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                    <text>nformohon
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America
7. September 1983

36
INHALT

DOKUMENTATION
Reagan: Keine Rechtfertigung für den sowjetischen Angriff
- Fernsehrede des US-Präsidenten zum Flugzeugabschuß Erklärung Präsident Reagans zum Flugzeugabschuß
Shultz: Abschuß der koreanischen Verkehrsmaschine durch Sowjets
"entsetzlicher Akt"
- Erklärung und Pressekonferenz des US-Außenministers WIRTSCHAFT
Warum braucht der Westen noch immer Exportkontrollen?
- Referat von Unterstaatssekretär Brady vor der Stanford Universität HINTERGRUNDMATERIAL
Interview mit Edward Rowny über Rüstungskontrolle
- Von Morgan Strong Das Kernwaffeninventar der Vereinigten Staaten
Die deutsche Sprache in Amerika
- Eine deutschsprachige Zeitung in Philadelphia berichtete am 5. Juli 1776
als erste über die Annahme der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Perfekte Nachtlandung
- Raumtransporter CHALLENGER vom dritten Einsatz zurück AIDS-Kontrolle für Spenderblut

Um Übcr/cndung von
ßclegeKemploren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 I H 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

36

7. September 1983

REAGAN: KEINE RECHTFERTIGUNG FÜR DEN SOWJETISCHEN ANGRIFF
- Fernsehrede des US-Präsidenten zum Flugzeugabschuß -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat in einer Fernsehansprache
an das amerikanische Volk am 5. September 1983 erklärt, die Sowjetunion schulde
der Welt eine Entschuldigung für den Abschuß einer südkoreanischen Passagiermaschine. Für dieses Massaker gebe es absolut keine Rechtfertigung, weder rechtlich
noch moralisch.

Der amerikanische Präsident kündigte ausgewogene Sanktionen

gegeri die Sowjetunion an.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Meine amerikanischen Mitbürger,
ich trete heute abend vor Sie hin, um über das Massaker an dem koreanischen
Flugzeug zu Ihnen zu sprechen - über den Angriff der Sowjetunion gegen 269 unschuldige Männer, Frauen und Kinder an Bord eines unbewaffneten koreanischen
Passagierflugzeuges.

Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit darf niemals

in Vergessenheit geraten - weder hier noch in der ganzen Welt.
Unsere Gebete heute abend gelten den Opfern und ihren Familien in der Zeit

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�der Zeit ihrer schrecklichen Trauer.

Unsere Herzen sind bei ihnen - tapferen

Menschen wie Kathryn McDonald, der Frau eines Kongreßabgeordneten, deren Haltung
und Ausdruck am Tage des Todes ihres Gatten uns alle bewegte.

Er wird uns allen

hier in der Regierung bitter fehlen.
Die Eltern eines ermordeten jungen Paares telegraphierten mir: "Unsere Tochter ...
und ihr Ehemann ... starben auf dem Flug 007 der Koreanischen Fluggesellschaft.
Ihr Tod war das Ergebnis der Verletzung jeder Vorstellung von Menschenrechten
durch die Sowjetunion".

Die Gefühle dieser Eltern - Trauer, Schock, Zorn -

werden von allen zivilisierten Menschen geteilt. Auf der ganzen Welt lassen
Presseberichte eine Explosion der Verurteilung durch alle Menschen erkennen.
Lassen Sie mich in aller Deutlichkeit sagen:

Es gibt absolut keine Recht-

fertigung - weder rechtlich noch moralisch - für das, was die Sowjets getan haben.
Eine Zeitung in Indien schrieb: Wenn jedes Passagierflugzeug ... Freiwild für die
Luftwaffen ist...,dann wird das das Ende der Zivilluftfahrt, wie wir sie kennen,
bedeuten".
Das ist nicht das erstemal, daß die Sowjetunion auf ein Zivilflugzeug geschossen und es getroffen hat, wenn es ihr Territorium überflog. In einem
anderen tragischen Fall im Jahre 1978 schössen die Sowjets ebenfalls ein unbewaffnetes Zivilflugzeug ab, nachdem sie es einwandfrei als solches identifiziert
hatten. In jenem Falle hatte der Pilot des sowjetischen Abfangjägers die zivilen
Kennzeichen am Rumpf des Flugzeuges eindeutig identifiziert; den Befehl, auf
ein Zivilflugzeug zu schießen, wiederholt angezweifelt; und er erhielt trotzdem
schließlich den Befehl, es abzuschießen. Das Flugzeug wurde von einer Rakete
getroffen und machte eine Notlandung. Bei diesem Angriff verloren mehrere
unschuldige Menschen ihr Leben - getötet durch Splitter bei der Explosion einer
sowjetischen Rakete.
Handeln andere Staaten der Welt auch so?

Die Antwort ist Nein.

Linienflug-

zeuge aus der Sowjetunion und aus Kuba haben bei zahlreichen Gelegenheiten

- 2 -

�zahlreichen Gelegenheiten sensitive militärische Einrichtungen der Vereinigten
Staaten überflogen.

Sie wurden nicht abgeschossen.

Wir und andere zivilisierte

Länder glauben an die Tradition, Seeleuten und Piloten, die auf See oder in der
Luft vermißt sind oder sich in Not befinden, Hilfe angedeihen zu lassen.

Wir

glauben an Verfahren, um eine Tragödie zu verhindern, nicht um eine zu provozieren.
Aber trotz der Barbarei ihres Verbrechens, der weltweiten Reaktion darauf und
des Beweises ihrer Schuld weigern sich die Sowjets noch immer, die Wahrheit zu
sagen.

Sie haben sich beharrlich geweigert zuzugeben, daß ihr Pilot auf das

koreanische Flugzeug geschossen hat.

Sie haben ihren eigenen Leuten noch nicht

einmal mitgeteilt, daß ein Flugzeug abgeschossen wurde.
Sie haben ein verworrenes Märchen erfunden, das Flugzeug mit Radar verfolgt
zu haben, bis es of mysteriöse Weise ganz einfach von ihren Radarschirmen verschwunden sei; daß niemand auch nur einen Schuß abgegeben habe. Aber dann verbanden sie das Ganze mit Behauptungen, es habe sich um ein von uns gesandtes
Spionageflugzeug gehandelt; und daß ihre Flugzeuge Warnschüsse mit Leuchtspurmunition abgegeben hätten, um das Flugzeug darauf aufmerksam zu machen, daß es
sich in sowjetischem Luftraum befinde.
Lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen und die unwiderleglichen Beweise
vorlegen, die wir besitzen: Die koreanische Linienmaschine, eine Boeing 747
(Jumbo-Jet) verließ Anchorage in Alaska mit Bestimmungsort Seoul, Korea, auf
einem Süd- und Westkurs, der sie über Japan führen sollte,

über dem Pazifik in

internationalen Gewässern befand sie sich eine kurze Zeit in der Nähe eines
unserer Aufklärungsflugzeuge, einer RC-135 auf einem Routineflug.
befand sich zu keinem Zeitpunkt in sowjetischem Luftraum.

Die RC-135

Das koreanische

Linienflugzeug setzte seinen Flug fort, und die beiden Maschinen befanden sich
rasch in weiter Entfernung voneinander.
Die 747 ist mit modernsten computergesteuerten Navigationsmitteln ausgerüstet,
aber ein Computer antwortet nur das, was ihm von Menschenhand eingegeben wurde.

- 3 -

�eingegeben wurde.

Niemand wird je herausfinden können, ob dem Computer ein

falscher Kurs eingegeben wurde oder ob es sich um eine Funktionsstörung handelte.
Wie dem auch immer sei, die 747 flog weiter westlich, als sie fliegen sollte einen Kurs, der sie in sowjetischen Luftraum führte.
Die Sowjets verfolgten dieses Flugzeug zweieinhalb Stunden lang, während es
in einer Höhe von 30 000 bis 35 000 Fuß (rund 10 000 m) einen geraden Kurs flog.
Nur Zivilflugzeuge fliegen auf diese Weise. An einem Punkt gab der koreanische
Pilot der japanischen Luftkontrolle seinen Standort als östlich von Hokkaido,
Japan, an, was zeigte, daß er nicht bemerkte, daß sie um mindestens 100 Meilen wenn nicht mehr - vom Kurs abgewichen waren.
Die Sowjets ließen DUsenabfangjä'ger von einem Stützpunkt auf der Insel
Sachalin starten.
Japanische Bodenstellen zeichneten den Sprechfunkverkehr der Abfangjäger auf ihren Sprechfunkverkehr mit ihrer eigenen Bodenkontrolle. Wir haben nur die
Stimmen der Piloten; der Sprechfunkverkehr Boden-Flugzeug wurde nicht aufgenommen.
Aus den Worten des Piloten geht jedoch ganz eindeutig hervor, daß er auf Befehle
und Fragen seiner eigenen Bodenkontrolle antwortete.
Hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Tonband, das ich morgen in seiner ganzen
Länge vor den Vereinten Nationen abspielen lassen werde:
Zeit (GMT)
1818:34

an
"Deputat"
(Rufzeichen der
sowjetischen Bodenkontrolle)

805
(Sow. Kampfflugzeug SU-15)

Text
Die A.N.0. Navigationslichterbrennen. Die Blinkleuchte
brennt.

163
(Sow. MIG-23)

Roger, ich bin auf 7500 Fuß,
Kurs 230.

von

1818:56

Deputat

1819:02

Deputat

805

Ich bin nahe am Ziel.

1826:20

Deputat

805

Ich habe die Rakete abgefeuert.

- 4 -

�1826:22

Deputat

805

Das Ziel ist vernichtet.

1826:27

Deputat

805

Ich breche den Angriff ab.

Das waren die Stimmen der sowjetischen Piloten.
Auf diesem Band beschreibt der eine die Suche nach dem,wie er es bezeichnet,
"Ziel". Er berichtet, daß er in Sichtweite sei; er nähert sich dem koreanischen
Flugzeug auf weniger als eine Meile, berichtet, daß die Blinkleuchte brennt und
daß die Navigationslichter brennen. Er berichtet dann, daß er seine Geschwindigkeit
verringert, um sich hinter das Linienflugzeug zu setzen; er gib seinen Abstand
von der Maschine an verschiedenen Punkten seines Manövers an; und er gibt schließlich
das bekannt, was man nur als das Massaker an der koreanische Linienmaschine bezeichnen kann, Er teilt mit, daß er das Radar eingeschaltet habe, das seine
Raketen ins Ziel lenkt; diese Raketen abgefeuert hat; daß das Ziel vernichtet ist;
und daß er seinen Angriff abbricht.
Lassen Sie mich noch auf etwas hinweisen, was mit dem engen Sichtkontakt mit
dem Linienflugzeug in einer, wie wir wissen, klaren Halbmondnacht zu tun hat.
Die 747 hat eine einmalige und eindeutige Silhouette, die keiner irgendeines
anderen Flugzeuges in der Welt ähnlich sieht.

Es gibt gar keine Möglichkeit,

daß ein Pilot sie für irgend etwas anderes halten könnte als ein Zivilflugzeug.
Und wenn das noch nicht genügt, dann lassen Sie mich darauf hinweisen, daß unsere
RC-135, von der ich vorher gesprochen habe, seit einer Stunde auf ihrem Stützpunkt
in Alaska gelandet war, als der mörderische Angriff über der Japanischen See
stattfand.
Und möge sich niemand täuschen, dieser Angriff war nicht nur gegen uns oder
die Republik Korea gerichtet.

Das war die Sowjetunion gegen die Welt und die

moralischen Vorstellungen, die die menschlichen Beziehungen unter Völkern überall
bestimmen.

Es war ein Akt der Barbarei, geboren aus einer Gesellschaft, die bewußt

- 5 -

�die bewußt die Rechte des einzelnen und den Wert des menschlichen Lebens mißachtet
und sich ständig auszudehnen sucht, um andere Nationen zu beherrschen.
Sie streiten die Tat ab, aber in ihren widersprüchlichen und irreführenden
Protesten lassen die Sowjets erkennen, daß selbst der Abschuß eines Flugzeuges «•
selbst wenn Hunderte unschuldiger Männer, Frauen und Kinder an Bord sind zu ihrem normalen Verfahren gehört, wenn sich ein Flugzeug in dem von ihnen beanspruchten Luftraum befindet.
Sie schulden der Welt eine Entschuldigung und ein Angebot, sich dem Rest der
Welt anzuschließen bei der Ausarbeitung eines Systems, um davor zu schützen, daß
jemals wieder so etwas passiert.

Uns anderen bleibt unter anderem eine Schutz-

maßnahme: Eine internationale Wellenlänge, auf denen Piloten mit Flugzeugen
anderer Länder in Kontakt treten können, wenn sie in Schwierigkeiten sind oder
sich verirrt haben.

Sowjetische Militärflugzeuge sind nicht mit solchen Geräten

ausgerüstet, denn diese würden es Piloten leichter machen, die überlaufen wollen.
Unser Ersuchen, Schiffe in sowjetische Gewässer zu entsenden, um nach Flugzeugteilen und Toten zu suchen, wurde nicht befriedigend beantwortet. Die
trauernden Familien der japanischen Opfer wurden von sowjetischen Patrouillenbooten belästigt, als sie versuchten, sich der Stelle zu nähern, wo das Flugzeug
sein sollte, um für die Toten einen Gottesdienst abzuhalten. Aber eine solch
unmenschliche Brutalität sollte uns nicht überraschen, Man erinnert sich an die
Tschechoslowakei, an Ungarn, Polen und an die Giftgasanschläge auf Dörfer in
Afghanistan. Wenn das Massaker und das darauffolgende Verhalten den Sinn hatte,
einzuschüchtern, so hat es diesen Zweck verfehlt. Ablehnung und Trotz kommen
von überall her auf der Welt angesichts dieses unaussprechlichen Aktes
und
Ablehnung und Trotz gegenüber dem System, das ihn entschuldigt und versucht, ihn
zu vertuschen. Zu unserem Abscheu und unserer Besorgnis kommt ein berechtigter
und furchtbarer Zorn. Es wäre leicht, an Vergeltung zu denken, aber dies ist
keine angemessene Antwort. Wir wollen Gerechtigkeit und wollen Maßnahmen, daß
dies nie wieder geschieht.
Die unmittelbare

�Die unmittelbare Herausforderung angesichts dieser furchtbaren Tat besteht
darin, dafür zu sorgen, daß wir die Lüfte sicherer machen und gerechte Entschädigung für die Familien der Getöteten erhalten.
Seit meiner Rückkehr nach Washington haben wir lange Gespräche geführt, das
letzte erst gestern mit der Führung des Kongresses. Im Raum stand ein Gefühl der
Einigkeit, und ich erhielt eine Reihe konstruktiver Vorschläge. Wir werden auch
weiterhin mit dem Kongreß hinsichtlich unserer Reaktion auf dieses Massaker
zusammenarbeiten.
Wie Sie wissen, haben wir die Welt unverzüglich die schockierenden Tatsachen
so ehrlich und umfassend wissen lassen, wie sie uns erreichten.
Wir haben die Sowjets wissen lassen, daß wir unser bilaterales Verkehrsabkommen so lange nicht erneuern werden, wie sie die Sicherheit der zivilen Luftfahrt bedrohen.
Seit 1981 ist der sowjetischen Luftlinie Aeroflot das Recht verwehrt, in die
Vereinigten Staaten zu fliegen. Wir haben diese Anordnung bekräftigt und untersuchen weitere Maßnahmen, die wir hinsichtlich der Einrichtungen von Aeroflot
in diesem Land ergreifen können. In Zusammenarbeit mit anderen Ländern wollen
wir bessere Mittel finden, um die Sicherheit der zivilen Luftfahrt zu garantieren;
zusammen mit ihnen werden wir Aeroflot nicht mehr als normales Mitglied der internationalen Gemeinschaft der zivilen Luftfahrt anerkennen, bis die Sowjets den
Rufen der Menschheit nach Gerechtigkeit entsprechen. Ich freue mich, mitteilen
zu können, daß Kanada das Lande- und Auftankrecht der Aeroflot für 60 Tage
suspendiert hat.
Zusammen mit anderen Staaten drängen wir die Internationale Organisation
für Zivilluftfahrt darauf, dieses Verbrechen auf einer dringlichen Sondersitzung
ihres Rates zu untersuchen. Gleichzeitig hören wir höchst sorgfältig auf amerikanische und internationale Privatgruppen wie Piloten- und Passagiervereinigungen

- 7 -

�Passagiervereinigungen und andere, die ein besonderes Interesse an der Sicherheit
der zivilen Luftfahrt haben.
Ich ersuche den Kongreß, eine gemeinsame Resolution zu verabschieden, die
dieses sowjetische Verbrechen verurteilt.
Wir haben die Sowjets darüber informiert, daß wir Verhandlungen über eine
Reihe bilateraler Vereinbarungen aussetzen, die zur Prüfung anstanden.
Zusammen mit Korea und Japan haben wir eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen gefordert, die am Freitag begonnen hat.

Am

ersten Tag schlössen sich uns Korea. Japan, Kanada, Australien, die Niederlande,
Pakistan, Frankreich, China, Großbritannien, Zaire, Neuseeland und die Bundesrepublik Deutschland dabei an, die sowjetische Tat zu verurteilen und unseren
Abscheu zum Ausdruck zu bringen.

Wir hoffen, daß wir bei Wiederaufnahme der

Debatte morgen von weiteren Staaten hören.
Wir beabsichtigen, mit den dreizehn Staaten zusammenzuarbeiten, von denen
Staatsangehörige an Bord des koreanischen Flugzeuges waren, um Entschädigungen
für die Familien all jener zu erreichen, die getötet wurden. Die Vereinigten
Staaten werden innerhalb der nächsten Woche Ansprüche gegenüber der Sowjetunion
geltend machen, um Entschädigungen zugunsten der Angehörigen der Opfer zu erhalten.
Eine solche Entschädigung ist eine unbedingte moralische Pflicht, die die Sowjets
übernehmen müssen.
Im allgemeinen wirtschaftlichen Bereich verdoppeln wir zusammen mit unseren
Verbündeten unsere Anstrengungen, den Fluß militärischer und strategischer Güter
in die Sowjetunion zu einem Ende zu bringen.
Außenminister Shultz wird nach Madrid fliegen, um sich dort mit den Vertretern
von 35 Ländern zu treffen, die über drei Jahre hinweg ein Abkommen ausgehandelt
haben, das sich unter anderem mit den Menschenrechten beschäftigt.

- 8 /

Es ist

�Es ist vorgesehen, daß auch der sowjetische Außenminister Gromyko an diesem
Treffen teilnimmt.

Wenn er zu diesem Treffen kommt,wird Außenminister Shultz ihm

unsere Forderungen hinsichtlich der Enthüllung der Tatsachen unterbreiten, hinsichtlich der Maßnahmen zur Abhilfe und hinsichtlich konkreter Zusicherungen, daß sich
dergleichen nicht wieder ereignen wird und daß Ersatz geleistet wird.
Während wir mit anderen Ländern zusammenarbeiten, damit Recht geschieht,
zeigt sich die wirkliche Probe für unsere Entschlossenheit darin, ob wir den Willen
haben, stark, standhaft und einig zu bleiben.

Ich habe mehr denn je die Überzeu-

gung, daß dies der Fall sein wird - wie Tausende und Abertausende von Telegrammen
und Anrufen in den vergangenen Tagen bewiesen haben.
Ich habe einige der Schritte dargelegt, die wir in Reaktion auf dieses
tragische Massaker ergreifen werden. Da ist etwas, woran ich immer geglaubt habe,
aber was jetzt wichtiger ist denn je: Der Kongreß wird, wenn er nach seiner Pause
wieder zusammentritt, vor wichtigsten Fragen der nationalen Sicherheit stehen.
Es gab, ich weiß, bei diesem Thema legitime Meinungsunterschiede, aber ich dringe
darauf, daß die Mitglieder dieses Hohen Hauses die sowjetische Aggression lang
und sorgfältig abwägen, während sie über die Sicherheit unseres Volkes, ja, aller
Völker, die an die Freiheit glauben, nachdenken.
Senator Henry Jackson, ein kluger und geschätzter Staatsmann, ein Kenner der
Sowjets wie wohl kaum ein anderer Amerikaner in der Geschichte, warnte uns:
"Die größte Bedrohung, vor der die Vereinigten Staaten jetzt stehen, ist die Sowjetunion".

Aber Senator Jackson sagte auch: "Wenn Amerika eine starke Abschreckung

aufrechterhält - und nur dann -, wird diese Nation auch weiterhin ein Führer in
der entscheidenden Frage nach dauerhaftem Frieden zwischen den Nationen sein".
Der verstorbene Senator erklärte dies im Juli im Senat, als er zum MX-Raketenprogramm sprach, das er als entscheidend für die Wiederherstellung der strategischen
Parität Amerikas gegenüber den Sowjets ansah.
Als John F. Kennedy

- 9 -

�Als John F. Kennedy Präsident war, war der Anteil der Verteidigungsausgaben
am Bundeshaushalt um 70 Prozent höher, als er dies heute ist.

Seither hat die

Sowjetunion die massivste militärische Aufrüstung betrieben, die die Welt je
gesehen hat.

Solange sie nicht bereit ist, Teil der übrigen Weltgemeinschaft zu

werden, müssen wir die Stärke aufrechterhalten, die zur Abschreckung ihrer
Aggression nötig ist.
Aber während wir dies tun, dürfen wir nicht unsere Anstrengungen aufgeben,
sie in die Weltgemeinschaft der Nationen einzubeziehen.

Frieden durch Stärke,

solange dies notwendig ist - aber kein Aufgeben der Anstrengung, den Frieden durch
wechselseitige, verifizierbare Verringerungen der Kriegswaffen herbeizuführen.
Ich habe von Verhandlungen gesprochen, die wir als Ergebnis des Massakers an den
Passagieren des Flugzeugs der koreanischen Luftlinie unterbrochen haben; aber wir
können und dürfen nicht unsere Anstrengungen aufgeben, die Arsenale der zerstörerischen Waffen zu verringern, die die Welt bedrohen.

Botschafter Nitze ist nach

GenfTurückgekehrt, um die Verhandlungen über nukleare Mittel Streckenwaffen in
Europa wiederaufzunehmen.

Desgleichen werden wir auch weiterhin auf Rüstungs-

verringerungen bei den START-Gesprächen drängen, die im Oktober wiederaufgenommen
werden.

Wir sind mehr denn je entschlossen, diese über der Menschheit liegende

Bedrohung zu verringern und, wenn möglich, zu beseitigen.
Wir wissen, daß es schwer sein wird, einen Staat, der sein eigenes Volk mit
Gewalt regiert, dazu zu bringen, die Anwendung von Gewalt gegen die übrige Welt
zu beenden.

Aber wir müssen es versuchen.

Dies ist keine Rolle, die wir angestrebt haben - wir predigen keine Doktrin
der Weltherrschaft.

Aber genau wie bei den Amerikanern, die dieses Land besiedelten

und die letzte, beste Hoffnung der Menschheit hervorbrachten, fordert die Geschichte
auch viel von den Amerikanern unserer Zeit.

Wir haben schon vieles gegeben.

wir müssen bereit sein, noch viel mehr zu geben.
Lasseh Sie uns

- 10 -

Und

�Lassen Sie uns, mit Abraham Lincolns Worten, den Glauben haben, "daß Recht
Macht bringt.

Und laßt uns, in dieser Überzeugung, schließlich den Mut aufbringen,

unsere Pflicht so zu tun, wie wir sie verstehen".

Wenn wir dies tun, wenn wir

zusammenstehen und mit Mut nach vorn gehen, dann wird die Geschichte einst
berichten, daß aus jenem monströsen Schlechten etwas Gutes kam, das wir mit uns
tragen und an das wir uns für den Rest unseres Leben

+++++

- 11 -

erinnern können.

�y
»

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

36

7. September 1983

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT REAGANS ZUM FLUGZEUGBESCHUSS

SANTA BARBARA - (AD) - Mit aller Schärfe hat Präsident Reagan den
Abschuß einer südkoreanischen Passagiermaschine durch ein sowjetisches
Kampfflugzeug verurteilt.

Dies sei ein "entsetzlicher und mutwilliger"

Gewaltakt, heißt es in einer am 1. September 1983 veröffentlichten Erklärung des amerikanischen Präsidenten.

Die bisherigen sowjetischen Erklä-

rungen hierzu hätten in keiner Weise Klarheit schaffen können, warum und
wie es zu diesem tragischen Ereignis gekommen sei.

Die Vereinigten Staa-

ten verlangten eine volle Darlegung und Klärung dieses Zwischenfalles.
Die Erklärung Präsident Reagans hat folgenden Wortlaut:
Ich spreche für alle Amerikaner und für die Menschen überall in der
Welt, die sich zivilisierter Werte erfreuen, wenn ich gegen den sowjetischen Angriff auf ein unbewaffnetes, ziviles Passagierflugzeug protestiere,
Worte können kaum unsere Empörung über diesen schrecklichen Gewaltakt ausdrücken,

Die Vereinigten Staaten schließen sich den anderen Mitgliedern

der Völkergemeinschaft an und verlangen eine völlige Klärung dieser entsetzlichen und mutwilligen Untat.
Die bisherigen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die bisherigen sowjetischen Erklärungen konnten in keiner Weise Klarheit darüber schaffen, wie und warum es zu dieser Tragödie kommen konnte.
Ja, der ganze Vorfall scheint für zivilisierte Menschen überall in der Welt
unerklärlich zu sein.
Meine Frau und ich möchten den Familien der Opfer unser tiefstes Mitgefühl aussprechen.

Unsere Gebete sind in dieser Zeit des Schmerzes bei

ihnen, und ich versichere ihnen persönlich, daß ich alles in meiner Macht
Stehende tun werde, um dieser Tragödie auf den Grund zu gehen.

Ich habe

angeordnet, daß die Flaggen auf allen Bundeseinrichtungen und allen amerikanischen Militärstützpunkten in der Welt auf halbmast gesetzt werden.

+ + + + +

�Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

36

7. September 1983

SHULTZ: ABSCHUSS DER KOREANISCHEN VERKEHRSMASCHINE DURCH SOWJETS
"ENTSETZLICHER AKT"
- Erklärung und Pressekonferenz des US-Außenministers -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister George Shultz
hat den Abschuß einer südkoreanischen Verkehrsmaschine durch ein sowjetisches Kampfflugzeug als einen "entsetzlichen Akt" verurteilt.

Auf einer

Pressekonferenz am 1. September 1983 teilte Shultz mit, daß noch in der
Nacht, als der Abschuß der Boeing 747 mit 269 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord bekannt wurde, Kontakt mit den Sowjets aufgenommen
und später der sowjetische Geschäftsträger in das Außenministerium gerufen und ihm die "ernste Besorgnis" der amerikanischen Regierung über diesen Zwischenfall mitgeteilt worden sei.
Die Erklärung des amerikanischen Außenministers zu Beginn seiner
Pressekonferenz hat folgenden Wortlaut:
Um 14.00 Uhr GMT am gestrigen Tag (31. August) startete in Anchorage,
Alaska, eine Boeing 747 der Korea Airlines auf dem Wege von New York nach
Seoul.

An Bord befanden sich 269 Passagiere und Besatzungsmitglieder, ein-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Besatzungsmitglieder, einschließlich des Kongreßabgeordneten Lawrence P.
MacDonald.
Etwa um 16,00 Uhr GMT tauchte das Flugzeug auf dem sowjetischen
Radar auf.
folgt.

Es wurde von diesem Zeitpunkt an ständig von den Sowjets ver-

Das Flugzeug geriet über der Halbinsel Kamtschatka, über dem

Ochotskischen Meer und über der Insel Sachalin in sowjetischen Luftraum.
Die Sowjets verfolgten das Flugzeug der zivilen Fluggesellschaft
etwa zweieinhalb Stunden.

Ein sowjetischer Pilot berichtete um 18.12 Uhr

GMT über Sichtkontakt mit der Maschine.

Das sowjetische Flugzeug stand,

wie wir wissen, in ständigem Kontakt mit seiner Bodenkontrollstelle.
Um 18.21 Uhr berichtete der sowjetische Pilot, das koreanische
Flugzeug befinde sich in 10 000 Metern Höhe. Um 18.26 Uhr berichtete
der sowjetische Pilot, er habe eine Rakete abgefeuert und das Ziel sei
vernichtet.
Um 18.30 Uhr befand sich das koreanische Flugzeug nach Radar-Messungen in 5000 Metern Höhe. Um 18.38 Uhr verschwand das koreanische
Flugzeug von den Radar-Schirmen.
Wir wissen, daß mindestens acht sowjetische Kampfflugzeuge sich
zum einen oder anderen Zeitpunkt mit dem Linienflugzeug befaßten. Der
Pilot, der das Flugzeug abschoß, berichtete nach dem Angriff, daß er wirklich eine Rakete abgefeuert und das Ziel zerstört habe und daß er abdrehe.
Etwa eine Stunde später wiesen sowjetische Flugüberwacher eine Reihe
ihrer Suchflugzeuge an, in der Nähe der letzten Position des koreanischen
Flugzeuges nach den Messungen der sowjetischen Luftüberwachung Such- und
Rettungsaktionen durchzuführen. Eines dieser Flugzeuge berichtete, daß
es auf der Wasseroberfläche in diesem Gebiet Kerosin (Flugzeugtreibstoff)
gesichtet habe.
Vertreter des
. 2 -

�Vertreter des amerikanischen Außenministeriums, vor allem Unterstaatssekretä'r Burt, standen während der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag in
Kontakt mit sowjetischen Regierungsvertretern, um Aufklärung über das Schicksal des Flugzeuges zu erhalten.

Die Sowjets gaben keine Informationen.

Sobald amerikanische Quellen den Abschuß des Flugzeuges bestätigt hatten,
riefen die Vereinigten Staaten in eigenem Namen und im Namen der Republik
Korea den sowjetischen Geschäftsträger ins Außenministerium, um unsere
ernste Besorgnis über den Abschuß eines unbewaffneten Zivilflugzeuges mit
Passagieren verschiedener Nationalitäten an Bord zum Ausdruck zu bringen.
Wir haben ferner dringend eine Erklärung von der Sowjetunion verlangt.
Die Vereinigten Staaten reagieren mit Abscheu auf diesen Angriff.
Der Verlust an Menschenleben scheint groß zu sein.

Wir können keinerlei

Entschuldigung für diesen entsetzlichen Akt finden.

Die anschließenden Fragen und Antworten haben folgenden Wortlaut:
FRAGE: Wird das irgendwelche Änderungen im Umgang mit der Sowjetunion
bewirken? Beispielsweise bezüglich Ihres Zusammentreffens mit Außenminister
Gromyko?
ANTWORT:

Ich möchte sicherlich mit Außenminister Gromyko zusammen-

treffen und hören, was er dazu zu sagen hat.

Natürlich erwarten wir, lan-

ge vorher etwas von der Sowjetunion zu hören.
FRAGE: Standen die Vereinigten Staaten überhaupt über den "Heißen
Draht" mit Moskau in Kontakt, oder gab es in diesem Fall einen Kontakt auf
höchster Ebene?
ANTWORT:

Nein, die Information, die wir besitzen, bekamen wir nach

dem Abschuß dieses Flugzeuges an die Hand.
FRAGE:

Haben

�FRAGE:
ANTWORT:

Haben Sie mit dem Präsidenten schon gesprochen?
Noch nicht, aber der Präsident ist voll informiert, und

ich habe mit dem Weißen Haus an der Westküste gesprochen.

Der Präsident

weiß alles über diesen Fall und ist auf dem laufenden gehalten worden.
Ich habe nur nicht persönlich mit ihm gesprochen.
FRAGE:

Können Sie uns sagen, ob die Sowjetunion dem Flugzeug irgend-

eine Warnung übermittelt und es aufgefordert hat, zu landen; oder ob versucht wurde, es zur Landung zu zwingen, bevor es abgeschossen wurde?
ANTWORT:

Wir haben dafür keine Hinweise.

Offensichtlich gab es

keine Fähigkeit zur Kommunikation zwischen beiden Flugzeugen, aber, wie
aus der Erklärung hervorgeht, brachte sich das sowjetische Flugzeug, das
die Maschine der Fluggesellschaft abschoß, in eine Position, in der es
Sichtkontakt mit dem (koreanischen) Flugzeug hatte, so daß das Flugzeug
in Augenschein genommen werden konnte, um festzustellen, um was es sich
handelte.
FRAGE:

Ist Ihnen bekannt, ob die Sowjets versuchten, die Maschine

der KAL (Koreanische Fluggesellschaft) ohne den Einsatz von Raketen zum
Landen zu zwingen?
ANTWORT: Darüber liegen uns keine Informationen vor. Und wie ich
bereits gesagt habe, hat - soweit wir wissen - keine Kommunikation zwischen
den beiden Flugzeugen stattgefunden, abgesehen davon, daß die Sowjets dieses
Flugzeug zweieinhalb Stunden lang verfolgten; mindestens acht Kampfflugzeuge waren zum einen oder anderen Zeitpunkt in der Nähe, und das Flugzeug,
das die Maschine abschoß, war nahe genug heran, um es in Augenschein zu
nehmen.
FRAGE: Wußten sie etwas über irgendeine besondere Art sowjetischer
Militärübungen oder Manöver oder supermoderne Radaranlagen, die sich in die-

�sich in diesem Gebiet befunden haben könnten, und daß die Sowjets jedermann gewarnt hätten,fernzubleiben?
ANTWORT:
FRAGE:
ANTWORT:

Nein.
Können Sie uns irgendeine Erklärung anbieten?
Wir haben keine Erklärung anzubieten.

Wir können überhaupt

keinerlei Erklärung für den Abschuß eines unbewaffneten Linienflugzeuges
finden, ob es sich im Luftraum eines anderen befindet oder nicht.
FRAGE:

Wollen Sie sagen, daß die Entscheidung, dieses Flugzeug

abzuschießen, auf ziemlich hoher Ebene getroffen wurde, da es doch über
einen langen Zeitraum verfolgt wurde?
ANTWORT:

Ich gebe nur die Tatsachen weiter, die uns bisher bekannt

sind, und ich kann nicht über die mir vorliegenden Fakten hinausgehen.
Ich möchte hier keine Spekulationen anstellen.

Ich versuche, die Tatsachen

darzulegen, die wir kennen, und Ihnen die Haltung der amerikanischen Regierung und meine eigene Einstellung zum Abschuß einer unbewaffneten Linienmaschine aufzuzeigen.
FRAGE:

Meine Frage, Sir, zielte eigentlich darauf ab, ob Sie sich

vorstellen können, daß es über das Ihnen bisher Bekannte irgendeine politische Motivation gegeben haben könnte?
ANTWORT:

Ich kann mir keinerlei politische Motivation für den Ab-

schuß einer unbewaffneten Linienmaschine vorstellen.

+ + + + +

- 5 -

�7. September 1983

36

WARUM BRAUCHT DER WESTEN NOCH IMMER EXPORTKONTROLLEN?
Referat von Unterstaatssekretär Brady vor der Stanford-Universität

WASHINGTON - (AD) - In einem Referat, das der Unterstaatssekretär
für Außenhandelsfragen im amerikanischen Handelsministerium, Lawrence Brady,
am 25. August 1983 vor der Transatlantischen Ost-West-Handelskonferenz der
Stanford-Universität in Kalifornien gehalten hat, erklärte er, "es ist der
wirtschaftlichen Detente... nicht gelungen, ein verbrieftes Interesse der
Sowjetunion an der Mäßigung in ihrem revolutionären und expansionistischen
Verhalten zu begründen."

Er unterstrich deshalb die Notwendigkeit für die

Vereinigten Staaten, den bestehenden Ausfuhrkontrollmechanismus beizubehalten, auch wenn ihre Verbündeten in dieser Frage mit der amerikanischen Politik nicht vollkommen übereinstimmen.
Die Ausführungen Bradys haben, in Auszügen, folgenden Wortlaut:
Die Weltordnung, die sich in den achtziger Jahren herausbildet, wird
tief beeinflußt von den sowjetischen Möglichkeiten und der Art ihrer Nutzung durch die Sowjetunion.

Sie wird ferner durch die Art und Weise geprägt

werden, wie der Westen seine Beziehungen zur Sowjetunion und deren Verbündeten gestaltet.

Sicherlich werden die führenden Politiker im Westen auch be-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
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Telex: 8-85432

�auch bemüht bleiben, die Zusammenarbeit mit der sowjetischen Führung auf
Gebieten von gemeinsamem Interesse wie Rüstungskontrolle, naturwissenschaftliche Forschung, Medizin etc. in der Hoffnung weiterzuführen, daß die politischen Meinungsverschiedenheiten im Laufe der Zeit bereinigt werden können.
Die westlichen Führer müssen der Sowjetunion aber auch ihre Entschlossenheit
dartun, zu verhindern, daß die Technologie und die Hilfsquellen des Westens
von den Gegnern der westlichen Ideale dazu benutzt werden, die sozialen,
politischen und wirtschaftlichen Ziele der pluralistischen Demokratien zu
untergraben.
Angesichts des militärischen Aufbaus und der zerstörerischen politischen Aktionen der Sowjets in den siebziger Jahren ist es für den Westen
nur logisch, eine Politik zu betreiben, die die Sowjetunion dadurch zur
friedlichen Zusammenarbeit bringt, daß die Kosten für einen weiteren militärischen Aufbau oder für die Eskalation repressiver und abenteuerlicher
Aktivitäten immer größer werden-..
Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre im Ost-West-Handel haben über
jeden Zweifel hinaus gezeigt, daß eine liberale Handelspolitik für sich
allein genommen keine hinreichende Voraussetzung für den Frieden oder für
die Weckung friedlicher politischer Absicht auf Seiten unserer Gegner ist.
Die wirtschaftliche Detente, die den Sowjets sicherlich ein echtes Interesse am Erwerb westlicher Güter und Technologien einbrachte, vermochte
nicht,auch ein echtes Interesse der Sowjets an einer Mäßigung in ihrem revolutionären und expansionistischen Verhalten zu wecken. Ganz im Gegenteil:
In dem Maße, in dem die sowjetische technologische Stärke zunimmt, richten
die Sowjets ihre Absichten immer deutlicher darauf, ihren politischen und
militärischen Einfluß weiter auszudehnen als je zuvor...
Die Detente hat die Sowjetunion zu größerem Wagemut im Gebrauch
ihrer Macht innerhalb der internationalen Völkergemeinschaft angespornt,
nicht aber zu einer Liberalisierung erheblichen Grades im eigenen Lande.
Die Sowjets wurden in ihren Vorstellungen von ihrem Eigeninteresse am

�Eigeninteresse am Handel mit dem Westen noch durch ihre Vorstellungen von
einer zunehmenden Abhängigkeit des Westens von den Märkten im Osten bestärkt - eine Abhängigkeit, die sie eifrig für politische Zwecke zu nutzen
suchten. Statt in die Lage zu kommen, ihren Handel mit den Sowjets jeweils
so zu gestalten, wie es das politische Geschehen erfordert, sahen sich die
Völker des Westens gezwungen, auf die Forderungen nach einer immer größeren
Liberalisierung einzugehen, während sich die Rezession in aller Welt immer
mehr vertiefte.
Im Gegensatz zu den Erwartungen hat die Fähigkeit der Sowjetunion,
westliche Technologie aufzunehmen und sich zu eigen zu machen, stark zugenommen - wodurch jedes neue Gerät und jede neue Technologie, die den Sowjets
geliefert werden, die führende Stellung des Westens auf dem Gebiet der
Technologie nur umso stärker gefährdet. In ähnlicher Weise hat die Einbeziehung der staatlich gelenkten Volkswirtschaften mit ihren Kompensationspraktiken in die internationalen Märkte bisher noch kaum richtig verstandene schwere Störungen der westlichen Mechanismen für die Finanzierung,
die Preisgestaltung und die Produktion mit sich gebracht. Kurz, der wirtschaftliche Einfluß des Ostens auf den Westen hat sich bisher als größer
erwiesen,als der des Westens auf den Osten...
Der Westen muß heute, mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte, eine strategische Wirtschaftspolitik aufrechterhalten, die die
Verwundbarkeit des Westens durch den Transfer neuer Technologien auf staatlich gelenkte Volkswirtschaften verringert und gleichzeitig die Vorteile
des friedlichen Handels erhalten hilft.

Nur eine einfühlsame und koordi-

nierte wirtschaftliche Sicherheitspolitik in Gestalt der Außenhandelskontrollen, die mit der größtmöglichen Einigkeit unter den Verbündeten
angewandt werden, kann uns helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Bedauer-

licherweise begreifen die Sowjets weit besser als die meisten Politiker
und Denker im Westen, daß der Welthandel zu einem der wichtigsten Gebiete
des Wettbewerbs in der Auseinandersetzung zwischen den politisch-wirtschaftlichen Systemen des Ostens und des Westens geworden ist.
Die Nutzung
- 3 -

�Die Nutzung westlicher Technologie durch die Sowjets
Als die Reagan-Administration ihr Amt übernahm, gab sie eine Untersuchung in Auftrag, die im April 1983 veröffentlicht worden ist.

Sie do-

kumentiert den Umfang, in dem Technologie aus dem Westen durch doppelgleisige Nutzung für militärische Zwecke mißbraucht

wird.

Das Lastkraft-

wagenwerk am Fluß Kama dient vor anderen als ein hervorragendes Beispiel
für das Ausmaß, in dem die Sowjets westliche Technologie zur Förderung
ihrer aggressiven militärischen Ziele benutzen.

Das Kama-Lastkraftwagen-

werk produziert fast die doppelte Zahl von schweren Motoren wie Karosserien.
Eine große Zahl dieser Motoren werden, so nimmt man an, in gepanzerte Mannschaftstransportfahrzeuge und selbst in Panzer der Staaten des Warschauer
Paktes eingebaut.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Technologie des
Westens die sowjetische Expansion in den Jahren der Detente erheblich gefördert hat. Sie hat erheblich zur Verbesserung der sowjetischen Rüstung,
ihrer Spionagegeräte und ihrer wirtschaftlichen Macht beigetragen. Erhebliche Fortschritte, insbesondere auf dem Gebiet der Mikroelektronik,
stellen nunmehr den qualitativen militärischen Vorsprung des Westens in
Frage. Weil die Sowjetunion hinsichtlich der Waffenentwicklung eine Haltung einnimmt, die sich sehr von der des Westens unterscheidet, zieht sie
aus dem Transfer westlicher Technologie für die eigene Forschung und Entwicklung doppelten Nutzen: Sie verbessert einmal ihre eigene Waffensysteme, und erwirbt zum anderen das technische Wissen, Abwehrmaßnahmen
gegen Systeme des Westens zu produzieren. Angesichts der neuen strategischen Verteidigungstechnologien, die sich gegenwärtig in Entwicklung
befinden und bei denen ein Vorsprung von entscheidender Bedeutung ist,
muß der Westen darauf hinarbeiten, seine Abwehrsysteme so umfassend und
so einsatzbereit wie nur möglich zu gestalten und sie noch stärker koordinieren.
Die Sowjetunion
- 4 -

�Die Sowjetunion investiert den Gegenwert von Hunderten von Milliarden Dollar jährlich in die Waffenentwicklung.

Es ist paradox, daß die

Sowjetunion gerade in der Zeit von 1960 bis 1980, in der dort die Investitionen, der Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung und die Wachstumsraten des
Bruttosozialproduktes stark zurückgingen, ihre Verteidigungsausgaben so
sehr steigerte.

Die Verteidigungsausgaben bezifferten sich in der Zeit

von 1961 bis 1970 auf schätzungsweise 157 000 Millionen Dollar im Jahr,
und in der Zeit von 1971 bis 1980 auf schätzungsweise 223 000 Millionen
Dollar.

Die sowjetische! Verteidigungsausgaben nehmen mindestens 15 Prozent

des Bruttosozialproduktes in Anspruch - das ist nahezu das Doppelte ihres
Anteils in den Vereinigten Staaten.

Die Kontroverse um die Exportkontrollen
In den letzten zweieinhalb Jahren versuchte die Reagan-Administration,die Exportkontrollen dazu zu benutzen, dem wachsenden Strom an sicherheits-relevanten Technologien nach dem sowjetischen Block Einhalt zu gebieten und die politische Legitimität des aggressiven sowjetischen Vorgehens bloßzustellen.

Das hatte die Anwendung von Exportkontroll maßnahmen

sowohl in Rücksicht auf die nationale Sicherheit als auch um außenpolitische
Zielsetzungen willen zur Folge...
Die Sanktionen stießen auf Widerstand und lösten mehrere Kontroversen aus.

Die Vertreter gewisser Denkschulen sowohl in den Vereinigten

Staaten als auch in Europa sehen sie als den Grund für die übermäßigen
Spannungen zwischen dem Westen und seinen Gegnern und auch für Spannungen
unter den Alliierten an.
Der Frage der amerikanischen Exportkontroi 1 politik liegt die noch
wichtigere Frage zugrunde, die auch Motor der gesamten Sanktionen ist:
die Destabilisierung der Detente in der Zeit nach 1979. Bekanntlich wurden viele der ursprünglichen Annahmen in bezug auf die Detente in den

- 5 -

�in den letzten Jahren ernsthaft in Zweifel gezogen.

Für einige Leute be-

deutet dies, daß wir eine neue, vorsichtigere Haltung gegenüber dem Sowjetblock einnehmen sollten.

Die Meinungsverschiedenheiten in der Frage der

Exportkontrollen spiegeln zum Teil auch die Meinungsverschiedenheiten in
der Frage wider, welche Politik in den achtziger Jahren in den Ost-WestBeziehungen an die Stelle der Detente treten soll.
Die Sowjetunion versucht,diese Debatte über die Ost-West-Beziehungen
dazu zu benutzen, einen Keil zwischen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten zu treiben.

Sie benutzt ihr Gewicht auf dem Gebiet des Handels

und der Energieversorgung dazu, die Streitfragen zwischen Ost und West zu
verschlimmern - und das in einem Jahr, in dem das Gesetz, das die Ausfuhrkontrolle autorisiert, zur Überarbeitung und Verlängerung ansteht.

Die

Angelegenheit wird so dargestellt, als handele es sich eindeutig um eine
Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.

Es handelt

sich hier aber nicht um einen Streitfall "Vereinigte Staaten gegen Europa",
sondern um eine weitreichende und grundlegende Debatte, die viele Elemente
in jedem einzelnen NATO-Land in Anspruch nimmt.

Sie schließt eine Neube-

wertung aller Fragen des Ost-West-Handels ein - von der Finanzierung bis
zur Energieabhängigkeit...

Wirtschaftsrationalismus
Vor allem eine Denkschule war rasch dabei, ihre Haltung in der
Debatte über den Ost-West-Handel zu artikulieren. Ich spreche von der
Schule des "Wirtschaftsrationalismus". Diese Denkschule benutzt Argumente wirtschaftlicher Art dazu, einer Verstärkung des Handels mit der
Sowjetunion und einer Verringerung der Kontrollen sowohl aus Gründen der
nationalen Sicherheit als auch um außenpolitischer Ziele willen das Wort
zu reden. Es ist verständlich, daß der Staat und die private Wirtschaft
nach neuen Märkten Ausschau halten, wenn es im Westen zu einer Schrumpfung
der Wirtschaftstätigkeit kommt, wie dies im Jahr 1973 und 1979 der Fall

- 6 -

�der Fall war.

Im Verein mit dieser natürlichen Reaktion wurden Ideen

und Theorien vertreten, die hinsichtlich ihres Ausmaßes oder Blickwinkels
als nicht unbedingt unparteiisch anzusprechen sind.
Eine dieser Theorien besagt, daß die Exportsanktionen von den Vereinigten Staaten dazu benutzt werden, einen Wirtschaftskrieg zu führen,
woraus man dann den Schluß zieht, die amerikanische Regierung nehme an,
daß gewisse Sektoren der sowjetischen Wirtschaft zusammenbrechen werden,
sobald die Exporte des Westens ausbleiben.

Das ist eine irrige Definition

der Problemstellung und des Inhalts dieser Politik.

