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5/1973

DAS PROBLEIM VIETNAM (Chronologie)
Von Alexander Sullivan

WASHINGTON — ( A D ) — Das Problem Vietnam reicht - politisch gesehen - in
seinem Ursprung bis ins 19. Jahrhundert zurück. Von den sechziger Jahren
des vergangenen Jahrhunderts an bis zur Besetzung durch die Japaner im zweiten Weltkrieg war dieses Gebiet Indochinas französische Kolonie. Präsident
Roosevelt wollte nach Beendigung des zweiten Weltkrieges Indochina zu einem
internationalen Treuhandgebiet machen, um ihm schließlich die völlige Unabhängigkeit zu geben. Frankreich unter Charles de Gaulle aber wollte das Gebiet zurückhaben und sicherte ihm einen neuen politischen Status in der französischen Gemeinschaft zu.
Japan verlor den Krieg; Präsident Roosevelt starb kurz vor Kriegsende,
und die Franzosen gewannen Indochina zurück. Seither hat das vietnamesische
Volk, das seit langem eine nationale Selbständigkeit anstrebte, praktisch beständig im Krieg gestanden. Nachfolgend einige wichtige Daten aus der leidgeprüften Geschichte Vietnams seit Ende des zweiten Weltkrieges:

August 1945:

-1-

�August 1945: Mit der "August-Revolution" entsteht die Demokratische
Republik Vietnam (DRV), die sich - unter der Führung von Ho Tschi Minh in
Nordvietnam (Tongking), wo Nationalchina die Besatzungsmacht ist, fest
etabliert, dagegen in Zentralvietnam (dem ehemaligen Annam) und Südvietnam
(Kotschinchina) - das unter britischer Besatzung steht - nicht die gleiche
Macht gewinnt. Kaiser Bao Dai dankt zugunsten der neuen Republik ab.
6. März 1946: Frankreich und der Viet Minh einigen sich über die Rückkehr französischer Truppen nach Tongking. Frankreich anerkennt die Demokratische Republik Vietnam als "freien Staat mit eigener Regierung....";
ein Referendum soll darüber entscheiden, ob Teile von Annam und Kotehinchina
zur Demokratischen Republik Vietnam gehören werden. (Von diesem Augenblick
an setzt ein Guerillakrieg im Lande ein, der die Verhandlungen zwischen
dem Viet Minh und Paris wie ein Kontrapunkt begleitet).
5. Juni 1948: Mit Bao Dai an der Spitze bilden die Franzosen den Staat
Vietnam (Annam), dem später Kotehinchina zugefügt wird.
8. März 1949: Durch das Elys£e-Abkommen werden die Staaten Vietnam,
Laos und Kambodscha als unabhängige in der französischen Union assoziierte
Staaten begründet.
18. Januar 1950: Die Demokratische Republik Vietnam wird vom kommunistischen China diplomatisch anerkannt; 12 Tage später erfolgt die diplomatische
Anerkennung durch die Sowjetunion.
7. Februar 1950: Die Vereinigten Staaten und Großbritannien erkennen die
Staaten Vietnam, Laos und Kambodscha diplomatisch an.
8. Mai 1950: Die Vereinigten Staaten erklären sich bereit, Frankreich
und seinen assoziierten Staaten Militär-und Wirtschaftshilfe zu gewähren.

27.Juni 1950:

�27. Juni 1950: Im Rahmen des an die amerikanischen Truppen ergangenen
Befehls, die nordkoreanischen Invasoren aus Südkorea zurückzudrängen, gibt
Präsident Truman die Anweisung zur Entsendung einer militärischen Mission
nach Indochina und beschleunigt die Unterstützung Frankreichs und seiner
assoziierten Staaten in ihrem Kampf gegen den Druck der Kommunisten.
12. Dezember 1952: Der NATO-Rat erklärt, daß der französische Kampf
in Indochina seitens der Mitglieder der NATO"anhaltende Unterstützung
verdient".
7. Mai 1954: Mit der Eroberung des vorgeschobenen Stützpunktes Dien
Bien Phu nach einer 56-tägigen Belagerung versetzt der Viet Minh dem Selbstgefühl Frankreichs einen schweren Schlag.
20. Juli 1954: Die Genfer Konferenz führt zu einer zeitweiligen Einstellung der Kämpfe - Vietnam wird entlang des 17. Breitengrades geteilt.
21. Juli 1954: In einer gesonderten, aber nicht unterzeichneten Deklaration fordert die Genfer Konferenz die Wiedervereinigung Vietnams durch
Wahlen bis zum 20. Juli 1956. (Diese Wahlen fanden jedoch niemals statt;
Südvietnam stellt die Behauptung auf, daß "gefälschte" Wahlen im Norden
die wahrhaft freien Wahlen im Süden überspielen würden).
August 1954: Über eine Million Vietnamesen flüchten aus dem Norden
und suchen Zuflucht in Südvietnam.
24. Oktober 1954: Präsident Eisenhower ordnet eine direkte Hilfe für
Südvietnam an.
23. Oktober 1955: Bao Dai wird nach Wahlen von den Südvietnamesen als
Staatsoberhaupt abgesetzt. Drei Tage später wird die Republik Vietnam gegründet mit Ngo Dinh Diem als Präsident.
4. Juli 1956: Die im März gewählte Verfassunggebende Versammlung
beschließt eine südvietnamesische Verfassung.
2.Juni 1962:

�2. Juni 1962: Indien und Kanada als Mitglieder der Internationalen Kontrollkommission informieren die Sowjetunion und Großbritannien als die beiden Ko-Vorsitzenden der Genfer Konferenz, daß sich Nordvietnam der Subversion
und der verschleierten Aggression gegen Südvietnam im Widerspruch zu den Genfer Abkommen von 1954 schuldig gemacht habe.
2.-4.August 1964: Präsident Johnson ordnet Luftangriffe gegen Nordvietnam an, nachdem zwei amerikanische Zerstörer außerhalb der Hoheitsgewässer
vor Nordvietnam angegriffen wurden.
7. August 1964: Mit überwältigender Mehrheit beschließt der amerikanische Kongreß, Präsident Johnson freie Hand für alle seiner Ansicht nach notwendigen Maßnahmen zur Förderung des Friedens und der Sicherheit in Südostasien zu geben.
1. Januar 1965: Die Zahl der amerikanischen Militärberater in Südvietnam
ist auf schätzungsweise 23 000 Mann gestiegen.
8. März 1965: Die ersten amerikanischen Trupperiverbände treffen in Vietnam zum Schutze der amerikanischen Anlagen ein.
9. Dezember 1965: Ho Tschi Minh bezeichnet die von Präsident Johnson gemachten Friedensvorschläge als "absolut unannehmbar."
10. Juli 1966: Das amerikanische Verteidigungsministerium gibt bekannt,
daß die Zahl der amerikanischen Truppen in Südvietnam bis zum Frühjahr 1967
auf 425 000 Mann ansteigen werde. Am Ende waren über 500 000 amerikanische
Soldaten in Vietnam stationiert.
28. März 1967: Der Generalsekretär der Vereinten Nationen,U Thant, schlägt
eine Feuereinstellung vor - Washington und Saigon nehmen diesen Vorschlag an,
doch Hanoi lehnt ab.

30. Januar 1968:

�30. Januar 1968: Beginn der kommunistischen TET-Offensive, deren erste
Angriffswelle sich gegen etwa die Hälfte aller Provinzhauptstädte in Südvietnam sowie gegen 25 Flugplätze und das amerikanische Botschaftsgebäude
in Saigon richtet.
31. März 1968: Präsident Johnson ordnet die Einstellung der Luftangriffe auf Ziele nördlich des 20. Breitengrades an und verspricht die völlige
Einstellung der Bombenangriffe, wenn Hanoi die Kampftätigkeit einschränkt.
10. Mai 1968: Delegierte der Vereinigten Staaten und Nordvietnams treffen zum ersten Mal zu vorbereitenden Gesprächen über eine Beendigung des
Krieges zusammen.
20. Juli 1968: Präsident Johnson versichert, Washington werde es nicht
zulassen, daß Südvietnam gegen seinen Willen eine Koalitionsregierung unter
Beteiligung der Kommunisten aufgezwungen wird.
31. Oktober 1968: Um den Beginn produktiver Friedensgespräche zu erleichtern, ordnet Präsident Johnson die Einstellung sämtlicher amerikanischer
Luftangriffe gegen Nordvietnam an.
14. Mai 1969: Nach einem Zusammentreffen mit dem südvietnamesischen
Staatspräsidenten Thieu auf den Midway-Inseln ruft Präsident Nixon 25 000
amerikanische Soldaten aus Vietnam zurück.
4. August 1969: Der Sonderberater des Präsidenten für Fragen der
Nationalen Sicherheit, Dr. Henry Kissinger, beginnt eine Reihe von Geheimgesprächen mit dem Vertreter Hanois, dem nordvietnamesischen Politbüromitglied
Le Duc Tho,in Paris.
4. September 1969: Radio Hanoi meldet den Tod Ho Tschi Minhs.
7. Oktober 1970: Präsident Nixon umreißt die Grundzüge eines Friedensplanes, der eine politische Lösung vorsieht, die den gegebenen Verhältnissen der politischen Kräfte in Südvietnam entspricht, sowie einen Waffen-

�Waffenstillstand, einen Truppenabzug nach einem festgelegten Plan und die
Freilassung der Kriegsgefangenen.
7. April 1971: Präsident Nixon ruft weitere L00 000 amerikanische Soldaten aus Vietnam zurück.
31. Mai 1971: Bei einem Geheimgespräch zwischen Kissinger und Le Duc
Tho in Paris bietet Washington die Festlegung eines bestimmten Zeitpunktes
für den Truppenabzug an, wenn Hanoi dafür die Kriegsgefangenen freilassen
würde. Hanoi lehnt diesen Vorschlag für eine militärische Lösung ab und besteht auf einer umfassenden - politischen wie militärischen - Lösung, die
unter anderem den Sturz des südvietnamesischen Staatspräsidenten Thieu vorsieht.
25. Januar 1972: Präsident Nixon gibt die zwischen Kissinger und Le
Duc Tho geführten geheimen Gespräche bekannt und fordert gleichzeitig Hanoi
zu Verhandlungen auf. Der Präsident schlägt einen Waffenstillstand an Ort
und Stelle sowie die Freilassung aller Gefangenen und den Abzug der amerikanischen und alliierten Truppen aus Vietnam vor. Außerdem erklärt Nixon, daß
Staatspräsident Thieu einen Monat vor dem Termin für Neuwahlen von seinem Amt
zurücktreten werde.
30. März 1972: Nordvietnam beginnt mit starken militärischen Kräften
eine Invasion nach Südvietnam über die entmilitarisierte Zone hinweg.
8. Mai 1972: Präsident Nixon ordnet die Verminung der nordvietnamesischen Häfen und Luftangriffe auf militärische Depots an, um den Invasionstruppen den Nachschub abzuschneiden.
29. August 1972: Präsident Nixon kündigt an, daß die amerikanische
Truppenstärke in Südvietnam bis zum 1. Dezember auf 27 000 Mann reduziert
werden soll, versichert aber zugleich, daß einige amerikanische Truppeneinheiten solange in Vietnam bleiben würden, bis Hanoi die amerikanischen Kriegsgefangenen freigelassen hat.
8.Oktober 1972:

-6-

�8. Oktober 1972: Auf einer geheimen Konferenz Ln Paris erklärt sich
der Vertreter Nordvietnams Le Duc Tho zum ersten Mal bereit, den militärischen Aspekt einer Vietnamlösung von dem politischen zu trennen. Ein Vertragsentwurf wird aufgesetzt, der einen Waffenstillstand an Ort und Stelle
unter internationaler Überwachung, die Freilassung aller amerikanischen Gefangenen und die Schaffung eines Nationalrates der Wiederaussöhnung und Eintracht vorsieht, der unter internationaler Überwachung die Durchführung neuer Wahlen in Südvietnam in die Wege leiten soll.
26.Oktober 1972: Der Entwurf wird von Radio Hanoi bekanntgegeben, wobei
die Vereinigten Staaten gleichzeitig beschuldigt werden, sie wollten sich
an die gegebene Zusage, dieses Abkommen bis zum 31- Oktober zu unterzeichnen,
nicht halten. Dr. Kissinger erklärt, daß gewisse Unklarheiten und Nuancen
im Text des Entwurfes einer weiteren Verbesserung und Klärung bedürften. Nach
seiner Ansicht sollten diese Schwierigkeiten jedoch durch eine weitere Konferenz von drei bis vier Tagen ausgeräumt werden können.
25. November 1972: Nach sechs weiteren Konferenzsitzungen werden die
vertraulichen Gespräche zwischen Kissinger und Tho bis zum 4. Dezember vertagt.
4. Dezember 1972: Kissinger und der Vertreter Nordvietnams Le Duc
Tho kommen erneut in Paris zu vertraulichen Verhandlungen zusammen.
13. Dezember 1972: Die Gespräche zwischen Kissinger und Le Duc Tho
werden vorerst ausgesetzt; Kissinger fliegt nach Washington zurück.
14. Dezember 1972: Kissinger führt eine Reihe von Konsultationen mit
Präsident Nixon, Vizepräsident Agnew, Außenminister Rogers und Verteidigungsminister Laird.
16. Dezember 1972: Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus erklärt
Kissinger, daß die vertraulichen Gespräche in Paris ausgesetzt wurden, weil

-7-

�weil Nordvietnam sich weigerte, ernsthaft weiter zu verhandeln.
17. Dezember 1972: Der Stellvertreter Kissingers, General Alexander
Haig, fliegt von Washington zu einer sechstägigen Reise nach Südostasien, wobei er auch mit dem südvietnamesischen Staatspräsidenten Thieu konferiert.
18. Dezember 1972: Verstärkung des Einsatzes der amerikanischen Luftwaffe gegen strategische militärische Ziele in Nordvietnam entsprechend der von
Präsident Nixon am 8. Mai abgegebenen Erklärung.
30. Dezember 1972: Das Weiße Haus gibt bekannt, daß Kissinger am 8. Januar zur Wiederaufnahme der geheimen Gespräche mit Le Duc Tho nach Paris zurückkehren wird

und daß am 2. Januar Experten beider Seiten ebenfalls in

Paris technische Gespräche aufnehmen werden. Präsident Nixon ordnet die Einstellung der amerikanischen Luftangriffe auf militärische Ziele in Nordvietnam jenseits des 20. Breitengrades an.
2. Januar 1973: Die technischen Experten kommen in Paris zusammen.
8. Januar 1973: Kissinger und Le Duc Tho nehmen ihre vertraulichen Gespräche wieder auf.
13. Januar 1973: Kissinger fliegt nach den Vereinigten Staaten zu Konsultationen mit Präsident Nixon zurück.
14. Januar 1973: General Haig fliegt erneut nach Saigon zu Konsultationen mit dem südvietnamesischen Staatspräsidenten Thieu.
15. Januar 1973: Präsident Nixon ordnet die einseitige Einstellung der
amerikanischen Luftangriffe, der Beschießung und der Verminung der Häfen Nordvietnams an.
18. Januar 1973: Washington und Hanoi geben gemeinsam bekannt, daß
Kissinger und Le Duc Tho am 23. Januar erneut in Paris zusammenkommen werden, um dem Wortlaut des Abkommens seine endgültige Gestaltung zu geben.

23. Januar 1973:

�23. Januar 1973: Präsident Nixon gibt bekannt, daß an diesem Tage um
12:30 Uhr Pariser Zeit das Abkommen über die Beendigung des Krieges und
die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam von Kissinger und Le Duc Tho
paraphiert worden ist.
27. Januar 1973: Das Abkommen wird von den Außenministern der an der
Pariser Vietnam-Konferenz Beteiligten im internationalen Konferenzgebäude
in Paris formell unterzeichnet.

-9-

�</text>
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5/1973

PROTOKOLL ÜBER DIE KONTROLL- UND ÜBERWACHUNGSKOMMISSION

WASHINGTON — (AD) -- Das am 24. Januar vom Weißen Haus in Washington
veröffentlichte Protokoll über die Internationalt

Kontroll- und Über-

wachungskommission hat folgenden Wortlaut:
Die an der Pariser Vietnam-Konferenz beteiligten Parteien haben zur
Durchführung von Artikel 18 des an diesem Tage unterzeichneten Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung
des Friedens in Vietnam, der die Schaffung einer Internationalen Kontroll- und Überwachungskommission vorsieht, folgendes vereinbart:

Artikel 1

Für die Durchführung des Abkommens sind die Parteien verantwortlich, die das Abkommen unterzeichnet haben.
Die Funktionen der Internationalen Kommission bestehen darin,
die Durchführung der in Artikel 18 des Abkommens erwähnten Bedingungen
zu kontrollieren und zu überwachen. In Ausübung dieser Funktionen soll
die Internationale Kommission:
a)

die Durchführung der oben erwähnten Bestimmungen des Abkommens
- 1 -

�Abkommens durch Kommunikation mit den Parteien sowie durch direkte Beobachtung an den Plätzen verfolgen, wo dies erforderlich wird;
b)

solche Verletzungen der Bestimmungen untersuchen, die unter die

Kontrolle und Überwachung der Kommission fallen;
c)

wenn notwendig mit den Gemeinsamen Militärkonimissionen zusammen-

arbeiten, um Verletzungen der oben erwähnten Bestimmungen zu verhindern
und festzustellen.

Artikel 2
Die Internationale Kommission soll Verletzungen der in Artikel 18
des Abkommens dargelegten Bestimmungen nachprüfen und zwar auf Ersuchen
der Gemeinsamen Vierer-Militärkommission oder der Gemeinsamen ZweierMilitärkommission oder irgendeiner der Parteien oder im Hinblick auf
Artikel 9 b des Abkommens über allgemeine Wahlen auf Ersuchen des Nationalrates der Nationalen Wiederaussöhnung und Eintracht oder in jedem Fall,
wo die Internationale Kommission andere ausreichende Gründe für die Annahme hat, daß eine Verletzung dieser Bestimmungen stattgefunden hat.
Dabei wird davon ausgegangen, daß die Internationale Kontrollkommission
bei der Durchführung dieser Aufgaben mit der Unterstützung und der Zusammenarbeit der betroffenen Parteien, wenn dies erforderlich ist,
arbeiten wird.

Artikel 3
a)

Wenn die Internationale Kommission eine ernsthafte Verletzung bei

der Durchführung des Abkommens oder eine Bedrohung für den Frieden feststellt, gegen die die Kommission keine angemessene Maßnahme treffen kann,
dann soll die Kommission dies den vier Parteien des Abkommens melden,
damit diese Konsultationen wegen einer Lösung abhalten können.
b)

�I

b)

Gemäß Artikel 18 f des Abkommens sollen die Berichte der Inter-

nationalen Kommission seitens der Vertreter aller vier Mitglieder einstimmig unterbreitet werden. Falls keine Einstimmigkeit erreicht wird,
soll die Kommission gemäß Artikel 18 b des Abkommens die von einander
abweichenden Ansichten den vier Parteien oder gemäß Artikel 18 c des
Abkommens den beiden südvietnamesischen Parteien zuleiten; diese werden
nicht als Berichte der Kommission angesehen.
Artikel 4
a)

Das Hauptquartier der Internationalen Kommission soll in Saigon sein.

b)

Es soll 7 regionale Gruppen geben, die in den auf der beigefügten

Karte aufgezeigten Regionen eingesetzt werden und an den folgenden Orten
stationiert sind:
Regionen:

Orte:

I

Hue

II

Danang

III

Pleiku

IV

Phan Thiet

V

Bien Hoa

VI

My Tho

VII

Can Tho

Die Internationale Kontrollkommission soll 3 Gruppen für die Region
Saigon-Gia Dinh abstellen.
c)

Es soll 26 Gruppen geben, die in den auf der beigefügten Karte auf-

gezeigten Gebieten tätig und an den folgenden Orten in Südvietnam stationiert
sind:
Region I:

- 3 -

�Region I;

Region II:

Region III;

Region IV;

Quang Tri

Hoi An

Kontum

Da Lat

Phu Bai

Tarn Ky

Hau Bon

Bao Loc

Chu Lai

Phu Can

Phan Rang

Tuy An
Ninh Hoa
Ban Me Thuot
Region V;

Region Vi;

Region VII;

An Loc

Moc Hoa

Tri Ton

Xuan Loc

Giong Trom

Vinh Long

Ben Cat

Vi Thanh
Khanh Hung
Quan Long

d)

Es soll 12 Gruppen geben, die - wie auf der beigefügten Karte ge-

zeigt - eingesetzt und an den folgenden Orten stationiert sind:
Gio Linh (zur Erfassung des Gebietes südlich der provisorischen militärischen Demarkationslinie)
Lao Bao
Ben Het
Duc Co
Chu Lai
Qui Nhon
Nha Trang
Vung Tau
Xa Mat
Bien Hoa (Flugstützpunkt)
Hong Ngu
Can Tho
e)
- 4-

�e)

Es soll 7 Gruppen geben, von denen 6 zur Verfügung stehen, um für

die Übergangsstellen abgestellt zu werden, die nicht unter obigem Paragraph
d angeführt sind und die die beiden südvietnamesischen Parteien im Zuge der
nach Artikel 7 des Abkommens gestatteten Ersatzbeschaffung von Waffen, Munition und Kriegsmaterial als legitime Übergangspunkte auswählen. Jede Gruppe
oder Anzahl von Gruppen, die für die oben erwähnte Aufgabe nicht benötigt
werden, sollen in Übereinstimmung mit der Verantwortlichkeit der Kommission für Kontrolle und Überwachung für andere Aufgaben zur Verfügung
stehen.
f)

Es soll 7 Gruppen geben, die die Rückführung des von den Parteien ge-

fangengehaltenen und internierten Personals kontrollieren und überwachen.

Artikel 5
a)

Zur Durchführung der Aufgaben bezüglich der Rückführung der von den

Parteien gefangengehaltenen Militärpersonen und ausländischen Zivilisten,
wie dies in Artikel 8 a des Abkommens vereinbart worden ist, soll die
Internationale Kommission während des Zeitraums der Rückführung eine
Kontroll- und Überwachungsgruppe zu jeder Stelle in Vietnam entsenden,
an der die Rückführung der gefangengehaltenen Personen erfolgt sowie zu
den letzten Internierungslagern, von denen aus diese Personen an die
Rückführungsstellen gebracht werden.
b)

Zur Durchführung der Aufgaben bezüglich der Rückführung der in Süd-

vietnam gefangengehaltenen und internierten vietnamesischen Zivilisten,
wie dies in Artikel 8 c des Abkommens ausgeführt ist, soll die Internationale Kommission während des Zeitraums der Rückführung eine Kontrollund Überwachungsgruppe zu jeder Stelle in Südvietnam entsenden, an der die
Rückführung der oben erwähnten gefangengehaltenen und internierten Personen
erfolgt sowie zu den letzten Internierungslagern, von denen aus diese

- 5-

�diese Personen an die Rückführungsstellen gebracht werden.

Artikel 6

Zur Durchführung der Aufgaben bezüglich Artikel 9 b des Abkommens
über freie und demokratische allgemeine Wahlen in Südvietnam soll die
Internationale Kommission - wenn notwendig - weitere Gruppen bilden.
Die Internationale Kommission soll diese Frage im voraus mit dem Nationalrat der Nationalen Wiederaussöhnung und Eintracht erörtern. Sollten
weitere Gruppen für diesen Zweck erforderlich werden, sollen sie 30 Tage
vor Abhaltung der allgemeinen Wahlen gebildet werden.

Artikel 7
Die Internationale Kommission soll ihre Größe kontinuierlich überprüfen und die Zahl ihrer Gruppen, ihrer Vertreter oder ihres anderen
Personals (oder der beiden) reduzieren, wenn diese Gruppen, diese Vertreter oder dieses Personal die ihnen zugeteilten Aufgaben erfüllt haben
und nicht mehr für andere Aufgaben erforderlich sind. Gleichzeitig sollen
die Ausgaben der Internationalen Kommission entsprechend verringert werden.

Artikel 8
Jedes Mitglied der Internationalen Kommission soll jederzeit die
folgende Anzahl qualifizierten Personals verfügbar machen:
a)

einen leitenden Vertreter und 26 andere für den Stab des Hauptquartiers;

b)

5 Vertreter für jede der sieben regionalen Gruppen;

c)

zwei für jede der anderen internationalen Kontrollgruppen mit Ausnahme

der in Gio Linh und Vung Tau stationierten Gruppen, die jeweils drei Ver-

- 6-

�Vertreter haben werden;
d)

116 Personen, die das Hauptquartier der Kommission sowie ihre

Gruppen unterstützen sollen.

Artikel 9
a)

Die Internationale Kommission und jede ihrer Gruppen soll als

einzelnes Gremium handeln, das sich aus Vertretern aller vier Mitglieder
zusammensetzt.
b)

Jedes Mitglied ist dafür verantwortlich, daß die Präsenz seiner Ver-

treter auf allen Ebenen der Internationalen Kommission sichergestellt ist.
Falls ein Vertreter nicht anwesend ist, soll das betroffene Mitglied unverzüglich einen Ersatzmann bestimmen.

Artikel 10

a)

Die Parteien sollen der Internationalen Kommission volle Zusammen-

arbeit, Unterstützung und Schutz gewähren.
b)

Die Parteien sollen zu jeder Zeit eine reguläre und kontinuierliche

Verbindung zur Internationalen Kommission unterhalten. Solange die Gemeinsame Vierer-Militärkommission besteht, sollen die Delegationen der
Parteien bei dieser Kommission ebenfalls Verbindungsfunktionen zur Internationalen Kommission ausüben. Nachdem die Gemeinsame Vierer-Militärkommission ihre Tätigkeit beendet hat, soll eine derartige Verbindung durch
die Gemeinsame Zweier-Militärkommission, durch Verbindungsmissionen oder
durch andere angemessene Mittel aufrechterhalten werden.
c)

Die Internationale Kommission und die Gemeinsamen Militärkommissionen

sollen eng miteinander zusammenarbeiten und sich gegenseitig bei der Durch-

- 7-

�Durchführung ihrer jeweiligen Funktionen unterstützen.
d)

Wo immer eine Gruppe stationiert oder tätig ist, soll die betrof-

fene Partei einen Verbindungsoffizier für diese Gruppe abstellen, um mit
ihr zusammenzuarbeiten und sie bei der störungsfreien Durchführung ihrer
Kontroll- und Überwachungsaufgaben zu unterstützen. Wenn eine Gruppe eine
Untersuchung durchführt, soll ein Verbindungsoffizier von jeder betroffenen Partei die Möglichkeit haben, sie zu begleiten, vorausgesetzt, daß
die Untersuchung dadurch nicht verzögert wird.
e)

Jede Partei soll der Internationalen Kommission in einem angemessenen

Zeitraum im voraus Mitteilung über alle beabsichtigten Maßnahmen bezüglich
jener Bestimmungen des Abkommens machen, die von seiten der Internationalen
Kontrollkommission kontrolliert und überwacht werden sollen.

f)

Der Internationalen Kommission einschließlich ihrer Gruppen sind

zum Zwecke der Beobachtung solche Bewegungen gestattet, die vernünftigerweise für die genaue Ausübung ihrer Funktionen, wie dies in dem Abkommen
vereinbart wurde, erforderlich sind. Bei der Ausübung dieser Funktionen
soll der Internationalen Kommission einschließlich ihrer Gruppen jede notwendige Unterstützung und Zusammenarbeit seitens der betroffenen Parteien
gewährt werden.

Artikel 11
Bei der Überwachung der Abhaltung der freien und demokratischen
allgemeinen Wahlen, wie dies in Artikel 9 b und 12 b des Abkommens in
Übereinstimmung mit den Modalitäten, die zwischen dem Nationalrat der
Nationalen Wiederaussöhnung und Eintracht und der Internationalen Kommission vereinbart werden sollen, beschrieben wird, soll die letztere
volle Zusammenarbeit und Unterstützung seitens des Nationalrates erhalten.
Artikel 12

�Artikel 12
Die Internationale Kommission und ihr Personal, das die Nationalität
eines Mitgliedsstaates hat, soll sich bei der Ausübung ihrer Aufgaben der
Privilegien und der Immunität erfreuen, wie sie den diplomatischen Missionen
und den diplomatischen Vertretern gewährt werden.

Artikel 13
Die Internationale Kommission kann sich der Kommunikations- und der
Transportmittel bedienen, die zur Durchführung ihrer Funktionen notwendig
sind. Jede südvietnamesische Partei soll der Internationalen Kommission
auf Mietbasis geeignete Büro- und Wohnmöglichkeiten zur Verfügung stellen
und sie bei der Anmietung dieser Einrichtungen unterstützen. Die Internationale Kommission kann von den Parteien - nach beiderseitig vereinbarten Bedingungen - die erforderlichen Kommunikations- und Transportmittel erhalten und kann von jeder anderen Stelle die erforderliche Ausrüstung und die Dienstleistungen erwerben, die von den Parteien nicht
erlangt werden konnten. Die Internationale Kommission soll diese Mittel
in Besitz haben.

Artikel 14
Die Kosten für die Tätigkeit der Internationalen Kommission sollen
von den Parteien und den Mitgliedern der Internationalen Kommission gemäß
den Bestimmungen dieses Artikels getragen werden:
a)

Jedes Mitgliedsland der Internationalen Kommission soll die Gehälter

und Aufwandsentschädigungen seines Personals bezahlen;
b)

alle weiteren Ausgaben, die durch die Internationale Kommission ent-

stehen, sollen aus einem Fonds beglichen werden, zu dem jede der vier
Parteien 23 Prozent und jedes Mitglied der Internationalen Kommission zwei
- 9-

�zwei Prozent beitragen;
c)

innerhalb von 30 Tagen nach Inkrafttreten dieses Protokolls soll jede

der vier Parteien der Internationalen Kommission eine erste Zahlung von
umgerechnet 4,5 Millionen französischen Francs in konvertierbarer Währung
leisten; diese Summe soll gegen den von jeder Partei im Rahmen des ersten
Budgets zu entrichtenden Betrag aufgerechnet werden.
d)

Die Internationale Kommission soll ihre eigenen Budgets aufstellen.

Nachdem die Internationale Kommission ein Budget gebilligt hat, soll sie
es allen Parteien, die das Abkommen unterzeichnet haben, zur Zustimmung
vorlegen. Erst wenn die vier Parteien des Abkommens die Budgets gebilligt
haben, werden sie verpflichtet sein, ihre Beiträge zu leisten. Falls die
Parteien des Abkommens sich nicht über ein neues Budget einigen können,
soll die Internationale Kommission ihre Ausgaben vorübergehend auf das
vorherige Budget stützen, mit Ausnahme der außergewöhnlichen einmaligen
Ausgaben für ihre Einrichtung oder für den Erwerb von Ausrüstung, und die
Parteien sollen dann ihre Beiträge auf dieser Basis solange entrichten,
bis ein neues Budget gebilligt worden ist.

Artikel 15
a)

Das Hauptquartier soll innerhalb von 24 Stunden nach dem Waffenstill-

stand einsatzfähig und eingerichtet sein.
b)

Die regionalen Gruppen sollen innerhalb von 48 Stunden nach dem Waffen-

stillstand einsatzfähig und an Ort und Stelle sein, und drei Gruppen, die
die Rückführung des gefangengehaltenen und internierten Personals überwachen und kontrollieren sollen, sollen ebenfalls binnen 48 Stunden einsatzbereit sein.

£2
- 10 -

�c)

Andere Gruppen sollen innerhalb von 15 bis 30 Tagen einsatzfähig

und an Ort und Stelle sein.

Artikel 16

Zusammenkünfte sollen auf Einladung des Vorsitzenden stattfinden.
Die Internationale Kommission soll weitere Arbeitsverfahren aufstellen,
die der wirksamen Ausübung ihrer Funktionen angemessen sind und in Übereinstimmung mit der Respektierung der Souveränität Südvietnams stehen.

Artikel 17
Die Mitglieder der Internationalen Kommission akzeptieren die Verpflichtungen dieses Protokolls, indem sie den vier Parteien, die das
Abkommen unterzeichnet haben, Noten der Zustimmung übermitteln. Sollte
ein Mitglied der Internationalen Kommission sich entscheiden, sich aus
der Internationalen Kommission zurückzuziehen, dann kann dies geschehen,
indem das Mitglied drei Monate im voraus den vier Parteien des Abkommens
durch Noten davon Kenntnis gibt; in einem solchen Falle sollen die vier
Parteien untereinander Konsultationen führen, mit dem Ziel, sich über ein
Ersatzmitglied zu einigen.
Artikel 18
Dieses Protokoll soll nach Unterzeichnung durch die bevollmächtigten
Vertreter aller an der Pariser Vietnam-Konferen beteiligten Parteien in
Kraft treten. Es soll von allen betroffenen Parteien strikt durchgeführt
werden.
Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiundsiebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen
und englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen authentisch.
Für

- 11 -

�Für die Regierung der

Für die Regierung der

Vereinigten Staaten von Amerika

Republik Vietnam

William P. Rogers

Tran van Lam

Außenminister

Außenminister

- 12 -

�Für die Regierung der

Für die provisorische Revolutions-

Demokratischen Republik Vietnam

regierung der Republik Südvietnam

Nguyen Duy Trinh

Nguyen Thi Binh

Außenminister

Außenminister

- 13 -

�Zu unterzeichnen im internationalen
Konferenzzentrum, Paris,
Sonnabend Nachmittag, Pariser Zeit,
27. Januar 1973

PROTOKOLL ZUM ABKOMMEN ÜBER DIE BEENDIGUNG DES KRIEGES
UND DIE WIEDERHERSTELLUNG DES FRIEDENS IN VIETNAM
BEZÜGLICH DER INTERNATIONALEN KONTROLL- UND ÜBERWACHUNGSKOMMISSION

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika
in Übereinstimmung mit der Regierung der Republik Vietnam,
Die Regierung der Demokratischen Republik Vietnam in Übereinstimmung mit der provisorischen Revolutionsregierung der
Republik Südvietnam,

haben zur Durchführung von Artikel 18 des an diesem Tage unterzeichneten
Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des
Friedens in Vietnam, der die Schaffung einer Internationalen Kontrollund Überwachungskommission vorsieht, folgendes vereinbart:
(Artikel 1-17 des Protokolls sind identisch mit obigen Artikeln)

Artikel 18
Das Protokoll zu dem Pariser Abkommen über die Beendigung des Krieges
und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam bezüglich der Internationalen Kontroll- und Überwachungskommission soll mit Unterzeichnung
dieses Dokumentes durch den Außenminister der Regierung der Vereinigten
Staaten von Amerika und den Außenminister der Regierung der Demokratischen
- 14 -

�Demokratischen Republik Vietnam und mit Unterzeichnung eines Dokumentes
gleichen Inhalts durch den Außenminister der Regierung der Vereinigten
Staaten von Amerika, den Außenminister der Regierung der Republik Vietnam,
den Außenminister der Demokratischen Republik Vietnam und den Außenminister
der provisorischen Revolutionsregierung der Republik Südvietnam in Kraft
treten. Das Protokoll soll von allen betroffenen Parteien strikt ausgeführt werden.

Ausgefertigt in Paris am 27. Tage des Januar Eintausendneunhundertunddreiundsiebzig in vietnamesischer und englischer Sprache. Die vietnamesischen
und englischen Texte sind offiziell und gleichermaßen authentisch.

Für die Regierung der

Für die Regierung der

Vereinigten Staaten von Amerika

Demokratischen Republik Vietnam

William P. Rogers

Nguyen Duy Trinh

Außenminister

Außenminister

+++

- 15 -

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
&lt;z&gt;&amp;

Ü(

53Öi0

0

1. Mai 1990

o^

USA - DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN UND DIE NEUEN
BUNDESLÄNDER
Rede von Botschafter Walters

OSTEUROPA

ANHÖRUNG IM KONGRESS ÜBER HILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede von Botschafter Barry

HINTERGRUND

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

IKE UND DIE SOGENANNTEN
GREUELTATEN
von Stephen E. Ambrose

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�U S A - DEUTSCHLAND
1. Mail991

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
UND DIE NEUEN BUNDESLÄNDER
Rede von Botschafter Walters
DRESDEN - (AD) - Bei einer Ansprache vor der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland am 25. April
1991 in Dresden verlieh Botschafter Walters seiner Überzeugung Ausdruck, "daß die neuen Bundesländer bald
Anschluß an das wirtschaftliche Niveau der früheren Bundesrepublik finden werden". Die Überwindung der
Teilung Deutschlands und Europas sei stets ein vorrangiges Ziel amerikanischer Außenpolitik der vergangenen
Jahrzehnte gewesen, und konsequenterweise hätten die Vereinigten Staaten die Vereinigung der beiden
deutschen Staaten vorbehaltlos unterstützt. "Wir sind glücklich, daß wir dieses Ziel erreicht haben", so der
Botschafter.
Um die Zusammenarbeit mit den neuen Bürgern der Bundesrepublik Deutschland zu erleichtern, habe die
Amerikanische Botschaft eine Art Arbeitsprogramm erstellt. Dazu zählten verschiedenartige Programme zur
Förderung des Austauschs von Schülern, jungen politischen Führungskräften, Journalisten und Vertretern des
kulturellen Lebens.
Botschafter Walters zufolge besteht eine "unserer Hauptaufgaben darin, amerikanischen Firmen ihre unternehmerische Tätigkeit in Ostdeutschland zu erleichtern." Darüber hinaus liege der amerikanischen Regierung viel
daran, ihre "Beziehungen zu den neuen Bundesländern genauso fruchtbar zu gestalten wie unser langjähriges
Verhältnis zu den Ländern der früheren Bundesrepublik." Der Botschafter unterstrich, auch die Vereinigten
Staaten seien an einem schnellen wirtschaftliche Aufschwung in der ehemaligen DDR interessiert und verlieh
seiner Hoffnung Ausdruck, daß "die Probleme, die wohl bei einer Umstrukturierung von solch historischem
Ausmaß nicht ausbleiben, bald der Vergangenenheit angehören."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Botschafter Walters im Wortlaut (es gilt das gesprochene
Wort).

Sehr geehrter Herr Präsident,
Herr Minister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
sollte noch jemand einen Beweis dafür benötigen, wie
sehr sich die Welt in den letzten zwei Jahren verändert
hat, dann müßte die Tatsache, daß die diesjährige
Jahresversammlung der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland in Dresden stattfindet, eigentlich
ausreichen. Vor zwei Jahren noch war Dresden eine
Stadt jenseits des Eisernen Vorhangs, in einem Staat,
von dessen Politik und Wirtschaft die meisten Bürger
hier genug hatten. Vor anderthalb Jahren haben die
Menschen in dieser Stadt, in Leipzig und andernorts
unter schwierigsten und gefährlichsten Umständen
Freiheit und Demokratie erkämpft. Heute ist Dresden
AMERIKA DIENST 17

wieder die Hauptstadt des Freistaates Sachsen in
einem vereinten Deutschland. Dresden ist wieder eine
Kulturmetropole in einem ungeteilten Europa, in dem
politische und wirtschaftliche Kooperation an die Stelle
der Konfrontation des kalten Krieges getreten ist.
Der Warschauer Pakt hat vor wenigen Wochen aufgehört zu existieren, und die Welt nahm kaum mehr Notiz
davon. Ein Ereignis, das vor zwei Jahren noch unvorstellbar war, fand in der Washington Post nur noch auf
Seite 16 Beachtung. Es ist unglaublich viel geschehen
und erreicht worden. Freiheit und Demokratie in einem
Teil derWelt, der über vierzig Jahrelang unter kommunistischen Diktaturen litt, sind für viele heute schon zu
einer Selbstverständlichkeit geworden.
Dieser Teil Deutschlands genießt nun alle politischen
und wirtschaftlichen Freiheiten, wie sie im Westen
Seite 1

�schon lange bestehen. Allerdings wissen wir alle um
die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Umstellung einer kommunistischen Planwirtschaft auf ein
marktwirtschaftliches System. Hohe Investitionen
müssen getätigt werden, um Arbeit und Wohlstand zu
schaffen. Ich verstehe die Ungeduld vieler Menschen
in den neuen Bundesländern- wenn sie heute ihre
wirtschaftliche Lage mit dem Wohlstand im westlichen
Teil Deutschlands vergleichen.

nen, und wir möchten gerne mit den Menschen dieses
Landesteils zusammenarbeiten und Gedanken austauschen. Ich glaube, daß dies auch im Interesse der
amerikanischen Unternehmen ist, die hier investieren
oder neue Absatzmärkte erschließen.

