag nur mit

-

1

-

�mit einem vereinigten Deutschland ausgehandelt und abgeschlossen werden
kann, daß also daher zuerst die Wiedervereinigung Deutschlands geregelt
werden muß. Sie hielten weiter daran fest, daß die einzige wirkliche
Lösung für Berlin darin liegt, daß es die Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschland wird, und sie waren daher nicht bereit, die BerlinFrage als isoliertes Problem zu behandeln. Die UdSSR hatte jedoch schon
seit einiger Zeit den Standpunkt vertreten, daß die Wiedervereinigung
die alleinige Angelegenheit der Deutschen sei, und weigerte sich daher,
über sie zu sprechen.
Der Westen ließ während der Monate Februar und März in seinen Bemühungen nicht nach, die Russen irgendwie zum Verhandeln zu bringen. Er
schlug eine Konferenz der Außenminister vor - mit der Aussicht auf eine
mögliche Gipfelkonferenz, wenn die entsprechenden notwendigen Vorbereitungen getroffen worden seien. Die UdSSR hatte schon seit dem Jahre 1956
wiederholt den Wunsch nach einer solchen Konferenz zu erkennen gegeben.
Schließlich wurde eine Kompromißtagesordnung, die die wesentlichen Ansichten beider Seiten nicht präjudizierte, für eine Außenministerkonferenz angenommen und ein Datum für eine solche im Mai festgelegt - kurz vor dem
Zeitpunkt, an dem die ursprünglich von der Sowjetunion für die Annahme ihrer
willkürlichen Forderungen in Berlin gesetzte Frist ablief.
C. Toter Punkt der Außenministerkonferenz
Während der intensiven Vorbereitungen für die Konferenz entwickelten
die Westmächte eine Version ihres grundsätzlichen Standpunktes in der
Deutschland-Frage, die in Genf als der westliche Friedensplan vorgelegt
wurde. Er bestand in der Inangriffnahme der Wiedervereinigung Deutschlands
in mehreren Phasen, wodurch der UdSSR eine Chance geboten wurde, ihren Standpunkt allmählich an den schließlichen Verlust ihres Griffes um Ostdeutschland anzupassen, den freie Wahlen wahrscheinlich bringen würden. Der Plan
zeigte Elastizität und Einfallsreichtum,er sprach in der Weltöffentlichkeit
an; aber die UdSSR lehnte ihn nichtsdestoweniger glatt ab. Die UdSSR blieb
unzugänglich und beharrte auf ihren vorher bekanntgegebenen Vorschlägen
für einen Friedensvertrag mit einem geteilten Deutschland. Damit blieben
die grundsätzlichen Standpunkte absolut unvereinbar.
Nachdem sie feststellten, daß in der Deutschland-Frage kein Fortschritt möglich war, prüften die Westmächte und die UdSSR die Möglichkeit
eines Interim-Abkommens über Berlin, das, ohne eine grundsätzliche Lösung
der Berlin-Frage als separates Problem ins Auge zu fassen, etwas dazu beitragen würde, die Schwierigkeiten zu mildern, die die UdSSR in Berlin vorzufinden vorgab. Wenn auch ein gewisser Fortschritt in dieser Richtung
erzielt wurde, so bestand die UdSSR doch auf Formulierungen, die die
schließliche Aushöhlung der westlichen Position in Berlin bedeutet haben
würden. Dementsprechend endete die Außenministerkonferenz trotz der Arbeit
von drei Monaten bei einer nur kurzen Pause auf einem toten Punkt.

2

-

�D. Reisen auf höchster Ebene
Der Fehlschlag der Außenministerkonferenz führte jedoch zu keiner
kriegsgefährlichen Krise, da mittlerweile parallellaufende Ereignisse
in einer anderen Richtung Hoffnung erweckten. Wir nahmen die Gelegenheit
des Besuches Mikojans in der sowjetischen Botschaft in Washington wahr,
um einen informellen Meinungsaustausch zwischen dem führenden sowjetischen Vertreter und hohen amerikanischen Regierungsvertretern zu arrangieren. Diesem folgten im Juni und Juli weitere Besuche und Besprechungen einmal kam Koslow nach den USA, und zum andern besuchte der Vizepräsident
die UdSSR. Die Tatsache, daß diese Besuche ohne öffentliche Zwischenfälle
verliefen und ein etwas realistischeres Gespräch mit der sowjetischen
Führung ermöglichten als sonst üblich, schien eine Möglichkeit - nur
eine Möglichkeit selbstverständlich - zu bieten, daß die Mittel und Wege,
einen Krieg zu verhüten und die sowjetisch-westlichen Beziehungen mit
der Zeit in etwas weniger gefährliche Bahnen zu lenken, durch den Ausbau dieser informellen Kontakte gefunden werden könnten.
Dementsprechend entschloß sich der Präsident, einen Schritt zu tun,
den er und seine Berater schon lange für den richtigen Zeitpunkt ins
Auge gefaßt hatten. Er lud Ministerpräsident Chruschtschow ein, die Vereinigten Staaten zu besuchen, und der Besuch wurde bekanntgegeben, noch
ehe die Außenminister ihre Genfer Konferenz beendeten.
Während des Besuches wurde kein Fortschritt in der Lösung offenstehender Probleme erzielt - und auch gar nicht erwartet -, aber es
wurde doch offensichtlich ein etwas größeres Maß an gegenseitigem Verständnis erzielt, insbesondere über die Notwendigkeit, internationale
Fragen durch friedliche Mittel und nicht etwa durch Gewalt zu lösen.
Weiter kam eine - später öffentlich bestätigte - Aufhebung dessen zustande, was noch von dem sowjetischen Berlin-Ultimatum übriggeblieben war.
E. Vorbereitungen für die Gipfelkonferenz
Nach dem Chruschtschow-Besuch wurde es von den Westmächten als angebracht und wünschenswert erachtet, auf neue Gespräche, dieses Mal auf
höchster Ebene, hinzuarbeiten. Ein Schimmer von Hoffnung auf einen Fortschritt in der Berlin-Frage hatte sich in Camp David gezeigt, während
Genf auf einem toten Punkt geendet hatte. Während seines Amerika-Besuches
hatte Chruschtschow ebenfalls ein Interesse an dem in gleicher Weise
entscheidend wichtigen Gebiet der Abrüstung bekundet; und wenn auch die Abrüstungsgespräche in dem Zehner-Ausschuß in Genf beginnen sollten, so
glaubte man doch, daß Chruschtschow seine konstruktiven Schritte - wenn
überhaupt zu erwarten - für die Gipfelkonferenz aufsparen würde.
Daher wurde nach entsprechenden Konsultationen zwischen den westlichen Regierungschefs eine Einladung zu einer Gipfelkonferenz an
Chruschtschow übersandt und von diesem angenommen und schließlich, nachdem
es erst Schwierigkeiten wegen früherer Termine gegeben hatte, der 16. Mai
als Zeitpunkt festgesetzt. Dieser Schritt fand in der westlichen Öffentlichkeit eine weitgehende Unterstützung.
Darauf
-

3 -

�Darauf folgte auf westlicher Seite eine intensive und sich über
einen längeren Zeitraum erstreckende Serie von Vorbereitungen, darunter
auch wiederholte Konferenzen nicht nur der Außenminister und der NATO,
sondern auch der Regierungschefs. Innerhalb unserer eigenen Regierung
wurden die Möglichkeiten, Fortschritte nicht nur in der Berlin- und der
Deutschland-Frage, sondern vor allem auch auf dem Gebiet der Abrüstung
sowie auf anderen Gebieten der allgemeinen sowjetisch-westlichen Beziehungen zu erzielen, ebenfalls äußerst sorgfältig geprüft.
Auf der Dezember-Tagung der westlichen Regierungschefs gelangte
man übereinstimmend zu der Ansicht,daßdieGipfelkonferenz im Llei nur
eine in einer Serie von solchen Konferenzen sein würde und daß diese erste
weitgehend einen sondierenden Charakter haben würde. Man erhoffte sich
einige bescheidene Fortschritte, aber keine großen Lösungen auf irgendeinem Gebiet. Wenn jedoch ein Anfang gemacht werden könnte, dann würde
diese Serie von Gesprächen, die sich wahrscheinlich in einer sich im
Laufe der Jahre allmählich verbessernden Atmosphäre abwickeln würden,
vielleicht doch zu wesentlich mehr führen.
F. Aussichten für Gipfelkonferenz getrübt
In den ersten Wochen nach dem USA-Besuch Chruschtschows war eine
allgemeine Verbesserung der Atmosphäre festzustellen, und die Leute begannen - zum Teil hoffnungsvoll, zum Teil etwas verwirrt - von "Entspannung" zu sprechen. Auf beiden Seiten gab es relativ versöhnliche
Reden, bei den Genfer Verhandlungen über ein Atomversuche-Verbot waren
Fortschritte zu vermerken, am 21. November wurde ein neues sowjetischamerikanisches Kulturabkommen unterzeichnet, und am 1. Dezember setzten
die Sowjetunion und andere Mächte ihre Unterschriften unter den Antarktis-Vertrag.
Aber schon damals begannen sich die Wolken zusammenzuziehen.
Eines der ersten Anzeichen war der scharfe sowjetische Protest vom 11,
November gegen die westdeutschen Pläne, in West-Berlin eine Rundfunkstation zu errichten. Ein weiteres Anzeichen war die Rede Chruschtschows
vom 14» November, die härter im Ton war, in der erneut mit der sowjetischen
Raketenstärke geprahlt und mit der ein konzentrierter Angriff auf Adenauer
und die Bundesrepublik Deutschland gestartet wurde, der später dann noch
intensiviert wurde und ein zentrales Merkmal der sowjetischen Taktik vor
der Gipfelkonferenz zu sein schien. Über den Grund für diese Angriffe kann
man, auch heute noch, nur Spekulationen anstellen. Vielleicht glaubten die
Sowjets, sie könnten den westlichen Standpunkt in der Berlin-Frage unterminieren,, indem sie zu einer Spaltung der westlichen Alliierten beitrügen. Eine solche Wirkung blieb selbstverständlich aus, vielmehr
schlössen wir uns naturgemäß noch fester zusammen, um für unseren
deutschen Verbündeten einzustehen.

Schon

�Schon am 1. Dezember begann Chruschtschow auch bereits wieder
damit zu drohen, einen separaten Friedensvertrag mit Ostdeutschland
abzuschließen. Er wiederholte diese Drohungen in seiner Rede vor dem
Obersten Sowjet am 14. Januar und in seinen Erklärungen während seines
Besuches in Indonesien und anderen Ländern im Januar. Am 4« Februar
sprachen die Mächte des Warschauer Paktes die erste offizielle und
den ganzen Ostblock umfassende Verpflichtung aus, einen separaten
Friedensvertrag mit der sogenannten DDR zu unterzeichnen. Somit war
die drohende Rede Chruschtschows in Baku vom 25. April, obwohl sie
die schärfste seit Februar 1959 war, lediglich eine noch schroffere
Version dessen, was er bereits seit Monaten gesagt hatte. Ich werde
dem Ausschuß umfassende Unterlagen über diese Reden zur Verfügung
stellen.
Erst im April antworteten wir ausführlich auf die immer lautstärker werdenden sowjetischen Erklärungen. Wir taten dies, um die
Dinge richtigzustellen - vor allem in den Reden vom 4. und vom 20.
April, die Chruschtschow dann angriff, weil sie angeblich Streitfragen
aufwarfen, die doch in Wirklichkeit von ihm selbst ausgegangen waren.
Die Einigkeit der vier 'Westmächte in der Berlin-Frage hatte es
inzwischen der Sowjetunion vermutlich deutlich gemacht, daß die Aussichten auf eine Aushöhlung des westlichen Standpunktes oder die Durchsetzung der sowjetischen Berlin-Bedingungen gering waren. Staatspräsident de Gaulle und andere Staatsmänner zeigten große Festigkeit, als
es galt, diese sowjetischen Erwartungen zu entmutigen. Der NATO-Rat
bekräftigte auf seiner Sitzung vom 2. bis 4. Mai ebenfalls den Standpunkt des Westens in der Frage der deutschen Wiedervereinigung und
bedauerte die sowjetische Weigerung, spezifische und praktische Abrüstungsmaßnahmen zu erörtern. Somit schienen beim Näherrücken der
Gipfelkonferenz die Aussichten auf wichtige Abkommen gering, solange
die Sowjetunion daran festhielt, die Westmächte aus Berlin zu vertreiben und bezüglich der Abrüstung nur über allgemeine Grundsätze statt
über konkrete Maßnahmen zu sprechen.
Die westliche Beurteilung lief jedoch weiterhin darauf hinaus, daß
eine Gipfelkonferenz nützlich sein würde. Sie würde die Gelegenheit für
einen Meinungsaustausch bieten, der den Standpunkt beider Seiten klären
könnte; sie würde vielleicht zu einer Verminderung der Spannungen wegen
Berlin beitragen und einige der Meinungsverschiedenheiten in der Abrüstungsfrage beseitigen können. Sie könnte zumindest ein kleiner erster
Schritt auf dem langen Weg einer Verbesserung der sowjetisch-westlichen
Beziehungen sein.
II. Der ü-2-Zwischenfall
Am 1. Mai schlug unglücklicherweise eine Geheimdienst-Mission fehl.
Die Sowjetunion benutzte diesen Zwischenfall sofort, um den Weg zu der
Gipfelkonferenz zu erschweren. Was die Rolle der amerikanischen Regierung
in dieser Angelegenheit betrifft, so glaube ich nicht, dem eindeutigen

- 5 -

�eindeutigen und offenen Bericht des Präsidenten, den dieser der Ilation
am Mittwochabend vorlegte, etwas besseres hinzufügen zu können.
Ich will daher nicht versuchen, auf Einzelheiten einzugehen, obwohl
ich natürlich bereit bin, Fragen hinsichtlich meiner Verantwortlichkeit
zu beantworten.
Ich möchte hier lediglich noch einmal vier Hauptpunkte herausstellen, die auch in dem Bericht des Präsidenten unterstrichen wurden:
1. Bei dem U-2-Programm handelte es sich um ein wichtiges und
wirksames Geheimdienst-Projekt. Wir wußten, daß das Fehlschlagen
irgendeiner der im Rahmen dieses Programms durchgeführten Missionen
schwerwiegende Folgen haben würde, aber wir waren der Ansicht, daß der
große Nutzen dieses Programms die damit verbundenen Risiken rechtfertigte.
2. Die Entscheidung, das Programm dieser Flüge nicht auszusetzen,
als die Gipfelkonferenz näher rückte, war vernünftig. Die Bedingungen
zu einem späteren Zeitpunkt würden es verhindert haben, sehr wichtige
Informationen zu erhalten. Es gibt niemals "eine günstige Zeit" für
das Fehlschlagen einer Geheimdienst-Mission. /Vir erachteten es für
unklug, unsere Wachsamkeit auf Grund dieser politischen Verhandlungen
zu verringern.
3. Die ersten Erklärungen der US-Regierung suchten natürlich
vor allem einmal den Piloten, seine Ceheimdienst-I'ission sowie alles
in Zusammenhang hiermit Stehende, das noch hätte geheimgehalten werden
können, zu decken. Als jedoch klar wurde, daß sich Flugzeug und Pilot
in sowjetischen Händen befanden, glaubten wir, daß dem Kongreß und dem
amerikanischen Volk die Tatsachen bekanntgegeben werden sollten. Daher
folgten die von amerikanischer Seite herausgegebenen Mitteilungen bis
zum 7« Mai der allgemeinen Linie der abschirmenden Erklärung und wurden
danach der Situation angepaßt, so wie sie sich weiter entwickelte,
4. Da das U-2-System bloßgestellt worden war, wurde es - wie jede
andere Geheimdienst-Mission in einem solchen Falle - eingestellt. Die
Bekanntgabe seiner Einstellung wurde zurückgehalten, damit der Präsident
diese Tatsache persönlich in Paris mitteilen konnte.
Ich glaube, die meisten Amerikaner werden auf der Grundlage dieser
vier Punkte zustimmen, daß der allgemeine Kurs unserer Maßnahmen angesichts
dessen, was wir zu dem jeweiligen Zeitpunkt wußten, vernünftig war. Im
besonderen zweifle ich daran, daß irgendeine andere Formulierung der
amerikanischen Erklärungen irgend etwas an den folgenden willkürlichen
sowjetischen Forderungen geändert hätte.

III.

�III. Die Ereignisse in Paris
A. Darstellung des Ablaufs
Ich möchte Ihnen einen Bericht über die wichtigen Entwicklungen in
Paris geben. Ich möchte mich dabei so kurz wie möglich fassen, da die
Einzelheiten überall veröffentlicht worden sind. Ich möchte Ihnen jedoch
die Ereignisse schildern, die meiner Auffassung nach dort (in Paris)
einen entscheidenden Einfluß hatten, und insbesondere jene, die die Entschlüsse des Präsidenten beeinfluSten.
Bei meiner Ankunft in Paris am Freitag, dem 13» Mai, wurden bereits
allerhand Spekulationen über die Nachricht angestellt, daß Herr
Chruschtschow bereits am Sonnabend in Paris ankommen wollte und nicht
am Sonntag, am Tag, an dem der Präsident und Herr Macmillan eintreffen
sollten.
Die Erklärung Herrn Chruschtschows bei seiner Ankunft auf dem
Flughafen von Orly enthielt keinen Hinweis auf seinen späteren Standpunkt. Sie war ihrem Inhalt nach gemäßigt und vermittelte unbedingt
den Eindruck, daß er trotz des U-2-Zwischenfalls mit der Gipfelkonferenz
voranschreiten wollte. Die folgenden Ereignisse zeigten, daß dies bewußt
geschehen war, um seine wirklichen Absichten zu verschleiern.
Am Sonntag um elf Uhr vormittags stattete auf sein eigenes Verlangen hin Herr Chruschtschow in Begleitung von Außenminister Gromyko
und Marschall Malinowski - was an sich schon ein ungewöhnliches Vorgehen
war, auf das ich später noch zurückkommen möchte - Staatspräsident de
Gaulle einen Besuch im Elysee-Palast ab. Während dieser Zusammenkunft
übergab er Präsident de Gaulle ein Memorandum, in dem die Bedingungen
dargelegt wurden, die von den Vereinigten Staaten erfüllt werden müßten,
bevor Chruschtschow bereit sei, an einer Gipfelkonferenz teilzunehmen.
Die französische Delegation übermittelte am frühen Nachmittag desselben
Tages der amerikanischen Delegation eine Kopie dieses Memorandums. Das
Memorandum wurde dann ohne Änderung von Herrn Chruschtschow als Anfang
seiner Erklärung auf dem Viermächtetreffen am Montag vormitt.ag - dem
16. Mai - benutzt.
Nach seinem Besuch bei Staatspräsident de Gaulle am Sonntag vormittag suchte Chruschtschow um 16.J0 Uhr desselben Tages Premierminister Macmillan auf und verlas diesem die gleiche Erklärung seines
Standpunktes.
Das von der französischen Delegation übermittelte Exemplar der
Erklärung war selbstverständlich Gegenstand sofortiger Beratungen mit
dem Präsidenten und Mitgliedern der amerikanischen Delegation, was die
Bedeutung und Vichtigkeit anging.
Wir kamen allgemein zu dem Schluß - der später durch die Tatsachen
bestätigt wurde -, daß der Standpunkt und die absolut unannehmbaren

-7

�unannehmbaren Forderungen, die in diesem Dokument zum Ausdruck gebracht
wurden, bereits vor der Abreise Herrn Chruschtschows in Moskau ausgearbeitet gewesen sein mußten. In diesem Sinne stellte dies einen festgelegten Standpunkt der sowjetischen Regierung dar, von dem abzugehen
nicht einmal Herr Chruschtschow selbst während seines Aufenthaltes in
Paris die Vollmacht haben würde.
Ich möchte hier etwas abschweifen, um zu bemerken, daß wir bei
früheren Konferenzen mit den Sowjets die Erfahrung gemacht hatten zumindest seit dem Tode Stalins -, daß jeder sowjetische Vertreter, mag
er eine noch so hohe Position einnehmen, an die kollektiven Entscheidungen
in grundsätzlichen politischen Fragen gebunden ist, die vor seiner Abreise
aus Moskau getroffen werden. Jede wesentliche Änderung dieser Standpunkte
bedurfte offensichtlich der Rückfrage in Moskau, bevor sie vorgenommen
wurde.
Ich möchte diese Auffassung unterstreichen, zu der man dann innerhalb der amerikanischen Delegation einstimmig gelangte, da sie sich
direkt auf den. Standpunkt auswirkte, den der Präsident auf der Zusammenkunft am Montag_^vormittag einnahm.
Es stand selbstverständlich außer Frage, daß der Präsident die demütigenden und arroganten Bedingungen Herrn Chruschtschows etwa hätte annehmen können oder sollen. Es war uns jedoch sehr viel daran gelegen und
es schien uns sehr wichtig, zu zeigen, daß es Herr Chruschtschow und
niemand anderes war, der diese Gipfelkonferenz gefährdete.
Der Präsident kam deshalb vor dem Zusammentreffen am Montag zu dem
Entschluß, daß die gegebene Richtung des Handelns - in Übereinstimmung
mit der großen Verantwortung, die er trug, der Ernsthaftigkeit der Probleme,
die auf der Konferenz erörtert werden sollten - für ihn darin bestehen
mußte, sich nicht auf Beschimpfungen mit Herrn Chruschtschow einzulassen,
sondern die Zurückhaltung und Würde zu üben, die dem von ihm bekleideten
Amt innewohnen und die dem führenden Vertreter eines großen Landes anstehen.
Im Zusammenhang mit dieser Entscheidung beschloß der Präsident, auf
der Konferenz seinen vorher getroffenen Beschluß bekanntzugeben, weitere
Flüge mit Flugzeugen vom Typ U-2 über der Sowjetunion einzustellen.
Obgleich die ursprüngliche Absicht gewesen war, die erste Zusammenkunft im Rahmen der Gipfelkonferenz auf die Regierungschefs und Staatsoberhäupter und ihre Dolmetscher zu beschränken, ersuchte der Präsident,
nachdem er erfahren hatte, daß Herr Chruschtschow seinen Außenminister
Gromyko und Marschall Malinowski mitzubringen wünschte, Verteidigungsminister Gates und mich, ihn zu der Zusammenkunft zu begleiten.

Ich

�Ich brauche diese Zusammenkunft nicht im einzelnen zu beschreiben
und möchte lediglich sagen, daß Herr Chruschtschow eine Erklärung verlas,
die mit der Übersetzung eine volle Stunde dauerte. Er las diese ganze
Erklärung von einem vorbereiteten Manuskript ab. Der erste Teil der
Erklärung bestand aus dem Memorandum, das er Staatspräsident de Gaulle
überreicht hatte, plus gewissen Zusätzen, die in der gleichen Richtung
lagen - was die Vereinigten Staaten angeht - und in denen von der
sowjetischen Bereitschaft gesprochen wurde, in sechs bis acht Monaten
eine Gipfelkonferenz abzuhalten. Der weitere Teil bestand im wesentlichen aus der Zurückziehung der Einladung an den Präsidenten, die
Sowjetunion zu besuchen.
Der Präsident beteiligte sich - abgesehen von seiner Erklärung,
die veröffentlicht wurde - nur einmal an der sich ergebenden Diskussion,
um Herrn Chruschtschow und seinen Kollegen klarzumachen, daß die Einstellung der D-2-Flüge nicht nur für die Dauer der Konferenz, sondern
solange gelte, wie er im Amt sei.
Die übrige Diskussion auf dieser Sitzung - die, wie ich hervorheben möchte, während der ganzen Zeit in Paris die einzige war, an der
sich die Sowjets beteiligten - bestand im wesentlichen aus den Versuchen von Staatspräsident de Gaulle und Premierminister Macuiillan,
Herrn Chruschtschow von dem nicht wieder gutzumachenden Schritt der
Veröffentlichung seiner beleidigenden Erklärung abzubringen, deren
unannehmbare Bedingungen die Gipfelkonferenz einfach unmöglich machen
mußten, und dem unnachgiebigen Beharren Chruschtschows darauf, daß
er diese Erklärung veröffentlichen werde, und zwar zu einem Zeitpunkt
nach seiner Wahl. Die Zusammenkunft endete auf der Grundlage eines Vorschlages von Staatspräsident de Gaulle, daß sich die Verhandlungsteilnehmer die ganze Angelegenheit noch einmal 24 Stunden überlegen und
dann die Situation prüfen sollten.
Die Zusammenkunft bestätigte unsere Schlußfolgerung vom Vorabend
voll und ganz, daß Herr Chruschtschow innerhalb der festen Grenzen
einer Politik operierte, die vor seiner Abreise aus Moskau festgelegt
worden war. Es ist in diesem Zusammenhang bedeutsam, daß die später
an diesem Tag - Montag, dem 16. Mai - von ihm veröffentlichte Erklärung,
die mit der auf der Konferenz abgegebenen identisch war, keinerlei Bezug
auf die Diskussion auf der Konferenz und insbesondere auf die Erklärung
des Präsidenten hinsichtlich der Einstellung der U-2-Plüge nahm.
Der weitere Verlauf der Verhandlungen in Paris ging immer mehr
abwärts. Es war allen westlichen Vertretern klar, daß es keine Möglichkeit einer Gipfelkonferenz mehr gab, es sei denn, Herr Chruschtschow
seinerseits hätte seinen Standpunkt geändert. Am Montag suchte Herr
Macmillan Herrn Chruschtschow in einem - ergebnislosen - Versuch auf,
ihn zur Zurückziehung seiner unmöglichen Forderungen zu bewegen.
Am

�Am gleichen Tag entschloß sich Staatspräsident de Gaulle mit der Zustimmung des Präsidenten und Premierminister Macraillans für Dienstag, den 17. Mai, um 15 Uhr eine Sitzung der Gipfelkonferenz
einzuberufen, also nach der 24stündigen Pause, die er am Montag vorgeschlagen hatte. Er sandte schriftliche Einladungen an die drei anderen Teilnehmer.
Der Präsident, der die Einladung annahm, legte seine Auffassung
dar, daß die Annahme durch den sowjetischen Vertreter bedeuten würde,
daß die Sowjets die Forderungen aufgegeben hätten, die der Präsident
vorher als absolut unannehmbar bezeichnet hatte.
Herr Chruschtschow erschien nicht zu der festgesetzten Zeit für
das Treffen am Dienstag.' Nach langem Telefonieren zwischen der sowjetischen Botschaft und dem französischen Außenministerium wurde klar,
daß er sich weigerte, an einer Gipfelkonferenz teilzunehmen,-und nur
zu einer Zusammenkunft erscheinen würde, die, wie er es nannte, eine
vorbereitende Sitzung wäre, um festzustellen, ob die Bedingungen für
eine Gipfelkonferenz geschaffen werden könnten. Wenn er hier von "Bedingungen" sprach, dann meinte er offentlichtlich die Annahme all der
Bedingungen durch die Vereinigten Staaten, die er vorher gestellt
hatte - und tatsächlich erklärte er dies dann auch später, am selben
Tag, in einem Schreiben an Staatspräsident de Gaulle.
Angesichts der Weigerung von Herrn Chruschtschow, an der Gipfelkonferenz teilzunehmen, außer unter Bedingungen, die von allen drei
westlichen Vertretern als unannehmbar angesehen wurden, kamen die
drei westlichen Regierungschefs am 17« Mai um 21 .50 Uhr kurz zusammen,
um das Drei-Mächte-Abschlußkommunique zu billigen - von dem ich hier
eine Abschrift zu den Akten geben möchte.
Damit war die Gipfelkonferenz auf Grund der sowjetischen Unnachgiebigkeit zu Ende, bevor sie begonnen hatte, ohne sich den großen
internationalen Problemen zugewandt zu haben, mit denen sie sich befassen sollte.
Der folgende Tag - Mittwoch, der 18. Mai - war durch Drei-MächteZusammenkünfte der westlichen Regierungschefs und ihrer Außenminister
zur Erörterung der Lage gekennzeichnet. In diesen Sitzungen versuchten
wir, die Gründe für die sowjetische Haltung, die Aussichten für die
Zukunft und die Maßnahmen zu analysieren, die die drei Westmächte
ergreifen könnten.