Ziel der Sanktionen

ist es nicht, die sowjetische Wirtschaft zum Zusammenbruch zu bringen, sondern politische und wirtschaftliche Verwundbarkeiten im Westen zu verhindern und einen strengen politischen Tadel aussprechen zu können, wenn ein
solcher am Platze ist...
Der ernsthafteste politische Schaden, den wir der Sowjetunion zufügen können, wenn sie den internationalen Normen zuwiderlaufende Verhaltensweisen an den Tag legt, besteht darin, sie in diesem Verhalten international bloßzustellen.

Immer wenn im Westen ein solcher wirtschaftlicher

Tadel formuliert, debattiert und in die Praxis umgesetzt wird, erwacht
das Bewußtsein der westlichen Öffentlichkeit.

Der breite Raum, den die

Medien einer solchen Politik widmen, hilft im Verein mit den Sanktionen
als solchen mit, die Legitimität des fraglichen sowjetischen Vorgehens
unglaubwürdig zu machen...
Die Vertreter des "Wirtschaftsrationalismus" weisen ferner darauf
hin, daß Sanktionen wenig Aussicht bieten, die Haltung der Sowjets zu verändern, weil diese auch ohne westliche Exporte "zurecht kommen"

und Er-

satz für die mit einem Ausfuhrverbot belegten Waren aus anderen Quellen
jederzeit erhältlich sind. Die Frage, wie sich die sowjetische Haltung
verändern lasse, ist keineswegs die einzig relevante Frage.

Es ist heute

ebenso wichtig, den Grad zu analysieren, in dem die Wirtschaftspolitik
des Bündnisses es der sowjetischen Regierung schwer machen kann, aggressive
- 7 -

�kann, aggressive Ziele innerhalb der Völkergemeinschaft zu verfolgen oder
sich neue solcher Ziele zu setzen...
In den europäischen Ländern entfällt traditionsgemäß ein weitaus
größerer Anteil am Bruttosozialprodukt auf den Handel mit dem sowjetischen
Block.

Ein großer Teil dieses Handels besteht aber, und dürfte auch weiter

hin bestehen, aus geringerwertigen Fertigwaren und landwirtschaftlichen Pro
dukten, die vom COCOM nicht kontrolliert werden, weil sie nicht sicherheitsrelevant sind.

Das Phänomen der Verkäufe'von kontroll Pflichtigen Aus-

rüstungen nicht-amerikanischen Ursprungs an den Sowjetblock steht in engem
Zusammenhang mit anderen politischen und wirtschaftlichen Ereignissen.
Hinzu kommt:

Wenn die Vereinigten Staaten eine

feste

und entschlossene

Haltung einnehmen, können sie damit häufig die Verfügbarkeit von solchen
Gütern und Technologien durch ernsthafte Verhandlungen beeinflussen...
Ein letztes Argument, das die Anhänger der Schule des Wirtschaftsrationalismus vorbringen, besagt, der Handel mit dem sowjetischen Block
solle "normalisiert" werden. Normalisierung des Handels ist jedoch ein
unscharfes Konzept. Der Handel zwischen Gegnern unterliegt nicht denselben
Regeln wie der Handel unter Verbündeten. Es gibt kaum Beweise dafür, daß
es so etwas wie "Normalität" im Handel zwischen marktwirtschaftlich und
nicht-marktwirtschaftlich organisierten Ländern geben kann, weil die Preissysteme und das Geschäftsgebaren sehr unterschiedlich sind. Darüber
hinaus bringen Geschäfte mit Gegnern auf rein kommerziellen Grundsätzen
nicht notwendigerweise eine "Normalisierung" der Gesamtbeziehungen mit
sich. Es können auf anderen Gebieten Spannungen fortbestehen, die die
"Normalisierung" der Gesamtbeziehungen unmöglich machen. Wie könnten die
Vereinigten Staaten beispielsweise es rechtfertigen, die Außenhandelskontrollen zu lockern und der Sowjetunion hochtechnische Produkte zu verkaufen, von denen sie zu einem großen Teil hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung während des nächsten Jahrzehnts abhängig sein wird,
wenn die Sowjets oder ihre Handlanger die Sicherheit der Vereinigten Staaten in Lateinamerika bedrohen.
Schlußbetrachtung
- 8 -

�Schlußbetrachtung
Um die Herausforderungen der achtziger Jahre bestehen zu können,
ist es wichtig für den Westen, Elemente einer umfassenden wirtschaftlichen
Sicherheitspolitik zu entwickeln.

Wir wollen es nicht erleben, daß unser

entscheidend wichtiger Vorsprung in der strategischen Technologie durch unbedachte Transfers an potentielle Gegner zunichte gemacht wird.

Und wir

wollen es auch nicht erleben, daß unsere Volkswirtschaften durch drohende
nationale Bankrotte oder durch die Unterbrechung der Rohstoff- und Energiezulieferungen gefährdet werden.

Wir können es uns nicht leisten, der

Sowjetunion einen unangemessenen Einfluß auf unsere Volkswirtschaften einzuräumen.
Wenn wir hoffen, unseren Handlungsspielraum innerhalb der Weltwirtschaft aufrechterhalten und uns abträgliche militärische und diplomatische
Gelegenheiten der Sowjets begrenzen zu können, müssen wir zusammenstehen
und ein wirksames Exportkontroll System gegenüber dem Sowjetblock anwenden und durchsetzen. Nur eine behutsame Handelspolitik gegenüber der
Sowjetunion wird die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung abwenden und die wirtschaftliche und militärische Stärkeres Westens bewahren
können. Der Westen muß die Kräfte des freien Handels davor bewahren,
eine irreparable Störung des Gleichgewichts der Kräfte zu verursachen.

- 9 -

�36

7. September 1983

INTERVIEW MIT EDWARD ROWNY ÜBER RÜSTUNGSKONTROLLE
- Von Morgan Strong Das nachfolgende Interview mit dem
amerikanischen Chefunterhändler bei
den START-Verhandlungen, Edward Rowny,
erschien in der Ausgabe von "USA TODAY"
vom 31. August 1983. Interviewer war
Morgan Stronq.
Copyright USA TODAY.

USA TODAY: Sie sagen, es habe bei den START-Verhandluncen Bewegung gegeben.
Ihr sowjetischer Gesprächspartner wiederum hat Washington beschuldigt, Zeit zu
schinden. Gibt es Fortschritt?
ROWNY:

Präsident Reagan hat mir die Möglichkeit gegeben, mit großer Flexibilität

an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Er beauftragte mich, so mit den Sowjets

zu verhandeln, daß ihren Besorgnissen Rechnung getragen werden könnte.

Ich habe

den Sowjets während unserer letzten Runde diese Flexibilität gezeigt, und auch
sie haben im Gegenzug einige Flexibilität bewiesen. Wir sind nähe&gt;" an einem
Rahmen, innerhalb dessen wir ein Abkommen erreichen können. Es gibt noch immer
große Meinungsverschiedenheiten, die uns trennen, es gibt also noch keinen echten
Durchbrucho Aber es g w beträchtliche Bewegung, und unsere Seite hat dabei die
Initiative ergriffen.
FRAGE
Sind Sic

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Telex: 8-85432

�FRAGE: Sind Sie hinsichtlich eines Abkommens optimistisch?
ANTWORT: Ich bin hoffnungsvoll. Ich glaube, daß die Sowjets letztlich sehen
werden, daß es auch in ihrem Interesse ist, zu einem Abkommen zu gelangen.
Die Vergangenheit hat ihnen gezeigt, daß sie in der Lage waren, - oder den Eindruck hatten, es sei möglich -, Abkommen zu erlangen, die zu ihrem Vorteil waren.
Dieser Glaube muß ihnen genommen werden. Wir möchten ihnen zeigen, daß wir Abkommen wollen, daß wir Verringerungen wollen, aber daß wir ein ausgewogenes Abkommen brauchen, damit Parität existiert. Wenn wir uns in diese Richtung bewegen,
dann bin ich hoffnungsvoll, daß wir auf diese Weise zu einem Abkommen gelangen
können.
FRAGE: Gibt es denn nicht schon jetzt, grob gesprochen, eineParität bei den Kernwaffen zwischen den USA

und der Sowjetunion?

ANTWORT: Das ist keine Frage, die sich einfach mit Ja oder Nein beantworten läßt.
Es geht darum, daß wir bei einer Reihe destabilisierender Waffensysteme hinten
liegen. Sie haben zum Beispiel bei ihren landgestützten Raketen einen Vorteil
von 3 zu 1 - sowohl hinsichtlich der Anzahl als auch hinsichtlich der Wirkung,
die wir Wurfgewicht nennen. Wir hingegen bewegten uns kaum vorwärts, um während
de1-* SALT Il-Verhandlungen ein Beispiel zu setzen. Diejenigen, die da sagen, es
gäbe in etwa eine Parität, sind nicht richtig informiert. Die Sowjets können
unsere landgestützten Systeme in Gefahr bringen. Sie verfügen über eine Erstschlagkapazität, wir nicht.
FRAGE: Wie wollen diejenigen, die behaupten, es gäbe eine ungefähre Parität,
dies beweisen?
ANTWORT: Da gibt es eine Menge von Annahmen - zum Beispiel, wir hätten bereits
genug Waffen, um schon einiges an Installationen, Städten und Menschen in der
Sowjetunion zu zerstören. Das stimmt nicht. Unser Hauptziel, an das wir glauben,
ist die Schaffung einer Situation der Stabilität in Krisenzeiten

- wir wollen

�wir wollen nicht, daß eine destabilisierende Situation geschaffen wird.
FRAGE: Es stimmt, daß die Sowjets fast 6 000 Interkontinentalraketen haben,
wir etwa 2 000. Allerdings haben wir bei der Gesamtzahl der Kernwaffen
30 000 und sie 20 000. Ist das denn keine Parität?
ANTWORT: Nein, das ist nicht richtig. Das liegt weit daneben. Wenn man diese
Dinge betrachtet, dann muß man auf die Gefechtsköpfe der Raketen sehen - bei den
Interkontinentalraketen (ICBM) wie bei den unterseebootgestützten Raketen (SLBM).
Das sind diejenigen, die in etwa 30 Minuten auf die andere Seite fliegen können.
Hier haben beide Seiten etwa 7 500 Gefechtsköpfe. Wir haben etwa 2 100 ICBMGefechtsköpfe, der Rest sind SLBM-Gefechtsköpfe. Die ICBM-Gefechtsköpfe machen
aber den eigentlichen Unterschied aus, denn sie sind diejenigen mit der Treffgenauigkeit und dem Wurfgewicht,auf die es ankommt. Und ihre ICBM haben das
dreifache Wurfgewicht der unsrigen.
FRAGE: Ihre Raketen sind also besser?
ANTWORT: Die Mehrzahl der unsrigen liegen in der Kategorie unterseebootgest'ützt und
haben daher nicht die Treffgenauigkeit und das Wurfgewicht, um die sowjetischen
Systeme zu gefährden. Ihre Mehrheit liegt bei den ICBM, wo sie die Treffgenauigkeit und das Wurfgewicht haben.
FRAGE: Bedeutet das, daß die Vereinigten Staaten nicht mehr länger vor einem
sowjetischen Angriff abschrecken können?
ANTWORT: Abschreckung ist für jeden etwas anderes, sie ist etwas sehr Subjektives.
Die Sowjets sollten sich abgeschreckt fühlen, denn sogar dann, wenn sie unsere
ICBM zerstört hätten, würde uns eine beträchtliche Streitmacht zur See bleiben,
die nicht angegriffen wäre und die zurückschlagen könnte.
FRAGE: Warum sollten sie dies jemals außer acht lassen?
ANTWORT: Angesichts

�ANTWORT: Angesichts ihrer gewaltigen Zivil Verteidigungsprogramme und der Betonung, die sie auf die Verteilung ihrer Bevölkerung und ihrer Fabriken sowie
auf die Härtung ihrer Raketeninstallationen legen, könnten sie sich möglicherweise nicht abgeschreckt fühlen. Wir wollen die Kluft zwischen unseren beiden
Waffensystemen verringern, damit auch in Zukunft keine sowjetische Führung ein
Gefühl der Abenteuerlust bekommt, weil sie einen gewissen Machtvorsprung hat.
Dann gäbe es auch eine größere Chance dafür, eine Eskalation zu vermeiden.
Darum geht es ganz einfach.
FRAGE: Aber wären die Sowjets denn nicht stets durch das Wissen abgeschreckt,
daß sie durch eine amerikanische Vergeltung gewaltig leiden würden?
ANTWORT: Nur dann, wenn wir ihre Streitkräfte gefährden können - und nicht
einfach nur ihre Städte und die Bevölkerung. Wir haben genug Waffen, um ihre
Städte und die Bevölkerung zu gefährden, aber das genügt nicht für eine stabile
Situation. Wir wollen nicht, daß uns die Gegenschlagkraft aus der Hand gleitet
und sie dadurch das Gefühl bekämen, sie könnten ein Risiko eingehen.
FRAGE: Eskaliert der Bau der MX-Rakete denn nicht das Wettrüsten?
ANTWORT: Nein, überhaupt nicht. Die Sowjets entwickeln bereits eine fünfte
Raketengeneration und wir sind noch immer bei unserer zweiten Generation.
Unsere MINUTEMAN-Raketen sind allmählich veraltet. Wir müssen modernisieren und
zumindest eine dritte Generation bekommen.
FRAGE: Aber die MX ist eine Erstschlagwaffe. Ist dies denn nicht destabilisierend?
ANTWORT: Das MX-Program wird recht zurückhaltend sein; es wird sich auf 100 Raketen
belaufen. Die Sowjets wären keinesfalls in der Lage, zu argumentieren, wir bauten
eine Erstschlagkapazitat auf. Wir dienen der Abschreckung, indem wir versuchen,
die gewaltige Kluft zwischen uns zu verringern. Die MX würde nicht vi^1 dazu
beitragen, die Kluft beim Wurfgewicht zu verringern, denn während wir diese Raketen
aufstellen, stellen wir unser System der ersten Generation außer Dienst. Unser
- 4 -

�Unser Wurfgewicht wird daher dasselbe bleiben.
sein als die MINUTEMAN.

Aber die MX wird treffgenauer

Die Sowjets haben bereits mehr als 640 Raketen, die so

wie die MX oder noch größer sind.

Daher bedeutet die MX überhaupt keinerlei

Eskalation.
FRAGE: Der B-l-Bomber ist in der Produktion; die B-52-Bomber werden mit Marschflugkörpern ausgerüstet.

Die TRIDENT I, eine Unterseeboot-Rakete, wird disloziert,

gefolgt von der TRIDENT II. Gleichzeitig versuchen wir, Verringerungen auszuhandeln.

Ist das nicht ein Widerspruch?

ANTWORT: Ja, das ist es. Aber man darf nicht vergessen, daß Amerika während der
15 Jahre, in denen man über Abrüstung verhandelte, mehr oder weniger auf der
Stelle trat. Es gab einige Verbesserungen hier und da, aber im Vergleich hierzu
haben die Sowjets immer nur gebaut, gebaut und gebaut. Sie haben 16 Prozent ihres
Bruttosozialproduktes in die Streitkräfte gesteckt, wir nur etwa 6 Prozent.
FRAGE: Können wir aufholen und zur selben Zeit verringern?
ANTWORT: Wir modernisieren unsere Unterseeboot-Flotte, aber das wird erst gegen
Ende des Jahrzehnts der Fall sein. Was wir bei den START-Verhandlungen tun, ist,
zu sagen: Wir werden verringern, wenn die Sowjets dasselbe tun. Und wir bieten an,
unsere neuen unterseebootgestützten Raketen vom Typ TRIDENT II etwa um die Hälfte
zu reduzieren. Wir bieten also auch den Sowjets etwas an. Es stimmt, daß wir
luftgestützte Marschflugkörper entwickeln, aber das tun auch die Sowjets. Sie
bleiben nicht stehen.
FRAGE: Sie haben gesagt, es sei schwierig, mit den Sowjets zu verhandeln.

Sind

sie unehrlich?
ANTWORT: Es ist ein Unterschied zwischen Schwierigkeit und Ehrlichkeit.

Ich habe

die Sowjets studiert, ihre Sprache, alles, was je über Verhandlungen mit ihnen
geschrieben wurde.
lungen geführt hat.

Ich habe mich mit jedem unterhalten, der je mit ihnen VerhandEs läßt sich ein gewisses Verhaltensmuster erkennen.
- 5 -

Sie sind

�Sie sind sehr geduldig - wir nicht. Sie sind ein sehr diszipliniertes Volk.
Wir haben von Natur her mit unserer offenen Gesellschaft nicht dieses Maß von
Disziplin.
FRAGE: Wie hilft ihnen diese Disziplin?
ANTWORT: Sie sind sehr hartnäckige Unterhändler. Sie glauben an den Buchstaben
des Gesetzes, und wenn man etwas schriftlich niedergelegt hat und sie dazu bringt,
dem zuzustimmen, dann werden sie sich wortwörtlich daran halten. Sie geben einem
nicht die Hand und sagen: "Wir haben den Geist eines Abkommens." So ist das bei
ihnen nicht. Bei unserer Entscheidungsfindung gibt es einen gewissen griechischen
Rationalismus. Bei ihnen nicht. Wir haben das römische Recht. Sie nicht. Wir haben
eine Magna Charta. Sie nicht. Wir haben die Trennung von Kirche und Staat. Sie
nicht. Wir hatten eine Romantik und eine Renaissance. Sie nicht.
FRAGE: Was bedeutet das für die laufenden Verhandlungen?
ANTWORT: Unser grundlegendes Problem besteht darin, daß wir dazu neigen, den
anderen wie uns selbst zu sehen. Wir sehen die Sowjets mit unseren eigenen Augen.
Wir analysieren sie nicht gut genug, um zu wissen, daß sie harte Unterhändler sind.
Sie sind zäh. Sie sind sehr realistisch. Es gibt bei ihnen nichts umsonst; sie
geben nichts für nichts.

+++++

�36

7. September 1983

DAS KERNWAFFENINVENTAR DER VEREINIGTEN STAATEN
Die nachfolgende Dokumentation wurde
vom amerikanischen Verteidigungsministerium am 25. August 1983
herausgegeben.

- (AD) - Diese Dokumentation geht auf einen wichtigen Aspekt der laufenden
Debatte über unsere nationale Verteidigungs- und Rüstungskontrollpolitik ein - den
Umfang des Kernwaffeninventars der Vereinigten Staaten.

(Mit "Inventar" meinen

wir alle unsere Atomwaffen, ganz gleich, ob sie in den Vereinigten Staten oder
bei unseren Streitkräften im Ausland disloziert sind, ob sie eingelagert oder
auf Trägersystemen wie etwa Interkontinentalraketen

montiert sind.)

Es wird oft erklärt oder angenommen, daß die Anzahl der Kernwaffer ständig
zunehme, und daß wir derzeit mehr Kernwaffen denn je besaßen. Dies trifft für
den Fall der Sowjetunion zu, deren Vorräte seit dem Zeitpunkt, da die UdSSR 1949
zum erstenmal über Kernwaffen verfügte, ohne Unterbrechung zugenommen haben.
Für die Vereinigten Staaten trifft aber gerade das Gegenteil zu: Die Anzahl der
Waffen im amerikanischen Nukleararsenal ist derzeit auf or...&lt; niedrigsten Stand
seit 20 Jahren.
Gemäß dem

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�Gemäß dem Atomenergiegesetz von 1946 genehmigt der Präsident jedes Jahr
die Produktion von Kernwaffen und setzt auch die Gesamtzahl aller Nulearwaffen
fest.

Umfang und Eigenschaften des Kernwaffeninventars der Vereinigten Staaten,

wie es vom Präsidenten genehmigt wird, wiesen im Lauf der Jahre erhebliche
Unterschiede auf.

Während der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war das

Inventar sehr klein, da es nur begrenzte Mengen von Kernmaterial gab - Plutonium
und angereichertes Uranium - und weil die Sowjets noch keine Kernwaffen entwickelt
hatten.

So hatten wir 1945 nur zwei Kernwaffen auf Lager; 1946 waren es neun; 1947

dreizehn; im Jahr 1948 ganze 50. Nach den ersten Kernwaffenversuchen der Sowjets
im Jahr 1949 und angesichts der ernsten internationalen Lage begannen die Vereinigten Staaten damit, mehr Kernwaffen zu beschaffen.

Dieser Anstieg beschleunigte

sich Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre.
Die Anzahl der Waffen im amerikanischen Kernwaffenarsenal erreichte schließlich
Mitte der sechziger Jahre ihren Höhepunkt mit einigen zehntausend - die genaue
Zahl ist geheim.

Seit dieser Zeit ging der Lagerbestand beträchtlich zurück, die

Anzahl der Waffen in unserem Arsenal insgesamt war 1967 um ein Drittel höher als
heute.

Mehr noch:

Die Gesamtsprengkraft des Inventars ging sogar noch eindrucks-

voller zurück, da wir viele große Waffen mit hoher Sprengkraft außer Dienst
gestellt haben.

Als Ergebnis verringerte sich die Gesamtmegatonnage unserer

Kernwaffen seit 1960 um 75 Prozent.
Da der Großteil des amerikanischen Arsenals in den sechziger Jahren gebaut
wurde, sind diese Waffen allmählich veraltet. Wir sind daher zu der Überzeugung
gelangt, daß wir unsere Streitkräfte modernisieren müssen, um die Sicherheit
unserer Kernwaffen zu erhöhen und die Wirksamkeit unserer Abschreckung aufrechtzuerhalten. Mit der Herstellung neuer Waffen werden wir jedoch alte auseinandernehmen und verschrotten. Größere Sicherheit, Überlebensfähigkeit und Wirksamkeit nicht aber größere Anzahl - sind die Ziele unseres Programms der Streitkräftemodernisierung. In einigen Fällen können wir diese Ziele tatsächlich mit
weniger - aber moderneren - Waffen erreichen, als wir zuvor hatten. Als wir

�«

Als wir und unsere NATO-Verblindeten übereinkamen, mit dem Doppelbeschluß nukleare
Mittel Streckensysteme größerer Reichweite (LRINF) in Europa in Reaktion of die
sowjetische Aufrüstung mit SS-20-Raketen zu dislozieren und gleichzeitig Rüstungsverringerungen mit der Sowjetunion anzustreben, beschlossen wir zugleich,
1000 ältere Kernwaffen aus Europa abzuziehen.

Zudem beschlossen wir, für jede

neue LRINF-Rakete, die wir dislozieren müßten, eine weitere Waffe abzuziehen.
Der amerikanische Vorschlag bei den INF-Gesprä'chen, die amerikanischen und
sowjetischen LRINF-Raketen zu beseitigen, würde jede Notwendigkeit zu NATO-Dislozierungen überflüssig machen. Wir haben außerdem ein Zwischenabkommen vorgeschlagen, das die Gefechtsköpfe der INF-Raketen beider Seiten beträchtlich auf
jeweils gleichen Umfang reduzieren würde. Bei den START-Verhandlungen haben wir
umfassende Verringerungen der sowjetischen un&lt;-' amerikanischen strategischen
Streitkräfte gefordert. Sollten diese Vorschläge verwirklicht werden, so würde
der Umfang unseres Arsenals beträchtlich abnehmen. Sogar wenn wir unser Ziel
der beträchtlichen Rüstungsverminderung auf dem Verhandlungswege nicht erreichen
sollten, würden unsere langfristigen Pläne lediglich einen bescheidenen Zuwachs
im Umfang des amerikanischen Arsenals für die nächsten 15 Jahre mitsichbringen.
Nach diesen Plänen würde die Anzahl unserer Kernwaffen weit unter dem Mitte der
sechziger Jahre erreichten Umfang liegen, während die Modernisierung und der
Ersatz existierender Trägersysteme es uns erlauben wird, auch weiterhin die durchschnittliche Sprengkraft unserer Waffen zu erringern.
So bedauerlich es auch ist: Solange wir nicht in der Lage sind, die Drohung
eines Atomkriegs völlig zu beseitigen, müssen die Vereinigten Staaten über Kernwaffen als ein Mittel der Abschreckung verfügen. Wir müssen auch weiterhin einen
Atomkrieg vermeiden und unseren nationalen wie internationalen Zielsetzungen und
Verpflichtungen gerecht werden, indem wir sicherstellen, daß unser Kernwaffeninventar geschützt, sicher und in der Lage ist, die Sowjetunion davor abzuschrecken,
Gewalt gegen uns oder unsere Verbündeten anzuwenden oder damit zu drohen. Während
der Verfolgung dieser wichtigen Zielsetzungen bleiben wir fest dazu entschlossen,
das niedrigst mögliche Maß an Kernwaffen zu unterhalten, das mit unserer
nationalen Sicherheit und der unserer Verbündeten in Einklang steht.
+++++
- 3 -

�7. September 1983

36

DIE DEUTSCHE SPRACHE IN AMERIKA
Eine deutschsprachige Zeitung in Philadelphia berichtete am 5. Juli 1776
als erste über die Annahme der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung

Dies ist der dritte von sechs Artikeln
über die Deutschen in Amerika, die wir
im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten
anläßlich des 300. Jahrestages deutscher
Einwanderung in Amerika bis zum 6. Oktober veröffentlichen.

- (AD) - Die deutsche Sprache blickt in der Neuen Welt auf ein langes und ruhmvolles Erbe zurück, das bis auf die ersten Siedler in Germantowns zurückreicht.

Das erste bedeutende Ereignis dieser Geschichte geht

auf den 1693 in der Pfalz geborenen Christoph Säur zurück.

1738 eröff-

nete Säur in der Siedlung Germantown die erste deutschsprachige Druckerei
Amerikas.

Am 20. August 1739 begann die Publikation des "Pennsylvanischer

Geschichts-Schreiber", der ersten erfolgreichen Zeitung Amerikas in deutscher Sprache.

Bis zum Jahre 1743 hatte Säur eine Leistung vollbracht,

die seinen Namen in die Annalen des amerikanischen Verlagswesens eingehen
ließ:

Er druckte in der Neuen Welt die erste Auflage der Bibel in einer

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�in einer europäischen Sprache - die Luthersche Übersetzung des Alten
und Neuen Testaments.

Saurs Verlagshaus in Germantown kann auch die

Veröffentlichung der ersten erziehungswissenschaftlichen Abhandlung in
Amerika für sich beanspruchen:

Christopher Docks "Schulordnung", die im

Jahre 1750 erschien.
Nur 33 Jahre nachdem Christopher Säur die deutsche Presse in
Amerika ins Leben gerufen hatte, übernahm eine weitere deutschsprachige
Zeitung, der "Pennsylvanische Staatsbote"

des Herausgebers Heinrich

Miller, eines Bürgers Waldecks, diese Tradition.

Sie berichtete am 5. Juli

1776 über die Entscheidung des Kontinentalkongresses, die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung anzunehmen,und war damit die erste Zeitung, die
diese historische Begebenheit veröffentlichte.

Am 9. Juli 1776, dem

Tage nach der Proklamation der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia
und dem Tage»an dem sie General George Washington und seinen Truppen in
New York City vorgelesen wurde, druckte Miller

als energischer Verfech-

ter der revolutionären Sache das gesamte Dokument in deutscher Übersetzung.
Während des 19. Jahrhunderts nahm die deutschsprachige Presse an
Bedeutung und Ansehen zu, was zum Entstehen einer Reihe weiterer deutschsprachiger Zeitungen beitrug, die auch heute noch eine wichtige Rolle im
amerikanischen Verlagswesen spielen. Die "New Yorker Staats-Zeitung", die
noch heute erscheint, brachte ihre erste Ausgabe am Weihnachtsabend des
Jahres 1834 heraus, eine Tatsache, die die Zeitung zu einer der ältesten
überhaupt in den Vereinigten Staaten macht. Das "Washington Journal",
eine deutschsprachige Zeitung.die im District of Columbia herausgegeben wird, ist die älteste Zeitung der amerikanischen Hauptstadt.
Die lange Tradition deutscher Sprache in Amerika wird jedoch von
einer weitverbreiteten - häufig angezweifelten - Geschichte überschattet,
die von der deutschen Sprache als offizieller Landessprache der USA berichtet, über die Jahre ist diese Legende auf eine große Anzahl verschiedener Quellen zurückverfolgt worden. Doch gibt der bekannte deutsch-

�bekannte deutsch-amerikanische Sprachwissenschaftler H.L. Mencken die
wohl plausibelste Erklärung in der Ergänzungsausgabe zu seinem Buch "The
American Language".

Darin zitiert Mencken einen Abschnitt aus dem Buch

des deutschen Autors Franz Loher, in dem dieser schildert, daß im Parlament des Bundesstaates Pennsylvania eine Abstimmung vorgenommen wurde,
die eine Entscheidung darüber herbeiführen sollte, ob Deutsch offizielle
Landessprache werden sollte.
stimmung unentschieden aus.

Wie die Geschichte erzählt, ging die AbDer Sprecher (Präsident) des Parlaments, Fried-

rich Augustus Conrad Muhlenberg, wurde gebeten, die ausschlaggebende Stimme abzugeben.

Als Amerikaner rein deutscher Abstammung, so wird behauptet,

habe sich Muhlenberg für die englische Sprache entschieden.
Nach Mencken ist diese Geschichte jedoch aus der Luft gegriffen,
eine solche Abstimmung habe niemals stattgefunden. Wahr ist jedoch eine
andere Geschichte, die den Kongreß der Vereinigten Staaten und eine Gruppe deutscher Einwanderer aus Virginia betrifft. Die Deutsch-Amerikaner
aus Virginia legten am 9. Januar 1794 dem Kongreß eine Petition vor, in
der sie die Veröffentlichung einiger Gesetze in deutscher Fassung beantragten zur Erleichterung jener, die noch kein Englisch gelernt hatten.
Der Antrag wurde jedoch vom Hauptausschuß mit 42 zu 41 Stimmen abgelehnt.
Es ist nich bekannt, ob der Sprecher des Hauses angerufen wurde, die entscheidende Stimme abzugeben, aber es mag wohl die knappe Entscheidung der
Abstimmung selbst gewesen sein, die im Lauf der Zeit zu der Spekulation
Anlaß gab, es habe nur eine Stimme gefehlt und die deutsche Sprache wäre
heute die offizielle Landessprache der Vereinigten Staaten von Amerika.

+ + + + +

- 3 -

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und Technik

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36

7. September 1983

PERFEKTE NACHTLANDUNG
Raumtransporter CHALLEIIGER vom dritten Einsatz zurück

- (AD) - Spektakulär wie der nächtliche Start am 30. August war die Landung
der Raumfähre CHALLENGER am 5. September 1983 eine dreiviertel Stunde nach
Mitternacht. Schon aus 200 km Entfernung konnten die Astronauten mit Hilfe des
Scheinwerferlichts ihr Ziel auf der Erde ausmachen. Die Landebahn auf dem Flughafen Edwards Air Force Base in Kalifornien war taghell erleuchtet, Xenonlampen
gaben zusätzliche Orientierungshilfe. Die Piloten - Kommandant Richard H. Truly
und sein Kopilot Daniel C. Brandenstein - hatten keinerlei Schwierigkeiten, den
Weltraumgleiter sicher aufzusetzen und zum Stehen zu bringen. Hätten die Wetterbedingungen in der Nacht ein - und wenn auch nur geringes - Risiko bedeutet,
wäre Truly auf einer, der ebenfalls in Bereitschaft gehaltenen Reservelandeplätze ausgewichen.
Mit Infrarotkameras war die CHALLENGER beim Näherkommen und Einschweben zu
verfolgen. Die Wärmestrahlung vom Hitzeschild, eine Folge der starken Reibung
mit der Luft beim Wiedereintauchen in die Erdatmosphäre, hielt, wie von den sieben
vorausgegangenen Landungen gewohnt, noch eine Weile an. Journalisten konnten
die Rückkehr beobachten, die Öffentlichkeit war jedoch ausgeschlossen - im Gegensatz zum Start, als eine große Menschenmenge den gewaltigen Feuerschweif der

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�Feuerschweif der Raketen des Raumtransporters bis in mehr als 100 km Höhe verfolgen konnte.
- Medikamente aus der Weltraumfabrik Schon drei Stunden nach dem Start am Kap Canaveral hatten die beiden
Missionsspezialisten Bluford und Gardner das Elektrophorese-Experiment (EOS Electrophoresis Operations in Space) in Gang gesetzt.

Das Verfahren zum Ab-

trennen bestimmter Komponenten aus biologischen Substanzen (z.B„ Blut, Zellkulturen oder Körperflüssigkeiten) unter der Einwirkung von elektrischem Strom
wird seit dem vierten "Space Shuttle"-Flug im Juni 1982 im Weltraum erprobt.
Zwar ist die Methode in medizinischen Laboratorien schon seit geraumer Zeit
eingeführt.

Ihre Effektivität ist jedoch unter den nahezu schwerelosen

Bedingungen im Erdorbit sowohl hinsichtlich der Materialmengen, die aufbereitet
werden können, als auch des Reinheitsgrades der Produkte sehr viel größer.
Dies zeigten jedenfalls die bisherigen Erfahrungen der McDonnell Douglas Comp.
(St. Louis, Missouri), wo die Apparatur entwickelt wurde, und der Forscher von
der Washington-Universität in St. Louis, die Experimente wissenschaftlich vorbereiteten.
Dieses Mal wurden sechs verschiedene Proben biologischer Materialien mitgeführt - zwei Proben mit Zellen von menschlichen Nieren, zwei Proben mit Hypophysenzellen (Zellen der Hirnanhangdrüse) von Ratten, und zwei Proben mit
Pankreas- (Bauchspeicheldrüsen) Zellen von Hunden. Aus Nierenzellen läßt sich
das Enzym Urokinase gewinnen, das wegen seiner Fähigkeit zum Auflösen von BlutzellVerklumpungen im Gefäßsystem bei bestimmten Herzleiden und bei Schlaganfall
von Bedeutung ist. Kulturen von Hypophysenzellen sind "Rohstoff" für die
Gewinnung von Wachstumshormon, mit dem Kleinwuchs bei Kindern und Jugendlichen
behandelt werden kann. Und Pankreaszellen sind die Quelle für das wichtige
Hormon Insulin zur Regulierung des Zuckerspiegels im Organismus.
Professor Scharf

�Professor Scharf und Mitarbeiter von der Washington-Universität versuchen
derzeit herauszufinden, welche der Insulin produzierenden Pankreaszellen sich
am besten für eine Implantation bei Diabetikern eignen könnten.

Sie betonen

. jedoch, daß noch vor der Erprobung des auf dem Weg der Elektrophorese isolierten
Materials die Wissenschaftler sicher sein müßten, durch die EOS-Methode genügend
große Mengen Insulin produzierender Zellen für die kommerzielle Anwendung zu
gewinnen, und daß der Zell typ auch tatsächlich der bestgeeignete für den menschlichen Organismus sein müsse. McDonnell Douglas plant zusammen mit einer
pharmazeutischen Firma einen Prototyp für die Produktion verschiedener Arzneimittel und anderer pharmazeutischer Präparate im Weltraum.

Die Apparatur soll

1985 bei zwei Raumtransporterflügen mitgenommen werden und eine 25mal größere
Produktionskapazität haben als das gegenwärtige System.

Gegen Ende der achtziger

Jahre hofft McDonnell Douglas,eine vollautomatische Fabrik im Orbit zu haben.
Astronauten vom Space Shuttle würden die Rohstoffe von der Erde bringen und die
extrahierten Produkte wieder mit zurücknehmen.
Von Dennis Morrison, einem Zellbiologen der NASA, waren Nierenzellen in
einer Lösung mitgegeben worden.

Von den beiden Proben wurden jeweils etwa

6 ccm mit schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Zellen aufbereitet.

Morrison

erwartet, daß 70 Prozent der Zellen ordnungsgemäß abgetrennt wurden, und daß
von diesen wiederum 80 Prozent lebensfähig geblieben sind.

Das genaue Ergebnis

der Untersuchung nach der Rückkehr steht noch aus. Da man vermutet, daß es bis
zu sechs verschiedene Typen von Nierenzellen gibt, die Urokinase produzieren,
könnte dieAbtrennung unter Schwerelosigkeit helfen, jenen Typ zu finden, der die
wirksamste Form des Enzyms bildet.

Im Gegensatz zu biologischem Material, das

bei früheren Flügen mitgenommen wurde, waren die für den Flug STS-8 bestimmten
Zellkulturen ungemein empfindlich gegen bakterielle Infektion.
sie erst wenige Stunden vor dem Start an Bord gebracht.

Deshalb wurden

Bis zur Rückkehr zur

Erde wurden die abgetrennten Zellen in einer besonderen Nährlösung gesammelt.
- "Space Shuttle"

- 3 -

�-Space Shuttle

als Speditionsunternehmen -

Auftragsgemäß wurde der 1200 kg schwere indische Nachrichten- und Wetterbeobachtungssatellit INSAT IB 25 Stunden nach dem Start der CHALLENGER im Weltraum abgesetzt.

Nach seiner Einsteuerung in der 36 000 km-Bahn auf einen Punkt

über dem 74. östlichen Längengrad Mitte September erwartet die Leitung des INSATProgramms in Indien Mitte Oktober die ersten Erdaufnahmen zur Verwendung für die
Wettervorhersage.

Der von der "Ford Aerospace Comp." in Kalifornien gebaute

Satellit soll eine aktive Lebensdauer von sieben Jahren haben.

Er kann 8 000

Ferngespräche gleichzeitig übertragen und strahlt Fernsehprogramme aus, die von
ca. 100 000 in abgelegenen Regionen des Landes installierten Antennen direkt
empfangen werden können. Jede halbe Stunde übermittelt er Wetterbilder , was
das Aufspüren von Sturmfronten 1 2 - 2 4 Stunden früher als mit den herkömmlichen
Methoden ermöglicht; außerdem sammelt er Wetterdaten von einigen Hundert automatischen Beobachtungsstationen.

Für den Transport und den Start des Vielzweck-

Satelliten im Weltraum, mit dem die zuständige indische Kontroll Station in Hassan
schon eine Stunde später die Verbindung hergestellt hatte, zahlt die indische
Regierung der NASA eine Summe zwischen 13 und 15 Millionen Dollar.
Für ihre Raumtransporterflotte wird die NASA drei weitere Lastkräne vom
Typ "ROBOTARM" in Kanada in Auftrag geben. Wiederum hat sich das im November 1981
erstmals erprobte Gerät vorzüglich bewährt, als es im Verlauf des sechstägigen
Unternehmens STS-8 u.a. ein Ballastobjekt von fast 3,5 Tonnen Masse zu heben und
zu manipulieren hatte. Maschinen dieser Art, die vom Cockpit aus über Computer
für grobe wie für feinste Arbeiten ferngesteuert werden, sind eine Voraussetzung
zum Absetzen und Montieren der Segmente für Weltraumstationen. Die mit deren
Entwicklung befaßten amerikanischen Wissenschaftler hoffen, daß die erste Station •
dieser Art im Jahr 1992 im Erdorbit sein wird.
Die Durchführung

�Die Durchführung des Projekts verlangt eine enge "Partnerschaft zwischen
Mensch und Maschinen".

Denn das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der

Menschen, die auf einer solchen irdischen Außenstation leben und arbeiten, darf
ja nicht durch die so veränderten Daseinsbedingungen beeinträchtigt werden.
Die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus sind noch
nicht völlig geklärt. Aber Astronaut Dr. William Thornton ist angesichts seiner
Selbstversuche während des letzten

Sechstage-Fluges und seiner Experimente und

Untersuchungen an den übrigen vier Mitgliedern der CHALLENGER-Besatzung überzeugt,
daß die Probleme zu lösen sind und er wichtige Anhaltspunkte dafür gefunden habe.

++++++

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36

7. September 1983

AIDS-KONTROLLE FÜR SPENDERBLUT

- (AD) - Alles für die Blutbank der Stanford-Universität (Stanford,
Kalifornien) gespendete Blut wird seit dem 1. Juli 1983 auf mögliche Anomalien untersucht,die nach bisherigen Erfahrungen häufig mit AIDS einhergehen.

AIDS ist die Abkürzung für "Acquired Immune Deficiency Syndrome" -

eine erworbene Immunschwäche, die für den Betroffenen verheerende Auswirkungen bei Infektionen jeglicher Art haben kann.

Der radikalen Bekämpfung

dieser Erkrankung wurde kürzlich vom öffentlichen Gesundheitsdienst der
Vereinigten Staaten die "höchste Prioritätsstufe" eingeräumt.
Abgesehen von Vorsichtsmaßnahmen, um Blutspenden von Personen aus
den bekannten Risikogruppen von vornherein auszuschließen, wurden die bisher nur in Sonderfällen angewandten Tests als weitere Vorsorge zum Schutz
der Empfänger von Bluttransfusionen eingeführt.

Wie Dr. Edgar Engleman,

D

Assistenzprofessor für athologie und Medizin und medizinischer Direktor
der Stanford-Blutbank, in diesem Zusammenhang erklärte, sei kein einziger
Fall von AIDS unter den Empfängern von Blutkonserven aus seinem Institut
bekannt.

Das Testprogramm gilt als eine vorläufige Maßnahme, bis die For-

schung bessere und billigere, aber ebenso wirksame Prüfverfahren entwik-

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
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�Prüfverfahren entwickelt hat. Bei dem Test geht es um die Bestimmung des
Verhältnisses zweier Untergruppen der Infektionen abwehrenden weißen Blutzellen, der sog. T-Zellen, die bei etwa 95 Prozent der AIDS-Opferauf snorm
niedrige Werte im Blut absinken.

Unter Verwendung mononuklearer Antikörper

(nach einem Spezialverfahren erzeugte Proteine) und einer mit Fluoreszenzaktivierung arbeitenden Apparatur zum Sortieren von Zellen des Zytolluorographen ist es möglich, das Verhältnis von "Helfer-T-Zellen" und "SuppressorT-Zellen" zu ermitteln.

Letztere sind bei gesunden Personen gegenüber der

ersten Untergruppe in der Minderzahl.

Die hohen Kosten des Verfahrens,

das bisher nur zur Diagnose von AIDS angewandt wurde, hofft man durch eine
Vereinfachung des Tests und die Vergrößerung der Testmengen bei jedem Einsatz von 150 bis 200 Dollar pro Test auf ca. 6 Dollar senken zu können.
Gegenwärtig werden verschiedene Blut-Screening-Verfahren diskutiert,
erklärte Engleman. Jedoch habe sich bisher keines als empfindlich genug
erwiesen, um ausschließlich AIDS-Träger unter den Blutspendern ausfindig
zu machen. Die meisten davon führten dazu, daß 15 bis 50 Prozent der
Blutspender nicht akzeptiert würden, obgleich nur ein winziger Bruchteil
von ihnen tatsächlich mit AIDS behaftet sein könnte. Aber "Blut ist ein
so kostbarer Stoff", sagte Engleman, "daß wir einigermaßen sicher sein
müssen, ein höchst selektives Screening-Verfahren anzuwenden, das sich auch
wirklich lohnt". Aufgrund einer Pilot-Studie an 200 Patienten schätzt
Engleman, daß von den 18 000 Blutspendern für die Stanford-Bank etwa 1 bis
2 Prozent aufgrund des Testergebnisses ausscheiden. Keineswegs alle dieser für Blutspenden abgelehnten Personen hätten AIDS, betont der Mediziner.
Tatsächlich dürften die meisten von ihnen sogar völlig gesund sein. Das
Screening-Verfahren sei eben nicht perfekt - "aber es ist das Beste, über
das wir derzeit verfügen".

+ + + + +

�</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
*

'VON

7. September 1988

32

INHALT

DOKUMENTATION

Gedenken an die Opfer von Ramstein
- Ansprache von Botschafter Burt bei Trauerfeier -

Sowjetisch-amerikanische Beziehungen fördern wirksame
Rüstungskontrolle
- Rede von ACDA-Direktor Burns in Den Haag -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK

Neuer Weg zur AIDS-Bekämpfung

••

- Medikament soll Zellen vor Virus-Infektion schützen
(

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
"VON

Dokumentation

*

32

7. September 1988

GEDENKEN AN DIE OPFER VON RAMSTEIN
- Ansprache von Botschafter Burt bei Trauerfeier -

RAMSTEIN - (AD) - Aus Anlaß der Trauerfeier für die Opfer des Unglücks von
Rarastein sprach der amerikanische Botschafter, Richard R. Burt, am 3. September 1988 in der St. Nikolauskirche zu Ramstein den Angehörigen sowie den Verletzten in den Krankenhäusern sein tiefes Mitgefühl aus und versprach, daß
"wir aus den Ereignissen lernen und sicherstellen (werden), daß sich eine solche Tragödie niemals wiederholt".
Die Ansprache des Botschafters hat folgenden Wortlaut:

Wir sind heute hier versammelt,
um den Verlust und das Leid derer zu
beklagen, die erst vor sechs Tagen
auf der Ramstein Air Base an einem
Fest der Freundschaft teilgenommen
haben. Ich wende mich an diejenigen,
die Angehörige oder Freunde verloren
haben und an diejenigen, die in den
Krankenhäusern liegen:
wir können
heute hier Ihren Schmerz nicht lindern und ihren Verlust nicht ungeschehen machen. Wir können Ihnen nur
durch unser Mitgefühl beistehen und
Ihnen in Ihrem Leid Trost spenden.
Schon immer war es der Traum des
Menschen, fliegen zu können.
Der
Flug hat den Menschen Freiheit geschenkt und sie näher zusammengeführt.
Vergangenen
Sonntag
sind
Hunderttausende
gekommen,
um die

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Flugtechnik und diejenigen zu bewundern, die sie beherrschen. Aber der
Tod ist, wie Johann Wolfgang von
Goethe sagte, "eine Unmöglichkeit,
die plötzlich zur Wirklichkeit wird".
Und mit dieser Wirklichkeit sehen wir
uns heute konfrontiert. Die Tragödie
vom vergangenen Sonntag hat einem jeden von uns die Vergänglichkeit des
Lebens vor Augen geführt und uns erneut erkennen lassen, daß der Beherrschung der Welt durch den Menschen
Grenzen gesetzt sind.
Eine weitere Tragik besteht darin, daß eine Feier zur deutsch-amerikanischen Freundschaft und Solidarität im Bündnis der Anlaß für Verlust und Leid werden sollte. Ich
möchte unseren deutschen Freunden
versichern, daß wir in Ihrem Land zu

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Telex: 8-85432

�Gast sind. Wir sind Ihnen für die
Aufnahme dankbar, die Sie uns bereitet haben. Sie haben uns in guten
wie in schlechten Zeiten ihr Herz und
Ihr Land geöffnet. Wir werden Ihre
Gastfreundschaft niemals vergessen.
Und wir werden sie niemals mißbrauchen.
Unseren italienischen Kameraden
sage ich, daß wir den Verlust Ihrer
mutigen Flieger betrauern. Wir bewundern Ihren Beitrag zu Frieden und
Freiheit.
Unsere gemeinsame Trauer
bringt uns einander noch näher.
Und meinen Landsleuten in der
amerikanischen Luftwaffe sage ich,
daß Ihre Präsenz hier in der Bundesrepublik
Deutschland
hochgeschätzt
und dankbar anerkannt wird. Vor acht
Wochen flog ich zusammen mit Oberst
Guy Halvorsen an Bord eines derjenigen Flugzeuge nach Berlin, die er und
seine jungen Kameraden in der amerikanischen Luftwaffe während der Blokkade durch die Winternächte des Jahres 1948 nach Berlin steuerten. Die
Erinnerungen daran sind in Berlin
noch sehr lebendig. Sie sind es auch
in der Bundesrepublik Deutschland und
in der amerikanischen Luftwaffe. Vor
40 Jahren flog die amerikanische
Luftwaffe für die Freiheit, und dies
tut sie auch heute noch.
Vom ersten Moment der Katastrophe
am Sonntag an haben Deutsche, Amerikaner und die anderen Bündnispartner
zusammengearbeitet, um den Verletzten
zu helfen und denjenigen Trost zu
spenden, die Angehörige verloren haben. Obwohl nicht im Dienst, boten
zahlreiche deutsche und amerikanische
Ärzte und Sanitäter spontan ihre Hilfe an. 60 französische Soldaten reisten an, um Blut zu spenden. Zwei
Ärzte, selbst bei der Explosion verletzt, mit blutenden Wunden und versengten Kleidern, eilten anderen Menschen zu Hilfe, die noch schwerer
verwundet waren als sie selbst. Ihnen allen - aus den umliegenden deutschen und amerikanischen Gemeinden,
die Verletzte versorgt und denjenigen
Trost gespendet haben, die außer sich

waren, unter Schock standen oder
trauerten - sei gedankt. Unser Dank
ist unermeßlich.
In den nächsten Tagen werden wir
die Ereignisse des vergangenen Sonntags untersuchen. Amerikanische und
italienische Offiziere werden unter
der Leitung ihrer deutschen Kameraden
alle Aspekte dieser Tragödie, der ihr
vorausgehenden Entscheidungen und der
auf sie folgenden Handlungen überprüfen. Ich verspreche Ihnen, daß wir
aus den Ereignissen lernen und sicherstellen werden, daß sich eine
solche Tragödie niemals wiederholt.
Wir alle werden diesen Ort voller
Trauer verlassen.
Jeder unter uns
kann nur in seinem persönlichen Bild
von der Stellung des Menschen im Universum Trost finden. Über zwei Generationen haben Deutsche und Amerikaner Freud und Leid geteilt. Wir tun
dies auch heute. Indem wir uns hier
im Leid versammeln, indem wir zusammen trauern, erneuern wir unsere Verpflichtung auf diese Freundschaft und
wird uns diese Freundschaft eine
Stütze sein.

