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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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Deichmanns Aue 2y

18

5300 Bonn 2

6. Mai 1992

USA-DEUTSCHLAND

BUSH BEGRÜSST VON WEIZSÄCKER UND
GENSCHER IM WEISSEN HAUS
Begrüßungsansprache des Präsidenten

UNRUHEN IN LOS ANGELES

BUSH: DIE GEWALT IN LOS ANGELES
MUSS EIN ENDE HABEN
Fernsehansprache des Präsidenten

DIE UNRUHEN NACH DEM URTEILSSPRUCH
IN KALIFORNIEN
Amerikanische Pressestimmen

UMWELT

WELTWEITE KLIMAVERANDERUNGEN DIE HALTUNG DER VEREINIGTEN STAATEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

US-WELTROLLE

ZUR ROLLE DER USA NACH DEM
ENDE DER UDSSR
Zwei neue Studien behandeln wichtige
Anliegen der Zukunft

MINDERHEITEN

STARKER ZUWACHS BEI MINDERHEITEN
IN USA PROGNOSTIZIERT
Neuer Bericht über Einwanderungsbewegungen

WAHLEN *92

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse
der Vorwahlen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA-DEUTSCHLAND
6. Mai 1992

BUSH BEGRÜSST VON WEIZSÄCKER UND
GENSCHER IM WEISSEN HAUS
Begrüßungsansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Bush beim Empfang von Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Außenminister Genscher im Weißen Haus am 29. April 1992 gehaltene
Begrü ßungsansprache.

Herr Präsident von Weizsäcker, Frau von Weizsäcker,
Herr Außenminister Genscher, Frau Genscher, verehrte Mitglieder der deutschen Delegation. Im Namen
des amerikanischen Volkes möchte ich Sie in den
Vereinigten Staaten und in Washington an diesem
schönen Frühlingstag sehr herzlich willkommen heißen. Meine Frau und ich hoffen, Sie werden einen
konstruktiven und angenehmen Aufenthalt verleben,
und wir freuen uns besonders, daß Sie einige Tage in
unserer Heimatstadt Houston in Texas verbringen
werden.
Herr Präsident, Ihre Anwesenheit ist eine zweifache
Ehre für uns. Es ist nicht nur Ihr erster Staatsbesuch
in unserem Land, sondern meines Wissens auch Ihr
erster Staatsbesuch überhaupt nach der triumphalen
Vereinigung vor eineinhalb Jahren. Ihre Anwesenheit
steht als Symbol für die dauerhaften Bande, die zwischen unseren Ländern und unseren Völkern bestehen. Durch die Zusammenarbeit im kalten Krieg und
der Zeit danach sind die deutsch-amerikanischen
Jeziehungen noch enger geworden und haben unsere
Völker einander noch näher gebracht.
Sie kommen zu einem historischen Zeitpunkt für unsere beiden Länder und in der Tat die ganze Welt. Zu
einem ebenso historischen Zeitpunkt vor 45 Jahren
erklärten einige in den Vereinigten Staaten, wir sollten
uns nach innen wenden und unseren besiegten Gegnern den Rücken kehren. Das haben wir nicht getan.
Statt dessen haben wir uns dem Erfolg der Demokratie
verpflichtet - Europa, Deutschland und seiner aufstrebenden Demokratie geholfen. Es war eine kluge
Entscheidung, uns für eine kontinuierliche globale
Führungsrolle zu engagieren und in die deutsche
Demokratie zu investieren.

AMERIKA DIENST 18

Heute trägt diese Entscheidung Früchte: ein vereinigtes Deutschland, ein Modell der Demokratie für die
ganze Welt und zweifelsohne ein verläßlicher Freund
und Partner für die Vereinigten Staaten von Amerika.
Heute sehen sich Deutschland und die Vereinigten
Staaten mit einer ähnlichen Entscheidung konfrontiert,
da die Völker Rußlands und der anderen neuen Staaten dem Beispiel der Länder Mittel- und Osteuropas
beim Aufbau von Demokratie und Freiheit in freien
Märkten folgen wollen. Als Partner engagieren sich
Deutschland und die Vereinigten Staaten für die Unterstützung derjenigen, die mit dem Erbe eines besiegten
kommunistischen Systems und Investitionen in ihre
demokratische Zukunft kämpfen.
Diejenigen, die fragen, ob dies der richtige Kurs sei,
müssen nur auf das vereinigte Deutschland blicken einst unser Gegner, jetzt unser enger Freund und
Partner in der Führung.
Herr Präsident, vor drei Jahren habe ich Bundeskanzler Kohl bei einem Besuch Ihrer schönen Stadt Mainz
in Rheinland-Pfalz begleitet und dort darüber gesprochen, wie wir gemeinsam ein ungeteiltes und freies
Europa aufbauen können, in Frieden mit sich selbst,
denn dauerhafte Sicherheit wird nicht durch Panzer.
Truppen oder Stacheldraht geschaffen, sondern gründet sich auf gemeinsame Werte und Abkommen, die
freie Menschen binden. Das habe ich in Mainz geglaubt und bin davon heute ebenso fest überzeugt.
Das vereinigte Deutschland ist der entscheidende
Partner der Vereinigten Staaten bei der Förderung von
Demokratie und Wirtschaftsreformen in Osteuropa
und der ehemaligen Sowjetunion. Sie sind unser
Partner beim Aufbau eines geeinteren und kooperativeren Europas, und in diesem Geiste begrü ßen wir das

Seite 1

�deutsche Engagement für internationale Angelegenheiten uneingeschränkt. Enge deutsch-amerikanische Zusammenarbeit steht voll und ganz im Einklang
mit der Entwicklung eines geeinteren Europas - ein
Ziel, das die Vereinigten Staaten über die Jahre hinweg ebenso kontinuierlich und unmißverständlich
unterstützt haben wie ein vereinigtes Deutschland.
Während unsere Welt auf das nächste Jahrhundert
blickt, möchte ich in diesem Augenblick so deutlich wie
möglich feststellen: Die Vereinigten Staaten sind fest
entschlossen, weiterhin eine Führungsrolle in der Welt
einzunehmen. Wir werden eine aktive Rolle bei der
Bewahrung von Frieden, Sicherheit und Wohlstand in
Europa und in unserer transatlantischen Gemeinschaft
spielen. Wir müssen zusammenarbeiten, um Schwierigkeiten zu überwinden, Hindernisse für freien und
fairen Handel abzubauen und bei den GATT-Verhandlungen Abkommen zu erzielen, die allen Nationen
einen neuen Wohlstand sichern.

Herr Präsident, Sie haben hierbei eine lebenswichtige
Rolle gespielt. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, zur Aussöhnung ehemaliger Gegner, zur
Überwindung der Gegensätze der Vergangenheit und
Heilung der Wunden von Teilung und Auseinandersetzungen beizutragen. In einer Zeit der Unruhen und des
raschen Wandels haben Sie Ihren Mitbürgern moralische Führungskraft vorgelebt. Und Sie haben ihnen
geholfen, die Hand in Hand gehenden Katastrophen
der Diktatur und Teilung zu bewältigen, die Deutschland in diesem Jahrhundert heimsuchten. Und heute
lebt diese deutsche Nation im Frieden mit sich selbst
und ist Demokratie sowie Menschenrechten unerschütterlich verpflichtet.
Herr Präsident, möge Gott unsere beiden großen
Nationen und die dauerhafte Freundschaft schützen,
die das deutsche und amerikanische Volk verbindet.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 18

�UNRUHEN

IN

LOS

ANGELES
6. Mai 1992

BUSH: DIE GEWALT IN LOS ANGELES
MUSS EIN ENDE HABEN
Fernsehansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Mit dem Verweis auf die "dringende Notwendigkeit zur Wiederherstellung der Ordnung"
in Los Angeles gab Präsident Bush am 1. Mai 1992 bekannt, daß er die kalifornische Nationalgarde der
Bundesregierung unterstellen und mehr Truppen zur Bekämpfung der Unruhen entsenden werde.
!n einer kurzen, landesweit übertragenen Fernsehansprache erklärte der Präsident, die Gewalt in der zweitgrößten Stadt der Vereinigten Staaten "muß beendet werden", und er sei zur Wiederherstellung der Ordnung "zum
Einsatz der erforderlichen Kräfte" entschlossen.
Bei den Ausschreitungen wurden mindestens 44 Personen getötet, und nachdem die Geschworenen am 29.
April 1992 vier wei ße Polizisten von der Anklage übermäßiger Gewaltanwendung bei der Verhaftung von Rodney
King, einem Schwarzen, im März 1991 freigesprochen hatte, uferten Plünderungen und Brandstiftung in Los
Angeles aus. Am 1. Mai hatte Bush bereits 1.000 Bundespolizisten und 4.000 Soldaten zum Schauplatz der
Ausschreitungen in die Stadt entsandt, um die Ordnung wiederherzustellen.
Dem Präsidenten zufolge geht es bei den Ereignissen in Los Angeles "nicht um Bürgerrechte", sondern "schlicht
und einfach um die Brutalität des Mobs". Es gibt keine Entschuldigung für "willkürliche Gewalt", wie dort
angewendet, so der Präsident.
Indem er eine Bilanz des Vorgehens der Bundesbehörden zog, erklärte der Präsident, das Justizministerium
habe die Untersuchung möglicher Bürgerrechtsverletzungen beschleunigt, als der Freispruch verkündet wurde.
Er versprach, das Justizministerium und andere Bundesbehörden würden "rasch und fair" vorgehen und sich von
"Rechtsstaatlichkeit leiten lassen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Heute abend möchte ich zu Ihnen über die Gewalt in
unseren Städten und Gerechtigkeit für unsere Bürger
sprechen - zwei Themenkomplexe, um die es in den
Straßen von Los Angeles zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam. Erstens möchte ich eine Bilanz der
Ereignisse in Los Angeles ziehen.
Vor 15 Minuten habe ich mit dem Gouverneur von
Kalifornien, Pete Wilson, und dem Bürgermeister von
Los Angeles, Tom Bradley, gesprochen. Sie sagten
mir, die vergangene Nacht sei ruhiger als die vorige,
und heute sei es friedlicher als gestern gewesen.
Heute nachmittag gab es jedoch noch immer Zwischenfälle willkürlicher Gewalt und Gesetzlosigkeit.
Nach der ersten Nacht der Gewalt habe ich persönlich
mit Gouverneur Wilson und Bürgermeister Bradley
gesprochen, um eine Einschätzung der Lage vorzunehmen und Hilfe anzubieten. Wir sehen uns mit zwei
AMERIKA DIENST 18

sehr unterschiedlichen Problemen konfrontiert: zum
einen der dringenden Notwendigkeit zur Wiederherstellung der Ordnung. Was gestern im Anschluß an
den Urteilsspruch der Geschworenen im Fall Rodney
King geschah, war eine tragische Serie von Ereignissen für die Stadt Los Angeles. Fast 4.000 Brände,
Beschädigung von Eigentum, Hunderte von Verletzten
und der sinnlose Tod von mindestens 30 Menschen.
Um jetzt sofort die Ordnung wiederherzustellen, sind in
der Stadt Los Angeles 3.000 Angehörige der Nationalgarde im Einsatz. Weitere 2.200 stehen zur unmittelbaren Unterstützung bereit. Als Ergänzung dieser
Bestrebungen habe ich weitere Maßnahmen ergriffen.
Erstens habe ich heute morgen das Justizministerium
angewiesen, 1.000 kampferprobte Bundespolizisten
zu entsenden, um noch heute abend die Ordnung in
Los Angeles wiederherzustellen. Zu diesen Beamten
zählen Teams des FBI, besondere Einheiten des U.S.Seite 1

�Marshall's Service zur Kontrolle von Aufständen, der
Grenzschutz und andere Polizeibehörden des Bundes. Zweitens stehen weitere 1.000 Bundespolizisten
in Alarmbereitschaft, falls ihr Einsatz erforderlich wird.
Drittens habe ich heute morgen 3.000 Angehörige der
7. Infanteriedivisionen und 1.500 Marineinfanteristen
am Flughafen El Toro in Kalifornien in Bereitschaft
versetzt.
Auf Bitten des Gouverneurs und des Bürgermeisters
habe ich diese Truppen heute abend zur Wiederherstellung der Ordnung entsandt. Ferner habe ich die
Nationalgarde der Bundesregierung unterstellt und
General Colin Powell angewiesen, all diese Truppen
einem Zentralkommando unterzuordnen.
Was wir in der vergangenen Nacht und den Nächten
davor in Los Angeles erlebt haben, ging nicht um
Bürgerrechte. Es ging nicht um die große Sache der
Gleichheit, für die alle Amerikaner eintreten müssen.
Es ist keine Protestbotschaft. Es ging schlicht und
einfach um die Brutalität des Mobs. Seien Sie versichert: zur Wiederherstellung der Ordnung bin ich zum
Einsatz der erforderlichen Kräfte entschlossen.
Was in Los Angeles geschieht, muß - und wird - ein
Ende haben. Als Ihr Präsident garantiere ich Ihnen,
daß diese Gewalt beendet wird.
Und jetzt möchte ich über die Mißhandlungen an
Rodney King sprechen. Denn hinter der dringenden
Notwendigkeit zur Wiederherstellung der Ordnung steht
ein zweites Problem: die Frage der Gerechtigkeit. Ob
Rodney Kings Bürgerrechte verletzt wurden. Was Sie
und ich im Fernsehen gesehen haben, war abstoßend.
Ich fühlte den Ärger in mir hochsteigen. Ich fühlte
Schmerz. Ich dachte: Wie kann ich das meinen
Enkelkindern erklären?
Bürgerrechtler und einfache Bürger in Angst vor und
manchmal Opfer der Brutalität der Polizei waren zutiefst verletzt. Und ich weiß, gute und anständige
Polizisten waren ebenso abgestoßen.
Heute morgen habe ich mit zahlreichen Vertretern der
Bürgerrechtsbewegung gesprochen. Wie wir alle haben
auch sie das Video gesehen. 14 Monate lang haben
sie geduldig und voller Hoffnung gewartet. Sie haben
darauf gewartet, daß das System funktioniert. Und als
das Urteil verkündet wurde, fühlten sie sich betrogen.
Als Außenstehender war es schwer verständlich, wie
das Urteil in Einklang mit dem Video gebracht werden
konnte.
Diese Bürgerrechtler, die ich traf, waren sprachlos.
Meine Frau, meine Kinder und ich waren ebenso
sprachlos.
Aber das Urteil vom Mittwoch war nicht das Ende des
Prozesses. Das Justizministerium hat unmittelbar
nach dem Zwischenfall mit Rodney King selbst Ermitt-

Seite 2

lungen in die Wege geleitet und die Untersuchung
sowie das Verfahren in dem Bundesstaat überwacht.
Ich möchte Ihnen nun über die auf Bundesebene ergriffenen Maßnahmen berichten, um sicherzustellen,
daß der Gerechtigkeit Genüge getan wird.
Binnen einer Stunde nach der Urteilsverkündung habe
ich das Justizministerium angewiesen, seinen eigene
unabhängigen Ermittlungen des Falls zu beschleunigen. Als nächstes waren am Donnerstag fünf Bundesanwälte auf dem Weg nach Los Angeles. Unser
Justizministerium hat immer wieder seine Fähigkeit
unter Beweis gestellt, in einer Angelegenheit wie dieser umfassend zu ermitteln.
Seit 1988 hat das Justizministerium über 100 Polizisten für übermäßige Gewalt belangt. Ich bin zuversichtlich, daß das Justizministerium in diesem Fall
handeln wird wie es sollte. In Los Angeles wird heute
ein Bundesgeschworenengericht einberufen. Vorladungen werden ausgestellt. Beweise werden überprüft. Die Bestrebungen der Bundesbehörden in diesem Fall werden rasch und fair sein. Sie lassen sich
nicht von der Gewalt des Mobs, sondern der Wahrung
des richtigen Verfahrens und der Rechtsstaatlichkeit
leiten.
Wir sind dies allen Amerikanern schuldig, die ihr Vertrauen in das Gesetz setzen, damit der Gerechtigkeit
Genüge getan wird. Aber während wir diesen oder
irgendeinen anderen Fall verfolgen, müssen wir uns
einen Grundsatz unseres Rechtssystems vor Augen
führen. Jedem Amerikaner - ob Angeklagtem oder
Ankläger - steht die Wahrung seiner Rechte zu.
In diesem höchst kontroversen Fall wurde von kalifornischen Geschworenen Amerikanern aller Rassen ein
Gerichtsurteil verkündet, die von diesem Urteil schokkiert waren. Ihnen möchte ich sagen: Sie müssen
verstehen, daß unser Rechtssystem friedliche, ordentliche Mittel zur Behebung dieser Frustration vorsieht.
Wir müssen das Gerichtsverfahren respektieren gleichgültig, ob wir dem Ergebnis zustimmen oder
nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen Frustration
über das Gesetz und direkten Angriffen auf unser
Rechtssystem.
In einer zivilisierten Gesellschaft kann es absolut keine
Entschuldigung für Mord, Brandstiftung, Diebstahl und
Vandalismus geben, mit denen die gesetzestreuen
Bürger von Los Angeles terrorisiert wurden. Vor nur
wenigen Minuten äußerte Bürgermeister Bradley mir
gegenüber besondere Sorge bezüglich der Sicherheit
der koreanischen Gemeinde. Ich fühle mit ihnen und
all den anderen, die Verluste erlitten haben.
Die mutwillige Vernichtung von Leben und Eigentum
ist kein legitimer Ausdruck für Ungeheuerlichkeiten im
Rechtssystem - sie selbst ist ungerecht. Und keine
rationalen Argumente, gleichgültig, wie tief empfunden
oder eloquent, können dies bemänteln.

AMERIKA DIENST 36

�Das Fernsehen ist ein Mediun geworden, das uns
häufig zusammenführt. Aber die lebhafte Darstellung
der Mißhandlungen an Rodney King hat uns schokkiert. Und das Amerika, das es uns in diesen letzten 48
Stunden auf den Bildschirmen gezeigt hat, stieß uns
ab. Dies ist nicht das Bild von Amerika, das wir uns
vorstellen. Es ist, als ob wir in einen Spiegel blickten,
der unser Alter ego verzerrt und häßlich erscheinen
läßt. Das dürfen wir nicht zulassen. Das können wir
uns nicht antun.
In den letzten 48 Stunden haben wir Bilder gesehen,
die wir niemals vergessen werden. Einige davon
waren unglaublich erschreckend. Aber es gab auch
andere Taten - kleine aber entscheidende Taten in all
dieser Häßlichkeit - die uns Hoffnung machen. Ich bin
jemand, dar unsere Polizisten respektiert. Sie bewahren der, Frieden. Sie sehen sich jeden Tag Gefahren
ausgesetzt. Sie helfen Kindern. Sie verdienen nicht
sehr viel - aber sie kümmern sich um ihre Gemeinden
und ihr Land. Tausende von Polizisten und Feuerwehrleuten riskieren gerade jetzt ihr Leben in den
Straßen von L.A., und sie verdienen unsere Unterstützung.
Und dann gibt es die Menschen, die jede Nacht nicht
in den Straßen, sondern in den Kirchen von Los
Angeles verbracht haben - betend, daß die sanfteren
Instinkte in den von Haß getriebenen Menschen zum
Vorschein kommen.
Und schließlich gab es die Bürger, die große persönliche Verantwortung bewiesen, den Mob ignoriert und
in großer persönlicher Gefahr den Opfern der Gewalt
geholfen haben - unabhängig von ihrer Rasse.
Von den vielen Geschichten, die ich in den vergangenen Tagen gehört und erlebt habe, bleibt mir eine im
Gedächtnis haften - die Geschichte eines brutal geschlagenen weißen Lastwagenfahrers - der heute
abend noch am Leben ist, weil vier Fremde, vier
schwarze Fremde, ihm zu Hilfe kamen. Zwei davon
waren Männer, die den Vorfall im Fernsehen sahen
und auf die Straße eilten, um zu helfen. Die andere war
sine Frau auf dem Heimweg von der Arbeit - und der
vierte ein junger Mann, dessen Namen wir vielleicht
niemals erfahren. Dem verletzten Fahrer gelang es,
sich hinter das Steuer seines Lastwagens zu setzen
und er versuchte, fortzufahren. Aber seine Augen
waren zugeschwollen. Die Frau fragte ihn, ob er sehen

*

AMERIKA DIENST 18

könne. Er antwortete mit Nein. Sie sagte: "Gut, dann
werde ich Dir meine Augen leihen."
Zusammen trotzten diese vier Menschen dem Mob
und fuhren den Lastwagenfahrer ins Krankenhaus.
Heute ist er am Leben - nur weil sie ihm zu Hilfe eilten.
Für jeden einzelnen von ihnen müssen wir die Gemeinde von Los Angeles wiederaufbauen - für diese vier
Menschen und andere wie sie, die inmitten dieses
Alptraums mit menschlichem Anstand handelten.
Wir müssen verstehen, daß niemand in Los Angeles
oder irgendeiner anderen Stadt ein Urteil über Amerika
gesprochen hat. Wenn wir die pulsierendste und
hoffnungsvollste Nation der Welt bleiben wollen, müssen
wir gestatten, daß unsere Vielfalt uns einander näherbringt und uns nicht voneinander entfernt. Dies muß
der Schlachtruf guter und anständiger Menschen sein.
Für ihr und unser aller Wohl müssen wir eine Zukunft
aufbauen, in der in jeder Stadt in diesem Land mutwilliger Zorn der Hoffnung Platz macht - wo Chancen an
die Stelle von Armut und Verzweiflung treten. Wenn
der Frieden in Los Angeles wiederhergestellt ist, müssen
wir uns den Ursachen solch tragischer Ereignisse
zuwenden. Wir müssen weiterhin daran arbeiten, ein
Klima des Verständnisses und der Toleranz zu schaffen - ein Klima, in dem Rassismus, Bigotterie, Antisemitismus und Haß jeglicher Art, zu jeder Zeit und
überall verurteilt werden.
Heute abend bitte ich alle Amerikaner, ihre Herzen,
ihre Stimme und ihre Gebete der Heilung vom Haß zu
leihen. Als Präsident habe ich den Eid abgelegt, die
Verfassung zu erhalten, zu schützen und zu verteidigen - einen Eid, der von jedem Präsidenten fordert, für
Gerechtigkeit zu sorgen und Ruhe im Inland sicherzustellen. Diese Pflicht steht heute abend für mich an
oberster Stelle.
Den durch die Ereignisse der letzten Tage betrübten
Menschen, den guten Menschen von Los Angeles, die
von diesem sinnlosen Leiden erfaßt wurden, möchte
ich sagen: Die Gewalt wird ein Ende haben. Der
Gerechtigkeit wird Genüge getan. Die Hoffnung kehrt
wieder.
Ich danke Ihnen, und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika schützen.

* * *

*

Seite 3

�UNRUHEN

IN

LOS

ANGELES
6. Mal 1992

DIE UNRUHEN NACH DEM URTEILSSPRUCH
IN KALIFORNIEN
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Zahlreiche amerikanische Zeitungen und Kolumnisten haben zur Entwicklung nach dem
Freispruch von vier weißen Polizisten vom Vorwurf der Mißhandlung eines schwarzen Autofahrers in Kalifornien
Stellung genommen. Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einigen dieser Kommentare.

Washington Times

The Washington Post

Täuschen wir uns nicht: Die Unruhen, die in South
Central L.A. und anderen Vierteln von Los Angeles
Tod und Zerstörung brachten, wurden durch den
Opportunismus von Kriminellen begangen, die immer
auf eine Gelegenheit warten. Der unpopuläre Urteilsspruch gab ihnen lediglich eine Entschuldigung.

Das Land befand sich schon früher an diesem Punkt.
Die Bilanz der Versäumnisse auf Staats- und Gemeindeebene beim Schutz von Schwarzen und anderen vor
Brutalität und Bigotterie - insbesondere, wenn sie von
Personen mit Polizeigewalt begangen werden - ist
allzu umfassend. Daß King unter dem Schutzschild
staatlicher Autorität mißhandelt - und ihm unserer
Meinung nach die Gerechtigkeit verweigert - wurde,
reiht auch diesen Fall in die gleiche Kategorie ein.
Ebenso sind die Plünderungen und Brandstiftungen,
die Morde und der allgemeine Ausbruch von Rassengewalt, deren Zeugen wir nun werden, Teil eines
ekelhaften und bekannten Musters in allzu vielen Städten,
wenn wirkliche oder vorgebliche Ungerechtigkeiten
durch den Staat auftreten. Nachdem sich dort im Jahr
1965 bereits ähnliches ereignet hat, ist Los Angeles
nun erneut die Szene solcher Gewalt.

Niemand, der ein emotionales oder wirtschaftliches
Interesse an einer Gemeinde hat, entscheidet sich für
die Sinnlosigkeit von Krawallen. Die Geschichte spricht
den Vorteilen eines solchen Weges Hohn. Watts hat
sich nie mehr von den Unruhen der sechziger und
siebziger Jahren erholt. Der H-Street-Korridor in
Washington zeigt immer noch die Narben der Verwüstung. Die Seventh Street erlebt erst jetzt nach nahezu
25 Jahren ein Comeback. Sind sie erst einmal zerstört,
sind wirtschaftliche Randgebiete dem Verfall preisgegeben, da es keinen Anreiz für ihren Wiederaufbau
gibt. Das ist die Selbstzerstörung, die von opportunistischen Krawallmachern angerichtet wird, und diese
sollten dafür verantwortlich gemacht werden. Die
Gemeinden wissen, wer sie sind.
Unabhängig davon, was man vom Spruch der Geschworenen hält: die Last der Entscheidung ruhte im
Fall King im Guten wie im Schlechten allein auf den
Schultern der Geschworenen. Ein Nachkarten wäre
bei dieser Entscheidung ein sinnloses Unterfangen.
Das System der Geschworenenverfahren kann zu
Ergebnissen führen, die einigen Leuten nicht gefallen,
aber niemandem ist bisher ein besseres System eingefallen, um über die Fakten zu befinden.

AMERIKA DIENST 18

Gouverneur Pete Wilson, Bürgermeister Bradley und
die kalifornischen Behörden sind jetzt mit der Herausforderung konfrontiert, die Ordnung wiederherzustellen, und zwar rasch. Dasselbe gilt jedoch auch für
Präsident Bush. Amerikaner aller Rassen müssen
wissen, daß ihre Rechte mit oder ohne die Gegenwart
einer Videokamera eine Bedeutung haben. Es war in
gewisser Weise beruhigend zu hören, daß Justizminister William Barr ankündigte, das Justizministerium
werde seine Ermittlungen wegen möglicher Verletzungen der Bürgerrechte intensivieren, obwohl abzuwarten bleibt, wie rasch und energisch das Ministerium
handeln wird. Die in Frage kommenden Bürgerrechtsbestimmungen stammen aus dem Zeitalter der Recon-

Seite 1

�struction (im 19. Jahrhundert nach dem US-Bürgerkrieg, Anm. d. Red.) und wurden in der Vergangenheit
wirksam eingesetzt, um Mißständen zu begegnen, zu
deren Korrektur einzelne Bundesstaaaten entweder
nicht bereit oder unfähig waren. Die Dienstmarken
dieser Polizeibeamten dürfen nicht dazu dienen, sie
vor der Haftung für Fehlverhalten zu schützen.
The Baltimore Sun
Selbst wenn sich die Polizeibeamten, die King schlugen, unter den gegebenen Umständen im Rahmen der
geltenden Gesetze bewegten, wie die Geschworenen
befanden, wurde durch die Prozeßführung Gerechtigkeit verweigert. Der Prozeß wurde aus der rassisch
gemischten Gemeinde, in der die Mißhandlungen
stattfanden, in einen rein weißen Vorort verlegt, in dem
ein Geschworenengremium ohne Schwarze gesichert
war. Warum wurde er verlegt? Weil die kalifornischen
Gerichte dem müden, alten, diskreditierten Argument
der Strafverteidigung folgten, daß Publizität vor dem
Gerichtsverfahren bei aufsehenerregenden Fällen einen
fairen Prozeß in der Gemeinde verhindere.
Wäre dasselbe Urteil von einem Geschworenengremium gefällt worden, zu dem auch Schwarze gehörten, wäre es wahrscheinlich nicht zu den Ausschreitungen gekommen. Die Schwarzen in Los Angeles, die so
gewalttätig reagierten, wären immer noch gegen das
Urteil gewesen, aber sie hätten sich als Teil des
Verfahrens gefühlt, das zu diesem Urteil führte. Die
politisch Verantwortlichen in allen Städten, in denen
Weiße und Schwarze versuchen zusammenzuleben,
müssen sich erneut dafür engagieren, daß alle Menschen in den Prozeß einbezogen werden, durch den
Recht und Ordnung und Gerechtigkeit zustande
kommen.
Der Freispruch der vier weißen Polizisten, die der
Mißhandlung von King, einem schwarzen Autofahrer,
beschuldigt werden, bedeutet nicht, daß Polizeibeamte jetzt freie Bahn zur Anwendung übermäßiger Gewalt haben, um Bürger zu bändigen, die sie festnehmen möchten. Im Gegenteil, diese für alle Zeiten auf
Videoband festgehaltene Tragödie muß als Paradebeispiel dafür betrachtet werden, wie man es nicht
machen sollte.
Die Nichtachtung des Rechts auf faire Behandlung
selbst für einen ehemaligen Häftling wurde deshalb
zum Rezept für die Ausmerzung der Achtung vor dem
Gesetz. Los Angeles hat nun ein erhebliches Wiederaufbauwerk vor sich, und dies gilt für die Beziehungen
mit den am wenigsten privilegierten Stadtteilen ebenso
wie in den Gewerbezentren, die durch den vom KingProzeß entfesselten emotionalen Wirbelsturm verwüstet wurden.
The New York Times
Eine hochrangige Untersuchungskommission hat letztes Jahr bestätigt, daß viele Polizeibeamte in Los
Seite 2

Angeles eine ungesunde Einstellung zu Rasse und
Gewalt haben. Die von Warren Christopher geleitete
Kommission identifizierte über 200 Beamte mit einer
Vorgeschichte gewalttätigen Fehlverhaltens - von denen
viele enthusiastische Beurteilungen durch ihre Vorgesetzten erhalten hatten. Los Angeles hatte bereits
begonnen, darauf zu reagieren. Beamte mit einer
Bilanz übermäßiger Gewaltanwendung werden versetzt, und ein neuer, schwarzer Polizeichef, Willie
Williams, der zur Zeit noch in Philadelphia Dienst tut,
wird das Ruder übernehmen.
Diese zaghaften Fortschritte bei der Glaubwürdigkeit
werden durch die Freisprüche vom Mittwoch gefährdet. Und die folgende Welle von Morden, Plünderungen und Brandstiftung gefährdet noch weit mehr,
indem sie zu einem repressiven und auf Rache sinnenden Klima der Durchsetzung von Recht und Ordnung
einlädt.
Die umfassendere Aufgabe des großen Geschworenengremiums bleibt jedoch bestehen - alle Amerikaner
der Integrität und Fairneß des Strafverfolgungssystems zu versichern. Der direkteste Weg dies zu
gewährleisten, besteht darin, achtbare Wege zu finden, um das Urteil der Geschworenen anzufechten.
Dafür gibt es Hoffnung. Der Beamte, der sich augenscheinlich am brutalsten aufführte, könnte erneut vor
Gericht gestellt werden. Mehrere beteiligte Polizisten
warten noch auf Disziplinarverfahren. Rodney Kings
Schadenersatzklage ist noch anhängig.
USA Today
Den Fall Rodney King als isolierten Vorfall zu betrachten, wäre eine Tragödie. Er muß als Symptom einer
Krankheit angesehen werden, die die gesamte Nation
betrifft.
Die Anklage, die zu der Explosion in Los Angeles
führte, wurde von einer Gesellschaft hervorgebracht,
die nicht in der Lage ist, ihre rassische Spaltung zu
überwinden.
Diese Spaltung ist wirtschaftlicher Natur, da schwarze
Männer nur 57% von dem verdienen, was weiße
Männer erhalten. Dazu gehört auch das abstoßende
System der ungerechten Justiz.
Wall Street Journal
Die Geschworenen waren aufgefordert zu entscheiden, ob die betroffenen Polizisten die zweite Linie
überschritten hatten. Sie betrachteten den eindeutig
exzessiven Einsatz von Gewalt, wie auf dem Videoband festgehalten, stellten aber andererseits fest, daß
zwei andere Insassen von Rodney Kings Auto unbehelligt blieben. Sie waren offensichtlich der Meinung,
daß Polizeibeamte, die mit gefährlichen, vielleicht noch
durch Drogen wie PCP aufgeputschten Personen
umgehen müssen, nicht wegen einer Überreaktion ins
Gefängnis wandern sollten. Man kann darüber strei-

AMERIKA DIENST 36

�ten, ob die Geschworenen die Linie am richtigen Ort
zogen, aber ihre Entscheidung ist keinesfalls eine
Rechtfertigung für das Anzünden von Geschäften oder
Verprügeln vorbeifahrender Lastwagenfahrer.
Romanschriftsteller Terry McMHIan in der New
York Times
Mein Bruder sitzt zur Zeit im Gefängnis. Er wurde 10
Meilen von Simi Valley entfernt wegen Trunkenheit am
Steuer festgenommen. Zum Glück wurde er nicht
mißhandelt. Wie viele weiße Männer sind wegen des
gleichen Vergehens inhaftiert worden? Wie viele
unschuldige schwarze Männer, die verprügelt wurden,
erschienen je auf einem Videoband? Und was würde
das jetzt auch ausmachen?...
Dies ist Amerika. Das Land der Freien. Heimat der
Mutigen. Nun, ich traue dem heute nicht mehr. Ich
glaube nicht an Gewalt. Aber wenn wir tun müssen,
was wir 1965 in Watts getan haben, um der Polizei von
Los Angeles, der Stadt und der Regierung mitzuteilen,
daß wir diese Art von Zerrbild nicht mehr tolerieren,
dann sage ich, daß wir unseren Standpunkt auf jede
uns zur Verfügung stehende Weise klarmachen müssen.
Ich möchte wirklich nicht, daß unschuldige Menschen
verletzt werden. Es sind bereits zu viele gestorben,
viel mehr Schwarze als Wei ße. Als Amerikaner afrikanischer Herkunft haben wir sowieso nicht soviel, und
wenn wir brandschatzen und morden, tun wir dies
meistens in unserem eigenen Hinterhof. Ich hoffe, wir
werden es nicht tun.
Kolumnistin Barbara Reynolds in USA Today
Die Amerikaner afrikanischer Herkunft müssen das
System verändern, indem sie intellektuell gefährliche
und konstruktive Unruhestifter werden. Das heißt, daß
sie nicht die häßliche, willkürliche Gewalt der Polizei
von Los Angeles imitieren.
Für junge Schwarze bedeutet dies zu verstehen, daß
ihre Hoffnung nicht in kurzfristiger Vergeltung, sondern
in langfristiger Rache besteht, die sich am Erfolg
bemißt. Das bedeutet, die Schule abzuschließen, zu
wählen, gegen Mißstände zu protestieren und sich zu
weigern, nutzlose Drogenabhängige zu werden.
Die Zeit läuft davon. Wir müssen der Kindern Hoffnung für die Zukunft geben, nicht bestürztes Schweigen, das alles war, was ich meinem Sohn diese Woche
anzubieten hatte.
•

Kolumnist William Raspberry in The Washington
Post
Schwarze sahen das Videoband mit den Mißhandlungen vor über einem Jahr, hörten die widersprüchlichen
Angaben der beteiligten Polizisten, hörten, wie Polizei-

AMERIKA DIENST 18

chef Gates seine Männer verteidigte und gleichzeitig
vorgab, das Ganze habe mit Rasse nichts zu tun,
hörten die rassistischen Witze über die Mißhandlungen über den Polizeifunk. Aber sie machten keinen
Krawall.
Warum? Weil sie darauf vertrauten, das dieses Mal
sicherlich Gerechtigkeit geübt werde. Dieses Mal
stand nicht mehr lediglich das Wort eines armen
schwarzen Opfers gegen das mehrerer weißer Polizisten, sagten sie. Der Vorfall war auf einem Videoband
dokumentiert.
Sie hielten an diesem Glauben sogar fest, als die
Verteidiger den Prozeß klugerweise von Los Angeles
nach Simi Valley verlegen ließen, deren hauptsächlich
aus Arbeitern bestehende Bevölkerung von 100.000,
darunter vielleicht 2.000 aktive Polizeibeamte, nur zu
2 Prozent aus Schwarzen besteht. Sie glaubten selbst
dann noch daran, als das Gericht ein Geschworenengremium berufen hatte, zu dem nicht ein einziger
Schwarzer gehörte.
Und mit dem Urteil vom Mittwoch explodierten sie.
Oder zumindest taten dies einige von ihnen - zu viele.
Die Führer der Schwarzen sagen, was sie sagen
müssen: Geht nach Hause. Stoppt die Plünderungen
und das Morden. Ihr schadet nur Euch selbst, wenn Ihr
Euer eigenes Viertel zerstört.
Aber die Führer der Weißen sagen nicht, was sie
sagen müssen: Daß sie dieses Mal entschlossen sind,
Gerechtigkeit anzustreben - oder zumindest soviel
Gerechtigkeit, wie nach dieser Travestie noch gerettet
werden kann.
Kolumnisten Eric W. Rose und Steven S. Lucas in
der Los Angeles Times
Als das Video als Beweismittel eingeführt wurde, wurde
es Bild für Bild im Hinblick auf die Handlungen und
Beteiligung jedes Angeklagten untersucht.
Dann, am Mittwoch nachmittag, war das Urteil perfekt:
mit Ausnahme eines einzigen Anklagepunktes gegen
den Polizeibeamten Lawrence Powell, bei dem sich die
Geschworenen nicht einigen konnten, befanden die
sechs Männer und sechs Frauen alle vier Offiziere in
allen Anklagepunkten für unschuldig. Warum haben
die Geschworenen nicht gesehen, was wir, die Öffentlichkeit, Abend für Abend in den Nachrichten so eindeutig festgestellt haben?
Die Antwort lautet, daß die Geschworenen nicht denselben Nachteilen unterlagen, die die Sichtweise der
Öffentlichkeit trübten. Für die Geschworenen war das
Videoband eines von vielen Beweismitteln, die in einem komplexen Fall zu bewerten und gewichten waren. Für die Öffentlichkeit war das Videoband das
einzige Beweismittel.

Seite 3

�Aber das Band alleine konnte nicht alle rechtlichen
Fragen dieses Falles beantworten, die kritischen Fragen nach Autorität, Beteiligung, Ausbildung, Verfahrensweise, nach Wahrnehmung und Glaubwürdigkeit.
Und die Medien waren unfähig, diese Fragen vom
Gerichtssaal in die Wohnzimmer zu tragen, insbesondere, da die Zuschauer den Fakten dieses Falles
eindeutig mit Vorurteilen gegenüberstanden.

umfeld nicht zur Straßendebatte über Gerechtigkeit
wird. Hochsensible Fälle wie die Mißhandlung von
Rodney King werden gerade aus der Gemeinde verlegt, auf die sie sich am meisten auswirken. Das
gerichtliche Verfahren nimmt die Geschworenen sorgfältig unter die Lupe, die fähig sein werden, dem
Justizsystem zu dienen. Der Prozeß ist eine geistige
Schlacht zwischen den Vertretern von Anklage und
Verteidigung, kein Forum der öffentlichen Debatte. Es
Kolumnistin Laurie Levenson in der Los Angeles herrschen die Regeln der Beweisführung. BehauptunTimes
gen werden in Frage gestellt. "Vernünftige Gewaltanwendung" wird zu einem Kunstbegriff, nicht zur Frage
Das Strafverfolgungssystem ist kein Vehikel für soziades gesunden Menschenverstands. In diesem Umfeld
le oder politische Veränderungen. Es ist ein langsakönnen Geschworene wie im Fall der Mißhandlung
mer, antiseptischer Prozeß, in dem 12 Mitglieder der
von King zu dem Schluß kommen, daß das Opfer der
Gesellschaft entscheiden, ob eine Person eines VerÜbeltäter war und der Übeltäter das Opfer.
brechens schuldig ist. Jede Vorsichtsmaßnahme muß
getroffen werden, um zu verhindern, daß das Prozeß-

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 36

�UMWELT
6. Mai 1992

WELTWEITE KLIMAVERÄNDERUNGEN DIE HALTUNG DER VEREINIGTEN STAATEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht des US-Außenministeriums zur Haltung
der amerikanischen Regierung im Hinblick auf weltweite Klimaveränderungen.
Die Wissenschaft
Seit einiger Zeit werden wir von Wissenschaftlern

gewarnt, daß Eingriffe des Menschen möglicherweise
zu weltweiten Klimaveränderungen beitragen, aber
auch darauf hingewiesen, daß es noch immer vieles
gibt, das wir im Hinblick auf dieses Thema nicht wissen
oder verstehen. Die Vereinigten Staaten haben sich
diese Warnung zu Herzen genommen. Durch Aktivitäten der Regierung und nichtstaatlicher Organisationen haben wir erheblich in die wissenschaftliche Forschung investiert, um das Wesen des Problems besser zu verstehen. Die Vereinigten Staaten tragen
gegenwärtig etwa die Hälfte des gegenwärtigen Forschungsetats für weltweite Klimaveränderungen.
Unserer Meinung nach ist die Wissenschaft das Fundament, auf dem eine solide Reaktion zu dem Problem
der Klimaveränderungen erarbeitet werden sollte. Die
folgenden Ausführungen repräsentieren einen Querschnitt der übereinstimmenden Meinung vieler Wissenschaftler, auch aus den Vereinigten Staaten, die
aktiv an internationalen Bestrebungen zum Verständnis dieses Problems beteiligt waren.
KISmaveränderungen
Obwohl Wissenschaftler noch nicht mit Sicherheit
sagen können, daß bereits eine vom Menschen herbeigeführte Erwärmung stattgefunden hat, deuten
Schätzungen darauf hin, daß eine cteigende Konzentration von Treibhausgasen wahrscheinlich d'e Temperatur der Atmosphäre und der Ozeane erhöht und
ihre Zirkulation sowie das Wetter beeinflußt. Der
Umfang, der Zeitraum und die regionalen Besonderheiten dieser Veränderungen können jedoch nicht mit
Sicherheit vorhergesagt werden. Klimamodelle prognostizieren, daß Veränderungen der Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre aufgrund einer Verdopplung der Konzentration von Kohlendioxid wahrscheinlich nicht außerhalb der Bandbreite von 1,5 bis
4,5 Grad Celsius liegen. Wenn man Ergebnisse bei
Modellen zugrundelegt und Klimabeobachtungen
AMERIKA DIENST 18

berücksichtigt, wird es sich bestenfalls um 2,5 Grad
handeln. Der damit einhergehende Anstieg des
Meeresspiegels wird auf zwischen 10 bis 50 Zentimeter und einem Meter geschätzt. Darüber hinaus hat die
in den letzten Jahren beobachtete Erwärmung denselben Umfang wie die in den Modellen vorhergesagte,
aber auch denselben Umfang wie die natürliche Variationsbreite. Der beobachtete Anstieg könnte vor allem
auf die natürliche Variationsbreite zurückzuführen oder
Bestandteil einer vom Menschen ausgelösten stärkeren Erwärmung sein. Potentielle Auswirkungen von
Klimaveränderungen variieren von Region zu Region,
wobei dürreanfällige Regionen, bewässerte Felder,
Wasserquellen, Küstenregionen und natürliche Ökosysteme am meisten gefährdet sind. Präzise Bewertungen über die Auswirkungen von Klimaveränderungen werden wahrscheinlich in den nächsten zehn
Jahren oder länger nicht zur Verfügung stehen.
Treibhausgase
Die wichtigsten Treibhausgase sind Wasserdampf
(H20), Kohlendioxid (C02), Methan (CH4) Stickoxid
(N20), Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW) und Ozon
(03). Von diesen hat Wasserdampf den größten
Treibhauseffekt, wenn auch weltweit seine Konzentration in der Atmosphäre nicht direkt mit menschlichen
Aktivitäten zusammenhängt. Mit Ausnahme von FCKW
kommen all diese Gase natürlich vor, und Aktivitäten
des Menschen haben bei allen dazu geführt, daß ihre
Konzentration in der Atmosphäre erheblich gestiegen
ist. Das vor allem bei der Verbrennung fossiler Treibstoffe entstehende C02 macht etwa 60 Prozent des
Treibhauseffekts dieser anthropogenisch entstandenen Gase insgesamt aus. (Dies stützt sich auf Schätzungen der relativen Auswirkungen jedes dieser Gase
über einen bestimmten Zeitraum hinweg, was man
auch "Erderwärmungspotentiar - global warming potential, GWP, nennt). Die Industrieländer sind gegenwärtig für etwa die Hälfte der Emissionen von Treibhausgasen weltweit verantwortlich. Bis zum Jahr 2025

Seite 1

�wird sich die Rolle einzelner Länder verändert haben,
und die Industrieländer werden im Vergleich zu den
Entwicklungsländern und den Ländern mit einer Wirtschaft im Umbruch wahrscheinlich nur noch ein Viertel
der Gesamtmenge ausstoßen.
Minderung und Anpassung
Einige Auswirkungen der Klimaveränderungen können durch Verminderung oder Anpassung oder eine
Kombination von beiden erzielt werden. Eine Verminderung kann man erreichen, indem man Treibhausgasemissionen einzelner Quellen verringert sowie Senken und Reservoirs von Treibhausgasen - Ozeane,
Landflächen und Wälder - schützt und verbessert. Die
Emission aus einzelnen Quellen kann zum Beispiel
eingeschränkt werden durch gesteigerte Effizienz und
Einsparung von Energie und Veränderungen in der
Landwirtschaft. Senken für Treibhausgase können
durch Veränderungen der Fruchtfolge und der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen verbessert werden,
insbesondere durch neue landwirtschaftliche Technik
sowie Aufforstung und Wiederaufforstung.
Durch Anpassung kann die Anfälligkeit gegenüber potentiellen Klimaveränderungen abgebaut werden. Ein
weltweiter Anpassungsprozeß zum Abbau der Anfälligkeitwird Maßnahmen erfordern wie Überprüfung der
Wassersysteme und Schutz der Küstenregionen, Züchtung von Feldfrüchten, die gegen Dürre und Hitze unempfindlich sind und die Entwicklung von Techniken
zum Schutz gefährdeter Ökosysteme.
Auswirkungen
Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin,
daß erhebliche Veränderungen im Klimasystem wahrscheinlich sind, wenn Treibhausgasemissionen in der
Atmosphäre weiterhin infolge von Eingriffen durch den
Menschen zunehmen. Dennoch können mit Hilfe
gegenwärtiger Analysen weder Kosten noch Nutzen
von Schritten zuverlässig vorhergesagt werden, die
bestimmte Konzentrationen in der Atmosphäre kontrollieren und gefährliche Eingriffe des Menschen in
das Klimasystem verhindern.
Der Ansatz der Vereinigten Staaten
Im Hinblick auf diese Unsicherheiten favorisieren die
Vereinigten Staaten einen flexiblen, langfristig orientierten Ansatz, der Maßnahmen identifizieren und
durchführen will, die aus einer Reihe von Gründen
gerechtfertigt sind, einschließlich der Reaktion auf
Klimaveränderungen. Solche Maßnahmen zielen darauf
ab, Treibhausgasemissionen zu vermindern und
Anpassungen an Klimaveränderungen vorzunehmen
sowie weiterhin Forschung zu betreiben über die
Wissenschaft selbst, die Auswirkungen, Technologie
und wirtschaftlichen Aspekte der Auswirkungen und
unserer Optionen zu deren Bewältigung. Angesichts
der Notwendigkeit einer weltweiten Reaktion auf die

Seite 2

Sorgen um Klimaveränderungen befürworten die
Vereinigten Staaten ein gemeinsames Vorgehen
(technisch und finanziell) mit Entwicklungsländern und
Ländern, bei denen sich die Wirtschaft im Umbruch
befindet. Nachfolgend einige Beispiele für Maßnahmen, zu denen sich die Vereinigten Staaten verpflichtet haben.
Abhilfe
Die Vereinigten Staaten sind fest entschlossen, wirtschaftlich wirksame Maßnahmen zur Behebung der
Klimaveränderungen zu ergreifen - Maßnahmen, mit
denen die Nettoemissionen von Treibhausgasen durch
Verringerung der Quellen und Erweiterung der Senken
reduziert werden. Unseres Erachtens können diese
Maßnahmen und ihre Auswirkungen in den Vereinigten Staaten mit denen anderer Industrienationen Schritt
halten.
Seit Februar 1991 haben die Vereinigten Staaten mit
der Verwirklichung einer nationalen Energiestrategie
begonnen, die einen neuen, effizienteren Kurs für die
Vereinigten Staaten aufzeigt. Darüber hinaus haben
wir ein neues Transportgesetz verabschiedet, dank
dem die Beförderung von Menschen und Gütern per
Auto, Fernverkehr und anderen Mitteln wesentlich
verbessert wird. Im Jahr 1990 haben die Vereinigten
Staaten ferner das strengste Gesetz zur Luftreinhaltung der Welt verabschiedet, mit dem auch die Emissionen verringert werden. Zusammengenommen
verpflichten uns diese Initiativen zu Maßnahmen in
folgenden Bereichen: Energieausnutzung, Transport,
Nutzung von Versorgungstechnologien mit niedrigerem Kohleausstoß, Agrar- und Ökoressourcen sowie
technologische Forschung und Entwicklung. Diese
Maßnahmen werden jetzt ergriffen.
Unseren Schätzungen zufolge werden diese Aktionen
die prognostizierten Nettoemissionen von Treibhausgasen in den Vereinigten Staaten bis zuui Jahr 2000
um 125 bis 200 Millionen Tonnen verringern. Diese
Reduzierungen machen 7 bis 11 Prozent der für das
Jahr 2000 errechneten Emissionen aus. Wir werden
unsere nationale Strategie sowie die voraussichtlichen
Effekte dieser Strategie verbessern und erweitern,
wenn neue wissenschaftliche, wirtschaftliche, technologische und politische Informationen verfügbar werden.
Auch die Regierungen der Bundesstaaten und Kommunen ergreifen Maßnahmen, die Auswirkungen auf
die Verringerung von Treibhausgasemissionen haben. Diese Maßnahmen werden unabhängig und/oder
gemeinsam mit der Bundesregierung durchgeführt.
Eine Bilanz der Programme auf Bundesstaaten- und
lokaler Ebene wird später zusammen mit Schätzungen
über Auswirkungen dieser Programme auf die Treibhausgasemissionen vorgelegt.

AMERIKA DIENST 18

�Anpassung
Die Vereinigten Staaten haben Bestebungen zur Erarbeitung und Entwicklung von Technologien und Praktiken in die Wege geleitet, die bei ihrer Verwirklichung
die Anpassung von Natur und Gesellschaft an die
umweltpolitischen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Klimaveränderung erleichtern könnten. Obwohl viele dieser Programme noch in den
Kinderschuhen stecken, wurden einige bereits in die
Praxis umgesetzt. Zu den Bereichen, denen unser
besonderes Augenmerk gilt, zählen Wirtschaftssektoren, die sich mit Wasservorräten, Ökosystemen,
Wäldern, Landwirtschaft (sowohl bewirtschaftet als
auch unbestellt) und Humanökologie befassen.

Erstellung einer detaillierten Bestandsaufnahme der
Bodennutzung und punktuelle Verschmutzung als
Grundlage der Analyse der meteorologischen Veränderungen.
Erwägung neuer Techniken für geowissenschaftliche
Programme und Projekte (einschließlich auf die Aufschlüsselung von Kosten und Nutzen solcher Projekte
ausgerichtete Forschung wie Stimulation der ozeanischen Biomasse und Solarfiltertechniken).
Förderung von Verhaltensforschung, Prüfung der langfristigen kulturellen Anpassung, psychologische Streßfaktoren sowie die Entwicklung von Verhaltensweisen
und Werten.

Küster .onen

Wasservorräte

Prüfung und Planung der Auswirkungen des Anstiegs
des Meeresspiegels auf die Küstenerosion, die künstlich geschaffene Infrastruktur und Ökosysteme.

Entwicklung einer klimatologischen Datenbank für
Wasservorräte zur Prognose und Erfassung der lokalen und regionalen Klimaveränderungen.

Entwicklung und Förderung von Methoden zur Beurteilung der Anfälligkeit für den Anstieg des Meeresspiegels und Durchführung integrierter Pläne für die
Küstenzonen zur Bewältigung dieser Anfälligkeit im
Rahmen der Zwischenstaatlichen Kommission zur
Klimaveränderung (Intergovernmental Panel on Climate Change - IPCC).

Analyse der Anfälligkeit der Tennessee Valley Authority Region für meteorologische Extreme, Untersuchung der Konsequenzen für Kraftwerke, Wasservorräte und Überschwemmungen.

Forst- und Landwirtschaft
Schaffung von Parzellen zur Überwachung des Zustands der Wälder für eine jährliche Beurteilung des
regionalen Ausmaßes der Umweltbedrohungen.
Verbesserung der Verzeichnisse über Bodenbeschaffenheit.
Entwicklung von Indikatoren für den Zustand von
Forst- und Weideland.
Forschung und Entwicklung neuer hitze- und/oder
dürrebeständiger Getreidesorten und Baumarten.
Programme zur Entwicklung von Technologien zur
Verbesserung des Ökosystems unter den Bedingungen der Klimaveränderung.
Forschung und Entwicklung von Technologien und
Praktiken zur Verbesserung der Produktivität von Landund Forstwirtschaft.
Erforschung der Auswirkungen erhöhter C02-Konzentrationen in der Atmosphäre auf die Landwirtschaft.
Ökosysteme und der Mensch
Schaffung eines integrierten biosphärischen Überwachungsnetzes unter Verwendung von biosphärischen
Reserven zur Beurteilung der Auswirkungen und
Reaktionen auf die weltweiten Klimaveränderungen
durch Ökosysteme und den Menschen.