Nach einem Jahr frustrierender Verzögerungen wird
demnächst unser Generakonsulat in Leipzig zum ersten
Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder seine Tore
öffnen. In einer Zeit des haushaltspolitisch begründeAber ich habe Deutschland noch in ganz anderer ten Abbaus diplomatischer Vertretungen in anderen
Erinnerung. Ich habe bei meinem Aufenthalt in den Teilen der Welt ist die Einrichtung einer neuen Dienstwestlichen Zonen im Jahre 1948 völlig zerbombte stelle ein Signal unserer Solidarität mit den Menschen
Städte gesehen. Angesichts der Verwüstung hatte ich in der ehemaligen DDR und unseres Respekts für ihre
damals nicht geglaubt, daß Deutschland noch zu meinen Entschlossenheit, frei zu sein und die Früchte der
Lebzeiten wiederaufgebaut werden könnte. Heute Freiheit zu genießen.
zählen diese Städte zu den wohlhabensten WirtschaftsZusammen mit dem Generalkonsulat eröffnen wir in
regionen dieser Welt.
Leipzig ein Amerika Haus. Wie unsere Amerika HäuAuch in diesem Teil Deutschlands haben die Men- ser im westlichen Teil Deutschlands wird dieses Haus
schen in Anbetracht der Unzulänglichkeit der kommu- eine umfassende Bibliothek mit amerikanischen Bünistischen Wirtschaft Erstaunliches geleistet. Es gab chern und Zeitschriften haben, und seine Programme
nur einen Unterschied: die Bürger in den heutigen werden als Fenster zu zeitgenössischen kulturellen
westlichen Bundesländern konnten sich in einem frei- und sonstigen Ereignissen in den Vereinigten Staaten
en Wirtschaftssystem entfalten; die Wirtschaftstätig- dienen.
keit in derfrüheren DDR wurde von staatlicher Planung
Wir haben bereits damit begonnen, auf die Schulen in
gehemmt und behindert.
den neuen Bundesländern zuzugehen. Bereits kurz
Ich bin überzeugt, daß die neuen Bundesländer bald nach der Vereinigung haben wir Programme zur LehAnschluß an das wirtschaftliche Niveau der früheren rerfortbildung in allen neuen Bundesländern veranstalBundesrepublik finden werden. Es wäre wünschens- tet. Jahrzehntelang wurden Lehrkräfte und ihre Stuwert, dieser Prozeß ginge schneller. Aber was die denten nur mit Propaganda und Fehlinformationen
soziale Marktwirtschaft nach dem Krieg im Westen zu gefüttert. Die Nachfrage nach Informationen über die
leisten vermocht hat, wird sie in dieser Zeit in diesem Vereinigten Staaten ist riesig, und wir tun unser Bestes, ihr nachzukommen.
Landesteil schon allemal vermögen.
Die Vereinigten Staaten haben die Vereinigung der
beiden deutschen Staaten vorbehaltlos unterstützt.
Die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas war ein vorrangiges Ziel amerikanischer Au ßenpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Wir sind glücklich,
daß wir gemeinsam dieses Ziel erreicht haben.

Seit langem unterhalten wir ein Programm, um junge
deutsche politische Führungskräfte, Journalisten und
Vertreter des kulturellen Lebens in die Vereinigten
Staaten einzuladen, damit sie unser Land kennenlernen und mit ihren amerikanischen Kollegen zusammentreffen können. Dieses Programm ist auf die
neuen Bundesländer ausgeweitet worden. In diesem
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutsch- Jahr erwarten wir mindestens 50 junge Führungskräfte
land sind durch eine gemeinsame Verteidigungsalli- zu einmonatigen Besuchen in den Vereinigten Staaanz und durch eine Vielzahl von Kontakten auf allen ten. Im nächsten Jahr werden es hoffentlich noch
möglichen Ebenen verbunden. Über Jahrzehnte hin- mehr sein.
weg hatten Amerikaner und Deutsche aus West-Berlin
und den westlichen Bundesländern die Möglichkeit, Das Fulbright-Programm erfreut sich weltweit eines
einander zu begegnen und sich kennenzulernen. Mauer beispiellosen Rufs für den akademischen Austausch.
und Stacheldraht hatten in der Vergangenheit verhin- Die Programme der deutsch-amerikanischen Fulbrightdert, daß Sachsen und Thüringer, Mecklenburger und Kommission haben das Leben und die Studien TauBrandenburger uns kennenlernen konnten - und wir sender deutscher und amerikanischer Wissenschaftsie. Au ßerdem hat die kommunistische Propaganda in ler in den vergangenen vierzig Jahren bereichert.
der DDR vier Jahrzehnte lang ein verzerrtes Bild von Heute konzentriert sich die Aufmerksamkeit der
Amerika verbreitet.
Kommission auf die neuen Bundesländer, da sich
Universitäten mit langer Tradition erneut als Zentren
Die amerikanische Botschaft in Bonn hat deshalb eine für Forschung und Lehre in einer Atmosphäre akadeArt Arbeitsprogramm erstellt, um den neuen Bürgern mischer Freiheit herausbilden.
der Bundesrepublik Deutschland die Hand zur Freundschaft und Zusammenarbeit zu reichen. Sie sollen die Im Jahr 1983riefender Deutsche Bundestag und der
Möglichkeit haben, uns und unser Land kennenzuler- amerikanische Kongreß ein Progamm ins Leben, um
Seite 2

AMERIKA DIENST 17

�jungen Deutschen und Amerikanern einen einjährigen
Aufenthält mit Unterbringung bei Gastfamilien, Schulbesuchen und dem Aufbau dauerhafter Freundschaften im jeweils anderen Land zu ermöglichen. Im
nächsten Schuljahr soll das Programm auch Schülern
aus den neuen Bundesländern diese Möglichkeit einräumen. Gleichzeitig werderj. amerikanische Studenten bei Gastfamilien in den neuen Bundesländern
untergebracht.
Einige der militärischen Stützpunkte, die wir in Deutschland schließen, verfügen über ausgezeichnete Bibliotheken. Der US-Informationsdienst hat Vorkehrungen
getroffen, um diese Bibliotheken Universitäten und
anderen Institutionen in den neuen Bundesländern zu
übergeben. In der ersten Juniwoche wird die erste
dieser Sammlungen mit 25.000 Bänden aus der Bibliothek der US-Luftwaffe in Westdeutschland an die
Sächsische Landesbibliothek in Dresden gehen.
Die Außenhandelsabteilung der amerikanischen Botschaft berät amerikanische Unternehmen bei Investitionen in den neuen Bundesländern. Die Mitarbeiter
dieser Abteilung sind vor Ort mit Rat und Tat behilflich,
machen aber auch Unternehmen in den Vereinigten
Staaten auf spezifische Investitionsmöglichkeiten
aufmerksam. Sie helfen interessierten Unternehmen
dabei, die richtigen Kontakte mit der Treuhandanstalt,
den Länderregierungen, den Kommunalbehörden und
ostdeutschen Firmen zu knüpfen. Darüber hinaus
bemühen wir uns um ein Abkommen, mit dem das
Programm zur Versicherung von Investitionen im
Ausland amerikanischen Firmen zugänglich gemacht
wird, die in der früheren DDR investieren wollen. Wir
erwarten, daß diese Versicherungen der Overseas
Private Investment Corporation (OPIC) in unmittelbarer Zukunft verfügbar werden.
Wir sehen eine unserer Hauptaufgaben darin, amerikanischen Firmen ihre unternehmerische Tätigkeit in
Ostdeutschland zu erleichtern. Unser Schwerpunkt
liegt dabei auf der Förderung amerikanischer Ausfuhren. In diesem Rahmen ergeben sich Tausende von
Geschäftskontakten. Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß die Zahl der Mitarbeiter unserer Handelsabteilung in Berlin erhöht wird. Auch wird bald ein
Vertreter des amerikanischen Handelsministeriums in
Leipzig seinen Dienst antreten. Wir haben bereits
Geschäftspartner bei "Trade Days" in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengeführt, und
ähnliche Ereignisse werden kommenden Monat im
Norden stattfinden. Wir planen Seminare über USExportkontrollen sowie eine Reihe von Vorträgen, um
US-Umwelttechnologie in Osteuropa einzuführen.
Wir nutzen aktiv die Handelsmessen, um Kontakte
zwischen ostdeutschen und amerikanischen Geschäftsleuten zu knüpfen. Wir arbeiten mit der Berliner
Messegesellschaft zusammen, um eine stärkere
amerikanische Beteiligung an Messen im Osten zu
erzielen und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit
AMERIKA DIENST 17

Berlin, Leipzig und anderen Städten bei der Entwicklung neuer Konzepte für Messen.
Darüber hinaus arbeiten wir mit deutschen Umweltexperten bei Fragen der Beseitigung von Altlasten in der
früheren DDR zusammen. Durch unsere eigenen
Umweltprogramme haben die Vereinigten Staaten große
Erfahrung bei der Aufbereitung von verseuchtem Land
und Grundwasser gewonnen. Darüber hinaus sind wir
an einer Zusammenarbeit zur Verbesserung der Luft
im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Polen und der
Tschechoslowakei interessiert. Ferner wollen wir
Austauschprogramme mit Umweltwissenschaftlern aus
den neuen Bundesländern fördern.
Der amerikanischen Regierung liegt viel daran, unsere
Beziehungen zu den neuen Bundesländern genauso
fruchtbar zu gestalten wie unser langjähriges Verhältnis zu den Ländern in der früheren Bundesrepublik.
Wir sind auch an einem schnellen wirtschaftlichen
Aufschwung in der ehemaligen DDR interessiert. Die
anderen früheren kommunistischen Staaten Mittelund Osteuropas sehen in der ehemaligen DDR sozusagen einen Vorreiter im Hinblick auf die Umstrukturierung ihrer Wirtschaft. Sie alle wissen, daß es sehr
schwierig ist, das Erbe von vierzig Jahren Planwirtschaft wegzuräumen und eine funktionierende Marktwirtschaft einzuführen. Gelingt dies in den neuen
deutschen Bundesländern, so können auch die Nachbarländer im Osten und Südosten Hoffnung und Zuversicht schöpfen.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten lassen Resignation und Unruhe in den mittel- und osteuropäischen
Reformstaaten aufkommen. Es ist in unser aller
Interesse, die Demokratie im Osten und Südosten
Europas zu festigen. Ebensogilt eszu verhindern, daß
ein krasses Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West
diesen Kontinent erneut teilt. Sie wissen, große Unterschiede im Lebensstandard und mangelnde wirtschaftliche Perspektiven im internationalen Vergleich sind
potentielle Ursachen für innere wie äußere Spannungen.
Aber Sie wissen, die Regierungen allein können diesen gewaltigen wirtschaftlichen Strukturwandel nicht
allein bewerkstelligen. In erster Linie schaffen private
Investitionen Arbeitsplätze und Wohlstand. Die Bundesregierung unternimmt große Anstrengungen zum
Neuaufbau dieses Landesteiles. Aber es besteht im
wesentlichen Übereinstimmung, daß der Schlüssel zu
einer modernen, zukunftsorientierten Wirtschaft bei
den privaten Investoren liegt.
Die Bundesregierung und die Regierungen der neuen
Länder und ihre Institutionen haben wiederholt um
ausländische Investoren in der ehemaligen DDR
geworben. Wir tragen unseren Teil dazu bei, damit in
den Vereinigten Staaten bekannt wird, welche wirtschaftlichen Chancen sich für amerikanische Firmen
hier bieten. Einige von Ihnen werden möglicherweise

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�bereits in den neuen Bundesländern sehr aktiv sein.
Ich war gestern in Erfurt bei der Eröffnung einer Filiale
einer amerikanischen Einzelhandelskette. Im benachbarten Eisenach wird der größte amerikanische Automobilhersteller hohe Investitionen tätigen.

Platz auf einem Ihrer Messestände. Laden Sie den
Neuling zur Teilnahme an einer der Messen ein. Helfen Sie ihnen, und Sie werden wahrscheinlich selbst
einen Nutzen davon haben.

Weisen Sie Ihre Partner in den Vereinigten Staaten auf
die Bedeutung der deutschen Messen hin. Ich habe
einige dieser Messen besucht und habe gesehen, wie
Geschäfte zustande kommen und abgeschlossen
werden. Sie wissen, eine deutsche Messe ist nicht mit
amerikanischen Ausstellungen vergleichbar, mit denen die meisten unserer Firmen vertraut sind. Viele
amerikanische Unternehmer erschauem bei dem
Gedanken an eine zusätzliche Ausstellung und nehmen einfach an, daß meistens sowieso nur wenig
dabei herauskommt. Sie glauben, daß es sich bei den
Allerdings erfuhren wir auch von Fällen, in denen Ausstellungen lediglich um eine andere Form von
amerikanischen Unternehmen nicht die gleichen Werbung handelt. Es wäre wichtig, daß Sie erfahren,
Chancen bei Geschäftsvorhaben wie deutschen Fir- daß man auf einer Messe mit Käufern aus aller Welt in
men eingeräumt wurden. Amerika ist grundsätzlich an Kontakt kommt und dabei beträchtliche Verkäufe getäeinem wirtschaftlichen Engagement in den neuen tigt werden können.
Bundesländern interessiert. Aber es wäre letzlich
schädlich für beide Seiten, wenn bei der Vergabe von Die Ergebnisse der CeBIT '91 werden zur Zeit immer
Aufträgen oder bei unternehmerischen Vorhaben nicht noch ausgewertet. Aber im letzten Jahr wurden in den
verschiedenen US-Pavillons, die ungefähr 400 kleineder beste Anbieter zum Zuge käme.
re und mittlere Firmen beherbergten, Verträge abgeLassen Sie mich zum Schluß noch Werbung in eigener schlossen, die zwischen einer halben und dreiviertel
Sache machen. Die amerikanische Regierung unter- Milliarde US-Dollar einbrachten! In dieser Zahl sind
nimmt große Anstrengungen, faire Wettbewerbsbe- natürlich die Verkäufe unserer größten Firmen nicht
dingung und offene Märkte weltweit zu schaffen. Seit enthalten. Die meisten dieser Firmen waren über ihre
Jahren bemühen wir uns darum bei der Uruguay- deutschen Töchter registriert und werden deshalb
Runde des GATT. Unser Ziel ist es, Handelsbarrieren auch als deutsche Firmen in den Statistiken geführt.
abzubauen und allen Anbietern gleiche Chancen auf Wir haben Käufer aus aller Herren Länder an den USinternationalen Märkten einzuräumen.
Ständen gesehen. Helfen Sie uns, den amerikanischen Firmen klarzumachen, daß der Verkauf auf
Meiner Regierung liegt auch viel daran, amerikanische einer deutschen Messe nicht auf Deutschland beExporteure mit Rat und Tat zu unterstützen. Es geht grenzt ist.
um die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen
ebenso wie um die Verbesserung unserer Handelsbi- Als Vertreter amerikanischer Unternehmen in Deutschlanz. Unser Foreign Commercial Service hilft amerika- land sind Sie in der Position, Chancen für amerikaninischen Exporteuren auf ausländischen Märkten, ver- sche Produkte auf diesem Markt frühzeitig zu erkenmittelt Geschäftskontakte, macht sie mit den Eigenhei- nen. Geben Sie Ihr Wissen über Märkte, Käufer und
ten des Importlandes vertraut und vieles mehr. In Vertriebsmöglichkeiten an Ihre Partnerfirmen in den
unserer Botschaft ist es die Aufgabe meines Kollegen USA weiter. Ich glaube, erweiterte und verbesserte
Jack Bligh, der heute abend hier anwesend ist, US- Geschäftsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Firmen bei der Anbahnung und Abwicklung von Ge- Staaten und Deutschland sind für uns alle ein Gewinn.
schäften behilflich zu sein. Aber Jack Bligh und seine
Mitarbeiter können nicht alle potentiellen Exporteure in Meine Damen und Herren, es ist für mich wirklich ein
den Vereinigten Staaten auf ihre Chancen und Mög- großer Tag, als Botschafter der Vereinigten Staaten
lichkeiten in Deutschland aufmerksam machen. Des- von Amerika im vereinten Deutschland zu Ihnen heute
halb wende ich mich an Sie.
in Dresden sprechen zu können. Ich spreche hier auch
als Ehrenpräsident der Amerikanischen HandelskamSie kennen wahrscheinlich alle eine kleine Firma in den mer in Deutschland. Es ist ein zentrales Anliegen
Vereinigten Staaten, die noch nicht hier auf dem Markt amerikanischer Außenpolitik, unsere Beziehungen zu
ist, die aber über ein vermarktungsfähiges Produkt Deutschland auf allen Ebenen zu festigen und zu
verfügt. Diese Firma mag zu klein sein, um über erweitern. Die Amerikanische Handelskammer in
Überseemärkte informiert zu sein. Vielleicht könnten Deutschland leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.
Sie den Kontakt zu einem ausländischen Händler oder Dafür danke ich Ihnen. Vielen Dank.
Importeur herstellen. Oder vielleicht haben Sie noch
Die vielen Anfragen interessierter amerikanischer Firmen bei unserer Botschaft in"Bonn lassen schließen,
daß sich die Zahl der Investitionen in der Zukunft
sicherlich beträchtlich erhöhen wird. Aber nicht nur
amerikanische Investoren klagen über Schwierigkeiten bei der Verwirklichung von Vorhaben. Wir hoffen,
daß diese Probleme, die wohl bei einer Umstrukturierung von solch historischem Ausmaß nicht ausbleiben,
bald der Vergangenheit angehören.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 17

�OSTEU ROPA
1. Mai 1991

ANHÖRUNG IM KONGRESS ÜBER HILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede von Botschafter Barry
WASHINGTON - (AD) - Hochrangige Regierungsbeamte forderten den Kongreß am 24. April 1991 zur
Verabschiedung von Gesetzen auf, denen zufolge im Haushaltsjahr 1992 Hilfe für Osteuropa im Umfang von 470
Millionen Dollar bewilligt werden kann. Sie argumentierten, eine Steigerung gegenüber dem laufenden
Haushaltsjahr sei entscheidend, damit die Länder in der Region ihren Vormarsch zu Demokratie und freier
Marktwirtschaft weiterführen können.
Bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß für Europa des Auswärtigen Ausschusses im Senat erklärte der
Sonderberater des stellvertretenden Außenministers für Osteuropahilfe, Botschafter Robert Barry, die Mittel
könnten in drei Hauptbereichen eingesetzt werden: für demokratische Initiativen, Förderung von Wirtschaftsreformen und Verbesserung der Lebensqualität.
Barry bezeichnete die Einführung von Demokratie und freier Marktwirtschaft in Mittel- und Osteuropa als
"strategische Priorität" der Regierung. "Im Laufe des letzten Jahres hat unsere Hilfe den Ländern der Region
in unterschiedlichem Umfang zu Fortschritten zu diesem Ziel verholten," erklärte Barry.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Barrys Rede im Wortlaut.

In meiner heutigen Rede möchte ich die allgemeine
strategische Richtung unseres Hilfsprogramms für Mittelund Osteuropa beschreiben. Welche Prioritäten haben
wir, und wie setzen wir sie? Wie verändern sie sich mit
der Zeit? Welche unvorhergesehenen Probleme haben
sich ergeben, und wie versuchen wir damit fertigzuwerden? Wie ergänzen US-Programme die anderer
Spender? Welche Rolle spielt der Privatsektor? Welche
Merkmale charakterisieren die Programme für Osteuropa, und wie funktionieren diese "Experimente"? Ich
spreche hierfür den Stellvertretenden Außenminister
Lawrence Eagleburger, der für die gesamte Koordination der US-Hilfe - sei sie durch das Bewilligungsgesetz
über Auslandshilfe oder anderweitig finanziert - in der
Region verantwortlich ist.
Zuerst möchte ich darauf eingehen, wie Herr Eagleburger und die stellvertretenden Koordinatoren - der
Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater, Boskin,
und der Stellvertretende Finanzminister John Robson
ihre Rolle gegenüber dem Amt für Internationale Entwicklung (AID) abstecken. Als ihr hochrangiger Förderer würde ich die Rolle des Koordinators als Garanten
AMERIKA DIENST 17

dafür beschreiben, daß AID-Programme, Handelsfragen, wirtschafts- und sicherheitspolitische Themen sich
wechselseitig ergänzen und zusammenwirken und die
Koordinierung mit anderen Geberländern und multilateralen Institutionen wie dem IWF, der IBWE, EBWE
und der EG-Kommission stattfindet. Viele der wichtigsten US-Beiträge zur Osteuropahiife sind das Ergebnis des Koordinierungsprozesses - die Gründung des
Stabilisierungsfonds für Polen, der Unternehmensfonds für Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei,
neuer OECD-Programme und die Lasten Verteilung.
Ziele und Prioritäten der Vereinigten Staaten
Die Ziele der US-Hilfe sind konstant, und aufgrund der
von den Ländern in der Region erzielten Fortschritte
haben sie Anspruch auf diese Hilfe. Ähnliche Kriterien
legen die 24 Geberländer an, die ihre Hilfe durch den
Mechanismus der G-24 unter dem Vorsitz der Kommission der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel
koordinieren. Wir sind bestrebt um
demokratische, pluralistische Gesellschaften auf
der Grundlage der Rechtsstaatlichkeit und
Seite 1

�Achtung von Menschenrechten und Freiheiten
des einzelnen,
die Einführung freier Marktwirtschaften mit starken Privatsektoren,
die Wiedereingliederung dieser Länder in die
wirtschaftliche und politische Struktur des
Westens, wie es ihrer Geschichte und ihren
Werten nach sein sollte sowie an der Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zu den
Vereinigten Staaten.
Aufgrund dieser Kriterien konzentrierten sich unsere
Länderprioritäten zunächst auf Polen und Ungarn, die
auf dem Weg wirtschaftlicher und politischer Reformen am weitesten fortgeschritten waren. Im Jahr 1990
wurde auch die Tschechoslowakei auf die Prioritätenliste gesetzt. 1991 rechtfertigt das von Präsident
Schelew in Bulgarien in die Wege geleitete mutige
Reformprogramm unsere zunehmende Unterstützung,
insbesondere da die bulgarischen Erfolge eine stabilisierende Wirkung auf dem Balkan haben könnten.
Darüber hinaus gewähren wir Jugoslawien weiterhin
begrenzte Hilfe, mit besonderer Betonung der Unterstützung demokratischer Institutionen und der Ausbildung in den für eine freie Marktwirtschaft erforderlichen Qualifikationen und an Rumänien unter besonderer Berücksichtigung humanitärer Hilfe und des Aufbaus der Demokratie.
Zweckorientierte Prioritäten
Die Art der von uns entwickelten Hilfsprogramme ist
auf diese Ziele zugeschnitten. In jedem dieser zwekkorientierten Bereiche haben wir eine Vielzahl von Programmen entwickelt, bei denen die Vereinigten Staaten unseres Erachtens einen vergleichsweisen Vorteil
vor anderen potentiellen Gebern haben. Daher haben
wir mit den Ländern in der Region einen umfassenen
Dialog geführt, um ihre Prioritäten festzustellen und in
die Praxis zu umzusetzen. Gleichzeitig können der
Koordinierungsmechanismus der G-24 in Brüssel und
der zunehmend wichtige Dialog zwischen den Gebern
in jedem Land gewährleisten, daß unsere Programme
die der anderen Geber ergänzen.
Im Rahmen dieses Prozesses versuchen wir zur Zeit,
diegrößten Hindemisse für politische und Wirtschaftsreformen herauszufinden, damit wir unsere Prioritäten
anpassen und gegebenenfalls neue Mittel bereitstellen können. Ich möchte Ihnen jetzt kurz erläutern, wo
unserer Meinung nach gegenwärtig die Hauptproblembereiche liegen, auf die sich unsere Aufmerksamkeit konzentrieren sollte.
Hindernisse für Reformen
Erstens verschärft sich das Problem der politischen
Instabilität in einigen Ländern der Region. Wir hatten
erwartet, daß die Wirtschaftsprobleme der Übergangs-

Seite 2

phase eine Herausforderung für die aufstrebenden
Institutionen der neuen Demokratien darstellen würden, aber die Bürde wurde durch den Golf krieg und
den Zusammenbruch des Handels mit der Sowjetunion noch schwerer. Die durch Nationalitätenkonflikte
verursachten Unruhen waren größer und andauernder
als wir gehofft hatten.
Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen wir
besondere Betonung auf den Aufbau der Demokratie
und Programme zur Verbesserung der Lebensqualität
legen. Von der Unterstützung der Tschechoslowakei
bei der Erarbeitung einer Verfassung, in derdie Rechte
des einzelnen geschützt werden, bis zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge in Bulgarien kann unser
Engagement einen Unterschied bewirken.
Zweitens stellte die Kluft zwischen makro- und mikroökonomischen Reformen ein größeres Problem dar
als wir vor einem Jahr erwartet hatten. Das im Jahr
1990 von Polen durchgeführte mutige Stabilisierungprogramm produzierte nicht die gewünschte Reaktion
der Angebotsseite, weil die Privatisierung hinterherhinkte und die Staatsbetriebe vom Markt und den
Wettbewerbskräften abgeschnitten waren. Polen hat
jetzt ein umfassendes Dreijahresprogramm verabschiedet, und wir drängen alle Länder der Region, das
Tempo der Privatisierung und die Schaffung wirklich
wettbewerbsfähiger Marktbedingungen zu beschleunigen. Wie Sie ausgeführt haben, werden Erfolg oder
Scheitern des polnischen Programms von den anderen Ländern in der Region, insbesondere der UdSSR
genau beobachtet.
Zur Unterstützung mikroökonomischer Reformen stehen den Vereinigten Staaten eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung, die wir verstärkt anwenden
werden. Unsere Unternehmensfonds stimulieren den
Privatsektor in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die polnisch-amerikanischen und ungarischamerikanischen Fonds haben bereits 26 Millionen
Dollar ausgeschüttet und können 90 Millionen oder
mehr Dollar bereitstellen, wenn die von ihnen ausgearbeiteten Projekte Erfolge zeitigen. Wir beschleunigen
die Ausbildung von Führungskräften in Wirtschaft und
Bankwesen und die Unterstützung des Privatisierungsprozesses in Industrie und Landwirtschaft. Wir sind bei
der Erarbeitung von Gesetzen behilflich, die Wettbewerbsfähigkeit zu einer Realität werden lassen und bei
der Bereitstellung finanzieller Vermittler, die den Privatisierungsprozeß unterstützen werden. Im Hinblick auf
die Ressourcen der US-Regierung liegt hierin unsere
größte Verpflichtung für die Haushaltjahre 1992 und
1991. Gleichzeitig müssen wir unsere Aktivitäten auf
andere wichtige Geber konzentrieren - insbesondere
die Internationale Bankfür Wiederaufbau und Entwicklung IBWE und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBWE - um die Engpässe beim
Wachstum des Privatsektors zu beheben.

AMERIKA DIENST 17

�Drittens erweitert sich die Handelskluft, und die Investitionsströme aus dem Westen waren entmutigend.
Der Zusammenbruch des Handels mit der UdSSR
vollzog sich rascher als prognostiziert, und zusammen
mit dem Verlust der ehemaligen DDR als Markt hat
dies eine umfassende Neuorientierung des Handels
erforderlich gemacht. Gleichzeitig waren amerikanische und westliche Investoren vorsichtiger als wir
gedacht hätten. Bis zum Vorabend von Präsident
Walesas Besuch in den Vereinigten Staaten hatten
amerikanische Firmen nur 30 Millionen Dollar in Polen
investiert.
Die Verbesserung des Klimas für Handel und Investitionen ist unsere wichtigste neue Priorität für den Rest
des Jahres 1991. Der Schuldenabbau Polens sollte
einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Infolge
der von den Vereinigten Staaten in die Wege geleiteten
Initiative sind Kreditinstitutionen wie die Export Import
Bank in Polen wieder aktiv. Die während des Walesa
Besuchs angekündigte Amerikanische Unternehmensinitiative und die Initiativie zur Erweiterung des Handels sollten ferner dazu dienen, das Klima für amerikanischen Handel und Investitionen in der gesamten
Region zu verbessern. Die anderen müssen ihren Teil
dazu beitragen. Die Länder Mittel- und Osteuropas
müssen weitere Schritte unternehmen, um ihre gegenseitigen Handelsschranken abzubauen und insbesondere das Klima für westliche Investoren attraktiver zu
machen, um das Privatkapital anzuziehen, das auf
lange Sicht sehr viel mehr für ihre Volkswirtschaften
leisten wird als jegliche westliche Regierungshilfe.
Unsere europäischen Verbündeten müssen verbesserten Marktzugang für Exporte aus der Region schaffen. Vor einem Jahr haben wir alle gesagt, erweiterter
Handel und Investitionen wären die Triebfeder für
Wachstum und Reformen in Mittel- und Osteuropa.
Dies müssen wir im Jahr 1991 in die Tat umsetzen.
Im Haushalt 1992 beantragte Mittel
Aufgrund der obengenannten Prioritäten hat die
Administration 470 Millionen Dollar für die Unterstützung Osteuropas beantragt, was im Vergleich zum
Haushaltsjahr 1991 einen erheblichen Zuwachs darstellt. Davon sind 70 Millionen Dollar für die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung vorgesehen. Die restlichen 400 Millionen Dollar verteilen
sich folgendermaßen:
29 Millionen für die Entwicklung demokratischer
Institutionen,
305 Millionen für die Förderung wirtschaftlicher
Umstrukturierungsmaßnahmen,
61 Millionen für Projekte zur Verbesserung der
Lebensqualität und
5 Millionen für Rechnungsprüfung, Auswertung
und Programmunterstützung.

AMERIKA DIENST 17

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, würden die
von uns im Haushaltsjahr 1992 beantragten 400 Millionen Dollar etwa folgendermaßen eingesetzt:
190 Millionen für Projekte im Rahmen des
Gesetzes zur Unterstützung der Osteuropäischen Demokratien (SEEDI), davon 164 Millionen für die Unternehmensfonds.
55 Millionen für andere Programme, die nicht
von AID, sondern von anderen Behörden durchgeführt werden (USIA, EPA, Energie-, ArbeitsWirtschafts- oder Justizministerium und so
weiter).
60 Millionen für die Fortschreibung einiger wichtiger im Jahr 1991 aufgenommener Projekte,
wie etwa die Ausbildung von Führungskräften
oder Privatisierung.
Die restlichen Mittel würden im großen und ganzen für
kleinere Projekte (unter 10 Millionen Dollar) ausgegeben, die von 1991 übernommen werden, oder sie
würden für die Erweiterung von Großprojekten verwendet, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben. Wir möchten die uns vom Kongreß gewährte
Flexibilität nutzen, um Programme aufzustocken, die
bereits erfolgreich zu sein scheinen, oder um die
Verluste bei nicht funktionierenden Experimenten zu
verringern. Wir haben im laufenden Jahr bereits die
Mittel für zwei Programme verdoppelt, bei denen ein
qualitativ gutes Ergebnis mit gleichzeitigem Interesse
seitens der Empfängerstaaten einherging. Aus denselben Gründen haben wir andere Programme beschnitten.
Aufbau von Länderprogrammen
Neben unseren übergreifenden regionalen Prioritäten
passen wir unsere Programme den Bedürfnissen der
einzelnen Länder an und stimmen uns mit anderen
Gebern ab, die sich mit denselben Problemen auseinandersetzen. Dies erfordert einen anhaltenden Dialog
mit dem jeweiligen Empfängerland, den wichtigsten
bilateralen und multilateralen Gebern und zwischen
den etwa 20 an den Hilfsmaßnahmen beteiligten USRegierungsbehörden. In jedem Land der Region
bemühen wir uns, ein amerikanisches Hilfsprogramm
zusammenzustellen, das sichtbar, zielgerichtet und
leicht zu verwalten ist. Gleichzeitig muß der Umfang
dieses Programms den Grad an Fortschritten widerspiegeln, die von dem entsprechenden Land unter
Berücksichtigung der von unseren Verbündeten und
uns gesetzten Kriterien gemacht werden.
Für Staaten, die auf dem Weg zu demokratischen
Reformen hinterherhinken, haben wir nur sehr wenige
Programme eingeleitet. So führen wir etwa in Rumänien sechs begrenzte Programme durch: humanitäre
Hilfe (darunter Unterstützung rumänischer Kinder),
Nahrungsmittelhilfe, Hilfe bei der Familienplanung,
Unterstützung von unabhängigen Medien und RechtsSeite 3

�Staatlichkeit, Ausbildung von Führungskräften sowie
Notprogramme zur Verbesserung der Energieversorgung. Dagegen führen wir in Polen zwei Dutzend
Programme durch. Aber auch hier möchten wir uns auf
wenige Schlüsselbereiche konzentrieren, in denen
umfangreichere Mittel bereitgestellt werden können,
um neuen Prioritäten gerecht zu werden. Unterstützung für den Privatisierungsprozeß und die Ausweitung von Handel und Investitionstätigkeit sind zwei
dieser zweckgebundenen Schwerpunkte für Polen.
Landwirtschaft und der Agrarindustrie gilt unser Hauptaugenmerk in Bulgarien. In Ungarn betrachten wir die
Reform des Bankwesens als vordringliche Aufgabe,
zu deren Lösung amerikanische Hilfe beitragen kann.
Ein zweiter Weg zur Verstärkung des Synergieeffekts
unserer Hilfe besteht darin, sich auf kleinere Programme in einer einzelnen Stadt oder Region zu konzentrieren. Krakau ist zum Schwerpunkt amerikanischer
Programme in Polen geworden, dasselbe gilt für den
Landkreis Baranya in Ungarn. Das Peace Corps, das
Arbeitsministerium, das Amt für Umweltschutz, das
Energieministerium und andere an der amerikanischen
Hilfe beteiligten Behörden können mehr leisten, indem
sich ihre Programme an einem einzelnen Ort wechselseitig verstärken, anstatt daß ihre Prioritäten getrennt
voneinander verfolgt werden.

Schlußfolgerung
Zum Abschluß möchte ich Sie bitten, nicht an die
gewaltigen Hindernisse für wirtschaftliche und politische Reformen zu denken, sondern an die im vergangenen Jahr erzielten bemerkenswerten Fortschritte.
Wer hätte im Jahr 1988 erwartet, daß Lech Walesa die
Vereinigten Staaten als Präsident eines demokratischen Polens besuchen würde, um über den Zeitplan
für den vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen
aus seinem Land zu sprechen? Wer hätte erwartet,
daß Bulgarien bei politischen und wirtschaftlichen
Reformen an vorderster Front stehen würde? Wer
hätte demokratische Wahlen in Albanien erwartet, so
mangelhaft sie auch gewesen sein mögen? Und vor
allem, wer hätte die Entwicklung eines machtvollen
Konsenses in der ganzen Region erwartet, daß ein
rascher, umfassenden Übergang zu demokratischer
Herrschaft und Marktwirtschaft die einzige Lösung für
die Probleme der Region darstellt? Die Unterstützung
dieses Übergangs ist für diese Administration ebenso
eine strategische Priorität wie vor zwei Jahren, als die
Bilder der Revolution unsere Vorstellungskraft so sehr
beflügelten.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 17

�HINTERGRUND
1. Mai 1991

IKE UND DIE SOGENANNTEN GREUELTATEN
von Stephen E. Ambrose
Der folgende Artikel von Stephen E. Ambrose, dem Direktor des Eisenhower Center an der University of New
Orleans, ist am 24. Februar 1991 unter dem Titel "Ike and the Disappearing Atrocities" in The New York Times
Book Review erschienen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der New York Times Company, Copyright
(c)1991.