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
'1*

"v"

Dokumentation

Ä&lt;

7. September 1988

32

SOWJETISCH-AMERIKANISCHE BEZIEHUNGEN FÖRDERN WIRKSAME RÜSTUNGSKONTROLLE
- Rede von ACDA-Direktor Bums in Den Haag -

DEN HAAG - (AD) - Dem Direktor der amerikanischen Behörde für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Generalmajor a. D. William Burns, zufolge
"könnte der gegenwärtige Zustand der Ost-West-Beziehungen für eine wirksame
Rüstungskontrolle günstiger sein als jemals zuvor in der jüngsten Geschichte".
Dies "gilt insbesondere für die konventionelle Rüstungskontrolle," erklärte
Burns am 2. September 1988 in einer Rede in Den Haag, die wir nachfolgend veröffentlichen.
Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, an einem Zeitpunkt zu Ihnen
sprechen zu können, an dem wir alle
mit Befriedigung des 40. Jahrestages
der Gründung
des Nordatlantischen
Bündnisses und des Friedens in Europa
gedenken, den die NATO in all diesen
40 Jahren gefördert und aufgebaut
hat. Das Bündnis ist ein Erfolg ein Segen, den wir alle zu schätzen
wissen, nicht nur unter dem Gesichtspunkt unserer grundlegenden Sicherheitsinteressen, sondern auch aufgrund des Zusammenschlusses in einer
Gemeinschaft freier Nationen mit gemeinsamen moralischen und demokratischen Werten. Als Amerikaner versichere ich Ihnen erneut, daß die
NATO weiterhin der Eckpfeiler der nationalen Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten bleibt.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Als die NATO vor 40 Jahren gegründet wurde, war ihr Ziel der
Schutz der Freiheit und die Abschrekkung eines sowjetischen Angriffs auf
den Westen. Der Harmel-Bericht trug
vor über 20 Jahren der Tatsache Rechnung, daß sich das Bündnis ausreichende militärische Stärke und politische Solidarität bewahren muß, um
eine Aggression abzuschrecken, das
Territorium der NATO im Falle einer
Aggression zu verteidigen und in einem Klima des Friedens ein stabileres
Verhältnis anzustreben, in dem die
zugrundeliegenden politischen Probleme gelöst werden können. Im Lauf der
Zeit haben sich weder die Zielsetzung
der NATO noch der Charakter der Bedrohung geändert. Heute wie in der
Vergangenheit
- trotz "Glasnost",
trotz "Perestrojka", trotz des "neuen

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Denkens" - bleibt die Herausforderung
durch die Sowjetunion, und hier insbesondere die anhaltende und weit
über legitime Verteidigungsbedürfnisse hinausgehende Aufrüstung der militärischen Fähigkeiten des Warschauer
Pakts - nuklear wie konventionell die größte Bedrohung der Sicherheitsinteressen des Bündnisses.
Im Zuge des anhaltenden Strebens
der NATO nach Frieden in Europa ist
es jedoch bisweilen zu Ereignissen
gekommen, die eine Neubewertung der
vom Bündnis zur Bewahrung seiner Sicherheit
angewandten
Ansätze
und
Strategien erforderlich machten. Das
vielleicht bemerkenswerteste Beispiel
des evolutionären Wandels in der
NATO-Strategie war die Verabschiedung
der Strategie der flexiblen Reaktion
vor über zwei Jahrzehnten. Während
also die Ziele und der Zweck des
Bündnisses in der ganzen Zeit identisch geblieben sind, müssen die Methoden, um diese Ziele zu erreichen
und die Art und Weise, in der wir die
Verteidigung des Bündnisses planen,
notwendigerweise den weltweiten Entwicklungen angepaßt werden.
Heute sind wir uns alle der Tatsache bewußt, daß der von Präsident
Reagan
und
Generalsekretär
Gorbatschow am 8. Dezember des vergangenen Jahres unterzeichnete INFVertrag einen Meilenstein in unserem
Bemühen um , mehr Stabilität und die
Verbesserung der westlichen Sicherheit darstellt. Diese bemerkenswerte
Errungenschaft ist einer der herausragenden Erfolge der Sicherheitspolitik des Bündnisses in diesem Jahrzehnt. Natürlich hat der INF-Vertrag
nicht all unsere Sicherheitsprobleme
gelöst.
Das eklatante Ungleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften, mit dem wir schon seit vielen Jahren leben, bleibt bestehen.
Der INF-Vertrag hat jedoch erneut die
Aufmerksamkeit auf die Lage im konventionellen Bereich gelenkt und die
politische Bedeutung einer Behandlung
dieser Frage durch eine Kombination
von Rüstungskontrolle und Verbesserungen in der Verteidigung verstärkt.

Die Durchführung des INF-Abkommens
wird unweigerlich die Verteidigungsplanung der NATO in den kommenden
Jahren beeinflussen.
Der lange und schwierige Prozeß,
der im Jahr 1979 mit dem Doppelbeschluß begann und im vergangenen Jahr
im INF-Vertrag kulminierte, hat allen
gezeigt, daß in der Rüstungskontrolle
wesentliche Fortschritte erzielt werden können, wenn das Bündnis aus einer Position der Einigkeit und Stärke
verhandelt. Präsident Reagan hat zu
Beginn dieses Jahres in einem Bericht
an den amerikanischen Kongreß zur nationalen Sicherheitsstrategie bekräftigt, daß
"Rüstungskontrolle kein
Selbstzweck ist, sondern lediglich
eines von mehreren Mitteln zur Stärkung unserer nationalen Sicherheit.
Unsere Ziele in der Rüstungskontrolle
sind vollständig in unsere nationale
Sicherheitspolitik integriert, um die
Abschreckung zu stärken, das Risiko
zu verringern, die Beziehungen im
Bündnis zu fördern und sicherzustellen, daß die Sowjets keinen wesentlichen einseitigen Vorteil erringen."
Unserer Auffassung nach ist diese Politik der Rüstungskontrolle in Verbindung mit einer starken Verteidigung auch für die NATO unerläßlich,
wenn sie mit dem Warschauer Pakt Verhandlungen über Rüstungskontrolle im
konventionellen Bereich aufnimmt.
Ich muß jedoch hervorheben, daß
der INF-Vertrag uns weder von der
Last der Verteidigung entbindet noch
die für Europa bestehende Bedrohung
durch sowjetische Nuklearwaffen beseitigt hat. Der Oberste Alliierte
Befehlshaber, General Galvin, hat dazu erklärt: "Obwohl die nuklearen Fähigkeiten der NATO durch Abschaffung
der Pershing II und bodengestützten
Marschflugkörper verringert werden,
reichen die nuklearen Fähigkeiten auf
dem europäischen Kriegschauplatz für
die weitere Anwendung der NATO-Abschreckungsstrategie aus und die Sicherheit Europas und der Vereinigten
Staaten wird nicht abgekoppelt. Weit
über 4 000 amerikanische Nuklearwaffen - und 326 000 amerikanische Sol-

�daten - werden im Gebiet des Oberkommandos Europa stationiert bleiben."

i

*

Darüber hinaus erkennen die Spitzenpolitiker des Bündnisses seit langem die Notwendigkeit für Verbesserungen im Bereich der konventionellen
Verteidigung zur Förderung der Stabilität, auch wenn gerade Rüstungskontrollverhandlungen stattfinden, die
darauf abzielen, den Umfang der gegnerischen konventionellen Streitkräfte in Europa zu verringern. Als Folge dessen widmet das Bündnis enscheidenden Notwendigkeiten größere Aufmerksamkeit, wie etwa größeren Munitionslagern und anderen Kriegsreserven, verbesserten Einrichtungen zur
Landung und zum Schutz von Flugzeugen
der Verbündeten, die Europa Verstärkung liefern, besseren Fähigkeiten
zur Neutralisierung angreifender Folgestaffeln des Ostblocks und modernisierten Fähigkeiten zur Verteidigung
in der Luft und auf See.
Obwohl ich mich in meinen folgenden Ausführungen auf konventionelle
Rüstungskontrolle als Aspekt der Sicherheit des Bündnisses konzentrieren
möchte, sollten diese dennoch im Zusammenhang mit meiner uneingeschränkten Unterstützung für die vereinbarte
Bündnispolitik von Verbesserungen im
konventionellen Bereich der Verteidigung verstanden werden, die ich soeben angesprochen habe. Rüstungskontrolle und Abrüstung sind nicht die
einzigen Mittel, um das in Euopa bestehende militärische Ungleichgewicht
zu beheben. Für die Sicherheit des
Westens müssen zur Erhaltung einer
glaubwürdigen Strategie der Abschrekkung eines Krieges bestimmte Bedingungen erfüllt sein und dabei die effektive Mischung nuklearer und konventioneller Waffen Vorrang haben.
Sorgfältig geplante Verbesserungen im
Bereich der konventionellen Verteidigung müssen mit Rüstungskontrollabkommen einhergehen, um sicherzustellen, daß die Bedingungen für die Sicherheit des Bündnisses erfüllt und
nicht verschlechtert werden.

Meiner Ansicht nach könnte der
gegenwärtige Zustand der Ost-West-Beziehungen für eine wirksame Rüstungskontrolle günstiger S'-in als jemals
zuvor in der jüngsten Geschichte.
Das trifft insbesondere für Rüstungskontrolle im konventionellen Bereich
zu. Stürmische Veränderungen in der
Sowjetunion werden von sowjetischen
Politikern als neue Denkweise propagiert, die bei westlichen Beobachtern
ein offenes Ohr findet. Begriffe wie
"Glasnost" und "Perestrojka", Behauptungen über eine neue defensive Militärdoktrin des Warschauer Pakts, die
außenpolitische
"Friedensoffensive"
des Ostblocks und die Bereitschaft,
umfassendere Verifizierungen und echte Truppenreduzierungen zu akzeptieren, üben auf die westliche Öffentlichkeit einen gewissen Reiz aus.
Sie sind tatsächlich so reizvoll, daß
ungeduldige Vertreter der westlichen
Presse kürzlich westliche Politiker
und
Regierungen
wegen
mangelnder
Fortschritte in der Rüstungskontrolle
kritisiert hat. Es ist sogar vielfach klar und deutlich festgestellt
worden, daß die Vorschläge des Warschauer Paktes weitreichender seien
als die des Westens.
Gorbatschows Bestrebungen in der
Öffentlichkeitsarbeit haben zugegebenermaßen Auswirkungen auf Verhaltensweisen im Westen, auch in Westeuropa.
Die Auffassung, es bestehe nunmehr
geringere Bedrohung durch die Sowjetunion breitet sich in der jüngeren
Generation aus, die nicht automatisch
den Ernst der Lage in den Ost-WestBeziehungen oder deren Geschichte erkennt .
Andere wiederum verweisen auf die
Einsparungen, die sich ihrer Ansicht
nach bei einem Rüstungskontrollabkommen bei Mitteln ergeben werden, die
andernfalls für die Entwicklung und
Unterhaltung von Waffensystemen aufgewendet würden. Solche Mittel könnten ihrer Auffassung nach der Verbesserung sozialer Bedingungen zufließen.
Aber wir fechten diese Annahme
an, weil sie illusorisch ist. RU-

�stungskontrollabkommen führen nicht
automatisch zu Einsparungen für die
beteiligten Regierungen, insbesondere
nicht in marktwirtschaftlich orientierten westlichen Volkswirtschaften.
Es ist ein Fehler westlicher Regierungen,
Rüstungskontrollinitiativen
im Hinblick auf mögliche finanzielle
Einsparungen zu planen, weil es ganz
einfach keine Garantie dafür geben
kann, daß RUstungskontrollabkommen zu
solchen Einsparungen führen.
Vorschläge zur Rüstungskontrolle müssen
darauf abzielen, die Sicherheit des
Westens zu verbessern und nicht auf
echte oder mögliche Einsparungen.
Gleichzeitig wird es für das Bündnis
bei unseren weiteren Verhandlungen
über konventionelle Streitkräfte von
Bedeutung sein, daß wir den wirkungsvollsten Einsatz der verfügbaren Verteidigungsressourcen des Bündnisses
und eine gerechte Verteilung der Rollen und Pflichten zur Teilung dieser
Last gewährleisten.
Obwohl die jüngsten Rüstungskontrollvorschläge des Warschauer Pakts
und die angeblich in der Sowjetunion
stattfindenden Veränderungen auf einige einen gewissen Reiz ausüben, muß
man sich doch den Charakter dieser
Veränderungen vor Augen führen. Eine
eingehendere und durchdachtere Betrachtung als sie im Großen und Ganzen in der westlichen Presse erfolgte, wird belegen, daß diese Veränderungen aus anderen Gründen erfolgen,
als das Entstehen einer "neuen Sowjetunion" suggeriert. In Wirklichkeit zeigt vieles von dem, was wir
jetzt in der UdSSR beoachten, die zunehmende sowjetische Erkenntnis, daß
man sich an das anpassen muß, was als
qualitative Revolution bei den Entwicklungen im militärischen Bereich
betrachtet wird, möglicherweise auf
Umfang und Auswirkungen der Entwicklungen von Nuklearwaffen. Zum Beispiel haben westliche Entwicklungen
der Doktrin für Luftlandeoperationen
und der Strategie vorne stationierter
Seestreitkräfte, neuer Waffensysteme
und
bei
Technologien
wie
etwa
"Stealth" sowie das veränderte Konkurrenzverhältnis zur Volksrepublik

China die Sowjets gezwungen, mit einer anderen Art von Kriegführung fertigzuwerden und traditionelle Ansätze
zur Taktik, Durchführung von Operationen und Strategie in Frage zu
stellen.
Die Behauptung des Warschauer Pakts, eine auf Verteidigung
ausgerichtete Militärdoktrin zu haben, ist in Wirklichkeit eher ein
Versuch zur Verteidigung sowjetischer
Interessen als eine zuvorkommende
Geste gegenüber dem Westen. Und sie
sollte als das erkannt werden, was
sie ist.
Der schlagende Beweis wird nicht
die Veränderung in den kürzlich vernommenen öffentlichen Erklärungen der
Sowjets sein, sondern eine geänderte
Militärstruktur
und
Stationierung.
Offensichtliche Tatsache ist, daß bis
heute weder positive oder ermutigende
Veränderungen
in der sowjetischen
Truppenstärke und Disposition noch
bei der Lagerung von Munition oder
anderem Material nahe dem mittleren
Abschnitt stattgefunden haben.
Im
Gegenteil, selbst in den Jahren unter
Gorbatschows Führung herrscht in der
sowjetischen Militär- und Außenpolitik eine bemerkenswerte Kontinuität,
indem die Sowjetunion weiterhin militärisch aufrüstet und sich gleichzeitig zu ihren defensiven Absichten
"bekennt". Präsident Reagan hat erklärt, daß "wir auch in Zukunft die
Sowjets eher an ihren Taten als an
ihren Worten messen und unsere nationale Sicherheitsstrategie auf eine
realistische Sicht der sowjetischen
Ziele und Fähigkeiten gründen werden".
Ferner besteht seitens der Sowjetunion die Tendenz, ihre RUstungskontrollinitiativen zuerst in die Öffentlichkeit zu tragen und den Vereinigten Staaten oder anderen NATOPartnern Initiativen auf bilateraler
Ebene zu präsentieren, die zwischen
den beiden Bündnissen ausgehandelt
werden müssen. Der Westen muß ein
Gelingen dieser Taktik vereiteln.
Die Vereinigten Staaten haben es in
den vergangenen Monaten abgelehnt,
eine ganze Reihe sowjetischer Angebote zur konventionellen Rüsutungskon-

- 4 -

�trolle auf bilateraler Ebene zu erörtern und zwar genau deshalb, weil es
sich hierbei um multilaterale Bündnisprobleme handelt, die besser im
Rahmen der Genfer Gespräche behandelt
werden, wo derzeit die Diskussionen
zwischen Ost und West über ein Mandat
für neue konventionelle Gespräche
stattfinden. Während die Erarbeitung
eines Konsenses zwischen den unterschiedlichen Standpunkten innerhalb
der NATO einige Zeit erfordern mag,
gibt es letztlich keine Alternative
zu einer sorgfältig abgestimmten Position der NATO bei Verhandlungen,
die alle Bündnispartner direkt betreffen.
Im Hinblick auf konventionelle
Rüstungskontrolle bietet sich den Sowjets auch ein nicht zu leugnender
wirtschaftlicher Anreiz, konstruktive
Verhandlungen mit dem Westen aufzunehmen. Solange es den Sowjets nicht
gelingt, die Truppenstärken der NATO
durch Abrüstungsgespräche zu reduzieren - insbesondere im Bereich neuer
Technologien - haben sie das Gefühl,
sie müßten Schritte zum Ausgleich
dieser
Truppenstärken
unternehmen.
Während die gängigen sowjetischen
konventionellen Streitkräfte wie Panzer, Artillerie und Menschenpotential
entschieden billiger sind als vergleichbare
NATO-Streitkräfte,
sind
Hochtechnologiewaffen, bei denen die
Sowjets nur schwer mit dem Niveau der
westlichen Entwicklungen Schritt halten können, sehr viel teurer. Daher
haben sie ein beachtliches Interesse
daran, die Verhandlungen zur Begrenzung neuer Entwicklungen im Bereich
der Hochtechnologie zu benutzen und
Zeit zum Aufholen zu schinden. Aus
sowjetischer Sicht ist die Alternative zu konventioneller Rüstungskontrolle wahrscheinlich ein massiver
Einsatz von Ressourcen bei dem weiteren Versuch, die technologische Kluft
zu verringern, die für sie immer unüberbrückbarer wird.
Für die sowjetische Führung wäre
dies eine zu schwierige Entscheidung
in einer Situation, in der sie versucht, sich zunehmend im zivilen Be-

reich zu engagieren und dem Militär
immer weniger an Ressourcen zuzugestehen. Daher ist zentraler Bestandteil der neuen sowjetischen Politik,
ein vernünftigeres und zuvorkommenderes Bild der Sowjetunion zu liefern.
Ein weiteres Element ist die Verringerung der
"westlichen Bedrohung"
durch politische Mittel wie Rüstungskontrollverhandlungen, die dann die
militärischen Bedürfnisse des Ostens
reduzieren, oder zumindest die Kosten
der militärischen Aufrüstung zu vermeiden. Es ist kein Zufall, daß das
Thema des neuen sowjetischen Entgegenkommens bei der Rüstungskontrolle
einen zentralen Stellenwert in der
Öffentlichkeitsarbeit
der
Sowjets
einnimmt.
Wir geben uns nicht der Illusion
hin, die Zukunft der konventionellen
Rüstungskontrolle sei leicht.
Sie
befaßt sich nicht mit einer einzigen
Kategorie von Waffen wie die INF-Verhandlungen. Konventionelle Rüstungskontrolle konzentriert sich auf ein
breites Spektrum von Bestandteilen
wie Streitkräftestruktur, Organisation, Gerät und Doktrin. Die diesen
Bestandteilen innewohnende Komplexität muß ferner noch mit der Zahl der
an
den
bevorstehenden
Gesprächen
teilnehmenden
Länder
multipliziert
werden, da es sich hierbei nicht um
bilaterale
amerikanisch-sowjetische
Verhandlungen, sondern um Gespräche
zwischen den 23 Nationen der beiden
Bündnisse handelt.
Auf westlicher
Seite müssen wir uns effektiv mit den
Belangen der 16 souveränen, unabhänigen Staaten auseinandersetzen.
Die
Probleme werden sehr vielschichtig
sein und die Art von Standhaftigkeit
und Geschick erfordern, die das Bündnis erfolgreich durch die INF-Probleme geleitet haben. Wir alle dürfen
nicht vergessen, daß kollektive Verteidigung
kollektive
Verantwortung
bedeutet.
Die INF-Erfahrung sollte
uns jedoch lehren, daß die NATO-Bündnispartner in gemeinsamer Arbeit Rüstungskontrollabkommen
erarbeiten
können, mit denen die Sicherheit der
NATO wirklich verbessert werden kann.

- 5 -

�Zweifelsohne muß der Westen die
potentiellen Möglichkeiten der sich
angeblich in der Sowjetunion abzeichnenden neuen Einstellung ebenso in
Erwägung ziehen wie die scheinbare
Bereitschaft, die traditionellen OstWest-Probleme in einem neuen Licht zu
betrachten - was immer die Motive des
Ostblocks dafür sein mögen. Im Hinblick auf konventionelle Waffen und
die Angst des Westens vor konventioneller
Überlegenheit
hat
Michail
Gorbatschow erklärt, "Laßt uns dies
alles in einem neuen Licht betrachten. Bei den Waffenkategorien, bei
denen der Westen eine größere Anzahl
besitzt, soll er die entsprechenden
Reduzierungen vornehmen, und bei den
Kategorien, von denen wir mehr besitzen werden wir ohne zu Zögern diesen
'Überschuß' abbauen.
Mit anderen
Worten, wir streben ein Gleichgewicht
auf einem niedrigeren Niveau an."
Wir dürfen uns von solchen Bekenntnissen der sowjetischen Bereitschaft zur Verringerung der Streitkräfte nicht einlullen lassen und
glauben, diese Gefühle signalisierten, der Osten mache sich unsere
Sicht der Natur des Problems der konventionellen Sicherheit in Europa zu
eigen.
Wir müssen jedoch bereit
sein, jede Gelegenheit für wirkliche,
auf
dem
Verhandlungsweg
erzielte
Fortschritte bei der konventionellen
Rüstungskontrolle zu nutzen in unserem andauernden Bestreben zur Behebung des konventionellen Ungleichgewichts in Europa, das die größte Bedrohung eines anhaltenden Friedens
darstellt.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

- 6

�AMERIKA DIENST
'VON

4

Wissenschaft und Technik

32

7. September 1988

NEUER WEG ZUR AIDS-BEKÄMPFUNG
Medikament soll Zellen vor Virus-Infektion schützen

WASHINGTON - (AD) - Im Nationalen Krebsforschungsinstitut (U.S. National
Cancer Institute - NCI) der Vereinigten Staaten in Bethesda (Maryland) wird an
50 Patienten mit AIDS-Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium seit kurzem ein
neues Medikament erprobt, das NIV-Viren "abfangen" soll, bevor sie in die Immunzellen des menschlichen Körpers eindringen und das Abwehrsystem des Organismus lahmlegen.

Es handelt sich um synthetisches
CD4, ein gentechnisch hergestelltes
Präparat.
Dieses imitiert gewissermaßen das natürliche CD4-Protein, das
sich an der Oberfläche der Immunzellen befindet. Im Gefolge einer HIVInfektion heftet sich ein spezielles
Protein der Hülle des AIDS-Virus an
das natürliche CD4-Protein, was das
Einschleusen des Virus in die Zelle
ermöglicht.
Dort vermehrt es sich
und
löst eine katastrophale Reaktionskette aus.
Die Forscher hoffen, daß das gentechnische Produkt AIDS-Viren vom natürlichen CD4-Protein abzulenken und
zu binden vermag, bevor sie gesunde
Zellen infizieren.
Viele AIDS-Spezialisten halten es für den bislang
aussichtsreichsten Wirkstoff in der

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Entwicklung
von Medikamenten
gegen
die tödliche Immunschwächekrankheit.
Es ist das erste Präparat, bei dem
von Erkenntnissen
Gebrauch
gemacht
wird, die man beim Studium der Struktur des AIDS-Virus gewinnen konnte.
Die am 10. August 1988 am NCI begonnenen Versuche werden
in Kürze
durch weitere Erprobungsaktionen an
Kliniken in San Francisco und Boston
ergänzt. Vorläufig dienen sie in erster Linie dazu, festzustellen, ob
der Wirkstoff auch beim Menschen sicher ist und ob er die Vermehrung von
AIDS-Viren
verhindern
kann.
Bei
Tierversuchen
konnten
mit
dieser
"chemischen Falle" die Viren völlig
absorbiert werden, ehe sie in der Lage waren, Zellen zu infizieren. "Alle ersten Tests brachten gute Ergeb-

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Telex: 8-85432

�nisse",
berichtete
Dr.
Stephen
Sherwin, Direktor für klinische Forschung bei der Firma Genentech in Kalifornien, eine der Biotechnik-Firmen, die das synthetische CD4-Protein
herstellen.
Dr. Samuel Broder (NCI) sieht in
der Verwendung des Wirkstoffs einen
der wichtigsten Schritte, die bisher
im Kampf gegen die Immunschwächekrankheits AIDS überhaupt unternommen
werden konnten.
Es sei anzunehmen,
daß eine in dieser Richtung ständig
weiter verfeinerte Technik dazu beiträgt,
AIDS-Viren
zu
blockieren.
Dennoch sei es noch viel zu früh, um
etwas darüber sagen zu können, wie
gut und wie wirksam das Präparat tatsächlich sei.
Das einzige Medikament, das von
der zuständigen amerikanischen Behörde bisher zugelassen wurde und in
Apotheken
gegen
Rezept
erhältlich
ist, ist AZT.
In bestimmten Fällen
kann es das Leben von AIDS-Patienten
verlängern. Seine Nebenwirkungen erfordern allerdings ständige Beobachtung und regelmäßige Blutkontrollen.
Inzwischen
räumt die Bundesbehörde
für
Nahrungs- und
Arzneimittelüberwachung (Food and Drug Administration
- FDA) AIDS-Patienten auch die Möglichkeit ein, sich aus dem Ausland
kleine Mengen von Medikamenten zu beschaffen, die
in
den
Vereinigten
Staaten noch nicht zugelassen sind
und dort nicht für den Markt produziert werden. Die importierten AIDSMedikamente dürfen nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt sein und
ausschließlich den Bedarf von drei
Monaten decken.
Die FDA hat bisher 178 Anträge
amerikanischer Stellen genehmigt, Medikamente gegen AIDS-Erkrankungen zu
testen. In den meisten Fällen dürfte
jedoch ein weiter Weg zurückzulegen
sein, bis - wenn überhaupt - das getestete Präparat zur Behandlung eingesetzt werden
kann.
Angaben des
amerikanischen
Zentrums
für Krankhoitsüberwachung
(Atlanta, Georgia)
zufolge wurde in den letzten sieben

Jahren AIDS bei 66 464 Amerikanern
diagnostiziert; 37 535 Personen sind
inzwischen
daran gestorben, allein
etwa 13 000 im vergangenen Jahr.
Auch im Zusammenhang mit der Erprobung von synthetischem CD4 am Menschen sind noch viele Fragen offen:
So darf beispielsweise der Wirkstoff
nicht die normalen Funktionen des natürlichen
CD4-Proteins
stören, die
man noch nicht völlig versteht. Manche Forscher nehmen an, daß das natürliche CD4-Protein mit anderen Proteinen
zusammenwirkt, die
an
der
"Kommunikation" zwischen Zellen des
Immunsystems und damit einem wichtigen Teil der normalen Immunreaktionen
des Körpers beteiligt sind.

* * * * * *

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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. September 1994

35

BEVÖLKERUNG

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten

ARBEITSWELT

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt

BILDUNG

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente

VERFASSUNG

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST
GEFRAGTER NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 339 23 72
Fax: 0228 33 41 02

�BEVÖLKERUNG
7. September 1994

GORE: BREITGEFÄCHERTER ANSATZ KANN
BEVÖLKERUNGSWACHSTUM EINDÄMMEN
Rede des Vizepräsidenten
KAIRO - (AD) - Die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums kann durch einen breitgetächerten Ansatz
erzielt werden, der wirtschaftliche Erfordernisse, Bildung, Gesundheitsfürsorge und Familienplanung anspricht,
erklärte Vizepräsident AI Gore den Teilnehmern der internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung am Eröffnungstag.
Die von den Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz wurde am 5. September 1994 in Kairo eröffnet und
soll bis zum 13. September dauern. Vizepräsident Gore, der die amerikanische Delegation anführt, stellte fest,
die Geschichte habe die Unzulänglichkeit isolierter Lösungen für das Bevölkerungsproblem gelehrt. Er drängte
auf Unterstützung eines ausgewogenen, vielseitigen Ansatzes, der die Betonung auf gerechte und
umweltverträgliche Entwicklung, Bildung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Bekämpfung des
Analphabetentums, die Verfügbarkeit von Kontrazeptiva sowie eine gute Gesundheitsfürsorge legt. Konsequent
verfolgt würden diese Elemente zu niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einem stabilisierten
Bevölkerungswachstum führen, argumentierte der Vizepräsident.
Entsprechend sei die Lösung für das Problem der Armut "in einem umfassenden Ansatz (zu finden), einer
Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten, wenig Korruption, einer soliden
Umweltpolitik, freien und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu Märkten in den Industrienationen",
äußerte Gore.
Im Hinblick auf die kontroversen Empfehlungen der Konferenz zum Schwangerschaftsabbruch stellte der
Vizepräsident fest: "Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung eines neuen internationalen Rechts
auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte dieser nicht als Methode der Familienplanung
ermutigt werden. Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische Entscheidungen zu diesen Fragen im
Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie
im Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Vizepräsident Gore.
Es ist mir eine Ehre, gemeinsam mit Ihnen eine der
wichtigsten Konferenzen zu eröffnen, die je veranstaltet wurden.
Im Namen von Präsident Clinton und allen Amerikanern möchte ich zunächst dem Gastgeber, Präsident
Mubarak, danken. Seine Präsidentschaft ist gekennzeichnet von dem kontinuierlichen Engagement, eine
bessere Zukunft für sein Volk, diese Region und die
Welt aufzubauen. Diese Konferenz soll dazu beitragen, dieses Ziel zu verwirklichen. Ich kann mir
keinen besseren oder geeigneteren Ort als Kairo für
die heute von uns begonnene Arbeit vorstellen.

AMERIKA DIENST 35

Ich möchte auch Generalsekretär Boutros Boutros
Ghali und Dr. Nafis Sadik für ihre engagierte Führungsrolle bei der Umsetzung dieser Konferenz von
einer Idee zur Realität meinen Dank aussprechen.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Beiträge von
Ministerpräsidentin Brundtland und Ministerpräsidentin Bhutto zu den Bestrebungen der Welt, dieses
lebenswichtige Thema anzusprechen.
Vor allem möchte ich jedoch den enormen Beitrag
von Regierungsvertretern, Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen und Privatleuten zur Bewältigung
der größten Herausforderung - und größten Chance des kommenden Jahrhunderts würdigen. Wir alle
schulden den an diesem Prozeß Beteiligten großen
Dank.

Seite 1

�Wir wären heute nicht hier versammelt, wenn wir
nicht überzeugt wären, daß das rasche und umweltschädliche Wachstum der Weltbevölkerung ein
Problem von höchster Dringlichkeit ist. Es dauerte
10.000 Generationen, bis die Weltbevölkerung zwei
Milliarden Menschen zählte. Aber in den vergangenen 50 Jahren hatten wir ein Bevölkerungswachstum
von 2 Milliarden auf über fünfeinhalb Milliarden zu
verzeichnen. Und wir sind auf dem Weg zu einem
Zuwachs auf 9 oder 10 Milliarden in den nächsten
50 Jahren. 10.000 Generationen, um eine Bevölkerung von 2 Milliarden zu erreichen und dann explodiert die Bevölkerung in einem menschlichen
Leben - dem unseren - von 2 Milliarden auf 10
Milliarden.

zur präzisen Lokalisierung der Fische haben den
gesamten Fischbestand unseres Planeten in hohem
Maße ausgebeutet oder ernsthaft gefährdet. Aus
diesem Grund haben wir die Verwendung von Treibnetzen eingeschränkt.

Diese Zahlen sind kein Problem an sich. Aber das
erstaunliche neue Muster, das sie zeichnen, ist ein
Symptom einer sehr viel größeren und tief ergehenden, die Menschheit konfrontierenden Herausforderung. Werden wir unseren Beziehungen zueinander
Rechnung tragen oder nicht? Werden wir die
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen übernehmen oder nicht?
Können wir Wege der Zusammenarbeit finden, oder
werden wir darauf bestehen, selbstsüchtig die
Grenzen des menschlichen Stolzes zu erforschen?
Wie können wir es erreichen, in den Gesichtern der
anderen unsere eigenen Hoffnungen und Träume für
die Zukunft zu sehen? Warum ist es so schwer zu
erkennen, daß wir alle Teil eines größeren Ganzen
sind?

Wirtschaftlich gesehen trägt das rasche Bevölkerungswachstum häufig zu der Herausforderung bei,
niedrige Löhne, Armut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit in Angriff zu nehmen.

Natürlich gibt es unendliche Fragen, die stets die
Menschheit bewegt haben. Heute erhalten sie
jedoch eine neue Dringlichkeit, eben weil wir ein
neues Stadium der menschlichen Geschichte erreicht haben - ein nicht nur durch das kometenhafte
Wachstum der Menschheit, sondern auch durch die
beispiellosen faustischen Kräfte der neuen Technologien definiertes Stadium, das wir in eben diesen 50
Jahren erreicht haben - Technologien, die uns nicht
nur neue Vorteile bringen, sondern auch die Konsequenzen jahrhundertealter Verhaltensmuster in
einem Extrem beleuchten, das allzuoft die Klugheit
übersteigt, die wir in unsere Entscheidung über ihren
Einsatz einbringen.
Kriegführung ist beispielsweise eine althergebrachte
menschliche Gewohnheit - aber die Erfindung von
Nuklearwaffen hat die Konsequenzen dieses Verhaltens so radikal verändert, daß wir gezwungen sind,
neue Denkmuster über die Beziehungen zwischen
Nuklearstaaten zu sondieren, um den Einsatz dieser
Waffen zu verhindern. Entsprechend waren die
Ozeane immer eine Quelle von Nahrungsmitteln,
aber neue Technologien wie 60 Kilometer lange
Treibnetze zusammen mit modernstem Sonargerät

Seite 2

Es wird jedoch zunehmend deutlich, daß unser
Bewegungsspielraum kleiner wird, während das
rapide Bevölkerungswachstum einhergeht mit einem
enormen und umweltschädigenden Konsumniveau in
den Industrienationen, mächtigen neuen Instrumenten
zur Ausbeutung der Erde und der Mitmenschen sowie
der entschiedenen Weigerung zur Übernahme der
Verantwortung für die Konsequenzen der von uns
getroffenen Entscheidungen.

Die Bevölkerungstrends stellen ebenfalls eine Herausforderung für die Gesellschaften, Volkswirtschaften und Regierungen dar, die erforderlichen Investitionen in Humankapital und Infrastruktur zu tätigen.
Auf der Ebene der Familie haben die demographischen Trends die Investitionen der Welt in ihre Kinder
- insbesondere Mädchen - auf einem inakzeptabel
niedrigen Niveau gehalten.
Für den einzelnen sind Bevölkerungswachstum und
hohe Geburtenraten eng mit schlechter Gesundheit
und verringerten Chancen für abermillionen Frauen,
Kleinkinder und Kinder verbunden.
Die Bevölkerungsexplosion schränkt häufig die
Hoffnungen für Stabilität auf nationaler und internationaler Ebene ein. Nehmen Sie zum Beispiel die
20 Millionen Flüchtlinge auf unserer Welt, die kein
Zuhause haben.
Die Delegierten dieser Konferenz haben dazu beigetragen, weithin Verständnis dieser neuen Realitäten herbeizuführen. Besonders bemerkenswert für
diese Konferenz ist jedoch nicht nur das beispiellose
Ausmaß an Konsens über das Wesen des Problems,
sondern auch das Ausmaß an Konsens über das
Wesen der Lösung.
In den vergangenen Jahren haben sich die Sichtweise und das Verständnis dieses Problems tiefgreifend gewandelt. Und diese Veränderung ist Teil
einer umfassenderen philosophischen Verlagerung
der Art und Weise, in der die meisten Menschen über
viele große Probleme nachzudenken begonnen
haben.

AMERIKA DIENST 35

�Es gab eine automatische Tendenz - insbesondere
in den Industrienationen - über den Prozeß des
Wandels im Kontext isolierter Ursachen nachzudenken, die isolierte Wirkungen erzeugen. Und daher
schien es bei der Suche nach dem Weg zur Lösung
eines speziellen Problems, wie groß es auch sein
mag, nur natürlich, nach der einzigen, am deutlichsten herausragenden "Ursache" des Problems zu
suchen und es dann entschieden anzugehen.
Zahlreiche kontroverse Argumente zwischen Gruppen waren die Folge, die unterschiedliche Gründe
als die "Hauptursache" ausmachten, die uneingeschränkte Aufmerksamkeit verlangte.
Als deutlich wurde, daß neue medizinische Technologien einen dramatischen Rückgang der Sterbeziffern, aber nicht der Geburtenrate bewirkten, einigten
sich zahlreiche Pioniere der Bestrebungen zur
Bewältigung des Bevölkerungsproblems auf das
Konzept, der Mangel an Kontrazeptiva sei das
Hauptproblem und argumentierten, ihre weitgehende
Verfügbarkeit würde den von uns gewünschten
Effekt produzieren - die Beendigung des demographischen Übergangs mit niedrigen Geburten- und
Sterberaten.
Als jedoch deutlich wurde, daß Empfängnisverhütung
allein selten den von uns angestrebten Wandel
herbeiführt, widmete man anderen isolierten Ursachen das Hauptaugenmerk.
Bei der historischen Konferenz von Bukarest vor 20
Jahren, als denkende Menschen feststellten, daß die
Mehrzahl der Gesellschaften mit stabilisiertem
Bevölkerungswachstum wohlhabend, industrialisiert
und "entwickelt" waren, schien die Schlußfolgerung
beispielsweise logisch, daß - in der damals gängigen
Formulierung - "Entwicklung die beste Empfängnisverhütung ist".
In der Zwischenzeit wurde Erkenntnissen der Entwicklungsländer
unzureichend
Aufmerksamkeit
gewidmet. Einige afrikanische Politiker argumentierten zum Beispiel vor 30 Jahren, daß "das mächtigste
Mittel zur Empfängnisverhütung der Welt das Vertrauen der Eltern in das Überleben ihrer Kinder ist".
An Orten wie Kerala im Südwesten Indiens ließen
die örtlichen Behörden Frauen und Männer an der
wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben, indem sie
ihnen mehr Zugang zu Bildung gewährten, Alphabetisierungskampagnen in die Wege leiteten und
gleichzeitig gute Gesundheitsfürsorge für Mütter und
Kinder sowie Verhütungsmittel bereitstellten. Infolge
dieser Maßnahmen fiel die Wachstumsrate der
Bevölkerung fast auf Null.

AMERIKA DIENST 35

Die Welt hat von den Entwicklungsländern auch
gelernt, daß die falsche Art schneller wirtschaftlicher
Entwicklung - die ungerecht ist und die traditionelle
Kultur, Umwelt und Menschenwürde schädigt - zu
einer Desorientierung der Gesellschaft sowie einer
Verringerung der Fähigkeit zur Lösung aller Probleme
- einschließlich des Bevölkerungsproblems - führen
kann.
Hier in Kairo besteht jedoch ein neuer und weitverbreiteter Konsens, daß keine dieser Lösungen alleine
ausreicht, um den von uns angestrebten Wandel
herbeizuführen. Wir sind uns jetzt darüber einig, daß
sie zusammengenommen über einen ausreichenden
Zeitraum hinweg eine systematische Veränderung zu
niedrigen Geburten- und Sterberaten sowie einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums herbeiführen werden. Bei diesem neuen Konsens gehen
gerechte und umweltverträgliche Entwicklung sowie
eine Stabilisierung des Bevölkerungswachstums Hand
in Hand. Aufklärung und vermehrte Entscheidungsbefugnis für Frauen, Alphabetisierungskampagnen,
die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und hochwertige Gesundheitsfürsorge sind Faktoren von
entscheidender Bedeutung.
Sie können nicht aufgeschoben werden, bis Entwicklung stattfindet, sondern müssen gleichzeitig mit ihr
einhergehen - und sollten als Teil des Prozesses
angesehen werden, durch den Entwicklung beschleunigt und wahrscheinlicher gemacht wird.
Dieses holistische Verständnis ist repräsentativ für
den Ansatz, den wir zur Lösung anderer drängender
Probleme wählen müssen. Beziehungen und wechselseitige Verbindungen anzuerkennen, ist hierzu ein
Schlüssel. Beispielsweise steht die Zukunft der
Industrienationen im Zusammenhang mit den Aussichten der Entwicklungsländer.
Teilweise aus
diesem Grund möchten wir in den Vereinigten Staaten diese Gelegenheit nutzen, um unmißverständlich
alle Menschenrechte, einschließlich des Rechts auf
Entwicklung, zu bekräftigen.
Wir sollten eindeutig klarstellen, daß andauernde
große Armut auf unserer Welt den Hauptgrund für
menschliches Leiden, Umweltzerstörung, Instabilität und hohes Bevölkerungswachstum - darstellt.
Die Lösung ist jedoch - wie die Lösung des Bevölkerungsproblems - nicht in einer isolierten, vereinfachenden Antwort zu finden, sondern in einem
umfassenden Ansatz, einer Kombination aus Demokratie, Wirtschaftsreformen, niedrigen Inflationsraten,
wenig Korruption, einer soliden Umweltpolitik, freien
und offenen Märkten im Inland sowie Zugang zu
Märkten in den Industrienationen.

Seite 3

�Ferner müssen wir - in den Entwicklungs- und
Industrieländern gleichermaßen - die Verbindung
zwischen der heutigen und zukünftigen Generationen anerkennen, die die Ergebnisse der heute von
uns getroffenen Entscheidungen erben werden. Ein
Großteil der intellektuellen Krise der modernen Welt
wurzelt in unserer halsstarrigen Weigerung, über
unsere direkten Bedürfnisse und Wünsche hinauszuschauen und in die Art von Zukunft zu investieren,
auf die unsere Enkelkinder ein Recht haben. Und
es sollte offensichtlich sein, daß wir diesen verlorenen Sinn für die Zukunft nicht durch bloße
Appelle an Verstand und Logik wiedergewinnen
können.
Ich persönlich bin davon überzeugt, daß der anzustrebende holistische Ansatz in dem Glauben an die
grundlegenden menschlichen Werte und das Engagement dafür verwurzelt ist, die in allen großen
religiösen Traditionen und Prinzipien zu finden sind,
denen Männer und Frauen auf der Welt in zunehmendem Maße anhängen:

Die Verfassung der Vereinigten Staaten sichert das
Recht jeder innerhalb unserer Grenzen lebenden
Frau, sich mit begrenzten und spezifischen Ausnahmen für einen Schwangerschaftsabbruch zu
entscheiden. Wir sind diesem Prinzip verpflichtet.
Ich möchte jedoch ein Mißverständnis ausräumen:
Die Vereinigten Staaten streben nicht die Einführung
eines neuen internationalen Rechts auf Schwangerschaftsabbruch an, und unseres Erachtens sollte
dieser nicht als Methode der Familienplanung ermutigt werden.
Ferner vertreten wir die Ansicht, daß politische
Entscheidungen zu diesen Fragen im Zuständigkeitsbereich der jeweiligen Regierung im Rahmen ihrer
Gesetze und nationalen Gegebenheiten sowie im
Einklang mit bereits vereinbarten Menschenrechtsnormen getroffen werden sollten.
In diesem Zusammenhang verurteilen wir jeglichen,
im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbruch
oder anderen reproduktiven Fragen stehenden
Zwang.

Die zentrale Rolle der Familie,
die Bedeutung des Gemeinsinns,
die Freiheit des menschlichen Geistes,
die angeborene Würde jeder Frau, jedes Mannes
und jedes Kindes auf diesem Planeten,
politische, wirtschaftliche und religiöse Freiheit,
universelle und unveräußerliche Menschenrechte.
Entweder stützen wir uns bei unseren heutigen
Bestrebungen auf den Reichtum dieser gemeinsamen Prinzipien und Werte, oder wir lassen zu,
daß unsere Differenzen uns spalten. Und es ist
natürlich äußerst schwierig, einige dieser Differenzen
vollständig beizulegen.
Beispielsweise sind wir uns alle wohl bewußt, daß
die Ansichten zu einem Schwangerschaftsabbruch
zwischen Nationen und Einzelpersonen sehr unterschiedlich sind. Ich möchte die Position der Vereinigten Staaten zum Schwangerschaftsabbruch
deutlich machen, um Mißverständnissen vorzubeugen. Unserer Ansicht nach wird die Bereitstellung
hochwertiger Dienstleistungen bei Familienplanung
und Gesundheitsfürsorge gleichzeitig zu einer
Respektierung des Wunschs der Frau nach einer
Verhütung ungewollter Schwangerschaften, zu einer
Verringerung des Bevölkerungswachstums und der
Abtreibungsquote führen.

Wo ein Schwangerschaftsabbruch erlaubt ist, sollte er
unserer Meinung nach medizinisch sicher sein. Eine
medizinisch gefährliche Abtreibung ist ein Punkt bei
der Gesundheit der Frau, mit dem wir uns befassen
müssen.
Obwohl wir uns bewußt sind, daß auf einigen wenigen Gebieten eine vollständige Einigung schwer zu
erzielen ist, wollen wir uns um eine Respektierung
unserer Unterschiede bemühen und mit ihrer Überwindung das schaffen, was der Welt als der "Geist
von Kairo" im Gedächtnis bleiben wird - eine gemeinsame, unerschütterliche Entschlossenheit, die Weichen für eine Zukunft der Hoffnung und Verprechungen zu stellen.
Dies ist die Eröffnungssitzung. Jeder von uns kann
einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg dieses
historischen Unterfangens leisten. Eine entscheidende Voraussetzung hierfür ist unser Engagement für
sein Funktionieren.
Der schottische Bergsteiger W. H. Murray schrieb
Anfang dieses Jahrhunderts: "Bevor man sich
engagiert, gibt es Zögern, die Möglichkeit des Rückzugs, beständige Ineffektivität. Im Hinblick auf
jegliche Initiative ... gilt eine elementare Wahrheit,
deren Unkenntnis zahllose Ideen und hervorragende
Pläne zunichte macht: In dem Moment, an dem man
sich endgültig zu etwas verpflichtet, handelt auch die
Vorsehung."
Anfang dieses Jahres konnte ich mich im Süden
dieses Kontinents mit eigenen Augen von der Wahr-

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AMERIKA DIENST 35

�haftigkeit dieser Behauptung überzeugen, als ich
mein Land bei der Amtseinführung Nelson Mandelas
vertrat.
Als er seine Hand zur Ableistung des Amtseids
erhob, erinnerte ich mich plötzlich an einen Sonntagmorgen vor vier Jahren, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und mein damals siebenjähriger
jüngster Sohn gemeinsam mit mir die Berichterstattung im Fernsehen sah und fragte, warum die ganze
Welt zusah, wie diesem Menschen die Freiheit
wiedergegeben wurde.
Als ich ihm das nach bestem Vermögen erklärte,
fragte mein Sohn erneut "Warum?". Und nach
vielen "Warum" war ich etwas frustriert - erkannte
aber plötzlich auch, was für ein seltenes Privileg es
ist, einem Kind ein solch außergewöhnliches Ereignis zu erklären, wo ich doch wie so viele Eltern
oftmals mit der Belastung konfrontiert bin, ihm die
Existenz des Bösen sowie schreckliche Tragödien
und Ungerechtigkeit auf unserer Welt erklären zu
müssen.
Als Präsident Mandela seinen Amtseid abgelegt
hatte, beschloß ich, daß ich in den kommenden

*

AMERIKA DIENST 35

Tagen in Südafrika versuchen wollte zu verstehen,
wie diese wunderbare Entwicklung möglich wurde.
Was ich herausfand - neben dem wohlbekannten Mut
und der Vision von Mandela und De Klerk gleichermaßen - war das Schlüsselelement, das in der
Nachrichtenberichterstattung keinen Niederschlag
gefunden hatte: Männer und Frauen jedes ethnischen Hindergrunds aus allen Gesellschaftsschichten
hatten im Stillen beschlossen, die sie trennenden
Barrieren zu überwinden und Hand in Hand eine
Zukunft zu schaffen, die schöner ist als alles, was sie
sich je vorgestellt hatten.
Heute sehen wir uns derselben Wahl und denselben
Chancen gegenüber: Werden wir unseren Enkeln die
Last auferlegen, ihren Kindern zu erklären, warum
sich im Verlauf ihres Lebens unaussprechliche
Tragödien ereignen, die hätten vermieden werden
können?
Oder werden wir ihnen das Privileg und die Freude
verschaffen, ungewöhnlich positive Entwicklungen zu
erklären - deren Grundlagen zu dieser Zeit an diesem
Ort gelegt wurden? Wir haben die Wahl. Wir sollten
eine gute Wahl treffen.