Dieser

10 -

�Dieser Tag war außerdem durch die Pressekonferenz von Herrn
Chruschtschow gekennzeichnet, über die Presse, Fernsehen und Rundfunk
ausgiebig berichteten. Es handelte sich dabei offensichtlich um eine
noch nie dagewesene Darbietung von Beschimpfungen, Beleidigungen und
ungezügelten Gefühlsausbrüchen. Man darf jedoch nicht übersehen, daß
Herr Chruschtschow es trotz der offensichtlich unkontrollierten Art
seiner Bemerkungen und seines Gebarens auf dieser Pressekonferenz peinlich vermied, sich auf irgend eine spezifische Linie des Handelns auf
internationalem Gebiet festzulegen.
B. Analyse
Wir haben uns natürlich eingehend mit den Gründen für dieses
außergewöhnliche Verhalten der Sowjets beschäftigt, die den weiten
Weg von Moskau nach Paris zu dem einzigen Zweck gemacht haben, die
Konferenz zu sabotieren.
Ich möchte zunächst einmal darauf hinweisen, daß es viele dunkle
Punkte in dem Verhalten der Sowjets gibt und daß wir nicht alle Erwägungen und Faktoren kennen, die zu ihrem Entschluß geführt haben.
Wir werden sie wahrscheinlich auch niemals erfahren. Ich brauche hier
vor den Mitgliedern dieses Ausschusses wohl kaum zu betonen, unter
welcher völligen Geheimhaltung innerhalb der sowjetischen Regierung und
der Hierarchie der Kommunistischen Partei, die in diesem Lande wirklich
herrscht, Entscheidungen getroffen werden. Es ist lediglich möglich zu
versuchen, aus den sowjetischen Maßnahmen, sobald sie erfolgt sind, auf
die Erwägungen zu schließen, die zu ihnen geführt haben. '«Vas ich hier
vor Ihnen daher jetzt tun kann, ist bestenfalls zu versuchen, Schlüsse
zu ziehen, warum die Sowjetunion sich so verhalten hat, wie dies der
Fall war - Schlüsse, die vielleicht im Lichte späterer Informationen
und Ereignisse zu revidieren sein werden.
Etwas kann jedoch als sicher angesehen werden, nämlich daß der
Beschluß, die Konferenz zu torpedieren, vor der Abreise Chruschtschows
aus Moskau gefaßt wurde« . Zu keinem Augenblick während seines Aufenthaltes in Paris - weder am Sonntag, dem 15» Mai, 11 Uhr vormittags, als
er General de Gaulle seine wahren Absichten offenbarte, noch später wich Chruschtschow einen Zoll von seinen Forderungen ab, daß die Vereinigten Staaten 1. die Oberfliegungen verurteilen, 2. sich bei der
Sowjetunion entschuldigen, 5» die "direkt dafür Verantwortlichen" bestrafen und 4. versprechen sollten, diese Flüge nicht zu wiederholen.
A'eder die vom Präsidenten auf der Montagssitzung abgegebene Erklärung
noch die ernsthaften und verantwortungsbewußten Bemühungen, die von
General de Gaulle und Herrn Macmillan in zweiseitigen Gesprächen mit
Herrn Chruschtschow vor und nach der Erklärung des Präsidenten über
die Einstellung der Flüge unternommen wurden, konnten ihn dazu bringen,
diese unannehmbaren Forderungen zurückzuziehen. Tatsächlich kann man
aus seinem Verhalten in Paris den logischen Schluß ziehen, daß er
keine Vollmacht hatte, seinen Standpunkt wesentlich zu modifizieren.
Die
- 11 -

�Die Tatsache, daß er überall, und wirklioh überall, von Außenminister Gromyko und Marschall Malinowski begleitet wurde, ist eine
interessante Begleiterscheinung zu diesem Punkt. Es werden viele Spekulationen über diese Änderung gegenüber seiner früheren Haltung bei
seinen Besuchen sowohl in den Vereinigten Staaten wie auch in Frankreich angestellt, als er darauf bestand, allein mit dem Präsidenten
und Staatspräsident de Gaulle zusammenzukommen, wobei nur Dolmetscher
zugegen waren. Was die Bedeutung dieses neuen Faktors anbetrifft, so
kann man bestenfalls vermuten, daß es erstens in Anbetracht der von
ihm in Paris eingenommenen brutalen und drohenden Haltung als wünschenswert erachtet wurde, einen greifbaren Beweis der bewaffneten Stärke der
Sowjetunion in der Person von Marschall Malinowski zur Hand zu haben,
und daß, zweitens, Gromyko und Malinowski nach der Rückkehr nach Moskau
bestätigen sollten, daß er sich streng an den vereinbarten Standpunkt
gehalten habe.
Es erscheint ferner als sicher, daß die Entscheidung, die Einladung an den Präsidenten zurückzuziehen, noch vor der Abreise Chruschtschows
aus Moskau getroffen wurde.
Was die Gründe anbetrifft, die die Sowjets zu dieser extremen Haltung bezüglich der Gipfelkonferenz führten, die vorher von Herrn Chruschtschow doch so sehr herbeigewünscht worden war, so betreten wir hier das
Gebiet der reinen Spekulation, wie ich es bereits zuvor angedeutet habe.
Das 3este, das wir hoffen können zu tun, solange zuverlässige Informationen
fehlen, ist, die Elemente und Faktoren auszuwerten, die augenscheinlich
zu diesem Beschluß geführt haben mögen. Ich werde versuchen, sie kurz
aufzuzählen.
1) Es lagen beträchtliche Anzeichen - besonders im April - dafür
vor, daß Herr Chruschtschow zu dem Schluß gekommen war, daß nur eine
geringe Wahrscheinlichkeit für ihn bestand, auf der Gipfelkonferenz
seinen Standpunkt, besonders in bezug auf Berlin, durchzusetzen. Die
Beweise der westlichen Entschlossenheit und Einigkeit in diesem Punkte
in den Reden und Erklärungen westlicher Staatsmänner scheinen ihn zu
diesem Schluß gebracht zu haben. So umriß er in seiner Rede in Baku
am 25. April nicht nur mit größter Bestimmtheit erneut seinen Standpunkt
zu Berlin sowie seine Absicht, einen separaten Friedensvertrag mit dem
ostdeutschen Regime abzuschließen, sondern er begann auch erstmalig ernsthafte Zweifel hinsichtlich des Erfolges der Gipfelkonferenz zu äußern.
Damit meinte er natürlich einen Erfolg im Sinne der sowjetischen Bedingungen.
2) Wenn die Beweise auch nicht sehr schlüssig sind, so liegen doch
eine Anzahl Anzeichen dafür vor, daß Herrn Chruschtschows Außenpolitik und im besonderen die zu starke Hervorhebung seiner Person und die nach
kommunistischer Ansicht zu großen Zugeständnisse durch seine Besuche
in den USA und Frankreich - zumindest ernste Zweifel, wenn nicht sogar
Opposition innerhalb der sowjetischen Hierarchie ausgelöst hat. Es würde
als ein logischer Schluß erscheinen, daß eine gewisse von Seiten der
chinesischen Kommunisten gegen seine Außenpolitik offen zum Ausdruck gebrachte Opposition bei einigen seiner Mitarbeiter - und sehr wahrscheinlich
unter den sowjetischen Militärs - eine wohlwollende Aufnahme gefunden hat»

II
12 -

�3) Vor diesem Hintergrund ereignete sich der U-2-Zwischenfall.
Eine Kombination dieser drei Faktoren hat unseres Erachtens zu dem
entschiedenen und brutalen Beschluß geführt, die Paris-Konferenz zu
torpedieren. Festzustellen, wie jeder dieser Faktoren zu bewerten ist,geht
Augenblick über unsere Möglichkeiten hinaus.
Der U-2-Zwischenfall ist höchstwahrscheinlich zur Rechtfertigung
dieses Beschlusses sofort aufgegriffen und über seine wirklichen Proportionen hinaus aufgebauscht worden. Es ist umstritten, ob es für Herrn
Chruschtschow möglich gewesen wäre, einen anderen Vorwand für eine so
radikale und heftige Haltung zu finden.
Es wäre durchaus möglich, daß ein mangelnder Erfolg auf der Gipfelkonferenz Chruschtschow - von seinem Standpunkt aus gesehen - vor eine weit
schwierigere Wahl gestellt haben würde als überhaupt keine Konferenz.
Er und seine Mitarbeiter haben es daher vielleicht vorgezogen, indem sie
die Konferenz einfach sofort torpedierten,es zu vermeiden, vor die Konsequenzen eines Fehlschiagens d e r Verhandlungen gestellt zu wenden.
Es mag für Sie unfaßbar erscheinen, daß ein verantwortungsbewußter
Staatsmann einer Großmacht den weiten Weg nach Paris nur zu dem Zweck
gemacht haben könnte, die Konferenz zu torpedieren, wodurch er eine weltweite Verurteilung der Sowjetunion auf sich lädt sowie das Gefühl der
Einigkeit und gemeinsamen Zielsetzung nicht nur bei den dort vertretenen
Westmächten, sondern auch bei der Nordatlantikpakt-Crganisation und den
freien Nationen in aller Welt festigt.
Ich glaube, die Antwort liegt in einer grundlegenden Fehlkalkulation
in den Überlegungen Herrn Chruschtschows und der Sowjets.
Herr Chruschtschow hoffte zweifellos - und dies erklärt seine frühe
Ankunft in Paris -, die Alliierten zu spalten und die Vereinigten Staaten
zu isolieren. Er erwartete, daß die Vereinigten Staaten die von ihm gestellten Forderungen zurückweisen würden und daß die Konferenz dann
zusammenbrechen würde, wobei den Vereinigten Staaten vor der Weltmeinung
die Verantwortung für den Zusammenbruch zufiele.
Seine Pläne schlugen fehl, da unsere beiden Alliierten fest und
loyal zu den Vereinigten Staaten standen und es ablehnten, als Partner
in Herrn Chruschtschows Plan mitzuwirken. Die Folge hiervon war, wie die
gesamte '.Veit weiß, daß der Standpunkt, mit dem Herr Chruschtschow nach
Paris kam, zu der völligen Isolierung der Sowjetunion und nicht der
Vereinigten Staaten führte und die Verantwortung für den Zusammenbruch
der Konferenz eindeutig - wo sie auch hingehört - auf seine eigenen
Schultern geladen wurde.
Diese

�Diese Einschätzung der Gründe für Chruschtschows Verhalten wird noch
wesentlich durch den Angriff untermauert, den er auf seiner Pressekonferenz
gegen General de Gaulle und Premierminister Macmillan wegen ihres - wie er
es nannte - Mangels an Objektivität, ihres Mangels an gutem Willen und
ihrer Hörigkeit gegenüber den alliierten Beziehungen richtete - mit anderen
Worten und in klarem Englisch, wegen ihrer Solidarität mit den Vereinigten
Staaten, ihrer Loyalität gegenüber unserem gemeinsamen Ziel und ihrer
Weigerung, das sowjetische Spiel mitzuspielen.
IV. Die Zukunft
Welche Schlußfolgerungen sollten wir für die Zukunft ziehen? Meiner
Ansicht nach deuten die Anzeichen darauf hin, daß es bisher keine radikale
Xnderung in der sowjetischen Politik gegeben hat, wenn wir auch mLt der
Fortsetzung der Propagandakampagne rechnen können, die einen Keil zwischen
die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten treiben soll. Diese Folgerung
wird durch die Paris-Erklärungen Herrn Chruschtschows einschließlich seiner
Bemerkungen auf der Pressekonferenz gestützt. Und sie wird auch, etwas
spezifischer und definitiver, durch die Erklärungen erhärtet, die er auf
seinem Rückflug in Berlin abgegeben hat.
Wir müssen uns jedoch immer vor Augen halten, daß die sowjetischen
Machthaber auf Grund der Natur des sowjetischen Staates jederzeit geheim
zusammenkommen und die bestehende Politik ändern können, ohne daß eine
öffentliche Debatte stattfindet oder eine solche Änderung sich vorher, ankündigt. Aus diesem Grunde muß jede Erklärung über eine bestimmte Phase
der sowjetischen Politik als bedingt angesehen werden, wobei keine Sicherheit gegeben ist, daß sie auch für die Zukunft Gültigkeit haben wird»
Obwohl also die Hoffnungen der Welt durch die Tatsache, daß die
Gipfelkonferenz nicht wie vorgesehen zustande kam, sehr enttäuscht worden
sind, deuten die Anzeichen bisher darauf hin, daß die Grundrealitäten der
internationalen Situation nicht wesentlich verändert worden sind. Ob
dies auch in Zukunft so bleiben wird, hängt - wie ich ausgeführt habe von den Maßnahmen der führenden kommunistischen Länder ab.
Vorläufig bin ich jedoch der Ansicht, daß die Schlußfolgerung für
die amerikanische Politik die ist, daß die wesentlichen Grundzüge
unserer Politik weiterhin wohlfundiert und vernünftig sind und beibehalten
werden sollten.
Die

- 14 -

�Die Lehre von Paris besteht darin, daß wir diese Grundzüje mit
verstärkten Anstrengungen weiterverfolgen sollten. Die Verfechter eines
aggressiven Kurses innerhalb des kommunistischen Blocks dürfen nicht
durch Zeichen der Schwäche auf unserer Seite ermutigt werden. Die Verfechter eines friedlichen-Kurses sollten dagegen durch unsere Bereitschaft
ermutigt werden die ungelösten weltpolitischen Fragen in nüchterner und
vernünftiger -Veise anzupacken.
Wir müssen weiterhin bereit sein, jedem aggressiven Druck entgegenzutreten, nicht nur in Berlin, sondern auch überall anderswo.
Ich bin überzeugt, daß unsere offenkundige Bereitschaft vor,einem solchen
Druck zurückschrecken lassen wird.
Unter den Lehren von Paris ist die wichtigste für die freie Welt
und für uns, so scheint mir, die neue Erkenntnis der Gefahren, denen
wir uns gegenübersehen, und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit,
daß wir uns fester zusammenschließen und unsere eigenen Programme sowie
die unserer Alliierten für die Stärkung der freien Welt vorantreiben.
Wir sind aus Paris zurückgekehrt mit einer noch klareren Erkenntnis
dessen, was es heißt, Alliierte zu haben, und ichbin sicher,daß unsere
Bündnisse durch diese Erfahrung neu gestärkt werden.
Gleichzeitig möchte ich genauso die Notwendigkeit unterstreichen,
die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern in einfallsreicher und
großzügiger Weise zu erweitern. Ich hoffe, daß der Kongreß im Zusammenhang
mit diesen beiden Punkten unsere Programme der Gemeinsamen Sicherheit, wie
sie von diesem Ausschuß genehmigt wurden und jetzt wichtiger sind als jemals zuvor, voll und ganz unterstützen wird.
Wir müssen uns - wie Präsident Eisenhower erklärt hat - weiterhin
darum bemühen, in einer nüchternen Atmosphäre Portschritte bei der Lösung
offenstehender Probleme mit der Sowjetunion zu erzielen. Wir beabsichtigen,
die gegenwärtigen Verhandlungen fortzusetzen, unsere Verpflichtungen zu
erfüllen und Verbindungen offenzuhalten sowie einen friedlichen Austausch
zu fördern. Und vor allem werden wir nicht von dem entschlossensten geduldigsten und durchdachtesten Bemühen ablassen, Mittel und Wege zu finden,
um das Wettrüsten unter Kontrolle zu bringen und damit der nuklearen Gefahr zu begegnen, die über der Menschheit schwebt»
Ich glaube, daß es in dieser Zeit die Pflicht von uns allen ist, die
internationale Entwicklung ruhig und aufmerksam zu beobachten und Maßnahmen, Erklärungen und Haltungen zu vermeiden, die unnötigerweise zu
einer Verschärfung der internationalen Spannungen führen könnten. Falls
es zu einer solchen Verschärfung kommt, dann sollte es klar die Schuld der
Sowjets sein, und wir sollten ihnen nicht den Gefallen tun, einen Vorwand
für Maßnahmen ihrerseits zu liefern, die eine solche Auswirkung haben würden.
Wir sollten unsere Haltung oder unsere Politik gegenüber der Sowjetunion weder als "hart" noch als "weich" definieren. Täten wir dies, dann
würde das nicht nur unseren Blick von der bitteren Realität ablenken, der
wir uns gegenübersehen, sondern uns vielmehr unvermeidlicherweise in nutzlose und schädliche innenpolitische Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen

- 15

-

�Segenbeschuldigungen stürzen, Wir müssen jetzt und in Zukunft eine
wachsame, ruhige und entschlossene Haltung an den Tag legen und soweit dies in unserer Macht liegt - in unserer Beurteilung der Dinge
genau und in unseren Handlungen wirksam sein.
Ich möchte meine Ausführungen abschließen, indem ich die Hoffnung
zum Ausdruck bringe, daß wir uns nicht so von der Beschäftigung mit der
kommunistischen Gefahr gefangennehmen lassen, daß wir unsere eigenen
konstruktiven Zielsetzungen aus dem Auge verlieren, die größer und
wichtiger sind, als lediglich den Drohungen von außen entgegenzutreten
oder auf sie zu reagieren. Wir haben unsere eigene Vorstellung von der
Zukunft, auf die hin wir die Welt sich entwickeln sehen möchten. Wir
haben unsere eigenen Programme, um zu einer Verwirklichung dieser Zukunft beizutragen - um das Licht der Freiheit hochzuhalten, um ihre
Botschaft und ihren Lohn mit den aufstrebenden Ländern zu teilen und
um eine internationale Gemeinschaft zu schaffen zu suchen, in der die
Herrschaft des Rechtes an die Stelle der Herrschaft der Gewalt tritt.
Diese Programme sind es, auf die wir in den vor uns liegenden unsicheren
Zeiten unser Können und unsere Energien von neuem verwenden sollten.

* * * * *

- 16 -

�Allg./3.6.1960

EISENHOY/ER: ZIEL DER USA WEITERHIN FRIEDEN IN GERECHTIGKEIT

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache Präsident Eisenhowers vom 25. Mai i960,
in der er dem amerikanischen Volk über die Ereignisse in Paris berichtete und den Kurs der
USA für die Zukunft aufzeigte.

Meine amerikanischen Mitbürger!
Ich möchte heute abend mit Ihnen über die bemerkenswerten Ereignisse der vergangenen Woche in Paris und über ihre Bedeutung für unsere
Zukunft sprechen.
Zunächst einmal bin ich den vielen Tausenden von Ihnen und den
Vertretern im Kongreß zutiefst dankbar, die mir Botschaften der Ermutigung und der Unterstützung zusandten, während ich in Paris war und auch
später, nach meiner Rückkehr nach Washington. Ihre Botschaften zeigten
klar Ihre unerschütterliche Loyalität gegenüber Amerikas großer Zielsetzung - von einer Position der geistigen, moralischen und materiellen
Stärke aus nach einem dauerhaften Frieden in Gerechtigkeit zu streben.
Sie werden sich selbstverständlich erinnern, warum ich vor zehn
Tagen nach Paris ging. Im vergangenen Sommer und Herbst hatte ich zahlreiche Unterredungen mit führenden Staatsmännern der Welt, einige davon auch mit Ministerpräsident Chruschtschow hier in Amerika. Im Verlauf jener Monate schien sich eine kleine Verbesserung in den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen abzuzeichnen. Eine Möglichkeit schien sich aufzutun, daß die sowjetischen Führer schließlich doch
zu ernsthaften Gesprächen über unsere wichtigsten Probleme - wie die Abrüstung, gegenseitige Inspektion, Atomkontrolle und Deutschland einschließlich Berlins - bereit sein würden.
Unsere führenden Staatsmänner trafen sich mit den britischen und
französischen, um diese Möglichkeit zu prüfen, und wir kamen dann später mit den führenden sowjetischen Vertretern überein, am 16. Mai in
Paris zusammenzukommen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

5. J u n i

1960

Wir hatten natürlich keinen Hinweis und auch keine Ahnung, daß sich
die Politik der Sowjets in ihren Grundlagen völlig geändert hatte. Aber
wenn sich eben auch nur die geringste Chance für eine Stärkung des Friedens bietet, dann kann es keine vornehmere Pflicht geben, als diese wahrzunehmen.
Auch hatte sich unsere Politik nicht geändert. 7/ir hofften wirklich,
auf einem Gipfeltreffen einen gewissen Fortschritt zu erzielen, so wenig
verheißungsvoll früher gemachte Erfahrungen in dieser Hinsicht auch waren.
Indem wir aber die Vorbereitungen für diese Konferenz trafen, haben wir
es weder an Aufmerksamkeit fehlen lassen noch in unserer Wachsamkeit nachgelassen.
Unsere Sicherheit und die der freien Welt erfordern selbstverständlich
wirksame Systeme, um Informationen über das militärische Potential der
übrigen mächtigen Länder und im besonderen derjenigen zu sammeln, die aus
der Geheimhaltung einen Kult machen. Dabei werden viele Techniken und
Methoden angewandt. In den heutigen Zeiten riesiger militärischer Apparate
und mit Atomsprengköpfen ausgerüsteter Raketen ist das Aufspüren solcher
Informationen für die Sicherheit der freien Welt unerläßlich.
Ich habe mich lange sehr ernsthaft hiermit beschäftigt. Es ist Teil
meiner schweren Verantwortung im Rahmen des Gesamtproblems, das amerikanische Volk zu schützen und uns und unsere Verbündeten vor einem Überraschungsangriff zu bewahren. In der Zeit, die dem zweiten Weltkrieg voranging, haben
wir aus bitterer Erfahrung die zwingende Notwendigkeit erkannt, ständig
Geheimdienstinformationen zusammenzutragen, militärische Verbindungen und
Kontakte aufrechtzuerhalten und ständig auf der Hut zu sein.
Es ist vielleicht angebracht, hier noch ein Wort zu der Frage der
Nachrichtenübermittlung und des Kommandos zu sagen. Während unseres Aufenthalts in Paris waren natürlich der Verteidigungsminister und ich selbst
von unseren normalen Kommandoposten abwesend. Der Verteidigungsminister
empfahl, daß wir unter diesen Umständen die ständige Bereitschaft unserer
militärischen Befehlsübermittlung erproben sollten. Ich habe dies persönlich gebilligt. Solche Erprobungen sind wertvoll und werden in Zukunft
häufig wiederholt werden.
Darüber hinaus trage ich als Präsident, der durch die Verfassung mit
der Pflege der außenpolitischen Beziehungen Amerikas beauftragt ist, und
als Oberbefehlshaber, dem die Leitung der Operationen und Tätigkeiten unserer Streitkräfte und ihrer Versorgung obliegt, die volle Verantwortung
für die Billigung der verschiedensten Programme, die von unserer Regierung durchgeführt werden, um das Funktionieren des militärischen Geheimdienstes zu gewährleisten und seine Ergebnisse auszuwerten.
Im Zuge eines dieser Geheimdienstprogramme kam es dann zu dem so stark
publizierten U-2-Zwischenfall.
Eine der zahlreichen von uns angewandten Methoden, um uns und die
freie Welt über die wichtigen militärischen Entwicklungen bei den Sowjets
auf dem laufenden zu halten waren Luftaufnahmen. In den vier Jahren dieser
Bemühungen hat sich die Nützlichkeit dieser Arbeit deutlich gezeigt. Die

�"AMERIKA DIENST"

5. Juni 1960

Hie Sowjets waren sich hierüber vollkommen im klaren. Ministerpräsident
Chruschtschow hat erklärt, daß er von diesen Flügen schon vor mehreren
Jahren Kenntnis hatte. Erst in der vergangenen Woche, auf seiner Pariser
Pressekonferenz, bestätigte Ministerpräsident Chruschtschow, daß er
bereits von diesen Flügen wußte, als er im vergangenen September die
Vereinigten Staaten besuchte.
Ganz beiläufig erhebt sich damit die natürliche Frage: Warum all
dieser Aufruhr wegen eines bestimmten Fluges? Chruschtschow hat, als er
im vergangenen September in Amerika war, keine Beschuldigungen erhoben,
daß diese Flüge eine Bedrohung für die Sicherheit der Sowjetunion darstellten. Er sah damals keinerlei Grund, es abzulehnen, mit amerikanischen Vertretern zu sprechen.
Dies tat er erst wegen des Fluges, der unglücklicherweise am 1. Mai,
weit innerhalb Rußlands, mißglückte.
Im Zusammenhang mit diesem speziellen Flug sind nun zwei Fragen
aufgeworfen worden:
Erstens in bezug auf den gewählten Zeitpunkt, angesichts der unmittelbar bevorstehenden Gipfelkonferenz; und zweitens in bezug auf die anfänglich abgegebenen Erklärungen, als wir erfahren hatten, daß das Unternehmen gescheitert war.
Was den Zeitpunkt anbetrifft, so ergab sich einfach die Frage, ob
das Programm gestoppt werden und damit auf das Zusammentragen wichtiger
Informationen verzichtet werden sollte, die von wesentlicher Bedeutung
waren und wahrscheinlich zu einer späteren Zeit nicht mehr zu erhalten
gewesen wären. Das Programm wurde weitergeführt.
Die offene Wahrheit sieht so aus: Wenn ein Staat einen Geheimnachrichtendienst braucht, dann gibt es keinen Augenblick, in dem man in
der Wachsamkeit nachlassen darf. Wir lernten es ja übrigens von Pearl
Earbor, daß sogar Verhandlungen dazu benutzt werden können, um die Vorbereitungen für einen Überraschungsangriff zu verschleiern.
Was dann die anfänglich von unserer Regierung zu diesem Flug abgegebene Erklärung anbetrifft, so sollte sie den Piloten, seine Mission
und unsere Geheimdienstverfahren in einem Augenblick schützen, in dem
über die genauen Fakten noch Ungewißheit bestand.
Unsere ersten Informationen darüber, daß diese Mission fehlgeschlagen
war, sagten nicht, ob der Pilot noch am Leben war, ob er zu entkommen
suchte, ob er einer Befragung auswich oder ob sowohl das Flugzeug wie
auch der Pilot der Vernichtung anheimgefallen waren. Der Schutz unseres
Geheimdienstsy3tems und des Piloten und die Verheimlichung der Mission
des Flugzeuges schienen noch eine zwingende Notwendigkeit zu sein. Man
muß bedenken, daß diese Flüge uns über einen langen Zeitraum hinweg
Informationen von größter Wichtigkeit für die Sicherheit unseres Landes
erbracht haben. Ihr Erfolg war durchaus bemerkenswert.
Aus

�"AMERIKA DIENST"

3. Juni 1960

Aus diesen Gründen wurde, wie es in Geheimdienstkreisen heißt,
eine "abschirmende Erklärung" herausgegeben. Sie wurde auf Grund von
Annahmen abgegeben, die sich später als unrichtig herausstellten. Infolgedessen wurden dann, als später das Schicksal des Piloten endgültig
feststand und es keinerlei weitere Möglichkeiten mehr gab, um eine Aufdeckung des Projektes zu verhindern, die tatsächlichen Details bekanntgegeben.
Ich machte der Öffentlichkeit daraufhin zwei Tatsachen klar:
Erstens, unser Luftaufklärungsprogramm war mit meiner Billigung unternommen worden; zweitens, unsere Regierung ist gezwungen, sich auf die
eine oder andere Weise über die militärischen Tätigkeiten der Sowjets
auf dem laufenden zu halten, genauso wie die sowjetische Regierung seit
Jahren in unserem Lande und in der ganzen Welt Spionage betrieben hat.
Die für uns bestehende Notwendigkeit, diese Tätigkeiten fortzuführen,
wurde auch von unserem Außenminister bekräftigt, der jedoch - genau wie
ich - bedacht war, nicht zu erklären, daß diese besonderen Flüge weiter
durchgeführt werden würden.
Ja, ehe ich von Washington abflog, hatte ich Anweisung erteilt,
diese U-2-Flüge einzustellen. Zweifellos war ihr Nutzen nun nicht mehr
so groß. Außerdem aber mußte eine Portsetzung dieser besonderen Aktion
unter den neugeschaffenen Umständen lediglich die Beziehungen einiger
unserer Verbündeten zu den Sowjets komplizieren. Außerdem aber werden
ständig neue Techniken entwickelt, die anders als das Flugzeug arbeiten.
Ich wollte nicht, daß diese Entscheidung veröffentlicht wurde, bevor
ich sie persönlich auf der Gipfelkonferenz in Verbindung mit bestimmten
von mir für die Konferenz vorbereiteten Vorschlägen bekanntgeben konnte.
Auf meiner ersten Zusammenkunft mit Herrn Chruschtschow in Paris und
noch bevor seine lange Rede veröffentlicht wurde, unterrichtete ich ihn
über die Einstellung dieser Flüge sowie den Charakter der konstruktiven
Vorschläge, die ich vorzubringen gedachte. Diese sahen die Errichtung
eines von den Vereinten Nationen durchgeführten Luftüberwachungssystems
vor.
An dem Tage vor der ersten angesetzten Konferenz hat Herr Chruschtschow Staatspräsident de Gaulle und Premierminister MacMillan davon unterrichtet, daß er an die Vereinigten Staaten bestimmte Forderungen als Vorbedingung für den Beginn einer Gipfelkonferenz richten würde.
Obwohl die Vereinigten Staaten die einzige Macht waren, gegen die
er sein Mißfallen zum Ausdruck brachte, hat er mir dies nicht mitgeteilt.
Ich war selbstverständlich von unseren Verbündeten darüber unterrichtet
worden.
Am Montagmorgen forderte er auf dem Treffen der vier Mächte von den
Vereinigten Staaten viererlei: erstens, die Verurteilung der U-2-Flüge
als Spionagemethode; zweitens, die Zusicherung, daß diese Flüge nicht
fortgesetzt werden würden; drittens, eine öffentliche Entschuldigung seitens der Vereinigten Staaten; und viertens»die Bestrafung all derjenigen.

- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

3. Juni

i960

derjenigen, die irgendwie für diese besondere Mission verantwortlich waren.
Meine Antwort "bestand darin, daß ich den führenden sowjetischen Staatsmann wissen ließ, daß ich während der vergangenen Woche diese Flüge hatte
einstellen lassen und daß sie nicht wieder aufgenommen werden sollten.
Ich bot ferner an, die Angelegenheit mit ihm in persönlichen Zusammenkünften zu besprechen, während die reguläre Arbeit der Konferenz hätte
fortgeführt werden können. Verständlicherweise konnte ich nicht auf seine
extremen Forderungen eingehen. Er wußte natürlich, daß die Sowjetunion
durch das Festhalten an gerade diesen Forderungen die Gipfelkonferenz zum
Scheitern brachte.
Als Herr Chruschtschow die Konferenz torpedierte, hat er behauptet,
daß er auf Grund seines eigenen starken moralischen Ekels vor den angeblichen amerikanischen Aggressionsakten so handele. Wie ich bereits zuvor
sagte, hat er von diesen Flügen schon seit langer Zeit gewußt. Es ist ganz
offensichtlich, daß die Sowjets, noch bevor die sowjetische Delegation
Moskau verließ, bereits beschlossen hatten, daß meine Reise nach der Sowjetunion abgesagt werden sollte und daß die Gipfelkonferenz, von ihrem Standpunkt aus gesehen, nichts Konstruktives erbringen werde.
Bei der Auswertung der Ergebnisse, so glaube ich, dürfen wir nicht
alles mit roter Tinte eintragen. Es gibt auch verschiedene Dinge, die wir
in Schwarz in die Bilanz eintragen können. Vielleicht hat dieses Verhalten
der Sowjets die Uhr etwas zurückgedreht, es sollte aber beachtet werden,
daß Herr Chruschtschow nicht über Schmähungen hinausging - ein ziemlich
abgenutztes sowjetisches Mittel, um ein Sofortziel zu erreichen.
Wir haben unsererseits in Paris erneut die Bereitschaft Amerikas und
seiner Verbündeten unter Beweis gestellt, um des Friedens willen stets
noch einen Schritt weiter zu gehen. Wieder einmal hat die schroffe Unnachgiebigkeit der Sowjets uns allen die Unberechenbarkeit despotischer Herrschaft vor Augen geführt und die Notwendigkeit für diejenigen gezeigt, die
für die Freiheit wirken, entschlossen und fest zusammenzustehen.
Das Verhalten unserer Verbündeten war großartig. Meine Kollegen und
Freunde - Präsident de Gaulle und Premierminister MacMillan - standen fest
zu der amerikanischen Delegation trotz der beharrlichen sowjetischen Versuche, die westliche Gruppe zu spalten. Das NATO-Treffen im Anschluß an die
Pariser Konferenz zeigte eine Einigkeit und ein Eintreten für die Allianz
und die auf dem Gipfeltreffen eingenommene Haltung wie nie zuvor. Ich
danke dafür den Verbündeten in unser aller Namen.
Was soll in Zukunft werden?
Und nun - und das ist wohl das Wichtigste - was soll in Zukunft werden?
Wir alle wissen, daß ein Weltkrieg, ob er nun vorsätzlich begonnen wird oder
zufällig ausbricht, die Zivilisation zu einem Trümmerfeld machen würde. Dies
gilt für das sowjetische System genauso wie für alle übrigen. In einem Atomkrieg kann es keine Gewinner, sondern nur Verlierer geben. Selbst Despoten
wissen dies. Herr Chruschtschow erklärte in der vergangenen Woche, er sei
sich völlig darüber im klaren, daß ein Atomkrieg für beide Seiten eine
Katastrophe heraufbeschwören würde. Die Anerkennung dieses beiderseitigen

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�"AMERIKA DIENST"

3. Juni

i960

beiderseitigen Vernichtungspotentials ist die grundlegende Realität unserer
gegenwärtigen Beziehungen. Dies bedeutet jedoch ganz sicher nicht, daß wir
jemals den Versuch aufgeben werden, eine vernünftigere und hoffnungsvollere
Realität zu schaffen - eine bessere Grundlage für unsere geraeinsamen Beziehungen.
Um dies zu erreichen, müssen wir folgende Wege einschlagen, und ich
bin zuversichtlich, daß die große Mehrheit unseres Volkes ohne Unterschied
der Parteien ihnen seine Unterstützung geben wird:
Erstens, wir müssen unsere Stärke bewahren und sie für die kommenden
Zeiten aufrechterhalten - eine Stärke, die weder in Selbstgefälligkeit vernachlässigt noch in Hysterie übertrieben werden darf. Auf diese V/eise können wir es jedem klarmachen, daß die Anwendung von Erpressungstaktiken oder
einer Aggression gegen uns oder unsere Verbündeten keinen Gewinn bringen
kann.
Zweitens, wir müssen mit den führenden sowjetischen Politikern weiterhin in sachlicher Weise über die offenstehenden Probleme verhandeln und die
Kontakte zwischen unserem und dem sowjetischen Volk verbessern, um auf
diese Weise deutlich zu machen, daß der Weg der Vernunft und des gesunden
Menschenverstandes immer noch offen ist, sofern die Sowjets ihn nur benutzen
wollen.
Drittens, um die Bedingungen, unter denen die menschliche Freiheit gedeihen kann, in der Welt zu verbessern, müssen wir weiterhin mit positiven
Programmen im eigenen Land und im Ausland voranschreiten und mit den freien
Nationen auf der ganzen Welt eng zusammenarbeiten. Hierbei werden wir den
Vereinten Nationen und den großen Prinzipien, für die sie einstehen, weiterhin unsere stärkste Unterstützung zuteil werden lassen.
Was nun die erste dieser Zielsetzungen anbetrifft - unsere Verteidigung
ist wohlfundiert. Sie ist genau auf die Situation zugeschnitten, der wir
gegenwärtig gegenüberstehen. Daß sie ausreicht, war meine Hauptsorge in
diesen letzten sieben Jahren - ja praktisch mein ganzes Leben lang.
Die Zusammensetzung und die Stärke unserer Streitkräfte ist niemals
in irgendeiner Weise durch schmeichlerische Worte der Sowjets bestimmt
oder beeinflußt worden. Lies wird auch niemals der Fall sein. Wir werden
damit fortfahren, die bereits für diese Streitkräfte geplanten großen Verbesserungen durchzuführen. Sie werden weiterhin einsatzbereit gehalten
werden - und einer ständigen Überprüfung unterliegen. Für alle infolge technischer Fortschritte oder internationaler Ereignisse erforderlich werdenden
Änderungen werden sofort Empfehlungen vorgelegt werden.
Diese Stärke - bei weitem die mächtigste auf Erden - dient, ich unterstreiche dies, ausschließlich zur Abschreckung, Verteidigung und für Vergeltungszwecke und enthält keinerlei Drohung oder aggressive Absicht gegen
irgend jemand.
Was den zweiten Teil unserer Politik anbetrifft - die Beziehungen zu
den Sowjets - so sind wir und die gesamte Welt uns darüber im klaren, daß
trotz unserer jüngsten Enttäuschung ein Fortschritt in Richtung auf das Ziel

�'AMERIKA DIENST

3. Juni i960

Ziel eines gegenseitigen Verstehens, einer Verringerung der Ursachen der
Spannungen und einer Reduzierung der Rüstungen so notwendig ist wie
je zuvor.
'.Vir werden diese friedlichen Bemühungen einschließlich der Teilnahme
an den derzeit laufenden Verhandlungen mit der Sowjetunion fortsetzen.
Bei diesen Verhandlungen haben wir einen gewissen Fortschritt erzielt.
Wir sind bereit, ihn zu erhalten und darauf aufzubauen. Das alliierte
Kommunique in Paris und meine eigene Erklärung bei meiner Rückkehr nach
den Vereinigten Staaten sollten dies der sowjetischen Regierung zur Genüge
klargemacht haben.
Wir führen diese Verhandlungen nicht auf der Grundlage einer Harmonie an der Oberfläche noch werden wir durch schlechtes Betragen abgeschreckt. Vielmehr betrachten wir sie als ein sorgfältiges Suchen nach
gemeinsamen Interessen in bestimmten Fragen zwischen den westlichen
Alliierten und der Sowjetunion.
Ich denke dabei im besonderen an die Verhandlungen über die Atomversuche und die Abrüstung. Wir werden nicht auf Grund der jüngsten Ereignisse in diesen Anstrengungen nachlassen oder von den von uns eingegangenen Verpflichtungen abgehen. Ebensowenig werden wir in unserer Suche
nach neuen Mitteln und Wegen zur Reduzierung des Kriegsrisikos infolge
fääscher Einschätzung der Lage sowie zur Verwirklichung einer verifizierbaren Abrüstung nachlassen.
Ein großes Ziel Amerikas ist eine Welt "offener Gesellschaften".
Hier in unserem Lande kann jedermann Karten und Luftaufnahmen kaufen,
auf denen unsere Städte, unsere Dämme, unsere Gemeinden, unsere Autostraßen
ja der ganze Industrie- und Wirtschaftskomplex zu sehen sind. Die sowjetischen Attaches sammeln regelmäßig diese Unterlagen. Im vergangenen Herbst
fuhr der Zug des Ministerpräsidenten Chruschtschow knapp hundert Meter
von einer Interkontinentalrakete vorbei, die von seinem Abteilfenster
aus klar zu sehen war. Unsere vielen tausend Bücher und wissenschaftlichen
Zeitschriften, unsere Magazine, Zeitungen und offiziellen Publikationen,
unser Rundfunk und das Fernsehen - sie alle geben der ganzen Welt ganz
offen eine Beschreibung aller Aspekte unserer Gesellschaft.
Dies ist alles so, wie es sein sollte. Wir sind stolz auf unsere
Freiheit. Dennoch bleibt das sowjetische Mißtrauen bestehen. Um diese
Befürchtungen und Zweifel zu zerstreuen, machte ich vor fünf Jahren das
Angebot, unseren Luftraum für sowjetische Aufklärungsflüge - auf einer
Basis der Gegenseitigkeit - freizugeben. Die Sowjets lehnten ab. Das Angebot aber besteht noch. Zu einem geeigneten Zeitpunkt wird Amerika ein.
derartiges Programm den Vereinten Nationen zusammen mit der Empfehlung
vorlegen, daß die Vereinten Nationen ihrerseits diese Aufklärungsflüge
durchführen. Sollte dieser Vorschlag von den Vereinten Nationen angenommen
werden, so bin ich zu dem Angebot bereit, daß Amerika einen Teil der
Flugzeuge und der erforderlichen Ausrüstung stellt.
Ich habe hier eine Aufnahme der North-Island-Marinestation in
San Diego in Kalifornien. Sie wurde aus einer Höhe von über 70 000 Fuß
(rund 21 000 Meter) gemacht. Sie mögen es vielleicht an ihren Fernseh-

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�AMERIKA DIENST"

3. Juni 196O

Fernsehschirmen nicht erkennen können, aber die weißen Streifen der
Parkplätze rund um den Flugplatz sind aus 13 Meilen Höhe klar erkennbar.
Diese Linien sind nur etwa 15 Zentimeter breit. Offensichtlich sind die
meisten Details, die für eine militärische Auswertung des Flugplatzes
und seiner Flugzeuge notwendig sind, deutlich zu unterscheiden.
Ich zeige Ihnen diese Aufnahme als ein Beispiel dafür, was durch
eine Luftüberwachung durch die Vereinten Nationen erreicht werden könnte.
Wenn die Vereinten Nationen diese Politik, dieses Programm, durchführen
sollten und die großen Nationen der Welt es akzeptieren würden, dann
würde, davon bin ich fest überzeugt, nicht nur die ganze Menschheit
in der Gewißheit leben, daß sie vor jedem Überraschungsangriff aus jeder
Richtung sicher ist, sondern auch die größte Spannung, nämlich die Furcht
vor dem Kriege, in der ganzen Welt beseitigt sein. Ich hoffe ernsthaft,
daß die Vereinten Nationen ein solches Programm in Angriff nehmen.
Was uns Amerikaner anbetrifft, so werden unsere Programme zur Verstärkung der Kontakte zwischen allen Völkern fortgesetzt werden. Trotz
der von den Männern im Kreml plötzlich zum Ausdruck gebrachten Feindseligkeiten, bleibe ich davon überzeugt, daß das sowjetische Volk im Grunde
von den gleichen Wünschen und dem gleichen Verlangen beseelt ist wie das
unsrige. Ich glaube, daß die Sowjetbürger dem amerikanischen Volk eine aufrichtige Freundschaft entgegenbringen. Ich bin zutiefst davon überzeugt,
daß sie vor allem aber einen beständigen Frieden wünschen und anstelle von
immer mehr Kriegsgerät lieber eine Möglichkeit für ein reicheres Leben
sähen.
Ich wende mich jetzt dem dritten Teil der amerikanischen Politik der Stärkung der Freiheit - zu. Wir müssen noch weit mehr tun, als uns
lediglich mit der militärischen Verteidigung gegen den kommunistischen
Block und unseren Beziehungen zu ihm zu befassen. Wir müssen darüber
hinaus überall in der Welt konstruktive Programme fördern, um das Los
der Menschen in den Entwicklungsländern zu bessern. Es darf nicht zugelassen werden, daß der Zickzackkurs des Kreml unsere weltweiten Programme
und Zielsetzungen stört. In der vor uns liegenden Zeit können diese Programme sehr wohl zum entscheidenden Faktor in unserem ständigen Suchen
nach einem Frieden in Freiheit werden.
Die Völker der Entwicklungsländer werden die dringend benötigte Hilfe
bestimmt erhalten. Wenn diese Hilfe nicht von uns und unseren Freunden
kommt, dann werden diese Völker dazu getrieben werden, sie bei den Feinden
der Freiheit zu suchen. Darüber hinaus blicken diejenigen, die sich mit
uns zu einer Partnerschaft in der Verteidigung zusammengeschlossen haben,
auf uns und erwarten von uns Beweise unserer Standhaftigkeit. Wir dürfen
in unseren gemeinsamen Sicherheitsanstrengungen nicht nachlassen.
Dazu kann jeder von uns etwas Spezifisches tun, und zwar sofort. Es
ist dringend erforderlich, daß keine einschneidenden Kürzungen bei den für
die gemeinsame Sicherheit empfohlenen Ermächtigungen - sei es für militärische oder wirtschaftliche Zwecke - vorgenommen werden. Wir müssen
mit unserer ganzen Klugheit und all unserer Stärke dieses Programm unterstützen. Wir sind stolz darauf, daß wir Amerika einen Staat des Volkes
nennen können. Wenn sich das Volk über die Bedeutung dieses Programms klar

-

8

�"AMERIKA DIENST"

5. Juni

196O

klar ist und im ganzen Land seine Stimme dafür erhebt, dann kann an seinem
anhaltenden Erfolg keinerlei Zweifel bestehen.
Meine amerikanischen Mitbürger, vor langer Zeit habe ich Ihnen das
Versprechen gegeben, daß ich überall hinreisen würde, um die Sache des
Friedens zu fördern. Ich halte an diesem Versprechen fest, nach einem
Frieden in Würde, Freundschaft, in Ehre und Gerechtigkeit zu trachten.
Von der festen Grundlage unserer geistigen und materiellen Stärke
ausgehend und den Allmächtigen um Rat bittend, werden wir und unsere Verbündeten weiterhin für das Überleben der Menschheit in Freiheit und für
die Ziele gegenseitiger Achtung, gegenseitigen Verständnisses und der Aufgeschlossenheit aller Nationen füreinander arbeiten.
Ich danke Ihnen und wünsche Ihnen eine gute Nacht.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

All?

OSTBLOCK BRACH GENFER ABRÜSTUNGSVERHANDLUNGEN AB
ABRÜSTUNGSKONFERENZ VERÖFFENTLICHTE KOMMUNIQUE
ERKLÄRUNGEN DES US-AUSSENMINISTERIUMS ZUM
KOMMUNISTISCHEN SCHRITT IN GENF
DER NEUE AMERIKANISCHE ABRUSTUNG3PLAN
DIE LETZTEN JÜCHEN DER GENFER
ABRÜSTUNGSKONFERENZ

* » * * *

�"AMERIKA DIENST"

1. Juli.,1960

OSTBLOCK BRACH GENFER ABRÜSTUNGSVERHANDLUNGEN AB
GENF - (AD) - Die Sowjets haben am 2J. Juni i960 die ZehnMächte-Abrüstungsverhandlungen in Genf abgebrochen. Die
von dem amerikanischen Chefdelegierten Eaton dazu abgegebene Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Herr Vorsitzender!
Dies ist ein trauriger Augenblick. Die Sowjets haben die Diskussion
abgebrochen. Trotz unserer Aufforderung, hierzubleiben und uns bis zu
Ende anzuhören - in der Hoffnung, daß sie ihre Ansicht vielleicht ändern
würden -,haben sie den Konferenzraum verlassen. Kurz nachdem wir unsere
Gespräche wieder aufgenommen haben, entschlossen sie sich, sie abzubrechen. Diese entmutigende Mißachtung der Hoffnungen der Menschheit versuchen sie damit zu rechtfertigen, daß sie den verbündeten Mächten die
Schuld an dem mangelnden Fortschritt bei unseren Verhandlungen geben.
Der sowjetische Delegierte behauptet, daß die Regierungen der verbündeten Mächte nicht wirklich für eine allgemeine und vollständige Abrüstung - ja überhaupt für eine Abrüstung - eintreten. Diese Behauptung
glaubt er selbst nicht, noch glaubt sie irgend jemand hier am Konferenztisch,und auch die Welt glaubt sie nicht. Mit falschen und dürftigen
Gründen hat Herr Sorin die für die Welt so entscheidend wichtigen Verhandlungen in Bausch und Bogen zum Stillstand gebracht. Auch für die
Bevölkerung der Sowjetunion und des kommunistischen Blocks waren sie von
entscheidender Wichtigkeit._
Welche Absicht verfolgen die Sowjets mit der Torpedierung dieser
Konferenz? Die Absicht liegt jetzt klar auf der Hand. Die Sowjets sandten
ihre Delegation wieder zurück nach Genf - genauso wie die Sowjets nach
Paris gingen -, nicht entschlossen, zu verhandeln, sondern die Verhandlungen zunichte zu machen, nicht Abkommen zu erreichen, sondern Abkommen
zu verhindern. Genauso wie Herr Chruschtschow die Gipfelkonferenz torpediert hat, so haben die Sowjets jetzt die Zehn-Mächte-Konferenz torpediert.
Es ist jetzt ganz klar, daß sie entschlossen zu sein scheinen, jedes ernsthafte Gespräch zu hintertreiben, bei dem Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden könnten.
Diese sowjetische Handlungsweise heute, diese Weigerung, die Gespräche fortzusetzen, ist ein überzeugender Beweis dafür, daß die derzeitige sowjetische Begründung Propaganda ist, reine Propaganda. Ich
habe niemals zuvor diese Anschuldigung erhoben; ich habe bis jetzt gezögert, das zu tun. Ich trat an diese Aufgabe in dem Glauben heran, daß
die Sowjets ein Abrüstungsabkommen zu erreichen wünschten. Ich hatte gehofft, wir könnten irgendein Gebiet gemeinsamer Interessen finden, auf dem
die Sowjets und wir auf der alliierten Seite ein Abkommen erreichen könnten,
Es ist jetzt hinreichend klar geworden, daß meine Auffassung falsch war.
Die Sowjets hatten von allem Anfang an gar nicht die Absicht, ein Abrüstungsabkommen zu erreichen.
Wir

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,ir haben heute von dem sowjetischen Delegierten harte und verletzende Worte gehört, die pflichtgemäß von jedem Vertreter der anderen
Sov. Jetblockstaaten wiederholt ./urden. .Vir haben Verdrehungen unseres
Standpunktes und unwahre Behauptungen über unsere Motive gehört. Ich
will Herrn Sorin nicht mit der gleichen Mißachtung für die Tatsachen
des internationalen Lebens und die Hoffnungen der Menschheit antworten,
die er heute auf Anweisung demonstriert hat.
Die Vereinigten Staaten, eine reife und mächtige Nation, sind der
Ansicht, daß die Verantwortung, die die großen Mächte der Welt tragen,
um die Kriegsgefahr durch eine kontrollierte Abrüstung zu verringern,
zu gro? ist, als daß man sich wo verhalten könnte.
Ich werde daher in demselben Geist sprechen, von dem unsere Teilnahme
an dieser Konferenz getragen war, nämlich von dem ernsthaften Wunsch, in
realistische Verhandlungen einzutreten. Aus diesem Geist heraus haben wir
am 7« Juni unsere Sitzungen wieder aufgenommen und haben die Unfreundlichkeiten der Pariser Konferenz nicht in unsere Diskussionen hineingetragen,
sondern vielmehr versucht, die revidierten sov/jetischen Vorschläge vom
2. Juni genau zu prüfen. '.Vir taten dies, weil wir entschlossen waren, jede
Möglichkeit, die vielleicht Fortschritte in der Abrüstungsfrage versprach,
zu nutzen. Aus diesem Grunde brachte die Delegation der Vereinigten Staaten
ihre Bereitschaft zum Ausdruck, die sowjetischen Vorschläge zu prüfen,
in der Hoffnung, daß sie einen echten Verhandlungswunsch der Sowjets
repräsentierten. Diese Hoffnung hat sieb als trügerisch erwiesen.
Was wir im Rahmen der uns gebotenen begrenzten Möglichkeiten herausfanden, war in erster Linie eine Änderung der Form statt der Substanz.
Der Schritt in Richtung auf die praktische! alliierten Vorschläge, den die Sowjets behaupteten getan zu haben, war entweder illusorisch oder an unmögliche Bedingungen geknüpft.
Die Sowjets schienen die Notwendigkeit, sich mit dem Problem der modernen Möglichkeiten des Einsatzes nuklearer .Yaffen zu befassen, in größerem
Maße anzuerkennen. Waa die Sowjets jedoch tatsächlich vorschlugen, war etwas,
von dem sie wußten, daß die freie Veit es nicht akzeptieren konnte - nämlich,
als einem ersten Schritt, sich dazu zu verpflichten, innerhalb eines Zeitraumes von Monaten ihre entscheidenden Mittel der kollektiven Selbstverteidigung zu zerstören. Die Sowjets wollten uns dazu veranlassen, unsere
vorhandenen Möglichkeiten der Selbstverteidigung aufzugeben und unsere
Alliierten gegenüber der kommunistischen Aggression im Stich zu lassen.
Die Sowjets setzten sich für diese radikale Maßnahme ein, statt progressive
und kontrollierte Reduzierungen der Rüstungen und der Streitkräfte zu unterstützen.
Wie stand es mit der kritischen Frage der Kontrolle? Wenn die Sowjetunion auch in ihrem Dokument vom 2. Juni den Kontrollen mehr Raum widmete
als in ihren früheren Vorschlägen, so haben unsere Gespräche hier doch gezeigt, daß die sowjetische Delegation nicht bereit war, auch nur im Prinzip
zu akzeptieren, daß die internationalen Inspektoren das Recht haben müssen,
festzustellen, ob verborgene Einrichtungen oder geheimgehaltene Streitkräfte
noch vorhanden sind. Zum Beispiel wurden die Sowjets uns nicht gestatten, die
Stärke der Truppen vor und nach Reduzierungen festzustellen. Das Konferenzprotokoll wird dies zeigen.
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Die Sowjets haben darauf bestanden, daß keinerlei spezifische Kontrollmaßnahmen erörtert werden können, bevor nicht alle Elemente eines
Abrüstungsprogramms ausgearbeitet worden sind und Übereinstimmung hierüber
erzielt worden ist. Dies dient ihnen zu dem Zweck, jede wirkliche Probe
aufs Exempel dessen zu vermeiden, was auf dem entscheidend wichtigen
Gebiet der Verifizierung gestattet sein würde. Die Sowjets bezeichnen
Kontrollen - zweiseitige Kontrollen, die uns genauso betreffen wie sie als Spionage. Die Anschuldigung der Spionage ist für sie der Deckmantel,
hinter dem sie sich verstecken. Sie nennen es Spionage, wenn wir nach
Mitteln zur Verifizierung von Abrüstungsabkommen suchen. Wir haben festgestellt, daß sich die grundlegende Einstellung, mit der die sowjetische
Regierung an die Abrüstungsfrage herantritt, seit der Unterbrechung nicht
um ein Jota geändert hat.
Die sowjetische Forderung, als ersten Schritt alle kollektiven Sicherheitsabkommen der Verbündeten zu liquidieren, zeigt, daß die sowjetische
Regierung immer noch nicht die allgemein anerkannte Konzeption akzeptiert,
daß die Abrüstung in einer Weise vor sich gehen sollte, die die Sicherheit
keines Staates und keiner Staatengruppe gefährdet.
Die Sowjets bestehen darauf, daß die Abrüstung im einzelnen an diesem
Konferenztisch ausgehandelt und von allen Staaten der Welt auf einer
irgendwann in ferner Zukunft einzuberufenden Konferenz gebilligt werden
müsse, ehe eine reale Abrüstungsmaßnahme getroffen wird. Die derzeitigen
Waffen, die wir unter Kontrolle zu bringen versuchen, würden, ehe dieser
ganze Prozeß abgewickelt werden könnte, so veraltet sein, wie es die
Tomahawks heute sind.
Mit anderen Worten - die Sowjets wollen jede nützliche Aktion auf dem
Gebiet der Abrüstung in die unbestimmte Zukunft verschieben. Dies ist eine
betrügerische Methode, und wir sind nicht gewillt, dabei mitzumachen.
Heute nun beschuldigt die sowjetische Delegation die verbündeten Nationen, daß es ihnen an ehrlichem Y/illen fehle, weil sie diese sowjetischen
Vorschläge nicht ohne weiteres annehmen wollen. V/er wird dem Glauben
schenken? Als wir zu dem sowjetischen Plan Fragen stellten, wurde uns sofort Mangel an gutem Willen, ehrlichen Absichten und fehlende Anpassungsfähigkeit vorgeworfen. Es gibt unter solchen Bedingungen keine Möglichkeit, ernsthafte Diskussionen zu führen.
In dem Augenblick, wo wir irgend etwas an dem sowjetischen Plan in
Frage stellten, wurden wir - und dies werden die von den Vereinten Nationen
geführten Protokolle erweisen - beschuldigt, an der Abrüstung nicht interessiert zu sein. Wenn dies eine Methode der ernsthaften Verhandlung
ist, dann ist es eine Methode, die der gesamten freien Welt völlig fremd
ist.
Auf der anderen Seite haben sich die Vereinigten Staaten und ihre"
Partner erfolglos darum bemüht, die Sowjetunion und ihre Verbündeten dazu
zu bewegen, die gleiche Bereitschaft zur Erörterung der westlichen Vorschläge
zu zeigen, wie wir sie hinsichtlich der kommunistischen Pläne an den Tag
gelegt haben. Wir haben immer wieder versucht, dafür zu sorgen, daß diese
Konferenz zur eigentlichen Sache kommt, daß sie sich nicht in Allgemeinplätzen über utopische Dinge ergeht, sondern sich um Abkommen über spezifische

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spezifische und kontrollierte Abrüstungsmaßnahmen bemüht. Dies würde es
uns ermöglichen, einen Anfang in Richtung auf das Ziel einer allgemeinen
und völligen Abrüstung zu machen, während wir dann unsere Verhandlungen
über spätere Phasen fortsetzen könnten, um ein Abkommen über einen schließlichen Vertrag zu erreichen, der eine internationale Friedensmacht zur
dauernden Wahrung des Friedens in der Welt schaffen und somit verhindern
würde, daß Meinungsverschiedenheiten, die es immer geben wird, den Frieden
der Welt bedrohten.
Das Programm, das die alliierten Delegationen hier vorlegten, war ein
Programm des Handelns, nicht der Worte - ein Programm der Maßnahmen, die
jetzt getroffen werden können und nicht in ferner Zukunft.
Wir haben eine Reduzierung der Mannschaftsstärken und der Rüstungen
vorgeschlagen. Wir haben uns um ein Abkommen bemüht, das den Aufbau
nuklearer Waffenvorräte beenden und das mit der Reduzierung der vorhandenen
Bestände beginnen würde.
Man gab uns niemals die Gelegenheit, unsere Ansichten über die Mengen
an nuklearem Material zu erörtern, die sofort aus den Waffenvorräten herausgezogen werden sollten, um damit den Abrüstungsprozeß wirklich zu beginnen.
Wir haben freiwillig angeboten, unsere Bestände zu verringern, aber
die Sowjets wollten nicht einmal über die Einstellung der Produktion sprechen. Wir haben uns darum bemüht, durch ein kontrolliertes Abkommen zu
verhindern, daß Massenvernichtungsmittel jemals in den Weltenraum gebracht
werden.
Wir wollten uns heute hier darum bemühen, daß keine Kernwaffen in den
Weltenraum gelangen, damit nicht der "Punkt erreicht wird, von dem es kein
Zurück mehr gibt" - ein Satz, den Herr Moch im Jahre 1951 prägte. Dies ist
ein überaus wichtiger Satz, und wir sollten ihn uns immer vor Augen halten.
Derartigen Waffen sollte Einhalt geboten werden, bevor sie starten.
Wir haben ein Abkommen angestrebt, daß das Auflassen von Raumkörpern
im voraus bekanntgegeben wird, und um sicherzustellen, daß eine vorherige
Benachrichtigung über den Abschuß von Raketen erfolgt, damit Fehlkalkulationen ausgeschaltet werden und dadurch die Gefahr eines Krieges verringert
wird.
Wir haben Abkommen über Maßnahmen angestrebt, um den Schutz vor einem
Überraschungsangriff zu erhöhen und dadurch das Vertrauen und die Sicherheit
überall in der Welt zu stärken.
Wir haben ein Abkommen über einen Austausch von Informationen über
militärische Einrichtungen und militärische Ausgaben angestrebt, um die
Verifizierung zu erleichtern.
Wir haben ein Abkommen angestrebt, um mit der Verbesserung des internationalen Apparates zur Erhaltung des Friedens zu beginnen, damit Bedingungen geschaffen werden, die die Durchführung einer umfassenden Abrüstung
erleichtern würden.
Wir