Selten hat die Veröffentlichung einer historischen
Monographie zu einem Thema - der Behandlung von
Kriegsgefangenen -, das normalerweise nur für wenige Spezialisten von Interesse ist, solches Aufsehen
oder so viel Ärger erregt, wie James Bacques Werk
"Der geplante Tod". Das im Jahr 1989 in Kanada
veröffentlichte Buch wurde zum Gegenstand einer
Titelstory des populären kanadischen Magazins Saturday Night, eines Dokumentarfilms der BBC sowie
zweier Dokumentationen im deutschen Fernsehen
und eines angekündigten Dokumentarfilms der Canadian Broadcasting Corporation. (Auf dem Umschlag
der kanadischen Ausgabe, so möchte ich gleich betonen, ist ein Zitat von mir abgedruckt, das aus dem
Zusammenhang gerissen und ohne meine Zustimmung verwendet wurde.) Das Buch wurde im amerikanischen Fernsehen, im Magazin Time und zahlreichen anderen Medien besprochen. Seine deutsche
Ausgabe wurde sofort zum Bestseller. Die britische
Ausgabe zog Buchbesprechungen in The Times Literary Supplement und in anderen Zeitschriften nach
sich. Der kalifornische Verlag Prima Publishing plant
des Buch im Mai zu veröffentlichen, was auch in den
Vereinigten Staaten Öl ins Feuer gießen könnte.
Der Grund für die traurige Berühmtheit ist die Schlußfolgerung des Autors, daß General Dwight D. Eisenhower als Chef der amerikanischen Besatzungstruppen
im Deutschland des Jahres 1945 eine erschreckende
Zahl deutscher Kriegsgefangener mit voller Absicht
dem Hungertod preisgab. Bacque behauptet: "Die
Zahl der Opfer liegt zweifellos bei mehr als 800 000,
heinahe mit Sicherheit bei mehr als 900 000 und
durchaus wahrscheinlich bei mehr als einer Million.
Die Ursachen ihres Todes wurden wissentlich ge-

AMERIKA DIENST 17

schaffen von Armee-Offizieren, die über genügend
Lebensmittel und andere Hilfsmittel verfügten, um die
Gefangenen am Leben zu erhalten."
Bacque zufolge benutzte Eisenhower eine einfache
Methode: er änderte Bezeichnung der Gefangenen
von Prisoners of War (POW), die nach der Genfer
Konvention Anspruch auf dieselben Rationen wie die
amerikanischen Gls hatten, in Disarmed Enemy Forces (DEF), was ihm gestattete, sie auf Hungerrationen
zu setzen. Bacque stellt fest, den DEF seien außerdem Medikamente und Obdach verweigert worden.
Sie seien zu Hunderttausenden gestorben. Diese
Todesfälle seien in den Armeeunterlagen vertuscht
worden, indem man sie in Tabellen, in denen wöchentlich die Gesamtzahl der Gefangenen, der aus Gefangenschaft Entlassenen und so weiter erfaßt wurde, als
"sonstige Verluste" ausgewiesen habe.
Bacque ist über seine Aufdeckung dieses scheußlichen Verbrechens so empört, daß er in einem Interview mit einer Nachrichtenagentur mit den Worten
zitiert wird, die Amerikaner "sollten alle Standbilder
von Eisenhower abbauen, alle Photos von ihm von der
Wand nehmen und so gut sie können sein Andenken
aus der amerikanischen Geschichte tilgen, au ßer dem
Satz 'Hier gab es einen Mann, der grauenhafte Dinge
getan hat, derer wir uns schämen'". Daraus ergeben
sich zwangsläufig Fragen. Wenn es eine Million Tote
gab, wo sind deren Leichen? Besaß Eisenhower solch
ungeheure Macht, daß erden massenweisen Hungertod anordnen und als Geheimnins bewahren konnte?
War das zweifellos vorhandene Leid in den Lagern,
insbesondere in den Durchgangslagern am Rhein, das
Ergebnis Eisenhowerscher Politik oder Resultat der

Seite 1

�chaotischen Zustände, die im Frühjahr und Sommer
des Jahres 1945 in Europa herrschten?
Bacque, ein kanadischer Romanautor ohne Erfahrung
in historischer Forschung oder Geschichtsschreibung,
stellt in der Einleitung seines Buches fest: "Zweifellos
werden viele Gelehrte Fehler in diesem Buch finden;
es sind ausschließlich meine. Ich begrüße ihre Kritik
und ihre künftigen Forschungen, die dazu beitragen
mögen, die Wahrheit für uns wiederherzustellen nach
einer langen Nacht der Lügen." Im vergangenen
Dezember lud das Eisenhower Center an der University of New Orleans einige führende Experten dieser
Epoche ein, um die Behauptungen zu untersuchen.
Die Teilnehmer an der Konferenz, mich eingeschlossen, planen, die Beiträge in Buchform zu veröffentlichen.
(Anm. d. Red.: An der Konferenz nahmen neben
Professor Ambrose teil:
Thomas Barker von der State University of New
York (Albany), Spezialist für mitteleuropäische
Militärgeschichte;
Guenter Bischof vom Eisenhower Center, Spezialist für Österreich während der Besatzungszeit;
Neil Cameron, Produzent der BBC-Dokumentation zu "Der geplante Tod";
Albert Cowdrey vom Center of Military History
des US-Heeresministeriums;
Alex Frohn vom Deutschen Historischen Institut;
Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen
Forschungsamt im Freiburg;
Professor Rolf Steininger von der Universität
Innsbruck, Autor einer zweibändigen Geschichte der Besatzungszeit in Deutschland;
James Tent von der University of AlabamaBirmingham, Autor von "Mission on the Rhine";
Brian Villa von der Universität Ottawa, Autor von
"Unauthorized Action: Mountbatten and the
Dieppe Raid.")
Unsere erste Schlußfolgerung war, daß Bacque eine
wichtige historische Entdeckung gemacht hatte. In der
Tat waren im Frühjahr und Sommer des Jahres 1945
Mißhandlungen an deutschen Gefangenen weitverbreitet. Männer wurden geschlagen, bekamen kein
Trinkwasser, sie wurden gezwungen, in offenen Lagern ohne ein Dach über dem Kopf, mit unzureichenden Nahrungsmittelrationen und ungenügender medizinischer Versorgung zu leben. Ihre Post wurde ihnen
vorenthalten. In einigen Fällen bereiteten Gefangene
eine "Suppe" aus Wasser und Gras, um ihren Hunger

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zu stillen. Männer starben einen sinnlosen und unentschuldbaren Tod. Damit muß man sich auseinandersetzen, und Bacque gebührt das Verdienst, daß er uns
dazu gezwungen hat.
Unsere zweite Schlußfolgerung bestand darin, daß
Wissenschaftler, wenn sie die notwendigen Forschungen betreiben, Bacques Buch mehr als wertlos finden
werden. Es ist in seinen grundlegendsten Aspekten
mit ernsten - nein, spektakulären - Mängeln behaftet.
Bacque mißbraucht Dokumente. Er mißdeutet Dokumente. Er ignoriert gegenteilige Sachverhalte. Seine
statistischen Methoden sind hoffnungslos ungenau.
Er unternimmt keinen Versuch, die von ihm zusammengetragenen Beweise in Bezug zur Gesamtsituation zu setzen. Er unternimmt keinen Versuch, vergleichbare Zusammenhänge zu prüfen. Er legt seiner
Hauptquelle Worte in den Mund. Er ignoriert eine
allgemein zugängliche und absolut kritische Quelle,
die sich maßgeblich mit seiner zentralen Anschuldigung beschäftigt, und - infolge dieser und anderer
Mängel - kommt er zu Schlußfolgerungen und Beschuldigungen, die erwiesenermaßen absurd sind.
Abgesehen von ihrer Einschätzung der Bacqueschen
Behauptungen brachte die Konferenz in Zusammenhang mit dem Buch selbst jedoch eine umfassendere
Frage zur Sprache: Wie soll ein Leser, der kein
Experte ist, über ein Buch urteilen, das neue, überraschende und in der Tat empörende Behauptungen
aufstellt? Ohne das Wissen oder die Zeit zur Aufklärung des Sachverhalts, wie soll er wissen, ob ein Autor
"nach einer Langen Nacht der Lügen" endlich die
Wahrheit aufgedeckt hat, oder ob er eine unvorsichtige
Öffentlichkeit schlicht in die Irre führt?
Im Hinblick auf Bacques Behauptungen ist die zwingendste Frage die nach Eisenhowers Motiv: warum
um alles in der Welt würde Ike so etwas tun? Bacque
antwortet, daß Eisenhower die Deutschen haßte. Es
ist unbedingt zutreffend, daß Eisenhowers Zorn über
die Deutschen im Frühjahr 1945 groß war. Er hat nie
versucht, diese Gefühle zu verheimlichen. So schrieb
er in seinem 1948 veröffentlichten Buch "Crusade in
Europe": "Mit jedem Monat, den der Konflikt andauerte, wurden meine persönlichen Gefühle gegenüber
den Deutschen bitterer." Er teilt mit, daß er tausende
von Kondolenzschreiben an Witwen und Mütter seiner
gefallenen Soldaten unterzeichnete und schrieb: "Ich
kenne kein wirksameres Mittel, einen unauslöschlichen Haß auf diejenigen zu entwickeln, die für einen
Aggressionskrieg verantwortlich sind, als die Pflicht,
den dadurch Beraubten sein Beileid auszusprechen."
Die Entdeckung der Konzentrationslager trug zu diesem Gefühl noch bei.
Eisenhower war ein begeisterter Befürworter der Entnazifizierung, aber nicht, weil er die Deutschen haßte
oder an eine Kollektivschuld glaubte. Im Gegenteil, er
glaubte, daß es Deutsche gab, die sich für die Demokratie einsetzten und es Sache der Besatzungsmacht

AMERIKA DIENST 17

�sei, sie zu finden und ihnen Verantwortung zu übertragen. In einer in Frankfurt gehaltenen Rede erklärte er
1945:" Erfolg oder Fehlschlag dieser Besatzung werden am Charakter der Deutschen in 50 Jahren gemessen werden. Der Beweis wird erbracht sein, wenn sie
beginnen, ihre Demokratie selbst zu gestalten, und mit
der Zeit werden wir den Deutschen die Chance geben,
das zu tun." Das klingt nicht nach einem Mann, der zur
gleichen Zeit den Hungertod einer Million junger Deutscher anordnete.
Bacque mißversteht Eisenhowers Haltung und sein
Vorgehen bei der Besatzung völlig. Für jede politische
Entscheidung schiebt er Eisenhower die volle Verantwortung zu, erkennt aber niemals an, daß dieser
Vorgesetzte hatte, von denen er politische Direktiven
und Anordnungen entgegennahm - insbesondere den
Stabschef des Heeres, die im Namen und mit Genehmigung der britischen, sowjetischen und amerikanischen Regierungen handelnde European Advisory
Commission, die Vereinigten Stabschefs, das Gremium der Vereinigten Stabschefs aus Amerika und der
britischen Stabschefs (Combined Chiefs of Statt) sowie
die amerikanischen und britischen Regierungschefs.
Der Bericht von Brian Villa von der Universität Ottawa
bei der Konferenz in New Orleans über den diplomatischen Hintergrund weist darauf hin, die Politik von
Eisenhowers Vorgesetzten habe darin bestanden, den
Deutschen die Tatsache ihrer Niederlage bewußt zu
machen, die letztere selbst zu verantworten hätten und
sie auf jeden Fall "hart anzupacken". Entnazifizierung
war ein Element dieser Politik. Sie zeigte sich ferner
darin, daß deutsche Gefangene nicht mehr zu essen
bekamen als die deutsche Zivilbevölkerung, die Zivilisten der befreiten Länder oder die Displaced Persons
(DPs).
Eine zentrale Behauptung in Bacques Anklage lautet,
es habe 1945 in Europa keine Lebensmittelknappheit
gegeben. Er verweist dabei auf volle Lebensmittellager in Deutschland. Er erklärt, dem Roten Kreuz
hätten Nahrungsmittel zur Verfügung gestanden. Als
erdrückendsten Beweis führt er an, daß ein Zug, den
das Rote Kreuz in Genf mit Lebensmittelpaketen für
deutsche Gefangene beladen hatte, zur Rückkehr
gezwungen wurde.
Das ist schockierend - es gab Lebensmittel, die Männer hatten Hunger, und die amerikanischen Offizieren
schickten den Zug zurück nach Genf. Aber das hatte
einen Grund: die Regierungen der Alliierten hatten
verfügt, daß die Lebensmittelpakete des Roten Kreuzes für die Displaced Persons bestimmt sein sollten,
von denen es in Deutschland über zwei Millionen gab,
und Eisenhower hatte zu dieser Politik eindeutige
Befehle erhalten. Also bekamen die DPs diese Lebensmittelpakete. Es entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft, in einer Welt voller Hunger Prioritäten bei den
Lebensmitteln setzen zu müssen, aber es mußte sein,
und wer hätte die Entscheidung anfechten können?

AMERIKA DIENST 17

In seinem Konferenzbericht über die Lebensmittelsituation in Deutschland erklärte James Tent von der
University of Alabama in Birmingham, es stehe außer
Zweifel, daß es ernste Engpässe gegeben habe.
Dennoch waren Tent zufolge Lebensmittel eingelagert, die nicht an Gefangene - deren tägliche Ration sie
nur knapp vor dem Verhungern bewahrte - verteilt
wurden. Auch dies ist haarsträubend, bis man sich den
Grund vor Augen führt. Die Regierungen der Alliierten
fürchteten im Winter 1945-46 eine Hungersnot und
horteten deshalb Lebensmittel. Sogar mit ihren Reserven kamen sie kaum durch den Winter, und es dauerte
drei Jahre, bis die Lebensmittelknappheit in Europa
überwunden war.
Bacques Mythos war Eisenhowers Alptraum. Keine
Lebensmittelknappheit? Eisenhower schrieb im Februar 1945 an den Stabschef George C. Marshall: "Ich
bin sehr besorgt über die Situation bei den Lebensmitteln ... Wir verfügen auf dem Kontinent über keine
Reserven für die Versorgung der Zivilbevölkerung."
Und dazu existiert auch ein Schreiben von Eisenhower
an die Combined Chiefs of Statt vom 25. April 1945:
"Wenn nicht unverzüglich Schritte eingeleitet werden,
um in jedem erdenklichen Umfang Lebensmittelvorräte anzulegen, mit denen die minimalen Bedürfnisse
der deutschen Bevölkerung gedeckt werden können,
wird es im kommenden Winter unausweichlich zu
allgemeinem Chaos, Hungertod und Krankheiten
kommen."
Diese - und viele, viele ähnliche Botschaften - wurden
vor der Kapitulation geschickt. Nach der ersten Maiwoche erwiesen sich alle Berechnungen Eisenhowers,
wieviele Menschen im besetzten Deutschland verpflegt werden müßten, als jämmerlich unzureichend.
Er hatte die Situation aus zwei Gründen erheblich
unterschätzt. Erstens überstieg die Zahl der sich den
westlichen Alliierten ergebenden deutschen Soldaten
bei weitem alle Erwartungen (über fünf Millionen statt
der erwarteten drei Millionen), weil deutsche Soldaten
auf der Flucht vor den Russen im Sturm die Elbe
überquerten. Dasselbe galt für deutsche Zivilisten insgesamt 13 Millionen flohen von Ost nach West, und
damit war Eisenhower für sie verantwortlich. Zweitens
war die Zahl der befreiten Zwangsarbeiter viel höher um zwei Millionen - als erwartet. Kurz, Eisenhower sah
sich Engpässen gegenüber, noch bevor er erfuhr, daß
in Deutschland über 17 Millionen Menschen mehr zu
verpflegen waren als er erwartet hatte.
Keine Lebensmittelknappheit? Dazu der Bericht des
Militärgouverneurs für Deutschland im Juli 1945: "Die
Lebensmittelsituation in ganz Westdeutschland ist
vielleicht das gravierenste Problem der Besatzung.
Der durchschnittliche Lebensmittelverbrauch in den
Westzonen liegt ein Drittel unter dem allgemeingültigen Existenzminimum." Der Bericht vom September
erklärt: "Es sind keine Lebensmittel hiesiger Prove-

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�nienz verfügbar, um die gegenwärtig bewilligte Tagesration für den Normalverbraucher von 1.550 Kalorien
abzudecken."
Bacque erklärt, die Gefangenen hätten 1.550 Kalorien
pro Tag erhalten, und er behauptet, eine solche Ration
bedeute den langsamen Hungertod. Er hat offensichtlich nie berücksichtigt, was die Zivilbevölkerung in
Deutschland oder den befreiten Ländern bekam. 1945
erhielt die Zivilbevölkerung in Paris 1.550 Kalorien.
Etwas mehr gab es in Großbritannien, wo die Lebensmittel immernoch rationiert waren. Viel weniger gab es
in Rußland, wo ebenfalls die Lebensmittel rationiert
waren. Wie gesagt, lag die offizielle Ration für die
Zivilbevölkerung in Deutschland bei 1.550 Kalorien,
was aber nicht die Regel war. Im Sommer 1945 fiel in
Wien die offzielle Ration mitunter auf 500 Kalorien.
Es gibt so etwas wie den gesunden Menschenverstand. Jeden, der im Sommer 1945 in Europa war,
hätte die Aussage verblüfft, es gebe keine Lebensmittelmittelknappheit.
Bacque zufolge hat Eisenhower persönlich, heimlich
und böswillig den Status der deutschen Soldaten, die
sich ergeben hatten, von Kriegsgefangenen in Disarmed Enemy Forces geändert. Tatsächlich war die
Änderung der Bezeichnung politisch motiviert. Die
Entscheidung wurde aber nicht von Eisenhower, sondern von seinen Vorgesetzten getroffen, insbesondere
von der European Advisory Commission. Es wurde
auch kein Versuch einer Geheimhaltung unternommen. Alle Beteiligten handelten mit Genehmigung der
britischen, russischen und amerikanischen Regierungen und sprachen die Gründe dieser Statusänderung
freimütig aus.
Was geschehen ist.liegt auf der Hand: Die Alliierten
konnten es sich nicht leisten, die Millionen deutscher
Gefangener genauso zu verpflegen wie ihre eigenen
Truppen, wie es die Genfer Konvention erfordert.
Auch wenn die Lebensmittel verfügbar gewesen wären, hätten die Allierten die deutschen Gefangenen
nicht besser versorgt äs die Zivilbevölkerung in Deutschland, ganz zu schweigen von den Zivilisten der befreiten Länder Westeuropas und auch ganz zu schweigen
von den Displaced Persons. Aber die Vereinigten
Staaten und andere Allieirte hatten die Genfer Konvention unterzeichnet, die gleichbedeutend mit einem
Vertrag ist. Sie wollten sie nicht verletzen und schafften daher die neue Bezeichnung Dlsarmed Enemy
Forces. Die Befehle an die Kommandeure waren
eindeutig: Versorgt die DEFs nicht besser als die
deutsche Zivilbevölkerung.
Bei einer anderen Schlußfolgerung kommt Bacque mit
Hilfe eines Rechenexempels - das bei jedem, derseine
Statistiken und Methoden nachzuvollziehen versucht
hat, Verwirrung stiftet - zu der sensationellen Zahl von
einer Million Toten. Aufgrund eines Tippfehlers beging
er jedoch einen Irrtum. Er sah die Zahl von 70.000

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Gefangenen in einem medizinischen Bericht des Heeres
und berechnete dann die Gesamtzahl aller verstorbenen Gefangenen in amerikanischer Hand nach dieser
Zahl und nach den ebenfalls in diesem Bericht genannten 21.000 Toten. Das heißt, er gelangte zu einer
seiner grundlegendsten Schlußfolgerungen, einer
30prozentigen Sterblichkeitsrate in allen Lagern, indem er die 70.000 Gefangenen durch die 21.000 Toten
teilte. Allerdings hätte die Zahl von 70.000 eigentlich
das Zehnfache betragen müssen. Alle anderen Zahlen in dem Dokument weisen eindeutig darauf hin, daß
die korrekte Zahl der Gefangenen 700.000 betrug.
Damit läge der Anteil der Toten nicht bei 30, sondern
nur bei 3 Prozent.
Dem Bericht von Albert Cowdrey vom Center of Military History des US-Heeresministeriums zufolge lag die
Sterblichkeitsrate der deutschen Gefangenen tatsächlich bei 1 Prozent.
Die von Major Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg (der den letzten
Band der offiziellen deutschen Kriegsgeschichte schreibt)
voll und ganz unterstützte Schlußfolgerung von Cowdrey lautet, daß die Gesamtzahl der Todesfälle deutscher Gefangener in amerikanischem Gewahrsam
nicht mehr als 56.000 betragen haben kann.
Und schlie ßlich gibt es noch die Spalte in den Wochenberichten des Kommandeurs der Militärpolizei der USArmee mit dem Titel "Sonstige Verluste". Ihr entnimmt
Bacque seine "fehlende Million".
Was waren "sonstige Verluste"? Bacque interviewte
Philip S. Lauben, einen Oberst der US-Armee im
Ruhestand, der im Jahr 1945 Angehöriger der Abteilung für Deutsche Angelegenheiten in Eisenhowers
Hauptquartier war. Er schreibt, Oberst Lauben habe
ihm gesagt, "sonstige Verluste" bedeuten "Todesfälle
und Fälle von Flucht".
"Wie viele Fälle von Flucht?", fragte Bacque.
"Sehr, sehr wenige", erwiederte Oberst Lauben. Bacque
stellte fest, die Fälle von Flucht hätten weniger als 0,1
Prozent ausgemacht, ohne zu erklären, wie er zu
dieser Zahl gelangte.
Neil Cameron, der Produzent einer BBC-Dokumentation über "Sonstige Verluste" stellte bei der Konferenz
fest, er habe das Tonband des Interviews von Bacque
erhalten. Cameron gewann den Eindruck, daß Bacque einen alten Mann dazu gebracht hatte, Worten
zuzustimmen, die Bacque verwendete und ihm dann in
den Mund legte. Cameron machte ein Fernsehinterview mit Oberst Lauben. Darin erklärte Lauben, er sei
von Bacque getäuscht worden und habe sich in der
Bedeutung des Begriffs "sonstige Verluste" geirrt.
David Hawkins von CNN wollte ein Interview mit Oberst
Lauben machen. Oberst Lauben lehnte jedoch ab und
erklärte in einem Brief: "Ich will keine Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 17

�Kurzum: Bacque irrt sich bei jeder entscheidenden
Behauptung und praktisch bei allen weniger entscheidenden. Eisenhower war kein Hitler, er leitete keine
Todescamps, deutsche Gefangene starben nicht zu
Hunderttausenden, im Jahr 1945 gab es eine ernsthafte Lebensmittelknappheit, es lag kein dunkles Geheimnis über dem Bestimmungsort der Disarmed
Enemy Forces oder über der Spalte "sonstige Verluste". Bacques "fehlende Million" waren alte Männer
und junge Burschen des Volkssturms.

machen. Aber ich bin 91 Jahre alt, blind und mein
Gedächtnis hat in einem Maße nachgelassen, daß es
ziemlich unzuverlässig ist. Darüberhinaus befinde ich
mich in regelmäßiger ärztlicher Behandlung. Während
meines Gesprächs mit Bacque habe ich ihn des öfteren daran erinnert, daß sich mein Gedächtnis in den
rund vierzig Jahren seit 1945 extrem verschlechtert
hat.
Bacque hat mir Zahlen vorgelesen... Mir schien, nach
Abzug der Verlegungen und Entlassungen blieb nichts
übrig als Todesfälle und Fälle von Flucht, um die
Gesamtzahl zu erklären - das heißt, den Begriff "sonstige Verluste". Ich habe mich geirrt."

Dennoch bringt Bacque ein unwiderlegbares Argument vor: einige amerikanische Gls und ihre Offiziere
waren fähig, sich fast so brutal wie die Nazis aufzuführen. Wir hatten kein Monopol für Tugend. Er hat uns
aufgefordert, die Fragen wieder auf den Tisch zu
legen, die erforderliche Forschung zu betreiben, und
die volle Wahrheit aufzudecken. Für diesen Beitrag
gebührt ihm Dank. Im Hinblick darauf, wie er seine
Erkenntnisse jedoch präsentierte, möchte ich nochmals Albert Cowdrey zitieren: "Zweifelsohne hat der
Autor Grund zur Zufriedenheit mit seiner Leistung. Er
hat keinen Ruf als Historiker zu verlieren, und "Der
geplante Tod" kann nur sein Renommee als Romanschriftsteller verbessern."

Bacques einziger Zeuge für die Behauptung, "sonstige Verluste" seien eine Bezeichnung zur Vertuschung
der Todesfälle gewesen, hat also zweimal widerrufen,
was er Bacque zufolge gesagt haben soll.
Was waren dann "sonstige Verluste"? In vielen Fällen
waren es Verlegungen von einer Zone in eine andere
- etwas, das aus vielerlei Gründen, keiner davon
böswillig, regelmäßig erfolgte und stets genau in
Fußnoten der Wochenberichte vermerkt wurde.
Die größte Zahl "sonstiger Verluste" wird jedoch im
Bericht des Militärgouverneurs vom August 1945 aufgedeckt. (Diese Monatsberichte befinden sich in der
Eisenhower Bilbliothek in Abilene, Kansas, im Staatsarchiv in Washington und an anderen Orten. Sie sind
die Hauptquelle für alle Aspekte der Besatzung, bis hin
zu dem Mangel an Nahrungsmitteln und den Gefangenen. Sie werden von Bacque nicht zitiert, und es gibt
keine Anzeichen, daß er sie geprüft hat). Der Bericht
vom August führt die Zahl der von den amerikanischen
Streitkräften entlassenen und der zu Zwangsarbeit zu
den britischen und französischen Streitkräften verlegten
Disarmed Enemy Forces auf.

Schließlich kommen wir zum größten Problem. Es
bedurfte einer Konferenz von Fachleuten, um Bacques Behauptungen zu widerlegen. Einzelne Wissenschaftler haben gezögert, es mit ihm aufzunehmen,
denn das hätte bedeutet, seine Forschungen nachzuprüfen - in Wirklichkeit, sein Buch neu zu schreiben.
Statt dessen haben viele von ihnen in ihren Rezensionen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und
Kanada erklärt, sie könnten nicht glauben, daß Bacques Aussagen über Eisenhower der Wahrheit entsprechen, aber sie können das Gegenteil nicht beweisen. Bacque hat das Rüstzeug eines Wissenschaftlers - es ist beeindruckend genug, um selbst Wissenschaftler hinters Licht zu führen.

Der Bericht fährt fort: "Eine weitere Gruppe von
663.576 Personen wird als "sonstige Verluste" geführt, die vor allen aus Mitgliedern des Volkssturms
besteht, die ohne offizielle Entlassungspapiere freigelassen wurde.

Was kann der Leser als Laie unter solchen Umständen
tun? Ich schlage vor, er verläßt sich auf seinen
gesunden Menschenverstand. Stellen Sie die auf der
Hand liegenden Fragen, als wenn Sie sich mit der
These, der Holocaust habe nie stattgefunden, auseinandersetzen müßten. Wenn die Antworten nicht eindeutig sind, wurden die Behauptungen nicht bewiesen.
In Bacques Fall lauten zwei dieser Fragen: Wo sind die
Leichen? und, Deckt sich dieses Buch mit unserem
Bild von Eisenhowers Charakter, wie wir ihn aus zahllosen anderen Quellen kennen? In Fällen wie diesem
sind es häufig die naheliegenden Fragen, die uns der
Wahrheit am nächsten bringen.

Man braucht nicht viel Phantasie, um zu verstehen,
was hier geschehen ist. Zum Volkssturm gehörten
ältere Männer (bis zu 60 Jahre alt, vor allem Veteranen
des Ersten Weltkriegs) und junge Burschen unter 16
oder gelegentlich noch jünger. Die amerikanischen
Wachposten und Lagerverwalter sagten den alten
Männern, sie sollten nach Hause zurückkehren und
sich um ihre Enkelkinder kümmern, den Jungen, wieder zur Schule zu gehen. Zusammen mit den Verlegungen in andere Zonen, die Bacque ignoriert, stehen
diese Menschen für die "fehlende Million".

* *

AMERIKA DIENST 17

*

Seite 5

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United
53

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Service

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Information
und
Dokumentation

T e l e x : 0 8 - 8 5 4 32

1. Juni 1973

20

Inhalt

HINTERGRUNDMATERIAL:
Kissinger erläutert Jahr Europas
-Erklärung des Präsidentenberaters auf der Pressekonferenz vom
29. Mai-

WIRTSCHAFT:
Washington umreißt Standpunkt zu schwebenden Wirtschaftsfragen
-Shultz erläutert Begriff der GegenseitigkeitUS-Wirtschaftsberater: April-Indikatoren deuten auf Rückgang der
Inflation
Dent begrüßt Verbesserung der Handelsbilanz
-Erklärung des US-Handelsministers-

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

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Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Postfach

Telex:

Hintergrundmaterial

Service
300

08-85432

20/1973
KISSINGER ERLÄUTERT JAHR EUROPAS
- Erklärung des Präsidentenberaters auf der Pressekonferenz vom 19.Mai •

WASHINGTON — ( A D ) — Der Berater Präsident Nixons für Fragen der Nationalen
Sicherheit, Dr. Henry Kissinger, hat auf einer Pressekonferenz am 19. Mai
erneut den Begriff des Jahres Europas in der amerikanischen Politik näher
erläutert und ist auch auf die Treffen Nixons mit europäischen Staatsmännern eingegangen. Die Ausführungen Dr. Kissingers zu Beginn der Pressekonferenz haben folgenden Wortlaut:
"Meine Damen und Herren!
Darf ich einmal zusammenfassen, wohin unsere Pläne hinsichtlich des
"Jahres Europas" und der Gespräche abzielen, die jetzt zwischen Präsident
Nixon und Staatspräsident Pompidou in diesem Zusammenhang stattfinden.
Die Grundzüge dessen, was als Jahr Europas bezeichnet wird, sind in
dem Bericht des Präsidenten an den Kongreß und in der Rede niedergelegt
worden, die ich am 23. April vor (dem Jahresessen) der (amerikanischen
Nachrichtenagentur) Associated Press hielt.
Kurz gesagt besteht das Ziel darin, die atlantischen Beziehungen den
Bedingungen der siebziger und achtziger Jahre anzupassen und zu prüfen,

.1.

�prüfen, welche der Einrichtungen, die in den vierziger und fünfziger Jahren
entstanden sind, mit neuem Leben erfüllt und welche politischen Vorstellungen neu definiert werden müssen.
Die eigentliche Absicht dabei ist, nun festzustellen, ob wir definieren können, welchen Weg die an den Atlantik angrenzenden Nationen auf dem
Gebiet der Wirtschaft, auf dem Gebiet der Verteidigung, auf dem Gebiet der
Außenpolitik und bei der Bestimmung ihrer Beziehungen untereinander und
ihrer gemeinsamen Beziehungen zu anderen Industrieländern, wie Japan, einschlagen wollen.
In den von mir angesprochenen Unterlagen wird darauf hingewiesen, daß
in den letzten zwanzig Jahren eine Reihe von Institutionen auf den verschiedensten Gebieten entstanden ist, deren Arbeitsweise nicht notwendigerweise oder nicht unbedingt miteinander vereinbar ist.
Auf dem Gebiet der Wirtschaft liegt der Nachdruck auf Regionalismus.
Auf dem Gebiet der Verteidigung liegt der Nachdruck auf Integration. Auf dem
Gebiet der Außenpolitik werden die Geschäfte weitgehend auf nationaler Basis geführt, und daraus ergeben sich unausweichlich gewisse Belastungen.
Nun hat es im Gefolge dieser Ansätze sehr viele öffentliche Erörterungen in Europa gegeben, aber bisher noch sehr wenig offizielle Reaktionen.
Was die öffentliche Debatte anbetrifft, so ist behauptet worden, die
Vereinigten Staaten versuchten, die Verhandlungen auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Verteidigung und der Außenpolitik sozusagen in einer einzigen
SuperVerhandlung

zusammenzuziehen, auf der alle diese Themen zugleich be-

handelt werden könnten.
Man hat argumentiert, daß die Vereinigten Staaten Europa eine regionale Rolle, sich selbst aber eine globale Rolle zuweisen wollten. Auch hat
man Besorgnis geäußert, daß die Vereinigten Staaten gegen eine Einheit
Europas seien.
Lassen

�Lassen Sie mich dazu einige Bemerkungen machen und alsdann erklären,
worauf wir abzielen und wie das bevorstehende Treffen sich in diesen Rahmen
einfügt.
Was das Wesen der Verhandlungen anbetrifft, so vertreten die Vereinigten Staaten nicht die Ansicht, daß es nur eine einzige SuperVerhandlung
geben sollte, bei der alle Themen zugleich diskutiert würden. Ganz offensichtlich ist es doch weitaus praktischer, die einzelnen Themen für sich
getrennt zu behandeln, wobei die Vereinigten Staaten allerdings der Ansicht
sind, daß diese Themen organisch miteinander verbunden sind, nicht durch
einen Akt der Politik oder eine Willensentscheidung seitens der Vereinigten
Staaten, sondern durch den Zwang der Notwendigkeit.
Mit anderen Worten: Es ist für die beiden Seiten diesseits und jenseits
des Atlantik unmöglich, einen regionalen Egoismus auf dem Gebiet der Wirtschaft hervorzukehren, dabei aber an der Doktrin einer integrierten Verteidigung innerhalb der NATO-Struktur festzuhalten. Und daher vertreten die
Vereinigten Staaten die Auffassung, daß die Verhandlungspartner auf beiden
Seiten des Atlantik bei der Verhandlungsführung auf den verschiedenen Gebieten sich der größeren politischen Realitäten bewußt sein und sich bei ihren
detaillierten Verhandlungen von ihnen leiten lassen müßten.
Das Gleiche gilt auch für den Bereich der Außenpolitik oder den Bereich
der Politik insgesamt.
Es ist auch keineswegs richtig, daß die Vereinigten Staaten durch die
Hervorhebung der Beziehung, in der die verschiedenen Gebiete zueinander
stehen, versuchten, ihre europäischen Verbündeten auf wirtschaftlichem Gebiet zu erpressen. Ganz im Gegenteil. Der sicherste Weg, um zu einer Konfrontation zu kommen, besteht darin, den Wirtschaftstechnokraten auf beiden
Seiten zu gestatten, die Verhandlungen auf der Basis rein wirtschaftlicher
Kriterien zu führen. Dies würde zu einer nachdrücklichen Betonung der speziellen Interessen der beiden Seiten des Atlantik führen und die Anpassungen
und Konzessionen unmöglich machen, die ein umfassenderes politisches Rahmen-

-3-

�Rahmenwerk gebieterisch fordernmuß.

.

..

. .,

Der tiefere Sinn unserer Forderung nach einer Neubewertung der atlantischen Beziehungen besteht gewiß nicht darin, einen einseitigen Vorteil bei
dieser oder jener Verhandlung zu erzielen* Wie diese Administration ja wiederholt in öffentlichen Erklärungen hervorgehoben hat, kann ein dauerhafter
Frieden oder eine Beziehung, die Bestand haben soll, gar nicht auf dem einseitigen Vorteil des einen Partners begründet werden. Nur solche, Übereinkommen werden von Dauer sein, an deren Bestand jede Seite ein entscheidendes Interesse hat.

..

•

, ,., •

• ,

. •.

Daher ist es das Ziel dieser Administration, die atlantische Debatte
aus dem alten Gleis der rein technischen Kontroversen herauszubringen, auf
die sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit seit rund einem.Jahrzehnt konzentriert hat.

:

,.

Wir glauben, daß&gt;es keiner zur atlantischenGruppegehoerenderi Nation
dienlich sein kann, ihre .außenpolitischen Erfolge ausschließlich mit den Beziehungen zu den Gegnern zu identifizieren. •

r

*

Wir haben uns zu einer Entspannungspolitik bekannt und halten weiter an
ihr fest. Aber es ist unserer Meinung nach auch wichtig, daß Nationen, die mit
den Gegnern gemeinsame Prinzipien abzugrenzen wissen, in der Lage sein sollten, eine Möglichkeit für die Definition gemeinsamer Prinzipien mit ihren
Freunden zu finden - und daß Länder, die sich zur gemeinsamen Verteidigung
vereint haben, fähig sein sollten, die Ziele dieser gemeinsamen Verteidigung
zu artikulieren.

;

,

Wir werden also im Verlauf dieses Jahres mit den führenden europäischen
Politikern die Grundprinzipien erörtern, die, wir wir meinen, unsere Beziehungen bestimmten sollten und die auch nach ihrer Meinung füir! unsere Beziehungen
maßgeblich sein sollten - nicht- wie sie sägten - als einseitige'anierikanische
Vorschläge, sondern als ein gemeinsames Unterfangen. Wir haben bereits mit
Premierminister Heath und Bundeskanzler Brandt Gespräche geführt, denen sich

-4-

�sich jetzt die Besprechungen mit Präsident Pompidou anschließen.
Die Rolle Frankreichs bei diesen Verhandlungen ist allerdings doch
recht entscheidend. Auf wirtschaftlichem Gebiet, bei den Verhandlungen mit
dem Gemeinsamen Markt, hat Frankreich stets eine sehr bedeutsame und in
vieler Hinsicht entscheidende Rolle gespielt.
Auf dem Gebiet der Verteidigung hat Frankreich allerdings eher abseits
gestanden und in außenpolitischen Fragen hat es den nationalen Charakter
seiner Politik nachdrücklich betont.
Was wir zu tun versuchen, ist nicht gegen die Einheit Europas gerich~
tet, sondern setzt sie vielmehr voraus und aus eben diesem Grunde halten wir
die Beteiligung Frankreichs und sein Einverständnis für sehr wichtig.
Natürlich werden wir nicht imstande sein, bei einem zweitägigen Treffen auf Island zu irgendwelchen abschließenden Entscheidungen zu gelangen.
Was wir aber zu erreichen hoffen, ist ein Übereinkommen irgendeiner Art
über die Verfahrensfragen, die bei der Artikulierung der Zielsetzungen ein»
geschlagen werden könnten, die wir zu definieren versuchen - Verfahrensfragen, bei denen die Rolle Frankreichs natürlich außerordentlich wichtig
sein wird, damit wir zu der Zeit, in der der Präsident Ende dieses Jahres
Europa besuchen wird, in der Lage sein werden, die erste Phase dieser Verhandlungen zu einem Abschluß oder doch bis unmittelbar vor einen Abschluß
zu bringen.
Ob dieses Treffen mit einem formellen Kommunique abschließen wird oder
nicht, ist allerdings noch nicht entschieden und ist auch nicht der wichtigste Aspekt dieser Gespräche.
Es gibt viele Dinge - viele konkrete Fragen, über die zu sprechen ist.
Frankreich ist sehr an einer Erörterung des Währungsproblems interessiert,
ferner an den bevorstehenden Handelsverhandlungen. Wir sind bereit, darüber
sowie über andere Fragen der atlantischen Beziehungen zu sprechen. Wir
würden sie aber gerne in einem Rahmen weitergesteckter und langfristigerer

-5-

�langfristigerer Ziele behandelt wissen. Aber selbstverständlich steht es
beiden Seiten bei diesem Treffen der beiden Präsidenten frei, jedes von
ihnen gewünschte Thema innerhalb jedes von ihnen gewählten Rahmens anzusprechen. Doch erhoffen wir konstruktive Gespräche, die den Zielen förder»
lieh sein werden, die ich Ihnen nannte und ich muß sagen, daß die Vorbesprechungen, die wir geführt haben, weitaus positiver waren als manche der
Berichte, die ich darüber gelesen habe."

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20/1973

WASHINGTON UMREISST STANDPUNKT ZU SCHWEBENDEN WIRTSCHAFTSFRAGEN
- Shultz erläutert Begriff der Gegenseitigkeit -

WASHINGTON — ( A D ) — Der amerikanische Finanzminister George P„ Shultz,
der Staatssekretär für Wirtschaftsfragen im US=&gt;Außenministerium, Paul
Volcker, sowie der Berater Präsident Nixons für Wirtschaftsfragen und Vor«,
sitzende des Rates für Internationale Wirtschaftspolitik, Peter Flanigan,
haben am 29. Mai auf einem vom Weißen Haus durchgeführten Wirtschaftsseminar
den Standpunkt der USA zu wichtigen nationalen und internationalen Wirtschaftsfragen umrissen.
Sowohl Shultz als auch Flanigan wurden auf das Prinzip der Gegenseitigkeit bei den kommenden Handelsverhandlungen angesprochen. Flanigan erklärte
dazu, sowohl die Europäer, die Amerikaner als auch die Japaner seien sich
darüber klar geworden, daß das Ziel ein Vorteil für alle Seiten - mit einer
allgemeinen Reziprozität - sein müsse. Es sei vorstellbar, daß in Fällen,
in denen amerikanische Exporte stärker unter Diskriminierung litten als
amerikanische Importe, die USA bei einer Senkung der Handelsschranken große»
re Vorteile erhielten als einige der anderen Handelspartner. Hier könne man
nicht einfach sagen, "wir werden Euch hier eine Million Dollar Handel geben, wenn Ihr uns dort eine Million Dollar Handel gebt."