* * *

*

Seite 5

�ARB E I T S W E L T
7. September 1994

REICH FORDERT BESTREBUNGEN ZUM
WIEDERAUFBAU DER AMERIKANISCHEN
MITTELSCHICHT
Ausbildung als Schlüssel zum Fortschritt
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich hat Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu aufgerufen, die Regierung beim
Wiederaufbau einer tragfähigen Mittelschicht zu
unterstützen, die in den letzten Jahren durch die
Entwicklungen am Arbeitsplatz zerfiel.
Bei einem Mittagessen des privaten Center for
National Policy erklärte Reich am 31. August 1994,
die Mitte der siebziger Jahre begonnenen Trends
hätten das Einkommens- und Sozialleistungsgefälle
zwischen den qualifizierten Arbeitnehmern und
denen ohne gute Bildung und Ausbildung vergrößert.
Im Laufe dieses Prozesses sei die alte Mittelschicht
in drei neue Gruppen aufgespalten worden: "Eine
vorwiegend in den Innenstädten gefangene Unterschicht, die zunehmend von den Wirtschaftszentren
isoliert ist, eine Oberschicht derjenigen, die den
Wandel in ihren Dienst stellen und dazwischen die
größte Gruppe, eine Gruppe ängstlicher Menschen,
die großenteils einen Arbeitsplatz haben, aber zu
Recht besorgt um ihre Stellung und um die Zukunft
ihrer Kinder sind."
Reich nahm diese Analyse nur fünf Tage vor dem
Feiertag Labor Day vor, der jedes Jahr zu Ehren der
Arbeitnehmer begangen wird.
Er untermauerte seine Behauptung mit Statistiken,
die besagen, daß die Kluft innerhalb der erwerbstätigen Bevölkerung immer größer wird. Im Zusammenhang mit dem Einkommen erklärte er, ein
männlicher Collegeabsolvent hätte 1992 im Durchschnitt 83 Prozent mehr verdient als ein High
School-Absolvent, verglichen mit einem Ungleichgewicht von nur 49 Prozent im Jahr 1979.
Ähnliche Trends zeichnen sich bei der Krankenversicherung, den Renten und bei der Möglichkeit ab,

AMERIKA DIENST 35

"überhaupt einen Arbeitplatz zu behalten", so Reich.
Die Arbeitslosenquote für High School-Abbrecher
stieg von 7 Prozent in den siebziger Jahren auf über
12 Prozent im Jahr 1993, während die Arbeitslosenquote für Arbeitnehmer mit einem Collegeabschluß
oder einem noch höherwertigen Abschluß ziemlich
stetig bei ungefähr 3 Prozent liegt.
Der bemerkenswerteste Wandel am Arbeitsplatz war
Reich zufolge "die ungestüme Ankunft des Computers" - eine Entwicklung, die "die Spaltung innerhalb
der amerikanischen Erwerbsbevölkerung zwischen
den Computerkundigen und ihren weniger geschulten
Kollegen vertieft hat".
Die Arbeitsplatzpolitik der Clinton-Administration
basiert auf "der erwiesenen Tatsache, daß Qualifikationen von Bedeutung sind und erworben werden
können", so Arbeitminister Reich. Er forderte die
Entwicklung eines "neuen Sozialpakts zwischen
amerikanischen Arbeitnehmern, Wirtschaft und
Regierung" zur Förderung von Ausbildung am Arbeitsplatz, die er als zunehmend erforderlich bezeichnete.
"Für amerikanische Unternehmen ist dieser neue
Sozialpakt nicht nur ein Gebot der Unternehmenspolitik gegenüber den Bürgern, sondern auch ihrer
eigenen langfristigen Interessen", erklärte er. Reich
bat die großen, einflußreichen Wirtschaftsverbände,
wie die amerikanische Handelskammer und die
nationale Produzentenvereinigung, diese Tatsache
anzuerkennen und ihre Mitglieder zu entsprechendem
Handeln zu veranlassen.
"Die Aussichten für Amerika sind vielversprechend",
so Reich. "Es gibt keine feste Zahl guter Arbeitsplätze, die aufgeteilt werden müssen, noch irgendwelche natürlichen Grenzen für die Erfindungsgabe des

Seite 1

�menschlichen Geistes oder neue Produkte und
Dienstleistungen", die er hervorbringen kann.
In den letzten Jahren dieses Jahrhunderts, in der
von Hoffnungen und Ängsten gekennzeichneten Verwirrung nach dem Ende des Kalten Krieges, besteht
unsere wichtigste Aufgabe in der Wiederherstellung

der Hoffnung der von Angst erfüllten Schichten und
der Ermutigung der verzweifelten Unterschicht, um
mit Überzeugung zu bekräftigen, daß der Amerikanisehe Traum des weit verbreiteten Wohlstands für die
Mittelschicht Bestand hat", äußerte der Arbeitsminister.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 35

�BILDUNG
7. September 1994

RICHARD RILEY - REFORMER DES
AMERIKANISCHEN BILDUNGSWESENS
von Steve Piacente
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Bildungsminister Richard Riley möchte auf nationaler Ebene das
erreichen, was er während seiner Zeit als Gouverneur von South Carolina im Bereich des staatlichen
Bildungswesens erzielte. Er bemüht sich mit Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit um einen Konsens und strebt
eine grundlegende Reform an, die eine Veränderung des staatlichen Bildungswesens in den Vereinigten
Staaten herbeiführen soll.
Steven Piacente ist Korrepondent in Washington für Charleston (S.C.) Post and Courler und freiberuflicher
Schriftsteller.
Nachdruck aus Government Executive, Juni 1993. Copyright (c) 1993 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Government Executive,
1730 M Street, N.W., Washington, D.C. 20036.
Präsident Clinton wünschte, daß sein Kabinett die
Farben Amerikas widerspiegelt. Für die Farbe Grau
wählte der Dick Riley.
Dieser Farbton scheint dem amerikanischen Bildungsminister zu stehen. Der kleine Mann mit der
silberumrandeten Brille und dünnen grauen Haarsträhnen hat aufgrund von Wirbelsäulenproblemen
eine gebeugte Haltung. Er ist zurückhaltend und
bisweilen volkstümlich im Stil der Südstaaten.
Im Laufe der Jahre hat der jetzt 60jährige Riley sich
jedoch als so stark und standhaft erwiesen wie die
gewaltigen grauen Schlachtschiffe, die an den
Küsten des Bundesstaates South Carolina, dessen
Gouverneur er acht Jahre lang war, vor Anker
liegen.
Nachdem er kürzlich mit einigen Besuchern aus
seinem Heimatstaat über die gewaltigen Probleme
gescherzt hatte, denen er sich in seinem neuen Amt
gegenübersieht, machte er lässig eine Äußerung, die
sowohl erstaunlich akkurat als auch für seine Verhältnisse äußerst selbstgefällig ist: "Sie wissen sehr
gut - wenn ich etwas angefangen habe, gebe ich
nicht auf."

AMERIKA DIENST 35

Riley demonstrierte diese Zähigkeit schon vor zehn
Jahren, als er das staatliche Bildungswesen von
South Carolina fast ohne fremde Hilfe auf den Stand
des 20. Jahrhunderts brachte und die widerstrebende
Generalversammlung (die Teil der bundesstaatlichen
Legislative ist) zu Steuererhöhungen überredete.
Seine Leistungen wurden von seinem Amtskollegen,
Gouverneur Bill Clinton, sorgfältig verfolgt, der in
Riley einen Mentor sieht.
Nachdem Clinton ihm die Chance gegeben hat, sein
Werk auf nationaler Ebene fortzusetzen, wurde Riley
bei seinen ersten Begegnungen mit Bildungsexperten
in Washington für seine übertrieben gedehnte
Sprechweise bekannt.
Er beginnt folgendem»«ßon: "Man sagt, 'Wissen Sie,
Herr Minister, Sie haben viele Ideen zur Verbesserung des Bildungswesens und so weiter. Als
erstes müssen wir diese Schulden begleichen und
den bedürftigen Jugendlichen staatlich finanzierte
Stipendien (Pell Grants) zur Verfügung stellen.'"
Riley ruft aus: "Zwei Milliarden Dollar! Was soll das
heißen - zwei Milliarden Dollar? Ich habe Schulden
seit dem ersten Tag meiner Amtszeit. Das ist die
Wahrheit!"

Seite 1

�Wahr ist auch, daß Riley die Leitung einer in großen
Schwierigkeiten steckenden Behörde übernommen
hat. Obwohl Präsident Bushs zweiter Bildungsminister, der ehemalige Gouverneur von Tennessee
Lamar Alexander, erste Schritte unternahm, um der
Bundesregierung bei den nationalen bildungspolitischen Debatten eine prominente Stellung einzuräumen, reichte das nicht zur Neubelebung des Ministeriums aus. In einer Ende Februar gehaltenen Rede
erklärte Riley: "... die Moral war auf einem Tiefpunkt".
Der neue Bildungsminister scheint entschlossen,
dieses Problem anzugehen, aber der Haushaltsantrag in Höhe von 30,7 Milliarden Dollar für das
Haushaltsjahr 1994 weist verglichen mit 1993 nur
eine kleine Steigerung auf, und die personellen und
administrativen Beschränkungen werden eng bleiben. Riley wird alle Hände voll zu tun haben, wenn
er ein Ministerium neu beleben will, das einen Monat
vor der Amtsübernahme Bill Clintons Gegenstand
beißender und umfassender Kritik durch den Bundesrechnungshof war.
Riley war sich bei seiner Amtsübernahme in Washington vollkommen der Schwierigkeiten bewußt,
die öffentlichen Schulen wieder in Ordnung zu
bringen, weil er das bereits in South Carolina getan
hatte.
Der vielleicht schwierigste Teil dieser Aufgabe
bestand darin, die bundesstaatliche Legislative zu
einer Erhöhung der Umsatzsteuer um einen Cent zu
überreden, um damit die umfassende Schulreform
zu finanzieren. Dieses Meisterstück Rileys versetzte
politische Beobachter 1984 in Erstaunen. "Was er
in South Carolina erreichte, wurde allgemein für
unmöglich gehalten", so der Rechtsanwalt und
ehemalige Senator des Bundesstaates Heyward
McDonald. "Er überzeugte die Wirtschaftsvertreter.
Er organisierte öffentliche Diskussionsveranstaltungen.
Als die entsprechende Gesetzesvorlage
eingebracht und erörtert wurde, war die Lawine
bereits ins Rollen gekommen."
Die von ihm gezeigte Hartnäckigkeit entstand zur
Zeit des Unglücks. Riley lebte viele Jahre unter
Schmerzen, die 1956 begannen, als der junge
Leutnant an Bord eines Schiffs der US-Marine
niesen mußte und dabei einen Krampf im Rücken
verspürte. Dies war das erste Anzeichen für Spondylitis, eine qualvolle arthritische Wirbelsäulenerkrankung, die Riley während seiner 14jährigen Karriere
in der Legislativen South Carolinas und danach
quälte.
"Ich lernte, mit einem qualvollen Tag und einer
ebensolchen Nacht zu leben und weiterzumachen",

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erklärte er. "Ich hatte 15 bis 20 Jahre lang entsetzliche Schmerzen und nahm nie Medikamente. Ich
habe in meiner schlimmsten Zeit nicht einmal Aspirin
genommen. Es ging nur darum, es durchzustehen.
Man sagte mir, das Leiden würde von selbst weggehen, und wenn ich meinen Rücken mehr oder weniger gerade halten könnte, würde es schließlich
nachlassen und der Schmerz aufhören. Man bleibt
verkrüppelt zurück, aber die Schmerzen und das
Fieber hatten schließlich ein Ende."
Als Ergebnis hat Riley einen Gang als würde er sich
ducken, um einem Regenguß auszuweichen. Riley
ist jetzt bereit, über seinen Zustand zu sprechen,
weigerte sich jedoch, als die Krankheit noch akut war.
"Es bestand eine Art von Übereinstimmung in der
Familie, daß ich die Krankheit ausschwitzen mußte,
und das tat ich auch."
Manche mögen sich fragen, warum sich Clinton für
einen ehemaligen Gouverneur als Bildungsminister
entschied, dessen Heimatstaat in den meisten
bildungspolitischen Statistiken ganz unten rangiert.
Auf die Frage, warum South Carolina bei Fragen wie
Gehältern für Lehrer und Eignungstests immer noch
so schlecht dastehe, antwortete Riley schlicht: "Wir
mußten einen längeren Weg gehen als die meisten
Bundesstaaten. Das ist kein Grund, sich zu schämen."
Der an der Furman University und der University of
South Carolina ausgebildete Riley, der als Rechtsberater für den ehemaligen Senator Olin Johnston
(Demokrat aus South Carolina) tätig war, übertreibt
nicht, wenn er von dem langen Weg spricht, den sein
Bundesstaat zurückzulegen hatte.
Obwohl die
Ergebnisse der Eignungsprüfungen in den Schulen
South Carolinas immer noch zu den schlechtesten
der Vereinigten Staaten gehören, erlebte kein Bundesstaat Mitte der achtziger Jahre größere Verbesserungen.
Unter Riley verzeichnete der Bundesstaat ferner
einen 7prozentigen Anstieg von High School-Absolventen, die direkt das College besuchen, eine
Verdoppelung der Zahl von High School-Studenten,
die ihr Examen vorzeitig ablegen, ein verstärktes
Interesse an Begabtenförderungsprogrammen sowie
einen Wettstreit mit einem anderen Bundesstaat um
den prozentual höchsten Anstieg bei den Lehrergehältern im Zeitraum von 1981 bis 1986.
Eckpfeiler dieser Reform - und was Clinton am
meisten beeindruckte - war das Bildungsförderungsgesetz South Carolinas aus dem Jahr 1984. Es
erhöhte die Anforderungen für den High SchoolAbschluß, führte eine Prüfung über Grundkenntnisse
für Zehntklässler und Sonderprogramme für begabte

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�sowie förderungsbedürftige Schüler ein, erhöhte die
Gehälter der Lehrer und forderte von jeder staatlichen Schule Jahresberichte über Verbesserungen.
Als Clinton ihn im Dezember 1992 als designierten
Bildungsminister vorstellte, wies er auch auf Rileys
Leistung hin, die Unterstützung von "Männern und
Frauen aus allen Lebensbereichen" für die einst
unvorstellbare Erhöhung der Umsatzsteuer um einen
Cent zu gewinnen, welche die Finanzgrundlage des
Gesetzes darstellte.
Heute verfügt South Carolina dem Präsidenten
zufolge wohl über "das beste System festzustellen,
ob die Menschen heute größere Leistungen bringen
als gestern". Und ein Großteil des Verdienstes
kommt Riley zu.
Riley gab sein Gouverneursamt 1987 auf. Als er
dem Ruf Clintons nach Washington folgte, hatte er
eine florierende Anwaltskanzlei, einen Sitz in mehreren bedeutenden Ausschüssen und Kommissionen
sowie eine Familie in South Carolina. Er zögerte
jedoch nicht. Bildung und Ausbildung interessieren
ihn persönlich, und zudem konnte er seinem alten
Freund, dem neuen Präsidenten, wohl kaum eine
Absage erteilen.
Im Dezember 1992, gerade als der Präsident Riley
als seine Wahl für das Amt des Bildungsministers
vorstellte, gab der Bundesrechnungshof seinen
38seitigen vernichtenden Bericht heraus, der entscheidende Mängel im staatlichen Bildungswesen im
allgemeinen und den Operationen des Bildungsministeriums im besonderen auflistete.
In dem Bericht des Bundesrechnungshofs heißt es:
Das staatliche Bildungswesen in den Vereinigten
Staaten "hält nicht Schritt mit den Erfordernissen des
wirtschaftlichen Wandels. Wir sind zu dem Schluß
gekommen, daß die Vereinigten Staaten keine
zusammenhängende Strategie verfolgen, unsere
Jugend auf das Arbeitsleben vorzubereiten, während
das in anderen Nationen der Fall ist. Unsere wichtigsten ausländischen Konkurrenten legen Wert
darauf, daß alle Jugendlichen auf die Arbeitswelt
vorbereitet werden und sich an Veränderungen am
Arbeitsplatz anpassen können."
Ferner befand der Bundesrechnungshof, das Bildungsministerium mache keinen effektiven Gebrauch
von seiner Belegschaft und warf ihm Unzulänglichkeiten bei der Einstellung, Ausbildung und
Führung von Mitarbeitern vor. Die "Effektivität des
Bildungsministeriums wird ferner durch zu starke
Zentralisierung des Entscheidungsfindungsprozesses
sowie den Ausschluß von Beamten aus Problemlö-

AMERIKA DIENST 35

sungsprozessen des Managements geschwächt",
fügte der Bundesrechnungshof hinzu.
Zwei Monate später erklärte Riley in einer Rede an
der University of North Carolina, die Neubelebung
des Ministeriums sei seine "erste große Aufgabe"
gewesen. Unter anderem werde er erstklassige
Assistenten einstellen, angefangen mit Madeline
Kunin, der ehemaligen Gouverneurin von Vermont,
als Stellvertretender Ministerin.
Ferner sind heute Marshall (Mike) Smith, Dekan der
pädagogischen Fakultät der Stanford University
(Kalifornien) als Staatssekretär und Sonderberater
Terry Peterson, der In South Carolina Rileys wichtigster Mitarbeiter im Bildungsbereich war, im Bildungsministerium tätig.
Auf Rileys Tagesordnung stehen sechs ehrgeizige
Ziele, deren Ursprünge beim vom damaligen Präsidenten Bush in Charlottesville (Virginia) einberufenen
Bildungsgipfel zu finden sind. An der Tagung nahmen mehrere Gouverneure teil, darunter Bill Clinton,
der eine wichtige Rolle bei der Konsensfindung über
nationale Bildungs- und Ausbildungsziele spielte. Zu
den Zielen gehören eine 90prozentige Quote von
Abgängern weiterführender Schulen, eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten in Mathematik und
Naturwissenschaften, Alphabetisierungskampagnen
für alle Erwachsenen, sichere und drogenfreie
Schulen, vermehrte Kompetenz bei schwierigen
Fächern sowie Lernbereitschaft bei jedem Schulanfänger.
Riley zufolge wurde sein Interesse am Bildungsministerium durch die erklärte Besorgnis Clintons
über Bildungsfragen erhöht sowie dessen Wunsch
nach behördenübergreifenden Lösungen für Bildungsund Ausbildungsfragen. Seit dem Tag der Amtseinführung des Präsidenten am 20. Januar 1993 hat
Riley viel Zeit mit Arbeitsminister Robert Reich und
Gesundheitsministerin Donna Shalala verbracht.
Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist das Gesetz Goals
2000 - Bildung für Amerika, ein von Riley vorgelegtes Gesetzespaket in Höhe von 420 Millionen
Dollar, um "im amerikanischen Bildungswesen eine
neue Partnerschaft für Lernen und Lehren von
Weltklasse zu bilden".
Das Gesetz sieht folgendes vor:
Einbeziehung der sechs Erziehungsziele und des
Gremiums für nationale Bildungsziele (National
Education Goals Panel) in nationale Politik und
Gesetzgebung. Das aus 18 Mitgliedern bestehende Gremium, dem im Haushaltsjahr 1994 3
Millionen Dollar zur Verfügung stehen, soll über
Fortschritte bei der Erreichung der Ziele berichten

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�und die Unterstützung der Öffentlichkeit mobilisieren. Dem Gremium sollen acht Gouverneure,
vier Kongreßabgeordnete, vier Mitglieder der
bundesstaatlichen Legislativen sowie zwei vom
Präsidenten ernannte Mitglieder angehören.

Klasse" verwendet werden. Der Newsweek-Kolumnist Robert J. Samuelson hat das Clintonschema als
"teure, bürokratische Praxis" bezeichnet, die nicht auf
höheren Standards und härterer Arbeit der Schüler
besteht.

Gründung eines Rates für nationale Bildungsnormen und Verbesserungen im Bildungswesen
(National Education Standards and Improvement
Council) zur Festsetzung von Normen zum Unterrichtsinhalt, zu den Lernmöglichkeiten (beispielsweise Prüfung der Qualität des Lehrplans) sowie
zu von den Bundesstaaten anzulegenden Kriterien bei der Wahl von Bezugspunkten für ihre
eigenen Normen. Das 20köpfige Gremium soll
vom Präsidenten ernannt werden; für das Haushaltsjahr 1994 sind 9 Millionen Dollar vorgesehen.

Clinton und Riley möchten ferner in den nächsten vier
Jahren ein Kreditprogramm für Studenten in die
Wege leiten, das die aus Rileys Sicht "komplizierten
und kostenintensiven" garantierten Kredite im Rahmen des Bundesbildungssystems für Familien ersetzen soll. Schätzungen des Ministeriums zufolge
könnte die Regierung durch die Abschaffung der
Mittelsmänner und die Vorteile niedrigerer Kosten für
Bundesanleihen bis zum Haushaltsjahr 1998 4,2
Milliarden Dollar sparen.

Einführung einer Struktur und eines Verfahrens,
um den Bundesstaaten bei der Entwicklung von
Plänen zur Verbesserung des Bildungswesens
beizustehen. Für Hilfe in den Bereichen Lehrerausbildung, Leistungsmaßstäbe für Schüler und
erhöhte Einbeziehung der Eltern auf kommunaler
Ebene sind insgesamt 393 Millionen Dollar vorgesehen.
Gründung eines Gremiums für die Festsetzung
nationaler Qualifikationsmaßstäbe (National Skills
Standards Board), um wichtige berufliche Fähigkeiten zu identifizieren und ein System von Normen, Bewertungen und Bescheinigungen auf
freiwilliger Basis zu schaffen. Die Idee besteht
darin, den Arbeitgebern bei der Einstellung
besser ausgebildeter Arbeitnehmer zu helfen und
Schülern, die nicht aufs College gehen wollen,
ein» bessere Idee der für hochbezahlte Arbeitsplätze erforderlichen Fähigkeiten zu geben; Dem
Gremium sollen 28 Mitglieder aus Wirtschaft,
Regierung, Gewerkschaften und verschiedenen
anderen Gruppen angehören. Das Ziel ist Reich
zufolge "ein nahtloser Übergang von Bildung zu
Ausbildung".
Einige Beobachter erachten den Clinton/Riley-Plan.
als schwach. Während Bush nationale Standards
und Prüfungen für Absolventen der Grund- und
weiterführenden Schulen vorgeschlagen hatte,
befürwortet Clinton nationale Standards, aber keine
nationalen Prüfungen. Die Bundesstaaten könnten
Standards "von vergleichbarer Strenge und Qualität"
zustimmen und ihre eigenen Prüfungen ausarbeiten,
Vergleiche von Bundesstaat zu Bundesstaat wären
jedoch schwierig. Darüber hinaus würde der Clintonplan verbieten, daß die Prüfungen der Bundesstaaten "für Entscheidungen über den Abschluß der
Schüler, das Überspringen oder Wiederholen einer

Seite 4

Ebenfalls eingeführt wurde Clintons Plan für einen
nationalen Sozialdienst, dank dem Studenten ihre
Kredite für den Collegebesuch durch Gemeindearbeit
nach dem Collegeabschluß abzahlen können.
Clintons Haushaltsvorlage für 1994 sah 2,9 Millionen
Dollar für einen Bereich des Plans vor - das Programm für innovative Projekte der Gemeindearbeit.
(Clinton und Riley hatten beabsichtigt, das Pell GrantDefizit in Höhe von 2 Milliarden Dollar abzulösen und
ein Programm von 1 Milliarde Dollar für "bildende"
Sommerjobs in die Wege zu leiten, aber diese Pläne
wurden vereitelt, als die Republikaner im Senat das
Paket des Präsidenten zur Ankurbelung der Wirtschaft im April 1993 ablehnten).
in der Zwischenzeit haben Riley und Shalala gemeinsam ein Hauptziel des Bildungswesens angesprochen - die Sicherstellung, daß die Schüler die
Schule beginnen, wenn sie physisch, geistig und
emotional zum Lernen bereit sind - indem sie ein 157
Seiten umfassendes Handbuch herausgaben, das
den Gemeinden bei der besseren Koordinierung der
Bildungs-, Gesundheits- und Sozialdienstprogramme
behilflich sein soll.
Während Riley mit anderen Kabinettsmitgliedern
zusammenarbeitet, versucht er auch, eine beträchtliche Zahl von Herausforderungen im eigenen Hause
zu bewältigen.
Obwohl die US-Regierung nie große Finanzmittel für
Grund- und weiterführende Schulausbildung zur
Verfügung gestellt hat (sie zahlte im Jahr 1990
weniger als 6 Prozent der Kosten für das staatliche
Bildungswesen), ist der Aufgabenbereich des Bildungsministeriums dennoch äußerst umfangreich.
Dazu zählt das Aufzeigen wichtiger Themen und
Probleme, die Durchsetzung von Gesetzen gegen
Diskriminierung sowie die Formulierung von Maßnahmen im Zusammenhang mit den Ausgaben im

AMERIKA DIENST 35

�US-Bildungswesen. Ferner hat das Ministerium den
Auftrag, Daten über amerikanische Schulen in 57
Bundesstaaten und anhängigen Territorien zusammenzustellen und an Lehrkräfte und die Öffentlichkeit zu verteilen.
Die Notwendigkeit zum Abbau des Haushaltsdefizits
wird Riley davon abhalten, seinen Aufgabenbereich
zu erweitern. Als er am 21. Januar 1993 sein Amt
übernahm, hatte das Ministerium 4.910 Vollzeitbeschäftigte. Diese Zahl wird im Haushaltsjahr 1994
im Rahmen des von Clinton vorgelegten Etats auf
4.836 gekürzt. Die Haushaltsvorlage reagiert auf
Kritik des amerikanischen Bundesrechnungshofs
über ein Ungleichgewicht zwischen der Zunahme der
Arbeitsbelastung und einer Abnahme des Personalbestands mit der Aussage, das Ministerium "beabsichtigt, seine Leistung durch neues und besseres
Management und die Neuzuweisung von Ressourcen zu verbessern".
Die Kosten für Umbauten, neue Telefonsysteme und
die Erweiterung der Datenbank sind im Budget für
1994 enthalten.
Seine ungeheure Aktivität - Riley arbeitet häufig von
neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und jongliert Initiativen mit der Begeisterung eines Zirkuskünstlers - hat dem Sonderberater Peterson zufolge
das Ministerium bereits mit neuer Energie belebt.

Riley stellt fest: "Ich arbeite weiterhin mit den Beamten. Es heißt nicht 'wir' und 'sie'. Ich bin entschlossen, durch Zusammenarbeit Erfolg zu erzielen."
Das Endprodukt, hofft er, wird ein Bildungsministerium sein, das "die Zersplitterung verringern kann, die
Bundesbildungsprogramme plagt und die Isolierung
zwischen Vorschul-, Grundschul-, Hauptschul- und
weiterführender Bildung abbauen kann".

Riley will sein Büro auch dazu nutzen, die Beziehungen zwischen Washington und den Bundesstaaten
besser zu definieren. Er ist sich der Belastung der
Einmischung durch die US-Regierung bewußt und es
entspricht nicht seiner Art, dies in Streitigkeiten auf
kommunaler Ebene über die Wahl der Schule oder
die Verteilung von Kondomen anzubringen. South
Carolina war schließlich der erste Bundesstaat, der
sich zu Zeiten des Bürgerkriegs (1861 - 1865) von
der Union lossagte.
Gleichzeitig hat Riley das Gefühl, nur mit einer
grundlegenden Reform von oben nach unten sein Ziel
erreichen zu können.
Besucher verlassen das
Ministerium mit dem Gefühl, daß er erst angefangen
hat, seiner Tagesordnung Substanz zu verleihen.
"Man kann den nationalen Durchschnitt oder den
Prozentsatz von Studenten, die ein bestimmtes Ziel

"Es dauert lange, bis sich das bis unten auswirkt",

erreichen, nicht mit einigen wenigen Pilotprojekten

räumt er ein. "Wir müssen sehr viel tun, um der
Organisation zu helfen."

verändern, die durch Bundesvorschriften einigen
wenigen Schulen diktiert werden."

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Seite 5

�V E R F A S S U NG
7. September 1994

AMERIKANISCHE VERFASSUNG IST GEFRAGTER
NEUER EXPORTARTIKEL
Juraprofessor als "Handlungsreisender"
WASHINGTON - (AD) - Während immer mehr
Nationen den Weg der Demokratie und Einbindung
in die Weltwirtschaft beschreiten, wird das erfolgreiche Modell für die Beziehungen zwischen der
Regierung und den Bürgern, das die Verfassung der
Vereinigten Staaten bietet, zu einem gefragten
Exportartikel, so der Juraprofessor und Autor Bernard Siegan.

sowie Gefahren und Übergriffe vor Ort zu schützen.
Sie darf niemals soviel Macht haben, daß sie die
Menschen unterdrücken oder ihre Klugheit und
Produktivität einschränken könnte." Aus diesem
Grund "müssen die Verfassungen der entstehenden
Staaten als herausragendstes juristisches Dokument
deren bestehende Verpflichtung zu einer freien
Gesellschaft widerspiegeln und fördern".

Siegan, der an der University of San Diego Wirtschaft und Verfassungsrecht lehrt, ist Autor des
Buchs "Drafting a Constitution for a Nation or Republic Emerging into Freedom", das kürzlich von der
George Mason University Press of Fairfax (Virginia)
publiziert wurde.

Sein Hauptziel als Verfassungsexperte sei es, den
früher kommunistischen politischen und wirtschaftlichen Regimen unterworfenen Ländern dabei zu
helfen, nach dem Zusammenbruch ihres wichtigsten
Modells, der Sowjetunion, wieder auf die Beine zu
kommen.

Er wurde eigenen Angaben zufolge zum Verfassen
dieses Handbuchs angeregt, nachdem er die Regierungen Argentiniens, Armeniens, Boliviens, Brasiliens, Kanadas, der ehemaligen Tschechoslowakei,
Perus, Polens und der Ukraine verfassungsrechtlich
beraten hatte. 1990 half er Bulgarien bei der Vorbereitung eines Verfassungsentwurfs.

In einer Weltwirtschaft, zu der sie nicht wirklich
gehörten, waren diese Länder Siegan zufolge wie
umhertreibende Schiffe. "Und der beste Weg für sie,
mit diesem Problem umzugehen", und wieder zurück
auf den Weg zu Freiheit und Wohlstand zu kommen,
ist die amerikanische Verfassung - das Dokument,
das für sie am besten geeignet ist, in die "moderne
Welt" integriert zu werden.

Der Wissenschaftler erklärte kürzlich vor Zuhörern
der Herltage Foundation - einer konservativen
Denkfabrik in Washington - die amerikanische
Verfassung habe eine Antwort auf die heutigen
Probleme der Welt: eine Zurücknahme der Regierung.
"Ich verkaufe die amerikanische Verfassung auf der
ganzen Welt ... weil sie im Hinblick auf den Schutz
der Freiheit einzigartig ist", erklärte Siegan. Dadurch
sei Amerika wohlhabend und sicher geworden anscheinend auch der größte Wunsch der dem
Autoritarismus entfliehenden Nationen.
In seinem Handbuch zur Verfassung schreibt Siegan, "die Regierung sollte genug Macht haben, um
die Bürger gegen ihre in- und ausländischen Feinde

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Siegan gibt folgende Ratschläge für den Erfolg in
einer modernen Gesellschaft:
Privatisierung und Schutz von Eigentumsrechten,
Schaffung eines wirtschaftlichen Umfelds, das
günstige Bedingungen für den Wettbewerb bietet
und in- und ausländische Investitionen ermutigt,
Kontrolle der Regierung über ihre Ausgaben und
Besteuerung sowie die Garantie, daß die Judikative - die Gerichte - "für die Durchsetzung von
Verträgen zur Verfügung stehen".
Die Herausforderung für die Nationen, die früher mit
der Planwirtschaft zu kämpfen hatten, insbesondere

Seite 1

�in Osteuropa, wo sich die meisten Unternehmen in
staatlichem Besitz befanden und vom Staat geführt
wurden, bestand darin, "die Wirtschaft vom öffentlichen zum Privatsektor zu führen".
Er räumte ein, er sei sich zum Zeitpunkt des Umsturzes der alten Systeme - Anfang der neunziger
Jahre - "des Umfangs der Aufgabe" nicht voll bewußt
gewesen.
Im Hinblick auf die Ukraine, wo der Verfassungsexperte als Berater tätig war, erklärte er: "Ich habe
mit vielen Führungskräften von Unternehmen gesprochen, die sich von der Welt des Wettbewerbs
keine Vorstellung machen konnten. Ihnen wurde
gesagt, was sie zu tun hätten und wie sie es mit
sehr wenig Initiative ihrerseits tun könnten."
Entscheidend für den Privatisierungsprozeß ist ein
Rechtssystem, das von einer Verfassung gewährleistet wird und als Grundlage der Rechte des
einzelnen und von Gruppen fungiert. Während
seiner Gespräche in Bulgarien äußerte Siegan
jedoch: "Ich mußte lernen, daß die Menschen dort
nicht so großen Respekt vor Richtern haben wie wir
in unserem Land."
Die Bulgaren fürchten, daß die Richter, die von
manchen lediglich als "Angestellte der Regierung"
betrachtet werden, die von der Nationalversammlung
verabschiedeten Gesetze für null und nichtig erklären könnten. "Die Idee eines aus einer ausgewählten Gruppe von Juristen bestehenden Verfassungsgerichts (wie des Obersten Bundesgerichts
der Vereinigten Staaten), das sich auf die Auslegung
der Verfassung beschränken sollte, baute einen
Großteil dieser Besorgnis ab."
Siegan erläuterte, die amerikanische Verfassung
hätte dem amerikanischen Volk auf dreierlei Weise
zu "Freiheit und Wohlstand" verholten:
Durch die Gewaltenteilung in Exekutive, Legislative und Judikative,
,
durch die Einschränkung der Macht jedes Zweigs
der Regierung aufgrund gegenseitiger Kontrollen,
beispielsweise dem Vetorecht des Präsidenten
und der Überprüfung der Gesetzgebung durch
die Judikative,

durch den Schutz der Rechte des einzelnen vor
dem, was im 18. Jahrhundert als Unterdrückungspotential der Mehrheit bezeichnet wurde.
Die Gründerväter der amerikanischen Verfassung
waren der Überzeugung, daß die Regierung "eingeschränkt und minimal" operieren sollte und am besten
und erfolgreichsten funktionieren würde, wenn sie die
Menschen Gebrauch von der Freiheit machen ließe.
Dies ist Siegan zufolge immer noch der beste Weg,
die politischen und wirtschaftlichen Ziele einer Gesellschaft zu fördern.
Der Beweis dafür sei, "daß in den wohlhabendsten
Ländern die Regierung innerhalb von Beschränkungen arbeitet". Als Beispiel führte er die Slowakische
Republik an, deren Bürger immer noch an den
"wissenschaftlichen Sozialismus" glauben und wo die
Arbeitslosenquote bei 14 Prozent liegt - verglichen
mit 4 Prozent in der Tschechischen Republik. Der
Unterschied liege darin, daß die Tschechen "den
Kräften des Marktes ein Maximum an Freiheit einräumen".
Dem Wissenschaftler zufolge ist Osteuropa nicht die
einzige Region, die Vorteile aus der politischen und
wirtschaftlichen Liberalisierung gezogen hat.
In Argentinien lag vor der Wahl von Präsident Carlos
Menem im Juli 1989 und seiner wirtschaftlichen
Schocktherapie die Inflationsrate bei über 3.000
Prozent jährlich, teilte Siegan seinen Zuhörern mit.
Nach einer ernsthaft betriebenen Privatisierungskampagne und einer weiteren Zurücknahme der
Regierung von der Kontrolle der Wirtschaft beträgt
die Inflationsrate jetzt ungefähr 8 Prozent und die
jährliche Wachstumsrate ebenfalls 8 Prozent.
Siegan zufolge verkaufte Menem zu einem Zeitpunkt
"sogar die Straßen". Nachdem die staatliche Luftfahrtgesellschaft und andere große Industrien verkauft worden waren, wurden von den 211.000 Kilometern staatlicher Straßen 54.000 asphaltiert oder
ausgebessert und 10.000 Kilometer durch Konzessionen privatisiert. Privatunternehmen müssen die
Straßen instand halten und dürfen Straßenbenutzungsgebühren erheben. Die großen Schlaglöcher
sind verschwunden, ohne die Staatskasse zu belasten."
Die daraus für andere abzuleitende Botschaft ist
Siegan zufolge, daß "Menems Medizin - freie Märkte
- wirkt".

*

Seite 2

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Raumflug&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wasserstoff und Fluor als neue Raketentreibstoffe&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weltweite Wetterbeobachtung mit Tiros II&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Stand der Entwicklung thermischer Atomtriebwerke in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vierstufige Feststoffraketen erprobt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wahljahr 1960&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wahlversammlung mit Millonenbeteiligung&lt;br /&gt;Nixon und Kennedy vor der Fernsehkamera&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikas Präsidenten kamen aus allen Bevölkerungsgeschichten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Washington war Gutbesitzer, Lincoln wurde im Blockhaus geboren, Wilson lehrte als Universitätsprofessor&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Welt der Kindermuseen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Dorothy Barclay&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rüstungskontrolle in den achtziger Jahren - Probleme und Vorstellungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von Eugene V. Rostow vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eugene Rostow: Keine Vorbedingungen für Abrüstungsgespräche&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Pressekonferenz des Direktors des US-Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung in Brüssel -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

4

7. Oktober 1987

35

I N H A L T

DOKUMENTATION
Präsident Reagans Proklamation zum Tag der Deutsch-Amerikaner

HINTERGRUNDMATERIAL
Reagan;

Kreative Diplomatie für Südafrika

- Zusammenfassung des Berichts an den Kongreß -

Die Geschichte der INF-Verhandlungen

»

- Eine Chronologie der amerikanischen Rüstungskontrollbehörde (ACDA)

Verhandlungen über Kern- und

Weltraumwaffen

- Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge -

* * * * * *

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�AMERIKA DIENST
Dokumentation

7 . O k t o b e r 1987

35

&lt;

PRXSIDENT REAGANS PROKLAMATION ZUM TAG DER DEUTSCH-AMERIKANER

WASHINGTON - (AD) - In einer Feierstunde am 2. Oktober 1987 hat Präsident
Reagan den 6. Oktober 1987 zum Tag der Deutsch-Amerikaner erklärt. Die Proklamation hat folgenden Wortlaut:

Mehr Amerikaner führen ihr Erbe
auf eine deutsche Abstammung zurück
als auf irgendeine andere Nationalität,
über sieben Millionen Deutsche
landeten in all den Jahren an unseren
Gestaden, und heute sind über 60 Millionen Amerikaner - jeder vierte
deutscher Herkunft. Nur wenige haben
sich so vollständig in das multikulturelle Gefüge der amerikanischen Gesellschaft integriert und dabei doch
so einzigartige wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Beiträge
zum Wachsen und Gedeihen dieser Ver-

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Embassy of the United States of America

einigten Staaten geleistet wie
Amerikaner deutscher Abstammung.

die

Die
Vereinigten
Staaten
haben
sich eine Fülle deutscher Traditionen, Institutionen und Einflüsse zu
eigen gemacht.
Ihr ethnischer Ursprung ist vielfach in Vergessenheit
geraten.
Beispielsweise sind Weihnachtsbäume
und
Broadway-Musicals
alltägliche Bestandteile der amerikanischen Gesellschaft.
Unsere Kindergärten, Universitäten, das System
der
Sozialversicherung
und Gewerkschaften gründen alle auf Modellen,

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�die ihren Ursprung in Deutschland haben.
Deutsche Lehrer, Musiker und enthusiastische Amateure haben klassischer Musik, Kirchenliedern, Chorgesang und Marschmusik in unserem Land
unauslöschlich ihren Stempel aufgedrückt,
zu den deutschen Beiträgen
in Architektur und Design gehören die
moderne Hängebrücke, Bauhaus und Jugendstil. Deutsch-amerikanische Wissenschaftler haben dazu beigetragen,
die Vereinigten Staaten in der Welt
zur Pioniernation in Forschung und
Entwicklung zu machen.
Die amerikanische Arbeitsmoral, ein wesentlicher Faktor beim schnellen Aufstieg
der Vereinigten
Staaten
zu
ihrer
überragenden
Stellung in Landwirtschaft und Industrie, hat dem Engagement der Deutsch-Amerikaner für hervorragende Leistungen viel zu verdanken.
Seit mehr als drei Jahrhunderten
haben Deutsche zum Aufbau, zur Kräftigung und Stärkung dieses Landes
beigetragen.
Aber in dem Maße, wie
sie genommen haben, haben die Vereinigten Staaten auch gegeben.
Es
ist gerade eine Generation her, daß
die Vereinigten Staaten den MarshallPlan entwarfen und umgehend in die
Tat umsetzten, der der neuen deutschen Demokratie dabei half, aus dem
Schutt des Krieges zu erstehen und zu
einem Leuchtfeuer der Demokratie in
Mitteleuropa zu werden. Die Berliner
Luftbrücke stellte die amerikanische
Verpflichtung
zur Verteidigung der
Freiheit unter Beweis, als Berlin,
das noch im Begriff war, sich vom
Krieg zu erholen, von den Sowjets mit
Abschnürung bedroht wurde.
Heute
ist
die
Bundesrepublik
Deutschland ein Bollwerk der Demokratie im Herzen des geteilten Europa.
Deutsche und Amerikaner sind zurecht

stolz auf unsere gemeinsamen Werte
wie auch auf unser gemeinsames Erbe.
Seit über drei Jahrzehnten ist die
deutsch-amerikanische
Partnerschaft
ein Eckpfeiler des westlichen Bündnisses, ihm ist es zu verdanken, daß
eine ganze Generation von Amerikanern
und Europäern in Freiheit aufwachsen
konnte, um die Früchte dieser Freiheit zu genießen.
Unsere Geschichte ist auf diese
Weise ineinander verflochten.
Heute
leisten wir gegenseitig Beiträge zu
unserem Handel, erfreuen wir uns gegenseitig an unseren Kulturen und
lernen wir aus den Erfahrungen des
anderen.
Der
deutsch-amerikanische
Freundschaftsgarten, der in naher Zukunft im District of Columbia eingeweiht werden wird, steht als Symbol
für die engen und freundschaftlichen
Beziehungen
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Durch Gesetz Nr. 100-104 hat der
Kongreß den 6. Oktober 1987, das 304.
Jubiläum der Ankunft der ersten deutschen
Einwanderer
in Philadelphia,
zum "Tag der Deutsch-Amerikaner" bestimmt und den Präsidenten ermächtigt
und ersucht, eine Proklamation zur
Feier dieses Tages zu erlassen.
Aufgrund
dessen
erkläre
ich,
Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hiermit
Dienstag, den 6. Oktober 1987, zum
Tag der Deutsch-Amerikaner. ich bitte alle Amerikaner, mehr über die
Beiträge der deutschen Einwanderer zu
Leben
und
Kultur
der
Vereinigten
Staaten in Erfahrung zu bringen und
diesen Tag mit angemessenen Feiern
und Veranstaltungen zu begehen.
* * * * * *

�AMERIKA DIENST
%

^

Hintergrundmaterial

r&lt;o

7. Oktober 1987

35
REAGAN:

KREATIVE DIPLOMATIE FÜR SÜDAFRIKA

Zusammenfassung des Berichts an den Kongreß

WASHINGTON - (AD) - In seinem Bericht an den Kongreß am 2. Oktober 1987
erklärte Präsident Reagan, die Vereinigten Staaten benötigten eine Zeit der
aktiven und kreativen Diplomatie gegenüber Südafrika, damit die südafrikanischen Völker zu konstruktiven Verhandlungen zusammenkommen könnten, deren
Ziel die Schaffung einer demokratischen Gesellschaft sein müsse. Dem Präsidenten zufolge hätten weitere Sanktionen eine gegenläufige Wirkung.
Die folgenden Auszüge sind einem 3 000 Worte umfassenden Bericht entnommen, den der Präsident dem Kongreß gemäß dem Allgemeinen Anti-Apartheid-Gesetz
von 1986 vorlegte. Laut der dem Bericht beigefügten Zusammenfassung erklärte
der Präsident, seit der Verabschiedung des Gesetzes "sind keine entscheidenden
Fortschritte in Richtung auf eine Beendigung der Apartheid gemacht worden".
Nachfolgend drucken wir die Zusammenfassung im Wortlaut.
Gemäß Sektion 501 des Allgemeinen
Anti-Apartheid-Gesetzes von 1986 (im
folgenden das Gesetz genannt) legte
Präsident Reagan dem Sprecher des Repräsentantenhauses und dem Vorsitzenden des Senatsausschusses für Auswärtige Beziehungen einen Bericht über
das Ausmaß vor, in dem entscheidende
Fortschritte in Richtung auf eine Beendigung
des Apartheid-Systems
und
die Gründung einer nicht nach Rassen
unterscheidenden Demokratie in diesem
Land erzielt worden sind.
Der Bericht enthält ferner die Empfehlung
des Präsidenten bezüglich möglicher,
gegenüber Südafrika zu verhängender

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Embassy of the United States of America

zusätzlicher Maßnahmen.
Der
Bericht
gelangt
zu
der
Schlußfolgerung,
daß
seit
Oktober
1986 keine entscheidenden Fortschritte zur Beendigung der Apartheid gemacht und keines der in Titel I des
Gesetzes umrissenen Ziele - die von
der Administration und dem Kongreß
geteilt
werden
- erreicht
worden
sind.
Ferner gibt die Reaktion der
südafrikanischen
Regierung
auf das
Gesetz
im
vergangenen
Jahr
wenig
Grund zu der Hoffnung auf eine baldige Umkehrung dieser Tendenz oder auf

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�bessere Ergebnisse
Maßnahmen.

durch

zusätzliche

Der Bericht nimmt eine Überprüfung der seit der Verabschiedung des
Gesetzes vergangenen zwölf Monate vor
und beschreibt die anhaltende düstere
Lage der Schwarzen in Südafrika, die
sich wachsenden Repressalien, Schikanierungen und - sogar im Falle einer
beträchtlichen Anzahl Jugendlicher Verhaftungen ausgesetzt sehen.
Die
Pressezensur wurde verschärft und illegale Überfälle südafrikanischer Sicherheitskräfte über die Grenzen hinweg auf die Nachbarländer führten zum
Verlust unschuldiger Menschleben.
Im wirtschaftlichen Bereich haben
die Sanktionen dem Bericht zufolge
nur minimal auf eine Unterbrechung
des
südafrikanischen
Außenhandels
hingewirkt, da es Südafrika immer
wieder gelungen ist, Ersatzmärkte für
seine Produkte außerhalb der Vereinigten Staaten zu erschließen.
In
den Bereichen, in denen einschneidende
Auswirkungen
beobachtet
werden
konnten, insbesondere in der Kohleund Zuckerindustrie, verursachte der
Verlust von Absatzmärkten in den Vereinigten Staaten zusätzliches Elend
unter den schwarzen Arbeitern, die
sich
zunehmender
Arbeitslosigkeit
ausgesetzt sehen.
Insgesamt war die
Wirtschaftsleistung
Südafrikas
aufgrund der geringen Investitionstätigkeit, ungünstiger internationaler Bedingungen und Dürren in den landwirtschaftlich
genutzten Gebieten eher
schwach.
Die Sanktionen haben ein
bereits bestehendes Problem nur verschärft.
Der Bericht beobachtet weiterhin
seit Beginn der jüngsten Unruhen in
Südafrika einen beträchtlichen Investitionsrückgang
amerikanischer
Unternehmen. Der Bericht verweist darauf, daß die schmerzlichste Auswir-

kung dieser Tendenz zum Abzug des Anlagekapitals im Verschwinden der von
den Unternehmen finanzierten Sozialhilfe-, Wohnungsbau-,
Bildungs- und
Ausbildungsprogramme
zu sehen ist,
die darauf ausgerichtet waren, den
Lebensstandard
und
die beruflichen
Möglichkeiten der schwarzen Südafrikaner zu verbessern.
Im politischen Sinne vermittelte
das Gesetz von 1986, das auf durch
Exekutiverlaß im Jahr 1985 verhängte
selektive Maßnahmen folgte, eine eindringliche Botschaft der Verabscheuung von Apartheid durch das amerikanische Volk.
Das unmittelbare Ergebnis war jedoch eine merkliche Verringerung
unserer
Fähigkeiten, die
südafrikanische Regierung von verantwortlichem Verhalten bei Menschenrechtsthemen und Zurückhaltung in der
Region zu überzeugen. Der vielleicht
einzige Hoffnungsschimmer während des
beobachteten Zeitraums war die schwelende Unruhe unter den Afrikanern, wo
das Thema der "Gewaltenteilung" zunehmend öffentlich diskutiert wird.
Während
dieses und andere zur
Diskussion stehende Themen noch meßbarer Ergebnisse entbehren, könnten
sie doch zum Vorläufer eventueller
Verhandlungen zwischen der südafrikanischen Regierung und der schwarzen
Führung werden, ein Ziel, das die
amerikanische Regierung zu unterstützen trachtet.
Aufgrund der Schlußfolgerung des
Präsidenten, daß die im Gesetz von
1986 verankerten Wirtschaftssanktionen zur Durchsetzung der vom Kongreß
und der Administration vereinbarten
Ziele
keine
ausreichende
Wirkung
zeigten sowie seiner Überzeugung, daß
zusätzliche Maßnahmen einen gegenläufigen Effekt haben würden, empfiehlt
der
Präsident,
zum
gegenwärtigen
Zeitpunkt von der Verhängung zusätz-

- 2 -

�licher Maßnahmen - einschließlich der
in Sektion 501(c) des Gesetzes erwähnten - abzusehen und ist weiterhin
der Überzeugung, daß die derzeitigen
StrafSanktionen gegen Südafrika nicht
den besten Weg darstellen, diesem
Land die Freiheit zu bringen.
Was die Vereinigten Staaten jetzt
benötigen, ist eine Zeit aktiver und
kreativer Diplomatie - sowohl bilateral als auch in Konsultationen mit
unseren Verbündeten und mit unseren
Freunden im südlichen Afrika -, die
auf die Ausschöpfung aller Möglichkeiten ausgerichtet sein sollte, um
die Völker Südafrikas zu konstruktiven Verhandlungen zusammenzubringen,
deren Ziel die Schaffung einer demokratischen
Gesellschaft
sein
muß.
Wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses ist die klare Aussage, für
welche Zielsetzungen und Werte sich
der Westen einsetzt, anstelle der
steten Wiederholungen derjenigen, die
er ablehnt. Dies war auch der Zweck
der von Außenminister Shultz am 29.
September 1987 öffentlich vorgenommenen Formulierung der Konzepte, die
von allen Südafrikanern angesprochen
werden müssen, um die Beilegung der
politischen Mißstände und die Schaffung einer gerechten, konstitutionellen und demokratischen Ordnung in
Südafrika
zu
unterstützen.
Diese
Aussage ist eine genaue Beschreibung
der Werte, für die der Westen eintritt und die er von den Südafrikanern bei der Gestaltung einer Zukunft
ohne
Apartheid
ausgehandelt
sehen
möchte.