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Ziv haben die Sowjetunion ersucht, irgendeinen dieser Vorschläge
als Basis für erste Gespräch« und Verhandlungen auszuwählen.
Bei all dem sind wir auf die gleiche starre Ablehnung gestoßen,
die die Sowjetunion fast stets zeigt, wenn ihr Denken auf Propaganda
und nicht auf ernsthafte Verhandlungen gerichtet ist. Die Antwort war,
daß kein Anfang gemacht werden könne, bevor wir nicht einem vollständigen
uro detaillierten Vortrag über eine allgemeine und umfassende Abrüstung
zus i immer. - und dies trotz der Tatsache, daß sich die Völker in den
'15jährigen Verhandlungen seit dem Kriege nicht einmal über erste Maßnahmen
einigen kennten.
Trotz des Ausbleibens von Fortschritten, das für unsere bisherigen
Verhandlungen charakteristisch war, haben die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten ar diesem Konferenztisch die Hoffnung nicht aufgegeben,
da 12 v eitere Gespräche vielleicht mögliche Gebiete der Übereinstimmung
erschließen könnten, a e ich bereits zuvor gesagt habe, betrachtet mein
Land seine Verantwortung gegenüber der Menschheit als zu schwer, um es
meiner Delegation zu [es matten, ihre Bemühungen um die Erreichung eines
Abkommens einzustellen. Ter Schritt der sowjetischen Delegation heute
jedoch ist nicht der Schritt einer Delegation, deren Land ernsthaft an
Verhandlungen interessiert ist.
Trotzdem hatten .vir die Hoffnung hier an diesem Konferenztisch nicht
aufgegeben. Freitag morgen vor einer Woche ging ich hinüber zu Herrn
Sorin, der damals am Kcnfererztisch mir gegenüber saß. Ich erklärte Herrn
Sorin privat, ich rürde ajf sein Lrsuchen hin, die uns von ihm gestellten
Fragen doch bald zu beantworten, nach Washington reisen, um die hier zum
Ausdruck gebrachten Vnsichten zu erörtern - die Ansichten unserer Alliierten hier an diesem Aonferenztisch und die Ansichten unserer eigenen Delegation. Ich war ^.er Meinung;, daß der Stand dieser Verhandlungen sowie die
Größe der Probleme, denen wir uns gegeni'bersahen, meine Rückkehr nach
Washington rechtfertigten, um meiner Regierung einen Bericht aus erster
Hand über die Atmosphäre in Genf zu geben. Es war mein Ziel, meiner Regierung die Ansichten unserer Alliierten zu übermitteln und zum frühestmöglichen Zeitpunkt einen Standpunkt zu erlangen, der sowohl diese Ansichten als auch unsere eigenen widerspiegeln würde.
Gestern bin ich nach Genf zurückgekehrt. Ich traf mit unseren
Alliierten zusammen und unterbreitete ihnen das Dokument, das von meiner
Regierung in Washington vorbereitet worden war. Ich konnte eine sehr positive Reaktion auf dieses Dokument feststellen. Wir machten uns sofort
dar' n, diese Unterlagen so zu formulieren, daß wir sie noch in dieser Woche
als einen vereinbarten westlichen Standpunkt am Verhandlungstisch präsentierer konnten.
Als ich heute morgen in diese Sitzung kam, ging ich su Herrn Sorin
und erklärte ihm privat, daß meine Erörterungen in Washington sehr nützlich gewesen seien und daß ich mit eirer positiven Einstellung zurückgekehrt sei, die meiner Meinung nach sicherlich unsere Erörterungen hier
fördern würde und die ich in einigen Tagen hier in Genf unterbreiten könnte.
Die einzige Stellungnahme von Herrn Sori;: bestand darin, de ß er mir erklärte,
die Erörterungen hätten hier in den letzten Tagen keinen guten Verlauf genommen. Vor zehn Tagen, als ich Herrn Sorin über meine Reiao nach WashiriKton

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1 . Juli 1960

Washington informierte, erwiderte er mir darauf, daß er sich freuen
würde, wenn meine Reise zu einer Förderung unserer Diskussionen hier
in Genf beitragen würde.
Doch selbst mit dem Flugzeug ist dies eine lange Reise und vor
allem dam , w e m man R.-at einholen muß. Ich war in praktisch einer Woche
wieder zurück. Statt nun darüber erfreut zu sein, daß ich aus der Vereinigten Staaten mit einem bestimmten Standpunkt zurückgekehrt war ich hatte Herrn Sorin davo.i unterrichtet -, brach dieser die Konferenz
ab. Herr Vorsitzender, ich lete dieses Dokument, das ich mit mir zurückbrachte, jetzt vor, damit die Sowjets urd die 'Veit ciesen Standpunkt
kerinei.le-.nfcn mögen.Ich lege dieses Dokument als einen Plan der Vereinigten Staaten vor, weil keiner meiner westlichen Kollegen Zeit gehabt hat,
sich mit seiner Regierung zu beraten.
DarT ich hervorheben, daß es sich hier nicht um einen glänzenden
utopischer. Weg zur Abrüstung handelt. Der Plan, den wir in März dieses
Jahres vorlegten, beruhte auf soliden Grundsätzen.
Dieser Plan sollte eine gediegene Grundlage für ernsthafte Verhandlungen abgeben. Zugrunde lag das Prinzip, daß wir mit ersten Maßnahmen
voranschreiten würden, um danu die Einzelheiten späterer und schwierigerer
Stufen der allgemeinen und vollständigen Abrüstung zu erörtern. Dies ist
auch das Grundprinzip des Planes, den ich soeben vorgelegt habe.
In gewissen Kreisen hat meine Reise nach Washington betrachtliche
Spekulationen darum ausgelöst, daß ich mit einen Plan zu -üokkehren würde,
der die Veit elektrisieren würde. Dies ist jedoch nicht der Zweck des von
mir vorgelegten Dokuments. Sein Zweck ist es, in klaren und unmißverständlichen Worten den vernünftigen westlichen Weg in Richtung auf das Ziel
einer vollständigen und allgemeiner Abrüstung aufzuzeigen. Sein Zweck
ist es, als eine neue Basis zur Förderung ernsthafter Verhandlungen in
dieser entscheidend wichtigen Abrüstungsfrage zu dienen.
Das neue Dokument klärt und erweitert einige der von den westlichen
Delegationen am 16. März vorgelegten Vorschläge. Es enthält ferner neue
Gedanken, die die Ansichten unserer Verbündeten wie auch unsere eigenen
wiedergeben und die den hier -von der sowjetischen Seite zum Ausdruck gebrachten Ansichten in wichtigen Punkten Rechnung tragen.
Abschließend möchte ich betonen, daß ich überzeugt bin, daß die 'Welt
die Verhöhnung erkennen wird, die sich die Sowjetunion heute vormittag hier
geleistet hat. Ich bin ebenso überzeugt, daß die Welt anerkennen wird,
daß wir auf der alliierten Seite, die wir die Ansichten der freien V/elt
vertreten, ernsthafte Anstrengungen gemacht haben und weiterhin machen
werden, um die Hoffnungen der Menschheit auf eine sichere und freiere Welt
durch ein vernünftiges und gesichertes Abrüstungsprograram zu erfüllen.
Ich bin sicher, daß die Welt die Klugheit unserer Einstellung und das
Unrealistische der sowjetischen Haltung erkennen wird. Wenn dies der Fall
ist, dann wird unsere Konferenz nicht völlig umsonst gewesen sein.
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ABRÜSTUNGSKONFERENZ VERÖFFENTLICHTE KOMMUNIQUE

GENF - (AD) - Im Anschluß an die 47. seit Beginn der
Gespräche am 15« März abgehaltene. Sitzung der ZehnMächte-Ahrüstungskonferenz wurde in Genf ein Kommunique
veröffentlicht, das folgendem Wortlaut hat:

Die 47« Sitzung der Konferenz des Zehn-Mächte-Abrüstungsausschusses
wurde am 27. Juni 196O im Völkerbundspalast in Genf unter dem Vorsitz
des Vertreters Polens und im Anschluß daran unter dem Vorsitz des
Vertreters Großbritanniens abgehalten. Die Delegierten der Sowjetunion,
Bulgariens, der Tschechoslowakei, Rumäniens und Polens teilten die Absicht ihrer jeweiligen Regierungen mit, sich von der Arbeit der Konferenz zurückzuziehen. Der Vorsitzende (der Vertreter Polens) wurde,
nachdem er den Vertretern der westlichen Mächte, die auf seiner Liste
standen, das Recht zu reden verweigert hatte, als Vorsitzender durch
den Vertreter Großbritanniens ersetzt. Die Delegierten Bulgariens, der
Tschechoslowakei, Polens, Rumäniens und der Sowjetunion zogen sich von
der Konferenz zurück.

Auf einmütigen Beschluß wurden die Vertreter der Presse dann zur
Konferenz zugelassen. Es wurden Erklärungen von den Vertretern der USA,
Frankreichs, Kanadas, Italiens und Großbritanniens abgegeben. Von den
Delegierten der USA wurde ein Dokument mit dem Titel "Programm für eine
allgemeine und vollständige Abrüstung unter wirksamer internationaler
Kontrolle" mit dem Ersuchen unterbreitet, daß es vom Sekretariat der
Vereinten Nationen als Konferenzdokument in Umlauf gebracht wird. Die
Konferenz beschloß, daß das wörtliche Protokoll der 47« Sitzung so bald
wie möglich veröffentlicht v/erden sollte. Der Ausschuß vertagte sich
um 12.30 Uhr. Die nächste Sitzung findet am Dienstag, dem 28. Juni, um
10.30 Uhr vormittags statt.

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1 . Juli 1960

ERKLÄRUNGEN DES US-AUSSENMINISTERIUM3 ZUM
KOMMUNISTISCHEN SCHRITT IN GENF

V/AS HINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium
bezeichnete es am Montag als "bedauerlich und enttäuschend",
daß die fünf kommunistischen Länder die Genfer Abrüstungskonferenz verlassen haben. Demgegenüber würden die fünf
westlichen Nationen auch weiterhin am Konferenztisch verharren in der Hoffnung, daß die sowjetische Seite ihren
unverantwortlichen Schritt überprüfen werde.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Das Verlassen der Konferenz durch den Sowjetblock zeigt den Wunsch
dieser Länder, jede weitere Erörterung des Problems einer kontrollierten
Abrüstung im Rahmen der Zehn-Mächte-Abrüstungskonferenz zu umgehen. Dieser Schritt der kommunistischen Delegationen ist sowohl bedauerlich wie
auch enttäuschend. Er ist bedauerlich, weil er die Hoffnungen all der
Völker zerstört, die ernsthaft nach einem Fortschritt auf dem Wege zum
Frieden suchen. Er ist enttäuschend, weil er ernste Zweifel an der Aufrichtigkeit des Wunsches der Kommunisten nach einer Lösung des Abrüstungsproblems aufkommen läßt.

Wie der Sowjetblock sehr gut weiß, bereiteten die westlichen Verbündeten gerade Modifizierungen des westlichen Planes vom 1. März vor,
die innerhalb des Zehn-Mächte-Verhandlungsforums vorgelegt werden sollten.
Diese Initiative des Westens beruhte auf einem Bemühen, bestimmten Aspekte]
des Vorschlages des Sowjetblocks vom 2. Juni entgegenzukommen, und wurde
unternommen, um gemeinsame Gebiete zu finden, durch die die Verhandlungen
gefördert werden könnten.
Das Verlassen der Konferenz angesichts der Bereitschaft der westlichen Regierungen, die Verhandlungen weiterzuführen, läßt den Wunsch
des Sowjetblocks in aller Klarheit hervortreten, die Verhandlungen mit
einem völligen Fehlschlag enden zu sehen.
Die fünf verbündeten Mächte haben die Absicht, vorerst weiter am
Verhandlungstisch zu bleiben.
Wenn die kommunistische Seite bereit ist, eine Lösung de:j Abrüstungsproblems zu suchen, dann ist der Weg immer noch offen.
Wir hoffen ehrlich, daß der Sowjetblock seine unverantwortliche
Maßnahme noch einmal überdenken wird und sich den verbündeten Nationen
bei der entschlossenen und ununterbrochenen Bemühung um einen gerechten
und dauerhaften Frieden anschließt.
Dies wäre nichts anderes als eine Erfüllung der beiden Seiten auferlegten Verpflichtung gegenüber der Menschheit.
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DER NEUE AMERIKANISCHE ABRÜSTUNGSPLAN

GENF - (AD) - Der neue amerikanische Abrüstungsplan enthält bereits
in der ersten Phase einen Vorschlag für die Kontrolle der atomaren Einsatz Systeme .
Dieser am Montag, dem 27. Juni, auf der Genfer Zehn-Mächte-Abrüstungskonferenz in dem Augenblick, in dem die fünf kommunistischen Länder die Konferenz verließen, vorgelegte Plan, stellt einen ernsthaften
Versuch dar, die alliierten und die kommunistischen Ansichten über eine
Beseitigung der atomaren Bedrohung einander anzugleichen.
Der revidierte sowjetische Plan hatte für die erste Phase eine Bestimmung über die Auflösung aller atomaren Einsatzsysteme innerhalb von
12-18 Monaten enthalten, diese Bestimmung jedoch gleichzeitig mit der
Auflösung aller alliierten Stützpunkte im Ausland verknüpft. Da der sowjetische Plan auf gewissen Gebieten eine Abwandlung von ursprünglich von
Frankreich vorgebrachten Gedanken darstellt, hatte der französische Delegierte Jules Hoch nochmals dargelegt, daß sein Land eine methodische,
schrittweise Beseitigung der atomarem Einsatzsysteme vorsieht, mit der
ein Abbau der konventionellen Rüstungen gleichlaufend erfolgen soll.
Die fünf westlichen Delegationen waren noch mit der Prüfung des
von dem amerikanischen Delegierten Frederick M. Eaton am Wochenende
aus Washington mitgebrachten Planes beschäftigt, als die Kommunisten
die Konferenz verließen. Die westlichen Alliierten hatten ursprünglich
beabsichtigt, diesen Plan, unter Umständen nach kleineren Abänderungen,
als ein gemeinsames Dokument im Verlauf dieser Woche auf der Konferenz
vorzulegen.
Der neue amerikanische Plan sieht für die erste Phase acht Punkte vor:
1 . Die Errichtung einer internationalen Abrüstungskontrollorgani«sation (IDCO) im Rahmen der Vereinten Nationen.
2. Ein Verbot des Auflassens von Flugkörpern mit Massenvernichtungswaffen in den Weltenraum.
3. Maßnahmen gegen einen Überraschungsangriff, darunter die Bekanntgabe aller Starts von Flugkörpern und Raketen in den Weltenraum, die Schaffung vereinbarter Luft- und Bodeninspektionszonen unter Einbeziehung des
Gebiets der USA und der Sowjetunion sowie eine gegenseitige Beobachtung
vereinbarter militärischer Stützpunkte im In- und Ausland.
4. Eine Inspektion an Ort und Stelle in bestimmten, beiderseits vereinbarten Luftstützpiinkten, Raketenabschußbasen, Unterseeboot- und Marinestützpunkten, um damit eine Grundlage für eine Kontrolle der atomaren Einsatzsysteme in den folgenden Phasen zu schaffen.

5. Die

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"AMERIKA DIENST"

5« Die Festsetzung von Höchstgrenzen für die Truppenstärken, und
zwar für die USA und die Sowjetunion auf zunächst 2,5 Millionen Mann
und später auf 2,1 Millionen Mann, und von entsprechenden vereinbarten
Höchstgrenzen für die übrigen militärisch wichtigen Länder.
6. Die Einbringung vereinbarter Arten und Mengen von Waffen in
Vorratsdepots, die unter der Überwachung der IDCO stehen, bis die Waffen
schließlich endgültig vernichtet oder für andere Zwecke verwendet werden.
7. Die Einstellung der Produktion spaltbaren Materials für
militärische Zwecke und Überführung vereinbarter Mengen zu nichtmilitärischer Verwendung, unter der Voraussetzung, daß beim Abbau der konventionellen Rüstungen ein zufriedenstellender Fortschritt erzielt worden
ist.
8. Die Vorlage von Informationen über die militärischen Ausgaben
bei der IDCO.
Für die zweite Phase führt der Plan folgende Punkte an:
1. Eine weitere Reduzierung der amerikanischen und der sowjetischen
Truppenstärke auf 1,7 Millionen Mann und entsprechende vereinbarte Höchstgrenzen für die übrigen Länder.
2. Die Reduzierung aller Arten von Rüstungen, einschließlich
atomarer, chemischer, biologischer und konventioneller Waffen sowie ihrer
Einsatzmittel,in allen Ländern auf vereinbarte Höchstmengen und die Vernichtung der über diese Höchstraengen hinausgehenden Bestände oder ihre
Verwertung für friedliche Zwecke. Unter diesen Punkt würden vereinbarte
Arten von Raketen, Flugzeugen, Schiffen, Unterseebooten und Geschützen
für den Abschuß von Atom- und anderen Massenvernichtungswaffen fallen.
J. Die Senkung der militärischen Ausgaben auf Sätze, die der vereinbarten Reduzierung der bewaffneten Streitkräfte und Rüstungen entsprechen.
4. Die Aufstellung einer internationalen Friedenstruppe im Rahmen
der Vereinten Nationen, die ausreicht, um den Weltfrieden zu erhalten,
sobald eine allgemeine und vollständige Abrüstung erreicht ist.
Für die dritte und letzte Phase sieht der Plan vor:
1. Die endgültige Reduzierung der Truppen und militärischen Einrichtungen auf Grenzen, die für die Erhaltung der inneren Ordnung erforderlich
sind, sowie die Abstellung vereinbarter Kontingente für die internationale
Friedenstruppe.
2. Die Ausrüstung der internationalen Friedenstruppe ausschließlich
mit vereinbarten Waffenarten und -mengen, während alle anderen Waffen konventionelle wie atomare - und ihre Einsatzmittel vernichtet oder einer
friedlichen Verwendung zugeführt werden.
5. Die

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3« Die weitere Senkung der militärischen Ausgaben im Einklang
mit der vereinbarten Reduzierung der Truppenstärken und Rüstungen.
4» Die Einstellung der Waffenproduktion mit Ausnahme bestimmter
Arten und Kengen für die internationale Friedenstruppe und die vereinbarten noch verbliebenen nationalen Kontingente.
Bereits während der drei Phasen dieses Planes wie auch nach seiner
Verwirklichung würden strenge und wirksame internationale Kontrollen
eine Verletzung des Abrüstungsabkommens verhindern, wobei folgende
sieben Prinzipien maßgebend sein würden:
1. Zu keinem Zeitpunkt während des Abrüstens darf irgend ein Staat
einen militärischen Vorteil gegenüber anderen erlangen.
2. Während der drei Abrüstungsphasen würde jede der ausgewogenen,
schrittweisen und abgesicherten Maßnahmen innerhalb einer genau umrissenen
Zeitspanne unter der Überwachung der IDCO durchgeführt werden.
3. Jede Maßnahme würde in jedem der Teilnehmerstaaten gleichzeitig
- nach Schaffung der erforderlichen Verifizierungsmaßnahmen - durchgeführt
werden.
4. Der Übergang von einer Phase zur nächsten soll erst dann erfolgen,
wenn der Weltsicherheitsrat zustimmt, daß alle Maßnahmen der vorangehenden
Phase voll durchgeführt sind und eine wirksame Verifizierung gegeben ist.
5. Die Abrüstungsverträge sollen auf unbegrenzte Zeit in Kraft bleiben, wobei jeder Staat das Recht zum Rücktritt hat, falls erwiesen ist,
daß ein anderes Land die Vertragsbedingungen nicht einhält.
6. Die IDCO soll sich aus allen Teilnehmerstaaten zusammensetzen;
daneben soll eine Kontrollkommission geschaffen und ein Generaldirektor
ernannt werden, dessen Pflichten in dem Vertrag im einzelnen umrissen
werden sollen.
7. Der Vertrag soll ferner die Arbeitsweise der IDCO genau festlegen,
die die Vollmacht haben soll, noch über Verifizierungserklärungen der
einzelnen Staaten hinaus sicherzustellen, daß die beibehaltenen Truppenstärken und Rüstungen nicht in irgendeiner Phase die vereinbarten Höchstgrenzen übersteigen.

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1 . Juli

196O

DIE LETZTEN WOCHEN DER GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ
Übersicht über die jüngsten Entwicklungen bis zur Torpedierung der
Konferenz durch die Kommunisten

GENF - (AD) - Im folgenden geben wir eine
chronologische Zusammenstellung der Entwicklungen
auf der Genfer Zehn-Mächte-Abrüstungskonferenz
von der Wiederaufnahme der Gespräche am 7» Juni
i960 bis zum Verlassen des Konferenzsaales durch
die kommunistischen Delegationen am 27. Juni i960.

10,

Juni

Die Sowjetunion verkündet einen revidierten Drei-Phasen-Abrüstungsplan, der sich über eine Zeitspanne von vier Jahren erstrecken soll und der nach Ansicht alliierter Beobachter immer
noch ein "Paket" darstellt, das heißt, daß er nur verwirklicht
werden kann, wenn über alle Punkte eine Einigung erzielt worden
ist.

Juni

Die Konferenz tritt nach einer mehrwöchigen Verhandlungspause,
die für die Dauer der von den Kommunisten torpedierten Pariser
Gipfelkonferenz eingelegt worden war, erneut zusammen. Die
alliierten Delegationen hoffen, daß die von den Sowjets in
Paris gezeigte harte Haltung die Arbeit der Konferenz nicht
behindern wird. So erklärt der amerikanische Delegierte
Frederick M. Eaton: "Wir hatten gehofft, daß wir bei unserem
'Wiederzusammentreten einige nützliche Richtlinien und einen
Ansporn für unsere Arbeit erhalten würden. Dies ist nicht
geschehen. Das Entscheidende ist jetzt jedoch, uns auf unsere
künftige Arbeit zu konzentrieren." Der italienische Delegierte
Gaetano Martine- betont, das Fehlschlagen der Gipfelkonferenz
mache die Aufgabe der Konferenz "noch schwieriger, aber auch
noch dringlicher". Die Sowjetunion legt offiziell ihren revidierten Abrüstungsplan vor.

Juni

Die alliierten Delegationen beginnen damit, Fragen vorzubereiten,
um eine Klärung des sowjetischen Planes zu erreichen.

Juni

Die kommunistischen Delegierten schlagen in ihren Ausführungen
erstmalig einen, nach den Worten der amerikanischen Delegierten
Eaton, "scharfen" Ton an. Eaton stellt die Frage, ob der Sowjetblock gewillt ist, ernsthaft über den revidierten sowjetischen
Entwurf zu verhandeln.

Juni

Eaton erklärt, einige der Änderungen in der sowjetischen Haltung schienen eine positive Annäherung in Richtung auf die
Standpunkte der alliierten Delegationen zu bedeuten. Der

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Der revidierte sowjetische Entwurf werfe jedoch noch einige
Probleme auf, die durch ernsthafte Verhandlungen geklärt
werden müßten. Eaton fordert, daß mit der Erörterung von
Maßnahmen des alliierten oder des sowjetischen Planes begonnen werden soll, die sofort verwirklicht werden können, ohne
daß hierdurch die lebenswichtigen Interessen einer der beiden
Parteien betroffen werden.
13.

Juni

Der französische Delegierte Jules Moch und der britische Delegierte Ormsby-Gore stellen zahlreiche Fragen zu dem sowjetischen Plan.

14«

Juni

Die Bemühungen der Alliierten werden fortgesetzt, um eine
Klärung des revidierten sowjetischen Planes zu erreichen.
Die Sowjets fordern, daß die Alliierten zu ihren bisherigen
mageren Erläuterungen Stellung nehmen sollen. Moch unterstreicht erneut, daß die Verwirklichung echter Abrüstungsmaßnahmen nur erfolgen kann, wenn die Gewißheit besteht,
daß gleichzeitig ein entsprechendes Kontrollsystem geschaffen
wird, das auch wirklich funktioniert. Der sowjetische Delegierte Sorin gibt eine Erklärung ab, von der Eaton sagt,
daß sie "hitziger" als seine früheren Reden war. Sorin, so
betont Eaton, habe den Eindruck hinterlassen, daß die Sowjetunion keinen Grund sieht, die Abrüstungskontrollen zu erörtern,
bevor nicht die USA ihre Stützpunkte in anderen Ländern aufgeben.

15«

Juni

Eaton erklärt, das der sowjetische Vorschlag für eine sofortige
Auflösung der ausländischen Stützpunkte bereits in der ersten
Phase das Prinzip verletze, keiner Seite zu irgendeinem Zeitpunkt während der Durchführung der Abrüstungsmaßnahmen einen
militärischen Vorteil einzuräumen. Wenn zürn Beispiel die
amerikanischen NATO-Streitkräfte in Europa abgezogen würden,
dann würden sie mehrere tausend Kilometer über den Atlantik
zurückgezogen werden, während die sowjetischen Truppen bei
einem Abzug aus Mitteleuropa lediglich einige hundert Kilometer
auf das Gebiet der Sowjetunion zurückgenommen würden.

1b.

Juni

Der polnische Delegierte Marjan Naszkowski wiederholt die Angriffe gegen die alliierten Stützpunkte in anderen Ländern.
Ormsby-Gore erklärt, daß diese Stützpunkte in Europa eine
echte Abschreckung vor einer Aggression bildeten und daß
der Sowjetblock dies wisse.

17«

Juni

Der amerikanische, der britische und der italienische Delegationsführer kehren zu Konsultationen mit ihren Regierungen in
die Hauptstädte ihrer Länder zurück. Sorin versucht, einen
Keil zwischen die USA und Frankreich zu treiben, und behauptet,
zwischen beiden bestehe offensichtlich eine Meinungsverschiedenheit in der Frage der Kontrolle atomarer Einsatzsysteme. Moch
wiederholt seine frühere Erklärung, daß nichts die Solidarität
des Westens erschüttern könne. Wenn hinter dem revidierten
sowjetischen Plan das Motiv stehe, die westliche Allianz zu
sprengen, so betont Moch, dann befänden sich die Sowjets in
einem schweren Irrtum.
20. Juni

�"AMERIKA DIENST"

1 . Juli 1960

20.

Juni

Moch drängt erneut auf Beantwortung seiner Fragen zu einzelnen Punkten des sowjetischen Planes.

21.

Juni

Die Konferenz beschäftigte sich weiter mit den Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Kontrollverfahren. Der
französische Delegierte Michel Le Gendre stellt erneut die
Frage, ob die Kommunisten wirklich wirksame Kontrollen
wünschen, durch die geheime Rüstungen festgestellt werden
können. Der rumänische Delegierte Edouard Mezincescu bezweifelt, ob die Kommunisten den Vereinigten Staaten trauen
können.

22.

Juni

Eine Presseverlautbarung der Sowjetblock-Delegationen beschuldigt die alliierten Delegationen, einer wirklichen
Erörterung auszuweichen.

23.

Juni

Der amerikanische Delegierte Charles C. Stelle betont, daß
die kommunistischen Delegationen bei einem echten Wunsch
nach Fortschritt aus der sorgfältigen Prüfung, der die
Verhandlungsvorschläge von den Vereinigten Staaten und
anderen westlichen Ländern unterzogen werden, Mut schöpfen
und nicht ungeduldig werden sollten.

24.