Bei einem Abbau

der Schranken würden die USA jedoch profitieren und die Handelspartner würden ebenfalls profitieren.
Finanzminister

�Finanzminister Shultz formulierte es folgendermaßen:
Frage:.Ihr Kommentar vor einigen Tagen, daß die Einstellung der Vereinigten Staaten zu den Handelsverhandlungen mehr die des Nehmenden als
des Gebenden sein könnte, scheint eine ziemliche Unruhe verursacht zu
haben und auch eine gewisse Besorgnis über den Fortschritt in den damit
zusammenhängenden monetären Entwicklungen.
Wie schätzen Sie diese relativ harte Haltung auf Ihrer Seite hinsichtlich des zu erzielenden Fortschritts ein?
Antwort: Was ich gesagt habe, war lediglich eine Wiederholung des von
mir seit geraumer Zeit schon Gesagten. Nämlich, daß unserer Meinung nach
das gesamte System in den Jahren während der Nachkriegsperiode aus den Fugen geraten ist. Wir versuchen es wieder ins Lot zu bringen. Wir haben
entsprechendes an der monetären Front unternommen und bemühen uns auch an
der Handelsfront. Jedermann weiß, daß es bei Verhandlungen stets ein Geben
und Nehmen gibt.
Wenn man nicht bereit ist, irgendwie etwas zu geben, dann kommt man
bei Verhandlungen zu nichts.
Eine Interaktion dieser Art hat es zwischen allen an den Verhandlungen
Beteiligten gegeben. Gleichzeitig aber glauben wir Beispiele dafür zu haben
- wobei ich unsere Probleme in bezug auf einzelne Länder nicht dadurch erschweren möchte, daß ich mich auf sie in irgendwelchen besonderen Einzelheiten einlasse - aber, wie gesagt, wir glauben, daß es Probleme gibt, Orte,
an denen unsere Handelsgüter in unfairer Weise diskriminiert werden, und
wir glauben nicht, daß bei diesen Fällen die derzeitige Situation so gelagert wäre, daß etwas darauf hindeute, daß etwaige Veränderungen genau
parallel erfolgen müßten.
Wir sind der Ansicht, daß es manches gibt, was von der Bildfläche

�Bildfläche verschwinden sollte, und daß

es einen kontinuierlichen Prozeß

des Gebens und Nehmens geben muß, wie wir ihn in den Handelsverhandlungen
nunmehr seit Jahrzehnten erlebt haben - eine gewisse Art von Tradition
der Bemühung um einen Abbau der Handelsschranken.
Übrigens ist es bemerkenswert, daß in den letzten vier Jahren - bei
all dem Durcheinander, das wir im Währungssystem hatten und all den Debatten in der Öffentlichkeit über Handelsvereinbarungen und ähnliches - das
reale Volumen des Welthandels in einem Ausmaß zugenommen hat, das doppelt
oder sogar größer ist als die Wachstumsrate des Bruttosozialproduktes
der ganzen Welt.
Der Handel gedeiht also im Grunde. Natürlich ziehen wir daraus unseren
Nutzen; er ist gut für uns und ist gut für jedermann. Was wir aber brauchen,
sind bestimmte Mittel und Wege, um mit einigen der dabei auftretenden
Probleme fertig werden zu können."
Im folgenden bringen wir wesentliche weitere Auszüge aus den Darlegungen der genannten Regierungsvertreter zu den wichtigsten angeschnittenen
Themen:
"Finanzminister Shultz: Mir scheint, daß sich die Flexibilität unseres
gegenwärtigen Währungssystems gerade in der letzten Woche wie auch in der
vorangegangenen Woche recht gut bewährt hat, als wir ein gewisses Wiederaufleben der Spekulation gegen den Dollar und das Gold usw. erlebt haben.
Hätten wir ein festes System gehabt, in dem Länder feste Wechselkurse
zu verteidigen suchen, dann hätten wir, dessen können Sie sicher sein, wieder eine internationale Währungskrise erlebt. Sie hat nicht stattgefunden.
Das System hat die Entwicklung grundsätzlich im Griff gehalten und ließ
sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen
Frage:

-3-

�Frage: Herr Minister, zu den potentiellen Problemen, die nicht erwähnt
wurden, gehört auch die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Rezession, die
vielleicht Ende dieses Jahres oder 1974 ernste Ausmaße annehmen könnte.
Gibt es ein Programm, um dem zu begegnen?
Antwort: Meines Erachtens besteht das Problem darin, wie dieser Boom
so gelenkt werden kann, daß er abflacht, ohne zu einem Rückgang der Realeinkommen zu führen, denn ein reales Bruttosozialprodukt ist ein zentrales
Problem für das Management der Wirtschaft.... Wir wissen,, daß sich die gegenwärtige reale Wachstumsrate von acht Prozent nicht aufrechterhalten
läßt. Die Wirtschaft darf einfach nicht so rasch expandieren, was die
grundlegende Zunahme von Produktivität und Arbeitskräftepotential anbetrifft.
Die meisten Leute glauben, daß eine Ausweitung der Kapazitäten in der Größenordnung einer Rate von etwa 4,5 Prozent tragbar wäre. Diese reale Zuwachsrate von acht Prozent muß daher aus dieser Erkenntnis heraus auf vier Prozent
gesenkt werden. Das Problem besteht darin, die Zuwachsrate auf vier Prozent
herunterzubringen, ohne daß sie auf vielleicht minus ein Prozent oder dergleichen umschlägt; sie also so herunterzudrücken, daß die Wirtschaft mit
einer Rate von etwa vier Prozent expandiert. Das ist einfach ein Problem
des Managements, eine Frage der Beurteilung der gegenwärtigen Situation,
ob nämlich der derzeitige Boom durch monetäre oder fiskalische Maßnahmen so
gelenkt werden kann, daß wir mit einem allmählichen Abflachen auf ein Niveau
von etwa vier Prozent rechnen und dieses dann auch halten können, oder ob es
zu einer weiteren Überhitzung kommt und zum Beispiel starke fiskalische Maßnahmen notwendig werden.
Staatssekretär Volcker: Zu den Bemühungen um eine Reform des internatio«
nalen Währungssystems möchte ich sagen, wenn sie zwar nicht unverzüglich
voranschreiten, glaube ich doch nicht, daß irgendein.Grund besteht, entmutigt
zu sein. Es handelt sich hier um ein schwieriges politisches und wirtschaftliches Problem auf dem Gebiet der Reform der internationalen Wirtschaft, bei
dem unsere institutionelle Struktur und unser Währungssystem den tiefgreifen-

-4-

�tiefgreifenden Veränderungen in der Weltwirtschaft grundlegend angepaßt
werden müssen,,. .. Natürlich bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber, wie
die verschiedenen Länder dieses Problem anpacken sollen. Doch sind meines
Erachtens auch einige Elemente vorhanden, bei denen, und zwar in wachsendem
Maße, Übereinstimmung besteht- beispielsweise über die Notwendigkeit einer
größeren Flexibilität des internationalen Währungssystems, die relative Zunahme der internationalen Reserveguthaben, die Sonderziehungsrechte und andere Währungen oder Gold oder die Notwendigkeit eines verbindlichen Verhaltenskodexes, der international ausgearbeitet oder unter Aufsicht einer internationalen Institution wie dem Internationalen Währungsfonds entwickelt werden
muß
Frage: Mr.Volcker, betrachten wir einmal ganz abstrakt die Qualität der
Sonderziehungsrechte; was halten Sie davon, die Bindung zwischen den Sonderziehungsrechten und dem Gold aufzuheben?
Antwort: Das ist eine sehr technische Frage, die Bindung zwischen den
Sonderziehungsrechten und dem Gold aufzuheben. Nach der derzeitigen Definition
haben die Sonderziehungsrechte einen bestimmten Wert in Gold und umgekehrt.
Es ist darüber diskutiert worden, ob wir dies in einem reformierten System
fallen lassen und den Wert der Sonderziehungsrechte einfach in Sonderziehungsrechten ausdrücken sollten. Natürlich besteht ein Wert in bezug auf bestimmte Währungen, nämlich der Wert, den ein Land seiner eigenen Währung in Sonderziehungsrechten gibt. Ich weiß nicht, ob dies wirklich eine zentrale Frage
ist... Wichtig ist, daß die Sonderziehungsrechte ein wachsender Bestandteil
der internationalen Reserven werden und auch wirklich diese Funktion übernehmen können, sobald die Rolle des Goldes als internationale Reserve zurückgeht, - ich sollte vielleicht sagen, weiter zurückgeht - und daß dann auf die
nationalen Währungen in dieser Beziehung eine nicht zu hohe Belastung zukommt. Hier handelt es sich um ein Gebiet, auf dem meines Erachtens bei praktisch allen Punkten dieser Frage ein sehr hohes Maß an Übereinstimmung besteht. ....
Frage:

-5-

�Frage: Sie werden also immer noch Gold als Reserve halten, doch muß
es nicht unbedingt an die Sonderziehungsrechte gebunden sein?
Antwort: Es wird noch auf lange Zeit hinaus Gold in den nationalen
Währungsreserven geben, Die einzelnen Länder verfügen heute über eine Menge
Gold. Der relative Anteil ist zurückgegangen. Niemand schlägt vor, daß das
Gold plötzlich aus den Reserven verschwinden sollte. Es ist heute ein wichtiger Bestandteil der Reserven und wird dies auch künftig bleiben...
Frage: Können Sie uns sagen, was - sofern etwas erreicht worden ist die Sitzung des Zwanzigerausschusses in der letzten Woche ergeben hat und
wie sich dies auf die Reform auswirken wird?
Antwort: Meines Erachtens war dies eine recht erfolgreiche Sitzung. Es
fand eine umfassende Diskussion statt, die weit detaillierter als früher war,
in einer zwangloseren Form vor sich ging - was nur nützlich sein kann - und
sich auf fast alle zentralen Fragen erstreckte.
Ich glaube, jeder hatte das Gefühl, daß die Standpunkte eingehender erläutert, klarer gemacht und die Punkte, bei denen Meinungsverschiedenheiten
und Unstimmigkeiten bestehen3 abgesteckt worden sind.... Das ist eine wichtige Phase, die durchgestanden werden muß
Frage: Gab es irgendwelche Entwicklungen in Richtung auf den amerikanischen Standpunkt über die Anwendung objektiver Indikatoren für eine Anpassung?
Antwort: Ich glaube, ich kann Ihnen die Situation am besten so erläutern, daß ich Ihnen sage, daß meines Erachtens in den vergangenen Monaten
die Logik aller amerikanischen Vorschläge immer mehr anerkannt worden ist
- die Art und Weise, wie sie zusammenhängen, die Hauptelemente dieser Vorschläge, die wichtig sind» Gleichzeitig besteht meines Erachtens ein gewisses Maß an Widerstand, was einige Auswirkungen dieser Vorschläge betrifft,
unter anderem die angedeutete Heranziehung von Reserven. Doch steht man
heute, wie ich meine, dieser Vorstellung positiver gegenüber als noch vor
sechs Monaten»

_

»6-

�Es wäre jedoch zu viel und würde zu Fehlschlüssen führen, wenn ich
erklärte, daß in diesem Punkt eine allgemeine Übereinstimmung bestehe,
daß dies unbedingt ein Bestandteil des Systems sei, der akzeptiert werden
muß. Es gibt hier noch beträchtliche Unstimmigkeiten....
Frage an Flanigan: Werden Sie bei den nächsten Handelsverhandlungen auf
mehr als Gegenseitigkeit drängen?
Antwort: Einmal ist uns vorgeworfen worden, wir gingen in diese Handelsverhandlungen nur, um unser Zahlungsbilanzdefizit zu beseitigen. Wenn Sie
den zeitlichen Rahmen, um den es hier geht, sowie die sich aus den Handelsverhandlungen ergebenden Vorteile betrachten und sich vergegenwärtigen, wie
unmittelbar das Zahlungsbilanzproblem ist, so werden Sie meines Erachtens
selbst sehen, daß diese Beschuldigung wirklich völlig unzutreffend ist.
Wir rechnen nicht damit, daß sich die Zollverhandlungen vor fünf Jahren
voll auswirken werden; bei vielen Punkten wird es noch bedeutend länger dauern und bei Fortschritten in der Landwirtschaft natürlich noch länger, bis
sie voll verwirklicht werden.
Wir rechnen nicht damit, daß die Handelsverhandlungen vor 1975 - als
dem frühesten Zeitpunkt - beendet sind. Dies ist die Forderung, die auf dem
europäischen Gipfeltreffen gestellt wurde und vom Präsidenten bekräftigt worden ist. Nehmen wir einmal an, daß dies ein optimistisches Ziel ist. Dann
würden die vollen Auswirkungen unserer Handelsverhandlungen real erst in den
achtziger Jahren durchschlagen. Wir rechnen jedoch damit, daß wir unser Zahlungsbilanzproblem lange vorher gelöst haben werden....

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20/1973

US-WIRTSCHAFTSBERATER: APRIL«INDIKATOREN DEUTEN AUF RÜCKGANG
DER INFLATION

WASHINGTON —(AD)-«. Der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirates des Präsidenten, Dr. Herbert Stein, und ein Mitglied des Beirates, Marina V.N.Whitman,
haben in einer Erklärung die Wirtschaftsindikatoren für den Monat April
dargestellt, und Dr. Stein bezeichnete sie als ein Anzeichen dafür, daß
die Flut der Inflation in den Vereinigten Staaten zurückgeht. Die am
23. Mai veröffentlichte Erklärung hat folgenden Wortlaut:
"Zusammenfassung der wirtschaftlichen Bedingungen im April:
Das zweite Quartal (1973) begann mit Anzeichen für ein Nachlassen
der Verbrauchernachfrage gegenüber dem ausnahmsweise hohen Zuwachstempo im
ersten Quartal, während die industrielle Produktion weiterhin rasch anstieg. Die Nachfrage nach Arbeitskräften blieb stark; der Beschäftigungsstand außerhalb der Landwirtschaft und die gearbeiteten Wochenstunden nahmen zu,

die Arbeitslosenrate insgesamt blieb jedoch auf der Fünf-Prozent-

Marke konstant, die seit November vorigen Jahres vorherrschte. Die Inflationsrate blieb im April noch hoch, jedoch stieg der Index der Großhandels«
und der Verbraucherpreise weniger an als in den beiden vorangegangenen Mo~
naten.
Nach

»le

�Nach ersten Berichten gingen die Einzelhandelsumsätze im April zurück,
nachdem sie vier Monate lang um durchschnittlich zwei Prozent monatlich
angestiegen waren. Die deutlichen Umsatzrückgänge in Geschäften, für die
das Ostergeschäft wichtig ist, deuten auf mögliche Schwierigkeiten für die
Saisonbereinigung für die Monate März und April. Der Absatz von neuen Automobilen (amerikanischen und ausländischen) ging gegenüber einer Jahresrate
von 12,5 Millionen Einheiten im ersten Quartal auf eine Jahresrate von
12 Millionen Einheiten zurück. Der Absatz einheimischer Wagen lag Anfang
Mai etwa auf dem gleichen Stand wie im April.
Mit einem Nachlassen auf dem Wohnungsmarkt und mit einer langsameren
Rate der Spareinlagen in Sparerinstitutionen schienen Baubeginne in eine
Richtung nach unten zu zeigen. Im April nahmen die Baubeginne im dritten
aufeinanderfolgenden Monat ab.
Die industrielle Produktion stieg im April um ein Prozent, wobei Gewinne bei Büroeinrichtungen und Verbrauchsgütern und «materialien erzielt
wurden. Die Produktion von Dauergütern stieg erneut überdurchschnittlich,
obwohl der Eingang von Neuaufträgen auf diesem Sektor nach ersten Berichten
zurückging. In den drei vorangegangenen Monaten waren die Neuaufträge für
Dauergüter durchschnittlich um vier Prozent monatlich gestiegen.
Die wachsende Produktion brachte in privaten Erzeugungsstätten außerhalb der Landwirtschaft eine erhöhte Beschäftigung und eine längere Arbeitswoche. Mit einem mäßigen Anstieg der Durchschnittstundenlöhne stieg das
Arbeitnehmereinkommen auf Jahresbasis umgerechnet um fast sechs Milliarden
Dollar oder 5,5 Milliarden Dollar, wenn man Lohnnachzahlungen berücksichtigt.
Die letztere Zahl entspricht in etwa der durchschnittlichen Zunahme in den
Monaten Februar und März.
Die Großhandelspreise stiegen im April (saisonbereinigt) um ein Prozent,
nachdem sie im Februar und März 1973 um durchschnittlich zwei Prozent monatlich und im Jahre 1972 um durchschnittlich 0,5 Prozent angestiegen waren. Bei

-2-

�Bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und verarbeiteten Lebensmitteln zeichnete sich kaum eine Preisveränderung ab, die Industriepreise stiegen jedoch
im dritten aufeinanderfolgenden Monat sehr stark an (um 1,3 Prozent). Der
Verbraucherindex stieg im April (saisonbereinigt) um 0,6 Prozent, d.h. etwas
weniger als im Februar und im März. Im Vergleich zu Februar und März spiegelte sich diese Verbesserung in einem sehr viel langsameren Anstieg der Einzelhandelspreise für Lebensmittel wider..
Bereinigtes Bruttosozialprodukt für das erste Quartal:
Nach den bereinigten Daten stieg das Bruttosozialprodukt im ersten
Quartal etwas mehr, als die vorläufigen Zahlen hatten erkennen lassen. Der
Großteil der Berichtigung nach oben entfällt auf höhere Preise. Die vorläufigen Zahlen für Gesellschaftsgewinne stellen die Zunahme des Buchgewinns vor
Abzug der Steuern auf 11,6 Milliarden Dollar (Jahresrate), wovon sich der
größte Teil in einer Zunahme der Lagerbestände widerspiegelt. Was also die
Darstellung der Gewinne als Nationaleinkommen angeht, so betrug die Zunahme
der Gewinne im ersten Quartal nach Abrechnung der Lagerbestandsgewinne nur
3,4 Milliarden Dollar.
Zahlungsbilanz:
Die vorläufigen Daten zeigen eine Verschlechterung des Defizits der amtlichen Reservetransaktionen von 1,6 Milliarden Dollar im vierten Quartal
(1972) auf 10,2 Milliarden Dollar im ersten Quartal (1973). Das neue NettoLiquiditätsdefizit war ebenfalls schlechter. Die Defizite und negativen Verlagerungen hingen eng mit den starken Kapitalabflüssen zusammen, die hauptsächlich auf die Unsicherheit auf den Devisenmärkten zurückzuführen waren.
Gleichzeitig jedoch verbesserte sich das Defizit bei Gütern und Dienstleistungen."
Auf einer Pressekonferenz bezeichnete Dr. Stein die Zahlen für April
als ein erstes Zeichen für einen Rückgang der Inflationsflut. "Wir

-3-

haben

�haben eine Taube ausgesandt'1, so sagte er, "und sie ist mit einem Ölzweig
zurückgekehrt."

Dr. Stein wies darauf hin, daß die Daten einer erwarteten

Entwicklung entsprächen, warnte jedoch davor, daraus voreilige Schlüsse zu
ziehen. "Ein Ölzweig", so betonte er, "macht noch keinen Wald." Aufgrund
der vorliegenden Indikatoren, so erklärte er weiter, plane die amerikanische Regierung keine Verschärfung der Lohn-und Preiskontrollen, werde jedoch ihre restriktive Geld-und Haushaltspolitik fortsetzen.

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20/1973

DENT BEGRÜSST VERBESSERUNG DER HANDELSBILANZ
-Erklärung des US-Handelsministers-

WASHINGTON — ( A D ) — Der amerikanische Handelsminister Frederick B. Dent
hat die fortschreitende Verbesserung der amerikanischen Handelsbilanz, die
im April erstmalig seit 18 Monaten wieder zu einem Überschuß von 196,3
Millionen Dollar geführt hat, begrüßt. Die vom amerikanischen Handelsministerium am 24. Mai veröffentlichte Erklärung Dents hat folgenden Wortlaut:
"Der Handel der USA hatte im April einen Überschuß von 196,3 Millionen
Dollar aufzuweisen. Damit ist der amerikanische Außenhandel zum ersten Mal
seit eineinhalb Jahren wieder in die schwarzen Zahlen gelangt. Die sich
bereits im März abzeichnende Verbesserung, als das Handelsdefizit erheblich
auf 52,6 Millionen Dollar zurückging, hat sich weiter fortgesetzt.
Die Exporte sind im April gegenüber März - saisonbereinigt - um zwei
Prozent auf 5 487 Millionen Dollar gestiegen, während die Importe um 2,6
Prozent auf 5 291 Millionen Dollar zurückgingen. Der April war damit der
dritte aufeinanderfolgende Monat, in dem die Exporte neue Rekorde zu verzeichnen hatten. Die Importe gingen im zweiten aufeinanderfolgenden Monat
zurück.
Die

-1-

�Die Zunahme der Exporte im April war in erster Linie auf höhere Ausfuhren industrieller Erzeugnisse, vor allem Chemikalien, zurückzuführen.
Die Lieferungen von Maschinen nahmen ebenfalls zu. Die Agrarexporte hielten sich weiter auf dem hohen Stand des Monats März. Die Importe gingen
ganz allgemein zurück, wobei besonders Waren aus Kanada, Westeuropa und Japan betroffen waren. Der stärkste Rückgang war bei Kraftfahrzeugen und KfzTeilen sowie industriellen Erzeugnissen zu verzeichnen,,
Die positive Veränderung der Handelsbilanz im April war zum größten
Teil auf einen Abbau des Defizits gegenüber Kanada zurückzuführen. Auf der
anderen Seite war bei dem Handelsungleichgewicht der USA gegenüber Japan
nur ein geringer Rückgang zu verzeichnen. Der Handelsüberschuß gegenüber
Westeuropa war im April etwas niedriger als im März.
Die anhaltende Verbesserung unserer Handelsposition im April ist als
bedeutsam zu werten, da der Export eine beachtliche Stärke und der Import
eine gewisse Schwäche zeigte. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, daß
die Wechselkursänderungen der beiden letzten Jahre eine stimulierende Wirkung auf den Absatz von in den USA hergestellten Erzeugnissen ausgeübt
haben, der im übrigen auch von dem Wirtschaftsaufschwung in den anderen Ländern profitierte und sich dämpfend auf unsere Käufe ausländischer Erzeugnisse ausgewirkt hat. Es ist jedoch noch zu früh, das Ausmaß der Verbesserung
unserer Handelsbilanz für das gesamte Jahr vorauszusagen.

- Der Handel in den Monaten Januar bis April 1973 Um eine richtige Perspektive zu erhalten, ist es angebracht, die Entwicklung des Handels in den Monaten Januar bis April 1973 mit der in den
vorangegangenen vier Monaten zu vergleichen. Auf dieser Basis wiesen die
Exporte eine Zunahme um 19 Prozent und die Importe eine Zunahme um 11 Prozent auf. Gleichzeitig ging das Handelsdefizit, das in den Monaten September

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September bis Dezember 1972 eine Jahresrate von 5,9 Milliarden Dollar aufgewiesen hatte, stark zurück und zwar auf eine Jahresrate von 1,9 Milliarden Dollar.
Die in den Monaten Januar bis April 1973 erzielte Ausweitung des Exports gegenüber dem unmittelbar davor liegenden Viermonatszeitraum verteilt sich gleichmäßig auf landwirtschaftliche und nichtlandwirtschaftliche Erzeugnisse. Bei den nichtlandwirtschaftlichen Erzeugnissen verteilt
sich die Zunahme auf zahlreiche Warengruppen - unter anderem größere Lieferungen von Maschinen, verstärkte Ausfuhren der Autoindustrie nach Kanada,
Flugzeuge und zahlreiche industrielle Erzeugnisse wie Chemikalien und Stahl.
Die starke Ausweitung dieser Exporte ist auf die erhebliche Zunahme der
Wirtschaftstätigkeit in anderen Ländern in diesem Jahr und die stimulierende Wirkung der Wechselkursänderungen zurückzuführen. Die Agrarexporte haben
einen unverhältnismäßig hohen Anteil an der Ausweitung der Gesamtausfuhr
gehabt, da die Verkäufe von Getreide und Sojabohnen zu wesentlich höheren
Preisen äußerst lebhafte Formen annahmen.
i

Die Zunahme der Importe war weit geringer, als dies bei den Exporten
der Fall war, und verteilt sich auf alle wichtigen Warengruppen, wobei in»
dustrielle Erzeugnisse an der Spitze standen. Die Importe der Autoindustrie
nahmen stark zu, vor allem von den amerikanischen Tochtergesellschaften in
Kanada, aber auch aus anderen Ländern. Die Einfuhr von Kapitalgütern wie
auch von Verbrauchsgütern erhöhte sich beträchtlich.
Die bisherige Stärkung unserer Handelsposition in diesem Jahr - gegenüber den letzten vier Monaten des Jahres 1972 - ist zu einem großen Teil
auf einen beträchtlichen Abbau des Handelsdefizits gegenüber Japan zurückzuführen, wo die Exporte stark anstiegen, während die Importe unverändert
blieben. Der geringe, in den Monaten September bis Dezember 1972 gegenüber
Westeuropa erzielte Handelsüberschuß erhöhte sich beträchtlich. Die

-3-

�Die positive Bilanz gegenüber Osteuropa konnte ebenfalls gefestigt werden.
Obwohl die Exporte nach Kanada stiegen, war die Zunahme der Importe noch
größer, was zu einer Ausweitung des Handelsdefizits gegenüber diesem Land
führte."

-4-

�</text>
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23

1. Juni 1983

I N H A L T

DOKUMENTATION

Reagan: Sowjets sollen Rüstungsverminderungen zustimmen
- Erklärung des US-Präsidenten zur Bewilligung von MX-Geldern
Weinberger gibt Überblick über die amerikanische
Verteidigungspolitik

HINTERGRUNDMATERIAL
Kernwaffen:

Der Trend zeigt abwärts

- Von Gregory S. Jones -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Bioelektrisches Feld leitet den Hai zur Beute

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

23

1. Juni 1983

REAGAN: SOWJETS SOLLEN RÜSTUNGSVERRINGERUNGEN ZUSTIMMEN
- Erklärung des US-Präsidenten zur Bewilligung von MX-Geldern -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat die Sowjetunion am
25. Mai 1983 in einer Erklärung aufgefordert, sich den USA in ihren Bemühungen um eine Rüstungskontrolle anzuschließen und gerechten und verifizierbaren Verringerungen der nuklearen Arsenale zuzustimmen. Gleichzeitig
begrüßte er die Einigkeit Amerikas in Verteidigungsfragen, wie sie durch
die Bewilligung von 625 Millionen Dollar für die Weiterentwicklung der
MX-Rakete durch den amerikanischen Kongreß zum Ausdruck kam. Nach dem Repräsentantenhaus hatte auch der Senat am 25. Mai 1983 mit 59 gegen 39
Stimmen die vom Präsidenten beantragten Mittel bewilligt.
Präsident Reagan gab dazu folgende Erklärung ab:
Mein Gruß gilt den republikanischen und demokratischen Mitgliedern
des Repräsentantenhauses und des Senats, die einen entscheidenden historischen Beitrag zur Sicherheit unserer Nation geleistet haben. Dank ihrer erfreut sich heute Amerika einer neuen überparteilichen Einigkeit,
die uns stärker und sicherer machen kann als zuvor.
Wenn wir

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Wenn wir uns jetzt auf Williamsburg vorbereiten, um mit anderen Führern der freien Welt zusammenzukommen, dann kann ich mir keine erfreulichere Botschaft vorstellen, die ich ihnen bringen könnte, als die, die der
Kongreß mir gerade gegeben hat: geschlossene Stimmen des Vertrauens in
die Empfehlungen der Scowcroft-Kommission für die Modernisieruna unserer
strategischen Streitkräfte und das Weitergehen auf dem Wege zu

echten

Rüstungsverminderungen.
In den kommenden Wochen werden die Mitglieder des Kongresses ersucht
werden, ihre Stimmen von gestern und heute zu bekräftigen. Ich sichere
ihnen meine volle Kooperation und Konsultation r". Ich verpflichte mich
ferner, auch weiterhin in dem Streben nach einer Verringerung der nuklearen Arsenale eng mit dem Kongreß zusammenzuarbeiten.
Wir kennen die vor uns liegende Aufgabe. Wir haben unsere Einigkeit
und unseren Mut gezeigt. Wir haben Grund, auf eine sicherere und friedlichere Zukunft zu hoffen. Mein tiefster Wunsch ist die schließliche Beseitigung von Kernwaffen. In diesem Geiste appelliere ich an die Sowjets,
sich uns in Genf bei diesem ersten gewaltigen Schritt anzuschließen
einem gerechten und verifizierbaren Abkommen, das den Stand der nuklearen
Arsenale auf beiden Seiten wesentlich verringert.
Es ist an der Zeit für Fortschritte bei den Verhandlungen. Die Bürger der Welt wollen nichts mehr - und sie verdienen nicht weniger.

+ + + + +

�amIE RlIK h
I D l ElN2ST3

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23

1. Juni 1983

WEINBERGER GIBT ÜBERBLICK ÜBER DIE AMERIKANISCHE VERTEIDIGUNGSPOLITIK

BONN - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister Caspar Weinberger
hat am 30. Mai 1983 in einer Ansprache auf einer Veranstaltung der Deutschen
Gesellschaft für Auswärtige Politik in Bonn die Grundlinien der Verteidigungspolitik der Vereinigten Staaten dargelegt.
Die Rede Weinbergers hat folgenden Wortlaut:
Ich fühle mich zutiefst durch die Einladung geehrt, vor einer so hervorragenden Gruppe führender Persönlichkeiten aus Regierung, Wirtschaft und aus
dem akademischen Leben der Bundesrepublik Deutschland zu sprechen. So viele
von Ihnen verdienten eine besondere Erwähnung, da3 ich meine ganze Redezeit
auf ihre Begrüßung verwenden könnte. Das werde ich nicht tun, aber nehmen Sie
bitte zur Kenntnis, wie sehr ich Ihr Interesse schätze, gemeinsam die Fragen
anzugehen, vor denen wir im Atlantischen Bündnis stehen.
Ich möchte heute über ein Thema sprechen, das für jeden Mann, jede Frau
und jedes Kind heute wie für alle künftigen Generationen von größter Bedeutung ist, nämlich über die Drohung eines Atomkrieges. Seit fast 40 Jahren

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�40 Jahren leben wir in einer Welt mit Kernwaffen und haben versucht, einen
Weg zur Verhütung eines Atomkrieges zu finden.

Und es ist uns gelungen.

Aber heute stehen wir vor Entscheidungen neuer Art über Kernwaffen, und
wieder fragen wir uns, wie wir auch weiterhin einen Atomkrieg verhüten können.
Es ist wichtig, daß wir uns diese Fragen stellen, denn die Entscheidungen, die
wir treffen werden, dürften aller Wahrscheinlichkeit nach den Kurs der Geschichte der Menschheit bestimmen.

Es ist auch wichtig, daß wir - als Einzel-

personen, als Nationen und als Bündnis - die verschiedenen Lösungen, die für
diese Fragen angeboten werden, sorgfältig prüfen, denn wir können es uns nicht
leisten, Fehler zu machen.

Wenn es um die Verhütung eines Atomkrieges geht,

können wir uns keinen Fehlerspielraum leisten.
Wir haben in letzter Zeit genug Bilder vom Krieg gesehen und viele von
uns haben zu ihren Lebzeiten viel zu viel vom Krieg selbst erlebt.

Ich

möchte daher lieber die Vision vom Frieden aufzeigen, auch wenn ich sie in
einer unbestreitbar turbulenten Welt zu einem höchst gefährlichen Zeitpunkt
unserer Geschichte anbiete.
Im ersten Teil von Homers Ilias trifft Hektor sein Weib Andromache mit
ihrem Kind Astyanax auf den Mauern Trojas.

Erschreckt durch die Rüstung

und den Helm seines Vaters beginnt der kleine Sohn zu weinen.

Hektor nimmt

seinen Helm ab und die Eltern lachen, als der Sohn seinen Vater erkennt;
dann hebt Hektor Astyanax hoch, hält ihn über seinen Kopf und die Familie erlebt einen Augenblick gemeinsamen Friedens.
Das ist ein Bild vom Leben, wie wir es uns wünschen - nicht das schreckliche Gemetzel, das sich auf den Ebenen vor Troja abspielte, ja nicht einmal
den glorreichen Ruhm jener Helden, die die J ü a s preist. Der Kontrast, den
uns Homer mit diesen Szenen von Krieg und Frieden zeigen will, ist so lebendig wie die Wahl, die jede Generation treffen mußte.
Wir haben

j

�wir haben uns für den Frieden entschieden - nicht, weil wir Amerikaner
oder Deutsche sind.

Wir wollen Frieden, weil wir Bürger demokratischer Län-

der und zivilisierte Völker sind.
Gewalt anwenden.

Wir werden niemals die ersten sein, die

Wir lehnen den Krieg als bewußtes Instrument der Außenpoli-

tik ab, weil wir ihn moralisch ablehnen.

Der Krieg hindert den

Menschen

daran, sein Leben in der Weise zu führen, wie unsere demokratischen Regierungen es zu schützen und zu fördern berufen sind.

Als zivilisierte Menschen

lehnen wir den Krieg ab, weil er Soldaten und Zivilisten in gleicher Weise
tötet und verstümmelt und das Leben selbst zerstört.
Die Politik der amerikanischen Regierung und die Politik des NATO-Bündnisses besteht darin, vor Kriegen jeder Art, aber vor allem vor einem Atomkrieg abzuschrecken.

Präsident Reagan hat es in einer Rundfunkansprache an

das amerikanische Volk so ausgedrückt:

"Jene, die Amerika im Atomzeitalter

regieren, und wir, die wir es heute regieren, mußten und müssen erkennen,
daß ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf."
Es ist jetzt unsere Pflicht, unser Äußerstes zu tun, um einen solchen Krieg
zu verhüten.

Und Präsident Reagan hat bei mehreren Gelegenheiten betont:

Niemand spürt mehr als er die Notwendigkeit des Friedens.
Aber Frieden ist ein Ziel.

Frieden ist das, auf was wir am Ende unserer

Reise hoffen; er beschreibt weder die Schritte, die wir tun müssen, noch die
Wege, denen wir folgen sollten, um jenes Ziel zu erreichen.
Präsident Reagan, seine Administration und die Vereinigten Staaten von
Amerika sind unwiderruflich verpflichtet, gleichzeitig zwei Wege zum Frieden
zu verfolgen - Abschreckung und Rüstungsverringerung, denn das sind die beiden
einzigen Wege, die es gibt.
Seit das Zeitalter der Kernwaffen angebrochen ist, haben die Vereinigten Staaten und unsere NATO-Verbündeten danach gestrebt, den Krieg zu verhüten, indem wir davor abschreckten, daß er jemals beginne. Wir besitzen
Kernwaffen, um vor einem Krieg abzuschrecken - sei er konventionell oder
nuklear -, der gegen uns oder unsere Verbündeten geführt werden sollte. Aber

�sollte.

Aber um erfolgreich vor einem Krieg abzuschrecken, müssen wir die

Fähigkeit besitzen, gegen jeden potentiellen Aggressor zurückzuschlagen, und
diese Fähigkeit muß erkennbar sein.
ist ganz einfach:

Der Gedanke, auf dem Abschreckung beruht,

Es geht darum, die Kosten des Anzetteins eines Atomkrieges

für einen Aggressor zu hoch anzusetzen, als daß sie durch einen möglichen Vorteil, den er zu erreichen hoffen könnte, gerechtfertigt würden.

Wenn die

sowjetische Führung im voraus weiß, daß ein Angriff auf die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten eine rasche nukleare Vergeltung bringen könnte,
dann wird sie erst gar nicht angreifen.

Sie würde davor abgeschreckt, jemals

einen Atomkrieg zu beginnen.
An unserer Politik der Abschreckung ist nichts Neues.

Sie wird durch

die politischen Prozesse der demokratischen Staaten, die sie schützt, seit
mindestens 1950 gebilligt.

Und - was am bedeutsamsten ist - sie funktioniert.

Sie funktionierte angesichts großer internationaler Spannungen, in die die
Großmächte verwickelt waren und sie hat angesichts des Krieges selbst funktioniert.
Zwar hat die Politik der Abschreckung ihre zeitliche Bewährungsprobe
und die Bewährungsprobe ihrer Nützlichkeit bestanden. Aber in dem Maße, in
dem sich das Streben der Sowjets nach nuklearer Überlegenheit zu realisieren
begann, haben sich die Dinge geändert, die wir tun müssen, um die Abschreckung
aufrechtzuerhalten. Die militärische Fähigkeit, die wir brauchten, um vor
dem Krieg unter ganz bestimmten Bedingungen abzuschrecken, ist nicht die
gleiche, die wir benötigen, um unter einer veränderten Bedingungslage vor
einem Krieg abzuschrecken. Abschreckung ist ein dynamischer, kein statischer
Zustand.
Wenn die Abschreckung auch in Zukunft erfolgreich sein soll, dann müssen
wir Schritte ergreifen, um die sowjetische Aufrüstung auszugleichen und das
nukleare Gleichgewicht wiederherzustellen, das nach unserer Überzeugung den
Frieden erhalten hat.

Wenn wir jetzt nicht unser Arsenal modernisieren, wie

die Sowjets das seit über 20 Jahren getan haben, dann hätten wir in wenigen
Jahren nicht mehr die Fähigkeit zur Vergeltung.
- 4 -

Und ohne diese Fähigkeit

�diese Fähigkeit hätten wir nicht länger die Gewähr, daß wir vor einem Krieg
abschrecken könnten.
Dann wäre die Sowjetunion in einer Position, uns zu bedrohen oder tatsächlich anzugreifen - in der Gewißheit, daß wir zu einer Antwort nicht mehr
in der Lage wären.

Wir haben in Polen, in Afghanistan, in Osteuropa und an-

derswo erlebt, daß die Führung der Sowjetunion nicht zögert, Schwäche auszunützen.

Wir dürfen nicht zulassen, daß die sowjetischen Führer denken, sie

könnten einen Atomkrieg mit uns anfangen und ihn gewinnen oder uns mit der
Androhung eines Atomkrieges erpressen - im Wissen, wir wären gezwungen, uns
ihren Forderungen zu beugen.
Das bringt mich auf den gleichermaßen wichtigen Weg zum Frieden - ausgehandelte Rüstungsverringerungen. Wir sind uns im klaren, daß es nicht
leicht sein wird, mit der Sowjetunion echte und bedeutsame Rüstungsverringerungen zu erreichen, damit wir beide weitaus niedrigere Bestände besäßen
und miteinander pari stünden. Wir sind während der letzten 15 Jahre alle
Zeuge der Schwierigkeiten gewesen, Rüstungskontroi labkommen zu erreichen.
Es gibt zwei Schritte, um echte Rüstungsverringerungen zu erreichen:
Erstens, beide Seiten müssen bereit sein, zu verhandeln, und zweitens, beide
Seiten müssen überzeugt sein, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, in
Verhandlungen einzutreten.

Das ist keine einfache Sache. Wir haben das zu

Anfang der Carter-Administration erlebt, als Außenminister Vance mit einem
Vorschlag für eine Verringerung der Kernwaffen nach Moskau reiste.

Die

Sowjets haben sich geweigert, überhaupt darüber zu sprechen und wir haben
diese Weigerung akzeptiert. Aber im vorigen Jahr, als Präsident Reagan
trotz der Proteste einiger Leute, die ihn an die Carter-Vorschläge erinnerten und warnten, die Sowjets würden nicht einmal an den Verhandlungstisch
kommen, sehr viel weitreichendere Rüstungsverringerungsvorschläge anbot,
willigten die Sowjets ein, zu verhandeln.
Heute sitzen die Sowjets mit uns in Genf am Verhandlungstisch und sprechen
über die Verringerung und schließliche Beseitigung der bedrohlichsten und de-

�bedrohlichsten und destabilisierendsten nuklearen Mittelstreckensysteme in
Europa - der landgestützten Raketen, vor allem der mobilen sowjetischen
SS-20-Rakete.

Und sie kommen auch in Genf mit uns zusammen, um über wesent-

liche Verringerungen unserer strategischen Nuklearstreitkräfte zu sprechen.
Dieser Wandel in der Haltung der Sowjets ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß sie jetzt Anreize für Verhandlungen haben.

Die von der NATO ge-

plante Dislozierung von PERSHING II-Raketen und Marschflugkörpern in Europa
hat der Sowjetunion eindeutig einen Anreiz geboten, über Verringerungen der
nuklearen Mittel Streckensysteme zu verhandeln.

Und die Pläne der Vereinigten

Staaten für die Modernisierung unserer strategischen Nuklearstreitkräfte haben
der Sowjetunion einen Anreiz geboten, über Verringerungen unserer strategischen
Nuklearstreitkräfte zu verhandeln.
Aber sich zu Verhandlungen zusammenzusetzen, ist nur der erste Schritt.
Der zweite besteht darin, die Verhandlungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt
mit Abkommen abzuschließen, die die Zahl der Kernwaffen auf beiden Seiten
wesentlich verringern und die ausreichende Mittel der Verifikation enthalten
- die Gewähr, daß beide Seiten sich an die Bestimmungen der Abkommen halten.
Die gegenwärtig geführten Verhandlungen werden nicht die von uns gewünschten
Ergebnisse bringen, wenn die Sowjets keinen Anreiz haben, zu Abkommen zu gelangen. Darum müssen wir unser Programm zur Wiederherstellung unserer Verteidigung, nicht der Überlegenheit, fortsetzen. Wenn wir jetzt, noch vor
der, von der NATO geplanten Dislozierung von Mittelstreckenraketen oder vor
der Modernisierung der strategischen Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten Halt machen würden, dann würden wir damit den Sowjets ein deutliches Signal geben. Wir würden ihnen damit sagen, daß sie keinen Grund hätten, mit
uns zu einer Übereinkunft zu gelangen, ihre Waffen zu verringern, weil wir
einseitig auf die Waffen verzichtet hätten, die sie am meisten fürchten.
Warum sollten sie dann gleichzeitig mit uns ihre Streitkräfte ändern,
d.h. verringern wollen?