Prüfung von Veränderungen der Wasservorräte infolge klimatischer/hydrologischer Veränderungen im
Rahmen von Programmen auf Regierungs- und Bundesstaatenebene.
Weitere Forschung
Die Vereinigten Staaten haben sich äußerst aktiv um
die Förderung der Forschung bemüht, die für das
Verständnis der wissenschaftlichen und ökonomischen
Aspekte des Klimawandels, einschließlich der natürlichen und künstlichen Veränderungen und deren Auswirkungen unerläßlich ist. Im Hinblick auf dieses Ziel
werden in den Haushaltsjahren 1990-1992 über 2,7
Milliarden Dollar für die Erforschung des weltweiten
Klimawandels ausgegeben, und die Haushaltsvorlage
des Präsidenten für 1993 fordert nahezu 1,4 Milliarden
Dollar für diesen Zweck- 260 Millionen (24%) mehr als
im Haushaltsjahr 1992. Das amerikanische Programm
umfaßt nahezu die Hälfte der gesamten weltweiten
Forschungsbemühungen im Bereich des Klimas und
Klimawandels.
Das Ziel des Forschungsprogramms besteht darin, auf
die entscheidendsten wissenschaftlichen Unsicherheiten zu reagieren, die von den Arbeitsgruppen für
Wissenschaft und Folgen des Klimawandels des IPCC
identifiziert wurden. Das amerikanische Forschungsprogramm zu den weltweiten Klimaveränderungen
(U.S. Global Change Research Program - USGCRP)
hat für die Durchführung der Forschungsvorhaben vier
miteinander verbundene Themenbereiche festgelegt:
1. Modelle und Prognosen,
2. Weltweite Wasser- und Energiezyklen,

AMERIKA DIENST 18

Seite 3

�3. Der weltweite Kohlenstoffzyklus,
4. Ökosysteme und Bevölkerungsdynamik.
Darüber hinaus unterstützt das Forschungsprogramm
wirtschaftliche Forschung in Zusammenhang mit den
Klimaveränderungen.
Das USGCRP wurde im Verlauf umfassender Bemühungen über viele Jahre hinweg entwickelt. Diese
Bemühungen sind bewußt breitgefächert und umfassen nicht nur amerikanische Regierungsbehörden,
sondern auch nationale und internationale Wissenschaftler sowie inoffizielle und offizielle Verbindungen
zu anderen staatlichen und privaten Organisationen.
Technische Zusammenarbeit
Die Vereinigten Staaten unterstützen energisch die
technische Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern
und anderen Staaten, denn gerade diese Länder werden
im nächsten Jahrhundert die Hauptquelle von Treibhausgasemissionen sein. Die technologische Zusammenarbeit sollte sowohl "harten" als auch "weichen"
Technologiebedarf berücksichtigen. Dazu zählen neben
dem Technologietransfer im traditionellen Sinn vordringliche Anliegen wie die Bewertung des technischen Bedarfs, technische Entwicklung, technische
Hilfe, Aus- und Weiterbildung sowie Aufbau von Institutionen und Kapazitäten. Mit der Forderung eines
kooperativen Prozesses tragen die Vereinigten Staaten der Tatsache Rechnung, daß der erfolgreiche
Transfer von Wissen, Know-how oder Gerät von einem beiderseitigen Verhältnis abhängt, das auf gegenseitigen Interessen und Vorteilen beruht. Ein solcher Prozeß erkennt ferner die Kreativität und Dynamik des Privatsektors an und stützt sich darauf in
großem Maß.
Die Vereinigten Staaten haben bereits ein breites
Spektrum an Maßnahmen zur technologischen Zusammenarbeit beim Klimawandel eingeleitet, die folgende Bereiche umfassen:
Energieausnutzung,
Energieversorgung, Landwirtschaft, Forstwesen und
natürliche Ressourcen, Klimawissenschaft und Küstenzonen. Eine Stichprobenerhebung ausgewählter
Länder und Regierungsbehörden zeigt, daß wir allein
im Jahr 1991 über 140 Millionen Dollar in die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern und Ländern, deren
Volkswirtschaften sich im Übergang befinden, für diese Maßnahmen investiert haben. Ein Blick auf kommende Haushalte macht klar, daß diese Summe
anwachsen wird, während wir ein besseres Verständnis der wissenschaftlichen Aspekte der Klimaveränderungen und der Maßnahmen gewinnen, die einzelne
Länder zu deren Bewältigung für sinnvoll halten.
Um Ländern bei der Einschätzung ihrer Bedürfnisse im
Hinblick auf die Entwicklung solider Reaktionen auf die
Klimaveränderungen im Kontext übergeordneter Entwicklungsziele zu helfen, haben die Vereinigten Staaten unlängst 25 Millionen Dollar bereitgestellt, um in
Seite 4

einem Zeitraum von zwei Jahren Länderstudien für
Entwicklungsländer und Länder im Übergang zu unterstützen. Ferner haben wir 50 Millionen Dollar für den
Kernfonds der umstrukturierten Globalen Umweltfazilität (GEF) von Weltbank, UNDP und UNEP bereitgestellt.
Der internationale Prozeß
Die Vereinigten Staaten befürworten eine Rahmenkonvention, die ein Forum und einen Prozeß ins Leben
ruft, um alle Länder langfristig in die Bewältigung von
Problemen des Klimawandels einzubinden.
Wir gehen davon aus, daß dieses Forum aus einer
Konferenz der Parteien, einem Sekretariat und zwei
Untergruppen der Konferenz der Parteien bestehen
sollte: Einem Wissenschaftlichen Beraterausschuß
und einem Durchführungsausschuß. Der Wissenschaftliche Beraterausschu ß wäre das Bindeglied zum
IPCC sowie anderen internationalen wissenschaftlichen und technischen Organisationen. Er würde die
Arbeit dieser Organisationen für die Konferenz der
Parteien interpretieren und bündeln. Der Durchführungsausschuß würde technische Einschätzungen von
Berichten erstellen, die der Konvention zufolge der
Konferenz der Parteien zur Überprüfung vorgelegt
würden.
Wir stellen uns einen internationalen Prozeß vor, dessen
Schwerpunkt auf Aktionen liegt. Unter Zugrundelegung gemeinsamer Methoden würden die Industriestaaten zunächst Emissionsverzeichnisse erstellen.
Darüber hinaus würden sie nationale Klimaaktionspläne mit Maßnahmen entwickeln, die entweder eine
Milderung von oder Anpassung an Klimaveränderungen bewirken würden. Darüber hinaus würden die
Industriestaaten Maßnahmen festlegen, die sie unter
Berücksichtigung nationaler Bedingungen ergreifen
würden, und Schätzungen über Auswirkungen ihrer
Maßnahmen über einen vereinbarten Zeitraum vorlegen. Die Abschätzung dieser Auswirkungen würde auf
vereinbarten Methoden beruhen. Durch Berichterstattung über Maßnahmen in einem offenen und transparenten Prozeß wären alle Parteien in der Lage, Informationen und Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Die Wachsamkeit der Öffentlichkeit wird einen starken Anreiz für die Einleitung sinnvoller Maßnahmen mit größtmöglichen Vorteilen für das
Klima und andere Bereiche liefern. Diese Überprüfungen sollten in vereinbarten Abständen so bald wip
möglich stattfinden.
Unserer Meinung nach sollten sich auch Entwicklungsländer und Länder im Übergang zur freien Marktwirtschaft an diesem Prozeß beteiligen, indem sie nationale Berichte erstellen, ihre Berichte würden maßgebliche nationale Bedingungen beschreiben und ihre
gegenwärtigen Emissionen sowie die Anfälligkeit für
Klimaveränderungen bewerten. Viele dieser Länder
benötigen Hilfe bei der Abfassung solo! «i Berichte,

AMERIKA DIENST 18

�und wir haben deshalb technische Zusammenarbeit
vorgeschlagen. Insbesondere haben wir für einen
Zweijahreszeitraum 25 Millionen Dollar bereitgestellt,
um ihnen zu helfen, als Grundlage für die Erstellung
nationaler Berichte ihre jeweilige nationale Situation
und ihre Bedürfnisse einzuschätzen. In diesen Berichten würden Länder besondere Vorhaben und Programme definieren, die sowohl dem Klima als auch
ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zugute kämen.
Darüber hinaus würden sie den Bedarf an technischen
und finanziellen Ressourcen identifizieren, die für die
Durchführung solcher Vorhaben erforderlich sind.

Wir gehen davon aus, daß dieser Prozeß eine weltweite Antwort auf ein eindeutig weltweites Problem einleiten wird. Die Konzentration auf solide Maßnahmen
wird sinnvolle Ergebnisse hervorbringen. Die Anerkennung und Respektierung nationaler Bedingungen
wird dazu beitragen, eine breite Beteiligung sicherzustellen. Die Bereitstellung von technischer Zusammenarbeit und Unterstützung für bedürftige Länder
wird einen kooperativen Ansatz fördern und damit die
Bemühungen zum Aufbau einer weltweiten Partnerschaft stärken, die auf unserem Weg ins nächste
Jahrhundert notwendig ist.
*

AMERIKA DIENST 18

*

Seite 5

�US-WELTROLLE
6. Mail992

ZUR ROLLE DER USA NACH DEM ENDE DER UDSSR
Zwei neue Studien behandeln wichtige Anliegen der Zukunft
WASHINGTON - (AD) - Zwei neue Studien renommierter Fcrschungseinrichtungen, die eine Einschätzung dor amerikanischen Rolle im Zeitalter nach dem
kalten Krieg vornehmen, stimmen überein, daß die
Vereinigten Staaten nicht zum Isolationismus zurückkehren dürfen, vertreten jedoch unterschiedliche
Ansichten zur Strukturierung der nationalen Verteidigungspolitik.
Die kürzlich vom Council on Foreign Relations und The
Heritage Foundation veröffentlichten Untersuchungen
liefern grundverschiedene Meinungen zu anderen
Elementen eines Rahmens für die amerikanische
Außenpolitik in den neunziger Jahren.
Die Studie des Council on Foreign Relations mit dem
Titel "The Imperial Temptation: The New World Order
and America's Purpose" (Die imperiale Versuchung:
Die neue Weltordnung und Amerikas Zweck) lehnt
eine Politik ab, die weltweite Sicherheitsverpflichtungen billigen würde und behauptet, unter der BushAdministration habe eine wachsende Tendenz zum
unnötigen Einsatz militärischer Macht bestanden.
Die Studie der Heritage Foundation mit dem Titel
"Making the World Safe for America: A U.S. Foreign
Policy Blueprint" (Die Welt sicherer für Amerika gestalten: Ein Plan für die amerikanische Außenpolitik) geht
davon aus, daß die Vereinigten Staaten bereit sein
nüssen, ihre Interessen weltweit zu verteidigen. Es
kommt jedoch Besorgnis über die riesigen staatlichen
Bürokratien zum Ausdruck, die notwendig waren, um
die Sowjetunion zu besiegen.
Die Ergebnisse des Council on Foreign Relations
weisen darauf hin, daß die Bush-Administrs*ion bei
ihren Versuchen zur Behandlung der von den neuen
weltweiten Realitäten hervorgerufenen Herausforderungen die grundlegenden Ideale verraten hat, auf
denen die Vereinigten Staaten gegründet wurden. Die
Autoren Robert Tucker und David Hendrickson führen
den Krieg am Persischen Golf als schlagendes Beispiel für ihre Behauptung an, daß Präsident Bushs
Vision von einer neuen Weltordnung nicht mit den
traditionellen diplomatischen Prinzipien Amerikas in
Einklang steht.

AMERIKA DIENST 18

Sie kritisieren Bushs umfassenden militärischen Angriff auf den Irak als unverhältnismäßige und inhumane Antwort auf die Krise am Persischen Golf, und sie
argumentieren, daß Bush mit dem Einsatz von Gewalt
zur Beendigung der Krise trotz Verfügbarkeit anderer
Mittel und der anschließenden Abwendung von den
ruinösen Kriegsfolgen der "imperialen Versuchung"
erlegen sei, die auch andere große Mächte der Vergangenheit verführt und korrumpiert habe.
Tucker, ein emeritierter Professor der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University, und Hendrickson, Professor für politische
Wissenschaften am Colorado College, sind der Ansicht, daß "Isolationismus" und "Interventionismus"
falsche Alternativen sind, die den Charakter der heutigen Herausforderung für die amerikanische Politik
verschleiern.
Sie erklären, die wichtigste Herausforderung sei die
Absage an die hoch militarisierte und auf Bestrafung
fixierte Einstellung, die das Zeitalter des kalten Krieges
prägte, und die Durchführung konstruktiver Maßnahmen zur Sanierung des ehemaligen Ostblocks sowie
die Gewährleistung eines offenen Handelssystems.
Tucker und Hendrickson zufolge können die Vereinigten Staaten der Welt nicht den Rücken kehren, aber sie
benötigen gleichzeitig einen neuen Internationalismus,
der sich von dem der Bush-Administration stark unterscheidet.
Die Studie der Heritage Foundation lehnt sowohl Isolationismus als auch zwanghaften Interventionismus
ab. Sie bietet Washington eine Strategie für die
amerikanische Außenpolitik nach dem Ende der UdSSR
an, die amerikanische Interessen definiert, mögliche
Bedrohungen dieser Interessen beschreibt und MaO
nahmen sowie Waffensysteme und militärische Strategien zum Schutz amerikanischer Interessen identifiziert. Der Plan beruht auf den konservativen Prinzipien, die der Untersuchung zufolge den kalten Krieg
gewonnen haben: der Notwendigkeit zur Verteidigung
der vitalen Interessen Amerikas, dem Vertrauen in die
Freiheit, einer Verpflichtung auf die amerikanischen
Grundwerte und die westliche Zivilisation sowie dem

Seite 1

�Glauben an die Prinzipien der Begrenzung des Staates, freie Märkte und die Selbstverantwortung des
einzelnen.
Der Vizepräsident und Leiter der Abteilung für außenund verteidigungspolitische Studien der Heritage
Foundation, Kim Holmes, erklärt, "als Konservative,
die an wenig Staat glauben, sind wir besorgt über die
riesigen Bürokratien des Pentagons und anderer Bereiche, die zum Sieg über die UdSSR benötigt wurden", und der Heritage-Report nennt den "großen
Regierungsapparat" als "größte Bedrohung der Freiheit" im 20. Jahrhundert.
"Tatsächlich ist die heutige Mammutbundesregierung
nicht so sehr das Produkt des New Deal als vielmehr
der massiven Macht, die in Washington für den Zweiten Weltkrieg und den kalten Krieg angehäuft wurde",
erklären die Autoren der Heritage-Studie. "Das riesige
Pentagon hat natürlich die Freiheit Amerikas bewahrt;
es legitimiert jedoch auch die ungeheure Zentralisierung der Macht, die erforderlich ist, um die von Lyndon
Johnson und Richard Nixon eingeleiteten riesigen
innenpolitischen Programme durchzuführen. Während die Konservativen also das für die Führung des
kalten Krieges erforderliche große Pentagon akzeptierten, würden sie mit dem Schwinden der sowjetischen Macht ein drastisch verkleinertes Pentagon und
Außenministerium begrüßen."
Die Autoren gehen davon aus, daß die amerikanischen Verteidigungsziele "mit einer entschieden kleineren und billigeren Streitmacht als erforderlich war,
um die sowjetische Aggression abzuschrecken, und
mit wesentlich weniger in Europa und anderen Au ßenposten stationierten Amerikanern" gewährleistet werden können.
"Die Amerikaner haben vergeblich darauf gewartet",
daß Präsident Bush den "neuen Kurs" der Vereinigten
Staaten definiert, meint Holmes. "Abgesehen von
lancierten Pentagon-Berichten unterer Ebenen und
dem verworfenen Konzept der 'neuen Weltordnung'
hat die Administration zur amerikanischen Rolle in der
Welt fahrlässiges Schweigen bewahrt. Weder vom
nationalen Sicherheitsrat noch vom Außenministerium, den für die amerikanische Außenpolitik besonders zuständigen Gremien, wurden großartige Studien
in Auftrag gegeben. Und im Kongreß wurde keine
große Debatte geführt."
Der Bericht des Council on Foreign Relations behauptet, die amerikanische Außenpolitik sollte zu den Leitlinien der Gründerväter zurückkehren, die eine weit
bessere Anleitung böten, um mit den Gefahren und
Chancen für das heutige Amerika umzugehen als das
gegenwärtige außenpolitische Programm der BushAdministration. Zu diesen Prinzipien gehören laut
Tucker und Henderson die folgenden:
Eine skeptische Haltung zum Einsatz militäri-

Seite 2

scher Gewalt und die Ablehnung weltweiter Sicherheitsverpflichtungen ;
eine tiefgreifende Antipathie gegen die Staatsverschuldung;
der Glaube, daß der amerikanische Beitrag zu
geordneter Freiheit in der Welt primär durch
friedliche und konstruktive Maßnahmen angestrebt werden muß und nicht durch Straf- und
destruktive Maßnahmen;
die Akzeptanz der Notwendigkeit für Kooperation zwischen freien Regierungen, eine Idee, die
den Autoren zufolge die Beibehaltung einer Sicherheitsgemeinschaft mit Westeuropa und
Japan erfordert, gleichzeitig jedoch gebietet,
daß die Verbündeten Amerikas die Hauptverantwortung für ihre konventionelle Verteidigung
übernehmen;
eine Aversion gegen Einmischung in die inneren
Angelegenheiten anderer Regierungen.
Die Spezialisten der Heritage Foundation erklären, der
"Hauptzweck" der amerikanischen Au ßen- und Verteidigungspolitik sei der Schutz von Leben, Freiheit und
Eigentum der Amerikaner. Sie machen fünf Hauptinteressen der Vereinigten Staaten aus, denen die
Außenpolitik zu dienen habe:
Schutz des amerikanischen Territoriums und
Luftraums;
Verhinderung der Kontrolle Europas, Ostasiens
oder des Persischen Golfs durch eine andere
Macht;
Sicherung des amerikanischen Zugangs zu den
Weltrohstoff vorkommen und den Meeren;
Erweiterung des freien Handels in öe\~ ganzen
Welt;
Schutz von Amerikanern vor Bedrohungen ihres Lebens und Wohlergehens.
Mit Blick auf diese Interessen identifiziert das Heritage-Team die primären Bedrohungen für die Vereinigten Staaten und nennt als deren wichtigste die Möglichkeit eines Angriffs mit Atomraketen durch einen der
wachsenden Zahl von Kernwaffenstaaten. Und ihrer
Meinung nach liegt angesichts dieser Bedrohung die
einzig mögliche Reaktion ebenfalls auf der Hand: die
Verbreitung solcher Technologie zu verhindern - falls
notwendig mit Gewalt - und Verteidigung gegen einen
Atomangriff.
Eine weitere Bedrohung der Vereinigten Staaten sind
Konflikte an ihren Grenzen, die dem Heritage-Team
zufolge durch eine wirtschaftliche Verbindung Amerikas mit Mexiko durch das geplante Nordamerikanische Freihandelsabkommen abgewehrt werden kann.

AMERIKA DIENST 18

�Zu den sonstigen Bedrohungen gehören Protektionismus und Handelsblöcke, regionale Bemühungen zur
Unterbrechung von Seewegen, Terrorismus und Drogenhandel.
Europa, Ostasien und der Persische Golf werden
Gebiete erheblicher Besorgnis für die Vereinigten Staaten
bleiben, so die Heritage-Experten. Da in Europa keine
totalitäre Bedrohung am Horizont auftaucht, können
die Vereinigten Staaten der Studie zufolge ihre Truppen auf dem Kontinent bis Ende des Jahrzehnts drastisch auf etwa 50.000 reduzieren. Falls es nicht zu
einer erneuten Bedrohung auf dem Territorium der
ehemaligen Sowjetunion kommt oder eine dominierende gegnerische Macht auftritt, sollten die Vereinigten Staaten keine Truppen für einen regionalen Konflikt in Europa zusagen, erklären die Heritage-Spezialisten.
"Es liegt jetzt an der Europäischen Gemeinschaft,
Probleme zu lösen, die nicht direkt die amerikanische
Sicherheit berühren," meint Jay Kosminsky, stellvertretender Direktor für verteidigungspolitische Studien
bei der Heritage Foundation. "Wenn die Europäer uns
in Europa haben möchten, sollten sie uns darum bitten
und die Kosten unseres Engagements tragen."
Die Vereinigten Staaten sollten darüber hinaus die
Europäer drängen, Handelshemmnisse abzubauen
und als Gegenleistung für die anhaltende amerikani*

AMERIKA DIENST 18

sehe Präsenz die Vereinigten Staaten bei der strategischen Verteidigung und anderen Fragen zu unterstützen, so Kosminsky.
Die Heritage-Studie zieht den Schluß, daß die Geschichte "eindeutig gegen eine Wendung nach innen
spricht... Die Konservativen sollten nicht für Isolation
eintreten." Gleichzeitig warnt die Studie, auch "übermäßiges Eiferertum" sei gefährlich. "Demokratische
Kreuzzüge sind kein geeigneter Schwerpunkt einer
konservativen Außenpolitik."
Holmes zufolge geeigneter "ist es für Amerikaner, ihre
Interessen in der Welt zu definieren, die Bedrohungen
für sie zu identifizieren und dann Maßnahmen zu
ergreifen, um diesen Bedrohungen entgegenzutreten
sowie die Interessen zu schützen und erweitern".
Der im Jahr 1921 gegründete Council on Foreign
Relations ist eine gemeinnützige und überparteiliche
Mitgliederorganisation, die sich der Förderung des
Verständnisses der amerikanischen Außenpolitik durch
den freien Austausch von Ideen verschrieben hat. Die
im Jahr 1973 gegründete Heritage Foundation ist ein
überparteiliches, gemeinnütziges Forschungsinstitut,
das den Prinzipien des freien Unternehmertums, der
begrenzten Rolle des Staates, individueller Freiheit
und starker nationaler Verteidigung verpflichtet ist.

* * *

*

Seite 3

�MINDERHEITEN
6. Mail 992

STARKER ZUWACHS BEI MINDERHEITEN
IN USA PROGNOSTIZIERT
Neuer Bericht über Einwanderungsbewegungen
WASHINGTON - (AD) - Wenn die gegenwärtigen
Einwanderungs- und Bevölkerungsmuster anhalten,
werden einem bekannten Demographen zufolge bis
zum Jahr 2040 nur etwa 60 Prozent der Amerikaner
europäischer Abstammung sein.
Den Rest werden zumeist Einwanderer aus Südamerika und Asien, ihre Nachkommen und amerikanische
Schwarze bilden, erklärt Jeffrey Passei.
Passei, ein an der Johns Hopkins University ausgebildeter Soziologe, ehemaliger Beamte des Statistischen
Bundesamts und oft zitierte Quelle für Bevölkerungsentwicklungen verweist darauf, daß in zwanzig Jahren
Schwarze nicht mehr die größte Minderheitengruppe
stellen werden. Sie werden von Hispaniern und später
möglicherweise von Amerikanern asiatischer Abstammung abgelöst. (Hispanier beschreibt in Amerika
Personen mexikanischer, mittel-oder südamerikanischer Herkunft. Viele Hispanier haben indianische
und spanische Vorfahren).
Passei und Barry Edmonston vom Urban Institute,
einer gemeinnützigen, nicht parteigebundenen Denkfabrik in Washington, haben kürzlich einen Bericht
über Einwanderung und Rasse in den Vereinigten
Staaten veröffentlicht.
Sie schätzen, daß die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2040 auf 355 Millionen
steigen wird - von 249 Millionen im Jahr 1990.
Wenn dem Bericht zufolge die gegenwärtigen Tendenzen bei der Einwanderung in den nächsten 50 Jahren
anhalten, "wird die Minderheitenbevölkerung weiterhin
wachsen, wobei die Gruppen der Hispanier und Asiaten ihr starkes Wachstum der letzten Jahrzehnte fortsetzen wird".
Er führt weiter aus: "Beim gegenwärtigen Stand der
Einwanderung wird die hispanische Bevölkerung die
schwarze Bevölkerung überholen und in weniger als
20 Jahren die größte Minderheitengruppe in den Vereinigten Staaten werden."

AMERIKA DIENST 18

"1990", so der Bericht, "besteht etwa ein Viertel der
Bevölkerung aus Minderheiten, wobei Schwarze etwa
12 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Der Anteil
der Schwarzen (an der Gesamtbevölkerung) wird im
nächsten Jahrhundert weiterhin etwa 12 bis 13 Prozentbetragen."
"Der Prozentsatz der Gesamtbevölkerung, die asiatischer oder hispanischer Herkunft ist, wird jedoch weiter steigen. Bis 2040 werden schätzungsweise 40
Prozent der Bevölkerung einer Minderheit angehören... Der Anteil der schwarzen Minderheit wirdweiterhin zurückgehen. Bis 2040 werden Schwarze weniger
als ein Drittel der Minderheiten stellen."
Passei und Edmonston schätzen, daß die Anzahl der
Amerikaner asiatischer Herkunft von 7 Millionen im
Jahr 1990 auf 35 Millionen im Jahr 2040 steigen wird.
Demnach wird sich die Zahl der Hispanier auf 64
Millionen verdreifachen. Der Anteil der Schwarzen
wird von 30 Millionen auf 44 Millionen steigen, und die
Zahl nichthispanischer Weißer wird von 187 Millionen
auf 211 Millionen steigen.
Passei gibt zu, daß sich natürlich jede dieser Schätzungen aufgrund unvorhergesehener Ereignisse als
unbegründet erweisen könnte: weltweite politische
Verschiebungen, die plötzlich (wie in der Vergangenheit) Einwanderungsmuster verändern, Krankheiten,
Lebenserwartung, vom Kongreß verabschiedete
Gesetze und andere Variablen.
"Die große Steigerung," erklärte Passei in einem Interview, "wird erwartungsgemäß bei der hispanischen
Bevölkerung stattfinden. Wir schätzen, daß etwa 40
Prozent der (legalen und illegalen) Einwanderer Hispanier sein werden - ebensoviel wie jetzt... Ihre Fortpflanzungsrate ist etwas höher als bei der nichthispanischen Bevölkerung. Dennoch ist die hohe Trendlinie
für das Wachstum der hispanischen Bevölkerung fast
ausschließlich auf die geschätze Einwanderung zurückzuführen. Auch die Gruppe der Asiaten wird
immer größer, wofür ebenfalls die Einwanderung verantwortlich ist."

Seite 1

�Im Augenblick prognostiziert Passei keine neuen Einwanderungswellen aus Ost- oder Westeuropa - den
tradtionellen Herkunftsländern. "So wie das Einwanderungsgesetz von 1990 funktioniert," erklärt er, "gibt
es zwar eine Bestimmung, die Einwanderer aus Europazuläßt, aber nur in sehr geringer Zahl. Ferner ist das
US-Einwanderungsgesetz sehr liberal bei der Zulassung von Verwandten der Personen, die bereits hier im
Land leben - und bei uns leben bereits zahlreiche
Einwanderer aus hispanischen oder asiatischen Ländern, die einreisewillige Verwandte haben und einfach
weitere Verwandte angeben. Ein Einwanderer aus
Osteuropa hat nicht so viele Verwandte."
Passei fügt hinzu, daß "fast alle Untersuchungen über
den Einfluß von Einwanderern zu dem Schluß kommen, daß Einwanderer sich positiv auf die Wirtschaft
auswirken... Sie neigen dazu, Arbeitsplätze zu schaffen und streben in größerem Umfang eine Erwerbstätigkeit an als die einheimische Bevölkerung. Bestimmte Segmente sind besonders geneigt, neue Betriebe
zu gründen."
Unter Hinweis darauf, daß es in Amerika "einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften gibt, erklärt er, daß
"das Gesetz von 1990 die Zahl der verfügbaren Stellen
für hochqualifizierte Einwanderer erhöht hat, von 58.000
auf 140.000, aber wir bekommen auch viele hochqualifizierte und fähige Einwanderer durch den Passus
des Einwanderungsgesetzes über Familienzusammenführung. Wenn Sie die Mitte der achtziger Jahre zurückblicken und die Zahl der zugelassenen Ingenieure und Krankenschwestern betrachten, so kamen
zwischen 60 und 70 Prozent von ihnen im Rahmen der
Familienzusammenführung."

Seite 2

Was die sozialen Auswirkungen der Einwanderung
betrifft: "Esgibt... einige Schwierigkeiten, zum Beispiel
für unsere Schulsysteme, weil sie mit Menschen so
unterschiedlicher Herkunft umgehen müssen."
"Ferner besteht die Gefahr der Zersplitterung des
politischen Gefüges in einer Reihe von sich verstärkenden Dimensionen, wenn die Kluft zwischen Gruppen von Hispaniern und Asiaten sowie Schwarzen und
Weißen durch andere Spaltungen der Gesellschaft
verstärkt werden - Klassenunterschiede, unterschiedliche Wohngebiete, berufliche Unterschiede."
Dennoch erklärt Passei: "Einwanderung verbindet die
Vereinigten Staaten mit dem Rest der Welt. Neue
Einwanderer unterhalten Verbindungen zu ihren Heimatländern, und von beiden Seiten gibt es einen Fluß
von Menschen, Informationen, Waren und Dienstleistungen. Im Gegensatz zu anderslautenden Behauptungen gibt es keine Beweise, daß Einwanderer den
Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen. Und was
die Verbrechensrate in unseren Städten betrifft, habe
ich nichts gefunden, was darauf hindeutet, daß Einwanderung hier die treibende Kraft ist."
"Ich glaube," so Passei, daß die Einwanderer in die
Vereinigten Staaten kommen, um Amerikaner zu werden.
Wenn sie die Entscheidung treffen, sich nicht anzupassen, trägt dies dazu bei, daß viele von ihnen
zurückgehen. Wir beobachten viele Ehen zwischen
unterschiedlichen Rassen und Menschen unterschiedlicher Herkunft, und Hispanier und Asiaten sind in den
Wohngebieten nicht stark voneinander getrennt. Diese Anzeichen sind ermutigend."

AMERIKA DIENST 18

�WAHLEN

'9 2
6. Mai 1992

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse der Vorwahlen
WASHINGTON -(AD) - Die nachfolgend veröffentlichte inoffizielle Übersicht zeigt die Anzahl der Delegierten,
über die jeder Kandidat zum gegenwärtigen Zeitpunkt (29. April 1992) des US-Wahlprozesses verfügt sowie
die Ergebnisse der Vorwahlen in Pennsylvania.
Demokraten (zur Nominierung erforderlich: 2.145)

Ergebnisse der Vorwahlen vom 28. April

Clinton

1.499,50

Nicht gebunden

569,25

Die nachfolgende Übersicht zeigt den Prozentsatz der
Stimmen, die jeder Kandidat bei den Vorwahlen am 28.
April erhalten hat.

Tsongas

535

Demokraten

Brown

321,25

Clinton

57

Brown

26

Republikaner (zur Nominierung erforderlich: 1.105)