Juni

Der tschechoslowakische Delegierte Juri Nosek wirft den
Alliierten Heuchelei und Doppelzüngigkeit vor. Ormsby-Gore
und Moch erwidern, daß solche Worte nicht dazu beitragen,
die Probleme zu lösen, mit denen sich die Konferenz zu
beschäftigen hat. Stelle erklärt, die unbegründeten kommunistischen Anschuldigungen behinderten nur die Arbeit der
Konferenz.

25.

Juni

Eaton kehrt nach Besprechungen über die neuen alliierten Vorschläge in Washington, London und Paris nach Genf zurück.

26.

Juni

Die alliierten Delegierten treten zu einer Prüfung der
neuen Vorschläge zusammen, um sich auf ihre Vorlage am
nächsten Tage durch Eaton vorzubereiten.

27.

Juni

Sorin, der sich als erster Sprecher das Wort erteilen läßt,
gibt bekannt, daß seine Regierung in einer Fortführung der
Gespräche keinen Sinn mehr sieht und die Absicht hat, das
Abrüstungsproblem auf der nächsten Sitzung der UN-Vollversammlung vorzubringen. Er und die übrigen kommunistischen Delegierten verlassen die Konferenz. Eaton erklärt, es sei jetzt offensichtlich, daß die Kommunisten nicht nach Genf gekommen sind
in der ernsten Absicht, zu verhandeln, sondern lediglich, um die
Abrüstungskonferenz genauso wie die Pariser Gipfelkonferenz zu
torpedieren. Moch betont, daß der sowjetische Plan praktisch
eine Art Ultimatum gewesen sei, das der Westen nicht akzeptieren könne. Ziel der Sowjets sei nicht die Abrüstung,
sondern die Auflösung der alliierten Stützpunkte gewesen, um
so einen militärischen Vorteil für die Sowjetunion zu erlangen.
* * * * *

-

14 -

�Kann sich angesichts dieses schrecklichen Bildes überhaupt ein
Mensch, der guten Willens ist, den Bemühungen, eine solche Katastrophe
zu verhindern, verschließen?
Es liegt also ganz eindeutig auf der Hand, daß die Aussicht auf
einen Atomkrieg eine Gefahr für die gesamte Menschheit bedeutet und
die Abrüstung daher im Interesse der gesamten Menschheit ist. Seit
Ende des zweiten Weltkrieges haben sich die Staatsmänner zahlreicher
Länder ständig mit größter Dringlichkeit für eine Abrüstung eingesetzt. Wenn auch die Fortschritte nur sehr langsam erfolgten, so ist
doch zumindest ein entscheidend wichtiges Ziel erreicht worden: es
ist geklärt worden, welche praktisch durchführbaren Kontrollen für
eine realistische Abrüstung notwendig sind. Damit konnte eine große
Kluft überbrückt werden, nämlich die durch das mangelnde Vertrauen
zwischen den Völkern entstandene Kluft, die für zahlreiche Völker
eine Abrüstung unerreichbar erscheinen ließ. Man war der Ansicht,
daß jeder wirkliche Fortschritt in Richtung auf eine 7/elt ohne Rüstungen so lange zurückgestellt werden müsse, bis die politischen
Lösungen erfolgt und die Spannungen gemindert sind. Nunmehr gewinnt
jedoch in immer stärkerem Maße die Erkenntnis Raum, daß wirksame
Kontrollen das Vertrauen ersetzen kennen, und zwar in Form von Abkommen,

1

�"AMERI KADI SIS T "

29. Juli i960

Abkommen, die in sich bereits die Gewähr dafür bieten, daß sie auch
eingehalten werden. Damit ist es möglich geworden, mit den Abrüstungsgesprächon und mit den politischen Verhandlungen fortzufahren, wobei
beide ineinandergreifen müssen.
Die Klugheit der Staatsmänner der freien Welt und die von ihnen
in all den Jahren auf dem Gebiet der Abrüstung gewonnenen Erfahrungen
haben ihren Niederschlag in dem Fünf-Mächte-Vorschlag gefunden, den
die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Italien
am 15. März beim Zusammentreten der Genfer Konferenz vorgelegt hatten.
Der neue sowjetische Vorschlag ließ dann am 2. Juni eine gewisse Hoffnung aufkommen, da er nämlich verschiedene Gedankengänge der Alliierten
aufzugreifen schien - vor allem französische Anregungen - und die Aufmerksamkeit auf die Einsatzmittel für nukleare Waffen lenkte wie Raketen,
Flugzeuge, Flugplätze, Unterseeboote. Rur wenige Wochen später wurde
ein neuer amerikanischer Plan unterbreitet, der auf den sowjetischen
Standpunkt in verschiedenen wichtigen Punkten einging. Dieses amerikanische Dokument basierte weitgehend auf dem alliierten Fünf-MächtePlan, kam jedoch den Sowjets in mehreren Punkten entgegen, indem es
nämlich im Prinzip die von den Sowjets aufgegriffene Frage der "Einsatzmittel" übernahm, die Konzeption einer "allgemeinen und völligen Abrüstung" schärfer umriß und die Bereitschaft bekundete, alle Abrüstungsvorschläge zu prüfen.
So hatte also jede Seite gewisse Veränderungen an ihren ursprünglichen
Plänen vorgenommen, und damit sah die Lage recht hoffnungsvoll aus. Es
schien, als würden die beiden Seiten schließlich doch miteinander übereinkommen .
Plötzlich aber - ehe noch der amerikanische Vorschlag vor der ganzen
Welt offen erörtert werden konnte - verließen die Delegierten des Sowjetblocks den Genfer Konferenzsaal. Die Diskussion des neuen Vorschlags wurde
durch diesen Schritt vereitelt, die leeren Sitze der Ostblock-Delegierten
brachten alle Verhandlungen zun Stillstand, und dem Vorsitzenden blieb
nichts weiter übrig, als die Konferenz zu beenden.
Die Stühle der'Delegierten stehen im Augenblick immer noch leer,
aber die Idee, durch eine gesicherte Abrüstung einen dritten Krieg zu
verhindern, wird von vielen Völkern und Regierungen energisch weiterverfolgt. Durch den drohenden Schatten der Atombombe erhält diese Aufgabe eine unumgängliche Dringlichkeit.
Ein Plan zur Verhinderung des Krieges
Der neue Vorschlag - wie er von den Vereinigten Staaten ausgearbeitet wurde - befaßt sich nicht nur mit der Reduzierung der Rüstung als
solcher, sondern bietet ein spezifisches Programm zur Verhinderung des
Krieges. Er zielt vor allem darauf ab, einem Angreifer die Vorbereitung
eines Krieges immer mehr zu erschweren. Er bietet ferner Sicherheiten
gegen oberraschungsangriffe, durch die sofortige "Blockierung^ maßnahmen"

-

2

�"AMERIKA DIENST"

29. Juli 196O

zu erzwingen. Dem Kellog-Briand-Pakt folgten unmittelbar die Londoner
Flottenkonferenzen, die Weltabrüstungskonferenz in Genf und im Jahre
1957 die englisch-deutsch-sowjetischen Flottenabkommen, durch die die
Größen der Schlachtschiffe und Flugzeugträger begrenzt wurden. Immer
noch gab es jedoch keinerlei Garantien - böswillige Regierungen konnten
hinter dem Schleier ihrer Staatsgrenzen im geheimen aufrüsten. Man sprach
jedoch vom "Frieden in unserem Zeitalter".
Innerhalb von zwei Jahren schlug dann Hitler zu, und im Dröhnen der
Kriegstrommeln zerbrach erneut ein unechter Friede.
Die Welt hatte eine kostspielige Lehre erhalten. Es zeigte sich, daß
unsichere und unzureichend gestützte Abrüstungsabkommen viel gefährlicher
sein konnten als gar keine derartige Vereinbarungen, denn die Gefahr
des Krieges nimmt zu, wenn ein Angreifer die Überzeugung gewinnt, daß
er über einen militärischen Vorteil verfügt. Diese Gefahr wird noch
stärker, wenn der Aggressor überzeugt ist - und sei es auch zu Unrecht -,
daß ihm ein entscheidender Sieg gelingen könnte. Und die Gefahr wächst
ungeheuer, wenn er eine Gelegenheit zu sehen glaubt, sein Opfer mit einem
vernichtenden Überraschungsangriff schlagen zu können.
Das Ausschalten von Überraschungsangriffen
Aber als Präsident Eisenhower im Juli 1955 vorschlug, das gesamte
Gebiet der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion einer gegenseitigen
Luftinspektion zu unterwerfen, lebte erneut die Hoffnung auf, daß die
Gefahr eines Überraschungsangriffs gebannt werden könnte. Nahezu in der
gesamten Welt herrschte Übereinstimmung darüber, daß dieser Vorschlag
des "offenen Himmels" die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs wesentlich verringern würde, da die Vorbereitungen für einen solchen Angriff
so rechtzeitig entdeckt werden könnten, daß genügend Zeit für Verteidigungsmaßnahmen bleiben würde. Und, was noch wichtiger ist, ein Aggressor würde
ohne den Vorteil des Überraschungsmoments viel weniger der Versuchung
erliegen, einen Angriffsschlag zu führen.
Die Vereinigung der Pläne für eine Luftüberwachung mit einem umfassenden Plan für eine Bodeninspektion in der ersten Phase des amerikanischen
Vorschlags unterstreicht erneut die Bereitschaft der Vereinigten Staaten,
ein völlig offenes Inspektionssystem aufzubauen, um dadurch sicherzustellen,
daß die eingegangenen Verpflichtungen auch wirklich eingehalten werden.
An einen festen Standort gebundene wie auch bewegliche Inspektionsgruppen könnten eine Vielzahl von wichtigen Funktionen übernehmen. Durch
Ergänzen dar Luftaufnahmen würden sie z.B. in der Lage sein, Diskrepanzen
zwischen diesen Aufnahmen und den Angaben auf den ausgetauschten militärischen Listen aufzudecken. Durch ihre Beobachtungen könnten nicht gemeldete Truppenbewegungen oder Versorgungslieferungen, eine ungewöhnlich
intensive Ausbildung oder die allmähliche Konzentration von militärischen
Verbänden an wichtigen Punkten festgestellt werden.
Die

�"AMERIKA DIENST"

29. Juli 196O

Die Kernwaffen
Im Jahre 194&amp; erboten sich die Vereinigten Staaten - damals die
einzige Atommacht -, auf ihr Atomwaffen-Monopol zu verzichten. Amerika
war bereit, die Produktion von Atombomben einzustellen, seine Atomwaffenvorräte zu vernichten und ein weitreichendes Programm für die internationale Verwaltung und den internationalen Besitz von spaltbarem Material und
von Anlagen zur Herstellung dieses Materials aufzustellen. Dieser als
"Baruch-Plan" bekanntgewordene Vorschlag hätte unter einem zuverlässigen
internationalen Kontrollsystem durchgeführt werden können. Die Kontrollbehörde sollte die Aufsicht über alle Arbeiten auf dem Gebiet der Atomenergie haben, die möglicherweise gefährlich werden konnten, und sie
verbieten können. Die Sowjetunion lehnte dieses Angebot ab; sie verlangte
für sich ein Vetorecht innerhalb eines solchen Kontrollsystems. Heute
besitzen mehrere Staaten Waffen mit einer Explosivkraft von wenigen Kilotonnen bis zu vielen Megatonnen. (Eine Megatonne entspricht der Sprengkraft von einer Million Tonnen Trinitrotoluol.)
Der neue amerikanische Plan stimmt voll und ganz mit den von vielen
Staaten gestellten Forderungen überein, daß die gesamte Produktion von
Atommaterial ausschließlich friedlichen Zwecken dienen sollte. Der neue
Vorschlag sieht in der ersten Phase einen vollständigen Produktionsstopp
für alle Kernwaffen vor. In der zweiten Phase würde man dann damit beginnen, die Atomwaffenarsenale friedlichen Zwecken nutzbar zu machen - ein
entscheidend wichtiger Schritt, um die Drohung eines Atomkrieges zu vermindern.
Der Weltenraum
Gleich der Atomenergie hat die Eroberung des Weltenraumes die Menschen
schon seit langem fasziniert. Die ersten von Menschen gebauten Erdsatelliten
haben den Erdball bereits viele Male umkreist. So gut hat die wissenschaftliche Forschung gearbeitet, und so schnell waren die Fortschritte, daß
die Welt heute eine Aktivität entwickelt, die weit über die den Erdball
umgebende atmosphärische Hülle hinausgreift. Und genauso wie die Atomenergie kann auch der Weltenraum entweder als ein Werkzeug des Krieges
oder als Mittler des Friedens dienen.
Die Raumfahrttechnik und die Raumflugkörper könnten zur Entwicklung
von Waffensystemen von tödlicher Vernichtungskraft benutzt werden.
Zum Beispiel könnte es eines Tages möglich sein, Interkontinentalraketen
mit Wasserstoffbomben in eine Kreisbahn um die Erde zu bringen, die über
genügend Brennstoff verfügen und eine so feine Steuerungseinrichtung
haben, daß sie jedes beliebige Ziel auf der Erde erreichen könnten.
Eine andere Möglichkeit wäre, bemannte Raumflugkörper aufzulassen, deren
Besatzung dann thermonukleare Sprengköpfe nach jedem Punkt der Erde abschießen könnte.
Wenn also die militärische Bedrohung durch Weltraumwaffen gebannt
werden soll, bevor es hierfür zu spät ist, dann muß die Weltraumforschung
ausschließlich auf friedliche Zwecke ausgerichtet werden, und die Bemühungen aller Länder auf dem Gebiet der Weltraumforschung müssen beschleunigt in den Rahmen eines zuverlässigen internationalen Rüstungskontrollsystems gebracht werden.
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�"AMERIKA DIENST

29. Juli 1960

Der Vorschlag der Vereinigten Staaten enthält sofort durchführbare Schritte, um das Auflassen oder die Stationierung im
Weltraum von solchen Raumflugkörpern zu verbieten, die Massenvernichtungswaffen mit sich führen könnten« Ferner würden zur Erhöhung des Schutzes vor Überraschungsangriffen die Starts von Raum4
flugkörpern und Raketen der internationalen Abrüstungskontrollorganisation g emeldet werden, und ihre vorgesehene Umlaufbahn
würde schon lange Zeit vor dem eigentlichen Start registriert v/erden.
Herkömmliche Rüstungen
Die besonders ins Auge fallenden Erfolge auf dem Gebiet der
Weltraumforschung und die schnelle Entwicklung immer furchtbarerer
Atomwaffen haben in den letzten Jahren das unheilvolle Anwachsen
der herkömmlichen Rüstungen und Heere etwas in den Schatten treten
lassen. Aber alle großen Mächte der Erde unterhalten heute in
Friedenszeiten größere Heere als je zuvor in der Geschichte. Diese
großen stehenden Heere mit ihren riesigen Waffenarsenalen rufen
nicht nur Angst und Argwohn hervor, sondern sie stellen auch für
alle Länder eine schwere Belastung dar. Das amerikanische Volk ist
gleich den übrigen Völkern der Ansicht, daß den ständigen Forderungen der Rüstungsproduktion Einhalt geboten werden muß.
Mit diesem Ziel vor Augen wurde ein Programm für den schrittweisen Abbau der Rüstungen und der Truppenstärken als integraler
Bestandteil in den amerikanischen Vorschlag einbezogen.
Die erste Phase des Programms sieht vor, daß die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion die Stärke ihrer bewaffneten Streitkräfte auf jeweils 2,5 Millionen Mann reduzieren und daß die
Truppenstärken nach einer Verifizierung weiter auf jeweils 2,1
Millionen Mann gesenkt werden. Entsprechend der Reduzierung der
Truppenstärken würden Kanonen, Panzer, Flugzeuge und andere Waffen
in Depots eingelagert werden, die unter der Aufsicht der internationalen Abrüstungskontrollorganisation stehen.
Die Reduzierungen in der zweiten Phase würden die Streitkräfte
beider Länder weiterhin bis auf je 1,7 Millionen Mann herabsetzen
und eine proportionale internationale Beseitigung weiterer Rüstungen
vorsehen. Hierbei würde der Beseitigung sämtlicher Raketen, Flugzeuge, Kriegsschiffe, Unterseeboote und Artillerie, rait deren Kilfe
Massenvernichtungswaffen wie Atombomben eingesetzt werden können,
besondere Aufmerksamkeit zuteil werden.
Der Vorschlag sieht schließlich vor, daß in der dritten und
abschließenden Phase die Armeen der einzelnen Staaten auf die Stärke
einer Polizeitruppe reduziert werden. So würde also als einziges
stehendes Heer in der Welt eine internationale Friedenstruppe
übrigbleiben, die die Ordnung in der Welt aufrechterhalten soll.
Sorgfältige Inspektionsverfahren würden die Sicherheit geben, daß
die Reduzierungen auch wirklich durchgeführt werden, während
gleichzeitig durch strikte Kontrollen für die Aufrechterhaltung
eines ordnungsgemäßen Gleichgewichts Sorge getragen würde, um
keiner Nation die Möglichkeit zu geben, während des Abrüstungsprozesses einen unfairen Vorteil vor einer anderen zu erlangen.
Friede

�"AMERIKA DIENST1

29. Juli i960

Friede ohne Furcht
Wie aus dem bisher gesagten hervorgeht, spiegelt sich in
den Zielen des neuen amerikanischen Vorschlags eine realistische
Bewertung der vielen Probleme wider, die sich bei der Bemühung,
einen Krieg durch eine gesicherte Abrüstung zu verhindern, ergeben. Der Vorschlag berücksichtigt vor allem auch die kleineren
Staaten in der Welt, deren eigentliche Hoffnung auf ein friedliches Leben nicht in ihrer eigenen Waffenstärke, sondern in
einer geordneten Welt liegt - einer Welt, die frei von der Furcht
vor einem plötzlichen und überwältigenden Angriff ist. Internationale Kontrollen und gründliche Inspektionen sind für diese
Staaten die einzige wirkliche Garantie.
Die USA sind der Ansicht, daß Staaten, die nichts vor einer
unbehinderten Inspektion zu verbergen und von einer kontrollierten
Abrüstung auszuschließen haben, genausowenig durch sie etwas verlieren
würden. Die Vereinigten Staaten sind außerdem bereit, jederzeit Verhandlungen über ihre Vorschläge im einzelnen oder als Ganzes aufzunehmen.
Weder die Vereinigten Staaten noch die anderen Nationen der freien
Welt können jedoch die Lehre, die Korea und Ungarn gaben, unberücksichtigt lassen. Solange die Bedrohung anhält, die sich in diesen Namen symbolisiert, und solange andere sich weigern, Abrüstungsverhandlungen zu
führen, gibt es keine andere Wahl, als darauf vorbereitet zu sein, einer
Aggression zu begegnen und sie zurückzuweisen. Schwäche kann den Frieden
nicht garantieren - sie kann sich statt dessen als indirekte Ursache des
Krieges erweisen.
Trotz dieses warnenden Hinweises ist die amerikanische Regierung
der festen Ansicht, daß die gesicherten Phasen ihres neuen Vorschlags
die Welt von der drohenden Gefahr eines Atomkrieges befreien und den
Weg zu §inem Frieden ohne Furcht öffnen können.
Die gesamte Welt betet für ein durchführbares Abrüstungsabkommen.
Daß die Vereinigten Staaten, was sie selbst anbetrifft, sich auch weiterhin für diese Aufgabe einsetzen werden, ist von Präsident Eisenhower
eindeutig dargelegt worden. Wörtlich hat Präsident Eisenhower erklärt:
"Die Schaffung eines Friedens in Gerechtigkeit ist ein kühnes und
hohes Ziel. Es zu verkünden, ist leicht, es zu verwirklichen, wird schwer
sein. Und um es zu erreichen, müssen wir uns seiner vollen Bedeutung bewußt sowie bereit sein, den vollen Preis hierfür zu zahlen. So herrlich
die Segnungen eines solchen Friedens sein werden, so hoch wird auch sein
Preis sein - in mühevoller und geduldiger Arbeit, in redlich gewährter
Hilfe und in bereitwillig getragenen Opfern.
Wir hoffen und glauben zutiefst, daß wir mithelfen können, diese
gespaltene Welt zu heilen. Dann werden die Völker vielleicht nicht mehr
vor der Drohung der Gewalt zittern. Dann wird die Last der Furcht und die
Last der Rüstungen von den Schultern der Menschheit genommen werden können."
Die leeren Stühle in Genf warten.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./2.9.1960
DAS GEDULDSSPIEL IN GENF
Seit 22 Monaten Verhandlungen über Einstellung von Atomversuchen
Nachstehend übermitteln wir Ihnen eine
chronologische Übersicht über die Vorschläge
und die Bemühungen der Vereinigten Staaten,
in der Frage der Beendigung der Kernwaffenversuche eine Einigung zu erzielen.

22. August 1956
Präsident Eieenhower schlägt die Aufnahme von Verhandlungen zwisehen den Vereinigten Sta aten, dem Vereinigten Königreich und der
Sowjetunion zum Zwecke ei nes Abkommens über da« Verbot von Kernwaffenversuchen unter internati onaler Kontrolle vor und erklärt, daß die
Vereinigten Staaten mit B eginn der Verhandlungen; ihre Kernwaffenversuche für ein Jahr aussetzen würden, falls die Sowjetunion bereit sei,
dasselbe zu tun. Der Vors chlag des Präsidenten kam einen Tag nach
dem erfolgreichen Abschlu ß der Genfer Expertentagung - die ebenfalls
auf Initiative der USA zu stände gekommen war. Di3 Experten waren zu
dem Schluß gekommen, daß eine kontrollierte Einstellung der Kernwaffenversuche technisch und praktisch durchführbar sei.
30. Ausist 1958
Den Vorschlägen der Vereinigten Staaten, im Rahmen einer
amerikanisch-britisch-sowjetischen DreimächteVonferenz über eine
international kontrollierte Einstellung von Kernwaffenversuchen zu
beraten, stimmt der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow in
Noten an die USA und das Vereinigte Königreich zu.
51. Oktober 1958
Die Gespräche in Genf zeigen von Anfang an eine deutliche Scheidung
der westlichen'und sowjetischen Auffassungen. Der sowjetische Delegierte
drängt auf eine sofortige und universale Einstellung der Kernwaffentests
"für alle Zeit", während die Vereinigten Staaten die Notwendigkeit der
Schaffung von Rüstungskontrollmaßnahmen unterstreichen, gleichzeitig

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1 -

�"AMERIKA DIENST

2. September i960

gleichzeitig aber die Einstellung der amerikanischen Versuche und ihre
Absicht bekanntgeben, diese Einstellung von Jahr zu Jahr zu verlängern.
5.-11 . November 1958
Die Genfer Verhandlungen haben sich festgefahren. Der Sowjetdelegierte erklärt sich allerdings bereit, über die Versuchskontrolle und
ein Ortungssystem "diskutieren zu wollen", vorausgesetzt, daß der WeBten die sowjetischen Vorschläge für ein Testverbot versuchsweise
billige.
16. November 1958
Die USA und Großbritannien lassen ihre Forderung auf ein einziges
Vertragswerk fallen, das auch Bestimmungen über eine Einstellung der
Kernwaffenversuche und die Schaffung eines wirksamen Kontrollsystems
enthalten würde. Die Verhandlungen beginnen nunmehr auf der Grundlage
von zwei Vertragsentwürfen, einem russischen und einem amerikanischen,
wobei in dem letzteren die Notwendigkeit für die stufenweise Einrichtung eines Kontrollsystems erneut betont wird.
13. Januar 1959
Außenminister Dulles weist in einem Bericht darauf hin, daß sich
das von den Experten 1958 in Genf vorgeschlagene Ortungssystem zur Aufdeckung kleinerer Atomexplosionen, die unter Verletzung des Abkommens
durchgeführt werden, als unzulänglich erweisen könnte. Sein Bericht
stützt sich auf unterirdische Kernexplosionen, die die amerikanische
Atomenergiekommission 1958 noch vor dem amerikanischen Versuchsstopp
in der Wüste von Nevada vorgenommen hatte.
19. Januar 1959
Den Forderungen der Sowjetunion in einem Hauptpunkt nachgebend,
verzichten die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich auf
ihre frühere Forderung, die Dauer eines Abkommens zur Einstellung der
Kernwaffenversuche von den auf anderen Gebieten der allgemeinen Abrüstung erzielten Fortschritten abhängig zu machen.
20. Januar 1959
Die drei Atommächte beginnen mit der Besprechung detaillierter
Pläne für ein internationales Inspektions- und Kontrollsystem zur
Aufdeckung von Vertragsverletzungen.

�2. September 196O

"AMERIKA DIENST
22. Januar 1959

Die Vereinigten Staaten weisen die sowjetische Beschuldigung
zurück, daß der Westen "nach einem Grund sucht, die Gespräche über
einen Versuchsstopp zu torpedieren", und fordern die UdSSR auf, sich
klar dazu zu äußern, ob sie einem System zustimmen wolle, das
1. eine Inspektion ohne Veto,
2. international zusammengesetzte Beobachterteams und
3. deren freien Zugang zu mutmaßlichen Versuchsgebieten zu beiden
Seiten des Eisernen Vorhangs garantiere.
26. Januar 1959
Der Sowjetdelegierte erklärt, die Sowjetunion würde sich mit der
Stationierung von 4 oder 5 ausländischen "Inspektoren" auf sowjetischem
Boden als Teil eines Versuchs-Kontrollsystems einverstanden erklären.
Der Westen lehnt ab und verlangt die Stationierung von Kontrollposten
in den vertragschließenden Ländern, wobei die Beobachter zu 50 Prozent
Angehörige des Partnerstaates sein sollen - d.h., westliche Kontrollstationen würden zu 50 Prozent mit russischen, sowjetrussische Kontrollstationen dagegen zu 50 Prozent mit westlichen Beobachtern besetzt
sein.
24. Februar 1959
Der amerikanische Delegierte Wadsworth kommentiert die in eine
Sackgasse geratenen Verhandlungen und nennt als Ursache dafür das Beharren der Sowjets auf ihrer Forderung, daß die Kontrollposten mit
einheimischen Beobachtern, denen 4 oder 5 ausländische "Kontrolleure"
beigegeben würden, zu besetzen seien. Der russische Delegierte Zarapkin
erklärte dazu am 13. Februar, daß die Sowjets kein Vertrauen zu nichtsowjetischen Kontrollstäben haben würden.
15. April 1959
Unterstützt von dem Vereinigten Königreich, erklären sich die Vereinigten Staaten bereit, einem Abkommen über ein Verbot aller in der
unteren Atmosphäre und unter Wasser ausgelösten Atomversuchsexplosionen
zustimmen zu wollen - einem Verbot, das die Versuche mit dem stärksten
radioaktiven Niederschlag beenden würde und ohne die Anwendung von Kontrollmaßnahmen, die für die UdSSR unannehmbar seien, durchgeführt werden
könnte. Der Russe Zarapkin rügt den Plan, verspricht aber, ihn zu prüfen.

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�2. September 196O

"AMERIKA DIENST'

20. April 1959
Das Weiße Haus veröffentlicht ein persönliches Schreiben Präsident Eiaenhowers an Premierminister Chruschtschow (13« April), worin
er ihm die Einwilligung zu einem begrenzten Abkommen über die Einstellung von Kernwaffenversuchen auf der Erdoberfläche und in der Atmosphäre
bis zu einer Höhe von 50 Kilometern (j1 Meilen) nahelegt. Chruschtschow
lehnt den Vorschlag ab und bietet dafür Verhandlungen über ein Verbotsabkommen auf Grund von festzusetzenden jährlichen Inspektionen auf
amerikanischem, britischem und sowjetischem Territorium an.
6.-9. Mai 1959
Präsident Eisenhower und Premierminister Macmillan verlangen
in persönlichen Briefen an Chruschtschow zusätzliche Informationen
zum Vorschlag der festgesetzten Quoten. Eisenhower dringt auf eine
Vereinbarung über die Beendigung von Atomversuchen in der Luft, solange
keine umfassendere Vereinbarung existiert.
12. Mai 1959
Die Verhandlungen werden wegen des Ost-West-Außenministertreffens
bis zum 8. Juni vertagt. Der am 6. Mai angenommene 15« Artikel des Vertragsentwurfs garantiert den Mitgliedern der für die Überwachung des
geplanten Testverbot-Abkommens bestellten Kontrollorgane diplomatische
Immunität.
15. Mai 1959
In seiner Antwort an Eisenhower und Macmillan fordert Chruschtschow
eine technische Diskussion "von kurzer Dauer" über Maßnahmen zur Peststellung von Kernexplosionen in großen Höhen.
22. Mai 1959
Der Plan einer technischen Diskussion wird aufgegeben, nachdem es
klar ist, daß die Sowjetunion nur über allgemeine Richtlinien zur Feststellung von Kernexplosionen, aber nicht über das zur Durchführung notwendige wissenschaftliche Instrumentarium diskutieren will.
8. Juni 1959
Die Vereinigten Staaten und Großbritannien erneuern ihre Einladung an die Sowjetunion, an Expertengesprächen über das Problem der
Feststellung von Kernexplosionen in großen Höhen teilzunehmen. Man
nimmt an, daß die Sowjetunion jetzt zum Eintritt in begrenzte Diskussionen

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�2. September 1 96O

"AMERIKA DIENST'

Diskussionen bereit ist. Die Sowjetunion lehnt es auch ab, zum gegenwärtigen Zeitpunkt die amerikanischen Ergebnisse der im Anschluß
an die technischen Untersuchungen von 1958 durchgeführten unterirdischen Versuche in Betracht zu ziehen.