Wenn wir zuließen, daß das gegenwärtige Ungleichge-

wicht zu ihren Gunsten fortbesteht, dann hätten die Sowjets nicht den geringsten Anreiz, die großen und bilateralen Verringerungen vorzunehmen, die

�vorzunehmen, die wir haben müssen, v/enn wir die heute bestehende Gefahr
verringern wollen.
Aus diesen Gründen haben wir in der NATO beschlossen, unsere Nuklearstreitkräfte zu modernisieren und das nukleare Gleichgewicht wieder herzustellen - nicht, weil wir eine Aufrüstung um der Aufrüstung
willen wollen oder weil wir glauben, ein Atomkrieg könne gewonnen werden. Wir unternehmen diese Schritte, weil wir der Überzeugung sind,
daß sie, indem sie diese schrecklichen Gleichungen ausgeglichen halten,
unsere Fähigkeit stärken werden, vor dem Krieg abzuschrecken. Ich gebe
zu, daß die Abschreckung ein Weg ist, der schwer zu gehen ist - es ist
ein unbequemer Weg zur Erhaltung des Friedens. Aber die Abschreckung
hat während der letzten 38 Jahre funktioniert und sie funktioniert
auch heute. Damit ist die Aufrechterhaltung der Abschreckung - so schwierig das auch sein mag - nicht nur ein politisches Gebot, sie ist auch
ein moralisches Gebot.
Aber gleichzeitig werden die Vereinigten Staaten und die NATO einen
zweiten Weg zum Frieden verfolgen und im gesamten Waffenbereich auf
echte, bedeutsame und verifizierbare Rüstungsverringerungsabkommen mit
der Sowjetunion drängen.
Ich bringe Ihnen heute eine Botschaft von Präsident Reagan - eine
feierliche Verpflichtung, der wir uns alle anschließen: ich selbst,
wie auch Außenminister Shultz und die ganze amerikanische Regierung.
Sie lautet, daß Präsident Reagan persönlich und zutiefst der Verringerung der Kernwaffen verpflichtet ist. Rü'stungsverminderung und Aufrechterhai tung der Abschreckung wiegen in seinem Denken gleich schwer.
Und er wird alles in seiner Macht Stehende tun, um eine beiderseitige
Verringerung der nuklearen Rüstungen zu erreichen. Ich habe mit einem
Bild aus der Ilias angefangen. Es gibt, wie ich meine, eine weitere Metapher in der Reaktion von Astyanax auf seinen behelmten Vater. Und

- 7 -

�Vater. Und zwar die, daß die jungen und vielleicht sogar die nicht mehr
ganz so jungen gelegentlich nicht erkennen können, was sie eigentlich
schützt. Wir sind zu alt und wie ich hoffe, zu weise, als daß wir beim
Anblick unserer Beschützer zu weinen anfangen. Und wir sind zu jung,
um unsere Hoffnungen der Verzweiflung oder unsere Grundsätze der Angst
zu unterwerfen.

j

Die Ilias ist das erste große literarische Werk in einer langen
, Tradition, die über die Zeiten hinweg bis zu uns reicht. Sie ist ein
Buch vom Krieg, aber sie stellt den Krieg in Frage, sie stellt die Politik in Frage und sie stellt das Leben in Frage. Dieses Infrcgestellen ist
eines der nobelsten Merkmale unserer Zivilisation und ist an meiner Alma
mater, Harvard, unter der Rubrik "gesunde Skepsis" niedergelegt. Andere
nennen es Freiheit. Wir sind es unseren Vorvätern und dem vor uns liegenden Zeitalter schuldig, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, daß diese Zivilisation erhalten bleibt - und erhalten bleibt in
Frieden und Freiheit.
Ich danke Ihnen.
+ + + + +

- 8 -

i

�23

1. Juni 1983

KERNWAFFEN: DER TREND ZEIGT ABWÄRTS
- von Gregory S. Jones -

Der Autor, der sich bei dem kalifornischen Forschungsunternehmen Pan
Hen&gt;-ir+TCS m-jt d e r Analyse langfristiger politischer Entwicklungen beschäftigt, verweist darauf, daß die
Vereinigten Staaten seit 1967 für jede neue Kernwaffe zwei alte außer
Dienst gestellt haben. Dieser Abwärtstrend, so der Autor, verringert di'
Möglichkeit einer nuklearen Auseinandersetzung.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Los Angeles Times. (C)
Gregory S. Jones.

"Dieser Wahnsinn muß aufhören!" - das ist die Überzeugung, die im
Mittelpunkt der gegenwärtigen Antiatombewegung steht und Ergebnis der
weitverbreiteten Ansicht ist, daß wir uns immer mehr auf die nukleare
Vernichtung zubewegen. Ein Großteil der Motivation der Bewegung für
ein Einfrieren der Kernwaffen entstammt dem Versuch, diesen Trend auf-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Trend aufzuhalten und dafür zu sorgen, daß alles nicht noch schlimmer
wird. Aber es sind eben doch keine Verrückten, die die Verantwortung
für unsere Nuklearprogramme tragen. Veränderungen bei unseren Nuklearsystemen seit Mitte der fünfziger Jahre haben vielmehr die Möglichkeit
einer Atomkatastrophe vermindert. Ein Einfrieren der Kernwaffen wäre
unsinnig, denn es w;jrde uns daran hindern, uns eben jene Optionen offenzuhalten, die die Möglichkeit eines Krieges noch weiter verringern
sollen.
Die Meinung, daß die nukleare Vernichtung immer wahrscheinlicher
werde, gründet sich zum Teil auf die Vorstellung, daß wir uns in einem
atomaren Wettrüsten befanden, dessen Ergebnis eine ständige Zunahme
der Anzahl und der Zerstörungskraft (der Megatonnen) der amerikanischen
Kernwaffen sei. Das ist von der Wahrheit weit entfernt. Im Jahr 1980
verfügten die Vereinigten Staaten über annähernd 25 Prozent weniger
Kernwaffen, als sie auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung im Jahr 1967
hatten. Das Megatonnengewicht der amerikanischen Kernwaffen betrug im
Jahr 1980 etwa ein Viertel dessen des Jahres 1960. Das ist eine bedeutsame Tatsache, da das Megatonnengewicht von Kernwaffen in unmittelbarer
Beziehung zu den apokalyptischen Auswirkungen eines Atomkrieges steht.
Dieser Trend ist weithin unbemerkt geblieben, zum Teil wohl wegen
der Tendenz, sich auf die Nuklearsysteme zu konzentrieren, die aufgestellt werden, und dabei jene zu ignorieren, uie abgebaut wurden. So
sind die Vereinigten Staaten derzeit dabei, 54 alte und störanfällige
TITAN II-Raketen außer Dienst zu stellen, wobei diese Tatsache bei weitem
nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat wie der Plan 100 MXRaketen zu bauen. So überraschend es auch klingen mag: Seit 1967 haben
die Vereinigten Staaten in etwa für jede Kernwaffe, die sie ihrer Streitmacht hinzufügten, zwei Kernwaffen außer Dienst gestellt. Diese neuen
Waffen sind im Durchschnitt von geringerer Reichweite, weitaus gesicherter gegenüber einer ungewollten Zündung und gegenüber mißbräuchlichem Einsatz und wurden auf viel über!ebensfähigeren Nuklearsystemen

- 2 -

�überlebensfähigeren Nuklearsystemen disloziert als die Waffen, deren
Ersatz sie sind.
Ein weiterer Grund dafür, daß der Abwärtstrend bei unseren Nuklearstreitkräften unbeachtet beblieben ist

liegt darin, daß man dazu neigt,

die Aufmerksamkeit auf den Zugang zu konzentrieren, während gleichzeitig
die Tatsache außer acht gelassen wird, daß die Anzahl der Waffen bei allen Kategorien der taktischen wie der strategisch-defensiven Kernwaffen
zurückging. Dies hat unter dem Strich zu einer Verringerung bei der Gesamtzahl aller Waffen geführt. Da zu diesen abnehmenden Kernwaffenkategorien auch jene gehören, die bei einem Atomkrieg am ehesten zum Einsatz
gelangen würden, wird deutlich, daß das Militär sich in immer geringerem
Maße auf Kernwaffen stützt.
Die Ursachen dafür, daß man sich in immer geringerem Umfang auf
Kernwaffen stützt, sind komplex und vielgestaltig. So machten es die
technischen Verbesserungen möglich, daß die Wirksamkeit konventioneller Waffen erhöht wurde und diese nunmehr eine Reihe von Aufgaben erfüllen könnten, bei denen es bislang der Kernwaffen bedurft hätte. Viele Tausende von Kernwaffen bei der Luftabwehr und für den Flotteneinsatz wurden auf diese Weise ersetzt.
Ein Einfrieren der Kernwaffen würde daher die Möglichkeit eines
Atomkrieges sogar erhöhen, da dadurch die Tendenz zum Stillstand käme,
sich in immer geringerem Maße auf Kernwaffen zu stützen. Ein Einfrieren würde auch viele konventionelle Waffensysteme behindern, da sie ja
für den Einsatz von Kernwaffen verwendet werden könnten. So würde ein
Einfrieren zum Beispiel die Entwicklung der Marschflugkörper verhindern, wobei doch gerade die sehr ziel genauen Marschflugkörper uns die
Möglichkeit geben könnten, viele unserer weitreichenden Kernwaffen
durch konventionelle Waffen zu ersetzen. Außerdem würde ein Einfrieren uns davon abhalten, die Sicherheit und die Überlebensfähigkeit
unserer Kernwaffen zu erhöhen. Diejenigen, die der Meinung sind, daß
- 3 -

�sind, daß wir uns in einem immer hektischeren Atomwaffen-Wettlauf befinden, werden wahrscheinlich behaupten, daß die Sowjetunion früher oder
später die gleichen Verbesserungen durchführen wird. Aber wenn die
Sowjets viele ihrer Kernwaffen durch konventionelle ersetzen und ihre
Atomwaffen sicherer und überlebensfähiger machen, so ist dies alles
nur gut.
Dieses Argument ist der Reagan-Administration ebensowenig vertraut
wie ihren Anfiatomkritikern. Die Administration argumentiert, wir müßten unsere Streitkräfte modernisieren, bevor es ein Einfrieren geben
kann. Aber genauso, wie der technologische Wandel es in der Vergangenheit möglich machte, unsere Nuklearsysteme zu verbessern, so wird künftiger technologischer Wandel Möglichkeiten bieten, sie noch weiter zu
verbessern. Es ist klar, daß ein Einfrieren der Kernwarfen zu keinem
Zeitpunkt sinnvoll ist.
Das bedeutet nicht, daß alles, w=s in der Vergangenheit getan wurde, und alles, was für die Zukunft vorgeschlagen is + . auch notwendigerweise stets von Nutzen ist. So ist es zum Beispiel in einer Zeit, in
der die Verwundbarkeit von landgestützten Raketen es für besonders angeraten erscheinen läßt, sie mobil zu machen, schwer, den Bau einer so
unbeholfenen Rakete wie der MX zu rechtfertigen. Eine viel kleinere Rakete mit einem einzigen Gefechtskopf dürfte wahrscheinlich eine bessere
Alternative sein.
Wichtigster Punkt ist jedoch, daß keine Verrückten für die Entscheidungen über unsere Kernwaffen zuständig sind. Diese Entscheidungen werden von Männern und Frauen getroffen, die versuchen, die uns zur Verfügung stehenden Optionen so zu nützen, daß wir uns immer weniger auf
Kernwaffen zu stützen brauchen und dafür über sicherere, ü^erlebensfähigere und weniger zerstörerische Systeme verfügen. Es liegt jetzt an
jenen, die sich für ein Einfrieren der Kernwaffen stark machen, sich
diesem Prozeß anzuschließen
+ + + + +

- 4-

�»

Wi//en/chcift
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23

1. Juni 1983

BIOELEKTRISCHES FELD LEITET DEN HAI ZUR BEUTE

- (AD) - Die Ergebnisse neuer Verhaltensstudien an Haien und anderen
Knorpelfischen, zu denen z.B. auch Rochen und Stechrochen gehören, zeigen,
daß im Nahbereich das von der Beute erzeugte bioelektrische Feld deren
genaue Lokalisierung ermöglicht. Wie Adrianus J Kalmijn vom ScrippsInstitut der Universität Kalifornien in San Diego bei Untersuchungen im
Labor und auf See nachweisen konnte, haben diese Meerestiere einen ganz
besondere: "Spürsinn" für noch so schwache elektrische Felder. Er hilft
ihnen nicht nur, die Beute exakt aufzuspüren, sondern auch, sich im Meer
zu orientieren.
Bei Experimenten im Meer mit Klein- und Blauhaien wurden zum Anlocken
der Tiere und Auslösen von Attacken Spannungsfelder künstlich erzeugt.
Die Haie reagierten bereits dann überaus empfindlich, wenn der Spannungsunterschied im Feld nur ein Fünftausendstel Mikrovolt pro Zentimeter betrug. Alle im Wasser lebenden Tiere haben ein bioelektrisches Feld. Die
besondere Empfindlichkeit der Knorpelfische dafür befähigt sie selbst
dann zum Aufspüren der Beute, wenn sie sich im Sand vergraben hat. Auch
habe es den Anschein, so Kalmijn, daß das "elektrische Organ" diesen Tieren Informationen über die Driftströmung im Meer vermittelt. Bei Labor-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
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Telex: 8-85432

�Bei Laborversuchen fanden z.B. Stechrochen exakt zu bestimmten Nahrungsquellen, wenn sie durch elektrische und magnetische Felder "geleitet"
wurden, die den natürlichen Feldern im Meer ähnlich waren. Weitere Experimente auf See sollen nun helfen, das Ausmaß zu ermitteln, in dem Knorpelfische diese Fähigkeiten zur Orientierung in Bezug auf Meeresströmungen
und als "Navigationshilfe" benutzen.
Die Tiere erfassen die schwachen, niederfrequenten elektrischen Felder
mit Hilfe der hochempfindlichen Sensororgane in der weit vorgezogenen Kegelschnauze, die über ein Netzwerk von Hautporen direkten Kontakt nach
außen haben. Während zahlreicher Experimente steuerten Haie direkt auf die
EVktroden zu, mit denen das bioelektrische Feld von Beutetieren simuliert
wurde. "Damit konnten wir gut demonstrieren", berichtete Kalmijn, "daß
durch den Geruch angelockte Haie ihre Beute mit Hilfe ihres "elektrischen
Spürsinns" endgültig lokalisieren und dann angreifen. Das ist nicht nur
unter besonders günstigen Laborbedingungen der Fall, sondern gilt auch für
die sehr viel komplizierteren Umweltbedingungen im Meer. Auf größere Entfernung wurden die Tiere vom Geruch geleitet. In geringem Abstand jedoch
erwiesen sich bioelektrische Felder als sehr viel stärkerer Reiz. Haie
scheinen nach Aufnahme einer Geruchsspur sich über das elektrische Sensororgan genauere "Informationen" zu verschaffen, um ihre Beute exakt auszumachen und sich ihrer dann mit einer schnellen Bewegung zu bemächtigen."
Die Forschungsergebnisse von Kalmijn, über die die Universität Kalifornien in einer Pressemitteilung berichtete, deuten auch darauf hin, daß
Angriffe von Haien auf Menschen und Unterwasserausrüstungen ebenfalls
durch elektrische Felder, die den bioelektrischen Feldern üblicher Beutetiere ähnlich sind, insbesondere nach einer Verletzung der Haut, im Wasser
bioelektrische Felder, die Haie spätestens in 90 bis 100 cm Abstand erfassen. Die galvanischen Felder metallischer Objekte im Meerwasser sind
gewöhnlich noch stärker. Die Tiere werden durch sie entweder angezogen,
oder sie verlieren die Orientierung.
+ + + + +

- 2 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Sowjets sollen Rüstungsverminderungen zustimmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des US-Präsidenten zur Bewilligung von MX-Geldern -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weinberger gibt Überblick über die amerikanische Verteidigungspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kernwaffen: Der Trend zeigt abwärts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Gregory S. Jones -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bioelektrisches Feld leitet den Hai zur Beute</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
\ o N

V

4

21

1 . Juni

1988

I N H A L T

HINTERGRUNDMATERIAL
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
- Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge
Der Krieg zwischen Iran und Irak
- Ein Überblick Der Nahost-Friedensprozess
- Ein Überblick Der KSZE-Prozess
- Eine Ü b e r s i c h t Die B e r l i n I n i t i a t i v e
- Eine Ü b e r s i c h t -

\

Regionaler Dialog
- Eine Ü b e r s i c h t -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

VON

1. Juni 1988

21

VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
- Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge -

Der folgende Abriß amerikanischer und sowjetischer Vorschläge bei den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen gibt den Stand vom 6. Mai 1988 wieder.
Verhandlungen über die Verringerung
strategischer Rüstungen - START
Vereinigte Staaten
Allgemeine Haltung
50prozentige stufenweise Reduzierung strategischer Offensivwaffen bis
auf einen Gleichstand im Zeitraum von
sieben Jahren nach Inkrafttreten des
Vertrages.
Das Abkommen ist nicht abhängig
von der Lösung anderer Probleme ausserhalb der START-Verhandlungen.

50prozentiger Abbau strategischer
Offensivwaffen bis auf einen Gleichstand in zwei Phasen über einen Zeitraum von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrages, mit nachfolgenden Verhandlungen über zusätzliche
Reduzierungen.
Die Durchführung der 50prozentigen Reduzierung ist abhängig von der
Lösung des Problems der Verteidigung
im Weltraum (DDS).

Vereinigte Staaten
Trägersysteme

Sowjetunion
Allgemeine Haltung

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Eine Obergrenze von 1 600 stationierten offensiven strategischen Trägersystemen in Form von stationierten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Interkontinentalraketen (ICBMS), stationierten U-Boot-gestützten ballistischen Raketen (SLBMs) und schweren
Bombern.

Untergrenze von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen,
gleiche Gefechtskopfuntergrenzen für
ICBMs und SLBMs sowie eine Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf Bombern.

Sowjetunion
Trägersysteme

Vereinigte Staaten

Eine Obergrenze von 1 600 stationierten offensiven strategischen Trägersystemen in Form von stationierten
Abschußvorrichtungen für ICBMs und
SLBMs und stationierten schweren Bombern.

Schwere ICBMs
Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren
ballistischen Raketen.
Verbot von
Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder existierender
Typen schwerer ICBMs.

Vereinigte Staaten
Gefechtsköpfe

Sowjetunion

Eine Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs
und SLBMs und atomar bewaffneten
ALCMs (luftgestützten Marschflugkörpern) großer Reichweite; jeder nur
mit Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite (SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt als ein
Gefechtskopf.

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren
ICBMs.
Produktion,
Flugerprobung
oder Modernisierung existierender Typen schwerer ICBMs ist erlaubt. Entwicklung, Erprobung und Stationierung
neuer Typen schwerer ICBMs ist verboten.

Sowjetunion

Vereinigte Staaten

Gefechtsköpfe
Identisch mit der
Vereinigten Staaten.

Schwere ICBMs

Wurfgewichte
Position der

Vereinigte Staaten
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen
Untergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen und
3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf
ICBMs.
Sowjetunion
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen

Die Wurfgewichte der sowjetischen
ICBMs und SLBMs zusammengenommen werden um 50 Prozent unter das gegenwärtig
bestehende
Niveau
reduziert.
Während der Geltungsdauer des Vertrages wird keine Seite dieses Niveau
überschreiten.

Sowjetunion
Wurfgewichte
Im Prinzip identisch mit der Position der Vereinigten Staaten, aber
beide Seiten müssen sich darauf verständigen, wie diese Verpflichtung
schriftlich niedergelegt werden soll.

�Vereinigte Staaten
Gefechtsköpfe
Raketen

auf

ballistischen

Für die bestehenden Typen wird
eine Quote von Inspektionen vor Ort
festgesetzt, um zu verifizieren, daß
die beim Washingtoner Gipfel deklarierte und vereinbarte Zahl von Gefechtsköpfen
nicht
überschritten
wird.
Für zukünftige Typen sowie
Veränderungen bei der Zahl der Gefechtsköpfe auf bestehenden Typen
müssen
die
Verfahrensweisen
noch
festgelegt werden.

Sowjetunion
Gefechtsköpfe
Raketen

auf

ballistischen

Inspektionen vor Ort sind nur
dann erlaubt, wenn eine Seite eine
Zahl von Gefechtsköpfen angibt, die
das Maximum der erprobten Gefechtsköpfe unterschreitet.

klearwaffen (SNDV).
Jeder nur für
Freifallbomben
und
Angriffsraketen
kurzer Reichweite ausgerüstete schwere Bomber würde im Rahmen der Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen als
ein Gefechtskopf zählen.
Sowjetunion
Schwere Bomber
Die sowjetische deckt sich
der amerikanischen Position.

mit

Vereinigte Staaten
ALCMs
Luftgestützte
Marschflugkörper
(ALCMs) werden als luftgestützte, nuklearbestückte riarschflugkörper mit
einer Reichweite von 1 500 Kilometern
definiert. Jedem für ALCMs ausgerüsteten schweren Bomber wird eine vereinbarte Anzahl von ALCMs zugeschrieben, damit gegen die Obergrenze von
6 000
Gefechtsköpfen
aufgerechnet
werden kann.
Sowjetunion
ALCMs

Vereinigte Staaten
Mobile ICBMs
Sind verboten, falls es nicht gelingt, das Problem der Verifizierung
zu lösen.

Sowjetunion

ALCMs werden als luftgestützte
Marschflugkörper mit einer Reichweite
von über 600 Kilometern definiert.
Die Anzahl der einem ALCM- fähigen
schweren Bomber zugerechneten ALCMs
soll maximal so hoch sein wie die
Zahl, für die der jeweilige Typ ausgerüstet ist. Die Anzahl der nuklearbestückten ALCMs soll reduziert
werden.

Mobile ICBMs
Vereinigte Staaten
Sind erlaubt, mit Begrenzung für
Abschußvorrichtungen und Gefechtsköpfe.

Vereinigte Staaten
Schwere Bomber
Jeder schwere Bomber zählt als
ein TrägerSystem für stragegische Nu-

SLCMs
Beide
Vertragsparteien
werden
eine für beide Seiten annehmbare Lösung zur Begrenzung der Stationierung
nuklearbestückter
SLCMs
längerer
Reichweite (seegestützten Marschflugkörpern) erarbeiten. Solche Begrenzungen bedeuten nicht, daß diese
SLCMs im Rahmen der Obergrenzen von

- 3 -

�6 000 Gefechtsköpfen und 1 600 strategischen offensiven TrägerSystemen
gezählt werden.
Beide Seiten verpflichten sich zur Schaffung von
Obergrenzen für diese Raketen und zur
Erarbeitung für beide Seiten annehmbarer und wirksamer Methoden zur Verifizierung
solcher
Begrenzungen.
Dazu zählen Nationale Technische Mittel (NTM), kooperative Maßnahmen und
Vor-Ort-Inspektionen. Bisher konnten
die Vereinigten Staaten keinen wirksamen Ansatz zur Verifizierung der
SLCMs erkennen.

nierung von Systemen vermutet. Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet
werden.
Sowjetunion
Verifizierung der Einhaltung
Im Prinzip ist die sowjetische
Position mit der amerikanischen identisch. Bei den Einzelheiten sind jedoch beträchtliche Abweichungen festzustellen. Die sowjetischen Punkte
sind für eine wirksame Verifizierung
nicht geeignet.

Sowjetunion
SLCMs
Bei den SLCMs werden besondere
Begrenzungen des Streitkräfteniveaus
auf 400 nuklearbestückte und 600 konventionell bestückte SLCMs vorgenommen. Die Sowjets haben bisher jedoch
keine wirksamen Verifizierungsmaßnahmen ausgemacht. Der sowjetische Ansatz würde ferner die amerikanische
Politik unterminieren, die Präsenz
von Nuklearwaffen an einem bestimmten
Standort weder zu bestätigen noch zu
dementieren.
Dieses Konzept bildet
einen bedeutenden Stützpfeiler der
Abschreckung.
Vereinigte Staaten
Verifizierung der Einhaltung
Die Punkte müssen mindestens folgendes enthalten:
Sowohl vor als
auch nach den Reduzierungen findet
ein Datenaustausch statt sowie Vorort- Inspektionen
zur
Verifizierung
des Datenaustausche und zur Beobachtung der Beseitigung von Waffen ebenso wie von Vor-Ort-Überwachungen des
Zugangs und Geländes der entscheidenden Produktionsstätten. Ferner finden sowohl während als auch nach dem
Reduzierungszeitraum kurzfristig anberaumte Inspektionen von Standorten
statt, an denen sich durch den Vertrag begrenzte Systeme befinden sowie
von Standorten, an denen eine Vertragspartei die geheime Produktion,
Lagerung, Instandsetzung oder Statio-

DDS
Vereinigte Staaten
Allgemeine Haltung
Das Thema der Verteidigung im
Weltraum wird in einem aus der beim
Washingtoner Gipfel abgegebenen Gemeinsamen Erklärung hervorgegangenen
Vertrag behandelt.
Die Vereinigten
Staaten haben am 22. Januar 1988
einen Vertragsentwurf zu DDS unterbreitet.
Sowjetunion
Allgemeine Haltung
Das Thema der Verteidigung im
Weltraum wird in einem neuen und getrennten Abkommen behandelt, das auf
die Gemeinsame Erklärung des Washingtoner Gipfels aufbaut. Die Sowjetunion hat am 22. April 1988 den Entwurf zu einem Abkommen vorgelegt.
Vereinigte Staaten
Verpflichtung
vom ABM-Vertrag

zum

Nichtrücktritt

Das Abkommen würde beide Seiten
zur Einhaltung des ABM-Vertrags in
der 1972 unterzeichneten Fassung verpflichten, während sie die notwendige
und vom ABM-Vertrag genehmigte Forschung, Entwicklung
und Erprobung
durchführen und nicht für einen be-

�stimmten Zeitraum zum Zwecke der Stationierung
strategischer
Verteidigungssysteme oder zum Erwerb strategischer Verteidigungsfähigkeiten vom
ABM-Vertrag zurückzutreten.
Sowjetunion
Verpflichtung
vom ABM-Vertrag

zum

Nichtrücktritt

Das Abkommen würde beide Seiten
zur Einhaltung des ABM-Vertrages in
der 1972 unterzeichneten Fassung verpflichten, während sie die notwendige
und im ABM-Vertrag genehmigte Forschung, Entwicklung
und Erprobung
durchführen und für einen festgelegten Zeitraum (9-10 Jahre) aus keinerlei Gründen vom ABM-Vertrag zurückzutreten.
(Die Sowjets halten sich
weiterhin an eine Auslegung des AMBVertrags, die restriktiver als die im
Jahr 1972 von den Vertragsparteien
vereinbarte Fassung ist).
Vereinigte Staaten
Maßnahmen nach Ablauf der vertraglich festgelegten Geltungsdauer
Intensive
Gespräche
über
das
strategische
Gleichgewicht
sollten
nicht später als drei Jahre vor Ablauf eines bestimmten Zeitraums beginnen.
Falls die Vertragsparteien
nichts anderes vereinbart haben, kann
jede Seite nach Ablauf dieses Zeitraums frei über ihr weiteres Vorgehen
entscheiden.
Jeder
Vertragspartei
steht es frei, die Stationierung von
Verteidigungssystemen gegen strategische Raketen zu wählen, die nicht unter den ABM-Vertrag fallen, nachdem
sie die andere Vertragspartei sechs
Monate vorher schriftlich von dieser
Absicht in Kenntnis gesetzt haben.
(Die Vereinigten
Staaten
streben
einen gemeinsamen Übergang zu eher
auf Verteidigung gestützte strategische Maßnahmen an, für den Fall, daß
wirksame strategische Verteidigungssysteme sich als realisierbar erweisen) .
Sowjetunion

Maßnahmen nach Ablauf der vertraglich festgelegten Coltungsdauer
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität sollen nicht später
als drei Jahre vor Ende des vereinbarten Zeitraums aufgenommen werden.
(Sowjetischen
Vorschlägen
zufolge
soll das Ziel der Gespräche die Erlangung eines Abkommens über die
"weitere Stärkung der strategischen
Stabilität" sein; die Beteiligten
würden die "Probleme der Raketenabwehr unter Berücksichtigung der sich
durch Reduzierungen strategischer Offensivwaffen ergebenden neuen Situation" diskutieren".)
Im Falle, daß
nach Ablauf des Vertrages über Verteidigung im Weltraum im Rahmen dieser Gespräche keine anderslautenden
Vereinbarungen getroffen werden, soll
jede Seite ihre zukünftigen Vorgehensweisen im Hinblick auf den ABMVertrag und den START-Vertrag selbst
bestimmen, vorbehaltlich der Einhaltung entsprechender Bestimmungen dieser Verträge.
Vereinigte Staaten
Inkrafttreten, Dauer, Koppelung
Inkrafttreten abhängig vom Inkrafttreten des START-Vertrages; der
DDS-Vertrag wäre unbegrenzt gültig,
wobei ein "näher zu bezeichnender
Zeitraum" des Nichtrücktritts vom
ABM-Vertrag auszuhandeln wäre, ferner
die Einhaltung des ABM-Vertrages in
diesem Zeitraum. Dies gilt, bis sich
eine Seite zu einer anderen Vorgehensweise entschließt.
Sowjetunion
Inkrafttreten, Dauer, Koppelung
Dieses Abkommen würde gleichzeitig mit dem START-Abkommen in Kraft
treten.
Die Sowjets schlagen vor,
das Abkommen solle am Ende seiner
vertraglich vorgesehenen Geltungsdauer auslaufen. Das START-Abkommen ist
außer Kraft gesetzt, wenn irgendeine
Partei den ABM-Vertrag oder dieses

- 5 -

�Abkommen verletzt.

Verteidigung,
gegenseitige Besuche einschlägiger Forchungseinrichtungen, und
gegenseitige Beobachtung von Erprobungen im Rahmen der strategischen Verteidigung.

Vereinigte Staaten
Rücktr ittsrechte
Die Vereinigten Staaten bestehen
darauf, daß den Beteiligten die aufgrund des Völkerrechts zuerkannten
Rechte
zum
Rücktritt
vorbehalten
bleiben, - etwa solche, die im Fall
der Gefährdung höchster Interessen
einer Seite wahrgenommen werden könnten - sowie das Recht auf Kündigung
und vorläufige Aufhebung, wenn der
Vertrag tatsächlich gebrochen wird.

Sowjetunion
Berechenbarkeit
Die Sowjets gehen über die Gemeinsame Erklärung des Washingtoner
Gipfels hinaus nicht auf Berechenbarkeit ein. Im Rahmen eines am 12.
April 1988 vorgelegten Verifizierungsprotokolls fordern sie jedoch:

Sowjetunion
einen Informationsaustausch zur
Klärung zweifelhafter Situationen,
Datenaustausch im Hinblick auf
bestimmte Vorrichtungen, die im
Weltraum stationiert werden sollen,
Inspektion bestimmter Gelände und
Einrichtungen, die im Hinblick
auf die Einhaltung des ABM-Vertrages Anlaß zur Besorgnis geben,
und
die Lösung von Fragen der Einhaltung im Ständigen Konsultativausschuß .

Rücktr ittsrechte
Die Sowjets schlagen eine "bedingungslose" Verpflichtung
für
den
Nichtrücktritt vor, derzufolge eine
Partei keinerlei Gründe für den Rücktritt vom Vertrag geltend machen kann.
Vereinigte Staaten
Berechenbarkeit
Die Beteiligten werden Möglichkeiten erörtern, um die Berechenbarkeit in der Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen
im
strategischen Bereich unter der Bedingung strategischer Stabilität zur
Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges zu gewährleisten.
Im
Rahmen vertrauensbildender Maßnahmen
und um für die strategischen Verteidigungsprogrammen der jeweils anderen
Seite Berechenbarkeit für alle Beteiligten sicherzustellen, haben die
Vereinigten Staaten am 15. März 1988
ein Protokoll über die Berechenbarkeit vorgelegt, in dem folgende Punkte gefordert werden:
jährlicher Austausch von Datenmaterial über geplante Aktivitäten
im Bereich der strategischen Verteidigung,
gegenseitige
Informationsgespräche über die jeweiligen Bemühungen im Bereich der strategischen

INF
Die Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen sind erfolgreich abgeschlossen worden.
Am 8. Sezember
1987 haben Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow den INF-Vertrag
unterzeichnet.
Der
Vertrag
sieht die Beseitigung aller amerikanischen und sowjetischen Mittelstrekkenraketen der Reichweiten von 500
bis 5 500 Kilometern sowie die Abschaffung oder den Umbau damit in Zusammenhang
stehender
Einrichtungen
innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten vor. Der Vertrag verbietet die gesamte Produktion und Flugerprobung dieser Raketen unmittelbar
nach seinem Inkrafttreten. Nach erfolgter Beseitigung wird der Vertrag
alle Einrichtungen zur Stationierung,
Lagerung, Wartung und Produktion die-

�ser Raketensysteme verbieten.
Der
Vertrag enthält die überzeugendsten
Verifizierungsbestimmungen in der Geschichte der Rüstungskontrolle, einschließlich verschiedener Arten von
kurzfristigen Inspektionen sowie auch
Inspektionen durch am Ort stationierte Teams. Der Vertrag wurde dem Senat mit der Bitte um Zustimmung zur
Ratifizierung am 25. Januar 1988 vorgelegt.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

1. Juni 1988

21

DER KRIEG ZWISCHEN IRAN UND IRAK
- Ein Überblick -

Washington - (AD) - Nachstehend geben wir eine am 23. Mai veröffentlichte
Übersicht aus dem vom Weißen Haus zum Moskauer Gipfel herausgegebenen Pressehandbuch wieder.
Die amerikanische Aktion im Golf vom
18. April
Die amerikanische Aktion gegen
die iranischen Plattformen war
eine angemessene Reaktion auf die
iranische verminung von internationalen Gewässern und den Minenangriff, gegen die "Samuel Roberts", wobei zehn Männer verwundet wurden.
Die nachfolgenden amerikanischen
Aktionen hatten trotz der feindseligen iranischen Aktionen defensiven Charakter. Die Angelegenheit ist damit abgeschlossen,
und die Vereinigten Staaten hoffen auf friedliche und normalere
Beziehungen zum Iran. Wir werden
jedoch
zur
Selbstverteidigung

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auch weiter entschlossen reagieren, wenn wir dazu herausgefordert werden.
Der Kongreß war im voraus von unserer Reaktion unterichtet worden. Wir werden einen engen Kontakt zum Kongreß aufrechterhalten
und begrüßen die deutliche Unterstützung, die wir von beiden Parteien erhalten haben.
Die amerikanische Politik
Existentielle amerikanische Interessen im Golf: sichere Versorgung mit Öl, Unterstützung für
die nicht kriegführenden arabischen GolfStaaten, Verhinderung
der sowjetischen Einflußerweiterung, Unterbindung von iranischen

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�Einschüchterungsversuchen und Hegemoniestreben .
Die Präsenz der amerikanischen
Marine, der Sicherheitsbeistand
und diplomatische Bemühungen sind
Mittel
zur
Erreichung
dieses
Ziels.
Zusätzlich zur Begleitung von
Einsätzen haben wir uns dazu entschlossen, unter bestimmten Voraussetzungen befreundeten, unbeteiligten neutralen und unter Beschuß stehenden Schiffen zu helfen. Wir sind nicht die Polizei
des Golfs und schützen nicht die
Fracht irgendeiner kriegführenden
Partei.
Diese Entscheidung erfordert keine Steigerung unserer
Präsenz im Golf.
Die
amerikanische
Entscheidung
bedeutet, daß unsere Kriegsschiffe nun nach Befehlen im Einsatz
sind, die für die französischen
und britischen Kriegsschiffe im
Golf schon gelten. Dies wird von
vielen Regierungen und amerikanischen Schiffseignern als Beitrag
zur Freiheit der Schiffahrt durch
nicht kriegführende Schiffe begrüßt.
Keine Abkehr von unserer Politik.
Wir streben nicht nach einem Konflikt mit dem Iran. Der zentrale
Grund für die Spannungen ist der
Krieg, und auf ihre Lösung muß
man sich nun konzentrieren. Der
Iran verweigert die Annahme und
Verwirklichung
der
Resolution
598, wie dies vom UN-Sicherheitsrat gefordert wird. Der Irak hat
sie akzeptiert.
Die iranische Beschuldigung, die
Vereinigten Staaten hätten die
Saudis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Iran
bewegt, ist unbegründet; es ist
ebenfalls unwahr, daß die Vereinigten Staaten an irakischen
Militäraktionen beteiligt waren.
Die Vereinigten Staaten widerset-

zen sich energisch der Kriegführung mit chemischen Waffen sowohl
durch den Iran wie auch den Irak
und unterstützten den jüngsten
Bericht des UN-Generalsekretärs,
der eine Beendigung ihrer Anwendung und ein Ende des Krieges
durch die Verwirklichung der Resolution 598 des Sicherheitsrates
forderte.
Die Resolution 598 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
Unser Ziel ist die sofortige auf
dem Verhandlungsweg erzielte Beendigung des Krieges zwischen dem
Iran und dem Irak auf der Basis
der Resolution 598. Wir benötigen eine umfassende Beendigung
des Krieges - auf dem Land, zur
See und in der Luft. Jüngste
Vorkommnisse unterstreichen die
Notwendigkeit dringlicher Maßnahmen des UN-Sicherheitsrates zur
WeiterVerfolgung der Resolution
über ein Waffenembargo gegen den
Iran bei einer Nichteinhaltung
der Resolution 598.
Die Vereinigten Staaten begrüßen
die Annahme der Resolution 598
des Sicherheitsrates durch den
Irak, bedauern aber dessen Zurückweisung des Vorschlags vom
UN-Generalsekretär, daß der Irak
und der Iran die Resolution 598
des Sicherheitsrates akzeptieren
und mit seinem Vertreter nach
Möglichkeiten suchen, wie diese
Resolution im vollen Umfang verwirklicht werden kann.

* * * * *

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^7

Hintergrundmaterial

&lt;X

1. Juni 1988

21

DER NAHOST-FRIEDENSPROZESS
- Ein Überblick -

Der nachfolgende Überblick zum Friedensprozeß im Nahen Osten ist dem am
23. Mai vom Weißen Haus veröffentlichten Pressehandbuch zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen in Moskau entnommen:
Allgemeines
Außenminister Shultz kehrte am
23. April 1988 aus Moskau zurück.
Den Sowjets zufolge sollte eine
internationale Konferenz eine aktive und substantielle Rolle in
den Verhandlungen spielen. Wir
sind uns der Notwendigkeit einer
internationalen Konferenz bewußt,
jedoch sollte diese nicht mit uneingeschränkten Vollmachten ausgestattet sein, weil dadurch bilaterale Verhandlungen die
einzige Art von Verhandlungen,
die zu einer Einigung führen kann
- unmöglich gemacht werden. Die
Konferenz muß ein Mechanismus zur
Erleichterung - nicht zum Ersatz
- solcher Verhandlungen sein.

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Der Außenminister reiste Anfang
April in den Nahen Osten und besuchte bei dieser Gelegenheit Israel, Jordanien, Ägypten, Saudi
Arabien und Syrien. Er bekräftigte unser Engagement für die
Friedensinitiative.
Unser Vorschlag fand nirgendwo Zustimmung,
aber es lehnte ihn auch niemand
rundweg ab. Wir werden allseits
zur Fortführung unserer Bemühungen ermutigt.
Unser Vorschlag stellt den einzigen realistischen und durchführbaren Ansatz dar. Er besteht aus
einem integrierten Paket - kein
Teil kann herausgelöst werden ohne die Ausgewogenheit des gesamten Plans zu zerstören. Präsident Reagan hat dazu erklärt:

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�I

"Die Vereinigten Staaten werden
diese Initiative nicht zerstükkeln, und sie werden sie auch
nicht aufgeben."
Unsere Initiative betont die Verzahnung zwischen Ubergangsregelungen und Verhandlungen über den
Endstatus.
Die
Verhandlungen
müssen
mit
Ubergangsregelungen beginnen, um
zu vermeiden, daß die verschiedenen Parteien zur Einnahme von Extrempositionen getrieben werden.
Sie müssen auf eine schnelle Beendigung der israelischen militärischen Besetzung drängen, den
Palästinensern
das
Recht
auf
Selbstverwaltung
gewähren
und
eine Grundlage für die Gespräche
über
den
endgültigen
Status
schaffen.
Die grundlegenden
Ziele einer
Verhandlungslösung sind weiterhin
die Sicherheit aller Staaten in
der Region, einschließlich Israels, sowie die Verwirklichung
der legitimen Rechte des palästinensischen Volkes. Keines dieser
zentralen Ziele läßt sich langfristig ohne eine Verständigung
erreichen.
Drei Probleme nehmen beim Prozeß
der Herbeiführung von Verhandlungen zwischen Israel und seinen
Nachbarn einen zentralen Stellenwert ein: eine angemessen strukturierte
internationale
Konferenz, die Vertretung der Palästinenser und die Bedeutung der Resolution 242 des UN-Sicherheitsrats.