Tsongas

13

Bush

Sonstige

4

Sonstige

40

1.092

Buchanan
Sonstige

56
3

Republikaner

Prozentsatz der Stimmen

Bush

77

Buchanan

23

* * * *

AMERIKA DIENST 18

Prozentsatz der Stimmen

*

Seite 1

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                <text>Amerikadienst 06.05.1992</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush begrüßt von Weizsäcker und Genscher im Weißen Haus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Begrüßungsansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Unruhen in Los Angeles&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush: die Gewalt in Los Angeles muss ein Ende haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernsehansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Unruhen nach dem Urteilsspruch in Kalifornien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltweite Klimaveränderungen - die Haltung der Vereinigten Staaten &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. US-Weltrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zur Rolle der USA nach dem Ende der UDSSR&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zwei neue Studien behandeln wichtige Anliegen der Zukunft&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. US-Weltrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zur Rolle der USA nach dem Ende der UDSSR&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zwei neue Studien behandeln wichtige Anliegen der Zukunft&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Minderheiten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Starker Zuwachs bei Minderheiten in USA prognostiziert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neuer Bericht über Einwanderungsbewegungen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Wahlen'92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zwischenbericht zu den Wahlen'92&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anzahl der Delegierten und Ergebnisse der Vorwahlen&lt;/em&gt;</text>
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dienst&#13;
&#13;
Herausgeber: U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
Z12462 C&#13;
&#13;
09&#13;
&#13;
NATO&#13;
&#13;
6. Mai 1998&#13;
&#13;
UM RUSSLAND BRAUCHEN WIR UNS KEINE&#13;
SORGEN ZU MACHEN!&#13;
von Madeleine Albright&#13;
&#13;
UMWELT&#13;
&#13;
TAG DER ERDE 1998: GLOBALE PROBLEME&#13;
UND GLOBALE LÖSUNGEN&#13;
Rede von Außenministerin Albright&#13;
&#13;
USA-DEUTSCHLAND&#13;
&#13;
DEUTSCHLAND UND AMERIKA:&#13;
EINE AGENDA FÜR DIE ZUKUNFT&#13;
Rede von Botschafter John C. Kornblum&#13;
&#13;
HANDEL&#13;
&#13;
DIE HERAUSFORDERUNGEN FÜR DAS&#13;
GLOBALE HANDELSSYSTEM&#13;
Rede der Handelsbeauftragten Barshefsky&#13;
&#13;
•&#13;
&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
&#13;
Tel.: 0228-3392956&#13;
Fax: 0228-333138&#13;
Internet: http://www.usembassy.de&#13;
&#13;
�NATO&#13;
6. Mai 1998&#13;
&#13;
Um Rußland brauchen wir uns keine Sorgen zu machen!&#13;
von Madeleine Albright&#13;
&#13;
(AD) - Der nachfolgende Artikel von US-Außenministerin Albright erschien erstmals am 29.04.1998 in der New&#13;
York Times. Copyright © 1998 The New York Times Company. Veröffentlichung und Übersetzung mit&#13;
freundlicher Genehmigung von The New York Times Company.&#13;
&#13;
Diese Woche wird der Senat gebeten, die Aufnahme&#13;
Polens, Ungarns und der Tschechischen Republik in&#13;
die NATO zu ratifizieren.&#13;
Diese Abstimmung findet an einem Wendepunkt in der&#13;
europäischen Geschichte statt. Zum ersten Mal haben&#13;
wir die Chance, die alten Konfliktmuster zu durchbrechen und in der Osthälfte Europas dasselbe Rezept&#13;
anzuwenden, das in der Westhälfte einen Krieg&#13;
undenkbar macht. Wir haben endlich die Chance, ein&#13;
ungeteiltes und freies Europa aufzubauen.&#13;
Das wird jedoch nicht geschehen, indem wir die NATO&#13;
zur letzten Institution in Europa machen, die den&#13;
Eisernen Vorhang als ihre Ostgrenze behält. Das wird&#13;
jedoch nicht geschehen, wenn Europas wichtigstes&#13;
Sicherheitsbündnis eine ganze Gruppe qualifizierter&#13;
Demokratien nur deshalb ausschließt, weil sie in der&#13;
Vergangenheit unterdrückt wurden. Das wird jedoch&#13;
nicht geschehen, wenn sich die NATO weigert, offen&#13;
für die freien Nationen zu sein, die willens und bereit&#13;
sind, die mit einer Mitgliedschaft einhergehenden&#13;
Pflichten zu übernehmen.&#13;
Dies ist die zentrale Frage in der Debatte über die&#13;
NATO-Erweiterung. Polen, Ungarn und die Tschechische Republik haben alle Anforderungen an eine&#13;
Mitgliedschaft erfüllt. Sie sind starke Demokratien mit&#13;
gesunden Volkswirtschaften. Sie haben uns bei der&#13;
Lösung praktisch jedes potentiellen ethnischen und&#13;
territorialen Konflikts in ihrer Region geholfen. Ihre&#13;
Soldaten haben im Krieg am Persischen Golf und in&#13;
Bosnien ihr Leben riskiert. Alle drei Länder haben&#13;
angeboten, Streitkräfte zu entsenden, falls sich im Irak&#13;
ein Militärschlag als nötig erweisen sollte.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
Während die Abstimmung im Senat näherrückt,&#13;
argumentieren die Kritiker jedoch, wir hätten das&#13;
Thema nicht lange genug erörtert. Die diplomatischste&#13;
Entgegnung, die mir hierauf einfällt, ist, daß das&#13;
Quatsch ist. Die NATO beschloß bereits vor vier&#13;
Jahren, ihre Erweiterung fortzusetzen. Seitdem haben&#13;
die anderen Mitglieder der Administration und ich eine&#13;
Vielzahl von Reden gehört, an Dutzenden von Konferenzen teilgenommen, mehr als eintausend Artikel&#13;
gelesen, mehrere Resolutionen des Kongresses&#13;
befolgt, die uns auffordern, die Erweiterung voranzutreiben, und bei Dutzenden von Anhörungen im&#13;
Senat gesprochen.&#13;
In derZeit, die wir für die Ausarbeitung und Erörterung&#13;
dieser Politik benötigten, hatten die Gründerväter der&#13;
NATO nicht nur das Bündnis geschaffen, sondern&#13;
auch bereits einmal erweitert. Wir wollen ehrlich sein.&#13;
Die Kritiker werden niemals verstummen. Es ist an der&#13;
Zeit zu entscheiden.&#13;
Das grundlegendste Argument der Kritiker lautet, die&#13;
Aufnahme auch nur eines einzigen neuen NATOMitglieds aus Zentraleuropa würde unsere Beziehungen zu Rußland beeinträchtigen.&#13;
Meine erste Reaktion ist, mich zu fragen, warum einige&#13;
die Zukunft Zentraleuropas nicht diskutieren können,&#13;
ohne sofort das Thema auf Rußland zu bringen.&#13;
Zentraleuropa umfaßt mehr als 20 Länder und 200&#13;
Millionen Menschen, es hat seine eigene Geschichte,&#13;
seine eigenen Probleme und leistet seinen eigenen&#13;
Beitrag zum Bündnis. Die meisten dieser Länder&#13;
grenzen noch nicht einmal an Rußland. Aber ihre&#13;
Sicherheit ist und war stets von entscheidender&#13;
Bedeutung für die Zukunft von Europa als Ganzes.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Kritiker, die sich auf den Widerstand Rußlands gegen&#13;
die Erweiterung konzentrieren, gehen zynischerweise&#13;
von der Annahme aus, daß Rußland seine nationalen&#13;
Interessen immer auf eine Weise definieren wird, die&#13;
unseren Interessen abträglich ist. Sie glauben, daß&#13;
Rußland stets durch den Wunsch seiner ehemaligen&#13;
Satelliten, ihren eigenen Weg zu gehen, bedroht und&#13;
gedemütigt und das Ende seines Imperiums niemals&#13;
überwinden wird. Sie denken, Rußlands Nachbarn&#13;
müßten ihren legitimen Wunsch auf unbestimmte Zeit&#13;
zurückstellen, damit die Vereinigten Staaten und&#13;
Rußland miteinander auskommen können.&#13;
Diese Annahmen werden Rußland nicht nur nicht&#13;
gerecht - sie sind auch gefährlich. Wenn wir möchten,&#13;
daß Rußland seine Umgestaltung zu einer modernen&#13;
europäischen Macht vollendet, sollten wir auf keinen&#13;
Fall so handeln, als sei Zentraleuropa immer noch eine&#13;
russische Einflußsphäre.&#13;
Was die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten&#13;
Staaten und Rußland anbetrifft, habe ich als Außenministerin einen ziemlich günstigen Ausgangspunkt zu&#13;
diesem Thema, und ich habe nicht die Spur eines&#13;
Beweises gefunden, um die Ängste der Kritiker zu&#13;
untermauern.&#13;
Die russischen Politiker mögen die NATO-Erweiterung&#13;
nicht, aber die Vereinigten Staaten und Rußland haben&#13;
sich beide für die Zusammenarbeit bei Themen&#13;
entschieden, bei denen wir übereinstimmen - und&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
davon gibt es viele. Wir haben Meinungsverschiedenheiten zum Irak und Iran - aber die haben ausschließlich mit der Art zu tun, in der Rußland traditionell seine&#13;
Interessen in diesem Teil der Welt verfolgt und nichts&#13;
mit einem so weit entfernten Thema wie der Mitgliedschaft Ungarns in der NATO.&#13;
Auch bei der Rüstungskontrolle haben wir weiter auf&#13;
Fortschritte gedrängt. Rußland liegt bei der Zerlegung&#13;
von Waffen gemäß START I dem Zeitplan um ein Jahr&#13;
voraus. Wir haben uns auf die Grundzüge eines&#13;
START HI-Vertrags geeinigt, der die Nukleararsenale&#13;
auf 80 Prozent ihres Höchststandes im Kalten Krieg&#13;
reduzieren würde. Mit der Bestätigung von Ministerpräsident Sergeij Kirijenko steht die Ratifizierung von&#13;
START II durch die Duma bevor.&#13;
Im Grunde geht es um folgendes: Wir können die&#13;
europäische Politik weiterhin als ein Nullsummenspiel&#13;
betrachten, in dem Rußland verlieren muß, wenn&#13;
Zentraleuropa gewinnt, und Zentraleuropa verlieren&#13;
muß, wenn Rußland gewinnt. Wir können für immer&#13;
mit den alten Demokratien Europas verbündet bleiben,&#13;
uns aber nie mit seinen neuen Demokratien verbünden. Oder wir können uns bewußt machen, daß der&#13;
Kalte Krieg vorbei ist und Europa sich grundlegend&#13;
verändert hat.&#13;
"Ja" zu einer erweiterten NATO zu sagen, wäre ein&#13;
gutes Zeichen, daß wir das verstehen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�UMWELT&#13;
6. Mai 1998&#13;
&#13;
Tag der Erde 1998: Globale Probleme&#13;
und globale Lösungen&#13;
Rede von Außenministerin Albright&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die von Außenministerin Madeleine&#13;
Albright aus Anlaß des Tags der Erde am 21. April 1998 im National Museum of History in Washington gehaltene&#13;
Rede.&#13;
&#13;
Der Tag der Erde wurde zum ersten Mal 1970 - in&#13;
einer nicht sehr friedlichen Zeit - gefeiert. Der Vietnamkrieg war auf dem Höhepunkt. Die Spannungen&#13;
im Nahen Osten waren hoch. Die ganze Welt war&#13;
geteilt zwischen Rot, Weiß und Blau auf der einen und&#13;
ausschließlich Rot auf der anderen Seite. Und selbst&#13;
hier zu Hause gab es tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten über die Wirtschaft und die Notlage&#13;
unserer Städte.&#13;
Aber dennoch traten Sorgen über die Umwelt in den&#13;
Vordergrund. Wie auch nicht? Die Amerikaner&#13;
konnten den Unterschied sehen, riechen und fühlen,&#13;
den die Umweltverschmutzung in ihrem Leben bewirkte. Überall war Smog. In Flüssen und Seen&#13;
konnte man nicht schwimmen. Und in Santa Barbara&#13;
hatte es eine Ölpest gegeben.&#13;
Die nächsten Jahre waren eine bemerkenswerte&#13;
Periode. Ich weiß das, weil ich für Senator Ed Muskie&#13;
aus Maine arbeitete, der mich lehrte, grün zu denken.&#13;
Senator Muskie und seine Kollegen in einem demokratischen Kongreß taten sich mit einem republikanischen&#13;
Präsidenten zusammen. Gemeinsam verabschiedeten&#13;
sie Gesetze, die sehr viel zur Säuberung unserer&#13;
Gewässer, Verbesserung der Luftqualität, Schutz&#13;
gefährdeter Arten und Sicherung des Transports von&#13;
Öl und anderen Gefahrgütern beitrugen.&#13;
Einige waren gegen diese Schritte und sagten, sie&#13;
seien nicht nötig und würden den Wohlstand gefährden. Einige stellten die Wissenschaft mit dem Argument in Frage, Fische würden in verschmutzten&#13;
Gewässern gut wachsen - was sie tun, ihnen wächst&#13;
ein zweiter Kopf. Und einige argumentierten, sie&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
hätten Wettbewerbsnachteile, wenn wir darauf bestehen würden, daß wir Luft haben, die wir atmen können,&#13;
während andere Nationen das nicht haben.&#13;
Heute können wir dankbar sein, daß die Entscheidungsträger der siebziger Jahre nicht - wenn ich einen&#13;
Satz aus dieser Zeit zitieren darf - den meckernden&#13;
Nabobs des Negativismus zugehört haben. Statt&#13;
dessen unternahmen sie Schritte, die unser Land&#13;
gesünder, sauberer und wettbewerbsfähiger machen&#13;
würden. Wir schulden ihnen großen Dank. Und heute&#13;
sollten wir uns verpflichten, ihrem Beispiel zu folgen.&#13;
Die Bedrohungen, denen wir uns durch die Belastung&#13;
der Umwelt ausgesetzt sehen, sind nicht so spektakulär wie die durch eine Bombe oder Rakete von Terroristen.&#13;
Aber wir wissen, daß die Gesundheit unserer Familien&#13;
von der Gesundheit der globalen Umwelt beeinflußt&#13;
wird.&#13;
Der Wohlstand unserer Familien wird davon beeinflußt,&#13;
ob andere Nationen sich in nachhaltiger Weise&#13;
entwickeln.&#13;
Die Sicherheit unserer Familien wird davon beeinflußt,&#13;
ob wir die Verwendung von toxischen Chemikalien&#13;
zurückschrauben.&#13;
Und die Sicherheit unserer Nation wird davon beeinflußt, ob wir in der Lage sind, das Entstehen von&#13;
Konflikten wegen knapper Ressourcen zu verhindern.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Es gibt viel, was wir mittels Diplomatie zur Erreichungdieser Ziele tun können. Um nur drei Beispiele zu&#13;
nennen: Zur Zeit fördern wir die effiziente Nutzung des&#13;
Nilbeckens, unterstützen bessere Forstpraktiken in&#13;
Südostasien und arbeiten auf ein weltweites Verbot der&#13;
Freisetzung von umweltverschmutzenden Substanzen&#13;
wie DDT und PCB hin. *&#13;
&#13;
essen schützt und gleichzeitig diejenigen, die die&#13;
Artenvielfalt schützen, davon profitieren läßt. Das&#13;
ergibt wirtschaftlich, umweltpolitisch, wissenschaftlich&#13;
und medizinisch Sinn. Daher hoffe ich, daß der Senat&#13;
gesunden Menschenverstand walten läßt und die&#13;
Konvention zum Schutz der Artenvielfalt so bald wie&#13;
möglich genehmigt.&#13;
&#13;
Aber wenn wir so schnell Fortschritte machen wie wir&#13;
gerne würden, benötigen wir auch die Unterstützung&#13;
unserer Freunde im Kongreß.&#13;
&#13;
Bei unserer Konzentration auf die globale Umwelt&#13;
spielt die Weltbevölkerung eine wichtige Rolle. Bei&#13;
den derzeitigen Zuwachsraten nimmt sie jedes Jahr&#13;
um die Bevölkerung von Mexiko zu. Und mehr als 90&#13;
Prozent dieses Zuwachses entfällt auf die Entwicklungsländer.&#13;
&#13;
Beispielsweise brauchen wir die Zustimmung zum&#13;
Antrag des Präsidenten auf Mittel für das Amt für&#13;
internationale Entwicklung, damit wir anderen Ländern&#13;
helfen können, so zu wachsen, daß ein Gleichgewicht&#13;
zwischen wirtschaftlichem Fortschritt, sozialer Entwicklung und Umweltbelangen hergestellt wird.&#13;
Wir müssen die globale Umweltfazilität (GUF) unterstützen, die die in Rio geschmiedete Partnerschaft für&#13;
nachhaltige Entwicklung verkörpert. Dieser Partnerschaft wird nicht durch die Tatsache geholfen, daß wir&#13;
in jedem der vergangenen drei Jahre hinter unserem&#13;
versprochenen Anteil für die GUF zurückgeblieben&#13;
sind. Wir müssen es besser machen. Wir müssen&#13;
unsere Verpflichtungen in diesem und jedem Jahr voll&#13;
und ganz erfüllen.&#13;
Wie der Präsident während seiner jüngsten Reise&#13;
nach Afrika unterstrichen hat, bitten wir den Senat um&#13;
die Zustimmung zur Konvention zur Bekämpfung der&#13;
Desertifikation.&#13;
Wir bitten den Senat auch um die Verabschiedung der&#13;
Konvention zum Schutz der Artenvielfalt. Denn wir&#13;
können unsere Zukunft nicht sichern, wenn wir die&#13;
biologische Grundlage gefährden, die den Bedürfnissen jeder menschlichen Gesellschaft dient unabhängig davon, wie arm oder reich sie ist.&#13;
Viele Verbesserungen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln können beispielsweise auf Pflanzenkreuzungen zurückgeführt werden.&#13;
Und die Natur hat den Schlüssel zu vielen anderen&#13;
Geheimnissen, die wir gerne kennen würden. Denn im&#13;
rosafarbenen Immergrün haben Forscher ein Medikament zur Behandlung von Leukämie bei Kindern&#13;
gefunden, in der pazifischen Eibe und der australischen Koralle Medikamente zur Behandlung von&#13;
Ovarial- und Brustkrebs, im Pfeilgiftfrosch ein&#13;
Schmerzmittel ohne die Nebenwirkungen von Morphium, und noch ein weiteres Krebsmittel wurde im&#13;
Labor durch die Ausscheidungen von Quallen und&#13;
Glühwürmchen produziert.&#13;
Die Administration vertritt die Auffassung, daß wir die&#13;
Konvention zum Schutz der Artenvielfalt in einer Weise&#13;
umsetzen können, die unsere kommerziellen Inter-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Wie ich bei meinen Besuchen in Südasien, Afrika,&#13;
Lateinamerika und Haiti gesehen habe, erschweren es&#13;
wachsende Bevölkerungen den Gesellschaften, die&#13;
Lage zu meistern. Selbst wenn die Volkswirtschaften&#13;
wachsen, steigt der Lebensstandard nicht. Selbst&#13;
wenn geplant wird, werden Land- und Wasserressourcen erschöpft. Selbst wenn die Gesamtproduktion von&#13;
Nahrungsmitteln steigt, hungern mehr Menschen.&#13;
Die Clinton-Administration befürwortet einen umfassenden Ansatz, der die Umwelt, Entwicklung sowie die&#13;
Rechte und Bedürfnisse von Frauen berücksichtigt.&#13;
Diese Vereinbarungen wurden per Konsens bei der&#13;
Kairoer Konferenz von 1994 getroffen. Sie finden in&#13;
unseren Programmen zur Bekämpfung der Kindersterblichkeit und von Krankheiten sowie unserer&#13;
Unterstützung für internationale Familienplanung ihren&#13;
Niederschlag.&#13;
Es ist bekannt, daß einige unsere Unterstützung für&#13;
Familienplanung lahmlegen wollen.&#13;
Bei diesem&#13;
Thema gibt es auf allen Seiten starke Emotionen. Ich&#13;
weiß es, weil ich selbst emotional stark engagiert bin.&#13;
Und meiner Ansicht nach benötigt und verdient&#13;
internationale Familienplanung unsere Unterstützung.&#13;
Die von uns geförderten Programme sind freiwillig, sie&#13;
verbessern die Gesundheit der Menschen, sie retten&#13;
das Leben der Menschen, sie verringern die Zahl der&#13;
Abtreibungen beträchtlich und sie tragen zu einer&#13;
lebenswerteren Welt bei.&#13;
Schließlich - und das möchte ich heute besonders&#13;
betonen - müssen wir mit anderen auf der Welt&#13;
zusammen nicht erst in Jahren, sondern heute, nicht&#13;
zögerlich, sondern entschlossen handeln, um den&#13;
globalen Klimawandel zu bekämpfen.&#13;
Dieses Problem betrifft uns alle.&#13;
Wie Dr. Baker klargemacht hat und führende Wissenschaftler bestätigen, erwärmen Treibhausgase unseren Planeten. Das bedeutet, um die offizielle diplomatische Sprache zu gebrauchen, wir sollten uns alle&#13;
"bereit machen zu schwitzen".&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�Ein sich erwärmender Planet ist ein sich verändernder&#13;
Planet - und er verändert sich nicht zum Besseren.&#13;
Wenn wir nicht handeln, werden die Meeresspiegel im&#13;
nächsten Jahrhundert weiter steigen, einige Gebiete&#13;
überschwemmen und Millionen von Menschen einem&#13;
größeren Risiko von Küstenstürmen aussetzen.&#13;
Wir können beträchtliche und möglicherweise plötzliche Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktion und der Ökosysteme der Wälder erwarten, die zu&#13;
einer kleineren Migration von wildlebenden Tieren und&#13;
einer größeren Migration von Menschen führen.&#13;
Wir werden auch mehr durch die Hitze verursachte&#13;
Todesfälle, gravierendere Probleme mit der Luftqualität, zunehmende Allergien und ein gehäufteres&#13;
Auftreten von Malaria, Cholera und anderen Infektionskrankheiten erleben.&#13;
&#13;
vergangenen Woche - in Tennessee, Arkansas und&#13;
Kentucky erlebt.&#13;
Außergewöhnlich schlechtes Wetter hat sehr viel mehr&#13;
Implikationen als nur die Notwendigkeit neuer Schirme&#13;
und Stiefel. Die menschlichen und finanziellen Kosten&#13;
sind enorm. Stürme töten Menschen. Sie zerstören&#13;
Häuser und töten den Tierbestand, stören die Nahrungsmittelherstellung und erfordern riesige Summen&#13;
an humanitären Hilfsgütern.&#13;
Es trifft zu, daß wir nicht auf El Nino oder einen&#13;
einzelnen Sturm oder eine einzelne Dürre verweisen&#13;
können um zu sagen, die Erderwärmung sei schuld&#13;
daran. Aber wir können auf ein Muster verweisen und&#13;
sagen, es steht im Einklang mit den Trends, die die&#13;
globale Erwärmung nach Ansicht der Wissenschaftler&#13;
bewirken würde.&#13;
&#13;
Im Gegensatz zu Dr. Baker, aber wahrscheinlich wie&#13;
die meisten von Ihnen bin ich kein Wissenschaftler.&#13;
Ich bin allerdings auch etwas skeptisch. Wir alle&#13;
kennen Zeiten in der Vergangenheit, in denen die&#13;
Niedergangspropheten&#13;
eines&#13;
Besseren&#13;
belehrt&#13;
wurden, als die Vorhersagen, daß wir bald keine&#13;
Nahrungsmittel, kein Wasser und keine Luft mehr&#13;
haben würden, sich als falsch erwiesen.&#13;
&#13;
Und wir können uns fragen, ist immer mehr davon das,&#13;
was wir unseren Kindern wünschen?&#13;
&#13;
Ich bin also keine Panikmacherin. Aber ich stelle fest,&#13;
daß der wissenschaftliche Hintergrund, der die&#13;
aktuellen Projektionen stützt, das zwischenstaatliche&#13;
Gremium für den Klimawandel ist, das die Arbeit von&#13;
mehr als 2000 Wissenschaftlern aus über 50 Ländern&#13;
vertritt. Wenn Sie seinen Bericht lesen, merken Sie,&#13;
daß er sorgfältig formuliert ist, auf Fakten basiert und&#13;
sowohl die Unwägbarkeiten als auch die Risiken&#13;
berücksichtigt.&#13;
&#13;
Oder wir können anfangen, jetzt zu handeln, um&#13;
unseren Planeten zu schützen - die Heimat unserer&#13;
Kinder.&#13;
&#13;
Aber davon abgesehen, bin ich jetzt seit 60 Jahren auf&#13;
der Erde. Und ich habe nie ein Wetter wie das erlebt,&#13;
was ich in den vergangenen Jahren gesehen, worüber&#13;
ich gelesen und gehört habe.&#13;
&#13;
Wir haben im Dezember vergangenen Jahres in Kyoto&#13;
einen entscheidenden Schritt zu diesem Ziel unternommen. Dort haben sich die Industrienationen zum&#13;
ersten Mal auf zwingend vorgeschriebene Obergrenzen geeinigt. Diese variieren von Land zu Land,&#13;
wobei die Vereinigten Staaten sich in den nächsten 10&#13;
bis 14 Jahren zu einem Stand verpflichtet haben, der&#13;
sieben Prozent unter dem von 1990 liegt.&#13;
&#13;
Als Außenministerin kann ich die Male nicht zählen, die&#13;
ich andere Staats- und Regierungschefs aufgefordert&#13;
habe, Hilfe als Reaktion auf wetterbezogene Katastrophen zu leisten. In Afrika, Asien und sogar jenseits&#13;
unserer südlichen Grenze in Mexiko hatte El Nino&#13;
verheerende Auswirkungen für die Küstenbevölkerung.&#13;
Weltweit zählten neun der letzten elf Jahre zu den&#13;
wärmsten des Jahrhunderts.&#13;
Und hier in den Vereinigten Staaten haben heftige&#13;
Regenfälle um 20 Prozent zugenommen.&#13;
In den&#13;
vergangenen Jahren haben wir Überschwemmungen&#13;
in Kalifornien, dem pazifischen Nordwesten und&#13;
entlang des Mississippi, Dürren im Korngürtel Amerikas und Tornados in Florida, Alabama und - erst in der&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
Unsere Wahl ist klar. Wir können weiterhin jedes Jahr&#13;
mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpen,&#13;
größeren und tiefgreifenderen Klimaveränderungen&#13;
Tür und Tor öffnen und einfach künftigen Generationen&#13;
die Konsequenzen überlassen.&#13;
&#13;
Die Administration hat sich für den letzteren Kurs&#13;
entschieden.&#13;
Wir befürworten ein umfassendes&#13;
Abkommen über den Klimawandel, in dem die Nationen bindenden Obergrenzen für künftige Treibhausgasemissionen zustimmen.&#13;
&#13;
Das ist angemessen, denn wenn wir die Erderwärmung verlangsamen wollen, müssen die Vereinigten&#13;
Staaten dazu beitragen, den Weg aufzuzeigen.&#13;
Unsere Bevölkerung macht weniger als ein Zwanzigstel der Weltbevölkerung aus, aber wir erzeugen ein&#13;
Fünftel der Treibhausgasemissionen. Das spiegelt die&#13;
Größe unserer Volkswirtschaft wider. Aber es bringt&#13;
auch Verantwortung mit sich. Aus diesem Grund hat&#13;
der Präsident in den vergangenen neun Monaten drei&#13;
wichtige Initiativen eingeleitet, um die Entwicklung und&#13;
den Einsatz sauberer Technologien zu ermutigen.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Mit unseren Anstrengungen können wir viel erreichen.&#13;
Sie können anderen ein Beispiel geben. Sie können&#13;
unser Wissen vertiefen und die Kosten innovativer&#13;
Technologien und Techniken verringern. Sie können&#13;
mehr und bessere Arbeitsplätze in dem riesigen und&#13;
äußerst wettbewerbsfähigen Umweltfertigungs- und&#13;
Dienstleistungssektor der Vereinigten Staaten schaffen. Und sie können zur Eindämmung der Treibhausgasemissionen beitragen. Aber unsere Bemühungen allein können das Problem nicht lösen.&#13;
Man geht davon aus, daß in zwei Jahrzehnten nicht&#13;
Amerika, sondern China die größte Emissionsquelle&#13;
sein wird. Und daß die Entwicklungsländer weitere 10&#13;
Jahre später die Quelle der meisten dieser Emissionen&#13;
sein werden. Die Industrienationen haben das Problem der Erderwärmung geschaffen und müssen die&#13;
Führungsrolle bei seiner Bewältigung übernehmen.&#13;
Aber es ist klar, daß wir keine Lösung finden, solange&#13;
die Entwicklungsländer nicht daran beteiligt sind.&#13;
Aus diesem Grund hat Präsident Clinton erklärt, daß er&#13;
das Protokoll von Kyoto erst dann dem Senat vorlegen&#13;
wird, wenn die Entwicklungsländer in nennenswertem&#13;
Maße beteiligt sind. Um das zu erleichtern, gründen&#13;
wir Partnerschaften mit vielen dieser Länder, so daß&#13;
sie von den neuesten sauberen Technologien profitieren können. Das wird ihnen Wachstum auf eine Art&#13;
und Weise ermöglichen, die nicht die Umwelt schädigt.&#13;
In diesem Zusammenhang freue ich mich sagen zu&#13;
können, daß heute Vertreter der amerikanischen&#13;
Versorgungsbetriebe hier sind, die über das Amt für&#13;
internationale Entwicklung und das Partnerschaftsprogramm der Vereinigung amerikanischer Energiebetriebe saubere Energieträger in den Entwicklungsländern fördern.&#13;
Natürlich verlangt nennenswerte Beteiligung von einer&#13;
armen, nicht industrialisierten Nation etwas ganz&#13;
anders als von einem dicht besiedelten Schwellenland.&#13;
Senator Robert Byrd formulierte es folgendermaßen:&#13;
"Bindende Verpflichtungen der Entwicklungsländer&#13;
sollten mit der Fähigkeit jedes Landes Schritt halten, ...&#13;
seinen nationalen Gegebenheiten und seinem Wirtschaftswachstum entsprechende Obergrenzen zu&#13;
erreichen."&#13;
Wir müssen natürlich immer das Gesamtbild betrachten. Unser Ziel besteht in der Aufnahme eines Dialogs, der die Bedürfnisse jeder Nation in Betracht zieht&#13;
und jede Nation davon überzeugt, daß der Kampf&#13;
gegen die Erderwärmung jeden angeht und im Interesse jeder Nation liegt.&#13;
Obwohl wir noch einen weiten Weg vor uns haben,&#13;
besteht Anlaß zu Optimismus.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Einige weniger entwickelte Nationen, insbesondere&#13;
Inselstaaten, sind einem Anstieg des Meeresspiegels&#13;
oder extremen Wetterbedingungen besonders stark&#13;
ausgesetzt. Sie gehören auch zu den führenden&#13;
Anhängern von Bestrebungen zur Bekämpfung des&#13;
Klimawandels.&#13;
Zweitens haben viele Entwicklungsländer eine Wählerschaft, die die Gefahren der Erderwärmung versteht&#13;
und möchte, daß die Welt, einschließlich ihrer eigenen&#13;
Regierung, darauf reagiert.&#13;
Drittens sind Aktionen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen oft keine Belastung, sondern eine&#13;
Chance. Viele Entwicklungsländer haben bereits&#13;
Maßnahmen ergriffen, beispielsweise China, um auch&#13;
auf andere Energiequellen zurückzugreifen, oder&#13;
Mexiko, um Normen für die Energieeffizienz aufzustellen, oder Brasilien, um Äthanol stärker zu nutzen.&#13;
Solche Schritte senken die Energiekosten, bewirken&#13;
den sparsameren Umgang mit natürlichen Ressourcen, verringern die Kosten im Gesundheitswesen und&#13;
erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit.&#13;
Auf diesen Punkt wies Präsident Clinton am vergangenen Wochenende beim gesamtamerikanischen Gipfel&#13;
in Chile mehrfach hin. Er wiederholte es mehrmals:&#13;
Wir in den Vereinigten Staaten wurden gewarnt,&#13;
Umweltschutzmaßnahmen wie beispielsweise Emissionsstandards würden unserer Wirtschaft schaden.&#13;
Wir haben trotzdem immer wieder Umweltschutzmaßnahmen ergriffen und entdeckt, daß unser Wirtschaftswachstum und unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht absondern zunahmen.&#13;
Teilweise dank der Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft Präsident Clintons wird diese Botschaft von&#13;
immer mehr Ländern akzeptiert.&#13;
Schließlich einigten sich die Parteien in Kyoto auf den&#13;
sogenannten Mechanismus für saubere Entwicklung.&#13;
Er sieht finanzielle Anreize für Unternehmen aus&#13;
Entwicklungsländern vor, damit diese in der Dritten&#13;
Welt in umweltfreundliche Kraftwerke investieren. Im&#13;
Rahmen dieser Vereinbarung beteiligen sich alle an&#13;
bescheinigten Emissionssenkungen, wovon sowohl die&#13;
Investoren als auch das Gastland profitieren.&#13;
In meinen Gesprächen mit meinen Amtskollegen aus&#13;
den Entwicklungsländern führe ich folgendes Argument an:&#13;
Wenn sich Ihr Land an den Bestrebungen zur Bekämpfung des Klimawandels beteiligt, wird Ihre Volkswirtschaft weiter wachsen, aber mehr Zugang zu neuen&#13;
Technologien erhalten, die Sie wettbewerbsfähiger&#13;
machen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�Ihre Exporte sind gerne gesehen, weil die Welt weiß,&#13;
daß Ihre Produkte ohne Verletzung von Umweltnormen hergestellt wurden.&#13;
Ihre Bürger genießen mehr Lebensqualität, weil Sie&#13;
den Weg zu mehr Wohlstand gefunden haben, ohne&#13;
dafür auf saubere Luft, sauberes Trinkwasser und&#13;
bewohnbare Städte zu verzichten.&#13;
Ihre Nation verdient sich Respekt durch ihre Bereitschaft, bei einer äußerst wichtigen Angelegenheit die&#13;
Führungsrolle zu übernehmen.&#13;
Und Ihr Volk, Ihre Kinder und Enkel werden von dem&#13;
Abkommen über den globalen Klimawandel profitieren,&#13;
das von den Industriestaaten, einschließlich der&#13;
Vereinigten Staaten, wahrscheinlich eher umgesetzt&#13;
wird, wenn Sie sich beteiligen.&#13;
Heute gebe ich bekannt, daß wir umfassende diplomatische Bestrebungen unternehmen werden, um eine&#13;
nennenswerte Beteiligung der Entwicklungsländer an&#13;
der Bekämpfung des Klimawandels zu ermutigen.&#13;
Wir drängen in bilateralen Gesprächen weltweit auf&#13;
entschiedene Maßnahmen in dieser Angelegenheit.&#13;
Wie ich bereits sagte, stand sie auf der Tagesordnung&#13;
des gesamtamerikanischen Gipfels. Ich werde sie bei&#13;
meinen Gesprächen in Peking und Seoul während&#13;
meiner Ostasienreise nächste Woche ansprechen.&#13;
Wir werden sie kommenden Monat beim G-8-Treffen in&#13;
Großbritannien, bei den ASEAN-Treffen im Juli in&#13;
Manila sowie diesen Herbst in der UN-Generalversammlung zur Sprache bringen.&#13;
Um diese Bestrebungen so wirksam wie möglich zu&#13;
gestalten, werde ich einen Sonderbeauftragten des&#13;
US-Außenministeriums für den globalen Klimawandel&#13;
ernennen, damit unsere diesbezüglichen diplomatischen Bestrebungen kreativ, konstant, konsequent&#13;
und koordiniert sind. Der Sonderbeauftragte wird eng&#13;
mit dem Weißen Haus und anderen Behörden sowie&#13;
im Außenministerium mit dem Hauptunterhändler,&#13;
Staatssekretär Stuart Eizenstat, und der amtierenden&#13;
Stellvertretenden Abteilungsleiterin Melinda Kimble&#13;
zusammenarbeiten.&#13;
Diese Entscheidung zeigt, welche Bedeutung wir&#13;
diesem Thema beimessen. Und dasselbe gilt für die&#13;
Tatsache, daß wir ein globales Abkommen über den&#13;
Klimawandel wünschen, das wirklich global ist und&#13;
wirklich die Gesundheit der Umwelt schützt, von der&#13;
jede Nation abhängig ist.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
Man sagt, neun Zehntel Klugheit würden bedeuten,&#13;
rechtzeitig klug zu sein.&#13;
Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert, in dem es weitaus mehr Menschen geben&#13;
wird, die noch enger zusammenleben, mehr konsumieren, mehr erwarten und mehr fordern. Wir werden&#13;
unausweichlich an dem Wettrennen zwischen dem&#13;
bloßen Verbrauch der Früchte menschlicher Aktivität&#13;
teilnehmen und der Fähigkeit zur Anpassung, die eine&#13;
Gabe des Menschen ist.&#13;
Die Politiker müssen bereit sein, harte Entscheidungen&#13;
zutreffen. Wir können nicht einfach davon ausgehen,&#13;
daß Wissenschaft und Technologie uns die Antworten&#13;
liefern.&#13;
Wir müssen auf überparteilicher Ebene&#13;
zusammenarbeiten, um Regeln aufzustellen und&#13;
Gewohnheiten zu pflegen, die die Grenzen unserer&#13;
natürlichen Umwelt respektieren.&#13;
Ob es um die globale Erderwärmung, den Erhalt der&#13;
Fischbestände oder der Wälder geht - die grundlegende Frage bleibt dieselbe. Und diese Frage ist Respekt.&#13;
Respekt vor uns selbst, dann das ist die Voraussetzung dafür, die Verantwortung für die Konsequenzen&#13;
unseres Handelns zu übernehmen.&#13;
Respekt vor den Menschen in anderen Ländern, denn&#13;
von ihrem Wohlergehen hängt auch unser Wohlergehen ab.&#13;
Respekt vor zukünftigen Generationen, denn wir&#13;
haben die Pflicht, unsere Kinder nicht nur zu erziehen&#13;
und auf die Welt vorzubereiten, sondern auch, unseren&#13;
Kindern diese Welt zu erhalten.&#13;
Und Respekt vor der Natur, weil wir - alle Kreaturen sowohl die Macht haben, die lebenserhaltenden&#13;
Fähigkeiten unseres Planeten zu zerstören als auch&#13;
die, alle Wunder der Erde zu würdigen und zu genießen.&#13;
Es heißt, die Sanftmütigen werden die Erde besitzen.&#13;
Aber es wird Mut und Taten erfordern, um sie zu&#13;
retten. Am Tag der Erde 1998 wollen wir versprechen,&#13;
unsere gemeinsame Umwelt mit Respekt zu behandeln und entschlossen zu handeln, um sie für alle&#13;
zukünftigen Generationen zu erhalten.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�USA-DEUTSCHLAND&#13;
6. Mai 1998&#13;
&#13;
Deutschland und Amerika: Eine Agenda für die Zukunft&#13;
Rede von Botschafter John C. Kornblum&#13;
&#13;
HANNOVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika&#13;
in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 22. April 1998 bei der Atlantik-Brücke in Hannover&#13;
gehaltene Karl-Heinz-Beckurts-Gedächtnisrede.&#13;
&#13;
Es ist eine Freude und ein Privileg, heute Abend zu&#13;
Ihnen sprechen zu dürfen. Wie zu allen Zeiten&#13;
tiefgreifenden Wandels finden viele Diskussionen über&#13;
Strömungen, Werte und Methoden statt. Welche&#13;
unserer Traditionen sollten erhalten bleiben, was sollte&#13;
neu sein? Diese Zusammenkunft, die Atlantik-Brücke&#13;
und die Persönlichkeit, der diese Vorträge gewidmet&#13;
sind, helfen uns, Antworten auf diese Fragen zu finden.&#13;
Die Atlantik-Brücke kennt sich mit Tradition und&#13;
Wandel gleichermaßen aus. Sie, meine Damen und&#13;
Herren, verkörpern den Geist, der Deutsche und&#13;
Amerikaner in der Nachkriegszeit so eng zusammenbrachte. Sie waren auch führend bei der Anpassung&#13;
an den Wandel und der Suche nach neuen Wegen, auf&#13;
unseren Leistungen aufzubauen. Ich brauche nur Ihre&#13;
Arbeit in den neuen Bundesländern und die Tradition&#13;
der Konferenzen für junge Führungspersönlichkeiten&#13;
zu nennen um zu demonstrieren, wie zukunftsorientiert&#13;
Sie sind.&#13;
Ich kannte Heinz Beckurts nicht persönlich, aber ich&#13;
weiß um den von ihm geleisteten Beitrag. Er stand an&#13;
vorderster Front bei der Anpassung seines Unternehmens und Deutschlands an das neue Zeitalter, das&#13;
sich zum Zeitpunkt seines Todes bereits abzeichnete.&#13;
Er leistete zahlreiche Beiträge zur Atlantik-Brücke und&#13;
den deutsch-amerikanischen Beziehungen.&#13;
Er&#13;
verstand instinktiv die organische Verbindung zwischen der Brücke über den Atlantik und der Zukunft&#13;
von Frieden und Wohlstand in Europa. Sein Tod war&#13;
Bestandteil des Kampfes für die Freiheit, der die ganze&#13;
westliche Welt umfaßte. Die Ereignisse seit 1986&#13;
haben auf dramatische Weise gezeigt, daß er nicht&#13;
umsonst gestorben ist. Es ist eine Ehre, daß man mich&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
gebeten hat, seine Arbeit heute Abend mit Ihnen&#13;
fortzusetzen.&#13;
Wenn ein Redner Worte wie "Agenda" anführt, haben&#13;
die Zuhörer das Recht, skeptisch zu sein. Insbesondere wenn der Redner ein Botschafter ist. Ist dies eine&#13;
weitere Liste beliebter politischer Initiativen, die seine&#13;
Regierung verkaufen möchte? Ich möchte mich nicht&#13;
in diese Gefahr begeben. Die Agenda, die ich heute&#13;
vorstellen werde, ist die gemeinsamer Visionen und&#13;
Aufgaben. Vielleicht können wir neue Wege sondieren, miteinander zu reden und umzugehen. Sie&#13;
werden zweifelsohne einige der beliebtesten amerikanischen Ideen hören. Ich hoffe jedoch, daß sie&#13;
Auswirkungen auf unsere gemeinsamen Aufgaben&#13;
haben, anstatt als Ermahnung und Vorschrift zu&#13;
dienen.&#13;
Wo stehen wir in der Geschichte?&#13;
Wo genau befinden wir uns in diesem Universum am&#13;
Ende des 20. Jahrhunderts? Diese Frage ist nicht so&#13;
einfach zu beantworten, wie es auf den ersten Blick&#13;
scheinen mag. Vor knapp zehn Jahren erlebten wir&#13;
einen historischen Wandel erster Güte. Er findet&#13;
immer noch statt. Wir treten in ein neues historisches&#13;
Zeitalter ein, aber die Zukunft ist noch nicht klar zu&#13;
erkennen. Verschiedene Langzeittrends haben uns&#13;
keinen Dienst damit erwiesen, daß sie sich überlappen&#13;
und gleichzeitig verändern. Es ereignen sich so viele&#13;
Dinge, daß es schwierig ist, genau zu verstehen, was&#13;
geschieht. Für ein spezifisches Ereignis kann eine&#13;
beliebige Zahl von Gründen angeführt werden.&#13;
Für Deutschland und Amerika ist die Frage der&#13;
Geschichte besonders wichtig. Während des Groß-&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�teils der letzten beiden Jahrhunderte definierten&#13;
Deutschland und Amerika den anderen und sich selbst&#13;
über dramatische Ereignisse. Unsere Kontakte, unser&#13;
Bild des anderen und sogar das Gefüge unserer&#13;
beiden Gesellschaften wurden stark von den geschichtlichen Ereignissen beeinflußt. In diesem Jahr&#13;
feiern wir den 150. Jahrestag der Revolutionen von&#13;
1848. Die Vereinigten Staaten erkannten als einziges&#13;
Land das Frankfurter Parlament offiziell als souverän&#13;
an. Unser Land wurde in unvorstellbarem Ausmaß&#13;
durch die politischen Emigranten bereichert, die sich&#13;
durch die darauf folgende Repression gezwungen&#13;
sahen, Deutschland zu verlassen.&#13;
Die Einwanderungswellen nach 1848 drückten der&#13;
amerikanischen Kultur einen deutschen Stempel auf,&#13;
der noch heute sichtbar ist. Deutschlands verzweifelte&#13;
Konfrontation mit der nationalen Identität und Modernisierung führte das Land auch in die Tragödien dieses&#13;
Jahrhunderts. Amerikas Entscheidung zu weltweitem&#13;
Engagement ist vor allem auf die zweimalige Bedrohung der Demokratie durch Deutschland während&#13;
der letzten 90 Jahre zurückzuführen. Nach 1933&#13;
wurden wir erneut durch Flüchtlinge aus Deutschland&#13;
und anderen Ländern bereichert, die durch den&#13;
Totalitarismus in Deutschland aus ihrer Heimat&#13;
vertrieben worden waren.&#13;
Der Wiederaufbau nach diesen beiden Kriegen führte&#13;
uns zusammen. Das amerikanische Engagement in&#13;
Europa manifestierte sich während der Berlin-Blockade&#13;
durch die Luftbrücke, die vor genau 50 Jahren begann.&#13;
Die Teilung Deutschlands wurde zum Symbol für die&#13;
Teilung Europas. Der Bau der Berliner Mauer 1961&#13;
war der Kulminationspunkt der Ära der Konfrontation&#13;
zwischen Ost und West. Und 1989, als die Mauer&#13;
endlich fiel, wurde die Teilung Europas für beendet&#13;
erklärt.&#13;
Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß das Verhalten&#13;
Deutschlands und die Situation in Deutschland und&#13;
seinen Nachbarländern während des Großteils des&#13;
vergangenen Jahrhunderts das Barometer für den&#13;
Frieden auf der Welt und das weltweite amerikanische&#13;
Engagement waren. Und zwar so sehr, daß viele auf&#13;
beiden Seiten des Atlantiks nach dem Kalten Krieg die&#13;
Notwendigkeit des amerikanischen Engagements in&#13;
Europa und sogar die transatlantischen Beziehungen,&#13;
wie wir sie kennen, für beendet erklärten.&#13;
Die Antwort auf die Frage zu finden, wo wir in der&#13;
Geschichte stehen, ist ein elementarer erster Schritt&#13;
bei der Definition unserer gemeinsamen Agenda.&#13;
Womit haben wir es zu tun? War das 20. Jahrhundert&#13;
nichts weiter als eine unglückliche Unterbrechung der&#13;
Geschichte Europas? Wenn das der Fall ist, welcher&#13;
Teil der Geschichte wird dann fortgesetzt? Bedeutet&#13;
das Ende des Kalten Krieges, daß Europa wieder zu&#13;
seiner separaten und zentralen Rolle in der Welt&#13;
zurückkehrt? Oder bedeutet die Rückkehr der Ge-&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
schichte das Wiederauftreten nationaler und ethnischer Konflikte? Waren die atlantischen Beziehungen nur eine Folge der Ost-West-Konfrontation? Oder&#13;
haben wir etwas Neues geschaffen - eine neue&#13;
historische, kulturelle und sogar geographische&#13;
Synthese, die an die Stelle des Gleichgewichts der Zeit&#13;
vor 1914 trat?&#13;
Sie brauchen nicht lange nachzudenken, welche&#13;
Antwort ich auf diese Frage geben würde. Seit mehr&#13;
als dreihundert Jahren verlagerte sich Macht von einer&#13;
Seite des Atlantiks zur anderen. Während des 18.&#13;
Jahrhunderts wurden viele europäische Rivalitäten in&#13;
Nordamerika ausgetragen.&#13;
Im 19. Jahrhundert&#13;
garantierte die britische Marine im wesentlichen den&#13;
Schutz Amerikas vor diesem Konkurrenzkampf der&#13;
Großmächte. Unsere Demokratie und unsere Wirtschaft durften wachsen und gedeihen.&#13;
Während des 20. Jahrhunderts geschah etwas sehr&#13;
Wichtiges. Anstatt von anderen beschützt zu werden,&#13;
wurden wir zum Beschützer. Die Weltkriege schwächten die Fähigkeit Europas, selbst das komplexe&#13;
Gleichgewicht zwischen der komplizierten Geschichte&#13;
und Kultur der Länder des Kontinents zu wahren.&#13;
Viele revolutionäre Veränderungen - der Aufstieg des&#13;
Nationalismus, das Ende von Monarchien und der&#13;
große Sprung bei der Kriegstechnologie - zerstörten&#13;
den Geist der europäischen Zivilisation, wie wir ihn&#13;
kannten.&#13;
Während der letzten 400 Jahre war Europa mehr als&#13;
ein Gebiet auf der Landkarte. Seine Stärke war darauf&#13;
zurückzuführen, daß es über die kulturellen und&#13;
nationalen Rivalitäten hinweg auf eine europäische&#13;
Vision sah. Seit 1945 war diese Vision nach innen&#13;
gerichtet. Die Erholung von den Katastrophen zweier&#13;
Weltkriege hatte die Vision getrübt, die Europa für die&#13;
übrige Welt darstellte. Die Leitprinzipien der europäischen Kultur bleiben jedoch die Grundlage für die&#13;
moderne demokratische Gesellschaft.&#13;
Die euroamerikanische Synthese, die während des 20. Jahrhunderts durch große Bemühungen entstanden war,&#13;
bildete den Rahmen für die Träume des 21. Jahrhunderts. Nachdem jetzt Konfrontation und Teilung&#13;
überwunden sind, kann Europa seine Aufmerksamkeit&#13;
erneut einer umfassenderen Vision von der Welt&#13;
zuwenden.&#13;
Die Geschichte endet jedoch nie. Europa bleibt eine&#13;
komplexe Mischung einiger der reichsten und wichtigsten Länder der Welt. Integrale Bestandteile dieser&#13;
Beziehungen sind die Vereinigten Staaten, Rußland,&#13;
die Türkei und verschiedene Nationen Nordafrikas und&#13;
des Nahen Ostens. Amerikanische Interessen hängen&#13;
ebenso vom Funktionieren dieses Organismus ab wie&#13;
die europäischen. Die euroamerikanische Welt ist wie&#13;
ein Omelett, das nicht wieder zum Ei werden kann.&#13;
Dort stehen wir in der Geschichte.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�Der erste Punkt auf unserer gemeinsamen Tagesordnung besteht im Erhalt von Gesundheit und Stärke&#13;
dieses euroatlantischen Organismus als Grundlage für&#13;
diese Vision der Menschheit, die die größte Hoffnung&#13;
auf den demokratischsten Frieden beinhaltet, den die&#13;
Welt je erlebt hat. Die Wahrung des bisher von uns&#13;
Erreichten bedeutet auch Wandel.&#13;
Es bedeutet,&#13;
unsere Methoden und Institutionen an neue Bedingungen anzupassen.&#13;
Das heißt auch, ein neues Zielbewußtsein für die&#13;
Völker zu schaffen, die ihre Identität seit nahezu 50&#13;
Jahren vor dem Hintergrund von Konflikt und Konfrontation aufbauten. Der Zweite Weltkrieg und der&#13;
Kalte Krieg beeinflußten unsere Gesellschaften viel&#13;
einschneidender als wir uns je bewußt machen&#13;
werden. Eine neue Struktur des Friedens muß auch&#13;
innerhalb einer Nation und unter den Mitgliedern&#13;
unserer Partnerschaft ein neues Identitätsbewußtsein&#13;
schaffen.&#13;
Insbesondere Europa muß wieder neu&#13;
zusammengefügt werden und neues Selbstvertrauen&#13;
und empowerment erhalten, mit denen es der ganzen&#13;
Welt gegenübertritt.&#13;
Innerhalb der euroatlantischen Welt bedeutet das, daß&#13;
Europäer und Nordamerikaner ihre Gesellschaften so&#13;
gestalten sollten, wie sie es für geeignet halten, um&#13;
ihre nationale und kulturelle Identität zu leben und die&#13;
Last und die Befugnisse ihrer Partnerschaft anzunehmen. Aber all das wird nicht ohne eine Fortsetzung&#13;
der transatlantischen Partnerschaft gelingen. Somit&#13;
stehen wir zweifelsohne nicht an einem Punkt der&#13;
Geschichte, an dem die Situation vor dem Krieg&#13;
wiederhergestellt wird. Man kann die europäische und&#13;
die amerikanische Zukunft nicht voneinander trennen.&#13;
Und vor allem gibt es für Europa keinen dritten Weg.&#13;
Wie paßt Deutschland ins Bild?&#13;
Dieser neue euroatlantische Organismus hat ein&#13;
Rückgrat - die deutsch-amerikanische Partnerschaft.&#13;
Das soll die Bedeutung anderer Beziehungen nicht&#13;
schmälern. Ich möchte auch nicht die Konzepte von&#13;
Partnern in der Führung oder andere exklusive&#13;
Verbindungen, die sich von Zeit zu Zeit entwickeln, aus&#13;
der Versenkung hervorholen.&#13;
Es gibt jedoch einen Grund für den wiederholten&#13;
Rückgriff auf deutsch-amerikanische Formeln im&#13;
Zusammenhang mit der Zukunft der atlantischen Welt.&#13;
Da ist die dramatische Geschichte. Jeder von uns&#13;
definiert seine derzeitige Rolle in der Welt vor dem&#13;
Hintergrund der Kriege, die wir geführt haben, und der&#13;
Schlachten, die wir als Gegner oder Partner gewannen. Es gibt auch eine lange Erfolgsbilanz bei der&#13;
gemeinsamen Suche nach Lösungen für die großen&#13;
Probleme unserer Zeit. Seien es der Wiederaufbau&#13;
Deutschlands, das Wirtschaftswachstum in Europa&#13;
oder das Ende des Kalten Krieges - Deutsche und&#13;
Amerikaner haben meistens eng und pragmatisch&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
zusammengearbeitet, um Lösungen zu finden. Mit&#13;
anderen Worten: Wir wissen, wie Dinge erledigt&#13;
werden können. Meines Erachtens gebührt Walther&#13;
Leisler-Kiep das Verdienst für das Konzept der&#13;
Bindung an Amerika als dem ungeschriebenen Artikel&#13;
in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland.&#13;
Am wichtigsten ist vielleicht, daß die transatlantischen&#13;
Beziehungen, wie wir sie kennen, ohne die Vereinigten&#13;
Staaten oder Deutschland nicht existieren könnten. So&#13;
einfach ist das.&#13;
Abgesehen davon ist aber kaum etwas einfach. Wenn&#13;
wir das Rückgrat sind - was sonst hält uns zusammen? Amerika hat viele andere Pflichten. Deutschland ist zweifelsohne kein "full-service" Verbündeter,&#13;
wie es jemand in Washington einmal formulierte.&#13;
Andere sind sogar noch geschulter in internationaler&#13;
Diplomatie und Machtprojektion.&#13;
Deutschland ist jedoch das größte, stärkste, produktivste und wirtschaftlich einflußreichste Land in Europa.&#13;
Es schlägt auch eine Brücke über die alte Trennlinie&#13;
zwischen Ost und West. Es grenzt an mehr Nachbarländer als jeder andere Staat. Mit anderen Worten:&#13;
Deutschland spielt bei der Definition der Zukunft&#13;
Europas eine zentrale Rolle. Ein selbstbewußtes,&#13;
nach außen gerichtetes Deutschland wird dazu&#13;
beitragen sicherzustellen, daß Europa der übrigen&#13;
Welt erneut eine Vision aufzeigt.&#13;
Ein unsicheres&#13;
Deutschland wird zu einem unsicheren Europa führen.&#13;
Das kann wohl nicht anders sein.&#13;
Deutschland hat eine doppelte Aufgabe. Es ist sowohl&#13;
ein Anker der euroatlantischen Welt als auch ein&#13;
Schlüsselelement der Definition der inneren Beziehungen Europas und seiner Identität als Teil dieser&#13;
transatlantischen Synthese. Eine schwierige Aufgabe,&#13;
die bisher geschickt gemeistert wurde.&#13;
Das Gipfeltreffen im Mai - bei dem die Europäische&#13;
Währungsunion beschlossen wird - zeigt wieder, wie&#13;
vorwärtsschauend Deutschland seine Rolle spielt.&#13;
Was Deutschland nicht tun kann, ist, den Organismus&#13;
in europäische und atlantische Teile zu zerlegen und&#13;
sich selbst dann als eine Art Schiedsrichter zwischen&#13;
ihnen zu sehen. Dieses Konzept wird mir von Zeit zu&#13;
Zeit vorgelegt. Deutschland ist sicher, daß die atlantische Verbindung Bestand hat. Einige argumentieren,&#13;
seine Hauptaufgabe sei jetzt die Schaffung eines&#13;
getrennten europäischen Rahmens als Gegenstück zu&#13;
Amerika. Nur dann könne die euroatlantische Welt&#13;
prosperieren.&#13;
Bei einem solchen Ansatz sehe ich mehrere Probleme.&#13;
Erstens blickt er eher zurück als nach vorne. Er geht&#13;
davon aus, daß die euroatlantische Partnerschaft - um&#13;
gesund zu sein - eine Art Wettbewerb zwischen zwei&#13;
gleichberechtigten europäischen und atlantischen&#13;
Pfeilern schaffen muß. Er ignoriert die transatlantische&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Synthese, die meiner Ansicht nach vor langer Zeit&#13;
stattfand. Als solches setzt er die Rolle Deutschlands&#13;
herab. Es läßt Sie wie einen Bittsteller erscheinen,&#13;
dessen Rückkehr in den europäischen Club von der&#13;
Verteidigung Europas gegen einen überwältigenden&#13;
atlantischen Partner abhängt.&#13;
Europa und Amerika sind jetzt Teil einer zusammengefügten Welt. Europas und Deutschlands Aufgabe&#13;
besteht nicht darin, ein konkurrierendes Machtzentrum&#13;
aufzubauen. Unsere Partnerschaft bedarf ganz ehrlich&#13;
keiner besonderen Anstrengungen, um ein transatlantisches Gleichgewicht zu bewahren. Amerika und&#13;
Europa haben bewiesen, daß sie erfolgreich mit den&#13;
Belastungen des Wandels umgehen können, die wir&#13;
von Zeit zu Zeit erleben. In der Tat war die große&#13;
Überraschung der vergangenen zehn Jahre, wie&#13;
wenige Belastungen es gegeben hat.&#13;
Als die führende euroatlantische Macht werden die&#13;
Vereinigten Staaten häufig aufgefordert, schwierige&#13;
Aufgaben zu übernehmen. Oft wird uns das Privileg&#13;
zuteil, die Last zu tragen, und dann werden wir dafür&#13;
kritisiert, daß wir es tun. Solche Kritik scheint mit dem&#13;
Einfluß zu wachsen, den wir ausüben. Im Augenblick&#13;
ist unser Einfluß besonders stark. Die Kritik auch.&#13;
Während wir mit der Kritik fertigwerden können,&#13;
können wir nicht damit fertigwerden, daß man uns mit&#13;
einer Aufgabe alleine läßt. Gemeinsame Bedrohungen&#13;
sollten durch gemeinsame Anstrengungen bewältigt&#13;
werden. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten&#13;
Staaten und der amerikanische Kongreß können Kritik&#13;
vertragen. Aber sie werden keine Beziehungen&#13;
tolerieren, in denen die europäischen Verbündeten&#13;
sich selbst als die geschickteren Diplomaten definieren, die die positiven Rollen des Dialogs und der&#13;
Vermittlung vorziehen und die Polizeiarbeit den&#13;
Vereinigten Staaten überlassen.&#13;
Die öffentliche&#13;
Meinung und der Kongreß werden nicht positiv auf&#13;
Verbündete reagieren, die Europas Rolle im Aufbau&#13;
neuer innereuropäischer Institutionen sehen, während&#13;
die Vereinigten Staaten die Kriege führen. Es wird für&#13;
uns auch schwer sein, diejenigen zu verstehen, die die&#13;
Nützlichkeit starker Instrumente wie der NATO im&#13;
Namen europäischer Strukturen zu begrenzen versuchen, die noch nicht einmal existieren.&#13;
Unser zweiter Tagesordnungspunkt ergibt sich aus&#13;
dieser Diskussion. Die Vereinigten Staaten erwarten&#13;
nicht, daß Deutschland plötzlich als neue Weltmacht&#13;
auftritt. Aber wir hoffen, daß Deutschland innerhalb&#13;
Europas zunehmend zur Entwicklung eines Verantwortungsbewußtseins beiträgt, das über die Rhetorik&#13;
der europäischen Einheit hinausgeht. Die Vereinigten&#13;
Staaten streben weder nach Hegemonie noch sind sie&#13;
den Sorgen anderer gegenüber besonders unsensibel.&#13;
Tatsächlich möchte ich fragen, welche andere Nation&#13;
die uns seit 1990 aufgedrängte Rolle übernehmen&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
könnte und ebenso große Anstrengungen machen&#13;
würde, den Interessen anderer gerecht zu werden?&#13;
Europa sollte jedoch nicht zulassen, daß die beiden&#13;
Herausforderungen der amerikanischen Stärke und&#13;
der Schaffung der europäischen Einheit seine Entschlossenheit untergraben, sich jetzt mit den aktuellen&#13;
Belangen zu befassen. Wenn wir mit unseren Verbündeten über ein Projekt beraten, werden wir allzu häufig&#13;
mit europäischen institutionellen Schwierigkeiten&#13;
konfrontiert, statt mit einem Engagement für gemeinsame Lösungen. In der Vergangenheit gestattete die&#13;
klare Herausforderung des Kalten Krieges den Vereinigten Staaten, Lösungen einzubringen, die solche&#13;
Probleme überwanden. Jetzt ist der Brennpunkt der&#13;
sowjetischen Bedrohung entfernt worden. Weder&#13;
Amerika noch Europa werden rein amerikanische&#13;
Strategien tolerieren. Die Zeit verrinnt in der Tat. Der&#13;
weit entfernte Tag der perfekten Einheit darf nicht als&#13;
Entschuldigung für Untätigkeit genommen werden.&#13;
Wie passen die Vereinigten Staaten ins Bild?&#13;
Natürlich ist die Gleichung schwieriger. Die Vereinigten Staaten sind mehr als eine Großmacht. Seit&#13;
dem Beginn des Zeitalters der Entdeckung hat die&#13;
Neue Welt die Europäer sowohl fasziniert als auch&#13;
abgestoßen. Selbst bevor die europäischen Siedler&#13;
gelandet waren, hatten europäische Schriftsteller die&#13;
fantastischsten Visionen von den neu entdeckten&#13;
Kontinenten. Die bloße Idee Amerikas war seit fast&#13;
vierhundert Jahren der Maßstab für Europäer, die&#13;
versuchten, besser mit ihren eigenen Gesellschaften&#13;
fertigzuwerden.&#13;
Das 20. Jahrhundert hat diesen Trend beschleunigt.&#13;
Amerikas Jahrhundert wurde in den dreißiger Jahren&#13;
vom Gründer des Time Magazine, Henry Luce,&#13;
ausgerufen. Wenn die derzeitigen Trends anhalten,&#13;
wird das 21. Jahrhundert wahrscheinlich eher das&#13;
Zeitalter sein, in dem das volle Potential der Neuen&#13;
Welt realisiert wird.&#13;
Amerikas Rolle in der Welt entfaltete sich in einem&#13;
Zeitalter der Kriege und Konfrontation. Aber es ist die&#13;
Aussicht auf demokratischen Frieden, die die kreativen&#13;
Kräfte einer neuen Art von Gesellschaft befreit hat, die&#13;
sich von Nord- und zunehmend von Südamerika aus&#13;
abzeichnet. Der Harvard-Professor Joseph Nye hat&#13;
einmal das Wort "sanfte Macht" geprägt, um die wahre&#13;
Stärke der Vereinigten Staaten zu beschreiben.&#13;
Nachdem unser Land in den siebziger und achtziger&#13;
Jahren eine tiefe Vertrauens- und Gesellschaftskrise&#13;
durchgemacht hatte, stellten wir fest, daß es die in&#13;
unserer Offenheit und Flexibilität enthaltene sanfte&#13;
Macht war, die uns auf die vor uns liegenden Herausforderungen vorbereitet hatte.&#13;
Und während wir aus der systemimmanenten Konfrontation auf ein neues Jahrtausend zugehen, werden&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�die Vereinigten Staaten mindestens drei zentrale&#13;
Rollen in der Welt spielen:&#13;
Sie werden weiterhin der mächtigste Nationalstaat der Welt sein. Ihre wirtschaftliche und&#13;
militärische Macht wird sowohl Vorteile als&#13;
auch Lasten mit sich bringen. Die Vereinigten&#13;
Staaten werden bei jedem internationalen&#13;
Projekt von zentraler Bedeutung sein. Aber,&#13;
wie ich bereits ausführte, riskieren sie ohne&#13;
zuversichtliche und verantwortungsbewußte&#13;
Partner, sich durch die vielen Pflichten überlastet zu fühlen, die diese Rolle mit sich bringt.&#13;
&#13;
abhängigkeit&#13;
Identität.&#13;
&#13;
und&#13;
&#13;
persönlichen&#13;
&#13;
oder&#13;
&#13;
nationalen&#13;
&#13;
Betrachten Sie sich die Situation in Europa. Zu einer&#13;
Zeit, in der wir alle versuchen, Strukturen für die&#13;
Entwicklung von Souveränität für Bündnisse und&#13;
politische Unionen aufzubauen, ist die Zahl unabhängiger Staaten größer als zu jeder anderen Zeit in den&#13;
vergangenen 150 Jahren. Viele dieser neuen Länder&#13;
sind sehr klein. Mehrere sind auch sehr erfolgreich.&#13;
Sie müssen nicht auf globaler Ebene konkurrieren, um&#13;
zufriedene und wohlhabende Gesellschaften zu sein.&#13;
Die Notwendigkeit von empowerment&#13;
&#13;
Sie werden weiterhin eine Vision der Menschheit verkörpern. Diese Vision baut auf der&#13;
Botschaft des Europas auf, das nahezu 400&#13;
Jahre der Weltgeschichte gestaltete. Aber sie&#13;
fügen eine Mischung aus Optimismus und&#13;
Pragmatismus hinzu, die Europäer häufig&#13;
schwierig finden.&#13;
Und Amerika ist zunehmend zu einem Labor&#13;
und Neuerer für die Welt geworden. Unsere&#13;
offenen Gesellschaften gestatten es den&#13;
Talenten aus der ganzen Welt, fruchtbaren&#13;
Boden zu finden. Wir bieten Ressourcen und&#13;
Ermutigung ohne zu erwarten, daß diejenigen,&#13;
die wir aufnehmen, unsere Gesellschaft&#13;
akzeptieren oder sogar Amerikaner werden.&#13;
Viele deutsche Unternehmen haben von&#13;
diesem Klima profitiert und ihre Forschungsabteilungen in den Vereinigten Staaten aufgebaut. Amerika bringt Ideen und Prozesse&#13;
hervor, die von jedem genutzt werden können,&#13;
unabhängig von der Rolle der Regierung.&#13;
Niemand versteht diese neue Dynamik ganz. Aber&#13;
diejenigen, die Amerika vornehmlich als traditionelle&#13;
Großmacht sehen, begreifen das Wesentliche nicht.&#13;
Wir können auch durch den Begriff "Globalisierung"&#13;
irregeführt werden. Er legt eine Art von Zentralisierung&#13;
der Macht nahe, die meines Erachtens genau das&#13;
Gegenteil von dem ist, was geschieht. Die vermeintliche Bedrohung durch die Globalisierung dient in&#13;
Europa manchmal entweder als Argument für das&#13;
Festhalten an alten Philosophien oder als Entschuldigung für Untätigkeit. Keins von beidem ist richtig.&#13;
Am interessantesten ist die Tatsache, daß während die&#13;
amerikanische Gesellschaft zunehmend den fruchtbaren Boden für solche Innovation bereitstellt, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Einflüsse&#13;
eher zahlreicher werden. Die Technologien von heute&#13;
erlauben eine Vielfalt, die vor zehn Jahren noch&#13;
undenkbar war. Mit relativ wenigen Ressourcen&#13;
können Einzelpersonen, ein Unternehmen oder sogar&#13;
ein Staat auf die Leistungen einer ganzen Welt&#13;
zurückgreifen, bei völliger Gewährung Ihrer Un-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
Deshalb müssen wir eine ganz neue Definition für die&#13;
euroatlantische Synthese suchen. Es reicht nicht aus,&#13;
von zwei Pfeilern zu sprechen. Identitäten werden&#13;
zunehmend auf der Basis von persönlichen oder&#13;
beruflichen Interessen konzipiert. Die Scheidelinien&#13;
laufen nur sehr selten durch den Atlantik.&#13;
Unsere Bürger benötigen ein neues Gefühl für empowerment. Das ist für viele Europäer ein kompliziertes Wort. Der Begriff hat etwas leicht Subversives, als ob Kontrollstrukturen angegriffen würden.&#13;
Präsident Clinton hat von empowerment als dem&#13;
Gegenteil von Durchsetzung gesprochen. Das Ziel ist&#13;
das gleiche. Sichere, wohlhabende und freie Gesellschaften. Völker, die in Harmonie miteinander leben.&#13;
Traditionell haben politische Systeme versucht, die&#13;
Ordnung zu bewahren, indem sie Verhaltensnormen&#13;
durchsetzen.&#13;
International haben Verträge und&#13;
Armeen den Frieden bewahrt.&#13;
Moderne Technologie und Kommunikation haben&#13;
Durchsetzung in dem Sinn unmöglich gemacht, daß&#13;
Ideen nicht kontrolliert und Währungstransfers an&#13;
Grenzen nicht gestoppt werden können sowie Nachrichten und Kultur zu jeder Zeit überall verfügbar sind.&#13;
Die Gesellschaften, die eine Definition von Kultur oder&#13;
Gesellschaft durchzusetzen versuchen, werden&#13;
zwangsläufig auf größere Schwierigkeiten stoßen.&#13;
Eine Reihe neuer Demokratien in Europa hat diese&#13;
Dynamik verstanden. Neue Währungen sind an&#13;
stärkere gebunden. Sicherheit wird durch das Streben&#13;
nach Solidarität mit anderen erreicht. Kultur wird als&#13;
Selbstzweck entwickelt, nicht als Reaktion auf andere.&#13;
Hier gibt es auch für Deutschland eine Botschaft. Wie&#13;
schnell der Wandel auch stattfinden mag, er zerstört&#13;
nicht die Grundlagen etablierter Gesellschaften.&#13;
Deutschland und Europa werden nicht prosperieren,&#13;
wenn sie sich von dem Wandel oder den Herausforderungen außerhalb ihrer Grenzen abschotten.&#13;
Wenn Europas Hauptbeitrag zur Weltzivilisation eine&#13;
Vision der Menschheit war, dann sind es genau diese&#13;
Vision von Freiheit, dem Wert des Einzelnen und in der&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�Tat empowerment, die Europas Traditionen in einer&#13;
offeneren Welt bewahren werden.&#13;
Europas Rolle in der Welt wird nicht durch seine&#13;
Fähigkeit bestimmt, so viele Mikrochips wie Japan&#13;
oder so viel Computersoftware wie die Vereinigten&#13;
Staaten zu produzieren. Sie wird letztlich von der&#13;
geistigen Offenheit abhängen, die die europäischen&#13;
Siedler mit in die Neue Welt nahmen.&#13;
Als Enkel von Europäern bin ich dankbar für dieses&#13;
Erbe aus Europa. Es bot die unerläßliche Grundlage&#13;
für das Wunder, das unsere amerikanische Gesellschaft meiner Ansicht nach darstellt. Jetzt haben wir&#13;
zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die&#13;
Chance, gemeinsam demokratischen Frieden in dieser&#13;
europäischen Welt aufzubauen. Dieser Frieden kann&#13;
die Grundlage für eine noch erfolgreichere Anwendung&#13;
unserer Prinzipien auf die vielen Völker sein, die sich&#13;
immer noch nicht der Früchte der Freiheit erfreuen.&#13;
&#13;
selbst und unseren Nationen mehr Befugnisse zu&#13;
verleihen, um auf der euroatlantischen Partnerschaft&#13;
aufzubauen. Erstens, um die Konstruktion eines&#13;
demokratischen Europas zu vollenden. Zweitens um&#13;
sicherzustellen, daß unsere Bestrebungen hier nicht&#13;
aufhören. Und drittens, um über unsere geographischen Grenzen hinauszublicken und die wahre&#13;
Bedeutung von Europa und der euroatlantischen Welt&#13;
neu zu beleben. Nur dann können wir die Vision der&#13;
Menschheit verwirklichen, die über uns und unsere&#13;
Nationen hinausgeht.&#13;
Sie kommen jedes Jahr aus Anlaß der KarlHeinz-Beckurts-Gedächtnisrede zusammen, um der&#13;
Grundsätze zu gedenken, die den Kern unserer&#13;
demokratischen Gesellschaft bilden - Grundsätze, für&#13;
die Karl Heinz Beckurts schließlich sein Leben gab.&#13;
Ich danke Ihnen nochmals für die Gelegenheit, einen&#13;
Beitrag zu dieser bedeutenden Tradition leisten zu&#13;
dürfen.&#13;
&#13;
Letztlich ist das der wichtigste Aspekt unserer gemeinsamen Tagesordnung. Unser Ziel sollte sein, uns&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�HANDEL&#13;
6. Mai 1998&#13;
&#13;
Die Herausforderungen für das globale Handelssystem&#13;
Rede der Handelsbeauftragten Barshefsky&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von der amerikanischen Handelsbeauftragten&#13;
Charlene Barshefsky bei einer Konferenz des Institute for International Economics am 15. April 1998 in&#13;
Washington gehaltene Rede.&#13;
&#13;
Ich freue mich sehr, heute Morgen hier sein zu können. Ich habe immer gerne mit dem Institute for&#13;
International Economics und mit vielen der heute bei&#13;
der Konferenz Anwesenden zusammengearbeitet und&#13;
sehr von dieser Zusammenarbeit profitiert. Und es ist&#13;
eine besondere Freude, am Vorabend des 50. Jahrestages des GATT-Systems vor diesem Forum eine&#13;
Rede zu halten und seine Aussichten für das 21.&#13;
Jahrhundert zu erörtern.&#13;
Einleitung&#13;
Wir denken nicht oft genug darüber nach, aber wir&#13;
sollten dankbar sein, daß wir zu diesem äußerst&#13;
ungewöhnlichen Zeitpunkt der Geschichte leben.&#13;
Wenn wir unser Land betrachten, sehen wir ein&#13;
Zeitalter des Wohlstands. Mehr Bürger als je zuvor&#13;
haben Arbeit. Wissenschaft, Technologie und Medizin&#13;
machen riesige Fortschritte. Der Bundeshaushalt ist&#13;
ausgeglichen; die Verbrechensrate und die Zahl der&#13;
von Sozialhilfe Abhängigen fallen; Luft und Wasser&#13;
sind sehr viel sauberer als noch vor einer Generation.&#13;
Und wenn wir auf dem richtigen Weg bleiben, sollten&#13;
wir davon ausgehen können, daß die Wirtschaft&#13;
weiterhin wächst, die Produktivität zunimmt, die&#13;
Inflationsrate niedrig bleibt und der Lebensstandard&#13;
steigt.&#13;
Wenn wir die Welt betrachten, sehen wir ein Zeitalter&#13;
des Friedens. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sieht&#13;
sich unser Land keiner globalen Bedrohung unseres&#13;
Lebensstils gegenüber. Weniger Menschen als je&#13;
zuvor leiden Hunger. Die Kindersterblichkeit nimmt&#13;
jedes Jahr ab. Immer mehr Menschen können lesen&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
und schreiben; die Wissenschaft macht Fortschritte;&#13;
der Handel floriert.&#13;
Und wenn wir in die Zukunft blicken, sehen wir die&#13;
Chance, im 21. Jahrhundert eine Welt zu schaffen, die&#13;
unsere höchsten Werte reflektiert. Eine Welt mit einer&#13;
offenen und rechenschaftspflichtigen Regierung.&#13;
Fairneß. Eine saubere, gesunde Umwelt. Belohnungen für Kreativität und Unternehmergeist. Würdige&#13;
Behandlung der Arbeitnehmer. Rechtsstaatlichkeit.&#13;
Und Frieden unter den Nationen.&#13;
Heute Morgen möchte ich über den Stellenwert&#13;
sprechen, den der internationale Handel und insbesondere das multilaterale System in den Plänen der&#13;
Administration einnehmen, diese Zukunft Realität&#13;
werden zu lassen. Die Probleme, die sie ansprechen&#13;
müssen - von internationalen Handelsschranken bis&#13;
zur Aufnahme neuer Mitglieder und der Sicherstellung,&#13;
daß die Mitglieder von heute dem Geist und den&#13;
Worten ihrer Verpflichtungen gerecht werden. Die&#13;
Bereiche, die sie abdecken müssen - von der Förderung von Transparenz und der Bekämpfung von&#13;
Bestechung und Korruption bis zu den sozialen Fragen&#13;
von Arbeitsnormen über Umweltschutz bis zu der&#13;
neuen Welt des elektronischen Handels. Und was&#13;
vielleicht am wichtigen ist - sie müssen die wachsenden Sorgen und Ängste den Menschen beantworten,&#13;
daß Handelsabkommen oder der Handel selbst der&#13;
Feind von Arbeitsplätzen und einem hohen Lebensstandard sein könnten.&#13;
Die letzten 50 Jahre&#13;
Ich möchte jedoch mit einem Rückblick auf die Menschen, Ideen und Institutionen beginnen, die uns an&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�diesen Punkt gebracht haben. Und ein guter Ausgangspunkt ist die Gründung der multilateralen&#13;
Systeme.&#13;
Die Gründer des GATT-Systems begannen ihre&#13;
Diskussionen nur wenige Monate nach dem Zweiten&#13;
Weltkrieg. Sie hatten zwei Lektionen gelernt. Erstens&#13;
- im politischen Bereich - daß die Duldung von Menschenrechtsverletzungen und internationaler Aggression Unheil über die Welt gebracht hatte. Und&#13;
zweitens - im wirtschaftlichen Bereich - daß die&#13;
wirtschaftliche Loslösung der Länder voneinander&#13;
nach den Handelskriegen Anfang der dreißiger Jahre&#13;
die Wirtschaftskrise verschärft und es den Diktatoren&#13;
und Demagogen leichter gemacht hatte, an die Macht&#13;
zu kommen. Ich möchte Präsident Roosevelt zitieren:&#13;
"(Eine) unerläßliche Voraussetzung&#13;
für Frieden - dauerhaften Frieden - ist&#13;
ein guter Lebensstandard für alle&#13;
Männer, Frauen und Kinder in allen&#13;
Nationen. Freiheit von Furcht ist auf&#13;
ewig mit Freiheit von Mangel verbunden... (Und) es hat sich immer wieder&#13;
gezeigt, daß auch die Kaufkraft steigt,&#13;
wenn in einem Land der Lebensstandard steigt - und daß ein solcher&#13;
Anstieg einen besseren Lebensstandard in den Nachbarländern bewirkt,&#13;
mit denen es Handel treibt."&#13;
Das Ergebnis dieser Lektionen war das uns heute&#13;
vertraute Netz internationaler Institutionen.&#13;
Die&#13;
Vereinten Nationen. Der IWF und die Weltbank. Die&#13;
Internationale Arbeitsorganisation.&#13;
Und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT. Sie alle&#13;
hatten einerseits eine Verpflichtung zu Rechtsstaatlichkeit und andererseits den Glauben an die Freiheit des&#13;
Menschen als bestem Garanten für Frieden und ein&#13;
besseres Leben gemeinsam.&#13;
Das GATT-System begann mit Grenzmaßnahmen wie&#13;
Zöllen und Quoten, die in der Tokioter Runde zu&#13;
nichttarifären Handelshemmnissen und in der&#13;
Uruguay-Runde zu Agrarhandel, Dienstleistungen,&#13;
&#13;
Investitionen, Recht auf geistiges Eigentum und in&#13;
zunehmendem Maße zu den Auswirkungen des&#13;
Handels auf inländische Bestimmungen wurden. Die&#13;
Folge war ein liberalisierter Handel mit Waren, Dienstleistungen und Investitionen. Mehr Entscheidungsmöglichkeiten und mehr Freiheit für die Verbraucher.&#13;
Effizienter und produktiver Einsatz der menschlichen,&#13;
finanziellen und natürlichen Ressourcen zum Nutzen&#13;
aller statt nur einiger weniger. Der Handel hat um das&#13;
16-fache zugenommen, der wirtschaftliche Output um&#13;
das Vierfache. Und zumindest im wirtschaftlichen&#13;
Bereich wird die Rechtsstaatlichkeit jedes Jahr mehr&#13;
geachtet.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Die Beantwortung der Frage des 20. Jahrhunderts&#13;
Gleichzeitig war ein großer Teil der Menschheit zumeist widerwillig - in einem anderen Experiment&#13;
verhaftet. Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs gaben die Herrscher den menschlichen Planern&#13;
den Vorzug vor den weniger geordneten und vorhersagbaren Kräften des Marktes.&#13;
Der amerikanische Sozialist Edward Bellamy sah in&#13;
seinem sehr viel früher geschriebenen Werk Looking&#13;
Backward die Entwicklung des sowjetischen Systems&#13;
sehr gut und mit großer Zustimmung voraus: Ein&#13;
Bostoner des 19. Jahrhunderts erwacht im Jahr 2000&#13;
und findet einen umfassenden Plan für den gesamten&#13;
wirtschaftlichen Output. Die Bürger werden in einer&#13;
"industriellen Armee" angeworben und sind angewiesen, diesen Plan jedes Jahr auszuführen. Ihnen&#13;
stehen "Hauptleute", "Oberste" und "Generale" vor.&#13;
An der Spitze ein "Präsident", der seinen Arbeitsplatz&#13;
ohne Zustimmung des Volkes erhielt. Im wesentlichen,&#13;
wie die Metapher der industriellen Armee nahelegt, ein&#13;
auf Zwang statt Freiheit gegründetes System.&#13;
Eine der großen Fragen des 20. Jahrhunderts war,&#13;
welches dieser Systeme - unser auf Freiheit, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit basierendes oder das&#13;
auf Zwang, Planwirtschaft und Gewalt basierende&#13;
sowjetische System - Erfolg haben würde. Noch in&#13;
den fünfziger Jahren konnte Nikita Chruschtschow&#13;
aufgrund der Überlegenheit der sowjetischen Volkswirtschaft mit der Vernichtung der Vereinigten Staaten&#13;
drohen, und wir nahmen die Drohung ernst. Und das&#13;
sowjetische Modell gewann bis Mitte der achtziger&#13;
Jahre weiterhin Anhänger in den Entwicklungsländern.&#13;
Aber das Urteil der Geschichte ist jetzt klar. Man muß&#13;
weder freie Märkte idealisieren - Wettbewerb kann&#13;
schmerzhaft und entzweiend sein, und das Versagen&#13;
der Märkte in Bereichen wie dem Umweltschutz ist real&#13;
- noch glauben, die Regierung habe keine nützliche&#13;
Rolle um zu verstehen, daß es schlicht und einfach&#13;
keinen Ersatz für den Markt gibt. Wenn man freie&#13;
Märkte an der wirtschaftlichen Produktivität, dem&#13;
wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt&#13;
sowie an den Grundwerten Freiheit und Rechtsstaatlichkeit mißt, werden sie stets spielend gewinnen.&#13;
Ein Großteil der Anerkennung dafür geht an das&#13;
GATT-System. Es katalysierte die größte Zunahme&#13;
des globalen Wachstums und der Chancen in der&#13;
Geschichte der Menschheit. Und die Welt ist jetzt&#13;
beinahe einstimmig der Meinung, daß seine Prinzipien&#13;
die größten Hoffnungen für die Zukunft bieten. Der&#13;
beste Beweis ist, daß China und Rußland - seit&#13;
Jahrzehnten die größten Feinde freier Märkte - jetzt&#13;
hoffen, dem System beitreten zu können. Und während es sich im nächsten Jahrhundert weiterentwickelt,&#13;
haben wir allen Grund zu der Annahme, daß freiere,&#13;
offenere globale Märkte weiterhin ihren Beitrag zu&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�einer Welt in Frieden und Wohlstand leisten können,&#13;
Millionen Menschen aus der Armut befreien und die&#13;
wirtschaftlichen Bestrebungen der Amerikaner besser&#13;
verwirklichen.&#13;
Aber unsere Fähigkeit, eine solche Zukunft zu schaffen, hängt von unserer Bereitschaft ab, vier große&#13;
Herausforderungen anzugehen. Erstens, die Arbeit&#13;
der vergangenen 50 Jahre fortzusetzen und die Arbeit&#13;
zu beenden, die im GATT-System von heute noch&#13;
unbeendet ist. Zweitens, das System auf den neuesten Stand zu bringen, damit es neue Produkte,&#13;
Dienstleistungen und Handelsmethoden, insbesondere&#13;
die durch neue Technologien geschaffenen, einbezieht. Drittens, einen Konsens bei den durch den&#13;
Handel aufgeworfenen sozialen Fragen zu finden.&#13;
Und schließlich - und das ist am wichtigsten - sicherzustellen, daß das System weiterhin die Werte der&#13;
Bürger reflektiert und so ihre Unterstützung erhält.&#13;
Die Vervollständigung des Systems von heute&#13;
Ich möchte mit der ersten dieser Herausforderungen&#13;
beginnen: Der unbeendeten Arbeit des heutigen&#13;
GATT-Systems.&#13;
1. Die traditionellen Handelshemmnisse sind zu&#13;
groß&#13;
Die traditionellen Handelshemmnisse sind weiterhin zu&#13;
groß. Und sie sind am größten in einigen Bereichen, in&#13;
denen die Vereinigten Staaten am wettbewerbsfähigsten sind. Der Agrarbereich, in dem wir im nächsten&#13;
Jahr eine neue Gesprächsrunde beginnen, ist ein&#13;
offenkundiges Beispiel. Der Abbau dieser Hemmnisse&#13;
wird neue Wirtschaftschancen und einen höheren&#13;
Lebensstandard bedeuten, da die amerikanischen&#13;
Exporte in den Bereichen, in denen die UruguayRunde die Zölle abgeschafft oder harmonisiert hat,&#13;
nahezu 34 Prozent gestiegen sind, was weit über dem&#13;
Gesamtanstieg unserer Exporte liegt. Anfang 1999&#13;
werden die Verhandlungen zur "eingebauten Tagesordnung" der Uruguay-Runde aufgenommen, einschließlich neuer Verhandlungen zur Erweiterung der&#13;
Liberalisierung des Handels im Agrar- und Dienstleistungsbereich, Verhandlungen zur Verbesserung&#13;
und Ausweitung der WTO-Regeln bezüglich staatlicher&#13;
Beschaffung sowie Verhandlungen über das Recht auf&#13;
geistiges Eigentum und anderes.&#13;
2. Neue Länder&#13;
Das System bezieht einige der größten Länder, am&#13;
schnellsten wachsenden Volkswirtschaften und&#13;
größten Händler der Welt nicht ein. China, Rußland&#13;
und der Rest der ehemaligen Sowjetunion fallen einem&#13;
ein, auch Taiwan und Saudi-Arabien und bald Vietnam.&#13;
Solange sie ausgeschlossen sind, ist das System&#13;
unvollständig, unvollkommen und Verzerrungen durch&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
diejenigen ausgesetzt, die nicht an seine Regeln&#13;
gebunden sind.&#13;
Die Integration vieler dieser Volkswirtschaften, die sich&#13;
im Übergang befinden oder alternative Formen&#13;
annehmen, ist eine komplexe Aufgabe. Um die&#13;
marktorientierten Regeln der Welt zu stärken statt zu&#13;
unterminieren, sollten sie einbezogen werden - aber&#13;
unter den richtigen Bedingungen. Das Ergebnis&#13;
müssen durchsetzbare Verpflichtungen zu offenen&#13;
Märkten sein; transparente, nichtdiskriminierende&#13;
Regulierungssysteme und eine effektive nationale&#13;
Handhabung, sowohl an der Grenze als auch in der&#13;
inländischen Volkswirtschaft. Die Aufgabe ist schwierig, aber meines Erachtens zu bewerkstelligen.&#13;
3. Mitgliedschaft in Geist und Wort&#13;
Gleichzeitig sind manche Länder seit Jahrzehnten&#13;
Mitglieder des GATT-Systems, haben jedoch ihre&#13;
Binnenmärkte gegen den Wettbewerb abgeschottet.&#13;
Aufeinanderfolgende Verhandlungsrunden haben den&#13;
Wortlaut der die Märkte dieser Länder regelnden&#13;
Gesetze maßgeblich geändert als die Zölle fielen, die&#13;
Quoten gelockert wurden und so weiter. Aber dennoch erfüllten sie nicht den Geist ihrer Zielsetzungen.&#13;
Die Märkte sind im Großen und Ganzen noch geschlossen, undurchsichtig und mehr von inoffiziellen&#13;
Cliquen geleitet als von Gesetzen, Regeln und Verträgen. Japan ist hierfür ein klassisches Beispiel. Die&#13;
Auswirkungen der asiatischen Finanzkrise auf andere&#13;
Nationen ist ein weiteres Beispiel: Übermäßig enge&#13;
Beziehungen zwischen Regierung, Unternehmen und&#13;
Banken, mangelnde Transparenz und Unterdrückung&#13;
von Wettbewerb und Marktmechanismen. Wenn wir in&#13;
die Zukunft blicken, müssen wir prüfen, ob das GATT&#13;
oder die WTO durch diese strukturellen und systemimmanenten Handelshemmnisse eher alarmiert hätten&#13;
sein müssen, wie wir sie korrigieren können und wie&#13;
wir ähnliche Probleme in Zukunft vermeiden.&#13;
Andere Länder, die seit langem Mitglied des Systems&#13;
sind, haben unterschiedliche Methoden angewandt,&#13;
um die Öffnung für globalen Wettbewerb zu verhindern. Indien hat lange die Zahlungsbilanzrestriktionen&#13;
bei Importen aufrechterhalten. Viele afrikanische&#13;
Nationen haben nie die grundlegenden Zollbindungen&#13;
eingeführt, die ihre Märkte öffnen und ihnen Wachstum&#13;
ermöglichen würden. Trotz der GATT-Mitgliedschaft&#13;
haben einige Länder den Schutz insgesamt erhöht,&#13;
ihre wirtschaftliche Isolierung verschärft und die Armut&#13;
verschlimmert. Neue Handelsanreize, die in wirtschaftlichen Reformen verankert und beispielsweise in&#13;
der Afrikapolitik der Administration verkörpert sind,&#13;
sollten helfen. Wir müssen jedoch erneut fragen,&#13;
warum das System diese Probleme nicht angesprochen hat.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts&#13;
Zweitens muß sich das System entwickeln, um zur&#13;
wirtschaftlichen Welt des 21. Jahrhunderts zu passen.&#13;
Heute überqueren Dienstleistungen und Waren&#13;
Grenzen, und das wird morgen noch mehr der Fall&#13;
sein. Geschäfte werden per E-mail und Computer&#13;
sowie in persona abgewickelt. Und die menschliche&#13;
Erfindungsgabe schafft neue Kategorien von Waren,&#13;
neue Formen von Dienstleistungen und völlig neue&#13;
Arten, jeden Tag Handel zu treiben.&#13;
Das GATT-System verändert sich bereits, um dieser&#13;
Realität gerecht zu werden. Im vergangenen Jahr&#13;
schlössen wir bei der Gründung der Wirtschaft des 21.&#13;
Jahrhunderts drei globale Abkommen: Die Abkommen&#13;
über Informationstechnologie, Telekommunikation und&#13;
Finanzdienstleistungen. Diese Abkommen sind von&#13;
solcher Bedeutung, daß der WTO-Generaldirektor&#13;
Renato Ruggiero von ihnen als Äquivalent zu einer&#13;
großen Handelsrunde spricht.&#13;
Das Informationstechnologieabkommen (Information&#13;
Technology Agreement - ITA) wird in den nächsten&#13;
Jahren Zölle für ein breites Spektrum von globalen&#13;
Informationstechnologieprodukten&#13;
abschaffen&#13;
Produkten, die bereits heute rund jeden 30. Dollar des&#13;
Bruttoinlandsprodukts der Welt ausmachen. Und wir&#13;
erzielen Fortschritte bei den Verhandlungen über ein&#13;
ITA II mit erweiterter Produkt- und Landesdeckung.&#13;
Das Abkommen über Basistelekommunikationsdienste&#13;
bezieht 70 Länder und über 95 Prozent der Telekommunikationseinnahmen der Welt in eine 600Milliarden-Dollar-Industrie ein. Es bietet amerikanischen und ausländischen Unternehmen Zugang zu&#13;
Orts-, Fern- und internationalen Dienstleistungen über&#13;
jede mögliche Netzwerktechnologie und stellt sicher,&#13;
daß amerikanische Unternehmen einen maßgeblichen&#13;
Anteil an Telekommunikationsunternehmen auf der&#13;
ganzen Welt beschaffen, sichern und halten können.&#13;
Dabei ersetzt es die 60-jährige Tradition nationaler&#13;
Telekommunikationsmonopole und geschlossener&#13;
Märkte durch Marktöffnung, Deregulierung und&#13;
Wettbewerb, die die amerikanischen Werte des freien&#13;
Wettbewerbs, fairer Regeln und effektiver Umsetzung&#13;
widerspiegeln.&#13;
Und im Dezember letzten Jahres schlössen wir das&#13;
multilaterale Abkommen über globale Finanzdienstleistungen ab, einschließlich Bankwesen, Wertpapieren, Versicherungen und Finanzdatendienstleistungen. Es deckt 95 Prozent des globalen Finanzdienstleistungsmarkts ab, und 102 WTO-Mitglieder&#13;
haben jetzt Verpflichtungen zur Marktöffnung in den&#13;
Finanzdienstleistungssektoren.&#13;
Sie umfassen 18&#13;
Billionen Dollar an globalen Effekten, 38 Billionen&#13;
Dollar an globalen (inländischen) Bankkrediten und 2&#13;
Billionen Dollar an weltweiten Versicherungsprämien.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Diese Abkommen tragen der Tatsache Rechnung, daß&#13;
wir uns in einem Zeitalter des intensiven technologischen Wandels befinden. In dem die Lebensdauer&#13;
von Produkten in Monaten gemessen wird und Informationen und Geld in Sekundenschnelle über den&#13;
Globus bewegt werden. In dem wir es uns nicht länger&#13;
leisten können, sieben Jahre bis zum Abschluß einer&#13;
Handelsrunde zu benötigen oder Jahrzehnte zwischen&#13;
der Entdeckung eines Handelshemmnisses und seiner&#13;
Behebung verstreichen zu lassen. In dem die Infrastruktur der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ebenso&#13;
aus Information und Kommunikation wie aus Straßen&#13;
und Häfen besteht.&#13;
Und wir müssen noch mehr tun. Insbesondere&#13;
müssen wir uns mit dem globalen elektronischen&#13;
Handel befassen - mit elektronischer Übermittlung vor&#13;
allem im Internet.&#13;
Wie der Präsident in seiner Rede bei der Konferenz&#13;
"Technologie '98" feststellte, ist das Internet die am&#13;
schnellsten wachsende Sozial- und Wirtschaftsgemeinschaft der Geschichte. Eine diesen Monat&#13;
durchgeführte Untersuchung kommt zu dem Schluß,&#13;
daß das World Wide Web heute mindestens 320&#13;
Millionen Seiten hat und zur Jahrhundertwende&#13;
wahrscheinlich über mehr als drei Milliarden verfügen&#13;
wird. Prognosen von Fachleuten zufolge wird allein&#13;
der elektronische Handel zwischen Unternehmen in&#13;
den Vereinigten Staaten im Jahr 2002 die 300Milliarden-Dollar-Marke überschreiten.&#13;
Heute ist die Welt elektronischer Übermittlung in&#13;
handelspolitischer Hinsicht noch unverdorben. Das&#13;
GATT-System repräsentiert - um es leicht überspitzt&#13;
darzustellen - das fünfzig Jahre währende Bestreben,&#13;
die im Laufe eines Jahrhunderts geschaffenen tarifären und nichttarifären Handelshemmnisse zu beseitigen. Wenn wir heute die richtige Vision haben,&#13;
ersparen wir es der nächsten Generation, diese Arbeit&#13;
beim elektronischen Geschäftsverkehr zu wiederholen.&#13;
Kein WTO-Mitglied erhebt derzeit Zölle auf elektronisch übermittelte Importe. Es werden keine Zölle für&#13;
internationale Telefongespräche, Faxnachrichten oder&#13;
Datenübermittlung per Computer erhoben, und diese&#13;
Zollfreiheit sollte sich auch auf die elektronische&#13;
Übermittlung im Internet erstrecken. Wir hoffen, daß&#13;
das so bleibt und einen ersten Schritt zur Gewährleistung darstellt, daß elektronischer Handel ein&#13;
Katalysator für Wachstum und eine Ausweitung des&#13;
Handels bleibt.&#13;
Transparente,&#13;
Märkte&#13;
&#13;
offene&#13;
&#13;
und&#13;
&#13;
wettbewerbsfähige&#13;
&#13;
Das System muß sich auch mit Problemen befassen,&#13;
die seit vielen Jahren bestehen, die es derzeit jedoch&#13;
noch nicht lösen kann.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�Beispielsweise gibt es in allen Ländern Regulierungssysteme zum Schutz von so elementaren Interessen&#13;
wie Gesundheit, öffentliche Sicherheit und Sicherheit&#13;
aller Bürger. Dies sind elementare Funktionen der&#13;
Regierung. Wir müssen flexibel genug sein, um&#13;
weitere Gebiete erforderlicher Regulierung auszumachen, die eine globale Antwort erfordern und gleichzeitig sicherstellen, daß bereits existierende Regulierungssysteme tatsächlich zu den transparenten,&#13;
wettbewerbsfördernden Märkten führen, die sie&#13;
unterstützen sollen. Die Finanzkrise in Asien erinnert&#13;
unmißverständlich daran, daß echte Transparenz&#13;
mehr ist als bloß die Formulierung von Regeln und&#13;
Vorschriften.&#13;
Bei der Suche nach möglichen neuen Gebieten&#13;
erforderlicher Regulierung sollten bestimmte Grundprinzipien angewendet werden. Die Rolle der WTO&#13;
besteht nicht darin, ein System einheitlicher Regulierung zu fordern oder in irgendeiner Hinsicht von dem&#13;
absoluten Recht der Regierungen abzulenken,&#13;
bestimmte Normen für die Regulierung vorzuschreiben, vorausgesetzt sie sind weder diskriminierend&#13;
noch willkürlich noch versteckte Handelshemmnisse.&#13;
Vielmehr besteht die Rolle der WTO darin sicherzustellen, daß nationale Regulierungspraktiken völlig&#13;
transparent und nicht politisch gelenkt sind. Das&#13;
beinhaltet Grundsätze für echte Inländerbehandlung&#13;
und ordnungsgemäße Verfahren, die Verpflichtung zur&#13;
Veröffentlichung und Verbreitung aller Vorschriften um&#13;
zu gewährleisten, daß diese veröffentlichten Vorschriften und keine anderen tatsächlich angewendet&#13;
werden. Die Notwendigkeit klarer, durchsetzbarer&#13;
Regeln beinhaltet auch die Notwendigkeit unparteiischer Regulierungsbehörden.&#13;
Ich möchte zwei konkrete Beispiele anführen: Wettbewerbspolitik sowie Bestechung und Korruption.&#13;
1. Wettbewerbspolitik&#13;
Viele Länder sind - ebenso wie wir seit den Zeiten&#13;
Teddy Roosevelts zur Jahrhundertwende - der&#13;
Ansicht, daß die Durchsetzung sinnvoller Wettbewebsgesetze für die Gesundheit der Wirtschaft unerläßlich&#13;
ist. Die wirtschaftliche Globalisierung hat die Bedeutung einer starken Wettbewerbspolitik für die nationalen Volkswirtschaften noch erhöht. Und sie hat&#13;
die Frage aufgeworfen, ob ein internationales Regime&#13;
notwendig ist, wenn internationale Kartelle wahrscheinlicher und transnationale Unternehmenszusammenschlüsse häufiger werden.&#13;
Ein solches Regime kann nicht schnell oder einfach&#13;
geschaffen werden. Die WTO-Mitglieder ergreifen&#13;
ganz unterschiedliche Maßnahmen zur Bekämpfung&#13;
der Kartellbildung - sowohl im Hinblick auf den Inhalt&#13;
von Gesetzen als auch auf ihre Durchsetzung. Fast&#13;
die Hälfte der WTO-Mitglieder hat keine eigenen&#13;
Wettbewerbsgesetze. Es ist jedoch entscheidend, daß&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
wir eine internationale Wettbewerbskultur und vernünftige Gesetze zur Bekämpfung der Kartellbildung&#13;
erarbeiten, die auf gemeinsamen Erfahrungen,&#13;
bilateraler Zusammenarbeit und technischer Hilfe&#13;
gründen. Auf dieser Grundlage sollten wir uns auf die&#13;
verwerflichsten Praktiken konzentrieren. Und langfristig wird das die Grundlage für ein umfassenderes&#13;
Regelwerk für die Wettbewerbspolitik legen.&#13;
2. Bestechung und Korruption&#13;
Auch zur Bekämpfung von Bestechung und Korruption&#13;
sind globale Aktionen erforderlich. Die Regierungen&#13;
erkennen allmählich, was jeder, der mit korrupten&#13;
Regierungsvertretern zu tun hat, bereits weiß: Bestechung untergräbt politische Prozesse und kann sie&#13;
zerstören. Sie behindert effiziente Märkte und ist ein&#13;
unsichtbares Handelshemmnis für die meisten Importe&#13;
und Verträge. Der von Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen gezahlte Preis für fortgesetzte&#13;
Bestechung und Korruption ist nicht tragbar.&#13;
Die sichtbarsten Bestrebungen zur Lösung des&#13;
Problems wurden von der OECD unternommen. 1994&#13;
gab die OECD eine Empfehlung zur Bekämpfung von&#13;
Bestechung und 1996 über das Verbot ab, bei internationalen Wirtschaftstransaktionen gezahlte Bestechungsgelder von der Steuer abzusetzen. 1997&#13;
stimmten wir gemeinsam mit 34 anderen Staaten einer&#13;
Konvention zu, die von den Regierungen verlangt, die&#13;
Bestechung ausländischer Amtsträger unter Strafe zu&#13;
stellen.&#13;
Die WTO hat Grundregeln aufgestellt, die die Möglichkeit von Bestechung und Korruption verringern beispielsweise Transparenz bei der staatlichen&#13;
Auftragsvergabe und die Festsetzung von Zöllen - und&#13;
mit ihrer Durchsetzung begonnen. Obwohl das erste&#13;
wichtige Schritte sind, müssen wir mehr unternehmen,&#13;
um strenge Vorschriften einzuführen, ihre entschlossene Durchsetzung zu gewährleisten und unter den&#13;
Politikern eine globale Ethik zu schaffen, die jede Form&#13;
von Bestechung und Korruption verbietet. Nachdem&#13;
dank der von mir erwähnten Bestrebungen die Grundlagen geschaffen wurden, sollte die WTO die Arbeit&#13;
der OECD fortsetzen und damit beginnen, Bestechung&#13;
und Korruption direkt zu bekämpfen.&#13;
Die größeren Dimensionen des Handels&#13;
Drittens muß das System die grundlegenden Beziehungen zwischen Handel und Umwelt sowie zwischen&#13;
Handel und Arbeitnehmerrechten erkennen und sich&#13;
damit befassen.&#13;
1. Handel und Umwelt&#13;
Im Hinblick auf die Umwelt beginnen wir mit den&#13;
offensichtlichen Tatsachen: Handel und Umwelt sind&#13;
gleichermaßen entscheidend. Die Schlüsselfrage ist,&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�wie beidem so Rechnung getragen werden kann, daß&#13;
ein auf Regeln gestütztes Handelssystem geschützt&#13;
wird, Umweltbelange wenn nötig in Betracht gezogen&#13;
werden und Handel und Umwelt wenn möglich aufeinander abgestimmt werden.&#13;
Die Chance ist offensichtlich: Eine praktische Agenda&#13;
für das nächste Jahrzehnt, die für Handel und Umwelt&#13;
gleichermaßen von Vorteil ist. Ein Beispiel ist das im&#13;
Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) geschlossene Abkommen über&#13;
die Abschaffung von Zöllen auf Umweltgüter und&#13;
-dienstleistungen, dem wir hoffentlich im Rahmen der&#13;
WTO weltweite Geltung verschaffen können. Um die&#13;
Umwelt, insbesondere in den Entwicklungsländern, zu&#13;
schützen, müssen wir praktischen Problemen unsere&#13;
Aufmerksamkeit zuwenden: Sicherstellen, daß die&#13;
Städte über Kläranlagen verfügen, daß Kraftwerke&#13;
Aktivkohlefilter haben etc. Ein globales Abkommen&#13;
über die Abschaffung von Zöllen auf diese Güter und&#13;
Dienstleistungen wird diese für die Regierungen der&#13;
Entwicklungsländer billiger machen, wodurch der&#13;
Handel wächst, während die Qualität der Luft, des&#13;
Wassers und die öffentliche Gesundheit verbessert&#13;
werden. Das wird uns auch bei unseren Anstrengungen zur Verlangsamung des Klimawandels helfen,&#13;
während eine effiziente Stromerzeugung für die&#13;
Entwicklungsländer billiger wird.&#13;
Trotz dieser Chance gibt es weiterhin zwischen&#13;
Industrie und Umweltgruppen sowie zwischen den&#13;
einzelnen Ländern große Meinungsverschiedenheiten&#13;
über das weitere Vorgehen. Wir haben in der&#13;
Uruguay-Runde mit der Gründung des Ausschusses&#13;
für Handel und Umwelt große Fortschritte gemacht.&#13;
Der Ausschuß macht jedoch langsamere Fortschritte&#13;
als wir uns wünschen. Und die jüngste Entscheidung&#13;
über Krabben und Schildkröten zeigt, daß das System&#13;
sich stärker für die Unterscheidung zwischen soliden&#13;
Umweltgesetzen und versteckten Handelshemmnissen&#13;
einsetzen muß, selbst wenn die WTO eindeutig das&#13;
Recht ihrer Mitgliedsländer anerkennt, Gesetze zum&#13;
Schutz natürlicher Ressourcen zu verabschieden. Es&#13;
gibt einen Weg, und wir müssen ihn finden. Nachhaltige Entwicklung ist nicht nur dem Welthandel förderlich,&#13;
sie muß auch zu einem Grundprinzip des Welthandelssystems werden.&#13;
2. Handel und Arbeitsnormen&#13;
In ähnlicher Weise muß sich die WTO mit Handel und&#13;
Arbeit befassen. Die grundlegenden Arbeitsnormen Verbot von Sklaverei und ausbeuterischer Kinderarbeit, Koalitionsfreiheit und das Recht auf Beteiligung&#13;
an Tarifverhandlungen, Sicherheit am Arbeitsplatz sind nicht nur westliche Werte, sondern international&#13;
anerkannte Menschenrechte. Viele, wenn nicht alle&#13;
WTO-Mitgliedstaaten stimmen diesen Normen in der&#13;
Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) zu.&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
Die OECD hat festgestellt, daß Handel und Wachstum&#13;
ein wichtiger Weg zur Förderung dieser Normen sind.&#13;
Offenere Volkswirtschaften wachsen schneller.&#13;
Schnelleres Wachstum schafft ein verfügbares&#13;
Einkommen für den Einzelnen und Einnahmen für die&#13;
Regierungen. Und das hilft den Eltern, ihre Kinder&#13;
weiterhin in die Schule zu schicken; den Regierungen,&#13;
gute Strafverfolgungsbeamte zu ernennen und auszubilden, die Arbeitsnormen durchsetzen; den Unternehmen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und den&#13;
Ländern allgemein, Arbeitsplätze aufzuwerten.&#13;
Wir alle wissen jedoch aus Erfahrung, daß die Liberalisierung der Märkte allein nicht ausreicht. Um weiterhin&#13;
die Unterstützung für offenen Handel zu sichern, ist&#13;
entscheidend, diese Frage im Kontext der Handelspolitik anzugehen. Wenn das Handelssystem nicht als&#13;
Teil der Lösung für ausbeuterische Kinderarbeit,&#13;
Zwangsarbeit oder unmenschliche Arbeitsbedingungen gesehen wird, werden viele annehmen, es sei Teil&#13;
des Problems. Die Herausforderung für das System&#13;
besteht darin, einen Konsens zu erzielen, daß offener&#13;
Handel nicht nur wirtschaftlichen Wohlstand, sondern&#13;
auch grundlegende Arbeitnehmerrechte fördern sollte.&#13;
Vertrauen der Öffentlichkeit und globales Wachstum&#13;
Schließlich - und das ist vielleicht am wichtigsten - muß&#13;
das WTO-System die Unterstützung der Öffentlichkeit&#13;
hier und weltweit haben.&#13;
Die Zunahme des Welthandels hat eine enorme&#13;
Ausweitung des Wohlstands bewirkt - auf der Welt&#13;
insgesamt sowie hier in Amerika, wo wir uns großenteils dank des Handels im siebten Jahr des Wirtschaftswachstums befinden. Die Geschwindigkeit des&#13;
Wandels in der heutigen Wirtschaft verursacht jedoch&#13;
Besorgnis und Angst sogar unter den Arbeitnehmern&#13;
und Verbrauchern, die die Vorteile des globalen&#13;
Handels genießen. Viele fürchten, der wachsende&#13;
Handel und der technologische Fortschritt würden die&#13;
Arbeit der Menschen mit weniger Bildung und Fertigkeiten abwerten.&#13;
Das Arbeitsministerium berichtet, daß die Arbeitslosenquote der Collegeabsolventen unter zwei Prozent, die derjenigen ohne High School-Abschluß bei&#13;
mehr als sieben Prozent liegt. Und wenn die Ängste&#13;
dieser Menschen nicht zerstreut werden, werden die&#13;
Bestrebungen der Regierung zur Förderung des&#13;
Handels wahrscheinlich scheitern.&#13;
Die Antwort auf diese letzte Herausforderung besteht&#13;
aus drei Teilen.&#13;
Erstens müssen wir uns bewußt machen, daß die&#13;
Handelspolitik nicht alle Probleme lösen kann. Der&#13;
Handel wird weiter wachsen, solange die Welt in&#13;
Frieden lebt. Die Technologie wird sich weiterentwi-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
�ekeln, solange die Menschen kreativ sind. Wir benötigen Bildung und Anpassung um sicherzustellen, daß&#13;
unser Land und die Menschen sich weiterentwickeln.&#13;
Es gibt absolut keinen Grund, warum nicht jeder über&#13;
die Fähigkeiten verfügen sollte, die für Erfolg in der&#13;
neuen Welt erforderlich sind. Derzeit ist das aber noch&#13;
nicht bei allen von uns der Fall.&#13;
Bildung von der Grundschule bis zum College muß&#13;
jedem Kind angeboten werden. Aus diesem Grund hat&#13;
der Präsident den Kongreß um das Geld gebeten, den&#13;
Schulen im ganzen Land bei der Einstellung von&#13;
100.000 neuen Lehrern zu helfen, jeder Schule&#13;
Internet-Zugang zu verschaffen und allen jungen&#13;
Amerikanern die erforderlichen Fähigkeiten zu vermitteln. Aus diesem Grund hat er Programme für&#13;
lebenslanges Lernen gefordert, damit ältere Arbeitnehmer mit Hilfe von Pell-Stipendien, Steuerfreibeträgen&#13;
und -Vergünstigungen ihre Fähigkeiten verbessern,&#13;
eine Rückkehr auf die Schulbank zu finanzieren. Und&#13;
aus diesem Grund müssen Weiterbildung, Gesundheitsfürsorge, Anpassungshilfen und andere Dienstleistungen angeboten werden - nicht nur als Initiative&#13;
bestimmter Unternehmen, sondern auch beim Arbeitsplatzwechsel der Arbeitnehmer. Aus diesem Grund&#13;
setzen wir uns für eine Reform der Anpassungshilfe&#13;
beim Handel und mehr Finanzmittel für die Ausbildung&#13;
der Arbeitnehmer allgemein ein.&#13;
Zweitens muß das Handelssystem allgemein offener&#13;
für die bürgerliche Gesellschaft sein. Es gibt keinen&#13;
Grund, warum die interessierte Öffentlichkeit davon&#13;
ausgeschlossen sein sollte, Streitschlichtungsverfahren zu beobachten oder amicus-Schriftsätze einzureichen. Der Input der Öffentlichkeit ist für uns bei&#13;
allen unseren WTO-Rechtsstreitigkeiten sehr wertvoll.&#13;
Heimlichtuerei schafft Mißtrauen. Daher müssen wir&#13;
die WTO, einschließlich ihres Streitschlichtungsgremiums, offener, transparenter und für die Öffentlichkeit zugänglicher machen, wenn die Öffentlichkeit&#13;
Vertrauen in sie setzen soll.&#13;
&#13;
nutzen. Die Öffentlichkeit - in den ganzen Vereinigten&#13;
Staaten, nicht nur in Washington - muß die Fakten&#13;
kennen. Die OECD stellte im vergangenen Jahr fest,&#13;
daß die Politik mit Verständnis der Öffentlichkeit&#13;
kombiniert werden muß, wenn die Anhänger größerer&#13;
Marktoffenheit den heftigen Reaktionen derjenigen&#13;
widerstehen wollen, die den Risiken des Wandels am&#13;
stärksten ausgeliefert sind sowie derjenigen, die&#13;
protektionistische Argumente für politische Zwecke&#13;
nutzen wollen.&#13;
Schlußbemerkung&#13;
Ein Scheitern könnte schwerwiegende Konsequenzen&#13;
nach sich ziehen. Die während eines halben Jahrhunderts unternommenen Bestrebungen zur Schaffung&#13;
von Wohlstand, Arbeitsplätzen, Wachstum und einem&#13;
höheren Lebensstandard könnten unterbrochen&#13;
werden. Und die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur&#13;
Gestaltung der Welt des 21. Jahrhunderts würde&#13;
sinken oder schwinden.&#13;
Wenn wir jedoch zu Beginn des neuen Jahrhunderts&#13;
unsere Bestrebungen verdoppeln, wird die Belohnung&#13;
- in moralischer und materieller Hinsicht - enorm sein:&#13;
Einkommensteigerungen hier in den Vereinigten&#13;
Staaten.&#13;
Neue Produkte und Dienstleistungen.&#13;
Erleichterung der Geschäftstätigkeit. Eine schnellere&#13;
Ausbreitung von Medikamenten, Umwelttechnologie&#13;
und anderen Dingen, die die Lebensqualität verbessern.&#13;
Und jenseits unserer Grenzen eine Welt, die unsere&#13;
höchsten Werte widerspiegelt.&#13;
In der neue Technologien die Redefreiheit zur Realität&#13;
werden lassen.&#13;
In der harte Arbeit, Kreativität und Initiative des&#13;
Einzelnen belohnt werden.&#13;
In der Rechtsstaatlichkeit stärker ist als Gewalt.&#13;
&#13;
Drittens müssen wir diesen Maßnahmen verstärkte&#13;
Bestrebungen zur Verbesserung des Bewußtseins der&#13;
Öffentlichkeit für die Rolle des Handels in der Wirtschaft hinzufügen. Die Tatsachen sind offenkundig:&#13;
Jeder fünfte amerikanische Arbeitsplatz ist exportabhängig; die Bezahlung für diese Arbeitsplätze liegt&#13;
13 bis 16 Prozent über dem Durchschnittslohn; wir&#13;
werden in Zukunft nicht prosperieren, wenn wir nicht&#13;
den 96 Prozent der Menschheit, die außerhalb der&#13;
amerikanischen Grenzen leben, unsere Produkte&#13;
verkaufen können; die richtige Bildungs- und Ausbildungspolitik kann jedem helfen, diese Chancen zu&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 09&#13;
&#13;
In der der einfache Bürger mehr Mitbestimmungsrecht&#13;
über sein eigenes Leben hat und seinen Kindern&#13;
bessere Perspektiven bieten kann als zu jedem&#13;
anderen Zeitpunkt in der Geschichte des Menschen.&#13;
Mit anderen Worten, in einer Welt, die - wie die&#13;
Gründerväter des GATT-Systems hofften und glaubten&#13;
- den Menschen Freiheit von Mangel und Freiheit von&#13;
Furcht bietet.&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 7&#13;
&#13;
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United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Nummer