50. Juni 1959
Der sowjetische Delegierte Zarapkin teilt dem amerikanischen
und dem englischen Delegierten mit, daß er in eine detaillierte
Erörterung des russischen Vorschlags einer festgesetzten Jahresquote
von Inspektionen zur Feststellung von At-omversuchen nicht eintreten
könne, da dies eine politische Frage sei, die mit wissenschaftlichen
Überlegungen nichts zu tun habe.

20. Juli 1956
Der Westen erklärt sich bereit, den Vorschlag zu akzeptieren,
nach dem ein Drittel des Personals einer Kontrollstation in der Sowjet
union von sowjetischer Seite gestellt werden darf. Die UdSSR besteht
darauf, daß nicht mehr als ein Drittel des Personals einer Kontrollstation "Ausländer" sein dürfen.

1 • August 1959
Drei-lIächte-Gremium schlägt den Einsatz von Satelliten zur Feststellung von Kernexplosionen in Höhen von über 50 Kilometern (31 Meile
vor.

26. August 1959
Die Vereinigten Staaten geben bekannt, daß sie ihre Kernwaffentests für den Rest des Jahres 1959» im Anschluß an die sechswöchige
Unterbrechung der Genfer Gespräche, einstellen v/erden. (Bevorstehendes
Treffen Eisenhower-Chruschtschow)

25 . November 1959
Eine Arbeitsgruppe technischer Experten der Vereinigten Staaten,
Großbritanniens und der Sowjetunion tritt zusammen, um Wege zur Verbesserung der Verfahren zur Feststellung geheimer unterirdischer Atomversuche zu erwägen, die unter Umgehung des Vertrags über das Verbot
von Atomversuchen unternommen werden könnten. Diese Konferenz hat
endlich die Zustimmung der Sowjetunion gefunden, nachdem sie fast ein
Jahr lang die Erörterung der Grundtatsache, daß unterirdische Versuche
wesentlich schwerer festzustellen sind als Explosionen über der Erdoberfläche, verweigert hatte.

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�"AMERIKA PIEKST"

2. September i960

14. Dezember 1959
Ler Westen begrüßt das sowjetische Angebot, den westlichen Verschlag über die Zusammensetzung des Personals der Kontrollstaticnen
als Gegenleistung für die Annahme der sovjetijchen Forderung einer
Ost-West-Parität innerhalb der internationalen Kontrollkommission (drei
kommunistische, drei westliche und ein neutrales Mitglied) zu akzeptieren .

18. Dezember 1959
Die Gespräche erreichen einen Tiefpunkt, als die Expertenkonferenz
über unterirdische Atomversuche wegen Uneinigkeit abgebrochen wird.
Anlaß ist ein Kaltungswechsel der sowjetischen Delegation, die ihre
bisherige verhältnismäßig objektiv-wissenschaftliche Haltur.g aufgegeben
hat, um sich n^n in ablehnender und stark politisch gefärbter Weise
mit den Problemen auseinanderzusetzen.

20. Dezember 1°59
Der lTS-Delegierte Wadsworth kehrt während der Konferenzpause(vom
19. Dezember bis zum 12. Januar) nach den Vereinigten Staaten zurück
und macht die sowjetische Haltung dafür verantwortlich, daß es im Rahmen
der Gespräche bisher nicht zu einer Vereinbarung kam.

29. Dezerabb-r 1959
Präsident Eisenhower weist darauf hin, daß sich die Gespräche
14 Monate lang ohne eine Einigung hingezogen haben und erklärt, daß
es den USA freistünde, ihre Atomversuche wiederaufzunehmen; dies werde
jedoch nicht ohne vorherige Ankündigung geschehen. Er bezeichnet die
sowjetischen Experten als Männer am "politischen Gängelband" und charakterisiert ihre Erklärungen auf der kürzlich beendeten technischen Konferenz als "unmäßig und technisch unhaltbar".

11. Februar 1960
Die Vereinigten Staaten erklären sich zum Beitritt zu einem OstWest-Vertrag bereit, der alle kontrollierbaren und feststellbaren Atomversuche verbietet. Sie erklären sich ferner bereit, sich an einem Forschungsprogramm zu beteiligen, dessen Ziel eine systematische Ausweitung
des Verbots auf unterirdische Versuche ist, die möglicherweise noch
nicht feststellbar sind. Der sowjetische Delegierte Zarapkin v/eist den
amerikanischen Plan zurück, schlägt aber statt dessen einen Plan vor,
nach dem sich die Sowjetunion einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von
Inspektionen dann öffnen wolle, wenn eine seismographisch erfaßte Erschütterung nach westlichen Maßstäben verdächtig erscheine. Gekoppelt
damit wäre eine Vereinbarung über ein Gesamtverbot.

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2. September 1 96O

19. März 1960
Die Sowjetunion akzeptiert Eisenhowers Plan eines Verbots nicht
feststellbarer Kernwaffenexplosionen auf der Grundlage eines geraeinsamen Versprechens (ohne Kontrollinspektionen), vier bi3 fünf Jahre
lang keine Kernexplosionen auszulösen. Der Westen verspricht, das
russische Gegenangebot zu prüfen.

29. März 1960
Eisenhower und Macmillan akzeptieren in einer gemeinsamen Erklärung nach ihren Gesprächen in Camp David das sowjetische Gegenangebot
unter der Bedingung, daß die UdSSR im voraus strenge Bestimmungen
eines Inspektions- und Kontrollabkommens akzeptiert und sich an einem
gemeinsamen Forschungsprogramm mit dem Ziel einer Verbesserung der
Verfahren zur Feststellung vor unterirdischen Versuchen beteiligt.
Beide versprechen die einseitige, freiwillige Einstellung von unterirdischen Versuchen urterhalb eines seismischen Meßwertes von 4»75»
sobald das Abkommen unterzeichnet ist.

14. April 1960
Die Sowjetunion akzeptiert das Eisenhower-Macmillan-Angebot und
bezeichnet es als einen "ermutigenden Schritt". Beide Seiten vereinbaren
die Ausarbeitung eines gemeinsamen Forschungsprogramms zur Verbesserung der Verfahren zur Feststellung unterirdischer Versuche, und
Zarapkin erklärt, daß beide Seiten offenbar einer Vereinbarung über
das Verbot von Atomversuchen näherkämen.

5. Mai 1960
Die UdSSR akzeptiert westliche Vorschläge über gemeinsame unterirdische Detonationen als Teil eines gemeinsamen wissenschaftlichen
Programms von Ost und West, das die Feststellungsmethoden verbessern soll;
Zarapkin wiederholt jedoch die sowjetische Forderung eines vier- bis
fünfjährigen Moratoriums für andere Atomversuche, solange das Forschungsprogramm noch nicht abgeschlossen ist. Er wiederholt den Standpunkt der
UdSSR, daß nur eine niedrige, nach "politischen Erwägungen festgesetzte"
Jahresquote von Inspektionen an Ort und Stelle im Rahmen eines Abkommens
über das Verbot von Atomversuchen akzeptiert würde.

9. Mai 19SO
Die Sowjetdelegation lehnt den Plan der Vereinigten Staaten, nukleare
Detonationskörper (keine Waffen) im Rahmen des Projekts VELA zur Explosion
zu bringen, ab und behauptet, daß die amerikanischen unterirdischen
Versuche unangebracht seien, solange die amerikanischen und sowjetischen
Delegierten über eine Einigungsformel zur Abhaltung ähnlicher

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2. September 1960

ähnlicher Versuche unter gemeinsamer Kontrolle verhandelten. Premierminister Macmillan ist überzeugt, daß er, Präsident Eisenhower und
der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow die noch bestehenden
Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich einer Übereinkunft zur Frage
der Atomversuche auf der bevorstehenden Gipfelkonferenz in P^ris
würden bereinigen können.

18. Mai 1960
Nach der gescheiterten Konferenz von Paris erklärte Chruschtschow
vor den Journalisten, daß die Verhandlungen über die Versuche weitergehen werden. "Falls aber Eisenhower droht, daß er die versuche fortsetzen werde, dann werden wir das gleiche tun.M

27. Mai 1960
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen fordert die drei Atommächte auf, die Verhandlungen über eine Abrüstung und die Einstellung
von Kernwaffenversuchen wieder aufzunehmen.

2. Juni 1960
Die Sowjets weisen das amerikanische Angebot zurück, eine Gewähr
dafür zu schaffen, daß ihre 12 Versuche (im Rahmen des Projekts VELA)
nicht für Waffenzwecke benutzt werden; sie bestehen darauf, daß ihren
Beobachtern das volle Recht zuerkannt wird, die in Versuchsserien verwendeten Sprengsätze zu untersuchen.

27. Juni 1960
Eine amerikanische Einladung an sowjetische wissenschaftliche
Beobachter zur Teilnahme an einem unterirdischen nichtnuklearen Detonationstest, der dazu bestimmt ist, die friedliche Nutzung nuklearer
Detonationen zu erforschen, wird von der UdSSR zurückgewiesen. Am 27.
Mai wurden die Besprechungen nach zweiwöchiger Pause wieder aufgenommen,
vor der die Vereinigten Staaten einen Dreistufenplan für die Errichtung
eines nuklearen Kontroll- und Inspektionssystems vorgelegt hatten, das
innerhalb von sechs Jahren auf die ganze Welt ausgedehnt werden sollte.
Im Gegensatz zu ihrem früheren Standpunkt (11.-30. Hai) gab die UdSSR
bekannt, daß sie keine Versuche zum Zwecke der Erprobung von Feststellungsmethoden plane.

12. Juli 1960
Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß die Parteien des vorgesehenen Vertrages veraltete nukleare Detonationskörper einer Zentralstelle als Basis für ein koordiniertes Forschungsprogramm zur Verfügung
stellen, das der Verbesserung von Feststellungsmethoder für unterirdische
Nukleardetonationen niedriger Sprengkraft dient.

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2. September 196O

25. Juli 1960
Die USA warten noch immer auf die russische Antwort auf ihr Angebot vom 12. Juli. John McCone, der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergiekommission, erklärt, daß die Vereinigten Staaten möglicherweise
gezwungen seien, von sich aus unterirdische Versuchsatomexplosionen
wiederaufzunehmen.
26. Juli 1960
Die Sowjetunion erklärt sich bereit, im Rahmen des vorgeschlagenen
Versuchsverbots auf ihrem Gebiet drei Inspektionen zuzulassen, vorausgesetzt, daß jährlich drei Inspektionen in England und drei in den Vereinigten Staaten durchgeführt werden dürfen. Der Westen lehnt das Angebot als völlig unrealistisch ab. Zuvor hatten die USA vorgeschlagen,
jährlich etwa 20 Inspektionen größerer vexdächtiger seismographisch
erfaßter Erschütterungen im sowjetischen Bereich sowie eine Anzahl
von Inspektionen, wie sie für kleinere Explosionen mit einem geringeren
seismischen Meßwert als 4»75 erforderlich sind, durchzuführen.
2. August 1960
Die Sowjets lehnen den von den Vereinigten Staaten am 12. Juli
vorgelegten Plan ab und erklären sich nicht bereit, nukleare Detonationskörper einer Forschungszentrale zur Verfügung zu stellen; sie
begründen dies damit, daß sie nicht beabsichtigten, sich an einem
Forschungsprogramm, wie vorgeschlagen, zu beteiligen.
4. August 1960
Die USA und Rußland sind hinsichtlich der Formulierung der Klausel
über die Mitgliedschaft verschiedener Meinung; die USA erklären, der
sowjetische Vorschlag verlange, daß die Kontrollkommission entscheide,
ob der Antragsteller ein "Staat" sei oder nicht. Die USA sind gewillt,
einem Antragsteller die Mitgliedschaft zuzuerkennen, gleichgültig,
ob dieser ein "Staat" oder eine "Obrigkeit" ist, und ermöglichen damit
jedem de facto bestehenden Regime die Mitgliedschaft.
9. August 1960
Außenminister Herter erklärt auf einer Pressekonferenz, daß die
Vereinigten Staaten angesichts der sowjetischen Verhandlungsblockierung
in Genf das Recht hätten, unterirdische Kernversuche durchzuführen. Die
Konferenz sei so lange hingezogen worden, daß sie praktisch einem Moratorium zugunsten der UdSSR gleichkomme.

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"AMERIKA DIENST"

2. September 196O

17. August 1960
Präsident Eisenhower erklärt auf einer Pressekonferenz: "Nichts
wäre für mich eine größere Befriedigung als eine Einigung in bezug auf
die Einstellung von Kernwaffenversuchen." Er wies jedoch darauf hin,
daß sich die Sowjets nach mehr als 240 Besprechungen wichtigen Vorschlägen zur Regelung von Inspektionen an Ort und Stelle und zur Besetzung von Kontrollposten widersetzten.
22. August 1960
Die Verhandlungen werden für 5 Wochen (bis zum 27. September)
ausgesetzt. "Die Vereinigten Staaten bezeichnen als Haupthindernis
für den Abschluß eines Vertrages nach 22 Monaten Verhandlungen die
Tatsache, daß eine Einigung über ein angemessenes und wirksames
System von Kontrollen und Inspektionen nicht zustande kam. Der sowjetische Delegierte gibt "militaristischen Kreisen" die Schuld.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./30.9.1960
FRIEDEN UND GERECHTIGKEIT FÜR ALLE

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut der Rede des US-Präsidenten Dwight D.
Eisenhower vom 22. September i960 vor der 15» Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Mitglieder der Vollversammlung
und Gäste

Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten begrüßt mit mir jene
Länder, die auf der gegenwärtigen Sitzung der Vollversammlung zum
ersten Male vertreten sind. Mit der Aufnahme von neuen Mitgliedern,
in der Hauptsache aus dem riesigen afrikanischen Kontinent, stehen
jetzt fast einhundert Nationen vereint in dem gemeinsamen Bemühen,
in einer schwergeprüften Welt einen dauerhaften Frieden in Gerechtigkeit zu schaffen.
Das Streben nach Selbstbestimmung und die immer größer werdenden Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen schaffen eine neue Welt
unabhängiger Nationen in Afrika, so wie sie eine neue Welt des Umbruchs und der Gärung wie auch der Verheißungen für die Zukunft in
allen Entwicklungsgebieten hervorrufen. Die erwachende Menschheit in
diesen Gebieten fordert von uns wie niemals zuvor einen neuen Angriff
auf Armut, Unwissenheit und Krankheit.
Gleichlaufend mit diesen überraschenden Veränderungen vollzieht
sich auch auf dem Gebiet der Technik eine Revolution. - Sie hat
furchtbare Vernichtungswaffen gezeitigt, die zur Sicherung der Zukunft der Zivilisation auf dem Wege über ein wirklich durchführbares
Abrüstungssystem einer Kontrolle unterworfen werden müssen. Und sie
hat ebenfalls eine neue Welt im All eröffnet - eine himmlische Welt
mit geradezu verwirrenden Problemen und ungeahnten Verheißungen.
Dies ist in der Tat der rechte Augenblick für eine ehrliche
Überprüfung und eine historische Entscheidung. Wir können danach
streben, diese Probleme um engherziger nationaler Vorteile willen
zu meistern, oder wir können sofort in eine Epoche konstruktiver Maßnahmen eintreten, bei denen unsere selbstsüchtigen Interessen dem
allgemeinen Wohl der internationalen Völkergemeinschaft untergeordnet
werden. Die Entscheidung ist wahrhaft eine ungeheure.
T ,
0
Ich
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30. September 196O

Ich trete heute vor Sie hin, weil unsere menschliche Gemeinschaft
wieder einmal in einem Zustand der Angst und der Unruhe schwebt.
Dringende Probleme bedrängen uns.
Die erste These, die ich Ihnen vortrage, besagt, daß die Menschheit nur mit Hilfe der Organisation der Vereinten Nationen einen wirklichen und universalen Fortschritt auf dem Wege zum Frieden in Gerechtigkeit zu erzielen vermag. Ich glaube, daß die Unterstützung der Organisation der Vereinten Nationen, ' ihrer ordnungsgemäß gebildeten
Organe und berufenen Amtsträger der Weg ist, auf dem wir mit größter Wahrscheinlichkeit zu friedlichem Fortschritt gelangen. Wer versucht, die Vereinten Nationen zu behindern, zum Narren zu halten oder
aber ihre Bedeutung zu schmälern, trägt mit dazu bei, die Welt in Unruhe zu halten und nachgerade die Krisen heraufzubeschwören, die von
Zeit zu Zeit alle Menschen so sehr bedrücken. Die Vereinigten Staaten
setzen sich unmißverständlich, voll und ganz für die Vereinten Nationen
und ihre Vertreter ein, die in ihrem Auftrag für den Frieden wirken.
Nirgendwo ist die Aufgabe, die der Völkergemeinschaft, dem Frieden und geregelten Fortschritt gestellt ist, offenkundiger als in Afrika,
diesem an Menschen und Naturschätzen reichen Kontinent mit vielversprechender Zukunft. Die jüngsten Ereignisse haben ihn praktisch in einen
riesigen Kontinent nunmehr unabhängiger Nationen verwandelt.
Die Einmischung
strebenden Nationen,
nisierung in Angriff
derung der Autorität

von außen in die Angelegenheiten dieser neu aufdie alle darauf drängen, die Aufgaben der Moderr
zu nehmen, hat zu einer ernstlichen Herausforder Vereinten Nationen geführt.

Diese Autorität ist in den 15 Jahren, seit sich die Vereinten Nationen mit den Worten ihrer Charta verpflichteten, "durch friedliche
Mittel und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des Völkerrechts die Ordnung und Regelung internationaler Streitfälle oder solcher Situationen zu erzielen, die zu einem Friedensbruch
führen könnten", ständig gewachsen.
In diesen Jahren unterstützten die Vereinten Nationen Persien
erfolgreich bei seinen Bemühungen, den Abzug ausländischer Streitkräfte
zu erwirken; sie spielten eine bedeutsame Rolle bei der Erhaltung der
Unabhängigkeit Griechenlands; sie mobilisierten die Welt zur Abwehr der
Aggression gegen die Republik Korea; sie halfen, die Sues-Krise zu
bereinigen; sie traten der Bedrohung der Integrität des Libanon entgegen; und in jüngster Zeit haben sie eine noch wichtigere Aufgabe
übernommen.
Einem Ersuchen der Kongorepublik Folge leistend, leiteten die
Vereinten Nationen kürzlich unter ihrem hervorragenden Generalsekretär
eine großangelegte Hilfsaktion für diese neue Republik ein. Dieses
Unternehmen ist von einigen Nationen in flagranter Weise attackiert
worden, die im Interesse ihrer eigenen selbstsüchtigen Absichten die
Auseinandersetzungen im Kongo verlängern möchten. Die Kritik, die diese

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30. September i960

diese Nationen gegen den Generalsekretär richteten, der ehrenvoll und
wirksam den von den Vereinten Nationen erhaltenen Auftrag durchführte,
ist nichts anderes als ein direkter Angriff auf die Vereinten Nationen
selbst. Der Generalsekretär hat sich die Unterstützung jeder friedliebenden Nation verdient.
Die Bevölkerung des Kongo hat ein Anrecht darauf, ihr Land in Frieden und Freiheit aufzubauen. Die Einmischung fremder Nationen in ihre
inneren Angelegenheiten würde ihr dieses Recht verweigern und einen
Konfliktherd im Herzen Afrikas schaffen.
Das dadurch im Kongo aufgeworfene Problem könnte genausogut an
anderer Stelle in Afrika akut werden. Die Lösung dieses Problems wird
darüber entscheiden, ob die Vereinten Nationen imstande sind, nicht nur
die neuen afrikanischen Nationen, sondern auch andere Länder vor jedem
Druck von außen zu schützen.
Was das wirkungsvolle Funktionieren der Vereinten Nationen betrifft,
so steht hier gerade für die kleineren Nationen am meisten auf dem Spiel.
Wenn es gelingen sollte, das System der Vereinten Nationen in Afrika
zu stürzen, dann wird sich die Welt auf dem Weg zurück zu der traditionellen Machtpolitik befinden, bei der die kleinen Länder als Strohmänner
der aggressiven Großmächte benutzt werden. Jedes Land, daß sich durch
gleißende Versprechungen dazu verleiten läßt, zum Handlanger einer imperialistischen Macht zu werden, unterminiert damit die Vereinten Nationen und gefährdet seine eigene Unabhängigkeit wie auch die aller
übrigen Länder.
Es ist unbedingt erforderlich, daß die internationale Gemeinschaft
die jungen, aufstrebenden Länder in Afrika vor jedem Druck von außen
schützt, der ihre Unabhängigkeit und ihre souveränen Rechte gefährdet.
Zu diesem Zwecke schlage ich ein Programm vor, das fünf Hauptelemente
enthält:
1 . Eine feierliche Versicherung aller in dieser Versammlung vertretenen Länder, das Recht der afrikanischen Völker zu respektieren, ihre
eigene Lebensform zu wählen und selbst den Weg zu bestimmen, den sie
einschlagen möchten. Diese feierliche Versicherung würde bestimmte Bedingungen einschließen, nämlich
sich jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten dieser jungen
Nationen - sei es durch Subversion, Gewalt, Propaganda oder irgendwelche anderen Mittel - zu enthalten;
keinerlei Streitigkeiten zwischen den Staaten dieses Gebietes zu
schüren und sie nicht zu einem unnützen und gefährlichen Wettrüsten
zu ermutigen; und schließlich
sich jeder Maßnahme zu enthalten, die zur Zeit noch nicht bereinigten Verhältnisse im Kongo zu verschlimmern oder auszubeuten - sei es
durch Entsendung von Waffen oder Truppen in dieses unruhige Gebiet
oder durch Aufhetzung seiner Führer und Völker zu Gewalttaten gegeneinander.
Mein

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30. September i960

Mein Land und viele andere Länder enthalten sich derartiger Maßnahmen. Ich hoffe, daß diese Vollversammlung alle ihre Mitglieder auffordern wird, dies ebenfalls zu tun, und daß jeder Redner, der nach mir
dieses Podium betritt, für sein Land das feierliche Versprechen abgibt,
dieser Aufforderung voll und ganz nachzukommen.
2. Die Vereinten Nationen sollten darauf vorbereitet sein, den
afrikanischen Ländern bei der Aufrechterhaltung ihrer Sicherheit so zu
helfen, daß kein kostspieliger und gefährlicher Rüstungswettlauf entsteht.
Experten der Vereinten Nationen werden gegenwärtig aufgefordert, die
Sicherheitsstreitkräfte des Kongo auszubilden. Wenn der Generalsekretär
es für nützlich erachten sollte, vermehrte Aktivität zu entwickeln, um Ersuchen dieser Art anderswo nachzukommen, so würde sich mein Land gerne
anderen Mitgliedstaaten bei der Leistung wesentlicher Beiträge zu derartigen Maßnahmen der Vereinten Nationen anschließen.
Und was noch wichtiger ist: Ich hoffe, daß sich die afrikanischen
Staaten der bestehenden Organisation bedienen oder eine neue regionale
Maschinerie schaffen werden, um ein Wettrüsten in diesem Gebiet zu verhindern. Dadurch würden sie dazu beitragen, daß ihrem Kontinent die Verwüstungen erspart bleiben, zu denen die Auswüchse des Chauvinismus in der
Vergangenheit geführt haben. Wenn diese Länder durch gemeinsame Bemühungen
einen Rüstungswettlauf unterbinden können, dann können sie der gesamten
Welt eine willkommene Lehre in internationalen Beziehungen erteilen.
Die bemerkenswerte Schnelligkeit und der Erfolg der Vereinten Nationen
bei der Entsendung starker Truppenkontingente nach dem Kongo sollte diesen
Staaten die Gewißheit geben, daß sie sich darauf verlassen können, daß die
Vereinten Nationen wirksam reagieren, wenn die Sicherheit dieser Länder
bedroht ist. Dies sollte diese Länder von jedem Druck befreien, größere
Streitkräfte aufzustellen als zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit
erforderlich sind. Auf diese Weise könnten sie selbst dazu beitragen,
ihre Hilfsquellen und Möglichkeiten für konstruktivere Ziele einzusetzen.
3. Wir sollten alle Aktionen der Vereinten Nationen im Zusammenhang
mit den dringenden Erfordernissen in der Kongorepublik unterstützen, die
der Generalsekretär mit so großer Umsicht und Klugheit organisiert hat.
Ich hoffe, daß die hier vertretenen Staaten beträchtliche Hilfsmittel
für dieses internationale Programm zur Verfügung stellen und darin übereinstimmen, daß dieses Programm das bevorzugte Mittel sein sollte, den
dringenden Anforderungen im Kongo gerecht zu werden. Die Vereinigten
Staaten unterstützen die Schaffung eines Fonds der Vereinten Nationen
für den Kongo. Wir sind bereit, gemeinsam mit anderen Ländern einen wesentlichen Beitrag für die dringendsten und unmittelbaren Bedürfnisse
zu dem 100-Millionen-Dollar-Programm zu leisten, das der Generalsekretär
vorschlägt.
4. Die Vereinten Nationen sollten den neu entstehenden afrikanischen
Ländern bei der Aufstellung ihrer langfristigen Modernisierungsprogramme
helfen. Zu diesem Zweck sollte der Sonderfonds und das erweiterte Technische Hilfsprogramm der Vereinten Nationen vergrößert werden, so daß sie

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30. September i960

sie zusammengenommen im Jahre 1961 ein Jahresziel von 100 Millionen
Dollar erreichen. Die Funktionen des Sonderfonds sollten erweitert
werden, so daß er die einzelnen Länder hei ihrer wirtschaftlichen
Entwicklungsplanung unterstützen kann.
Das Programm der Vereinten Nationen für mittlere und leitende
Beamte, durch das den jungen Entwicklungsländern ausreichend geschultes Verwaltungspersonal verfügbar gemacht werden soll, sollte erweitert und auf einer ständigen Basis durchgeführt werden. Die Vereinigten Staaten sind bereit, zusammen mit den übrigen Ländern erhöhte Mittel für dieses Programm, für den Sonderfonds und für das Technische
Hilfsprogramm der Vereinten Nationen zur Verfügung zu stellen.
Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds sollten ermutigt
werden, den Entwicklungsländern in Afrika durch Vertretungen und ortsansässige Berater in vermehrtem Maße ihren Rat zuteil werden zu lassen.
Wir sollten ferner mit einer angemessenen und rechtzeitigen finanziellen
Unterstützung seitens dieser beiden multilateralen Finanzierungsquellen rechnen dürfen, sobald sich die aufstrebenden Länder für, solche
Hilfe qualifiziert haben.
Selbstverständlich sind zahlreiche Formen der Hilfe notwendig:
sowohl staatliche als auch private Unterstützung auf einer bilateralen
und multilateralen Basis. Damit diese Hilfe auch so wirksam wie nur
irgend möglich ist, muß sie den grundlegenden Problemen und den sich
ändernden Bedürfnissen der afrikanischen Länder selbst entsprechend
gehalten sein.
5. Als letztes Element dieses Programms schlage ich eine umfassende
Anstrengung der Vereinten Nationen vor, die den afrikanischen Staaten
dabei helfen soll, solche Maßnahmen auf dem Gebiet des Erziehungswesens
zu ergreifen, die sie für richtig halten.
Es genügt nicht, daß die Lautsprecher auf öffentlichen Plätzen
die Leute zur Freiheit aufrufen. Es ist ebenso wichtig, daß diese Leute
mit dem geistigen Rüstzeug ausgestattet werden, ihre Freiheit zu bewahren
und zu stärken.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, zu einem von den Organisationen
der Vereinten Nationen aufgestellten erweiterten Erziehungsprogramm beizutragen, das nach dem Dafürhalten des Generalsekretärs und gemäß den
Anforderungen der afrikanischen Länder selbst durchgeführt wird.
Eines der ersten Ziele dieser Unterstützung - nach Beratung und mit
Genehmigung der betroffenen Regierungen - könnte escsein, Institute für
die Gesundheitserziehung, die Berufsfortbildung, die öffentliche Verwaltung und Statistik, vielleicht auch für andere Zwecke zu schaffen, sie
mit dem nötigen Personal auszustatten und so lange weiterzuführen, bis J
diese Regierungen oder private Stellen diese Aufgaben übernehmen können.
Jedes