* * * * *

- 3 -

�v-^os^

^7

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

C$

7. Oktober 1987

35

DIE GESCHICHTE DER INF-VERHANDLUNGEN
- Eine Chronologie der amerikanischen Rüstungskontrollbehörde

(ACDA) -

WASHINGTON - (AD) - Die nach dem Zusammentreffen der Außenminister Shultz
und Schewardnadse vom 15. - 17. September angekündigte "Grundsatzvereinbarung"
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zum Abschluß eines Vertrages über die Abschaffung von Mittel- und Kurzstreckenraketen bildet den
letzten Schritt in einer langen Folge von Maßnahmen und Verhandlungen beider
Länder zu den Mittelstreckenwaffen.
Die amerikanische Rüstungskontrollbehörde (ACDA) hat die nachfolgede Chronologie der mit INF im Zusammenhang stehenden Ereignisse veröffentlicht, die
zu den Gesprächen zwischen Shultz und Schewardnadse geführt haben.
Der historische Hintergrund
sowjetischen SS-20

Die

In den fünfziger und frühen sechziger Jahren stationierte die Sowjetunion gegen Westeuropa gerichtete Raketen der Typen SS-4 und SS-5. Bis
Mitte 1977 waren etwa 575 stationiert. Im Verlauf der fünfziger Jahre dislozierten die Vereinigten Staaten
eine
geringere
Anzahl
etwa
gleichwertiger Raketen - die Typen
Mace, Thor und Jupiter - in Großbritannien, Italien, der Bundesrepublik
Deutschland und der Türkei. Die Ver-

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Embassy of the United States of America

einigten Staaten zogen diese Systeme
jedoch in den frühen sechziger Jahren
ab und verschrotteten sie. Wir waren
dazu
aufgrund
unserer
überlegenen
strategischen Streitkräfte in der Lage, die ein geeignetes Mittel zur Abschreckung sowjetischer Agression und
der Einschüchterung Westeuropas darstellten.
In den siebziger Jahren fanden
zwei
entscheidende
Entwicklungen
statt - die Sowjetunion erlangte nahezu ein strategisches Gleichgewicht
mit den Vereinigten Staaten und sta-

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Telex: 8-85432

�tionierte die SS-20 - durch die sich
die Lage veränderte.
Die im Jahr 1977 begonnene Stationierung der SS-20 bedeutete einen
qualitativen und quantitativen Wandel
für die Sicherheit Europas und ferner
eine Bedrohung für die Sicherheit unserer asiatischen Freunde und Verbündeten. Die SS-20 ist zielgenauer als
die SS-4 und die SS-5. Darüber hinaus ist die SS-20 mobil und kann
schnell
erneut stationiert werden.
Schließlich trägt die SS-20, im Gegensatz zu dem einzelnen Gefechtskopf
der früheren Raketen, drei unabhängig
zielgesteuerte
Gefechtsköpfe.
Bis
Juli 1987 hatten die Sowjets weltweit
441
Abschußvorrichtungen
für
ihre
SS-20 mit einer Gesamtzahl von 1 323
Gefechtsköpfen disloziert. Weiterhin
hatten die Sowjets 112 ihrer SS-4
stationiert.
Mit der wachsenden Zahl sowjetischer SS-20 und den zu deren Ausgleich fehlenden in Europa stationierten amerikanischen Raketen äußerten die europäischen Mitglieder der
NATO ihre Besorgnis, Moskau könne wenn auch fälschlicherweise - zu der
Auffassung
gelangen,
strategische
Streitkräfte der Vereinigten Staaten
würden von der Verteidigung des Bündnisses in Europa abgekoppelt.
Eine
solche Fehleinschätzung
könnte die
NATO-Strategien
der
nuklearen
Abschreckung und der flexiblen Reaktion
in Frage
stellen.
Die
Politiker
Westeuropas betonten die Notwendigkeit einer eindeutigen Reaktion der
NATO.

Auf einem "Gleis" sollte das Ungleichgewicht im Bereich der nuklearen Mittelstreckenraketen (INF) durch
Stationierungen in Westeuropa behoben
werden. Ab 1983 sollten im Verlauf
der nächsten fünf Jahre 572 amerikanische Mittelstreckenraketen längerer
Reichweite
(LRINF) - 108 Pershing
II-Raketen
und
464
landgestützte
Marschflugkörper (GLCM) - stationiert
werden.
Obwohl damit gegenüber den
sowjetischen SS-20 kein Ausgleich an
Gefechtsköpfen geschaffen würde, war
dies eine Reaktion, mit der sich eine
glaubwürdige Abschreckung aufrechterhalten ließ. Bis Dezember 1986 hatten die Vereinigten Staaten 316 LRINF
stationiert - 108 Pershing II-Raketen
und 208 GLCMs.
Auf dem zweiten "Gleis" wurden
die Vereinigten Staaten aufgefordert,
mit den Sowjets Verhandlungen aufzunehmen, um auf dem niedrigstmöglichen
Niveau
weltweit
ein
Gleichgewicht
amerikanischer und sowjetischer LRINF
zu erlangen. Ein Abkommen über LRINF
müßte
ebenfalls
amerikanische
und
sowjetische
Kurzstreckenraketen
(SRINF) auf weltweit gleiche Niveaus
beschränken, um eine Umgehung des Abkommens über LRINF durch eine Aufrüstung mit SRINF zu verhindern.
18. November 1981 Die doppelte Null-Lösung

12. Dezember 1979 Der NATO-Doppelbeschluß

In einer Ansprache zur Darlegung
der Grundzüge seiner Politik schlägt
Präsident Reagan einen Rahmen für erneute
Rüstungskontrollverhandlungen
vor, die sich auf die Notwendigkeit
eines einschneidenden Abbaus aller
Waffenarten konzentrieren.

Nach
eingehenden
Konsultationen
mit dem gesamten Bündnis einigte sich
die NATO im Dezember 1979 auf eine
"zweigleisige" Reaktion.

Als ersten Schritt fordert Präsident Reagan bilaterale Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion über INF. Der Präsident

�verkündet seine doppelte Null-Lösung,
der zufolge die Vereinigten Staaten
und die NATO bereit sind, die Stationierung der Pershing II und GLCMs in
Westeuropa rückgängig zu machen, wenn
die Sowjets ihre SS-20, SS-4 und SS-5
verschrotten und damit eine gesamte
Kategorie nuklearer Waffen abschaffen. Der Präsident weist darauf hin,
daB die Sowjets in den vergangenen
sechs Jahren 750 Gefechtsköpfe auf
mobilen, zielgenauen
SS-20 stationiert haben, während die Vereinigten
Staaten keine neuen Mittelstreckenwaffen stationierten und 1 000 Gefechtsköpfe aus Europa abzogen.
November 1981 Die Sowjets stimmen
INF zu

Gesprächen

über

Vorschlag
INF

bei

22. September 1983 Vorschläge zu INF
Die Vereinigten
Staaten unterbreiten drei neue Punkte zu ihrem
vorgeschlagenen Inter imsabkommen:
Die Vereinigten Staaten wären bereit, nicht alle weltweiten sowjetischen
Stationierungen
von
LRINF mit amerikanischen Stationierungen in Europa zu kompensieren; sie würden sich jedoch das
Recht vorbehalten, zur Erlangung
eines gleichen weltweiten Niveaus
anderswo Dislozierungen vorzunehmen.
Die Vereinigten Staaten wären bereit, den Abbau der Pershing IIRaketen und GLCMs auf angemessene
Art und Weise zu verteilen, und
die Vereinigten
Staaten
würden
Vorschläge
zu
landgestützten
Flugzeugen in Betracht ziehen.
15. November 1983 Das INF-Angebot

In Genf werden zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen
aufgenommen.
Die
Vereinigten
Staaten
unterbreiten
ihre doppelte
Null-Lösung.
29. März 1983 -

Interimslösung

Bei den INF-Verhandlungen schlagen die Vereinigten Staaten ein Interimsabkommen vor, dem zufolge die
NATO ihre geplante Stationierung der
LRINF-Raketen auf ein Niveau zwischen
Null und 572 verringern würde, wenn
die Sowjets weltweit ihre Stationierung von LRINF auf ein gleiches Niveau reduzieren.

Zunächst verweigerten die Sowjets
Verhandlungen
unter der Bedingung,
die NATO müsse erst ihre Pläne zur
Stationierung
der
LRINF
aufgeben.
Die Sowjets schlugen dann ein "Moratorium" für die Stationierung von INF
in Europa vor. Damit wäre ihr gerade
erst von der NATO als unannehmbar abgelehntes Monopol bei den LRINF-Raketen bestätigt worden. Die NATO lehnte diesen Schachzug ab. Erst nachdem
Moskau die Entschlossenheit der NATO
erkannte, bei fehlenden ausgehandelten Begrenzungen mit ihren Stationierungen fortzufahren, stimmen die Sowjets schließlich Verhandlungen über
INF zu.
30. November 1981 Aufnahme formeller INF-Gespräche

einer

In Genf unterbreiten die Vereinigten Staaten trotz ihrer weiterhin
geäußerten Präferenz für die Abschaffung aller LRINF das Angebot, beide
Seiten sollten sich weltweit auf eine
gleiche Obergrenze von 420 Gefechtsköpfen auf diesen Raketen einigen.

- 3 -

�November 1983 Beginn der Stationierungen der NATO
Die ersten INF-Systeme längerer
Reichweite treffen zur Stationierung
in Europa ein.
23. November 1983 - Die Sowjets verlassen die INF-Verhandlungen
Die Sowjetunion zieht sich von
den
INF-Verhandlungen
zurück;
die
Vereinigten Staaten bieten die Wiederaufnahme der Gespräche an, wenn
die Sowjets zurückkehren wollen.
22. November 1984 Neue Gespräche über Waffensysteme
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion
verkünden
ihre Bereitschaft,
erneut
Verhandlungen
über
Kern- und Weltraumwaffen aufzunehmen.
Sie erklären weiter, die Außenminister Shultz und Gromyko würden am 7.
und 8. Januar 1985 in Genf zusammentreffen, um "eine Einigung über das
Thema und die Zielsetzungen dieser
Verhandlungen" zu erzielen.
12. März 1985 Die Genfer Abrüstungsgespräche
Die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion nehmen geheime Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
auf.
Neben
anderen
Zielsetzungen
streben die Vereinigten Staaten die
Abschaffung oder den Abbau von LRINF
auf ihre kleinstmögliche Anzahl mit
weltweit und für beide Seiten geltenden Beschränkungen an.
1. November 1985 Amer ikanischer
Rüstungskontrollvorschlag
Als Reaktion auf einen kürzlich
unterbreiteten sowjetischen Gegenvor-

schlag legen die Vereinigten Staaten
bei
den
amerikanisch-sowjetischen
Verhandlungen über Kernund Weltraumwaffen in Genf eine neue Reihe von
Vorschlägen zur einschneidenden, ausgewogenen und verifizierbaren nuklearen Rüstungskontrolle vor.
Nachfolgende Punkte sind Hauptbestandteil
der
amerikanischen
Vorschläge zu INF:
Die Vereinigten
Staaten
treten
weiterhin für die vollständige Beseitigung
amerikanischer
und sowjetischer Mittelstreckenraketen längerer
Reichweite ein.
Als Interimslösung
schlagen die Vereinigten Staaten eine
Obergrenze für die Stationierung von
Abschußvorrichtungen
für
amerikanische LRINF in Europa von 140 Pershing
II und landgestützten Marschflugkörpern vor - die Anzahl, die bis zum
31. Dezember 1985 stationiert würde sowie einen Abbau der Abschußvorrichtungen für SS-20 innerhalb der Reichweite der NATO in Europa auf 140. Im
Rahmen dieser begrenzten Anzahl von
Raketenwerfern könnten die Vereinigten Staaten und die UdSSR über die
gleiche Anzahl von 420 bis 450 verfügen. Um ausgewogene weltweite amerikanische und sowjetische Obergrenzen
für Gefechtsköpfe längerer Reichweite
zu erzielen, reduzieren die Sowjets
die
SS-20
Abschußvorrichtungen
in
Asien - außerhalb der Reichweite der
europäischen NATO - in demselben Verhältnis wie die Abschußvorrichtungen
innerhalb der Reichweite der NATO in
Europa.
Angemessene
Einschränkungen
bei
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite.
21. November 1985 Gipfeltreffen in Genf
Präsident

Reagan

und

Generalse-

�kretär Gorbatschow geben in Genf im
Anschluß
an
zweitägige
eingehende
Verhandlungen eine gemeinsame Erklärung ab. Zum Thema Rüstungskontrolle
vereinbaren sie die Verpflichtung ihrer
jeweiligen
Länder
zu
raschen
Fortschritten bei den Genfer Verhandlungen
über Kernund
Weltraumwaffen
und die vordringliche Beschäftigung
mit Bereichen, in denen Übereinstimmung erzielt wurde bis hin zu dem
"Gedanken eines Interimsabkommens zu
INF".
15. Januar 1986 Sowjetische Abrüstungsvorschläge
Präsident Reagan antwortet auf
den
Brief
von
Generalsekretär
Gorbatschow, der die jüngsten sowjetischen Abrüstungsvorschläge enthält:
Ich begrüße diese jüngste Entwicklung
und hoffe, daß sie einen hilfreichen
weiteren Schritt im Abrüstungsprozeß
darstellt".
Der sowjetische Vorschlag beinhaltet die Forderung nach einer Beseitigung amerikanischer und sowjetischer Mittelstreckenraketen längerer Reichweite in Europa im Verlauf
der nächsten fünf bis acht Jahre.
Die
britischen
und
französischen
Kernwaffenarsenale würden nicht gegen
amerikanische Waffensysteme in Eur~&gt;oa
aufgerechnet, sondern auf dem derzeitigen Stand eingefroren. Keine amerikanischen Nuklearsysteme können an
Dritte weitergegeben werden.
In einigen Bereichen dieses Plans
wird die bisherige sowjetische Position wiederholt:
Die Beseitigung der Nukleararsenale bleibt abhängig vom Verbot der
Forschung, Entwicklung und Erprobung
der von Moskau so genannten "Waffen
für einen Schlag im All", das auf die
Forschung der amerikanischen Vertei-

digungsinitiative in Technologien zur
Abwehr eines ballistischen Raketenangriffs ausgerichtet ist.
Der Vorschlag zur Verschrottung
der sowjetischen in Europa stationierten SS-20 umfaßt weder Begrenzungen für Systeme kürzerer Reichweite
noch das Problem der östlich des
Urals stationierten Raketen.
Diese
Raketen stellen eine direkte Bedrohung der amerikanischen Freunde und
Verbündeten in Asien dar und da diese
Raketen mobil sind, könnten sie rasch
auf europäisches Gelände
verlagert
werden.
24. Februar 1986 Erklärung des Präsidenten
Präsident Reagan gibt im Anschluß
an Konsultationen mit amerikanischen
Freunden und Verbündeten in Europa
und Asien
folgende
Erklärung
ab:
"Ein Bereich, in dem wir hoffentlich
unmittelbare
Forschritte
erzielen
können
sind die INF-Verhandlungen.
Heute haben unsere Unterhändler in
Genf einen konkreten Plan auf den
Verhandlungstisch gelegt, in dem die
Beseitigung der amerikanischen Pershing II, landgestützten Marschflugkörper und der sowjetischen SS-20 Raketen nicht nur in Europa, sondern
auch in Asien gefordert wird und mit
dessen Hilfe alle Raketensysteme dieser Art bis zum Ende des Jahrzehnts
von der Erdoberfläche entfernt werden
sollen."
2. März 1986 INF-Waffensysteme
In München erklärt der Sonderberater
für
Rüstungskontrollfragen,
Paul Nitze, der sowjetische Plan zum
Abbau von Mittelstreckenraketen längerer Reichweite in Europa würde das
französische und britische nukleare
Abschreckungspotential zunächst ein-

- 5 -

�frieren und dann beseitigen. Ferner
würde eine Klausel zur Unterbindung
der Weitergabe die bestehenden Kooperationsprogramme der Amerikaner mit
ihren Verbündeten unterlaufen.
Der
sowjetische Plan spricht weiterhin
weder die Stationierung der SS-20 in
Asien an, noch die Obergrenzen für
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite, die zur Umgehung des Abbaus
von
Mittelstreckenraketen
längerer
Reichweite benutzt werden könnten.
Die Vereinigten Staaten lehnen,
Nitze zufolge, alle sowjetischen Bestimmungen über französische und britische Nuklearstreitkräfte ab, da es
sich bei den Genfer Gesprächen um bilaterale Verhandlungen zwischen der
Sowjetunion und den Vereinigten Staaten handelt. Der amerikanische Vorschlag fordert weltweit ausgewogene
Obergrenzen für Waffensysteme längerer Reichweite, um den Sicherheitsinteressen der asiatischen wie europäischen Verbündeten und Freunde und der
Einbeziehung
der
Begrenzungen
für
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite gerecht zu werden. Als erster
Schritt wird die Reduzierung in Europa auf 140 Raketenabschußvorrichtungen für Systeme längerer Reichweite
jeder Seite gefordert, zusammen mit
entsprechenden
Reduzierungen
in
Asien. Die Vereinigten Staaten würden daraufhin ihre Mittelstreckenraketen längerer Reichweite parallel zu
entsprechenden Reduzierungen auf sowjetischer Seite abbauen.
11.
12.
Oktober
Gipfeltreffen in Reykjavik

1986

Bei ihrem Treffen im Oktober 1986
in Reykjavik
erzielen
die
beiden
Staatsoberhäupter
grundsätzliche
Einigung über die ausgewogene weltweite Obergrenze von 100 Gefechtsköpfen auf Mittelstreckenraketen längerer Reichweite für beide Seiten, von

denen keine
in Europa
stationiert
sein sollen. Die verbleibenden Mittelstreckenraketen längerer Reichweite würden im asiatischen Teil der
Sowjetunion, beziehungsweise auf amerikanischem Territorium stationiert.
Somit wäre Europa zum ersten Mal seit
den fünfziger Jahren frei von MittelStreckenraketen längerer Reichweite.
Die Sowjets rücken ferner ausdrücklich von ihrem bisherigen Beharren auf einer Einbeziehung der britischen und französischen Streitkräfte
in ein INF-Abkommen ab. Darüber hinaus erzielen die Vereinigten Staaten
und
die
Sowjetunion
grundsätzlich
Einigung über die Begrenzung von Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite als einem intergralen Bestandteil
eines INF-Abkommens. Generalsekretär
Gorbatschow besteht jedoch auf einem
"Paketabkommen", das ein Junktim zwischen INF und Reduzierungen strategischer Waffen sowie der Verteidigung
im Weltraum - insbesondere der Strategischen
Verteidigungsinitiative
herstellt.
Winter 1986 In Genf unterbreitete Vorschläge
Die Vereinigten
Staaten unterbreiten in Genf einen Vorschlag, der
die in Reykjavik bereits erzielten
Bereiche der Übereinkunft einbezieht.
Im November 1986 ergreifen die Sowjets ebenfalls erneut Schritte und
bringen einen Vorschlag ein, in dem
die
in Reykjavik
gemachten
Fortschritte teilweise ihren Niederschlag
finden. Die Sowjets bestehen jedoch
weiterhin darauf, daß es ein getrenntes Abkommen über INF nicht geben
darf.
28. Februar 1987 Gorbatschow koppelt SDI von INF ab
Generalsekretär

Gorbatschow

nimmt

�einen Kurswechsel vor und verkündet
die Bereitschaft der UdSSR zu einem
getrennten INF-Abkommen - eine Umkehr
der sowjetischen Position seit dem
Treffen im Oktober 1986 in Reykjavik.
4. März 1987 Amerika legt INF-Vertragsentwurf vor
Nach
der Ankündigung
Präsident
Reagans am 3. März 1987 unterbreiten
die Vereinigten Staaten einen INFVertragsentwur f bei den Verhandlungen
über Kernund Weltraumwaffen in Genf.
Der
amerikanische
Vertragsentwurf
spiegelt die Grundstruktur des von
Präsident Reagan und Generalsekretär
Gorbatschow bei ihrem Treffen im Oktober 1986 in Reykjavik erzielten Abkommens
wider
eine
ausgewogene
weltweite
obergrenze
von
100 Gefechtsköpfen auf Mittelstreckenraketen längerer Reichweite für die Vereinigten Staaten und die UdSSR, von
denen
keine
in Europa
stationiert
sein sollen sowie Begrenzungen für
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite als einem integralen Bestandteil eines INF-Abkommens.
Die Sowjetunion legt am 27. April 1987 einen
eigenen Vertragsentwurf vor, der viele dieser Bestandteile beinhaltet.
12.
15.
April
Ministergespräche in Moskau

1987

Mitte April des Jahres 1987 kommt
Außenminister Shultz zu Treffen mit
Generalsekretär
Gorbatschow
und
Außenminister Schewardnadse in Moskau
zusammen.
Im Verlauf dieser Zusammenkünfte
schlägt Herr
Gorbatschow
die weltweite Beseitigung der amerikanischen und sowjetischen INF-Raketen kürzerer Reichweite vor.
(Die
Vereinigten Staaten haben keine Raketen kürzerer Reichweite stationiert;
die Sowjetunion besitzt mehr als 100
dieser Raketen).

Die Vereinigten
Staaten
ziehen
sich daraufhin zu eingehenden Beratungen mit ihren NATO-Partnern über
die Auswirkungen
einer
Null-Lösung
für
Mittelstreckensysteme
kürzerer
Reichweite auf die Sicherheit zurück.
Bei der Sitzung des Nordatlantikrats
am 11. und 12. Juni 1987 unterstützen
die NATO-Außenminister
den verifizierbaren
weltweiten
Abbau
aller
amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite.
16. Juni 1987 Amerika schlägt formell Null-Lösung
für
Mittelstreckenraketen
kürzerer
Reichweite vor
Am
15. Juni kündigt Präsident
Reagan die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die weltweite Beseitigung amerikanischer und sowjetischer Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite an, vorausgesetzt sie
sei wirksam verifizierbar, integraler
Bestandteil eines bilateralen INF-Abkommens
und
beinhalte
die sowjetischen SS-12 und SS-23. Die Vereinigten
Staaten
unterbreiten
diesen
Vorschlag
zu
Mittelstreckensystemen
kürzerer Reichweite am 16. Juni in
Genf und bekräftigen erneut, daß die
Vereinigten
Staaten dem weltweiten
Abbau der amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen längerer Reichweite den Vorzug geben würden.
22. Juli 1987 Gorbatschow
akzeptiert
Null-Lösung
für
Mittelstreckenraketen
längerer
Reichweite
Als Reaktion auf Gorbatschows Andeutung in einem Interview, die Sowjetunion gebe jetzt ihre Zustimmung
zum Abbau aller Mittelstreckenraketen
längerer
Reichweite
einschließlich
der 100 Gefechtsköpfe, auf deren Bei-

- 7 -

�behaltung sie zunächst beharrt hatte,
veröffentlicht das Weiße Haus eine
Erklärung, in der "Berichte über die
sowjetische Zustimmung zum erstmals
im November 1981 unterbreiteten Vorschlag des Präsidenten über die weltweite Beseitigung amerikanischer und
sowjetischer
Mittelstreckenraketen
längerer Reichweite" begrüßt werden.
Derzeitiger stand Verhandlungen
gelangen
dium

ins

Endsta-

Amerikanische und sowjetische Unterhändler setzen in Genf ihre Arbeit
an den Vertragsbestimmungen fort, mit
dem amerikanische und sowjetische Systeme kürzerer und längerer Reichweite weltweit abgebaut würden. Die Unterhändler richten ihre Aufmerksamkeit auf die Erlangung einer Verinbarung
über
die
gemeinsame
Sprache
eines
INF-Vertrages
einschließlich
der
erforderlichen
Maßnahmen
zur
wirksamen Verifizierung.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
r/

^7

"V""

Ä

Hintergrundmaterial

&lt;

7. Oktober 1987

35

VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND WELTRAÜMWAFFEN
- Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge

- (AD) - Der folgende Abriß amerikanischer und sowjetischer Vorschläge bei
den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen gibt den Stand vom 1. Oktober
1987 wieder.

Verhandlungen über die Verringerung
strategischer Rüstungen - START

von der Lösung anderer Probleme ausserhalb der START-Verhandlungen.

Vereinigte Staaten

Sowjetunion
Allgemeine Haltung

Allgemeine Haltung
50prozentige stufenweise Reduzierung strategischer Offensivwaffen bis
auf einen beiderseitigen Gleichstand,
im Zeitraum von sieben Jahren nach
Inkrafttreten des Vertrages.
Das

Abkommen

ist

nicht

abhängig

United States Information Service
Embassy of the United States of America

50prozentiger Abbau strategischer
Offensivwaffen im Zeitraum von fünf
Jahren, mit nachfolgenden Verhandlungen über zusätzliche Reduzierungen.
Ein Abkommen über die 50prozenige
Reduzierung innerhalb von fünf Jahren

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ist abhängig von Problemlösungen
der Verteidigung im Weltraum.

bei
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen

Vereinigte Staaten
Trägersysteme
Eine Obergrenze von 1 600 für die
Anzahl der stationierten Interkontinentalraketen
(ICBMs), der stationierten
unterseebootgestützten
ballistischen Raketen (SLBMs) und schweren Bomber.

Untergrenzen von 4 800 Gefechtsköpfen
auf
ballistischen
Raketen,
3 300 Gefechtsköpfen auf ICBMs und
1 650 Gefechtsköpfen
auf erlaubten
ICBMs, außer silo-gestützten leichten
und mittleren ICBMs mit sechs oder
weniger Gefechtsköpfen.

Sowjetunion
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen

Sowjetunion
Trägersysteme
Eine Obergrenze von 1 600 bei den
stationierten
AbschußVorrichtungen
für ICBMs und SLBMs und stationierte
schwere Bomber.

Eine Beschränkung von nicht mehr
als 60 Prozent der 6 000 Gefechtsköpfe, die in einem Bereich der Triade
vereinigt sind (Triade bezieht sich
auf ICBMs, SLBMs und schwere Bomber.

Vereinigte Staaten
Schwere ICBMs

Vereinigte Staaten
Gefechtsköpfe
Eine Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich der Gefechtsköpfe
auf
ICBMs, SLBMs
und
luftgestützten Marschflugkörpern längerer Reichweite (ALCMs); und jeder
mit Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite (SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt wie ein
Gefechtskopf.

Sowjetunion

Bei schweren ICBMs müssen erhebliche Reduzierungen vorgenommen werden.
Die Gefechtsköpfe der schweren
ICBMs würden in die Untergrenze von
1 650 einbezogen.

Sowjetunion
Schwere ICBMs
Ein 50prozentiger Abbau vom gegenwärtigen Stand der Abschußvorrichtungen für schwere ICBMs, was den Sowjets zufolge 1 540 Gefechtsköpfe bedeutet.

Gefechtsköpfe
Identisch mit der
Vereinigten Staaten.

Position

der

Vereinigte Staaten
Wurfgewichte

Vereinigte Staaten

Ein

50prozentiger

Abbau

des

ge-

�genwäctigen Stands sowjetischer Wurfgewichte, durch direkte oder indirekte Begrenzungen zu kodifizieren.

Schwere Bomber
Identisch mit der
Vereinigten Staaten.

Position

der

Sowjetunion
Wurfgewichte
Die Sowjets haben erklärt, daß
sich eine 50prozentige
Reduzierung
beim Stand ihrer Wurfgewichte aus ihrem umfassenden Vorschlag zum Abbau
strategischer Waffen um 50 Prozent
ergeben würde und daß ihre Wurfgewichte dementsprechend nicht zunehmen
würden. sie weigern sich, diese Verpflichtung vertraglich festzulegen.

Vereinigte Staaten

Vereinigte Staaten
Verifizierung der Einhaltung
Sowohl vor als auch nach den Reduzierungen findet ein Datenaustausch
statt sowie Vor-Ort-Inspektionen zur
Verifizierung des Datenaustauschs und
zur Beobachtung der Beseitigung von
Waffen ebenso wie die Veranlassung
von Vor-Ort-Uberwachungen im Anschluß
an die Beseitigung der Waffen. Unbeschränkter
Gebrauch
von
nationalen
technischen Hilfsmitteln (NTM).

Mobile ICBMS

Sowjetunion
Verbot dieser Raketen
Verifizierung der Einhaltung
Sowjetunion
Mobile ICBMs
Diese Raketen sollen erlaubt sein.

Es herrscht grundsätzlich Übereinstimmung mit vielen Punkten des
amerikanischen Vorschlags zur Verifizierung der Einhaltung, aber die Sowjets müssen noch ihre Position zu
einigen wichtigen Detailfragen darlegen.

Vereinigte Staaten
Schwere Bomber
Jeder schwere Bomber zählt als
ein
Trägersystem
für
strategische
Nuklearwaffen
(SNDV).
Jeder
mit
Freifallbomben und SRAMs ausgerüstete
schwere Bomber
zählt als ein Gefechtskopf im Rahmen der Begrenzung
auf 6 000. Jede ALCM längerer Reichweite zählt als ein Gefechtskopf im
Rahmen der Obergrenze von 6 000.

Sowjetunion

Mittelstreckenwaffen - INF

Vereinigte Staaten
Mittelstreckenraketen
Reichweite - LRINF

lägerer

Weltweite
Beseitigung
amerikanischer und sowjetischer landgestützter LRINF (Reichweite: 1 000 - 5 500
Kilometer) durch einen stufenweisen

�Abbau im Zeitraum von drei Jahren
nach Inkrafttreten des Vertrages.

Sowjetunion
LRINF
Weltweiter
Abbau
amerikanischer
und
sowjetischer
LRINF
(Reichweite
1 000 - 5 500 Kilometer) durch einen
stufenweisen Abbau.
Die Sowjets bevorzugen Reduzierungen in einem Zeitraum von fünf Jahren nach Inkrafttreten des Vertrages, schlagen jedoch
vor, vorbehaltlich technischer Überlegungen
und
Umweltgesichtspunkte
würden sie einen Dreijahreszeitraum
akzeptieren.

SRINF
Weltweite
Beseitigung
amerikanischer und sowjetischer SRINF (mit
einer Reichweite von 500 bis 1 000
Kilometern,
einschließlich
sowjetischer SS-23 und Scaleboard-Raketen)
als integraler Bestandteil eines INFAbkommens. (Die Vereinigten Staaten
haben keine Raketen dieser Reichweite
stationiert).
Die Sowjets bevorzugen
einen Abbau innerhalb von zwei Jahren
nach
Inkrafttreten
des Vertrages,
schlagen jedoch vor, unter Berücksichtigung
technischer
Überlegungen
und Umweltgesichtspunkte einen Einjahreszeitraum zu akzeptieren.

Vereinigte Staaten
Vereinigte Staaten
SRINF
Weltweite
Beseitigung
innerhalb
eines Jahres nach Inkrafttreten des
Vertrages von amerikanischen und sowjetischen
landgestützten
Mittelstreckenwaffen
kürzerer
Reichweite
(SRINF) (mit einer Reichweite von 500
1 000 Kilometern, einschließlich
sowjetischer
SS-23 und
Scaleboard)
als
intergraler
Bestandteil
eines
INF-Abkommens.
(Die
Vereinigten
Staaten haben keine Raketen dieser
Reichweite stationiert).
Diese Verhandlungen haben bilateralen Charakter, und es ist unannehmbar,
Drittstaatensysteme
in
einen
amer ikanisch-sowjetischen
Vertrag
Dr ittstaatensysteme
einzubeziehen
oder bestehende Kooperationsprogramm
der Vereinigten
Staaten mit ihren
Verbündeten zu beeinträchtigen.

Beseitigung der Gefechtsköpfe
Vor dem Abbau ballistischer INFRaketen werden Kernwaffen und Lenksysteme vom Wiedereintrittskörper entfernt und den nationalen Behörden zurückgegeben.
Der verbleibende Teil
des Wiedereintrittskörpers wird gemäß
den vereinbarten Verfahrensweisen beseitigt.
Solche Verfahren
sollten
auf alle restlichen Wiedereintrittskörper Anwendung finden, einschließlich derjenigen, die durch einseitigen Beschluß aus bestehenden Kooperationsprogrammen
ausgenommen
worden
sind.

Sowjetunion
Beseitigung der Gefechtsköpfe
Identisch mit der
Vereinigten Staaten.

Position

Vereinigte Staaten
Sowjetunion
Verifizierung der Einhaltung

der

�Detaillierter Datenaustausch über
INF-Raketen und Abschußvorrichtungen
und die dazugehörigen Unterstützungseinrichtungen; Benachrichtigung über
Transporte von Raketen und Abschußvorrichtungen;
Grundinspektion
zur
Verifizierung der Anzahl von Raketen
und Abschußvorrichtungen; Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung der Beseitigung von Raketen und Abschußvorrichtungen;
kurzfristig
anberaumte
Inspektion bekanntgegebener Einrichtungen bis die Raketen abgebaut sind;
Abschlußinspektion
zur
Sicherstellung, daß alle mit INF verbundenen
Aktivitäten in den bekanntgegebenen
Einrichtungen
beendet
worden
sind;
kurzfristig anberaumte Inspektion bestimmter Raketeneinrichtungen in den
Vereinigten Staaten und der UdSSR, in
denen
illegale
Raketenaktivitäten
vermutet werden.

Sowjetunion
Verifizierung der Einhaltung
Grundsätzliche
Übereinstimmung
mit zahlreichen Aspekten des amerikanischen Vorschlags zur Verifizierung der Einhaltung, bis hin zum Datenaustausch,
Grundinspektion
und
Vor-Ort-lnspektion, mit denen die Beseitigung der Systeme bestätigt wird.
Einzelheiten müssen jedoch noch vorgelegt werden.

Verteidigung im Weltraum

Vereinigte Staaten
Strategische Verteidigung:
Die Vereinigten Staaten haben den
- 5

Vorschlag
zur
gegenseitigen
Verpflichtung
unterbreitet,
sich
zum
Zwecke der Stationierung von im Rahmen des ABM-Vertrages nicht gestatteten strategischen Verteidigungssystemen bis zum Jahr 1994 nicht vom ABMVertrag zurückzuziehen; und im Verlauf dieses Zeitraums alle ABM-Verfügungen genau einzuhalten, während die
im ABM-Vertrag genehmigte Forschung,
Entwicklung und Erprobung fortgesetzt
werden kann.
Keine Einschränkungen
bezüglich SDI über die tatsächlich im
ABM-Vertrag vereinbarten hinaus.
Eine
solche Verpflichtung
wäre
abhängig von der Verwirklichung der
50prozentigen Reduzierungen auf 1 600
SNDVs/6 000
Gefechtsköpfe
mit
den
entsprechenden Untergrenzen bei strategischen Offensivwaffen im Verlauf
von sieben Jahren nach Inkrafttreten
des START-Abkommens.
Jede Seite hat nach 1994 das
Recht zur Stationierung fortschrittlicher strategischer Verteidigungssysteme, sofern sie dies wünscht, es
sei denn, die Parteien verständigen
sich anderweitig.
Jede Seite hat das Recht, sich
aus Gründen höchster Interessen oder
des materiellen Bruchs dieses, des
START- oder des ABM-Vertrages von dem
vorgeschlagenen
Vertrag
zurückzuziehen.
Um die Berechenbarkeit in Bereichen der strategischen Verteidigung
zu erweitern, haben die Vereinigten
Staaten ferner den jährlichen Austausch von Daten über vorgesehene
strategische
Verteidigungsaktivitäten, gegenseitige
Information
über
die jeweiligen strategischen Verteidigungsbemühungen, Besuche der angeschlossenen
Forschungseinrichtungen
und die Entwicklung von Verfahren zur
gegenseitigen Beobachtung der Erpro-

�bung
strategischer
Verteidigungssysteme
vorgeschlagen.
Alternativ
bleiben zwei der bisher von amerikanischer Seite vorgelegten Vorschläge auf dem Verhandlungstisch:
in
Reykjavik schlug Präsident Reagan die
gegenseitige Verpflichtung vor, sich
bis zum Jahr 1996 nicht vom ABM-Vertrag
zurückzuziehen.
Diese
Verpflichtung wäre abhängig von der 50prozentigen Reduzierung der strategischen Offensivwaffen bis Ende des
Jahres 1991 und dem vollständigen Abbau
aller
verbleibenden
amerikanischen
und
sowjetischen
ballistischen Offensivraketen bis zum Ende
des Jahres 1996. Jeder Seite stünde
es nach 1996 frei, fortschrittliche
strategische
Verteidigungssyteme
zu
stationieren,
sofern
sie
dies
wünscht, es sei denn, die Parteien
entscheiden anderweitig.
In seinem Schreiben an Generalsekretär
Gorbatschow vom 25. Juli
1986 unterbreitete Präsident Reagan
den Vorschlag, beide Seiten sollten
sich auf den Verzicht der Stationierung fortschrittlicher strategischer
Verteidigungssysteme
bis
zum
Jahr
1991 einigen.
Sollte die jeweilige
Seite nach Ablauf dieses Zeitraums
die Stationierung solcher Verteidigungssysteme wünschen, würde sie einen Plan ausarbeiten, wie beide Seiten vom Nutzen der strategischen Verteidigung und dem Abbau ballistischer
Raketen
profitieren
könnten.
über
den Plan würde zwei Jahre lang verhandelt werden. Sollten beide Seiten
nach Ablauf der zwei Jahre keine Einigung erzielt haben, stünde es jeder
Seite- frei, nach einer sechsmonatigen
Vorankündigungsfrist solche Verteidigungssysteme zu stationieren.

Sowjetunion
Strategische Verteidigung

Verpflichtung
auf
Gegenseitigkeit, sich nach Inkrafttreten dieses
Abkommens zehn Jahre lang nicht vom
ABM-Vertrag
zurückzuziehen
bei
gleichzeitiger genauer Einhaltung aller Verfügungen des Vertrages; beide
Seiten würden sich auf eine Liste
weltraumgestützter Vorrichtungen einigen, die bei Überschreitung bestimmter Leistungsparameter nicht im
Weltraum stationiert werden dürften.
Die in der Liste aufgeführten Vorrichtungen könnten aus jedem Grund im
Weltraum stationiert werden, wenn sie
diese Parameter nicht überschreiten.
Alle anderen, weltraumbezogenen Forschungsarbeiten müßten auf bodengestützte Labors begrenzt bleiben.
(Nach amerikanischer
Ansicht würde
dieser Vorschlag
Begrenzungen über
die tatsächlich im ABM-Vertrag vereinbarten hinaus vornehmen).
Als Alternative zu dem Verbot,
Vorrichtungen im Weltraum zu stationieren, die bestimmte Leistungsparameter überschreiten, haben die Sowjets die genaue Einhaltung des ABMVertrages so wie er "im Jahr 1972 unterzeichnet
und
ratifiziert wurde"
vorgeschlagen; die sowjetische Seite
hat keine Einzelheiten dieses Alternativvorschlags
angeboten.
Frühere
sowjetische Aussagen spiegeln jedoch
die Ansicht wieder, der ABM-Vertrag
nehme Begrenzungen bei SDI vor, die
entschieden
restriktiver
seien als
die von den Parteien im Vertrag von
1972 tatsächlich vereinbarten.
Einigung bei der Verteidigung im
Weltraum ist eine Voraussetzung für
Reduzierungen der strategischen Offensivwaffen.
Wenn eine Seite den
ABM-Vertrag nicht genau einhält, würde die andere Seite von den Verpflichtungen des START-Verträges entbunden.

�Vor Ablauf der zehnjährigen Verpflichtung, sich nicht vom ABM-Vertrag
zurückzuziehen,
würden
beide
Seiten Verhandlungen zur Erarbeitung
einer
gegenseitig
akzeptablen
Entscheidung über die zukünftige Vorgehensweise aufnehmen; die sowjetische
Position sieht ein Recht zur Stationierung ohne ein Abkommen nicht vor.

* * * * *

- 7 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt; Präsident Reagans Proklamation zum Tag der Deutsch-Amerikaner&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: kreative Diplomatie für Südafrika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenfassung des Berichts an den Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Geschichte der INF-Verhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Chronologie der amerikanischen Rüstungskontrollbehörde (ACDA)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht über amerikanische und sowjetische Vorschläge&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

JFjP
U.S. Information Service
,5|ifibassy of the United States of America

7. Oktober 1992

START

BUSH BEGRUSST ZUSTIMMUNG
DES SENATS ZUM START-VERTRAG
Erklärung des Präsidenten

AUSLANDSHILFE

US-SENAT VERABSCHIEDET
AUSLANDSHILFEGESETZ 1993
14,106 Milliarden Dollar
bewilligt

US-KONGRESS

IM NÄCHSTEN US-KONGRESS WERDEN
VIELE VERÄNDERUNGEN ERWARTET
Demokraten behalten voraussichtlich
die Mehrheit

WAHLEN '92

PEROT WILL ALS ERSTER UNABHÄNGIGER
ZUM PRÄSIDENTEN GEWÄHLT WERDEN
Porträt von Präsidentschaftskandidat
Ross Perot
JAMES STOCKDALE: KRIEGSHELD,
GELEHRTER, PHILOSOPH
Porträt des Kandidaten für die
Vizepräsidentschaft
DIE PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATUR
VON ROSS PEROT
Amerikanische Pressestimmen
WÄHLEN IN AMERIKA
von Denise Hyland

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�START
7. Oktober 1992

BUSH BEGRÜSST ZUSTIMMUNG
DES SENATS ZUM START-VERTRAG
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat die Zustimmung des Senats zum Vertrag über die Verringerung
strategischer Rüstungen am 1. Oktober 1992 begrüßt und bekräftigt, daß das Abkommen den Weg zu noch
einschneidenderen Kürzungen der Nuklearwaffen ebnen wird.
Obwohl der Vertrag die Reduzierung von 40 Prozent der strategischen Nuklearwaffen zwingend vorschreibt,
verwies der Präsident in einer Erklärung darauf, daß seine strikten Verifizierungsverfahren noch einschneidendere Kürzungen erlauben. Diese Verfahren, fügte Bush hinzu, hätten ihm 1991 und 1992 "größere einseitige
Reduzierungen" gestattet, denen die Präsidenten Gorbatschow und Jelzin später gefolgt seien.
START und nachfolgende Aktionen werden Präsident Bush zufolge "unsere strategischen Nuklearstreitkräfte
um rund 75 Prozent des Niveaus von 1990 reduzieren".
Am 1. Oktober 1992 stimmte der Senat mit 93 zu 6 Stimmen für die Ratifizierung des Vertrags.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.
Ich freue mich, da ß der Senat heute seine Zustimmung
zur Ratifizierung des Vertrags über die Verringerung
strategischer Rüstungen - START - gegeben hat. Die
START-Verhandlungen wurden vor 10 Jahren aufgenommen. Diese langen Jahre der Verhandlungen
erreichten ihren Höhepunkt in einem historischen
Abkommen, erst mit der Sowjetunion und dann mit
Rußland, der Ukraine, Belarus und Kasachstan. Es
handelt sich hierbei um echte Reduzierungen strategischer Rüstungen und nicht nur Begrenzungen oder
Kontrollen.
START reduziert die amerikanischen und ehemals
sowjetischen strategischen Waffen um rund 40 Prozent und verfügt noch einschneidendere Kürzungen
der Waffen, die uns die größten Sorgen bereiten schnell fliegende ballistische Raketen.
Er trägt ferner dazu bei sicherzustellen, daß der Niedergang der Sowjetunion nicht zur Verbreitung von
Nuklearwaffen führt. Im START-Vertrag haben die
Ukraine, Belarus und Kasachstan vereinbart, als Nichtkernwaffenstaaten dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten und die Beseitigung strategischer Nuklearstreitkräfte von ihrem Territorium zu garantieren.
Schließlich hat dieses historische Abkommen den
Weg für weitere bahnbrechende Schritte und weitreichende Reduzierungen geebnet. Größtenteils auf-

AMERIKA DIENST 40

grund der Verifizierungsbestimmungen von START
konnte ich mit meinen Initiativen vom September 1991
und Januar 1992 größere einseitige Reduzierungen
vornehmen und die Präsidenten Gorbatschow und
Jelzin erfolgreich dazu aufzufordern, gleichzuziehen.
Von noch größerer Bedeutung ist, daß Präsident Jelzin und ich dank des START-Vertrags bei unserem
Gipfeltreffen im Juni letzten Jahres - nach nur fünfmonatigen Verhandlungen - ein Abkommen über außerordentliche weitere Reduzierungen der strategischen
Nuklearwaffen erzielen konnten. All die im vergangenen Jahr erlangten Abkommen werden, angefangen
mit START, unsere strategischen Nuklearstreitkräfte
um rund 75 Prozent des Niveaus von 1990 reduzieren.
Damit haben START und nachfolgende Vereinbarungen viel dazu beigetragen, den nuklearen Holocaust zu
vermeiden.
Dank der Entscheidung des Senats von heute morgen
werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, den
START-Vertrag zu ratifizieren, sobald die anderen vier
Parteien gehandelt haben. Ich möchte mit Befriedigung feststellen, daß die Regierung von Kasachstan
den START-Vertrag bereits verabschiedet hat und
fordere die anderen Vertragsparteien - Rußland, Belarus und die Ukraine - auf, diesen historischen Vertrag
unverzüglich zu verabschieden, damit ohne Verzögerung mit den vorgeschriebenen Reduzierungen begonnen werden kann.
Seite 1

�AUSLANDSHILFE
7. Oktober 1992

US-SENAT VERABSCHIEDET
AUSLANDSHILFEGESETZ 1993
14,106 Milliarden Dollar bewilligt
WASHINGTON - (AD) - Der Senat hat das Bewilli- Damit sind keine Auszahlungen verbunden, und diese
gungsgesetz für Auslandshilfe für das am 30. Septem- Summe wird nicht auf die Gesamtausgaben des
Bewilligungsgesetzes angerechnet.
ber 1993 endende Haushaltsjahr verabschiedet.
Das mit 87 gegen 12 Stimmen am 1. Oktober genehmigte Gesetz muß noch mit der vom Repräsentantenhaus im Juni verabschiedeten Fassung in Einklang
gebracht werden und könnte bis zum 5. Oktober von
Präsident Bush unterzeichnet werden, dem Tag, an
dem die Sitzungsperiode des Kongresses aufgrund
der bevorstehenden Wahlen zu Ende geht.