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Telex:

300

Information
und
Dokumentation

08-85432

6. Juni 1973

21

Inhalt

HINTERGRUNDMATERIAL:
Belebung des transatlantischen Dialogs
Von Paul W. McCracken

INFORMATION:
Treffen Nixon-Pompidou im Zeichen der Erneuerung der Atlantischen
Partnerschaft
-Erklärung Dr. Kissingers in Reykjavik am 31. MaiUS-Gemeinschaftsschau auf der ACHEMA »73

WIRTSCHAFT:
Washington rechnet mit wachsenden Handelsüberschüssen
Von Eugene Brake

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United

States

Information

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Hintergnjndmaterial

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BELEBUNG DES TRANSATLANTISCHEN'DIALOGS

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Der ehemalige Vorsitzende des Wirtschaftsbeirates von Präsident Nixon und jetzige
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Professor für Betriebswirtschaft an der
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Universität von Michigan, Paul W. McCräcken,
hat in einem Artikel im Wall Street Journal am 24. Mai seine Auffassungen bezüglieh der Aussichten des transatlantischen
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Dialogs dargelegt. Mit freundlicher Geneh• .».,'

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hier im Wortlaut wieder.
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Copyright (c) 1973 by Dow Jones &amp; Co., Inc.
Für die internationale Wirtschaft ist eingutes Erntejahr zu erwarten.
Im September.ist in Tokio der Beginn einer neuen Runde von Verhandlungen
.., über einen Abbau der Handelsschranken; vorgesehen, und die Administration
(in Washington) hat bereits Gesetzesvorlagen unterbreitet, um .dem Präsidenten die notwendigen Verhandlungsvollmachten zu geben. Ferner arbeitet
der Zwanzigeraus'schuß mit Nachdruck an Vorschlagen für ein neues inter;

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nationales Währüngssystem, die aller Voraussicht: nach'auf der Jahrestagung
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�Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im Septem,
ber Beachtung finden werden.
Wie stehen die Aussichten?
Nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten wäre eine optimistische Er«
Wartung am Platze* Trotz all der Währungsunruhen und «krisen der letzten
zwei Jahre scheint die internationale Wirtschaft noch sehr lebendig zu sein.
Zunächst einmal hat sich'das Volumen des Welthandels weiterhin kräftig ausgeweitet. Die Exporte der zehn wichtigsten Handelsnationen, die allein drei
Viertel des gesamten Welthandels ausmachen, liegen heute etwa 20 Prozent
höher als vor einem Jahr. Wenn diese Expansion auch zum Teil auf Preiserhöhungen zurückzuführen ist, so scheint das Volumen doch auch - in realer
Kaufkraft gemessen - etwas rascher gestiegen zu sein als Produktion und Realeinkommen. Die Kräfte, die eine Ausweitung des Volumens des internationalen
Handels und Wandels bewirken, scheinen sehr standhaft zu sein. Sie machen
sich weiterhin wirksam bemerkbar.
Zum anderen fängt das anhaltende amerikanische Handelsdefizit an, erste
Anzeichen einer Verbesserung zu zeigen. Es ist bedeutsam, daß während der
nachhaltigen Expansion in den USA das Handelsdefizit von einer Jahresrate von
6,7 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 1972 auf eine Rate von 6,0 Milliarden Dollar im zweiten Halbjahr und auf eine Rate von 3,7 Milliarden Dollar im
ersten Quartal 1973 gesunken ist. Die Verbesserung im ersten Quartal dieses
Jahres war zu dramatisch, als daß sie aufrechterhalten werden könnte, und
man muß damit rechnen, daß die weitere Abwertung des Dollar im Februar die
übliche kurzfristige negative Auswirkung auf unseren Handel haben wird.
Aber es ist bedeutsam, daß der allgemeine Trend des Defizits seit einem Jahr
nach unten geht, und zwar trotz der einem Boom im eigenen Lande innewohnenden starken Tendenz, Importe anzuziehen.
Darüber hinaus gibt es heute genug Fälle, wo ausländische Firmen ihre
Pläne aufgeben, in den amerikanischen Markt einzudringen, was darauf schliessen läßt, daß die Abwertung von 1971, die allgemein höheren Inflationsraten

.2*

�Inflationsraten im Ausland und jetzt die neuerliche Dollarabwertung das
amerikanische Preis-Kosten-Niveau wieder auf den Stand des Auslandes gebracht
haben. Man könnte sogar argumentieren, daß der Dollar an einem relativen
Preis-Kosten-Stand gemessen im Grunde etwas unterbewertet ist.
Und schließlich haben Wir bereits ein stabileres internationales Währungssystem erreicht, indem wir ein Floaten der Wechselkurse zulassen. Es
hat schon immer logische Gründe für die Überzeugung gegeben, daß - so paradox das klingen mag - starre Wechselkurse internationale Währungsinstabilität
und flexible Kurse ein stabileres System bedeuten. Der Grund ist natürlich
ganz einfach. Wenn die Wechselkurse sich nicht anpassen können, wen Preise,
Kosten und technologische Bedingungen sich in den verschiedenen Ländern mit
unterschiedlichen Raten bewegen, dann tritt die besonders starke Währung
beispielsweise an den ausländischen Devisenmarkt mit einer gewissen einseitigen Unsicherheit heran. Die einzige Unsicherheit ist, wann und um wieviel
diese Währung aufgewertet werden muß. Hier besteht also ganz offensichtlich
kein Risiko nach unten. Die natürliche Folge ist eine Lawine von Geld, das
dieses Land überflutet. Obwohl die unvermeidliche Heraufsetzung des Wechselkurses den Spekulanten angelastet werden kann, liegt die eigentliche Ursache
in dem Wechselkursmechanismus, der die Märkte mit einer einseitigen Unsicherheit konfrontiert hat.
Wenn sich die Wechselkurse frei bewegen können, dann wird eine Verlagerung von Geldern nach einem Lande dessen Währung stärken. Aber je*der, der
Geld in dieser Währung anlegt, muß auch mit einem Risiko nach unten rechnen».
Es besteht also entschieden weniger Anreiz, in einer solchen im Entstehen begriffenen Flutwelle mitzuschwimmen. Wir haben das im Mai erlebt, als Gerüchte
über eine mögliche weitere Aufwertung der DM im Rahmen des Antiinflationsprogramms der Bundesrepublik Deutschland zu einer kurzen Unruhe führten. Es
traten jedoch keine Flutwellen auf, und die Märkte blieben im allgemeinen im
Rahmen.
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Das gegenwärtige System flexibler Kurse hat noch ein weiteres Problem
gemildert - die Tatsache nämlich, daß die Außenhandelsziele von Nationen von
Natur aus unvereinbar sind. Die meisten Länder wollen mehr exportieren als
importieren - wag schwer zu erreichen ist, denn

der Export des einen ist der

Import des anderen. Der Versuch, dies im Rahmen eines Systems fester Wechselkurse zu erzielen, fordert jedpch einfach das Risiko heraus, daß aus Wettbewerbsgründen gegen den Standard abgewertet wird, und das ist ein Teil des
systematischen Prozesses gewesen, durch den der Dollar (der Standard) schließlich überbewertet.wurde. Wenn ein Land bewußt eine Wechselkurspolitik verfolgt,
die dahin tendiert, seine Währung ständig unterbewertet zu halten, dann kann
es eine störende Wirkung auf die Weitwirtschaft ausüben, die praktisch kaum
erkannt wird, da die Stärke seiner Währungs-und Zahlungsbilanzposition nach
außen Redlichkeit und Tugend zeigen. So ist beispielsweise Frankreich seit
langem dafür bekannt, seinen Wechselkurs auf einem Stand zu halten, der dazu neigt, den Franc unterzubewerten. Die unnötige Abwertung des Franc im
Jahre 1969 ist nur ein Beispiel, und wenn wir in der Geschichte etwas weiter
zurückgehen, so ist die Festlegung des. Franc auf:einen unterbewerteten Kurs
in den zwanziger Jahren ein weiteres.
/
Wir haben deshalb heute ein Währungssystem, das der Dynamik einer rasch
fortschreitenden und unsicheren Welt besser angepast ist,als das System von
Bretton Woods, und Finanzminister und Zentralbankpräsidenten scheinen heute eher geneigt zu sein, das zu akzeptieren,

. ,

Die eigentliche Frage ist, ob Europa und die Vereinigten Staaten miteinander reden können - zumindest in einer sinnvollen und problembezogenen
Weise. Sicherlich

hat Europa einige durchaus berechtigte Gründe, Unbehagen

wegen der Vereinigten Staaten zu empfinden. Hier stehen wir nun nur noch
wenige Monate von den Handelsgesprächen in Tokio, die im September beginnen
sollen, und die Administration hat nicht die Vollmacht, zu verhandeln. Eine
liberale Handelsgesetzgebung ist niemals einfach, und Europa sieht gerade
für das Handelsgesetz dieses Jahres ganz besondere Probleme. Sie umfassen
den gesamten Bereich vom Wiedererstehen einer protektionistischen Einstellung

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�Einstellung bis zu den Befürchtungen, daß die Watergate-Affaire die Administration so unbeweglich machen werde, daß sie nicht in der Lage sein
dürfte, das Handelsgesetz im Kongreß voranzubringen.
Außer der Ungewißheit über die Aussichten für eine Verabschiedung des
Handelsgesetzes, das für .eine Teilnahme der USA an der Handelsgesprächsrunde in Tokio notwendig ist, hegt man in Europa noch weitere allgemeinere Besorgnisse. Das alte Währungssystem hat uns nach ihrer Auffassung die Möglichkeit gegeben - ausgerüstet mit unbegrenzten Mengen der Leitwährung der
Welt (dem Dollar) - überall vorzustoßen, ihre Wirtschaftsunternehmen aufzukaufen und sie mit Dollars zu überfluten, bis sie daran erstickten. Sie
glauben - und in dieser Hinsicht haben sie vielleicht sogar Recht - daß die
amerikanische Geschäftswelt bei weitem nicht so exportorientiert ist, wie
sie es sein sollte. Die amerikanische Inflation, die Mitte der sechziger
Jahre einsetzte, wirft immer noch ihren Schatten weit voraus und der beschleunigte Anstieg unseres Preisniveaus, am Anfang des letzten Jahrzehnts erweckte die Befürchtung, daß Onkel Sam wieder einmal in der Tinte sitzt - durch
Mißmanagement seiner Wirtschaft im eigenen Lande. Nachdem wir die Wirtschaft nach 1965 auf den langen Weg einer beschleunigten Inflation eingestellt
haben, müssen wir mit dem Auftreten von ernsten Besorgnissen im Ausland
rechnen, die selbst bei geringfügigen Tendenzen einer Kursabweichung der
Wirtschaft schon unverhältnismäßig groß sein können.
Was uns betrifft, so haben wir auch einige Sorgen wegen Europa. Die
gemeinsame Agrarpolitik und die bei den EG-Ländern bestehende

Tendenz, für

gewährte Präferenzen von einigen Entwicklungsländern für die eigenen Exporte
Gegenpräferenzen zu erlangen, sind Dinge, die Uncle Sam nicht schmecken wollen. Darüber hinaus erscheinen die Gegenpräferenzabmachungen für die Exporte der Gemeinschaft in diese Länder doch wirklich schon ein wenig wie eine
Reinkarnation des Wirtschaftskolonialismus. Was nun die Inflationsraten in
den bedeutenderen europäischen Ländern anbetrifft, so sehen sie heute
schlechter aus als die der USA, und bei manchen sind die Aussichten für eine
substantielle Verbesserung für die Zukunft nicht gerade rosig. Selbst in

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in einem Land mit einer traditionell so starken Inflationsfurcht wie
Deutschland sind die Preise in der letzten Zeit mit einer Rate von mehr als
acht Prozent gestiegen.
Die Hauptbeschwerde amerikanischerseits scheint jedoch die zu sein, daß
es praktisch unmöglich sei, heute einen Weg zu wirklich bedeutungsvollen
Gesprächen mit Europa zu finden. Wenn man mit einzelnen Regierungen spricht,
dann wird einem gesagt, daß es sich hier um Fragen der Gemeinschaft handele,
zu denen die einzelnen Regierungen keinen unabhängigen Standpunkt einnehmen
oder über die sie unabhängig sprechen könnten. Wenn man zur Gemeinschaft
geht, dann wird einem erklärt,daß man dazu nicht viel sagen könne, weil die
Mitglieder noch keinen gemeinsamen Standpunkt hätten.
Diese Sackgasse wird auf vielerlei Weise sichtbar. Die Europäer sind
schnell dabei, die allgemeinen Richtlinien von Finanzminister Shultz für
eine Währungsreform zu kritisieren, aber sie sind nicht in der Lage, eine
Alternative der Gemeinschaft anzubieten. Sie reagieren kühl auf die Rede
Kissingers, in der er eine Atlantikcharta vorschlug, aber sie sind offensichtlich nicht in der Lage, irgend etwas Konstruktives dagegenzusetzen, Sie versteifen sich auf eine Währungsunion ihrer eigenen Währungen (ohne Pfund und
Lira), aber sie sind nicht bereit, jeweils das Maß an Kontrolle über die
Geld-und Fiskalpolitik im eigenen Land aufzugeben, das notwendig ist, wenn
die Währungsunion eine vernünftige Aussicht auf Bestand haben soll.
Wenn im Hinblick auf Tokio vielleicht Ungewißheit bestehen mag, ob die
amerikanische Delegation Verhandlungsvollmacht haben wird, so kann doch kaum
Ungewißheit darüber bestehen, was sie will. Die Delegierten der Gemeinschaft
werden Verhandlungsvollmacht haben, aber sie werden möglicherweise mit keinem
klaren Auftrag dessen eintreffen, was sie eigentlich wollen.

»Viel

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�- Viel Anlaß zum Nachdenken Wenn wir dieses wichtige Jahr einigermaßen konstruktiv überstehen wollen, dann müssen wir auf beiden Seiten noch über Vieles nachdenken. Was uns
hier in Amerika anbetrifft, so brauchen wir offensichtlich eine Handelsgesetzgebung im Sinne der Regierungsvorlage. Für uns geht es jetzt um eine
multilaterale Handelswelt und eine Welt schwindender Schranken.
Wir dürfen auch nicht vergessen, daß die Aufgabe, das Zusammenschmieden einer Europäischen Gemeinschaft zu vollenden, e ine Aufgabe ist, die
fast alle Vorstellungen übersteigt. Das Bemerkenswerte ist nicht, daß dieses Unterfangen so schwierig und so verdrießlich ist, sondern daß es überhaupt in Angriff genommen wird. Die Völker d.er Gemeinschaft stehen heute
vor all den Problemen (nur noch durch größere sprachliche, kulturelle und
politische Unterschiede ins Vielfache gesteigert), vor denen unsere Kolonien vor 200 Jahren standen, als sie versuchten, mit den Artikeln der
Konföderation unabhängig zu handeln.
Die Europäer haben selbstverständlich auch ihre Verantwortungen. Die
Ermahnung, die übrige Welt müsse geduldig warten, während sie komplexe
und schwierige innere Probleme der Gemeinschaft lösen, wird nicht ziehen.
Rund drei Viertel der Weltwirtschaft ist "dort draußen" außerhalb der Gemeinschaft. Diese Weltwirtschaft hat ihre eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten,
und sie wird nicht in atemloser Spannung warten, bis die Gemeinschaft ihre
eigenen Probleme gelöst hat. Europa muß daher einige seiner Gedanken auf
konstruktive Ideen für die Gestaltung der gesamten Weltwirtschaft ausdehnen.
Die übrige Welt, und ganz besonders die Vereinigten Staaten, werden langsam
eines Europa müde, das sich auf negative Reaktionen auf die Initiativen anderer beschränkt. Dies wäre eine Strategie des internationalen wirtschaftlichen Zerfalls.

Sicherlich

�Sicherlich könnten die Probleme hier wesentlich abgeschwächt werden,
wenn jede Seite "sich ein bißchen mehr bemühen würde", wirklich herauszufinden, worauf die andere Seite in der Sache hinauswill, aber vielleicht leiden
wir auch darunter, daß wir keine zureichende Struktur haben, innerhalb derer
der Dialog stattfinden könnte. Früher wurden Kriege um weniger bedeutsamer
Dinge willen angefangen als die blutrünstigen Worte, die sich der französische und der deutsche Landwirtschaftsminister kürzlich wegen der Preise an
den Kopf warfen.Aber Frankreich und Deutschland leben in Frieden miteinander, und es wurde Übereinstimmung erzielt. Die Balken der Gemeinschaft wurden auf die Probe gestellt und sie hielten.
Dies schien die "große Idee" in der kürzlichen Rede Henry Kissingers
zu sein, und sie war vernünftig. Aber leider haben wir uns sofort in transatlantischen Argumenten festgefahren, ob "Jahr Europa" oder "neue Atlantikcharta" sehr gute Formulierungen seien.
Wenn wir unseren Dialog nicht mehr auf sachliche Argumente ausrichten
können als bisher, dann wird das Jahr 1973 nicht als ein irgendwie besonderes Jahr in die Geschichtsbücher eingehen.

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21/1973
TREFFEN NIXON-POMPIDOU IM ZEICHEN DER ERNEUERUNG DER ATLANTISCHEN
PARTNERSCHAFT
-Erklärung Dr.Kissingers in Reykjavik am 31.Mai-

REYKJAVIK — ( A D ) — Das Gipfeltreffen zwischen Präsident Nixon und dem französischen Staatspräsidenten George Pompidou stand im Zeichen einer Erneuerung der atlantischen Partnerschaft zwischen Europa und Amerika. Präsident
Nixon und Staatspräsident Pompidou waren am 30. Mai auf Island eingetroffen und reisten am 1. Juni in ihre Hauptstädte zurück.
Der Sonderberater Präsident Nixons für Fragen der Nationalen Sicherheit, Dr. Henry Kissinger, gab auf einer Pressekonferenz in Reykjavik am
31. Mai in einer Erklärung die wesentlichen Punkte der Gipfelkonferenz
wieder:
"Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen zunächst meine Aufzeichnungen darüber verlesen, was nach Vereinbarung zwischen Präsident Pompidou und
Präsident Nixon am Ende ihrer Zusammenkunft bekanntgegeben werden kann. Es
handelt sich hier nicht um eine offizielle Erklärung, doch haben sich beide Seiten damit einverstanden erklärt, daß diese Erklärung in der vorliegenden Form abgegeben wird. Ich wiederhole nochmals, daß es sich nicht um eine
offizielle Erklärung

handelt. Es handelt sich um Notizen, die nach Überein-

stimmung von Präsident Pompidou und Präsident Nixon den Inhalt ihrer Gespräche wiedergeben.
Wie

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Wie Ron Ziegler (der Pressesekretär des Weißen Hauses) Ihnen bereits
mitgeteilt hat, haben die beiden Präsidenten heute Vormittag in einem nützlichen und konstruktiven Geist ein Gespräch über die internationale Lage
und die Beziehungen innerhalb des atlantischen Bündnisses geführt.
Im Verlaufe dieses Gespräches hat Präsident Pompidou die wichtige Rolle der amerikanischen Truppen in Europa und die Gefahr einer einseitigen Verringerung dieser Truppen unterstrichen.
Präsident Nixon hat zu verstehen gegeben, daß er mit der Beurteilung
Präsident Pompidous voll und ganz übereinstimme.
Im Zusammenhang mit dem, was wir in den Vereinigten Staaten das 'Jahr
Europas* nennen, haben die beiden Präsidenten vereinbart, daß diese Konzeption in engster Zusammenarbeit zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten durch bilaterale Gespräche und einen Gedankenaustausch auf hoher Ebene
verwirklicht werden sollte.
Außenminister Jobert und ich werden diesen Gedankenaustausch weiterführen und unsere erste Zusammenkunft wird am 7, Juni in Paris stattfinden,
wenn ich zu den Vietnam-Verhandlungen dort sein werde.

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Die Verhandlungen innerhalb des Bündnisses über spezifische Fragen, die
gegenwärtig bereits im Gange sind oder die noch aufgenommen werden mögen,
werden in den bestehenden Gremien fortgesetzt werden. Beide Präsidenten haben
vereinbart, daß je nach den in diesen Gremien erzielten Fortschritten eine
Zusammenkunft auf der Ebene der stellvertretenden Außenminister auf einer
ad hoc Basis wünschenswert werden könnte, um festzustellen, inwieweit sich
die Ergebnisse dieses bilateralen Gedankenaustausches und des in den anderen
Gremien geführten multilateralen Gedankenaustausches für eine mögliche Einbeziehung in eine Prinzipienerklärung eignen.
Ob ein Gipfeltreffen der führenden europäischen Staatsmänner mit dem
Präsidenten stattfinden sollte oder nicht, wird entschieden werden, sobald die
Ergebnisse all dieser anderen Verhandlungen ausgewertet werden können.
Auf

-2-

�Auf jeden Fall wird Präsident Nixon nach Europa kommen, um seine Kontakte mit den verschiedenen führenden Staatsmännern fortzusetzen.
Was die Handelsfragen anbetrifft, so haben beide Seiten vereinbart,
weiter in einem kooperativen und konstruktiven Geist vorzugehen. Zu den
Währungsfragen gab der französische Staatspräsident eine umfassende Darlegung seiner Ansichten und Präsident Nixon sagte zu, daß wir sie sehr aufmerksam und mit einer positiven Einstellung prüfen würden.
Die beiden Präsidenten stimmten darin überein, daß unsere Interessen
identisch sind und daß die einzige Meinungsverschiedenheit zwischen unseren
beiden Nationen darin besteht, wie wir die gemeinsamen Ziele am besten erreichen können.
Das war der wesentliche Inhalt der heutigen Gespräche.
Neben den Ihnen mitgeteilten Themen gab es noch ein kurzes Gespräch über
Südostasien und den Nahen Osten - Themen, die bei den Zusammenkünften der
Außenminister ausführlicher behandelt worden waren.
Morgen werden Präsident Nixon und Präsident Pompidou sich den bilateralen Fragen zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich zuwenden und
wir sind zuversichtlich, daß diese Gespräche in dem gleichen konstruktiven
und freundschaftlichen Geist wie heute stattfinden werden."

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21/1973
US-GEMEINSCHAFTSSCHAU AUF D£R ACHEMA «73

--(AD)— Die Vereinigten Staaten sind auf der ACHEMA »73 mit einem Gemeinschaftsstand vertreten, auf dem über 40 amerikanische Hersteller ihre
neuesten Erzeugnisse zeigen.
Der Schwerpunkt der US-Gemeinschaftsschau liegt auf dem Gebiet der Laboratoriumstechnik, auf das rund 60 Prozent der Aussteller entfallen. 20
Prozent der anwesenden Firmen zeigen Instrumente und Geräte für die Meß»
und Regeltechnik und weitere 20 Prozent Anlagen und Einrichtungen für die
Verfahrenstechnik.
Über die Hälfte der Aussteller im amerikanischen Pavillon sind an
Kontakten zu deutschen Unternehmen interessiert mit dem Ziel, Lizenzabkommen zu treffen oder Vertriebsverträge abzuschließen.
Der amerikanische Gemeinschaftsstand ist in Halle la untergebracht
und wird vom US-Handelszentrum Frankfurt organisatorisch betreut. Weitere
Auskünfte erteilt das US-Handelszentrum, 6 000 Frankfurt am Main, Bockenheimer Landstraße 2-4, Telefon 72 08 01, Telex 416535.

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21/1973

WASHINGTON RECHNET MIT WACHSENDEN HANDELSÜBERSCHÜSSEN
Von Eugene Brake
WASHINGTON —(AD)..- In Washington gibt man sich, was die weitere Entwicklung der amerikanischen Zahlungsbilanz anbetrifft, neuerdings wieder recht
optimistisch.
Dies lassen sowohl Äußerungen von Mitgliedern des Federal Reserve
Board (US-Bundesbank) wie auch maßgebender Vertreter der Regierung in jüngster Zeit erkennen. So bezeichnete der Experte für internationale Währungsfragen des Federal Reserve Board, J. Dewey Daane, in diesen Tagen die längerfristigen Aussichten für die internationale Zahlungsbilanz der USA
- und damit für den US-Dollar - als "erheblich besser" als dies seit langem
der Fall gewesen sei.
Diesen "vorsichtigen Optimismus" begründet Daane mit den letzten Statistiken über die Entwicklung des amerikanischen Außenhandels. Das Handelsdefizit der USA hatte Anfang 1972 mit einer Jahresrate von fast 8 Milliarden Dollar ihren bisher höchsten Stand erreicht. Seitdem war eine ständige
Verbesserung der Handelsbilanz zu verzeichnen, die gerade in den letzten
Monaten besonders stark war. So belief sich die Jahresrate des amerikanischen Handelsdefizits in den Monaten Januar bis April 1973 auf rund
2 Milliarden Dollar gegenüber einem Defizit von 6,8 Milliarden Dollar für
das gesamte Jahr 1972.
Der

-1-

�Der Staatssekretär für Währungsfragen im amerikanischen Finanzministerium, Paul A. Volcker, hatte bereits auf dem vom Weißen Haus veranstalteten
Wirtschaftsseminar auf diese stetige Verbesserung der US-Handelsbilanz verwiesen und betont, daß sich die Situation nunmehr im positiven Sinne zu
entwickeln scheine. Allerdings hatte Volcker einschränkend hinzugefügt:
"Ich möchte diesen Zahlen nicht zu viel Bedeutung beimessen, da sie das
Tempo, mit dem sich diese Entwicklung vollzieht, vielleicht zu schnell erscheinen lassen. Trotzdem werte ich sie als ein Zeichen dafür, daß sich
das zugrundeliegende Problem nach den sehr beträchtlichen Anstrengungen
nunmehr in der von uns gewünschten Richtung zu entwickeln beginnt."
Die in letzter Zeit eingetretene Verbesserung der amerikanischen Handelsbilanz ist natürlich auch zu einem großen Teil auf die ungewöhnlich starke Zunahme der US-Agrarexporte zurückzuführen, vor allem auf die umfangreichen Lieferungen an die Sowjetunion. Amerikanische Regierungskreise rechnen
damit, daß diese Entwicklung weiterhin anhalten und so zu einer Verbesserung
der Handelsbilanz beitragen wird. Allerdings glauben sie nicht, daß die ungewöhnlich hohe Zuwachsrate der Agrarexporte in den letzten Monaten auf die
Dauer aufrechterhalten werden kann.
Aus all diesen Gründen glaubt Daane nicht, daß die tatsächliche Verbesserung der amerikanischen Handelsbilanz wirklich so groß ist, wie dies die
letzten Statistiken vermuten lassen. Auch warnt er, daß eventuell mit vorübergehenden Rückschlägen in den nächsten Monaten zu rechnen sein könnte, da
die Dollarpreise der Importgüter aufgrund der Wechselkursänderungen in diesem Jahr zunächst steigen werden, weil das Importvolumen sich dem veränderten
Preisniveau noch nicht voll angepaßt hat. Trotzdem, so erklärte Daane, "hat
es solide Fortschritte gegeben". Selbst wenn man den Anstieg der Agrarexporte
außer Betracht läßt, lassen die Handelsstatistiken - sowohl auf der Export wie auch auf der Importseite - eine eindeutige Verbesserung erkennen.