Verhandlungen innerhalb einer angemessen strukturierten internationalen Konferenz aufnehmen.
Die von uns vorgeschlagene Konferenz würde keine Lösungen aufzwingen oder Vereinbarungen durch
Veto zu Fall bringen. Sie würde
direkte Verhandlungen
in Gang
bringen und von den Verhandlungsparteien in noch zu vereinbarender Weise Berichte erhalten.
Die zu den Verhandlungen eingeladenen Teilnehmer müssen die Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats als Grundlage der
Verhandlungen akzeptieren und auf
Gewalt und Terrorismus verzichten.

Vertretung der Palästinenser
Alle stimmen darin überein, daß
die Palästinenser eine Partei des
arabisch-israelischen
Konflikts
sind, die in jeder Phase des Verhandlungsprozesses vertreten sein
muß.
Alle sind sich ferner einig, daß
eine Regelung die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes
berücksichtigen muß - in der
gleichen Art und Weise, wie die
legitimen Rechte der anderen Verhandlungsparteien zu berücksichtigen sind.
Die palästinensischen Vertreter
werden an den Verhandlungen als
Teil der gemeinsamen jordanischpalästinensischen
Delegation
teilnehmen.

Die von einigen abgelehnte Konferenz ist nicht die Art von Konferenz, wie wir sie vorschlagen.

Diejenigen, die sich an den Verhandlungetisch setzen, müssen guten Willens sein und sich für den
Frieden engagieren.
Es dürfen
keine Personen ausgewählt werden,
die Vertreter anderer Parteien
vertreiben würden.

Den Verfahrensweisen unseres Vorschlages zufolge werden die beteiligten Parteien rasch direkte

Das Beharren auf einer sichtbaren
Teilnahme der Palästinensischen
Befreiungsorganisation (PLO) von

Internationale Konferenz

-S

�gen abhängen.

Beginn an würde bedeuten, daß
keine Konferenz und kein Prozeß
zustandekommt.

Zusammenfassung
Die Bedeutung der Resolution 242 des
UN-Sicherheitsrats
Dies ist die erste substantielle
Frage, mit der sich die Parteien
konfrontiert sehen. Sie ist deshalb so bedeutsam, weil die Parteien die akzeptierte Grundlage
der Verhandlungen verstehen müssen und grundsätzlich eine ähnliche Sichtweise zu den möglichen
Parametern
einer
endgültigen
Übereinkunft teilen.

Der amerikanische Vorschlag ist
ein sorgfältig durchdachter Plan, der
die grundlegende substantielle Frage
anspricht - Land für Frieden - und
der einen Weg bietet, um mit den zwei
wichtigsten Problemen der Verfahrensweise fertigzuwerden - der Konferenz
und der Vertretung der Palästinenser.
Je eher Entscheidungen getroffen werden, desto eher können die beteiligten Parteien am Verhandlungstisch
Platz nehmen.

Ein Bestandteil der Prinzipien
der Resolution 242 sind eindeutig
Verhandlungen über einen Tausch
von Land gegen Frieden. Die amerikanische Haltung: Im Austausch
für Frieden findet die Rückzugsklausel von Resolution 242 Anwendung
auf alle Fronten, einschließlich Westjordanland, Gaza-Streifen und die Golan-Höhen.
Alle Versuche, der Resolution 242
auszuweichen oder sie neu zu interpretieren, sind zum Fehlschlag
verurteilt.
Die Araber können
dem Frieden nicht ausweichen, die
Israelis können den Rückzug nicht
vermeiden.
In unserem Vorschlag wird die Resolution 242 als Grundlage der
Verhandlungen
festgeschrieben,
und alle ihre Bestimmungen und
Prinzipien werden auf sämtliche
zwischen Israel und seinen Nachbarn stattfindenden Verhandlungen
Anwendung finden.
Es bleibt noch viel Spielraum für
die Verhandlungen.
Unserer Ansicht nach wird das Ausmaß, in
dem Israel zur Aufgabe von Territorium aufgefordert werden sollte, zu einem großen Teil von dem
Ausmaß an echtem Frieden und Normalisierung sowie den im Gegenzug
angebotenen Sicherheitsvorkehrun- 3 -

* * * * *

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Hintergrundmaterial

1. Juni 1988

21

DER KSZE-PROZESS
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem vom Weißen Haus zum Moskauer Gipfeltreffen
veröffentlichten Pressehandbuch entnommen:
Im November 1986 wurde in Wien
das dritte Folgetreffen der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) eröffnet. Delegationen
aus den 35 Teilnehmerstaaten - Vertreter aus Ost und West sowie neutraler und blockfreier Staaten - haben
die Verwirklichung der in der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975
verankerten
Verpflichtungen
überprüft. Gegenwärtig fassen sie Vorschläge ins Auge, um eine strengere
Einhaltung dieser Verpflichtungen zu
ermutigen.
Die Bedeutung einer Überprüfung
der
Verwirklichung
der KSZE-Verpflichtungen - und warum eine solche
Überprüfung häufig umstritten ist erklärt sich aus dem Charakter der
Schlußakte selbst und aus dem bishe-

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rigen Verlauf des KSZE-Prozesses.
Die nach jahrelangen Ost-V Jest-Verhandlungen verabschiedete Schlußakte
definiert eine Reihe von Normen und
Zielsetzungen für das Verhalten der
Staaten untereinander und gegenüber
ihren eigenen Bürgern. Außerdem enthält sie ein Programm für praktische
Schritte zur Verwirklichung dieser
Ziele.
Bei der Behandlung menschlicher,
wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer
Angelegenheiten
bekräftigt
die Schlußakte die grundlegenden Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie
andere Prinzipien wie die gleiche
Souveränität der Staaten und das
Recht auf Selbstbestimmung.
Grundsätzliches

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Ziel

des KSZE-

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�Prozesses ist der Abbau künstlicher
Schranken, die Ost und West über das
ganze Spektrum menschlicher Belange
hinweg trennt - darunter die Respektierung der Menschenrechte, freier
Informationsfluß, Zusammenarbeit in
den Bereichen Bildung und Kultur,
wirtschaftliche und wissenschaftliche
Zusammenarbeit und Vereinbarungen im
sicherheitspolitischen Bereich.
In der Schlußakte wird anerkannt,
daß diese Fragen miteinander in Verbindung stehen und daß die Solidität
des KSZE-Prozesses von ausgewogenen
Fortschritten in allen diesen Bereichen abhängt.
Leider wird die Bilanz der Einhaltung von Verpflichtungen aus der
Schlußakte durch das Verhalten der
Sowjetunion und anderer osteuropäischer Staaten getrübt, wie folgende
Beispiele zeigen:
Obwohl sich die Sowjetunion zum
Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan verpflichtet hat, hält sie
das Land weiterhin besetzt; ferner inhaftiert und bestraft sie
ihre Bürger für die Ausübung von
Bürgerrechten, zu deren Schutz
sich die UdSSR in Helsinki verpflichtet hat (z. B. Religionsfreiheit und Freizügigkeit).
Trotz der gelegentlichen Lösung
von Einzelfällen sind zahlreiche
Sowjetbürger weiterhin auf grausame Weise von ihren Familien getrennt, weil ihnen von offizieller Stelle die Ausreisegenehmigung verweigert wird.
Obwohl die Zahl der sowjetischen
Juden, denen die Auswanderung gestattet wird, im vergangenen Jahr
gestiegen ist, bleibt sie doch
unter dem Niveau der Genehmigungen gegen Ende der siebziger Jahre.
Dennoch sind im Laufe der Jahre
einige Fortschritte bei KSZE zu verzeichnen.

Einige
Warschauer-Pakt-Staaten
haben Maßnahmen zur Erfüllung ihrer
Verpflichtungen
getroffen,
und ein paar bemerkenswerte Fälle, bei denen es um Verfechter
der Menschenrechte und getrennte
Familien ging, sind gelöst. In
der sowjetischen Bilanz zur Beachtung der Menschenrechte gab es
positive Entwicklungen, aber insgesamt muß noch viel mehr getan
werden,
einschließlich
solcher
Schritte zur Institutionalisierung jüngster Reformen.
Unter dem Schutz der KSZE haben
menschliche Kontakte zwischen den
Bürgern in Ost und West um ein
Vielfaches zugenommen.
Durch die im September 1986 in
Stockholm beendeten KSZE-Verhandlungen sind der Schlußakte wichtige Bestimmungen zur Vertrauens- und Sicherheitsbildung und
zum Abbau des Risikos eines durch
Fehleinschätzung
hervorgerufenen
Krieges hinzugefügt worden. Die
vereinbarten Maßnahmen umfassen
die Vorhersage, Ankündigung, Beobachtung und Inspektion militärischer Aktivitäten vom Atlantik
bis zum Ural.
Der KSZE-Prozeß hat sich seit
Helsinki durch Folgetreffen in Belgrad (1977-78) und Madrid (1980-83)
weiterentwickelt wie auch durch eine
Reihe von Expertentreffen über spezielle Aspekte der Schlußakte, einschließlich Menschenrechte, menschliche Kontakte, friedliche Beilegung
von Streitigkeiten und kulturelle Beziehungen.
Bei jedem dieser Treffen haben
die Vereinigten Staaten auf einer
aufrichtigen und gründlichen Überprüfung der
Bilanz bestanden.
Die
Schlußakte enthält die politische
Verpflichtung der 35 Teilnehmerstaaten, sich an bestimmte Vorgaben zu
halten; sie ist rechtlich nicht bindend und enthält keinen Mechanismus,
um ihre Verwirklichung zu erzwingen.
Aus diesem Grunde ist es von ent-

�scheidender Bedeutung, Nichteinhaltungen ans Licht der Öffentlichkeit
zu bringen und auf einem besseren
Verhalten zu bestehen.
Unsere
NATO-Partner
verfahren
nach demselben Muster.
Gemeinsam
nutzen wir den KSZE-Prozeß als Mittel, um auf die Sowjets und andere
politischen und moralischen Druck
auszuüben, damit sie die Menschenrechte und Grundfreiheiten respektieren.
Eine bessere Einhaltung bleibt
vordringliches Ziel unserer Delegation beim laufenden Wiener Folgetreffen. Wir streben nach einem ausgewogenen Ergebnis innerhalb und zwischen
den einzelnen KSZE-Bereichen - bei
menschlichen
Kontakten,
Wirtschaft
und Sicherheit.
Entsprechend hat der Westen beachtliche Vorschläge zu allen Bereichen unterbreitet. Im Sicherheitsbereich zum Beispiel wurden vom Westen
zwei getrennte Verhandlungsrunden im
Rahmen des KSZE-Prozesses vorgeschlagen: 1. die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen allen 35 KSZEStaaten, um auf den in Stockholm erarbeiteten Vertrauensund Sicherheitsbildenden Maßnahmen aufzubauen und
diese zu erweitern, und 2. autonome
Verhandlungen zwischen den 23 Mitgliedstaaten der NATO und des Warschauer Pakts, die darauf ausgerichtet sind, ein konventionelles Gleichgewicht in Europa auf einem niedrigeren Streitkräfteniveau zu erzielen.
Im Bereich der Menschenrechte und
menschlichen Kontakte sind wir mit
der Ausarbeitung und Erweiterung der
Verpflichtungen von Helsinki befaßt,
wobei die Betonung auf Taten und
nicht auf Worten liegt. Unter anderem beinhaltet dies verstärktes Engagement für Freizügigkeit im eigenen
Land und das Recht auf Ausreise aus
jedem beliebigen Land; Religionsfreiheit,
insbesondere
Religionsunterricht? Erleichterung von Familienzusammenführungen; Zugang zu Informationen sowie die Freiheit zur Bewahrung

der kulturellen Identität. Der Westen hat ferner einen Vorschlag über
umfassende
Nachfolgeaktivitäten
zu
Menschenrechtsfragen
unterbreitet,
wobei die verbesserte Wahrung der
Menschenrechte einschließlich eines
Instruments zur Erörterung schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen im
Mittelpunkt steht.
Wir sind von der Entschlossenheit
geleitet, daß neue Schritte nach vorn
sich fest auf die entschieden verbesserte Verwirklichung der Menschenrechte und die in der Schlußakte von
Helsinki verankerten Grundfreiheiten
im Ostblock gründen müssen.
Die sechste Runde des Wiener
Treffens begann am 15. April 1988.
Die Delegationen arbeiten anhand von
Kompromißpapieren, die von den Koordinatoren der neutralen und blockfreien Staaten vorgelegt wurden. Zusammen mit den bereits unterbreiteten
Vorschlägen bilden diese Dokumente
eine solide Grundlage für ernsthafte
Verhandlungen
über
den Text des
Schlußdokuments. Aufgrund der Verzögerungstaktik des Ostblocks sind jedoch buchstäblich
keinerlei Fortschritte im Bereich der Menschenrechte gemacht worden, obwohl über einen
Großteil
der
Sprachregelungen
im
Sicherheitbereich vorläufige Einigung
erzielt wurde.
Die Vereinigten Staaten arbeiten
zusammen mit ihren Bündnispartnern
und den Delegationen der neutralen
und blockfreien Staaten an der Gewährleistung nützlicher und beachtlicher Fortschrittte in Wien. Wir haben eindeutig unsere Bereitschaft zum
Ausdruck gebracht, so lange in Wien
zu bleiben, wie es zur Verwirklichung
der verbesserten Einhaltung und erweiterten Verpflichtungen im Bereich
der Menschenrechte und Grundfreiheiten durch den Osten erforderlich ist.
Trotz der Diskrepanz zwischen den
Versprechungen und dem Verhalten des
Ostens ist es nach wie vor Hauptaufgabe der Schlußakte, das Leben der in
Unterdrückung lebenden Menschen zu

- 3 -

�erleichtern.
Daher
bleiben
die
Schlußakte und der durch sie eingeleitete Prozeß entscheidende Instrumente westlicher Diplomatie, denen
eine Schlüsselrolle in unserer gesamten Ost-West-Tagesordnung zukommt.

* * * * *

- 4-

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

\DN'^

1. Juni 1988

21

DIE BERLIN INITIATIVE
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem vom Weißen Haus am 23. Mai zum Gipfel herausgegebenen Pressehandbuch entnommen:
Die Berlin Initiative wurde von
Präsident Reagan anläßlich seines Besuchs in Berlin am 12. Juni vergangenen Jahres ins Leben gerufen.
Ihr Ziel besteht darin, für das
Leben der Berliner gewisse praktische
Verbesserungen zu schaffen:
Ausweitung des Luftverkehrs in
die Stadt,
Förderung
des
Jugendaustauschs
und
anderer
Austauschprogramme
zwischen Ost- und Westberlin,
Vermehrte Durchführung internationaler Zusammenkünfte in Berlin,
Abhaltung von mehr internationalen Sportveranstaltungen in Berlin, einschließlich möglicherweise einer zukünftigen Olympiade.

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Embassy of the United States of America

Die Initiative der Vereinigten
Staaten findet die aktive Unterstützung und Beteiligung der Regierungen
von Frankreich, Großbritannien und
der Bundesrepublik.
Seit dem Sommer letzten Jahres
finden zwischen den vier Regierungen Diskussionen auf Expertenebene statt.
Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich haben im
vergangenen Dezember den Sowjets die
Initiative formell unterbreitet und
Gespräche über ihre vier Vorschläge
angeregt.
Die Sowjets erklärten, sie hofften darauf, bis zum Sommer auf
die Initaitive reagieren zu kön-

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�nen.
Der Präsident hat beim Gipfeltreffen mit Generalsekretär Gorbatschow im Dezember vergangenen Jahres
die Initiative angesprochen und wird
dies aller Wahrscheinlichkeit nach
auch beim Gipfeltreffen in Moskau tun.
N.B.: Die drei westlichen Verbündeten in Berlin werden mit der Unterstützung und in Zusammenarbeit mit
der Bundesregierung in Bonn und den
Behörden Berlins gegenwärtig und in
Zukunft erhebliche Bemühungen unternehmen, um in Berlin positive Veränderungen herbeizuführen.
Es wird keine Veränderungen im
Status der Stadt geben. Unser
Vorschlag zielt darauf ab, auf
das Viermächteabkommen über Berlin von 1971 aufzubauen, nicht
darauf, es zu revidieren.
Wenn die Sowjets es mit dem Abbau
der Spannungen in Europa und der
Sicherung des Friedens ernst meinen, fordern wir sie auf, mit den
drei westlichen Verbündeten gemeinsam einige Schritte insbesondere im Bereich der menschlichen
Kontakte zu unternehmen, um die
Situation der Menschen in Berlin
zu verbessern.
Wir freuen uns, baldmöglichst die
Vorschläge des Präsidenten mit
den Sowjets zu besprechen, sowie
sie positiv auf die Anstöße der
Verbündeten reagieren.

* * * * *

- 2

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

4

1. Juni 1988

21

REGIONALER DIALOG
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem vom Weißen Haus am 23. Mai zum Gipfel herausgegebenen Pressehandbuch entnommen.

In den vergangenen Jahren haben
wir mit Moskau einen aktiven und
freimütigen Dialog über regionale
Angelegenheiten
aufgebaut
und
aufrechterhalten.
Dieser bleibt
integraler
Bestandteil
unseres
Vier-Punkte-Programms.

Gesprächen über regionale Konflikte bewiesen und dabei die
Notwendigkeit politischer Lösungen auf der Basis nationaler Aussöhnung,
Selbstbestimmung
und
verbesserten regionalen Dialogs
betont.

Dieser Dialog hat sich zum Abbau
möglicher
Mißverständnisse und
Fehlkalkulationen
als nützlich
erwiesen.

Dies ist ermutigend, insbesondere
weil diese Ideen an Präsident
Reagans Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom
Oktober
1985 angelehnt
sind.
Aber wir müssen die Sowjets weiterhin an ihren Taten und nicht
nur an ihren Worten messen.

Wie auch in anderen Bereichen der
amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen betrachten wir den Dialog
jedoch nicht als Ersatz für konkrete Fortschritte.
Die Sowjets haben in jüngster
Zeit mehr Flexibilität in ihren

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Unserer Ansicht nach besteht ein
entscheidender Faktor für die Erlangung von Fortschritten mit den
Sowjets bei regionalen Konflikten

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�in unserer anhaltenden Unterstützung (sei sie nun politischer,
wirtschaftlicher oder militärischer Art) für Freiheitskämpfer,
die sich gegen Unterdrückung von
Moskau und seinen Verbündeten zur
Wehr setzen.
Unsere Zielsetzung besteht allein
darin, politische Lösungen für
regionale Konflikte zu finden.
Der Gipfelerklärung von Washington gemäß wollen wir Möglichkeiten finden, um "die bei regionalen Konflikten beteiligten Parteien bei der Suche nach friedlichen Lösungen zu unterstützen,
die ihre Uabhängigkeit, Freiheit
und Sicherheit fördern".
Die Unterzeichnung des Genfer Afghanistan-Abkommens am 14. April
stellte für die Lösung regionaler
Konflikte durch politischen Dialog einen in der Geschichte einmaligen Schritt dar.
Generalsekretär Gorbatschow hat
darauf hingewiesen, daß mit dem
Abkommen über Afghanistan Wege
zur Lösung anderer regionaler
Konflikte mit politischen Mitteln
eröffnet werden sollten.
Dem
stimmen wir voll und ganz zu.
Wir werden dies gemeinsam mit den
Sowjets
weiterverfolgen,
indem
wir auf praktischen Möglichkeiten
zur Beendigung anderer regionaler
Konflikte drängen, von denen viele
sowjetische
Vasallenstaaten
betreffen.
Der Präsident erwartet, die gesamte Bandbreite regionaler Angelegenheiten während des Gipfeltreffens in Moskau abdecken zu
können. Dazu zählen Afghanistan,
der Krieg zwischen Iran und Irak,
der
Friedensprozeß
im
Nahen
Osten, Südafrika, Äthiopien, Kambodscha, Korea und Mittelamerika.

- 2

�</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

1. Juni 1994

21

AUSSENPOLITIK

USA HABEN DIE CHANCE ZUR VERBREITUNG
VON DEMOKRATIE
Rede von Präsident Clinton vor der Naval
Academy

NATO

ANPASSUNG DER NATO AN NEUE ÄRA
ERFORDERT KONTINUIERLICHE
AUFMERKSAMKEIT
Rede von Verteidigungsminister Perry

RÜSTUNGSKONTROLLE

TRANSPARENZ WICHTIG FÜR GLOBALE
SICHERHEIT
Rede von ACDA-Direktor Holum

SPORT

"LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN
UND
DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (I)
von John R. Eidson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�AUSSENPOLITIK
1. Juni 1994

USA HABEN DIE CHANCE ZUR
VERBREITUNG VON DEMOKRATIE
Rede von Präsident Clinton vor der Naval Academy
ANNAPOLIS - (AD) - Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Vereinigten Staaten Präsident Clinton
zufolge die Chance "zur Verbreitung von Demokratie und wirtschaftlichem Fortschritt in ganz Europa und bis
in die entlegensten Teile der Welt".
In einer Rede bei der Abschlußfeier an der U.S. Naval Academy in Annapolis stellte der Präsident am 25. Mai
1994 fest: "Der erste Schritt dieser Mission besteht in der Bewahrung der Sicherheit unserer eigenen Nation,
und Sie werden durch Ihren heutigen Abschluß dazu beitragen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.
Es ist mir eine große Ehre, mit Ihnen zusammen
diesen feierlichen Augenblick zu begehen. Ich freue
mich, am Vorabend des 150. Jahrestages der
Akademie wieder hier sein zu können.
Seit 1845 hat die U.S. Naval Academy für unsere
Marine, unsere Marineinfanteristen und unsere
gesamte Nation eine herausragende Führungsrolle
übernommen, und ich kann mir keinen wertvolleren
Beitrag vorstellen.
Nächste Woche werde ich die ehrenvolle Pflicht
haben, unsere Nation in Europa bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Invasion in der Normandie zu vertreten. Der Zweite Weltkrieg markierte den
Wendepunkt in unserem Jahrhundert, als wir uns mit
unseren Verbündeten zusammenschlössen, um ein
dunkles Kapitel der Diktatur, der Aggression und des
Terrors abzuschließen und Demokratie und Freiheit
den Weg zu ebnen, die sich bis zum heutigen Tag
in der Welt ausbreiten.
Der Zweite Weltkrieg steht auch für ein Zeitalter der
Opfer, die in unserer gesamten Geschichte ihresgleichen suchen. Nahezu 400.000 unserer Landsleute verloren ihr Leben. Über eine halbe Million
weitere wurden verwundet.
An die Angehörigen des Abschlußjahrgangs 1994
gerichtet, möchte ich sagen: Die Generation meiner
Eltern und Ihrer Großeltern hat ihre Arbeit nicht mit
der Befreiung Europas und dem Sieg im Pazifik

AMERIKA DIENST 21

beendet. Sie kamen zurück, um zu Hause Wunder
zu vollbringen. Sie entwarfen das Gl-Gesetz, damit
die Helden der Freiheit wieder ins bürgerliche Leben
zurückkehren, Erfolg haben und starke Familien und
starke Gemeinden gründen konnten. Sie bauten
unser Autobahnnetz auf. Sie machten unsere
Volkswirtschaft zu einem weltweiten Wunder. Sie
schmiedeten die Instrumente für internationale
Sicherheit und Handel, mit denen die Länder unserer
früheren Verbündeten und unserer ehemaligen
Feinde wiederaufgebaut werden und wir schließlich
den Kalten Krieg gewinnen konnten. Wir erlebten
Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um Ihren
Abschluß an dieser Akademie und Ihr Offizierspatent
für die US-Marine und das Marineinfanteristenkorps
zu feiern. Dabei stellt sich Ihnen die Frage, ob Ihre
Generation ebenso viel leisten wird wie die Generation des Zweiten Weltkriegs.
In letzter Zeit wurden einige Bücher über Ihre Generation geschrieben, in denen festgestellt wird, so viele
Ihrer Altersgruppe seien fatalistisch und zynisch, es
sei eine Art Generation X, die glaubt, die besten
Tage Amerikas lägen hinter uns und es gäbe keine
großen Taten mehr zu vollbringen. Nun, dieser
Jahrgang ist ein Gegenbeweis für Zyniker jeglichen
Alters.
Ich respektiere Ihre Entscheidung zutiefst, unserer
Nation zu dienen. Ihr Dienst kann in den kommen-

Seite 1

�den Jahren vielfältige Formen annehmen - das
Kommando über Schiffe im Kampf, die Ausbildung
von Kampfpiloten, die Leitung eines Unternehmens,
und vielleicht sitzt einer von Ihnen eines Tages
sogar im Oval Office. Unabhängig von ihrem
bisherigen Verlauf wird Ihre Karriere Opfer verlangen, Zeit, die nicht mit den Angehörigen verbracht
werden kann, und die Möglichkeit bergen, den
Dienst im Angesicht von Gefahr verrichten zu
müssen. Wo immer Ihre Laufbahn Sie hinführen
mag - zweifelsohne verstehen Sie das Gebot der
Bürgerpflicht. Es gibt keinen besseren Weg als den
von Ihnen gewählten und den Eid, den Sie ablegen
werden.
Die Herausforderung für Ihre Generation lautet, sich
der Taten Ihrer Vorgänger zu erinnern und jetzt auf
ihre Arbeit in einer neuen und völlig veränderten
Welt aufzubauen. Die Weltkriege sind vorüber, der
Kalte Krieg wurde gewonnen. Jetzt ist es unsere
Aufgabe, den Frieden zu gewinnen.
Ich bin heute hierhergekommen, weil ich Amerika
wissen lassen möchte, daß es keine bessere Marine
in der Welt als die US-Marine und keine bessere
Ausbildungsstätte für Führungspersonal der Marine
gibt als die United States Naval Academy. Sie
haben mein Vertrauen, und Sie haben das Vertrauen
Amerikas.
Dies ist eine Zeit der Herausforderungen für Angehörige der Marine, weil wir uns in einem neuen
Zeitalter der internationalen Angelegenheiten befinden. Als dieser Jahrgang im Juni 1990 in die
Akademie eintrat, waren Israel und die PLO zutiefst
verfeindet, Südafrika lebte unter dem Apartheidregime, Moskau, Kiew und Riga gehörten noch zur
Sowjetunion, und die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion hatten ihre Nuklearwaffen noch immer
in massiver Anzahl gegeneinander gerichtet. Aber
jetzt ist Nelson Mandela Präsident von Südafrika. Im
Nahen Osten werden zwischen Israel und der PLO
sowie den anderen Parteien echte Fortschritte
erzielt. Wo der Kreml einstmals seinen Willen
aufzwang, ringt eine Reihe neuer freier Staaten jetzt
mit der Last der Freiheit. Und die Vereinigten
Staaten und Rußland haben endlich ihre Nuklearwaffen nicht mehr gegeneinander gerichtet.
Diese erstaunlichen Veränderungen machen unsere
Nation sicherer. Sie gestatten uns auch, mehr
Ressourcen für die tiefgreifenden Herausforderungen
freizusetzen, mit denen wir uns hier im Inland
konfrontiert sehen - von der Bereitstellung von
Arbeitsplätzen für unsere Mitbürger über bessere
Bildung und Ausbildung für alle bis zu größerer
Sicherheit auf unseren Straßen, der Gewährleistung
von medizinischer Versorgung für alle unsere Bürger

Seite 2

und letztlich dem Aufbau einer Volkswirtschaft, die
weit bis ins 21. Jahrhundert wettbewerbsfähig ist und
Erfolg haben kann.
Die Veränderungen der Wert können jedoch auch
Unsicherheit für diejenigen enthalten, die ihre Karriere
dem Militärdienst verschrieben haben. Sie können in
der Tat Unsicherheit für die Vereinigten Staaten
schaffen. Und in diesen Zeiten der Unsicherheit sind
einige versucht, unseren Verteidigungshaushalt zu
stark zu kürzen.
Am Ende des Kalten Krieges war es richtig, unsere
Verteidigungsausgaben zu senken. Wir sollten uns
jedoch vor Augen führen, daß dieses neue Zeitalter
vielfältige Gefahren birgt. Wir haben die Bedrohung
des Kalten Krieges - eine Welt in einer nuklearen
Pattsituation - durch eine neue Welt ersetzt, die von
Instabilität und sogar hoffnungslosem Chaos bedroht
ist, die in den mit dem Übergang vom Kommunismus
zu Marktwirtschaften einhergehenden wirtschaftlichen
Erschütterungen wurzeln; in religiösen und ethnischen Konflikten wurzeln, die lange von jetzt abgesetzten autoritären Regimes unterdrückt wurden; in
Kämpfen zwischen einzelnen Stämmen wurzeln und
durch Umweltkatastrophen, grausame Hungersnöte
sowie Massenmigration über nationale Grenzen
hinweg verschärft werden. Und obwohl drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion jetzt atomwaffenfrei
werden und die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland über Nuklearfragen
abnehmen, dürfen wir immer noch nicht vergessen,
daß die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen
in dem andauernden Disput anhält, den wir über
Korea haben und andernorts mit Ländern, die entweder versuchen, solche Waffen zu entwickeln, zu
verkaufen oder zu kaufen.
Wir müssen es also besser machen. Damit diese
Generation die Freiheit vergrößern kann, müssen wir
Amerika stets von Gefahren fernhalten.
Eine Verteidigung richtigen Umfangs kostet weniger,
aber sie kostet immer noch ziemlich viel. Aus diesem
Grund habe ich Versuchen widerstanden, unserem
Verteidigungshaushalt weitere Kürzungen aufzuzwingen.
Ich möchte, daß Sie dies voll und ganz verstehen.
Es ist wichtig für Ihre Generation und Ihre Kinder,
diese schreckliche Verschuldung abzubauen, die wir
in den vergangenen Jahren angehäuft haben. Ich
habe den Kongreß gebeten, über 100 Programme
völlig zu streichen und weitere 200 zu kürzen. Wir
haben einen Haushaltsentwurf vorgelegt, der die
verfügbaren Mittel zum ersten Mal seit 1969 verringert. Damit haben wir zum ersten Mal, seit Harry
Truman direkt nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident

AMERIKA DIENST 21

�der Vereinigten Staaten war, drei aufeinanderfolgende Jahre des Defizitabbaus. Aber wir sollten die
Verteidigungsausgaben nicht weiter kürzen. Ich
danke dem Kongreß, daß er in dieser Woche den
Rufen danach widerstanden hat.
Wir arbeiten auf die Gewährleistung der Qualität des
wichtigsten Verteidigungspotentials überhaupt hin Sie und die über eine Million anderen Männer und
Frauen in Uniform, die über unsere Sicherheit wachen. Heute sind unsere Streitkräfte ohne Zweifel
das am besten ausgebildete, am besten ausgerüstete, am besten vorbereitete und am höchsten motivierte Militär auf der ganzen Welt. Solange ich
Präsident bin, wird dies weiterhin der Fall sein.
Die Frage unserer Sicherheit in diesem Zeitalter
hängt letztlich immer noch von unserer Entscheidung
ab, wo wir unsere militärische Macht zum Einsatz
bringen. Dies ermöglicht unserer enormen wirtschaftlichen Stärke, sich im In- und Ausland zu
behaupten. Und es gibt keine Entscheidung, die ein
Präsident ernster nimmt als die Entscheidung,
Amerikaner in Gefahr zu entsenden.
Die Geschichte lehrt uns, es gibt weder ein Patentrezept noch sollte sich ein Präsident je auf eine
solche Gratwanderung begeben, daß wir den Einsatz unseres Militärs unter Umständen völlig ausschließen würden, die sich später als wichtig erweisen könnten. Schließlich ist die bloße Möglichkeit
des Einsatzes von Gewalt durch die Vereinigten
Staaten an sich schon eine mächtige Waffe auf der
ganzen Welt. Eines ist jedoch klar: Wir müssen
zuerst zur Verteidigung unseres Landes und unserer
Menschen zum Kampf bereit sein. Aus diesem
Grund haben wir mit dem Einsatz von Gewalt
reagiert, als wir das irakische Komplott zur Ermordung des ehemaligen Präsidenten Bush aufdeckten.
Und die von uns an jenem Tag abgeschossenen
Tomahawk-Raketen wurden von der Marine abgefeuert.
Wir müssen zum Schutz unserer vitalen Interessen
zu kämpfen bereit sein. Aus diesem Grund habe ich
eine Verteidigungsstrategie verabschiedet, dank der
zwei größere regionale Konflikte nahezu gleichzeitig
gewonnen werden können. Wir müssen zum Schutz
unserer Verbündeten zu kämpfen bereit sein. Aus
diesem Grund haben wir Patriot-Raketen in Südkorea stationiert, und zusammen mit anderen müssen
wir zum Einsatz von Gewalt bereit sein, wenn
andere amerikanische Interessen bedroht sind. Und
aus diesem Grund haben wir uns für eine stärkere
Rolle der NATO in Bosnien eingesetzt.
Die härtesten Fälle sind die zahlreichen ethnischen
und religiösen Konflikte, die in unserem Zeitalter

AMERIKA DIENST 21

ausgebrochen sind. Das Ende des Gleichgewichts
des Schreckens hat seit langem schwelenden Haß
zur Eruption gebracht. Nun blutet das gesamte
globale Terrain von solchen Konflikten - von Ruanda
bis Georgien. Wir können nicht jeden dieser Ausbrüche bürgerlichen Hasses oder militanten Nationalismus einfach durch die Entsendung unserer Streitkräfte lösen. Wir können ihnen auch nicht den
Rücken kehren. Aber unsere Interessen stehen bei
vielen dieser Konflikte nicht ausreichend auf dem
Spiel, um eine Verpflichtung unserer Männer und
Frauen zu rechtfertigen.
Als die größte Macht der Welt haben wir jedoch die
Verpflichtung zu einer Führungsrolle und manchmal
zum Handeln, wenn genug von unseren Interessen
und Werten auf dem Spiel steht.
Betrachten Sie sich das Beispiel des ehemaligen
Jugoslawien. Seit Jahrhunderten markierte dieses
Land eine spannungsgeladene und häufig gewalttätige falsche Trennlinie zwischen Imperien und Religionen. Das Ende des Kalten Krieges und der Zerfall
dieses Landes in so viele neue Republiken brachte
all diese alten Spannungen wieder an die Oberfläche
und löste die serbische Aggression, ethnische Säuberungen und den brutalsten Konflikt in Europa seit
dem Zweiten Weltkrieg aus.
Ob wir uns in einem der ethnischen Konflikte der
Welt engagieren, muß letztlich von dem Gesamtgewicht der amerikanischen Interessen abhängen, die
auf dem Spiel stehen. Heute haben wir in Bosnien
eindeutig ein Interesse an der Verhinderung einer
Ausweitung der Kampfhandlungen zu einem größeren
europäischen Krieg, an der Gewährleistung, daß die
NATO im Zeitalter nach dem Kalten Krieg weiterhin
eine glaubwürdige Kraft für Frieden sein kann, an
diesem allerersten Engagement der NATO in bündnisfremdem Gebiet, an der Eindämmung des durch
diesen Konflikt verursachten unglaublich destabilisierenden Flüchtlingsstroms und an der Beendigung des
Abschlachtens Unschuldiger.
Diese Interessen rechtfertigen nicht unser einseitiges
Engagement, sollen jedoch den Weg zu einem
durchführbaren Friedensabkommen ebnen, falls dies
zustandekommt. Und wenn dies der Fall ist, werden
wir zu seiner Umsetzung beitragen. Unsere Administration ist verpflichtet, bei der Herbeiführung einer
solchen Revolution behilflich zu sein, indem sie mit
anderen wie der NATO, den Vereinten Nationen und
Rußland zusammenarbeitet.
Diese Bemühungen waren weder leicht noch unkompliziert, aber wir haben Ergebnisse hervorgebracht.
Durch die Durchsetzung der Flugverbotszone über
Bosnien durch die NATO haben wir eine Eskalation

Seite 3

�den Krieges in der Luft verhindert. Wir haben den
Abwurf humanitärer Hilfsgüter in die Wege geleitet
und uns an der längsten humanitären Luftbrücke der
Geschichte beteiligt. Wir haben die Durchsetzung
der Schutzzonen um Sarajevo und Gorazde durch
die NATO sichergestellt, und infolgedessen haben
die Menschen in Sarajevo mehr als drei Monate
relativer Ruhe erlebt, und Gorazde wird nicht länger
beschossen. Durch die Verstärkung unseres diplomatischen Engagements haben wir mit anderen an
einem Abkommen zwischen den Kroaten und
Bosniern zusammengearbeitet, das einen Durchbruch bewirkt hat, hier in Washington unterzeichnet
wurde und meines Erachtens schließlich zu einer
umfassenderen Lösung führen wird.
Einer der Träume des Zweiten Weltkriegs war, daß
die Vereinigten Staaten nach dem Krieg im Rahmen
der Vereinten Nationen und in anderer Weise mit
anderen zusammenarbeiten könnten, um die schwierigsten Probleme unseres Zeitalters zu lösen ohne
das Leben unserer eigenen Soldaten einzusetzen,
wo sie nicht eingesetzt werden sollten, und immer
noch eine positive Rolle spielen zu können. Aus
diesem Grund versuchen wir, in Bosnien eine
Lösung zu finden. Und wenn dies gelingt, werden
wir einen Teil dieses unglaublichen Chaos meistern
können, das drohte, die Welt zu verschlingen, in der
Sie Ihre Kinder aufziehen wollen.
Zu jeder Zeit haben wir darauf hingearbeitet, die
Parteien dort zu einer durchführbaren Friedenslösung zu bewegen. Dies ist einer der Konflikte, die
nur am Verhandlungstisch, nicht auf dem Schlachtfeld, enden können. Sie können weitere 100 Jahre
kämpfen und werden ihn nicht auf dem Schlachtfeld
lösen. Zu jeder Zeit haben wir die Notlösung zu
stark vereinfachender Ideen verworfen, die gut auf
Autoaufklebern klingen, aber tragische Konsequenzen gehabt hätten. Die neueste lautet, wir sollten
einfach einseitig das Waffenembargo der Vereinten
Nationen gegen Bosnien und die anderen ehemals
jugoslawischen Staaten brechen.
Ich unterstütze das Waffenembargo nicht und habe
das nie getan. Wir haben mit unseren Verbündeten
zusammengearbeitet und versucht, sie alle von der
Beendigung des Embargos zu überzeugen. Einige
argumentieren jetzt, wir sollten das Embargo unsererseits brechen, weil es von Anfang an eine
schlechte Idee gewesen sei. Täten wir dies, würde
der Friedensprozeß im Keim erstickt, würden sich
unsere Beziehungen zu unseren europäischen
Verbündeten in der NATO und den Vereinten
Nationen verschlechtern, würde die Partnerschaft
unterminiert, die wir mit Rußland in einem breiten
Spektrum von Bereichen aufzubauen versuchen,
würden unsere Bemühungen zur Durchsetzung der

Seite 4

von uns befürworteten UN-Embargos wie gegen
Saddam Hussein, Oberst Gadhafi und General
Cedras in Haiti vereitelt.
Wir dürfen uns einfach nicht für Optionen und Aktionen entscheiden, die simpel, schmerzlos und gut
klingen, aber in diesem Zeitalter der Interdependenz
nicht funktionieren, in dem es von Bedeutung ist, daß
wir den amerikanischen Einfluß ausüben und Führungsstärke beweisen, indem wir unsere Fähigkeit zur
Zusammenarbeit mit anderen unter Beweis stellen,
insbesondere wenn für die anderen mehr und unmittelbarer auf dem Spiel steht und sie bereit sind,
ihre Soldaten in die Gefahr zu entsenden.
Unsere Administration wird sich dem bosnischen
Konflikt nicht entziehen. Aber wir werden keine
Lösungen befürworten, die falsch sind. Wir beabsichtigen, den von uns eingeschlagenen Kurs fortzusetzen - den Preis für diejenigen zu erhöhen, die Aggression ausüben, Hilfslieferungen für die Leidenden
bereitzustellen und mit unseren Partnern in Europa
zusammenzuarbeiten, um die Parteien von einem
durchführbaren Abkommen zu überzeugen. Es geht
nicht schnell, es ist nicht einfach, und es ist nicht
bequem. Aber ich bin überzeugt, daß es in einer
Welt der Interdependenz, in der wir durch die Zusammenarbeit mit anderen eine Führungsrolle
übernehmen müssen, der richtige Weg ist. Es ist der
Weg, der unsere Führungsrolle sichert, unser Gut
bewahrt und unsere Streitkräfte in der richtigen Weise
verpflichtet.
Die erschütterndsten Konflikte der Welt in Bosnien
und andernorts entstehen nicht an einem Tag. Und
eine der frustrierendsten Erfahrungen, mit der man
leben muß, ist, daß viele dieser Konflikte selten mit
raschen Lösungen beizulegen sind. Führen Sie sich
jedoch folgendes vor Augen: Es dauerte Jahre nach
der Invasion in der Normandie, bis der Krieg beendet
und ein dauerhafter Frieden aufgebaut wurde. Es
erforderte Jahrzehnte der Geduld, Stärke und Entschlossenheit, um im Kalten Krieg zu überdauern.
Ebenso wie die Generationen vor uns müssen wir
häufig bereit sein, den Preis der Zeit - manchmal den
schmerzlichsten Preis überhaupt - zu bezahlen. Es
gibt keine bessere Quelle des Muts und der Beständigkeit unserer Nation für unsere Führungsrolle in
diesem Zeitalter als diese Akademie und unsere
Streitkräfte. Diese Akademie hat Sie auf die Führung
dieser Streitkräfte vorbereitet. Wenn Sie Ihren Platz
in der Marine und im Marineinfanteristenkorps einnehmen, denken Sie stets an den Heroismus, die
Opfer und die Führungsstärke derjenigen, die vor
Ihnen gedient haben.