Eine Zusatzbestimmung, die eine unverbindliche Aufforderung des Kongresses zum Ausdruck bringt, sieht
vor, daß der Finanzminister den amerikanischen
Exekutivdirektor des IWF anweist, jeden Kredit an
Rußland abzulehnen, der primär der Refinanzierung
von Schulden dient und nicht für vom IWF unterstützte
Wirtschaftsreformen eingesetzt wird.

Seit Beginn des Haushaltsjahres 1993 am 1. Oktober
wird das Auslandshilfeprogramm durch einen Fortschreibungsbeschluß aufrechterhalten.

Einer weiteren Zusatzbestimmung zufolge soll der
IWF wirtschaftliche und geldpolitische Stabilität in den
Mitgliedstaaten fördern.

Das vom Senat verabschiedete Auslandshilfegesetz
sieht Ausgabeermächtigungen in Gesamthöhe von
14,106 Milliarden Dollarvor, 1 Milliarde weniger als von
der Administration beantragt, aber324 Millionen Dollar
mehr als vom Repräsentantenhaus bewilligt.

Das vom Senat verabschiedete Gesetz beinhaltet eine
Zusatzbestimmung, derzufolge Kredite internationaler
Finanzinstitutionen an Entwicklungsländer abzulehnen sind, wenn deren Ausgaben für militärische Zwekke größer sind als für Gesundheit und Bildung.

Die 14,106 Milliarden Dollar umfassen: 7,588 Milliarden Dollar für bilaterale Wirtschaftshilfe, 1,727 Milliarden für multilaterale Wirtschaftshilfe, 826 Millionen für
Exportbeihilfen und 3,965 Milliarden für Militärhilfe.

Eine weitere Zusatzbestimmung begrenzt die amerikanische bilaterale Hilfe für Rußland, falls Rußland
nicht seine Exporte militärischer und militärisch nutzbarer Waren und Dienstleistungen in den Iran einstellt.

Das vom Senat verabschiedete Gesetz genehmigt
darüber hinaus Kreditbürgschaften in Höhe von 10
Milliarden Dollar für den Wohnungsbau in Israel, wobei
jedoch keinerlei Zahlungen vorgesehen sind. Die
Kreditgarantien werden in fünf Raten von je 2 Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren gewährt.

Das Gesetz beinhaltet ferner eine Zusatzbestimmung,
die den Einsatz bewilligter Mittel untersagt, mit denen
amerikanischen Unternehmen finanzielle Anreize zur
Verlagerung ins Ausland gewährt würden, wenn eine
solche Förderung zum Verlust amerikanischer Arbeitsplätze führen würde.

Eine Zusatzbestimmung verpflichtet den Präsidenten,
dem Kongreß - spätestens bis zum 1. September in
jedem Haushaltsjahr ab 1994 - über die Absichten der
Regierung im Hinblick auf jede Rate der Kreditbürgschaften Bericht zu erstatten.

Weitere Zusatzbestimmungen sehen 20 Millionen Dollar
an humanitärer und anderer Hilfe für Kriegsopfer in
Bosnien-Herzegowina und im Kosovo vor sowie 5
Millionen Dollar für Flüchtlinge in Armenien und humanitäre Hilfe für die Bevölkerung Kurdistans.

In einer getrennten Maßnahme genehmigte der Senat
darüber hinaus 12,313 Milliarden Dollar als amerikanischen Anteil an der geplanten 50prozentigen Kapitalerhöhung des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Eine andere Zusatzbestimmung genehmigt amerikanische Waffenlieferungen in Höhe von 50 Millionen
Dollar an die Regierung von Bosnien-Herzegowina zu
Selbstverteidigungszwecken, falls amerikanische

AMERIKA DIENST 40

Seite 1

�Hilfe für Marokko wird an dessen uneingeschränkte Kooperation mit den Vereinten Nationen im
Hinblick auf den Selbstbestimmungsplan für die
Westsahara geknüpft;

Verbündete bereit sind, sich an einem solchen Vorhaben zu beteiligen, um Sicherheit und Stabilität in der
Region zu fördern.
Darüber hinaus sieht das Gesetz vor:

Genehmigung von begrenzter Hilfe zur Unterstützung des Übergangs zur Demokratie in Zaire;

die unverbindliche Aufforderung des Senats an
den Präsidenten, eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats einzuberufen, um der Politik "ethnischer Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien Einhalt zu gebieten;

Verpflichtung des Außenministeriums, Lage und
Zustand der Urbevölkerungen auf der ganzen
Werl in seinen jährlichen Menschenrechtsbericht aufzunehmen.

ein Verbot von Hilfe für Länder, die den internationalen Terrorismus unterstützen und international anerkannte Menschenrechte verletzen;

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 40

�US-KONGRESS
7. Oktober 1992

IM NÄCHSTEN US-KONGRESS WERDEN
VIELE VERÄNDERUNGEN ERWARTET
Demokraten behalten voraussichtlich die Mehrheit
WASHINGTON - (AD) -Auch wenn die Ergebnisse der
allgemeinen Wahlen am 3. November 1992 noch nicht
bekannt sind, wird sich politischen Beobachtern zufolge die Zusammensetzung des nächsten amerikanischen Kongresses beträchtlich verändern.

ten Abgeordneten, die besiegt wurden, zählen die
Demokraten Stephen Solarz aus New York und Beverly Byron aus Maryland sowie die Republikaner Robert
Lagomarsino aus Kalifornien und Guy Vander Jagt aus
Michigan.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Eine Rekordzahl von
Amtsinhabern hat die Vorwahlen verloren, und andere
Abgeordnete sind verstorben, in den Ruhestand getreten, streben ein anderes Amt an oder müssen gegen
Kollegen im Kongreß kandidieren, weil ihre Wahlbezirke aufgrund der bei der Volkszählung von 1990 ermittelten Einwohnerzahl neu eingeteilt wurden.

53 Abgeordnete des Repräsentantenhauses haben
sich in diesem Jahr entschieden, in den Ruhestand zu
treten und sich nicht der Wiederwahl zu stellen darunter die Demokraten Dante Fascell aus Florida
und Gus Yatron aus Pennsylvania sowie die Republikaner William Broomfield aus Michigan und Vin Weber
aus Minnesota. Abgesehen von den beiden Mitgliedern des Repräsentantenhauses, die im Amt verstarben, kandidieren 13 weitere für das Amt des Senators
oder Gouverneurs ihrer Bundesstaaten.

Da zahlreiche Amtsinhaber sich hartem Wettbewerb
ausgesetzt sehen, ist es möglich, daß ein Viertel oder
mehr Abgeordnete des Repräsentantenhauses eine
erste Amtszeit absolvieren. Damit könnte vielleicht die
Rekordmarke nach dem Zweiten Weltkrieg überschritten werden, die 1948 mit 118 neuen Parlamentariern
erreicht wurde.
Andere Gesichter bedeuten jedoch nicht zwangsläufig
eine Veränderung des Machtverhältnisses zwischen
den Parteien. Zur Zeit haben die Demokraten einen
Vorteil von 100 Sitzen gegenüber den Republikanern
in der 102. Legislaturperiode, die demnächst abläuft.
Von den 435 Sitzen in der Kammer halten die Demokraten 266 und die Republikaner 166 Sitze. Es gibt
einen unabhängigen Abgeordneten, und aufgrund des
kürzlichen Todes von zwei Demokraten sind diese
Sitze derzeit nicht besetzt. Von den 100 Sitzen des
Senats haben die Demokraten 57 inne, die Republikaner 43.
Eine Rekordzahl von 19 Mitgliederndes Repräsentantenhauses haben ebenso wie ein Senator - Alan Dixon
aus Illinois - in diesem Jahr die Vorwahlen verloren,
weil viele Wähler gegen die Amtsinhaber protestierten,
insbesondere gegen diejenigen, die in den Bankenskandal des Repräsentantenhauses verwickelt waren.
Einige Gesetzgeber mußten sich geschlagen geben,
weil ihre Wahlkreise neu eingeteilt wurden und sie ihre
Machtgrundlage verloren haben. Zu den renommierAMERIKA DIENST 40

Zusätzlich zu Dixon, der die Vorwahl verloren hat,
treten sieben Mitglieder des Senats in diesem Jahr in
den Ruhestand. Der Demokrat Quentin Burdick aus
North Dakota starb während seiner Amtszeit. Daher
wird es zu Beginn der 103. Legislaturperiode im nächsten Jahr mindestens neun neue Senatsmitglieder
geben.
Bei den allgemeinem Wahlen von 1992 stehen alle
Sitze des Repräsentantenhauses und ein Drittel der
Senatssitze auf dem Spiel. Zahlreiche politische
Beobachter sind sich einig, daß die Demokraten eine
Reihe von Kongreß-Wahlbezirken verlieren, aber
dennoch die Kontrolle im Repräsentantenhauses
behalten werden. Dies ist vor allem auf die Neueinteilung der Wahlkreise zurückzuführen. Die Mehrzahl
der neuen Sitze im Repräsentantenhaus gingen an
den Süden und Westen, wo die Republikaner einen
Vorteil hatten.
Den Beobachtern zufolge werden die Demokraten
dagegen ihre Führung im Senat verstärken. Obwohl
öffentliche Meinungsumfragen den Schlu ß nahelegen,
daß mehrere derzeit von Demokraten gehaltene Sitze
des Südens gefährdet sind, haben alle die Wiederwahl
anstrebenden demokratischen Amtsinhaber gute
Chancen im Gegensatz zu mindestens drei Republika-

Seite 1

�nern. Wenn die Demokraten insgesamt noch drei
Sitze im Senat gewinnen, können sie die erforderliche
60prozentige Mehrheit erlangen, um Versuche der
Republikaner zu vereiteln, demokratische Initiativen
durch Marathondebatten zu Fall zu bringen.

CQ verweist ferner darauf, daß das neue Repräsentantenhaus wahrscheinlich nach Rasse und Geschlecht
vielfältiger zusammengesetzt sein wird. Neue im
Rahmen des Gesetzes über die Rechte von Wählern
geschaffene Wahlbezirke werden mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit 11 weitere Schwarze
21 Sitze der Demokraten und 15 der Republikaner und noch 6 Hispanier wählen. Die Bewerbungen von
stehen im Senat auf dem Spiel. Die beiden am meisten Frauen, besonders derjenigen, die für den praktisch
beachteten Rennen finden in Kalifornien statt, wo der nur aus Männern bestehenden Senat kandidieren,
Demokrat Alan Cranston in den Ruhestand geht und erhielten auch durch die Kontroverse Auftrieb, wie der
der Republikaner John Seymour in Meinungsumfra- Senat die Anschuldigung des für das Oberste Bundesgen zurückliegt. Die beiden demokratischen Heraus- gericht nominierten Richters Clarence Thomas wegen
forderersind Frauen, die Kongreßabgeordnete Barba- sexueller Belästigung von Anita Hills handhabte.
ra Boxer und die ehemalige Bürgermeisterin von San
Francisco, Dianne Feinstein.
Bei hart umstrittenen Wahlen konnten zahlreiche
Kandidaten für den Kongreß in der Vergangenheit auf
Die anderen in Meinungsumfragen zurückliegenden der Erfolgswelle eines populären Präsidentschaftsrepublikanischen Amtsinhaber sind die Senatoren AI kandidaten zum Sieg schwimmen. Aber weder PräsiD'Amato aus New York und Bob Kasten aus Wiscon- dent Bush noch dem demokratischen Herausforderer
sin.
Bill Clinton wird von Beobachtern die erforderliche
Popularität hierfür zugeschrieben.
Kalifornien - in diesem Jahr bereits mehrfach in den
Schlagzeilen wegen Haushaltsproblemen, Erdbeben Thomas Mann von der Brookings Institution ist einer
und Rassenunruhen - hat jetzt Gelegenheit, das poli- der politischen Analysten, die prognostizieren, daß die
tische Gleichgewicht des Landes zu verlagern. Der Demokraten ihre Führung im Senat verbessern und
Bundesstaat wird diesesmal zwei Senatoren statt einem "einige wenige" Sitze im Repräsentantenhaus verliewählen, und wenn die demokratischen Kandidatinnen ren werden. Sollte dem Präsidenten die Wiederwahl
beide gewinnen, wird der Senat eine Rekordzahl weib- gelingen, wird sich Mann zufolge bei einem solchen
licher Mitglieder aufweisen. Ferner werden in dem Szenarium "der grundlegende Konflikt nicht verrinbevölkerungsreichsten Bundesstaat sieben neue gern, der jetzt zwischen den Parteien (im Kongreß)
Kongreßabgeordnete aufgrund der Neueinteilung besteht und Bush nicht in der Lage sein, in einem
gewählt, wodurch sich die Mitgliederzahl der Delega- positiven Sinn zu regieren". Mann verweist jedoch
tion auf 52 erhöht und Kalifornien 20 Prozent der darauf, daß es für Clinton das Potential für einen
Stimmen des Wahlmännerkollgeiums erhält, das von "großen Start" gibt, wenn er die Wahl gewinnt und "eine
der Größe der Kongreßdelegation des Bundesstaates große Chance für breite Unterstützung, da sich die
abhängt.
neuen Kongreßabgeordneten als Mittler des Wandels
sehen".
In Illinois wird die Demokratin Carol Moseley Braun, die
Dixon besiegte, wahrscheinlich die erste Schwarze im Zusätzlich zu den Präsidentschafts-und Kongreßamerikanischen Senat.
wahlen werden 1992 in 12 Bundesstaaten GouverDem Forschungsverlag Congressional Quarterly neurswahlen abgehalten: In Delaware, Missouri,
zufolge ist das Wahlergebnis landesweit in 132 Wahl- Montana, New Hampshire, North Carolina, Utah und
bezirken zu knapp für sichere Prognosen. Bei den am Vermont, die derzeit von den Republikanern kontrolmeisten umstrittenen Rennen für das Repräsentan- liert werden sowie in Indiana, North Dakota, Rhode
tenhaus beteiligen sich, so CQ, 16 demokratische und Island, Washington und West Virginia, die demokra11 republikanische Amtsinhaber, und weitere 29 tisch sind.
Wahlbezirke sind noch offen.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 40

�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

PEROT WILL ALS ERSTER UNABHÄNGIGER
ZUM PRÄSIDENTEN GEWÄHLT WERDEN
Porträt von Präsidentschaftskandidat Ross Perot
WASHINGTON - (AD) - Ross Perot versucht etwas zu
vollbringen, was bisher noch niemandem in der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten gelungen
ist - ohne die Unterstützung einer großen politischen
Partei Präsident zu werden.
Seine Anhänger sind enthusiastisch, daß der in Texas
geborene Multimillionär sich entschlossen hat, als
unabhängiger Kandidat mit dem Argument ins Rennen
zu gehen, den Republikanern und Demokraten sei es
nicht gelungen, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten
des Landes zu bewältigen.
Seine zahlreichen Kritiker behaupten jedoch, er versuche entweder, die Präsidentschaft mit seinem enormen Reichtum zu kaufen oder den gesamten Wahlprozeß aufgrund des komplexen Systems ins Chaos zu
stürzen, demzufolge die Wahl im Repräsentantenhaus
entschieden werden muß, wenn ein Kandidat in einem
Rennen mit drei Bewerbern nicht die Mehrheit der
Stimmen des Wahlmännerkollegiums auf sich vereinigt.
Im Februar gab Perot erstmals bekannt, daß er zwar
nie zuvor ein öffentliches Amt angestrebt habe, sich
aber als unabhängiger Kandidat stellen werde, wenn
die Amerikaner, die mit dem demokratischen und
republikanischen Präsidentschaftskandidaten unzufrieden sind, sich zusammenschließen und seinen
Namen rechtzeitig für die Wahlen am 3. November
1992 in allen 50 Bundesstaaten auf die Wahlzettel
setzen würden.
Er erklärte ferner, er verzichte auf Wahlspenden von
Einzelpersonen und der Regierung, er werde seine
Ausgaben "für einen erstklassigen Wahlkampf" selbst
bezahlen, auch wenn sie 100 Millionnen Dollar betragen würden. Und er installierte ein hochmodernes
Telephonnetz, bei dem in fünf Wochen über zwei
Millionen Anrufe von Bürgern eingingen, die ihre Hilfe
anboten.

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Landesweit organisierten sie den Präsidentschaftswahlkampf an der Basis "wie Heuschrecken in einem
Weizenfeld", stellte Perot fest. Ein loses Netz von
Freiwilligen sammelte Unterschriften von Wählern in
allen Bundesstaaten, um Perots Namen auf die Wahlzettel zu setzen.
Aber im Juli, als er an Dynamik gewann und öffentlichen Meinungsumfragen zufolge ungefähr gleichauf
mit Präsident Bush und dem demokratischen Herausforderer Bill Clinton lag, gab Perot, der seine Kandidatur nie offiziell erklärt hatte, plötzlich seinen Rückzug
bekannt mit der Begründung, er könne nicht gewinnen.
Perot verblüffte und verägerte viele seiner Anhänger
und erhielt jede Menge negativer Schlagzeilen für
seinen Abgang. Er hatte sich jedoch eine Hintertür
offengehalten, indem er seine Anhänger bat, ihre
Bestrebungen fortzusetzen, seinen Namen auf die
Wahlzettel aller Bundesstaaten zu setzen.
Dies war Ende September gelungen, und am 1. Oktober erklärte Perot mit großen Rummelund einer öffentlichen Entschuldigung an seine Anhänger, weil die
beiden Parteien die wirtschaftichen Schwierigkeiten
der amerikanischen Bevölkerung nicht richtig angingen, sei er zurückgekehrt, um ihnen dabei behilflich zu
sein. Viele seiner Anhänger waren erfreut, aber andere, die desillusioniert worden waren, stimmten mit
seinen Kritikern in dem Argument überein, Perot sei
nur wegen seines enormen Egos in den Wahlkampf
zurückgekehrt.
Die Kritik an Perot konzentriert sich auf die von vielen
geteilte Überzeugung, daß erzwar Geschäftssinn und
Führungskraft bewiesen habe, dies jedoch nicht unbedingt die Fähigkeiten sind, die man zur Leitung der
Regierungsgeschäfte benötigt. Perot widerspricht mit
dem Argument, er sei sich der Komplexität einer
Regierung bewußt und würde mit der Führung des
Kongresses, den Kabinettsmitgliedern und anderen
zusammenarbeiten, die Probleme lösen können, "um
sie gemeinsam zu lösen".

Seite 1

�Damit das Land funktioniert, muß man seines Erachtens auf das arte Konzept einer "Gemeindeversammlung" zurückgreifen, was heute dank des Fernsehens
enorm erweitert werden kann, um den Amerikanern
Probleme zu erläutern, auf lokaler Ebene einen breiten
Konsens aufzubauen und die Bürger ihre Ansichten
gegenüber den Kongreßabgeordneten zum Ausdruck
bringen zu lassen.

Perot. Ironischerweise begann die wirtschaftlich angeschlagene GM 1992 mit der Einführung zahlreicher
Ideen von Perot, die früher abgelehnt worden waren.

Anfang der sechziger Jahre war Perot einer der erfolgreichsten IBM-Verkäufer für Computergeräte. Er erkannte, daß seine Kunden auf ihren individuellen Bedarf
zugeschnittene Software benötigten und versuchte,
seine Chefs von einer Erweiterung des Unternehmens
zu überzeugen. IBM war jedoch nur an der ComputerHardware interessiert. Daraufhin kündigte Perot,
gründete mit 1.000 Dollar der Ersparnisse seiner Frau
und einer 80stündigen Arbeitswoche die Electronic
Data Systems Corporation (EDS) und erfand eine
neue Computer-Softwareindustrie.

10 Jahre später, als EDS einen Vertrag mit der iranischen Regierung für die Computerisierung des Gesundheitswesens hatte, wurden die Zahlungen und die
Arbeit mit Ausbruch der iranischen Revolution eingestellt. Ohne einer Straftat beschuldigt worden zu sein,
wurden zwei EDS-Vertreter verhaftet. Perot organisierte ein Team von Kommandos, die auf seinem
Anwesen ausgebildet und dann in den Iran geflogen
wurden, wo sie einen Aufruhr anzettelten, das Gefängnis stürmten und die beiden Männer quer durch das
Land zur türkischen Grenze und in Freiheit brachten.
Die Aktion erhielt in den Vereinigten Staaten eine
positive Presse, obwohl einige Vertreter der CarterAdministration sie als gefährliche persönliche Diplomatie bezeichneten, die ihrer Meinung nach einen
Bruch des Völkerrechts darstellte.

18 Monate nachdem er GM verlassen hatte, gründete
er eine neue Firma, Perot Systems. Sein Büro im
Stadtzentrum von Dallas überragt sein altes bei EDS.

Der wohlhabende Tycoon geriet mehrfach in die internationalen
Schlagzeilen. 1969 versuchte er auf Bitten
Zu Problembereichen nimmt Perot höchst unterschiedvon
Präsident
Nixon vergeblich, amerikanische Kriegsliche Haltungen ein und kombiniert wirtschaftlichen
gefangene
in
Nordvietnam mit Nahrungsmitteln und
Konservatismus mit sozialem Liberalismus. Er beMedikamenten
zu versorgen. Er schickte zwei Düsenzeichnet sich selbst als politisch unabhängig. Wie die
flugzeuge
mit
Lieferungen
nach Asien und Hunderte
meisten Republikaner befürwortet er jedoch eine Kürvon
Freiwilligen
packten
einzelne
Pakete. Sie erreichzung der staatlichen Ausgaben und niedrige Steuern
ten
die
Gefangenen
nie,
aber
viele
sagten später, das
auf Investitionskapital. Wie viele Demokraten ist er für
Aufsehen,
dasdieses
Ereignis
erweckte,
habe zu einer
das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und Waffenhumaneren
Behandlung
durch
ihre
Wärter
geführt.
kontrolle. Darüber hinaus möchte er Japan und DeutschPerot
wurde
für
seine
Bemühungen
die
Medal
for
land an den amerikanischen Verteidigungsausgaben
Distinguished
Public
Service
verliehen.
beteiligen und ist gegen freien Handel mit Mexiko.

Sein erster Kunde, ein großes Lebensmittelunternehmen, gab ihm zwei Jahre, um ein funktionierendes
Computersystem zu installieren. Perot und seine
Angestellten - viele hatte er von IBM mitgenommen erfüllten den Auftrag in acht Wochen. Das Unternehmen erhielt dann Regierungsaufträge, um die Akten
des staatlichen Gesundheitswesens auf Computer
umzustellen. Die Medicare- und Medicaid-Programme waren vom Kongreß 1965 gerade erst ins Leben
gerufen worden und wurden von den 50 Bundesstaaten über Verträge mit privaten Versicherungsfirmen
verwaltet. Diese Firmen sahen sich mit einer Flut von
Anträgen überschwemmt, und Perots neues Unternehmen konnte die benötigte Erleichterung bieten.
EDS wurde rasch in einer Reihe von Bundesstaaten
zum wichtigsten Vertragsnehmer von Medicare und
Medicaid und als EDS 1968 erstmals auf den Aktienmarkt ging, schnellte ihr Wert in die Höhe. Mit langen
Arbeitstagen, die er auch von seinen Angestellten
forderte, baute Perot EDS zu einem Giganten auf, den
er 1984 für 2,5 Milliarden Dollar an die General Motors
Corporation verkaufte. Durch diese Fusion wurde er
auch Vorstandsmitglied von GM, wo sein Führungsstil
bald mit dem anderer Vorstandsmitglieder kollidierte.
Um ihn aus dem Vorstand zu entlassen, vereinbarte
GM die Zahlung zusätzlicher 700 Millionen Dollar an

Seite 2

In allen Fällen erklärte Perot, erbiete nur seine Dienste
für etwas an, was die Bundesregierung nicht selbst tun
könne oder wolle.
Perot erwies auch der Reagan-Administration mehrere Gefallen und stellte Hunderttausende Dollar zur
Befreiung der amerikanischen Geiseln in Beirut und
eines Armee-Generals zur Verfügung, der von Terroristen in Italien gekidnappt worden war. Er war mehrere Jahre im Beratergremium des Präsidenten für
ausländische Nachrichtendienste tätig, trat jedoch
aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit amerikanischen Regierungsv&amp;rtretern zurück.
In seinem Heimatstaat leitete er eine Arbeitsgruppe
zur Reform des öffentlichen Schulsystems und war
dem Gouverneur bei der Durchsetzung von Gesetzen
behilflich, die höhere Steuern für Schulprogramme,
kleinere Klassen, an die Beurteilung des Arbeitsplatzes gekoppelte Lehrergehälter und die Beteiligung von
Schülern an Sportwettbewerben nur bei guten Noten
vorsahen. Perot wurde von Lehrergewerkschaften

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�und den Trainern kritisiert, ihm zufolge hatte er jedoch
nur das Wohl der Schüler im Auge, nicht bestimmter
Interessengruppen.
Perot, 61, wurde in Texarkana (Texas) als Sohn eines
Baumwollhändlers geboren. Er schloß 1953 die U.S.
Naval Academy ab und absolvierte eine Dienstzeit als
Offizier an Bord eines Zerstörers.

*

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*

Seit 39 Jahren mit Margot Perot, geborene Birmingham, verheiratet, lebt er auf einem riesigen Anwesen
mit einem Schwimmbad, Tennisplätzen und einer
Sporthalle außerhalb von Dallas. Als Entspannung
genießt er nächtliches Windsurfen auf dem TexomaSee. Er und seine Frau haben einen Sohn und vier
Töchter.

*

*

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�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

JAMES STOCKDALE: KRIEGSHELD,
GELEHRTER, PHILOSOPH
Porträt des Kandidaten für die Vizepräsidentschaft
WASHINGTON - (AD) - Als der unabhängige Präsidentschaftskandidat Ross Perot Vizeadmiral a.D. James
Bond Stockda&gt;e als seinen Kandidaten für das Amt des
Vizepräsidenten bei den Wahlen im November vorstellte, würdigte er den ehemaligen Marinekampfpiloten als "Held der Helden" und "Gelehrten".
Stockdale, 68, wurde nach achtjähriger Kriegsgefangenschaft in einem nordvietnamesischen Lager die
Congressional Medal of Honor verliehen - die höchste
militärische Auszeichnung der Vereinigten Staaten.
Als Kapazität der griechischen Philosophie ist er zur
Zeit als Dozent an der Hoover Institution der Stanford
University in Kalifornien tätig.

Juli zurückgezogen hatte und nach seiner jüngsten
Entscheidung, wieder in den Präsidentschaftswahlkampf einzutreten, bat Perot Stockdale für den weiteren Verlauf des Wahlkampfs sein Mitbewerber zu bleiben.
Als Marinekampfpilot leitete Stockdale 1964 den ersten amerikanischen Bombenangriff auf Nordvietnam.
Diese Mission folgte angeblichen Angriffen der Vietnamesen auf zwei amerikanische Zerstörer im Golf von
Tonkin. Stockdale kommentierte später: "Ich habe
buchstäblich den ersten Schlag in einem Krieg geführt,
von dem ich wußte, daß er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gerechtfertigt wurde."

Ein Jahr später wurde Stockdales A-4-Düsenjäger
abgeschossen, und er geriet in nordvietnamesische
Gefangenschaft. Sein linkes Knie wurde von einer
empörten Menge gebrochen - und im Gefängnis nochmals gebrochen. Den Großteil seiner achtjährigen
"Gestern habe ich in Stanford nach dem geeigneten Gefangenschaft verbrachte er in Eisenfesseln oder
Zitat von Epictetos gesucht, das mir Auftrieb verleihen Einzelhaft. Nach seiner Freilassung wurde Stockdale
würde und mich für folgendes entschieden:'Ein Leben, die Medal of Honor für das Erdulden von Folterungen
das nicht auf die Probe gestellt wird, ist es nicht wert, und für das Zurückhaften von Informationen vor seinen
gelebt zu werden." Und ich danke der Vorsehung für Wärtern verliehen, die seinen Befürchtungen zufolge
dieses Leben mit all seinen Prüfungen und für diese seine Mitgefangenen gefährdet hätten.
Chance", steifte er fest.
Ein weiterer amerikanischer Kriegsgefangener im
Stockdale verwies darauf, daß er "für seine Unabhän- sogenannten "Hanoi Hifton", Vizeadmiral William P.
gigkeit im Denken und Verhalten bekannt ist, daher Lawrence, bezeichnete Stockdale als "inspirierende
gibt mir diese (neue politische Rolle) zusätzliche Be- Führungskraft" und "einen echten Fels in der Branfriedigung."
dung".
In seiner Ansprache bei der Pressekonferenz nach
Perots Ankündigung in Dallas am 1. Oktober bezeichnete Stockdale seine Vizepräsidentschaftskandidatur
"als großartige Erfahrung und große Chance".

Ebenso wie Perot hat Stockdale die U.S. Naval Academy absolviert. Ende der sechziger Jahre arbeitete
Perot mit Stockdales Frau Sybil und anderen zusammen, als er versuchte, auf Nordvietnam Druck auszuüben, die Behandlung der amerikanischen Kriegsgefangenen zu verbessern. Als Perot im Sommer letzten
Jahres seinen Wahlkampf begann, bat er Stockdale,
sein Interim-Vizepräsidentschaftskandidat zu werden,
denn eine solche Entscheidung war erforderlich, um
Perots Namen auf die Wahlzettel in allen 50 Bundesstaaten zu setzen. Nachdem er seine Kandidatur im
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1979 trat Stockdale im Rang eines Vizeadmirals in den
Ruhestand. Nach einem Jahr als Präsident der Citadel, einem Militärcollege in South Carolina, übernahm
er seine derzeitige Position an der Hoover Institution.
Stockdale wurde 1923 als Sohn eines Töpfers in
Abingdon (Illinois) geboren. Nach seinem Abschluß
an der Marineakademie wurde er 1946 zum Leutnant
zur See ernannt. Zu seiner Laufbahn als Marineflieger
zählen Einsätze als Testpilot, Staffelkommandeur und
Luftgeschwaderkommandeur. Nach seiner Freilas-

Seite 1

�sung durch die Vietnamesen wurde er Präsident des
Naval War College in Newport (Rhode Island).

Stockdale hofft, daß "wir die Bewegung unabhängiger
Aktionen" gegen die von ihm so bezeichneten "Gesalbten" oder das politische Establishment voranbringen
Stockdale und seine Frau sind seit 45 Jahren verheira- können.
tet und haben vier Kinder sowie fünf Enkelkinder. Sie
sind Mitverfasser des Buches In Love and War, einem Stockdales Interesse an Philosophie und seine KenntBericht über Stockdales Erfahrungen als Kriegsgefan- nis auswärtiger Angelegenheiten werden erwartungsgener, der als Grundlage für einen 1987 von NBC gemäß jede Debatte der Vizepräsidentschaftskandigedrehten Fernsehfilm diente.
daten beleben, an denen er mit seinem republikanischen Herausforderer Dan Quayle und dem demokraStockdale zufolge ist eines seiner Ziele als Perots tischen Kandidaten Senator AI Gore teilnehmen könnVizepräsidentschaftskandidat, Politiker darauf aufmerk- te.
sam zu machen, "daß es so etwas wie eine politische
Bewegung gibt, die viel Unruhe in den Wahlprozeß in
den Vereinigten Staaten bringen kann, und vielleicht
gewinnen wir und übernehmen das Ruder".

* * * * *

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�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

DIE PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATUR
VON ROSS PEROT
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Eine Reihe amerikanischer Tageszeitungen und Kolumnisten haben die Ankündigung
des texanischen Unternehmers Ross Perot kommentiert, er bewerbe sich um die Präsidentschaft. Nachfolgend
veröffentlichen wir Auszüge aus einigen dieser Kommentare.
The Baltimore Sun

The New York Times

So ist H. Ross Perot doch noch einen Monat und einen
Tag, bevor die Wähler zu den Urnen gehen, verspätet
als Präsidentschaftskandidat angetreten. Wenn es
nicht zum größten Umschwung der öffentlichen Meinung in den Annalen der Politik kommt, hat er keine
Chance zu gewinnen. Zur Jahresmitte warder Milliardär aus Texas ein echter Konkurrent, der seinen
beiden Mitbewerbern aus den großen Parteien in
Meinungsumfragen häufig knapp voraus war. Den
jüngsten Umfragen zufolge ist sein Zuspruch heute auf
unter 10 Prozent gesunken. Er ist hauptsächlich für
seine ehrenamtlichen Helfer ein Held, die ihn trotz ihrer
Enttäuschung über seinen Rückzug im Juli in allen 50
Staaten auf die Stimmzettel setzten.

Die gute Nachricht lautet, Perot möchte, daß die Leute
ihn zur Wirtschaft befragen - wie er das erdrückende
Defizit von 4 Billionen Dollar beseitigen, "die Arbeitsplatzbasis und die industrielle Basis" wiederherstellen
und "die Worte 'Made in the U.S.A.' wieder zum
Weltstandard für hervorragende Leistungen machen"
würde. Es wird interessant sein zu sehen, ob er bereit
ist, seine Antworten uneingeschränkt bekanntzugeben.

Wenn Perot nicht gewinnen kann, welches Ziel verfolgt
er dann? Oder noch besser, was sollte sein Ziel sein?
Zweifellos verändert er die Dynamik des Rennens sehr zum Schaden des Demokraten Bill Clinton, dessen Vorsprung gegenüber dem Republikaner George
Bush in einem Rennen von nur zwei Kandidaten die
Dimensionen eines Erdrutschs annimmt. Bedeutet
das, er wünscht den Sieg des gegenwärtigen Präsidenten? Wchl kaum. Seine persönlichen und politischen Differenzen mit Bush sind Legion.
Zwei andere Erklärungen drängen sich auf. Eine ist,
daß er sich auf einem kolossalen Ego-Trip befindet,
wie ihn sich nur Superreiche leisten können. Perots
Maßlosigkeit schafft dieser Theorie zufolge im Verein
mit weitverbreiteter Frustration eine potente politische
Mixtur. Oder, um seine Kandidatur im besten Licht
erscheinen zu lassen, er ist so angewidert vom Versagen der beiden Kandidaten der großen Parteien bei der
Behandlung der schweren Wirtschaftsprobleme, daß
er eine nationale Plattform schaffen will, um seine
eigenen Vorschläge bekanntzumachen.
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Früher wurde Perot zornig, wenn irgendjemand ihn
fragte, welche Positionen er einnehme. Nachdem er
sich zurückzog, veröffentlichte er ein Programm zum
Abbau des Defizits und zur wirtschaftlichen Erholung,
das detaillierter war als das von Bush oder Clinton.
Es enthält viel bittere Medizin - höhere Steuern für viele
Amerikaner, deutlich höhere Mineralölsteuern, Obergrenzen für den Zinsabzug auf Hypotheken, neue
Steuern für wohlhabendere Empfänger von heiligen
Leistungsansprüchen. Es ist nicht perfekt, aber es
verdient eine ernsthafte Debatte. Das Problem ist, das
Programm bleibt zwischen den Deckeln von Ross
Perots Buch. Der Kandidat selbst hat wenig Neigung
gezeigt, es zu artikulieren.
Gestern gab es einen kurzen Hinweis darauf, daß er es
jetzt tun könnte. Will er wirklich den Benzinpreis für
"den Durchschnittsamerikaner" in die Höhe treiben?
Ja. Benzin ist in den Vereinigten Staaten viel zu billig,
erklärte er, und eine Steuer könnte zur Wiederherstellung der verfallenden Infrastruktur beitragen.
Es war wahrscheinlich das erste Mal im Wahlkampf,
daß Ross Perot über Gemeinplätze hinausgegangen
ist. Selbst wenn er keine Chance hat, die Wahl zu
gewinnen, könnte er einen Ruf retten, der heute durch

Seite 1

�Launenhaftigkeit gekennzeichnet ist, indem er mehr
davon liefert.

Thema können sie dem Land eine klare Entscheidung
anbieten.

The Washington Post

Eine Patt-Situation? Die Wähler könnten die Republikaner und Demokraten sowohl in die Verantwortung
für das Weiße Haus als auch den Kongreß wählen.
Perot ist nur eine dritte, weithin unbekannte Variable.

Bei zu vielen anderen Problemen, die nichts mit dem
Haushalt zu tun haben, sind die Positionen Perots
entweder unbekannt oder beunruhigend. Besonders
ungeduldig erscheint er im Hinblick auf die traditionellen bürgerlichen Freiheiten. Wenn sein Ziel heute
teilweise darin besteht, gehört zu werden, ernst genommen zu werden und an den wahrscheinlich stattfindenden Präsidentschaftsdebatten teilzunehmen, dann
werden wir alle auch darüber etwas herausfinden. Es
gibt zahlreiche Spekulationen darüber, wem seiner
Rivalen aus den großen Parteien Perot in den verbleibenden Wochen wahrscheinlich am meisten helfen
oder schaden wird. Wer weiß es? Vielleicht wird seine
Kandidatur (wiederum) ein Reinfall sein, vielleicht wird
sie ein wichtiger Faktor sein oder genug von einem der
beiden, um nach der Wahl eine Fußnote zu setzen:
Wenn er nur nicht auf dem Stimmzettel gestanden
hätte, wäre die Wahl anders verlaufen. Das wäre das
schlechteste Resultat.
Perot hat erklärt, er kandidiere, weil keine Partei die
Fragen angesprochen hätte, wie er es sich erhofft
habe. Er hat recht, sie haben es nicht getan, aber bis
gestern galt das auch für ihn. Auch er hat bisher die
Debatten vermieden, die zu erzwingen er angeblich in
das Rennen eintrat.
The Wall Street Journal
Nur ungern nehmen wir an, daß Ross Perot eigentlich
nur im Sinn hatte, sich beste Sendezeit kaufen zu
können. Angeblich war Perot bereit, 40 Millionen
Dollar für eine Serie von Werbespots auszugeben, um
seine Ideen zu verkünden. Kein Gedanke daran. Den
Spielregeln zufolge, nach denen das Spiel um politische Werbespots heute für Einzelpersonen abläuft,
kann man Fernsehspots nur dann ausstrahlen lassen,
wenn man seine Kandidatur erklärt hat.

Der Abbau des Defizits von 4 Billionen Dollar - Perots
Hauptthema? Zweifelsohne entscheidend - und er hat
recht, daß Bush und Clinton es den Wählern mit
solcher Vehemenz verdeutlicht haben, wie sie den
Flaum von einer Pusteblume blasen. Sie haben jedoch
konkrete Pläne, wie sie die Wirtschaft wieder in Gang
bringen würden.
Perot hat wenig Genaues geboten - und noch weniger
anderen drängenden Sorgen Rechnung getragen wie
der Handels- und Steuerpolitik, veränderten Verteidigungsaufgaben und Beziehungen zu anderen Staaten.
Die Wähler sollten sich auch Perots Versuch vom
Donnerstag bewußt sein, die Debatte auf eine Handvoll Themen zu beschränken.
Vor allem sollten sie vorsichtig sein, zusätzliche Entscheidungen mit effektiven zu verwechseln.
Los Angeles Times
Die Perot-Kandidatur wird jetzt zum Joker im Wahlkampf 1992. Als Perot seine Kampagne im Juli aussetzte, war er in den Umfragen auf unter 10 Prozent
gesunken. Diese Zahlen sollten nach seinem Wiederauftauchen, wenn auch nur kurz, steigen, obwohl es
unwahrscheinlich erscheint, daß er am 3. November
viel besser abschneiden wird als es Kandidaten dritter
Parteien für gewöhnlich getan haben. Aber in einigen
wichtigen Staaten - Texas und Ohio werden am häufigsten erwähnt - könnte Perot genug Stimmen auf sich
vereinigen, um entweder den Ausschlag für Präsident
Bush oder seinen demokratischen Herausforderer,
den Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, zu geben.
Dies könnte Auswirkungen auf die Wahlmännerstimmen und offensichtlich sogar die Wahl haben. Letztlich
könnte Perots politische Hauptbedeutung darin bestehen, nicht ein Macher oder Inspirator zu sein, sondern
nur ein Spielverderber.

Statt daß ein Citizen Perot harmlos zu uns über das
Defizit quasselt, während wir gerade in die Küche
gehen, bekommen wir jetzt einen Candidate Perot, der
droht, die amerikanische Präsidentschaftswahl zu
demolieren nur, damit er seine 40 Millionen Dollar
teuren Werbespots ausstrahlen kann. Bei der gestri- Kolumnist A.M. Rosenthal in der New York Times
gen Ankündigung erklärte Perot zum Schluß mit einem
boshaften Lächeln:
Als es hart auf hart ging, trat Perot den Rückzug an. Er
tauchte wieder auf, als es hübsch einfach aussah.
"Ich muß meinen Lebensunterhalt verdienen, ich muß Angesichts der wenigen verbleibenden Wochen konnfür die Werbespots bezahlen."
te man ihn weder zum Thema Wirtschaft noch zu
anderen Plänen in die Mangel nehmen, die er versproUSA Today
chen hatte, aber nie vorlegte. Er erklärte, persönliche
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Angelegenheiten seien unter seiner Würde, daher
Bush oder Clinton der nächste Präsident sein. Zu werde er nur "echte Themen" erörtern. Dann zieht er
jedem von Perot am Donnerstag angeschnittenen bei Problemfragen den Schwanz ein. Großartig.

Seite 2

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�Die republikanischen Bürokraten - in Dallas konnte man es reduzieren könne. Herr Perot erklärte, er habe
man sie nicht von den Pilgern unterscheiden - haben keine Zeit, und sagte seinen Beratern, sie sollten sich
Herrn Perot kennengelernt. So weit so gut. Vor Dallas selbst damit beschäftigen. Sie machten ein Buch "von
haben sie mit diesem wissenden Gehabe gefragt, wie Ross Perot" daraus.
tickt der Mann eigentlich?
Warum schenken wir Perot dann überhaupt AufmerkAber als er den kleinen Finger krumm machte, sind sie samkeit? Zum Teil wegen der Presse. Sie brauchte
nach Dallas gerannt und haben die grausame Farce zu etwas, um den Wahlkampf zu beleben, und der Faktor
einem nationalen Drama hochgespielt. Sie sagten Perot tat seine Schuldigkeit.
nicht, was sie über Perot wußten, weil die andere
Partei um seine Stimmen oder seinen Segen buhlte. Aber Ross Perot berührt auch einen Nerv, wenn er
So gaben sie alle vor, er sei noch des nationalen feststellt, daß wir uns in diesem Land nicht den wirklichen Problemen stellen. Viele Amerikaner teilen das
Vertrauens würdig.
Gefühl. Er hat weder den Mut noch die EntschlossenKolumnist Anthony Lewis in der New York Times heit gehabt, die harte Arbeit zu leisten, Antworten zu
finden. Aber das Argument ist stichhaltig.
Perot erklärt, er kandidiere wieder, um die Aufmerksamkeitauf "die Themen" zu lenken, insbesondere das Und schließlich widmen wir ihm Aufmerksamkeit, weil
Haushaltsdefizit. Eines ist jedoch komisch: er hat sich James Baker es will: er will einen dritten Mann im
Rennen, in den Debatten. 1988 hat erden Wahlkampf
wenig oder garnicht damit befaßt.
für George Bush gewonnen, indem er Ablenkungen
Während seines früheren Wahlkampfs hat er ein Tref- wie Willie Horton ins Spiel brachte. Die Ablenkung in
fen von Substanz zum Thema Defizit abgehalten. diesem Jahr - der Willie Horton dieses Jahres - ist Ross
Seine Berater unterbreiteten einen Vorschlag, wie Perot.
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Seite 3

�WAHLEN

'92
7. Oktober 1992

WÄHLEN IN AMERIKA
von Denise Hyland
"Schwarze, Frauen und Jugendliche gehören zu den Gruppen, die in den 216 Jahren seit der Amerikanischen
Revolution das Wahlrecht für sich angestrebt und errungen haben", schreibt Denise Hyland in dem nachstehenden Beitrag, der die Geschichte des Wahlrechts in den Vereinigten Staaten behandelt.
Die Autorin lebt als freiberufliche Schriftstellerin in Rochester (New York). Die in Niagara Falls (New York)
geborene Verfasserin hat ein Bakkalaureat in Kommunikationswissenschaften von der State University of New
York in Buffalo und war bisher als Feature-Autorin und Redakteurin für verschiedene Tageszeitungen im
Bundesstaat New York tätig.
Wenn Lisa Thurman im November 1992 die Wahlkabine betritt, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten
mitzuwählen, wird dieser schlichte Akt ein Symbol für
den Sieg nicht nur in einer, sondern in zwei stolzen
Kampagnen für das Wahlrecht in Amerika sein.
Thurman (32) aus Schenectady (New York) ist eine
Frau afroamerikanischer Herkunft. Ihre Vorfahren, die
befreiten Sklaven englischer Kolonisten, konnten nur
von dem Tag träumen, an dem sie sich am politischen
Prozeß beteiligen könnten, und Frauen besaßen vor
1920 kein Stimmrecht.
"Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter", erklärt
Thurman über ihr Recht zu wählen. "Meine Vorfahren
haben für ihren rechtmäßigen Platz an der Wahlurne
hart gearbeitet, und dasselbe gilt für Frauen aller
Hautfarben. Für mich bedeutet Wählen also nicht nur
ein Recht. Es ist meine Pflicht."
Schwarze, Frauen und Jugendliche gehören zu den
Gruppen, die in den 216 Jahren seit der Amerikanischen Revolution das Wahlrecht für sich angestrebt
und errungen haben. Die Erfolge der Wahlrechtler
haben jedoch nicht nur die Erlangung ihrer Wahlrechte
bewirkt. Sie haben dazu beigetragen, die Quintessenz
des amerikanischen Demokratieverständnisses zu
prägen.
"Eines der positiven Merkmale des amerikanischen
Systems besteht darin, daß diese Kämpfe erfolgreich
waren", steift der Bürgerrechtsexperte und Autor Allan
Lichtman, Geschichtsprofessor an der American University in Washington, fest. "Das Wahlrecht ist ein
Grundrecht aller Bürger, das niemandem verweigert
wird."