Was

-2-

�Was nun die künftige Entwicklung anbetrifft, so rechnet Daane für die
letzten Monate dieses Jahres sowie für 1974 mit einer weiteren Verbesserung
der US-Handelsbilanz - nicht nur aufgrund der kumulierenden Wirkung der verbesserten Wettbewerbsposition der Vereinigten Staaten, sondern auch als Folge
der sich zu Gunsten der USA vollziehenden internationalen Wirtschaftsentwicklung. Während sich das Wachstumstempo der amerikanischen Wirtschaft verlangsamen und auf einem gemäßigten Niveau stabilisieren dürfte, wird der Wirtschaftsaufschwung in den anderen Ländern mit unverminderter Kraft anhalten.
Hieraus folgt, daß die dieses Jahr einsetzende beträchtliche Verbesserung der
amerikanischen Handelsbilanz sich 1974 und 1975 verstärkt fortsetzen wird,
so daß sich dann - zum ersten Male seit Ende der sechziger Jahre - wieder ein
beträchtlicher Handelsüberschuß ergeben dürfte.
Vor einem Senatsunterausschuß unterstrich Daane, daß er bei seinen Voraussagen die Notwendigkeit steigender amerikanischer Energieimporte voll berücksichtigt habe. Selbst bei ständig wachsenden Energieimporten rechne der
Federal Reserve Board mit einem beträchtlichen Handelsüberschuß der USA in den
nächsten Jahren. Allerdings, so fügte Daane hinzu, sei die Frage, wo die Öl»
exportländer ihre schnell steigenden Einkünfte aus den Erdölexporten investieren werden, nicht nur für die USA} sondern für das gesamte internationale Wirtschaftssystem von Bedeutung.
Ein wichtiger Grund für den Optimismus, den Washington hinsichtlich der
Entwicklung der amerikanischen Handelsbilanz - und damit auch der amerikanischen Zahlungsbilanz - zur Schau trägt, sind die seit 1970 erfolgten Veränderungen der Währungsparitäten. Der amerikanische Dollar ist gegenüber einigen
Währungen - vor allem dem japanischen Yen und der DM - stärker und gegenüber
anderen Währungen - vor allem den Währungen der Entwicklungsländer - in geringerem Maße abgewertet worden. Im Durchschnitt belief sich die Abwertung
des US-Dollar gegenüber allen anderen Währungen auf rund 17 Prozent. Dies
ist eine sehr erhebliche Wechselkursanpassung, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Erzeugnisse wesentlich verbessert. Und so

�so konnte Daane mit Recht vor dem Ausschuß darauf hinweisen, daß sich mit
Sicherheit erhebliche Auswirkungen auf den amerikanischen Außenhandel ergeben werden. Allerdings lassen sich Umfang und Zeitpunkt der zu erwartenden
Exportausweitung sowie der Verlangsamung der Zuwachsrate bei den Importen
nicht genau voraussagen. Bis sich die Auswirkungen einer Abwertung positiv
auf den Außenhandel niederschlagen, braucht es immer eine gewisse Zeit.
Im Augenblick beginnen die Wechselkursänderungen der Jahre 1970 und 1971
langsam auf die amerikanische Handelsbilanz durchzuschlagen. Die neuerlichen
Wechselkursänderungen werden sich somit erst in den kommenden Jahren bemerkbar machen, und Daane rechnet damit frühestens für 1974 und 1975.
Die aufgrund des Smithsonian-Abkommens vom Dezember 1971 vorgenommenen
Wechselkursänderungen schlugen nicht so stark durch, wie man sich das in
Washington erhofft hatte. Aber nach den erneuten, in diesem Jahr vorgenommenen
Wechselkursanpassungen sind sowohl das amerikanische Finanzministerium wie
auch der Federal Reserve Board der Meinung, daß nunmehr ein vernünftiges und
realistisches System von Wechselkursen erreicht worden ist. Daher unterstrich
Daane auch auf Fragen der Ausschußmitglieder, daß mit einer eventuellen weiteren Abwertung des US-Dollar niemandem gedient sei und er darin "absolut
keinen Nutzen" sehen könne.

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                <text>Amerikadienst 06.06.1973</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Belebung des transatlantischen Dialogs&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Paul McCracken&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Treffen Nixon-Pompidou im Zeichen der Erneuerung der Atlantischen Partnerschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung Dr. Kissingers in Reykjavik am 31. Mai -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Gemeinschaftsschau auf der ACHEMA '73&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Washington rechnet mit wachsenden Handelsüberschüssen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Eugene Brake&lt;/em&gt;</text>
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6. Juni 1984

INHALT

DOKUMENTATION
Rede des US-Präsidenten vor dem irischen Parlament am 4. Juni 1984
- Wortlaut Reagan fordert Solidarität und Einigkeit in der NATO
- Sowjets sollen an Verhandlungstisch zurückkehren Reagan sieht Fortschritte am Persischen Golf
- Interview des Präsidenten mit Fernsehjournalisten Ansprache von Botschafter Burns in Heidelberg
- Gehalten vor Examensabsolventen der Universität Maryland am 27. Mai 1984
HINTERGRUNDMATERIAL
Die XXIII. Olympischen Spiele in Los Angeles
- (5) - Ein Rückblick auf die Spiele des Jahres 1932

Um Uber/endung von
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wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23

6. Juni 1984

REDE DES US-PRÄSIDENTEN VOR DEM IRISCHEN PARLAMENT AM 4. JUNI 1984
- Wortlaut -

DUBLIN - (AD) - Präsident Ronald Reagan hielt am 4. Juni 1984 eine
vielbeachtete Rede vor dem irischen Parlament in Dublin, in der er auf
zahlreiche außenpolitische Themen einging und vor allem die Sowjetunion
zur Wiederaufnahme der Rüstungskontrollverhandlungen drängte. Er sei
auch bereit, so führte Reagan aus, über die Forderung Moskaus nach einer
Gewaltverzichtserklärung zu sprechen.

Die Rede des amerikanischen Präsidenten vor einer gemeinsamen Sitzung
beider Häuser des Parlaments der Republik Irland hat folgenden Wortlaut:
Ich bin mir der großen Ehre bewußt, die mir durch Ihre Einladung,
hier zu sprechen, zuteil geworden ist. Ich danke Ihnen. Und ich kann
nicht anders als mich zu fragen, ob wir uns auch immer der Tatsache
bewußt sind, daß es noch heute Länder in der Welt gibt, in der die Volksvertreter nicht in der Lage sind, so zu sprechen, wie sie es hier können.

Als ich vor einigen Tagen die Airforce One auf dem Flugplatz Shannon
verließ und Irland sah - schön und grün - und die Herzlichkeit seiner

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Herzlichkeit seiner Menschen spurte, da wurde ich tief gerührt. Wer
weiß, aber eines Tages werden Wissenschaftler den komplexen genetischen
Prozeß erklären, durch den Generationen über all die Zeit, ja selbst über
Ozeane hinweg ihre teuersten Erinnerungen fortzupflanzen scheinen. Bevor
sie es erklären, muß ich mich auf die Worte von Präsident Lincoln
verlassen von den "mystischen Fäden der Erinnerung" - und Ihnen sagen,
daß in den letzten Tagen hier in Ihrem Lande diese Fäden mich immer
wieder leise und rührend gestreift haben.

Ich hoffe, daß Sie mich nicht für zu kühn halten, wenn ich sage, daß
meine Gefühle heute morgen am besten mit den Worten zusammengefaßt werden
können: "Endlich wieder daheim".

Ich weiß natürlich, daß einige von uns

Irisch-Amerikanern sich leicht von ihrer Abstammung davontragen lassen
und gerne ihre Verwandten hier mit dem beeindrucken wollen, was sie in
der Neuen Welt erreicht haben. Viele von uns sind noch keine fünf Minuten in Irland, und schon wollen sie, wie es in dem amerikanischen Lied
heißt, Onkel Mike die Hände schütteln und das Mädchen küssen, mit dem sie
einst im Garten gespielt hatten.

Ich möchte Sie aber wissen lassen, daß für Nancy und mich diese letzten Tage hier für immer einen festen Platz in unseren Herzen haben werden. Von Shannon bis Galway, von Ballyporeen bis Dublin haben Sie uns
das Gefühl gegeben, willkommen zu sein wie die Blüten im Mai, und dafür
werden wir Ihnen und dem irischen Volk immer dankbar sein.
Natürlich haben wir nicht mit einem kühlen Empfang gerechnet. Wenn
ich mich hier im Saal umsehe, dann weiß ich, daß ich zwar nicht behaupten
kann, ein besserer Ire zu sein, - dies aber schon länger als die meisten
von Ihnen. Und es gibt immer wieder jene, die sich weigern, mich das
vergessen zu lassen.

Ich habe noch andere Empfehlungen: Ich bin Urenkel eines Mannes von
Tipperary; ich bin Präsident eines Landes mit den engstmöglichen Bindungen an Irland; und ich war ein Freund von Barry Fitzgerald. Ein Ire
sagte mir, ich würde ganz gut passen. "Herr Präsident", so meinte er,
"Sie lieben eine gute Erzählung, Sie lieben Pferde, Sie lieben die

�lieben die Politik - mit Ihrem Akzent werden wir schon noch fertig".

Aber ich kam auch in das Land meiner Vorväter, um zwei Schulden zu
begleichen: meine Dankbarkeit für ein leichtes Herz und eine starke
Konstitution zum Ausdruck zu bringen; und dem Mittel zur Beflügelung so
vieler politischer Erfolge in Amerika meine Anerkennung zu zollen: dem
Blarney-Stein.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was der Blarney-Stein

vollbringt (Wer ihn küßt, dem wird die Gabe der Beredtsamkeit verliehen;
Anm. der Redaktion) Ich habe die Italiener oft zur Entdeckung Amerikas
durch Christoph Columbus beglückwünscht, aber das kann mich nicht abhalten, Sie zu dem großen Seefahrer Brendan zu beglückwünschen.

Ich glaube, Sie wissen, daß ich seit den ersten Tagen im Amt oft an
Irland gedacht habe. Ich bin stolz, daß die erste Botschaft, die ich als
Präsident besuchte, die irische Botschaft war, und ich freue mich, daß
unsere Administration mit so vielen Kabinettsmitgliedern irischer Abkunft
gesegnet ist. Ich mußte sie sogar daran hindern, mitzufliegen, denn
sonst wäre niemand drüben, um Stallwache zu halten. Und von den vielen
Irisch-Amerikanern, die heute sehr hohe Stellungen im amerikanischen
Kongreß innehaben, will ich gar nicht reden.

Ich kann Ihnen versichern, daß die Irisch-Amerikaner über die Bedeutung der Freundschaft unser beider Nationen und über die Bande der
Zuneigung zwischen uns mit einer Stimme sprechen. Das amerikanische Volk
weiß, wie tiefgreifend Irland unser nationales Erbe und unser Heranwachsen zu einer Weltmacht beeinflußt hat. Und ich weiß, es möchte, daß
ich Ihnen heute versichere, daß Ihre Interessen und Anliegen die unsrigen
sind, und daß Sie in den Vereinigten Staaten treue und feste Freunde haben.

Unser Besuch ist ein freudiger Augenblick und wird es auch bleiben.
Aber das sollte uns nicht von ernster Arbeit und ernsten Worten abhalten. Heute abend möchte ich direkt zu einigen Punkten Stellung nehmen.

Ich weiß, viele von Ihnen werden sich noch der tragischen Ereignisse
von Weihnachten vorigen Jahres erinnern: An die fünf Menschen, die getö-

- 3 -

�die getötet und die 92, die verletzt wurden, als eine von Terroristen
gelegte Bombe im Kaufhaus Harrods in London explodierte. Erst am Tage
zuvor wurden der Rekrut Gary Sheehan und der Soldat Patrick Kelly, ein
junger irischer Soldat und Vater von vier Kindern, von Kugeln der Terroristen niedergestreckt. Diese beiden Ereignisse, die 350 Meilen voneinander entfernt - das eine in Irland, das andere in Großbritannien stattfanden, zeigten die erbarmungslose, wahllose Gewalttätigkeit der
Terroristen - ein gewalttätiges Übel bis ins Mark, und in all seinen
Formen zu verurteilen. Und sie zeigten, daß die Probleme Nordirlands
einen Blutzoll von den Menschen in Großbritannien und in Irland - Nord
und Süd - fordern.

Aber die Unruhe im Norden berührt mehr als nur diese beiden großen
Inseln. Als Ihr Ministerpräsident im März in Amerika war, verurteilte er
mutig die Unterstützung, die eine kleine Zahl fehlgeleiteter Amerikaner
diesen Terroristengruppen gewährt. Ich habe mich in dieser Verurteilung
angeschlossen, wie die große Mehrheit der Irisch-Amerikaner.

Ich wiederhole es heute: Es ist kein Platz für die brutale, feige
Gewalt des Terrors - nicht in Großbritannien, nicht in Irland, nicht in
Nordirland. Alle Seiten sollten ein Ziel vor Augen haben. Wollen wir es
einfach und direkt ausdrücken: Die Gewalt zu beenden, so völlig zu beenden und sie jetzt zu beenden.

Der Terror, das Gefühl der Krise, das in Nordirland existiert, hat
von allen einen hohen Preis gefordert. Aber wollen wir nicht die legitimen Gründe zur Hoffnung in den Entwicklungen der letzten Monate übersehen. Wie Sie wissen, ist zwischen der Regierung hier in Dublin und der
Regierung in London ein aktiver Dialog im Gange. Dann gibt es noch die
konstruktive Arbeit des Forums für ein neues Irland. Der jüngste Bericht
des Forums fand Beifall. Er stieß auch auf Kritik. Aber das Wichtige
ist, daß Anhänger des Friedens Gehör finden und man über ihre Botschaft
der Versöhnung spricht.

Die Position der Vereinigten Staaten in all dem ist eindeutig: Wir
dürfen und wir werden nicht in innere irische Angelegenheiten eingreifen,

�Angelegenheiten eingreifen, und wir werden auch keine Lösungen oder
Formeln verschreiben. Aber ich möchte, daß Sie wissen, daß wir an Ihren
guten Willen und Ihre Unterstützung appellieren, und daß wir, wenn Sie
für den Frieden arbeiten, an Ihrer Seite stehen.

Ich bin nicht übertrieben optimistisch, wenn ich heute sage, daß ich
daran glaube, daß Sie eine friedliche und demokratische Versöhnung der
beiden unterschiedlichen Traditionen und Gemeinschaften Irlands zustande
bringen werden. Abgesehen davon, daß Irland ein Land ist, das für sein
Eintreten für Freiheit und Selbstbestimmung legendär ist, ist es auch ein
Synonym für die Hoffnung. Es ist dieses Gefühl der Hoffnung, das sich
durch Hungersnot und Krieg erhalten hat; das so viele irische Männer und
Frauen ins Ausland geschickt hat, um ein neues Leben zu suchen und neue
Nationen aufzubauen; das der Welt Heilige und Gelehrte geschenkt hat, die
die westliche Kultur erhielten, die Missionare und Soldaten, die von Menschenwürde und Freiheit sprachen und den Funken des Strebens nach Unabhängigkeit in meinem eigenen Lande und in anderen Ländern mit entzündet
haben.

Sie sind noch heute das Land der Hoffnung. Das kommt nirgendwo so
deutlich zum Ausdruck wie in den wirtschaftlichen Veränderungen, die hier
herbeigeführt werden.

Ich weiß, daß Irland vor der ernsten Herausfor-

derung steht, mehr Arbeitsplätze für seine Bevölkerung zu schaffen, aber
Sie haben eindrucksvolle Fortschritte gemacht und die modernsten Technologien und Industrien der Welt angezogen und den Lebensstandard Ihres
Volkes verbessert. Und Sie haben all das getan, ohne Ihre traditionellen
Werte und Ihr religiöses Erbe aufzugeben; Sie haben Ihre Kultur und Ihre
Sprache erneuert und Sie spielen weiterhin eine Schlüsselrolle in der
Völkergemeinschaft.

Auf der Grundlage der traditionellen Neutralität Irlands in
internationalen Angelegenheiten können Sie ebenso stolz sein wie auf
Ihren Beitrag zum Streben nach Frieden.

Irische Soldaten haben acht

Friedensoperationen der Vereinten Nationen mitgemacht, seit Sie der
Weltorganisation beitraten.
Auch im

- 5 -

�Auch im wirtschaftlichen Bereich sind wir Amerikaner stolz, daß
unsere Unternehmen die Möglichkeit erhielten, im neuen wirtschaftlichen
Umfeld Irlands zu gedeihen. Wie Sie wissen, gibt es hier über 300 amerikanische Firmen, die zwischen 35 000 und 40 000 Arbeitsplätze stellen.
Wir ermutigen diese Investitionen weiterhin. Und ich versichere Ihnen
heute, daß wir in Zukunft solche Investitionen noch stärker ermutigen
werden.

Ich glaube, der wirtschaftliche Fortschritt, den Sie hier in Irland
machen, läßt sich zum Teil mit der historischen Achtung der persönlichen
Freiheit in Ihrem Lande erklären. Der Zusammenhang von Prosperität und
Freiheit wird zu oft übersehen. Und doch bietet er eine feste Grundlage
für eine wachsende Kooperation, nicht nur zwischen unseren beiden Ländern, sondern zwischen allen Ländern der Erde, die diesen Zusammenhang
erkennen.

Männer und Frauen überall auf unserer immer kleiner werdenden Welt
haben die gleiche Erfahrung gemacht. Für die meisten Menschen heute
bedeuten die Ozeane keine furchterregenden Entfernungen mehr wie damals,
als mein Urgroßvater, Michael Reagan, noch Wochen bis Amerika brauchte.
Aber noch heute machen sich Männer und Frauen mit ihren Kindern in kleinen Booten auf, um vor Tyrannei und Entbehrung zu fliehen. Für die
meisten von uns sind die Ozeane und die Luftwege heute friedliche Wege,
gedrängt voller Ideen, Menschen und Güter in allen Richtungen. Diese Wege
führen uns zusammen. Langsam aber sicher kommen immer mehr Menschen in
den Genuß der Werte des Friedens, der Prosperität und der Freiheit, die
Irland und Amerika vereinen.

Im vorigen Jahr habe ich zwei Reisen zu Amerikas Nachbarn über den
Pazifik hinweg nach Asien unternommen. Dieses Jahrhundert hat den pazifischen Nationen viel Not gebracht, und viele Schwierigkeiten und Differenzen bleiben bestehen. Aber was ich überall vorfand, waren Energie,
Optimismus und Begeisterung. Einige Länder Asiens haben erstaunliche
wirtschaftliche Wachstumsraten hervorgebracht, indem sie Anreize boten,
die die Initiative belohnen, weil sie Freiheit ermöglichten. All die
Völker dieser großen Region kommen mehr und mehr zu einem Gefühl des

�Gefühl des gemeinsamen Schicksals und der gemeinsamen Chancen. Der
riesige Pazifik ist kleiner geworden, aber die Zukunft jener, die um ihn
herum leben, ist größer als je zuvor.

Hier in Irland hatte ich das gleiche Gefühl von Rührigkeit, Optimismus und Erwartung einer besseren Zukunft.

Ich glaube, die Zukunft wird uns eine reelle Chance bieten, endlich
die Bedrohung durch Krankheit, Hunger und Not zu überwinden, die seit
Menschengedenken auf uns lastet. Aber Zeiten großen Fortschritts können
gleichzeitig auch Zeiten großer Prüfung sein. Als Präsident Kennedy hier
weilte, bemerkte er, daß wir zwar in einer "Zeit großen Aufschwungs" lebten, gleichzeitig aber auch in "die schwierigste und gefährlichste Auseinandersetzung der Weltgeschichte" verwickelt seien. Was er meinte, war der
welthistorische Kampf, den unser Jahrhundert erlebt, der Kampf zwischen
den Kräften der Freiheit und denen des Totalitärismus - ein Kampf, der,
wie wir alle nur zu gut wissen, vor dem Hintergrund der Existenz furcht4arer Vernichtungswaffen auf beiden Seiten stattfindet.

Glauben Sie mir, wenn man das Amt innehat, daß ich gegenwärtig innehabe, so ist man sich in jedem wachen Augenblick des Tages der drückenden
Verantwortung für die Sicherung des Friedens und die Bewahrung der Existenz der Menschheit bewußt. Dieser Verantwortung kann man nicht mit halbherzigen Wünschen gerecht werden; man kann ihr nur gerecht werden, indem
man sich mit Entschlossenheit bemüht, den Frieden mit all der Macht zu sichern, die Amerika in die Waagschale werfen kann.

Mein tiefstes Anliegen ist, einen stabilen Frieden zu erlangen nicht nur durch die Gewährleistung einer Abschreckung gegen jede Art von
Aggression, sondern auch durch die Sicherung einer wirtschaftlichen Stärke, die zu größerer Stabilität beiträgt, indem sie für Wachstum und Fortschritt des Menschen sorgt. Wir fühlen uns zutiefst verpflichtet, eine
Verminderung der Rüstung auf jedem gangbar erscheinenden Weg anzustreben.
Unser Streben nach einem stabilen Frieden beruht auf der stärksten Kraft,
die es gibt - der geistigen Kraft und dem Selbstbewußtsein, das uns befähigt, unserem Gegner die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ich möchte heute

- 7 -

�mochte heute sowohl unseren Gegnern als auch Ihnen allen, die Sie uns
stets als Freunde lieb und teuer gewesen sind, aus ganzem Herzen
versichern, daß Amerika zum Frieden bereit ist.

Wir bemühen uns gegenwärtig, in der amerikanischen Außenpolitik für
Beständigkeit zu sorgen, insbesondere im Streben nach Rüstungsverminderungen.

In der Vergangenheit haben wir zu oft versucht, grandiose Ziele und
weitreichende Abkommen Übernacht zu erreichen; dann wieder haben wir unsere Ansprüche so heruntergeschraubt, daß die Abkommen, wenn sie schließlich geschlossen wurden, eine zahlenmäßige Vermehrung der Waffen wie auch
die Einführung neuer Waffenkategorien zuließen.

Beispielsweise hat eine der beteiligten Nationen in dem Zeitraum von
der Unterzeichnung des SALT-2-Abkommens bis zur Gegenwart ihr Arsenal um
3950 Gefechtsköpfe aufgestockt. Mag sein, daß das Rüstungsbegrenzung ist;
Rüstungsverminderung ist es sicherlich nicht. Im Endeffekt war es nicht
einmal Rüstungskontrolle. Ich fürchte, daß während dieser ganzen Zeit sowohl unsere Freunde als auch unsere Gegner durch unsere wechselnden Vorschläge und politischen Kursänderungen zeitweise verwirrt und verunsichert worden sind.

Deshalb haben wir ganz systematisch eines der umfassendsten Rüstungskontrollprogramme der Geschichte ausgearbeitet und vorgelegt. Wir sind
der Meinung, daß es für alle Völker nur eine Maxime geben kann, wenn wir
in unserem heutigen Zeitalter den Fortbestand der Zivilisation gewährleisten wollen: Ein Atomkrieg ist nicht zu gewinnen und darf niemals
geführt werden.

Auf fünf Gebieten haben wir wichtige Vorschläge unterbreitet:
- Vor weniger als zwei Monaten hat der Westen in Wien neue Vorschläge
über die Verminderung der konventionellen Streitkräfte in Europa
vorgelegt.
- In der gleichen Woche stellte Vizepräsident Bush in Genf den Entwurf
eines Abkommens über ein weltweites Verbot chemischer Waffen vor, das

�vor, das auch die Giftgase, die in Afghanistan und Kamputschea
eingesetzt worden sind, abdecken würde.
- In Stockholm verfechten wir auf der Europäischen Abrüstungskonferenz
eine Reihe von Vorschlägen, die dazu beitragen würden, die Gefahr
eines militärischen Konflikts zu verringern.
- Darüberhinaus haben wir - wie den meisten von Ihnen bekannt ist - in
Genf bis vor kurzem an zwei Fronten über Rüstungsverminderung verhandelt: bei den START-Verhandlungen, wo es um die Verminderung interkontinentaler Nuklearwaffen ging, und bei den INF-Verhandlungen, die um
die Frage der Mittelstreckenraketen kreisten.
- Außerdem bemühen wir uns, die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu
verhindern und zu erreichen, daß alle Exporte von nuklearem Material
umfassenden Sicherheitsvorkehrungen unterworfen werden.

Während der Monate, in denen die START- und INF-Verhandlungen liefen,
ergriffen die Vereinigten Staaten siebenmal mit Vorschlägen die Initiative. In keinem Fall verfuhren die Vereinigten Staaten dabei nach dem Grundsatz des "Alles oder Nichts." Wir haben sogar eine Reihe von Abänderungen
vorgenommen, um den von der sowjetischen Seite geltend gemachten Vorbehalten Rechnung zu tragen. Obwohl die Flexibilität der Sowjets der unseren
nicht gleichkam, taten sie doch einige Schritte der Art, die bei ernsthaften Verhandlungen erforderlich ist.

Aber nachdem die Stationierung von Mittelstreckenraketen hier in Europa begonnen hatte, verließen die Sowjets den Verhandlungstisch. Nun handelte es sich bei dieser Stationierung keineswegs um etwas, was uns hochwillkommen gewesen wäre; vielmehr hatten sowohl ich selbst als auch die
europäischen Staatschefs gehofft, daß diese Stationierung durch die Verhandlungen überflüssig gemacht werden würde. Unglückseligerweise ließ uns
die sowjetische Haltung bei diesen Verhandlungen dann aber keine andere
Wahl. Nach 1977, d.h., während einer Zeit, in der wir keine Waffen stationierten, sondern vielmehr die Sowjets zum Verhandeln drängten, stellten
diese rund 370 SS-20-Raketen auf, die in der Lage sind, jede beliebige
Stadt in jedem Land Europas zu treffen. Wir und unsere Verbündeten konnten vor dieser Bedrohung nicht auf unbegrenzte Zeit die Augen verschließen.
Ich meine

�Ich meine aber, daß es auch heute immer noch möglich ist, ein Abkommen zu erreichen. Seien Sie versichert, daß wir sowohl bei den START- als
auch bei den INF-Verhandlungen gern sowjetische Vorschläge hören würden,
daß wir möchten, daß die Sowjets sich unsere Vorschläge anhören, und daß
wir bereit sind, darüber noch am morgigen Tag zu verhandeln, wenn die
Sowjets das wollen. Ich wäre bereit, die Stationierung unserer Mittelstreckenraketen in Europa zu stoppen oder sogar rückgängig zu machen,
wenn ein dahingehendes verifizierbares und faires Abkommen geschlossen
werden könnte. Damit aber solche Ergebnisse erzielt werden können, müssen
die Sowjets an den Verhandlungstisch zurückkehren. Hier vor diesem Forum
und vor allen Bürgern Europas fordere ich die Sowjets dazu auf.

Ich meine, wir dürfen uns nicht zufriedengeben und uns keine Ruhe gönnen, bis diese schrecklichen Waffen für immer von Angesicht der Erde verbannt sind. Was ich zutiefst hoffe und erträume, ist, daß sich, wenn wir
den Weg der Rüstungsverminderung erst einmal gemeinsam eingeschlagen haben, dann auch der gesunde Menschenverstand einstellen wird, der uns veranlaßt, diesen Weg bis zum Ende zu gehen, so daß unsere Kinder und Kindeskinder nicht mehr mit dieser Bedrohung leben müssen, die gegenwärtig auf
der Welt lastet.

Ich möchte heute nicht nur die Bedeutung von Rüstungskontrollverhandlungen unterstreichen, sondern auch die Tatsache, daß die Vereinigten
Staaten den Dialog in zwei weiteren entscheidenden Bereichen der Ost-WestBeziehungen verbessern möchten. Wir möchten nicht nur die Rüstungslasten
vermindern, sondern auch Mittel und Wege finden, den Einsatz der militärischen Potentiale in konfliktträchtigen lokal begrenzten Situationen, die
zu schwierigen Verwicklungen führen können, zu begrenzen. Wir streben
ernsthafte Gespräche mit den Sowjets darüber an, wie wir sicherstellen
können, daß es in unruhigen oder strategisch heiklen Gebieten der Welt
nicht zu Fehleinschätzungen oder Mißverständnissen kommt. Ich möchte
heute nochmals unterstreichen, daß den Vereinigten Staaten hieran ernsthaft gelegen ist.

Auf der Stockholmer Konferenz, die ich soeben erwähnte, verhandeln
die Vereinigten Staaten und 34 andere Nationen über Maßnahmen zur Ent-

- 10 -

�zur Entkrampfung des Ost-West-Verhältnisses und zur Verringerung von
Ungewissheiten, die sich aus militärischen Aktivitäten in Europa ergeben,
wo sich mehr Streitkräfte zusammenballen als irgendwo sonst auf der Welt.
Die 16 Nationen des atlantischen Bündnisses haben konkrete Vorschläge
unterbreitet, die die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts in
Europa herabsetzen würden. Die Sowjetunion hat diese Vorschläge nicht
angenommen, sondern rückt die Frage einer Gewaltverzichtserklärung in den
Vordergrund.

Eine bloße Wiederholung eines Grundsatzes, auf den sich alle Nationen
in der Charta der Vereinten Nationen und anderswo bereits verpflichtet
haben, wäre jedoch ein unzulängliches Endergebniss für eine Konferenz,
deren Mandat weitaus mehr verlangt. Wir müssen diese Idee in praktische
Maßnahmen umsetzen, die wirksame Sperren gegen den Gebrauch von Gewalt in
Europa errichten. Wenn die Sowjetunion solchen konkreten Maßnahmen zustimmen würde, die von anderen Teilnehmerstaaten der Stockholmer Konferenz
augenscheinlich bereits akzeptiert werden, so wäre dies ein wichtiger
Schritt vorwärts in dem Bestreben, eine friedlichere Welt zu schaffen.

Falls Verhandlungen über eine erneute Verpflichtung auf das Prinzip
des Gewaltverzichts - ein Prinzip, an das wir aus innerster Überzeugung
heraus glauben - die Sowjets dazu veranlassen könnten, auch über Abkommen
zu verhandeln, die diesem Prinzip eine neue und konkrete Bedeutung verleihen würden, so wären wir gern bereit, solche Gespräche aufzunehmen. Ich
appelliere an dieser Stelle an die Sowjetunion, sich allen anderen Teilnehmerstaaten der Stockholmer Konferenz anzuschließen in ihrem Wunsch
nach unverzüglichen Schritten dieser Art, die dazu beitragen würden, Friede und Stabilität in Europa zu sichern.

Wir versuchen, auf Gebieten von beiderseitigem Interesse zwischen uns
und den Sowjets eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, indem wir
unsere bilateralen Beziehungen auf breiter Front entwickeln. Auf dem Gebiet der Wirtschaft ergreifen wir Schritte zur Erweiterung des Handelsaustauschs im Bereich solcher Güter, die nicht von strategischer Bedeutung sind. Was andere Gebiete angeht, so haben wir beispielsweise die
Geltungsdauer unseres sehr nützlichen Abkommens über die Vermeidung von

- 11 -

�Vermeidung von Zwischenfällen auf See um eine Periode verlängert. Ferner
haben wir vorgeschlagen, Gespräche aufzunehmen über besondere Schritte
zur Erweiterung und Vermehrung von Kontakten, die im Interesse unserer
Völker liegen. Ich möchte in diesem Zusammenhang hinzufügen, daß alle
Demokratien die unbedingte Pflicht haben, sich für Fortschritte im
Bereich der Menschenrechte einzusetzen. Positive sowjetische Schritte in
diesem Bereich würden von den Vereinigten Staaten als ein bedeutsames
Signal verstanden werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß wir vermehrte Gespräche und
Verhandlungen anstreben mit dem Ziel der Rüstungsverminderung, der Lösung
regionaler Probleme und der Verbesserung der bilateralen Beziehungen.
Wenn in diesen Bereichen Fortschritte erzielt werden könnten, so würde
dies dazu beitragen, den Frieden und die Sicherheit für die Menschen
überall auf der Welt besser zu gewährleisten.

Ich fürchte jedoch, daß die sowjetische Reaktion enttäuschend ist. Anstatt gemeinsam mit uns zu versuchen, Spannungen abzubauen und Abkommen
auszuhandeln, scheinen die Sowjets beschlossen zu haben, sich zurückzuziehen und zu versuchen, ihre Ziele durch Propaganda statt durch Verhandlungen zu erreichen.

Die Sowjets versuchen, die Schuld für ihre selbst auferlegte Isolation den Amerikanern zu geben. Tatsächlich ist das, was sie getan haben,
jedoch keineswegs in unserem Sinne. Wir sind weiterhin bereit, sie gemeinsam mit uns und der übrigen Völkergemeinschaft mitwirken zu lassen am Aufbau einer friedlicheren Welt. Unseren Verbünden in Solidarität verbunden
und auf unsere Stärke vertrauend, bedrohen wir keine andere Nation. Friede und Wohlstand liegen genauso im Interesse der Sowjets wie in unserem
eigenen. Also laßt uns handeln.

Beständigkeit in der Verfolgung unseres Konzepts der Rüstungsverminderung und das Bemühen um Verbesserung der Ost-West-Beziehungen werden
schließlich Früchte tragen. Aber auch bei der Verfechtung der Sache der
Freiheit des Menschen ist Beständigkeit gefragt.
Während meines

- 12 -

�Während meines letzten Besuchs in Europa sprach ich von einem Kreuzzug für die Freiheit, d.h., davon, wie die Demokratien ein Programm zur
Förderung des Wachstums demokratischer Institutionen überall auf der Welt
in die Wege leiten könnten. Dies Programm läuft jetzt. Es kann vielerlei
Auswirkungen an vielerlei Orten haben und sich als Kraft des Guten erweisen.

Manche Leute argumentieren natürlich, daß ein Kreuzzug für die Werte
der Demokratie undurchführbar oder zum Scheitern verurteilt sei, wobei
sie insbesondere auf die Völker hinweisen, die ihre Freiheit in der Nachkriegszeit verloren haben. Aber wir müssen langfristig denken. Zu Beginn
dieses Jahrhunderts gab es erst wenige Demokratien. Heute gibt es mehr
als 50, die ein Drittel der Erdbevölkerung umfassen, und es ist kein Zufall, daß es diese Völker sind, die sich des höchsten Lebensstandards
erfreuen; hier weise ich wieder auf den Zusammenhang zwischen politischer
und wirtschaftlicher Freiheit und materiellem Fortschritt hin.
Die Geschichte wird gemacht von freien Männern und Frauen; sie ist
nicht das Ergebnis unwandelbarer Gesetze. Ihr Gang ist niemals zwangsläufig. Dennoch ist sie von bestimmten Strömungen und Trends geprägt, und
einer dieser Trends ist eindeutig - die Demokratien nehmen nicht nur der
Zahl nach, sondern auch an Stärke zu. Heute sind sie stark genug, um der
Sache der Freiheit Platz zum Wachstum einzuräumen, und das ist eigentlich
alles, was die Freiheit braucht. "Die Masse der Menschen ist nicht mit
Sätteln auf ihren Rücken geboren worden." Thomas Jefferson hat das gesagt. Die Freiheit ist das Flaggschiff der Zukunft und das edelste, wonach die menschliche Seele strebt. Diejenigen, die glauben, daß die westlichen Demokratien versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, verstehen nicht, worum es geht. Die Geschichte bewegt sich in Richtung auf
die Selbstbestimmung und auf die Menschenwürde, die sich in ihr verkörpert. Die Zukunft gehört den freien Menschen.

An diesem Punkt des demokratischen Entwicklungsprozesses erscheint es
mir äußerst wichtig, sich zu vergegenwärtigen, was in der westlichen Hemisphäre, und zwar besonders in Lateinamerika, vor sich geht. In den letzten Jahren sind große Fortschritte erzielt worden. Tatsächlich sind heute

- 13 -

�sind heute 26 von den 33 Staaten Lateinamerikas Demokratien oder
versuchen zumindest, Demokratien zu werden. Ich meine, es ist ebenfalls
äußerst wichtig, sich klar zu machen, daß die Unterstüzung, die die
Vereinigten Staaten gegenwärtig einigen mittelamerikanischen Staaten
angedeihen lassen, genau dazu bestimmt ist, dem Prinzip der demokratischen Selbstherrschaft zum Durchbruch zu verhelfen.

Ich weiß jedoch, daß manche Leute der Meinung sind, daß sich die Vereinigten Staaten, ein großes und mächtiges Land, in die Angelegenheiten
der kleineren Länder im Süden einmischen, und sie ziehen die Schlußfolgerung, daß wir dort selbstsüchtige oder interventionistische Ziele verfolgen. Nun, wenn jemand die Amerikaner wirklich kennt, dann sind es die
Iren. Wir sind bestrebt, Gewalttätigkeiten und Konflikte zu vermeiden.
Die Geschichte ist in dieser Hinsicht unser Zeuge. Nach dem Ende des Zwei'
ten Weltkrieges hatten die Amerikaner für eine Reihe von Jahren ein Monopol auf Atomwaffen. Wir haben dies Monopol nicht ausgenutzt, um territoriale oder machtpolitische Zugewinne zu erzielen. Wir haben alles getan,
was in unserer Macht stand, um Wohlstand und Demokratie in Europa zu fördern. Man könnte mit einigem Recht fragen, ob der Welt während der letzten 40 Jahre genauso viel Friede beschert gewesen wäre, wie es tatsächlich der Fall war, wenn nicht die Vereinigten Staaten, sondern ein anderes Land diese Waffen besessen hätte.

In wenigen Tagen werde ich in Frankreich vor dem einzigen Stück Land
in Europa stehen, das von den Vereinigten Staaten besetzt ist: jenen Erdhügeln nämlich mit ihren Kreuzen und Davidsternen, den Gräbern der Amerikaner, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten und die ihr Leben gaben, damit andere in Freiheit und Frieden leben können. Und Freiheit und
Frieden sind es auch, was die Menschen in Mittelamerika heute wollen.

Dreimal in wenig mehr als zwei Jahren haben die Menschen in El
Salvador in freien Wahlen ihre Stimme abgegeben. Jedesmal mußten sie mit
Drohungen der Guerilla leben, die von dem sandinistischen Regime in
Nicaragua sowie von Kuba und der Sowjetunion unterstützt wird. Diese
Guerilla wendet Gewalt zur Unterstützung ihrer Drohungen an.

Ihr Slogan

bei allen diesen Wahlen war: "Wähle heute und stirb' heute nacht". Und

- 14 -

�nacht". Und doch haben 1,4 Millionen Menschen in El Salvador sich tapfer
gegen diese Angriffe gewendet, sind kilometerweit gelaufen und haben sich
stundenlang angestellt, bis sie an der Reihe waren, um ihre Stimme für
die Freiheit abzugeben. Viele unserer Beobachter, die dorthin gegangen
waren - und von denen nicht wenige davon überzeugt waren, daß das, was
wir zu tun versuchten, falsch sei -, kamen anderen Sinns zurück, überzeugt von einer einzelnen Frau, die, obgleich durch einen Schuß verwundet, dennoch stundenlang anstand und jede medizinische Behandlung ablehnte, bevor sie nicht die Möglichkeit zum Wählen hatte. Sie kamen in der
Überzeugung zurück, daß das Volk von El Salvador die Demokratie will. Die
Vereinigten Staaten versuchen nichts weiter - mit nur 55 Militärberatern
und 474 Millionen Dollar, von denen drei Viertel der wirtschaftlichen und
sozialen Entwicklung vorbehalten sind -, als den Menschen von El Salvador
die Möglichkeit zur demokratischen Selbstbestimmung zu geben - und dies
ohne Einmischung von außen.

Aber die Regierung von Nicaragua ist entschlossen, dies nicht zuzulassen. Wie sie selbst zugibt, hat sie die Salvadorianische Guerilla
versorgt und ausgebildet, in ihrem eigenen Land nie eine Wahl zugelassen,
nichts anderes getan als die Freiheit der Presse zu unterdrücken und
gegen die Gewerkschaften vorzugehen, die politischen Freiheiten zu verbieten und sogar den Mob gegen die unabhängige Menschenrechtskommission
Nicaraguas aufzuhetzen und deren Direktor ins Gefängnis zu werfen.

Trotz solcher Repressionen versammelten sich diesen Karfreitag
100 000 nicaraguanische Katholiken, um ihre Unterstützung der Kirche zum
Ausdruck zu bringen, die durch die kommunistische Diktatur der Sandinisten verfolgt wird; ein Bischof hat inzwischen sogar einen Hirtenbrief
geschrieben, der diese Verfolgung der Kirche durch die Regierung beim
Namen nennt. Aber nicht einmal in unserem eigenen Land erfuhren wir
etwas von dieser Demonstration.

Irgendwie gelangte kein Wort davon durch

die Nachrichtenkanäle an die Welt.

In einer Predigt vor 4 000 Nicara-

guanern, die die Don-Bosco-Kirche vor einigen Wochen füllten, sagte das
Oberhaupt der nicaraguanischen Bischofskonferenz, Bischof Pablo Antonia
Vega: "Die Tragödie des nicaraguanischen Volkes besteht darin, daß wir
mit einer totalitären Ideologie leben, die keiner in diesem Land will".
Und auch
- 15 -

�Und auch folgendes werden Sie noch nicht gehört haben - ich zitiere
die Worte des nicaraguanischen Erzbischofs Obando y Bravo: "Jenen, die
sagen, der einzige Weg für die mittelamerikanischen Länder sei der Marxismus-Leninismus, müssen wir Christen einen anderen Weg weisen. Und der
ist, Christus zu folgen, dessen Weg der der Wahrheit und der Freiheit
ist".

Die überwältigende Mehrheit jener, die derzeit in Nicragua um die
Freiheit kämpfen sind - ganz im Gegensatz zu dem, was die Sandinisten die
Welt glauben machen wollen - gute und ehrenwerte Leute, die die Diktatur
Somozas nicht wollten und die auch die kommunistische Diktatur nicht
wollen. Die Tragödie ist, daß sie nicht die Möglichkeit erhielten,
anders zu wählen. Die Menschen in Nicaragua und in El Salvador haben ein
Recht darauf, dem Alptraum Widerstand entgegenzubringen, den Kräfte von
außen ihnen aufoktroyieren wollen - genauso wie sie das Recht haben,
gegenüber der extremistischen Gewalt Widerstand zu leisten, die - gleich,
ob von Rechts oder von Links - im Innern herrscht.

Die Vereinigten Staaten dürfen den demokratischen Bemühungen der
Menschen Mittelamerikas nicht den Rücken kehren. Darüber hinaus aber ist
dies eine weltweite Auseinandersetzung.

Der irische Prediger James

Philpot Curran sagte einmal: "Die Bedingung, unter der Gott dem Menschen
Freiheit gegeben hat, ist ewige Wachsamkeit". Ja, militärische Stärke
ist für die Freiheit unabdingbar.

In meinem Leben hat es vier Kriege

gegeben. Keiner von ihnen brach aus, weil etwa die Kräfte der Freiheit
zu stark gewesen wären.

Auf bewegende Weise brachte dies die tschechoslowakische Gruppe
"Charta 77" gerade vor einer Woche als Antwort auf Anhänger der Abrüstungsbewegung im Westen zum Ausdruck, als sie sagte: "Im Gegensatz zu
euch haben wir die persönliche Erfahrung anderer, vielleicht weniger auffälliger, aber darum nicht weniger wirksamer Mittel der Zerstörung der Zivilisation gemacht als jener, die der thermonukleare Krieg darstellt;
nicht wenige unter uns aber ziehen in jedem Fall das mit der Aufrechterhaltung einer festen Haltung gegenüber der Aggression verbundene Risiko
der Gewißheit der katastrophalen Konsequenzen einer Besänftigungspolitik
vor".
Der Kampf
- 16 -

�Der Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus heute ist letztlich
kein Test der Waffen und Raketen, sondern eine Probe von Geist und
Glaube. Und in diesem geistigen Kampf sind Verstand und Wille des
Westens die entscheidende Arena. Wir dürfen nicht zögern, unserem Traum
von der Freiheit Ausdruck zu verleihen; wir dürfen nicht nachlassen, den
entscheidenden Unterschied zwischen Recht und Unrecht zu verkünden zwischen den auf Freiheit gegründeten politischen Systemen und jenen, die
sich auf eine schreckliche Verleugnung des menschlichen Geistes stützen.
Wenn unsere Gegenspieler glauben, wir würden unsere Selbstachtung dadurch
schmälern, daß wir angesichts immer neuer Verbrechen gegen die Humanität
schweigen oder uns besänftigen lassen, so täuschen sie sich. Überall in
der Welt sind wir Zeuge eines Aufbruchs des Geistes und des Willens.

Lech Walesa hat es so gesagt: "In unseren Seelen lebt genau das
Gegenteil von dem, was jene wollten. Sie wollten nicht, daß wir an Gott
glauben, aber unsere Kirchen sind voll. Sie wollten, daß wir materialistisch sind und nicht mehr zu Opfern fähig, aber wir sind antimaterialistisch und zu Opfern fähig. Sie wollten, daß wir uns vor den
Panzern, den Gewehren fürchten, aber stattdessen fürchten wir sie
überhaupt nicht".

Lassen wir nicht unsere Furcht zum Ratgeber werden. Bieten wir
stattdessen der Welt eine Politk der Hoffnung, eine Vorwärtsstrategie für
die Freiheit. Die Worte William Faulkners anläßlich der Verleihung des
Nobelpreises vor über drei Jahrzehnten sind eine eloquente Antwort auf
all jene, die das nukleare Jüngste Gericht oder den letztendlichen
Triumpf des Superstaates voraussagen: "Der Mensch wird nicht nur erdulden," sagte Faulkner, "er wird obsiegen...denn er wird zu den alten
Tugenden und Wahrheiten des Herzens zurückkehren. Er ist unsterblich,
denn er hat als einzige der Kreaturen eine Seele, einen Geist, der zu
Mitleid, zu Opfer und zu Geduld fähig ist".

Diese alten Wahrheiten des Herzens - menschliche Freiheit unter Gott
- sind überall auf der Welt im Vormarsch - auf den Schiffswerften von
Danzig, den Hügeln von Nicaragua, den Reisfeldern von Kamputschea, den
Bergen von Afghanistan - und der Schlachtruf heißt Freiheit. Und die

- 17 -

�Und die Ursache ist dieselbe, wie jene, von der vor über zwei Jahrzehnten
ein junger amerikanischer Präsident vor dieser Kammer sagte: "Eine
Zukunft des Friedens und der Freiheit". Gegen Ende seines Besuches hier
sagte John Fitzgerald Kennedy: "Ich werde zurückkommen, und mir wieder
den alten Shannon anschauen". Und an seinem letzten Tag in Irland
versprach er: "Ich werde bestimmt im Frühling wiederkommen". Es war ein
nicht einlösbares Versprechen auf einen Frühling, der nie mehr kam. Aber
sicherlich ist in unseren Herzen noch immer die Erinnerung an einen
jungen Führer, der bewegende Worte über ein helleres Zeitalter für die
Menschheit fand, über eine neue Generation, die die Fackel der Freiheit
in die Höhe halten und der Welt leuchten würde. Für die Sache der
Humanität einzutreten, das Gewissen der Welt auzurütteln und - wie in
alten Zeiten - für die Sache der Freiheit gemeinsamen Weges zu gehen: Das
ist die Aufgabe, die vor uns liegt

+ + + + +

- 18 -

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Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

23

6. Juni 1984

REAGAN FORDERT SOLIDARITÄT UND EINIGKEIT IN DER NATO
- Sowjets sollen an Verhandlungstisch zurückkehren -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan traf im Rahmen der Ministertagung des Nordatlantikrates in Washington vom 29. bis 31. Mai 1984 am 30. Mai
zu einem Essen mit den Außenministern zusammen und empfing sie nach Abschluß der
Tagung am 31. Mai im Weißen Haus.
In einem Trinkspruch im Verlauf des Essens am 30. Mai forderte Reagan verstärkte Solidarität und Einigkeit im Atlantischen Bündnis.
Der Trinkspruch hat folgenden Wortlaut:
Heute abend bietet sich eine besondere Gelegenheit, den beispiellosen Erfolg
unserer dauerhaften Partnerschaft zu feiern - eines Bündnisses, das sich dem
Frieden und der Freiheit verpflichtet hat. Vor 35 Jahren kamen in den Nachwehen
eines tragischen Konflikts 12 Nationen hier in Washington zusammen, um den Nordati antikvertrag zu unterzeichnen. Dieses Ereignis war ein Akt des Realismus.
Die Mitgliedstaaten erkannten die Bedrohung ihrer Sicherheit und verpflichteten
sich zum Zusammenschluß. Die Gründung des Nordatlantischen Bündnisses war auch
ein Akt des Optimismus - eine Bekräftigung der anhaltenden Lebenskraft der westlichen Zivilisation.
Die 35 Jahre des Friedens in Freiheit sind ein Beweis für die Klugheit und

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
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Telex: 8-85432

�Klugheit und Weitsicht jener Länder und der vier weiteren Länder, die seither
der NATO beigetreten sind.

Obwohl die Gründer die dramatischen Veränderungen

nicht voraussehen konnten, die seit 1949 stattgefunden haben, traf ihr Weitblick
ins Schwarze.

Durch die Vereinigung von Europa und Nordamerika hat die NATO die

längste Periode des Friedens und des Wohlstandes in der modernen Geschichte ermöglicht.

Und heute bleibt unser stolzes Bündnis vereint in der Verpflichtung

zur Verteidigung der Demokratie und der Freiheit des einzelnen.
Aber wir dürfen uns nicht mit den Leistungen der Vergangenheit zufrieden
geben.

Wenn wir nach vorne sehen, dann gibt es zwingende Gründe, unsere Soli-

darität und Einigkeit noch weiter zu stärken.
Unsere Verpflichtung zur kollektiven Sicherheit wird weiterhin ein unerläßliches Bollwerk gegen Aggression, Terrorismus und Tyrannei sein.

Unsere Einig-

keit wird den wesentlichen Rahmen bilden, um einen konstruktiven Dialog mit
unseren Gegnern aufzubauen und die Risiken des Krieges und den Stand der nuklearen
Rüstungen zu verringern.

Und ich weiß, daß es unsere Gesellschaften, die Demo-

kratien, sein werden, die unseren Völkern und den Völkern überall eine helle und
hoffnungsvolle Zukunft bieten werden.
Wir dürfen zuversichtlich sein.

Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben

uns herausgefordert, und die westlichen Demokratien standen fest angesichts einer
intensiven sowjetischen Einschüchterungskampagne, die darauf abzielte, die Verpflichtung der NATO zur Verteidigung Europas und zur Erhaltung des Friedens zu
untergraben.

Und heute sind wir stärker und unserer Einigkeit bewußter denn je.

Das ist von entscheidender Bedeutung, denn wenn die Sowjetunion zu der Oberzeugung kommt, daß die NATO nicht zu erschüttern ist, dann wird sie vielleicht
endlich einsehen, daß sie ein eindeutiges und zwingendes Interesse daran hat, an
den Konferenztisch zurückzukehren. Wir werden warten, und wir sind bereit, ihr
auf halbem Wege entgegenzukommen.
Joseph Luns

- 2 -

�Joseph Luns ist ein hervorragender Diplomat und ein Mann vieler Tugenden.
Erst als niederländischer Außenminister und dann am Ruder der NATO stand er fast
30 Jahre lang im Mittelpunkt der transatlantischen Brücke.

Sein Weitblick, sein

Humor und seine Geduld haben uns in guten und schlechten Zeiten getragen.

Als

Generalsekretär hat er niemals die Ziele unseres Bündnisses aus den Augen verloren.

Sein Beruf war der Friede.

Sie sind uns ein vertrauter Freund, ein ehrlicher Makler, ein geachteter
Kollege und vor allem ein unschätzbarer Führer des Atlantischen Bündnisses
gewesen.
Joseph, Sie haben gesagt, der Zustand unseres Bündnisses sei wie die Musik
Wagners - besser als sie klingt. Ich darf Ihnen sagen, daß ich, weitgehend dank
Ihrer Anstrengungen, den Klang des Bündnisses schätze. Und ich hoffe, daß Sie
selbst noch im Ruhestand nicht zögern werden, uns Ihren Rat zu erteilen.
Meine Damen und Herrn, in Anerkennung der außergewöhnlichen Hingabe von
Joseph Luns an die Ideale unseres Bündnisses und in Anerkennung seiner hervorragenden Dienste und bleibenden Beiträge zu unserer Freiheit und Sicherheit ist
mein großes Privileg, Generalsekretär Luns die höchste zivile Auszeichnung
Amerikas, die Medal of Freedom (Freiheitsmedaille) zu verleihen.

Bevor ich ihm

jedoch die Medaille überreiche, möchte ich Sie alle bitten, Ihr Glas zu erheben
und mit mir auf Generalsekretär Joseph Luns und auf die Organisation zu trinken,
der er so treu gedient und die er so fähig geleitet hat.
Bei dem Abschlußempfang im Weißen Haus am 31. Mai richtete Präsident Reagan
erneut das Wort an die Außenminister des Bündnisses und erklärte:
Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre, die Minister des Nordatlantikrates
im Weißen Haus zu begrüßen.

Und ich freue mich, daß die Vereinigten Staaten das

Gastland dieser Tagung sind, denn wir feiern auch den 35. Jahrestag der Unterzeichung des Nordatlantikvertrages in Washington.
Gestern abend

- 3 -

�Gestern abend auf dem Essen und erneut heute vormittag hatten wir die Gelegenheit, über die großen Herausforderungen zu sprechen, vor denen das Bündnis
steht, einschließlich der Sicherheit und der Verteidigung des Westens, der Beziehungen zur Sowjetunion und der Rüstungskontrolle.
Wir alle sind uns darüber im klaren, daß es keine wichtigeren Überlegungen
gibt als die Entwicklung eines besseren Arbeitsverhältnisses zur Sowjetunion einer Beziehung, die durch größere Kooperation und bessere Verständigung gekennzeichnet sein sowie zu stabilen, sicheren und friedlichen Beziehungen führen so11.
Dies ist und bleibt weiterhin ein Hauptziel der Vereinigten Staaten und des NATOBündnisses.
Das Bündnis hat sich dem Frieden verschrieben.

Und Dank des Mutes und des

Weitblicks unserer Mitgliedstaaten und ihrer Führer können wir voller Stolz an
die Vergangenheit denken und voller Zuversicht in die Zukunft blicken.
Für uns ist unsere NATO-Partnerschaft ein Anker, ein ruhender Pol in einer
turbulenten Welt. Und es ist unsere ehrliche Hoffnung, daß die Sowjetunion bald
zu der Einsicht des tiefen Wunsches nach Frieden kommt, der uns bewegt. Und ich
hoffe, daß die sowjetische Führung endlich einsehen wird, wie nutzlos es ist, wenn
sie Anstrengungen um eine Spaltung des Bündnisses fortsetzt. Wir werden uns nicht
spalten lassen. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen. Der Westen wird die
Demokratie und die Freiheit des einzelnen verteidigen. Und der Westen wird den
Frieden schützen.
Gleichzeitig bleiben wir auch weiterhin bereit, fair, flexibel und ohne Vorbedingungen zu verhandeln. Es ist unsere Hoffnung, daß die Sowjetunion bald an
den Verhandlungstisch zurückkehren wird. Unsere Verpflichtung zu Dialog und
Rüstungsverminderung ist fest und unerschütterlich. Kein anderer Schritt in naher
Zukunft würde so viel für die Sache des Friedens und der Stabilität bedeuten wie
eine Rückkehr zu konstruktiven Verhandlungen und Abkommen über die Verringerung
des Standes der Kernwaffen.
Ich habe
- 4 -

�Ich habe es oft gesagt und sage es erneut: Wenn die Sowjetunion an den Verhandlungstisch zurückkehrt, werden wir ihr auf halbem Wege entgegenkommen.