AMERIKA DIENST 21

�Ein großartiges Land muß immer der Opfer der
Vorfahren gedenken, die unsere Freiheit ermöglichten. Noch größere Leistungen liegen jedoch vor
uns, wenn Sie diese erbringen. Vergessen Sie nie:
Wenn unsere Erinnerungen unsere Träume übersteigen, haben wir angefangen, alt zu werden. Es
ist das Schicksal Amerikas, für immer jung zu sein.
Als die Wächter der Freiheit Ihrer Generation und
unserer Zukunft wissen Sie vielleicht nie genau,

*

AMERIKA DIENST 21

wessen Leben Sie gerettet, wessen Zukunft Sie
verbessert haben. Sie mögen vielleicht nie ihren
Dank vernehmen oder ihre Hand schütteln. Aber sie
werden dort draußen sein. Wir alle werden dort
draußen sein - im Bewußtsein Ihres Mutes, beeindruckt von Ihrem Pflichtgefühl und dankbar für Ihren
Dienst für Gott und das Vaterland. Sie können
Amerika für immer jung erhalten.
Viel Erfolg. Gott segne Sie.

* * * *

Seite 5

�NATO
I.Juni 1994

ANPASSUNG DER NATO AN NEUE ÄRA
ERFORDERT KONTINUIERLICHE AUFMERKSAMKEIT
Rede von Verteidigungsminister Perry
BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von US-Verteidigungsminister Perry am 24. Mai bei der
Frühjahrstagung 1994 des Verteidigungsplanungsausschusses der NATO gehaltene Rede. Verteidigungsminister Perry ging auf die beim jüngsten NATO-Gipfeltreffen in die Wege geleiteten drei wichtigen Initiativen
ein: Partnerschaft für den Frieden, alliierte Streitkräftekommandos sowie die NATO-Nichtverbreitungsinitiative.

Für das Atlantische Bündnis war der NATO-Gipfel
vom Januar 1994 ein Wendepunkt. Unsere Staatsund Regierungschefs unternahmen eine Reihe
dramatischer Schritte zur Umgestaltung unseres
Bündnisses. Vier Monate nach diesem historischen
Ereignis ist es angebracht, Bilanz zu ziehen. Ich
möchte kurz auf die bei dem Gipfeltreffen eingeleiteten drei wichtigen Initiativen eingehen: Partnerschaft
für den Frieden (Partnership for Peace - PFP),
alliierte Streitkräftekommandos (Combined Joint
Task Forces - CJTF) sowie die NATO-Nichtverbreitungsinitiative.
Partnerschaft für den Frieden
Ich möchte mich zunächst der Partnerschaft für den
Frieden zuwenden. Diese Initiative wird die Grundlage für ein neues europäisches Sicherheitssystem
legen, dessen Kernstück die NATO bildet.
Wir können mit den in nur wenigen Monaten erzielten Fortschritten zufrieden sein. Wir müssen jedoch
weiter nach vorne drängen, um Fortschritte zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren neuen Partnern zu machen.
Manöver
Ein Bereich kontinuierlicher Aufmerksamkeit sind
Manöver. Wir beglückwünschen die Niederlande,
die als erstes Land eine gemeinsame PFP-Gefechtsübung veranstalten und sind erfreut über den Vorschlag des Obersten Alliierten Befehlshabers Atlantik
zu einem PFP-Seemanöver. Die Vereinigten Staaten werden diese beiden Aktivitäten unterstützen und
an ihnen teilnehmen.
Darüber hinaus vertreten die Vereinigten Staaten die
Auffassung, daß die Veranstaltung von PFP-Manö-

AMERIKA DIENST 21

vern in Partnerländern wichtig ist. Polens Angebot
zur Abhaltung einer solchen Übung ist genau das,
was wir zur Vervollständigung des Programms für
1994 benötigen. Die NATO sollte rasch handeln, um
dieses Angebot anzunehmen und die erforderliche
Planung beschleunigen. Ich kann Ihnen versichern,
daß dieses Unternehmen die uneingeschränkte
Unterstützung der Vereinigten Staaten genießen wird.
Gleichzeitig müssen wir über das PFP-Manöverprogramm für 1995 und darüber hinaus nachdenken.
Die NATO und ihre Partner sollten die Vervollständigung eines ehrgeizigeren Manöverprogramms für
1995 bis Ende dieses Jahres anstreben. Ich schlage
vor, mindestens zwei Gefechtsübungen in PFPMitgliedstaaten abzuhalten.
Verteidigungsplanung
Wir sollten ebenfalls mit der Erarbeitung eines
Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozesses
beginnen wie im Rahmendokument der Partnerschaft
für den Frieden gefordert. Verteidigungsplanung
sollte eine Schlüsselaktivität der Partnerschaft für den
Frieden sein. Sie kann die Grundlage zur Erfüllung
des langfristigen PFP-Ziels der Entwicklung von
Streitkräften sein, die zu gemeinsamen Operationen
mit denen der NATO besser geeignet sind.
Dieser Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß sollte folgendes umfassen:
Möglichst parallele erprobte NATO-Verteidigungsplanungsverfahren,
Berücksichtigung der besonderen Erfordernisse
und Fähigkeiten von Partnern und Verbündeten,
die derzeit nicht an der NATO-Verteidigungsplanung beteiligt sind,

Seite 1

�besondere Konzentration auf die Erfordernisse
der im Rahmen des PFP-Programms vorgesehenen Missionen und Operationen sowie
Förderung von Transparenz und Wechselseitigkeit maximalen Ausmaßes.
Wir sind uns bewußt, daß die vollständige Entwicklung und Umsetzung dieses Prozesses Zeit erfordert.
Wir sollten jedoch frühzeitige Einigung auf die Verfahren anstreben und uns dem Ziel verpflichten, eine
erste, vereinfachte Überprüfung der Verteidigungspläne interessierter Partner vor dem Ministertreffen
im Herbst 1994 vorzunehmen.
Beziehungen zwischen den Verteidigungsministerien

Die Vereinigten Staaten engagieren sich weiterhin für
die Stärkung einer europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität durch die Einrichtung von
CJTF-Kommandos.
In diesem Zusammenhang unterstütze ich die Bestrebungen der Koordinierungsgruppe für vorläufige
Maßnahmen bei der Erarbeitung der politischen
Richtlinien für die Zusammensetzung und Entwicklung
der alliierten Streitkräftekommandos, einschließlich
der Verfeinerung der Strukturen und Verfahren zur
Handhabung der politischen Richtlinien, Planung
sowie Vorbereitung auf Krisenmanagementmissionen
des Bündnisses.

Wir müssen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden auch eine stabilere Kooperation zwischen
den Verteidigungsministerien aufbauen. Ein solcher
Austausch wäre eine nützliche Ergänzung unserer
Kooperation zwischen den Militärs.

Im Hinblick auf diese Strukturen und Verfahren
müssen wir die Fähigkeiten der integrierten MilitärStruktur nutzen und uns weiterhin einem einzigen
Bündnis verpflichten - nicht einem für Artikel 5 und
einem für andere Zwecke. Jede Strukturanpassung
muß von dem uneingeschränkten Engagement aller
16 Nationen in allen geeigneten Gremien für das
Krisenmanagement begleitet sein.

Ich schlage vor, daß unsere Ständigen Vertreter
prüfen, wie die NATO eine zunehmend kooperative
Rolle der Verteidigungsministerien unterstützen
kann. Zu den Optionen sollten regelmäßige Treffen
der NATO-Verteidigungsminister mit ihren Kollegen
aus den PFP-Mitgliedstaaten, eventuell auf jährlicher
Basis, zählen.

Wir sollten darüber hinaus Schritte unternehmen, um
enge Beziehungen zwischen den alliierten Streitkräftekommandos und der Partnerschaft für den
Frieden sicherzustellen und unsere PFP-Partner
durch Ausbildung, Übungen und andere Aktivitäten in
die Einrichtung von CJTF-Kommandozentralen
einzubeziehen.

Finanzierung der Partnerschaft für den Frieden

Das Tempo der Fortschritte bei der CJTF-Initiative
ruht mehr auf den Schultern der Europäer als der
Amerikaner. Die Europäer werden sehr viel mehr
von der Entwicklung eines Mechanismus profitieren,
der uns die Nutzung des NATO-Potentials für ausschließlich europäische Eventualfälle gestattet.

Wir müssen ferner prüfen, wie wir die angemessene
Finanzierung der Partnerschaft für den Frieden
sicherstellen können.
Wir sollten uns an das generelle Prinzip halten, daß
jede Partnernation ihre eigene Beteiligung an den
PFP-Aktivitäten finanziert. Es ist jedoch bereits klar,
daß einige Partner, die sich aktiv beteiligen wollen,
dies nicht ohne eine gewisse Unterstützung tun
können. Es wäre eine Tragödie, wenn die PFP
aufgrund mangelnder Unterstützung nicht ihr volles
Potential entfalten könnte.
Wir sollten unsere bilaterale Sicherheitsunterstützung
der Partner unter dem Aspekt der Erleichterung ihrer
Beteiligung an der Partnerschaft für den Frieden
besser koordinieren, und das Bündnis sollte beraten,
wie es einen Teil seines gemeinsamen Budgets zur
Unterstützung der PFP umdirigieren kann.
Alliierte Streitkräftekommandos
Die zweite Initiative des Gipfeltreffens ist das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos (CJTF).

Seite 2

Nichtverbreitung
Beim Gipfeltreffen im Januar haben wir auch eine der
Hauptbedrohungen der Sicherheit des Bündnisses in
der Zeit nach dem Kalten Krieg angesprochen: Die
andauernde Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme.
Das Bündnis muß gewährleisten, daß es die Mittel
zum Schutz vor durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen entstandenen militärischen
Bedrohungen zur Verfügung hat, sollten unsere
anfänglichen Präventionsversuche scheitern. Aus
diesem Grund bin ich sehr erfreut über die Fortschritte, die von den beiden beim Gipfeltreffen
eingesetzten Gremien bei der Bewältigung der
Herausforderung der Weiterverbreitung erzielt wurden.

AMERIKA DIENST 21

�Der von der Hochrangigen Politisch-Militärischen
Gruppe erarbeitete Gesamtrahmen wird die Natur
des Weiterverbreitungsproblems veranschaulichen
und die entscheidende Rolle der NATO widerspiegeln.
Die Verantwortung für die Entscheidung, welche
Fähigkeiten zur Abwehr der Bedrohung durch die
Weiterverbreitung erforderlich sind, obliegt der
Hochrangigen Verteidigungsgruppe für Weiterverbreitung (Senior Defense Group on Proliferation DGP). Die Verantwortung sicherzustellen, daß die
NATO entsprechend dieser Empfehlungen handelt
und tatsächlich die benötigten Fähigkeiten disloziert,
wird uns - den NATO-Verteidigungsministern übertragen.
Der von der DGP entworfene Arbeitsplan verfolgt
einen ehrgeizigen Kurs. Ich bin zuversichtlich, daß
die DGP die richtigen Leute zur richtigen Zeit mit
dem richtigen Auftrag zusammenbringt, um einen
Aktionsplan hervorzubringen, der die künftige Si*

AMERIKA DIENST 21

cherheit des Bündnisses und seiner Mitglieder
maßgeblich verbessert.
Schlußbemerkung
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß wir große
Anstrengungen unternehmen, um die NATO an eine
neue Ära anzupassen und den Herausforderungen
der Zukunft zu begegnen. Wir haben die Grundlage
für dieses Unternehmen beim Gipfeltreffen im Januar
gelegt und seitdem viel geleistet. Aber es ist ein
langwieriges Unternehmen, das unsere kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordert.
Vor uns liegt die historische Chance zum Aufbau
eines neuen transatlantischen Sicherheitssystems,
das bis weit ins nächste Jahrhundert Frieden und
Stabilität in ganz Europa gewährleisten wird. Wenn
wir unsere Bemühungen zur Umgestaltung des
Atlantischen Bündnisses fortsetzen können, bin ich
zuversichtlich, daß wir Erfolg haben werden.

* * * *

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�RÜSTUNGSKONTROLLE
1. Juni 1994

TRANSPARENZ WICHTIG FÜR GLOBALE SICHERHEIT
Rede von ACDA-Direktor Holum
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede beim National Press Symposium über Offenheit (Transparenz) und
Geheimhaltung erklärte der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 19. Mai 1994, je mehr die Staatsoberhäupter von Nationen
wüßten, desto weniger wahrscheinlich würden sie in einen Krieg stolpern. Aus diesem Grund müßten die
Nationen "die feste Einbeziehung von Transparenz und anderen vertrauensbildenden Maßnahmen in das
Gefüge der globalen Sicherheit" anstreben, um den Frieden in der Zukunft zu sichern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Holums im Wortlaut.
Wenn wir über jemanden sagen: "Er ist leicht zu
durchschauen", meinen wir, er ist wie ein offenes
Buch für uns und wir verstehen seine Motive." Der
tägliche Gebrauch des Begriffs veranschaulicht,
warum man unter anderem folgende drei Definitionen für "Transparenz" im Wörterbuch findet: "Klar
und lichtdurchlässig", "leicht verständlich oder
festzustellen" und "arglos, offen und freimütig".
Im Bereich der Rüstungskontrolle versteht man unter
Transparenz Schritte, die Länder unternehmen, um
ihre Karten auf den Tisch zu legen - wenn auch
häufig in sehr kontrollierter und in der Tat kalkulierter
Weise - um sich gegenseitig zu versichern, daß ihre
Absichten nicht feindlich gesinnt sind, wenn sie
bestimmte miilitärische Maßnahmen ergreifen oder
Vorbereitungen treffen.
Sorgfältig abgestimmt
können solche Maßnahmen außerordentlich präventiv wirken. In Zeiten der Unsicherheit können sie die
Eskalation von Spannungen zu einem bewaffneten
Konflikt verhindern.
Transparenz kann unsere Vorstellungen des
schlimmstmöglichen Falls beruhigen.
Was
aussah wie der bedrohliche Griff nach einer Pistole
in der Westentasche, entpuppt sich statt dessen als
harmloses Herausnehmen der Autoschlüssel. Wie
Nietzsche es (in einem seiner lichteren Momente)
formulierte: "Eine Sache, die uns klarwird, hört auf,
uns zu beunruhigen."
Der beste Weg zum Verständnis des Werts von
Transparenz ist zu prüfen, was in ihrer Abwesenheit
geschieht. Viele Historiker haben argumentiert, daß
es 1914 der Nebel der Mißverständnisse - und die
Ermangelung von Kommunikationswegen - gewesen

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seien, die eine automatische Eskalation auf beiden
Seiten hervorriefen, nachdem die deutschen Streitkräfte nach der Ermordung von Erzherzog Ferdinand
mit der Mobilisierung begonnen hatten.
In der Welt von heute haben wir unsere internen und
internationalen Kommunikationsfähigkeiten drastisch
verbessert. Die technischen Mittel zur Erlangung von
Transparenz (bildlich gesprochen, unsere Ferngläser
und unsere Telefone) sind besser als je zuvor - wenn
wir klug genug sind, sie zu nutzen. Aber wir haben
auch das destruktive Potential unserer Waffenarsenale drastisch erhöht. Dabei haben wir die Vorwarnzeit
manchmal auf weniger als die Reaktionszeit verkürzt.
Mit den moderneren Waffen von heute und dem
komprimierteren Zeitrahmen müssen wir alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel nutzen - einschließlich
der Transparenz - um die automatische Ausweitung
zu einem Konflikt zu verhindern.
Dies wurde durch die Eskalation der Spannungen, die
im Frühjahr 1990 beinahe zu einem Krieg zwischen
Indien und Pakistan geführt hätten, nur zu lebhaft
veranschaulicht. Der Vorläufer der Krise war ein
großes indisches Manöver in der Nähe der pakistanischen Grenze.
Auf dem Höhepunkt der Krise entsandte Präsident
Bush den Stellvertretenden CIA-Direktor Robert
Gates in die Region zur Beruhigung der Spannungen.
Gates meisterte diese Aufgabe, indem er in seine
Rolle die Glaubwürdigkeit einbrachte, die er bei
beiden Seiten als erfahrener Experte im Nachrichtendienst erworben hatte. Er konnte direkt verifizieren,
daß die indischen Einheiten, einschließlich Indiens
berühmtem Angriffskorps, mit der Beendigung des

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�Manövers befaßt waren. Diese Information wurde
der pakistanischen Führung unverzüglich übermittelt.
In den nächsten Tagen zogen beide Heere ihre
Truppen von der Grenze ab, und ihre Außenminister
nahmen Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen auf. Ende Juni 1990 war die Krise vorüber.
Obwohl dieser Zwischenfall nicht die schrecklichen
Konsequenzen von 1914 hatte, dient er nicht als
Modell. Einerseits gibt es viele Orte auf der Welt, an
denen die Vereinigten Staaten nicht die Rolle spielen
können, die sie 1990 bei der Entschärfung der Krise
in Südasien übernommen haben. Andererseits war
die von uns in die Situation eingebrachte Transparenz ein Zufall im Nachhinein, nicht ein international in die regionale Sicherheitsarchitektur
eingebauter Aspekt.
Offen gesagt, wir waren gut - aber wir hatten auch
Glück. An einem anderen Ort und zu einer anderen
Zeit könnte dies nicht der Fall sein. Zweifelsohne
sollte unser Ziel darin bestehen, die feste Einbeziehung von Transparenz und anderen vertrauensbildenden Maßnahmen in das Gefüge der globalen
Sicherheit anzustreben.
Ich möchte auf die Anfänge dieser bewußten Bemühungen zur Einbeziehung von Transparenz in die
Rüstungskontrolle zurückgehen und einige der bis
heute erzielten Leistungen darlegen.
Der den Kalten Krieg betreffende Teil dieser Geschichte beginnt zutreffenderweise mit dem Antarktis-Vertrag. Dieses 1961 in Kraft getretene Abkommen verbot die Einrichtung militärischer Stützpunkte
und die Erprobung jeglicher Waffen in der Antarktis.
Das ACDA drängte darauf, den Vertrag ernst zu
nehmen - und ignorierte anfängliche Witze über eine
"Pinguin-Verifizierung". Meines Wissens haben wir
bei unseren Inspektionen der sowjetischen Einrichtungen in der Antarktis nie etwas von militärischer Bedeutung gefunden. Von Bedeutung bei
diesem Vertrag war jedoch der Präzedenzfall, den er
für lnspektionen vor Ort schuf: Dank der eingeleiteten Überprüfungen gewöhnten die Russen und wir
uns an die Inspektion der Einrichtungen des anderen
- und im Gegenzug der eigenen. Der AntarktisVertrag ebnete daher den Weg für spätere internationale Abkommen, die den Rüstungswettlauf
maßgeblich begrenzten.
Während der Kuba-Krise im Jahr 1962 schätzte
Präsident Kennedy die Chancen eines Krieges mit
der Sowjetunion auf "zwischen eins zu drei und 50
zu 50" ein. Angesichts drohender apokalyptischer
Auswirkungen gab es für die Staatsoberhäupter der
beiden Supermächte der Welt kein Mittel zuver-

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lässiger und direkter gegenseitiger Kommunikation
miteinander. Diese Krise führte zum Vertrag über
den heißen Draht - offiziell als Abkommen über
direkte Kommunikation bezeichnet - das die Gefahren
eines Krieges aufgrund von Fehlern oder Mißverständnissen mildern, zur Entschärfung von Konflikten
beitragen und die Eskalation einer Krise aufgrund von
Fehleinschätzungen verhindern sollte. Das System
hat seine Arbeit geleistet, und wir haben es mehr als
einmal modernisiert.
Sie haben vielleicht einmal die treffende Formulierung
gehört: "Je mehr die Staatsoberhäupter von Nationen wissen, desto weniger wahrscheinlich tun sie
etwas Dummes". Obwohl direkte Kommunikationsverbindungen an sich keine Informationen auf den
Tisch legen, gestatten sie den Staatsoberhäuptern
von Nationen, sie anderen in entscheidenden Momenten mitzuteilen.
Ähnliche Aspekte - mit dem Tenor "Laßt uns miteinander reden, wenn es Probleme gibt" - sind Bestandteil einer Reihe weiterer Rüstungskontrollverträge. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist das Abkommen über Nuklearunfälle von 1971. Diese Vereinbarung sieht unverzügliche Kommunikation vor, wenn
die Gefahr eines Nuklearkriegs aus dem zufälligen
oder unberechtigen Einsatz von Atomwaffen oder der
Aufspürung nicht identifizierter Objekte auf Frühwarnsystemen entstehen sollte. Sie sieht femer die
vorherige Benachrichtigung bestimmter geplanter
Raketenabschüsse vor.
Die Abkommen über Nuklearunfälle, den heißen
Draht und ähnliche Maßnahmen (wie das Abkommen
über Zwischenfälle auf See) verringern zusammen
das Risiko, daß eine Krise zu einer Eskalation führt,
die keine Seite will.
Einige unserer bekannteren Verträge des Kalten
Krieges mit den Sowjets enthielten bereits erste
Anfänge von Transparenz schaffenden Maßnahmen.
Ein solches Abkommen ist der ABM-Vertrag - der
Grundlagenvertrag, der strategische Verteidigungssysteme landesweit verbietet und uns seit über 20
Jahren gute Dienste leistet. Der ABM-Vertrag fordert
die Parteien auf, sich nicht in die technischen Verifikationsmittel der anderen Nation einzumischen und
nicht absichtlich Verschleierungsmaßnahmen zu
ergreifen. Diese Bestimmungen an sich legen
ebenfalls keine Informationen auf den Tisch, enthalten jedoch die Aussage: "Wir versprechen, nichts zu
verstecken, wenn Ihr überprüft."
Die frühen Rüstungskontrollverträge enthielten bereits
einige Aspekte späterer Maßnahmen, die sich sehr
viel eingehender mit Vertrauensbildung im allgemeinen und Transparenz im besonderen befaßten. Ich

AMERIKA DIENST 21

�möchte einige der herausragenden Leistungen des
modernen Zeitalters im Bereich der internationalen
Transparenz hervorheben.
Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) hat eine Reihe von Maßnahmen
erarbeitet, die das Risiko eines militärischen Überraschungsangrifs in Europa verringern sollen.
Solche Maßnahmen gehen auf die Schlußakte von
Helsinki aus dem Jahr 1975 zurück, mit der die
KSZE gegründet wurde. Die ersten Maßnahmen
forderten die obligatorische Benachrichtigung 21
Tage vor großen Manövern mit über 25.000 Soldaten, freiwillige Benachrichtigung über andere
Manöver und die freiwillige Einladung von Beobachtern zu diesen Manövern.
Diese Maßnahmen wurden seitdem verbessert zunächst im sogenannten Stockholmer Dokument und dann im Wiener Dokument kodifiziert. Um der
Transparenz willen verhalten sich potentielle Gegner
merkwürdig. Zur Zeit benachrichtigen sie sich
gegenseitig 42 Tage vor militärischen Aktivitäten mit
250 Panzern oder mindestens 3.000 amphibischen
oder luftgestützten Truppen. Für zahlreiche militärische Aktivitäten sind jetzt Beobachter erforderlich.
Einige Manöver sind zahlenmäßig begrenzt und
werden allen Mitgliedstaaten in einem Jahreskalender mitgeteilt. Diese Staaten genehmigen Vor-OrtInspektionen. Sie stellen auch gegenseitig jährliche
Informationen über die Verteidigungsplanung (einschließlich der Verteidigungspolitik, Streitkräfteplanung und Haushaltsvorlagen) zur Verfügung.
Besuche bei Luftwaffenstützpunkten finden in
Friedenszeiten alle fünf Jahre statt. Im Jahr 1993
wurde eine erweiterte Liste vorgeschlagener militärischer Kontakte (einschließlich Austauschprogrammen auf Arbeitsebene und Besuchen) sowie der
vorgeschlagenen militärischen Kooperation (einschließlich Manövern und Ausbildung) verabschiedet.
Zusätzliche Maßnahmen zur Risikoverringerung
wurden eingeführt - wie die Konsultations- und
Kooperationsmechanismen über ungewöhnliche und
ungeplante Aktivitäten der Streitkräfte, und in jedem
Mitgliedstaat wurde ein Kommunikationsnetz eingerichtet, das rund um die Uhr in Betrieb ist.
Im Jahr 1992 wurde das Forum für Sicherheitskooperation unter der Schirmherrschaft der KSZE
gegründet. Das Forum strebt die weitere Verfeinerung und Verbesserung der im Wiener Dokument
verankerten Maßnahmen an. Es arbeitet ferner an
der Einführung eines "Verhaltenskodex" für politischmilitärische Aspekte der Sicherheit und an verbesserter Transparenz durch den jährlichen Austausch
globaler militärischer Informationen durch die KSZEMitgliedstaaten.

AMERIKA DIENST 21

Diese KSZE-Maßnahmen verbessern die europäische
Sicherheit, indem sie durch Offenheit Vertrauen
schaffen. Sie erweitem die Stabilität, indem den
Staaten die Beobachtung gestattet wird, daß ihre
Nachbarstaaten keine bedrohende militärische
Kräfteverteilung vornehmen. Und sie vertiefen auch
das Verständnis, weil kooperative Beziehungen
zwischen militärischen und Regierungsvertretem
unterschiedlicher Länder geknüpft werden.
Geographisch ist der Vertrag über Offene Himmel die
bis heute weitreichendste Bestrebung zur Förderung
von Offenheit über Streitkräfte und militärische
Aktivitäten. Er öffnet das Gebiet von Wladiwostok bis
Vancoucer für Inspektionen aus der Luft. Er räumt
allen Teilnehmerstaaten eine direkte Beteiligung beim
Sammeln von Informationen über Streitkräfte und
Aktivitäten ein, die ihnen Anlaß zur Sorge bereiten.
Und wer weiß - vielleicht könnte er eines Tages von
Valparaiso in Chile bis zum Vaaltal in Südafrika
erweitert werden.
Offene Himmel gestattet jedem Signatarstaat die
Beschaffung von Kopien von während der Überwachungsflüge gemachten Filmen oder Tonbändern,
wobei die Kosten geteilt werden. Jedem Teilnehmerstaat wird eine Quote von Flügen über andere
Staaten zugewiesen, die er einhalten muß.
Offene Himmel und die von mir erwähnten KSZEMaßnahmen verstärken sich gegenseitig. Sie erschweren es den Teilnehmerstaaten, die Vorbereitungen für einen Überraschungsangriff oder eine raumgreifende Offensive zu verheimlichen. Offene Himmel tut dies, indem es den Blick auf Streitkräfte und
militärische Einrichtungen aus der Vogelperspektive
gestattet. Und die KSZE-Maßnahmen tun es durch
die direkte Weitergabe von Militärplänen und Informationen.
Zusammengenommen verringern diese
Maßnahmen das Risiko der Art von reflexiver Eskalation erheblich, die zum Ersten Weltkrieg führte. Im
besten Falle demonstrieren sie, was internationale
Transparenzmaßnahmen im Szenarium nach dem
Kalten Krieg bewirken können. Und sie werden die
Rückkehr zu den alles umfassenden Spannungen
dieser Ära verhindern helfen.
In jüngster Zeit haben die Vereinigten Staaten die
Anwendung des Transparenzansatzes - vor allem bei
unseren Gesprächen mit den Russen - bei dem
traditionell undurchsichtigsten Teil unseres nationalen
Sicherheitsumfeldes angestrebt: den Nuklearwaffenprogrammen. Aufbauend auf dem von den Präsidenten Clinton und Jelzin im Januar erzielten Abkommen haben wir Gespräche mit den Russen darüber
aufgenommen, wie konkrete Schritte zur Verbesserung der Transparenz für beide Seiten bei unseren
Verfahren und Einrichtungen für die Handhabung,

Seite 3

�Lagerung und Berechnung des spaltbaren Materials
ergriffen werden können, das aus den zerlegten
Waffen gewonnen wurde.
Kurzfristig hoffen wir ein Abkommen über gemeinsame Besuche der Einrichtungen jeder Seite erlangen
zu können, in denen aus zerlegten Nuklearwaffen
entnommenes spaltbares Material gelagert wird. Auf
längere Sicht hoffen wir, ein Abkommen über ein
Regime aushandeln zu können, mit dem die Bestände von spaltbarem Material aus zerlegten Waffen
jeder Seite bestätigt werden.
Wie ich bereits bei der Erörterung der Situation
zwischen Indien und Pakistan im Jahr 1990 andeutete, sind es die spannungsgeladensten Regionen der
Welt, die Transparenz am dringendsten benötigen und sie allzu häufig am wenigsten herbeiführen.
Dies ist ein Grund, warum ich von den Gesprächen
im Rahmen der Arbeitsgruppe für Rüstungskontrolle
und regionale Sicherheit im Nahen Osten ermutigt
bin, die unter der Schirmherrschaft der Vereinigten
Staaten und Rußlands geführt werden. 14 Parteien
aus der Region erörtern vertrauensbildende Schritte
wie Deklarierungsmaßnahmen, ein Krisenverhütungszentrum, Informationsaustausch und das erste
regionale Kommunikationsnetz.
Die Fortschritte dieser Arbeitsgruppe werden offensichtlich vom Tempo der Ereignisse im Gesamtfriedensprozeß beeinflußt. Eine dramatische Errungenschaft steht nicht unmittelbar bevor. Aber durch
die Förderung konstruktiver Gespräche zwischen
historischen Gegnern hat diese Arbeitsgruppe
bereits die positive Rolle unter Beweis gestellt, die
Transparenz bei der Unterstützung von regionaler
Sicherheit leisten kann.
Ich möchte damit nicht implizieren, daß Transparenzmaßnahmen formalisiert werden müssen, um wertvoll zu sein. Wir haben auch die Weitergabe von
Informationen mit den Russen außerhalb des Kontextes von offiziellen Abkommen angestrebt. Ich
möchte zwei Beispiele anführen.
Während des Kalten Krieges boten wir der Sowjetunion Informationen über PAL-Vorrichtungen - wie
elektromagnetische Schlösser - an, die unsere
Nuklearwaffen vor zufälligem oder unbefugtem
Einsatz schützen. Die Sowjets lehnten unser Angebot offiziell ab. Bemerkenswert finde ich jedoch, daß
wir es unterbreitet haben - und so unsere Sicherheit
zu erhöhen versuchten, indem wir die Fähigkeit der
Sowjets zur Kontrolle ihrer Waffen verbesserten.
An ein zweites Beispiel haben wir uns alle gewöhnt
und vergessen dabei, was für eine wichtige Innovation dies war, als Verteidigungsminister McNamara

Seite 4

es unter der Kennedy-Administration einführte. Die
Erklärung zum Einsatzkonzept beinhaltet eine umfassende Beschreibung der Entwicklung unserer
Militärdoktrin und einer Reihe von Streitkräfteerfordemissen sowie detaillierte Beschreibungen unserer
Militärprogramme. Diese Erklärung wurde in dem
Bestreben verfaßt, das Verständnis dessen in der
amerikanischen Öffentlichkeit - und der Welt einschließlich der Sowjetunion - zu vertiefen, was die
Vereinigten Staaten mit ihren Militärprogrammen
beabsichtigten und was nicht.
Meines Erachtens haben diese Berichte - und der
durch die relativ detaillierten und genauen Beschreibungen unserer militärischen Absichten gesetzte
Standard - einen maßgeblichen Beitrag zu dem
sicheren Kurs durch den Kalten Krieg geleistet.
Die Grenzen der Offenheit
Da unser Bedürfnis nach Geheimhaltung zum großen
Teil auf diesem mit der Sowjetunion geführten Kalten
Krieg beruhte, hat das Ende dieser Ära und dieser
Union natürlich bei vielen zu der Frage geführt,
warum wir überhaupt Geheimhaltung benötigen. Die
kurze Antwort lautet, daß die Welt nicht über Nacht
sicher geworden ist und nicht jedes hierzu erforderliche Abkommen bereits verwirklicht wurde.
Trotz all der positiven Dinge, die ich über Transparenz und Offenheit sagen mußte, möchte ich nicht
implizieren, sie seien ohne jede Einschränkung gut.
Ich möchte kurz auf die Grenzen von Offenheit und
Transparenz bei der Rüstungskontrolle eingehen.
Zunächst eine Tatsache: Selbst bei einem System,
das bei vertrauensbildenden Maßnahmen so weit
fortgeschritten ist wie die KSZE, sind die Länder eher
geneigt, den Austausch militärischer Informationen
auf Regierungsebene zu halten, anstatt ihn an die
Öffentlichkeit zu tragen. Das zwischen Regierungen
und Militärs aufgebaute Vertrauensverhältnis erstreckt
sich nicht auf die Öffentlichkeit oder die Presse.
Wenn wir also die Regeln nicht befolgten und beispielsweise unsere Videokassetten von Überflügen im
Rahmen des Offenen Himmels der Öffentlichkeit
zugänglich machten, würden wir ein Abkommen
unterminieren, das einen beträchtlichen Beitrag zur
weltweiten Sicherheit leistet.
Einfach ausgedrückt: Wenn wir von anderen Regierungen erhaltene vertrauliche Informationen nicht
vertraulich behandeln könnten, würden wir sie auch
nicht erhalten.
Verhandlungen sind ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld, auf dem Offenheit eingegrenzt werden muß.
Woodrow Wilson sprach sich für "durch Offenheit

AMERIKA DIENST 21

�erlangte offene Verträge" aus, und diese Formulierung klingt noch immer großartig. In Wahrheit
bestehen jedoch grundlegende Beschränkungen
dieser offenen Verhandlungen.
Wenn ein Verhandlungspartner mir einen vertraulichen Vorschlag unterbreitet, kann er ihn wieder
zurücknehmen, wenn ich ihn überzeugen kann, daß
es sich um keine gute Idee handelt oder er nicht die
notwendige Unterstützung erhält. Wenn er ihn
jedoch in der Öffentlichkeit vorlegt, schafft er dadurch eine Verpflichtung, der sich seine Regierung
vielleicht nicht ohne Gesichtsverlust wieder entziehen kann. Das ist ein Grund dafür, warum Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit oft funktionieren, wohingegen das bei öffentlichen Verhandlungen nicht der Fall war.
Eine in Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit eingesetzte Technik ist das nicht zu Papier
Gebrachte, nicht in einen Vorschlag Gekleidete, nicht
bei einem Treffen Unterbreitete. Hierbei handelt es
sich um Entwürfe, Vorschläge oder Treffen, die auf
der Übereinkunft basieren, daß sie nie an die Öffentlichkeit getragen werden und offiziell nicht existieren.
Somit können sie jederzeit in Abrede gestellt werden.
Nicht Existierendes kann ein äußerst nützliches
Werkzeug für die Verbreitung versuchsweiser Ideen

mit dem Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot vertrauliche Konsultationen ab. Unsere Bestrebungen zum Abschluß eines Vertrags über ein
umfassendes Atomtestverbot - "so bald wie möglich",
wie der Präsident anordnete - würden einen schweren Schlag erleiden, wenn selbst diese Verhandlungen unter den fünf Atommächten öffentlich stattfinden
müßten.
Der dritte und offensichtlichste Grund dafür, unsere
Verhandlungsposition geheimzuhalten, ist der, der
anderen Seite nicht unsere Grenzen aufzuzeigen.
Ich brauche nicht auf diese Regel eingehen. Sie zu
mißachten, wäre gleichbedeutend damit, ein gebrauchtes Auto zu kaufen und dabei seinen Kontostand offenzulegen.
Diese Einschränkungen beziehe ich nicht nur auf den
internationalen Kontext. Ich weiß aus eigener Erfahrung, welchen Schaden das Durchsickern von Informationen und andere unangemessene Bekanntmachungen in der Öffentlichkeit einer guten Regierungsführung und der Formulierung einer soliden
Politik zufügen können. Der Formulierung einer
endgültigen Haltung der Administration vorausgehende politische Differenzen sind meines Erachtens nicht
für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt, bis die
Angelegenheit abgeschlossen ist und die Historiker
ihre Forschungen aufnehmen. Wenn die Politiker
damit rechnen müssen, daß solche Differenzen

sein, um zu sondieren, ob ihre Entwicklung zu

ständig

offiziellen Vorschlägen lohnend ist. Wenn sie durch
die Erfordernis ihrer vollständigen Enthüllung eingeschränkt werden, wird die Flexibilität bei den Verhandlungen verringert - und Abkommen über heikle
Rüstungskontrollfragen wären noch schwieriger zu
erlangen als ohnehin schon der Fall.

werden sie nicht mehr aufrichtig sein.