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Heute besitzt in den 50 Bundesstaaten jeder, der das
18. Lebensjahr vollendet hat, das Recht, bei Wahien
auf Gemeinde-, Staats- und Bundesebene abzustimmen. Lediglich unzurechnungsfähige oder für Kapitalverbrechen wie Mord und Brandstiftung verurteilte
Personen sind ausgeschlossen.
In den 13 Kolonien des 18. Jahrhunderts war am
Wahltag eine weit exklusivere Gruppe aktiv. Die
britischen Kolonien in Amerika hatten sich die Vollmacht gegeben, Wahlgesetze zu erlassen, und diese
waren auffallend ähnlich. Im Einklang mit englischen
Traditionen wurde die Teilnahme an Wahlen eher als
Privileg denn als Recht betrachtet. Nur weißen Männern,
die Land, Geld oder eine gesellschaftliche Stellung
besaßen, war die Stimmabgabe gestattet.
Der für die Ausübung des Wahlrechts vorgeschriebene Mindestumfang an Besitz oder persönlichem Vermögen war in den einzelnen Kolonien unterschiedlich.
In Virginia schrieb das Gesetz den Besitz von 20 ha
Land oder 10 ha Land mit einem Haus darauf, eines
Stadtgrundstücks mit einem Haus oder von 50 Pfund
an Wertgegenständen vor, wozu Sklaven, Werkzeuge, Möbel oder Tiere gehören konnten. Die Abgeordneten der Kolonien mußten mindestens 10- oder
20mal soviel besitzen wie der einfache Wähler.
Die große Mehrheit der Kolonisten verteidigte die
Besitzqualifikation, da Landbesitzer den Großteil der
Steuern entrichteten. Darüber hinaus glaubten sie,
daß arme Wähler zum Schaden von Recht und Ordnung anfällig für Wahlbestechung sein könnten. Aber
in der gesamten Geschichte des Wahlrechts gab es
Versuche, Beschränkungen zu verhängen um zu verhindern, daß neue Leute Macht gewinnen und den
Status quo erschüttern würden.
Seite 1

�Die im Jahr 1776 im Gefolge der Abtrennung der
Kolonien von England verfaßte Unabhängigkeitserklärung stellte fest, die Regierungen würden "ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten
herleiten". Während die Amerikaner heute unter "den
Regierten" alle Bürger verstehen, waren "die Regierten" für die Gründerväter diejenigen, die in den Wahlregistern eingetragen waren: die Männer, die die
Voraussetzungen erfüllten.
Der Kampf des gemeinen Mannes für sein Wahlrecht
wurde durch die Erinnerung an die heiß umkämpfte
Revolution angespornt. Soldaten konnten im Krieg
ihre Offiziere wählen. Sie begannen anzunehmen,
daß sie zum Dank für den Dienst an ihrem Land das
Recht hätten, auch die politische Nachkriegsführung
zu wählen. Zweitens nahmen sie angesichts der
Tatsache, daß auch NichtWähler Steuern zahlen mußten,
den Kampfruf der Revolution gegen England - "No
taxation without representation" - auf und bezogen ihn
auf sich selbst.

Pierce Butler aus South Carolina, stellte fest: "Es gibt
kein Recht, auf das die Menschen eifersüchtiger sind,
als das Wahlrecht."
"Die Debatten über das Wahlrecht waren lang und
bitter, und am Ende beschlossen die Delegierten, den
einzelnen Staaten zu erlauben, ihre eigenen Voraussetzungen festzulegen", schreibt Carole Lynne Corbin
in ihrem 1985 veröffentlichten Buch The Right To
Vote. "Infolgedessen durften Männer, die in einem
Bundesstaat das Wahlrecht hatten, beim Umzug in
einen anderen Staat häufig nicht mehr wählen."
"Nachdem schließlich nationale Wahlen in den Köpfen
der Männer ebenso wichtig geworden wahren wie
solche auf Gemeindeebene - und als sie erkannten,
daß sie durch die Wahl den Steuersatz kontrollieren
konnten - begannen sie, das Wahlrecht an jedem Ort
aufgrund der Tatsache zu verlangen, daß sie Staatsbürger waren", erläutert Corbin. "Die Demokratie
begann Fuß zu fassen."

"Diese Philosophie, diese Überzeugung - daß man die
Fähigkeit zur Wahl der Regierung haben sollte, wenn
diese Regierung Anspruch auf Mittel von Bürgern
erhebt - war das allen Bemühungen zur Erlangung des
Wahlrechts zugrundeliegende Prinzip", erklärt Lichtman. "Und dies gilt nicht allein für die amerikanische
Gesellschaft: in den meisten Gesellschaften hatten
die Menschen vor dieser Zeit keine direkte Vertretung."

In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts konnten
alle weißen Männer, alle Steuerzahler und alle freien
Schwarzen mit einem Mindestmaß an Besitz oder
persönlichem Vermögen in allen Staaten außer Virginia und Rhode Island wählen. In letzterem Bundesstaat führte eine bewaffnete Rebellion im Jahr 1842
zur Ausdehnung des Wahlrechts auf alle im Land
geborenen Amerikaner, die eine Steuer von 1 Dollar
entrichteten.

Nachdem sich die Kolonien von England getrennt und
zu Staaten geworden waren, mußten sie ihre eigene
Verfassung niederlegen. In ihren ersten Verfassungen gewährten New Hampshire, Pennsylvania und
Georgia allen Steuerzahlern das Wahlrecht. Andere
Staaten nahmen lediglich geringfügige Änderungen
ihrer Wahlvorschriften vor, und Massachusetts hob die
Mindestvermögensgrenzen aufgrund des Einflusses
von John Adams, einem der Gründerväter und von
1797 bis 1801 zweiter Präsident der Vereinigten Staaten, sogar noch an.

Kopfsteuern wurden mit guten Absichten eingeführt.
Nachdem sie zuerst 1776 in New Hampshire erhoben
wurden, sah man darin ein Mittel, um das Wahlrecht
beträchtlich zu erweitern. Den neuen Wahlgesetzen
zufolge wurde Steuerzahlern das Wahlrecht eingeräumt, und die geringe Abgabe (im allgemeinen 2
Dollar oder weniger) wurde als Weg angesehen, auf
dem alle Männer diese Voraussetzung erfüllen konnten.

Adams hatte keine Vorstellung davon, wie prophetisch
seine Äußerungen noch werden würden. Die Mehrzahl der Delegierten beim amerikanischen Veriassungskonvent von 1787 in Philadelphia gehörte zum
"konservativen" Lager von Adams. Der Wissenschaftler und Schriftsteller Benjamin Franklin aus Pennsylvania argumentierte jedoch, wählen sei vielmehr ein
Recht statt ein Privileg. Ein anderer Delegierter,

Beteiligung an Bundeswahlen untersagte. Im Jahr
1966 ging das Oberste Bundesgericht sogar noch
weiter und erklärte alle von Gemeinden und Bundesstaaten erhobenen Kopfsteuern für illegal.

Corbin schreibt jedoch: "Die Kopfsteuer war eine
Wahlrechtsreform, die von den Rassisten entstellt
Adams erklärte, er sei gegen die Erweiterung des wurde... So mußte zum Beispiel in Mississippi die
Wahlrechts, da"... dies ein Faß ohne Boden ist. Neue Steuer Monate im voraus entrichtet werden, und die
Forderungen werden auftreten, Frauen werden das Quittung war an der Wahlurne vorzuzeigen. Dies
Wahlrecht verlangen, Burschen zwischen 12 und 21 wurde jedoch nur von Schwarzen verlangt."
werden meinen, ihre Rechte würden nicht gebührend Nach einer massiven Bürgerrechtsbewegung verabbeachtet und jeder Mann, der keinen Heller besitzt, schiedete der Kongreß 1960 den 24. Verfassungszuwird das gleiche Recht wie alle anderen verlangen."
satz, der alle steuerlichen Voraussetzungen für die

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Als die schwarzen Sklaven 1863 durch die Emanzipationserklärung von Präsident Abraham Lincoln befreit
wurden, gerieten die Weißen angesichts der Möglichkeit in Panik, sie könnten ihre seit langem bestehende

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�Regierungsmacht verlieren. Demzufolge wurde freien
Schwarzen das Wahlrecht in den meisten Bundesstaaten entzogen, in denen sie dieses Recht noch
besaßen. Und obwohl Lincoln der Große Emanzipator
war, lehnte er Diktate an die Bundesstaaten ab und
wollte sie nicht zwingen, den Schwarzen das Wahlrecht zu verleihen.
"Die Sklaverei ist nicht abgeschafft, bis der schwarze
Mann das Wahlrecht genießt," erklärte Frederick
Douglass, jene herausragende schwarze Persönlichkeit. Große Fortschritte beim Wahlrecht der Schwarzen kamen mit dem Reconstruction-Gesetz von 1867,
mit dem das Land nach dem Bürgerkrieg (1861-65)
wiederaufgebaut und wiedervereinigt werden sollte.
Das Gesetz zwang die 12 ehemaligen konföderierten
(Süd)-Staaten, ihre Verfassungen zu überarbeiten.
Die Delegierten zu den Verfassungskonventen sollten
von den männlichen Bürgern "jeglicher Rasse" gewählt werden.

rung von Wählern bei allen Wahlen und sah die Anwesenheit von staatlichen Wahlregistratoren vor, wenn
Diskriminierungen festgestellt wurden. Binnen sechs
Monaten wurden landeswert 250.000 Schwarze auf
die Wählerlisten gesetzt.
Heute gibt es in den Vereinigten Staaten laut Statistiken des Joint Center for Political Studies in Washington insgesamt 7.490 Schwarze, die ein Wahlamt innehaben.
Einwanderer und auch die Urbevölkerung haben von
der Abschaffung der Lese- und Schreibprüfungen in
Englisch profitiert. Das Wahlrechtsgesetz von 1965
und spätere Zusätze von 1975 ebneten den Weg für
Wahlmaterial wie Registrierungsformulare und Wahlzettel, die in Spanisch, Chinesisch, Indianisch und der
Sprache der Ureinwohner von Alaska gedruckt wurden.

Der Kampf für das Frauenwahlrecht begann während
der
Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und der
Schwarze wurden in alle Bundesstaatskonvente geProhibition
zu brodeln. Er wurde von Lucretia Mott und
wählt. Dadurch entstanden progressive VerfassunElizabeth
Cady
Stanton geschürt, Ehefrauen und Mütter,
gen, die das Wahlrecht allen Männern gewährten und
die
sich
beide
aktiv gegen Sklaverei und Alkohol
Besitzvoraussetzungen für die Bekleidung eines
engagierten.
Als
die beiden Frauen als Kandidatinnen
Wahlamts abschafften. Ende 1867 hatten sich über
für
einen
Kongreß
über die Abschaffung der Sklaverei
700.000 Schwarze im Süden als Wähler registrieren
aufgrund
ihres
Geschlechts
abgelehnt wurden, geloblassen. In Georgia war die Zahl der schwarzen Wähler
ten
sie,
ihre
Energien
umzudirigieren.
Ihre Bewegung
im Jahr 1870 ebenso hoch wie die der weißen.
wird im allgemeinen auf einen Kongreß von 1848 in
Das bahnbrechende Gesetz für schwarze Wähler war Seneca Falls (New York) zurückgeführt, bei dem die
jedoch der 15. Zusatz zur amerikanischen Verfassung Delegierten das Recht zu wählen und Eigentum zu
im Jahr 1870, hinter dem das Mandat der Bundesre- besitzen forderten.
gierung stand. Diskriminierung auf der Basis von
Rassenzugehörigkeit wurde mit folgenden Worten Die Frauenrechtlerin Susan B. Anthony versuchte, die
abgeschafft: "Das Wahlrecht der Bürger der Vereinig- Gerichte zu der Entscheidung zu veranlassen, daß
ten Staaten darf von den Vereinigten Staaten oder wählen aufgrund des 14. Zusatzartikels zur Verfaseinem Einzelstaat nicht aufgrund der Rassenzugehö- sung ein Bürgerrecht ist, der allen im Lande geborenen
rigkeit, der Hautfarbe oder des vormaligen Dienstbar- und naturalisierten Personen die Staatsbürgerschaft
verleiht und nicht näher definierte "Privilegien" schützt.
keitsverhältnisses versagt oder beschränkt werden."
Im Jahr 1872 gab sie trotz der Einwände des RegistraUm die Jahrhundertwende hatten die Schwarzen im tors ihre Stimme für die Präsidentschaftswahl im
Süden aufgrund der neuen Vorbedingung für die Bundesstaat New York ab.
Wählerregistrierung - lesen und schreiben zu können
- ihr Wahlrecht de facto verloren. Mit der Vorschrift, Ein Richter befand sie jedoch der illegalen Wahl für
daß Wähler des Lesens und Schreibens mächtig sein schuldig und verurteilte sie zu einer Strafe von 100
mußten, sollte vordergründig eine intelligente Nutzung Dollar plus der Gerichtskosten, die sie sich weigerte zu
des Wahlrechts gefördert werden, und sie betraf alle zahlen.
Wähler. Schwarze und Ausländer waren jedoch be"Der Entzug des Wahlrechts erklärt allen Frauen:
nachteiligt: um wählen zu können, mußten sie Eng'Dein Urteil ist nicht gesund, Deine Meinung ist es nicht
lisch lesen und schreiben können.
wert, gezählt zu werden'", stellte Anthony fest. "Der
In den darauffolgenden Jahrzehnten erhob sich eine Mann ist der Überlegene, die Frau das Subjekt beim
massive Bürgerrechtsbewegung, um gegen die Be- derzeitigen Stand der Politik, und bis dieses große
schränkungen für schwarze Wähler zu protestieren. Unrecht behoben ist, werden ignorante Männer und
Ihr Anführer war Reverend Martin Luther King Jr. Nach kleine Jungen weiterhin die Meinung von Frauen mit
dem inzwischen berühmt gewordenen Marsch Kings Verachtung strafen."
von Selma (Alabama) in die Hauptstadt Montgomery
im Jahr 1965 verabschiedete der Kongreß das Wahl- Anthonys Gruppe, die National Woman Suffrage
rechtsgesetz von 1965. Das Gesetz verbot Lese- und Association, begann an der Verabschiedung eines
Schreibübungen als Voraussetzung für die Registrie- Verfassungszusatzes zu arbeiten, der von Senator
Aaron Sargent aus Kalifornien im Jahr 1878 vorgelegt
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Seite 3

�wurde. Der als "Anthony-Zusatz" bekannte Artikel
lautete folgendermaßen: "Das Recht eines Bürgers
der Vereinigten Staaten soll nicht von den Vereinigten
Staaten oder einem Bundesstaat aufgrund des Geschlechts verweigert oder beschränkt werden." Dieser
19. Zusatzartikel blieb unverändert, bis er 1920 Gesetz
wurde.
Auch eine andere Gruppe besaß kein uneingeschränktes Wahlrecht: die Urbevölkerung Amerikas.
Bis Anfang der zwanziger Jahre hatte die US-Regierung zwei Dritteln der amerikanischen Urbevölkerung
durch Vertragsvereinbarungen, Statuten und Naturalisierungsverfahren sowie durch den Dienst in den
Streitkräften im Ersten Weltkrieg die Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht gewährt. 1924 wurde
der übrigen in den Vereinigten Staaten geborenen
Urbevölkerung die Staatsbürgerschaft verliehen.
Die Mehrheit der amerikanischen Urbevölkerung lebt
heute in eigenen Gemeinden, wo sie aktiv Stammespolitik betreibt.
"Bei den Stammeswahlen beteiligen sich 80 bis 90
Prozent der Indianer", erklärt der Abgeordnete des
Repräsentantenhauses Ben Nighthorse Campell
(Demokrat aus Colorado). "Aber bei Bundeswahlen
haben wirdie geringste Beteiligung aller Minderheitengruppen."
Campell ist Cheyenne-indianischer und portugiesischer Abstammung. Inzwischen in der dritten Amtszeit im Repräsentantenhaus hat er landesweit die
Führungsrolle dabei übernommen, die Beteiligung der
amerikanischen Urbevölkerung an der Regierung zu
fördern.
Campell sieht große Fortschritte. Einer Studie des
National Congress of American Indians aus dem Jahr
1990 zufolge sind 21 Ureinwohner in Parlamenten der
Bundesstaaten tätig. Im gleichen Jahr wurde Larry
Echohawk für den prestigeträchtigen Posten des
Justizministers von Idaho ernannt. Und unter den
Delegierten, die beim Demokratischen Parteitag 1988
ihre Stimme abgaben, waren 52 Ureinwohner. Campell prognostiziert, daß ihre Zahl 1992 noch höher sein
wird.
"Viele Indianer sagen: 'Wozu ist meine Stimme gut?
Sie wird nichts verändern'", stellt Campell fest. "Ich
versuche klarzumachen, daß sie dies kann."
Die Bedeutung der einzelnen Stimme ist zentraler
Bestandteil jeder Diskussion über Wählerbeteiligung
in den Vereinigten Staaten.

demonstrationen belebten ein uraltes Argument. "Art
genug um zu kämpfen, alt genug um zu wählen", war
seit dem Bürgerkrieg der Slogan, als 14jährige Jungen
auf beiden Seiten kämpften.
Bis 1971 war man jedoch erst ab 21 Jahren wahlberechtigt, und die Ratifizierung des 26. Zusatzartikels
zur Verfassung erfolgte in diesem Jahr. 11 Millionen
Jugendlichen zwischen 18 und 21 wurde das Wahlrecht erteilt, aber nur 50 Prozent hatten sich bei den
Präsidentschaftswahlen 1972 zur Wahl eingetragen
und 15 Prozent davon erschienen nicht zur Wahl.
Die niedrige Registrierung und die entsprechend geringe Wahlbeteiligung ist nicht auf Amerikas Jugendliche
beschränkt. Statistiken der Bundeswahlkommission
zufolge gaben nur knapp über 50 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner bei den Präsidentschaftswahlen 1988 ihre Stimme ab. Die Wahlbeteiligung ist in
Jahren, in denen keine Präsidentschaftswahlen stattfinden, traditionell geringer: 1990 betrug sie 34 Prozent.
Dem Wahlanalysten und Autor des Buches Why
Americans Don't Vote, Ruy Teixeira, zufolge kann
man bei denjenigen, die wählen, ein klares Muster
verfolgen. Bevölkerungsstatistiken der wählenden
Mehrheit blieben in dem statistisch erfaßten Zeitraum
von 1960-1984 im wesentlichen unverändert.
Teixeiras Studien des Jahres 1980 ergaben beispielsweise, daß die überwältigende Mehrheit der Wähler
weiß ist (84 Prozent), nicht in den Südstaaten lebt (73
Prozent) und über 12 oder mehr Jahre Schulbildung
verfügt (74 Prozent). Die Mehrheit war weiblich (56
Prozent), verheiratet (60 Prozent), angestellt (60 Prozent), 37 Jahre oder älter (58 Prozent) und nicht arm
(65 Prozent).
Teixeira fand einen anderen maßgeblichen Faktor
heraus: 67 Prozent der Wähler waren in den letzten
zwei Jahren nicht umgezogen. Aufgrund dieser Tatsache konnten sie einfach zu ihrem gewohnten Wahllokal gehen, sich eintragen und wählen. Die 33 Prozent,
die ihren Wohnsitz gewechselt hatten, mußten sich in
ihrem neuen Bundesstaat zur Wahl registrieren lassen.
Die Registrierungsgesetze sind von Bundesstaat zu
Bundesstaat sehr unterschiedlich. In einigen Bundesstaaten müssen sich die Wähler registrieren lassen,
wenn sie von einem Distrikt in den anderen ziehen. In
anderen besteht eine Wartezeit von 30 Tagen vom Tag
der Registrierung bis zur Stimmabgabe.

Jüngste Studien belegen, daß eine Änderungen der
Registrierungsgesetze wesentliche Auswirkungen auf
In der Tat wurde von der Bevölkerungsgruppe, die als
die Wahlbeteiligung haben könnte. Wenn beispielsletzte das Wahlrecht erhielt - den 18- bis 21jährigen weise jeder Bundesstaat eine Wahltag-Registrierung
erwartet, daß sie die Politik mit ihren Stimmen beeineinführen würde - wie Wisconsin, Minnesota und Maine
flussen würden. Ihre Protestaktionen in den sechziger
- würde sich die Wahlbeteiligung um 6 bis 7 Millionen
Jahren gegen den Vietnamkrieg und bei Bürgerrechts-

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�Wähler erhöhen, berichtete das Komitee zur Untersuchung der amerikanischen Wählerschaft 1987.
"In zahlreichen Bundesstaaten finden es die Einwohner schwierig, sich zur Wahl registrieren zu lassen",
stellt der Abgeordnete des Repräsentantenhauses
Charles A. Hayes (Demokrat aus Illinois) fest. "Die
Behörden und Einrichtungen zur Wählerregistrierung
sind oft schwer zu finden. Wir sind jedoch zuversichtlich, daß jeder Amerikaner sein Postamt am Ort finden
kann."

rung registriert.
Wahlanalysten haben viele Theorien über die Wahlbeteiligung vorgebracht. Vorrangig darunter ist die ApathieTheorie, nach der man sich entweder aufgrund von
mangelndem Interesse am Wahlergebnis oder mangelndem Vertrauen in die Wahrscheinlichkeit, daß die
eigene Stimme das Wahlergebnis beeinflußt, der Stimme enthält.

Im Oktober 1991 wurde die Bedeutung von nur einer
Stimme in einem ungewöhnlichen Forum schiaglichtEntsprechend hat Hayes, ein Schwarzer aus Chicago, artig erhellt - den Anhörungen im Rechtsausschuß des
im Kongreß zwei Gesetzesvorlagen unterstützt. Die Senats über die Ernennung von Clarence Thomas aus
eine fordert, daß der amerikanische Postdienst den Georgia zum Obersten Bundesgericht, der jetzt der
Ummeldeformularen Wahlregistrierungsformulare für 106. Richter des Gerichts ist.
die Einwohner beilegen muß, die umziehen. Die
andere die Auslage von Registrierungsformularen in Unter den Millionen von den Anhörungen gefesselten
Bürgern war auch Lisa Thurman.
den Postämtern.
Ein anderer Gesetzentwurf, das von Senator Robert
Dole (Republikaner aus Kansas) unterstützte Gesetz
zur Erweiterung der nationalen Wählerregistrierung
(The National Voter Registration Enhancement Act)
würde die Wählerregistrierung mit der Ausgabe oder
Erneuerung des Führerscheins automatisch vornehmen. Mit dieser Art von Registrierung, die bereits in
Colorado stattfindet, würden dem Unterausschuß des
Repräsentantenhauses für Wahlen zufolge automatisch bis zu 91 Prozent der wahlberechtigten Bevölke-

*

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*

"Ich erkannte, daß nur eine Stimme über den Sitz im
höchsten Gericht des Landes für Richter Thomas
entscheidend sein könnte", stellte sie fest. "Und dann
wurde mir bewußt, daß mein Senator in der Tat meine
Stimme abgeben würde. Aber da ich mir nicht die
Mühe gemacht hatte, für oder gegen ihn zu stimmen,
hatte ich sozusagen meine eigene Stimme erstickt."
"Nun sehe ich, worum es bei der Stimmabgabe geht",
erklärte Thurman. "Im November bin ich im Wahllokal."

*

*

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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

7. Oktober 1998

20

NATO

EINE NEUE VISION FÜR EUROPA
Rede von Verteidigungsminister Cohen

KOSOVO

"ES IST HÖCHSTE ZEIT FÜR DEN KOSOVO!'
von John Shattuck

SANKTIONEN

SANKTIONEN SOLLEN GEMEINSAME
VISION WIDERSPIEGELN
Rede von Stuart Eizenstat

USA-DEUTSCHLAND

CLINTON GRATULIERT SCHRÖDER
UND DANKT KOHL
Erklärung anläßlich der Bundestagswahl

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG

DEUTSCH-AMERIKANISCHER TAG 1998
Proklamation des Präsidenten

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�KOSOVO
7. Oktober 1998

"Es ist höchste Zeit für den Kosovo!"
von John Shattuck

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John Shattuck, dem Abteilungsleiter für Demokratie,
Menschenrechte und Arbeitsfragen im US-Außenministerium, der erstmals am 1. Oktober 1998 in der Financial
Times erschienen ist.

Slobodan Milosevic kündigt jetzt bereits seit Wochen
ein Ende des Konflikts im Kosovo an. Aber das brutale
Vorgehen seiner Sicherheitskräfte wird fortgesetzt, und
es gibt immer mehr Berichte über Massaker an
Zivilisten. Anfang September reiste ich mit Senator
Bob Dole im Rahmen einer Menschenrechtsmission in
den Kosovo. Wir wurden dort nicht nur Zeugen von
Verletzungen der Menschenrechte, sondern auch
einer bevorstehenden humanitären Katastrophe. Die
Welt sollte sich nicht von der Rhetorik des
jugoslawischen Präsidenten täuschen lassen. Sie hat
mit der bitteren Realität im Kosovo wenig zu tun.
Das Regime von Milosevic scheint zur Bestrafung der
Zivilbevölkerung im Kosovo entschlossen.
Die
Zerstörung geht weit über legitime Polizeiaktionen
hinaus. Die Gewalt hat die Form einer Strafe und
keinen Zufallscharakter.
Häuser werden innen
angezündet, während die Nachbarhäuser stehen
bleiben. Die Regierungstruppen schikanieren täglich
Zivilisten und vernichten die Infrastruktur, die ihr Leben
erträglich macht. Die daraus resultierende Geißel der
Zerstörung wird bei weitem nicht durch die Behauptungen der Regierung gerechtfertigt, Terroristen festzunehmen".
Seit Beginn der Kämpfe sind Hunderttausende aus
ihren Häusern geflohen. Die große Mehrheit bleibt
weiterhin im Kosovo, wo sie Tag und Nacht unter
freiem Himmel kampiert - kurz vor Wintereinbruch,
angesichts Temperaturen um den Gefrierpunkt und mit
nur begrenztem Zugang zu Nahrungsmitteln und
Obdach. Einige Familien kehren tagsüber in ihre
Dörfer zurück, nur um Nachts wieder in die Berge zu
fliehen. Wir sahen in den Gesichtern der Kinder
Anzeichen für Unterernährung. Wenn die interna-

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tionalen Hilfsorganisationen nicht sofort Schritte
unternehmen und eingreifen, könnten Zehntausende
diesen Winter verhungern oder erfrieren.
Die lauernde humanitäre Katastrophe, die jetzt den
Kosovo bedroht, ist nur ein Symptom für die politische
und militärische Krise, die die Region erneut destabilisieren und den bosnischen Friedensprozeß unterminieren könnte. Herr Milosevic hat diese Krise größeren Ausmaßes herbeigeführt. Er muß die zu ihrer
Beilegung erforderlichen Schritte unternehmen. Trotz
seiner Behauptungen, er befürworte die Rückkehr der
Vertriebenen in ihre Häuser, haben seine Sicherheitskräfte unter der Zivilbevölkerung ein Klima großer und
alles durchdringender Angst geschaffen.
Herr Milosevic muß die brutalen Angriffe seiner
Regierung auf Städte und Dörfer einstellen und die
Sicherheitskräfte abziehen. In der Zwischenzeit sollten
die politischen Vertreter der Albaner und die KosovoBefreiungsarmee alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen, um das Sterben der Zivilisten und ihre
Unterdrückung zu beenden und der internationalen
Gemeinschaft Informationen über vermißte Serben
zukommen zu lassen. Albaner und Serben werden
gleichermaßen von unabhängigen forensischen
Untersuchungen profitieren, da keine Seite der
anderen Glauben schenkt. Wir dürfen nicht zulassen,
daß das Leid der Trauernden noch durch Propaganda
verstärkt wird.
Die Vereinigten Staaten verstärken den Druck auf
Milosevic. Vergangene Woche bewirkte die amerikanische Führungsrolle bei den Vereinten Nationen eine
entschiedene Resolution des UN-Sicherheitsrats, die
einen Waffenstillstand, den Abzug der Sicherheits-

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�kräfte sowie direkten, ungehinderten Zugang des
Roten Kreuzes und anderer humanitärer Organisationen verlangt. Gleichzeitig schließt die NATO ihre
Vorbereitungen für Militäraktionen ab, falls sich diese
als notwendig erweisen sollten.
Im Kosovo reagieren die Vereinigten Staaten direkt auf
die Bedürfnisse der Vertriebenen, unter anderem mit
Hilfe in Höhe von über 40 Millionen Dollar für drängende humanitäre Erfordernisse. Der amerikanische
Botschafter Christopher Hill leitet die internationalen
Bestrebungen zur Herbeiführung einer Lösung, dank
der die Menschen im Kosovo innerhalb von Jugoslawien eine autonome Regierung erhalten.
Es gibt andere Initiativen, deren sich die Vereinigten
Staaten weiterhin bedienen, um Druck auf Herrn
Milosevic für eine gerechte und friedliche Beilegung
des Konflikts auszuüben. Seit Ausbruch des Konflikts
im Frühjahr haben wir mit unseren internationalen
Partnern zusammengearbeitet, um die Sanktionen
gegen Serbien zu verschärfen und insbesondere den
internationalen Aufkauf von Serbiens veralteter
Infrastruktur zu stoppen - Aufkäufe, die Milosevic das
erforderliche Geld zur Finanzierung dieses und eines
zweiten Kosovo verschaffen würden.
Die Vereinigten Staaten verstärken auch den Aspekt
der Gerechtigkeit. In Den Haag hat der Internationale
Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien
Gerichtsbarkeit über den Kosovo, und die Vereinigten
Staaten haben ihre finanzielle Unterstützung für die
Ermittlungen bei der Verfolgung der Verbrechen dort
erhöht. Die Vereinigten Staaten unterstützen ferner
die Bemühungen des Sicherheitsrats, Milosevics
unzulängliche Zusammenarbeit zu verbessern.

*

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Die Vereinigten Staaten verstärken ihre Unterstützung
für die demokratisch gewählte Regierung von Montenegro, und arbeiten darauf hin sicherzustellen, daß
Montenegro seine Grenze zum Kosovo wieder öffnet.
Die Bereitschaft der montenegrinischen Regierung,
den Flüchtlingen zu helfen und mit den internationalen
humanitären Hilfsorganisationen sowie dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien
zusammenzuarbeiten, beweist, daß es eine demokratische Lösung für diejenigen gibt, die dazu bereit sind.
Was bis heute im Kosovo geschehen ist, erreicht noch
nicht die Größenordnung von Bosnien. Aber die
jüngsten Berichte über Massaker an Zivilisten zeigen,
daß das Potential für eine ähnliche Katastrophe - ein
Srebenica oder Omarska - real ist und die internationale Gemeinschaft zu weiteren Aktionen veranlassen sollte. Wo immer wir hingingen, sahen wir
zerbombte, zerstörte und manchmal noch brennende
Städte, in denen nur noch Rudel wilder Hunde, schwer
bewaffnete Polizei und Armeeeinheiten zu finden
waren. Wir erfuhren, daß die serbischen Behörden
begonnen hatten, Zivilisten zusammenzutreiben und
Männer und Jungen von Frauen und Kindern zu
trennen.
Was Senator Dole und ich gesehen haben, unterstreicht, was im Kosovokonflikt für die Menschen unter
Milosevics Herrschaft auf dem Spiel steht. Auch für die
internationale Gemeinschaft steht sehr viel auf dem
Spiel. Ebenso wie im Falle Bosniens kann letztlich nur
eine starke internationale Reaktion Milosevic dazu
veranlassen, das Richtige zu tun. Auf lange Sicht
können nur demokratische Institutionen und die
Respektierung der grundlegenden Menschenrechte
die Basis für die Staaten des ehemaligen Jugoslawien
schaffen, ihren angemessenen und friedlichen Platz in
der europäischen Staatengemeinschaft einzunehmen.

*

AMERIKA DIENST 20

�USA-DEUTSCHLAND
7. Oktober 1998

Clinton gratuliert Schröder und dankt Kohl
Erklärung anläßlich der Bundestagswahl

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 27. September 1998 von Präsident Clinton
anläßlich des Wahlergebnisses in Deutschland abgegebene Erklärung.

Heute hat das deutsche Volk erneut sein demokratisches Recht ausgeübt, seine Regierung zu wählen.

beiden Regierungen werden weiterhin engagiert an
einer umfassenden politischen Agenda arbeiten.

Ich gratuliere Gerhard Schröder zu seinem Wahlsieg.
Wir beide haben dieses Frühjahr in Berlin und diesen
Sommer in Washington konstruktive Gespräche
geführt. Ich sehe der engen Zusammenarbeit mit ihm
erwartungsvoll entgegen. Deutschland ist einer der
engsten Verbündeten der Vereinigten Staaten. Unsere

Ferner möchte ich Helmut Kohl auch im Namen aller
Amerikaner meinen Dank aussprechen. Während
seiner 16-jährigen Amtszeit hat er einen historischen
Beitrag zur Einheit seiner Nation, zur Stärkung der
euroatlantischen Gemeinschaft und zum weltweiten
Frieden geleistet.

* * * * *

AMERIKA DIENST 20

Seite 1

�SANKTIONEN
7. Oktober 1998

Sanktionen sollen gemeinsame Vision widerspiegeln
Rede von Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir in gekürzter Form die Rede, die der Staatssekretär für
wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart
Eizenstat, am 8. September 1998 vor der Task Force des Senats für Wirtschaftssanktionen gehalten hat.

Unseres Erachtens stellen Sanktionen, einschließlich
Wirtschaftssanktionen, die richtig geplant und im
Rahmen einer einheitlichen Strategie durchgesetzt
werden, ein wertvolles Instrument für die Förderung
amerikanischer Interessen und die Verteidigung
amerikanischer Werte dar.
Wenn Sanktionen angemessen und unter entsprechenden Bedingungen eingesetzt werden, können sie bedeutende
politische Ziele der Vereinigten Staaten voranbringen.
Herr Vorsitzender, ich möchte hierfür einige Beispiele
nennen: Ohne Wirtschaftssanktionen hätte sich
Serbien nicht an den Verhandlungstisch gesetzt, um
den Krieg in Bosnien zu beenden; der Irak wäre nicht
in seiner Fähigkeit eingeschränkt, Erdöl zu verkaufen
und Massenvernichtungswaffen zu beschaffen; Libyen
würde nicht wegen seiner Weigerung isoliert, die des
Attentats über Lockerbie Verdächtigen auszuliefern,
und Südafrika hätte vielleicht nicht der Apartheid ein
Ende gesetzt. Diese Sanktionen hatten einen gewissen Erfolg, weil sie Bestandteil eines integrierten
multilateralen Sanktionsregimes sind oder waren.
Auch unilaterale Sanktionen spielen eine wichtige,
aber stärker begrenzte Rolle. Unsere gegen Kuba,
Iran, Sudan, Nigeria und Burma verhängten unilateralen Sanktionen dienen unerläßlichen amerikanischen
Interessen. In den letzten Jahren hat jedoch die
Häufigkeit, in der wir auf unilaterale Wirtschaftssanktionen zurückgegriffen haben, explosionsartig
zugenommen. Einer Erhebung des Nationalverbands
der Hersteller zufolge haben die Vereinigten Staaten
seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 92 Mal unilaterale Wirtschaftssanktionen verhängt - 62, also über die
Hälfte davon, seit 1993. Dem Exportrat des Präsidenten zufolge sind derzeit gegen fünf Länder die

AMERIKA DIENST 20

eine oder andere Form von Wirtschaftssanktionen in
Kraft. Natürlich müssen wir uns fragen, ob wir auf dem
richtigen Weg sind. Die meisten der seit 1993 verhängten Sanktionen waren vom Kongreß per Gesetz
verlangte Maßnahmen, für die es keinen Ermessensspielraum gab. Im Gegensatz dazu waren nur drei der
seit 1993 verhängten 62 unilateralen Wirtschaftssanktionen von der Regierung entsprechend dem
Gesetz über wirtschaftliche Befugnisse bei internationalen Notfällen (International Emergency Economic
Powers Act - IEEPA) unter Einsatz der Amtsgewalt des
Präsidenten dem Ermessen überlassen - die Verschärfung des US-Embargos gegen den Iran 1995 und
die Verhängung eines umfassenden Embargos gegen
den Sudan in November 1997. Darüber hinaus setzte
der Präsident nach Feststellung bestimmter faktischer
Vorbedingungen im Fall Burma erneut unter dem
IEEPA seine Amtsgewalt ein, um im Mai 1997 ein
neues Investitionsverbot für Burma zu verhängen, wie
es das Gesetz verlangt.
Herr Vorsitzender, heute möchte ich zuerst zwei Fälle
ansprechen, bei denen flexible Sanktionen aufgrund
der dem Präsidenten vom Kongreß verliehenen
außerordentlichen Befugnisse Wirkung zeitigten - das
Helms-Burton-Gesetz (Libertad-Gesetz) und das
Gesetz über Sanktionen gegen den Iran und Libyen
(Libya Sanctions Act - ILSA). Jeder dieser Fälle zeigt,
wie wir die Flexibilität des Präsidenten, beispielsweise
die Aussicht auf eine Aussetzung, einsetzen konnten,
um die Ziele des Statuts effektiv umzusetzen. Anschließend möchte ich die übergeordneten Prinzipien
darlegen, die nach Ansicht der Administration die
amerikanische Sanktionsgesetzgebung leiten sollten.
Zum Abschluß werde ich einige spezifische Bemerkungen zu anhängigen Gesetzen machen und die Ideen

Seite 1

�der Administration darlegen, welche Gesetze ihre
Prinzipien zur Sanktionspolitik am besten verkörpern
würden.
Das Helms-Burton- und das ILSA-Gesetz stießen auf
heftigen Widerstand unserer Verbündeten. Wir fanden
jedoch in jedem Fall einen Weg zum Abbau der
Spannungen und zur Förderung der Ziele dieser
Gesetze.
Lassen Sie mich mit dem Helms-Burton-Gesetz
beginnen.
Wie Sie wissen, habe ich mich weltweit entschieden für
das Libertad-Gesetz verwendet. Die Aussetzung von
Titel III war der EU behilflich, im Dezember 1996 eine
gemeinsame Position zu beziehen, die jede Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und politischen
Beziehungen zu Kuba an konkrete Veränderungen der
kubanischen Menschenrechtsbilanz bindet. Ferner
stimmte sie zu, sich entschiedener für die Unterstützung der Demokratie auszusprechen. Ich freue mich
auch, daß wir dieses Gesetz und die Möglichkeit einer
Aussetzung von Titel IV nutzen konnten, um andere
Nationen zur stärkeren Unterstützung der Ziele dieses
Gesetzes zu veranlassen. Die Aussicht auf einen
Nachtrag zu Titel IV zum Erhalt einer Aussetzung
veranlaßte die EU am 18. Mai dieses Jahres, neuen
Disziplinen zuzustimmen, die Investitionen in illegal
enteignetes Eigentum weltweit, einschließlich in Kuba,
beschränken.
Die mit der EU am 18. Mai erzielte Übereinkunft
errichtet erstmals multilaterale Disziplinen unter den
wichtigsten kapitalexportierenden Ländern, Investitionen in Eigentum zu verhindern oder abzuschrecken,
das unter Verletzung des Völkerrechts enteignet
wurde.
Diese Beschränkungen werden illegale
Enteignungen entmutigen und Investoren warnen, "ihre
Hände von solchem Eigentum zu lassen". Die Übereinkunft wird auch jedem Land, das wiederholt illegale
Enteignungen vornimmt - wie Kuba - eine klare und
unmißverständliche Botschaft senden, daß es keine
normalen Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Staaten
mehr unterhalten kann.
Diese Botschaft ist in Havanna zweifelsohne angekommen. Castro versteht ihre Bedeutung und die
ernsthafte Bedrohung, die sie für sein Regime darstellt.
Er verurteilte die Übereinkunft als "eine Internationalisierung der Prinzipien des abscheulichen HelmsBurton-Gesetzes" und kritisierte sie als "Pakt ...
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union mit dem Ziel einer Stärkung der
Blockade gegen Kuba". Dies zeigt das Ausmaß
dessen, was wir durch die Zusammenarbeit mit Europa
gegen Castro erreicht haben. Castro weiß nur zu gut,
daß diese Übereinkunft eine effektive multilaterale
Unterstützung einiger der Kernprinzipien darstellt, auf

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denen das Helms-Burton-Gesetz basiert und die große
Auswirkungen auf Investitionen in Kuba haben werden.
Über ihre Auswirkungen auf Kuba hinaus werden die
strengen Maßnahmen jedoch gegen alle Länder
angewandt, die - wie Kuba - eine lange Bilanz von
wiederholten Enteignungen unter Umgehung des
Völkerrechts aufweisen. Alle Anfragen nach diplomatischer Unterstützung durch die Regierung und Fürsprache oder Förderung durch die Wirtschaft wie
Risikoversicherung, Darlehen oder Subventionen,
werden überprüft um sicherzustellen, daß die Transaktion kein illegal enteignetes Eigentum beinhaltet.
Falls enteignetes Eigentum im Spiel ist, werden
Unterstützung und Hilfe verweigert, und dieses
Eigentum wird einer öffentlichen Liste von Liegenschaften hinzugefügt, bei denen Investitionen aktiv
entmutigt werden. Es wird erst Unterstützung oder
Hilfe gewährt, falls und nachdem diese Prüfung
vorgenommen wurde.
Ferner möchte ich darauf hinweisen, daß die Europäische Union unter besonderer Erwähnung Kubas jetzt
erstmals schriftlich eingeräumt hat, daß eines der vom
Castro-Regime eingesetzten Hauptinstrumente zur
Massenenteignung von Eigentum amerikanischer
Staatsbürger "im Widerspruch zum Völkerrecht zu
stehen scheinf.
Dieses Eingeständnis ist eine
außerordentliche Leistung, denn es stellt die erste
kollektive Bestätigung der Europäer seit der kubanischen Revolution dar, daß Kuba sich an der illegalen
Verstaatlichung amerikanischen Eigentums beteiligt
hat.
Herr Vorsitzender, dieses Ergebnis wäre nicht erzielt
worden, wenn wir nicht die Möglichkeit einer Aussetzung von Titel IV gehabt hätten. Unseres Erachtens
verdient unser Erfolg bei der Erlangung dieser Fortschritte mit den Europäern bei Eigentumsdisziplinen
ernsthafte Überlegungen von Seiten des Kongresses,
eine gezielte Aussetzung von Titel IV vorzunehmen.
Castro wäre natürlich begeistert, wenn die Übereinkunft nie umgesetzt würde. Wir müssen zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß das nicht passiert.
Wenn Titel IV nicht geändert wird, um diese gezielte
Aussetzung vorzunehmen, werden diese wichtigen
neuen Beschränkungen von Investitionen in Kuba nie
durchgesetzt.
Bei der Ausarbeitung des ILSA-Gesetzes verlieh der
Kongreß seiner großen Besorgnis über das iranische
Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme sowie über die
Unterstützung terroristischer Aktivitäten durch den Iran
Ausdruck. Der Kongreß bat die Administration um die
Entwicklung eines multilateralen Konsenses für die
Bewältigung dieser Probleme. Der Kongreß war
weitblickend genug, gleichermaßen Bestimmungen
über die Verhängung und die Aussetzung von Sanktionen in ILSA aufzunehmen. Diese Bestimmungen

AMERIKA DIENST 20

�zielten auf zunehmende multilaterale Zusammenarbeit
ab, und die dem ILSA innewohnende Flexibilität
gestattete uns, diese Zusammenarbeit zu erreichen.
Seit ILSA Gesetzeskraft verliehen wurde und im
Rahmen der Verhandlungen, die mit dem jüngsten
Gipfel zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union ihren Höhepunkt fanden, setzten
wir diese Instrumente mit großem Erfolg ein. Wir
erzielten bedeutende, verbesserte Zusammenarbeit
bei unseren im Zusammenhang mit dem Iran stehenden Belangen mit der EU, mit der wir ohnehin bereits
auf hoher Ebene zusammengearbeitet haben. Die EU
verschärfte ihr Kontrollsystem für Mehrzwecktechnologie im Hinblick auf den Iran, und Rußland richtete
erstmals einen Gesetzesrahmen und detaillierte
Bestimmungen für ein umfassendes Exportkontrollsystem ein. Die Umsetzung hat bereits begonnen,
aber wir sind uns bewußt, daß eine dauerhafte und
konsequente Durchsetzung für die Russen wesentlich
ist. Wir werden den Implementierungsprozeß weiterhin genau verfolgen.
Unsere Sorge über den Iran besteht nach wie vor. Der
Iran entwickelt weiterhin Massenvernichtungswaffen
und ihre Trägersysteme, wie die jüngsten iranischen
Raketentests unter Beweis stellen. Der Iran fördert
auch weiterhin terroristische Vereinigungen. Wir
werden Investitionen von Europäern und anderen
ausländischen Unternehmen im Iran nicht unterstützen, solange der Iran diese Aktivitäten fortsetzt.
Wir werden unseren Unternehmen auch in Zukunft
solche Investitionen untersagen.
Bis der Iran sein Verhalten ändert, ist es besonders
wichtig, auf der "Nachschubseite" eines Problems wie
der Herstellung von Massenvernichtungswaffen tätig
zu werden, daß heißt, dem Iran Zugang zu sicherheitsempfindlichen Materialien und Technologie zu verweigern, indem wir eng mit den Ländern zusammenarbeiten, die potentielle Quellen für diese Gegenstände
sind. ILSA trägt dem durch seine Betonung multilateraler Zusammenarbeit Rechnung. Wir haben die im
ILSA-Gesetz enthaltenen Forderungen im Hinblick auf
die EU, Rußland und Malaysia erfüllt, deren Unternehmen sich an den South Pars-Investitionen im Iran
beteiligten.
Die jüngste Entscheidung der Außenministerin im Fall
South Pars reflektiert die Einschätzung, daß die
Aussetzung im nationalen Interesse, die der Kongreß
in Abschnitt 9c des Gesetzes aufnahm, bei weitem der
wirksamste Weg ist, den amerikanischen Interessen im
allgemeinen zu dienen, die grundlegenden Ziele des
ILSA zu fördern, die Fähigkeit des Iran zum Erwerb
von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme sowie seine Fähigkeit zur Unterstützung von
Terrorismus einzuschränken.

AMERIKA DIENST 20

Die Administration bemühte sich auf höchster Ebene
erfolglos, Frankreich, Rußland und Malaysia zu
bewegen, ihre Unternehmen von Investitionen in das
South Pars-Ölfeld abzuhalten. Wir untersuchten
eingehend die im ILSA enthaltenen sechs Sanktionen
und kamen zu dem Schluß, daß Sanktionen den South
Pars-Deal nicht erfolgreich stoppen könnten.
Die Befugnis der Außenministerin zur Vornahme einer
Aussetzung, die ihr klugerweise vom Kongreß verliehen wurde, hat zur Konsolidierung der von uns mit der
EU und Rußland erzielten Ergebnisse bei der Stärkung
der internationalen Zusammenarbeit beigetragen,
gegen das gefährliche und abzulehnende Verhalten
des Iran vorzugehen und hat die Grundlagen für
weitere Fortschritte auf diesem entscheidenden Gebiet
geschaffen. Sie hat uns bei der Vermeidung eines
größeren Disputs mit unseren Verbündeten und
Freunden geholfen, der zu handelspolitischen Vergeltungsmaßnahmen und einer eingeschränkten Zusammenarbeit bei Massenvernichtungswaffen und
anderen Bestrebungen hätte führen können. Die
Aussetzung hat unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit
mit den Europäern, den Russen und den Malaysiern
bei einer Vielzahl bilateraler und multilateraler Anliegen
verbessert. Beispiele sind:
Die russische Zusammenarbeit bei Nichtverbreitung, Fortschritte bei internen Wirtschaftsreformen und die Ratifizierung des START IIVertrags.