Ich

hoffe auch, daß die sowjetische Führung positiv auf das Vorschlagspaket reagieren
wird, das wir uns als Bündnis auch für andere Bereiche der Rüstungskontrolle vorgelegt haben.
Unsere Vorschläge dienen der Sache des Friedens:

der Vertragsentwurf für

die Abschaffung chemischer Waffen, den Vizepräsident Bush in Genf unterbreitet
hat; der jüngste NATO-Vorschlag, um den toten Punkt bei den Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte in Wien zu überwinden; und die in Stockholm von der
NATO vorgeschlagenen Maßnahmen in unseren Bemühungen um eine Verringerung des
Risikos eines Überraschungsangriffs in Europa.
Morgen werde ich nach Europa abreisen. Ich freue mich auf die Reise und die
Gelegenheit, die dauerhafte Bedeutung der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bindungen zu unterstreichen, die uns mit den demokratischen Industriestaaten verbinden.
Die Tagung der NATO-Außenminister hat mein eigenes Vertrauen in

die Stärke

und Haltbarkeit des Bündnisses und in das gemeinsame Schicksal freier Gesellschaften bekräftigt.
Und so möchte ich all den Ministern der NATO danken.

Wir freuen uns, daß

Sie alle unsere Gäste waren, und wir sind stolz, Sie als unsere Partner zu haben.

- 5 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

6. Juni 1984

23

REAGAN SIEHT FORTSCHRITTE AM PERSISCHEN GOLF
- Interview des Präsidenten mit Fernsehjournalisten -

Washington -(AD)- In einem Interview mit europäischen und japanischen
Fernsehjournalisten am 31. Mai 1984 in Washington antwortete Präsident
Reagan auf Fragen über die Lage am Persischen Golf, die Rüstungskontrollbemühungen der Vereinigten Staaten, die Handelsbeziehungen zu Japan, die
amerikanische Wirtschaft sowie den bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel
in London.

Das Interview hat folgenden Wortlaut:

FRAGE: Herr Präsident, es scheint oft, als neigten diese Wirtschaftsgipfel dazu, Opfer der jeweils aktuellen Krise zu werden. Im Moment ist
dies eindeutig die Lage im Persischen Golf. Ich möchte daher gern zwei
Fragen stellen: Welche Art von Verpflichtung erwarten Sie von Ihren Verbündeten und Freunden hinsichtlich des Golf-Problems; und wie weit würden
Sie gehen, wenn die Diplomatie versagen sollte, damit das Öl weiter fließen kann?
ANTWORT: Nun,

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�ANTWORT; Nun, ich habe einmal erklärt, ich könne mir nicht vorstellen, daß die westliche Welt zuschaut, wie dieses Gebiet vom Verkehrsfluß
und von der Ölversorgung abgeschnitten wird. Diese ist für die Staaten,
die einige von Ihnen hier vertreten, weit wichtiger als für uns, denn der
Großteil unserer Importe kommt mittlerweile aus Quellen in unserer eigenen Hemisphäre. Gleichzeitig stehen wir aber nunmehr in enger Konsultation mit Repräsentanten Ihrer Regierungen, und wir alle halten engen Kontakt mit den GolfStaaten.

Nun vertreten die GolfStaaten sehr konsequent die Position, daß sie
mit dem Problem selbst fertigwerden wollen. Sie wollen nicht, daß es sich
ausweitet und sich mehr zu einem Krieg hinentwickelt, wie dies vielleicht
geschehen könnte, wenn andere miteinbezogen würden. Sie haben jedoch deutlich gemacht - wie sich dies gerade jetzt in den Medien widerspiegelt daß sie eine gewisse Art von Hilfe benötigen, nämlich in bezug auf Material, auf Waffen. Und wir haben daher auf ihr Verlangen mit einigen Lieferungen reagiert. Aber wir sollten auch weiterhin in Konsultation stehen
und auf der Hut sein für den Fall, daß es dort zu einer vollständigen
Sperrung kommt.

Nimmt man jedoch die letzten paar Tage, so scheint es, als habe sich
die Lage nicht verschlimmert, sondern eher etwas beruhigt. Es scheint zum
Beispiel in den vergangenen Tagen keine Angriffe gegeben zu haben und so
könnte sich die Lage vielleicht letztlich doch zum Guten wenden.
FRAGE: Herr Präsident, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs schickte im
Nahen Osten ein amerikanischer Admiral ein berühmt gewordenes Telegramm
nach Hause. Er war verwirrt und schrieb: "Erbitte Rat - wer ist der
Feind?" Ich könnte mir vorstellen, daß derzeit hier in Washington eine
ganze Reihe von Leuten sich die gleiche Frage stellt. Wer ist der Feind
am Golf? Iran oder Irak?

ANTWORT: Nun, betrachten wir die Dinge so: Der Irak beschränkte seine
Angriffe auf Schiffstransporte, die für die iranische Wirtschaft von lebenswichtiger Bedeutung sind. Der Iran hingegen beschränkte sich bei seinen Reaktionen nicht auf den Irak: Er attackierte Schiffe neutraler Staa-

- 2-

�neutraler Staaten, die lediglich Öl transportierten und ihrem Geschäft
mit Staaten wie Saudi-Arabien, Kuweit und anderen nachgingen. Und so muß
man sich fragen: "Was denkt sich der Iran dabei?"

Man war wohl immer der Meinung, daß in Kriegszeiten die Wirtschaft
und der Handel des Gegners ein verständliches Ziel waren, somit auch das
Bestreben, dem andern auch wirtschaftlich zu schaden. In diesem Sinn also
hat der Irak nicht die Grenze so überschritten, wie dies der Iran getan
hat.
Inzwischen hat der Irak auch - obgleich er, wie wir zugestehen müssen, derjenige war, der den Krieg vor vier Jahren angefangen hat - mehrmals Angebote unterbreitet, zu einer Verhandlungslösung zu kommen und den
Krieg zu beenden. Der Iran hat sich geweigert. Der Iran nimmt also mehr
oder minder die Position ein, den bedingungslosen Sieg zu fordern. Gäbe
es irgendetwas, was wir anderen tun könnten, um diesen Kampf zu einem
Ende zu bringen, so würden wir sicherlich nichts unversucht lassen, denn
was sich dort abspielt, ist ein gewaltiges und schreckliches Blutvergießen. Und der Iran, wie ich sagte, ist nunmehr derjenige, der sich gegen
jede Bemühung zu stellen scheint, den Krieg ohne einen totalen Sieg zu
einem Ende zu bringen.

FRAGE: Herr Präsident, im vergangenen Monat erklärte George Shultz,
Frankreich sei Ihr bester Verbündeter in Europa. Denken Sie - vor dem
Londoner Gipfel - ebenfalls so?
ANTWORT: Ich glaube, es handelt sich hinsichtlich dessen, was der
Außenminister sagte, um ein kleines Sprachproblem. Er sagte: "Wir haben
keinen besseren Verbündeten als Frankreich." Das bedeutet doch aber auch,
daß die anderen Verbündeten gleich gut sind, nur, daß wir uns eben keinen
noch großartigeren Verbündeten als Frankreich vorstellen können und sicherlich keinen, der länger unser Verbündeter gewesen wäre als Frankreich. Es war also nur eine kleine Sprachschwierigkeit, die daraus ein
"bester" machte. Dies wäre doch recht unfair von uns.

FRAGE: Herr Präsident, viele Europäer halten die amerikanische Ein-

- 3 -

�amerikanische Einstellung gegenüber der Sowjetunion für zu wenig kompromiGbereit. Sie befürchten, daß die kleineren kommunistischen Satellitenstaaten in Osteuropa das bißchen Luft und Freiheit verlieren könnten, das
sie haben. Insbesondere wir Westdeutschen fürchten, unsere Beziehungen zu
Ostdeutschland könnten Schaden nehmen. Könnten Sie dazu etwas sagen?

ANTWORT: Ja, das kann ich. Ich weiß nicht, warum immer die anderen
Schuld sein sollen, nie die Sowjetunion. Wir haben zum Beispiel der Sowjetunion einen Vertrag angeboten, die nuklearen Mittelstreckenwaffen in
Europa total zu beseitigen. Zu jenem Zeitpunkt hatte sie etwa 800 Gefechtsköpfe auf Europa gerichtet, nicht auf die Vereinigten Staaten. 1979
baten uns die NATO-Verbündeten, eine Kombination aus Pershing II und
Marschflugkörpern als Abschreckung gegen die SS 20 der Sowjetunion mit
ihren jeweils drei Gefechtsköpfen zur Verfügung zu stellen.

Mein Vorgänger und die damalige Regierung dieses Landes stimmten dem
zu. Ich erbte also dieses Programm, das bereits lief, indem die Waffen,
die dorthin sollten, von uns gebaut und erprobt wurden. Schließlich dislO'
zierten wir.
Als ich sagte: "Null - Null. Es werden keine solchen Waffen disloziert, wenn ihr euch einverstanden erklärt, die eurigen zu eliminieren,"
weigerte sich die Sowjetunion. Also sagten wir: "Nun gut. Wenn ihr Null Null nicht wollt, dann bleibt uns die Hoffnung, daß ihr irgendwann in der
Zukunft einmal den Nutzen dieses Vorschlags erkennt. Wenn nicht, so sind
wir auch bereit, uns hinzusetzen und eine Verringerung der Anzahl auszuhandeln, die für beide Seiten fair ist." Aber die Sowjets verliessen den
Verhandlungstisch wegen unserer Dislozierung.

Zunächst gaben sie noch eine Antwort. Sie wollten die Anzahl ihrer
Raketen reduzieren, wir aber sollten überhaupt keine haben. Mit anderen
Worten, sie nahmen die Hälfte meines Null-Null-Vorschlags. Wir nämlich
sollten keine Raketen haben, sie aber - nun, wie es jetzt steht, haben
sie etwa 1 350 Gefechtsköpfe auf Europa gerichtet. Sie fügten ihren Gefechtsköpfen, ihren Raketen neue hinzu - die ganze Zeit über, während wir
am Verhandlungstisch über Verringerungen sprachen. Sie verstärkten ihre

- 4 -

�verstärkten ihre Rüstung immer weiter.

Die Zeitschrift "Economist" spricht in einem Artikel von "Winterschlaf" und vermutet, daß die Sowjetunion derzeit vielleicht keine Antworten hat und sich deshalb zu einem Winterschlaf entschlossen hat, sich
zurückzuziehen und überhaupt nichts zu sagen.

Aber wir haben nicht den Eindruck, in diesem Zusammenhang im Unrecht
zu sein. Sie haben den Verhandlungstisch verlassen. Sie haben die STARTVerhandlungen verlassen, die sich auf die Gesamtlage im Nuklearbereich
bezogen.

Wir haben ihnen immer wieder gesagt, wie flexibel zu sein wir bereit
seien. Wir sind auf einige ihrer Punkte eingegangen, wo sie der Meinung
waren, unser erster Vorschlag erkenne ihre Problematik nicht. Wir sagten
also: "Nun gut, sagt uns, was das für Probleme sind und wir werden sie
lösen."

Ich glaube aber, daß ihr Schweigen keine große Gefahr darstellt. Ich
glaube, sie sind nicht sehr glücklich darüber, daß wir unsere Streitkräfte modernisiert haben, nachdem wir vorher jahrelang einseitig abgerüstet
hatten, in der Hoffnung darauf, daß sie Gleiches tun würden, was aber
nicht geschah. Sie fuhren mit der größtmöglichen Aufrüstung fort.

Wir sind bereit. Und wir führen überdies Verhandlungen mit ihnen - in
aller Stille und hinsichtlich einer ganzen Reihe von Themen, die für sie
von Interesse sind. Wir haben ihnen gesagt, daß wir bereit sind, daß wir
gewillt sind, über all diese speziellen Fragen zu sprechen; und diese Gespräche finden statt, es gibt da auch eine gewisse Produktivität.

Aber wenn ich immer wieder der harschen Rhetorik beschuldigt werde...
Gerade gab es diese so überaus bewegende Feier am Grab des unbekannten
Soldaten. Und da denke ich, es geht schon etwas weit, wenn die Sowjetunion dies öffentlich als "eine militaristische Orgie" bezeichnet. Ich
weiß ganz einfach nicht, wie man dies aus einer Zeremonie für einen jungen Mann herauslesen kann, dessen Name nur Gott kennt, aber der sein

- 5 -

�der sein Leben im Dienst für sein Land gab und den man hier auf dem
Arlington-Friedhof beerdigt hat.

Deshalb meine ich, es ist an der Zeit, daß die Welt zu fragen beginnt, wann die Sowjetunion endlich in Bewegung geraten will, wann sie
mit einem Vorschlag kommt. Gegenwärtig setzen wir uns in Stockholm bei
diesen Treffen mit ihnen auseinander. Und zusammen mit unseren NATOVerbündeten setzen wir uns mit ihnen bei den Wiener Gesprächen über
Truppenabbau auseinander. Aber sie verweigern hartnäckig ein Gespräch
über Kernwaffen.

Das sollte uns nicht überraschen. Unsere Bemühung, sie in Nukleargespräche einzubinden, ist, glaube ich, die zwanzigste dieser Art seit
dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und das einzige erfolgreiche Abkommen
war der ABM-Vertrag. Aber erinnern Sie sich doch, wie dieser Vertrag
zustande kam. Wir versuchten eine ganze Zeitlang, einen solchen Vertrag
zu bekommen - und die Sowjets weigerten sich. Dann stimmte unser Kongreß
eines Tages Geldern für Forschung und Bau einer Raketenabwehr-Rakete zu.
Plötzlich erklärten sie sich bereit, an den Verhandlungstisch zu kommen
und über einen Vertrag zum Verbot dieser Waffen zu sprechen. Nun, ich
glaube, sie sind jetzt am Zuge. Wir sind bereit, falls es etwas geben
sollte, was wir tun können. Aber wir werden ihnen keine großen Konzessionen als Belohnung dafür machen, daß sie den Verhandlungstisch verlassen
haben.

FRAGE: Herr Präsident, seit einigen Jahren hören wir von dem unsicheren Bündnis. Es ist eine amerikanische Klage hinsichtlich der europäischen Verbündeten. Jetzt aber hört man in Europa von der Sorge hinsichtlich einer sogenannten Verlagerung vom Atlantik hin zum Pazifik. Wie ist
Ihre Reaktion hierauf? Was sagen Sie dazu?

ANTWORT: Nun, das ist ganz einfach. Lassen Sie mich nur einfach sagen, daß wir erst letzten Abend in diesem Raum, in dem wir jetzt sind,
ein sehr angenehmes Essen mit den 16 Außenministern der 16 Staaten des
Bündnisses hatten. Ich glaube nicht, daß diese Beziehungen jemals enger,
besser oder stärker waren als eben jetzt. Da haben wir wirklich keinerlei

- 6 -

�wirklich keinerlei Bedenken.

Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten - so, wie sie hier in der
westlichen Hemisphäre am Rand des pazifischen Beckens liegen - immer auch
eine pazifische Nation gewesen. Und so sehen wir denn auch keinerlei Einschränkungen hinsichtlich unserer engen Beziehungen zum europäischen Bündnis, erkennen aber, daß wir auch Freunde und Verbündete auf der anderen
Seite des Pazifik haben. Unser Bemühen gilt denn auch der Erhaltung und
Stärkung dieser Beziehungen, um Frieden und freundschaftliche Beziehungen
in diesem Teil der Welt zu haben.
Deshalb ist Japan einer unserer engen Freunde und Verbündeten und ist
sicherlich auch ein enger Freund und Verbündeter Europas. Und ich meine,
daß auch die Reise, die wir in die Volksrepublik China unternahmen, sehr
fruchtbar gewesen ist. Die asiatischen Staaten weiter südwärts, in Südwestasien, sind bemüht, den Frieden zu wahren und eine Lösung des Kamputschea-Problems zu erreichen... Nein, ich meine, wir haben einmal im
Osten und im Westen an zwei Fronten gleichzeitig Krieg geführt und können
sicherlich auch im Osten wie im Westen gleichermaßen jetzt Nachbarn und
Freunde sein.

FRAGE: Ich möchte Ihnen gern eine Frage über ein handelspolitisches
Thema stellen. Ich glaube, daß Sie aus dem Kongreß heraus mit einem sehr
starken protektionistischen Trend konfrontiert sind. Die Japaner sind
sich dessen bewußt und tun was sie können, um ihren Markt zu öffnen. Ich
möchte gern wissen, wie Sie diese japanischen Bemühungen zur Marktöffnung
bewerten. Noch eine weitere Frage in diesem Zusammenhang: Glauben Sie,
daß Japan auch nach Ablauf des nächsten Jahres an der Politik der Selbstbeschränkung bei den Automobileinfuhren in Ihr Land festhalten sollte ?

ANTWORT: Ich freue mich, daß Sie die Dinge beim richtigen Namen genannt haben, denn unsere eigene Presse hat - ohne bewußt falsch informieren zu wollen - den Bürgern unseres Landes den Eindruck vermittelt, daß
es sich bei diesen Einfuhrbeschränkungen um etwas handelt, was wir den
Japanern aufgezwungen haben bzw. daß wir sie zu einer Kontingentierung
ihrer Automobileinfuhren aufgefordert haben. Ich möchte die Gelegenheit

- 7 -

�die Gelegenheit ergreifen und wiederholen, was Sie bereits sagten, nämlich, daß Japan sich angesichts der enormen Schwierigkeiten, in die unsere Autoindustrie in Folge der großen Rezession gekommen war, aus freien
Stücken zu diesem Schritt entschlossen hat. Wir konnten mit den japanischen Herstellern preismäßig einfach nicht mehr mithalten. Japan selbst
hat sich dann aus freien Stücken bereit erklärt, den Automobilabsatz auf
dem amerikanischen Markt zu beschränken.

Bis zu einer Verlängerung dieser Maßnahme - falls sie sich überhaupt
als notwendig erweisen sollte - ist noch einige Monate Zeit, und sie
stünde völlig im Ermessen Japans. Was nun die Handelspolitik im Allgemeinen angeht, so möchte ich bemerken, daß sich Ministerpräsident Nakasone
als ein förmlicher Turm an Stärke erwiesen hat in seinem Glauben an die
Handelsbeziehungen zwischen unseren beiden Ländern und an die Notwendigkeit, sie zu verbessern und bestehende Ungerechtigkeiten auszuräumen. Es
sind bereits große Fortschritte erzielt worden. Wie Sie wissen, hat mich
meine vorletzte Reise nach Japan geführt, wo ich mit Ministerpräsident
Nakasone zusammengetroffen bin. Seitdem haben weitere Begegnungen auf
Kabinettsebene stattgefunden, an denen Finanzminister Regan und andere
beteiligt waren. Ministerpräsident Nakasone und sein Kabinett haben sich
in Zusammenarbeit mit ihren amerikanischen Kollegen bemüht, einige Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Ich glaube, wir haben als Handelspartner
größere Fortschritte erzielt als im ganzen vorhergehenden Vierteljahrhundert, und wir sind uns dieser Tatsache in vollem Umfang bewußt.

FRAGE; Herr Präsident, das leitet glatt über zu einer Frage zum
Gipfeltreffen in London, das auf Ihrer Reiseroute liegt. Wir nehmen an,
daß die Amerikaner sich dort wegen der steigenden Zinssätze und Haushaltsdefizite in den Vereinigten Staaten einigem Druck ausgesetzt sehen
werden. Bringen Sie eine Botschaft mit nach London ?
ANTWORT; Ja. Ich möchte den anderen Teilnehmern darlegen, daß, wenn
man diese Defizite in Prozenten vom Bruttosozialprodukt ausdrückt, wir
mit unseren Defiziten gar nicht so weit ab liegen von den Defiziten unserer auf dem Gipfel vertretenen Verbündeten. Sie haben ebenfalls Defizite
zu verzeichnen, meines Erachtens wahrscheinlich alle von ihnen, wenn auch

- 8 -

�!

wenn auch nicht in gleichem Umfang.

Wir arbeiten hart an der Bewältigung unseres Defizits. Was ich in
London mitzuteilen habe, ist, daß wir nun das Repräsentantenhaus und den
Senat veranlaßt haben, sich in einem Vermittlungsausschuß um einen Ausgleich ihrer Meinungsgegensätze über das zu bemühen, worum ich zuvor nachgesucht hatte, nämlich um eine sofortige Verringerung des Defizits um
eine erste Tranche in der Größenordnung von 150 Milliarden Dollar während
der nächsten drei Jahre. Ich glaube, daß wir das so machen können. Es
bleiben nur noch einige Einzelheiten, über die noch Übereinstimmung erzielt werden muß.

Eine andere Botschaft, die ich übermitteln kann, ist, daß ich einen
ausgeglichenen Haushalt anstrebe. Ich bemühe mich, die Verpflichtung zu
einem ausgeglichenen Haushalt in einem Verfassungszusatz verankern zu
lassen. Weiterhin bemühe ich mich, das Recht zum "selektiven Veto" zu
bekommen. Es gibt da diese alte politische Gepflogenheit, irgendein Haushaltsgesetz, das nicht allzu viel taugt, mit einer wirklich guten Gesetzesvorlage zu koppeln, und weil man für diese gute Gesetzesvorlage ist,
verabschiedet man schließlich notgedrungen auch die schlechte. Als Gouverneur von Kalifornien hatte ich ein "selektives Vetorecht". Ich hatte die
Möglichkeit, einzugreifen und durch Veto das unerwünschte Anhängsel aus
der guten Gesetzesvorlage herauszutilgen. Der Legislative blieb dann immer noch die Möglichkeit, mein Veto niederzustimmen, wozu es allerdings
einer Zweidrittelmehrheit bedurfte. Nun, in acht Jahren habe ich 943 mal
mein Veto eingelegt, ohne daß es je niedergestimmt worden wäre, denn wenn
sie erst einmal gezwungen waren, über das schlechte Gesetz gesondert abzustimmen, d.h., ohne daß die gute Gesetzesvorlage die Aufmerksamkeit von
ihm ablenkte, entschieden sie sich dann doch dagegen. Nun, das gleiche
Verfahren hätte ich gern jetzt wieder.

Wenn wir die erste Tranche einer Defizitverringerung bewilligt bekommen, werden wir ab nächstem Jahr außerdem damit beginnen, die rund
2400 Empfehlungen in die Tat umzusetzen, die uns von einer Gruppe von
Privatleuten unterbreitet worden sind. Mehr als 2000 von den Wirtschaftsführern unseres Landes sind aus freien Stücken zusammengekommen und haben

- 9 -

�\

und haben auf unsere Einladung hin jeden Bereich der Regierungsgeschäfte
untersucht und diese Tausende von Empfehlungen erarbeitet, mit denen sie
versucht haben, aufzuzeigen, wie man die Effektivität der Regierungsarbeit durch Einführung von modernen, im Wirtschaftsleben erprobten Methoden erhöhen könnte. Wenn man so verfahren würde, könnten astronomische
Summen eingespart werden.

Einige dieser Empfehlungen sind auf meine Anweisung hin bereits verwirklicht worden. Die meisten würden zweifellos zu Veränderungen führen,
die gesetzgeberische Maßnahmen des Kongresses erforderlich machen würden,
aber wir verfolgen diese Sache weiter. Wir haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die diese Empfehlungen und den erforderlichen gesetzgeberischen
Rahmen untersucht ... Wir werden das Problem der Defizite also anpacken.

Wie ich im zweiten Teil meiner Botschaft darzulegen gedenke, glaube
ich nun aber nicht, daß die Defizite mit unseren hohen Zinssätzen irgendetwas zu tun haben, denn genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir die Zinssätze, die wir von der vorhergehenden Administration geerbt hatten, von
21,5 Prozent auf ein nur noch halb so hohes Niveau heruntergebracht hatten, begann das Defizit zu wachsen.

Wie konnte das denn so kommen, und was für ein Zusammenhang besteht
dann mit den niedrigeren Zinssätzen, die wir ja schon wieder erreicht
haben, wenn es stimmt, daß Defizite hohe Zinssätze bedingen ?
Tatsächlich haben die letzteren nur eine einzige Ursache. Der Kapitalmarkt ist noch nicht davon überzeugt, daß wir die Inflation im Griff
haben. Seit dem 2. Weltkrieg haben wir etwa acht Rezessionen erlebt, und
jedesmal hat die Regierung versucht, im Schnellverfahren mit ihnen fertig
zu werden, was aber auch jedesmal zu einem Ansteigen der Inflation führte.

Wir erleben die am längsten anhaltende Phase weltweiter Inflation in
der Weltgeschichte. Seit zwei Jahren haben wir jedoch eine Inflationsrate
von weniger als 4 Prozent gegenüber 12,4 Prozent früher. Im ersten Quartal dieses Jahres lag sie wieder unter 4 Prozent. Ich meine, wir haben

- 10 -

�wir haben die Inflation im Griff, und wir sind entschlossen, sie auch im
Griff zu behalten.

Ich glaube, wenn der Kongreß erst einmal die bewußten gesetzgeberischen Schritte in Bezug auf das Defizit getroffen hat, und wenn die Wirtschaft sieht, daß wir den Markt nicht mit Geld überschwemmen und keine
schnellen Patentlösungen suchen, dann wird sich der Markt auch wieder vernünftiger verhalten, und wir werden ein Sinken der Zinssätze erleben. Mag
sein, daß es in diesem Prozeß hier und da kleinere Störungen geben wird,
aber ich glaube, so etwas ist nur Ausdruck eines wirtschaftlichen Prinzips, von dem ich während meiner eigenen wirtschaftswissenschaftlichen
Studien hörte: Nichts ist so scheu wie eine Million Dollar. (Gelächter)

FRAGE: Herr Präsident, Ihr Botschafter in Ottawa, Herr Paul Robinson,
ist ein recht offenherziger Zeitgenosse, und in seiner offenherzigen Art
kritisierte er kürzlich den Umfang der kanadischen Verteidigungsausgaben,
wobei er sagte, daß Kanada seinen Verpflichtungen gegenüber der NATO
nicht nachkomme. Außerdem meinte er, daß die scheidende Regierung Trudeau
amerikanische Anleger sehr schlecht behandelt habe. Sind das nur Herrn
Robinsons persönliche Ansichten, oder werden diese Ansichten von Ihnen
und Ihrer Administration geteilt ?

ANTWORT: Da ich all dies in diesem Augenblick zum ersten Mal höre,
muß es sich wohl um seine persönlichen Ansichten handeln. Ich weiß allerdings, daß Kanada in der jüngsten Vergangenheit getan hat, was einige von
unseren KongreGabgeordneten auch gern tun würden, wenn man sie ließe, nämlich die Verteidigungsausgaben zu kürzen. Wenn schon gekürzt werden muß,
dann würden sie lieber beim Wehretat als irgendwo sonst kürzen. Was die
Frage der Auslandsinvestitionen angeht, so hatten wir darüber bereits Gespräche und werden auf dem Gipfel wahrscheinlich noch weitere haben. Unsere Standpunkte gehen in dieser Frage etwas auseinander, aber damit werden
wir uns auf dem Gipfeltreffen befassen.

FRAGE: Sie glauben also nicht, daß die Regierung Trudeau amerikanische Anleger schlecht behandelt hat ?
ANTWORT: Sie

- 11 -

�ANTWORT: Sie versuchen doch nicht etwa, einen Zusammenstoß zwischen
mir und unserem Botschafter zu provozieren ? Ich möchte nicht mehr sagen,
als daß es zwischen unseren beiden Ländern einige Meinungsunterschiede in
der Frage der Auslandsinvestitionen gibt, was aber nichts daran ändert,
daß Kanada unser Haupthandelspartner bleibt und daß wir nach wie vor glauben, daß Kanada ein so enger Freund ist, wie ihn sich ein Volk nur wünschen kann.

+ + + + +

- 12 -

�I7]T37

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

6. Juni 1984

23

ANSPRACHE VON BOTSCHAFTER BURNS IN HEIDELBERG
- Gehalten vor Examensabsolventen der Universität Maryland
am 27. Mai 1984 -

-(AD)- Anläßlich der Examensfeierlichkeiten der Universität Maryland
hielt der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik,
Arthur F. B u m s , am 27. Mai 1984 in Heidelberg vor den Absolventen der
Universität eine Rede.
Die Ansprache des Botschafters hatte folgenden Wortlaut:
Als amerikanischer Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland und
als ehemaliger Hochschulprofessor fühle ich mich doppelt geehrt, daß ich
zusammen mit Ihnen diesem wichtigen Ereignis beiwohnen darf.
Dieser ExamensJahrgang unterscheidet sich von allen anderen, zu denen
ich je gesprochen habe oder von denen ich auch nur Näheres gehört habe.
Die Examensklasse eines typischen amerikanischen College besteht aus jungen Männern und Frauen, von denen die meisten nahezu ihr gesamtes Leben
in der Schule verbracht haben, von denen nur sehr wenige bereits nennenswerte praktische Erfahrungen in der Arbeitswelt gewonnen haben, von denen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�von denen die meisten noch nicht die Verantwortung für eine Familie übernommen haben, von denen nur sehr wenige jemals außerhalb der Vereinigten
Staaten gelebt haben, und von denen viele nur deshalb auf dem College
sind, weil ihre Eltern darauf bestanden haben.

Sie, die ich hier nach bestandenem Examen vor mir sehe, bilden jedoch
eine Gruppe ganz anderer Art. Sie sind älter als der typische CollegeAbsolvent. Sie leben, arbeiten und studieren außerhalb ihres Heimatlandes. So gut wie alle von Ihnen gehen in der einen oder anderen Weise
einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit nach. Die meisten von Ihnen
sind verheiratet und haben Kinder, die einer liebevollen Fürsorge und
Förderung bedürfen. Trotz der Anforderungen, die Ihnen aus Ihrer Berufstätigkeit erwachsen, und trotz der Verpflichtungen gegenüber Ihren Familien haben Sie die innere Kraft aufgebracht, Abende und Wochenenden im
Hörsaal eines College oder beim Studium zu Hause zu verbringen, wobei
Ihnen in vollem Umfang bewußt war, daß Sie dies über viele Jahre hinweg
durchhalten mußten, bevor Sie einen akademischen Grad erwerben konnten.
Sie haben diese Opfer bewußt und gänzlich aus eigener Kraft heraus gebracht. Sie haben all dies getan, weil es Ihnen um die Erlangung von
Wissen und Wahrheit um ihrer selbst willen ging und auch, weil Sie entschlossen waren, in Ihrem erwählten Beruf und als Bürger Ihres Heimatlandes eine konstruktive Rolle zu spielen.

Der heutige Examenstag kennzeichnet daher für jeden von Ihnen nicht
nur die Erfüllung eines lange gehegten Traumes. Er legt auch beredtes
Zeugnis dafür ab, daß man im Leben durch Charakterstärke, Opferbereitschaft und innere Kraft Großes und Dauerhaftes erreichen kann. Sie alle
haben die Gratulationen und guten Wünsche, die Ihnen nun von Ihren Lehrern, Familien und Freunden zuteil werden, voll und ganz verdient, und es
ist mir in der Tat eine ganz besondere Ehre, mich hierin Ihren Freunden
und allen anderen, die sich mit Ihnen freuen, anzuschließen.

Als gereiften Männern und Frauen ist Ihnen allen bewußt, daß wirkliches Lernen ein niemals endender Prozeß ist. Es gibt indessen bei diesem
Erkenntnisprozeß nützliche Pausen und sicherlich auch neue Richtungen,
die man im Streben nach Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit ein-

- 2 -

�Persönlichkeit einschlagen kann. Nachdem Sie nun an dieser ausgezeichneten Hochschule akademische Grade erworben haben, bleibt vielen von Ihnen
noch eine gewisse Zeit, die Sie in Deutschland verbringen werden. Sie haben nun mehr Zeit für Ihre Familien und auch für die vielen Dinge, die
Deutschland zu bieten hat. Dies bemerkenswerte Land bietet Ihnen und
Ihren Familien Möglichkeiten, die sich Ihnen vielleicht nie wieder eröffnen werden. Ich hoffe daher, daß Sie ein wenig Zeit dafür aufwenden werden, sich die Gegenden von Deutschland anzuschauen, die Sie noch nicht
besucht haben. Ich hoffe, daß Sie nun einige von den Dingen tun werden,
die Sie aufgeschoben haben, weil Ihnen Ihr Studium am College so wenig
Freizeit gelassen hat. Vielleicht gehen Sie nun ein wenig häufiger ins
Konzert oder in die Oper, besuchen einen Dom oder ein Museum, verbringen
ein oder auch zwei Tage am Rhein, speisen in einem berühmten Restaurant
oder wohnen einer Sportveranstaltung bei. Am meisten hoffe ich jedoch,
daß einige Ihrer Bekanntschaften mit Deutschen während Ihres verbleibenden Aufenthalts hier sich zu echten und dauerhaften Freundschaften fortentwickeln werden. Ich meine, es gibt keine bessere Erinnerung, die man
von Deutschland mit nach Hause nehmen kann, als das Erlebnis der Freundschaft mit einigen der liebenswerten Bürgern dieses Landes.

Das zwischenmenschliche Verstehen ist immer unvollkommen. Das ist das
Geschick des Menschen auf Erden. Wir wissen dies aus unserer Alltagserfahrung. Eltern verstehen nicht immer ihre Kinder oder Kinder ihre Eltern.
Zwischen Ehegatten ist dies genauso und auch zwischen Arbeitgebern und ihren Beschäftigten, zwischen Vermietern und Mietern, zwischen Bankiers und
Kreditnehmern und - wie ich hier an diesem Ort kaum hinzufügen muß - auch
zwischen Hochschullehrern und Studenten. Wenn es nun aber schon innerhalb
unserer Familien, Schulen und Arbeitsstätten zu Mißverständnissen kommen
kann, dann können sie noch weitaus leichter zwischen Nationen entstehen
und sogar gedeihen, weil Unterschiede in Geschichte und Sprache zusammen
mit der Begrenztheit direkter Kontakte zwischen den Völkern Mißverständnisse und manchmal unglückseligerweise sogar Mißtrauen hervorbringen können. Ich habe meine Position als Botschafter in diesem Lande nun schon im
dritten Jahr inne, aber immer noch erstaunen mich die seltsamen Ansichten
über die Vereinigten Staaten, die hochrangige Europäer hin und wieder zum
Ausdruck bringen. Ich sollte hinzufügen, daß umgekehrt das gleiche gilt.
Zu den

�Zu den Hauptaufgaben eines Botschafters gehört es, das Gestrüpp von
falschen Vorstellungen auszulichten, das zuweilen die Beziehungen zwischen seiner eigenen Regierung und der, bei der er akkreditiert ist, beeinträchtigt. Was ein Botschafter oder seine Mitarbeiter in dieser Hinsicht erreichen können, ist jedoch immer sehr begrenzt. Die Herstellung
echten Verständnisses zwischen zwei Regierungen hängt ganz fundamental
von der Art der Beziehungen zwischen ihren Völkern ab, nicht so sehr von
ihren Außenministern oder von den offiziell ernannten Botschaftern. In
demokratischen Staaten werden Regierungen unweigerlich vom Denken ihrer
Bürger beeinflußt, und zwar dergestalt, daß ihre Politik dies Denken sogar in erheblichem Umfang widerspiegelt. Das macht das Bestehen eines aus
gedehnten Geflechts persönlicher Kontakte zwischen Deutschen und Amerikanern so außerordentlich wichtig. Wenn wir ein besseres Verständnis dafür
erlangen, wie in unseren beiden Ländern Arbeit und Spiel geregelt sind,
wie das Leben in unseren Privathaushalten und Gemeinden abläuft, welche
Sorgen unsere beiden Völker haben und wonach sie streben, so ist dies die
bestmögliche Art und Weise, zu gewährleisten, daß sich die westliche Welt
auch weiterhin des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands erfreut.

Als Amerikaner, die hier arbeiten, leben und studieren, haben Sie
natürlich dabei mitgewirkt, den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland
ein besseres Verständnis unseres Landes zu vermitteln. Auch wenn Sie dies
Land verlassen haben werden, wird ihre Rolle bei der Förderung des Verständnisses zwischen Deutschen und Amerikanern noch nicht beendet sein,
denn wenn Sie in die Vereinigten Staaten heimkehren, in die großen und
kleinen Gemeinden überall in unserem Lande, werden die Leute natürlich
fragen: "Wie war es ? Wie sind die Deutschen wirklich ?" Obwohl wahrscheinlich wenige von Ihnen vorgeben würden, Experten für Deutschland
oder die Deutschen zu sein, besitzen doch die meisten von Ihnen mehr
Kenntnisse und Erfahrungen als ihre Verwandten, Freunde und Nachbarn in
den Vereinigten Staaten. Das wird viele veranlassen, Ihren Erzählungen
aufmerksam zu lauschen.

In den nächsten Jahren werden Sie daher bei der Schaffung von gutem
Willen zwischen den Völkern eine gewichtige Rolle spielen. Wie Sie wissen, besteht in den Vereinigten Staaten vielfach Sorge über politische

- 4 -

�über politische Trends in Deutschland. Wegen der Anti-Raketen-Demonstrationen im Herbst letzten Jahres haben viele Amerikaner einen schlechten
Eindruck von den Deutschen bekommen. Viele haben den Eindruck gewonnen,
daß die Deutschen, und zwar insbesondere die jungen Deutschen, nicht mehr
zur NATO und zu den demokratischen Werten stehen, zu deren Schutz sie
geschaffen wurde. Viele haben die Raketendemonstrationen als Manifestationen von Anti-Amerikanismus verstanden.

Seit einiger Zeit fragen daher viele Amerikaner: "Warum sollen wir
weiterhin die Deutschen und andere Europäer schützen, wenn sie augenscheinlich nicht mehr bereit sind, sich selbst zu verteidigen und unsere
Hilfe nicht einmal zu würdigen wissen ?" Ihre Reaktionen auf solche Fragen von besorgten Amerikanern können eine positive Wirkung ausüben. Meistens beruhen die Sorgen dieser Amerikaner auf einem Mangel an hinlänglichen und korrekten Informationen. Beispielsweise ist nur wenigen Amerikanern bekannt, daß unsere europäischen Verbündeten etwa 90 Prozent der in
Europa stationierten Bodentruppen der NATO stellen oder daß auch bei den
Luft- und Seestreitkräften, die die NATO in Europa unterhält, rund 75 Prozent der Mannschaftsstärke von unseren Verbündeten gestellt wird. Außerdem erkennen viele Amerikaner nicht, daß wir unsere verteidigungspolitischen Verpflichtungen in Europa nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit
übernommen haben, d.h., daß wir nicht einfach nur deshalb hier sind, weil
wir ein solch großzügiges Volk sind. Nein, vielmehr sind amerikanische
Militäreinheiten hier stationiert, weil die Stärke und der Wohlstand unseres Amerika erheblich beeinträchtigt würde, wenn der Friede und die Freiheit unserer demokratischen Partner in Westeuropa untergraben würden.

Sie, die sie ihr Examen bestanden haben, wissen dies, weil sie hier
in Deutschland gelebt haben. Sie wissen auch, daß diejenigen, die gegen
die Politik der Vereinigten Staaten und gegen die amerikanische Präsenz
in Europa protestieren, nicht für alle Deutschen sprechen. Aus vielfältigen deutsch-amerikanischen Begegnungen und aus Einzelkontakten mit Deutschen wissen Sie, daß die amerikanischen Verpflichtungen im Rahmen der
NATO und die Opfer, die amerikanische Soldaten und ihre Familien für die
Sicherung des Friedens und der Freiheit dieses Landes bringen, von der
großen Mehrheit des deutschen Volkes anerkannt und gewürdigt werden.
Sie alle

�Sie alle sind während ihres Aufenthalts in Deutschland schon seit Jahren Teilzeit-Botschafter der Vereinigten Staaten. Es erscheint mir nur logisch, anzunehmen, daß es nach Ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten
bis zu einem gewissen Grade zu einem Rollentausch kommen wird, so daß sie
dann Teilzeit-Botschafter der Bundesrepublik Deutschland sein werden.
Ich gratuliere Ihnen allen dazu, daß sie die Bedingungen für den
akademischen Grad des Bakkalaureats erfüllen konnten, und ich wünsche
Ihnen und Ihren Familien alles Gute für die Zukunft.

+ + + + +

�23

6. Juni 1984

DIE XXIII. OLYMPISCHEN SPIELE IN LOS ANGELES

- (5) - Ein Rückblick auf die Spiele des Jahres 1932 -

- (AD) - Los Angeles war schon einmal Austragungsort der Olympischen
Spiele:

1932 litt die Welt unter den Auswirkungen der Depression, kämpf-

ten die Organisatoren mit den Schwierigkeiten, die Spiele überhaupt veranstalten zu können und unternahm Deutschland den Versuch, die Spiele zu
boykottieren.

Trotz all dieser Hindernisse erklärten Zuschauer, Organisatoren und
die Spieler selbst die X. Olympischen Spiele zu einem Erfolg. Kaliforniens sprichwörtlich goldenes Klima bildete den idealen Hintergrund für
die Menschenmengen, die lautstark die Sportler zu neuen Rekorden anfeuerten.

Die Organisatoren hatten befürchtet, daß einige Staaten - als Folge
der Wirtschaftskrise, die die Welt in ihrem Würgegriff hielt - es sich
nicht würden leisten können, ihre Sportler nach Los Angeles zu senden.

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: £-85432

�zu senden. Doch derlei Ängste waren unbegründet.

Zweitausend Sportler

aus 39 Staaten kamen nach Los Angeles. Fehlte es an Mitteln, so siegte
der Einfallsreichtum.

Zuletzt schickten auch die Deutschen 125 ihrer

besten Sportler.

Die wahrscheinlich ungewöhnlichste Mannschaft wurde durch die "Employers Casualty Company" - eine Versicherungsgesellschaft - in Dallas gefördert:

Bei den vorolympischen Ausscheidungen an der Northwestern Univer-

sity in Illinois landete sie im Kugelstoßen, im Speerwerfen, im Weitsprung sowie im 80-Meter-Hürdenlauf auf dem ersten Platz, teilte sich den
ersten Platz im Hochsprung und wurde beim Diskuswerfen Vierte. Diese
Mannschaft aus Texas bestand aus einer einzigen Person: Mildreci "Babe"
Didrikson. Kaum 18 Jahre alt, sechstes Kind eines aus Norwegen eingewanderten Kunsttischlers, gewann sie den landesweiten Wettkampf der
Frauenmannschaften; die Frauenriege des Illinois Women's Athletic Club
wurde zweiter.

Durch die Regelung beschränkt, wonach jeder Sportler bei den Olympischen Spielen nur an höchstens drei Wettbewerben teilnehmen kann, wählte sie Hochsprung, Hürdenlauf und

Speerwerfen - und schaffte in allen

drei Disziplinen einen neuen Weltrekord.

Allerdings gewann sie im Hoch-

sprung nicht die Goldmedaille, weil sie wegen "Tauchens" disqualifiziert
wurde - sie war, entgegen den damals geltenden Regeln, nicht mit den
Füßen zuerst über die Latte gekommen.

So blieb ihr immerhin noch die

Silbermedaille.

Paul Gallico, ein Reporter der "New York Daily News", fragte sie:
"Gibt es überhaupt eine Disziplin, die sie nicht betreiben?" "Ja", erwiderte sie, "Puppenwagenfahren."

Auch die Spiele des Jahres 1932 hatten ihre Helden. Eddie Tolan, ein
Kurzstreckenläufer aus Michigan, erzielte Weltrekord über 100 Meter und
olympischen Rekord über 200 Meter - kaugummikauend, mit einer mit Klebeband festgehaltenen Hornbrille und mit bandagiertem Knie.

Beim Rudern

�Beim Rudern besiegte der Achter der Universität von Kalifornien ganz
knapp die italienische Mannschaft: "In der ganzen Geschichte des amrikanischen Rudersports", schrieb ein Reporter der "New York Times" hat es
noch kein spannenderes oder kampfbetonteres Bootsrennen gegeben".

Insgesamt gewannen die Vereinigten Staaten AI Goldmedaillen. Die
amerikanische Leichtathletikmannschaft, der es darum ging, ihre schlechten Leistungen bei den Spielen 1928 vergessen zu machen, gewann 11 von 23
Wettbewerben, setzte zehn olympische Rekorde und brach fünf Weltrekorde
in der Leichtathletik.

Aber natürlich gingen Goldmedaillen in die ganze Welt:

Italien er-

rang 12, vier davon im Turnen; Frankreich zehn, drei davon im Gewichtheben; Schweden neun, vier davon im Ringen, und Japan sieben, wobei die
Schwimmer fünf davontrugen.

Indien schließlich gewann das Hockey-

Turnier, nachdem die Vereinigten Staaten 24-1 besiegt worden waren.

Bei den Schwimmwettbewerben der Männer dominierten die Japaner.

Ihre

Vierermannschaft bei den 800 Metern unterbot den Olympiarekord um 38 Sekunden.

Aber noch erstaunlicher war ihr Alter. Kusuo Kitamura, der die

anstrengenden 1500 Meter Freistil gewann, war nur 14; Masaji Kiyokawa,
Gewinner der 100 Meter Rücken, war 16 und Yasuji Miyazaki, der die 100
Meter Freistil gewann, war 17.

Eine Amerikanerin, Clarence "Buster" Crabbe, durchbrach das japanische Monopol und unterbot den olympischen Rekord in den 400 Metern
Freistil, zwei weitere Amerikaner, Michael Galitzen und Harold Smith,
wurden Erste im Kunstspringen.

(Crabbe wurde später als "Flash Gordon"

in den Science-fiction-Filmen Hollywoods bekannt.)

Um Kosten zu einzusparen, errichtete das Olympische Komitee von Los
Angeles für die Sportler das erste Olympische Dorf, wo diese für zwei
Dollar täglich essen, übernachten und sich vergnügen konnten. Das Dorf
erstreckte sich über 130 Hektar, bestand aus 550 Bungalows, 40 Küchen,
einem Krankenhaus, einer Bibliothek und einem Postamt. Es wurde ein

�Es wurde ein solcher Erfolg, daß das Olympische Komitee von Los Angeles
mit dem Argument, dadurch internationales Verständnis gefördert zu haben,
für einen Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde.

Das Komitee hatte mit seinen Planungen für die Spiele schon lange vor
deren Beginn angefangen: Bereits 1923 wurde beim Bau des 96 000 Personen
fassenden Los Angeles Memorial Coliseum an die Olympiade gedacht. Zu den
anderen Anlagen, die für die Spiele 1932 errichtet wurden, gehörte eine
Olympiahalle für die Box- und Ringerveranstaltungen, die Plätze für
10 000 Zuschauer hatte; außerdem ein Kunstmuseum für den Olympischen
Kunstwettbewerb; schließlich ein Schwimmbecken, ein Bowlingplatz, eine
Schießanlage und Tennisplätze.

Viele der für die Spiele des Jahres 1932 errichteten Anlagen wurden
renoviert und werden auch bei der Olympiade 1984 verwendet.

+ + + + +

- 4-

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

22

6. Juni 1990

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GIPFEL

BUSH UND GORBATSCHOW ZUFRIEDEN
MIT FORTSCHRITTEN BEI START
Gemeinsame Erklärung

WELTMACHTE UNTERZEICHNEN VERPFLICHTUNG GEGEN VERBREITUNG VON WAFFEN
Gemeinsame Gipfelerklärung

BAKER: GESAMTDEUTSCHE NATO-MITGLIEDSCHAFT ERFORDERT GARANTIEN
Fernsehinterview des Außenministers

WIRTSCHAFT

BRADY WARNT VOR ÜBERTRIEBENEN
INFLATIONSÄNGSTEN
Erklärung bei der OECD

URUGUAY-RUNDE

LANDWIRTSCHAFT SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG
DER URUGUAY-RUNDE
Rede der US-Handelsbeauftragten
Hills bei der OECD

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�GIPFEL
6. Juni 1990

BUSH UND GORBATSCHOW ZUFRIEDEN MIT
FORTSCHRITTEN BEI START
Gemeinsame Erklärung
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush und sein sowjetischer Amtskollege Gorbatschow äußerten sich am 1.
Juni 1990 befriedigt über die bisher erzielten "großen Fortschritte" auf dem Weg zu einem Vertrag über die
Reduzierung strategischer Waffen. Darüber hinaus bekräftigten sie ihr Ziel, das Dokument "bis zum Ende dieses
Jahres unterschriftsreif" zu haben.
In einer gemeinsamen Erklärung am zweiten Tag ihres Gipfeltreffens gaben sich beide Präsidenten zuversichtlich, daß START "ein Meilenstein sowohl für die Rüstungskontrolle als auch für das Verhältnis" zwischen den
beiden Weltmächten sein werde.
Nachfolgend veröffentlichen wir die gemeinsame Erklärung im Wortlaut.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
George Bush, und der Präsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Michail S. Gorbatschow,
sprachen über den Status des Vertrags zur Begrenzung und Reduzierung strategischer Offensivwaffen.
Die beiden Präsidenten äußerten sich befriedigt über
die großen Fortschritte, die bisher in den Verhandlungen über diesen Vertrag erzielt wurden. Insbesondere
begrüßten sie die beiderseitig akzeptablen Lösungen,
die bei wichtigen Fragen dieser Gespräche gefunden
wurden und bekräftigten ihre Entschlossenheit, den
Vertrag bis Ende dieses Jahres fertigzustellen und
unterschriftsreif zu haben. Sie wiesen ihre Verhandlungsdelegationen in Genf an, die Arbeit zur Fertigstellung des gemeinsamen Vertragsentwurfs, der die
Einzelheiten dieser Lösungen enthält, zu beschleunigen, um diesem Ziel gerecht zu werden.
Der START-Vertrag wird ein Meilenstein sowohl für die
Rüstungskontrolle als auch für das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sein. Er ist
das Ergebnis der Erkenntnis, daß beide Seiten eine
besondere Verpflichtung für die Reduzierung des Kriegsrisikos, die Verbesserung der strategischen Stabilität
und die Stärkung des Friedens und der internationalen
Sicherheit tragen. Damit wird der START-Vertrag
einen Wendepunkt in den sowjetisch-amerikanischen
Rüstungskontrollbemühungen zur Herstellung eines
rationaleren, offeneren, kooperativeren, berechenba-

AMERIKA DIENST 22

reren und stabileren Verhältnisses signalisieren. In
bemerkenswertem Maße wird der Vertrag die bedeutenden politischen Veränderungen ergänzen, die in
jüngster Zeit zum Abbau von Feindschaft und Mißtrauen beigetragen haben, und er wird die Reduzierung der
gegenwärtig vorhandenen umfangreichen Bestände
an strategischen Offensivwaffen erleichtern.
Dieser Vertrag bietet zahlreiche Vorteile. Zum ersten
Mal in der Geschichte werden beide Seiten bedeutende Reduzierungen ihrer strategischen Offensivwaffen
vornehmen - um bis zu 50 Prozent bei bestimmten
Kategorien. Noch wichtiger ist, daß diese Reduzierungen dazu dienen, einen Erstschlag weniger wahrscheinlich zu machen. Das Ergebnis werden größere
Stabilität und ein geringeres Kriegsrisiko sein.
Wichtige Vertragsvereinbarungen sind:
Die Gesamtzahl stationierter ICBMs und der zugehörigen Abschußvorrichtungen, der stationierten SLBMs
und der zugehörigen Abschuß Vorrichtungen und der
schweren Bomber wird auf maximal 1 600 begrenzt.
Innerhalb dieser Höchstzahl wird die Zahl der stationierten schweren ICBMs und der zugehörigen Abschußvorrichtungen auf höchstens 154 begrenzt.
Die Gesamtzahl der stationierten ICBMs, stationierten
SLBMs und schweren Bombern zugeschriebenen
Gefechtsköpfe wird auf maximal 6 000 begrenzt. Von
diesen werden höchstens 4 900 Gefechtsköpfe den

Seite 1

�stationierten ICBMs und SLBMs, höchstens 1 540
Gefechtsköpfe den schweren ICBMs und höchstens
1 100 Gefechtsköpfe den mobilen ICBMs zugeordnet.
Die Wurf gewichte der stationierten ICBMs und SLBMs
beider Seiten insgesamt werden auf ein vereinbartes
Niveau reduziert, das annähernd 50 Prozent unter den
gesamten bestehenden Wurf gewichten der stationierten ICBMs und SLBMs der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken an einem noch festzulegenden Zeitpunkt liegt. Diese Grenze wird während der Vertragsdauer nicht überschritten.
Als Träger von weitreichenden, luftgestützten und
nuklear bestückten Marschflugkörpern (ALCMs) ausgerüstete schwere Bomber werden von anderen schweren Bombern zu unterscheiden sein. Für andere
Nuklearwaffen als weitreichende, nuklear bestückte
ALCMs ausgerüstete schwere Bomber werden als ein
strategisches Trägersystem auf die Obergrenze von
1 600 und als ein Gefechtskopf auf die Obergrenze
von 6 000 angerechnet.
Als Träger von weitreichenden, nuklear bestückten
ALCMs ausgerüstete schwere Bomberwerden als ein
Trägersystem auf die Obergrenze von 1 600 und mit
einer vereinbarten Anzahl von Gefechtsköpfen auf die
Obergrenze von 6 000 angerechnet. Bestehende und
zukünftige amerikanische schwere Bomber, die als
Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs
ausgerüstet sind, werden mit je 10 Gefechtsköpfen
angerechnet. Bestehende und zukünftige sowjetische
schwere Bomber, die als Träger von weitreichenden,
nuklear bestückten ALCMs ausgerüstet sind, werden
mit je 8 Gefechtsköpfen angerechnet.
Innerhalb der Obergrenze von 1 600 Trägersystemen
dürfen die Vereinigten Staaten von Amerika maximal
150 als Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs ausgerüstete schwere Bomber besitzen,
die mit je 10 Gefechtsköpfen angerechnet werden. Die
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken kann diese Anzahl schwerer Bomber um maximal 40 Prozent
überschreiten. Falls die Vereinigten Staaten die Zahl
von 150 überschreiten wird jeder zusätzliche, als Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs
ausgerüstete schwere Bomber mit der Anzahl weitreichender, nuklear bestückter ALCMs angerechnet, für
die er tatsächlich ausgerüstet ist. Falls die Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken die Zahl von 210 als
Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs
ausgerüsteten schweren Bombern überschreitet, so
wird jeder dieser schweren Bomber mit der Anzahl von
weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs angerechnet, für die er tatsächlich ausgerüstet ist.
Bestehende und zukünftige amerikanische schwere
Bomber dürfen für maximal 20 weitreichende, nuklear
bestückte ALCMs ausgerüstet sein. Bestehende und
zukünftige sowjetische schwere Bomber dürfen für
maximal 12 weitreichende, nuklear bestückte ALCMs
ausgerüstet sein.
Seite 2

ALCMs gelten als weitreichend, wenn ihre Reichweite
600 Kilometer überschreitet. Zukünftige weitreichende, nichtnukleare ALCMs werden den nuklearen nicht
zugerechnet, wenn sie von den weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs zu unterscheiden sind. Es
wird keinerlei Begrenzungen für die Stationierung solcher ALCMs auf nicht vertraglich begrenzten Flugzeugen geben.
Die Reduzierungen werden in drei Phasen innerhalb
von sieben Jahren durchgeführt. Besondere, gleiche
Zwischengrenzen für vereinbarte Kategorien strategischer Offensivwaffen werden am Ende jeder Reduzierungsphase erzielt werden.
Die vertraglich geregelten zahlenmäßigen Begrenzungen werden durch Umbau oder Vernichtung im Einklang mit den vereinbarten Verfahrensweisen erzielt
und erfüllt werden.
Seegestützte Marschflugkörper (SLCMs) werden durch
den START-Vertrag nicht begrenzt. Jede Seite wird
der anderen eine einseitige Erklärung ihrer Politik im
Hinblick auf nukleare SLCMs sowie - jährlich während
der Vertragsdauer - unilaterale Erklärungen im Hinblick auf geplante Stationierungen weitreichender,
nuklearer SLCMs, also derjenigen mit einer Reichweite von über 600 Kilometern, zukommen lassen. Diese
Erklärungen werden politisch bindend sein. In den
jährlichen Erklärungen wird die Höchstzahl der stationierten nuklearen SLCMs für jedes der fünf folgenden
Vertragsjahre spezifiziert, vorausgesetzt, die erklärte
Zahl liegt nicht höher als 880. In den politischen
Erklärungen wird im einzelnen dargelegt werden, daß
die Vereinigten Staaten von Amerika und die Union
Sozialistischer Sowjetrepubliken keine seegestützten
atomaren Marschflugkörper mit Mehrfachgefechtsköpfen herstellen oder stationieren werden. Beide Seiten
bekräftigen ihre Gemeinsame Washingtoner Gipfelerklärung von 1987, weiterhin "beiderseitig akzeptable
und effektive Verfizierungsmethoden" anzustreben.
Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die mögliche
Durchführung verbotener Modernisierung und Ersetzung strategischer Offensivwaffen.
Der START-Vertrag wird besondere Verbote bestimmter Kategorien strategischer Offensivwaffen, Stationierungsarten und -aktivitäten umfassen. Gemäß dem
START-Vertrag werden folgende Verbote ausgesprochen:
neue Typen schwerer ICBMs,
schwere SLBMs und Abschußvorrichtungen
schwerer SLBMs,
mobile Abschußvorrichtungen schwerer ICBMs,
neue Typen von ICBMs und SLBMs mit mehr
als 10 Wiedereintrittsflugkörpern,

AMERIKA DIENST 22

�Flugerprobung und Stationierung bestehender
Typen von ICBMs oder SLBMs, deren Zahl von
Wiedereintrittsflugkörpern größer ist als in der
Gemeinsamen Washingtoner Gipfelerklärung
vom Dezember 1987 festgelegt,

bote zur Beeinträchtigung des Einsatzes solcher Mittel:
Ein Verbot über die Verweigerung telemetrischer Information: beide Seiten haben vereinbart, technische Messungen an Bord von ICBMs
und SLBMs vorzunehmen und alle aus solchen
Messungen gewonnenen telemetrischen Informationen zu übermitteln. Außer für streng definierte Ausnahmen wird es ein Verbot aller
Maßnahmen - einschließlich der Verwendung
von Verschlüsselung, Verkapselung oder Störung - geben, die den vollständigen Zugang zu
telemetrischen Informationen verwehrt.

schnelles Nachladen der ICBM-Abschußvorrichtungen,
mit Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüstete weitreichende nukleare ALCMs.
Die im Vertrag enthaltenen weitreichenden Reduzierungen und anderen Einschränkungen werden von
den gründlichsten und innovativsten Verifizierungsbestimmungen, die jemals ausgehandelt wurden, ergänzt.