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30. September i960

Jedes Institut würde an einem geeigneten Ort errichtet werden und
speziell darauf abgestellt sein, die jungen Männer und Frauen dieses
riesigen Gebietes auszubilden, die jetzt aufgerufen werden, die unglaublich komplexen und wichtigen Verantwortungen auf sich zu nehmen,
welche eine plötzliche Staatwerdung mit sich bringt.
Sollten die afrikanischen Staaten wünschen, im Rahmen dieses
Programmes eine größere Zahl ihrer Bürger ins Ausland zu entsenden,
so würde mein Land gerne eine Sonderkommission schaffen, die mit den
Vereinten Nationen zusammenarbeiten würde, um Vorkehrungen für die
Aufnahme noch vieler solcher Studenten an unseren Bildungsstätten zu
treffen.
Dies sind also die fünf Punkte des Programmes, das ich für Afrika
vorschlage:
Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der afrikanischen
Länder;
Unterstützung bei der Gewährleistung ihrer Sicherheit ohne kostspieligen und gefährlichen Rüstungswettlauf;
Nothilfe für den Kongo;
Internationale Unterstützung bei der Aufstellung langfristiger
afrikanischer Entwicklungsprogramme;
UN-Hilfe für die Erziehung.
Ein solches Programm könnte wesentlich dazu beitragen, den afrikanischen Staaten die klaren Chancen auf die Freiheit, die Ruhe im Innern
und den Fortschritt zu sichern, die sie verdienen.
Die Veränderungen, die sich gegenwärtig in Afrika vollziehen, sind
auch in anderen Gebieten erkennbar. In der Tat ist Afrika nur ein Teil
einer neuen Welt der Veränderungen und des Fortschritts, die sich gegenwärtig in allen aufstrebenden Gebieten vollziehen. Wir müssen unsere
Hilfsprogramme zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung anderer
Gebiete in Freiheit,besonders in Lateinamerika, Asien und dem Mittleren
Osten, fortführen und intensivieren. Darüber hinaus dürfen wir nicht
vergessen, daß hunderte Millionen von Menschen vor allem in den weniger
entwickelten Gebieten der Welt an Hunger und Unterernährung leiden, auch
wenn eine Anzahl von Ländern, darunter mein eigenes, Nahrungsmittel im
Überschuß produzieren. Dieses Paradoxon darf nicht andauern.
Die Vereinigten Staaten führen bereits bedeutende Programme durch,
um ihre Überschüsse solchen Ländern zur Verfügung zu stellen, in denen
die Not am größten ist. Mein Land ist ferner bereit, zusammen mit anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen ein durchführbares Schema zu
entwerfen, um den Mitgliedstaaten über die Organe der Vereinten Nationen
Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen, wobei wir auf den Rat und die
Unterstützung der Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation zählen.
Ich

�"AMERIKA DIENST"

50. September 1 960

Ich hoffe, daß diese Vollversammlung ernsthaft ein Sonderprogramm
erwägen wird, um das verheißungsvolle "Nahrungsmittel-für-den-Frieden"Programm weiterzuführen.
Wir müssen bestrebt sein, in den Entwicklungsländern friedliche
Veränderungen zu fördern und ihnen bei ihrem wirtschaftlichen und
sozialen Fortschritt zu helfen. Zu diesem Zweck - nämlich den friedlichen Wandel zu unterstützen - muß die Völkergemeinschaft befähigt
sein, im Bedarfsfall ihre Anwesenheit durch Beobachter oder Streitkräfte der Vereinten Nationen zu manifestieren.
Ich würde es begrüßen, wenn die Mitgliedstaaten die im Bericht
des Generalsekretärs enthaltenen Anregungen zum Anlaß für konkrete
Beschlüsse nehmen und dafür sorgen würden, daß innerhalb des Sekretariats ein geeigneter Stab gebildet wird, der ihm hilft, künftigen
Anforderungen von UN-Streitkräften Rechnung zu tragen.
Um die Polizeitruppe der Vereinten Nationen auf eine reguläre
Basis zu stellen, schlug ich im Jahre 1958 vor, Vorkehrungen für die
ständige Bereitstellung von UN-Truppen zu treffen. Seither sind zwar
einige Fortschritte gemacht worden, aber es bleibt noch viel zu tun
übrig.
Jetzt hat der Generalsekretär vorgeschlagen, die Mitgliedstaaten
sollten sich bereit halten, um eventuellen künftigen Ersuchen der Vereinten Nationen um Gestellung solcher Truppen Folge leisten zu können.
Alle hier vertretenen Länder sollten dieser Notwendigkeit entsprechen
und Landeskontingente auswählen, die im Notfall den UN-Truppen zugeführt
werden könnten.
Der Zeitpunkt dafür ist jetzt gekommen - auf dieser Vollversammlung.
Ich kann den Ländern, die gegenwärtig von den Vereinigten Staaten
unterstützt werden, versichern, daß es uns recht ist, wenn diese Unterstützung dazu benutzt wird und ihnen hilft, solche Kontingente gemäß der
Anregung des Generalsekretärs einsatzbereit zu halten. Die Vereinigten
Staaten sind bereit, zur Unterstützung der Bemühungen des Generalsekretärs Luft- und Seetransportmittel in bedeutendem Umfang laufend bereitzustellen, damit die in künftigen Bedarfsfällen von den Vereinten Nationen
angeforderten Kontingente leichter befördert werden können.
Auf lange Sicht ist es sicherlich möglich, weitere Fortschritte in
dieser Richtung zu erzielen, um die Fähigkeit der Vereinten Nationen
zu steigern, sich künftigen Anforderungen gewachsen zu zeigen. Die Aussichten auf solche Fortschritte werden jedoch nur bloße Aussichten bleiben, wenn wir jetzt nicht etwas unternehmen, um die gegebenen Möglichkeiten für praktische Maßnahmen auszunutzen, auf die der Generalsekretär
hingewiesen hat.
Ein weiteres Problem, dem wir uns gegenübersehen, betrifft den Weltenraum. Das Auftauchen dieser neuen Welt wirft eine entscheidende Frage

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�"AMERIKA DIENST

30. September 196O

Frage auf: Bleibt der Weltenraum für friedliche Zwecke erhalten, und
wird er zum Wohle der gesamten Menschheit genutzt? Oder wird er zu
einem weiteren Brennpunkt des Rüstungswettlaufs - und damit zu einem
Gebiet gefährlicher und fruchtloser Konkurrenz? Die Entscheidung ist
dringend. Es ist an uns, sie jetzt zu fällen.
Die Nationen der Welt haben sich vor kurzem darauf geeinigt, auf
dem antarktischen Kontinent alle militärischen Vorbereitungen zu
verbieten. Wir könnten diesen Grundsatz auf einen sogar noch wichtigeren Raum anwenden. Bisher sind weder im Weltenraum noch auf Himmelskörpern nationalgebundene Interessen angemeldet worden. Die Hindernisse,
die einem Abkommen hier entgegenstehen, sind jetzt geringer, als sie
es jemals wieder sein werden.
Diese Gelegenheit kann schnell -vorüber sein. Schon in wenigen Jahren kann der Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt, überschritten
sein.
Führen wir uns vor Augen, daß wir im Jahre 1946 eine Gelegenheit
hatten, sicherzustellen, daß die Atomenergie ausschließlich für friedliche Zwecke verwendet werde. Diese Gelegenheit wurde versäumt, als die
Sowjetunion den umfassenden Plan, die Atomenergie unter internationale
Kontrolle zu stellen, zurückwies, den die Vereinigten Staaten unterbreitet hatten.
Wir dürfen die Chance nicht verpassen, die wir noch haben, die
Zukunft des Weltenraumes zu kontrollieren.
Ich schlage vor, daß wir
erstens beschließen, daß Himmelskörper nicht Gegenstand einer
nationalen Besitzergreifung oder nationaler Souveränitätsansprüche
werden dürfen;
zweitens vereinbaren, daß sich die Völker der Welt nicht in kriegerische Tätigkeiten auf diesen Körpern einlassen;
drittens übereinkommen, daß - unter der Voraussetzung einer entsprechenden Verifizierung - kein Land Massenvernichtungswaffen in eine
Kreisbahn um die Erde oder auf eine Weltraumstation bringen darf. Alle
Starts von Raumflugkörpern sollten im voraus den Vereinten Nationen
mitgeteilt werden;
viertens nachdrücklich auf ein Programm der internationalen Zusammenarbeit für eine konstruktive, friedliche Nutzung des Weltenraumes
im Rahmen der Vereinten Nationen hinarbeiten. Eine bessere Wettervorhersage, verbesserte weltweite Nachrichtenverbindungen sowie eine wirksamere
Erforschung nicht nur des Weltenraumes, sondern auch unserer eigenen
Erde wären nur einige der Vorteile einer solchen Zusammenarbeit.
Eine Übereinkunft über diese Vorschläge würde künftige Generationen
bei der Erforschung des Universums friedlichen, wissenschaftlichen Fortschritt vorfinden lassen und nicht eine weitere Schrecken einflößende
Dimension des Wettrüstens.
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Aber
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�"AMERIKA DIENST"

30. September i960

Aber die Rüstungen müssen auch hier auf Erden kontrolliert werden, wenn die Zivilisation weiterbestehen soll. Diese Bemühungen müssen sich sowohl auf die konventionellen als auch auf die nichtkonventionellen Rüstungen erstrecken.
Mein Land hat zu diesem Zweck während des vergangenen Jahres spezifische Vorschläge unterbreitet. Am 27. Juni wurden neue amerikanische
Vorschläge gemacht in der Hoffnung, daß sie als Grundlage für Verhandlungen zur Erreichung einer allgemeinen Abrüstung dienen könnten.
Die Vereinigten Staaten stehen immer noch zu diesen Vorschlägen.
Der Ausmarsch der kommunistischen Länder in Genf - als sie erfuhren,
daß wirim Begriffe standen, diese Vorschläge zu unterbreiten - brachte
die Verhandlungen zu einem jähen Ende. Diese ihre unmotivierte Maßnahme
vermindert jedoch nicht die dringende Notwendigkeit für eine Rüstungskontrolle .
Mein Land ist der Ansicht, daß die Verhandlungen bald wieder aufgenommen werden können und sollten.
Unser Ziel besteht darin, ein Abkommen über all die verschiedenen
Maßnahmen zu erreichen, die eine allgemeine und umfassende Abrüstung
herbeiführen werden. Jeder aufrichtig denkende Mensch muß jedoch anerkennen, daß dies eine riesige Aufgabe ist. Sie wird viel Zeit erfordern.
Es sollte nicht notwendig sein, zu warten, bis wir über all die
detaillierten Maßnahmen zur Erreichung dieses Zieles Übereinstimmung
erzielt haben, bevor wir mit den Abrüstungsmaßnahmen beginnen. Spezifische und vielversprechende Schritte in dieser Richtung wurden in unseren Vorschlägen vom 27. Juni aufgezeigt.
Wenn die Verhandlungen wieder aufgenommen werden können, dann dürfte
es vielleicht möglich sein, sich im besonderen mit zwei drängenden Gefahren zu befassen - der Gefahr eines Krieges auf Grund einer Fehlkalkulation und der Gefahr, die in den sich ständig vergrößernden Atomwaffenlagern liegt.
Die Entwicklung der Raketen, durch die die Zeit für eine Reaktion
immer kürzer wird, macht Maßnahmen zur Verringerung der Gefahr eines
Krieges auf Grund einer Fehlkalkulation immer notwendiger. Die einzelnen Staaten müssen in der Lage sein, sich rasch gegenseitig die Zusicherung zu geben, daß sie keinerlei aggressive Schritte vorbereiten insbesondere bei internationalen Krisen, wenn jede Seite Schritte zur
Verbesserung ihrer eigenen Verteidigung unternimmt, die von der anderen
Seite leicht falsch ausgelegt werden könnten. Eine solche falsche Beurteilung könnte, solange es noch keine Einrichtung gibt, um zu verifizieren, daß keiner einen Angriff auf den anderen vorbereitet, leicht zu
einem Krieg führen, den keiner wollte.
Heute könnte in Krisenzeiten die Gefahr eines Krieges auf Grund
von Fehlkalkulationen durch die Intervention eines geeigneten Überwachungsgremiums der Vereinten Nationen vermindert werden, wenn diese

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�"AMERIKA DIENST"

50. September 196O

diese Intervention von irgendeinem Land gefordert wird, das seine
eigenen friedlichen Absichten zu beweisen sucht. Die Frage der Methoden können wir den Experten überlassen.
Das Entscheidende ist also nicht eine Frage der technischen
Durchführbarkeit, sondern der politischen Bereitschaft der einzelnen
Länder, sich einer Inspektion zu unterwerfen. Die Vereinigten Staaten
stehen in dieser Hinsicht an erster Stelle.
Ich erkläre heute .'feierlich im Namen der Vereinigten Staaten, daß
wir bereit sind, uns jeder internationalen Inspektion zu unterziehen,
unter der einzigen Voraussetzung, daß diese Inspektion wirksam ist und
tatsächlich auf der Basis der Gegenseitigkeit erfolgt. Diese Maßnahme
treffen wir bereitwillig, als Ausdruck unserer Entschlossenheit, die
Präambel der UN-Charta zu verwirklichen - "kommende Geschlechter vor
der Geißel des Krieges, die zweimal in unserer Generation unsagbares
Leid über die Menschheit gebracht hat, zu bewahren..."
Die Vereinigten Staaten möchten, daß die Sowjetunion und alle Länder der Welt genug über die amerikanischen Verteidigungsvorbereitungen
wissen, um versichert sein zu können, daß die Streitkräfte der USA lediglich für die Abschreckung und Verteidigung da sind und nicht für einen
Überraschungsangriff. Ich hoffe, daß auch die Sowjetunion in ähnlicher
Weise den Vereinigten Staaten und anderen Ländern die Gewißheit zu geben
wünscht, daß ihre Sicherheitsvorbereitungen keinen aggressiven Charakter
haben.
Es gibt einen noch grundlegenderen Punkt: In einem Zeitalter der
sich rapide entwickelnden Technik ist Geheimhaltung nicht nur ein Anachronismus, sie ist auch ausgesprochen gefährlich. Eine Gesellschaft
aufrechterhalten zu wollen, in der ein militärischer Schritt in völliger Geheimhaltung erfolgen kann, während man sich gleichzeitig zu dem
Wunsch bekennt, die Kriegsgefahr durch eine Rüstungskontrolle zu reduzieren, ist ein Widerspruch.
Eine zweite Gefahr, mit der wir uns gleich zu Beginn der Verhandlungen befassen müssen, liegt in dem Anwachsen und der möglichen Ausbreitung der Atomwaffenlager.
Damit diese Entwicklung umgekehrt wird, schlage ich vor, daß die
Länder mit einer Atomwaffenproduktion umgehend Experten zusammenkommen
lassen, um - im Rahmen von Verifizierungsmaßnahmen - ein System zur
Einstellung der gesamten Produktion an spaltbarem Material für Waffenzwecke auszuarbeiten.
Diese Produktionseinstellung würde in Kraft treten, sobald das
vereinbarte Inspektionssystem errichtet ist und wirksam arbeitet, während
gleichzeitig Fortschritte auf anderen Abrüstungsgebieten angestrebt
werden.
Die

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�AMERIKA DIENST

50. September 1960

Die Vereinigten Staaten sind bereit, im Falle einer Produktionseinstellung zusammen mit der Sowjetunion bedeutende Mengen spaltbaren
Materials in internationale Sammellager zu überführen. Die Abrüstungskommission der Vereinten Nationen hat bereits den Vorschlag von Botschafter Lodge gehört, nicht - wie von den Vereinigten Staaten 1954
vorgeschlagen - pfundweise, sondern tonnenweise spaltbares Material für
friedliche Zwecke abzustellen. Die Überstellung weiteren spaltbaren
Materials könnte erfolgen, sobald Fortschritte auf anderen Abrüstungsgebieten erreicht sind.
Wenn die Sowjetunion einer Einstellung der Produktion spaltbaren
Materials für Waffenzwecke zustimmt, dann könnten einige Produktionsstätten unverzüglich geschlossen werden. Die Vereinigten Staaten würden
bereit sein, genau die gleiche Zahl großer Fabriken zur Produktion spaltbaren Materials zu schließen wie die Sowjetunion, Fabrik um Fabrik, unter
einer internationalen Inspektion und Verifizierung.
Die Vorgeschlagene Arbeitsgruppe von Experten könnte ferner prüfen,
auf welche Weise die völlige Beseitigung der Atomwaffen verifiziert
werden kann, die Teil der dritten Phase unseres vorgeschlagenen Abrüstungsprogramms ist. Bis jetzt sind noch keine Mittel bekannt, durch
die dies wirklich erreicht werden kann; wir hoffen, daß die Experten ein
System entwickeln können.
Vertreter der Vereinigten Staaten sind bereit, umgehend mit Vertretern der übrigen Länder zu einem ersten Gedankenaustausch über diese
Vorschläge zusammenzutreffen. Wer die zahlreichen fruchtlosen Abrüstungsgespräche seit dem Kriege genau verfolgt hat, könnte vielleicht zynisch
werden und behaupten, daß die Aufgabe hoffnungslos ist. Dies ist nicht
der Standpunkt der Vereinigten Staaten.
Überall auf der Welt wollen die Menschen die Abrüstung. Sie wünschen,
daß ihr Besitz und ihre Arbeit nicht für den Krieg, sondern für Lebensmittel, Kleidung, Wohnung, für die Gesundheit und für Schulen verwendet
werden.
Immer und immer wieder hat das amerikanische Volk diese seine Sehnsucht zum Ausdruck gebracht: sich mit Menschen guten Willens überall auf
der Welt zusammenzuschließen, um eine bessere Welt aufzubauen. Wir waren
immer jederzeit bereit, jeden nur möglichen Vorschlag auf dieses Ziel
hin zu prüfen. Wir fordern nur eins - daß ein solches Programm nicht
irgendeinem Land militärische Vorteile bringt und daß es die Inspektion
der Rüstungen anderer Länder gestattet. Ein Abrüstungsprogramm, das nicht
einer Inspektion unterliegt und das nicht garantiert wird, würde die Kriegs
gefahr nicht reduzieren, sondern sie noch vergrößern. Die internationale
Kontrolle der Atomenergie sowie eine allgemeine und völlige Abrüstung
können genauso wenig durch Reden erreicht werden wie die wirtschaftliche
Entwicklung der neuen unabhängigen Länder. Diese beiden gewaltigen Aufgaben, vor denen die Menschheit steht, erfordern ernsthafte, sorgfältige,
kostspielige, mühevolle und unpropagandistische Maßnahmen.
_,

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�"AMERIKA DIENST"

50. September 1 96O

Ich habe es ausdrücklich vermieden, in .dieser Ansprache mehrere brennende Probleme zu erwähnen, die die Vereinigten Staaten und andere Länder
beunruhigen. Wenn ich dies nicht getan habe, so bedeutet dies keinesfalls,
daß diese für die Vereinigten Staaten und die gesamte internationale
Völkergemeinschaft nicht eine große Sorge darstellen.
Zum Beispiel beunruhigen uns die sich häufenden Anzeichen drohender
Eingriffe in die Freiheit der Bevölkerung West-Berlins weiterhin zutiefst.
Besondere Sorge bereitet den USA ebenfalls der Abschuß eines amerikanischen Flugzeuges am 1. Juli dieses Jahres über internationalen Gewässern
sowie der augenscheinliche Tod von vier seiner Besatzungsmitglieder und
die Gefangensetzung der beiden anderen Besatzungsmitglieder auf Grund abgekarteter Spionageanschuldigungen. Dies ist auch ein empörender Affront
gegen das Recht aller Länder auf friedliche Benutzung der offenen See.
Durch ihr Veto im Sicherheitsrat hat die Sowjetunion eine umfassende Untersuchung der Tatsachen bei diesem Vorfall verhindert. Diese Tatsachen
fordern eine Anhörung - als eine Angelegenheit, die von einem unparteiischen Gericht geprüft werden sollte.
Die von mir soeben erwähnten besonderen Probleme sind nicht lediglich isoliert dastehende Fälle von Meinungsverschiedenheiten zwischen
einigen wenigen Nationen. Sie sind Kernstück der Frage des Friedens selbst
und zeigen das Zusammenhängende und Ineinanderverwobene der Natur unserer
jeweiligen nationalen Belange. Ihnen muß mit dem Ernst und der Sorgfalt
begegnet werden, die ihre Bereinigung erfordert.
Die grundlegende Tatsache aller Veränderungen im Bereich der internationalen Angelegenheiten ist heute die Notwendigkeit, die Bande und
das Gebäude einer echten Weltgemeinschaft zu schaffen und zu festigen.
Die Vereinten Nationen stehen der Menschheit bei dem Vorhaben zur Verfügung, genau diese Gemeinschaft zu schaffen. Sie haben zustande gebracht,
was keine Nation allein und auch keine begrenzte Gruppe von Nationen
hätte zustande bringen können. Die Weltorganisation ist zum Forum aller
Völker geworden und zu einem tragenden Gerüst, um das sich ihre gemeinsamen
Bemühungen um die Schaffung einer besseren Zukunft für unsere Welt kristallisieren können.
Wir müssen überaus wachsam sein gegenüber denjenigen, die je nach
Stimmung in den Vereinten Nationen entweder ein Werkzeug zu ihrem Nutzen
oder zum Mißbrauch sehen. Die Vereinten Nationen sind nicht als eine Art
Olympische Fanfare zur Verstärkung der Propagandatöne einzelner Nationen
gedacht.
Die treibende Kraft hinter einer erfolgreichen UN muß der hehre Gedanke
sein, daß eine echte internationale Gemeinschaft einen Frieden in Gerechtigkeit schaffen kann, wenn die Völker nur geduldig in einer Atmosphäre offenen
Vertrauens zusammenarbeiten.
Wenn ich einen Fortschritt in Richtung auf eine Weltgemeinschaft forder
so möchte ich auf die amerikanische Konzeption von der Schicksalhaftigkeit
einer progressiven Gesellschaft verweisen. Hier, wo einst eine Wildnis war,
haben wir eine Gesellschaft und eine Zivilisation aufgebaut, die sich von
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�"AMERIKA DIENST"

30. September i960

von zahlreichen Ursprüngen herleitet* Und aus dieser Mischung zahlreicher Völkerschaften und Glaubensrichtungen haben wir eine Einheit
in Freiheit geschaffen - eine Einheit mit dem Ziel, die Rechte jedes
einzelnen zu schützen, während die Freiheit und der Wohlstand aller
vergrößert wird.
Diese Konzeption der Einheit in Freiheit, die auf eine Vielzahl
rassischer und kultureller Ursprünge zurückgeht, möchten wir gerne zu
einer Realität für die gesamte Menschheit werden lassen. Diese Konzeption sollte in jedem Volke wie auch unter den Völkern Geltung haben.
Wir glauben, daß das Recht jedes einzelnen, durch seine Stimme an der
Selbstregierung teilzunehmen, genauso wertvoll ist wie das Recht jedes
einzelnen hier vertretenen Landes, in dieser Vollversammlung für seine
eigenen Überzeugungen zu stimmen. Ich würde gerne eine weltweite
Volksabstimmung erleben, die jedem einzelnen auf der Welt die Gelegenheit geben würde, frei und geheim auf folgende Frage zu antworten:
"Wollen Sie dieses Recht für sich?"
Wir lehnen den Gedanken zweier feindlicher, in einem ewigen erbitterten Konflikt stehenden Welten ab; uns schwebt eine einzige Weltgemeinschaft vor, die zwar bisher noch nicht verwirklicht ist, aber auf Grund
unserer Pläne, unserer Bemühungen und unserer gemeinsamen Schritte ihrer
Verwirklichung stetig entgegengeht.
Das betrachten wir als unser Ziel, nicht einen Superstaat, der über
den Nationen steht, sondern eine Weltgemeinschaft, die sie alle umfaßt,
in der Gesetz und Recht fest verwurzelt sind und die die Möglichkeiten und
gemeinsamen Ziele aller Völker fördert.
Lassen Sie uns nun, da wir in das neue Jahrzehnt eintreten, darangehen, diese internationale Gemeinschaft erneut zu stärken und neue Bande
der Freundschaft zwischen ihren Mitgliedern zu knüpfen, indem wir neue
Wagnisse zum Wohle der gesamten Menschheit unternehmen.
Und wenn wir an diese Aufgabe herangehen, wollen wir uns nicht der
Täuschung hingeben, daß das Nichtvorhandensein eines Krieges allein schon
eine ausreichende Grundlage für eine friedliche Welt darstellt . Ich wiederhole noch einmal: Wir müssen ebenfalls eine Welt der Gerechtigkeit
unter dem Gesetz aufbauen, und wir müssen Armut, Unwissenheit und Krankheit besiegen.
Wir aus den Vereinigten Staaten werden uns gemeinsam mit Ihnen noch
mehr dafür einsetzen, die Grundlage eines wahren Friedens zu schaffen eines Friedens, in dem alle Völker ständig Fortschritte zu höheren Stufen
menschlicher Leistung erzielen. Die Mittel dafür haben wir an der Hand.
Wir müssen sie nur mit der Klugheit und der Energie einsetzen, die dieser
unserer Sache wert sind.
Ich lege Ihnen diese große Aufgabe ans Herz, ich stelle sie Ihrem
Geist und lege sie in Ihre bereiten Hände. Lassen Sie uns gemeinsam voranschreiten und niemand zurücklassen.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./25.11.60
DIREKTIVE PRÄSIDENT EISENHOWERS ZUR VERBESSERUNG DER
AMERIKANISCHEN ZAHLUNGSBILANZ

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower hat am
Mittwoch, dem 18. November 1960,eine Direktive
erlassen, in der Maßnahmen zur Verbesserung der
Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten angeordnet
werden. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Dollarausgaben der Regierung im Ausland zu reduzieren und
den Goldabfluß nach anderen Ländern einzudämmen.
Die vom Präsidenten erlassene Direktive hat folgenden
Wortlaut:

Direktive des Präsidenten bezüglich der Schritte, die im Hinblick auf
die amerikanische Zahlungsbilanz ergriffen werden sollen

Die Vereinigten Staaten haben nach dem zweiten Weltkrieg durch den
Marshall-Plan und andere Programme eine bisher nie dagewesene Reihe von
Maßnahmen eingeleitet und aufrechterhalten, die darauf abzielten, den vom
Kriege verwüsteten Staaten in Europa und Asien beim Wiederaufbau zu helfei
Während der Jahre des Wiederaufbaus haben die Vereinigten Staaten
diesen Nationen auf verschiedene Weise Dollarbeträge zur Verfügung gestellt, um sie in die Lage zu versetzen, im Zuge ihres Wiederaufbaus
Dienstleistungen und Güter zu kaufen, die in der ersten Zeit nach dem
Kriege nur die Vereinigten Staaten liefern konnten/
Wir waren uns völlig darüber im klaren, daß diese Länder eine
Steigerung ihrer Exporte brauchten, um nicht mehr von den Vereinigten
Staaten abhängig zu sein, und daß dies einen 'Wettbewerb mit den amerikanischen Exporten auf den Weltmärkten mit sich bringen würde.
Die Auswirkungen dieser Politik auf unsere Zahlungsbilanz begannen
sich etwa seit 1950 bemerkbar zu machenj sie führten in jedem Jahr außer 1957 wegen der Suezkrise - zu leichten Defiziten in der Zahlungsbilanz. Vor nunmehr zwei Jahren wurden jedoch die Auswirkungen des Wiederaufbaus und der Wiedergesundung der europäischen Volkswirtschaften
- und auch der Wirtschaft Japans - mit aller Wucht und in nahezu dramatischer Plötzlichkeit deutlich. Diese ehemals durch den Krieg zerstörten
Länder sind jetzt auf den Märkten der freien Welt mit den Vereinigten
Staaten voll im Wettbewerb getreten.
_.
&amp;
Die
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. November