Die Beilegung von Differenzen über das
Helms-Burton-Gesetz, einschließlich neuer
Disziplinen zur Abschreckung von Investitionen in illegal enteigneten Besitz auf der ganzen Welt, was ich bereits angesprochen habe.
Multilaterale Zusammenarbeit im Hinblick auf
den Irak zur weiteren Isolierung von Saddam
Hussein und zur Befolgung der Verpflichtungen gegenüber dem UN-Hochkommissar für
Flüchtlinge.
Fortschritte im Kosovo und in Bosnien, wo
Kooperation unserer NATO-Verbündeten
wesentlich ist, sowie bei anderen Fragen der
europäischen Sicherheit.
In krassem Gegensatz dazu hätte die Entscheidung
zur Verhängung von Sanktionen unsere Bestrebungen
zur Erlangung multilateraler und bilateraler Zusammenarbeit unterminiert, die Fähigkeit des Iran zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen einzuschränken,
und der South Pars-Deal wäre nicht gestoppt worden.
Herr Vorsitzender, ich möchte hervorheben, daß wir
bei Nichtverbreitungsfragen bereits ein sehr hohes
Maß an Zusammenarbeit mit unseren europäischen
Verbündeten pflegen. Wie in der beim Gipfel bekannt-

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�gegebenen gemeinsamen Erklärung der Vereinigten
Staaten und der EU zur Nichtverbreitung dargelegt,
unternimmt die EU allein und gemeinsam mit uns
zusätzliche Schritte zur weiteren Stärkung ihrer Politik
in diesem Bereich. Dies umfaßt die Verpflichtung der
EU, der Weiterverbreitung (einschließlich Raketenträgersystemen) vor allem im Hinblick auf den Iran
hohe Priorität einzuräumen und Engagement für
verstärkte Bestrebungen zur Vermeidung des Transfers von Mehrzwecktechnologie zu zeigen, wo das
Risiko einer Abzweigung für Massenvernichtungsprogramme besteht.
Jetzt möchte ich auf die Situation in Indien und Pakistan zu sprechen kommen. Wie Sie wissen, beschäftigen wir uns erneut ernsthaft mit Indien und Pakistan
gleichermaßen in dem Bestreben, bei unseren Nichtverbreitungsanliegen echte Fortschritte zu machen.
Der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott, der
bei unseren Kontakten mit der indischen und pakistanischen Regierung die Führungsrolle innehat, nahm an
mehreren produktiven Sitzungen mit den designierten
Vertretern beider Regierungen teil. Als Ergebnis
dieser diplomatischen Bestrebungen scheinen wir
Fortschritte bei der Definition der Prinzipien, die die
amerikanischen Beziehungen zu Indien und Pakistan
nach der Beendigung der Atomtests untermauern, bei
der Darlegung unserer Nichtverbreitungs- und anderen
Ziele sowie bei der Erörterung von Schritten und
Aktivitäten zu machen, die zur Erlangung dieser Ziele
erforderlich sind.
Ferner setzen wir die im Glenn-Zusatzartikel enthaltenen Sanktionen entschlossen und korrekt um. Obwohl
es noch verfrüht ist, die Auswirkungen dieser Sanktionen auf Wirtschaftswachstum oder Geschäftsvolumen
in den jeweiligen Ländern zu quantifizieren, ist klar,
daß sie zu beträchtlichen wirtschaftlichen und politischen Kosten für beide Länder führen werden.
Der Mangel an einer flexiblen Befugnis zur Aussetzung
von Sanktionen unter dem Glenn-Zusatzartikel hat
unsere Fähigkeit eingeschränkt, Indien und Pakistan
zur Zusammenarbeit mit dem Ziel der Vermeidung
eines Rüstungswettlaufs auf dem Subkontinent zu
ermutigen. Es geht uns nicht darum, um des Bestrafens willen zu bestrafen, sondern darum, das
Verhalten beider Regierungen zu beeinflussen. Aber
unsere Fähigkeit zur Einflußnahme setzt mehr Flexibilität voraus. Wir möchten nicht, daß den Bevölkerungen
beider Länder - insbesondere den Armen und Benachteiligten - oder amerikanischen Unternehmen unnötig
viel Schaden zugefügt wird. Daher freuen wir uns, daß
der Senat im Juli eine offensichtlich unbeabsichtigte
Konsequenz des Sanktionsgesetzes korrigiert hat - die
Verhinderung der Bereitstellung von Krediten für
Agrargüter.

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Wie die jüngsten Debatten im Senat zeigen, teilen die
Administration und der Kongreß den Wunsch nach
mehr Übereinstimmung, Flexibilität und Effektivität des
Sanktionsregimes gegen Indien und Pakistan. Es ist
unerläßlich, daß wir auf dieser starken Grundlage die
erforderlichen Veränderungen unserer Politik und
Gesetze vornehmen.
Aus diesem Grund unterstützen wir entschieden die
Verabschiedung des Brownback-Robb-Zusatzartikels
durch den Senat, der dem Präsidenten mehr Flexibilität
bei der Verhängung von Sanktionen gegen Indien und
Pakistan gibt, im Idealfall würden wir noch weiter
gehen und die Befugnis zur Aussetzung aller derzeit
verhängten Sanktionen vorziehen. Natürlich werden
wir erst dann diese Befugnis zur Aussetzung von
Sanktionen nutzen, wenn substantielle Fortschritte bei
der Erreichung unserer Nichtverbreitungsziele gemacht wurden oder falls bestimmte Sanktionen
ernsthafte negative und unbeabsichtigte Konsequenzen hätten, beispielsweise ein bevorstehender finanzieller Zusammenbruch, der zu einem wirtschaftlichen
Chaos und politischer Instabilität führen könnte.
Ferner wünschen wir uns zusätzliche Flexibilität zum
Schutz gegen völlig unangemessene Auswirkungen
der Sanktionen gegen ein Land im Vergleich zu einem
anderen; im Idealfall sollten die Sanktionen auf Indien
ungefähr dieselben Auswirkungen wie auf Pakistan
haben, wobei letzteres eine schwächere Wirtschaft hat
und abhängiger von Geldern internationaler Finanzinstitutionen ist, gegen die unter dem Glenn-Zusatzartikel Einspruch erhoben werden muß.
Vor diesem Hintergrund halten wir es weder für
ratsam, noch könnten wir Bestrebungen unterstützen,
die Schritte zu kodifizieren oder als Gesetz zu verabschieden, die Indien und Pakistan unternehmen
müßten, um von Sanktionen befreit zu werden, oder
spezifische Aktionen Indiens und Pakistans mit der
Aufhebung bestimmter Sanktionen zu beantworten.
Obwohl zwischen der Administration und dem Kongreß
beträchtliche Übereinstimmung hinsichtlich unserer
Nichtverbreitungsziele besteht, würde es unser
Streben nach Wandel stark erschweren, wenn per
Gesetz bestimmte Bezugsgrößen errichtet würden.
Indien und Pakistan würden auf einen solchen Ansatz
auch nicht positiv reagieren. Solche Schritte gesetzlich
zu verankern, würde den Eindruck erwecken, daß
Indien und Pakistan unter Druck handeln, um die
Aufhebung amerikanischer Sanktionen zu bewirken.
Das würde unsere Chancen beträchtlich schmälern,
die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.
Die Geschichte des Einsatzes unilateraler Sanktionen
durch unser Land zeigt klar und deutlich, daß sich in
den meisten Fällen das Verhalten des Ziellandes nicht
ändert oder daß wir bestenfalls einen Beitrag zu
Verhaltensänderungen oder einer Veränderung der
Politik leisten, jedoch nicht der entscheidende Faktor
sind. Es braucht Zeit, bis Sanktionen Wirkung zeigen.

AMERIKA DIENST 20

�Sie mögen einen hohen Preis von den amerikanischen
Interessen verlangen. Somit sind Sanktionen kein
Allheilmittel, kein Patentrezept, und sie haben ihren
Preis.
Sanktionen müssen effektiv sein
Das erste und wichtigste Prinzip, das unsere Sanktionspolitik leiten sollte, ist die Effektivität von Sanktionen bei der Erlangung des gewünschten Ergebnisses,
das Verhalten zu ändern, das Gegenstand der Sanktionen ist. Wenn Sanktionen zum falschen Zeitpunkt
und auf die falsche Art und Weise eingesetzt werden,
können sie die Erlangung unserer Ziele tatsächlich
behindern und die politischen Ziele der Vereinigten
Staaten unterminieren. Ich hatte meine ersten direkten
Kontakte mit Wirtschaftssanktionen, als ich im Weißen
Haus unter Präsident Carter mit dem fatalen Getreideembargo gegen die Sowjetunion nach ihrem
brutalen Einmarsch in Afghanistan befaßt war. Die
Absicht war löblich, aber da wir kein Getreidemonopol
hatten und keine internationale Übereinkunft erzielten,
erreichte das Embargo nicht seine Ziele und verlangte
den amerikanischen Landwirten und den amerikanischen Interessen einen hohen Preis ab. Das ist allzu
oft der Fall. Unilaterale Sanktionen fordern von
unseren Landwirten und Unternehmen einen hohen
Preis und Härten - oft ohne entsprechende Auswirkungen auf die Erlangung unserer außenpolitischen
Ziele. Darüber hinaus senden Sanktionen, die ineffektiv sind, den amerikanischen Interessen mehr
abverlangen als dem sanktionierten Land und selbst
unter unseren engsten Verbündeten keine breite
Unterstützung finden, keine Botschaft amerikanischer
Entschlossenheit oder amerikanischen Engagements.
Sie senden vielmehr eine Botschaft amerikanischer
Irrelevanz. Sanktionen, die leicht umgangen oder
verhindert werden können, die lediglich verhängt
werden, um "eine Erklärung abzugeben", sind unter
Umständen nicht nur sinnlos zur Erlangung unserer
Ziele, sondern mindern und unterminieren langfristig
den Wert von Sanktionen als außenpolitisches Instrument insgesamt.
Die Bedeutung von Einvernehmen unter den
Nationen
Unsere Außenpolitik ist am effektivsten, wenn sie
Zusammenarbeit und Konsultation zwischen der
Administration und dem Kongreß widerspiegelt. Die
Entscheidung zur Verhängung von Wirtschaftssanktionen - oder zur Aufhebung oder Aussetzung
möglicher Maßnahmen oder bereits verhängter
Sanktionen - sollte eine einvernehmliche Beziehung
zwischen der Exekutive und der Legislative
widerspiegeln. Wir müssen die besondere Rolle
respektieren, die jede Gewalt in der Außenpolitik spielt.
Der Kongreß teilt sich mit der Exekutiven die Verantwortung für die Gestaltung unserer Außenpolitik. Bei

AMERIKA DIENST 20

wirtschaftlichen Maßnahmen kommt dem Kongreß
eine klare Rolle zu, die wir respektieren. Gleichzeitig
ist der Präsident verantwortlich für die Umsetzung der
Außenpolitik und den Umgang mit ausländischen
Regierungen. Daher muß Sanktionsgesetzgebung
diese jeweilige Verantwortung in Betracht ziehen.
Sanktionsgesetze sollten umfassende Ziele darlegen,
jedoch Flexibilität bieten, auf eine sich ständig verändernde und entwickelnde Situation zu reagieren und
dem Präsidenten die notwendigen Befugnisse geben,
spezifische amerikanische Aktionen auf die Bewältigung unserer außenpolitischen Ziele zuzuschneiden.
Wie Außenministerin Albright sagte, darf es keinen
stereotypen Ansatz zur Sanktionspolitik geben.
Einvernehmen zwischen den einzelnen Regierungsgewalten drückt sich in der Sanktionsgesetzgebung
durch die Aufnahme von Bestimmungen über die
Flexibilität des Präsidenten in die Gesetze aus,
einschließlich einer umfassenden Befugnis zur
Aussetzung bestimmter Sanktionen. Der Kongreß
spricht, aber letzten Endes kann nur der Präsident alle
zu einem gegebenen Zeitpunkt relevanten außenpolitischen Fragen abwägen und unsere auf eine
spezifische Situation zugeschnittene Antwort geben.
Die Macht des Kongresses in punkto Ausgaben und
Kontrolle stellt ein mehr als adäquates Instrument für
die Gestaltung unserer Außenpolitik dar, aber diese
Macht sollte nicht eingesetzt werden, um die Amtsgewalt des Präsidenten zu behindern, nach seinem
Ermessen zu handeln. Gesetze, die den Präsidenten
zur Verhängung von Wirtschaftssanktionen ermächtigen, sollten ihn auch ermächtigen, nicht zu handeln
oder bereits ergriffene Maßnahmen auszusetzen,
wenn dies im nationalen Interesse liegt.
Wenn unsere Politik effektiv sein soll, müssen wir
zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß unsere
Sanktionen angemessen, einheitlich und so angelegt
sind, daß sie auf breite internationale Unterstützung
stoßen. Es muß besser strukturierte, systematische
Diskussionen zwischen der Exekutive und dem
Kongreß geben, wenn Sanktionen eine Option sind.
Die Bestrebungen dieser Task Force und diese
Anhörung an sich sind, Herr Vorsitzender, ein gutes
Beispiel dafür, wie die beiden Zweige der Regierung
zusammen eine effektive und prinzipienorientierte
Sanktionspolitik ausarbeiten sollten, die wirklich zur
Förderung unserer übergeordneten nationalen Interessen beitragen kann.
Wirtschaftssanktionen sollten nicht als erstes
Mittel angesehen werden
Das zweite Prinzip, das unsere Diskussionen leiten
sollte, lautet, daß Wirtschaftssanktionen nicht als
erstes Mittel zur Verteidigung unserer Interessen
angesehen werden sollten. Unsere erste Aktionslinie
gegenüber anderen Ländern sollte in der aggressiven
Ausschöpfung aller verfügbaren diplomatischen

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�Optionen bestehen. Aus diesem Grund ist Engagement allgemein die bevorzugte Strategie zur Beeinflussung eines gewissen Verhaltens. China ist ein
gutes Beispiel. Die wegen der Ereignisse auf dem
Platz des Himmlischen Friedens verhängten Sanktionen sind noch in Kraft und reflektieren unsere Besorgnis über die Menschenrechtsbilanz Chinas und
andere Praktiken, aber durch ein allgemeineres
Engagement haben wir erreicht, daß das chinesische
Verhalten sich auf verschiedenen Gebieten den
international akzeptierten Normen stärker annähert.
Verfügbare Optionen reichen von symbolischen
Maßnahmen, wie dem Rückruf eines Botschafters oder
der Verringerung der Zahl der Botschaftsmitarbeiter
über die Verweigerung der Visaerteilung für bestimmte
Personen bis zu offizielleren Maßnahmen wie konzertierten Aktionen mit gleichgesinnten Ländern. Es sollte
nur dann zu Wirtschaftssanktionen gegriffen werden,
wenn alle anderen verfügbaren Optionen aggressiv
verfolgt wurden und scheiterten oder sich als unzureichend oder unangemessen erwiesen haben. Wir
dürfen nicht vergessen, daß die Macht positiver
Anreize oft stärker zur Erreichung unserer Ziele
beiträgt. Aktionen wie die Belohnung gewünschten
Verhaltens, die Bereitstellung von Hilfe und Unterstützung zum Beispiel im Bereich der Menschenrechte, bei
der Einführung moderner Rechtssysteme oder andere
Maßnahmen zur Unterstützung von im Übergang zur
Demokratie befindlichen Ländern können wirksame
Instrumente zur Erlangung unserer Ziele sein.
Multilaterale Sanktionen sind effektiver
Drittens. Wenn es durch diplomatische Initiativen und
positive Anreize nicht gelungen ist, das Verhalten
eines Landes zu ändern, das unseres Erachtens den
amerikanischen Interessen zuwiderläuft, stellen
Sanktionen eine Option dar. Sanktionen mit breiter
multilateraler Unterstützung sind am effektivsten.
Multilaterale Sanktionen üben den stärksten internationalen Druck auf den Anstoß erregenden Staat aus.
Sie demonstrieren eine einheitliche internationale
Absicht. Aufgrund ihres multilateralen Charakters sind
sie schwerer zu umgehen oder zu unterminieren. Sie
halten den Schaden für die amerikanische Konkurrenzfähigkeit möglichst gering und verteilen die
Kosten der Sanktionen gerechter auf alle Länder. Wir
sollten alles in unserer Macht Stehende zur Entwicklung eines multilateralen Sanktionsregimes unternehmen, wann immer solche Maßnahmen in Betracht
gezogen werden, und einen vernünftigen Zeitraum für
die Bildung eines internationalen Konsenses über
solche Sanktionen vorsehen.
In der heutigen interdependenten Weltwirtschaft ist die
Fähigkeit der Vereinigten Staaten, einem Zielland
wesentliche wirtschaftliche Vorteile vorzuenthalten,
stark eingeschränkt. Es gibt nur wenige Produkte und
Dienstleistungen, für die die Vereinigten Staaten der
einzige Lieferant sind. Ebenso wichtig ist vielleicht,

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daß die Welt auch im Hinblick auf politische und
sicherheitspolitische Anliegen zunehmend multipolar
wird und den Vereinigten Staaten dadurch immer
weniger Druckmittel zur Verfügung stehen. Wir
können im Alleingang viel erreichen, und es wird
Zeiten geben, in denen wir im Alleingang handeln
müssen, aber wir können mit Unterstützung anderer
weitaus mehr erreichen.
Darüber hinaus müssen wir uns auch bewußt werden,
daß unilaterale Maßnahmen, insbesondere solche, die
von anderen als "extraterritoriar kritisiert werden,
unsere Bestrebungen zur Gewinnung multilateraler
Unterstützung komplizieren. Sie zielen nicht nur auf
das Land ab, dessen Verhalten wir ändern wollen,
sondern auch auf andere Staaten, einschließlich
unserer Verbündeten, die mit dem Zielland Geschäfte
tätigen. Die Vereinigten Staaten sind traditionell gegen
solche Sanktionen, wenn sie von anderen verhängt
werden - beispielsweise die Gesetzgebung von 1977,
die amerikanische Unternehmen bestrafte, die sich an
den Boykott Israels durch die arabischen Länder
hielten.
Multilaterale Unterstützung ist von Bedeutung, wenn
Wirtschafts- und Handelssanktionen ein wirklich
effektives Mittel für die Beeinflussung von Politik und
Verhalten anderer Länder sein sollen. Bosnien, der
Kosovo, Zypern, Irland und der Nahe Osten haben
deutlich gezeigt, daß die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten bei der Lösung von Konflikten unerläßlich ist.
Wir haben die Pflicht zu führen, und wir werden das mit
allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln tun. Aber in
der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges müssen
wir auch erkennen, daß wir zwar eine unerläßliche
Kraft für Frieden und Stabilität sind, die drängenden
weltweiten Probleme jedoch nicht auf eigenen Faust
lösen können.
Bei entscheidenden Fragen können Konsultationsmechanismen mit Ländern, die unsere Ziele teilen,
eine große Hilfe darstellen. Obwohl solche Mechanismen keine Ergebnisse garantieren, garantiert ihr
Fehlen fast mit Sicherheit, daß wir keine multilaterale
Unterstützung gewinnen können.
Wir müssen zu unilateralem Vorgehen bereit sein
Viertens. Wenn es uns nicht gelingt, ein multilaterales
Regime aufzubauen und wichtige nationale Interessen
oder Werte auf dem Spiel stehen, müssen wir zu
unilateralem Vorgehen bereit sein. Wir dürfen nicht
zulassen, daß andere Länder durch ihre Untätigkeit ein
Veto gegen den Einsatz von Sanktionen durch die
Vereinigten Staaten einlegen.
Vor diesem Hintergrund muß unsere Hauptüberlegung
bei der Verhängung sämtlicher unilateraler Sanktionen
darin bestehen, ob sie effektiv und Bestandteil einer
kohärenten Strategie zur Verhaltensänderung sind, ob

AMERIKA DIENST 20

�sie zu unseren Bestrebungen beitragen, multilaterale
Unterstützung für unsere politischen Ziele zu
gewinnen, anstatt sie zu beeinträchtigen, und ob sie im
Einklang mit unseren internationalen Verpflichtungen
und humanitären Prinzipien stehen. Bei der Verhängung bestimmter Sanktionen müssen wir den Nutzen
gegen die Kosten abwägen. Die Analyse darf natürlich
nicht auf ökonomische Interessen beschränkt sein,
sondern muß das gesamte Spektrum politischer und
sicherheitspolitischer Interessen in Betracht ziehen, die
vielleicht nicht sofort offensichtlich sind oder nicht
quantifiziert werden können, wie beispielsweise die
Förderung der Menschenrechte. Gleichzeitig dürfen
wir auch nicht vergessen, daß handelspolitische
Maßnahmen nicht die einzige Art von Sanktionen sind.
Uns steht eine Vielzahl anderer Maßnahmen zur
Verfügung, die manchmal viel wirksamer sind. Dazu
können die Verweigerung der Visaerteilung, der
Widerstand gegen eine Teilnahme an internationalen
Sportereignissen und Besuche von Delegationen des
Kongresses zählen, um die Aufmerksamkeit auf das
Problem zu lenken.
Der wichtigste Maßstab für die Effektivität von Sanktionen sind ihre Auswirkungen auf das Ziel. Wir müssen
davon ausgehen können, daß sie effektiv um- und
durchgesetzt werden und daß sie insgesamt nicht
mehr Schaden anrichten als das Unrecht, das sie zu
beheben trachten. Mögliche negative Auswirkungen
auf gefährdete ausländische Bevölkerungen müssen
ausreichend

berücksicht werden.

Falls möglich,

müssen wir bei jedem Sanktionsregime versuchen,
das Anstoß erregende Land selbst oder besser noch
die ärgerniserregenden Körperschaften oder Einzelpersonen zu treffen, anstatt Unternehmen in
Drittländern.
Jetzt möchte ich die von den Bundesstaaten und
Kommunen verhängten Sanktionen ansprechen. Wir
verstehen die Sorgen und die Frustration, die zu
kommunalen Sanktionsmaßnahmen führen. Verschiedene Regierungen auf der ganzen Welt zeigen
ein Verhalten - beispielsweise der Mißbrauch von
Menschenrechten in Burma - über das die Öffentlichkeit zu Recht entrüstet ist. Wenn unser Land sich mit
einem solchen Verhalten befaßt, ist es jedoch wichtig,
daß wir mit einer Stimme sprechen. Einzelne oder
inkonsequente Aktionen könnten den Eindruck
hinterlassen, die Vereinigten Staaten seien gespalten
und könnten - was noch wichtiger ist - die Verfolgung
unserer allgemeinen außenpolitischen Ziele stören.
Aus diesem Grund ist es unseres Erachtens von
Bedeutung, daß die Bundesregierung und die Regierungen der Bundesstaaten sich bei diesen Fragen
genau abstimmen. Wir möchten mit den Bundesstaaten eine Partnerschaft aufbauen, um eng an diesen
Fragen zusammenzuarbeiten. In jüngster Zeit haben
wir Bestrebungen unternommen, um genau solche
produktiven und kooperativen Beziehungen aufzubauen.

AMERIKA DIENST 20

Maßnahmen der Bundesstaaten und Kommunen oder
der Bundesregierung müssen im Einklang mit unseren
internationalen Verpflichtungen stehen. Sanktionen,
die unsere Handelspartner als nicht mit unseren
rechtlichen Verpflichtungen - sei es in der Welthandelsorganisation oder in bilateralen Verträgen vereinbar oder als "extraterritorial" kritisieren, unterminieren allzu oft unsere Bestrebungen zur Mobilisierung
multilateraler Hilfe, wirken sich negativ auf andere
multilaterale Ziele aus und geben anderen Anlaß, die
guten Absichten der Vereinigten Staaten bei der
Erfüllung internationaler Verpflichtungen in Frage zu
stellen. Anstatt mit unseren Freunden und Verbündeten Druck auf Anstoß erregende Staaten auszuüben,
ihr Verhalten zu ändern, wenden wir dann Zeit und
Energie für die Lösung dieser Dispute auf.
Herr Vorsitzender, zusammenfassend kann man
sagen: Wenn unsere Politik effektiv sein soll, müssen
wir zusammenarbeiten - Administration, Kongreß,
Bundesstaaten und Kommunen sowie die Wirtschaft
und Nichtregierungsorganisationen - um sicherzustellen, daß unser Einsatz von Sanktionen angemessen und einheitlich erfolgt und internationale
Unterstützung erhält.
Jüngste Gesetzesinitiativen
In den letzten Monaten erörterte der Kongreß verschiedene Gesetzesvorlagen, die sich mit Sanktionsfragen befassen. Sie reichen von umfassenden
Sanktionsreformen wie dem Lugar/Hamilton/CraneSanktionsreformgesetz und dem Dodd-Sanktionsrationalisierungsgesetz von 1998 über den Vorschlag
von Senator Glenn bis zu solchen, die Sanktionen als
Instrument für die Sicherung eines bestimmten politischen Ziels einsetzen möchten, beispielsweise das
Wolf-Specter- oder das Nickels-Gesetz, die sich mit
wichtigen Fragen der Religionsfreiheit befassen, dem
Sanktionsgesetz über die Nichtverbreitung iranischer
Raketen und verschiedenen Gesetzesvorlagen zur
Situation in Indien und Pakistan.
Wir haben versucht, auf den zahlreichen Konzepten
von Senator Lugar und den Kongreßabgeordneten
Hamilton und Crane sowie den Senatoren Glenn,
Dodd, Robb, Brownback und anderen aufbauend
einen Vorschlag zu unterbreiten, der unseres Erachtens einen wertvollen Beitrag leisten würde. Wir
sind überzeugt, daß wir durch Zusammenarbeit einen
echten Beitrag zur Verbesserung des Einsatzes von
Sanktionen zur Erlangung unserer außenpolitischen
Ziele leisten können.
Viele der Ideen in den von ihnen dargelegten Vorschlägen sind gute Beispiele für die Art von Bestrebungen, die wir zur Verbesserung des Dialogs zwischen
Kongreß und Administration bei Sanktionsfragen
unternehmen müssen. Sanktionspolitik sollte besonnen und überlegt sein und alle Faktoren in Betracht

Seite 7

�ziehen, die für die Entscheidung über Sanktionen
relevant sind. Wir begrüßen die von diesen Senatoren
und Kongreßabgeordneten übernommene Führungsrolle.

nen zu verhängen. Wie Senator Lugar in seinem Brief
zu dieser Gesetzgebung feststellte, kann Inflexibiltät
bei ansonsten löblichen Bestrebungen genau die Ziele
vereiteln, die das Gesetz erreichen will.

Obwohl unsere Ansichten in vielerlei Hinsicht den
im Lugar/Crane/Hamilton(LCH)-Gesetz dargelegten
entsprechen, haben wir im Hinblick auf spezifische
Bestimmungen dieses Gesetzes wesentliche Differenzen, die die Administration von seiner Annahme
abhielten. Unserer Ansicht nach sollte ein Vorschlag
über Sanktionsreformen eine gemeinsame Vision von
Administration und Kongreß zur Sanktionspolitik
reflektieren, die in klaren verfahrensorientierten und
inhaltlichen Richtlinien für beide Zweige der Regierung
verkörpert ist. In seinem gegenwärtigen Entwurf
würde das LCH-Gesetz der Exekutiven viele bindende
und belastende Beschränkungen im Hinblick auf ihre
Handlungsfreiheit im außenpolitischen Bereich auferlegen und ihr nur begrenzte Flexibilität einräumen.
Obwohl das Gesetz auf den ersten Blick auch dem
Kongreß vergleichbare Beschränkungen auferlegt,
macht die Fähigkeit des Kongresses, einen Nachtrag
zu Gesetzen zu verabschieden, Regeln zu verändern
oder zukünftige Gesetze zu verabschieden, die
Vorrang haben - beispielsweise durch die Sprachregelung "ungeachtet aller anderen Gesetze" - es
weniger wahrscheinlich, daß sich das Gesetz als
praktische Beschränkung des Kongresses erweist. Mit
anderen Worten: Das Gesetz würde der Exekutiven
mehr starre Beschränkungen als der Legislativen
auferlegen, obwohl die explosionsartige Zunahme von
Sanktionen in den letzten Jahren großenteils auf den
Kongreß und nicht auf den Präsidenten zurückzuführen ist. Wie ich bereits erwähnte, kamen 59 von
62 der in den letzten fünf Jahren verhängten Sanktionen vom Kongreß.

Weil die Bestrebungen zur Reform unserer Sanktionspolitik eine gemeinsame Vision von Administration und
Kongreß widerspiegeln sollten, die in klaren verfahrensorientierten und inhaltlichen Richtlinien für beide
Zweige der Regierung verkörpert sind, begrüßen wir
insbesondere diese Gelegenheit zu einem Meinungsaustausch mit Ihnen über unsere Ideen zu Sanktionen.
Das unserem Ansatz zugrundeliegende Prinzip ist das
einer Symmetrie zwischen den beiden Zweigen. Mit
anderen Worten: Der Kongreß sollte der Exekutiven
nicht mehr Vorschriften machen als sich selbst.
Multilaterale Sanktionen
Schließlich sollten jede Sanktionsreformgesetzgebung
und jeder Präsidialerlaß eine eindeutige Erklärung
beinhalten, daß solche Richtlinien sich nur auf unilaterale Wirtschaftssanktionen beziehen. Eine solche
Erklärung würde unsere große Präferenz multilateraler
Sanktionen und unsere Ansicht unterstreichen, daß
vom UN-Sicherheitsrat verhängte Sanktionen die
kollektive Beurteilung widerspiegeln sollten, daß eine
Situation besonders gravierend ist und die Verhängung
globaler Sanktionen rechtfertigt - die zeitlich nicht
beschränkt sind und keine Unantastbarkeit von
Verträgen erlauben. Im Gegensatz dazu erfordern
unilaterale Sanktionen eine andere Struktur und ziehen
beispielsweise in Betracht, daß die Verhängung
unilateraler Sanktionen einen unangemessenen Preis
von den amerikanischen Interessen fordert. Die
Erklärung könnte feststellen, daß unser Ansatz zu
unilateralen Wirtschaftssanktionen aus diesen
Gründen nicht im Zusammenhang mit der Verhängung
multilateraler Sanktionen steht. Das ist von Bedeutung, weil multilaterale Sanktionen beispielsweise nicht
dieselben Merkmale aufweisen sollten wie zeitlich
begrenzte Bestimmungen, die auf unsere heimischen
unilateralen Sanktionsmaßnahmen Anwendung finden.

Wir würden die Gelegenheit begrüßen, weiterhin eng
mit dem Kongreß an einem Vorschlag zu Sanktionsreformen zusammenzuarbeiten, der bedeutende
Richtlinien für Administration und Kongreß gleichermaßen enthält und dem Präsidenten die notwendige
Flexibilität gibt, jede Sanktionsgesetzgebung effektiv
zu gestalten, einschließlich der Freiheit, keine Sanktio-

* *

Seite 8

*

AMERIKA DIENST 20

�NATO
7. Oktober 1998

Eine neue Vision für Europa
Rede von Verteidigungsminister Cohen

SKOPJE - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die US-Verteidigungsminister William S. Cohen am
26. September 1998 beim Treffen der südosteuropäischen Verteidigungsminister in Skopje in Makedonien
gehalten hat.

Minister Kitanoski, sehr geehrte Amtskollegen, verehrte Gäste und Beobachter, meine Damen und
Herren,
gestatten Sie mir, Verteidigungsminister Kitanoski für
die Veranstaltung dieses äußerst wichtigen Treffens
hier in Skopje zu danken. Es ist mir eine große Ehre,
heute mit so vielen Persönlichkeiten zusammenzukommen, die sich so stark für ein friedliches und
stabiles Europa einsetzen.
Unsere Bestrebungen erinnern an die Worte des
Historikers Edward Gibbon: "Es ist die Pflicht des
Patrioten, sich ausschließlich für die Förderung des
Ruhms seines Landes einzusetzen. Aber es ist die
Pflicht des Philosophen, über den Ruhm seines
Landes nachzudenken." Ich fühle mich geehrt, hier in
dieser Gruppe von Philosophen zu sein.
Ein amerikanischer Präsident sagte einmal über
Südosteuropa: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der
Weltgeschichte muß jede Nation zwischen verschiedenen Lebensweisen wählen... Eine Lebensweise ist
gekennzeichnet von freien Institutionen, garantierter
Freiheit und Freiheit von Unterdrückung... Die zweite
Lebensweise basiert auf Terror, Schikane und der
Unterdrückung individueller Freiheiten."
Der US-Präsident, der diese Worte sprach, war Harry
S. Truman, als er 1947 der amerikanischen Unterstützung für die Souveränität und Freiheit dieser Region
Ausdruck verlieh. Fünf Jahrzehnte später, nach einem
langen und bitteren Kalten Krieg, veranstalten wir
dieses Treffen unter Staaten, die erneut diese erste
Lebensweise anstreben - ein Leben in Freiheit.

AMERIKA DIENST 20

Tatsächlich kommen wir zu einem Zeitpunkt zusammen, an dem eine neue Vision von Europa Realität
wird: Ein in Frieden und Demokratie geeintes Europa;
ein Europa, in dem Sicherheit nicht durch Bomben und
Gewehrkugeln, sondern durch Vertrauen und Transparenz garantiert wird; ein Europa, das die sich zum
gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte bietenden
Chancen ergreift.
Wir bauen die Säulen dieses neuen Europas auf
vielerlei Weise. Beim NATO-Ministertreffen in Lissabon erörterten wir während der letzten drei Tage einige
der von unserem Bündnis erzielten erstaunlichen
Leistungen. Unser Bündnis sät die Saat militärischer
Zusammenarbeit über unsere Grenzen hinaus und
fördert wirtschaftliche und politische Stabilität.
Durch die NATO-Erweiterung reichen wir Ungarn,
Polen und der Tschechischen Republik die Hand der
Unterstützung und Stabilität und erweitem die Demokratie auf ganz Europa. Wir haben bereits mehrmals
darauf hingewiesen, daß die NATO gegenüber ihren
neuen Mitgliedern eine Politik der Offenen Tür verfolgt.
Diese Tür ist jedoch nur über eine steile Treppe zu
erreichen, und niemand weiß das besser als die neuen
Mitglieder, die wir im kommenden Jahr willkommen
heißen werden. Aus diesem Grund stellen wir sicher,
daß sowohl das Bündnis als auch die neuen Mitglieder
bereit sind. Unsere gegenseitigen Verpflichtungen
stellen das feierlichste Gelöbnis dar, das ein Land
abgeben kann.
Eine weitere tragende Säule dieses neuen Europas ist
die Partnerschaft für den Frieden. Die PfF ist ein
unerläßlicher Grundstein für regionale Stabilität und
kooperative Sicherheit und wird das auf viele Jahre

Seite 1

�hinaus bleiben. Obwohl die Partnerschaft die Nationen
auf eine potentielle NATO-Mitgliedschaft vorbereitet,
sollte sie auch als Selbstzweck betrachtet werden.
Denn die NATO-Verbündeten sind für die Partnerstaaten als Ratgeber auf Gebieten tätig, die von der
Ausbildung im Bereich der Friedenssicherung bis zur
Umsetzung von Verteidigungsreformen reichen.
Ich freue mich, daß drei NATO-Verbündete hier
vertreten sind, die uns bei dieser wichtigen Aufgabe in
Südosteuropa unterstützen - Griechenland, Italien und
die Türkei. Erst letzte Woche zeigte sich dieser Geist
auf bemerkenswerte Weise, als Soldaten aus 27
Partnernationen gemeinsam am Manöver "Cooperative
Best Efforf auf dem Übungsgelände von Krivolak nicht
weit von hier teilnahmen. Sie arbeiteten Seite an Seite
und tauschten ihre Kenntnisse über Friedenssicherung, Hilfs- und Flüchtlingsoperationen aus. Obwohl
sie verschiedene Uniformen trugen, waren sie durch
ein gemeinsames Ziel geeint.
Sie sind die wahrhaftige Verkörperung der Partnerschaft für den Frieden. Und die Partnerschaft wird uns
weiterhin zusammenbringen, während wir uns für die
Erlangung unserer anderen Ziele einsetzen:
Regionale Ausbildungszentren,
ein Konsortium der Verteidigungsakademien
und
die Einrichtung eines regionalen Luftraumnetzes.
Die dritte Säule des neuen Europas wird genau hier in
Südosteuropa gebaut, während wir noch mehr Zusammenarbeit und Stabilität anstreben. Aus diesem
Grund ist dieses Ministertreffen so entscheidend. Wir
stehen wirklich an einer Wegscheide, an einem Punkt,
der nicht weniger zentral ist als der, an dem unsere
Vorgänger vor 50 Jahren standen. In dieser Region
bleiben einige der größten Herausforderungen bestehen, und in dieser Region besteht das größte Potential
für Fortschritt.
Wir haben bereits mit der Förderung von verstärkter
militärischer Zusammenarbeit begonnen. Und wir
fördern mehr Vertrauen und Offenheit durch praktische
Maßnahmen zur Verringerung von Unsicherheit und
zur Stärkung des Vertrauens. Wir haben seit unserem
letzten Treffen in Sofia auch auf vielen anderen
Gebieten Fortschritte gemacht.
Die Multinationale Friedenstruppe Südosteuropa stärkt
die Beziehungen zwischen unseren Ländern. Diese
südosteuropäische Brigade ist nicht nur eine Kraft für
Frieden und Stabilität, sondern auch für Zusammenarbeit und Offenheit.

Seite 2

Diese Brigade, die einem zivilen Lenkungsausschuß
untersteht, wird die zivile Kontrolle über das Militär
fördern. Sie wird ein Forum bieten, um konkrete
Chancen der militärischen Zusammenarbeit zu
erörtern. Und sie wird den beteiligten Ländern gestatten, aus erster Hand Erfahrungen mit Übungen in
einem NATO-Umfeld zu sammeln. Die Brigade ist nur
eines von vielen ausgezeichneten Beispielen für
unsere Zusammenarbeit.
Die Stellvertretenden Verteidigungsminister trafen in
Albanien und die Verteidigungsminister in Slowenien
zusammen, um die letztes Jahr vereinbarten Ziele
anzustreben. Unsere Experten im Bereich gemeinsamer ziviler und militärischer Katastrophenbereitschaft trafen in den Vereinigten Staaten zusammen,
um unsere Fähigkeiten grenzüberschreitender Hilfe
weiterzuentwickeln. Und diesen Sommer trafen sich
mehr als 150 Regierungsvertreter in Rumänien bei
einem sehr erfolgreichen Seminar über vertrauensbildende Maßnahmen.
Wir verbessern auch die Zusammenarbeit auf Gebieten wie Grenzkontrolle und der Operation ALBA unter
Führung der Italiener - vielleicht das Kronjuwel bei
unserem Streben nach Stabilität - während unsere
Länder zusammentreffen, um dem krisengeschüttelten
Albanien zu helfen.
Jede dieser Aktionen unterstreicht die direkte und
enge Verbindung zwischen unseren Bestrebungen zur
Förderung von Offenheit und Transparenz und
unseren Bestrebungen zur Förderung der Demokratie.
Jedes Mal, wenn unsere Streitkräfte zusammen üben,
jedes Mal, wenn wir uns zu Gesprächen wie diesem
treffen, verstehen wir einander besser.
Verständnis geht mit Vertrauen einher. Und dieses
Vertrauen wiederum bringt Sicherheit hervor. Sicherheit stärkt Demokratie, die wiederum zu mehr
Verständnis und Vertrauen zwischen den Nationen
führt. Es ist ein sich selbst verstärkender Zyklus von
Transparenz und Demokratie. Meines Erachtens
waren unsere Bestrebungen zur Förderung und
Verlängerung dieses Zyklus in ganz Südosteuropa
erfolgreich, weil wir uns nicht auf leere Worte, sondern
auf konkrete Initiativen konzentrierten und weil wir
Einbeziehung in den Mittelpunkt unserer Initiativen
gestellt haben.
Jetzt müssen wir dieselben Stärken auf die noch
unbeendigten Aufgaben anwenden. Wir müssen
unsere Bestrebungen zur Ausweitung von Zusammenarbeit und Offenheit unter unseren Nationen fortsetzen
und unsere Initiativen entschlossen umsetzen. Wir
haben die Chance, diese Bande zwischen uns zu
stärken und echte Fortschritte auf Gebieten wie
Konfliktverhinderung und der Gründung eines Friedenssicherungszentrums zu machen.

AMERIKA DIENST 20

�Die Bedeutung dieser Bande erinnert mich an meinen
Besuch 1984 in Rußland, wo ich mit dem berühmten
russischen Dichter Jewtuschenko zusammentraf. Als
ich mich verabschiedete, sagte er etwas, das ich die
ganzen Jahre nicht vergessen habe: "Wir beide
müssen in Kontakt bleiben. Sonst vergessen wir das
Gesicht des anderen."
Wenn wir nicht in Kontakt bleiben, wenn wir das
Gesicht des anderen nicht erkennen, wird es sehr
leicht, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und
ihn zu verteufeln oder zu erniedrigen. Aber wenn wir
Kommunikationslinien haben - wie diese Ministertreffen
- wird es viel einfacher, uns anzunähern anstatt
auseinanderzudriften, wenn wir auf die Probe gestellt
werden.
Diese Probe ist nirgendwo härter als hier in Südosteuropa. Im Kosovo schürt das Feuer des Hasses den
unerbittlichen Vormarsch ethnischer Gewalt. Es ist an
der Zeit, diese Krise direkt anzugehen. Gemeinsam
müssen wir eine humanitäre Katastrophe verhindern,
und wir müssen alle Parteien zu sinnvollen Gesprächen zusammenbringen, die zu einer Beendigung des
Konflikts führen.
In Bosnien müssen wir unsere Entschlossenheit
bewahren und uns weiterhin dem Friedensabkommen
von Dayton verpflichten. Unsere Botschaft an die neu
gewählten Politiker muß klar sein: Wir erwarten nichts
anderes als die vollständige Einhaltung von Dayton.

*

AMERIKA DIENST 20

*

In Albanien erinnern uns die Gewaltakte der vergangenen Woche in Tirana deutlich daran, wieviel noch&gt;
getan werden muß. Und wir müssen weiterhin Ausbildung und Hilfe dafür einsetzen, die Saat der Demokratie zum Keimen zu bringen.
Während wir über die vor uns liegenden Herausforderungen nachdenken, wären wir gut beraten, uns
den Rat der amerikanischen Diplomatin Cläre Boothe
Luce ins Gedächtnis zu rufen. Vor nahezu 60 Jahren
sprach sie Worte, die die vor uns liegenden Entscheidungen beschreiben könnten. Sie sagte, daß wir
vor drei Wegen stehen.
Der erste Weg sei der Weg für die Opfer - für diejenigen, die vor dem Bösen die Augen verschließen, ihm
den Rücken kehren und sich von der Welt isolieren
wollen. Der zweite Weg sei der Weg der Bequemlichkeit - ein von Opportunisten und Beschwichtigern
gewählter Weg, die angesichts der Gefahr aufgeben.
Der dritte Weg sei der Weg der Freiheit und Gerechtigkeit - ein harter, enger und gerader Weg, der von
wenigen gewählt wird.
Aber Luce stellte fest, daß der dritte Weg der beste sei
- selbst wenn er an manchen Stellen gefährlich ist.
Der Weg der Freiheit kann manchmal schwierig und
sogar gefährlich sein, aber diese Region hat sich auf
eine Reise begeben und muß sie fortsetzen. Wir
müssen auf Kurs bleiben, denn das ist der Weg zu
Frieden und Wohlstand im lebenswichtigen Herzen
Südeuropas.

*

*

Seite 3

�DEUTSCH-AMERIKANISCHER

TAG

7. Oktober 1998

Deutsch-Amerikanischer Tag 1998
Proklamation des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation von Präsident Clinton zum DeutschAmerikanischen Tag am 6. Oktober 1998.

Seit dem Tag, an dem unsere Republik geboren
wurde, haben Deutschamerikaner unser nationales
Leben und unsere Kultur bereichert. Viele, die nach
Religionsfreiheit strebten, ließen sich vor über 300
Jahren in und um Philadelphia nieder, und bis heute
heißt eines der größten Viertel dieser Stadt Germantown. Während der Kolonialzeit kamen weitere
Deutsche an diesen Ufern an und schufen sich in den
13 Kolonien ein Heim. Heute kann nahezu ein Viertel
der Amerikaner seine Wurzeln nach Deutschland
zurückverfolgen.
Deutschamerikaner haben nicht nur beim Wachstum
unserer Nation, sondern auch bei vielen unserer
wichtigsten Werte einen bedeutenden und dauerhaften
Eindruck hinterlassen. Als geschickte und fleißige
Farmer teilen die Deutschamerikaner unsere Liebe für
das Land und den ausgeprägten Sinn für Familie und
Gemeinschaft. Mit tiefem Respekt für Bildung und die
schönen Künste bereichern sie das kulturelle Leben
der Gemeinden, in denen sie leben. Und von ihren
ersten Tagen in diesem Land an haben die Deutschen
und die Deutschamerikaner die Freiheit verehrt, wie
sie durch den Dienst von General Friedrich von
Steuben während des amerikanischen Kampfes um
Unabhängigkeit und durch die Entsendung eines
ausschließlich aus Deutschamerikanern bestehenden
Korps der Militärpolizei unter dem Kommando von Ma-

jor Bartholomew von Heer verkörpert wurde, das als
General Washingtons persönliche Wacheinheit
während des Revolutionskrieges diente.
Wir alle können stolz auf die Leistungen der Deutschamerikaner sein - als Soldaten und Staatsmänner,
Wissenschaftler und Musiker, Kunsthandwerker und
Lehrer. Es ist angebracht, daß wir diesen besonderen
Tag auserwählen, um uns daran zu erinnern und zu
feiern, wie viel die Deutschamerikaner getan haben,
um unsere Ideale zu bewahren, unsere Kultur zu
bereichern und unsere Demokratie zu stärken.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft
des mir durch die Verfassung und die Gesetze der
Vereinigten Staaten verliehenen Amtes, hiermit den 6.
Oktober 1998 zum Deutsch-Amerikanischen Tag. Ich
ermutige alle Amerikaner, feierlich die vielen Geschenke zu würdigen, die Millionen von Menschen deutscher
Abstammung dieser Nation gemacht haben und die
das Leben unserer Bürger bereichern.
Zum Zeugnis dessen habe ich diese Proklamation
eigenhändig unterzeichnet am 5. Tag des Oktober, im
Jahre des Herrn 1998 und im 223. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

AMERIKA DIENST 20

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1. Artikel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Zurück zum Leninismus"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Analytische Gedanken zum neuesten Schlagwort des Kreml&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Ernest S. Pisko&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Fresken von Coral Gables&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Klärwerk mit künstlerischem Appeal&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ihr Beruf ist Freundlichkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die "Gray Ladies" im Dienst am Nächsten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower zur weltpolitischen Lage&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Rundfunkansprache vom 31. Oktober 1956&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Resolution "Einigkeit für den Frieden" erneut vor der UN&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Erklärung des US-Außenministers John Foster Dulles vom 1. November 1956 vor der UN-Generalversammlung in New York&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Henry Cabot Lodge zur Lage in Ungarn&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Stellungnahme des US-Chefdelegierten vor der UN-Generalversammlung in New York vom 4. November 1956&lt;/em&gt;</text>
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          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Hochschulwesen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Empfehlungen des amerikanischen Erziehungsrats zur Hochschulreform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Strukturanalyse zeigt Mentalitätswandel der Studentenschaft&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die Welt der Frau&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauen im öffentlichen Dienst der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahresbericht 1958 enthüllt interessantes Zahlenmaterial&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Unter dem Zauber des geschriebenen Worts&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Neues aus der Raumfahrtforschung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lenkflugkörper mit vierfacher Schallgeschwindigkeit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Höhenforschung mit Riesenballons&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Raketentechnik braucht besondere Baustoffe&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Nachrichten aus dem kulturellen Leben der USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Prokofieffs "Peter und der Wolf" im amerikanischen Fernsehen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Drei neue Lincoln-Briefmarken&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Konstantin Stannislawskij-Ausstellung in der New York Public Library&lt;/p&gt;</text>
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