Informationsaustausch: Vor Unterzeichnung
des Vertrags werden beide Seiten Daten über
die Anzahl, Standorte und technischen Merkmale ihrer strategischen Offensivwaffen austauschen. Diese Daten werden während der
gesamten Vertragsdauer regelmäßig auf den
neuesten Stand gebracht.

Insgesamt wird das umfassende Verifizierungssystem
des START-Vertrags Transparenz im militärischen
Bereich in einem Umfang gewährleisten, der noch vor
sehr kurzer Zeit undenkbar gewesen wäre. Es wird
nicht nur die effektive Verifizierung der Vertragsbestimmungen sicherstellen, sondern darüber hinaus
das für ein gesundes strategisches Verhältnis unabdingbare gegenseitige Vertrauen erheblich stärken.
Darüber hinaus kann dieses Verifizierungssystem
Vorbildcharakter für künftige Abkommen haben. Das
gegenwärtig erarbeitete Verifizierungssystem sieht vor:
Inspektionen vor Ort: Damit die Verifizierung
der Vertragseinhaltung gewährleistet werden
kann, wird jede Seite auf der Basis der Gegenseitigkeit 12 Arten von Vor-Ort- Inspektionen
durchführen, femer ist die kontinuierliche Beobachtung der Produktionsstätten mobiler ICBMs
im Einklang mit den vereinbarten Verfahrensweisen vorgesehen.
Gemeinsam wird jede Seite kurzfristige Inspektionen von Einrichtungen durchführen, die mit
strategischen Offensivwaffen in Zusammenhang
stehen. Dazu zählen Inspektionen zur Verifizierung der Anzahl von Wiedereintrittsflugkörpern
auf stationierten ballistischen Raketen, Inspektionen zur Verifizierung der Zerstörung strategischer Offensivwaffen und mit ihnen in Zusammenhang stehender Einrichtungen, die Verifizierung von Verdachtsmomenten bei Inspektionen und Vorführungen.
Nationale Technische Mittel zur Verifizierung.
Um die Verifizierung zu gewährleisten, wird jede
Seite im Einklang mit den allgemein anerkannten Völkerrechtsprinzipien die ihr zur Verfügung
stehenden technischen Mittel zur Verifizierung
einsetzen. Der Vertrag wird eine Reihe kooperativer Maßnahmen enthalten, um die Effektivität der nationalen technischen Mittel zur Verifizierung zu steigern. Es ergehen folgende Ver-

Ein umfassendes Abkommen über die Art und
Weise der Stationierung mobiler ICBM-Abschußvorrichtungen und die mit ihnen in Zusammenhang stehenden Raketen und angemessene
Beschränkungen über ihre Standortwechsel,
damit die effektive Verifizierung der Einhaltung
von zahlenmäßigen Beschränkungen gewährleistet ist, wie sie der Vertrag vorschreibt. Darüber hinaus wird die Zahl der nichtstationierten
ICBMs für mobile Abschußvorrichtungen beschränkt, und mobile ICBMs müssen durch Verwendung einzigartiger Erkennungsmarken
("Tags") gekennzeichnet werden.
Zur Einhaltung der Zielsetzungen des Vertrags rufen
beiden Seiten die Gemeinsame Kommission für Einhaltung und Inspektion ins Leben.
Beide Seiten haben eine Vertragsdauer von 15 Jahren
vereinbart, wenn nicht vorher ein weiteres Abkommen
geschlossen wird. Vorbehaltlich der Zustimmung beider
Seiten kann der Vertrag um jeweils fünf Jahre verlängert werden, bis ein neues Abkommen ihn außer Kraft
setzt.
Die oben beschriebenen Fortschritte erfüllen das Ziel,
das sich die Präsidenten der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bei ihrer Zusammenkunft in Malta gesteckt
hatten - die Vereinbarung grundlegender Bestimmungen des Vertrags über stratergische Offensivwaffen
bis zum Gipfeltreffen in Washington. Beide Präsidenten bekundeten ihre Zuversicht, daß die Außenminister und die Delegationen beider Länder bei den Genfer
Verhandlungen in den kommenden Monaten Übereinkunft über die gegenwärtig noch auszuhandelnden
Verwendungszwecke erzielen können.

* * * * *
AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�GIPFEL
6. Juni 1990

WELTMÄCHTE UNTERZEICHNEN VERPFLICHTUNG
GEGEN VERBREITUNG VON WAFFEN
Gemeinsame Gipfelerklärung
WASHINGTON - (AD) - Die Weiterverbreitung von atomaren und chemischen Waffen sowie von Raketen
"bedroht die Menschheit mit Kriegführung von beispielloser Vernichtungskraft". Dies ist der Tenor einer
gemeinsamen Erklärung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion beim Washingtoner Gipfel. Die beiden
Weltmächte verpflichten sich darin zur Zusammenarbeit "untereinander und mit anderen Mitgliedern der
internationalen Staatengemeinschaft", um die Verbreitung dieser Waffen einzudämmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die gemeinsame Gipfelerklärung über die Weiterverbreitung von Waffen im
Wortlaut.

Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Union
der Sozialistischen Sowjetrepubliken lehnen die Weiterverbreitung von Kernwaffen, chemischen Waffen,
Raketen, die als Träger solcher Waffen in Frage kommen
sowie von anderen Raketen und Raketentechnologien
ab. Je mehr Staaten solche Waffen besitzen, desto
schwieriger wird es sein, dem Wunsch der Menschen
überall gerecht zu werden, effektive Rüstungskontrolle
und Abrüstungsmaßnahmen zu erlangen und das
Kriegsrisiko zu reduzieren. Die Verbreitung von Waffen kann Unsicherheit und Feindschaft zwischen Staaten hervorrufen und verstärken und bedroht die Menschheit mit Kriegführung von beispielloser Vernichtungskraft.
Unsere Gespräche in den vergangenen Monaten weisen
den Weg in ein neues Zeitalter der Beziehungen
zwischen unseren Ländern. Wir haben wichtige Schritte zum Abschluß von Abkommen unternommen, um
unsere strategischen Atomwaffenarsenale zu reduzieren, eine Begrenzung der Atomtests in Kraft zu setzen
und ein weltweites Verbot chemischer Waffen zu erreichen. Zusammen mit den Staaten Europas unternehmen wir beispiellose Schritte zur Reduzierung des
bestehenden Arsenals an konventionellen Waffen als
Teil des Prozesses zum Aufbau einer dauerhaften
Struktur der europäischen Sicherheit. Die von uns
erzielten Fortschritte und die Verpflichtungen, die wir in
diesen bilateralen und multilateralen Rüstungskontrollbemühungen eingegangenen sind, zeigen eindeutig, daß eine Reduzierung von Waffen zu erhöhter

AMERIKA DIENST 22

Sicherheit beitragen kann, selbst wenn zwischen den
Ländern seit langem tiefsitzende Meinungsverschiedenheiten bestanden haben.
Die von uns zur Verbesserung der amerikanischsowjetischen Beziehungen und zur Zusammenarbeit
im Interesse der internationalen Stabilität unternommenen Schritte schaffen die Möglichkeit zu einer noch
engeren und konkreteren Zusammenarbeit in den Bereichen der Nichtverbreitung nuklearer und chemischer Waffen sowie Raketen.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eingedenk dieser Erwägungen,
erklären ihre Verpflichtung, die Weiterverbreitung von Kernwaffen, chemischen Waffen und
Raketen, die als Träger solcher Waffen in Frage
kommen sowie gewisser anderer Raketen und
Raketentechnologien zu verhindern, insbesondere solcher, die den Verfügungen des Regimes zur Kontrolle von Raketentechnologie
(MTCR) unterliegen;
vereinbaren, eng miteinander und mit anderen
Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft zusammenzuarbeiten, um konkrete
Maßnahmen gegen die Verbreitung dieser Waffen
zu entwickeln und zu verwirklichen und
fordern andere Staaten dazu auf, sich mit einer
erneuerten Verpflichtung an effektiven Maß-

Seite 1

�nahmen für die Nichtverbreitung als Mittel zur
Sicherung des Weltfriedens und der Stabilität
sowie als Schritt zur effektiven weltweiten Begrenzung von Kernwaffen, chemischen Waffen,
Raketen und Raketentechnologie zu beteiligen.

Sie fordern alle Nichtkernwaffenstaaten, deren
Maßnahmen im Nuklearbereich nicht diesen Sicherheitsrichtlinien unterstehen, auf, diese
Maßnahmen den internationalen Sicherheitsvorkehrungen zu unterwerfen.

Beide Seiten haben besondere Maßnahmen zur Förderung dieser Verpflichtungen in Angriff genommen.

Sie stimmen darin überein, daß strenge Kontrollen für Exporte von kerntechnischem Material,
Ausrüstung und Technologie erforderlich sind,
um zu gewährleisten, daß sie nicht für die Herstellung nuklearer Sprengsätze mißbraucht
werden und fordern alle anderen Staaten, die
zum Export von kerntechnischer Technologie in
der Lage sind, auf ebenso strenge Kontrollen
anzuwenden.

Die Nichtverbreitung von Kernwaffen
Um die Verbreitung von Kernwaffen zu verhindern,
unternehmen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion folgende Schritte:
Sie bekräftigen ihre unerschütterliche und seit
langem bestehende Verpflichtung, der Verbreitung von Kernwaffen Einhalt zu gebieten und
das internationale Regime über die Nichtverbreitung von Kernwaffen zu stärken.
Sie bekräftigen ihre energische Unterstützung
für den Vertrag über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NPT) und stimmen darin überein,
daß dieser weiterhin einen unschätzbaren Beitrag zu weltweiter und regionaler Sicherheit und
Stabilität leistet;
Sie drängen alle Staaten, die dies bisher versäumt haben, den NPT einzuhalten.
Sie drängen alle Vertragsparteien des NPT, ihre
gemäß dem Vertrag bestehenden Sicherheitsverpflichtungen gegenüber der Internationalen
Atomenergieorganisation (IAEO) peinlich genau einzuhalten.
Sie bekräftigen ihre Absicht, miteinander und
mit anderen Vertragsparteien zusammenzuarbeiten, um im Jahr 1990 eine erfolgreiche Überprüfungskonferenz zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen sicherzustellen, mit
der die Unterstützung der Ziele des Vertrags
sowie seine Bedeutung für die internationale
Sicherheit und Stabilität erneuert würden.
Sie unterstützen den Vertrag zum Verbot von
Kernwaffen in Lateinamerika (Vertrag von Tlatelolco) und fordern alle Staaten der Region auf,
ihn frühzeitig in Kraft zu setzen.
Sie bekräftigen ihr fortgesetztes Engagement
zur Stärkung der IAEO, deren einzigartiges Sicherheitssystem zur weitverbreiteten friedlichen
Nutzung der Kernenergie für die soziale und
wirtschaftliche Entwicklung beigetragen hat.
Sie unterstützen eine verstärkte internationale
Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung
der Kernenergie gemäß den Sicherheitsrichtlinien der IAEO.

Seite 2

Sie unterstützen weiterhin Bemühungen, um
das internationale Regime zur Kontrolle von Nuklearexporten zu verbessern und zu stärken.
Sie unterstützen Gespräche zwischen Staaten
in solchen Regionen, in denen Besorgnis über
die Verbreitung von Kernwaffen besteht, um
konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des
Risikos der Verbreitung von Kernwaffen vorzunehmen und schließen sich insbesondere den
Appellen an die Staaten des Nahen Ostens, des
südlichen Afrikas und Südasiens an, solche
Gespräche aufzunehmen und zu führen.
Sie vereinbaren, ihre regelmäßigen, konstruktiven bilateralen Konsultationen über die Nichtverbreitung von Kernwaffen fortzusetzen.
Die Nichtverbreitung von Raketen und Raketentechnologie
Um der Verbreitung von Raketen und Raketentechnologie Einhalt zu gebieten, haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion folgende Maßnahmen getroffen:
Sie haben den Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Beseitigung ihrer Raketen mittlerer und kürzerer Reichweite unterzeichnet und damit gezeigt, daß
Kontrollen - und sogar die Vernichtung - solcher
Raketen der nationalen Sicherheit förderlich
sein können.
Sie bekräftigen erneut ihre Absicht, den STARTVertrag noch vor Ablauf des Jahres zu unterzeichnen.
Sie bestätigen ihre Unterstützung für die Zielsetzungen des Regimes zur Kontrolle von Raketentechnologie, das Raketen, bestimmte
Geräte und Technologie für Raketen umfaßt,
die eine Nutzlast von mindestens 500 Kilo-

AMERIKA DIENST 22

�gramm über eine Strecke von mindestens 300
Kilometern transportieren können, und sie fordern alle Länder auf, die das bisher nicht getan
haben, den Geist und die Richtlinien dieses
Regimes zu beachten.
Sie treffen Maßnahmen zur Beschränkung der
Weiterverbreitung von Raketen weltweit, einschließlich Exportkontrollen und anderer nationaler Verfahren.
Sie haben bilaterale Konsultationen aufgenommen, um Informationen über solche Kontrollen
und Verfahrensweisen auszutauschen und
Maßnahmen zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Raketen zu erarbeiten.
Sie sind übereingekommen, sich für die Unterbindung der Verbreitung von Raketen, insbesondere in Konfliktregionen, wie etwa dem Mittleren Osten, einzusetzen.
Sie bestätigen in diesem Bereich ihre Absicht
zur Sondierung regionaler Initiativen, um die Bedrohung der Verbreitung von Raketen zu vermindern, einschließlich der Möglichkeit, ihre guten
Dienste anzubieten, um diese Initiativen zu fördern.
Sie erinnern daran, daß sie internationale Wirtschaftskooperation fördern einschließlich der
Zusammenarbeit zur friedlichen Erforschung
des Weltraums, solange eine solche Kooperation nicht zur Verbreitung von Raketen beiträgt.
Sie fordern alle Länder - Exporteure von Raketen und Raketentechnologie wie auch Käufer auf, sich Beschränkungen aufzuerlegen und
bekunden ihre Bereitschaft, ihren jeweiligen Dialog
mit anderen Ländern über die Nichtverbreitung
von Raketen und Raketentechnologie fortzusetzen.
Sie sind ihrerseits entschlossen, weiterhin an
der Stärkung internationaler Beschränkungen
im Hinblick auf die Verbreitung von Raketen und
Raketentechnologie zu arbeiten.
Nichtverbreitung chemischer Waffen
Um den Einsatz und die Verbreitung chemischer Waffen
einzudämmen, ergreifen die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion folgende Maßnahmen:
Sie erklären, daß eine multilaterale, effektiv
verifizierbare Konvention über chemische Waffen mit einem Verbot von Entwicklung, Herstellung und Einsatz chemischer Waffen und Zerstörung aller Arsenale weltweit langfristig die
beste Lösung ist, um der Bedrohung der internationalen Sicherheit gerecht zu werden, die sich
mit dem Einsatz und der Verbreitung chemi-

AMERIKA DIENST 22

scher Waffen stellt und daß Maßnahmen zur
Nichtverbreitung als Schritt zur Erlangung einer
solchen Konvention betrachtet werden.
Sie werden ihre Zusammenarbeit intensivieren,
um die Verhandlungen in Genf zu beschleunigen, damit noch ausstehende Fragen so schnell
wie möglich gelöst werden und die Konvention
im Entwurf sobald wie möglich abgeschlossen
werden kann.
Sie haben bilaterale vertrauensbildende Maßnahmen eingeführt, einschließlich des Datenaustausche bei chemischen Waffen und gegenseitiger Inspektionen.
Sie haben gerade ein bahnbrechendes Abkommen über die Zerstörung und Einstellung der
Produktion chemischer Waffen sowie über
Maßnahmen zur Förderung der Konvention über
chemische Waffen unterzeichnet.
Sie verpflichten sich in diesem Abkommen zu
praktischen Maßnahmen, mit denen alle Länder, die chemische Waffen herstellen, der multilateralen Konvention beitreten.
Nachdem sie den Besitz chemischer Waffen
zugegeben haben, fordern sie andere Länder
auf, dies auch zu tun, sich nunmehr zu deren
Zerstörung zu verpflichten und unmittelbar damit
zu beginnen, mittels Forschung und Kooperation der Notwendigkeit einer Fähigkeit zur Zerstörung chemischer Waffen gerecht zu werden.
Sie erklären, selbst keine chemischen Waffen
zu verbreiten.
Sie haben Exportkontrollen geschaffen, um die
Verbreitung chemischer Waffen einzudämmen.
Diese Maßnahmen sollen keinesfalls berechtigte chemische Aktivitäten behindern oder in Zweifel
ziehen.
Sie sind übereingekommen, bilaterale Gespräche zu führen, um die Effektivität ihrer jeweiligen
Exportkontrollen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen zu steigern.
Sie führen regelmäßig bilaterale Konsultationen
durch, um die bilaterale Zusammenarbeit zu
verbessern, einschließlich des Informationsaustauschs über Probleme der Verbreitung chemischer Waffen.
Sie bestätigen ihre Absicht zur Durchführung
politischer und diplomatischer Aktionen in Fällen, in denen es Anlaß zu Besorgnis über die
Herstellung, den Einsatz oder die Verbreitung
chemischer Waffen gibt.
Sie unternehmen gemeinsam mit anderen
Ländern multilaterale Bestrebungen zur KoordiSeite 3

�nierung von Exportkontrollen, zum Austausch
von Informationen und Erweiterung der internationalen Zusammenarbeit bei der Eindämmung
der Verbreitung chemischer Waffen.
Sie bestätigen ihre Unterstützung des Genfer
Protokolls von 1925, das den Einsatz chemischer Waffen als Verletzung des Völkerrechts
verbietet.
Sie unternehmen Schritte zur Stärkung des
Genfer Protokolls von 1925, indem sie:
Staaten, die nicht Mitglieder sind, zur Teilnahme
ermutigen,
ihre Absicht bestätigen, dem UN-Generalsekretär aktive
Hilfe bei der Durchführung von Untersuchungen über
angebliche Verletzungen des Protokolls zu leisten,
ihre Absicht bestätigen, die Verhängung von Sanktionen gegen Verletzer des Protokolls in Erwägung zu
ziehen, auch solche gemäß Kapitel VII der Charta der
Vereinten Nationen,
übereinkommen, im Falle einer Verletzung des Protokolls prompt Konsultationen aufzunehmen, um mögliche bilaterale und multilaterale Aktionen gegen den
Verursacher zu erörtern und den Opfern solcher Verletzungen angemessene Hilfe zu leisten.

Seite 4

sie kommen überein, daß die Präsenz und weitere
Verbreitung chemischer Waffen in Konfliktregionen wie etwa dem Mittleren Osten besonders gefährlich sind. Beide Länder bekunden
daher ihre Absicht, regionale Initiativen im Mittleren Osten und anderen Regionen zu sondieren, einschließlich der Möglichkeit, ihre guten
Dienste zur Förderung von Initiativen anzubieten wie etwa:
Bestrebungen zur Förderung des Bewußtseins über
die Gefahren der Verbreitung chemischer Waffen und
ihrer negativen Auswirkungen auf die Durchführung
der multilateralen Konventionen über chemische Waffen,
bilaterale oder multilaterale Bestrebungen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen, einschließlich der Absage an die Herstellung dieser Waffen,
Bestrebungen zur Zerstörung chemischer Waffen noch
vor Inkrafttreten der multilateralen Konvention, wie es
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion tun.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion fordern
alle Länder der Welt, die das noch nicht getan haben,
auf, gemeinsam mit ihnen vergleichbare, effektive
Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen zu ergreifen.

AMERIKA DIENST 22

�GIPFEL
6. Juni 1990

BAKER: GESAMTDEUTSCHE NATO-MITGLIEDSCHAFT
ERFORDERT GARANTIEN
Fernsehinterview des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - In einem Interview in der Fernsehsendung "Meet the Press" erklärte Außenminister
Baker am 3. Juni 1990, wenn ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO würde, müsse es "angemessene
Sicherheitsgarantien für Deutschlands Nachbarn im Osten geben". Baker zufolge wird der Gedanke einer
andauernden amerikanischen Präsenz in Europa von den NATO-Verbündeten und von drei Mitgliedern des
Warschauer Pakts unterstützt. Sogar die Sowjetunion, so Baker, unterstützt "den Gedanken einer fortgesetzten
US-Präsenz in Europa als stabilisierenden Faktor".
Der Au ßenminister erklärte ferner, er werde die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten und Rüstungskontrollfragen am 5. Juni mit Außenminister Schewardnadse und am 6. Juni mit den NATO-Verbündeten erörtern.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Außenminister Baker in leicht gekürzter Fassung.

Frage: Sie kommen gerade von der Abschiedszeremonie für Präsident Gorbatschow. Wir möchten Ihre
Meinung zu den Ereignissen der vergangenen Tage
hören. Unmittelbar vor dem Gipfel haben viele Regierungsvertreter, unter ihnen der Nationale Sicherheitsberater Brent Scowcroft, erklärt: "Thema war eigentlich nicht die Rüstungskontrolle - bei diesem Gipfel
sollte vielmehr die politische Landkarte Europas, insbesondere Deutschlands, neu gestaltet werden."
Und dennoch scheinen dabei keine Fortschritte erzielt
worden zu sein. Wo stehen wir jetzt? Sind Sie darüber
ein bißchen enttäuscht?
Antwort: Ich denke, niemand hat erwartet, daß wir
hier die Frage der Vereinigung beider deutscher Staaten oder die Frage der Bündniszugehörigkleit eines
vereinigten Deutschlands lösen würden, weil daran wie auch beide Präsidenten in ihrer Pressekonferenz
betonten - auch eine Reihe anderer Länder beteiligt
sind, obwohl natürlich Deutschland in erster Linie
betroffen ist.
Das stand also bei diesem Gipfel nicht zur Debatte.
Auf der anderen Seite war es ein geeignetes Thema für
ernsthafte und eingehende Gespräche, die auch stattgefunden haben.
Es hat natürlich einige konkrete Ergebnisse gegeben.
Im Bereich der Rüstungskontrolle vor allem im Hinblick

AMERIKA DIENST 22

auf chemische Waffen und die möglicherweise erstmalige Reduzierung strategischer Nuklearwaffen.
Frage: Herr Außenminister, auf die Rüstungskontrolle
werden wir später noch zurückkommen, während ich
zu Deutschland und Europa noch Fragen habe. Welche Richtung schlagen wir von diesem Ausgangspunkt
ein? Sie werden mit Au ßenminister Schewardnadse in
Kopenhagen über dieses Thema sprechen ...
Antwort: Ich werde morgen nachmittag nach Kopenhagen reisen, um dort am Dienstag (5. Juni) Außenminister Schewardnadse zu treffen. Am Mittwoch (6.
Juni) werde ich dann zum NATO-Ministertreffen nach
Brüssel aufbrechen, um unsere NATO-Verbündeten
über die Ergebnisse dieses Gipfels zu informieren und
mit ihnen Fragen insbesondere zur Wiedervereinigung
beider deutscher Staaten, aber auch zur konventionellen Rüstungskontrolle, zu erörtern.
Frage: Haben Sie bereits Vorschläge oder Ideen, um
dieser Sackgasse zu entrinnen?
Antwort: Es gibt natürlich Ideen. Sie kennen die
Haltung beider Seiten. Wir haben zum Beispiel bei den
Gipfelgesprächen auf die neun Punkte verwiesen, und
in den Gesprächen mit den Sowjets hat sich erwiesen,
daß wir ihren berechtigten Sicherheitsanliegen Rechnung tragen. Unsererseits steht weiterhin die Entscheidung im Raum, daß ein vereinigtes Deutschland

Seite 1

�Vollmitglied im NATO-Bündnis sein soll, aber wenn
dies verwirklicht wird, dann muß es angemessene
Sicherheitsgarantien für Deutschlands Nachbarn im
Osten geben.
Wir versuchen also, mit diesen Problemen fertigzuwerden. Und dazu haben wir und auch unsere Verbündeten einige Ideen. Wir bleiben am Ball.
Frage: Herr Außenminister, bei Verhandlungen wie
diesen hängt oftmals viel von den Instruktionen ab, die
Sie von Ihren Vorgesetzten bekommen, in diesem Fall
George Bush und Michail Gorbatschow. Haben Sie
neue Instruktionen erhalten, wie bei den Einzelheiten
eines Abkommens vorzugehen sei?
Antwort: Was das Außenministerium betrifft, so
kennen wir die neun Punkte, über die ich hier spreche
- die Idee einer Institutionalisierung des KSZE-Prozesses. Wir könnten bei der Rolle der NATO eine Verlagerung zu einer politischeren Rolle beobachten. Dem
liegt die Idee zugrunde, daß es niemals - zumindest
nicht in absehbarer Zeit - eine Ausweitung von NATOStreitkräften auf das Territorium geben wird, das heute
DDR heißt.
Ein bei diesem Gipfel unterbreiteter Vorschlag, der es
unserer Ansicht nach wert ist, zumindest in Erwägung
gezogen zu werden, war die Möglichkeit eines Abkommens zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt.
Das ist etwas, das wir, offen gesagt, noch nicht im
einzelnen mit unseren Verbündeten erörtert haben.
Der Vorschlag kam erst hier auf. Er wird hier nicht
weiter verfolgt, weil wird darüber erst mit den Verbündeten sprechen müssen. Es könnte möglicherweise
ein politisches Abkommen geben, das den Ländern
Mittel- und Osteuropas die Unterstützung der Idee

einer gesamtdeutschen Vollmitgliedschaft in der NATO
erleichtern und der Sowjetunion helfen könnte, dieser
Idee zuzustimmen. Einzelheiten müssen aber noch
erarbeitet werden, wenn wir auch nur einen Schritt in
diese Richtung unternehmen.
Ich sage damit nur, daß dieser Vorschlag hier unterbreitet wurde, und daß er unserer Ansicht nach zumindest erwägenswert ist. Bis das Abkommen Gestalt
annehmen kann, mu ß es im Hinblick auf die Einzelheiten noch mit Substanz gefüllt werden. Das könnten
vertrauensbildende Maßnahmen sein. Werweiß. Wir
wissen es noch nicht. Aber wir gehen dem nach und
werden es solange tun, bis wir das Problem gelöst
haben.
Frage: Könnte die gegenwärtige Kontrolle der vier
Mächte über Berlin dafür Modellcharakter haben?
Wäre das ein möglicher Rahmen?
Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Der Vorschlag
war wirklich nur ganz allgemein und sehr vage.

Antwort: Das habe ich gerade getan. Es wurde die
Frage gestellt: "Wir erkennen diese neun Dinge, mit
denen sie uns gewisse Sicherheiten gegeben haben,
auf die wir bauen und auf die wir auch das sowjetische
Volk hinweisen können. In gewisser Weise reichen
diese Sicherheiten auch aus, aber nicht ganz. Was
können wir noch tun?" Nun, wir könnten zum Beispiel
die Möglichkeit eines Abkommen zwischen der NATO
und dem Warschauer Pakt erwägen. Vielleicht wird es
auch nur ein sich abzeichnender Dialog oder eine
vertrauensbildende Maßnahme. Ich weiß es nicht. Es
ist ein sehr frühes Stadium des Vorschlags, und wir
müssen ihn noch im einzelnen erörtern. Experten
müssen sich damit befassen, und es könnte sich in der
Analyse herausstellen, daß er auf beiden Seiten auf
nur geringe Unterstützung stößt. Aber er ist es wert,
berücksichtigt zu werden.
Frage: Herr Minister, Präsident Bush hat heute erneut
gesagt, die Vereinigten Staaten müßten eine Präsenz
in Europa aufrechterhalten, um Stabilität und Berechenbarkeit in diesem Teil der Welt zu gewährleisten.
Spricht er dabei nicht in Wahrheit unsere eigenen
unterschwelligen Ängste an, so gering sie zur Zeit
auch sein mögen, über ein vereinigtes Deutschland mit
einem militärischen Potential, wenn man daran denkt,
was auch unserem Land im 20. Jahrhundert zugefügt
wurde?
Antwort: Ich glaube nicht, daß er dies meint, obwohl
es stimmt, daß die Vereinigten Staaten in diesem
Jahrhundert zweimal in Europa gekämpft haben. Ein
stabiles Europa liegt in unserem Interesse.
Ich möchte dem noch hinzufügen, daß alle westlichen
Staaten, all unsere Verbündeten in der NATO, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, den
Gedanken einer fortgesetzten US-Präsenz in Europa
unterstützen, und interessanterweise wird dieses
Konzept auch von drei Staaten des Warschauer Pakts
unterstützt. Die Sowjetunion hat uns gegenüber erklärt, daß sie die Idee einer fortgesetzten US-Präsenz
in Europa als stabilisierenden Faktor unterstützt.
Frage: Herr Minister, ich möchte an die von Ihnen
soeben vorgebrachten Gedanken anknüpfen - diese
Möglichkeit eines erweiterten Dialogs oder Verhältnisses zwischen NATO und Warschauer Pakt. Heute
morgen hat Jewgenij Primakow, ein enger Berater von
Präsident Gorbatschow, in der Sendung Sunday Today erklärt, und er sagte ausdrücklich, dies sei kein
Scherz: "Nun, vielleicht sollte die Sowjetunion der
NATO beitreten." Vielleicht übertreibt er, aber steckt
in seiner Erklärung nicht auch ein Kömchen Wahrheit?
Sie liegt nicht weit entfernt von dem, was sie gerade
beschrieben haben - daß es eine Art von neuem
Bündnis geben muß, das sowohl die Vereinigten Staaten als auch Mitteleuropa und die Sowjetunion umfassen würde.

Frage: Könnten Sie ihn noch einmal für uns umreißen?

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AMERIKA DIENST 22

�Antwort: Ich möchte zunächst klarstellen, daß ich
nichts vorschlage, das in irgendeiner Weise die Sicherheitsrolle und Verantwortung der NATO ersetzen würde.
Wir haben zum Beispiel festgestellt, daß vielleicht eine
Institutionalisierung des KSZE-Prozesses stattfinden
sollte und daß dieser dann auch eine Sicherheitskomponente haben könnte, aber nur, wenn er die Rolle der
NATO ergänzt und nicht ersetzt.
Jede Art von Vereinbarung, die man zwischen der
NATO und dem Warschauer Pakt erörtern könnte,
müßte - zumindest von unserem Standpunkt - eindeutig so beschaffen sein, daß die Sicherheitsverantwortung der NATO in keiner Weise verringert würde.
Was Primakows Vorschlag eines NATO-Beitritts der
Sowjetunion angeht, so wurde diese Frage zuerst bei
den Zwei-plus-Vier-Gesprächen in Bonn vor einigen
Wochen zur Sprache gebracht. Die Sowjetunion hat
noch keinen Antrag auf Beitritt zur NATO gestellt.
Wenn sie dies tun würde, so müßten wir meines
Erachtens zunächst einmal auf die Atlantik-Charta
zurückgreifen, eine Charta, die die Schaffung des
Nordatlantikvertrags geleitet hat und, soweit ich mich
erinnern kann, von demokratischen Nationen ausgeht.
Die Sowjetunion, so scheint mir, bewegt sich zwar in
Richtung auf Demokratie und Offenheit, aber sie hat
meines Erachtens noch eine Wegstrecke zu überbrükken, bis sie diesem Anspruch gerecht wird.
Ich möchte dazu noch erklären, daß der Oberste
Alliierte Befehlshaber Europa der NATO stets ein
Amerikaner war, und das ist Tradition und Brauch. Ich
kann mit Ihnen nur darüber spekulieren, ob die Sowjets
dies berücksichtigen, wenn sie den Vorschlag machen, daß sie vielleicht der NATO beitreten möchten.
Frage: Herr Minister, ich möchte Sie etwas über
Rüstungskontrolle fragen - eine technische Frage zur
SS-18-Rakete, einer ihrer schwersten und modernsten. Sie haben versucht, die Sowjets zu einer Begrenzung der Zahl von Flugerprobungen zu bewegen,
die sie jedes Jahr mit der SS-18 durchführten, um eine
Modernisierung dieser Rakete zu verhindern. Werden
Sie durch die Tatsache, daß sie einer Begrenzung der
Flugerprobung der SS-18 nicht zustimmen wollen,
nicht davon überzeugt, daß sie in der Tat die Modernisierung der SS-18 betreiben, um einen Vorteil zu
erringen?
Antwort: Ich glaube, die Tatsache kann nicht bestritten werden, daß sie modernisiert haben oder ihr nukleares Abschreckungspotential weiter modernisieren, wie wir das ja auch tun. Lange Zeit bestand die
Verhandlungsposition der Vereinigten Staaten darin,
daß wir ein ausdrückliches Verbot der Modernisierung
gefordert haben. Als sie jedoch die gleiche Frage an
uns richteten, "seid ihr bereit, mit uns zu vereinbaren,
daß ihr euer nukleares Abschreckungspotential nicht
weiter modernisiert?", haben wir sehr rasch das Interesse an einem solchen Ansatz verloren.

AMERIKA DIENST 22

Wir haben also versucht, sie zu einer Begrenzung der
Flugerprobung dieser schweren Raketen zu bewegen.
Das ist eine der Fragen, die noch auf dem Verhandlungstisch liegen und die wir noch nicht lösen konnten.
Das ist eines der drei Probleme, die noch gelöst
werden müssen, bevor ein START-Vertrag unterzeichnet werden kann.
Frage: Der ehemalige Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium Richard Perle hat behauptet, daß
sie trotz ihrer Bereitschaft zur Halbierung der Anzahl
ihrer SS-18 die noch verbleibenden durch Modernisierung doppelt so effektiv machen können, und Sie dann
am Ende einen Gewinn von Null haben. Welchen
Gewinn erzielen Sie denn dabei?
Antwort: Wir haben meines Erachtens daraus mehr
gewonnen als wir vielleicht während der vergangenen
Administration gewonnen haben, als andere über diese Vereinbarungen verhandelten, und meines Erachtens läuft alles auf diesen Punkt hinaus: Wollen Sie
308 schwere Raketen auf die Vereinigten Staaten und
unser strategisches Abschreckungspotential gerichtet
wissen? Und daß sie diese 308 womöglich noch
modernisieren? Oder wollen Sie, daß sie nur 154
besitzen und 154 modernisieren, insbesondere, wenn
die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, Begrenzungen für die Modernisierung ihres eigenen nuklearen
Abschreckungspotentials zu akzeptieren?
Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. Wir
verhandeln weiterhin über die Frage von Begrenzungen der Flugerprobung, und wir werden dieses Problem weiterverfolgen.
Frage: Herr Minister, in diesen informellen Gesprächen, die Sie gestern mit der sowjetischen Delegation,
darunter auch Präsident Gorbatschow, in Camp David
geführt haben, konnten Sie ihn da auch unmittelbar
und persönlich fragen, "Michail, was werden Sie mit
dem Brotpreis in der Sowjetunion am 1. Juli machen,
und wie in aller Welt werden Sie diese wirtschaftlichen
Probleme lösen, die ja auch ein integraler Bestandteil
des Verhältnisses zwischen unserem Land und der
Sowjetunion sind?"
Antwort: Wir haben schon im vergangenen Jahr
Gespräche mit ihnen über einige der Wirtschaftsprobleme geführt. Wir bemühen uns auf vielfältige Weise,
mit ihnen auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet
zusammenzuarbeiten. Sie haben uns um Rat gebeten, sie haben unsere Experten um Rat gefragt, und
eine Reihe von Experten sind ja schon in die Sowjetunion gereist.
Im Hinblick auf die Frage nach dem Brot, ist dies
meines Erachtens ein Bereich, den sie in ihrem wirtschaftlichen Reformprogramm vielleicht ein wenig anders
behandeln müssen. Und während sie die Preise
steigen lassen, so werden sie wahrscheinlich die wirklich Bedürftigen in ihrer Gesellschaft vor diesen Preis-

Seite 3

�erhöhungen zu schützen versuchen, indem sie ein
Netz der sozialen Sicherheit flechten.
Der Brotpreis hat einen solch starken Symbolcharakter, daß sie dieses Problem wahrscheinlich etwas
anders behandeln werden. Vielleicht finden sie einen
Weg, damit niemand durch die Erhöhung des Brotpreises geschädigt wird.
Frage: Wird es dieses Jahr einen weiteren Gipfel
Bush-Gorbatschow in Moskau geben?
Antwort: Nun, Sie haben gehört, daß der Präsident
erklärt hat, wir sollten regelmäßige Gipfeltreffen ha-

ben, und diese sollten häufiger stattfinden. Es wurde
aber noch kein Datum für das nächste Treffen vereinbart.
Frage: Das wäre dann aber im November. Dezember? Können wir davon ausgehen?
Antwort: Nein, ich würde noch nichts überstürzen. Es
ist noch nichts entschieden worden. Es wird aber mehr
geben, wenn die Wünsche der beiden Präsidenten
erfüllt werden, und ich gehe davon aus, daß sie erfüllt
werden.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 22

�WIRTSCHAFT
6. Juni 1990

BRADY WARNT VOR ÜBERTRIEBENEN
INFLATIONSÄNGSTEN
Erklärung bei der OECD
PARIS - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady zufolge sollten sich die Staaten nicht durch
eine übertriebene Furcht vor Inflationsgefahren davon abhalten lassen, Maßnahmen für die weitere Expansion
der Wirtschaft zu verfolgen.
Beim Ministertreffen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris
erklärte Brady am 30. Mai 1990, die Inflationsprobleme einiger Länder seien wahrscheinlich vorübergehender
Natur. Allerdings sollten die Inflation und auch die Entwicklungen auf den Finanzmärkten aufmerksam
beobachtet werden.
Zum Thema der internationalen Zahlungsbilanzen müssen die Vereinigten Staaten, so der Minister, als
Defizitland ihre Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zugunsten einer erhöhten Sparquote einschränken, während die Überschußländer Japan und die Bundesrepublik Deutschland das Gegenteil tun sollten, also
die Nachfrage ankurbeln und die Investitionstätigkeit erhöhen.
Während Osteuropa und die Entwicklungsländer große Summen aus den weltweit angehäuften Ersparnissen
zur Stimulierung von Investitionen benötigten, sollten Japan und die Bundesrepublik Deutschland dies nicht als
Vorwand benutzen, um ihre Sparquote übermäßig anwachsen zu lassen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bradys Erklärung im Wortlaut:

Die makroökonomische Situation
Das seit unserem letzten Treffen vergangene Jahr war
sowohl von bemerkenswerter Kontinuität als auch
tiefgreifenden Veränderungen in der Weltwirtschaft
gekennzeichnet:
Kontinuität, da sich der weltweite Aufschwung
mit einer dauerhaften Zuwachsrate im achten
Jahr in Folge fortsetzte;
Veränderungen, da Menschen in der ganzen
Welt - besonders in Osteuropa - einen Weg zum
Wohlstand eingeschlagen haben, der auf Marktkräften und politischer Rechenschaftspflicht
basiert.
Als Ergebnis dessen stehen wir heute vor Herausforderungen - einigen alten, einigen neuen -, die uns in
den kommenden Jahren auf die Probe stellen werden,
uns aber gleichzeitig Chancen eröffnen, um dauerhafte Fortschritte bei einigen seit langem bestehenden
Zielen zu erlangen.
AMERIKA DIENST 22

Unsere Hauptaufgabe zu Beginn der neunziger Jahre
besteht in der Förderung gesunder Volkswirtschaften
als Voraussetzung für Erfolge in vielen Bereichen. Wir
teilen das allgemeine Gefühl des Optimismus im Hinblick auf die kurzfristigen Aussichten für die OECDLänder.
Ein reales Wachstum von 3 Prozent erscheint bis Ende
1991 in derOECD als haltbar. Das moderate amerikanische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr dürfte im
Jahr 1991 einem etwas stärkeren Zuwachs Platz
machen. Das Wachstum in Japan dürfte weiterhin weit
überdurchschnittlich ausfallen, und die Aussichten für
Europa sind erheblich verbessert worden. In einigen
Landern hat die Inflationsentwicklung Besorgnis hervorgerufen, sie sollte allerding nach Abschwächung
einiger vorübergehender Faktoren unter Kontrolle
bleiben.
Trotzdem ist in wichtigen Bereichen noch manches zu
tun. Die Entwicklungen auf den Finanzmärkten müssen aufmerksam beobachtet werden, und auch die
Seite 1

�Inflation wird weitere Wachsamkeit erfordern. Gleichzeitig müssen wir eine ausgewogene Sichtweise zu
den Inflationsrisiken beibehalten und dürfen nicht zulassen, daß übertriebene Ängste die Aussichten auf
anhaltendes Wirtschaftswachstum schmälern.
Obwohl beim Abbau der Handels- und Leistungsbilanzdefizite begrüßenswerte Fortschritte erzielt wurden, waren diese doch weniger umfassend als erhofft,
und weitere Fortschritte sind erforderlich.
Länder mit Haushalts- und Außendefiziten, wie etwa
die Vereinigten Staaten, sollten ein gemäßigtes Wachstum der Binnennachfrage und einen Zuwachs der
Spar- gegenüber der Investitionstätigkeit anstreben,
um zum Abbau ihres Leistungsbilanzdefizits beizutragen. Länder in einer starken haushaltspolitischen
Situation im Verein mit außenwirtschaftlichen Überschüssen, wie etwa Japan und die Bundesrepublik
Deutschland, sollten die Binnennachfrage ankurbeln
und danach streben, die Investitions- gegenüber der
Spartätigkeit zu erhöhen. In diesem Zusammenhang
möchte ich die Bedeutung eines weiteren Abbaus der
jeweiligen Ungleichgewichte sowohl in Überschuß als
auch Defizitländern unterstreichen. Zunehmende
Aufmerksamkeit wurde dem wachsenden weltweiten
Bedarf an Ersparnissen und Investitionen in Osteuropa und andernorts zuteil. Dies sollte nicht mit der für
die Überschußländer bestehenden Notwendigkeit
verwechselt werden, ihre außenwirtschaftlichen Überschüsse durch eine Erhöhung der Investitionstätigkeit
gegenüber der Spartätigkeit zu reduzieren. Dies bleibt
für eine ausgewogene außenwirtschaftliche Anpassung ebenso unerlä ßlich wie die Erhöhung der Spartätigkeit gegenüber der Investitionstätigkeit in den Defizitländern.
Ich bin mir bewußt, daß ein Interesse an den jüngsten
haushaltspolitischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten besteht. Ich versichere Ihnen, daß die
Administration entschlossen ist, dieses Problem in den
Griff zu bekommen. Zu diesem Zweck hat Präsident
Bush überparteiliche Gespräche mit dem amerikanischen Kongreß eingeleitet, die auf eine Wiederherstellung des Schwungs zum Defizitabbau im Bundeshaushalt abzielen.
Strukturelle Reformen
Die bestmögliche langfristige Förderung unserer
gemeinsamen Interessen erfordert es, daß wir gesunde und koordinierte makroökonomische Maßnahmen
mit grundlegenden strukturellen Reformen ergänzen.
Wir teilen die Einschätzung des Sekretariats, daß
wesentlich mehr getan werden könnte, um die strukturellen Hemmnisse für Wachstum, internationalen Handel
und die Schaffung neuer Arbeitsplätze abzubauen. So
würde zum Beispiel die Beseitigung restriktiver Vor-

Seite 2

schriften im Hinblick auf Distribution, Verkehrswesen
und Telekommunikationssysteme binnenwirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Fairneß fördern und neue
Chancen für Handel und Investitionen eröffnen. In
vielen Ländern haben arbeitsrechtliche Vorschriften
und Praktiken zusammen mit gut gemeinten sozialen
Leistungsprogrammen zu erheblichen Verkrustungen
auf den Arbeitsmärkten mit sehr hoher Langzeitarbeitslosigkeit und einem schlechten Abschneiden bei
derSchaffung neuer Arbeitsplätze geführt. Subventionen für Industrie und Landwirtschaft sind weiterhin
übermäßig hoch, verschwenden Ressourcen, die
anderswo effektiver eingesetzt werden könnten und
verzerren die internationalen Investitions- und Handelsflüsse.
Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß die Lösung für
diese Art von Problemen hauptsächlich binnenwirtschaftlicher Natur. Es ist jedoch unerläßlich, daß wir
zu der Erkenntnis gelangen, daß strukturelle Verkrustungen bedeutende internationale Auswirkungen
haben. Weil ihre Kosten von vielen getragen werden
- wie ja auch die Vorteile von Reformen vielen zugute
kommen würden -, sind diese Maßnahmen ein geeignetes Thema für internationale Gespräche.
Das Sekretariat der OECD verdient ein besonderes
Lob für die intensive Arbeit, die es im Bereich struktureller Reformen geleistet hat. Indem es die notwendigen Reformen in den einzelnen Ländern identifiziert
und spezifische Empfehlungen für die zu treffenden
Maßnahmen unterbreitet hat, konnte das Sekretariat
einen wichtigen Beitrag zum Entscheidungsfindungsprozeß leisten.
Die OECD bleibt das wichtigste Forum für multilaterale
Gespräche über strukturelle Fragen. Wir unterstützen
voll und ganz die Arbeit, die sie bis heute geleistet hat
und ermutigen sie energisch, auf dem von ihr gelegten
Fundamentweiteraufzubauen. So betrachten wir zum
Beispiel die internationalen Vergleiche von Verkrustungen sowie deren Kosten und die systematischen
Untersuchungen im Hinblick auf die erforderlichen
Reformen als äußerst nützlich.
Ich möchte in diesem Zusammenhang bemerken, daß
die Notwendigkeit struktureller Reformen aufgrund der
Entwicklungen in Osteuropa eine neue Dimension
erhalten hat. Wir begrü ßen die Rolle der OECD bei der
Förderung marktorientierter struktureller Reformen in
diesen Ländern, insbesondere die Einrichtung des
Zentrums für Kooperation mit den europäischen Volkswirtschaften im Übergang. Wir fordern, daß dieses
Zentrum mit angemessenen Mitteln und Unterstützung ausgestattet wird, damit es seinen beabsichtigten Aufgaben gerecht wird und die OECD eine entscheidende Rolle bei der Erleichterung der Umgestaltung zu marktorientierten Volkswirtschaften spielen
kann, die sich gegenwärtig in Osteuropa vollzieht.

AMERIKA DIENST 22

�Umwelt
Wir gehen ferner davon aus, daß die OECD einen
wertvollen Beitrag für die Umwelt leisten kann, indem
sie ökonomische Dimensionen internationaler Umweltfragen untersucht und uns dadurch hilft, umweit und
wirtschaftspolitische Erwägungen besser in den Entscheidungsfindungsprozeß zu integrieren.

*

Unsere Haltung zu Umweltfragen gründet sich auf
einige allgemeine Vorschläge. Erstens können die
Staaten nicht auf die endgültige Klärung noch bestehender wissenschaftlicher Unsicherheiten warten, bevor
sie handeln. Zweitens sollten die Staaten heute schon
solche Maßnahmen durchführen, die bereits durch
ökonomische und andere Gründe gerechtfertigt sind.
Drittens sollte sich jede erwogene Maßnahme auf ein
bestimmtes Ziel konzentrieren und kostenwirksam sein.
Viertens werden die wirksamsten Maßnahmen diejeni-

gen sein, die sowohl die Umwelt schützen als auch die
weitere wirtschaftliche Entwicklung gestatten.
Die bereits in der OECD veranlaßten Maßnahmen darunter beispielsweise die Entwicklung spezifischer
umweit- und wirtschaftspolitischer Indikatoren - werden uns helfen, diese Leitlinien in solide politische
Beschlüsse umzusetzen. Arbeiten wie diese werden
uns allen dabei helfen, einen Ansatz zum Umweltschutz zu formulieren, der nicht einfach auf der Begrenzung des Wachstums basiert, sondern auf der
Gewährleistung eines effizienteren, umweltverträglichen Wachstums.
Wir stehen vor großen Herausforderungen. Aber wir
sind davon überzeugt, daß ein kluger und flexibler
Ansatz, der Kosten und Vorteile berücksichtigt, langfristig die klügste Investition ist.

* *

AMERIKA DIENST 22

*

Seite 3

�URUGUAY-RUNDE
6. Juni 1990

LANDWIRTSCHAFT SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG DER
URUGUAY-RUNDE
Rede der US-Handelsbeauftragten Hills bei der OECD
PARIS - (AD) - In ihrer Rede beim jährlichen Ministertreffen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erklärte die US-Handelsbeauftragte Carla Hills, Reformen in der Landwirtschaft
seien für den Erfolg der voraussichtlich im Dezember endenden Uruguay-Runde multilateraler Handelsverhandlungen unabdingbar. Hills zufolge müssen die Teilnehmerländer noch vor der Zusammenkunft im Juli Richtlinien
für Reformen beim Zugang zu Agrarmärkten, Stützung der Inlandsmärkte und Exportsubventionen erarbeiten.
Beim im Juli stattfindenden Treffen des Ausschusses für die Handelsverhandlungen (Trade Negotiating
Committee - TNC) beim Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) soll der Kurs für die Arbeit der 15
Arbeitsgruppen der Uruguay-Runde bestimmt werden.
Die US-Handelsbeauftragte erklärte femer, den im Juli aufgestellten Richtlinien müßten politische Verpflichtungen zum Abbau von Schranken in jedem Bereich der Agrarverhandlungen folgen.
Hills appellierte darüber hinaus an die OECD-Mitglieder, die Beteiligung der Entwicklungsländer an allen Teilen
der Uruguay-Runde sicherzustellen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Hills' Rede im Wortlaut.

Ich habe kürzlich ein großes Schild bestellt, um es gut
sichtbar vor dem Büro des US-Handelsauftragten
aufzustellen. Die Aufschrift wird täglich geändert.
Heute ist darauf zu lesen: 187 Tage bis Brüssel. Das
bedeutet, bis zum TNC-Treffen im Juli sind es nur noch
53 Tage. Und bis dahin müssen wir in allen Bereichen
der Uruguay-Runde über Entwürfe für Abkommen
oder Arbeitspapiere verfügen.
1

Daher müssen wir jetzt - ganz entschieden - handeln,
wenn wir vorzeigbare Ergebnisse vorweisen wollen.
Die Vereinigten Staatne werden kein Abkommen unterstützen, -das nur marginale Veränderungen im
Handelssystem hervorbringt. Präsident Bush hat letzte Woche in einer Grundsatzrede zur Handelspolitik
erklärt: Kein Abkommen ist besser als ein schlechtes
Abkommen.
Daher mu ß dieses Gremium seine Anstrengungen auf
Fragen konzentrieren, die im Hinblick auf gute Fortschritte beim TNC-Treffen im Juli Hindernisse aufwerfen und damit den Erfolg der Runde gefährden. Ich
spreche hier von Landwirtschaft, Subventionen und
der Frage des Gleichgewichts bei den Verhandlungen.
AMERIKA DIENST 22

Landwirtschaft
Landwirtschaft ist der Eckpfeiler der Verhandlungen.
Wir haben in Puerto Vallarta deutlich vernommen, daß
sie für einige Länder das einzige Problem ist.
Wenn wir grundlegende Reformen erreichen wollen,
müssen wir bis zum TNC-Treffen im Juli folgendes
erarbeiten: Ein Rahmenwerk zur Erlangung erheblicher, schrittweiser Reduzierungen in jedem Bereich
der Verhandlungen - Marktzugang, Stützung des Binnenmarkts und Exportsubventionen, und wir müssen
uns auf einen Text einigen, der sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen regelt. Danach müssen harte
Verhandlungen darüber aufgenommen werden, wie
weit Reduzierungen in jedem Bereich gehen und wie
schnell sie erfolgen sollen. Die Ergebnisse müssen
dann in bindende Länderprogramme umgesetzt werden, die eine nachweisliche Marktliberalisierung hervorbringen.
Um dies zu erreichen, müssen sich unsere Unterhändler auf Mechanismen konzentrieren, mit denen in jedem Bereich der Agrarverhandlungen greifbare ReduSeite 1

�zierungen hervorgebracht werden können. Solche
Reduzierungen können nicht durch Anwendung einer
einzelnen Maßnahme erlangt werden. Grundlegende
Reformen werden uns vielmehr besondere politische
Verpflichtungen in jedem Bereich abverlangen. Wir
müssen uns zum Beispiel auf folgendes einigen:
wie Schranken zum Marktzugang abzubauen
sind, damit Marktsignale die Agrarproduktion
steuern können,
wie Exportsubventionen nach und nach abgeschafft werden können,
welche Stützungen des Binnenmarktes gestattet werden und welche bestimmten Regeln unterworfen werden sollen,
auf Regeln, mit denen sich sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen steuern lassen.
Ich weiß, daß Landwirtschaftsminister Yeutter zu diesem Thema viel beitragen kann. Ich möchte jedoch
wiederholen, was Präsident Bush in seiner Rede zur
Handelspolitik erklärt hat: "Ohne grundlegende Reformen in der Landwirtschaft kann die Uruguay-Runde
nicht erfolgreich abgeschlossen werden."
Subventionen für die Industrie
Wir wollen den Staat nicht nur aus den landwirtschaftlichen Betrieben, sondern auch aus den Stahlwerken,
Werften und Fabriken auf der ganzen Welt heraushalten. Das heißt, wir müssen uns dafür engagieren, den
Einsatz handelsverzerrender Subventionen zu drosseln.
Die bestehenden Regeln haben uns im Stich gelassen.
Sie haben es den Regierungen gestattet, den Markt
mit massiven Subventionen auf dem Binnenmarkt zu
bestechen. Damit waren die betroffenen Industriezweige nicht in der Lage, zu handeln, bis die sogenannten internationalen "Effekte" aufgetreten sind. Dann
war es natürlich zu spät, um bleibende Schäden abzuwenden.
Wir sollten uns darauf einigen, daß unsere Industrie
von nun an einzig auf der Basis von Preis und Qualität
konkurrieren soll und nicht auf der Basis des Finanzrahmens unserer Regierungen. Dies kann nur erzielt
werden, wenn das bestehende Verbot von Exportsubventionen auf handelsverzerrende Subventionen im
Inland ausgeweitet wird.
Staatliche Subventionen können natürlich eine gewisse Rolle spielen, wenn es darum geht, bestimmte
sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu verwirklichen. Die Vereinigten Staaten sind sich bewußt,
daß viele Länder eine sogenannte "grüne" Kategorie
zulässiger Subventionen schaffen wollen. Darüber
hinaus wollen viele Länder Veränderungen bei den
Gesetzen über Ausgleichszölle.

Seite 2

Die Vereinigten Staaten räumen diesen Vorschlägen
jedoch keine Chance ein, wenn Subventionen im Inland nicht gedrosselt werden. Unsere Unterhändler
kommen morgen in Genf zusammen, um den Entwurf
des Vorsitzenden über Subventionen zu erörtern. Sie
müssen neue Vorschriften für Subventionen im Inland
erarbeiten wie auch für deren Verbot unter bestimmten
Bedingungen.
Integration der Entwicklungsländer
Zum Schluß möchte ich mich einem Bereich zuwenden, der allgemein Anlaß zur Sorge bietet - die Integration der Entwicklungsländer. Es liegt an den Ländern
an diesem Verhandlungstisch, sicherzustellen, daß
Entwicklungsländer alle Vorteile des GATT-Systems
abschöpfen können. Der Vorsitzende hat dazu in
Puerto Vallarta erklärt: "Diese Verhandlungen sollten
mit dem bestehenden Ungleichgewicht im Hinblick auf
die GATT-Verpflichtungen zwischen neuen und alten
Vertragspartnern fertigwerden. Der beste, dem Handel förderliche Weg, auf dem dies zu erreichen ist,
besteht darin, zu gewährleisten, daß sich alle Länder
an den laufenden Verhandlungen beteiligen."
In dieser Hinsicht ist der von mir bereits angesprochene Fortschritt bei den Agrarverhandlungen von entscheidender Bedeutung. Abgesehen von der Landwirtschaft müssen wir handeln, um die Teilnahme der
Entwicklungsländer an den Verhandlungen über Marktzugang, Gatt-Regeln und neue Probleme sicherzustellen.
An den Verhandlungen über Marktzugang nehmen die
Entwicklungsländer noch nicht in ausreichendem Maße
teil. Ich schlage vor, daß wir uns darauf einigen, mit
gutem Beispiel voranzugehen und unter uns bilaterale
Verhandlungen planen, damit wir den Zielsetzungen
von Montreal gerecht werden. Die Vereinigten Staaten
engagieren sich weiterhin für ausgehandelte Ergebnisse in allen Bereichen - von Textilien bis zu tropischen Produkten. Bei Textilien dürfen wir nicht länger
mit Firmennamen und Slogans handeln, sondern müssen
grundsätzliche Fragen ansprechen, wie etwa Verbreitung, Zuwachsraten und Sicherheitsmaßnahmen. Nur
auf diesem Wege werden wir bis Juli erfolgreich ein
Rahmenwerk ausgearbeitet haben.