Die Notwendigkeit derartiger Flexibilität und Geheimhaltung ist vielleicht sogar noch größer in den
multilateralen Verhandlungen, die unsere Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungstagesordnung beherrschen werden. Ich habe in Genf aus erster Hand
erlebt, welche Geschicklichkeit multilaterale Diplomatie erfordert und war beeindruckt davon, in welchem
Ausmaß dieses Verfahren neben direkten Verhandlungen auch aus Inszenierung besteht.
Die diese Woche in Genf wiederaufgenommenen
Verhandlungen über einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot sind öffentlich. Die Abrüstungsverhandlungen finden öffentlich statt. Angesichts der in vielen öffentlichen Foren vertretenen
Haltung werden Sie auch nicht überrascht sein zu
hören, daß ein Großteil dieser bedeutenden Arbeit
außerhalb der öffentlichen Bühne geleistet wird.
Beispielsweise halten die fünf Staaten, die den
Besitz von Atomwaffen angeben, im Zusammenhang

AMERIKA DIENST 21

der

Öffentlichkeit

preisgegeben

werden,

Ich habe keine Probleme mit dem umfassenden
Grundsatz der Regierungsführung 'im Sonnenlicht'.
Als Beteiligter an den heiklen Rüstungskontrollverträgen spreche ich mich jedoch für eine kontrollierte
Lichtzufuhr aus. Wenn man eine Pflanze, die nur mit
wenig Licht gedeiht, auf das Fensterbrett stellt, wird
sie von der Mittagssonne verbrannt. Ihr Absterben
bedeutet nicht, daß sie keine gesunde Pflanze war
oder das Sonnenlicht schlecht ist. Es bedeutet, daß
sie einen schlechten Gärtner hatte.
An die Experten des Gesetzes über das Recht auf
Information gerichtet kann ich meine Vorbehalte kurz
zusammenfassen. Meines Erachtens besteht die
Ausnahme im Bereich nationale Sicherheit und
Verhandlungen aus gutem Grund - und sollte nicht
abgeschafft werden.
Schlußbemerkung
Es gibt wichtige Einschränkungen. Es sind jedoch
keine Ausnahmen, die die Regel außer Kraft setzen.
Offenheit und Transparenz sind nicht nur von Vorteil
für den ersten Zusatzartikel zur Verfassung, für
Körper oder Seele des Staates. Meine gesamte

Seite 5

�heutige Rede zielte darauf ab, daß sie - weltweit
angewandt - Spannungen abbauen und unser aller
Leben sicherer machen können.
Diese ermutigende Moral ist meines Erachtens von
zunehmender Bedeutung, denn viele der heutigen
Schlagzeilen könnten uns entmutigen.
Die Barbarei in Bosnien und Ruanda unterscheidet
sich von dem Blutvergießen früherer Jahre vorwiegend dadurch, daß sie Schlagzeilen machen
kann. Allein 1992 fanden 29 Kriege statt (die als
Feindseligkeiten unter Einbeziehung einer oder
mehrerer Regierungen definiert werden und jährlich
den Tod von mehr als 1.000 Menschen verursachen). Und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges
kamen in über 150 Kriegen weltweit insgesamt mehr
als 23 Millionen Menschen ums Leben.
Wir scheinen von Beweisen dafür umgeben zu sein,
daß die Technologie der Zerstörung weitere Fortschritte gemacht hat, die menschliche Natur jedoch
nicht. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß politische Institutionen diese Lücke füllen.
Wenn man sich die Welt sorgfältig anschaut, sieht
man Anlaß zu großer Ermutigung. Denken Sie an
Rabin und Arafat im Nahen Osten - Erzfeinde
wurden entschlossene Partner für den Frieden.
Halten Sie sich Mandela und De Klerk in Südafrika
vor Augen: Der Gefangene wurde zum Präsidenten,
der Gefängniswärter zum Befreier.
In beiden Fällen dieses bemerkenswerten Umschwungs begann sich die Situation zu verbessern,
als die Menschen sich füreinander öffneten. Oftmals
bedurften sie dazu eines Vermittlers. In beiden
Fällen dauerte es Jahrzehnte.
*

Seite 6

*

Das in beiden Fällen für einen Neuanfang erforderliche Vertrauen wäre nicht ohne eine gewisse Öffnung
entstanden, ohne zaghafte Transparenz. Erstmals
wurde gemeinsam eine Wahrheit anerkannt - ein
erster Lichtstrahl - und die hinter dem Glas sichtbare
Figur reagierte auf menschliche Art und Weise - und
der Initiator bekam das Gefühl, er könne seinem
Gegenüber bei einem weiteren Schritt ebenfalls
trauen.
Auf diese mühevolle Weise wird Geschichte gemacht.
Auf diese Weise wird Schatten zu Licht. Auf diese
Weise wird Friede gewonnen.
Transparenz kann uns bei der Anpassung politischer
Institutionen an überkommene Feindschaften und
neue Bedrohungen gleichernmaßen helfen. Sie ist
gleichzeitig eine Technik zur Rüstungskontrolle und
eine lebendige Metapher - verständlich auf individueller, menschlicher Ebene - für das Verhalten, das die
Nationen zunehmend an den Tag legen sollten.
Shakespeare schrieb: "Kein Vermächtnis ist so reich
wie die Ehrlichkeit." Transparenz ist der Ertrag der
Klugheit, der Beginn von Vertrauen und die Hoffnung
auf Frieden.
Ich habe bereits früher meiner Hoffnung Ausdruck
verliehen, daß eines Tages die Länder nicht aufgrund
ihrer Waffen beurteilt werden, sondern aufgrund der
von ihnen eingehaltenen Verpflichtungen und der von
ihnen verteidigten Werte. Der Aufbau einer solchen
Welt liegt in unserem ureigensten Interesse.
Lassen Sie uns alle zur Verfügung stehenden Mittel
dafür einsetzen.
Und lassen sie uns mit der Transparenz beginnen.

*

*

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�SPORT
1. Juni 1994

LIEBE IST WIE EIN BASEBALLSPIEL":
ZUSCHAUERSPORTARTEN UND DIE
AMERIKANISCHE KULTUR (I)
von John R. Eidson
Der nachfolgende Essay, den wir in leicht gekürzter Fassung in dieser und der nächsten Ausgabe des Amerika
Dienst veröffentlichen, behandelt kulturhistorische Wurzeln und gesellschaftlichen Kontext des Sports in den
Vereinigten Staaten und geht dabei auf "typisch amerikanische" Sportarten wie Baseball, Football und
Basketball ein.
John R. Eidson ist Professor für Kulturanthropologie.
Universität Leipzig.

Er lehrt am Institut für Kulturwissenschaften der

Copyright (c) 1994 John R. Eidson.

Wir können viel über die Vereinigten Staaten erfahren, indem wir die Spiele analysieren, an denen sich
die Amerikaner aktiv - und als Zuschauer - beteiligen. Die Vereinigten Staaten sind eine Weltmacht,
aber in gewisser Hinsicht bilden sie auch eine
kulturelle Provinz. Trotz heldenhafter Versuche
einiger kosmopolitischer Geister, stehen die meisten
Amerikaner dem Fußball gleichgültig gegenüber,
dem Spiel, das weltweit die Leidenschaften in
Wallung bringt. Die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 1994 werden von einer Werbekampagne begleitet, mit der Fußball in Amerika "verkauft" werden soll. Trotzdem scheinen die Amerikaner weiterhin ihre eigenen Spiele zu bevorzugen,
insbesondere die drei populärsten Sportarten Baseball, Football und Basketball. Natürlich beteiligen
sich die Amerikaner aktiv und als Zuschauer auch
an anderen Disziplinen, darunter, um nur einige zu
nennen, Leichtathletik, Turnen, Tennis, Golf; aber
Baseball, Football und Basketball nehmen - vielleicht
mit Ausnahme von Eishockey - im Pantheon des
amerikanischen Sports einen besonderen Platz ein.
In ihrer heutigen Form sind Baseball, Football und
Basketball ureigene amerikanische Traditionen, die
sich ihren angestammten Platz im Jahreszyklus

AMERIKA DIENST 21

festlicher Ereignisse gesichert haben. Für viele
Amerikaner beginnt der Frühling mit dem ersten
Spieltag der Baseball-Saison, an dem der amerikanische Präsident symbolisch den ersten Ball wirft. Im
amerikanischen Gefühlsleben ist Baseball ebenso
eng mit dem Sommer verknüpft wie Wärme und
Sonnenschein, und das unbescheiden als "World
Series" bezeichnete Baseballfinale markiert ebenso
das Ende der Jahreszeit wie der Saison. Wenn sich
im Herbst die Blätter goldgelb färben, die Luft kühler
wird und die Marschmusikkapellen ihre Instrumente
ertönen lassen, hat die Footballsaison begonnen. Mit
Einbruch des Winters versammeln sich die Fans in
den Sporthallen - oder vor dem Fernsehgerät - um
den Anpfiff der Basketballsaison zu erleben. Für jede
Jahreszeit gibt es eine Sportart, und damit ist im
amerikanischen Kosmos alles okay.
In den Vereinigten Staaten ist der Sport aufs engste
mit einer Reihe von weltlichen und religiösen Feiertagen verbunden. Besondere Ereignisse wie der erste
Spieltag, Ausscheidungsrennen, die World Series, die
Finalspiele im Collegefootball ("Bowls"), die Superbowl, "March Madness" (ein Turnier der NCAA) und
die Ausscheidungsspiele sowie die Meisterschaft der
amerikanischen Basketballiga bilden eigenständige

Seite 1

�Feste. Darüber hinaus werden Feiertage, die an
sich nichts mit dem Sport zu tun haben, durch
besondere Sportveranstaltungen geehrt (oder
heimgesucht), die man, vom Standpunkt der Fans
betrachtet, "nicht verpassen darf". Infolgedessen
feiern viele Amerikaner den Neujahrstag, indem sie
sich vor den Fernsehgeräten versammeln, um die
Footballspiele dieses Feiertages zu verfolgen.

Die gesellschaftlichen Wurzeln des Baseball,
Football und Basketball
So ist es heute, aber als die ersten Wellen von
Einwanderern im 17. Jahrhundert an den Küsten
Amerikas landeten, gab es weder Baseball noch
Football oder Basketball. Die Indianer spielten eine
Vielzahl von Ballspielen, darunter einige, die man als
frühe Vorformen des Lacrosse bezeichnen könnte;
aber die Sportarten, die uns in diesem Zusammenhang interessieren, entwickelten sich aus europäischen Vorbildern, die von den Siedlern mitgebracht
wurden. Dazu gehörten das von Kindern gespielte
Schlagballspiel und verschiedene Arten des Fußball,
die jedoch im Lauf des 19. Jahrhunderts umgestaltet
und verfeinert wurden.
Sporthistoriker sind sich einig, daß Baseball ein
Derivat englischer Ballspiele wie "rounders" ist. Die
entscheidende Metamorphose vollzog sich durch
eine Klasse von jungen Männern, die Charles
Alexander als die ersten "Yuppies" bezeichnet. In
den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen in Boston, New York und Philadelphia Angehörige der gebildeten Mittelschicht, die gerade ihre
Laufbahn in den modernen Berufen des Rechtswesens, der Medizin, in Wirtschaft und Bankwesen
aufgenommen hatten, ihre Freizeitaktivitäten auf eine
Art und Weise zu gestalten, die zu ländlichen Arten
des Zeitvertreibs wie Pferderennen oder Hahnenkämpfen in scharfem Gegensatz stand. Sie gründeten Clubs, entwarfen Regeln und verbrachten ihre
Abende und Wochenenden bei einem neuen Spiel,
das sie in städtischen Parks oder auf Wiesen in den
Vororten betrieben. An die Spiele schloß sich häufig
ein Picknick oder eine Party an, zu denen die
Frauen oder Freundinnen eingeladen wurden.
Einige moderne Autoren möchten im Baseball eine
Art von ländlicher Idylle sehen, die sich von dem
industriellen Charakter des Football und Basketball
abhebt. Baseball hat jedoch seit seinen Anfängen
seinen eigenen urbanen Charakter, der auf die
modernen Bedingungen des Zeitmanagements
zugeschnitten ist. In den amerikanischen Städten
des Nordostens herrschten zwar starke britische
Einflüsse, aber Kricket, das über einen Zeitraum von
mehreren Tagen gespielt wird, wurde zugunsten

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eines Spiels verworfen, das an einem einzigen
Nachmittag begonnen und beendet wurde.
Das Footballspiel wurde von den Studenten der
sogenannten "Ivy League"-Colleges und -Universitäten geprägt. Dieser Oberbegriff für die ältesten
und renommiertesten Institutionen akademischer
Bildung in den Vereinigten Staaten - Harvard, Yale,
Princeton, Columbia, Pennsylvania, Cornell, Dartmouth und Brown - leitet sich charakteristischerweise
von der Sportliga ab, an der sich diese Institutionen
beteiligen. Heute bildet die Ivy League eine Sportliga
unter vielen anderen, aber in jenen Tagen spielte sie
gewissermaßen die erste Geige. Infolgedessen hatte
der Football anfänglich einen Hauch von Exklusivität:
Es war das Spiel, das junge Männer von Elitecolleges
unter sich spielten. Eines der ersten überlieferten
Footballspiele fand 1869 zwischen Princeton und
Rutgers statt.
Baseball und Football waren ursprünglich Freizeitaktivitäten junger Angehöriger der städtischen Eliten
des Nordostens. Aufgrund der nachgewiesenen
Tendenz des Menschen, den Lebensstil gesellschaftlicher Eliten nachzuahmen und wegen der Modernisierung der amerikanischen Gesellschaft um die
Jahrhundertwende erfaßten diese Sportarten rasch
auch andere soziale Schichten, Regionen und
ethnische Gruppen.
Basketball hatte seinen Ursprung einige Zeit später,
nachdem Baseball und Football bereits von ihren
elitären Wurzeln in andere gesellschaftliche Gruppen
hineingewachsen waren. Das Spiel wurde von
James Naismith vom Christlichen Verein Junger
Männer (CVJM) 1891 in Springfield (Massachusetts)
erfunden, um die Jungen in der Winterpause zwischen der Football- und der Baseballsaison zu
beschäftigen. Der 1844 in London gegründete CVJM
war ursprünglich eine Institution der Mittelschicht, die
das Ziel verfolgte, junge Angestellte und Arbeiter, von
denen viele Neuankömmlinge in der großen Stadt
waren, zu unterstützen, fortzubilden, zu leiten oder zu
beaufsichtigen. Beim CVJM handelte es sich nicht
um eine exklusive Institution wie die ersten Baseballclubs und die Colleges der Ivy League. Gleichwohl
wurde er von der angelsächsischen Mittelschicht
geleitet und diente als wichtiger Mechanismus zur
Verbreitung der angelsächsischen Kultur.

Der Sport und der Aufstieg der modernen amerikanischen Kultur
In den Jahrzehnten nach der Gründung der ersten
Baseballclubs riefen die Facharbeiter der Städte im
Nordosten der USA ihre eigenen Clubs ins Leben
und begannen, die Oberschicht in ihren angestamm-

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�ten Spielen zu schlagen. Regeländerungen, die mit
der Verbreitung des Baseballspiels einhergingen zum Beispiel die Flugballregel von 1858 - spiegeln
die männlichen Tugenden der Arbeiterklasse und die
Vitalität eines Spieles wider, das schon bald in
Rochester, Buffalo, Baltimore, Washington und sogar
in New Orleans gespielt wurde. Der Sieg des industrialisierten Nordens im Bürgerkrieg beschleunigte
die Ausbreitung des Baseballspiels, das ländliche
Freizeitaktivitäten wie Reiten, Angeln und Jagen
immer rascher in den Hintergrund drängte. Mit der
Gründung der ersten Profiligen in den siebziger
Jahren des 19. Jahrhunderts war Baseball bereits
zum "nationalen Zeitvertreib" geworden.
Zu Beginn des Jahrhunderts strömten mit der
zweiten Welle industrieller Entwicklung Landarbeiter
und Einwanderer aus Süd- und Osteuropa in die
Städte des Nordostens und des Mittleren Westens.
Gleichzeitig wurden Provinzstädte durch die neuen
Massenmedien, neue Massenverkehrsmittel und die
Standardisierung der Lehrinhalte an den öffentlichen
Schulen mit den urbanen Ballungsgebieten verbunden. Im Zuge dieser Entwicklung wurde der
Sport für die Vielzahl der Volksgruppen in den
Vereinigten Staaten ein wichtiges Instrument zur
Beteiligung an der nationalen Kultur, in der sich
gerade die Traditionen festigten, die von den Fans
heute als sakrosankt betrachtet werden. Die World
Series of Baseball, eines der wenigen großen
amerikanischen Spektakel, wurde zwischen 1903
und 1905 etabliert.
Bis zu den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts
hatte sich der College-Football über die Ivy League
hinaus auf Staatsuniversitäten bis hin nach Texas
ausgebreitet.
Die neuen Collegemannschaften
organisierten sich rasch in Ligen und kämpften um
Teilnahmeplätze in den nach der Saison veranstalteten "Bowls", die 1902 mit der Rose Bowl in Pasadena (Kalifornien) begannen. Die ersten professionellen Footballmannschaften waren aus ehemaligen
Collegespielern zusammengewürfelt, die nach dem
Ersten Weltkrieg in den Industriestädten Westpennsylvanias und des Mittleren Westens ihr Publikum
fanden. Zu diesen Mannschaften zählten eine Reihe
spektakulärer Spielerpersönlichkeiten, darunter
insbesondere Jim Thorpe und Red Grange, standen
jedoch bis zu den Boomjahren nach dem Zweiten
Weltkrieg organisatorisch auf unsicheren Füßen.
Kurz nach seiner Erfindung im Jahr 1891 verbreitete
sich Basketball innerhalb des CVJM und in den
Einwandererclubs von New York und anderen
Städten des Nordostens und Mittleren Westens. Die
halbprofessionellen Mannschaften, die aus dem
CVJM entstanden, wiesen durch ihre Namen häufig
offen auf ihren ethnischen Hintergrund hin - die

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Hebrew All-Stars, die Detroit Pulaskis, die Brooklyn
Visitations und die Buffalo Germans. Es gibt kaum
ein besseres Beispiel für diese besondere amerikanische Mischung des "Schmelztiegels" und der multikulturellen Gesellschaft als die Konfrontation und der
Zusammenhalt zwischen diesen Mannschaften, die
ein neues Spiel spielten und die Regeln dafür gleichsam nebenher entwickelten.
Nachdem das Spiel seinen Ruf, ein "unmännlicher"
Sport ohne Körperkontakt zu sein, verloren hatte,
breitete sich Basketball ebenfalls über das gesamte
amerikanische Universitätsnetz aus. Eine 1934 im
New Yorker Madison Square Garden veranstaltete
Demonstration mit zwei Spielen, an der Mannschaften der New York University, von Notre Dame, dem
Westminster College und der St. John's University
teilnahmen, trug dazu bei, dieses Collegespiel
populär zu machen. Schon bald darauf wurden die
ersten nationalen College-Basketballwettbewerbe,
das NIT (National Invitational Tournament) und das
NCAA-Turnier (National Collegiate Athletic Association) ins Leben gerufen. Die ersten professionellen
Basketballigen wurden Ende der dreißiger Jahre in
den Industriestädten des Mittleren Westens gegründet.
Die Entwicklung, die wahrscheinlich am nachdrücklichsten auf die Durchdringung der amerikanischen
Gesellschaft mit diesen drei neuen Sportarten einwirkte, war die landesweite Einführung des Schulsports an den weiterführenden Schulen der USA in
den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Dazu
gehören Programme, in deren Rahmen nachmittags,
abends oder am Wochenende ausgewählte Schulmannschaften gegeneinander antreten. Die meisten
Schulen fördern eine Vielzahl von Schulmannschaften, aber die Sportarten, die unweigerlich den Stellenwert der Schule in einer Gemeinde ausmachen, sind
nahezu ausnahmslos Football, Basketball und Baseball. Um die Mitte dieses Jahrhunderts schlössen
sich die High Schools in Kreis- und Regionalligen
zusammen, die einen regulären Spielplan und Spiele
zum Saisonabschluß organisieren, deren Höhepunkt
das Endspiel um die Meisterschaft des jeweiligen
Bundesstaates ist. Auf diese Weise wurde das
Spektakel des Profi- und Collegesports auf einer
niedrigeren, aber auch greifbareren Ebene nachgeahmt, auf der Spieler, Trainer, Einpeitscher, PomPom Girls und Mitglieder der Marschmusikkapellen
allesamt in der Gemeinde bekannt sind.
Bis zu den dreißiger Jahren war der Sport zu einem
festen Bestandteil im Erfahrungsschatz nahezu jeden
Amerikaners geworden.
Während Mädchen oft
Volleyball oder Feldhockey spielten, wuchsen die
meisten Jungen mit Baseball, Football und Basketball
auf. Einige schlössen sich in außerschulischen Ligen

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�zusammen, aber die meisten spielten in ihrer Freizeit
mit Freunden und Nachbarn in einem Hinterhof, auf
der Straße oder auf dem Schulhof. Durch Reportagen in Radio und Presse konnten Sportfans aller
Altersstufen die Taten ihrer Lieblingsmannschaften
im Collegesport, bei den Halbprofis oder Profis miterleben, und in der Schule beteiligten sich junge
Leute im Sportunterricht an den Spielen, machten in
den Schulmannschaften mit und demonstrierten
ihren Einsatz für die Schule durch den Besuch von
Spielen der Schulmannschaften.
Für eine wachsende Zahl von Studenten hatte sich
der Sport bis zu den dreißiger Jahren zu einem
integralen Teil ihres Collegelebens entwickelt. "Auf
das College gehen", bedeutet in den Vereinigten
Staaten mehr als studieren und ein Examen ablegen. Es ist vielmehr eine "Erfahrung", ein kollektiver
Initiationsritus für eine neue und anspruchsvollere
Welt, der sich in der Periode zwischen den Weltkriegen zu gleichen Teilen aus Hollywoodfilmen,
Swingmusik und Football zusammensetzte. So, wie
die High-School-Mannschaft zum Repräsentanten
der Heimatstadt geworden war, entwickelte sich die
Collegemannschaft zum Instrument, um eine neue
Gemeinschaft unter Klassenkameraden herzustellen
und, nach dem Examen, die Bindungen zwischen
den "Ehemaligen" aufrechtzuerhalten. Die Rolle des
Football in den weiterführenden Bildungseinrichtungen Amerikas wird wirkungsvoll in Buster Keaton's
satirischem Film "College" dargestellt.

gesellschaftlichen Schichten nach neuen Identitäten
und neuen Ausdrucksformen, die denen entsprachen,
die sie in ihren Heimatstädten oder während ihrer
Collegejahre gekannt hatten. Über die Loyalität
gegenüber der "Heimmannschaft" ließen sich Bindungen nicht nur zu neuen Nachbarn und Kollegen
sondern auch zwischen Einwohnern aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und ethnischen Gruppen
herstellen, die ansonsten sehr wenig gemeinsam
hatten. In der Bundeshauptstadt zum Beispiel bietet
die Footballmannschaft der Washington Redskins
Massen von Neuankömmlingen - seien es Mitglieder
einer neuen Administration, Mitarbeiter von Verbänden oder Migranten der Arbeiterschicht aus North
Carolina - eine gemeinsame Leidenschaft und ein
stets willkommenes Gesprächsthema. Mitglieder des
amerikanischen Kongresses stehen vor dem Dilemma, ihre Loyalität gegenüber den Profimannschaften
ihres Wahlbezirks zu bewahren, die Fans in großen
Bundesstaaten, bei denen sie oder ihre politischen
Freunde um Stimmen werben, nicht zu verprellen und
gleichzeitig "Hail to the Redskins" zu brüllen - eine
Aufgabe, der die meisten gewachsen zu sein scheinen.

Sport und die amerikanische Demokratie

Der Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg
brachte Tausende von Menschen aus der Provinz in
die großen Städte und half bei der Finanzierung der
enormen Infrastruktur, die erforderlich war, um ihre
Freizeitbedürfnisse zu befriedigen. Schon bald
wälzten sich Blechlawinen über die neuen Highways,
um Zuschauer in die neugebauten Stadien zu bringen. Die aufstrebende Luftverkehrsindustrie ermöglichte es den Profiligen, zum ersten Mal bis zur
Pazifikküste zu expandieren: Football erreichte
Kalifornien Ende der vierziger Jahre, Baseball Ende
der fünfziger Jahre und Basketball zu Beginn der
sechziger Jahre. Mit dem aufkommenden Fernsehen steigerten sich die Zahl der Zuschauer und die
Summe der für College-Sportprogramme und Profiligen zur Verfügung stehenden Gelder dramatisch,
und Baseball, Football und Basketball wurden zu
den viele Millionen Dollar umsetzenden Industrien,
wie wir sie heute kennen.

Der Sport stellt vorgefertigte Traditionen zur Verfügung, die zur Integration von Neuankömmlingen
besonders gut geeignet sind, und für das bunte
Völkergemisch Amerikas sind die neuen Spiele zu
einem zwar unvollkommenen, aber auch sehr realen
Teil des demokratischen Prozesses geworden. Als in
den vierziger Jahren die Footballmannschaften der
"Fighting Irish" von Notre Dame auf die der Ivy
League trafen, so bedeutete dies, daß nun katholische Jungs gegen die Söhne der Yankee-Elite
spielten, und ein Sieg einer Staatsuniversität aus dem
Mittleren Westen war auch ein Sieg der in dieser
Region vertretenen gesellschaftlichen Gruppen,
darunter insbesondere die Nachkommen von Einwanderern aus Nord-, Mittel- und Osteuropa. Amerikaner in der zweiten Generation und Mitglieder
ethnischer Minderheiten nehmen in den ersten
Jahrzehnten des College- und Profisports einen
bedeutenden Platz unter den Spielern und Trainern
ein, wie ein Querschnitt von Spielernamen verdeutlichen mag - Knute Rockne, Bronko Nagurski, Adolph
Rupp, George Mikan, Casey Stengel, Roy Campanella.

Sport wurde zum "Big Business", aber er war - und
ist - ein Geschäft, das die Wünsche der Kunden
erfüllt. In den wachsenden städtischen Ballungsgebieten im Amerika der Nachkriegszeit erfüllten die
professionellen Baseball-, Football- und Basketballmannschaften das Bedürfnis von Angehörigen aller

Um das Spiel zu gewinnen, muß man sich an die
Regeln halten, und die Aufnahme der neuen amerikanischen Sportarten durch ländliche Bevölkerungsgruppen, Einwanderer und Minderheiten erforderte
ein nicht unbeträchtliches Maß an Konformismus.
Die Anpassung der vielfältigen Bevölkerungsgruppen

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�Amerikas an sportliche Normen hat jedoch auch zur
Modifizierung von Regeln und Vervielfältigung von
Stilen und Werten beigetragen, und zwar nicht nur
auf dem Spielfeld, sondern auch jenseits der Auslinien und in den Kabinen der Reporter. Zugleich mit
den Helden bestimmter ethnischer Gruppen hat der
Sport auch den Aufstieg von Trainern oder Managern von bäuerlichen oder plebejischen Ursprüngen
zu einer Art Prophetenstatus gefördert. Spieler und
Trainer können darüber hinaus zu Übermittlem
origineller Redensarten wie auch zu Verbreitem von
Binsenweisheiten werden.
Die Einstellung des
ehemaligen Werfers der St. Louis Cardinais, Dizzy
Dean, als Radioreporter könnte mehr zur Einführung
umgangssprachlicher Redensarten in die amerikanische Hochsprache beigetragen haben als Mark
Twains Huckleberry Flnn, und der ehemalige
Fänger der New York Yankees, Yogi Berra, - der
uns unter anderem klargemacht hat, daß ein Spiel
"erst zu Ende ist, wenn es zu Ende ist" - gehört zu
den meistzitierten Amerikanern. Deshalb bietet der
Sport nicht nur ein Forum für tollkühne Taten,
sondern auch für die Darbietung andernfalls stigmatisierter kultureller Stile, die in diesem besonderen
Umfeld salonfähig werden.

Basketballspieler Schwarze.
In dieser Zeit der
neuerlichen Rassenspannungen und neuer Diskussionen über die Rassenbeziehungen bedürfen diese
Statistiken einer Erklärung.
Die traditionell populären rassisch begründeten
Erklärungen für den Erfolg schwarzer Athleten sind
von vornherein von der Hand zu weisen. Zusammengenommen bedeutet der relative Charakter rassischer
Grenzen und die kulturelle Mediation unseres genetischen Erbes, daß wir wahrscheinlich nie in der Lage
sein werden, menschliches Verhalten einzig als
Ausdruck biologischer Merkmale zu interpretieren.
Bessere Erklärungen für die Vorherrschaft der
Afroamerikaner im College- und Profisport sind in
einer Mischung aus sozialen, kulturellen und historischen Faktoren zu suchen.
Die Professionalisierung des Sports führte notwendigerweise zum Aufstieg der weißen Arbeiterschichten,
und in einem ethnisch so vielfältigen Land wie den
Vereinigten Staaten hatte dies auch die Einbeziehung
von Minderheitengruppen zur Folge - schwarzen und
weißen.

Jede Erörterung des Verhältnisses zwischen dem
Sport und der amerikanischen Demokratie muß der
Rolle der Afroamerikaner besonderes Augenmerk
schenken.
Ursprünglich durch die berüchtigten
Rassenschranken von den populärsten sportlichen
Wettbewerben ausgeschlossen, dominiert die
Präsenz schwarzer Athleten heute in den organisierten College- und Profisportarten. Die Rassenintegration im Profisport war Teil der Demokratisierungswelle, die nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanische Gesellschaft erfaßte und ihren Höhepunkt mit
der Bürgerrechtsbewegung der späten fünfziger und
frühen sechziger Jahre erreichte. 1947 sorgten die
Brooklyn Dodgers für eine Sensation, als sie Jackie
Robinson in die Mannschaft aufnahmen, und innerhalb weniger Jahre wurden auch in die National
Basketball Association (NBA) und die National
Football League (NFL) die ersten schwarzen Spieler
aufgenommen.

Angehörige von Minderheiten versuchen ihr Glück
aus einer Reihe unterschiedlicher Gründe im Sport.
Da er keine künstlich aufgerichteten Hindernisse wie
Rassenschranken aufweist, bietet der Sport wirkliche
Chancengleichheit, so daß die Leistungen des
talentierten Einzelnen ohne Ansehen seiner sozialen
Herkunft voll anerkannt werden. Der finanzielle und
symbolische Lohn für den erfolgreichen Athleten ist
darüber hinaus sehr hoch. Gleichzeitig sind Angehörige von Minderheiten häufig benachteiligt, wenn sie
in anderen Bereichen Spitzenpositionen anstreben:
Zu den Hindernissen auf dem Weg zum Erfolg zählen
Armut, Rassenvorurteile, die schlechtere Qualität der
Schulen in von Minderheiten bewohnten Stadtvierteln,
mangelnde Unterstützung durch Familie und PeerGruppen sowie die Entfremdung von den stillschweigenden Werten der etablierten Mittelschicht. Außerdem kommen Wettkampfsportarten häufig auch den
männlichen Werten entgegen, die unter einigen
Minderheiten besonders im Vordergrund stehen.

Heute beherrschen schwarze Spieler die professionellen Football- und Basketballmannschaften in
einem Ausmaß, das in keinem Verhältnis zu dem
prozentualen Anteil der Schwarzen an der amerikanischen Gesamtbevölkerung steht. Während 13 %
der US-Bevölkerung Schwarze sind, stellen die
Afroamerikaner 18% aller Baseballprofis, 60% aller
Footballprofis und 75% aller professionellen Basketballspieler. Auch die Collegestatistiken sind in vielen
Fällen ebenso asymmetrisch: An der University of
California in Los Angeles (UCLA) waren 1991 7%
der Studenten, 44% der Footballspieier und 53% der

Das Bild von dem schwarzen Jugendlichen, der aus
bescheidenen Verhältnissen kommt und durch den
Sport erfolgreich wird, könnte irreführend sein, und
jede Erörterung dieses Themas läuft Gefahr, in
Klischees zu verfallen. Nicht alle Schwarzen leben in
Armut (neueren Schätzungen zufolge gehören 26-45
Prozent der Afroamerikaner zur Mittelschicht, je nach
Definition des Begriffs "Mittelschicht") und nicht alle
schwarzen Jugendlichen sind aufstrebende - oder
auch nur gute - Athleten. Athleten sind in allen
Formen, Größen, Hautfarben, Geschlechtern und
gesellschaftlichen Schichten vertreten, aber trotzdem

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�ist offenkundig, daß eine große Zahl männlicher
Schwarzer, von denen einige aus sozial schwachen
oder bescheidenen Verhältnissen stammen, sich auf
den Sport konzentrieren und davon träumen, Stars
in der NFL oder NBA zu werden.
Der jüngste Rückgang des Anteils der Schwarzen im
Profibaseball ist wahrscheinlich auf die Eigenheiten
in der Organisation dieses Sports zurückzuführen.
Seit der Gründung der Little League im Jahr 1939
wurde der Jugendbaseball hauptsächlich durch
außerschulische Organisationen gefördert. Wohlfahrtsprogramme des Bundes unterstützten in den
sechziger Jahren ähnliche Initiativen in ärmeren
Stadtvierteln, aber der Mangel an öffentlichen Mitteln
hat in den letzten beiden Jahrzehnten die Einstellung
solcher Programme zur Folge gehabt. Dagegen
werden Football und Basketball im schulischen
Rahmen organisiert und stehen deshalb unabhängig
von sozialem oder finanziellem Status der Eltern
allen Kindern offen. Als wichtigste Collegesportarten
bieten Football und Basketball darüber hinaus mehr
Stipendien für mittellose Studentensportler, die
entweder einen Collegeabschluß oder ein Sprungbrett in die Profiliga anstreben.
Baseball hat auch unter der zunehmenden Popularität des Basketball bei schwarzen Jugendlichen und
in der amerikanischen Jugendkultur insgesamt
gelitten. Für den derzeitigen Basketballboom gibt es
handfeste Gründe: Der Sport erfordert die geringste
persönliche Ausrüstung, und er läßt sich alleine oder
in Gruppen von zwei bis zehn Personen spielen.
Der wichtigste Grund für die wachsende Popularität
des Basketball liegt wahrscheinlich in der Möglichkeit
begründet, die sie dem einzelnen für die Zurschaustellung seiner Virtuosität bietet. Das Potential des
Basketballspiels als Showbühne für extravagante
Vorstellungen einzelner Spielerpersönlichkeiten
wurde am erfolgreichsten von den großen Stars der
letzten Jahrzehnte ausgeschöpft - Julius Erving ("Dr.
J") in den siebziger Jahren, Earvin "Magic" Johnson
in den achtziger Jahren und Michael Jordan in den
achtziger und neunziger Jahren. Diese drei Spieler allesamt Afroamerikaner - haben größere Berühmtheit erlangt als die meisten Wirtschaftskapitäne,
Politiker oder Wissenschaftler je erhoffen können,
und wie die großen Helden des Sports in der Vergangenheit haben sie dazu beigetragen, viele aufstrebende junge Menschen auf den Weg in die NBA
zu führen.
Profi-Basketball ist zu einem wichtigen Platz für die
ausdrucksstarke Kultur des schwarzen Amerika
geworden, aber von den vielen Sportlern, die eine
Karriere in der NBA anstreben, haben nur wenige
Erfolg. Was geschieht mit denen, die scheitern?
Einige spielen in zweitrangigen ausländischen Ligen,

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andere finden Arbeit in ortsansässigen Unternehmen
in den Städten, in denen sie noch als High School
oder College-Sporthelden bekannt sind, und andere
wiederum geraten völlig in Vergessenheit. Aus
diesem Grund beschuldigen viele Kritiker den Collegesport, er beute die jungen Athleten um des
eigenen Vorteils willen aus. Ein siegreiches Basketballteam hebt das Ansehen einer Universität, macht
sie attraktiver für mögliche (Studiengebühren zahlende) Studenten und veranlaßt ehemalige Studenten,
die nostalgisch an ihre Studentenzeit zurückdenken
und deren Formen der Geselligkeit häufig über
Vereine von Ehemaligen und Sportveranstaltungen
organisiert werden, zu freiwilligen Spenden. Deshalb
möchten viele Colleges und Universitäten ein konkurrenzfähiges Sportprogramm, auch wenn dies
bedeutet, Spieler anzuwerben, die nicht unbedingt
auch gute Studenten sind.
Vom Standpunkt des Spitzenathleten betrachtet,
bedeutet der Besuch einer Universität mit einem
hervorragenden Sportprogramm hauptsächlich die
Chance, an vom Femsehen übertragenen Spielen
teilzunehmen. Ein Spitzenspieler, der "viel Fernsehzeit bekommt", ist in einer wesentlich besseren
Verhandlungsposition, wenn er am Ende seiner
Collegekarriere Profi werden möchte. Stars helfen
ihren Mannschaften nicht nur, indem sie zum Sieg
beitragen, sondern auch dadurch, daß sie zahlende
Fans anziehen. Deshalb kann ein medienwirksamer
Collegestar mehr Geld fordern, wenn er von einer
Profimannschaft angeworben wird.
Nicht alle Collegesportprogramme sind gleich: Einige
sind berüchtigt, weil sie es Spielern erlauben, drei
oder vier Jahre ein College zu besuchen ohne
wirklich zu studieren, während andere das Ideal des
"Studentensportlers" aufrechterhalten. Allzu häufig
schaffen Collegespieler jedoch keinen Abschluß. Mit
einer Examensquote von 56% schneiden die Studentensportler jedoch insgesamt besser ab als der
landesweite Durchschnitt aller Studenten, der bei
48% liegt. Wenn man jedoch Football und Basketball
- die Sportarten, die viel Geld einbringen - von
Leichtathletik, Tennis, Golf und Turnen trennt, verschlechtert sich das Bild: Lediglich 43% aller Collegebasketballspieler schließen mit dem Examen ab.
Das bedeutet, daß viele Studentensportler, insbesondere Angehörige von Minderheiten, am Ende weder
einen Collegeabschluß noch eine NBA-Karriere vorweisen können.
Trotzdem ist der Traum unwiderstehlich. Denn Erfolg
im Profisport bedeutet persönliche Bestätigung,
Berühmtheit und natürlich Reichtum. Das durchschnittliche Jahresgehalt in der NBA stieg von
275.000 Dollar im Jahr 1983 auf 1,2 Millionen Dollar
1992. Vor seinem Rücktritt 1993 verdiente Michael

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�Jordan 3 Millionen Dollar jährlich sowie zusätzlich 25
bis 40 Millionen Dollar pro Jahr aus seinen verschiedenen Werbeverträgen. Als Jordan sich aus der
Liga zurückzog, unterschrieb Larry Johnson, ein
Ersatzspieler bei den Charlotte Hornets, einen
Zwölfjahresvertrag über 84 Millionen Dollar. Tatsächlich deuten alle Anzeichen darauf hin, daß die
Höhe der Spielergehälter in neue und beispiellose
Dimensionen klettert und daß ein Ende dieser
Spirale nicht abzusehen ist.
Die meisten Fans schütteln den Kopf über die neuen
Gehälter im Profisport, aber viele scheinen auch zu
denken, daß Spielerstars, die sich zermürbenden
Terminplänen unterwerten, das Risiko eingehen,
durch Verletzung zum Krüppel zu werden und ihr
Privatleben opfern ebenso das Recht haben, überhöhte Gehälter zu beziehen wie Topmanager oder
Filmschauspieler und -Spielerinnen. Eine Ironie ist
jedoch die Tatsache, daß Erfolg im Sport inzwischen
als die Quintessenz der amerikanischen Demokratie
und der Chancengleichheit betrachtet wird. Viele
Kommentatoren schwärmen immer wieder von dem
Mann aus dem ländlichen Louisiana, der es "so weit
gebracht" hat; in Wirklichkeit jedoch ist sein Erfolg
lediglich eine symbolische Geste - eine Dramatisierung unserer demokratischen Ideale, die andererseits häufig von der Erfahrung widerlegt werden.
Sicherlich weist der Erfolg schwarzer Athleten auf
eine unterschwellige Realität hin, nämlich den sich
wandelnden Status der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft in den vergangenen 150 Jahren.

*

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Ebenso klar ist jedoch, daß der phänomenale Erfolg
einiger Weniger keinen Ersatz für die Verbesserung
des Loses der überwältigenden Mehrheit bieten kann.
In den letzten Jahrzehnten sind viele Schwarze in die
Mittelschicht aufgestiegen, doch jüngeren Schätzungen zufolge bezieht ein Drittel der Schwarzen immer
noch ein Einkommen, das unter dem allgemein
festgelegten Minimum liegt. Darüber hinaus sind
Schwarze nicht nur im Profisport, sondern auch in
den Gefängnissen überproportional vertreten, während sie trotz der Verbesserungen in neuerer Zeit in
den akademischen Berufen unterrepräsentiert sind.
Trotzdem neigen die führenden Vertreter von Minderheiten dazu, erfolgreiche Athleten zu feiern,
während sie auch in anderen Lebensbereichen auf
Veränderungen hinarbeiten. Sporthelden werden
nicht nur als erfolgreiche Persönlichkeiten, sondern
auch als Vorbilder angesehen, die oft zu Programmen beitragen, die junge Menschen ermutigen, ihre
Lebenschancen nicht durch Sport sondern durch
Bildung zu verbessern. Ebenso wichtig sind die
neueren Versuche zahlreicher Stars aus Minderheiten, ihren Erfolg im Sport in geschäftlichen Erfolg
umzumünzen, und zwar nicht nur dadurch, daß sie
ein Restaurant mit berühmtem Namen eröffnen,
sondern insbesondere durch Besitz und Führung von
Sport-Franchiseunternehmen. Nahezu fünfzig Jahre
nachdem Jackie Robinson seinen rechtmäßigen Platz
auf dem Spielfeld einnahm, scheinen Angehörige von
Minderheiten immer häufiger auch in Vorstandsetagen Einzug zu halten.

* * *

*

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA haben die Chance zur Verbreitung von Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton vor der Naval Academy&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Anpassung der NATO an neue Ära erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Transparenz wichtig für globale Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Holum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Sport&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Liebe ist wie ein Baseballspiel":&lt;br /&gt;Zuschauersportarten und die amerikanische Kultur (I)&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von John R. Eidson&lt;/em&gt;</text>
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