1960

Die Vereinigten Staaten haben auch die militärische Sicherheit
der befreundeten Länder gestärkt, um auf diese Weise zur gemeinsamen
Sicherheit beizutragen und vor Aggressionsdrohungen von außen abzuschrekken. Die Programme, durch die dies« Ziele verwirklicht werden, haben»
weitgehend als Ergebnis der Stationierung unserer Truppen in fremden
Ländern,gl eichfalls zu einem Abfluß des Dollars ins Ausland geführt.
Zur gleichen Zeit haben die Vereinigten Staaten in dem Bemühen
um die Schaffung der für einen dauerhaften Frieden in der gesamten
Welt notwendigen wirtschaftlichen Vorbedingungen bedeutende Anstrengungen
unternommen, um den wirtschaftlichen Fortschritt der Entwicklungsländer
zu fördern. Insofern als diese Programme nicht zu einer Exportsteigerung
amerikanischer Güter und Dienstleistungen führen, haben auch sie einen
Dollarabfluß nach den mit uns konkurrierenden Staaten in Europa und nach
Japan verursacht.
Das Problem der Zahlungsbilanz
Infolge dieser soeben erwähnten und anderer Faktoren sahen sich die
Vereinigten Staaten einem anhaltenden Defizit in ihrer Zahlungsbilanz
gegenüber. In den letzten drei Jahren wurden insgesamt rund 10 Milliarden
Dollar mehr verausgabt als eingenommen. Die entsprechenden Defizite brachten beachtliche Goldabflüsse und das Anwachsen unserer Dollarpassiva. Ein
bedeutender Teil unseres Defizits wurde in Gold beglichen, was zu einer
Abnahme der Goldvorräte des Schatzamtes um rund 4»5 Milliarden Dollar
seit Ende 1957 geführt hat.
Was ist hinsichtlich dieses Problems getan worden?
Die Regierung hat dieses Problem frühzeitig erkannt, genauso wie die
Finanzinstitute der freien Welt. Die Regierung hat ihm große Aufmerksamkeit geschenkt und Maßnahmen ausgearbeitet und in Kraft gesetzt, die zur
Verbesserung der Zahlungsbilanz sowie zur Erhaltung des Vertrauens in den
Dollar beitragen sollen.
Hier in den USA haben wir uns ständig um eine vorsichtige Führung
unserer eigenen Finanz- und Währungspolitik bemüht in der Erkenntnis,
daß eine solche Politik unbedingt notwendig ist, wenn die Wirtschaft
nicht nur der USA, sondern auch der freien Welt gesund bleiben soll. Wir
haben die Inflation im wesentlichen zum Stillstand gebracht und Überschüsse in unserem Bundeshaushalt erzielt.
Ohne ein derartiges vorsichtiges Vorgehen auf fiskalischem Gebiet
könnten wir nicht hoffen, die Stabilität der Preise zu gewährleisten;
und ohne eine vernünftige Preisstabilität und die Ausschaltung der gefährlichen Auswirkungen inflatorischer Tendenzen könnten wir eine Kürzung unserer Ausfuhren nicht umgehen und auch .nicht hoffen, daß wir uns weiterhin
des Vertrauens erfreuen, dessen wir im Hinblick auf unsere Rolle als Banki
der Welt bedürfen.
Auf

�ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. November i960

Auf internationaler Ebene haben wir eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um unsere Zahlungsbilanz gegenüber der übrigen Welt auszugleichen.
Um weitere Fortschritte zu erzielen und neue Methoden zur Verbesserung
der Zahlungsbilanz zu entwickeln, habe ich im vergangenen Jahr einen
Kabinetisbeschluß gebilligt, in dem der Finanzminister als Vorsitzender
des Nationalen Beirats für Internationale V/ährungs- und Finanzfragen
angewiesen wird, die erforderlichen Schritte zur Ausarbeitung und Koordinierung von Maßnahmen der mit Fragen der Zahlungsbilanz befaßten Ministerien und Regierungsämter zu ergreifen.
Als Folge dieser Koordinierung sowie anderer Tätigkeiten haben wir
z.B. weiter auf die Beseitigung der von anderen Ländern errichteten
Handelsschranken gedrängt, die den Absatz amerikanischer Güter behindern.
Wir haben die Gründung der Internationalen Entwicklungsgemeinschaft als
einer Tochtergesellschaft der Weltbank geplant und gefördert, über die
andere Länder mit uns die Last der Hilfe für die Entwicklungsländer teilen. Wir haben ferner die Führung bei der Gründung der Entwicklungshilfegruppe (DAG) ergriffen - einer anderen Körperschaft, über die wir andere
wirtschaftlich hochentwickelte Länder drängen, einen größeren Teil der
Hilfe für die neuen Entwicklungsgebiete der Welt zu übernehmen. Wir haben
zur Förderung des Exports amerikanischer Waren ein Exportfinanzierungsund Garantieprogramm eingeführt. Und der Entwicklungsanleihefonds hat im
Oktober 1959 seine Politik geändert, um den Nachdruck auf die Finanzierung
von Gütern und Dienstleistungen amerikanischen Ursprungs zu legen.
Warum mehr getan werden muß
Wären diese vernünftigen Maßnahmen, von denen ich gesprochen habe,
nicht ergriffen worden, dann würde das Problem unserer Zahlungsbilanz
heute noch schwieriger sein als es ohnehin ist. Aber trotz des erzielten
Fortschritts bleibt noch sehr viel zu tun.
Es ist richtig, daß wir während dieses Jahres eine bemerkenswerte
und ermutigende Steigerung im Export unserer Güter zu verzeichnen haben.
Im Jahre 1959 erreichte unser Außenhandelsüberschuß einen Nachkriegstiefstand von rund 1 Milliarde Dollar, während wir in diesem Jahr wahrscheinlich eine Jahresrate von über 4 Milliarden Dollar erreichen werden.
Wenn wir die auf Grund unserer militärischen Ausgaben im Ausland geleisteten Zahlungen ausklammern, dann erreichte unser Exportüberschuß an Gütern
und Dienstleistungen im Jahre 1959 einen Tiefstand von 3 Milliarden Dollar,
während wir in diesem Jahr - auf der gleichen Basis berechnet - voraussichtlich einen Überschuß von rund 6,5 Milliarden Dollar verzeichnen können.
Für unsere militärischen Aufwendungen im Ausland, für die von der
Regierung durchgeführten Wirtschaftshilfsprogramme, für private langfristige Kapitalinvestitionen im Ausland und für den Erwerb kurzfristiger
Auslandskapitalien geben wir pro Jahr rund 8,5 Milliarden Dollar aus.
Selbst nach Aufrechnung dieser Zahl gegen unseren Überschuß aus dem Export
von Gütern und Dienstleistungen von fast 6,5 Milliarden Dollar haben wir
bei diesen Positionen einen Auszahlungs üb erhäng von rund 2 Milliarden
Dollar.
Aber

^

�AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. November i960

Aber auf Grund der Nettobewegungen bei anderen Positionen haben wir
noch ein weit größeres Gesamtdefizit in der Zahlungsbilanz zu gewärtigen,
das gegenwärtig eine Jahresrate von über 5 Milliarden Dollar erreicht und
vielleicht sogar nicht weit hinter dem Defizit des Jahres 1959 "von fast
4 Milliarden Dollar zurückbleibt. Dies hat zu einer Anhäufung von Gold
und liquiden Dollarguthaben vor allem bei den Industrieländern geführt.
Wir haben in diesem Jahr eine starke Abwanderung von kurzfristigem
Kapital zu verzeichnen gehabt, die sich zum Teil auf die höheren Zinssätze
und das begrenzte Kapitalangebot in den anderen Industriestaaten zurückführen läßt. Diese Bewegung ist ein bedeutender Faktor in unserem Gesamtdefizit gewesen. Das Ausmaß und die Richtung dieses Auf und Ab eines derartigen Kapitalstroms lassen sich unmöglich voraussagen; es ist jedoch klar,
daß wir - ganz allgemein gesprochen - heute mit internationalen Kapitalbewegungen in einem größeren Umfang rechnen müssen als in den ersten Nachkriegsjahren. Das Volumen dieser Kapitalbewegungen in der jüngsten Zeit und
die umfangreichen Goldkäufe durch ausländische Währungsbehörden während der
vergangenen vier Monate machen es erforderlich, daß wir unsere Anstrengungen
verdoppeln, um eine weitere Verbesserung unserer Zahlungsbilanz zu erzielen.
Dieses Problem betrifft nicht nur die amerikanische Bundesregierung,
sondern auch alle Bürger, die mit dem internationalen Handel zu tun haben.
Deshalb muß eine Steigerung unserer kommerziellen Exporte auch weiterhin
das Ziel einer intensivierten und gemeinsamen Kampagne der staatlichen
Stellen und der privaten Gruppen sein. Da wir uns aber in der Welt Wettbewerbsbedingungen gegenübersehen, die es schwierig machen, sich ausschließlich auf eine Vergrößerung der Bareinnahmen aus Exporten zu verlassen, müsse
wir in unsere Bemühungen auch eine Reduzierung gewisser Dollarzahlungen der
Regierung an fremde Länder einschließen.
Eine definitive Verbesserung in unserer Zahlungsbilanzsituation ist
nicht nur dringend erforderlich, um unser wirtschaftliches Wohlergehen
und unsere militärische Sicherheit hier in den USA zu gewährleisten,
sondern ebenso, um sicherzustellen, daß die Vereinigten Staaten auch
in Zukunft als ein starker Partner am wirtschaftlichen Wachstum und an
der militärischen Stärke der freien Welt partizipieren können. Wir suchen
diese Verbesserung mit einer Politik zu erreichen, die unsere militärische
Stärke nicht vermindert und unsere internationalen Wirtschaftsprogramme
nicht beeinträchtigt und die es uns ermöglicht, unser Ziel - eine Ausweitung
des Welthandels und des damit verbundenen freien Zahlungsverkehrs - weiterhi
zu verfolgen.
Das Währungssystem der Vereinigten!Staaten hat eine doppelte Aufgabe.
Es dient einmal den Bedürfnissen unseres Landes; zum anderen ist der Dollar
zu einem wesentlichen Stützpfeiler im internationalen Finanzsystem der freie
Welt geworden. Es ist deshalb ein dring endesGebot, daß die Vereinigten
Staaten der Erzielung eines vernünftigen Gleichgewichts in ihrer internationalen Zahlungsbilanz eine dem entsprechende hohe Vorrangstellung einräumen.

Zu

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. November 196O

Zu diesem Zwecke müssen wir alle diejenigen im Bereich des Tätigkeitsfeldes der amerikanischen Regierung liegenden Schritte unternehmen, die unverzüglich dazu beitragen, das Defizit in unseren internationalen Zahlungen zu verringern. Darüber hinaus müssen wir u.a.
diejenigen Maßnahmen der Regierung fortführen und verstärken, die, auf
längere Sicht gesehen,zu diesem Ziel beitragen werden.
1. Auf dem Gebiet des Welthandels müssen wir
a) bei anderen Ländern - und insbesondere bei denen, die wirtschaftlich
und finanziell stark sind - mit Nachdruck auf eine Reduzierung der Zölle,
eine Lockerung der Quoten und einen Abbau der Handelsrestriktionen drängen,
die die Exporte der Vereinigten Staaten behindern, und diese Länder auffordern, die internen Abgaben sowie andere Maßnahmen, die sich auf die
Käufe amerikanischer Waren und Dienstleistungen besonders einschränkend
auswirken, zu reduzieren oder zu beseitigen;
b) weiterhin alle vernünftigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Exporte
zu steigern, einschließlich der Erleichterung der Exportfinanzierung, wo
dies zur Erhöhung unseres Absatzes sowohl an Verbrauchsgütern als auch an
Kapitalgütern notwendig ist.
2. Auf dem Gebiet der internationalen Finanz müssen wir
a) darauf bestehen, daß unsere Freunde und Verbündeten ihren vollen
Anteil an den Kosten für die Aufrechterhaltung der Sicherheit der freien
Welt tragen;
b) weiterhin dringend darauf bestehen, daß die anderen wirtschaftlich
hochentwickelten Länder der freien Welt ihren Anteil an jener langfristigen und wahrhaft aufbaufördernden Art der Finanzierung übernehmen, die den
Entwicklungsländern zuteil wird;
c) die internationalen Institutionen drängen, soweit wie möglich andere
ihnen zur Verfügung stehende Währungen als den Dollar zu benutzen, wann
und wo immer dies möglich ist;
d) die anderen starken Länder dazu ermutigen, die Aufnahme von Krediten
durch diese Institutionen und andere Kreditnehmer auf ihren Kapitalmärkten
zu gestatten, wo dies angebracht ist;
e) fortfahren, unsere gesamte Regierungstätigkeit - sowohl im eigenen
Lande wie im Ausland - zu überprüfen, um ihre Auswirkungen auf unsere Zahlungsbilanz zu verringern.
3V Gleichermaßen wichtig sind Maßnahmen in bezug auf unsere einheimische
Wirtschaft.
Auf diesem Gebiet müssen wir
a) die Steuer-, Finanz-, Währungs- und Schuldenpolitik der Regierung
und des Zentralbankensystems fortführen, die darauf abzielt, eine Inflatior
in den Vereinigten Staaten zu vermeiden;
,\

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25. November 196O

b) den Unternehmern und den Gewerkschaften weiterhin nahelegen,
alle zumutbaren Schritte zu unternehmen, um die Wettbewerbsfähigkeit
der in den USA erzeugten Güter auf den Exportmärkten sicherzustellen,
und aktiv nach Möglichkeiten auf diesen Märkten forschen.
Während diese und andere Maßnahmen und Verfahren einer kritischen
Prüfung unterzogen werden, können und müssen meines Erachtens bestimmte
Maßnahmen jetzt durch die Regierung unternommen werden, und ich ordne
daher folgendes an:
1. Der Verteidigungsminister soll, ohne unsere effektive militärische
Stärke zu verringern und unter Rücksichtnahme darauf, daß die unten angeführten Maßnahmen Anpassungen im Haushalt zur Folge haben können^
a) die Zahl der gleichzeitig im Ausland lebenden Familienangehörigen
des Militär- und Zivilpersonals auf eine Höchstzahl von 200 000 verringern
und fortan auf diesen Stand beschränkt halten, wobei diese Höchstzahl
einer jährlichen Überprüfung durch den Präsidenten unterliegen soll.
Diese Reduzierung soll, beginnend mit dem 1. Januar 1961, gemäß den Richtlinien und Bestimmungen vorgenommen werden, die der Verteidigungsminister
erläßt, und so weitgehend wie möglich die in den hochindustrialisierten
Ländern mit harter Währung lebenden Familienangehörigen erfassen. Ausnahmen bei den obigen Einschränkungen bedürfen der persönlichen Genehmigung
durch den Verteidigungsminister oder den stellvertretenden Verteidigungsminister;
b) umgehend alle möglichen Schritte unternehmen, um die Ausgaben aus
den Bewilligungen für die Streitkräfte und das militärische Hilfsprogramm,
die im Kalenderjahr 1961 für Beschaffungen im Ausland geplant sind, um
einen sehr wesentlichen Betrag dadurch zu reduzieren, daß er einen Mindestbetrag festsetzt, um den solche Beschaffungen zu kürzen sind;
c) den Ankauf ausländischer Waren im Rahmen der aus nichtzugewiesenen
Geldern finanzierten Einkaufstätigkeit der Militärstellen untersagen,
wobei Ausnahmen von diesem Verbot auf Grund einer persönlichen Genehmigung
des Verteidigungsministers oder des stellvertretenden Verteidigungsministers möglich sind.
2. Der Finanzminister soll
jfür den Küstenwachdienst der Vereinigten Staaten dieselben Maßnahmen
ergreifen, wie sie unter Abschnitt 1 (a), (b) und (c) oben dargelegt sind.
3» Der Außenminister soll
a) den Direktor der Verwaltung für Internationale Zusammenarbeit (ICA) eine amerikanische Behörde für Auslandshilfe, die öffentliche Gelder verwendet - anweisen, eine Politik zu verfolgen, in deren Rahmen bei allen
ihren Maßnahmen der Nachdruck auf die Finanzierung von Gütern und Dienstleistungen amerikanischen Ursprungs gelegt wird. Außerdem soll allen Transaktionen, die nicht der Finanzierung der Direktbeschaffung amerikanischer
Güter und Dienstleistungen dienen, ein Limit gesetzt und jede Anstrengung

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25. November 1 96O

Anstrengung gemacht werden, um die Auswirkungen dieser Transaktionen
auf die Zahlungsbilanz auf ein Mindestmaß zu verringern. Der Umfang der
jetzt mit ICA-Mitteln im Ausland getätigten Käufe soll auf den geringstmöglichen Stand reduziert werden. Es ist klar, daß eine solche Reduzierung
- durch maximale Beschaffung amerikanischer Güter und Dienstleistungen
mit Mitteln der US-Auslandshilfe - unter Umständen Anpassungen im Haushalt erforderlich machen kann;
b) zusammen mit den anderen betroffenen Behörden, das Gebiet der amerikanischen Handelsbeziehungen und -besprechungen mit dem Ziel überprüfen,
die gegenwärtigen Einkünfte der USA aus Auslandsverkäufen zu verbessern.
Besondere Aufmerksamkeit soll dabei im Rahmen der gegenwärtigen Zollverhandlungen auf die größtmögliche Gewährung von Zollvergünstigungen durch
andere Länder und auf die Garantie verwendet werden, daß diese wie auch
bereits früher den USA eingeräumte Konzessionen zum Vorteil der amerikanischen Exporte voll wirksam werden. Selbst wo keine formellen Verpflichtungen bestehen, sollen die wirtschaftlich starken Länder aufgefordert
werden, damit fortzufahren, ihre mengenmäßigen Beschränkungen abzubauen,
überhöhte Zölle zu senken und diskriminierende Maßnahmen sowie andere
Hindernisse für eine Steigerung der Ausfuhr amerikanischer Waren und
Dienstleistungen, vor allen amerikanischer Agrarprodukte, zu beseitigen.
Ferner sollen verstärkte Anstrengungen unternommen werden, andere Staaten
dazu zu veranlassen, ihre Staatsbürger durch eine liberalere Behandlung
bei Reisen nach den Vereinigten Staaten, einschließlich weitgehender Zollbefreiungen heimkehrender Touristen, zu solchen Reisen zu ermutigen, so,
wie die Vereinigten Staaten Auslandsreisen ihrer Bürger gefördert haben;
c) wirksame Schritte unternehmen, um den Ankauf von ausländischen Waren
durch Verkaufsstellen und Läden zu unterbinden, die unter der Aufsicht
des amerikanischen Außenministeriums oder amerikanischer Botschaften betrieben werden, wobei Ausnahmen auf Grund einer persönlichen Genehmigung
des Außenministers oder des Staatssekretärs möglich sind.
4. Der Landwirtschaftsminister soll
bei der Durchführung von Verkäufen im Rahmen der Abstoßung überschüssiger Produkte und anderer auf Konzessionen beruhender Programme,
einschließlich Tauschaktionen, verstärkte Anstrengungen unternehmen, um
sicherzustellen, daß derartige Verkäufe nicht zu einer Verringerung der
Dollar-Barverkäufe amerikanischer Produkte führen.
5- Das Direktorium des Entwicklungsanleihefonds als eine Behörde, die Entwicklungsanleihen im Ausland aus öffentlichen Geldern gewährt,soll
nachdrücklich die für den Entwicklungsanleihefonds geltenden Richtlinien vom Oktober 1959 befolgen, denen zufolge größter Nachdruck auf die
Finanzierung von Gütern und Dienstleistungen amerikanischen Ursprungs zu
legen ist. Um eine anderweitige Finanzierung auf den niedrigstmöglichen
Stand zu reduzieren, sollte für Transaktionen des Entwicklungsanleihefonds
die nicht zur Finanzierung der direkten Beschaffung amerikanischer Güter
und Dienstleistungen dienen, ein Limit gesetzt und Anstrengungen gemacht
werden, die Auswirkung dieser Transaktionen auf die Zahlungsbilanz auf ein
Minimum zu beschränken.
6. Die

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. November 196O

6. Die Leiter aller Ministerien und Behörden, die Personal im Ausland
stationiert haben, sollen
alle angängigen Maßnahmen ergreifen, um die Zahl ihres im Ausland
stationierten Personals und der Angehörigen zu verringern, soweit derartige Kürzungen ohne eine Beeinträchtigung der Erfüllung wesentlicher
Zielsetzungen der amerikanischen Politik vorgenommen werden können.
In gleicher V/eise sollen alle Ministerien und Behörden,die sich mit der
Beschaffung im Ausland "befassen, ihre Tätigkeit mit dem Ziel überprüfen,
wo immer möglich Schritte zur Reduzierung dieser Beschaffungen zu unternehmen.
7. Jeder der vorstehend angeführten Regierungsangehörigen und jeder
Leiter eines Ministeriums und einer Behörde, auf den der oben angeführte
Absatz 6 zutrifft, soll
mir bis spätestens 15» Dezember i960 einen Bericht erstatten und
darin die Schritte anführen, die in Durchführung der hiermit erlassenen
Direktive unternommen worden sind. Darüber hinaus sollen die oben angeführten Regierungsangehörigen und alle anderen zuständigen Personen zu
Beratungen zusammentreffen, um den Stand der Zahlungsbilanz zu erörtern
und festzustellen, ob weitere zusätzliche Maßnahmen getroffen werden
sollten; diese Beratungen sollen unter dem Vorsitz des Finanzministers
und im Rahmen des Nationalen Beirates für Internationale Währungs- und
Finanzfragen beibehalten werden.

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./2.12.1960
PRÄSIDENT EISENHOWER ZU DEN DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
FINANZVERHANDLUNGEN

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Finanzminister Robert
B. Anderson und Staatssekretär C. Douglas Dillon haben am
Montag, dem 28. November 1960, Präsident Eisenhower über ihre
jüngste Reise nach Europa und im besonderen über ihre Besprechungen mit Vertretern der Bundesrepublik in Bonn Bericht
erstattet. In einer anschließend vom Weißen Haus herausgegebenen Erklärung gab Präsident Eisenhower seiner Überzeugung
Ausdruck, daß die Mission der beiden amerikanischen Politiker
im Ausland zu einem größeren Verständnis für den amerikanischen Standpunkt geführt hat, daß eine grundlegende Verbesserung
der amerikanischen Zahlungsbilanz für die Erhaltung des Finanzsystems der freien Welt unerläßlich ist. Eisenhower betonte
weiter, daß die Besprechungen in Bonn "äußerst nützlich" gewesen seien und daß man sich hinsichtlich der Notwendigkeit
der Erhaltung eines gesunden internationalen Währungssystems
einig sei.
Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:

Der Finanzminister und der Staatssekretär haben mir heute morgen
persönlich über die Gespräche Bericht erstattet, die sie in der vergangenen Woche mit Vertretern der Bundesrepublik Deutschland hatten
und die von den Delegationen beider Seiten in einem Geiste der Zusammenarbeit- und der Freundschaft geführt wurden, wobei beiderseits die
volle Bereitschaft zu einer Prüfung der Vorschläge bestand.
Ich glaube, daß diese Gespräche äußerst nützlich waren. Sie
führten zu einer Übereinstimmung der beiden Länder darüber, daß die
Erhaltung eines gesunden internationalen Finanzsystems notwendig ist,
und zwar nicht nur für den wirtschaftlichen Wohlstand der beiden Länder, sondern auch in der Weise, daß jedes Land weiterhin Hilfsquellen
zur Verfügung stellen kann, die die Grundlage für die gemeinsame Sicherheit der Länder der freien Welt bilden. Als Folge dieser Gespräche
besteht ein größeres Verständnis für den amerikanischen Standpunkt, daßl
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�"AMERIKA DIENST

2 . Dezember 196O

daß eine grundlegende Verbesserung der amerikanischen Zahlungsbilanz
unerläßlich ist für die Erhaltung des Finanzsystems der freien Welt, das
auf dem Dollar als Grundlage beruht.
Finanzminister Anderson und Staatssekretär Dillon haben, was Möglichkeiten und Vorschläge anbetrifft, meine Anweisungen ausgeführt.
Diese sind mit dem Außenminister und dem Verteidigungsminister voll und
ganz abgesprochen und der Regierung der Bundesrepublik Deutschland im
voraus zur Kenntnis gebracht worden. Obwohl die Frage einer Aufteilung
eines Teiles der Gesamtkosten der amerikanischen Truppen in Westdeutschland, entsprechend der am 15• November in Augusta abgegebenen Erklärung,
erörtert wurde, konnte hier keine Übereinstimmung erzielt werden. Die
Aussprache trug jedoch wesentlich zu einem wachsenden Verständnis für
dieses Problem bei.
Es wurde mit der Bundesrepublik Deutschland vereinbart, daß die
Besprechungen über eine Reihe anderer Punkte fortgesetzt werden sollen,
die bei der kurzen Zusammenkunft nicht eingehend genug geprüft werden
konnten und die zu einer Besserung der amerikanischen Zahlungsbilanz
führen sollen. Über diese verschiedenen Vorschläge, von denen einige
von den deutschen und einige von den amerikanischen Vertretern als mögliche Teillösungen zu unserem gemeinsamen Problem vorgebracht wurden,
werden weitere Verhandlungen in Bonn und Washington stattfinden.
Die amerikanische Delegation brachte ihre Anerkennung über die beschlossene Beschleunigung und die größere Flexibilität des vorgeschlagenen deutschen Entwicklungshilfe-Programms für die Entwicklungsländer
zum Ausdruck, wobei die große Bedeutung dieses neuen, erst in jüngster
Zeit von der Bundesrepublik Deutschland aufgenommenen Programms voll
und ganz anerkannt wurde.
Zu den anderen Problemen, über die weitere Besprechungen stattfinden
sollen, gehören der Abbau der noch bestehenden Beschränkungen für den Import
von Agrarerzeugnissen aus den USA, die Steigerung der militärischen Beschaffungskäufe der Bundesrepublik Deutschland für ihre eigenen Streitkräfte sowie die Erörterung einer Beschaffung militärischer Güter für
die Versorgung anderer Länder der NATO-Allianz.
Auf dem Rückweg von Bonn haben Finanzminister Anderson und Staatssekretär Dillon mit französischen und britischen Vertretern sowie amerikanischen Stellen in Paris und London einen inoffiziellen Gedankenaustausch
über Fragen gemeinsamen Interesses und im besonderen über das Finanzsystem
der Welt geführt. Ich bin zuversichtlich, daß diese Gespräche zu einem
größeren Verständnis in der Welt führen und sowohl unseren nationalen wie
auch unseren internationalen Interessen dienen werden, indem sie zu einer
erneuten Stärkung des Finanzsystems der freien Welt beitragen. Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, alle Maßnahmen zu treffen, die im Zusammenhang mit ihrem Eintreten für eine freie Wirtschaft notwendig und
angebracht und für den Schutz der Integrität des Dollars erforderlich sind,
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A 8.I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower: Botschaft über die Lage der Nation&lt;br /&gt;Wortlaut der dem US-Kongress am 7. Jan. 1960 in Washington unterbreiteten Botschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 22. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt neuen US-Haushalt vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 22. I.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Wirtschaftsbericht vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 19. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower unterbreitet Kongress Auslandshilfeprogramm&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 26. II.&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Herter: Amerikanisches Streben nach kontrollierter Abrüstung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 26. II.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: Gerechter Frieden nur im Schutze militärischer Stärke zu erhoffen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 18. III.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Westmächte veröffentlichen gemeinsamen Abrüstungsplan&amp;nbsp;&lt;br /&gt;US-Außenministerium veröffentlichte am 15. März 1960 den Fünf-Mächte-Arbeitsplan für Genf&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 8. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herter: Ziele der amerikanischen Außenpolitik&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede des US-Außenministers vom 4. April 1960 auf der in Chicago tangenden Jahresversammlung des Rundfunkverbandes der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A 15. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Abrüstung - aber wie?&lt;br /&gt;Die Vorschläge des Westens und des Sowjetblocks im vergleichenden Überblick&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 29. IV.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dillon: Die amerikanische Außenpolitik von heute&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Ansprache des stellvertretenden US-Außenministers C. Douglas Dillon vom 20. Apr. 1960 vor der AFL-CIO-Konferenz in New York&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 6. V.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltraum - Neuland der praktischen Forschung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Ergebnisse des zivilen Weltraumprogramms der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 3. VI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: Ziel der USA weiterhin Frieden und Gerechtigkeit&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache vom 25. Mai 1960&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 3. VI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herter: Wortlaut der Ausführungen des US-Außenministers vor dem außenpolitischen Ausschuss des amerikanischen Senats am 27. Mai 1960&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 3. VI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsidentschaftswahlen in den USA&lt;br /&gt;Fragen und Antworten zu Wahlrecht, Wahlverfahren und politischer Tradition der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A 1. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ostblock brach Genfer Abrüstungsverhandlungen ab&lt;br /&gt;1. Wortlaut der Erklärung des amerikanischen Chefdelegierten Frederick M. Eston vom 27. Juni 1960&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;2. Wortlaut des Kommuniqués der Abrüstungskonferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;3. Wortlaut der Erklärung des US-Außenministeriums&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;4. Der neue amerikanische Abrüstungsplan&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;5. Chronologische Zusammenfassung der jüngsten Entwicklung in Genf&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 1. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower berichtet über seine Fernostreise&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache des amerikanischen Präsidenten vom 27. Juni 1960&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 29. VII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frieden durch Abrüstung&lt;br /&gt;Der neue amerikanische Verschlag&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 2. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Geduldsspiel in Genf&lt;br /&gt;Seit 22 Monaten Verhandlungen über Einwilligung von Atomversuchen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A 30. IX.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frieden und Gerechtigkeit für alle&lt;br /&gt;Wortlaut der Rede des US-Präsidenten Eisenhower vom 22. September 1960 vor der 15. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 25. XI.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Direktive Präsident Eisenhowers zur Verbesserung der amerikanischen Zahlungsbilanz&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Wortlaut der Direktive des US-Präsidenten vom 18. Nov. 1960&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W 2. XII.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower zu den deutsch-amerikanischen Finanzverhandlungen&lt;/p&gt;</text>
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