Bei den Vorschriften sollten die Verhandlungen ausgewogene und effektive Richtlinien zu allen Ausnahmen
von den GATT-Regeln hervorbringen, einschließlich
der Maßnahmen über Zahlungsbilanzen. Die Vereinigten Staaten, Kanada und die Europäische Gemeinschaft haben Vorschläge dazu unterbreitet. Dennoch
müssen sich noch manche an diesem Tisch uns anschließen. Viele Entwicklungsländer müssen sich
noch darauf einigen, derartige Reformen überhaupt
anzusprechen. Diese Situation ist nicht akzeptabel
und kann kein ausgewogenes Ergebnis hervorbringen. Deshalb möchte ich Sie alle bitten, ihre Positio-

AMERIKA DIENST 22

�nen zu überdenken und sich dazu zu äu ßern, damit wir
die erforderlichen Fortschritte bei Zahlungsbilanzreformen machen können.

,

:

Schließlich müssen wir die angemessene Teilnahme
der Entwicklungsländer an umfassenden Abkommen
über neue Probleme sicherstellen. Diese Verhandlungern sollten nicht im Kontext des Nord/Südgefälles
betrachtet werden. Wenn die Märke für den freien Flu ß
von Dienstleistungen und Investitionen geöffnet werden und geistiges Eigentum geschützt wird, werden
damit die Technologie und das Wachstum geschaffen,
nach denen die Entwicklungsländer verlangen. Daher
können wir es uns weder leisten, die Entwicklungsländer von diesen Abkommen auszuschließen noch können
wir für sie nachteilige Regeln aufstellen.

AMERIKA DIENST 22

Zusammenfassung
Wir haben heute die Chance, ein neues Kapitel in der
Geschichte der Wirtschaftsbeziehungen zu schreiben.
Eine erfolgreiche Uruguay-Runde kann das Wachstum im 21. Jahrhundert ankurbeln. Sie kann einigende, nicht entzweiende Wirkung auf den Handel haben
und von Brasilien bis Budapest ein offenes internationales Handelssystem schaffen.
Kurzum: die Runde bietet letztmalig der Welt die beste
Gelegenheit, mit freiem und fairem Handel für alle ins
nächste Jahrhundert einzutreten.
Die Zeit ist kurz, die Aufgabe schwer. Ich möchte mit
den Worten schließen, daß morgen, zum Zeitpunkt
der Veröffentlichung unseres Kommuniques nur noch
186 Tage bleiben, um einen Erfolg zu sichern.

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Demokratie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oberstes Bundesgericht betont erneut Trennung von Kirche und Staat&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Modellfall New York&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Thomas J. Marshall&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Blindenfürsorge&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Blindenschulung - ferngesteuert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Hadley School for the Blind hat Schüler in allen Kontinenten&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von David P. Forsyth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Broadwaysaison des Jahres 1961/62&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Antheils Kantate "Cabeza de Vaca" im US-Fernsehen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Übersiedlung des American Ballet Theater nach Washington&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Gedenktage im August 1962&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gedenktage im September 1962&lt;/strong&gt;</text>
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                    <text>ä

III M \ kr
• il I i i Li ri

Information
und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

6. J u l i 1983

27
INHALT

DOKUMENTATION
Reagan würdigt Bedeutung des Atomsperrvertrages
- Erklärung zum 15. Jahrestag der Unterzeichnung Botschaft Präsident Reagans zum amerikanischen Unabhä'ngigkeitstag
- Amerikanische Unabhängigkeit eine philosophische Revolution -

HINTERGRUNDMATERIAL
Westliche Sicherheit und Rüstungskontrolle
- Von Colin S. Gray Ein Indianerdorf flieht nach Costa Rica
- Vor. unserer Korrespondentin Paula Tarnapol

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Erster wiederverwendbarer Satellit im Weltraumtest
- Raumtransporter CHALLENGER mit SPAS-01 wieder zurück
Spitzentechnologie
"Neue Ideen" erhalten die Wettbewerbsfähigkeit
- USIA-Interview mit Edward Harper Kranke Bäume schlagen Alarm
- Pheromone als Warnsubstanz -

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�I

Dokumentation
- BH

I

r .

United States Information Service
Embassy of the United States of America

6. Juli 1983

27

REAGAN WÜRDIGT BEDEUTUNG DES ATOMSPERRVERTRAGES
• Erklärung zum 15. Jahrestag der Unterzeichnung

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat am 1. Juli 1983 anläßlich des
15. Jahrestages der Unterzeichnung des Vertrages über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (Nonproliferation) auf die Bedeutung

dieses Vertrages

hingewiesen.und alle Staaten aufgerufen, sich erneut der Erfüllung der Zielsetzungen dieses Abkommens zu verpflichten.
Die Erklärung des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Heute vor 15 Jahren unterzeichneten die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Großbritannien sowie 58 weitere Staaten den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen.

Dieser Vertrag hat mit jetzt 119 Unter-

zeichnern die größte Anzahl von Vertragspartnern, die irgendein Rüstungskontroi 1 abkomme/i. jemals, in der Geschichte hatte.

Sowohl die NATO-Staaten

wie die Staaten des Warschauer Paktes, Kernwaffenländer wie Nicht-Kernwaffenländer, Industrieländer wie Entwicklungsländer, Staaten aus jeder Region der
Welt - sie alle haben sich diesem Vertrag und seinen Zielsetzungen verpflichtet.
. .

Die Kernwaffenländer,

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�»

Die Kernwaffenländer, die diesen Vertrag unterzeichnet haben, sind übereingekommen, Nicht-Kernwaffenländer

beim Erwerb von nuklearen Sprengstoffen

nicht zu unterstützen, und die Nicht-Kernwaffenländer haben sich verpflichtet,
derartige Sprengstoffe nicht zu erwerben.

Diese beiderseitige Verpflichtung

trägt der Tatsache Rechnung, daß die Weiterverbreitung von Kernwaffen alle
Nationen bedroht.
Dieser Vertrag ruft seine Unterzeichner ferner auf, die Entwicklung
der friedlichen Anwendung der Kernenergie zu fördern, insbesondere in den
Nicht-Kernwaffenländern, die dem Vertrag beigetreten sind.

Die friedliche

Nutzung der Kernenergie ist für das Wohlergehen zahlreicher anderer Länder
wichtig, und die Vereinigten Staaten nehmen ihre Verpflichtung hinsichtlich
einer Zusammenarbeit auf diesem Gebiet ernst. Wir haben lange an der vor^
dersten Front jener gestanden, die auf nuklearem Gebiet technische Unterstützung und andere Zusammenarbeit geleistet haben, und wir verpflichten uns,
diese Zusammenarbeit unter angemessenen Sicherheiten fortzusetzen.
Die Vereinigten Staaten sind sich gemäß diesem Vertrag auch ihrer Verpflichtung bewußt, in gutem Glauben Verhandlungen über wirksame Maßnahmen
fortzusetzen, die mit der nuklearen Abrüstung zusammenhängen. Dies ist eine
Frage von größter Sorge und größtem Interesse für alle Länder. Ich fühle
mich persönlich verpflichtet, jeden notwendigen Schritt zu unternehmen, um
die Wahrscheinlichkeit wirklicher und beträchtlicher Fortschritte in Richtung
auf ein Abkommen zu vergrößern, das bedeutsame Verringerungen der amerikanischen und sowjetischen Nukleararsenale auf einen gleichen und stabileren
Stand beinhaltet und das im nationalen Sicherheitsinteresse beider Seiten
liegen würde. Die Vereinigten Staaten werden auch keine Mühe scheuen, um
ein gerechtes und verifizierbares Abkommen über Mittelstreckenraketen auszuhandeln, das das Risiko eines Krieges in Europa und weltweit verringern
würde.
Die Vereinigten Staaten haben eine wichtiae Rolle bei den Verhandlungen
über den Nichtweiterverbreitungsvertrag gespielt, und fünf amerikanische Prä-

- 2 -

�amerikanische Präsidenten haben ihr Leben lang diesen Vertrag als einen
Grundstein des internationalen Bemühens nachdrücklich unterstützt, die Weiterverbreitung von nuklearen Kernsprengstof^en in zusätzliche Länder zu verhindern.

Wenn wir nun die wichtige Überprüfungskonferenz dieses Vertrages im

Jahr 1985 planen, werden die

e'~einigten Staaten auch weiterhin danach stre-

ben, die Lebensfähigkeit des Nichtweiterverbreitungsvertrages zu stärken.
Ich appelliere an alle Länder, die dies bisher noch nicht getan haben, sich
dem wachsenden Konsens gegen die weitere Verbreitung von nuklearen Sprengstoffen anzuschließen, indem sie diesem Vertrag beitreten.

Im Juli 1981 legte ich meine Politik zur Verhinderung der Proliferation
nuklearer Sprengstoffe dar und erklärte, daß diese Frage von entscheidender
Bedeutung für den Weltfrieden sowie für die regionale und globale Stabilität
sei.

Aber wenn wir bei der Verhinderung der Ausbreitung von Kernwaffen Er-

folg haben wollen, dann müssen die Länder dieser Welt zusammenarbeiten.

Wie

ich schon bei früheren Gelegenheiten erklärt habe, wäre es ein wichtiger
Schritt, wenn die nuklearen Lieferländer darin übereinstimmten, daß umfassende
Sicherheiten erforderlich sind als Bedingung für jedwede bedeutsame neue
nukleare Lieferungsverpflichtung.

Dies ist keine Politik, die eine nukleare

Unterstützung verwehrt, es ist vielmehr eine Politik, die eine Unterstützung
von vernünftigen Beweisen dafür abhängig macht, daß das gesamte Programm eines
Nicht-Kernwaffenlandes der friedlichen Nutzung der Kernenergie dient.

Die-

ser Beweis ist bereits von den 116 Nicht-Kernwaffenländern erbracht worden,
die den Nichtweiterverbreitungsvertrag unterzeichnet haben.

Ich hoffe, daß

bald über diese Maßnahme eine Einigung erzielt werden kann, um das internationale Verhalten im Hinblick auf die Nichtweiterverbreitung zu stärken.

An diesem 15. Jahrestag der Unterzeichnung des Nichtweiterverbreitungsvertrages sollten sich alle Staaten erneut der Erfüllung der Zielsetzungen
dieses wichtigen Dokumentes sowie der Sicherung seiner fortdauernden Lebensfähigkeit verpflichten.

Das ist sowohl unsere gemeinsame Verantwortung als

auch ein Beitrag zum Frieden für kommende Generationen.

+ + + + +
- 3 -

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

6. Juli 1983

27

BOTSCHAFT PRÄSIDENT REAGANS ZUM AMERIKANISCHEN UNABHÄNGIGKEITSTAG
- Amerikanische Unabhängigkeit eine philosophische Revolution -

WASHINGTON - (AD) - Zum Tag der amerikanischen Unabhängigkeit am 4. Juli
erklärte Präsident Reagan, die amerikanische Revolution habe "das Konzept des
Regierens als solches verändert".

Daher solle der 4. Juli stets daran er-

innern, "daß in diesem Land die Entscheidung darüber fiel, daß alle Männer
und Frauen mit bestimmten, von Gott verliehenen Rechten geboren sind" und
"daß die Regierung lediglich eine vom Volk geschaffene und betriebene Einrichtung ist".
Die Botschaft des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Für jemanden, der in einer Kleinstadt geboren wurde und dort aufgewachsen ist, umgibt den 4. Juli eine ganz besondere Art der Nostalgie.
Ich erinnere mich daran, daß es ein Tag war, auf den man sich freute
wie auf Weihnachten.

Das kam unter anderem von all den Feuerwerkskörpern

und den bunten Plakaten in den Schaufenstern, mit denen in lebhaften Bildern
dafür Reklame gemacht wurde.
Aber es

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Aber es geht mir - wie allen Amerikanern - beim 4. Juli um mehr als
Nostalgie.

Irgendwann bei unserem Heranwachsen wurden wir uns der Bedeutung

dieses besonderen Tages bewußt.

Denn wenn Amerika im Leben eines jeden un-

serer Mitbürger etwas anderes bedeutet, so glaube ich doch, daß wir als Volk
die Tatsache anerkennen, daß es heute vor allem um eines geht:

um die Frei-

heit, die wir haben, um unser Leben zu gestalten.
Es gibt da eine kleine Geschichte über den Tag der Geburt unserer Nation
in jener kleinen Halle in Philadelphia - einen Tag, an dem bereits über Stunden hinweg heiß debattiert worden war.
werte Leute, unterdrückt

Die dort Versammelten waren ehren-

von einem König, der eben jene Gesetze verhöhnte,

die sie einzuhalten bereit waren.

Und dennoch war die Erklärung der Unabhän-

gigkeit solch ein unwiderruflicher Schritt, daß Worte wie "Verrat" und "An
den Galgen" von den Wänden widerhallten und das Thema Besorgnis und Bedenken
bestehen ließ.
Die Geschichte berichtet uns, daß an diesem Punkt ein Mann aufstand und
zu sprechen begann. Er wird als jemand beschrieben, der kein junger Mann mehr
war und der all. seine Energie für einen leidenschaftlichen Einspruch zusammennehmen mußte. Er verwies auf die Leiden, die sie hier zusammengebracht hatte,
und sagte schließlich mit gesenkter Stimme: "Sie mögen jeden Baum in einen
Galgen verwandeln und jedes Loch in ein Grab - und doch werden die Worte dieses Pergaments nie sterben. Dem Handwerker in seiner Werkstatt werden sie
Hoffnung geben; dem Sklaven im Bergwerk Freiheit. Unterschreibt dieses Papier. Unterschreibt, auch wenn im nächsten Augenblick die Schlinge um euren
Hals liegt, denn dieses Pergament wird für alle Zeiten das Lehrbuch der Freiheit sein, die Bibel der Menschenrechte."
Er fiel erschöpft zurück. Die Delegierten, von seiner Eloquenz überwältigt, stimmten für das Dokument, das so unsterblich werden sollte, wie es
nur ein Menschenwerk sein kann. Als sie sich ihm wieder zuwandten, um ihm
ihren Dank für seine so rechtzeitige Rede zu sagen, war er nicht mehr aufzufinden, und es gab weder jemanden, der ihn kannte, noch jemanden, der wußte,

- 2 -

�der wußte, wie er durch die verschlossenen und bewachten Türen herein- und
hinausgekommen war.
Nun, dies ist nur eine Legende - aber wir wissen mit Sicherheit, daß
56 Menschen - eine kleine Gruppe so einzigartiger Leute, wie es sie seither
nicht mehr gegeben hat - ihr Leben, ihr Hab und Gut und ihre heilige Ehre
aufs Spiel setzten.

Viele setzten auch in dem darauffolgenden Krieg ihr Le-

ben ein, die meisten verloren ihr Vermögen, aber alle bewahrten ihre heilige
Ehre.
Was für Menschen waren sie?

25 waren Rechtsanwälte und Juristen, 13

waren Kaufleute und Händler und neun waren Bauern.

Es waren Männer mit lei-

ser Stimme, die meisten von Besitz und Ausbildung; es war kein ungewaschener
Pöbel.

Sie hatten sich eine sichere Position geschaffen, aber sie schätzten

die Freiheit höher.

Ihre Geschichte ist noch lange nicht umfassend darge-

stellt worden.
John Hart wurde von der Seite seiner todkranken Frau getrieben.

Mehrere

Monate lebte er im Wald und in Höhlen. Als er aus seinem Versteck zurückkam,
war seine Frau tot, seine Kinder waren verschwunden und sein Eigentum zerstört.
Carter Broxton aus Virginia, Vater von 18 Kindern, verlor alle seine
Schiffe und fast sein ganzes anderes Eigentum.
Und von Thomas Nelson wird berichtet, daß er selbst Washington drängte,
auf sein Haus zu schießen und es zu zerstören, als es zum Hauptquartier von
General Cornwallis wurde. Nelson starb in Armut.
Aber Helden wie diese gründeten eine Nation, die wuchs, um von einem
Ozean zum anderen zu reichen - eine Nation der Farmen, der stillen Dörfer,
der Städte, die niemals schlafen; dreieinhalb Millionen Quadratmeilen von
Wald, Feld, Berg und Wüste; 230 Millionen Menschen mit einem Stammbaum, der das

- 3 -

�der das Blut aller Völker dieser Welt enthält.
In den letzten Jahren aber denke ich bei diesem Tag an mehr, als nur an
den Geburtstag einer Nation.

Mit ihm wird eine echte philosophische Revolu-

tion in der Geschichte begangen.
Ja, es gab Revolutionen vor und nach der unsrigen.

Aber zu viele dieser

Revolutionen ersetzten lediglich einen Herrscher durch einen anderen.

Unsere

Revolution hat das Konzept des Regierens als solches verändert.
Möge uns der 4. Juli immer daran erinnern, daß in diesem Land die Entscheidung darüber fiel, daß alle Männer und Frauen mit bestimmten, von Gott
verliehenen Rechten geboren sind, daß die Regierung lediglich eine vom Volk
geschaffene und betriebene Einrichtung ist und keine anderen eigenen Rechte
hat außer denen, die ihr freiwillig vom Volk verliehen wurden.
Die Stärke dieser freien Gedanken liegt darin, daß sie nicht nur für
Amerikaner gelten, sondern für jedermann, und in diesem Sinne möchte ich den
Männern und Frauen, die die Freiheit lieben, überall einen glücklichen 4. Juli
wünschen.

- 4 -

�6. Juli 1983

27

WESTLICHE SICHERHEIT UND RÜSTUNGSKONTROLLE
- Von Colin S. Gray -

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung
der Los Angeles Times
Copyright (c) 1982 Los Angeles Times

Präsident Reagan sollte trotz wachsenden Drucks im Inland und im Ausland an dem Kurs festhalten, den er für die RListungskontrollVerhandlungen
mit der Sowjetunion abgesteckt hat, wie auch an der Modernisierung der strategischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten.
Man darf nicht vergessen, daß die großen Modernisierungsprogramme der
Administration auf dem Gebiet der strategischen Waffen und der Infrastruktur
- wie die MX-Interkontinentalrakete, der B-1-Bomber, die Marschflugkörper
und die Modernisierung des Kommando-, Kontroll- und Kommunikationssystems keineswegs neue amerikanische Initiativen für ein Wettrüsten, sondern die
reichlich verspätete Antwort auf die sowjetische Herausforderung einer fast
20jährigen stetigen Vergrößerung und qualitativen Verbesserung der Streitkräfte der UdSSR sind.

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Im wesentlicnen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Im wesentlichen verfolgt die Sowjetunion Rüstungskontroll Verhandlungen
aus drei Gründen:
- Sie hofft damit in den Demokratien Selbstzufriedenheit zu wecken.

Da

sie wissen, daß sie in militärischer Hochtechnologie nicht mit den Vereinigten Staaten konkurrieren können, benutzen die Sowjets RüstungskontrollVerhandlungen, um wohlmeinende aber leichtgläubige Menschen zu
überzeugen, daß sich Amerika nicht so anzustrengen brauche, wie es dies
tut.
- Solche Verhandlungen bieten der sowjetischen Diplomatie eine Gelegenheit, das westliche Bündnis zu spalten. Je mehr die Verbündeten ihre
Entscheidungen über die Dislozierung von Waffen von Fortschritten in
der Rüstungskontrolle abhängig machen, je mehr Chancen bieten sie den
Sowjets, sich in die westliche Verteidigungspolitik einzumischen, ja,
sie zu manipulieren.
- Die Sowjets integrieren ihre Rüstungskontroi 1 politik und ihre strategische Planung in einer Weise, daß sie in der Lage sind, die Verhandlungen als ein Instrument ihrer strategischen Planung zu benutzen.

Sie

suchen durch Rüstungskontrolle strategische Vorteile zu erringen, die
sie durch einseitige Anstrengungen nicht erreichen könnten.
Es gibt keine sowjetische Rüstungskontrolltheorie, die auch nur annähernd
mit der zu vergleichen wäre, die im Westen existiert. Die letztere besteht
darin, daß solche Verhandlungen dem Zweck dienen sollen, die nukleare Abschreckung beider Seiten zu stabilisieren.
Für die Sowjets ist Rüstungskontrolle nur als ein Werkzeug zur Förderung
ihrer eigenen Interessen nützlich.

Die sowjetische Regierung ist sich jedoch

zutiefst darüber im klaren, daß westliche Demokratien dazu neigen, einfache
diplomatische Tätigkeit - bei der "Fortschritt" in erreichten übereinkommen
gezählt wird, gleichgültig, wie diese Abkommen im einzelnen aussehen - mit
Frieden gleichzustellen.
So muß
. 2 -

�So muß sich die Reagan-Administration ständig gegen die absurde Beschuldigung verteidigen, daß es ihr nicht ernst sei mit der Rüstungskontrolle.
Ja, noch schlimmer, die Administration steht unter dem Druck, um eines Abkommens willen Kompromisse einzugehen, selbst wenn das Ausmaß des erforderlichen Nachgebens den eigentlichen Zweck des ganzen Unternehmens untergräbt der in amerikanischen Augen darin besteht, die Stabilität der Abschreckung
zu stärken, um das Risiko eines Krieges zu verringern.
Genau die Gründe, warum die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
ihre gegenseitige Abschreckung unbedingt stabilisieren müssen, sind auch
die Gründe, warum es so schwer ist, zu solchen Abkommen zu gelangen.

Rüstungs-

kontrolle ist nur unter solchen Staaten leicht zu erreichen, die sie nicht
brauchen.
Die Sowjets haben den Vereinigten Staaten immer wieder erklärt, daß
sie weder Pazifisten noch Philantropen seien.

Die Vereinigten Staaten dürf-

ten durch Rüstungskontrolle nur das erreichen, was ihnen aufgrund ihrer einseitigen Bemühungen zusteht und das nur durch sorgfältige Beachtung vernünftiger Grundsätze der Verhandlungsführung.
So versucht also die Reagan-Administration,die strategische Abschreckung
zu stabilisieren, indem sie die strategischen Nuklearstreitkräfte und die
nuklearen Mittel Streckensysteme der Vereinigten Staaten modernisiert, damit
die Sowjetunion gewiß sein kann, daß eine Aggression fehlschlagen würde.
Um das zu erreichen, ist vorgesehen, entscheidend wichtigen sowjetischen
Vorteilen, in der Fähigkeit zur Kriegsführung auf den Gebieten der Gegenstreitkräfte, der Wirksamkeit der Luftverteidigung und der Fähigkeit, amerikanische Kommando- und Kontrollfunktionen zu lähmen, durch die Dislozierung
sicher stationierter MX-Raketen, des B-1-Bombers, der Marschflugkörper und
neuer strategischer Unterstützungssysteme zu begegnen.
Diese Dislozierungen

- 3 -

�Diese Dislozierungen garantieren nicht den Erfolg der Verhandlungen
über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) oder Verhandlungen
über nukleare Mittelstreckensysteme (INF) - und können das auch nicht -,
aber da sie die beiderseitige Abschreckung stabilisieren werden, können sie
doch Abkommen dieser Art ermöglichen.
Die Vereinigten Staaten verringern das Risiko eines Krieges - das
oberste Ziel jeder Rüstungskontrolle -, indem sie den Sowjets jede plausible Aussicht auf einen militärischen Erfolg verwehren.
Die Existenz von Rüstungskontroi labkommen an sich hat noch keinerlei .
Bedeutung.

Was zählt, ist die Frage, ob solche Rüstungskontroi labkommen

jene Art von strategischem Gleichgewicht herbeiführen, die für eine Abschreckung notwendig ist und echtes Vertrauen einflößt. Solche Abkommen
können entweder einfach die Tatsache wettstreitender Programme beider Seiten
registrieren, oder sie können wirklich eine - gleichermaßen - einschneidende
Wirkung auf die strategische Rüstung haben.
Ein Abkommen jedoch, das die Neigungen des sowjetischen General Stabs
wirklich zügeln würde, ist nicht billig zu haben. Die Sowjets müssen überzeugt werden, daß ihrer Sicherheit mit einem Abkommen besser gedient ist
als ohne ein Abkommen.
Die MX-Rakete, der B-1-Bomber, die Trident D-5-Rakete und der strategische Marschflugkörper bieten die notwendigen Anreize für die sowjetischen
Führer, sich ernsthaft die Vorteile formaler bilateraler Einschränkungen zu
überlegen.

+ + + + +

�6. Juli 1983

27

EIN INDIANERDORF FLIEHT NACH COSTA RICA
Von unserer Korrespondentin Paula Tarnapol

PUERTO LIMON, COSTA RICA - (AD) - Die gesamte Einwohnerschaft eines
Miskito-Dorfes, die im Schutz der Dunkelheit auf offene See geflüchtet ist,
um dem sandinistischen Terror zu entkommen, hat sich.jetzt Tausenden anderer n;icaraguanischer Flüchtlinge angeschlossen, die bereits in diesem Land
leben. Viele andere Nicaraguaner sind nordwärts nach Honduras geflüchtet,
wo die meisten in Lagern untergebracht werden.
Das Dorf Set Net Point in Nicaragua existiert nicht mehr.
kleines Dorf an der Atlantikküste, 56 Kilometer von Bluefields

Es war ein
entfernt,

dessen Einwohner - zum größten Teil Miskito-Indianer - ihren bescheidenen
Lebensunterhalt

durch Fischfang bestritten.

Ihre Welt waren das Dorf und

die wenigen umliegenden Gemeinden.
Am 19. Juni erklärte sich ein Kapitän der staatlichen Fischereigesellschaft, für die die Mehrheit der Dorfbewohner arbeitete, dazu bereit, die
• Einwohner, rund 100 Männer, Frauen und Kinder, in den Süden nach Costa Rica
zu bringen.

Sie verließen Set Net Point um Mitternacht; nur wenige Stunden

blieben für die Vorbereitung.

18 Stunden später kamen sie in dem costari-

canischen Hafen Limon an, denn sie mußten weit aufs Meer hinaussegeln, um die

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�um die Patrouillen der Sandinisten zu umgehen.

Ihr ganzer Besitz, ihre

Ernten, ihre Fischerboote, ihre kleinen Häuser und die Kirche blieben zurück.

Ihr vorläufiges Zuhause ist ein verlassenes Baulager in der Nähe von

Limon, das unter Aufsicht der Regierung steht.
Die Menschen von Set Net Point, die Englisch und Miskito sprechen, erklären, sie seien aus Angst geflüchtet.

Die Sandinistas seien mit zunehmen-

der Regelmäßigkeit in Set Net Point eingetroffen, erzählte ein Mann - normalerweise alle vier oder fünf Tage.

"Sie hielten dir eine Pistole in den

Rücken und zwangen dich, rauszugehen und 'dasheen' (süße Kartoffeln) auszugraben.

Wir mußten sie kochen und den Sandinistas bringen", sagte er.

hatten kaum selbst etwas zum Essen, aber das war ihnen egal."

"Wir

Manchmal be-

zahlte die Fischereigesellschaft sie für den Fisch, den sie lieferten; manchmal gab sie ihnen dafür Waren, und manchmal wurden sie auch gar nicht bezahlt.
Das Dorf hatte sich nicht an der 1979er Revolution beteiligt, die das
Somoza-Regime stürzte, und - von wenigen Ausnahmen abgesehen - waren die
Dorfbewohner nicht in "contra"-Aktivitäten verwickelt, auch wenn sie gegen
die Exzesse der Sandinisten waren.

Das aber hatte die Sandinisten nicht da-

von abgehalten, sechs der Dorfbewohner über einen Monat lang einzusperren
und sie über "contra"-Aktivitäten zu vernehmen.
"Sie wollten, daß ich über die "contras" berichte, wann sie kommen,
was sie tun", sagte einer, der in einer Zelle in Managua festgehalten wurde,
bis man ihn nach fünf Wochen endlich frei ließ. "Ich wußte es nicht. Ich
weiß es nicht, aber sie wollten mir nicht glauben."
Der Mann, der Lehrer an der kleinen katholischen Kirche von Set Net Point
war, wurde von seinen Bewachern während der Fahrt von seinem Dorf bis Managua
gefesselt.

Dort teilte er eine Zelle mit vier anderen Gefangenen.

"Wir

mußten eine Schale Reis und Bohnen durch fünf teilen. Das war das einzige
Essen," sagte er.
Das Ereignis,
- 2 -

�Das Ereignis, das den Massenexodus auslöste, war jedoch die Ermordung
eines Mitglieds der sandinistischen Miliz in dem Nachbarort Tasbapauni.

Der

Mord ereignete sich, als sandinistische Truppen und Contras aufeinanderstießen.
Als die Dorfbewohner von der Drohung der Sandinisten hörten, die ganze Gegend
für den Anschlag zu bestrafen, entschlossen sie sich sofort, gemeinsam zu
fliehen.
über die Dorfbewohner war schon einmal der Tod durch die Sandinisten
gekommen - und dies nur, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen
waren.

Vor 18 Monaten wurden drei Dorfbewohner auf ihrem Weg nach Tasbapauni,

wo sie Einkäufe machen wollten, von einer sandinistischen Patrouille erschossen.

Die Witwen und Kinder wurden von den Bewohnern von Set Net Point auf-

genommen und versorgt.

Dieses Mal aber beschlossen die Menschen in Set Net

Point, nicht erst abzuwarten, um zu sehen, was mit ihnen geschehen würde.
Die 134 Flüchtlinge - einschließlich derer, die aus anderen Gemeinden
kamen und bereits im Lager Limon lebten -, sind nur Teil eines ständigen
Flucht!ingsstroms von Nicaragua nach Costa Rica - im Boot, im Bus und zu
Fuß.

Es gibt noch weitere 300 Flüchtlinge in einem Lager in Tilaran im Nord-

westen von Costa Rica. Auch für ein weiteres Lager im Süden haben die Arbeiten begonnen, wo der größte Teil nicaraguanischer Flüchtlinge einmal untergebracht werden soll.

Die Lager werden von der UN-Hochkommission für Flücht-

linge (UNHCR) finanziert und von der Regierung Costa Ricas verwaltet.
Dennoch sind die Flüchtlinge im Lager nur ein winziger Prozentsatz der
Tausenden von Flüchtlingen aus Nicaragua, El Salvador, Kuba und andernorts.
Es gibt ungefähr 16 000 Flüchtlinge im Rahmen der UNHCR-Programme Costa Ricas
allein in der Gegend von San Jose, und die Regierung des Landes schätzt, daß
es möglicherweise bis zu 185 000 Ausländer geben könnte, die im Land leben
und arbeiten und über die es keinerlei offizielle Nachweise gibt. Obwohl die
Verfassung von Costa Rica allen jenen, die vor Unterdrückung fliehen, politisches Asyl garantiert, machen die wirtschaftlichen Gegebenheiten dieses
traditionelle Ideal zu einer immer größeren Bürde.
+ + + + +
- 3 -

�27

6. Juli 1983

ERSTER WIEDERVERWENDBARER SATELLIT IM WELTRAUMTEST
- Raumtransporter CHALLENGER mit SPAS-01 wieder zurück -

- (AD) - Nach einem sechstägigen Flug, bei dem die Erde 98 Mal umrundet
wurde, kehrte die amerikanische Raumfähre CHALLENGER am 24. Juni 1983 zur
Erde zurück.

Sie landete, geführt von Kommandant Robert Crippen und Kopilot

Frederick Hauck, um 16.47 Uhr MEZ

auf einer Hartpiste des Edwards-Flug-

platzes in Kalifornien. Mit knapp zwei zusätzlichen Erdumkreisungen mußte
CHALLENGER dorthin dirigiert werden, weil die ursprünglich zum ersten Mal
auf der neuen Betonbahn in Kap Canaveral vorgesehene Landung wegen besonders
ungünstiger Wetterverhältnisse nicht riskiert werden konnte.
Dies war der einzige wichtige Programmpunkt, der beim jüngsten Flug
(STS-7) nicht erfüllt wurde.

Für die fünfköpfige Besatzung, darunter die

Physikerin Dr. Sally Ride, war ebenso wie für viele Beobachter des Flugverlaufs in den USA und in der Bundesrepublik das Experiment mit SPAS-01 der
Höhepunkt des Unternehmens.

Handelte es sich doch um den ersten wiederver-

wendbaren Satelliten der Welt, der mit acht Forschungsexperimenten verschiedenster Art bestückt, von Bord der CHALLENGER im Weltraum ausgesetzt und
wieder eingeholt wurde. Als Hebe- und "Angelgerät" diente ein 15 m langer

�15 m langer mehrgliedriger Roboterarm.

Er war mit einem Kostenaufwand von

100 Millionen Dollar vom Nationalen Forschungsrat von Kanada entwickelt und
gebaut und 1981 schon einmal im Weltraum erprobt worden.

Er gibt (computer-

gesteuert) den Astronauten die Möglichkeit, massive Nutzlasten in den Weltraum zu dirigieren, ohne die Orbiter-Kabine verlassen zu müssen.
SPAS ist eine Entwicklung des deutschen Unternehmens MesserschmittBölkow-Blohm (MBB) in Ottobrunn b. München (Kosten: ca. 32 Millionen DM bzw.
13 Millionen Dollar).

Das Projekt wurde vom deutschen Bundesministerium für

Forschung und Technologie als Pilotprojekt für eine künftige ausgiebige Nutzung des Weltraums zu kommerziellen Zwecken gefördert.
SPAS-01 ist knapp 4,5 m breit (dies entspricht dem Innendurchmesser
des Frachtraums im Raumtransporter), 1,5 m lang und wiegt mitsamt dem Bordcomputer und dem eigenen Antriebssystem 1500 kg. Der Satellit vermag in
mehreren "Etagen" eine ganze Anzahl von Experimenten aufzunehmen, die sowohl
während der Stationierung im Raumfähren-Frachtraum als auch erst nach dem
Absetzen und Einsteuern in eine eigene Bahn aktiviert werden können. Wie
Konrad Moritz, Programm-Manager bei MBB für SPAS, in Houston erklärte, sei
die Basisstruktur des wiederverwendbaren Satelliten für etwa 20 Einsätze
geeignet. Die Elektronik müsse allerdings schon früher ausgetauscht werden.
"Mit fünf Missionen haben wir unsere Investition wieder hereingeholt", meinte
er. Zur SPAS-Ausrüstung gehört u.a. eine voll elektronische Fernsehkamera,
die während des Freifluges des MBB-Satelliten zum ersten Mal Aufnahmen vom
Orbiter in der Umlaufbahn zur Erde übertrug. Dabei betrug der Abstand zwischen Orbiter und SPAS-01 zeitweise mehr als 300 Meter. Kommandant Crippen
setzte CHALLENGER zunächst zurück, zog über und unter SPAS vorbei, so daß
von dort aus die Raumfähre aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurde.
Das neuneinhalbstündige Manöver mit SPAS am vierten Flugtag, bei dem der
Satellit dreimal aus dem Frachtraum gehoben, abgesetzt und wieder eingeholt
wurde, war eine Vorübung für den Raumtransporterflug STS-13 im April 1984.
Dann soll mit dem beschädigten Forschungssatelliten "SOLAR MAX" ein Rendezvous

- 2 -

�ein Rendezvous versucht werden, um ihn an Bord zu holen, zu reparieren und
wieder abzusetzen.

Als CHALLENGER sich zum zweiten Mal SPAS näherte, um den

Satelliten einzuholen, zündete Crippen das Triebwerk in neun verschiedenen
Positionen.

Man wollte feststellen, wie der Abgasstrahl SPAS bei nur 10 bis

30 Metern Entfernung beeinflußte.

Solche Tests helfen den NASA-Ingenieuren,

Bewegung und Verhalten des Orbiters und anderer Flugkörper im Weltraum besser
zu verstehen, die sich nur in geringem Abstand von der Raumfähre befinden.
Während zu Beginn der Freiflugphase der Greifroboter SPAS-01 für einen
Augenblick losließ und dann wieder faßte, bewegte sich der wiederverwendbare
Satellit beim zweiten Mal über drei Stunden lang frei im Raum.

Es stand

nicht im Programm, daß dabei Dr. Norman Thagard, der Arzt im Astronautenteam,
anstelle von John Fabian den Roboterarm bediente.

"Ihr könnt dem Doktor (im

Kontroll Zentrum Houston) sagen, daß ich seinen kleinen Monitor angelegt habe
und mein systolischer Blutdruck beim Greifen von 117 bzw. 124 auf 149 hochging", meldete Thagard.

Als CHALLENGER am 22. Juni in der Morgendämmerung

über Houston hinwegzog, standen viele Mitarbeiter des Johnson-Raumfahrtzentrums und zahlreiche Journalisten im Freien, um die Raumfähre als kleines
leuchtendes Objekt am Himmel zu betrachten.
STS-7 war ein Flug mit vielen internationalen Aufgaben und Experimenten.
Noch am Starttag, am 18. Juni, wurde der kanadische Nachrichtensatellit ANIK
(im Auftrag von Telesat Canada) abgesetzt, einen Tag später der indonesische
Nachrichtensatellit PALAPA.

Beide stiegen mit eigenem Antriebssystem zu

ihrem "Betriebsorbit" in 36 000 km Höhe auf.

Ein deutsch-amerikanisches Ge-

meinschaftsexperiment (OSTA-2) galt vor allem der Erforschung von Werkstoffen für die Elektronik und der Fabrikation von Spezialgläsern in bestimmten
Produktionsphasen unter Schwerelosigkeit.

Andere, von Firmen, Studenten und

Oberschülern aus den USA und der Bundesrepublik ausgearbeitete Experimente
- 22 an der Zahl - waren in sieben genormten Kanistern (sog. Getaway Specials)
untergebracht, für deren Mitnahme im Orbiter-Frachtraum an die NASA "Platzmiete" bezahlt wird.

Sie umfaßten ein weites Spektrum spezieller naturwissen-

schaftlicher Untersuchungen - von der Biologie bis zur Physik.
Beim jüngsten
- 3 -

�Beim jüngsten Orbiter-Flug wurde der Kabinendruck, der normalerweise
der gleiche wie auf der Erdoberfläche ist (1 at), auf 0,72 at gesenkt. Man
wollte Erfahrungen über die Auswirkung von reduziertem Druck über längere
Zeit auf das Befinden und die Arbeitsfähigkeit der Astronauten gewinnen.

Die

Auswertung wird zeigen, ob sich daraus Nachteile ergeben. Wenn nicht, würde
man auf die langwierige Umstellung auf reine Sauerstoffatmung vor Außenbordmanövern verzichten können.
Dr. Sally Ride hat für den Einsatz weiblicher Astronauten bei der NASA
eine Bresche geschlagen.

Frisch und fit kam sie nach der Landung von

CHALLEN6ER die Treppe herab - ein sportlicher Typ, der mit den physischen
und psychischen
wurde.

Belastungen auch in der langen Vorbereitungszeit gut fertig

Seit Abschluß ihres Studiums an der Stanford-Universität und der

Promotion im Jahr 1978 sind die Spezialgebiete der heute 32jährigen Wissenschaftlerin Röntgenastronomie und die theoretischen Grundlagen für das weite
Feld der Lasertechnik.

+ + + + +

�»

T

Uliz/cn/choft
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

27

6. Juli 1983

SPITZENTECHNOLOGIE
"Neue Ideen" erhalten die Wettbewerbsfähigkeit
- USIA-Interview mit Edward Harper -

- (AD) - "Die Vereinigten Staaten sind bestrebt, die Vorrangstellung
ihrer Industrie auf dem Gebiet der Spitzentechnologie auch künftig zu erhalten", erklärte kürzlich Edward Harper, Referent im Beraterstab Präsident
Reagans für politische Entwicklungen.

In einem Interview mit Jim Füller vom

US-Informationsamt (USIA) verwies er darauf, daß die Industrie die Notwendigkeit zur Anwendung von Spitzentechnologie sowohl in der Fabrikation als auch
auf dem Marketingsektor erkannt habe. Außerdem habe der amerikanische Markt
für Risikokapital in den letzten 15 Jahren viel dazu beigetragen, neue Technologien ausfindig zu machen und sie für die Anwendung innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten zu entwickeln.

Allerdings könne Spitzentechno-

logie allein kein Wirtschaftswachstum garantieren.

Vielmehr sei eine aus-

balancierte Wirtschaft mit einem starken Technologiesektor, mit produktiven
und auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähigen Grundindustrien und einem Dienstleistungssektor notwendig, der "jene Art von Dienstleistungen bereitstellt,
die eine moderne Wirtschaft braucht".
Wir bringen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�Wir bringen im Folgenden das Interview im Wortlaut:
FRAGE:

Würden Sie bitte erklären, was mit Spitzentechnologie gemeint

ist, und weshalb Sie hinsichtlich ihrer Zukunft in den USA so optimistisch
sind?
ANTWORT:

Grundsätzlich ist zu sagen, daß die Vereinigten Staaten seit

langem in der Spitzentechnologie führen.
auch künftig halten können.

Ich meine, daß wir diese Führung

Dies ergibt sich zum Teil aus der amerikanischen

Kultur - aus Unternehmergeist, Individualismus und dem Selbstverständnis, daß
Leute mit Eigeninitiative und eigenen Interessen auf neue Ideen kommen und
sie vermarkten können.
So hat beispielsweise der Einsatz von Risikokapital in den Vereinigten
Staaten, ein Phänomen etwa der letzten 15 Jahre, wesentliche Anstöße dazu
gegeben, neue Technologien zu identifizieren, zu entwickeln und sie nicht
nur in den USA, sondern auch in der übrigen Welt auf den Markt zu bringen.
Die Technologien reichen von der Halbleiter-Herstellung nach neuen Verfahren bis zur sog. Software für Roboter und andere Ausrüstungen.
Die amerikanische Industrie ist sich, wie ich es sehe, der Notwendigkeit bewußt geworden, sich mehr um Spitzentechnologie zu kümmern, sie in
der Fabrikation, für Absatz und Verteilung und bei anderen Aktivitäten mehr
einzusetzen. So werden wir auch künftig neue Ideen haben, wie sie schon bisher die Stärke des amerikanischen Wettbewerbs waren. Spitzentechnologie
heute ist wohl ein klein wenig anders als vielleicht vor fünf oder zehn Jahren. Der erste große Computer beispielsweise, der im Jahr 1946 herauskam,
war eine tonnenschwere Apparatur. Heute kann man auf einem einzigen, pfenniggroßen Chip eines Mikroprozessors Funktionseinheiten unterbringen, die dasselbe leisten.
Meines Erachtens umfaßt Spitzentechnologie die auf den Markt kommenden
Produkte, die mehr oder weniger das Beste und Leistungsfähigste darstellen,

- 2 -

�Leistungsfähigste darstellen, was es heute gibt.

Einige machen zwischen

Spitzentechnologien und den Grundindustrien einen Unterschied.
zu einem gewissen Grade berechtigt.

Das ist bis

Gleichzeitig aber ist der größte Be-

nutzerkreis für Spitzentechnologie in jenen doch wesentlich älteren Grundindustrien zu finden.

So sind beispielsweise Roboter und computergesteuerte

Fabrikationssysteme in der Automobilindustrie am meisten verbreitet.
FRAGE: Was bedeutet Spitzentechnologie für die älteren amerikanischen
Industriebranchen wie Stahl-, Textil- und Maschinenbauindustrie?
ANTWORT:

Nun, für die Stahl- und Maschinenbauindustrie bedeutet sie

höhere Produktionseffizienz.

Sie bedeutet, daß diese Industriezweige auf

den Weltmärkten konkurrenzfähiger als in der Vergangenheit sein werden.
Letztlich bedeutet Spitzentechnologie mehr Produktivität, und das heißt,
daß wir als Nation weniger Ressourcen benötigen, um die gleichen Waren zu
produzieren und die gleichen Dienstleistungen zu erbringen.

Demgegenüber

tun jedoch einige Industrien sehr wenig für Forschung und Entwicklung und
möchten sich statt dessen auf protektionistische Maßnahmen gegen Auslandskonkurrenz verlassen.

Dies ist ein unbefriedigender Weg zur Lösung ihres

Problems, und er ist auch im Hinblick auf die Interessen des amerikanischen
Verbrauchers unbefriedigend.
FRAGE:

Sehen Sie in Computern und anderen Produkten fortgeschrittener

Technologien ein Mittel, das Wirtschaftswachstum zu beleben?
ANTWORT:

Ich meine, daß Spitzentechnologie eine notwendige, aber

nicht ausreichende Bedingung ist, um Wirtschaftswachstum zu garantieren.
Ohne solche Fortschritte der Produktivität würde meines Erachtens unser Wirtschaftswachstum verlangsamt.

Aber Computer allein - die ja Spitzentechnolo-

gie repräsentieren - schaffen kein derartiges Wachstum.

Wir brauchen eine

ausgewogene Wirtschaft, die einen starken Sektor Spitzentechnologie besitzt,
von dem auch künftig neue Ideen ausgehen.

Wir brauchen im Umfang reduzierte,

starke, produktive Grundindustrien, die auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig

- 3 -

�Weltmarkt wettbewerbsfähig sind.

Wir müssen auch weiterhin über den produk-

tivsten Agrarsektor in der Welt verfügen.

Und alles dies wird vom Dienst-

leistungssektor gestützt - zu diesem gehören Verkehrswesen, Bank-, Versicherungs-, Finanzwesen und all die anderen Dienstleistungsbranchen, die sich in
einer modernen Wirtschaft finden.
Wissen Sie, es ist schon interessant, daß manche sagen:

"Ist es nicht

eine Schande, daß der Dienstleistungssektor unserer Wirtschaft derartige Ausmaße annimmt?" tatsächlich macht er ja 66 Prozent unseres Bruttosozialproduktes aus, und etwa 65 Prozent unserer arbeitenden Menschen sind in Dienstleistungsgewerben beschäftigt. Hier lohnt sich ein geschichtlicher Rückblick.
Die Vereinigten Staaten besaßen nie eine Fabrikationswirtschaft - d.h. die Mehrheit unserer Bevölkerung verdiente sich ihren Lebensunterhalt nie durch Tätigkeiten in der Fabrikation.

Von der Zeit der ersten europäischen Siedler auf

diesem Kontinent bis zum Ersten Weltkrieg hatten wir eine reine Agrarwirtschaft.

Erst dann wurde der Dienstleistungssektor zum größten Arbeitgeber

in unserer Wirtschaft und ist es seitdem geblieben.

Die Zahl der Beschäf-

tigten in der Landwirtschaft ging immer weiter zurück, die Anzahl der Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe stieg ständig weiter an, und die Beschäftigtenzahl in der Fabrikation hielt sich in der Mitte.

Die Tatsache,

daß wir eine Dienstleistungswirtschaft haben, sollte nicht als Schwäche, sondern als die Bestätigung für die Umstrukturierung unserer Wirtschaft angesehen werden.
FRAGE: Kritiker behaupten, daß Automation und die Ausbreitung der
Computer Arbeitskräfte verdrängen und unsere Probleme der Arbeitslosigkeit
ausweiten. Was meinen Sie dazu?
ANTWORT: Nun, ich bin nicht sicher, daß sie die Arbeitslosenprobleme
vergrößern werden. Ich denke, daß das Beschäftigungsniveau in den Grundindustrien zurückgehen könnte. In den Industrien mit Spitzentechnologie wird
es etwas ansteigen. Aber wir würden uns meines Erachtens einer Illusion hingeben, wenn wir annähmen, daß alle diejenigen, die durch erhöhte Produktivität,

�erhöhte Produktivität, Automation - sagen wir einmal, in den Grundindustrien ihren Arbeitsplatz verlieren, neue Beschäftigung auf den Gebieten der Spitzentechnologie finden werden.

Das glaube ich nicht.

Statt dessen vermute ich,

daß viele schließlich auf dem Dienstleistungssektor Arbeit finden werden.
Als wir durch Mechanisierung und Automation in der Landwirtschaft in
der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1970 Produktionssteigerungen erreichen wollten, gaben sechs Millionen Menschen ihre Arbeit in der Landwirtschaft auf.

Wir brauchten sie dort nicht mehr.

Die Produktivität erhöhte

sich ständig, und wir brauchten dort immer weniger Leute.

Das klingt so, als

habe es sich damals um ein schreckliches Problem gehandelt.

In Wahrheit aber

schuf unsere Wirtschaft in der gleichen Zeit 27 Millionen neue Arbeitsplätze.
Wir stellten fest, daß es auf dem Dienstleistungssektor viele neue Arbeitsplätze gab.

Wir fanden auch, daß es auf den Gebieten der Spitzentechnologie

neue Arbeitsmöglichkeiten gab.

Dies bewirkte die Dynamik unserer Wirtschaft.

Es mag Übergangsprobleme geben - aber ich glaube nicht, daß dies zwangsläufig
zu langfristigen Problemen von Arbeitslosigkeit führt.
FRAGE:

Was wird in den Vereinigten Staaten gegen den landesweiten

Mangel an Wissenschaftlern und Ingenieuren, was zur Qualitätsverbesserung
bei den technischen Arbeitskräften getan?
ANTWORT:

Die schwächste Stelle dürfte, wie ich es sehe, wahrscheinlich

unser Bildungswesen sein, und aus diesem Grund schlug der Präsident vor,
diese Lücke zu schließen. Nach unseren Schätzungen fehlen derzeit etwa
34 000 qualifizierte Lehrer für Grundschulen und höhere Schulen. Durch ein
auf ca. vier Jahre angelegtes Programm und die Aufwendung von einigen Hundert
Millionen Dollar dürften wir in der Lage sein, diese Lücke wirksam zu
schließen.
Ähnlich müssen wir auf College- und Universitätsniveau die offenen
Professorenstellen in den Ingenieurwissenschaften

besetzen.

Gegenwärtig

sind ca. 15 bis 20 Prozent der Ingenieur-Lehrstühle im Lande unbesetzt.

- 5 -

�Lande unbesetzt.

Ein Grund dafür ist der, daß wir nicht genug neue Lehrer

für diese Fächer ausbilden, ein zweiter der Sog durch die Privatwirtschaft.
Hier ist zweierlei zu tun:

Zum einen müssen wir die Mittel für die Gradu-

iertenförderung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften un mehr als zehn
Prozent erhöhen - wir werden, anstatt wie bisher 9400 Graduierte dieser Fachgebiete, weit über 10 000 fördern.

Und außerdem schlagen wir im Hinblick

auf das Problem der nicht besetzten Lehrstühle das vom Präsidenten initiierte
Programm für Nachwuchsforscher vor, das jedes Jahr Forschungsmittel mit einem
jährlichen Kostenaufwand von 100 000 Dollar für bis zu 200 Doktoranden über
einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren vorsieht.

Und wir hoffen, daß dies

praktisch die "Goldenen Fesseln" liefern wird, um die besten und brilliantesten Lehrer auf den Gebieten Ingenieur-, Mathematik- und Naturwissenschaften an den Universitäten zu halten.

Dies wäre eines der Schlüsselelemente,

um unsere Wettbewerbsstärke in der Spitzentechnologie zu halten.
Ich bin außerdem überzeugt, daß wir die Programme durchführen müssen,
die der Präsident für die Umschulung der von Betrieben der Grundindustrien
entlassenen Arbeiter vorgeschlagen hat. Möglicherweise gibt es andere Arbeitsplätze, und zwar Arbeitsplätze mit mehr Technologie, für die sie sich
bei zusätzlicher Ausbildung qualifizieren könnten. Wenn diese Fortbildung
vom privaten Sektor gelenkt wird, wie es bereits nach den Bestimmungen des
Gesetzes über Partnerschaft zur Ausbildung am Arbeitsplatz geschieht, für
dessen Verabschiedung sich Präsident Reagan im vergangenen Jahr so eingesetzt
hat, können wir meines Erachtens über ein sehr wirksames Ausbildungsprogramm
für ausgestellte Arbeitskräfte verfügen. Auch sollten wir nicht übersehen,
daß der private Sektor selbst ein massives Ausbildungsprogramm gestartet
hat. Die Privatwirtschaft gibt jährlich zwischen 30 und 40 Milliarden Dollar
aus, um ihre Arbeitskräfte weiterzubilden. Hinsichtlich der Qualität unserer
Arbeitskräfte in den kommenden Jahren bin ich optimistisch.

+ + + + +

- 6 -

�k

Uliz/cn/chofl
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

27

6. Juli 1983

KRANKE BÄUME SCHLAGEN ALARM
• Pheromone als Warnsubstanz

- (AD) - Daß Pflanzen auf Schallwellen und Musik reagieren, wurde
schon mehrfach experimentell bestätigt. Nun fanden Ökologen der Universität des Bundesstaates Washington in Seattle heraus, daß Bäume in der
Lage sind, bei akuter Gefahr durch Schädlinge ihre noch nicht betroffenen
Nachbarn zu warnen. Sie produzieren Pheromone, die das Blattwerk für
Schädlinge wie z.B. Raupen unattraktiv und zum Teil ungenießbar machen,
und veranlassen ihre benachbarten, noch nicht befallenen Artgenossen, das
gleiche zu tun.
Pheromone sind leichtflüchtige Stoffe, die auf Individuen gleicher
Art wirken. Zu ihnen gehören beispielsweise die Duftmarkierungen bei
Hummeln und Wespen, Sexuallockstoffe weiblicher Insekten zum Anlocken
der Männchen oder Warnstoffe, wie sie Blattschneiderameisen absondern.
Einige dieser komplizierten Verbindungen werden bereits als Synthesepräparate für die Insektenbekämpfung eingesetzt.
Wie Dr. Gordon H. Orians und Dr. David F. Rhoades jetzt berichteten,
vermuten sie auf Grund der Ergebnisse ihrer von der Nationalen Forschungsstiftung der USA (NSF) finanzierten Studien, daß von Schädlingen attakierte

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: 8-85432

�Schädlingen attakierte Bäume ebenfalls solche "sozialen Wirkstoffe"
produzieren. Sie beobachteten dies bei Zuckerahorn und einer Weidenart,
deren Laubwerk von Zeltraupen und einer Spannerraupe dezimiert worden
war. Als Reaktion auf den Raupenfraß produzierten die befallenen Bäume
leicht flüchtige Stoffe, die offenbar die nicht befallenen Bäume gleicher
Art in der Umgebung ebenfalls zur Bildung dieser Verbindungen anregten.
Dadurch wurde die Qualität von deren Blattwerk als Futter für Raupen
erheblich gemindert. In kontrollierten Laborversuchen, bei denen befallene und gesunde Weiden in gasdichten Kammern gemeinsam gehalten werden,
will man nun versuchen, die chemischen Emissionen der kranken Bäume zu
isolieren und zu identifizieren - jener Emissionen, die chemische Veränderungen bei benachbarten gesunden Bäumen bewirken und deren Laub für
Raupen weniger attraktiv machen.

"Wenn unsere Hypothese richtig ist, müßten die geschädigten Pflanzen
leicht flüchtige chemische Verbindungen abgeben, die sich nach Art und
Menge von den Ausdünstungen der gesunden Bäume unterscheiden," meinen die
beiden Forscher. In ihren seit 1979 laufenden Feldversuchen war es zunächst
um die Klärung der Frage gegangen, wie sich die Futterqualität von Laubwerk für Insekten verändert, nachdem der Baum von Schädlingen befallen
worden ist. Orians und Rhoades hatten zu diesem Zweck Kolonien von Zeltund Spannerraupen auf Laubbäumen ausgesetzt und in regelmäßigen Abständen
die biologische und chemische Qualität des Laubes untersucht. Dabei beobachteten sie u.a. vermindertes Wachstum und andere Beeinträchtigungen
im Vergleich zu gesunden, nicht von Raupenfraß geschädigten Kontrollbäumen. "In einer Reihe von Fällen gab es aber Hinweise darauf", so
Orians, "daß sowohl die geschädigten Testbäume als auch benachbarte besunde Kontroll bäume ihre Laubqualität als Reaktion auf das Aussetzen von
Schädlingskolonien auf den Testbäumen veränderten. Demnach mußten gesunde
Pflanzen Signale von kranken Pflanzen in der Nähe erhalten und darauf
reagiert haben". Das auch künftig von der NSF finanzierte Versuchsprojekt wird jetzt in einem wesentlich größeren Rahmen weitergeführt.

+ + + + +

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